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NUMMER 565 Poul Anderson, H. Beam Piper, David Rome Außerirdische mal drei The Helping Hand, Naudsonce und Protected Species Ins Deutsche übertragen von Eduard Lukschandl ERICH PABEL VERLAG in UZu 563 brachten wird den Anfang von Otto Merks Ar- tikel aus dem Münchner Merkur. Hier ist nun der zweite Teil mit der Überschrift: „Was ist ‚weiche Landung’?“ Um es ganz klarzumachen: Die in der Weltpresse ver- breitete Meldung, die Sonde Venus-4 sei ‚weich’ auf dem Nachbarplaneten gelandet, ist nicht ganz korrekt. Unter .weicher Landung’ versteht man in der Raumfahrttermino- logie eine abgebremste Lan...
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NUMMER 565 Poul Anderson, H. Beam Piper, David Rome Außerirdische mal drei The Helping Hand, Naudsonce und Protected Species Ins Deutsche übertragen von Eduard Lukschandl ERICH PABEL VERLAG, in UZu 563 brachten wird den Anfang von Otto Merks Ar- tikel aus dem Münchner Merkur. Hier ist nun der zweite Teil mit der Überschrift: „Was ist ‚weiche Landung’?“ Um es ganz klarzumachen: Die in der Weltpresse ver- breitete Meldung, die Sonde Venus-4 sei ‚weich’ auf dem Nachbarplaneten gelandet, ist nicht ganz korrekt. Unter .weicher Landung’ versteht man in der Raumfahrttermino- logie eine abgebremste Landung mit Hilfe eines Raketen- triebwerks, so wie sie die Sonden der sowjetischen Luna- und der amerikanischen Surveyor-Serie auf dem Mond durchführten, auf dem es ja auch, weil jede Atmosphäre fehlt, keine andere Möglichkeit des unbeschädigten Auf- setzens gibt. Die Venus dagegen, das wußte man schon vorher, ver- fügt über eine solche Atmosphäre, sogar über eine weit dichtere als die Erde. In ihr könnte ein Fahrzeug aerody- namisch wie ein Flugzeug zu Boden gehen oder auch – was einfacher ist – als Fallschirm. Diese Möglichkeit haben die sowjetischen Wissenschaftler gewählt, aber sie ließen, nicht, etwa die ganze 1106 Kilogramm schwere Sonde lan- den, sondern nur einen Teil davon. Sie warfen sozusagen ein Meß-Paket auf die Oberfläche des fremden Planeten. Das ganze Unternehmen wurde nach dem sogenannten ,Bus- und Fahrgast-System’ durchgeführt. Der ,Bus’ war die Gesamtsonde, die (nachdem sie sich von der letzten Stufe ihrer Trägerrakete getrennt hatte) antriebslos den halb um die Sonne herumführenden Weg von der Erde zur Venus zurücklegte. Sie führte ein kleines Antriebsaggregat mit, um die nötigen Kurskorrekturen – insgesamt 16, wie man nun weiß – durchführen zu können. Schließlich trat sie tangential in die äußersten Schichten der Venus-Atmo- sphäre ein, wo sie bei einer Geschwindigkeit von mehr als 40 000 km/h infolge der auftretenden Reibungshitze der Feuertod erwartete. Wollte man ihn vermeiden, so hätte der ganze Raumflugkörper mit einem Hitzeschutzschild verse- hen werden müssen – ein Verfahren, das schon aus Ge- wichtsgründen nicht möglich war. Ein Teil der Sonde al- lerdings, eine halbkugelförmige Kapsel von 90 Zentimeter Durchmesser, war mit einem solchen Schutzschild verse- hen, der aus wegschmelzender Kunstharzmasse bestand. Dieser Teil, über dessen Gewicht sich Moskau aus- schweigt, wurde abgeworfen und drang immer tiefer in die ihn abbremsende Venus-Atmosphäre ein. Anders ausge- drückt: der ‚Fahrgast’ sprang ab, ehe der ungeschützte ‚Bus’ verbrannte. Mit dem dritten und letzten Teil des Berichts von Otto Merk machen wir Sie in vierzehn Tagen bekannt in, Utopia Zukunft 567 NOTRUF VON BETA-12 Die verlorene Kolonie von Garret Shaver jr. Diese rasant geschriebene Space Opera voll Spannung und Dramatik wird Sie von der ersten bis zur letzten Zeile in Bann schlagen. Bis Sie UZu 567 in Händen halten, ver- abschiedet sich von ihnen mit herzlichen Grüßen Ihre Utopia-Redaktion,

Naudas

von H. Beam Piper Die Sonne wärmte angenehm Mark Howells Rücken. Die moosähnliche Vegetation unter seinen Füßen fühlte sich weich und nachgiebig an, und in der Luft hing ein fremdar- tiger Duft. Er wußte, daß er an dem Planeten Gefallen fin- den würde. Es erhob sich die Frage, ob der Planet und sei- ne Bewohner auch an ihm Gefallen finden würden. Er beo- bachtete die kleinen Gestalten, die sich vom Erdwall her über die Felder näherten. Ihr Dorf war außer Sicht; es be- fand sich jenseits des Walles, doch kreiste das kleine Kampfboot mittels Antigravitation träge über der Ansied- lung. Major Luis Gofredo, der Marineoffizier, bemerkte, ohne den Feldstecher abzusetzen: „Sie haben ein röhrenähnliches Ding von etwa dreiein- halb Metern Länge, das sechs von ihnen auf Stangen tragen – drei auf jeder Seite, während die anderen dahinter herge- hen. Mark, glaubst du, es könnte eine Kanone sein?“ Bisher wußte er noch nicht genug, um sich eine Mei- nung bilden zu können, was er auch sagte, und fügte hinzu: „Was ich auf dem Bildschirm vom Boot aus von dem Dorf sah, wirkte ziemlich primitiv. Aber natürlich ist Schießpul- ver etwas, was auch ein primitives Volk durch Zufall ent-, decken kann, wenn die Bestandteile vorhanden sind.“ „Dann wollen wir kein Risiko eingehen.“ „Glaubst du, sie sind uns feindlich gesinnt? Ich hatte ge- hofft, sie würden zu einer Verhandlung herauskommen.“ Das war Paul Meillard. Er hatte ein Recht dazu, ängst- lich zu sein; seine ganze Zukunft im Kolonialamt hing von den Geschehnissen auf diesem Planeten ab. Die gemeinsam von der Raummarine und dem Kolonial- amt ausgerüstete Expedition suchte nach Planeten, die zur Kolonisation geeignet waren. Die Fahrt dauerte nun bereits vier Jahre, was für eine Forschungsexpedition fast schon ein Maximum darstellte. Sie hatten elf Systeme aufgesucht und Landungen auf acht Planeten durchgeführt. Drei davon konnte man fast als Terratyp bezeichnen. Da war zum Bei- spiel Fafnir, dessen Flora und Fauna der auf Terra während der Kreidezeit glich, aber im Vergleich zu den Monstren auf Fafnir hätte jeder Dinosaurier aus der Kreidezeit nett und freundlich gewirkt. Der zweite hieß Imhotep, der in zwanzig- bis dreißigtausend Jahren einen feinen Planeten abgeben würde, sich aber zur Zeit in einer Periode der Ver- eisung und Vergletscherung befand. Und an Irminsul mit seinen Wäldern von gigantischen Bäumen gab es auch nichts auszusetzen, wenn man von der Fauna absah, die etwas ungemütlich war. Besonders tat sich eine Rasse von fast intelligenten Humanoiden hervor, die sich anscheinend im Gebrauch der erst kürzlich erfundenen Keulen und Äxte üben wollte. Die Folgen der Kontaktaufnahme mit ihnen, waren hoher Munitionsverbrauch, der Tod zweier Männer und einer Frau und ein Dutzend Verletzte. Meillard selbst hatte längere Zeit gehinkt. Von den übrigen fünf Planeten war einer die Hölle selbst und die anderen von solchem Typ, der von hoffnungslosen Minoritäten kolonisiert wird, die sich von allen Mitmen- schen absondern wollen. Das Kolonialamt verschwendete nicht einmal einen Gedanken an solche Welten. Dann hatten sie diesen gefunden, den dritten eines GO- Sternes, hundertzwanzig Millionen Kilometer von diesem entfernt, mit geringerer Achsenneigung als Terra, was ge- ringere Temperaturschwankungen im Laufe eines Jahres bedeutete, und etwa fünfzig Prozent Land. Auf Grund eini- ger Kurzlandungen zur Probenaufnahme stellte man fest, daß die Biochemie mit der Terras übereinstimmte und das meiste organische Material genießbar war. Mit einem Wort, es handelte sich um genau den Planeten, von dessen Entdeckung jeder Forscher träumt, wenn man von einem absah: Er war von einer intelligenten humanoiden Rasse bevöl- kert, innerhalb der es einige so weit zivilisierte Gruppen gab, daß man sie in Klasse V einreihen mußte, und die Be- stimmungen des Kolonialamtes, Klasse V Planeten betref- fend, waren sehr streng. Mit den Eingeborenen mußten freundschaftliche Beziehungen aufgenommen und mit ir- gend jemandem, der dazu autorisiert erschien, eine Art Vertrag abgeschlossen werden, der die Erlaubnis für eine Niederlassung enthielt., Konnte Paul Meillard dies erreichen, so war er ein ge- machter Mann. Er würde mit vierzig oder fünfzig Besat- zungsmitgliedern zurückbleiben und Vorbereitungen tref- fen, bis in einem Jahr von Terra einige Schiffe mit tausend Kolonisten an Bord nebst einem Bataillon Föderationstrup- pen zu deren Schutz gegen die Eingeborenen und umge- kehrt kommen würden. Meillard wäre damit automatisch Generalgouverneur. Versagte er jedoch, so hätte er ausgespielt. Nicht nur für dieses eine Mal, sondern für immer. Käme er nach Terra zurück, so würde man ihn auf einen höheren Posten mit etwas mehr Grundgehalt setzen – aber im Innendienst, wo- bei die dreihundert Prozent Zulage für extraterrestrische Arbeit wegfiele –, wo er bis zu seiner Pensionierung da- hinvegetieren würde. Jedesmal, wenn sein Name genannt würde, würde jemand sagen: „Ah ja, er hat die Kontaktauf- nahme mit den Eingeborenen des Planeten Dingsda ver- saut.“ Für die anderen wäre es auch nicht besonders günstig, denn auf ihnen würde dauernd der Verdacht lasten, sie hät- ten Mitschuld an seinem Versagen. * Bwaaa-waaa-waaanh! Der schwankende Ton hing einen Augenblick lang in der Luft, wurde nach wenigen Sekunden wiederholt und ertön- te kurz darauf von neuem., „Unsere Kanone hat sich als ein Horn erwiesen“, sagte Gofredo. „Aber ich kann nicht erkennen, wie sie es bla- sen.“ Durch die Reihe der Raumsoldaten, die sich zu beiden Seiten des Kontaktteams in einem Viertelkreis aufgestellt hatten, lief eine Bewegung, und gleichzeitig war ein metal- lisches Klicken zu vernehmen, als sie ihre Waffen sicher- ten. Zur selben Zeit fiel der Schatten eines Kampfgleiters über die Szene, als er Stellung bezog. „Was haltet ihr davon?“ fragte Meillard niemanden im besonderen. „Was soll das heißen?“ „Haut ab, Terraner!“ Diese Antwort ließ Meillard die Stirn runzeln. „Vielleicht wollen sie uns damit einschüch- tern.“ „Wahrscheinlich machen sie sich auf diese Weise Mut“, meinte Anna de Jong, die Psychologin. „Ich möchte wet- ten, daß sie sich in Wirklichkeit zu Tode fürchten.“ „Ich kann nun erkennen, wie sie es blasen“, sagte Gofre- do. „Der Mann hinter dem Horn hat einen Blasebalg.“ Er hob seine Stimme. „Pflanzt die Bajonette auf! Diese Leute hier haben keine Ahnung davon, was ein Gewehr ist, aber Speere kennen sie, weil sie selbst welche haben.“ Und so war es auch. Die sechs vordersten waren unbe- waffnet, außer man bezeichnete das Ding, welches einer trug, als Speer. Die Hornträger schienen ebenfalls unbe- waffnet zu sein, während hinter ihnen etwa fünfzig Kerle mit Waffen in lockerem Haufen herankamen. Die meisten von ihnen hatten Speere, deren Spitzen rötlich glänzten., Bronze mit hohem Kupfergehalt. Einige besaßen Pfeil und Bogen. Als sie sich langsam näherten, erkannte man die Details deutlicher. Der Anführer war mit einem langen, gelben Umhang bekleidet, und das Ding in seiner Hand stellte sich als Stab heraus, dessen Spitze aus Bronze bestand. Drei seiner Be- gleiter trugen ebenfalls Umhänge, während die Beine der beiden anderen nackt unter kurzen Tuniken hervorsahen. Die Hornträger waren entweder in Umhänge oder Tuniken gehüllt, und die Speerträger und Bogenschützen hinter ih- nen trugen entweder Tuniken oder Lendenschurze. Alle trugen Sandalen. Ihre Haut wies eine rotbraune Farbe und keinerlei Haare auf. Sie hatten lange Hälse, fast kinnlose Unterkiefer und fleischige, schnabelähnliche Nasen, die ihnen ein vogelähnliches Aussehen verliehen, das durch rote Kämme auf ihren Köpfen noch verstärkt wurde. „Na, sind sie nicht das Anschauen wert?“ fragte Lillian Ransby, die Linguistin. „Ich frage mich, wie wir auf sie wirken“, meinte Paul Meillard. Das konnte man sich tatsächlich fragen. Die Unterschie- de zwischen den einzelnen Terranern mußte sie nämlich verwundern. Paul Meillard war ein fast reinrassiger Neger, wenn man im siebten Jahrhundert überhaupt noch von et- was Reinrassigem sprechen konnte; Lillian Ransby war aschblond und Major Gofredo gerade groß genug, um den Dienstbestimmungen zu entsprechen. Seine Name klang altspanisch, doch mußten seine Vor-, fahren Polynesier, Indianer und Mongolen gewesen sein. Karl Dorver maß fast zwei Meter und hatte rotes Haar, Bennett Fayon, der Biologe, war dick, hatte ein rosiges Ge- sicht und eine Glatze, während Willi Schallenmacher einen dichten, schwarzen Vollbart sein eigen nannte, und so ging es weiter. Meillard bemerkte, daß die Eingeborenen keine Ohren besaßen, und betrachtete dann die Habseligkeiten, die sie mit sich trugen. Zumeist handelte es sich um Gürtel mit Beuteln und Messer mit Bronzeklingen und Holzgriffen. Drei Mitglieder der Delegation hatten kleine Pfeifen an Schnüren um den Hals hängen und ein vierter eine Flöte. Schilde und Schwerter konnte er keine entdecken, das war gut, denn deren Vorhandensein hätte auf organisierte Kriegführung und vielleicht auf eine Kriegerkaste hinge- wiesen. Das hier waren bestimmt keine Soldaten. Die Speerträger und Bogenschützen standen nicht in Schlacht- ordnung, sondern wie bei einer Treibjagd – die Bogen- schützen hinter den Speermännern, um alles aufzuhalten, was eventuell durchbrach. „Also gut; gehen wir ihnen entgegen!“ Die Unsicherheit war aus Meillards Stimme verschwunden. Er wußte, was er zu tun hatte, und wie er es tun sollte. * Gofredo hieß die Raumsoldaten, ihre Stellung zu halten, und dann schritten sie den Eingeborenen entgegen. Als sie, nur noch sechs Meter voneinander entfernt waren, blieben die beiden Gruppen stehen, und das Horn blies auch nicht mehr. Der im gelben Umhang hob seinen Stab und sagte etwas, was wie „Twidel-idel-udli-ink“ klang. Meillard sah, daß das Horn aus spiralig gewundenen Le- derstreifen bestand, die mit einer Art Lack überzogen wa- ren. Alle Gegenstände, die die Eingeborenen mit sich führ- ten, schienen sauber und sorgfältig hergestellt zu sein, was auf eine alte, aber statische Kultur deutete. Wahrscheinlich bis ins Letzte traditionsgebunden. Meillard hob seine Hände und wandte sich an die Einge- borenen: „‘s war feuchtlich, und die Glitschesteine jauchzten im Malemute-Salon, und der kleine Junge, der die Musicbox bediente, schaukelte gleitend in der Webe, und hinter der Bar in einem Solospiel waren die Bürgerbeine erbärmlich, und wer nicht gehen kann, der schwebe das Schiff durch die Luft.“ Das sollte ihnen zeigen, daß auch wir eine gesprochene Sprache kannten, unsere Sprachen nichts Gemeinsames besaßen, und daß es notwendig war, irgendeine Verständi- gungsmöglichkeit auszuarbeiten. So stand es zumindest im Lehrbuch. Jener Menge aber zeigte es gar nichts. Es er- schreckte sie. Der Anführer mit dem Stab zwitscherte auf- geregt. Endlich stimmte ihm einer seiner Begleiter zu, wäh- rend ein anderer nach seinem Messer griff, sich aber dann auf seine Erziehung besann. Der Mann am Blasbalg stieß einige Male ins Horn., „Was hältst du von der Sprache?“ fragte er Lillian. „Alle Sprachen klingen so fremd, wenn man sie zum er- stenmal hört. Laß ihnen einige Sekunden Zeit, bevor wir mit Phase zwei beginnen.“ Als das Gestammel und Gekreisch langsam verklang, trat sie vor. Lillian selbst war bereits ein Test dafür, als wie menschlich man irgendwelche Außerirdischen ansehen konnte; diese Gestalten waren nicht einmal Mensch genug, um bei ihrem Anblick Pfiffe auszustoßen. Sie wies auf ihre Brust. „Ich“, sagte sie. Die Eingeborenen schienen davon schockiert zu sein. Sie wiederholte die Geste und das Wort, wandte sich dann um und sagte zu Paul Meillard: „Du.“ „Ich“, sagte Meillard und wies auf sich. Dann fuhr er fort: „Du“, indem er sich Luis Gofredo zuwandte. Dieser Vorgang machte im ganzen Kontaktteam die Runde, bis er wieder bei Meillard endete. „Ich glaube nicht, daß sie auch nur das Geringste begrei- fen“, fügte er flüsternd hinzu. „Das sollten sie aber“, meinte Lillian. „In jeder Sprache gibt es ein Wort für sich selbst und eines für die angespro- chene Person.“ „Na, dann sieh sie dir doch an“, forderte Karl Dorver sie auf. „Sechs verschiedene Ansichten darüber, was wir mei- nen, und nun beginnen die Kerle untereinander zu streiten.“ „Phase 2A“, beschloß Lillian entschieden, indem sie vortrat. Sie zeigte auf sich. „Ich – Lillian Ransby. Lillian Ransby – ich Name. Du – Name?“, „Bwuuuu!“ brüllte der Sprecher erschreckt und um- klammerte seinen Stab, als müsse er ihn vor einer Entwei- hung bewahren. Die übrigen heulten wie ein Wolfspack bei Vollmond mit Ausnahme eines der Kerle, die mit einer kurzen Tunika bekleidet waren. Der schlug sich nämlich mit beiden Händen auf den Kopf und jodelte dazu. Die Be- dienungsmannschaft des Hornes richtete ihr Gerät gegen die Terraner und ließ es immer wieder erschallen. „Was habe ich wohl gesagt?“ fragte Lillian. „Oh, wahrscheinlich etwas Ähnliches wie: ,Verflucht seien eure Götter, Tod eurem König, und ich spucke in das Gesicht eurer Mutter’, nehme ich an.“ „Laßt es mich einmal versuchen“, meldete sich Gofredo. Der kleine Marineoffizier wiederholte die Zeremonie. Als er das erste Wort sprach, legte sich der Lärm, und noch ehe er fertig war, hatten sich die Gesichter der Eingebore- nen zu Grimassen der herzzerbrechendsten Trauer verzerrt. „Nun, so schlimm ist es auch wieder nicht, oder?“ fragte er. „Mark, versuch du es!“ „Ida – Mark – Howell,“ Die Extraterrestrier schienen er- staunt zu sein. „Versuchen wir es mit Gegenständen und Pantomimen mit Erklärungen“, schlug Lillian vor. „Sie sind Bauern und sollten ein Wort für Wasser haben.“ * Sie versuchten es fast eine Stunde lang, vergossen dabei, acht Liter Wasser, gaben vor, durstig zu sein, und reichten einander das Wasser. Die Eingeborenen konnten sich ein- fach nicht auf das Wort für Wasser in ihrer Sprache eini- gen; oder aber sie mißverstanden den Sinn des Schauspiels. Da versuchten sie es mit Feuer. Die Wirksamkeit eines Beiles machte ebensolchen Eindruck wie die plötzlich auf- leuchtende Flamme eines Feuerzeuges, aber die Wörter dafür waren einfach nicht zu erfahren. „Ach, nach Nifflheim damit!“ rief Luis Gofredo ver- zweifelt. „So kommen wir überhaupt nicht weiter. Gebt ihnen ihre Geschenke und schickt sie heim.“ „Vielleicht Dolche; aber man muß ihnen zeigen, wie scharf sie sind“, schlug er vor, „rote Tücher und Glas- schmuck.“ „Wie wäre es mit Nahrungsmitteln, Bennet?“ fragte Meillard Fayon. „Extra-T 3 und C-H-Handelszucker“, erwiderte Fayon. Die Rationen des Extraterrestrischen Dienstes vom Typus drei konnten ebenso wie der Handelszucker von allen Le- bewesen mit Kohlenwasserstoffmetabolismus gegessen werden. „Aber sonst nichts, solange wir nicht wissen, wie sie von innen aussehen.“ Dorver hielt die sechs Mitglieder der Delegation für Per- sonen höheren Ranges, die etwas Besonderes erhalten soll- ten. Wahrscheinlich hatte er damit recht, denn Dorver be- saß das Talent, aus einigen Hinweisen ebenso rasch soziale Rangordnungen festzustellen, wie Meillard anhand einiger von Eingeborenen verfertigter Gegenstände auf deren Kul-, tur schließen konnte. Er begab sich mit Lillian zum Lan- dungsboot, um die Geschenke zu holen. Jeder einzelne Eingeborene erhielt ein fünfundzwanzig Zentimeter langes Bowiemesser mit Scheide, ein rotes Halstuch und ein Stück glitzernden Glasschmucks. Die (Stadträte? prominenten Bürger? oder was sonst?) bekamen außerdem je ein farbiges Tischtuch, welches ihnen um die Schultern gehängt und mit Plastikanstecknadeln zusam- mengehalten wurde, welche die Kandidatur von irgend je- mandem für den Präsidentenposten der Föderationsrepu- blik Venus vor einigen Legislaturperioden ankündigte. Die Beschenkten schienen fast in Tränen auszubrechen, was offenbar ihr Ausdruck für Freude war. Andere Nerven und Gesichtsmuskulatur, dachte Fayon. Nachdem sie Extra-T 3 und den Zucker erhalten hatten, hätte man meinen können, sie brächen fast unter Last aller Sorgen der Galaxis zu- sammen. Mittels Gebärden, und indem er wiederholt auf die Son- ne deutete, gelang es Meillard, ihnen mitzuteilen, daß die Terraner am nächsten Tag, wenn die Sonne sich in dersel- ben Position befand, das Dorf besuchen und neuerlich Ge- schenke bringen würden. Die Eingeborenen zeigten sich einverstanden, aber Meillard war mißgestimmt, weil er Zeichensprache verwenden mußte. Extra-T 3 kauend und ihre Messer ausprobierend, wanderten die Außerirdischen ihrem Dorf zu. Am nächsten Tag würden mehr als die Hälfte von ihnen bandagierte Daumen haben., * Die Raumsoldaten traten heran, während sie ihre Maschi- nenpistolen umhängten und sich Zigaretten anzündeten. Einige Flottentechniker machten einen Schnüffler startklar, der den Kampfgleiter über dem Dorf ablösen sollte. Der Schnüffler sah aus wie eine kurzschwänzige Kaulquappe, wai einen Meter achtzig lang und an der breitesten Stelle neunzig Zentimeter breit und mit Kameras ausgestattet, die auf sichtbares und infrarotes Licht ansprachen. Außerdem enthielt er noch einige andere Ortungsgeräte. Das Kontakt- team begab sich in das Landungsboot eins, das als proviso- risches Hauptquartier diente. Aus dem anderen Boot wur- den bereits Fertigteile für ein Haus ausgeladen. Alle waren für einen Drink, wenn es auch noch etwas früh dazu erschien. Man trug Flaschen, Gläser und Eis in den Bug des Landungsbootes und nahm vor der Reihe der Bildschirme Platz. Der Hauptschirm stellte die Verbindung mit der Offiziersmesse an Bord der HUBERT PENROSE, die sich in dreihundert Kilometer Höhe befand, her. In ihr saßen – ebenfalls mit Gläsern versehen – Kapitän Guy Vindinho und zwei weitere Raumoffiziere, sowie ein Mari- nekapitän, in blauen Borduniformen. Ebenso wie Gofredo mußte sich Vindinho ebenfalls irgendwie in den Militär- dienst eingeschlichen haben; sein Kopf war kahl und wurde von einem roten Bart geziert, und seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, schien er sich stets zu freuen, weil nie- mand wußte, daß er in Wirklichkeit Rumpelstilzchen hieß., Er hatte die Kontaktaufnahme auf dem Bildschirm verfolgt. Er hob sein Glas gegen Meillard und fragte ihn: „Bist du über den Berg, Paul?“ Meillard erhob ebenfalls sein Glas. „Über den ersten. Aber es liegen noch eine ganze Reihe vor uns. Zumindest haben wir sie glücklich heimgeschickt – hoffe ich!“ „Willst du dort, wo du dich jetzt befindest, dein ständi- ges Lager aufschlagen?“ fragte einer der anderen Offiziere, Korvettenkapitän Dave Questell, der für Bauten und Kon- struktionen zuständig war. „Was brauchst du?“ An Bord des siebenhundertfünfzig Meter langen Schlachtkreuzers befanden sich zwei Bildschirme. Einer zeigte mit zehnfacher Vergrößerung ein landkartenähnli- ches Bild des breiten Tales, des Hochlandes und des Hü- gellandes im Süden. Nur indem man dem Lauf des Flusses und seiner Zuflüsse folgte, konnte man die winzige Stelle entdecken, an der sich das Eingeborenendorf befand, wäh- rend die Landungsfahrzeuge gar nicht zu erkennen waren. Der andere zeigte mit hundertfacher Vergrößerung den länglichen Hügel, auf dem sich das Dorf befand, dessen Gebäude als kleine Punkte um einen kreisförmigen Platz erschienen. Außerdem konnte man die zwei schildkröten- förmigen Landungsboote und den Kampfgleiter sehen, der über dem Hügel gekreist und dann zwischen ihnen gelandet war. Hie und da blitzte, vom Schnüffler reflektiert, ein Sonnenstrahl auf, der anstelle des bemannten Bootes über dem Dorf schwebte. Der Schnüffler sendete aus einer Höhe von sechzig Me-, tern über dem Hügel Bilder, die auf einem anderen Bild- schirm betrachtet wurden. Aus dem Lautsprecher drang unaufhörlich das Geschnatter der Eingeborenen. Das Dorf bestand aus über hundert kleinen Häusern mit quadrati- schem Grundriß und pyramidenförmigen Dächern. Auf der dem terranischen Lager zugekehrten Seite des Hügels wei- deten mindestens vier verschiedene Arten von Tieren, die beim ersten Alarm von den Weiden dorthin getrieben wor- den waren. Auf dem offenen Platz in der Mitte des Dorfes und auch entlang der Palisade am Abhang des Hügels drängten sich die Eingeborenen. „Nun, wir bleiben so lange hier, bis wir die Sprache ler- nen“, sagte Meillard. „Dies ist der geeignetste Ort dafür. Er ist vollkommen isoliert, zu beiden Seiten befinden sich Wälder, und bis zum nächsten Dorf sind es hundert Kilo- meter. Wenn wir vorsichtig sind, können wir beliebig lange bleiben, ohne daß wir von anderen entdeckt werden. Haben wir einmal die Sprache dieser Leute gelernt, su- chen wir die große Stadt auf.“ * Die große Stadt lag vierhundert Kilometer talabwärts an einer Gabelung des Hauptflusses. In dieser Metropolis leb- ten fast dreitausend Einwohner, und dort mußten auch die Verhandlungen geführt werden. „Ihr werdet mehr Hütten brauchen, einen Wassertank, eine Leitung zum Fluß und eine Pumpe“, meinte Questell., „Werdet ihr länger als einen Monat benötigen?“ Meillard blickte Lillian Ransby an. „Was denkst du?“ „Poodly-doodly-oodly-joodle“, erwiderte sie. „Du hast ja gesehen, wie weit wir heute nachmittag gekommen sind. Wir haben bloß herausgefunden, daß keine der üblichen Methoden zum Erfolg führt.“ Sie machte eine Handbewe- gung, als werfe sie einen unsichtbaren Gegenstand über die Schulter. „Weg mit dem Buch. Von nun ab müssen wir im- provisieren.“ „Ich schlage vor, wir landen auch in den Bergen, sagen wir dreihundert bis dreihundertfünfzig Kilometer südlich von euch“, meinte Vindinho. „Es geht nicht an, die ande- ren, dreihundert Kilometer von der Planetenoberfläche ent- fernt an Bord zu halten; und dir wäre es nicht recht, wenn dir Trupps von Freiwilligen in die Quere kämen.“ „Das Land dort drüben scheint unbewohnt zu sein“, sag- te Meillard. „Zumindest gibt es in der Gegend keine Dör- fer. Ich habe also nichts, dagegen.“ „Mir wäre es sehr recht“, meldete sich Charley Lough- ran, der Xenonaturalist. „Ich möchte die Lebensformen in ihrer natürlichen Umgebung beobachten.“ Vindinho nickte. „Luis, glaubst du, daß es mit deinen Eingeborenen Ärger geben wird?“ fragte er. „Was denkst du, Mark? Kommen sie dir kriegerisch vor?“ „Nein.“ Er hatte bereits darüber nachgedacht. „Als sie um ihre Geschenke kamen, habe ich mir ihre Waffen genau angesehen. Sie dienen nur für die Jagd. Die meisten Speere, sind mit kurzen Querstangen versehen, Holzlatten, die an den Schaft gebunden sind, durch die verhindert wird, daß das aufgespießte Tier bis an den Jäger heranrennen kann. Auf Terra hat man vor tausend Jahren für die Wild- schweinjagd solche Spieße verwendet. Vielleicht müssen sie hin und wieder Überfälle aus den Hügeln abwehren, aber doch wieder nicht so oft, daß sie dafür spezielle Kampfwaffen oder -techniken entwickelt haben.“ „Ihr Dorf ist befestigt“, warf Meillard ein. „Das möchte ich in Frage stellen“, widersprach Gofredo. „Das Dorf hat nicht mehr als fünfhundert Einwohner, wo- von etwa zweihundert wehrbare Männer mit Hacken, Bo- gen und Speeren nicht einen Umfang von zweieinhalb Ki- lometern verteidigen können. Um das Dorf selbst wirst du keine Mauer finden; diese Palisade ist einfach nur ein Zaun.“ „Warum haben sie das Dorf auf einem Hügel gebaut?“ fragte Questell auf dem Bildschirm. „Nimmst du an, daß der Fluß so hoch steigt? Denn wenn dies der Fall ist …“ Schallenmacher schüttelte den Kopf. „Das Einzugsgebiet des Flusses ist nicht sehr groß und das Tal ziemlich breit. Ich wäre sehr überrascht, wenn der Fluß da“ – er wies mit dem Kopf gegen den Bildschirm mit hundertfacher Ver- größerung – „mehr als fünfzehn Zentimeter über die Ufer tritt.“ „Ich weiß nicht, woraus diese Häuser bestehen. Dies hier ist Alluvialland, was bedeutet, daß kaum Baustein zu fin- den ist. Ich sehe nirgends einen Ziegelofen. Und da ich, keine Anzeichen einer Bewässerungsanlage entdecken kann, nehme ich an, daß es häufig regnet. Verwenden sie Backsteine oder sonnengetrocknete Ziegel, dann zerbrök- keln die Häuser nach wenigen Jahren, worauf sie niederge- rissen und die Trümmer beiseite geschoben werden, um für neue Gebäude Platz zu schaffen. Das Dorf ist auf seinen eigenen Ruinen gewachsen, indem es wahrscheinlich seine Lage von einer Seite des Hügels zur anderen gewechselt hat.“ „Wenn diese Überlegung richtig ist, dann leben sie be- reits geraume Zeit hier“, bemerkte Karl Dorver. „Und wie weit haben sie sich entwickelt?“ „Sie befinden sich in der Bronzezeit, doch verwenden sie noch eine Menge Steingerät, möchte ich wetten. Vor- dynastisches Ägypten oder sehr frühe Zwischenstromland- kultur, um es mit irdischen Begriffen auszudrücken. Nir- gends finde ich Anzeichen, daß sie das Rad entdeckt ha- ben. Aber sie haben Zugtiere, denn als wir landeten, habe ich Tiere gesehen, die einen Holzbalken zogen. Ich würde sagen, daß sie schon lange Ackerbau und Viehzucht betrei- ben. Sie pflanzen die verschiedensten Getreidesorten, und ich vermute, daß sie sogar die Mehrfelderwirtschaft ken- nen. Erstaunt bin ich über ihre Musikinstrumente; sie scheinen bei ihrer Herstellung mehr Sorgfalt aufzuwenden als für alles andere. Während sie sich alle im Dorf aufhal- ten, nehme ich mir einen Jeep und sehe mich ein wenig auf ihren Feldern um.“ Charley Loughran und Lillian Ransby begleiteten ihn,, wobei sich herausstellte, daß die meisten Vermutungen zu- trafen. Er fand eine Anzahl von Holzschlitten, die vor der Ankunft des Landungsbootes von Tieren gezogen wurden. An einigen waren große Körbe befestigt. Überall im wei- chen Boden fanden sich Schleifspuren, aber keine einzige Radspur. Er fand einen Pflug, der aus Holzstücken bestand, die mit Lederstreifen geschickt miteinander verbunden wa- ren. Die Spitze bestand aus Stein und ergab sicher nicht mehr als eine flache Rinne anstelle einer Furche. Das Gerät war jedoch mit einem großen Bronzering versehen, mittels dessen Zugtiere vorgespannt werden konnten. Der größte Teil der Bodenbearbeitung schien mit Schaufeln und Hak- ken zu erfolgen, von denen er jeweils einige fand. Sie be- standen aus Bronze, die in flache Formen gegossen worden war. Zusammengesetzte Gießformen hatten sie also noch nicht erfunden. Es gab eine noch größere Vielzahl von Getreidesorten, als angenommen wurde, daneben einige Wurzelpflanzen, Hülsenfrüchte und tomaten- und kürbisähnliche Früchte. „Ich wette, den Leuten hier ist es ziemlich gutgegangen – bis die Terraner kamen“, meinte Charley. „Sag das nicht vor Paul“, warnte Lillian. „Er hat bereits genug Sorgen, da braucht er sich nicht auch noch darüber Gedanken zu machen, ob wir den Eingeborenen vielleicht mehr schaden als nützen.“ Die HUBERT PENROSE hatte zwei weitere Landungs- boote geschickt, und als die drei Ausflügler zurückkehrten, fanden sie Dave Questell, der das Ausladen von Fertighüt-, ten beaufsichtigte. Außerdem hatte man bereits einen Namen für den Plane- ten gefunden. „Svantovit“, teilte ihm Karl Dorver mit. „Nach dem Hauptgott der baltischen Slawen vor etwa dreitausend Jah- ren. Guy Vidinho hat ihn aus der ,Enzyklopädie der My- thologie’ ausgegraben. Er wurde, einen Bogen und ein Horn in je einer Hand haltend, dargestellt.“ „Gut, das paßt. Wie sollen wir die Eingeborenen nen- nen? Svantovitianer oder Svantovesen?“ „Nun, Paul wollte sie Svantovesen nennen, aber Luis hat ihn überredet, doch Svants zu nehmen. Er war der Ansicht, daß später doch jeder diesen Namen verwenden würde, al- so könne man es gleich offiziell machen.“ „Wir können die Sprache Svantovesisch nennen“, be- schloß Lillian. „Nach dem Essen werde ich mir die Ton- und Filmaufnahmen noch einmal ansehen und vornehmen. Es ist eben viel schöner, wenn man einen Namen dafür hat, was man studiert. Dies wird wahrscheinlich auch das ein- zige sein.“ Nach dem Essen hatten Mark, Karl und Paul eine kleine Meinungsverschiedenheit darüber, welche Geschenke für die Eingeborenen geeignet wären, und ob es angebracht sei, mit ihnen Handel zu treiben, und was für Waren sie eineintauschen sollten. Die Geschenke sollten für ihre kul- turelle Stufe nicht zu anspruchsvoll sein. Man einigte sich auf das Rad. Räder konnte man in der Werkstatt an Bord herstellen., „Es ist eigentlich eigenartig“, stellte Karl Dorver fest. „Die Leute hier haben noch nie ein Rad gesehen – ebenso wie die meisten Terraner, die auch nur in historischen oder Dokumentarfilmen dazu Gelegenheit hatten.“ Das stimmte. Seit der Entwicklung der Kontragravitation vor sechshundert Jahren brauchte man keine Räder mehr. Schubkarren fänden die Eingeborenen sicherlich sehr nützlich. Mark setzte sich mit Max Milzer, dem Chef der Bordwerkstatt in Verbindung. Max hatte noch nie etwas von einem Schubkarren gehört. „Ich kann dir schon welche bauen, Mark, aber ich würde es begrüßen, wenn du mir ein paar Zeichnungen zukom- men ließest. Hast du sie erfunden?“ „Soviel mir bekannt ist, hat sie ein Mann namens Leo- nardo da Vinci im sechsten voratomischen Jahrhundert er- funden. Wann kannst du mir ein halbes Dutzend davon lie- fern?“ „Nun, wir werden sehen. Zusammengeschweißte Me- tallplatten mit Röhren als Rahmen und Griffe. Bis morgen Mittag kannst du einige haben. Wie steht es mit Hacken? Wie groß sind die Leute, wie lang sind ihre Arme, und wie weit können sie sich vorbeugen?“ * An jenem Abend blieben alle lange wach. Auch die Svants gingen nicht so bald schlafen. In der Mitte ihres Dorfes brannte ein Feuer, und kleinere Wachfeuer loderten am, Rande des Hügels. Luis Gofredo traute ihnen ebensowenig wie sie den Terranern. Auf seinen Befehl blieb das Lager hell erleuchtet, starke Wachen wurden aufgestellt, photo- elektrische und Infrarotgeräte hielten auf dem Boden und in über dem Lager schwebenden Schnüfflern Wache. Wie Paul Meillard war auch Luis Gofredo ein Pessimist, der sich über alles Sorgen machte. In dieser schlechtesten aller Galaxien geschah alles zum Schlechten, und wenn auch nur das Geringste schiefgehen konnte, so tat es dies auch. Diese Einstellung hatte sicher oft ihm und den ihm anver- trauten das Leben gerettet. Vormittag kamen vier der Schubkarren und mit ihnen ein Schleifstein, einige Sägen, eine Menge Hauen und Schaufeln, Äxte, Kisten mit Messern, sowie eine Menge anderer Handelsgegenstände nebst einer großen Anzahl von leeren Wein- und Whiskyflaschen vom Schiff, die während der letzten vier Jahre ausgetrunken worden waren. Beim Mittagessen bewegte sich das Gespräch fast aus- schließlich um das Problem der Verständigung. Lillian Ransby, die nicht vor dem Morgengrauen ins Bett gekom- men war, und fast bis Mittag geschlafen hatte, war entmu- tigt. „Ich weiß nicht, was wir als nächstes tun werden“, stellte sie fest. „Glenn Orent, Anna und ich saßen die ganze Nacht daran und sind nicht weitergekommen. Wir haben etwa hundert wortähnliche Geräusche isoliert und ungefähr zwanzig davon treten wiederholt auf, aber wir können kei- nem von ihnen eine Bedeutung zuordnen. Außerdem haben, die Svants niemals zweimal gleichartig auf etwas reagiert, was wir ihnen gesagt haben. Nirgends läßt sich eine ein- deutige Beziehung herstellen.“ „Ich beginne daran zu zweifeln, daß sie eine Sprache be- sitzen“, warf der Nachrichtenoffizier ein. „Sie erzeugen zwar eine Menge Lärm, aber darin unterscheiden sie sich nicht von Eichhörnchen.“ „Sie müssen eine Sprache haben“, behauptete Anna de Jong. „Ohne Verbalisation ist kein intelligenter Gedanke möglich.“ „Zumindest ist keine Kultur wie diese ohne Kommuni- kationsmethoden möglich“, unterstützte sie Karl Dorver von der anderen Seite. Er schien seiner Meinung bereits zuvor Ausdruck gegeben zu haben. „Wißt ihr was?“ fügte er hinzu. „Ich frage mich langsam, ob es sich nicht viel- leicht um Telepathie handelt.“ Diese Ansicht schien er bisher noch nicht geäußert zu haben, denn die anderen blickten ihn erstaunt an. Anna be- gann: „Oh, ich zweifle, daß …“, und unterbrach sich dann. „Ich weiß, daß die Idee einer telepathischen Rasse seit Jahrhunderten in Weltraumabenteuergeschichten verwendet wird, aber vielleicht haben wir tatsächlich eine entdeckt.“ „Es gefällt mir nicht, Karl“, meinte Loughran. „Wenn sie wirklich Telepathen sind, warum verstehen sie uns dann nicht? Und warum sprechen sie dann überhaupt? Denn du kannst mich nicht davon überzeugen, daß ihr boodly- oodly-doodle kein Sprechen sein soll.“ „Nun, unsere Gehirnstruktur muß mit der ihrigen nicht, notwendigerweise übereinstimmen“, warf Fayon ein. „Ich weiß, daß die Analogie zwischen Telepathie und Radio et- was löchrig ist, aber dafür genügt sie: Unsere Wellenlänge kann mit ihren Empfängern nicht aufgefangen werden.“ „Aber doch!“ widersprach Gofredo. „Von Anfang an habe ich mir darüber Gedanken gemacht. Diese Leute han- deln, als verstünden sie uns. Sie verstehen zwar nicht, was wir meinen, aber sie verstehen etwas. Als Paul seine be- deutungslose Rede vom Stapel ließ, haben sie alle auf die- selbe Weise reagiert. Zuerst erschreckt und dann defensiv. Die Du-Ich-Taktik verwirrte sie einfach, wie wir durch ei- ne Gruppe semantisch deutlicher, aber sich widersprechen- der Behauptungen verwirrt wären. Als Lillian sich vorzu- stellen versuchte, waren sie schockiert und entsetzt.“ „Mir erschien es direkt wie physische Abneigung, wie sie reagierten“, meinte Anna. „Als ich es versuchte, handelten sie wie ein Haufen jun- ger Hunde, die verhätschelt werden, während sie bei Mark einfach verwundert schienen. Ich habe genau aufgepaßt, als Mark sie über die gefährliche Schärfe der Stahlmesser auf- klären wollte. Seine Gebärden verstanden sie sehr wohl, als er jedoch mit Worten anfing, waren sie verloren.“ „Nun gut. Lassen wir das“, sagte Loughran. „Aber war- um verwenden sie Wörter, wenn sie Telepathen sind?“ „Das kann ich schon beantworten“, meinte Anna. „Nehmen wir an, daß sie sich früher mittels einer Sprache verständigt haben, und ohne sich dessen bewußt zu sein, langsam erst ihre telepathischen Fähigkeiten entwickelt, haben. Sie würden immer noch sprechen, und weil die Nachricht bereits vor dem gesprochenen Wort telepathisch übermittelt worden wäre, achtete niemand mehr auf die Worte als solche. Jeder hätte seine eigene Sprache wie die Instrumentalbegleitung eines Liedes.“ „Einige von ihnen sprachen überhaupt nicht“, stimmte Karl zu. „Sie tuten nur.“ „Das nehme ich dir ab“, stimmte Loughran zu. „Bei der Fortpflanzung oder in Gefahrensituationen für die Gruppe ist die Telepathie ein Rassenfortbestandscharakteristikum. Bei der natürlichen Auslese wäre sie bevorzugt, wodurch die Nichttelepathen zum Aussterben verurteilt sind.“ Es stimmte nicht. Es stimmte aber schon gar nicht, und Mark sagte es auch: „Betrachtet doch ihre Technologie! Wir haben entweder eine junge Rasse vor uns, kaum mehr als Wilde, oder eine alte, stagnierte Rasse. Alles weist auf die zweite Möglich- keit hin. Eine junge Rasse hätte nicht Zeit genug gehabt, Telepathie zu entwickeln, wie Anna vorschlägt. Eine alte Rasse wäre wiederum viel weiter fortgeschritten, als es diesen Leuten gelungen ist. Fortschritt ist eine Funktion der Kommunikation, des Verschmelzens von Ideen und Ent- deckungen. Seht euch doch die Kurve des technologischen Fortschritts auf Terra an! Jeder große Sprung kommt nach einer Verbesserung der Kommunikationsmöglichkeiten – Buchdruck, Eisenbahn und Dampfschiff, Telegraf, Radio. Nun überlegt euch einmal, wie sehr die Telepathie den Fortschritt beschleunigen würde!“, * Die Sonne hatte kaum den Mittagsmeridian durchwandert, als die Svants, die sich bis Sonnenaufgang auf die Felder begeben hatten, wieder in ihr Hügeldorf zurückkehrten. Auf dem Schnüfflerschirm konnte man sehen, daß sie mit Tuniken und Lendenschürzen bekleidet, ihre Hütten betra- ten und sie in langen Roben wieder verließen. Bogen und Speere waren keine zu erkennen, aber das große Horn er- klang gelegentlich. Paul Meillard war zufrieden. Wenn es auch nur unter Zuhilfenahme von Zeichensprache gelungen war, die er ebenso einschätzte wie das Fischen nach Forel- len mit Würmern oder das Schießen auf sitzende Hasen, so hatte er ihnen doch etwas mitteilen können. Als sie um fünfzehn Uhr im Dorf ankamen, hatten sie Mühe, den Lastgleiter zu landen. Erst mußten ein paar Raumsoldaten mit einem Jeep Platz schaffen, wobei sie von einigen Eingeborenen, einschließlich dem mit dem Stab, unterstützt wurden. Diese rasche Zusammenarbeit wurde von Meillard mit großer Befriedigung zur Kenntnis genommen. Nach der Landung des Lastgleiters, und nach- dem alle ausgestiegen waren, begann der Obermacher mit dem Stab und dem roten Tischtuch über dem gelben Um- hang eine Rede zu halten, wobei er vollkommen davon überzeugt schien, auch verstanden zu werden. Trotz der Gegenargumente, die beim Mittagessen erörtert wurden, schien die Telepathietheorie an Boden zu gewinnen., „Leg wieder deine Geschwätzplatte auf!“ forderte Mark Meillard auf. „So haben wir gestern auch begonnen.“ Doch Meillard hatte etwas bemerkt, was ihn erregte. „Einen Augenblick! Sie haben etwas vor!“ So war es auch. Der mit dem Stab und drei seiner Jünger traten vor. Der Stabträger rührte an seine Stirn. „Fwoonk“, sagte er. Dann wies er auf Meillard. „Hoonkle“, sagte er. „Sie haben es geschafft!“ Lillian war begeistert. „Ich wußte, daß sie es schaffen würden!“ Meillard wies auf sich und sagte: „Fwoonk.“ Dies war nicht richtig. Der Dorfälteste verbesserte ihn sogleich. Das Wort lautete anscheinend: „Fwoonk.“ Seine drei Begleiter stimmten damit überein, daß dies das Wort für „ich“ war, doch da hatte die Übereinstim- mung auch schon ihr Ende – sie sprachen es jeweils als „Pwink“, „Tweelt“ und „Kroosh“ aus. Gofredo lachte bellend. Er hatte recht; Alles, was nur schiefgehen konnte, ging auch schief. Lillian verwendete ein wenig damenhaftes Wort. Die Svants blickten sie er- staunt an, als fragten sie sich, was wohl los sein möge. Dann begannen sie heftig zu debattieren. Die Debatte be- reitete sich wie die Wellen in einem Teich aus, und bald zwitscherte es von allen Seiten, Flöten wurden geblasen, und dann ertönte das große Horn. Augenblicklich riß Go- fredo das Handmikrophon aus seinem Gürtel und begann eindringlich zu sprechen. „Was tust du, Luis?“ fragte Meillard besorgt. „Ich fordere Verstärkung an. Ich will kein Risiko einge-, hen.“ Wieder sprach er ins Mikro, dann rief er über die Schulter: „Rienet, drei Feuerstöße von je einer Sekunde Dauer, in die Luft!“ Ein Soldat richtete seine Maschinenpistole gegen den Himmel, drückte eine Sekunde lang den Abzug, ließ los und wiederholte dies zweimal. Nach dem ersten Feuerstoß hörte man keinen Laut, dann erhob sich ein fürchterliches Geheul. „Luis, du Narr!“ schrie Meillard. Gofredo sprang auf einen Jeep, wo ihn alle sehen konn- ten, zog seine Pistole und feuerte zweimal in die Luft. „Ruhe! Alles Ruhe!“ schrie er, als könne dies helfen. Und so war es auch. Stille senkte sich über die Menge. Gofredo fuhr fort: „Beruhigt euch doch, beruhigt euch!“ Er sprach wie zu einem erschreckten Hund oder widerspensti- gen Pferd. „Niemand tut euch etwas zuleide. Dies war nur der große Lärmzauber der Terraner …“ „Ladet die Geschenke aus“, sagte Meillard. „Macht eine große Show daraus! Zuerst den Tisch.“ Als sie den langen Tisch ausluden und mit Geschenken überhäuften, landete ein weiterer Lastgleiter, dem zwanzig Raumsoldaten entstiegen, die ihre Bajonette aufgepflanzt hatten. Die Eingeborenen warfen dem blanken Stahl furcht- same Blicke zu, schenkten Gofredo jedoch weiterhin ihre Aufmerksamkeit. Meillard nahm sich den (Bürgermeister? Erzbischof? Grundherrn?) beiseite und begann, sich mit ihm in der Zeichensprache zu unterhalten. Als die Ruhe wiederhergestellt war, legte Howell eine, Haue und eine Schaufel in einen Schubkarren und fuhr damit auf den Platz, der vor dem Tisch geräumt worden war. Eine Weile arbeitete er mit der Haue, dann schaufelte er den Schubkarren voll Erde. Nachdem er sie eine Zeit- lang umhergeführt hatte, leerte er sie wieder in das Loch und klopfte sie fest. Zwei Soldaten brachten einen Holz- balken und hieben mit einer Axt einige Späne ab. Dann sägten sie Stücke mit einer der Sägen ab, zerkleinerten sie und füllten den Schubkarren mit dem Brennholz. Mit den Messern, Schmuckgegenständen und anderen kleineren Dingen würde man keine Schwierigkeiten haben; davon war genug vorhanden. Ein Problem warfen die grö- ßeren Gegenstände auf, und Paul Meillard und Karl Dorver besprachen, wie es zu lösen sei. Überlegten sie nicht gut genug, dann bestand die Gefahr, daß eine Menge der neuen Bowiemesser blutig werden würden. „Sie sollen eine Schlange bilden“, schlug Anna vor. „Dann können wir zugleich auch etwas über ihre soziale Struktur, die Hierarchie und die Beziehungen untereinan- der erfahren.“ * Der mit dem Stab erachtete es als selbstverständlich, der erste zu sein. Seine Jünger stellten sich hinter ihm auf, und der Rest der Dörfler folgte. Ob er am Vortag eines erhalten hatte oder nicht – jeder erhielt ein Messer, ein Tuch, ein Schmuckstück, eine Tasse und einen Teller aus rostfreiem, Stahl, einen Eimer und eine leere Flasche mit einem Kor- ken. Die Frauen trugen keine Messer in Scheiden, daher bekamen sie Pfadfindermesser in Schlingen. Alle erhielten ausreichend E-T 3 und Zucker. Alle Kinder, die groß ge- nug erschienen, bekamen ebenfalls ein Messer und viel Zucker. Anna und Karl standen dort, wo sich die Schlange bilde- te, und beobachteten, wie sich einer nach dem anderen an- stellte. Lillian nahm alles mit einer Audiovisionskamera auf. Als er sah, daß die Soldaten die Geschenke richtig aus- teilten, schlenderte auch Howell zu der Gruppe. Gerade als er näher kam, trat zögernd ein Paar heran – ein Mann mit einem Lendenschurz unter einer Lederschürze und eine Frau, viel kleiner als er, in einer abgerissenen und ver- schmutzten Tunika. Als sie sich hinten angestellt hatten, drängte sie ein anderer Svant in einem blauen Umhang bei- seite und nahm ihren Platz ein. „Hallo, das kannst du nicht tun!“ rief Lillian. „Karl, er soll zurücktreten!“ Karl sagte etwas von sozialem Status und Rangordnung. Das Paar versuchte, hinter dem Mann Platz zu finden, der es beiseitegeschoben hatte. Da kam ein anderer Dorfbe- wohner und wollte sie verdrängen. Howell trat vor und ballte die rechte Faust. Dann dachte er daran, daß er ja nicht wußte, was er treffen würde; es konnte sein, daß er dem Kerl das Genick brach – oder aber seine eigenen Knö- chel. Er packte den blaugekleideten Svant mit beiden Hän- den am Handgelenk, schlug ihm einen Fuß weg und zog, kräftig, worauf der Kerl zwei Meter durch die Luft flog und noch einige Meter im Staub schlitterte. Mark schob die anderen zurück und stellte das Paar an seinen Platz in der Schlange. „Mark, das hättest du nicht tun sollen“, erklärte Dorver. „Wir wissen nicht …“ Der Svant setzte sich auf und schüttelte benommen den Kopf. Dann kam ihm zu Bewußtsein, was ihm angetan worden war. Mit einem wütenden Knurren sprang er auf die Beine und hielt auch schon ein Messer in der Hand. Es war ein terranisches Bowiemesser. Ohne lange zu überle- gen, hatte Howell seine Pistole gezogen und entsicherte sie. Der Svant blieb ruckartig stehen, ließ das Messer fallen, zog den Kopf ein und hielt seine Arme darüber wie um seinen Kamm zu schützen. Er wich einige Schritte zurück, wandte sich dann um und stürzte in das nächste Haus da- von. Die anderen, einschließlich der Frau in der zerrissenen Tunika, zwitscherten aufgeregt. Nur der Mann mit der Le- derschürze blieb ruhig. Er murmelte bloß vor sich hin: „Ghrooghghrooogh.“ Gefolgt von drei seiner Soldaten kam Luis Gofredo an- gerannt. „Was ist geschehen, Mark? Ärger?“ „Schon alles vorbei.“ Er berichtete Gofredo von den Ge- schehnissen. Dorver hatte immer noch Einwände: „… Soziale Rangordnung; der Svant war entsprechend der geltenden Sitten und Gebräuche im Recht.“ „Die geltenden Sitten mögen verdammt sein!“ Gofredo, wurde zornig. „Dies ist eine Angelegenheit der Terrani- schen Föderation; wir setzen die Regeln fest, und eine da- von ist, daß keine Leute aus der Reihe verdrängt werden. Wenn man dies den Kerlen jetzt beibringt, haben wir später keinen Ärger mehr.“ Er rief über die Schulter: „Lage wie- der unter Kontrolle; setzt den Zirkus fort!“ Die Eingeborenen grinsten alle herzerweichend vor Freude. Vielleicht war der Gemaßregelte nicht einer der beliebtesten im Dorf. „Du hast bloß die Pistole gezogen, und er ließ das Mes- ser fallen und lief?“ fragte Gofredo. „Und die anderen fürchteten sich auch?“ „Richtig. Alle haben gesehen, wie du deine abgefeuert hast; der Lärm erschreckte sie.“ Gofredo nickte. „Wir werden also überflüssiges Schie- ßen vermeiden. Sie sollen so spät wie möglich herausfin- den, daß ihnen der Lärm nicht schadet.“ Paul Meillard hatte einen Weg gefunden, die Hauen, Schaufeln und Äxte zu verteilen. Wenn man jedes Haus als die Wohnstätte einer Familieneinheit ansah, gab es genug Hauen und Schaufein und eine Axt für jedes dritte Haus. Die Geräte wurden in einen Luftjeep verladen und vor die einzelnen Türen gelegt. Dabei stellte sich heraus, daß die Häuser gar nicht aus Backstein waren. Sie bestanden aus Holzbalken, die außen mit luftgetrocknetem Lehm bewor- fen waren. Das zerstörte seine Theorie, daß die Häuser pe- riodisch niedergerissen wurden, wodurch der Erdhügel un- erklärt blieb., Einige Schwierigkeiten bereitete die Verteilung der Schubkarren, des Schleifsteins und der beiden Sägen. Nie- mand konnte wissen, ob sich nicht (der Adel? die Kapitali- stenklasse? die Politiker? die Ehrenbürger?) die Geräte ein- fach für sich behielt. Paul Meillard machte sich deswegen Sorgen, aber alle anderen waren dafür, die Eingeborenen sich damit selbst zu überlassen. Noch ehe die Gleiter ge- startet waren, hatte unter durchdringendem Schnattern und Kreischen ein heftiger Streit begonnen. Als sie im Lager landeten, vernahmen sie das Gedröhn des Lederhorns. * Eine der Hütten wurde zum Hauptquartier des Kontakt- teams erklärt, mit Bild- und Kommunikationsschirmen ausgestattet und mit einem schalldichten Abteil versehen, in dem Lillian ihre Aufnahmen studieren konnte. Es war Nachmittag, als sie zurückkehrten, und sie setzten das Ge- spräch von Mittag fort. Karl Dorver war von seiner Telepa- thentheorie mehr denn je überzeugt, und er hatte Anna de Jong davon vollkommen überzeugt. „Seht her!“ Er wies auf den Schnüfflerschirm, auf dem man den Platz direkt von oben sehen konnte. „Sie sind be- reits zu einem Schluß gekommen.“ Es hatte tatsächlich den Anschein, doch zu welchem, war weniger ersichtlich. Das Horn dröhnte nicht mehr, und der Lärm nahm ab. Es war eigenartig, daß sich der Friede – genauso wie zuvor der Tumult – von innen nach außen, ausbreitete. Der Ursprung befand sich in der Mitte des Platzes, und zuletzt wurde der Rand der Menge erreicht. Dasselbe war geschehen, als Gofredo die Maschinenpistole abfeuern ließ, und auch – nun erinnerte er sich erst – bei der Auseinandersetzung mit dem sich Vordrängenden. „Nehmt an, einige von ihnen in der Mitte haben sich ge- einigt“, sagte Anna. „Sie denken alle dasselbe und verviel- fachen dadurch ihre telepathischen Kräfte. Sie dominieren die Leute in der Nachbarschaft, die sich ihnen anschließen und das telepathische Signal noch mehr verstärken. Auf diese Weise breitet es sich durch die ganze Gruppe aus. Eine geistige Kettenreaktion.“ „Das würde die Art der Führung erklären, worüber ich mir schon Gedanken gemacht habe“, sagte Dorver aufge- regt. „Es ist eine geistige Aristokratie, eine besonders be- gabte Gruppe von Telepathen, die gleiche Ansichten ver- treten und ihre Kräfte zusammen einsetzen, um ihre Mei- nung den anderen mehr oder weniger aufzudrängen. Ich wette, das Horn dient dazu, die Gedanken der übrigen ab- zulenken, so daß sie leichter beeinflußt werden können. Der Lärm der Schüsse hat ihre Verbindung untereinander abreißen lassen; was Wunder, daß sie erschrocken waren!“ Bennet Fayon war alles andere als überzeugt. „Bisher ist die Telepathentheorie nur eine Annahme. Ich finde, es ist viel einfacher, zwischen ihnen und uns einen Unterschied darin anzunehmen, wie sie Geräusche in Sinnesempfin- dungen umsetzen. Wir glauben, daß jene Kämme auf ihren Köpfen ihre äußeren Gehörorgane sind, aber wir haben, keine Ahnung, was sich dahinter verbirgt oder was für ein Nervensystem damit verbunden ist. Ich wünschte, ich wüß- te, wie sie mit ihren Toten verfahren. Ich brauche ein paar frische Leichname, was einfach wäre, wenn sie sich kriege- risch zeigten. Über Svantanatomie wissen wir praktisch gar nichts.“ „Ich könnte mir vorstellen, daß die Tiere auf dieselbe Weise hören“, meinte Meillard. „Wenn die Wagen, Hacken und Eisenwaren aus dem Schiff kommen, wollen wir sie gegen Vieh eintauschen.“ „Wenn sie in den Bergen landen, wie beschlossen wur- de, werde ich viel jagen gehen“, fügte Loughran hinzu. „Ich werde dir wilde Tiere besorgen.“ „Ich gehe davon aus, daß die Geräusche, die sie von sich geben, sinnvolle Rede darstellen“, sagte Lillian Ransbury. „Bisher habe ich sie in phonetischer Hinsicht untersucht; jetzt werde ich die Wellenlängenmuster analysieren. Was auch immer in ihren privaten Nervensystemen vor sich ge- hen mag, die Geräusche existieren als Schwingungen der Atmosphäre. Ich werde davon ausgehen, daß der Bürger- meister und seine Genossen alle dasselbe zu sagen versuch- ten, als sie auf sich wiesen, und werde sehen, ob die Geräu- sche etwas Gemeinsames aufweisen.“ Nach dem Nachtmahl hatten sie sich immer noch nicht geeinigt. Luis Gofredo achtete darauf, daß das Lager er- leuchtet war. Außerhalb stellte er eine Reihe photoelektri- scher Robotwachen auf, während über allem mit Infrarot- detektoren ausgerüstete Schnüffler kreisten. Außerdem be-, stand er darauf, daß seine eigenen Leute und auch Dave Questells Konstruktionsingenieure ihre Waffen zur Hand hatten. Die Eingeborenen im Dorf trauten den Terranern ebenfalls nicht recht. Sie trieben die Herden zwar nicht von den Weiden, doch entzündeten sie beim Einbruch der Dun- kelheit Wachfeuer am Rande des Hügels. * Drei Stunden später schnarrte es am Kontrollpult für die Robotwachen wie eine aufgeschreckte Klapperschlange. Alle – ob sie sich nun unterhielten oder konzentriert die Ereignisse des Tages auswerteten – erstarrten. Luis Gofre- do, der in einem Sessel döste, sprang augenblicklich auf und begab sich zu den Instrumenten. Sein Stellvertreter, der mit Willi Schallenmacher Schach gespielt hatte, erhob sich, nahm seinen Gürtel von der Sessellehne und legte ihn an. „Nur ruhig“, wehrte Gofredo ab. „Wahrscheinlich ist es nur eine Kuh oder ein Pferd – beziehungsweise das hiesige Gegenstück – das den Alarm ausgelöst hat.“ Er setzte sich vor einen der Schnüfflerschirme und be- gann, an der Fernkontrolle zu hantieren. Das einfarbige Bild, das aus den Infrarotstrahlen umgewandelt wurde, be- gann zu rotieren, als der Schnüffler einen Kreis beschrieb und seinen Kurs wechselte. Auf dem anderen Bildschirm verkleinerte sich das Bild des Lagers, und die sichtbare Fläche nahm zu, als der zugehörige Schnüffler an Höhe gewann., „Es ist kein großer Trupp“, sagte Gofredo. „Ich kann nichts erkennen – o doch; es sind nur zwei.“ Die humanoiden Gestalten – eine etwas größer als die andere – bewegten sich vorsichtig und gebückt über die Felder. Der Schnüffler senkte sich tiefer über sie, worauf Mark sie erkannte. Es waren der Mann und die Frau, die der blaugekleidete Dörfler aus der Reihe hatte verdrängen wollen. Gofredo erkannte sie ebenfalls. „Deine Freunde, Mark. Harry“, befahl er seinem Unter- gebenen, „geh hinaus und teile es draußen mit! Nur zwei, und wir halten sie nicht für feindlich. Alle sollen außer Sicht bleiben; wir wollen sie nicht erschrecken.“ Der Schnüffler folgte ihnen in kürzester Entfernung. Der Mann trug nicht mehr seine Schürze, und das Gewand der Frau war noch zerrissener und verschmutzter. Sie führte ihn an der Hand. Hin und wieder blieb sie stehen und wandte ihren Kopf zurück. Der Schnüffler über dem Hügel zeigte nichts als ein halbes Dutzend Wachen, die bei ihren Feuern dösten. Das Paar hatte den Rand des Lichtscheins vom Lager erreicht. Als sie weitergingen, schien ihnen zu Bewußtsein zu kommen, daß sie den Punkt überschritten hatten, von wo aus sie noch hätten zurückkehren können. Sie richteten sich auf und kamen ruhig näher, wobei die Frau ihren Begleiter zu führen schien. „Was ist los, Mark?“ Es war Lillian. Sie mußte gerade aus ihrem schalldichten Abteil gekommen sein. „Du kennst sie; das Paar vom Nachmittag. Ich glaube,, wir haben die ersten Freunde gefunden.“ Sie gingen alle hinaus. Die beiden Eingeborenen, die das Lager betreten hatten, waren stehengeblieben. Einen Au- genblick lang schien der Mann im Lendenschurz unent- schlossen zu sein, ob er mehr fürchtete, davonzulaufen oder weiterzukommen. Die Frau hielt ihn an der Hand und führte ihn näher heran. Beide wiesen Verletzungen auf, und niemand von beiden führte auch nur eines der Dinge mit sich, die sie am Nachmittag erhalten hatten. „Die anderen haben ihnen eine Tracht Prügel verabreicht und sie beraubt“, begann Gofredo wütend. „Siehst du nun, was du angerichtet hast?“ fragte Dorver. „Ihren Sitten entsprechend hatten sie nicht das Recht, vor den anderen zu stehen, und jetzt sind sie deinetwegen be- straft worden.“ „Ich hätte mit dem Kerl noch ganz andere Dinge ange- stellt als Mark, wäre ich an seiner Stelle gewesen.“ Der Marineoffizier wandte sich an Meillard: „Sieh mal, das ist deine Angelegenheit, Paul; wie du sie behandelst, ist deine Sache. Aber an deiner Stelle würde ich mit dem Paar ins Dorf gehen, mir von ihnen zeigen lassen, wer sie verprü- gelt hat und der ganzen Bande eine Lehre erteilen. Wenn du diesen Planeten kolonisieren willst, so mußt du das Fö- derationsgesetz einführen. Und im Föderationsgesetz heißt es, daß man nicht über jemanden herfallen, ihn schlagen und berauben darf. Wir brauchen nicht Svantesisch zu sprechen, um ihnen klarzumachen, was wir wollen und was wir nicht wollen.“, „Später, Luis. Nachdem wir mit irgend jemandem einen Vertrag geschlossen haben.“ Meillard unterbrach sich. „Sieh hin!“ Die Frau gestikulierte mit den Händen. Sie wies gegen das Dorf auf dem Hügel. Dann formte sie mit den Händen einen Kübel, wie sie ihn Nachmittag erhalten hatte, und machte eine Bewegung, als wolle sie ihn von sich selbst wegreißen. Sie gab zu verstehen, daß man ihnen auch die Halstücher, das Messer und die anderen Dinge wegge- nommen hatte. Sie vollführte schlagende Bewegungen und wies auf ihre Verletzungen und die des Mannes. Die ganze Zeit hindurch sprach sie aufgeregt mit schriller, hoher Stimme. Der Mann gab dieselben Geräusche von sich wie Nachmittag: „Ghroogh-ghroogh“. „Nein, wir können keine Strafaktion durchführen. Nicht jetzt“, sagte Meillard. „Aber wir müssen etwas für die bei- den hier tun.“ Vergeltung, so schien es, war es auch nicht, was sie wollten. Die Frau vollführte Gesten der Zurückweisung gegen das Dorf hin, dann verbeugte sie sich und legte die Hände an die Stirn. Der Mann imitierte ihr Gehabe, worauf sich beide aufrichteten. Die Frau deutete auf sich und den Mann und dann auf die Hütten und das Landungsboot. Sie begann umherzuhuschen, imaginäre Abfälle aufzuheben und mit einem imaginären Besen zu kehren. Der Mann schien mit einem unsichtbaren Hammer und einer unsicht- baren Axt zu hantieren. Lillian klatschte sacht in die Hände. „Gut, ich habe es, beim ersten Mal verstanden: ,Ihr laßt uns bleiben, und wir arbeiten für euch.’ Was hältst du davon, Paul?“ Meillard nickte. „Eine Vergeltungsaktion ist nicht ange- bracht, aber wir wollen unseren Standpunkt darlegen, in- dem wir sie aufnehmen. Sag du es ihnen, Luis! Diese Leute scheinen deine Stimme zu lieben.“ Gofredo legte den beiden seine Hände auf die Schultern. „Ihr – bleibt – bei uns.“ Er wies auf das Lager. „Ihr – bleibt – hier.“ Ihre Gesichter verzogen sich zu jenem komischen Aus- druck, als wollten sie jeden Moment losheulen, der bei ih- nen Freude bedeutete. Der Mann beschränkte seine Worte wieder auf sein eigenartiges Ghroogh-ghroogh, während die Frau freudig zwitscherte. Gofredo legte der Frau seine Hand auf die Schulter, deutete auf den Mann und von ihm wieder zu ihr zurück. „Hm?“ fragte er. Die Frau legte ihre Hand auf den Kopf des Mannes und senkte sie dann bis auf eine Höhe von dreißig Zentimetern über dem Boden. Sie hob ein imaginäres Kind auf, schau- kelte es in den Armen, setzte es wieder auf den Boden und ließ es wachsen, bis sie ihre Hand wieder auf dem Kopf des Mannes liegen hatte. „Das war gut, Mammi“, lobte sie Gofredo. „Jetzt kommt mit mir mit, wir wollen euch Ausrüstung und eine Unter- kunft geben.“ Dann fügte er hinzu: „Was sollen wir ihnen zu essen geben, E-T 3?“ *, Sie ersetzten ihnen alles, was ihnen weggenommen worden war; dem Mann verpaßten sie einen Marineoverall, Lillian schenkte der Frau einen lavendelfarbenen Bademantel, und Anna gab einen roten Schal. In einer Ecke eines Vorrats- schuppens bereitete man ihnen eine Unterkunft, nachdem man sich vergewissert hatte, daß nichts in ihrer Nähe war, womit sie sich verletzen oder was sie beschädigen konnten. Beide erhielten je zwei Decken und eine Luftmatratze, die sie auf das höchste erfreute. „Was willst du ihnen zu essen geben, Bennett?“ fragte Meillard, als sich die Svants niedergelegt hatten, im Hauptquartier. „Du hast gesagt, daß die Nahrungsmittel auf diesem Planeten für Terraner geeignet sind.“ „Jawohl, das tat ich, und es stimmt auch. Aber das muß nicht notwendigerweise umgekehrt gelten. Manche unserer Nahrungsmittel könnten sie töten“, antwortete Fayon. „Be- sonders Fleischsorten sind sehr gefährlich. Und kein Kaf- fee und kein Alkohol.“ „Alkohol kann ihnen nicht schaden“, meinte Schallen- macher. „Ich habe bei einigen der Häuser große Krüge voll gärendem Fruchtfleisch gesehen. In etwa einem Jahr müßte ein ziemlich guter Wein daraus entstanden sein. C2H5OH ist auf jedem Planeten dasselbe.“ „Na, dann werden wir morgen einheimische Nahrungs- mittel besorgen“, entschied Meillard. „Auch dafür werden wir die Zeichensprache benötigen“, bedauerte er. „Mammi soll dir dabei helfen, sie ist ziemlich hell auf, der Platte“, schlug Lillian vor. „Aber Sonny halte ich für den Dorftrottel.“ Anna de Jong stimmte zu. „Wenn wir auch von der Svantpsychologie keine Ahnung haben; dies ist offensicht- lich. Er ist entschieden abnormal. Wie er an seiner Mutter hängt, sich förmlich an sie klammert, ist bemitleidenswert. Körperlich ist er erwachsen, geistig jedoch noch ein kleines Kind.“ „Das könnte die Erklärung sein!“ rief Dorver. „Ein gei- stig Zurückgebliebener in einer Gemeinschaft von Telepa- then, der andauernd mit irrationalen und widerlichen Ge- danken in den Geist der anderen eindringt! Kein Wunder, daß er abgewiesen und verfolgt wird. Und in einer Ge- meinschaft dieses Kulturniveaus wird die Mutter eines ab- normalen Kindes oft mit abergläubischem Abscheu be- trachtet …“ „Ja, natürlich!“ stimmte Anna de Jong sofort zu und er- ging sich in die Erklärung der Feindseligkeit der Dorfbe- wohner Mutter und Sohn gegenüber. Beide sahen die Tele- pathentheorie nun als gesichert an. Nun, vielleicht. Mark wandte sich an Lillian. „Was hast du herausgefunden?“ „Ja, die vier Geräusche haben etwas gemeinsam. Ein kleiner Fleck auf dem Schirm bei siebzehn Hertz. Das Sonderbare daran ist, daß der Ton nicht vorhanden ist, wenn ich ihn wiederholen möchte.“ Das war in der Tat seltsam. Wenn ein Svant etwas sagte, erzeugte er Schallwellen; wenn sie den Ton imitierte, soll-, ten sie auch das Frequenzspektrum imitieren. Er teilte ihr seine Überlegung mit, und sie war seiner Meinung. „Doch komm mit und sieh es dir selbst an!“ schlug sie vor. Sie hatte einen Analysator verwendet, der Töne sichtbar machte. Jeder wurde durch eine Anzahl von Filtern in Fre- quenzgruppen zerlegt und in Licht verschiedener Farbe von tiefrot bis violett und reines Weiß umgewandelt. Das Gerät fotografierte das Lichtmuster auf einen Hochgeschwindig- keitsfilm, entwickelte ihn automatisch und projizierte ihn langsam auf einen Bildschirm. Als sie einen Knopf drück- te, sagte eine Stimme: „Fwoonk.“ Einen Augenblick später erschien auf dem Schirm ein Muster vertikaler Linien ver- schiedener Farbe und Länge. „Diese grünen Linien“, sagte sie, „das sind sie. Jetzt paß auf!“ Sie drückte auf einen anderen Knopf, empfing aus einem Schlitz einen Abzug des Bildes und hielt ihn neben den Schirm. Dann nahm sie ein Mikrophon zur Hand und sagte „Fwoonk“ hinein. Es klang wie das Wort vom Tonband, aber das Muster, das auf dem Schirm erschien, war ein an- deres. Anstelle von grünen fand sich eine Anzahl blaßblau- er Linien. Sie nahm die anderen drei Svantstimmen her, die – wie sie annahm – „ich“ sagten. Manche davon befanden sich hauptsächlich im Blaugebiet, andere enthielten viel gelb und orange, doch wiesen alle den kleinen Fleck grüner Linien auf. „Nun, das scheint die Information zu sein“, meinte er. „Das übrige ist einfach Nebengeräusch.“, „Vielleicht sagt der eine: ,John Doe, ich, Sohn von Joe Blow’, der andere: ,Der Stärkste bin ich, schlage jeden in der Stadt.’“ „Alles in einer Silbe?“ Er zuckte die Achseln. Konnte er wissen, was diese Leute alles in einer Silbe unterbringen mochten? Er nahm das Handmikro und sagte: „Fwoonk.“ Das Muster glich dem ihren – die Farben waren etwas dunk- ler und die Linien länger –, aber nicht denen der Svants. Die anderen traten nach und nach ein. Sie betrachteten alle die tanzenden Farben auf dem Schirm, die die vier Svantworte darstellten, die vielleicht alle „Ich“ bedeuteten. Sie versuchten, sie nachzuahmen. Luis Gofredo und Willi Schallenmacher kamen der Sache am nächsten. Bennett Fayon bestand auf seiner Theorie, daß die Svants eine Sprache hatten, die vollkommen verständlich wäre – für andere Svants. Anna de Jong hatte begonnen, die Dorver- hypothese ein wenig anzuzweifeln. Es bestand ein Unterschied zwischen objektivem Ton, der nichts anderes als eine Welle von komprimierter und verdünnter Luft und subjektivem Ton, der eine akustische Sinnesempfindung des Nervensystems war, gab sie zu. Dies habe er ja die ganze Zeit behauptet, stellte Fay on be- friedigt fest; ihr akustisches System war offensichtlich so aufgebaut, daß fwoonk, pwink, tweelt und kroosh für sie gleich klang. Mittlerweile waren fwoonk, pwink, tweelt und kroosh un- ter den Leuten des Kontaktteams und der Raumflotte zu Flüchen geworden., „Wenn ich zwei Töne als gleich höre, warum tut dies der Analysator nicht?“ fragte Karl Dorver. „Er hat bessere Ohren als du, Karl. Schau, wie viele ver- schiedene Frequenzen in jenem Wort stecken, die sich überlagern“, antwortete Lillian. „Aber das Gerät ist nicht sensitiv genug. Ich werde sehen, ob mir Ayesha Keithley nicht ein besseres bauen kann.“ Ayesha war Signaloffizier der HUBERT PENROSE. Dave Questell erwähnte, sie habe einen schweren Tag ge- habt und schlafe wahrscheinlich. Sie würde es sicher be- grüßen, nicht um 0130 Uhr angerufen zu werden. Niemand schien zu Bewußtsein gekommen zu sein, wie spät es ei- gentlich bereits war. „Nun, ich werde das Schiff anrufen und ihr eine Nach- richt hinterlassen. Aber wenn wir nicht bald weiterkom- men, weiß ich nicht, was ich tun soll.“ „Es ist bereits soweit, Lillian“, meinte Dorver. „Was diese Leute von sich geben, hat nicht einmal soviel Sinn wie die Antrittsrede von Paul über den Malemute-Salon. Die wirkliche Information wird telepathisch übermittelt.“ * Leutnant Ayesha Keithley erschien am nächsten Morgen während des Frühstücks auf dem Bildschirm. Sie war blond wie Lillian. „Ich habe deine Nachricht erhalten; du scheinst da an ein ziemliches Problem geraten zu sein, nicht?“, „Ja, und das ist noch milde ausgedrückt. Weißt du, wor- um es geht?“ „Ihr wißt nicht, wie ihre Sprechorgane aufgebaut sind, oder?“ fragte das Mädchen in der Flottenuniform auf dem Bildschirm. Lillian schüttelte den Kopf. „Bennett Fayon hofft darauf, möglichst bald einige Leichen zum Sezieren zu erhalten.“ „Er wird entdecken, daß sie reichlich kompliziert sind“, meinte Ayesha Keithley. „Ich entdeckte, Labiallaute, Gut- turallaute, Explosivlaute und Saitenlaute neben den ge- wöhnlichen Zisch- und Nasallauten. Es wird ein ziemlicher Spaß sein, ein Gerät zu bauen, das all diese Laute imitiert. Was für Ausrüstung verwendest du?“ Lillian sprach immer noch darüber, als die zwei Lan- dungsboote aus dem Schiff gesichtet wurden und zur Lan- dung ansetzten. Charley Loughran und Willi Schallenma- cher, die auf die HUBERT PENROSE zurückkehrten, um sich dem zweiten Landungstrupp anzuschließen, begannen, ihre Sachen zusammenzupacken. Die anderen, unter ihnen Howell, gingen hinaus. Mammi und Sonny beobachteten, wie die beiden Lan- dungsboote über ihnen immer größer wurden, und hielten sich in der Nähe einer Gruppe von Raumleuten. Sonny blickte erregt um sich, während Mammi seinen Arm fest- hielt – wie eine Henne mit einem überdimensionierten Kü- ken. Ihre Überlegung war klar: Diese Leute wußten alles über große Dinge, die aus dem Himmel kamen, und fürch- teten sich nicht davor. Wenn man sich in ihrer Nähe hielt,, konnte einem nichts geschehen. Sonny sah das Kontakt- team aus der Hütte kommen und ergriff seine Mutter am Arm, während er auf die Terraner wies. Beide strahlten fröhlich. Ihr Gesichtsausdruck wirkte auf einmal gar nicht mehr traurig, kannte man einmal seine Bedeutung. Sonny begann entsetzlich zu ghroogh- ghrooghen. Mammi legte ihm die Hand über den Mund und brachte ihn zum Schweigen. Dann vollführten beide Eßbewegungen, rieben sich die Bäuche und wiesen auf die Kochhütte. Bennett Fayon war entsetzt. Er wandte sich um und rannte zum Koch, der in seiner Tür stand. Er rief ihm etwas zu. Die Antwort des Kochs war wegen der Entfernung nicht zu verstehen. „Bei allen bösen Geistern, nein!“ rief er. Der Koch erwiderte wieder etwas und zuckte die Achseln. Fay- on kam zurück und murmelte vor sich hin. „Terranisches, synthetisches Schweinefleisch“, sagte er, als er die anderen erreicht hatte. „Früchte von Zarathustra, Kartoffelmehlkuchen mit Baidurhonig und Odinsbeeren- marmelade. Und je zwei große Tassen Kaffee. Es ist ein Wunder, daß sie noch nicht tot sind. Sollten sie zu Mittag noch leben, brauchen wir uns wegen ihrer Ernährung keine Sorgen mehr zu machen. Aber ich bin froh, daß jemand anderer die moralische Verantwortung dafür trägt.“ Lillian Ransby trat aus dem Hauptquartier. „Nachmittag kommt Ayesha mit einer Menge von Geräten herunter“, teilte sie mit. „Wir werden zwar nicht die Luftmoleküle in den Schallwellen zählen, aber abgesehen davon wollen wir, nichts unversucht lassen. Wir werden ein größeres schall- dichtes Labor brauchen.“ „Sag Dave Questell, was du benötigst“, meinte Meillard. „Glaubst du wirklich, etwas finden zu können?“ Sie zuckte die Achseln. „Wenn es etwas zu finden gibt. Wie lange es dauern wird, ist eine andere Frage.“ Die beiden zwanzig Meter langen kollapsiumgepanzer- ten Schildkröten setzten auf dem Boden auf, und die Kon- tragravitation wurde abgeschaltet. Die Luken öffneten sich, und alles mögliche wurde auf Schwebeplatten ausgeladen: Bestandteile des Wasserturms und gebogene Titanplatten für den Tank. Anna de Jong sagte etwas von heißen Du- schen, und daß man sich nun nicht mehr mit Schwammbä- dern begnügen müsse. Howell sah zu, wie das andere Lan- dungsboot entladen wurde: ein Dutzend Paare Wagenräder von einem Meter zwanzig Durchmesser samt zugehörigen Achsen, bündelweise Hacken, Sensenblätter, eine kleine Esse mit einem kurbelbetriebenen Gebläse und einem sieb- zig Kilogramm schweren Amboß samt Hämmern und Zan- gen. Alle waren beschäftigt; nur Mammi und Sonny gestiku- lierten mit leeren Händen. Hallo, Boß, was sollen wir tun? Mark klopfte ihnen auf die Schultern. „Beruhigt euch!“ Er hoffte, seine Stimme klang nicht eindringlich. „Wir werden schon etwas für euch finden.“ Er war mit den Ereignissen nicht sonderlich zufrieden. Es mochte ja recht schön sein, den Svants Werkzeuge zu schenken, aber er hielt es für wichtiger, ihnen eine Techno-, logie beizubringen. Daran hatten die Leute auf dem Schiff nicht gedacht. Diese Räder zum Beispiel: maschinell her- gestellte Stahlnaben, Stahlränder, rohrförmige Stahlspei- chen und maschinell erzeugte Achsen. Die Svants würden sie in tausend Jahren nicht nachbauen können – vielleicht in hundert, wenn ihnen jemand beibrachte, wie man Eisen gewinnt, es schmilzt und bearbeitet. Er ging hinüber und zog aus einem der Bündel eine Hacke heraus. Das Blatt wurde mit einer Motorpresse her- gestellt und an Stahlrohre als Griffe geschweißt. Nun, auf einem Raumschiff war es nicht leicht, Holz für einen Hak- kenstiel aufzutreiben, auch nicht auf einem Schlachtkreu- zer von achthundert Metern Durchmesser – das mußte er zugeben. Außerdem waren sie etwa doppelt so wirksam wie die von den Svants verwendeten Bronzegeräte; den- noch hielt er es nicht für richtig. Selbst wenn man annahm, daß die erste Kolonistenwelle in eineinhalb Jahren auf- kreuzen würde, so dauerte es sicher noch zwanzig Jahre, bis Fabriken in Massenproduktion Geräte für den Handel mit den Svants herstellen konnten. Man sollte die Leute lie- ber lehren, selbst bessere Dinge herzustellen, man mußte ihnen helfen, so daß die nächste Generation für Kontragravi- tation, elektrische und nukleare Energie bereit sein würde. Mammi wußte nicht, was sie von den Geschehnissen halten sollte, aber Sonny ergriff Howell ganz aufgeregt am Arm und sagte: „Ghroogh! Ghroogh!“ Er deutete auf die Räder, beugte sich dann nieder und schob einen unsichtba- ren Gegenstand vor sich her. Wie ein Schubkarren?, „Richtig.“ Er nickte und fragte sich, ob Sonny dies wohl als Zustimmung auffassen würde. „Wie ein großer Schub- karren.“ Aber eins verwunderte Sonny. Die Räder von Schubkar- ren waren klein – seine Hände deuteten die Größe an – und einzeln. Diese hier waren groß und zu zweien. „Paß auf, Sonny!“ Mark hockte sich nieder, nahm einen Block und einen Bleistift aus der Tasche und zeichnete erst zwei Räderpaa- re, auf die er dann einen Wagen zeichnete, der von einem Vierfüßer gezogen wurde. Daneben ging ein Svant mit ei- nem Stock. Sonny sah das Bild an und zupfte dann Mammi am Ärmel, um es ihr zu zeigen. Sie verstand es nicht. Son- ny nahm den Bleistift und zeichnete ein anderes Zugtier mit einem Holzschlitten. Er gestikulierte. Ein Schlitten schliff; er bewegte sich nur langsam. Ein Wagen hatte Rä- der, die sich drehten; er fuhr rasch. Lillian und Anna hielten ihn also für den Dorftrottel; da- bei war er eher das Dorfgenie. Die anderen Bauern ver- standen ihn nicht und verübelten ihm seine Überlegenheit. Sie gingen zu den Rädern und betrachteten sie genauer. Als sie sie schoben, war Sonny fast außer sich. Mammi schien verwirrt, hielt sie aber für sehr schön. Dann sahen sie sich die Schmiedewerkzeuge an. Sonny hatte noch nie zuvor Zangen gesehen. Howell fragte sich, was sie wohl zur Handhabung heißen Metalls verwendeten; wahrscheinlich zwei an einem Ende zusammengebundene grüne Holzstöcke. Es gab eine alte arabische Legende, der, zufolge Allah die erste Zange gemacht und sie dem ersten Schmied gegeben hatte, denn niemand konnte eine Zange herstellen, wenn er nicht bereits eine besaß. Sonny verstand das Gebläse erst, als man es zerlegte. Dann machte er eine große Entdeckung: Die Räder, die Flügel des Gebläses und die Zange verkörperten alle das- selbe Prinzip, eines, das sein Volk offenbar nicht entdeckt hatte. Vor ihm schien sich eine vollkommen neue Welt zu öffnen, und von da an fand er andauernd Dinge, die um eine Achse drehbar gelagert waren. * Mammi schien wieder nervös zu werden. Sie sollte etwas tun, um ihre Anwesenheit im Lager zu rechtfertigen. Er überlegte gerade, was er für eine Arbeit für sie erfinden könne, als Karl Dorver ihn vom Hauptquartier aus rief. „Mark, kannst du Mammi eine Zeitlang entbehren?“ fragte er. „Wir wollen ihr Bilder zeigen, und sie soll uns darüber aufklären, welche der Tiere auch geschlachtet wer- den und welche der Feldfrüchte reif sind.“ „Glaubst du, etwas aus ihr herausholen zu können?“ „Ja, mittels Zeichensprache schon. Vielleicht lernen wir sogar einige Wörter.“ Anfangs wollte Mammi Sonny nicht verlassen, doch dann erschien es ihr doch sicher, und sie ging mit Dorver in die Hütte. Dave Questells Bauteam begann sofort mit der Errich-, tung des Wassertanks, wobei sie zur Aushebung des Fun- daments eine Maschinenschaufel verwendeten. Das Wasser mußte mit einem Tank vom vierhundert Meter weit ent- fernten Fluß geholt werden, um Beton bereiten zu können. Sonny beobachtete alles interessiert. Außerhalb Pfeil- schußentfernung hatte sich eine Anzahl Dörfler eingefun- den, die ebenfalls das Geschehen verfolgten. Sie entdeck- ten Sonny unter den Terranern und zeigten auf ihn. Sonny bemerkte dies und ergriff betont unbeteiligt eine doppel- schneidige Axt, die er nicht aus der Hand legte. Zu Mittag aßen er und Mammi gemeinsam mit dem Kontaktteam. Da sie das Frühstück anscheinend gut vertra- gen hatten, ließ Fayon zu, daß sie dasselbe bekamen wie die Terraner auch. Die beiden fanden Wein sehr nach ihrem Geschmack. Sie kannten das Getränk zwar, aber er schien ihnen anders zu schmecken. Dann probierten sie Zigaretten zu rauchen, gaben es aber bald hustend wieder auf. „Mammi konnte uns eine Menge Informationen über ih- re Tiere und Nutzpflanzen geben. Jene Tiere, die so groß sind wie Nashörner, werden nur zum Ziehen verwendet und sonst für nichts. Sie werden nicht einmal gegessen“, sagte Dorver. „Ich weiß nicht, ob das Fleisch schlecht schmeckt oder tabu ist, oder ob das Tier zu wertvoll zum Essen ist. Die drei anderen Arten werden gegessen und zwei von ihnen auch gemolken. Ich nehme an, daß sie das Getreide nach Bedarf in großen Steinmörsern mahlen.“ Er hatte recht. Mark konnte dieselben Beobachtungen machen., „Willi, in den Bergen findest du vielleicht etwas, woraus wir Mühlsteine machen können. Mit den Sonarschneidern wäre dies leicht zu bewerkstelligen. Später können die Eingeborenen es selbst mit der Hand tun. Eines der großen Tiere müßte die Mühle betreiben. Hast du Wörter von ihr gelernt?“ Paul Meillard schüttelte düster den Kopf. „Wir haben nichts Sicheres erfahren. Es war dasselbe wie gestern im Dorf. Sie sagte etwas, ich wiederholte es, sie meinte, es sei falsch, sagte jedoch dasselbe wieder. Lilian hat alles aufge- nommen – mit demselben Ergebnis wie gestern nacht. Du kannst sie später darüber befragen.“ „Sie wirkt auf Mammi wie auf die anderen?“ „Ja. Mammi benahm sich zwar sehr höflich und versuch- te, es nicht zu zeigen, aber…“ Lillian nahm ihn zur Seite, so daß die beiden Svants sie nicht hören konnten. Sie schienen verzweifelt zu sein. „Mark, ich weiß nicht, was ich tun soll. Sie benimmt sich so wie die anderen. Jedesmal, wenn ich den Mund auf- mache, ist sie entsetzt. Es scheint, als füge ihr meine Stimme Schreckliches zu. Dabei bin ich diejenige, die als erste ihre Sprache sprechen sollte.“ „Nun das kannst du ja anderen überlassen, denen du sie lehrst“, meinte er. „Du studierst die Aufnahmen, stellst fest, welches die Wörter sind und lehrst uns, sie zu erken- nen und auszusprechen. Du bist die einzige Linguistin, die wir haben.“ Das schien sie ein wenig zu beruhigen. Er hoffte, mit, seinen Worten recht zu behalten. Wenn sie sich mit den Eingeborenen verständigen konnten und eine Gruppe zur Vorbereitung für die ersten Kolonisten zurückließen, wür- de er ebenfalls zurückbleiben und die Eingeborenen terra- nische Technologie lehren und ihre studieren. Er hatte er- wartet, daß auch Lillian nicht heimfliegen würde. Sie war ja die Linguistin, von der das erwartet wurde. So aber schien es sich herauszustellen, daß sie nicht nur keine Hilfe bedeutete, sondern sogar störte, weshalb sie mit der HUBERT PENROSE heimfliegen würde. Paul würde kei- nen Linguisten behalten, der mit jedem Wort die Eingebo- renen beleidigte. Mark gefiel diese Entwicklung gar nicht. Lillian und er bedeuteten einander bereits zu viel, als daß ihnen eine Trennung nichts ausmachte. * Nachmittag hatten Paul Meillard und Karl Dorver mit Mammi beträchtliche Schwierigkeiten. Sie wollten, daß sie sie ins Dorf begleitete und ihnen beim Viehhandel behilf- lich sei. Mammi wollte nicht; sie fürchtete sich. Erst als ihr vorgespielt wurde, wie sie von einem halben Dutzend Raumsoldaten gegen die Dörfler verteidigt werden würde, die von Dave Questells Leuten mit roten Tüchern auf den Köpfen dargestellt wurden, die als Kämme dienten, willig- te sie ein. Dann fürchtete sie sich wieder davor, den Kon- tragravitationswagen zu besteigen, der die Hauen und Rä- der transportieren sollte. Es gelang Sonny, sie zu beruhi-, gen, und er bestand darauf, mitzukommen und seine Axt mitnehmen zu dürfen. Dies bedeutete, daß die Anzahl der Soldaten verdoppelt werden mußte, im Falle Sonny die Beherrschung verlieren und seine früheren Verfolger an- greifen sollte. Alles wickelte sich jedoch viel besser ab, als Paul Meil- lard und Luis Gofredo erwartet hatten. Nach dem ersten Schreck beim Start fand Mammi, daß das Fliegen mit Kon- tragravitation ihr Spaß machte – Sonny war von Anfang an begeistert. Keiner der Eingeborenen zeigte irgendwelche Feindseligkeiten. Mammis lavendelfarbiger Bademantel und Sonnys grüner Overall und seine große Axt schienen als Symbol eines neuen und gehobenen Standes betrachtet zu werden. Selbst der Oberbürgermeister war äußerst höf- lich zu ihnen. Auch dieser und ein halbes Dutzend andere Dorfbewoh- ner durften mit dem Kontragravitationslaster auf die Wei- den fliegen, um das Vieh auszusuchen. Ein Dutzend Tiere einschließlich der zwei Tonnen schweren Zugtiere wurden in das terranische Lager getrieben. Außerdem wurden noch ein paar Ladungen verschiedener Gemüse eingehandelt. Über den Tauschhandel schienen alle erfreut, insbesondere Bennett Fayon. Er wollte eins der schafgroßen milch- und fleischliefernden Tiere sofort schlachten und es untersu- chen. Gofredo wies ihn an, es auf den nächsten Morgen zu verschieben. Er wollte, daß möglichst viele Leute zusahen, wenn es mit einem Gewehr erschossen wurde. Der Wasserturm war fertig, und der große kugelförmige, Tank wurde auf die Spitze gezogen und daran befestigt. Dann wurde die Pumpe und eine Filtrieranlage installiert. Dennoch gab es an dem Abend kein heißes Wasser für ein Bad. Zuerst mußte eine Leitung zum Fluß gelegt werden, was einen Graben erforderlich machte, der mitten durch einige kultivierte Felder führen würde, was wiederum ei- nen Aufruhr zur Folge haben könnte. Paul Meillard wollte dies vermeiden, solange der Viehhandel nicht abgeschlos- sen war. Charley Loughran und Willi Schallenmacher hatten sich mit einem der Landungsboote ins Schiff begeben. Sie schlossen sich dem Landungstrupp an, der sich in den Ber- gen umsehen wollte. Ayesha Keithley kam spät am Nach- mittag mit einem anderen Landungsboot an und brachte fünf oder sechs Tonnen an Instrumenten und Geräten nebst einem männlichen Assistenten mit. Sie blickten sich in dem Labor um, das Lillian in einer Ecke des Hauptquartiers zur Verfügung gestanden war. „Dies wird nicht ausreichen“, meinte Ayesha. „Wir kön- nen ja nicht einmal ein Viertel der benötigten Ausrüstung hier drinnen unterbringen. Wir müssen etwas Neues bauen.“ Dave Questell wurde zu Rate gezogen. Er war damit einverstanden, ein Gebäude nach den Wünschen der beiden zu errichten und es schalldicht zu machen. Da er dazu Be- ton verwenden wollte, mußten sie warten, bis die Wasser- leitung und die Pumpe funktionierten. Am nächsten Morgen fand sich eine Schar Eingeborener auf den Feldern ein, die das Lager begafften. Gofredo be-, schloß, das Tier zu töten, das sie bis zur Erlernung des Eingeborenennamens „Gezähmt, Typ A“ nannten. Es wur- de ins Freie getrieben, wo jeder es sehen konnte; ein Soldat trat vor, nahm sein Gewehr von der Schulter, kniete nieder und zielte. Das Tier befand sich in einer Entfernung von etwa einhundertfünfzig Metern. Mammi trat ebenfalls her- an, um zu sehen, was vor sich ging. Sonny und Howell, die sich über die Konstruktion eines Wagens unterhalten hat- ten, standen nebeneinander. Der Soldat betätigte den Ab- zug. Es gab einen Knall, und das Gezähmt-A sprang in die Luft, fiel zu Boden, zuckte noch einige Male und lag dann still. Die Eingeborenen beobachteten dies jedoch gar nicht, sondern heulten erbärmlich und hielten sich die Köpfe. Al- le außer Sonny. Er war nur leicht überrascht über das, was dem Gez.-A zugestoßen war. Sonny war augenscheinlich stocktaub. * Wie erwartet, gab es etwas später noch einen Aufruhr, als die Grabmaschine quer über die Felder hinweg zu arbeiten begann. Eine Gruppe von Svants, die beobachteten, daß sich die Maschine unaufhaltsam einem Feld von rübenähn- lichen Gewächsen näherte, versammelte sich vor diesem und zwitscherte aufgeregt, während sogar drohend Acker- baugeräte geschwungen wurden, wovon viele terranischer Herkunft waren. Paul Meillard hatte bereits seine Vorbereitungen getrof-, fen. Er schickte zwei Schweber hin. Einer davon war mit Soldaten besetzt, die mit bereitgehaltenen Gewehren lande- ten. Die Svants wußten bereits alle, was für eine Wirkung so ein Gewehr neben dem Lärm ausüben konnte. Meillard, Dorver, Gofredo und ein paar andere entstiegen dem zwei- ten Gleiter und luden Geschenke aus. Gofredo sprach zu den Eingeborenen, die ihn zwar nicht verstehen konnten, aber seine Stimme mochten. Sie mochten auch die Ge- schenke, unter denen sich ein Dutzend leerer Rumkorbfla- schen, Segeltuch und eine Menge Krimskrams befanden. Die Wasserleitung wurde bewilligt. Mark und Sonny stellten die Schmiede auf, für die es keinen Brennstoff gab. Einige Soldaten wurden in den Wald geschickt, um Brennholz zu holen, das zu Holzkohle verarbeitet werden sollte. Mittlerweile zeichneten er und Sonny Pläne für ein hölzernes Rad mit Metallreifen, als Lillian mit einem Notizblock unter dem Arm aus dem Hauptquartier trat. Sie winkte ihn zu sich. „Komm ruhig her“, sagte er. „Du kannst ohne weiteres vor Sonny sprechen; es macht ihm nichts aus. Er ist näm- lich stocktaub.“ „Taub?“ fragte sie erstaunt. „Du meinst…“ „Ja. Sonny kann dich nicht hören. Er merkte es nicht einmal, als das Gewehr losging. Der einzig Vernünftige unter den Eingeborenen muß ausgerechnet taub sein!“ „Er ist also gar kein Idiot?“ „Er hat einen IQ mit einem fast ans Geniale grenzenden Wert. Schau her! Gestern hat er zum erstenmal in seinem, Leben ein Rad gesehen, und heute entwirft er selbst eines.“ Lillians Augen weiteten sich. „Ah, deswegen begreift Mammi so rasch die Zeichensprache. Sie hat sich mit ihm nie anders verständigen können.“ Dann erinnerte sie sich daran, weswegen sie eigentlich gekommen war, und zeigte ihm den Notizblock. „Weißt du, wie mein Analysator ar- beitet? Nun, Ayesha wird folgendes tun: Nachdem das Ge- räusch in Frequenzbänder zerlegt wurde, werden diese an- statt fotografiert und projiziert wieder zu einem eigenen Analysator geleitet und auf einen eigenen Schirm proji- ziert. Insgesamt sind es vierzig, jeder für einen Bereich von hundert Hertz, von null bis viertausend. Dies scheint der Frequenzumfang der Svants zu sein.“ Während des Essens ging das Diagramm von Hand zu Hand. Bennett Fayon hatte den ganzen Tag mit Sezieren des Tieres zugebracht, das sie nun endgültig Geza nannten, auch wenn sie später den richtigen Namen einmal erfahren sollten. Er blickte desinteressiert auf die Zeichnung, sah nochmals hin, stellte das Glas nieder, das er in der anderen Hand hielt, und sah sich das Diagramm genau an. „Weißt du, was du da hast?“ fragte er. „Es ist eine ziem- lich genaue schematische Zeichnung der Gehörorgane des Tieres, das ich sezierte. Der Kamm ist – wie wir ange- nommen haben – das äußere Organ. Er ist mit kleinen Spalten und Ritzen versehen. Am inneren Ende jeder Spal- te befindet sich eine lange, schmale Membran. Die Öff- nungen treten immer paarweise, auf jeder Seite des Kam- mes, auf, und von ihnen führen Nerven zu Anhäufungen, kleiner, runder Membranen, von denen wieder Nerven zu einem komplexen Strang an der Unterseite des Kammes und in das Gehirn führen. Ich konnte nicht verstehen, wie das System funktionierte, aber jetzt ist es mir klar. Jede der größeren Membranen an der Außenseite entspricht einem Frequenzband, während die kleinen an der Innenseite die Bänder in die einzelnen Frequenzen zerlegen…“ „Wie viele kleine gibt es?“ fragte Ayesha. „Tausende. Der innere Kamm ist förmlich voll von ih- nen. Warte, ich zeige es dir!“ Er erhob sich und ging. Kurz darauf kehrte er mit eini- gen Fotografien und mit mehreren Lucitblöcken zurück, in die Proben eingegossen waren. Alle sahen sich die Stücke an. Anna de Jong war als ausübende Psychologin auch Ärztin und verstand daher einiges von Anatomie. Sie schien verwirrt. „Ich verstehe nicht, wie sie mit einem solchen Mecha- nismus hören können. Ich gebe zu, daß die Membranen auf Töne ansprechen, sehe aber nicht ein, wie sie ihn weiterlei- ten.“ „Aber sie können hören“, erwiderte Meillard. „Ihre Mu- sikinstrumente, ihre Reaktionen auf unsere Stimmen, die Art, wie sie das Gewehrfeuer aufnahmen …“ „Sie hören, aber nicht auf dieselbe Weise wie wir“, meinte Fayon. „Wenn du dich schon nicht auf andere Wei- se überzeugen lassen willst, dann sieh dir diese Dinger an und vergleiche sie mit der Struktur des menschlichen Ohres oder dem einer anderen denkenden Rasse, die wir bisher, entdeckten! Das habe ich doch schon von Anfang an ge- sagt.“ „Sie haben eine Tonempfindlichkeit, die die unsere fast als Taubheit erscheinen läßt“, sagte Ayesha Keithley. „Ich wünsche, ich könnte einen Tondetektor entwerfen, der nur einen Bruchteil so gut ist, wie dieser sein muß.“ Sie hatte recht. Wenn der Oberbürgermeister und Paul Meillard jwoorik sagten, so klang es für die Eingeborenen gänzlich verschieden. Fwoonk, pwink, tweelt und kroosh waren für sie natürlich dasselbe, aber man mußte ja nicht unbedingt Haarspalterei betreiben. An diesem Abend konnte man auch noch nicht heiß du- schen, denn Dave Questells Leute hatten Schwierigkeiten mit der Pumpe und benötigten einige Teile, die an Bord des Schiffes hergestellt werden mußten. Am nächsten Morgen arbeiteten sie immer noch daran. Mark wollte Sonny ur- sprünglich die Schmiedekunst beibringen, aber während des Abends hatten Lillian und Anna beschlossen, Mammi ein nichtphonetisches ideographisches Alphabet zu lehren, und am Morgen benötigten sie dazu Sonnys Hilfe. Ohne seinen Schüler begab sich Mark zur Pumpe, um bei der Arbeit zuzusehen. Etwa zwanzig Svants waren von den Feldern gekommen und taten es ihm gleich. Nach einiger Zeit waren die Leute mit der Reparatur fer- tig. Der für die Arbeit verantwortliche Offizier betätigte einen Schalter, und mit einem saugenden Geräusch nahm die Pumpe ihre Tätigkeit auf. Die Eingeborenen zwitscher- ten überrascht. Da kam auch schon das Wasser durch die, Rohre, und die Pumpe arbeitete nunmehr gleichmäßig: tschugg-tschugg, tschugg-tschugg. Die Svants schienen das neue Geräusch zu mögen. Sie schnitten erfreute Grimassen und kamen näher heran, bis sie sich in einer Entfernung von ungefähr fünfzehn Metern auf den Boden hockten und in Trance zu sinken schienen. Angelockt durch das Geräusch kamen noch mehr von den Feldern. Sie taten es den anderen gleich, und bald saß eine ganze Schar im Halbkreis um die Pumpe. Es dauerte ge- raume Zeit, bis der Tank voll war, und bis dahin saßen alle regungslos fasziniert. Selbst als die Pumpe die Arbeit ein- stellte, blieben viele sitzen, weil sie hofften, daß das Ge- räusch wiederkehren würde. Paul Meillard fragte sich be- unruhigt ob dieser Effekt jedesmal auftreten würde. „Sie empfinden ein effektives Wohlgefühl dabei. Es wirkt auf sie ähnlich wie eine Stimme von Luis.“ „Soll das heißen, daß ich eine Stimme wie eine Pumpe habe?“ fragte Gofredo. „Das werde ich herausfinden“, antwortete Ayesha Keithley. „Wenn die Pumpe wieder arbeitet, mache ich ei- ne Aufnahme davon und vergleiche sie mit den Aufnahmen deiner Stimme. Ich wette fünf zu eins, daß eine Ähnlichkeit besteht.“ Questell beendete die Arbeiten am Fundament des neuen Labors und begann, es mit Beton auszugießen. Dazu benö- tigte er Wasser, und die Pumpe lief ununterbrochen den ganzen Nachmittag. Am nächsten Vormittag wurde immer noch Beton gemischt, und zu Mittag war die gesamte Ein-, wohnerschaft des Dorfes, bis hinab zum kleinsten Kind, um das Pumpenhaus versammelt. Auch Mammi machte da keine Ausnahme. Einzig Sonny zeigte sich unbeeinflußt. Lillian und Ayesha verglichen Aufnahmen der Stimmen des Teams mit dem Pumpengeräusch und fanden bei Go- fredos Stimme ein identisches Frequenzmuster. „Wir brauchen natürlich den neuen Apparat, um ganz si- cherzugehen, aber die Ähnlichkeit ist vorhanden“, sagte Ayesha. „Deswegen gefällt ihnen die Stimme von Luis auch.“ „Das bleibt an mir hängen: ,Altes Pumpenmaul’“ seufzte Gofredo. „Es wird sich im ganzen Korps ausbreiten, und man wird mich auch dann noch so nennen, sollte ich ein- mal ein General mit vier Sternen werden und so lange le- ben.“ Meillard war nun wirklich beunruhigt, ebenso wie Ben- nett Fayon. Nach dem Essen brachte er es zur Sprache. „Es ist wie eine Sucht“, erklärte er. „Hören sie die Pum- pe einmal, dann haben sie keinen Willen mehr zum Wider- stand. Sie hocken sich einfach nieder und hören zu. Ich weiß zwar nicht, was das Geräusch für Folgen für sie hat, aber ich befürchte Schlimmes.“ „Eine der Folgen kenne ich“, meinte Meillard. „Es hält sie von der Arbeit auf den Feldern ab. Wenn es so weiter- geht, verlieren sie eine Ernte, die sie vielleicht für ihre Exi- stenz dringend benötigen.“ *, Der Eingeborene, den sie den Oberbürgermeister nannten, war offenbar zu demselben Schluß gekommen. Am näch- sten Morgen saß er zwar inmitten der Schar der Seinen und lauschte andächtig dem Geräusch, aber als die Pumpe ihre Tätigkeit einstellte, erhob er sich, ging zu einer Gruppe von Terranern und begann mit einer ausdrucksvollen Tirade. Er wies mit seinem Stab auf das Pumpenhaus und auf den Halbkreis der noch reglosen Dörfler. Er zeigte auf die Fel- der, wieder auf die Leute und das Pumpenhaus, während er heftig mit der anderen Hand gestikulierte. Ihr macht das Geräusch. Meine Leute wollen nicht ar- beiten, wenn sie es hören. Die Felder werden nicht betreut. Hört mit dem Geräusch auf und laßt meine Leute arbeiten. Es konnte nicht klarer sein. Da begann die Pumpe wieder. Die Hände des Oberbür- germeisters umkrampften den Stab. Gequält kämpfte er mit sich – vergebens. Sein Gesicht verzog sich zu einer herz- zerreißenden Grimasse der Freude. Er wandte sich um und schlich zu den anderen zurück, wo er sich wieder nie- derhockte. „Schalt die Pumpe aus, Dave!“ schrie Meillard. „Stell den Strom ab!“ Das Tschugg-tschugg hörte auf. Der Oberbürgermeister erhob sich, erwies den Terranern eine eigenartige Verbeu- gung, wandte sich dann seinen Untertanen zu und schrie auf sie ein, während er mit dem Stab seine Worte eindring- lich unterstützte. Einige standen auf und folgten seinem, Beispiel. Nach einer Weile standen alle wieder auf den Beinen und wankten über die Felder davon. Dave Questell wollte wissen, was vor sich ging, und Paul erklärte es ihm. „Aber wir brauchen das Wasser“, meinte der Ingenieur. „Du mußt das Pumpenhaus schalldicht machen. Das kannst du doch – oder?“ „Natürlich. Ich brauche es bloß mit Erde zu bedecken. Das ist in ein paar Stunden geschehen.“ Jetzt war Gofredo beunruhigt. „So etwas geschieht je- desmal, wenn wir einen bewohnten Planeten kolonisieren. Wir geben den Eingeborenen etwas Neues. Dann kommen wir darauf, daß es für sie schlecht ist, und wollen es ihnen wieder wegnehmen. Und dann sprechen die Messer und Gewehre.“ Luis Gofredo war auf seinem Gebiet auch ein Spezialist. Als sie zu Mittag aßen, rief Charley Loughran vom an- deren Lager aus an und wollte mit Bennett Fayon sprechen. „Etwas Eigenartiges, Bennett. Ich schoß auf einen Vogel – nein, es war ein fliegendes Säugetier – und es fiel zu Bo- den. Es war tot, aber ich hatte es nicht getroffen. Ich möch- te, daß du es sezierst und herausfindest, wie ich etwas töten kann, indem ich vorbeischieße.“ „Wie groß war die Entfernung?“ „Na, höchstens zwölf Meter, mehr nicht.“ „Und womit hast du geschossen, Charley?“ rief Ayesha Keithley vom Tisch herüber. „Eine Pistole vom Kaliber acht Komma fünf“, antworte- te Loughran. „Ich hatte mein Gewehr niedergelegt und “, „Dreihundertsechzig Metersekunden“, sagte Ayesha. „Du glaubst, der Knall war die Ursache?“ fragte Fayon. „Willst du dagegen wetten?“ stellte sie die Gegenfrage. Niemand rührte sich. Mammi war mürrisch. Sie hatte es gar nicht gern, was Da- ve Questells Männer mit dem netten Geräuschort machten. Ayesha und Lillian besänftigten sie, indem sie sie in den schalldichten Raum brachten und ihr Aufnahmen vom Pumpengeräusch vorspielten Sonny kümmerte sich nicht darum. Er war damit beschäftigt, Mark Howell zu erklären, was die Zeichen auf dem Papier bedeuteten, was eine Menge Gesten und Bewegungen erforderte. Er hatte etwa dreißig Ideogramme gelernt, und durch Kombination, Wie- derholung und Ergänzung konnte er eine erkleckliche Zahl von Gedanken ausdrücken. Es bestand natürlich eine Gren- ze dafür, wie viele solcher Zeichen jemand erlernen und sich merken konnte – man brauchte ja bloß zu sehen, wie lange ein altterranischer chinesischer Schreiber benötigte, um seinen Beruf zu erlernen – aber es stellte den Beginn einer Kommunikationsmethode dar. Questell ließ das Pumpenhaus mit Erde bedecken. Ayesha ging mit einem Phonmeßgerät und Mammi zu dem Bauwerk. Von beiden keine Reaktion, obwohl die Pumpe lief. Eine große Anzahl von Svants beachteten, was geschah. Schließlich begannen sie zornig zu demonstrieren. Ein paar wollten tätlich werden und wurden mit Gewehrkolben nie-, dergeschlagen. Der Oberbürgermeister und seine Ratsher- ren rückten mit dem großen Horn heran, sprachen eindring- lich mit ihren Landsleuten, die sie endlich so weit brachten, daß sie auf ihre Felder zurückkehrten. Es hatte den An- schein, als sei er den Terranern freundlich gesinnt und ih- nen auch behilflich. Der Schnüffler über dem Dorf berich- tete von großer Aufregung auf dem Hauptplatz. Bennett Fayon war sofort nach dem Essen mit einem Gleiter zum anderen Lager geflogen. Um fünfzehn Uhr kehrte er mit Loughran zurück. Sie trugen ein stoffumwik- keltes Paket in Fayons Sezierraum. Zur Cocktailstunde mußte Paul Meillard sie holen. „Es tut mir leid“, sagt Fayon, als er zu den anderen kam. „Wir haben nicht bemerkt, wie spät es wurde. Wir arbeiten immer noch an der Svant-Fledermaus, wie sie Charley nennt. Die unmittelbare Todesursache war eine krampfartige Kontraktion aller Muskeln im Körper des Tieres. Einige von ihnen waren bereits teilweise entspannt, als wir an ih- nen zu arbeiten begannen, aber eben nicht vollständig. Je- der Knochen, der nicht gebrochen ist. wurde ausgerenkt. Bei vielen konnten wir beides beobachten. Es findet sich nicht der kleinste Hinweis auf äußere Verletzungen. Alles richteten die eigenen Muskeln an.“ Er blickte um sich. „Ich hoffe, daß niemand Ayeshas Wette angenommen hat, nachdem ich euch verließ. Sie hätte nämlich gewonnen. Die äußeren, großen Membranen im Kamm scheinen nicht verändert zu sein, aber an einer gewissen Stelle ist eine, große Anzahl der kleinen runden innen beträchtlich einge- drückt – auf der linken Seite mehr als auf der rechten. Charley sagt, das Tier sei von rechts nach links vor ihm geflogen.“ „Das Rezeptorgebiet, das den Knallfrequenzen ent- sprach“, meinte Ayesha. Anna de Jong machte eine ablehnende Handbewegung gegen Fayon hin. „Das Tier gehört dir ganz allein, Bennett“, sagte sie. „Dieser Fall ist nicht psychologisch. Ich nehme keinen Fal von psychosomatischen Serienbrüchen entgegen.“ „Sei nicht so voreilig damit, Anna. Denn ich glaube, dies liegt mehr oder weniger tatsächlich vor.“ Alle sahen ihn überrascht an. Sein Gebiet war verglei- chende Technologie – die biologischen und psychologi- schen Wissenschaften lagen vollständig außerhalb seines Faches. „Seit dem ersten Kontakt sind mir eine Menge Dinge aufgefallen. Ich glaube, daß ich sie langsam verstehe. Ben- nett, die höheren Lebensformen hier – die Leute, das Geza und Charleys Svant-Fledermaus – ist strukturell mit uns identisch. Ich meine nicht die große Struktur wie Augen, Ohren und Kämme, sondern die Molekular- und Zellen- struktur. Habe ich recht?“ Fayon nickte. „Die Biologie auf diesem Planeten ent- spricht genau der auf Terra. Ja. Mit entsprechenden Sicher- heitsvorkehrungen müßte es ohne weiteres möglich sein, eine Gewebeverpflanzung von einem Svant auf einen Men-, schen oder umgekehrt durchführen zu können.“ „Ayesha, könnten die von dem Pistolenschuß herrühren- den Schallwellen auf irgendeine denkbare Art den physika- lischen Effekt hervorrufen, den wir in Betracht ziehen?“ „Auf gar keinen Fall“, antwortete sie, und Luis Gofredo sagte: „Ich wurde schon aus geringeren Entfernungen mit Pistolen beschossen.“ „Dann war es die Wirkung auf das Nervensystem des Tieres.“ Anna zuckte die Achseln. „Es ist immer noch Bennetts Angelegenheit. Ich bin Psychologin und nicht Neurologin.“ „Ich habe es die ganze Zeit gesagt“, nahm Fayon den al- ten Faden wieder auf. „Ihr Hören unterscheidet sich von dem unseren. Dies ist der Beweis.“ „Es beweist, daß sie überhaupt nicht hören.“ Er hatte eine Explosion erwartet und wurde nicht ent- täuscht. Alle widersprachen ihm; nur Paul Meillard stellte eine Frage: „Was meinst du damit, Mark?“ „Sie hören den Schall nicht, sondern sie fühlen ihn. Ihr habt alle gesehen, was sie im Inneren des Kammes besit- zen. Diese Dinger leiten die Schallwellen nicht weiter, wie wir es von allen schallempfindlichen Lebewesen kennen, sondern sie wandeln die Schallwellen in Tastempfindungen um.“ Fayon fluchte langsam und gewählt. Anna de Jong sah ihn mit großen Augen an. Er trank seinen Cocktail aus und goß sich nach. Vom Schnüfflerschirm her ertönte das Ge-, schrei der empörten Menge auf den Dorfplatz. Gofredo drehte leiser. „Diese Theorie erklärt einiges“, sagte Meillard langsam. „Zum Beispiel, wie schwer es für sie war, einzusehen, daß wir sie nicht verstanden, wenn sie zu uns sprachen. Einen Schlag auf die Nase spürt jeder gleich. Sie glaubten, uns körperliche Empfindungen zu vermitteln. Sie wußten nicht, daß wir dafür unempfindlich sind.“ „Aber sie – sie haben doch eine Sprache“, stotterte Lilli- an. „Sie sprechen.“ „Ja, aber nicht in unserem Sinne. Wollen sie ,ich’ sagen, so heißt es kitzeln-zwicken-reiben, auch wenn es für uns wie fwoonk klingt, wenn nicht wie pwink oder tweelt oder kroosh. Ein Svant empfindet diese Tastreize genauso verschieden wie eine Massage durch vier verschiedene Hände – analog wie ein Wort, das von vier verschiedenen Stimmen ausge- sprochen wurde. Sie besitzen einen Kode dafür, Information in Tastempfindungen umzuwandeln, so wie wir einen Kode zur Übertragung von Information in Schallwellen haben.“ „Mit dem Unterschied, daß, wenn ein Svant dem ande- ren mitteilt: ,Ich bin glücklich’, oder ,Ich habe Magen- schmerzen’, dann läßt er den anderen dasselbe empfinden“, sagte Anna. „Diese Art der Informationsweitergabe birgt viel mehr Überzeugungskraft in sich. Karl! Du warst fast im Recht. Es handelt sieh zwar nicht um Telepathie, aber es lassen sich große Ähnlichkeiten feststellen.“ „Ja, so ist es“, stimmte Dorver erfreut zu, der seiner Telepathietheorie nachgetrauert hatte. „Und außerdem er-, klärt es ihre Gesellschaft: friedlich, Entscheidungen wer- den rasch getroffen “ Er warf einen Blick auf den Bild- schirm und verschluckte den Rest seines Satzes. Der Ober- bürgermeister und seine Anhänger bildeten eine Gruppe, während die Opposition sich am anderen Ende des Platzes versammelt hatte. Beide Gruppen brüllten aufeinander ein. „Sie treffen ihre Entscheidungen auf Grund der Ausdauer. Diejenige Gruppe, die die Gefühle der anderen am längsten aushalten kann, überzeugt die andere.“ „Reinste Demokratie“, erklärte Gofredo. „Die Herrschaft der Partei, die den meisten Lärm machen kann.“ „Und ich wette, wenn einer krank ist, geht er umher und sagt immer wieder: ,Ich bin gesund, ich fühle mich be- stens!“‘ meinte Anna. „Hier müßte Autosuggestion tatsäch- lich funktionieren. Denkt bloß an die Rückkopplung! Ein Svant verspürt ein Gefühl. Er verbalisiert es, und der Klang seiner eigenen Stimme verstärkt es in ihm. Es wird in sei- nen Zuhörern induziert, die es ihrerseits verbalisieren und es dadurch in sich und in ihm weiterhin verstärken. Das kann endlos weitergehen.“ „Ja, das hat es auch. Seht euch die Technologie an!“ Mark fühlte sich wieder wohler, weil er sich auf seinem Gebiet befand. „Als ich einmal mit einem Freund über eine gemeinsame Bekannte sprach, bemerkte er: ,Sie hat so vie- le Nerven für die Gefühle mitbekommen, daß kein Platz mehr für Nerven zum Denken blieb.’ Ich halte das für eine hervorragende Beschreibung der Svantmentalität. Seht euch bloß die Bronzemesser und Musikinstrumente an! Sie, sind wunderbar. Die Arbeit von Lebewesen, die ihre Ge- fühle in Metall oder Holz darzustellen versuchen. Nehmen wir aber die Idee des Rades oder bloß einer Zange her. Puh! Wie würdet ihr das erste Newtonsche Gesetz oder das zweite Gesetz der Thermodynamik mittels kitzeln, zwicken oder reiben ausdrücken? Sonny konnte eine solche Idee verstehen. Sonnys Nachteil, wenn man ihn als solchen be- zeichnen kann, versperrt ihm das Gefühldenken; er denkt logisch anstatt gefühlsmäßig.“ Er nippte an seinem Cocktail und fuhr fort: „Ich weiß jetzt auch, warum das Dorf sich auf einem Hügel befindet. Daraufgekommen bin ich, als Daves Leute das Pumpen- haus eingruben. Außerdem habe ich mich immer über das Nichtvorhandensein von Getreidespeichern gewundert, wo sie doch so viele Felder bebauen, und über die große An- zahl der Leute bei nur so wenigen Häusern. Ich glaube, daß das Dorf sich zum größten Teil im Hügelinneren befindet, und daß die Häuser nur schallabhaltende Eingänge darstel- len, die die Bewohner vor unangenehmen Naturgeräu- schen, wie zum Beispiel Donner, schützen.“ Über den Lautsprecher des Schnüfflerschirms konnte man das Horn blasen hören. Jemand stellte laut die Frage nach dem Zweck des Instrumentes. Gofredo lachte. „Zuerst hielt ich es für ein Kriegshorn. Es ist aber kei- nes, sondern ein Friedenshorn“, sagte er. „Es dient zur Her- stellung der öffentlichen Ordnung. Am ersten Tag brachten sie es mit sich und bliesen uns damit an, um uns friedlich zu stimmen.“, „Jetzt verstehe ich auch, warum Sonny abgewiesen und verfolgt wird“, erklärte Anna. „Er gibt wahrscheinlich alle möglichen schrecklichen Geräusche von sich, die er nicht hören kann – hören ist nicht das richtige Wort – wir haben keines dafür – und niemand außer seiner Mutter kann seine Nähe ertragen.“ „Bei mir liegt der Fall ähnlich“, sagte Lillian. „Jetzt ver- stehe ich ihre Reaktion. Denkt an das Abstoßendste, was euch physisch zugefügt werden kann; das tue ich jedesmal, wenn ich zu ihnen spreche. Und ich glaubte immer, eine angenehme Stimme zu besitzen“, fügte sie pathetisch hin- zu. „Für unsere Begriffe stimmt dies auch“, tröstete Ayesha. „Für die Svants wirst du sie allerdings ändern müssen.“ „Aber wie?“ „Verwende einen Analysator und trainiere sie! Aus die- sem Grund habe ich mich eigentlich meinem Beruf zuge- wandt. Ich hatte eine Stimme wie eine heisere Krähe, aber durch tägliches Üben mit einem Analysator erhielt ich in- nerhalb weniger Monate eine völlig andere Stimme. Ver- such einfach, einige Pumpenfrequenzen hineinzubekom- men, wie Luis sie besitzt!“ „Aber warum? Ich bin hier fehl am Platz. Ich bin Lin- guistin, und diese Leute haben keine Sprache, die ich je- mals lernen könnte, während es ihnen genauso geht. Sie können nicht lernen, Geräusche als Geräusche zu produzie- ren.“ „Du hast mit Mammi gute Arbeit mit der Entwicklung, dieser Ideogramme geleistet“, sagte Meillard. „Mach doch weiter, bis du ihr das Grundvokabular der Lingua Terra beigebracht hast. Mit ihrer Hilfe können wir weitere Ein- geborene ausbilden. Sie sollen als Dolmetscher dienen, de- nen wir aufschreiben können, was sie den anderen mittei- len sollen. Es ist zwar etwas umständlich, aber die einzige Möglichkeit.“ „Mit der Zeit fallen uns bestimmt Verbesserungen ein“, fügte Ayesha hinzu. „Außerdem können wir Aufnahmege- räte und Ton-Bildwandler benützen. Paul, du hast das Recht, Schiffspersonal aufzunehmen. Nimm mich in deine Dienste. Ich bleibe hier und arbeite an der Kommunikati- on.“ Der Lärm auf dem Dorfplatz wurde immer ärger. Der Bürgermeister und seine Getreuen wurden von der Opposi- tion niedergeschrien. „Es ist besser, wenn du etwas dagegen unternimmst, Paul, wenn du nicht willst, daß eine Menge Svants erschos- sen wird“, meinte Gofredo. „Wenn du noch eine halbe Stunde lang zusiehst, werden wir Besucher mit Bogen und Speeren erhalten.“ „Ayesha, du hast eine Tonaufzeichnung des Pumpenge- räusches“, sagte Meillard. „Lade ein Wiedergabegerät in einen Jeep, flieg zum Dorf hinüber und spiele sie ab. So- fort! Anna, du bringst Mamm! Sie soll ihnen mitteilen, daß von nun an zu Mittag und einige Stunden nach Sonnenun- tergang nach der Arbeit öffentlich zugängliche Pumpen- konzerte auf dem Dorfplatz abgehalten werden.“, * Ayesha, ihr Gehilfe und ein Marineleutnant gingen hastig hinaus. Die anderen beobachteten den Bildschirm. Fünf- zehn Minuten später erschien der Luftjeep über dem Dorf. Fast augenblicklich verstummte das Geschrei und Ge- zwitscher und das Gedröhn des Friedenshorns. Als der Jeep auf Dachhöhe herabkreiste, zerfielen die beiden feindlichen Gruppen. Die einzelnen Individuen begaben sich ins Zen- trum des Platzes, wo sie sich niederhockten, hinaufstarrten und sich von den köstlichen Schallwellen liebkosen ließen. „Müssen wir zweimal täglich dafür ein Kommando mit einem Jeep losschicken?“ fragte Gofredo. „Wir brauchen ja nur einen Schnüffler über dem Dorf belassen, ihn mit einem Lautsprecher zu versehen, der ihnen mittels einer Uhr auto- matisch zur festgesetzten Zeit ihr tschugg-tschugg liefert.“ „Wir könnten auch dem Oberbürgermeister eine Auf- nahme und ein Abspielgerät geben und es ihm überlassen, wann sein Volk zuhören – falls das das richtige Wort ist – darf“, meinte Dorver. „Dann wäre es ganz ihre Angelegen- heit.“ „Nein!“ Mark schrie so laut, daß die anderen zusammen- fuhren. „Weißt du, was geschehen würde? Niemand könnte es mehr abdrehen, weil alle hypnotisiert wären – oder wor- um immer es sich auch handelt. Sie würden einfach im Kreis herumsitzen, bis sie Hungers stürben. Wenn die Bat- terien einmal erschöpft wären, befände sich um das Wie-, dergabegerät nur noch ein Kreis von Skeletten. Wir müssen es ihnen schon selbst vorspielen. Die Bürde der Terraner.“ „Damit hätten wir etwas gegen sie in der Hand“, be- merkte Gofredo. „Extra-tschugg-tschugg, wenn sie sich brav benehmen, abdrehen, wenn dies nicht der Fall sein sollte. Wir müssen herausfinden, was nur in Lillians Stim- me vorhanden ist, und davon eine gute, laute Aufnahme machen, die wir zusammen mit der übrigen Munition für schwere Waffen aufheben. Auf diese Weise werden wir keinerlei Schwierigkeiten begegnen, wenn wir mit dem König oder sonstwem in der Stadt verhandeln. Dies ist viel besser als es Feuerwasser je war.“ „Wir dürfen unseren Vorteil niemals mißbrauchen, Luis“, meinte Meillard ernst. „Wir dürfen ihn nur zu ihrem Besten verwenden.“ Er meinte es wirklich. – Nur für das Studium technolo- gischer Geschichte mußte man auch allgemeine Geschichte kennen, und es schien ihm, als seien schon oft zuvor solche wohlwollenden Versicherungen ausgesprochen worden. Einige der Urheber hatten auch wirklich an ihre Worte ge- glaubt, aber das hatte in weiterer Sicht keinen Unterschied ausgemacht. Fayon und Anna sprachen begeistert über die vor ihnen liegende Arbeit. „Ich weiß nicht, wo dein Gebiet endet und meines an- fängt“, sagte Anna. „Wir werden alles zwischen uns aus- machen müssen. Wie sollen wir es nennen? Als hören kann man es ja nicht bezeichnen.“, „Nonauditorialer akustischer Sinn ist das einzige, was mir einfällt. Und das ist ein so umständlicher Ausdruck“, antwortete Fayon. „Mark, du hast zuerst daran gedacht“, sagte Anna. „Was hältst du davon?“ „Nonauditorialer akustischer Sinn. Es klingt nicht ärger als Gezähmt-Typ A, und das haben wir handlich gemacht. Naudas.“,

Naturschutz

von David Rome Redroom war vom Rand, und einer vom Rand ist etwas Besonderes. Er ist ruhig und störrisch, aber hauptsächlich ist er von sanfter Natur. Seine Augen wirken so traurig, daß es fast schon übertrieben aussieht. Der Mund sitzt tief in einem großen, langen Gesicht. Doch er kennt seine Heimatwelten – jeden fremdartigen, unheimlichen Zentimeter. Als der kleine, rote Reel-yk den Kaviar ablöste und zur Luxusspeise der Galaxis wurde, wußte Redroom ihn zu finden und zu sammeln. Er mußte etwa fünfzig Jahre zählen – ein geborener Tramp der Milchstraße. Miteinander hatten wir bereits den Staub von mindestens einem Dutzend Welten unter unse- ren Füßen gehabt – manchmal ohne einen Groschen in der Tasche, aber niemals reich. Jetzt hatten wir hier auf Maran beschlossen, uns niederzulassen, bis wir unser Glück ge- macht hatten. Redroom hoffte, sich in zehn Jahren zur Ruhe setzen zu können; ich mußte fünf Jahre länger bleiben, aber selbst dann wäre ich erst vierzig. Und das ist kein Alter. Das Geheimnis von all dem war Reel-yk und die Reel- yk-Blume. Die Blume ist in Wirklichkeit ein Tier, und zwar ein Polyp. Fliegende Insekten – wie die Reel-yk – werden zu den blattähnlichen Tentakeln gelockt. Die Blät-, ter schließen sich, worauf tausende Flimmerhärchen in Ak- tion treten und die Insekten in einen Vorratssack befördern, worin sie – in besonderen Säften konserviert – auf den Weitertransport in den Magen warten. Auf Maran verpflanzt – wo die fliegende Fauna fast aus- schließlich aus Reel-yk besteht – verankerten die „Blu- men“ freudig ihre schlangengleichen, muskulösen Füße und warteten auf ihre Beute, während sie hüfthoch und far- benprächtig nebeneinander standen. Sie hatten eine Lebenserwartung von fünfundsiebzig Jahren und arbeiteten ohne zu klagen, ohne zu streiken und ohne der Gewerkschaft beizutreten. Und nachdem Redroom an ihnen eine Operation vorge- nommen hatte, die sie veranlaßte, nur soviel Nahrung zu sich zu nehmen, daß sie gerade nicht verhungerten, nahm der Reel-yk-Vorrat in den Vorratssäcken erfreulich zu. Zweimal jährlich machten wir unsere Runde, quetschten die Säcke sorgfältig leer und ließen die gefrorene Kostbar- keit am Strand auf die Frachtschiffe warten. * Erst im zweiten Jahr begannen die Schwierigkeiten. Seit unserer Landung, als wir die Reel-yk-Fallen auf unserem gemieteten Stück Land auf Maran angesetzt hatten, waren wir auf Konkurrenz, ja sogar auf Raub vorbereitet gewesen – aber von außen und nicht von den Eingeborenen des Pla- neten selbst. Wir erwarteten einen Überfall und waren auch, darauf vorbereitet. Selbst Redroom, der noch nie zuvor ei- ne Waffe abgefeuert hatte, verließ das Haus nur mit seiner fünfzehnschüssigen MX 7. Ich trug während der täglichen Inspektion des „Blumenfeldes“ stets ein Gewehr. Aber als die Schwierigkeiten begannen, kamen sie von unerwarteter Seite – von einem Geschöpf, das Banfu ge- nannt wurde. Der Banfu gleicht nichts so sehr wie einer Flasche mit Stielaugen und flinken Beinen. Und er drohte, uns in den Bankrott zu treiben. Es begann ganz harmlos an einem warmen, klaren Tag, als ich mich erhob und den Sand vom Körper und den Bei- nen schüttelte. Ich hatte es auf einmal satt, zwischen den Runden immer nur zu schwimmen oder im Sand zu liegen. Ich verließ Redroom am Strand und kletterte unter Mit- nahme meines Gewehrs ins Landesinnere und drang in den Dschungel ein. Ich wollte nicht jagen, aber auch nicht wieder die „Blu- men“ kontrollieren; doch als ich durch ein Gestrüpp auf einen unserer ausgetretenen Pfade gelangte, folgte ich ihm. Einen Augenblick später sah ich den Banfu. Es war ein junger – der erste, den ich seit langem gesehen hatte. Ich schoß nicht. Ich konnte es nicht. Der Banfu steht auf Stufe sieben – geschützte Art. Wie dem auch sei, er verschwand so schnell wie sie es immer taten. Sie waren wie Gespenster. Irgendwo im fast undurchdringlichen Inneren befanden sich ihre Dörfer und Familien. Das war bekannt., Aber gewöhnlich bekamen wir die Jungen nicht zu Ge- sicht, obwohl sich in den letzten Wochen eine stets wach- sende Zahl von Erwachsenen in der Nähe der „Blumen“ aufhielt. Ich beschleunigte meine Schritte, um ihn wieder zu entdecken. Ich schob einen Lianenvorhang beiseite und bückte mich. Da sah ich die erste verstümmelte „Blume“. * Eine Falle auszudrücken, ist eine heikle Sache. Man braucht die Hände einer Hebamme und eine Geschicklich- keit, die nur lange Übung mit sich bringt. Drückt man vor- sichtig auf den Sack, wobei man sanft nach oben streicht, so fließt der Inhalt durch die Öffnung zwischen den Blät- tern wieder heraus. Geht man grob und ungeschickt vor, dann kann alles ge- schehen. In diesem Fall war das Ärgste eingetreten: Der Sack war zerrissen. Reste von Reel-yk klebten noch daran, aber der Hauptteil des Inhalts war verschwunden. Als ich mich nie- derkniete und die „Blume“ genauer untersuchte, war mein erster Gedanke der an Räuber. Ich hielt immer noch das Gewehr umklammert, und als ich den Dschungel mit mei- nen Blicken zu durchdringen suchte, erwartete ich jeden Augenblick, ein Geräusch oder einen Schuß zu vernehmen. Aber es kam kein Geräusch und auch kein Schuß. Nach einiger Zeit erhob ich mich vorsichtig, aber etwas erleich- tert., Mir blieben zwei Möglichkeiten offen: Entweder ich ging weiter, kontrollierte die übrigen „Blumen“ und ent- deckte allein das Schlimmste, oder ich kehrte zum Strand zurück, um mit Redrooms und seiner MX 7-Unterstützung die Lage zu klären. Schließlich entschied ich mich für die zweite. Ich bahnte mir hastig einen Weg den Hügel hinunter und rief Redroom. Ich werde nie sein Gesicht vergessen, als ich ihm von meinem Fund erzählte. Er schien mit offenem Mund zu versteinern. Er fummelte am Griff seiner Pistole, als wisse er nicht, wozu sie diene. „Zerquetscht?“ fragte er ungläubig. „Zerquetscht. Zerrissen. Das Reel-yk ist weg.“ Redroom schloß den Mund und öffnete ihn wieder. Dann begann er mit erschreckender Plötzlichkeit zu laufen, riß die Pistole aus dem Gürtel und feuerte sie in die Luft ab. Bei jedem Schuß zuckte er zusammen. Es stellte sich heraus, daß es halb so schlimm war, wie es den Anschein gehabt hatte. Man hatte sich nur noch zwei weitere „Blumen“ hergenommen, und eine davon würde sich wieder erholen. Die andere umgab eine klebri- ge, rote Reel-yk-Masse, und da entdeckten wir zuerst, daß wir es nicht mit Räubern zu tun hatten – zumindest nicht mit außerplanetaren Räubern. Genau in der Mitte des klebrigen Breies befand sich ein einzelner Fußabdruck. Ich erinnere mich heute noch an meine Erleichterung. Und ich glaube, Redroom ging es genauso, obwohl er im-, mer noch die leergeschossene Pistole umklammert hielt. „Banfu“, stellte ich fest, und Redroom nickte. Ich schulterte mein Gewehr und suchte mit den Blicken den Dschungel ab, während ich meiner Furcht vor Verbre- chern gedachte. Ich grinste fast blöde vor Erleichterung. „Na“, meinte ich. „Kein besonderes Problem. Einige Rundgänge außerhalb der Regel, einige Schüsse über ihre Köpfe. Das wird sie fernhalten.“ Einen Augenblick lang zog sich die Haut um Redrooms Augen zusammen. Dann hob er lächelnd, aber ohne ganz das schwache Zittern seiner Hand verbergen zu können, die MX 7 und richtete sie auf ein imaginäres Ziel. „Sicher“, stimmte er zu, „das wird sie fernhalten.“ Es klang aber nicht überzeugt. * Zuletzt teilten wir den Tag in zwei Schichten, so daß die „Blumen“ sich den ganzen Tag unter Aufsicht befanden. Wir hielten es für das beste, die Überfälle rasch zu stoppen, ehe sie noch wirklich begonnen hatten. Wenn wir wie einsame Posten die monotonen Runden von „Blume“ zu „Blume“ drehten, war unser einziger Trost, daß die Banfus in der Nacht schliefen. An den ersten Tagen trafen wir hin und wieder auf einen Eingeborenen. Zweimal entdeckte ich am Ende meiner Wache einen Banfu, der sich über eine „Blume“ beugte. Als ich feuerte – ich zielte höchstens dreißig Zentimeter, über ihre Köpfe – sprangen sie hoch in die Luft und eilten in den Dschungel davon. Aber bald nahmen diese Überfälle ab, und Redroom und ich begannen, einander zu beglückwünschen. Als ich nach einer Woche ohne Zwischenfälle eines Abends heimkam, hatte Redroom eine Flasche Wein geöffnet, und wir proste- ten einander feierlich zu. Wir kamen überein, die Rund- gänge noch zwei Tage lang fortzusetzen und dann nur noch die ursprünglichen Routinegänge durchzuführen, wenn sich kein Banfu mehr zeigen sollte. Am Nachmittag des folgenden Tages sprang etwa fünf- undzwanzig Meter vor mir ein Banfu aus dem Dschungel, ignorierte die pfeifenden Geschosse, riß eine „Blume“ aus dem Boden und eilte mit ihr in den Armen davon. Ich stand wie versteinert. Er lief langsam, und das Ge- wicht der Last ließ ihn von einer Seite auf die andere schwanken. Er wirkte irgendwie verächtlich. Er wandte sich nur einmal um und sah zurück, ehe er im Dschungel untertauchte. Und dann – ich schwöre es – vernahm ich von allen Seiten fröhliches, fast menschliches Gelächter. * Redroom glaubte mir natürlich nicht. Ich hätte ihm an sei- ner Stelle wahrscheinlich ebenfalls nicht geglaubt. Selbst als ich ihm die leere Stelle zeigte, auf der die Falle gestan- den war, nickte er bloß und lächelte. Er glaubte felsenfest an einen Streich von mir., Als es aber wieder geschah – während seiner Wache – blieb ihm nichts anderes mehr übrig. Er mußte mir glau- ben. Er schlenderte gerade zur letzten „Blume“, einer Reihe von zwanzig – so erzählte er mir – als ihm raschelnde Ge- räusche rechts von ihm im Gebüsch auffielen. Er wandte sich in diese Richtung, als gleichzeitig lautes Gelächter in seinem Rücken erschallte. Er drehte sich um, aber es war bereits zu spät. Ein Banfu tauchte gerade wieder in den Dschungel ein, wobei er – Redroom fluchte – die „Blume“ in seinen Armen schleppte. „Hast du nicht geschossen?“ fragte ich ärgerlich. „Sie sind geschützt.“ „Zum Teufel! Wer schützt denn uns? Natürlich sind sie geschützt. Und sie wissen es auch! Sie lachen sich den Buckel voll. Sie wissen, daß wir ihnen nichts anhaben kön- nen!“ Fast nachdenklich sagte Redroom: „Ich glaube, ich weiß, was sie tun.“ „Und was tun sie?“ „Sie wollen die ‚Blumen’ in ihre Dörfer bringen. Dann können sie in aller Ruhe Reel-yk essen.“ „Was? Sie wollen sich selbst Reel-yk fangen?“ „Ich denke schon.“ „Na, das ist ja großartig!“ Und als sich über den von seltsamen Lauten durchdrun- genen Dschungel die Dunkelheit breitete, begaben wir uns schweigend nach Hause., * Am nächsten Morgen wurden uns fünf weitere „Blumen“ entführt. Am folgenden Nachmittag zehn. Am Rande des Dschungels beim „Blumenfeld“ lauerten Dutzende schwat- zende Eingeborene, während sie genug Mut sammelten, um blitzschnell vorzustürzen und sich die Beute zu holen. „Offensichtlich gedeihen die ,Blumen’ in ihrer neuen Umgebung“, meinte Redroom. „Offensichtlich. Ich hätte gern den Hals des Zoologen zwischen meinen Händen, der für den Schutz der Banfu verantwortlich ist.“ „Ich zweifle, ob du dazu imstande bist. Außerdem bin ich geneigt, ihm recht zu geben. Sie zeigen bemerkenswer- te Intelligenz.“ „Was? Bist du verrückt?“ An den nächsten beiden Tagen begleitete ich Redroom vormittags bei seinen Gängen und machte außerdem meine Rundgänge am Nachmittag. Ich konnte ihm nicht länger trauen. Vielleicht war er sogar dazu imstande und fütterte die Biester eigenhändig, um sie besser studieren zu können. Ich sprach immer weniger mit ihm und hing statt dessen meinen Gedanken nach. Die Menge am Dschungelrand vergrößerte sich zuse- hends, und wir verloren innerhalb eines Tages mehr als ein Dutzend „Blumen“. Schüsse über ihre Köpfe zeitigten überhaupt keine Wirkung mehr, und als ich versuchte, mit, dem Gewehrkolben auf sie loszugehen, hinderte mich Re- droom daran. „Sie sind geschützt!“ „Und wir sind binnen einer Woche aus dem Reel-yk- Geschäft. Willst du das?“ „Es muß einen anderen Weg geben. Es gibt immer ei- nen.“ „Du bist genauso wie sie ein dreckiger Außerirdischer“, gab ich zur Antwort. Damit hatte die Debatte ein Ende, und wir sprachen ei- nen ganzen Tag nichts miteinander. Nicht daß es mir etwas ausgemacht hätte. Ich mußte viel nachdenken. Es war ungesetzlich. Es wurde mit Gefängnis oder noch Ärgerem bestraft. Aber langsam nahm in meinem Kopf ein Plan Gestalt an. Wir befanden uns immerhin auf dem Ma- ran und nicht auf der Venus – Lichtjahre von der Zentrale entfernt. Ich beobachtete die Banfu, wie sie aus dem Urwald schossen und dann mit den „Blumen“ davonwankten. Es wäre ganz einfach. Ein einzelner Schuß. Ein einziger Leichnam. Damit würde ich das Gelächter der Eingebore- nen schon zum Schweigen bringen. Uns blieben genügend „Blumen“ für einen neuen Beginn übrig. * Lebhafte Bilder gingen mir durch den Kopf. Ich stellte mir vor, wie der Körper eines Banfu auf offenem Felde dalie-, gen würde, während seine Stammesgenossen sich in den tiefsten Dschungel verkriechen und uns von da ab zufrie- denließen. Hatte ich mich einmal an den Gedanken gewöhnt, so folgte der Entschluß ziemlich bald. Es war nur noch eine Frage der Zeit, daß einer der Banfu in Schußweite eine „Blume“ rauben wollte. Leider kam dieser Augenblick an einem Vormittag, als ich Redroom begleitete. Ich hätte es vorgezogen, meinen Plan am Nachmittag auszuführen, wenn ich allein war. So aber bot sich die Gelegenheit knapp vor Mittag, wäh- rend Redroom nicht mehr als zehn Meter hinter mir ging. Als ich mich auf ein Knie fallen ließ, hastig auf den Kopf des Lebewesens zielte und feuerte, sprang Redroom in die Luft, als sei er getroffen. Einen Augenblick später war er an meiner Seite und schüttelte hysterisch den Kopf. „Nein, nein. Nein!“ Ich legte bereits zum zweitenmal auf den Außerirdischen an. Er lag zwar reglos, aber ich wollte sichergehen. Als mein Finger den Druck am Abzug verstärkte, begann der Banfu, auf den Dschungel zuzurobben, während sein Kopf blutete und er leise Schmerzenslaute von sich gab. Als ich zum zweitenmal feuerte, zielte ich schlecht. Ich traf ihn in den Fuß und hörte ihn aufschreien. Dann warf sich Red- room auf mich. *, Ich habe nie zuvor welche vom Rand kämpfen gesehen, aber Redroom tat es. Er kämpfte gemein und gut, rang nach Luft, bearbeitete mich wie eine Frau mit den Fingernägeln, hieb mir auf Kopf und Körper. Aber wir kamen zu keiner Entscheidung. Wir waren beide außer Form und mußten nach Luft keuchend aufhören. Zuletzt stützten wir einander förmlich, während unsere Arme um den Hals des Gegners geschlungen waren. Als wir endlich auseinandertaumelten, sah Redroom au- genblicklich nach dem Banfu, der fünfzehn Meter vom Waldrand entfernt zu einem grauen Haufen zusammenge- sunken war. Ich hockte mich ins Gras und war sogar zu erschöpft, ihn zu beobachten. Als er fast kläglich meinen Namen rief, schüttelte ich nur den Kopf. Erst als er zu mir kam und leise sagte: „Er lebt immer noch“, bewegte ich mich. Als ich nach dem Gewehr griff, redete er wieder. „Nein. Jetzt wird nicht mehr geschossen.“ „Schau“, meinte ich, „es heißt wir oder sie.“ „Die Banfu werden vom Planetengesetz geschützt.“ „Hier geht es um das Gesetz des Überlebens, Mann!“ Redroom schüttelte den Kopf und sah traurig auf mich nieder. „Gewalt ist keine Lösung. Es tut mir leid“ – es klang wie die Worte eines Kindes – „wenn du nicht auf- hörst, sehe ich mich gezwungen, dich anzuzeigen.“ „Du!“ Ich legte alle Verachtung in meine Stimme. „Du, bist ein Außerirdischer. Du bist nicht anders wie alle übri- gen.“ „Ich kann dich dennoch anzeigen.“ „Sicher. Und ich kann dir eine Kugel durch deinen drek- kigen Kopf jagen.“ „Das tust du nicht.“ Er sprach die Wahrheit. Redroom und ich hatten zuviel miteinander erlebt. Den ganzen Rand entlang hatten wir gemeinsam den Gefahren ins Auge geblickt. Redroom und ich kannten uns zu gut. „Nein, ich tue es nicht. Aber du verrätst mich.“ „Das ist etwas anderes.“ Ich war geschlagen und wußte es. Wütend sprang ich auf. „Ich gehe ins Haus, Redroom. Die Fallen und die ganze lausige Partnerschaft kann zum Teufel gehen. Wenn das Frachtschiff kommt, verschwinde ich. Für immer.“ „Es tut mir leid, daß du so denkst. Wir haben oft schöne Zeiten miteinander verbracht.“ „Sicher“, gab ich zu. „Wir haben, du dreckiger Außerir- discher.“ * Ich hatte keine Ahnung, daß Redroom den Banfu ins Haus bringen wollte, bis ich ihn mit einem Schlitten aus Zweigen durch den Sand stapfen sah. Der Eingeborene lag verdreht auf dem Rücken, und sein Kopf war so weit zurückgebo- gen, daß er die Augen zum Himmel richtete., Redroom tat mir fast leid. Sein großes, sanftes Gesicht war von Schweiß überströmt. Seine Brust atmete schwer, das Haar war verklebt und hing ihm in die Stirn. Als er fast die Veranda erreicht hatte, trat ich in die Son- ne. „Du bringst ihn nicht hinein.“ „Doch!“ Er sprach leise, blickte mir aber ruhig in die Augen, als er den Schlitten bis an die drei Stufen heranzog. „Hilf mir“, forderte er mich auf und grinste. Dies hätte der Augenblick sein können, in dem wir uns wieder vertragen hätten und uns die Hände reichten. Aber ich sagte nichts. Ich trat zur Seite. „Wir haben das Haus zusammen gebaut“, begann ich, als Redroom sich nicht rührte. „Ich kann dir deine Rechte nicht verweigern.“ Redroom begann, den Kopf zu schütteln. „Das Haus gehört dir“, setzte ich fort. „Ich schlafe am Strand.“ Ich glaube, das waren die letzten Worte, die zwischen uns gewechselt wurden, solange sich der Banfu im Hause befand. Ich lebte, aß und schlief außer Haus und ging nur einmal den Hügel hinauf, was mir nachher leid tat. * Außer vereinzelten „Blumen“, hie und da, waren alle Fal- len verschleppt worden. Indem die Banfu ihre Beute in den, Dschungel gebracht hatten, war in nur wenig mehr als einer Woche jahrelange Arbeit zunichte gemacht worden. Selbst die Pfade, die wir so lange von Gestrüpp freigehalten hat- ten, begannen langsam zu verschwinden. Am selben Tag kam der Banfu aufrecht die Stufen vor dem Haus herab und betrat den Sand. Zunächst dachte ich, er wolle in den Wald zurück. Als er aber im Kreis ging, erkannte ich, daß er nur sein verwunde- tes Bein trainieren wollte. Dieses Training wiederholte sich jeden Tag, und ich be- gann, wider meinen Willen, Mitleid mit dem Banfu zu empfinden. Die „Blumen“ waren verschwunden, das Pro- jekt zunichte gemacht, und doch ließ mich dieser Außerir- dische meine Tat bereuen, wie er vor Anstrengung schwit- zend steif im Kreis ging. Ich weiß nicht, wieso ich erkannte, daß er am Morgen des letzten Tages zu seinen Leuten zurück wollte. Viel- leicht lag es an der Art wie er ging, oder wie er den Blick auf den Horizont richtete. Er kam die Stufen herab, wäh- rend Redroom sich im Hintergrund hielt. Sie wechselten keinen Blick und keine Geste. Ohne sich umzusehen, schritt der Außerirdische durch den Sand da- von, während das frühe Sonnenlicht auf seiner grauen Haut glänzte. Weder Redroom noch ich rührten uns, während er weg- ging. Als er endlich in der Ferne verschwand, blickte ich zum Haus zurück. Als Redroom sprach, wandte er nicht seinen Kopf, son-, dern hielt die Augen noch immer auf die Stelle gerichtet, wo der Banfu verschwunden war. „Du kannst wieder einziehen.“ Ich konnte nichts tun oder sagen und ging hinein. * Im ganzen Haus fanden sich Anzeichen für die Fürsorge, die Redroom dem Banfu hatte angedeihen lassen. Alle In- strumente, Fläschchen und Röhrchen aus unserem Medi- zinkasten lagen neben dem Bett verstreut. Auf dem Boden befanden sich Flecken, wo irgendeine Flasche zerbrochen sein mußte. Aber sie waren nur schwer zu sehen. Redroom hatte sie lange gerieben. Ich saß schweigend und rauchte eine Zigarette. Dann ging ich auf die Veranda hinaus. Die See brach sich sanft am Strand, der goldbraun schimmerte. Es war wie im Para- dies. Zunächst sah ich die Gestalten gar nicht, die den Strand entlangkamen. Und dann waren sie immer noch so weit weg, daß sie wie die Schatten von Wolken wirkten. Aber der Himmel war klar. Ich hörte Schritte hinter mir und wandte mich um. Re- droom hatte die Veranda betreten. „Wir bekommen Besuch“, meinte er ohne Überraschung. Ich wandte meine Augen nicht von den herannahenden Gestalten. Ich konnte nichts sagen. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Dann lächelte Redroom, wobei seine Au-, gen aufleuchteten, und ging die Stufen hinunter, indem er die Arme als Zeichen der Freundschaft den Banfu entge- genstreckte. Er drehte sich nicht um und sah mich nicht an. Ich war froh darüber. Denn jeder der „verdammten, lausigen“ Außerirdischen trug eine „Blume“ in seinen Armen. Unsere „Blumen“. Voll mit Reel-yk, vor Gesundheit strotzend. Wie ein Opfer. Und verdammt noch mal, ich hatte Tränen in den Augen.,

Entwicklungshilfe

von Poul Anderson Nach einem sanften Glockenton ertönte die mechanische Stimme des Robo-Empfangschefs: „Seine Exzellenz Valka Vahino, Sonderbotschafter der Liga von Cundaloa für den Planetenbund von Sol.“ Als er eintrat, erhoben sich die Erdmenschen höflich. Trotz der großen Schwerkraft und der trockenen, kühlen Luft auf Terra bewegte Valka Vahino sich mit der ge- schmeidigen Grazie seiner Rasse, von deren Anmut die meisten Anwesenden erneut ergriffen waren. Diese Rasse war geistig und physisch so humanoid, daß man sie als menschlich bezeichnen konnte. Die Unter- schiede verliehen ihr einen gewissen Reiz, einen Hauch von Fremdartigkeit, der sie im Grunde nicht wirklich fremd erscheinen ließ. Ralph Dalton ließ seine Augen über den Gesandten schweifen. Valka Vahino war ein typischer Vertreter seiner Rasse: ein humanoider Zweibeiner mit einem Gesicht, das sich nur durch die Schönheit der fein geschnittenen Züge, die hoch angesetzten Backenknochen und die großen, dunklen Augen von dem eines Terraners unterschied. Er war ein wenig kleiner und etwas schlanker als die Erdmen- schen, und seine Bewegungen waren lautlos katzenhaft. Von seiner hohen Stirn an wallte langes blauglänzendes, Haar bis zu den schlanken Schultern herab, das einen scharfen Kontrast zu der goldenen Hautfarbe bildete. Be- kleidet war er mit der uralten, zeremoniellen Tracht von Luai auf Cundaloa: einer silberglänzenden Tunika, einem purpurnen Umhang, auf dem glitzernde Metallstückchen wie Sterne funkelten, und golddurchwirkten Stiefeln aus weichem Leder. In einer seiner schlanken, sechsfingrigen Hände, hielt er den kunstvoll geschnitzten Stab seines Am- tes, das einzige Kreditiv, das ihm von seinem Planeten mit- gegeben worden war. Er verbeugte sich mit einer fließenden Bewegung, die nichts von Unterwürfigkeit in sich barg, und sagte in aus- gezeichnetem Terranisch, in dem noch etwas von dem rhythmischen, singenden Akzent seiner Muttersprache mit- schwang: „Friede über euren Häusern! Das Hohe Haus von Cundaloa sendet seinen Brüdern von Sol Grüße und Glückwünsche. Sein unwürdiges Mitglied Vahino spricht in Freundschaft an seiner Stelle.“ Einige der Erdmenschen waren etwas verwirrt. Es klingt auch ein wenig merkwürdig in der Übersetzung, dachte Dalton. Aber die Sprache von Cundaloa ist eine der schön- sten in der Galaxis. Er versuchte, seine Erwiderung ebenso formell klingen zu lassen. „Grüße und Willkommen. Der Planetenbund von Sol empfängt den Repräsentanten der Liga von Cundaloa in aller Freundschaft. Ralph Dalton, Premierminister des Bundes, spricht für das Volk des Systems von Sol.“ Dann stellte er die Minister, technischen Berater und Mi-, litärs vor. Es war ein wichtiges Treffen, und die mächtig- sten und einflußreichsten Menschen des Sonnensystems hatten sich dazu versammelt. Er endete: „Dies hier ist ein zwangloses, einleitendes Gespräch über die wirtschaftlichen Vorschläge, die un- längst Ihrer Regie – dem Hohen Haus von Cundaloa – un- terbreitet wurden. Es besitzt keine Rechtsgültigkeit, wird aber vom Fernsehen übertragen, und ich glaube, daß sich die Solare Versammlung nach solchen und ähnlichen Ge- sprächen richten wird.“ „Ich verstehe. Das ist eine gute Idee.“ Vahino wartete, bis die anderen sich gesetzt hatten, ehe er Platz nahm. * Es entstand eine Pause, während der alle oftmals auf die Uhr an der Wand blickten. Vahino war pünktlich zur fest- gesetzten Zeit eingetroffen, aber Skorrogan von Skontar ließ auf sich warten. Taktlos, dachte Dal ton. Aber die Ma- nieren der Skontarier waren ja nie besser gewesen. Kein Vergleich mit der sanften Rücksichtnahme der Cundaloa- ner, die aber keineswegs Schwäche andeutete. Gespräche nach der Art: „Wie gefällt es Ihnen hier?“ wurden begonnen. Es stellte sich heraus, daß Vahino in den letzten zehn Jahren das Sonnensystem ziemlich oft besucht hatte, was auch nicht weiter überraschte, wenn man be- dachte, daß die wirtschaftlichen Bande zwischen seinem Planeten und dem Bund immer enger wurden. An den ter-, ranischen Universitäten studierten viele junge Cundaloa- ner, und vor dem Krieg nahm der Strom der Touristen von Sol nach Avaiki ständig zu. Wahrscheinlich würde dies nun bald wieder der Fall sein, besonders, wenn die Verwü- stungen beseitigt waren, und… „O ja“, lächelte Vahino. „Es ist der Ehrgeiz aller jungen Anamai… Männer auf Cundaloa, wenn auch nur zu einem Besuch, auf die Erde zu kommen. Es ist nicht nur reine Schmeichelei, wenn ich sage, daß die Bewunderung für euch und eure Errungenschaften grenzenlos ist.“ „Das beruht auf Gegenseitigkeit“, erwiderte Dalton. „Eure Kultur, eure Kunst und Musik, all dies hat eine große Zahl von Anhängern in unserem Sonnensystem. Zum Bei- spiel lernen viele Menschen, und nicht bloß Schüler, Lu- aianisch nur deshalb, um das Dvanagoa-Epai im Original lesen zu können. Cundaloanische Sänger, ob im Konzert- haus oder im Nachtlokal, ernten mehr Applaus als alle an- deren.“ Er lächelte. „Eure jungen Männer haben einige Schwierigkeiten, sich unsere Kolleginnen vom Hals zu hal- ten, und eure wenigen jungen Frauen hier können sich der vielen Einladungen kaum erwehren. Ich nehme an, daß nur deswegen so wenige Heiraten stattgefunden haben, weil es keine Nachkommen geben kann.“ „Doch ganz im Ernst“, beharrte Vahino, „wir zu Hause haben erkannt, daß eure Zivilisation in der ganzen bekann- ten Galaxis tonangebend ist. Das liegt nicht nur daran, daß die solare Zivilisation technisch am weitesten fortgeschrit- ten ist, obwohl dies damit natürlich viel zu tun hat, denn, ihr kamt mit euren Raumschiffen, der Atomenergie und der Medizin und allem anderen zu uns, doch können wir dies auch lernen und danach mit euch weitermachen, sondern es liegt an solchen Taten wie – nun, eurem gegenwärtigen Hilfsangebot. Lichtjahre entfernte, ruinierte Welten wieder aufzubauen, eure Kraft und euer Geld in unseren Planeten zu stecken, wo wir doch nur so wenig als Gegenleistung bieten können, das ist es, was euch zur führenden Rasse der Galaxis macht.“ „Wie ihr wohl wißt, haben wir auch selbstsüchtige Be- weggründe dafür“, entgegnete Dalton ein wenig unbehag- lich. „Sogar sehr viele. Natürlich ist es auch einfach Menschlichkeit. Wir könnten nicht uns so ähnliche Rassen Not leiden lassen, wenn das Sonnensystem und seine Ko- lonien mehr Reichtum besitzen, als sie damit anzufangen wissen. Aber unsere blutige Geschichte hat uns gelehrt, daß solche Programme, wie der Plan zur Wirtschaftshilfe, sich auch zum Wohle des Helfers auswirken. Wenn wir Cunda- loa und Skontar wieder aufgebaut, ihre Produktion ange- kurbelt, die rückständige Industrie modernisiert und unsere Wissenschaft gelehrt haben, dann können sie auch mit uns Handel treiben. Und unsere Wirtschaft ist nach all den Jahrhunderten in erster Linie immer noch auf dem Handel aufgebaut. Dann werden wir sie auch zu eng aneinander gebunden haben, als daß eine Wiederholung des Krieges möglich wäre. Sie werden unsere Verbündeten gegen eini- ge der wirklich fremdartigen und bedrohlichen Kulturen in der Galaxis sein, gegen Planeten, Systeme und Reiche, ge-, gen die wir uns einst vielleicht einmal behaupten müssen.“ „Das Höchste Wesen möge uns davor bewahren“, sagte Vahino ernst. „Wir haben genug vom Krieg.“ Wieder ertönte die Glocke, und der Robot verkündete in klarem, mechanischem Ton: „Seine Exzellenz Skorrogan Valthaks Sohn, Herzog von Kraakahaym, Sonderbotschafter des Reiches von Skontar für den Planetenbund von Sol.“ Abermals standen sie auf, diesmal etwas langsamer, und Dalton sah Mißbilligung auf mehreren Gesichtern, die bei dem Eintritt des Neuankömmlings einem unverbindlichen Ausdruck wich. Es war nicht zu leugnen, daß die Skonta- rier momentan im Sonnensystem nicht sehr beliebt waren, und zum Teil war es ihre eigene Schuld. Doch zum größten Teil konnten sie nichts dafür. Der vorherrschende Eindruck war der, daß Skontar die Schuld an dem Krieg mit Cundaloa zuzuschreiben war, was einfach nicht stimmte. Es war ein Unglück, daß die Sonnen Skang und Avaiki zusammen mit einem dritten Begleiter, den die Menschen nach dem Kapitän der ersten Expedition zu jenem System Allan nannten, ein System bildeten. Und die Planeten von Allan waren unbewohnt. Als Skontar und Cundaloa mit der terrestrischen Tech- nologie in Kontakt kamen, wurden die beiden Planeten und danach die beiden Systeme zu rivalisierenden Staaten, die auf die neuen, grünen Planeten von Allan begehrliche Blicke richteten. Beide besaßen dort Kolonien, und auf an- fängliche Zusammenstöße folgte der schreckliche, fünfjäh- rige Krieg, der beide Systeme verwüstet und mit terrestri-, scher Vermittlung geendet hatte. Es war einfach ein Kon- flikt zwischen rivalisierenden, imperialistischen Staaten gewesen, wie er vor dem Großen Frieden und der Bildung des Planetenbundes in der menschlichen Geschichte immer wieder vorgekommen war. Der Friedensvertrag war so ge- recht wie möglich, und beide Systeme waren erschöpft. Nun würden sie Frieden halten, besonders da beide auf die solare Hilfe beim Wiederaufbau hofften. Dennoch – die meisten Menschen mochten die Cunda- loaner. Daraus ergab sich zwangsläufig, daß sie gegen die Skontarier eine Abneigung hegten, und sie für den Streit verantwortlich machten. Aber auch vor dem Krieg waren sie nicht sehr beliebt gewesen. Ihr Hang zur Isolation, ihr Festhalten an überholten Traditionen, ihre rauhe Sprache, ihr überhebliches Verhalten, und sogar ihr Aussehen sprach gegen sie. Dalton war es schwergefallen, die Solare Versammlung zu überreden, auch Skontar zu den Gesprächen über die Wirtschaftshilfe einzuladen. Zuletzt war es ihm gelungen. Nicht nur, daß die Bodenschätze von Skang, insbesondere seine Minerale, für den Wiederaufbau wertvoll wären, könnte auch die Freundschaft eines potentiell mächtigen und bisher neutralen Reiches gewonnen werden. Bisher war das Hilfsprogramm nicht mehr als ein Vor- schlag. Letztlich konnte nur die Solare Versammlung ein Gesetz herausgeben, wem auf welche Weise und in wel- chem Ausmaß geholfen werden solle, und dann müßte das Gesetz in die Friedensbestimmungen zwischen den betrof-, fenen Planeten aufgenommen werden. Dieses einleitende, unverbindliche Treffen hier stellte erst den ersten Schritt dar, war aber entscheidend. * Dalton verneigte sich förmlich, als der Skontarier eintrat. Der Gesandte erwiderte den Gruß, indem er mit dem Schaft seines riesigen Speers gegen den Boden stampfte, die ar- chaische Waffe an die Wand lehnte, und seinen Strahler mit dem Griff voran darbot. Daltoo ergriff ihn behutsam und legte ihn auf das Pult. „Grüße und Willkommen“, be- gann er, da Skorrogan nichts sagte. „Der Planetenbund …“ „Danke!“ Die Stimme, ein heiserer Baß, klang irgendwie metallisch und stark akzentuiert. „Der Valtam des Reiches von Skontar sendet Grüße dem Premierminister von Sol durch Skorrogan Valthaks Sohn, den Herzog von Kraaka- haym.“ Seine Anwesenheit schien den Raum mit einer Bedro- hung zu erfüllen. Obwohl sie auf einer Welt mit höherer Schwerkraft und niedrigerer Temperatur lebten, waren die Skontarier eine Rasse von Riesen, die über zwei Meter groß und so breit waren, daß sie gedrungen wirkten. Man konnte sie als humanoid bezeichnen, weil sie säugende Zweibeiner waren, aber darüber hinaus fand sich nicht viel Ähnlichkeit. Unter einer breiten, niedrigen Stirn und dro- hend vorspringenden Augenwülsten starrten die Augen Skorrogans wild und golden, die Augen eines Falken. Sein, Gesicht war mit einer stumpfen Schnauze versehen, deren mächtigen Kiefer mit Reißzähnen ausgestattet waren, wäh- rend die runden Ohren hoch zu beiden Seiten des massiven Schädels ansetzten. Seinen muskulösen Körper bedeckte ein kurzer, brauner Pelz bis ans Ende des langen, ruhelo- sen, Schwanzes, und eine rötliche Mähne umflammte Kopf und Hals. Trotz der für ihn tropischen Temperatur trug er die Felle und Pelze, wie sie bei ihm zu Hause für solche Anlässe üblich waren, und der beißende Gestank seines Schweißes umgab ihn. „Sie haben sich verspätet“, bemerkte einer der Minister mit dünner Höflichkeit. „Ich hoffe, daß Sie nicht durch ir- gendwelche Schwierigkeiten aufgehalten wurden.“ „Nein. Ich unterschätzte die Zeit, die ich zum Herkom- men benötigte“, antwortete Skorrogan. „Entschuldigen Sie das bitte.“ Es schien ihm überhaupt nicht leid zu tun, und er ließ seinen riesigen Körper in den nächsten Sessel fallen und öffnete seine Aktentasche. „Gehen wir nun zum Ge- schäft über, meine Herren?“ „Nun – gut.“ Dalton setzte sich ans obere Ende des Kon- ferenztisches. „Obwohl wir uns bei diesem einleitenden Gespräch nicht allzusehr mit Fakten und Zahlen abgeben wollen; wir wollen einfach nur allgemeine Ziele und die grundsätzliche Politik festlegen.“ „Natürlich werden Sie einen vollständigen Bericht über die in den Systemen Avaiki und Skang sowie in den Allan- schen Kolonien vorhandenen Bodenschätze wünschen“, sagte Vahino mit sanfter Stimme. „Die Landwirtschaft von, Cundaloa, die Bergwerke von Skorrogan werden bereits jetzt viel beitragen können, während letztlich natürlich wirtschaftliche Selbständigkeit erreicht werden soll.“ „Es ist auch eine Frage der Erziehung“, warf Dalton ein. „Wir werden viele Experten, technische Berater und Lehrer schicken …“ „Natürlich wird sich auch die Frage der militärischen Verhältnisse erheben“, begann der Oberbefehlshaber. „Skontar hat eigene Armee“, erwiderte Skorrodan. „Noch nicht darüber gesprochen werden braucht.“ „Vielleicht nicht“, stimmte der Finanzminister sanft zu. Er zog eine Zigarette hervor und zündete sie an. „Bitte!“ Einen Augenblick lang schwoll Skorrogans Stimme zu dem Brüllen eines Stieres an. „Nicht rauchen. Sie wissen, Skontarier allergisch gegen Tabak.“ „Tut mir leid!“ Der Finanzminister drückte die Zigarette aus. Seine Hand zitterte ein wenig, und er starrte den Ab- gesandten an. Es bestand fast kein Grund zur Aufregung, denn die Klimaanlage hätte den Rauch sofort abgesogen. Und außerdem – man schrie einen Minister nicht an. Insbe- sondere dann, wenn man um Hilfe gekommen war. „Auch andere Systeme werden davon betroffen sein“, warf Dalton hastig ein und versuchte verzweifelt, das Un- behagen und die Spannung zu übergehen. „Nicht nur die Kolonien von Sol. Ich kann mir vorstellen, daß eure beiden Rassen sich über das Dreifachsystem hinaus ausbreiten werden, und die durch eine solche Kolonisation verfügbar werdenden Bodenschätze …“, „Wir werden es tun müssen“, unterbrach Skorrogan bit- ter, „nachdem Vertrag uns vierten Planeten geraubt hat … Macht nichts. Bitte zu entschuldigen. Ist schlimm genug, zu sitzen an einem Tisch mit Feind, ohne daran erinnert zu werden, vor wie kurzer Zeit er Feind war.“ Diesmal lastete das Schweigen längere Zeit im Raum. Dalton erkannte fast physisch schmerzhaft, daß Skorrogan sich in eine nicht wiedergutzumachende Lage hineinmanöv- riert hatte. Selbst wenn ihm plötzlich zu Bewußtsein kom- men sollte, was er angerichtet hatte, und versuchte, die Si- tuation zu retten – und wer hat schon von einem skontari- schen Edelmann gehört, der sich für etwas entschuldigt hätte – so war es doch zu spät. Zu viele Millionen hatten auf ihren Bildschirmen seine unverzeihliche Arroganz mit- erlebt, zu viele bedeutende Männer, die Führer von Sol, saßen mit ihm im selben Raum, sahen in seine verächtlich blickenden Augen und rochen den scharfen Gestank seines unmenschlichen Schweißes. Für Skontar würde es keine Hilfe geben. * Bei Sonnenuntergang türmten sich Wolken über der dunk- len Linie der Klippen, die im Osten von Geyrhaym lagen, und ein feiner, kühler Wind blies – vom Winter wispernd – ins Tal herab. Er trug die ersten Schneeflocken, die über den sich verdunkelnden, purpurnen Himmel wirbelten. Noch vor Mitternacht würde es einen Blizzard geben., Das Raumschiff senkte sich aus der Dunkelheit herab und setzte auf seinem Landeplatz auf. Jenseits des kleinen Raumhafens lag die alte Stadt Geyrhaym, in Dämmerung gehüllt, gegen den Wind zusammengedrängt. Aus den al- ten, mit Spitzdächern versehenen Häusern glühte rötlicher Feuerschein, doch die gewundenen, mit Kopfsteinpflaster bedeckten Straßen glichen leeren Schluchten, die den Hü- gel hinaufführten, auf dessen Rücken die große Burg der Barone kauerte. Der Valtam hatte sie zu seiner eigenen Verwendung bestimmt, und nun war Geyrhaym die Haupt- stadt des Reiches, denn das stolze Skirnor und das prächti- ge Thruvang waren radioaktive Krater, und wilde Tiere heulten in den verkohlten Ruinen des alten Palastes. Skorrogan Valthaks Sohn schauderte zusammen, als er aus der Schleuse trat und die Rampe hinunterschritt. Skon- tar war ein kalter Planet. Sogar für sein eigenes Volk er- schien er kalt. Er wickelte sich enger in seinen Pelzum- hang. Sie warteten am unteren Ende der Rampe, die Groß- häuptlinge von Skontar. Unter seinem unbeteiligt scheinen- den Äußeren zogen sich Skorrogans Bauchmuskeln zu- sammen. In der schweigsamen, finsteren Gruppe der Män- ner konnte der Tod auf ihn warten – sicher aber Ungnade, und er konnte sich nicht verteidigen. Der Valtam selbst stand da, während seine weiße Mähne im bitterkalten Wind wehte. Seine goldenen Augen schie- nen in der Dämmerung zu leuchten, hart und wild, und mit glimmendem Haß dahinter. Sein ältester Sohn und recht-, mäßige Erbe, Thordin, stand neben ihm. Das letzte Son- nenlicht glühte rot auf seiner Speerspitze; es schien wie Blut gegen den Himmel zu tropfen. Dann warteten noch andere mächtige Männer von Skang auf ihn, die Herzöge der Provinzen von Skontar und den anderen Planeten. Hin- ter ihnen stand eine Reihe der Reichswache, deren Helme und Harnische in der Dämmerung verborgen waren und dennoch vor Haß und Verachtung von innen her zu strah- len schienen. Skorrogan schritt auf den Valtam zu, schlug zum Gruß den Schaft seines Speeres gegen den Erdboden und neigte den Kopf im vorgeschriebenen Winkel. Mit Ausnahme des wimmernden Windes blieb alles still. Schnee trieb über das Feld. Endlich sprach der Valtam ohne den zeremoniellen Gruß. Es war wie ein vorsätzlicher Schlag ins Gesicht: „Du bist also wieder zurück.“ „Ja, Herr!“ Skorrogan versuchte, seiner Stimme einen festen Klang zu verleihen. Es war sehr schwierig. Er hatte keine Furcht vor dem Tod, aber es war grausam schwer, die Last seines Versagens zu tragen. „Wie du weißt, muß ich leider den Fehlschlag meiner Mission melden.“ „Tatsächlich. Wir befinden uns im Besitz von Fernseh- empfängern“, bemerkte der Valtam eisig. „Herr, das Volk von Sol gewährt Cundaloa praktisch unbegrenzte Hilfe. Aber man weigerte sich, Skontar auf irgendeine Weise zu unterstützen. Keine Kredite, keine technischen Berater – nichts. Und wir können nur mit ge-, ringem Handel und überhaupt keinen Besuchern rechnen.“ „Ich weiß“, sagte Thordin. „Und du wurdest um ihre Hilfe gesandt.“ „Ich habe es versucht, Herr.“ Skorrogans Stimme war ohne jeden Ausdruck. Er mußte etwas sagen – doch möge ich für immer verdammt sein, wenn ich um Gnade flehe! „Aber die Solarier haben ein ungerechtfertigtes Vorurteil gegen uns, was teilweise auf ihre rein gefühlsmäßige Zu- neigung für Cundaloa und teilweise darauf zurückzuführen ist, daß wir uns in so vielen Dingen von ihnen unterschei- den.“ „Das stimmt“, erwiderte der Valtam kalt. „Aber früher war es nicht so ausgeprägt. Die Mingonier haben zum Bei- spiel aus den Händen der Solarier viel Gutes empfangen, obwohl sie noch viel weniger menschlich sind als wir. Sie erhielten dieselbe Hilfe, wie sie Cundaloa teilhaftig werden wird, und die auch wir empfangen hätten. Wir wünschen nichts außer gute Beziehungen mit der größten Macht der Galaxis. Wir hätten mehr als das haben können. Aus Berichten aus erster Hand kenne ich die Stimmung, in der sich der Bund befand. Sie waren bereit, uns zu helfen, wenn wir nur die geringste Bereitschaft zur Zusammenarbeit gezeigt hätten. Wir hätten wieder aufbau- en können und noch mehr als nur das …“ Seine Stimme wurde von dem schneidenden Wind verweht. Nach einem kurzen Moment fuhr er fort, und die Wut, die in seiner Stimme schwang, schien ein eigenes Leben zu besitzen. „Ich habe dich als meinen persönlichen Abge-, sandten geschickt, um die großzügig dargebotene Hilfe zu erhalten. Dich, dem ich vertraute, von dem ich annahm, daß ihm unser grausames Schicksal bewußt war – bah!“ Er spie aus. „Und du hast nichts Besseres zu tun, als beleidi- gend, arrogant und grob zu sein. Du, auf dem alle Augen von Sol ruhten, machtest dich zur Verkörperung all dessen, was die Menschen an uns schlecht finden. Kein Wunder, daß unser Ansuchen abgelehnt wurde! Du kannst von Glück reden, daß Sol uns nicht den Krieg erklärte!“ „Vielleicht ist es noch nicht zu spät“, meinte Thordin. „Wir könnten einen anderen schicken …“ „Nein.“ Der Valtam hob sein Haupt mit dem angebore- nen, eisernen Stolz seiner Rasse, dem Hochmut einer Kul- tur, in deren ganzen Geschichte die Ehre mehr bedeutete als das Leben. „Skorrogan ging als unser bevollmächtigter Vertreter. Wenn wir ihn verleugneten, uns für sein schlech- tes Benehmen entschuldigten! – vor der Galaxis kröchen – nein! Das ist es nicht wert. Wir müssen einfach ohne Sol auskommen.“ * Der Schnee fiel nun dichter, und die Wolken bedeckten den Himmel. Einige wenige Sterne blinkten dazwischen hervor, aber es war kalt, bitter kalt. „Welcher Preis, den wir für die Ehre zu zahlen haben!“ seufzte Thordin müde. „Unser Volk hungert, und Sol wür- de uns Nahrungsmittel schicken. Es hat nur Fetzen anzu-, ziehen, und Sol könnte es bekleiden. Unsere Fabriken sind verwüstet und verlassen, unsere jungen Männer wachsen in Unkenntnis der galaktischen Zivilisation und Technologie heran, und Sol würde uns Maschinen und Ingenieure schicken, uns beim Wiederaufbau helfen. Wir bekämen Lehrer und könnten wieder groß werden … Zu spät, zu spät!“ Verwirrt und verletzt suchten seine Augen das Dun- kel zu durchdringen. Skorrogan war sein Freund gewesen. „Aber warum hast du es getan? Warum?“ „Ich tat mein Bestes“, antwortete Skorrogan steif. „Wenn ich dafür nicht geeignet bin, hättet ihr mich nicht schicken sollen.“ „Aber du warst es“, entgegnete der Valtam. „Du warst unser bester Diplomat. Deine Verschlagenheit, dein Ver- ständnis für extraskontarische Psychologie, deine Persön- lichkeit, all das war unschätzbar für unsere Auslandsbezie- hungen. Und dann, bei dieser einfachen und äußerst wich- tigen Mission … Nie wieder!“ Seine Stimme schwoll zu einem Schrei gegen den aufkommenden Sturm. „Nie wie- der will ich dir vertrauen. Skontar wird von deinem Versa- gen erfahren.“ „Herr …“ Skorrogans Stimme bebte plötzlich. „Herr, ich habe Worte von dir empfangen, die ein Duell auf Leben und Tod erfordern. Hast du noch mehr zu sagen, so tu es! Oder laß mich gehen!“ „Ich kann dir deine ererbten Titel und deinen Besitz nicht nehmen“, sagte der Valtam. „Aber deine Stellung in der Reichsregierung hast du verloren, und du darfst weder, den Hof betreten noch ein öffentliches Amt bekleiden. Au- ßerdem glaube ich nicht, daß dir viele Freunde die Treue halten werden.“ „Vielleicht nicht“, erwiderte Skorrogan. „Ich tat, was ich tat, und selbst wenn ich es erklären könnte, nach all den Beleidigungen würde ich es nicht tun. Aber wenn du mich wegen der Zukunft Skontars um Rat fragst …“ „Das tue ich nicht“, unterbrach der Valtam. „Du hast be- reits genug Schaden angerichtet.“ „… dann bedenke drei Dinge.“ Skorrogan hob seinen Speer und wies auf die entfernt glitzernden Sterne. „Erstens jene Sonnen da draußen. Zweitens bestimmte neue wissen- schaftliche und technologische Errungenschaften hier zu Hause, wie zum Beispiel Dyrins Arbeit über Semantik. Und drittens, sieh dich um! Schau dir die Häuser an, die deine Väter bauten, betrachte die Kleider, die du trägst und höre auf die Sprache, die du sprichst! Und dann komm in etwa fünfzig Jahren zurück und bitte mich um Verzeihung!“ Er schlug seinen Mantel um sich, grüßte den Valtam und ging mit großen Schritten über das Feld in die Stadt. Mit Unverständnis und Bitterkeit in den Augen blickten sie ihm nach. In der Stadt herrschte der Hunger. Er konnte ihn fast hin- ter den dunklen Mauern spüren, den Hunger der verzwei- felten, zerlumpten Leute, die vor ihren Feuern hockten und sich fragten, ob sie wohl den Winter überstehen würden. Einen Augenblick lang gedachte er derer, die sterben wür- den, wagte aber nicht, den Gedanken weiter zu verfolgen., Er hörte jemanden singen und verhielt seinen Schritt. Ein fahrender Sänger, der sich von Stadt zu Stadt bettelte, kam die Straße herunter, während ihn sein zerlumpter Um- hang wunderlich umflatterte. Mit dürren Fingern zupfte er seine Harfe, und seine Stimme erhob sich zu einer alten Ballade, die all die rauh klingende Musik, den großartigen, ehernen Klang der alten Sprache von Naarhaym auf Skon- tar zum Ausdruck brachte. Einen Augenblick lang empfand Skorrogan seltsames Vergnügen daran, einige Zeilen in Gedanken ins Terrestrische zu übersetzen: Wild wecken fliegende Vögel die Toten des Winters für die Wege der Meere. Liebste, sie locken, singen von Siegen, Ruhm für den Ritter. Leb wohl, Geliebte! Es ging nicht. Das lag nicht nur daran, daß der metallische Rhythmus und die harten, bellenden Silben verlorengingen, sowie der verschlungene Stabreim – es ergab auf Terre- strisch einfach keinen Sinn. Es fehlten die gemeinsamen Grundbegriffe. Wie konnte man zum Beispiel ein Wort wie Vorkansraavin als Ritter wiedergeben und hoffen, mehr als einen verstümmelten Teil der Bedeutung zu vermitteln? Die geistige Einstellung war einfach zu verschieden., Und darin lag vielleicht seine Antwort an die Groß- häuptlinge. Aber sie würden sie nicht anerkennen. Sie konnten es nicht. Und er war allein, und der Winter war wieder im Anzug. * Valka Vahino saß in seinem Garten und badete seine bloße Haut im Sonnenlicht. In diesen Tagen hatte er nicht oft Ge- legenheit zu einem Aliacavi – wie war nur das alte terre- strische Wort dafür? Siesta? Nein, das war falsch. Ein ru- hender Cundaloaner schlief nicht am Nachmittag. Er saß oder lag im Freien, während die Sonne bis in seine Kno- chen drang, oder ein warmer Regen ihn berieselte, und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Die Solarier nannten es Tag- träumen, aber das war es nicht, sondern – nun, sie hatten kein richtiges Wort dafür. Psychische Erholung war ein unbeholfener Ausdruck, und die Solarier verstanden nie. Manchmal erschien es Vahino, als habe er nie gerastet, seit einer Ewigkeit von Jahren nicht. Die dringlichen Pflichten des Krieges und dann seine hektischen Reisen nach Sol – und seither, in den vergangenen drei Jahren war er vom Hohen Haus zum höchsten Verbindungsoffizier ernannt worden, weil man annahm, daß er die Solarier bes- ser als jeder andere in der Liga verstand. Vielleicht stimmte das. Er hatte viel Zeit zusammen mit ihnen verbracht, und er mochte sie als Rasse und als Indi- viduen. Aber – bei allen Geistern, wie sie arbeiteten! Wie, sie sich hetzten! Als seien ihnen Dämonen auf den Fersen. Nun, es gab keinen anderen Weg des Wiederaufbaus, die alten, hinfälligen Methoden zu reformieren und sich mit den Gedanken an den Reichtum vertraut zu machen, der auf sie wartete. Jetzt aber beruhigte es ihn außerordentlich, in seinem Garten zu liegen, während große, goldene Blu- men rings um ihn im Wind nickten und die Sommerluft mit ihrem einschläfernden Geruch erfüllten, hie und da ein ho- nigsuchendes Insekt vorübersummte und ein neues Gedicht in seinem Kopf entstand. Die Solarier schienen Schwierigkeiten zu haben, eine ganze Rasse von Dichtern zu verstehen, wo selbst der dümmste Cundaloaner sich in die Sonne legen und Gedich- te machen konnte – nun, jede Rasse hat ihre besonderen Eigenschaften. Wer konnte sich mit dem technischen Genie messen, das die Menschen ihr eigen nannten? Die gewaltig sich emporschwingenden, singenden Zei- len donnerten in seinem Kopf. Er betrachtete sie von allen Seiten, polierte an ihnen und formte jede Silbe, ehe er sie mit wachsender Freude zu einem Ganzen webte. Es würde gut werden! Man würde sich daran erinnern und es noch nach einem Jahrhundert singen, und man würde Valka Va- hino nicht vergessen. Vielleicht feierte man ihn sogar als einen Meister der Versschmiedekunst – Alia Amaui caui- an-rïho, valana, valana, vro! „Entschuldigen Sie, Herr.“ Die leblose, metallische Stimme bohrte sich in sein Gehirn. Er fühlte, wie das zarte Gewebe seines Gedichtes zerriß und in Dunkelheit und, Vergessen gewirbelt wurde. Einen Augenblick lang spürte er nichts als den Schmerz seines Verlustes, und er erkannte dumpf, daß die Unterbrechung etwas zerstört hatte, was er nie wieder ganz würde erschaffen können. „Entschuldigen Sie, Herr, aber Mr. Lombard möchte Sie sehen.“ Es war ein Schallstrahl des Robo-Empfangschefs, den Lombard selbst Vahino gegeben hatte. Der Cundaloaner erkannte wohl, daß das glänzende Metallgerät nicht zwi- schen das geschnitzte Holz und die alten Wandteppiche seines Hauses paßte, aber er hatte den Spender nicht belei- digen wollen – außerdem war das Ding nützlich. Lombard, Chef der solaren Wiederaufbaukommission, der wichtigste Mensch im System von Avaiki – Vahino wußte die Höflichkeit des Mannes zu schätzen, der ihn auf- suchte, anstatt ihn rufen zu lassen. Bloß – warum mußte er gerade in diesem Augenblick kommen? „Sag Mr. Lombard, daß ich in einer Minute fertig bin!“ Vahino betrat durch den Hintereingang das Haus und zog sich an. Dann ging er ins Vorzimmer. Zur Bequem- lichkeit der Terraner, die nicht gern auf einer geflochtenen Matte hockten, hatte er einige Sessel aufstellen lassen. Lombard erhob sich, als Vahino eintrat. * Der Mensch war klein und gedrungen, mit einem dichten Büschel grauer Haare über einem zerfurchten Gesicht. Er, hatte sich vom Arbeiter zum Ingenieur und weiter zum höchsten Bevollmächtigten von Sol auf Cundaloa empor- gearbeitet, und die Zeichen dieses Kampfes fanden sich noch an ihm. Er ging an Arbeit mit einem fast persönlichen Ungestüm heran und konnte härter sein als Edelstahl. Aber meistens war er angenehm. Er besaß erstaunlich viele In- teressen und ein großes Wissen und hatte für das Avaiki- system Wunder vollbracht. „Friede über deinem Haus, Bruder“, grüßte Vahino. „Wie geht’s“, antwortete der Solarier. Als sein Gastge- ber nach Dienern rufen wollte, fuhr er hastig fort: „Bitte, nichts von eurer rituellen Gastfreundlichkeit! Ich schätze sie, aber wir haben einfach keine Zeit, uns zu einer Mahl- zeit niederzulassen und drei Stunden über kulturelle Ange- legenheiten zu unterhalten, bevor wir zur Sache kommen. Ich wünschte – hm, Sie sind ein Eingeborener hier und ich nicht; daher möchte ich, daß Sie persönlich durchsickern lassen – taktvoll natürlich –, daß dies eingestellt wird.“ „Aber – das ist einer unserer ältesten Bräuche …“ „Das ist es ja gerade! Alt, überholt, fortschrittsfeindlich. Ich möchte nicht geringschätzig wirken, Mr. Vahino. leb wollte, wir Solarier hätten einige Bräuche, die so bezau- bernd sind wie eure. Aber – nicht während der Arbeitszeit. Bitte!“ „Gut – ich wage zu sagen, daß du recht hast. Es paßt nicht in eine moderne, industrielle Zivilisation. Und eine solche versuchen wir ja aufzubauen.“ Vahino nahm Platz und bot seinem Gast eine Zigarette an. Rauchen war eines, der charakteristischen Laster von Sol, vielleicht das anstek- kendste, sicher aber das am leichtesten zu verteidigende. Vahino zündete seine mit dem Vergnügen des Anfängers an. „Richtig! Genau! Und deswegen kam ich auch zu Ihnen, Mr. Vahino. Ich bringe keine besonderen Klagen, aber es hat sich ein ganzer Berg kleinerer Schwierigkeiten ange- häuft, mit denen ihr Cundaloaner selbst fertig werden könnt, es sind eure Angelegenheiten, in die wir uns nicht mischen wollen. Aber ihr müßt einige Veränderungen durchführen, sonst können wir euch nicht helfen.“ Vahino vermutete in etwa, was nun kommen würde. Er hatte es schon seit einiger Zeit erwartet und konnte nichts dagegen tun. Aber er sog noch einmal an der Zigarette, blies den Rauch langsam von sich und hob höflich fragend die Augenbrauen. Dann erinnerte er sich daran, daß die So- larier nicht gewöhnt waren, Mimik als Teil der Sprache anzusehen, und sagte laut: „Bitte, sprich frei heraus. Ich weiß, daß du mich nicht beleidigen willst.“ „Gut.“ Lombard beugte sich vor und knetete nervös sei- ne abgearbeiteten Hände. „Es ist eine Tatsache, daß eure ganze Kultur, eure Psychologie nicht in eine moderne Zivi- lisation paßt. Man kann sie zwar verändern, aber die Verän- derungen müssen umwälzend sein. Ihr könnt es tun: Gesetze erlassen, Propagandafeldzüge starten, das Erziehungssystem reformieren und so weiter. Aber es muß getan werden. Diese Siesta zum Beispiel. In diesem Augenblick dreht sich in dieser Zeitzone des Planeten kaum ein Rad, kaum, eine Maschine wird betreut, kaum ein Mensch arbeitet. Sie liegen alle in der Sonne, machen Gedichte, summen Lieder oder träumen einfach. Eine ganze Zivilisation muß aufge- baut werden, Vahino! Da warten Pflanzungen, Bergwerke, Fabriken, Städte darauf, errichtet zu werden – das alles kann man nicht mit vier Stunden Arbeit pro Tag schaffen.“ „Nein. Aber vielleicht besitzen wir nicht die Energie deiner Rasse.“ „Ihr müßt es eben lernen, es muß ja nicht gleich in Schwerarbeit ausarten. Das Endziel der Mechanisierung eurer Kultur ist, euch von physischer Arbeit und der Un- gewißheit der Abhängigkeit von der Scholle zu befreien. Und eine mechanische Zivilisation kann nicht mit so vielen alten Ansichten, Ritualen, Bräuchen und Traditionen voll- gestopft sein, wie es die eure ist. Dafür gibt es keine Zeit. Das Leben ist zu kurz. Ihr seid noch immer wie die Skonta- rier, die ihre dummen Speere mit sich schleppen, nachdem sie längst schon ihre praktische Bedeutung verloren ha- ben.“ „Tradition macht erst das Leben aus – ist die Bedeutung des Lebens …“ „Die Maschinenkultur hat ihre eigenen Traditionen. Ihr werdet es erfahren. Sie hat ihre eigene Bedeutung, und ich glaube, es ist die Bedeutung der Zukunft. Wenn ihr darauf besteht, an euren überholten Gewohnheiten festzuhalten, werdet ihr nie die Geschichte einholen. Euer Währungssy- stem, zum Beispiel …“ „Es ist praktisch.“, „Auf seine Weise; aber wie könnt ihr mit Sol Handel treiben, wenn eure Kredite auf Silber beruhen, während sich die Sol auf eine abstrakte, statistische Größe beziehen? Für Handelszwecke werdet ihr euer System anpassen müs- sen – daher könnt ihr es gleich auch daheim ändern. Ge- nauso müßt ihr das metrische System einführen, wenn ihr unsere Maschinen verwenden und euch unseren Wissen- schaftlern verständlich machen wollt. Weiter werdet ihr – ach, einfach alles einführen müssen! Dann eure Gesellschaft! – Kein Wunder, daß ihr nicht einmal die Planeten eures eigenen Systems besiedelt habt, wenn jeder darauf besteht, an seinem Geburtsort begraben zu werden. Es ist eine nette Gefühlsduselei, aber auch nicht mehr, und ihr werdet euch davon trennen müssen, wenn ihr die Sterne erreichen wollt. Sogar eure Religion – entschuldigen Sie – aber Sie müs- sen erkennen, daß sie viele Elemente enthält, deren Un- wahrheit die moderne Wissenschaft bewiesen hat.“ „Ich bin Agnostiker“, warf Vahino ruhig ein. „Aber die Religion von Mauiroa bedeutet vielen Leuten sehr viel.“ „Wenn das Hohe Haus uns einige Missionare schicken läßt, können wir sie zum Beispiel zum Neopantheismus bekehren, der meiner Ansicht nach sehr persönliche Be- friedigung bietet und sicherlich mehr wissenschaftlich fun- diert ist als eure Mythologie. Wenn Ihr Volk schon einen Glauben haben muß, dann darf er nicht mit den Tatsachen in Konflikt geraten, die die Erfahrungen in einer modernen Technologie mit sich bringen.“, „Vielleicht. Und ich nehme an, daß unser Familiensy- stem zu komplex und starr für eine moderne, industrielle Gesellschaftsform ist – ja, ja – es steckt mehr dahinter als nur eine einfache Umstellung auf Maschinen.“ „Sicher. Damit muß eine vollständige Umwälzung auf geistigem Gebiet Hand in Hand gehen.“ Dann fügte Lom- bard sanft hinzu: „Es wird ja nicht alles auf einmal gesche- hen. Gleich nachdem euch Allan verließ, habt ihr bereits Raumschiffe und Atomkraftwerke gebaut. Ich möchte nur vorschlagen, den Prozeß ein wenig zu beschleunigen.“ „Und die Sprache …“ „Nun, ohne Chauvinismus frönen zu wollen, glaube ich, daß allen Cundaloanern Solarisch gelehrt werden sollte. Irgendwann in ihrem Leben werden sie es gebrauchen kön- nen. Eure Wissenschaftler und Techniker brauchen die Sprache ohnedies in ihrem Beruf. Die Sprachen von Laui und Muara und all die anderen sind schön, aber sie eignen sich nicht für wissenschaftliche Begriffsbildungen. Allein schon die Agglutination … Ehrlich, eure philosophischen Bücher kommen mir wie Kauderwelsch vor. Schön, aber fast sinnlos. Eurer Sprache mangelt es an – Präzision.“ „Aracles und Vranamaui wurden immer für Meister des kristallklaren Gedankens gehalten“, entgegnete Vahino müde. „Und ich gestehe, daß ich euren Kant und Russell und sogar Korzybski nicht verstehe, aber mir mangelt es ja auch an Training in dieser Richtung. Ohne Zweifel hast du recht. Die jüngere Generation wird sicher mit dir einer Meinung sein., Ich werde mit dem Hohen Haus sprechen, und vielleicht gelingt es mir, etwas zu veranlassen. Doch auf jeden Fall wirst du nicht viele Jahre zu warten brauchen. Alle unseren jungen Männer streben danach, es euch recht zu machen. Das ist der Weg zum Erfolg.“ „Das stimmt“, bekräftigte Lombard und fuhr sanft fort: „Manchmal wünsche ich, daß Erfolg nicht mit einem so hohen Preis bezahlt werden muß. Aber Sie brauchen sich nur Skontar anzusehen, um zu erkennen, wie notwendig es ist.“ „Wieso – sie haben in den vergangenen drei Jahren Wunder vollbracht. Nach der großen Hungersnot haben sie sich erholt, bauen ganz allein wieder auf und haben sogar Erkundungsschiffe zu den Sternen geschickt, die nach Ko- lonien suchen.“ Vahino lächelte verzerrt. „Ich liebe unsere ehemaligen Feinde nicht, muß sie aber bewundern.“ „Sie sind mutig“, gab Lombard zu. „Aber was nützt Mut allein? Sie mühen sich mit einer Menge veralteter Dinge ab. Bereits jetzt ist die Gesamtproduktion von Cundaloa dreimal so groß wie die ihre. Ihre interstellare Kolonisation ist nichts als ein schwacher Versuch einiger weniger hun- dert Leute. Skontar bleibt zwar am Leben, wird aber immer nur eine Macht zehnter Größe bleiben. Bald wird es ein Satellitenstaat Cundaloas werden. Dies liegt nicht daran, daß es ihnen an den Möglichkeiten fehlt – im Gegenteil. Aber sie haben uns unser Hilfsangebot praktisch vor die Füße geworfen und sich vor dem Einfluß der galaktischen Zivilisation isoliert. Ja, sie versuchen sogar, wissenschaft-, liche Theorien zu entwickeln und anzuwenden, die wir seit hundert Jahren kennen, und kommen dabei so weit vom richtigen Weg ab, daß man darüber lachen müßte, wäre es nicht so bemitleidenswert. Ihre Sprache ist so wie die eure einfach für wissenschaftliche Gedanken nicht geeignet, und sie schleppen zuviel traditionellen Ballast mit sich herum. Ich habe einige Raumschiffe gesehen, die sie selbst ent- worfen haben, anstatt solare Modelle nachzubauen, und sie sind einfach lächerlich. Dutzende verschiedener Versuche, die richtige Form zu finden, die wir seit langem verwen- den. Kugeln, Ellipsoide, Würfel – ich habe sogar gehört, daß jemand glaubt, ein Tetraederschiff bauen zu können!“ „Es wäre eine Möglichkeit“, überlegte Vahino. „Die Riemannsche Geometrie, auf der der interstellare Antrieb basiert, würde …“ „Nein, nein! Das hat man schon auf der Erde ausprobiert und gefunden, daß es nicht funktioniert. Nur ein ver- schrobener Mensch – und in der Isolation müssen die Wis- senschaftler von Skontar ja verschroben werden – hielte das für möglich. Wir Menschen haben bloß Glück gehabt, das ist alles. Sogar wir konnten auf eine lange Geschichte zurückblik- ken, als endlich eine Kultur mit einer Geisteshaltung ent- stand, die für eine wissenschaftliche Zivilisation Voraus- setzung ist. Zuvor gab es fast keinen technologischen Fort- schritt; danach aber erreichten wir die Sterne. Andere Rassen können es uns gleichtun, aber zuerst müssen sie eine geeignete Zivilisation und eine geeignete Geisteshal-, tung annehmen – und ohne unsere Hilfe ist es nicht wahr- scheinlich, daß Skontar oder irgendein anderer Planet diese Errungenschaften vor Ablauf vieler Jahrhunderte erreicht.“ „Da fällt mir ein …“ Lombard kramte in einer Tasche. „Ich habe hier eine Zeitschrift von einer der skontarischen philosophischen Gesellschaften. Eine gewisse Verbindung besteht ja noch zwischen uns; es existiert von keiner der beiden Seiten eine offizielle Sperre – Sol hat Skontar ein- fach als unbelehrbar aufgegeben. Wie dem auch sei“ – er zog ein Magazin hervor –, „sie haben da einen Philoso- phen, Dyrin, der eine neue Arbeit über Semantik veröffent- licht und damit viel Aufsehen erregt hat. Sie können doch Skontarisch, nicht?“ „Ja“, antwortete Vahino. „Ich war während des Krieges bei der Abwehr. Lassen Sie sehen …“ Er blätterte in der Zeitschrift, bis er den Artikel fand, und begann, laut zu übersetzen: „Die früheren Berichte des Schreibers zeigen, daß das Prinzip des Nicht-Elementarismus an sich nicht universell ist, sondern gewissen psychomatischen Vorbehalten unter- worfen sein muß, die sich aus der Betrachtung des Broga- nar-Feldes – das ist ein Wort, das ich nicht verstehe – er- geben, das sich an elektronische Wellenkerne anschließt und …“ „Was ist das für ein Geschwätz?“ explodierte Lombard. „Ich weiß nicht“, antwortete Vahino ratlos. „Der skonta- rische Geist ist mir so fremd wie Ihnen.“ „Unsinn“, stellte Lombard fest, „mit einer ordentlichen, Portion des alten, skontarischen Zur-Hölle-mit-dir-Dogma- tismus vermengt.“ Er warf das Magazin in die kleine, bronzene Feuerschale, wo es bald von den Flammen ergrif- fen wurde. „Völliger Blödsinn, wie jeder mit nur den ge- ringsten Kenntnissen von allgemeiner Semantik oder sogar bloß mit einem Funken Hausverstand sehen kann.“ Er lä- chelte verzerrt und ein wenig traurig und schüttelte den Kopf. „Eine Rasse von Verrückten!“ * „Ich möchte, daß du morgen einige Stunden für mich Zeit hast“, sagte Skorrogan. „Das läßt sich schon einrichten.“ Thordin XI. Valtam des Reiches von Skontar, nickte, dessen Mähne bereits recht schütter geworden war. „Obwohl es mir nächste Wo- che besser paßte.“ „Morgen – bitte!“ Man konnte die Dringlichkeit in der Stimme nicht über- hören. „Na, schön“, stimmte Thordin zu. „Aber was ist los?“ „Ich möchte mit dir einen kleinen Abstecher nach Cun- daloa machen.“ „Warum ausgerechnet dorthin und unbedingt morgen?“ „Ich werde es dir sagen – morgen.“ Skorrogan neigte sein Haupt, das von einer zwar noch dichten, aber schnee- weißen Mähne umrahmt war, und schaltete seinen Bild- schirm ab., Thordin lächelte etwas verwirrt. Skorrogan war auf manche Weise ein eigenartiger Kauz. Aber – nun – wir al- ten Männer müssen zusammenhalten, denn eine neue Ge- neration sitzt uns auf den Fersen, und dahinter wartet schon wieder eine andere. Es bestand kein Zweifel, daß die dreißig Jahre, in denen Skorrogan geächtet worden war, ihn verändert hatten. Aber wenigstens konnten sie ihn nicht verbittern. Als der lang- same Aufstieg Skontars so deutlich erkennbar war, daß man seinen Fehler vergessen konnte, war er vom Kreis sei- ner Freunde langsam wieder aufgenommen worden. Er leb- te noch immer viel allein, war aber nicht länger geächtet, wenn er wohinkam. Besonders Thordin hatte entdeckt, daß ihre alte Freundschaft wieder so schön sein konnte wie zu- vor, und er suchte oft die Burg von Kraakahaym oder Skor- rogan den Palast auf. Er hatte dem alten Adeligen sogar wieder seine Stellung im Hohen Rat angeboten, was ihm aber abgeschlagen wurde. Weitere zehn – oder waren es zwanzig – Jahre vergingen, während der Skorrogan nur seine ererbten Pflichten als Herzog ausübte, bis er jetzt auf einmal so etwas wie eine Gunst erbat. Ja, ich werde mor- gen seinem Wunsch entsprechen. Zum Teufel mit der Ar- beit! Auch Monarchen verdienen Urlaub. Thordin erhob sich von seinem Sessel und hinkte an das große Fenster. Die endokrinen Behandlungen wirkten Wunder gegen seinen Rheumatismus, aber ihre Wirkung war noch nicht vollkommen. Er schauderte ein wenig, als er in das Schneetreiben im Tal blickte. Der Winter stand, wieder einmal vor der Tür. Die Geologen behaupteten, daß Skontar einer neuen Eis- zeit entgegensähe, aber so weit würde es nicht kommen. In einem weiteren Jahrzehnt würden die Klimaingenieure ihre Techniken vervollkommnet haben und imstande sein, die Gletscher in den Norden zurückzutreiben. Doch jetzt war es kalt und weiß draußen, und der Wind heulte bitter um die Türme des Palastes. Auf der südlichen Halbkugel war jetzt Sommer, die Fel- der grünten, und Rauch stieg aus den Häusern in den war- men, blauen Himmel. Unter wessen Leitung war das wis- senschaftliche Team gestanden? – Ach ja, es war Aesgayr Haastings Sohn. Seine Arbeit über Ackerbau und Genetik hatte es einer Gruppe von Kleinbauern ermöglicht, für die neue, wissenschaftliche Zivilisation genug Nahrungsmittel zu erzeugen. Das alte Freisassentum, das Rückgrat Skon- tars während seiner ganzen Geschichte, war nicht ausge- storben. Andere Dinge hatten sich natürlich verändert. Thordin lächelte mühsam, als er sich überlegte, wie sehr sich das Valtamat in den letzten fünfzig Jahren gewandelt hatte. Dyrins Arbeiten über allgemeine Semantik, die für alle Wissenschaften von fundamentaler Bedeutung waren, hat- ten zu den neuen psychosymbologischen Techniken des Regierens geführt. Skontar war nur noch, dem Namen nach ein Reich. Er hatte das Paradoxon eines liberalen Staates durch eine nichtgewählte, wirksame Regierung ersetzt, was zum Besten des Planeten diente, und worauf auch die ver-, gangene, skontarische Geschichte mühsam hingearbeitet hatte. Aber die neue Wissenschaft beschleunigte den Pro- zeß und komprimierte Jahrhunderte der Entwicklung in zwei kurze Generationen. Es schien eigenartig, daß, ob- wohl die physikalischen und biologischen Wissenschaften sich fast unglaubhaft rasch entwickelt hatten, die Künste, Musik und Literatur kaum einer Wandlung unterworfen waren, daß Handarbeit überlebt hatte, und das alte Hoch- naarhaym immer noch gesprochen wurde. Nun, so war es eben. Thordin begab sich zu seinem Tisch zurück. Die Arbeit rief. Da war die Sache mit der Kolonie auf Aesriks Planeten. – Man konnte nicht erwar- ten, daß mehrere hundert blühende interstellare Kolonien klaglos zu regieren seien. Aber es hatte nichts zu bedeuten. Das Reich war sicher. Und es wuchs. Sie hatten einen weiten Weg zurückgelegt seit den Ta- gen der Verzweiflung, des Hungers, der Krankheit und der Zerstörung vor fünfzig Jahren. Einen langen Weg – Thor- din fragte sich, ob selbst er den Fortschritt richtig erkannte. Er nahm den Mikroleser zur Hand und begann zu lesen. Mit Hilfe seines geistigen Trainings arrierte er den Stoff. Zwar beherrschte er die neuen Techniken nicht so gut wie die Männer der jüngeren Generation, die von Geburt an dar- an gewöhnt waren, aber das Arrieren war eine wunderbare Hilfe, die Integration in seinem Unterbewußtsein durchzu- führen und die Möglichkeiten erkennen zu lassen. Er fragte sich, wie er wohl die alten Zeiten des logischen Schließens auf rein bewußter Ebene überleben hatte können., Thordin kam knapp vor den Mauern der Burg von Kraa- kahaym aus der Raumfalte. Skorrogan hatte diese Stelle bestimmt, weil er die Aussicht liebte, die sich von dort aus bot. Sie war großartig, dachte der Valtam, aber schwindel- erregend: Ein Katarakt zerklüfteter, grauer Klippen und windgepeitschter Wolken, der bis in das tief unten liegen- de, grüne Tal reichte. Über ihm ragten drohend die alten Zinnen auf, über denen krächzend die schwarzgeflügelten Kraakar schwebten, die dem Ort seinen Namen verliehen hatten. Der Wind tobte brüllend um ihn und trieb trocke- nen, weißen Schnee vor sich her. Die Wachen hoben grüßend die Speere. Sonst waren sie waffenlos, und die Vortex-Kanonen auf den Wällen der Burg rosteten bereits. Im Herzen des Reiches, das nur noch von den Besitzungen Sols übertroffen wurde, bedurfte man keiner Waffen. Skorrogan stand wartend im Vorhof. Die fünfzig Jahre hatten nicht vermocht, seinen Rücken stark zu krümmen, oder die wilde, goldene Lebenskraft aus sei- nen Augen zu nehmen. Heute schien es Thordin jedoch, daß der Alte von einer angespannten, inneren Begierde er- füllt war, als sehe er dem Ende einer langen Reise entge- gen. Skorrogan begrüßte ihn formell und forderte ihn auf, einzutreten. „Nicht jetzt, danke!“ wehrte Thordin ab. „Ich habe wirklich viel zu tun und möchte sofort abfliegen.“ Der Herzog murmelte die offizielle Redewendung des höf- lichen Bedauerns, aber es war offensichtlich, daß er es be- grüßte, nicht eine Stunde in der Burg vertrödeln zu müssen. „Dann komm bitte!“ sagte er. „Mein Kreuzer ist startbereit.“, Er befand sich hinter dem Gebäude auf einer Startrampe. Es war ein schmuckes, kleines Robo-Schiff in Tetraeder- form. Sie traten ein und nahmen auf den Sitzen in der Mitte Platz. „Willst du mir vielleicht jetzt sagen, warum du heute Cundaloa aufsuchen möchtest?“ fragte Thordin. Skorrogan warf ihm einen Blick zu, in dem der alte Schmerz durchschimmerte. „Heute“, begann er langsam, „ist es genau fünfzig Jahre her, daß ich von Sol zurückge- kehrt bin.“ „Ja …?“ Thordin war erstaunt und fühlte sich etwas un- behaglich. Es paßt gar nicht zu dem wortkargen Alten, die vergessene Sache wieder aufzuwärmen. „Du wirst dich wahrscheinlich nicht mehr daran erin- nern“, fuhr Skorrogan fort, „aber wenn du es aus deinem Unterbewußtsein vargen willst, wirst du wissen, daß ich damals sagte, man solle sich in fünfzig Jahren bei mir ent- schuldigen kommen.“ „Du willst dich also jetzt rechtfertigen.“ Thordin war nicht überrascht – es war typisch skontarische Psychologie – aber er fragte sich noch immer, was es zu entschuldigen gab. „Das will ich. Damals konnte ich keine Erklärung abge- ben, weil mir niemand geglaubt hätte; und außerdem war ich mir selbst nicht sicher.“ Skorrogan lächelte, und seine schlanken Hände bedienten die Kontrollen. „Jetzt bin ich es. Die Zeit gab mir recht, und ich will meine damals ver- lorene Ehre wiedererlangen, indem ich dir heute zeige, daß ich nicht wirklich versagt habe., Im Gegenteil, ich hatte Erfolg. Ich stieß die Solarier nämlich absichtlich vor den Kopf.“ Er drückte den Startknopf, und das Schiff überwand die Entfernung von einem halben Lichtjahr. Die große blaue Kugel Cundaloa rollte majestätisch, sanft leuchtend vor dem Hintergrund von Millionen strahlender Sterne. Thordin saß reglos da und ließ die einfache und erschüt- ternde Behauptung durch alle Ebenen seines Geistes drin- gen. Seine erste, emotionelle Reaktion war die ziemlich überraschende Erkenntnis, daß er etwas Ähnliches erwartet hatte. Tief im Inneren hatte er nie geglaubt, daß Skorrogan unfähig sein könne. Dafür aber – nein, kein Verräter. Aber – was sonst? Was hatte er bezweckt? War er all diese Jahre nicht bei Verstand gewesen? Oder … „Du warst seit dem Krieg nicht oft auf Cundaloa, oder …?“ fragte Skorrogan. „Nein, nur dreimal wegen dringlicher Geschäfte. Es ist ein blühendes System. Die Hilfe von Sol hat es wieder auf die Beine gestellt.“ „Blühend – ja, ja, das ist es.“ Einen Augenblick lang zuckte ein Lächeln um Skorrogans Mundwinkel, aber es war ein trauriges Lächeln; so als wollte, doch konnte er nicht weinen. „Ein geschäftiges, erfolgreiches, kleines Sy- stem mit ganzen drei Kolonien unter den Sternen.“ Mit einer plötzlichen, zornigen Bewegung hieb er auf die Kurzstreckenkontrollen, und das Schiff gelangte durch eine Raumfalte auf die Oberfläche. Es landete in einer Ek-, ke des großen Raumhafens bei Cundaloa City, und die Ro- bots an der Rampe gingen daran, es zu sichern und einen Schutzschirm darum zu legen. „Was nun?“ flüsterte Thordin. Plötzlich empfand er leichte Furcht; er wußte unbestimmt, daß ihm das, was er zu sehen bekommen, nicht gefallen würde. „Nur ein kleiner Spaziergang durch die Hauptstadt“, antwortete Skorrogan, „und vielleicht einige Abstecher in die Umgebung. Ich möchte, daß wir ganz inoffiziell und inkognito bleiben, denn das ist die einzige Möglichkeit, die Wirklichkeit und den Alltag zu erleben, was viel wichtiger und aufschlußrei- cher ist, als statistisches und wirtschaftliches Material. Ich möchte dir zeigen, wovor ich Skontar bewahrt habe.“ Wie- der lächelte er verzerrt. „Ich gab mein Leben für meinen Planeten, Thordin. Jedenfalls fünfzig Jahre davon – fünfzig Jahre der Einsamkeit und der Schande.“ * Sie traten in den Lärm der großen Stahl- und Betonebene hinaus und begaben sich zum Ausgang, wo der Strom von Wesen der verschiedensten Rassen nie versiegte. Viele Menschen, die geschäftlich oder zum Vergnügen Avaiki besuchten, aber den Großteil der Menge machten natürlich die eingeborenen Cundaloaner aus. Manchmal fiel es nicht leicht, sie von den Menschen zu unterscheiden – die beiden Rassen glichen einander ja auch sehr –, und da die Cunda- loaner solare Kleidung trugen …, Von dem Stimmengewirr etwas verwirrt, schüttelte Thordin den Kopf. „Ich verstehe nichts“, rief er Skorrogan zu. „Ich kann Cundaloanisch, sowohl den Laui- wie auch den Muaradialekt, aber…“ „Natürlich nicht“, klärte ihn Skorrogan auf. „Die mei- sten sprechen auch Solarisch. Die Eingeborenensprachen sterben rasch aus.“ Ein untersetzter Solarier, in auffallende Farben geklei- det, brüllte einen unbewegt vor seinem Geschäft stehenden Ladenbesitzer an: „Hallo, du mir geben Souvenir, ha?“ „Pidgin-Solarisch.“ Skorrogan zog eine Grimasse. „Ebenfalls im Aussterben, weil ja alle jungen Cundaloaner die Sprache von Grund auf lernen. Aber die Touristen sind unverbesserlich.“ Er blickte finster, und seine Hand zuckte zum Strahler. Doch nein – die Zeiten hatten sich geändert. Man tötete niemanden mehr, nur weil er einem persönlich unsympa- thisch war, nicht einmal auf Skontar. Nicht mehr. Der Tourist wandte sich um und stieß gegen ihn. „Oh, tut mir leid!“ rief er höflich aus. „Ich hätte aufpassen müs- sen.“ „Macht nichts.“ Skorrogan zuckte die Achseln. Der Solarier fuhr in mühsam, mit starkem Akzent behaf- teten Hoch-Naarhaym fort: „Ich muß mich wirklich ent- schuldigen. Darf ich Sie auf einen Drink einladen?“ „Ich sagte, macht nichts.“ In Skorrogans Stimme schwang Grimm. „Was für ein Planet! Rückständig wie – wie Pluto! Ich, fliege von hier aus nach Skontar. Hoffe, Geschäftsverbin- dungen anzuknüpfen – ihr Skontarier versteht es, Geschäfte zu machen!“ Skorrogan knurrte und wandte sich ab, indem er Thordin mit sich zerrte. Der Rollsteig hatte sie bereits einen halben Block fortgetragen, als der Valtam fragte: „Wo sind deine Manieren geblieben? Er versuchte wirklich, zu uns höflich zu sein. Oder haßt du einfach alle Menschen?“ „Ich mag die meisten von ihnen“, antwortete Skorrogan. „Aber nicht ihre Touristen. Das Schicksal sei gelobt, daß wir nicht viele bei uns auf Skontar zu Gesicht bekommen. Ihre Ingenieure, Geschäftsleute und Studenten sind in Ord- nung. Ich bin froh, daß zwischen Sol und Skang so enge Beziehungen bestehen, wodurch viele zu uns kommen. Aber haltet die Touristen fern!“ „Warum?“ Skorrogan wies mit einer heftigen Handbewegung auf eine blitzende Neonreklame. „Deswegen!“ Er übersetzte den solarischen Text: Wohnt den alten Mauiroa-Zeremonien bei! Farbenprächtig! Authentisch! Die Magie des alten Cundaloa! Im Tempel des höchsten Wesens Erschwingliche Preise „Die Religion von Mauiroa hatte einst eine Bedeutung“, sagte Skorrogan ruhig. „Sie war ein erhabenes Glaubens-, bekenntnis, auch wenn sie gewisse unwissenschaftliche Elemente enthielt. Aber die hätte man ausmerzen können – doch, zu spät. Die meisten Eingeborenen sind entweder Neopantheisten oder ohne Bekenntnis, und sie führen die alten Zeremonien für Geld vor. Als Show.“ Er schnitt eine Grimasse. „Cundaloa hat nicht all die malerischen Häuser, Gebräuche, Lieder und anderen kultu- rellen Dinge verloren, aber man ist sich dieser Eigenschaft bewußt geworden, was noch schlimmer ist.“ „Ich sehe nicht ganz ein, warum du so wütend bist“, wunderte sich Thordin. „Die Zeiten haben sich geändert. Aber auch auf Skontar!“ „Nicht auf solche Weise. Sieh dich um, Mann! Du bist nie im System von Sol gewesen, aber du hast bestimmt Bilder von dort gesehen. Du erkennst sicher, daß dies eine typisch solare Stadt ist – vielleicht ein wenig zurückgeblie- ben, doch typisch. Du wirst keine Stadt im System von Avaiki finden, deren Wesen nicht – menschlich ist. Hier wirst du nirgends mehr eine bedeutende Kunst, Li- teratur oder Musik finden – nur billige Imitationen solarer Produkte oder ein unnatürliches Festklammern an überhol- ten Traditionen oder ein romantisches Nachahmen der Vergangenheit. Du wirst keine Wissenschaft finden, die im Grunde nicht solarisch wäre, keine Maschinen, die sich grundsätzlich von solaren unterscheiden, und von Jahr zu Jahr gibt es weniger Häuser, die man von menschlichen unterscheiden könnte. Die alte Gesellschaft ist tot; nur noch wenige Reste sind erhalten. Die Familienbande, die, Grundlage der Eingeborenenkultur sind verschwunden, und die Ehen werden ebenso ernst genommen wie auf der Erde. Die alte Bindung zum Land besteht nicht mehr, es gibt kaum noch Gemeinschaftsformen, weil die jungen Männer alle in die Städte strömen, in der Absicht, Millionen zu verdienen. Gekocht wird nach solarem Vorbild, und ein- heimische Gerichte sind nur noch in den teuersten Restau- rants erhältlich. Nirgends findet man mehr handgemachte Töpfe oder handgewebte Stoffe. Alle tragen, was die Fabriken herstel- len. Wo sind die fahrenden Sänger, die die alten Lieder singen oder neue machen? Heute starrt man nur noch auf den Bildschirm. Die Philosophen der aracleischen oder vranamauischen Schule haben abgedroschenen Kommenta- ren über Aristoteles gegen Korzbyski oder über die Rus- sellsche Wissenstheorie weichen müssen …“ * Skorrogan verstummte langsam. Nach einem Augenblick des Schweigens sagte Thordin leise: „Ich merke jetzt, wor- auf du hinauswillst. Cundaloa hat sich zu einem Abbild Sols entwickelt.“ „Genau. Das war unausbleiblich, sobald sie die Hilfe von Sol angenommen hatten. Sie mußten förmlich die sola- re Wissenschaft, Wirtschaft und letzten Endes die gesamte solare Kultur annehmen, denn sonst wäre es den Menschen nicht möglich gewesen, den Wiederaufbau zu übernehmen., Und da diese Kultur offensichtlich erfolgreich war, wurde sie von Cundaloa eben angenommen. Jetzt ist es zu spät. Sie können nicht mehr zurück. Ja, sie wollen nicht einmal mehr zurück. Das ist früher auch schon vorgekommen. Ich habe die Geschichte von Sol studiert. Zu einer Zeit, in der die menschliche Rasse noch nicht einmal die anderen Planeten ihres Systems erreicht hatte, gab es in ihrer Heimat die ver- schiedensten Kulturen, die sich voneinander oft radikal un- terschieden. Aber zuletzt wurde der sogenannte westliche Kulturkreis technologisch so überlegen, daß – nun, die an- deren konnten daneben nicht bestehen. Um sich mit ihm messen zu können, mußten sie die westliche Auffassung annehmen. Und als der Westen ihnen bei der Entwicklung behilflich war, verwandelte er sie naturgemäß gänzlich. Mit den allerbesten Absichten vernichtete der Westen alle anderen Lebensauffassungen.“ „Und du wolltest uns davor bewahren?“ fragte Thordin. „In gewisser Weise verstehe ich dich. Doch muß ich mich fragen, ob der sentimentale Wert alter Einrichtungen dem einiger Millionen Toter und eines Jahrzehnts des Opfers und Leidens gleichkommt.“ „Aber es war mehr als bloß Gefühlsduselei!“ entgegnete Skorrogan aufgeregt. „Siehst du es denn nicht? Der Wis- senschaft gehört die Zukunft. Um nur die geringste Bedeu- tung zu erlangen, mußten wir wissenschaftlich werden. Aber war die solare Wissenschaft die einzige Möglichkeit? Mußten wir Menschen zweiter Klasse werden, um zu über-, leben – oder konnten wir einen neuen Weg beschreiten, ungehindert von der überwältigenden Hilfsbereitschaft ei- ner hochentwickelten, im Grunde jedoch fremdartigen Le- bensart? Ich glaubte daran, daß wir es konnten. Ich glaubte, daß wir es mußten. Denn keine nichtmenschliche Rasse wird jemals zu wirklich erfolgreichen Menschen werden. Die grundlegen- den Psychologien, Stoffwechsel, Instinkte, Logiken, alles – die Unterschiede sind zu groß. Eine Rasse kann zwar in der Sprache einer anderen denken, aber niemals allzu gut. Du weißt, welche Schwierigkeiten beim Übersetzen von einer Sprache in die andere entstanden. Und jeder Gedanke hat die Form einer Sprache, und die Sprache reflektiert die grundlegenden Gedanken. Die exakteste, strengste und wohldurchdachteste Philosophie und Wissenschaft einer Rasse wird von einer anderen nie ganz verstanden werden, weil sie aus der gegebenen Umwelt etwas anders abstra- hiert. Ich wollte uns davor bewahren, von Sol geistig abhängig zu werden. Skang war zurückgeblieben. Er mußte seine Art ändern – aber weshalb zu etwas gänzlich Fremdem? War- um sollte man unser Volk nicht den eigenen Pfad der Ent- wicklung, aber beschleunigt, gehen lassen?“ Skorrogan zuckte die Achseln. „Das habe ich getan“, endete er ruhig. „Es war ein ungeheures Wagnis, aber wir haben gewonnen. Wir haben unsere Kultur gerettet. Sie gehört uns. Gezwungen, selbst wissenschaftlich zu werden, haben wir unseren eigenen Weg gefunden., Du kennst das Ergebnis. Dyrins Semantik wurde ent- wickelt – die Wissenschaftler von Sol hätten sie zu Tode gelacht. Wir entwickelten das Tetraederschiff, was menschliche Ingenieure für unmöglich gehalten hatten, und heute durchqueren wir die Galaxis, während ein altes Schiff von Sol zu Alpha Centauri fliegt. Wir machten uns die Raumfalten untertan, die Psychosymbologie unserer Rasse, die für andere keine Gültigkeit besitzt, das neue Agrarsystem, das uns die Freisassen erhielt, die das Rück- grat unserer Kultur bilden, einfach alles! In den fünfzig Jahren wurde Cundaloa revolutioniert, Skontar aber hat sich selbst revolutioniert. Das ist der Riesenunterschied. Und daher haben wir uns unser ureigenes Wesen erhal- ten, die Kunst, das Handwerk, das Volkstum, Musik, Spra- che, Literatur, Religion. Der Schwung unseres Erfolges hat uns nicht nur zu den Sternen getragen und uns zu einer der größten Mächte der Galaxis gemacht, sondern hat auch ei- ne Renaissance unseres Wesens hervorgerufen, die jedem Goldenen Zeitalter der Geschichte gleichkommt. Und all das, weil wir wir selbst geblieben sind.“ Er verfiel in Schweigen, und auch Thordin sagte eine Zeitlang nichts. Sie waren an einer ruhigeren Seitenstraße angelangt, in einem alten Viertel, wo noch Gebäude stan- den, die vor dem Kommen der Solarier errichtet worden waren, und wo man noch häufig Gewänder sah, die im Stil der Eingeborenen geschnitten waren. Eine Gruppe mensch- licher Touristen hatte sich gerade um einen offenen Töpfer- laden geschart., „Nun?“ fragte Skorrogan nach einer Weile. „Ich weiß nicht recht.“ Thordin rieb sich die Augen. Er war etwas verwirrt. „Das ist alles so neu für mich. Viel- leicht hast du recht, vielleicht auch nicht. Ich muß erst dar- über nachdenken.“ „Ich hatte fünfzig Jahre Zeit, darüber nachzudenken“, sagte Skorrogan rauh. „Ich glaube, daß dir schon einige Minuten zustehen.“ * Sie schlenderten zu dem Laden. Inmitten seiner Waren, leuchtend bemalten Vasen, Schüsseln und Schalen, saß ein alter Cundaloaner. Eingeborenenarbeit. Eine Frau feilschte um einen der Gegenstände. „Sieh dir das an!“ forderte Skorrogan Thordin auf. „Hast du jemals die alten Arbeiten gesehen? Das hier ist billiges Zeug, das zu Tausenden für die Touristen hergestellt wird. Die Muster sind entstellt, die Ausführung schlampig. Frü- her einmal hatte jede dieser Linien und Schleifen eine Be- deutung.“ Ihr Blick fiel auf eine Vase, die neben dem alten Laden- besitzer stand, und selbst der unnahbare Valtam sog be- bend Luft in seine Lungen. Die Vase glühte. Sie schien fast Eigenleben zu besitzen. Jemand hatte all seine Liebe und Sehnsucht in die klaren Linien und glatten Kurven gelegt. Vielleicht hat er sich dabei gedacht: Dies wird leben, wenn ich nicht mehr bin., Skorrogan stieß einen Pfiff aus. „Das ist eine echte, alte Vase“, sagte er. „Mindestens ein Jahrhundert alt – ein Mu- seumsstück! Wie mag sie wohl in diesen Kramladen ge- kommen sein?“ Die Menschenmenge rückte vor den beiden riesigen Skontariern ein wenig zur Seite, und Skorrogan las mit ei- ner eigenartigen inneren Belustigung ihren Gesichtsaus- druck. Sie haben eine gewisse Scheu und Ehrfurcht vor uns. Sol haßt Skontar nicht mehr, man bewundert uns, schickt die jungen Leute zu uns, damit sie unsere Sprache und Wissenschaft erlernen. Wer aber schert sich noch um Cundaloa? Die Frau folgte seinen Blicken und sah die herrliche Va- se neben dem Alten. Sie wandte sich an ihn: „Wie viel?“ „Nicht verkaufe“, sagte der Cundaloaner. Seine Stimme war ein verstaubtes Flüstern, und er schlug seinen schäbi- gen Mantel enger um sich. „Du verkaufst,“ Sie schenkte ihm ein künstliches strah- lendes Lächeln. „Ich gebe dir viel Geld. Ich gebe dir zehn Kredite.“ „Nicht verkaufe.“ „Ich gebe dir hundert Kredite. Verkauf!“ „Gehört mir. In Familie seit alten Tagen. Nicht verkau- fe.“ „Fünfhundert Kredite!“ Sie schwenkte das Geld vor sei- ner Nase. Er drückte die Vase an seine schmächtige Brust und blickte mit dunklen, feuchten Augen auf, die sich mit den,

Tränen des Alters zu füllen begannen. „Nicht verkaufe. Geh weg! Nicht ver-koamaui.“

„Komm!“ murmelte Thordin. Er ergriff Skorrogan beim

Arm und zog ihn fort. „Gehen wir! Zurück nach Skontar!“

„So bald schon?“ „Ja! Ja! Du hattest recht, Skorrogan. Du hattest recht, und ich werde mich öffentlich entschuldigen, und du bist der größte Retter der Geschichte. Aber fahren wir nach

Hause!“ Sie eilten die Straße hinunter. Thordin versuchte ange-

strengt, die Augen des alten Cundaloaners zu vergessen. Er fragte sich, ob es ihm jemals gelingen würde. Utopia-Zukunftsroman erscheint wöchentlich im Druck- und Verlagshaus Erich Pabel GmbH & Co. 7550 Rastatt, Pabel-Haus. Einzelpreis 0,80 DM. Anzeigenpreise laut Preisliste Nr. 19. Die Gesamther- stellung erfolgt im Druck- und Verlagshaus Erich Pabel GmbH & Co. 7550 Rastatt. Verantwortlich für die Herausgabe und den Inhalt in Österreich: Eduard Verbik; Alleinvertrieb und -auslieferung in Öster- reich: Zeitschriftenvertrieb Verbik & Pabel KG – alle in Salzburg, Pflanzmannstr. 13. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie gewerbsmäßige Weiterverbreitung in Lesezirkeln nur mit vorheriger Zustimmung des Verlegers gestattet. Gewerbsmäßiger Umtausch, Verleih oder Handel unter Ladenpreis vom Verleger untersagt. Zuwiderhandlungen verpflichten zu Schadenersatz. Für unverlangte Manuskriptsendungen wird keine Gewähr übernommen. Printed in Germany 1968. Scan by Brrazo 07/2006. THE HELPING HAND von Poul Anderson, Copyright 1951 by Street & Smith Publ. Inc by permission of the Condé Nast Publ. Inc & Panorama. HAUDSONCE von H. Beam Piper, copyright 1962 by Street & Smith Publ. by permission of Harry Attshuler &. Panorama. PROTECTED SPECIES von David Rome, copyright 1961 by Nova Publ. Ltd. by permission of John Carnell & Walter Ernsting. Gepr. Selbstkontrolle Nr. 2173]
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