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Die 100 des Jahrhunderts: Ideen und Taten, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, vorgestellt in 100 präzisen biographischen Porträts. Die Komponisten : Ihre Melodien gehen um die Welt, ihre Kompositionen verändern das Musikverständnis – in Opern und Sinfonien, Liedern und Musicals. Zu ihnen gehören Claude Debussy, George Gershwin, Paul Hindemith, Franz Lehar, Andrew Lloyd Webber, Gustav Mahler, Olivier Messiaen, Giacomo Puccini, Arnold Schönberg, Igor Strawinsky und 90 weitere Komponisten. Idee und Konzeption: Bernd Jordan/Alexander Lenz TARGET DATA, Dortmund Autoren: Björn Cecatka, Attila Cz...
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Die 100 des Jahrhunderts: Ideen und Taten, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, vorgestellt in 100 präzisen biographischen Porträts. Die Komponisten : Ihre Melodien gehen um die Welt, ihre Kompositionen verändern das Musikverständnis – in Opern und Sinfonien, Liedern und Musicals. Zu ihnen gehören Claude Debussy, George Gershwin, Paul Hindemith, Franz Lehar, Andrew Lloyd Webber, Gustav Mahler, Olivier Messiaen, Giacomo Puccini, Arnold Schönberg, Igor Strawinsky und 90 weitere Komponisten., Idee und Konzeption: Bernd Jordan/Alexander Lenz TARGET DATA, Dortmund Autoren: Björn Cecatka, Attila Czock, Beatrix Gehlhoff, Meike Grzella, Jasper Kalldewey, Heinz York, Michael Zapatka Redaktion im Verlag: Wolfgang Müller Bildredaktion: Uwe Naumann Umschlaggestaltung: Helmut Egerer Fotos: dpa, mit Ausnahme der Seiten 9, 55, 57, 83, 85, 93,135, 149,153,167,175 (alle: Archiv für Kunst und Geschichte, Berlin); 11,41, 53, 67,79,117,119,131,137,139,151,159,163,179,183,185, 191,195, 201 (Ullstein Bilderdienst, Berlin); 31 (Süddeutscher Verlag, Bilderdienst München); 45 (Aus: Friedrich Blume, Geschichte der evangelischen Kirchen- musik, Kassel 1965); 59,123,145 (Betty Freeman, Lebrecht Collection, London); 69,181 (Internationale Musikverlage Hans Sikorski, Hamburg); 77 (Reiner Riedler, Agentur Anzenberger, Wien); 81,111,177,187 (Roger-Viollet, Paris); 153 (B. Schott's Söhne, Mainz); 203 (Sabine von Schablowsky, Groß-Königsdorf) Originalausgabe Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, Dezember 1995 Copyright © 1995 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg Layout und Herstellung Christina Modi Satz Times und Frutiger PostScript Linotype Library, QuarkXPress 3.31 Gesamtherstellung Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany 1690-ISBN 3 499 16457 4, Vorbemerkung Der Zusammenstellung der 100 bedeutendsten Komponisten des 20. Jahr- hunderts liegen folgende Kriterien zugrunde: ► Es wurden nur Komponisten aufgenommen, die ihre Hauptwerke im 20. Jahrhundert vollbracht haben bzw. einen wesentlichen Teil ihres Werks im 20. Jahrhundert vollendet haben. Bei Komponisten, die auch als Dirigenten oder Solisten tätig waren, konzentrieren sich die Artikel auf das kompositorische Werk. ► Die Auswahl bemüht sich zum einen um eine internationale Sichtweise, zum anderen will sie die Hauptvertreter aller wichtigen Musikrichtungen und –stile des 20. Jahrhunderts vorstellen. Alle Artikel sind nach einem einheitlichen Prinzip aufgebaut, das einen schnellen Überblick erlaubt: ► Ein Vorspann würdigt die Bedeutung des Komponisten im Jahrhundert. ► Die ausführliche Biographie folgt chronologisch dem Lebenslauf des Komponisten. ► Die Zwischenüberschriften nennen Eckdaten in Leben und Leistung. Das Namenregister auf Seite 206-208 erschließt Zusammenhänge und führt zu Komponisten, die nicht mit einem eigenen Artikel berücksichtigt wurden., Eugen d'Albert ► Der deutsche Verist ◄ (10.4.1864-3.3.1932) Der Pianist und Komponist war als Schüler von Franz Liszt dem Erbe des aus- klingenden 19. Jahrhunderts verpflichtet. Dennoch bemühte sich d'Albert, die neue Strömung des Realismus in das deutsche Musikdrama einzubinden. Mit «Tiefland» (1893), einer von insgesamt 21 Opern, löste sich d'Albert end- gültig vom Musikdrama Richard Wagners. D'Albert kam als Sohn des deut- Fähigkeiten. Auf zahlreichen Kon- schen Ballettkomponisten Charles zertreisen (u. a. in die USA) wurde Louis Napoléon d'Albert in Glasgow d'Albert schnell zum vielgerühmten zur Welt. Sein Vater, französischer Interpreten der Klavierwerke Johann Herkunft, war als Kind nach London Sebastian Bachs und Ludwig van gekommen, wo er eine Engländerin Beethovens. geheiratet und seine musikalische Ausbildung durch Friedrich Wil- 1893: «Der Mensch und das Leben» helm Kalkbrenner bekommen hatte. Ab den 90er Jahren konzentrierte Eugen, der seinem ursprünglichen sich d'Albert zunehmend auf das Namen Eugène Francis Charles spä- Komponieren. Vor seinen dramati- ter die deutsche Form vorzog, erhielt schen Werken widmete er sich der den ersten Musikunterricht bei sei- Instrumentalmusik, besonders dem nem Vater. Klavier. Sein großes Chorwerk «Der Mensch und das Leben» (1893) zeigt Ab 1874: Musikalische Ausbildung noch Anklänge an die Musik der Schon mit zehn Jahren wurde er an Spätromantik. D'Albert war zudem der Neuen Musikschule in London an der Redaktion und Herausgabe angenommen, deren Direktor der des Gesamtwerks von Liszt sowie an bekannte Operettenkomponist Ar- einer Edition des «Wohltemperierten thur Sullivan war. D'Albert machte Klaviers» von Bach beteiligt. sowohl als Pianist in der Klavier- klasse von Ernst Pauer als auch als Ab 1893: Erste Opernkompositio- Komponist schnell Fortschritte: Be- nen Zwei Jahre vor einer kurzzeiti- reits 1881 spielte er ein eigenes Kla- gen Anstellung als Opernkapellmei- vierwerk in einem Konzert des deut- ster in Weimar vollendete d'Albert schen Dirigenten Hans Richter. Die- 1893 seine erste Oper «Der Rubin». ser nahm ihn mit nach Wien, wo In ihr orientierte er sich – ebenso wie d'Albert mit Franz Liszt zusammen- bei den beiden folgenden Werken traf. Liszt war beeindruckt von der «Ghismonda» (1895) und «Gernot» virtuosen Technik des jungen Man- (1897) – an Werken Wagners. Erst in nes und sorgte in Weimar für die Ver- den beiden komischen Opern «Die vollkommnung dieser pianistischen Abreise» (1898) und «Flauto solo», (1905) gelang es ihm, sich von der musikalischen Sprache des Vorbilds zu lösen. Die beiden Lustspiele ge- hören heute zu den wenigen Werken des Komponisten, die nicht in Ver- gessenheit geraten sind. 1903: «Tiefland» Während d'Albert an «Flauto solo» arbeitete, machte ihn der Dresdener Opernleiter Ernst von Schuch auf das spanische Schau- spiel «Terra baixa» von Angel Gui- merâ aufmerksam, das sich als Stoff für eine Oper anböte. D'Albert war so fasziniert, daß er sofort mit der Komposition seiner ernsten Oper «Tiefland» begann. Innerhalb von zwei Jahren schloß er die Arbeiten ab; die Premiere fand am 15.11.1903 unter Leitung von Leo Blech am Eugen d'Albert Neuen Deutschen Theater in Prag statt. Die milieugebundene, sozial- nisten, der auch zahlreiche Klavier- kritische Handlung spielt auf einer lieder schrieb, mit «Die toten Au- Hochebene der Pyrenäen sowie im gen» noch einmal ein großer Erfolg. Tiefland von Katalonien. Mit diesem In der wiederum dem Verismo ver- Werk vollzog der Komponist eine pflichteten Oper zeigt sich jedoch Wende zum Stil des italienischen schon die übersteigerte Dramatik Verismo, an dem er sich bereits im und die daraus folgende leere Pathe- Vorjahr mit «Der Improvisator» ver- tik seiner Spätwerke. Die nachfol- sucht hatte. Ziel des Verismo war genden Arbeiten gerieten überwie- eine möglichst realistische Abbil- gend in Vergessenheit. Ausschlag- dung der Welt ohne die Idealisierung gebend für das Nachlassen seiner der gesellschaftlichen Zustände. Die Schaffenskraft nach dem 1. Weltkrieg Inhalte des Verismo verband d'Al- waren nicht nur d'Alberts Alter, son- bert mit der deutschen Opernform. dern auch seine fortgesetzten Ehe- Der melodische Einfallsreichtum krisen (er war insgesamt sechsmal und die milieugerechte Schilderung verheiratet, u. a. in zweiter Ehe mit machten das Stück zum Welterfolg, der Sängerin Hermine Fink). wenn auch erst nach einer Umarbei- Sechs Jahre nach Fertigstellung sei- tung der Partitur im Jahr 1904. ner Oper «Der Golem» (1926) starb d'Albert im Alter von 67 Jahren in 1916: «Die toten Augen» D'Alberts Riga. Seine letzte Oper «Mister folgende Werke sind fast ausschließ- Wu», die er nicht mehr vollenden lich zur Gattung des Musiktheaters konnte, wurde von Leo Blech abge- zu zählen. 1916 gelang dem Kompo- schlossen., George Antheil ► Erfolg mit Großstadt- (8.7.1900-12.2.1959) und Maschinenlärm ◄ Der amerikanische Avantgardist sorgte mit seinen als «Maschinenmusik» be- zeichneten Kompositionen Anfang der 20er Jahre für Aufsehen. Antheil betätigte sich auch erfolgreich als Schriftsteller, Journalist und Komponist von Filmmusik. Georg Carl Johann Antheil kam als Zeitschriften, wodurch er seinen Le- Sohn polnischstämmiger Eltern in bensunterhalt mitfinanzierte. Trenton/New Jersey zur Welt. Der 16jährige wurde Schüler von Con- 1927: «Ballet méchanique» Anfang stantin von Sternberg in Philadel- der 20er Jahre hatte Antheil mit als phia, der ihn in Komposition und nüchtern und brutal empfundenen Musiktheorie unterrichtete. 1919 Musikstücken aufhorchen lassen: wechselte Antheil zu Ernest Bloch Seine modernen Klavierwerke (z. B. nach New York (bis 1921). «The Airplane», 1922; «Mecha- nisms», 1922; «Death of the Ma- Ab 1922: Aufenthalt in Europa Als chines», 1923; «Sonata Sauvage», Klaviervirtuose reiste Antheil mit 1923) spiegelten die Technikbegei- überwiegend eigenen Kompositio- sterung der Menschen wider. nen zunächst durch die USA und 1923/24 schrieb Antheil sein Werk ging 1922 mit seiner Frau Boski Mar- «Ballet méchanique» (UA 1927), mit cus nach Europa. In Berlin lernte er dem er sich drastisch vom vorherr- Igor Strawinsky kennen. Ebenso wie schenden Neoklassizismus abgren- der russisch-amerikanische Kompo- zen wollte: Mit dieser Partitur für nist setzte sich Antheil in seinen fol- Schlagzeug, elektrische Instrumente genden Arbeiten mit Elementen des und zehn Klaviere sowie unter Ein- Jazz und mit dem Neoklassizismus satz eines Flugzeugpropellers und auseinander. 1923 ließ sich Antheil in weiterer Geräusche (z.B. Klingeln) Paris nieder, wo er bald in Künstler- wollte Antheil die «seelische Er- kreisen verkehrte. Dazu zählten die schöpfung» in den 20er Jahren ver- amerikanischen Schriftsteller Ernest deutlichen. Das Werk, das als Musik Hemingway und T. S. Eliot, aber für den gleichnamigen, dem Kubis- auch der Ire James Joyce. Der Lyri- mus zugerechneten Stummfilm von ker Ezra Pound wollte ein Buch über Fernand Léger konzipiert war, spal- den Komponisten schreiben; Louis tete die Meinungen der Zuhörer. Die Aragon und André Breton verfaßten collagenhafte Zusammensetzung sei- für ihn «Faust III», ein von Antheil ner Werke durch verschiedene jedoch ungenutztes Opernlibretto. Klangelemente wurde in der Folge- Von seinem Umfeld angeregt, zeit zu einem wesentlichen Merkmal schrieb Antheil Prosastücke für Antheilscher Kompositionen., 1930: Opernerfolg Darüber hinaus komponierte Antheil dem Neoklas- sizismus zugerechnete Werke, deren Entstehung vom Pariser Kultur- und Bohemeleben beeinflußt war. Das 2. Streichquartett (1925), die Sinfonie in F (1926) und ein Klavierkonzert (1926) waren die letzten Arbeiten in Paris: Antheil ging nach Wien, um sich stärker der Oper zuzuwenden. Unter seinen insgesamt sieben Opern ragte sein Debüt «Transatlantic – The People's Choice» (UA 1930 in Frankfurt a. M.) heraus. Der als amerikanische Oper für Deutschland gedachte Dreiakter war –ebenso wie seine Jazz-Sinfonie (1926) – stark vom Jazz beeinflußt. Antheil George Antheil zeichnete auch für das Libretto verantwortlich, in das er Elemente (1940). In dieser Fiktion des Jahres des von Bertolt Brecht entwickelten 1950 erwies er sich als Visionär des epischen Theaters aufnahm. Für das kalten Krieges zwischen den USA Theaterstück «Fighting the Waves» und der UdSSR. Darüber hinaus von William Butler Yeats verfaßte er betätigte sich Antheil auch als die Musik. Wissenschaftler: Er beschäftigte sich mit den Drüsenfunktionen des Kör- Ab 30er Jahre: Multitalent 1933 pers (Endokrinologie) zur Brust- kehrte Antheil wegen der politischen vergrößerung und ließ sich die Erfin- Situation in Deutschland und dung eines Torpedos patentieren. Österreich in die USA zurück, wo er 1945 veröffentlichte er seine Au- die Musik zu Balletten (u.a. für tobiographie «Bad Boy of Music» George Balanchine) und für zahlrei- («Enfant terrible der Musik»). che Filme schrieb. Ab 1936 traten journalistische Tätigkeiten gleich- 40er Jahre: Neoromantische Phase berechtigt neben das musikalische In den 40er Jahren kehrte Antheil Schaffen; so schrieb er feuilletonisti- zum Komponieren zurück, wobei er sche Artikel für den « Esquire ». Seine sich nun als «amerikanischer» Kom- schriftstellerische Begabung be- ponist verstand. An die Stelle der stätigte der als Klavierlehrer an der früheren Experimente traten neoro- Stanford University tätige Antheil mantische Sinfonien. An die erfolg- 1939 mit dem Aufsatz «Deutschland reiche 4. Sinfonie «1942» schlossen hat gar keine Chance», zahlreichen sich u. a. die Sonate für Klavier und Kommentaren zum Kriegsgeschehen die 6. Sinfonie (beide 1948) an. Im und insbesondere mit seinem Buch Alter von 58 Jahren starb Antheil «The Shape of the War to Come» 1959 in New York., Samuel Barber ► Der amerikanische (9.3.1910-23.1.1981) Traditionalist ◄ Der Amerikaner entwickelte aus dem Klassizismus des 19. Jahrhunderts un- ter Einfluß von Werken Igor Strawinskys und von Jazz-Elementen einen ei- genständigen «amerikanischen» Stil. Barber, der erfolgreich in mehreren Genres arbeitete, gehört zu den meistgespielten Komponisten seines Landes. Barber kam als Sohn eines Arztes den Pulitzerpreis, der ihm auch 1936 und einer Pianistin in West Che- – als erstem Komponisten zum ster/Pennsylvania zur Welt. Inspi- zweitenmal – zuerkannt wurde (auch riert durch seine Mutter und seine 1958 und 1963). Tante, die Sängerin Louise Homer, begann Barber früh, Klavier zu spie- 1936: «Sinfonie in einem Satz» len. Als Siebenjähriger unternahm er Durch ein Stipendium vertiefte Bar- erste Kompositionsversuche, die von ber in der Folgezeit seine musikali- der Mutter aufgeschrieben wurden. schen Studien in Rom, wo er die 1. Drei Jahre später gab er zusammen Sinfonie («in einem Satz»; UA mit seiner Schwester seine erste 1936) komponierte. Wie auch in an- Kurzoper, «Der Rosenstock». 1922 deren Werken orientierte sich Barber wurde das Kind Organist seiner Hei- dabei an traditionellen Kompo- matgemeinde, mit 13 Jahren begann sitionsstrukturen und Formmodellen Barber ein Studium am Curtis Insti- des 18. und 19. Jahrhunderts (z. B. tute of Music in Philadelphia (Kla- Fuge und Sonatenhauptsatz). Ob- vier, Komposition, Gesang, Dirigie- wohl Avantgardisten in Europa und ren). Dort lernte er seinen Freund den USA mit atonaler Musik experi- Gian Carlo Menotti kennen. mentierten, stand bei Barber tonale Harmonik im Mittelpunkt. Die stili- 1935/36: Pulitzerpreis Während der stisch ausgereiften Arbeiten waren Ausbildung schrieb Barber 1928 eine zumeist neoromantisch ausgerichtet, Serenade für Streichquartett. Durch mit starken lyrischen Elementen. das preisgekrönte Werk erhielt er die finanziellen Mittel für eine erste Ita- 1937: US-Festspieldebüt Ebenfalls lienreise. Mit einer gefeierten Ab- 1936 entstand das Adagio für Strei- schlußarbeit, der Ouvertüre «Läster- cher, das zwei Jahre später unter Lei- schule», beendete Barber 1933 sein tung von Toscanini in New York Pre- Studium. Er reiste nach Wien, wo er miere feierte. Ursprünglich hatte sich mit Arturo Toscanini anfreun- Barber das Opus als langsamen Satz dete. Zurück in den USA, machte seines Streichquartetts (1936) konzi- ihn sein Orchesterwerk «Musik zu piert, entschloß sich dann aber, es einer Szene von Shelley» (UA 1935) zudem als eigenständige Komposi- bekannt. Im selben Jahr erhielt er tion aufzuführen. Das zehnminütige, Stück, das als Klagelied anhebt, sich zu einem instrumentalen Aufschrei steigert und dann in die gedrückte Stimmung des Anfangs zurückfällt, avancierte zu einer der populärsten Kompositionen Barbers. Seine 1936 geschriebene 1. Sinfonie stand 1937 als erstes Œuvre eines US-Komponi- sten bei den Salzburger Festspielen auf dem Spielplan. 1944: «Capricorn» Ab 1939 über- nahm Barber eine Tätigkeit als Kom- positionslehrer am Curtis Institute, ehe er 1942 zur US Air Force einge- zogen wurde. Ein Jahr später zog er gemeinsam mit Menotti in die Villa Capricorn in Mount Kisco nahe New York. Die 1944 entstandene 2. Sinfo- nie war der Luftwaffe gewidmet und Samuel Barber, 1975 zählte – wie die vorherigen Kompo- sitionen – zur absoluten Musik (Mu- und den 1953 entstandenen «Hermit sik um der Musik willen; kein Bezug Songs» (nach mittelalterlich-irischen auf Malerei oder Dichtung). Obwohl Texten) zu den bedeutendsten Vo- das Stück erneut traditionell ausge- kalwerken des Komponisten zählen. richtet war, wies die Tonsprache mo- Mitte der 50er Jahre schrieb Barber derne Anklänge auf: Barber setzte – seine Oper «Vanessa». Der Vierak- wie auch häufig in der Folgezeit – ter, für den Menotti das Textbuch Elemente der Zwölftontechnik und verfaßt hatte, wurde Anfang 1958 an des Jazz ein. Ebenfalls 1944 entstand der Metropolitan Opera in New sein «Capricorn Concerto» für Flöte, York uraufgeführt. Acht Jahre später Oboe, Trompete und Streicher. wurde die neue «Met» mit Barbers Auftragsarbeit, der Oper «Antonius 1957: «Vanessa» Nach Kriegsende und Cleopatra», eingeweiht. Anfang widmete sich Barber verstärkt Auf- der 70er Jahre verfaßte Barber «The tragsarbeiten. 1945 entstand das Cel- Lovers» für Bariton, Chor und lokonzert, ein Jahr später das Ballett Orchester nach einer literarischen «Medea» (UA 1955) für die Tänze- Vorlage von Pablo Neruda; für rin Martha Graham, das er 1955 zum Violinen und Orchester entstand Konzertstück «Medeas Meditation «Fadograph of a Yestern Scene» – und Tanz der Rache» umschrieb. eine Musik, die dem Roman «Finne- Zur selben Zeit komponierte Barber gans Wake» des Iren James Joyce die «Prayers of Kierkegaard» für So- nachempfunden war. Fortan lebte pran, Chor und Orchester, die neben Barber zurückgezogen in New York, «Knoxville: Summer of 1915» (1947) wo er mit 70 Jahren an Krebs starb., Bêla Bartök ► Mit folkloristischer Musik (25.3.1881-26.9.1945) zu neuen Ufern ◄ Der ungarische Komponist und Pianist entdeckte die ländliche Musik des Balkan neu und verband östliche Traditionsweisen mit modernen westlichen Klängen zu innovativen Formen von Harmonie, Melodik und Rhythmus. Der führende Vertreter der klassischen Moderne erneuerte die Tonsprache, wobei er jedoch größtenteils im Rahmen der Tonalität blieb. Bêla Victor Jânos Bartök kam in pagierte. Er bediente sich traditio- Nagyszentmiklös (Ungarn; heute neller Harmonien, Melodien und Rumänien) als Sohn einer deutschen Rhythmen, um sie in Kompositionen Lehrerin und eines ungarischen Di- weiterzuentwickeln und mit westli- rektors einer Landwirtschaftsschule chen Einflüssen zu verbinden. Auf zur Welt. Neben dem Grundschul- diese Weise entstand eine neue Ton- unterricht erhielt der Junge eine sprache, ohne daß Bartök – wie Ar- Klavier- und Kompositionsausbil- nold Schönberg – auf Bezüge zu den dung in Preßburg. Ab 1899 studierte Dur- und Molltonarten verzichtete. er in Budapest (Abschluß 1903). 1911: Einzige Oper Der Klaviervir- Ab 1905: Ungarische Volksmusik tuose, ab 1907 Professor für Klavier 1903 schrieb Bartök die von der Mu- in Budapest, stellte – angeregt durch sik Richard Strauss' beeinflußte sin- die rhythmisch vielfältigen Volks- fonische Dichtung «Kossuth», ein weisen – Dissonanzen in seinem Jahr später folgte das an Franz Liszt Werk gleichberechtigt neben die an- erinnernde Quintett für Streichquar- fangs vorherrschende Tonalität. Da- tett und Klavier. Beide Werke zähl- mit näherte er sich der Neuen Musik ten ebenso zur romantisch geprägten Mitteleuropas an. Ebenfalls 1907 frühen Schaffensphase des Kompo- heiratete Bartök Mârta Ziegler nisten wie die um 1905 einsetzende (zweite Ehe ab 1923 mit Ditta Pâsz- wissenschaftliche Beschäftigung mit tory; ein Kind). Zwei Jahre nach sei- ländlicher ungarischer Musik. Bar- nem 1. Streichquartett (1909) ent- töks großes Ziel war die «Verbrüde- stand Bartöks einzige Oper, der von rung der Völker» mit Hilfe der Mu- seinem Vorbild Claude Debussy in- sik. Zu diesem Zweck sammelte er spirierte Einakter «Herzog Blaubarts gemeinsam mit seinem Kommilito- Burg». Das 1918 uraufgeführte Werk nen Zoltan Kodaly das Liedgut der markiert das Ende von Bartöks Völker der Donaumonarchie. Ein impressionistisch-romantischer Nebenprodukt seiner Suche war die Phase und besticht durch ungewöhn- Begründung der sog. Ethnomusiko- liche Harmonik. Sein ebenfalls 1911 logie, die Bartök in der Folgezeit in fertiggestelltes Klavierstück «Alle- zahlreichen Publikationen pro- gro barbaro» gilt aufgrund der als, motorisch empfundenen Metrik als eine der grundlegenden Kompositio- nen der Neuen Musik. Bis 1930: Expressionistische Phase In der Folgezeit experimentierte Bartök mit unterschiedlichen Stil- mitteln: Neben rhythmischen Ein- flüssen der Volksmusik standen Bi- tonalität (Verwendung zweier Ton- arten in einem Werk), Chromatik (Veränderung der Grundtöne um Halbtonschritte), Pentatonik (fünf- stufiges Tonsystem ohne Halbtöne), aber auch völlige Atonalität im Mit- telpunkt seiner Kompositionen. Als Hauptwerk dieser Phase gilt das Bal- lett «Der wunderbare Mandarin» Bêla Bartök (1919): Die sechsteilige Pantomime, die zwei Jahre nach seinem erfolgrei- Lehrberuf auf und schloß sich der chen Ballett «Der holzgeschnitzte Akademie der Wissenschaften an, Prinz» entstanden war, wurde nach um sich verstärkt mit der Volkslied- der Uraufführung 1926 in Köln von forschung zu beschäftigen. Als Geg- Oberbürgermeister Konrad Ade- ner des Faschismus untersagte Bar- nauer verboten. Grund: Die Kirche tök die Aufführung seiner Arbeiten empfand das Werk um drei Diebe, in Deutschland und Italien. In dieser die mit Hilfe einer Dirne einen rei- Phase entstanden die erfolgreichsten chen, wollüstigen Mandarin ausrau- – da meistgespielten – Werke Bar- ben wollen, als sittlich unerträglich. töks, z. B. die Musik für Saiteninstru- Mit der 1923 veröffentlichten Tanz- mente, Schlagzeug und Celesta suite schaffte Bartök, der sich 1919 (1936), die mit jazzigen Elementen aktiv am Aufbau der Räterepublik durchsetzte Sonate für zwei Klaviere beteiligt hatte, den endgültigen in- und Schlagzeug (1937) sowie das ge- ternationalen Durchbruch. Drei Jahre feierte Violinkonzert Nr. 2 (1939). später begann Bartök mit der 1940 floh Bartök vor der deutsch- 13jährigen Arbeit an seinem 153 freundlichen Regierung aus Buda- Stücke umfassenden Klavier- und pest in die USA, wo er sich für ein Kompositionslehrwerk «Mikrokos- freies Ungarn engagierte und an der mos». Ab 1926 entstand darüber hin- Columbia University lehrte, aber aus sein Klavierzyklus «Im Freien». dennoch wirtschaftliche Probleme hatte. 1943 entstand seine letzte be- 30er Jahre: Abkehr von der Avant- deutende Komposition, das Konzert garde Nach 1930 orientierte sich Bar- für Orchester in fünf Sätzen. Zwei tök wieder stärker an den traditio- Jahre später starb der leukämie- nellen Tonarten. 1934 gab er seinen kranke Bartök 64jährig in New York.,

Alban Berg ► Der traditionsbewußte

(9.2.1885-24.12.1935) Avantgardist ◄ Der österreichische Komponist gilt als Hauptvertreter der Zweiten Wiener Schule, die den Übergang zur atonalen Musik wagte. Berg schrieb nur wenige Werke, darunter die Oper «Wozzeck», die als Musterbeispiel für die Verbin- dung von strenger Form und starker Ausdruckskraft gilt. Alban Maria Johannes Berg wurde Berg begeisterte sich jedoch nicht in Wien als Sohn eines Buchhändlers nur für die Werke des avantgardisti- geboren. Durch den Einfluß seiner schen Lehrers, sondern auch für tra- Eltern interessierte er sich für Lite- ditionelle Kompositionen, u.a. von ratur, bildende Kunst, Theater und Gustav Mahler und Richard Strauss. Musik. Mit 15 Jahren versuchte sich Darüber hinaus nahm er eine Tätig- Berg erstmals als Liedkomponist. keit als Beamter im Rechnungswe- Um 1900 begann die Asthmakrank- sen auf, um seinen Lebensunterhalt heit des Jungen. Da der erste Anfall zu bestreiten. Da seine finanzielle des lebenslangen Leidens am 23. Juli Lage dennoch prekär blieb, erließ auftrat, sah Berg die 23 fortan als ihm Schönberg für zwei Jahre die Schicksalszahl an. Nach dem Tod des Studiengebühren. Erst durch eine Vaters (1900), mißglückter Abitur- Erbschaft konnte sich Berg ab 1906 prüfung (1903) und einer unglückli- ganz der Musik widmen und kompo- chen Liebe unternahm der 18jährige nierte fortan häufig anhand literari- einen Selbstmordversuch. Ein Jahr scher Vorlagen. Ein Jahr später ver- später schaffte er die Reifeprüfung. tonte er das Theodor-Storm-Lied «Schließe mir die Augen beide». Bis 1904-10: Schüler bei Schönberg Ab zum Ende seiner Lehrzeit (1910) ent- 1904 erhielt Berg eine Ausbildung standen rund 80 Stücke zumeist für bei seinem Vorbild und späteren Klavier, u. a. eine Fuge für Streich- Freund Arnold Schönberg, dem Be- quartett und Klavier (1907), «Zwölf gründer der Zweiten Wiener Schule. Klaviervariationen über ein eigenes Thema» (1907/08) und «Vier Lieder Zweite Wiener Schule nach Hebbel und Mombert». Mit seinem Streichquartett (1910) Wiener Komponisten zu Anfang des 20. vollzog Berg nach anfänglichem Zö- Jahrhunderts, die von Arnold Schönberg gern den Schritt zur atonalen Musik. unterrichtet wurden (u.a. Alban Berg, Die beiden Sätze werden von Disso- Anton Webern). Die Gruppe revolutionierte nanzen durchzogen – ein Charakte- die Musikgeschichte, indem sie sich von ristikum der späteren Werke Bergs. der klassischen Tonalität löste. Es Trotz aller Innovationen blieb er den entstanden atonale Musik und Zwölftontechnik. musikalischen Traditionen des spä-ten 19. Jahrhunderts verbunden., 1925: «Wozzeck» 1911 heiratete Berg Helene Nahowski und ver- diente seinen Lebensunterhalt als Privatlehrer. Nachdem er «Fünf Or- chesterlieder nach Ansichtskarten- Texten von Peter Altenberg» (1912) verfaßt hatte, kam es 1913 bei der Ur- aufführung zweier Altenberg-Lieder zum Skandal und zu Handgreiflich- keiten, da das Publikum die atonale Komposition ablehnte. 1913 entstan- den «Vier Stücke für Klarinette und Klavier» sowie ein analytischer Füh- rer zu Schönbergs «Gurreliedern». Nachdem Berg 1914 Georg Büchners Theaterstück «Woyzeck» gesehen hatte, entschloß er sich nach Vollen- dung seiner «Drei Orchesterstücke» (1914) zur Vertonung des Dramas. Nach unermüdlicher Arbeit, die vom Kriegsdienst in Ungarn und Wien (1915-18) sowie musikschriftstelleri- Alban Berg schen Arbeiten unterbrochen wurde, kam es Ende 1925 in Berlin zur ber der kurzlebigen Wiener Musik- Uraufführung seines «Wozzeck». zeitschrift «23». Drei Jahre später Die Oper avancierte zum internatio- stellte er sein Violinkonzert fertig, nal gefeierten Hauptwerk des musi- das zu den am häufigsten gespielten kalischen Expressionismus. Nach Konzerten des Jahrhunderts zählt. diesem Werk, seinem siebten Opus, Bergs Engagement gegen den wach- verzichtete Berg auf eine weitere senden Einfluß der nationalsoziali- Werkzählung, da er sich seiner kom- stischen Kulturpolitik auf die Musik positorischen Langsamkeit schämte. führte 1935 zum Aufführungsverbot seiner Werke im Deutschen Reich, 1937: «Lulu» Die Überarbeitung was den als besonders umgänglich seines Storm-Liedes «Schließe mir bekannten Komponisten schwer traf, die Augen beide» war die erste zumal auch die für Berlin geplante Zwölftonkomposition Bergs, der Uraufführung der «Lulu» ausfiel. sich 1928 entschloß, Frank Wede- Seine häufigen Furunkelentzündun- kinds «Lulu»-Tragödien zu verto- gen verstärkten sich, Berg erkrankte nen. Ebenfalls 1928 beendete er die an einer Blutvergiftung und starb im Bearbeitung der später international selben Jahr 50jährig in Wien. 1937 erfolgreichen «Lyrischen Suite für hob sich in Zürich der Vorhang zu Streichorchester». Nach einigen wei- «Lulu». Diese zweite – fragmentari- teren Werken für Orchester fungierte sche – Oper Bergs wurde von Fried- Berg ab 1932 als Mitherausge- rich Cerha vollendet (UA 1979).,

Luciano Berio ► Vorreiter der

(* 24.10.1925) elektronischen Musik ◄ Der Italiener zählt zu den bekanntesten Komponisten der Neuen Musik. Be- rios experimentelle Werke eröffneten der Musik neue Klangräume. Ein großer Teil seiner Arbeiten wurde von den Möglichkeiten der elektronischen Musik bestimmt, an deren Entwicklung Berio entscheidend beteiligt war. Berio kam bei Oneglia/Ligurien als eine eigene Abteilung für experi- Sohn eines Organisten zur Welt, der mentelle Arbeiten beim Radiosender ihm den ersten Musikunterricht er- RAI. Bis 1959 fungierte Berio als teilte. Seine musikalische Ausbil- Leiter dieses «Studio di Fonologia dung vertiefte Berio am Mailänder Musicale». Zudem war er für die Konservatorium, wo er Komposition Zeitschrift «Incontri musicali» ver- bei Federico Ghedini und Dirigieren antwortlich (bis 1960). Während Be- bei Carlo Maria Giulini belegte. Mit rio – z.B. mit «Nones» (1954) und seinem «Magnificat» für zwei So- «Serenata I» (1957) – Werke für Or- prane, gemischten Chor, zwei Kla- chester oder kammermusikalische viere, acht Holzbläser und Schlag- Besetzungen komponiert hatte, be- zeug machte der 25jährige die Öf- gann er mit «Mutazioni» (1956) elek- fentlichkeit erstmals auf sich auf- tronische Musik zu schreiben. Er merksam. In der Instrumentalbe- brachte die Klänge der Instrumente setzung des «Magnificat» deutet sich mit der elektronischen Geräusch-und schon die Vorliebe Berios für klang- Sprachaufzeichnung in Verbindung, liche Experimente an. 1951 ging er so z. B. in dem Stück «Temar – nach Tanglewood (USA) und be- Omaggio a Joyce» (1958) für eine suchte die Kompositionskurse von Stimme und Tonband. In diesem Luigi Dallapiccola. In Amerika hei- Werk beschäftigte sich Berio – wie in ratete der Komponist die Sopranistin anderen Arbeiten – mit der Umset- Cathy Berberian. zung zeitgenössischer Literatur. Ab 1956: Elektronische Musik Nach 1958-87: «Sequenzen I-XI» Seine seiner Rückkehr in die Heimat grün- Vorliebe für die besonderen Klang- dete Berio 1953 mit Bruno Maderna möglichkeiten der verschiedenen In- Bruno Maderna (21.4.1920-13.11.1973) Der Italiener gilt als wichtiger Vertreter der seriellen sowie der Zwölftonmusik und war für den Durchbruch elektronischer Musik mitverantwortlich. Mit seiner «Musica su due dimensioni I» (1958) für Flöte, Schlagzeug und Tonband schrieb er erstmals ein Werk für elektronische und konventionelle Instrumente. Er komponierte drei Opern, u. a. «Hyperion» (1964) nach Friedrich Hölderlin., strumente und der menschlichen Stimme fanden ab 1958 ihren Nie- derschlag in den «Sequenza»-Kom- positionen – Solostudien, die er u. a. für Flöte, Harfe, Klavier und Schlag- zeug schrieb. So besteht die «Se- quenza III» für Solostimme aus einer Reihe wechselnder, ausdrucksvoller Gesten, etwa dem Keuchen. Berio widmete die Komposition seiner Frau, die auch nach der Scheidung von dem Komponisten (1966) zu den wenigen Sängerinnen gehörte, die Berios anspruchsvolle Solo- partien singen wollten. Die Luciano Berio (rechts) erhält 1989 den Ausdehnung der Klangmöglich- Ernst-von-Siemens-Musikpreis. keiten ging einher mit einer Ergän- zung der traditionellen Notenschrift den Hang zur szenischen Musik und durch eine bildhafte Wiedergabe des dem experimentellen Musiktheater. Geschehens anhand sog. graphischer Bereits sein 1960 vollendetes Werk Notation. Eine musikalische Erwei- «Circles» zeigt eine szenische Kon- terung erfuhren die Sequenzen durch zeption, die sich in den Gesten und ihre Übertragung auf das Orchester. Schritten der Vokalsolistin aus- Bei den Transkriptionen, die ab 1965 drückt. 1970 wurde Berios Bühnen- unter dem Titel «Chemins» werk «Opera» uraufgeführt. erschienen, erweiterte Berio den Notentext durch Kommentare. An 1977: Zusammenarbeit mit Boulez der Juilliard School of Music in New 1977 folgte Berio dem Ruf des Kom- York war Berio 1965-72 Professor ponisten und Dirigenten Pierre Bou- für Komposition und Gründer eines lez nach Paris, der dort seit 1975 dem Ensembles für Neue Musik. Institut de Recherche et de Coordi- nation Acoustique /Musique (IR- 1968: «Sinfonia» Das Bestreben, un- CAM) vorstand. Berio wurde Leiter terschiedliche Ebenen von Kunst der Abteilung für Elektroakustik. und Natur in einer neuen Klangform Ebenfalls 1977 heiratete er die Mu- zu vereinen, ließ Berio immer wieder sikwissenschaftlerin Talia Pecker. auf Zitate unterschiedlichsten Ur- In den 80er Jahren legte Berio, der sprungs zurückgreifen. So zitiert er bei Siena in Italien lebt, u.a. die in seiner «Sinfonia» (1968) für acht Opern «La Vera Storia» (1982) und Singstimmen und Orchester u. a. im «Un Re in Ascolto» (1984) sowie 3. Satz das Scherzo aus Gustav Mah- Werke der Orchester- und Kammer- lers c-Moll-Sinfonie. Aber nicht nur musik vor. Zu seinen letzten Werken diese Collagetechnik teilte Berio mit gehört die 1990 abgeschlossene freie anderen zeitgenössischen Komponi- Fortsetzung eines sinfonischen Frag- sten der 60er Jahre, sondern auch ments von Franz Schubert., Leonard Bernstein ► Musikalisches (25.8.1918-14.10.1990) Allround-Genie ◄ Der Amerikaner trug als Dirigent und Komponist entscheidend zum musika- lischen Selbstbewußtsein der USA bei. In seinem Werk verwischte Bernstein die Grenzen zwischen «unterhaltender» und «ernster» Musik. Bernstein kam als Sohn aus Rußland chester feierte er am 14. November eingewanderter Juden in Law- desselben Jahres in der Carnegie rence/Massachusetts zur Welt. Der Hall, als er für den erkrankten Bruno Junge lernte Klavier spielen, sang im Walter einsprang. Wenige Monate Chor, spielte im Orchester und grün- zuvor hatte Bernstein den Tänzer dete eine Laientruppe, die Opern und Choreographen Jerome Rob- und Operetten aufführte. Ab 1935 bins kennengelernt, der ihn als Kom- studierte Bernstein an der Harvard- ponisten des Balletts «Fancy Free» Universität in Boston Klavier und engagierte. Die erfolgreiche Urauf- Musikwissenschaften. führung des Stücks um drei Matro- sen in einer Bar 1944 an der New 1942: Assistent bei Kussewitzki Yorker Metropolitan Opera veran- Nach einem mit Auszeichnung be- laßte Bernstein, «Fancy Free» zum standenen Examen schrieb er sich Musical «On the Town» zu erwei- am Curtis Institute of Music in Phila- tern. Das Werk, das im selben Jahr delphia für Dirigieren und Klavier am Broadway Premiere hatte, hob ein. 1940 nahm ihn Sergej Kusse- sich durch seine rhythmische Prä- witzki, Leiter des Boston Symphony gnanz und den starken Einfluß des Orchestra, in seine Dirigierkurse am Jazz deutlich von den gängigen Berkshire Music Center in Tangle- Stücken des Musical-Genres ab. wood auf. Nachdem Bernstein 1941 wegen Asthmas für kriegsuntauglich 50er Jahre: Internationale Erfolge erklärt worden war, gab er selbst 1945 übernahm Bernstein die Lei- Kurse an dem Institut und trat als tung des New York City Symphony Pianist und Dirigent auf. 1942 vollen- Orchestra und führte in den folgen- dete er eine Sonate für Klarinette den Jahren viele Werke amerikani- und Klavier («Seven Anniversaries scher Komponisten (u. a. von Aaron for Piano») sowie die 1. Sinfonie «Je- Copland und Charles Ives) sowie des remiah» für Altsolo und Orchester. europäischen Neoklassizismus auf. Nachdem er mit der «Auferste- 1943: Plötzlicher Dirigentenruhm hungssinfonie» erstmals ein Stück 1943 bekam Bernstein eine Stellung von Gustav Mahler dirigiert hatte, als zweiter Dirigent des New York verhalf er dem österreichischen Sin- Philharmonie Orchestra. Sein aufse- foniker in den folgenden Jahren zu henerregendes Debüt mit dem Or- internationaler Anerkennung. Ne-, benher komponierte Bernstein u. a. das Ballett «Facsimile» (1946) und seine 2. Sinfonie «The Age of An- xiety» nach einem Gedicht von Wy- stan Hugh Auden. 1948 übernahm Bernstein eine Pro- fessur am Berkshire Music Center (bis 1955). 1951 folgte er einem Ruf an die Brandeis-Universität in Mas- sachusetts. Im selben Jahr heiratete Bernstein die chilenische Schauspie- lerin Felicia Montealegre (drei Kin- der). Bernsteins Kompositionen der folgenden Jahre umfassen ein breites Spektrum – von der einaktigen Oper Leonard Bernstein, 1983 «Trouble in Tahiti» (1952) über die Musicals «Wonderful Town» (1953) tierte Bernstein das nächste Musik- und «Candide» (1956; nach Voltaire) stück, die 3. Sinfonie «Kaddish», ei- bis hin zu der Musik für Elia Kazans ne Auseinandersetzung mit seinem Film «Die Faust im Nacken» (1954) jüdischen Glauben. und der Serenade für Violine, Strei- cher und Perkussion (1954). Seine Ab 1969: Ohne festes Engagement größten Erfolge feierte Bernstein, 1969 trennte sich Bernstein nach fast der sich auch in der Friedenspolitik 1000 Aufführungen in der ganzen und für amnesty international Welt von den New Yorker Philhar- engagierte, jedoch als Dirigent. monikern und arbeitete fortan als Gastdirigent, u.a. bei den Wiener 1957: «West Side Story» Sein bedeu- Philharmonikern. 1971 wurde sein tendstes Werk legte Bernstein 1957 multimediales Theaterstück «Mass» mit dem Musical «West Side Story» uraufgeführt. Drei Jahre später ar- vor, einer Übertragung des Romeo- beitete Bernstein für das Ballett und-Julia-Stoffes auf das Milieu ju- «Dybbuk» – nach einer jüdischen gendlicher Straßengangs in New Sage – wieder mit Robbins zusam- York. Im Jahr darauf übernahm er men. Zur 200-Jahr-Feier der USA die Leitung der New Yorker Philhar- kam 1976 sein letztes Broadway-Mu- moniker. Zudem machte sich Bern- sical, «1600 Pennsylvania Avenue», stein, der Nachwuchsmusiker mit heraus. Sieben Jahre später feierte eigenen Stiftungen förderte, als Bernsteins Oper «A Quiet Place» Musikpädagoge einen Namen: Die Premiere. In einem seiner letzten «Young People's Concerts», Auf- Werke, «Thirteen Anniversaries for führungen für Jugendliche mit Er- Piano», schrieb er 1988 Klavier- läuterungen, wurden ab 1958 vom stücke als Hommage an ihm naheste- Fernsehen übertragen, sein Buch hende Menschen. Von einer Lungen- «The Joy of Music» (1959) avancier- krankheit gezeichnet, starb Bernstein te zum Bestseller. Erst 1963 präsen- 1990 mit 72 Jahren in New York., Boris Blacher ► Innovation durch (19.1.1903-30.1.1975) variable Metren ◄ Im Werk des deutschen Komponisten spiegelt sich die Entwicklung der Mu- sik vom Neoklassizismus der 20er bis zur Elektronik der 60er Jahre. Mit sei- nem Prinzip der variablen Metren leistete Blacher einen wichtigen Beitrag zur seriellen Musik. Blacher wurde in Newchwang Jazzrhythmen variierte. Im selben (China) als Sohn deutsch-baltischer Jahr wurde Blachers Suite für zwei Eltern geboren. Durch den Beruf des Klaviere als erstes seiner Werke öf- Vaters – eines Bankdirektors – fentlich gespielt. wechselte die Familie häufig ihren Wohnsitz. Im chinesischen Chefoo 1937: Durchbruch Blacher verdiente absolvierte der Junge die britische seinen Lebensunterhalt fortan als Missionarsschule und entdeckte sei- Notenkopist, Klavierspieler in Kinos ne Liebe zur Musik. Ab 1913 besuchte und Arrangeur von Unterhaltungs- Blacher in Hankau die deutsche musik. Der Gegner des Nationalso- Schule, später einen italienischen zialismus schaffte seinen Durch- Konvent. Im russischen Irkutsk war bruch ausgerechnet nach 1933: Sein er ab 1914 als Beleuchter im Opern- Tanzdrama «Fest im Süden» und die haus tätig, in Charbin/ Mandschurei «Concertante Musik» für Orchester fertigte der 16jährige Instrumenta- avancierten 1937 zu Publikumserfol- tionen von Klavierauszügen für das gen. Ein Jahr später erhielt Blacher Sinfonieorchester an. einen Lehrauftrag für Komposition 1922 siedelte Blacher mit seiner Mut- am Landeskonservatorium Dresden, ter nach Berlin über. Da ihm das be- mußte den Posten aber 1939 aufge- gonnene Studium der Architektur ben, weil er verfemte Komponisten und Mathematik nicht zusagte, verteidigt hatte. 1941 konnte Blacher schrieb er sich 1924 an der Musik- mit der Uraufführung seiner ersten hochschule als Kompositionsschüler abendfüllenden Oper, «Fürstin Ta- bei Friedrich Ernst Koch ein. 1927 rakanowa», einen weiteren Erfolg schloß sich ein vierjähriges Studium verbuchen. Zwei Jahre später erlitt der Musikwissenschaften an. In die- er einen Tuberkuloseanfall, den er ser Zeit entstanden seine ersten be- im österreichischen Ramsau ausku- deutenden Kompositionen. Blachers rierte. Dort beendete er u.a. das Liebe zum Jazz drückte sich in den Oratorium «Der Großinquisitor» «Jazz-Koloraturen für Sopran, Alt- nach Fjodor Dostojewskis Roman saxophon und Fagott» (1929) sowie «Die Brüder Karamasow». in der Kammeroper «Habemeajaja» (1929, UA 1987) aus. 1930 schrieb er Ab 1950: Variable Metren 1945 hei- das 1. Streichquartett, in dem er ratete Blacher die Pianistin Gerty, Herzog (vier Kinder), für die er zahl- reiche Klavierwerke schrieb. Drei Jahre später wurde er Professor für Komposition an der Berliner Hoch- schule für Musik (bis 1970) und ab 1953 deren Präsident. War sein wohl bekanntestes Werk, die «Orchester- variationen über ein Thema von Pa- ganini» (1947), noch von Jazz-Ele- menten geprägt, stand fortan die Zwölftontechnik Arnold Schönbergs im Mittelpunkt, so in dem Ballett «Lysistrata» (UA 1951). Aus der Zwölftontechnik entwickelte Bla- cher sein Prinzip der variablen Me- tren: Er bildete keine Ton-, sondern metrische Reihen nach mathemati- Boris Blacher schen Gesetzen, die den rhythmi- schen Verlauf der Musik vorherbe- lität und enthält parodistische An- stimmen. Diese Technik wendete er spielungen auf gängige Melodien. u.a. in den «Ornamenten» für Kla- Die szenische Premiere in Mann- vier (1950) und dem 2. Klavierkon- heim löste 1953 einen Skandal aus. zert (1952) an. Im selben Jahr veröffentlichte Bla- cher sein Lehrbuch «Einführung in Ab 50er Jahre: Bühnenstücke Blâ- den strengen Satz». cher konzentrierte sich zunehmend auf Bühnenwerke nach literarischen Ab 1960: Elektronische Musik Bla- Vorlagen. Er schrieb acht Ballett- cher kombinierte in seinen folgen- stücke mit eigenwilligen Rhythmen, den Werken Tonbandaufzeichnun- u.a. «Hamlet» (1950), «Der Mohr gen mit Instrumenten und Stimmen, von Venedig» (1955) und «Tristan» etwa in den «Raumperspektiven für (1965). Eine Synthese von Ballett- Klavier und drei Klangerzeuger Nr. und Musiktheater ist das «Preußi- IV» (1962) sowie in «Zwischenfälle sche Märchen» (1950), eine satiri- bei einer Notlandung. Reportage» sche Bearbeitung des «Hauptmann für Elektronik, Instrumente und von Köpenick». Experimentellen Sänger (1966). Bei «Ariadne» Charakter hatte die «Abstrakte Oper (1968), einem Duodram für zwei Nr. 1», die nach Idee und Text von Sprecher und Elektronik, gab Werner Egk entstand. In sieben Blacher erstmals die konventionelle Szenen werden Grundstimmungen Notation auf. Der Präsident der der Zeit dargestellt – u.a. Angst, Berliner Akademie der Künste Liebe, Schmerz. Der Text verwendet (1968-71) vollendete 1973 seine keine Wörter, sondern assoziative letzte große Oper, «Yvonne, Prin- Lautverbindungen; die Komposition zessin von Burgund». Zwei Jahre bewegt sich im Rahmen freier Tona- später starb er 72jährig in Berlin., Pierre Boulez ► Verfechter des (*26.3.1925) musikalischen Fortschritts ◄ Der französische Dirigent und Komponist erschloß mit seinen Kompositio- nen neue Horizonte – z. B. der seriellen und elektronischen Musik. Boulez' Werke stellen eine Weiterentwicklung der Kompositionstechnik seit Arnold Schönberg und Olivier Messiaen dar. Der Sohn eines Stahlindustriellen lez seine 1. Klaviersonate, eine Sona- wurde in Montbrison/Loire geboren. tine für Flöte und Klavier sowie «Le Schon früh zeigte sich seine Be- visage nuptial» (alle 1946). Im selben gabung für die Mathematik, so daß Jahr begann seine Verpflichtung als er ein entsprechendes Studium in Kapellmeister und Komponist am Lyon aufnahm. Boulez' Fähigkeiten Théâtre Marigny in Paris (bis 1956). in Klavierspiel und Musiktheorie be- Dort legte er den Grundstein für wogen ihn jedoch bald, an das Pari- seine spätere Karriere als Dirigent. ser Konservatorium zu gehen. Dort Bekannt wurde Boulez 1948 mit der besuchte er Kompositionskurse, u. a. Kantate «Le soleil des eaux» und mit die Harmonielehreklasse von Olivier seiner 2. Klaviersonate. Messiaen. Darüber hinaus nahm er Bereits mit dem Werk «Polyphonie Privatstunden bei Andrée Vaura- X» (1951) bemühte sich der Kompo- bourg, der Frau Arthur Honeggers. nist um totale Bestimmbarkeit seines Klangmaterials. Deutlich wird diese 40er Jahre: Umfassende Ausbildung Serialität in den «Structures I» Messiaens Einfluß zeigt sich an Bou- (1952) für zwei Klaviere. Ausgangs- lez' «Trois Psalmodies» (1945) für punkt des Werks ist nicht nur die Or- Klavier. Um seine Begeisterung für ganisation des Tonmaterials in einer die Werke Schönbergs umsetzen zu bestimmten Reihenfolge, sondern können, studierte er Zwölftontechnik auch die Festlegung von Lautstärke, bei dem Schönberg-Schüler René Länge und Anschlagsart der Töne. Leibowitz. Wegen des Widerspruchs zwischen fortschrittlichen Klängen 1953-55: «Le marteau sans maître» und traditionellen Formen in Die mathematische Genauigkeit sei- Schönbergs Werken wandte er sich ner Werke ließ Boulez bald an seriel- Anton Weberns Musik zu, an der ihn ler Musik zweifeln. So begann er, auf die Entwicklung der Form aus dem der Grundlage einer strengen Ord- Inhalt faszinierte. Ideen für rhythmi- nung, gewisse Wahlfreiheiten in die sche Gestaltung bezog Boulez zu- Kompositionen einzuführen. Eines dem von Igor Strawinsky. seiner bekanntesten Werke dieser Art wurde «Le marteau sans maître» Mitte der 40er Jahre: Erste Werke (1953-55), ein Vokalstück für Alt Innerhalb kurzer Zeit schrieb Bou- und kleines Ensemble. Das fast im-, provisatorische Element tritt auch in der 3. Klaviersonate (1957) hervor, in der er dem Interpreten eine Gestal- tungswahl überläßt. 1953 war Boulez in Paris Mitbegrün- der der Konzertreihe «Domaine mu- sical», deren Organisation er bis 1967 leitete und die zum Forum avantgar- distischer Kompositionen wurde. Er dirigierte viele Werke junger Kom- ponisten, wobei er sich – ebenso wie ab 1971 als Nachfolger Leonard Bernsteins bei den New Yorker Phil- harmonikern – gegen Widerstände des Publikums durchsetzen mußte. Immer wieder überarbeitete Boulez eigene Werke, um seine Ideen einer freieren Gestaltung einzubeziehen. So schuf er bis 1962 sein Erfolgswerk Pierre Boulez für Sopransolo und großes Orchester «Pli selon pli», das auf fünf Ge- «Cummings ist der Dichter» für 16 dichten Stéphane Maliarmes basiert. Solostimmen und 23 Instrumente, Der Professor an der Musikakademie wobei er Ausgewogenheit von Wor- Basel (1960-63) inszenierte 1963 ten und Tönen anstrebte. Alban Bergs Oper «Wozzeck» in Pa- Ab 1976 war Boulez als Gründer und ris. Drei Jahre später debütierte er in Leiter des Institut de Recherche et Bayreuth, wo er 1976 Patrice Ché- de Coordination Acoustique /Mu- reaus umstrittenen «Jahrhundert- sique (IRCAM) in Paris tätig (bis Ring» dirigierte. 1991). Die Ausrichtung des Instituts auf elektronische Musik zeigt sich in 1968: «Domaines» Ab 1964 arbei- «Réponse» (1980) für Soloinstru- tete Boulez zehn Jahre an den mente, Instrumentalensemble und «Eclats», aus denen er die «Eclats Live-Elektronik. Ein Jahr zuvor hat- Multiples» entwickelte: Er teilte die te Boulez Bergs Oper «Lulu» als er- 15 Instrumente in zwei Gruppen ein, ster Dirigent komplett aufgeführt. In die Gestaltungsmöglichkeiten des den 80er Jahren überarbeitete er Dirigenten wurden durch neue Zei- weitere frühere Arbeiten, z. B. «No- chen erweitert. In seinem 1968 ge- tations» (1980; entstanden aus den schriebenen Werk «Domaines» ord- «Notations» für Klavier, 1945). Seit- nete er das Orchester in sechs Grup- dem beschäftigt sich Boulez mit der pen, wobei der Solist nacheinander sog. Mikrotonalen Musik, die techni- in jeder Gruppe ein Solo spielt, auf sche Möglichkeiten von Computern das die Gruppenmusiker reagieren. nutzt. 1995 unterzeichnete er einen Nach vier Gedichten des Amerika- Dirigentenvertrag für die Salzburger ners E. E. Cummings entstand 1970 Festspiele (bis 2001)., Benjamin Britten ► Der «englische Orpheus» ◄ (22.11.1913-4.12.1976) Der Engländer zählt zu den meistgespielten Opernkomponisten des Jahrhun- derts. Britten zeichnete sich als Eklektizist durch stilistische Vielfalt aus, die von altenglischen Volksweisen bis zu atonaler Musik reichte. Britten wurde in Lowestoft/Suffolk stan Hugh Auden zusammen. Ge- geboren. Die Eltern weckten sein In- meinsam mit Auden und Pears ging teresse für Musik; der hochbegabte der überzeugte Pazifist und Antifa- Zwölfjährige erhielt Klavier- und schist 1939-42 in die USA. Wie sein Kompositionsunterricht bei seinem Vorbild Alban Berg nahm sich Brit- lebenslangen väterlichen Freund ten fortan häufig literarischer Vorla- Frank Bridge. Ab 1930 schloß sich gen für seine Kompositionen an. ein Studium am Londoner Royal 1941 schuf er sein erstes Bühnenwerk College of Music an (bis 1933) – u. a. («Paul Bunyan»). Ab 1943 – Britten bei John Ireland (Komposition) und und Pears waren wieder nach Suffolk Arthur Benjamin (Klavier). 1934 zurückgekehrt – entstand die Oper lernte Britten den Tenor Peter Pears «Peter Grimes» (Text von Montagu kennen, mit dem ihn eine berufliche Slater nach einer Ballade des engli- und private Partnerschaft verband. schen Dichters George Grabbe). Die Uraufführung des Dreiakters 1945 in 1937: Durchbruch in Österreich Mit London wurde zum Triumph. Im 21 Jahren nahm Britten eine Anstel- Mittelpunkt der Milieu-Oper steht lung als Filmkomponist bei einer der der grobschlächtige Außenseiter Pe- Post angeschlossenen Gesellschaft ter Grimes, der von den Bewohnern für Dokumentarfilme an. Zudem war eines Fischerstädtchens in den Tod er für Theater und Radio tätig. Einen getrieben wird, weil die Fischerjun- Namen machte sich Britten bei Festi- gen bei ihm wie Sklaven arbeiten vals für zeitgenössische Musik (z.B. mußten. In das hauptsächlich tonal in Florenz 1934, Barcelona 1936). komponierte Werk nahm Britten Sein erster internationaler Erfolg ge- auch atonale und Jazz-Elemente auf. lang ihm 1937 mit «Opus 10 für Zudem setzte er Chöre sowie unbe- Streichorchester» bei den Salzburger gleiteten Sprechgesang ein. Kritiker Festspielen. Diese «Variationen ei- und Publikum feierten die Oper we- nes Themas von Frank Bridge» wa- gen ihrer musikalischen Vielseitig- ren als künstlerische Verbeugung vor keit, die ein Charakteristikum Brit- seinem Lehrer gedacht. tenscher Kompositionen ist und ihm – wie im 17. Jahrhundert Henry Pur- 1945: Weltruhm durch «Peter cell – den Beinamen «englischer Or- Grimes» Seine Arbeit führte Britten pheus» einbrachte. Nicht nur seine u. a. mit dem englischen Dichter Wy- für die Bühne konzipierten Werke, zeichnen sich durch starke Theatra- lik aus: Auch bei Orchestermusik, Streicher- und Klavierkonzerten zog Britten alle Register klanglicher und rhythmischer Möglichkeiten – wie in dem Stück «Variationen und Fuge über ein Thema von Purcell» (1945). Ab 1947: Neuerer der englischen Kammeroper Die Oper, «Der Raub der Lukrezia» (1946, nach einem Drama von André Obey), widmete sich der antiken Tragödie. Mit «Al- bert Herring» (1947) schrieb Britten seine erste komische Oper nach ei- ner Novelle von Guy de Maupassant. Im selben Jahr gründete er die Eng- lish Opera Company, die der engli- schen Kammeroper und Brittens Werken zu internationalem Renom- mee verhalf. Mit Pears rief Britten 1948 in seinem Wohnort das jährlich Benjamin Britten stattfindende Aldeburgh Festival ins Leben. 1949 tat er sich mit einer Kan- (1957). Drei Jahre später führte er tate («Frühlingssinfonie» ) hervor. William Shakespeares «Ein Som- mernachtstraum» als Oper auf. Zur 1961: «War Requiem» 1951 gelang Neueinweihung der im Krieg zer- Britten mit dem Bühnenwerk «Billy störten Kathedrale in Coventry ver- Budd» ein weiterer Erfolg. Grund- faßte Britten 1961 sein bekanntestes lage des Vierakters ist eine Novelle Vokalmusikwerk «War Requiem» von Herman Melville. Als besondere für Soli, Chöre und Orchester. Eigenart von «Billy Budd» sind alle Nachdem sich Britten mit geistlichen Chorstimmen Männern vorbehalten. Spielen («Der Fluß der Möwen», Wie in vielen seiner Opern ergriff 1964; «Die Jünglinge im Feuerofen», der homosexuelle Britten Partei für 1966; «Der verlorene Sohn», 1968) Außenseiter der Gesellschaft, so in beschäftigt hatte, wandte er sich der «Die sündigen Engel» (1954), einem Fernsehoper zu: 1968 entstand die psychologisch verklärten Werk um «Geistergeschichte» (nach Henry zwei Waisenkinder, in dem er James), drei Jahre später folgte Seelenstimmungen durch Variatio- «Owen Wingrave». 1973 wurde Brit- nen von Zwölf tonreihen darstellte. tens letzte große Oper, «Tod in Ve- Nach einer Fernost-Konzertreise be- nedig» (nach Thomas Mann), in sei- zog Britten asiatische Elemente in nem Heimatort uraufgeführt. Drei seine Kompositionen ein, z.B. in Jahre später starb der 63jährige in dem Ballett «Der Pagodenprinz» Aldeburgh., Ferruccio Busoni ► Traditionalist und (1.4.1866-27 7.1924) Erneuerer ◄ Das Schaffen des Italieners umfaßt eine weite Spanne musikalischer Sprache. Viele von Busonis 303 Kompositionen sind von so unterschiedlichen Kompo- nisten wie Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Liszt oder Arnold Schönberg beeinflußt. Ferruccio Dante Michelangelo Ben- des Künstlers an, der sich fortan um venuto Busoni kam in Empoli bei eine Bereicherung der klanglichen Florenz als Sohn des Klarinettenvir- und pianistischen Gestaltungsmittel tuosen Ferdinando Busoni zur Welt. bemühte. Bereits 1891 gab er seine Der Junge erlernte das Klavierspiel Stellung in Moskau wieder auf, um und gab als Achtjähriger sein erstes nach Boston an das New England Konzert in Triest. Zwei Jahre später Konservatorium für Musik zu gehen. trat das «Wunderkind» in Wien auf und trug auch eigene Kompositionen Ab 1894: Aufenthalt in Berlin Nach vor. Mit zwölf Jahren führte Busoni häufig wechselnden Lehrtätigkeiten sein Werk «Stabat mater» in Graz in Europa und den USA ließ sich Bu- auf, wo die Familie seit kurzem soni 1894 in Berlin nieder. Die künst- wohnte. 1881 wurde der 15jährige lerische Situation der Stadt war für Mitglied der Accademia Filarmonica ihn wie geschaffen: Hier sah er die in Bologna. Dort präsentierte er Möglichkeit, sein Ziel einer neuen 1883 sein Oratorium «II sabato del «jungen Klassizität» zu verfolgen. villaggio». Auf Empfehlung von Jo- Auf dem Programm der Berliner hannes Brahms setzte Busoni seine Konzerte, die er mit dem Philharmo- Studien ab 1886 bei Carl Reinecke in nischen Orchester ab 1902 veranstal- Leipzig fort, wo er sich intensiv mit tete, standen viele neue und unbe- der Musik Bachs befaßte. kannte Kompositionen, u.a. von Bêla Bartok, Sibelius und Schönberg. Ab 1889: Lehrtätigkeit In der Folge Busonis Suche nach neuen Formund übernahm der Virtuose diverse Ausdrucksmitteln setzte sich in dem Lehraufträge – zuerst in Helsinki, wo Klavierkonzert mit Schlußchor Jean Sibelius zu seinen Schülern (1906) fort, wurde aber noch deut- gehörte, und ab 1890 am Moskauer licher in den Sonatinen für Klavier Konservatorium. Dort heiratete Bu- (1910-22), die die Grenzen tonaler soni die Schwedin Gerda Sjöstrand. Musik aufbrechen. So scheint die ato- Mit seinem Konzertstück op. 31 a ge- nale «Sonatina seconda» (1912) di- wann Busoni im selben Jahr den Ru- rekt von Schönberg inspiriert zu sein. binstein-Wettbewerb in St. Peters- burg. Die Komposition deutete einen 1907: «Entwurf einer neuen Ästhe- Richtungswechsel im Schaffen tik der Tonkunst» Busonis Forde-, rungen nach einer neuen Klassizität gingen einher mit der Suche nach ei- genen Gesetzen für die moderne Musik. Seine Ideen, die eine Erwei- terung der Form und des musikali- schen Materials vorsahen, faßte er 1907 in seinem «Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst» zu- sammen, den er dem Dichter Rainer Maria Rilke widmete. Das Werk lö- ste heftigen Streit aus. So warnte der eher konservative Komponist Hans Pfitzner vor einer drohenden «Futu- ristengefahr». Busoni selbst sah ei- nen neuen Abschnitt seines kompo- sitorischen Schaffens mit den Ele- gien für Klavier (1907) erreicht, doch setzte er seine theoretischen Überle- gungen nie konsequent um, sondern versuchte sie in alte, klassizistische Ferruccio Busoni Kompositionen einzubinden. Drei Jahre später entstanden das Klavier- Klavier und Orchester. 1913 über- stück «Fantasia contrappuntistica» nahm Busoni die Leitung des Liceo und das Tongedicht «Berceuse élé- musicale in Bologna. Ein Jahr später giaque», in der neue orchestrale begann er mit den Vorbereitungen Möglichkeiten anklangen. zu einer neuen Oper: Der Komponist plante, den Stoff des «Doktor Faust» Ab 1912: Opern Busonis Opern- zu vertonen. schaffen ist gekennzeichnet durch Nach Ausbruch des 1. Weltkriegs zog die Loslösung der Musik von der Busoni 1915 nach Zürich. Dort ent- Handlung. Die Musik sollte die seeli- stand aus einer früher verfaßten schen Zustände der Handelnden Schauspielmusik die zweiaktige ausdrücken. Das nach E. T. A. Hoff- Oper «Turandot» (1917). Drei Jahre mann entstandene Werk «Die Braut- später kehrte Busoni nach Berlin wahl» (1912) war ein erster Versuch, zurück, um die Meisterklasse für diese Opernkonzeption umzusetzen. Komposition an der Berliner Akade- Als weit gelungener erwies sich der mie der Künste zu leiten. Zu seinen Einakter «Arlecchino» (1917). Dem Schülern gehörte u. a. Kurt Weill. Stil der italienischen Commedia Sein Opernprojekt «Doktor Faust» dell'arte verpflichtet, mischen sich konnte Busoni nicht mehr vollenden: dabei traditionelle Ansätze mit einer Im Alter von 58 Jahren starb der neuen Tonsprache. Andere größere Komponist 1924 in Berlin. Ein Jahr Werke dieser Zeit sind die «Noc- später schloß sein Schüler Philipp turne symphonique» (1912) und die Jarnach die Arbeiten an dem «Indianische Fantasie» (1915) für Bühnenwerk ab., John Cage ► Radikaler Verfechter (5.9.1912-12.8.1992) des Zufalls ◄ Der amerikanische Komponist zählt zu den experimentierfreudigsten Er- neuerern im 20. Jahrhundert. Cage übertrug zahlreiche Stilrichtungen der Malerei (z. B. Action Painting, Minimal art) auf die Musik. Seine Einführung des Zufallsprinzips in die Komposition bedeutete einen radikalen Bruch mit der musikalischen Tradition. Der Sohn eines Erfinders aus Los rimentelle Musik an der Chicago Angeles studierte zunächst auf ei- School of Design (1941/42) begann nem Priesterseminar, ehe er in Eu- Cage in New York eine Zusammen- ropa und den USA ein Literatur-und arbeit mit seinem Lebensgefährten, Architekturstudium aufnahm. Ab dem Choreographen Merce Cun- 1933 erhielt Cage Kompositions- ningham, für dessen Ensemble er bis unterricht u. a. bei Henry Dixon und 1968 als musikalischer Leiter tätig Arnold Schönberg. 1935 heiratete er war. Ab 1946 beschäftigte er sich mit die Kunststudentin Xenia Kasche- indischer Philosophie. Ergebnis wa- warow (Scheidung 1937). ren die «Sonatas and Interludes» (1948) für präpariertes Klavier. 1940: «Bacchanale» Mitte der 30er Parallel zum Malstil des Action Pain- Jahre arbeitete Cage als Ballettkor- ting und angeregt durch das chinesi- repetitor an der Cornish School in sche Orakelbuch «I Ging», vollzog Seattle, wo er ein Schlaginstrument- Cage eine radikale Abkehr von der Orchester gründete. Die Tourneen musikalischen Tradition, indem er mit diesem Ensemble, für das er drei den Zufall als gestalterisches Ele- «Constructions in Metal» (1939-42) ment einbezog. In seiner «Music of schrieb, machten Cage in den USA Changes» für Klavier (1951) legte er bekannt. 1939 komponierte Cage das zwar fest, was gespielt werden sollte, Stück «Imaginary Landscape No. 1», die Umsetzung wurde jedoch dem in dem er erstmals Tonwiedergabe- Zufall überlassen. geräte (zwei Plattenspieler mit varia- In «Imaginary Landscape No. 4» für bler Geschwindigkeit) einsetzte. Ein zwölf Radios, 24 Spieler und einen Jahr später entstand «Bacchanale», Dirigenten (1951) ging Cage noch sein erstes Stück für «präpariertes» weiter: Die Spieler agierten zwar Klavier: Cage ließ Materialien wie nach bestimmten Anweisungen, das Holz, Gummi und Metall an den Klangergebnis blieb aber zufällig, da Klaviersaiten anbringen, um den es vom Programm der jeweiligen Klang des Instruments zu verändern. Sender abhängig war. 1952 folgte Ca- ges Stück «4'33"››, das dem «Inter- Ab 1951: Aleatorik Nach einem preten» ein viereinhalbminütiges Zwischenspiel als Dozent für Expe- Schweigen auferlegt., 1961: «Atlas eclipticalis» 1955 wurde Cage Professor für Komposition an der New School for Social Research in New York. Zwei Jahre später legte er seine «Winter Music» für einen bis 20 Pianisten vor. Darin spielen die Interpreten einzelne Akkorde si- multan von 20 verschiedenen Blät- tern. 1958 machte er den Interpreten in seinem Klavierkonzert selbst zum Gestalter: Die 84 Blätter mit un- terschiedlichen Kompositionsteilen können in beliebiger Reihenfolge, Länge und mit beliebigen Instru- menten ausgeführt werden. 1961 hatte «Atlas eclipticalis» in Montreal Premiere – Cages erstes Werk für großes Orchester. Die In- strumentalstimmen wurden als eine Form der graphischen Notation aus John Cage, 1982 einem astronomischen Atlas abge- leitet. Zwei Jahre später überraschte Cages Verehrung für den irischen Cage seine Hörer in New York, wo er Dichter James Joyce schlug sich 1978 Erik Saties Klavierstück «Vexati- in einem Buch über dessen Roman ons» 840mal wiederholen ließ. Ende «Finnegans Wake» und 1979 in dem der 60er Jahre nutzte Cage erstmals Hörspiel «Writing for the Second den Computer, um Zufalls- Time Through Finnegans Wake» erscheinungen zu produzieren. Für nieder, wobei er Musik und Text «HPSCHD» (von harpsichord = selbst entwickelte. Ein Hörspiel mit Cembalo) wurden aus Stücken unter- dem Titel «James Joyce, Marcel schiedlicher Komponisten seit Mo- Duchamp, Erik Satie» wurde 1982 zart nach dem Zufallsprinzip Teile ausgestrahlt. Fünf Jahre später hatte ermittelt und in 52 Tonbandaufzeich- Cages erste Oper, «Europeras 1 & nungen übereinandergelegt. 2», Premiere. Sie zeigt in einer Art Collage gleichzeitig Elemente aus 1987: «Europeras 1 & 2» Anfang der zwölf europäischen Opern, wobei je- 70er Jahre begann sich Cage für Um- der Zuschauer die ihn interessieren- weltprobleme zu interessieren, was den Handlungsstränge verfolgen an den Titel seiner Werke zum Aus- sollte. 1989 wartete Cage in dem druck kam. Zugleich setzte er ver- Streichquartett «Four» und dem stärkt auf Improvisation. In «Child Klavier- und Flötenstück «Two» mit of Tree» (1975) und «Branches» zufallsgesteuerten harmonischen (1976) legte er die Grundanweisun- Akkorden auf, die er stets abgelehnt gen fest, ließ aber jeden Spieler in hatte. 1992 starb Cage 79jährig in diesem Rahmen improvisieren. New York an einem Schlaganfall., Alfredo Casella ► Vertreter des (25.7.1883-5.3.1947) Neoklassizismus ◄ Durch die Verbindung zeitgenössischer Tendenzen mit traditionellen Formen der italienischen Musik schuf Casella einen eigenen nationalen Stil. Der italienische Komponist war maßgeblich an der Verbreitung Neuer Musik in Europa beteiligt. Casella kam in Turin zur Welt. Als pezzi» (1914) ein. Sein erstes Ballett Vierjähriger erlernte er das Klavier- «II convento veneziano» (1912) wur- spiel von seiner Mutter, sieben Jahre de erst 13 Jahre nach dessen Fertig- später trat er erstmals öffentlich auf. stellung in Mailand uraufgeführt. Ab 1896 studierte Casella am Pariser Konservatorium außer Klavier auch Bis 1920: Zweite Schaffensperiode Komposition bei Gabriel Fauré. Mit der kontrovers aufgenommenen Uraufführung seines sinfonischen 1896-1913: Erste Schaffensperiode Liederzyklus «Notte di maggio» In Paris, wo Casella fast 19 Jahre zeichnete sich 1914 ein neuer Ab- lebte, lernte er die klassische euro- schnitt im Schaffen Casellas ab. päische Musik kennen. Konzertrei- Seine Kompositionen dieser Zeit, die sen als Pianist, die er nach seinem beim italienischen Publikum auf Abschluß (1902) unternahm, führten Ablehnung stießen, sind in ihrer me- ihn bis nach Rußland. Einflüsse ver- lodischen, harmonischen und rhyth- schiedener Komponisten bestimmen mischen Struktur komplizierter als Casellas frühe Werke: So zeigen die die frühen Werke. ersten beiden Sinfonien (1906/09) Ab 1915 unterrichtete Casella am Li- Anklänge an Arbeiten von Gustav ceo musicale di Santa Cecilia in Mahler und Richard Strauss. Rom. Mehr noch als durch seine Die erfolgreiche Rhapsodie «Italia» Kompositionen wurde er durch (1909), die der Komponist 1910 sel- Bemühungen um die Erneuerung der ber in Paris uraufgeführt hatte, be- Musikkultur in Italien bekannt: Er steht aus zwei gegensätzlichen Tei- stellte die Werke moderner Kom- len, denen italienische Volkslieder ponisten wie z.B. von Igor Stra- zugrunde liegen. In diesen siziliani- winsky vor. 1917 gründete Casella mit schen und neapolitanischen Klängen seinem Freund Gian Francesco Ma- deutet sich der nationale Stil an, den lipiero die Nationale Musikgesell- Casella in späteren Arbeiten ver- schaft, die später zur italienischen wirklichte. Schöpfungen weiterer Sektion der Internationalen Gesell- Komponisten flossen in das mit sei- schaft für Neue Musik wurde. In nem Freund Maurice Ravel geschaf- Konzerten der Vereinigung und in fene Klavier werk «A la manière deren Magazin «Ars nova» stand die de…» (1911-13) und in die «Nove moderne Musik im Mittelpunkt., Casellas Auseinandersetzung mit moderner Musik schlug sich auch in den vom Krieg beeinflußten «Pagine di guerra» (1915), den «Pupazzetti» (1915) und der «Sonatina» (1916) nieder. Ebenfalls 1916 entstand die «Elegia eroica». Dagegen deutet das folgende Orchester werk «A notte alta» (1917) mit seinen Harmonien bereits auf Casellas Stil ab 1920 hin. 20er Jahre: Dritte Schaffensperiode Die «Pezzi infantili» für Klavier (1920) bildeten einen Wendepunkt im Schaffen Casellas. Die kompli- zierten Strukturen seiner mittleren Periode wichen einem klaren Stil. Casella begann, Errungenschaften der modernen Musik mit traditionel- Alfredo Casella len italienischen Formen zu verbin- den und so einen neuen, nationalen Im selben Jahr erschien seine Kam- Stil zu schaffen, z. B. in den drei Kla- meroper «La favola d'Orfeo». In der vierliedern «Canzoni trecentesche» Folge widmete sich der Komponist (1923), dem Konzert für Streichquar- seiner wiederaufgenommenen Tä- tett (1923/24) und der Partita für tigkeit als Leiter einer Meisterklasse Klavier und Orchester (1925). am Liceo musicale. Zudem befaßte Das 1924 vollendete Ballett «La er sich mit den Sonaten Ludwig van giara» greift zurück auf italienische Beethovens und Wolfgang Amadeus Volkslieder und auf eine sizilianische Mozarts sowie mit der Klassifikation Erzählung von Luigi Pirandello. Mit der über 600 Scarlatti-Sonaten. «Scarlattiana» (1926), nach Themen Ab Ende der 20er Jahre sympathi- aus Klaviersonaten von Domenico sierte der Klassizist Casella offen mit Scarlatti, verwies Casella erneut auf dem Faschismus. So preist sein Ein- traditionelle italienische Instrumen- akter «II deserto tentato» Italiens talmusik. Oft wählte er auch barocke Diktator Benito Mussolini anläßlich Formen, so im «Concerto romano» des Abessinienfeldzuges (1935/36). (1926) für Orgel und Orchester. Casellas letzte Lebensjahre verliefen unruhig: Die Situation für seine jüdi- 1931: «La donna serpente» Casella sche Frau wurde in Italien immer war über 40 Jahre alt, als er das erste schwieriger. Im Sommer 1942 zeigten Mal heiratete und Vater wurde. Erst sich bei Casella erste Anzeichen ei- jetzt fand er Zeit, sein erstes Opern- ner Krebserkrankung. Drei Jahre projekt zu verwirklichen: «La donna nach Vollendung seiner «Missa so- serpente», 1932 in Rom uraufge- lemnis», die den Titel «Für den Frie- führt, blieb seine einzige große Oper. den» trägt, starb er 1947 in Rom., Aram lljitsch ► Mit «Säbeltanz» zum Chatschaturjan Welterfolg ◄ (6.6.1903-1.5.1978) Der armenisch-sowjetische Komponist lehnte sich in vielen seiner Komposi- tionen an die Volksmusik seiner Heimat an. Weltbekannt wurde Chatscha- turjan 1942 durch den «Säbeltanz» aus seinem Ballett «Gajaneh». Chatschaturjan wurde in Kodzhori, zwei kleinere Werke verfaßt hatte, einem Vorort von Tiflis/Georgien, stellte er im folgenden Jahr seine 1. als Sohn eines armenischen Buch- Sinfonie fertig. Sie steht im Zeichen binders und Kaufmanns geboren. der russischen Schule, wie sie Aram spielte Klavier und Horn so- beispielsweise Alexander Borodin wie Tuba in der Schülerkapelle. Mit repräsentierte. 18 Jahren ging er nach Moskau, um Ebenfalls 1933 heiratete Chatscha- ein Biologiestudium zu beginnen. turjan die Komponistin Nina Maka- Schon im folgenden Jahr wechselte rowa. Drei Jahre später gelang ihm Chatschaturjan an die Moskauer mit einem Klavierkonzert, das sich Gnessin-Musikschule und studierte durch mitreißende Rhythmik aus- dort Violoncello, Klavier und Kom- zeichnet, der erste große Erfolg. 1938 position. 1929 ging er an das Mos- schrieb der Komponist sein Chor- kauer Konservatorium. Dort befaßte werk «Ode an Stalin». Das Werk – er sich mit Kompositionslehre und sowie weitere Stücke im Sinne der schloß 1934 sein Studium mit Aus- Stalinschen Politik – brachte ihm in zeichnung ab. der Folgezeit Ehrungen und Orden ein. 1939 stieg Chatschaturjan als Ab 1929: Erste Kompositionen In zweiter Vorsitzender des Organisati- seine Zeit am Konservatorium fielen onskomitees in die Führungsgruppe die ersten wichtigeren Kompositio- des sowjetischen Komponistenver- nen Chatschaturjans. Zunächst ent- bandes auf. Ein Jahr später erschien standen vorwiegend Werke für Kla- sein romantisches Violinkonzert, das vier, z. B. sechs Fugen (1929). Im sel- nicht nur mit folkloristischen Ele- ben Jahr schrieb er ein Liedpoem für menten, sondern auch mit modernen Violine und Klavier, das der Vor- Anklängen durchsetzt ist. tragsweise der Volksliedsänger in seiner Heimat nachempfunden ist. 1942: «Gajaneh» Mit dem Entwurf Schnell entwickelte sich Chatscha- seines Balletts «Das Glück» (1939) turjan, der erst spät zu schreiben be- legte Chatschaturjan den Grundstein gonnen hatte, zu einem der bedeu- zu seinem internationalen Erfolg: tendsten Komponisten in der So- Auf der Grundlage der Themen wjetunion. Nachdem er 1932 mit sei- dieses Werks entstand das Ballett ner Toccata für Klavier und einer «Gajaneh» (1942), dessen «Säbel- Doppelfuge für Streichquartett noch tanz» um die Welt ging. Das am, 9.12.1942 in Perm uraufgeführte Stück arbeitete er zunächst zu drei Orchestersuiten (1943) um. Neun Jahre später ließ Chatschaturjan eine zweite Fassung folgen. Drei Jahre nach seinem Violinkon- zert (1940) beendete der Komponist seine 2. Sinfonie, in der Glocken- klänge die Dramaturgie langsam steigern und am Ende in eine Art Siegesgeläut übergehen. Aus Anlaß des 30. Jahrestages der Oktoberrevo- lution entstand 1947 das «Sinfonie- Poem in einem Satz». Diese 3. Sinfo- nie ist ein Freuden- und Jubelwerk über den gewonnenen 2. Weltkrieg. 1948: Kritik als Formalist Wie viele Aram lljitsch Chatschaturjan, 1971 seiner Berufsgenossen mußte sich auch Chatschaturjan der Beurteilung zahlreiche weltweite Konzertreisen. seiner Musik durch das Zentralko- Nach dem Tod Stalins (1953) kriti- mitee der KPdSU stellen, das ihm sierte Chatschaturjan als einer der er- Formalismus vorwarf und den gefor- sten Komponisten öffentlich die jah- derten sozialistischen Realismus ver- relange Bevormundung durch den mißte. Der gleichen Kritik sahen sich staatlichen Komponistenverband, zu auch Sergej Prokofjew, Dmitri Scho- dessen Erstem Sekretär er 1957 beru- stakowitsch sowie Chatschaturjans fen wurde. Lehrer Nikola Maskowski ausge- In seinem viersätzigen Ballett «Spar- setzt. Bereits 1949 erhielt Chatscha- tacus» (1956) thematisierte Cha- turjan jedoch wieder eine hohe Aus- tschaturjan das Leben des Anführers zeichnung für die Musik zu der im dritten römischen Sklavenkrieg. filmischen Biographie «Wladimir II- Zu den herausragenden Komposi- jitsch Lenin». Unter seinen über 20 tionen der letzten Jahre zählen auch Filmarbeiten findet sich auch die seine Konzert-Rhapsodien für Kla- Musik zu «Die russische Frage» vier (1955-68), Violine (1961/62) so- (1948), «Admiral Uschakow» (1953) wie Cello und Orchester (1963). Im und «Othello» (1956). Bereich der Kammermusik tat sich Chatschaturjan 1966 mit einer Kom- Ab 50er Jahre: Lehrer und Dirigent position für den amerikanischen 1951 wurde Chatschaturjan Profes- Jazz-Klarinettisten Benny Goodman sor für Komposition am Gnessin-In- hervor. Im Alter von 74 Jahren starb stitut. Außerdem lehrte er am Mos- Chatschaturjan, der 1944 die armeni- kauer Konservatorium und trat re- sche Nationalhymne komponiert gelmäßig als Dirigent auf. In den fol- hatte, 1978 in Moskau und wurde in genden 15 Jahren unternahm er Eriwan beigesetzt., Aaron Copland ► «Grand Old Man» (14.11.1900-2.12.1990) der amerikanischen Musik ◄ Der Komponist verband in seinen Werken das europäische Erbe mit den spe- zifischen Musikformen seiner Heimat. Durch sein pädagogisches Wirken und das Engagement für amerikanische Komponisten verschaffte Copland der Musik in den USA eigenständige Geltung. Copland, fünftes Kind russisch-jüdi- am Jazz orientiert. Eines von Cop- scher Einwanderer, kam als Aaron lands bedeutendsten Werken zum Kaplan in Brooklyn zur Welt. Seine sinfonischen Jazz wurde das zweitei- ältere Schwester vermittelte ihm die lige Klavierkonzert (1926). Grundlagen des Klavierspiels. Als 15jähriger beschloß Copland, Kom- 1928-31: Copland-Sessions-Con- ponist zu werden, erhielt mit 17 Jah- certs Nach Auslaufen des Stipendi- ren Unterricht in Harmonielehre und ums wurde Copland 1927 Dozent für wurde 1918 an der New Yorker Musik an der New School for Social Musikhochschule angenommen. Research in New York (bis 1937). Hier begründete er mit Roger Ses- 1921-24: In Paris Nach seinen er- sions 1928 die Copland-Sessions- sten Liedkompositionen «The Cat Concerts, ein Forum für neue ameri- and the Mouse» und «Old Poem» kanische Kompositionen. Copland (beide 1920) ging Copland 1921 nach wandte sich fortan allmählich vom Paris, um am neugegründeten Ame- Jazz ab. Die 1930 entstandenen Kla- rican Conservatory in Fontainebleau viervariationen nahmen mit durch- zu studieren. Seine dortige Lehrerin gehend dissonanter Harmonik viele Nadia Boulanger brachte ihm die Aspekte der seriellen Musik vorweg. modernen europäischen Komponi- sten nahe, förderte aber auch eine ei- 1944: «Appalachian Spring» 1935 genständige amerikanische Musik. wurde Copland Kompositionslehrer Nach seiner Rückkehr in die USA an der Harvard University (bis 1944). (1924) führte Copland Anfang 1925 In den folgenden Jahren entstanden seine 1. Sinfonie für Orgel und Or- seine populärsten Werke: «El Salon chester auf. Das Werk machte den Mexico» (1936), «Music for Radio» Dirigenten Sergej Kussewitzki auf (1937), die Ballette «Billy the Kid» den jungen Komponisten aufmerk- (1938) und «Rodeo» (1942) sowie sam. Er verschaffte Copland als er- «Lincoln Portrait» (1942), in denen stem Musiker ein Stipendium der er europäische Einflüsse mit ameri- Guggenheim Memorial Foundation kanischen Elementen aus Jazz und und gab ihm den Auftrag zu der Folklore verband. Seine bekannte «Musik für Theater» (1925), einer «Fanfare for the Common Man» Suite für kleines Orchester, die sich (1942) zitierte er 1946 in der 3. Sinfo-, nie. Außerdem schrieb er 1937 die Schuloper «The Second Hurricane». Musikpädagogische Ziele transpor- tieren auch Coplands Buchveröf- fentlichungen «Vom richtigen Hören der Musik» (1939) und «Unsere neue Musik» (1941). Wegweisend waren Coplands Bei- träge zur Filmmusik, u.a. zu «Von Mäusen und Menschen» (1939) und «Das rote Pony» (1948) nach John Steinbeck. Die Kompositionen be- wirkten, daß sich Hollywood vom eher spätromantischen Stil löste und mehr Aufgeschlossenheit für neuere Stilarten zeigte. Sein Engagement für die amerikanische Musik bewies Copland 1937 auch als Mitbegründer der American Composers Alliance, Aaron Copland deren Präsident er bis 1945 war. Ei- nen seiner größten Erfolge erzielte füllende Oper, «The Tender Land», Copland 1944 mit dem Ballett «Ap- die jedoch nur wenig Anklang fand. palachian Spring» für Martha Gra- Ähnlich erging es der Klavierfanta- ham, das den Pulitzerpreis erhielt. sie von 1957. Mit dem Nonett für Seine Musik zu dem Film «Die Er- Streicher wandte sich Copland 1960 bin» von William Wyler (1949) vorübergehend von seriellen Techni- brachte ihm einen «Oscar» ein. ken ab. Auch mit seinen Werken der 60er Jahre konnte Copland nicht 50er Jahre: Beschäftigung mit Dode- mehr an frühere Erfolge anknüpfen. kaphonie Ab Anfang der 50er Jahre 1962 schrieb er die «Connotations» befaßte sich Copland stärker mit eu- zur Eröffnung der Philharmonie im ropäischen Kompositionsstilen, vor New Yorker Lincoln Center, 1967 allem der Zwölftontechnik, z.B. in «Inscape» zur 125-Jahr-Feier der dem Klavierquartett (1950). Im sel- New Yorker Philharmoniker. ben Jahr schrieb er einen Liederzy- In den 70er Jahren schuf Copland ex- klus über zwölf Gedichte von Emily perimentellere Werke, darunter die Dickinson. Welche Anerkennung er Trios «Threnody I und II» (1971 bzw. in den USA erreicht hatte, zeigte sich 1973) und die «Vocalise» für Flöte 1951 mit Coplands Berufung als er- und Klarinette (1974). Zu Coplands stem Amerikaner auf den Norton- 85. Geburtstag komponierte Leonard Lehrstuhl für Poetik an der Harvard- Bernstein für seinen ehemaligen Universität. Lehrer die «Fanfare for a Most Uncommon Man». Copland starb 1954: «The Tender Land» 1954 be- 1990 mit 90 Jahren in Westchester an endete Copland seine einzige abend- einem Schlaganfall., Luigi Dallapiccola ► Wegbereiter der (3.2.1904-19.2.1975) Zwölftontechnik in Italien ◄ Der Italiener gilt als wichtiger Komponist der Neuen Musik seines Landes. Dallapiccola befaßte sich in zahlreichen Werken mit dem Sieg der Freiheit über Krieg und Gewalt, u. a. in den 40er Jahren im Rahmen seines Chorwerks «Canti di prigionia» und der Oper «II prigioniero». Dallapiccola wurde als Sohn italieni- 1933: «Partita» Nach Abschluß des scher Eltern auf der Halbinsel Istrien Studiums (1931) erregte Dallapic- in Pisino (Österreich; heute Pazin, cola mit seiner Komposition «Par- Kroatien) geboren. Sein Vater war tita» (UA 1933 in Florenz) erstmals Schulleiter eines italienischen Aufsehen. In dieser Anfangszeit sei- Gymnasiums. Luigi verlebte seine nes Schaffens orientierte er sich im Jugendzeit größtenteils in diesem wesentlichen an den Ideen Ferruccio politisch unruhigen Gebiet, was sein Busonis und des italienischen Neo- Leben entscheidend prägen sollte. klassizismus, so auch in dem «Diver- Während des 1. Weltkriegs wurde timento in quattro esercizi» (1934). die Schule seines Vaters 1916 ge- Im selben Jahr begann Dallapiccolas schlossen, ein Jahr später internier- 33jährige Tätigkeit als Klavierlehrer ten die Behörden die Familie aus po- am Konservatorium in Florenz. litischen Gründen in Graz. Ab Mitte der 30er Jahre trat er be- sonders für die zeitgenössische Mu- 20er Jahre: Studium Die musikali- sik ein und setzte sich erstmals inten- sche Entwicklung des Jungen, der siv mit der Zwölftontechnik ausein- seit seinem achten Lebensjahr Kla- ander. 1934 lernte er Alban Berg als vierunterricht erhalten hatte, wurde einen ihrer Hauptvertreter kennen. zunächst durch die Opern Wolfgang Die stilistische Wende zu dieser neu- Amadeus Mozarts und Richard artigen Kompositionsweise deuten Wagners beeinflußt. Nach seiner schon seine 1933-36 entstandenen Rückkehr nach Pisino beschloß Dal- «Cori di Michelangelo Buonarroti il lapiccola, Komponist zu werden. Bis giovane» an, die den Höhepunkt von zu seinem Abitur (1921) nahm er Dallapiccolas früher, noch tonal Musikunterricht in Triest, danach orientierter Schaffensperiode bilden. ging er an das Konservatorium in Florenz. 1923 begann Dallapiccola in 1937: Zwölftontechnik in «Tre Florenz ein Kompositionsstudium, laudi» Schon im letzten Teil der nachdem er in einem Konzert Ar- «Cori» verwendete Dallapiccola nold Schönbergs «Pierrot lunaire» atonale Elemente, die aber erst in gehört hatte. Die Kompositionstech- «Tre laudi» (1937) sowie im 1940 nik Schönbergs prägte das spätere vollendeten ersten Bühnenstück des Schaffen Dallapiccolas., Komponisten, «Nachtflug», in den Mittelpunkt traten. Den Stoff für die erste Zwölftonoper Italiens entnahm Dallapiccola einem Roman des fran- zösischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry. Durch die beiden Werke wurde Dallapiccola zu einem der Begründer der italienischen Zwölftonmusik. Sein eigener Stil ist hier, wie auch in späteren Veröffent- lichungen, durch die Mischung tona- ler und atonaler Kompositionsweise sowie durch die Farbigkeit seines Orchesterklangs bestimmt. Dallapiccola lehnte die politische Luigi Dallapiccola, 1968 Entwicklung im faschistischen Ita- lien ebenso konsequent ab wie den Ehrungen und Einladungen zu Gast- Spanischen Bürgerkrieg und den vorträgen. So kam er 1951 beispiels- Feldzug Mussolinis in Abessinien weise an die Universitäten von (1935/36). Darüber hinaus fürchtete Tanglewood, New York und Buenos er um die Sicherheit seiner jüdischen Aires. 1955 folgte mit «Canti di libe- Frau, zumal die Deportation von Ju- razione» sein drittes großes Werk den in Italien während des 2. Welt- über Freiheit und Krieg. kriegs auf deutsche Intervention Mit den Arbeiten «Cinque canti» ausgeweitet wurde. Seine Befürch- (1956) und dem «Concerto per la tungen flossen in die 1941 entstan- notte di Natale dell'anno 1956» dene Komposition «Canti di prigio- (1957) begann die letzte große Schaf nia» ein. In diesen «Gefangen- fensphase des Komponisten, deren schaftsgesängen» klagte Dallapic- Höhepunkt die von 1960 bis 1968 cola Krieg und Tod an. Nachdem er entstandene Oper «Ulisse» ist. In 1945 mit «Liriche greche» sein erstes diesem kompositorischen Resümee ganz auf der Zwölftontechnik basie- Dallapiccolas, das bei der Urauf rendes Stück beendet hatte, schloß er führung 1968 an der Deutschen Oper 1949 die Oper «II prigioniero» ab, in Berlin gefeiert wurde, faßte der Ita der er den Freiheitsdrang der liener seine fast 30 Jahre zuvor be Menschen über alle Kriegsgreuel tri- gonnene Beschäftigung mit Claudio umphieren ließ. Monteverdis «Heimkehr des Odys seus» zusammen. 1968: Uraufführung von «Ulisse» Nach «Sicut umbra» (1970) entstand Nach Ende des 2. Weltkriegs be- mit «Commiato» (1972) das letzte mühte sich Dallapiccola erfolgreich Werk des Komponisten. Infolge ei- um die Wiederaufnahme seines Lan- ner Krankheit zog sich Dallapiccola des in die Internationale Gesellschaft 1972 aus der Öffentlichkeit zurück. für Neue Musik. In der Folgezeit Drei Jahre später starb er im Alter erhielt der Komponist zahlreiche von 71 Jahren in Florenz., Johann Nepomuk David ► Der geniale (30.11.1895-22.12.1977) Kontrapunktiker ◄ Der Schaffensschwerpunkt des österreichischen Komponisten lag auf geist- licher Musik und Orchesterstücken. Neobarock in der Anlage, nahm David in seinen Werken harmonische Neuerungen der Musik des 20. Jahrhunderts auf. David wurde als Sohn eines Gemein- 1923 wurde Davids erstes größeres debeamten im oberösterreichischen Werk, die Sinfonie «Media vita», in Eferding geboren und hatte eine re- Linz uraufgeführt. Das weitgehend ligiös geprägte Kindheit. Der Junge atonale Stück erregte bei der Pre- sang im Kirchenchor und war 1906- miere erhebliches Aufsehen. David 09 Sängerknabe am Augusti- verwarf die Sinfonie später ebenso nerchorherrenstift St. Florian, wo er wie die meisten seiner Frühwerke. Unterricht in Violine, Klavier und Gregorianischem Gesang erhielt. Ab 1930: «Choralwerk» 1924 trat David eine Stelle als Volksschulleh- 1923: Sinfonie «Media Vita» Nach rer und Organist in Wels/Oberöster- Abschluß des Stiftsgymnasiums in reich an und gründete dort 1926 den Kremsmünster besuchte David in Bachchor, der dem österreichischen Linz die Bischöfliche Lehrerbil- Musikleben neue Impulse gab. Ein dungsanstalt. In dieser Zeit entstan- Jahr zuvor hatte er die Pianistin den erste Kompositionen, überwie- Bertha Maria Eybl geheiratet (zwei gend Lieder und Chorwerke. Von Kinder). Nach zahlreichen Einzel- 1915 bis 1920 war David, unterbro- stücken für Orgel begann David 1930 chen vom Militärdienst, Volksschul- mit der Arbeit an seinem «Choral- lehrer in Peterskirchen im Innkreis. werk», dem er bis 1973 laufend neue Dort schrieb er wiederum Vokal- Teile hinzufügte und das er als «Re- kompositionen. Ab 1921 studierte er chenschaftsbericht» seiner stilisti- Komposition, Kontrapunkt, Orgel schen Entwicklung betrachtete. und Chorleitung an der Wiener Mu- sikakademie. Die Impressionisten 1942: Direktor der Leipziger Musik- beeindruckten David dabei ebenso hochschule 1934 wurde David Leh- wie Arnold Schönbergs Atonalität, rer am Landeskonservatorium in die gerade entwickelte Zwölfton- Leipzig und übernahm die Leitung technik und der Neoklassizismus der Hochschulkantorei. 1942 stieg er Igor Strawinskys. Sowohl die Satz- zum Professor und Direktor der technik der alten Musik – insbeson- Hochschule auf. Unter den Motet- dere die Kontrapunktik – als auch tenkompositionen dieser Zeit war die harmonischen Entwicklungen das achtstimmige «Ex Deo Nasci- der Neuen Musik durchzogen fortan mur», das beim Fest der zeitgenössi- seine Werke. schen evangelischen Kirchenmusik, 1937 in Berlin uraufgeführt wurde, besonders erfolgreich. In Leipzig wandte sich David auch der Orche- stermusik zu. Neben kammermusi- kalischen Werken entstanden u. a. drei Sinfonien (1936-40), zwei Or- chester-Partiten (1935/40) sowie Va- riationszyklen über Themen von Jo- hann Sebastian Bach und Heinrich Schütz (beide 1942). Charakteristi- sches Merkmal der Kompositionen ist Davids monothematische Arbeit – die Entwicklung einer Komposi- tion aus einem einzigen Thema. Bei Bombenangriffen auf Leipzig verlor David 1943 seinen gesamten Besitz; die Früh werke wurden fast vollständig vernichtet. Johann Nepomuk David 1957: Oratorium «Ezzolied» Nach Kriegsende stand David zunächst Werk für Bläser und umfangreiches dem Mozarteum in Salzburg vor, bis Schlagwerk. Beide Kompositionen er 1948 als Professor für Theorie und sind wiederum monothematisch auf- Kontrapunkt an die Stuttgarter Mu- gebaut. Sie erproben Reihentechni- sikhochschule ging. In den nächsten ken, die aber jeweils um tonale Zen- Jahren leitete er zudem den Brück – tren kreisen. nerchor und das Hochschulkammer- Nach seiner Pensionierung beendete orchester. 1957 vollendete David das David 1964 seine 8. Sinfonie, aber- Oratorium «Ezzolied», das als eines mals ein kontrapunktisches Werk, seiner Hauptwerke gilt. Im selben das sich stark von der klassischen Jahr entstanden das 2. Violinkonzert und romantischen Tradition der und das «Requiem chorale». David Gattung abhebt. Als weitere Orche- bildete darin zwar Tonreihen, unter- sterkompositionen entstanden 1966 warf sie aber nicht den strengen Ge- die «Josquin-Variationen» für Flöte, setzen der Zwölftontechnik, sondern Horn und Streichorchester. David gab seinen Reihen die Funktion von blieb auch weiterhin der geistlichen leitenden Motiven. Ein Jahr später Musik verpflichtet. Neben einer stellte er die «Sechs Evangelienmo- 1968 entstandenen «Messe für vier tetten» für A-cappella-Chor fertig. Oberstimmen» sowie Kantaten und Einen weiteren Beweis seines satz- Motetten schrieb der Komponist technischen Könnens trat David mit mehrere Orgelwerke, darunter 1972 zwei ungewöhnlichen Orchester- «Thomas von Aquin. Pange Lingua» stücken an, den «Magischen Qua- und «Franz von Assisi». David starb draten» (1959) und dem Walzer 1977 kurz nach seinem 82. Geburts- «Spiegelkabinett» (I960), einem tag in Stuttgart., Claude Debussy ► Meister des (22.8.1862-25.3.1918) Impressionismus ◄ Der französische Komponist übertrug den Impressionismus auf die Musik. Durch Auflösung der tonalen Bezüge hatte Debussy starken Einfluß auf die Musik im 20. Jahrhundert. Claude Achille Debussy kam als äl- falls um die Wiedergabe von Stim- tester Sohn einer Kleinbürgerfamilie mungen ging. In der Musik wandte in Saint-Germain-en-Laye / Yvelines sich Debussy zeitgenössischen fran- zur Welt. Er besuchte nie eine öf- zösischen Komponisten (u.a. Gabriel fentliche Schule, sondern wurde von Fauré) zu, beschäftigte sich mit seiner Mutter unterrichtet. Seine Pa- fernöstlicher Kultur (z.B. javani- ten, die Vermutungen zufolge seine schen Gamelanorchestern) sowie leiblichen Eltern gewesen sein sol- dem russischen Komponisten Mo- len, förderten sein musikalisches Ta- dest Mussorgski, insbesondere des- lent: Debussy erhielt Klavierstunden sen Oper «Boris Godunow». und wurde 1872 am Pariser Konser- vatorium aufgenommen. 1890-1902: Stimmung, Atmosphäre, Farbe In den 90er Jahren führte De- Ab 1887: Begegnung mit Impressio- bussy mit seiner langjährigen Ge- nismus Debussy studierte zunächst liebten, Gabrielle Dupont, in Paris Klavier, mußte aber 1879 die ange- das Leben eines Bohémien. Seine strebte Solistenlaufbahn aufgeben, Kompositionen aus dieser Zeit zei- weil seine Fortschritte den Ansprü- gen zunehmend eine eigene Hand- chen des Konservatoriums nicht ge- schrift, die sich im Orchesterstück nügten. 1884 erhielt er für seine Kan- «Prélude à l'après-midi d'un faune» tate «L'enfant prodigue» den Rom- (1894), dem ersten impressionisti- Preis. 1888-90 reiste Debussy zu den schen Orchesterwerk überhaupt, Richard-Wagner-Festspielen in Bay- manifestierte. Zu diesem Stück reuth, wandte sich jedoch bald von wurde Debussy durch ein Mallarmé- der Musik Wagners ab. Fortan übten Gedicht angeregt, das er jedoch andere Künste Einfluß auf ihn aus: nicht im klassischen Sinn als Pro- Debussy stieß zum Kreis der Symbo- gramm benutzte. Vielmehr entstand listen um den Dichter Stéphane Mal- ein sinnlicher Eindruck des warmen larmé, die Realismus und Zweckhaf- Sommernachmittags, an dem der lie- tigkeit ablehnten und statt dessen bestolle Faun den schönen Was- Stimmungen, Sinneseindrücke und sernymphen nachstellt. Noch deut- Atmosphäre jenseits der greifbaren licher wurde die Übertragung des Wirklichkeit darstellten. Ebenso be- Impressionismus auf die Musik in eindruckt war Debussy von impres- den drei Nocturnes (1897-99), die sionistischer Malerei, der es eben- Debussy als eine Art «Farbstudie», bezeichnete, bei der er mit verschie- denen Besetzungen Farben wieder- zugeben versuchte. Mit seiner Kom- positionsweise verließ er dabei die Dur-Moll-Tonalität. Seine Akkord- folgen gehorchten weniger den Ge- setzen der Harmonielehre, sondern waren nach ihrem Stimmungsgehalt zusammengesetzt. 1899 heiratete Debussy Rosalie Te- xier, verließ sie aber 1904, um mit der verheirateten Emma Moyse-Bardac (Heirat nach deren Scheidung 1908, ein Kind) zusammenzuleben. Den Höhepunkt der ersten Werkphase bezeichnet die 1902 vollendete Oper «Pélleas et Mélisande» nach einem Claude Debussy Drama von Maurice Maeterlinck. Der Ruhm, den Debussy die Oper Ab 1912: Klassizismus In seinem trotz mancher Anfeindungen ein- Spätwerk zeigten Debussys Kompo- brachte, ermöglichte ihm ein Leben sitionen, nicht zuletzt unter dem ohne finanzielle Sorgen. Einfluß der Musik Igor Strawinskys, klassizistische Züge. Die melodische 1902-13: Tonmalerei Die folgende Kleingliedrigkeit wich größeren Bö- Schaffensperiode des Komponisten gen, die rhythmische Gestaltung, die war durch Tonmalerei geprägt, mit in Debussys Arbeiten lange Zeit ver- der er sich der Programmusik an- wischt war, wurde schärfer kontu- näherte – z. B. in seinem 1905 vollen- riert. 1911 entstand das Mysterien- deten Orchesterwerk «La mer», ei- spiel «Le martyre de Saint-Séba- nem Stimmungsbild von Wind und stien» nach Gabriele d'Annunzio, ein Meer. Weitere Werke aus dieser Zeit Jahr später das Ballett «Jeux» , das sind der Klavierzyklus «Children's 1913 mit Sergej Dhiagilews Ballets Corner» (1908) sowie die «Images Russes uraufgeführt wurde. 1913 pour orchestre» (1912) mit der 1908 erschienen drei Mallarmé-Lieder entstandenen dreisätzigen Suite und – zwei Jahre später – Sonaten «Ibéria». Auf dieser musikalischen für Cello und Klavier sowie für Wanderung durch Spanien sind typi- Flöte, Harfe und Viola. sche Instrumente wie Hirtenschalmei Nachdem 1915 eine Krebsoperation und Kastagnetten zu hören. 1909-14 erfolglos verlaufen war, fand De- unternahm Debussy als Dirigent bussy kaum noch Kraft zum Kompo- eigener Werke ausgedehnte nieren. «Die Musik hat mich voll- Konzertreisen durch Europa, wurde ständig verlassen», klagte er in ei- jedoch zunehmend von einer Darm- nem Brief vom Oktober 1917. Ein krebserkrankung in seiner Arbeit halbes Jahr später starb er im Alter beeinträchtigt. von 55 Jahren in Paris., Paul Dessau ► Musik im Sinne Brechts ◄ (19.12.1894-28.6.1979) Als einer der führenden Komponisten der DDR stellte Dessau seine Opern, Schauspielmusiken und Lieder in den Dienst des Sozialismus. In seinem Stil verschmolzen Kompositionstechniken des 20. Jahrhunderts, Volkstümliches und Plakatives. Dessau kam in Hamburg als Enkel stische Überzeugung kam zunächst eines Synagogenkantors zur Welt. in drei Lehrstücken für Kinder zum Sein Vater arbeitete in der Tabak- Ausdruck: «Eisenbahnspiel», «Der branche. Als Sechsjähriger bekam Tadel der Unzuverlässigkeit» und Paul eine Geige geschenkt und gab «Kinderkantate» (alle 1931) erhoben 1908 sein erstes Konzert. 1910 kam moralische Postulate – etwa nicht zu er an das Klindworth-Scharwenka- lügen – und sollten Kinder an die Konservatorium in Berlin. Zwei Musik heranführen. Jahre später brach er die Ausbildung ab, da seine Hände nach Ansicht ei- 1933: Emigration 1933 floh Dessau, nes Lehrers für das Violinspiel unge- der jüdischen Glaubens war, vor dem eignet waren. Nazi-Regime nach Paris. Die Kom- positionen der folgenden Jahre be- Mitte der 20er Jahre: Erste Kompo- schäftigen sich mit dem Judentum – sitionen Dessau entschied sich für etwa in dem Oratorium «Haggada» eine Dirigentenkarriere, wurde 1912 (1936) – sowie mit den politischen Korrepetitor am Hamburger Stadt- Ereignissen (z.B. «An die Armeen theater und nahm Privatunterricht in Europas», 1936). Zu den populärsten Klavier-, Partiturspiel und Komposi- Liedern Dessaus aus dieser Zeit tion. Nach dem 1. Weltkrieg, den gehören die «Thälmannkolonne» Dessau als Soldat erlebt hatte, arbei- und das «Kampflied der schwarzen tete er als Kapellmeister und Kom- Strohhüte» (beide 1936), Dessaus er- ponist an den Hamburger Kammer- ste Vertonung eines Textes von Ber- spielen sowie in Köln und Mainz. tolt Brecht. In der französischen 1925 wechselte Dessau an die Städti- Hauptstadt lernte Dessau René Lei- sche Oper Berlin. Hier begann seine bowitz kennen, der ihm die von Ar- große Zeit als Komponist. 1926 ent- nold Schönberg entwickelte Zwölf- stand die 1. Sinfonie (UA 1927 in tontechnik nahebrachte. Ergebnis Prag). Ende der 20er Jahre schrieb waren u.a. die fünf «Zwölfton- Dessau u. a. die Musik zu mehreren versuche» für Klavier und das Höl- «Alice»-Filmen von Walt Disney. derlin-Lied «Abbitte» (beide 1937) Die Stücke dieser Zeit sind von Neo- sowie «Guernica» (1938). klassizismus und folkloristischen Bei Kriegsausbruch siedelte Dessau Elementen geprägt. Dessaus soziali- nach New York über. 1942 lernte er, Brecht kennen und arbeitete fortan mit ihm zusammen. Erstes Ergebnis waren Songs zu den Stücken «Mut- ter Courage und ihre Kinder» (1946) und «Der gute Mensch von Sezuan» (1947) sowie das 1947 beendete Ora- torium «Deutsches Miserere», in dessen Mittelteil Kriegsfotos auf ei- ner Leinwand gezeigt werden. 1949: Brecht-Oper «Lukullus» 1948 ließ sich Dessau in Ostberlin nieder. Hier entstand seine erste Oper, «Die Verurteilung des Lukullus» (1949; UA 1951, Neufassung 1968), die auf Brechts Hörspiel «Das Verhör des Lukullus» basiert. Dessau setzte Brechts Vorstellungen von epischem Theater konsequent um. Sein Stück Paul Dessau, 1971 diente nicht der Erbauung, sondern wollte politisch lehrhaft wirken. Die Zug», eine Auseinandersetzung mit stilistisch vielfältige Musik wurde neonazistischen Tendenzen in der kommentierend eingesetzt, vor allem BRD. Zum Tod des Freundes (1956) bei der Charakterisierung der schrieb Dessau die Orchestermusik Personen und ihrer Verhaltenswei- «In memoriam Bertolt Brecht» sen. Dessau bediente sich eines (1957). 1959 vollendete er die zweite ungewöhnlichen Instrumentariums, große Oper nach Brecht, «Puntila» u.a. zweier mit Reißnägeln präpa- (UA 1966), und komponierte zum rierter Klaviere. 10. Jahrestag der DDR die «Hymne auf den Beginn einer neuen Ge- 1954: Arbeit als Musikpädagoge 1954 schichte der Menschheit» nach ei- heiratete Dessau Ruth Bergmann nem Text von Johannes R. Becher. (ein Kind; erste Ehe 1924-36 mit Dem Werk liegt dieselbe Zwölfton- Gudrun Kabisch, zwei Kinder; reihe zugrunde wie der «Puntila»- zweite Ehe mit Elisabeth Haupt- Oper. Kurz nachdem Dessau zum mann). Fortan befaßte er sich mit Professor an die Ostberliner Musik- Musikpädagogik, um Aufgeschlos- hochschule berufen worden war, senheit gegenüber nichttraditioneller vollendete er 1960 seine «Jüdische Musik zu erreichen, die er in seinen Chronik». Herausragende Werke der Werken verwendete. Damit stand er 60er und 70er Jahre waren die Opern im Konflikt mit der sozialistischen «Lancelot» (1969) und «Einstein» Kulturpolitik, die moderne Stücke (1974) sowie «Léonce und Lena» als «formalistisch» kritisierte. (1978) nach einem Drama von Georg Gemeinsam mit Brecht schuf Dessau Büchner. Ein Jahr später starb die Ballade «Der anachronistische Dessau 84jährig in Ostberlin., Hugo Distler ► Erneuerer der evangelischen (24.6.1908-1.11.1942) Kirchenmusik ◄ Der deutsche Komponist gilt als einer der bedeutendsten Repräsentanten evangelischer Chor- und Orgelmusik im 20. Jahrhundert, die er aus ihrer ba- rocken Fixierung löste. Distler kam als nichteheliches Kind Musik zum Ziel hatte. So entstand einer Schneiderin in Nürnberg zur u.a. 1933 «Der Jahrkreis», eine Welt und wuchs bei seinen Großel- Sammlung geistlicher Chormusik. tern auf. Auf Anraten seiner Grund- schullehrerin erhielt Distler Klavier- 1933: Choralpassion Ebenfalls der unterricht, den er jedoch aus finanzi- Orgelbewegung ist die 1933 uraufge- ellen Gründen bald aufgeben mußte. führte «Choralpassion» verpflichtet, die bald über die Hansestadt hinaus Ab 1927: Studium in Leipzig Nach populär wurde. In der Folgezeit ge- dem Abitur (1927) studierte Distler riet die evangelische Kirchenmusik Komposition bei Hermann Grabner in Konflikt mit dem nationalsoziali- in Leipzig und wurde in die Orgel- stischen Staat. Die von NS-Kultur- klasse des Thomaskantors Günther politikern erhobene Forderung, sich Ramin aufgenommen. 1930 fand er an Klassik und Romantik zu orien- einen Verleger für seine konzertante tieren und Werke mit Konzertcha- Sonate für zwei Klaviere und die dop- rakter stärker zu berücksichtigen, pelchörige Motette «Herzlich lieb lehnten Distler und andere Kirchen- hab' ich dich, o Herr». Im selben Jahr musiker in einer Erklärung ab. Sie bewarb er sich erfolgreich um die beharrten auf der liturgischen Bin- Organistenstelle an der Lübecker dung der Kirchenmusik. Kirche St. Jacobi und brach sein Noch 1933 übernahm Distler zusätz- Studium ab. 1932 legte Distler zwei lich einen Lehrauftrag für Komposi- rhythmisch und melodisch überzeu- tion und Musiktheorie an der Großen gende Chorwerke vor, die «Deutsche Schule für Volksmusik am St.-Jo- Choralmesse» und die «Kleine Ad- hannesstift in Berlin-Spandau. Dem ventsmusik», die er seiner späteren Kantor wurde zudem die Leitung der Frau Waltraud Thienhaus widmete Kirchenmusikabteilung an der (Heirat 1933, drei Kinder). Lübecker Musikhochschule übertra- Neben seinem Dienst als Organist gen. Durch die berufliche Belastung und Kirchenchorleiter übernahm er erlitt er Anfang 1934 einen Nerven- 1932 das Kammerorchester in Lü- zusammenbruch und kündigte seine beck. Seine kompositorische Arbeit Stelle in Spandau. stand unter dem Eindruck der Orgel- In den folgenden Jahren wuchs Dist- und Singbewegung, die seit Beginn lers Anerkennung als Komponist, er des Jahrhunderts die Pflege alter sah sich jedoch zunehmenden An-, feindungen ausgesetzt. Das «Lied von der Glocke» wurde als «negroi- de Musik» diffamiert, das Cembalo- konzert von 1936 als «Kulturbol- schewismus» beschimpft. 1939: «Mörike-Chorliederbuch» An der Musikhochschule in Stuttgart übernahm Distler 1937 eine Profes- sur für Komposition, Orgel und Chorleitung. Er konzentrierte sich auf die Chorarbeit, die sich komposi- torisch u. a. in dem «Neuen Chor- liederbuch» (1938), besonders aber im «Mörike-Chorliederbuch» (1939) niederschlug. Mit diesen volkslied- haften Sätzen erzielte Distler beim Grazer Fest der Chormusik 1939 ei- nen durchschlagenden Erfolg. Ein Jahr später wurde der Komponist als Hugo Distler Professor an die Berliner Musik- hochschule berufen, ehe er 1941 zu- Militär bedrückten Distler zuneh- dem die Leitung des Hochschulchors mend. In seinem letzten Lebensjahr und 1942 des Staats- und Domchores verfaßte er noch den Text zu dem übernahm. 1941 beendete er die Ar- Oratorium «Die Weltalter». Im Ok- beit an der neun Motetten umfassen- tober 1942 wurde der Komponist den «Geistlichen Chormusik», unter zum 3. November eingezogen. Ob- denen die zweite («Totentanz») die wohl ihm der Direktor der Musik- bekannteste ist. In den letzten beiden hochschule daraufhin zusagte, daß er Stücken der Sammlung wird das eine Unabkömmlichkeitsbescheini- Bemühen deutlich, der Kirchenmu- gung erhalten werde, setzte der sik neue tonale Bereiche zu öffnen. 34jährige Distler seinem Leben in Die politische Lage, der 2. Weltkrieg der Nacht nach dem Reformations- und die drohende Einberufung zum tag ein Ende. Ernst Pepping (12.9.1901-1.2.1981) Pepping galt nach Distlers Tod als wichtigster Vertreter evangelischer deutscher Kirchenmusik. Ab 1928 prägte sich mit der «Choralsuite» sein eigener Stil aus, der sich am protestantischen Choral und der Vokalpolyphonie des 16. und 17. Jahrhunderts orientierte. Seine Kompositionsweise legte Pepping in den Schriften «Stilwende der Musik» (1934) und «Der polyphone Satz» (1941/42) dar. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen die «Evangelienmotetten», die Missa «Dona nobis pacem» (1948) sowie der «Passionsbericht des Matthäus» (1950) und die «Weihnachtsgeschichte des Lukas» (1959)., Werner Egk ► Streiter für (17.5.1901-10.71983) Komponistenrechte ◄ Mit seinen Ballett- und Opernkompositionen, für die er die Texte zumeist selbst verfaßte, leistete der deutsche Komponist einen Beitrag zum zeitgenös- sischen Musiktheater. In seinen Werken experimentierte Egk mit neuen Kompositionstechniken, blieb aber überwiegend der Tradition verpflichtet. Egk wurde als Werner Joseph Mayer führt, das Oratorium «Furchtlosig- in Auchsesheim bei Donauwörth ge- keit und Wohlwollen». boren. Sein Vater war Dorfschulleh- rer und versah den musikalischen 1935: «Die Zaubergeige» Mit der Kirchendienst. 1908 zog die Familie heiteren Volksoper «Die Zauber- nach Oberhausen bei Augsburg, wo geige» nach einem Märchen der der Junge das humanistische Gym- Brüder Grimm gelang Egk 1935 der nasium besuchte. Als 18jähriger wur- Durchbruch als Komponist. Der Er- de er am Städtischen Konservato- folg trug ihm 1936 die Berufung zum rium in Augsburg aufgenommen. Dirigenten der Preußischen Staats- oper Berlin ein. Im selben Jahr ver- 1921: Erste Theatererfahrungen faßte Egk einen Teil der «Olympi- Nach dem Schulabschluß entschied schen Festmusik» für die Spiele in sich Mayer für eine musikalische der deutschen Reichshauptstadt. Im Ausbildung – entgegen dem Wunsch olympischen Kunstwettbewerb er- seines Vaters, der eine Laufbahn bei hielt Egk dafür eine Goldmedaille. der Post vorgesehen hatte. Er stu- Nach einem Drama Henrik Ibsens dierte in Frankfurt a. M. und Mün- entstand Egks Oper «Peer Gynt» chen, u.a. bei Carl Orff. Nebenher (1938). Ein Jahr später folgte das betätigte er sich an der Schwabinger ebenfalls erfolgreiche Ballett «Joan Schaubühne als Komponist, Musi- von Zarissa». Bei beiden Werken ker, Bühnenmaler und Inspizient. blieb Egk weitgehend im Rahmen 1923 heiratete er die Geigerin Elisa- der Tonalität, setzte aber höchst un- beth Karl (ein Kind), deren Initialen terschiedliche Stilmittel und farbige er fortan für sein Pseudonym Egk Instrumentation ein. Anfang 1940 verwendete. Nach einer schweren zog sich Egk ins bayerische Lochham Erkrankung des Komponisten zog zurück und ließ fortan häufig bayeri- die Familie 1925 für zwei Jahre nach sche Volksweisen in seine Werke ein- Italien. Zurück in Deutschland, ver- fließen. Egks nächste Oper «Colum- diente Egk den Lebensunterhalt zu- bus» (1941) wurde in Frankfurt a. M. nächst mit Hörspielmusiken und ar- uraufgeführt. beitete ab 1929 für den Bayerischen Rundfunk. Zwei Jahre später wurde Ab 1950: Präsident der GEMA Be Egks erstes größeres Werk uraufge- reits 1937 hatte sich Egk intensiv mit, dem Urheberrecht auseinanderge- setzt. 1941 wurde er Leiter der Fach- schaft Komponisten in der Reichs- musikkammer, ab 1942 vertrat er die Interessen der Komponisten auch im Beirat der Staatlich anerkannten Gesellschaft für musikalische Auf- führungsrechte (STAGMA). Nach Kriegsende setzte er seine Tätigkeit u. a. als Präsident der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA; 1950-58) fort. 1947 trat Egk mit der Funkoper «La tentation de Saint Antoine» (1947) in Erschei- nung. Ein Jahr später folgte das Bal- lett «Abraxas» und 1949 die «Fran- zösische Suite nach Rameau», Egks meistgespieltes Orchesterwerk. Werner Egk 1953: Experimente mit Reihentech- öffentlichte er seine Oper «Das Zau- nik 1950 wurde Egk zum Präsidenten berbett». Eine Reise nach Latein- der Berliner Musikhochschule beru- amerika 1959 veranlaßte ihn, seinen fen, gab das Amt aber 1953 auf und Plan von der Vertonung der Hein- kehrte nach Lochham zurück und rich-von-Kleist-Novelle «Die Verlo- wirkte u.a. als Gastdirigent an der bung in San Domingo» wiederaufzu- Münchner Staatsoper. Im selben Jahr nehmen, die 1963 zur Wiedereröff- hatte sein Ballett «Die chinesische nung des Münchner Nationaltheaters Nachtigall» nach einem Märchen uraufgeführt wurde. Drei Jahre von Hans Christian Andersen später folgte die Opera semibuffa Premiere, eine Auftragskomposition «17 Tage und vier Minuten», eine zum 50jährigen Bestehen des Deut- Überarbeitung seiner 1948 erschie- schen Museums in München. In die- nen Oper «Circe» (Text nach Pedro sem Stück experimentierte Egk erst- Calderön). 1969 vollendete Egk das mals mit melodischen und rhythmi- Ballett «Casanova in London». schen Reihen, vertiefte diese Ver- In den 70er Jahren wandte er sich der fahren in den folgenden Werken, wie Kammermusik zu, u. a. mit den fünf den Opern «Irische Legende» (1955, Stücken für Bläserquintett (1974) nach William Butler Yeats) und und «Polonaise und Adagio» für «Der Revisor» (1957, Text nach Ni- neun Instrumente (1975). 1973 legte kolai Gogol), aber nicht weiter. 1954 Egk seine Autobiographie «Die Zeit wurde Egk Präsident des Deutschen wartet nicht» vor. Der Präsident der Komponistenverbandes und 1958 internationalen Urheberrechtsge- zudem Vorsitzender des Deutschen sellschaft CISAC (ab 1976) starb Musikrats. Ebenfalls 1958 ver- 82jährig in Inning am Ammersee., Gottfried von Einem ► Der gemäßigte Modernist ◄ (*24.1.1918) Der Österreicher hält in seinen Werken an Bewährtem fest, bezieht aber z. B. mit dem Jazz auch moderne musikalische Entwicklungen ein. Seine Tradi- tionsverbundesheit hat Einem den Vorwurf des Eklektizismus eingetragen. Einem wurde als Sohn eines öster- Nach seiner Freilassung wurde Ei- reichischen Militärattaches in Bern nem 1941 Kompositionsschüler bei (Schweiz) geboren. 1922 ließ sich die Boris Blacher (bis 1943), bei dem er Familie im schleswig-holsteinischen auch seine spätere Frau Lianne von Malente nieder. Der Junge, der be- Bismarck (Heirat 1944, ein Kind) reits mit sechs Jahren erste Komposi- kennenlernte. In den letzten Kriegs- tionsversuche machte, besuchte als jahren hatten seine ersten größeren 14jähriger erstmals die Salzburger Werke Premiere: das «Capriccio» und zwei Jahre später die Bayreuther (1943) für Orchester, das Ballett Festspiele. Noch als Schüler lernte er «Prinzessin Turandot» und das in seinem musikbegeisterten Eltern- «Concerto» (beide 1944) für Orche- haus u.a. Paul Hindemith, Arturo ster, dessen Jazz-Variationen im letz- Toscanini und Bruno Walter kennen. ten Satz das Mißfallen der offiziellen Nach Abschluß der Schule und ei- Kulturpolitik erregten. In der Folge- nem Sprachkurs in England (1937) zeit übernahm Einem eine Stelle als wurde Einem in Österreich zum Mi- Hauskomponist und musikalischer litärdienst eingezogen, auf Interven- Berater an der Dresdner Staatsoper. tion einflußreicher Gönner aber Dort erhielt er einen Kompositions- schon nach wenigen Tagen wieder auftrag für die Oper «Dantons Tod» aus der Armee entlassen. nach dem gleichnamigen Drama von Georg Büchner. Die Uraufführung Ab 1938: Praktische Opernerfah- bei den Salzburger Festspielen be- rungen Einem begann 1938 ein Vo- gründete 1947 Einems internationa- lontariat an der Staatsoper Berlin, len Ruhm. arbeitete dort als Korrepetitor und spielte im Orchester die Celesta. In 1951: «Brecht-Affäre» Ab 1946 ar der deutschen Reichshauptstadt traf beitete Einem als Lektor bei der Einem u. a. mit Wilhelm Furtwäng- Wiener Konzerthausgesellschaft und ler zusammen, mit dem ihn bald eine wurde zwei Jahre später ins Direkto- tiefe Freundschaft verband. Ein Jahr rium der Salzburger Festspiele beru- nach Kriegsausbruch kam Einem in fen. Sein Eintreten für die umstrit- Konflikt mit den Nationalsozialisten. tene Einbürgerung Bertolt Brechts in Die Gestapo warf ihm Landesverrat Österreich führte jedoch zu seinem vor, woraufhin er kurzzeitig in Haft vorübergehenden Ausschluß. 1953 kam. feierte im Rahmen der Salzbur-, ger Festspiele Einems Oper «Der Prozeß» nach dem Roman von Franz Kafka Premiere. Der Komponist, in- zwischen nach Wien umgezogen, trat dem Kunstrat der Festspiele bei und übernahm 1954 dessen Vorsitz. In den 50er Jahren schrieb Einem zahlreiche Ballettmusiken, Orche- sterwerke und Lieder, darunter die «Symphonischen Szenen für Orche- ster» (1956) im Auftrag der Bostoner Sinfoniker und die «Ballade für Or- chester» (1957), eine Auftragskom- position für das Cleveland Orche- stra. 1958 erhielt er den Musikpreis der Stadt Wien, 1960 wurde Einem zum Direktionsmitglied der Wiener Festwochen berufen. Gottfried von Einem, 1990 1980: Skandal um «Jesu Hochzeit» Die Oper «Der Zerrissene» nach Jo- der Vereinten Nationen. Drei Jahre hann Nepomuk Nestroy (UA 1964 in später folgte eine weitere Literatur- Hamburg), die Einem seiner 1962 oper – «Kabale und Liebe» nach verstorbenen Frau widmete, war von Friedrich Schiller. Mit seiner näch- Dreiklangsharmonik geprägt und sten Oper, «Jesu Hochzeit», erregte brachte ihm den Vorwurf des «Reak- der Komponist bei den Wiener Fest- tionärs» ein. Der Professor an der wochen 1980 Aufsehen – weniger Wiener Musikakademie (1963-73) wegen der erneut eher konventionel- erhielt 1965 den Österreichischen len klanglichen und formalen Ge- Staatspreis und wurde Präsident der staltung, als aufgrund des Stoffes, Gesellschaft der Autoren, Komponi- der als blasphemisch empfunden sten und Musikverleger (AKM; bis wurde. In der Folgezeit entstand eine 1970). 1966 heiratete er Lotte In- Vielzahl von Orchesterwerken und grisch, die fortan an seinen Opernli- Liedkompositionen, so z.B. die bretti mitwirkte. «Münchner Sinfonie» (1983), die 1969 beendete Einem seine vierte «Waldviertier Lieder» (1983) nach Oper, «Der Besuch der alten Dame», Texten von Ingrisch und die «Zwölf nach dem gleichnamigen Drama von Lieder nach verschiedenen Dich- Friedrich Dürrenmatt. Zwei Jahre tern» (1985). 1984 vollendete Einem nach der Uraufführung in Wien «Der Tulifant». Die märchenhaft- schrieb Einem an seinem neuen symbolische Oper um die Bedro- Wohnsitz im niederösterreichischen hung der Natur durch die Technik Rindlberg die Kantate «An die wurde nach etlichen Anläufen erst Nachgeborenen», ein Auftragswerk 1990 uraufgeführt – zwei Jahre nach zum 40jährigen Bestehen Vollendung seiner 4. Sinfonie., Hanns Eisler ► Musik im Dienst des (6.7.1898-6.9.1962) Sozialismus ◄ Der deutsche Komponist wurde zum bekanntesten Vertreter der sog. soziali- stischen Gebrauchsmusik. Mit einfachen, gehaltvollen Vokal-, Bühnen- und Filmkompositionen versuchte Eisler, die Diskrepanz zwischen ernster und eher trivial-unterhaltender Musik zu überwinden. Johannes Eisler kam als drittes Kind cher Texte in den «Zeitungsaus- des österreichischen Philosophen schnitten» (1927) schloß er vollends Rudolf Eisler in Leipzig zur Welt. mit der lyrischen Tradition Schön- 1901 zog die Familie nach Wien, wo bergs und des 19. Jahrhunderts ab. Eisler mit zehn Jahren Schüler des k. Ein Treffen mit Bertolt Brecht u. k. Staatsgymnasiums wurde und (1929) führte zu einer fruchtbaren sich in einem Schülerclub mit dem Zusammenarbeit, die mit den Lehr- Marxismus befaßte. 1916-18 nahm stücken «Die Maßnahme» (1930) er als Soldat eines ungarischen Regi- und «Die Mutter» (1931) begann. ments am 1. Weltkrieg teil und arbei- Eisler übernahm in Berlin die Lei- tete an einem – verschollenen – Ora- tung des Arbeitskreises «Dialekti- torium «Gegen den Krieg». Nach scher Materialismus in der Musik» Kriegsende studierte Eisler an der und schrieb die Musik zu Brechts Wiener Musikakademie, bevor er Film «Kuhle Wampe oder Wem ge- 1919-23 Privatschüler von Arnold hört die Welt?». Eisler stellte sein Schönberg wurde. In der Studienzeit Schaffen – vor allem Kampflieder leitete er Wiener Arbeiterchöre, war und vom Jazz beeinflußte Songs – Lehrer im Verein für volkstümliche fortan in den Dienst des Sozialismus. Musikerziehung und komponierte mit den «Sechs Liedern» sowie einer 1933 Flucht ins Exil Nach der natio- Klaviersonate (beide 1924) die er- nalsozialistischen Machtergreifung sten von der Zwölftontechnik ge- floh Eisler – als Kommunist, Jude prägten Werke. Nach dem Studium und Modernist gleich dreifach ver- ging Eisler nach Berlin, wo er Kon- femt –1933 über die Tschechoslowa- takte zur KPD knüpfte. kei, Paris und London zu Brecht nach Dänemark. Dort vertonte er Ab Ende der 20er Jahre: Sozialisti- dessen «Einheitsfrontlied» (1934) sche Musik Sein Eintritt in die Partei und schrieb die Bühnenmusik zu führte zum Bruch mit Schönberg. Brechts «Die Rundköpfe und die Für die kommunistische Zeitung Spitzköpfe». In New York gab er «Rote Fahne» schrieb Eisler ab 1927 Kompositionskurse und dozierte an politische Artikel und lehrte ein Jahr der School for Social Research. später an einer marxistischen Arbei- 1937 engagierte sich Eisler im Spani- terschule. Mit der Vertonung einfa- schen Bürgerkrieg und heiratete in, zweiter Ehe Louise Anna Jolesch (erste Frau ab 1920 Lotte Demant; dritte Ehe ab 1958 mit Stephanie Zucker-Schilling). Drei Jahre später vollendete er die fünfsätzige Kam- mersinfonie, die sich mit dem Ver- hältnis zwischen Mensch und Natur beschäftigt. Nach Filmmusikprojek- ten und dem zwölf tönigen «Lenin- Requiem» Brechts ließ sich Eisler 1942 in Hollywood nieder, wo er mit Theodor W. Adorno an dem Buch «Komposition für den Film» (1947) arbeitete. Im Zuge der antikommu- nistischen McCarthy-Ära wurde Eis- ler 1948 aus den USA ausgewiesen. Hanns Eisler 1948: Rückkehr nach Europa Nach Knecht Matti» (1955). Im selben einem Abschiedskonzert in New Jahr entstand die «Winterschlacht- York kehrte Eisler über Wien nach Suite» nach einem Drama von Be- Berlin zurück, wo er sich im Ostteil cher, in dem der Winterkrieg und die der Stadt niederließ. 1949 wurde sein deutsche Niederlage vor Moskau ge- Lied «Auferstanden aus Ruinen» schildert werden. Mit der «Deut- (Text von Johannes R. Becher) zur schen Sinfonie» kam nach zahlrei- Nationalhymne der DDR erklärt. Ein chen Film- und Bühnenmusiken Jahr später erhielt er eine Mei- 1959 wieder ein Orchesterwerk Eis- sterklasse für Komposition an der lers heraus. Die «Tucholsky-Lieder» Akademie der Künste und eine Pro- (1960) erinnern an das frühe revolu- fessur an der Hochschule für Musik. tionäre Musikschaffen. Gleichzeitig Im selben Jahr komponierte Eisler beschäftigte sich Eisler in Aufsätzen die Kantate «Mitte des Jahrhun- und Vorträgen mit der Rolle der Mu- derts». Pläne zur Oper «Johannes sik im politischen Leben sowie mit Faustus» kamen über die Veröffent- dem Dualismus von Inhalt und Form lichung des Textbuches nicht hinaus, in der Musik. da Eislers Versuch, die experimen- Kurz vor seinem Tod erlebte Eisler tellen politischen Positionen seines die englische Erstaufführung der Frühwerks wiederzubeleben, bei der «Deutschen Sinfonie» in London DDR-Führung auf Kritik stieß. Im und wurde zum Präsidenten des Mu- Dezember 1952 nahm Eisler als sikrates der DDR ernannt. Mit 63 Delegierter am Völkerkongreß für Jahren starb er 1962 in Ostberlin. den Frieden in Wien teil. In der Seine «Ernsten Gesänge», ein Ge- Folge erschien der erste Band seiner sangszyklus für Bariton und Streich- «Lieder und Kantaten«; Brechts orchester nach Texten verschiedener Werk widmete er sich erneut in der Dichter, den Eisler 1962 vollendet Filmmusik zu «Herr Puntila und sein hatte, waren sein letztes Werk., Edward Elgar ► Englischer (2.6.1857-23.2.1934) Nationalkomponist ◄ Der erste englische Komponist von internationalem Rang seit dem Barock bestimmte das nachviktorianische Zeitalter durch seinen Versuch, Romantik und Klassizismus zu verbinden. Elgar verlieh der Gattung des Oratoriums neues Gewicht und trat auch als Sinfoniker hervor. Edward William Elgar wurde als Life» und die szenische Kantate viertes Kind eines Musikalienhänd- «Scenes from the Saga of King Olaf» lers in Broadheath bei Worcester ge- (beide 1896) verschafften Elgar lan- boren. Im Selbststudium brachte desweites Ansehen. Sein «Imperial sich der Junge neben dem Klavier- March» sicherte ihm 1897 das Wohl- spiel auch den Umgang mit Streich- wollen des Königshauses, aus dem er instrumenten und Fagott bei. Mit 15 fortan Kompositionsaufträge erhielt. Jahren verließ Elgar die Schule, ar- beitete bei einem Notar und stieg 1899: «Enigma-Variationen» Den dann in das väterliche Geschäft ein. endgültigen Durchbruch bedeuteten Der Leiter mehrerer Chöre, Laien- 1899 die «Enigma-Variationen» und orchester und Bläservereinigungen das Oratorium «The Dream of Ge- trat 1883 mit der «Sérénade mau- rontius», das Elgar die Ehrendok- resque» in Birmingham als Kompo- torwürde der Universität Cambridge nist an die Öffentlichkeit. Zwei Jahre einbrachte. In den 14teiligen Orche- später wurde Elgar Nachfolger sei- ster-Variationen porträtierte Elgar nes Vaters als Organist an der Kirche Freunde; der letzte Abschnitt war St. George in Worcester und arbei- ihm selbst gewidmet. 1901, im Jahr tete nebenher als Violinlehrer. der Thronbesteigung Edwards VII., ersann Elgar die «Coronation Ode» 1890: Erstes größeres Werk Nach der (beendet 1902). Dieser erste Marsch Heirat mit einer seiner Schülerinnen, seiner Sammlung «Pomp and Cir- der Offizierstochter Caroline Alice cumstance» wurde in England mit Roberts (1889), widmete sich Elgar dem Text «Land of Hope and Glory» – zunächst erfolglos – dem zur zweiten Nationalhymne. Seinen Komponieren. Mit seiner Frau ließ Ruhm festigte er zudem mit dem er sich in Malvern /Worcestershire Oratorium «The Apostles» für das nieder, wo 1890 sein erstes bedeuten- Birmingham Festival 1903. des Werk, die «Froissard-Ouvertü- Den folgenden Winter verbrachte er re», entstand. In der Folgezeit be- in Italien. Die dortigen Eindrücke schäftigte sich Elgar mit Chormusik. verarbeitete Elgar in der Konzertou- Die Kantate «The Black Knight» vertüre «In the South», deren farbige (1893) avancierte zum regionalen Er- Instrumentierung an Richard Strauss folg, das Oratorium «The Light of erinnert. 1904 wurde in Lon-, don ein Elgar-Festival veranstaltet, wenige Monate später schlug ihn der König zum Ritter. Kurz darauf nahm Elgar eine Professur an der Univer- sität von Birmingham an. 1908: 1. Sinfonie 1906 beschäftigte sich Elgar mit «The Kingdom», ei- nem zweiten Apostel-Oratorium. Sein großes Ziel, eine Sinfonie zu komponieren, realisierte er 1908 nach einem halbjährigen Italienauf- enthalt. Als weitere Orchesterwerke folgten das erfolgreiche Violinkon- zert (1910) und die 2. Sinfonie (1911), die wegen ihrer formalen und emo- tionalen Komplexität sehr zurück- haltend aufgenommen wurde. Die Kritik veranlaßte den Komponisten Edward Elgar, 1930 zum vorübergehenden Rückzug aus der musikalischen Öffentlichkeit. seine Musik einer zu Ende gegange- 1912 kam Elgar nach London und nen Epoche angehöre. Zu dieser widmete sich seiner Shakespeare- Ansicht trugen auch heftige Angriffe Studie «Falstaff» (1913). Sein nach von Zeitgenossen bei, die dem eigener Aussage bestes Orchester- erklärten Spätromantiker vorwarfen, werk erreichte jedoch nie die er- seine Musik sei zu emotional, hoffte Popularität. pompös und mitunter vulgär. Im 1. Weltkrieg schuf Elgar patrioti- Der Komponist trat nun mit Tran- sche Kompositionen wie «Death on skriptionen (z.B. von Werken Jo- the Hills», «Polonia» (beide 1914) hann Sebastian Bachs) sowie als Di- und «The Spirit of England» (1917). rigent in Erscheinung und spielte In den Kriegsjahren entstanden auch Schallplatten mit eigenen Werken kammermusikalische Werke, z. B. ein. In seinen letzten Lebensjahren eine Sonate für Violine und Klavier, wurde Elgar 1924 zum «Master of ein Klavierquintett und ein Streich- the King's Music» ernannt, 1925 quartett (alle 1918). Unter dem Ein- nahm er die goldene Medaille der druck der zerstörten Welt nach dem Royal Philharmonie Society in Emp- 1. Weltkrieg schrieb Elgar 1919 sein fang. Sechs Jahre später erhob ihn erfolgreiches Cellokonzert e-Moll. König Georg V in den Adelsstand. Ebenfalls 1931 komponierte Elgar Ab 1920: Verstummen als Kompo- die «Nursery Suite», die er Elisabeth nist Wenige Monate später starb El- und Margaret, den Töchtern des spä- gars Frau; seine Schaffenskraft ver- teren Königs Georg VI., widmete. siegte. Er fürchtete, nach seinem Tod Seine 3. Sinfonie konnte er nicht in Vergessenheit zu geraten, weil mehr verwirklichen: Elgar starb 1934 mit 76 Jahren in Worcester an Krebs., Manuel de Falla ► Weltgeltung durch (23.11.1876-14.11.1946) andalusische Folklore ◄ Wie Bêla Bartök in Ungarn und Leos Janâcek in Mähren besann sich der spa- nische Komponist in seinem Werk auf die Musik seiner Heimat. De Fallas Werke sind zudem vom französischen Impressionismus beeinflußt. Manuel Maria de Falla y Matheu Maurice Ravel kennenlernte. Um wurde als Sohn eines Kaufmanns seinen Lebensunterhalt zu verdie- und einer Pianistin in Cadiz geboren. nen, leitete de Falla eine Theater- Die Mutter erteilte ihm Klavierun- truppe, mit der er durch Frankreich, terricht und machte den Jungen mit Belgien und die Schweiz reiste. Seine Werken von Ludwig van Beethoven Kompositionen dieser Zeit sind dem und von Frédéric Chopin vertraut. Impressionismus und der spanischen Schon in früher Jugend lernte de Musik verpflichtet. Falla die in Spanien populären italie- nischen Belcanto-Opern von Vin- 1915: Abschied vom Impressionis- cenzo Bellini, Gaetano Donizetti mus 1909 schrieb de Falla die Lieder und Gioacchino Rossini kennen. «Drei Melodien» nach Gedichten von Théodore Gautier und «Vier 1905: «Das kurze Leben» 1896 nahm spanische Stücke» für Klavier, die er de Falla in Madrid ein Musikstudium Albéniz widmete. 1912 vollendete er auf. Obwohl er 1899 seine Klavier- die Sammlung «Sieben populäre studien mit dem ersten Preis des spanische Lieder», die zu seinen be- Konservatoriums abschloß, schlug er kanntesten Werken gehört. Bei Aus- keine Virtuosenlaufbahn ein. Viel- bruch des 1. Weltkriegs ging de Falla mehr versuchte er sich als Kompo- nach Spanien zurück. Dort beendete nist von Zarzuelas, einer spanischen er 1915 die sinfonischen Impressio- Form des Singspiels. Ab 1902 erhielt nen «Nächte in spanischen Gärten» er Privatstunden in Komposition bei für Klavier und Orchester, sein letz- Felipe Pedrell, einem Vertreter des tes impressionistisches Stück. Folklorismus. Mit seiner einaktigen Oper «Das kurze Leben» (UA 1913 1919: «Der Dreispitz» Zunächst nur in Nizza) errang de Falla 1905 den er- geringen Erfolg erzielte de Falla 1915 sten Preis bei einem Wettbewerb der mit der ersten Fassung seines Bal- Madrider Akademie der Schönen letts «Liebeszauber». Erst die Neu- Künste. Nachdem er im selben Jahr fassung für großes Orchester, die einen Pianistenwettbewerb in Ma- 1921 in London uraufgeführt wurde, drid für sich entschieden hatte, ging begründete seinen Weltruhm. Ähn- er 1907 nach Paris, wo er seinen lich erging es ihm mit der Pantomime Landsmann Isaac Albéniz sowie «El corregidor y la molinera» (1917) Claude Debussy, Paul Dukas und nach Motiven aus Cervantes' «Don, Quichotte». Auf Anregung des Cho- reographen Sergej Diaghilew erwei- terte er das Stück zu dem Ballett «Der Dreispitz», das 1919 in London mit Kostümen und Bühnenbildern von Pablo Picasso Premiere hatte. Ebenso wie im «Dreispitz» zeigte de Falla in der 1919 beendeten «An- dalusischen Fantasie» für Klavier eine Hinwendung zum Klassizismus, der wiederum Elemente der spani- schen Volksmusik enthielt. Weitere von Diaghilew vorgeschlagene Pro- jekte lehnte der Komponist ab. Er arbeitete statt dessen an der komi- schen Oper «El fuego fatuo», die auf Melodien Chopins basiert, allerdings nie aufgeführt wurde. Manuel de Falla 1923: «Meister Pedros Puppenspiel» Einen Erfolg erzielte de Falla 1923 gen. Auch die politischen Ereignisse mit seinem letzten vollendeten Büh- setzten ihm zu: Er empfand das Jahr- nenwerk, der Oper «Meister Pedros hundert als «Irrenhaus» und suchte Puppenspiel» für drei Sänger und nach Rückzugsmöglichkeiten. mehrere Marionetten, wiederum nach Motiven aus «Don Quichotte». 1939: Flucht nach Argentinien 1938 Bei der Uraufführung in Paris stand vollendete de Falla die Orchesterfas- de Falla erstmals selbst am Dirigen- sung seiner vierteiligen Suite «Ho- tenpult. In der Folgezeit entstanden menajes». Die einzelnen Sätze, die «Psyché» (1924), ein Konzert für Ge- teilweise zuvor schon für andere In- sang und kleines Orchester, sowie strumente erschienen waren, hatte er ein Konzert für Cembalo und fünf seinen Lieblingskomponisten gewid- Soloinstrumente (1926), das er der met. Im selben Jahr wurde de Falla Cembalistin Wanda Landowska wid- von der Regierung der Nationalisten mete. Die Polin weigerte sich jedoch zum Präsidenten des Spanischen In- wegen der klanglichen Kühnheit des stituts ernannt, doch nutzte er 1939 Stücks, bei der Uraufführung zu eine Konzertreise nach Argentinien spielen, so daß der Komponist ihren zur Flucht. In seinen letzten Lebens- Part selbst übernahm. jahren, die er mit seiner Schwester in Gesundheitliche Probleme zwangen der Sierra de Cordoba verbrachte, de Falla danach zu einer langen erkrankte er an Tuberkulose. De schöpferischen Pause. Bei Ausbruch Falla starb 69j ährig in Alta Gracia des spanischen Bürgerkriegs 1936 (Argentinien). Sein episches Orato- war der Komponist schwer krank rium «Atlântida» wurde erst 1962 und litt unter zeitweiligen Lähmun- durch Ernesto Halffter vollendet., Gabriel Fauré ► Vorbild der (12.5.1845-4.11.1924) Impressionisten ◄ Der französische Komponist gilt als Wegbereiter der Kammermusik in sei- nem Land. Faurés Stil trägt klassizistische Züge; fließende Harmonik, die zwischen Dur und Moll nicht klar trennt, weist auf den Impressionismus hin. Gabriel Urbain Fauré wurde als sich stärker der absoluten Musik zu, jüngstes von sechs Kindern eines etwa in dem Klavierquartett in c- Schulinspektors in Pamiers/Ariège Moll (1879), das als populärstes sei- geboren. Da für die individuelle För- ner kammermusikalischen Werke derung des musikbegabten Jungen gilt. Zwischen 1881 und 1888 schrieb kein Geld vorhanden war, kam der Fauré eine Reihe kleinerer Klavier- Neunjährige an die École Nieder- stücke sowie Barkarolen, Impromp- meyer in Paris, ein musikalisches In- tus, Nocturnes, aber auch sein erstes stitut mit Schwerpunkt auf Kirchen- größeres Orchesterwerk, «Ballade musik. Hier erhielt Fauré Unterricht für Klavier und Orchester» (1881). in Barockmusik und Wiener Klassik, Die sinfonische Musik blieb Fauré u. a. bei Camille Saint-Saëns. fremd, in seinem umfangreichen Werk finden sich nur wenige Stücke Ab 1866: Organist 1866 übernahm für großes Orchester, von denen die Fauré eine Organistenstelle in Ren- meisten unveröffentlicht blieben. nes. Vier Jahre später kehrte er nach Ein Jahr, nachdem Fauré sein Chor- Paris zurück und war an verschiede- werk «Geburt der Venus» beendet nen Kirchen als Organist tätig. Fauré hatte, heiratete er 1883 Marie Fre- komponierte in dieser Zeit vorwie- miet, die Tochter eines Bildhauers. gend Lieder, seinen ersten Erfolg er- Unter dem Einfluß des Todes seiner zielte er jedoch mit der 1876 beende- Eltern schrieb Fauré 1888 ein Re- ten Sonate für Violine und Klavier. quiem, das zu seinen wichtigsten 1877 wurde er Kapellmeister an der Stücken zählt. Im selben Jahr vollen- Madeleine, einer von Napoleon als dete er seine erste Schauspielmusik Siegestempel gedachten Kirche, und zu Alexandre Dumas' «Caligula». Lehrer an der École Niedermeyer. Im selben Jahr unternahm er mit 1893: «La bonne chanson» 1892 er- Saint-Saëns eine seiner zahlreichen hielt Fauré den Posten eines Inspek- Reisen nach Deutschland – um die tors der Provinzkonservatorien, so Opern Richard Wagners zu hören. daß er fortan nicht mehr gezwungen war, aus finanziellen Gründen Pri- 1888: «Requiem» Nachdem Fauré vatunterricht zu geben. Im folgenden 1877 seine Verlobung mit Marianne Jahr vollendete er seinen Lie- Viardot gelöst hatte, wurden seine derzyklus «La bonne chanson» nach Kompositionen ernster. Er wandte neun Gedichten von Paul Verlaine., 1896 wurde Fauré Organist an der Madeleine und Professor am Pariser Konservatorium. Dort zählten u.a. Nadia Boulanger und Maurice Ravel zu seinen Schülern. Im selben Jahr vollendete er «Thema und Variatio- nen» für Klavier. 1898 entstand die Schauspielmusik «Pelléas et Méli- sande», geschrieben für die Erstauf- führung des Dramas von Maurice Maeterlinck in London. Ab 1903: Allmählicher Gehör ver lust Mit «Prométhée», 1900 in Beziers uraufgeführt, wagte sich Fauré erst- mals auf das Gebiet der Oper. Trotz des Erfolgs, der ihn in der Publi- kumsgunst teilweise über Saint- Gabriel Fauré Saèns erhob, waren die nächsten Jahre von künstlerischer Unzufrie- Nach dem Acht-Lieder-Zyklus «Le denheit erfüllt. 1903 machten sich jardin clos» (1915) wandte sich Fauré zudem erste Anzeichen eines Ge- wieder stärker der Kammermusik zu. hörleidens bemerkbar, das sich stetig Es entstanden die 2. Violinsonate verschlimmerte. Fauré suchte sich (1917) und die 1. Sonate für Cello eine Unterkunft in Lausanne, in die und Klavier (1918). 1920 gab Fauré er sich während der Sommermonate unter dem Druck staatlicher Stellen regelmäßig zurückzog. Zugleich die Leitung des Konservatoriums aus übernahm er eine Tätigkeit als Altersgründen auf. Sein Gesund- Musikkritiker der Zeitung «Le heitszustand verschlechterte sich in Figaro». Erst als er 1905 Direktor der Folgezeit weiter: Fauré war fast des Konservatoriums wurde, gab er taub, und auch seine Sehfähigkeit fast alle Nebentätigkeiten auf. nahm ab. Dennoch trat der Kompo- nist 1921 in Tours noch einmal als Di- 1913: Oper «Penelope» Faurés rigent an die Öffentlichkeit. Einen Schaffenskraft wurde durch die Auf- letzten großen Erfolg feierte er im nahme in die Akademie der Schönen selben Jahr mit dem Paul Dukas ge- Künste (1909) neu belebt. Er kompo- widmeten Quintett für Klavier und nierte eine Reihe von Liedern, unter Streicher. Darüber hinaus stellte er denen der zehn Lieder umfassende seinen «Chant funéraire» aus Anlaß Zyklus «La chanson d'Eve» (1910) des 100. Todestages von Napoleon I. besonders hervorstach, sowie Kla- fertig. Drei Jahre später, kurz nach vierstücke, z.B. die neun «Préludes» Vollendung seines letzten Streich- (1911). Nebenher arbeitete er ab quartetts in e-Moll, starb Fauré mit 1907 an der Oper «Penelope», die 79 Jahren in Paris an den Folgen ei- 1913 in Monte Carlo Premiere hatte. ner Lungenentzündung., Morton Feldman ► Experimente (12.1.1926-3.8.1987) mit Notationssystemen ◄ Der amerikanische Komponist erprobte immer wieder neue Notenschriften, mit denen er seine kompositorischen Absichten darstellen wollte. Zudem er- weiterte Feldman die Möglichkeiten der Zufallsmusik von John Cage. Feldman, geboren in New York, stu- an. Innerhalb der Rechtecke, die je- dierte 1948/49 Komposition an der weils eine bestimmte Zeitdauer re- Contemporary Music School seiner präsentieren, legen Noten oder Zif- Heimatstadt, nachdem er 1947 seine fern die Zahl der Töne und deren ersten Werke komponiert hatte. Un- Dauer fest. Hinzu kamen Angaben ter seinen Lehrern war auch Stefan zur Dynamik, zumeist in einem sehr Wolpe, ein Schüler Anton Weberns. leisen Bereich, der für Feldmans Stücke charakteristisch ist. 1950: Begegnung mit Cage Entschei- Daneben benutzte der Komponist dend für seine musikalische Ent- auch die konventionelle Notation, wicklung war John Cage. Feldman etwa in «Four Songs to E.E. Cum- arbeitete an Cages «Project for Ma- mings» (1951) und «Extensions III» gnetic Tape» mit. Darüber hinaus (1952). In «Intermission 6» (1953) wurde er Anfang der 50er Jahre von schlug Feldman eine neue Richtung Malern des Abstrakten Expressio- ein: Die Elemente der Komposition nismus, u.a. Philip Guston und stehen verteilt auf einem Blatt, so Jackson Pollock, beeinflußt. Um daß der Pianist den Klangablauf des seine kompositorischen Absichten Stückes jeweils selbst bestimmt. umsetzen zu können, entwarf Feld- man eine neue Art der Notenschrift Ab 1957: Neue Notenschriften Ende – die graphische Notation –, die er 1953 gab Feldman die graphische erstmals in «Projections I» für Cello Notation zunächst wieder auf und solo (1950) verwendete. Mit Recht- entwickelte 1957 in «Three Hands» ecken in drei Lagen (hoch, mittel, die «rhythmisch freie Notation» für tief) zeigte er die relative Tonhöhe Piano. Wie auch in «Last Pieces» Earle Brown(* 26.12.1926) Das berühmteste Werk des amerikanischen Komponisten, «December 1952» aus dem Zyklus «Folio», ist die erste ausschließlich mit graphischen Mitteln notierte Komposition. 1953 verwirklichte Brown mit den «Twenty-Five Pages» für 1-25 Klaviere sein Konzept der «offenen Form»: Dem Interpreten bleibt es dabei überlassen, aus durchkomponiertem Material eine eigene Auswahl zu treffen. Das Stück schrieb Brown, wie seine meisten Werke, in der sog. Zeit-Notation, wobei er Tonhöhen festlegte, zur Tondauer aber nur relative Angaben machte., (1959), legte er die Tonhöhen fest und machte zur Dauer der Klänge nur ungefähre Angaben. In «Piece for Four Pianos» und «Two Pianos» (beide 1957) erprobte Feldman ein weiteres Verfahren: Ein einzelnes Stück wird zeitversetzt von mehre- ren Pianisten gespielt, woraus sich eine komplizierte Polyphonie mit häufigen Wiederholungen ergibt. 1960: Die «Rennstrecken-Notation» 1958 kehrte Feldman mit «Ixion» für zehn Instrumente zur graphischen Notation zurück, was er sporadisch bis zu dem 1967 entstandenen «In Search of an Orchestration» beibe- hielt. 1960 fand Feldman mit seinem Verfahren der «Rennstrecken-Nota- tion» zu einem System, das seinen Intentionen weitgehend gerecht zur sog. Minimal music aufweist. wurde: Jede Stimme wird in ihren 1971 wurde Feldman auf den Edgar- Tonhöhen festgelegt, Tondauer und Varèse-Lehrstuhl an der State Uni- die vertikale Koordination der Stim- versity of New York in Buffalo beru- men bleiben hingegen relativ frei. fen. Dort schrieb er seine «Instru- Feldman setzte das Verfahren erst- ments»-Serie (1974-79) und 1977 mals in «Durations I-V» (1960/61) seine einzige Oper, den Einakter um. Eine stärkere Kontrolle über den «Neither» nach einem Text von Sa- Zusammenklang übernahm er dann muel Beckett. Ab 1979 begann er, als wieder in seinen «Vertical Thoughts Gegenreaktion zur Tradition der I-V» (1963). Bei allem Wandel in Konzertstücke, sehr lange Komposi- der Notation änderte sich sein tionen zu schreiben, darunter das musikalischer Stil kaum. Ziel seiner 1. Streichquartett (1979) mit einer Kompositionen blieb stets ein Dauer von 100 Minuten und das befriedigendes Hörerlebnis. 2. Streichquartett (1983), dessen Ge- samtaufführung etwa sechs Stunden 1969: Rückkehr zur Konvention In in Anspruch nimmt. den folgenden Jahren vollzog Feld- In seinen letzten Lebensjahren ver- man eine Rückkehr zur konventio- öffentlichte Feldman eine Reihe von nellen Notation, z. B. in dem Orche- Stücken, die an seine Weggenossen sterstück «On Time and the Instru- aus den 50er Jahren erinnern, darun- mental Factor» (1969). Mit diesem ter «For John Cage» (1982), «For Wandel ging ein Streben nach Kon- Philip Guston» (1984) und «For sonanzen und kleinräumigen Wie- Christian Wolff» (1986). Feldman derholungen einher, das Parallelen starb 1987 mit 61 Jahren in Buffalo., Wolfgang Fortner ► Verbindung von Kirchen (12.10.1907-5.9.1987) musik und Atonalität ◄ Der Komponist prägte – ausgehend von der Kirchenmusik – die Entwicklung der Neuen Musik im Nachkriegsdeutschland. Darüber hinaus machte sich Fortner auch als Lehrer einen Namen. Fortner wurde in Leipzig als Sohn ei- ein Kammerorchester, dessen Ziel nes Sängerehepaars geboren und die Aufführung von Werken der lernte schon früh ein großes Reper- Neuen Musik auch in den Jahren des toire an Kunstmusik kennen. Seine Nationalsozialismus war. Kenntnisse vertiefte er als Schüler von Karl Straube, der ihn in Kirchen- Ab 1938: Werke der Neuen Musik musik unterrichtete und mit den Mit seinem 2. Streichquartett (1938) Werken Johann Sebastian Bachs ver- und dem Orchester werk «Capriccio traut machte. Besonders fasziniert und Finale» (1938) wandte sich Fort- war Fortner von der Neuen Musik, ner der Atonalität zu. Während des die er sich bei Aufführungen des 2. Weltkriegs wurde er mit seinem Leipziger Konzertvereins anhörte. Orchester zur Truppenbetreuung eingesetzt, so daß sich Fortner erst Ab 1927: Studium und erste Kompo- nach 1945 wieder auf das komposito- sitionen 1927 wechselte Fortner zu rische Schaffen konzentrieren konn- dem Kompositionslehrer Hermann te. Um die Neue Musik in Deutsch- Grabner an das Konservatorium sei- land weiter zu verbreiten, gründete ner Heimatstadt. Zudem studierte er er 1946 zusammen mit Wolfgang Musikwissenschaften, Philosophie Steinecke die Kranichsteiner Ferien- und Germanistik. Noch vor seinem kurse für Neue Musik, bei denen er Staatsexamen als Lehrer für Höhere als Dozent für Komposition wirkte. Schulen (1931) entstanden Fortners 1947 war er Mitbegründer der Hei- erste Kompositionen: Bereits 1928 delberger Musica-Viva-Konzerte. wurde seine Kantate «Vier mariani- Fortners im selben Jahr vollendete sche Antiphonen» beim Niederrhei- Sinfonie kombiniert tonale Kompo- nischen Musikfest in Düsseldorf ur- sitionsweise mit Zwölftontechnik. aufgeführt. Zwei Jahre später folgte Eine Zwölftonreihe findet sich auch die Premiere seines 1. Streichquar- als Grundlage seines 3. Streichquar- tetts in Königsberg. Diese Früh- tetts (1948). werke stehen weitgehend in der Tra- dition der Leipziger Kirchenmusik. 1950: «Die weiße Rose» Fortner er- Nach dem Studium unterrichtete er weiterte die Zwölftontechnik, indem am Kirchenmusikalischen Institut in er die einzelnen Tonreihen unter- Heidelberg Musiktheorie und Kom- teilte und übereinanderlagerte. So position. Dort gründete Fortner 1935 entstand eine fast barocke Mehr-, stimmigkeit, der er zudem verschie- dene rhythmische Muster unterlegte. Dieser Stil prägte viele seiner folgen- den Werke. Mit seinem ersten Büh- nenstück, dem Ballett «Die weiße Rose» (1950, nach Oscar Wilde), be- gann Fortners produktivste Schaf- fensphase. Es folgte die «Phantasie über B-A-C-H» (1950) für zwei Kla- viere, neun Soloinstrumente und Or- chester, deren Zwölftonreihe mit den Noten b-a-c-h beginnt. Zudem schuf er ein Cellokonzert (1951) und «Mouvements» (1953) für Klavier und Orchester. Mit der Solokantate «Die Schöpfung» (1955), der die von dem Dichter James Weldon Johnson bearbeitete Schöpfungsgeschichte zugrunde liegt, schrieb Fortner eines Wolfgang Fortner der bedeutendsten kirchenmusikali- schen Werke der Nachkriegszeit. te, sich durch Sprechgesang und pan- tomimische Darstellung dem Thea- Ab 1954: Neue Aufgabengebiete ter anzunähern. In der «Pfingstge- Parallel zu seinem Weg als Kompo- schichte nach Lukas» (1963) be- nist entwickelte sich Fortners Ruf als schäftigte er sich wiederum mit bibli- Lehrer. 1954 verließ er Heidelberg, schen Themen. um als Professor für Komposition an die Detmolder Musikhochschule zu 60er Jahre: Kompositorische Inno- gehen. Ab 1957 war er – bis zur Ver- vationen Auch mit seinen folgenden setzung in den Ruhestand (1973) – an Opern, «In seinem Garten liebt Don der Freiburger Musikhochschule tä- Perlimplin Beiisa» (1962; nach Gar- tig und wurde zu Gastvorlesungen in cia Lorca) und «Elisabeth Tudor» der ganzen Welt verpflichtet. Dar- (1971), war Fortner auf der Höhe der über hinaus war Fortner von 1957 bis Zeit, indem er improvisatorische und 1971 Präsident der deutschen Sek- zufallsgelenkte Elemente in die tion der Internationalen Gesellschaft Musik einbrachte. In «Elisabeth Tu- für Neue Musik. dor» führte er auch elektronische Fortners erste Opernarbeit, «Die Medien in das Musikdrama ein. Bluthochzeit» (1957), nach einem Diese Tendenz zur Modernität zeigt Schauspiel Federico Garcia Lorcas, sich auch in der Verwendung von wurde zu einem der wichtigsten mu- Elektronik in seiner letzten, 1977 sikdramatischen Werke der deut- vollendeten Oper «That Time» schen Nachkriegszeit. Modern zeigt (nach Samuel Beckett). An der Alz- sie sich besonders in der Gestaltung heimerschen Krankheit leidend, der Gesangslinien. Fortner versuch- starb Fortner 1987 in Heidelberg., George Gershwin ► Wegbereiter des (26.9.1898-11.7.1937) sinfonischen Jazz ◄ Der Amerikaner, der über 500 Lieder für Musicals und Filme schrieb, ver- band Jazz-Elemente mit sinfonischen Kompositionen und avancierte zum US-Nationalkomponisten im 20. Jahrhundert. Das zweite von vier Kindern eines to Ripples» (1917), wurden in Revue- aus St. Petersburg/Rußland einge- programmen verwendet. Aufgrund wanderten jüdischen Arbeiters kam eines Stipendiums des Musikverla- als Jacob Gershwin in Brooklyn/ ges Harms konnte sich der 19jährige New York zur Welt. George, wie der ganz dem Komponieren widmen. Junge genannt wurde, widmete sich Über den Verlag knüpfte Gershwin mehr seinen sportlichen Ambitionen Kontakte zum Broadway. Nach dem als der Schule. Als sich die Eltern ein Revue-Musical «Half Past Eight» Klavier anschafften, erhielt zunächst (1918) entstand 1919 die Revue «La Georges älterer Bruder Israel (ge- La Luscille», deren Song «Swanee» nannt Ira) Unterricht. Durch einen zum ersten großen Erfolg Gershwins Mitschüler, den späteren Geiger wurde. Drei Jahre später schrieb er Max Rosen, entdeckte George, dem den als «Kammeroper» titulierten seine Musikalität bis dahin nicht be- Musical-Einakter «Blue Monday». wußt war, seine Leidenschaft für die Musik. Er nahm Klavierstunden, 1924: «Rhapsody in Blue» 1923 rei- brach die begonnene höhere Han- ste Gershwin erstmals nach Europa, delsschule ab und arbeitete in dem wo seine Lieder inzwischen ebenfalls New Yorker Musikverlag Remick. populär waren. Ziel seiner komposi- Dort spielte er Kaufinteressenten aus torischen Arbeiten der Folgezeit war der Showbranche Schlager am es, den Jazz international konzert- Klavier vor und vertiefte seine Be- fähig zu machen: Gershwin verband geisterung für den Jazz. Ab 1915 Jazz-Elemente mit zeitgenössischer nahm Gershwin Unterricht in Mu- Sinf onik – insbesondere der Melodik siktheorie und spielte zudem in der europäischen Kunstmusik – zu Cafés und Theatern. neuen ausdrucksstarken, rhythmi- schen Klangkombinationen. Ab 1918: Eigene Revuen Beeinflußt Zurück in den USA, schaffte er den von Liedern Irving Berlins und endgültigen Durchbruch mit dem Jerome Kerns versuchte er sich an ei- Musical «Lady Be Good» (1924), zu genen Kompositionen, wobei es ihm dem Bruder Ira – wie auch für zahl- auf eingängige Melodien ankam. reiche weitere Werke – den Text bei- Gershwins erste Werke, u. a. «When steuerte. Durch seine Bekanntschaft You Want 'em You Can Get 'em» mit dem «King of Jazz» und Big- (1916) und der Ragtime-Song «Rial- bandleader Paul Whiteman wurde, Gershwin zu seiner «Rhapsody in Blue» (1924) animiert. Bei der gefei- erten Uraufführung dieser Komposi- tion für Klavier und Bigband saß Gershwin selbst am Piano. Als Auf- tragsarbeit für die New York Sym- phony Society verfaßte er das vom Jazz geprägte Klavierkonzert in F, das er 1925 in der Carnegie Hall mit dem Sinfonieorchester aufführte. 1928: «Ein Amerikaner in Paris» In der Folge schrieb Gershwin die Mu- sik für weitere Broadway-Stücke. Es enstanden die Evergreens «S'Won- derful» (in «Funny Face», 1927), «Embraceable You» und «I Got George Gershwin, 1928 Rhythm» (in «Girl Crazy», 1930). 1928 schuf er die Programm-Ouver- 1935: «Porgy and Bess» Nach 20mo- türe «Ein Amerikaner in Paris», die natiger Arbeit schloß Gershwin 1935 er überwiegend während einer Stu- die rund 700 Seiten umfassende Par- dienreise durch Europa komponiert titur von «Porgy and Bess» ab. Die hatte. Gershwin wollte mit dieser gegen den Rassismus gerichtete Tondichtung für Orchester die Ein- Volksoper nach dem Roman von drücke eines amerikanischen Rei- DuBose Heyward wurde in New senden beschreiben, der durch Paris York uraufgeführt. Die Kritik rea- geht und Atmosphäre und Straßen- gierte zunächst ablehnend: Opern- geräusche auf sich wirken läßt. kenner konnten sich nicht mit der In seinen folgenden, von Jazz- und eher populären, afroamerikanischen Swingelementen geprägten Musicals Musik anfreunden, die Vertreter kritisierte Gershwin häufig die ge- «leichter» Musik störten sich an der sellschaftliche Realität in den USA Opernform. Durch zahlreiche und Europa. Nach «Strike Up the Tourneen und nicht zuletzt die Ver- Band» (1927/30) entstand «Of Thee filmung Ende der 50er Jahre avan- I Sing» (1931), das als erstes Musical cierte das Werk dennoch zum Welt- mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet erfolg. Die internationalen Triumphe wurde. In «Let 'em Eat Cake» (1933) seines Hauptwerks, das durch Hits setzte sich Gershwin unter dem Ein- wie «Summertime» und «It Ain't fluß des Faschismus in Europa mit Necessarily So» zum Begriff wurde, Visionen einer totalitären US-Ge- erlebte Gershwin nicht mehr: Kurz sellschaft auseinander. Ab 1931 ver- nach Vollendung der Filmmusik zu faßte er außerdem die Musik zu zahl- dem Streifen «The Goldwyn reichen Filmen, u.a. für «Shall We Follies» starb der Komponist im Al- Dance» (1937) mit Fred Astaire und ter von 38 Jahren an einem Gehirn- Ginger Rogers. tumor in Beverly Hills/Kalifornien., Philip Glass ► Begründer der Minimal (*31.1.1937) music ◄ Durch meditative indische Musik beeinflußt, schuf der amerikanische Kom- ponist eine neue Ausdrucksform. Mit der sog. Minimal music avancierte Glass zu einem der populärsten Gegenwartskünstler seiner Branche. Glass kam in Baltimore/Maryland spielmusiken für eine Theater- zur Welt. Seine Großeltern waren als gruppe. Unter den Darstellern war orthodoxe Juden aus Rußland einge- auch seine spätere Frau Joanne Aka- wandert. Durch den Schallplattenla- laitis (zwei Kinder; zweite Ehe ab den seines Vaters lernte Philip ein 1980 mit der Ärztin Luba Burtyk; breites Musikspektrum kennen. Er dritte Ehe mit Candy Jernigan). nahm Flötenunterricht in seiner Hei- matstadt und wechselte mit 15 Jah- 1967: Rückkehr nach New York ren an die Universität von Chicago Nach einem Indienaufenthalt kehrte (Abschluß 1956). Danach begann Glass Anfang 1967 nach New York Glass in New York ein Komposi- zurück, wo er seinen Lebensunter- tionsstudium. Ein Jahr nach dem halt mit Gelegenheitsjobs, z.B. als Examen ermöglichte ihm ein Stipen- Taxifahrer, verdiente. Durch den dium eine Reise nach Paris, wo er Kontakt zu Malern der sog. Minimal 1963-65 einen Kompositionskurs art ließ sich der Komponist fortan von Nadia Boulanger besuchte. inspirieren. Parallel zu der Kunst- Seine bis dahin entstandenen Werke, richtung kam die Bezeichnung «Mi- die Glass später zurückzog, weisen nimal music» für diese neue musika- noch keinen eigenen Stil auf. lische Ausdrucksform auf. Er grün- dete ein eigenes Ensemble für seine 1966: Begegnung mit Folgen Die ent- Musik, unterhielt ein Aufnahmestu- scheidende Wende im Schaffen von dio und öffnete so den Weg zu einer Glass trat 1966 ein, als er den Auftrag weiten Verbreitung seiner Musik. annahm, dem indischen Sitar-Spieler Das erste Konzert des Ensembles Ravi Shankar bei der Niederschrift fand am 13.4.1968 in New York statt. der Musik zu dem Film «Chappa- Glass' Bekanntheitsgrad wuchs so qua» zu helfen. Dabei lernte er den schnell, daß er innerhalb der näch- Tabla-Spieler Alla Rakha kennen, sten Jahre zahlreiche Konzerte in der ihn in die indische Musik ein- Europa gab. Die Stücke dieser Zeit führte. Ein Aufenthalt im nordafri- zeichnen sich durch große Einfach- kanischen Marokko vertiefte Glass' heit aus, die sich z. B. in «Two Pages Begeisterung für Rhythmik und Me- for Electric Keyboards» (1968) und lodiewiederholungen, die später zur den drei 1969 entstandenen Werken Grundlage seiner Werke wurden. «Music in Fifths», «Music in Con- Zunächst schrieb er jedoch Schau- trary Motion» und «Music in Similar, Motion» ausdrückt. Die Loslösung von der traditionellen Musik führte dazu, daß die Stücke immer länger und damit ereignisloser wurden, so z.B. in «Music in Changing Parts» (1970). Seine «Music in 12 Parts» (1974) dauert über vier Stunden. Die fast hypnotisch wirkende Monotonie der Stücke machte die Musik beson- ders bei Jugendlichen beliebt. 1975: «Einstein on the Beach» Der mit Theaterregisseur Robert Wilson verfaßte Opern-Einakter «Einstein on the Beach» (1975; Dauer über vier Stunden) wurde zu einem Höhe- punkt im Schaffen von Glass. Seit Philip Glass, 1983 der Premiere in Avignon (1976) folg- ten Aufführungen in zahlreichen eu- einen Nachfolger fand, ein Erfolg. ropäischen Städten, bevor das Werk 1982 erschien «The Photographer» auch an der Metropolitan Opera in eine Oper über den Erfinder der New York ein Erfolg wurde. Reihenfotografie, Eadweard Muy- In der Folge schrieb Glass weitere bridge. Zwei Jahre später feierte die Bühnenwerke. 1978 kam sein Tanz- Oper «Echnaton» in Stuttgart Pre- stück «Dance» in Amsterdam her- miere, die Glass mit «Einstein on the aus, zwei Jahre später entstand die Beach» und «Satyagraha» zu einer Oper «Satyagraha». Sie basiert auf Trilogie zusammenfaßte. Für die Südafrika-Erlebnissen Mahatma Olympischen Spiele in Los Angeles Gandhis mit seiner gleichnamigen schrieb er 1984 das Opernprojekt Methode des passiven Widerstands. «the CIVIL warS» (zusammen mit Wilson) sowie eine Musik zur Ent- 1981: «Koyaanisqatsi» Daß Glass' zündung des olympischen Feuers. Werke mitunter strittig sind, zeigte 1986 wurde die Oper «The Making sich an seiner Musik zu dem Film of the Representative for Planet 8» «Koyaanisqatsi» (1981). Der Titel (nach Doris Lessing) uraufgeführt beruht auf einem Wort aus der Spra- und leitete eine Beschäftigung mit che der Hopi-Indianer, das soviel wie Weltraum- und Science-fiction-The- «verrücktes Leben» bedeutet. God- men ein (u. a. «1000 Airplanes on the frey Reggios Streifen stellt eine Kri- Roof», 1988). Zum 500. Jahrestag tik der modernen Gesellschaft dar. der Entdeckung Amerikas brachte Kritiker warfen der Musik vor, zwar Glass 1992 «The Voyage» an der Me- mit den Filmschnitten, nicht aber mit tropolitan Opera heraus. Als bislang dem Inhalt übereinzustimmen und letztes großes Werk entstand 1993 so zu verharmlosen. Dennoch wurde die Oper «Orphée» nach dem Film das Werk, das 1986 in «Powaqqatsi» des Franzosen Jean Cocteau., Alexander Konstantino- ► Der russische Brahms ◄ witsch Glasunow (10.8.1865-21.3.1936) Der russische Komponist wurde als letzter Klassiker seines Landes gefeiert. Wegen seiner konservativen, klassizistischen und akademischen Haltung von jüngeren Kollegen abgelehnt, ist Glasunows Instrumentationstalent, das er auch als Bearbeiter von Werken anderer Komponisten bewies, unumstritten. Glasunow, der einer russischen Ver- ter: Er vollendete seine 3. Sinfonie legerfamilie entstammte, wurde in sowie – zusammen mit Rimski-Kor- St. Petersburg geboren. Der Sohn ei- sakow – die Oper «Fürst Igor». Gla- ner Pianistin und eines Freizeitgei- sunow ergänzte den dritten Akt un- gers war ein musikalisches Wunder- ter Berücksichtigung von Themen kind: Mit acht Jahren begann Glasu- und Ideen Borodins und schrieb die now Klavier zu spielen, mit elf kom- Ouvertüre aus dem Gedächtnis nie- ponierte er erste Stücke. Zu seinen der. Glasunows Instrumentierungs- frühen Förderern zählten die Kom- künste, deren sich auch Kollegen wie ponisten Mili Balakirew und Nikolai Alexander Skrjabin und Sergej Rimski-Korsakow. Letzterer unter- Rachmaninow bedienten, machten richtete ihn in Kontrapunkt, Harmo- ihn zu einer Kapazität. Die Fähigkeit nie- und Formenlehre. zur Instrumentierung resultierte aus einer angeborenen Musikalität und 1882: 1. Sinfonie Als das Publikum der Beherrschung diverser Streich-, nach der Premiere von Glasunows 1. Blas- und Schlaginstrumente. Sinfonie in E-Dur den Komponisten Glasunow, seit 1887 auch als Dirigent zu sehen wünschte, kam zur all- tätig, stellte 1889 auf der Pariser gemeinen Überraschung ein 16jähri- Weltausstellung seine sinfonische ger Gymnasiast auf die Bühne. Nach Dichtung «Stenka Rasin» (1885) und übereinstimmender Meinung der seine 2. Sinfonie (1886) vor, die sei- Fachleute hatten sie ein Orchester- nen endgültigen internationalen werk gehört, das reif in Technik und Durchbruch bedeuteten. Daraufhin formaler Gestaltung war. Den Holz- erhielt er u. a. den Auftrag, für die großhändler und Musikenthusiasten Weltausstellung in Chicago einen Mitrofan Belajew veranlaßte das Triumphmarsch zu komponieren. Werk, 1885 in Leipzig einen Musik- verlag zu gründen, in dem fortan alle 1897-1900: Ballette für Marius Pe- Stücke Glasunows erschienen. tipa Im Mittelpunkt von Glasunows Schaffen standen seine acht Sinfo- Ab 1887: Orchestrierungskünste nien und seine sinfonischen Dich- Nach dem Tod des Komponisten tungen. Ein Intermezzo bilden seine Alexander Borodin (1887) wurde drei um die Jahrhundertwende ent- Glasunow zu dessen Nachlaßverwal- standenen Ballettkompositionen für, den Choreographen Marius Petipa. Das Interesse für dieses Genre hatte Peter Tschaikowski bei Glasunow geweckt. So entstand zunächst das Bühnenwerk «Raymonda» (1897). Das Œuvre um die Liebe eines Rit- ters zur Nichte einer Gräfin ent- wickelte sich zum Repertoirestück russischer Ballettensembles und wurde durch Rudolf Nurejew auch im Westen bekannt. 1900 schloß sich das Ballett «Liebeslist» an, in dem ein Marquis eine Probe bestehen muß, um die Tochter der Herzogin heiraten zu dürfen. Im selben Jahr erschien «Die Jahreszeiten», ein Stück in vier Szenen. Alexander Konstantinowitsch Ab 1905: Direktor des Petersburger Glasunow, um 1922 Konservatoriums 1899 übernahm Glasunow eine Professur für Instru- des 100. Todestages von Franz Schu- mentation und Kontrapunkt am bert, an dem Glasunow als Jury-Mit- Konservatorium seiner Heimatstadt, glied teilgenommen hatte, kehrte er das ihn 1905 zu seinem Direktor be- 1928 nicht mehr in die UdSSR rief. In den folgenden drei Jahrzehn- zurück. Wie viele andere sowjetische ten stand das Musikinstitut im Mit- Emigranten, die der kulturellen Iso- telpunkt seiner Aufmerksamkeit, so lation ihres Landes entfliehen woll- daß nach Vollendung seines Violin- ten, wählte er Paris zur neuen Hei- konzerts (1904) und der 8. Sinfonie mat, war aber die meiste Zeit auf (1906) kaum noch Zeit zum Kompo- Konzertreisen durch Europa und die nieren blieb. Glasunow gründete ein USA unterwegs. Aus Begeisterung Studentenorchester und ein Opern- für den Jazz komponierte Glasunow studio und setzte sich für die Auf- 1933 ein Quartett für vier Saxophone nahme unterprivilegierter sowie jü- und ein Konzert für Altsaxophon discher Studenten ein. Seine Ein- und Streichorchester (1934). künfte aus der Konservatoriumsar- Zwei Jahre später starb Glasunow beit stiftete er einem studentischen im Alter von 70 Jahren in Neuilly- Hilfsfonds. 1907 wurden Glasunow sur-Seine, wo er zunächst auch be- aus Anlaß seines 25jährigen Kompo- graben wurde. Die sowjetische Bot- nistenjubiläums u. a. die Ehrendok- schaft setzte mit Einwilligung der torwürden der Universitäten Oxford Nachkommen Glasunows die Über- und Cambridge verliehen. führung des Leichnams nach Lenin- grad durch. Dort fand im November Ab 1928: Exil Nach einem Komposi- 1972 die zweite Beisetzung des Kom- tionswettbewerb in Wien anläßlich ponisten statt., Sofia Gubaidulina ► Komponieren (*24.10.1931) als religiöser Akt ◄ Im Zuge der Perestroika avancierte Gubaidulina zu den wichtigsten Kompo- nistinnen der Sowjetunion, nachdem ihre Arbeiten in der westlichen Welt schon länger bekannt waren. Ein Hauptthema in Gubaidulinas Werken ist die Religion, die sie gegen die Hektik des Lebens setzt. Ihre Kompositionen zeichnen sich durch die ständig variierenden Techniken aus. Sofia Asgatowna Gubaidulina wurde zeug. Die Stücke zeigen bereits die in in Tschistopol an der Wolga in der Gubaidulinas Schaffen charakteristi- Autonomen Tatarischen Republik sche Verarbeitung von Polyphonie als Tochter eines Tataren und einer und klarer Rhythmik. In ihren ersten Russin geboren. Gubaidulina ver- beiden Hauptwerken, «Nacht in lebte eine religiös geprägte Kind- Memphis» (1968), einer Kantate für heit: Ihr Großvater war islamischer Mezzosopran, Männerchor und Or- Geistlicher; ersten Unterricht erhielt chester nach altägyptischer Lyrik, sie von einem jüdischen Lehrer. 1949 und «Rubajat» (1969) nach Texten al- nahm sie ein Studium für Klavier ter persischer Dichter wird die stili- und Komposition am Konservato- stische Entwicklung ihrer Frühwerke rium in Kasan auf, von wo sie 1954 deutlich: Neben Zwölf tonreihen ist nach Moskau wechselte. die vokalbezogene Anordnung der Intervalle wesentliches Kriterium: Ab 1962/63: Eigener Stil 1962 traf Gubaidulina ordnete die Intervalle Gubaidulina auf Dmitri Schostako- den unterschiedlichen Aspekten des witsch, der sie auf ihrem musikali- Seins zu, die sie durch verschiedene schen Weg bestärkte, nachdem ein Stimmen ausdrückte (z.B. Indivi- Rezensent ihre allzu düstere Kom- duum: kurze Intervalle; Gesell- positionsweise bemängelt hatte: Die schaft: lange Intervalle). Zudem be- offizielle Kulturpolitik forderte Hel- schäftigte sie sich mit serieller und ligkeit und Freude in der Musik. Ob- elektronischer Musik. Das einzige wohl Aufführungen ihrer Werke ver- Werk für Synthesizer läßt allerdings hindert oder verzögert wurden, blieb schon am Titel «Vivente-non vi- Gubaidulina ihrem persönlichen Stil vente» («Lebendig-nicht lebendig», treu. Den Lebensunterhalt bestritt sie 1970) ihren kritischen Standpunkt mit Filmmusiken. gegenüber der elektronischen Instru- mentierung erkennen. 1963-70: Polyphonie und Rhythmik Zwei Jahre nach Abschluß ihres Stu- 70er Jahre: Religiöse Themen An- diums komponierte die freischaf- fang der 70er Jahre rückten Klang- fende Künstlerin 1965 fünf Etüden farbe, Tonhöhe und Artikulationsart für Harfe, Kontrabaß und Schlag- ins Zentrum ihrer Werke: Das, 1. Streichquartett (1971) und die Sin- fonie «Stupeni» (1972), für die sie 1975 den ersten Preis beim 7. Interna- tionalen Kompositionswettbewerb in Rom erhielt, sollen durch Klang- farben das Eintauchen in die innere Gefühlswelt darstellen. Im selben Jahr gründete Gubaidu-lina mit Wiktor Susiin und Wja-tscheslaw Artjomow die Improvisationsgruppe Astreja. In der Folgezeit verband Gubaidulina – wie bereits in einigen Werken der Frühphase – ihr kompositorisches Schaffen mit reli- giösen Themen, z.B. in den Schlag- zeugkompositionen «Misterioso» (1977) und «Jubilato» (1979). Wich- tige Anregungen lieferte ihr der Re- ligionsphilosoph Nikolai Berdjajew. Die religiösen Gedanken und Aktio- nen setzte sie in der Kammermusik symbolisch durch Tonhöhen um. Sofia Gubaidulina 80er Jahre: Eigene Fachsprache Ab 1980 begonnenen Violinkonzerts Ende der 70er Jahre verlagerte Gu- «Offertorium» fertig, das sie dem so- baidulina erneut den Schwerpunkt wjetischen Geiger Gidon Kremer ihrer Arbeiten und wandte sich dem widmete. In diesem Werk bearbei- Rhythmus und der Form zu. Sie tete Gubaidulina ein von Anton We- schuf neue Fachtermini, z.B. unter- bern instrumentiertes Thema Johann schied die Komponistin fortan zwi- Sebastian Bachs. Religiös-sakrale schen konsonanten und dissonanten Elemente finden sich hier ebenso wie Rhythmen. Diesen Ansatz setzte sie in «Sieben Worte» (1982) für Bajan, u. a. in der Suite «Hommage à Ma- Streicher und Violoncello. In der rina Swetajewa» (1984) für A-cap- UdSSR erlangte Gubaidulina erst im pella-Chor um. In der Sinfonie « Zuge der Perestroika öffentliches Stimmen…verstummen…» (1986) Ansehen. 1988 überarbeitete sie ihr führte Gubaidulina die neue Rhyth- Werk «Stunde der Seele» nach mik konsequent fort. Sie gipfelt in einem Gedicht ihrer Landsfrau völliger Stille, die vom Dirigenten Marina Swetajewa. Zwei Jahre spä- rhythmisch unterteilt wird. ter legte Gubaidulina das von ortho- Im selben Jahr erhielt Gubaidulina doxer Religion inspirierte Stück die Erlaubnis, in die BRD zu reisen, «Alleluja» für Chor, Kindersopran, wo sie fortan häufig Aufführungen Orgel und Orchester vor. Bis 1992 ihrer Werke besuchte. Ebenfalls 1986 wohnte sie in Moskau, ehe sie in die stellte sie die endgültige Fassung des Nähe von Hamburg umzog., Karl Amadeus Hartmann ► Musik als Bekenntnis (2.8.1905-5.12.1963) eines inneren Emigranten ◄ Das Schaffen des deutschen Komponisten wurde wesentlich durch den Na- tionalsozialismus geprägt. Hartmann zog sich aus dem Musikleben dieser Zeit zurück und begann sein Gesamtwerk nach 1945 neu zu überarbeiten. Der in München geborene Hartmann Scherchen, der seinen künstlerischen wurde durch seine Mutter früh für Werdegang entscheidend prägte. Musik und Literatur begeistert. Die politisch-humanistische Einstellung Ab 1933: Innere Emigration Die vermittelte ihm sein Vater, ein aus Entwicklung des Komponisten wur- Schlesien stammender Maler. Mit de mit der Machtübernahme durch zehn Jahren machte der Junge erste die Nationalsozialisten 1933 unter- Kompositionsversuche. Nachdem brochen. Hartmann wurde als «ent- Hartmann 1919-22 eine Leh- arteter» Künstler eingestuft und kam rerausbildung absolviert hatte, ging einem Berufsverbot zuvor, indem er er an die Münchener Akademie der die Aufführung seiner Werke im Tonkunst. Dort erhielt er Posaunen- Deutschen Reich untersagte. Er zog und Klavierunterricht und nahm sich aus der Öffentlichkeit zurück, Kompositionsstunden bei Joseph schrieb aber an Werken für Haas. Wegen der eher traditionellen Aufführungen im Ausland. Finanzi- Kompositionsauffassung des Lehrers ell abgesichert war er ab 1934 durch kam es zu Auseinandersetzungen: die Ehe mit der wohlhabenden Eli- Der nach musikalischer Neuerung sabeth Reussmann (ein Kind). strebende Hartmann brach 1929 das Schon 1933 führte Scherchen Hart- Studium ab, den Abschluß als manns Konzert für Bläserorchester Posaunist machte er 1931. in Straßburg auf. Zwei Jahre später folgte « Miser ae», seine ursprünglich 1928-33: Freie Entfaltung 1928 1. Sinfonie, in Prag. Hartmanns 1. schrieb Hartmann erste Kompositio- Streichquartett (1933) gewann bei nen nieder, darunter die «Jazz-Toc- der Premiere in Genf einen Preis. cata und –Fuge». In der Folgezeit griff er in seinen Werken immer wieder 1935: «Simplicius Simplicissimus' auf die Neue Musik zurück. Zudem Jugend» Auf den Einfluß Scher- begründete er mit der Künstlerverei- chens geht Hartmanns Opernkom- nigung «Die Juryfreien» eine Kon- position «Simplicius Simplicissimus' zertreihe. Ende der 20er Jahre ent- Jugend» zurück. Das Werk –1955 als stand seine komisch-phantastische «Simplicius Simplicissimus» überar- Kammeroper «Wachsfigurenkabi- beitet – beruht auf dem Roman des nett» (1929/30). 1931 wurde Hart- deutschen Dichters Johann Jacob mann Privatschüler bei Hermann von Grimmeishausen und spiegelt, den inneren Konflikt des Komponi- sten angesichts der politischen Ord- nung seiner Heimat wider. Nach ei- nem «Concertino» für Trompete und Kammerorchester (1933) vollendete Hartmann 1937 die «Sinfonischen Fragmente», der Versuch eines Requiems nach Texten von Walt Whitman. Ein Jahr später erschienen die Sinfonie «L'œuvre» und ein Sin- fonisches Konzert, gefolgt von der «Sinfonia tragica» (1940). 1941/42 nahm Hartmann Unterricht bei An- ton Webern. Dennoch blieben seine folgenden Werke, die «Sinfoniae dramaticae» (1942) und die Sinfonie «Klagegesang» (1944) von den Ein- flüssen des Lehrers zunächst weitge- hend unbeeindruckt. Karl Amadeus Hartmann Ab 1948: Sinfonien Die Entstehung seiner acht Sinfonien ist eng mit auf zurückgezogenen Werken, wie Hartmanns Einstellung zum Natio- dem «Concertino», dem Sinfoni- nalsozialismus und den Nachkriegs- schen Konzert und «L'œuvre». Da- jahren verbunden. Bis 1945 drückte bei war die 5. Sinfonie (1950) erst- er in melodisch ausdrucksstarken mals von heiteren Klängen geprägt. Werken seine Gefühle über die poli- tischen Zustände aus. Den Höhe- 1963: «Sodom und Gomorrha» punkt bildete die «Sonate 27. April Hartmann setzte sich für eine Re- 1945» zur Befreiung des Konzentra- form des deutschen Musiklebens ein. tionslagers Dachau. Die von dem Musikdramaturgen an Nach Kriegsende zog er die meisten der Bayerischen Staatsoper (ab Orchesterwerke zurück, um sie auf- 1945) gegründeten Münchener Mu- grund der veränderten politischen sica-viva-Konzerte waren beispielge- Situation umzuformuheren: Die bend für viele Veranstaltungen der «Sinfonischen Fragmente» überar- Neuen Musik. Ab 1953 leitete Hart- beitete er zweimal (1948, 1950) und mann die deutsche Sektion der In- machte sie zu seiner 1. Sinfonie. Die ternationalen Gesellschaft für Neue 2. Sinfonie entstand 1946 aus der drei Musik. Sein letztes Werk, die Ge- Jahre zuvor geschaffenen Suite sangsszene «Sodom und Gomorrha» «Vita nova». 1949 vollendete Hart- (1963; nach Jean Giraudoux), ist ein mann die Umarbeitung von «Klage- Spiegel seines Lebens und themati- gesang» und «Sinfonia tragica» zur siert den Weltuntergang. Hartmann 3. Sinfonie. Auch seine drei folgen- starb kurz vor Abschluß des Werkes den Sinfonien (1948-53) basieren mit 58 Jahren in München an Krebs., Hans Werner Henze ► Politisch engagierter (* 1.7.1926) Musikdramatiker ◄ Das umfangreiche, stilistisch vielfältige Schaffen des deutschen Komponisten ist geprägt durch musikdramatische Werke, die ihn zu einem der wichtigsten Vertreter zeitgenössischer Musik machen. Ab Ende der 60er Jahre bekannte sich Henze zur politischen Funktion der Musik in der Gesellschaft. Henze wurde als ältestes von sechs nach François Villon nieder. Im sel- Kindern eines Dorfschullehrers in ben Jahr folgten Henzes 1. Sinfonie Gütersloh geboren und zeigte früh und das 1. Violinkonzert, das An- reges Interesse an der Musik. Seine klänge an die Kompositionsweise künstlerischen Ambitionen und po- Arnold Schönbergs zeigt. 1948 er- litischen Ansichten führten bald zu schien Henzes erste Oper, «Das Konflikten mit seinem Vater, einem Wundertheater», mit der er sich von NSDAP-Mitglied. Mit zwölf Jahren den eher abstrakten Werken der schrieb Henze erste Kompositionen Darmstädter Schule abwandte. und studierte ab 1942 in Braun- schweig Klavier und Schlagzeug. Ne- 1951: «Boulevard solitude» Zu den benbei las der von SS-Gewaltaktio- über 30 Werken, die Henze bis 1953 nen aufgewühlte Jugendliche heim- vollendete, gehören u. a. zwei seiner lich Bücher verbotener Autoren. Die sieben Sinfonien, der «Chor gefan- literarische Beschäftigung mit poli- gener Trojer» (1948) sowie die Kon- tisch-gesellschaftlichen Fragen wur- zertarie «Der Vorwurf» (1948, nach de später zum wesentlichen Merk- Franz Werfel) und sein 1. Klavier- mal seines Schaffens. konzert (1950). Daneben schrieb Henze zwei Radio-Opern – «Ein Ab 1946: Studium bei Fortner Im Landarzt» (1951, nach Franz Kafka) Frühjahr 1946 ging Henze nach Hei- und «Das Ende einer Welt» (1953, delberg, um bei Wolfgang Fortner zu nach Wolf gang Hildesheimer). Sein studieren. Im selben Jahr fand die erstes musikdramatisches Haupt- erste öffentliche Aufführung seines werk ist die Oper «Boulevard Soli- Kammerkonzerts bei den Darmstäd- tude» (1951), die eine Zusammenfas- ter Ferienkursen für Neue Musik sung der unterschiedlichsten Kom- statt. Fortner vermittelte ihm sowohl positionstechniken Henzes darstellt. die Grundlagen der traditionellen Kompositionstechniken als auch die Ab 1953: Italien Zu Anfang der 50er Begeisterung für die Neue Musik, Jahre geriet Henze durch seine kriti- die Henze später bei René Leibowitz sche politische Einstellung, seine ho- in Paris vertiefte. Die Beschäftigung mosexuellen Neigungen und die mit der Zwölftonmusik schlug sich Weigerung, die Neuerungen der mu- auch in «Fünf Madrigale» (1947) sikalischen Avantgarde kompromiß-, los zu übernehmen, in zunehmende Isolation. Nach Abschluß des Cello- konzerts «Ode an den Westwind» (1953) zog er nach Forio d'Ischia (Italien). Dort widmete sich Henze dem Musikdrama. 1955 vollendete er die –1964 überarbeiteten – «Sinfoni- schen Etüden» und seine Märchen- oper «König Hirsch», die 1956 in Berlin ihre umstrittene Uraufführung erlebte. Proteste rief auch der «Marathon-Tanz» (1956; Libretto Luchino Visconti), eines der zahlreichen Ballette Henzes, hervor. Die Oper «Der Prinz von Homburg» (1958, nach Heinrich von Kleist) zählt zu den Werken, die zusammen mit der Dichterin Ingeborg Bach- mann entstanden, wie auch «Nacht- Hans Werner Henze, 1992 stücke und Arien» (1957), «Chorfan- tasie» (1964) und die komische Oper richtete. Auf eine Zusammenarbeit «Der junge Lord» (1964). mit dem Autor Hans Magnus En- zensberger geht das 2. Violinkonzert 1965: «Die Bassariden» 1961 zog (1971) zurück, eine Mischung aus Henze nach Marino nahe Rom, wo Konzert und Theater. Mit der politi- er seitdem lebt. Ein Jahr später über- schen Wirklichkeit in der BRD nahm er die Leitung der Meister- setzte sich Henze u. a. in der Filmmu- klasse des Mozarteums in Salzburg sik zu «Die verlorene Ehre der Ka- (bis 1966). Nach der triumphalen Ur- tharina Blum» (1975, nach Heinrich aufführung seiner 1965 fertiggestell- Böll) auseinander. ten Oper «Die Bassariden» bei den 1977 brachte Henze in «Wir errei- Salzburger Festspielen geriet Henze chen den Fluß» einen neuen, enga- in eine zehnjährige Schaffenskrise. gierten Ausdruck in sein musikdra- Henzes politisches Engagement –u. matisches Schaffen. Das als »instru- a. der Einsatz gegen die amerika- mentelles Theater« bezeichnete nische Politik in Vietnam – beflü- Werk wurde von drei Orchestern auf gelte seine Schaffenskraft neu. Es der Bühne gespielt. Der Professor entstanden Bühnenbearbeitungen zu für Komposition an der Kölner Mu- politischen Texten, u.a. «Das Floß sikhochschule (seit 1980) und Be- der Medusa», dessen Uraufführung gründer der Münchner Biennale für in Hamburg 1968 nach De- neues Musiktheater (1988) vollen- monstrationen abgesagt wurde. Das dete 1990 das eher konventionelle Stück beschäftigt sich ebenso wie Operndrama «Das verratene Meer» «El Cimarrön» (1970) mit Kuba, nach einer Novelle des Japaners dem Land, wo Henze 1969/70 unter- Yukio Mishima., Paul Hindemith ► Klassiker der Neuen Musik ◄ (16.11.1895-28.12.1963) Nach radikalen Anfängen bestimmte satztechnische Strenge die Werke des deutsch-amerikanischen Komponisten. Tonale Harmonik und die Verwen- dung von barocken und klassischen Elementen brachten Hindemith trotz al- ler Neuerungen auch den Ruf eines Traditionalisten ein. Hindemith kam als Sohn eines Ma- Frauen» nach einem Text von Oskar lers und Anstreichers in Hanau zur Kokoschka und die Tanzsuite «Das Welt. Paul wurde streng erzogen, da Nusch-Nuschi» lösten 1921 bei ihrer ihm der Vater zum sozialen Aufstieg Uraufführung in Stuttgart wegen ih- verhelfen und ihn auf einen Musiker- rer unkonventionellen Form einen beruf vorbereiten wollte. Schon früh Skandal aus. trat Hindemith mit seinen beiden Das antiromantische 2. Streichquar- Geschwistern als «Frankfurter Kin- tett und sein atonales 3. Streichquar- dertrio» mit zwei Violinen und Cello tett (1922) machten Hindemith über in oberhessischen Dörfern auf. Der Nacht zum Wortführer der jungen Geigenschüler am Hochschen Kon- Komponistengeneration. Den noch servatorium in Frankfurt a. M. (ab weitergehenden Bruch mit der Tra- 1908) trat auch als Musiker in einer dition vollzog Hindemith mit der Jazzkapelle auf. Als 20jähriger kam «Suite 1922», in der er u. a. das Kla- Hindemith als Konzertmeister zum vier als Schlagzeug einsetzte, und in Orchester des Frankfurter Opern- der «Kammermusik Nr. 1», die radi- hauses. Nebenher spielte er Bratsche kal gegen romantischen Schönklang als Solist und in einem Streichquar- komponiert ist und motorische, fast tett. 1917/18 absolvierte er seinen maschinenartige Rhythmen benutzt. Militärdienst als Regimentsmusiker. 1926: «Cardillac» 1922 gründete 1921: Skandal mit Operneinaktern Hindemith das Amar-Quartett, mit Ab 1917 entstanden Hindemiths er- dem er bis 1929 als Bratschist Reisen ste wichtige Kompositionen, die von durch Europa unternahm. 1923 voll- Johannes Brahms und Max Reger endete er die erste Fassung seines beeinflußten «Drei Stücke für Cello Liederzyklus «Das Marienleben» und Klavier», «Drei Gesänge für So- (nach Gedichten Rainer Maria Ril- pran und Orchester» (beide 1917) kes), das als eines der wichtigsten und das 1. Streichquartett (1918). Werke Hindemiths im Bereich Neu- Anfang der 20er Jahre fand Hinde- er Musik gilt. 1924 heiratete er Ger- mith zu einem eigenen Stil, wobei er trud Rottenberg, die Tochter des Or- «aus konservativer Schulung in eine chesterleiters der Frankfurter Oper. neue Freiheit» aufbrach. Die beiden Mit der formalen Strenge seiner Einakter «Mörder, Hoffnung der Oper «Cardillac» (1926) orientierte, sich Hindemith an barocken Vorbil- dern. 1927 wurde er Kompositions- lehrer an der Berliner Musikhoch- schule. In Berlin entstanden u. a. eine Konzertmusik für Streicher und Blechbläser (sog. Bostoner Sinfonie, 1930) und das philharmonische Kon- zert (1932) für die Berliner Philhar- moniker. 1931 schrieb er das Orato- rium «Das Unaufhörliche» nach ei- nem Text von Gottfried Benn. 1938: «Mathis der Maler» Unter den Nationalsozialisten wurde Hindemiths Musik als «kulturbolsche- Paul Hindemith, 1956 wistisch» aus Konzertprogrammen verbannt, der Komponist als «atona- 1946: US-Staatsbürger Neben kam- ler Geräuschemacher» verleumdet. mermusikalischen Werken entstan- Dennoch führte der Dirigent Wil- den in den USA u.a. die «Sinfoni- helm Furtwängler 1934 mit großem schen Metamorphosen über Themen Erfolg Hindemiths Sinfonie «Mathis von Carl Maria von Weber» (1943) der Maler» auf. 1936 erhielt Hinde- und ein Klavierkonzert (1945). Ein mith Aufführungsverbot im Deut- Jahr später erhielt Hindemith die schen Reich. amerikanische Staatsbürgerschaft. Im folgenden Jahr gab er seine Lehr- 1951 folgte er einem Ruf als Profes- tätigkeit in Berlin auf und ging auf sor für Musikwissenschaft an die Konzertreise durch die USA. Kurz Universität Zürich und ließ sich in darauf veröffentlichte er den ersten Blonay am Genfer See nieder. In den Band seinef «Unterweisung im Ton- folgenden zehn Jahren unternahm er satz». Auf der Basis der Oberton- Konzertreisen als Dirigent durch reihe und einer Wertigkeit der Inter- ganz Europa. 1957 gab er seine Züri- valle wollte er eine ewig gültige cher Lehrtätigkeit auf und legte Kompositionslehre entwerfen. Das seine Oper «Die Harmonie der Buch erregte bei den NS-Machtha- Welt» vor, in deren Mittelpunkt der bern Anstoß: Hindemith übersiedelte Astronom Johannes Kepler steht. In 1938 in die Schweiz. Hier wurde im der Folgezeit entstanden u. a. die selben Jahr seine schon 1935 «Pittsburgh Symphony» (1958), der fertiggestellte Oper «Mathis der Einakter «Das lange Weihnachts- Maler» uraufgeführt, die sich am mahl» (1960; nach Thornton Wilder) Beispiel des Malers Matthias Grüne- und sein letztes Werk, eine A-cap- wald mit den Problemen des Künst- pella-Messe für gemischten Chor lerdaseins auseinandersetzte. 1940 (1963). Im selben Jahr starb Hinde- emigrierte Hindemith in die USA mith nach mehreren Schlaganfällen und übernahm eine Professur an der 68jährig in Frankfurt a. M. Yale-Universität., Adriana Hölszky ► Neuerungen durch (* 30.6.1953) «Wanderklänge» ◄ Die rumänisch-deutsche Komponistin setzte vorwiegend mit Zwölftontech- nik und serieller Musik auseinander. Hölszkys eigenwilliger Stil und ihre häu- fig provozierenden Experimente passen sich keiner Mode an. Hölszky kam in Bukarest als Tochter sie sich mit der Auffassung der Mao- deutschstämmiger Eltern zur Welt. ris zur Entstehung der Welt befaßt Ab 1959 wurde Adriana am Musikly- hatte, schuf Hölszky 1980 das Stück zeum der Stadt am Klavier ausgebil- «Space» für vier Orchestergruppen. det. Mit zwölf Jahren nahm sie Stun- Ihre Absicht war es, Klangschichten den in Harmonielehre und Kontra- zu erzeugen, die sich im Raum ent- punkt und studierte nach dem Abitur falten sollten – ein Ansatz, den die 1972-75 an der Musikhochschule in Komponistin mit dem Begriff «Wan- Budapest Komposition und Klavier. derklang» umschrieb. Die in ein- zelne Gruppen eingeteilten Ensem- 1976-79: Aufenthalt in Stuttgart bles produzieren vier kontrastierende 1976 kam die Familie als Spätaus- oder sich vermischende Klang- siedler nach Stuttgart, wo die deut- schichten, die dem sich überla- sche Staatsbürgerin (ab 1977) ihr gernden Farbauftrag eines Bildes Musikstudium an der Musikhoch- entsprachen, das Hölszky zuvor als schule in Komposition, Klavierkam- Druck angefertigt hatte. mermusik und elektronischer Musik 1980 verarbeitete Hölszky zwei So- fortsetzte. Hölszky, ihre Zwillings- nette von Michelangelo in dem Werk schwester Monika Hölszky-Wiede- «Omaggio à Michelangelo» für 16 mann und die Cellistin Hertha Rosa- Gesangssolisten. Die beiden Sonette Herseni machten sich in der Folge- durchdringen einander und geben so zeit als Lipatti-Trio einen Namen. der Komposition eine neue Struktur. Im Bestreben, eine Art umfassendes Für dieses Werk wurde Hölszky 1981 Kunstwerk zu schaffen, bezog in Bilthoven (Niederlande) mit dem Hölszky die Ideen zu ihren Werken Gaudeamus-Kompositionspreis aus- häufig aus Literatur und bildender gezeichnet. Kunst. 1977 beendete sie den «Mo- nolog» für Pauke und Frauen- 1983: Innovationen für Violine 1980 stimme. Dabei nutzte sie bemalte bestand Hölszky ihre Abschlußprü- und mit Schnitzereien verzierte fung und bekam einen Lehrauftrag Holztafeln als Vorlage für Drucke, an der Stuttgarter Musikhochschule die sie in ihre Komposition umsetzte. für Musiktheorie und Gehörbildung, den sie bis 1989 ausübte. Für das Ab 1979: Außermusikalische Vorla- Streichtrio «Innere Welten» erhielt gen und «Wanderklang» Nachdem sie im folgenden Jahr beim Komposi-, tionswettbewerb der Stadt Stuttgart eine Auszeichnung. Der Aufbau die- ses Werks ist exemplarisch für die Organisation von Hölszkys Stücken. Sie bildet Klangfelder, deren Anord- nung in einer festgelegten formalen Abfolge das Gesamtwerk ergeben. Ihrem Werk «Nouns to Nouns» für Violinsolo (1983) liegt ein Gedicht von E. E. Cummings zugrunde. Die Buchstaben der Vorlage ersetzte Hölszky durch Zahlen, die sie nach strengen Kriterien in ein formales Raster fügte. In dem Kunstwerk ent- warf sie neue Spieltechniken für Streicher: Korpus und Saitenhalter werden in das Spiel miteinbezogen, Klangmöglichkeiten so erweitert. Adriana Hölszky 1987: Operndebüt Nachdem Hol beitete Hölszky mit Klangfeldern, szky 1985 das Instrumentalstück die im Zusammen- oder Wechsel- «Requisiten» fertiggestellt hatte, er- spiel eine Klanglandschaft ergeben. hielt sie von Hans Werner Henze den Ein Jahr zuvor hatte sie die Arbeit Auftrag, für seine Münchener Bien- an «Karawane. Reflexionen über nale für Neues Musiktheater eine den Wanderklang» für zwölf Schlag- Oper zu schreiben. So entstand 1987 zeuger beendet. Ebenso wie in eines ihrer Hauptwerke, die «Bremer «…geträumt» (1990) bilden die In- Freiheit – Singwerk auf ein terpreten einen Kreis um die Zuhö- Frauenleben» nach der Vorlage des rer, wodurch wiederum ein spezieller gleichnamigen Dramas von Rainer Raumklang entsteht. Werner Faßbinder. Die Oper hatte 1995 feierte Hölszkys Oper «Die 1988 Premiere und wurde zudem bei Wände» nach der literarischen Vor- den Wiener Festwochen aufgeführt. lage von Jean Genet in Wien Pre- Ebenso wie in «Hörfenster für Franz miere. Das Bühnenstück ohne Liszt» (1987) verschmolz Hölszky in durchgängige Handlung ist eine An- dem Bühnenstück Vokal- und In- einanderreihung von Szenen, in de- strumentalmusik zu einer Einheit; nen die Abgründe der menschlichen die Sänger müssen auch auf Klangin- Seele im Mittelpunkt stehen. Ob- strumenten (Perkussion) musizieren, szöne Darstellungen machten die die Instrumentalisten singen. Als Uraufführung zum Skandalerfolg. weiteres Hauptwerk Hölszkys gilt Die musikalische Umsetzung besteht das Doppelkonzert «Lichtflug» für zum großen Teil aus (elektronischen) Violine, Flöte und Orchester, das Geräuschballungen, zu denen 1990 bei den Donaueschinger Musik- Wortfetzen per Lautsprecher einge- tagen Premiere feierte. Auch hier ar- spielt werden., Arthur Honegger ► Integration von (10.3.1892-27.11.1955) Sprache und Musik ◄ Der aus der Schweiz stammende Komponist zeigte sich gegenüber allen mu- sikalischen Stilarten vom Mittelalter bis zur Gegenwart aufgeschlossen und verband in seinen Kompositionen auch heterogene Elemente. Der Sohn eines Schweizer Kauf- bei –, ihre ästhetischen Ansichten manns wurde in Le Havre geboren. klafften jedoch zu weit auseinander. Erste musikalische Anregungen er- hielt er von seiner Mutter, einer Sän- 1921: Erfolg mit «König David» Mit gerin und Pianistin. Sein 1909 am seinem ersten größeren szenischen Züricher Konservatorium begonne- Werk, dem dramatischen Psalm nes Studium (Komposition, Kontra- «König David», schaffte Honegger punkt, Orchesterleitung, Violine) 1921 den internationalen Durch- setzte Honegger ein Jahr später in bruch, den er 1923 mit dem Orche- Paris fort. Seinen Lebensunterhalt sterstück «Pacific 231», dem Porträt verdiente er als Korrepetitor und einer Schnellzuglokomotive, festig- Kapellmeister. te. Kam in diesem ersten Teil eines Tryptichons Honeggers Technikbe- 1920: Gruppe der «Six» Mit Georges geisterung zum Ausdruck, so zeigte Auric und Louis Durey suchte Ho- sich im zweiten Teil, «Rugby» negger 1917 Erik Satie auf, um über (1928), seine Liebe zum Sport. Den Aufführungsmöglichkeiten eigener dritten Abschnitt betitelte Honegger Werke zu sprechen. Noch im selben nur mit «Mouvement symphonique Jahr gaben die Komponisten ein ge- no. 3» (1933), da er ihn als absolute meinsames Konzert. 1920 vervoll- Musik verstanden wissen wollte. ständigte sich der Kreis durch Da- 1925 vollendete er seine erste Oper, rius Milhaud, Francis Poulenc und «Judith» (zweite Fassung 1926), die Germaine Tailleferre zur Gruppe der sich in ihrer Konzeption an die ba- «Six» – deren Leitfigur Satie gehörte rocke Opera seria anlehnt. Die Mu- in der offiziellen Zählweise nicht sik hingegen nutzte aktuelle kompo- dazu. Wortführer der Gruppe, die sitorische Mittel. Mit dem «Concer- sich für einen einfachen, klaren tino» für Klavier und Orchester prä- Ausdruck in der französischen Mu- sentierte Honegger im selben Jahr sik einsetzte, war der Dichter Jean ein stark vom Jazz geprägtes Stück. Cocteau. Die «Six» versuchten sich zwar an gemeinsamen Aufgaben – 1927: «Antigone» 1926 heiratete Ho- neben einem «Album der Sechs» mit negger die Pianistin Andrée Vaura- Klavierstücken steuerte jeder eine bourg, eine herausragende Interpre- Nummer zu Cocteaus Ballettrevue tin seiner Klavier werke. Ein Jahr «Les mariés de la Tour Eiffel» (1921) später beendete er die Arbeit an der, Oper «Antigone» (nach Cocteau), die er als seinen wichtigsten Beitrag zum Musiktheater ansah. Honegger stellte in den Gesangsstimmen mit deklamatorischer, dem natürlichen Sprachrhythmus angepaßter Stimm- führung die Textverständlichkeit in den Vordergrund. Honegger, der als Dirigent zahlrei- che Konzertreisen unternahm, trat 1930 mit einem Auftragswerk zum 50jährigen Bestehen des Bostoner Sinfonieorchesters erstmals als Sin- foniker in Erscheinung. Im selben Jahr schrieb er die Operette «Die Abenteuer des Königs Pausole», sei- nen größten Bühnenerfolg. Die poli- tischen und sozialen Konflikte im Frankreich der späten 20er Jahre drücken sich in dem Oratorium «Der Arthur Honegger Welten Schrei» (1931) aus. Im 2. Weltkrieg arbeitete Honegger 1935: «Johanna auf dem Scheiter- als Lehrer an der École Normale de haufen» Honeggers wohl berühmte- Musique in Paris. Unter dem Ein- stes Werk ist das dramatische Orato- druck der deutschen Besatzung ent- rium «Johanna auf dem Scheiterhau- stand 1941 die 2. Sinfonie für Streich- fen» (Text von Paul Claudel). Die orchester und Trompete. Die 3. Sin- Sprache wird völlig in die Musik in- fonie («Symphonie liturgique», tegriert; Sprech- und Gesangsrollen 1946) war eine Reaktion auf das sind ebenbürtig und nutzen Artiku- Grauen des Kriegs. Heiterer gab sich lationsweisen wie Flüstern, Schrei- die im selben Jahr beendete 4. Sinfo- en, Murmeln oder Summen. Das nie «Deliciae Basiliensis». Werk avancierte im 2. Weltkrieg in 1947 brach Honegger zu einer Kon- Frankreich zu einem Symbol der zert- und Vortragsreise durch die Hoffnung und des Widerstands. Die USA auf, erkrankte nach der An- Autoren erhöhten diese Wirkung kunft in New York an Angina pecto- noch, indem sie 1944 einen Prolog ris und erholte sich nie mehr ganz mit aktuellem Bezug auf das geteilte von diesem Anfall. Dennoch schrieb Frankreich voranstellten. er noch vielbeachtete Werke, u.a. Außerdem entstanden zwei weitere 1950 die Sinfonie «Di tre re», 1952 Oratorien, «Der Totentanz» (1938) die «Suite archaique» und eine Toc- wiederum mit Claudel als Librettist, cata für Orchester sowie sein letztes und «Nikiaus von Flüe» (1939) zum Werk, «Eine Weihnachtskantate» 650jährigen Bestehen der Schweizer (1953). Honegger erlag 1955 mit 63 Eidgenossenschaft 1941. Jahren in Paris einem Herzschlag., Jacques Ibert ► Komponist gegen (15.8.1890-5.2.1962) die Avantgarde ◄ Der französische Komponist wurde zwar durch unterschiedliche Musikströ- mungen geprägt, widerstand jedoch allen modernen Einflüssen. Dank der Publikumswirksamkeit seiner eingängigen Kompositionen erfreute sich Ibert in seiner Heimat großer Popularität. Die musikalische Begabung des in nach Tunesien und Spanien) wider, Paris geborenen Ibert zeigte sich sondern beruht auch auf seinen Er- schon früh, als die Mutter ihrem lebnissen als Marinesoldat im Mit- Sohn Musik- und Klavierunterricht telmeerraum. In dem Werk zeigt sich erteilte. Dennoch begann Ibert, der außerdem die Verbundenheit seiner eigentlich Kaufmann werden sollte, frühen Werke mit dem Impressionis- zunächst mit einer Schauspielausbil- mus – und somit der Malerei. dung, die er jedoch bald abbrach. Iberts Interesse an den dramatischen 1911 nahm er ein Studium am Pariser Künsten schlug sich in seinen Opern, Konservatorium bei Gabriel Fauré Balletten und Schauspielmusiken und André Gédalge auf. Seinen Le- nieder. 1921 entstand sein Bühnen- bensunterhalt verdiente er als Be- werk «Persée et Andromède». Die gleitmusiker von Stummfilmen. Bei ein Jahr später geschriebenen «Deux seinen späteren Kompositionen von mouvements» wurden 1925 in Vene- Filmmusiken griff er auf diese Erfah- dig bei einer Veranstaltung der In- rungen zurück. ternationalen Gesellschaft für Neue Musik aufgeführt. Ab 1919: Erste Erfolge Nach dem Dienst als Marinesoldat im 1. Welt- Ab 1925: Wende zum Neoklassizis- krieg setzte Ibert das Studium bei mus 1923 kehrte Ibert nach Paris Paul Vidal fort. 1919 gewann er mit zurück. Mit der kurzen fünfteiligen seiner Kantate «Le poète et la fée» Suite «Les rencontres» (1925) deutet den Rom-Preis, der ihm und seiner sich die Wende des Komponisten Frau Marie-Rose Veber einen drei- zum Neoklassizismus an, die sich in jährigen Aufenthalt in der Villa Me- einer Bindung an traditionelle For- dici in der italienischen Hauptstadt men zeigt. Sein nächstes musikdra- sicherte. Dort komponierte er «La matisches Werk, der humorvolle ballade de la geôle de Reading», ei- Einakter «Angélique» (1926), avan- ne sinfonische Dichtung nach Oscar cierte zur populärsten seiner insge- Wilde (UA 1922 in Paris). Eine von samt sieben Opern. Es folgten die Iberts bekanntesten Arbeiten, die Bühnenstücke «Le roi d'Yvetot» sinfonische Suite «Escales» (1922), (1929) und «Gonzague» (1930). In spiegelt nicht nur die Eindrücke Zusammenarbeit mit anderen fran- seiner häufigen Reisen (u. a. zösischen Komponisten, u. a. Darius, Milhaud, Francis Poulenc, Maurice Ravel und Albert Roussel, entstand zur selben Zeit die Ballettsuite «L'éventail de Jeanne». Für diese aus klassischen Tänzen zusammen- gesetzte Suite schrieb Ibert einen Walzer. 1931 beendete er die stim- mungsvolle «Symphonie marine», die aber nicht als Sinfonie im eigent- lichen Sinn angesehen werden kann. 1935: «Le chevalier errant» Iberts Talent, sich verschiedenster musika- lischer Ausdrucksmittel zu bedienen, zeigt sich in dem 1935 entstandenen Ballett «Le chevalier errant». Er Jacques Ibert vertonte das auf Cervantes' «Don Quixote» basierende sog. choreogra- Ab 1948: Filmmusiken Nachdem phische Epos» mit großem Orche- Ibert bereits zu den Filmen «Don ster, mehreren Solisten, Sprechern Quichotte» (1932) und «Golgotha» und Chören. Das erst 1950 uraufge- (1937) die Musik geschrieben hatte, führte Werk steht damit im Gegen- schuf er 1948 die Melodien zu Orson satz zu der betont einfachen musika- Welles' Verfilmung von «Macbeth». lischen Sprache seiner frühen kam- Mit «Circus» verfaßte der Kompo- mermusikalischen Werke, z.B. der nist 1952 ein Werk für einen Film mit Klaviersuite «Histoires» (1922), die Gene Kelly. das bekannte Stück «Le petit ane Ab 1955 übernahm Ibert die Direk- blanc» enthält. Demgegenüber sind tion der Verwaltung der Pariser sein Flötenkonzert (1934) und das Oper und der Opéra comique. Ein «Concertino da camera» (1935) auf Jahr später wurde er Mitglied des In- eher klassische Virtuosität ausge- stitut de France, gab seine Funktio- richtet. Das «Concertino» für Altsa- nen aus Altersgründen bis 1960 aber xophon und Orchester, 1936 in Bar- wieder auf. celona uraufgeführt, erhielt beson- Ab Mitte der 50er Jahre entstanden ders wegen seiner Klang- und Aus- nur noch wenige Werke des französi- drucksstärke gute Kritiken. schen Komponisten. Zum zehnjähri- Im selben Jahr wurde Ibert zum Di- gen Jubiläum des Dritten Pro- rektor der Académie française in gramms der BBC in London schrieb Rom gewählt, die Tätigkeit jedoch Ibert 1956 seine dreisätzige «Baccha- durch den 2. Weltkrieg unterbro- nale». Ein Jahr vor seinem Tod voll- chen. Die Kriegsjahre prägten sein endete er seine 2. Sinfonie «Bostoni- bereits 1937 begonnenes Streich- ana», eines seiner letzten Werke. quartett, das er 1942 beendete, sowie Nach einer Virusinfektion starb Ibert das 1944 vollendete Trio für Violine, 1962 im Alter von 71 Jahren in Cello und Harfe. seiner Heimatstadt Paris., Charles Ives ► Unbekümmert in (20.10.1874-19.5.1954) kompositorisches Neuland ◄ Der amerikanische Komponist nahm in seinen Werken viele Aspekte der spä- teren Neuen Musik vorweg. Ives' demokratischer Musikbegriff, der sich in Zi- tatgebrauch und Vermischung kontrastierender Musikstile manifestiert, löste großes Interesse bei den Komponisten der nachfolgenden Generation aus. Charles Edward Ives wurde in Dan- Lebensversicherungsagenturen der bury/Connecticut geboren. Von sei- USA avancierte. Nach der Heirat mit nem Vater, einem Sproß einer alten Harmony Twichell (1908) verband Bankiers- und Juristenfamilie, er- Ives zwei Jahrzehnte lang Geschäft hielt er eine umfassende musikali- und Musik. Viele Kompositionen sche Ausbildung. Schon in seiner dieser Zeit entstanden unter größtem Kindheit experimentierte Ives an der Zeitdruck und mußten zudem wegen Vermischung von Musikstilen aus ihrer Progressivität jahrzehntelang unterschiedlichen Epochen. Seine auf ihre Uraufführung warten. Starke erste Komposition war ein Grab- Kontrastwirkungen erzielte Ives in gesang für die Familienkatze. Mit dem Orchester werk «Central Park in zwölf Jahren komponierte er für die the Dark» (1906; UA 1954) durch Militärkapelle seines Vaters, in der die Vermischung von ruhigen er auch als Trommler mitwirkte, den Streicherklängen und Marschmusik. «Holiday Quick Step». 1888 wurde In dem im selben Jahr entstandenen er Organist an verschiedenen Kir- Stück «The Unanswered Question» chen seiner Heimat. Im Orgelwerk (UA 1941) überlagern sich gleich «Variations on America» (1891) ent- mehrere Klang- und Zeitschichten. wickelte Ives die sog. Polytonalität Vor einem Streicherhintergrund (gleichzeitiges Erklingen mehrerer stellt die Solotrompete wiederholt Tonarten), indem er F-Dur und Des- eine «Frage», auf die die Holzbläser Dur im Orgelsatz kombinierte. An zunehmend schneller und dissonan- der Yale University studierte Ives ter reagieren. Zum Schluß bleibt der 1894-98 Komposition und Orgel. «Antwortversuch» ganz aus. Leo- Dort verfaßte er auch seine strikt nard Bernstein propagierte dieses nach den Schulregeln konzipierte 1. Werk später als exemplarisches Sinfonie (1897, UA 1965). Stück für den Zustand der Musik im 20. Jahrhundert – zwischen Tonalität 1898-1923: Komponist und Ge- und syntaktischer Klarheit einerseits schäftsmann Nach dem Studium sowie Atonalität und syntaktischer wurde Ives Angestellter bei einer Verwirrung andererseits. New Yorker Versicherungsgesell- Das Orchesterwerk «Three Places in schaft. 1906 gründete er eine Agen- New England» (1914, UA 1930) be- tur, die zu einer der erfolgreichsten schreibt drei Orte seiner Heimat. Im, 2. Satz «Putnam's Camp, West Red- ding, Connecticut» werden zwei Pas- sagen desselben Marsches in unter- schiedlichen Tempi gleichzeitig ge- spielt, um so zwei vorüberziehende Militärkapellen nachzuahmen. Charakteristisch für Ives' Komposi- tionen sind die zahlreichen Zitate. Inmitten der 4. Sinfonie (1916; UA 1965) – Ives' dissonantestem Werk – steht als 2. Satz eine tonale Fuge in C-Dur, die er während der Studien- zeit bei Horatio Parker verfaßt hatte. In anderen Kompositionen finden sich Zitate aus patriotischen ameri- kanischen Liedern sowie das Klopf- motiv aus Beethovens 5. Sinfonie. Nach einem Schwächeanfall (1918), der eine Herzkrankheit und später Charles Edward Ives, um 1950 Diabetes auslöste, begann sich Ives auf eigene Kosten um die Veröffent- verse Symphony» blieb unvollendet. lichung seiner Werke zu kümmern. Abgesehen von mehreren Reisen So erschien 1920 die «Concord So- nach Europa, lebte Ives mit Frau und nata» für Klavier, in der er erstmals Adoptivtochter zurückgezogen in sog. Cluster verwendete. 1922 kam New York und West Redding. 1930 ein Band mit 114 Liedern heraus. beendete er die Arbeit in seiner Beide Publikationen wurden kosten- Agentur. Gleichzeitig wuchs das öf- los an Interessenten abgegeben. fentliche Interesse an seiner Musik, was er jedoch mit zunehmender Cluster Gleichgültigkeit zur Kenntnis nahm. Zu den Entdeckern und Förderern (dt.: Tontraube), Ballung von neben- von Ives' Musik zählen die amerika- einanderliegenden Tönen zwischen Klang nischen Komponisten Henry Cowell und Geräusch jenseits der tonartlichen Ordnung. Am Klavier werden sie meist und Nicolas Slonimsky, die in den durch Niederdrücken der Tasten mit der 30er Jahren mit zahlreichen Urauf- Handfläche oder dem Unterarm führungen an die Öffentlichkeit tra- hervorgebracht. ten. 1947 erhielt Ives für seine im sel- ben Jahr ur auf geführte 3. Sinfonie (1904) den Pulitzerpreis, den seine 1923-54: Rückzug ins Privatleben Frau für ihn entgegennahm. Der in Aufgrund seines angegriffenen Ge- Selbstisolierung lebende Einzelgän- sundheitszustands hörte Ives um ger war nur zweimal bei öffentlichen 1923 auf zu komponieren und über- Aufführungen seiner Werke dabei. arbeitete zahlreiche Werke. Eine Ives starb 1954 im Alter von 79 Jah- 1915 begonnene umfassende «Uni- ren in New York City., Leos Janacek ► Zwischen Sprachmelodie (3.7.1854-12.8.1928) und Volkslied ◄ Der wichtigste tschechische Komponist des 20. Jahrhunderts schuf neun Opern. Sie zeichnen sich durch eine Expressivität aus, die sich in Klang und Rhythmus an gesprochener Sprache orientiert und in die Tiefen der mensch- lichen Psyche vordringt. Janacek kam als Sohn einer tschechi- Forschungen in theoretischen Stu- schen Musikerfamilie in Hukvaldy/ dien, Volksliedsammlungen (über Nordmähren zur Welt. Ab 1865 lebte 2000 Lieder bis 1908) sowie in Bear- er in Brunn, das zu seiner zweiten beitungen und Neuschöpfungen wie Heimat wurde. Nach bestandener den «Lachischen Tänzen» (1890) für Prüfung als Lehrer für Geographie, Orchester nieder. Auch Janâceks Geschichte und Tschechisch stu- Chorwerke, Schwerpunkt seines dierte Janacek ab 1874 an der Prager Frühwerks, beruhen z. T. auf Melo- Orgelschule. Das sonst dreijährige dien und Texten aus Volksliedern. Studium bewältigte er in einem Jahr. Musiktheoretischer und komposito- 1894-97: Theorie der Sprachmelo- rischer Unterricht an den Konserva- die Bereits 1879 hatte Janacek be- torien von Leipzig und Wien runde- gonnen, auch tierische Laute sowie ten 1879/80 seine Ausbildung ab. Melodien und Rhythmen menschli- Nach Brunn zurückgekehrt, wurde cher Alltagssprache in Noten aufzu- Janacek 1881 Leiter der neugegrün- zeichnen. Daraus entwickelte er in deten Orgelschule (nach 1919 Staatli- den 90er Jahren seine Theorie der ches Konservatorium der Tschecho- Sprachmelodie. Der Komponist sah slowakei). Ebenfalls 1881 heiratete im Tonfall ein «Fensterchen zur er die 16jährige Zdenka Schulz (zwei Seele» und betrachtete das Skizzie- Kinder), der er sein erstes wichtiges ren von Sprachmelodien als das Werk, die «Zdenka-Variationen» «Aktzeichnen in der Musik» – ein (1880) für Klavier gewidmet hatte. notwendiges Training. Ab 1888: Volksliedforschung 1904: «Jenufa» Das erste Werk, in begann Janacek mit dem Dialektfor- dem Janacek Sprachmelodien als scher Frantisek Bartos in Ostmähren «Bausteine» benutzte, ist seine Oper Volkslieder zu sammeln. Er notierte «Jenufa». Sie wurde nach neunjähri- die Stücke einstimmig und versah ei- ger Arbeit 1904 in Brunn uraufge- nen Teil später mit Klavierbeglei- führt. Das psychologisch-realistische tung. Die schönsten Werke faßte er Drama um Liebe, Eifersucht und 1908 in dem Zyklus «Mährische Kindesmord formte Janacek zu einer Volkspoesie in Liedern» zusammen. «Oper in Prosa», dem ersten tsche- Darüber hinaus schlugen sich seine chischen Musikdrama ohne Arien., Volksliedartige Chöre belegen in al- len drei Akten die Verwurzelung der Oper in der südmährischen Folklore. Die Prager Aufführung des Werks brachte Janâcek 1916 den internatio- nalen Durchbruch. «Jenufa» avan- cierte zur meistgespielten tschechi- schen Oper nach Bedfich Smetanas «Verkaufter Braut». 1918: «Taras Bulba» Die 1915 kom- ponierte und 1918 überarbeitete Or- chesterrhapsodie «Taras Bulba» (nach Nikolai Gogol) ist Janaceks wichtigster Beitrag zur Programmu- sik. Die verheißungsvolle Apotheose des Orchesters am Ende des Werks zeigt die Rußlandbegeisterung des Tschechen. Der Komposition stellte Leos Janâcek, um 1925 Janâcek acht Jahre später seine «Sin- fonietta» als gleichwertiges Orche- auf, das Janâcek 1921-24 kompo- sterstück zur Seite. Das patriotisch nierte. Seine Liebesbeziehung proji- geprägte Œuvre über seine Vater- zierte er in die Titelfigur seiner Oper stadt Brunn verbindet die klassische «Katja Kabanowa» (1921) – der reif- Form der Sinfonie mit Elementen sten, am feinsten gezeichneten Frau- der Suite. Blechbläserfanfaren um- engestalt aller seiner Bühnenwerke. rahmen das feierliche Musikstück. 1928: Letzte Werke Nach einer li- 1919: «Tagebuch eines Verscholle- terarischen Vorlage von Karel Ca- nen» Die letzten elf Lebensjahre pek entstand 1926 die Oper «Die Sa- Janâceks waren geprägt von der Lie- che Makropolus». Mit den avantgar- besbeziehung zu der 38 Jahre jünge- distischen Streichquartetten «Kreut- ren Kamila Stösslova, die ihn zu ei- zersonate» (1923), «Intime Briefe» ner Reihe jugendlich anmutender (1928) sowie der zukunftweisenden, Meisterwerke inspirierte. Das erste expressiven Dostojewski-Oper «Aus davon ist der Liederzyklus «Tage- einem Totenhaus» (1928) schloß Ja- buch eines Verschollenen» (1916), nâcek sein kompositorisches Schaf- geschrieben für Tenor, Alt, drei fen ab. Den Werken ist die Verwen- Frauenstimmen und Klavier. In den dung prägnanter, emotional dichter 22 Liedern bekennt ein walachischer Motive gemein, die nicht im her- Bauernjunge seine Liebe zu einem kömmlichen Sinn entwickelt und verführerischen Zigeunermädchen. «verarbeitet», sondern kaleidoskop- Ein solches Mädchen tritt auch in artig aneinandergereiht und verwan- dem impressionistisch-heiteren Mu- delt werden. 1928 starb Janâcek mit sikmärchen «Das schlaue Füchslein» 72 Jahren in Ostrava., Mauricio Kagel ► Musik als (*24.12.1931) verwirrendes Theater ◄ Der in Köln lebende argentinische Komponist gehört zu den vielseitigsten Vertretern der Avantgarde nach 1945. Kagels Schaffen umfaßt Film- und Hör- spielmusiken sowie Musiktheaterstücke, in denen er die Tradition und Me- chanismen des klassischen Musikbetriebs kritisch beleuchtet. Mauricio Raul Kagel wurde in Bue- Kagel die Sprachmanipulationen nos Aires geboren und erhielt Pri- weiter und attackierte durch unsin- vatunterricht für Gesang, Klavier, nige Spielanweisungen und Kombi- Orgel, Violoncello und Dirigieren. nationsverfahren den Systemzwang Nach mißlungener Aufnahmeprü- zeitgenössischer Musik. Die Thea- fung am Konservatorium von Bue- tralisierung von Musik war fortan ein nos Aires studierte er zunächst Lite- Hauptthema seines Schaffens. ratur und Philosophie. Die ersten Werke schuf er mit 18 Jahren auf der 1957: Übersiedelung nach Deutsch- Grundlage eines autodidaktischen land Als Stipendiat übersiedelte Ka- Kompositionsstudiums. gel 1957 nach Köln, wo er u.a. für den Westdeutschen Rundfunk tätig Ab 1950: Arbeiten für den Film war. Das Theaterstück «Sur scène», Schon früh interessierte sich Kagel mit dem er das «Instrumentale für Film und Fotografie. 1950 war er Theater» konstituierte, bedeutete Mitbegründer der Cinémathèque 1960 Kagels Durchbruch. In dem Argentine, für die er erste Filmmusi- Werk ergänzen sich Textmontagen, ken schrieb. Im selben Jahr entstand schauspielerische Aktivitäten der «Palimpsestos» für gemischten A- Musiker und vielfältige ins Groteske cappella-Chor nach Gedichten von gesteigerte Stimmverfremdungen zu Federico Garcia Lorca. Kagel mani- einem satirischen Gesamtbild des pulierte den natürlichen Sprachduk- zeitgenössischen Musikbetriebs. In tus durch Dehnungen und entwik- «Match» für drei Spieler (1964) ste- kelte so eine Polyphonie der Spra- hen sich zwei Cellisten wie auf dem che, die zu neuartigen Lautkombina- Tennisplatz gegenüber, ein Schlag- tionen führte. 1955 wurde er Stu- zeuger fungiert als erfolgloser dienleiter am Teatro Colon in Bu- Schiedsrichter. «Pas de cinq, Wan- enos Aires und arbeitete als Redak- delszene für fünf Darsteller » (1965) teur für die Zeitschrift «Nueva Visi- besteht aus rhythmischen Schritt- on». Das 1957 vollendete Streichsex- folgen der Darsteller. In «Die Him- tett gesteht den Ausführenden – wie melsmechanik» (1965) inszenierte auch in «Heterophonie » (1961) – ge- Kagel ein Ballett der Bestandteile stalterische Freiheiten zu. In der des Theaters: Bühnenbild, Lichtef- Kantate «Anagrama» (1957) führte fekte und Hintergrundgeräusche be-, wirken eine Vermischung von Illu- sion und deren Auflösung. Den Höhepunkt von Kagels musikthea- tralischen Stücken bildete 1971 die Uraufführung von «Staatstheater» an der Hamburgischen Staatsoper. Dabei zerstörte Kagel den bürger- lichen Opernbegriff, indem er jeg- liche Konvention ad absurdum führ- te und so die seiner Meinung nach Realitätsferne und Falschheit der traditionellen Oper entlarvte. Auf der Suche nach neuen Klangfarben erfand Kagel zahlreiche Musikin- strumente, die er aus Alltagsgegen- Mauricio Kagel (rechts) mit Rolf ständen (z. B. Platten, Rohren, Stan- Liebermann bei der Probenarbeit in der gen) herstellte und in seinen Werken Hamburgischen Staatsoper, 1971 (z.B. «Der Schall», 1968; «Acu- stica», 1970) einsetzte. Brahms, dessen Kompositionstech- nik er in seinen Stil integrierte. 1974 70er Jahre: Hörspiel- und Filmautor wurde Kagel Professor für Neues In den 70er Jahren widmete sich Ka- Musiktheater in Köln. gel vermehrt dem Hörspiel und der Filmmusik. In «(Hörspiel) Ein Auf- 80er Jahre: Rückkehr zu traditionel- nahmezustand» (1969) montierte er len Formen In der szenischen Ak- verbale Zufallsäußerungen der sie- tion «Die Erschöpfung der Welt» ben Mitwirkenden zu einem Hör- (1980) karikierte er Joseph Haydns stück, das Sprache als Musik präsen- «Schöpfung»; in der «Sankt Bach tiert. Das Hörspiel «Guten Morgen! Passion» (1985) näherte er sich ironi- » (1971) setzt sich aus vom Kom- sierend Johann Sebastian Bach. 1981 ponisten verfaßten Werbespots zu- hatte er zudem mit der sog. Ein-Lie- sammen und ironisiert die plakative der-Oper «Aus Deutschland» großen Sprache der Werbung. Trotz aller In- Erfolg. Das 3. Streichquartett (1988) novationen beschäftigte sich Kagel markiert den Endpunkt einer auch mit traditioneller Musik: In Entwicklung, während der sich Ka- dem Film «Ludwig van, Hommage gel von ironischer Distanz zu ernst- von Beethoven» (1970) beleuchtete hafter Ausgestaltung der Musiktra- er kritisch das heroisierende Beetho- dition im Rahmen seiner individuel- venbild und begab sich auf die Suche len Tonsprache bewegte. In dem Zy- nach der Persönlichkeit des Kompo- klus «Stücke der Windrose» (bis nisten. Die «Variationen ohne Fuge» Ende 1995 fünf Teile) für Salonor- für großes Orchester (1973) schrieb chester erkundete Kagel ab 1989 die Kagel nach den «Variationen und «wechselnden Bedeutungen der Fuge über ein Thema von Händel für Himmelsrichtungen» und bezog da- Klavier» von Johannes bei u. a. Musik aus Südamerika ein., Giselher Klebe ► Expressiver (* 28.6.1925) Opernkomponist ◄ Neben Hans Werner Henze zählt der Komponist zu den wichtigsten Neuerern des deutschen Musiktheaters nach dem 2. Weltkrieg. In seinem Stil bevorzugt Klebe serielle Techniken, die er mit anderen Kompositionsarten verknüpft, um die Ausdruckskraft zu steigern. Giselher Wolfgang Klebe wurde in In Klebes frühen Werken ist der Ein- Mannheim geboren. Erste musikali- fluß seiner Lehrer deutlich spürbar – sche Kenntnisse vermittelte ihm sei- u. a. verwendete er Blachers variable ne Mutter, eine Geigerin. 1937 zog Metren. Er setzte sich zunächst vor die Familie nach Berlin, wo Klebe allem mit seriellen Techniken aus- seine humanistische Gymnasialbil- einander, etwa in seinem 1. Streich- dung abschloß. 1940 begann er am quartett (1951), das die Beschäfti- Berliner Konservatorium Violine gung mit Werken Anton von We- und Viola zu studieren, ab 1942 ka- berns erkennen läßt. Die sechs Sätze men Kompositionsstudien bei Kurt des Quartetts sind durch eine Ton- von Wolfurt hinzu. Nach Unterbre- reihe und rhythmische Reihenbil- chung der Ausbildung im 2. Welt- dungen miteinander verknüpft. Da- krieg nahm er den Kompositionsun- neben befaßte sich der Komponist terricht 1946 am Internationalen mit den Möglichkeiten elektroni- Musikinstitut in Berlin bei Josef Ru- scher Klänge, die durch das 1951 fer und wenig später als Privat- beim NWDR in Köln eingerichtete schüler bei Boris Blacher (bis 1951) Studio für Elektronische Musik Auf- wieder auf. Ebenfalls 1946 heiratete trieb erhielten. So entstanden u.a. die er die Geigerin Lore Schiller (zwei «Interferenzen» für vier Laut- Kinder) und bekam eine Stelle beim sprecher (1955). Berliner Rundfunk. 1957: «Die Räuber» 1957 wurde 1950: Durchbruch mit «Zwitscher- Klebe Nachfolger von Fortner als maschine» Seinen ersten Erfolg ver- Dozent für Komposition und Musik- buchte Klebe mit «Divertissement theorie an der Musikakademie in Joyeux» für Kammerorchester, das Detmold. Sein kompositorisches In- 1949 unter der Leitung von Wolfgang teresse hatte sich seit Mitte der 50er Fortner bei den Kranichsteiner Feri- Jahre dem Musiktheater zugewandt. enkursen für Neue Musik uraufge- Im Anschluß an die dramatische führt wurde. Ein Jahr später verhalf Szene «Raskolnikoffs Traum» (1956; ihm die «Zwitschermaschine», ein nach Fjodor Dostojewski) fand durch das gleichnamige Bild Paul Klebe 1957 mit der Uraufführung Klees angeregtes Orchesterstück, seiner Oper «Die Räuber» nach dem zum internationalen Durchbruch. Schiller-Drama große Anerkennung., Das Werk, basierend auf zwei Zwölftonreihen, die jeweils gegen- sätzliche Prinzipien verkörpern, bil- det den Anfangspunkt von Klebes Literaturopern, für die er selbst das Libretto verfaßte. Mit «Die tödli- chen Wünsche» nach Honoré de Balzac und «Die Ermordung Cae- sars» nach William Shakespeare (beide 1959) emanzipierte sich Klebe endgültig von seinen Vorbildern. Zwar wandte er auch hier die Zwölftontechnik an, unterwarf sich aber nicht ihren strengen Gesetzen. 1961 folgte die Literaturoper «Alk- mene» nach Heinrich von Kleists «Amphytrion», ein wenig erfolgrei- ches Auftragswerk zur Eröffnung des neuen Hauses der Deutschen Giselher Klebe Oper Berlin. messe «Gebet einer armen Seele» 1965: «Jakobowski und der Oberst» (1966) für gemischten Chor und Or- 1963 entstand die musikalische Um- gel vor. Eine Erweiterung der instru- setzung des Bühnenstücks «Figaro mentalen Möglichkeiten stellen die läßt sich scheiden» von Ödön von sinfonischen Szenen «Herzschläge. Horvath. Das Werk hatte er ebenso Furcht, Bitte und Hoffnung» (1969) für die Hamburger Staatsoper kom- für Beatband und Orchester dar. Die poniert wie die Oper «Jakobowsky Synthese zwischen atonaler Reihen- und der Oberst» nach Franz Werf eis technik und Tonalität behielt Klebe Emigrantendrama. Erstmals inte- auch in seinen folgenden Opern bei, grierte Klebe tonale Passagen in die darunter «Ein wahrer Held» (1975), serielle Komposition. Dabei ver- «Der jüngste Tag» (1980) und «Die mischte er beide Prinzipien nicht, Fastnachtsbeichte» (1983). sondern wies ihnen einen eigenen, dramaturgisch motivierten Platz zu. 1989: Weihnachtsoratorium» Nach Das Instrumentarium umfaßte neben der 5. Sinfonie (1977) zeigte das zahlreichen Blas- und Schlagin- «Choral und Te Deum» (1978) für strumenten auch zwei Windmaschi- gemischten Chor und Orchester Kle- nen und eine chromatische Mund- bes Engagement für geistliche Mu- harmonika. Einzelne Teile des sik, das 1989 mit dem «Weihnachts- Stücks wurden über Lautsprecher oratorium» einen Höhepunkt fand. vom Band eingespielt. Drei Jahre zuvor war der Komponist Mitte der 60er Jahre legte Klebe sein als Nachfolger von Günter Grass in Mailand preisgekröntes «Stabat zum Präsidenten der Berliner Aka- mater» (1964) und die Zwölfton- demie der Künste gewählt worden., Zoltân Kodaly ► Streiter für ungarische (16.12.1882-6.3.1967) Volksmusik ◄ Der ungarische Komponist sammelte über 3500 alte Volkslieder seines Lan- des, die er in Bänden herausgab und vor allem zu Vokalmusik umarbeitete. Kodâlys zumeist tonale Werke zeichnen sich durch Klangfülle aus und mach- ten ihn neben Bêla Bartok zum beliebtesten Komponisten seiner Heimat. Als Sohn einer musikalischen Fami- ken statt, bei dem auch die Sonate lie in Kecskemet geboren, bekam für Cello und Klavier (1910) gespielt Kodaly während seiner Schulzeit er- wurde. Im selben Jahr heiratete Ko- sten Unterricht für Bratsche, Cello, daly seine Schülerin Emma Sândor. Geige und Klavier. Nebenher ver- 1912 gründete er u. a. mit Bartök den suchte er sich an Kompositionen, ungarischen Musikverein, um dem z.B. dem «Ave Maria». Mit 16 Jah- Publikum – zunächst allerdings ohne ren entstand eine Reihe von sakralen großen Erfolg – den wiederbelebten Chorwerken und Kammermusiken. ungarischen Volksliedstil und neue 1900 nahm Kodaly ein Studium für europäische, vorwiegend impressio- Komposition am Budapester Musik- nistische, Musik nahezubringen. konservatorium bei Hans Koessler auf und studierte Ungarische und 1923: «Psalmus Hungaricus» Sechs Deutsche Literatur- und Sprachwis- Jahre nach seinem 2. Streichquartett senschaften an der Universität. schrieb Kodaly 1923 sein bekannte- stes Werk, «Psalmus Hungaricus», 1903-23: Entdeckung der ungari- zum 50jährigen Jubiläum der Verei- schen Volksmusik Die Tatsache, daß nigung von Buda und Pest zur seine deutschen Professoren die un- Hauptstadt des Landes. Das Orato- garische Sprache zumeist nicht be- rium für Tenor, gemischten Chor, herrschten, weckte Kodâlys Natio- Kinderchor und Orchester themati- nalbewußtsein: Er begann Volkswei- siert die Suche des Menschen nach sen seiner Heimat zu sammeln. 1906 Vertrauen und Zuversicht. Neben promovierte er mit einer Arbeit über gregorianischer Harmonik und den Strophenaufbau im ungarischen Ganztonleitern liegen dieser Kom- Volkslied und veröffentlichte mit sei- position wiederum Volksweisen zu- nem Freund Bêla Bartok den Lie- grunde. Als Textvorlage diente der derband «20 ungarische Volkslieder 55. Psalm des ungarischen Dichters (mit Klavierbegleitung)». und Predigers Michael Vég. Die Ur- Mit 25 Jahren nahm Kodaly eine aufführung begründete Kodâlys in- Stelle als Professor für Musiktheorie ternationalen Ruhm. und Komposition an der Budapester In der Folgezeit veröffentlichte er bis Musikhochschule an. 1910 fand ein 1932 in seinem zehnbändigen Werk erster Konzertabend mit seinen Wer- «Ungarische Volksmusik» insgesamt, 57 Volkslieder und Balladen für Stim- me und Klavier. 1926: «Hâry Jânos» 1926 vollendete Kodaly das im selben Jahr erfolg- reich in Budapest uraufgeführte Singspiel «Hâry Jânos», das die ko- mischen Geschichten einer dem Lü- genbaron Münchhausen ähnlichen Gestalt erzählt. Mit diesem Stück hatte der Komponist keine moderne nationale Oper geschaffen, sondern erstmals traditionelle Volkslieder seines Landes auf eine Opernbühne gebracht. 1927 verfaßte Kodâly über denselben Stoff eine Suite für großes Orchester. Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler und Arturo Toscanini nahmen dieses Werk in ihr Pro- Zoltân Kodaly gramm auf. Einen weiteren Erfolg erzielte Ko- 1950-67: Spätwerk Nach dem Ende dâly mit den in Rondoform verfaß- des 2. Weltkriegs schränkte Kodâly ten »Marosszéker Tänzen« (1930). seine kompositorische Arbeit ein. Der bekannteren Form für Orchester 1945 erschienen die «Kindertänze» – war drei Jahre zuvor eine Kla- ein kammermusikalisches Werk, vierfassung vorausgegangen. Eben- komponiert für schwarze Tasten. Zu falls 1930 überarbeitete der Kompo- Kodâlys letzten Arbeiten gehören nist seine 1906 entstandene sinfoni- u.a. die «Volkstänze aus Kallö» sche Dichtung «Ein Sommer abend» (1951) für drei Klarinetten, zwei und legte seine zweite Oper vor, Zimbals und Streicher. «Die Spinnstube», eine Auseinan- Die Niederschlagung der Demokra- dersetzung mit dem Leben in Sie- tiebewegung in Ungarn verarbeitete benbürgen. Für die 1931 erschiene- der Komponist 1956 in seinem «Na- nen «Tänze aus Galânta» dienten tionallied», einem ausschließlich für siebenbürgische Zigeunermelodien Männerchor konzipierten Chorstück. als Vorlage. Drei Jahre nach «Buda- Nachdem seine erste Frau Emma vâri Tedeum» folgte 1936 «Der Pfau 1958 gestorben war, heiratete ist aufgeflogen» – 16 Variationen Kodâly die 19jährige Studentin Sa- über ein ungarisches Volkslied für rolta Péczely. Ab 1960 reiste er regel- Orchester. Dieses Stück für die Auf- mäßig in die USA und durch Eu- führung zu den Feierlichkeiten des ropa, wobei er verschiedene eu- 50. Jubiläums des Amsterdamer ropäische Sprachen lernte. 1961 legte Concertgebouw-Orchesters vergrö- er seine 1. Sinfonie vor. Im Alter von ßerte Kodâlys Popularität auch im 84 Jahren starb Kodâly 1967 in der westlichen Ausland. ungarischen Hauptstadt., Erich Wolfgang Korngold ► Komponist zwischen (29.5.1897-29.11.1957) zwei Welten ◄ Der österreichisch-amerikanische Komponist machte sich sowohl als einer der letzten großen Opernkomponisten in der Tradition des 19. Jahrhunderts als auch durch Filmmusiken einen Namen. Mit dem wachsenden Einfluß der Neuen Musik ab den 30er Jahren verblaßte Korngolds Ruhm in Europa. Die Kindheit des in Brunn (damals Opernkompositionen des jungen Österreich-Ungarn) geborenen Komponisten, die Einakter «Der Korngold war geprägt durch Sensa- Ring des Polykrates» und «Vio- tionserfolge seiner Frühwerke. Der lanta», hatten 1916 in München unter Sohn von Julius Korngold, einem der Leitung von Bruno Walter Premiere. bekanntesten Musikkritiker seiner 1919 nahm Korngold eine dreijährige Zeit, wurde durch seinen Vater ge- Tätigkeit als Dirigent an der Ham- fördert. Nachdem der Schüler von burger Oper auf. Robert Fuchs als Zehnjähriger seine Kantate «Gold» Gustav Mahler vor- 1920: «Die tote Stadt» Nach einer gespielt hatte, war der Komponist Vorlage seines Vaters, der schon bei und Dirigent so begeistert, daß er «Der Ring des Polykrates» mitge- den Jungen für ein Studium bei holfen hatte, entstand bis 1920 Korn- Alexander von Zemlinsky empfahl. golds spätromantisch-expressionisti- sche Oper «Die tote Stadt». Das Ab 1908: Ruf als «Wunderkind» Mit Werk, einer der Höhepunkte seines elf Jahren schrieb Korngold die Pan- Schaffens, wurde 1920 gleichzeitig in tomime «Der Schneemann», auf die Hamburg und Köln uraufgeführt. sich sein Ruf als Wunderkind grün- Nach der «Symphonie-Ouvertüre» dete. Das Stück, dessen Instrumen- (1921) folgten einige größere kam- tation Zemlinsky übernommen hatte, mermusikalische Werke, darunter wurde 1908 bei der Uraufführung an ein Klavierquintett (1923) und ein der Wiener Hofoper begeistert Streichquartett (1924). Korngolds gefeiert. Korngolds zweite Klavier- Klavierkonzert von 1924 war – wie sonate (1910) nahm der Pianist Ar- die 1930 entstandene Suite op. 23 – thur Schnabel in sein Repertoire auf nur für die linke Hand komponiert: und spielte sie bei seinen Konzertrei- Er hatte die Stücke für den Pianisten sen durch Europa. Auch Richard Paul Wittgenstein geschrieben, der Strauss zeigte sich verblüfft über das wegen einer Kriegsverletzung nur Potential in Korngolds Frühwerk, mit einer Hand spielen konnte. Mit wie z.B. in der 1911 vom Leipziger «Das Wunder der Heliane» (1927) Gewandhausorchester uraufgeführ- folgte Korngolds vierte Oper. Vier ten Schauspiel-Ouvertüre und in der Jahre später nahm er einen Ruf an Sinfonietta (1912). Die ersten beiden die Wiener Musikakademie an., Ab 1934: Tätigkeit in Hollywood 1929 begann die Zusammenarbeit des Komponisten mit dem öster- reichischen Regisseur und Theater- leiter Max Reinhardt. Ziel war die Überarbeitung klassischer Operetten wie etwa «La belle Hélène» oder «Die Fledermaus». Trotz aller Er- folge hatte Korngold als Jude unter dem wachsenden Antisemitismus im Deutschen Reich und in Österreich zu leiden. Durch Reinhardt kam er 1934 nach Hollywood. Bei der Film- gesellschaft Warner Brothers unter- zeichnete Korngold einen Vertrag als Komponist für Filmmusiken und fei- erte bald erste Erfolge: Seine Musi- ken zu «Anthony Adverse» (1936) Erich Wolfgang Korngold, 1916 und die Partitur zu «Robin Hood» (1938) wurden jeweils mit einem Os- tion», «Escape Me Never» und «The car ausgezeichnet. Sea Hawk». Sein musikalischer Stil Als Opernkomponist konnte Korn- entsprach genau den Vorstellungen gold in der Folgezeit nur noch ein- von Warner Brothers, die zu dieser mal auf sich aufmerksam machen, da Zeit den großen Orchesterklang des die Bedeutung der traditionellen, ausgehenden 19. Jahrhunderts be- von der musikalischen Sprache Ri- vorzugten. So war Korngolds Exi- chard Wagners und Strauss' gepräg- stenz in der Neuen Welt weiterhin ten Bühnenwerke unter dem Einfluß gesichert und sein Ruf als einflußrei- der Neuen Musik gesunken war. cher Meister des Genres gefestigt. «Kathrin», sein fünftes und letztes Seine Tätigkeit als Filmkomponist Opernprojekt, sollte 1938 in Öster- und sein altmodischer Stil wurden reich uraufgeführt werden. Der Korngold jedoch vorgeworfen, als er «Anschluß» des Landes an Nazi- nach Kriegsende nach Wien zurück- Deutschland verhinderte dieses Vor- kehrte, obwohl er sich verstärkt der haben. Die Aufführung fand erst im absoluten Musik zuwandte. So wur- folgenden Jahr in Stockholm statt. den seine späten Werke wie z. B. die Konzerte für Violine (1945) und Vio- Ab 1943: US-Staatsbürger Wegen loncello (1946) sowie seine Sinfoni- der politischen Situation in seiner sche Serenade (1947) und die Sinfo- Heimat blieb Korngold in den USA. nie (1952) nur in den USA positiv 1943 nahm er die amerikanische aufgenommen. In Wien blieb die Staatsbürgerschaft an und kompo- Anerkennung aus, was Korngold nierte bis zum Ende des Krieges fast nicht verwinden konnte. 1957 starb ausschließlich Filmmusiken, u. a. zu der Komponist in Hollywood nach «Between Two Worlds», «Decep- einem Herzanfall., Ernst Krenek ► Der vielseitige Stilist ◄ (23.8.1900-22.12.1991) Der österreichisch-amerikanische Komponist widmete sich in seinen über 250 Kompositionen vielfältigen Stilrichtungen von atonaler bis elektroni- scher Musik. Krenek, der eine besondere Vorliebe für Opern entwickelte, be- faßte sich eingehend mit der Zwölftontechnik. In Wien als Sohn eines Offiziers ge- rin Berta Hermann (dritte Ehe ab boren, studierte Krenek ab 1916 1950 mit der schwedischen Kompo- Komposition an der Staatsakademie nistin Gladys Nordenström). seiner Heimatstadt bei Franz Schre- Ebenfalls 1928 vollendete Krenek ker, dem er 1920 nach Berlin folgte. einige politisch motivierte Bühnen- Der wild rhythmisierte und aggres- werke: Nach «Der Diktator» ent- sive Ausdruck der 2. Sinfonie (1922) stand das satirische Stück «Schwer- sorgte dort für Aufsehen. In Berlin gewicht oder Die Ehre der Nation», fand Krenek den Weg zur Atonalität in dem er sich mit dem deutschen und integrierte auch Jazz-Elemente Weltmachtstreben auseinandersetzte. in seine Musik. 1925-27 war er Assi- Mit der Oper «Leben des Orest» stent bei Paul Bekker, dem Intendan- (1929) setzte Krenek, der 1928 nach ten der Kasseler Staatsoper. Wien zurückgekehrt war, seine ro- mantisch-klassizistische Phase fort. 1926: «Jonny spielt auf» Nach der ra- Inhalt des Bühnenstücks (UA1930 in dikalen, atonalen Phase beschäftigte Leipzig) ist die existenzphilosophi- sich Krenek mit tonaler Bühnenmu- sche Deutung der griechischen Sage. sik. Zwei Jahre nach seiner einakti- Zudem beschäftigte sich Krenek mit gen szenischen Kantate «Die Zwing- Vokalmusik. Sein «Reisetagebuch burg» und der komischen Oper «Der aus den österreichischen Alpen» Sprung über den Schatten» entstand (1929) ist ein national orientierter, 1926 die Oper «Orpheus und Eury- instrumentalbegleiteter Zyklus, des- dike» nach einem Text von Oskar sen neoromantischer Stil an Schu- Kokoschka. In der Jazz-Oper «Jonny bert erinnert. spielt auf» (1926) verband Krenek eingängige Melodien mit einfach 30er Jahre: Probleme um «Karl V.» strukturierten Rhythmen; die Texte Kreneks nächste stilistische Wende verfaßte er selbst. Die Uraufführung ist an den «Gesängen des späten Jah- in Leipzig war 1927 ein großer Erfolg res» (1931) abzulesen. Erstmals be- und sicherte Krenek die finanzielle diente er sich dabei der Zwölfton- Basis für weitere Kompositionen. technik. Im Zuge des Faschismus in Nach der Scheidung von Anna Mah- Europa bekannte sich Krenek An- ler, der Tochter Gustav Mahlers, hei- fang der 30er Jahre zum Katholizis- ratete Krenek 1928 die Schauspiele- mus. Nach Machtübernahme der Na-, tionalsozialisten waren Kfeneks Werke im Deutschen Reich ab 1933 verboten; seine Stücke galten als «entartet». In Österreich wurde 1934 die Uraufführung seiner Oper «Karl V.» (1933) verhindert. Die Premiere des für die Wiener Staatsoper ver- faßten Werks fand 1938 in Prag statt. In der Folgezeit verdiente Krenek seinen Lebensunterhalt als Pianist und Dirigent eigener Werke. 1937: Emigration 1937 emigrierte Krenek in die USA, legte sein theo- retisches Werk «Über neue Musik» vor und nahm zwei Jahre später einen Lehrauftrag am Vassar Col- lege in Poughkeepsie/New York an. 1942 ging er als Leiter der Abteilung für Musik nach St. Paul /Minnesota. Ernst Krenek in Köln, 1951 Durch seine Lehrtätigkeit vermittelte Krenek die europäische Musik- Ab 1956: Serielle und elektronische entwicklung und machte die USA – Musik Ab 1950 war Krenek als Do- mit anderen europäischen Komponi- zent, Pianist und Dirigent eigener sten wie Paul Hindemith, Arnold Werke häufig in Europa tätig. 1955 Schönberg und Igor Strawinsky – schrieb er für die Hamburgische zum Zentrum der Avantgarde. Staatsoper das Bühnenstück «Pallas In der Folgezeit wandte sich Krenek Athene weint» (1955) um die Rolle dem Gregorianischen Choral, mit- des Menschen in Demokratie und telalterlicher Polyphonie und der Diktatur. In dem Pfingstoratorium Renaissance zu. Angeregt von der «Spiritus intelligentiae sanctus» Musik Johannes Ockeghems, schrieb (1956) befaßte sich Krenek – wie er 1942 das A-cappella-Chorwerk schon in dem Orchesterstück «Que- «Lamentatio Jeremiae Prophetae», stio temporis» (1949) – mit serieller das neben gelockerter Zwölfton- Musik, wobei er auch elektronische technik einen komplizierten poly- Elemente einfließen ließ. phonen Aufbau aufweist. Ein Jahr nach seiner Fernsehoper 1945 erhielt Krenek die amerikani- «Ausgerechnet und verspielt» sche Staatsbürgerschaft, änderte sei- (1963) erschien die Bühnenfassung nen Namen in Krenek und ließ sich der Argonautensage «Der goldene zwei Jahre später in Los Angeles nie- Bock» mit dem 1951 entstandenen der. 1950 erschien seine Oper «Tar- dramatischen Monolog «Medea» für quin», die das Spannungsverhältnis Mezzosopran und Orchester. 1966 zwischen Kirche und Staat bzw. zog Krenek nach Palm Springs, wo er Geist und Macht thematisiert. 1991 im Alter von 91 Jahren starb., Franz Lehar ► Meister der Operette ◄ (30.4.1870-24.10.1948) Der aus Österreich-Ungarn stammende Komponist schrieb über 30 Opern und Operetten. Weltruhm erreichte Lehar 1905 mit der «Lustigen Witwe». Lehar wurde in Komorn im heutigen entstandene Oper «Rodrigo» wurde Ungarn als Sohn des Hornisten und nicht aufgeführt. In der Hoffnung, Militärkapellmeisters Franz Lehar seinen Lebensunterhalt von den sen. geboren. Durch die häufigen Tantiemen dieses Werkes bestreiten Ortswechsel der Einheit seines Va- zu können, trat er aus dem Militär- ters verlebte er seine Kindheit in den dienst aus. Der bescheidene Erfolg größeren Städten des damaligen Un- der Oper zwang ihn jedoch, 1896 eine garn, so u. a. in Preßburg und Klau- Stelle als Kapellmeister beim Infan- senburg. 1880 kam Lehar auf das terieregiment in Triest anzunehmen. Gymnasium in Budapest und ging Nachdem er 1898 Nachfolger seines danach zum Studium der deutschen Vaters bei der Regimentskapelle in Sprache nach Mährisch-Sternberg. Budapest geworden war, beendete Aufgrund seiner musikalischen Be- Lehar 1902 in Wien seine Militärkar- gabung wurde er 1882 mit zwölf Jah- riere. In der österreichischen Metro- ren am Prager Konservatorium auf- pole hatte er sich durch seinen Kon- genommen und studierte dort bis zertwalzer «Gold und Silber» bereits 1888 Violine und Musiktheorie. An- einen Namen gemacht. tonm Dvorak ermunterte ihn, den Beruf des Komponisten zu ergreifen. Ab 1902: Meister der Wiener Ope- Zunächst entstanden Konzertwalzer, rette Lehar strebte zunächst eine Sonaten, Polkas, Lieder und zwei Kapellmeister- und Dirigentenlauf- Violinkonzerte. Nach dem Studium bahn am Theater an der Wien an. wirkte Lehar als Orchestermusiker Durch die erfolgreichen Urauf- in Barmen-Elberfeld und stieg dort führungen seiner Operetten «Wiener zum Konzertmeister auf, gab diese Frauen» und «Der Rastelbinder» Stellung jedoch wieder auf, da sie ihn (beide 1902) sah er seine Zukunft am Komponieren hinderte. jedoch als Impulsgeber der Wiener Operette. Nach zwei Mißerfolgen Ab 1890: Militärkapellmeister 1889 mit den Operetten «Die Juxheirat» leistete Lehar seinen Militärdienst in und «Der Göttergatte» (beide 1904) der Kapelle des 50. Infanterie-Regi- brachte das Jahr 1905 den ments in Wien unter Leitung seines Durchbruch: «Die Lustige Witwe» Vaters ab. Ein Jahr später wurde er wurde ein Welterfolg. Die slawisch selbst Militärkapellmeister. 1896 hat- eingefärbten Melodien, die folklori- te in Leipzig seine Oper «Kukusch- stischen Ensembles und das einge- ka» Premiere – die drei Jahre zuvor streute orientalische Kolorit waren –, wie der Schlager «Da geh' ich zu Ma- xim» – bald populär. Im Anschluß an einige weniger er- folgreiche Produktionen brachte Le- har in der Saison 1909/10 mit «Das Fürstenkind», «Der Graf von Luxem- burg» und «Zigeunerliebe» gleich drei gefeierte Operetten heraus, wobei vor allem «Zigeunerliebe» an den Triumph der «Lustigen Witwe» anknüpfte. In diesem Werk ist be- reits ein deutlicher Hang zur größer dimensionierten Oper festzustellen. Im 1. Weltkrieg komponierte Lehar einige Militärmärsche sowie die sin- fonische Dichtung «Fieber» und den Liederzyklus «Aus eiserner Zeit» (beide 1917). Nach dem Krieg be- schwor er mit «Die blaue Mazur» (1920) noch einmal vergeblich die Franz Lehar traditionellen Tanzformen der Wie- ner Operette. In «Die Tangokönigin» mein ganzes Herz». Das Bühnen- (1921) versuchte sich Lehar mit werk «Friederike» wurde 1928 in mäßigem Erfolg an der Einbezie- Berlin uraufgeführt und besonders hung (süd-)amerikanischer Tänze. durch das Lied «O Mädchen, mein Mädchen» bekannt. 1925: Stilwende zum ernsthafteren Lehârs letztes Werk, «Giuditta», Musiktheater Der mit Lehar eng be- hatte im Januar 1934 in großer Beset- freundete Operntenor Richard Tau- zung mit den Wiener Philharmoni- ber wurde seit den 20er Jahren zu ei- kern Premiere; der Rundfunk über- nem inspirierenden künstlerischen trug es in zahlreiche Staaten. Lehar Partner des Komponisten. Für ihn sorgte durch seinen selbstgegründe- schrieb er zahlreiche neue Partien, ten Glocken-Verlag für die Publika- die sich durch eine ernsthaftere mu- tion des Orchestermaterials. sikdramatische Haltung auszeich- Nach dem «Anschluß» Österreichs nen. Zu der Operette «Paganini» an das Deutsche Reich arbeitete (1925; mit dem Lied «Gern hab ich Lehar gelegentlich für Filmversio- die Frauen geküßt»), die Lehârs nen seiner Werke und für Konzerte neue Schaffensphase einleitete, tra- der deutschen Wehrmacht. Nach ten Kompositionen, die sich stärker dem 2. Weltkrieg übersiedelte der an komischer Oper und Singspiel Komponist nach Zürich, ehe er ein orientieren, u.a. «Der Zarewitsch» Jahr nach dem Tod seiner Frau (1927) und «Das Land des Lächelns» (1947) als kranker Mann nach Bad (1929) mit den populären Liedern Ischl zurückkehrte, wo er 1948 im «Immer nur Lächeln» und «Dein ist Alter von 78 Jahren starb., György Ligeti ► Der filigrane (* 28.5.1923) Klangraumkomponist ◄ Der Ungar mit österreichischer Staatsangehörigkeit gab der Klangraumkom- position nach dem 2. Weltkrieg neue Impulse. Ligeti betont in seinem Werk eine enge Verwandschaft zwischen Klängen und visuellen Eindrücken. Ligeti wurde als Sohn jüdischer Un- mige Schichtungen und kühne har- garn in der siebenbürgischen Klein- monische Akkorde auszeichnet. stadt Dicsöszentmarton (heute Tir- Nach dem 2. Weltkrieg – der Vater näveni) in Rumänien geboren. Seine war in einem deutschen Konzentra- Mutter war Augenärztin, sein Vater tionslager umgekommen – studierte Bankkaufmann. Zigeunerlieder, un- Ligeti bis 1949 Komposition am Bu- garische Volksweisen und Operet- dapester Konservatorium bei Sân- tenklänge gehörten zu seinen ersten dor Veress und widmete sich der Er- musikalischen Eindrücken. Später forschung rumänischer und ungari- interessierte sich Ligeti für klassi- scher Volksmusik, bevor er 1950 auf sche Musik und Jazz, wobei ihn die Veranlassung Zoltân Kodâlys Lehrer im Radio gesendeten Tondichtungen für Musiktheorie an der Budapester von Richard Strauss besonders Musikhochschule wurde. Sein Kla- faszinierten. 1929 zog die Familie vierzyklus «Musica ricercata» (1953) nach Klausenburg. Ligeti erhielt ist stilistisch an die Klavierkomposi- Klavierunterricht und schrieb seine tionen Bêla Bartöks angelehnt. Zu erste Komposition, eine einstimmige Beginn der 50er Jahre setzte sich Li- Melodie. Mit 14 Jahren verfaßte er geti mit der Zweiten Wiener Schule Klavierstücke im Stil Edvard Griegs, um Arnold Schönberg und der «Phi- Musik für Flöte und Klavier sowie ei- losophie der neuen Musik» von nen Satz für Streichquartett. Theodor W Adorno auseinander. Es entstanden einige Chorwerke, die 40er Jahre: Nach Budapest Ab 1939 «Sechs Bagatellen» für Bläserquin- komponierte Ligeti einzelne Sinfo- tett und das 1. Streichquartett. 1956 niesätze und begann nach dem Ab- legte er ein zweibändiges Lehrbuch itur 1941 ein Musikstudium (Kompo- über klassische Harmonik vor. sition, Musiktheorie und Orgel) am Klausenburger Konservatorium bei 1961: Radikale Erneuerung Eben- Ferenc Farkas, obwohl er ursprüng- falls 1956 arbeitete Ligeti an dem lich Physik studieren wollte. Auf- später verschollenen Orchesterstück grund strenger Zulassungsbedingun- «Visionen», in dem er Cluster und gen für jüdische Studenten war ihm Klangflächen verwendete. Ferner dies jedoch verwehrt geblieben. 1943 komponierte er eine «Chromatische entstand die «Polyphone Etüde» für Phantasie» für Klavier. Nach dem Klavier, die sich durch mehrstim- Ungarnaufstand 1956 flüchtete Li-, geti mit Freundin Vera, die er 1957 heiratete (ein Kind), nach Wien. Dort arbeitete er beim Musikverlag Universal Edition und erhielt später ein Arbeitsstipendium im Studio für elektronische Musik beim Westdeut- schen Rundfunk in Köln. Als erste von ihm selbst anerkannte elektroni- sche Komposition gilt «Artikula- tion» (1958), in der Ligeti die er- lernte Tonstudiotechnik anwandte. Ein Jahr nach seinem Orchesterwerk «Apparitions» überraschte er 1961 mit dem Orchesterwerk «Atmo- sphères», das der seriellen Musik verpflichtet ist. Es zeigt erstmals Ligetis Mikropolyphon-Verfahren (Mehrstimmigkeit auf engstem me- lodischem und rhythmischem Raum) und steht zwischen Klang und Ge- György Ligeti, 1975 räusch. Das Stück begründete die sog. postserielle Musik. Für Aufse- für Komposition an die Musikhoch- hen sorgte auch «Volumina» für Or- schule Hamburg. Aus dem Schaffen gel (1962), das – in graphischer No- der 70er Jahre ragen das als «Anti- tation aufgezeichnet – vielfach sog. anti-Oper» bezeichnete Werk «Le Cluster (Tontrauben) vorsieht. grand macabre» (1977) sowie die Es folgten Vokalkompositionen wie Cembalostücke «Hungarian Rock» das imaginäre Theater «Aventures» und «Passacaglia ungherese» (beide (1962) und «Nouvelle Aventures» 1978) heraus. Vier Jahre später ließ (1965), die jeweils die Klangmöglich- Ligeti das von Johannes Brahms in- keiten der Stimme ausloten. Nach ei- spirierte Trio für Violine, Horn und nem Requiem für Sopran und Mez- Klavier folgen. zosopran (1965) schrieb Ligeti «Lux Seine Begeisterung über die Kompo- aeterna» (1966) für gemischten Chor sitionen für mechanisches Klavier – ein Werk, in dem er die mikropoly- des Amerikaners Conlon Nancarrow phone Technik auf den Chorgesang animierte Ligeti zu zwölf Büchern übertrug. Mit dem 2. Streichquartett mit Klavieretüden (1985-90). Die (1968) und «Ramifications» (1969) darin angewandten rhythmischen für zwölf Solostreicher vereinfachte Netzstrukturen hatte er bereits 1962 Ligeti zudem die Schreibweise kam- in seinem «Poème symphonique» mermusikalischer Werke durch gra- für 100 Metronome vorbereitet. Drei phische Notation. Jahre nach Ligetis Emeritierung wurde 1992 das Konzert für Violine 1992: Konzert für Violine und Or- und Orchester in einer fünfsätzigen chester 1973 kam Ligeti als Professor Fassung uraufgeführt., Andrew Lloyd Webber ► Der «King» des modernen (* 22.3.1948) Musicals ◄ Mit seinen Welterfolgen (u. a. «Cats», «Das Phantom der Oper») avancierte der Engländer zum gefeiertsten Musical-Komponisten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Lloyd Webber kam als Sohn eines Webber und Rice die Arbeiten an ih- Musikers und Komponisten geist- rer ersten großen Rock-Oper «Jesus licher Stücke und einer Klavierlehre- Christ – Superstar» abgeschlossen: rin in London zur Welt. Der Vater Aus dem Titelsong und weiteren brachte ihm neben den Klassikern Liedern hatten sie ein Plattenalbum auch die englischen Komponisten entwickelt, das zunächst als Konzert des 20. Jahrhunderts nahe. Andrew aufgeführt wurde. Im Oktober 1971 besuchte die Westminster School, fand die Premiere der erweiterten lernte über Gottesdienste in der Bühnenversion am Broadway statt. Westminster Abbey die Kirchenmu- Das Musical, das die letzte Woche im sik kennen und wurde zudem durch Leben des Jesus von Nazareth schil- jüdische Musik und Popgruppen der dert, avancierte zum großen Erfolg. 60er Jahre beeinflußt. Vor allem Jugendliche waren von der popinspirierten Umsetzung des Stof- Ab 1963: Erfolgsgespann 1963 fes begeistert. Folge: Die Schall- schrieb Lloyd Webber sein szeni- platte erreichte Millionenauflagen. sches Erstlingswerk, «The Likes of Us», zu dem sein Freund Tim Rice 1976: «Evita» Nachdem Lloyd Web- den Text geliefert hatte. Als Lloyd ber u. a. als Komponist für Filmmusi- Webber mit 17 Jahren ein Studium ken gearbeitet hatte, landete er 1976 der Kunstgeschichte begann, hatte er mit seinem zweiten Musical den sich bereits mehrfach an Bühnen- nächsten Welterfolg: In «Evita» be- musiken (z.B. für Puppentheater) schrieb er das Leben der zweiten versucht. Um sich ganz dem Kompo- Frau des argentinischen Staatspräsi- nieren widmen zu können, brach er denten Juan Domingo Perön. Evita, das Studium nach einem Semester in ärmlichen Verhältnissen aufge- ab und kehrte nach London zurück. wachsen, wurde von der Bevölke- Dort erhielt er 1968 nach der erfolg- rung verehrt und starb nach schwe- reichen Aufführung seiner von Pop- rer Krankheit mit 32 Jahren. Zum musik inspirierten Josephskantate populärsten Lied des Musicals avan- zusammen mit dem Texter Rice ein cierte «Don't Cry for Me, Argen- mehrjähriges Stipendium. tina», die Hymne Evitas an ihr Volk. 1971: «Jesus Christ – Superstar» An- 1981: «Cats» 1978 schrieb Webber fang der 70er Jahre hatten Lloyd «Variationen über ein Thema von, Paganini». Das Werk für Violoncello und Rockgruppe war nach einer Wette mit seinem Bruder Julian ent- standen. Nach dem Liederzyklus «Tell Me on a Sunday» (1979) kam zwei Jahre später ein weiterer Musi- cal-Erfolg heraus. «Cats» (Choreo- graphie: Gillian Lynne) basiert auf der Gedichtsammlung «Old Pos- sum's Book of Cats» von T. S. Eliot. Auf einer Müllhalde stellen Katzen ihre zumeist gescheiterten Existen- zen und Lebensträume dar. Ihr Ziel Andrew Lloyd Webber mit T. S. Eliots ist es, vom Katzenoberhaupt Old Witwe Valerie, 1980 Deuteronomy für den Katzenhimmel auserwählt zu werden, um ein (erste Ehe 1971-83 mit Sara Tudor, zweites Leben beginnen zu können. zwei Kinder; dritte Ehe mit Made- Das Oberhaupt entscheidet sich für leine Gurdon, ein Kind). die ehemalige Schönheit Grizabella. Ihr Song «Memory» wurde zum er- 1986: «Das Phantom der Oper» Das folgreichsten Hit des Musicals. 1985 erschienene «Requiem» war als Totenmesse für Lloyd Webbers kurz 1984: «Starlight Express» Nachdem zuvor gestorbenen Vater gedacht Lloyd Webber aus den Paganini-Va- und erhielt einen Grammy als beste riationen und dem 1979 entstande- klassische zeitgenössische Komposi- nen Liederzyklus das Musical «Song tion. Ein Jahr später legte Lloyd & Dance» (1982) zusammengestellt Webber «Das Phantom der Oper» hatte, feierte 1984 «Starlight Ex- vor, entstanden nach dem gleichna- press» Premiere. Das Musical um migen Roman (1911) des Franzosen den Traum eines Jungen, der im Gaston Leroux um mysteriöse Vor- Schlaf ein Wettrennen zwischen Ei- fälle in der Pariser Oper. 1989 kam senbahnzügen erlebt, wird auf der Lloyd Webbers «Aspects of Love» Bühne von rollschuhfahrenden Dar- heraus. Die Inszenierung des roman- stellern umgesetzt. Am Ende siegt tischen Musicals nach einer Roman- die alte Dampflok «Rusty» und wird vorlage von David Garnett war weit zum «Starlight Express» gekürt. Das weniger aufwendig als bei den vorhe- Werk geht auf Musik Lloyd Webbers rigen Stücken und reichte auch nicht zurück, die er ursprünglich zu dem an deren Erfolge heran. 1991 folgte Zeichentrickfilm «Cinderella» ge- das Musical «Joseph and the Ama- schrieben hatte. Ebenso wie für den zing Technicolor Dreamcoat», eine Vorgänger «Cats» wurden eigene Überarbeitung der Josephskantate Theater für die Aufführung des von 1968. Der inzwischen geadelte Stücks gebaut. Engländer komponierte 1992 den Ebenfalls 1984 heiratete Lloyd Web- Olympia-Song für die Spiele in Bar- ber in zweiter Ehe Sarah Brightman celona («Amigos par sempre»)., Witold Lutoslawski ► Der individuelle (25.1.1913-7.2.1994) Avantgardist ◄ Der Pole entwickelte in seinem umfangreichen Werk einen eigenwilligen, stark expressiven Stil. Neben dem Begriff der «begrenzten Aleatorik» prägte Lutoslawski auch eine neue Auffassung über die Gewichtigkeit der Sätze in- nerhalb größerer Instrumentalwerke. Als der in Warschau geborene Lu- 1946 heiratete Lutoslawski Maria- toslawski zwei Jahre alt war, wurde Danuta Dygat-Boguslawska (ein sein Vater verhaftet und drei Jahre Kind) und stellte ein Jahr später sei- darauf in der Nähe von Moskau exe- ne 1941 begonnene 1. Sinfonie fertig. kutiert, da er die polnischen Befrei- Ein Jahr nach der Premiere wurde ungstruppen gegen das zaristische das als «formalistisch» kritisierte Rußland mit aufgebaut hatte. Der Werk 1949 verboten, da es nicht der Junge wuchs gemeinsam mit seinen stalinistischen Kulturauffassung ent- beiden älteren Brüdern bei seiner sprach. In der Sinfonie wird Luto- Mutter, einer Ärztin, auf. Auf eige- slawskis Weiterführung von Bêla nen Wunsch erhielt Lutoslawski Kla- Bartöks Prinzipien der Verarbeitung vier- und Geigenunterricht; erste von Tonhöhen erkennbar. Kompositionen verfaßte er mit neun Jahren. Nach dem Abitur studierte Ab 1956: «Warschauer Herbst» Die Lutoslawski zunächst Mathematik, Beschäftigung mit der in Polen ver- dann Musik am Warschauer Konser- femten Neuen Musik wurde erst vatorium. Bei Jerzy Lefeld belegte er nach dem Tod des sowjetischen Dik- Klavier, bei Witold Maliszewski tators Josef Stalin (1953) möglich. Komposition (Abschluß 1936/37). Lutoslawski, der fortan ausschließ- lich als Komponist arbeitete, betei- 1947: «1. Sinfonie» Die 1938 vollen- ligte sich an der Gründung des sog. deten «Sinfonischen Variationen» Warschauer Herbstes. Das interna- bezeichnete Lutoslawski später als tionale Festival fand 1956 zum er- sein erstes gültiges Werk. Im 2. Welt- stenmal statt und wollte die polni- krieg wurde er zum Leiter des Mi- sche Neue Musik fördern. In der Fol- litärfunks der polnischen Armee er- gezeit entwickelte sich das Land zum nannt und legte 1941 seine virtuosen Zentrum avantgardistischer Musik in «Paganini-Variationen» vor. Nach Osteuropa. 1945 bestritt Lutoslawski, der zahl- Im Gedenken an Bartök schrieb Lu- reiche Lieder für die Widerstandsbe- toslawski 1958 «Musique funèbre». wegung komponiert hatte, seinen In diesem Werk wandte er sich von Lebensunterhalt als Pianist. Neben- den zuvor bevorzugten neoklassizi- her arbeitete er als Komponist für stischen und folkloristischen Ele- Film und Rundfunk. menten ab, die beispielhaft in sei-, nem Konzert für Orchester (1954, mit masurischen Volksweisen) zum Ausdruck gekommen waren. In der Folge fand er zu einer melodisch aus- gerichteten Zwölftontechnik. Ab 1958: Neue Hierarchie der Sätze Um die Wertigkeit zwischen den ein- zelnen Sätzen bei größeren Werken neu zu strukturieren, entwickelte Lutoslawski eine Hierarchie, wonach im Laufe der Stücke eine Steigerung Witold Lutoslawski, 1975 stattfindet. Den Höhepunkt bildet so der letzte Satz, an den sich häufig zen zu einem großangelegten Cre- ein Epilog anschließt. Erstmals scendo entwickelte. Nach dem vier- wandte Lutoslawski dieses Prinzip in teiligen Stück «Verwobene Wörter» der Trauermusik für Streichorchester für 20 Instrumente und Tenor (1965) «Zum Gedenken an Bêla Bartok» schrieb er ein Jahr später seine (1958) an. 2. Sinfonie, in der schon die Benen Nach einer experimentell geprägten nung der beiden Sätze – «Hésitant» Phase entwickelte Lutoslawski eine («Zögernd») und «Direct» – auf Form der Neuen Musik, die einen eine Steigerung hinweist. Durch das Wendepunkt in seiner Stilistik dar- individuell gestaltete Tempo der In- stellte und ihm Anschluß an die in- strumentalisten (sog. Agogik) erhält ternationale Avantgarde verschaffte. die Musik eine besondere Aus In Anlehnung an die Zufallsmusik drucksstärke. In seinem «Buch für John Cages nannte er den Stil «be- Orchester» (1968) gestattete Luto grenzte Aleatorik»: Strenge Kon- slawski den Musikern erneut große struktionsvorgaben einerseits und Freiräume bei der Interpretation künstlerische Freiheit der Interpreten und legte nur den zeitlichen Rahmen andererseits ergänzen sich zu einem des Werks fest. Zwei Jahre später Gesamtwerk. Bedeutendes frühes entstand das Konzert für Violoncello Beispiel ist das viersätzige Stück und Orchester. Themen sind Auto «Venetianische Spiele» (1960) für nomie und Abhängigkeiten des kleines Orchester. Menschen, die Lutoslawski durch ei nen komplizierten Dialog zwischen 1966: 2. Sinfonie In der Folgezeit in- Solo-Cello, Streichern und Blechblä tegrierte Lutoslawski verstärkt Ge- sern ausdrückte. räusche und verfremdete Klänge in Die «begrenzte Aleatorik» prägt seine Werke. 1963 vollendete er auch das Spätwerk des polnischen «Drei Gedichte von Henri Michaux» Komponisten, insbesondere die für Chor und Orchester. 3. Sinfonie (1983) und das Klavier Kompositorische Neuerungen be- konzert (1988), eines seiner letzten stimmen auch das Streichquartett Stücke. Im Alter von 81 Jahren starb (1964), das Lutoslawski mit zwei Sät- Lutoslawski 1994 in Warschau., Gustav Mahler ► Spätromantiker an der (7 7.1860-18.5.1911) Grenze zum Atonalen ◄ Der Österreicher war zu Lebzeiten vor allem als Dirigent geschätzt; seine Kompositionen fanden erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zuneh- mende Anerkennung. In seinen Sinfonien und Liedern blieb Mahler der Ro- mantik verpflichtet, wurde aber durch Erweiterung von Form und musikali- schen Mitteln zum Wegbereiter der Neuen Musik. Mahler kam als eines von zwölf Kin- der Oper in Budapest, wo sich Mah- dern einer jüdischen Kaufmannsfa- ler u.a. durch Inszenierungen von milie in Kalischt/Mähren zur Welt. Teilen aus Richard Wagners «Ring»- Wegen seiner musikalischen Bega- Zyklus und Wolfgang Amadeus Mo- bung wurde der 15jährige am Wiener zarts «Don Giovanni» hervortat, Konservatorium aufgenommen, wo aber auch 1889 seine eigene 1. Sinfo- er Unterricht in Klavier, Komposi- nie uraufführte. Schon dieses Werk tion und Harmonielehre erhielt. sprengte den herkömmlichen forma- Mahler, der zudem Privatstunden bei len Rahmen: Ursprünglich umfaßte Anton Bruckner nahm, beendete das es fünf statt der üblichen vier Sätze Studium 1878 mit Auszeichnung; (den 2.Satz strich Mahler später); wenige Monate später machte er sein der programmatische Titel «Der Ti- Abitur und begann ein Studium an tan» deutet auf den bekenntnishaften der Universität Wien. Charakter der Sinfonie hin, die –wie mehrere andere Werke Mahlers – 1880: Beginn der Dirigentenlauf- autobiographische Züge trägt. bahn Aus Enttäuschung über die 1891-97 arbeitete er am Hamburger mangelnde Anerkennung seiner er- Stadttheater. Dort entstanden seine sten größeren Komposition, dem 2. («Auferstehungssinfonie»; 1894) Märchenspiel «Das klagende Lied» und 3. Sinfonie («Natursinfonie», (1880; endgültige Version 1888) für 1896), die durch den Einsatz von So- Solostimmen, Chor und Orchester losängern und Chor die klassische nach Ludwig Bechstein, schlug Mah- Form abermals erweiterten. Zudem ler die Dirigentenlaufbahn ein. 1883 schrieb Mahler Lieder nach Texten kam er an das Hoftheater Kassel. der romantischen Gedichtsammlung Während der zweijährigen Tätigkeit «Des Knaben Wunderhorn». Zwar entstanden die «Lieder eines fahren- fanden diese Arbeiten Beachtung, den Gesellen», der erste Zyklus sei- doch wurden oft nur Einzelsätze in ner Orchesterlieder, die ihm zugleich Konzertprogramme aufgenommen. als melodisches Reservoir für seine Sinfonien dienten. Auf Stationen in Ab 1897: «Sommerkomponist» Prag und Leipzig folgte 1888 die Er- Mahler, inzwischen zum Katholizis- nennung zum musikalischen Leiter mus konvertiert, erreichte 1897 den, Gipfel seines Dirigentenruhms. In Wien begann er als Kapellmeister und stellvertretender Leiter der Hof- oper und stieg in wenigen Monaten zum künstlerischen Direktor auf. Zudem war er 1898-1901 Leiter der Wiener Philharmoniker. Der auf Disziplin bedachte Künstler legte in seinen Werkinterpretationen großen Wert auf die musikalische Struktur, was ihn auch zur Bearbeitung frem- der Kompositionen verleitete. Nur sporadisch fand Mahler Zeit, sich dem Komponieren zu widmen, ein Umstand, den er oft und heftig beklagte. Während seiner häufigen Aufenthalte am Atter- und Wörther- see entstanden die 4. bis 8. Sinfonie sowie weitere Liederzyklen, darunter Gustav Mahler die «Kindertotenlieder» (1902). Im selben Jahr heiratete Mahler Alma erfuhr Mahler 1910 bei der triumpha- Schindler (zwei Kinder), die Tochter len Uraufführung der 8. Sinfonie in eines Wiener Malers, die nach München. Diese «Sinfonie der Tau- Mahlers Tod seine Werke herausgab send», die Mahler selbst als «Bot- und die Biographie verfaßte. 1907 schaft der Liebe in liebloser Zeit» wurde bei Mahler ein Herzleiden bezeichnete und mit der er darzu- festgestellt; der Tod seiner älteren stellen versuchte, «daß das Univer- Tochter traf ihn zusätzlich. Im sum zu tönen und klingen beginnt», Herbst 1907 folgte Mahler dem Ruf sprengte in ihrer Besetzung endgül- als Gastdirigent an die Metropolitan tig den sinfonischen Rahmen. Auf- Opera in New York, zwei Jahre geboten wurden etwa 50 Streicher, später übernahm er dort zudem die fast 40 Bläser, Orgel, Harmonium, Leitung der neugegründeten Celesta, Klavier, fünf Harfen, Man- Philharmonie Society. Er setzte sich doline, zahlreiche Schlaginstrumen- für die Sinfonien Brückners ein, die te, acht Solosänger, zwei große ge- er dem Publikum erstmals voll- mischte Chöre sowie ein Knaben- ständig vorstellte. Während der New chor. Wenn auch formal Reste einer Yorker Jahre entstanden «Das Lied viersätzigen Struktur erkennbar sind, von der Erde» (1908) – eine Synthese erscheint die Sinfonie eher als eine von Sinfonie und Lied –, die 9. Sinfo- gewaltige zweiteilige Kantate. Sein nie (1909) und die fragmentarische Gesundheitszustand zwang Mahler 10. Sinfonie (1910). 1910, die New Yorker Konzertsaison abzubrechen. Im Februar 1911 1910: «Sinfonie der Tausend» Seine kehrte er nach Wien zurück, wo er größte Anerkennung als Komponist drei Monate später 50jährig starb., Gian Francesco Malipiero ► Innovation des (18.3.1882-1.8.1973) Musiktheaters ◄ Der italienische Komponist nahm sich des in Italien verspäteten Historismus an. Seine Musik basiert zumeist auf Dur- und Moll-Tonfolgen (Diatonik) so- wie gregorianischen Wendungen. Mit der Überwindung des Verismus ent- wickelte Malipiero eine neue Form der Musikdramaturgie. Malipiero wurde in Venedig als Sohn Max Bruch, dessen traditionalisti- einer alten aristokratischen Familie sche Haltung Malipiero jedoch zu- geboren. Schon sein Großvater nehmend störte. Francesco hatte Opern komponiert, 1913 reichte er beim Wettbewerb sein Vater Luigi war Pianist und Diri- Corso nazionale di musica in Rom gent. Mit neun Jahren erhielt Mali- Kompositionen unter verschiedenen piero ersten Geigenunterricht. Nach Namen ein und erhielt die vier ersten der Trennung der Eltern (1893) zog Preise. Im selben Jahr lernte Mali- der Junge mit dem Vater über Triest piero in Paris mit Igor Strawinskys und Berlin nach Wien, wo er 1898/99 «Sacre du Printemps» die neuere Geige und Harmonielehre am Kon- französische Musik kennen und er- servatorium studierte. 1899 kehrte klärte anschließend fast alle seine Malipiero zu seiner Mutter nach Ve- Kompositionen für ungültig. In Paris nedig zurück und nahm am Liceo traf er auch seinen Landsmann Al- musicale das Studium in Kontra- fredo Casella, der neben Malipiero, punkt und Komposition bei Marco Ildebrando Pizzetti und Ottorino Enrico Bossi auf, der ihm den sinfo- Respighi zu der neuen Generation nischen Stil der deutschen Spätro- gehörte, die in Italien – fast isoliert mantik vermittelte. vom restlichen Europa – den Neo- klassizismus und einen verspäteten 1902-22 Entdeckung der alten ita- Historismus entwickelt hatten. lienischen Musik Wichtiger als das 1917 floh Malipiero infolge des 1. Studium war für Malipiero die Aus- Weltkriegs nach Rom, ehe er 1921 einandersetzung mit der alten italie- das Angebot bekam, als Lehrer für nischen Musik, die für seine gesamte Komposition in Parma zu arbeiten. künstlerische Entwicklung eine we- Dort entstand 1920 «Der heilige sentliche Rolle spielte. In der Biblio- Franziskus», das erste seiner sieben teca Marciana in Venedig betrieb er Oratorien. Zwei Jahre später kaufte ab 1902 autodidaktische Studien, sich Malipiero ein Haus in Asolo bei u.a. über Claudio Monteverdi und Venedig, wo er sich fortan in Ruhe Antonio Vivaldi. Zwei Jahre später seinen Kompositionen widmete. machte er in Bologna sein Diplom in Komposition. Im Winter 1908/09 be- Ab 1922: Neue Musikdramaturgie suchte er in Berlin Vorlesungen von Malipiero stellte noch im selben Jahr, seine Oper «L'Orfeide» fertig, die er 1918 begonnen hatte. Speziell im zweiten Teil («Sette Canzoni», ent- standen 1918/19) der dreiteiligen Oper zeigte er seine Ablehnung des damals üblichen Verismus. Statt ei- nes Handlungsstrangs präsentierte er eine Reihe von Situationsbildern. Er reduzierte Pathos und Gefühls- darstellungen auf besinnliche Klang- eindrücke und schuf so eine neue Form der Musikdramaturgie – und damit des Musiktheaters. Der Text, ein Zusammenschnitt aus histori- schen Materialien, wurde sparsam eingesetzt, die Musik erhielt einen höheren Stellenwert. Herausragen- des Beispiel ist sein Werk «Torneo notturno» (1929). Gian Francesco Malipiero Ab 1926: Gesamtausgaben Monte- verdis und Vivaldis Seit 1902 hatte (z.B. Glockensinfonie, 1945; Echo- Malipiero Kompositionen aus dem sinfonie, 1948 und Tierkreissinfonie, 17. und 18. Jahrhundert gesammelt; 1952) verzichtete er auf strenge for- ab 1926 arbeitete er an der Gesamt- male Konzeption und auf eine The- ausgabe der Kompositionen Monte- menentwicklung. verdis, die einen Umfang von 16 1939 wurde Malipiero zum Direktor Bänden erreichten. «Cantari alla des Liceo musicale ernannt (Pensio- madrigalesca» (1931), sein 3. Streich- nierung 1952). Als Leiter des Insti- quartett, versah er mit keinerlei the- tuto Italiano Antonio Vivaldi betei- matischer Entwicklung, um es so von ligte er sich wesentlich an der Erar- den formalen Vorgaben des 19. Jahr- beitung der Gesamtausgabe Vival- hunderts zu lösen. 1932 nahm Mali- dis, die 1947 teilweise veröffentlicht piero eine Professur für Komposi- wurde. Das Spätwerk des Komponi- tion am Liceo musicale Benedetto sten (z.B. «Metamorfosi di Bona- Marcello in Venedig an. Ein Jahr ventura», 1963/65) zeigt – genauso später schrieb er die erste seiner wie seine früheren Arbeiten – Mali- zehn symbolbehafteten Sinfonien. pieros Geschick, mit dem er die Li- Sie umfaßt vier Sätze, die die vier bretti für sein neues Musiktheater, Jahreszeiten darstellen. Allerdings das insgesamt rund 30 Opern um- wies Malipiero darauf hin, daß die- faßt, selbst (um-)geschrieben hatte. ser Sinfonie trotzdem keinerlei Pro- Drei Jahre nach Vollendung des grammatik zugrunde liege, da er Bühnenstücks «Uno dei Dieci» Programmusik stets abgelehnt hatte. (1970) starb Malipiero im Alter von Auch in seinen folgenden Sinfonien 91 Jahren in Treviso., Frank Martin ► Der stilunabhängige (15.9.1890-21.11.1974) Rhythmiker ◄ Der moderne Schweizer Komponist entwickelte eine eigene Stilistik. Cha- rakteristisch für Martins Werke ist die eigenwillige Anwendung der Zwölftonmusik, die er mit ausgefeilter Rhythmik und Harmonik verband. Martin wurde als jüngstes von zehn bot ihm Emile Jacques-Dalcroze Kindern eines protestantischen Pfar- eine Stelle als Lehrer für Improvisa- rers in Genf geboren. Mit acht Jah- tion an seinem Genfer Institut an. ren versuchte sich der Junge an er- Martin arbeitete dort bis 1939 und sten Kompositionen. Nach seinem leitete Kurse über Rhythmustheorie. Abitur (1908) befaßte er sich zwei Jahre mit Mathematik und Natur- 1930-40: Orientierung an Zwölfton- wissenschaften, ehe er sich ab 1910 musik Um 1930 befaßte sich Martin endgültig der Musik widmete. Mar- mit Arnold Schönbergs Zwölfton- tin studierte Harmonielehre, Instru- technik. In seinen Kompositionen mentation, Klavier und Komposition verließ er allerdings teilweise die bei dem Genfer Komponisten Joseph Ansätze des Vorbilds. 1934 entstand Lauber. Martins neuromantisches Klavier- konzert, das er mit ungewöhnlichen Ab 1926: Arbeit mit Rhythmen Ab Schlagrhythmen versehen hatte. Der Mitte der 20er Jahre begann Martin, Mitbegründer und künstlerische Di- sich mit der Neuen Musik zu be- rektor des Genfer Technicum Mo- schäftigen, nachdem seine vorheri- derne de Musique lehrte dort ab 1933 gen Kompositionen oft an die fran- Harmonielehre, Komposition und zösischen Spätromantiker erinnert Kammermusik. Zudem arbeitete er hatten. Besondere Aufmerksamkeit einige Zeit als Pianist und Cembalist. schenkte er rhythmischen Konstruk- Ab 1939 reduzierte Martin seine tionen, vor allem aus östlicher Volks- Lehrtätigkeit auf kammermusikali- musik. So komponierte Martin 1926 schen Unterricht am Genfer Konser- das sinfonische Werk «Rhythmes», vatorium und konzentrierte sich in das neben den Rhythmen aus ver- fortan auf das Komponieren. schiedenen Ländern und Epochen auch Polyrhythmen aus dem fernen Ab 1940: Auf dem Weg zum eigenen Osten eingingen. Das leicht orienta- Stil 1940 vollendete Martin das zwei lisch klingende Stück für großes Or- Jahre zuvor begonnene Kammerora- chester wurde drei Jahre später auf torium «Le vin herbe» für zwölf So- dem Genfer Musikfest zum Erfolg. lostimmen, sieben Streicher und Ebenfalls 1926 gründete Martin mit Klavier nach der Novelle «Tristan einigen Freunden die Société de Mu- und Isot» von Joseph Bédier. In dem sique de Chambre. Zwei Jahre später dreisätzigen Stück verband Martin, Zwölftontechnik und Tonalität, die für ihn die Grundlage wahrer und «schöner» Musik war, zu einer Ein- heit. Das Werk, mit dem er den wich- tigsten Schritt zum angestrebten ei- genen Stil gemacht hatte, brachte Martin den internationalen Durch- bruch. 1943 schrieb er die große Ge- sangsszene «Der Cornet» für Alt- stimme und Kammerorchester nach der lyrischen Prosadichtung Rainer Maria Rilkes. In der Hoffnung auf das Ende des 2. Weltkriegs komponierte Martin Frank Martin (links) mit dem Regisseur 1944 das Oratorium «Et in terra Rudolf Hartmann pax», ein Auftragswerk für den Gen- 1949 wurde Martin zum Ehrendok- fer Rundfunk. Weltweite Aufmerk- tor der Philologischen Fakultät an samkeit bescherte ihm die 1945 der Universität Genf ernannt. In der fertiggestellte «Petite symphonie Folgezeit komponierte er weitere concertante». In diesem neoklassizi- Stücke in dem für ihn typischen Stil stischen Stück für zwei Streich- aus Zwölftontechnik und Harmonik, orchester, Harfe, Cembalo und Kla- wobei er wiederum auf bekannte vier verband Martin eine eigentümli- schriftstellerische Vorlagen zurück- che Zwölftönigkeit, tonale Elemente griff. So entstand 1952 sein zweites und impressionistisch anmutende wichtiges Cembalokonzert, das we- Harmonik mit wechselnden Rhyth- gen der genau auf das Instrument zu- men. Eine Bearbeitung dieser Sinfo- geschnittenen Komposition ohne hi- nie schrieb der Komponist 1946 für storische Parallele ist. Vier Jahre großes Orchester («Symphonie con- später vollendete er seine Oper «Der certante»), wobei er die Soloinstru- Sturm» nach einem Drama William mente ausgesondert hatte. Shakespeares. In dem Werk «Mon- sieur de Pourceaugnac» (1962) nahm 1948: «Golgotha» 1946 ging Martin er sich eines Stoffes von Molière an. in die Niederlande und erwarb ein Sieben Jahre später schuf Martin ei- Haus in Naarden. Ein Jahr später nes seiner seltenen Klavierkonzerte. wurde ihm der Kompositionspreis Das dreisätzige Stück gilt aufgrund des Schweizer Tonkünstlervereins seiner hohen virtuosen Anforderun- verliehen. 1948 stellte Martin das gen als fast unspielbar. Oratorium «Golgotha» fertig, in dem Martins Begeisterung für den Rhyth- er die Christus-Passion in eine mus schlug sich einmal mehr in der aktuellere Sprachform übersetzte. 1970 fertiggestellten Komposition Die Idee zu dem Oratorium war dem «Trois danses» nieder, in der er spa- Schweizer bei der Betrachtung der nische Flamenco-Rhythmen verwen- Radierung «Die drei Kreuze» von dete. Im Alter von 84 Jahren starb Rembrandt gekommen. Martin 1974 in Naarden., Bohuslav Martinù ► Darsteller der eigenen (8.12.1890-28.8.1959) Persönlichkeit ◄ Der tschechische Komponist wollte in seinen Werken seine Persönlichkeit und Weltanschauung vermitteln. Die stilistisch vielfältige, streng tonale Mu- sik Martinus ist tief in den volkstümlichen Weisen seiner Heimat verwurzelt. Martinù wurde als Sohn eines Schu- 2. Streichquartett (entstanden 1925) sters und Glöckners in der böhmi- auf dem Jahresfest der Internationa- schen Stadt Policka geboren. Schon len Gesellschaft für Neue Musik ge- als Sechsjähriger spielte Bohuslav so spielt. Mit seinen Orchesterwerken gut Geige, daß ihm die wohlhaben- ab Mitte der 20er Jahre erwarb Mar- den Bürger seiner Heimatstadt ein tinù schnell einen internationalen Stipendium finanzierten. Mit 16 Jah- Ruf: Er thematisierte aktuelle Ereig- ren begann Martinù ein Geigenstu- nisse, so z.B. in «Halbzeit» (1925) dium am Prager Konservatorium. Eindrücke bei einem Fußballspiel 1909 schlossen sich Orgelstunden und in «Das Getümmel» (1927) und Kompositionslehre an, die er ein Charles Lindberghs Landung nach Jahr später beendete, da er sich den seinem Atlantikflug. Die für Martinù theoretischen Vorgaben der Kompo- charakteristische Verbindung von sitionslehre nicht unterordnen woll- Volks-, Kammer- und Jazzmusik te. So machte Martinù 1912 nur den spiegelt sich in seinem fünfsätzigen Abschluß als Geigenlehrer. Sextett für Klavier und Blasinstru- 1913-23 spielte Martinù bei den Pra- mente (1929) wider. ger Philharmonikern und verdiente 1931 heiratete er die Schneiderin seinen Lebensunterhalt als Klavier- Charlotte Quennehen und setzte sich und Geigenlehrer. In dieser Zeit in der Folgezeit intensiv mit der komponierte er seine ersten Werke, Volksmusik seiner Heimat auseinan- u.a. die «Tschechische Rhapsodie» der. Als typisches Stück dieser Phase (1919) und das Ballett «Ischtar» entstand das Konzert für Streich- (1921). Den folgenden Kompositio- quartett und Orchester (1931). Ein nen lagen häufig Übernahmen aus Jahr später erhielt Martinù für sein der tschechischen Volksmusik zu- 1927 entstandenes Streichsextett den grunde. 1922 setzte Martinù für ein Elizabeth-Sprangue-Coolidge-Preis Jahr seine Kompositionsstudien bei in Washington. Josef Suk in Prag fort. Mitte der 30er Jahre: Funkopern 1923-40: Pariser Phase In Paris stu- 1935 wandte sich Martinù den Funk- dierte Martinù bis 1924 Komposition opern zu – Werke, die – ohne szeni- bei Albert Roussel; u. a. experimen- sche Elemente – speziell für den tierte er mit Neoklassizismus und Rundfunk konzipiert waren. Neben Jazz. Vier Jahre später wurde sein «Stille des Waldes» (1935) schrieb er, die «Komödie auf der Brücke» (1937). Aus deren Stoff verfaßte er 1951 eine gleichnamige Bühnenfas- sung, die zu seinen berühmtesten Werken zählt. Mit seinem «Concerto grosso» (1937), das wegen des 2. Weltkriegs nicht in Europa, sondern in Boston (1941) aufgeführt wurde, entdeckte Martinù seine Vorliebe für die Form des Concerto grosso, bei dem sich im Gegensatz zum Solokonzert mehrere Solisten mit dem Orchester abwechseln. Ein Jahr vor dem Kriegsausbruch feierte Martinus surrealistische Traumoper «Julietta» nach einer Theatervorlage von Georges Neveux Premiere. Ab 1941: In den USA Im Juni 1940 Bohuslav Martinu floh Martinù vor den Deutschen aus Frankreich und kam 1941 in die er Lehraufträge in den USA an, u. a. USA, wo er durch sein «Concerto an der Princeton University. Er kon- grosso» bekannt geworden war. Mar- zentrierte sich in der Folgezeit be- tinù schrieb als Auftragswerke Sin- sonders auf sinfonische Kompositio- fonien und paßte sich dabei an die nen. 1952 komponierte Martinù das amerikanische Expressivität an, die «Rhapsodie Concerto», mit dem er er geschickt mit folkloristischen Ele- sich von einer streng geometrischen menten verknüpfte. Form zugunsten phantasievoller Ge- Von den Kriegsereignissen in seiner staltung löste. Heimat bewegt, schrieb der Kompo- 1953 kehrte Martinù als amerikani- nist 1943 im 3. Satz seiner Sinfonie scher Staatsbürger nach Europa Nr. 1 die «Trauermusik für Lidice», zurück. Er lebte in Frankreich, Ita- ein Dorf nahe Prag, das die Deut- lien und der Schweiz, wo er sich in schen 1942 zerstört und dessen Be- Liestal bei Basel niederließ. 1955 be- wohner sie ermordet hatten. Neben endete er das Tongemälde«Die Fres- dieser längsten seiner Sinfonien ken von Piero della Francesca», das komponierte er fünf weitere Sinfo- seine Gedanken beim Betrachten nien, von denen sich die letzte («Sin- von Fresken des italienischen Malers fonische Phantasien», 1953) durch beschreibt. Von einem Krebsleiden häufige Tempowechsel hervorhebt. gezeichnet, schloß Martinù 1959 die Nach Kriegsende sollte Martinù ei- «Griechische Passion» ab, eine geist- nen Lehrauftrag am Prager Na- liche Oper in vier Akten nach einem tionalkonservatorium antreten, den Roman des Griechen Nikos Kazant- er aber gesundheitsbedingt ablehnen zakis. Im Alter von 68 Jahren starb mußte. Drei Jahre später nahm Martinù in Liestal an Krebs., Olivier Messiaen ► Der christliche Mystiker ◄ (10.12.1908-274.1992) Der französische Komponist und Organist gilt als Mitinitiator der seriellen Musik. Messiaen gab als Hauptkriterien seines Schaffens den katholischen Glauben, eine Vorliebe für ausgefeilte Rhythmen und die vom Gesang der Vögel ausgehende Faszination an. Olivier Eugène Prosper Charles (u.a. André Jolivet) die Gruppe Messiaen wurde in Avignon als er- «Jeune France», die sich gegen neo- ster Sohn des Englischprofessors klassizistische Tendenzen wandte und Shakespeare-Übersetzers Pierre und für mehr Spiritualität in der Mu- Messiaen und der Dichterin Cécile sik eintrat. Eine Lehrtätigkeit an der Sauvage geboren. Nachdem der Va- Schola Cantorum und der École ter 1914 zum 1. Weltkrieg einberufen Normale de Paris wurde 1939 durch wurde, kam der Junge zur Großmut- den Militärdienst beendet. ter nach Grenoble, erhielt Klavier- stunden und machte erste Komposi- 1940/41: Gefangenschaft Wegen sei- tionsversuche. Nach Rückkehr des ner Sehschwäche diente Messiaen in Vaters zog die Familie über Nantes der Armee erst als Pionier, dann als nach Paris, wo Messiaen ab 1920 das Krankenpfleger. Bei Verdun wurde Konservatorium besuchte und Kla- er 1940 gefangengenommen und in vier, Komposition, Orgel und Schlag- ein Gefangenenlager nach Görlitz/ zeug studierte (bis 1930). Schlesien deportiert. Während der einjährigen Gefangenschaft wurde Ab 30er Jahre: Organist und Kom- ihm das Musizieren und Komponie- ponist 1931 nahm er eine Stelle als ren erlaubt. So entstand das «Qua- Organist an der Pariser Église de la tuor pour la fin du temps»: Das Sainte-Trinité an, die er die nächsten Quartett für Klavier, Klarinette, Vio- 55 Jahre innehaben sollte. Mit dem line und Cello enthält – neben durch Orchester werk «Les offrandes ou- Kriegsleid hervorgerufenen apoka- bliées» trat er im selben Jahr erstmals lyptischen Visionen – erstmals eine an die Öffentlichkeit. 1932 heiratete große Anzahl von Vogelrufen. Es Messiaen die Komponistin Ciaire wurde am 15.1.1941 vor 5000 Gefan- Delbos (ein Kind). Drei Jahre später genen des Lagers uraufgeführt. Der entstand mit dem Orgelzyklus «La Komponist war von den Umständen nativité du seigneur» eines der be- der Premiere tief bewegt: «Nie hat kanntesten Werke des Komponisten, man mir mit soviel Aufmerksamkeit das einem theologischen Leitfaden und Verständnis zugehört. » folgt: dem Mysterium der Geburt Christi. 1936 gründete Messiaen mit Ab 1941: Anerkannter Kompositi- anderen französischen Komponisten onslehrer Zurück in Paris, übernahm, Messiaen 1941 eine Harmonielehre- klasse am Konservatorium. Zwei Jahre später gründete er eine private Kompositionsklasse, wobei Pierre Boulez und Messiaens spätere Frau, die Pianistin Yvonne Loriod (Heirat 1962) zu seinen Schülern gehörten. 1944 erschien sein grundlegendes theoretisches Werk «Technique de mon langage musical», in dem er seine harmonischen und rhythmi- schen Innovationen beschrieb. Die 1948 vollendete «Turangalila-Sinfo- nie», eine zehnteilige Liebeshymne, schließt die frühe Schaffensperiode ab. Sie gilt als größtes und bedeu- tendstes Orchesterwerk Messiaens. 50er Jahre: Serielle Musik Ab 1949 Olivier Messiaen lehrte Messiaen im amerikanischen Tanglewood und bei den Kranich- Schüler lehnte Messiaen jedoch ab. steiner Ferienkursen für Neue Mu- Er komponierte zahlreiche vom Ge- sik. Dort löste seine Klavieretüde sang der Vögel inspirierte Werke, «Mode de valeurs et d'intensités» wobei er die Vogelstimmen auf sei- (1951), die die serielle Musik ent- nen Spaziergängen selbst transkri- scheidend beeinflußte, bei den jün- bierte (z. B. in «Réveil des oiseaux», geren Komponisten großes Interesse 1953; «Oiseaux exotiques», 1956). In aus. Die strenge Serialität seiner «Chronochromie» (1960) trat der Klang von Wasserfällen hinzu. Serielle Musik Die Kompositionen des Spätwerks sind von tiefer Religiosität geprägt. Kompositionstechnik der Neuen Musik ab 1964 entstand «Et exspecto resurrec- 1950, die alle Toneigenschaften tionem mortuorum», das die Aufer- (Artikulation, Dauer, Höhe, Lautstärke, stehung der Opfer beider Weltkriege Plazierung im Raumgefüge) nach behandelt. Messiaens Oratorium «La festgelegten Reihengesetzen ordnet. Die transfiguration de Notre-Seigneur Aufführung der komplizierten seriellen Jésus-Christ» (1969) für Chor und Partituren stellte die Ausführenden vor großes Orchester thematisiert Probleme, was zum Einsatz von Bibeltexte in 14 Sätzen. Neben dem Computern führte. Durch die filigrane Organisation näherte sich das Klangbild neunteiligen Orgelzyklus «Mé- der Beliebigkeit. So schlug der Serialismus ditations sur le mystère de la Sainte gegen Ende der 50er Jahre in sein Trinité» (1971) schrieb er bis 1983 die Gegenteil, die zufallsgesteuerte Aleatorik, Oper «Saint François d'Assise». Im um. Alter von 83 Jahren starb der franzö- sische Komponist 1992 in Paris., Darius Milhaud ► Leichtigkeit und (4.9.1892-22.6.1974) Ideenvielfalt ◄ Der französische Komponist zählte zu den führenden Vertretern moderner Musik seines Landes. Milhaud, der insgesamt 443 Werke schrieb, gestaltete seine Kompositionen mit großem Reichtum an musikalischen Ideen. Milhaud, geboren in Aix-en-Pro- teau und Erik Satie der Gruppe der vence, war der Sohn musikbegeister- «Nouveaux Jeunes» an. Ab 1918 ter jüdischer Eltern, die sein Talent wurde er zur Gruppe der «Six» um früh erkannten und förderten. Der Satie gezählt, die sich gegen die Siebenjährige erhielt Musik- und spätromantische Ästhetik wandte Violinunterricht und hatte 1904 und die Rückkehr zur reinen Tona- durch ein Streichquartett Claude lität postulierte. Milhaud lehnte dog- Debussys sein künstlerisches Schlüs- matische Kompositionstheorien ab selerlebnis, das die ersten Komposi- und setzte auf Vielseitigkeit musika- tionsversuche bestimmte. Nach dem lischer Mittel. So finden sich in sei- Abitur studierte er ab 1909 zunächst nem Frühwerk neben Bühnenmusi- Violine am Pariser Konservatorium, ken auch Konzerte für solistisch be- später Fugenkomposition, Kontra- setzte Kammerensembles und Vo- punkt und Dirigieren. Von zeit- kalmusiken, z.B. die «Petersburger genössischer französischer Lyrik be- Abende» (1919) über die Russische eindruckt, vertonte Milhaud zu Stu- Revolution. Zudem schuf Milhaud dienzeiten zahlreiche Gedichte Paul Vertonungen von Werbetexten für Claudels und André Gides, schuf Landmaschinen und Blumen (z.B. mehrere Sonaten und ein Streich- «Machines agricoles», 1919; «Cata- quartett. 1910-15 entstand seine er- logue de fleurs», 1920). ste Oper, «La brebis égarée». 20er Jahre: Polytonalität Erste Er- Ab 1916: Inspiration in Südamerika folge stellten sich 1919 mit der Or- 1916 kam Milhaud als Sekretär des chesterfantasie «Le bœuf sur le toit» Schriftstellers und Botschafters Paul nach brasilianischen Motiven ein Claudel nach Rio de Janeiro, wo er (Text von Cocteau; UA als Ballett). sich mit südamerikanischer Musik Bis 1923 entstanden sechs Kammer- auseinandersetzte. Mit Claudel ver- sinfonien, in denen sich Milhaud mit band ihn eine lebenslange Freund- der weiterentwickelten Polytonalität schaft, die sich in gemeinsamen Pro- (gleichzeitiges Erklingen mehrerer duktionen niederschlug, z.B. der Tonarten) auseinandersetzte. Die Bühnenmusik «Protée» (1922) und Oper «Les Euménides» (1922) nach der Oper «Christoph Colombe» Aischylos in der Übersetzung von (1930). Nach der Rückkehr nach Pa- Claudel begründete seine Vorliebe ris gehörte Milhaud mit Jean Coc- für die Vertonung griechischer Sa-, gen, die er mit der «Orestie» (1925, nach «Aischylos» von Claudel) fort- setzte. Die 2. Sinfonische Suite und die fünf Etüden für Klavier und Or- chester sorgten ab 1920 für Skandale, die ein Eingreifen der Polizei erfor- derlich machten. Arnold Schönberg bescheinigte Milhaud daraufhin gro- ßes Talent und nannte ihn «den be- deutendsten Repräsentanten des Polytonalismus». 1923 formulierte Milhaud in einem Fachaufsatz seine persönliche Tonsprache und grenzte sie gegenüber der chromatischen To- nalität der Spätromantiker ab. Die erfolgreiche Ballettmusik «La création du monde» (1923) enthielt erstmals ausgeprägte Jazz-Elemente. Vier Jahre später hatte mit «L'en- lèvement d'Europe» die erste von drei wegen ihrer Kürze als Minuten- Darius Milhaud opern bezeichneten Bühnenkompo- sitionen Milhauds in Baden-Baden Rückkehr nach Paris erhielt er eine Premiere. Ab 1930 dehnte der Kom- Professur am Konservatorium. ponist sein Schaffen auf die Gattun- gen Konzert und Kantate aus. 1934 Nach 1945: Spätwerk Einen Sonder- folgten «Die vier Jahreszeiten» für fall im Werk Milhauds stellen das Violine und Kammerorchester, in 14. und 15. Streichquartett (1948/49) denen er die Erneuerung der Natur dar, die sowohl einzeln als auch polytonal und –rhythmisch darstellte. gleichzeitig gespielt werden können. Aufträge aus aller Welt ließen Mil- Ab 1940: Kriegsflüchtling Nach dem hauds Produktion auch im Alter wei- Einmarsch deutscher Truppen floh ter anwachsen. Sein facettenreiches Milhaud 1940 mit seiner Cousine Gesamtwerk, zu dem auch Filmmu- Madeleine, die seit 1925 seine Frau siken zählen, liegt innerhalb der war, in die USA. Dort erhielt er eine Grenzen der Tonalität, wobei Mil- Professur am Mills College in Kali- haud eine kunstvolle Bereicherung fornien, die er bis 1971 innehatte. In der Harmonik gelang. 1962 interpre- den USA komponierte er 64 Werke, tierte er in «Suite de quatrains» 18 darunter die 3. Sinfonie und die Gedichte von Francis Jammes. Zwei Oper «Bolivar» (beendet 1950). Jahre später entstand ein viersätzi- Auf der Schiffsreise nach Europa ges Streichseptett. Wegen einer schrieb er 1947 seine 4. Sinfonie, eine Rheumakrankheit war er im Alter Auftragsarbeit zum 100. Jahrestag auf den Rollstuhl angewiesen. 1974 der Revolution von 1848. Nach der starb Milhaud mit 81 Jahren in Genf., Carl August Nielsen ► Wegbereiter der (9.6.1865-2.10.1931) skandinavischen Moderne ◄ Der Däne wandte sich als einer der ersten Komponisten des 20. Jahrhunderts wieder der Polyphonie zu. Während Nielsens frühe Werke der Romantik ver- pflichtet sind, flossen später auch chromatische und dissonante Elemente in seine zumeist sinfonischen Arbeiten ein. Nielsen kam in N0rre-Lyndelse auf er als Geiger an der königlichen Hof- der Insel Fünen als siebtes von zwölf kapelle engagiert. 1891 reiste Nielsen Kindern eines mittellosen Malers nach Paris und lernte das Modell und Anstreichers zur Welt. Sein Va- Anne Marie Brodersen kennen, das ter, der zudem als Dorfgeiger tätig er kurze Zeit später heiratete. war, und sein Schullehrer erteilten dem Jungen Geigen- und Hornun- 1903: Operndebüt 1892 stellte Niel- terricht. Um 1874 trat Nielsen in das sen die erste seiner insgesamt sechs lokale Laienorchester ein. Er be- Sinfonien fertig (UA 1894), die in schäftigte sich mit Literatur, Philoso- ihrem Aufbau an Werke von Johan- phie und Kunst und brachte sich nes Brahms erinnert. 1898 legte er Sprachen bei. Als sein erstes Werk sein vokales Hauptwerk «Hymnus entstand eine Polka für Violine. Mit amoris» vor, das er nach der Be- 14 Jahren kam Nielsen als Musiker in trachtung eines Tizian-Gemäldes ge- die Militärkapelle des Infanterie- schrieben hatte und das zu den be- Regiments von Odense, wo er bis deutendsten polyphonen Stücken des 1883 Blasinstrumente spielte. Komponisten zählt. Weitere Erfolge stellten sich auf dem Gebiet des Ab 1884: Studium In Odense kom- Musiktheaters ein: Neben dem ponierte Nielsen Werke im klassi- biblischen Bühnenstück «Saul und schen Stil, die von seinen Vorbildern David» (1903) komponierte er 1905 Joseph Haydn und Wolfgang Ama- die komische Oper «Maskerade», deus Mozart geprägt sind. Mit einem die als eines der Hauptwerke der dä- Streichquartett empfahl sich Nielsen nischen Oper gilt. 1884 für die Aufnahme am Kopenha Bereits 1902 hatte Nielsen seine 2. gener Konservatorium. Dank finan Sinfonie «Die vier Temperamente» zieller Hilfe der Stadt Odense stu vollendet. Obwohl die vier Sätze des dierte er bis 1886 Violine, Klavier, klangreichen Werks jeweils mit Musiktheorie und Musikgeschichte. einem der vier Temperamente 1886-89 spielte er als Geiger in ver («Choleriker», «Sanguiniker», «Me- schiedenen Orchestern. Seinen er lancholiker» und «Phlegmatiker») sten kompositorischen Erfolg hatte überschrieben sind, wies der Däne Nielsen 1888 mit der «Kleinen Suite» ausdrücklich darauf hin, daß es sich für Streicher. Ein Jahr später wurde nicht um Programmusik handele., Sechs Jahre später trat Nielsen in Kopenhagen die Nachfolge Johan Svendsens als Hofkapellmeister an. 1911 erschien die 3. Sinfonie des Komponisten («Sinfonia espansi- va»), in der heimatliche Volksmelo- dien vorherrschend sind. Im selben Jahr schloß er die Arbeit an seinem zweisätzigen Violinkonzert ab. In diesem Werk, das hohe Anforderun- gen an den Solisten stellt, verband der Däne die klassische Konzertform mit seinem eigenen melodischen Stil. Nielsens dreiteilige «Se-renata in vano» (1914) für Klarinette, Fagott, Horn, Cello und Kontrabaß thematisiert den Versuch einer Mu- Carl August Nielsen, um 1910 sikgruppe, die Angebetete durch einschmeichelnde Melodien aus ih- 1925 entstand Nielsens letzte Sinfo- rem Haus zu locken. Als dies nicht nie, die «Sinfonia semplice», in der gelingt, treten die Musiker enttäuscht komplexe düstere Klänge einer Zu- den Rückzug an, was Nielsen durch versicht auf eine bessere Zukunft einen Marsch darstellte. weichen. Ein Jahr später schrieb er 1915 wechselte der Komponist für ein Flötenkonzert, das aufgrund sei- zwölf Jahre als Dirigent der Musik- ner heiteren Melodik zum Erfolg vereinigung nach Kopenhagen und wurde. In der Autobiographie («Min lehrte ab 1916 zudem am Königlich fynske barndom», 1927) schilderte Dänischen Musikkonservatorium. Nielsen seine schwere Jugendzeit. Zu den kompositorischen Spätwer- 1916: 4. Sinfonie Ebenfalls 1916 be- ken gehört das Klarinettenkonzert endete er die Arbeit an seiner 4. Sin- (1928), das mit seinen neoklassizisti- fonie, die er zwei Jahre zuvor begon- schen Zügen und wegen des virtuo- nen hatte. Das Stück erhielt den Ti- sen Anspruchs zu den Standardwer- tel «Das Unauslöschliche» und spie- ken für dieses Instrument zählt. 1931 gelt den grundlegenden Willen zum verfaßte der dänische Komponist Leben unter dem Eindruck des 1. sein letztes Stück, ein viersätziges Weltkriegs wider. Dabei setzte «Commotio für Orgel», das neoba- Nielsen Musik und Leben als rocke Anklänge aufweist. Im selben «unauslöschlich» gleich. Seine 1920 Jahr starb Nielsen im Alter von 66 entstandene zweisätzige 5. Sinfonie Jahren in Kopenhagen, kurz nach- stellt in der autonomen Mehrstim- dem er die Leitung des Konservato- migkeit einiger Instrumentengrup- riums in der dänischen Hauptstadt pen, insbesondere des Schlagwerks, übernommen hatte. Erst nach seinem ein Symbol für den Kampf zwischen Tod wurden seine Werke inter- Natur und Kultur dar. national populär., Luigi Nono ► Musik für das (29.1.1924-8.5.1990) politische Bewußtsein ◄ Der italienische Vertreter der seriellen Musik beschäftigte sich in expressio- nistischen Werken mit historischen und aktuellen politischen Themen. Nono machte sich auch im Bereich der elektronischen Musik einen Namen. Nono kam in Venedig als Sohn eines razön» (1952) bei den Ferienkursen Ingenieurs zur Welt. Nach Beendi- uraufgeführt. Ebenfalls 1952 trat gung der Schule nahm er ein Jurastu- Nono der Kommunistischen Partei dium an der Universität Padua auf. Italiens bei. Als er zwei Jahre später Gleichzeitig besuchte Nono das eine Aufführung von Schönbergs Konservatorium in Venedig, wo er «Moses und Aron» besuchte, lernte 1943-45 die Kompositionsklasse er dessen Tochter Nuria kennen, die Gian Francesco Malipieros absol- er 1955 heiratete (zwei Kinder). vierte. Nonos Jugendzeit war be- stimmt von Faschismus und Krieg, Ende der 50er Jahre: Bruch mit was seine humanistische politische Frühwerk Internationale Aufmerk- Einstellung sowie die späteren Wer- samkeit erregte der serielle Kompo- ke entscheidend beeinflußte. Im 2. nist 1956 mit «II canto sospeso». Weltkrieg engagierte er sich in der Nono entwarf das Stück für Sopran, italienischen Widerstandsbewegung. Alt, Tenor, gemischten Chor und Or- chester nach Texten ermordeter Wi- Ab 1946: Studien bei Maderna und derstandskämpfer. Musikalisch ver- Scherchen Nach Kriegsende machte folgte er – wie bereits in «Incontri» Nono 1946 seinen Jura-Abschluß (1955) – eine strenge Organisation und nahm Unterricht bei Bruno Ma- des Notenmaterials. Mit «Varianti» derna und Hermann Scherchen. Im (1957) schrieb er sein letztes Werk in Studium festigte sich Nonos Absicht, diesem Stil, von dem er sich 1959 in seine antifaschistischen politischen einem Vortrag bei den Kranichstei- Überzeugungen mit serieller Musik ner Ferienkursen ebenso abwandte zu verbinden. 1950 führte Scherchen wie von der zufallsgeleiteten Kom- Nonos erstes Werk, die «Variazioni positionsweise John Cages, die er als canoniche», bei den Kranichsteiner unpolitisch kritisierte. In dieser Zeit Ferienkursen für Neue Musik auf. der Neuorientierung brach Nono Das Orchesterstück, das auf Arnold auch mit rein instrumentaler Musik: Schönbergs «Ode an Napoleon» ba- 1959 vollendete er mit «Diario po- siert, brachte Nono einen ersten lacco '58» sein letztes Werk in die- Achtungserfolg ein. sem Genre. In den folgenden Jahren wurden No- nos Werke «Polifonica-monodia-rit- Ab 1960: Elektronische Musik Seine mica» (1951) und «Espana en el co- wenig melodischen Stücke waren, fortan durch Klangdichte, Dynamik und fein ausgearbeitete Lyrismen gekennzeichnet. Daher galt Nono fortan als wichtigster Vertreter eines neuen Expressionismus in der Mu- sik. Seine antifaschistische und so- zialistische Überzeugung verdeut- lichte er in seinem ersten Bühnen- werk, «Intolleranza 1960». Bei der Uraufführung 1961 in Venedig kam es zum Skandal. Neofaschisten ver- teilten Flugblätter, auf denen der Komponist angegriffen wurde. Zu den stilistischen Ausdrucksmitteln, mit denen der Komponist seine Werke Anfang der 60er Jahre gestal- tete, zählten insbesondere elektroni- sche Elemente (z.B. Tonbandauf- nahmen). Erstmals setzte er sie in Luigi Nono «Omaggio a Emilio Vedova» (1964) ein. In der Folge machte sich Nono Nach Vollendung seines Bühnen- zunehmend elektronische Klangme- stücks «Al gran sole carico d'amore» dien zunutze. (1975) begann er, über die politische Das Arbeiterstück «La fabbrica illu- Wirksamkeit seiner Musik kritisch minata» (1964) spiegelt ebenso No- nachzudenken. Drei Jahre später ließ nos politisches Engagement wie er sich in das Zentralkomitee der KP auch das «Auschwitz-Oratorium» Italiens wählen. (1965) und «A floresta é jovem é cheja de vida» (1966), eine kritische 1980: «Fragmente-Stille, an Dio- Auseinandersetzung mit dem Viet- tima» Anfang der 80er Jahre zeigte namkrieg. Um die Aussage zu unter- sich ein deutlicher Wandel in Nonos stützen, spielte er Alltagsgeräusche musikalischer Sprache. Im Gegen- und –klänge über Tonband in seine satz zu vorherigen Werken lebt das Werke ein. In «Contrappunto dialet- Streichquartett «Fragmente-Stille, an tico alla mente» (1968) befaßte er Diotima» (1980) nicht mehr von sich mit dem schwarzen Bürgerrecht- starken, provozierenden Kontrasten, ler Malcolm X; das Tonbandstück sondern von feinen Differenzierun- «Musica-manifesto no. 1» (1969) be- gen und der Verinnerlichung des schäftigt sich mit der Studentenre- Klangs. Dies zeigt sich auch in «Pro- volte. 1970 setzte sich Nono in «Y meteo» (1984), in dem menschliche enfonces comprendio» mit dem So- Stimmen, Instrumental- und akusti- zialismus in Kuba auseinander. sche Klänge subtil ineinandergrei- Zugunsten politischer Aktivitäten fen. Drei Jahre nach seiner Kantate nahm das kompositorische Schaffen «Camminantes… Ayacucho» starb Nonos ab Mitte der 70er Jahre ab. der 66jährige Nono 1990 in Venedig., Carl Orff ► Der «urwüchsige» (10.7.1895-29.3.1982) Komponist ◄ Über die Beschäftigung mit alter Musik und Texten aus Altertum und Mittel- alter gelangte der deutsche Komponist zu einem eigenen Stil, in dem Musik, Sprache und Bewegung eine Einheit bilden. Weltweit bekannt wurde Orff durch sein «Schulwerk», das Kinder an die Musik heranführt. Orff wurde in München als Sohn ei- schaftlers Curt Sax ein, der ihm riet, nes Offiziers geboren. Mit fünf Jah- sich mit Claudio Monteverdi ausein- ren erhielt er Klavierunterricht von anderzusetzen. Orff bearbeitete drei seiner Mutter, als Schüler schrieb Werke des frühbarocken Musikers – Orff Lieder und Puppenspiele. 1911 «L'Orfeo», «Ballo dellTngrate» und verließ er das Gymnasium. Im selben «Lamento d'Arianna». Die entstan- Jahr erschien sein erstes gedrucktes denen Stücke «Orpheus», «Tanz der Werk, der Liederzyklus «Eliland», Spröden» und «Klage der Ariadne» dem weitere Klavierlieder und die er- wurden zwischen 1923 und 1925 ur- ste Oper, «Gisei» (1913), folgten. Orff aufgeführt. Orff veränderte sie bis studierte 1912-14 an der Münchner 1940 mehrfach und faßte sie 1958 für Akademie der Tonkunst und ging die Schwetzinger Festspiele zu «La- 1915 als Kapellmeister an die Münch- menti, Trittico teatrale» zusammen. ner Kammerspiele. Als Soldat wurde er 1917 verschüttet und kehrte als Ab 1930: «Schulwerk» 1923 lernte «nicht mehr kriegsverwendungs- Orff, ab 1920 mit der Sängerin Alice fähig» nach Hause zurück. Solscher verheiratet (1925 geschie- den, ein Kind), die Malerin und 20er Jahre: Beschäftigung mit Mon- Schriftstellerin Dorothée Günther teverdi Kurz darauf ging Orff als Ka- kennen. Sie gründeten 1924 die sog. pellmeister zu Wilhelm Furtwängler Günther-Schule für Gymnastik, Mu- an das Nationaltheater Mannheim. sik und Tanz. Aus der pädagogischen Dort schrieb er eine Schauspielmu- Arbeit entwickelte Orff 1930-35 die sik zu Georg Büchners «Léonce und erste Ausgabe seines «Schulwerks», Lena», deren Stil unter dem Einfluß das «als elementare Musikübung an von Richard Strauss steht. Nach ei- Urkräfte und Urformen der Musik nem Intermezzo am Hoftheater in heranführen» sollte. In Kooperation Darmstadt betätigte sich Orff 1919 mit dem Instrumentenbauer Karl als Lehrer in München. Zwei Jahre Maendler entstanden neue Xylopho- später gab er in Berlin seinen ersten ne und Metallophone – die Basis des Kompositionsabend mit Liedern aus späteren Orff-Instrumentariums. der Zeit vor 1920. Zwar war der Auf- Daneben brachte Orff Werke alter tritt ein Mißerfolg, brachte ihm aber Musik zur Aufführung, u. a. 1932 Jo- die Bekanntschaft des Musikwissen- hann Sebastian Bachs «Lukas-Pas-, sion». Zudem komponierte er Kan- taten nach Texten von Franz Werfel (1930) und Bertolt Brecht (1931). 1937: «Carmina Burana» Mitte der 30er Jahre vertonte Orff die «Car- mina Burana», eine Sammlung latei- nischer und deutscher Lieder aus dem 13. Jahrhundert. Sein musika- lischer und szenischer Stil war fortan festgelegt: Sowohl in der rhythmisch geprägten Kompositionstechnik als auch in der Wahl der Instrumente haben frühe Formen menschlichen Musizierens Vorrang. Orff selbst sah das Stück als seine erste verbindliche künstlerische Aussage Carl Orff, 1964 an und verwarf nahezu alle früheren Kompositionen. Die Uraufführung der Tyrann» (1959) und «Prome- der «Carmina Burana» (1937) war theus» (1968). 1950 wurde Orff Lei- ein großer Erfolg, dennoch wurde ter einer Meisterklasse für Komposi- das Werk – wie die folgenden Arbei- tion an der Münchner Musikhoch- ten «Der Mond» (1939), «Die schule. Zwei Jahre später schloß er Kluge» und «Catulli Carmina» die schon 1939 vorgelegte Vertonung (beide 1943) – in Nazi-Deutschland von Shakespeares «Sommernachts- nur selten aufgeführt. 1939 heiratete traum» ab (überarbeitet 1964). 1953 Orff in zweiter Ehe Gertrud Willert vollendete er den «Trionfo di Afro- (dritte Ehe mit der Schriftstellerin dite» nach lateinischen und altgrie- Luise Rinser bis 1959; vierte Frau chischen Gedichten und erlebte im Lieselotte Schmitz ab 1960). selben Jahr an der Mailänder Scala dessen Uraufführung mit «Carmina Ab 1949: «Griechendramen» Nach- Burana» und «Catulli Carmina» als dem er 1947 mit der in altbayerischer Trilogie «Trionfi, Trittico teatrale». Mundart verfaßten «Bernauerin» ei- Ein Jahr später kam die Neufassung ne weitere historische Legende ver- des «Schulwerks» unter dem Titel öffentlicht hatte, machte Orff ab «Musik für Kinder» heraus. Orff 1949 mit sog. Griechendramen von stellte sein Bildungswerk fortan auf sich reden: In der Oper «Antigo- Reisen in der ganzen Welt vor. Ne- nae» nach dem Sophokles-Drama ben der Komposition «Rota» für die hielt er sich ganz an die antike Vor- Eröffnungsfeier der Olympischen lage. Der Text wird im Sprechgesang Spiele 1972 in München fand auch wiedergegeben, das Orchester be- Orff s letzte Oper, «De temporum schränkt sich auf großes Schlagwerk, fine comoedia. Spiel vom Ende der Kontrabässe und Bläser. In ähnlicher Zeiten» (1973) Anerkennung. 1982 Form bearbeitete er auch «Oedipus starb Orff mit 86 Jahren in München., Arvo Part ► Schöpfer des (* 11.9.1935) Tintinnabuli-Stils ◄ Der estnische Komponist nutzte die kulturpolitische Öffnung seiner Heimat und komponierte Werke im Stil der westlichen Avantgarde. Innere Einkehr, Religiosität und mittelalterliche Musik führten Part zu einem neuen Stil –dem sog. Tintinnabuli –, der ihm große Popularität einbrachte. Part wurde in Paide in der späteren 1968: «Credo» In seinen folgenden Sowjetrepublik Estland geboren, wo Kompositionen, «Perpetuum mobi- er seine Schulzeit absolvierte. Mit 23 le» (1963) und der 1. Sinfonie «Poly- Jahren kam er an das Konservato- fonie» (1963), vertiefte Part seinen rium in Tallinn und studierte Kom- neuen Stil. So wandte er beispiels- position bei Heino Eller. Parts erste weise in der Sinfonie neben Zwölf- Arbeiten, darunter ein Streichquar- tontechnik auch breite Klangflächen, tett, eine Partita und zwei Sonatinen sog. Cluster, an. Nach dem Abschluß für Klavier (alle 1958), standen in der des Konservatoriums (1963) war Tradition Neuer Musik in der So- Part beim estnischen Rundfunk und wjetunion, die geprägt war von staat- als freier Komponist tätig. All- licher Ablehnung der avantgardisti- mählich übernahm er immer mehr schen Strömungen westlicher Musik. Zitate anderer Komponisten in seine Musik. Die Technik der Collage, wie 1960: «Nekrolog» Mit seinem 1960 sie z. B. auch sein deutscher Kollege vollendeten Orchesterwerk «Nekro- Bernd Alois Zimmermann anwand- log» erregte Part großes Aufsehen. te, bestimmte viele Werke der Folge- Das Stück, das er den Opfern der fa- zeit wie etwa die 2. Sinfonie (1966). schistischen Gewaltherrschaft wid- Auf Zitaten aus Werken Johann Se- mete, bediente sich der reihenweisen bastian Bachs basiert die «Collage Organisation des Tonmaterials. Die- über das Thema B-A-C-H» (1964). se Technik geht auf Arnold Schön- Nach seinem Cellokonzert «Pro und berg und Anton Webern zurück. Contra» (1966) erreichte Part zwei Während diese Art der Komposition Jahre später mit «Credo» den Höhe- in der westlichen Musik schon durch und Endpunkt seiner ersten Schaf- neue Strömungen verdrängt worden fensperiode. Fortan widmete er sich war, löste die Veröffentlichung in der dem Studium mittelalterlicher Mu- UdSSR eine Verurteilung durch den sik, insbesondere der Polyphonie Komponistenverband aus. Dennoch und dem gregorianischen Choral. erhielt Part für seine Kinderchor- Seine wenigen Kompositionen die- Kantate «Meie aed» (1959) und das ser Zeit spiegeln die neuen Elemente Oratorium «Maailma samm» (1961) wider, z.B. die 3.Sinfonie (1971) auf dem All-Unions-Wettbewerb für und die sinfonische Kantate «Laul Komponisten 1962 den ersten Preis. armastatule» (1973)., Ab 1976: «Tintinnabuli-Stil» Die neue Einfachheit und bewußte In- nerlichkeit, die mit Parts Hinwen- dung zur russisch-orthodoxen Kirche einhergingen, kennzeichnen die ab 1976 entstandenen Kompositionen. Durch den neuen Ansatz isolierte sich Part erneut vom offiziellen Kulturbetrieb der UdSSR. Auch wa- ren die Kompositionen (z.B. «Mo- dus», 1976) oft religiösen Gehalts – eine Thematik, die auch schon in «Credo» angeklungen war. Um kein weiteres Aufsehen bei der Kultur- behörde zu erregen, formulierte Part den ursprünglichen Titel der Kom- position, «Sarah wurde 90 Jahre alt», um. Der Este benannte seinen neuen Arvo Part, 1990 Stil, der auf einfachsten musikali- schen Mitteln wie beispielsweise 1980: Emigration nach Österreich dem Dreiklang basiert, mit dem Be- Obwohl Part 1978 den Jahrespreis griff «Tintinnabuli» – in Anlehnung der Musik in Estland gewann, emi- an die lateinische Bezeichnung für grierte er 1980 mit seiner Familie «Glöckchen». über Israel nach Wien. Im folgenden Im Anschluß an sein Klavierstück Jahr siedelte Part nach Berlin über, «Aliinale» (1976) wandte Part die wo er seitdem lebt. Der tiefe Glaube Technik auch auf größere Instru- des russisch-orthodoxen Part führte mentalwerke an. So kreist «Tabula ihn zu der Einsicht, daß die Schön- rasa» (1977) um einen einfachen heit der Musik das höchste komposi- Mollakkord, der sich allmählich in torische Gut darstellt. So gewann Stille auflöst. Daneben begann Part seine introvertierte, beinahe patheti- mit der Komposition der Werkreihe sche Musik gerade im Westen viele «Fratres I-III» (1977-80) für unter- Anhänger, die in Part eine Leitfigur schiedliche Besetzungen. Das Chor- einer neuen Ordnung in der Musik werk «Missa syllabica» (1977), das und der Welt sahen. der Komponist 1991 überarbeitete, Die Religiosität bestimmte auch wei- folgt dem «Tintinnabuli»-Stil ebenso terhin das Schaffen Parts. Nachein- wie seine 1977 begonnene «Passio ander entstanden «Stabat Mater» Domini nostri Jesu Christi secundum (1985), «Te Deum» (1986), «Magni- Joannem», die Part 1982 fertigstellte ficat» (1989) und «Miserere» (1990). und später ebenfalls veränderte. Aus Anlaß des 90. Deutschen Ka- Dabei ist die anfangs vorherrschende tholikentags in Berlin schrieb er 1990 Orchesterbegleitung zugunsten eines die «Berliner Messe«; ein Jahr später A-cappella-Klangs weitgehend entstand «Silouans Song», ein zurückgenommen. kurzes Werk für Streichorchester., Krzysztof Penderecki ► Emanzipation des (* 23.11.1933) Geräuschs ◄ Der polnische Komponist wurde in den 60er Jahren durch geräuschhafte Klangballungen zum Vorreiter des «Sonorismus» (Klangkomposition). Spä- ter bezog Penderecki politische Äußerungen und christliche Themen in seine Musik ein, wobei sich seine anfangs serielle Tonsprache zu emotionaler Ein- fachheit verdichtete. Penderecki wurde in der polnischen er Hochschule. Im Rahmen eines Kleinstadt Debica als zweites Kind Kompositionswettbewerbs des pol- eines Advokaten geboren. Der Junge nischen Komponistenverbandes ge- erhielt zunächst Klavier- und Gei- wann er mit den «Psalmen Davids», genunterricht, besuchte ab 1946 das «Emanationen» für zwei Streichor- Gymnasium und trat mit 14 Jahren in chester und «Strophen» für Gesang, einem Schülerkonzert mit einem Sprechstimme und Ensemble die er- Violinkonzert von Antonio Vivaldi sten Preise in drei unterschiedlichen erstmals öffentlich auf. Der 2. Welt- Kategorien. Anschließend bereiste er krieg löste bei Penderecki einen star- Italien, wo er Kontakte zu Luigi ken Freiheitswillen aus, der sich ab Nono knüpfte und sein «Polnisches Ende der 40er Jahre in antistalinisti- Tagebuch» komponierte. schen Bekenntnissen äußerte. 1960: «Anaklasis» Das Ende der 1959: Erste Erfolge 1951 ging Pen- Stalinzeit und die einsetzenden kul- derecki nach Krakau, wo er zunächst turellen Freiheiten nutzte Penderecki Philosophie, Geige und Musiktheo- für kompositorische Neuerungen. rie studierte, ehe er 1954 an die Kra- Nach einer Zeit des Experimen- kauer Musikhochschule wechselte. tierens machte ihn die Uraufführung In der Folgezeit widmete er sich aus- von «Anaklasis» für Schlagzeug und schließlich der Komposition. Pen- Streicher auf den Donaueschinger derecki schrieb erste Lieder, ein Musiktagen 1960 in Kreisen der Streichquartett und drei «Miniatu- westlichen Avantgarde über Nacht ren» für Klarinette und Klavier, die populär. Das Werk überraschte so- sich an der Tonsprache Bêla Bartöks wohl durch seine geräuschartigen orientieren. Als erstes großes Werk Cluster für Streichinstrumente als entstand 1958 das Requiem «Epita- auch durch extreme Spielanweisun- fum Artur Malawski in memoriam», gen. Die folgenden Stücke setzten das er seinem verstorbenen Kom- sich mit politisch-gesellschaftlichen positionslehrer widmete. Themen auseinander: Für «Threnos Nach dem Staatsexamen erhielt Pen- für die Opfer von Hiroshima» (1960) derecki 1958 die Stelle eines Dozen- erhielt er 1961 den UNESCO-Preis. ten für Komposition an der Krakau- Ein Jahr später folgte das Orchester-, werk «Fluorescences». In dieser Auftragsarbeit des Südwestfunks vereinte Penderecki die Summe sei- ner kompositiorischen Neuerungen: Alltagsgeräusche durch Sägen, elek- trische Klingeln und Trillerpfeifen stellte er gleichberechtigt neben die traditionelle Instrumentierung. Seine klanglichen Innovationen wandte Penderecki auch auf Volkalmusiken an. So zerlegte er in «Dimensionen der Zeit und der Stille» (1961) die Sprache in einzelne Laute. 1965 hei- ratete Penderecki in zweiter Ehe die Schauspielerin Elzbieta Solecka Krzysztof Penderecki, 1971 (zwei Kinder). Zwei Jahre später legte er das Oratorium «Dies irae» Umorientierung in seinen Werken zum Gedenken an die Opfer des bemerkbar, z.B. in dem Violinkon- Konzentrationslagers Auschwitz vor. zert (1977) sowie dem 2. Cellokon- zert (1982) und der 1978 vollendeten 70er Jahre: Komponist, Dirigent Oper «Paradise Lost» nach John und Lehrer 1966-68 war Penderecki Milton. Das Bühnenstück ist eines Dozent für Komposition an der seiner ambitioniertesten, wenn auch Folkwang-Hochschule in Essen. In weniger avantgardistischen Werke. seinen Werken standen die experi- Das 1980 vollendete «Te Deum» mentellen Geräuschmontagen fortan widmete Penderecki seinem Lands- hinter einer einfacheren Tonsprache mann, Papst Johannes Paul IL, mit zurück. Seine tiefe Religiosität dem er in den 50er Jahren am selben brachte der Katholik Penderecki Theater gearbeitet hatte. Ebenfalls 1966 in der «Lukaspassion» zum 1980 komponierte Penderecki auf Ausdruck. «Utrenja – Grablegung Wunsch Lech Walesas «Lacrimosa» und Auferstehung Christi» (1970), zur Einweihung des Denkmals für ein Passionswerk, ist an die ortho- den Arbeiteraufstand in Danzig. doxe altslawische Liturgie ange- 1984 bildete das Werk die Basis für lehnt. Im selben Jahr hatte Pende- das «Polnische Requiem» für vier reckis Operndebüt «Die Teufel von Solisten, gemischten Chor und Or- Loudun» Premiere. chester. Seine bei den Salzburger 1972 wurde Penderecki zum Direk- Festspielen 1986 uraufgeführte Oper tor der Musikhochschule Krakau er- «Die schwarze Maske» schrieb Pen- nannt. Zwei Jahre später leitete er derecki nach einer literarischen Vor- die Uraufführung des «Magnificats», lage von Gerhart Hauptmann. Drei das er als Auftragswerk der Jahre nach der Premiere von «Passa- Salzburger Festspiele verfaßt hatte. caglia und Rondo für Orchester» in Ab Mitte der 70er Jahre machte sich Luzern folgte 1991 Pendereckis Oper eine der Spätromantik verpflichtete «Ubu Rex»., Allan Pettersson ► Der schwermütige (19.9.1911-20.6.1980) Sinfoniker ◄ Der schwedische Komponist und Geiger entwickelte einen eigenen Stil zwi- schen Schlichtheit und sinfonischer Klanggewalt. Dissonanzen und freie To- nalität ohne thematische Einbindung sind für die sinfonischen Hauptwerke Petterssons charakteristisch. Gustaf Allan Pettersson kam in ärm- sein Geigenstudium 1939 in Paris lichen Verhältnissen in Västra Ryd/ fort, mußte die französische Haupt- Uppland als Sohn eines Schmieds stadt jedoch im selben Jahr nach dem zur Welt. Die strenggläubige Mutter deutschen Einmarsch wieder verlas- sang dem Jungen Hymnen der Heils- sen und nahm in Stockholm eine armee vor. Elemente dieser Hymnen Stelle als Geiger des Konzertvereins verarbeitete Pettersson später in sei- an. Zwölf Jahre später gab er diese nen Sinfonien. Die Familie zog nach Tätigkeit auf und begann mit der Ar- Stockholm, wo er Weihnachtskarten beit an seiner 1. Sinfonie, die nur verkaufte. Von den spärlichen Erträ- fragmentarisch erhalten ist. Die Auf- gen kaufte sich Pettersson seine erste führung des 1949 abgeschlossenen Geige. Sein Wissen über Musik, Phi- «Konzerts Nr. 1» für Violine und losophie und Religion brachte er sich Streichquartett, das zum großen Teil fortan selbst bei. Ab 1930 studierte bei einer Fahrradtour entstand, geriet Pettersson am Stockholmer Konser- 1951 in Stockholm zum Mißerfolg. vatorium Geige, Bratsche und Mu- Auch die im selben Jahr vollendeten siktheorie. Zu den wenigen kammer- sieben Sonaten für zwei Violinen musikalischen Werken für Geige fanden wenig Anklang. Enttäuscht gehören die zwei Elegien für Geige ging Pettersson nach Paris und und Klavier (1934). vertiefte sein kompositorisches Wissen – insbesondere im Bereich 1951: Mißerfolg mit Debüt Mit ei- der Zwölftonmusik – bei Arthur Ho- nem Stipendium setzte Pettersson negger und René Leibowitz. Klassische Sinfonie Die Sinfonie stellt die wichtigste Gattung der Instrumentalmusik dar, bei der auch Gesang verwendet werden darf. Die klassische Sinfonie ist eng mit der Sonate verwandt, allerdings für Orchester komponiert. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts umfaßt sie – nach Joseph Haydn – im allgemeinen vier Sätze, die eine kompositorische Einheit bilden. Der erste Satz (Kopfsatz) steht in Sonatenform, der dritte Satz ist zumeist ein Menuett. Während die Tonarten der Sätze aufeinander abgestimmt sind, können weitere Elemente (wie z. B. Thema und Tempo) uneinheitlich sein., Zurück in Stockholm, widmete sich Pettersson ab 1952 ausschließlich sei- ner Arbeit als Komponist. 1955 voll- endete er die 3. Sinfonie, die auf- grund ihrer Mehrsätzigkeit – ebenso wie die 8. Sinfonie (1969) – eine Aus- nahme unter seinen sinfonischen Werken bildet: Alle anderen Sinfo- nien umfassen – abweichend von der klassischen Form – nur einen Satz, der sich aber in Stimmung, Tempo, Metrik und Rhythmik verändert. Zudem verfaßte Pettersson bis 1957 drei Konzerte für Streichorchester. 1968: Erfolg mit 7. Sinfonie Ein Jahr nach der Uraufführung seiner 5. Sin- fonie erkrankte er 1963 an rheumati- schen Gelenkentzündungen, die ihn Allan Pettersson zwangen, seine Tätigkeit als Geiger zu beenden. Trotz seines bislang ge- der 10. Sinfonie (1973) schrieb Pet- ringen Erfolgs als Komponist schrieb tersson seine insgesamt 17 Sinfonien Pettersson in der Folge unverdrossen in Moll-Tonarten, um seine Schwer- weiter. Mit der Premiere seiner 7. mut und seinen ausgeprägten Pessi- Sinfonie 1968 in Stockholm gelang mismus ausdrücken zu können. In ihm der lang erhoffte Durchbruch. der 12. Sinfonie (1974), die den Titel Im selben Konzert wurden auch die «Die Toten auf dem Marktplatz» er- 24 «Barfußgesänge» für Stimme und hielt, setzte Pettersson zum ersten- Klavier (entstanden 1943-45) nach mal einen Chor ein (Texte nach Pa- Petterssons eigenen Texten mit Er- blo Neruda). Seine zumeist der folg aufgeführt. Die Freude über den Zwölftontechnik verpflichteten Wer- Triumph währte nicht lange: Als das ke inspirierten die junge Komponi- Stockholmer Orchester die 7. Sinfo- stengeneration, beispielsweise Wolf- nie vom Programm einer Amerika- gang Rihm, Peter Ruzicka und Man- Tournee strich, untersagte Pettersson fred Trojahn. alle weiteren Aufführungen seiner Mit «Vox humana» (1974) für So- Werke in Schweden. pran, Alt, Tenor, Bariton, gemisch- ten Chor und Streichquartett schrieb 1974: Sinfonischer Choreinsatz Die Pettersson eines seiner wenigen einsätzige 9. Sinfonie (1970), die zum Chorwerke, das wiederum nach Tex- überwiegenden Teil während eines ten von Neruda entstanden war. Krankenhausaufenthalts entstanden Seine 17. Sinfonie konnte der Kom- war, legte Pettersson so ausschwei- ponist nicht mehr vollenden: Petters- fend an, daß sie eine Länge von 74 son starb 1980 im Alter von 68 Jah- Minuten erreichte. Mit Ausnahme ren in Stockholm., Hans Pfitzner ► Erfolg durch Tradition ◄ (5.5.1869-22.5.1949) Der russischstämmige deutsche Komponist machte sich als Gegner der Neuen Musik einen Namen. Pfitzner wurde zur Leitfigur bei der Erhaltung ei- ner traditionell-romantischen Kompositionsweise. Hans Erich Pfitzner kam in Moskau Klaviertrio vollendet hatte, ging zur Welt, wo sein Vater, ein Geiger Pfitzner 1897 für zehn Jahre als Kom- aus Würzburg, ein Engagement an positionslehrer an das Sternsche der Oper hatte. Als der Junge drei Konservatorium nach Berlin. Zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Jahre später heiratete er Mimi Frankfurt a. M. 1896 ging Pfitzner an Kwast, die Tochter seines ehemali- das dortige Konservatorium und stu- gen Klavierlehrers. dierte Komposition bei Iwan Knorr und Klavier bei James Kwast. Der 1917: «Palestrina» Sein nächstes mit Pfitzner befreundete Cellist musikdramatisches Werk war die Heinrich Kiefer animierte ihn zur zweiaktige romantische Oper «Die Komposition eines Cellokonzertes Rose vom Liebesgarten» (1901), für (1888) und der Cellosonate op. 1 deren Aufführung sich Gustav Mah- (1890). Neben zahlreichen Klavier- ler persönlich einsetzte. Neben sei- liedern nach klassischen oder ro- ner Tätigkeit als Lehrer dirigierte mantischen Texten entstanden in Pfitzner ab 1903 am Theater des We- dieser Frühphase ein Scherzo für Or- stens und stellte im selben Jahr das chester (1887), die Ballade «Der Blu- erste seiner drei Streichquartette fer- men Rache» (1888) und die Schau- tig. Nachdem er 1906 die Komposi- spielmusik zu «Fest auf Solhaug» tion des Goethe-Zyklus «An den (1890) von Henrik Ibsen. Mond» beendet hatte, widmete sich Pfitzner der Arbeit an der musikali- 1895: Erste Opernaufführung Mit schen Legende «Palestrina» (UA den eigenen Werken unzufrieden, 1917). Er entwarf auch das Libretto verließ Pfitzner 1890 das Konserva- zu dieser Oper, die zu seinen erfolg- torium und nahm in der Folgezeit reichsten Werken zählt. Der Kompo- unterschiedlichste Stellungen an. nist war sich bewußt, daß sich die tra- 1893 legte er sein erstes musikdrama- ditionelle Musik in einer Krise be- tisches Werk vor, die Oper «Der fand und eine neue Epoche musika- grüne Heinrich». Um eine Auf- lischer Sprache bevorstand. Dieses führung durchzusetzen, arbeitete er Wissen stürzte ihn in einen Konflikt, ab 1894 zunächst unentgeltlich als den er am Beispiel des Renaissance- Theaterkapellmeister in Mainz, wo Komponisten Giovanni Pierluigi da das Werk im folgenden Jahr Pre- Palestrina in seinem Werk verarbei- miere hatte. Nachdem er 1896 sein tete. Die Oper entfachte bei der Ur-, aufführung durch Bruno Walter gro- ße Begeisterung. Als Konsequenz setzten sich namhafte Künstler, dar- unter Thomas Mann, 1918 für die Gründung des Hans-Pfitzner-Ver- eins für deutsche Tonkunst ein, der für die Bewahrung traditioneller Stilrichtungen eintrat. Mit seiner Schmähschrift «Die Futu- ristengefahr» machte sich Pfitzner zum Vorreiter der Bewegung. Der 1917 erschienene Aufsatz griff die Ideen der Neuen Musik an, die der Italiener Ferruccio Busoni zehn Jah- re zuvor in seinem «Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst» fest- geschrieben hatte. Hans Pfitzner 1930: «Das dunkle Reich» Nach dem 1. Weltkrieg arbeitete Pfitzner als folgte er dem Ruf an die Münchener Klavierlehrer und übernahm eine Akademie der Tonkunst und vollen- Kompositionsklasse an der Berliner dete ein Jahr später die Oper «Das Akademie der Künste. 1921 schrieb Herz», ein musikalisches Dämonen- er seine romantische Kantate «Von drama, in dem er u. a. Lautsprecher deutscher Seele» für vier Soli, ge- und Sirenen einsetzte. Drei Jahre mischten Chor, Orchester und Orgel nach der Sinfonie cis-Moll, die er aus nach Joseph von Eichendorff, die seinem Streichquartett (1925) ent- nicht nur seine Einordnung als Tra- wickelt hatte, entstand 1935 das Kon- ditionalist unterstrich, sondern ihm zert für Violoncello. auch den Ruf eines deutschnational Nach der Emeritierung (1934) ver- gesinnten Musikers einbrachte. 1923 faßte Pfitzner u. a. die «Kleine Sinfo- folgte das Klavierkonzert in Es-Dur, nie» (1939) und die Sinfonie in C das klassischen Vorbildern verpflich- (1940). Seinen Lebensunterhalt be- tet ist; ein Jahr später erschien das stritt er mit Konzertauftritten. Im 2. Violinkonzert in h-Moll. Nach dem Weltkrieg mußte er seinen Wohnsitz Tod seiner Frau (1926; zweite Ehe ab in München, später auch in Wien 1939 mit Mali Scholl) schrieb Pfitz- verlassen. Ein Jahr nach Vollendung ner den Orchestergesang «Lethe», in des Cellokonzerts a-Moll schrieb dem er seine Trauer verarbeitete. Pfitzner ein Sextett in g-Moll für Kla- Nach einer längeren Schaffenskrise rinette, Violine, Bratsche, Cello und komponierte er 1930 die Chorfanta- Klavier. Mittellos kam er 1946 in ein sie «Das dunkle Reich». Das achttei- Altersheim bei München. Zwei Jahre lige Werk für Orchester, Orgel, So- vor seinem Tod (1949 in Salzburg) pran- und Baritonsolo setzt sich mit vollendete er sein letztes Werk, eine dem Tod auseinander. Im selben Jahr Fantasie für Orchester.,

Cole Porter ► Mit Evergreens zum

(9.6.1891-15.10.1964) Klassiker des Musicals ◄ Der amerikanische Komponist – u. a. von Filmmusiken – prägte das Musical in der ersten Jahrhunderthälfte durch Melodien, die zu Welthits wurden. Por- ters bekannteste Werke sind «Kiss Me, Kate (1948) und «Can Can» (1953). Porter kam in Peru/Indiana als Sohn eines Farmers zur Welt. Durch sei- Irving Berlin (11.5.1888-22.9.1989) nen Großvater, den Besitzer eines Der Sohn eines Rabbiners, als Israel Kohlenbergwerks, wuchs Porter in Baline in Temum/Sibirien geboren, begüterten Verhältnissen auf. Mit wanderte 1893 in die USA aus. Vier sechs Jahren lernte er Violine, mit Jahre nach seinem ersten Song acht Jahren Klavier spielen. Nach- «Marie From Sunny Italy» (1907) dem er die Worcester Academy in verfaßte er mit «Alexander's Ragtime Massachusetts absolviert hatte, gra- Band» (1911) einen Welthit, dem der duierte er 1913 in Yale. Auf Wunsch Bestseller «When I Lost You» (1913) seines Großvaters begann er ein Ju- folgte. 1927 arbeitete er am ersten rastudium an der Havard Law Tonfilm «The Jazz Singer» mit. School, das er jedoch abbrach, um Nachdem sein Musical «Face the sich an der dortigen Musikhoch- Music» 1932 zum Erfolg geworden schule einzuschreiben. Er erhielt ei- war, schrieb Berlin bis Anfang der ne Kompositionsausbildung und ver- 40er Jahre überwiegend Revuen und Filmmusiken, vor allem für Filme mit faßte die Musikkomödie «See Ame- Ginger Rogers und Fred Astaire. Das rica First», die nach kurzer Zeit am von Bing Crosby gesungene Lied Broadway abgesetzt wurde. Ent- «White Christmas» aus dem Film täuscht verdingte sich Porter im 1. «Holiday Inn» (1942, Regie Mark Weltkrieg in der französischen Sandrich) wurde zum erfolgreichsten Fremdenlegion, wo er eigene Werke Schlager aller Zeiten. Im 2. Weltkrieg und Stücke seines Lieblingskompo- war Berlin in der Propaganda- nisten Irving Berlin vorführte. Abteilung für die musikalische Betreuung der Streitkräfte tätig und 30er Jahre: Evergreens Nach dem schrieb patriotische Lieder wie «God Krieg setzte Porter seine Ausbildung Bless America». Nach 1945 stiftete an der Schola Cantorum in Paris fort. der Multimillionär eine siebenstellige Im Anschluß an die Heirat mit Linda Summe für Kriegsopfer. Zu seinem Lee Thomas und erste Erfolge mit erfolgreichsten Musical avancierte Revuestücken sorgte sein Großvater 1946 «Annie Get Your Gun», u. a. für Porters finanzielle Unabhängig- mit den Songs «There's No Business keit, so daß er sich ganz dem Kompo- Like Show Business» und «The Girl nieren widmen konnte. 1929 landete That I Marry». Im Alter von 101

Jahren starb der Komponist 1989 in er mit «Fifty Million Frenchmen» New York.

, seinen ersten großen Erfolg, zu dem er – wie in vielen weiteren Arbeiten – den Text selbst verfaßte. Ein Jahr später erschien die musikalische So- zialsatire «The New Yorkers», der in den 30er Jahren zahlreiche Bühnen- shows folgten: In «Gay Divorce» (1932; verfilmt 1934) war erstmals Porters Erfolgshit «Night and Day» zu hören. Im Anschluß an «Anything Goes» (1934) mit dem Song «I Got a Kick Out of You» kam «Jubilee» (1935) mit dem späteren Evergreen «Begin the Beguine» heraus. In «Red, Hot and Blue» (1936) sang Bob Hope den Hit «It's Delovely». 1948: «Kiss Me, Kate» 1937 wurde Porters Schaffen durch einen Reit- unfall auf Long Island unterbrochen, bei dem er sich beide Beine brach. Nach mehr als 30 Operationen nahm Cole Porter, kurz vor seinem Tod er die Arbeit mit den Musicals «Leave It to Me» (1938) und «Du- Barry Was a Lady» (1939) wieder 1953: «Can Can» Im Mai 1953 hatte auf. Porters Bühnenstück «Let's Face Porters Musical «Can Can» in New It» (1941) machte den amerika- York Premiere. Der Zweiakter nach nischen Schauspieler Danny Kaye einem Buch von Abe Burrows am Broadway bekannt. Für den Film knüpfte an den Erfolg von «Kiss Me, «Hollywood-Kantine» (1944) steu- Kate» an. Im Paris um die Jahrhun- erte Porter die Filmmusik mit dem dertwende setzen Wäscherinnen den Hit «Don't Fence Me In» bei. sinnlichen Tanz Cancan gegen eng- Zwei Jahre nach dem Mißerfolg von stirnige Beamte durch. In Erinne- «Around the World» (1946) landete rung blieben besonders die Hits «I Porter 1948 mit «Kiss Me, Kate» ei- Love Paris» und «C'est magnifique». nen Volltreffer: Das Musical, das auf Porter beendete Mitte der 50er Jahre der literarischen Vorlage «Der Wi- sein Musical «Silk Stockings». Das derspenstigen Zähmung» von Wil- 1957 am Broadway uraufgeführte liam Shakespeare beruht, wurde ins- Werk ist ein Remake des Films «Ni- besondere durch die Songs «I Hate notschka» (1939) von Ernst Lu- Men», «So In Love» und «Wunder- bitsch. Ein Jahr zuvor hatte Porter bar» populär. Das Stück, ein Dauer- die Filmmusik zu «High Society» ge- brenner am Broadway, kam 1953 als schrieben, aus der sein Song «True Film unter der Regie von George Love» herausragt. 73jährig starb er Sidney heraus. 1964 in Santa Monica/Kalifornien., Francis Poulenc ► Der konservative Lyriker ◄ (7.1.1899-30.1.1963) Der französische Komponist setzte durch seinen neuartigen lyrischen Stil in der geistlichen Vokalmusik Akzente. In seinem Spätwerk wandte sich Pou- lenc einer neoklassizistischen Tonsprache zu. Francis Jean Marcel Poulenc wurde 1923: Durchbruch 1921-24 studierte in Paris als Sohn eines Industriellen Poulenc auf privater Basis Komposi- und einer Pianistin geboren. Von der tion bei Charles Koechlin. Er trat der Mutter bekam er mit sechs Jahren Gruppe der «Six» bei, die eine an- Klavierunterricht. Der Junge war be- tiromantische Orientierung franzö- sonders von der Musik Claude De- sischer Musik verfolgte. Mit Darius bussys und Igor Strawinskys faszi- Milhaud reiste Poulenc nach Öster- niert, so daß er die ersten Komposi- reich, wo er die Bekanntschaft von tionen im Stil der Vorbilder schrieb. Arnold Schönberg, Alb an Berg und Im Alter von 15 Jahren wurde Pou- Anton Webern machte. 1925 folgte lenc Schüler des spanischen Piani- mit der von Publikum und Kritik sten Ricardo Vines, der ihn mit den umjubelten Uraufführung des Bal- Werken von George Auric und Erik letts «Les biches» Poulencs endgülti- Satie bekannt machte. ger Durchbruch. In seinem Trio für Klavier, Oboe und 1917: «Rhapsodie nègre» Von Saties Fagott (1926) machte sich eine Affi- Ballett «Parade» inspiriert, kompo- nität zur Wiener Klassik bemerkbar. nierte Poulenc sein erstes bedeuten- Durch eine Erbschaft zum wohl- des Werk, die «Rhapsodie nègre» für habenden Mann geworden, kaufte Bariton und Kammerensemble. Das Poulenc 1927 ein Landhaus im Loire- Stück wurde 1917 in einem tal, das er fortan als Refugium zum Avantgardekonzert der «Nouveaux Komponieren nutzte. Zwei Jahre Jeunes», die später in der Gruppe der später schrieb er für die polnische «Six» aufgingen, in Paris urauf- Pianistin und Cembalistin Wanda geführt. Der Skandal der Premiere Landowska das «Concert champê- machte Poulenc über Nacht bekannt. tre» für Cembalo und Orchester, das Während seines Kriegsdiensts in der sich dem barocken Formtypus des französischen Armee (1918) entstan- 18. Jahrhunderts näherte. 1930 legte den die «Trois mouvements perpétu- der Komponist seine Autobiographie els» für Klavier, die ebenso wie sein «L'écran des musiciens» vor. Liederzyklus «La Bestiaire» auf großes Interesse stießen. Beide Wer- Ab 1936: Geistliche Themen In den ke sind an der Unterhaltungsmusik 30er Jahren trat Poulenc vermehrt orientiert und verwenden ironisch- als Interpret eigener Werke auf, wo- groteske Elemente. bei er in dem Bariton Pierre Bernac, einen kompetenten Partner bei der Interpretation seiner Musik fand. In dieser Zeit entstanden mehrere Kla- vierstücke, u. a. «Sept nocturnes vil- lageoises» (1933), «Suite française» (1935) und «Bourrée d'Auvergne» (1937). Allmählich setzten sich in Poulencs Œuvre neoklassizistische und romantisierende Töne durch. Vom Tod eines engen Freundes tief getroffen, wandte sich Poulenc dem Katholizismus und der geistlichen Musik zu und schrieb 1936 die «Lita- nies à la vierge noire» für Chor, Or- gel und Orchester . Fortan widmete er sich mit «Sept chansons» (1936) und der «Messe in G-Dur» (1937) für gemischten A-cappella-Chor auch der Chormusik. Sein nächstes Bal- lett, «Les animaux modèles», kom- Francis Poulenc ponierte Poulenc 1942 nach einer Vorlage von Jean de La Fontaine. nen, die während der Französischen Revolution hingerichtet wurden. 1944: Humanistische Werke Die Grauen des 2. Weltkriegs und das 50er Jahre: Rückbesinnung auf tra- Werk des französischen Surrealisten ditionellen Lyrismus Wie diese er- und Resistance-Dichters Paul Eluard folgreiche Oper zeigt das sog. Tele- regten Poulenc 1943/44 zu den fon-Monodrama «Die menschliche Kantaten «Un soir de neige» und Stimme» (1959) nach einem Text von «Figure humaine» an, in denen er Jean Cocteau einen deutlichen Zug ein umfassendes humanistisches Ge- zum romantischen Lyrismus, womit sellschaftsbild zeichnete. Gleichzei- sich Poulenc endgültig vom Grotes- tig schuf er die surrealistische Opera ken seines frühen Schaffens entfernt buff a «Die Brüste des Tiresias» nach hatte. Im selben Jahr entstand das Guillaume Apollinaire, die wieder- «Gloria» für Sopran, Chor und Or- um Züge seines grotesk-ironischen chester, zwei Jahre später beschäf- Frühwerks trägt. Nach einem erneu- tigte sich Poulenc in dem Monolog ten geistlichen Zwischenspiel mit «La dame de Monte-Carlo» erneut dem «Stabat mater» (1951) für So- mit einem Text Cocteaus. In den pran, Chor und Kammerorchester «Sept réponses des ténèbres» für schrieb Poulenc 1957 mit «Gesprä- Kinderstimmen, Männer- und Kin- che der Karmeliterinnen» die zweite derchor sowie Orchester untermau- große Oper. Darin schilderte er mit erte er seine herausragende Stellung orchestraler Sinnlichkeit das histori- als Vokalkomponist. Im Alter von 64 sche Schicksal von 16 Karmeliterin- Jahren starb Poulenc 1963 in Paris., Sergej Sergejewitsch ► Erfolg mit Bühnenwerken Prokofjew und sinfonischem Märchen ◄ (23.4.1891-5.3.1953) Der russische Komponist gehörte zu den exponiertesten Vertretern des Mu- siklebens in seiner Heimat. Nach 1933 mußte Prokofjew sein Werk der Dok- trin des sozialistischen Realismus unterordnen. Prokofjew kam in Sonzowka/Do- fjew 1916 in St. Petersburg dirigiert. nezk als Sohn einer Klavierlehrerin 1917 vollendete er das 1. Violinkon- und eines Gutsverwalters zur Welt. zert sowie eines seiner bekanntesten Er erhielt Musikunterricht von der Werke, die «Klassische Sinfonie». Mutter und schrieb mit sechs Jahren Das Stück orientiert sich am Sinfo- erste Lieder. 1904 belegte er Kompo- nietypus Joseph Haydns und gilt als sition, Klavier und Dirigieren am St. Paradebeispiel des Neoklassizismus. Petersburger Konservatorium, wo er u. a. bei Nikolai Rimski-Korsakow 1918-32: Kontakt mit westlicher studierte. Während seines Studiums Avantgarde 1918 reiste Prokofjew legte Prokofjew 1908 eigene Klavier- über Japan in die USA, gab zahlrei- stücke vor und spielte in Konzerten che Konzerte und wandte sich dem erstmals Werke von Arnold Schön- Operngenre zu. Seine satirisch-kari- berg in Rußland. Zu dieser Zeit hielt katuristische Oper «Die Liebe zu er engen Kontakt mit der Avant- den drei Orangen» (1919) für die garde. Nach dem Abschluß in Kom- Chicago Opera Company brachte position (1909) vervollkommnete er ihm weltweiten Ruhm ein. Ein Jahr sich bis 1914 als Pianist und Dirigent. später hatte das Ballett «Der Narr» Premiere. In Paris präsentierte Dia- Ab 1914: Werke für Ballett Pro- ghilew in der Folge u. a. Prokofjews kofjews frühe Kompositionen sind Ballette «Der stählerne Schritt» vorwiegend für Klavier geschrieben (1925), «Der verlorene Sohn» (1928) (z.B. 1.Klavierkonzert, 1911). Aus und «Auf dem Dnjepr» (1930). Ab der Begegnung mit dem russischen Mitte der 20er Jahre entstanden zu- Ballettimpresario Sergej Diaghilew dem drei weitere Klavierkonzerte entwickelte sich ab 1913 eine frucht- und die Sinfonien zwei bis vier, die bare Zusammenarbeit. Prokofjew durch ihren Witz und klare formale schuf zahlreiche Ballettkompositio- Gestaltung schnell ein großes Publi- nen für Diaghilews Ballets Russes. kum fanden. 1927 legte Prokofjew Aus einem seiner Ballettwerke, «Ala zudem seine Oper «Der Spieler» und Lolli» (1914), extrahierte er die nach Fjodor Dostojewski vor. 1933 «Skythische Suite». Sie zeigt archa- kehrte er in seine Heimat zurück. isch-modernistische Tendenzen im Stile von Igor Strawinskys «Sacre du 1936 «Peter und der Wolf» Ange- printemps» und wurde von Proko- sichts der ideologisch ausgerichteten, Kunstdiskussion in seiner Heimat mußte sich Prokofjew der offiziellen stalinistischen Kulturpolitik unter- ordnen. Seine Werke dieser Periode sind durch Abwendung von avant- gardistischer Tonsprache und konse- quenter Orientierung an der russi- schen Musiktradition des 19. Jahr- hunderts geprägt. Prokofjew schuf in dieser Zeit seine großen klassischen Ballette: Mit «Romeo und Julia» (1936) und «Aschenbrödel» (1944) feierte er – ebenso wie mit «Peter und der Wolf» (1936) – Triumphe. In dem sinfonischen Märchen ordnete er Menschen und Tieren jeweils ein Instrument und eine Leitmelodie zu. Ab 1938: Zusammenarbeit mit Ei- Sergej Sergejewitsch Prokofjew, um senstein Ab 1934 unterrichtete Pro- 1935 kofjew Komposition am Moskauer Konservatorium. Unter seinen Schü- Im Zuge der sog. Formalismusde- lern waren u. a. Aram Chatschatur- batte im sowjetischen Komponisten- jan und der künftige 1. Sekretär des verband mußte er sich 1948 den An- sowjetischen Komponistenverban- griffen konservativer Parteiideolo- des, Tichon Chrennikow. 1939-41 gen stellen, die ihm bürgerliches Ab- war Prokofjew stellvertretender Vor- weichen vom sozialistischen Realis- sitzender des Moskauer Komponi- mus und volksfremdes Komponieren stenverbandes. Neben den Sinfonien vorwarfen. Trotz parteikonformer Nr. 5 und 6, zwei Violoncellokonzer- Bekenntnisse nahmen die Vorwürfe ten und drei Klaviersonaten schrieb bedrohliche Ausmaße an, denen sich er auch die Musik zu zwei monumen- Prokofjew allmählich durch Massen- talen Filmen des sowjetischen Regis- lieder und linientreue Werke entzog. seurs Sergej Eisenstein: «Alexander Zwei Jahre später hatte sein letztes Newski» (1939) sowie «Iwan der großes Ballettwerk, «Das Märchen Schreckliche» (zwei Teile: 1942/45). von der steinernen Blume», Pre- Unter den vier Opern dieser Zeit ra- miere. Ebenfalls 1950 vollendete er gen «Semjon Kotko» (1939) sowie «Auf Friedenswacht» – ein Oratori- «Krieg und Frieden» (1952) nach um, das sich ebenso wie die «Ode auf dem Roman von Lew Tolstoi heraus. das Ende des Krieges» (1945) mit dem 2. Weltkrieg beschäftigt. 1953 1948: Zum «Volksfeind» abgestem- schrieb Prokofjew die letzte seiner pelt 1946 zog sich Prokofjew, gesund- sieben Sinfonien. Er starb mit 61 Jah- heitlich angegriffen, in das Dorf Ni- ren am 5.3.1953 in Moskau – am sel- kolina Gora nahe Moskau zurück. ben Tag wie Josef Stalin., Giacomo Puccini ► Letzter Verfechter (22.12.1858-29.11.1924) der italienischen Oper ◄ Der Italiener zählt zu den meistgespielten Komponisten des Jahrhunderts. Puccinis zwölf Opern zeichnen sich durch Sinn für Dramaturgie, psycholo- gisch nuancierte Personenzeichnung und farbenreiche Instrumentierung aus, wurden jedoch auch als rührselig und seicht kritisiert. Giacomo Antonio Domenico Mi- aber wankelmütige Mann – finden chèle Secondo Maria Puccini, gebo- sich auch in den folgenden Opern. ren in Lucca, war das fünfte von sie- Die idealisierten Frauengestalten in ben Kindern eines Kirchenmusikers. vielen Opern scheinen ein Abbild Er verlor seinen Vater im Alter von seiner Mutter zu sein, die kurz nach fünf Jahren. 1869 wurde Puccini dem Erfolg der «Willis» starb. Wenig Chorknabe in seiner Heimatstadt. später sorgte Puccinis Verbindung zu Am örtlichen Istituto musicale Pa- Elvira Gemignani (ein gemeinsames cini erhielt er 1874-80 Musikunter- Kind) für einen Skandal: Die Ge- richt und war als Organist tätig. liebte verließ Mann und Sohn und zog mit ihrer Tochter nach Mailand 1884: Jahr der Weichenstelhmg Das in die Wohnung des Komponisten. Erlebnis einer Aufführung von Giu- Ebenfalls 1884 erhielt Puccini von seppe Verdis «Aida» 1876 in Pisa ließ Ricordi einen Kompositionsauftrag. Puccinis Entschluß reifen, Opern- Die unter erheblichen Mühen ent- komponist zu werden. Mit finanziel- standene Oper «Edgar» fiel jedoch ler Unterstützung seines Onkels stu- bei der Uraufführung 1889 an der dierte er 1880-83 am Konservato- Mailänder Scala durch. rium in Mailand. Auf Anraten seines Lehrers Amilcare Ponchielli wählte Ab 1896: «Erfolgstrias» Von seinem Puccini einen romantischen Stoff als Verleger ermutigt, wählte Puccini Grundlage seiner ersten Oper: «Die das Sujet für eine neue Oper – «Ma- Willis» (UA 1884 in Mailand) non Lescaut» – selbst aus. Die Pre- brachte ihm neben künstlerischem miere 1893 in Turin brachte den end- Erfolg auch finanziellen Gewinn, da gültigen Durchbruch. Publikum und der Musikverleger Giulio Ricordi Kritik reagierten enthusiastisch. Das das Werk übernahm. Die Oper war Werk wurde an zahlreichen Opern- in aller Eile und ohne grundlegende häusern übernommen, so daß sich Konzeption entstanden, wies jedoch die materielle Lage des Komponi- in der Behandlung der Personen be- sten weiter verbesserte. reits jene Merkmale auf, die Puccinis Drei Jahre später kam – wiederum in Ruhm begründeten: Die Hauptcha- Turin – die erste der drei Opern her- raktere – die opferbereite, hinge- aus, die als Puccinis «Erfolgstrias» bungsvolle Frau und der liebevolle, gelten: «La Bohème», eine teilweise, sentimental verklärte Studie des Künstlermilieus, war die erste Oper, die in Zusammenarbeit mit den Li- brettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica entstand. Textdichter und Komponist, von Zeitgenossen halb aus Verehrung, halb ironisch als «Trinità» (Heilige Dreieinigkeit) be- zeichnet, bewiesen sicheres Gespür für zeitgemäße Stoffe und ihre span- nungsvolle dramatische Umsetzung. 1900 folgte «Tosca», ein Hauptwerk des Verismo. Diese Richtung der ita- lienischen Oper bemühte sich um die Darstellung der Wirklichkeit bzw. wahrer Begebenheiten, vorzugswei- se in einem niederen sozialen Milieu, und geriet zumeist eher plakativ. Giacomo Puccini, 1921 1904 kam Puccinis Lieblingswerk, «Madame Butterfly», in Mailand vira verdächtigt wurde, die Geliebte heraus. Die Premiere wurde zu ei- ihres Mannes zu sein. nem Fiasko: Der Komponist, der Puccinis Oper «Das Mädchen aus dem Trend zur Exotik gefolgt war, dem goldenen Westen» wurde bei sah sich zur Umarbeitung der Oper der Uraufführung 1910 in New York genötigt. Die drei Monate später in gefeiert, konnte sich jedoch ebenso- Brescia aufgeführte dreiaktige Fas- wenig halten wie die Operette «La sung brachte den erhofften Erfolg. rondine» (UA 1917 in Monte Carlo). Wiederum an der New Yorker Me- 1924: Unvollendetes Spätwerk Eine tropolitan Opera fand 1918 die Pre- Reihe von Schicksalsschlägen be- miere von «Triptychon» statt, einer stimmte die nächsten Jahre: Schon Zusammenstellung dreier Einakter, 1903 war Puccini bei einem Autoun- unter denen die Komödie «Gianni fall fast ums Leben gekommen. Drei Schicchi» das höchste Lob erntete. Jahre später starb sein Librettist 1920 begann Puccini die Arbeit an Giacosa, 1912 Ricordi. Seine 1904 «Turandot», die von Selbstzweifeln nach fast 20 Jahren «wilden» Zusam- und häuslichem Zwist überschattet menlebens geschlossene Ehe war war. Vier Jahre später wurden seine von Puccinis Untreue und heftiger ständigen Schmerzen als Kehlkopf- Eifersucht seiner Frau geprägt. An- krebs diagnostiziert. Puccini ließ sich laß gab nicht zuletzt der Briefwech- in einer Brüsseler Klinik behandeln, sel Puccinis mit der Engländerin Sy- starb dort aber noch im selben Jahr bil Seligman, die ihn glühend ver- mit 65 Jahren an Herzversagen. ehrte. Höhepunkt der Konflikte war «Turandot» wurde von Franco Al- der Selbstmord einer Hausangestell- fani vervollständigt und 1926 in Mai- ten der Puccinis (1909), die von El- land uraufgeführt., Sergej Rachmaninow ► Verfechter einer (1.4.1873-28.3.1943) untergehenden Epoche ◄ Der Komponist galt als letzter bedeutender Vertreter der russischen Spätro- mantik. Rachmaninow gelangte auch als Pianist (u. a. Interpret von Werken Frédéric Chopins und Franz Liszts) sowie als Dirigent zu großer Popularität. Sergej Wassiljewitsch Rachmaninow schen Krise. Seine nächste Komposi- wurde als Sohn einer musikbegei- tion, das populäre 2. Klavierkonzert sterten Familie auf dem Gut Onega c-Moll (1901), widmete er seinem bei Nowgorod geboren. 1882 kam er Therapeuten. Nachdem Rachmani- an das Konservatorium in St. Peters- now 1902 geheiratet hatte, nahm er burg, galt aber als fauler Schüler und 1904 eine Stelle als Kapellmeister mußte 1885 nach Moskau wechseln. des Bolschoi-Theaters in Moskau an. Dort erhielt er Unterricht bei dem Während seiner zweijährigen Tätig- für militärischen Drill bekannten keit entstanden die Kurzopern «Der Lehrer Nikolai Swerew. Ab 1888 geizige Ritter» und «Francesca da setzte Rachmaninow das Klavierstu- Rimini», die 1906 Premiere hatten. dium bei Sergej Tanejew und Antoni Wenig später zog Rachmaninow für Arenski fort und belegte Kurse in einige Monate nach Dresden, wo er Kontrapunkt und Komposition. seine 1. Klaviersonate und die sinfo- nische Dichtung «Die Toteninsel» 1892: Debüt als Pianist 1892 machte nach einem Gemälde von Arnold Rachmaninow sein Examen mit der Böcklin schrieb. Zwei Jahre nach einaktigen Oper «Aleko» und de- Vollendung der 2. Sinfonie e-Moll bütierte als Pianist, u. a. mit seinem brach Rachmaninow 1909 zu einer Prélude cis-Moll. Ein Jahr, nachdem Konzerttournee durch die USA auf. er die Fantasie für Sinfonieorchester Dort stellte er u.a. sein 3.Klavier- «Der Felsen» vorgelegt hatte, unter- konzert d-Moll vor. Im folgenden nahm Rachmaninow 1894 eine erste Jahr kehrte Rachmaninow nach Konzertreise durch Rußland. 1895 Moskau zurück, wo er seine Chorsin- vollendete er die 1. Sinfonie d-Moll, fonie «Die Glocken» nach einem die bei der Premiere 1897 durchfiel. Gedicht von Edgar Allan Poe prä- Als Folge des Fehlschlags stellte er sentierte und 1911-13 die Philhar- die Kompositionstätigkeit zunächst monischen Konzerte leitete. 1915 er- ein und arbeitete kurzzeitig als zwei- schien «Das große Abend- und Mor- ter Kapellmeister bei der Moskauer genlob», eine 15teilige Ostervesper Operngesellschaft. für gemischten Chor. 1909: USA-Tournee Erst eine Psy 1917: Flucht vor der Revolution Die chotherapie bei Nikolai Dahl führte bürgerliche Revolution in Rußland Rachmaninow aus der schöpferi- vom Februar 1917 unterstützte Rach-, maninow mit Spenden für die neue Regierung. Nach der sozialistischen Oktoberrevolution verschlechterte sich seine Lage drastisch. In dieser Situation erschien eine Einladung zu Konzertauftritten in Skandinavien als rettender Ausweg. Rachmaninow wohnte vorübergehend in Kopenha- gen, ehe er Ende 1918 in die USA übersiedelte und sich zunächst ganz seiner Karriere als Pianist und Diri- gent widmete. Sein Haus in New York wurde zum Treffpunkt russi- scher Künstler und Intellektueller. 1926: 4. Klavierkonzert 1926 setzte Rachmaninow die Arbeit am 4. Kla- vierkonzert fort, das er neun Jahre zuvor in Moskau begonnen hatte. Sergej Wassiljewitsch Rachmaninow, Die Kritik reagierte enttäuscht, weil 1930 das Stück ein Werk des 19. Jahrhun- derts sei. Der Komponist überarbei- gierte mit einem Aufführungsverbot tete das Konzert mehrfach und legte von Rachmaninows Werken. Kurz erst 1941 die endgültige Fassung vor. darauf siedelte Rachmaninow nach Die meiste Zeit verbrachte er fortan Hertenstein am Vierwaldstätter See mit Konzertauftritten und Tourneen. um. Dort schrieb er 1934 die «Paga- Um 1930 machte sich ein Wandel in nini-Rhapsodie» für Klavier und Or- der Publikumsgunst bemerkbar: Der chester und 1936 die 3. Sinfonie a- Komponist hatte seine interpretato- Moll, die erneut zurückhaltend auf- rische Freiheit immer mehr ausge- genommen wurde. Ihr Stil galt als weitet, die Mißachtung von Dyna- überholt, insbesondere im Vergleich mikangaben und die Wahl extremer zu anderen russischen Komponisten Tempi gingen vielen Konzertbesu- wie Igor Strawinsky und Dmitri chern zu weit. Rachmaninow haderte Schostakowitsch. Rachmaninow gab nicht nur mit der Kritik, sondern weiterhin Konzerte, doch auch sein klagte auch über die Verhältnisse in Stern als Pianist begann zu sinken. seiner Heimat und die Unmöglich- 1939 kehrte er in die USA zurück. In keit, dorthin zurückzukehren. New York wurde ihm mit einem ei- genen Festival ein großer Empfang Ab 1931: Aufführungsverbot in der bereitet. Zwei Jahre, nachdem er UdSSR Im Januar 1931 erschien in seine «Sinfonischen Tänze» (1940) der «New York Times» ein auch von vollendet hatte, machte sich eine Rachmaninow unterzeichneter offe- Krebserkrankung bemerkbar. Sechs ner Brief, der die sowjetische Regie- Wochen nach seinem letzten Kon- rung scharf angriff. Moskau rea- zert starb er 1943 in Beverly Hills., Maurice Ravel ► Weltruhm durch «Boléro» ◄ (7.3.1875-28.12.1937) Der Franzose zählt zu den bedeutendsten modernen Komponisten seines Landes. Durch seine Orchesterwerke und Instrumentationskunst verhalf Ravel der Sinfonik zu einem gleichberechtigten Rang neben der Oper. Ravel kam in Ciboure/Basses-Py- für Gesang und Orchester, deren rénées als ältester von zwei Söhnen vorab entstandene Ouvertüre bei der eines Ingenieurs und Erfinders (Au- Premiere fünf Jahre zuvor ausge- tomobiltechnik) sowie einer Baskin pfiffen worden war. zur Welt. Die wohlhabenden, musik- begeisterten Eltern zogen kurz nach 1905: Affäre Nachdem Ravel ab 1901 Maurices Geburt nach Paris, wo der vergeblich versucht hatte, mit ver- Junge mit sechs Jahren Klavierunter- schiedenen Kantaten den in Frank- richt erhielt. Der 14jährige besuchte reich jährlich vergebenen sog. Rom- das Konservatorium, bekam eine Preis zu gewinnen, kam es 1905 zum theoretische Ausbildung und tat sich Eklat. Ravel wurde von der konser- als Klaviervirtuose hervor. 1891 be- vativen Jury trotz öffentlicher Prote- gann er zu komponieren. Sechs Jahre ste nicht zum Wettbewerb zugelas- später studierte er Fuge und Kontra- sen. Seiner Bedeutung als Kompo- punkt bei André Gédalge und Kom- nist tat diese Entscheidung jedoch position bei Gabriel Fauré. keinen Abbruch: Mit den fünf fol- genden, unter dem Titel «Miroirs» Ab 1899: Erste Erfolge Neben der (1905) zusammengefaßten und be- Musik beschäftigte sich Ravel auch geistert aufgenommenen Klavier- mit Literatur. Um die Jahrhundert- stücken erwarb Ravel internationa- wende verkehrte er in dem Künstler- len Ruhm. Seine streng auf der klas- kreis «Les Apaches», dem u. a. Erik sischen Tonalität aufgebauten Har- Satie und Manuel de Falla angehör- monien und die anfangs impres- ten. Achtungserfolge feierte Ravel sionistischen Anklänge seiner Musik 1899 mit seiner für Klavier kompo- legten den Vergleich mit seinem nierten «Pavane pour une infante Zeitgenossen Claude Debussy nahe. défunte» und mit dem virtuosen Kla- vierstück «Jeux d'eaux» (1901), die Ab 1912: Ballette Im Alter von 30 sich – wie auch die weiteren Werke Jahren verließ Ravel 1905 das Kon- Ravels – durch eingängige Rhythmik servatorium. Mit der «Rhapsodie und Melodik auszeichnen. In der espagnole» dokumentierte er 1908 Folgezeit schrieb Ravel Musik nach eine musikalische Neigung, die Kriti- zahlreichen literarischen Vorlagen. ker und Anhänger seiner melodi- Nach Gedichten von Tristan Kling- schen Werke irritierte: Das aus vier sor verfaßte er 1904 «Scheherazade» Tönen zusammengesetzte Eingangs-, thema durchzieht das gesamte Stück und sorgt für nüchterne, fast maschi- nenartige Klangbilder. Drei Jahre später schuf er das musikalische Lustspiel «L'heure espagnole», ehe er sich dem Ballett zuwandte: Ravel setzte die 1908 komponierten fünf Klavierstücke «Ma mère l'oye» in eine Ballettfassung um; aus den «Valses nobles et sentimentales» (entstanden 1911) wurde «Adélaïde ou le langage des fleurs». Zu Ravels erfolgreichstem Ballett avancierte Maurice Ravel «Daphnis et Chloé» (1912), das Ser- gej Diaghilew für seine Ballets Rus- aufgenommene Kinderoper «L'en- ses in Auftrag gegeben hatte. fant et les sortilèges» Premiere. 1921: Gefeierte Sonate Im 1. Welt- 1928: Welterfolg Zum internationa- krieg wurde der Freiwillige ab 1916 len Publikumserfolg wurde 1928 der in einer motorisierten Einheit einge- «Boléro». Den Tanz für großes Or- setzt, ein Jahr später jedoch wegen chester hatte Ravel für das Ballett- seines schlechten Gesundheitszu- ensemble um Ida Rubinstein kompo- stands entlassen. 1919 fand die Pre- niert. In dem einsätzigen Werk zeigte miere des Klavierzyklus «Le tom- sich erneut Ravels Vorliebe für eher beau de Couperin» statt, von dem mechanisch anmutende, wiederkeh- der Komponist auch eine Ballettver- rende Hauptmotive und Rhythmen; sion anfertigte. Abwechslung bringen nur die nach- Ein Jahr später zog sich Ravel in ein einander hinzukommenden 18 In- Haus bei Paris zurück. Der modebe- strumente. Drei Jahre später präsen- wußte Komponist, Sammler mecha- tierte Ravel das für den einarmigen nischer Spielzeuge und Züchter exo- österreichischen Pianisten Paul Witt- tischer Pflanzen lehnte im selben genstein geschriebene «Konzert für Jahr – in Erinnerung an die Schmach die linke Hand», 1932 folgte das des Rom-Preises – das Kreuz der Eh- Klavierkonzert in G-Dur. Im selben renlegion ab. Jahr vollendete er sein letztes Werk, 1921 schloß er die Arbeit an seiner die drei Lieder «Don Quichotte à Sonate für Violine und Cello ab, die Dulcinée». 1933 erlitt Ravel bei ei- als eines der Hauptwerke der Ravel- nem Autounfall ein Schädeltrauma, schen Spätphase gilt. Herausragend das den an Dysphasie (Sprechstö- war Ravels Fähigkeit, Klavierstücke rung) leidenden Komponisten zu- für Orchester zu instrumentieren, sätzlich behinderte. Nach mehreren was er u.a. 1922 mit Modest Mus- Reisen zog sich der introvertierte sorgskis «Bilder einer Ausstellung» Ravel aus der Öffentlichkeit zurück eindrucksvoll unter Beweis stellte. und starb 1937 mit 62 Jahren nach Drei Jahre später hatte die verhalten einer Kopf operation in Paris., Max Reger ► Wichtigster Orgelkomponist (19.3.1873-11.5.1916) seit Johann Sebastian Bach ◄ Der deutsche Komponist schuf in seinem umfangreichen Werk eine Synthese aus traditionellen Formen und Gattungen mit moderner Harmonik. Zu Regers wichtigsten Werken zählen seine Kammermusiken und Orgelstücke, darunter über 70 Choralvorspiele. Johann Baptist Joseph Maximilian faßte Lieder und kammermusikali- Reger kam als erstes von fünf Kin- sche Werke, zumeist für Klavier. dern einer Lehrerfamilie in Brand 1896 meldete sich Reger für ein Jahr bei Marktredwitz zur Welt. Ein Jahr als Freiwilliger zum 80. Infanterie- später zog die Familie nach Weiden. Regiment in Wiesbaden. Nach seiner Der Junge erhielt Klavier- und Vio- Entlassung verfiel er in tiefe Depres- linunterricht durch seine Eltern. Ab sionen. Zwei Jahre später erkrankte 1884 wurde Reger von dem Organi- er schwer und kehrte nach Weiden in sten Adalbert Lindner ausgebildet. sein Elternhaus zurück. Dort ent- standen Regers große Orgelphanta- Ab 1890: Kompositionskurse Nach sien, z.B. die «Phantasie und Fuge Beendigung der Realschule bereitete über B-A-C-H» (1900) sowie die sich Reger 1886 in einer sog. «Sinfonische Phantasie und Fuge» Präparandenschule auf den ange- (1901). Die Orgelwerke fanden in strebten Lehrerberuf vor. In einem Regers Freund, dem späteren Leip- Schülerkonzert trat er 1887 erstmals ziger Thomaskantor Karl Straube, als Pianist auf. Zum musikalischen einen kongenialen Interpreten. Schlüsselerlebnis wurde eine «Parsi- fal»-Aufführung bei den Bayreuther 1905: «Sinfonietta» 1901 zog Reger Festspielen im folgenden Jahr. Zwar nach München und heiratete ein Jahr legte Reger 1889 noch die Aufnah- später Elsa von Bercken (zwei meprüfung am Lehrerseminar in Adoptivkinder). In der damaligen Amberg ab, wurde dann jedoch 1890 Metropole moderner Musik fand er Kompositionsschüler bei Hugo Rie- mit seinem Hang zu «veralteten» mann. Dieser machte ihn mit den Formen und Gattungen kaum An- Werken von Johann Sebastian Bach, klang, obgleich er zu den Neuerern Ludwig van Beethoven und Johan- der Harmonik zählte. Reger ver- nes Brahms vertraut, deren Arbeiten diente den Lebensunterhalt als Lied- Reger fortan zu modernisieren ver- begleiter und Kammermusiker. suchte. Er folgte seinem Lehrer nach Mit der «Sinfonietta» (1905) stellte Wiesbaden, wo er zunächst Kompo- er sein erstes größeres Orchester- sitions- und Klavierunterricht gab. werk vor, das zwar von der Kritik 1893 wurde er Mitarbeiter der «All- teilweise abgelehnt wurde, beim Pu- gemeinen Musikzeitung» und ver- blikum aber Anklang fand. Im sel-, ben Jahr schrieb Reger Variationszy- klen für Klavier über Themen von Bach und Beethoven, die bereits auf die bedeutenden Orchestervariatio- nen der späteren Jahre hindeuten. 1905 wurde er Lehrer an der Münch- ner Akademie der Tonkunst, arbei- tete aber auch weiter als Pianist, Di- rigent und Privatlehrer. Ein Jahr spä- ter schrieb er «Sechs Stücke» und die spieltechnisch anspruchsvolle «Introduktion, Passacaglia und Fuge in h-Moll», die zu den bedeutend- sten seiner zahlreichen Klavierwerke zählen. 1911: Chef der Meininger Hof- kapelle 1907 folgte Reger einem Ruf als Universitätsmusikdirektor und Kompositionslehrer nach Leipzig, Max Reger wo sein Haus, das «Hotel zum verflix- ten Kontrapunkt», zum Treffpunkt Nach einem leichten Schlaganfall von Künstlern und Intellektuellen reichte Reger 1914 sein Abschiedsge- wurde. In Regers erstem Leipziger such ein und verließ Meiningen we- Jahr entstanden die vielbeachteten nige Tage, nachdem sein Gönner «Hiller-Variationen» für Orchester. Herzog Georg gestorben war. Der 1908 vollendete er ein Violinkonzert, Komponist zog sich nach Jena im folgenden Jahr entstanden die zurück. Dort entstanden fortan wei- großen Chorwerke «100. Psalm» und tere kammermusikalische Werke, z. «Die Nonnen» sowie das Streich- B. ein unvollendetes Requiem, die quartett in Es-Dur. großen Orchesterstücke «Suite im 1911 erhielt Reger mit der Ernen- alten Stil» und «Beethoven-Variatio- nung zum Leiter der Meininger Hof- nen» sowie das Klarinettenquintett – kapelle, einem der bedeutendsten Regers letzte Komposition. deutschen Orchester, eine hohe Aus- In der Folgezeit trat der rastlose zeichnung. Bis zum Ausbruch des 1. Künstler, der zu seinem Leidwesen Weltkriegs entstanden zahlreiche als kriegsuntauglich eingestuft wor- Lieder und Orchesterwerke, darunter den war, häufig in Lazaretten und das «Konzert im alten Stil» und Erholungsheimen für Soldaten auf. «Romantische Suite» (beide 1912), Sein Patriotismus drückt sich u. a. in die «Vier Tondichtungen nach Ar- dem Orchester werk «Eine vaterlän- nold Böcklin» (1913) mit impressio- dische Ouvertüre» (1914) aus. Reger nistischen Anklängen sowie Regers starb 1916 während einer Reise mit berühmtestes Orchesterwerk, die 43 Jahren in einem Leipziger Hotel «Mozart-Variationen» (1914). an einem Herzschlag., Steve Reich ► Ein Weltmusiker begründet (*3.10.1936) die Minimal music ◄ Der amerikanische Komponist begründete in den 60er Jahren die Minimal music, die sich an der Minimal art orientiert und im Gegensatz zur themen- bezogenen Arbeit traditioneller Komponisten mit der stetigen Wiederholung kleinster Einheiten arbeitet. Reich wurde in New York geboren, Hauptverbreiter seiner Musik, u. a. wo er Klavier und Schlagzeug lernte. der Werke «Come Out» (1966) und 1953-57 studierte er Philosophie an «Piano Phase» (1967). Ab Ende der der Cornell University und nahm 60er Jahre erlahmte Reichs Interesse anschließend privaten Komposi- an elektronischen Klangerzeugern. tionsuntericht bei Hall Overton. Bis In der Folgezeit verfaßte der Kom- 1961 absolvierte Reich ein Komposi- ponist überwiegend Werke für aku- tionsstudium an der Juilliard School stische Instrumente. of Music sowie am Mills College in Kalifornien, wo Darius Milhaud und 1970: Trommelstudium in Afrika Im Luciano Berio seine Lehrer waren. Sommer 1970 reiste Reich nach Ghana, um am Institut für Afrikani- Ab 1965: «Phase shifting» Nach dem sche Studien bei einem Mitglied des akademischen Abschluß in Musik Ewe-Stammes Trommeltechniken zu (1963) arbeitete Reich bis 1965 beim studieren. Ferner konzertierte er mit San Francisco Tape Center und dem Ghana-Tanz-Ensemble und setzte sich mit Tonbandkomposition brachte die neugewonnenen Trom- auseinander. Erstes Ergebnis war melkenntnisse in das Werk «Drum- «It's Gonna Rain» (1965). In diesem ming» (1971) ein. Die eineinhalb- Werk entwickelte Reich seine Kom- stündige Komposition – ein Stan- positionstechnik des «Phase shift- dardwerk der Minimal music – be- ing» (Phasenverschiebung), indem steht aus vier Teilen, in denen die er zwei Tonbandaufnahmen des glei- Phasenverschiebungen durch zahl- chen Predigertextes mit minimaler reiche Perkussionsinstrumente und zeitlicher Abweichung überlagerte. die menschliche Stimme weiterent- 1966 eröffnete Reich in New York wickelt werden. Kleinste rhythmi- ein elektronisches Studio für Ton- sche «patterns» – für die gesamte bandkomposition und gründete das Komposition gibt es nur ein rhythmi- Ensemble Steve Reich and Musici- sches Grundmodell – werden unter ans, das von ursprünglich drei Musi- ständiger Wiederholung allmählich kern auf bis zu 18 Mitglieder anwach- auf- und abgebaut, wobei die einzel- sen sollte. Das Ensemble, in dem er nen Schläge graduell durch Pausen selbst als Pianist, Trommler und Ma- ersetzt werden. Reich erzeugte stän- rimbaphonist mitwirkte, wurde zum dig variierende Impulsmuster, die, mit minutiöser Genauigkeit gespielt werden müssen. «Drumming» mar- kiert das Ende von Reichs Arbeit mit Phasenverschiebungen. Ab 1976: Gamelan-Werke In seinem Buch «Writings About Music» (1973) legte er seine Praktiken und Probleme des Komponierens dar. Aus dem langgehegten Wunsch, ein Werk für alle Klaviere eines Klavier- geschäfts zu komponieren, erwuchs 1973 «Six Pianos», das die Klaviere als «Ensemble gestimmter Trom- meln» einsetzt. Im Sommer 1973 und Steve Reich, 1985 1974 studierte Reich die balinesische Gamelanmusik am Zentrum für ganze Textpassagen vertonte und Weltmusik in Berkeley/Kalifornien. somit längere melodische Zusam- Das Ergebnis seiner Gamelan-Stu- menhänge schuf. Nach eigener Aus- dien, die «Music for 18 Musicians» sage wandte er sich dabei erstmals (1976), machte Reich einem größe- klassischen Satztechniken «zwischen ren Hörerkreis bekannt. In dem Haydn und Schönberg» zu. knapp einstündigen Werk, das auf elf 1984 vertonte Reich in «The Desert Akkorden basiert, setzte er zusätz- Music» für Chor und Orchester lich zum erprobten Instrumentarium Fragmente aus Gedichten des Ame- Frauenstimmen, Streichinstrumente rikaners William Carlos Williams und Klarinetten ein und arbeitete mit und behandelte mit dieser Trauer- Instrumentalüberblendungen. Zu musik über die Atombombenabwür- Beginn und am Ende der Kom- fe im 2. Weltkrieg erstmals politisch- position erklingen die Akkorde je- humanistische Themen. weils nacheinander, im Mittelteil wird jeder Akkord auf etwa fünf Mi- 1988: Musikalische Autobiographie nuten ausgedehnt. Im dreisätzigen «Different Trains» (1988) für Streichquartett und Ton- 1976: Zugang zur jüdischen Tradi- band (wahlweise mit Streichorche- tion 1976/77 studierte Reich in New ster) verwendete Reich autobiogra- York und Jerusalem die jüdische phisches Material in Form von Tex- Thora und den hebräischen Kirchen- ten über seine Zugreisen in der gesang. Als Auftragskomposition Nachkriegszeit. Ein Satz des Werkes des Süddeutschen und Westdeut- behandelt die Judenverfolgung und schen Rundfunks entstand 1981 «Te- die Todeszüge der Nazis. In der Vi- hillim» – eine Lobpreisung nach jü- deo-Oper «The Cave» (1993) für In- dischen Psalmen für Stimmen und strumentalisten und Videobildschir- Kammerorchester. Dieses Stück ist me beleuchtete er die Spannungen das erste Werk Reichs, in dem er zwischen Juden und Moslems., Aribert Reimann ► Vokalkomponist und (* 4.3.1936) Liedbegleiter ◄ Durch seine Tätigkeit als Liedbegleiter entwickelte der deutsche Komponist eine neue musikalische Dramensprache. Reimanns Oper «Lear» zählt zu den bedeutendsten musikdramatischen Werken des 20. Jahrhunderts. Reimann, in Berlin geboren, ent- te. In den folgenden Kompositionen stammt einer Musikerfamilie. Seine orientierte er sich an deren Vertre- Mutter war Sängerin, Gesangslehre- tern Alban Berg und Anton Webern. rin und Professorin an der Berliner Musikhochschule, sein Vater, ein 1960: «Totentanz» Anfang der 60er Kirchenmusiker, war Hochschulpro- Jahre schrieb der Komponist seinen fessor. Nach dem Abitur studierte «Totentanz». Diese Suite für Bariton Reimann bis 1959 an der Musikhoch- und Kammerorchester nach einem schule seiner Heimatstadt. Dort er- Drama von August Strindberg zeigt hielt er Klavierunterricht bei Otto bereits die von Reimann bevorzug- Rausch. Neben Kontrapunktlehre bei ten dunklen, mystischen Themen. Ernst Pepping belegte er Kompo- Drei Jahre nach «Hölderlin-Frag- sitionskurse bei Boris Blacher, der mente» (1963) für Sopran und Or- ihn zunächst prägte. Zwischenzeit- chester komponierte er das «Nacht- lich studierte er in Wien und Rom. stück», einen Liederzyklus nach Ge- dichten von Joseph von Eichendorff. 1957: «Stoffreste» Reimann machte Neben Hölderlin und Eichendorff sich schon bald einen Namen als bevorzugte Reimann Gedichte von Liedbegleiter am Klavier – eine Paul Celan, Cesare Pavese und Rai- Tätigkeit, die ihn später mit namhaf- ner Maria Rilke für seine Werke. Ar- ten Sängern wie Dietrich Fischer- beiten Paveses lieferten die Vorlage Dieskau und Cathrin Gayer zusam- zur Kantate «Verra la morte» (1967). menbrachte. Durch diese Arbeit rückte das Vokale in den Mittel- Ab 1968: Befreiung durch «Inane» punkt seiner zumeist lyrischen Kom- In «Inane» (1968), einem Monolog positionen. Eines der frühesten Wer- für Sopran und Orchester, löste sich ke ist das Ballett «Stoffreste» (1957), Reimann von der strengen Ordnung das in Zusammenarbeit mit dem der Musik, wie sie etwa Webern ver- Schriftsteller Günter Grass entstand folgt hatte. Rhythmische Strukturen und 1959 in Essen uraufgeführt gewann er aus seiner Kenntnis der wurde. Einfluß auf Reimanns Ent- indischen Musik. Seine neue Ton- wicklung besaßen auch seine Besu- sprache stellte zunehmend das dra- che der Kranichsteiner Ferienkurse matische Element heraus, so daß für Neue Musik, wo er die Musik der sich Reimann dem Musiktheater zu- Zweiten Wiener Schule kennenlern- wandte. Nachdem er mit «Traum-, spiel» bereits 1964 seine am gleich- namigen Drama Strindbergs orien- tierte erste Oper vollendet hatte, komponierte er 1970 das Bühnen- werk «Melusine» nach einer literari- schen Vorlage von Yvan Goll. Eben- falls 1970 schrieb Reimann das Bal- lett «Die Vogelscheuchen», wieder- um nach einer Vorlage von Grass. Im Anschluß an sein 2. Klavierkon- zert (1972) – das erste war 1961 ent- standen – verfaßte Reimann 1974 das Requiem «Wolkenloses Christfest» für Bariton, Violoncello und Orche- Aribert Reimann ster sowie die «Six Poems by Sylvia Plath» (1975). Zudem nahm er eine 1986: «Troades» 1982 komponierte Professur in Hamburg an, wo er bis Reimann ein Requiem für Solisten, 1983 über das Lied des 20. Jahrhun- Chor und Orchester, das eine Ver- derts dozierte. 1975 vollendete er wandtschaft zur musikalischen Spra- zwei weitere größere Werke, «Johan- che des «Lear» erkennen läßt. Im nes III, 16» für A-cappella-Chor und folgenden Jahr ging er als Professor «Variationen für Orchester». für Liedinterpretation an die Hoch- schule der Künste nach Berlin. Sein 1978: Erfolg mit Oper «Lear» Die nächstes Bühnenstück, «Die Ge- Technik, die Reimann in den «Varia- spenstersonate» nach Strindberg, tionen» angewandt hatte – Entwick- vollendete Reimann 1984. lung der musikalischen Dramaturgie Zu einer Mahnung vor dem Krieg aus kleinsten Motiven – bildete auch wurde die 1986 bei den Münchener die Grundlage seiner Oper «Lear» Opernfestspielen uraufgeführte Oper (1978) nach William Shakespeare. «Troades». Das Bühnenstück nach Neben der Variationstechnik setzte den «Troerinnen des Euripides» von Reimann, entgegen den in der westli- Franz Werfel avancierte zum großen chen Musik üblichen Halbtonschrit- Erfolg. Neben zahlreichen Gesangs- ten, auch Vierteltöne ein, die das tra- und Bühnenwerken schrieb Reimann ditionelle Dur-Moll-System spreng- Orchesterstücke, z. B. die «Sechs ten. Die Uraufführung 1978 wurde Fragmente in memo-riam R. zu einem Triumph. Das Werk, das Schumann» (1988). Ein Jahr später vokale Kompositionsmöglichkeiten entstand das Konzert für Violine, voll ausschöpft, wurde von Experten Violoncello und Orchester. In unter die großen Opern des 20. Jahr- Anlehnung an Franz Kafkas gleich- hunderts eingereiht. Im selben Jahr namigen Roman schuf Reimann die beendete Reimann auch seinen Lie- Oper «Das Schloß», die – wie das derzyklus «Nachtstück II», der wie- Vokal werk «Lady Lazarus» (nach derum auf Gedichten von Eichen- «Nachtgedanken» von Sylvia Plath) dorff beruht. – 1992 in Berlin Premiere feierte., Ottorino Respighi ► Der vielseitige (9.7.1879-18.4.1936) Instrumentator ◄ Der Italiener gilt als einer der bedeutendsten Komponisten seines Landes im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Charakteristisch für Respighis Schaffen sind melodische Tonsprache, virtuose Orchestrierung und intensive Beschäf- tigung mit kirchentonartlichen Wendungen. Respighi kam als Sohn eines Musi- 1908-16 Alte italienische Instru- kers in Bologna zur Welt. Der Vater mentalmusik 1908 ging Respighi für führte ihn in das Geigen- und Kla- ein Jahr als Pianist an eine Gesangs- vierspiel ein. 1891 wurde Respighi schule nach Berlin. Zurück in Italien, am Liceo Musicale seiner Heimat- beschäftigte er sich auf Anregung stadt aufgenommen und erhielt Un- seines Lehrers Torchi mit älterer terricht bei Federico Sarti. Acht italienischer Instrumentalmusik. Im Jahre später machte er seinen Ab- Oktober desselben Jahres fand in schluß, ehe er seine Kenntnisse in Berlin unter der Leitung von Arthur Kontrapunkt, Fuge und Komposition Nikisch die Aufführung seiner Bear- bei Luigi Torchi und Giuseppe beitung von Claudio Monteverdis Martucci erweiterte. «Lamento d'Arianna» für Gesang und Orchester statt. Ab 1902: Erste Erfolge 1901 ging Re- 1913 verbrachte Respighi einige Mo- spighi nach St. Petersburg, spielte als nate in Bologna, ehe er am Conser- Bratschist bei den italienischen Sta- vatory di Musica S. Cecilia in Rom gioni an der kaiserlichen Oper und eine Stelle als Professor für Kompo- wurde von Nikolai Rimski-Korsa- sition antrat. 1915 gründete Respighi kow in Komposition unterrichtet, den Corso libero per compositori, was seinen Stil nachhaltig prägte. wobei Mario Rossi und Vincenzo di Nach kurzer Lehrzeit bei Max Bruch Donato zu seinen Schülern zählten. in Berlin (1902) schrieb Respighi ein Zu den bekanntesten seiner späteren Klavierkonzert, das ihm einen ersten Bearbeitungen gehört «Antiche Erfolg bescherte. Bekannt wurde er danze e arie per liuto», ein 1917 be- mit den folgenden Werken, «Not- gonnener Zyklus aus drei Teilen. turno für Orchester» (1905) sowie Diese Lautenstücke des 16. Jahrhun- den beiden Opern «Re Enzo» (1905) derts setzte Respighi für modernes und «Semirama» (1910). Der ganz Orchester um. «La boutique fantas- große Triumph blieb seinen Bühnen- que», eine Rossini-Bearbeitung als werken (insgesamt zehn Opern) je- Ballett, hatte 1919 in London Pre- doch versagt. Bis 1908 war Respighi miere. 1925 folgte die viersätzige Bratschist und Violinist in verschie- «Suite Rossiniana». Sie basiert auf denen Quartetten, darunter im Mu- Klavierstücken, die ebenfalls von gellini-Quartett (bis 1906). Gioacchino Rossini stammen., Ab 1916: «Römische Trilogie» Seine größten Erfolge erzielte Respighi mit sinfonischen Dichtungen, die so- wohl von Richard Strauss als auch von seiner Vorliebe zum französi- schen Impressionismus geprägt sind. Respighis sog. römische Trilogie, drei zusammenhängende sinfonische Dichtungen, wurde – dirigiert von Arturo Toscanini – ein Welterfolg. Der erste Teil, «Fontane di Roma» (1916), beschreibt vier für Rom typi- sche Brunnen innerhalb eines Tages. «Pini di Roma» (1924) als zweites Werk und schließlich «Feste Ro- mane» (1928) umfassen ebenfalls je- weils vier Szenen. Ottorino Respighi, um 1920 1919 heiratete der Komponist seine ehemalige Schülerin Elsa Olivieri ben Jahr verfaßte Respighi «Trittico Sangiacomo, die sich durch Kompo- Botticelliano». In dem sinfonischen sitionen und als Konzertsängerin Gedicht beschrieb er seine Gedan- Ansehen verschafft hatte. In der Fol- ken beim Betrachten eines Tripty- gezeit gingen beide mehrfach ge- chons des Renaissancemalers San- meinsam auf Konzertreisen, wobei dro Botticelli. Ebenfalls 1927 ent- sich Respighi auch als Pianist und stand «Die Vögel», eine fünfteilige Dirigent hervortat. Suite, die auf Tänzen und Arien von Komponisten des 17. und 18. Jahr- 1921-36: Bezug auf Gregorianik hunderts basiert. Respighi wandte sich verstärkt der Die Werke Respighis, der sich 1932 Gregorianik zu, um so eine Alterna- in einem Manifest gegen die Neue tive zur spätromantischen Harmonik Musik moderner Künstler gewandt zu besitzen. Er schrieb eine Reihe hatte, zählten zu den wenigen Arbei- von Stücken, die sich auf gre- ten zeitgenössischer Komponisten, gorianische Themen stützen, so z. B. die ab 1933 in Nazi-Deutschland offi- das Violinkonzert «Concerto grego- ziell gefeiert wurden. 1935 hatte Re- riano» (1921) und «Tre Preludi sopra spighis Bearbeitung von «Orfeo», mélodie gregoriane» (1921) für Kla- der ersten Oper seines Vorbilds vier, die er 1927 zusätzlich für Orche- Claudio Monteverdi, in Mailand ster bearbeitete. 1924-26 war Re- Premiere. Ein Jahr später starb Re- spighi Direktor am Konservatorium spighi im Alter von 56 Jahren in Rom in Rom und widmete sich in der Fol- an einem Herzanfall. Seine unvollen- gezeit vorwiegend der Komposition. dete Oper «Lukrezia» wurde 1937 So entstand 1927 seine sinfonische von seiner Frau fertiggestellt, die Dichtung «Vetrate di chiesa», in der vier Jahre zuvor eine Biographie ih- er biblische Themen aufgriff. Im sel- res Mannes vorgelegt hatte., Wolfgang Rihm ► Musik als Momentaufnahme (* 13.3.1952) von Identität ◄ Der deutsche Komponist schrieb zunächst serielle Musik, ehe er sich über die Konventionen der Avantgarde aus den 50er und 60er Jahren hinwegsetzte. Rihm schuf einen Kompositionsstil, der das Publikum miteinbezieht und den Sinn der Musik – und nicht deren Konstruktion – in den Mittelpunkt stellt. In Karlsruhe geboren, erhielt Wolf- mente fand er zu einer «Neuen Ein- gang Michael Rihm mit acht Jahren fachheit» in der Musik zurück. Der ersten Blockflöten- und Klavierun- Orchestersatz «Dis-Kontur» (1974) terricht. Als Elfjähriger schrieb er erinnert an Werke Gustav Mahlers. erste Kompositionen; 1964 trat Rihm Mit großem Orchester besetzt, zer- in den Karlsruher Oratorienchor ein. fällt das Stück nach und nach in ver- 1968 begann er in der Gruppe infor- schiedene Klangpartikel. mell zu improvisieren und studierte «Sub-Kontur» (1975) stellt sich als – noch Schüler am humanistischen Orchesterstück bewußt gegen die Gymnasium – an der Karlsruher Mu- Neue Musik seit 1950. Der Aufbau sikhochschule Komposition bei Eu- erinnert an einen Sonatensatz. Rihm gen Werner Veite. Ebenfalls 1968 verarbeitete tonale Schwerpunkte entstanden sechs Lieder für Gesang und lieferte eine Auseinanderset- und Orchester nach Texten von Au- zung mit der Musiksprache Mahlers gust Stramm mit starker Orientie- und Alban Bergs. rung an der seriellen Kompositions- weise. 1970 vollendete Rihm sein Ab 1979: «Inklusives Komponie- ebenfalls serielles 1. Streichquartett. ren» In der 3. Sinfonie (1977) mit Texten von Friedrich Nietzsche und 1972-79: Abwendung von serieller Arthur Rimbaud verknüpfte Rihm Musik 1972 machte Rihm das Abitur spätromantische Elemente (Mahler) und sein Diplom für Komposition mit eigener Klangsprache. Im Mit- und Musiktheorie. In der Folgezeit telpunkt seiner Werke stehen Spra- studierte er u. a. bei Wolfgang Fort- che und Sprechen als Zeichen sub- ner und Humphrey Searle in Karls- jektiver Erfahrung. Zwei Jahre nach ruhe sowie 1972/73 bei Karlheinz der Kammeroper «Faust und Yo- Stockhausen in Köln. 1973 erhielt rick» schrieb der Dozent der Darm- der 21jährige einen Lehrauftrag an städter Ferienkurse 1979 das Büh- der Musikhochschule Karlsruhe. Mit nenstück «Jakob Lenz» nach der No- seinem im selben Jahr vollendeten velle von Georg Büchner. Es ist dem Stück «Morphonie. Sektor IV» (UA experimentellen Musiktheater zuzu- 1974) begann er, die Grenzen postse- rechnen und gehört zu den Opern, rieller Musik zu überwinden. Unter die sich gegen die esoterische Selbst- Verwendung spätromantischer Ele- isolation der postseriellen Musik der, 60er Jahre richten. Subjektive Emp- findungen und äußere Einflüsse wer- den in das Werk um den geistigen Zerfall der Hauptperson miteinbe- zogen, Dissonanzen und Konsonan- zen verarbeitet. Rihm charakteri- sierte die Kompositionsweise als «in- klusives Komponieren». Der Zyklus «Wölfli-Liederbuch» für Baßbariton und Klavier (1981, Or- chesterfassung 1982) ist ein Beispiel für Rihms expressiven Kompositi- onsstil. Er legte Texte des an Schizo- phrenie leidenden Adolf Wölfli zu- grunde. Die scheinbar harmlose Handlung des Zyklus steuert auf ein katastrophenartiges Ende in Form eines Trommelsolos zu. Wolfgang Rihm, 1983 Ab 1982: Weiterentwicklung des 1985 schrieb Rihm zudem die Kan- Musiktheaters Auch in der Folgezeit tate «Andere Schatten» und trat die setzte sich Rihm in seinen Bühnen- Nachfolge Veltes als Professor an der stücken thematisch mit Personen Karlsruher Musikhochschule für und Texten auseinander, die ihm Komposition an. Zwei Jahre später psychologisch interessant erschie- hatten seine Bühnenstücke «Die nen. Beispielsweise verarbeitete er Hamletmaschine» und «Oedipus» ein Gedicht von Antonin Artaud, das Premiere. In der Folgezeit übernahm sich mit den düsteren Riten der er zahlreiche weitere Ämter, u.a. mexikanischen Tarahumara-India- 1989 einen Lehrauftrag an der Mu- ner beschäftigt, zu seinem «Tutu- sikhochschule in München. Rihms guri»-Ballett (1982). Wie in anderen Requiem «Mein Tod» wurde 1990 in Werken verzichtete er konsequent Salzburg uraufgeführt. auf wiederkehrende Elemente. 1992 legte er die Oper «Die Erobe- Mitte der 80er Jahre setzte sich Rihm rung von Mexiko» vor, die auf vier in Anlehnung an die Romantik mit textlichen Grundlagen basiert: Ne- sog. Fragmenten auseinander. So ben einem Bühnenentwurf und ei- entstanden zwischen 1982 und 1988 nem theoretischen Werk über das die acht «Chiffren» für Kammeror- Seraphimtheater von Artaud flossen chester, drei «Klangbeschreibun- zeitgenössische Lieder über das gen» (1982-87) für Orchester sowie Ende des Aztekenreichs und ein Ge- der Orchesterzyklus «Unbenannt I- dicht von Octavio Paz ein. Im selben III (1986-90). Die aggressiven Jahr schrieb der rastlose Komponist Klangexplosionen der Werke lassen (über 300 Werke) die «Etude pour den Hörer die Musik auch körperlich Seraphim» für Posaunen, Baßtuben spüren. und Schlagzeug., Erik Satie ► Bürgerschreck (17.5.1866-1.7.1925) und Neoklassizist ◄ Der französische Komponist bezog seine Schaffensimpulse aus so verschiede- nen Quellen wie mittelalterlicher Musik, Unterhaltungsmusik und der Mystik des Rosenkreuzerordens. Berühmt wurde Satie durch seine anarchistischen Ballette und subtile humoristische Klavierstücke. Alfred Erik Leslie Satie wurde in cueil zurück, verfaßte Schmähschrif- Honfleur/Calvados geboren und er- ten gegen seine Kritiker und schrieb hielt den ersten Musikunterricht mit eine siebenteilige «Messe der Ar- acht Jahren. 1879 trat er in das Pari- men» für Chor und Orgel (1895). Als ser Konservatorium ein, wurde je- Arrangeur hielt er Kontakt zum doch 1882 wegen Faulheit entlassen Montmartre, für dessen Bühnen er und schrieb sich als Gasthörer ein. Schlager und Musiktheaterstücke Mit dem Allegro für Klavier im komponierte. Von Saties speziellem Caféhausstil entstand 1884 seine er- Humor zeugen die Klavierstücke ste Komposition. Aus Geldnot ar- «Trois morceaux en forme de poire» beitete Satie ab 1888 als Pianist und (1903), in deren Niederschrift er die Dirigent im Cabaret «Chat Noir» am Noten in Birnenform anordnete und Pariser Montmartre. so dem Vorwurf der Formlosigkeit seiner Kompositionen widersprach. Ab 1891: Beschäftigung mit Rosen- kreuzern Ebenfalls 1888 entstanden Ab 1905: Zunehmende Popularität: die drei «Gymnopédies» für Klavier 1905 entschloß sich Satie, Komposi- (1911 von seinem Freund Claude De- tion und Kontrapunkt an der Schola bussy orchestriert), deren suggestive Cantorum zu studieren. Diesmal Wirkung aus gewollter Einförmig- zeichnete er sich als fleißiger Schüler keit und einfachsten Begleitfiguren aus und komponierte Parodien auf resultiert. 1891 komponierte Satie Fugen und Choräle. Seine zuneh- mit «Fils des étoiles» die Bühnen- mende Popularität brachte ihm viele musik zu den Veranstaltungen eines Aufträge für Klavierstücke ein. In Pariser Rosenkreuzerordens. Beein- ihnen begegnen sich frühe Formen druckt durch die Mystik der Rosen- des Jazz, satirische Kommentare, ab- kreuzer, beschäftigte er sich einge- surde Spielanweisungen und Noten- hend mit mittelalterlicher Musik und schriften von kalligraphischer Qua- gregorianischem Choral. Nachdem lität. Dabei zeigte sich auch seine er sich mehrmals vergeblich um die Vorliebe für skurrile Werktitel: So Mitgliedschaft in der Akademie der nannte er ein 1913 erschienenes Kla- Schönen Künste beworben hatte, zog vierstück «Embryons desséchés» sich Satie aus der Künstlerszene in («Vertrocknete Embryos»). Ab 1912 den Pariser Arbeitervorort Ar- schrieb Satie satirische Zeitschrif-, tenartikel, zwei Jahre später trat er der Sozialistischen Partei bei. Ab 1917: Galionsfigur der Avant- garde Die Freundschaft mit Pablo Picasso, Jean Cocteau und dem russi- schen Ballettimpresario Sergej Dia- ghilew steigerte die Berühmtheit Sa- ties und führte 1917 zur Premiere sei- nes anarchistischen Balletts «Para- de» durch Diaghilews Ballets Rus- ses. In dem Werk verwendete Satie Alltagsgeräusche, z. B. eine Schreib- maschine, Pistolenschüsse und eine Schiffssignalpfeife. Die Urauffüh- rung endete in einem Skandal und zog gerichtliche Auseinandersetzun- gen nach sich. Das Stück wurde zu einem «kubistischen Manifest» einer Erik Satie Künstlergruppe, die sich um Sa-ties Wohnort Arcueil sammelte. ster. Mit diesem sinfonischen Drama Seine «Sonatine bureaucratique» nach Texten von Plato leitete er die (1917) für Klavier gilt als Auslöser Periode des «dépouillement» («Ab- des Neoklassizismus, da Satie erst- häutung») ein, die eine äußerste Re- mals klassische Musik (von dem Ita- duktion der kompositorischen Mittel liener Muzio Clementi) in die eigene bis zu ausdrucksloser Schlichtheit Tonsprache montierte. 1918 wurde mit sich brachte. seine künstlerische Bedeutung ein In der Folgezeit widmete sich der weiteres Mal untermauert: Cocteau Komponist ab 1919 wieder verstärkt stellte Satie in seinem Manifest «Le dem Klavier, für das er mit den coq et l'arlequin» als bedeutendste «Nocturnes» eine Sammlung von Künstlerpersönlichkeit nach dem 1. planvoll angelegten Etüden über das Weltkrieg dar, gleichzeitig machte Phänomen der Harmonik schuf. ihn die neugegründete Gruppe der Nachdem er 1921 in die Kommunisti- «Six» (bestehend aus den Komponi- sche Partei eingetreten war, kehrte sten Georges Auric, Louis Durey, Satie 1924 mit den Ballettkomposi- Arthur Honegger, Darius Milhaud, tionen «Mercure» und «Relâche» Francis Poulenc und Germaine Tail- (Bühnenbilder von Picasso) zur far- leferre) öffentlich zu ihrem Vorbild. benreichen Bühnenmusik zurück. Milhaud und andere Anhänger Sa- Ab 1918: Reduktion der Mittel Als ties gründeten 1923 zu Ehren des Kompositionsauftrag der Prinzessin Meisters die «Schule von Arcueil». von Polignac komponierte Satie 1918 Zwei Jahre später erkrankte Satie an das Oratorium «Socrate» für vier einer Leberentzündung und starb im hohe Stimmen und kleines Orche- Alter von 59 Jahren in Paris., Dieter Schnebel ► Experimente zwischen (* 14.3.1930) Musik und Sprache ◄ Nach anfänglichen Studien zur seriellen Musik vermischte der deutsche Kom- ponist und Musikschriftsteller zunächst Sprache und Gesang. In seinem Spät- werk löste sich Schnebel von jeder Art der Sprache in seinen Vokalwerken und befaßte sich mit Artikulation. Schnebel kam in Lahr im Schwarz- plizierte Art anwendete – insbeson- wald zur Welt. Während der Schul- dere bei der Organisation von Laut- zeit komponierte er erste Werke im stärke und Zeitstruktur. Schnebel klassisch-romantischen Stil. Nach promovierte 1955 in Tübingen als seinem Abitur begann er 1949 ein Musikwissenschaftler mit einer Ar- Studium für Klavier sowie für Mu- beit über die Dynamik bei Schön- siktheorie und –geschichte (bei Erich berg und machte zudem sein Exa- Doflein) in Freiburg, wo er sich mit men in Theologie. 1956 arbeitete er der Neuen Musik auseinandersetzte. als Pfarrer in einigen pfälzischen Schnebel nahm an den Kranichstei- Dorfgemeinden, ehe er ein Jahr spä- ner Ferienkursen für Neue Musik ter als Pfarrer und Religionslehrer teil, auf denen er mit deren führen- nach Kaiserslautern ging. den Komponisten (u. a. Pierre Bou- lez, Ernst Kfenek, Luigi Nono und 1955-60: Sprachkompositionen Ab Edgar Varèse) bekannt wurde. Sein Mitte der 50er Jahre verschaffte sich Kommilitone Heinz-Klaus Metzger Schnebel durch musiktheoretische machte ihn überdies mit der Zweiten Arbeiten Ansehen. 1956 begann er Wiener Schule um Arnold Schön- mit seiner Werkreihe «Für Stimmen berg vertraut. 1952 legte Schnebel (…missa est)». Mit dem darin ent- die Staatliche Musiklehrerprüfung haltenen Chorwerk «dt 31.6» für ab und schrieb sich in Philosophie, zwölf Vokalgruppen betrat Schnebel Evangelischer Theologie und Musik- vokalmusikalisches Neuland: Das wissenschaft an der Universität Tü- Stück stellt eine Art Sprachkomposi- bingen ein. tion zwischen Sprechen und Gesang dar. Innovativ an dieser Form war, 50er Jahre: Serielle Kompositionen daß er sprachliche Besonderheiten in Ab 1953 verstärkte Schnebel seine musikalische Formen gefaßt hatte: kompositorischen Versuche. «Ana- Die Texte wurden nicht nur lysis» für Saiteninstrumente und gesungen, sondern schauspielerisch Schlagzeug ist das erste Werk eines mit Hilfe von Seufzen, Keuchen und Komplexes, den er mit «Versuche» Schreien vorgetragen. Die begon- überschrieb. Den Stücken liegt die nene Reihe schloß Schnebel 1969 mit serielle Kompositionsweise zugrun- «Choralvorspiele» für Instrumental- de, die Schnebel auf besonders kom- stimmen ab., Zusätzlichen Einfluß auf Schnebels Entwicklung hatte John Cages Zu- fallsmusik. Schnebel begann «Mu- sikprojekte» zu entwerfen, womit er die Differenz zwischen Theater und Musik aufzuheben versuchte. 1959 entstand «Das Urteil» (nach Franz Kafka) für denaturierte Instrumente, naturierte Singstimmen, sonstige Schallquellen und Publikum. Ab 60er Jahre: Lösen von Sprach- elementen In der Klangcollage «Glossolalie» (1961) interpretieren Musiker Sprachabschnitte aus ver- schiedenen Dialekten. 1960-62 ent- stand sein Werk «Nostalgie», in dem Dieter Schnebel sich die «Zuhörer», die nur einen Dirigenten sehen, die Musik des te keine Klänge komponieren, son- nicht vorhandenen Orchesters vor- dern deren Ursprung analysieren, so stellen müssen. 1967 legte Schnebel z.B. in «Maulwerken» für Artikula- «ki-no, eine Nachtmusik für Projek- tionsorgane und Reproduktions- toren und Hörer» vor, in der sich das geräte (1968-74) und in «Hand- Publikum die Musik durch Noten werke – Blaswerke I» (1977). auf einer Leinwand erschließen muß. In der deutschen Messe «Für Stim- Ab 1975: Verbindung von Tradition men» (1968) reihen sich verschie- und Innovation Mitte der 70er Jahre densprachige Wortfetzen aneinan- griff Schnebel traditionelle Musik der, ohne daß ein Text zu erkennen für seine Experimente auf. So be- ist. Grund: Für das Gotteslob sah gann er 1975 den Werkkomplex Schnebel herkömmliche Sprache als «Tradition» mit dem Stück «Ca- unzureichend an. nons». 1977 erhielt er eine Professur Ein Jahr nach Veröffentlichung von an der Hochschule der Künste in «MO-NO, Musik zum Lesen» (1969, Berlin. Improvisationen der Musiker erschienen in Buchform) gab Schne- stehen im Mittelpunkt des 1978 vor- bel seine Stellung als Religionslehrer gelegten 21teiligen Werkes «Orche- in Frankfurt (ab 1963) auf und lehrte stra». Die «Dahlemer Messe» (1978, Religion und Musik in München (bis Teil des «Tradition»-Zyklus) wid- 1976), wo er 1972 eine Arbeitsge- mete er der Bekennenden Kirche. meinschaft für Neue Musik für Stu- 1979 erschien der fünfteilige Zyklus denten und Schüler gründete. Trotz «Zeichen-Sprache», bei dem klang- teilweise heftiger Kritik an seinen liche und visuelle Ausdrucksformen Aufführungen setzte Schnebel seine in einer Partitur vereint sind. Seit Neuerungen fort und löste sich von 1991 ist Dieter Schnebel Mitglied der jeglichen Sprachelementen. Er woll- Akademie der Künste Berlin., Alfred Schnittke ► Mit Polystilistik zur (* 24.11.1934) eigenen Sprache ◄ Wie viele andere Komponisten der UdSSR nutzte Schnittke die kulturpoliti- sche Öffnung seines Landes, um im Stil der westlichen Avantgarde zu kom- ponieren. Bald jedoch fand er zu einer neuen Ausdrucksform, der Polystili- stik, einer Kombination und Weiterverarbeitung von Stilen und Zitaten. Alfred Garrijewitsch Schnittke kam später Kompositionslehrer am Kon- in Engels in der Wolgadeutschen Re- servatorium in Moskau. publik (heute Rußland) zur Welt. Sein jüdischer Vater war lettischer Mitte der 60er Jahre: Serielle Phase Herkunft, die Mutter, eine Wolga- Ab 1962 entstanden die ersten von deutsche, arbeitete als Deutschleh- Schnittkes insgesamt fast 70 Film- rerin. Nach Ende des 2. Weltkriegs kompositionen. Seine musikalische wurde der Vater Korrespondent ei- Sprache orientierte sich zunächst an ner deutschsprachigen Zeitung im den Forderungen der sowjetischen russisch besetzten Wien. Dort nahm Kulturpolitik. Mit deren allmähli- Alfred bei Charlotte Ruber Klavier- cher Öffnung gegenüber avantgardi- unterricht. Nach dem Umzug nach stischen Strömungen des Westens Moskau lernte er ab 1948 an einer eignete sich Schnittke neue Kompo- Musikschule Chorleitung. sitionstechniken an. Dabei beein- flußten ihn Werke Arnold Schön- 50er Jahre: Programmusik Von 1953 bergs und des Italieners Luigi Nono, bis 1958 studierte Schnittke am Kon- den er 1963 in Moskau kennenge- servatorium der Hauptstadt, wo er lernt hatte. Schnittkes folgende Wer- 1957 sein Debütwerk, das 1. Violin- ke, u.a. das 1.Streichquartett und das konzert, komponierte. Mit den näch- 2. Violinkonzert (beide 1966), sten – programmusikalischen – verdeutlichen seine Beschäftigung Stük-ken orientierte sich Schnittke mit serieller Musik. Kurz darauf an Kriegsthemen: 1958 erschien sein stellte er diese streng geordnete «Nagasaki-Oratorium» in Anleh- Kompositionsweise jedoch in Frage. nung an die Zerstörung der japani- schen Stadt durch eine amerikani- Ab Ende der 60er Jahre: Polystili- sche Atombombe, kurz darauf kam stik Auf der Suche nach neuen Aus- «Lieder von Krieg und Frieden» für drucksformen komponierte Schnitt- Soli, Chor und Orchester heraus. ke die 2. Violinsonate mit dem Un- Nachdem Schnittke 1961 in zweiter tertitel «quasi una Sonata» (1968). Ehe die Pianistin Irina Katajewa (ein Diese Bezeichnung verweist auf den Kind) geheiratet hatte und dem Inhalt des Werkes, das sich mit den sowjetischen Komponistenverband Möglichkeiten der Sonatenform aus- beigetreten war, wurde er ein Jahr einandersetzt und sie durch unter-, schiedliche Elemente bis zur Un- kenntlichkeit verfremdet. Die Arbeit mit Versatzstücken aus verschiedenen Bereichen der Musik bestimmte die folgenden Arbeiten Schnittkes: In Form von Collagen verband er Altes mit Neuem, Tonales mit Atonalem, Einfaches mit Konstruiertem und setzte zeitweilig auch elektronisch erzeugte Klänge ein. Ein typisches Beispiel dieser sog. Polystilistik ist die dreisätzige Serenade (1968), in der Schnittke Teile aus seinen älteren Alfred Schnittke, 1989 Kompositionen mit Zwölftonmusik verband. Mit der 1. Sinfonie (1972) verarbeitete. Die 4. Sinfonie (1984) schuf Schnittke sein erstes großes basiert ebenso wie das Konzert für Werk in der neuen Chor (1985) auf religiösen Texten. In Kompositionsweise. Zwei Jahre dieser Zeit entstanden weitere – später vollendete er das Werk «Der kammermusikalische – Werke, u.a. gelbe Klang», eine szenische das 2. und 3. Streichquartett. Komposition, die sich auf Bilder Während er mit dem Choreographen Wassily Kandinskys bezieht. In John Neumeier an einem Ballett Trauer über den Tod seiner Mutter nach Henrik Ibsen arbeitete, erlitt schrieb der unermüdliche Arbeiter Schnittke einen schweren Schlag- ein Klavierquintett (1976). In dieser anfall. Kaum genesen, komponierte Zeit entstanden zudem ein Requiem er sein Cellokonzert, das im Mai (1975) und der «Sonnengesang des 1986 in München uraufgeführt wur- Franz von Assisi» (1976). Die drei de. Die Entwicklung von Schnittkes Jahre später vollendete 2. Sinfonie Polystilistik fand ihren Höhepunkt in «St. Florian» spiegelt mit ihren der 5. Sinfonie (1988), die sich mit Anklängen an Anton Bruckner die den Werken Gustav Mahlers befaßt. Religiosität Schnittkes wider, der 1989 feierte das mit Neumeier ent- 1983 zum katholischen Glauben kon- worfene Ballett «Peer Gynt» erfolg- vertierte. Mit «Moz-Art» begann der reich Premiere. 1992 beendete der Komponist 1976 eine mehrjährige deutsche Staatsbürger (ab 1990) die Werkreihe für Instrumentalensem- Arbeit an der Oper «Leben mit ei- bles; ein Jahr später folgte sein er- nem Idioten», die auf einer Erzäh- folgreiches «Concerto grosso». lung von Wiktor Jerofejew basiert. 1995 kam in Wien Schnittkes Oper 1992: Operndebüt Der Gastdozent «Gesualdo» heraus. Nach 15jähriger an der Wiener Hochschule für Musik Arbeit an der Oper «Historia von D. (ab 1979) komponierte 1981 seine 3. Johann Fausten» war Schnittke 1995 Sinfonie, in der er vielfältige Ein- bei der zurückhaltend aufgenomme- flüsse aus der deutschen Musikge- nen Uraufführung in Hamburg nach schichte seit Johann Sebastian Bach einem Schlaganfall nicht dabei. i, Arnold Schönberg ► Der Übervater (13.9.1874-13.7.1951) der Neuen Musik ◄ Mit seinem Schritt zur Atonalität und der Entwicklung der Zwölftontechnik schuf der österreichische Komponist zwei wegweisende Neuerungen in der Musik des 20. Jahrhunderts. Arnold Franz Walter Schönberg als Lehrer am Sternschen Konserva- wurde als ältestes Kind eines Kauf- torium. Kompositorischer Ertrag der manns in Wien geboren. Mit acht Berliner Zeit waren die sinfonische Jahren begann er Geige zu spielen Dichtung «Pelleas und Melisande» und versuchte sich an ersten Kompo- (1903) sowie eine erste Fassung der sitionen. Als sein Vater 1890 starb, «Gurrelieder» (vollendet 1911). brach der 16jährige die Realschule ab und wurde Angestellter in einer Ab 1909: Atonalität Zurück in Wien, Privatbank. 1895 lernte Schönberg lehrte Schönberg Komposition an als Mitglied eines Laienorchesters der Schwarzwald-Schule. 1904 grün- seinen künftigen Lehrer Alexander dete er den Verein schaffender Ton- von Zemlinsky kennen. Den Lebens- künstler und nahm Anton Webern unterhalt verdiente er durch die Lei- und Alban Berg als Schüler an tung des Sängerbundes der Metallar- (Zweite Wiener Schule). In dieser beiter und durch Instrumentierung Zeit begann er zu zeichnen und zu von Schlagern und Operetten. malen. 1910 wurden einige Bilder in einer Ausstellung des «Blauen Rei- 1899: «Verklärte Nacht» Nach einem ters» in München gezeigt. Gedicht von Richard Dehmel ent- Mit seinem zweiten von vier Streich- stand 1899 das Streichsextett «Ver- quartetten (1905) und der 1. Kam- klärte Nacht». Das Werk verstörte mersinfonie (1906) hatte Schönberg die Zuhörer bei der Uraufführung die tonalen Grenzen verlassen. Den 1902 wegen der ungewohnten Har- endgültigen Schritt zur Atonalität monien. Nachdem er 1901 Mathilde vollzog er mit den Liedern aus dem von Zemlinsky, die Schwester seines «Buch der hängenden Gärten» von Lehrers, geheiratet hatte (zwei Kin- Stefan George und den «Fünf Or- der; zweite Ehe ab 1924 mit Gertrud chesterstücken» (beide 1909). Durch Kolisch, drei Kinder), nahm Schön- die «Emanzipation der Dissonanz» berg ein Angebot als Kapellmeister sah Schönberg neue Ausdruckschan- bei der Kabarettbühne «Überbrettl» cen für seine Musik. 1911 kehrte er in Berlin an. Dort wurde Richard an das Sternsche Konservatorium Strauss auf den Komponisten auf- nach Berlin zurück und vollendete merksam, verschaffte ihm ein Liszt- die 21 Melodramen aus «Pierrot lun- Stipendium des Allgemeinen Deut- aire» (1912) von Albert Giraud, die schen Musikvereins und eine Stelle zu einem großen Erfolg wurden., Im 1. Weltkrieg tat Schönberg Dienst in einer Militärkapelle und arbeitete an dem – unvollendeten – Oratorium «Die Jacobsleiter». 1918 nahm er seine Kompositionskurse wieder auf und gründete in Wien einen Verein für musikalische Privataufführungen zeitgenössischer Musik. 1923: Zwölftontechnik Ab 1920 ex- perimentierte Schönberg an einer mathematischen Kompositionsme- thode mit zwölf aufeinander bezoge- nen Tönen. In reiner Form verwen- dete er diese, die Zwölftontechnik, u. a. in der «Suite für Klavier» (1923) Arnold Schönberg, 1930 und dem «Bläserquintett» (1924). Herkunft die Stelle in Berlin. Die Fa- milie floh über Paris in die USA, wo Zwölftontechnik er 1936 einen Lehrstuhl an der Uni- Sie legt einer Komposition eine Reihe versity of California in Los Angeles zugrunde, die aus den zwölf Halbtö- erhielt. Die in dieser Zeit entstande- nen der Tonleiter besteht. Kein Ton nen Werke sind teils zwölftönig – wie darf wiederholt werden, bevor nicht das Violinkonzert (1936) – teils to- alle anderen erklungen sind. Als wei- nal, wie die Suite für Streichorche- tere Elemente stehen die Umkehrung ster (1934). 1938 komponierte er im der Reihe (ihr spiegelverkehrter Ab- Auftrag eines Rabbiners das «Kol lauf), der Krebs (die notengetreue Nidre» nach einer überlieferten li- rückläufige Version) und der Krebs turgischen Melodie. Zwei Jahre spä- der Umkehrung zur Verfügung. Da ter vollendete Schönberg seine 2. die Reihen jeweils elfmal transponiert Kammersinfonie; im selben Jahr werden können, entstehen aus einer Zwölftonreihe maximal 44 Reihen. erhielt er die US-Staatsbürgerschaft. 1947: «Ein Überlebender aus War- Ab 1925 leitete Schönberg eine Mei- schau» 1944 schrieb er die «Ode an sterklasse für Komposition an der Napoleon», eine Abrechnung mit Berliner Akademie der Künste. Fünf der Diktatur. Unter dem Eindruck Jahre später beendete er seine Oper von Berichten über das Massaker im «Von heute auf morgen», die ebenso Warschauer Getto entstand die Kan- auf einer einzigen Zwölftonreihe tate «Ein Überlebender aus War- basiert wie «Moses und Aron» schau» (1947). 1950 verfaßte er die (1930-32), eine unvollendete Oper. Dichtung «Moderne Psalmen», de- ren Komposition Schönberg nicht 1933: Flucht in die USA 1933 verlor mehr beenden konnte. Er starb 1951 Schönberg wegen seiner jüdischen mit 76 Jahren in Los Angeles., Dmitri Schostakowitsch ► Führender Sinfoniker (25.9.1906-9.8.1975) der UdSSR ◄ Schostakowitsch, der sich vor allem durch seine 15 Sinfonien einen Namen machte, geriet mehrfach in Konflikt mit der Staatsmacht. Zahlreiche seiner von Tradition und neuen Entwicklungen geprägten Werke wurden als «for- malistisch» und «westlich-dekadent» kritisiert. Dmitri Dmitrijewitsch Schostako- wurde Schostakowitsch der Forde- witsch kam als Sohn eines Ingenieurs rung gerecht, durch eingängige Me- und einer Pianistin in St. Petersburg lodien die Ideale der sozialistischen zur Welt. Mit neun Jahren erhielt er Revolution mit unterhaltender Mu- Klavierunterricht, 1919 wurde er auf sik zu verbinden. Diesen Stil kriti- Empfehlung von Alexander Glasu- sierte er Ende 1931 in einer «Dekla- now am Konservatorium seiner Hei- ration der Pflichten eines Komponi- matstadt aufgenommen. sten». Dennoch wurde Schostako- witsch 1932 Vorstandsmitglied des 1925: Sinfonie als Diplomarbeit Den Komponistenverbandes der UdSSR. Lebensunterhalt verdiente Schosta- kowitsch zunächst als Pianist in Ki- 1936: Vorwürfe gegen Bühnenwerk nos. 1926 schloß er sein Studium mit 1934 hatte seine Oper «Lady Mac- der 1. Sinfonie ab und begann eine beth von Mzensk» in Leningrad Pre- vielversprechende Pianistenkarriere, miere. Zwei Jahre später warf ihm konzentrierte sich bald jedoch auf die «Prawda» abweichlerische und das Komponieren. Mit seiner 2. Sin- kleinbürgerlich-dekadente Tenden- fonie «An den Oktober» gewann er zen vor; die Oper wurde abgesetzt. 1927 den ersten Preis beim Wettbe- Schostakowitsch, seit 1932 mit Nina werb zum zehnten Jahrestag der Ok- Warsar verheiratet (zwei Kinder), toberrevolution. 1928 kehrte er nach zog Ende des Jahres seine 4. Sinfonie Leningrad zurück und vollendete bis zurück, da er weitere Angriffe fürch- 1930 seine erste Oper, das satirische tete. 1937 erhielt er eine Professur Stück «Die Nase» (nach Nikolai Go- für Komposition am Leningrader gol), sowie das erste von drei Ballet- Konservatorium. Die Ende des Jah- ten («Das goldene Zeitalter»), res uraufgeführte 5. Sinfonie wurde Sein Debüt als Filmkomponist gab wieder triumphal aufgenommen. Schostakowitsch 1928 mit der Musik Schostakowitsch hatte die Kritiker zu «Das neue Babylon», die jedoch durch Anklänge an russische Tradi- wenige Tage nach der Uraufführung tionen und positive Programmatik – aus dem Film entfernt wurde. Das der vierte Satz trägt den Titel «Er- Publikum hatte sich über die unge- ringen des Sieges» – besänftigt. wohnten Klänge beschwert. In sei- Wenige Tage nach Ausbruch des 2. nen folgenden rund 30 Filmmusiken Weltkriegs in der UdSSR begann, Schostakowitsch im Sommer 1941 mit seiner 7. Sinfonie. Diese «Lenin- grader» Sinfonie um die Belagerung und Befreiung seiner Vaterstadt, für die er den Stalinpreis 1. Klasse er- hielt, gilt als Symbol des nationalen Widerstands. 1947 übernahm er den Vorsitz des Leningrader Komponi- stenverbandes und zog in den Ober- sten Sowjet von Rußland ein. 1948: Anti-Formalismus-Kampagne Ein Jahr später erließ die KPdSU Richtlinien gegen «formalistische Tendenzen» (ungewohnte und kom- plizierte Formen und Harmonien) in der Musik. Schostakowitsch wurde erneut angegriffen und büßte seine Lehrämter ein. Sein 1948 entstande- Dmitri Schostakowitsch, 1972 ner Zyklus «Aus jüdischer Volks- poesie» konnte wegen der einsetzen- 1959 stellten Ärzte bei Schostako- den «antizionistischen Kampagne» witsch eine unheilbare Rücken- nicht aufgeführt werden. Im März marksentzündung fest, die zu Läh- 1949 gab der Komponist erfolgreiche mungen in der rechten Hand führte. Gastspiele in New York, mußte die Ein Jahr später entstand das 8. seiner USA nach Protesten von Kriegsteil- 15 Streichquartette, das sich dem nehmern jedoch verlassen. Seine fol- Andenken der Opfer von Krieg und genden Werke im Sinne des soziali- Faschismus widmete. stischen Realismus, etwa «Das Lied der Wälder» (1949), ein Lob auf die 1962: Abgeordneter im Obersten staatliche Aufforstungskampagane, Sowjet Ein Jahr nach seiner 12. Sin- fanden großen Anklang. Seine In- fonie zum 22. Parteitag der KPdSU strumentalstücke, darunter die «24 wurde er Deputierter im Obersten Präludien und Fugen» (1951), kamen Sowjet der UdSSR, bekam aber we- zumeist nur einmal zur Aufführung. gen der 13. Sinfonie, in der er erst- Nach dem Tod seiner Frau heiratete mals Gesangs- und Chorstimmen er 1956 die Lehrerin Margarita Kai- verwendete, erneut Probleme mit der nowa (Scheidung 1959; dritte Ehe ab offiziellen Parteilinie. 1962 arbeitete 1962). 1957 beendete er sein 2. Kla- er seine verpönte Oper «Lady vierkonzert, bei dessen Premiere sein Macbeth von Mzensk» um, die als Sohn Maxim den Solopart übernahm. «Katerina Ismailowna» neu heraus- Im selben Jahr schrieb Scho- kam. Kurz nach Vollendung der So- stakowitsch die 11. Sinfonie «Das nate für Bratsche und Klavier (1975) Jahr 1905» und wurde zum Sekretär starb Schostakowitsch 68jährig in des Komponistenverbandes gewählt. Moskau an einem Herzinfarkt., Franz Schreker ► Zwischen Jugendstil (23.3.1878-21.3.1934) und Neuer Sachlichkeit ◄ Der Österreicher war neben Richard Strauss der erfolgreichste Opernkom- ponist der 20er Jahre. Wie der Held in seiner ersten Erfolgsoper war Schreker auf der Suche nach dem «fernen Klang» – einem in die Zukunft weisenden, nachwagnerianischen Stil. Die Texte zu seinen zumeist sinnlich-erotischen Opern verfaßte Schreker überwiegend selbst. Schreker wurde als Sohn eines jüdi- 1912: «Der ferne Klang» Blieben im schen Fotografen in Monaco gebo- ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhun- ren. Da die Familie viel reiste, wurde derts Schrekers Werke – Klavierlie- er erst nach dem Tod des Vaters der, Orchesterwerke und die Oper (1888) in Wien heimisch. Um zum «Flammen» (1902) – noch weitge- Unterhalt von Mutter und Geschwi- hend unbeachtet, änderte sich dies stern beizutragen, nahm der 14jähri- ab 1912 mit «Der ferne Klang» (UA ge ein Organistenamt in Döbling an. 1912 in Frankfurt a.M.). Der Held Fürstin Alexandrine von Windisch- der abendfüllenden, von Schreker graetz ermöglichte ihm ab 1892 ein selbst getexteten Oper offenbarte Studium am Wiener Konservato- deutliche Parallelen zu seinem rium, wo Schreker Geige und Kom- Schöpfer: Wie der junge Komponist position bei Robert Fuchs belegte. Fritz jagte auch Schreker einem Klangphantom hinterher. Melodik, Ab 1908: Philharmonischer Chor Harmonik, Rhythmus und Instru- Anerkennung erwarb sich Schreker mentation sind in den Dienst eines zunächst als Dirigent. Nachdem er Klangideals gestellt, das an Werke 1907/08 als Chordirigent an der Wie- Claude Debussys erinnert. Durch ner Volksoper aufgetreten war, grün- eingeblendete, räumlich überlagerte dete Schreker 1908 den Wiener Phil- und verwehte Klänge wollte Schre- harmonischen Chor, den er bis 1920 ker seine Auseinandersetzung mit leitete. Mit diesem Ensemble erar- dem jungen Medium Film in seiner beitete er vor allem zeitgenössische Komposition verdeutlichen. Stilbil- Musikprogramme. So dirigierte er dend war das Einflechten fremder 1912 Gustav Mahlers 8. Sinfonie in Musikelemente (Zigeunermusik im Prag und brachte Arnold Schönbergs ersten, venezianische Volksmusik im Chorwerk «Friede auf Erden» zweiten Akt). «Der ferne Klang» (1911) sowie dessen «Gurrelieder» wurde ein großer Publikumserfolg für Soli, Chor und Orchester (1913) und beeinflußte u.a. das Opern- in Wien zur Uraufführung. 1912 schaffen Alban Bergs, der 1911 den wurde Schreker zudem Kompositi- Klavierauszug des Werkes angefer- onslehrer an der Akademie der Ton- tigt hatte. 1913 folgte die Oper «Das kunst in Wien. Spielwerk und die Prinzessin», die, Schreker sieben Jahre später kom- plett überarbeitete. 1920: «Der Schatzgräber» 1918 legte Schreker die Oper «Die Gezeichne- ten» vor, die jedoch nicht die Popula- rität des «Fernen Klangs» erreichte. Dessen Erfolg wurde nur durch das Bühnenwerk «Der Schatzgräber» (1920) übertroffen. Das in einem märchenhaft gezeichneten Mittelal- ter spielende Stück handelt von ei- nem Schönheit und Fruchtbarkeit verleihenden Schatz, der einer Köni- gin abhanden gekommen ist. Als Schatzgräber fungiert ein fahrender Sänger mit einer Wunderlaute. Mär- chenzauber und Phantastik, psycho- Franz Schreker logische Durchdringung und krasser Realismus treffen in dem Werk auf- Opern «Christophorus» (1927), «Der einander. Hauptträger des dramati- singende Teufel» (1928) und «Der schen Ausdrucks ist das Orchester. Schmied von Gent» (1932) harmonische und formale Verein- 1924: «Irrelohe» Nach der Urauf- fachungen sowie einen Trend zu führung des «Schatzgräbers» über- kontrapunktischer Schreibweise. nahm Schreker 1920 die Leitung der Darüber hinaus weicht Schrekers Berliner Musikhochschule. Ein pole- Mischklangideal einer erwachenden mischer Artikel von Alfred Heuss in Vorliebe für scharfe Trennungen der der Zeitschrift für Musik leitete 1921 Klanggruppen des Orchesters. eine Kampagne gegen den Kompo- 1932 mußte Schreker unter politi- nisten ein, die hauptsächlich antijü- schem Druck seinen (eigentlich disch motiviert war. Sie wirkte sich unkündbaren) Direktionsposten an ab Mitte der 20er Jahre auch durch der Berliner Musikhochschule auf- einen Rückgang der Schreker-Auf- geben, wo er u. a. Ernst Kfenek un- führungen aus. Der Popularitätsver- terrichtet hatte. Schreker übernahm lust, der mit der Oper «Irrelohe» eine Kompositionsklasse an der (1924) einsetzte, stürzte Schreker in Preußischen Akademie der Künste eine schwere Schaffenskrise. (bis September 1933). Ein halbes Hinzu kam ein Wandel des Musik- Jahr später starb der Komponist zwei geschmacks, der sich vom Expressio- Tage vor seinem 56. Geburtstag in nismus in Richtung einer Neuen Berlin an den Folgen eines Herzin- Sachlichkeit der Kompositionen ori- farkts. Die Uraufführung der letzten entierte. In der Folgezeit versuchte Schreker-Oper «Der Schmied von sich Schreker dieser Entwicklung Gent» wurde von den Nationalsozia- anzupassen. So zeigen seine späten listen massiv gestört., Jean Sibelius ► Größter nordischer (8.12.1865-20.9.1957) Sinfoniker ◄ Der finnische Nationalkomponist war ein musikalischer Einzelgänger. Im Zentrum des Schaffens von Sibelius stehen sieben Sinfonien, ein Violinkon- zert und zahlreiche sinfonische Dichtungen. Johan Julius Christian Sibelius, der dem Eindruck von Anton Brückners sich selbst Jean nannte, wurde als 3. Sinfonie, die Sibelius 1890 in Wien zweites von drei musikalisch begab- gehört hatte, entstand 1892 die hero- ten Kindern in der kleinen Garni- ische « Kuller vo»-Sinfonie für Mez- sonstadt Tavastehus (heute Hä- zosopran, Bariton, Männerchor und meenlinna) im südlichen Mittelfinn- Orchester. Das Werk wurde mit Be- land als Sohn eines Arztes geboren. geisterung aufgenommen, kurz dar- Der Vater starb, als der Junge zwei auf von Sibelius jedoch überra- Jahre alt war. Von der Mutter geför- schend zurückgezogen (bis 1958). dert, spielte Sibelius mit neun Jahren 1893 legte er seine «Karelia-Suite» Klavier, mit 15 Jahren Violine. Er vor und wurde Lehrer für Musik- wuchs zunächst schwedischsprachig theorie in Helsinki und an der Schule auf und lernte ab 1876 Finnisch in der des Philharmonischen Orchesters. Schule. 1885 begann Sibelius ein 1896 vollendete Sibelius seine ein- Jura- und Musikstudium in Helsinki. zige Oper «Die Jungfrau im Turme». Das Studium der Rechte gab er nach einem Jahr wieder auf. Seine musi- 1900: Premiere von «Finlandia» Um kalischen Lehrjahre, die bis 1891 die Jahrhundertwende setzte der in- dauerten, führten ihn von Helsinki, ternationale Ruhm des Komponisten wo der finnische Komponist Martin ein. Vom finnischen Staat erhielt er Wegelius sein Mentor war, zu Albert ein jährliches Stipendium, das später Becker nach Berlin und zu Robert in eine lebenslange Pension Fuchs in Wien. 1890/91 bewarb sich umgewandelt wurde. Auf der ersten Sibelius vergeblich als Geiger bei Europatournee der Philharmoniker den Wiener Philharmonikern. aus Helsinki (1900) führte Sibelius seine Tondichtungen «Der Schwan 1892: Chorsinfonie «Kullervo» Die von Tuonela» (1895 – zweiter Teil frühen Werke von Sibelius, darunter der «Lemminkäinen»-Suite) und die Violinsonate F-Dur und die Ka- «Finlandia» (1899, überarbeitet relia-Suite (beide 1893), sind von 1900) sowie die 1. Sinfonie (1899) Wiener Klassik, skandinavischer auf. Die rund zehnminütige «Finlan- Tradition (Edvard Grieg) und vom dia», eine der bekanntesten Kompo- Pathos Peter Tschaikowskis beein- sitionen von Sibelius, war als Sieges- flußt. Angeregt durch das finnische hymne des jahrhundertelangen finni- Nationalepos «Kalevala» und unter schen Freiheitskampfes für eine pa-, triotische Veranstaltung in Helsinki geschrieben worden. Der Erlös der Veranstaltung kam der finnischen Presse zugute, die in ihrer Arbeit von der russischen Obrigkeit zuneh- mend unterdrückt wurde. 1903: Violinkonzert Im Sommer 1903 beendete Sibelius sein Violin- konzert. Das zunächst als sinfoni- sches Orchesterwerk mit obligater Solopartie mißverstandene Werk be- hauptete sich dann aber als eines der klassischen Konzerte seiner Gattung. Das dreisätzige Stück kombiniert eine spätromantische – und dabei unüberhörbar nordische – Ton- Jean Sibelius sprache mit geigerischer Virtuosität, die sich harmonisch in den musikali- Auftragswerk der New York Sym- schen Verlauf einfügt. phony Society: Die sinfonische Dich- 1904 siedelte Sibelius zusammen mit tung «Tapiola» thematisiert die seiner Frau Aino, die er 1892 gehei- Wohnstätte des Gottes der Wälder ratet hatte, nach Järvenpää bei Hel- (Tapio), ist jedoch nicht illustrierend sinki über; ein Jahr später schrieb er komponiert. Das Werk gehört in die Schauspielmusik zu Maurice eine Reihe mit der 6. und 7. Sinfonie Maeterlincks «Pelléas et Mélisan- (1923/24) sowie der Bühnenmusik de». Mit der 3. Sinfonie (1907) ent- zu Shakespeares «Sturm» (1925). fernte sich Sibelius von der musikali- Nach seinen drei Kompositionen für schen Hauptströmung des nachro- Violine und Klavier (1929) veröf- mantischen Expressionismus: Zarte, fentlichte Sibelius keine weiteren impressionistische Töne traten an die Werke. So soll er die Partitur der Stelle kräftiger Orchesterfarben. Ein ebenfalls in diesem Jahr entstande- Kehlkopfkrebsleiden, das Ope- nen 8. Sinfonie verbrannt haben. Der rationen in Helsinki und Berlin nach Grund für das Verstummen des sich zog, wirkte sich unmittelbar auf 63jährigen wird in zunehmenden das Schaffen von Sibelius aus: Nach Selbstzweifeln und Depressionen 1908 setzte sich ein konzentrierterer, vermutet. Sibelius stand den pro- karger, strenger Stil in seinen Kom- gressiven musikalischen Entwick- positionen durch, z. B. in der 4. Sin- lungen in den 20er Jahren, insbeson- fonie (1911) und den beiden Ton- dere der Zwölftontechnik, skeptisch dichtungen «Die Tochter der Natur» gegenüber. Auch soll ihn das zuneh- (1910) und «Der Barde» (1913). mend heftigere Zittern seiner Hände zu einer Reduzierung seiner Arbeit 1926: «Tapiola» Die letzte große bewogen haben. Sibelius starb im Komposition von Sibelius war ein Alter von 91 Jahren in Järvenpää., Alexander Skrjabin ► Komponist Pianist und (6.1.1872-27.4.1915) Philosoph ◄ Der russische Komponist Alexander Skrjabin tat sich auch als gefeierter Kla- viervirtuose und revolutionärer Mystiker hervor, der die Welt durch Kunst verändern wollte. Alexander Nikolajewitsch Skrjabin aus: So schrieb er 1894 nicht nur ein wurde (nach Julianischem Kalender Prélude und ein Nocturne «für die am Weihnachtstag des Jahres 1871) linke Hand allein», sondern gelangte in Moskau geboren. Sein Vater durch das vorübergehende Training stammte aus altem russischem Mili- mit nur einer Hand zu einem eigen- täradel, die Mutter war eine be- willigen Klavierstil. deutende Konzertpianistin, die 1873 an Lungentuberkulose starb. Als 1898: «Reverie» Mit seinem «Alle- Zwölfjähriger erhielt Skrjabin ersten gro de concert» in b-Moll wandte Klavierunterricht, 1888-92 besuchte sich Skrjabin 1896 von den Werken er das Moskauer Konservatorium. Chopins ab und einem weiträumig- Die Ausbildung endete mit einem orchestralen Klaviersatz zu, der von Diplom und einer kleinen Goldme- den Kompositionen Franz Liszts be- daille für sein Klavierspiel. einflußt war. Das Notenbild des dich- ten Satzes gleicht dem Klavierauszug 1892: Hand ver letzung mit Folgen eines Orchesterstücks. Skrjabins frühe Kompositionen – Zwei Jahre später wagte Skrjabin Charakterstücke für Klavier – zeigen den Schritt zur Komposition für schon in ihren Titeln (Nocturne, Ma- großes Orchester: Die kaum drei Mi- zurka, Impromptu) den Bezug zum nuten lange «Träumerei» besticht Vorbild Frédéric Chopin. Auch seine durch reife Instrumentationstechnik. zwölf Etüden (1894) und die 24 Das Stück besteht aus zwei Stei- Préludes (1888-96) sind von dem gerungsbögen, die sich jeweils von Polen beeinflußt. Die avisierte Piani- einem Ruhezustand zum Ausdrucks- stenlaufbahn wurde im Sommer 1892 höhepunkt aufschwingen, nach dem durch eine Verletzung und Entzün- sich die Musik wieder beruhigt. dung der rechten Hand um Jahre Im Herbst 1898 nahm Skrjabin eine hinausgezögert. 1892 komponierte Klavierprofessur am Moskauer Kon- Skrjabin seine erste Klaviersonate f- servatorium an, die er 1902 wieder Moll, die 1894 von Mitrofan Belajew aufgab. Um die Jahrhundertwende gedruckt wurde. Der Musikverleger komponierte er seine erste von drei war zuvor als Förderer Alexander Sinfonien, die sechs Sätze umfaßt Glasunows aufgetreten. Die und zusätzlich zum Orchester auch Handverletzung wirkte sich auch auf zwei Gesangssolisten sowie einen Skrjabins Kompositionsstil Chor einbezieht., 1903: 4. Klaviersonate Mit seiner 4. Klaviersonate gelang Skrjabin der Durchbruch zu einer eigenen Ton- sprache. Charakteristisch ist die Ver- bindung von Impressionistisch-Kon- templativem und Ekstatischem –hier noch in zwei ineinander überge- henden Sätzen, in den folgenden So- naten nur noch in einem Satz. Der thematische Gehalt der 4. Klavierso- nate wird durch ein programmati- sches Gedicht unterstrichen. Das Werk zeigt einen philosophisch- mystischen Zug im Schaffen Skrja- bins, der sich in den folgenden Or- chesterwerken noch verstärkte. Dies machten auch die Titel deutlich: Alexander Skrjabin «Göttliches Gedicht» (Untertitel der 3. Sinfonie, 1904) und «Ekstatisches riums» zu erarbeiten. Delville ent- Gedicht» (1907). Beide Kom- warf für ihn das Titelbild der Orche- positionen entstanden als Verbin- ster-Partitur zu «Prometheus. Ge- dung eines von Skrjabin verfaßten dicht des Feuers». In dieser 1911 ur- Gedichts mit einer sinfonischen aufgeführten Sinfonie verband Skr- Dichtung. Die Werke sprengten her- jabin Musik und Farbenspiel. Die kömmliche Ausdrucksmuster und Partitur ist durch ein mit «Tastiera verlangten eine um mehrere Blech- per luce» (Lichtklavier) bezeichnetes bläser sowie um Celesta, Glocken- Notensystem ergänzt, auf dem spiel, Orgel und Tamtam erweiterte Skrjabins Farbvorstellungen zu dem Orchesterbesetzung. Da das mit der Werk eingetragen sind. Mittels eines Premiere betraute Petersburger Or- sog. Farbenklaviers soll der Konzert- chester die Schwierigkeiten des «Po- raum während der Aufführung in ème de l'extase» nicht bewältigen wechselndes koloriertes Licht ge- konnte, erlebte das Werk seine Ur- taucht werden. aufführung 1908 in New York. Darüber hinaus experimentierte Skrjabin mit Düften, die er ebenfalls 1911: «Prometheus» Im September in seinen Konzerten einsetzen woll- 1908 zog Skrjabin mit seiner Frau te. Aus dem Zusammenspiel von Tatjana in deren belgische Heimat, Kunst, Natur, Mensch und Mystik wo er sich mit Theosophie beschäf- versuchte Skrjabin, ein großes Erlö- tigte und dazu in Kontakt mit dem sungswerk schaffen. Das geplante Maler Jean Delville und dem Rheto- «Mysterium» konnte er jedoch nicht rikprofessor Emile Sigogne trat. mehr vollenden. Skrjabin starb 1915 Sigogne sollte ihm helfen, eine neue, im Alter von 43 Jahren in Moskau an am Sanskrit orientierte Sprache als einer Blutvergiftung infolge eines Grundlage eines geplanten «Myste- Lippengeschwürs., Karlheinz Stockhausen ► Verkünder neuer (* 22.8.1928) Klangwelten ◄ Auf der Suche nach unverbrauchter musikalischer Sprache steht der deutsche Komponist an der Spitze der Avantgarde-Bewegung. Stockhausen hatte maß- geblichen Anteil an der (Weiter-)Entwicklung serieller, elektronischer sowie aleatorischer Kompositionstechniken und schuf neue Musikkonzepte (z.B. «Welt-», «Prozeß-», «Raummusik», «Formelkomposition»). Der Sohn eines Volksschullehrers Möglichkeit, frei von traditionellen kam in Mödrath bei Köln zur Welt. und durch das Nazi-Regime diskre- Seinen ersten Klavierunterricht er- ditierten Mitteln, eine neue Musik zu hielt der katholisch erzogene Junge entwickeln. So entstand «Kreuz- beim Dorforganisten. Als Stockhau- spiel» (1951): Wie Messiaen stellte sen vier Jahre alt war, kam seine Stockhausen mit der sog. punktuel- Mutter, eine begeisterte Klavierspie- len oder seriellen Musik den einzel- lerin, in eine Nervenheilanstalt. Bis nen Ton in allen seinen Eigenschaf- zum Ende des 2. Weltkriegs ereilten ten wie Dauer, Höhe, Klangfarbe den Jugendlichen weitere Schick- und Lautstärke in den Mittelpunkt. salsschläge: Seine Mutter wurde im Anschließend ging er für ein Jahr sog. Euthanasieprogramm der Na- nach Paris, um bei Messiaen seine tionalsozialisten umgebracht, sein Studien fortzusetzen. Ab 1953 arbei- Vater fiel als Soldat. tete er beim NWDR in Köln im er- In einer Lehrerbildungsanstalt setzte sten Studio für elektronische Musik er seine musikalische Ausbildung ab (ab 1963 Leiter). Nebenbei studierte 1942 mit Geigen- und Oboenunter- Stockhausen Phonetik und Kommu- richt fort. 1944 wurde er als Sanitäter nikation an der Universität Bonn. eingezogen. Nach dem Abitur nahm Stockhausen 1947 ein Studium an 1954: Elektronische «Studien» der Kölner Hochschule für Musik Stockhausens musikalischer Pionier- auf. Nach dem Examen (1951) heira- geist erstreckte sich vor allem auf die tete er Doris Andreae (vier Kinder; elektronische Musik. Seine Werke zweite Ehe ab 1967 mit Mary Bauer- «Elektronische Studie I» und «Elek- meister, zwei Kinder). tronische Studie II» (beide 1954) wurden international gefeiert. In 1951: «Kreuzspiel» Bei den Kranich- mühevoller Arbeit übertrug er die steiner Ferienkursen für Neue Musik Prinzipien der seriellen Musik sogar lernte Stockhausen die Musik zeit- auf einzelne Sinusschwingungen, aus genössischer Komponisten, u. a. von denen sich Töne zusammensetzen. Olivier Messiaen, kennen. In Struk- Als einer der ersten Komponisten tur und Ordnung von Messiaens mu- suchte Stockhausen durch Einbin- sikalischer Sprache erkannte er die dung des Zufalls den Ausweg aus ei-, ner allzu strengen Ordnung des Ton- materials: Diese Technik der Alea- torik wandte er bereits 1956 in dem «Klavierstück XI» an. Seine Religio- sität vereinte er in dem Stück «Ge- sang der Jünglinge» (1956) mit elek- tronischer Musik. In der Folgezeit setzte Stockhausen verstärkt Elek- tronik auf der Konzertbühne ein, z.B. in «Kontakte» (1960), «Mikro- phonie I» (1964) und «Solo» (1966). Bis 1970: Stil- und Klangvielfalt Ebenso wie «Solo» entstand die «Telemusik» 1966 während eines Ja- pan-Aufenthalts. Stockhausen verar- beitete dabei Musik aus der ganzen Welt zu einer komplexen klanglichen Einheit. Die zugrundeliegende Idee Karlheinz Stockhausen, 1988 einer «Weltmusik», die auch in «Hymnen» (1967) zu erkennen ist, Raummusik war die Aufführung der verfolgte der Komponist auf zahlrei- Werke Stockhausens in einem selbst- chen Konzertreisen. Mitte der 60er entworfenen Kugelauditorium auf Jahre entstanden auch sog. Prozeß- der Weltausstellung in Osaka 1970. kompositionen, z.B. «Plus-Minus» (1963), «Prozession» (1967), «Aus 1970: «Mantra» Mit «Mantra» be- den sieben Tagen» (1968). Darin ent- gann 1970 eine Neuorientierung scheidet der Interpret über den mu- Stockhausens zur sog. Formelkom- sikalischen Ablauf (intuitive Musik). position. Einerseits griff er darin auf Der Musiker orientiert sich an den die strenge Ordnung früherer Stücke nur aus Zeichen, Symbolen oder zurück: Eine einzige «Formel» ist Texten bestehenden Partituren. Ausgangspunkt der gesamten Kom- Zu Stockhausens Hauptwerken der position. Andererseits ließ er Ge- 60er Jahre gehören auch das medita- danken und Empfindungen mit ein- tive Vokalstück «Stimmung» (1968) fließen. Neben dem Orchesterwerk und die aleatorisch angelegte Kom- «Inori» (1974) und «Sirius» (1977) position «Momente» (1969). Eine gilt der 1977 begonnene autobiogra- weitere Neukonzeption erfolgte phische Opernzyklus «Licht – Die durch die Einbeziehung des Raums. sieben Tage der Woche» als Höhe- Für die bereits 1957 entstandene punkt der Formelkompositionen. Komposition «Gruppen» plazierte er Von dem bis zum Jahr 2002 geplan- 109 Instrumentalisten dreier Or- ten Kunstwerk stellte er bisher die chester, die eine musikalische Kon- Teile «Donnerstag» (1981), «Sams- versation beginnen, um das Publi- tag» (1984), «Montag» (1988) und kum. Zentrales Ereignis der sog. «Dienstag» (1993) fertig. i 169, Richard Strauss ► Meister der (11.6.1864-8.9.1949) sinfonischen Dichtung ◄ Der deutsch-österreichische Komponist und Dirigent zeigte sich in seinen sin- fonischen Dichtungen als Künstler der Tonmalerei. Strauss' genialer Umgang mit Klängen drückt sich auch in seinem umfangreichen Opernschaffen aus. Richard Georg Strauss wurde als 1890) nach Shakespeare. Seine sinfo- Sohn eines Waldhornisten und Hof- nischen Arbeiten standen fortan in musikus des Münchner Hoforche- der Tradition von Hector Berlioz sters geboren. Ab 1870 erhielt er und Franz Liszt. Violinunterricht bei Benno Walter, Nach längerer Krankheit debütierte wurde von Hofkapellmeister Franz Strauss 1894 mit Richard Wagners W Maeyer in Theorie unterwiesen «Tannhäuser» als Dirigent in Bay- und begann im Folgejahr mit ersten reuth. Seine erste Oper «Guntram» Kompositionen. 1874-82 besuchte er entstand auf Reisen in Ägypten und das Ludwigsgymnasium in München wurde 1894 mit seiner späteren Frau und führte noch als Schüler u. a. sein Pauline de Ahna in der weiblichen 1. Streichquartett auf. 1876 kom- Hauptpartie uraufgeführt. Zu dem an ponierte er den «Festmarsch» – sein Wagner orientierten Werk hatte erstes Werk, das gedruckt wurde. Bis Strauss auch den Text verfaßt. 1880 entstanden zwei Klaviersona- Ein Jahr später feierte eines seiner ten, Klaviertrios, eine Orchesterse- bekanntesten und kompositions- renade und zahlreiche Lieder. 1881 technisch anspruchsvollsten Werke, schrieb Strauss seine 1. Sinfonie. die sinfonische Dichtung «Till Eu- Nach dem Abitur (1882) studierte er lenspiegels lustige Streiche», in Philosophie, Ästhetik und Kunstge- München Premiere. Es folgten schichte in München. Konzertreisen durch Europa und die USA, bei denen Strauss u. a. «Also 1895: «Till Eulenspiegel» 1884 traf sprach Zarathustra» (1896; nach er in Berlin den Dirigenten Hans von Friedrich Nietzsche), «Don Qui- Bülow, der Strauss' Serenade op. 7 in xote» (1898), «Ein Heldenleben» sein Konzertrepertoire aufnahm. Im (1899) und die «Sinfonia domestica» selben Jahr wurde Strauss als Hof- (1904) vorstellte, die einen Tag im musikdirektor Leiter der Meininger Haushalt des Komponisten schildert. Hofkapelle. In der Folge veröffent- lichte er zahlreiche Kompositionen, 1909: «Elektra» 1905 vollendete er z.B. die sinfonischen Dichtungen die Oper «Salome» nach Oscar «Aus Italien» (1887) – sein erstes Wilde. Nach dem großen Erfolg der programmusikalisches Werk – sowie Sinfonieoper mit ihrer leidenschaft- «Don Juan» (1889), «Tod und Ver- lichen, aufwühlenden Musik kaufte klärung» und «Macbeth» (beide Strauss ein Palais in Garmisch, wo-, hin er sich zum Komponieren zu- rückzog. Drei Jahre später wurde er Generalmusikdirektor der Berliner Hofkapelle. Fortan widmete er sich dem Dirigieren – zumeist eigener Werke – und setzte sich für die zeit- genössische Musik ein. 1909 vollen- dete er seine Oper «Elektra», die im selben Jahr in Dresden uraufgeführt wurde. Der Text zu der expressioni- stischen Sinfonieoper stammte von Hugo von Hofmannsthal, mit dem der Komponist fortan zusammenar- beitete – so auch bei «Der Rosenka- valier» (1911), seiner bekanntesten Oper. Das dreiaktige Stück wurde durch seine Walzerszenen berühmt. Ein Jahr später folgte «Ariadne auf Naxos» um den Halbgott Bacchus, der durch die Liebe zu Ariadne zum Richard Strauss Menschen wird. 1915 legte Strauss «Eine Alpensinfonie» vor, die wegen 1945: «Metamorphosen» Nach der der kunstvollen Arbeit mit einem Besetzung Garmisch-Partenkirchens umfangreichen Orchester als Mei- durch amerikanische Truppen ver- sterwerk der Instrumentierung gilt. ließ Strauss, der inzwischen die 1919-24 leitete er die Wiener Staats- österreichische Staatsbürgerschaft oper, an der 1919 seine Oper «Die angenommen hatte, Deutschland und Frau ohne Schatten» Premiere hatte. übersiedelte kurzzeitig in die Strauss' wichtigstes Bühnenwerk aus Schweiz. Aus seinem Spätwerk ra- den 20er Jahren ist «Die ägyptische gen das 2. Hornkonzert (1942), das Helena» (1928; Text von Hofmanns- Oboenkonzert sowie «Metamorpho- thal). Im selben Jahr entstand «Die sen» (beide 1945) für 23 Solostrei- Tageszeiten» nach vier Gedichten cher heraus. Darin brachte Strauss von Joseph von Eichendorff – eines sein Entsetzen über die Zerstörung der wenigen Chorwerke von Strauss. von Kulturdenkmälern – wie der Nach der Machtübernahme der Na- Opernhäuser von Berlin, Dresden, tionalsozialisten wurde er 1933 Prä- München und Wien – im 2. Weltkrieg sident der Reichsmusikkammer, gab zum Ausdruck. diesen Posten jedoch 1935 nach Kon- 1949 schrieb Strauss die «Vier letz- flikten mit der NS-Kulturführung ten Lieder» für Sopran und Orche- auf. Zu Strauss' heiterer Oper «Die ster. Im selben Jahr starb er mit 85 schweigsame Frau» (1935) lieferte Jahren nach schwerer Krankheit in Stefan Zweig den Text. Drei Jahre Garmisch-Partenkirchen. Drei Jahre später erschien «Daphne» um die nach seinem Tod hatte seine Oper Liebe zwischen Daphne und Apoll. «Die Liebe der Danae» Premiere., Igor Strawinsky ► Der vielseitige (17.6.1882-6.4.1971) Antiromantiker ◄ Der russischstämmige Komponist gilt wegen seiner wiederholten radikalen Stiländerungen als «Picasso der Musik». Nur seiner gegen die Ausdrucksmu- sik der Romantik gerichteten Grundhaltung blieb Strawinsky treu. Igor Fjodorowitsch Strawinsky kam «Petruschka» (Puppenspiel, 1911) als Sohn eines Opernsängers in Ora- und «Le sacre du printemps», das nienbaum bei St. Petersburg zur bei der Uraufführung 1913 in Paris Welt. Er erhielt eine humanistische einen Theaterskandal auslöste. Die Erziehung, die auch eine musikali- «barbarischen» Rhythmen und die sche Ausbildung umfaßte. Strawin- von Dissonanzen geprägte Harmo- skys Talent wurde jedoch erst in sei- nik gingen dem Publikum zu weit, nen Studentenjahren – er hatte sich galten vielen Komponisten fortan je- für Rechts- und Staatswissenschaf- doch als richtungweisend. Die drei ten an der Petersburger Universität Ballette sind wie auch die Oper «Die eingeschrieben – erkannt. 1903 er- Nachtigall» (1914) von russischer hielt er privaten Kompositionsunter- Folklore beeinflußt und betonen richt bei Nikolai Rimski-Korsakow. ebenfalls das rhythmische Element. Zwei Jahre später gab er das Jurastu- In der Pantomime «Geschichte vom dium auf und widmete sich der Mu- Soldaten» (1918) machen sich dar- sik. 1906 heiratete Strawinsky seine über hinaus Einflüsse des Jazz und Kusine Catherine Nossenko (drei westlicher Tänze bemerkbar. Kinder; zweite Ehe ab 1940 mit der Malerin Vera de Bosset). Ab 1920: Neoklassizismus 1920 ließ sich Strawinsky in Paris nieder, wo 1913: «Le sacre du printemps» Die u. a. der Dichter Jean Cocteau und 1908 entstandene Orchesterfantasie der Maler Pablo Picasso zu seinem «Feuerwerk» machte den Tänzer Bekanntenkreis zählten. Den Beginn und Choreographen Sergej Diaghi- einer neoklassizistischen Periode lew auf Strawinsky aufmerksam. Er markiert das Ballett «Pulci-nella» erteilte ihm den Auftrag für eine (1920). Es basiert auf einer dem Ballettmusik nach einem russischen Komponisten Giovanni Battista Märchen: Die Premiere von «Der Pergolesi zugeschriebenen Musik, Feuervogel» 1910 in Paris verhalf die Strawinsky mit Stilmitteln der nicht nur Strawinsky, sondern auch Moderne versetzte. Der um 1900 Diaghilews Ballets Russes zu inter- entstandene Neoklassizismus griff in nationalem Ruhm. Im selben Jahr Abgrenzung zum Expressionismus zog der Komponist in die Schweiz. der Wiener Schule sowie zur «über- Hier entstanden mit Diaghilew zwei ladenen» Spätromantik auf vorro- weitere erfolgreiche Ballettmusiken: mantische Musik zurück. Strawinsky, lag vor allem daran, die Tradition reiner Ausdrucksmusik zu durchbre- chen: «Diese Art von Musik hat kein anderes Ziel, als sich selbst zu genü- gen», erläuterte er 1924 zu seinem Bläser-Oktett «Octuor». In den folgenden 15 Jahren war Stra- winsky häufig auf Tournee, um seine Werke als Dirigent und Pianist in Europa und Amerika aufzuführen. Inspiriert von seinem russisch-ortho- doxen Glauben, entstand 1927 das Oratorium «Oedipus Rex» – Verto- nungen liturgischer Texte für A-cap- pella-Chor – sowie 1930 die «Psal- mensinfonie» für Chor und Orche- Igor Strawinsky, 1958 ster. Weitere Werke orientieren sich an Vorbildern aus unterschiedlichen Rake's Progress» in Venedig. Das musikalischen Epochen: Das Ballett Stück markiert das Ende der neo- «Der Kuß der Fee» (1928) imitiert klassizistischen Periode. Strawinsky den Stil Peter Tschaikowskis, das setzte sich fortan u. a. mit der «Capriccio» für Klavier und Orche- Zwölftontechnik Arnold Schönbergs ster (1929) lehnt sich an Werke Carl auseinander, die er bis dahin als un- Maria von Webers an. 1931 schrieb passend für seine musikalischen In- Strawinsky ein Violinkonzert in D- tentionen empfunden hatte. Die neue Dur, das zu den bedeutendsten Wer- Richtung zeigte sich zuerst in der ken seiner Art im Jahrhundert zählt. «Cantata» (1952), später auch in 1934 wurde Strawinsky französischer dem Ballett «Agon» (1957) und dem Staatsbürger und schloß das szeni- Oratorium «Threni» (1958). sches Melodram «Persephone» nach Als Wendepunkt in seiner Musik be- André Gide ab. zeichnete Strawinsky die 1959 ab- Fünf Jahre später siedelte er unter geschlossenen «Mouvements» für dem Eindruck des 2. Weltkriegs in Klavier und Orchester, die voll- die USA über, wo er eine Gastpro- ständig reihentechnischen Gesetzen fessur an der Harvard-Universität unterliegen. Sieben Jahre später voll- übernahm. 1945 wurde Strawinsky endete er seine letzten Kompositio- amerikanischer Staatsbürger. In den nen, «Requiem canticles» und die USA entstanden u. a. zwei Sinfonien Klavierlieder «The Owl and the (1940 und 1945) sowie eine lateini- Pussy-Cat ». 1967 stand Strawinsky sche Messe (1948) für gemischten in Toronto letztmalig am Dirigen- Chor und Bläserquintett. tenpult. In der Folgezeit machte eine Rückenmarkserkrankung häufige Ab 1951: Beschäftigung mit Reihen- Sanatoriumsaufenthalte erforderlich. techniken 1951 dirigierte Strawinsky Strawinsky starb 1971 mit 88 Jahren die Uraufführung seiner Oper «The in New York., Karol Szymanowski ► Vater der polnischen (6.10.1882-29.3.1937) Musik ◄ Der Stil des polnischen Komponisten spiegelt die Vielfalt der musikalischen Strömungen, die um die Jahrhundertwende populär waren. Szymanowski wurde zum Mittler zwischen Spätromantik und Moderne – und so zum Weg- bereiter für seine Landsleute Witold Lutoslawski und Krzysztof Penderecki. Szymanowski wurde als drittes von schau die ersten Werke Szymanow- fünf Kindern einer polnischen Guts- skis auf, darunter die Konzertouver- besitzerfamilie im Dorf Timoschew- türe op. 12. Obwohl Szymanowski ka (Ukraine) geboren. Von seinem sich als polnischer Komponist ver- vierten Lebensjahr an litt der Junge stand, schrieb er fortan auch Werke an Knochentuberkulose. Sein Vater, unter Einfluß der Musik von Richard in seiner Freizeit Pianist und Cellist, Wagner, Richard Strauss und Max gab dem Siebenjährigen ersten Mu- Reger. Beispielhaft für diese Ent- sikunterricht. Obwohl sich Szyma- wicklung ist die 1. Sinfonie (1907), nowski schon 1893 entschlossen hat- die Szymanowski als «kontrapunk- te, Komponist zu werden, begann er tisch-harmonisches Orchestermon- erst acht Jahre später in Warschau strum» bezeichnete. Als er merkte, mit (privaten) Kompositionsstudien, daß ihn die Nachahmung des spätro- u. a. bei Zygmunt Noskowski. In die- mantisch-expressionistischen Stils in ser Zeit komponierte er vorwiegend eine schöpferische Krise führte, ging Klavierstücke (vier Etüden, Klavier- der Komponist zunächst nach Berlin, sonate c-Moll), in denen sich bereits dann 1908 nach Italien. charakteristische Merkmale seines Stils zeigen – z. B. die bis zur Ekstase 1911: «Liebeslieder des Hafis» gesteigerte emotionelle Spannung. Durch die Musik von Claude De- bussy, Maurice Ravel und Igor Stra- Ab 1905: «Junges Polen» In War- winsky sowie durch Beschäftigung schau freundete sich Szymanowski mit arabischer Philosophie und Kul- mit dem Dirigenten Grzegorz Fitel- tur gelangte Szymanowski zu einer berg, dem Geiger Pawel Kochanski entscheidenden Stilwende. In Wien und dem Pianisten Artur Rubinstein komponierte er ab 1911 orientalisch- an, die später seine Kompositionen impressionistische Werke wie die uraufführten. 1905 gründete Szyma- «Liebeslieder des Hafis» sowie zwei nowski mit drei Freunden – darunter Zyklen von Orchesterliedern. Darü- auch Fiteiberg – den Vereinsverlag ber hinaus begann Szymanowski die junger polnischer Komponisten mit 3. Sinfonie «Das Lied der Nacht» für Sitz in Berlin sowie die Künstler- Solo, Chor und Orchester nach Tex- gruppe «Junges Polen der Musik». ten eines persischen Dichters. In die- Diese Gruppe führte 1906 in War- sem 1916 vollendeten Werk verließ, der Komponist teilweise den Rah- men der Tonalität. Ab 1919: Polnisch-europäische Syn- these Schon vor seiner Wiener Zeit war Szymanowski im Ausland be- kannter als in Polen. Nach Wiederer- richtung des polnischen Staats und der Rückkehr des Komponisten nach Warschau (1919) machte sich Szymanowski auch in seiner Heimat einen Namen: Angesteckt vom wie- dererwachten polnischen Selbstbe- wußtsein, blieb er zwar gegenüber der europäischen Avantgarde aufge- schlossen, nahm aber zunehmend volksmusikalische Elemente in seine Werke auf. Zunächst tat er dies wi- Karol Szymanowski derwillig, da er die Verwendung von Folklore für ernsthaftes Komponie- nen Versuchen, den konservativen ren stets skeptisch beurteilt hatte. Ausbildungsbetrieb zu reformieren. Vier Jahre nach seinem Operndebüt In dieser Zeit entstand sein Chor- «Hagith» wurde 1926 Szymanowskis werk «Stabat mater» (1929), eine Oper «König Roger» in Warschau Art religiöses Volkstrauerstück. uraufgeführt. Das Werk vermischt byzantinisch-christliche Motive un- 1936: Ballettpantomime «Harnasie» ter Einbeziehung authentischen Mu- Die letzten Lebensjahre des Kompo- sikmaterials mit Elementen aus dem nisten waren durch Reisen gekenn- arabisch-indischen Orient und der zeichnet, da er als Konzertpianist das griechisch-römischen Antike (Dio- Geld verdienen mußte, um sich Sa- nysos-Kult). Charakteristisch für die natorien-Aufenthalte für die Be- Arbeiten des Polen ist die Bevorzu- handlung seiner Tuberkulose-Er- gung exotischer, ganztöniger oder krankung leisten zu können. Obwohl pentatonischer (fünftöniger) Leitern er seine produktivste Schaffensphase und gleitender, arabeskenhaft-ver- hinter sich hatte, erlebte Szyma- schnörkelter Melodiebildung. nowski erst Mitte der 30er Jahre mit Seine 4. Sinfonie («Symphonie con- der Ballettpantomime «Harnasie» certante», 1932) ist ein eher volks- seinen größten Erfolg. Die Partitur musikalisch geprägtes Klavierkon- zeichnet sich durch Rauheit, rhyth- zert. Ein Jahr später entstand das 2. mische Kraft, rasende Tänze und Violinkonzert, eine musikalische breite Melodik aus. Bei der Pariser Hommage an die polnische Tatra. Premiere 1936 tanzte Serge Lifar die Als Leiter des Warschauer Konser- Hauptrolle. Ein Jahr später starb vatoriums scheiterte Szymanowski Szymanowski im Alter von 54 Jahren 1926 und 1930 gleich zweimal mit sei- in einem Sanatorium in Lausanne., Germaine Tailleferre ► Von den «Six» (14.4.1892-7.11.1983) zum Impressionismus ◄ Die französische Komponistin gehörte zu der in den 20er Jahren in Frank- reich gegründeten Gruppe der «Six», die sich gegen die Romantik in der Mu- sik wendete. Tailleferres Werke waren zumeist dem Neoklassizismus und Im- pressionismus verpflichtet. Marcelle Germaine Tailleferre kam der Vereinigung zählten neben Tail- als Tochter einer wohlhabenden Fa- leferre auch Auric, Honegger und milie in Le Parc-de-Saint-Maur bei Milhaud sowie Louis Durey und Paris zur Welt. Im Alter von zwölf Francis Poulenc. Die «Six» hatten Jahren nahm sie ein Musikstudium sich zum Ziel gesetzt, eine antiro- am Pariser Konservatorium auf. Dort mantische Musik in Frankreich zu lernte sie u. a. Georges Auric, Arthur verbreiten. Für das Hauptwerk der Honegger und Darius Mil-haud Gruppe, das Ballett «Les mariés de kennen und beschäftigte sich mit der la Tour Eiffel» (1921) nach Cocteau, Musik Erik Saties. schrieb Tailleferre zwei Abschnitte. In ihren folgenden Werken verfolgte 1918: «Jeux en plein air» Kurz vor die Komponistin einen neoklassizi- Ende des 1. Weltkriegs zog die Fami- stischen Stil. Sie griff auf Formen lie in den Pariser Stadtteil Mont- und Gattungen der gesamten Musik- parnasse, den Treffpunkt der franzö- geschichte zurück und verfremdete sischen Kulturszene. 1917 spielte die kompositorischen Vorlagen. Ei- Tailleferre als Pianistin bei einem ne 1920 verfaßte Ballade mit großer Konzert von Satie. Ein Jahr später Orchesterbesetzung erinnert einer- feierte ihr Streichquartett bei einem seits an die Tradition des 19. Jahr- Konzert der «Nouveaux Jeunes» hunderts, weist aber auch zugleich Premiere. Ebenfalls von 1918 stammt neuere musikalische Elemente und »Jeux de plein air« für zwei Klaviere, Dissonanzen auf. das zu ihren bekanntesten Werken In der Folgezeit beeinflußte Taille- zählt. Wie auch in vielen anderen ferres Freundschaft zu Maurice Ra- Kompositionen benutzte Tailleferre vel ihre Werke, beispielsweise das einfache Themen und Motive, die sie Klavierkonzert von 1924. Ein Jahr u. a. aus Kinderliedern bezog. zuvor hatte die Komponistin eine anspruchsvolle Violinsonate und die Ab 1920: Gruppe der «Six» Aus den Musik für «Le marchand d'oiseaux» «Nouveaux Jeunes» bildete sich 1920 geschrieben. Das Auftragswerk für die Gruppe der «Six», ein lockerer die Ballets Suédois erinnert in seiner Zusammenschluß von Komponisten, rhythmischen Gestaltung an Werke der unter dem Einfluß von Satie und von Igor Strawinsky, den Tailleferre des Dichters Jean Cocteau stand. Zu in Paris kennengelernt hatte., 1932: «Ouverture» 1925 reiste Taille- ferre kurzzeitig in die USA und ar- beitete als Musiklehrerin. Obwohl sie ihr Klavierkonzert als Pianistin mit dem berühmten Philadelphia Orchestra aufführte, stellte sich in der Neuen Welt nicht der erhoffte Erfolg ein. 1926 heiratete Tailleferre den Schriftsteller Ralph Barton (zweite Ehe ab 1931 mit dem Rechts- anwalt Jean Lageat; ein Kind). Ihre Musik dieser Zeit ist durch Kürze und Prägnanz sowie mitunter beson- dere Empfindsamkeit gekennzeich- net, was u. a. in «Sechs französische Lieder» für Stimme, Orchester und Klavier (1929) nach Werken franzö- sischer Dichter zum Ausdruck kommt. Ein Jahr zuvor hatte Taille- ferre die Schauspielmusik zu Paul Germaine Tailleferre Claudels «Sous les remparts d'Athè- nes» vollendet. navire» (1951) schrieb Tailleferre ein Tailleferres Kompositionsstil än- Konzert für Flöte, Klavier und Kam- derte sich fortan nur noch wenig. In merorchester, das zu ihren erfolg- den 30er Jahren gelangen ihr einige reichsten Werken der 50er Jahre Achtungserfolge, beispielsweise die zählt. Sechs Jahre später entstand die «Ouverture» (1932), die der Dirigent «Sonate für Klarinette solo», eines Pierre Monteux aufführte. Ein Jahr der wenigen Stücke, in denen sich nach ihrem Violinkonzert (1936) Tailleferre mit seriellen Techniken schrieb sie das Vokalstück «Cantate auseinandersetzte. du Narcisse» (1937) für Stimme und Ab 1955 widmete sich die Französin Orchester nach Paul Valéry. Im verstärkt der Bühne. So komponierte selben Jahr debütierte Tailleferre mit sie beispielsweise die 1955 in «Le marin du Bolivar» als Kopenhagen uraufgeführte Oper Opernkomponistin. «Parisiana» sowie die Stücke «La petite sirène» (1958) und «Mémoires Ab Ende der 30er Jahre: Filmmusi- d'une bergère» (1959). 1973 legte die ken In der Folgezeit suchte Taille- 81jährige, die bis ins hohe Alter auch ferre, zu deren Freunden auch Char- als Musiklehrerin tätig war, eine lie Chaplin zählte, als Komponistin Arabesque für Flöte und Klavier so- von Filmmusiken eine neue Heraus- wie ein Rondo für Oboe und Klavier forderung. Unter dem Eindruck des vor. Eines ihrer letzten Stücke war 2. Weltkriegs siedelte sie 1942 für 1978 ein Klaviertrio. Fünf Jahre spä- fünf Jahre in die USA über. Ein Jahr ter starb Tailleferre im Alter von 91 nach ihrer Operette «Il était un petit Jahren in Paris., Michael Tippett ► Der individualistische (*2.1.1905) Pluralist ◄ Der Engländer gilt neben Benjamin Britten als führender Komponist seines Landes im 20. Jahrhundert. Tippett, ein kompositorischer Spätentwickler, gelang der Durchbruch erst mit 39, international erst mit 70 Jahren. Tippett wurde in London geboren Party angeschlossen waren. Er und wuchs in Wetherden/Suffolk wandte sich radikalen Ideen zu, sym- auf. Als der Junge seinen Eltern er- pathisierte mit Leo Trotzki und war öffnete, Komponist werden zu wol- 1935 ein paar Monate lang Mitglied len, hatte er außer Klavierstunden der Kommunistischen Partei. noch keine musikalische Ausbildung erhalten. Die Eltern ermöglichten 1944: «Ein Kind unserer Zeit» ihm daraufhin ein Musikstudium. 1934/35 komponierte Tippett sein 1. Streichquartett – das erste Werk, das 1923-32: Musikstudium Von 1923 er selbst vollständig akzeptierte. Mit bis 1928 wurde Tippett am Royal seinem von Rhythmuswechseln College of Music in London ausge- geprägten, fugenartigen Finale wies bildet. Daneben dirigierte er einen das Quartett schon auf Tippetts spä- Chor in Oxted/ Surrey, um seine teren Stil hin. Doch erst das Orato- Kenntnisse englischer Madrigale zu rium «Ein Kind unserer Zeit» (UA vertiefen. Seinen ersten Kompositio- 1944 in London) brachte ihm den nen stand er selbstkritisch gegen- Durchbruch als Komponist. Vorder- über: Einen Großteil – u. a. mehrere gründig geht es in dem Stück um ei- Opern und eine Sinfonie – zog er nen 17jährigen polnischen Juden, zurück. Ein Konzert mit eigenen der 1938 auf der Flucht in Paris einen Werken bewog Tippett 1930 dazu, deutschen Diplomaten tötet, um sich privaten Kompositionsunterricht bei für die Verfolgung seiner Eltern zu R. O. Morris, einem Schwager des rächen. Tippetts eigentliches Anlie- englischen Komponisten Ralph gen war jedoch das Ausloten des psy- Vaughan Williams, zu nehmen. chologischen Zusammenhangs von Völkermord und Einzelschicksal. Ab 1932: Politisches Engagement Musikalisch verband Tippett – wie Mit Auswirkungen der Weltwirt- schon in dem Doppelkonzert für schaftskrise wurde Tippett 1932 kon- Streichorchester (1940) – unter- frontiert: Als Musiklehrer kam er in schiedlicher Einflüsse, vom Madrigal ein Arbeitslager für erwerbslose der Renaissance über Elemente der Bergarbeiter in Boosbeck/Yorkshire. Musik Igor Strawinskys bis zum Jazz. In dieser Zeit dirigierte er auch ein Charakteristika sind zudem eine Orchester arbeitsloser Musiker rhythmische Polyphonie, weitge- sowie zwei Chöre, die der Labour spannte Melodien und die Verwen-, dung klassischer Formen wie Fuge und Sonate. Zudem bezog er engli- sche Folklore ein, in dem Oratorium auch Blues-Anklänge und Spirituals. 1955: «Mittsommerhochzeit» In sei- ner ersten abendfüllenden Oper, «Mittsommerhochzeit» (1955), fand Tippett zu einer lyrischen Musik- sprache mit fließenden, reich ver- zierten Melodien. Das Stück, dessen Textbuch er – wie bei allen seinen Opern – selbst geschrieben hatte, er- hielt begeisterte Kritiken für die Musik, erntete jedoch Mißfallen für das symbolträchtige Libretto. Die folgenden Opern näherten sich jeweils einem neuen Genre an und erzeugten eine eigene Klangwelt. So zeigt «König Priamus» (1961, nach Homer) eine starke Ökonomie der Michael Tippett Mittel: Der Gesang in der Oper, die 1962 zur Wiedereinweihung der Ka- wie die Vermischung von E- und U- thedrale von Coventry uraufgeführt Musik, Erweiterung der Orchester- wurde, ist meist deklamatorisch, zur palette um E-Gitarren und viele zu- Begleitung wird statt des großen Or- sätzliche Schlaginstrumente. In der chesters ein kammermusikalisch auf- Oper «Wenn das Eis bricht» (1977) geteiltes Ensemble herangezogen. wird auch das Sujet amerikanisch: Orientierte sich Tippett zuvor noch Das Werk kreist um fanatische Fans, an der Dur-Moll-Tonalität, so über- Anhänger eines Gurus und um Ras- lagern sich nun verschiedene Tonar- senunruhen. Die Oper legte den ten (Polytonalität). Grundstein für Tippetts Erfolg in den USA. So erhielt er aus Chicago 1970: «Der Irrgarten» Beim ersten den Auftrag zur 4. Sinfonie (1977), USA-Besuch (1965) war Tippett von aus Boston für sein Chorwerk «The der multikulturellen Gesellschaft Mask of Time» (1982). In der letzten fasziniert und ließ sich vom reichen Oper «New Year» (UA 1989 in Hou- musikalischen Material des Landes ston/Texas) setzte der 84jährige die inspirieren. Das Resultat präsentierte auch in «Wenn das Eis bricht» ver- der 1966 geadelte Komponist in der langte Bewegung der Chorsänger Oper «Der Irrgarten» (1970): um: Er sah zwei getrennte Chöre aus Charakteristische Merkmale sind Sängern und Tänzern vor, deren übereinandergelagerte musikalische Beiträge sich überlagern. Aus der Schichten, die an die Kollektivim- Musik formte Tippett 1990 das Or- provisationen im Jazz erinnern, so- chesterwerk «New Year Suite»., Manfred Trojahn ► Suche nach (* 22.10.1949) «neuer Einfachheit» ◄ Der deutsche Komponist gehört zu der jungen Generation in seinem Land, die nach dem Ausklingen der seriellen Musik eine Verbindung verschieden- artiger Stilmittel aus Tradition, Konstruktion und Selbstreflexion anstrebt. Ausgangspunkt von Trojahns Werken ist die Zwölftonmusik. Trojahn wurde in Cremlingen in der Trojahn für kleines Orchester und Nähe von Braunschweig geboren. Flöte. Sein Kompositionsstil drückt Nach der Schule begann er 1966 ein sich u. a. in der 2. Sinfonie (1978) aus, Musikstudium in seiner Heimatstadt. die in Donaueschingen uraufgeführt 1970 wechselte er nach Hamburg an wurde. Das Werk zeigt starke An- die Hochschule für Musik, wo er klänge an die Musik Gustav Mah- Kompositionsunterricht bei Diether lers. Das 2. Streichquartett (1980) für de la Motte erhielt. Außerdem stu- Klarinette und Sopran basiert auf dierte Trojahn Flöte bei Karlheinz Texten von Georg Trakl und imitiert Zöller und belegte zwischenzeitlich Elemente Ludwig van Beethovens Vorlesungen in London und Paris. und Arnold Schönbergs. Eine der ersten Kompositionen Trojahns ist das Vokalwerk «Risse 1989: «Lieder auf der Flucht» des Himmels» für Sopran, Flöte und Zwischen 1979 und 1983 schrieb Gitarre, das er 1968 begann und sechs Trojahn «Seebilder» mit Mezzoso- Jahre später abschloß. pran – eine Werkreihe mit fünf Orchesterliedern nach Gedichten Ab 1973: Eigener Stil Mit «Les cou- von Georg Heym, von denen das er- leurs de la pluie» (1972) entstand ein ste 1983 in New York aufgeführt wur- weiteres Werk für Flöte, dem 1973 de. Stilistisch orientierte er sich hier ein Kammerkonzert für acht Instru- an nordischen Komponisten wie dem mente folgte. Trojahns frühe Werke Schweden Allan Pettersson. Neben sind von Einflüssen zeitgenössischer den Sonaten für Violine (1982) und Komponisten wie György Ligeti ge- Cello (1983) entstand ebenfalls 1983 prägt. Mit seiner 1. Sinfonie «Makra- sein kurzes 3. Streichquartett. Zwei mee» (1973) löste sich Trojahn von Jahre später folgten die 3. Sinfonie den bekannten avantgardistischen und ein Requiem. Nach Gedichten Strömungen. Er bediente sich fortan von Ingeborg Bachmann schuf unterschiedlichster tradierter For- Trojahn die «Lieder auf der Flucht» men, wobei er sich von Moden fern- (1989) für Bariton, Gitarre und 13 zuhalten versuchte. Es folgten das 1. Instrumente. In diesen 15 Gesängen Streichquartett (1976) und «Archi- und fünf Intermezzi verwandte der tectura caelestis» (1976). Sein Werk Komponist Elemente der Neuen Mu- «Notturni trasognati» (1977) schrieb sik, u. a. von Pierre Boulez., Hans-Jürgen von Böse (*21.12.1953) Böse, in München geboren, besuchte 1970-72 in Frankfurt das Hoch'sche Konservatorium für Musik. Nachdem er ein musisches Abitur abgelegt hatte, studierte er an der Musikhoch- schule Frankfurt bis 1976 Komposition und Klavier, ehe er von Wolfgang Fortner und Aribert Reimann in seiner Entwicklung gefördert wurde. In seinen Werken versucht Böse die Vermittlung zwischen Konstruktivismus und Regelwerk sowie freier Entfaltung von Persönlichkeit und Gefühl, was schon in seinem Frühwerk «Mor- phogenesis» (1975) zum Ausdruck Manfred Trojahn kommt. Zu dieser Zeit entstanden auch seine ersten dramatischen 90er Jahre: Bühnenwerke 1991 voll- Kompositionen, die einaktigen Opern endete der in Paris lebende Kom- «Blutbund» und «Das Diplom» (UA ponist sein Oboenkonzert. Im selben jeweils 1977). In die Variationen für Kammerorchester «Travesties in a Jahr stellte Trojahn sein erstes mu- Sad Landscape» (1977) integrierte sikdramatisches Werk fertig – die Böse bekannte musikalische Zitate. Komödie «Enrico», deren Libretto Die angewandte Technik des Claus H. Henneberg nach einer Schnitts, der Montage und Vorlage von Luigi Pirandello verfaßt Überblendung verstärken das Gefühl hatte. Das Stück ist in einer traditio- des Collagenhaften seiner Musik. Die nellen Operndramaturgie angelegt, Freiheit, die Böse durch das wird aber durch die Kombination Aufbrechen vorgegebener Strukturen stark kontrastierender Elemente erreichte, setzte er in dem Ballett musikalisch bis zur Parodie verfrem- «Nacht aus Blei» (1981) nach Hans- det. Mit seiner zweiten Oper, «Das Henny Jahnn um. Damit folgte Böse wüste Land», nach einem Textstück den Vorstellungen Reimanns, dem er von Tankred Dorst, festigte der Kom- sein Vokalwerk «Sappho-Gesänge» ponist seinen Ruf als führender (1983) für Mezzosopran und Vertreter einer jungen deutschen Kammerorchester widmete. Der 1986 Generation von Komponisten (neben in Schwetzingen uraufgeführ-ten Wolfgang Rihm und Hans-Jürgen Oper «Die Leiden des jungen von Böse), die den Konstruktivismus Werthers» nach Goethe folgten die in der Musik mit individueller Musikdramen «Chimäre» (1986) und «63: Dream Palace» (1990), das Gefühls- und Schaffenskraft in Jazzelemente mit Rock- und Einklang zu bringen versuchen und Streichermusik verbindet. so zu einer einfachen Musiksprache Anschließend komponierte Böse zurückfinden wollen. «Ein Brudermord» (1991) für Bariton, Akkordeon, Violoncello und Tonband nach Franz Kafka., Edgar Varèse ► Die Befreiung des Klanges ◄ (22.12.1883-6.11.1965) Der amerikanische Komponist italienisch-französischer Abstammung veröf- fentlichte nur zwölf Werke, die in ihrer extremen, mitunter aggressiven musi- kalischen Sprache einzigartig sind. Varèse befaßte sich mit der physikalischen Klangausdehnung im Raum und gilt als Pionier der elektronischen Musik. Edgar Victor Achille Charles Varèse riques» widmete er zwei Amerika- zog nach seiner Kindheit in Paris und nern, die ihn finanziell unterstützten. Burgund mit der Familie nach Turin. Bei der Uraufführung von «Hyper- Dort sollte er nach dem Willen des prism» 1923 in New York kam es verhaßten Vaters eine Ingenieurs- durch die aggressiven Klangballun- ausbildung beginnen. Statt dessen gen der eingesetzten Ambosse, Peit- kehrte er 1903 nach Paris zurück, um schen und Sirenen zum Skandal, der zunächst an der Schola Cantorum, sich bei den Aufführungen in Phila- später am Konservatorium Kompo- delphia und New York (beide 1926) sition zu studieren. Nebenbei befaßte wiederholte. Durch Einbeziehung sich Varèse mit Physik und Ma- von Geräuschen versuchte Varèse in thematik und begann, sich für klang- Anlehnung an Balilla Pratella, den liche Phänomene zu interessieren. aufkommenden Futurismus umzu- 1907 kam Varèse nach Berlin, wo er setzen, der mit den alten Stilen bre- von den Ideen des italienischen chen wollte. 1928 war er Mitbegrün- Komponisten Ferruccio Busoni zu der der Pan American Association of einer Musik für die Zukunft beein- Composers, die die Aufführung von flußt wurde. Die ersten Werke Varè- Werken nord- und südamerika- ses, darunter Orchesterstücke und nischer Komponisten förderte. die unvollendete Oper «Ödipus und die Sphinx» (1908-14) nach einem Ab 1929: Elektronische Klänge In- Libretto von Hugo von Hofmanns- zwischen finanziell unabhängig, leb- thal, gelten als verschollen. Seine te Varèse ab 1928 einige Jahre in Pa- sinfonische Dichtung «Bourgogne» ris. In der Folge besuchte er französi- (UA 1910) vernichtete er selbst. sche Erstaufführungen seiner Stük- ke, die von Tumulten und vernich- 1915: Übersiedelung nach Amerika tenden Kritiken aus den Reihen der Nach dem Dienst in der französi- Traditionalisten begleitet waren. Nur schen Armee ging Varèse Ende 1915 das Orchesterwerk «Intégrales» nach New York. 1919 gründete er (1925; UA 1931) wurde ein Erfolg. dort das New Symphony Orchestra Ab 1929 erforschte Varèse die Mög- und zwei Jahre später die Internatio- lichkeiten der elektronischen Klang- nal Composer's Guild. Das 1918-21 erzeugung und entwickelte bis 1931 entstandene Orchesterwerk «Amé- eines der ersten reinen Schlagzeug-, stücke der Musikgeschichte: In «Io- nisation» für 41 Schlaginstrumente und zwei Sirenen setzte er physikali- sche Zusammenhänge in die Klang- welt um. Drei Jahre später nutzte er in «Ecuatorial» erstmals auch elek- tronische Instrumente. Nach Rückkehr in die USA (1935) erlebte Varèse eine Schaffenskrise, die ihn in tiefe Depressionen stürzte und zu Selbstmordgedanken führte. Neben einigen Lehraufträgen und Engagements als Gastdirigent ver- suchte er vergeblich, als Komponist von Filmmusiken in Hollywood Fuß zu fassen. Als einziges Werk dieser Phase wurde 1936 «Density 21,5» für Soloflöte veröffentlicht. Zu Beginn der 40er Jahre widmete sich Varèse zunächst alter Musik, die Edgar Varèse er mit einem von ihm geleiteten Lai- enchor aufführte. Das Projekt einer das Spätwerk des Komponisten. So Gesamtaufnahme aller seiner Werke wurde die Premiere des «Poème scheiterte schon nach der ersten électronique» (nach einem Gedicht Schallplatte. 1947 dirigierte er die Le Corbusiers) für drei Tonband- Uraufführung der «Étude pour es- geräte auf der Weltausstellung in pace» in New York, in der er Ge- Brüssel 1958 über 425 im Raum ver- dichtfragmente in mehreren Spra- teilte Lautsprecher ausgestrahlt. chen vertont hatte. Varèses Klangkompositionen beein- flußten zahlreiche Komponisten der 50er Jahre: Begegnung mit europäi- Avantgarde nach 1945 und trugen scher Avantgarde 1950 hielt Varèse wesentlich zur Emanzipation des auf Einladung des Dirigenten Her- Geräuschs in der Neuen Musik bei. mann Scherchen einen Kompositi- Der Einzelgänger trat stets vehement onskurs bei den Internationalen Fe- für die Erforschung ungehör-ter rienkursen für Neue Musik in Darm- Klangphänomene ein: «Ich weigere stadt ab. Zu seinen Schülern gehör- mich, mich schon bekannten ten u. a. Bruno Maderna, Luigi Nono Klängen zu unterwerfen!» Zu den und Dieter Schnebel. 1954 hatte in jüngeren Komponisten, die sich aus- Paris «Déserts» für Bläser, Klavier, drücklich auf Varèses Musik bezo- 47 Schlaginstrumente und Tonband- gen, gehörte u.a. der Rocksänger einspielungen Premiere. Frank Zappa. Das wachsende Inter- Elektronische Musik mit «organi- esse an seiner Musik erlebte Varèse siertem Klang» auf von Varèse vor- Anfang der 60er Jahre nur kurz: bereiteten Tonbändern prägte auch 81jährig starb er 1965 in New York., Ralph Vaughan Williams ► Zurück in die Zukunft ◄ (12.10.1872-26.8.1958) Der Engländer schuf seinen eigenen Stil unter Rückbesinnung auf das Re- pertoire von alter Musik und Volkslied der Britischen Inseln. Ab Mitte der 30er Jahre wurde Vaughan Williams zum führenden Komponisten in seiner Heimat und zum wichtigsten Wegbereiter für Benjamin Britten. Vaughan Williams wurde als Sohn 1910: «A Sea Symphony» Sein eines Geistlichen in Down Amp- Frühwerk steht im Zeichen der Vo- ney/Gloucestershire geboren und kalmusik. Erste bekanntere Kompo- wuchs nach dem frühen Tod seines sition ist das Klavierlied «Linden Vaters (1875) in Leith Hill Place/ Lea» (1901), das erste größere Werk Surrey auf. Als Kind von einer Tante «A Sea Symphony» (1910) für Soli, in Klavierspiel, Harmonielehre und Chor und Orchester auf Texte von Generalbaß unterrichtet, erhielt er Walt Whitman. Das Auftaktwerk zu seine professionelle Ausbildung in einem Œuvre von neun Sinfonien, den 90er Jahren bei Hubert Parry eigentlich eine großangelegte Kan- und Charles Stanford am Londoner tate, weist noch starke Einflüsse sei- Royal College of Music sowie beim ner Lehrer und Vorbilder Edward Kirchenmusikkomponisten Charles Elgar, Parry und Stanford auf. Wood am Trinity College in Cam- bridge. Unzufrieden mit den eigenen 1910: Die «Tallis-Fantasie» Seinen Kompositionskünsten, nahm Vaug- durch volksliedhafte Wendungen, han Williams 1897 zusätzlich Unter- modal gefärbte Harmonik und klare richt bei Max Bruch in Berlin und Formgestaltung geprägten Komposi- 1908 bei Maurice Ravel in Paris. tionsstil entwickelte Vaughan Wil- liams um 1910 mit dem Liederzyklus Ab 1903: Volksliedforschung Ralph «On Wenlock Edge» für Tenor, Kla- Vaughan Williams betätigte sich vier und Streichquartett sowie der zunächst als Volksliedsammler. Er «Fantasia on a Theme by Thomas gelangte zu der Überzeugung, daß Tallis» für zwei Streichorchester und Größe und Eigenständigkeit als Streichquartett. Auf das Thema für Komponist nur durch Rückbesin- die «Tallis-Fantasie» war er während nung auf die musikalischen Traditio- seiner Arbeit am «English Hymnal» nen möglich seien. Wichtige Anre- gestoßen. Die doppelchörige Anlage gungen entnahm Vaughan Williams des Werks schuf Vaughan Williams auch der englischen Musik der Re- in Hinblick auf den Aufführungsort, naissance, mit der er sich erstmals die Kathedrale von Gloucester. Bei 1905/06 als Redakteur eines neues seiner ersten rein instrumentalen und Kirchengesangbuchs («The English zugleich populärsten Sinfonie («A Hymnal») beschäftigte. London Symphony», 1914) hielt, sich Vaughan Williams an das tradi- tionelle viersätzige Schema, wobei er die Rahmensätze um einen Einlei- tungsteil und einen Epilog erwei- terte. Das Werk war ursprünglich als sinfonische Dichtung geplant. Der thematische Bezug zu London wird durch Einbeziehung des Glocken- spiels von Big Ben und durch Ver- kehrsgeräusche hergestellt. 1916: «Pastoral Symphony» Im 1. Weltkrieg diente Vaughan Wil- liams als Soldat in Frankreich, wo er 1916 die «Pastoral Symphony» skiz- zierte. Das wiederum viersätzige Werk enthält drei langsame Sätze, Ralph Vaughan Williams darunter einen Schlußsatz mit wort- loser Kantilene eines Solosoprans. Kompositionsweisen (modal-im- Unter der melancholisch-kontem- pressionistisch bzw. stark chroma- plativen «Oberfläche» der Komposi- tisch) und unterstützt durch spezifi- tion scheinen heftige, von Leid ge- sche Instrumentalfarben (Baßflöte prägte Gefühle durch, was dem für Hiob, Saxophon für Satan). Stück später den Namen «Kriegsre- 1941/42 schrieb Vaughan Williams quiem ohne Worte» einbrachte. mit «49th Parallel» seine erste Film- Von der Front zurückgekehrt, wurde musik, 1943 folgte seine gefeierte 5. Vaughan Williams 1919 Lehrer am Sinfonie. Auf der Musik zum Film Londoner Royal College of Music, «Scott of the Antarctic» (1947) ba- an dem er bis 1938 unterrichtete. siert die 7. Sinfonie («Sinfonia ant- 1921-29 leitete er den Londoner arctica», 1953). Wie schon die «Lon- Bach-Chor. In den 20er Jahren stei- don Symphony» ist das Werk zwi- gerte sich das internationale Anse- schen Sinfonie und Programmusik hen des Komponisten. 1922 vollen- angesiedelt. Jeder der fünf Sätze dete er die erste Oper, «The Shep- trägt ein längeres literarisches Zitat herds of the Delectable Mountains», als Überschrift. Das Stück verlangt der sieben Jahre später das Bühnen- ein großes Orchester unter Einbezie- stück «Sir John in Love» folgte. hung von Klavier, Orgel, Vibraphon und Windmaschine sowie eine So- 1930: Ballettmusik «Job» Zu pransolistin und einen Frauenchor. Vaughan Williams' orchestralen Bis zu seinem Tod 1958 in London Hauptwerken gehört die Ballett- schrieb Vaughan Williams noch zwei musik «Job» (1930). Das Werk lebt weitere Sinfonien und die Oper «The aus dem Gegensatz der Figuren Hiob Pilgrim's Progress» (1951). Der und Satan, musikalisch ausgedrückt englische Komponist wurde in der durch unterschiedliche harmonische Westminster Abbey beigesetzt., Heitor Villa-Lobos ► Musik zwischen (5.3.1887-17.11.1959) Europa und Brasilien ◄ Der brasilianische Komponist gilt als Hauptrepräsentant der lateinamerika- nischen Musik im 20. Jahrhundert. Villa-Lobos' Werke wurden zunächst als zu avantgardistisch abgelehnt, erreichten jedoch später große Popularität. Villa-Lobos wurde als Sohn eines Bi- bis zu Kompositionen für Chor und bliothekars in Rio de Janeiro gebo- Orchester (Nr. 10 und Nr. 14). Die ren. Seine Musikausbildung erfolgte Musik wurde besonders durch reiche im wesentlichen autodidaktisch. Der Instrumentalisierung und den rhyth- Vater, der 1899 starb, lehrte den mischen Gehalt bekannt. Den Na- Sohn zunächst Viola und Cello, das men «Choros» wählte Villa-Lobos in später neben der Gitarre zum bevor- Anlehnung an die brasilianischen zugten Musikinstrument des Kom- Straßenmusikgruppen und deren se- ponisten wurde. Villa-Lobos wider- renadenähnliches Musikrepertoire. setzte sich dem Wunsch seiner El- Als weitere Werke in diesem Stil ent- tern, Mediziner zu werden, und ver- standen in derselben Zeit ein Nonett, diente den Lebensunterhalt als Cel- 16 «Cirandas» für Klavier und die list in Volksmusikensembles, die in Fantasie «Momoprecoce» für Kla- Kinos und Kaffeehäusern auftraten. vier und Orchester. 1920-29: «Choros» Um 1915 begann 1930-44: «Bachianas Brasileiras» Villa-Lobos, folkloristische Elemen- Der zweite zentrale Werkzyklus im te in seine Kompositionen einzube- Schaffen von Villa-Lobos sind die ziehen. Zunächst bediente er sich 1930-44 entstandenen «Bachianas nur des dafür typischen Instrumen- Brasileiras» – Stücke, in denen er Ei- tariums («Danças Caracteristicas genheiten des kontrapunktischen Africanas», 1916), dann auch der Stils von Johann Sebastian Bach mit Melodien, Stimmungen sowie melo- brasilianischen Volksmusikklängen discher und rhythmischer Eigenhei- verschmolz. Die «Bachianas Brasi- ten der Volksmusik. Daneben präg- leiras» huldigen gleichermaßen dem ten ihn die europäische Romantik, lateinamerikanischen Nationalismus der Impressionismus und die Werke und dem neobarocken Stil, wie er Igor Strawinskys. damals in Europa populär war. Die Die erste große Werkreihe, in der zu neun Suiten zusammengefaßten der lateinamerikanisch-europäische Kompositionen sind wiederum für Stilmix des Komponisten zum Tra- unterschiedlichste Besetzungen ge- gen kommt, sind die «Choros»: 15 schrieben. Der Doppeltitel eines je- Stücke in unterschiedlicher Beset- den Satzes nimmt Bezug auf eine eu- zung, vom Gitarrensolo (Nr. 1) über ropäisch-barocke (z.B. Aria, Prälu- Duos für Flöte und Klarinette (Nr. 2) dium, Toccata) und eine brasiliani-, sehe (Desafio, Modinha, Ponteio) Musikform. Villa-Lobos' Liebe zum Cello zeigt sich in den Suiten Nr. 1 und Nr. 5 für jeweils acht Celli. Für das tiefe Streichinstrument bearbei- tete er auch Präludien und Fugen aus Bachs «Wohltemperiertem Klavier». 1932 wurde der Komponist zum Lei- ter des Musikschulwesens von Rio de Janeiro ernannt, zehn Jahre später hatte er diese Position für ganz Brasilien inne. In der Folgezeit kom- ponierte er vermehrt leichte Chor- sätze für Schulen sowie musikdidak- tische Stücke. Heitor Villa-Lobos, 1952 Ab 1945: Virtuose Konzerte 1945 standen Klavier-, Cello-, Harfen-, gründete Villa-Lobos die Brasiliani- Gitarren- und Akkordeonkonzerte, sche Musikakademie in Rio de Janei- in denen das virtuose Moment domi- ro, deren Präsident er bis zu seinem niert. 1959 starb Villa-Lobos im Tod blieb. Parallel setzte eine rege Alter von 72 Jahren in seiner Heimat- Reisetätigkeit als Dirigent eigener stadt Rio de Janeiro. Dort eröffnete Werke ein, insbesondere durch die seine Witwe, Arminda Villa-Lobos, Länder Lateinamerikas, in die USA 1961 ein Villa-Lobos-Mu-seum, das und nach Frankreich. Durch den zu- über eine große Manu- nehmenden Ruhm als Komponist er- skriptsammlung des Komponisten hielt Villa-Lobos fortan zahlreiche verfügt und alljährlich Festspiele Kompositionsaufträge von Instru- sowie Kompositionswettbewerbe or- mentalsolisten. In kurzer Zeit ent- ganisiert. Bedeutende Komponisten Lateinamerikas Coriün Aharoniân (* 4.8.1940) Der uruguayische Komponist armenischer Abstammung war 1966 Mitbegründer einer Gesellschaft zu Verbreitung Neuer Musik in Uruguay. Seine durch Luigi Nono beeinflußten Werke stellte Aharonian in den Dienst seines kulturpolitischen Engagements. Carlos Antonio de Padua Chavez (13.6.1899-2.8.1978) Vergleichbar dem Ungarn Bêla Bartok, kleidete der Mexikaner die überlieferte Volksmusik seiner Heimat in ein avantgardistisches Gewand. Für seine Kompositionen verwendete er u.a. nachgebaute präkolumbianische Musikinstrumente. Silvestre Revueltas (31.12.1899-5.10.1940 ) Die von Folklore seiner Heimat inspirierten Werke des Mexikaners zeichnen sich durch glanzvolle Melodik, rhythmische Vitalität sowie sarkastischen Humor aus. Revueltas schrieb insbesondere Orchesterstücke und Filmmusiken., William Walton ► Englands letzter (29.3.1902-8.3.1983) Romantiker ◄ Der Engländer gilt trotz seines eher schmalen Œuvres als Nationalkomponist seines Landes im 20. Jahrhundert. Walton schrieb u. a. Festmusiken für die Krönungen von König Georg VI. (1937) und von Königin Elisabeth IL (1953). William Turner Walton kam in Old- Der englische Choreograph Frede- ham/Lancashire als Sohn eines Ge- rick Ashton wollte aus «Façade» ein sangslehrers und einer Sängerin zur satirisches Divertissement über die Welt. Nach Mitgliedschaft im Kir- damalige Vielfalt von Volks-, Gesell- chenchor seiner Heimatgemeinde schafts- und Theatertänzen formen. und häuslichem Unterricht sang er Da nur Walton, nicht aber Sitwell als Chorknabe an der Christ Church einverstanden war, verwendete er in Oxford, wo sein Kompositionsta- neun Sätze aus den beiden Orche- lent während des Studiums von stersuiten. Das 1938 uraufgeführte Hugh Percy Allen gefördert wurde. Ballett wurde zum Tanzklassiker. Ein Klavierquartett des 16jährigen Schülers erhielt den Carnegie-Preis. Ab Mitte der 20er Jahre: Rück- Einen akademischen Grad erwarb wärtsorientierung In den 20er Jah- Walton nicht: Er führte die dazu er- ren vollzog Walton eine ähnliche forderliche Komposition nicht aus. Wendung wie z. B. auch Paul Hinde- mith: Er kehrte der zuvor favorisier- 1923: «Façade» Das Werk «Façade» ten avantgardistischen Atonalität für Sprechstimme und sechs Instru- den Rücken und komponierte fortan mentalsolisten sorgte 1923 für einen in einer freitonalen, neoromanti- Skandalerfolg und brachte Walton schen Tonsprache. Im Gegensatz zu den Durchbruch als freischaffender Hindemith, mit dem er befreundet Künstler. Die zugrundeliegenden 21 war, ging Walton sogar so weit, einige parodistisch-lautmalerischen Ge- Frühwerke zu vernichten. Eines der dichte stammten von der Lyrikerin ersten rückwärtsorientierten Werke Edith Sitwell. Die Texte wurden in Waltons ist sein Bratschenkonzert. Melodram-Manier zur Musik dekla- Bei der Uraufführung (1929) spielte miert. In der witzigen Vertonung mit Hindemith, der auch ein begnadeter Anspielungen auf Music-Hall- und Violaspieler war, den Solopart. Vaudeville-Songs dominieren alte Aufgrund des Publikumserfolgs die- (Wiener Walzer, Polka) und neue ses Werkes erhielt Walton Aufträge Tanzformen (Tango, Foxtrott). Aus für Solokonzerte von zwei weiteren dem Material machte Walton zwei berühmten Musikern: von Jascha Orchestersuiten, deren erste 1926 in Heifetz für ein Violinkonzert (1939) einem Programm der Ballets Russes und von Gregor Piatigorsky für ein als Zwischenspiel gegeben wurde. Cellokonzert (1957)., 1931: «Belsazars Fest» Bei seinem für die BBC geschriebenen, sympho- nisch angelegten Chor-Oratorium «Belsazars Fest» stellte sich Walton in die Nachfolge Georg Friedrich Händeis, der den alttestamentari- schen Stoff 1744 vertont hatte. Im Mittelpunkt des dreiteiligen Werkes, das zum erstenmal 1931 beim Leeds Festival aufgeführt wurde, steht ein achtstimmiger Chor. Das Orchester ist um zwei Blechbläserchöre erwei- tert. Für das erreichte internationale Renommee Waltons spricht, daß «Belsazars Fest» 1933 auch beim Musikfest der Internationalen Ge- William Walton sellschaft für Neue Musik in Amster- dam gespielt wurde. tionale Filmproduktion verpflichtet. So entstand u.a. die Filmmusik zu 1934/35: 1. Sinfonie Mitte der 30er Shakespeares «Heinrich V.» (1944), Jahre vollendete Walton die erste aus der Walton eine selbständige Or- von zwei Sinfonien, die ganz in der chestersuite sowie zwei Stücke für Tradition des 19. Jahrhunderts steht, Streichorchester ableitete. aber auch vom spätromantischen Werk eines Jean Sibelius und der 1954: «Troilus und Cressida» Nach- Rhythmik Igor Strawinskys beein- dem Walton 1948 die Argentinierin flußt ist. Die Sinfonie wurde zweimal Susana Gil Paso geheiratet hatte, sie- uraufgeführt: 1934 in einer dreisätzi- delte der 1951 geadelte Komponist gen Fassung, 1935 mit einem nach- auf die Insel Ischia über. Dort ent- komponierten Schlußsatz. Das Or- stand die 1954 in London uraufge- chesterwerk brachte Walton in führte Oper «Troilus und Cressida» England den Ruf eines würdigen (nach Geoffrey Chaucer). Ein Jahr Nachfolgers des romantisch-klassizi- zuvor hatte Walton den Krönungs- stischen englischen Komponisten marsch «Orb and Sceptre» und das Edward Elgar ein. Wohl nicht zuletzt Krönungstedeum (1953) für Königin wegen seiner traditionsgebundenen Elisabeth IL geschrieben. Kompositionsweise nahmen nun die Nach seiner romantischen 2. Sinfo- Auszeichnungen und Kompositions- nie (1960), einem Liederzyklus für aufträge zu. Ehrenvoller Höhepunkt die Sopranistin Elisabeth Schwarz- war der Auftrag für den «Krönungs- kopf (1962) und Orchestervariatio- marsch» zur Inthronisation von Kö- nen über ein Thema aus Hindemiths nig Georg VI. (1937). Cellokonzert (1963) widmete sich Während des 2. Weltkriegs wurde Walton vornehmlich dem Dirigieren. Walton von der Regierung Winston Im Alter von 80 Jahren starb der Churchills als Komponist für die na- Komponist 1983 in London., Anton Webern ► Urvater der Seriellen ◄ (3.12.1883-15.9.1945) Der österreichische Komponist und Dirigent, bedeutender Vertreter der Zweiten Wiener Schule, ging mit seinen Reihenverfahren über die Zwölfton- technik Arnold Schönbergs hinaus. Stärker als sein Lehrer wurde Webern zum Vordenker der seriellen Musik. Anton Friedrich Wilhelm von We- sich die von Webern wenig geliebte bern wurde als Sohn eines Beamten Tätigkeit als Theaterkapellmeister u. in Wien geboren. Während seiner a. in Danzig, Prag, Stettin und Wien Schulzeit erhielt Webern ersten Mu- an. 1911 heiratete er Wilhelmine sikunterricht, lernte Werke der Mörtl (vier Kinder). Ende März führenden modernen Komponisten – 1913 löste die Uraufführung von u. a. von Richard Strauss und Gustav Orchesterstücken Weberns in Wien Mahler – kennen und begann 1899 einen Skandal aus. Die Werke mit ersten Kompositionen. zeigen eine für Webern typische Knappheit – das kürzeste Stück um- 1904-08: Schönberg-Schüler 1902 faßt lediglich sechs Takte. Dennoch nahm Webern in Wien bei dem Mu- gelang es dem Komponisten, wie sikwissenschaftler Guido Adler ein Schönberg über die «Sechs Bagatel- Studium auf. Vier Jahre später pro- len für Streichquartett» (1913) ur- movierte Webern mit der Edition teilte, «einen Roman durch eine ein- von Heinrich Isaaks «Choralis Con- zige Geste, ein Glück durch ein ein- stantinus II», liturgischen Gesängen ziges Aufatmen auszudrücken». des frühen 16. Jahrhunderts. 1904 Ab 1915 wurde Weberns Dirigen- hatte er zudem mit Unterricht bei tentätigkeit durch eine anderthalb- Schönberg begonnen, unter dessen jährige Dienstzeit im österreichi- Einfluß Webern seine kompositori- schen Heer unterbrochen. Er hatte schen Versuche intensivierte. 1908 sich als Kriegsfreiwilliger gemeldet, schloß er die Ausbildung mit der wurde aber Ende 1916 wegen einer «Passacaglia» für Orchester und dem Sehschwäche entlassen. Doppelkanon für A-cappella-Chor «Entflieht auf leichten Kähnen» ab. Ab 1920: Anerkennung als Dirigent Beide Stücke bewegen sich im Rah- 1920 zog Webern nach Mödling bei men der Tonalität, doch überschritt Wien und machte sich in den folgen- Webern in dieser Zeit die Grenze zur den Jahren als Lehrer und Dirigent Atonalität, so mit seinen 1907-09 einen Namen. Er wirkte im von entstandenen «George-Liedern». Schönberg gegründeten Verein für musikalische Privataufführungen Bis 1920: Theater engagement An mit, leitete den Wiener Schubertchor, die kompositorische Lehrzeit schloß den Mödlinger Gesangsverein und, 1922-34 die Wiener Arbeiter-Sin- foniekonzerte. Während die Dirigate großen Anklang fanden, wurde We- berns Musik in Österreich weiterhin skeptisch beurteilt. Im Ausland stie- ßen seine Werke hingegen auf Zu- stimmung – u. a. bei den Donau- eschinger Musiktagen und in London. 1924: Übernahme der Dodekapho- nie 1924 vollzog sich mit der Hinwen- dung zu Schönbergs Zwölftontech- nik (Dodekaphonie) ein tiefgreifen- der Wandel in Weberns Kompositi- onsstil. Das erste Werk, in dem er diese Technik strikt durchhielt, wa- ren die «Drei Volkstexte» (1924) für Gesang, Geige und (Baß-)Klari- nette. Anders als Schönberg nutzte Anton Webern Webern die Elemente seiner Reihen auch zu motivischer Arbeit. Zudem bezog er Parameter wie Rhythmik, (1940). Das letzte seiner insgesamt Dynamik und Klangfarbe in Reihen- nur 31 Werke (Gesamtspieldauer strukturen ein. 1928 schrieb Webern rund drei Stunden) war 1943 die 2. seine einzige – zudem nur kammer- Kantate für Sopran, Baß, gemischten musikalisch besetzte – Sinfonie. Das Chor und Orchester. etwa zehnminütige Stück, eines der Nach dem «Anschluß» Österreichs längsten Werke des Komponisten, an das Deutsche Reich hatten die wurde in Philadelphia uraufgeführt. Machthaber Webern mit einem Auf- Nach den politischen Unruhen in sei- führungs- und Publikationsverbot ner Heimat geriet Webern ab 1934 belegt. Die letzten Lebensjahre des zunehmend in die Isolation. Darüber Komponisten waren daher geprägt hinaus überschatteten materielle von theoretischen Überlegungen zur Sorgen und der Verlust seiner Reihentechnik, die teilweise reli- engsten Freunde – Schönberg war giös-mystische Züge annahmen. We- 1933 emigriert, sein «Mitschüler» berns Werke erklangen allenfalls in Alban Berg starb 1935 – sein Leben. Privataufführungen, er selbst zeigte Lichtblicke ergaben sich aus der kein Interesse mehr daran, seine Freundschaft mit der Dichterin Hil- Musik zu hören. Im Frühjahr 1945 degard Jone, deren Texte ihm Anre- floh er zu seiner Tochter nach Mit- gungen für seine letzten Vokalkom- tersill in den Salzburger Alpen. Dort positionen gaben. Es entstanden die wurde er versehentlich von einem Kantaten «Das Augenlicht» (1935) amerikanischen Soldaten erschos- sowie die 1. Kantate für Sopran, ge- sen, als er nach der Polizeistunde vor mischten Chor und Orchester dem Haus eine Zigarette rauchte., Kurt Weill ► Songs als Anklage der (2.3.1900-3.4.1950) bürgerlichen Gesellschaft ◄ In Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht setzte der deutsche Komponist das epische Theater in zeitkritischen Stücken musikalisch um. Nach seiner Emi- gration in die USA verhalf Weill dem Broadway Musical zu neuem Ansehen. Weill kam in Dessau als Sohn eines mit klassischen Formen, bezeichnete jüdischen Sängers zur Welt und er- die Kritik als «expressionistisch». hielt vom Leiter der Dessauer Oper Klavierunterricht. Als Jugendlicher 1928: «Die Dreigroschenoper» Zu- mußte er mit Klavierbegleitungen sammen mit Brecht verfaßte Weill zum Unterhalt der Familie beitragen. 1928 «Die Dreigroschenoper», die Kurz vor Ende des 1. Weltkriegs ging seinen internationalen Ruhm be- Weill nach Berlin, wo er ein Mu- gründete. Der Verbrecher und Frau- sikstudium begann und u. a. Kurse enheld Mackie Messer heiratet Polly, bei Rudolf Krasselt und Engelbert die Tochter des Bettlerkönigs Pea- Humperdinck, dem Komponisten der chum. Peachum sieht seine Ge- Märchenoper «Hansel und Gre-tel», schäfte bedroht und zeigt Mackie an, belegte. Seinen Lebensunterhalt den jedoch sein Freund, der Polizei- verdiente Weill als Pianist in präsident, deckt. Als er schließlich Bierkellern. Nach seinem Examen doch auf seine Hinrichtung wartet, kehrte er 1919 als Korrepetitor an der wird Mackie Messer begnadigt und Oper in seine Heimatstadt zurück. mit einer Leibrente bedacht. Basie- Nach Differenzen mit dem Direktor rend auf John Gays «Bettleroper» nahm er eine Stellung als Kapellmei- von 1728, kritisierte das Bühnen- ster in Lüdenscheid an. 1921 legte er stück die soziale Situation und die die erste von zwei Sinfonien vor, die bürgerliche Gesellschaft Ende der dreisätzige «Kriegssinfonie». 20er Jahre. Zudem wollten die Auto- ren die «völlige Verblödung» tradi- 1926: «Der Protagonist» Ebenfalls tioneller Opern offenlegen. In dem 1921 ging Weill erneut nach Berlin Stück setzte Weill erstmals Brechts und studierte bis 1924 bei Ferruccio Form des epischen Theaters musika- Busoni. In dieser Zeit entstanden lisch um: Tanz- und Unterhaltungs- seine ersten orchestermusikalischen musik sind mit Choral und Moritat Kompositionen. Seine Liebe galt je- verbunden, Songs kommentieren die doch dem Musiktheater. 1926 vollen- Handlung. Ebenfalls 1929 ent- dete er sein Bühnendebüt, den zeit- standen die Oper «Happy End» und kritischen Einakter «Der Protago- das Radio-Lehrstück «Ozeanflug». nist», mit dem ihm ein Achtungser- folg gelang. Weills moderne Musik, 1930: «Aufstieg und Fall der Stadt eine Verbindung von Jazz-Elementen Mahagonny» Die Uraufführung der, Brecht-Oper «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny» endete 1930 in Leipzig mit einem Skandal. Die beißende Satire auf die kapitalisti- sche Gesellschaft führte zu Tumul- ten, so daß die Polizei einschreiten mußte. Um die Distanz zur her- kömmlichen Oper zu verdeutlichen, hatten Brecht und Weill Text und Musik strikt voneinander getrennt. Im selben Jahr entstand die Schul- oper «Der Ja-Sager», der 1932 das wiederum antikapitalistische Stück «Die Bürgschaft» folgte. Ein Jahr später entging Weill seiner Verhaf- tung durch die Nationalsozialisten durch Flucht nach Paris. Dort schuf er – erneut mit Brecht – «Die sieben Todsünden der Kleinbürger», ein Kurt Weill Ballett mit Gesang. Vorlage von Moss Hart komponierte 1938: «Knickerbocker Holiday» Weill 1940 «Lady in the Dark». Die 1935 kam Weill in die USA, wo er Liedtexte der Mischung aus Songs, sich mit seiner Frau Lotte Lenya Tanz und Theater schrieb Ira Gersh- (Heirat 1927) – einer bedeutenden win. Im 2. Weltkrieg verfaßte Weill Interpretin seiner Lieder – in New zudem Musiken für antifaschistische York niederließ und für den Broad- Songs und Filme. Drei Jahre nach way arbeitete. Fortan bemühte sich dem Bühnenstück «One Touch of Weill, in seinen Werken politischen Venus» schuf Weill 1947 zwei erfolg- Anspruch und kommerzielle Inter- reiche Musicals: das als Volksoper essen zu verknüpfen. Nachdem das bezeichnete «Street Scene» nach El- biblische Drama «Eternal Road» mar Rice und die Schuloper «Down (1935) beim Publikum durchgefallen in the Valley». In dem 1948 uraufge- war, wurde «Johnny Johnson» 1936 führten Werk wird einmal mehr freundlicher aufgenommen. Weills Absicht deutlich, dem ameri- Der erste große Erfolg in der Neuen kanischen Musiktheater auf Basis Welt gelang Weill zwei Jahre später einheimischer Volksweisen zu inter- mit «Knickerbocker Holiday», ei- nationalem Ansehen zu verhelfen. nem Stück über die holländische Ko- Die letzten beiden Stücke Weills sind lonialzeit in New York, das zusam- «Lost in the Stars» nach Alan Paton men mit dem Drehbuchautor Max- und «Cry, the Beloved Country» well Anderson entstanden war. (beide 1949). Ein Bühnenwerk nach Mark Twains «Huckleberry Finn» 1948: Uraufführung von «Down in kam nicht mehr zustande: Weill starb the Valley» Nach einer literarischen 1950 mit 50 Jahren in New York., Ermanno Wolf-Ferrari ► Auf neuen Wegen mit (12.1.1876-21.1.1948) Opera buffa ◄ Der deutsch-italienische Komponist gab in seinen 13 zumeist neobarocken Bühnenstücken der italienischen Opera buffa des 18. Jahrhunderts eine mo- derne musikalische Sprache und Form. Seine Haupterfolge erzielte Wolf- Ferrari zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Wolf-Ferrari wurde als Sohn eines Wolf-Ferrari verbrachte sein Leben bayerischen Malers und einer Italie- abschnittsweise in Deutschland und nerin unter dem Namen Hermann Italien, meist in München und Vene- Friedrich Wolf in Venedig geboren. dig. In Mailand leitete er ab 1896 ei- Mit sechs Jahren bekam er Klavier- nen deutschen Chor, mit dem er unterricht und spielte nach eigenen Werke von Bach aufführte und für Angaben bereits elfjährig alle 32 den er einige Kompositionen ver- Klaviersonaten Ludwig van Beetho- faßte. 1897 heiratete Wolf-Ferrari vens sowie die chromatische Fanta- die deutsche Sängerin Clara Kilian, sie von Johann Sebastian Bach. Ein mit der er nach München zog. Schlüsselerlebnis des 13jährigen war der Besuch einer Aufführung von 1902: «La vita nuova» Höhepunkte Richard Wagners «Siegfried» in in seinem Frühwerk sind Kammer- Bayreuth. Wolf blieb zeitlebens ein musiken in der Tradition von Johan- Wagnerianer, obgleich er im eigenen nes Brahms, Felix Mendelssohn und Opernschaffen Distanz zu dem Robert Schumann, z.B. eine Violin- Schöpfer des Musikdramas wahrte. sonate in a-Moll und eine lyrisch- rhapsodische Kammersinfonie in B- Ab 1892: Musikstudium Trotz des Dur (beide 1901) sowie die Kantate ausgeprägten Interesses für Musik «La vita nuova» nach Dante (1902). studierte Wolf 1891/92 an der Aka- Dieses 1903 in München erfolgreich demie der Schönen Künste in Rom. uraufgeführte Werk für Sopran, Ba- Diese Ausbildung setzte er in Mün- riton, Chor und Orchester orientiert chen fort, brach sie dann aber im sich an der Musik von Bach sowie am Herbst desselben Jahres zugunsten Klangideal des späten W.Jahrhun- eines Musikstudiums bei Joseph derts. Im Wechsel zwischen kammer- Rheinberger an der Akademie der musikalischen und liedhaften Ab- Tonkunst ab. Ebenfalls 1892 legte er schnitten sowie im sinfonischen Ge- eine Serenade für Streichorchester in stus zeigt sich eine formale Nähe zu Es-Dur vor. Nach der Abschluß- Franz Liszts «Christus»-Oratorium. prüfung kehrte er 1895 nach Italien zurück und nahm die italienisierte 1903: «Die neugierigen Frauen» Form seines Namens mit angehäng- Wolf-Ferraris erste Oper, «Aschen- tem Mädchennamen der Mutter an. brödel» (1900), fand bei ihrer Urauf-, führung in Venedig geteilte Auf- nahme. Der Erfolg stellte sich erst 1903 mit der Goldoni-Oper «Die neugierigen Frauen» in München ein. Ein Kritiker feierte den Kompo- nisten, der 1902 die Direktion des Konservatoriums in Venedig über- nommen hatte, als den langersehnten Retter, der «uns in Tönen lachen lehrt». Hans Pfitzner, der die Berli- ner Erstaufführung leitete, bezeich- nete das Stück als beste komische Oper seit den Arbeiten von Albert Lortzing. Bis, 1909 ließ Wolf-Ferrari noch zwei Meisterwerke in der Opera-buffa-Tradition folgen – die abendfüllende Oper «Die vier Gro- biane» (1906, ebenfalls nach Carlo Goldoni) und das Intermezzo «Su- Ermanno Wolf-Ferrari sannes Geheimnis» (1909). Ein Jahr später legte er das Chorwerk «Die wiedererweckten Schläfer» (1927, Tochter des Jairus» vor. nach William Shakespeare) heraus. 1911: «Der Schmuck der Madonna» 1933: «Idillio-Concertino» Wolf- Eine Ausnahmestellung im Œuvre Ferraris Spätwerk ist durch einen des Komponisten nimmt die tragi- Rückzug auf die Orchester- und sche Oper «Der Schmuck der Ma- Kammermusik gekennzeichnet. Ei- donna» (1911) ein, in der sich Wolf- nen Höhepunkt bildet das bukolisch- Ferrari dem italienischen Verismo heitere «Idillio-Concertino» (1933) (krasse, wirklichkeitsgetreue Dar- in A-Dur für Oboe, zwei Hörner und stellung) annäherte. Mit seiner näch- Streichorchester. Während die fort- sten Oper, «Der Liebhaber als Arzt» schrittlich eingestellten Komponi- (1913, nach Molière), kehrte er zur sten Tonalität und melodische Li- Buff a zurück. nien in ihren Werken mieden, hielt Der 1. Weltkrieg, in dem seine Vater- Wolf-Ferrari an seiner «musikali- länder gegeneinander kämpften, lö- schen Musik» fest. ste bei Wolf-Ferrari Depressionen Obgleich ein unpolitischer Mensch, aus und führte zu einer fast zehn- litt Wolf-Ferrari psychisch unter den jährigen Schaffenskrise. Der Musi- Auswirkungen des deutschen Natio- ker zog sich in die Schweiz zurück nalsozialismus wie des italienischen und heiratete 1921, inzwischen von Faschismus. 1939 zum Professor für seiner ersten Frau getrennt, Wilhel- Komposition am Mozarteum in Salz- mine Christine Funk. Unter den bis burg ernannt, kehrte er 1945 nach 1936 komponierten letzten Opern Venedig zurück. Dort starb er 1948 ragt einzig «Sly. Die Legende vom kurz nach seinem 72. Geburtstag., Iannis Xenakis ► Komponieren (* 1.5.1922) mit dem Rechner ◄ Der griechisch-französische Komponist, Bauingenieur und Architekt hob die tradierten Regeln der musikalischen Logik auf. Xenakis führte die Wahr- scheinlichkeitsrechnung in die Musik ein. Xenakis wurde in Braila (Rumänien) Musiktagen für Aufsehen. Das Stück geboren und wuchs ab 1932 in begründete eine Kompositionstech- Griechenland auf. Nach Abschluß nik, die auf mathematischen Verfah- des Gymnasiums absolvierte er ein ren beruht. Sein Rüstzeug als Kom- Musik- und Ingenieursstudium in ponist entlehnte Xenakis den Fach- Athen (Diplom 1947). Als Wider- kenntnissen, die er sich als Architekt standskämpfer im griechischen Bür- angeeignet hatte. Sein graphischer gerkrieg verwundet, kam er 1947 als Kompositionsentwurf zu «Metasta- politischer Flüchtling nach Paris. seis» war eine geometrische Kon- struktion – die seitliche Verschie- Ab 1950: Musikalische Studien In bung einer Geraden entlang ge- der französischen Hauptstadt war krümmter Bahnen im Raum. Die Xenakis zunächst als Architekt tätig. daraus resultierenden neuartigen, Zwölf Jahre lang assistierte er dem weiträumigen Glissandostrukturen Schweizer Baumeister Le Corbusier. (gleitende Töne, bei Saiteninstru- Daneben studierte er 1950-53 Mu-. menten durch Gleiten von Fingern sik, u. a. bei Olivier Messiaen am Pa- auf einer Saite erzeugt) realisierte riser Konservatorium und bei dem an Xenakis nicht elektroakustisch mit Elektronik und mathematischer dem Tonband, sondern mit einem Grundlagenforschung interessierten konventionellen Orchester. Dirigenten Hermann Scherchen in Drei Jahre später machte Xenakis Gravesano. Während des Studiums das Musikstück zur Berechnungs- vernichtete Xenakis alle früheren grundlage des Philips-Pavillons, ei- Kompositionsversuche, die überwie- nes kühn geschwungenen Gebäudes gend von der griechischen Volksmu- mit individuell gerippter Oberflä- sik beeinflußt waren. 1953 heiratete chenstruktur, das er für die Brüsseler er die Schriftstellerin Françoise Gar- Weltausstellung entwarf. gouil (ein Kind). In den folgenden Jahren verwendete Xenakis in seinen Kompositionen 1955: «Metastaseis» Mit dem teil- Wahrscheinlichkeitsrechnung (sto- weise von serieller Technik gepräg- chastische Musik), mathematische ten und durch provozierende «Ge- Spieltheorie (strategische Musik) so- räuschwolken» bestimmten Orche- wie mathematische Ganzheitstheo- sterwerk «Metastaseis» sorgte Xe- rien (symbolische Musik). In «Pitho- nakis 1955 bei den Donaueschinger prakta» und «Achorripsis» (beide, 1957) setzte er seine Vorstellungen von gleitenden Tönen fort, mit de- nen er eine neue Klangform der Mu- sik schaffen wollte. 1962: «ST/4-1, 080262» Das mit Hilfe eines Computers berechnete 1. Streichquartett überschrieb Xena-kis 1962 mit der Typenbezeichnung des benutzten Rechners: «ST/4-1, 080262». Von der aleatorischen Mu- sik (Zufallskomposition) eines John Cage unterscheidet sich das Werk durch die übersichtliche Anordnung der Spieltechniken, Klangfarben und Rhythmen. Die Musik ist trotz der lannis Xenakis, 1976 mathematischen Basis von hohem ästhetisch-sinnlichem Reiz und wirkt ses Jahres war «Terretektork», wo- spontan erfunden. bei die 88 Musiker verstreut im Pu- Die 1964 entstandene Schauspielmu- blikum sitzen. 1967 wurde Xenakis sik zu den «Hiketides» von Aischy- Professor für mathematische und los steht am Beginn einer Reihe von mechanische Musik an der Indiana Kompositionen, in der zahlreiche University in Bloomington (USA). Details ein konstruktives Ganzes er- Im selben Jahr legte er «Polytope» geben. So überlagern sich am An- (gleichzeitig erklingende Musik an fang des Stücks zwei Klangschichten verschiedenen Orten) vor. In dem (Bläser und Streicher) mit mehrfach Licht- und Klangspiel für die franzö- wiederholten Akkorden. Klang und sische Präsentation bei der Weltaus- Stille wechseln, die Zeitwerte wer- stellung in Montreal verteilte Xena- den in beiden Schichten länger. Zeit- kis vier Orchester über den Konzert- gestaltung und rhythmische Prinzi- saal. Lichtshow und Musik waren pien wurden zum dominanten Ge- eher als Kontrast denn als Einheit staltungselement in den Werken von angelegt. Auch an der Gründung von Xenakis, der 1965 die französische Pierre Boulez' IRCAM-Institut in Staatsbürgerschaft annahm. Paris (1976) war Xenakis beteiligt. 1966: Forschungsinstitut 1966 grün- 1986: «Horos» In den 80er und 90er dete Xenakis in Paris das seit 1972 Jahren waren Farbwechsel von Ak- unter dem Namen «Centre d'Etudes korden, die sich über das ganze Hör- de Mathématique et Automatique spektrum erstrecken, vorherrschen- Musicales» bekannte Forschungsin- des Merkmal der Orchestermusik stitut. Dort wurde u. a. das Compu- von Xenakis. Beispielhaft dafür ist tersystem UPIC entwickelt, das gra- «Horos» (1986), wobei «Wachstums- fische Zeichen in musikalische Im- prozesse» des Klangs von Verer- pulse umsetzt. Wichtigstes Werk die- bungsregeln abgeleitet sind., Isang Yun ► Musik zwischen den (* 17.9.1917) Welten ◄ Der südkoreanische Komponist, seit 1971 deutscher Staatsbürger, bezieht sich in seinen Werken auf sein taoistisches Erbe und die rituelle chinesisch-korea- nische Hofmusik. Ostasiatische Klangvorstellungen formt Yun mit modernen westlichen Kompositionstechniken zu einer persönlichen Musiksprache. Yun wurde nahe der Hafenstadt sitorischer Freiheit in einer zufalls- Tongyong (heute Chungma) im japa- geleiteten postseriellen Musik. nisch besetzten Korea als Sohn eines Schriftstellers geboren und erhielt in 1966: «Réak» Ein Jahr nach seiner Korea und Japan eine westlich orien- ersten Oper «Der Traum des Liu tierte Musikausbildung: Von 1933 Tung» (1965) gelang Yun mit dem bis 1936 studierte er in Osaka Cello Stück «Réak» (1966) für großes Or- und Musiktheorie. Als Widerstands- chester bei den Donaueschinger Mu- kämpfer gegen die Fremdherrschaft siktagen der Durchbruch. Dem ko- der Japaner in Korea lebte er teils im reanischen Titel entsprechend – er Untergrund und kam des öfteren in bedeutet soviel wie rituelle, feier- Haft. 1946-56 lehrte Yun an korea- liche Musik – beginnt das Werk wie nischen Oberschulen und Universi- eine Hofmusik mit großem Schlag- täten. Sein von Bêla Bartok, Claude zeugeinsatz. Neues Instrument im Debussy und Richard Strauss beein- Orchester war die Mehrschlagpeit- flußtes Frühwerk gilt als verschollen. sche Bak. Den Klang anderer asiati- scher Instrumente wie der Mundor- 1956-59: Musikstudium in Europa gel Sheng bildete Yun im Holzblä- 1956 ging Yun an das Pariser Konser- sersatz nach. vatorium und wechselte 1957 nach «Réak» gehört wie «Fluktuationen» Berlin, um Anschluß an die europäi- (1964) zu den sog. Klangkompositio- sche Avantgarde zu finden. Dort nen Yuns. Aus einem Hauptton wird wurde er von Boris Blacher, Rein- akkordisch ein Hauptklang gebildet hard Schwarz-Schilling und dem und zur Klangfläche aufgefächert. Schönberg-Schüler Josef Rufer un- Hinter dieser Technik steht die asia- terrichtet. Ein Jahr später besuchte tische Vorstellung eines musikali- Yun erstmals die Kranichsteiner Fe- schen Stroms, der aus sich selbst rienkurse für Neue Musik und er- kommt und scheinbar immer gleich lebte den aufkeimenden Widerstand bleibt. Dabei ist der einzelne Ton gegen das serielle Komponieren, das durch natürliche Vibration, aber durch Reihenstrukturen im vorhinein auch durch gezielte Verzierungen, festgelegt ist. «Revolutionäre» wie Vorschläge, Schwebungen, Glissandi Pierre Boulez und John Cage und Dynamikverläufe zahlreichen forderten ein Höchstmaß an kompo- Wandlungen unterworfen., 1967: Entführung aus Deutschland Wegen seines Eintretens für die De- mokratisierung Südkoreas und die Vereinigung der geteilten Heimat wurde Yun 1967 zusammen mit sei- ner Frau Soo Ya (zwei Kinder) und weiteren Landsleuten vom süd- koreanischen Geheimdienst nach Seoul verschleppt, der Agententätig- keit für Nordkorea angeklagt, zu le- benslanger Freiheitsstrafe verurteilt, inhaftiert und gefoltert. Nach inter- nationalen Protesten kam er zwei Jahre später frei und kehrte nach Deutschland zurück. In der Folge komponierte er mehrere Isang Yun mit seiner Frau, 1969 Opern (u.a. «Geliebte Füchsin», 1970; «Geisterliebe», 1971). Von einzufordern. In seinem Orchester- 1970 bis zu seiner Emeritierung 1985 stück «Exemplum in memoriam unterrichtete Yun als Komposi- Kwangju» (1981) wählte der Kompo- tionslehrer an der Berliner Hoch- nist den blutig niedergeschlagenen schule der Künste. Über seine Ent- südkoreanischen Volksaufstand von führungserfahrungen äußerte er sich 1980 zum Thema. u.a. in einem Gespräch mit der Schriftstellerin Luise Rinser («Der 1982-87: Fünf Sinfonien In den 80er verwundete Drache», 1977). Jahren widmete sich Yun den großen Gattungen abendländischer Instru- Ab 1975: Politische Kompositionen mentalmusik. Es entstand ein Zyklus Yun begreift Musik als Teil eines Le- aus fünf großen Sinfonien, die sich benszusammenhangs, bezieht also zwar in Besetzung und formaler An- auch Politisches mit ein. Beispielhaft lage unterscheiden, jedoch wie- hierfür sind seine Werke seit Mitte derum eine politische Botschaft ver- der 70er Jahre. Im Cellokonzert von künden. Die Sinfonien sind vor 1976 stellte Yun Individuum (Soloin- selbstgemachten Katastrophen war- strument) und Außenwelt (Orche- nende, zum Frieden aufrufende ster) gegenüber und durchlebte so «Klangreden» an die Menschheit. ein zweites Mal seine Vergangenheit Mit einer ähnlichen Thematik be- mit dem Trauma der Gefangen- schäftigen sich Yuns Kammersinfo- schaft. In dem Doppelkonzert für nien (1988/89), von denen die zweite Oboe, Harfe und kleines Orchester den Untertitel «Den Opfern der (1977) verwendete Yun das koreani- Freiheit» erhielt. Anfang der 90er sche Märchen vom Liebespaar, das Jahre legte Yun ein Konzert für durch einen König getrennt wurde, Oboe und Orchester (1991) und sein als außermusikalisches Programm, «Konzert Nr. 3» (1992) für Violine um die Wiedervereinigung Koreas und kleines Orchester vor., Alexander von Zemlinsky ► Mittler zwischen Spätroman (14.10.1871-15.3.1942) tik und Wiener Schule ◄ Der österreichische Komponist und Dirigent wurde zunächst durch klang- reiche Opern bekannt. In den 20er Jahren blieb Zemlinsky hinter der Avant- garde zurück, weil er zwar in Grenzbereiche der Tonalität vorstieß, sie aber nicht gänzlich preisgeben wollte. Er machte sich als Kompositionslehrer u. a. von Erich Wolfgang Korngold und Arnold Schönberg einen Namen. Zemlinsky wurde als Sohn polnisch- Zemlinsky als Dirigent bekannt. stämmiger Eltern in Wien geboren. 1899 trat er in Wien als Kapellmei- Mit 13 Jahren begann er ein Klavier- ster am Carltheater an, ab 1906 diri- studium am Konservatorium seiner gierte er an der Volksoper, ein Jahr Heimatstadt. Dort erhielt er ab 1889 später durch Vermittlung Mahlers u. a. Kompositionsunterricht bei Jo- auch an der Hofoper. 1911 gab er den hann Nepomuk Fuchs. Das Studium Kapellmeisterposten an der Volks- schloß Zemlinsky 1892 mit dem er- oper ab und ging in gleicher Position sten Satz einer d-Moll-Sinfonie ab. an das Deutsche Landestheater in In der Folgezeit wurde er von Kom- Prag (bis 1927). Dort wurde er zum ponisten wie Johannes Brahms und bedeutenden Interpreten zeitgenös- Gustav Mahler gefördert. sischer Musik – von Werken Mahlers und Richard Strauss' bis hin 1895: Operndebüt mit «Sarema» Als zu Kompositionen Schönbergs. 1910 Mitglied des Wiener Tonkünstler- vollendete er seine Oper «Kleider vereins erregte Zemlinsky ab 1893 machen Leute» nach einer Vorlage Aufsehen mit Kammermusikwerken, von Gottfried Keller. Ein Jahr später die an Arbeiten von Brahms folgte das viersätzige 2. orientiert waren, z.B. dem Trio für Streichquartett, das als Klarinette, Cello und Klavier in d- kammermusikalisches Hauptwerk Moll sowie dem 1. Streichquartett in Zemlinskys gilt. A-Dur (beide 1896). Seine erste von insgesamt sieben Opern vollendete 1913: «Sechs Maeterlinck-Lieder» Zemlinsky 1895: «Sarema» geht auf Die unter dem Einfluß des chromati- ein dramatisches Gedicht von Rudolf schen Stils in Richard Wagners «Tri- Gottschall zurück. Im folgenden Jahr stan und Isolde» entstandenen lernte er seinen späteren engen «Sechs Gesänge nach Texten von Freund Schönberg kennen, der Zem- Maurice Maeterlinck» leiteten 1913 linsky zudem als seinen besten Kom- die Hinwendung Zemlinskys zur Vo- positionslehrer ansah. kalmusik ein. Zugleich kommt in diesem Werk ein Hauptthema seines Ab 1899: Dirigentenlaufbahn Den Schaffens zum Ausdruck: das Ver- meisten seiner Zeitgenossen war hältnis zwischen Kunst und Leben sowie die Spannung zwischen dem, Wunsch, zeitgemäß zu komponieren und zugleich seine zunehmende per- sönliche Isolation auszudrücken. 1917/22: Einakter nach Oscar Wilde Sein Interesse für die Auseinander- setzung zwischen Künstler und Ge- sellschaft zeigte Zemlinsky auch mit der Vertonung von zwei Einaktern Oscar Wildes: «Eine florentinische Tragödie» (1917) und «Der Geburts- tag der Infantin» (1922; bei Zem- linsky: «Der Zwerg»). Die Partituren zeichnen sich durch erweiterte Tonalität sowie instrumentalen und harmonischen Farbenreichtum aus. Alban Berg lobte darüber hinaus die «süße und überströmende Melodik» im «Zwerg». Trotz der Nähe zu «Sa- lome» stand Zemlinsky in beiden Stücken Mahler näher als Strauss. Alexander von Zemlinsky, 1930 Nach mehreren Produktionen in den 20er Jahren verschwanden die Wer- 1933: «Der Kreidekreis» 1927-30 ke von den Spielplänen, ehe sie in war Zemlinsky neben Otto Klempe- Kiel (1977) und Hamburg (1981) wie- rer als Dirigent an der Berliner deraufgeführt wurden. Krolloper tätig, bis 1933 zusätzlich als Lehrer an der Musikhochschule. 1923: «Lyrische Sinfonie» Nach dem Mit der abendfüllenden Oper «Der Vorbild von Mahlers «Lied der Kreidekreis» (1933) nach einem chi- Erde» entstand 1923 die «Lyrische nesischen Singspiel in der Nachdich- Sinfonie», sieben Gesänge für So- tung von Klabund erlebte der Kom- pran, Bariton und Orchester nach ponist im Herbst 1933 in Zürich ei- Gedichten von Rabmdranäth Ta- nen letzten Triumph. Der märchen- gore. Wie in den «Maeterlinck-Ge- haften Handlung vom Aufstieg des sängen» ist die Situation des Künst- Teehausmädchens Haitang zur chi- lers in der Welt das Thema. Die ab- nesischen Kaiserin gab er asiatisches wechselnd von Bariton und Sopran Kolorit, orientierte sich aber auch vorgetragenen Lieder sind durch Or- am Songstil eines Hanns Eisler oder chesterzwischenspiele und Leitmo- Kurt Weill. Noch 1933 emigrierte tive miteinander verbunden. In sei- Zemlinsky, der jüdischen Glaubens ner «Lyrischen Suite» (1926) für war, nach Wien und von dort 1938/39 Streichquartett, die Zemlinsky ge- über Prag in die USA. 1942 starb er, widmet ist, bezog sich Berg im Titel verarmt und vereinsamt, mit 70 Jah- und in einem expliziten Zitat auf ren nach langer Herzkrankheit in diese Komposition. Larchmont bei New York., Bernd Alois Zimmermann ► Früher Nachkriegs- (20.3.1918-10.8.1970) Avantgardist ◄ Der deutsche Komponist wurde 1965 durch seine Oper «Die Soldaten» inter- national bekannt. Darin verwirklichte Zimmermann die von ihm theoretisch reflektierte «Kugelgestalt» der Zeit durch einen Stil-Pluralismus sowie si- multan eingesetzte Musik, Sprache und szenische Darstellung. Zimmermann wurde als viertes Kind mermann die für sein Werk wesentli- eines Reichsbahnbeamten in Blies- che Philosophie. Sie geht von einer heim/Eifel geboren und erhielt eine «Kugelgestalt» der Zeit aus, in der vom Katholizismus geprägte Erzie- Vergangenheit, Gegenwart und Zu- hung. Nach einem Studium der Ger- kunft zusammenfallen. Um sein ab- manistik und Philosophie belegte er straktes Gedankengebäude in Musik 1939-47 Schulmusik und Komposi- umzusetzen, bediente sich der Kom- tion in Köln und Berlin bei dem ka- ponist der Mittel des Zitats und der – tholischen Kirchenmusiker Heinrich aus Werken der bildenden Kunst ab- Lemacher sowie dem Busoni-Schü- geleiteten – Collage. Elemente aus ler Philipp Jarnach. 1948-50 besuch- unterschiedlichen Musikepochen te Zimmermann die Kompositions- und –stilarten, in den Partituren je- kurse von Wolfgang Fortner und Re- weils genau kenntlich gemacht, sind né Leibowitz bei den Kranichsteiner in die musikalischen Reihenstruktu- Ferienkursen für Neue Musik. ren integriert. Wenn mehrere dieser Zitate gleichzeitig erklingen, ist die 1950: Violinkonzert Nach dem 2. Vergänglichkeit der Zeit quasi aufge- Weltkrieg begann Zimmermann als hoben. Ein frühes Beispiel für diese freier Komponist für Rundfunk- Technik ist Zimmermanns Bühnen- anstalten zu arbeiten, schrieb Hör- musik zu «Sam Egos Haus» (1953), spiel-, Schauspiel- und Filmmusiken. in dem er das Klavierkonzert von Als eines seiner ersten nach der Robert Schumann zitierte und mit Zwölftontechnik verfaßten Stücke einem Titel von Duke Ellington so- entstand 1950 ein Violinkonzert. wie einer Schlagzeugmontage über- Darin versuchte Zimmermann, an lagerte. 1957 wurde Zimmermann die 1933 durch die Nazis unterbro- Professor für Komposition an der chene Musikentwicklung anzuknüp- Kölner Musikhochschule, wo er zu- fen. Seine erste serielle Komposition dem ein Seminar für Bühnen-, Film- ohne neoklassizistische Bezüge ist und Hörspielmusik leitete. das zweiteilige Opus «Perspektiven» (1955/56) für zwei Klaviere. 1965: «Die Soldaten» Zimmer- manns bekanntestes Werk hatte 1965 50er Jahre: Zeitphilosophie Wäh- an der Kölner Oper Premiere: «Die rend der 50er Jahre entwickelte Zim- Soldaten» gelten als wichtigste deut-, sehe Oper seit Alban Bergs «Woz- zeck» und als ein Schlüsselwerk des modernen Musiktheaters. Zimmer- mann griff auf das gleichnamige Schauspiel von Jakob Michael Rein- hold Lenz von 1776 zurück. Tragen- des Strukturprinzip der Oper ist ein organisiertes, gleichzeitiges Neben- einander heterogener Elemente in Musik, Sprache und Szene. So spielt das Stück gleichzeitig auf mehreren Bühnen und zu unterschiedlichen Epochen. Die Vielfalt der musikali- schen Mittel und Klangformen ist aus einer einzigen Zwölftonreihe ab- geleitet. Als idealen Aufführungsort stellte sich Zimmermann einen «om- nimobilen Raum» von kugelförmiger Bernd Alois Zimmermann, 1957 Gestalt vor, in dem das Publikum sich frei bewegen und die szenisch- und Tonband. Die Musiker verteilen optischen und musikalisch-akusti- sich im Raum und machen die Zuhö- schen Reize aus allen Richtungen rer zum Zentrum einer «Klang- wahrnehmen kann. kugel». In «Photoptosis» (1969) ver- suchte er, verschiedene Lichtgrade 1966: «Roi Ubu» Während Zimmer- musikalisch auszudrücken. mann auch bei Instrumentalwerken szenische Vorstellungen hatte und 1970: «Stille und Umkehr» In den ihnen z. B. den Untertitel «Musik zu Orchesterskizzen «Stille und Um- einem imaginären Ballett» gab, kehr» (1970) setzte er seine kompri- komponierte er die «Musique pour mierte Schreibweise fort: Von den 42 les soupers du roi Ubu» (1966) aus- beteiligten Instrumenten spielen nie drücklich als Ballettmusik. Thema mehr als fünf zur gleichen Zeit. Die des Stücks sind die Zustände in ei- kompositorische Vielfalt früherer nem imaginären, autoritär regierten Orchesterwerke wird auf ständiges Staat. Zimmermann schrieb dazu Umkreisen eines Tones reduziert. eine Suite historischer Tänze, ver- Sein letztes Werk, «Ich wandte mich fremdet durch übereinanderge- und sah an alles Unrecht, das ge- schichtete Zitate von Johann Seba- schah unter der Sonne» (1970) für stian Bach bis zu Zeitgenossen wie zwei Sprecher, Baß und Orchester, Boris Blacher und Fortner. Eine ließ Zimmermann – angelehnt an letzte Steigerung erfuhr seine Bergs Violinkonzert – mit einem Zi- Collage-Technik in dem «Requiem tat von Bachs Choral «Es ist genug» für einen jungen Dichter» (1969) für enden. Kurz darauf nahm sich der Sprecher, Sopran, Bariton, drei Chö- depressive Zimmermann 52jährig in re, Orchester, Jazz-Ensemble, Orgel Großkönigsdorf bei Köln das Leben., Udo Zimmermann ► Friedensbotschafter (* 6.10.1943) der Neuen Musik ◄ Der ostdeutsche Komponist vertritt eine Ästhetik des neoromantischen Empfindungstheaters, mit der er das Publikum emotional bewegen will. Wie- derkehrendes Motiv der Arbeiten Zimmermanns ist die Auseinandersetzung mit menschlichen Verhaltensweisen in Grenzsituationen. Der in Dresden geborene Zimmer- Vorliebe für prägnante Themen- mann entstammt einem protestanti- köpfe und Fugentechniken. schen Elternhaus. In seiner Heimat- stadt war er 1954-62 Mitglied des 1973: «Levins Mühle» 1970 heiratete Kreuzchores unter Rudolf Mauers- er seine polnische Freundin Elzbieta berger, der in dem Jungen die Liebe (zwei Kinder) und kehrte als Drama- zur Vokalmusik und zu Werken Jo- turg für zeitgenössisches Musikthea- hann Sebastian Bachs weckte. Ab ter der Semperoper in seine Heimat- 1962 schloß sich ein Kompositions-, stadt zurück. Vier Jahre später grün- Dirigier- und Gesangsstudium an, dete Zimmermann das Studio Neue zunächst bei Johannes Paul Thil- Musik, aus dem 1986 das Dresdner mann an der Dresdner Musikhoch- Zentrum für zeitgenössische Musik schule, ab 1968 als Meisterschüler hervorging. Während der 70er Jahre von Günter Kochan an der Akade- avancierte Zimmermann außerdem mie der Künste in Ostberlin. Mitte zum Hauskomponisten der Dresdner der 60er Jahre entstanden die ersten Oper. Seinen Durchbruch als Orchesterwerke Zimmermanns, u. a. Opernkomponist schaffte er 1973 «Dramatische Impression auf den mit dem Werk «Levins Mühle», das Tod von J.F. Kennedy» (1963) für zwei Jahre nach der Dresdner Pre- Violoncello und Orchester. miere auch den Weg in den Westen (Wuppertal) fand. Das Stück nach 1968: «Musik für Streicher» Nach- Johannes Bobrowski um die Pro- dem sich Zimmermann mit Partitu- bleme einer jüdischen Minderheit ren der polnischen Komponisten Wi- stellt die Zerstörung einer Mühle told Lutoslawski und Krzysztof Pen- und die Folgen dar. Kennzeichnend derecki beschäftigt hatte, schrieb er für den Opernstil Zimmermanns ist die «Musik für Streicher» (1968) – ein klar bestimmbarer Bedeutungs- sein erstes Werk, in dem er sich mit gehalt durch fast klassisches «Verto- Zwölftontechnik, serieller Musik nen» eines Textes. Avantgardistische und Aleatorik (Zufallsmusik) aus- Experimente lehnt er ab, seine Mu- einandersetzte. Der kompositorische sik ist auf Breitenwirkung angelegt. Bezug zu Bach blieb als Konstante seines Schaffens erhalten. Sie ist 1978: «Sinfonia corne un grande la- beispielsweise abzulesen an einer mento» 1974 schuf Zimmermann das, Vokalwerk «Ode an das Leben» (nach Pablo Neruda). «Sinfonia corne un grande lamento» zeigte 1978, daß auch seine Instrumental- werke einen klaren Bedeutungsge- halt aufweisen. Die Federico Garcia Lorca gewidmete Arbeit drückt Trauer, Klage und Aufbegehren aus. Im Mittelteil wird der Eingangschor aus der Matthäus-Passion von Bach («Kommt ihr Töchter, helft mir kla- gen») zitiert. Stimmen überlagern sich, Klang schlägt in Geräusch um. 1986: «Weiße Rose» Mit der Kam- meroper «Weiße Rose» zog Zim- mermann 1986 das Fazit seines kom- Udo Zimmermann (rechts) mit George positorischen Schaffens. Zugleich Tabori vor der Leipziger Oper, 1992 schloß sich ein Kreis: Bereits 1967 hatte er sich in seiner ersten Oper jugendlichen Widerstandskämpfer «Die weiße Rose» mit dem Schicksal gegen das NS-Regime in ihrer To- der Geschwister Scholl befaßt, da- desstunde. Der Komponist, inzwi- mals jedoch in naturalistisch-realisti- schen oft im Westen tätig, führte die scher Manier. 18 Jahre später schuf er neue «Weiße Rose» an der Ham- ein psychologisches Stenogramm der burgischen Staatsoper auf. Die Pro- duktion am Opernhaus in Bonn, wo

Zimmermann 1985-90 die Werk-Weitere Literaturopern Zimmermanns stattbühne für zeitgenössisches Mu-

1970 Die zweite Entscheidung: Ein siktheater leitete, dirigierte er selbst. Wissenschaftler will seine For- schungsresultate nicht der so- Ab 1990: Opernchefin Leipzig Eine zialistischen Partei überlassen. Zäsur im Leben Zimmermanns war 1977 Der Schuhu und die fliegende im März 1990 der Wechsel als Inten- Prinzessin: Nach einem Schau- dant zur Oper Leipzig, da nun das ei- spiel von Peter Hacks; groteske gene kompositorische Schaffen in Märchenoper über gesellschaftliche den Hintergrund trat. Ein besonderer Strukturen. Erfolg im neuen Amt gelang ihm 1982 Die wundersame Schustersfrau: 1993 anläßlich der Festwochen zum Nach Garcia Lorca; thematisiert 300jährigen Bestehen der Leipziger den Widerstreit zwischen Wirk-

Oper: Die sächsische Stadt erlebte lichkeit und Ideal.

1991 Die Sündflut: die Premieren der Opern «Dienstag Nach einem Drama von Ernst Barlach; uni- aus Licht» von Karlheinz Stockhau- versale Oper über Schöpfung, sen, die erste Premiere eines Stock- Sintflut und Tod. hausen-Stücks in Deutschland, und «Nachtwache» von Jörg Herchet., Register Das Register nennt alle im Buch genannten relevanten Perso- nen. Die halbfetten Seitenzahlen verweisen auf Komponisten mit eigenem Artikel. Adenauer, Konrad 13 102, 124, 187, 198 Adler, Guido 190 Bartos, Frantisek 84 Adorno, Theodor W. 51, 98 Becher, Johannes R. 43, 51 Aharoniân, Coriün 187 Bechstein, Ludwig 104 Aischylos 197 Becker, Albert 164 Albéniz, Isaac 54 Beckett, Samuel 59, 61 Albert, Charles Louis Napoléon 6 Bédier, Joseph 108 Albert, Eugen d' 6 Beethoven, Ludwig van 6, 31, Alfani, Franco 137 54, 83, 142, 143, 180, 194 Allen, Hugh Percy 188 Bekker, Paul 94 Altenberg, Peter 15 Belajew, Mitrofan 66, 166 Andersen, Hans Christian 47 Bellini, Vincenzo 54 Anderson, Maxwell 193 Benjamin, Arthur 24 Annunzio, Gabriele d' 41 Benn, Gottfried 75 Antheil, George 8 Berberian, Cathy 16 Apollinaire, Guillaume 133 Berdjajew, Nikolai 69 Aragon, Louis 8 Berg, Alban 14, 23, 24, 36, 132, Arenski, Antoni 138 146, 150, 158, 162, 191, 201, Artaud, Antonin 151 203 Artjomow, Wjatscheslaw 69 Berio, Luciano 16, 144 Ashton, Frederick 188 Berlin, Irving 62, 130 Astaire, Fred 63, 130 Berlioz, Hector 170 Auden, Wystan Hugh 19, 24 Bernac, Pierre 132 Auric, Georges 78, 132, 153, 176 Bernstein, Leonard 18, 23. 35, Bach, Johann Sebastian 6, 26, 39, Blacher, Boris 20, 48, 88, 146, 53, 60, 69, 87, 120, 122, 142, 143, 198, 203 157, 186, 187, 194, 203, 204, 205 Blech, Leo 7 Bachmann, Ingeborg 73, 180 Bloch, Ernest 8 Balakirew, Mili 66 Bobrowski, Johannes 204 Balzac, Honoré de 89 Böcklin, Arnold 138 Barber, Samuel 10 Böll, Heinrich 73 Barlach, Ernst 205 Borodin, Alexander 32, 66 Bartök, Bêla 12, 26, 54, 90, 98, Böse, Hans-Jürgen von 181, Bossi, Marco Enrico 106 Cocteau, Jean 65, 78, 79, 114, Botticelli, Sandro 149 133, 153, 172, 176 Boulanger, Nadia 34, 57, 64 Copland, Aaron 18, 34 Boulez, Pierre 17 22, 99, 113, 154, Cowell, Henry 83 180, 197, 198 Crosby, Bing 130 Brahms, Johannes 26, 74, 87, 99, Cummings, E.E. 23, 77 116, 142, 194, 200 Cunningham, Merce 28 Brecht, Bertolt 9, 42, 43, 48, 50, 51, 121, 192, 193 Dahl, Nikolai 138 Breton, André 8 Dallapiccola, Luigi 16, 36 Bridge, Frank 24 David, Johann Nepomuk 38 Britten, Benjamin 24, 178, 184 Debussy, Claude 12, 40, 54, Brown, Earle 58 114, 132, 140, 152, 162, 174, Bruch, Max 106, 148, 184 198 Bruckner, Anton 104, 157, 164 Dehmel, Richard 158 Büchner, Georg 15, 43, 48, 120, Delbos, Ciaire 112 150 Delville, Jean 167 Bülow, Hans von 170 Dessau, Paul 42 Burrows, Abe 131 Diaghilew, Sergej 41, 55, 134, Busoni, Ferdinando 26 141, 153, 172 Busoni, Ferruccio 26, 36, 129, 182, Dickinson, Emily 35 202 Disney, Walt 42 Distler, Hugo 44 Cage, John 28, 58, 103, 118, 155, Dixon, Henry 28 169, 197, 198 Doflein, Erich 154 Calderön, Pedro 47 Donato, Vincenzo di 148 Capek, Karel 85 Donizetti, Gaetano 54 Casella, Alfredo 30, 106 Dorst, Tankred 181 Celan, Paul 146 Dostojewski, Fjodor 20, 88, 134 Cerha, Friedrich 15 Dukas, Paul 54, 57 Cervantes, Miguel de 54, 81 Dumas, Alexandre 56 Chaplin, Charlie 177 Durey, Louis 78, 153, 176 Chatschaturjan, Aram Iljitsch 32, Dürrenmatt, Friedrich 49 135 Dvorak, Antonfn 96 Chéreau, Patrice 23 Chopin, Frédéric 54, 55, 138, 166 Egk, Werner 21, 46 Chrennikow, Tichon 135 Eichendorff, Joseph von 129, Churchill, Winston 189 146, 147, 171 Claudel, Paul 79, 114, 115, 177 Einem, Gottfried von 48 Clementi, Muzio 153 Eisenstein, Sergej 135, Eisler, Hanns 50, 201 Giacosa, Giuseppe 137 Eisler, Rudolf 50 Gide, André 114, 173 Elgar, Edward 52, 184, 189 Giraud, Albert 158 Eliot, T. S. 8, 101 Giraudoux, Jean 71 Elisabeth II, Königin 188, 189 Giulini, Carlo Maria 16 Eller, Heino 122 Glass, Philip 64 Ellington, Duke 202 Glasunow, Alexander Konstan- Éluard, Paul 133 tinowitsch 66, 160, 166 Enzensberger, Hans Magnus 73 Goethe, Johann Wolfgang von Eybl, Bertha Maria 38 128, 181 Gogol, Nikolai 47, 85, 160 Falla, Manuel de 54, 140 Goldoni, Carlo 195 Farkas, Ferenc 98 Goll, Yvan 147 Faßbinder, Rainer Werner 77 Goodman, Benny 33 Fauré, Gabriel 30, 40, 56, 80, 140 Gottschall, Rudolf 200 Feldman, Morton 58 Grabbe, George 24 Fink, Hermine 7 Grabner, Hermann 44, 60 Fischer-Dieskau, Dietrich 146 Graham, Martha 11, 35 Fiteiberg, Grzegorz 174 Grass, Günter 89, 146, 147 Fortner, Wolfgang 60, 72, 88, 150, Grieg, Edvard 98, 164 181, 202, 203 Grimm, Jacob und Wilhelm 46 Fuchs, Johann Nepomuk 200 Grimmeishausen, Johann Fuchs, Robert 92, 162, 164 Jacob von 70 Furtwängler, Wilhelm 48, 75, 91, Grünewald, Matthias 75 120 Gubaidulina, Sofia 68 Guimera, Angel 7 Gandhi, Mahatma 65 Günther, Dorothée 120 Garcia Lorca, Federico 61, 86, 205 Guston, Philip 58 Garnett, David 101 Gautier, Théodore 54 Haas, Joseph 70 Gay, John 192 Hacks, Peter 205 Gayer, Cathrin 146 Halffter, Ernesto 55 Gédalge, André 80, 140 Händel, Georg Friedrich 189 Genet, Jean 77 Hart, Moss 193 Georg V, König 53 Hartmann, Karl Amadeus 70 Georg VI., König 53, 188, 189 Hauptmann, Gerhart 125 George, Stefan 158 Haydn, Joseph 87, 116, 126, Gershwin, George 62 134 Gershwin, Ira 62, 193 Heifetz, Jascha 188 Ghedini, Federico 16 Hemingway, Ernest 8, Henneberg, Claus H. 181 Johnson, James Weldon 61 Henze, Hans Werner 72, 77, 88 Jolivet, André 112 Herchet, Jörg 205 Jone, Hildegard 191 Herzog, Gerty 21 Joyce, James 8, 11, 29 Heuss, Alfred 163 Heym, Georg 180 Kafka, Franz 49, 72, 147, 155, Heyward, DuBose 63 181 Hildesheimer, Wolfgang 72 Kagel, Mauricio 86 Hindemith, Paul 48. 74, 95, 188, Kalkbrenner, Friedrich Wilhelm 189 6 Hoffmann, E. T. A. 27 Kandinsky, Wassily 157 Hofmannsthal, Hugo von 171, 182 Karl, Elisabeth 46 Hölderlin, Friedrich 16 Katajewa, Irina 156 Hölderlin, Friedrich 146 Kaye, Danny 131 Hölszky, Adriana 76 Kazan, Elia 19 Hölszky-Wiedemann, Monika 76 Kazantzakis, Nikos 111 Homer 179 Keller, Gottfried 200 Homer, Louise 10 Kelly, Gene 81 Honegger, Arthur 22, 78, 126. Kepler, Johannes 75 153, 176 Kern, Jerome 62 Hope, Bob 131 Kiefer, Heinrich 128 Horvâth, Ödön von 89 Kilian, Clara 194 Humperdinck, Engelbert 192 Klabund 201 Klebe, Giselher 88 Ibert, Jacques 80 Klee, Paul 88 Ibsen, Henrik 46, 128, 157 Kleist, Heinrich von 47, 73, 89 Illica, Luigi 137 Klemperer, Otto 201 Ingrisch, Lotte 49 Knorr, Iwan 128 Ireland, John 24 Koch, Friedrich Ernst 20 Isaak, Heinrich 190 Kochan, Günter 204 Ives, Charles 18, 82 Kochanski, Pawel 174 Kodaly, Zoltan 12, 90, 98 Jacques-Dalcroze, Emile 108 Koechlin, Charles 132 Jahnn, Hans-Henny 181 Koessler, Hans 90 James, Henry 25 Kokoschka, Oskar 74, 94 Jammes, Francis 115 Korngold, Erich Wolfgang 92, Janâcek, Leos 54, 84 200 Jarnach, Philipp 27, 202 Korngold, Julius 92 Jerofejew, Wiktor 157 Krasselt, Rudolf 192 Johannes Paul II. 125 Kremer, Gidon 69, Kussewitzki, Sergej 18, 34 200. 201 Kwast, James 128 Mahler-Schindler, Alma 105 Kfenek, Ernst 94, 154, 163 Makarowa, Nina 32 Malawski, Artur 124 La Fontaine, Jean de 133 Malcolm X 119 Landowska, Wanda 55, 132 Malipiero, Francesco 106 Lauber, Joseph 108 Malipiero, Gian Francesco 30, Le Corbusier 183, 196 106, 118 Lefeld, Jerzy 102 Malipiero, Luigi 106 Léger, Fernand 8 Maliszewski, Witold 102 Lehar, Franz 96 Mallarmé, Stéphane 23, 40, 41 Lehar, Franz sen. 96 Mann, Thomas 25, 129 Leibowitz, René 22, 42, 72. 126, Mark Twain 193 202 Martin, Frank 108 Lemacher, Heinrich 202 Martinû, Bohuslav 110 Lenya, Lotte 193 Martucci, Giuseppe 148 Lenz, Jakob Michael Reinhold 203 Maskowski, Nikola 33 Leroux, Gaston 101 Mauersberger, Rudolf 204 Leroux, Xavier 114 Maupassant, Guy de 25 Lessing, Doris 65 Melville, Herman 25 Liebermann, Rolf 87 Mendelssohn, Felix 194 Lifar, Serge 175 Menotti, Gian Carlo 10, 11 Ligeti, György 98, 180 Messiaen, Olivier 22.112, 168, Lindbergh, Charles 110 196 Lindner, Adalbert 142 Messiaen, Pierre 112 Liszt, Franz 6, 12, 26, 66, 138, Metzger, Heinz-Klaus 154 166, 170, 194 Michelangelo 76 Lloyd Webber, Andrew 100 Milhaud, Darius 78, 81, 114, Loriod, Yvonne 113 132, 144, 153, 176 Lortzing, Albert 195 Milton, John 125 Lubitsch, Ernst 131 Mishima, Yukio 73 Lutoslawski, Witold 102, 174, 204 Molière 109, 195 Lynne, Gillian 101 Montealegre, Felicia 19 Monteux, Pierre 177 Maderna, Bruno 16, 118.183 Monteverdi, Claudio 37, 106, Maendler, Karl 120 107, 120, 148 Maeterlinck, Maurice 41, 57 Morris, R. O. 178 Maeyer, Franz W 170 Motte, Diether de la 180 Mahler, Gustav 14, 17, 19, 30, 92, Mozart, Wolfgang Amadeus 26, 94, 104.128, 150, 157, 162, 190, 31, 36, 104, 116, Mussolini, Benito 31 Perön, Evita 100 Mussorgski, Modest 40, 141 Petipa, Marius 67 Muybridge, Eadweard 65 Pettersson, Allan 126, 180 Pfitzner, Hans 27, 128, 195 Nancarrow, Conlon 99 Piatigorsky, Gregor 188 Neruda, Pablo 11, 127, 205 Picasso, Pablo 55, 153.172 Nestroy, Johann Nepomuk 49 Pirandello, Luigi 31, 181 Neumeier, John 157 Pizzetti, Ildebrando 106 Neveux, Georges 111 Plath, Sylvia 147 Nielsen, Carl August 116 Plato 153 Nietzsche, Friedrich 150, 170 Poe, Edgar Allan 138 Nikisch, Arthur 148 Pollock, Jackson 58 Nono, Luigi 99.118, 124, 154, 156, Ponchielli, Amilcare 136 183, 187 Porter, Cole 130 Nordenström, Gladys 94 Poulenc, Francis 78, 81, 132, Noskowski, Zygmunt 174 153, 176 Nurejew, Rudolf 67 Pound, Ezra 8 Pratella, Balilla 182 Obey, André 25 Prokofjew, Sergej 33, 134 Ockeghem, Johannes 95 Puccini, Giacomo 136 Olivieri Sangiacomo, Elsa 149 Purcell, Henry 24 Orff, Carl 46, 120 Rachmaninow, Sergej 66.138 Padua Chavez, Carlos Antonio de Rakha, Alia 64 187 Ramin, Günther 44 Palestrina, Giovanni Pierluigi da Rausch, Otto 146 128 Ravel, Maurice 30, 54, 57, 81, Parker, Horatio 83 140, 174, 176, 184 Parry, Hubert 184 Reger, Max 74, 142, 174 Part, Arvo 122 Reggio, Godfrey 65 Pauer, Ernst 6 Reich, Steve 144 Pavese, Cesare 146 Reimann, Aribert 146, 181 Paz, Octavio 151 Reinecke, Carl 26 Pears, Peter 24, 25 Reiner, Fritz 10 Pecker. Thalia 17 Reinhardt, Max 93 Pedrell, Felipe 54 Rembrandt 109 Penderecki, Krzysztof 124, 174, Respighi, Ottorino 106, 148 204 Revueltas, Silvestre 187 Pepping, Ernst 45, 146 Rheinberger, Joseph 194 Pergolesi, Giovanni Battista 172 Rice, Elmar 193, Rice, Tim 100 Schnittke, Alfred 156 Richter, Hans 6 Scholl, Hans und Sophie 205 Ricordi, Giulio 136, 137 Schönberg, Arnold 12, 14, 15, Riemann, Hugo 142 21, 22, 26, 27, 28, 36, 38, 42, Rihm, Wolfgang 127, 150, 181 50, 72, 95, 98, 108, 115, 118, Rilke, Rainer Maria 27, 74, 109, 122, 132, 134, 156, 158, 162, 146 173, 180, 190, 191, 198 Rimbaud, Arthur 150 Schostakowitsch, Dmitri 33. 68, Rimski-Korsakow, Nikolai 66, 139, 160 134, 148, 172 Schreker, Franz 94, 162 Rinser, Luise 121, 199 Schubert, Franz 17, 67 Robbins, Jerome 18, 19 Schuch, Ernst von 7 Rogers, Ginger 63, 130 Schumann, Robert 194, 202 Rosa-Herseni, Hertha 76 Schütz, Heinrich 39 Rosen, Max 62 Schwarz-Schilling, Reinhard Rossi, Mario 148 198 Rossini, Gioacchino 54, 148 Schwarzkopf, Elisabeth 189 Roussel, Albert 81, 110 Searle, Humphrey 150 Ruber, Charlotte 156 Sessions, Roger 34 Rubinstein, Artur 174 Shakespeare, William 25, 89, Rubinstein, Ida 141 109, 121, 131, 147, 164, 170, Rufer, Josef 88, 198 189, 195 Ruzicka, Peter 127 Shankar, Ravi 64 Sibelius, Jean 26, 164, 189 Saint-Exupéry, Antoine de 37 Sidney, George 131 Saint-Saëns, Camille 56. 57 Sigogne, Emile 167 Sandrich, Mark 130 Sitwell, Edith 188 Sarti, Federico 148 Skrjabin, Alexander 66, 166 Satie, Erik 29, 78, 114, 132, 140, Slater, Montagu 24 152, 176 Slonimsky, Nicolas 83 Sauvage, Cécile 112 Smetana, Bedfich 85 Sax, Curt 120 Solscher, Alice 120 Scalero, Rosario 10 Sophokles 121 Scarlatti, Domenico 31 Stalin, Josef 33.135 Scherchen, Hermann 70, 118, 183, Stanford, Charles 184 196 Steinbeck, John 35 Schiller, Friedrich 49, 88 Steinecke, Wolfgang 60 Schiller, Lore 88 Sternberg, Constantin von 8 Schnabel, Arthur 92 Stockhausen, Karlheinz 150, Schnebel, Dieter 154, 183 168, 205, Storm, Theodor 15 Veite, Eugen Werner 150, 151 Stramm, August 150 Verdi, Giuseppe 136 Straube, Karl 60, 142 Veress, Sândor 98 Strauss, Richard 12, 14, 30, 52, Verlaine, Paul 56 92, 93, 98, 120, 149.158, 162, 170, Vidal, Paul 80 174, 190, 198, 200, 201 Villa-Lobos, Heitor 186 Strawinsky, Igor 8, 10, 22, 30, 38, Villon, François 72 41, 95, 106, 132, 134, 139, 172, Vines, Ricardo 132 174, 176, 178, 186, 189 Visconti, Luchino 73 Strindberg. August 146, 147 Vivaldi, Antonio 106, 107, 124 Suk, Josef 110 Voltaire 19 Sullivan, Arthur 6 Susiin, Wiktor 69 Wagner, Richard 6, 36, 40, 56, Swerew, Nikolai 138 93, 104, 170, 174, 194, 200 Swetajewa, Marina 69 Walesa, Lech 125 Szymanowski, Karol 174 Walter, Benno 170 Walter, Bruno 18, 48, 92, 129 Tabori, George 205 Walton, William 188 Tagore, Rabfndränath 201 Weber, Carl Maria von 173 Tailleferre, Germaine 78, 153, 176 Webern, Anton 14, 22, 58, 71, Tanejew, Sergej 138 122, 132, 146, 158, 190 Tauber, Richard 97 Wedekind, Frank 15 Thilmann, Johannes Paul 204 Wegelius, Martin 164 Thomson, Virgil 29 Weill, Kurt 27, 192, 201 Tippett, Michael 178 Welles, Orson 81 Tizian 116 Werf el, Franz 72, 89, 121, 147 Tolstoi, Lew 135 Whiteman, Paul 62 Torchi, Luigi 148 Whitman, Walt 71 Toscanini, Arturo 10, 11, 48, 91, Wilde, Oscar 61, 80, 170, 201 149 Wilder, Thornton 75 Trakl, Georg 180 Williams, William Carlos 145 Trojahn, Manfred 127, 180 Wilson, Robert 65 Trotzki, Leo 178 Windischgraetz, Alexandrine Tschaikowski, Peter 67, 164, 173 von 162 Wittgenstein, Paul 92, 141 Valéry, Paul 177 Wolf-Ferrari, Ermanno 194 Varèse, Edgar 154.182 Wölfli, Adolf 151 Vaughan Williams, Ralph 178, 184 Wolfurt, Kurt von 88 Vaurabourg, Andrée 22, 78 Wolpe, Stefan 58 Vég, Michael 90 Wood, Charles 184, Wyler, William 35 Xenakis, Iannis 196 Yeats, William Butler 9, 47 Yun, Isang 198 Zappa, Frank 183 Zemlinsky, Alexander von 92, 158, Zimmermann, Bernd Alois 122, Zimmermann, Udo 204 Zöller, Karlheinz 180 Zweig, Stefan 171]
15

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