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Aino Trosell Die Taucherin Roman Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek Gustav Kiepenheuer Verlag Originalausgabe: Ytspänning, Bokförlaget Prisma, Stockholm 1999 Die Übersetzung wurde gefördert von Svenska Institutet, Stockholm ISBN 3-378-00635-8 1. Auflage 2001 © 1999 Aino Trosell © Gustav Kiepenheuer Verlag GmbH, Leipzig 2001 (für die deutsche Ausgabe) Published by arrangement with Tönnheim Literary Agency, Sweden Agentur Literatur, Germany Einbandgestaltung atelier: [doppelpunkt] Satz Dörlemann Satz, Lemförde Druck und Binden Ebner Ulm Printed in Germany An der norwegischen Bohrinsel legt ...
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Aino Trosell Die Taucherin

Roman Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek Gustav Kiepenheuer Verlag, Originalausgabe: Ytspänning, Bokförlaget Prisma, Stockholm 1999 Die Übersetzung wurde gefördert von Svenska Institutet, Stockholm ISBN 3-378-00635-8 1. Auflage 2001 © 1999 Aino Trosell © Gustav Kiepenheuer Verlag GmbH, Leipzig 2001 (für die deutsche Ausgabe) Published by arrangement with Tönnheim Literary Agency, Sweden Agentur Literatur, Germany Einbandgestaltung atelier: [doppelpunkt] Satz Dörlemann Satz, Lemförde Druck und Binden Ebner Ulm Printed in Germany, An der norwegischen Bohrinsel legt ein Tauchschiff an, ein internationales Team soll ein Leck in der Pipeline untersuchen. Da wird die Bohrinsel von einem U-Boot gerammt. Der Wettlauf mit der Zeit beginnt, erschwert durch das Kompetenzgerangel, vor allem aber dadurch, dass eine Frau zum Taucherteam gehört und sich ihre Kollegen in der engen Taucherglocke sexistisch wie die Steinzeitgockel benehmen. Der Roman lebt von der packend geschilderten Tiefe, der Kälte, der Angst, der Dunkelheit, der Bedrohung durch Sturm und Unwetter. Und dann stellt sich heraus, dass die U-Boot-Besatzung Piraten auf Ölraub sind, die keineswegs gerettet werden wollen. Die Autorin (Jahrgang 1949) sieht auf ein bewegtes Leben zurück (Krankenschwester in der Psychiatrie, Schweißerin auf einer Werft), sie schreibt seit 1978 vornehmlich sozialkritische und autobiografische Texte. Für diesen Erstlings-Thriller bekam sie 1999 den Polini-Preis., Diese Geschichte handelt von Angst. Angst vor dem Wasser. Angst vor dem Unbekannten. Angst vor der Tiefe und davor, daß es immer dunkler wird, je tiefer man kommt. Daß der Druck steigt und die Lebenschancen sinken, wenn man den Griff lockert und es einfach geschehen läßt. Wenn man sich preisgibt. Und ich träume – ich träume, eins zu sein mit meinem Element. Es ist dunkel, und ich treibe vorwärts durch das Unbekannte, kann nicht stoppen. Habe keine Kontrolle. Plötzlich strahlt ein Scheinwerfer auf, und ich sehe den Meeresboden, ich bewege mich über den Schlick dahin, während der Ton meinen Körper mit seiner Riesenfaust knetet. Wie in einem Schraubstock stecke ich hoffnungslos fest. In meinem Traum. Der Griff dieser Faust – ich kann ihm nicht entkommen. Eine Pipeline taucht im trüben Wasser auf. Es ist tief, woher weiß ich das? Es muß der Ton sein und das so ganz andere Element. Und weil es dunkel ist. Ich bin gezwungen, Licht mit nach unten zu nehmen. Der Ton preßt das Wissen in meinen Körper, immer tiefer hinein in meinen Körper. Und die Pipeline mündet in ein Bohrloch, von dem Rohre über den kargen lehmigen Boden wegführen, andere Rohre tauchen auf und verschwinden allesamt in Dunkelheit, in Finsternis. Stahlschlangen, unbiegsam und unbeweglich, ringeln sich über den welligen Boden, über einzelne Stahlbrücken, über Risse und Spalten, so als gäbe es die Härte des Stahls nicht. Ein riesiges Fundament?! Beton. Wer bin ich? Wohin geht es? Der Lichtkegel sucht sich aufwärts, immer weiter aufwärts. Wie lange? Wie weit noch? Der Druck verändert sich, ich fühle es an dem Griff der Riesenfaust., Licht? Ja, Licht, von oben jetzt. Ein graues Dämmerlicht, in dem Fische ruhig vorbeischwimmen. Eine gewaltige Ankerkette. Der Griff der Tonfaust verändert sich. Ein Dach über mir? Was hindert das Licht? Kein Dach… die Unterseite eines Schiffes! Die Schrauben bewegen sich gemächlich, drehen sich gegeneinander, um das Schiff an Ort und Stelle zu halten. Die Tonfaust löst erleichternd ihren Griff, und ich stoße an die Oberfläche. Wirklichkeit! Richtige Töne, das Klatschen der Wellen und Möwengeschrei. Ich liege auf dem sprühenden Wasser. Ich sehe die Schiffswand, die Spanten drücken gegen die Außenhaut. Biegen sich wie Rippen, ich sehe es aus meiner Fischperspektive, und nicht weit entfernt die große Bohrinsel auf ihren Betonfundamenten, die, ich weiß es jetzt, tief, unsagbar tief unter den Meeresspiegel reichen, bis dorthin, wo nur Druck, Dunkelheit und Angst existieren. Meine Antiweit. Und die Sonne strahlt, die Möwen schreien, und der Himmel ist blau. Ich lebe – Gott, ich danke dir. Unter mir lauert das Unbekannte. Diese Geschichte handelt von Angst. Meiner Angst. Von mir. Ich kann mit diesem Wortungeheuer spielen, ohne seinen giftigen Biß zu spüren; ich erzähle, und ich habe Angst. Doch in der Welt, die ich schildere, wird dieses Wort nicht benutzt. Niemals! Angst ist ein Nichts unter der Oberfläche. Angst ist wasserlöslich, wird aufgelöst. Angst verbindet sich mit dem Element selbst. Wird ein Teil von ihm. Hat keinen eigenen Namen. Keinen Namen., I. Ein Schweißtropfen läuft langsam über die Stirn, dann die Nase hinunter. Er wischt ihn irritiert weg. Er steht über die geräumige Nylontasche gebeugt und füllt sie mit Slips, Unterhemden, Taschenbüchern, Kassetten, Strümpfen, T-Shirts, Pullovern und Werkzeug. Er ist fünfunddreißig Jahre alt, blond, durchtrainiert und braungebrannt. Wenn sein Blick nicht so unzufrieden wäre, würde er richtig gut aussehen. Eigentlich hat er keine Eile, aber er hetzt, als warte das Flugzeug nur noch auf ihn. Es ist still. Hinter ihm steht seine Frau in der Türöffnung, hat ihm den Rücken zugewandt. Sie ist im siebenten Monat schwanger, über dem Hohlkreuz hängt das Kleid locker herunter. Doch vorn wölbt sich ihr Bauch schon deutlich. Er schielt hastig zu ihr hin, als er die Kommodenschublade noch einmal aufreißt, um weitere Strümpfe einzupacken. Man weiß ja nie. Nein, man weiß nie. Der fünfjährige Sohn kommt ins Zimmer. Er preßt sich an Mutters Beine, während er Ian ansieht, der darauf das Packen unterbricht. Seine Hände sinken herab. Müdigkeit überfällt ihn. Ach könnte man sich doch unter eine schützende Bleidecke legen, um geröntgt, operiert und von all diesen lästigen Forderungen befreit zu werden! Für krank erklärt werden, todkrank, wenn nötig! Der Sohn sieht ihn an. Vom Rücken seiner Frau gehen Signale aus., Er sagt, er tue es doch für sie beide, weil er sich um ihr Wohlergehen sorge. Verächtliches Schweigen. Ginge es nach ihnen, würde er nicht fahren, so einfach ist es. Sie hat ihn schon so oft gebeten – fahr nicht! Fahr nicht!! Er wiegt die Tasche in der Hand. Sie ist wirklich schwer. Er sagt, er werde rechtzeitig zurück sein, ehe es soweit ist, doch jetzt müsse er los. In diesen Zeiten könne man über jeden Job froh sein, der einem angeboten wird. Sie fängt an zu schluchzen, und der Junge rennt aus dem Zimmer. Ian hört, wie sich das Trommeln der kleinen Füße immer weiter entfernt. Jetzt hält sie den Rücken nicht mehr durchgedrückt, ist in sich zusammengefallen und bebt. »Du hast doch eine Arbeit. An Land«, flüstert sie. »Wenn es wenigstens eine andere Frau wäre«, sagt sie leise. »Ich bin bald zurück«, erwidert er. »Und ich werde dann hier auf dich warten? Werde ich das? Sag, werde ich das wirklich?« Er schafft es nicht, will nicht antworten, denn jetzt hupt ein Taxi auf der Straße vor dem Haus. Seine Muskeln zucken, und er schaut hinaus. Strahlender Sonnenschein, es wird ein herrlicher Sommertag werden. Er ist schon unterwegs; sitzt in Gedanken bereits auf dem Airport in Aberdeen, um das nächste Flugzeug nach Stavanger zu nehmen. »Leih dir ein Video aus«, sagt er. »Oder geh ins Restaurant, dir fällt schon was ein, wir haben genug Geld, mach dir keine Sorgen, ich bin bald zurück – dann machen wir dort weiter, wo wir jetzt aufhören.«, In roten Versalien stürzt DEEP SEAHORSE über das runde blaue Feld mit schwarzem Rand, das Logo, ein großer Aufkleber, schmückt eine Tasche, Handgepäck, das ein etwa fünfzigjähriger Mann über der Schulter trägt. Sein faltiges Gesicht zeugt von teuer erkaufter Lebenserfahrung. Die Augen sind ausdrucksvoll, blicken wehmütig. Sein Haar ist grau, und der Haaransatz hat sich nach hinten verschoben, dennoch wirkt die noch immer schlaksige Gestalt irgendwie jungenhaft. Er bewegt sich geschmeidig, ja schön. Er geht über das Vorfeld des Flugplatzes von Stavanger. Sonnenreflexe funkeln in den großen Fenstern der Ankunftshalle. Seine Kleidung ist abgewetzt, dieselbe Bundjacke Sommer wie Winter, als sei er ein Habenichts. Doch ist seine Armut von anderer Art. Die Maschine, in der er gesessen hat, ist jetzt leer, auch das Gepäck ist ausgeladen. Vor einem Flugsteig warten schon eine Reihe Geschäftsleute, die mit demselben Flieger zurück nach Göteborg wollen. Glenn bemerkt sie nicht. Geistesabwesend tritt er in den kühlen Schatten der Ankunftshalle, wo ein Tumult sofort seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Anfangs sieht er nicht, woher das Geräusch kommt, hört nur laute Stimmen, hin und wieder Geschrei und entrüstetes Gemurmel. Es rührt von einem Gepäckband her. Eine Gruppe von Passagieren, vielleicht zurückkehrende Mallorca-Touristen, wartet an dem Band, und irgend etwas passiert dort. Frauen und Männer in leichter Sommerkleidung, auf dem Kopf Panamahüte, gestikulieren und schimpfen – worüber? Ein junger Mann in teuren Cowboyboots fläzt sich auf einen Stuhl und lacht. Er hat die Beine ausgestreckt, den Hut in den Nacken geschoben, und er lacht schallend, eine Dose Elefantenbier in der Hand. Auf dem Boden steht seine Tasche, – mit dem Firmenzeichen von Deep Seahorse in leuchtendem Rot, Blau und Schwarz. Glenn geht auf ihn zu und setzt sich. Er deutet auf die Tasche, und der junge, gut gebaute Mann hört einen Moment auf zu lachen, drückt ihm die Hand und stellt sich vor: »Bengt, nice to meet you.« Es stellt sich heraus, daß sie beide Nordländer sind, Bengt kommt aus Oslo. Er zeigt auf das Gepäckband und fängt wieder an zu lachen, und Glenn versteht plötzlich, warum die Mallorca-Touristen so entrüstet sind. Denn dort auf dem Band liegt wie ein Käfer, der auf dem Rücken gelandet ist, ein völlig betrunkener Mann. Bengt sagt, das sei Ian, ein Schotte. »Er gehört zu uns.« Ian bleibt stecken, sein Körper bildet einen Wall, der den Strom der Koffer stoppt. Die Mallorca-Touristen zerren schimpfend an ihren Gepäckstücken, die sich immer mehr ineinander verkeilen. Mit meerblauen Augen starrt Ian sie verwundert an. Lippen bewegen sich, Augen funkeln vor Wut, und goldene Armbänder klimpern – die Frauen sind am aggressivsten. Bengt und Glenn stehen auf und gehen zum Band, wo sie den zukünftigen Arbeitskollegen mit vereinten Kräften auf den Boden heben. Die Koffer beginnen ihre Reise von neuem, und brummelnde Damen und Herren reißen ihr Gepäck an sich, um rasch nach Hause zu kommen, wo sie erzählen wollen, wie wunderbar der Urlaub gewesen ist. Eine ausholende Geste zum Band und ein kehliger Laut, ein Haufen Konsonanten, zusammengequetscht wie eben noch das Gepäck, halten sie zurück. Glenn und Bengt sehen sich fragend an. Mit einem unbegreiflichen Gemisch von F- und S-Lauten versucht es Ian noch einmal, diesmal mit größerem Nachdruck!, Glenn dreht sich um und sieht eine einsame Sporttasche auf dem Band im Kreis fahren. Während Bengt sich bemüht, Ian in aufrechter Stellung zu halten, geht Glenn die Tasche holen. Bei näherem Hinsehen bemerkt er noch einen anderen Aufkleber darauf. Ein bedeutend jüngerer Reisender, der dieselbe Tasche benutzt hat, ist offenbar in einem schottischen Legoland gewesen. Glenn nimmt die Tasche, dreht sich um und geht zu seinen Kollegen zurück. Auf diesem kurzen Weg überfällt ihn das private Fiasko der letzten Woche. Eigentlich ist alles nur komisch gewesen. Ja, sein ganzes Leben ist überhaupt nur ein Witz gewesen. Ein göttlicher Scherzbold hatte Spaß daran gefunden, ihn direkt in den Straßengraben, zwischen Disteln und Gestrüpp zu lenken. Die hinter ihm liegenden gescheiterten Ehen kann er jedenfalls nur sich selbst anlasten. Scheidungen, als wäre er der reinste Filmstar, auch wenn sein Anklang bei Frauen da überhaupt nicht mithalten kann. Beim ersten Mal war er einfach zu jung gewesen. Christer war geboren worden, noch bevor sie eine eigene Wohnung besaßen, und Geld hatten sie auch nicht. Er selbst war keine große Hilfe, das muß er sich heute, nach so langer Zeit, tatsächlich eingestehen. Damals aber ging ihm ihr ewiges Genörgel auf die Nerven. Wenn er abends von der Werft nach Hause kam, wollte er sein Essen und Ruhe und Frieden haben, denn so hatte es seine Mutter bei Vater und ihm immer gehalten. Statt dessen wirbelten ihm Töpfe, Windeln und Einkaufslisten um die Ohren. Und unentwegt das liebe Geld – nämlich, daß keins da war. Hier Kredite und dort Schulden, obwohl er nichts anderes tat, als zu arbeiten., Als Christer in die Tagesstätte kam und Lisa ihren Job antrat, sah es mit den Finanzen besser aus, sie hörten auf, um Geld zu streiten. Und auch miteinander zu schlafen. Denn Lisa war mit ihm fertig. Das konnte er an allem spüren. Er versuchte, den Jungen ins Spiel zu bringen, aber auch damit kam er zu spät. Sie habe das Kind geboren und sich allein darum gekümmert, gab sie Glenn zu verstehen. Also hatte er nicht viel vorzubringen, als sie ihn nicht mehr haben wollte. Ob er sie zu diesem Zeitpunkt immer noch geliebt hat, weiß er nicht mehr, doch im Licht der Erinnerung tritt nun der ganze Mechanismus deutlich zutage. Wie nutzlos, wie verdammt blödsinnig, wie blind und unnötig das alles gewesen ist! Die Jahre danach hat er allein verbracht – hat die Werftkrise erlebt, bis zu Kündigung und Berufsberatung: Ich habe schließlich einen Beruf, schert euch zur Hölle! Mal eine Kneipenrunde und eine Nacht in einem fremden Bett, das war alles. Die Mutter erkrankte an Krebs, und der Vater verkümmerte, als der Kran von Eriksberg nicht mehr kreischend losratterte. Die Werft – der Mittelpunkt der Welt und Vaters ein und alles! Eine Zeitlang hatte Glenn geglaubt, die Stillegung der Werft werde den Alten ins Jenseits befördern. Doch als der Vater schließlich eine Abfindung samt ehrenvoller Danksagung erhalten hatte, war sein Rücken wieder gerader geworden, er ließ die goldene Uhr sehen und murmelte, man habe sich schließlich nie krankschreiben lassen, und jetzt wären die Jungen an der Reihe. Die Arbeit auf der Bohrinsel hatte Glenn wieder Auftrieb gegeben. Ein neues Leben begann: exotisch, interessant, manchmal schwer, aber gut bezahlt. Die Mutter war gestorben. Der Vater ging zum Seniorentanz und schaffte sich schon bald eine neue rosige Frau an, die er, vor dem Fernseher tätschelte, wenn sie ihm altmodische Hausmannskost mit fetter Bratwurst, Grützwurst oder auch Heringsauflauf mit Korinthensoße vorgesetzt hatte. Der Vater schnurrte wie ein Kater, und Glenn seufzte erleichtert. Schon früh hatte er sich fürs Tauchen interessiert. Machte sich immer in der Nähe der Taucher zu schaffen. Und eines Tages durfte er mit nach unten, es war eine reine Notlösung, weil kein anderer zur Stelle war. Zehn Jahre später besaß er alle Taucherscheine, konnte sich frei zwischen den Ländern bewegen und war mit seiner Ausbildung und der Rohrschlosservergangenheit auf der Werft auch noch ungewöhnlich vielseitig. Als er dann ein paar Jahre später Mia kennenlernte, glaubte er wirklich, es würde gutgehen. Schließlich war er ja nur drei Wochen weg zur Arbeit und danach zwei zu Hause. Dennoch klappte es nicht. Die Kinder wurden geboren, und die Zeiten, in denen er draußen war, blieben schwarze Flecken auf dem Film. Die Nachricht von Pontus’ Geburt erhielt er direkt in die Druckkammer: bei hundertzwanzig Metern Tiefe. Er hatte nicht das geringste empfunden. Als er endlich wieder nach Hause kam, hatte Mia sich mit dem Sohn dort schon eingerichtet. Britta, zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt, verhielt sich abwartend. Es war einfach nicht gut, damals, als er nach Pontus’ Geburt nach Hause kam. Irgend etwas lief schief, obwohl kein böses Wort geäußert wurde. Wie sich herausstellen sollte, kam auch seine zweite Frau ausgezeichnet ohne ihn klar. »Was glaubst du eigentlich, was ich bin?« hatte sie gesagt. »Eine Art Küchenherd, den man an- und ausschaltet? Wenn du jetzt mehrere Wochen nicht hier gewesen bist, mußt du mir etwas Zeit geben und dich nicht, gleich auf mich stürzen und losstoßen wie ein unerzogener Dorfköter!« Und dann war sie zur Arbeit gegangen. Die Kinder besuchten die Tagesstätte. Er war allein zu Hause und wußte nicht, was er mit sich anfangen sollte. Das Essen stand auf dem Tisch, wenn sie abends heimkamen, und er fühlte sich, verdammt noch mal, als sei er ein Dienstmädchen. Sagte zwar nichts, aber es war ihm wohl doch anzumerken. Wie wütend er war, denn so war es. Und es ging schief. Ging völlig daneben. Aber schließlich hatte er schon einiges hinter sich. Eine Menge sogar. Hatte das Fröj-Unglück mitgemacht. Meinte, sich mit äußeren Katastrophen auszukennen. Es gab keinen Grund, Trübsal zu blasen oder sich zu beklagen, wenn das Dach über ihm einstürzte. Jahre vergingen. Das Licht der Verklärung wurde immer stärker. Die Indianer nannten die Vergangenheit Zukunft, weil sie hellerleuchtet und deutbar vor ihnen lag. Er verstand sie nur zu gut. Also hatte er vorige Woche einen Entschluß gefaßt. Er hatte in Fornebu den Flieger genommen und gedacht: Egal, was jetzt passiert, aber dieses Cowboyleben ertrage ich nicht länger, ich bin schon über fünfzig und muß ein Zuhause haben, ein inneres Zuhause bei den Meinen. Bei denjenigen, die mir trotz allem am nächsten stehen. Er hatte diverse Geschenke besorgt. Es war kein Besuchswochenende, das hatte es schon lange nicht mehr gegeben, aber hol’s der Teufel. Ein sinnvolles Privatleben folgt keinen vorgezeichneten Mustern. Betrunken war er wirklich nicht. Hatte lediglich ein paar Gläschen in einer Kneipe genommen, um die undefinierbare Angst zu verjagen., Seine zweite gesetzlich angetraute, jetzt vogelfreie Ehefrau öffnete die Tür des Reihenhauses mit unverhohlener Verwunderung: »Glenn! Was machst du denn hier? Und die vielen Päckchen?!« Er habe nur mal vorbeischauen wollen, sind die Kinder da? Nur ein bißchen reden und mit ihnen zusammensitzen… »Hast du denn vergessen? Ja, natürlich hast du das. Sie sind diese Woche im Ferienlager. Das war doch schon seit letztem Sommer geplant! Wie kannst du nur behaupten, dir etwas aus den Kindern zu machen, wenn du so was Wichtiges vergißt!« Keine Chance, zu verhandeln oder auch nur eine Tasse Kaffee zu erhalten. Er lud die Päckchen auf sie ab und ging. Als hätte sie ihm unrecht getan. An irgendwem mußte er seine Wut schließlich auslassen. Aber aufgeben galt nicht. Die nächste Station auf seinem Golgathagang war der erwachsene Sohn aus erster Ehe. Glenn kannte die Adresse und wußte ungefähr, was der Junge so trieb, doch es stimmte schon, seit dem letzten Mal war eine ganze Weile vergangen. Als der Sohn nach ewigem Gebimmel endlich die Wohnungstür aufmachte, wirkte er nicht gerade begeistert. »Vater? Was machst du denn hier? Ist was passiert?« »Nicht, daß ich wüßte. Darf ich reinkommen?« In Glenns Jackentasche steckte ein guter Duty-free-Cognac, denn der Sohn war schließlich erwachsen und würde seine Umsicht sicher zu schätzen wissen. Doch nichts dergleichen! Hier gab es nicht mal die Chance einzutreten. »Keine Zeit. Muß zum Training, verstehst du. Fängt in einer Viertelstunde an. Was willst du eigentlich?« »Dachte nur, wir sollten irgendwie wieder Kontakt aufnehmen, bin ja trotz allem dein Vater, und ich…« Der Sohn unterbrach ihn: »Du! Red keinen Scheiß. Ich bin jetzt erwachsen und such mir die Leute aus, mit denen ich, verkehre, und dazu gehörst du nicht. Wo bist du denn gewesen, damals, als ich Fußball gespielt habe und unsere Mannschaft aufgestiegen ist? In dem einen Jahr. Und dann im nächsten, als wir wieder abgestiegen sind? Daran erinnerst du dich nicht mal! Wo bist du gewesen, als ich einen ganzen Winter lang auf dem Dachboden Alleskleber geschnüffelt habe? Hattest keine Ahnung davon. Wo bist du all die Abende gewesen, wenn ich zu der heulenden Mutter nach Hause kam und sie mir gesagt hat, sie komme mit mir nicht klar? Der Junge wird schon, er geht nach mir, war dein einziger Kommentar, wenn du dich irgendwann mal, weiß der Teufel woher, gemeldet hast. Also mach, daß du wegkommst, und laß mich in Frieden.« Er ging. Es reichte ihm. Begab sich in die erstbeste Kneipe. Versuchte bei einem Weib zu landen und blitzte natürlich ab. Logisch. Man beginnt nicht mit einem Griff an den Hintern. Einigermaßen stabilisiert betrat er zwei Uhr nachts die Wohnung. Der Stapel Werbematerial war ansehnlich, doch der Kühlschrank war leer. Die Wohnung roch muffig. Eine zeitweilige Behausung, aber kein Zuhause. Nein, ein Zuhause besaß er nicht. In jenem Augenblick hatte er eingesehen, daß er sich tief unten befand, auch dann, wenn er an Land war. Ja, vor allem dann. Und genau wie bei der Arbeit unter Wasser war er gezwungen gewesen, sein Gefühlsleben abzuschalten. Er mußte einfach weitermachen, egal wie es vor ihm auch aussah. So stand es um sein Privatleben, und schuld daran, daß er aus dem Gleichgewicht geraten war, ist dieses Kind, das Ian irgendwo hat und das neben Papas sehr viel größeres Deep Seahorse ein kleines kindliches Logo geklebt hatte., Glenn wirft sich die Tasche über die Schulter und packt Ians Arm. Auf der anderen Seite hält Bengt ihn mit festem Griff. Bengt schwankt ein wenig und lacht noch immer. Ian geht bereitwillig mit in Richtung Ausgang, doch ist er müde, furchtbar müde. Ein paar Kommentare im Telegrammstil, mit komplizierter Syntax und Wörtern, die aus lauter Konsonanten bestehen, sind alles, was er zum Gespräch beisteuern kann, während sie vor der Paßkontrolle warten. Als sie dann endlich im Freien stehen, schaut der Taxifahrer sie an, als seien sie Maffiosi. Sie lassen sich anstandslos mustern und werden schließlich akzeptiert, da sie den Eindruck erwecken, eventuelle Reinigungskosten bezahlen zu können. Der Portier, der ihnen die Schlüssel aushändigt, hebt nicht einmal die Augenbrauen. Die Taucherfirma ist ein verläßlicher Kunde, dessen Personal sich häufig in einem bizarren Zustand befindet, er ist daran gewöhnt. Ian versucht sich erneut zu orientieren, seine Augen rollen unkontrolliert hin und her. Die Arbeitskollegen schleppen ihn in den Fahrstuhl, wo er seinem Spiegelbild begegnet, das er freundlich grüßt. Im Hotelzimmer legen sie ihn aufs Bett und ziehen ihm die Schuhe aus. Was können sie sonst noch für ihn tun? Irgendwelche Nachtbars kommen ja wohl nicht in Frage. Bengt zieht eine Tulpe aus dem Strauß auf dem Tisch, öffnet Ians Hosenstall und steckt die Blume hinein. Die Tulpe schwingt leicht hin und her. Ian hat jetzt zu schnarchen angefangen. Glenn und Bengt schlagen sich vor Lachen auf die Schenkel. Bengt stellt noch den Papierkorb an das Kopfende des Bettes. Dann ziehen sie vorsichtig die Tür hinter sich zu und gehen., Der Abend ist mild, das sich verändernde Licht der Nacht färbt den Himmel bereits in violetten Tönen. Aus dem Cobra Club sind Lärm und Musik zu hören. Draußen auf dem Fjord glitzert eine Bohrinsel. Aus dieser Entfernung erinnert die Arbeit der Schweißer an ein fröhliches Feuerwerk. Funkenregen, die Lichtbogen und der Tanz des geschmolzenen Eisens über die Träger der Plattform lassen das seidig schimmernde Wasser blitzen und funkeln. Glenn und Bengt haben im Restaurant gut zu Abend gegessen, beide fühlen sich in der Gesellschaft des anderen wohl. Jetzt wartet das süße Leben auf sie. Der Einlasser heißt sie willkommen, und die Musik schlägt ihnen entgegen wie eine Wand. Die Sängerin lebt am Mikrofon ihr ganzes erotisches Register aus, die Luft ist rauchgeschwängert, und an der Bar hocken bereits eine Menge Leute. Glenn und Bengt quetschen sich zwischen sie und bestellen je ein Bier und einen Whisky. Sie stoßen auf die bevorstehende Arbeit an und darauf, daß sie in einem Monat wieder hier sitzen, mit heiler Haut und um mindestens achtzigtausend Kronen reicher. Und es soll wirklich bei diesem einzigen Whisky bleiben, damit sie morgen auch tatsächlich an Bord gehen können, denn darin ist man genau, sehr genau. Glenn betrachtet seinen jüngeren Kollegen. Könnte fast sein Sohn sein. Allerdings hätte der eigene Sohn ihn wohl kaum als Begleiter in die Tiefe akzeptiert. Nein, für den eigenen Sohn wäre er vermutlich nicht gut genug gewesen. Doch dieser Bursche hier akzeptiert ihn ohne weiteres. Glenn hatte nur ein paar Orte erwähnt, ein paar Namen – überhaupt kein Problem! Und der Kollege hatte seine eigene kurze Karriere heruntergebetet, die völlig okay zu sein schien. Sie plaudern über dieses und jenes, reden über Leute, die sie beide kennen. Der Tratsch ist das Fundament des, gemeinsamen Ölgeschäfts. Sie trinken und entspannen sich. Sie sind es gewöhnt, immer einen Tag nach dem anderen zu leben, die Gegenwart ist alles, und der morgige Tag wird schon für sich selber sorgen. So pflegt es zu sein, so ist es immer gewesen. Glenns Herz schlägt bereits ruhiger, er ist wieder draußen, auf Arbeit – er ist ein Teil von etwas Größerem. Sie reden zwar über das bevorstehende Tauchen, über die Schiffsbesatzung und die Einsatzleitung, sprechen darüber, was sie dort unten zu tun haben und wie der Meeresboden aussieht. Doch dienen diese Minuten vor allem dazu, miteinander bekannt zu werden, Gemeinsamkeiten zu finden. Die beiden bemerken nicht, daß sie einen Zuhörer haben. Eine junge Zuhörerin. Sie hat ein Weilchen vor ihrem halbvollen Bierglas gesessen und dem Gespräch gelauscht. Sie ist ungeschminkt, trägt ihr dunkles Haar kurzgeschnitten und ist keine Frau, die das Interesse der Männer sofort auf sich zieht. Doch hat sie auffällige Augen, einen intensiven, forschenden Blick. Sie fragt, ob die beiden Taucher wären. Glenn und Bengt verstummen sofort. Werfen sich einen Blick zu und mustern die junge Dame. Vielleicht nicht besonders hübsch, aber auch nicht direkt häßlich. Spannender Blick, möglicherweise lustvoll? Und ein Körper weiter unten im Dunkeln, der hoffentlich das erfüllt, was der Ausschnitt verheißt. Noch einmal sehen sie sich an, und Bengt bestätigt, ja sicher seien sie Taucher. Ganz klar, daß sie das sind. Vielleicht dürfe er sie zu irgendwas einladen? Sie erwidert, daß sie wegen der Arbeit zeitig raus müsse, also möchte sie nichts mehr. Bei welcher Firma, sagten sie noch, würden sie tauchen? Bengt schlägt »Black Russian« vor, das gefällt den Weibern sonst immer., »Ach ja?« bemerkt die junge Frau nur. »Ich bin nicht verheiratet«, sagt Bengt und lacht. Glenn hebt seine linke Hand und schwört, daß er ebenfalls unverheiratet sei. Möchte sie vielleicht lieber einen Dry Martini? Sie beginnen zu plaudern. Die Frau ist nett und eine gute Zuhörerin. Und sie erzählen gern. Die Geschichten haben gleich viel mehr Schwung, wenn ein Außenstehender zuhört. Aber hier handelt es sich nicht nur um Schwung, sondern um ordentliches Wirbeln und heftiges Schlingern in alle Richtungen. So ist es nun einmal beim Geschichtenerzählen, und die Frau, die sich als Ingrid vorstellt, geht mit. Nach ein paar Bier rückt Bengt näher an sie heran und erzählt ihr im Vertrauen, daß Taucher die besten Liebhaber seien. Ingrid lacht überrascht und fragt, ob es Messungen gebe, wissenschaftliche Beweise für eine solche Behauptung. »So was mißt man nicht«, flüstert Bengt und geht noch mehr auf Tuchfühlung, »so was muß man erleben. Divers do it deeper!« Ingrid zuckt zurück. Glenn packt Bengt an der Schulter und zieht ihn weg, entschuldigt den Kollegen, er habe wohl zuviel getrunken. Doch er selbst sei ganz klar im Kopf. Er weiß, was er tut. »Ach ja?« Ingrid lacht erneut. Glenn schaut sie verlangend an. Bengt schlägt mit dem Kopf auf den Tresen. Vor dem Gebäude der Hubschrauberabfertigung auf dem Flughafen von Stavanger ist es grau und ungemütlich. Der Wind, der vom Meer weht, bringt einen flauen Geruch mit von vermoderndem Tang. Flau fühlen sich auch Glenn und Bengt, als sie aus dem Taxi steigen und auf den Eingang zutrotten., Vor ihnen läuft Ian mit federnden Schritten, heute ist er ausgeruht und frisch nach einer ungestörten Nacht im Hotel. Er war im ersten Morgengrauen aufgewacht, hatte eine Anzahl Kopfschmerztabletten und sämtliche Erfrischungsgetränke der Minibar geschluckt, hatte die Sachen ausgezogen und sich wieder ins Bett gelegt. Dann hatte er bis sechs Uhr früh geschlafen und anschließend erst heiß und dann immer kälter geduscht. Daraufhin hatte er sich im Frühstücksraum eine große Ei- und Schinkenmahlzeit einverleibt und war jetzt absolut in Form. Ganz anders seine Arbeitskollegen. Bengt hat nicht einmal das Rasieren geschafft, Glenn hat sich in den Nasenflügel geschnitten. Auch er hat ein kräftiges Frühstück verspeist, denn er weiß, was auf sie wartet. Da heißt es, ordentlich Kohlenhydrate speichern. An der Abfertigung steht der Vertreter der Firma, autoritär und korrekt. Sankt Petrus in Hemdsärmeln und mit einer Liste in der Hand. Als er Glenn bemerkt, hellt sich sein Gesicht auf. Sie schütteln einander die Hand und wechseln ein paar Worte. Er begrüßt auch Ian und Bengt und schielt diskret auf die Liste. Nach dem Einchecken gehen sie zur Sicherheitskontrolle. Der Firmenvertreter begleitet sie. Weder Messer, Schußwaffen, Whiskyflaschen oder irgendwelche Drogen befinden sich in ihrem Gepäck, und da der Metalldetektor mit seinem Schweigen verkündet, daß sie auch am Körper keine Waffen tragen, verzichten die Kontrolleure darauf, sie ins Röhrchen blasen zu lassen. Nachdem alle Absperrungen passiert sind und sie in der Abflughalle stehen, schauen sie sich dort, etwas besser aufgelegt, um, denn der Ort hat seit dem letzten Mal eine Verschönerung erfahren. Wenn die Reisenden auf den Aufruf, ihrer Flüge warten, können sie jetzt nicht nur Kaffee trinken und miteinander plaudern, auch Billard spielen kann man! Der Firmenvertreter nimmt auf einer Bank Platz, und die drei Taucher begeben sich zur Ausgabe für die Schutzanzüge. Die Prozedur nimmt einige Zeit in Anspruch. Als sie fertig sind und unterschrieben haben, ist der Firmenvertreter zu einem der drei Abfluggates weitergegangen, er weiß offenbar, wohin sie müssen. Für Billard ist dieses Mal anscheinend keine Zeit. Sie stellen sich zu ihm vor den kleinen Glaskäfig mit den etwa zwanzig Stühlen, wo sie in Kürze das obligatorische Sicherheitsvideo ansehen werden. Plötzlich steht ein weiterer Mann neben ihnen, schon fix und fertig im Schutzanzug! Er ist knochig und hager, etwa fünfundvierzig Jahre alt. Sein Gesicht ist ausdruckslos, und er hält ganz ruhig ihren Blicken stand. Glenn reagiert sofort und für die anderen völlig unerwartet. »Was zum Teufel!« zischt er und tritt einen Schritt zurück, seine Augen blitzen. Ian und Bengt sehen sich rasch an. Will Glenn auf den Neuen losgehen? Der Mann lächelt entwaffnend, nickt Glenn kurz zu und gibt den anderen die Hand. Ian und Bengt murmeln ihre Namen. Aber der Mann stellt sich nicht mit dem eigenen Namen vor. Seinen Taufnamen könnten sie vergessen, er ist es gewöhnt, Ego Boy genannt zu werden. »Heißt du wie das Pferd?« lacht Bengt verblüfft. »Ego Boy war nicht nur ein Pferd. Ego Boy hat den Naturgesetzen getrotzt«, antwortet dessen Namensvetter etwas lauter als zuvor. Als er Glenn die Hand hinstreckt, wendet sich dieser ab. – Mehrere Sekunden vergehen., Ian und Bengt warten, wissen nicht, was sie tun, wie sie reagieren sollen. Hier gibt es etwas, das sie nicht verstehen. Feindseligkeit liegt in der Luft. Dann geht Glenn auf den Firmenvertreter zu und sagt, man könne ihn abschreiben, er komme nicht mit. Dem Mann bleibt der Mund offenstehen. »Du bist doch wohl unter Vertrag?« fragt er töricht. Denn niemand steht auf der Liste, wenn er nicht genau das ist, unter Vertrag, und die Gepflogenheiten sind äußerst streng, ganz besonders im Hinblick auf eventuelle rechtliche Folgen, falls nämlich jemand aus irgendeinem Grund nicht zurückkehren sollte. Obwohl damit natürlich keiner rechnet. Niemals. Trotzdem steht Glenn jetzt hier und will dieses feine Netzwerk zerreißen. Ein Unding. »Der Flieger geht in einer Stunde«, antwortet der Mann. »Wenn du Probleme hast, mußt du mit der Tauchleitung auf der Deep Seahorse reden. Hier haben wir feste Regeln, ich mache nur meine Arbeit, und jetzt warten wir auf…«, er läßt seinen Finger über die Liste gleiten und findet den Namen, »I. Larsen.« Hinten an der Sicherheitskontrolle erscheint der fünfte Taucher, ebenfalls im Schutzanzug, die Tasche lässig über die Schulter geworfen. Das Morgenlicht, das durch die hohen Kippfenster dringt, entstellt das Bild durch Sonnenreflexe. In der mit Staub gesättigten Luft durchkreuzen leuchtende Geraden die Halle und erzeugen ein merkwürdiges Gefühl von Unwirklichkeit. In diesem Dunst nähert sich ihnen der Taucher. Sein Weg durch die nicht sehr große Halle erfordert unendlich viel Zeit, dieser fremde junge Mann – wer ist das? Blinzelnd sehen sie ihrem zukünftigen Arbeitskollegen entgegen. Was ist an ihm?, Vor ihren Augen verwandelt sich der kleingewachsene Bursche in eine junge Frau! Plötzlich erkennen Bengt und Glenn sie wieder. Das ist doch das Mädel!? Das ist sie?! Sie starren einander an und dann wieder die Frau, sie ist jetzt ganz nahe. Ja! Sie ist es! Sie tritt zu der Gruppe, um sich anzumelden: »Ingrid Larsen, Entschuldigung wegen der Verspätung, das Taxi ist falsch gefahren, direkt vor zum Flugplatz.« Dann dreht sie sich zu Glenn und Bengt um: »Ja, hallo! Wie schön, euch wiederzusehen!« Glenn und Bengt schauen einander an, ungläubig, ist das hier ein Traum? Ingrid lächelt. Sie geht von einem zum anderen und gibt jedem rasch und energisch die Hand, keiner hat Zeit zum Zögern. Auch Ian drückt ihr die Hand, schaut aber weg. Sie klopft Glenn auf die Schulter und fragt Bengt, ob er einen Kater habe. Nein, habe er nicht, überhaupt nicht! Warum hat sie nichts gesagt? Gestern!! Sie macht eine unbestimmte Handbewegung, lächelt die beiden verschmitzt an und geht in Richtung Abfluggate. Da stellt Ego Boy sich ihr in den Weg. Die anderen erstarren. Ingrid blickt ihm ins ausdruckslose Gesicht. Sie sagt nichts. Er sagt nichts. Sie wartet. Er wartet ebenfalls. Wartet wie die anderen, einige spannungsgeladene Sekunden. Plötzlich stellt sich Glenn zwischen Ego Boy und Ingrid., Die Männer fixieren einander. Glenn ist ein bißchen ausdauernder als Ego Boy. Ego Boy etwas jünger, etwas drahtiger. Schließlich weicht Ego Boy zögernd zur Seite, und Glenn läßt Ingrid vorbei, die in die kleine Transithalle geht und dort als erste Platz nimmt. Für den Bruchteil einer Sekunde ist in Ego Boys Gesicht Enttäuschung zu lesen. Dann zeichnet er ihren Hintern in die Luft. Rasch und amüsant. Glenn sieht es. Er kann nichts dagegen tun. Die wortlose Sprache ist immer die effektivste, und sie ist nie zum Schweigen zu bringen. Glenn hält sich zurück. Er hatte Ingrid folgen und vor dem Video Platz nehmen wollen, doch will er sich Ego Boys pantomimischen Angriffen nicht aussetzen. Also bleibt er stehen, ohne dessen lautlose Großtuerei übertrumpfen zu können. Ego Boy macht noch eine weitere obszöne Geste. Er knufft Bengt in die Seite, schlägt sich ein paarmal leicht auf die Hand – wollen wir wetten? Bengt blickt siegessicher auf den bestimmt fünfzehn Jahre älteren Herausforderer und dann auf die Frau im Glaskäfig. Kein Problem. Ian begreift, was sie meinen. »Und ihr glaubt, das geht?« »Wieso, hältst du dagegen?« fragt Ego Boy, er bedient sich wieder der Sprache. Glenn ist näher getreten. Ego Boy spürt Glenns leichte Atemzüge am Haaransatz, dennoch bleibt er stehen. Ian sieht es. Aber Ian sieht ebenfalls, daß Glenn als Taucher langsam abbaut, und außerdem läßt Ian sich nichts befehlen, fügt sich nicht jedem. Also hebt er die Hand und sagt scherzend: »Ich bin verheiratet, würde niemals. Schon gar nicht mit einer Taucherin.« Sie lachen gezwungen., Glenn, der wortlos zugehört hat, zeigt jetzt höhnisch auf Ego Boy. »Genau davon hat er doch immer geträumt«, sagt er, »einen Taucher ranzunehmen.« »Du bist wirklich nicht normal«, erwidert Ego Boy, »bist völlig gestört.« Gestört fühlt er sich jedoch vor allem selbst, sein Blick ist unstet. Gestört fühlen sich auch Bengt und Ian. Es macht Spaß, andere auf den Arm zu nehmen, doch muß der Ton herzlich bleiben, das hier geht so nicht länger. Je härter die Rempeleien, desto enger die Freundschaft – das ist doch selbstverständlich. Hier aber ist von Freundschaft nichts zu spüren. Dennoch scheinen sich Glenn und Ego Boy nur allzu gut zu kennen. Bengt und Ian wechseln einen vielsagenden Blick: In was für eine alte Scheiße sind wir hier hineingeraten? Der Lärm im Hubschrauber ist ohrenbetäubend. Der Küstenstreifen ist hinter ihnen verschwunden, und unter ihnen breitet sich das mächtige weite Meer aus. Nur ein paar mückengroße Fischkutter unterbrechen die glitzernde Fläche, die am Horizont in milchweißen Dunst übergeht. Glenn und Bengt sitzen nebeneinander, Ego Boy und Ian ebenfalls. Ingrid sitzt allein. Der Lärm schirmt sie von den anderen ab. Brennende Fragen hängen unbeantwortet in der Luft. Ingrid beugt sich vor und klopft Ian auf die Schulter. Der dreht sich widerstrebend um. »Die Welt ist klein«, schreit sie, »wußte nicht, daß du zur ›Heidrun‹ willst.« »Man kann nicht alles wissen«, schreit er zurück. Mit seiner Haltung gibt er zu verstehen, er gehe davon aus, daß sie mit dem Reden fertig ist. Das ist sie nicht. »Wird interessant werden«, schreit sie, »findest du nicht?«, »Wahnsinnig interessant«, bestätigt er mit dem Ausdruck des Genervten, der deutlich zu erkennen gibt: Kann sie denn nicht begreifen, daß ich in Ruhe gelassen werden will? Ingrid sinkt zurück. Draußen, unter ihnen, glitzert das Meer. Ego Boy dreht sich um und sieht sie an; sie merkt es nicht. Mit einem »Aha?« wendet er sich an Ian. Doch Ian gibt keine Antwort. Stellt sich, als verstehe er die überdeutliche, unausgesprochene Frage nicht. Gähnt. Alle gähnen. Jetzt geht es nach unten. Wie ein winziges Spielzeug erscheint die Bohrinsel mit ihrer Wohnplattform weit vor ihnen. Dicht daneben liegt das Taucherschiff. Der Hubschrauberlandeplatz ist als grüner Punkt zu erkennen. Als die Männer über das riesige Trossennetz laufen, bläst ein heftiger Wind. Ingrid verläßt den Hubschrauber als letzte, und Glenn streckt ihr hilfsbereit die Hand entgegen. Sie nimmt sie und springt hinaus, und gemeinsam eilen sie zum Niedergang, in dessen Windschutz Glenn sie am Ellbogen faßt. »Du hast gestern offenbar ein paar richtige Don Juans getroffen«, beginnt er verlegen. Ingrid nickt lächelnd, so ist es wohl gewesen. »Vergiß es!« bittet er. Ingrid nickt und wird ernst. Sie mag Glenn. Sie mochte ihn schon gestern abend, trotz seiner vom Alkohol leicht aufgelösten Züge. Die heutige Version ist nicht schlechter. Was den Rest angeht, so muß sie sich wohl einen nach dem anderen vornehmen. Sie ist der Ansicht, daß Männer an einer altmodischen Krankheit leiden, die man aber heilen kann. Sie selbst muß nur konsequent genug sein, dann wird sich die Sache von selbst erledigen. Das Ganze ist nicht ihr Problem., Sie ist hier, um eine Arbeit zu machen, um damit einen Fuß in der Tür zu haben, weiterzukommen. Die Beweggründe der anderen können bedeutend komplizierter sein, das weiß sie. Das Problem ist nur, daß die Männer es selbst nicht wissen. Sie lächelt Glenn freundlich zu. »Du warst nicht unangenehm«, sagt sie, »hast dich selbst eingebracht, ich habe mich amüsiert und gelacht. Man muß lachen dürfen. Die Welt schreit nach Humor!« »Schade, daß ich in nüchternem Zustand nicht genauso witzig bin«, sagt Glenn seufzend, »sonst könnte ich mich zum Alleinunterhalter umschulen lassen. Bin schließlich ziemlich gut darin, in der Kneipe Blödsinn zu quatschen.« Ein Weilchen später schlendert das ganze Team einen Niedergang hinunter. Sie haben ihre Schutzanzüge abgegeben und das Gepäck geholt. Ingrid geht als vorletzte. Zwei Mechaniker kommen ihnen entgegen. Als sie dieselbe Stufe wie Ingrid erreicht haben, drängeln sie mehr als notwendig. »Diese ständigen Neuerungen«, sagt der eine auf norwegisch. »Offenbar soll man jetzt vorn auch noch Stoßdämpfer tragen!« Sie lachen begeistert. Ingrid lacht ebenfalls. »Dann laßt euch mal Silikon einsetzen«, erwidert sie. Die beiden bleiben die Antwort schuldig und steigen wortlos weiter nach oben. Im selben Moment wird Ingrid von Bengt eingeholt. Er legt ihr den Arm um die Schulter. Sie schaut erst fragend auf seine Hand und dann zu ihm. Er lächelt siegessicher und drückt sie an sich. »Ein flottes, hübsches Mädel wie du«, sagt er, »hast du daran gedacht, daß wir wochenlang so eng zusammenleben werden?«, Eine ärgerliche Falte bildet sich zwischen ihren Augenbrauen, doch Bengt bemerkt sie nicht. »Wieso«, fragt sie, »hast du die Absicht, in meiner Koje zu schlafen?« »Gern«, antwortet er. »Wenn du auch drin liegst.« »Wollen wir es gleich hier machen? Auf der Treppe?« fragt sie sachlich. Bengt verliert die Fassung und bleibt stehen, während sie weitergeht. Immer wieder fährt er sich mit den Fingern durch die Haare. Er braucht ein Weilchen, um seinen Federputz und die Gesichtszüge zu ordnen, und beschließt, dann gleich ein oder zwei Verehrerinnen anzurufen. Komisch, daß ihm das nicht schon eher eingefallen ist. Es gibt schließlich noch normale Frauen, die sanft und gefügig sind. Es gibt Frauen, die ihn zu schätzen wissen, die eine Menge dafür tun würden, wenn sie mit ihm eine Nacht in der Koje verbringen dürften. Übrigens sind die meisten Frauen so, und nicht wie diese hier! In der geräumigen Kajüte des Tauchinspektors hängt dichter Zigarettenrauch. Er sitzt hinter seinem Schreibtisch, ein Kraftmensch, der Autorität und Kompetenz ausstrahlt. Sein grauer Bart ist ebenso gepflegt wie das kurzgeschnittene, widerspenstige Haar. Um ihn herum stehen Ego Boy, Bengt und Ian. Glenn sitzt auf einem Stuhl und Ingrid auf einem anderen neben der Tür. Ego Boy, Bengt und Ian sind aufgebracht; der Tauchinspektor starrt sie grimmig an. Bei ihm liege die Leitung des Tauchgangs, und auch die Verantwortung trage er, die ganze Verantwortung, und wenn sie nur das Ihre tun, wird er sich schon darum kümmern, daß der Rest ebenfalls in Ordnung geht. Das könne er ja leicht sagen, schließlich sitze er oben in Sicherheit. Sie selbst sind es doch, verdammt noch mal, die, hier die Verantwortung hätten! Es sei Wahnsinn, Ingrid mitmachen zu lassen, ob er das denn nicht begreife, wettert Ian. »Reiner Wahnsinn«, legt Ego Boy noch drauf, »sie soll mich in voller Ausrüstung in die Glocke ziehen. Wenn man nur mal diesen Punkt bedenkt! Schafft sie das denn?! Kannst du garantieren, daß sie es wirklich schafft?!« »Sie hat eindeutige Papiere«, kontert der Chef. »Ach ja, und was ist das für eine Größe, die sie ausgestellt hat«, fragt Bengt leise. Er hat die Niederlage auf der Treppe noch nicht verdaut. Der Chef sagt kein Wort, sieht nur Ian an. Die anderen folgen seinem Blick. Ian versucht wegzuschauen, aber es gelingt ihm nicht. »Mein Gott«, stößt er hervor, »selbst in meiner wildesten Phantasie habe ich mir nicht vorstellen können, daß sie die wirklich benutzt! Daß man sie läßt! Sie hat alle Tests geschafft! Ich habe gedacht, es sei nur ein Gag!« Der Tauchinspektor lächelt grimmig: »Du hast keinen Fehler gemacht. Er hat die Lizenz, ist Taucherausbilder«, sagt er erklärend zu den anderen. »Ian hat seinen festen Job an der Taucherschule in Aberdeen aufgegeben, um bei diesem Einsatz dabeizusein. Fühlt euch geehrt! Und einer der letzten Adepten, die er geprüft hat, ist – Ingrid Larsen gewesen!« Die anderen sehen Ian ungläubig an. »Wie konntest du nur?« entfährt es Ego Boy. Ingrid verschwindet diskret aus der Kajüte. »Sie hat genau die Kompetenz, die wir brauchen«, erklärt der Tauchinspektor gelassen. »Es gab sonst niemanden! Und dieser rätselhafte Ölschwund, mal hier, dann wieder da, ist wirklich eine akute Sache. Die Konzernbosse gehen auf die Palme, wenn die Gewinne weiter so sinken und damit das Vertrauen und folglich auch der Aktienkurs. Die Experten, glauben, es liegt an der Legierung der Rohre. Das muß an Ort und Stelle geprüft werden. Sie ist Metallurgin, und sie ist Taucherin. Sie kann uns die Antwort beschaffen.« In der Toilette beugt sich Ingrid über das Waschbecken. Der Hahn ist aufgedreht, und sie schwappt sich immer wieder Wasser ins Gesicht. Weint sie? Als sie in den Spiegel sieht, sind ihre Augen klar. Sie mustert sich eingehend. Richtet sich auf, ihr Gesicht in dem kunstlosen Spiegelrahmen wird immer entschlossener. Was hatte sie erwartet? Daß man sie mit Pauken und Trompeten empfangen würde? Sie ist hier, um eine Arbeit zu tun. Vermutlich hat sie mehr drauf als andere, die hier neu anfangen. Es gibt nichts, wofür sie sich schämen muß, im Gegenteil, sie hat alle Prüfungen bestanden, ist qualifiziert, was will man noch von ihr? Ganz einfach, daß sie nicht existiert. Ist das nicht ein bißchen viel verlangt? Der Tauchinspektor marschiert predigend in der Kajüte auf und ab. Sicher sei die Sache freiwillig, wäre ja auch noch schöner. Er gehe davon aus, daß derjenige, der von Revolte sprach, Probleme mit der Sprache habe, was sehr wohl der Fall sein könne, wenn man so länderübergreifend wie hier arbeitet. Er bleibt vor Ego Boy stehen. Der erwidert wütend seinen Blick. Auch Ian schaut den Chef trotzig an und denkt: Klar hat sie die Lizenz bei mir gemacht, aber, verdammt noch mal, es ist nicht meine Schuld, daß sie jetzt allen Ernstes mit nach unten soll. Die Verantwortung dafür hat die Einsatzleitung. Der Tauchinspektor wippt auf den Füßen und spricht mit Nachdruck. Es sei, wie gesagt, freiwillig. Für beide Seiten, oder? Verstehen sie, was er sagt? Für beide Seiten, also!, Sie verstehen nur zu gut und senken langsam und widerstrebend den Blick. »Für beide Seiten.« Die Firma feuert sie für den Rest ihres Lebens, wenn sie hier nicht mitmachen. Als Ingrid zurückkommt, völlig unberührt, doch mit feuchtem Haaransatz, macht der Tauchinspektor eine übertrieben freundliche Geste und sagt: »Willkommen im Team. Wir haben uns ausgesprochen, und jetzt sind alle Mißverständnisse ausgeräumt. Die Jungs hier freuen sich über die Möglichkeit, gerade mit dir tauchen zu können.« Eine Stunde später beugen sich zwei Männer eifrig über Ingrids Schulter. Sie sind in den Dreißigern. Ingrid sitzt im Kontrollraum vor ihrem Laptop, wo sie gemeinsam den Verlauf der Rohre studieren, die nach und nach auf dem Bildschirm erscheinen. In zwei kleineren Fenstern ist das Rohrgut in verschiedenen Vergrößerungen zu sehen. Sie sprechen von Krümmungen und Ermüdungspunkten, vom Druck und dem Fluß von Gas und Öl. Ingrid ist in ihrem Element, und die Einsatzleiter sind ihre Eleven. Je mehr die beiden vor dem Einsatz wissen und begreifen, desto leichter wird Ingrid an der Pipeline unten die Hilfe bekommen, die sie von oben braucht. Oddvar, einer der Einsatzleiter, ist Norweger, er ist untersetzt und kräftig. Seine vier Jahre als Sättigungstaucher garantieren ihr unschätzbare Erfahrungen in diesem Job. Aus ihrer Sicht ist seine Kompetenz mehr wert als alle hochgradigen akademischen Studien. Praktische Erfahrungen sind zuweilen so subtil, daß sie sich kaum in Worte fassen lassen. Das komplexe Zusammenwirken von Strömungen, Druck, Temperatur, Gasgemischen, physischen und elektrolytischen Kräften und Spannungen kann nie in einer Gesamtformel, mathematischer oder sprachlicher Termini ausgedrückt werden. Man muß es erlebt haben. Und nicht nur einmal, sondern viele, viele Male. Oddvar verfügt über dieses Wissen. Außerdem macht er einen nahezu bedächtigen Eindruck trotz seiner dunklen Augen und sinnlichen Lippen. Sein Blick ist ruhig, keine Spur von Hahnenkampfkomplex. Ein breiter Trauring und eine bunte handgestrickte Weste berichten vom übrigen Teil seines Lebens, von dem, was nicht mit Wasser, Gas, Fluß, Öl und Druck zu tun hat. Tom ist Engländer. Er ist etwas jünger und lebhafter, hat muntere braune Augen und schulterlanges Haar. Der frisch angelegte Bart ist sorgfältig gepflegt, und er trägt Hosenträger zum Schlips, vermutlich als ironischen Schlenker und Kontrast zur anarchistischen Mähne. Auch Tom hat lange Zeit als Sättigungstaucher verbracht. Mit einem Gasgemisch im Körper, das nicht Luft ist, hat er zwei Jahre in Druckkammern wechselnder Taucherschiffe, in unterschiedlicher Tiefe und in enger körperlicher Nähe zu anderen Berufskollegen gelebt. Ingrid ist zufrieden. Bessere Einsatzleiter kann sie sich nicht wünschen, und deren neugierige Fragen zu ihrem eigenen Fachgebiet bestätigen, daß die beiden nicht auf den Kopf gefallen sind. Tom und Oddvar haben sie auch bei den beiden ROV- Operatoren eingeführt, die Unterwasserroboter per Joystick von einem separaten Kontrollraum aus lenken. Nach den Unterwasserszenen im Titanic-Film ist ihr Ansehen gestiegen, was man an ihrer protzigen Art merkt. Obwohl sie versucht haben, Ingrid zu beeindrucken, ist es ihnen jedoch nicht gelungen. Sie steht unbeirrbar auf seiten der Taucher, und das Spiel der ROV-Operatoren mit ihren Reglern imponiert ihr nicht. Denn es ist, als würde ein Modellflugzeugfan seine, Spielzeugflieger manövrieren. Geht etwas schief, ist es trotz allem nur ein totes Ding – wenn auch ein teures –, das verlorengeht. Momentan sind beide ROV-Fahrzeuge außer Betrieb. Die Elektronik ist empfindlich, und Reparaturen sind eher die Regel als die Ausnahme. Ihr eigener Tauchgang wird davon jedoch nicht berührt. Trotzdem beunruhigt es sie ein wenig, daß die beiden Operatoren schon über eine Woche auf Reservekomponenten warten. An Bord befindet sich außerdem nur eine funktionierende Taucherglocke, die andere ist wegen der noch ausstehenden Klassifikation nicht einsatzbereit! Deep Seahorse scheint nicht gerade die optimalste Taucherfirma zu sein, erwischt offenbar nur Jobs, die am Rande abfallen. Die Firma hatte sich nach England wenden müssen, um die Genehmigung zu erhalten, mit nur einer Taucherglocke zu arbeiten. Das ist wohl auch der Grund gewesen, weshalb ich selbst eine Chance bekommen habe, denkt Ingrid. Zweite Wahl, das eine wie das andere. Alles kann nicht perfekt sein, überlegt sie dann, früher tauchten die Leute in umgedrehten Blechtonnen! Heutzutage werden Taucher zwar immer noch wie Arbeiter zweiter Klasse behandelt – verglichen mit Hubschrauberpiloten zum Beispiel –, die Sicherheit aber läßt nichts zu wünschen übrig, und außerdem müssen wir froh sein, daß man uns nach wie vor braucht, daß sich die ROV-Technik, verglichen mit den Fähigkeiten des Menschen, noch immer in einem Frühstadium befindet. Die Rohre erstrecken sich in stilisierter Form über den Bildschirm. Bald wird sie deren Verlauf direkt vor sich sehen. Kein Roboter der Welt kann sie dort ersetzen. Noch jemand beugt sich über den Monitor. Es ist Glenn. Tom läßt einen Ausruf der Überraschung hören und stürzt sich auf, ihn. »Ach, hier machst du die Gegend unsicher«, knurrt er und versucht Glenn niederzuringen. Sie boxen sich lachend. Als sie sich beruhigt haben, gibt Glenn auch Oddvar die Hand. »Ich bin mit Tom im Südchinesischen Meer getaucht«, erklärt er. »Unsere zahmen Seebarsche warten wohl noch immer an der Pipeline«, sagt Tom. »Das waren Zeiten«, erwidert Glenn. »Was für Gewässer!« Das fröhliche Wiedersehen der beiden Männer bringt auch Ingrid und Oddvar zum Lächeln. Bald haben sie sich jedoch wieder in die farbige isometrische Zeichnung auf dem Bildschirm vertieft. In Gedanken versunken, geht Ingrid ein Weilchen später durch das Schiff. Die auf sie wartenden Arbeitsaufgaben nehmen sie immer mehr gefangen, und sie will möglichst schnell in hundertachtzig Meter Tiefe kommen, um die Rohre selbst zu inspizieren. Ingrid ist eine bodenständige Person. Sie hätte sich nicht im geringsten um die Auswirkungen der Geschlechterfrage geschert, wenn sie sich nicht hier in dieses Milieu hätte begeben müssen, um ihre Arbeit zu tun. Sie ist Technikerin. Ihr Leben besteht aus dem wunderbaren Sichtbarmachen von Strukturen mit Hilfe des Elektronenmikroskops. Sie sieht ein Universum, das kein Mensch je betreten kann, in dem massives Eisen nur aus Elektronen besteht, die um Atomkerne schweben. Um die humanistischen Disziplinen können sich andere kümmern. Für Philosophie, Soziologie und Psychologie hat sie nur leise Verachtung übrig. Zuviel Wust lautet ihre eigene – zugegebenermaßen oberflächliche – Diagnose. Glauben kann man ja, aber die Wissenschaft sollte wissen. Chemische oder mechanische Prozesse sollten stets aufs neue, mit gleichwertigem Resultat durchgeführt und studiert werden können, unabhängig von jeder Glaubensauffassung. Wo gibt es entsprechende strenge Forderungen in den Geisteswissenschaften? Mit ihren Studienfreunden hatte sie zu diesem Thema viele erfrischende Diskussionen geführt. Sie ist im Besitz schwerwiegender Argumente, und es ist leicht, mit der Forderung nach Beweisen und Exaktheit andere auf die Palme zu bringen. Man hat sie alles mögliche geschimpft, und sie hatte im stillen triumphiert, wenn es ihr geglückt war, die selbsternannten Seelenexperten in dunkle Ecken zu treiben, wo zum Schluß nur Aberglauben, Schmähungen und Fundamentalismus übriggeblieben waren. Unter dem Arm trägt sie ihren Laptop. Der ist ihr in jeder Beziehung bester Arbeitskollege. Die Luft ist geschwängert von Eisenstaub, vom Geruch nach Öl und Acetylen, auch ein schwacher organischer Geruch ist zu spüren, vielleicht von Essen, Kohlendioxyd und Ausdünstungen, kaum wahrnehmbar. Sie mag diese Umgebung. Sie wird sich hier durchbeißen. Ingrid betritt den Raum am Moonpool. Das sanfte Licht vom Skylight ganz oben läßt geheimnisvolle Schatten entstehen. Der Moonpool, Geburtskanal des Schiffes in die Tiefe hinunter. Das Loch in der Mitte des Schiffes, durch das man sie später in der sphärischen Taucherglocke hinablassen wird, weit, weit unter die Tageslichtgrenze, vom Schiff aus nicht mehr zu sehen, doch mit diesem verbunden durch Stahltrossen und den Umbilical, die Nabelschnur, die warmes Wasser und Atemgas transportiert, damit sie in einem Element und in einer Tiefe überleben kann, für die der Mensch nicht geschaffen ist. Der Mensch, der nie das tut, was die Schöpfung will., Als sie sich über den Schacht beugt, stellt sie fest, daß das schwarze Wasserauge des Schiffes mit einer Abdeckung verschlossen ist. In den Stahltrossen der Laufkatze hoch über ihr hängt auch noch keine Taucherglocke. Ingrid sieht sie ein Stück entfernt im Dunkeln stehen. Die kleinen Bullaugen sind erleuchtet, und Reservegasflaschen umspannen den runden Bauch wie ein Patronengurt. Noch ist die Taucherglocke an die Druckkammer angekoppelt – jene Wohnstätte, die in ein paar Stunden die ihre sein wird. Die gesamte Ausrüstung ist im Ruhezustand. Wartet im Geräusch der leise zischenden Ventile und der auf niedriger Drehzahl laufenden Schiffsmotoren. Völlig überraschend tritt Ego Boy aus dem Schatten! Hat sie laut mit sich selbst gesprochen? Sie hat doch gedacht, sie ist allein! Der Gockel Nummer eins ist hier. Hat er vor, ihr den Garaus zu machen? Ego Boys Augen funkeln. Er lächelt. Sein Lächeln steht im Gegensatz zu der starren Haltung und den über der Brust gekreuzten Armen. »Bevor dieser Einsatz hier vorbei ist, habe ich dich gebumst«, sagt er ruhig, fast flüsternd. Zwei Sekunden, im Takt mit dem ohrenbetäubenden Schlagen ihres Herzens. »Bevor dieser Einsatz vorbei ist, hast du dir in die Hosen geschissen«, antwortet sie dann laut und deutlich. Woher hat sie nur diese Einfälle? Ihr ist, als würde sich ein fiktives Publikum von den Plätzen erheben und applaudieren. Ein paar Sekunden lang starrt sie in sein schockiertes Gesicht. Dann geht sie mit festem Schritt, wobei ihr der Laptop gegen den Schenkel schlägt, aus dem Raum., Eine Stunde später sind alle im Kontrollraum vor der Druckkammer versammelt. Das große Steuerpult ist übersät mit Druckmessern, Monitoren, Reglern verschiedenster Fabrikate und Ausführung, es gibt Kontrollampen, Magnetophone, Lautsprecher, Mikrofone, Schalter und Stimmentzerrer, welche die Worte der Taucher in der Druckphase verständlich machen. In dem leichtflüchtigen Heliumgemisch bewegen sich die Schallwellen nämlich viel rascher als in Luft. Die Taucher lernen die Kammeroperatoren kennen – ihre Mütter und Ammen –, die sie am Leben und während der Ruhepausen in der Druckkammer bei Laune halten sollen, also in jenen Momenten, wo sie nicht auf dem Meeresgrund arbeiten und von den Einsatzleitern im oberen Kontrollraum geführt werden. Harald und Charles bieten Kaffee in kleinen weißen Plastikbechern an. Eine Dose Kekse macht die Runde. Sie haben soeben eine medizinische Untersuchung der Taucher vorgenommen, haben Lymphknoten abgetastet, den Puls gemessen, nach eventuellen Zahnproblemen gefragt, und jetzt bleibt ihnen nur noch ein Stündchen entspanntes Beisammensein, bevor die Taucher sie beide verlassen. Bald wird es sein, als befänden sie sich in verschiedenen Welten, obwohl nur eine Stahlhaut sie trennt. Ja, die Taucher werden einen Stahlballon besteigen, und Harald und Bengt werden den Druck im Inneren mit Hilfe der Kompressoren langsam erhöhen. Alles geschieht freiwillig, alles mit dem Ziel, die Naturkräfte zu überlisten, und alles basiert auf einem unausgesprochenen Übereinkommen. Die beiden Kammeroperatoren sind sich ihrer gewaltigen Verantwortung sehr wohl bewußt. Die Stimmung im Kontrollraum ist anscheinend gut. Alle plaudern mit allen, es ist, als sei man auf einer Cocktailparty in, einer Elektronikwerkstatt. Zwar steht Ingrid mit dem Rücken zu Ego Boy und Ego Boy mit dem Rücken zu Glenn, doch niemand bemerkt es oder läßt es sich anmerken. Wie zufällig kommt es auch nicht zum Gespräch zwischen Ian und Ingrid. Er ist wohl der Meinung, daß sie im Trainingscenter von Aberdeen schon alles beredet haben. Wegen ihr hatte er ganze fünfunddreißig Pfund auf der Heizung trocknen müssen! Ian steht verkrampft bei den anderen. Er hat nichts vergessen. Ingrid sieht ein paarmal zu ihm hin. Sie hatte ihn als Ausbilder gemocht, er war verläßlich und machte keine Unterschiede. Weshalb er jetzt hier ist, kann sie nicht verstehen, er hat doch zu Hause in Schottland Frau und Kind. Sie lächelt, als sie an den Abschlußtag denkt. Wie sie ihm im Trainingsbecken aufgelauert und ihn mit Schlips, Jackett und allem übrigen ins Wasser gezogen hatte. Das ist es wohl, was er nicht vergessen und verzeihen kann. Seine Miene war köstlich, und der ganze Kurs amüsierte sich. Er hatte sie alle mächtig getriezt. Er hatte es verdient. Die Leute standen am Bassinrand, schrien und klatschten. Wie ein nasser Kater war er wieder aufgetaucht, der Schlips klebte ihm im Gesicht. Angst hatte er auch bekommen, weil er ordentlich Wasser geschluckt hatte. »Was ist denn so lustig?« Harald pufft sie in die Seite. »Es ist Zeit für die Reise, meine Schöne.« Sie stellt den Kaffeebecher ab und schaut sich abwartend um. Ian mit dem Rücken zu ihr wie zuvor. Bengt ist in ein Gespräch mit Charles vertieft. Glenn zwinkert ihr jedoch lächelnd zu, und Ego Boy erwidert ernst ihren Blick. Was will er damit sagen? Hat er sich besonnen, oder ist er immer noch wütend? Die Luke am Giebel der Druckkammer steht offen. Das Innere ist hellerleuchtet, und frischbezogene Kojen sind in dem zu sehen, was eigentlich nur ein normaler Drucktank ist,, jedoch ist er verstärkt, mit Möbeln ausgestattet und außen mit Leitungen, Ventilen und Ausschleusungsanordnungen versehen. Plötzlich erscheint der Tauchinspektor. Wie ein schwarzes Loch zieht er sofort alle Energie auf sich, obwohl er einfach nur im Raum steht. Es wird still. Er ist gekommen, um ihnen Hals- und Beinbruch zu wünschen. Auch wenn es sich um eine ziemlich einfache Inspektion und eventuelle Reparatur handelt, ist die Tiefe doch erheblich. Die Jahre hier draußen haben ihm Respekt vor der Kraft des Wassers, um nicht zu sagen vor dessen Intelligenz, eingeflößt. Er wünscht ihnen eine gute Tour und sagt: »Paßt auf euch auf dort unten!« Sobald er verschwunden ist, setzen sie sich in Bewegung. Ingrid wirft ihre Tasche durch die Luke und steigt selbst hinterher. In dem Moment, als ihr Hintern noch aus der Öffnung ragt, dreht sie sich blitzschnell um. Hat ausgerechnet Bengt am Haken. »Wollen wir? Jetzt gleich?« fragt sie laut. Bengt sieht ertappt aus, zuckt zurück, als hätte sie ihn schlagen wollen. Charles, der neben der Luke steht, lacht verblüfft. Bengt verzieht sich nach hinten. Ego Boy merkt nichts von dem Vorfall, steigt als nächster hinein, dicht gefolgt von Glenn und Ian. Zuletzt klettert Bengt, übermäßig wachsam, in die Druckkammer, worauf Charles die Luke von außen verschließt. Das Metall gibt keinen Ton von sich, doch die Dichtungen ächzen, als Bengt die Innenklappe verriegelt. Dicht., Alles ist dicht. In der engen, hellerleuchteten Kammer riecht es schwach nach Reinigungsmitteln. Ingrid hat sich auf eine der unteren Kojen gesetzt, die Koje über ihr ist frei. Gegenüber sitzt Glenn, und auf dem Bett über ihm hat Ian sich schon ausgestreckt. In der Mitte der Kammer führt eine Wandleiter zu einem Loch in der Decke. Dort oben ist die Naßzelle mit Toilette und Dusche, und von da geht es zur jetzt angeschlossenen Taucherglocke. Der Leiter direkt gegenüber befinden sich ein Klapptisch und ein paar herunterklappbare Bänke. In der unteren Koje an der Wand hinten wälzt sich Ego Boy mit einer Menge obskurer Lektüre, und auf dem Bett über ihm stehen die Taschen der Taucher mit Kleidungsstücken, Büchern und Kosmetikartikeln, die nicht sofort benötigt werden. Bengt bleibt nur eine Möglichkeit, aber er ist voller böser Ahnungen. Und tatsächlich: gleich als er die Hand auf die freie Koje legt, schlägt Ingrid zu: »Ach du bist es, der bei mir obendrauf liegen wird?« »Es ist doch keine andere frei«, verteidigt sich Bengt. Während Ingrid über eine Antwort nachdenkt, werden ihre Augen schmal, schließlich hat sie es: »Wollen wir versuchen, ob man’s bei hundertachtzig Meter Tiefe machen kann? Divers do it deeper, you know!« Bengt blickt sich unruhig um. »Wenn das nun jemand ernst nimmt«, zischt er. »Verdammt, du bist wirklich mehr als gefährlich.« Er springt rasch in seine Koje, ohne die ihre zu berühren. Als sei sie ein Nachtgespenst, das unter seinem Bett lauert. »Ich will ernst genommen werden«, antwortet sie laut, und die anderen horchen auf. »Denn jetzt kann man nicht mehr weg. Sollte es irgendeinem gelingen, die Luke zu öffnen,, würde man wie der Blitz nach draußen fahren und als schmierige Wanddekoration auf dem Schott gegenüber enden. Nicht sehr kleidsam.« »Die Druckphase hat noch nicht begonnen. Und im übrigen sind solche Katastrophen schon Geschichte«, antwortet Bengt und streckt sich bequem aus. »Ja. Die einzigen Katastrophen, die es heute noch gibt, sind solche, wie ich es bin«, erwidert Ingrid. Sie denkt, ihm damit genug übergezogen zu haben. Rein körperlich ist er der Größte hier, außerdem durchtrainiert und ein richtiger Charmeur, auch auf sie hat er durchaus Eindruck gemacht. Er ist der Gefährlichste von allen, weil er hinter den Linien operieren kann. Deshalb hat sie ihn auch zuerst außer Gefecht gesetzt. Es ist wichtig, sich eine freie Zone zu erkämpfen. Eine Sphäre, in der man sich sicher fühlen und auf seine Arbeit konzentrieren kann. Mehr verlangt sie nicht. Sie will einen guten Job machen dürfen, ohne von frustrierten Gockeln, alle mit anderen Verhaltensstörungen, behindert zu werden. Jegliche Aktivität verebbt, nur eine Stimme aus dem Lautsprecher durchbricht jetzt die gedrückte Atmosphäre. Harald fragt, ob sie sich wohl fühlen und ob sie ihn hören können? Ja, sicher hören sie ihn, und er soll ihnen jetzt Bars geben, jede Menge Bars! »Fang an!« ruft Ego Boy. Ein diskretes Zischen verkündet, daß der Wechsel von Luft zu Gas begonnen hat. Ingrid legt sich bequem hin: sie sind unterwegs. In einer halben Stunde werden sie wie die Ducks in einem Disney-Film anzuhören sein, und ein paar Stunden später wird man sogar dieses Quaken schwer verstehen. Den Leuten draußen im Kontrollraum erleichtert ein Stimmentzerrer die Arbeit. Kein Zurück? Ist es das, was sie will?, Ja. In Gedanken beschäftigt sie sich schon mit einer Rohrverzweigung dort unten. Zwei Stunden später sitzen alle um den Klapptisch. Platten mit Hähnchenschenkeln und indonesischem Gemüsereis, mit Soße und Brot werden herumgereicht. Alles ist rasch aufgegessen. Nur Ingrid scheint keinen Appetit zu haben. »Iß!« befiehlt Glenn. »Das gehört zum Job. Essen ist ein Teil der Arbeit, sonst hast du keine Kraft.« Aber Ingrid ist satt. Ihr macht die Druckveränderung zu schaffen, außerdem verschwinden Geschmack und Geruch in dem flüchtigen Umfeld. Sie begreift nicht, wie die anderen sich so vollstopfen können. »Wenn man in einer Schicht achttausend Kalorien verbrennt, hat man keine Wahl«, sagt Ian, »habe ich dir das nicht beigebracht!« »Im Ekofisk-Feld bin ich ohne besondere Kalorienvorgaben getaucht«, erklärt sie scharf. Ian schnaubt verächtlich. Von diesem Tauchen habe man ja gehört. Sie und ein paar bläßliche Forscher, nicht wahr? Die reinste Luxustaucherei, keine Schichtarbeit und außerdem gerade halb so tief, das könne man nicht vergleichen. Er begreife nicht, was die dort oben sich dabei gedacht haben, Ingrid mit hierher zu lassen! »Hat es für dich kein erstes Mal gegeben?« fragt sie. »Bist du immer gleich hundertachtzig Meter getaucht?« Ian sucht nach einer Antwort, doch Glenn kommt ihm zuvor und fragt, ob er Angst habe. Angst? Wovor sollte er Angst haben? Sie ist ein Risikofaktor, das stimmt schon, aber wenn er Angst hätte, würde er ja wohl nicht mitmachen, oder? Weshalb sollte er sich der Sache dann aussetzen?, Weil er vor etwas noch Gefährlicherem fliehen müsse, antwortet Glenn. Und das ist? Das Leben an Land. Normale Luft. Die täglichen Anforderungen, die großen und kleinen, für die es selten eine Medaille oder auch nur eine rote Kokarde gibt. Ian schnaubt erneut voller Verachtung. Medaillen bekommt man hier ebenfalls nicht. Aber schuften muß man und Risiken eingehen. Doch er klage nicht, und es stimmt, daß sie ein Taucherzertifikat mit seiner Unterschrift hat. Keiner soll kommen und behaupten, er sei feige und wolle vor etwas fliehen. Er stehe zu seiner Verantwortung, das ist alles. »Hier gibt es keine Risiken«, sagt Glenn. »Wir sind hier sicherer als ein Neugeborenes im Brutkasten. Wir arbeiten mit zwei der erfahrensten Einsatzleiter der Nordsee, und die haben die Ausrüstung durchgecheckt, also daran ist alles okay. Gefahren gibt es trotzdem, und sie sind näher, als man glaubt.« Als er das sagt, schaut er unentwegt zu Ego Boy hin. Der blickt starr zurück. Alle in der Kammer spüren, wie sich die Atmosphäre auflädt. »Die Ausrüstung ist in Ordnung«, sagt Ingrid. »Aber der ROV hat Macken, und die andere Taucherglocke ist mit Sondergenehmigung außer Betrieb. Das hier ist ein altes Taucherschiff.« Der Tauchinspektor hat sich zur Brücke begeben, zum Kapitän des Schiffes. Beide schauen hinüber zur Bohrinsel. Der Kapitän ist bald sechzig, sehr erfahren, aber ein bißchen müde. Kurz zuvor hat er mit dem Chef der Bohrinsel gesprochen und erfahren, daß man dort mit dem Ab- und Ausschalten begonnen hat. Die Produktion soll eingestellt, die, Rohre sollen geleert werden, damit das Taucherteam an die Arbeit gehen kann. Die Nachmittagssonne vergoldet die Plattform und ein sich näherndes Versorgungsschiff, das Bohrinseln und deren Personal regelmäßig mit Nahrungsmitteln und Material beliefert. Ein Kranführer wartet schon in seiner Kabine, und das Stahlseil hängt baumelnd über der Stelle, wo das Schiff in der unruhigen See liegen und mit einigem Risiko für die Decksmannschaft seine Fracht löschen wird. Im Kontrollraum der Bohrinsel werden die Computer ausgeschaltet, die Lampen gelöscht und die Bürostühle unter die Tische geschoben. Die drei noch anwesenden Techniker kontrollieren die Instrumente, winken dem Chef der Bohrinsel zum Abschied zu und gehen. Der stellt sich ans Fenster und schaut auf das Wasser. Es ist schön. Natur pur. Dann schaltet er die Leuchtstoffröhren an der Decke aus und geht ebenfalls. Der moderne Kontrollraum, in dem sonst fieberhafte Aktivität herrscht, liegt in der einbrechenden Dämmerung still und leer da. Ein paar Sektionen tiefer, im Herzen der Bohrinsel, hören die Motoren und Pumpen auf zu arbeiten. Es wird still. Nicht ein Mensch ist zu sehen. Auf der Gangway zur Wohninsel sind die letzten Arbeiter unterwegs zum ersehnten Abendessen und dem Videofilm im Gemeinschaftsraum. An Bord der Bohrinsel befinden sich nur noch eine Handvoll diensthabender Leute und ihr Chef. Er ist seit einem Monat hier draußen und wirklich erschöpft. Planlos geht er über die Plattform und kontrolliert, ob alles in Ordnung ist. Die Unterbrechung des Betriebs sieht er als Möglichkeit, um im kleinen, aber bequemen Ruheraum sein Schlafdefizit auszugleichen. In ein paar Tagen winkt dann für mehrere Wochen die Freiheit., Der Bohrinselchef erreicht den stillen Maschinenraum, gähnt ausgiebig und setzt seine Runde fort. Die Taucher sind nicht müde. Am ersten Abend fällt es schwer, zur Ruhe zu kommen. Die vier Männer spielen Whist und trinken Kaffee. Sie haben Ingrid angeboten mitzumachen, aber sie ist auf dem Bett liegen geblieben und liest in einem Krimi. Endlich auf der richtigen Bahn, unterwegs. Ihre Augen folgen den Zeilen, doch immer wieder muß sie im Text zurückgehen, weil sie an andere Dinge denkt. Sie ist jemand, der sich nicht leicht beirren läßt, alle sagen das. Vielleicht sagen sie sogar – dann, wenn sie nicht dabei ist –, daß sie schwerfällig und phantasielos sei? Ingrid ist durch und durch Technikerin, für Technik interessiert sie sich nun einmal am meisten, besonders für die unerreichbare, von der sie in ihrem Leben höchstens eine vage Ahnung erhalten wird. Hinter den klaren mathematischen Strukturen steckt ein Geheimnis, das sie lockt. Sie hat jede Menge Freunde, an die sie denkt. Die Freunde waren ihre Familie, doch Heirat oder Jobs an anderen Orten zerschlagen allmählich die sichere Gemeinschaft. Ohne ihre Freunde hätte sie das Zertifikat nie gemacht. Deren Fröhlichkeit und Humor haben ihr über die ersten Barrieren an der Taucherschule hinweggeholfen und helfen ihr auch jetzt noch. Wie sie lachen werden, wenn Ingrid Ego Boy und Bengt beschreiben wird, von Ians Miene gar nicht zu reden, als ihm klar wurde, daß sie beide zusammen tauchen würden! Wenn nur ihre Mutter nicht so vergrämt gewesen wäre. Ingrid gibt ihr in vielem ja recht. Aber diese Unversöhnlichkeit, diese Verbitterung und dieser Haß. Ja, dieser Haß auf die Männer. Vater hatte bestimmt gute Gründe für sein Verschwinden., Nur einmal war er wieder aufgetaucht, an ihrem fünfzehnten Geburtstag. Damals hatte sie die Taucherausrüstung bekommen. So hatte alles angefangen. Nur dieses eine Mal hatte er sie besucht und damit ihrem Leben die Richtung gegeben. Aber davon weiß hier niemand etwas, und sie wird es auch nie erzählen, denn der Vater ist ihr wunder Punkt. Der schmerzt. Dieser Raum über dem Abgrund und die Erinnerung an die einzige Umarmung tun ungeheuer weh. Diese winzigkleine Flamme, an der sie sich immer wieder gewärmt hatte, denn wenn sie ihn wirklich brauchte, war er nicht da, nicht bei ihr. Nur diese Umarmung gab es, damals, als sie fünfzehn geworden war und er ihr gezeigt hatte, wie man taucht. Auf dem Flugplatz, als er nach Florida zurückkehren sollte, hatte er die Arme um sie gelegt. Eine verschämte Geste, vielleicht aus schlechtem Gewissen? Die fünfzehn Jahre ließen sich schließlich nicht nachholen. Keiner hatte damals etwas gesagt. Der grobe Stoff seines Jacketts an ihren Lippen. Es war nur eine flüchtige Umarmung, so als halte ein Luftgeist sie umfaßt. Er hatte es eilig. Er fuhr weg. Nach einem Jahr kam ein Päckchen. Dennoch rettete diese Geste ihr vielleicht das Leben. Damals hatte sie begonnen, sich eine Zukunft aufzubauen. Ingrid hat fast eine Seite weitergelesen, ohne auch nur zu ahnen, was da steht. Sie setzt sich auf, ihre Füße berühren den Boden. Die anderen nehmen keine Notiz von ihr. Am besten macht sie sich gleich für die Nacht fertig. Sie steigt die Leiter hoch und verschwindet in der Naßzelle. Die Männer fahren fort, die Karten laut auszuspielen. Da hören sie plötzlich, wie Ingrid pinkelt, danach wie sie spült, sich die Hände wäscht und mit dem Zähneputzen beginnt!, Ihre Bewegungen hören abrupt auf. »Es ist hellhörig«, sagt Bengt. »Wir werden alle Verstopfung kriegen«, meint Ego Boy. »Dann entgeht man wenigstens deiner Scheiße«, murmelt Glenn. Ian und Bengt fangen an zu lachen. Sie können nicht aufhören und lachen immer lauter. Für sie wird die Feindschaft zwischen Glenn und Ego Boy mehr und mehr zur Gratisunterhaltung. »Kennt ihr euch?« fragt Ian vorsichtig. »Er glaubt, ich hätte mal einen Mann umgebracht«, antwortet Ego Boy ganz ruhig. »Dem war nicht so, es war ganz klar ein Unfall, aber das geht nicht in seinen Schädel.« In der Öffnung der stahlglänzenden Naßzelle ist Ingrid stehengeblieben. Sie hat den veränderten Ton im Gespräch der Männer wahrgenommen. Still läßt sie sich zu Boden gleiten und lauscht. Sie hört, wie Ego Boy von jemandem redet, der gestorben ist. »Der war zu intellektuell, das war das ganze Problem. Er mußte immer alles sofort verstehen. So geht es nicht, wenn man hier draußen was bewerkstelligen will«, sagt Ego Boy. »Man muß nicht alles begreifen, man muß nur seine Arbeit tun. Er hat sich ständig in irgendwelchen Diskussionen verheddert…« »Das hat er«, sagt Glenn, »sich verheddert.« »Hinten auf seiner Uhr war De Profundis eingraviert«, sagt Ego Boy. »Latein. Er wollte wie ein Intellektueller wirken.« »De Profundis«, zitiert Glenn. »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Erlöse mich, denn Wasser umgeben mich bis an mein Leben! Er ist gestorben. Das Wasser ist in ihn gedrungen. Er hat sich verheddert, bekam keine Hilfe. Ist im Stich gelassen worden. Oder was immer dort passiert ist!«, Ingrid kommt die Leiter herunter, sie lächelt tapfer und fragt, worüber sie streiten. »Es ist nichts«, sagt Ego Boy. »Nein, es ist wirklich nichts«, sagt Glenn. »Ingrid, hast du deine Ohrentropfen genommen, damit du keinen Pilz kriegst? Und bloß nicht die Flaschen verwechseln! Für jedes Ohr eine Flasche, damit du dich nicht selber ansteckst, falls eins nicht in Ordnung ist.« Offensichtlich will Glenn nicht weiter über das reden, was damals passiert ist. Auch Ego Boy will nicht auf das Thema zurückkommen, die Maske sei an allem schuld, sagt er. Solange man einen Helm aufhabe, bestehe keine Gefahr, aber mit der Maske zu tauchen, bedeutet, die Ohren einer ordentlichen Infektion auszusetzen, weil der Gehörgang acht Stunden am Tag dem ätzenden Salzwasser ausgeliefert ist. Ingrid steht vor ihren vier Arbeitskollegen, und sie fühlt sich plötzlich furchtbar einsam. Schmerzlich isoliert. Ausgegrenzt, wie unter einer Glasglocke! Jetzt haben sie bald den Druck von hundertachtzig Metern Tiefe erreicht, es gibt keinen Weg zurück – außer: acht Tage Dekompression. Hier ist es so eng, daß sie die Hand ausstrecken und jeden berühren kann. Menschen wie sie; Gedanken, Gefühle, die Wärme der Haut. Aber sie ist allein. Schrecklich allein. Sie muß diese Geschichte hier durchstehen! Es gibt keine Glasglocke! Die konstruieren andere, verdammt noch mal, sie ist doch Metallurgin, sie versteht ihre Sache, und tauchen kann sie auch! Warum fühlt sie sich dann so bleiern!? Das kommt natürlich vom Druck. Dem rein physischen Druck. Sie sind jetzt ganz unten. Möglichkeiten der Wahl gibt es auf diesem Niveau nicht, nicht einmal als reine Illusion. Hinter ihrer Beherrschtheit macht sich schleichende Angst bemerkbar. Man hat keine Wahl, da wo sie nun ist., Sie gerät völlig aus der Fassung angesichts dieser fremden Situation. Einen solch trostlosen Zustand hat sie nie zuvor erlebt. Wie schleichendes Gift. Eine gleichzeitige Infizierung von Körper und Seele. Wie schwer die Hand ist, wie sinnlos jedes Handeln. Entsetzlich kalt das Leben, genauso wie der Tod. Das Wort ist Angst. Aber sie ist nicht bereit, sich das einzugestehen! Sie nimmt diese Angst nicht an. Tut, als gäbe es sie nicht. Mit ihrem Willen und ihrer Vernunft stoppt Ingrid sie auf der Schwelle. Obwohl sie schon von ihr gefangen und verschlungen worden ist. Voller Anmut bricht die Nacht über der Nordsee an. Bleiche Sterne kämpfen kraftlos am hellen Sommerhimmel. Das Meer speichert das Tageslicht, es sendet auf allen Frequenzen, sein nächtliches Leben ist verlockend schön, und der Wind ist vorübergehend abgeflaut. Was für eine unglaubliche Gratisvorstellung die Natur jenen bietet, die über dem Meeresspiegel, oben an Deck, nach draußen treten können, so wie Harald, der Charles in einer Stunde am Steuerpult der Druckkammer ablösen wird. Er blickt auf diese Landschaft hinaus, diese Wasserlandschaft. Das ist sein Leben, hier ist er niemals einsam. Er geht gern an Land. Nur um wieder zur See gehen zu können. Das Meer hebt sich, krümmt den Rücken wie eine Katze. Träge und still bewegt es sich wie im Traum, und er spürt seine eigene Winzigkeit, wie unbedeutend er ist. Der Mensch ist nur ein Gast, er kommt und geht. Das Meer ist ewig, das, Meer ist das Leben, und das Meer gibt ihm Leben. Jeden Tag aufs neue. Als er wieder in den Kontrollraum zu Charles hinunterkommt, liegen die meisten Taucher in ihren Kojen. Ingrid hat die Lampe ausgeschaltet, und soviel er sehen kann, schläft sie. Ego Boy hört Musik über Kopfhörer und Bengt ebenfalls. »Wie geht’s mit der Puppe?« fragt Harald. Charles hebt den Daumen: »Sie scheinen sie zu akzeptieren.« »Was haben sie auch für eine Wahl«, erwidert Harald sachlich. Der zweite Monitor zeigt, daß Glenn und Ian noch am Klapptisch sitzen. Sie haben die Köpfe zusammengesteckt und reden, doch bewußt leise, damit das Mikrofon die Worte nicht auffangen kann. »Schön, daß sie Rücksicht nehmen«, sagt Harald und läßt sich auf den Stuhl sinken, von dem Charles soeben aufgestanden ist. »Schlaf gut, du Glücklicher. Unsereiner wird heute nacht eine Menge Liegestütze brauchen und vielleicht auch das eine oder andere Liedchen trällern. Aber bei abgeschaltetem Mikro.« Merkwürdig sind die Mechanismen, die einen Menschen dazu bringen, sich anderen zu öffnen. Manche Personen ziehen Bekenntnisse regelrecht an – verführen zum Vertrauen –, allein durch ihre Gegenwart. Ian hat Glenn von seiner Familie erzählt. Zwischen ihnen liegen fast zwanzig Jahre Altersunterschied. Glenn hat zugehört und versucht jetzt, Ian all das begreiflich zu machen, was er früher selbst hätte einsehen sollen. Dann säße er jetzt nicht hier, ohne einen einzigen festen Punkt an Land! »Erwachsene Kinder, die einen nicht in die Wohnung lassen! Willst du wirklich, daß es so endet?«, Doch Ian erwidert, daß Glenn nicht begreife. Das Leben an Land ersticke ihn. Er ist an die Intensität und das Tempo hier draußen gewöhnt! Eine Art Freiheit – wenn auch eine besondere! Dagegen: plötzlich morgens um sieben zur Arbeit zu rennen und Abend für Abend halb fünf nach Hause zu kommen, dazwischen einen Job zu erledigen, der zwar gemacht werden muß, aber keinerlei Herausforderung darstellt, weder körperlich noch psychisch – das ist nicht nur enttäuschend, sondern sogar diskriminierend, es nimmt einem die Luft. Er muß einfach raus! Glenn verzieht das Gesicht. Er kennt diese Argumente zur Genüge, aber sie sind verkehrt. Völlig verkehrt! Es gibt doch da einen kleinen Jungen, und ein weiteres Kind ist ja wohl unterwegs? Was hat dieser Ian nur im Kopf, wenn ihm ein solches Leben trivial vorkommt? Trivial sind die Stahlschotten, die sie hier umgeben – so sieht Trivialität aus. Nicht wie ein Kind. Glenn kann es einfach nicht glauben, daß Ian so wenig begreift. Ian lacht besänftigend. Sicher seien die Kinder wichtig und auch ganz wunderbar. Aber um ehrlich zu sein: das Wechseln von Windeln und Ausflüge in den Park, ist es wirklich das, what a man has to do? Ian lächelt seinem älteren Kollegen nachsichtig zu. Er sieht, wie angeschlagen Glenn ist, er sieht den traurigen Blick und die zerfurchten Wangen. Glenn ist nicht mehr jung, er ist überempfindlich und zimperlich geworden, und er überschätzt das Leben an Land, weil er langsam müde wird. Er hat auch keine Familie wie Ian. Er hat sich nie richtig um die Familie gekümmert, und deshalb ist sie ihm entglitten. Natürlich darf man die Kinder nicht vernachlässigen. Aber die Familie ist kein Ziel an sich. Ian klopft Glenn auf die Schulter und sagt, Zeit in die Koje zu steigen. Es sei wichtig, alles irgendwie im Gleichgewicht zu, halten, und: »A man has to do… You know what a man has to do! You did it yourself. And you still do it!« Harald macht seine erste Runde Liegestütze, um sich wach zu halten. Am schlimmsten ist es zu Anfang, so wie jetzt, wenn die Kammer im Dunkeln liegt, die Monitore kein Bild zeigen und er im Lautsprecher das leise schniefende Atmen der fünf Schläfer anhören muß. Oben an Deck steht Charles. Die Nacht ist endlich herabgesunken. Die mattvioletten Wolken bewegen sich am Himmel, und der Meeresspiegel glänzt wie schwarze Seide. Charles fühlt sich wohl. Bald wird er ins Bett gehen, und morgen früh wird er zu Hause anrufen, wird mit den Kindern reden, er freut sich schon darauf. Er reckt sich wohlig und gähnt. Dann stützt er sich auf die Reling und zieht ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche. Er blickt auf das Meer hinaus, er wird nie müde, es zu betrachten. Im selben Moment, als er eine Zigarette aus dem Päckchen klopft, ist ein fremdes – erschreckendes – Geräusch zu hören! Er schaut zur Bohrinsel hoch. Sie neigt sich! Ein paar lose Balken fallen aus dreißig Metern Höhe mit lautem Klatschen ins Wasser. Das Zigarettenpäckchen rutscht Charles unbemerkt aus der Hand, es segelt an der Bordwand des Schiffes hinunter. Auf der Plattform geht jetzt in mehreren Fenstern Licht an, und ein Alarmsignal ertönt. Die Sirene brüllt wie ein lebendiges Tier, und Charles kommt plötzlich in Trab. Er springt eine Treppe hoch und dann noch eine, will zum Kapitän oder zu sonst wem auf der Brücke, falls es wirklich wahr ist, was er da gesehen hat., Aber die Sirene! Sie hat sich geneigt?! Diese verdammte Scheiß-Heidrun!, II. Der Chief-Mate versucht sich zu wehren, als Charles ihn so heftig schüttelt, daß er von einer Seite auf die andere rollt. Charles schreit: »Sie kann umkippen, umkippen wie die Alexander Kielland, ich hab’s selber gesehen, ich schwöre, sie hat sich geneigt, die Scheiß-Bohrinsel, mit Leuten an Bord, verdammt, wir müssen was tun, beeil dich jetzt!!! Bevor es zu spät ist!!!« Der Chief-Mate schiebt ihn mürrisch beiseite, er nimmt den Hörer auf, und am anderen Ende der Leitung meldet sich genauso mürrisch der Chef der Bohrinsel, denn dort herrscht jetzt völliges Chaos. Gerade noch war die Anlage wie ausgestorben. Jetzt rennen überall Leute herum, sie scheinen direkt aus den Schotten zu wachsen. Der Chef der Bohrinsel hat bis vor wenigen Minuten tief geschlafen und es nicht einmal geschafft, sich die Hose anzuziehen. Er habe im Moment keine Zeit, am Telefon zu reden. Ob irgendwas passiert ist? Ja, darauf könne er, der Chief-Mate von Deep Seahorse, Gift nehmen, die Frage ist nur, was! Bei den Rettungsbooten in Spezialausführung, die man aus dreißig Metern Höhe frei ins Meer hinunterlassen kann, bereiten ein paar Arbeiter die eventuelle Evakuierung vor, und über die Gangway zur Wohninsel rennen andere; sie wissen, daß die Gangway eingezogen werden kann. Der Chef der Bohrinsel hat keine Angst, aber er ist wütend, aufgebracht über den Mangel an Organisation und Respekt, jetzt, wo es wirklich darauf ankommt. Außerdem ist ihm die Situation zuwider, weil er noch immer ohne Hose dasteht. Er, braucht Überblick, und als erste Maßnahme erteilt er den Befehl, sämtliche Instrumente zu kontrollieren. Die Schweißnähte waren erst kürzlich überprüft worden, ein Absenken ist also nicht möglich. Das Meer liegt völlig still da. Alles ist vermutlich ein Irrtum. Doch tief unter dem Bohrinselchef und seinem noch immer aufgeregten Personal herrscht Wellengang. Als sichtbarer Beweis dafür, daß sich die Plattform, wenn auch nur wenig, bewegt hat, schwimmen ein paar herabgefallene Balken im Meer. Das Betonfundament der Bohrinsel verschwindet unten im Wasser. Der Rachen des schonungslosen Meeres steht weit offen. Atemzug um Atemzug nähert es sich seiner Beute. An Bord der Deep Seahorse legt der Chief-Mate den Hörer auf. Nichts Ungewöhnliches scheint auf der Bohrinsel geschehen zu sein, und die Sirene ist wieder ausgeschaltet worden. Charles ist noch immer aufgeregt und hat mit seinem überraschend temperamentvollen Ausbruch den Chief-Mate überzeugen können. Die Bohrinsel hat sich wirklich bewegt. Ein Erdbeben? Geringe, meist nicht spürbare Erschütterungen, gibt es die nicht auch in diesen Breiten? Etwas anderes kann es wohl kaum gewesen sein, ist die Antwort des Chief-Mate, die Produktion ist ja nicht mal in Gang. »Die Produktion ist ja nicht mal in Gang«, wiederholt Charles und starrt den Chief-Mate an. »Die Produktion ist nicht mal in Gang!« Die Pupillen des Chief-Mate weiten sich., Die Plattform ist tot! Sie ist weder über das Hydrophon zu hören noch über das ASDIC! »Weck den Tauchinspektor«, sagt der Chief-Mate. »Und den Kapitän!« Ein Weilchen später beobachtet der notdürftig bekleidete Kapitän, wie Charles ein TWC-Kabel an der Bordwand herabläßt. Through Water Communication – Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir! Aber der Kapitän fühlt sich kaum hochgestimmt. Im Gegenteil, er ist verstimmt. Keiner darf erfahren, welche Angst er vor menschlichem Leiden hat. Der Chief-Mate ist auf der Brücke zurückgeblieben. Er hat ein Headset aufgesetzt und verfolgt aufmerksam die Operation. Kurze Zeit später betritt der Kapitän die Brücke. Der Chief- Mate reicht ihm die Kopfhörer. Der Kapitän lauscht konzentriert. Plötzlich sinkt er auf einen Stuhl und flüstert: »Mein Gott!« Unter dem Meeresspiegel ist jeder menschliche Herzschlag ein Kampf, ein zähes Saugen wie in Sirup, und die Dunkelheit ist endgültig. Landschaften, nie erhellt, von keinem Auge je gesehen, breiten sich dort aus. Die Tiefe schlingt, der Abgrund lockt, irgendwann einmal können wir, werden wir sie beherrschen. Der Tauchinspektor kommt angerannt. Mit ihm die Einsatzleiter Tom und Oddvar. Ein Magnetophon wird montiert und ein weiteres Paar Kopfhörer an den TWC- Empfänger angeschlossen. Die Arbeit geht effektiv und zügig vonstatten. Der Tauchinspektor greift nach dem Mikrofon, und ruhig und deutlich ruft er die Tiefe an, nennt den Schiffsnamen und die Position. Er lauscht und kritzelt das Gehörte rasch nieder., Die Einsatzleiter beugen sich vor und lesen: MAY-DAY! MAYDAY! MAYDAY! Als der Tauchinspektor den Kontrollraum betritt, fährt Harald ertappt hoch. Er war eingenickt, ein unverzeihlicher Fehler, auch dann, wenn alle Taucher schlafen. Der Operator darf niemals abschalten, er muß die Kammer und ihren wertvollen Inhalt immer im Auge behalten. Doch der Tauchinspektor scheint Haralds verschlafenen Blick nicht zu bemerken, er erteilt ihm sofort seine Instruktionen. Ingrid wacht durch das Licht auf, das von außen eingeschaltet worden ist. Gleichzeitig dringt Haralds Stimme in ihren Traum, den sie nicht zu Ende bringen kann und nur unwillig verläßt. Was ist bloß los? Sie setzt sich auf, versucht sich zu orientieren und zu verstehen, was von draußen mitgeteilt wird. Auch die anderen Taucher fahren aus dem Schlaf hoch. Harald hat bereits die Höflichkeitsformeln hinter sich und erklärt nun die Situation. Nämlich, daß sie von hundertachtzig auf neunzig Meter dekomprimiert werden sollen. Das Unglaubliche ist geschehen. Die Bohrinsel ist gerammt worden – von einem U-Boot! Das U-Boot hat sich auf halber Höhe zum Meeresgrund in den Streben der Bohrinsel verkeilt. Es ist manövrierunfähig, und es befinden sich Menschen darin! Der Einsatz hat sich damit völlig verändert. Es geht nicht mehr nur um eine metallurgische Untersuchung, jetzt besteht eine Notsituation und Leben müssen gerettet werden. Deshalb wurde angeordnet, auch die zweite Kammer unter Druck zu setzen. Der Gang zur Evakuierungsluke ihrer, Kammer erhält Druck, sobald sie sich wieder auf neunzig Meter befinden. Dann soll Ingrid dort hinübersteigen und weiter dekomprimiert werden. Einer aus dem ROV-Team ist schon vor Ort. Für sie gibt es also keinen Tauchgang. Ist die Sache klar? Ingrid sinkt auf ihr Bett zurück, es ist einfach zuviel für sie. Harald wartet. Ein paar Minuten später setzt sie sich auf und fragt, was mit den anderen wird. Die anderen Taucher? Die werden natürlich den Rettungseinsatz durchführen, deshalb hat man doch mit der Dekompression begonnen. Mit ein bißchen Extraspeed haben sie in ein paar Stunden den richtigen Druck. Es ist verdammt eilig, die U-Boot-Besatzung signalisiert Mayday. Ingrids Kopf dröhnt, in ihren Ohren hämmert es. Träumt sie? Stimmt es, was er sagt, oder will man sie nur loswerden? Hat man vor, sie unter einem idiotischen Vorwand wieder nach oben zu holen? Will man sie vom Tauchgang ausschließen, bevor sie überhaupt im Wasser gewesen ist? Bevor sie beweisen konnte, daß sie die Sache hier genauso gut meistert wie jeder andere? Oder ist das Unwahrscheinliche tatsächlich noch einmal passiert? Als 1988 die Bohrinsel Oseberg B vom U-Boot 27 gerammt worden war, hatte man in der ganzen Nordsee mit offenem Mund dagestanden und lauthals gelacht. Niemand war zu Schaden gekommen, aber der deutsche Kommandant war blamiert, als das ganz und gar nicht mehr geheime U-Boot abtransportiert wurde. Er hatte den Auftrag gehabt, unbemerkt durch die Nordsee nach Kiel zu gelangen. Statt dessen hatte es eine sehr geräuschvolle Begegnung mit einer Seitenstrebe des Bohrinselfundaments gegeben, denn alles, tatsächlich alles war, schiefgelaufen. Das defekte Periskop, das Abweichungen von zehn Grad präsentiert hatte, zeigte nach einer Reparatur einen Fehlwert von elfeinhalb Grad an, aber keiner hatte es bemerkt. Die zehn Jahre alten Seekarten waren per Hand aktualisiert worden, so daß die Bohrinseln eine halbe Seemeile zu weit nach Osten gerieten, was ebenfalls keiner bemerkt hatte. Die Informationen über die dort befindlichen Strömungen, die an den Kapitän des U-Boots ergangen waren, erwiesen sich als falsch, später stellte sich heraus, daß sie sechsmal so stark wie angegeben waren, und schließlich, als der Kapitän begriffen hatte, daß sie sich zu dicht an einer Plattform befanden, hatte er den folgenschweren Fehler begangen, das Auftauchen zu befehlen. Dabei kam es dann zur Kollision. Ingrid kennt die ganze Geschichte, sie erinnert sich sehr gut an diesen Fall, in ihrem jugendlichen Übermut hatte auch sie über die blamierten Deutschen gelacht. Harald behauptet also, sie hätten jetzt eine ähnliche Situation. Kann das wirklich möglich sein? Und wenn, weshalb will man sie dann aus der Kammer haben? Ego Boy meldet sich: »Endlich ein vernünftiger Beschluß, das hättet ihr gleich tun sollen«, hört sie von seinem Bett. Ian murmelt zustimmend. Bevor sie etwas sagen kann, protestiert Glenn von der Koje gegenüber. »Sind die nicht ganz bei Verstand, haben die vor, die einzige Reservekammer zu blockieren, nur weil sie nicht riskieren wollen, daß ein Weibsbild dabei ist?« Im Lautsprecher ist zu hören, daß Haralds Stimme eine Oktave ansteigt und einen schroffen, scharfen Klang bekommt. »Befehl ist Befehl – sie soll raus.« »Glenns Einwand ist nicht ganz ohne«, sagt Bengt nachdenklich. »Was ist, wenn wir die zweite Kammer brauchen?«, Ingrids Denken ist blockiert. Schließlich kommt sie doch zu einem Entschluß. Sie weiß aus Erfahrung, daß das Nichtbefolgen einer Anordnung die effektivste Weise ist, in einer undurchsichtigen Lage einen Bescheid zu erzwingen. Natürlich eine waghalsige Methode, die kaum erwartet wird von einer Person in schwacher Position. Aber sie macht so etwas nicht zum ersten Mal. Manche haben gesagt, sie sei mutig, in den Augen anderer hat sie eher unüberlegt und kopflos gehandelt. Einige fanden einfach, sie sei unflexibel, eine typische Technokratin. Sie verabscheut es, wenn eine Sache nicht eindeutig ist. Jede Verhaltensweise hat ihre logische Konsequenz. Das Leben ist zu kurz, als daß sie bereit wäre, im Anpassungssumpf mitzuschaukeln. Hier geht es jetzt darum, in die Tiefe zu kommen. Sie denkt nicht daran, Kompromisse zu schließen. Also teilt sie nach kurzer, spannungsgeladener Pause mit: »Erhöhe du den Druck und dekomprimiere, soviel du willst, Harald, ich jedenfalls bleibe hier!« Sein Schweigen signalisiert ihr, daß er aufgebracht ist. Er widerspricht nicht, sagt nur: »Na dann.« Darauf hört sie ein leises Klicken, das den Abbruch der Verbindung anzeigt. Sie ruft ihn an. Er antwortet nicht. Sie wartet auf den Gegenangriff, der kommen wird, und nach ungefähr zehn Minuten hört sie die Stimme des Tauchinspektors. Dieser bittet sie freundlich, der Anordnung Folge zu leisten und die Druckkammer, so wie Harald sie instruiert habe, zu verlassen, da es einen schweren Unfall gegeben habe. Ihre spezielle Kompetenz komme bei dieser Tauchaktion nicht zum Einsatz. Es gehe um Menschenleben, und die Zeit dränge, die andere Druckkammer sei in Kürze komprimiert, und ein ROV-Operator erwarte sie dort. Wenn sie alle auf neunzig Meter dekomprimiert seien, habe sie nur, die Luke hinten in der Kammer zu öffnen, hinüberzusteigen und sie wieder hinter sich zu schließen. Danach könne sie in Ruhe ein paar Tage mit Kartenspiel, Musik, Lektüre und gutem Essen verbringen, worauf sie wieder im normalen Atmosphärendruck sein werde und raus aufs Deck spazieren könne. Sie werde außerdem die volle Bezahlung erhalten, und zwar ohne das geringste tun zu müssen! »Wie viele sind es?« fragt sie. »Die dort unten. Und was haben sie für eine Nationalität?« Sie wüßten nicht, wie viele es sind, und die Nationalität sei noch nicht festgestellt. Aber die Zeit dränge, also wenn sie so freundlich sein wolle… Sie unterbricht ihren Chef. Sie behauptet, er beurteile die Situation falsch. Wenigstens ihre soziale Kompetenz werde genau an diesem Ort gebraucht, wo sie sich befinde. Keiner weiß, wie hart die Rettungsoperation werden wird. Kann er es tatsächlich mit seinem Gewissen vereinbaren, sie vom Einsatz auszuschließen? Was werden die Bosse des Ölkonzerns sagen, wenn sie in der Zeitung lesen, daß »das Personal der Taucherfirma von den eigenen Chefs für inkompetent erklärt worden ist«? Sie droht nicht, sie beschreibt nur die bestehende Situation. »Was ist, wenn wir die Reservekammer brauchen?« gibt Glenn zu bedenken. Der Tauchinspektor schweigt. Man hört ihn atmen, er hält das Mikrofon viel zu dicht an den Mund. Okay, sagt er dann. Möglicherweise irre er sich, vielleicht kann sie von Nutzen sein. Jetzt sei ihm auch klargeworden, daß sie sich völlig freiwillig in diese neue Situation begebe. Sie hört, daß er Harald das Mikrofon zurückreicht. Dieser sagt wieder: »Na dann« und schaltet die Beleuchtung in der Kammer aus, nur noch ein paar Bettlampen brennen. »Was ihr jetzt braucht, ist Schlaf zur Stärkung.«, Sie löscht ihre Lampe. Liegt im Dunkeln. Bewegt sich in der Gravitation. In Gedanken hinaus bis zur äußersten Spitze des Ruders. Abgründe um sie herum. Ist sie denn kein Mensch? Jemand dort draußen ruft nach ihr, eindeutig nach ihr. Der Tauchinspektor betritt die Brücke, er sieht gerade noch, wie die Einsatzleiter Tom und Oddvar eine Treppe hinunterspurten. Zwei Matrosen wollen etwas sagen, aber er wehrt nur ab und schließt direkt vor ihrer Nase die Tür. Unruhig bleiben sie stehen und starren durch die Scheibe. Er beachtet sie nicht. Der Kapitän spricht am Telefon. Der Chief-Mate hat Kopfhörer auf, die mit einem Magnetophon verbunden sind. Der Tauchinspektor tritt zu ihm. »Was hörst du?« Der Chief-Mate blickt auf. »Die Signale sind schwach. Die ganze Zeit über Mayday. Sie wollen sich nicht zu erkennen geben, bitten nur um Hilfe. Die Drucklufttanks sind beschädigt. Wir wissen nicht mal, wie viele es sind!« »Das ist wohl der Streß«, erwidert der Tauchinspektor. »Scheint eine Total-Havarie am U-Boot zu sein, nicht mal irgendwelche Motorengeräusche. Versuche sie zu informieren, daß Hilfe unterwegs ist – von unten –, daß wir dekomprimieren.« Das Englisch des Chief-Mates beim Anrufen des U-Boots ist gut zu verstehen und perfekt. Plötzlich hellt sich sein Gesicht auf. »Es sind Russen!… Fünf sind es!… Überlebende!… Sie leben… in einer Luftblase… im Vorschiff!« Die Männer auf der Brücke sehen sich einen Augenblick gebannt an, als die Nachricht in ihr Bewußtsein gedrungen ist., Ein Licht in ihrem grauen Alltag, haltet es am Brennen, haltet es am Brennen. In ihren Händen liegt Leben, das Leben anderer Menschen. Dann hat die Wirklichkeit sie wieder, und tausend Fragen gelten der rein praktischen Arbeit. Wie viele Lecks hat das U- Boot, sind die Männer unter Druck – etwa mit Luft? In dem Fall also ziemlich berauscht, neben all dem anderen. Oder hat der Teil des U-Boots, in dem sie sich aufhalten, den Zusammenprall überstanden, so daß sie sich noch immer in normalem Atmosphärendruck befinden? Der Kapitän spricht am Telefon und hat nichts gehört. Jetzt legt er den Hörer auf und ruft ihnen zu, daß Ärzte unterwegs sind. Und Christensen, der Chef der Taucherfirma. Und damit nicht genug, auch ein gewisser Herr Mykeltun ist auf der Fahrt zum Hubschrauberservice, zwecks Weitertransport…! Mykeltun, der Repräsentant des Ölkonzerns – Garant oder Henker, von dem Wohl und Wehe der Taucherfirma und ihres Schiffes abhängen! Weshalb kommt er her? Kapitän, Chief-Mate und Tauchinspektor sehen einander an. Zweifrontenkrieg. Da heißt es zusammenhalten. Mit fünf Überlebenden in einer Luftblase. Tief unten im Wasser. Glenn und Ingrid sitzen sich auf ihren Kojen gegenüber. Sie haben geschlafen, sind aber zur gleichen Zeit aufgewacht. Ihre Bettlampen erleuchten die Kammer nur schwach. Sie flüstern eindringlich miteinander. Die anderen schlafen noch. Ihr ruhiges Atmen läßt die Druckkammer sicher und alltäglich erscheinen. Bengt liegt auf dem Bauch, sein Arm hängt dicht neben Ingrids Gesicht herunter. Ian, der über Glenn schläft, schnarcht., Glenn versucht Ingrid zu überzeugen, daß es klug wäre, das Angebot des Einsatzleiters trotz allem anzunehmen. Er bereut es, sie unterstützt zu haben, als sie hierbleiben wollte. Es war unbedacht von ihm, und es ist unbedacht von ihr, daß sie eine solche Möglichkeit, mit dem bloßen Schrecken davonzukommen, ausschlägt. Er liegt ihr beharrlich in den Ohren. Er will jetzt wirklich, daß sie die Kammer verläßt. Will sie hier weg haben. Ingrid ist erstaunt, wie pathetisch er plötzlich klingt. Sie erklärt ihm ruhig, das sei eine Frage von Ehre und Arbeitsmoral. Sie könne nicht einfach abspringen, wie würde das aussehen? Man habe sie alle unter denselben Voraussetzungen angestellt, oder nicht? Dann hätten sie die gestellten Forderungen auch gemeinsam zu erfüllen. Sie begreife seinen guten Willen, aber er ist auf dem Holzweg, völlig auf dem Holzweg. Warum verläßt er die Kammer nicht selbst, wenn es so gefährlich ist, wie er sagt? Keiner der beiden bemerkt die Stille im hinteren Teil der Kammer. Eine unnatürliche Stille in der Dunkelheit. Ego Boys Augen glänzen gefährlich. Er hört aufmerksam zu. Glenn sagt, es wäre eine Katastrophe, wenn ihr etwas passiert. Sie kontert mit der Frage, ob es das denn nicht wäre, wenn ihm selbst etwas zustoße? Glenn antwortet, daß er sowieso eine wandelnde Katastrophe sei. Seine zweite Exfrau würde sich nichts lieber wünschen, als daß er endgültig auf dem Grund der Nordsee bleibt! Klare Auskünfte. »Sag, wie es ist«, fordert Ego Boy plötzlich mit lauter Stimme. »Erzähl, daß du sie mit jeder Menge Huren betrogen hast und die Sache rausgekommen ist!« Bengt zieht seinen Arm hoch, und Ian setzt sich auf. Beide schalten ihre Lampen an, und obwohl sie gerade erst, aufgewacht sind, spüren sie sofort, daß sich wieder etwas in der Kammer verändert hat. Der Tauchinspektor hat sich über die Schulter des Chief- Mate gebeugt. Er will wissen, wie es dort unten aussieht und was es für Möglichkeiten gibt, die Leute herauszuholen? Doch keiner antwortet mehr auf den Anruf. Nein, keiner antwortet mehr. Die Männer sehen sich schweigend an. Trotz graumelierter Bürstenfrisur und aller Autorität vermag der Tauchinspektor nichts gegen die Unerbittlichkeit des Meeres, und der Chief- Mate drückt die Kopfhörer fest an die Ohren, als könne er mit Muskelkraft die gleichgültige Gewalt des Wassers beschwören. Es herrscht völlige Stille. Der Kapitän tritt zu ihnen und unterbricht das gedrückte Schweigen. Er glaubt, daß die da unten trotz allem am Leben sind. Vielleicht kann man sie aus irgendeinem Grund nur nicht hören? Sein Blick ist unstet. Die anderen antworten nicht, sie schauen weg. Im Kontrollraum der Einsatzleiter arbeiten Tom und Oddvar auf Hochtouren an den Vorbereitungen der Operation. Auf einem der Monitore ist das hellerleuchtete sphärische Innere der Taucherglocke zu sehen. Alles muß in Ordnung gehen, Gas, Licht und Warmwasser für die Taucheranzüge. Und die Anzüge selbst. Helm und Reservemaske ebenso. Ohne das ständig durch die Anzüge fließende warme Wasser würden die Taucher im Meer in wenigen Minuten erfrieren. Weil das Atemgas so komprimiert ist, kühlen die Lungenflächen rasch aus, falls dem Körper von außen nicht sofort Wärme zugeführt wird. Der Tod durch Erfrieren ist es denn auch, den die Taucher am meisten fürchten. Reservegas ist um die Taucherglocke gespeichert, und obendrein befindet sich in jedem Taucherhelm ein kleiner, Kalkfilter, der es möglich macht, das eigene Atemgas eine Zeitlang wiederzubenutzen. Doch die Wärme läßt sich nicht ersetzen. Sie muß einfach vorhanden sein. Man ertrinkt nicht. Man erfriert. Solchen Gedanken gibt man sich nicht hin. Die Einsatzleiter arbeiten rasch und effektiv an den Vorbereitungen, reine Routine. Keine Toleranz gilt, wenn es um Sicherheit geht. Ausgenommen in extremen Situationen, wenn Menschenleben in Gefahr sind. Situationen wie die, in der sie sich jetzt befinden. Sie denken an die U-Boot-Besatzung in dem demolierten Schiffsrumpf. Wie es werden wird. Was sie tun sollen. Wie man es tun kann. Und wie sie von ihrer Position im Kontrollraum den Tauchgang verfolgen und leiten können. Ihr Problem ist rein technischer Natur. Es geht um Leben und Tod, doch diese Worte selbst existieren nicht. Es geht um Ventile. Um Leitungen. Und um Gegendiffusion aufgrund der Stickstoffsättigung. Was sie tatsächlich zugeben würden, wenn sie jemand dazu zwänge, ist der Gedanke, daß es sich vermutlich nicht machen läßt. Viel zu vieles gibt es, was schiefgehen könnte. Der Unsicherheitsfaktor ist zu groß, und das Ziel ihrer Operation etwas so Unvorhersehbares wie zum Beispiel Menschen in Panik. Oder Menschen in äußerst schlechtem Gesundheitszustand. Oder Tote. Doch man muß es immer versuchen. Bis zuletzt gibt es Hoffnung. Man muß daran glauben. So sind viele Menschen gerettet worden. Noch viel mehr sind natürlich gestorben, aber Humanität und Statistik befinden sich in verschiedenen Universen, Irrationalität ist die Voraussetzung für ein würdiges Leben., Ein völlig rationaler Mensch ist ein Monster. Güte ist dumm, aber menschlich. So hätten sie argumentiert, wenn sie gefragt worden wären und es hätten ausdrücken können. Noch immer klingen Ego Boys Worte allen in den Ohren. Jede Menge Huren. So what? Es herrscht Stille wie im Auge des Taifuns. Wäre Ingrid nicht hier gewesen, hätte die Sache amüsant sein können. Etwas, das man durchhecheln, weiterspinnen, womit man die Kammer ein bißchen hätte aufheizen können, damit die Zeit schneller vergeht. Ian und Bengt fühlen sich um den Spaß gebracht. Glenn blickt mit zusammengebissenen Zähnen zu Boden, und Ingrid sitzt abwartend da. »Es ist nicht so, wie du glaubst«, flüstert er. »Nein, es ist schlimmer«, sagt Ego Boy und erhebt sich nahezu wollüstig von seiner Koje. Reckt sich und reibt sich die muskulösen Unterarme mit seinen rauhen, schuppigen Taucherhänden. Er stellt seinen Körper zur Schau und dreht eine Runde durch die Kammer. Dann bleibt er vor Ingrid stehen und schiebt wie nebenbei seine Genitalien zurecht, während er mit sanfter Stimme darüber räsoniert, was wohl ihnen, den vier anderen, passiert wäre, wenn sie sich wie Madam geweigert hätten, einer Anweisung Folge zu leisten. Seine Hand bleibt wie zufällig ein Stück unter dem Hosenbund stecken. Die Hand bewegt sich. Tja, den Laufpaß nach Hause – prompter Transport, sobald sie dekomprimiert wären! Befehlsverweigerung ist bisher noch nie akzeptiert worden. Es gibt offenbar Unterschiede zwischen den einen und den anderen. »Willst du damit sagen, daß ich eine Sonderbehandlung genieße?« fragt Ingrid. »Gerade das habe ich schließlich nicht, akzeptiert. Ich verlange, genauso behandelt zu werden wie ihr.« Ego Boy geht die wenigen Schritte in der Kammer auf und ab. Er bewegt sich wie auf einer Bühne, die vier Arbeitskollegen sind sein Publikum. Er hat sein liebstes Körperteil losgelassen und hält jetzt die Hände im Nacken verschränkt, um seine gut geformten Oberarme zur Geltung zu bringen. Er will es mal auf die pädagogische Art versuchen und ihr die Sache richtig erklären. So sieht es nämlich aus: Der Tauchinspektor hat den Aspekt der Sicherheit dem der Gleichberechtigung vorgezogen, ein völlig angemessener Entschluß. Aber sie hat ihn gezwungen, die Sache auf den Kopf zu stellen! Doch so leicht geht das nicht. Schließlich handelt es sich um ihrer aller Sicherheit. Er jedenfalls will bei einem so wichtigen Einsatz wie diesem hier kein Weibsbild dabeihaben. Soll sie wütend werden? Nein, dazu ist das Ganze zu plump. Sie hält ihre wahren Gefühle zurück. Bemerkt nur kalt, er möge sich nicht zu Dingen äußern, von denen er nichts verstehe. Es sei ja offensichtlich, daß er von ihren Fähigkeiten oder überhaupt von Frauen keine Ahnung habe. Sie hoffe allerdings, sich in dieser Sache zu irren. Ego Boy schüttelt den Kopf. Nein, sie irre sich nicht. Er stimme ihr zu, ohne jeden Vorbehalt. Denn Frauen seien schließlich so rätselhaft, so empfindsam, so ganz anders und viel besser gerüstet, was sogenannte Beziehungen und Gefühle überhaupt anbelangt. Allerdings müsse sie ihm und seinesgleichen verzeihen, denn sie hätten schließlich alle Hände voll mit anderem zu tun gehabt. Der Versorgung zum Beispiel. Dem kleinen unbedeutenden Detail, wovon man leben soll! Denn wo kommt denn das Geld für all die Kindergärten, Krankenhäuser und Kurheime her, wo die, meisten Frauen beschäftigt sind? Ja, aus der schmutzigen Produktion! Nicht einmal eine Stunde könnten sie und ihre Freundinnen dort herumsitzen und plappern. Über Beziehungen. Wenn nicht die Männer, die so verhaßten, für Wasser, Elektrizität, Fernheizung, Heizöl für die Eigenheime, für Schnellzüge und auch für Druckerschwärze sorgen würden, die man für jene tiefsinnigen Romane braucht, ohne die solche Frauen angeblich nicht leben können! Es wird still. Die Attacke klärt die Fronten. Noch immer ist Ingrid nicht wütend, obwohl sie spürt, daß Ego Boys Kanonade Zustimmung findet. Mehr mit dem Gefühl als über den Verstand begreift sie, daß die anderen ihm recht geben. Irgendwo gibt sie ihm auch selbst recht. Sie stellt eine unnötige Belastung dar, jetzt wo der Einsatz eine so schwierige Wendung genommen hat. Gleichzeitig ist ihr klar, daß sie sich auf einem Kampfplatz befindet, der Kampf geht nicht zuletzt gegen die Auffassung, die sie von sich selbst hat. Im Inneren weiß sie, daß ihre Gefühle falsch sind, sie weiß, daß sie stark und kompetent ist, doch haben Strukturen und Kultur sie zum Ducken erzogen. Die Gefühle sagen das eine, ihr ausgezeichneter Verstand etwas ganz anderes. Jetzt aber braucht sie ihre Vernunft. Es ist nur so schwer, alle gegen sich zu haben. Sie betrachtet die Szene und entschließt sich dann, die Vorwürfe gegen ihr Geschlecht nicht damit zu beantworten, daß sie Ego Boy all die von Männern ausgelösten Kriege und Katastrophen, die mit Männern gefüllten Gefängnisse und andere destruktive Dinge an den Kopf wirft, obwohl ihr das auf der Zunge liegt. Es wäre zu billig. Sie erklärt statt dessen, sie habe nicht die Absicht, zur Belastung zu werden, sondern wolle ihren Anteil an der Arbeit tun, egal wie er auch ausfalle., Doch Ego Boy ist im Vorteil, er hat sich zum Wortführer aufgeschwungen, und seine Lesart hat Priorität, Ingrid befindet sich bereits in der Defensive. Müdigkeit packt sie. Dieses Steinzeitverhalten hemmt jedes rasche und zielgerichtete Wachstum. Das Leithundsyndrom hat in einer modernen Gesellschaft nichts zu suchen. Im Wasser unten kämpfen Menschen um ihr Leben, und hier steht Ego Boy und kläfft wie ein Dackel. »Der Tauchinspektor hat grünes Licht gegeben«, fährt sie ruhig fort. »Ich kann akzeptieren, daß ich deiner Meinung nach keine Hilfe darstelle. Aber von Nachteil kann es ja wohl auch nicht sein, daß ich bleibe und beispielsweise nicht die Reservekammer blockiere. Es ist doch wohl eher so, daß du Angst hast, oder?« Sie weiß leider viel zu gut, welche Knöpfe sie da bedient. Ein Schatten zieht sekundenschnell über Ego Boys Gesicht, Angst?! Er schnauft verächtlich. Er soll Angst haben? »Okay«, sagt er dann, »wir haben eine Arbeit zu erledigen. Hier und jetzt gleich. Über die nächsten vierundzwanzig Stunden wissen wir nichts. Du willst mit? Okay, müssen wir eben auch dich bergen. Betrachten wir die Sache als Teil unseres Jobs.« Die kurze Nacht ist bald vorbei, und die ersten Möwen schweben schon ruhig über dem Wasser. Friedlich rollt die sanfte Dünung, so als gebe es weder Angst noch ewige Dunkelheit. Der Tauchinspektor steht erneut am Mikrofon. Er berichtet den Tauchern, daß vom U-Boot nichts mehr zu hören ist, was verschiedene Ursachen haben kann, der verschlechterte Gesundheitszustand der Besatzung braucht nur eine davon zu sein. Der Einsatz werde planmäßig weitergeführt, nur noch, anderthalb Stunden fehlen bis zum Abschluß der Dekompression. Er schlage vor, sie sollten die Frist zu einem zeitigen Frühstück oder, wenn sie so wollten, zu einem späten Nachtimbiß nutzen und natürlich, um sich auszuruhen. Leider habe er ihnen nicht viel mehr an Information zu bieten. Wie gesagt, von unten ist nichts zu hören, aber der Chief-Mate suche unentwegt die Frequenzen ab und schicke der U-Boot- Besatzung Mitteilungen, daß Hilfe unterwegs ist. Denn das entspreche schließlich den Tatsachen. An Land herrsche fieberhafte Aktivität, ein solches Ereignis ist eine Himmelsgabe für die Medien, die Versicherungsgesellschaften drehten fast durch, und Diplomaten, Konzerndirektoren und Börsenmakler machten hektische Sprünge durch den Cyberspace, aber das brauche die Taucher ja nicht zu kümmern. »Hat es Kernwaffen an Bord?« fragt Ian plötzlich. Ein leises Lachen ist vom Tauchinspektor zu hören, ein Atom-U-Boot wäre kaum in den Streben einer Bohrinsel hängengeblieben. Das hätte sie niedergemäht! Nein, hier handle es sich um ein konventionelles U-Boot, ganz ungefährlich. »Ian hat gefragt, ob es Kernwaffen an Bord hat«, sagt Bengt plötzlich. »Und warum sollte das nicht möglich sein? Es gibt Atomwaffen, die ein paar Leute bequem tragen können. Wenn nun irgendeine Ummantelung beschädigt worden ist!« »Ich glaube nicht, daß es Kernwaffen an Bord hat«, erwidert der Chef trocken. »Aber ich weiß es natürlich nicht, ich weiß nicht einmal, ob das da unten Russen sind, sie haben es nur behauptet. Ich weiß überhaupt nichts – genau wie ihr! Was sollte ich für ein Interesse haben, euch Informationen vorzuenthalten? Je mehr ihr wißt, desto besser kommt ihr doch mit dem Tauchgang zurecht, aber wenn ihr beide, du, Bengt, und du, Ian, meint, es bestehe das Risiko einer Strahlung, dann, solltet ihr natürlich aussteigen. Keiner kann euch zwingen, an einer solchen Operation teilzunehmen.« Die Taucher sehen einander an. Aussteigen? So haben sie es nicht gemeint. »Wie steht’s mit dem Nachtimbißfrühstück«, fragt Ian, »wir sind schon am Verhungern!« Als das Essen klappernd in der Schleuse steht, verspürt Ingrid tatsächlich Hunger. Ein gutes Zeichen, der Körper bereitet sich vor, befiehlt das Auftanken. Das Essen hebt die Stimmung. Zwar erhält der Appetit keine Hilfe vom Geruchssinn, doch das Zusammensitzen um Schüsseln und Becher befördert auch die Feindseligkeit nicht. Deshalb ist Ingrid enttäuscht, als sie sich sofort proppevoll fühlt. »Iß«, befiehlt Glenn, wie bei der letzten Mahlzeit. »Denk daran, du bist sozusagen die erste auf dem Mond!« »Ein Kamikazepilot allein gewinnt keinen Krieg!« Ego Boys Stimme ist schneidend. Mit einemmal verändert sich die angenehme Stimmung. Die entstehende Pause gleicht einem schwarzen Loch. Glenn legt sein Besteck auf den Tisch. Ingrid schiebt den Teller beiseite. »Meinst du, wir haben Krieg?« fragt Ingrid mit unheilschwangerer Leichtigkeit. »Wo verläuft dann die Front«, fährt sie freundlich fort, »doch wohl nicht hier drinnen? Vier gegen einen?« »Nein, aber vielleicht hier oben«, antwortet Ego Boy und klopft sich an die Stirn, »gesunde Vernunft gegen politisch korrekte Modetrends.« »Natürlich muß man ein Mann sein«, mischt sich Glenn jetzt laut, viel zu laut, ein. »Ein weißer westlicher Mann! Das, nämlich ist die einzig wissenschaftliche Definition des Menschen.« »Aber nein«, antwortet Ego Boy unschuldig. »Ein Neger wäre völlig okay.« Endlich fühlt Ingrid den Zorn kommen. Er packt sie mit aller Macht, und sie muß aufstehen und mit den Händen auf den Tisch schlagen, um genug Luft für eine Antwort zu haben. Und um das Brennen in Nase und Augen abzuwehren. Um den Feind hinter die Linien zu drängen. Um zu reagieren, sofort zu reagieren und nicht klein beizugeben. »Ach so. Ein Neger wäre okay. Ich verstehe. Wenn man auf dem Misthaufen schon nicht ganz oben stehen darf, dann doch wenigstens ganz unten. Im Unterschied zu den Hühnern. Die überhaupt nicht stehen.« »Sondern nur liegen?« Ego Boy grinst breit. »Liegen und darauf warten, gebumst zu werden?« Er lacht über seine eigene Pfiffigkeit und tauscht einen Blick mit Bengt. Wieder eine Pause, voll gespannter Erwartung, alle warten auf ihre Reaktion, sie steht in einem Bannkreis von Blicken. Alle warten auf den Rückzug, nicht darauf, ob, sondern wie er erfolgt. Und sie läßt ihrem Schmerz freien Lauf. Trauer erfüllt ihr Inneres. Nach außen hin aber enttäuscht sie die Erwartungen der Männer. »Wie gut«, sagt sie und fängt an, sich auszuziehen. »Ich bin bereit. Und hinterher bumst du wohl den Rest der Weiber hier in der Kammer?« Ego Boys Grinsen erstirbt langsam. Alle starren Ingrid wie verhext an, als sie den Pullover über den Kopf streift und nur noch im BH dasteht. Als sie anfängt, die Hose auszuziehen, streckt Glenn verwirrt eine Hand aus, als wolle er Ingrid aufhalten. »Hör auf, Ingrid«, sagt er heftig., Auch Ian gerät außer sich: »Was machst du da, Ingrid? Bist du völlig übergeschnappt?« »Ja, verdammt noch mal, sie ist völlig übergeschnappt«, sagt Bengt zu sich selbst, als Ingrid die Hose auszieht und dann auch BH und Slip. »Sie will Probleme haben!« Ingrid steht splitternackt vor den Männern. Sie hat ein kleines Muttermal am Bauch, und ihr Körper ist sehr fraulich, aber Glenn sieht vor allem ihre Schutzlosigkeit und wehrt sich gegen die Situation. Auch Ian und Bengt sind betreten, sie lächeln einander verlegen an und schauen weg. Es ist, wie sie erwartet hatten – mit ihr würde es wirklich Probleme geben! Ego Boy steht völlig starr im Raum und sieht Ingrid an, ihm bleibt keine Wahl. »Du brauchst keine Gewalt anzuwenden, ich habe nicht vor, mich zu wehren«, sagt sie. »Na los jetzt, Ego Boy! Steht er nicht? Was ist mit dir? Ich kann schreien und um mich schlagen. Ist es das, was du willst? Vielleicht kannst du ihn ja auch nicht hochkriegen, wenn ich nicht wirklich leide? Vielleicht brauchst du eine Frau, der das Blut aus der aufgeschlitzten Gurgel spritzt und die den Geist aufgibt, während du sie von hinten nimmst? Denn die beste Frau ist ja wohl eine tote Frau? Endlich still, kein Widerstand mehr, nur ein Stück Fleisch, geformt vom Skalpell des Meisters?« Ego Boy sieht sie noch immer unverwandt an. Die anderen schauen weg. Sie schämen sich. Ihnen ist, als hätten sie ihr selbst die Kleider heruntergerissen, obwohl sie das nie getan hätten. Dumpf spüren sie so etwas wie Schuld, aber sie verstehen ihre eigenen Gefühle nicht. Empfinden nur Unbehagen. Am liebsten würden sie die Szene verlassen, aber das ist unmöglich. Sie wissen nicht, woher diese Empfindungen kommen. Denn Ian liebt Frauen, auch Glenn, liebt sie, und Bengt auch, wenn sie nicht allzu scharfzüngig sind, wie diese hier, die alle übertrifft. Ego Boy ist der einzige, der Frauen haßt. Das Schweigen ist beängstigend. Nur Ingrid kann etwas gegen die festgefahrene Situation tun. Schweigend zieht sie ihre Kleider wieder an. Die ganze Zeit über hat sie den Blick auf ihre Arbeitskollegen gerichtet. Die schauen nicht zurück. Harald hat wie gebannt dagesessen, er hat alles gehört und gesehen, und eigentlich hätte er eingreifen müssen, doch das Drama, das sich in Schwarzweiß auf dem Monitor abspielte, hat ihn gefesselt, als wäre es ein Film gewesen. Er hat sich wie betäubt gefühlt, war handlungsunfähig. Hat einfach nur zugesehen. Als Charles den Kontrollraum betritt, fühlt sich Harald ertappt. Er wirft sich gegen die Stuhllehne, klatscht die Hände auf die Armlehnen und stößt hervor: »Scheiße, jetzt ist vielleicht was los, Charles!« »Ich weiß«, sagt Charles, »es ist wirklich eine Scheiße. Der Chief-Mate meinte, er hätte etwas gehört, aber dann wurde es wieder still. Wenn diese verdammte Dekompression doch ein bißchen schneller ginge!« Harald schaut ihn verständnislos an. »Ich meine die Puppe da drinnen, Charles. Sie ist völlig verrückt. Eben hatte sie sich ausgezogen, war splitterfasernackt!« Charles stürzt zum Monitor und starrt auf das schwarzweiße Geflimmer, aber er sieht nur ein paar Taucher beim Essen sitzen. Ingrid liegt auf ihrem Bett. »Nicht jetzt, du Lustmolch. Sondern vor einer Minute. Es ist wahr. Sie war völlig nackt. Und was sie alles gesagt hat!«, Charles starrt Harald an. »Es wird Zeit, daß du in die Koje kommst«, sagt er, »du siehst müde aus. Geh schlafen. Ich kümmere mich jetzt um die da drinnen, brauchst dir keine Sorgen zu machen.« Harald hat keine Lust zu gehen, er ist auch nicht mehr so müde. Daß dieser Einsatz hier viel Unterhaltung bieten wird, spürt er schon jetzt – was für Leute! Er ist außerdem neugierig, wie der erste Kontakt zum U-Boot erfolgen wird. Am Ende siegt die Arbeitsdisziplin über seine Wünsche. Er muß zur nächsten Schicht in Form sein. Die Taucher sind dann vielleicht ausgepumpt, völlig fertig, todmüde, mißgelaunt und enttäuscht. Dann muß er der Sache gewachsen sein, darf nicht zurückschießen, wenn sie mit spitzen Bemerkungen, Klagen und persönlichen Beleidigungen aufwarten. Er ist Kammeroperator, gleichsam ihre Mutter, muß bedingungslose Sicherheit gewähren, immer im selben ruhigen und heiteren Tonfall, egal was passiert. Darum winkt er Charles zu und verläßt den Kontrollraum, um sich so schnell wie möglich in die eigene Koje zu begeben. An Deck herrscht Aufregung, die Stimmung ist dramatisch. Die Leute sind zusammengelaufen, irgend etwas ist geschehen! Einer der Mechaniker rennt zur Brücke hinauf und reißt, ohne anzuklopfen, die Tür auf. Keuchend berichtet er, daß jemand im Wasser ist! Kapitän, Tauchinspektor und Chief-Mate lassen alles fallen und folgen ihm eilig. Der größte Teil der Besatzung steht jetzt an der Reling. Die drei Offiziere drängen sich nach vorn. Unten im Wasser ist bereits ein Schlauchboot unterwegs zu einem orangefarbenen Punkt. Einer der Männer aus dem U-Boot schwimmt dort in seinem Auftauchanzug im Meer! Der Tauchinspektor schaut den Kapitän an., Das kann doch nicht wahr sein! Dann erteilen sie ihre Befehle. Wenn es einer nach oben geschafft hat, sind noch andere zu erwarten. Der Kapitän beordert einen Matrosen in den Ausguck und gibt Anweisung, mehrere Schlauchboote in Bereitschaft zu halten. Der Tauchinspektor vergewissert sich, daß die Reservekammer vorbereitet wird, um einen Menschen, der zuviel Stickstoff im Gewebe hat, aufnehmen zu können, und im stillen dankt er Ingrid, daß sie sein Angebot abgelehnt hat. Es gibt eine dritte Druckkammer an Bord – in einem der beiden Rettungsboote. Er hofft, daß die nicht benötigt werden wird, denn dort ist es eng, und es läßt sich nur schlecht darin arbeiten. Das Schlauchboot hat sein Ziel erreicht. Der eine Matrose drosselt den Motor, und der andere beugt sich zu dem Schwimmenden hinunter. Von Deck aus kann man nicht erkennen, ob der Mann sich bewegt, ob er überhaupt am Leben ist. Mit vereinten Kräften holen die beiden Matrosen den Hilfsbedürftigen ins Boot. Der Anzug ist aufgeblasen, aber das Kopfteil fällt zusammen, als er aus dem Wasser gezogen wird, was von Deck aus zu erkennen ist. Der Gerettete sinkt auf den Boden, und danach kehrt das Schlauchboot zurück. An Deck steht eine Trage bereit. Der Wind läßt den weißen Bezug flattern. Die Leute laufen vor Aufregung hin und her, alle wissen, daß die Zeit drängt. Als der so unerwartet geborgene U-Boot-Mann an Bord ist, wird er sofort auf die Trage gelegt. Der nasse Auftauchanzug läßt den Spannbezug rasch feucht werden. Die schlaffe, grell orangefarbene Kopfhaube umschließt das Gesicht des Mannes. Es wirkt klein, als gehöre es überhaupt nicht zu ihm. Der Mann ist aschgrau und hält die Augen, geschlossen. Zwei Matrosen nehmen die Trage sofort auf. Der Chief-Mate, der eine medizinische Ausbildung hat, eilt hinzu und tastet am Hals des Mannes nach dem Puls, während er zugleich den Trägern zunickt, daß sie sich sputen sollen. Da öffnet der Gerettete die Augen. Sie sind blutunterlaufen. Er sagt etwas, vermutlich auf russisch. Der Chief-Mate, der neben der Bahre her hastet, ist völlig überrascht. »English please!« stößt er hervor. »What did you say?« Aber die Augen des Mannes sind jetzt wieder geschlossen, und er scheint nichts zu hören. Der Wind bläst eine Haarsträhne in sein Gesicht. »Answer me! Please!« Der Chief-Mate sieht die beiden Träger hilflos an. Die Männer erwidern schweigend seinen Blick, sie verlangsamen den Schritt und warten darauf, was er zu tun gedenkt. »Wir müssen schnell unter Deck«, sagt er, »beeilt euch!« Der Tauchinspektor erscheint auf einer Treppe. Er nickt dem Chief-Mate zu, daß dort unten alles bereit ist. Der Kapitän drängt sich zu ihnen. »Ich kann übrigens ein bißchen Russisch«, sagt er, »falls du meinst, es könnte von Nutzen sein.« Als die beiden Matrosen mit der Trage im Schiff verschwunden sind, macht das durchdringende Geräusch eines sich nähernden Hubschraubers alle weiteren Gespräche unmöglich. Der Kapitän flucht. Er verläßt die Versammelten und eilt die Treppe hinunter. Jetzt beginnt der Zweifrontenkrieg! Die Taucherfirma gegen den gewaltigen Ölkonzern und als dritte Partei die hoffentlich noch lebende Besatzung des U-Boot- Wracks. Er stoppt einen Matrosen. Hat der Ausguck was entdeckt? Der schüttelt den Kopf, ein weiteres freies Aufsteigen vom U-Boot scheint es nicht zu geben., Ja, er kann ein wenig Russisch. Er hat Murmansk angefahren, damals, als es den Eisernen Vorhang noch gab. Als Leichtmatrose, aber das wichtigste Arbeitswerkzeug waren seine Ohren. Deshalb hatte er Russisch lernen dürfen; an Bord war das niemandem bekannt gewesen. In jener Zeit. Jetzt spielt das keine Rolle mehr, findet er. Es liegt doch so lange zurück, und es war ja auch völlig naiv von ihm. Was hatte er anderes gehört als Geprahle und besoffenes Gequatsche? Ein paar Papiere sind ihm in die Hände gefallen, aber nichts, was eine Ausbildung als Spion gerechtfertigt hätte, meistens war er sich ziemlich dumm vorgekommen. Wenn ihn heute jemand fragen sollte, könnte er sagen, daß er dort eine Puppe gehabt oder irgendwelche Geschäfte betrieben hätte, oder auch daß er Dostojewski mag, niemand wird sich darüber wundern. Die Hauptsache ist, daß er mit diesem U-Boot-Mann reden kann, aber erst muß er seine hohen Gäste empfangen. Dazu hat er nicht die geringste Lust. Er denkt die ganze Zeit an den U-Boot-Mann, fühlt instinktiv, daß ein Gespräch mit ihm wichtiger ist als das leere Geschwätz mit den Chefs. Er hofft, daß es noch anderen gelingt, aus eigener Kraft nach oben zu kommen, aber er weiß, daß es schwierig ist. Daß es sonst bereits geschehen wäre. Jede einzelne Nation hat ihre Direktiven für das freie Aufsteigen, denn um aus einem gesunkenen U-Boot nach oben zu kommen, ist eine spezielle Technik erforderlich. Die ist kompliziert und selbst unter kontrollierten Bedingungen nicht ohne Risiko. Sie muß trainiert werden. Die Konstruktion der Auftauchanzüge stellt besondere Anforderungen an die entsprechende Person, und die Luft muß mit aller Kraft und im richtigen Tempo ausgeatmet werden. Andernfalls können Taucherkrankheit, das Zerreißen der Lungen und Tod die Folge sein. Das weiß der Kapitän ebenso wie alle anderen an Bord. Ihm ist nicht bekannt, ob Rußland ein routinemäßiges Trainingsprogramm, für sein U-Boot-Personal besitzt oder ob die Sowjetunion jemals eins besaß. Hierbei geht es um Sicherheit im Verein mit höchster Unwahrscheinlichkeit, und in solchen Fällen kann die ökonomische Bewegungsfreiheit beträchtlich variieren. Nun aber ist eine andere Art Tempo gefragt, und das Alter macht sich bemerkbar. Der Kapitän keucht vor Anstrengung, doch als er sieht, daß er es rechtzeitig geschafft hat, atmet er erleichtert auf. Die beiden Bosse verlassen gerade den Hubschrauber und eilen in geduckter Haltung auf ihn zu. Der scharfe Luftzug der Rotorblätter wirbelt ihr schütteres Haar durcheinander. Christensens Unterwürfigkeit ist subtil, doch der Kapitän bemerkt sie, ein winziges Extra-Vorbeugen, als Christensen Mykeltun anspricht. Dessen hohe Position hingegen ist an den gestrafften Schultern und der gelösten Miene zu erkennen. Er hat nichts zu befürchten. Paßt ihm diese Taucherfirma nicht, so hat er andere parat. Auch Christensens korrekter Schlips und daß er bestimmt frischrasiert ist, außerdem wohlriechendes Aftershave benutzt hat, deutet auf eine Chefposition hin, die ständig aufpoliert werden muß. Hingegen sieht man im Halsausschnitt von Mykeltuns Schutzanzug ein kariertes Hemd; sein Gesicht ist rot und aufgedunsen – er kann es sich leisten, privat und ziemlich lässig zu sein, auch im Dienst. Der Kapitän malt sich aus, in welcher Situation Mykeltun wohl dieselbe Putzmanier wie Christensen entwickeln würde. Vielleicht eine Aufsichtsratssitzung auf höchstem Niveau? Ein Geschäftstreffen in Houston oder Hongkong? Ein Essen mit dem Wirtschaftsminister? Mit seiner legeren Kleidung zeigt Mykeltun an, wieviel Gewicht er dem Besuch beimißt. Dieser ist zwar nicht das Allerletzte, aber doch nur eine Angelegenheit wie so viele – da gibt es wirklich ganz andere. Während die beiden Bosse ihre Schutzanzüge ablegen, unterhält der Kapitän sie höflich. Er nutzt sein ganzes, Einfühlungsvermögen, um einen möglichst zuverlässigen und vertrauenerweckenden Eindruck zu hinterlassen, und als er von der Havarie berichtet, spart er nicht mit Lob für all jene, die mit der Sache zu tun hatten. Die Schlußfolgerung mußte lauten, wenn das Personal an Bord nicht im richtigen Augenblick die genau richtigen Dinge getan hätte, sähe die Situation weit schlimmer aus. Was wäre denn dann gewesen? Die spitze Bemerkung liegt Christensen auf der Zunge, als er schweigend den Schlips geraderückt. Er begreift die gute Absicht seines Kapitäns sehr wohl, der hat nur einfach zu dick aufgetragen. Mykeltun ist nicht dumm, nicht umsonst sitzt er auf dieser hohen Position, trotz der Schuppen auf dem Kragen. Es ist jetzt nicht der Zeitpunkt, um über die Leistungen und Verdienste der Besatzung zu reden. Hier geht es um bedeutend wichtigere Dinge. Das ist Christensen klargeworden, als das Außenministerium anrief und kurz darauf die Medien, eine Zeitung nach der anderen, sogar das Fernsehen, aber er hatte sich kategorisch geweigert, irgendeine Stellungnahme abzugeben. Das Außenministerium besitzt eine eigene Informationsabteilung, genau wie der Ölkonzern und im übrigen auch Deep Seahorse, selbst wenn letztere nur aus einer einzigen Person besteht. Die Medien waren deren Problem. Er hofft natürlich langfristig auf positive Presse. Falls seine Männer die Sache hier zu einem guten Ende bringen. Es ist notwendig, Kompetenz zu zeigen. Während sie die Niedergänge hinuntersteigen, spricht Christensen von den politischen Konsequenzen. Falls es sich um Russen handelt, was ja nicht sicher ist. Welch unglaublicher Skandal, wenn es wieder Deutsche wären, wie damals, 1988! »Die haben bestimmt dazugelernt«, erwidert Mykeltun trocken., Politische Konsequenzen in allen Ehren, aber die ökonomischen sind schlimmer. Und deshalb sagt Mykeltun, er hoffe, daß es wieder Deutsche sind, die würden den angerichteten Schaden wenigstens bezahlen. Nicht alles, aber doch einen Teil, zweiundzwanzig Millionen D-Mark, wenn er sich recht erinnere. Falls es Russen sind, wisse man schließlich, daß nur Verluste warten, Verluste in Millionenhöhe. Und was ist mit den Milliardengewinnen? denken Christensen und der Kapitän. Sie sehen einander an, sagen aber nichts. Wenn es um die enormen Profite des Ölkonzerns ging, haben sie sich immer taktvoll zurückgehalten, haben stets verhandelt, als seien sie gleichwertige Partner und sich in allem einig. Für sie heißt es gewinnen oder verschwinden. Für den Ölkonzern hingegen ist ein unfreiwilliger Betriebsstopp nichts anderes als ein störendes Moment, zugleich aber auch Anlaß, Löhne und Ausschüttungen zurückzuhalten. Obendrein eine ausgezeichnete Gelegenheit, die gesamte Organisation zu straffen und die Mitarbeiter aufzuscheuchen, damit sie ein bißchen mehr Disziplin und Kreativität zeigen. Stallwärme ist der schlimmste Feind des Wirtschaftszweiges. Flexibel und handlungsbereit sein, das ist die unerschütterliche Maxime Mykeltuns und anderer rigoroser Bosse. Doch sie selbst, deren Selbstwertgefühl nie in Frage gestellt worden ist, sind nahezu schwerfällig und träge. »Es geht hier um Menschenleben.« Christensen schlägt nachdrücklich mit der Hand auf das Treppengeländer, und Mykeltun pflichtet ihm einlenkend bei. »Sicher geht es um Menschenleben. Keine Frage. Ist doch selbstverständlich. Jetzt also liegt es an deinem Personal«, sagt er freundlich. »Die Sache so auszudrücken heißt wirklich, die Situation falsch einzuschätzen«, korrigiert Christensen, nachdem er tief, Luft geholt hat. Er müht sich, langsam zu sprechen. »Zum Teil geht es um die Kompetenz der Taucher, das stimmt schon, was aber können sie zum Beispiel gegen rein mechanische Hindernisse tun? Und die Zeit arbeitet ständig gegen sie. Als der Alarm kam, waren sie bereits für eine Tiefe von hundertachtzig Metern komprimiert. Es dauert seine Zeit, sie wieder um neunzig Meter nach oben zu bringen.« Christensen versucht ein lästiges Detail zu verdrängen. Das muß er später ansprechen. Will so lange wie möglich damit warten. Wenn es ihm gelingt, Mykeltun vom gesamten Tauchsystem, einschließlich Tauchern, fernzuhalten, kann er die Information vielleicht so lange zurückhalten, bis sich die Sache irgendwie gelöst hat. Gemeint ist, daß er an der Tatsache mitgewirkt oder jedenfalls grünes Licht dafür gegeben hat. Grünes Licht! Dafür, daß eine Taucherin, eine Frau, den Inspektionsauftrag für eine der Bohrinseln des Ölkonzerns erhalten hat! Es ist nicht üblich nachzufragen, ob so etwas in Ordnung geht, und auch nicht, daß man die andere Seite über sein Vorgehen informiert. Dennoch, verdammt, hat er jetzt Angst. Scheißangst. Elektroden sind auf der behaarten Brust befestigt. Das Gesicht ist genauso weiß wie der Kissenbezug. Der U-Boot-Mann ist nackt bis auf die Unterhose. Er liegt auf einer anderen Trage, deren Fußende bereits in die Druckkammer ragt. Das schwarze Haar des Mannes ist halblang und klebt am Hals. Der Chief-Mate steht nervös neben ihm und sieht zu, wie Charles eine Kanüle im Handgelenk des Mannes anbringt. Man sieht, daß diese Aufgabe ungewohnt für ihn ist. Zwar werden die Kammeroperatoren hin und wieder geschult, denn wenn kein Arzt an Bord ist, nehmen sie die medizinische, Betreuung vor, jetzt aber ist wirklich Gefahr im Verzug, und Charles’ Haar ist fast genauso naß wie das des U-Boot- Mannes, wenn auch von Schweiß. In der Druckkammer wartet bereits ein Matrose, der in Erster Hilfe ausgebildet ist, um den Russen in die Kompression zu begleiten. Charles spürt das Vertrauen, daß Matrose wie auch Chief- Mate glauben, er beherrsche die Angelegenheit fast genauso gut wie ein studierter Doktor. In Wahrheit hat er nur einmal einen Blinddarm operiert, und das bei einem Schwein. Weiter reicht seine medizinische Kompetenz nicht. Endlich gibt die zähe Venenwand nach; mit ein paar Streifen Wundpflaster befestigt er den Tropf und beginnt mit der Infusion. Im selben Augenblick stürmt der Kapitän herein. Er hat die hohen Herren in seine eigene geräumige Kajüte verfrachtet, wo sie bei Kaffee und frischgebackenen Croissants aus der Kombüse sitzen. Er eilt zur Trage und schüttelt den Mann vorsichtig an der Schulter. Auf russisch sagt er laut und deutlich, ganz dicht an seinem Ohr: »Gratuliere, Sie sind jetzt in Sicherheit, alles wird gutgehen, haben Sie keine Angst, wir werden Sie jetzt runterholen.« Charles tritt unruhig auf der Stelle, er will so schnell wie möglich anfangen. Während der Kapitän spricht, beobachtet er gespannt das bläulichweiße Gesicht des Mannes. Plötzlich schreit Charles: »Verdammt!!« Mit geballter Faust schlägt er dem Mann kräftig auf die Brust. Kampfbereit richtet der Kapitän sich auf, ändert dann aber seine Haltung, als Charles dem Mann ein Stethoskop auf den Brustkasten drückt. Charles horcht und nickt. Das Herz des Mannes hat erneut zu schlagen begonnen. Kapitän und Chief-Mate blicken sich erleichtert an. Eilig schiebt Charles die Trage in die Druckkammer. Der Matrose nimmt sie entgegen., Gerade, als man die Luke schließen will, öffnet der Mann die Augen. Sie sind blau. Das Weiße im Auge ist blutunterlaufen. Er blickt den Kapitän an und flüstert auf russisch: »Holt die anderen, beeilt euch! Ihr bekommt eine Belohnung, große Belohnung!« Dann sagt er noch ein paar Worte, die den Kapitän ausrufen lassen: »Was sagst du da! Sag es noch mal! Wie hast du das gemeint!? Was hast du gesagt?!« Aber der U-Boot-Mann ist schon wieder bewußtlos. Charles schließt eilig die Luke und bereitet sich vor, den Druck in der Kammer ganz rasch in die Höhe zu bringen. Dann wird er ihn langsam senken, und in der Zwischenzeit sollen die Medikamente im Tropf wirken, und ein Arzt soll es zu ihnen heraus geschafft haben, so daß er selbst die nervenaufreibende Verantwortung los wird. Der Matrose in der Kammer schaut suchend durch das Bullauge. Charles nickt ihm aufmunternd zu und setzt die Kopfhörer auf. »Halte dich jetzt fest«, sagt er. »Wir gehen direkt auf fünfzig Meter. Fühlt er sich nicht besser, gehen wir noch tiefer, in Sättigung. Wir machen weiter, bis er anfängt, sich zu erholen.« Im Bullauge sieht Charles, wie der Matrose den Mund öffnet – und damit die Tubengänge – bereit, die Druckwelle entgegenzunehmen. Charles greift nach einem Regler und dreht ihn auf Blow down. Ein paar Gebäckkrümel liegen auf dem polierten Couchtisch. Mit einem Ruck stellt Christensen die Kaffeetasse ab: »Was sagst du da?!« Der Kapitän wiederholt noch einmal, was er den Worten des U-Boot-Mannes entnommen hat. Er steht dabei fast stramm, in seiner eigenen Kajüte. Doch gibt es allen Grund, sich, respektvoll zu zeigen, denn Christensen schaut abwechselnd entschuldigend zu Mykeltun, dann wieder mit Abscheu auf den Kapitän, der sich kerzengerade an der Schmalseite des Tisches postiert hat, so als stehe er vor dem Kronrat. »Das kann nicht stimmen?! Sie können doch unmöglich geliefert sein! Meinst du tatsächlich, dieser Auftauchanzug war der einzige, den sie im ganzen U-Boot hatten? Das ist doch absurd!« »Das hat er jedenfalls gesagt«, antwortet der Kapitän. »Mit meiner geringen Erfahrung, was die U-Boot-Flotte angeht, erscheint es undenkbar. Ich glaube aber ohne weiteres, daß sie nicht an die Anzüge herankommen, die Schäden am Rumpf können jede Verbindung zwischen den einzelnen Teilen des Schiffes unterbrochen haben. Aber geliefert? Dennoch hat er die Sache genau so ausgedrückt, ich kann ihn nicht falsch verstanden haben.« »War natürlich benommen«, mischt Mykeltun sich ein. »Darf man sich den Jungen mal ansehen?« »Nein, nein, das ist nicht möglich«, beeilt sich der Kapitän zu sagen. »Er befindet sich in so schlechtem Zustand, das geht nicht… Ja, ich bitte um Entschuldigung, aber die Situation ist heikel, ein Kammeroperator hat die medizinische Verantwortung übernommen, bis Ärzte an Bord kommen, was in Kürze geschehen dürfte.« Mykeltun winkt ab, zum Zeichen, daß er verstanden und akzeptiert hat. Christensen fügt hinzu, man könne den unerwarteten Gast ganz gewiß besuchen, sobald er sich erholt habe und wieder ansprechbar sei. »Wir wissen ja, daß ohne den Ölkonzern ganz einfach keine Rettungsaktion möglich wäre.« »Ohne Ölkonzern gäbe es überhaupt keine Bohrinsel, mit der man hätte kollidieren können«, bemerkt der Kapitän trocken., Christensen gibt keinen Kommentar zu der unhöflichen Bemerkung seines Kapitäns, doch sein Blick sagt: Ohne den Ölkonzern hätten weder du noch ich irgendeine Arbeit. Dann säßen wir immer noch in einem windgepeitschten Bootsschuppen und hofften darauf, daß die Loddenschwärme zurückkehrten. Plötzlich wird die Kajütentür aufgerissen. Oddvar, der Einsatzleiter, steht vor ihnen, rot im Gesicht und mit gesträubten Haaren, nachdem er die Treppe, immer zwei Stufen auf einmal, heraufgestürmt ist. Er hält ein Papier in der Hand, ein Fax, er habe gedacht, sie müßten es sofort erfahren, nämlich, daß das U-Boot gestohlen ist! Das ganze verdammte U-Boot – Diebesgut. Der russischen Marine gestohlen!, III. Harald ist es nicht vergönnt gewesen, lange zu schlafen. Als er einem Steward hilft, die Frühstücksreste aus der Schleuse zu räumen, betritt der Tauchinspektor den Kontrollraum. Er nimmt Harald beiseite und informiert ihn kurz; weder der Steward noch die Taucher in der Kammer können hören, was gesagt wird. Harald läßt die Schultern sinken. Dann geht er zum Steward und bittet ihn, alles Geschirr, das er tragen kann, schon wegzuschaffen. Den Rest würden sie sich nachher vornehmen, denn jetzt müsse der Tauchinspektor mit den Tauchern reden. Nachdem der Chef mit einem Blick auf ein Meßgerät festgestellt hat, daß die Kammerinsassen bis auf hundert Meter dekomprimiert sind, schaltet er das Mikrofon ein und wünscht allen einen guten Morgen. Auf dem Monitor kann er sehen, daß sie aufhorchen. In dem ereignislosen Kammerdasein ist jede Nachricht willkommen. »Ja, guten Morgen«, erwidert Ego Boy, »was ist los? Wie steht’s mit dem Mann, der frei aufgestiegen ist?« »Es ist Zeit, mit der Arbeit anzufangen«, antwortet der Chef. »Der U-Boot-Mann ist im Augenblick in der Druckkammer, es geht ihm nicht gut, aber er ist am Leben. Der Kapitän kann Russisch, und sobald es möglich ist, wird er mit ihm reden. Ihr werdet kontinuierlich über alles informiert, was dabei zutage kommt. Aber jetzt müßt ihr zu den Eingeschlossenen runter. Die Zeit drängt. In der letzten Stunde ist kein Ton von ihnen zu hören gewesen. Doch kann das, wie gesagt, ein technischer Fehler sein. Leider gibt es kein Reserve-TWC, so daß uns jede, Vergleichsmöglichkeit fehlt. Zum Glück brauchen wir hier eine solche Ausrüstung nicht oft.« Aber da sei noch etwas. Diese Aktion ist nicht leicht, und er möchte wirklich unterstreichen, daß ihr Einsatz freiwillig sein muß. Das U-Boot sei nämlich gestohlen! Das klingt völlig verrückt, er gebe es ja zu. Das letzte Mal, als eine solche Kollision stattgefunden hat, gehörten die Havaristen wenigstens der deutschen Flotte an, und der Zwischenfall war zwar irgendwie peinlich, aber aus Sicht der NATO zum Beispiel war er legal. »Dieses Mal ist die Situation völlig anders. Die diplomatischen Verhandlungen laufen auf Hochtouren, genau wie das letzte Mal, doch es gibt jetzt keine Gegenpartei, oder nur im indirekten Sinn. Rußland übernimmt nicht die geringste Verantwortung für das Geschehene, aber natürlich will es das Eigentum seiner Flotte zurückhaben und außerdem die Piraten bestrafen – das Vokabular stammt von ihnen. Für eine solche Form von Verbrechen kann es nur eine Strafe geben. Ihr begreift sicher, welche. Das bedeutet, daß die Leute da unten – obwohl sie in Lebensgefahr schweben, wenn sie nicht, ja ihr wißt schon – unter mehr Druck stehen als nur unter dem der sie umgebenden Wassermassen. Einerseits aufgrund dieses Zwischenfalls. Andererseits weil sie begreifen, was mit ihnen passieren kann, wenn sie geborgen werden, obwohl es keinesfalls selbstverständlich ist, daß Norwegen sie ausliefert. Man weiß nichts darüber. Überhaupt weiß keiner mehr als das soeben Gesagte. Fragen?« In der Druckkammer haben sich jetzt alle auf dem engen Raum zwischen den Kojen versammelt. Ihre Gesichter sind dem Monitor zugewandt, und ihre Haltung spricht von Fragen ohne Ende. Deshalb vergehen einige Sekunden in Schweigen. Dann sagt Glenn, sie seien bereit, schließlich gehe es um Menschenleben., »Gut«, erwidert der Chef, »dann übernehmen jetzt die Einsatzleiter die Sache, wir fangen sofort an!« Tom sitzt konzentriert an seinem Pult im Kontrollraum über der Druckkammer. Am Steuerstand der Kammeroperatoren unter ihm hat noch immer Harald Dienst. Nur er sieht die Taucher, denn oben bei den Einsatzleitern zeigt ein Monitor das bisher noch leere Innere der Taucherglocke. Auf dem anderen Schirm, der die Naßzelle überwacht, müssen jedoch gleich die ersten Personen erscheinen, und Tom blickt hin und wieder reflexmäßig zum Gerät hoch. Wie gewohnt wirft er die langen Haare ruckartig in den Nacken, schaltet das Mikrofon ein und ruft das Team an. »Guten Morgen, meine Herrschaften, hier ist Tom, der sich die Ehre gibt, euch auf dieser ersten Etappe eines so besonderen und wichtigen Tauchgangs zu begleiten. Ich hoffe und rechne damit, daß alles gutgehen wird.« Im Schatten hinter ihm steht abwartend und beobachtend der Tauchinspektor, aber falls die Taucher das vermuten, so lassen sie es sich nicht anmerken. Jetzt heißt es: Tom und sie, und Toms Stimme ist ruhig und vertrauenerweckend. Die Taucher sind es gewöhnt, daß die Stimmen der meisten Einsatzleiter angenehm klingen. Auch wenn es nie bewußt trainiert worden ist, so ist den Einsatzleitern doch klar, daß die Stimme ihr wichtigstes Arbeitsinstrument ist, und der ruhige Ton stellt sich nach einiger Zeit automatisch ein. Die Taucher entspannen sich. Alles wirkt ungefährlich, völlig alltäglich, ein Job, der zu erledigen ist, ein etwas ungewöhnlicher Spaziergang auf halber Höhe zwischen Meeresspiegel und Meeresgrund, warum sollte das nicht gutgehen? Tom beginnt mit der Information. Das Schiff wird versuchen, noch etwas dichter an die Bohrinsel heranzukommen. Einen so geringen Abstand pflegt man zwar normalerweise zu, vermeiden, aber an diesem Tag sind die Dinge nicht ganz so wie sonst. Es gibt jedoch überhaupt keinen Grund zur Beunruhigung. Jedenfalls nicht, was diese Sache angeht. Sie können sich der Plattform so weit nähern, daß kaum eine Briefmarke dazwischenpaßt. Dank der vier separaten Positionierungssysteme wird Deep Seahorse genauso sicher und fest liegen wie einst die Arche Noah auf dem Gipfel des Ararat. Mit anderen Worten, sie werden sich nicht vom Fleck rühren! Da die Umstände von so besonderer Art sind, sollen sie sich selbst einigen, welche beiden Taucher beim ersten Tauchgang nach unten gehen. Möglicherweise bleibt es bei diesem einen Mal, wenn alles bereits völlig… ja sie wüßten schon. Aber der Einsatz wird hoffentlich weitergehen. Es ist also notwendig, eine Reihenfolge festzulegen. Wenn sie in der aktuellen Tiefe angelangt sind – das erste Paar sollte in einer Stunde dort sein –, steigt der eine ganz einfach ins Wasser und schwimmt zum Wrack, während der andere wie gewöhnlich als Bellman in der Glocke bleibt. Man müsse die Sache jetzt mal positiv sehen. Zum Beispiel ist es positiv und ein phantastisches Glück, daß das U-Boot an einer Strebe hängengeblieben ist. Das wahrscheinlichste wäre schließlich gewesen, daß es nach einer solch heftigen Kollision auf den Meeresgrund getrudelt wäre, und dann sähe die Sache nicht ganz so einfach aus. »Das ist sie übrigens jetzt auch nicht«, fügt er etwas leiser hinzu. Ians Stimme unterbricht ihn. Die U-Boot-Besatzung atmet Luft, sie selbst aber sind doch auf Heliox?! Tom ist sich des Problems bewußt, in diesem Fall hat man jedoch keine andere Wahl. Die U-Boot-Besatzung muß den Übergang ganz einfach aushalten. Das müßte funktionieren., Die Einsatzleiter hätten auch die Möglichkeit diskutiert, zu Trimix überzugehen, das wäre vielleicht nicht so übel. Schlimmer wäre allerdings die umgekehrte Situation gewesen, also wenn man die U-Boot-Männer zwingen müßte, vom Sauerstoff-Helium-Gemisch direkt zu Luft überzugehen. Das wäre ihnen schwergefallen. So als müßten sie statt Champagner jetzt Brei trinken. Der Rauscheffekt wäre jedoch genau entgegengesetzt gewesen. Man habe, wie gesagt, keine Wahl. »Über die Reservemaske, die ihr mitnehmt, erhalten sie sofort, wenn ihr sie ihnen überzieht, Gas. Sie werden verwundert und schockiert sein, werden auch reagieren. Aber sie sterben nicht davon. Jedenfalls nicht am Atemgas selbst.« Jetzt mischt sich Ego Boy ein. »Die Ausstiegsschleuse, wenn sie nun beschädigt ist? Wie gleicht man den Druck…?« »Das Torpedorohr«, antwortet Tom rasch. Viel zu rasch. »Hoffe ich«, fügt er leiser hinzu. »Das Torpedorohr«, imitiert ihn Ian höhnisch, »für einen so riskanten Auftrag müssen wir eine Zulage erhalten.« Toms Stimme verändert sich um keine Nuance, ist genauso vertrauenerweckend und angenehm wie zuvor, als er ihnen nun erklärt, daß bei der Sache kein Geld herauszuholen ist. Nur verzweifelte Menschen, die um ihr Leben kämpfen, vielleicht auch Tote, sie spielten hier mit Minuten. Das nächste Mal könnte jemand von ihnen unten eingesperrt sein. Doch Ian bleibt dabei. Er fordert doppelte Bezahlung, und er weiß, daß die Kollegen seiner Meinung sind. Warum müßten sie, die am tiefsten in der Brühe stecken, immer alles ausbaden, müßten Kopf und Kragen riskieren? Wofür eigentlich? Auf jeder anderen Ebene gibt es Gefahrenzulagen, Bonus, Prämien und weiß der Himmel was sonst noch, aber hier – wo man wirklich von Risiko reden kann, und kein Kapital wird riskiert, sondern das eigene Leben –, hier, existieren keine ökonomischen Schutzvorrichtungen, egal wie gefährlich der Einsatz auch sein mag! Nur für die Ehre taucht man hier. Lediglich für eine rote Kokarde! Während die Leute einen auslachten! Die Stimmung in der Kammer ist explosiv. Glenn fängt Ians Blick auf. Diese letzte Sache mit der Kokarde ist wörtlich das, was er am vorigen Abend zu dem Kollegen gesagt und was er selbst aus der »Farm der Tiere« stibitzt hat. Sie seien so leicht zu lenken, so leicht zu manipulieren und eigentlich so schwach, obwohl das Wort Schwäche selbst mit einer Menge Tabus belegt ist, genau wie Angst, Schrecken, Sehnsucht und nichtmaterielle Träume. Schon eine rote Kokarde, eine Anerkennung vom Chef, der eine Stufe über einem steht, ja auch die Bestätigung durch die Gruppe auf demselben Niveau könnte sie dazu bringen, Feuer und Gravitation zu trotzen. Nicht Geld sei der Punkt, wahrhaftig nicht, Geld sei nur der Beweis, und außerdem bezahle man in der Nordsee heutzutage wirklich schlechte Löhne. Also wenn sie ihr Leben aufs Spiel setzen sollten, müßten wenigstens ein paar Tausender extra abfallen. Ego Boy sagt jetzt das, was nötig ist, um ihren Miniklassenkampf nicht stagnieren und einschlafen zu lassen, er will ihn weiter vorantreiben: »Geh die Bonzen holen, Tom. Das kannst du nicht allein klären. Du hast gehört, was wir fordern – doppelte Kasse und das Geld auf den Tisch, bevor wir runtergehen!« Alle haben vergessen, daß Ingrid anwesend ist. Sie hat sich herausgehalten, hat alles nur beobachtet und das Für und Wider erwogen. Die Leitung hatte zuvor schließlich versucht, sie hinauszudrängen, und war dabei von drei Leuten aus der Kammer unterstützt worden. Und sie selbst hatte sich, ausgezogen, um den plumpen Andeutungen, die nur den Zweck verfolgten, sie kleinzukriegen, ein für allemal ein Ende zu setzen. Sie befindet sich in Feindesland und ist doch selbst friedlich gesinnt, und obwohl sie normalerweise kaum aus der Ruhe zu bringen ist, ist sie jetzt nervös. Sie will handeln, ist nicht länger auf mögliche Herausforderungen durch Ölquellen und Pipelines fixiert. Sie denkt ständig an die Leute dort unten. Es ist ihre Menschenpflicht, ihnen zu helfen. Noch leben sie vielleicht, sie kann ihre Angst spüren, es herrscht vielleicht Dunkelheit, und der Sauerstoff geht zu Ende. Sie können irgendwo eingeklemmt sein. Sie können in dem leckgeschlagenen Rumpf dem ganzen Druck des Meeres ausgesetzt sein, und das Wasser sickert vielleicht durch einen dünnen Riß ins Schiff, es steigt, reicht bis zum Brustkorb, zum Hals, zu den Lippen… Der Schädel drückt gegen die Wandung… Sie können nicht entfliehen, nirgendwohin entkommen. Sie sitzen fest. Es ist dunkel. Es ist kalt. Es ist eng, und die stickige Luft einzuatmen ist, als ziehe man Sirup in die Lungen. Sie wissen, in fünfzig, dreißig, fünfzehn Minuten wird das Wasser so hoch gestiegen sein, daß weitere Atemzüge unter der Oberfläche geschehen müssen. Im Wasser, im Wasser, im Wasser. Wie durch einen Tunnel hört Ingrid die Diskussion der Männer über die Sonderbezahlung, und plötzlich klettert sie die Leiter zur Naßzelle hoch und informiert die anderen, daß Leute sterben, während sie hier über Dollars und Cents streiten. »Bestimm einen Bellman, Tom, wir haben keine Zeit zu verlieren!« Verwirrung entsteht in der Kammer. Die Männer sehen Ingrids Füße über der Leiter verschwinden, und es wird still. Sie sehen einander an. Ihre Kampflust versiegt. Glenn macht den Versuch, Ingrid zu folgen, aber Bengt kommt ihm zuvor. Er grinst breit und zeigt Glenn den Finger, bevor er hinter ihr, in der Naßzelle verschwindet. Sie hören, wie er Tom zuruft: »Hier bin ich, Tom – ich gehe mit ihr runter!« Ian, Glenn und Ego Boy starren sich an. Eigentlich sollten sie wütend werden. Sollten die Sache hier stoppen und weiterverhandeln. Aber aus irgendeinem Grund stehen sie nur mit hängenden Armen da. Ihre Gefühle sind in Aufruhr. Ego Boy ist als einziger erbost. Glenn freut sich, sie erfüllt seine Erwartungen, nur eine Frau ist dazu fähig, und Ian fühlt sich beschämt, er hat Angst und ist sauer – sie soll hier nicht kommen und ihn belehren, er hat ihr die Sache schließlich beigebracht, so darf das alles nicht laufen! Aber nichts davon wird gesagt. Schließlich öffnet Ego Boy den Mund: »Das kriegt sie nie hin. Ich wette, daß sie schlappmacht.« Ian nickt. Sie wird schlappmachen. »Hältst du dagegen, Glenn?« Sicher hält er dagegen, leichtverdientes Geld. Dieses Mädel ist clever, sie wird nicht schlappmachen. Er setzt einen Tausender: »Seid ihr dabei?« Wieder landet eine Sikhorski auf dem grünspanfarbenen Hubschrauberdeck des Schiffes, und der erste, der zur Skylobby rennt, um zur Krankenkabine geführt zu werden, ist ein Arzt, Spezialist für Tauchermedizin. Nicht das erste Mal ist er zum Akuteinsatz in den Ölfeldern unterwegs, und es ist auch nicht das erste Mal, daß er sich um einen Menschen aus einem gesunkenen U-Boot kümmern muß. Gerade deshalb beeilt er sich, er weiß, daß es um Minuten geht, perforierte Lungenbläschen sind nichts für Amateure. Vor der Reservedruckkammer steht Charles und starrt hilflos durch das kleine Bullauge. Als der Arzt die Tür zum Kontrollraum aufreißt, stößt er ein Gott sei Dank! hervor, dem ein Strom von Daten folgt. Er hatte sich bereitgehalten, um dem Arzt einen fliegenden Start zu ermöglichen, und er redet, zu schnell, aber der Arzt nickt ihm zu, daß er verstanden hat, eilt zur Kammer und blickt hinein. Dann schaut er auf den Druckmesser. Die beiden Insassen sind jetzt bei fünfzig Meter angelangt. »Ich wollte sie gerade in die Sättigung bringen«, erklärt Charles, denn der den Kranken begleitende Matrose sieht mitgenommen aus, er sitzt schlaff unter seinem Patienten am Boden. Der Russe liegt genauso da wie zuvor, er hat sich überhaupt nicht bewegt. Charles verstummt. Jetzt weiß der Arzt über alles Bescheid, doch er hat noch immer nichts gefragt. Steht einen Augenblick nur da und blickt in die Kammer. Der Matrose legt eine Hand auf den Brustkorb des Russen und schüttelt langsam den Kopf. Der Russe ist aschgrau. Die Körpertemperatur beträgt nur noch einunddreißig Grad. »Dekomprimiere«, sagt der Arzt. Charles protestiert, er ist zwar kein Arzt, aber besteht nicht das Risiko, daß sie die Sache überstürzen? Der Patient hat doch sogar gesprochen, bevor die Luke geschlossen wurde?! Der Arzt nimmt das Mikrofon und gibt dem Matrosen Anweisungen. Dieser löst die Elektroden von der nackten Brust des Russen, reißt achtlos den Tropf aus dem Handgelenk und legt den Körper zurecht. Der Mann sieht unnatürlich aus. Grau, aufgrund der schlechten Durchblutung. Die Lippen weiß, die Haare an Brust und Armen noch immer feucht, in Wirbeln. Er liegt mit geschlossenen Augen da. Am Hals geronnenes schwarzes Blut. Seine Augen? Werden sie sich nie mehr öffnen? Charles steht reglos mitten im Raum, die Kräfte verlassen ihn. Bleierne Schwere ergreift alle seine Sinne. »Du hast getan, was du konntest«, sagt der Arzt. »Er kann schon Wasser in der Lunge gehabt haben, bevor er sich ans Aufsteigen machte, es braucht nicht viel, er hat es nicht geschafft, richtig zu ventilieren. Sie ist zerplatzt. Buchstäblich., Wirf dir nichts vor. Du hast vorbildlich gehandelt. Ich hätte in deiner Lage nichts anderes getan. Sag Bescheid wegen einem Platz im Kühlraum.« In der metallglänzenden Naßzelle mit Toilette, Dusche, Waschbecken und der Schleuse für die Taucheranzüge mühen sich Ingrid und Bengt mit ihrer Kombination. Sie helfen sich gegenseitig, die verschiedenen Schläuche anzuschließen. Das Anziehen ist Routine, sie winden sich in ihre zusätzliche Haut mit den eingebauten Warmwasserschläuchen um den ganzen Körper, und sie beeilen sich, ohne zu schludern. Bei der Kombination würden sie niemals schludern, denn ohne Haut kommt niemand klar. Inzwischen ist in der Tauchkontrolle eine heftige Diskussion zwischen Tom und dem Tauchinspektor entbrannt. Sie laufen vor dem Steuerpult hin und her. Tom meint, es sei das falsche Team, das jetzt nach unten geht. Ingrid dabeizuhaben, das sei zwar erfrischend, doch sollte man beim ersten Mal wirklich eine routiniertere Person nehmen! Aber der Tauchinspektor beschließt, die Sache bis zum Ende durchzuziehen, er wolle kein unnötiges Theater, soll sie doch tun, was sie will, Ingrid habe schließlich dem Bonusgerede ein Ende gesetzt, man gewinne Zeit und Geld und damit vielleicht auch Ehre, wenn die Russen so schnell wie möglich nach oben geholt würden, statt daß man sich auf zeitraubende Verhandlungen einlasse. Tom schaut seinen Chef an. Der macht natürlich Scherze, er ist alt, aber trotzdem zieht er es anscheinend vor, sich ironisch auszudrücken. Tom lächelt zögernd. Der Chef klopft ihm auf die Schulter. Sicher meint er es ironisch. Und außerdem gibt es noch einen zweiten Grund, den er lieber verschweigt. Für ihn und für, Christensen ist es wichtig, was Mykeltun weiß und was er nicht weiß, außerdem, wie er es erfahren soll. Und auch wann. Wenn es passiert, nachdem Ingrid schon im Einsatz war, wird die Nachricht gewissermaßen entschärft. Trotzdem wird Mykeltun stocksauer sein. Aber in einer solchen Situation amüsiert ihn die Sache vielleicht ein wenig. Oder imponiert ihm sogar. Persönliche Initiative, Tatkraft, unkonventionelle Methoden, Mykeltun will Spaß haben, das vor allen Dingen. Wenn der Unterhaltungswert auf einem Niveau mit dem Marktwert ist, fühlt er sich großartig, das weiß der Tauchinspektor. Weshalb sich also beunruhigen? Der Bildschirm zeigt nun, daß die beiden Taucher gleich fertig sind und in die Taucherglocke steigen können. Zeit für den Bell-Check. Der Tauchinspektor legt Tom die Hand auf die Schulter. Die Umstände seien extrem, und da heiße es, flexibel sein. Die Taucher sollten glauben, sie hätten die Sache unter Kontrolle, erst dann erreiche man, daß sie sich selbst übertreffen. »Je länger die Leine, desto effektiver die Schlinge?« fragt Tom rhetorisch. Der Tauchinspektor nickt, ungefähr so, ja. Meint der Chef es wieder ironisch? Tom weiß nicht, ob er lächeln soll, weiß nicht, wo er seinen Chef im Moment hat. Macht der Spaß oder denkt er wirklich so? Trotz harter Fäuste und einem von Kindheit an ausgeprägten Führungsinstinkt hat der Tauchinspektor immer Spaß daran gefunden, sich kulturell zu bilden. Es hatte mit Neugier begonnen und war dann eine Art Sport geworden. Inzwischen hat er viel gelernt, und die Benachteiligung der kulturellen Welt gegenüber der Technologie, von der sie abhängt, besitzt für ihn einen subtilen Unterhaltungswert, den er bedauerlicherweise nur ganz allein genießen kann, da keiner von denen, die er kennt, Philosophie oder Lyrik vor dem Einschlafen liest. Es amüsiert ihn, Fehler zu finden,, Schwächen, die logischen Verrenkungen und den Mangel an Einsicht und Sachkenntnis. Was er selbst tut, bringt das Brot, Kunst ist nur die Schokolade. Daß Kunst ebenfalls Brot sein soll, ist nur Gerede, dem er nicht zustimmen kann, und dank seiner Studien weiß er, wovon er spricht. Was ihn nicht hindert, diese Schokolade zu mögen. Die Ironie der Ironie, ein postmoderner Doppelsalto, ist eine Formensprache, die seiner eigenen Zwangssituation im Moment entspricht. Die Gegenwart wird bei der Gestaltung kühl widergespiegelt, und auch er selbst muß kühl bleiben, wenn die rasenden ökonomischen Stürme seine bereits hart gestutzte Branche weiter dezimieren. »Davon hätte man wissen sollen, als man selbst da unten schuftete«, zischt Tom leise, »von dieser Schlingentaktik. Je mehr man erfährt, desto unruhiger wird man. Was für eine grausame Wahrheit, je weniger Einsicht, desto besser – daß man mit dem Kopf direkt auf dem Richtblock geschlafen hat!« »Himmel, wie redegewandt du plötzlich geworden bist«, sagt der Tauchinspektor, als er sich gezwungen fühlt, einen Moment in Toms braune Augen zu blicken. Eine Zehntelsekunde – dann ist die Begegnung vorüber. Der Tauchinspektor hat eine Empfindsamkeit, die ihm keiner zutraut. Ironie hilft ihm, sich in der Wirklichkeit zu behaupten. Als Tom sich ans Steuerpult gesetzt hat und das Mikrofon einschalten will, betritt Charles den Raum. An seiner Haltung können sie sofort ablesen, was passiert ist: Der Russe hat’s nicht geschafft. Eine halbe Stunde später ist der Bell-Check erledigt, die Ausrüstung der beiden Taucher – ebenso die Taucherglocke – ist nach einem standardisierten Ablauf, Punkt für Punkt, überprüft worden. Ist dieser oder jener Hahn geschlossen?, Rodger. Ist dieses oder jenes Ventil geöffnet? Rodger. Sind die Schläuche an diesem oder jenem Regler angeschlossen? Rodger. Das einschläfernde Ritual, das alle hören können, hat eine beruhigende Wirkung gehabt. Alles ist genau so wie sonst, wie es immer gewesen ist. In der Zwischenzeit hat der Tauchinspektor Zeit zum Nachdenken gehabt, er hält nämlich eine schriftliche Order von höchster Stelle in der Hand und außerdem ein Gerät. Nun geht es darum, die Sache auf richtige Weise zu übermitteln. Er hat Tom angewiesen, den toten U-Boot-Mann nicht zu erwähnen. Noch nicht. Warum? Er weiß selbst nicht, warum er es verschweigen will. Es wird sie deprimieren, natürlich, aber ist es richtig? Vielleicht macht er einen Fehler. Er will nur warten, bis der erste Tauchgang hinter ihnen liegt. Als der Bell-Check beendet ist, greift er zum Mikrofon und gibt Tom zugleich ein Zeichen, das Gerät in die Schleuse zu legen. Er sieht, wie die Taucher auf das plötzliche Geräusch reagieren. Sie sind überrascht, daß die Schleuse benutzt wird, kurz bevor sie nach unten gehen. Es dauert ein paar Minuten, bis der Druck in den wenigen Kubikdezimetern gestiegen ist und die Taucher die Luke von der Innenseite der Naßzelle aus öffnen können. Die Zeit nutzt der Tauchinspektor, um sie vorzubereiten. »Wie ihr hört, kommt da etwas zu euch rein. Es ist ein Gerät, das ich euch bitte am Gurt anzubringen, wenn ihr euch zum Wrack aufmacht. Eine reine Routinemaßnahme, aber sie ist trotzdem wichtig. Es ist auch eine Anweisung dazu ergangen.« Jetzt ist zu hören, daß der Druckausgleich erfolgt ist, und auf dem Monitor kann der Tauchinspektor sehen, wie Bengt zurück in die Naßzelle steigt, die Luke öffnet und dort stehenbleibt., »Ein Geigerzähler«, sagt er verwundert, »du hast doch gesagt, Kernwaffen kann es nicht an Bord haben.« »Reine Routinemaßnahme«, erwidert der Tauchinspektor, »kein Grund zur Beunruhigung, legt einfach den Zähler an, ihr werdet selbst sehen, daß er nicht ausschlägt, ist doch gut, oder?« »Aber warum?« Ingrid hat sich in der Glocke aufgerichtet und durch die Öffnung zur Naßzelle gebeugt. »Warum müssen wir einen Geigerzähler mitnehmen, wenn das Strahlungsrisiko gleich Null ist. Denn so ist es ja wohl. Oder nicht?« Der Tauchinspektor faßt sich ans Kinn. Er reibt seine Bartstoppeln. Er wird eine Dusche nehmen und sich rasieren. Sobald das hier beendet ist. »Es gibt einige hundert tragbare Atomsprengköpfe, die irgendwo in Umlauf sind. Die Gefahr ist mikroskopisch klein. Deshalb ist es also.« In Taucherglocke und Naßzelle wird es still. »Wir können jetzt nicht abbrechen«, sagt Ingrid. Bengt steigt in die Taucherglocke zurück. »Okay, der Bell- Check ist erledigt«, sagt er und schließt die beiden Klappen, die äußere und die innere. »Nimm den Druck aus der Kiste, Tom, damit wir loskönnen.« Tom befolgt die Aufforderung und senkt den Druck in der Schleuse, so daß ein paar Matrosen die Glocke leicht von der Naßzelle abkoppeln können. »Sie haben nichts von dem U-Boot-Mann erfahren«, Tom wendet sich fragend an den Tauchinspektor, »hätten wir es nicht sagen sollen?« »Wir tun es nachher«, antwortet der Inspektor, »falls sie fragen. Jetzt haben sie an anderes zu denken.«, Die Glocke hängt an der Laufkatze. Sie wird gestartet und fährt im Singsang mit ihrer wichtigen Last zum Moonpool. Metallgesang: Stahlrolle auf Stahlschiene. Über dem Moonpool übernimmt eine andere Maschinerie den Transport des Behälters, in dem zwei Menschen wie die Ducks quaken. Doch haben sie sich daran gewöhnt und kümmern sich nicht darum. Die riesige Kabelwinde mit der mehr als armdicken Nabelschnur ist undeutlich durch die kleinen Bullaugen zu erkennen. Technik schafft Leben, Lebensbedingungen, denkt Ingrid, Elektronik ist die Garantie für das Weiterleben der Menschheit. Die Glocke ruckt ein wenig, als die Verbindungen der Nabelschnur gelöst und das Tragseil befestigt wird. Das Knirschen ist bis in die Glocke zu hören. Durch das Bullauge winken ihnen ein paar Matrosen scherzhaft zu. Sie winken zurück. Dann schauen Ingrid und Bengt sich an. Sie hängen nun über dem Abgrund. Sie fühlen es, auch wenn sie das Meer von ihrer Position aus nicht sehen können. Vorsichtig lächeln sie einander zu. Sie denken beide an dasselbe. Daß ihr Konflikt jetzt weit weg und sehr lächerlich erscheint. Schließlich geht es die ganze Zeit um diese Sache hier. Daß sie nach unten sollen, um eine Arbeit zu tun, und deren Gelingen hängt von ihnen ab, nur von ihnen, und sie müssen zusammenhalten und dürfen sich nicht in die Haare kriegen, denn ihre Wut wird für andere Dinge gebraucht. Die Glocke schaukelt sanft, dann beginnt ihre Fahrt nach unten. Sie können das Quietschen der Winde hören, als das Seil von der Trommel abrollt, und die dicke Nabelschnur, bestehend aus den Leitungen für Atemgas, Warmwasser und der Verbindung zum Einsatzleiter, sich vom großen, Kabelkreisel abwickelt und nach unten bewegt wie ein zielbewußt suchendes, riesiges Reptil. Dicht vor dem dezimeterdicken Glas der Bullaugen sehen sie die rostige Stahltrommel des Moonpools, die sich gleich einem Fahrstuhlschacht langsam nach oben bewegt. Es ist am Glockenkörper zu spüren, daß sie den Meeresspiegel erreichen. Das Wasser leckt lautlos am Glas der Bullaugen. Dann verändert sich das Licht. Es wird dunkler, und gemeinsam spüren sie, wie das Guidewire einhakt und mit seinem Gegengewicht, dem Guidegewicht, die Aufgabe der Stahltrommel übernimmt, nämlich die Glocke so zu lenken, daß sie nicht rotiert, sondern sich kerzengerade in die Tiefe bewegt. Es ist dunkel unter dem Schiff. Sie haben hundert Meter Fahrt vor sich, und die Glocke wird eine Weile brauchen, um am Guidewire bis zu ihrem Bestimmungsort zu gelangen, zu dem Niveau, wo der Druck außerhalb der Glocke genauso groß ist wie der in ihrem Inneren. Haben sie diesen Punkt erreicht, ist es nicht schwer, die Bodenluke zu öffnen, ins Wasser hinunterzusteigen und loszuschwimmen. Im sie umgebenden Element herrscht dann jener Druck, auf den ihre Körper eingestellt sind und der dem des Gases entspricht, das sie atmen. Sie bewegen sich durch das Meer nach unten. Aus dem Lautsprecher dringt Toms ausgeglichene Stimme zu Ingrid wie im Traum. Sie antwortet auf seine Fragen und fühlt sich ruhig. Alles ist unwirklich. Ein Luftschiff, das gezwungen ist, in einem unbekannten Gebiet zu landen. Was verbirgt sich unter den Wolken? Sie betrachtet Bengt, der einen eigenen Bell-Check begonnen hat, um beschäftigt zu sein. Er tastet nach den Anschlüssen, zieht an Schläuchen, aber sein Zustand ist rein meditativ, sie, fühlt es, sie sieht, wie abwesend er ist. Er konzentriert sich auf unbewußte, routinierte Weise. Und er ist schön. Auch sie bemerkt es. Ein schöner Mann in ihrem Alter. Wieviel Spaß sie hätten haben können. Er ist ein kompetenter Arbeitskollege, so einer, wie jeder ihn sich wünscht. Mit dem sie nie hätte in Konflikt geraten müssen. Wenn sie nicht die Person gewesen wäre, die sie ist. Sie bereut es, sich ausgezogen zu haben, daß sie sich hat provozieren lassen. Ein Fehler, sie weiß es nur zu gut. Wirklich ein Fehler, daß sie gegen jede Gefahr angehen muß, statt ihr auszuweichen. Sie hätte sich statt dessen mit Worten wehren können… Aber das hätte nicht gereicht. Das hätte das Ganze vielleicht noch schlimmer gemacht. Sie ist ihrer Intuition gefolgt und hat die Sache bis zum Ende durchgezogen, und dann blieb nichts mehr zu sagen und nichts mehr zu tun. Außer, auch im Handeln pervers zu werden. Aber die Männer waren nicht so, das hat sie immer gewußt. Es gab eine Sperre. Alles andere wäre undenkbar gewesen! Sie darf sich nicht ständig provozieren lassen. Es wird schlimm für sie enden, wenn sie bei jeder Attacke zurückschlägt. Vielleicht ist sie es, die pervers ist? Frauen sind sanft, weichen zurück und siegen durch ein Lächeln. Ihre Unversöhnlichkeit ist unweiblich, und ihre mangelnde Bereitschaft, sich tausendjährigen Strukturen unterzuordnen, ist dumm. Warum kann sie sich nicht normal aufführen und Dingen aus dem Weg gehen, die sie nicht in den Griff bekommt? Wie hätte sie sich dann aber verhalten müssen? Sie kann nicht anders. Sonst würde sie sich verbiegen. Die meisten tun es früher oder später, aber sie schafft es nicht, begreift den Sinn nicht. Anders – schlechter. Warum?, Draußen vor den Bullaugen ist die grüngraue Dämmerung in tiefe Nacht übergegangen, und es ist nichts mehr zu sehen. Sich anders verhalten hätte zur Folge gehabt, daß sie überhaupt nicht hier gewesen wäre. Also doch pervers, weil sie sich in diese Welt begeben hat. Dennoch ist sie froh, jetzt, wo Menschenleben auf dem Spiel stehen, hier zu sein. Falls sie irgendwelche weiblichen Eigenschaften besitzt, werden sie bald zur Anwendung kommen, glaubt sie jedenfalls. Ihre Gedanken kreisen zaghaft um die Hilfsbedürftigen. Sie will nicht an sie denken. Sich nicht in ihre Lage versetzen. Sie will sie als Objekte betrachten, die unter bestimmten, ganz besonderen Umständen nach oben geholt werden müssen. Biologie. Atmung. Warmhaltende, warmblütige… biologische chemische autonome Systeme… Sie müssen nach oben. Sie wird ihre Arbeit tun. Sie sollen leben. Bengt bemerkt, daß sie ihn ansieht. Er lächelt. Munter, ohne Zweideutigkeit. »Es ist spannend, findest du nicht?« fragt er. »Es ist schrecklich«, antwortet sie. »Aber du hast recht. Es ist auch spannend. Wirklich.« Der klare Morgen ist grauem Dunst gewichen; von der glänzenden Dünung ist nichts mehr zu sehen. Das Meer spielt, Kräuselwellen laufen über die Oberfläche und springen zur Bohrinsel hoch – lärmende weißblonde Kinder, die quengelnd versuchen, auf den Schoß der Mutter zu gelangen. Die ersten Regentropfen fallen still auf Scheiben und Persenning. Für den Mann, der gerade zusammen mit einem toten Fremden dekomprimiert wird, ist die Situation trostlos. In regelmäßigen Abständen blickt er auf die Uhr, und ein freundlicher Operator am Steuerpult draußen versucht ihn bei, Laune zu halten, indem er über dieses und jenes plaudert. Aber das Gespräch droht ständig zu versiegen. Der Mann vor der Kammer weiß nicht, was er sagen soll, er kennt den Matrosen nicht. Witze machen geht nicht, über sich selbst zu sprechen, erscheint ihm unpassend, und über das Essen oder das Wetter zu reden, könnte den Anschein erwecken, als ließe ihn die Sache kalt. Der tote Russe ist völlig anonym, sie wissen nicht einmal, wie er heißt. Geheißen hat. Dem Operator wäre es am liebsten gewesen, wenn man auf die Dekompression verzichtet und die Leiche sofort herausgeholt hätte, aber dann wäre das Gewebe zerstört und eine Obduktion unmöglich gewesen. Da in dem Körper kein Stoffwechsel mehr stattfand, mußte man sogar noch langsamer dekomprimieren als sonst, und deshalb war der Matrose gezwungen, quälend lange bei dem Toten auszuharren. Der Mann kann es nicht unterlassen, über den Verstorbenen nachzugrübeln. Leben seine Eltern noch? War er verheiratet? Hatte er Kinder? Wie ist er hierher geraten? Wer soll ihn begraben? Und wo? Wird an diesem Tag jemand an seinem Sarg weinen? Der Matrose bereut es, daß er sich mit dem Russen hat komprimieren lassen. Der Auftrag war freiwillig. Er fühlte sich gezwungen, weil er eine Ausbildung als Sanitäter hat. Der Operator dort draußen ist wieder verstummt. Was soll er auch sagen? Der Matrose verspürt heftige Sehnsucht nach einem Aufenthalt an Deck. Noch Stunden, bis er endlich hier rauskommt und wieder überall hinschauen kann, ohne daß sein Blick auf einen toten Menschen trifft. Ingrid hilft Bengt die Anschlüsse des Taucherhelms zu befestigen, und Tom führt sie ruhig durch das wohlbekannte, Ritual. Für das Atemgas gibt es ein geschlossenes System, was eine Menge Einstellungen erfordert, im Unterschied zu älteren Ausrüstungen, bei denen das verbrauchte Gas ganz ins Wasser abgegeben wurde. Am Gurt trägt Bengt den Geigerzähler, und am Helm sind ein Scheinwerfer und eine Fernsehkamera angebracht. Auf dem Rücken, über den Reservegasflaschen, ist die zusätzliche Maske mit ihrer Nabelschnur befestigt, so daß sie zusammen mit seiner eigenen abgewickelt werden kann, ohne daß sich der Taucher darin verheddert. Ingrid zieht prüfend an den Nabelschnüren. Tom sagt zu Bengt, er könne jetzt die Glocke verlassen. Bengt macht einen großen Schritt in die Öffnung hinunter. Als er auf dem Bodengestell steht, reicht ihm das Wasser bis zur Brust. Er tastet nach den Flossen, die auf der Außenseite der Glocke in einem Korb stecken, und zieht sie an. Er formt die Finger zum Ring, um Ingrid anzuzeigen, daß er bereit ist. Dann bewegt er sich nach unten und verschwindet völlig im Wasser. Er stößt sich von der Glocke ab und schwimmt in das große Unbekannte hinaus, hinter ihm her schlängeln die Nabelschnüre, seine eigene und das Umbilical der Reservemaske. In der Glocke zeigt das Abwickeln der Schläuche Bengts Vorwärtskommen an. Ingrid behält sie genau im Blick. Sie ist völlig ruhig. Über den Lautsprecher verfolgt sie die Verständigung zwischen Tom und Bengt round-robin, jeder hört jeden. Sie sitzt in Sicherheit, während Bengt immer weiter in die Dunkelheit vordringt, doch über das zusätzliche Auge auf dem Helm können die Einsatzleiter sein Tun verfolgen. Wenn er sich umdreht, sieht er den sicheren Hort, die Glocke, mit ihren nach unten gerichteten Scheinwerfern und den kleinen Bullaugen, aus denen warmes Licht dringt. Die Taucherglocke, die dort funkelnd im schwarzen Raum hängt,, sieht aus wie ein glänzender Schmuck, eine Fata Morgana, und Bengt ist mit ihr verbunden. Von der Glocke bekommt er Wärme, Licht, Atemgas und Toms Stimme direkt ins Ohr. Es ist anstrengend. Alles ist anstrengend in dieser Tiefe. Wieviel wiegt eine Wassersäule von hundert Metern? Aber daran denkt man nicht. Der andersartige Zustand bedrängt einen nur von allen Seiten. Bengts Atmen ist Zug um Zug zu hören, und jetzt seine Stimme, konzentriert, aber verzerrt: Er sehe eine Säule vom Fundament der Bohrinsel. Dann Stille. Toms seelenruhige, geradezu meditative Stimme fragt nach Abstand, nach Metern, denn die Sicht ist schlecht. Bengt, der im Wasserraum schwebt, antwortet, er gehe ein paar Meter tiefer wegen einer Strebe. Dann wieder Stille. Toms Fragen. Abstand. Sicht. Und Bengt antwortet und atmet und atmet. Er sieht etwas vor sich. Es ist das Wrack, das U-Boot-Wrack, das über eine Kante hinunterhängt. Es sieht aus, als sei das U- Boot mit großer Geschwindigkeit schräg aufgestiegen. Sein Heck steckt über der Kante fest. Schäden an der Strebe der Bohrinsel. Offener Riß am unteren Teil des U-Boots. Turm intakt. Ingrid kann Bengts Atemzüge hören, jetzt ungleichmäßig, er arbeitet an irgend etwas. Das Schlängeln der Nabelschnüre hat aufgehört. Sie liegen still, wie totes Getier hängen sie nach unten ins Bodenloch. Plötzlich schreit Bengt auf und dann: »Oh, zum Teufel, ein Toter! Er ist direkt auf mich zugeschwommen!« »Ja, ich sehe ihn«, sagt Tom, »kannst du ihn nehmen?« Aber die Leiche sinkt weg, außer Sichtweite. Tom sagt, das sei ein Problem für später, jetzt gehe es um eventuelle Überlebende. In der Glocke bewegen sich die Nabelschnüre langsam weiter nach draußen. Ingrid denkt an ganz andere Dinge, sie denkt an, die Freunde, an Feste, an Beziehungen und daß sie sich irgendwann richtig verlieben wird, aber noch hat sie dazu keine Zeit, auch keine Lust. All das liegt vor ihr, es bringt so vieles mit sich, sie will noch eine Weile ihre eigenen Wege gehen. Das schlechte Gewissen plagt sie, denn es gibt einen Mann, der sie liebt, er wartet geduldig und ist dabei fröhlich wie die anderen, zeigt seinen Schmerz nicht, von dem sie aber weiß. Einer, der sie liebt, der nicht nur an sich denkt. Thomas. Viel zu groß. Sie sollte einfach verschwinden, aber dann verliert sie ihre Freunde, ihre Bekannten, die auch die seinen sind. Er war nicht froh darüber, daß sie diese Arbeit angenommen hat. Er hat nichts gesagt, aber sie weiß es. Sie ist einen Monat weg, ohne jede Möglichkeit eines Kontakts. Das ist gut für ihn, gut für sie beide. Es ist gut für ihr Gewissen, das sie oft plagt, sehr oft, und für ihre Standfestigkeit, sie war schon fast soweit, die Kontrolle zu verlieren. Plötzlich sind Flüche zu hören. Sie kommen von Tom, der verkündet, das Bild auf dem Monitor sei verschwunden. Er kann den Tauchgang nicht mehr visuell verfolgen. Wirklich großartig! Und gerade jetzt muß es passieren! »Kannst du ohne meine Augen weitermachen, Bengt?« »Schön, dich nicht ständig über der Schulter hängen zu haben«, antwortet Bengt. »Ich bin ja nicht stumm. Und dumm auch nicht. Ich mach also weiter – with your permission?« »Gut«, erwidert Tom, »die Fehlersuche hier oben ist schon im Gange.« Wieder Bengts Atemzüge. Tom fragt, wie es läuft, und Bengt antwortet, er habe die Einstiegsluke gefunden. Tom bittet ihn, den Geigerzähler zu kontrollieren. Pause. Dann Bengts, Antwort: »Kein Ausschlag. Hier gibt’s keine Radioaktivität.« Dann wieder seine Atemzüge. Als lägen wir in derselben Koje, denkt Ingrid ein bißchen nervös, ein bißchen boshaft. Mein Gott, wie du keuchst. Nach einer Weile ein Ausruf: »Ich habe sie gefunden!« Auf dem Meer hat der Regen zugenommen. Routiniert zurrt die Decksmannschaft alles Bewegliche fest. Die Männer tragen Kapuzenoveralls in leuchtendem Orange und bewegen sich ruhig und bedächtig. Die Wellen sind zu Halbwüchsigen geworden, die energisch Platz verlangen. Der Wind pfeift zwischen den Trossen, und gleich einem weißen Blatt Papier flattert eine Trottellumme in einer Böe fort. Eine weitere Sikhorski wird auf dem Hubschrauberlandeplatz eingewiesen. Der Äther ist voller elektromagnetischer Impulse – Telefon, Fax, Computer und Funk. Alle Aufmerksamkeit ist auf Deep Seahorse gerichtet. Der Kapitän auf der Brücke knallt den Hörer auf. Er hat gute Lust, überhaupt nicht mehr zu reagieren, aber dazu fehlt ihm die Befugnis. Die Scheibenwischer auf dem Brückenfenster schwappen die Wassermassen effektiv zur Seite, und die vertrauten, erprobten Instrumente leuchten mintgrün und rot auf dem schwarzen Armaturenbrett. Was ihn anbetrifft, ist alles unter Kontrolle, doch gefallen ihm die Spannung und Erregung nicht, die das ganze Schiff erfaßt haben. Er wünscht sich Ruhe und Frieden. Er flucht vor sich hin, als das Telefon erneut schrillt. Welche Zeitung ist das nun wieder? Oder gibt sich vielleicht das Fernsehen die Ehre? Von ihm erhalten sie keinen Kommentar, er wird sie an die Informationsabteilung verweisen, egal was sie sagen oder in Form von Abendessen, Reisen oder barem Geld versprechen mögen., In der Druckkammer herrscht untätiges Warten. Glenn und Ego Boy haben sich nichts zu sagen, und Ian hat den Versuch aufgegeben, ein sinnvolles Gespräch in Gang zu bringen. Ein Ja oder Nein ist geistreichen Überlegungen nicht eben förderlich, halten sie ihn denn für einen dieser verdammten Moderatoren? Sie könnten sich, weiß Gott, selber etwas anstrengen! Aber nicht einmal er kann sich auf das Lesen konzentrieren, und die Musik, die er sich über Kopfhörer bestellt hat, macht ihn nur nervös. Ian liegt auf dem Bett und starrt an die Decke, das Denken durch diffuse Aggressionen blockiert. In der Koje unter ihm liegt Glenn und grübelt. Im Unterschied zu Ian wagt er es, an seine Kinder zu denken. Aber die Gedanken erfüllen ihn mit Trauer. Seine Kinder sind nicht mehr so klein wie Ians, aber klein genug, um ihren Papa noch zu brauchen. Außer dem Ältesten natürlich, der schon die ganzen Jahre die Rolle des Vaters übernehmen mußte. Es gibt vieles, was Glenn bereut, und er wünschte, er könnte mit dem Tauchen aufhören, aber er ist zu alt, um etwas anderes anzufangen. Und er würde es nicht ertragen, sich kaltblütig mit der sicheren Arbeitslosigkeit an Land zu bestrafen. Also muß er weiterstrampeln, bis er durch Unfall, Lizenzentzug oder einfach aufgrund des Alters ausgebootet wird. Der Supervertrag zwingt ihn jedenfalls bis zu seinem Fünfundsechzigsten auszuharren, nicht, wie es beispielsweise für Hubschrauberpiloten gilt, nur bis zum Fünfundfünfzigsten. Ihm tut das Mädel, diese Ingrid, leid, einfach, weil sie hier gelandet ist. Das ist kein Leben, für niemanden, und daß hier nur Männer sind, ist wirklich keine Garantie für den Wert der Sache. Eher weist es auf eine fehlende Gleichstellung des Mannes hin – warum müssen immer wir die gefährlichsten und körperlich anstrengendsten Jobs erledigen? Warum erwartet, man von uns nie, daß wir uns um Privatleben, Familie und Zuhause kümmern? Hoffen lassen die ständig raffinierter werdenden ROV- Fahrzeuge, die Mini-U-Boote und die vom Schiff aus immer unkomplizierter zu manövrierenden Roboter, die, wie er glaubt und hofft, in Zukunft die schweren und gefährlichen Arbeitsaufgaben der Taucher übernehmen werden. Doch hilfsbedürftige Menschen werden Roboter nicht retten, noch lange nicht. Und auch weiterhin werden sich Leute in der Tiefe aufhalten, und die ins Stocken geratene Forschung wird erneut in Schwung kommen, sobald wieder Geld vorhanden ist, um die Grenzen immer mehr zu verschieben. Die inneren Grenzen kümmern niemanden. Sie sind einfach nur da, und man weiß nie, wie eine Sache ausgehen wird, bis der Tag kommt, an dem einer bis an die Grenze des für ihn Erträglichen getrieben wird. Dann hat man die Wahl. Die einzige freie Wahl. Dann wählt man, wer man sein will. Er schielt nach hinten in die Kammer zu Ego Boy, der in seiner Koje liegt und Musik hört. Dessen Zehen bewegen sich rhythmisch, alles ist offenbar super. Ego Boy fühlt sich in seinem Element, jetzt, wo es heiß hergeht und er die Chance hat, den großen Mann zu spielen. Dieses Aas, da liegt er, läßt sich’s wohl ergehen, und irgendwo auf einem Gräberfeld liegt Erlands Asche. Ein schlimmerer Tod als der eines Tieres, aber niemand hatte Schuld. Das hat das Gericht Ego Boy klar bescheinigt. Und alles geht immer weiter und weiter – irgendeine höhere Gerechtigkeit, die eingreifen und alles zurechtrücken könnte, gibt es im wirklichen Leben nicht. Ego Boy ist frei und noch am Leben. Erland ist tot. Wenn er selbst damals mit Erland runtergegangen wäre, lebte sein Freund heute noch., Ingrid kniet neben dem Ausstieg. Das Wasser brodelt. Ein Kopf in einer Kirby-Morgan-Band-Maske taucht auf. Tom weist sie an, den Hilflosen in die Glocke zu ziehen. Sie streckt ihre Hände ins Wasser und greift diesem Mann, der nicht Bengt ist, unter die Arme. Dieser hier trägt keinen Taucheranzug, nur eine Kopfhaube mit Reißverschluß im Nacken, Maske und Nasenklemme. Durch das Sichtglas nimmt sie flüchtig ein Paar geschlossene Augen wahr. Jetzt erscheint Bengts Helm. Bengt hält den Mann im Schritt, und gemeinsam hieven sie ihn nach oben. Der Mann ist schwarzgekleidet. Das sieht absurd aus bei den klatschnassen Sachen. Das Wasser läuft in die Ausstiegsöffnung zurück, wo Bengt jetzt in voller Größe auftaucht und sich über den Rand nach oben stemmt. Sie löst den Warmwasserschlauch von der Nabelschnur und überspült den Fremden, der seit mehreren Minuten ein Trimixgemisch aus Nitrogen, Helium und Sauerstoff geatmet hat. Er ist bis aufs Mark durchfroren. Sie läßt warmes Wasser über ihn laufen und hofft, daß die Unterkühlung nicht zur Herzmuskellähmung führt. Der Brustkorb bewegt sich. Der Fremde atmet. Da ist Leben. Bengt entledigt sich seines Helms, und sie schauen sich kurz an. Ingrid sieht, wie müde er ist. Sein Gesicht hat eine ungute Farbe. Bengt ist wirklich erschöpft. »Nimm ihm die Maske ab«, sagt er. Sie reicht ihm den Schlauch. Er überspült weiter den fremden Körper, während sie den U-Boot-Mann von der geliehenen Ausrüstung und dem Atemgas befreit. Dem Gas, das nicht Luft ist. Die sich in diesem Druck viel zu schwer atmen ließe. Der Mann ist schwarzhaarig und um die Dreißig. Unrasiert. Bewußtlos. Er atmet, er lebt, das ist ein Wunder. Die Finger sind weiß, aber die Nägel haben die richtige Farbe, und der Puls schlägt gleichmäßig, sie fühlt es an seinem Handgelenk., Sein Geruch, sehr fremd! Plötzlich funktioniert ihr Geruchssinn in dieser flüchtigen Umgebung. Ein Geruch. Woher? Ein geheimnisvoller Geruch. Der Geruch einer Welt, in der sie nie gewesen ist. Oder vielleicht nur der eines billigen russischen Waschpulvers? Sie befindet sich in einer Welt, in der man seinen Sinnen nicht mehr trauen kann, ja vielleicht nicht mal seiner Vernunft. »Es sind noch zwei draußen. Soll ich…?« fragt Bengt. »Kommt nicht in Frage. Versuch ihn auf Vordermann zu bringen, und teil dir die eine Thermosflasche mit ihm, damit ihr euch von innen erwärmt. Dann schaffst du es, den dritten zu holen, wenn ich zurück bin. Wir kriegen sie nach oben, wirst schon sehen, alle auf einmal.« Sie versucht ein Lächeln. Er verzieht das Gesicht zu einer ebenso mißlingenden Grimasse. Dennoch ist es einfach phantastisch, so tief unter Wasser einen Menschen lebend zu bergen. Jetzt gibt es nur noch Bengt und sie – bei dieser Knochenarbeit sind beide eins. Toms Stimme klingt wie zuvor, doch sie wissen, daß die Kontrolle nicht mehr bei ihm liegt. Daß die Beschlüsse von ihnen gefaßt werden. Die Bildübertragung funktioniert noch immer nicht. »Ich gehe raus«, sagt Ingrid. »Bengt ist müde.« Ein Weilchen später sitzt sie auf dem Rand und bewegt ihre Flossen im Wasser. Bengt untersucht die Anschlüsse und signalisiert mit dem erhobenen Daumen vor ihrem Sichtglas, daß die Sache okay ist. Ingrid nickt. Dann gleitet sie ins Wasser und verschwindet unter der Glocke. Der Fremde wimmert. Bengt reibt ihm den Rücken und überspült ihn dann weiter mit warmem Wasser. Im, Lautsprecher hört er Ingrids Keuchen, als sie zur Plattform hinüberschwimmt. Ego Boy ist ein alter Fuchs. Er bleibt immer Herr der Lage. Es amüsiert und es ärgert ihn, daß die Leute so verdammt naiv, so verdammt leicht zu übertölpeln und so halsstarrig sind, wenn sie glauben, recht zu haben. Aber er hat sie durchschaut und weiß Bescheid. Die Stimmung in der Kammer ist nicht die beste. Glenn gibt nicht auf, er will es offenbar so haben. Das ist ermüdend, und Ego Boy hat Kaffee bestellt, damit die drei sich um den Tisch versammeln und er sie vielleicht bewegen kann, ein oder zwei Spielchen zu machen. Die Idee mit dem Kaffee war nicht schlecht, und Glenn bleibt sitzen, genau wie Ian. Ein Becher gerät auf dem glatten Tisch ins Rutschen. »Verdammt, kommt jetzt auch noch Wind auf«, sagt Ian. »Vor Indien sind wir bei Sturm getaucht«, wirft Ego Boy lässig ein und schielt forschend zu Glenn. Der beißt an. »Bei steifem Wind«, hält er dagegen. »Sturm«, erklärt Ego Boy und lacht leise. Das saß. Bald werden sie wieder über den Golf von Mexiko reden, und dann wird es nicht lange dauern, bis sie auf Erland zu sprechen kommen, und Ego Boy wird den Andeutungen für alle Zeit ein Ende machen. Er hat diese ewigen Anspielungen satt. Schon damals hatte er sie satt, aber jetzt spürt er, daß er ein für allemal zurückschlagen muß, damit seine weitere Existenz als Taucher nicht untergraben wird. Denn er geht davon aus, daß er bei dem Beruf bleibt. Nicht weil er muß. Sein Konto ist gut gefüllt. Wenn die anderen das wüßten, aber niemand hat eine Ahnung, nicht einmal Susanne, Colette und die Kinder. Die von ihm sein sollen, was weiß er denn schon. Solche Dinge weiß ein Mann nicht, nein, die Vaterschaft beruht auf Glauben,, und er seinerseits kann sowohl das eine als auch das andere glauben. Verheiratet war er zwar mit ihnen. Und Geld wollten sie von ihm haben. Aber er läßt sie da nicht ran, nein, er läßt sie da niemals ran. Wenn man bedenkt, wie sie ihn behandelt haben, Scheidung hinter seinem Rücken und dann Unterhaltsforderungen, Geld, Geld und nochmals Geld. Nicht einmal ein Dankeschön. Er sollte wohl nicht so von den Frauen denken, die seine Kinder geboren haben – wenn es denn seine sind –, daß sie teurer und lästiger sind als rechtschaffene Huren, nein, so etwas sollte man natürlich nicht denken und noch viel weniger sagen. Aber er hat es gesagt. Zu beiden. Denn er ist ein ehrlicher und aufrichtiger Mann, wie man ihn heutzutage nur noch selten trifft. Ein Mann, der es wert ist, geschätzt und bewundert zu werden. Doch auf echte Wahrheitsliebe wird kein Wert gelegt. Sie verstehen ihn nicht, sie verstehen diese Seite an ihm nicht. Er zieht die Karten aus der Hose, blickt kurz in die Runde. Ian nickt. Glenn verzieht keine Miene. Das bedeutet: ja. Ego Boy gibt. Lacht zufrieden. Er wird sie beim Poker schlagen, er schlägt sie ja auch sonst bei allem. Keiner kennt seinen richtigen Namen, sie glauben, es sei nur Spaß, daß er sich Ego Boy nennt. Sie ahnen wohl kaum, daß das seine wirkliche Identität ist. Und genau so elegant, so kompetent, so überlegen ist er ihnen in der kalten Kunst des Überlebens, die er zu der seinen gemacht hat. Er wird an ihnen vorbeirauschen, sie überholen, er ist Ego Boy, und sein Vorwärtsstürmen wird eines Tages überall in der Welt Widerhall finden. Im Kontrollraum der Tauchleitung herrscht eine explosive Stimmung. Im Glockenmonitor ist Bengts Gesicht zu sehen. Er hält eine Nabelschnur hoch und brüllt in die Kamera: »Meldet euch schon!!! Was soll ich jetzt machen?!«, Tom und Oddvar schauen einander aufgeregt an. Tom kneift sich in die Nase. Der Tauchinspektor steht noch immer, unverrückbar wie ein Bautastein, hinter ihnen. Er läßt sie ihre Arbeit tun, jetzt aber faßt er die Lage zusammen und erteilt einen Befehl: »Wir haben ganze viereinhalb Minuten nichts von ihr gehört. Sie ist steckengeblieben. Oder es handelt sich um einen Kommunikationsfehler. Sagt ihm, er soll rausgehen und sie holen!« Tom gibt die Anweisung weiter. Im Monitor sehen sie, wie Bengt sofort die schlaffe Nabelschnur losläßt, nach der Reservemaske greift und sich die Haube überstreift. Er zieht den Reißverschluß zu, schiebt Kragen und Sichtgläser zurecht und steckt die Füße in die Reserveflossen. Im Hintergrund liegt der Russe auf dem Boden. Er bewegt sich leicht. Im Rücken von Einsatzleiter und Inspektor, durch eine Glasscheibe von ihnen getrennt – sie fühlen es mehr, als daß sie es sehen –, marschieren Christensen und Mykeltun, der Repräsentant des Ölkonzerns, im Korridor auf und ab. Der Tauchinspektor starrt sie hin und wieder genervt an, sie stören ihn bei der Arbeit. Christensen hat versucht, Mykeltun das vorgebliche Gleichstellungsbemühen der Taucherfirma zu verheimlichen. Das überhaupt nicht existiert. Kompetenz muß man sich von dort holen, wo es sie gibt, der Ölkonzern fragt nicht nach dem Geschlecht, er fragt nach der Maßnahme, deren Durchführung er verlangt – und zwar sofort –, sonst geht der Auftrag an eine andere Adresse. Mykeltun hätte es nie erfahren müssen. Aber falls er es nicht schon weiß, so wird er es, aufgrund der soeben entstandenen Situation, ganz sicher bald wissen. Und wenn es nicht eine gute Erklärung dafür gibt, warum Ingrid nicht auf den Anruf reagiert, sitzt Christensen wirklich in der Tinte., In der Tauchkontrolle arbeiten Tom und Oddvar äußerst angestrengt, doch so, als steckten sie in einem schwarzen Sack. Die Übertragungsstörung läßt sich erst beheben, wenn von Land neue Komponenten eintreffen, aber der Tauchinspektor sitzt ihnen im Nacken, fordernd und loyal zugleich. Anhand von Bengts Atemzügen und kloßigen Worten versuchen sie sich ein Bild von der Situation zu machen. Gefesselt an ihr Steuerpult, tun sie alles, um Bengt zu helfen, damit er die Konzentration nicht verliert und die richtigen Entscheidungen trifft, ja damit er überhaupt durchhält. Sie reden leise miteinander, pausenlos. Sie sind beunruhigt. Bengt ist nur schwer zu verstehen. Sie murmeln etwas von Stickstoffrausch aufgrund des neuen Trimixgemischs. Um die Gefahr einer isobaren Übersättigung für die U-Boot-Leute zu verringern, hatten sie die Hälfte des Heliums gegen Nitrogen ausgetauscht. Aber vielleicht war das zuviel, ist Bengt jetzt etwa im Dusel? Kaum einer der Sättigungstaucher hat heutzutage Erfahrung mit dem Stickstoffrausch, weil sie nie mit Luft in die Tiefe gegangen sind. Wenn Bengt im Rausch ist, können unerwartete Dinge geschehen. Leichtsinn und Humor sind klare Vorteile beim Umgang mit Leuten an Land. Unter Wasser sind sie lebensgefährlich. Tom und Oddvar sprechen jetzt absichtlich langsam, so daß Bengt gezwungen ist, genau zuzuhören, damit er nicht tollkühn handelt. Sie tasten sich im Dunkeln voran, allein an Bengts Stimme können sie sich orientieren. Sie folgen ihm entlang der Nabelschnur, die sich in die Tiefe schlängelt. Sie raten ihm, beim Abstieg vorsichtig zu sein, doch wissen sie, aufgrund der abgewickelten Meter, daß Ingrid nicht sehr tief gefallen sein kann. Er schwimmt nach unten, ihr nach., Und findet sie. Das Licht der Glocke wie ein kleiner Mond hoch oben, er ist auf hundertzehn Meter gegangen, er sieht sie, findet sie, sie schaukelt wie eine Ente, aber hier gibt es keine Strömung, er packt sie, hält sie, sie ist versorgt mit Wärme, Atemgas, er prüft alles, nimmt sie auf den Rücken, hakt sie an seinem Anzug fest, stößt sich mit ihr ab, nach oben durch den Raum, hinauf, hinauf zu dem leuchtenden Mondfahrzeug, das wie eine Fata Morgana lockt. In der Tauchkontrolle sagt Tom jetzt laut und deutlich zu dem aufgewachten Russen in der Glocke, er solle die Nabelschnüre einholen. Toms sonore Stimme im schönsten Englisch, er spricht klar und vernehmlich, aber sie sehen auf dem Monitor, daß der Russe, ohne einen Finger zu rühren, auf dem Boden liegen bleibt. In Toms Kopfhörern ist jetzt nur Bengts Keuchen, er kämpft, müht sich auf das Ziel zu, die Glocke, ist unbeholfen und schwer durch die lebende Last. Tom feuert ihn an: »Du schaffst es, Bengt.« Die vielen Monate, ja Jahre als Taucher haben ihn gelehrt, daß es wichtig ist, was Bengt hört, auch wenn er im Moment selbst nichts sagen kann. Und was gibt es schon zu sagen, wenn man eine äußerst anstrengende körperliche Arbeit machen muß; da denkt man nicht, aber man gibt auch nicht auf, wenn dir jemand ins Ohr sagt: DAS KLAPPT SCHON, DU SCHAFFST ES, KÄMPFE, BENGT, ES IST NICHT MEHR WEIT. Endlich sehen sie auf dem vertrauten schwarzweißen Monitorbild, daß der Wasserspiegel im Bodenloch steigt und ein Taucherhelm zum Vorschein kommt. Der gerettete Russe starrt mißtrauisch auf die Gestalt in der Öffnung. Noch ein Taucher hievt sich aus dem Loch und zieht den anderen über den Rand. »Es ist gut, Bengt«, sagt Tom, »ich wußte, daß du es schaffst.«, Bengt streckt eine Hand aus und dreht an einem Regler, Wasser quillt in die Glocke und überschwemmt das Bodenloch. Das Wasser steigt rasch, und der Russe setzt sich auf. Jetzt erreicht es ihn, er stellt sich schwankend mit dem Rücken an das Schott, während der Wasserspiegel immer weiter steigt, bis zu den Knien, den Schenkeln, der Taille. Die Glocke füllt sich mit Wasser, das durch das weitoffene Bodenloch hereinquillt. Über den Lautsprecher richtet sich Toms ruhige Stimme nun wieder direkt an den Russen: Er solle nicht nervös werden. Bei halbgefüllter Glocke ist es leichter, den anderen Taucher, also Ingrid, ins Innere zu holen. Als sie in der Glocke ist, dreht Bengt auf Blowdown, und der Wasserspiegel sinkt rasch. Vorsichtig hebt er Ingrid den Helm vom Kopf. Er atmet schwer. Ihre Haare sind naß, und ihr Gesicht ist kreideweiß. Sie gibt kein Lebenszeichen von sich., IV. »Jaa!!!« Ego Boy reißt die Arme hoch und springt jubelnd in die Luft. »Ja!!! Das hat geklappt! Sie hat schlappgemacht! Ich habe gewonnen!!!« Seine Freude ist ungetrübt, alles war genauso verlaufen, wie er es vorausgesagt hatte, die Wette ist gewonnen! Klatschend trifft seine Handfläche auf Ians ausgestreckte Hand – Yes! Sie haben die Wette gewonnen. Ihre fröhlichen Augen begegnen Glenns besorgtem Blick. »Sorry, Bruder, du bist jedem von uns fünfhundert Eier schuldig. Der Preis für deine Dummheit!« Glenn antwortet nicht. Im Kontrollraum der Einsatzleiter läßt der Tauchinspektor nichts unversucht, um Mykeltun mit Christensen auf dem Korridor zu halten, doch Mykeltun besteht darauf, hereinzukommen, um mit eigenen Augen sehen zu können, was dort unten passiert. Unterdessen dirigiert Tom mit ruhiger Stimme den erschöpften Bengt, damit der die Bodenluken mit den notwendigen Handgriffen richtig schließt. Als der Arzt den Kontrollraum betritt, folgen ihm Christensen und auch Mykeltun. Ein ziemliches Palaver setzt ein, Tom dreht sich um, die Kopfhörer nach vorn geschoben, und befiehlt streng, sie möchten etwas leiser reden. Im Monitor sieht der Arzt die drei in der Glocke. Sie hocken kraftlos auf dem Boden, in dem engen Raum ist kein Platz, um sich auszustrecken. Der Russe scheint wach zu sein, aber Ingrid ist noch immer bewußtlos. Bengts Augen glänzen, er, sieht unglaublich angeschlagen aus, versichert aber mit brüchiger Stimme, daß alles okay ist. Mykeltun schaut blinzelnd zum Monitorbild. Christensen studiert aufmerksam dessen Gesicht und verfolgt, wie die visuelle Information ihn erreicht. Er kann genau erkennen, wann Mykeltun begreift, daß der kollabierte Taucher eine Frau ist. Mykeltun kommentiert das Gesehene nicht. »So was passiert«, sagt der Arzt. »Das muß nicht an ihrem Geschlecht liegen. Es genügt, daß der Blutzuckerspiegel sinkt.« Mykeltun schaut Oddvar an, der darauf zu Tom hinschielt. Sicher. Der Blutzuckerspiegel. Aber man sieht, was Mykeltun denkt: Klar liegt es an ihrem Geschlecht! Sind die verrückt geworden!? Ein Weibsbild – hier?! Christensen starrt auf einen Strömungsregler. In einem Monat ist die Sache vergessen. Wenn er dann noch hier ist. Was für ein Mist. Tom gibt grünes Licht für das Einholen der Glocke, und das Hochhieven beginnt. »Auf Bengt kann man sich immer verlassen«, sagt Oddvar, und Tom murmelt zustimmend, während er den Gasfluß überprüft: »Sollten wohl das Nitrogen ein bißchen senken.« Mykeltun schaut Christensen an. Der tut so, als merke er nichts. Was für ein Mist. Ego Boy ist in die Naßzelle gestiegen und öffnet die Luken zur eben angeschlossenen Glocke. Der Anblick, der sich ihm bietet, könnte komisch sein, wenn die Situation nicht so ernst, wäre. Die drei am Boden hockenden Menschen sehen ihn mit Augen an, als kämen sie von einem Saufgelage. »Und wie steht’s mit dir«, fragt er Ingrid, die wieder kurz davor ist, bewußtlos zu werden, »brauchst du Hilfe?« »Absolut nicht«, lallt sie und unternimmt den Versuch, sich aufzurichten. Also nicht? Er sagt nichts weiter, er braucht nichts zu sagen. Statt dessen läßt er ein breites Lächeln sehen und streckt dem Russen die Hand hin. »Welcome«, sagt er, »Towarisch!« Nach einer Weile reagiert der Russe auf die fordernde Hand und erhebt sich schwankend. »Jetzt kümmere ich mich um den hier«, sagt Ego Boy, »ihr müßt allein klarkommen, es wird zu eng, wenn noch mehr hier oben rumwirtschaften, aber sagt Bescheid, wenn ihr es nicht packt!« »Wir packen es«, sagt Ingrid. »Wieso denn nicht?« Sie steht auch folgsam auf und geht in die Naßzelle hinüber, als Ego Boy ein Weilchen später das Zeichen dazu gibt und mit dem Russen in die Kammer verschwindet. Sie sinkt zu Boden und sieht zu, wie Bengt hinter ihr aus der Glocke steigt, die Tauchermontur ablegt und unter die Dusche geht. »Tempo, Ingrid«, sagt er, als er frischgeduscht und im trockenen Jogginganzug zurückkommt. »Runter mit den Klamotten!« »Erledige ich«, sagt sie, aber sie macht keine Anstalten, seinem Beispiel zu folgen. Nachdem er ein paar Minuten gewartet hat, begreift er, daß sie es nicht einmal versuchen wird. Also geht er einfach auf sie zu und packt sie unter den Armen. Er richtet sie am Schott auf, damit sie ohne Hilfe stehen und er ihr den Anzug ausziehen kann., Sie macht einen lahmen Versuch, ihm zu helfen, läßt es dann aber wieder. Das Gewicht der ganzen Welt scheint auf ihr zu lasten, und sie knickt vornüber, so daß er sie auffangen muß. Als ihr Gesicht dicht vor seinem ist, sieht sie ihm in die Augen, die genauso kaninchenrot sind wie ihre eigenen. »Du hast mir das Leben gerettet!« preßt sie hervor. Bengt schubst sie wieder zurück ans Schott. »Denk nicht dran.« Dann beginnt er an ihrem Anzug zu ziehen und zu zerren. »Es gab ein Gerangel«, murmelt sie mit geschlossenen Augen. »Dort unten die waren nicht normal. Was, wenn sie jetzt sterben?« »Hilf mit«, stöhnt Bengt. Er hat den Reißverschluß geöffnet und ihre Arme aus den Latexärmeln gewunden; als er einen Moment losläßt, stürzt sie vornüber auf den Boden. Bengt betrachtet die Situation. Dann beugt er sich vor und hebt sie an den Hüften an, während er sich zugleich bemüht, den unteren Teil ihres Anzugs abzustreifen. Er stöhnt und flucht, die Wange fest an ihren Hintern gedrückt, er ist mit seinen Kräften fast am Ende. Schließlich kann er nicht mehr, fällt einfach vornüber, zusammen mit Ingrid. Sie stöhnt und rollt sich auf den Rücken. Bengt rutscht nach hinten auf die Knie und versucht aufzustehen. Ingrid schlingt die Arme um ihn und befiehlt: »Hochheben!« Bengt versucht mit der um den Hals hängenden Last aufzustehen, aber er schafft es nicht, sondern fällt erneut vornüber auf Ingrid. Er schiebt sich wieder auf die Knie. Ihr den Taucheranzug auszuziehen, hat er jetzt fast geschafft. Bengt rutscht zwischen Ingrids Beine, zieht und zerrt, um sie vom Rest zu befreien. Er schnauft und ächzt, während Ingrid berauscht am Boden liegt, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben., Als er endlich fertig ist, läßt er sich neben sie zu Boden fallen und keucht: »Du mußt duschen, Ingrid. Und was Trockenes auf den Leib kriegen.« »Später«, antwortet sie. »Nicht später, jetzt. Wir müssen uns beeilen, die anderen wollen los, wir sind ihnen im Weg.« Ingrid versucht aufzustehen, aber es gelingt ihr nicht. »Meine Knie sind butterweich«, flüstert sie, »hilf mir. Bitte!« Und Bengt steht auf. Dank seiner starken Konstitution und der stabilen Psyche steht er auf, obwohl er keine Kraft dazu hat, greift Ingrid unter die Arme und schleppt sie in die Dusche, wo er ihr das nasse Unterzeug auszieht und das Wasser anstellt. »Einseifen mußt du dich schon selber«, sagt er erschöpft, während das warme Duschwasser an Ingrids nacktem Körper herunterläuft und den engen Raum mit Dampf erfüllt. Tom und Oddvar haben die Szene in der Naßzelle verfolgt, ohne einzugreifen. Sie waren bereit, Bengt, falls notwendig, jemanden aus der Kammer zu Hilfe zu schicken, aber er hat es allein geschafft. Als Ingrid frischgeduscht in ihrem weichen Jogginganzug mit Bengt die Leiter hinuntergestiegen und damit aus dem Gesichtsfeld der Einsatzleiter verschwunden ist, fragt Oddvar: »Was hat sie gefaselt?« Tom hat eine Erklärung. »Die haben einen Heidenschreck gekriegt, als sie aufgetaucht ist, und zogen es wohl vor, auf einen kräftigeren Typen zu warten. Das hätte ich vielleicht auch getan.« »Aber trotzdem«, sagt Oddvar. »Die Regeln besagen schließlich, daß man jeden retten muß, selbst wenn einer nicht gerettet werden will. Wenn der Entsprechende es vorzieht, sich, später an Land trotzdem das Leben zu nehmen, dann ist das seine Sache, die Rettungsaktion aber ist immer zu Ende zu bringen. Sie hat es ganz einfach nicht geschafft.« »Nein, hat sie nicht«, erwidert Tom. »Das hätte man sich ja an allen zehn Fingern abzählen können.« Ingrid ist auf ihre Koje gesunken und Bengt in seine hochgekrochen. Er schnarcht. Ein unnatürliches Röcheln von einem jungen Menschen, als seien Zäpfchen, Zunge und alle Weichteile in die Luftröhre gerutscht. Auf Ingrids Bettkante sitzt Ego Boy. Ingrid erwacht langsam, nach einem erneuten Abtauchen in die befreiende Bewußtlosigkeit. Als sie entdeckt, wer sich um sie kümmern soll, kneift sie die Augen zusammen. »Mund auf. Nutrison – hochoktanhaltige Nährlösung!« Mit dem Löffel versucht Ego Boy sie zu zwingen. Seine Stimme ist tief, trotz des Donald-Duck-Syndroms, und sein Gesicht läßt nichts anderes als Unruhe erkennen. Bilder in raschen, surrealen Schnitten: Ingrid sieht andere Gesichter, fremde, blutunterlaufene Augen, und sie hört schrille Stimmen, sie muß die Leute retten, sie fühlt, daß ihnen kaum noch Zeit bleibt, aber ein schwarzer Schatten kriecht ihr über den Rücken, nimmt ihre Schultern in Besitz, tritt sie nach unten, und die schrillen Stimmen stoßen sie mit einem großen Koffer rückwärts… Soll sie denn verreisen? Und der Schwarze wälzt sich über ihr Gesicht, ein Blutegel aus Blei, der alle Kraft und alles Licht aufsaugt. Und dann das Erwachen in der Glocke. Und Bengt, Bengt? Ja, jetzt hört sie seinen geräuschvollen Schlaf in der Koje über sich, Bengt ist Wirklichkeit, er lebt, und sie lebt, und sie öffnet die Augen und sieht Ego Boy, der, unruhig wartend, ihr noch immer den gefüllten Löffel hinstreckt. Sie schämt sich, und ihr ist übel. Ihr Würgen läßt Ego Boy den Löffel wegziehen., Sie ist kollabiert! Hat versagt, hat es nicht geschafft. Ingrid dreht das Gesicht weg, um der höhnischen Wahrheit zu entkommen: daß sie es nicht geschafft hat. Auf Glenns Bett, in der Koje gegenüber, liegt der Russe. Mit glänzenden Augen starrt er die Taucher an. Glenn hat ihm ein paar Löffel Nährlösung eingeflößt und steht jetzt auf, um mit Ian in die Naßzelle zu steigen, wo sie sich fertigmachen wollen, um die anderen zu bergen. »Ich werde deine Kumpels holen, bleib solange hier, geh nicht woandershin!« Er klopft dem Russen belustigt auf die Schulter und zeigt Ingrid den erhobenen Daumen, alles ist okay. Doch der Russe lächelt nicht einmal. Versteht er überhaupt, was sie zu ihm sagen? Noch ist kein Wort über seine Lippen gekommen. Ian klettert die Leiter zur Naßzelle hoch. »Also tschüß«, sagt er. Dann hält er inne und dreht sich zu Ingrid um. »Allerherzlichsten Dank auch, Ingrid. Wirklich nicht wenig, was dir in einem Zug gelungen ist, keine Gefahrenzulage und kein Russe. Was hattest du auch da unten zu suchen?« Glenn knufft Ian von unten und bittet ihn, die Klappe zu halten. »Sie verträgt es schon«, antwortet Ian, »so starrköpfig wie sie ist. Das Leben anderer nur wegen des eigenen Prestiges aufs Spiel zu setzen!« Als die beiden in der Naßzelle verschwunden sind, hält Ego Boy ihr wieder den Löffel hin. »Kümmere dich nicht um ihn«, sagt er tröstend. »Nimm das jetzt, damit du groß und stark wirst. Anweisung vom Doktor. Er ist bald zurück, und dann muß ich ihm den leeren Becher vorweisen.« Ingrid öffnet gehorsam den Mund und schluckt. Sie begegnet Ego Boys Blick, schluckt und schluckt noch einmal, während es in ihren Augen zu brennen beginnt. Ja, jetzt kommen die Tränen, das hat gerade noch gefehlt!, »Er hat recht«, flüstert sie. »Ich habe das Leben anderer aufs Spiel gesetzt. Es ist wahr. Das hätte ich nie von mir gedacht. Ich war ganz sicher, daß ich es schaffen würde, genau wie ihr. So wie Bengt. Du hast recht bekommen.« Ingrid ist am Boden zerstört. Ego Boys Blick ist sanft. Der Triumph, den er in dieser Situation hätte auskosten können, zeigt sich nicht. »Du hast getan, was du konntest«, sagt er. »Irgendwie kennen wir uns alle nicht selber, und in bestimmten für uns neuen Situationen handeln wir völlig entgegengesetzt zu dem, was wir von uns erwarten. Richtig unheimlich, diese Schattenseiten, die wir von uns selbst nicht kennen.« »Warum heißt du Ego Boy wie das Rennpferd?« Sie muß die Beherrschung wiedererlangen, die Tränen hinter ihren Lidern brennen und brennen. »Weil dieser Hengst von einer ganzen Nation betrauert worden ist«, erwidert Ego Boy. »Weil er nicht verlieren konnte.« Er lächelt ihr zu, versucht ironisch zu sein, aber der Ernst läßt sich nicht überspielen. »Er war doch nur ein Tier«, sagt sie. »Er hat sich selbst versorgt. Und nicht nur das, er hat Geld für einen ganzen Stab herangeschafft. Er hat sie alle versorgt und ist doch nur gelaufen, intelligenter und schneller als alle anderen, und keiner hat danach gefragt, ob es der Traum eines Pferdes ist, so zu leben. Obwohl er Millionär war. Er war nur ein Pferd. Aber er war der Beste!« antwortet Ego Boy, ohne eine Spur von Ironie, und er drückt ihr den Löffel zwischen die Lippen, bevor sie den Mund richtig aufmachen kann, so daß der Inhalt auf ihrer Wange landet, nach unten läuft und sich mit den Tränen auf dem Kissen mischt. Der Wind drückt gegen Scheiben und Spanten des Taucherschiffs, in dieser unruhigen Natur gibt es nicht einen, stillen Punkt; es faucht und zischt, pfeift und peitscht, es brüllt, klatscht und dröhnt. Das Meer ist jetzt erwachsen, hellwach und voller Aktivität. Für die Männer, deren Aufgabe es gewesen war, sich eines toten Fremden anzunehmen, ihn in einen Faltpappsarg zu legen und in ein bereitgestelltes Kühlfach zu transportieren, ist es dennoch befreiend, an Deck zu kommen und die Böen in Haar und Kleidern zu spüren. Sie stehen ein Weilchen an der Reling, zwei Männer, die soeben einem anderen Mann den letzten Dienst erwiesen haben. Einem Mann, den sie nicht kannten. Sie schweigen, und jeder schaut in eine andere Richtung. Einer steckt sich eine Zigarette an. Sie lehnen sich an die Reling, schauen aufs Meer und lassen die Zeit wirken. »Das war’s«, sagt der eine nach einer Weile. »Ja«, antwortet der andere. Sie bleiben stehen, bis die Zigarette aufgeraucht ist und die Kippe im weiten Bogen aufs Wasser hinunterfliegt. Dann stemmen sie sich gegen den Wind und gehen ins Schiff zurück. Im Inneren des Taucherschiffs ist der Seegang weniger zu spüren und erfordert jedenfalls keine besonderen Kommentare. Glenn sitzt in der Taucherglocke, wo er zusammen mit Tom den Bell-Check vornimmt, während Ian seinen Anzug in der Naßzelle zurechtrückt. Das eintönige Ritual läuft wieder nach vorgegebenem Schema ab; Tom fragt, ob das Ventil beim Reservegas geschlossen ist, und Glenn antwortet: Rodger. Tom fragt, ob der Regler zum Hot water dump offensteht, und Glenn antwortet: Rodger. Dann sagt Glenn: »Kann man sich auf den Einsatzleiter verlassen?« Verblüffte Pause. »Rodger?« Danach fragt Tom, wie er das gemeint habe. »Du und ich, Glenn, im Südchinesischen Meer, was, zum Teufel, meinst du? Vertraust du mir etwa nicht?«, Erneute Pause. Glenn sagt nichts weiter. »Okay«, fährt Tom fort, »sie haben einen Zähler mitgekriegt, na und? Befehl von oben. Ich weiß nicht mehr als ihr. Aber ich hätte es akzeptiert, wenn ich an eurer Stelle gewesen wäre. Es bestand ja keine Gefahr. Also deshalb war es egal, und der hat dann ja auch gezeigt, daß es sich genauso verhielt, wie sie gesagt haben. Vertraust du mir nicht, Glenn? Wir sind doch Kumpels, Brüder, von der Hydraulik der Tiefsee zusammengepreßt. Glenn, ich halte jetzt dein Leben in meinen Händen, du kannst doch nicht allen Ernstes glauben, daß ich dich einer Sache aussetzen würde, auf die ich mich nicht selbst einließe. Es ist viel schlimmer, hier oben zu sitzen, als unten im Wasser zu sein. Ich habe die Übersicht, trage die Verantwortung, und du mußt mir vertrauen. Du kannst übrigens aussteigen, wenn du es nicht tust.« »Rodger«, antwortet Glenn. »Zum Donnerwetter, mach weiter. Klar vertraue ich dir. Und verdammt noch mal, aussteigen kann ich nicht.« Man hört, wie Tom bei Glenns letztem Kommentar nach Luft schnappt, doch die Erregung, die er mit Sicherheit verspürt, ist wie weggeblasen aus seiner wohlklingenden Stimme, als er Ian anruft und ihn bittet, in die Glocke zu steigen, damit sie loskommen können. Ian geht zur Lukenöffnung. Im selben Moment, als er in die Glocke steigen will, spürt er Glenns Blick. Glenn sitzt brav wie ein Schuljunge auf dem unbequemen herausklappbaren Hocker im Glockeninneren. Ian hält mitten im Schritt inne, er erinnert sich an ein Bild aus einem Fernsehprogramm, das vom Einsitzen in der Todeszelle handelte. »Wenn wir geopfert werden sollen, dann doch wenigstens gegen anständige Bezahlung«, flüstert er Glenn zu., Ihre Beratung erfolgt wortlos und in Sekundenschnelle, einfach durch den Austausch von Blicken. Sie einigen sich. Glenn nickt unmerklich, und Ian zieht sein Bein zurück, das schon in der Öffnung gesteckt hatte. Er sagt mit lauter Stimme: »Hör mal, Tom. Hier geht’s nicht um eine x-beliebige Inspektionsrunde. Das hier ist ein höchst riskanter Auftrag mit sehr unsicherem Ausgang. Wir alle wissen, wie großartig ein Taucher vor uns die Sache bewältigt hat. Deshalb wollen wir eine Extra-Zulage, wie wir schon gesagt haben, bevor sie alles versaut hat.« Glenn korrigiert: »Sie hat getan, was sie für richtig hielt – auch wenn es falsch war. Es eilt, und es geht um Menschenleben, hat sie gemeint. Ihr Zustand, als sie wieder nach oben kam, hat jedoch mit aller Deutlichkeit gezeigt, daß nicht nur das Leben der Russen auf dem Spiel steht, sondern auch unseres. Deshalb verlangen wir einen Aufschlag. Und was die Eile angeht, so liegt es ganz bei euch, wie schnell ihr zu einem Entschluß kommt!« Im Kontrollraum ist es völlig still geworden. Sowohl der Tauchinspektor als auch Christensen befinden sich vor Ort. Sie blicken eine Zeitlang nachdenklich auf die Monitore. Ian steht anscheinend völlig entspannt in der Naßzelle, und Glenn hat sich an das Schott der Taucherglocke gelehnt, auch er wartet. In den nächsten Minuten sagt keiner ein Wort. Der Tauchinspektor schielt zu Christensen. Dieser denkt nach, erwägt anhand seiner Erfahrungen psychologische, finanzielle, vielleicht auch rein menschliche Gründe. Noch ein paar Sekunden vergehen. Dann macht Christensen rasch einen Schritt auf Tom zu, hebt einen Kopfhörer von dessen Ohr und flüstert ihm etwas zu. Toms Gesicht hellt sich auf, er nickt und ruft Ian und Glenn an. »Fünftausend für jeden Russen, den ihr hochholt, it’s a deal?«, »Pfund«, sagt Ian, bricht aber in Lachen aus, bevor die Männer in der Tauchkontrolle ihre Bestürzung zeigen können. »Dollar natürlich, it’s a deal.« Ian klettert in die Taucherglocke, wo Glenn jetzt gutgelaunt bereitsteht, um die Luken zu schließen. Im selben Moment werden sie von Christensens Stimme gestoppt, der mitteilt, hier sei ein Anruf für Ian – seine Frau bestehe darauf, ein paar Worte mit ihm zu wechseln, ob er Kopfhörer haben wolle? »Nein, ist nicht nötig«, antwortet Ian rasch und gestreßt, und wenige Sekunden später ertönt eine Frauenstimme – fremd und zivilisiert – in Kontrollraum und Taucherglocke: »Ian, bist du dort?« Ian lacht überrascht auf: »Hallo Liebling. Mach dir keine Sorgen. Alles ist unter Kontrolle, und eins muß ich dir erzählen, wir haben hier gerade einen Deal ausgehandelt…« Seine Frau unterbricht ihn: »Jetzt hörst du mir mal zu…« »Nicht jetzt, Liebling«, stoppt Ian sie, »alle hören mit, wir reden später.« »Ist mir scheißegal«, stößt sie hervor, »ich muß…« »Hier ist ein bißchen russischer Schrott dazwischengekommen, verstehst du«, unterbricht Ian sie erneut, »wenn wir die Überlebenden retten wollen, geht es jetzt vielleicht um Minuten.« Er will nichts hören, egal was sie ihm zu sagen hat. Es gelingt ihm auch, ihren Wortschwall zu stoppen. »Seid ihr das!« ruft sie aus. »Das zeigen sie ja dauernd in den Nachrichten!« »Wir kriegen fünftausend für jeden geretteten Russen«, sagt Ian, »mein Chef ist hier und kann es bestätigen.« Er macht eine ungeduldige Geste zum Kameraauge, und gleich darauf ist Christensens Stimme zu hören. »Frau Smith,, ich bestätige, was ihr Mann sagt, in Dollar, außer der üblichen Gefahrenzulage.« Die Frau schluchzt. »Ich will nichts von Abmachungen hören«, sagt sie leise, »aber mein Mann und ich…« »Wir reden später, Liebes«, unterbricht Ian sie sehr energisch, »jetzt geht es um Leben und Tod…« Er macht eine vielsagende Geste zum Kameraauge hin. Tom sieht im Monitor, was Ian von ihm verlangt, greift sich einen Plastikbecher, zerdrückt ihn vor dem Mikrofon und sagt darauf: »Hallo Frau Smith, hier ist wohl irgendwas mit der Verbindung passiert, sie ist unterbrochen, ich bedaure, aber wenn sie mit ihrem Mann reden wollen, dann können Sie es in ein paar Stunden gern noch mal probieren.« Die Frau schluchzt erneut. »Dann ist es vielleicht zu spät«, flüstert sie. »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen«, versucht Tom sie zu trösten, »es geht ganz bestimmt gut, sie haben schon einen Russen hochgeholt, und ein anderer ist sogar von allein aufgetaucht…« »Ich muß aufhören«, antwortet Ians Frau etwas ruhiger. »Sie sind gekommen. Ich fahre jetzt.« Ein fünfjähriger Junge sieht, wie seine Mutter auf einer Trage zu einem weit offenstehenden Krankenwagen gebracht wird. Die Männer, die die Trage transportieren, sind schwarzgekleidet, die Mutter weint und winkt ihm zu, und die ältere Frau, die sich um den Jungen kümmern soll und die er gern hat, drückt seine Hand so fest, daß es ihm vor allem dort weh tut. Der Krankenwagen verschlingt die Mutter, und die Männer in den Uniformen verschließen ihm das Maul. Sie legen die Hand, an die Mütze, lächeln und winken dem Jungen zu. Dann steigen sie ein und fahren los. Die ältere Frau, die er gern hat, sinkt auf die Knie und umarmt ihn. Weil niemand etwas sagt, tut er es auch nicht. Er fügt sich, er ist ein Kind, ohne eigenen Halt, ist den Erwachsenen ausgeliefert. Die ältere Frau zieht ihn in die Küche und fragt, was er zum Abendessen möchte. Heute bekommt er das, was er sich wünscht. Es ist so schrecklich, daß sie nicht darüber reden können. Kommt Papa auch nicht mehr zurück? Er will nichts essen. Er will zum Strand gehen. Er will auf das Meer hinaussehen, wie er es mit seiner Mutter oft getan hat. Die ältere Frau begreift und geht mit ihm. Schweigend stehen sie dort und sehen die Wellen heranrollen, grau mit einem weißen Saum. Das Meer ist unfaßbar groß. Der Kapitän ist in den Kontrollraum der Kammeroperatoren gekommen, er will versuchen, mit dem geretteten Russen zu reden. Obwohl der Kapitän sich wiederholt mit seiner allerbesten Aussprache an ihn wendet, weigert sich der Russe zu antworten. Ego Boy, Bengt und Ingrid verfolgen aufmerksam die Bemühungen. Ego Boy setzt sich auf die Bettkante des Mannes. »Ich glaube, du verstehst Englisch«, sagt er, »sonst würdest du die Berichte der Einsatzleiter nicht so begierig verfolgen.« Der Russe erwidert Ego Boys Blick. Dann sagt er etwas auf russisch, hart und schnell. »Was sagt er?« fragt Ego Boy den Kapitän. Der Kapitän betrachtet die Szene in der Kammer auf dem schwarzweißen Monitor. Er hat die Hand vor den Mund gelegt und sieht verwundert aus, dann übersetzt er das soeben, Gehörte: »Er sagt, du hast gut reden, denn du hast nie auf… nackten Gewehrläufen schlafen müssen.« Die drei Taucher in der Kammer sehen sich an. Ach ja? Bengt springt von seiner Koje herunter und hockt sich neben den Kopf des Russen. »Guten Morgen, Herr Eastwood oder Stallone, Spillane oder Capone, Herr Stiffupperlip himself – nice to meet you. Aber sag mir eins – habt ihr das U-Boot tatsächlich gestohlen? Ein wirklich irres Ding! Wie habt ihr das eigentlich angestellt?« Ego Boy und Ingrid warten auf die Reaktion des Russen, aber sie bleibt aus. Er ignoriert Bengt. Seine Augen sind halbgeschlossen, und die Miene ist abweisend und höhnisch. Ego Boy und Bengt blicken einander wütend an. »Warum ist er so unzugänglich?« fragt Ingrid. »Oder hat er Angst? Hat Angst und ist völlig apathisch? Aber wenn ihm die Todesstrafe droht, wird er ja wohl kaum ausgeliefert? Es kann für ihn doch nur von Vorteil sein, mit uns zu reden, begreift er das denn nicht?« Ian und Glenn unternehmen einen Rettungseinsatz in fast hundert Metern Tiefe. Im Kontrollraum der Einsatzleiter überwacht Oddvar den Tauchgang. Tom ist in seine Kajüte verschwunden, um ein paar Stunden zu schlafen. Auch Christensen hat sich zurückgezogen, nur der Tauchinspektor steht noch immer hinter Oddvar, massiv und unbeweglich. Ohne eine Spur von Müdigkeit verfolgt er gespannt das Geschehen auf dem Monitor. Ein schwarzgekleideter Mann liegt in stabiler Seitenlage auf dem Boden der Glocke. Er bewegt sich nicht., Ian hat sich über den Ausstieg gebeugt, ihm klebt das Haar am Kopf, und er greift nach einem leblosen Körper, den Glenn aus dem Wasser nach oben schiebt. Glenns bleiches Gesicht ist hinter dem Sichtglas des Helms zu sehen, und im Lautsprecher der Tauchkontrolle hört man sein Keuchen. Nach dem letzten Geretteten hievt er sich selbst in die Glocke und bleibt eine Zeitlang auf dem Rand sitzen, bevor er imstande ist, die Beine nachzuziehen. Er ist erschöpft. Oddvar lobt sie: »Das ging gut, Jungs, sehr gut. Jetzt bleibt nur noch das ABC, ja ihr wißt schon – Atem Blut Schock, freie Atemwege, ja, das kennt ihr ja alles. Gratuliere – ihr habt die Sache gedeichselt, jetzt seid ihr berühmt!« Mykeltun hat ein paar Stunden erholsamen Schlaf genossen und ruft Christensen, der gerade eingeschlafen war, zu einer Beratung. Christensen versucht unbeschwert auszusehen. Die Schatten unter seinen Augen und die scharfen Falten um den Mund lassen jedoch seine Verfassung erkennen. Außerdem zeugen sie davon, daß diese Zusammenkunft allein zu den Bedingungen des Ölkonzerns stattfindet. Sie sitzen in der geräumigen Kapitänskajüte, in der dekorative Rosenholzleisten verhindern, daß der Inhalt der Bücherregale auf den Boden kippt. Der Seegang läßt das Zitronenwasser in der Karaffe und den Tee in der Kanne in kleinen Wellen hin und her schwappen. Was Christensen veranlaßt, zur Seite zu sehen. Mykeltun indessen ist bester Stimmung. Er ist in der Konzernhierarchie auf einer Ebene angelangt, wo sich der einzelne Boß zuweilen etwas langweilt. Das gesteht er sich durchaus ein. Hätte er nicht den direkten Kontakt zur Taucherfirma gehabt, wäre er vielleicht schon in Rente, gegangen und hätte sich voll und ganz seiner Weinsammlung gewidmet. Aber die Taucherbranche gibt dem Dasein Schwung, und die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden haben sein Leben sicher um mehrere Monate verlängert. Er fühlt sich stimuliert, belebt und mitten im Zentrum des Geschehens, genau wie in seinen besten Jahren, als er auf dem Weg nach oben war. Langsam und umständlich beginnt er zu reden. Erzählt, daß er am Nachmittag ein Weilchen auf dem Schiff herumgeschlendert ist und dabei über einiges nachgedacht hat. Außerdem habe er eine improvisierte Telefonkonferenz mit Gary gehabt. Und der habe gesagt, daß es vielleicht gar nicht so dumm wäre. Wo doch die Taucher schon auf die richtige Tiefe komprimiert worden seien. Und weil doch das Wrack in der Plattform feststecke, wenn auch sehr weit unten. Man wäre also dumm, wenn man sich das, was einem sozusagen vor die Füße fällt, nicht nehmen würde, ein paar Kronen bringe es wohl in jedem Fall. Und Geld habe man ja zweifelsohne eingebüßt. Die Verzögerung á zehntausend Dollar die Stunde! Ohne den Reingewinn, den der Konzern mit jedem weiteren Tag verliere, an dem die Bohrinsel nicht produziert. Kurz gesagt, Gary – und natürlich auch er selbst – sie hätten sich gefragt, ob es denn völlig undenkbar wäre, Taucher hinunterzuschicken, damit sie ein paar Hebetrossen am Wrack anbringen, so daß man dann einen Bergungsversuch unternehmen könnte. Christensen fixiert ein Buch in einem der Regale. Es wundert ihn, daß die dünne Leiste all dem Druck standhalten kann, den die schweren Bücher entwickeln, wenn sie sich bei dem starken Seegang in Bewegung setzen. Nach den Gesetzen der Aerodynamik kann die kleine Hummel nicht fliegen, aber, davon weiß sie nichts und fliegt trotzdem, und zwei Verrückte wollten aus einer Klinik fliehen, der eine sollte die Taschenlampe halten und der andere auf dem Lichtstrahl gehen: Aber, nee du, sagte der erste, so dumm bin ich nicht, dann schaltest du vielleicht die Lampe aus, wenn ich die Hälfte hinter mir habe, und Jules Verne hat eine Weltumrundung unter dem Meer beschrieben, und niemals, nein niemals hätte er sich träumen lassen, daß Menschen monatelang unter dem Polareis leben könnten. Das Wrack ist mehrere Millionen wert, und dessen Bergung würde sicher die Bande zwischen Deep Seahorse und dem Ölkonzern stärken und Goodwill mit sich bringen und das Angebot, auch anderen Konzernen Offerten einzureichen, und als Chef würde er natürlich im Mittelpunkt des Glanzes stehen und bescheiden auf diejenigen verweisen, die die Aktion tatsächlich durchgeführt haben. »Sie sind ausgepumpt«, hört er sich selbst sagen, »sie haben ihre Energie aufgebraucht, sowohl physisch als auch psychisch, man muß sie nach oben holen. Außerdem soll das Wetter schlechter werden. Das Wrack in dieser Situation bergen zu wollen, wäre einfach tollkühn. Das Wetter muß erst besser werden, und neue, ausgeruhte Taucher müßten her.« Mykeltun gießt sich eine zweite Tasse Tee ein, gibt drei Stück Zucker dazu und rührt um. Dann nimmt er einen Keks vom Teller, den der Steward gebracht hat. Nach einem Weilchen sagt er leichthin: »Ich füge mich. Selbstverständlich. Es war nur eine Idee, eine kleine Überlegung von Gary und mir.« Die Bücher schaukeln hinter der dünnen Rosenholzleiste, aber sie bleiben stehen, kippen nicht aus dem Regal, was nach den Gesetzen der Gravitation das natürlichste wäre. Christensen stellt sich die Bibliotheken der Welt vor, wenn man all dieses Wissen und diese Erfahrungen in die Wirklichkeit umsetzen könnte, wo stünde die Menschheit dann, heute? Entweder hätten die Gesetze der Kultur ein Chaos verursacht, oder aber sie hätten sich von denen des Geldes nicht groß unterschieden, erst in dritter Linie glaubte er daran, daß das Leben besser sein würde. Wer sollte Stahl und Lebensmittel produzieren, wer das Gesundheitswesen organisieren, wenn jeder nur nach der inneren Katharsis strebte? »Neue Taucher«, sagt Mykeltun. »Wie lange dauert das?« Christensen antwortet rasch, aufs Geratewohl: »Drei Tage mindestens. Man muß sie genau aussieben aus denen, die zu dieser Jahreszeit, mitten in der Hochsaison, noch arbeitslos sind. Ja, drei Tage. Man muß sie finden, herfliegen und komprimieren.« Mykeltun knappert an dem Keks, bläst ein paar Krümel von seiner Weste. »Wir werden dein orthodoxes Sicherheitsdenken nicht vergessen«, sagt er dann. Christensen fährt der Schreck in die Glieder. »Eine Arbeit unter Wasser ist selten so einfach, wie sie zunächst scheinen mag«, antwortet er. »Ich fürchte, es reicht nicht, ein paar Stahltrossen zu befestigen, wenn man dieses U-Boot-Wrack bergen will. Die Vorbereitungen für das Heben können Tage in Anspruch nehmen, und die Taucher sind, wie gesagt, erschöpft. Es wäre ja wohl schlechte PR, wenn jemand an eurer Plattform umkäme«, sagt er dann. Mykeltun hebt die Augenbrauen. »Für euch ja«, erwidert er. »Schlechte PR, das ist richtig, für euch. Deine Firma verantwortet die Taucharbeiten. Wir geben sie nur in Auftrag. Wir haben keine Ahnung von der Sache. Wir gewinnen nur das Öl. Das Tauchen ist eure Angelegenheit.«, Ingrid glaubt sie zu hören, oben in der Naßzelle, die russischen Männer, die von Glenn und Ian halbtot geborgen worden sind. Die tot sein könnten, dank ihres Versagens. Sie hört, daß sie unglaublich still sind, obwohl sie leben. Oddvars Instruktionen im Lautsprecher, Ians und dann Glenns knappe Antworten, ihr Keuchen: sie hört alles wie aus der Ferne. Und dann das Schweigen der Fremden. Ego Boy und Bengt hatten die Köpfe über den Rand der Naßzelle gesteckt und nachgesehen, aber sie hat es nicht fertiggebracht. Scham überspült sie, Welle um Welle, sie liegt in ihrer Koje, und am liebsten würde sie wieder weinen, wenn sie das nicht noch mehr demütigen würde. Sie hat seit Jahren nicht geweint, und nun ist es das zweite Mal in vierundzwanzig Stunden, daß sich dieses Verhalten, das sie sich mit aller Kraft abgewöhnt hatte, aufs neue in Erinnerung bringt. Es ist, als hätte sich ein Metallspan irgendwo am Kehlkopf festgesetzt, sie schluckt und schluckt, doch der Schmerz im Hals wird nur noch stärker. Trotz beharrlicher Versuche ist es Bengt nicht gelungen, dem geretteten Russen auch nur ein Wort zu entlocken, nicht einmal seinen Namen. »Dann nennen wir ihn Iwan«, hatte Ego Boy gesagt, »irgendwie müssen wir ihn schließlich ansprechen.« Iwan horcht aufmerksam auf jeden Laut, der aus der Naßzelle dringt. Doch macht er keinerlei Anstalten, sich zu erheben. Ingrid beobachtet ihn. Seine Augen glänzen, er hat lange schwarze Wimpern und kohlschwarze Bartstoppeln, der Schädel zeichnet sich deutlich unter der blaßgrauen Haut ab. Er hätte ein schöner Mann sein können, wäre er nicht so verschlossen. Er scheint nicht zu merken, daß sie ihn mustert., Sie haben erfahren, daß der frei aufgestiegene U-Boot-Mann gestorben ist. Oddvar hat die Neuigkeit mitgeteilt, als Ian und Glenn wieder sicher in der Glocke saßen und unterwegs nach oben waren. Die Verstimmung, die die Nachricht ausgelöst hatte, war erträglich geblieben, dank der lebendigen Vierpersonenlast, die die Glocke transportierte. Sie haben die traurige Nachricht round-robin mitgeteilt, so daß auch Iwan sie hören konnte, aber er hat nicht reagiert. Ist es einfach nur Härte, oder versteht er wirklich kein Englisch und begreift nicht, daß sein Kollege gestorben ist? Glenn ruft aus der Naßzelle nach unten, sie sollen sich bereithalten, jemanden in Empfang zu nehmen, und ein fremder Mann stürzt die Leiter mehr herunter, als daß er sie herunterklettert, er trägt einen Jogginganzug der Taucherfirma, und auf seiner Brust leuchtet das Logo in Schwarz, Rot, Weiß und Blau, als sei der Mann eilig angeworben, eingestellt und fix und fertig ausgebildet worden, um in das spezifische Programm der Firma integriert zu werden. Ego Boy und Bengt nehmen den Fremden in Empfang und lotsen ihn zu Ego Boys Koje. Im selben Moment setzt Iwan sich auf und spricht mit harter, befehlender Stimme ein paar Worte auf russisch, offenbar eine Frage, denn von Ego Boys Bett antwortet sein Kollege mit unterwürfiger Stimme. Er sieht zu Iwan hin, und Ingrid bemerkt, daß sich die Blicke der beiden Männer begegnen, eine Information wird ausgetauscht, doch welche? Der Kapitän befindet sich nicht mehr in der Kammerkontrolle, wegen des schlechter gewordenen Wetters ist er zur Brücke hochgestiegen. Aber die ganze Zeit über läuft ein Band. Alles, was in der Druckkammer gesagt wird, ist dort aufgezeichnet, Charles oder Harald werden es ihm später vorspielen., Erneut ruft Glenn aus der Naßzelle, und Ingrid steht auf und hilft, den nächsten Russen entgegenzunehmen. Er fällt mit seinem ganzen Gewicht auf sie, aber sie fühlt, daß sie es bewältigt, und zusammen mit Bengt schleppt sie den Mann zu ihrer eigenen Koje, wo sie ihn hinlegen. Er ist jung, jünger als die beiden anderen, vielleicht in ihrem Alter, hat blondes Haar und scheint ziemlich mitgenommen zu sein. Iwan schweigt, aber seine Augen nehmen auch mit diesem Mann Kontakt auf. Von Freude keine Spur, nur verbissene Entschlossenheit. Wozu? Iwan sagt jetzt etwas zu dem Burschen in Ingrids Koje, erhält aber keine Antwort. Der Junge ist bewußtlos geworden. Aus der Naßzelle steigen nun Glenn und Ian herunter. Das Wiedersehen ist herzlich, Umarmungen, Schulterklopfen, Scherze. Ego Boy schüttelt Glenn heftig, aber der lacht nur, sie sind jetzt in Sicherheit, und alle Aufregung der Welt ist im Moment vergessen. Endlich ist dieser Alptraum vorbei. Um sie herum in den Kojen liegen drei rätselhafte Männer. »Den einen haben wir schon getauft«, sagt Bengt. »Am besten geben wir den restlichen auch noch Namen, denn sie werden sich ja wohl nicht vorstellen?« »Nein«, bestätigt Glenn. »Sie halten sich wirklich zurück. Haben die ganze Zeit nichts gesagt, nicht mal danke. Andrerseits sind sie nicht gerade fit, aber sie sollten sich wohl darüber im klaren sein, daß es verdammt knapp gewesen ist. Wirklich verdammt knapp. Sie hätten es nicht mehr lange gemacht, haben wie die Kaninchen gekeucht, und fast alles ist schon voller Wasser gewesen. Obwohl sie selbst in die Schleuse gestiegen sind, haben sie trotzdem getobt und um sich geschlagen. Also haben wir sie uns zur Brust genommen, zum Teufel mit der Psychologie in einer solchen Lage.« Die anderen lächeln. Dann schauen sie nachdenklich ihre unerwarteten Gäste an. »What’s your name?« versucht es Ego, Boy bei dem hochgewachsenen Russen, der in seiner eigenen Koje liegt. Tätowiert, sogar bis auf die Hände hinunter, und mit einer auffälligen Narbe auf der Wange. »What’s your name?« Keine Antwort. Und der andere, auf Ingrids Bett, ist noch immer bewußtlos. »Sie müssen was zu sich nehmen«, bemerkt Bengt, »der Doktor wird sonst wahnsinnig. Aber zuerst taufen wir sie – hello… Wladimir?« sagt er zu dem tätowierten Mann in Ego Boys Koje. Die Taucher lachen. »Hello… Sergej!« sagt Ego Boy zu dem blonden Burschen auf Ingrids Bett. Iwan sieht plötzlich Ego Boy an. Sein Blick verheißt nichts Gutes. Ego Boy lacht überrascht auf und springt spielerisch zurück, wie um einen Schlag zu parieren. »Guck an, er hat mich angesehen. Wie einen das freut, und wütend ist er auch, die russische Volksseele hat noch immer Kraft. Blame yourself, why don’t you tell us what your names are?« Jetzt aber wendet Iwan das Gesicht ab, dreht sich zum Schott um. Glenn und Ian sind erschöpft. Ian klettert mit Mühe in die eigene Koje hoch, und Bengt hilft Glenn, in die seine zu kommen. Im Lautsprecher ertönt Haralds beruhigende Stimme. Er heißt sie willkommen zur Rückreise in die Naturgesetze, genannt Dekompression. Fünf Tage werde diese Reise nach seiner Berechnung dauern, und dann solle es ihm ein Vergnügen sein, die Luke zu öffnen. Er wolle ihnen selbst die Hand drücken und sie einladen, wieder in Gottes freie Natur, hinaus aufs Deck zu treten. Die Worte sind wie Balsam. Ego Boy, Bengt und Ingrid setzen sich zu den geretteten Russen und flößen ihnen Nutrison, ein. Glenn und Ian haben ein paar Schlucke zu sich genommen und sind eingeschlafen. Alles ist jetzt vorbei. Die Dekompression hat begonnen. Langsam und ruhig wird man den Druck senken. Sie fahren in Etappen durch die Schwerkraft. Mit jedem Stück wird der Druck geringer, doch sie reisen langsam, sehr langsam, und niemand hat etwas dagegen, denn alle wissen durch Anschauung oder aus eigener Erfahrung, welche Wirkung es auf den Körper hat, wenn das Inertgas nicht schnell genug abziehen kann, sondern im Körper brodelt, wie man es von einer rasch geöffneten Limonade kennt. Gliederschmerzen, heftiges Stechen, Rötungen der Haut, Schwindel, Übelkeit, Sehstörungen und Schmerzen, Schmerzen und nochmals Schmerzen. Taucherkrankheit. Ian und Bengt schlafen tief, Wladimir und Sergej ebenfalls. Ingrid hat Kleidung und Taschen in der Koje über Wladimir zur Seite geschoben. Jetzt liegt sie dort und blickt auf das hinunter, was von den Tätowierungen des Russen zu sehen ist. Schlangen und Drachen. Bis auf die Hände ringeln sie sich, richtiges Gangsterdekor, doch weiß sie bereits, daß Iwan hier das Sagen hat, sie hat es an Wladimirs unterwürfigem Blick gesehen, als er die Kammer betrat. Ego Boy und Bengt sitzen am Tisch und spielen Karten. Jetzt muß man nur irgendwie die Zeit totschlagen. Da klopft Harald plötzlich ans Mikrofon. Wichtiges Gespräch für Ian – über Headset! Er schläft doch, antwortet Bengt, der sich selbst noch immer völlig groggy fühlt. Neidisch blickt er auf den Kollegen, der in seiner eigenen Koje schlafen darf. Auf Bengts Bett liegt Glenn und schnarcht. »Weck ihn«, sagt Harald. »Es ist wichtig.«, Ego Boy und Bengt blicken sich resigniert an, und dann erheben sie sich, als hätten sie eine Kraftprobe vor sich. Ein Weilchen später haben sie es geschafft, daß Ian sich in der Koje aufsetzt, und sie befehlen ihm, die Kopfhörer zu nehmen. Ian scheint nur zu gehorchen, um ihrem Gezeter zu entkommen. Niemand in der Kammer kann hören, was über die Kopfhörer gesagt wird, doch alle sehen, daß Ian plötzlich munter wird. Er drückt die Hörer an die Ohren und lauscht konzentriert. Dann ruft er ungläubig: »Ja aber…? Das ist doch viel zu früh…?!« Er schaut Bengt an und sagt mit echter Empörung: »Die Entbindung ist losgegangen!?« Man wird mit Nahrung, Sauerstoff, Information versorgt. Freiheit ist eine Illusion, dennoch hegt und pflegt man das Gefühl von Freiheit. Die Freiheit, zu essen oder es nicht zu tun. Die Freiheit, sich in die Koje zu legen oder die zwei Meter im Raum hin- und herzulaufen. Die Freiheit, ein Spielchen zu machen, zu lesen oder zu schlafen. Die Freiheit zu denken. Aber was denkt man, und denkt man das Richtige, denn vielleicht ist die erhaltene Information ja zuerst durch mehrere gewinnbestimmte Filter gelaufen? Es herrscht keine Diktatur. Die Taucher sind freiwillig hier – weil sie sich versorgen müssen. So gesehen, gilt die Freiheitsillusion auch für die Zeiten an Land. Denn das ganze Konzept läuft darauf hinaus, daß sie im Wasser sind, unter Druck, um Leistung zu bringen, und nochmals Leistung, andernfalls glauben Taucher, an Land keine Existenzberechtigung zu haben – und sie besäßen auch kein Geld, um ihre Freiheitsillusion zu pflegen. Irgendwo da draußen bringt seine Frau ihr Kind zur Welt, viel zu früh, wie soll das gehen? Ians Gesicht ist verkrampft,, aber er glaubt nicht, daß jemand gemerkt hat, wie verzweifelt er ist. Niemals wird er diese Sache ungeschehen machen können. Gute Bindungen reißen viel leichter als diese Zwangsjacke der Gravitation, in der er immer steckt, auch wenn er an Land ist. Gatte und Vater ist man freiwillig, man ist es, oder man ist es nicht. Aber Taucher ist man einfach ständig – die ganze Zeit über – Kind für Kind, Familie für Familie. The lonesome cowboy weilt nur zufällig am selben Ort, und Tränen können ihn dort nicht festhalten. Am Ende sinkt Ian in Schlaf, er läßt sich von Träumen davontragen, sein Körper gibt nach, denn er ist unglaublich müde, unfähig, noch weitere Dinge aufzunehmen. Die Stunden vergehen, das Licht in der Kammer ist gedämpft. Alle ruhen, und es ist still, ganz still. Früh am Morgen sitzt Charles am Steuerpult für die Kammer. Der Arzt schaut wieder herein, und sie wechseln ein paar Worte über das Befinden der Taucher – und das der Russen. Der Arzt sagt, sie scheinen alle drei eine gute Kondition zu haben, sonst hätten sie sich nicht so rasch erholt. Es ist ausgezeichnet, daß sie im selben Tempo wie die Taucher dekomprimiert werden. Besser zu langsam als zu schnell. Plastikbecher, Kugelschreiber und Büroklammern rasseln auf dem Steuerpult hin und her. Charles legt die Hand vor den Mund. »Seekrank?« fragt der Arzt. »Nein, müde«, antwortet Charles. »Sehen Sie mal, jetzt ist er wieder wach, der erste Russe, den sie hochgeholt haben. Er scheint der Boß zu sein. Verschlossene Typen, die. Gibt wohl andrerseits keinen Grund, auf dem Tisch zu tanzen, ihre Zukunftsaussichten sind nicht gerade rosig. Diebe, die sie nun mal sind, oder Meuterer oder weiß der Himmel, wie man sie nennen soll, Landesverräter, Schieberirgendwas, U-Boot-, Piraten – ja Banditen. Wer will solchen Leuten Asyl gewähren, und was erwartet sie, wenn sie nach Rußland zurückkehren?« »Wir wollen sie Piraten nennen«, erwidert der Arzt, »das Wort hat jedenfalls was Romantisches und Freies. U-Boot- Piraten – modern und spannend. Wilde, freie Männer.« »Piraten muß das falsche Wort sein«, antwortet Charles. »Piraten plündern doch, was unter Wasser nicht geht.« »Piraten?!« sagt Christensen leise und ungläubig. »Ist denn das möglich?« Er hält fragend ein Fax hoch, und Mykeltun, der eben erst aufgestanden ist und noch nicht mal hat Kaffee trinken können, reißt es ihm brüsk aus der Hand. Sie sitzen in der Kapitänskajüte. Mykeltun wartet schon etwas zu lange auf das Frühstück. Allzu viele Worte sind in dieser frühen Stunde und in der jetzt ziemlich bewegten Umgebung noch nicht gewechselt worden. Mykeltun würde am liebsten sofort nach Hause fliegen, aber die Sache ist zu groß, alle Aufmerksamkeit ist auf sie gerichtet, und für einen diskreten Abgang ist es zu früh. Rasch liest er die Mitteilung durch, die Christensen soeben geholt hat. Seine Gesichtsfarbe verändert sich. Wut packt ihn: Ölpiraten! »Diese verdammten Kerle! Sie haben unter Wasser Öl gestohlen! Am Bohrloch! Direkt vor unserer Nase… ich meine – unter unseren Füßen!!!« Mykeltun schleudert das Papier von sich, er atmet schwer, und der Steward, der mit vollbeladenem Tablett hereinkommt, erntet einen haßerfüllten Blick. Frühstück wird auch in der Druckkammer serviert. Die Taucher haben gegessen und den drei Russen Platz gemacht, die schweigend und auf zittrigen Beinen zum gedeckten Tisch gegangen sind. Sie haben ein paar Worte auf russisch, gewechselt und sich dann mit Schinken, Ei, Brot und Kaffee vollgestopft. Nun scheint die Mahlzeit beendet zu sein. Sie rutschen auf den Stühlen hin und her und werfen sich rasche, beinahe scheue Blicke zu. Die Taucher sitzen auf den unteren Kojen und warten. In der Kammer ist es eng, sie ist für sechs Personen gedacht, nicht für acht. Sie warten darauf, daß die Russen Geschirr und Speisereste in die Schleuse stellen, damit sie selbst wieder an den Tisch können, um dort ein Spielchen zu machen und sich die Zeit zu vertreiben. Ingrid steigt in die Naßzelle hoch, um zur Toilette zu gehen und rasch zu duschen. Es ist keine Kleinigkeit, sein Bedürfnis auf offener Bühne, vor dem alles sehenden Kameraauge zu verrichten. Sie kann nur hoffen, daß Tom und Oddvar wegschauen. Sie ist rasch fertig mit ihrem Geschäft, das mit der Dekomprimierung des menschlichen Abfalls abgeschlossen wird. »Schluß der Vorstellung«, sagt sie mit einer Grimasse zur Kamera hin, als sie den letzten Hebel umstellt. Dann steigt sie wieder zu den anderen hinunter. In der Kammer ist der Tisch abgeräumt, aber die Russen sind sitzen geblieben. Iwan steht auf und kommt auf sie zu. Er holt etwas unter seinem Hemd vor, und ganz zwanglos, beinahe freundlich, zeigt er es ihr. »Weißt du, was das hier ist?« fragt er auf englisch und hält ihr irgendein längliches Glasgefäß vors Gesicht. Sie freut sich. »Was habe ich gesagt«, ruft sie. »Du kannst Englisch, sogar ausgezeichnet.« Triumphierend blickt sie in die Runde. Aber die Stimmung in der Kammer ist gedrückt. Es ist genauso still wie zuvor, irgend etwas Entscheidendes muß passiert sein. Die beiden anderen Russen erheben sich vom Tisch., Jetzt wirken sie nicht mehr zaghaft. Ihre Haltung ist selbstsicher, überlegen. Sie halten ebensolche Glasgefäße wie Iwan in der Hand. Was sind das für Gefäße? Reagenzgläser? Ampullen? Ja, Ampullen. Iwan nimmt ihre Hand, legt die Ampulle hinein und führt sie nach vorn zum Kameraauge. Sein Griff ist vorsichtig, ja beinahe ritterlich, als sei auch sie aus Glas. Aber er sieht Ingrid nicht an, statt dessen hält er ihre Hand hoch – die mit der Glasampulle – und spricht direkt zu demjenigen, der zur Zeit das Innere der Kammer überwacht. »Eine der effektivsten Waffen der Welt«, sagt er. »Mutierter Pockenvirus. Hundertprozentige Wirkung. Euer ausgezeichneter Arzt kann bestimmt eine Analyse machen lassen.« Danach führt er Ingrid zur Schleuse, wo er ihr bedeutet, die Ampulle hineinzulegen. Er schließt die Luke und wendet sich erneut der Kamera zu. In ganz alltäglichem Ton teilt er seine Forderung mit. »Sofortiger Abbruch der Dekompression und statt dessen Drucksteigerung. Wir wollen zurück auf die Höhe des U- Boots.« Harald, der allein im Kontrollraum ist, mustert die Glasampulle in der Schleuse, in der er gerade den Druck ausgeglichen hat. Er zögert, nimmt sie dann aber mit einem Papierhandtuch auf. Sie ist gefüllt, bis obenhin gefüllt mit irgendeiner Flüssigkeit. In das Glas ist das Biohazard-Zeichen eingeätzt, das biologische Warnzeichen, gefolgt von dem Text: VARIOLAVIRUS. Vorsichtig legt Harald die Glasampulle auf einen Tisch und stürzt ans Telefon., V. Die Taucher haben Angst. Sie haben den Schrecken in den Gesichtern ihrer Arbeitskollegen gesehen, wissen aber nicht, daß sie selbst genauso entsetzt aussehen. Wladimir und Sergej sitzen wieder am Tisch, jeder hat eine Ampulle in der Hand. Iwan steht noch immer und hält Ingrid dicht vor sich. Mit ein paar Gesten befiehlt er Bengt und Glenn, in die oberen Kojen zu klettern. Die anderen verstehen, warum. Bengt und Glenn sind die stärksten und aus der Sicht der Russen die gefährlichsten Taucher. Bengt und Glenn gehorchen. Glenn schwingt sich in Ians Koje und Bengt in seine eigene. Unter ihm auf Ingrids Bett sitzen Ego Boy und Ian, starr und schockiert. Mitten im Raum steht, als bereits Auserwählte, noch immer Ingrid. Sie fühlt sich an Iwan gekoppelt, von ihm hypnotisiert, er benutzt sie, das schwächste Glied der Kette. Drückendes Schweigen herrscht. Die Russen warten auf eine Reaktion von draußen. Schließlich fragt Glenn, was sie wollen. Das würden sie bald erfahren, gibt Iwan kurz zur Antwort. Bengt liegt angespannt in seiner Koje. »Ihr würdet doch selbst mit draufgehen«, sagt er. Iwan lächelt, ein kurzes Sichöffnen. »Wir sind die einzigen, die nicht draufgehen«, erwidert er unverändert freundlich. »Denn die westliche Welt hat mit dem Impfen aufgehört. Übrigens würde auch das nichts helfen. Nicht bei dieser veredelten Variante.«, Seine Worte in ausgezeichnetem Englisch brechen wie eine Schockwelle über die Taucher herein. Sie rühren sich nicht. Ertragen es nur. Stellen sich das Entsetzliche vor. Stimmt es wirklich? Kann es tatsächlich so sein? Die zwei dort am Tisch. In ihren Händen halten sie, ja, jeder hält eine tödliche, eine todbringende Waffe. Es ist so. Und sie selbst stecken in dieser Sache, stecken mittendrin. Bald kann alles zu Ende sein. Gleich einer Einblendung aus einem anderen Programm ist plötzlich Christensens Stimme im Lautsprecher zu hören. Er stellt sich mit Name und Position vor, äußerst korrekt. Dann bricht seine Entrüstung durch. »Also zum Dank dafür, daß wir Ihnen das Leben gerettet haben, belieben Sie, auf meinem Schiff die Terroristen zu spielen!« stößt er hervor. »Dafür möchte ich mich bedanken. Für diese Ehre! Aber würden Sie jetzt, verdammt noch mal, so freundlich sein und uns die restlichen Ampullen rausschicken! Dieses Spiel amüsiert mich nämlich kein bißchen!« Iwan antwortet, bevor Christensen überhaupt ausreden kann. »Laß das Gequatsche! Wir wollen zurück! Und du wirst uns ein Ersatzschiff besorgen, sagen wir irgendeinen freien NATO- Kahn, so einer wie unserer war, ist okay.« Christensen ist für einen Moment sprachlos. Dann schreit er los: »So viel Frechheit ist mir noch nie begegnet! Wie können Sie es wagen?! Wir haben Ihnen das Leben gerettet und bieten Ihnen außerdem ein anständiges Gerichtsverfahren in Norwegen an, statt Sie umgehend zu den sibirischen Genickschußanlagen zurückzutransportieren! Aber Sie verlangen ein neues U-Boot!!! Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll!« »Wir wollen hoffen, daß ihr nicht zu weinen braucht«, antwortet Iwan beinahe rücksichtsvoll. »Was sagt euer hervorragender Arzt? Hat er die Ampulle bekommen?«, Es wird still. Man hört, wie Christensen nach Luft schnappt, und dann sagt er zögernd und ziemlich leise, natürlich habe der Arzt die Ampulle bekommen, und er meint, daß… er meint, daß… sie untersucht werden muß… »Gelegenheit dazu gibt es in Bergen, und ein Hubschrauber wird…« Danach Pause. Ingrid spürt in ihrem Rücken, daß sich Iwan ungeduldig bewegt. Ihr ganzer Körper schmerzt, vor Anspannung kann sie kaum mehr stehen. Ego Boy und Ian sitzen noch immer auf der äußersten Kante von Ingrids Koje. Sie wagen es nicht, einander anzusehen oder die Stellung zu wechseln. Sie sitzen da wie Puppen, ohne einen Laut von sich zu geben. Auf den oberen Betten liegen Bengt und Glenn mit geschlossenen Augen, aber sie sind nicht müde. Im Kontrollraum betrachtet Christensen den Rücken des Arztes. Der steht von ihm abgewandt und hat die Arme um den Körper geschlungen. Christensen sieht die Hände des Arztes, er trägt einen Ehering. Der Mann hält den Kopf gesenkt. Er, der hier der Experte sein sollte, ist nicht ansprechbar. Ein Arzt, der sich von einem eingeschmuggelten Präparat schockieren läßt? Ein erfahrener Arzt – Christensen ist mehrere Male offshore auf ihn gestoßen, eine graue Eminenz im medizinischen Bereich. Aber jetzt hat jener ihm den Rücken zugewandt. So als wolle er nichts mit der Sache zu tun haben. Als wolle er keinerlei Verantwortung übernehmen. Alle Hoffnung der Taucher schwindet, als Christensen erneut zu hören ist. Er klingt resigniert. »Okay. Was wollen Sie?« Nachdem Glenn und Ian die beiden letzten Russen geborgen hatten, war der Tauchinspektor in seine Kajüte gegangen, um zu duschen, sich umzuziehen und ein paar Berechnungen, darüber anzustellen, wie viele Flaschen Nitrogen und Helium noch gebraucht würden. An mehr erinnert er sich nicht. Das Telefon klingelt. Er fährt vom Bett hoch und stößt mit dem Kopf gegen die Lampe. Die stahlgraue Bürstenfrisur dämpft den Stoß, die Lampe aber fällt zu Boden, und im ersten Augenblick weiß er nicht, wo er sich befindet. Er möge sofort in den Kontrollraum runterkommen! Christensen ist am Apparat, und seine Stimme ist zwar ruhig, doch vibriert sie auf eine Weise, wie es der Tauchinspektor noch nie zuvor erlebt hat. Das bringt ihn gleich in Bewegung. Christensen sitzt vor dem Monitor und beobachtet, wie Glenn den Versuch macht, von Ians Koje hinunterzusteigen. Einer der Russen hebt einfach die Ampulle einen Dezimeter über die Tischplatte und bringt ihn dazu, sofort kehrtzumachen. Der Mann, den die Taucher Iwan nennen, steht noch immer mitten im Raum und hält Ingrid dicht vor sich fest. Man sieht, daß sie Angst hat. »Ich habe doch gesagt, was wir wollen«, antwortet Iwan. »Erhöhung des Drucks. Und zwar jetzt!« Christensen wartet auf den Tauchinspektor. Und er wartet auch auf andere Chefs. Und auf Bescheid. Alarm ist ausgelöst worden. Küstenschutz, Flotte, Polizei und Außenministerium arbeiten bestimmt auf Hochtouren, denn die Situation ist nicht nur gefährlich, sondern rein juristisch gesehen auch delikat. Sie befinden sich wohl in norwegischem Gewässer und an einer überwiegend in norwegischem Besitz befindlichen Installation, aber an Bord eines Schiffes, das zu einundfünfzig Prozent den Briten gehört. »Es ist zu schweres Wetter«, sagt Christensen. »Es hat keinen Zweck. Sie können ja doch nicht tauchen. Nehmen Sie, Vernunft an. Hier draußen gibt es Menschen, die Ihnen helfen wollen. Legen Sie jetzt die Ampullen in die Schleuse. Wir sind Menschen wie Sie. Wir hören Ihnen zu.« Ja, das Wetter ist schwer, denkt er, aber der Hubschrauber, der hoffentlich bereits angefordert ist, muß landen oder jedenfalls so tief heruntergehen, daß der Arzt das Präparat in den Personal-Basket legen kann. Sie müssen Gewißheit bekommen! Zwei Stunden dauert der Flug zurück nach Bergen, zu einem sicher soeben geweckten und auf Trab gebrachten Stab von Immunologie-Experten und einem supergewarteten Elektronenmikroskop, oder was man sonst braucht, um irgendwelche Viren zu identifizieren. Vielleicht blufften die Russen ja nur? Versuchten einfach alles. Was haben sie zu verlieren? Aber sie wissen natürlich, daß die Sache platzen könnte, und was bliebe ihnen dann? Christensen ist sich im klaren, daß eine solche Variante völlig sinnlos und damit höchst unwahrscheinlich ist. Pocken. Allein das Wort jagt ihm Schauer über den Rücken. An Deck gibt es Luft, jede Menge frische Luft, mein Gott, wie er sich danach sehnt. »Es ist zu stürmisch«, sagt er erneut. »Man kann nicht tauchen.« »Versucht uns nicht beizubringen, wie man taucht. Jetzt, habe ich gesagt!« Auf dem Monitor sehen die Männer im Kontrollraum, wie Wladimir und Sergej ihre Ampullen zur Kamera strecken und danach sacht an das Stahlschott schlagen. Man sieht, daß die Taucher, bisher reglos wie Puppen, unruhig zurückzucken, sie können ihre Reaktionen offenbar nicht unterdrücken, der Fluchtreflex wird direkt vom zentralen Nervensystem dirigiert. Gleichzeitig hat Iwan seinen Arm um Ingrids Hals gelegt. Er steht noch immer hinter ihr, die Geste scheint fast zärtlich zu, sein. Aber über Lautsprecher sind groteske Geräusche zu hören, die immer dann auftreten, wenn ein Mensch im Trimixgemisch atmen will und es nicht kann. Der Russe hält Ingrid mit festem Griff und, was ihn betrifft, anscheinend ohne jede Anstrengung. Ingrids Körper hingegen windet und schlängelt sich in Konvulsionen; das widerwärtige, nahezu knirschende Geräusch hallt im Kontrollraum wider. »All right«, ruft Christensen, »die Dekompression wird abgeblasen. Wir beginnen sofort mit der Druckerhöhung.« »Zum Teufel, wo bist du gewesen?« zischt er dem Tauchinspektor zu, der in sein Blickfeld tritt. »Jetzt übernimmst du das hier, ist schließlich dein Job, ich bin doch, verdammt noch mal, dein Chef!« Der Tauchinspektor nimmt eilig auf dem leeren Stuhl Platz und wechselt einen Blick mit Kammeroperatoren und Einsatzleitern, die sich hinter ihm eingefunden haben. Inzwischen hat der Russe Ingrid losgelassen, die jetzt zusammengekrümmt am Boden liegt und nach Atem ringt. Glenn versucht ein zweites Mal, Ians Oberkoje zu verlassen, doch Sergej scheucht ihn wieder zurück. Ingrid windet sich am Boden und beginnt schließlich zu husten. Der metallische Laut klingt wie Musik in den Ohren der Männer im Kontrollraum – sie nimmt Atemgas auf, sie hustet! Christensen hatte erleichtert aufgeatmet, als er von der Funktion am Steuerstand entbunden war. Es ist lange her, daß er mit Strömungs- und Kompressionsreglern umgehen mußte. Die Tabellen kennt er in- und auswendig, aber die konkreten Maßnahmen sitzen nicht, wie sie sollten. Er kam sich dumm und ungeschickt vor, und das mitten in einem Drama vom Modell Zweiter Weltkrieg. Wahrhaftig kein Spaß. Noch immer erscheint ihm die ganze Sache unwirklich und unglaublich dreist! Mit all dem Mist einfach in sein Schiff zu platzen! Zum, Dank dafür, daß sie gerettet worden sind! Er kann es nicht fassen, daß so etwas möglich ist. Jetzt steht eine neue Katastrophe buchstäblich vor der Tür, Mykeltun ist mit hochrotem Gesicht aufgetaucht. Oddvar und Tom eilen zu ihm, um ihn wieder nach draußen zu schieben, doch offenbar hat er nicht vor, sich das gefallen zu lassen. »Dieses Mistvolk!!!« schreit er. »Öl zu stehlen! Laßt mich dorthin! Sollen die noch das ganze Schiff übernehmen? Was seid ihr für Kerle, daß ihr euch von solchem Abschaum einschüchtern laßt?!« Christensen mischt sich ein. »Gehen Sie eine Tasse Kaffee trinken. Oder ruhen Sie sich etwas aus! Wir kümmern uns um die Verhandlungen, die haben keine Chance. Jetzt geht’s nur darum, Zeit zu gewinnen. Die ist auf unserer Seite, Herr Mykeltun.« Aber Mykeltun hält Christensen für einen Trottel. »Die haben unser Öl gestohlen! Vielleicht schon jahrelang?! Man schiebt es auf die Technik, auf falsche Geber und Sensoren, aber was weiß man eigentlich von dem, was da unten passiert, äußerst merkwürdig, dieser Zufall, der ständig ein Minus brachte, doch jetzt verstehe ich! Jetzt verstehe ich das alles, glaubst du, ich begreife das nicht?! Wir haben gedacht, da gibt es Lecks, Korrosion. Unterdessen haben die Rohöl direkt an wartende Tanker, unter wer weiß was für einer Flagge, verkauft. Bei dieser Art von Technologie haben sie es offenbar weit gebracht. Aber die Ernährung der eigenen Bevölkerung sichern – ja, das können sie nicht!« »Das hier sind Piraten«, versucht Christensen ihn zu beruhigen. »In Rußland erwartet sie die Todesstrafe.« Ingrid hustet noch immer. Iwan hat ihr aufgeholfen und steht wieder hinter ihr. Sie kann sein Gesicht nicht sehen. Wladimir, und Sergej schauen sie triumphierend an. In der einen Oberkoje liegt Glenn und versucht ruhig zu erscheinen, in der anderen Bengt, der den Arm über die Augen gelegt hat. Wie schon zuvor spiegeln sich auf den Gesichtern von Ego Boy und Ian blankes Entsetzen; Ingrid ist vor Angst völlig außer sich. Allein die Tatsache, daß die Männer eine Ampulle fallen lassen könnten, einfach aus Versehen, und sie selbst darf nicht einmal reagieren! Ein Pockenvirus – sie erinnert sich vage an alte Fernsehbilder. Der letzte Pockenfall: das Krankenhauspersonal trug Raumanzüge, der Patient auch, trotzdem ist er gestorben. Seitdem ist die Seuche ausgerottet, man braucht sich nicht einmal mehr impfen zu lassen. Er hat völlig recht, dieser sowjetgeborene, nunmehr vogelfreie Teufel. Der Erreger wird durch die Luft übertragen, man kann sich nicht dagegen schützen, und der Tod ist qualvoll, schrecklich und unausweichlich, sobald man diesem Virus ausgesetzt ist. Sie weiß sehr viel darüber, aber jetzt muß sie nachdenken, muß sich am Rationalen festklammern und darf sich nicht vom Wahnsinn, von der Gefühlsflut mitreißen lassen, die sie nach unten zu ziehen droht, so daß sie sich selbst verliert. Sie nimmt sich zusammen. Ja. Sie nimmt sich jetzt zusammen. Es gelingt ihr, sich zu beruhigen. »Ihr werdet es nie schaffen«, sagt sie so fest, wie ihr möglich ist, denn der Kehlkopf schmerzt beim Sprechen. Sie betrachtet Ian und Ego Boy. Sie muß diese Sache in die Hand nehmen. Die beiden sitzen doch bloß da. »Bis hierher haben wir es geschafft«, antwortet Iwan überraschend freundlich. »Wenn du dich gut benimmst, kannst du mein Bellman werden.« Bei diesen Worten hat Bengt sich aufgesetzt und ist schon auf dem Weg nach unten, doch ein gefährliches Aufblitzen in Sergejs Augen stoppt ihn., Er zieht die Beine hoch und sagt: »Nimm mich. Sie schafft die Sache nicht, das weißt du doch. Nimm mich.« »Iwan bestätigt, daß er ihre Kapazität kennt, er war schließlich dabei. Und er findet es ganz ausgezeichnet so. Dann riskiert er wenigstens nicht, ein Messer in den Rücken zu kriegen. Als Bellman ist sie absolut brauchbar. Sie muß nicht ins Wasser raus. Jemand muß als Bellman fungieren. Er braucht da unten nur eine starke Person, nicht zwei.« Als er das sagt, betrachtet er die vier Taucher prüfend. So gut sie können, starren sie zurück. Er schaut sie lange an. Wägt ab. Bengt – seinen Retter – scheint er sofort zu verwerfen. Die anderen drei mustert er eine Zeitlang. Schließlich zeigt er auf Ego Boy. Glenn schreit: »Nein, nicht ihn! Nimm mich statt dessen, ich bin stark.« Glenn blickt unglücklich zu Ingrid. Aber Iwan läßt sie zum ersten Mal los, geht zu Ego Boy, zaust ihm die Haare und sagt: »Heute nacht wirst du mit mir auf dem äußersten Punkt des Shuttles sein. Paß auf, daß du nicht den Halt verlierst. Und runtertrudelst. Direkt hinein in die kalte, eiskalte Ewigkeit.« Die Worte lassen alle schaudern. Doch Glenn gibt nicht auf. »Nimm mich! Er ist gefährlich!« Ego Boy wird wütend und vergißt seine Angst: »Ja, nehmt den verdammten Kerl, er will es ja so! Nehmt ihn und stoßt ihm eure verdammten Ampullen in den Arsch!« »Ihr beide haltet die Klappe«, sagt Iwan ruhig. Aber Glenn hört nicht auf ihn. »Er hat einem Kollegen, der draußen im Wasser war, die Nabelschnur abgeschnitten«, stößt er hervor. »Hat sie abgeschnitten, die Bodenluke geschlossen und dem Oberflächenpersonal signalisiert, sie könnten die Glocke, hochziehen, hat seinen Kollegen dort unten dem Tod überlassen!« »Du lügst«, ruft Ego Boy. »Und alles wegen einer Spielschuld von fünfzigtausend!« schreit Glenn, der alles tut, um Ego Boy von dem eventuellen Tauchgang wegzubringen, denn er fürchtet um Ingrids Leben. Ego Boy weiß nichts mehr zu sagen, er will es Glenn statt dessen zeigen, er fährt hoch, um seinen Gegner von der Oberkoje zu zerren, aber Iwan tritt gemächlich dazwischen. Ego Boy sinkt auf das Bett zurück. Iwan sieht ihn gutgelaunt an. Er scheint mit seiner Wahl zufrieden. Ingrid sucht Glenns Blick. Warum? Warum was? Glenn schaut weg. Sie meint natürlich, warum machen die Russen das, warum wollen sie wieder nach unten? Aber sie hat durchaus auch Grund zu fragen, warum er sie um jeden Preis schützen will, obwohl sie sich doch eindeutig, trotz der Warnungen, für die Teilnahme am Tauchgang entschieden hat. Zwar war die jetzt entstandene Situation kaum zu erwarten gewesen, aber daß der Einsatz hart werden würde und schwierig, das wußten sie alle, und das hat auch sie gewußt. Und außerdem hat sie schlappgemacht. Also, weshalb ist er bereit, sogar sein Leben zu opfern, nur um sie jetzt zu retten? Weil er einer fast ausgestorbenen Art angehört. Nicht der Mensch fällt einem ein, nein, ein Tier, ein in Bedrängnis geratenes Urzeittier, das die Weibchen beschützt. Und auch die Jungen, wenn es welche gibt. Der Sturm tobt um Schiff und Bohrinsel. Die Luftmassen zwingen das Wasser zum Wahnsinnstanz, es ist wie in einem Hexenkessel. Die Gangway zwischen Produktionsplattform und Wohninsel ist seit ein paar Stunden eingezogen. Die Crew der Plattform hockt in ihren Kajüten, ihr ist nicht wohl zumute., An Bord der Deep Seahorse greift die Seekrankheit um sich. Leute, die niemals ihren Posten verlassen haben, erledigen ihre Arbeit zwar noch leidlich, doch gehen sie zwischendurch an Deck, um sich zu übergeben. Die Stimmung ist unwirklich. Alle wissen jetzt Bescheid. Der Tauchinspektor ist es nicht gewohnt, Befehle entgegenzunehmen. Auf seinem Gebiet ist er der uneingeschränkte Herrscher. In den zwanzig Jahren seines Dienstes ist es niemals vorgekommen, daß man seine Einschätzungen und Festlegungen zum Tauchen angezweifelt hat. Sein Wort war Gesetz. Seine Verantwortung hat niemand in Frage gestellt, und egal in welcher Position und auf welchem Niveau sich die Leute auch befanden, sie hatten sich in jedem Falle nach ihm zu richten. Das Tauchen war Sache des Tauchinspektors. Niemand sonst hatte etwas damit zu schaffen. Ein Tauchgang unter den herrschenden Witterungsverhältnissen hatte nie zuvor stattgefunden und war auch völlig undenkbar. Der Tauchinspektor ist auf dem Weg zur Brücke. Er wird zwischen den Schotten hin und her geschleudert. Der Aufgang, den er benutzt, verschwindet plötzlich unter seinen Füßen, er fliegt in die Luft. Im nächsten Moment steigt die Treppe mit ihm nach oben, so daß er nicht vom Fleck kommt. Dann ein Stoß gegen die eine Schulter, darauf gegen die andere. Er verspürt auf See zum ersten Mal Übelkeit. Mein Gott, muß er sich bei all dem Ärger auch noch übergeben? Nein, ein Tauchgang bei dem jetzt herrschenden Wetter wäre völlig undenkbar. Er öffnet die Tür zur Brücke, und alles, was er durch die großen Fenster sehen kann, sind Wasserkaskaden und Gischt. Er redet mit dem Kapitän und stellt wie nebenbei eine Frage, die genauso bedrohlich wie lächerlich ist., Der Kapitän stutzt, fixiert ihn verblüfft – was hast du gesagt? »Ich frage mich nur, ob du den Kahn bei diesem Wetter fest in Position halten kannst.« »Bist du nicht bei Trost? Wie soll ich das wissen? Und was gibt es für einen Grund, das herauszufinden? Bei Sturm war das schließlich nie aktuell.« »Du weißt sehr wohl, worum es geht«, sagt der Tauchinspektor bekümmert. Ja, dieser lähmende Kummer, wenn er doch wütend werden könnte. Aber als er in das gekränkte Gesicht des Kapitäns blickt, fühlt er nur Kummer. Warum mußten sie in eine solche Geschichte geraten? »Weigern muß möglich sein«, erwidert der Kapitän mit einigermaßen fester Stimme und klammert sich an den Kommandostand. »Das können wir nicht«, sagt der Tauchinspektor. »Bergen hat noch nicht geantwortet, aber Christensen hat einen Professor vom Seuchenschutzinstitut in Schweden gesprochen. Das letzte Mal, als sie einen Pockenfall hatten, mußten sie halb Göteborg evakuieren. Das ist jetzt dreißig Jahre her. Man hat geglaubt, die Pocken wären überall ausgerottet; es existieren nur noch zwei bekannte Virendepots in Moskau beziehungsweise Washington. Aber da die Situation in Rußland nun mal ist, wie sie ist, fand er es nicht ganz unwahrscheinlich, daß man mutierte Pockenviren gezüchtet haben könnte.« Der Kapitän hält sich noch immer am Kommandostand fest. »Man gibt bei Terroristen nicht nach«, erklärt er. Der Tauchinspektor verspürt einen Brechreiz, ihm ist wirklich furchtbar übel. »Wir müssen«, sagt er. »Es geht darum, Zeit zu gewinnen. Wir haben sie ja buchstäblich in der Hand, sie verschwinden nicht. Wir müssen ihnen nur etwas Leine geben, damit sie glauben, sie steuern die Sache. Du verstehst doch? Du kannst den Kahn doch wohl in Position, halten? Falls wir sie mit der Glocke runtergehen lassen müssen?« Der Kapitän läßt den Kommandostand los und hebt resigniert die Arme. »Die vier Positionierungssysteme, die wir da separat haben – das ist doch alles elektronisch! Was wissen du und ich denn von so was? Ich wage nicht, irgendwas zu versprechen.« Im selben Augenblick verliert er das Gleichgewicht und landet in den Armen des Tauchinspektors, der sich ohne ein Wort von ihm befreit und geht. Geradewegs zum nächsten Klo. Kostbare Minuten verstreichen, doch jetzt fordert der Körper sein Recht. Wie zuvor sitzen Wladimir und Sergej am Tisch und halten die Ampullen gut sichtbar in der Hand. Iwan steht mit dem Rücken an die Leiter gelehnt. Vor sich hält er Ingrid, die die Marter – ganz weiß im Gesicht, die Haare kleben vom kalten Schweiß am Kopf – Minute um Minute erduldet. Glenn und Bengt sind wie zuvor in die Oberkojen verbannt. Ego Boy sitzt auf der Kante seines eigenen Bettes und Ian, das Gesicht in den Händen vergraben, auf Ingrids Schlafstelle. Er ist der einzige Taucher, der nicht Augen und alle Sinne auf die Russen gerichtet hat. Alle warten. Sergej und Wladimir halten ihre Ampullen nur lässig fest. Glenn bemerkt es. Kann es sich wirklich um echtes Zeug handeln? Die beiden grinsen sich siegessicher zu. Glenn haßt ihr öliges Lächeln und wünscht, daß ihm jemand eine ordentliche Tracht Prügel verpaßte, weil er die Kerle gerettet hat. Das sind doch keine Menschen, das sind undankbare stockdumme Reptilien, und er, ein ahnungsloser, gutgläubiger Nordländer, lernt es offenbar nie, daß nicht alle anderen ebenso gute Absichten verfolgen wie er selbst., Bengt sieht rasch zu ihm hin. Glenn senkt den Blick. Er bemerkt ein Aufblitzen in den Augen seines Kumpels und will um alles in der Welt nicht dazu beitragen, daß Bengt etwas Unüberlegtes tut. Aus seiner Oberkoje hat Bengt eine gute Übersicht über die Kammer. Nachdenklich studiert er die drei Russen. Er weiß, daß sie ihn aus dem Augenwinkel beobachten, daß sie bei ihm besonders wachsam sind und vielleicht auch bei Glenn. Keiner der drei ist sonderlich großgewachsen. Er selbst ist nie ein Schläger gewesen, hat es nie sein müssen. Aktivitäten dieser Art haben ihn nie interessiert. Aber die Kerle da vor ihm würde er leicht zur Strecke bringen – zwei auf einmal, egal wie desperat sie auch sein mochten. Er weiß, was er zu tun hat, er ist ausgebildeter Kampftaucher. Man muß schnell sein, bevor der Feind Verbindung mit den Helfern über Wasser aufnehmen kann, das hat man im Gespür. Unter Wasser wäre es eine ganz normale Angelegenheit, aber auch hier drinnen, in der trockenen Kammer, könnte er ihnen ohne weiteres die Milz zerschmettern und dann den Hals umdrehen. Wie bei Heringen! Es würde schnell gehen. Er will es tun. Genau für eine solche Situation ist er ausgebildet worden. Bengt liegt still, seine Nasenflügel vibrieren wie bei einem gut dressierten Jagdhund, ein einziges unmerkliches Signal seiner Vorgesetzten, und er säße den Russen im Nacken, er will es tun, spürt einen Schauder über den Rücken laufen, er sehnt sich nach dem erlösenden Zeichen. Ein paar Meter vor seinem Gesicht glitzern die lebensgefährlichen Ampullen. Er hat keine Angst. Er wartet auf seine Chance. In der Koje unter Bengt sitzt Ian, das Gesicht wie zuvor in den Händen vergraben. Es sieht aus, als sei er entmutigt oder erschöpft. Aber hinter den Handflächen verkrampft sich sein, Gesicht. Die Kaumuskeln arbeiten, die Augen sind zusammengekniffen, die Lippen formen unhörbare Worte. Und auf der anderen Seite der Russen, isoliert von den Kollegen, sitzt Ego Boy auf seinem Bett. Er blickt die Russen ausdruckslos an, bewegt sich kaum. Iwan hat ihn bereits in einen besonderen Käfig gesetzt, für ganz spezielle Zwecke. Heute nacht wirst du mit mir auf dem äußersten Punkt des Shuttles sein. Für den, der den Halt verliert, gibt es kein Zurück. Ego Boy pusselt ein wenig an seiner Taucheruhr, versucht an anderes zu denken, doch sobald sich Iwan oder seine beiden Kumpane auch nur im geringsten bewegen, ist er sofort unter Hochspannung. Er ist hypnotisiert von ihrer Macht, steckt schon in ihrem Schlund; gleich einer Schlange haben sie bereits die Kiefergelenke gelöst, um ihn im ganzen zu verschlingen. Glenn mustert Bengt erneut. Der brütet etwas aus. Er muß jetzt das Schweigen brechen, die Sache hier kann schlimm enden. »Warum wollt ihr um jeden Preis zum Wrack zurück«, fragt er deshalb laut. Glenn spürt die Unterstützung der Kollegen, alle haben sich dasselbe gefragt. Doch keiner, auch niemand von den Vorgesetzten draußen, hat diese Frage gestellt. Offenbar scheint ihnen die Situation zu gefährlich. Sie sind Gegenpartei bei den Verhandlungen, nicht Geisel wie er. Iwan antwortet kurz, in gedämpftem Ton: »Wir müssen was holen.« Glenn versucht ihm in die Augen zu sehen. Aber Iwan richtet den Blick auf einen Punkt neben ihm. Dennoch versucht es Glenn weiter: »Das klappt nicht. Ihr kommt aus der Sache nicht raus. Die Polizei schnappt euch, sobald ihr wieder oben seid.«, Doch jetzt antwortet Wladimir, er hat gesunde Zähne und lächelt breit, während die Tätowierungen auf seinem Handrücken funkeln. Dort auf seiner Hand, auf eben dieser Hand. Die das Glasding, die Ampulle, hält. »Wir wollen nicht nach oben«, sagt er grinsend und tauscht einen siegessicheren Blick mit Sergej, der hinzufügt: »Wir sind selten dort.« Sie lachen und scherzen auf russisch. Auch Iwan lächelt. Dann ruft er dem Kammeroperator zu: »Wie weit sind wir gekommen?« Charles ist im Lautsprecher zu hören: »Siebzig Meter, die Druckerhöhung verläuft planmäßig, so wie ihr es verlangt habt.« Jetzt hebt Ian plötzlich den Kopf: »Nein! Stopp! Ich muß nach oben!« Iwan befiehlt ihm sofort, die Klappe zu halten, doch Ian springt einfach auf und stürzt zum Kameraauge. Keiner hat Zeit zu reagieren. Ian schreit, sein Gesicht ist verzerrt, und er trommelt mit den Fäusten auf das Schott: »Stoppt die Kompression! Ich weigere mich! Ihr könnt mich nicht zwingen! Ich will nach oben! Hört ihr, was ich sage, ihr verdammten illoyalen Nullen!!! Ich will nach oben!!! Stoppt die Kompression!…« Ein langer, geschmeidiger Schritt, und Iwan ist hinter ihm. Mit einem einzigen harten Karateschlag streckt er Ian nieder, so daß sein Wortschwall jäh abreißt. Ian sinkt zu Boden. Weich und schwer wie ein Sack. Es wird unheimlich still. Plötzlich hören alle, wie ein Kugelschreiber über den Boden rollt. Bis hin zu Ego Boy. Dann neigt sich das Schiff zur anderen Seite, und der Stift rollt wieder zurück, bleibt erst neben Ians reglosem Körper liegen. Draußen im Kontrollraum der Kammeroperatoren herrscht dasselbe Schweigen. Voller Entsetzen haben alle dort – Harald, und Charles, Oddvar und Tom, der Tauchinspektor und Christensen – den Verlauf des Geschehens in der Kammer verfolgt. »Du hättest das Gespräch von seiner Frau nicht durchstellen sollen«, sagt der Tauchinspektor. »Hör mal«, antwortet Harald überraschend aggressiv. »Wenn ihr die Richtlinien für solche Art Privatgespräche ändert, müßt ihr das nächstens vorher sagen.« »So habe ich es nicht gemeint«, erwidert der Tauchinspektor. »Ich wollte nur sagen, daß… es ist einfach Pech, daß er es bekommen hat.« Auf dem Monitor sehen sie, daß Ego Boy den Befehl erhalten hat, Ian in Ingrids Koje zu legen. Sie beobachten gespannt, wie er den reglosen Körper auf das Bett wuchtet. Es scheint nicht ganz so schlimm zu sein. Wenn Ian von dem Schlag ernsthaft verletzt wäre, würde Ego Boy sich wohl anders verhalten haben. Er streckt Ian in der Koje aus, knufft das Kissen zurecht und lockert ihm ein wenig den Kragen. »Hoffentlich macht er keinen Blödsinn, wenn er wieder aufwacht«, flüstert Christensen, als hätte er es am liebsten gesehen, wenn der Russe Ian den Halswirbel gebrochen hätte. Der Kapitän steht allein auf der Brücke. Der Chief-Mate hat ausrücken müssen, um die Besatzung zu beruhigen. Durch das Glas sieht er ihn, wie er mit zwei Mechanikern spricht, die wild gestikulieren und schreien. Der Kapitän blickt wieder nach draußen. Der Regen peitscht gegen die Scheiben, unten im Dunkeln kann er vage das Deck erkennen, aber vor allem sieht er sein eigenes Spiegelbild. Es ist Nacht, und er ist sechzig Jahre alt und so müde, daß er alles nur laufen läßt, er kann nicht darüber nachdenken. Jedenfalls steht er auf seinen zwei Beinen. Alles um ihn herum schaukelt. Er hat das Ganze so satt. Während er noch einmal kontrolliert, daß die Position gehalten wird, murmelt er rasch, und erregt vor sich hin: »Zum Teufel, man sollte in eine Berghütte ziehen. Sich Vorräte anlegen und keinen Menschen mehr treffen. Aber dann würden sie einen wohl mit der Infrarot-Kamera suchen. Weil man seine Fernsehgebühren nicht bezahlt hat oder sonst irgendwas!« Auch Christensen erträumt sich Alternativen für den Ausgang der Geschichte. Er sitzt mitten im Chaos, bei den Kammeroperatoren, die sich am Steuerstand abwechseln. In regelmäßigen Abständen hatte er nach draußen gehen müssen, um sinnlose Gespräche mit den verschiedensten hohen Behörden, mit leitenden Chefs und Beamten zu führen. Sie rufen an und lassen kurze, beherrschte Sprüche los, aber er hört, daß keiner von ihnen auch nur die geringste Ahnung hat, was man jetzt tun soll. Eben hatte Harald vor den Russen zugeben müssen, daß die Kompression erledigt ist, daß sie wieder denselben Druck erreicht haben wie den, der beim U-Boot-Wrack herrscht. Einer der Einsatzleiter ist bereits zur Tauchkontrolle hochgestiegen. Er selbst ist ganz allein, hier in seinem Kokon. Die Entscheidung liegt bei ihm. Führt sie zu einer glücklichen Lösung, wird ein anderer die Lorbeeren ernten, und geht die Sache schief, braucht er sich jedenfalls nicht den Kopf zu zerbrechen, denn dann ist er selbst Teil des schmierigen Resultats. Ist er das wirklich? Wäre es nicht ziemlich einfach, die Russen zu isolieren? Wenn man alle Evakuierungsschleusen plombieren würde? Kann der Virus dann tatsächlich nach außen dringen? Auch wenn die Russen die Ampullen dort drinnen zerschlagen? Der Landespolizeichef hat sich unklar ausgedrückt: »Isoliert sie um jeden Preis!« Um jeden Preis?, Laut sagt er: »Wenn wir nun mit gleicher Münze zurückzahlen würden! Biologische Kriegführung. Es gibt geruchlose Gase, die sie, sozusagen, schnell außer Gefecht setzen würden.« »Nicht schnell genug«, erwidert der Tauchinspektor. »Sie würden es schaffen, die Ampullen zu zerschlagen.« »Und?« Der Blick des Tauchinspektors auf diese Bemerkung ist nicht freundlich. Christensen läßt die Idee sofort fallen. Wenn er genauer darüber nachdenkt, war sie nicht gerade glänzend. Nicht, wenn man damit die eigenen Leute gegen sich aufbringt. Auch die Taucher würden umkommen. Er ist kein Psychopath. Er will nur verhindern, daß die Welt von einer Epidemie erfaßt wird, die Millionen Menschen töten könnte. Natürlich war der Gedanke herzlos. Dennoch kann sein Hirn nicht aufhören, weitere alternative Angriffsszenarien zu entwerfen. Man könnte etwas ins Atemgas mischen, das ihren Gemütszustand unmerklich beeinflußt. Aber in welche Richtung? Man könnte Schlafmittel zufügen. Sie würden natürlich spüren, daß sie müde werden, aber wenn er Glück hatte, würden sie sich einfach hinsetzen und einschlafen. Das beste wäre natürlich, alle ganz schnell bewußtlos zu machen. Doch die beiden Russen hielten die Ampullen so, daß sie in diesem Fall direkt auf den harten Stahlboden fallen würden. Ja, so war es. In der Kammer ist die Aufmerksamkeit aller noch immer auf Wladimir und Sergej gerichtet, die ihre Hände mit den Ampullen bewußt über die Tischkante hängen lassen. Ingrid wendet den Blick nicht von ihnen. Mit einem Griff an die Nase gleicht sie den Druck hinter dem Trommelfell aus., Mehrere Male war sie nahe daran, in Ohnmacht zu fallen, aber die Ampullen halten sie auf der Schwelle zur Bewußtlosigkeit fest, und sobald einer der Russen ein Anzeichen dafür liefert, daß er einschlafen könnte, bewegt sie sich, hustet oder räuspert sich. Vielleicht tun die beiden ja nur so. Sie wagt es nicht, diese Möglichkeit einzukalkulieren. Außerdem sieht sie, daß sie wirklich sehr erschöpft sind. Iwan hat sich auf ganz andere Weise erholt als seine Kumpane. Sie spürt ihn in ihrem Rücken, fühlt seine Körperwärme. Sein Geruch ist fremd, völlig unbekannt. Sie wird sich den Rest ihres Lebens daran erinnern. Ihr bleibt vielleicht nicht mehr viel Zeit. Wladimir gähnt, und Sergej schließt sich ihm an. Iwan bewegt sich hinter ihrem Rücken, sie räuspert sich, anscheinend natürlich. Wladimir ändert die Stellung, und Sergej richtet sich auf. Wie ist das, in Rußland Frau zu sein? Wenn man das Privileg genießt, arbeiten zu dürfen wie ein ganzer Mann und sich obendrein um Haus und Kinder, um Alte und Kranke kümmern muß? Wie ist es, allein die ganze Last zu tragen und den Slogan »FRAUEN KÖNNEN ES« leben zu müssen? Bald ist ihre eigene Gesellschaft auch an diesem Punkt angelangt. Wie gut, sagen die Männer, ihr wollt arbeiten wie wir? Sie hören zwei Stunden eher auf und gehen angeln. Wo Frauen auftauchen, verschwindet die Vernunft. Wo Frauen auftauchen, sinken die Löhne. Wo Frauen auftauchen, legt man Fußabtreter aus. Wie dumm darf man eigentlich sein, oder ist es einfach so, daß die Unfreiheit keine aufrechten, stolzen Menschen, sondern nur verbogene, schiefgewachsene, völlig anorektische Frauen formt, die alles tun, um sich der Hand anzupassen, die sie niederhält? Wie dumm darf man sein, und wieviel darf man sich gefallen lassen? Das einzige, was Mann und Frau wirklich unterscheidet, ist doch die Körperkraft. Hat das heutzutage noch Bedeutung?, Iwan wechselt das Bein, sie spürt die Berührung. Ein Mensch, ein lebensgefährliches Wesen, und sie ist nicht stark und nicht schnell genug, um den Versuch zu wagen, ihm mit einem Schlag die Luft zu nehmen, die Ampulle zu packen und die Kumpels mitzureißen, daß sie die Russen übermannen. Sie spürt eine rein physische Erleichterung, als Charles’ wohlbekannte, sichere, wunderbare Stimme ihnen mitteilt, daß sie sich jetzt in der gewünschten Tiefe befinden. Sag irgendwas, Charles, erzähl uns Geschichten von anderen Welten, von solchen, die vor allen Katastrophen existierten, hör nicht auf zu reden, laß uns deine ruhige Stimme genießen! »Zeit zum Bell-Check«, sagt Iwan zu Ego Boy und geht einen Schritt zur Seite, so daß dieser an ihnen vorbeikommen und die Leiter hochsteigen kann. Ego Boy erhebt sich gehorsam und klettert in die Naßzelle, ohne seine Kollegen ein einziges Mal anzusehen. Auf dem Boden der Kammerkontrolle rollen Plastikbecher knisternd hin und her. Die hier versammelten Männer sehen, wie Ego Boy nach oben verschwindet, ohne daß man außerhalb der Kammer einen Befehl erteilt hätte. Der Tauchinspektor steht auf und verläßt wortlos den Raum. »Was willst du tun?« ruft ihm Christensen nach. »Sollten wir nicht über die Sache reden?« Doch die Tür ist schon ins Schloß gefallen. Christensen tauscht einen Blick mit Harald und Charles, aber auf die beiden kann er sich nicht stützen. Sie sind Kammeroperatoren. Er aber ist der Chef. Auf dem Monitor sehen sie, daß Ian noch immer bewußtlos ist. Er atmet schwer. Im Lautsprecher ist zu hören, daß der Tauchinspektor oben in der Tauchkontrolle ein paar Worte zu Ego Boy sagt, die rein bestärkender Natur sind., Ja, der Tauchinspektor hat den Einsatzleitern bereits klargemacht, daß der Tauchgang eingeleitet, vielleicht sogar durchgeführt wird, je nachdem. Jetzt heißt es, eine Minute nach der anderen hinter sich zu bringen. Man warte noch immer auf den Bescheid aus Bergen. »Macht wie üblich weiter, aber gebt keine Anweisung, die Luken zu schließen, bevor ich zurück bin«, sagt er zu Oddvar und Tom, worauf er aus dem Kontrollraum verschwindet. Tom und Oddvar sehen, daß Ego Boy unverzüglich damit beginnt, den Taucheranzug anzulegen, er will schnell fertig werden, um es dem Russen recht zu machen. »Armer Teufel«, sagt Oddvar leise zu seinem Kollegen. »Schlachtopfer. Ja, wirklich.« Tom nickt. »Man denkt an so komische Dinge«, sagt Oddvar. »Einmal war ich in einer Zoohandlung, und da saßen in einem Käfig drei Vögel dicht nebeneinander auf der Stange. Das sah richtig nett aus. Aber dann habe ich genauer hingesehen, und da stellte sich heraus, daß der mittlere Vogel von den anderen völlig zerhackt worden war. Der Vogel war kurz vor seinem Ende, aber er gab keinen Ton von sich, saß einfach nur da. Vermutlich wußte der Ladeninhaber Bescheid, ließ es aber geschehen. Jetzt werden wir beide diesen Tauchgang hier durchziehen, bei dem Ego Boy und Ingrid vielleicht geopfert werden.« »Nein«, antwortet Tom. »Sag so was nie. Es ist nicht klar, ob der Tauchgang durchgeführt wird. Und wenn doch, dann werden wir alle Sicherheitsbestimmungen befolgen, so wie es unsere Aufgabe ist. Wir werden sie keiner Gefahr aussetzen.« »Wir können wohl nicht so tun, als wüßten wir zum Beispiel nicht, daß Sturm herrscht?« erwidert Oddvar leicht sarkastisch. »Wir können auch nicht so tun, als wüßten wir nicht, mit was für einer furchtbaren Waffe uns die Russen bedrohen«, entgegnet Tom. »Wir haben keine Wahl. Du weißt es. Alle, wissen es. Wir zappeln lediglich wie der Wurm am Haken. Je mehr wir um uns schlagen, desto schlimmer wird es.« Harald und Charles hatten abtreten müssen. Christensen hat den Platz am Steuerpult und den Direktkontakt zur Kammer übernommen. Wie ein Kampfpilot sitzt er jetzt mit den geliehenen Kopfhörern dort, doch können alle hören, was gesagt wird. Auf dem Monitor sehen sie Iwan allein an der Leiter stehen, denn Ingrid ist gerade dabei, sich oben in der Naßzelle zurechtzumachen. Im Hintergrund monoton der Bell- Check aus der Taucherglocke; Tom fragt, ist dieses oder jenes Ventil angeschlossen, und Ego Boy bestätigt. Als handele es sich um einen ganz gewöhnlichen Tauchgang. Iwan hat verlangt, mit dem Chef sprechen zu können, mit Christensen. Er erklärt diesem, falls es noch nicht alle verstanden hätten, daß seine beiden Kumpels während seiner Abwesenheit für die Unterhaltung sorgen werden. Ein kurzes Lachen, und Wladimir und Sergej heben ihre Ampullen, als wollten sie auf einen rundum guten Trip anstoßen. »Ich gehe weiter davon aus, daß man daran arbeitet, meinem Wunsch nach einem alternativen U-Boot nachzukommen«, sagt Iwan dann. »Und ich gehe ebenfalls davon aus, daß der betreffende Kahn nicht allzu klapprig ist. Die Sache ist nämlich die, daß Ihre hochgeschätzten Mitarbeiter eine Spazierfahrt darin machen werden.« Christensen ist hochrot im Gesicht, als hätte er allzu lange die Luft angehalten. »Sind Sie nicht mehr bei Verstand«, flüstert er, »wie, glauben Sie, daß ich…« Im Inneren verflucht er sich, weil er die entsprechende Forderung der Russen nicht härter durchgedrückt hatte. Aber er hatte ja selbst eingesehen, wie absurd das alles war. Er hatte die Sache weitergeleitet. Mehr nicht. Statt dessen hätte er sie zu seiner eigenen Angelegenheit machen müssen. Er hätte verstehen und sagen sollen, daß es, um sein eigenes Leben geht, um das seine genauso wie um das der Taucher. Er hätte den Beamten vom Außenministerium anbrüllen und verlangen müssen, daß der die Sache regelt, scheißegal auf welche Weise, er hätte ihm drohen, ihn beschwören sollen, weil es um Leben und Tod geht! Auch um sein Leben? Plötzlich ist ihm, als sei er von einem drückenden, eiskalten Panzer umgeben. Ja. Genauso wie er darüber spekuliert hatte, die Russen zu isolieren, könnten Militär und Gesundheitsministerium erwägen, das ganze Schiff zu isolieren. Ihm ganz einfach verweigern, einen Hafen anzulaufen. Sie draußen auf See verschmachten lassen, als seien sie die Fliegenden Holländer des zwanzigsten Jahrhunderts, sie zwischen den Ölinstallationen der nördlichen Halbkugel umherirren lassen, bis jede Seele an Bord angesteckt und gestorben ist… Und dann? Das Schiff brennen lassen? Um endgültig alle Pockenviren zu vernichten? »Sie haben sechs Stunden Zeit«, sagt Iwan. »Ich habe getan, was ich konnte«, flüstert Christensen, noch unter dem Eindruck seiner Vision. Für so eine Sache ist er nicht ausgebildet. Es gibt Antiterrorkommandos, die wissen, wie man mit Wahnsinnigen verhandelt, sein Körper ist wie Gelee, er könnte hier auf dem Stuhl sofort zusammensacken. Der verdammte Sturm ist schuld, daß die Hubschrauber nicht mehr fliegen, daß es so verdammt schaukelt und im Moment auch so dunkel ist, daß man keinen einzigen Menschen, nicht einmal mit dem Personal-Basket oder sonst irgendwie, an Bord bringen kann. Über eine Telefonschaltung sind Experten zu erreichen, sie nützen ihm jetzt nichts. »Und dann? Wenn das U-Boot hier ist?« fragt er. Er will Iwan glauben lassen, daß die Sache so gut wie klar ist. »Dann gehen wir in neunzig Meter Tiefe an Bord«, antwortet dieser ganz ruhig. »Zusammen mit Ihrem eminenten Personal., Vierundzwanzig Stunden später etwa bekommen Sie einen Anruf. Irgendwoher. Dort können Sie sie dann abholen.« Christensen dreht sich um und schaut die anderen im Kontrollraum an, aber von dort ist keine Hilfe zu erwarten. Alle sind leichenblaß, starren ihn nur mit großen Augen an. Ist der Kerl geisteskrank? »Das ist Wahnsinn«, sagt Christensen ins Mikrofon. »Was gibt es im übrigen für Garantien, daß unsere Leute eine solche Spazierfahrt mit heiler Haut überstehen?« »Keine«, erwidert Iwan leichthin. »Sie müssen sich auf mein Wort verlassen.« Er steht in lässiger Pose an die kurze Leiter der Kammer gelehnt. Christensen starrt auf das schwarzweiße Bild. Film noire: Sie küßten und sie schlugen ihn. Ich pfeife darauf, Iwan, ob deine Kindheit genauso war wie im Film. Du bist es nicht wert zu leben. Haß und Entsetzen bringen Christensen zum Kochen. »Und wenn es mir nicht gelingt, ein U-Boot zu beschaffen? Vielleicht gibt es ja keins!« sagt er laut. »Dann wird es interessant«, erwidert Iwan. »Der Virus wird mit Leichtigkeit alle Schleusen passieren. Ihr ganzes schönes Schiff wird in Kürze ein einziger Variola-Herd sein. Wenn Sie so begriffsstutzig sind und ein solches Szenario wählen, befürchte ich, daß Sie nie in geweihter Erde ruhen werden. Glauben Sie an Gott, Herr Christensen? Sie müssen nicht antworten. Man braucht nicht an Gott zu glauben, um so etwas zu wollen. Nämlich an jenem Tag in geweihte Erde zu kommen. Ein höchst plausibler Wunsch, möchte ich behaupten.« Christensen schnappt nach Luft. Die Sache gleitet aus dem Ruder. Alles gleitet aus dem Ruder! Dieser nonchalante Typ diktiert hier die Bedingungen, ihm selbst, dem Tauchinspektor, dem Kapitän und der ganzen Mannschaft! Erfahrenen, weit, herumgekommenen Männern, deren Professionalität Gold wert ist. Nimmt sich einfach das Recht heraus! Es ist entwürdigend, demütigend, erniedrigend – muß er sich damit abfinden?!! »Habt ihr nicht die Möglichkeit erwogen, daß wir das Schiff ganz einfach verlassen könnten«, fragt er leise. Sehr leise. Jetzt habe ich es dir gegeben, du Aas. Das sagt er hingegen nicht. Und Iwan ist tatsächlich baff. Das Schiff verlassen? Alle? Das Personal in den Kontrollräumen und die gesamte Besatzung? »Das können Sie nicht wirklich meinen? Sie wollen Ihre Taucher einfach zurücklassen? Sie diesen qualvollen Tod sterben lassen?« Iwans Stimme klingt ungläubig. »Zusammen mit Ihnen!« verpaßt ihm Christensen triumphierend. »Wir sind, wie gesagt, geimpft«, antwortet Iwan mit einem Anflug von Verachtung. »Das spielt keine Rolle«, fährt Christensen in ekstatischem Ton fort. »Sie haben sich nämlich etwas zuviel zugetraut, mein Herr! Sie begreifen offenbar nicht, daß trotz allem wir hier die Bedingungen diktieren. Wir versorgen Sie mit Atemgas, Nahrung und Trinkwasser, und wir sind es ebenfalls, die den Druck erhöhen oder senken. Wir können Sie auch in neunzig Metern Tiefe zurücklassen. Oder Sie auf hundertachtzig Meter hinunterdrücken. Das bestimmen wir. Wir können Sie einfach unten lassen, verdursten, verhungern oder ersticken lassen, wenn das Gas alle ist und wir hier oben nicht mehr da sind, was halten Sie davon?« Alle, außer Ego Boy und Ingrid, haben gehört, was der Chef der Taucherfirma gesagt hat. Ian ist gerade aus der Bewußtlosigkeit erwacht. Er liegt noch immer auf Ingrids Bett, es brennt wie Feuer in seinem Nacken., Bevor er auf das schockierende Pokerspiel seines Chefs reagieren kann, brüllt Bengt direkt aus der Koje über ihm: »Du Aas! Für dich hat man sich abgeplackt! Tauchgang für Tauchgang!« Auch Glenn ist wütend, Christensen hat sie nicht einmal erwähnt, hat den Russen gedroht, als gebe es die eigenen Leute hierbei gar nicht. Christensen will die Russen vernichten, und dafür ist er bereit, das eigene Personal draufgehen zu lassen! Wladimir und Sergej schauen Bengt und Glenn an. Da habt ihr’s, sagen ihre Blicke. Wir sitzen wirklich im selben Boot, ist das etwa ein Chef, zu dem man sich loyal verhalten kann? Ihre Blicke wandern zur Öffnung am oberen Teil der Leiter, wo Iwan gerade verschwindet, um sich für den Tauchgang fertigzumachen. Loyalität, sagen ihre Blicke, das heißt, alles zu teilen, den Hunger und den Gewinn, die Beute. So einfach ist das. Aber nur wenige Chefs sind dazu imstande. Wir haben einen solchen Chef, für den tun wir alles, egal was. Draußen im Kontrollraum ist die Stimmung chaotisch. Der Tauchinspektor kam heruntergerannt, und Charles und Harald sind zu Christensen hingestürmt. Harald hat dessen Stuhl gepackt, so daß er zu ihm herumgewirbelt ist. »Soll das heißen, wir opfern unsere Kumpels?« schreit er ihm ins Gesicht. Aber Christensen ist nicht bereit, sich von seinen Untergebenen irgendwelche Vorwürfe anzuhören. »Halte die Klappe, hier bin ich der Chef«, sagt er dumpf. Der Tauchinspektor beugt sich über ihn. »Nein. Wenn es um Taucheinsätze geht, bin ich der Chef! Ich und kein anderer.« Er reißt Christensen hoch, nimmt selbst Platz, dreht sich mit dem Stuhl zum Steuerstand und rutscht nach vorn, um ins Mikrofon zu sprechen., Christensen findet endlich die Sprache wieder, versucht einen Vorstoß. »Meuterei!« schreit er. »Begreift ihr, was das nach sich zieht?« Charles packt ihn, während Harald ihm die Kopfhörer herunterreißt und sie dem Tauchinspektor gibt. Der Tauchinspektor schaut Christensen irritiert an: »Benutze wenigstens eine korrekte Terminologie«, sagt er erbost, worauf er dazu übergeht, zu retten, was zu retten ist, damit die Taucher in der Kammer nicht auf falsche Gedanken kommen. Er tut das, was die Pflicht eines jeden Einsatzleiters ist, aber wovon der Chef des Ganzen offenbar keine Ahnung hat. Christensen sitzt in seiner Kajüte und sehnt sich vor allem nach einer Flasche Whisky. Er würde alles dafür geben. Eine Flasche Whisky, auf diesem aus Sicherheitsgründen garantiert trockenen Kahn ist es genauso unmöglich, eine zu beschaffen, wie Wasser aus einem Stein zu pressen. Er hatte persönlich für effektive Kontrollen gesorgt. Christensen weiß, daß Alkohol und andere Drogen an Bord nicht existieren. Eine Droge, egal welche, um sich selbst zu entfliehen, er fürchtet, bald zusammenzuklappen. Da kommt das Telefongespräch. Und plötzlich kehrt Ruhe ein, obwohl Schuhe und Plastikflaschen im Raum umherpoltern. Er hat wieder festen Boden unter den Füßen. Die Katastrophe ist bestätigt. Harte Fakten anstelle lähmender Phantasien. Die Wahrheit. Die Wahrheit ist allen beschönigenden Understatements stets vorzuziehen. Die Analyse zeigt – bestätigt – genau das, was die Russen behauptet haben. Ein Pockenvirus von nie zuvor gesehener Art. Das Labor in Bergen wurde isoliert, niemand außer den bereits Einbezogenen darf sich ihm nähern!, Er sucht den Tauchinspektor auf, der in den Kontrollraum zurückgekehrt ist, wo Tom und Oddvar gemeinsam den Tauchgang überwachen. Keiner von ihnen wagt es, jetzt schlafen zu gehen. Sie haben darum gebeten, gemeinsam arbeiten zu dürfen. Der Tauchinspektor beachtet Christensen zunächst nicht, was diesem an dem Punkt, wo sein Stolz zu sitzen pflegt, einen heftigen Stich versetzt. Er teilt dem Tauchinspektor die Neuigkeit mit, während er zugleich hört, wie der Bell-Check abgeschlossen wird. Auf dem Monitor sieht er, daß Ego Boy und Iwan fix und fertig in der Glocke sitzen und Ingrid sich ihnen aus der Naßzelle in Kürze zugesellen wird. Tom und Oddvar zucken wie unter einem Schlag zusammen, als sie die Antwort des Labors erfahren. Der Tauchinspektor holt tief Luft. Eine Pause entsteht. »All right«, sagt der Tauchinspektor dann. »Jetzt wissen wir, was wir zu tun haben. Es gibt kein Zurück. Wir müssen sie nach unten gehen lassen. Die Konstrukteure der Positionierungssysteme bekommen hier wirklich einen Test ihrer Instrumente unter extremen Bedingungen.« »Keine Scheinmanöver mehr«, teilt er dann den Einsatzleitern mit. »Wir müssen mit dem Tauchgang weitermachen. Der erste aller Zeiten in der Nordsee, der bei vollem Sturm abläuft!« Iwan erwidert Ego Boys Blick, zieht es vor, die stumme Frage zu beantworten. »Alles ist ganz einfach«, sagt er. »Wir müssen zwei Gepäckstücke holen. Das eine ist so schwer, daß ich es allein nicht schaffe.« Ego Boys Blut gerät in Wallung – Flucht! Der Körper bereitet sich auf Flucht vor. »Enthalten sie… sind sie gefährlich?« fragt er keuchend., Iwan lächelt. »Du brauchst keine Angst zu haben. Mußt nur zupacken.« Er beugt sich näher zu Ego Boy und flüstert spielerisch: »Wenn du deine Sache gut machst, kann da auch was auf dich überschwappen!« Ego Boy hat im Moment kein Gefühl für Humor. Iwan sieht es und lacht. »Sie enthalten Geld«, sagt er, »jede Menge Geld. Bezahlung für mehrere tausend Barrel Rohöl. Bar, in Dollar. So haben wir unsere Geschäfte immer abgewickelt.« Ego Boy versteht erst nicht, was der Russe sagt. Dann begreift er. Er fühlt sich erleichtert, hatte geglaubt, er soll Atomsprengköpfe oder Reagenzgläser mit Pockenviren holen. Aber Geld, was ist das schon. Ja, was ist das schon? Während Ingrid die Glocke besteigt, die Luken geschlossen werden, die Schleuse zwischen Glocke und Kammer geleert und die an der Laufkatze hängende Taucherglocke in Bewegung gesetzt wird, kommt Ego Boy allmählich zu einer Erkenntnis: Sie müssen nach unten, um Geld zu holen, jede Menge Geld. Deshalb hat man diese ganze Erpressungsgeschichte inszeniert. Er findet es völlig akzeptabel. Es gibt eine Logik, eine rein menschliche Logik in diesem Geschehen, und er fühlt sich nicht mehr so gelähmt. Sie sollen Geld holen. Das ist konsequent. Ein neues Gefühl beginnt in ihm aufzukeimen, die Hoffnung auf ein Leben nach dieser Sache. Daß er mit heiler Haut davonkommt, daß diese Russen nicht völlig verrückt, sondern nur gewöhnliche Geschäftsleute sind, wenn auch in neuer, ungewöhnlicher Verpackung. Die ihren Vorteil zu wahren wissen. Die brutalen Methoden mußte er wohl dem östlichen Klima zuschreiben. Was blieb denen schon übrig? Vermutlich hätte er selbst genauso gehandelt., Die Unterwasserkamera funktioniert noch immer nicht. Oddvar und Tom haben die beiden Mechaniker des Schiffes mehr als zumutbar angetrieben. Sie haben mit Meldung gedroht, mit Kündigung, diffamierender Nachrede und schriftlichem Bericht an die Konzernleitung, doch nichts hat geholfen, der Schirm im Kontrollraum ist und bleibt schwarz. Die Mechaniker verteidigen sich. Sie könnten nicht zaubern, könnten nichts weiter tun, solange man ihnen keine neuen Teile an Bord gebracht hat, was bekanntermaßen zur Zeit unmöglich ist. Oder seien sie vielleicht auch am Wetter schuld? Die Mechaniker entfernen sich, und Oddvar und Tom betrachten schweigend die drei Gestalten in der Glocke, die langsam nach unten gelassen wird. Das Unbehagen der Einsatzleiter ist groß. Der Kontrollraum befindet sich in ständiger Bewegung, und auf dem Bildschirm sehen sie, daß das Schlingern des Schiffes sich in gewissem Maße auch auf die Taucherglocke überträgt. Wirklich kein Einsatz, den sie sich hätten träumen lassen, nicht mal in ihren schlimmsten Alpträumen. Toms Mitteilungen an die Glocke erfolgen taktisch geschickt. Die drei sind jetzt bei neunzig Meter Tiefe angelangt, und das Fieren wird gestoppt. Tom berichtet, daß sich die Kamera leider nicht reparieren läßt, und bekommt von Iwan nur kurz zur Antwort, daß er keine Kamera will. Dann übernimmt Iwan die Befehlsgewalt. Kurze Zeit später ist er soweit. Mit dem einzigen Helm der Glocke ausgestattet, steigt er durch das geöffnete Bodenloch ins Wasser. Ego Boy schiebt seine Maske zurecht. Ingrid kontrolliert, daß die Nabelschnüre frei laufen. Sie tauschen einen Blick durch das Sichtglas. Was besagt dieser Blick? Wir schaffen das hier. Du wirst sehen. Gib nicht auf. Oder: Das war’s dann wohl., Iwan läßt sich sinken und verschwindet, Ego Boy steigt ihm rasch nach. Auf dem Ring stehend, bis zur Brust im Wasser, blickt er noch einmal zu Ingrid auf. Sie sieht ihn an, was besagt sein Blick? Er ist entschlossen. Ego Boy hat keine Angst. Er ist stärker, als sie gedacht hat. Werden sie wirklich wieder lebendig in die Druckkammer zurückkehren? Sie ist jetzt allein in der Glocke. Endlich ist sie allein, und obwohl sie eingesperrt und ihr Leben bedroht ist, fühlt sie sich etwas besser. Die karge Kommunikation zwischen Tom und Iwan vernimmt sie als metallisch klingende Laute über ihrem Kopf. Iwan bestätigt regelmäßig die Verbindung, berichtet aber nichts von dem, was dort draußen geschieht. Das Abrollen der Nabelschnur hört auf, und sie kommt zu dem Schluß, daß die beiden am Wrack angelangt sind. Plötzlich hat sie Thomas vor Augen und will ihn doch nicht sehen. Aber seine Gestalt kehrt zurück, und voller Verwunderung begreift sie, daß das Gefühl, was sie jetzt übermannt, Sehnsucht ist. Sie sehnt sich nach Thomas? So ist es. Sie würde alles dafür geben, um seine Hand auch nur eine Sekunde berühren zu können. Und um seine Stimme zu hören. Sie liebt ihn nicht. Wieso sehnt sie sich dann nach ihm? Er ist in sie verliebt, glücklicherweise bleibt das unerwidert. Warum dann diese heftige Sehnsucht, und warum gibt ihr dieses fremde Gefühl so etwas wie Kraft? Eine Abhängigkeit, die Energie überträgt? Das kommt natürlich vom Streß, Körper und Seele aufgelöst in nicht wiederzuerkennenden Sinnesempfindungen, wer hat im Zusammenhang mit extremen Bedingungen nicht schon von euphorischen Gefühlen gehört? Sie ist ganz einfach nicht mehr sie selbst., Irrationale Empfindungen. Die Haut unter der Taucheruhr juckt. Es juckt und brennt, als sei das Metall aufgeheizt und glühe, doch alles ist nur reine Biologie, ihr Gefühlsleben ist Biologie, das Leben ist Biologie. Und gänzlich unfaßbar. Daß sie mittendrin sein darf. Toms Stimme unterbricht sie. Er bittet sie, sich um die Nabelschnüre zu kümmern, Iwan und Ego Boy sind bereit zur Rückkehr. Ein Weilchen später sprudelt das Wasser im Bodenloch, und Iwans Taucherhelm wird sichtbar. Sie packt dessen Griff und zieht, bis sie spürt, daß Iwan auf dem Bodengestell steht. Er hält etwas in der Hand und gibt ihr ein Zeichen, ihm zu helfen. Sie bekommt den Griff eines großen Behälters irgendeiner Art zu fassen, und unten im Wasser drückt Ego Boy dagegen. Schwarze Flächen ziehen vor ihrem Gesichtsfeld vorüber, und sie sieht den Behälter in der Ausstiegsschleuse und hört ihre eigene Stimme, und der Behälter kommt auf sie zu, aber die Visionen verschwinden, als Iwan sich in die Glocke hievt. Er greift zu und hilft ihr, den Behälter nach oben zu ziehen. Ego Boys schwarzglänzende Kopfhaube taucht auf. Er schiebt von unten. Es läuft Wasser aus dem schwarzen, in Form gepreßten Gepäckstück, Modell Diplomatenkoffer, aber um vieles größer. Und sehr schwer. Ego Boy stemmt sich mühsam hoch und bleibt auf dem Rand sitzen, die Füße im Wasser. Noch immer trägt er Kopfhaube und Maske. Ingrid hilft Iwan, die Anschlüsse seines Helms zu lösen. Als er ihn abhebt, schaut er sie beinahe lüstern an. Sie zuckt zurück. Er keucht, vor lauter Anstrengung, begreift sie dann. Aber seine Augen strahlen, als er das geborgene Gut betrachtet. Er streckt eifrig die Hand nach dem Koffer aus und stellt eine Kombination am Schloß ein, die er aus dem, Gedächtnis herbetet. Im Deckel ist ein leichtes Knacken zu hören. Iwan klappt ihn auf. Der Koffer ist mit Dollarnoten vollgestopft. Alles ist naß. Iwan hält einen Schein gegen das Licht. Wasser läuft an seinem Arm herunter. Er lacht. Ego Boy sitzt reglos auf dem Rand des Bodenlochs, noch immer in voller Ausrüstung. Er ist offenbar völlig erschöpft. Iwan lacht ununterbrochen, obwohl auch er müde ist. Seine Hände zittern vor Schwäche. Er fällt auf den Boden, hustet, keucht und lacht, verzichtet auf jegliche Kontrolle und genießt die Freude über seinen Teilsieg. Ego Boy sitzt da wie zuvor, ohne die Maske abzunehmen. Ingrid versucht durch das Sichtglas Blickkontakt mit ihm aufzunehmen, doch er schaut nach unten. Mit Abscheu betrachtet sie Iwan. »Was hilft es, wenn man hier drinnen steinreich ist«, kann sie sich nicht verkneifen zu sagen. Iwan setzt sich auf. Er ist grau im Gesicht und schaut sie an. »Du begreifst nichts«, keucht er. »Nicht ich bin reich. Ich bin ein Nichts. Dieses Geld hier wird in Proviant und Waffen umgesetzt. Du kennst bestimmt mein Volk nicht mal. In eurer egozentrischen, von Medien beherrschten Welt existieren solche wie wir nicht. Aber es gibt uns. Und wir haben die Absicht zu überleben. Unser Land wird als Experimentierfeld für die verschiedensten Kapitalinteressen benutzt. Sie nennen es Krieg. Also sollen sie ihren Krieg haben. Wir schlagen zurück.« Iwan atmet schwer und sackt an das Schott zurück. Er ist ausgepumpt. Er blickt zu Ego Boy hin, der, mit dem Rücken zu ihm, auf dem Rand des Bodenlochs sitzt. »Den Rest der Arbeit mußt du allein erledigen«, sagt er. »Meine Lungen sind, Schrott, den anderen Koffer mußt du ohne mich holen, er ist kleiner, du hast ihn gesehen, du schaffst das!« Ego Boy gibt keine Antwort. »Du bist mein verlängerter Arm«, fährt Iwan fort. »Du mußt das, was ich nicht schaffe, zu Ende bringen. Ich habe die Frau, die Glocke und das ganze Schiff. Du hast das ganze Meer. Falls mir einfallen sollte, dich von deinen Schläuchen zu befreien.« Ego Boy reagiert noch immer nicht, sitzt wie zuvor mit gesenktem Kopf da, ohne die Maske abgenommen zu haben. Iwan richtet sich auf, beugt sich vor und pufft ihm leicht gegen die Schulter. Im selben Augenblick wirft sich Ego Boy nach hinten, bekommt Iwans Oberarm zu fassen und zieht ihn mit sich. Iwan kämpft dagegen an, im Lautsprecher sind die Rufe des Tauchinspektors zu hören, alles geht ganz schnell, Ego Boy hat Iwans Arm über der eigenen Schulter und reißt ihn mit sich ins Bodenloch, während er selbst auf den Ring hinuntergleitet und bis zur Brust im Wasser steht. Ingrid starrt wie verhext auf das Geschehen. Die Rufe aus der Tauchkontrolle verstummen rasch. Das schwarze Kameraauge glänzt leer. Iwan kämpft, schlägt mit den Beinen aus und fuchtelt mit dem freien Arm. Ingrid zieht sich einen Schritt zurück, sein Kopf ist schon dicht über der Oberfläche, und jetzt schlingt Ego Boy den einen Arm um Iwans Nacken, der andere hält noch immer dessen Arm fest, der jetzt bis zur Schulter im Wasser steckt. Und Ego Boy preßt Iwans Gesicht immer tiefer hinunter, obwohl der sich jetzt mit aller Kraft zur Wehr setzt, und kurz bevor sein Gesicht die Wasserfläche durchbricht, stößt er einen Schrei aus, der alle Membranen durchdringt und jäh verstummt, als Ego Boy Iwans Kopf unter Wasser reißt. Iwan tritt, kämpft lautlos, Blasen steigen um Nacken und Hals auf,, und Ego Boy rutscht jetzt nach unten, so daß er ganz unter Wasser ist und somit mehr Kraft hat, um Iwan festzuhalten und ihn zu ertränken. Denn genau das tut er. Nach einigen Minuten gibt es keine Blasen mehr. Von Ego Boy ist nur die Nabelschnur zu sehen, aber Iwan strampelt noch immer. Eine Zeitlang noch. Dann hört auch das auf. Ingrid kommt endlich wieder zu sich, beginnt an dem Körper zu zerren, aber Ego Boy hält ihn in der Tiefe fest. Das Tauziehen nimmt kein Ende. Das Kameraauge schweigt. Die Welt hält den Atem an. Die Menschen schließen die Augen, bis alles vorüber ist., VI. Endlich läßt Ego Boy los; Ingrid zieht Iwan mit Mühe nach oben und schleppt ihn in die Glocke. Sie dreht den schlaffen Körper um. Die Augen sind halb geöffnet. Das Leben ist entwichen. Kein Zweifel. Er lebt nicht mehr. Ein kalter Schauer überläuft sie angesichts des Todes. Ein Plätschern im Bodenloch, und Ego Boys Kopf taucht auf. Ingrid sieht sein Gesicht hinter dem Sichtglas der Maske. Sie schreit: »Du hast ihn getötet! Er lebt nicht mehr!!!« Ego Boy gibt keine Antwort. Er greift nach dem Rand, um sich nach oben zu stemmen. Blitzschnell löst Ingrid einen großen Schraubenschlüssel von der Halterung am Schott. Sie klappt den kräftigen Stahlstiel quer über die Bodenöffnung, so daß Ego Boy ins Wasser zurück muß. Er packt den Stil mit den Händen, ruckt ihn zur Seite, Ingrid zieht ihr Messer aus der Scheide an der Außenseite der Wade und stößt zu. Stößt immer wieder nach seinen Händen, das Blut rinnt, und er läßt los. Das Wasser im Bodenloch färbt sich rosa, Ego Boy wimmert. Ingrids Brust hebt und senkt sich: »Mörder!« zischt sie. »Jetzt wirst du sterben!« Sie hebt das Messer und zielt auf Ego Boys Nabelschnur, als die Tauchkontrolle die Sprache wiederfindet: »Ingrid, verdammt, Ingrid!!! Das ist doch Ego Boy, dein Kumpel, Ingrid! Tu deinem Kumpel nichts an, du bringst da was durcheinander, wir verstehen dich, das ist der Streß, leg das Messer hin, Ingrid!«, Blitzschnell schnappt sich Ingrid einen der nassen Scheine und klebt ihn über das Kameraauge. Im Vorbeigehen trennt sie mit einem Hieb die Mikrofonverbindung und wirft sich mit ihrem ganzen Körpergewicht über den Stahlgriff, bevor Ego Boy noch aus dem Wasser kommen kann. Im Lautsprecher ruft Tom: »Ingrid, nimm den Schein weg, Ingrid, ich muß sehen, ob ich nicht helfen kann! Mach die Kamera frei, Ingrid, und bring das Mikro in Ordnung, damit wir dich hören und dir helfen können!« Sie liegt über dem Stahlgriff. Ego Boy, umgeben von rosafarbenem Wasser, starrt sie mit aufgerissenen Augen durch das Sichtglas der Maske an. In ihrer Hand, die unkontrolliert zittert, hält sie noch immer das Messer, kalter Schweiß klebt ihr am ganzen Körper, und sie ist völlig außer sich. Sie schlottert, Schüttelfrost hat sie gepackt, ihre Zähne schlagen aufeinander, und die Messerklinge zuckt durch die Luft. Mit der anderen Hand nestelt sie am Verschluß der Taucheruhr. Sie macht die Taucheruhr ab und dreht die Rückseite des Gehäuses zum Bodenloch hin, hält sie Ego Boy direkt vor die Augen. »Lies!« zischt sie. »Was steht da?« Im Lautsprecher sagt Tom: »Ingrid, bitte, bleib ruhig, nimm den Schein weg, ich kann dich nicht sehen.« Und Ego Boy starrt auf das Gehäuse und liest: »De… Profundis…« Tom fährt fort: »Mir sind die Hände gebunden, ich kann dich auch nicht hören.« »Aus der Tiefe«, flüstert Ingrid, »aus der Tiefe rufe ich… erlöse mich, denn Wasser dringen mir… Aber was hast du getan?« Ihre Tränen tropfen in das mit Blut vermischte Wasser. Tom ruft: »Ich muß dich sehen, Ingrid, was machst du?«, »Du hast ihn getötet, stimmt’s? Meinen Vater. Du hast ihn ertrinken lassen. Ich habe ihn nicht richtig kennenlernen dürfen. Du bist mir zuvorgekommen. Hast dir das Recht genommen. Aber jetzt bist du dran!« Sie hebt erneut das Messer, holt aus, halbblind vor Tränen. Ego Boy beobachtet sie wachsam. Im selben Augenblick, als ihre Konzentration auf den Stahlgriff abnimmt, weil sie mit dem Messer die Nabelschnur treffen will, schießt er mit solcher Kraft nach oben, daß der Griff zur Seite fährt, und ehe sie sich wieder darauflegen kann, ist Ego Boy schon halb aus dem Loch heraus. In der Zwischenzeit predigt Toms Stimme immer wieder: »Was passiert da? Ich kann euch nicht hören, euch nicht sehen, nur ihr könnt den Fehler beseitigen.« Der Kampf ist kurz und der Ausgang klar. Ihr Messer verschwindet im Wasser. Einen Moment später auch der Stahlschlüssel. Sie drückt sich schluchzend an das Schott. Sie ist übermannt worden, besiegt, sie weint wie ein Kind vor Ohnmacht und Demütigung; Arme, Beine und Brustkorb schmerzen von Ego Boys unsanfter Behandlung. Er setzt keuchend die Maske ab. »Wir haben keine Zeit, Ingrid«, flüstert er. »Wir müssen jetzt schnell handeln. Ich werde es später erklären, wenn wir aus der Sache hier raus sind.« »Ich werde dich töten«, flüstert sie zurück. »Später«, erwidert Ego Boy, »wir müssen handeln, bevor die anderen begreifen.« Erst jetzt erfaßt Ingrid die Konsequenzen dessen, was Ego Boy getan hat. Sie steht auf und schaut auf Iwans toten Körper. Sie hätte es vielleicht verhindern können, sie hat zunächst gezögert, nicht entschlossen genug gehandelt. »Was hast du getan«, sagt sie laut. »Was hast du angerichtet! Die Konsequenzen, ja – wie willst du da rauskommen?«, »Die halbe Schlacht ist schon gewonnen«, erwidert er. »Der Kopf ist ab. Hirn und Beschlußkraft sind weg. Der restliche Körper kann sich nicht lange halten. Sie kommen ohne ihren Anführer nicht aus, so autoritätsgelenkt, wie sie nun einmal sind.« »Um so größer ist die Gefahr, daß sie die Ampullen zerschlagen«, entgegnet Ingrid aggressiv. Ego Boy erwidert ohne Zögern ihren Blick. »Nicht, wenn wir ihnen etwas zu bieten haben«, sagt er und blickt auf den geöffneten Koffer, wo nasse Dollarscheine auf der Innenseite des Deckels kleben. »Nämlich das, wofür sie schon soviel geopfert haben.« »Es ist ganz einfach«, sagt er und schaut ihr in die Augen. »Sie wollen ihr Geld und freies Geleit. Wenn ich den anderen Koffer hole, bin ich sicher, daß wir in so überzeugender Verhandlungsposition sind, daß sie nicht danach fragen werden, was mit ihrem Chef passiert ist.« Sie blickt weg. Verschließt sich. »Mach, was du willst«, sagt sie. »Du hast schon alles beschlossen, ich mische mich nicht ein.« Er faßt nach ihrem Arm, zwingt sie, ihn wieder anzusehen. »Du kannst mich erledigen, wenn ich da draußen bin«, sagt er. »Aber dann tötest du uns alle. Wir brauchen diesen Koffer, und für mich ist es ein Kinderspiel, ihn zu holen.« Im Lautsprecher ruft der Tauchinspektor: »Ingrid! Ego Boy! Hört ihr mich? Könnt ihr das Mikrofon wieder anschalten?« »Es ist deine Aufgabe, Mykeltun aus der Sache herauszuhalten«, sagt der Tauchinspektor, um dem Kapitän zuvorzukommen, der soeben den Raum der Einsatzleiter betritt. Da der Kapitän nicht angeklopft hat, begreift der Tauchinspektor, daß dem alten Seebär die Galle übergelaufen ist., »Mykeltun ist seekrank.« Mit einer Handbewegung tut der Kapitän das Ereignis ab. »Gott sei Dank«, antworten alle wie aus einem Mund und voller Inbrunst. »Wir wissen nichts«, sagt der Tauchinspektor dann, während der Kapitän noch Luft holt, um loszulegen. »Wir wissen tatsächlich nichts, es hat keinen Sinn, daß du fragst.« Dem Kapitän bleibt der Mund offenstehen. Dann stößt er hervor: »Wißt ihr überhaupt nichts?! Ihr wißt doch wohl, ob noch jemand draußen im Wasser ist? Es ist wahrhaftig nicht einfach, den Kahn stillzuhalten. Auf einem Fleck. Bei diesem Seegang!« Der Tauchinspektor weist mit der Hand auf den schwarzen Monitor. »Wir haben keinen Kontakt«, erklärt er. »Wir wissen nicht das Geringste über das, was dort passiert, sie können uns hören, umgekehrt funktioniert es nicht. Ingrid ist ausgerastet. Aber ein britisches Taucherschiff ist jedenfalls unterwegs, sie befinden sich vor Irland…« »Irland!« schreit der Kapitän. »Das dauert ja noch Tage!« Im Kontrollraum, ein Deck tiefer, greift Charles gerade nach dem Mikrofon, um mit den Männern in der Kammer zu sprechen. Auf den Monitoren sieht er Glenn, Bengt und Ian apathisch in ihren Kojen liegen, während die beiden Russen wie zuvor am Tisch sitzen und die Ampullen über die Kante hängen lassen. »Hallo. Wir möchten euch gern etwas zu essen schicken, falls das in Ordnung geht«, sagt Charles devot. »Genehmigt«, antwortet Wladimir kurz. Charles gibt dem Steward grünes Licht, der die Luke der Versorgungsschleuse öffnet. »Wie geht das Tauchen voran?« fragt Wladimir. »Alles geht seinen Gang«, antwortet Charles ausweichend. »Ich bedaure, daß wir noch kein Round-Robin zustande, gebracht haben. Auch wir können nichts hören. Sobald wir etwas erfahren, werden wir es natürlich an euch weitergeben.« »Es ist ziemlich viel Zeit vergangen«, sagt Wladimir. »Aber ich mache mir keine Sorgen. Sie kommen zurück. Schlimmstenfalls geht ihr selber runter und holt sie hoch. Ihr wißt ja nur zu gut, was sonst passiert.« Er wedelt lässig mit der Ampulle. Es zischt in der Schleuse, als der Druck steigt. Wladimir gibt Ian ein Zeichen, sie von innen zu öffnen. Ian stellt das Essen auf den Tisch. »Du wirst vorkosten!« befiehlt Sergej. Er tauscht einen Blick mit Wladimir. Ian schwitzt. Er schaut zum Kameraauge. Dann nimmt er einen Löffel. Hebt den Deckel der Terrine. Taucht den Löffel in die heiße Spargelsuppe. Und probiert. »Das Brot auch. Und die Butter«, fordert Sergej. Ian gehorcht. Er schmeckt nichts, fühlt nur unerträgliche Verzweiflung. Er fühlt sich wie ein erhitzter Druckkochtopf ohne Sicherheitsventil, hat Angst vor sich selbst und vor dem, wozu er imstande ist, und er befürchtet auch, sich zu vergiften und zu sterben. Wenn doch das Essen Schlafmittel enthalten würde, er will nicht mehr mitmachen, hält es nicht mehr sehr lange aus, bald weiß er nicht mehr, was er tut! Unten in der Taucherglocke liegt Iwans Körper gegen das eine Schott gelehnt, damit er so wenig Platz wie möglich einnimmt. Ego Boy bereitet sich auf einen weiteren Tauchgang vor. Ein Notverband ist fest um seine zerschnittenen Hände gewickelt. Die Sicherheitsklammern sind ordentlich befestigt, von Ingrid! Sie hilft ihm, sich fertigzumachen. Ego Boy hat sie besiegt. Und er hat sie begreifen lassen, daß sie im Augenblick nichts weiter tun kann, als sich nach seinen Vorgaben zu richten, nach seinem Plan, und er wiederholt: »Die sind nicht dumm., Die sind froh, wenn sie das Geld kriegen und von hier verschwinden können.« »Und was ist mit ihm?« fragt Ingrid und deutet mit dem Kopf auf den toten Russen. »Meinst du, daß sie das so einfach hinnehmen? Sie werden ihren Anführer natürlich rächen.« »Das war ein Unfall«, sagt Ego Boy, »dafür kann niemand etwas. Du hast doch selbst gesehen, wie schlecht es ihm ging – Lungenembolie. Er hat es selbst angedeutet. War nicht imstande, ein zweites Mal rauszugehen, aber wir sagen, daß er es getan hat, und dabei ist es passiert. Ein Unfall ganz einfach.« »Du bist es ja gewöhnt, bei so was zu lügen«, erwidert sie scharf. Ego Boy gibt keine Antwort, macht nur schweigend einen Schritt ins Wasser. Er gleitet nach unten und verschwindet. Ingrid geht zum Kameraauge und entfernt den nassen Schein. Im Kontrollraum jubeln die Einsatzleiter, als der Monitor wieder das Innere der Glocke zeigt. Sie sehen, daß Ingrid sich außerdem bemüht, die durchgeschnittene Mikrofonleitung zu flicken, und Tom, Oddvar und der Tauchinspektor übertönen sich eine Zeitlang bei dem Versuch, so aufmunternd wie möglich zu klingen. Schließlich übernimmt Oddvar wieder die Leitung und lobt sie mit vorsichtigen Worten. Bestimmt gehe die Sache in Ordnung. Sie brauche nur die freigelegten Metalldrähte zusammenzuzwirbeln, dann hätten sie wieder Sprechkontakt. Wenige Minuten später ist ein Knistern zu hören und dann Ingrids Stimme in der Tauchkontrolle, was mit erneutem Jubel begrüßt wird. »Gut, Ingrid«, sagt Tom, »du bist ein technisches Genie!« »Ist was zu hören?« fragt Ingrid. »Sicher hört man was«, antwortet Tom. »Das hast du wirklich gut gemacht.«, »Ihr Anführer ist tot, dieser Iwan«, sagt Ingrid. »Wir haben es verstanden«, sagt Tom gedämpft. »Wir sehen es. Wir haben es mitbekommen. Wir werden uns etwas einfallen lassen.« An Bord der Bohrinsel ist die Aktivität wegen des Produktionsstopps und wegen des Sturms auf denkbar niedrigstes Niveau heruntergeschraubt. Alle, außer jenen Diensthabenden, die unbedingt anwesend sein müssen, befinden sich auf der Wohnplattform, und die Gangway dorthin ist noch immer eingezogen. In einem schlecht erleuchteten Kontrollraum hat einer der Techniker Dienst. Er hat den Computer abgeschaltet, ein Gewitter droht, und er hat Angst um seine Festplatte. Es ist vorgesehen, daß er die Instrumente auf dem Steuerpult vor sich überwachen soll, aber die Müdigkeit hat ihren Tribut gefordert, und sein Kopf hängt zur Schulter herunter. Plötzlich erzittert der Raum! Das Alarmsignal erklingt, und der einsame Techniker wirft sich nach vorn und prüft jedes der Instrumente. Unterhalb der Bohrinsel, unter den tobenden Wellen und dem erleuchteten Taucherschiff, das jedes Abdriften reguliert, aufgrund seines exzellenten Positionierungssystems, tief unter den seekranken Matrosen und ihren beschlußunfähigen Vorgesetzten ist ein Taucher in einer Tiefe von neunzig Metern aus der Taucherglocke gestiegen. Er ist bis zum Fundament und der Seitenstrebe der Bohrinsel geschwommen, wo ein havariertes U-Boot über der Kante hängt. Die Nabelschnur des Tauchers schlängelt sich zwischen den Schatten entlang. Plötzlich ein Klingen im ganzen Wasserraum. Die Nabelschnur kommt mit voller Kraft zurückgeschnellt, wie ein, abgerissenes Gummiband, ja, die Nabelschnur ist abgerissen, und die Bewegung des U-Boots beschleunigt sich, als es von seinem zeitweiligen Ruheplatz herunterrutscht, ein Klingen im Beton, das Wasser trübt sich, und das U-Boot kippt vornüber, verschwindet in der Tiefe und läßt die letzten Reste Luft wie einen Meteoritenschwanz aus Blasen im kohlschwarzen Wasser hinter sich. In der Taucherglocke sieht Ingrid schockiert, wie sich Ego Boys Nabelschnur mit rasender Geschwindigkeit abwickelt und dann plötzlich still daliegt. »Hol sie ein«, ruft Tom, »bist du blind, Ingrid, hol sie ein!« Eine Ewigkeit wie in Treibsand arbeiten, zerren, ziehen, eine Ewigkeit, wer weiß, wer weiß, wer weiß. Ausgestreckt über dem Bodenloch. Nein, sie will das letzte Stück nicht hochziehen, sie fühlt, sie weiß, sie will nicht, sie weiß, fühlt am fehlenden Widerstand, an der Leichtigkeit, es geht zu leicht, kein Körper hindert, jetzt kommt das Ende hoch, das abgerissene Ende der Nabelschnur, Schluß, es ist Schluß, die Spur endet, weg, Schluß, Schluß. Das Gesicht am Boden, der ist naß und kalt, die Toreroarie aus »Carmen« überall in ihrem Kopf, ihrem aufgeblasenen Kopf – einer Melone gleich –, die kraftvolle, festliche, triumphale Musik, die im Skelett widerhallt, sie ist geisteskrank, gut, der Geist ist krank, wie gut, wie wundervoll froh man wird… Ein flackernder Scheinwerfer beleuchtet Wolken aus Staub, die sich noch immer im bewegten Wasser ausbreiten, von den Wirbeln des gesunkenen U-Boots hervorgerufen. Die Einsatzleiter sind schockiert. Tom spricht routiniert, professionell, ruhig, ohne Gefühl. Er berichtet Ingrid, daß auf der Bohrinsel Alarm gegeben wurde, ein erneuter Stoß. Leider bleibt nur eine Schlußfolgerung, das Wrack ist vom Fundament gestürzt., Ego Boy war dort angekommen. Also ist er nun in einer Tiefe von hundertachtzig Metern! Es gibt keine Chance, ihn zu holen. Er ist tot. Sie kann nur eins tun, sie muß die Bodenluken schließen, damit man sie nach oben ziehen, sie zu den anderen in die Kammer bringen kann!, VII. Er werde mit den Russen reden, von dem Unglück berichten, sie brauche sich keine Sorgen zu machen, aber könnte sie jetzt bitte zufassen und die Luken schließen? Toms Stimme dringt von weit her, wie durch einen Tunnel, zu ihr. Der leise Singsang kommt näher. Tom wirkt ruhig, aber seine Worte klingen fordernd, nervös, er will weg. Obwohl er nicht einmal hier unten ist. Er sitzt doch wohl oben im Schiff? Wie kalt es ist. Sie fühlt sich wie gelähmt. Kann sie sich nicht bewegen? Noch immer liegt sie einfach nur da, die Wange auf den Boden gepreßt, und irgendwoher Tom, er läßt nicht locker, redet und redet. Sie braucht nur den Blick ein wenig zu senken, da sieht sie die Nabelschnur, das Ende, sie hält es noch immer in der Hand, beinahe wie ein Kinderarm, die verschiedenen Leitungen für Warmwasser und Atemgas, für Mikrofon und Lautsprecher sind abgetrennt, freigelegt, sichtbar gemacht in der knallgelben Plastikummantelung. Aufgeschlitzte Venen, die Supraleiter der Nabelschnur, der freie Fluß zwischen Mutter und Kind, jetzt abgerissen, tot, er ist tot, sie muß begreifen, daß er tot ist, auch er, und sie wollte es, aber wenn es eine Allmacht gibt, die ihr beipflichtet, so ist sie selbst doch zu winzig, um deren Kraft zu lenken, ich wollte nicht können, ich wollte meinen Willen nicht durchsetzen, nicht jetzt, nicht so. Tom fordert: Schließ die Luke, schließ die Luke, es ist einfach, streck die Hand aus, pack den Griff. Sie will, daß Ruhe einkehrt. Darum läßt sie die Nabelschnur los und gehorcht Toms Stimme, streckt sich zum Wasser hinunter, um den Griff der äußeren Luke zu packen., Plötzlich eine Wasserkaskade. Sie kann noch denken: Jetzt sterbe ich, Spritzer treffen sie, ja, das Meer wallt zu ihr hoch, aber… es ist ein Taucherhelm, und der Taucher, er steigt rasch auf das Bodengestell und stemmt sich dann über den Rand. Sie sieht, daß es Ego Boy ist, hört das Jubeln der Tauchkontrolle durch die Membran – jetzt träumt sie natürlich, aber sie will nicht aufwachen, sie sitzt, wo sie sitzt, bis Ego Boy sie anstößt und sie begreift, daß er ihre Hilfe wünscht, um sich von seiner Ausrüstung zu befreien. Sobald er den Helm abgesetzt hat, beginnt er zu reden, exaltiert, aufgeputscht durch den enormen Streß. »Da haben wir doch so geflucht über dieses System – viel zu schwer und unhandlich, aber als es passiert ist, hatte ich nicht mal Angst. Ich wußte ja, daß ich fünfzehn Minuten zur Verfügung habe. Obwohl die Reserveflaschen mir nur zwei Minuten gaben. Den Mann, der die Kalkbox im Helm durchgesetzt hat, werde ich persönlich aufsuchen und ihm die Hand schütteln. Was tut es, daß man den Kopf nicht drehen kann, muß man es eben mit dem ganzen Körper tun. Jetzt habe ich gespürt, was diese Unannehmlichkeit wert ist. Es ist keine Unannehmlichkeit. Sie ist es wert – ha, ganz entschieden wert! Weshalb muß man den Kopf denn drehen können, von jetzt an tauche ich nie mehr ohne Kalkbox im Helm.« Er schnattert weiter, während Ingrid ihn ansieht, als sei er ein Gespenst, und Tom mit Mühe und Not eine Frage dazwischenschieben kann: »Was ist passiert?« Ego Boy redet unablässig weiter, erzählt, wie das U-Boot abgestürzt ist, er war noch nicht eingestiegen, aber die Nabelschnur hatte sich um eine Luke gelegt, und er wäre fast mitgerissen worden, hat es gerade noch geschafft, ein Stück hinter die Strebe der Bohrinsel zu kommen, als die Nabelschnur abriß. Und das war ein Glück, denn sonst wäre er vom U-Boot mitgerissen worden, und dann wäre die Glocke, an der er festhing,, mitgerissen worden, und auch das ganze verdammte Schiff, an der die Glocke hing, wäre mitgerissen worden, oder nicht?! Er lacht wie ein Irrer, ist heiser wie ein Süchtiger, und Ingrid sieht jetzt, daß er wie Espenlaub zittert. Sie gibt ihm ein Zeichen, sich hinzusetzen, und er gehorcht sofort. Geht von der Leiche weg und setzt sich. Wird still. »Das schlimmste war die Dunkelheit. Es wurde furchtbar dunkel, als die Lampe ausging. Einfach kohlschwarz, und ich hatte nicht die geringste Ahnung, was oben und was unten war. Ich bin geschwebt, befand mich in der Ewigkeit. Dieses Gefühl möchte ich nie wieder erleben. Bevor sich die Augen daran gewöhnt hatten. Bevor ich das Licht von der Glocke hier drüben bemerkt habe.« In der Tauchkontrolle lachen Tom, Oddvar und der Tauchinspektor begeistert. Sie sehen einander an und schauen auf den Monitor, wo Ego Boy erwiesenermaßen quicklebendig vor ihnen sitzt! Zwar angeschlagen, aber froh. Ingrid schließt die äußere Bodenluke, und Tom sagt zu Ego Boy: »Verdammt, Ego Boy, wenn das gegangen wäre, hätte man heute ein Los kaufen sollen. Man müßte euch eigentlich eine Flasche Champagner runterschicken!« Als Antwort ist nur zu hören, daß Ego Boys Zähne aufeinanderschlagen. »Warmes Wasser«, sagt Tom und sieht, wie Ingrid sofort ihren eigenen Warmwasserschlauch abhakt und ihn Ego Boy in den Taucheranzug steckt. Dann nimmt sie den Schlauch des toten Russen und gibt ihn Ego Boy in die Hand, so daß er sich selbst an den Stellen wärmen kann, wo es am nötigsten ist. »Champagner«, antwortet Ego Boy, zittert, lacht und begießt sich Arme und Beine, »wieviel Spaß darf man in einer Druckkammer denn haben – die reinste Bombe, Überdruck zu, Überdruck! Ein Tippschein hingegen wäre nicht übel gewesen.« »Wenn ihr rauskommt, gibt es jedenfalls Champagner«, sagt Tom. »Wenn wir alle wieder auf festem Boden stehen. Schließ die Innenluke Ingrid, dann holen wir euch nach Hause.« »Sag denen nichts von ihrem toten Kumpel«, bittet Ingrid. »Es ist besser, sie sehen es selbst, damit wir den Überraschungsmoment nutzen können.« »Wir haben noch nichts erzählt«, erwidert Tom. »Wir lassen es erst mal dabei. Wir haben nur gesagt, daß wir mit der Verbindung Probleme hätten, das haben sie uns abgenommen, bei diesem Wetter. Eins nach dem anderen. Jetzt holen wir euch erst hoch.« Mykeltun hat die Kapitänskajüte in ein stinkendes Krankenzimmer verwandelt. Ein bleichgesichtiger Steward ist regelmäßig mit dünnen Suppen und Salzgebäck erschienen und hat Drinks nach den bizarren Wünschen des Patienten gemixt, mit Zitrone, Tabasco, Tomate und Virgin Oil, aber nichts hat geholfen. Berge von Papierhandtüchern sind über dem mit Erbrochenem beschmierten Boden verstreut, und Mykeltun liegt nach Luft schnappend in der breiten Koje, Modell Extra Large. In seinem Blickwinkel befindet sich die großzügige Bibliothek des Kapitäns hinter den dünnen Rosenholzleisten, und wie schon andere vor ihm hat auch er genügend Zeit, staunend darüber nachzudenken, wie eine dünne Leiste verhindern kann, daß die Bücher von ihrem Platz rutschen, obwohl sich alles andere, einschließlich Mykeltuns Eingeweiden, unablässig bewegt. Oben auf der Brücke hält der Kapitän zusammen mit dem Chief-Mate noch immer der Belastung stand, sie sind sehr beunruhigt und haben das Essen, das ihnen der Steward, gebracht hat, ohne es zu merken, hinuntergeschlungen. Sie sind noch immer auf den Beinen, trotz der häufiger werdenden Momente von Abwesenheit. Von Mikroschlaf. »Sobald die Glocke hochgezogen ist, müssen wir ein Stück weiter weg, die unmittelbare Nachbarschaft zur Bohrinsel geht mir auf die Nerven«, sagt der Kapitän. Im selben Augenblick blitzt ein Instrument auf dem Kommandostand auf, und das Schiff legt sich auf die Seite, so daß alles, was unbefestigt ist, durch die Luft fliegt und an das gegenüberliegende Schott poltert. Die zwei Männer gehen kopfüber zu Boden. Mykeltun erlebt, wie eine ganze Buchreihe über die Rosenholzleiste kippt, dann fällt ihm ein Handbuch der Knotentechnik auf den Kopf, und er verliert das Bewußtsein. In der Tauchkontrolle beobachtet Oddvar den Innenraum der Taucherglocke auf dem Monitor. Ego Boy reibt sich gerade die Hände und sagt: »Wenn wir hochkommen, ist…« Da reißt der Ton jäh ab. Oddvars Bürostuhl saust rückwärts zur Tür, so daß der darauf Sitzende mit der Schulter gegen den Feuerlöscher schlägt und er vor Schmerz Sterne sieht. Alarm ergeht, rote Lämpchen blinken, rotieren. Den Tauchinspektor und Tom hat es gegen eine Arbeitsplatte gedrückt, sie schreien vor Entsetzen. Und jetzt sieht auch Oddvar, was sie sehen – der Monitor! Er ist schwarz. Schwarz! Großer Gott! Auf der Brücke kriechen Kapitän und Chief-Mate auf dem Boden herum, versuchen, rasch wieder auf die Beine zu kommen, und der Chief-Mate stößt verächtlich hervor: »Vier separate Positionierungssysteme, jetzt ist sie trotzdem ausgeschert.« Der Tauchinspektor rennt aus der Tauchkontrolle und bewegt sich eine Unendlichkeit durch Watte, wie in einem Traum von, vergeblicher Flucht, bis er endlich zum Moonpool gelangt, im selben Moment, als die kreischende Winde und die quietschende Nabelschnurtrommel die letzten Umdrehungen zurücklegen… und da ist nichts. DA IST NICHTS! Auf der Winde wird die abgerissene Stahltrosse Runde um Runde herumgeschleudert, bis das Wasser aufhört zu spritzen. Die Nabelschnur, abgerissen, abgeschnitten wie mit einer riesigen Schere, da das Kind geboren und alles vorüber ist. Lost bell. Lost bell. Jetzt ist es geschehen. Der Tauchinspektor blickt zum Kranführer hoch…? Ja. Es ist wahr: Lost bell., VIII. Die Notbeleuchtung schaltet sich sofort ein, als der Kontakt zur Oberfläche unterbrochen wird. Ein leichter Ruck. Sie haben diesen Ruck gespürt. Auf halbem Weg zum Moonpool des Schiffes ein leichter Ruck, ein Klicken im Lautsprecher und… Gleich darauf werden Ingrid, der tote Russe und Ego Boy in der schlingernden und frei sinkenden Glocke umhergeworfen, sie schreien, werden gegen die Stahlschotten gedrückt, alles wirbelt durch das blaue Licht des Raumes, die Decke wird Boden, dann wieder Decke und erneut Boden. Panik, Schreie, harte Stöße gegen die Schotten, sie können sie nicht abwehren, werden umhergeschleudert wie Wäschebeutel! Eine Schramme an der Stirne, ein Schlag gegen die Hüfte, ein Hieb gegen den Hinterkopf, drei Stöße gegen die Schulter – heisajuchhei, jetzt wäscht der Riese seine schmutzigen Fetzen in wildem Entsetzen, Entsetzen… Ein Stück unter dem Schiff hat sich die Nabelschnur um eine Ankerkette gewickelt. Noch weiter unten endet sie, abgerissen. Dann ist es dunkel. Eine ziemlich lange Reise in schwindelerregendem Dunkel. Schwaches Leuchten aus den Bullaugen der Taucherglocke, als sie schließlich aufschlägt, ein Vibrieren im Stahl, die Glocke rollt eine halbe Umdrehung weit und keilt sich fest, hundertachtzig Meter tief! Dann kommen dreißig Meter Umbilical angesaust, reißen die Glocke weiter seitwärts… Ingrid fährt hoch, sobald die Glocke still liegt, denn sie fühlt etwas Kaltes im Nacken, es ist die Nasenspitze der Leiche, sie, stößt den Körper weg. Es gibt nicht viel Platz, sie schleppt Iwans Körper ein paar Dezimeter weiter, damit sie ihn nicht berühren muß, ihre Hände sind blutig, und Blut läuft ihr in die Augen, aber sie spürt nichts, wischt es weg. Ego Boy wimmert. Auch er blutet am Kopf. Es ist still. Einen Augenblick lang bedrohlich still, als sie sich zu Tode erschrocken ansehen, schockiert, ungläubig. Dann ist ein dumpfes Brummen zu hören, das sie zusammenzucken läßt. Der Scrubber, den ein Reserveaggregat speist, hat sich eingeschaltet, zwölf Stunden wird er arbeiten. Die ausgeatmete Luft wird jetzt gewaschen. Das Notsystem funktioniert, der Scrubber läuft und bestätigt, daß der Kontakt zur Oberfläche abgebrochen ist. Sie sind auf den Meeresgrund gesunken. In Tiefen, die noch kaum ein Mensch gesehen hat. Und sie selbst sind nichts weiter als der Inhalt einer versehentlich verlorengegangenen Konservenbüchse. Ingrid sieht den Wahnsinn in Ego Boys Augen, er ist auf dem Weg, sie zu verlassen. Das darf nicht geschehen. Sie muß etwas tun, etwas sagen, sie sieht, daß er sich entfernt, sie darf den Kontakt zu ihm nicht verlieren. »Danke deinem Schöpfer, daß wir ein altes Tauchsystem haben«, sagt sie, so ruhig sie kann, und schaut ihn unverwandt an. Sie sieht, daß ihre menschliche Stimme ihn aufhorchen läßt. »Danke deinem Schöpfer, daß die Engländer so liberal sind, sonst hätten wir keine Chance! Dann besäßen wir nämlich kein Drop-Gewicht, das man lösen kann. Wir müssen nur das Drop- Gewicht lösen!« Ego Boys Wimmern verstummt, aber er schüttelt sich wie ein Hund. Ein Schock. Das monotone Geräusch, das der Scrubber beim Waschen ihrer Atemluft erzeugt, sagt ihnen ständig, in welcher Lage sie sich befinden., Ingrid redet weiter, sie muß den Leerraum mit ihrer Stimme füllen. Dieselbe Manie wie zuvor bei Ego Boy. Sie sprudelt vor Energie. Ihr sei das Szenario klar gewesen, schon bevor sie auf dem Boden aufschlugen. Dank sei denen, die Deep Seahorse die Genehmigung erteilt hatten, und Entschuldigung für all die bösen Gedanken über die altmodischen Engländer! Wenn wir erst das Drop-Gewicht gelöst haben, wird die Glocke von allein nach oben steigen, wie ein Korken, du weißt es doch selbst, Ego Boy, oder? Und wir haben schließlich Reservegas, und die Wärme werden wir schon ein paar Stunden halten können, oder nicht, Ego Boy? Wir sitzen schließlich im Trockenen. Und wir können die Masken aufsetzen und durch die Kalkbox atmen, die der reinste Wärmeaustauscher ist, dann sparen wir Energie, Ego Boy! Ego Boy starrt sie noch immer entsetzt an, sagt jedoch nichts. Sie blickt sich suchend in der Glocke um, wo kein Stück an dem Platz ist, den sie vom Bell-Check her kennt. Über ihrem Kopf findet sie schließlich einen Griff des Drop-Gewichts. Sie zieht daran. Nichts geschieht. Sie blickt sich suchend um und begreift, daß sich der andere Griff unter Ego Boy befindet, zieht sie daran, wird sich das Drop-Gewicht lösen, und sie werden wie ein Korken in die Höhe steigen. »Steh auf!« flötet sie. »Du liegst auf dem Drop-Gewicht.« Ego Boy erhebt sich gehorsam, immer noch, ohne ein Wort zu sagen. Ingrid zieht an dem Griff. Auch jetzt passiert nichts. Sie zieht und zerrt, ächzt und flucht, wütend, rasend: Der verdammte Griff… Warum steigen sie nicht auf? Sie kriecht von Bullauge zu Bullauge, um sich ein Bild von der Lage außerhalb der Glocke zu verschaffen. Einige Zeit später ist ihr die Sache klar., Sie sind unmittelbar neben dem U-Boot gelandet! Und ihre abgerissene Nabelschnur hat sich vermutlich um irgend etwas herumgelegt, vielleicht um die Schraubenachse? Die Nabelschnur liegt wie eine Würgeschlinge da draußen, ein einziges verdammtes Gewirr von Kabeln, so weit sie sehen kann. Die Glocke ist eingefangen, für ewig an das U-Boot- Wrack gefesselt. Elender Mist! »Wir sitzen fest! Bei diesem saublöden Scheiß-U-Boot!« schreit sie. »Wir kommen nicht hoch! Ego Boy… Wir kommen nicht hoch!« Ego Boy starrt sie an. »Dann müssen sie uns holen.« »Das können sie nicht«, Ingrid sieht ihn wütend an. »Die andere Glocke ist außer Betrieb, abgestellt, do you remember?« »Ein anderes Taucherschiff kann«, sagt Ego Boy lauter. »Wenn eins in der Nähe ist, ja. Glaubst du das? Eins, das es außerdem wagt, seine Leute bei diesem Wetter runtergehen zu lassen?« »Der Sturm wird bis dahin nachlassen«, sagt Ego Boy, »wir haben Reservegas für vierundzwanzig Stunden.« »Wir erfrieren in zehn«, antwortet Ingrid, und ein Frösteln überläuft sie. Ego Boy fängt an zu weinen. »Das hilft nicht«, sagt Ingrid. »Jetzt hilft nichts.« Alle sind zum Kontrollraum der Einsatzleiter gestürmt: Christensen, der Kapitän und auch der durch die Strapazen völlig veränderte Mykeltun, dessen Schläfe eine große blaue Beule ziert. Der Tauchinspektor, Oddvar und Tom stehen in unfreiwilliger Verteidigungsposition mitten im Raum, und, Christensen schreit: »Verdammt, was habt ihr gemacht?! Habt ihr sie verloren?« »Wir haben sie nicht verloren«, antwortet Oddvar, »denkst du etwa, wir würden so arbeiten?!« »Wir haben sie verloren«, sagt der Tauchinspektor, »aber das liegt nicht an uns!« Tom kommt ihnen zu Hilfe: »Die Glocke kann abgetrieben sein, als sie in flaches Wasser kam, kann irgendwo dagegen gestoßen sein…« Der Kapitän blickt grimmig. »Der Kahn ist ausgeschert«, sagt er lakonisch. »Am besten sagen wir es gleich. Er ist ausgeschert. Bei einem Wetter wie diesem läßt sich nichts auf der Welt halten! Das habe ich ja immer gesagt!« »Und was gab es für Alternativen«, fragt Christensen, »hatten wir denn irgendeine Wahl? Du warst schließlich mit von der Partie«, sagt er trocken und starrt den Tauchinspektor an, der zurückstarrt und keine gute Antwort parat hat. Mykeltuns dünne Haare stehen zu Berge. »Und was haben die Herren jetzt für Pläne?« fragt er bedrohlich ruhig. »Die Zeit läuft schließlich. Das ist ja wohl nicht gerade gut?« »Ein Rettungsschiff mit vorbereitetem Personal ist unterwegs«, antwortet Christensen. Tom und Oddvar schnauben verächtlich. »Dieses Schiff ist wohl noch nicht mal bis Schottland gekommen«, murmelt Tom. »Sagt, was wir machen sollen«, fordert Oddvar, »dann tun wir es sofort!« Nicht einmal der Tauchinspektor antwortet. Die Vorgesetzten stehen betroffen da. Sie haben sofort Alarm auf der ganzen Nordsee ausgelöst. Aber was können sie sonst noch tun? Keiner weiß einen Rat., Ingrid handelt kühl und effektiv. Sie hat die drei Survival- Bags der Glocke losgeschnallt, die bei jedem Bell-Check sorgfältig überprüft und zum ersten Mal benutzt werden. Sie hat Ego Boy veranlaßt, in den einen hineinzukriechen, und hat sich selbst in den anderen geschlängelt. Den dritten hat sie als zusätzlichen Kälteschutz über sie beide gelegt und sich außerdem so dicht wie möglich an Ego Boy gedrückt. Sie liegen beieinander wie ein Ehepaar. Einen halben Meter neben ihnen liegt Iwans Leichnam in grotesker Stellung, einen Arm ausgestreckt. »Der da wird nie müde«, sagt Ingrid, aber Ego Boy ist nicht nach Scherzen zumute. Er hat sein Gesicht verborgen, weint resigniert, und Ingrid denkt sachlich: Wie schlecht das doch ist, denn Flüssigkeit und Energie gehen verloren. »Kannst du nicht damit aufhören?« fragt sie. Er scheint nichts zu hören. »Wenn es doch eine Notheizung gäbe«, sagt sie dann. Hier geht es darum, die Konversation in Gang zu halten, denkt sie noch immer genauso sachlich, an diesem Heulpeter hat man nicht eben viel Freude. »Jetzt ist es aus«, flüstert Ego Boy. »Mir ist zwar klar, daß du mir in keiner Beziehung große Fähigkeiten zutraust, aber das habe ich mir tatsächlich selbst ausgerechnet«, erwidert sie ironisch. »Wie kannst du nur?« fragt er. »Kann was?« »Scherzen, in dieser Situation?« flüstert er. »Ich scherze nicht. Es ist aus. Du hast recht. The party is over, ich habe es begriffen, genauso wie das Genie Ego Boy.« Es wird still. Es ist kalt. Etwas später hört sie ihn schniefen: »Hast du wegen ihm mit dem Tauchen angefangen?« »Wegen wem?«, »Wegen deinem Vater, Erland… Der gestorben ist…« Sie hört, was er sagt, aber sie erfaßt es nicht. Nüchtern antwortet sie, daß es natürlich nicht seinetwegen war. Er habe ihr Interesse geweckt, das war alles. Der Rest kam von selbst, das Ingenieurstudium, das Taucherzertifikat. Sie habe es wegen der Ehre und des Geldes getan, so war es, wenn sie ganz ehrlich sein soll. »Sorry, Ego Boy, irgendwelche tieferen Gründe gibt es nicht, ich tauche genau aus denselben Gründen wie du, um wieder lebendig und mit zehn- oder zwanzigtausend mehr in der Hand nach oben zu kommen! Dieses Mal wurde nichts daraus, und das ist schade. Sehr schade. Hör auf zu heulen.« In der Druckkammer sind alle wach, die Stimmung ist gedrückt. Die überhebliche Haltung der Russen ist in Aggression umgeschlagen. »Es ist das beste, wenn ihr jetzt berichtet«, sagt Wladimir zum Kameraauge, »warum kommen sie nicht zurück?« »Ich verstehe, daß ihr beunruhigt seid«, erwidert Harald, »das sind wir auch. Noch nie zuvor haben wir einen Tauchgang bei solchem Wetter unternommen. Wir hatten Probleme mit der Kommunikation, das haben wir euch schon erklärt. Und wir verstehen natürlich eure Unruhe, ist ja ganz normal, aber regt euch nicht auf…« »Ihr begreift nichts«, unterbricht ihn Wladimir. »Was wißt ihr eigentlich? Ihr könnt euch nicht selbst sehen. Ihr versteht nicht, daß ihr euch auf einer ständig schmelzenden Eisscholle befindet. In einem immer wärmer werdenden Meer, aufgeheizt von Milliarden Körpern, die nie das erlebt haben, was ihr für Wirklichkeit haltet, die nie festen Boden unter den Füßen hatten, aber die schwimmen, die um ihr Leben schwimmen. Die nichts zu verlieren haben!«, »Es hat Probleme gegeben«, fährt Harald gedämpft fort. »Rede«, befiehlt Wladimir. »Lost bell.« Harald gibt die Neuigkeit ohne Umschweife weiter. Die Russen tauschen einen Blick. »Du lügst«, sagt Wladimir. Im Monitor sieht Harald, wie Sergej aufsteht und mit der gefüllten Ampulle ein kleines Trommelsolo auf dem Schott vornimmt. Er sieht auch, daß Bengt in seiner Oberkoje ihn genau beobachtet, er ist wie ein Tiger auf dem Sprung, und auch Ian und Glenn liegen auf der Lauer. Alles kann passieren. »Glenn!« ruft Harald. »Hör zu. Es ist wahr, was du gehört hast, wir haben die Glocke verloren!« Glenn antwortet ein paar Sekunden später leise: »Sag, daß du lügst!« »Leider nicht«, antwortet Harald. »Sie liegen irgendwo da unten. Es war der Sturm. Du mußt das den beiden begreiflich machen.« Die Russen hören jedes Wort. »Du würdest uns eine solche Sache nicht unterjubeln, wenn sie nicht stimmt, oder?« fragt Glenn. »Okay, lost bell. Man muß also wirklich alles erleben. Wo ist das nächste Hilfsschiff?« »Vor Schottland«, antwortet Harald. Die Russen setzen sich. Glenn fällt auf das Bett zurück. Mehrere Sekunden herrscht Schweigen. Die glänzenden Überlebensschlafsäcke vermögen nur teilweise den Wärmeverlust auszugleichen, denn sie können die Lungen nicht einhüllen, und Körperwärme entweicht mit jedem Atemzug trotz der aufgesetzten Masken, die das ausgeatmete Gas in eine Kalkbox transportieren. Der Kalk reinigt das Gas, falls der Scrubber aufgibt, und er speichert die ausgeatmete, Wärme, aber Ingrid hat dennoch sehr gezittert, ihren Körper durchzuckt hin und wieder eine Welle von Bewegungen, zwischendurch liegt sie still. Völlig apathisch und still, die durchsichtige Plastikmaske auf Nase und Mund. Ego Boy weint nicht mehr. Er starrt die Leiche mit dem ausgestreckten Arm an und blickt dann zu Ingrid. Sie spürt es und schlägt die Augen auf. Ihre Augen glänzen, sie lebt. »Du lebst«, sagt er hinter der Plastikhaube. »Du lebst noch.« Sie gibt keine Antwort. Alles ist jetzt ohne Sinn. Er setzt sich auf. Dreht ihr Gesicht zu sich, so daß sie gezwungen ist, ihn anzusehen, und er nimmt die Maske ab. »Es war ein Unfall«, sagt er. »Ich war in Panik geraten. Rein juristisch bin ich frei ausgegangen, aber seine aufgerissenen, entsetzten Augen habe ich seitdem Tag für Tag vor mir gesehen. Ja, genau, Tag für Tag. Es war falsch, aber ich habe wie auf Befehl gehandelt, wie auf Signale direkt aus dem Rückenmark, ich hätte es heute wieder so gemacht, konnte absolut nichts dagegen tun. Er steckte fest, bekam kein Gas, seine Nabelschnur war eingeklemmt. Er wollte Atemhilfe von mir, und als ich nicht reagierte, versuchte er mir die Maske wegzunehmen, da geriet ich in Panik, ich, ich… ich habe ihn getötet, ja. Ein Schlag gegen den Hals, den ungeschützten Teil, habe wohl gedacht, das Wasser würde ihn dämpfen, aber ich habe gesehen, daß es sofort aus war mit ihm, und da bin ich weggeschwommen, so als sei ich dem Rachen des Teufels entkommen, und habe dem Personal oben grünes Licht gegeben, damit sie mich hochziehen, seine Nabelschnur wurde endgültig abgerissen. Dann bin ich zusammengebrochen. Was konnten sie anderes denken, als daß es ein Unfall war, ein Blackout. Aber ich habe gewußt, was ich tat, und ich würde es wieder tun. Ich habe mich gewählt, ich verstehe Menschen nicht, die bereit sind,, sich für andere zu opfern, halte das für dumm. Er wollte mein Atemgas, das Problem war seins, das meine war, von dort unten wegzukommen. Du verzeihst mir wohl, jetzt, wo du die Wahrheit weißt, jetzt, wo wir bald… einschlafen werden?« Sie sieht ihn apathisch an. Ihr Herz schlägt langsam und regelmäßig, sie fühlt nichts und sie sagt nichts. Er wird ungeduldig und reißt ihr die Maske ab. »Verzeihen?« sagt sie. »Verzeihen ist schließlich nur ein Wort. Wozu brauchst du meine Verzeihung? Du stehst doch über allen Menschen, stehst dir selbst am nächsten, was spielt es für eine Rolle, ob ich dir verzeihe oder nicht? Besonders jetzt? Du hast meinen Vater um dich gehabt. Durftest mit ihm arbeiten, ihn kennenlernen, mit ihm reden und leben, du hast sogar seine letzten Stunden bekommen. Und was habe ich gehabt?« Er schluckt, als er merkt, daß seine uneigennützige Aufrichtigkeit, mit der er sich selbst ausgeliefert hat, keine Wirkung auf sie zeigt. »Meine Kinder haben mich auch nicht gehabt«, sagt er. »Falls es nun meine sind. Verzeihst du mir?« »Du verlangst nicht wenig«, antwortet sie, »nach den Stunden da oben, wo du alles getan hast, um mich kleinzukriegen. Was spielt es für eine Rolle, ob ich dir verzeihe? Es hat doch überhaupt keine Bedeutung. Jedenfalls nicht, wie die Situation jetzt ist.« »Es ist einfacher mit Männern«, antwortet er. »Ich habe mich nie auf Frauen verstanden, nie begriffen, warum sie sich fügen und nicht zurückschlagen. Nun hast du es ja an und für sich getan. Ich konnte diese Güte, oder wie man es nun nennen soll, einfach nie verstehen, ich finde, Frauen sind selbst an allem schuld.« »Das Verhalten ist eingeübt«, antwortet sie matt. »Weißt du, jemand muß sich um die Kinder kümmern, da wird man so. Sonst würde es keine Männer mehr geben, ja und Frauen auch, nicht. Überhaupt keine. Du hast ein Problem. Es ist ein Riesenproblem, und es ist in der Hauptsache deins. Ich bin – war – die nicht genutzte Ressource.« »Verzeihst du mir?« fragt er noch einmal nachdrücklich. »Ich habe gerade meinem Vater verziehen«, antwortet sie. »Weil er sich gegen mich entschieden hat, es gibt keine Entschuldigung dafür, das begreife ich. Keine Entschuldigung ist akzeptabel, wenn Väter oder Mütter sich gegen ihr Kind entscheiden. Ich habe meinem Vater jetzt verziehen. In deinen Tod mische ich mich nicht ein.« Sie versucht tiefer in den Schlafsack zu kriechen. »Sei jetzt still«, sagt sie. »Ich will nicht mehr reden.« Sie liegt mit geschlossenen Augen dicht neben Ego Boy, auch seine Augen sind geschlossen, den dritten Schlafsack haben sie wie eine große Mütze um ihre Köpfe gezogen. In der Notbeleuchtung sehen die Gesichter bläulich aus, und aus Händen und Füßen, Armen und Beinen ist das Gefühl verschwunden. Ego Boy ist still. Er wird sterben. Er ist sich dessen nicht wirklich bewußt, er will jetzt nur schlafen. Ingrid ist sachlich wie zuvor. Im Alter von fünfundzwanzig Jahren – hört sie es schon im Kirchengewölbe widerhallen, fünfundzwanzig Jahre. Das ist nicht viel. Sie hat es nicht geschafft, eine Familie zu gründen. Sie wollte irgendwann Kinder haben. Sie hatte geglaubt, alle Zeit der Welt zu haben. Sie wird all das vermissen… Nein, sie wird nichts vermissen. Sie wird nicht existieren. Alles geht hier zu Ende. Zum Glück. Sonst würde sie zerbrechen, kaputtgehen aus Trauer darüber, Thomas nie wieder zu sehen. Thomas, ein Mann voller Güte und überquellender Energie, warum hat sie nie etwas gesagt, warum ist sie so abweisend gewesen, warum hat sie so getan, als liebe sie ihn nicht, sie hat es doch in ihrem Inneren gespürt, aber die Zeit war ja unendlich, wie dumm darf, man eigentlich sein, hier hat sie die Antwort, das Leben ist weise, Lebensweisheit erwirbt man, wenn man dem Tod nahe ist. Und was hat man dann davon? Die Kälte betäubt sie immer mehr, allmählich ist es fast schön. Keiner von beiden rührt sich, der Tod berauscht sie. Es macht nichts, denkt Ingrid, wenn sie uns niemals finden. Wir liegen hier gut. Ja, ich will hier bis in alle Ewigkeit bleiben. Die Kraftreserven sind aufgebraucht, aber aus unbekannten Gründen ist der Kapitän noch immer auf den Beinen. Er ist niedergedrückt, müde, manisch fixiert auf das Positionierungssystem, und er gönnt auch dem Chief-Mate keine Ruhe. In regelmäßigen Abständen schaut er durch die Scheiben zur Bohrinsel hoch, betrachtet ihre Lichter durch die Wasserschleier. »Es bringt nichts, so dichtauf zu liegen«, sagt er schließlich. »Das einzige, was wir erreichen, ist womöglich ein neuer Unfall. Wir können ja doch nichts tun. Jetzt legen wir den Kahn ein Stück weiter weg, bis das Hilfsschiff kommt.« Die Seitenschrauben beginnen zu rotieren. Die Deep Seahorse bewegt sich von der Bohrinsel weg. Alles ist still. Die Taucherglocke liegt fest vertäut, die Nabelschnur um das Ruder des gesunkenen U-Boots geschlungen, und der sie umgebende Meeresboden breitet sich nahezu steril nach allen Seiten aus. Bald werden die beiden noch lebenden Wesen in diese Zeitlosigkeit eingehen, wo in hundert Jahren nichts, überhaupt nichts passiert, dann wird vielleicht ein Stein bewegt, und danach geschieht wieder ein Jahr lang nichts oder zehn oder tausend, denn Zeit zählt hier nicht., Eine Ankerkette saust nach unten, an deren Ende sitzt ein Schiffsanker, der über den Grund schleift, so daß Steine und Sediment aufwirbeln. Es dröhnt, die Kette rasselt, und die Taucherglocke wird getroffen von einem Schlag. Ingrid bekommt einen Schluckauf, und Ego Boy bewegt sich, sie werden gestört in ihrem gefährlichen Schlaf, die Glocke klingt, sie befinden sich darin, sind Klöppel beim eigenen Totengeläut. Draußen verhakt sich der Anker in den Reserveflaschen der Taucherglocke und schleppt sie ein Stück mit sich. NEIN, schreien ihre Insassen bei der unsanften Behandlung. Ihre Schlafsäcke schützen schlecht gegen Stöße, obwohl sie kaum etwas fühlen. Alles tut ihnen weh. Der Anker kommt von der Glocke frei, setzt seine lautlose Reise über den Meeresgrund fort, reißt eine tiefe Furche auf. In der Glocke kommt alles zum Stocken. Ego Boy und Ingrid sehen einander an, schockiert, ja voller Angst, sie verstehen nichts, aber fürchten das Schlimmste, wird das Meer jetzt hereinbrechen? Sollen sie auch noch ertränkt werden? Müssen sie doch noch die Panik des Ertrinkens durchmachen?! Jetzt überkommt auch Ingrid Todesangst. Sie ist hellwach, und ihr Herz rast, sie will nicht sterben, sie muß irgendwie nach oben!!! Sie sieht Ego Boy jetzt wirklich, sieht ihn zum ersten Mal seit dem Absturz an. Nur noch ein wenig Leben, er ist bereits auf der anderen Seite, und auch sie war schon auf dem Weg, ihm über die Grenze zu folgen. Doch noch sind sie hier, noch, was soll sie tun? Sie rutscht zu den Bullaugen und schaut nach draußen, studiert die neue Position. Irgend etwas hat der Glocke einen Schlag versetzt, ihre Lage verändert, kann etwas auf sie heruntergefallen sein?, Im Licht der Notbeleuchtung aus dem Inneren der Glocke kann sie die verschlungene Nabelschnur kaum erkennen, wie zuvor ist sie wahrscheinlich um ein vorstehendes Teil des U- Boots gewickelt. Deshalb können sie die Drop-Gewichte nicht lösen und nicht nach oben steigen. Sie sind von der Nabelschnur gefesselt, nicht bei den Drop-Gewichten liegt der Fehler. Gibt es eine Möglichkeit freizukommen? Indem man die Glocke ins Schaukeln versetzt? Nein, sie ist zu schwer, um sie von innen zu bewegen, selbst wenn sie sich beide mit aller Kraft gegen die Schotten werfen. Sie müssen das Nabelschnurende loswerden! Es ist an der Glockenspitze befestigt. Aber wie soll das gehen, es ist unmöglich, sie können die Schnur nicht lösen, sie können nicht aus der Glocke steigen. Sie sind auf den Druck bei neunzig Metern vorbereitet, aber bis auf hundertachtzig hinuntergetrudelt, selbst wenn sie es wollten und wagten, sie würden die Luken nicht öffnen können. Und sie haben keinen Oberflächensupport, kein Warmwasser, kein Atemgas. Nein, es geht nicht. Falls nicht…? Plötzlich steht ihr der Plan klar vor Augen… Das Reservegas…? Ja. »Nimm die Maske ab, öffne den Mund und die Tubengänge, denn jetzt wirst du eine Fahrt machen«, sagt sie zu Ego Boy. »Ich habe vor, uns auf hundertachtzig runterzubringen, dann können wir die Luken öffnen, können aussteigen und die Nabelschnur lösen, die uns daran hindert, nach oben zu kommen. Das geht, wenn man schnell ist.« Ego Boy sieht sie mißtrauisch an. »Uns mit dem Reservegas runterbringen? Dann bleibt ja nichts davon übrig!«, »So ist es«, antwortet sie. »Wir setzen alles auf eine Karte. Gewinnen oder verschwinden.« Ehe Ego Boy protestieren kann, dreht Ingrid an dem Hebel. Die Drucksteigerung erfolgt schnell. Ego Boy zieht den Survival-Bag über den Kopf, für ihre schon mißhandelten Körper ist die Prozedur besonders quälend, aber Ingrid ist voller Energie, nur gähnt sie in regelmäßigen Abständen. Der Druckmesser zeigt an, daß sie auf hundertachtzig Meter angekommen sind. »Wer von uns geht raus, um die Angelegenheit zu erledigen?« fragt Ingrid. Ego Boy gibt keine Antwort. Sie zieht ihm den Schlafsack vom Gesicht. Er zittert und weint hysterisch. »Das gelingt nie«, sagt er, »wir bleiben hier unten, laß mich in Frieden, der Sauerstoff ist gleich alle!« »Reiß dich zusammen«, versucht sie, »hörst du nicht den Scrubber, siehst du nicht die Kalkbox?« Aber was sie sagt, erreicht ihn nicht, und sie hat auch Angst, seinen Schutzwall zu durchbrechen. Sie muß sich jetzt allein um die Sache kümmern. Der Tote liegt auf der Luke. Sie hat kaum noch Kraft, schafft es aber – schleppt den Körper beiseite und öffnet die innere Luke. Wird sie die äußere aufbekommen? Die Glocke liegt auf der Seite, es wird Wasser eindringen. »Es wird jetzt ein bißchen Wasser eindringen«, sagt sie laut, »ich öffne gleich die äußere Luke. Ich sichere mich mit einem Seil, wenn ich rausgehe. Habe nicht viel Zeit. Kannst du mich reinziehen, wenn ich nicht von allein zurückkomme?« Zu ihrer großen Erleichterung steigt Ego Boy aus dem Schlafsack und legt diesen und den ihren weg, damit sie nicht naß werden. Er weint schniefend, handelt aber rationell, sein Überlebensinstinkt läßt ihn nicht im Stich. Die äußere Luke geht erstaunlich leicht auf. Das Wasser ist kalt, es reicht ihnen bald bis zur Taille, der Unterkühlungseffekt vervielfacht sich, und es ist Eile geboten., Sie zieht sich die Tauchermaske über, macht den Reißverschluß zu, schließt die Reserveflaschen an, befestigt die Sicherheitsleine, schaut Ego Boy rasch an, steigt durch das Bodenloch hinaus und schwimmt zur Spitze der Glocke. Sie arbeitet in eisigem Wasser, ohne Gefühl, ihr Körper ist belanglos, jegliches Empfinden verschwand schon, als die Stahltrosse riß. Sie arbeitet ohne Sinn und Verstand, nur ihr Instinkt leitet sie. Die Glocke befreien, nicht bewußtlos werden, nicht verschwinden, da sein, wissen, Zeit gibt es hier nicht, Zeit vergeht… nicht bewußtlos werden, da sein, wissen. Ist alles fertig? Kann sie jetzt gehen? Ja, sie gelangt wieder in ihrer beider Schiff, in ihre Welt; Ego Boy hält ihr schlaff die Hand hin, Ingrid ist nichts abgeschnitten worden, er hat sie nicht ausgeschlossen, ließ sie nicht dort draußen sterben. Sie ist lebensgefährlich unterkühlt, Eile ist geboten, dennoch zieht sie sich ohne Hilfe hoch, und Ego Boy steigert den Druck noch weiter, damit das Wasser sinkt, der Meerestroll gezwungen wird, zur Tür hinauszuschlüpfen, bottomdoor. Ego Boy schließt beide Luken, trotz allem handelt er überlegt, sie müssen rasch auf neunzig Meter zurück, sie dürfen nicht in dieser Tiefe bleiben, bei solcherart Punkttauchgang maximal zehn Minuten, sonst folgt eine lange Dekompression, die sie nie bewältigen würden. Ego Boy legt den entsprechenden Hebel um, und eine rasche Rückfahrt läßt ihre Kniegelenke schmerzen, aber es geht, schon nach kürzester Zeit sind sie auf der richtigen Höhe. Sie keuchen und schlottern, suchen nach den Survival-Bags. Nicht in der Glocke herrscht durchdringende Kälte, sie kommt von innen, läßt sie glauben, das Blut in ihren Adern erstarre, sie haben akzeptiert, daß sie nie mehr warm werden können., Ingrid liegt auf dem Boden, im Schlafsack verkrochen, unfähig, sich zu rühren, aber ihr Blick ruht auf zwei wichtigen Griffen. Ego Boy folgt ihrer stummen Aufforderung und löst die Drop-Gewichte. Sie hören, wie draußen die Ketten rasseln, als der Ballast abfällt. Eine gewaltige Kraft drückt sie beide zu Boden. Nur eine Minute dauert die Fahrt, eine Minute mit offenem Mund, sie atmen kaum, begreifen nicht, glauben nicht, sie sind doch bereits tot, aber da ist so etwas wie Leben tief in ihren Körpern, ihre Augen sind aufgerissen, und als sie beinahe oben sind, schaukelt es immer schlimmer; jeder Vergnügungspark kann sich verstecken vor der Wucht, mit der sie an die Oberfläche geschleudert werden. Durch die Bullaugen sehen sie Dämmerlicht, sehen Wasserkaskaden und Wellenberge, zwischen denen sie umherschlingern. Das Unglaubliche ist geschehen. Sie sind oben – sie sind wirklich wieder an der Oberfläche! Die auf der Brücke Dienst tun, werden immer öfter vom Schlaf attackiert. Der Chief-Mate sieht ein Licht, sieht eine rote Lampe zwischen den Wellen blinken, aber er behält es für sich. Wie in Zeitlupe greift er zum Fernglas und blickt auf das Wasser. »Großer Gott«, flüstert er. »Das kann nicht wahr sein!« ruft er dann. Der Kapitän horcht auf, schaut nach draußen, sieht ein rotes Licht zwischen den Wellenkämmen auftauchen und wieder verschwinden. Er, der sich sonst tadellos verhält, reißt das Fernglas an sich und starrt in das Grau hinaus., Ein Lächeln breitet sich langsam auf seinem abgekämpften, unrasierten Gesicht aus. Der Morgen ist voller Musik. Möwen fliegen wie weißes Konfetti zwischen den winzigen schwimmenden und festen Installationen der Menschen. Ja! Der Morgen ist endlich angebrochen. Die beiden Russen haben umschichtig ein paar Stunden geschlafen. Sie haben die Toilette in der Naßzelle benutzt, und sie haben auch gegessen, der Seegang scheint ihnen nichts auszumachen. Wer mit einem Sauerstoff-Helium-Gemisch gesättigt ist, pflegt nicht seekrank zu werden, und unten im Schiffsrumpf schaukelt es auch nicht so wie oben auf der Brücke. Außerdem tobt der Sturm nicht mehr so heftig. Die drei Taucher liegen wie zuvor auf der Lauer. Kein Wort ist gesagt worden. Schweigend haben sie sich abgewechselt, um die Handhabung der Ampullen zu überwachen, und zugleich versucht, Gedanken an die verlorene Glocke wegzuschieben. Eine Armeslänge weit. Nichts ist endgültig, solange nicht ein Verantwortlicher bestätigt hat, daß es keine Hoffnung mehr gibt. Sie denken an die Sache nur in sekundenschnellen Sequenzen, gefolgt von derben Flüchen: Diese Arschlöcher. Wie, zum Teufel, konnten sie die Glocke verlieren, und wie, verdammt noch mal, kann man eine Genehmigung nach der anderen für dieses morsche Wrack erteilen. Diese hochgelobte Deep Seahorse hätte längst in irgendeinem Philippinengraben liegen sollen. Die Angst ist zur nicht enden wollenden Tristesse geworden, sie sind bereit, unendlich lange in dieser lebensgefährlichen Surrealität zuzubringen, doch hören sie plötzlich die Stimme des Tauchinspektors, und der Ton verrät ihnen sofort, daß etwas geschehen ist., Der Tauchinspektor hat Harald, der die letzten Stunden abgekämpft und resigniert am Steuerstand saß, beiseite gestoßen. »Die Glocke ist aufgetaucht«, sagt der Tauchinspektor atemlos. »Wir sind gerade dabei, sie zu bergen.« Er starrt auf den Monitor, um irgendeine physische Reaktion der Russen wahrzunehmen, doch nichts geschieht. Statt dessen sagt Wladimir vollkommen beherrscht: »Ausgezeichnet. Wir freuen uns darauf, unseren Kollegen wieder bei uns zu begrüßen.« Der Tauchinspektor holt tief Luft. »Wir haben gerade eine Stahltrosse angebracht. Nicht ohne Schwierigkeiten, muß ich sagen, bei diesem Seegang. Sie hängen bald an einem Kran vor Steuerbord, und wenn wir sie über Deck haben, wollen wir sie aufs Rettungsboot setzen und an dessen Rettungskammer anschließen. Die ist klein, aber schon geheizt und unter Druck, und ein Offizier mit medizinischen Kenntnissen wartet bereits dort. Sie brauchen so schnell wie möglich Wärme und Betreuung. Das müssen Sie verstehen!« »Sicher verstehe ich«, antwortet Wladimir. »Bringt sie nur einfach her!« »Und wie soll das gehen?« fragt der Tauchinspektor leise. »Das ist Ihr Problem«, antwortet Wladimir. »Aber vergessen Sie die Variante mit dem Rettungsboot.« »Wir setzen den Gang dorthin unter Druck«, versucht der Tauchinspektor, »Sie können sie selbst holen.« »Das hätten Sie wohl gern, ›Person mit medizinischen Kenntnissen‹«, äfft Wladimir nach und spielt mit der Ampulle. »Ich habe gesagt: Vergessen Sie das Rettungsboot. Und kommen Sie mit keinen technischen Ausreden, oder wollen Sie uns weismachen, daß der Moonpool eingerostet ist? Lassen Sie die Glocke wieder zu Wasser und holen Sie sie dann über den, Moonpool hoch, das muß sich regeln lassen, wenn nicht alles, was Sie bisher gesagt haben, von Anfang bis Ende gelogen ist! In einer Stunde wünschen wir sie hier zu haben!« »Sie sind doch halbtot!« ruft der Tauchinspektor. »Um so mehr Grund, sich zu beeilen«, antwortet Wladimir. »Auch wir haben keine Lust, hier noch länger als nötig zu bleiben, ist das Ersatz-U-Boot zur Stelle?« »Natürlich nicht«, erwidert der Tauchinspektor, verblüfft über so viel zielstrebige Frechheit. »Dann kümmern Sie sich darum, es bleibt nicht mehr viel Zeit, bevor die biologische Bombe explodiert«, sagt Wladimir bedächtig und dreht dem Kameraauge den Rücken zu, zum Zeichen, daß die Audienz beendet ist. Der Tauchinspektor steht auf. Gerade will Harald sich wieder auf seinen Platz setzen, als der Chef den ersten besten Gegenstand – ein Oszilloskop –, der in seiner Reichweite steht, packt und ihn mit voller Wucht auf eine Scheibe zum Korridor schleudert, so daß diese in einem klirrenden Crescendo zersplittert. Harald nähert sich dem Tauchinspektor vorsichtig. Der zittert vor Wut. Niemals in seinem langen Berufsleben hat der Tauchinspektor auf diese demütigende Weise nach der Pfeife eines anderen tanzen müssen! Und jetzt muß er schon wieder gehorchen! Wortlos läßt er Harald zwischen den Scherben zurück und eilt auf Deck. »Die Kompression des Rettungsbootes abbrechen!« befiehlt er. »Statt dessen alles klarmachen, um die Glocke in den Arbeitspool zu senken. Beeilt euch! Tut, was ich sage! Klarmachen zum Auftauchen vom Moonpool. Wir bringen eine Stahltrosse an und ziehen die Glocke unterm Schiff durch und über den Moonpool hoch, falls es jemand noch nicht begriffen hat.«, Die Decksmannschaft beginnt sofort mit der Arbeit. Ein Matrose läuft los, um den Standby-Taucher zu wecken, und der Tauchinspektor geht die anderen Offiziere informieren. In der Druckkammer an Bord des Rettungsbootes sitzt ein enttäuschter Maat. Ihn erwarten jetzt einsame Stunden in der Dekompression, während die Chance, die Terroristen zu überrumpeln, dahin ist. Die Taucherglocke hängt an der Laufkatze, die jetzt über das Deck schwenkt, wo sie ihre Last vorsichtig zum großen offenen Viereck des Arbeitspools manövriert, in dem normalerweise alle Arten von Arbeitsmaterial herabgelassen werden. Dieses Mal sind es jedoch keine Rohre, keine riesigen Werkzeuge oder Maschinen, die unter Wasser gebraucht werden. Alle Arbeit an Deck wird eingestellt, als sich die große Taucherglocke von oben nähert. Die Reling um den Arbeitspool wird zum Magneten. Jeder, der sich frei machen kann, folgt der Fahrt der geborgenen Glocke zum dunklen Schacht des Arbeitspools. Dort sitzen zwei Matrosen in einem kleinen orangefarbenen Schlauchboot. Sie warten darauf, daß der Oberflächentaucher mit der Stahltrosse vom Moonpool angeschwommen kommt. Als die Glocke in Höhe des Decks hängt, recken alle den Hals, um durch die kleinen Bullaugen einen Blick in die Glocke zu werfen, aber die Notbeleuchtung im Inneren kann sich nicht gegen das Tageslicht behaupten, und in der Glocke sieht es dunkel aus. Allen an Deck sinkt der Mut. Keinerlei Leben, wie es scheint! Was wird werden, wenn die Glocke an die Druckkammer mit den beiden russischen Irren angeschlossen ist? Die Glocke senkt sich zum Wasser hinunter, wo die beiden Männer im Schlauchboot sie in Empfang nehmen., Sie schauen durch die Bullaugen. Sie klopfen und winken. Aber das muß nicht bedeuten, daß sie im Inneren Leben gesehen haben. Die Männer an Deck gehen an ihre Arbeit zurück, deprimiert und schwankend wegen der schweren See. Der Tauchinspektor befindet sich am Moonpool. Jetzt gilt es. Es ist eine schwierige und nie zuvor durchgeführte Operation, die Taucherglocke vom Arbeitspool zum Moonpool zu ziehen! Das Schiff bewegt sich, als liege es unbequem. Die Stahltrosse wird vorsichtig hochgewunden. Die Spitze der Taucherglocke wird sichtbar, ein wenig schräg, und das Hochhieven wird gestoppt. Ein Decksmann wird im Sicherheitsgurt heruntergelassen und bringt an der frischgespleißten Trosse den Haken der Laufkatze an, dann löst er das andere Seil, das völlig hochgewunden wird, worauf man die Maschinerie abstellt. Ein Weilchen später hängt die Glocke an der Laufkatze und bewegt sich nach oben. Die Geräusche von Aufzugswinde, Motoren, Gebläse und Lagern bilden einen krassen Gegensatz zum Schweigen der versammelten Männer, die die Feierlichkeit des Augenblicks spüren. Die Rückführung. Daß die Taucher geborgen sind. Gerettet. Lebend oder tot, das Meer hat sie nicht bekommen, wir haben sie dem Rachen des Meeresriesen wieder entrissen. In der Druckkammer ist das charakteristische wohlbekannte Geräusch zu vernehmen, das ihnen sagt: die Taucherglocke wird an die Ausstiegsluke der Naßzelle angedockt. Die drei Taucher setzen sich in der Koje auf, und Wladimir und Sergej stellen sich mitten in den Raum, ihre Aufmerksamkeit ist zwischen der latenten Bedrohung durch die Männer und dem Geräusch über ihnen geteilt. Wladimir mustert die Taucher. Schließlich zeigt er mit der Ampulle auf Glenn. »Du«, sagt er und macht ein Zeichen zur Leiter hin., Glenn gehorcht und klettert in die Naßzelle hoch, Wladimir folgt ihm unmittelbar. In der Druckkammer wenden Ian und Bengt kein Auge von Sergej, der die Ampulle deutlich sichtbar in der Hand hält. Er schaut starr zurück, doch der Blick, den die beiden tauschen, besagt, daß sie es gesehen haben oder gefühlt. Die kaum wahrnehmbare, aber nicht zu verkennende Befangenheit eines Menschen in schwacher Position. Eines Mannes, der Angst hat. In der Kapitänskajüte schläft Mykeltun, und keiner hat ihn geweckt. Kapitän und Chief-Mate stehen immer noch auf der Brücke und fingern an den Instrumenten herum, aber den Befehl hat längst der zweite Steuermann übernommen. Müdigkeit hat die beiden Männer überfallen, jetzt wo sie wissen, daß die Glocke wohlbehalten an Bord ist. Da keine schwierigen Entscheidungen mehr zu treffen sind, wanken sie unschlüssig umher. Sie sollten in ihre Kojen verschwinden, aber die Dramatik der letzten vierundzwanzig Stunden steckt noch immer in ihnen, und es fällt ihnen schwer, abzuschalten und zur Ruhe zu kommen. Im Kontrollraum der Kammeroperatoren sitzt Harald am Steuerstand. Das Telefon klingelt, und er nimmt ab. Das Gespräch ist kurz, und auf einem Blatt Papier notiert er die ihm mitgeteilten Angaben. Dann legt er auf und ruft den Tauchinspektor an, der sich im Kontrollraum der Einsatzleiter befindet. Harald berichtet, was er über Ians veränderte Familiensituation erfahren hat. Der Tauchinspektor begreift sofort die unausgesprochene Frage. »Noch nicht«, antwortet er. »Nicht jetzt. Wir halten es noch zurück, sage nichts.«, Harald legt auf. Mitleidig blickt er in die Druckkammer zu Ian. Der sitzt wie zuvor auf dem Rand seiner Koje, jetzt mit hängendem Kopf, weiß der Himmel, was in ihm vorgeht. Glenn öffnet die Luke zur Schleuse. Wladimir gibt ihm ein Zeichen, auch die Luke zur Glocke zu öffnen. Oddvars Stimme ist im Lautsprecher zu hören: »Der Arzt steht hier, holt sie so schnell wie möglich raus!« »Schnauze halten«, sagt Wladimir, »kein Wort mehr!« Glenn hat nun auch die innere Klappe aufbekommen und sieht Wladimir fragend an. In der Glocke sind ein paar Bündel zu sehen, aber nirgends ein Lebenszeichen. Wladimir weist Glenn an, in die Glocke zu steigen. Ingrid und Ego Boy liegen tief in ihre Survival-Bags verkrochen. Iwan ist der einzige, dessen Kopf zu sehen ist, er liegt mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden und hat einen Arm ausgestreckt. »Wie sieht es aus?« fragt Wladimir aus der Naßzelle, deutlich nervös. »Nicht besonders, scheint es«, antwortet Glenn, der sich gerade herunterbeugen will, um sich um die Person zu kümmern, die er für Ingrid hält, als er von Wladimir, der in die Glocke kommt, beiseite gestoßen wird. Es ist eng. Wladimir verschafft sich einen Überblick und beugt sich dann über seinen reglosen Anführer. Da ist Bewegung in den Schlafsäcken, Glenn bleibt keine Zeit zu reagieren; Wladimir dreht den Kopf, und ein Rohrschlüssel fährt auf seinen Schädel nieder, er trifft ihn schräg von oben. Wladimir fällt vornüber auf den toten Russen, nicht ein Laut kommt über seine Lippen. Ingrid steht aufrecht in ihrem zerschnittenen Schlafsack, wo sie sprungbereit gehockt hatte, den großen Rohrschlüssel in Bereitschaft., Glenn schaut sie erschüttert an und dann Wladimir, der reglos über seinem Anführer liegt. Der sich nicht gerührt hat! Jetzt befreit sich Ego Boy von seinem Schlafsack, auch der zerschnitten, so daß er von ihm abfällt, als er aufsteht. Vor Verblüffung hätte Glenn fast laut gerufen, doch Ego Boy drückt ihm rasch die Hand auf den Mund. »Still!« Um seine Hand hat Ego Boy eine Nylonschlinge gewickelt. Um Wladimir notfalls zu erwürgen? Niemand sagt etwas. Ingrid atmet schwer, hält den großen Rohrschlüssel noch immer mit beiden Händen gepackt., IX. Sergej fällt es schwer, sicher zu stehen, er schwankt und richtet die Ampulle, als sei es eine Pistole, abwechselnd auf Bengt und Ian. Schließlich ruft er etwas nach oben, auf russisch. Eine Frage, das ist an der Satzmelodie zu erkennen: Wie läuft’s, seid ihr nicht bald soweit, warum antwortest du nicht? Draußen im Kontrollraum bekommt Harald einen Anruf vom Tauchinspektor auf dem Deck über ihm, wo man zwei und zwei zusammengezählt hat: »Jetzt lassen wir es durch«, weist er an. »All right«, antwortet Harald und legt auf, worauf er sofort die Kammer anruft. »Eine wichtige Mitteilung für Ian.« Bevor Sergej Stellung nehmen kann, ob er eine direkte Nachricht für einen der Taucher akzeptiert, sagt Harald: »Du bist Vater geworden, Ian. Deine Frau hat eine winzige Tochter geboren, vor ein paar Stunden. Gratuliere!« Die Nachricht trifft Ian wie ein Peitschenschlag. Er steht von der Koje auf, obwohl Sergej mit der Ampulle fuchtelt, und macht einen Schritt auf den Russen zu. Im selben Augenblick kommt Iwans toter Körper ohne Vorwarnung aus der Naßzelle gesaust. Sergej löst den Blick von Ian und geht auf seinen merkwürdig steifen Anführer zu, da stürzt sich Ian auf ihn. Sergej schleudert die Ampulle weg. Doch Bengt wirft sich aus der Oberkoje nach vorn, er fängt die Ampulle auf, bevor sie gegen einen Stahlträger schlägt. Auf den prallt statt dessen Bengt. Er rutscht zu Boden, groggy. Ian hält Sergej gepackt, doch der kämpft verzweifelt, denn er hat jetzt begriffen, daß Iwan nicht mehr lebt., Bengt steht auf, er hält die Ampulle fest. Seine Hand zittert. Er starrt unverwandt auf das kleine, scheinbar so harmlose Glasding, während er sich in Zeitlupentempo der Schleuse nähert, sie öffnet, die Ampulle vorsichtig hineinlegt und die Schleuse wieder schließt. Das saugende Geräusch, das ihnen sagt, Harald dekomprimiert sofort, so daß Sergej seine Waffe nie mehr zu fassen bekommt, erfüllt die Kammer. Bengt dreht sich zu den kämpfenden Männern um, wirft sich mitten in den Tumult, um Ian beim Übermannen des Russen zu helfen. Im selben Augenblick taucht Ego Boys Kopf aus der Naßzelle auf. »Prügelt ihr euch?« fragt er vorwurfsvoll. Ian und Bengt starren ihn an und blicken dann auf das blaurot verfärbte Gesicht des Russen, den sie zwischen sich halten. Schaum steht ihm vor dem Mund. »Ob wir uns prügeln?« Der Arzt legt vorsichtig zwei Ampullen in einen Behälter. Harald und Oddvar stehen neben ihm und sehen zu. Oddvar hatte die Ampulle, die Glenn in die Ausrüstungsschleuse gelegt hatte, aus der Tauchkontrolle heruntergebracht. Wladimir, der jetzt langsam zu sich kommt, hatte sie in seiner Brusttasche stecken. Der Arzt verschließt den Behälter sorgfältig und sichert ihn mit zwei Schnappverschlüssen. »Ich habe keine Ruhe, bevor ich sie nicht abgeliefert habe«, sagt er. Aber er ist nicht mehr so in sich gekehrt. Er packt den Griff des Behälters und geht mit federnden Schritten aus dem Raum, um seinen Fang im einbruchsicheren Medikamentenschrank der Krankenkajüte einzuschließen. Ingrid ist nur bis zur Naßzelle gekommen. Sie liegt in der Dusche, hat noch das Unterzeug an, und Glenn sitzt neben ihr auf dem Boden. Das warme Wasser füllt den ganzen Raum mit Dampf, aber Ingrid friert trotzdem, sie schlottert und weint., In einer Koje der Druckkammer liegt Ego Boy in eine glänzende Rettungsdecke gewickelt. Ingrids erschöpftes Weinen ist deutlich zu hören, und den Männern wird wieder bewußt, wie lächerlich die Geräusche in den Ohren Außenstehender klingen mußten. Ego Boy sieht Bengt, der an seinem Kopfende sitzt, fragend an. »Unbegreiflich«, sagt er. »Warum weint sie denn jetzt? Als alles aus war, ist sie verdammt cool gewesen, da war es mehr unsereiner, der… ja, ich habe tatsächlich die Fassung verloren…« »Du brauchst nichts zu erklären«, sagt Bengt, »aber meinst du, sie ist nicht ausgeflippt?« »Nicht im geringsten, im Gegenteil, völlig beherrscht, mit ihr könnte ich in tausend Meter Tiefe eingeschlossen sein, tut keiner Fliege etwas zuleide, sondern stürzt sich wie der Teufel auf alles, was wie eine Lösung aussieht. Was glaubst du, wie wir sonst mit Wladimir fertig geworden wären?« »Aber jetzt heult sie wie ein Wickelkind«, sagt Bengt. »Tut natürlich weh«, erwidert Ego Boy, »rein körperlich, meine ich.« »Ja, das muß rein körperlich sein«, meint Bengt, »wenn sie ansonsten so cool gewesen ist, wie du sagst.« Aber dem ist nicht so. Ingrid reagiert nicht auf den physischen Schmerz, der zu spüren ist, wenn wieder Sauerstoff in die kleinen Blutgefäße dringt. Sie reagiert jetzt auf das Weiterlebenkönnen. Es tut weh, noch am Leben zu sein, wenn man den Tod bereits als einzige Lösung akzeptiert hat, und es tut weh zu spüren, daß alles, von dem man Abschied genommen hat, wieder möglich ist, daß es da ist, zugänglich, erreichbar, wenn man selbst nur bereit ist, sich ein klein wenig anzustrengen. Es tut weh, wieder in Anspruch genommen zu werden, die Deckung aufzugeben und erneut bereit zu sein,, sich auszuliefern und auszuteilen, alles in einem. Nicht allein vor der Ewigkeit zu stehen, sondern zusammen mit anderen in einem begrenzten Ausschnitt zu existieren, wo es Ton und Farbe, Gerüche, großartige körperliche Gefühle und Licht gibt. Das, was Gnade ist. Das Leben. Egal, wie es auch ist. Glenn streckt die Hand aus: »Ingrid. Beruhige dich.« Sie fühlt seine Hand auf ihrer Wange, er streichelt sie unbeholfen, kameradschaftlich. Die Hand ist schuppig – ein Symptom, von keinem Dermatologen zu erklären –, aber warm, hat denselben Effekt auf sie wie Medizin. Er bringt sie dazu, sich aufzusetzen und das Wasser aus dem Gesicht zu wischen. Der Arzt ist im Lautsprecher zu hören. Glenn ist sein Stellvertreter, er gibt ihr einen Plastikbecher mit Deckel und Trinkhalm. Sie trinkt. Es ist warme Fruchtsuppe. Ja. Wärme. Sie breitet sich in ihr aus, herrliche Wärme strömt vom Magen in den ganzen Körper. Glenn blickt sie die ganze Zeit unruhig an. Immer diese älteren Männer, denkt sie. Jungen, die endlich erwachsen geworden sind, die eine harte Schule hinter sich haben. Die richtig durchgewirbelt worden sind. Die wissen. Aber sie wünscht sich einen Gleichaltrigen, der ebenso klug ist. Und es gibt ihn. Sie war ihm ausgewichen, hatte geglaubt, er bedrohe ihre Integrität, doch hat er nur ihr eigenes verdrehtes Weltbild bedroht. Sie wird ihr Leben in Ordnung bringen. Wird sich ausliefern, dem Allergefährlichsten. Der Abhängigkeit von einem anderen Menschen. Wagt sie das? Ihre Mutter ist ein Beispiel dafür, wie es gehen kann, wenn man sich hingibt, wenn man blind und taub gegenüber Warnsignalen wie Desinteresse, Gleichgültigkeit und fehlender Liebe ist. Ja, so kommt es, so sind sie, so geht man unter: Liefere dich dem nie aus, Ingrid, versprich es mir, und, möglichst keine Kinder, die kriegt man nur wegen der eigenen Sünden. Sagte die Mutter zum Kind, und das Kind hat es geglaubt, bis jetzt. Trotz der Zweifel, die nun ausgetauscht sind gegen Gewißheit. Eine Erkenntnis, zu der die Mutter nie gelangt ist. Daß man sich ausliefern muß. Es ist destruktiv, sich um die Fassade zu kümmern, den eigenen Federputz, die sogenannte Würde. Das Leben muß in sich selbst vergessender Einfalt gelebt werden. Dennoch mit Verantwortung. Die Mutter hat die Verantwortung für ihr Leben auf den Vater abgewälzt – nun bin ich dir so ergeben gewesen, habe mich selbst völlig zurückgenommen, wie kannst du dich dann nur so verhalten… und immer so weiter. Schlimmer als ein Kind. Außerdem wohl berechnend, in Erwartung irgendeiner Form von Bezahlung. Wie kann man so lieben? Ist das Liebe? Kein erwachsener Mensch kann verantwortlich dafür sein, wie ein anderer Erwachsener lebt? Persönliche Verantwortung, das Fundament aller Demokratie, kann doch wohl nicht vor privaten Beziehungen haltmachen? Wärme breitet sich in ihrem Körper aus. Das Leben. Daß sie überlebt hat. Sie hat eine Lehre erteilt bekommen. Nie mehr wird sie die Zeit mit bitteren Rückblicken verschwenden oder eigene Unterlassungen auf andere schieben. Sie wird aus dem vollen leben. Sich an die Herzlichen und Großzügigen halten und den Kalten aus dem Weg gehen. Wird versuchen, sich selbst zu vergessen. Einfach nur da sein. In all dem schwimmen, hinaus ins Sonnenlicht. Die Wärme auf der Haut spüren. Glenn nimmt ihr den leeren Becher ab. Sie lächelt ihn an. Er lächelt erleichtert zurück. »Fühlst du dich jetzt besser?« fragt er. »Ja. Jetzt fühle ich mich gut. Geh schon runter, ich komme nach, sobald ich geduscht und mich umgezogen habe.«, »Die Sache ist okay«, sagt der Arzt durch den Lautsprecher. »Sie schafft es. Ich kann es sehen.« Die Luke an der anderen Seite der Druckkammer steht offen. Die Reservekammer ist unter Druck, genau wie die Schleuse dorthin, und Sergej steht vor der Öffnung. Die Taucher sitzen auf ihren Betten. Eine Trage nimmt den Platz zwischen den Kojen ein. Der Körper darauf ist nicht zu sehen, steckt in einem schwarzen Leichensack mit Reißverschluß. Ingrid war zu Tode erschrocken, als sie begriff, wie nahe daran sie gewesen war, Wladimir den Schädel einzuschlagen. Er hatte sich erbrechen müssen, vermutlich war es eine ordentliche Gehirnerschütterung. Ingrid hat sich bei ihm entschuldigt. Er hat die Entschuldigung nicht angenommen, hat sich geweigert, sie anzusehen. Sie hofft, daß der Grund nicht irgendein bleibender Schaden ist, sondern nur das übliche Verhalten eines gekränkten Gockels. Ist letzteres der Fall, wird es nie vorübergehen, denkt sie erheitert. Jetzt steht er dicht neben ihr, bereit, das Fußende der Trage anzuheben. Sie sucht erneut seinen Blick, aber er hält den Kopf gesenkt, Wladimir ist intensiv mit seinen Problemen beschäftigt. Geplatzte Träume, tote Kumpane, vielleicht Freunde, vielleicht enge Freunde, Brüder? Die Härte der beiden war ungebrochen gewesen, und nicht einmal jetzt zeigen Wladimir und Sergej Gefühle. Auch die Taucher läßt das weitere Schicksal der Russen kalt. Der Schrecken, dem sie selbst ausgesetzt gewesen waren, hat mittelalterliche Bestrafungsphantasien in Gang gesetzt. Die Russen sollen sofort aus der Kammer raus, sonst kann noch wer weiß was passieren!, Der Kapitän sitzt am Steuerstand der Kammeroperatoren und redet russisch. Er erhält nur einsilbige Antworten. Sergej stellt eine Frage, und der Kapitän erwidert ein paar Worte, es klingt wie ein abschlägiger Bescheid. Dann nehmen die beiden Russen die Trage auf und steigen, ohne ihre früheren Geiseln noch eines Blickes zu würdigen, in die Reservekammer hinüber. Als ob wir Luft wären, denken die Taucher. Und Bengt schreit: »Schert euch zur Hölle!« – »Ihr verdammten Schweine!« fügt Ian hinzu. Die Luke schließt sich mit leisem Seufzer. Die Russen sind weg. Glenn geht die Luken der Druckkammer schließen. Dann dreht er sich um und blickt auf seine Kollegen, die in ihren Kojen sitzen und ihn mit großen Augen ansehen. Er fängt an zu lachen. »Ihr seht mich an wie frischgeschlüpfte Vogeljunge, ich habe keine Würmer für euch!« Harald ist am Lautsprecher. »Die Dekompression kann beginnen«, sagt er. »In ein paar Tagen könnt ihr dann raus. Nutzt die Zeit, um euch zu erholen. Ihr werdet umschwärmt werden wie Filmstars.« Der Tauchinspektor erwacht nach dreizehnstündigem Schlaf. Er wacht vor Durst auf, erhebt sich schwankend und leert im Handumdrehen eine Flasche Mineralwasser. Dann kriecht er vorsichtig in die Koje zurück. Er fühlt sich wie zerschlagen. Er wird duschen und saubere Sachen anziehen, und er muß wohl etwas zu sich nehmen, irgendeine Art Frühstücksmittag. Doch noch hält ihn die Müdigkeit im Griff, er schafft es nicht, wieder aufzustehen. Die vergangenen Tage beschäftigen ihn. Er kann all das noch nicht sortieren und Stellung beziehen. Er ist so erschöpft, daß er sich am liebsten auch vom eigenen Denken erholen will., Er tastet nach dem Bord über sich und bekommt den kleinen CD-Player zu fassen. Steckt die Stöpsel in die Ohren und schaltet das Gerät ein. Er liegt auf dem Bett und genießt die Musik und erinnert sich an seine Gedanken und die nicht eingestandenen Gefühle, die er so sehr verdrängt hatte, während er die schwersten Tauchgänge seines Lebens leitete. Diese Töne, diese begnadeten Chorsänger und dieser Solist – sein Inneres löst sich, er summt mit, ist nicht mehr bedrückt wie noch vor wenigen Minuten, sondern froh, froh darüber, das alles so glücklich ausgegangen ist. Mein Gott, dieser Hexenritt, obendrein noch mitten im Sturm, hätte wirklich ins Auge gehen können. Er muß versuchen, alles aufzuschreiben, es jemandem zu erzählen, egal wie furchtbar es gewesen ist, er will diese Geschichte nicht vergessen. Vielleicht sollte er zur eigenen Erinnerung eine Kassette besprechen, auf sein Gedächtnis kann er sich am allerwenigsten verlassen. Er liebt die Kunst, hat an ihr selbst jedoch nicht teil. Musik und Dichtung gestalten und erheben, doch persönlich fühlt er sich wie ein Bergtroll, hoffnungslos ausgeschlossen. Was ihn nicht hindert, gern zuzuhören und aus dem Schatten heraus zu genießen. Wer könnte seine Sache vertreten? Wer könnte es schaffen, sich mit dieser Welt vertraut zu machen? Es müßte jemand sein, dem dieses Milieu bekannt ist. Und die haben ja alle Hände voll zu tun, um den Kahn zu steuern und sich über Wasser zu halten. Wenn er Maler wäre, würde er bestimmt das Meer malen, und wenn er Musiker wäre, würde ihn vermutlich die konkrete Wirkung des Heliumgemisches auf Schallwellen und Sprache fesseln. Einen Schriftsteller würde natürlich das Dramatische interessieren, und er würde eine richtige Räubergeschichte zusammenbrauen, aber wer, wer würde einen ganz normalen, und dennoch einzigartigen Tag im Leben des Iwan Sättigungstaucher schildern? Mühsam setzt er sich auf und schaut durch das Bullauge. Die Dünung des Meeres ist jetzt wieder sanft und träge, als hätte es die vergangenen Tage nicht gegeben. Auch so kann das Leben sein. Es ist wohl einfach so. Er schaut auf die Uhr. Zeit, daß er sich zusammenreißt. Zeit, zu den anderen hinauszugehen und eine neue Schicht zu beginnen. Nachdenklich nimmt er die Ohrenstöpsel heraus. Ein Weilchen klingt die Musik im Körper nach, dann aber verstummt sie. Zurück bleibt der Tag. Ein weiterer Tag. Eine weitere Schicht zwischen Kabeln und Instrumenten, Kostenjagd und unberechenbaren Mitarbeitern. Ein grauer Tag, den zu schildern nicht lohnt, für niemanden. Und er selbst hat keine Zeit. Und nicht das Werkzeug dazu. Er durchlebt ihn nur, ständig. In der Kapitänskajüte stoßen Mykeltun und Christensen mit Kaffee an. Das Drama und sein Ende haben den größten Medienrummel in der Geschichte der Offshore-Branche ausgelöst. An Bord hat der Kapitän bis auf weiteres Landeverbot für ausnahmslos alle Hubschrauber erteilt. Die Gefahr, daß sich bisher unbescholtene Mitarbeiter als Medienfritzen betätigen, ist viel zu groß, denn wer würde nicht ja sagen zu hunderttausend? Dafür hätte man lediglich einen kleinen Kassettenrekorder oder vielleicht einen diskreten Fotoapparat mitzunehmen, möglicherweise eine digitale Videokamera, so winzig, daß sie in der Hand Platz findet. Solche Risiken geht er nicht ein. Der Rechtsfall mußte ohne Störung abgewickelt werden., Mykeltun ist sehr zufrieden. Das Wrack gehört ihm, er hat das Bergungsrecht, und alles geborgene Gut gehört dann ja wohl auch ihm. Auf dem weichen Teppichboden, mit den kaum noch sichtbaren Spuren der chaotischen Nacht, stehen eine Reihe gefüllter Plastiktüten, die durch die Ausrüstungsschleuse nach draußen transportiert worden waren. Die Tüten sind bis obenhin mit Dollarscheinen gefüllt. »Wer weiß Bescheid, wieviel es ist?« fragt Christensen. »Die Antwort ist: keiner«, erwidert Mykeltun zufrieden. »Deshalb bewahre ich sie hier auf. Es ist ja nicht zu glauben, was Geld aus den Leuten machen kann, es läßt sie völlig den Kopf verlieren. Wie hieß er gleich, der Taucher?« »Glenn«, antwortet Christensen. »Ja, Glenn. Er wollte es ja zuerst nicht rausrücken. Stellte die Sache so hin, als gehöre das Geld den Tauchern, nur weil sie den Koffer selbst geborgen haben. Aber wie hätten sie das tun können, ohne den Ölkonzern!« »Oder die Taucherfirma«, fügt Christensen beleidigt hinzu. »Aber ja«, lacht Mykeltun glucksend. »Auch wenn eure Tätigkeit ziemlich sinnlos wäre, um nicht zu sagen unmöglich, ohne unsere Ölproduktion.« Er steht auf, beugt sich über die Tüten und wühlt darin. In der Hand hält er ein Bündel Dollarscheine, die er Christensen hinstreckt. »Nimm das. Du hast es ehrlich verdient. Es ist steuerfrei. Ich werde nichts sagen. Du natürlich auch nicht. Das bleibt unter uns.« »Kann ich denn das?« Christensen schluckt und blickt auf das Bündel Zwanzigdollarscheine. Wieviel mag das sein? Ihm schwirrt der Kopf. »Nimm es«, sagt Mykeltun. »Warum zögerst du? Das würde ich an deiner Stelle nicht tun. Um den Rest kümmere ich mich. Werde für den Weitertransport auf den Sitzungstisch des, Konzernvorstandes sorgen. Das dürfte mir wenigstens einen Blumenstrauß einbringen.« Mykeltun lacht, schnurrend wie eine Katze. »Begnügst du dich mit einem Blumenstrauß?« fragt Christensen erstaunt. Mykeltun sieht ihn mitleidig an. »Sicher, Christensen«, antwortet er, »sicher begnüge ich mich mit einem Blumenstrauß. Steck jetzt dein Geld ein, damit es nicht weggeweht wird.« Er blickt auf das Meer hinaus, das gefügig vor ihnen liegt. Seine Augen glitzern. Er reibt sich die Hände wie ein Kind. »Das Leben ist ein Abenteuer«, sagt er. »Das Leben ist wahrhaftig ein Abenteuer!« Beide haben ihn bedroht! Erland damals und nun Iwan. Er hat sie vernichtet. Sie haben ihn bedroht, er oder sie war die Frage, das ist unbestreitbar. In Gedanken dreht und wendet er das Geschehene. Es ist selbstverständlich und dürfte keine schlaflosen Nächte verursachen, daß das, was er damals Erland angetan hat, dem gleichkommt, was er gerade mit Iwan gemacht hat. Die Kammer liegt im Dunkeln, alle anderen schlafen tief, als wären sie tot. Doch Ego Boy kann nicht zur Ruhe kommen. Es scheuert und schmerzt, peinigt und quält ihn. Er versucht es mit den verschiedensten Szenarien: Wenn er nun seine Ehemaligen aufsuchen würde und sich für die Kinder zu interessieren begänne? Aber das Risiko von Zank und Streit ist groß, sie würden ihm nicht glauben, würden all das Vergangene aufwärmen, als er sich von ihnen unter Druck gesetzt fühlte und vielleicht nicht diplomatisch genug war. Die Kinder, die schließlich nur Ausgaben und Sorgen bedeuteten, waren ihm einfach zuviel gewesen. Er hatte nicht um sie gebeten. Übrigens ist eine Heiratsurkunde noch kein, Vaterschaftsbeweis, und wie jetzt war er auch damals weit weg im Einsatz gewesen. Natürlich sind es wohl seine. Es war vielleicht dumm, das Gegenteil zu sagen. Es gab keine Anzeichen, daß die Sache irgendwie fragwürdig gewesen wäre, er war es schließlich, der zu Huren ging – wenn auch außerordentlich diskret. Wenn er doch dieses unangenehme Gefühl loswerden könnte. Er sehnt sich zurück in die herzerfrischende, beinahe euphorische Stimmung, in die er sich früher so leicht versetzen konnte, einfach indem er an all die Blödmänner dachte, die ihm im Leben so begegnet waren – wie er über sie gelacht hatte! –, und an seine eigenen, äußerst geheimen, aber großartigen Projekte. Doch kann er dieses Gefühl nicht mehr heraufbeschwören. Nein, es fällt ihm schwer. Es liegt an ihr. An Ingrid. Sie hindert ihn daran, weil sie ihn gesehen hat, wie er ist. Er hat gedacht, es gäbe keine Hoffnung, und da spielte es keine Rolle mehr. Er brauchte ihr Mitgefühl. Es war ihre Aufgabe, ihn zu trösten. Seine Mutter hat ihm immer zur Seite gestanden, so bedauernswert sie auch sonst gewesen sein mochte. Aber sie hatte sein Wesen verstanden, wußte, wer er eigentlich war. Sie hatte ihn vergöttert, kein Aufhebens um eventuelle eigene Bedürfnisse gemacht. Er vermißt ihre wohlige Wärme und das Selbstbild, das sie ihm vermittelt hatte – nämlich, daß alle anderen im Unrecht waren. Sie hätte gut noch ein Weilchen leben und ihm helfen können. Sie verzieh ihm alles, und deshalb pflegte er ihr auch alles zu erzählen, das war ihm zum Bedürfnis geworden. Darum fühlte er sich auch richtig edel, als er Ingrid in alles einweihte. Er hat ihr Verzeihen gebraucht, um sein letztes Stündchen durchzustehen, das war doch nicht zuviel verlangt. Dennoch war sie völlig gleichgültig geblieben. Und jetzt weiß sie es. Was wird sie tun? Was wird sie den anderen erzählen?, Ihn plagt nicht das Gewissen wegen der beiden Toten. Es ist dieses Unbehagen, weil sie ihn so gesehen hat. Wenn es sie nicht gäbe…? Nein. Das darf er nicht denken, dann wird er ja genauso, wie Susanne es ihm vorgeworfen hat. Obwohl er vermutlich von allen am normalsten im Kopf ist. Keine Idee, darüber nachzugrübeln, wie es wäre, wenn sie nicht existierte. Aber wie soll er mit seinem Unbehagen klarkommen? Wie soll er zurückfinden zu seiner früheren Überzeugung, daß er alle übertrifft, sie bei allen Läufen überrundet? Er kann in diesem Unbehagen nicht leben. Es wird ihn zugrunde richten, wenn es anhält. Er weiß nicht, was er dagegen tun soll. Eine Möglichkeit wäre natürlich, zu verschwinden. Für ewig? Jetzt dreht er durch. Sollte er, der Cleverste von allen, sich selbst umbringen?… Er muß versuchen zu schlafen. Aber es geht nicht. Doch er muß schlafen! Muß zur Ruhe kommen! Es ist, als liege er auf einer Mine. Die Stellung ändern hilft nichts. Er hat keine Lösung. Es ist, als sei er dabei, völlig kaputtzugehen. Wenn doch seine Mutter am Leben wäre! Mein Prinz, hat sie gesagt. Sie hat ihn gesehen, so wie er wirklich war. Der kleine Junge darf im Krankenhaus bei seiner Mutter und dem Schwesterchen schlafen. Er hat mit Papa am Telefon gesprochen, und der hat gesagt, daß er bald nach Hause kommt und daß er nie mehr zum Tauchen fahren wird. Von jetzt ab wird er ihm jeden Abend etwas vorlesen, ihm jeden Morgen die Brote schmieren, jeden Nachmittag wird er von der Taucherschule nach Hause kommen, und sonntags wird die ganze Familie einen Ausflug machen. So wird es werden. Das Schwesterchen des Jungen liegt noch immer im Brutkasten, aber es wird dort bald rauskommen. Und Mama ist froh. Nicht still und niedergeschlagen, sondern froh. Sie lacht., Kein Wunder, wo doch Papa sogar im Fernsehen war, auf einem Foto, das Oma ihnen geliehen hat. Der kleine Junge kuschelt sich in sein Extrabett und sieht die Mutter an, die glaubt, er schlafe. Sie hat die Lampe brennen, und die Bettdecke liegt voller Abendzeitungen, aber er sieht, daß sie nicht liest. Die Dekompression ist vorüber. Die sanfte Abenddünung des Meeres leuchtet in violetten Farben, und die erste Sikhorski ist gelandet, jene, die sie alle an Land bringen wird. Der Zeitpunkt ist geheimgehalten worden, die Landung auf der Hubschrauberbasis in Stavanger ist für kurz nach Mitternacht vorgesehen. Hotelzimmer sind auf unverfängliche Namen gebucht, und die Taucher sind von der harten Vierundzwanzig-Stunden-Regel befreit. Sie werden statt dessen im Hotel medizinisch betreut. Die beiden Russen hingegen werden zusammen mit den Ermittlungsbeamten, die in dem Hubschrauber mitgekommen sind, an Bord zurückbleiben. Der Tauchinspektor hat angewiesen, daß Torte serviert wird. Auf einem Tisch im Kontrollraum der Kammeroperatoren stehen Kaffeetassen aus echtem Porzellan auf dem weißen Tischtuch. Einsatzleiter, Kammeroperatoren, Offiziere und ein Teil des übrigen Personals warten im Raum. Harald bedient das Steuerpult. »Meine Herrschaften«, sagt er, »sehr verehrte Herren und meine Dame. Die letzten Etappen waren äußerst zäh, haben Sie nicht alle vierundzwanzig Stunden gebraucht, nur um die letzten fünfzehn Zentimeter hinter sich zu bringen? Jetzt sind jedenfalls nur noch zehn Minuten übrig.« Er hätte sie nicht aufzuklären brauchen. Sie wissen auf die Sekunde genau, wie lange es noch dauert, bis sie die Kammer, verlassen dürfen. Dennoch gefällt ihnen Haralds formeller und feierlicher Tonfall. Wirklich kein normaler Tauchgang, das hier! »Meine Herrschaften, bitte sehr, treten Sie in den milden Sommerabend hinaus!« Aus der Druckkammer ist mehrstimmiger Jubel zu hören. Charles geht die Außenklappe öffnen, während die innere im selben Moment von Ian aufgerissen wird. Er wirft sich dem überraschten Charles in die Arme und eilt dann zur nächsten Treppe, die aufs Deck führt. »Warte«, rufen mehrere Stimmen, »es gibt Torte!« Aber Ian hört nichts. Er will nur so schnell wie möglich in die Sikhorski und heim nach Schottland. Ego Boy gibt allen die Hand und nimmt sich viel Zeit für Torte und Kaffee. Bengt verläßt langsam die Kammer. »Wie schön ihr gedeckt habt«, sagt er. »Komme gleich wieder, will nur schnell anrufen.« Er verschwindet. Er hat nachgedacht. Als er zurückkehrt, hat er mit der einen Schluß gemacht und mit der anderen einen Thailand-Urlaub verabredet. Er hat sich entschlossen. Kann sich nicht weiter wie ein Rotzjunge benehmen. Mit Frauen kann man nicht spaßen, sie sind kein Spielzeug. In der Kammer zurückgeblieben sind Glenn und Ingrid. Ingrid liegt in ihrer Koje. »Willst du nicht rausgehen?« fragt Glenn. »Geh du nur«, antwortet sie, »ich komme gleich nach.« Er schaut sie fragend an und folgt dann den anderen. Ingrid bleibt liegen, die Hände im Nacken verschränkt. Die Stille in der Kammer tut gut. Die Einsamkeit ist wie Balsam. Durch die geöffnete Luke vernimmt sie Stimmengewirr. Jetzt, da die Freiheit Alltag ist, hat sie es nicht mehr so eilig. Sie betrachtet den engen Raum, in dem sie ein, paar dramatische Tage lang mit sieben anderen Verrückten zusammengedrängt war. Sie denkt, daß man über typische Männerarbeitsplätze sagen kann, was man will, aber jedenfalls ist da immer viel los, ständig passiert eine Menge, und es geht vorwärts, Rohre werden verlegt, Öl an die Oberfläche gepumpt, Fabriken betrieben, Erz gebrochen, elektronische Autobahnen projektiert. Männerkultur, eine Klassenkultur, eine Offizierskultur, ja auch eine unmoderne, rigide Kultur, die den Forderungen der Zukunft nicht entspricht. Wer fragt nach jenen Kenntnissen und Kompetenzen, die hauptsächlich bei der Talentreserve entwickelt werden? Zu der sie selbst noch kürzlich zählte. Ich bin gekommen, um zu bleiben, denkt sie. Auch ich schleppe alten Ballast mit mir herum, ein unbewußtes devotes Verhalten, den Wunsch, einschmeichelnd zu lächeln, nicht mal mit der Stimme dafür einzustehen, wer man ist, sondern im Diskant zu reden, andere zu loben und die eigene Kompetenz zu verleugnen, auch ich muß mich zusammenreißen. Gleichwertige Anstellungsbedingungen genügen nicht, ich muß es auch wagen, Verantwortung zu übernehmen, mich trauen, ein Zweitausend-Tonnen-Habitat an den Stahltrossen zu halten und die Hebel nach meinem Verständnis so zu bedienen, daß das Schwanken der Last nicht alles an Deck zerschlägt. Schließlich ist es kein Problem, ich schaffe es ja. Nur gilt es, alle anderen davon zu überzeugen. »Die Torte ist gleich alle«, ruft Glenn aus dem Kontrollraum, »kommst du, Ingrid?« »Nein, ich glaube, ich bleibe hier«, ruft sie zurück und steht auf. Als sie endlich die Sikhorski besteigen, ist Ian wütend, weil er hat warten müssen. Er sitzt angeschnallt auf dem Sitz und schimpft, während die anderen gemächlich an Bord klettern,, denn es ist ein so wohliges Gefühl, den Seewind im Gesicht zu spüren, und es gefällt ihnen, hier oben auf dem Landeplatz zu stehen und weit, weit hinaus, von Horizont zu Horizont zu blicken. Als Dank für den blitzschnellen Einsatz bei Sergejs Ampullenwurf hat man Bengt die einzige Havanna auf dem Schiff offeriert. Aber Bengt raucht nicht und hat die Zigarre an Glenn weitergereicht. Der läßt die anderen vorgehen und bleibt ein Weilchen stehen, um den würzigen Rauch wollüstig einzuziehen. Alles ist wie zuvor. Er besitzt eine Zigarre und sonst nichts. Dennoch fühlt er sich wohl. Verspürt tatsächlich Glück, nicht oft ist es vorgekommen, daß er dieses Wort in Gedanken formuliert hat. Er besitzt eine Zigarre, und ansonsten erwarten ihn neue Tauchgänge oder die Arbeitslosigkeit, jedenfalls nirgendwo goldene Tage. Es ist nur so schön, alles ist so schön. Wenn es nur das hier gibt und weiter nichts, so ist es dennoch genug. Es ist mehr als genug.]
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