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Der lang erwartete abschließende Band des mit dem JOHN W. CAMPBELL AWARD, dem HUGO GERNSBACK AWARD und dem NEBULA AWARD ausgezeichneten amerikanischen Autors der GÄA-TRILOGIE Der Satellit 06/3986 Der Magier 06/3987 Der Dämon 06/4313 Gäa ist das merkwürdigste Lebewesen im Sonnensy- stem: Selbst ein Satellit des Saturn in Form eines ge- waltigen Hohlrads, beherbergt sie in ihrem gewalti- gen Leib eine Vielzahl an seltsamen Lebensformen, die sie mit ihren schier grenzenlosen biotechnischen Möglichkeiten geschaffen hat. Oft sind dies Wesen, die nach aufgefangenen Fernsehsendungen von der Erde ents...
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Der lang erwartete abschließende Band des mit dem JOHN W. CAMPBELL AWARD, dem HUGO GERNSBACK AWARD und dem NEBULA AWARD ausgezeichneten amerikanischen Autors der

GÄA-TRILOGIE

Der Satellit 06/3986 Der Magier 06/3987 Der Dämon 06/4313 Gäa ist das merkwürdigste Lebewesen im Sonnensy- stem: Selbst ein Satellit des Saturn in Form eines ge- waltigen Hohlrads, beherbergt sie in ihrem gewalti- gen Leib eine Vielzahl an seltsamen Lebensformen, die sie mit ihren schier grenzenlosen biotechnischen Möglichkeiten geschaffen hat. Oft sind dies Wesen, die nach aufgefangenen Fernsehsendungen von der Erde entstanden sind, weil Gäa nicht zu unterschei- den weiß zwischen Wirklichkeit und den Produkten der Filmindustrie. Für die Menschen, die inzwischen im Leib von Gäa leben, hat dies oft seltsame Konsequenzen, weil ihnen die Phantasmagorien als biologische Realität begeg- nen, und Gäa setzt diese Mittel mit äußerster Härte ein, weil sie sich von den Menschen bedroht fühlt. Doch ihre Unfähigkeit, Phantasie und Wirklichkeit auseinanderzuhalten, ist ihre fundamentale Schwä- che. Und Cirocco, der weibliche Magier, einst die vertraute Gäas, inzwischen ihre erbitterte Gegnerin, weiß genau, wo sie ansetzen muß, um sie zu ver- nichten, auch wenn es aussichtslos erscheint., Von John Varley erschienen in der Reihe HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY: Der heiße Draht nach Ophiuchi · 06/3852 DIE GÄANISCHE TRILOGIE: Der Satellit · 06/3986 Der Magier · 06/3987 Der Dämon · 06/4313,

JOHN VARLEY DER DÄMON

Drittes Buch der GÄANISCHEN TRILOGIE in dem bestimmte Ereignisse, die in »Der Satellit« und »Der Magier« geschildert wurden, zu ihrem Abschluß kommen, einschließlich eines Berichtes vom Ende der Welt Science Fiction Roman Deutsche Erstveröffentlichung WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!, HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/4313 Titel der amerikanischen Originalausgabe

DEMON

Deutsche Übersetzung von Thomas Schichtel Das Umschlagbild schuf Ron Walotsky Die Karte auf Seite 6/7 zeichnete Erhard Ringer Redaktion: Wolfgang Jeschke Copyright © 1984 by John Varley Copyright © 1986 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Printed in Germany 1986 Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München Satz: Schaber, Wels Druck und Bindung: Ebner Ulm ISBN 3-453-31309-7,

INHALT

Prophezeiung ... 8 VORPROGRAMM ... 9 Coming Attractions ... 10 Wochenschau ... 19 Zwischenmusik ... 48 Episode Zehn ... 83 Reisebericht ... 99 ERSTER HAUPTFILM ... 125 ZWEITER HAUPTFILM ... 347 DRITTER HAUPTFILM ... 598 AUSBLENDUNG ... 753, Dieses Buch ist gewidmet: IRVING THALBERG für den Einfall; VLAD DEM AUFSPIESSER für das Konzept; und EDWARD TELLER für den Rahmen

PROPHEZEIUNG

Im Jahr 2024 wird die wichtigste Sache, zu de- ren Verwirklichung das Kino beigetragen haben wird, die Eliminierung aller bewaffneten Kon- flikte vom Angesicht der zivilisierten Welt sein. Durch den Gebrauch der universellen Sprache der Spielfilme wird die wahre Bedeutung der Bruderschaft aller Menschen auf der ganzen Erde verwirklicht worden sein ... Alle Menschen sind gleich. D. W. GRIFFITH, 1924 (Regisseur von »Geburt einer Nation«, die Verfilmung des Romans Die Klansmänner) Musik wird stets die Sprache des stillen Dramas sein. Es wird niemals Tonfilme geben. D. W. GRIFFITH, 1924 Okay, D. W., versuch 's ein drittes Mal ...,

VORPROGRAMM

Die Dummheit hat uns diesen Schlamassel eingebrockt – warum kann sie uns nicht wieder hinausführen? WILL ROGERS,

COMING ATTRACTIONS

Der Lokalisierungsscout erreichte das Tal als erster. Wie die meisten von Gäas genetisch geschneiderten Wesen hatte der Scout kein Geschlecht. Er besaß we- der einen Mund noch Verdauungsorgane. Was er je- doch hatte, waren zwei Cinemascope-Augen und ein wunderbarer Raumsinn. Der Scout klapperte mit spindeldürren Rotoren über das Tal, schwebte darüber und drehte sich dabei langsam. Er erblickte einen reißenden Fluß am Fuße von zwanzig Meter hohen Klippen. Oberhalb der Klippen lag ein Plateau von ausreichender Größe, und es war von Bäumen umringt, die für die Bedürf- nisse der heranrückenden Crew mehr als ausreichte. Der Scout empfand warme Zufriedenheit, wie ein Kätzchen, das eine Schale mit Milch entdeckt hat. Dies war der Platz. Er flog über die Bäume hinweg und besprühte sie mit einem anziehenden Pheromon. Als er damit fertig war, überquerte er mehrmals das Plateau und warf Sporen ab. Er sank am Rand des Plateaus herab, war bereits müde. Die Rotoren verwelkten und fielen ab. Auf langen, fedrigen Beinen ging er um den Platz herum, blieb alle hundert Schritte stehen und stieß mit einem langen und scharfen Organ, das ihm aus dem Bauch wuchs, einen Samen in den Boden. Mit letzter Kraft schaffte er es, sich in den Wald zu schleppen, wo er starb. Innerhalb von zwanzig Revs war das Plateau von ei- nen Meter hohen Büschen bedeckt. Rings um den, Platz angeordnet waren Scheinwerferbäume von schon zwanzig Metern Höhe, und sie wuchsen pro Rev um weitere zwei Meter. Fünfundvierzig Revs nach dem Tod des Scouts traf die Vorausabteilung von Zimmerleuten, Fuhrleuten und Weinhändlern ein. Die Zimmerleute waren haarlose Tiere, so groß wie Grizzly-Bären, und sahen alle gleich aus, abgese- hen von den Zähnen, die ungeheuer spezialisiert wa- ren. Manche besaßen Biberschneidezähne, mit denen sie nach wenigen Dutzend Bissen einen Baum durch- genagt hatten. Andere hatten einzelne, hervorstehen- de und zwei Meter lange Zähne, an einer Seite einge- kerbt, die dazu dienten, rohes Holz zu Balken und Brettern zurechtzusägen. Man sah auch Zimmerleute mit trapezförmigen Zähnen. Sie waren dazu in der Lage, aus Bretterenden Zapfen herauszubeißen und sie zur Überblatterung vorzubereiten. Wieder andere verfügten über Bohrzähne. Indem sie ihre Köpfe energisch drehten, konnten sie Zapfenlöcher ausboh- ren. In Gäa bildeten Trupps von vierzig Zimmerleuten jeweils ein Team. Die Zimmerleute hatten alle ganz menschliche Hände, wenn man davon absah, daß jeder Finger in einem anderen Nagel endete, jeder davon für einen anderen Nutzen bestimmt. Die Handflächen unter- schieden sich wie menschliche Fingerabdrücke. Man- che waren fest und hornig, manche tief gefurcht, während andere so glatt waren wie das Poliertuch ei- nes Juweliers. Mit diesen Händen konnten die Zim- merleute Holz hobeln und schmirgeln, bis es wun- derbar glänzte. Die Entfernung von der Spitze des Daumens bis zu der des kleinen Fingers war bei je-, dem Zimmermann gleich: fünfzig Zentimeter. Innerhalb weniger Revs nahmen die Plattformen, Tonbühnen, das Archivgebäude und zig Kapellen langsam Gestalt an. Die Weinhändler hingegen waren Ein-Zweck- Geschöpfe. Sie taten nicht mehr, als sich auf das Ge- lände zu begeben und Haufen von kleinen weißen Trauben zu verschlingen. Die Pflanzen, die diese Früchte hervorbrachten, waren keine Weinstöcke, aber bei den Früchten handelte es sich trotzdem unter allen praktischen Gesichtspunkten um Trauben. Die Weinhändler fraßen sie alle auf und fielen dann in ei- ne Starre, aus der sie nie wieder hervorkamen. Aber nach dreißig Revs konnte man sie anzapfen und er- hielt einen hervorragenden trockenen Weißwein. Die Fuhrleute waren wieder anders. Sie sahen un- gefähr so aus wie Nilpferde, waren aber fünfmal so groß wie Elefanten. Bei ihnen handelte es sich um Landwale, die auf sechs Beinen einhertrippelten, wel- che gerade dick genug waren, sie in Gäas geringer Schwerkraft zu tragen. Drei von ihnen trafen im Tal ein und machten sich daran, die Pflanzen zu fressen, die sich aus den Sporen des Scout entwickelt hatten. Viele Pflanzensorten wuchsen dort. Jede von ihnen wanderte in einen eigenen Magen. Die Fuhrleute be- saßen elf verschiedene Verdauungskanäle. Nachdem sie das Feld abgegrast hatten, gingen sie an dessen Rand und fielen um, wurden so schläfrig wie ein Weinhändler. Ihre Beine verdorrten, bis die Tiere kaum noch mehr waren als schwellende Blasen mit unzähligen Reihen von Brustwarzen in einer verwirrenden Vielfalt von Formen und Farben. Ihre Mäuler behielten die Fuhrleute noch etwas länger., Von ihnen würden die Zimmerleute gefressen, wenn der Bau abgeschlossen war. Gäas Unternehmungen verliefen stets ordentlich. Die Sache ging richtig los, als nach und nach die Pro- duktionsmannschaft eintraf. Ganze Horden von dahinjagenden kleinen Bolexen kamen und orientierten sich hirnlos in alle Richtun- gen, surrten fruchtlos vor sich hin, waren zu dumm, um zu wissen, daß sie neu geladen werden mußten. Dann entdeckten sie die Fuhrleute und kämpften um die Zitzen wie Ferkel um die einer müden Sau. Ihre erregten Schreie klangen wie miit! miit! miit! Unmittelbar auf sie folgten die Arriflexe, begleitet von Produzenten, und hinter ihnen kamen die stolzen Panaflexe, jede mit ihrem zugehörigen Exekutivpro- duzenten. Die Produktionsspezies hielt sich zurück und hatte noch nichts zu tun, während ihre photo- faunalen Symbionten sich mit Silbernitrat, Kollodi- umwolle und anderen Chemikalien vollfraßen, von denen jede in die für sie bestimmte Aufnahmeblase gelangte. Die Produzenten sahen alle ziemlich gleich aus, abgesehen von ihrer Größe. Die Execs waren die größten und die einzigen, die über eine Stimme ver- fügten. Von Zeit zu Zeit grunzte einer von ihnen antsch, antsch, aus Gründen, die nichts mit Kommuni- kation zu tun hatten. Während die Bolies, Arries und Panas sich sattfut- terten, sickerten weitere Mannschaftsangehörige am Ort des Geschehens ein und wichen den Zimmerleu- ten aus, die mit Schweizer Armeefingernägeln ab- schließende Hand an ihre Arbeit anlegten. Das Ge- schnatter von zwanzig Meter langen Mikrogalgen, war zu hören, die wie feierliche Störche durch das Chaos stolzierten. Gruppen von Bühnenarbeitern und Bestboys brachen rasch auseinander und führten an- dere an ihre Arbeitsplätze. Anstreicher saugten ihre Farben aus den Fuhrleuten und verstrichen sie dann mit ihren langen perforierten Schwänzen auf dem bloßen Holz. Elefanten trafen ein, zogen rumpelnde Karren voller Kostüme, Stützen, Teppiche, Make-up und tragbare Garderoben. Es waren richtige Elefan- ten von der Erde, gezüchtet aus importierten Bestän- den. In Gäas Gravitation schleppten sie sich nicht schwerfällig dahin, sondern tänzelten, beweglich und ausgelassen wie Katzen. Das Pandämonium nahm Gestalt an. Humanoiden, Androiden, Homunkuli und ein paar echte Menschen hielten als vorletzte ihren Einzug und zeigten damit an, daß es nicht mehr lange dauern würde, bis die Regisseurin selbst eintraf. Manche dieser auf Menschen basierenden oder aus Menschen entwickelten Hybriden waren Arbeiter, andere bloß Komparsen. Auch die torkelnden Unto- ten gehörten dazu, vor denen selbst die hirnlosen Ge- bilde zurückzuschrecken schienen. Einige wenige waren Stars. Luther brauste herein mit Feuer in den verblödeten Augen und führte seine Apostel direkt zu ihrer dürftigen Kapelle. Brigham und seine Jungs ritten zu Pferd herein und mußten feststellen, daß der Tempel für sie noch nicht fertig war. Es kam zu Ge- genbeschuldigungen und hysterischen Anfällen. Ma- rybaker war da und Elron ebenfalls. Gerüchte besag- ten, daß Billy Sunday in der Nähe sei, und vielleicht sogar Kali. Das versprach ja ein Festival zu werden! Als alle Bolexe, Arriflexe und Panaflexe mit dem, Essen fertig waren, gesellte sich jeder der passende Produzent hinzu, und die beiden zogen dann als eins davon. Wie die Produzenten, sahen auch die Kame- ratiere einander ähnlich genug, damit eines als Mo- dell für alle dienen konnte – abgesehen von der Grö- ße. Das wichtigste an einer Panaflex war die Größe ihres einzigen glasigen Auges, aber auch die Breite des horizontalen Afters, die exakt siebzig Millimeter betrug. Eine Panaflex gehorchte nur einem Drang: die Aufnahme zu machen! Dafür war sie zu allem bereit – zum Flug in einem Hubschrauber, zum Herabbau- meln von einem Kameragalgen, dazu, in einer Tonne einen Wasserfall herabzustürzen. Ihr niemals blin- zelndes Auge beäugte alles, und wenn sie bereit war, nahm sie auf. Irgendwo in ihr wurden Schießbaum- wolle, Kampfer und andere unwahrscheinliche Sub- stanzen unter beträchtlichem Druck zusammenge- bracht, um einen Zelluloid-Endlosstreifen zu erzeu- gen. Dieser Streifen war mit photoreaktiven Chemi- kalien bedeckt, um ein Farbnegativ hervorzubringen. Der Streifen lief hinter dem Auge der Panaflex ent- lang und wurde in Einzelbildern belichtet, wozu ein Zug- und Verschlußmechanismus aus Muskeln und Knochen diente. Der Produzent ritt mit dem Gesicht nach hinten auf dem Rücken der Panaflex, bereit für den hervor- kommenden Film, den er verzehrte. Das erforderte natürlich einen engen Kontakt, um ein Verderben durch das umgebende Licht zu verhindern. Das störte den Produzenten nicht, der stets Appetit auf Film hatte. Während er ihn verspeiste, entwickelte und fi- xierte er ihn auch., Wenn sich die Produzenten ihrerseits erleichterten, war das Produkt ein abspielbereiter Filmstreifen. Aus diesem Grund hatte Gäa den Produzenten auch ihren Namen gegeben. Es war jetzt sechzig Revs her, daß der vorausziehen- de Scout den Platz entdeckt und für gut befunden hatte. Die Werbeagenten und Drogenhändler kehrten gerade von ihren Raubzügen in die Wälder zurück und waren mit Wild beladen. Bei ihnen handelte es sich um affenähnliche Kreaturen: zwei von den weni- gen fleischfressenden Spezies, die Gäa je produziert hatte. Gäa verstand sich auf Raubtiere nicht so gut. Einem Werbeagenten wäre es im afrikanischen Dschungel schlecht ergangen. Aber in Gäa waren die meisten Tiere auch nicht gut im Fliehen, einfach, weil sie keine natürlichen Feinde hatten. An die haupt- sächliche Fleischquelle, die Lächler, mußte man sich gar nicht groß anschleichen – sie liefen nicht weg –, oder sie gar töten. Man konnte das Fleisch in dicken Streifen von ihnen ernten, ohne ihnen damit etwas anzutun. Zahlreiche Lächlersteaks bruzzelten jetzt im Verpflegungshaus, als das erste große Festessen be- reitet und auf langen Zeichentischen aufgestellt wur- de, auf makellosen weißen Tüchern und neben Kri- stallkrügen mit Wein. Eine atemlose Stille senkte sich über den Platz, während alle auf das Eintreffen Gäas warteten, und sie wurde nur durchbrochen von dem miit, miit, miiiit der Bolexe, die sich gegenseitig an- rempelten, um in günstige Positionen zu gelangen. Der Boden erzitterte. Sie kam durch den Wald. Die versammelten Priester keuchten ehrfurchtsvoll, als ihr Kopf über den Baumspitzen sichtbar wurde., Gäa war fünfzehn Meter groß, und ihre Augen wa- ren blau, obwohl unsichtbar hinter der größten Son- nenbrille, die je gemacht worden war. Ihr Haar war platinblond. Sie trug ausreichend schweres Segeltuch von hellblauer Färbung, um eine spanische Galeone damit auszurüsten. Der Stoff war von Zeltmachern zu einem knielangen Kleid geschnitten und genäht wor- den. Gäa hatte auch Mokassins von der Größe breiter Boote an. In Gesicht und Figur zeigte sie eine un- heimliche Ähnlichkeit mit Marilyn Monroe. Sie blieb stehen, als sie die Lichtung erreichte, und nahm ihre Untertanen und deren Werke in Augen- schein. Endlich nickte sie: es war gut. Die Lichtstrah- len der Scheinwerferbäume wurden auf sie gerichtet, und die massigen Lippen verzogen sich zu einem Lä- cheln, enthüllten weiße Zähne, groß wie Badezim- merfliesen. Rings um sie schwirrten Bolexe und Ar- riflexe vor Bewunderung. Man hatte einen Stuhl für sie gebaut. Er ächzte, als sie daraufsank. Alle ihre Bewegungen wirkten lang- sam. Ein Blinzeln dauerte fast eine Sekunde. Die Pan- aflexe hatten den Trick des verlangsamten Kurbeins gelernt, so daß sich Gäa mit normaler Geschwindig- keit zu bewegen schien, während ihre Speichellecker wie Mäuse umhersausten. Kostümierer kletterten hinter ihr Leitern hinauf, bewaffnet mit Harken für ihr Haar, Eimern voller Nagelpolitur und Dosen mit Wimperntusche. Sie kümmerte sich nicht darum; es war Aufgabe der Ko- stümierer, ihre Bewegungen vorauszuahnen – was ihnen nicht immer gelang. Gäa betrachtete die große Leinwand, die gegenüber ihrem Stuhl aufgestellt war. Das Pandämonium-Wanderfilmfestival stand im, Begriff zu beginnen. Die Schweinwerferbäume ver- dunkelten sich und schalteten dann ab. Es wurde fin- ster im Tal. Gäa räusperte sich – ein Geräusch wie von einem Dieselmotor –, aber als sie sprach, war es in der weiblichen Tonhöhe. Sehr laut, aber weiblich. »Abfahren!« sagte sie.,

WOCHENSCHAU

Es war allgemein bekannt, daß der V. Weltkrieg in ei- ner defekten molekularen Schaltmatrix für zwanzig Cent begann, in einem neu installierten Feuerleit- computer vier Meilen unterhalb der Cheyenne Mountains, Wyoming. Eine Untersuchung führte schließlich in die Woh- nung eines Jacob Smith, achtunddreißig, in 3400 Temple, Salt Lake City. Smith hatte die MSM getestet und ihren Einbau in den Mark XX »Erzengel« Brain Array der Western Bioelectric genehmigt. Der Erzen- gel hatte dann den alternden Mark Neunzehn ersetzt, um in Zukunft die Verteidigung der Gebiete der Neuen Reformierten Heiligen der Letzten Tage, all- gemein bekannt als die »Norman Lands«, zu ge- währleisten. Die Geschichte war so apokryph wie die von Mrs. O'Learys Kuh, aber sie sickerte zu einem eifrigen jun- gen Reporter durch, der für eines der globalen Nach- richtennetze arbeitete, wo die Sache schließlich zum Hauptthema der nächtlichen Sondersendung »Welt- krieg V: Tag Drei« wurde. An Tag Fünf kam Jake Smith wieder in die Nachrichten, als ein Lynchmob ihn aus dem Polizeihauptquartier zerrte und an einen Laternenpfahl des Temple Square hängte, keine drei- ßig Schritte von der Statue eines anderen berühmten Smith, nicht verwandt, entfernt. Am sechzehnten Tag retteten sich die Nachrichten- sendungen nur noch mit der Vorführung von Histo- rikern, die ihre Zeit mit der Debatte zubrachten, ob sie die gegenwärtige Unstimmigkeit Weltkrieg III, IV,, V, Vierter Nuklearer Krieg oder Erster Interplanetari- scher Krieg nennen sollten. Man konnte Gründe für die interplanetarische Be- zeichnung anführen, da sich in den Anfangstagen ei- nige Mond- und Marssiedlungen auf die Seite der ei- nen oder anderen terranischen Partei geschlagen hatten; sogar ein paar LaGrange-Kolonien hatten zaghafte Schritte zu einer Außenpolitik hin unter- nommen. Zu dem Zeitpunkt, an dem Jake Smith ge- hängt wurde, hatten jedoch bereits alle Außenweltler ihre Neutralität erklärt. Letztlich wurde die Entscheidung in einem Büro an der Sixth Avenue, New York City, östliche Kapitali- stische Konföderation, vom Begriffsentwurfanalytiker eines Senders getroffen. Die über Nacht durchge- führten Arbitrone über die Zahl V fielen stark positiv aus. Das V wirkte sexy und konnte auch für Sieg, Victory, stehen, also blieb man bei Weltkrieg V. Am nächsten Tag wurde die Sixth Avenue ver- dampft. Die globalen Sender erholten sich wieder. Bis Tag einundzwanzig waren sie alle in die Frage verstrickt: Ist es DAS? Mit »das« meinten sie den Holocaust, die vier apokalyptischen Reiter, den Letzten Krieg, die Auslöschung der Menschheit. Es war eine schwierige Frage. Niemand wollte sich zu stark in eine Richtung festlegen, denn man erinnerte sich noch an die Eier auf den Gesichtern so vieler, die beim Ausbruch des Fiaskokrieges den Weltuntergang ausgerufen hatten. Aber jeder Sender versprach, als erster die Nachricht zu bringen. Daß sich der Krieg aus einer Fehlfunktion ergeben, hatte, überraschte niemanden. Der Schlag der Nor- man Territories gegen das Burmesische Imperium war offenkundig ein Irrtum. Keiner der beiden Geg- ner hegte einen Groll gegen den anderen, aber kurz nach dem Versagen der MSM in Wyoming hatten die Burmesen reichlich Grund, wütend zu sein. Der Satellit Moroni VI schwenkte irgendwo über Tibet in einen erdnahen Orbit, feuerte seine Mirvs* fünfzig Meilen über Singapur ab und leitete die Aus- weichmanöver ein. Alle sechs Sprengköpfe streuten hinter sich Lockvögel aus, und ihnen voraus flogen zwanzig ähnliche, aber harmlose Mirvs, die dem Zweck dienten, die antibalistischen Raketen und La- ser auf sich zu ziehen. Der burmesische Computer erwischte kaum einen Eindruck vom herabbrausen- den Schwarm. Er folgerte, daß der Moroni VI auf Bo- denexplosionen an mindestens zwölf Zielen aus war. Etwa zu dem Zeitpunkt, als er diesen Schluß zog, ex- plodierten die Zehn-Megatonnen-Sprengköpfe drei- ßig Meilen über der Provinz Neusüdwales. Der dar- aus entstehende Stoß an Gammastrahlung erzeugte einen elektromagnetischen Puls oder EMP, der jedes Telefon, jeden Videoschirm, jeden Transformator und sämtliche elektrischen Schafschermaschinen zwischen Woomera und Sydney auspustete und die Abwas- seranlage von Melbourne dazu brachte, umgekehrt zu funktionieren. Der burmesische Herrscher war ein eigensinniger Mann. Seine Berater wiesen darauf hin, daß der EMP- Taktik eine Invasion gefolgt wäre, hätte Salt Lake City wirklich einen Krieg führen wollen. Der Herr- * Mirvs = Raketen mit Mehrfachsprengköpfen – Anm. d. Übers., scher war jedoch zur Zeit des Angriffs in Melbourne gewesen und keineswegs amüsiert. Zwei Stunden später war Provo, Utah, nur noch radioaktives Geröll, und die Bonneville-Großstadt ver- schwand. Das war noch nicht alles. Der Herrscher hatte die abendländischen Religionen noch nie gut voneinan- der unterscheiden können, und so schoß er sicher- heitshalber noch eine Rakete auf Mailand in den Va- tikanstaaten. Der Päpstliche Rat versammelte sich in St. Peter, nicht dem alten, das man zugunsten eines Apparte- mentblocks abgerissen hatte, sondern dem neuen auf Sizilien, errichtet aus Glas und Plastik. Die Konferenz dauerte fünf Tage, bis der Sprecherpapst hervorkam, um die Päpstliche Bulle zu verkünden, während schon ein Gabriel-Sprengkopf auf Bangkok herabstürzte. Was Papst Elaine nicht verkündete, war eine weite- re Resolution, die aus der Meinung der Versammel- ten entstanden war und die Vizepapst Watanabe zu- sammengefaßt hatte. »Wenn wir schon das B. I. treffen wollen«, hatte Watanabe gesagt, »warum dann nicht ›zufällig‹ auch eine Rakete zu diesen Arschfickern in der BKR schik- ken?« Also fiel, kurz nachdem Bangkok durch eine Luf- texplosion von einer Megatonne eingeebnet worden war, ein zweiter Gabriel auf die Außenbezirke von Potchefstroom, Burische Kommunistische Republik. Daß der Gabriel auf Johannesburg gezielt worden war, schien kaum eine Rolle zu spielen. So zog sich der WKV, wie man ihn schon bald ab- kürzte, in einem stetigen Austausch von Schlägen, dahin, während alle darauf warteten, daß eine Nation den totalen Schlag führte, der auf Kreisjahrmärkten, Karnevalveranstaltungen und Feuerwerkspielen als »großer Knall« bekannt ist. Er würde als eine massive Welle von Raketen kommen, gezielt auf befestigte Militärstandorte, Bevölkerungszentren und Natur- schätze, und er würde begleitet sein von Seuchen und tödlichen Chemikalien. Zum Zeitpunkt des Kriegs- ausbruches existierten achtundfünfzig Nationen, Re- ligionen, politische Parteien und andere Affinitäts- gruppen, die in der Lage waren, einen derartigen Angriff auszulösen. Aber statt dessen fielen die Bomben auch weiterhin im Abstand von etwa einer Woche. Zuerst sah es nach einer offenen Veranstaltung aus, aber nach drei Monaten hatten sich die Bündnisse entlang überra- schend klassischer Linien stabilisiert. Die Nachrich- tennetze gingen dazu über, eine Seite die Kapitali- stenschweine zu nennen und die andere Kommuni- stenratten. Die Normans und die Burmesen landeten, merkwürdig genug, auf einer Seite, während der Va- tikan zur anderen Partei kam. Noch mehr Gesindel trat auf die Nachrichtenkommentatoren hatten für alle eine Bezeichnung –, das sich gelegentlich erhob und einem Riesen gegen das Schienbein trat. Aber im großen und ganzen ähnelte der Krieg bald einem die- ser Wettkämpfe, die die Russen während des Ersten Atomkrieges so begeistert betrieben hatten. Bis zum Scheitel voller Wodka, pflegten sie sich gegenseitig Ohrfeigen zu erteilen, bis einer umfiel. Der Rekord in einem solchen Wettkampf wurde 1931 erzielt und seitdem niemals eingestellt, als sich zwei Genossen dreißig Stunden lang geohrfeigt hatten., Bei der Rate von einer Fünf-Megatonnen-Bombe pro Woche – etwa eine Kilotonne pro Minute – schätzte man, daß die nuklearen Arsenale der Erde für achthundert Jahre reichen würden. Conal ›der Stachel‹ Ray war ein Kapitalistenschwein. Wie seine Kameraden dachte er nicht viel darüber nach, aber wenn er es tat, stufte er sich als Canadian Bacon ein. Als Bürger des Dominions Kanada, der ältesten Nation der Erde, war Conal nicht in Gefahr, eingezo- gen zu werden, und in geringerer Gefahr als die mei- sten anderen, verdampft zu werden. Zum einen war keine Nation ernsthaft damit beschäftigt, Armeen aufzustellen. Der Krieg war nicht mehr arbeitsinten- siv. Und nur eine Bombe war auf das Dominion ge- worfen worden. Sie hatte Edmonton getroffen, und der Hauptgrund, warum Conal davon erfuhr, war, daß die Oilers nicht mehr zu ihren Spielterminen in der Kanadischen Hockeyliga erschienen. Daß Kanada früher eine viel größere Nation gewe- sen war, hatte niemand Conal je mitgeteilt – oder falls doch, hatte es ihn nicht genug interessiert, um sich daran zu erinnern. Kanada hatte überlebt, indem es hergab. Quebec hatte sich als erstes getrollt, gefolgt von British Columbia. B.C. war jetzt Teil der Norman- Lands, Ontario eine unabhängige Nation, die Kü- stengebiete von der Ö.K.K. im Süden geschluckt, und der größte Teil des südlichen Manitoba und Saskat- chewan befand sich im Besitz von General Protein, des Gesellschaftsstaates. Kanada kauerte zwischen der Westküste der Hudson-Bay und den Vorbergen der Rockies. Yellowknife war seine Hauptstadt. Conal, lebte in einem Vorort von Fort Reliance, einer Stadt, die Artillery Lake genannt wurde. Fort Reliance hatte fünf Millionen Einwohner. Conal war mit zwei Leidenschaften aufgewachsen: Hockey und Comics hören. Er war furchtbar im Hok- key, einfach zu fett und zu langsam. Bei der Mann- schaftsaufstellung kam er gewöhnlich als letzter dran. Wenn er spielte, stellte man ihn ins Tor, wobei man von der Theorie ausging, daß, obwohl er nicht schnell war, es einfach schwierig sein würde, an ihm vorbei- zuschießen. An seinem vierzehnten Geburtstag trat ihm ein Kameradenschinder Schnee ins Gesicht, und Conal entdeckte eine neue Leidenschaft: Bodybuilding. Zu seiner Überraschung und der aller anderen war er verdammt gut darin. Als er sechzehn wurde, hätte er Mr. Kanada werden können. Getreu dem Beispiel von Charles Atlas folgend, suchte er den Leuteschinder und zwang ihn, durch ein Loch in dem Eis zu krie- chen, das den Artillery Lake bedeckte, wonach der Schinder nie mehr gesehen wurde. Der Name Conal bedeutete im Keltischen »hoch und mächtig«. Conal bekam mit der Zeit das Gefühl, daß seine Mutter ihn passend benannt hatte, obwohl er nur einssiebzig groß war. Und das Erbe von Mrs. Ray enthielt noch etwas, was Conal, als er davon er- fuhr, die vierte große Leidenschaft seines Lebens vermittelte. So geschah es, daß Conal an seinem achtzehnten Geburtstag, Tag 294 des Krieges, den Morgenschlitten zum Raumhafen von Cape Churchill nahm, wo er ein Schiff nach Gäa bestieg., Abgesehen von einem Trip nach Winnipeg war Conal noch nie in seinem Leben außerhalb Kanadas gewe- sen. Die jetzige Reise war beträchtlich länger: von Artillery Lake waren es fast eine Milliarde Meilen bis Gäa. Der Fahrpreis war hoch, aber George Ray, Co- nals Vater, wagte es nicht mehr, die Wünsche seines Sohnes zu durchkreuzen. Der Junge hatte drei Jahre lang nichts anderes getan als essen, Hockey spielen und Gewichte heben; es wäre sicher nett, sagte sich George Ray, wenn er verschwände. Eine Milliarde Meilen hörte sich in etwa richtig an. Der Saturn machte höllisch Eindruck auf Conal. Die Ringe wirkten fest genug, um darauf Schlittschuh zu laufen. Er sah zu, wie das Schiff an die gewaltige schwarze Masse Gäas anlegte, und kramte dann sein ältestes Comicbuch hervor, »Die Goldenen Kufen«. Es war die Geschichte eines Jungen, der ein Paar magi- sche Schlittschuhe von einem bösen Zauberer erhielt und sie zu gebrauchen lernte. Am Ende meisterte der Junge – er hieß auch Conal – die Schlittschuhe und spaltete den Kopf des Zauberers mit einem gewaltigen Tritt. Conal betastete die Tonlinien am Rand des letzten Blattes, hörte das vertraute markige Tschank!, als der Schlittschuh den Schädel des Zauberers knackte. Conal bezweifelte, daß er den Magier mit seinen Schlittschuhen töten konnte, obwohl er sie mitge- bracht hatte. Er stellte sich vor, wie er ihr das Leben mit den bloßen Händen herausquetschte. In einer praktischen Stimmung hatte er auch eine Pistole ein- gepackt. Sein Jagdwild war Cirocco Jones, früherer Kapitän des Tiefraumschiffes Ringmeister, ehemaliger Flü- gelcommander der Engel, die heimliche Hintermutter, der Titaniden, der ehemals Große und Mächtige, aber schon lange abgesetzte Magier Gäas, jetzt ›Dämon‹ genannt. Er hatte vor, sie ebenfalls durch ein Loch im Eis zu stopfen. Conal brauchte einen Monat, um Cirocco Jones zu finden. Teilweise lag es daran, daß der Dämon nicht scharf darauf war, gefunden zu werden, obwohl sie zur Zeit nicht vor etwas Besonderem auf der Flucht war. Der andere Grund, warum es so lange dauerte, bestand darin, daß Conal, wie schon so viele vor ihm, Gäa unterschätzt hatte. Er hatte zwar gewußt, daß der Weltgott groß war, aber die Zahlen nicht in ein Bild davon übersetzt, mit einem wie großen Gebiet er es zu tun hatte. Er wußte, daß man Jones normalerweise in Gesell- schaft von Titaniden fand und daß die Titaniden sich gewöhnlich auf die Region beschränkten, die als Hy- perion bekannt war, also konzentrierte er dort seine Suche. Der Monat, den er dafür brauchte, gab ihm Zeit, sich an die Ein-Viertel-Schwerkraft innerhalb Gä- as zu gewöhnen und auch an die schwindelerregenden Anblicke von Gäas riesigem Inneren. Er fand heraus, daß kein Titanide einem Menschen etwas über den »Captain« erzählte, wie sie Jones jetzt nannten. Die Titaniden waren viel größer, als Conal erwartet hatte. Die zentaurenähnlichen Geschöpfe spielten führende Rollen in vielen seiner Comics, aber die Künstler hatten sich bei ihrer Darstellung viel Freiheit herausgenommen. Conal war darauf eingestellt ge- wesen, den Titaniden in die Augen blicken zu kön- nen, während sie in Wahrheit durchschnittlich drei Meter groß waren. In den Comics waren sie männlich, und weiblich, obwohl man niemals irgendwelche Ge- schlechtsorgane sah. In Wirklichkeit sahen sie alle weiblich aus, und man konnte ihre Sexualität un- möglich verstehen. Sie besaßen entweder männliche oder weibliche Organe – vollkommen menschlich im Aussehen – zwischen den Vorderbeinen, und männli- che und weibliche weiter hinten. Das vordere männli- che Organ steckte normalerweise in einer Scheide; als Conal zum ersten Mal eines erblickte, hatte er ein Ge- fühl der Unzulänglichkeit, wie er es seit seiner ersten Woche mit den Hanteln nicht mehr empfunden hatte. Er fand sie an einem Platz, der La Gata Encantada hieß. Es war eine Titanidenkneipe dicht am Stamm des größten Baumes, den Conal je gesehen hatte. Tat- sächlich handelte es sich bei diesem Baum um den größten im ganzen Sonnensystem, und unter ihm und auf seinen Ästen lag die größte titanidische Stadt in Gäa, Titanstadt genannt. Sie saß in einer Ecke an einem Tisch, mit dem Rük- ken zur Wand. Fünf Titaniden hatten bei ihr Platz ge- nommen. Sie spielten ein kompliziertes Spiel mit Würfeln und wunderbar geschnitzten Schachfiguren. Jeder Spieler hatte einen Krug mit dunklem Bier, der gut eine Gallone faßte. Der Krug neben Cirocco Jones war unberührt. Sie sah klein aus, wie sie da zwischen den Titani- den auf ihrem Stuhl lümmelte, aber sie war wirklich etwas über sechs Fuß groß. Ihre Kleidung war schwarz, auch der Hut, der aussah wie der von Zorro in einem von Conals Lieblingscomics. Der größte Teil ihres Gesichts lag im Schatten dieses Hutes, aber die Nase war zu stattlich, um sie verstecken zu können. Jones hatte eine dünne Zigarre zwischen den Zähnen, stecken und eine .38er aus blauem Stahl im Hosen- bund. Ihre Haut war hellbraun, das Haar lang und mit Silberstreifen durchsetzt. Conal trat an den Tisch, ihr zugewandt. Er hatte keine Angst; er hatte hierauf gewartet. »Sie sind kein Magier, Jones«, sagte er. »Sie sind ei- ne Hexe.« Für einen Moment dachte er, daß sie ihn durch das Geklapper und Geschrei in der Kneipe nicht gehört hätte. Sie bewegte sich nicht. Und doch breitete sich die Spannung seiner flammenden Aura aus und elektrifizierte die Atmosphäre. Langsam erstarb der Lärm. Alle Titaniden wandten sich zu ihm um. Cirocco Jones hob bedächtig den Kopf. Conal er- kannte, daß sie ihn schon eine Zeitlang angeschaut hatte – tatsächlich schon seit vor dem Zeitpunkt sei- nes Anmarsches auf den Tisch zu. Sie besaß die här- testen Augen, die er je gesehen hatte, und auch die traurigsten. Sie lagen tief und waren klar, dunkel wie Kohle. Sie betrachtete ihn, ohne zu blinzeln, blickte von seinem Gesicht über die nackten Arme bis hin zu dem langläufigen Colt im Halfter an seiner Hüfte; seine Hand öffnete und schloß sich wenige Zoll da- von entfernt. Jones nahm die Zigarre aus dem Mund und zeigte ihm mit einem raubtierhaften Lächeln die Zähne. »Und wer, zum Teufel, sind Sie?« fragte sie. »Ich bin der Stachel«, sagte Conal. »Und ich bin ge- kommen, um Sie zu töten.« »Sollen wir ihn uns schnappen, Captain?« fragte einer der Titaniden am Tisch. Cirocco gab ihm einen Wink. »Nein, nein. Anscheinend handelt es sich hierbei, um einen Ehrenhandel«, sagte sie. »Stimmt genau«, sagte Conal. Er wußte, daß seine Stimme leicht hoch und quietschend klang, wenn er sie hob, also schwieg er kurz, um seinen Atem zu be- ruhigen. Jones hatte wohl nicht vor, diese Tiere auf die Schmutzarbeit anzusetzen. Wie es schien, konnte sie letztlich doch ein würdiger Gegner sein. »Als Sie herkamen, vor Hunderten von Jahren ...« »Achtundachtzig«, sagte sie. »Was?« »Ich bin vor achtundachtzig Jahren hier angekom- men, nicht hunderten.« Conal ging nicht auf die Ablenkung ein. »Erinnern Sie sich an jemanden, der gemeinsam mit Ihnen hier eintraf? An einen Mann namens Euge- ne Springfield?« »Ich erinnere mich sehr gut an ihn.« »Wußten Sie, daß er verheiratet war? Wußten Sie, daß er eine Frau und zwei Kinder auf der Erde zu- rückließ?« »Ja, das wußte ich.« Conal holte tief Luft und nahm Haltung an. »Nun, er war mein Ur-ur-großvater.« »Quatsch!« »Das ist kein Quatsch. Ich bin sein Enkel, und ich bin gekommen, um seinen Mord zu rächen.« »Mister ... ich zweifle nicht daran, daß Sie eine Menge verrückter Sachen in Ihrem Leben getan ha- ben, aber wenn Sie das täten, wäre es das Verrückte- ste überhaupt.« »Ich habe Milliarden Meilen hinter mich gebracht, um Sie zu finden, und jetzt ist es eine Sache nur zwi- schen Ihnen und mir.«, Er griff an seine Gürtelschnalle. Cirocco zuckte na- hezu unmerklich. Conal registrierte es nicht; er war zu sehr damit beschäftigt, seinen Gürtel abzuschnal- len und mitsamt dem Colt auf den Boden zu werfen. Er hatte die Waffe gerne getragen, seit seiner Ankunft hier, sobald er gesehen hatte, wie viele andere Men- schen hier bewaffnet waren. Er hielt es für eine ange- nehme Abwechslung nach den spießigen Feuerwaf- fengesetzen des Dominions. »Da«, sagte er. »Ich weiß, daß Sie Hunderte von Jahren alt sind und schmutzig kämpfen können. Nun, ich bin bereit, es mit Ihnen aufzunehmen. Gehen wir doch hinaus und erledigen es ehrenvoll. Ein Kampf bis zum Tod.« Cirocco schüttelte bedächtig den Kopf. »Sohn, man wird nicht hundertunddreiundzwan- zig Jahre alt, indem man irgend etwas Ehrenvolles tut.« Sie blickte über seine Schulter hinweg und nickte. Der Titanide hinter ihm schlug ihm den leeren Bierkrug auf den Kopf. Das dicke Glas zersplitterte, und Conal sackte in einem Haufen orangefarbener Titanidenexkremente zusammen. Cirocco stand auf und steckte die zweite Pistole zu- rück in die Stiefelspitze. »Wollen wir doch mal sehen, was für eine Art schmutziger Trick er wirklich ist.« Eine Titanidenheilerin war da; sie untersuchte die blutige Skalpwunde und verkündete, daß der Mann wahrscheinlich überleben würde. Ein weiterer Tita- nide zog Conal den Rucksack herunter und wühlte in durch. Cirocco stand währenddessen rauchend über ihm., »Was ist darin?« wollte sie wissen. »Mal schauen ... Rindcharque, eine Schachtel mit Patronen für diese Kanone, ein Paar Schlittschuhe ... und etwa dreißig Comicbücher.« Ciroccos Lachen war Musik für die Ohren der Tita- niden, weil sie es so selten zu hören bekamen. Alle lachten mit ihr, während sie die Comics verteilte. Kurz darauf summten ringsherum die Stimmen aus den Ballonchips und die Klangeffekte. »Gebt mir was!« sagte sie den Leuten an ihrem Tisch. Conal erwachte mit den schlimmsten Kopfschmerzen, die er sich je vorgestellt hatte. Er wurde herumgewor- fen, also öffnete er die Augen, um nachzusehen, was die Ursache war. Er stellte fest, daß er mit dem Kopf nach unten über einem Zwei-Meilen-Abgrund aufgehängt war. Das Kreischen verursachte ihm noch mehr Kopf- schmerzen, aber er konnte einfach nicht aufhören. Es war das schrille Kreischen eines Kindes, fast unhör- bar. Dann erbrach er sich und erstickte fast daran. Er war mit soviel Seil umwickelt, daß es fast von einer Spinne stammen konnte. Der einzige Teil seines Körpers, den er überhaupt bewegen konnte, war der Hals, und es tat weh, ihn zu drehen. Er tat es trotz- dem, blickte wild um sich. Er war so auf den Rücken eines Titaniden gebun- den, daß sein Kopf auf dem mächtigen Hinterteil des Monsters lag. Der Titanide kletterte irgendwie eine senkrechte Felswand hinauf. Als Conal den Kopf ganz zurücklegte, konnte er die Hinterhufe des We- sens sehen, wie sie auf zwei Zoll breiten Vorsprüngen, scharrten. Er beobachtete mit entgeisterter Faszinati- on, wie ein Vorsprung abbrach und ein Geröllregen immer weiter nach oben fiel, bis er die Steine aus den Augen verlor. »Der Kerl hat auf meinen Schwanz gekotzt«, sagte der Titanide. »Yeah?« meldete sich eine andere Stimme, welche Conal als die von Cirocco Jones erkannte. Also war der Dämon irgendwo bei seinen Füßen. Er glaubte, wahnsinnig zu werden. Er schrie, er flehte sie an, aber sie sagten nichts. Es war unmög- lich, daß diese Kreatur aus eigener Kraft einen sol- chen Hang hinaufklettern konnte, aber sie tat es doch, mit sowohl Conal als auch Cirocco auf dem Rücken, und sie war dabei so schnell, wie Conal auf ebenem Boden gehen konnte. Was für ein Tier war dieser Titanide eigentlich? Sie brachten ihn zu einer Höhle auf halber Höhe der Felswand. Es war einfach ein Loch im Gestein, drei Meter hoch und etwa so breit, zehn Meter tief. Kein irgendwie gearteter Weg führte dorthin. Er wurde zu Boden geworfen, immer noch von sei- nem Seilkokon umwickelt. Cirocco zerrte ihn in eine Sitzhaltung hoch. »Bald wirst du ein paar Fragen beantworten«, sagte sie. »Ich werde Ihnen alles sagen!« »Da hast du verdammt recht.« Sie grinste ihn an und schlug ihm dann den Lauf seines eigenen Colts ins Gesicht. Er wollte schon protestieren, als sie wie- der zuschlug., Cirocco mußte viermal auf ihn einschlagen, bis sie si- cher war, daß er das Bewußtsein verloren hatte. Sie hätte ihn mit dem Kolben der Waffe geschlagen, wäre dabei nicht der Lauf auf sie gerichtet gewesen, und sie wäre nicht einhundertdreiundzwanzig Jahre alt geworden, hätte sie je solche Torheiten begangen. »Er hätte mich nicht als Hexe bezeichnen sollen«, sagte sie. »Sieh mich nicht an«, entgegnete Hornpipe. »Ich hätte ihn schon in der La Gata umgebracht.« »Yeah.« Cirocco setzte sich auf die Fersen zurück und ließ die Schultern hängen. »Weißt du, manchmal frage ich mich, was denn so großartig daran wäre, einhundertvierundzwanzig zu werden.« Der Titanide sagte nichts. Er löste Conals Fesseln und zog ihn aus. Seit vielen Jahren war er schon mit dem Magier beisammen, und er kannte ihre Launen. Der hintere Teil der Höhle war mit Eis bedeckt. An einem heißen Tag wie diesem floß ein Rinnsal Wasser über den Steinboden. Cirocco kniete sich neben eine Pfütze, klatschte sich Wasser ins Gesicht und trank einen Schluck. Es war eisig kalt. Cirocco hatte viele Nächte hier verbracht, als die Lage unten im Torus brenzlig für sie gewesen war. Ein Stapel Decken war hier ebenso zu finden wie mehrere Ballen Stroh, dazu zwei Holzkübel: einer, der als Latrine diente, und der andere zum Auffan- gen von Trinkwasser. Zwischen zwei in den Fels ge- triebenen Kletterhaken war eine Hängematte aufge- hängt. Ein altes Zinnwaschbrett bildete die einzige sonstige Annehmlichkeit. Wenn Cirocco lange hier- bleiben mußte, pflegte sie eine Wäscheleine vor die Höhlenmündung zu spannen, um die trockenen, Aufwinde einzufangen. »He, wir haben eines übersehen«, meinte Hornpi- pe. »Was?« Der Titanide warf ihr ein Comicbuch zu, das in Conals hinterer Hosentasche gesteckt hatte. Sie fing es auf und sah dem Titaniden für einen Moment bei der Arbeit zu. Ein stabiler Pfahl war im Boden der Höhle veran- kert. Der nackte Bodybuilder war in sitzender Stel- lung darangebunden worden, und seine Knöchel wa- ren an Pfählen befestigt, die drei Fuß weit auseinan- der standen. In dieser Stellung war er völlig wehrlos. Hornpipe war gerade dabei, Conals Kopf am Pfahl zu befestigen, indem er ihm einen weißen Lederstreifen um die Stirn band. Das Gesicht des Mannes war eine Ruine und mit trockenem Blut überkrustet. Seine Nase und die Wangenknochen waren gebrochen, aber Cirocco glaubte, daß sein Kiefer noch in Ordnung war. Conals Mund war geschwollen und die Augen nur noch winzige Schlitze. Sie seufzte und betrachtete das zerknitterte Co- micbuch. Auf dem Cover stand »Der Magier Gäas«, und es zeigte obendrein ihr altes Schiff, die Ringmei- ster, in seinem Todeskampf. Sogar nach dieser langen Zeit haßte sie den Anblick. Es war ein gewidmetes Buch, in dem alle Charakte- re fest benannt waren und nicht vom Käufer verän- dert werden konnten. Die meisten von Conals Bü- chern besaßen eine Vorrichtung, mit deren Hilfe man den eigenen Namen für den Helden eingeben konnte. Die Charaktere waren ihr vertraut: Cirocco Jones,, Gene, Bill und Calvin, die Polo-Schwestern und Hornpipe der Jüngere und Meistersinger. Und natürlich noch jemand anderes. Cirocco schloß das Buch und schluckte, um die Hitze in ihrem Rachen loszuwerden. Dann streckte sie sich in der Hängematte aus und blätterte das Buch durch. »Willst du das wirklich lesen?« erkundigte sich Hornpipe. »Man kann es nicht lesen. Es stehen keine Wörter darin.« Cirocco hatte tatsächlich noch nie ein Buch wie den »Magier Gäas« gesehen, aber sie verstand das Prinzip. Die Farben leuchteten oder blitzten, oder sie glitzerten und fühlten sich bei der Berührung feucht an. In der Tinte vergraben waren winzige Bal- lonchips. Wenn man ein Blatt berührte, lieferten die Charaktere darauf ihre Umrisse. Klangeffekte hatten die althergebrachten ›Tzongs‹, ›Krawooongs‹, ›Krr- Puuhs‹, ›Hoppeldipoppels‹ und Schreie ersetzt. Die Dialoge waren noch schlechter als der Conals in der La Gata, also begnügte sich Cirocco damit, die Bilder zu betrachten. Die Story war ziemlich einfach. Und sie stimmte sogar in den großen Zügen. Sie sah ihr Schiff im Anflug auf den Saturn. Gäa wurde entdeckt, ein dreizehnhundert Kilometer durch- messendes schwarzes Rad im Orbit. Ihr Schiff wurde zerstört, und die gesamte Besatzung tauchte nach ei- ner Periode voller seltsamer Träume im Radinneren auf. Sie flogen mit einem Blimp, bauten ein Boot und fuhren den Fluß Ophion hinab. Dann trafen sie die Titaniden. Cirocco war geheimnisvollerweise in der Lage, die Titanidensprache zu singen. Die Gruppe wurde in den Krieg mit den Engeln verwickelt., Die Charaktere trieben es viel häufiger, als sie sich erinnerte. Es wurden sehr heiße Szenen zwischen Ci- rocco und Gaby Plauget geboten, und noch mehr zwischen Cirocco und Gene Springfield. Das letztere war eine freie Erfindung, und das erstere tauchte am falschen Ort auf. Jedermann war bis an die Zähne bewaffnet. Sie trugen mehr Waffen als ein Söldnerbataillon. Die Männer besaßen alle schwellende Muskeln, noch schlimmere als bei Conal Ray, und die Frauen hatten Brüste wie Wassermelonen, die fortwährend aus den dürftigen Lederhaltern herausquollen, die sie stütz- ten. Auf ihrem Weg begegneten sie Monstern, von denen Cirocco nie gehört hatte, und sie ließen nichts zurück außer blutigen Fleischfetzen. Dann wurde es interessant. Sie sah Gaby, Gene und sich selbst eine der gewal- tigen Trossen hinaufklettern, die zur Nabe Gäas führten, sechshundert Kilometer weit nach oben. Die drei schlugen ein Lager auf, und von da an kam nur noch Mumpitz. Es schien um ein Dreiecksverhältnis zu gehen, wobei Cirocco zu beiden Gefährten Bezie- hungen hatte. Sie und Gaby schmiedeten am Lager- feuer Ränke und tauschten dabei Worte unsterblicher Liebe aus. Sachen wie zum Beispiel: »O Gott, Gaby, ich liebe deine Finger in meinem heißen, feuchten Loch!« Am nächsten Morgen – obwohl sich Cirocco daran erinnerte, daß die Reise viel länger gedauert hatte – wurde Gene anläßlich ihrer Audienz bei der großen Göttin Gäa der Posten des Magiers angeboten. Er senkte demütig das Haupt, um anzunehmen, und Ci- rocco packte ihn am Haar, zog seinen Kopf zurück, und schlitzte ihm den Hals von einem Ohr zum ande- ren auf. Blut quoll über die Seite, und sie kickte den Kopf verächtlich aus dem Weg. Gäa – die noch viel mieser war, als Cirocco im Gedächtnis hatte – machte Cirocco zum Magier und Gaby zu ihrer verruchten Gehilfin. Es kam noch viel mehr. Cirocco seufzte und schloß das Buch. »Weißt du was?« meinte sie. »Er könnte die Wahr- heit sagen.« »Das dachte ich mir.« »Er könnte einfach ein Dummkopf sein.« »Na ja, du kennst die Strafe für Dummheit.« »Ja.« Sie warf den Comic weg, hob einen der Holzkübel an und goß Conal zwei Gallonen eisiges Wasser ins Gesicht. Er erwachte allmählich. Er wurde gestoßen und ge- zwickt, aber es schien alles weit weg zu sein. Er wußte nicht einmal, wer er war. Schließlich merkte er, daß er nackt war und so ge- fesselt, daß er keinesfalls auf Flucht hoffen konnte. Seine Beine waren weit gespreizt, und er konnte sie nicht bewegen. Er konnte auch nicht sehen, bis Jones eines seiner blutverkrusteten Augen aufzwängte. Das tat weh. Ein Riemen hielt seinen Kopf unbeweglich, und auch das tat weh. Überhaupt tat alles weh. Jones saß vor ihm auf dem umgedrehten Kübel. Ih- re Augen waren so tief und schwarz wie immer, wäh- rend sie ihn musterte. Schließlich konnte er es nicht mehr aushalten. »Werden Sie mich foltern?« Die Worte kamen nur undeutlich hervor., »Ja.« »Wann?« »Wenn du mich anlügst.« Seine Gedanken bewegten sich wie Leim, aber et- was an der Art, wie sie ihn betrachtete, inspirierte ihn dazu, es hervorzubringen. »Woher wollen Sie wissen, ob ich lüge?« fragte er. »Darin liegt die Schwierigkeit«, gab sie zu. Sie hielt ein Messer hoch und drehte es vor seinem Gesicht. Sie legte die Klinge leicht an die Oberseite eines seiner Füße und zog sie langsam zu sich hin. Er spürte keinen Schmerz, aber eine blutige Linie er- schien. Cirocco hielt das Messer wieder hoch und wartete. »Scharf«, wagte er zu sagen. »Sehr scharf.« Sie nickte und legte das Messer weg. Dann nahm sie die Zigarre aus dem Mund, klopfte etwas Asche ab und blies dann auf die Spitze, bis die- se heftig glühte. Sie hielt die glühende Spitze nahe an seinen Fuß. Die Haut warf Blasen, und diesmal spürte er es; es war ganz anders als das Messer. »Ja«, sagte er. »Ja, ja. Ich verstehe.« »Nein, das tust du noch nicht.« Die Glut berührte ihn. Er versuchte, den Fuß in den Fesseln zu bewegen, aber von hinten tauchte die Hand des Titaniden auf und hielt ihn fest wie ein Schraubstock. Conal biß sich auf die Lippen und sah weg; doch sein Blick wurde zurückgezogen. Er schrie los. Er schrie sehr lange, und der Schmerz ließ nicht nach. Selbst als sie die Zigarre wegnahm – nach fünf Mi- nuten? zehn? – dauerte der Schmerz an. Conal, schluchzte lange Zeit hilflos. Endlich konnte er wieder hinsehen. Die Haut war schwarz verbrannt im Umkreis von etwa einem Daumennagel. Er blickte Cirocco an, und sie erwi- derte seinen Blick mit soviel Gefühl wie ein Stein. Er haßte sie. Er hatte noch nie irgend jemanden oder ir- gend etwas so gehaßt wie sie in diesem Moment. »Es waren zwanzig Sekunden«, sagte sie. Er weinte, als er erkannte, daß sie die Wahrheit sagte. Er versuchte zu nicken, ihr zu sagen, daß er verstand, was das bedeutete, daß nämlich zwanzig Sekunden keine sehr lange Zeit waren, aber er konnte seine Stimme nicht beherrschen. Sie wartete. »Da ist noch etwas, was du begreifen solltest«, sagte sie. »Der Fuß ist recht empfindlich, aber er ist bei weitem nicht der empfindlichste Teil deines Kör- pers.« Er hielt die Luft an, als sie die Zigarrenspitze blitzschnell bis kurz vor seine Nase führte, gerade lange genug, daß er die Hitze spürte. Dann fuhr sie mit dem Fingernagel langsam von seinem Kinn bis zum Penis. Auf dem ganzen Weg nach unten spürte er schwach die Hitze, und als ihre Hand anhielt, hörte und roch er, wie Haar versengt wurde. Als sie die Hand wegnahm, ohne ihn am Glied zu verbrennen, widerfuhr Conal etwas Erstaunliches. Er hörte auf, sie zu hassen. Er bedauerte zu sehen, wie der Haß verschwand, denn er war das einzige gewe- sen, was ihm noch verblieben war. Er war nackt und hatte überall Schmerzen, und sie stand im Begriff, ihm noch mehr weh zu tun. Es wäre so schön gewe- sen, sich am Haß festzuhalten. Sie steckte die Zigarre zurück in den Mund und hielt sie mit den Zähnen fest., »Nun«, sagte sie, »was für ein Abkommen hast du mit Gäa getroffen?« Und er schrie wieder los. Es ging ewig weiter. Traurig war, daß die Wahrheit ihn nicht retten würde. Cirocco glaubte, er sei das ei- ne, während er in Wirklichkeit etwas anderes war. Sie verbrannte ihn zwei weitere Male. Sie führte die Glut der Zigarre dabei nicht an die schwarze Stelle, wo die Nerven bereits tot waren, sondern an den empfindlichen, schwellenden Rand, wo die Nerven schrien. Nach dem zweiten Mal konzentrierte er sein ganzes Wesen darauf, ihr alles zu sagen, was sie hö- ren wollte. »Wenn du Gäa nicht getroffen hast«, fragte Jones, »wen hast du dann getroffen? War es Luther?« »Ja! Ja, es war Luther!« »Nein, das stimmt nicht. Es war nicht Luther. Wer war es? Wer hat dich geschickt, um mich zu töten?« »Es war Luther! Ich schwöre, es war Luther!« »Ist Luther ein Priester?« »... ja?« »Beschreibe ihn. Wie sieht er aus?« Er hatte nicht die leiseste Ahnung, aber er hatte viel über Ciroccos Augen herausgefunden. Sie waren kei- neswegs ausdruckslos. Man konnte eine Million Sa- chen aus ihnen herauslesen, und er war der weltbeste Student von Ciroccos Augen. Er erkannte die Verän- derungen ihres Ausdrucks, die Qual und den Geruch brennenden Fleisches bedeuteten, und erzählte drauflos. Halb durch mit seiner Beschreibung, er- kannte er, daß er den bösen Zauberer aus »Die Gol- denen Kufen« skizzierte, aber er redete weiter, bis sie, ihn mit der Hand schlug. »Du bist Luther nie begegnet«, meinte Jones. »Wer war es dann? Kali? Der Selige Foster? Billy Sunday? Der Heilige Torquemada?« »Ja!« schrie er. »Sie alle«, fügte er lahm hinzu. Jones schüttelte den Kopf, und Conal hörte, wenn auch nur von fern, ein Wimmern. Sie würde es tun, das las er aus ihren Augen. »Sohn«, sagte sie, und es klang bekümmert, »du hast mich angelogen, und ich habe dir gesagt, daß du nicht lügen sollst.« Sie nahm die Zigarre aus dem Mund, entfachte die Spitze durch Blasen und hielt sie ihm zwischen die Beine. Die Augen quollen ihm hervor, als er hinzusehen versuchte. Als der Schmerz kam, war er genauso schlimm, wie er es sich vorgestellt hatte. Es fiel ihnen schwer, ihn wieder ins Leben zurückzu- rufen, denn er hätte es vorgezogen, tot zu bleiben. Im Tod gab es keinen Schmerz mehr, keinen Schmerz ... Aber er wachte doch wieder auf zu dem ganzen vertrauten Schmerz. Es überraschte ihn, festzustellen, daß es nicht weh tat ... da unten. Er schaffte es nicht einmal, an die Bezeichnung der Stelle zu denken, wo sie ihn verbrannt hatte. Sie sah ihn wieder an. »Conal«, sagte sie, »ich werde dich noch einmal fragen. Wer bist du, was hast du gemacht, und war- um hast du versucht, mich umzubringen?« Also erzählte er es ihr, hatte den ganzen Kreis bis zurück zur Wahrheit hinter sich gebracht. Er hatte furchtbare Schmerzen, und er wußte, daß sie ihn fol- tern würde. Aber er wollte gar nicht mehr leben., Noch mehr Schmerz wartete auf ihn, aber am Ende lag Frieden. Jones hob das Messer auf. Er wimmerte, als er es sah, und versuchte sich klein zu machen, aber es klappte jetzt auch nicht besser als vorher. Sie durchschnitt das Seil, das seinen linken Fuß an den Pfosten fesselte. Gleichzeitig löste der Titanide die Knoten, die seinen Kopf am Pfahl festhielten. Der Kopf fiel vornüber und schlug mit dem Kinn auf die Brust. Conal hielt die Augen fest geschlossen. Aber letztlich mußte er hinsehen. Was er sah, war ein Wunder. Ein Teil seines Schamhaares war versengt, aber sein vor Entsetzen zusammengeschrumpelter Penis war unverletzt. Da- neben lag ein kleines Stück Eis, das sich langsam in eine Pfütze auf dem Felsboden verwandelte. »Sie haben mich nicht verletzt«, stellte er fest. Jones wirkte überrascht. »Was meinst du damit? Ich habe dich dreimal verbrannt.« »Nein, ich meine, Sie haben mich nicht verletzt!« Er deutete mit dem Kinn. »Oh, richtig.« Merkwürdigerweise sah sie verlegen aus. Conal erwog den Gedanken, daß er vielleicht am Leben bleiben würde. Zu seiner Überraschung schmeckte er wirklich gut. »Ich habe nicht den Mumm dazu«, gestand Jones. Conal überlegte, daß sie in diesem Fall verdammt gut geschauspielert hatte. »Ich bin in der Lage, sauber zu töten«, fuhr sie fort. »Aber ich hasse es, Schmerz zu- zufügen. Ich wußte, daß du in deinem Zustand Hitze und Kälte nicht unterscheiden konntest.« Es war das erstemal, daß sie so etwas tat, wie ihre Handlungsweise zu erklären. Er hatte Angst, sie zu, fragen, aber er mußte einfach etwas tun. »Warum haben Sie mich dann gefoltert?« wollte er wissen und merkte sofort, daß es die falsche Frage war. Ihre Augen zeigten zum erstenmal Zorn, und Conal starb fast vor Schreck, denn von allen Dingen, die er aus diesen Augen gelesen hatte, war nichts so schrecklich wie ihr Zorn. »Weil du ein Dummkopf bist!« Sie brach ab, und es war, als wäre eine Doppeltür zu einem brüllenden Hochofen geschlossen worden. Ihre Augen waren wieder kalt und schwarz, aber rote Hitze glühte un- mittelbar dahinter. »Du bist in ein Hornissennest gelatscht und jetzt überrascht, daß du gestochen wurdest. Du bist zum ältesten, gemeinsten und paranoidesten Menschen im Sonnensystem gekommen und hast ihr erzählt, daß du sie töten wolltest, und dann hast du noch damit gerechnet, daß sie sich an die Regeln deiner Comics halten würde. Der einzige Grund, warum du es überlebt hast, liegt in meinen üblichen Befehlen, daß, wenn etwas wie ein Mensch aussieht, es am Leben gelassen werden soll, bis ich es befragen konnte.« »Sie haben nicht geglaubt, ich sei ein Mensch?« »Ich hatte keinen Grund, das anzunehmen. Du hättest eine neue Sorte von Priester sein können, oder auch ein ganz anderer Schabernack. Söhnchen, hier drin beurteilen wir nichts, aber auch gar nichts nach dem Augenschein, wir ...« Sie brach ab, stand auf und wandte sich von ihm ab. Als sie sich wieder zu ihm umdrehte, machte sie ein fast entschuldigendes Gesicht. »Na ja«, meinte sie. »Lektionen haben keinen Sinn. Es geht mich nichts an, was du für ein Leben geführt, hast; es ist nur so, daß, sobald ich Dummheit begeg- ne, ich sie korrigieren möchte. Wirst du mit ihm fer- tig, Hornpipe?« »Kein Problem«, meldete sich die Stimme hinter ihm. Er spürte, wie das Seil gelöst wurde; überall, wo es von ihm abfiel, tat es weh, aber es war wunderbar. Jones hockte sich wieder vor ihn hin und blickte zu Boden. »Du hast noch ein paar Wahlmöglichkeiten«, sagte sie. »Wir haben ein Gift, das recht schmerzlos ist und schnell wirkt. Ich könnte dir auch eine Kugel durch den Kopf jagen. Oder du könntest springen, wenn du ihm so lieber begegnen möchtest.« Sie redete so, als fragte sie ihn, ob er lieber Kirschtorte, Kuchen oder Eiscreme hätte. »Wem begegnen?« erkundigte er sich. Sie hob den Blick, und er entdeckte darin leichte Enttäuschung; er war wieder dumm. »Dem Tod.« »Aber ... ich möchte nicht sterben!« »Das wollen die meisten Leute nicht.« »Wir haben kein Gift mehr, Captain«, stellte der Titanide fest. Er hob Conal hoch, als wäre dieser nur eine Stoffpuppe, und ging zum Höhleneingang. Co- nal war nicht in bester Verfassung. Er fühlte sich weit von der Kraft entfernt, die ihm normalerweise eigen war. Er kämpfte zwar, und je näher es zur Kante ging, desto stärker wurde er auch, aber es bedeutete immer noch nichts. Der Titanide wurde bequem mit ihm fertig. »Wartet!« schrie Conal. »Wartet! Ihr braucht mich nicht umbringen!« Der Titanide stellte ihn am Rand des Abgrunds auf, die Füße und hielt ihn fest, während Jones ihm seinen eigenen Revolver an die Schläfe hielt und den Hahn zurückzog. »Willst du die Kugel oder nicht?« »Laßt mich doch einfach gehen!« schrie er. »Ich werde euch nie wieder Schwierigkeiten machen!« Der Titanide ließ ihn tatsächlich los, und das über- raschte Conal so sehr, daß er wild an der Kante her- umtanzte und beinahe abstürzte, erst auf die Knie und dann den Bauch fiel und sich an den kalten Fels klammerte, während seine Füße über der Kante bau- melten. Die beiden anderen standen drei Schritte von ihm entfernt. Er richtete sich langsam auf die Knie auf und setzte sich dann auf die Fersen. »Bitte, tötet mich nicht!« »Doch, das werde ich, Conal«, sagte Jones. »Ich schlage vor, du stehst auf und gehst zu Fuß hinaus. Wenn du beten möchtest oder so etwas, gebe ich dir die Zeit dazu.« »Nein!« rief er. »Ich möchte nicht beten! Und ich möchte auch nicht aufstehen! Es spielt doch eigentlich keine Rolle, oder?« »Das habe ich mir auch immer gedacht.« Sie hob den Colt. »Warten Sie! Warten Sie bitte, sagen Sie mir nur, warum!« »Ist das eine letzte Bitte?« »Ich schätze schon. Ich ... ich bin dumm. Okay. Sie sind so viel schlauer als ich, Sie könnten mich zer- quetschen wie ein ... aber warum müssen Sie mich umbringen? Ich schwöre, Sie werden mich nie wie- dersehen!«, Jones senkte die Waffe. »Es gibt zwei Gründe«, erklärte sie. »Solange ich eine Waffe auf dich richte, bist du ein harmloser Dummkopf. Aber du könntest Glück haben, und nichts fürchte ich so sehr wie einen Dummkopf, der Glück hat. Und wenn du mit mir gemacht hättest, was ich gerade mit dir gemacht habe, dann würde ich kommen und dich finden, egal, wie lange es dauerte.« »Ich werde es nicht!« behauptete er. »Ich schwöre es! Ich schwöre es!« »Conal, man findet vielleicht fünf Menschen, auf deren Wort ich mich verlasse. Warum solltest du der sechste sein?« »Weil ich verdient habe, was ich erhielt, und weil ich achtzehn Jahre alt bin und einen dummen Fehler begangen habe, und weil ich niemals, niemals wieder erleben will, daß Sie böse auf mich werden. Ich werde alles tun, alles! Ich werde für den Rest meines Lebens Ihr Sklave sein. Ich werde alles tun, was Sie wollen!« Er unterbrach sich, und er wußte bis in die Tiefen sei- ner Seele, daß das, was er gerade gesagt hatte, der Wahrheit entsprach. Ihm fiel wieder ein, wie wenig ihm die Wahrheit noch vor wenigen Stunden Gutes gebracht hatte. Es mußte möglich sein, ihr zu bewei- sen, daß er die Wahrheit sagte! Schließlich fiel es ihm ein. Ein feierlicher Eid. »Begegnen Sie meinem Herzen und hoffen Sie zu sterben«, sagte er und wartete. Die Kugel kam nicht. Er öffnete die Augen und sah, wie Jones und der Titanide einander anblickten. Schließlich zuckte der Titanide die Achseln und nickte.,

ZWISCHENMUSIK

Nicht lange nach Conals Ankunft in Gäa verließ ein Schiff namens Xenophobe seinen Orbit um den Saturn und nahm mit maximaler Beschleunigung Kurs auf die Erde. Der Abflug der Xenophobe hatte nichts mit Conal zu tun. Dieses Schiff und andere seiner Art hatten sich für fast ein Jahrhundert im Saturnorbit aufgehalten. Das erste war im Besitz der Vereinten Nationen ge- wesen und von ihnen betrieben worden, aber nach dem Untergang dieser Körperschaft war die Eigner- schaft auf den Europäischen Rat und später auf ande- re friedenserhaltende Organisationen übergegangen. Keines dieser Schiffe war jemals in einem der zwi- schen Gäa und verschiedenen Erdnationen unter- zeichneten Verträge und Protokolle erwähnt worden. Als Gäa den Vereinten Nationen als voll stimmbe- rechtigtes Mitglied beigetreten war, hatte sie es für diplomatisch gehalten, die Existenz der Schiffe zu ignorieren. Deren Zweck war jedoch ein offenes Ge- heimnis. Jedes hatte ausreichend nukleare Waffen an Bord, um Gäa zu verdampfen. Verträge hin, Verträge her, Gäa – ein einzelnes fühlendes Lebewesen – besaß mehr Masse als alle irdischen Lebensformen zusam- mengenommen; mehreren aufeinanderfolgenden Ge- nerationen schien es klug zu sein, die Fähigkeit zu ih- rer Zerstörung zu besitzen, falls sie unerwartete Kräfte zeigen sollte. »In Wahrheit«, hatte Gäa einmal zu Cirocco gesagt, »kann ich einen Scheiß tun; aber warum sollte ich es ihnen sagen?«, »Und wer würde dir schon glauben?« hatte Cirocco versetzt. Cirocco glaubte, daß Gäa heimlich Spaß dar- an hatte, so viel Aufmerksamkeit für würdig erachtet zu werden, einer solch beispiellosen Show der Ein- mütigkeit zwischen den historisch zersplitterten Völ- kern des Planeten Erde. Aber als der Krieg in sein zweites Jahr ging, konnte die Fracht der Xenophobe einem besseren Nutzen zu- geführt werden als ihrer Vergeudung im All. Gäa nahm den Abflug des Schiffes zur Kenntnis. Von einem Wesen von der Gestalt eines 1300 Kilo- meter durchmessenden Wagenrades kann man nicht sagen, daß es lächelt, nicht in irgendeinem menschli- chen Sinn dieses Wortes. Aber irgendwo in der pul- sierenden scharlachroten Linie aus Licht, die Gäa als Zentrum des Bewußtseins diente, lächelte sie doch. Eine halbe Dekarev später führte das Pandämoni- um Wander-Filmfestival sein erstes Double Feature vor bis zum Bersten gefüllten Häusern auf: Triumph des Willens von Leni Riefenstahl und Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben von Stanley Kubrick. In Gäa wurde die Zeit in Revs gemessen. Eine Rev war die Zeit, die Gäa brauchte, um einmal um ihre Achse zu rotieren, und sie betrug einund- sechzig Minuten, drei Sekunden und ein paar Sekun- denbruchteile. Man bezeichnete die Rev häufig als »gäanische Stunde«. Metrische Präfixe wurden dann verwendet, um jede andere Zeitspanne zu benennen. Die Kilorev, oder der gäanische Monat, betrug zwei- undvierzig Tage. Zwei Kilorevs, nachdem die Xenophobe den Saturn verlassen hatte (um nahe der Mondbahn von den, Kommunisten abgeschossen zu werden), setzten die Gnadenflüge ein. Es war das erstemal, daß Gäa ir- gendwelche unvorhergesehene Kräfte enthüllte. Man wußte längst, daß Gäa ein einzelnes, gealtertes Exemplar der genetisch fabrizierten Spezies der Tita- nen war. Sie hatte fünf jüngere Schwestern im Orbit um den Uranus und eine noch unreife Tochter, die darauf wartete, von der Oberfläche des Iapetus, eines Saturnmondes, geboren zu werden. Die seltenen In- terviews, die Gäas uranische Schwestern gegeben hatten, hatten die titanische Fortpflanzungsmethode erwiesen, die Natur der Titaneneier und die Methode ihrer Verbreitung und Verteilung. Man wußte auch, daß Gäa, die senile Titanin, künstlich hergestellte Wesen verwendete, die keine Individuen mit so etwas wie freiem Willen waren, sondern lediglich Verlängerungen ihrer selbst, in demselben Sinn, in dem ein Finger oder eine Hand eine Verlängerung des Menschen war. Man bezeich- nete diese Wesen als »Werkzeuge Gäas«. Viele Jahre lang war eines dieser Werkzeuge Besuchern als Gäa selbst vorgeführt worden, aber als Cirocco es getötet hatte, hatte Gäa prompt ein neues hergestellt. Daß Werkzeuge und Samen kombiniert werden konnten, war für Cirocco keine Überraschung. Nach neunzig Jahren des Lebens mit der wahnsinnigen Göttin vermochte sie nur noch wenig zu überraschen. Der entstehende Organismus ähnelte sehr einem Raumschiff. Gäa stieß diese fühlenden, lenkbaren und immens starken Samen massenweise ab, als sie erfuhr, daß die Xenophobe vernichtet worden war und wahrscheinlich nicht ersetzt werden würde. Alle Sa- men strebten zu einem Erdorbit. Von den ersten, Wellen wurden fünfundneunzig Prozent zerstört, be- vor sie die Atmosphäre erreichten. Jahr Zwei des Krieges war eine nervöse Zeit; alle Parteien schossen zuerst und machten sich nicht einmal hinterher die Mühe, nachzufragen. Aber allmählich wurde das Wesen der Samen er- kannt. Jeder landete an einer Stätte nuklearen Gemet- zels und schrie hinaus, daß die Rettung eingetroffen sei. Die Samen redeten und sie spielten eine Musik, genau dazu kalkuliert, die Gemüter der gebrochenen, vor dem Holocaust fliehenden Kreaturen zu heben, und sie versprachen medizinische Versorgung, fri- sche Luft, Nahrung, Wasser und unbegrenzte Aus- sichten in Gäas willkommenheißenden Armen. Die globalen Sender griffen die Geschichte auf und betitelten die Samen als »Gnadenflüge«. Zu Anfang war es riskant, an Bord zu gehen, da viele abgeschos- sen wurden, wenn sie die Erde verlassen wollten. Aber nur wenige Menschen zögerten. Sie hatten Greuel gesehen, im Vergleich zu denen die Hölle wie eine Sommerfrische wirkte. Es dauerte nicht lange, bis die kriegführenden Parteien die Flüge von Gäas Samen mißachteten. Sie mußten sich über wichtigere Dinge Gedanken machen, zum Beispiel darüber, wel- che Million Menschen in der laufenden Woche zu ermorden war. Jeder Samen konnte etwa einhundert Menschen be- fördern. Schreckliche Unruhen brachen aus, wo im- mer Samen landeten. Kinder wurden oft zurückgelas- sen, wenn Erwachsene, über alle Grenzen des Erträg- lichen hinaus bedrängt, sie von sich stießen, um den Samen betreten zu können. Kein Nachrichtennetz berichtete darüber, aber der, Rückflug zum Saturn war voller Wunder. Keine Ver- letzung erwies sich als zu schwer für eine Heilung. Die Abscheulichkeiten der biologischen Kriegsfüh- rung wurden alle geheilt. Jedermann hatte genug zu essen und zu trinken. Die Hoffnung wurde auf den Gnadenflügen neu geboren. Das Innere Gäas war in zwölf Regionen unterteilt. Sechs davon lagen in ständigem Tageslicht, die übri- gen sechs in ewiger Nacht. Zwischen diesen Regionen lagen schmale Bänder ab- oder zunehmenden Lichtes – abhängig von der eigenen Wegrichtung oder dem eigenen Geisteszustand –, bekannt als die Dämme- rungszonen. Die Zone zwischen Iapetus und Dione hatte einen großen See mit unregelmäßigen Uferlinien und in- mitten von Bergen zu bieten. Er hieß Moros. Moros bedeutete Verhängnis oder Schicksal. Die Uferlinie war nicht nur unregelmäßig, sondern auch abschüssig. Ihr südlicher Teil hatte zig Halbin- seln, von denen jede eine schmale, tiefe Bucht be- grenzte. Diese Halbinseln waren zum größten Teil nicht benannt, aber jede Bucht trug einen Namen. Man fand hier die Bucht des Betruges, die Bucht der Zügellosigkeit, die Bucht der Betrübnis, die Bucht der Zweideutigkeit sowie die Buchten der Vergessenheit, des Hungers, der Krankheit, des Kampfes und der Ungerechtigkeit. Die Liste war lang und deprimie- rend, jedoch konnte man der Namensgebung die Lo- gik nicht absprechen, stammte sie doch von Karto- graphen, die bewaffnet gewesen waren mit Listen aus der griechischen Mythologie. All die Buchten waren nach den Kindern der Nox (Nacht) benannt, der, Mutter von Moros. Moros war am ältesten; Betrug, Zügellosigkeit, Betrübnis und so weiter die unwis- senden jüngeren Geschwister. Die östlichste Bucht war bekannt unter dem Na- men Pfefferminzbucht. Der Grund für diesen Namen war einfach: niemand wollte an einem Ort leben, der Bucht des Mordes genannt wurde, also hatte der Ma- gier ihn umgetauft. Eine einzelne Siedlung war hier zu finden: Bellin- zona. Es war ein unregelmäßig ausgebreiteter, lauter und schmutziger Ort. Zur Hälfte klammerte er sich an die fast senkrechte Felswand der östlichen Halbin- sel, und der Rest erstreckte sich auf Pontonpieren hinaus auf das Wasser. Die Inseln von Bellinzona wa- ren künstlich und ruhten auf Anhäufungen oder auf rauhen Felsknöcheln, die senkrecht aus dem schwar- zen Wasser ragten. Die Stadt, die Bellinzona am meisten ähnelte, war Hong Kong. Bellinzona war ein polyglotte Stadt aus Booten, die an Piere oder andere Boote gebunden wa- ren, manchmal zwanzig oder dreißig Stück nebenein- ander. Sie waren aus Holz gefertigt und tauchten in allen Formen auf, die sich Menschen je ausgedacht hatten: Gondeln und Dschunken, Schaluppen und Daus, Schmacken, Jollen und Sampans. Bellinzona war drei Jahre alt, als Rocky hier ankam, und bereits ein Sumpf von Sünde und Verkommen- heit, ein riesiger verbrecherischer Angriff auf das Antlitz der Pfefferminzbucht. Es war eine Menschenstadt, und die Menschen wa- ren so vielgestaltig wie ihre Boote, stammten aus al- len Rassen und Nationen. Man fand hier keine Poli- zei, keine Feuerwehr, keine Schulen, Gerichte oder, Steuern. Zahlreich waren die Schußwaffen, aber Mu- nition gab es nicht. Trotzdem war die Mordrate astronomisch. Nur wenige von Gäas eingeborenen Rassen bevöl- kerten die Stadt. Sie war zu feucht für die Sandgeister und sie qualmte zuviel für die Blimps. Die Eisernen Meister aus Phöbe unterhielten eine Enklave auf einer der Inseln, von wo aus sie Menschenkinder kauften, die sie als Brutvorrichtungen und erste Nahrung für ihre Brutstadien benutzten. Hin und wieder kam auch ein U-Boot, um sich von der Stadt zu ernähren, biß große Klötze ab und verschluckte sie ganz, aber meistens hielten die Abwässer von Bellinzona die empfindsamen Ungetüme fern. Titaniden kamen, um Handel zu treiben, fanden sie Stadt aber deprimie- rend. Die meisten Bellinzonaner kamen mit den Titani- den aus. Manche fanden den Ort romantisch – un- kultiviert, kräftig, vital, »wild wie ein nach Action he- chelnder Hund, schlau wie ein Wilder ...« Aber an- ders als das alte Chicago hatte Bellinzona keine Schweineschlachter zu bieten, keine Werkzeugma- cher, keine Weizenstapler. Die Nahrung stammte aus dem See, von Manna oder aus tiefen Brunnen, die Gäas Milch anzapften. Die wichtigsten Erzeugnisse der Stadt waren dunkle braune Flecken auf dem Wasser und Rauchwolken in der Luft; in irgendeinem Teil von Bellinzona brannte es immer. In den dump- figen Seitengassen der Stadt konnte man Würge- schlingen kaufen, Gifte und Sklaven. Fleischerbuden verkauften öffentlich Menschenfleisch. Es hatte den Anschein, als wäre alles Elend der ge- quälten Erde an diesen einen Ort gebracht, destilliert,, konzentriert und der Fäulnis überlassen worden. Genauso war es auch von Gäa geplant. In der 97.761.615ten Rev der siebenundzwanzigsten Gigarev verließ Phasenwechsler (Zweifach-erhöhtes Lydisches Trio) Rock'n'Roll seine Barkasse und betrat Pier Siebzehn in den Außenbezirken von Bellinzona. Cirocco Jones hatte einmal vom Titanidischen ge- sagt, daß »es einfach zeigt, wie ein zur Vereinfachung der Dinge gedachtes System außer Kontrolle gerät«. Sie wollte damit sagen, daß der richtige Name jedes Titaniden ein Lied war, das viel über den Träger des Namens aussagte, aber nicht in irgendeine menschli- che Sprache übersetzt werden konnte. Und da kein Mensch jemals ohne Gäas Hilfe gelernt hatte, Titani- disch zu singen, ergab es Sinn, wenn diese Wesen englische Namen annahmen – Namen in der in Gäa bevorzugten menschlichen Sprache. Das System war nützlich – für einen Titaniden. Der letzte Name bezeichnete seinen oder ihren Akkord. Akkorde ähnelten menschlichen Clans oder Vereini- gungen, oder auch Großfamilien oder Rassen. Nur wenige Menschen begriffen, was sie bedeuteten, ob- wohl viele in der Lage waren, das charakteristische Fell eines jeden Akkordes zu erkennen, ähnlich schottischem Tartan oder Schulkrawatten. Der zwei- te, eingeklammerte Name gab an, welche von neun- undzwanzig Methoden angewandt worden war, um den Titaniden zu gebärden, der schließlich eins bis vier Eltern haben konnte. Der erste Name pries den dritten wichtigen Faktor im Erbe jedes Titaniden: die Musik. Sie alle wählten Musikinstrumente als erste Namen., Aber mit Phasenwechsler war das System zusam- mengebrochen. Der Magier hatte entschieden, daß sein Name einfach zu unverschämt war, um benutzt zu werden. Sie titulierte ihn Rocky, und der Name war haften geblieben. Es war eine für Cirocco erfolg- reiche List, denn derselbe Spitzname hatte sie über ein Jahrhundert lang heimgesucht. Jetzt, nachdem sie den Namen einem Titaniden gegeben hatte, fand sie niemanden mehr, der sie Rocky nannte, sei es auch nur aus dem Grund, um Verwirrung zu vermeiden. Rocky der Titanide vertäute sein Boot am Pfahl- werk, blickte sich um und dann zum Himmel hinauf. Es hätte spät am Abend sein können, aber so war es am Moros seit drei Millionen Erdjahren, und Rocky erwartete auch keine Veränderung. Wolken sanken gerade aus der Dione-Speiche herab, dreihundert Ki- lometer über ihm, während im Westen Sonnenlicht gelb wie Butter durch das gewölbte Dach über Hype- rion fiel. Rocky sog die Luft ein und bedauerte es sofort, aber er schnaufte vorsichtig noch einmal, forschte nach dem Geruch verdorbenen Fleisches, der von ei- nem Priester kündete, oder nach dem noch schlimme- ren Geruch eines Zombie. Die Stadt wirkte schläfrig. In ständigem schwinden- den Dämmerlicht gelegen, gab es in Bellinzona weder Stoßverkehr noch tote Zeiten. Die Leute erledigten et- was, sobald ihnen danach war oder wenn sie es nicht weiter aufschieben konnten. Und doch zeigte die Ak- tivität einen Rhythmus. Zu Zeiten lag Gewalt in der Luft, bereit, sich zu manifestieren, während bei ande- ren Gelegenheiten das übersättigte Ungeheuer sich zu- sammenrollte, um in einen nervösen Schlaf zu sinken., Rocky näherte sich einem alten dunkelhäutigen Menschen, der Fischköpfe in einem rostigen Kübel über einem Feuer briet. »Alter Mann«, redete der Titanide ihn auf Englisch an. Er warf ihm ein kleines Päckchen Kokain zu, das der Mensch in der Luft auffing, beschnupperte und dann in die Tasche steckte. »Paß auf mein Boot auf, bis ich zurück bin«, sagte Rocky, »und ich gebe dir noch so eines.« Er wandte sich ab und klapperte auf vier dia- mantharten Hufen das Dock hinab. Der Titanide war vorsichtig, aber nicht allzu besorgt. Die Menschen hatten lange gebraucht, um ihre Lekti- on zu lernen, aber inzwischen hatten sie sie gut ge- lernt. Nachdem die Munition ausgegangen war, hat- ten die Titaniden aufgehört, sich freundlich zu betra- gen. Eigentlich waren sie nie freundlich gewesen, wohl aber realistisch. Es hat keinen Sinn, sich mit einem bewaffneten Menschen zu streiten. Während des grö- ßeren Teils eines Jahrhunderts hatten die meisten Menschen Waffen getragen. Jetzt gab es keine Kugeln mehr, und Rocky konnte ohne große Furcht über die Docks von Bellinzona gehen. Er war schwerer als beliebige fünf Menschen zu- sammengenommen und stärker als beliebige zehn, obendrein auch doppelt so schnell. Falls Menschen ihn angriffen, war er in der Lage, ihnen den Kopf vom Körper zu treten und Glieder mit den bloßen Händen auszureißen, und er würde auch nicht zö- gern, das zu tun. Sollten sich fünfzig gegen ihn zu- sammenrotten, konnte er davonlaufen. Und für den, Fall, daß nichts mehr funktionierte, hatte er einen ge- ladenen .38er-Revolver, kostbarer als Gold, in seinem Bauchbeutel stecken. Er hatte jedoch vor, die Waffe unbenutzt an Captain Jones zurückzugeben. Rocky war eine gewaltige Erscheinung, wie er da durch die Dämmerungsstadt trabte. Er ragte drei Meter hoch auf und wirkte mindestens einen Meter breit. Von zentaurenhafter Gestalt, war er doch eine insgesamt glattere Konstruktion als das klassische griechische Modell, und die Einzelheiten stimmten alle nicht mit letzterem überein. Man entdeckte keine auffällige Verbindungslinie zwischen seinen mensch- lichen und pferdeartigen Teilen. Der ganze Körper war glatt und haarlos, abgesehen von den dichten schwarzen Kaskaden von Kopf und Schwanz und dem Schamhaar zwischen den Vorderbeinen. Seine Hautfarbe war ein blasses Limonellengrün. Er trug keine Kleidung, wohl aber reichlich Schmuck, und er war obendrein mit Farbe gesprenkelt. Das überra- schendste an ihm war für einen Menschen, der noch nie einen Titaniden gesehen hatte, daß er weiblich zu sein schien. Dabei handelte es sich jedoch um eine Il- lusion: alle Titaniden besaßen große konische Brüste, lange Augenwimpern und einen breiten sinnlichen Mund, und keiner hatte Bartwuchs. Rockys oberste anderthalb Meter wären in jeder irdischen Kultur so- fort als Frau identifiziert worden, aber das Geschlecht von Titaniden wurde durch die Organe zwischen den Vorderbeinen festgelegt. Rocky war ein Mann – der jedoch auch Kinder austragen konnte. Er ging die schmalen Finger der Piers zwischen den endlosen Bootsreihen hinab, vorbei an kleinen Grup- pen von Menschen, die ihm viel Raum gewährten., Seine weiten Nüstern blähten sich. Er roch vieles – bratendes Fleisch, menschliche Exkremente, einen fernen Eisernen Meister, frischen Fisch, Menschen- schweiß – aber zu keinem Zeitpunkt einen Priester. Allmählich gelangte er auf Straßen mit stärkerem Verkehr, wobei es sich um die fluktuierenden Haupt- verkehrsstraßen von Bellinzona handelte. Er klap- perte über Brücken hinweg, die so hoch gewölbt wa- ren, daß sie fast Halbkreise bildeten. In Gäas Schwer- kraft, nur ein Viertel so groß wie die der Erde, boten sie indes keinerlei Beschwernis. Rocky blieb an einer Kreuzung nicht weit des Viertels der Freien Frauen stehen. Er sah sich um und bemerkte den Trupp von sieben menschlichen Freien Frauen, der an der verbotenen Grenze stationiert war, und er war ebenso unbekümmert um sie, wie sie um ihn. Er konnte sogar das Viertel betreten, wenn er wollte; es waren menschliche Männer, nach denen die Posten Ausschau hielten. Sonst waren nur wenige weitere Menschen zu se- hen. Der einzige, der ihm auffiel, war eine Frau, die Rocky auf etwa neunzehn oder zwanzig Jahre schätzte, obwohl es schwierig war, das Alter einer Menschenfrau zwischen Pubertät und Menopause zu bestimmen. Sie saß auf einem Pfahlwerk und hatte das Kinn in die Hände gestützt, und sie trug tief ge- schnittene schwarze Slipper mit stumpfen Kappen. Die Bänder der Slipper hatte sie sich um die Unter- schenkel gewickelt. Sie blickte zu ihm auf, und er merkte sofort, daß andere Menschen sie als wahnsinnig einstufen wür- den. Er erkannte auch, daß sie nicht gewalttätig war. Der Wahnsinn machte ihm keinen Kummer, denn das, war schließlich nur ein menschliches Wort. Tatsäch- lich produzierte die Verbindung von Wahnsinn und Gewaltlosigkeit die Menschen, die Rocky am meisten bewunderte. Cirocco Jones, ja, sie war eine Verrückte ... Er lächelte das Mädchen an, und sie neigte den Kopf zur Seite. Sie erhob sich auf die Zehen. Als sie die Arme hob und ausbreitete, war sie wie verwandelt. Sie fing an zu tanzen. Rocky kannte ihre Geschichte. Sie war eine von Tausenden, menschliches Strandgut, ohne Heim, oh- ne Freunde, ohne alles. Sogar die Bettler von Kalkutta hatte ihre Stellen auf den Bürgersteigen besessen, wo sie geschlafen hatten, wenigstens hatte Rocky es so gehört. Kalkutta war nur noch eine Erinnerung. Bel- linzonaner besaßen häufig noch weniger. Viele schlie- fen überhaupt nicht mehr. Wie alt konnte sie gewesen sein, als der Krieg aus- brach? Fünfzehn? Sechzehn? Sie hatte ihn überlebt, war von Gäas Aasfressern aufgesammelt und hier- hergebracht worden, nicht nur ihrer physischen Be- sitztümer und Kultur beraubt und alles dessen, was ihr je etwas bedeutet hatte, sondern obendrein auch noch ihres Verstandes. Und doch war sie reich. Jemand hatte ihr, sicherlich vor langer Zeit auf der Erde, das Tanzen beigebracht. Den Tanz besaß sie immer noch, und dazu die Bal- lettschuhe. Und sie hatte ihren Wahnsinn. Das war etwas wert in Gäa. Er bedeutete Schutz; Schlimmes widerfuhr eher denen, die die Verrückten peinigten. Rocky wußte, daß Menschen die Musik der Welt nicht sehen konnten. Die wenigen Menschen, die als, Zeugen zugegen waren, hätten sie den Tanz über- haupt bemerkt, konnten nicht die Klänge hören, die sie für ihn erzeugte. Für Rocky hätte die Titanstadt- Philharmonie unmittelbar hinter ihr spielen können, während sie sprang und wirbelte. Gäa war wunder- voll für Ballett. Das Mädchen schien ewig in der Luft zu schweben, und sie erzeugte den Eindruck, als sei das Gehen auf Zehenspitzen die natürliche Gangart für Menschen – insoweit man überhaupt sagen konnte, daß Menschen eine natürliche Gangart hatten. Menschliches Tanzen war eine Quelle schwindeler- zeugender Erregung für Rocky. Daß sie überhaupt auf zwei Beinen gehen konnten, war schon ein Wun- der, aber tanzen ... In völliger Stille schuf sie La Sylphide, dort auf dem schmutzigen Pier, an der Kante der Abfalltonne der Menschheit. Sie schloß den Tanz mit einem Knicks ab und lä- chelte Rocky dann an. Rocky griff in seinen Beutel und entdeckte noch ein Päckchen Kokain, das seiner Meinung nach kaum als Bezahlung für das Lächeln allein reichte. Sie nahm das Päckchen entgegen und knickste wieder. Einer plötzlichen Eingebung fol- gend, langte er in sein Haar und zog eine einzelne weiße Blume heraus, eine der vielen, die er hineinge- flochten hatte. Er hielt sie ihr hin. Diesmal war das Lächeln noch süßer als zuvor, und sie weinte dabei. »Grazie, padrone, mille grazie«, sagte sie und eilte da- von. »Hast du auch für mich eine Blume, Hundefutter?« Rocky drehte sich um und erspähte einen kleinen, kräftig gebauten menschlichen Bock, oder einen ›ka- nadischen Bock‹, wie sich dieser gerne selbst nannte., Der Titanide kannte Conal jetzt seit drei Jahren, und er hielt ihn für wunderbar verrückt. »Ich glaube nicht, daß du wegen irgendeines menschlichen ...« »Sag nicht ›Schwanz‹, Conal, oder ich entferne dir ein paar Zähne.« »Was soll ich schon sagen? Was war das für ein dickes Geschäft?« »Du könntest es nie verstehen, denn du hast kein Gehör für musikalische Schönheit. Ich will mich mit der Feststellung begnügen, daß dein Kommen wie der Fall eines Kothaufens in eine Ming-Vase war.« »Na ja, ich versuche es.« Conal zuckte die Achseln, um die fellgefütterte Jacke weiter hinauf zu beför- dern, blickte sich um, paffte ein letztes Mal am Stummel seiner Zigarre und warf ihn dann in das dunkle Wasser. Er trug immer diese Jacke. Rocky dachte, daß sie ihm einen interessanten Geruch gab. »Hast du irgend etwas gesehen?« fragte Conal schließlich. Er blickte zu den sieben Schwestern, die das Viertel bewachten. Sie erwiderten seinen Blick, hielten dabei die Waffen gesenkt, aber einsatzbereit. »Nein. Ich kenne die Stadt nicht, aber sie macht ei- nen ruhigen Eindruck auf mich.« »Auf mich auch. Ich hatte gehofft, deine Nase wür- de etwas riechen, was ich nicht sehen kann. Aber ich denke, hier war schon lange niemand mehr.« »Wenn doch, hätte ich es erfahren«, bekräftigte Rocky. »Dann, schätze ich, können sie weitermachen.« Er runzelte die Stirn, als er zu Rocky aufblickte. »Sofern du nicht versuchst, es ihr auszureden.« »Ich könnte es nicht und würde es nicht«, entgeg-, nete Rocky. »Etwas stimmt einfach überhaupt nicht. Es muß etwas geschehen.« »Ja, aber ...« »Es ist nicht so gefährlich, Conal. Ich werde sie nicht verletzen.« »Höllenklar, daß du es besser nicht tust.« Sie hatten eine Zeitlang miteinander gefeilscht an je- nem ersten Tag, Cirocco und Conal. Es war Jahre her, aber Conal erinnerte sich noch gut daran. Er hatte das Angebot lebenslanger Knechtschaft gemacht. Cirocco hatte gesagt, das sei zu lang, eine grausame und un- übliche Bestrafung. Sie bot zwei Myriarevs an. Conal ging allmählich auf zwanzig hinunter. Der Magier bot drei an. Sie einigten sich auf fünf. Was Cirocco nicht wußte, war, daß Conal damals schon und heute noch vor- hatte, sein ursprüngliches Versprechen zu erfüllen. Er wollte ihr bis zu seinem Tod dienen. Er liebte sie von ganzem Herzen. Womit nicht gesagt war, daß er nie geschwankt, nie einen schlechten Moment erlebt hatte. Es war mög- lich, allein im Dunkeln zu sitzen, ganz unbewacht, und zu spüren, wie sich der Groll regte, die Vorstel- lung zu kosten, daß sie ihn schlecht behandelt hatte, daß sie ihm Dinge angetan hatte, die er nicht ver- diente. Er hatte so manche ›Nacht‹ durchgeschwitzt in Gäas ewigem Nachmittag, ohne zu schlafen, und gefühlt, wie die Aufmüpfigkeit in ihm wuchs, hatte absoluten Schrecken erlebt. Denn manchmal über- legte er sich, tief in einem Winkel, in den er nicht Ein- blick nehmen konnte, daß er sie haßte, und wenn das zutraf, dann war es furchtbar, weil sie die wunder-, vollste Person war, die er je gesehen hatte. Sie hatte ihm das Leben selbst gegeben. Er wußte jetzt, was ihm damals noch nicht klar gewesen war, daß er sich nämlich anders verhalten hätte. Er hätte den törich- ten, naseweisen Dummkopf erschossen, den Idioten, der die Wirklichkeit mit seinen Comics verwechselte. Heute würde er ihn erschießen, falls er jemals einem solchen Dummkopf begegnete. Einen Schuß mitten durch den Kopf, wamm!, das einzige, was richtig und passend bei solchen Rambo-Zombies war, die Schwie- rigkeiten hatten, Realität und Hirngespinste ausein- anderzuhalten. Sie hatten stets nur Unglück gebracht. Die ersten paar Kilorevs waren hart gewesen. Er staunte immer noch darüber, daß er sie überlebt hat- te. Cirocco hatte größtenteils keine Zeit gehabt, sich um ihn zu sorgen, also war er in der fluchtsicheren Höhle zurückgelassen worden. Er hatte genug Zeit zum Nachdenken gehabt. Während er wieder gesund wurde, nahm er sich zum erstenmal in seinem Leben selbst in Augenschein. Nicht in einem Spiegel; es wa- ren in der Höhle keine Spiegel zu finden, und das hatte ihn eine Zeitlang verrückt gemacht, weil er es gewöhnt war, das Spiel der Muskeln an seinem Spie- gelbild zu bewundern, und auch, weil er sich gerne überzeugt hätte, wie entstellt er war. Dann machte er sich endlich daran, in andere Richtungen zu blicken. Er benutzte dazu den Spiegel zurückliegender Erfah- rungen, und es gefiel ihm nicht, was er da sah. Was hatte er schon? Wenn er alles zusammenzähl- te, kamen ein starker Körper (jetzt gebrochen) und – sein Wort zusammen. Das war es auch schon. Verstand? Vergiß es! Charme? Tut mir leid, Conal. Beredsamkeit, Tapferkeit, Integrität, Zurückhaltung,, Ehrlichkeit, Dankbarkeit, Mitgefühl? Na ja ... »Du bist stark«, sagte er zu sich selbst, »aber zur Zeit nicht, und wir wollen nicht übersehen, daß sie dich jedesmal schlagen kann, wenn sie muß. Du warst in gewisser Weise schön, wenigstens haben die Mädchen das gesagt, aber kannst du dir das als Ver- dienst anrechnen? Nein, du bist damit geboren wor- den. Du warst gesund, bist es aber im Moment nicht. Du kannst kaum aufstehen.« Was blieb übrig? Es lief auf die Ehre hinaus. Er mußte lachen. »Ein Ehrenhandel«, hatte Cirocco gesagt, unmittelbar bevor der Titanide ihn von hinten niedergeschlagen hatte. Was, zum Teufel, bedeutete Ehre dann überhaupt? Conal hatte nie von dem Marquis von Queensbury gehört, aber er hatte sich die Regeln, wie ein Gentle- man sich betrug, irgendwie zu eigen gemacht. Man schießt einem anderen nicht in den Rücken. Folter widerspricht der Genfer Konvention. Gib stets einen Warnschuß in die Luft ab. Sag deinem Gegner, was du vorhast. Gib dem Burschen drüben eine Chance zu kämpfen. Das war alles sehr schön, für Spiele jedenfalls. Spiele liefen nach Regeln ab. »Manchmal muß man sich eigene Regeln machen«, informierte ihn Cirocco viel später. Aber da war er selbst schon zu diesem Schluß gekommen. Bedeutete es, daß es überhaupt keine Regeln gab? Nein. Es bedeutete einfach, daß man sich entscheiden mußte, mit welchen man leben konnte, mit welchen man überleben konnte, denn Cirocco redete vom Überleben, und darin war sie besser als jeder andere in der Geschichte der Menschheit., »Zuerst entscheidest du dich, wie wichtig das Überleben ist«, sagte sie. »Dann weißt du, was du tun wirst, um zu überleben.« Bei Feinden waren Regeln nicht anwendbar. Die Ehre spielte bei ihnen keine Rolle. Der beste Weg, ei- nen Feind zu töten, war der, ihm aus großer Entfer- nung ohne Warnung in den Rücken zu schießen. Wenn es nötig wurde, den Feind zu foltern, riß man ihm die Eingeweide heraus. Wenn man lügen mußte, log man. Es spielte keine Rolle. Schließlich war das der Feind! Ehre bedeutete nur zwischen Freunden etwas. Die Vorstellung fiel Conal schwer. Er hatte nie ei- nen Freund gehabt. Cirocco schien ein ungünstiger Anfang zu sein – schien tatsächlich sogar eine gute Kandidatin für den schlimmsten Feind zu sein, den er je gehabt hatte. Niemand hatte ihm je auch nur ein Tausendstel so weh getan wie sie. Aber er kam immer wieder auf seine Liste zurück. Sein Wort. Er hatte sein Wort gegeben. Nackt, schutzlos, Sekunden vom Tod entfernt, war es alles gewesen, was er noch geben konnte, aber er hatte es ehrlich gemeint. Oder wenigstens dachte er das. Das Problem lag darin, daß er sich weiterhin vorstellte, sie zu töten. Eine Zeitlang glaubte er nicht, daß es das Überle- ben wert war. Stundenlang stand er am Rand der Klippe, zum Sprung bereit, und verfluchte sich für seine kriecherische Tat. Als sie nach einer Abwesenheit von über einer Hek- torev zum erstenmal zurückkehrte, sagte er ihr, was er sich für Gedanken gemacht hatte. Sie lachte nicht. »Ich bin auch der Meinung, daß das eigene Wort, etwas bedeutet«, sagte sie. »Meines bedeutet mir et- was, also gebe ich es nicht so schnell.« »Aber du würdest einen Feind anlügen, nicht wahr?« »Gerade soviel wie nötig.« Er dachte darüber nach. »Ich hatte es bereits erwähnt«, stellte sie fest, »aber es verträgt eine Wiederholung. Ein unter Zwang ab- gelegter Eid ist nicht bindend. Ich würde nie auf die Idee kommen. Ein Eid, den ich nicht freiwillig gelei- stet hätte, wäre überhaupt keiner.« »Dann erwartest du nicht, daß ich meinen erfülle, oder?« »Offen gesagt, nein. Ich sehe keinen Grund, warum du es solltest.« »Warum hast du ihn dann angenommen?« »Aus zwei Gründen. Ich glaube, daß ich deinen Zug, wenn er kommt, vorhersehen und dich töten kann. Und Hornpipe glaubt, daß du dein Wort halten wirst.« »Das wird er«, bekräftigte Hornpipe. Conal wußte nicht, warum der Titanide so zuver- sichtlich war. Schon bald ließen sie ihn wieder allein, und er hatte noch mehr Zeit zum Nachdenken, aber er stellte fest, daß er nur die alten Pfade weiter aus- trat. Ein unter Zwang abgelegter Eid ... und doch sein Wort. Am Ende blieb nichts anderes. Er mußte entweder springen oder sein Wort halten. Auf der Grundlage dieser Restwürde konnte er sich vielleicht zu einem Mann entwickeln, den der Magier respektierte., Conal und Rocky betraten das Viertel der Freien Frauen. Jede der sieben Wachen mußte Conals Paß genau prüfen, und selbst dann zeigten sie noch offen ihren Widerwillen, ihn durchzulassen. Seit der Einrichtung des Viertels zwei Jahre vorher war nicht ein einziger männlicher Mensch mehr als fünfzig Meter über das Tor hinaus gekommen und hatte noch darüber be- richten können. Aber die Freien Frauen waren schon durch ihre Natur die einzige menschliche Gruppie- rung, die die Autorität des Magiers anerkannte. Ci- rocco Jones war für sie eine Göttin, ein übernatürli- ches Wesen, eine zum Leben erwachte Legendenge- stalt. Ihr Effekt auf die Freien Frauen entsprach dem eines sicher feststellbaren, lebenden und atmenden Holmes auf eine Gruppe von Sherlockfans: worum immer sie bat, sie erhielt es. Wenn sie wollte, daß die- ser Mann die Zone betrat, dann sollte es halt sein. Hinter der Wachstation kam ein hundert Meter langer Gehweg, bekannt als die Todeszone. Man fand hier Zugbrücken, mit Metall gepanzerte Bunker mit Pfeilschlitzen und große Kessel voll leicht entzündba- ren Öls, alles dazu gedacht, einen Angriff ausrei- chend zu verzögern, damit sich eine Streitmacht von Amazonen formieren konnte. Eine Frau wartete auf Rocky und Conal. Sie trug ihre fünfundvierzig Jahre mit einer heiteren Gelas- senheit, auf die viele hoffen, die aber nur wenige er- langen. Ihr Haar war lang und weiß. Oberhalb der Taille hatte sie nichts an, wie es die Art der Freien Frauen zu Hause war. Dort, wo ihre rechte Brust ge- wesen war, erkannte man nur noch eine glatte blaue Narbe, die sich gebogen vom Brustbein zur siebten, Rippe zog. »Hattet ihr irgendwelche Probleme?« erkundigte sich die Frau. »Hallo, Trini«, sagte Conal. »Keine«, versicherte ihr der Titanide. »Wo steckt sie denn?« »Hier entlang!« Trini trat vom Dock auf das Deck eines Hausbootes. Sie folgten ihr auf ein weiteres Boot, das nicht ganz so imposant war. Eine wacklige Planke führte sie auf ein drittes. Es war eine faszinierende Reise für Rocky, der sich schon immer gefragt hatte, wie Menschennester wohl aussahen. Überwiegend schmutzig, stellte er fest. Auch wenig Privatsphäre. Manche Boote waren recht klein. Man sah winzige Beiboote mit Segeltuchplanen, und andere, die den Elementen offenstanden. Alle waren vollgestopft mit menschlichen Frauen aller Altersstufen. Rocky sah Frauen, die in Kojen schlie- fen, so weit von der improvisierten Straße entfernt, wie der Raum es gestattete. Weitere Frauen versorg- ten Kochfeuer und Babies. Endlich gelangten sie auf ein größeres Boot mit so- lidem Deck. Es lag fast am Außenrand des Viertels, ziemlich dicht am offenen Wasser der Pfefferminz- bucht. Ein großes Zelt stand auf dem Deck. Trini hielt eine Zeltklappe hoch, und Conal und Rocky traten ein. Sechs Titaniden füllten einen Raum, in den viel- leicht fünf noch einigermaßen bequem hineinpaßten. Rockys Ankunft brachte die Zahl auf sieben. Außer Conal war der einzige weitere Mensch hier Cirocco Jones, die am gegenüberliegenden Ende des Zeltes in Decken eingewickelt in etwas lag, was einmal ein, sehr niedriger Friseurstuhl gewesen sein mochte. Ihr Kopf befand sich kaum einen Fuß oberhalb des Decks, und er war geborgen zwischen den gekreuz- ten gelben Vorderbeinen von Valiha (Äolisches Solo) Madrigal. Die Titanide führte ein gerades Rasiermes- ser langsam über Ciroccos Kopfhaut und legte letzte Hand an eine Rasur, die den Kopf des Magiers vom Wirbel an nach vorne kahl geschoren hatte. Cirocco hob den Kopf und veranlaßte damit Valiha, eine zärtliche Warnung auszustoßen. Rocky bemerk- te, daß Ciroccos Kopf wackelte und ihre Augen nicht klar blickten, und daß sie auch nur undeutlich sprach, aber das war ja nicht anders zu erwarten gewesen. »Nun«, sagte Cirocco, »dann können wir anfangen. Schneide, sobald du bereit bist, Doc!« Conal kannte die Titaniden mit Ausnahme von zwei- en. Da waren Rocky und Valiha, und natürlich Horn- pipe und Valihas Sohn Schlange. Valiha und Schlange sahen wie eineiige Zwillinge aus, wenn man von den frontalen Geschlechtsorganen absah, obwohl Valiha zwanzig war und Schlange nur fünfzehn. Conal hatte sie lange nicht auseinanderhalten können. Er nickte Viola (Hypolydisches Duett) Toccata zu, die er nur flüchtig kannte, und wurde Celesta und Clarino vor- gestellt, beide vom Psalm-Akkord, die ihm ernst zu- nickten. Conal sah zu, wie Rocky sich zum Captain begab und neben ihr niederkniete. Schlange reichte ihm eine schwarze Tasche. Rocky öffnete sie und entnahm ihr ein Stethoskop. Während er es sich an den Ohren be- festigte, ergriff Cirocco das andere Ende und legte es sich an den kahlen Schädel. Dann tippte sie mit der, Faust an ihren Kopf. »Dong ... dong ... dong ...«, intonierte sie dumpf und lachte. »Sehr komisch, Captain«, meinte Rocky. Er reichte Schlange schimmernde stählerne Skalpelle und Boh- rer, denn Schlange war mit der Sterilisation beauf- tragt. Conal trat dazu und setzte sich neben Rocky. Cirocco ergriff seine Hand und drückte sie fest. »Ich freue mich so, daß du gekommen bist, Conal«, sagte sie. Sie schien das witzig zu finden, denn sie lachte wieder. Conal erkannte, daß sie unter Drogen stand. Eine der Psalm-Schwestern hatte die Decken von Ciroccos Füßen weggeklappt und steckte Nadeln in diese, drehte sie dabei rasch zwischen Daumen und Zeigefinger. »Autsch«, sagte Cirocco ohne echtes Gefühl. »Autsch! Au!« »Tut das weh?« »Nee. Kann überhaupt nix fühlen.« Und sie ki- cherte. Conal schwitzte. Er sah zu, wie Rocky sich herab- beugte, die Decke von Ciroccos Brust zog und ein Ohr auf ihr Herz legte. Er lauschte an mehreren Stel- len, dann an ihrem Kopf. Er wiederholte den Vorgang mit dem Stethoskop, schien nicht viel Vertrauen in das Gerät zu haben. »Findet ihr es nicht auch furchtbar heiß hier drin?« fragte Conal. »Zieh dir die Jacke aus!« versetzte Rocky, ohne ihn anzublicken. Conal tat es und erkannte, daß es, wenn überhaupt, kalt im Zelt war. Wenigstens fühlte sich der Schweiß auf seiner Haut klamm an., »Sag mir, Doc«, meinte Cirocco, »wenn du fertig bist, kann ich dann Klavier spielen?« »Natürlich«, versicherte Rocky. »Das ist riesig, weil ich ...« »... es vorher nie konnte«, schloß Rocky. »Der ist schrecklich alt, Captain.« Conal konnte sich nicht helfen; er hatte ihn noch nie gehört. Er lachte. »Was, zum Teufel, machst du?« tobte Cirocco und versuchte, sich aufzurichten. »Hier liege ich im Ster- ben, und du hältst es für komisch, was? Ich werde ...« Conal erfuhr nie, was sie würde, da Rocky sie wieder beruhigte. Die Wut war so schnell verraucht, wie sie hochgeschossen war, und Cirocco lachte wieder. »He, Doc, werde ich Klavier spielen können?« Rocky verstrich eine purpurne Lösung auf Ciroccos Stirn. Drei von den Titaniden stimmten ein leises Lied an. Conal wußte, daß es ein Lied zur Beruhigung war, aber bei ihm richtete es nichts aus. Andererseits ent- spannte sich Cirocco merklich. Es half wahrschein- lich, wenn man die Wörter verstand. »Du kannst draußen warten, Conal«, sagte Rocky, ohne dabei aufzublicken. »Wovon redest du? Ich bleibe genau hier! Jemand muß darauf achten, daß du es richtig machst.« »Ich denke wirklich, daß du gehen solltest«, be- harrte Rocky und sah ihn an. »Unfug! Ich kann das vertragen.« »Ausgezeichnet.« Rocky nahm ein Skalpell in die Hand und führte rasch und sauber einen Schnitt in Form eines rück- wärts gekrümmten »C« aus, von Ciroccos Scheitel ausgehend bis unmittelbar über ihre Augenbrauen., Mit seinen purpurgefärbten Fingern zog er den Hautlappen nach rechts und legte damit den blutigen Schädel darunter frei. »Bringt ihn hinaus!« sagte Rocky. »In ein paar Minu- ten ist er wieder in Ordnung.« Er vernahm, wie Celesta mit Conals schlaffem Kör- per hinaustrabte, genau wie er vorher Conals Auf- prall auf dem Boden gehört hatte; zu keinem Zeit- punkt jedoch wandte er den Blick von seiner Arbeit ab. Er hatte gewußt, daß Conal in Ohnmacht fallen würde. Der Mann hatte es praktisch seit zehn Minu- ten hinausgeschrien. Jeder titanidische Heiler hätte die Symptome gehört, obwohl sie für menschliche Ohren unhörbar waren. Falls es einen Bereich uneingeschränkter titanidi- scher Überlegenheit gab, dann beim Gehör. Es war auch ein Titanidenohr gewesen, das zum erstenmal die komischen Geräusche vernommen hatte, die aus Ciroccos Kopf kamen. Es waren keine Geräusche, die ein Tonband registrieren konnte – wa- ren vielleicht überhaupt keine Geräusche im mensch- lichen Sinn des Wortes. Aber mehrere Titanidenheiler nacheinander hatten es gehört: ein Flüstern des Bö- sen, ein Murmeln von Verrat. Etwas steckte da drin, was nicht hineingehörte. Niemand hatte irgendeine Vorstellung, was es sein mochte. Rocky hatte menschliche Anatomie studiert. Es hatten Gespräche darüber stattgefunden, einen menschlichen Arzt für die Operation zu finden, aber letzten Endes hatte Cirocco das abgelehnt, da sie es vorzog, in den Händen eines Freundes zu sein. Und da war er jetzt und bereitete sich darauf vor,, den Schädel desjenigen Wesens zu öffnen, das in sei- ner Welt einen Rang einnahm wie Jesus Christus in der Welt der menschlichen Sekte, die man die Chris- ten nannte. Rocky hoffte, daß niemand bemerkte, wieviel Angst er hatte. »Wie sieht es bislang aus?« fragte Cirocco. Rocky fand, daß sie sich besser anhörte, viel entspannter. Er wertete es als gutes Zeichen. »Ich kann mir noch keinen Begriff davon machen. Ich sehe da diese große schwarze Zahl Acht in einem weißen Kreis ...« Cirocco lachte in sich hinein. »Ich dachte, da stünde die Inschrift ›Tut jede Hoffnung ab, die ihr hier ein- tretet‹.« Sie schloß für einen Moment die Augen und atmete tief. »Ich glaubte eine Minute lang, ich könnte es fühlen«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Unmöglich«, meinte Rocky. »Wenn du es sagst. Darf ich etwas trinken?« Valiha hielt ihr einen Strohhalm an die Lippen, und sie nahm einen Schluck Wasser. »Es ist so, wie ich es erwartet habe«, stellte Rocky fest, nachdem er die Stelle sorgfältig abgehört hatte. »Das Problem liegt tiefer.« »Nicht viel tiefer, hoffe ich.« Rocky zuckte die Achseln, während er nach dem Bohrer griff. »Wenn es so ist, kann ich nichts weiter tun.« Er verband den Bohrer mit einem Batteriegerät, schaltete ihn probeweise ein, hörte das schrille Heu- len. Cirocco zog eine Grimasse. »Erzähl mir etwas über Rock and Roll!« sagte sie. Rocky führte die Spitze des Bohrers an Ciroccos Schädel und schaltete ein., »Rock and Roll war die Verschmelzung verschie- dener Musikelemente in der menschlichen Kultur der frühen 1950er«, begann Rocky. »Rhythm and Blues, Jazz, Gospels, auch ein Country-Einfluß ... das alles kam um 1954 so langsam unter verschiedenen Na- men und in verschiedenen Stilen zusammen. Die meisten aus unserem Akkord sind sich einig, daß sei- ne erste Synthese in Chuck Berry verwirklicht wurde, mit einem Song unter dem Titel ›Maybellene‹.« »Why cancha be true?« sang Cirocco. Rocky setzte die Bohrerspitze an einer weiteren Stelle an und betrachtete Cirocco argwöhnisch. »Du hast einige Forschungen durchgeführt«, be- schuldigte er sie. »Ich war einfach neugierig wegen deines Akkord- Namens.« »Er war eine Verzierung in der Geschichte der Mu- sik«, gestand Rocky. »Eine Zeitlang besaß er eine reizvolle Energie, aber sein Potential war bald er- schöpft. Das war natürlich in der damaligen Zeit nicht selten; eine neue Musikform hielt sich selten auch nur zwei Jahre, noch viel weniger ein Jahr- zehnt.« »Der Rock and Roll hielt sich fünf Jahrzehnte, oder nicht?« »Kommt darauf an, mit wem man spricht.« Rocky stellte das zweite Loch fertig und begann mit dem dritten. »Eine Musikrichtung unter der Bezeichnung ›Rock‹ bestand noch lange später, aber sie hatte den Zeitgeist verloren.« »Komm mir nicht mit so großen Worten! Ich bin nur ein dummer Mensch.« »Entschuldige. Die kreative Energie wurde in zu-, nehmend aufgeblasenen Produktionsverfahren ver- ausgabt, überwältigt von technischen Möglichkeiten, die der Rock and Roll einfach nicht richtig ausnutzen und vom vorhandenen Grips her auch nicht begreifen konnte. Er wurde zu einer hohlen Sache mit glitzern- der Fassade, mehr mit dem simplen Ablauf als mit Themen befaßt. Kunstfertigkeit war nie seine starke Seite, und sie war bald völlig verschwunden. Man ging soweit, den Wert eines Künstlers in Dezibel und Dollarmillionen zu messen. Mangels eines Ersatzes schleppte sich die Sache weiter hin, längst tot, aber noch nicht begraben, bis irgendwann in den Mitt- 90ern, von wo an man den Rock and Roll als Musik nicht mehr ernst nahm.« »Harte Worte von einem Burschen, dessen Nach- name Rock'n'Roll lautet.« Rocky hatte gerade das fünfte Loch gebohrt. Er machte sich an das nächste. »Ganz und gar nicht. Ich möchte bloß einen Leich- nam nicht vergöttern, wie es manche Gelehrte tun. Die Barockmusik lebt immer noch und wird es weiter tun, solange sie gespielt und genossen wird. In die- sem Sinn lebt auch der Rock and Roll weiter. Aber die Möglichkeiten der Barockmusik sind schon seit Jahr- hunderten ausgeschöpft. Für den Rock gilt dasselbe.« »Wann starb er?« »Darüber streiten sich die Gelehrten. Viele sagen 1970, als McCartney die Beatles verklagte. Andere gehen bis 1976. Manche ziehen, wenn auch aus unter- schiedlichen Gründen, 1964 vor.« »Und du?« »Zwischen '64 und '70. Näher an '64.« Er hatte jetzt acht Löcher in einer Reihe gebohrt., Nun griff er zu einer Säge, um die Stege zwischen ih- nen durchzuschneiden. Er arbeitete schweigend, und eine Zeitlang wußte auch Cirocco nichts zu sagen. Man hörte nur das Geräusch der Knochensäge und draußen das ruhige Schwappen des Wassers an die Bootsflanke. »Ich habe Kritiken gelesen, die in hohen Tönen von Elton John sprachen«, sagte Cirocco. Rocky schnaubte nur. »Was sagst du zu dem Rock-Revival in den 80ern?« »Müll. Hast du vor, als nächstes Disco zu erwäh- nen?« »Nein, das werde ich nicht tun.« »Gut. Es wäre dir sicher nicht recht, wenn meine Finger ausrutschten.« Cirocco schrie los. Rocky ließ beinahe die Kreissäge fallen. Er hatte noch nie eine solche Qual in der Stimme eines Men- schen gehört. Der Schrei stieg immer noch in Fre- quenz und Lautstärke, und Rocky hatte den Wunsch zu sterben. Was hatte er nur getan? Wie war es nur gekommen, daß er seinem Captain so weh getan hatte? Cirocco hätte sich die Haut vom Gesicht gerissen, wären da nicht Valihas starke Arme gewesen. Jeder Muskel in Ciroccos Körper stand hervor wie ein Strick. Sie kämpfte, und der Schrei erstarb an Luft- mangel. Aber die Stille allein war für Rockys Ohren noch schmerzlicher. Cirocco biß sich auf die Zunge; Schlange kam herbei und stieß ihr ein Holzstück zwi- schen die Zähne, aber es war nur auf einer Seite. Die Spannung war ungleichmäßig verteilt. Rocky hörte den Kieferknochen brechen., Dann war es vorbei. Cirocco öffnete die Augen und drehte sie vorsichtig hin und her, als hielte sie nach etwas Ausschau, was sich bereitmachte, sie anzu- springen. Das Holzstück war fast entzweigebissen. »Was war das?« fragte sie nuschelnd. Rocky beta- stete sanft ihren Kiefer und entdeckte die Fraktur, entschied sich, sie später zu richten. »Ich hatte gehofft, du würdest es mir sagen.« Er beugte sich vor, damit Schlange ihr den Schweiß vom Gesicht wischen konnte. »Es war ... es war wie aller Kopfschmerz der Welt auf einmal.« Sie sah verwirrt aus. »Aber ich kann mich kaum noch daran erinnern. Ich habe ein Gefühl, als sei es nicht mehr da, oder sogar nie da gewesen.« »Ich schätze, du kannst dankbar dafür sein. Willst du, daß ich weitermache?« »Wie meinst du das? Wir können jetzt nicht aufhö- ren!« Rocky blickte auf seine Hand hinab, die jetzt nicht mehr zitterte. Er fragte sich, warum er je menschliche Anatomie studiert hatte. Wäre er nicht so verdammt neugierig gewesen, könnte jetzt jemand anders hier- mit fertig werden! »Mir scheint, es war einfach eine Warnung«, war alles, was er sagen wollte. Obwohl er es niemandem gegenüber erwähnt hatte, besaß er tatsächlich eine recht gute Vorstellung, was er unter Ciroccos Schä- deldach finden würde. »Mach ihn vollends auf!« sagte Cirocco und schloß die Augen. Rocky tat wie geheißen. Er beendete seinen letzten Schnitt und hob die Sektion der Schädeldecke ab. Darunter lag die Dura mater, genau, wie Gray es ge-, sagt hatte. Er konnte die Umrisse des Großhirns unter der Membrane erkennen. In der Mitte, in der großen Längsfissur zwischen den beiden Vorderlappen, be- fand sich eine Schwellung, die dort nicht hingehörte. Kreuzförmig, umgestülpt, wie das Zeichen eines ruchlosen Teufels ... Das Zeichen des Dämons, dachte Rocky. Während er sie noch beobachtete, bewegte sich die Schwellung. Er schnitt rundherum, hob die Membran von der grauen Masse darunter ab und blickte auf einen Alp- traum. Der Alptraum erwiderte seinen Blick und blinzelte. Er war mattweiß und durchscheinend, abgesehen vom Kopf. Er sah aus wie eine winzige Schlange, hatte aber zwei Arme, die in winzigen und mit Kral- len ausgestatteten Fingern endeten. Sein Körper schmiegte sich in die Längsfissur, und er hatte einen Schwanz, der zwischen die Hemisphä- ren hinabführte. Rocky sah das alles innerhalb der ersten paar Se- kunden; wohin sein Blick immer wieder zurückkehr- te, war das Gesicht des Wesens. Es hatte übergroße, flinke Troglodytenaugen, und sie steckten im Gesicht einer Eidechse. Aber der Mund bewegte sich; er hatte Lippen, und Rocky konnte auch eine Zunge erken- nen. »Bring das wieder an!« kreischte das Wesen. Es wollte sich zwischen die Lappen von Ciroccos Gehirn graben. »Pinzette«, sagte Rocky, und sie wurde ihm in die Handfläche geworfen. Er packte den Dämon am Hals und zog ihn heraus, aber der Schwanz war länger, als, er geglaubt hatte, und steckte immer noch fest in der Fissur. »Das Licht! Das Licht!« piepste die Kreatur. Rocky hielt sie am Hals fest, und so drückte er jetzt fester zu, bis das Wesen gurgelte. »Du erwürgst mich!« quietschte es. Nichts hätte Rocky lieber getan, als ihm den ab- scheulichen Kopf umzudrehen, aber er hatte Angst vor den Auswirkungen auf Cirocco. Er rief nach ei- nem weiteren Werkzeug und handhabte es behutsam, um die Gehirnhälften zu trennen. Er konnte sehen, daß der Schwanz des Monsters tief unten im Corpus callosum steckte. »Mutter«, sagte Cirocco in merkwürdigem Tonfall. Sie fing an zu weinen. Was tun? Was tun? Rocky wußte es nicht, aber ei- nes wußte er: er konnte den Kopf nicht wieder zuma- chen, bis die Kreatur daraus entfernt war. »Schere«, sagte er. Sobald er sie hatte, führte er sie zwischen die Gehirnhälften, so tief, wie er langen konnte, bis er die Spitze des Dämonenschwanzes zwischen den Schneiden hatte. Er zögerte. »Nein, nein, nein ...!« kreischte das Wesen, als es sah, was er tat. Rocky machte den Schnitt. Das Wesen kreischte wie eine Hölle voller Teufel, aber Cirocco bewegte sich nicht. Rocky hielt lange den Atem an, ließ ihn dann hinaus und blickte wieder hin. Er konnte das abgetrennte Schwanzende sehen. Es krümmte sich und löste sich dann aus seiner Befe- stigung, deren Natur Rocky unbekannt war. Aber je- denfalls war es jetzt ab, und Rocky wollte es schon mit der Pinzette packen, erinnerte sich dann aber an, seinen Gefangenen – der schon ganz blau angelaufen war. Er reichte ihn Schlange, der die schreiende Ob- szönität rasch in ein Glas steckte und den Deckel schloß. Rocky entfernte das abgetrennte Schwanz- stück. »Captain, kannst du mich hören?« fragte er. »Gaby«, murmelte Cirocco. Dann öffnete sie die Augen. »Ja, ich kann dich hören. Ich habe gesehen, daß du es gefunden hast.« »Tatsächlich?« »Ja. Ich bin mir nicht sicher, wie. Und es ist weg. Es ist alles weg. Ich weiß es.« »Gäa wird an diesem Tag nicht glücklich sein«, sang Valiha. »Wir haben ihren Spion erwischt.« Sie hielt das Glas hoch. Darin wand sich die Kreatur und saugte am Ende ihres amputierten Schwanzes. »Tut mir leid deswegen«, sagte Conal, als er sich neben Rocky setzte. Er betrachtete Cirocco und sah dabei etwas unwohl aus, aber beherrscht. »Das sieht normal aus, nicht wahr, Rocky? Hast du nichts ge- funden?« Valiha hielt das Glas hoch. Conal blickte hin. »Jemand sollte ihm helfen«, meinte Rocky. »Es wird Zeit, zuzumachen.« Elf Revs, nachdem Rocky Ciroccos Kopf wieder zu- genäht hatte, startete das Pandämonium-Theater ein weiteres Double Feature: Rock Around the Clock mit Bill Haley und den Comets sowie Donovan's Brain nach Curt Siodmak. Wie gewöhnlich wußte niemand, warum Gäa ge- rade diese Filme aus ihrer riesigen Filmothek ausge- sucht hatte, aber viele Besucher bemerkten, daß sie, keinen glücklichen Eindruck machte. Sie blickte kaum zur Leinwand, sondern zappelte herum und brütete. Sie wurde so aufgeregt, daß sie an einer Stelle zufällig auf zwei Panaflexe und einen Menschen trat und damit alle drei tötete. Die Leichen wurden augenblicklich von Priestern verzehrt.,

EPISODE ZEHN

Niemand hatte sich auch nur im Traum vorgestellt, daß der Krieg sieben Jahre dauern könnte, aber er tat es. Wie in jedem Krieg ging es auf und ab. Einmal fiel fünf Monate lang keine Bombe, und manche Leute wagten bereits zu hoffen, daß er vorbei sei. Dann wurde Dallas getroffen, und der Schlagabtausch setzte erneut ein. Viermal flogen riesige Geschwader von Raketen von einem Bereich des Globus zum an- deren – massive »Sonntagsschläge«, die dazu be- stimmt waren, den Konflikt ein für allemal zu been- den. Es gelang nicht. Kriegsteilnehmer blieben un- terwegs auf der Strecke, wenn sie den Punkt erreicht hatten, daß niemand mehr am Leben war, der einen Angriff zu leiten vermochte. Aber ein harter Kern von etwa zwei Dutzend Nationen hatte sich so sicher ein- gegraben, daß er noch gut zwei Jahrhunderte weiter- kämpfen konnte. Volle siebzig Prozent aller Waffen versagten auf die eine oder andere Weise. Blindgänger fielen auf Hunderte von Stellen und verteilten ihr Plutonium, informierten die Einwohner, daß eine weitere Bombe bald folgen sollte. Editorials wurden geschrieben, die die Habgier von Waffenherstellern beklagten, welche bei Verträgen mit der Regierung gemogelt hatten in dem Glauben, daß niemand je herausfinden würde, daß die Bomben defekt waren. Firmenmanager wur- den gelyncht; das Lynchen wurde eine weltweite Manie, dazu geeignet, den Leuten Ablenkung vom Krieg zu verschaffen. Generäle wurden lebendig ge-, häutet, Diplomaten zum Richtplatz geschleift und gevierteilt, Premierminister in Öl gesotten, aber an- scheinend half einfach nichts. Die Leute, die wirklich eine Rolle spielten, steckten in Bunkern fünf Meilen tief unter der Erde. Es kam zu Friedensbemühungen. Das übliche Ende einer Konferenz bestand darin, daß die gastgebende Stadt verdampft wurde. Genf bezog dergestalt Prügel und ebenso Helsinki, Djakarta, Sapporo und Juneau. Schließlich wurden Unterhändler bereits erschossen, wenn sie eine Stadt zu betreten versuchten. Nach sieben Jahren tauchte der Krieg nicht mehr in den Abendnachrichten auf. Alle öffentlichen nach- richtensammelnden Unternehmen waren zerstört worden. Sämtliche Satellitenkapazitäten wurden für kodierte militärische Nachrichten benutzt, und einen Fernseher besaß sowieso niemand mehr, um eine Sendung zu empfangen. Ungefähr ein Hundertstel der nuklearen Arsenale auf der Erde war mittlerweile verbraucht und ein weiteres Zwanzigstel vernichtet worden, bevor es eingesetzt werden konnte. Immer noch war aber viel übrig. Aber es waren nicht mehr viele Menschen übrig. Es war drei Jahre her, seit die letzte Ernte von Be- deutung eingebracht worden war. Die wenigen, die bis dahin auf der Erdoberfläche überlebt hatten, wa- ren hinter Dosennahrung her oder jagten und ver- zehrten einander. Aber sie fanden nicht mehr viel Wild, weder tierisches noch menschliches. Seit dem Beginn des Krieges war pro Stunde drei- bis viermal ein Messias ausgerufen worden. Die mei- sten von ihnen hatten behauptet, sie wüßten, wie der Krieg zu beenden sei, aber keiner von ihnen hatte es, geschafft. Die meisten von ihnen waren inzwischen tot, und die Erde würde es auch bald sein. Sieben Jahre lang waren die Außenweltler auf rohen Eiern gewandelt. Nach schleunigster Erklärung der Neutralität bei Ausbruch des Krieges hofften die lu- naren und marsianischen Städte und die Orbitalkolo- nien nur, sich herauszuhalten, während unten auf der Erde die Zivilisation zusammenbrach. Die Meinun- gen darüber, ob die drei Mondnationen ohne Unter- stützung von der Erde überleben konnten, gingen auseinander. Bei Kriegsausbruch lebten fast eine Mil- lion Menschen auf dem Mond. Die Marsianer glaub- ten, zwanzig Jahre durchhalten zu können, aber nicht länger. Zahlreicher als diese planetengebundenen Siedlungen waren die O'Neil-Kolonien. Es existierten hunderte von ihnen, und ihre Bevölkerungszahlen reichten von fünftausend bis hunderttausend. Die meisten waren an L4 und L5 zu finden, an Punkten stabiler Schwereverhältnisse sechzig Grad vor und hinter dem Mond. Ansehnliche Mengen konnte man auch an L1 und L2 entdecken, trotz der Störungen, unter denen die Konstruktionen dazu neigten, aus den Librationszentren herauszutreiben; mit einem kleinen Triebwerk konnte auch die größte Kolonie mit einem minimalen Energieaufwand in der Lage stabil bleiben. Diese Lagekontrolltriebwerke erwiesen sich auch noch unter einem anderen Gesichtspunkt als prak- tisch, während sich der Krieg dahinschleppte. Ruhig und ohne viel Aufhebens zu machen, verwandelten sich einige O'Neils in Raumfahrzeuge. Die neueren besaßen bereits Antriebe, die mehr als nur geeignet, waren, die Lage zu korrigieren. Andere brauchten ei- nige Zeit und wählten den langsamsten Orbit, aber es setzte doch eine Abwanderung all derer ein, die fühlten, daß sie ohne die Erde überleben konnten. Viele Ziele boten sich an, keines davon sonderlich verheißungsvoll. Eine Kolonie versuchte eine Kreis- bahn um den Merkur zu erreichen, wo die freie Ener- gie stark war. Sie erwies sich als zu stark. Einige be- gaben sich in Kreisbahnen um die Venus oder in ei- nen Trojanischen Orbit mit der Venus. Viel mehr je- doch wandten sich in die Gegend des Mars oder zu den Trojanischen Punkten der Erde. Das Problem be- stand darin, sich weit genug von der Erde zu entfer- nen, damit man nicht als lohnendes Ziel erschien, während man dicht genug an der Sonne blieb, um zu überleben. Einige wenige entschieden sich für den großen Sprung. Sie verwandelten ihre Heimat in Sternen- schiffe und flogen aus dem Sonnensystem hinaus. Conal erfuhr von diesen Ereignissen durch Flüchtlin- ge, die im siebten Kriegsjahr ankamen. Ein unent- rinnbares Bild gestaltete sich vor seinem inneren Au- ge: er sah die Erde als eine geschwärzte Kugel, die auseinanderbrach, umgürtet von Flammen. Winzige Geschöpfe eilten herdenweise von ihr weg. »Die Ratten verlassen das sinkende Schiff«, drückte er es gegenüber Cirocco aus. »Und was würdest du von den Ratten erwarten?« konterte sie. »Tapfer mit untergehen? Die Ratte ist so ziemlich das gescheiteste Tier und auch das zäheste. Die Ratten schulden dem Schiff nicht den kleinsten Furz, und diese Ellfünfer tun es auch nicht.«, »Kein Grund, mir den Kopf abzureißen.« »Ich werde es tun, solange du es für eine gute Idee hältst, Psychopathen zu vertrauen. Jeder, der jetzt von der Erde verschwinden kann und es nicht tut, handelt wie eine, die sagt, es sei okay, sich zu einem tollwütigen Hund zu legen. Diese Ellfünfer sind die Normalen, die aus der Irrenanstalt fliehen. Und viel- leicht aus dem Grab.« Wenn er Zeit hatte, trieb sich Conal gerne in der Nähe des Portals unmittelbar außerhalb Bellinzonas herum und veredelte die Zucht. Das Portal war genau das, was der Name besagte: die Eingangstür für den unglücklichen Kehricht, der an Gäas Gestade strömte. Auf Gäas Außenfläche be- fand sich der Greifer, der Gäas heimkehrende Eier oder die jetzt selten gewordenen menschlichen Schif- fe, die Zuflucht suchten, einholte. Von dort wurden die Leute zu Gäas Äquivalent von Ellis Island ge- bracht, tief in ihrem Innern, wo sie abgefertigt wur- den. Die Einwanderungsprozedur war früher einmal kompliziert und zeitaufwendig gewesen, jetzt jedoch die Einfachheit selbst: Heilige auf die linke Seite, Sterbliche auf die rechte. Messiasse, Priester, Predi- ger, Pastoren, Schamanen, Gurus, Yuyu-Männer, Derwische, Mönche, Rabbis, Mullahs, Ayatollahs, Vi- kare, Hexenmeister, Prälaten und Popen wurden alle sofort zu einer Audienz bei Gäa geführt. Die übrigen wurden zusammen mit dem, was sie auf dem Rücken tragen konnten, in Kapseln verladen. Dann folgte eine kurze Fahrt durch Gäas Kreislaufsystem bis zu einem Ringmuskelventil, das sie zu jeweils zwanzig auf einmal in eine kleine Höhle hinauspreßte, die Cirocco, das »Arschloch der Welt« nannte. Da alle Flüchtlinge an derselben Stelle hervorka- men, zog das Portal gewisse Elemente an, die darauf hofften, Schwäche oder Unwissenheit auszubeuten. Wie Zuhälter, die an den Busbahnhöfen der großen Städte herumlungern, hielten diese Leute Ausschau nach Einwanderern, die etwas bei sich hatten, was gewinnbringend verkauft werden konnte. Manchmal handelte es sich um ihre dürftigen materiellen Güter. Manchmal war es viel schlimmer. Es war ein seltsames Spiel, das Conal hier trieb. Er hatte es schon oft gespielt, obwohl Cirocco meinte, er sei deshalb ein Dummkopf. Er hatte es jedoch weiter getan, selbst wenn er geglaubt hätte, sie meinte es wirklich so, aber er wußte, daß sie es nicht tat, und Hornpipe hatte es bestätigt. »Es ist eine lohnende Dummheit«, hatte der Titani- de gesagt. »Es ist ein titanidisches Handeln.« Die Ti- taniden machten sich nichts daraus, wenn eine Sache verloren war, und es bekümmerte sie nicht, daß sie nicht alles Böse in der Welt beseitigen konnten. Wenn sie eine Möglichkeit sahen, etwas Gutes zu tun, ohne dabei selbst umzukommen, dann taten sie es, und Conal folgte diesem Beispiel. Womit nicht gesagt sein soll, daß er voreilig an die Sache heranging. Teile der Herumlungerer am Portal waren zu Banden zusammengeschlossen und be- trachteten es mit Skepsis, wenn sich jemand in ihre Aktivitäten einmischte. Conal pflegte sich zurückzu- halten und ihnen nicht in die Quere zu kommen, und dabei nach einer Chance Ausschau zu halten, sich an den Jäger heranzupirschen, wenn dieser seine Beute zu einer dunklen, geheimen Stelle führte. Wenn diese, Chance sich bot, wenn er einer Portalratte gefolgt war und sie überrascht hatte, dann tötete Conal sie. Ob Mörder, Dieb, Sklavenjäger oder Babyschieber – für Conal war es alles dasselbe. In Bellinzona standen keine Gefängnisse, lag keine mittlere Ebene zwischen den Lebenden und den Toten. Öfter jedoch mußte er mitansehen, wie Leute brutal zusammengeschlagen, bis auf die Haut ausgezogen und blutend zurückgelassen wurden. Er brachte dann das Opfer zu einem der quacksalbernden Medizin- männer, die in Bellinzona die Funktion von Kranken- häusern wahrnahmen. Heute sah es nach einem guten Tag aus. Wie er sich so umsah, erspähte er eine Gruppe von vier Leuten vom Sicherheitsausschuß; sie schwangen Knüppel, die vor rostigen Nägeln starrten. Auch drei Bogen- schützen der Freien Frauen standen ein gutes Stück abseits auf höherem Boden. Mit ein bißchen Glück würde er gar nichts tun brauchen. Die bloße Anwe- senheit dieser Schutzgesellschaften hatte viel von dem Geschmeiß vertrieben. Die am Portal anfallenden Reste waren zunehmend klein geworden. Immer mehr Leute trafen ohne auch nur einen Fetzen Kleidung ein und mit leerem Ge- sicht: die wandelnden Leichen des Friedhofs Erde. Die meisten waren bei ihrer Rettung am Rande des Todes gewesen, manche, nachdem sie seit Jahren furchtbar gelitten hatten. Gäa heilte ihre Körper, aber konnte entweder nichts oder wollte nichts an ihrem Verstand tun. Die heutige Gruppe war anders. Gut die Hälfte war nicht nur bekleidet, sondern trug auch Säcke und Koffer voller Beute. Conal vernahm, wie die Schakale, zu murren begannen. Der Bogen einer Freien Frau schwirrte und ein Pfeilschaft steckte plötzlich im Hals eines Mannes; in Bellinzona bedeutete das eine freundliche Warnung. Die Vigilanten vom Sicher- heitsausschuß legten mit ihren Knüppeln los und schlugen um sich, wurden aber schnell in die Defen- sive gedrängt. Conal wich langsam zurück. Er hatte nicht vor, in einem Tumult ums Leben zu kommen. Als er gerade schon weggehen wollte, erblickte er ein besonders interessantes Duo. Eine kleine Frau um die dreißig mit einer Art Bemalung im Gesicht trug ein kleines Bündel in den Armen, und sie ging neben einer betäubend schönen jungen Frau, die sechs Fuß groß sein mußte. Beide Frauen trugen glänzende, wattierte Synthoseide: Raumfahrerkleidung. Die Große schleppte das meiste vom Gepäck, aber die Kleinere hatte einen großen Sack aus Synthoseide. Conal ächzte. Es war, als beobachte man, wie eine mit Schätzen beladene spanische Galeone mitten in ein Piratennest hineinsegelt. Sie hatten keine Vor- stellung von dem, was sie erwartete. Es ging schnell. Eine kleine Gestalt sprang aus der Menge hervor, schlug der kleinen Frau ins Gesicht und packte das Bündel. Conal erkannte, daß es sich dabei um einen Säugling handelte. Die Mutter setzte dem Mann nach, wurde aber plötzlich vom Rest der Bande umzingelt, die die beiden Frauen auszurauben gedachte, während der entscheidende Mann sich mit der wirklichen Beute davonmachte. Conal konnte nichts tun, um den Frauen zu helfen. Mindestens sechs Männer griffen sie an. Also ver- folgte er den Mann mit dem Baby, denn von allem, was in Gäa geschehen konnte, empfand er das Ver-, kauftwerden an die Eisernen Meister als das Schlimmste. Er war schon hinter dem Mann her, als das Schreien einsetzte. Unwillkürlich blickte er zu- rück. Es glich einem Tornado. Die Frauen hatten Messer in jeder Hand und auch welche in den Stiefeln stek- ken, und sie wirbelten wie wahnsinnig umher, stie- ßen ein schrilles Schreien hervor, wie es ihre Lungen gerade noch hergaben, schlitzten und stachen um sich. Ein Mann erhielt sieben tödliche Stiche, bevor er Zeit hatte, zu Boden zu fallen und zu sterben. Ein weiterer wollte sich den Hals zusammenhalten, als eine zweite Klinge in seine Eingeweide drang. Vier lagen schon am Boden, dann fünf, als weitere Angrei- fer mit gezogenen Messern dazukamen. Es war wirklich zu schlimm. Es war die erstaun- lichste Vorführung von schierem, unbändigem Kampfeswillen, die Conal je erlebt hatte, aber er konnte nicht erkennen, wie die beiden sich einer gan- zen Armee erwehren wollten. Sie standen im Begriff, eine ganz hübsche Ehrenwache mit in die Hölle zu nehmen, aber sie würden sterben. Das mindeste, was er tun konnte, war, das Kind der älteren Kämpferin zu retten. Er hatte, gebannt von dem Gemetzel, fast schon zu lange gewartet. Der fliehende Kidnapper näherte sich der Hauptbrücke von Bellinzona, als Conal sich end- lich aus der Menge befreite und die offene Fläche er- reichte. Nach Überquerung der Brücke war er hundert Meter hinter dem Mann. Der Fliehende war klein und schnell. Er sprang in die Menge hinein und wieder heraus, und dann überlistete er sich selbst. Da er, wußte, daß ein laufender Mann auffällig war, wurde er langsamer und blickte kurz über die Schulter, um zu sehen, ob jemand hinter ihm wäre. Wäre er nur ei- ne Minute weiter gerannt, hätte Conal ihn sehr leicht verlieren können, und wäre Conal auch nur eine Se- kunde weiter gelaufen, dann wäre er entdeckt wor- den. Aber dies war Conals Spiel, und als der Mann sich umdrehte, sah er kein Anzeichen von einer Ver- folgung. Er sah auch nichts, als er sich ein zweites Mal um- drehte, und auch nicht beim dritten Mal. Auch beim vierten Mal konnte er nichts erkennen, und das aus gutem Grund. Conal war da schon vor ihm. Es war nicht zu schwierig, sich zu überlegen, was das Ziel des Mannes war; es war wohlbekannt, wo man die Handelsvertretung der Eisernen Meister fand. Es hatte keinen Sinn, ein geraubtes menschliches Baby länger zu behalten als nötig; die meisten Menschen hielten nicht viel von Babyschieberei. Also bezog Co- nal Stellung auf einem schmalen Pier und wartete. Der Mann eilte auf ihn zu, immer noch auf Verfol- ger hinter sich achtend. Conal hatte das Gefühl, daß der Mann diese Schreie gehört hatte und daß sie ihn nervös gemacht hatten. Er tat genau das, was Conal erwartete, hielt das Baby vor sich und ging mit einem Messer in der Rechten auf Conal los. Conal packte sein Handgelenk und brach es; der Mann schrie auf, und das Messer fiel zu Boden. Conal umfaßte seinen Gegner mit der anderen Hand und trieb ihm die Klinge in den Rücken. Der Mann ließ das Baby fallen, und Conal fing es auf. Dann zog er das Messer heraus und ließ den Mann langsam auf den hölzernen Steg sinken., Er überzeugte sich davon, daß das Baby unverletzt war, und kniete dann neben dem Kidnapper nieder. Mann. Okay, in Bellinzona reichten dreizehn oder vierzehn Jahre, um jemanden zum Mann zu machen, aber Conal empfand es immer noch nicht als richtig. Der Kidnapper sah noch wie ein Junge aus. Er war japanischer Abstammung. Auch keine Seltenheit. Die menschliche Bevölkerung Gäas war derjenigen auf der Erde grob proportional, was bedeutete, daß man viel mehr braune, schwarze und gelbe Haut fand als weiße. Der Junge hatte große Schmerzen und keuchte et- was in seiner Muttersprache, und es sah so aus, als würde er eine Weile brauchen, bis er starb. Conal hob das Messer und zog die Brauen hoch; er hoffte, dies sei eine universelle fragende Geste. Der Junge nickte aufgeregt. Conal stieß ihm die Klinge ins Herz, und der Junge war sofort tot. Conal wischte sein Messer ab und steckte es weg. »Was für eine Heldentat!« murmelte er. Es war eine beschissene Welt, in der man ein Krebsgeschwür nur mit dem Messer herausschneiden konnte. Doch der Junge würde das Kind ohne die geringsten Skrupel für ein lächerliches Entgelt dem Tod überantwortet haben. Man konnte in seinem Leben nur verdammt wenige Dinge tun, die sich nicht auf die eine oder an- dere Weise schlecht anfühlten. Es stellte sich das Problem, was er mit dem Säugling tun sollte. Verschiedenes fiel ihm ein. Man fand hier religiöse Orden und einige weitere Organisationen, die Waisen aufnahmen. Die stärkste davon waren die Freien, Frauen – nach seiner Meinung auch die, welche am ehesten einem Säugling die angemessene Pflege an- gedeihen ließ. Das Baby war in eine Art Raumfahrertragetasche gewickelt; man konnte nicht auf Anhieb erkennen, wie es herauszuholen war. Aber er schaffte es end- lich. Er nahm die einschlägige Stelle in Augenschein und schüttelte den Kopf. Okay, also würden die Frei- en Frauen den kleinen Burschen nicht nehmen. Was war das Nächstbeste? Ihm kam ein komischer Gedanke. Natürlich war es unmöglich, aber wenn doch ...? Und so eilte er zurück zum Portal. Sie waren immer noch da und am Leben. Wenn je- doch nicht bald etwas geschah, würden sie nicht sehr viel länger am Leben bleiben. Etwa hundert der zähesten und gemeinsten Typen, die Bellinzona zu bieten hatte, standen in einem Halbkreis fünfzig Meter vor der Felswand, an der die beiden Frauen in die Enge getrieben worden waren. Der Bereich dazwischen war mit Leichen übersät. Conal hörte nach zwei Dutzend auf zu zählen, aber es waren viel mehr. Er stand im Rücken der Menge und versuchte herauszufinden, was geschehen war. Der Hinweis war an den Leichen zu erkennen. Die meisten von denen, die dicht bei den beiden Frauen lagen, waren Messerstichen zum Opfer gefallen. Die weiter entfernten zeigten Wunden, die in Gäa nur noch selten auftauchten: runde Wunden von unge- fähr der Größe eines Zehncentstückes. Conals Ver- mutung wurde bestätigt, als einer der Leute in der Menge einen Speer warf und eine der Frauen ihm in, den Bauch schoß. Conal duckte sich. Die Menge wich zurück, rückte aber dann wieder unerbittlich vor. Die Versuchung war einfach zu groß. Es stand unentschieden. Niemand in dem Haufen wußte, wieviel Munition die beiden noch hatten. Der Mob hätte sie mit einem massierten Angriff überwäl- tigen können, aber es gab keine Organisation bei die- sen Schakalen. Conal dachte darüber nach und entdeckte die Iro- nie. Offensichtlich besaßen die beiden eine begrenzte Zahl von Kugeln, oder sie hätten einfach jeden Geg- ner in Reichweite niedergeschossen. Niemand in dem Haufen wollte eine Kugel einfangen, damit dann je- mand anders sich seinen Anteil schnappte. Also wür- de in einigen Minuten oder Stunden der Ausgang so aussehen, daß den beiden Frauen die Kugeln ausgin- gen, wonach man sie wieder angreifen konnte – aber es war dann die Mühe nicht mehr wert. Conal betrachtete sich die Große noch einmal. Sieb- zehn, überlegte er. Vielleicht achtzehn. Lange blonde Haare, wilde blaue Augen. Sie war schön, wie er be- reits vorher festgestellt hatte. Aber sie hatte noch et- was an sich, etwas, das sie mit der älteren Frau ge- meinsam hatte – ihrer Mutter? Es war ein Ausdruck, der sagte, daß sie aufrecht sterben würde, kämpfend, daß sie niemals lebendig gefangengenommen werden würde. Er respektierte das. Er hatte erfahren, was es bedeutete, lebendig erwischt zu werden, und es wür- de auch ihm nie wieder passieren. Erneut wurde ein Speer geworfen, und die große Frau feuerte wieder einen Schuß ab. Die Kugel schlug durch den Speerwerfer und drang dann einem hinter ihm stehenden Mann ins Herz. Eine hervorragende, Waffe, dachte Conal. Wo steckten die Freien Frauen? fragte er sich und erblickte sie dann. Auch sie waren an die Felswand zurückgewichen, eine von ihnen war tot, eine weitere schwer verwundet. Die dritte kauerte neben ihren Schwestern und hielt einen Pfeil schußbereit. Sie sah verängstigt aus. Die beiden Gruppen waren zwanzig Meter voneinander entfernt, und die Neuankömm- linge machten keinerlei Anstalten, sich zu der Bogen- schützin zu gesellen. Wer, zum Teufel, waren diese Leute überhaupt? Offensichtlich trauten sie nieman- dem. Conal hatte niemanden mehr gesehen, der so argwöhnisch war, seit ... nun, seit Cirocco Jones. Es würde nicht leicht sein, sie zu retten. Bis zu diesem Augenblick war ihm noch gar nicht klar gewesen, daß er sie retten wollte. Er verschwen- dete ein paar Minuten darauf, es sich auszureden. Vernünftig betrachtet, schien es das Tollkühnste zu sein, was er je versucht hatte, seit er in eine Bar stol- ziert war und der gefährlichsten lebenden Frau er- zählt hatte, daß er sie töten wolle. Er blickte in das Gesicht des kleinen Jungen hinab. »Was, zum Teufel, gibt es da zu grinsen, Mister?« wollte Conal von ihm wissen. Dann drehte er sich um und eilte zurück über die Brücke. »Einhundert, sagst du?« Der Titanide namens Schlange zog zweifelnd die Brauen hoch. »Verdammt, Schlange, du weißt, ich kann gerade bis drei zählen! Es sind etwa einhundert, vielleicht hundertzwanzig.« »Beschreibe mir die kleinere noch einmal!« »Bemalung auf dem Gesicht. Eine richtige Schrek-, kensmaske. Die andere ...« »Das sind Tätowierungen«, meinte Schlange. »Du meinst, sie gehen nicht mehr ab? Woher willst du das wissen?« »Sie hat ein drittes Auge auf die Stirn gezeichnet, nicht wahr?« »Ja ... ja, ich denke schon. Ihr Haar hüpfte ziemlich viel herum. Sie waren ganz schön damit beschäftigt, gleichzeitig in sechs verschiedene Richtungen zu blicken ... Woher weißt du davon?« »Ich kenne sie.« »Du kommst also?« »Ja, ich denke schon.« Schlange sah sich in dem großen Warenhaus um, das den Titaniden als Han- delsniederlassung diente, und erblickte zwei Artge- nossen. »Ich denke sogar, wir bilden eine Troika.« Sie machen einen Lärm wie die Apokalypse minus einen Reiter, als sie über die Holzbrücke donnerten. Conal klammerte sich an Schlanges Rücken und wünschte sich, er hätte ein Horn dabei. Es war, bei Gott, wieder einmal die verdammte Kavallerie, die im letzten Moment zur Rettung kam. Die Leute hinten in der Menge gafften die Angreifer nur einen Moment lang an und eilten dann davon wie die Hyänen von einem Kadaver, wenn ein Rudel Löwen sich nähert. Sie liefen überall hin, wo sie einen Weg wußten, und ein paar sprangen in das faulige Wasser des Sees. Aber eine ganze Menge fand nicht mehr die Zeit zu fliehen. Die Titaniden griffen ohne Waffen an und machten sich daran, Hälse zu brechen. Conal hatte sich Sorgen gemacht, daß die Frauen vielleicht auf diese Erscheinungen feuerten, aber of-, fensichtlich erstreckte sich ihr argwöhnisches Natu- rell nicht auf Titaniden. Sie beobachteten nur, lauer- ten auf eine Gelegenheit, auszubrechen und von der Felswand wegzukommen. Da hob Schlange Conal hoch und warf ihn über die Köpfe des Mobs hinweg. Conal landete auf den Füßen und konnte gerade eben stehenbleiben, stolperte dabei vorwärts, hielt das Baby vor sich, damit die Frauen nicht in Versu- chung geführt wurden, auf ihn zu schießen. Er war fast eine Rev lang weggewesen, und während dieser Zeit waren die Frauen von der Menge mit Steinen beworfen worden. Er stolperte über einen großen, lo- sen Stein, fiel hin und kroch um die behelfsmäßige Barrikade aus Gepäckstücken, hinter der sich die Frauen verschanzt hatten. Er blickte auf und ins Gesicht der blonden Amazo- ne. Neunzehn, entschied er. Ein Rinnsal aus getrock- netem Blut zog sich an der linken Seite ihres Gesich- tes herab. Er spürte Zorn in sich aufwallen, wollte den Bastard umbringen, der das gemacht hatte. Es waren jedoch dringendere Angelegenheiten zu klä- ren, wie zum Beispiel die Pistole, die ihm die Amazo- ne an die Schläfe drückte. Er hielt ihr das Baby hin und zeigte sein gewinnendstes Lächeln. »Hallo. Ich bin Conal. Ich glaube, das gehört dir.« Ein weiterer von Ciroccos Lieblingsaphorismen lautete: Rechne niemals mit Dankbarkeit. Die Ober- lippe des Mädchens kräuselte sich verächtlich, und sie deutete mit einem Ruck des Kopfes zur älteren Frau. »Nicht mir. Es ist ihres.«,

REISEBERICHT

Ungefähr zur selben Zeit, als Conal in Bellinzona auf seiner Rettungsmission angriff, kam ein Engel zu Ci- rocco Jones in Phöbe. Sie stand am Rande der drei Kilometer hohen Felswand, die das nördliche Hochland begrenzte, und beobachtete, wie der Engel aus dem Süden her- ankam. Hinter ihm sah sie einen dunklen Berg. Er hatte vier deutlich unterscheidbare Gipfel, alle von unterschiedlicher Höhe. Für Cirocco ähnelte er einer zerbrochenen Flasche, die man mit dem dicken Ende in den Boden gesteckt und um die man ringsherum Erde aufgehäuft hatte. Andere hatten einen zerstörten Glockenturm darin gesehen. Cirocco gab zu, daß die- se Analogie paßte: er wurde sogar von Fledermäusen umkreist. Wenigstens sahen sie wie Fledermäuse aus. Der Gipfel lag zwanzig Kilometer weit weg. Um auf diese Entfernung gesehen zu werden, mußten die Fledermäuse so groß sein wie Düsenverkehrsflug- zeuge. Cirocco kannte den Ort da drüben gut. Sie hatte vor vielen Jahren dort einige Zeit verbracht, und sie erinnerte sich nicht gerne daran. Der Engel zog über sie hinweg und kreiste dann, um Höhe zu verlieren, schwebte dann auf der Stelle, indem er mit den schimmernden Flügeln schlug. Er wollte keinen Fuß auf Phöbes Boden setzen. Cirocco wußte, daß das Schweben anstrengend war für einen Engel, also verschwendete sie keine Worte. »Kong?« rief sie. »Tot! Zwei-, dreihundert Revs!«, »Gäa?« »Verschwunden!« Cirocco dachte kurz darüber nach und winkte dann dankend. Sie beobachtete, wie der Engel in der Ferne ver- schwand, und setzte sich dann auf den Rand der Klippe. Sie zog die Stiefel aus – hübsche, braune, knielange Dinger aus titanidischer Fertigung, ge- schmeidig und wasserdicht –, faltete sie zu einem kleinen, flachen Bündel und verstaute dieses in ihrem Rucksack. Dann schulterte sie diesen, überprüfte die Riemen und die paar Sachen, die an ihrem Gürtel hingen, drehte sich um und machte sich an den Ab- stieg. Ein Klippentaucher aus Acapulco wäre schneller die Felswand hinuntergekommen, aber sonst kein menschliches Wesen. Mit bloßen Händen und Füßen bewegte sie sich unter Mißachtung des im Rucksack zusammengerollten Seiles schneller den schwierigen, fast senkrechten Hang hinab, als die meisten Men- schen es auf einer Leiter geschafft hätten. Sie tat es, ohne viel darüber nachzudenken. Ihre Hände und Füße wußten, was zu tun war. Sie hatte sich von Zeit zu Zeit Gedanken darüber gemacht, immer dann, wenn andere Leute sie darauf hinwiesen, daß etwas, was sie tat, bemerkenswert war. Sie wußte, daß sie nicht mehr ganz menschlich war, aber andererseits auch bei weitem nicht über- menschlich. Es war alles eine Frage der Perspektive. Zum Teil resultierte es daraus, daß man aus jedem Ereignis in seinem Leben etwas lernte, und darin war Cirocco gut. Die meisten ihrer Fehler lagen Jahr-, zehnte zurück. Zum Teil bestand es aber auch darin, daß man seine Grenzen kannte, wie weit die auch immer zu ziehen waren. Ein Beobachter ihres Weges die Felswand hinab hätte geglaubt, sie habe es schrecklich eilig und ginge verrückte Risiken ein, aber tatsächlich hätte sie noch viel schneller klettern kön- nen. Cirocco sah aus, als wäre sie zwischen fünfund- dreißig und vierzig Jahren alt, aber das hing davon ab, worauf man sein Augenmerk richtete. Die Haut auf ihren Händen, auf Hals und Gesicht deutete mehr auf dreißig hin; die drahtigen Arme und die Mara- thonbeine wirkten älter, die Augen wiederum noch ein Stück älter. Eine schwer einzuschätzende Frau war Cirocco Jones. Sie sah sehr stark aus, aber der Schein trügt bekanntlich. Sie war wesentlich stärker, als sie aussah. Als sie die sanft gerundeten Hügel am Fuß der Hochland-Klippen erreichte, zog sie die Stiefel an und lief los, nicht, weil sie es eilig gehabt hätte, son- dern weil sie sonst nichts zu tun hatte und weil das Laufen ihre natürliche Gangart war. Sie legte die zwanzig Kilometer in wenig mehr als ei- ner Rev zurück. Sie hätte es noch schneller geschafft, wären nicht drei Flüsse zu durchschwimmen gewe- sen. Es dauerte nicht lang, Kongs Berg zu erklimmen. Er war nur ein stetig aufwärts führender Hang, bis der zerklüftete Mehrfachgipfel erreicht war, und auf den mußte sie nicht hinauf. Eine breite Straße führte in Kongs Höhle. Das letzte Stück legte sie langsam zurück. Es lag nicht daran, daß sie dem Engel nicht vertraut hätte., Wenn er sagte, daß Kong tot sei, dann war er tot. Aber der Geruch hier rief unangenehme Erinnerun- gen wach. Das Felsgestein wölbte sich über sie, und schon bald ging sie in Dunkelheit. Zweimal mußte sie einen Umweg um zwanzig Meter lange Rauten machen, die mitten auf dem Weg lagen. Das waren die »Fleder- mäuse«, die sie aus der Ferne gesehen hatte. In Wirk- lichkeit waren sie mehr eine Kreuzung zwischen Reptil und Gartenschnecke, mit einer Masse von zehn oder zwölf Tonnen. Wenn sie ihre Pterodaktylenflü- gel am Körper zusammengefaltet hatten, hätte man sie für zusammengestürzte Zirkuszelte halten kön- nen. Sicherlich wirkten sie nicht lebendig, aber sie waren es. Manchmal hielten sie eine Myriarev lang Winterschlaf. Sie flogen, indem sie auf ihrem Schnek- kenfuß auf einen von Kongs Gipfeln krochen, ab- sprangen und dann tagelang dahinglitten. Soweit Ci- rocco wußte, waren sie harmlos. Sie hatte nie heraus- gefunden, was sie fraßen oder warum sie flogen. Sie hatte den Verdacht, daß sie lediglich dazu geschaffen worden waren, dieser Gegend die richtige Atmosphä- re zu verleihen. In Gäa war das keine unvernünftige Annahme. Cirocco erreichte das Ende des Durchgangs und blickte vorsichtig über den Rand hinweg. Der Boden der Höhle lag hundert Meter unter ihr. Es war eine passable Kopie des Raumes, durch den das fußgroße Gummimodell eines Gorillas in einem Film aus den 1930ern stolziert war. Man sah einen flachen See und viele Felsformationen, die an Stalak- titen und Stalagmiten erinnerten – alle viel größer, als sie im Verlaufe von Gäas drei Millionen Jahren durch, geologische Prozesse hätten geformt werden können. Wie viele andere Orte in Gäa war auch dieser ein sorgfältig konstruierter Schauplatz. Aber er war zerstört worden. Viele von den Fels- formationen waren abgebissen worden. Den See hatte man zu Schlick umgewühlt, und die verschlammte Uferlinie war mit drei Meter tiefen Fußabdrücken übersät. Das Wasser zeigte eine rosa Tönung. Und im Zentrum der schwachen, schräg hereinfallenden Lichtstrahlen, die ihren Weg durch die gewölbte Dek- ke fanden, erblickte Cirocco den Star der Show, den mächtigen Kong, das achte Weltwunder. Cirocco erinnerte sich an Zeiten, als er besser aus- gesehen hatte. Er lag auf dem Rücken, und um ihn herum wim- melten die Lilliputanergestalten von Eisernen Mei- stern, die damit beschäftigt waren, ihn zu demontie- ren. Sie gingen dabei mit ihrer gewohnten Gründlich- keit, Schnelligkeit und Effizienz vor. Ein Eisenbahn- gleis war durch den südlichen Eingang des Berges hereingeführt worden. Cirocco wußte, daß es mit ei- ner Seilbahn verbunden war, die den Berghang hin- abfuhr und ihrerseits wahrscheinlich zu einem Aus- läufer des Schwarzwaldbahnkörpers führte, der auf die Phöbe-Arges-Hauptstrecke stieß. Ein Zug stand am Schienenkopf. Eine verchromte 2-10-4- Dampflokomotive stand vor zwanzig Kippwagen, die normalerweise für den Eisenerztransport aus dem Schwarzwald eingesetzt wurden, jetzt aber vollgela- den waren mit Teilen Kongs. Die Eisernen Meister waren Eisenbahnspezialisten. Sie waren überhaupt in vielen Dingen gut. Sie hat-, ten Kong bereits bis auf Kopf, Rumpf und ein Stück Arm demontiert. Gewaltige Knochen wurden durch lärmende dampfgetriebene Sägen in Scheiben ge- schnitten. Es war grausig, aber faszinierend. Cirocco hatte erwartet, daß Kong nach dreihundert Revs eigentlich zum Himmel stinken würde, denn das waren fast zwei Wochen. Nicht, daß es hier nicht gestunken hätte – das hatte es auch zu den besten Zeiten, wie sie sich erinnerte, denn es war Kong nie eingefallen, die Tonnen von Dung hinauszuschaufeln, die er pro Ki- lorev produzierte, oder auch nur hinauszugehen, wenn er sich erleichtern wollte. Aber er verweste nicht. Das ärgerte Cirocco. Okay, es stand in keinem Ge- setz geschrieben, daß er verfaulen mußte, aber der Bastard hätte es einfach sollen! Aber nein, da lag er, weggehackt bis auf seinen überraschend komplizierten Brustkorb, und sah so frisch aus wie an dem Tag, an dem er abgeschlachtet worden war. Teams von Eisernen Meistern säbelten mit großen Flensmessern an langen Stöcken an sei- nem Körper herum und lösten Klumpen rosafarbenen Fleisches heraus, hoben sie dann mit Haken, die von einer Hilfsmaschine gezogen wurden, die an einem hohen Mast befestigt war, ähnlich denen, wie sie Holzarbeiter im Wald errichten. Noch eine Hektorev, und es würde von Kong nichts mehr übrig sein. Cirocco empfand das nicht als Verlust. Sie bezwei- felte, ob irgend etwas je dazu führen könnte, daß ihr das große, idiotische Ungeheuer leid tat. Falls irgend jemand um ihn weinen sollte, würde sie das blutende Herz gerne dazu einladen, ein Jahr in Kongs Kerkern, zu verbringen und dabei zuzuschauen, wie er leben- digen Titaniden die Köpfe abbiß. Sein gewaltiger Kopf lag mit dem Gesicht zu Cirocco. Das Komische an Kong war, daß er nicht wie ein Gorilla aussah. Er hatte einen Schimpansenkopf, mit einfältig- dümmlichen Lippen und hängenden Ohren. Sein Fell war orang-utan-braun und starrte vor Dreck. Die Szene besaß nur zwei Aspekte, die Cirocco in- teressierten, ließ man einmal die gute Nachricht von seinem Ableben außer Betracht. Wer hatte ihn getö- tet? Und warum hatten die Eisernen Meister den ei- nen übriggebliebenen Arm mit schweren Trossen am Boden befestigt? Miit, miit, miit, miiiit! Cirocco wandte sich bei diesem Geräusch langsam um und erspähte die kleine Bolex zehn Meter über ihr in einer Felsnische. Sie glotzte auf sie herab und war jetzt still. Ah ha! dachte Cirocco. »Komm her, Geschöpf!« summte sie und kletterte zu ihm hinauf. »Komm, Kleines, komm schon, ich tu dir nichts!« Sie pfiff und schnalzte mit der Zunge, tat alles, was geeignet war, einen jungen Hund herbeizu- rufen, aber die Bolex quiekte und wich in ihre Nische zurück, die tiefer war, als Cirocco erwartet hatte. Sie versuchte hineinzulangen, aber die Bolex wich ein- fach weiter zurück. Sie zog die Hand wieder heraus, war im Moment ratlos. Sie überlegte, ob sie die Eisernen Meister um Hilfe bitten sollte. Sie hätten das kleine Ding sehr schnell hinausgepustet. Dann fiel ihr etwas Besseres ein. Sie kletterte wieder auf ihren Sims und fing an, zu tanzen und zu singen., Cirocco war eine ausgezeichnete Sängerin, aber Isadora Duncan hätte von ihr nichts zu befürchten gehabt. Trotzdem gab sie sich Mühe und war laut ge- nug, daß einige der Eisernen Meister kurz von der Arbeit aufblickten – nur, um den Blick wieder abzu- wenden und zweifellos ein weiteres Beispiel uner- gründlichen menschlichen Verhaltens in ihren kühlen Stanniolgehirnen abzuspeichern. Schon bald guckte die Bolex wieder aus der Nische. Cirocco tanzte noch schneller. Das glasige Auge der Bolex glitzerte. Sie sah, wie es für eine Zoomaufnah- me ausgefahren wurde, und schon bald sauste das Kameratier herab, hielt dabei das Auge völlig gleich- mäßig ausgerichtet. Keine Bolex hatte je irgendwel- cher Action widerstehen können. Als sie nahe genug war, packte sie zu. Die Bolex quietschte, war aber schutzlos. Sie nahm weiter auf. Cirocco wußte, daß ihr der Film schon lange ausge- gangen wäre, wäre sie mit dem Pandämonium- Festival hergekommen. Und tatsächlich, der Begleit- produzent, der auf ihrem Rücken hockte, war tot. Ci- rocco schälte ihn ab – sie klammerten sich immer fest wie die Blutegel, sogar noch lange, nachdem sie zu bloßen Filmbüchsen geworden waren – und ließ die Bolex los. Diese nahm weiter auf, während sie immer mehr zurückwich, anscheinend in Ekstase wegen der Aufnahmen, die ihr hier gelangen, bis sie schließlich von dem Sims fiel und auf den Felsen unten zer- schmettert wurde. Cirocco zog ein Messer und schlitzte den Produ- zenten in der Mitte auf. Innen war er völlig trocken, und fünfhundert Meter Super-Acht-Film waren auf eine Spule gewickelt, die so zerbrechlich war wie die, Schale eines Meeresweichtieres. Sie zog den Film mehrere Fuß weit heraus und hielt das Stück ins Licht, betrachtete es mit zusam- mengekniffenen Augen. Sie konnte natürlich kaum Einzelheiten erkennen, aber es wurde recht deutlich, daß zwei Gestalten miteinander rangen. Eine war braun und die andere weiß. Die weiße Gestalt war nackt und weiblich, und es bestanden kaum Zweifel, um wen es sich dabei handelte. Es mußte sensationell gewesen sein, aber das über- raschte nicht. Gäa unterlag kaum irgendwelchen Budgetbeschränkungen. Cirocco konnte sich die Sze- ne vorstellen: Kong, Herr all dessen, was er überblik- ken konnte, stand in sprachloser Verwirrung da, während der obszöne Zirkus das Lager aufschlug, behielt vielleicht die fünfzehn Meter große Frau wachsam im Auge. Kong war darauf programmiert, Titaniden und menschliche Männer zu töten und menschliche Frauen gefangenzunehmen. Aber Gäa hatte wohl kaum den richtigen Geruch verbreitet, und wohl auch keine der übrigen zum Pandämonium gehörigen Kreaturen hatte entweder nach Nahrung oder geeigneten Gefangenen ausgesehen. Und ohne derartige auslösende Signale war Kong harmlos wie ein Miezekätzchen und obendrein faul und dumm. Gäas größtes Problem hatte wahrscheinlich darin be- standen, ihn zum Kämpfen zu bewegen. Cirocco tat es beinahe leid um Kong. »Gäa hat uns die Leiche übereignet.« Sie drehte sich zu dem Eisernen Meister um, der sich auf der Felsbank zu ihr gesellt hatte. »Schön«, sagte sie. »Ihr könnt ihn haben.« »Sie sagte, Sie seien willkommen, sich einen Anteil, zu nehmen, sollten Sie zufällig hier erscheinen.« Cirocco betrachtete den Eisernen Meister einge- hend. Am Ausmaß glänzender blanker Stellen an sei- nem Körper erkannte sie, daß er ein Bonze war, der in der Hierarchie seines Volkes weit oben stand. Auf seiner Schale erblickte sie ihr Spiegelbild. Er war ver- chromt. Chrom kam auf Gäa nur spärlich vor. Die Ei- sernen Meister arbeiteten hart, um das herauszukrat- zen, was sie in tiefen Schächten im Schwarzwald von Phöbe finden konnten. Eine Zeitlang war ein schwunghafter Handel mit altertümlichen Autostoß- stangen gediehen, bis der Krieg ihn unterbrochen hatte. Ciroccos Gefühle gegenüber den Meistern waren sehr zwiespältig. Es war unmöglich, Kreaturen zu mögen, die ihre Jungen in menschlichen Säuglingen ausbrüteten. Andererseits haßte sie die Meister auch nicht, wie es viele Menschen taten. Vielleicht waren sie »Monster«, aber nur, falls man auch eingestand, daß der Verzehr von Kalb- oder Lammkoteletts Men- schen zu Monstern machte. Die Eisernen Meister wa- ren für menschliche Kinder nicht annähernd so ge- fährlich wie die eigenen Eltern oder Nachbarn. Baby- raub war eine Heimindustrie in Bellinzona. Die Ei- sernen Meister stahlen niemals irgend etwas; sie be- zahlten alles, was sie erhielten, und sie zahlten Spit- zenpreise und kauften generell nur wenige Säuglinge. Verglichen mit jedem General, von Cäsar angefangen bis zu denen, die gegenwärtig die Erde umgestalte- ten, waren die Eisernen Meister Heilige. Sie waren jedoch wirklich unheimlich, die fremd- artigste von Gäas Lebensformen. Ihre beste Eigen- schaft war völlige Verläßlichkeit., »Warum sollte ich zu einem Anteil berechtigt sein?« fragte Cirocco den Bonzen. »Man fragt Gäa nie nach dem Warum.« »Sie sollten es irgendwann einmal versuchen.« Aber das führte zu nichts; Cirocco würde es nie ge- lingen, die Meister zum Aufstand zu überreden. Die- ser Meister betrachtete sie weiterhin ungerührt – falls man von jemandem, der keine erkennbaren Augen besaß, überhaupt sagen konnte, daß er jemanden be- trachtete. Er erinnerte Cirocco an ein Bild aus einem alten Buch, das sie in ihrer Kindheit gelesen hatte. Die Eule aus Winnie-the-Pooh. Er war groß und röhren- förmig und hatte oben kleine Spitzen, die vielleicht Ohren waren. Der Metallkörper weitete sich dicht über dem Boden zu einem Saum, unter dem die merkwürdigen Füße kaum zu sehen waren. Die Kreatur hatte unheimlich viele Arme – Cirocco hatte nie herausgefunden, wie viele es genau waren –, die alle so genau in Vertiefungen paßten wie eine Klinge in ein Taschenmesser. »Anstelle meines Anteiles nehme ich eine Fahrt zu- rück zum Ophion.« »Gemacht.« Das Wesen drehte sich um und wat- schelte wie ein Pinguin davon. »Was haben Sie mit ihm vor?« Die Eiserne Meister blieb stehen und wandte sich wieder zu ihr um. »Wir werden schon Verwendungsmöglichkeiten finden.« Das war seine Ausdrucksweise für: ›Das geht Sie nichts an!‹, wie Cirocco feststellte. In einem ganzen Jahrhundert des Umgangs mit den Maschi- nenbau und Handel betreibenden Meistern hatte sie nur wenig über sie erfahren. Sie wußte nicht einmal,, ob innerhalb ihrer Metallkörper wirklich so etwas wie lebende Materie zu finden war. Eine Zeitlang hatte sie gedacht, es wären Roboter, und daß die richtigen Meister niemals ihre sorgfältig bewachte Insel im Phöbemeer verließen. Sie wußte jedoch, daß ein Ei- serner Meister, wenn er einen Arm verlor, einen neu- en mit Bolzen befestigte, und daß ihm der neue nicht wuchs. »Warum haben Sie ihn festgebunden?« Einen Moment lang kam keine Antwort. Der Bonze drehte sich langsam zu Kong um, dann wieder zu Ci- rocco. War er erheitert? Sie konnte es nicht sehen, aber so empfand sie es. »Er ist immer noch munter.« Cirocco sah hin und spürte dabei, wie sich ihr die Nackenhaare aufrichteten. Kong hatte die Augen ge- öffnet. Er betrachtete sie, die große Stirn in Falten. Er hatte den ihm verbliebenen Arm, der jetzt am Ellbo- gen endete, angehoben und die Trossen gespannt. Er rollte mit den Augen und machte anscheinend den Versuch, den Kopf zu drehen, war aber zu schwach dafür. Er wandte den Blick wieder Cirocco zu und vergaß das Problem mit dem festgehaltenen Arm. Seine Lippen kräuselten sich zu einem versuchs- weisen Schimpansenlächeln, das fast wehmütig aus- sah. Als Cirocco später hinten auf dem Zug saß und beob- achtete, wie Kongs Berg in der Ferne kleiner wurde, machte sie sich Gedanken über das Erlebte. Wann würde er sterben? Sie hatte beobachtet, wie die Eisernen Meister herausgenommen hatten, was das Herz sein mußte, und es hatte nicht geschlagen,, Reflexe? Wie das Zucken abgetrennter Froschbeine? Sie zweifelte daran. Sein Blick hatte Bewußtheit ver- raten. Gäa baute für die Ewigkeit. Sie hatte ihn nicht da- für entworfen, älter zu werden, sich fortzupflanzen ... oder zu sterben. Vielleicht fand er Ruhe, wenn die Arbeitstrupps endlich sein Gehirn zerhackten. Vielleicht auch nicht. Sie stellte fest, daß er ihr nun wirklich leid tat. Cirocco erreichte die ostwestliche Hauptstrecke di- rekt nördlich des Phöbemeeres. Sie sprang auf einen nach Osten fahrenden Güterzug und erwartete dabei, daß er sie bis zum Fluß Arges bringen würde, aber es stellte sich heraus, daß die emsigen Eisernen Meister die Strecke mehr als fünfzig Kilometer weiter gezo- gen hatten seit ihrem letzten Besuch in Phöbe, der nicht mehr als sechs Kilorevs zurücklag. Und sie wa- ren am Schienenende noch an der Arbeit. Bald muß- ten sie Tethys erreichen, erkannte Cirocco. Sie fragte sich, wie sie dann wohl mit dem Sand fertig wurden. Der Sand würde natürlich auch für sie selbst ein Problem sein, aber sie wußte schon, wie das zu lösen war. Sie ließ die Meister und all ihre Werke hinter sich und lief in Richtung der nordöstlichen Ecke von Phö- be. Vor ihr bog sich Tethys die Krümmung Gäas hin- auf, gelb, verlassen und unerbittlich. Sie lief die ganze Zeit, außer einmal, als sie fest- stellte, daß das Nahrungsangebot gut war. Sie kannte zehntausend eßbare Pflanzen in Gäa und über tau- send Tiere, sogar einige Gegenden, wo der Erdboden selbst genießbar war. Man fand jedoch eine gleich, große Zahl giftiger Pflanzen, von denen manche den genießbaren stark ähnelten. Phöbe war kein freundliches Gebiet – falls so etwas überhaupt noch zu finden war. Als Cirocco die ersten Anzeichen von Müdigkeit spürte, überlegte sie kurz, ob sie schlafen sollte, bevor sie Tethys durchquerte. Sie war jetzt über neunzig Revs wach und einen gro- ßen Teil dieser Zeit gelaufen. Sie fand einen tiefen Teich in der Dämmerungszo- ne zwischen Phöbe und Tethys. Dort war die Land- schaft gebirgig und felsig, voller Quellen und blauer Seen. Deren Wasser war nicht kalt. Sie suchte herum und fand schließlich eine Ablagerung von blauem Schlamm. Sie setzte sich und zog die Stiefel aus, dann das Hemd, das sie in einen Stiefel stopfte, schließlich die Hose, die sie in den anderen steckte. Sie holte ein zu- sammengerolltes dünnes Seil aus dem Rucksack, ver- staute dann die Stiefel in demselben, zusammen mit zehn Kilo Gestein, und schloß ihn. Sie kniete sich in den Schlamm und machte sich daran, breite Blätter zu verdrehen und zu zerquetschen. Als ein klebriger Saft aus ihnen heraustropfte, vermischte sie ihn mit dem Schlamm. Bald war dieser geschmeidig geworden. Sie wälzte sich darin, rieb ihn über den ganzen Körper und ins Haar. Als sie wieder aufstand, war sie ein blauer Dä- mon mit weißen Augen. Die Schlammschicht war ein Achtel Zoll dick, und sie zerbrach weder, noch brök- kelte sie ab, wenn Cirocco sich bewegte. Sie tauchte das Seil ins Wasser. Es schwoll an. Sie befestigte es mit einem Ende an einem Busch am Rand des Wassers, stieg dann in den Teich und, tauchte unter, zog das Seil hinter sich aus – das Seil, aus dem eine starke Atemröhre geworden war. Bei zwei Faden Tiefe war von dem schwachen Licht der Dämmerungszone nichts mehr übrig. Ciroc- co tastete sich ihren Weg auf ein verschlammtes Riff und legte sich dort auf den Rücken, packte sich den beschwerten Rucksack auf den Bauch. Sie steckte das andere Ende des Schlauches in den Mund und ver- langsamte den Atemrhythmus. Nach einer Minute Selbsthypnose war sie fest ein- geschlafen. Drei Stunden waren inzwischen das äußerste, was sie noch schlafen konnte. Sie öffnete die Augen in der kalten Dunkelheit. Etwas glitt an ihr entlang; sie griff danach und drehte sich, stieß sich dann ab, um zur Oberfläche hinaufzusteigen. Unmittelbar darunter machte sie halt und hielt nach Gefahren außerhalb des Wassers Ausschau, steckte dann vorsichtig das Gesicht in die Luft hinaus. Nichts. Zufrieden stieg sie aus dem Teich und betrachtete ihren Fang. Es war ein Butterfisch aus dem Hochland, weit südlich seines normalen Ver- breitungsgebietes. Sie überlegte, ob sie ein Feuer an- zünden sollte, entschied sich aber dagegen und warf die Kreatur zurück in den Teich. Hochlandbutter- fische schmeckten gekocht gut, waren roh jedoch zäh und bitter im Geschmack. Die blaue Schlammschicht ließ sich wie ein Gum- mianzug abschälen. Sie isolierte vorzüglich. Cirocco hatte viel gelernt im Leben, unter anderem auch, wie man es sich ständig so bequem wie nur möglich machte. Das umfaßte auch trockene Stiefel,, selbst bei Gelegenheiten, wo man unter Wasser schla- fen mußte. Zufrieden öffnete sie den Rucksack und holte die Stiefel hervor. Sie waren wunderbar, und der Rucksack war es auch. In ihrer Rangfolge wichti- ger Dinge kamen trockene Stiefel weit vor dem Essen und noch ein wenig vor Wasser. Sie zog Kleidung und Stiefel an und lief weiter. Wann immer möglich, vermied Cirocco es gänzlich, Tethys zu betreten. Diesmal aber mußte sie hindurch. Sie verkroch sich im letzten verkümmerten Gebüsch, holte ihr winziges Fernglas hervor und untersuchte die vor ihr liegende Landschaft nach Anzeichen von Sandgeistern. Sie rechnete nicht damit, so weit im Norden welche vorzufinden; der Niederschlag von der Nordwand sammelte sich, wenn er auch schwie- rig zu finden war, hier unter der Oberfläche und war tödlich für die auf Silizium basierenden Sandgeister. Jedoch war Cirocco nicht so weit gekommen, indem sie sich auf ihre Erwartungen verließ. Die Gewohnheit, nur leicht bepackt zu reisen, war seit zwanzig Jahren fest in ihr verankert. Tarnung war eine Kunst, die sie zumindest in dieser Zeit stu- diert hatte. Wenn Gott tatsächlich vom Himmel auf einen herabblickt – auf einen selbst, bereit, zu töten –, dann macht es sich bezahlt, wenn man sowohl schnell zu Fuß als auch schwierig zu erkennen ist. Ciroccos Rucksack enthielt zehn Kilo von den allerwichtigsten Sachen. Mit deren Hilfe und mit dem Wissen in ihrem Kopf konnte sie überall mit der Umgebung ver- schmelzen. Sie schätzte, daß der Sand wohl neununddreißig Grad hatte., Egal, sie wußte, was zu tun war. Sie zog sich wieder aus, stopfte die Kleider in den Rucksack und machte sich daran, am Fuß eines der tot wirkenden Büsche zu graben. Aber die ausge- dörrten Zweige waren nur der obere Teil der Pflanze und der am wenigsten interessante. Diese Pflanzen speicherten Feuchtigkeit. Als Cirocco bis zu den geschwollenen Wurzeln vorgedrungen war, ergoß sich ein Wasserstrahl über ihre nackten Füße. Sie kniete nieder, formte mit den Händen eine Schüssel und trank. Es war alkalisch, aber kräftigend. Mit dem Messer trennte sie ein Knötchen von einer Wurzel und schnitt es dann auf. Ein glitschiger gelber Saft sickerte daraus hervor, den sie sich auf die Hand- flächen preßte und auf dem Körper verrieb. Ihre Haut war farblich das, was Farbreiseprospekte als »ge- bräunt« bezeichneten. Es war eine hübsche Farbe, aber einige Schattierungen zu dunkel für den Sand von Tethys. Sie rieb so lange, bis sie das passende Gelbbraun hatte. Der Saft roch nach Wacholder. Er wirkte auch gegen Akne, aber diese Eigenschaft war bei Cirocco verschwendet. Sie hatte ein Dutzend Schals in ihrem Gepäck. Sie suchte sich zwei mit der richtigen Farbe heraus, schloß den Sack, wickelte dann einen Schal um das dunkle Haar und einen um den Sack selbst. Als sie fertig war, konnte man sie kaum noch von ihrer Um- gebung unterscheiden. Barfuß kletterte sie den letzten felsigen Ausläufer Phöbes hinunter auf die welligen Dünen. Dann rannte sie los., Zweihundert Kilometer weiter, mehr als die halbe Strecke durch Tethys, sah sie jemanden. Sie tat, was ihr klug erschien: tauchte in den Sand und wand sich hinein, bis sie fast völlig bedeckt war, wie ein Stechrochen am Grund des Meeres, und wartete. Sie war sich recht sicher, wer es sein mußte. Sie be- kam eine Gänsehaut, wie stets bei solchen Gelegen- heiten, dann hörte das Gefühl wieder auf. Es bestand die Möglichkeit, daß sie verrückt wurde. Gaby war in dieser Gegend gestorben, hundert Kilometer weiter im Süden, vor zwanzig Jahren. Cirocco war es gleich. Sie stand auf, ganz mit Sand bedeckt. Der Schweiß, der sie im Laufen so wirksam gekühlt hatte, durchnäßte sie jetzt, lief ihr am Körper hinab und hinterließ saubere Streifen. Gaby schimmerte in dem gnadenlosen Hitzedunst. Sie kam die Cirocco zugewandte Seite einer vierhun- dert Meter entfernten Düne herab. Sie war nackt, wie immer, wenn sie zu Cirocco kam. Und warum auch nicht? Warum sollte ein Geist Kleider mit in die Gei- sterwelt nehmen? Ihre Haut war milchig-bleich. Die- ser Anblick hatte Cirocco zu Anfang Unbehagen ver- ursacht, bis sie sich erinnert hatte, daß Gaby vor Gäa stets blaß gewesen war. Sie und Cirocco waren die einzig gebräunten Leute in einer Welt schwachen Sonnenlichtes geworden. Und dann war Gaby ge- storben. Im Tode mußte sie völlig schwarz gewesen sein, obwohl Cirocco es nicht gesehen und auch nie die Leute gefragt hatte, die dabeigewesen waren. »Du bist in Sicherheit!« schrie Gaby und kam wei- ter auf sie zu. »Danke! Für wie lange?«, »Den ganzen Weg durch Tethys!« Cirocco wartete, während Gaby hinter der letzten Düne verschwand und dann auf deren abgelegener Seite heraufkam. Gaby blieb für einen Moment auf dem Kamm stehen und machte sich dann an den Ab- stieg. Ihre Füße hinterließen tiefe Abdrücke im Sand. Sie war schrecklich schön. Cirocco hörte sich schluch- zen. Sie sank auf die Knie, setzte sich dann auf die Fersen zurück. Ihre Schultern sackten müde herab. Gaby blieb in fünfzig Metern Entfernung stehen. Cirocco bekam kein Wort heraus; sie hatte das Ge- fühl, daß ihr Hals zu dick war, und sie bekam nicht richtig Luft. »Sind sie in Sicherheit?« schaffte sie endlich zu fra- gen. »Ja«, sagte Gaby. »Conal hat sie gefunden. Hat ih- nen das Leben gerettet.« »Ich wußte, daß dieser Junge sich als nützlich er- weisen würde. Wohin bringt er sie?« »Wohin du auch unterwegs bist. Du wirst eher an- kommen als sie.« »Gut.« Cirocco durchstöberte ihr Gehirn. Gewisse Themen waren verboten. »Und ... wie ... ah ... wie sind sie ...« »Ja, sie gehören immer noch zum Schlüssel, bilden aber nicht den ganzen.« »Den Schlüssel zu was?« »Das kann ich dir jetzt noch nicht sagen. Vertraust du mir immer noch?« »Ja.« Das kam ohne Zögern. Cirocco hatte schlechte Momente erlebt, aber ... »Ja, ich vertraue dir.« »Gut. Ich wollte ...«, »Ich liebe dich, Gaby.« Das Bild waberte. Cirocco schrie auf und rammte sich den Handballen in den Mund. Sie konnte die Düne durch Gabys Körper hindurch sehen. »Ich liebe dich auch, Rocky. Oder heißt das jetzt Captain?« »Ganz wie du willst.« »Ich kann nicht bleiben. Gäa ist in Hyperion und von dort unterwegs nach Westen.« »Aber sie betritt doch Okeanos nicht?« »Nein.« Gaby war die kleine Frau, die gar nicht da war. Nur ein Umriß, ein Wunsch, eine Halluzination ... und dann war sie verschwunden. Cirocco blieb fast eine Rev lang dort sitzen, um wieder mit sich ins reine zu kommen, starrte zu den Fußstapfen auf der Düne, wo Gaby gestanden hatte. Am Ende ging sie doch nicht hinüber, um sie anzu- fassen, wie sie es auch früher nicht gewagt hatte. Sie fürchtete zu entdecken, daß sie in Wirklichkeit gar nicht vorhanden waren. Die nördliche Eisplatte von Thea begann in der Dämmerung und zog sich in einem Bogen nach Sü- den und Osten. Cirocco lief in gesegneter Kühle an ihrem Rand entlang. Sie hatte vor der Frage gestanden, Thea im Norden zu durchqueren. Die Berge waren nicht unpassierbar – nach Ciroccos Erfahrung war gar nichts wirklich unpassierbar; sie hatte dieses Gebirge schon einmal innerhalb von zwei Kilorevs überquert –, aber sie hatte nicht die Zeit dafür. Der schnelle Weg durch Thea war der über den gefrorenen Ophion, der mit-, ten durch dieses Gebiet ewiger Nacht floß. Als sie stehenblieb, steckte sie knietief im Schnee und war immer noch nackt. Es dauerte nur ein paar Minuten, den Rucksack zu öffnen, die Kleider und Stiefel umzustülpen, damit die weiße Seite sichtbar war, und den Rucksack und ihr Haar mit weißen Schals zu tarnen. Sie lief weiter, wurde aber langsam müde. Daß sie so schnell müde wurde, zeugte davon, daß sie sich überanstrengte. Sie bemerkte es und hielt Ausschau nach einem sicheren Hafen. Ihre Anforderungen waren spartanisch. Sie grub sich eine Höhle in eine Schneebank und kroch hinein, packte dann Schnee hinter sich. Beim Einschlafen er- innerte sie sich, daß nicht mehr als fünfzig Kilometer weiter die Stelle lag, wo eine gewisse Robin aus dem Koven sich im Schnee eingegraben hatte, müde und verängstigt und ohne die Gefahr zu kennen – um dann mit einer Lungenentzündung aufzuwachen. Robin war in Thea fast gestorben. Cirocco schlief einfach nur. Drei Stunden später erwachte sie, fegte den Schnee weg und lief wieder los. Sie brachte sechshundert Kilometer und den größten Teil von Metis hinter sich, ehe sie wieder ein Schlaf- bedürfnis empfand. In Gäa waren Leute zu finden, die es nicht geglaubt hätten, aber Cirocco Jones – Gerüchten zufolge in der Lage, ein verlorenes Bein zu regenerieren, ihre Gestalt in eine Schlange, einen Geier, einen Gepard und ei- nen Hai zu verwandeln, mit einem Dutzend Titani- den auf einmal zu ringen und unbemerkt durch einen, hellerleuchteten Raum zu gehen –, genau diese Jones hatte ihre Grenzen. Die Geschichten waren übertrie- ben. Es stimmte zwar, daß sie tatsächlich über Hexen- kraft verfügte, daß sie Leute durch einen Zauber ver- anlassen konnte zu glauben, sie wäre gar nicht da, und als sie vor siebzig Jahren einen Fuß verloren hatte, war er nachgewachsen, aber sie bezweifelte, ob sie auch ein Bein schaffte. Und sie konnte auch nicht unablässig wach bleiben wie eine Titanide. Es war eine erschreckende Notwendigkeit, wenn man es recht bedachte. Schutzlos zu werden, einfach dazuliegen, während etwas herankroch, was auf Mord erpicht war ... Sie befand sich im Süden von Metis, in der Region unterhalb des großen Poseidon-Meeres, hinter dem Sumpf Steropes, der das herausragende Kennzeichen von Metis war. Die Landschaft hier war eine Savanne: eben, grasbedeckt, mit vereinzelten windgepeitschten Bäumen. In Afrika saßen wohl große Katzen in den Bäumen – wenigstens hatte Cirocco es sich so immer vorgestellt, obwohl sie nur wenig von Afrika wußte. Aber in Gäa waren die Bäume hellrot und blattlos. Sie sahen wie schematische Darstellungen des Kreis- laufsystems aus, denn ihr dicker Stamm verzweigte sich in immer feinere Kapillaren. Cirocco hatte vor, wie eine Katze auf einem dieser Bäume zu schlafen. Sie zog sich erneut aus, wickelte den Sack in einen roten Schal und bohrte mit dem Messer Vertiefungen in den Baumstamm. Roter Saft floß heraus. Sie verrieb ihn auf der Haut und verwandelte sich langsam in eine scharlachrote Frau. Sobald sie vollständig bemalt war, kletterte sie auf den Baum und arbeitete sich auf, einem horizontalen Ast dreißig Meter über dem Bo- den hinaus. Sie bog die Füße über den Ast, ließ die Knie zu beiden Seiten herabfallen, machte sich aus den verschränkten Händen ein Kissen und legte den Kopf darauf. Innerhalb eines Augenblickes war sie eingeschlafen. In Dione verlangsamte sie ihr Tempo. Dione bedeutete Sicherheit – vor Gäa, wenn nicht vor Menschen. Sie strebte zum Südende eines langgestreckten Sees, der Iris hieß, gelangte durch eine gebirgige Landschaft in den Wald, der den See Eris umgab, bis sie den Fluß Briareus erreichte, einen der längsten Flüsse Gäas. An einer Biegung des Flusses, über einhundert Ki- lometer südlich vom Moros, der Pfefferminzbucht und Bellinzonas, erreichte sie ein Baumhaus, das die Schweizer Familie Robinson mit Neid erfüllt hätte. Es war in einem Baum derselben Art errichtet wie der, der Titanstadt in Hyperion beherbergte. Obwohl nur ein Hundertstel so groß, beherrschte dieser Baum doch den umgebenden Wald wie eine Kathedrale ei- ne europäische Kleinstadt. Der Hauptflügel des Hau- ses war drei Stockwerke hoch. Teilweise bestand es aus roten Ziegeln oder war mit Stein verkleidet. Die gläsernen Fenster hatten Schieberahmen und bunte Vorhänge. Weitere Bauten waren in unterschiedli- chen Höhen in den Zweigen verteilt und entstamm- ten alle unterschiedlichen Entwürfen. Bienenstöcke aus Stroh mit Pechdächern waren zu erkennen, ein reich verziertes Aussichtstürmchen und etwas, das wie ein Teil des Kreml mit seinen Zwiebelkuppeln, wirkte. Alle Bauten waren durch breite, geländerbe- wehrte Wege verbunden, die entweder auf Ästen la- gen oder als Hängebrücken an Seilen hingen. Der Baum wuchs aus nacktem Fels heraus, der an drei Seiten von strömendem Wasser umgeben wurde und mit der vierten an einen tiefen Teich grenzte. Fünfzig Meter stromaufwärts befand sich ein zehn Meter ho- her Wasserfall. Cirocco ging über die Hauptbrücke, die unter ih- rem Gewicht nur geringfügig schwankte. Sie hatte je- doch schon miterlebt, wie sie unter einem Dutzend Titaniden wie verrückt getanzt hatte. Auf einer breiten, überdachten Veranda mit Blick auf den Teich blieb sie stehen, um sich die Stiefel aus- zuziehen und sie vor dem Vordereingang stehenzu- lassen, wie es ihrer Gewohnheit entsprach. Die Tür war nicht abgeschlossen. Cirocco trat ein, wußte be- reits mit Sicherheit – obwohl sie nicht hätte sagen können, woher –, daß niemand da war. Im Wohnzimmer war es kühl und dunkel. Das Ge- räusch herabstürzenden Wassers drang durch die Fen- ster herein. Es wirkte beruhigend. Cirocco entspannte sich. Sie zog sich das Hemd aus, mußte es an einigen Stellen richtiggehend von der Haut abschälen. Nach- dem sie auch die Hose ausgezogen und sie auf den Boden gelegt hatte, sah sie immer noch aus, als stecke die Trägerin in ihr. Cirocco konnte den eigenen Ge- ruch zwar nicht mehr wahrnehmen, glaubte aber, er müsse furchtbar sein, wenn die Hose so steif war. Ich sollte baden, dachte sie. Und mit diesem Ge- danken plumpste sie auf eine niedrige Couch und war auf der Stelle eingeschlafen., Sie setzte sich auf und rieb sich mit den Fingerknö- cheln die Augen. Sie gähnte, bis ihr der Kiefer knackte, und schnupperte dann. Es roch nach Speck. Zu ihren Füßen lagen ihre Kleider, gewaschen und ordentlich zusammengefaltet. Daneben entdeckte sie eine Tasse mit dampfendem schwarzen Kaffee und eine riesige gelbe Orchidee. Die Orchidee schnup- perte am Kaffee und blickte dann auf ... Das Geschöpf war ein Einsiedlerhörnchen, ein zweibeiniges Säugetier mit langem und dickem Schwanz, das sich die leeren Häuser gäanischer Schnecken borgte und sich daraus bewegliche Heime machte. Die Orchidee war ein Teil der Schale. Das Wesen surrte zurück in sein Haus und schlug die Tür zu, als Cirocco die Hand nach dem Kaffee ausstreckte. Sie stand auf und ging durch das Musikzimmer, wo hundert Instrumente an den Wänden hingen oder an Spezial-Ständern, dann durch den Stimm- zuchtraum, der voller Käfige stand, nippte im Gehen an ihrem Kaffee. Der nächste Raum war die Küche. Vor dem Herd stand ein gut über zwei Meter großer Mann und stocherte an dem brutzelnden Speck her- um. Er hatte nichts an, aber er war vielleicht der ein- zige Mensch in Gäa, der wirklich keine Kleider brauchte. Er konnte niemals nackt wirken. Cirocco stellte die leere Tasse auf den Tisch und umarmte den Mann von hinten. Sie reichte nur bis an seinen Nacken, also küßte sie statt dessen den breiten Rücken. »Hallo Chris«, sagte sie. »Morgen Captain. Das Frühstück ist in einer Mi- nute fertig. Gerade aufgewacht?«, »Gerade eben.« »Willst du erst duschen oder essen?« »Erst essen, dann duschen.« Er nickte und ging zum Fenster. »Komm her! Ich möchte dir was zeigen.« Sie ging zu ihm hin und versuchte dabei, wachsam zu sein. Sie beugte sich aus dem Fenster. »Was ist es denn? Ich sehe nur Wasser!« »Richtig.« Er hob sie hoch und warf sie aus dem Fenster. Sie schrie auf dem ganzen Weg nach unten und stürzte mit einem gewaltigen Platschen ins Was- ser. Er hielt Ausschau nach ihrem Kopf. Als sie spuk- kend wieder zum Vorschein kam, rief er hinunter: »Bis in fünf Minuten!« Er ging zurück an den Herd und lachte immer noch in sich hinein, schlug dann zehn grünliche Eier in das Speckfett.,

ERSTER HAUPTFILM

Was wir wollen, ist eine Geschichte, die mit einem Erdbeben beginnt und sich von da an zu ihrem Höhepunkt entwickelt.# SAM GOLDWYN,

EINS

Bald nach Ciroccos Ankunft in dem Baumhaus er- stieg eine Siebenergruppe – drei Titaniden und vier Menschen – den letzten Berg und blickte von dort hinab zur Biegung des Briareus. Sie sahen den großen Felsen, den großen Baum und das darin verteilte Baumhaus von Chris. In der Zeit, die diese Reisegesellschaft für die zweihundert Kilometer von Bellinzona zum Briareus gebraucht hatte, war Cirocco fast um die halbe Um- randung Gäas gelaufen. Sie hätten es schneller schaffen können, aber eine von ihnen lehnte es ab, auf einem Titaniden zu reiten, also hatte sich die ganze Gruppe lieber Zeit genom- men, als sie zurückzulassen. Einige von den übrigen sechs hatten bemerkt, wie wenig die siebente diese Tatsache zu würdigen schien. Nach einer kurzen Pause, während der die Titani- den Loblieder auf den herrlichen Ausblick sangen und ein paar Ankunftslieder komponierten, stieg die Gesellschaft den nur angedeuteten Pfad zum Fluß hinab. Conal war wieder einmal verliebt. Nicht, daß er Cirocco untreu geworden war. Er liebte sie nach wie vor und würde es auch immer tun. Aber das jetzt war Liebe von anderer Art. Und es bedeutete keineswegs, daß der Gegenstand seiner Gefühle seine Geliebte werden würde, da sie ihn abgrundtief haßte. Trotzdem, Liebe war eben Lie- be, und es kostete nichts, wenn man Hoffnung hegte., Und sie haßte sowieso jeden. Er konnte gar nicht glauben, daß jemand alle anderen für immer hassen konnte. Vielleicht würde sie ja, sobald sie darüber hinweg war, bemerken, was für ein feiner Bursche Conal Ray war. Conals Gedanken sahen nicht ganz exakt so aus, als die Gruppe sich an die letzte Etappe ihrer Reise zum Briareus machte, obwohl ihm dies durch den Kopf ging. Er schwebte in einem angenehmen Zustand zwischen Schlafen und Wachen, auf dem breiten Rücken Rockys des Titaniden ausgestreckt. Conal hatten den größten Teil der Reise schlafend hinter sich gebracht. Als jemand, der für den Captain arbei- tete, der eine volle Hektorev ohne Schlaf auskam und anscheinend niemals müde wurde, hatte er gelernt, wie wichtig es war, allen Schlaf zu holen, den er be- kommen konnte. Er hatte sich die Philosophie eines Fußsoldaten angeeignet: reichlich Zeit zum Pennen in einer trockenen Falle, ein voller Bauch, und er war mit dem Leben zufrieden. Er erwachte nur, wenn die Frauen eine ihrer schrillen Hochspannungsstreitigkeiten ausfochten. Zuerst hatte er gefürchtet, sie könnten handgreiflich werden, in welchem Fall eine von ihnen mit Sicher- heit ums Leben gekommen wäre. Aber sie unterbra- chen jedesmal kurz davor. Er kam schließlich zu der Ansicht, daß sie es immer so halten würden, und wurde dadurch in die Lage versetzt, die lauten Strei- tereien als das große Theater zu genießen, das sie wa- ren. Was für Flüche diese Frauen doch kannten! Sie erweiterten seinen Wortschatz und vertieften seine Liebe. Conal drehte sich auf die Seite und sank tiefer in, den Schlaf. Obwohl der Weg steil und felsig war, verlief der Ritt doch so sanft wie das Rollen einer Ku- gel auf Linoleum. Man hatte bereits von den Titani- den gesagt, sie wären die bequemste Art zu reisen, die je entdeckt worden sei. Den Titaniden gefiel es nicht ganz, als eine Art zu rei- sen betrachtet zu werden, aber sie lehnten es auch nicht direkt ab. Sie trugen nur Leute, die sie auch tra- gen wollten. Nur sehr wenige Menschen hatten Er- fahrung mit Ritten auf Titaniden. Phasenwechsler (Zweifach erhöhtes Lydisches Trio) Rock'n'Roll hatte nichts dagegen, Conal zu tra- gen. Seit dem Tag, an dem er vor fast fünf Myriarevs Cirocco Jones operiert hatte, waren er und Conal die dicksten Freunde. Manchmal passierte so etwas zwi- schen einem Titaniden und einem Menschen. Rocky wußte von Chris und Valiha, die einander zwanzig Jahre lang geliebt hatten, und auch von Cirocco Jones und Hornpipe, die zeitweise Liebende waren und zeitweise Großmutter und Enkel – obwohl die Bezie- hung nicht ganz so einfach beschaffen war, wie über- haupt titanidische Stammbäume niemals einfach aus- sahen. Rocky hatte von der großen Liebe Gaby Plau- gets für Psaltery (Erhöhtes Lydisches Trio) Fanfare gehört. Er hatte Conal nie körperlich geliebt und rechnete auch nicht damit, denn er wußte, daß Conal schok- kiert sein würde, sollte er je erfahren, daß Rocky es gern täte. Und es war auch nicht ganz das, was Men- schen als Liebe bezeichnen. Chris Major hatte das be- züglich Valiha herausgefunden, und es hatte ihn verletzt. Es war auch nicht die Liebe, die Titaniden, füreinander empfinden konnten. Es war vielmehr et- was ganz anderes. Jeder Titanide konnte es erkennen. Sofort und ohne gute Ausrede wußte jeder, daß die- ser oder jener Mensch der Mensch von Soundso war, obwohl sie ausreichend Geschmack besaßen, es nicht mit diesen Worten auszudrücken. Rocky wußte, daß Conal sein Mensch war, zum Guten oder Schlechten. Er fragte sich, ob Conal ihn als »seinen« Titaniden betrachtete. Hinter Conal und Rocky ritt Robin auf Valiha. Robin war emotionell ausgelaugt. Sie freute sich gar nicht auf die Begegnung mit Chris nach all diesen Jahren. Er war in Gäa geblieben, sie war zurückgekehrt – aber nicht nach Hause gekommen. Sie hatte kein Zu- hause mehr. Sie war im Koven soweit aufgestiegen, wie es dort nur ging, war eine Zeitlang die Schwarze Madonna gewesen, Oberhaupt des Rates. Sie hatte je- de Ehrung errungen, die ihre Gesellschaft verlieh, und das in einem früheren Alter als alle anderen vor ihr. Sie war jedoch elend unglücklich gewesen und war es bis heute. Es waren zwanzig harte Jahre gewesen. Sie fragte sich, wie es Chris ergangen war. »Valiha, weißt du, ob ...« Die Titanide drehte den Kopf ganz zu ihr herum. Robin wünschte sich, sie wäre dazu nicht in der Lage gewesen. Titaniden waren furchterregend biegsam. »Ja? Worum geht es?« Robin hatte bereits vergessen, wonach sie fragen wollte. Sie schüttelte den Kopf, und Valiha wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Weg zu. Sie sah, noch genauso aus, wie sich Robin an sie erinnerte. Wie alt war sie gewesen? Fünf? Dann wäre sie jetzt fünfundzwanzig. Titaniden veränderten sich nach ih- rem dritten Lebensjahr, wenn sie reif wurden, nicht mehr wesentlich bis irgendwann um die fünfzig, wenn an ihnen erste Zeichen des Alters zu erkennen waren. Robin hatte so viel vergessen. Zum Beispiel die Zeitlosigkeit Gäas. Sie waren schon lange unterwegs, aber sie hatte keine Vorstellung, wie lange. Zweimal hatten sie ein Lager aufgeschlagen, und sie war je- desmal so müde gewesen, daß sie besser geschlafen hatte als Jahre vorher. Ihre Nase hatte ausreichend Zeit gehabt, zu heilen, wie auch ihre Schulterwunde, besser zu werden. Die Zeit war lang gewesen, wie es nur gäanische Zeit sein konnte. Wie war es Chris ergangen? Valiha (Äolisches Solo) Madrigal machte sich Sorgen um Robin. Es schien eine solch kurze Zeit her zu sein, daß die junge Hexe an Bord des Schiffes gegangen war, das sie zurück zum Koven bringen sollte. Valiha, Robin, Chris und Schlange hatten vorher ein Picknick ge- macht. Der Magier war nicht dabeigewesen, wohl aber hatten sie ihre Gegenwart spüren können, wie auch die anderer Unsichtbarer: Psaltery, Hautbois und Gaby. Dann hatte Robin sie verlassen. Jetzt war sie neununddreißig Erdjahre alt und sah aus wie neunundvierzig. Sie hatte dieses unausstehli- che, erstaunliche und wahnsinnige Kind, das unab-, lässig brannte. Dieses Kind war robinhafter als Robin. Und dann war da noch dieser ... dieser Embryo. Valiha wußte über menschliche Säuglinge Be- scheid, hatte Tausende von ihnen gesehen. Aber sie konnte sich nach wie vor nicht des Gefühles erweh- ren, daß da etwas nicht stimmte. Sie schlug die Decke zurück und betrachtete ihn. Er war so klein, daß er kaum ihre Handfläche auszufül- len schien, und er blickte sie mit blaßblauen Augen an und grinste. Er hatte nur ein paar Zähne. Mit einer winzigen Hand winkte er ihr zu. »Mama!« sagte er und gluckste fröhlich. Das war ungefähr schon die Grenze seines Sprech- vermögens. Er war dabei, das Laufen und Sprechen zu lernen. Innerhalb weniger Jahre würde er weitere Fähigkeiten meistern. Dies war ein Stadium, das Ti- taniden nicht durchmachten. Titaniden übersprangen das Säuglingsalter und auch den größten Teil dessen, was Menschen als Kindheit bezeichneten. Sie konnten schon wenige Stunden nach der Geburt laufen und nicht viel später auch sprechen. Und noch etwas mußten Menschen erst lernen, womit dieser Säugling noch gar nicht begonnen hatte. Titaniden lernten es nie; andererseits mußten sie auch niemals herumgetragen werden, also war es kein Problem. Valiha drehte sich um und reichte das Kind wieder seiner Mutter. »Es hat seine Windel wieder voll gemacht.« »Er, Valiha. Bitte. Seine Windel ist voll!« Robin nahm ihn. »Es tut mir leid. Sein Geschlecht scheint in diesem Stadium einfach so belanglos zu sein.« Robin lachte bitter., »Ich wünschte, du hättest recht! Aber es ist in die- ser lausigen Welt praktisch das einzig Wichtige an ihm.« Valiha wollte dieses Thema nicht vertiefen. Sie drehte sich um und dachte wieder an Chris. Es würde schön sein, ihn wiederzusehen. Es war fast schon eine Myriarev her. Schlange (Doppelt erniedrigtes Mixolydisches Trio) Madrigal hatte Chris während der letzten Myriarev häufig gesehen. Er verbrachte viel Zeit mir Chris. Er hielt sich für unvergleichlich glücklich. Obwohl Chris nicht zu dem Trio gehörte, das Schlange gebo- ren hatte, war er die ersten vier Jahre lang wie ein Vater für das Kind gewesen. Schlange hatte einen ti- tanidischen Vater – Vordervater und Hintervater im selben Individuum – und zwei Mütter: Valiha, seine Hintermutter, und eine inzwischen verstorbene Vor- dermutter. Aber keiner seiner Eltern war so wie Chris. Er wußte, daß Elternschaft bei den Menschen etwas anderes war. Er mußte nur den glücklichen Idioten in Robins Armen betrachten, um zu verste- hen, warum das zwangsläufig so war. Aber obwohl Titaniden nur eine kurze Kindheit hatten, gab es sie trotzdem, und sie war ganz anders als das Erwach- sensein. Wenn Titaniden heranwuchsen, neigten sie dazu, ernst zu werden – feierlich, nach Schlanges An- sicht. Zu feierlich. Sie verloren viel von ihrem Sinn fürs Spielen. Das ging auch den Menschen so, aber sie über- schlugen sich nicht damit. Kein Titanidenvater hätte ihm beigebracht, Baseball zu spielen. Titaniden machten gerne Wettrennen, aber darüber hinaus war, Sport für sie ein Fremdwort. Es war Chris und Schlange nicht leichtgefallen, ihre Ligen in Sportarten zu organisieren, die von Baseball und Fußball (Chris hatte es zuerst Polo genannt, dann aber die Schläger weggeworfen und es den Kleinen erlaubt, den Ball einfach zu treten) bis zu Tennis, Hockey und Kricket reichten, aber sie hatten es geschafft. Sie hatten her- ausgefunden, daß ein Titanide, der in der Erziehung mit Mannschaftssportarten vertraut gemacht wurde, damit im Erwachsenenalter fortfuhr. Schlange war der beste Ballmann im Schlüssel der E-Donnerer, der Kricketmeister in der Hyperion-Liga. Schlange wollte aus einer Vielzahl von Gründen mit Chris sprechen. Einer davon war seine kürzliche Erkenntnis bezüglich des Weltpokals. Vor vier Jahren war dieser trotz des Krieges auf der Erde durchge- führt worden. Man hatte die Spiele um den ganzen Globus verteilt, um zu vermeiden, daß sie attraktive Ziele abgaben, trotzdem waren drei Spiele frühzeitig beendet worden, als Stadion, Spieler und Zuschauer eingeäschert wurden. Ostsibirien hatte letztlich den Pokal beansprucht. Aber in diesem Jahr, einem Weltpokaljahr, war es einfach nicht mehr möglich, ein Spiel zu veranstalten. Es waren keine Arenen mehr übrig. In Abwesenheit sollte der Weltpokal in Gäa entschieden werden. Schlange hatte vor, ihn zu organisieren. Der Gedanke erregte ihn dermaßen, daß er schnel- ler wurde, nur um sich zum hundertsten Mal an das törichte Schlußlicht zu erinnern. Er wurde wieder langsamer und blickte über die Schulter zu der Frau zurück, die sich mühsam zu Fuß dahinschleppte, wo sie doch hätte reiten können., Er hatte es ihr schließlich angeboten, oder nicht? Er schnaubte. Sie war selbst schuld, wenn sie wun- de Füße bekam. Nova hatte nicht nur wunde Füße. Ganz wie ihre Mutter war auch sie nicht dafür bekannt, eine lange Zündschnur zu besitzen. Aber jetzt stand sie wirklich kurz vor der Explosion. Vor einem Jahr noch hatte sie über das Leben und alle Wendungen der Welt Bescheid gewußt. Der Ko- ven war bei LaGrange Zwei einhergetrieben. Dann hatte der Rat beschlossen, ihn in Bewegung zu setzen. Zu viele O'Neils waren hochgegangen. Man wußte nie, was die Verrückten auf der Erde als nächstes an- stellten. Also hatte man Vorbereitungen getroffen und die gewaltigen Triebwerke angeworfen. Die He- xen des Koven hatten vor, nach Alpha Centauri zu fliegen. Zu Beginn des Jahres war Robin die Schwarze Ma- donna gewesen. Jetzt war sie gar nichts mehr. Sie war kaum der Hinrichtung entgangen. Die Art ihres Fort- gehens bot keine Möglichkeit zur Rückkehr. Ihr Sturz war niederschmetternd, und er hatte auch Nova mit- gerissen. Sie war jetzt eine staatenlose Person. Ihre ganze Kultur war auf dem Weg zu den Sternen. Und natürlich war da noch er! Was für eine Art, alles zusammenzurechnen! dachte sie. Eine Kreatur, die so furchtbar war, daß man einen kompletten neuen Satz Pronomen brauchte: Er. Ihn. Sein. Die Worte quälten ihre Ohren wie groteskes Gelächter. Und all das war noch nicht genug. Jetzt kam auch noch diese greuliche Welt!, Bei ihrer Ankunft hatten sie und Robin um ihr Le- ben gekämpft und dabei fast hundert Leute getötet. Das Ausmaß des Blutbades hatte sie überwältigt. Noch nie zuvor hatte sie jemanden getötet. Sie hatte zwar gewußt, wie man das machte, dann aber her- ausgefunden, daß Theorie und Praxis weit auseinan- derlagen. Tagelang war ihr schlecht gewesen. Es ver- ging nicht eine Stunde, in der sie nicht die Leichen- berge vor sich sah, aus denen das Blut rann, oder die Wolfsrudel von Kindern, die die Kleider von den Lei- chen rissen. Robin erwartete, daß Nova diese monströsen Tiere wie Menschen behandelte, sogar ihr Freund war, die Große Mutter bewahre! Und alle anderen erwarteten, daß sie mit diesem Scheusal Conal redete, diesem entstellten, stinkenden, haarigen, würdelosen dummen Muskelhaufen, des- sen beste Stunde eine frühzeitige Abtreibung gewe- sen wäre. Sie waren unterwegs zu noch einem Mann! Offensichtlich waren es in Bellinzona noch nicht ge- nug gewesen; ihre Mutter fand, daß sie durch den Dschungel marschieren mußten, um diesen einen zu finden. Alles an Gäa war schrecklich! Die Temperatur stimmte nicht. Sie schwitzte jeden Tag ganze Kübel voll. Das Klettern funktionierte auch nicht richtig. Sie war immer zu leicht und stolperte fortwährend, wenn die gelernten Reflexe sie hereinlegten. Es war verdammt zu dunkel! Die Luft roch nach Verfall, Rauch, wilden Geschöp- fen. Und diese Welt war zu groß! Der Koven wäre auf der Umrandung Gäas herumgerollt wie ein Bleistift, in einem Lastwagenreifen. Und es veränderte sich niemals etwas. Niemand schloß die Fenster, damit die Nacht eintrat, oder öff- nete sie für einen anständigen Tag. Die Vorstellung von Zeit war hier anders. Nova vermißte die hüb- schen kurzen halben Stunden und den behaglichen Zyklus von Tagen und Wochen. Ohne das war sie hilflos. Sie wollte schlafen gehen und wieder aufwachen, um festzustellen, daß alles ein Traum gewesen war. Sie würde dann zum Rat gehen und mit Robin herz- haft darüber lachen. Erinnerst du dich noch an diese Welt, wo du als Kind warst, Mutter? Na, ich habe ge- träumt, ich wäre dort und du hättest ein Baby. Einen Jungen, kannst du dir das vorstellen? Aber das würde nicht geschehen. Sie setzte sich auf den Weg. Der gelbe Titanide na- mens Schlange, der seiner Mutter aufs Haar glich, den sie aber für männlich halten sollte, blieb stehen und rief ihr etwas zu. Sie kümmerte sich nicht darum. Er wartete einen Moment lang und ging dann weiter. Nova war es nur recht. Sie konnte das Baumhaus be- reits sehen. Sie würde hingehen, sobald ihr danach war. Oder vielleicht blieb sie einfach hier sitzen und starb. Das letzte Mitglied der Gruppe war am glücklichsten von allen. Er war dem Tode in seinem kurzen Leben schon dreimal sehr nahe gewesen, wußte es aber nicht. Sei- ne Mutter war sein erster potentieller Mörder gewe- sen. Robin hatte lange darüber nachgedacht und mit sich gerungen, als sie gesehen hatte, was sie wunder-, barerweise aus ihrem geplagten Schoß in eine ge- plagte Welt gebracht hatte. Jüngst erst war er fast von einem Babyschieber ge- tötet worden. Er erinnerte sich nur verschwommen daran. Alles war so schnell vorüber gewesen. Er erin- nerte sich an den Mann, der auf ihn herabgelächelt hatte. Er mochte diesen Mann. Eine Menge neuer Leute umgab ihn. Das gefiel ihm. Er mochte auch die neue Welt. Man konnte hier leichter gehen. Er fiel nicht so oft hin. Einige von den neuen Leuten waren sehr groß und hatten viele Beine. Er sah viele aufregende Farben, so leuchtend und le- bendig, daß er jedesmal entzückt auflachte, wenn er sie sah. Er hatte auch ein neues Wort gelernt: Tie-Nie. Eine hellgelbe Tie-Nie trug ihn jetzt. Er war mit dem Ritt zufrieden. Nur zwei Dinge beeinträchtigten einen ansonsten perfekten Nachmittag. Sein Hintern fühlte sich naß an, und er fragte sich, ob es wohl Zeit zum Essen sei. Er wollte diese Punkte gerade vorbringen, als die Tie-Nie ihn seiner Mutter reichte. Mutter setzte ihn auf den Rücken der Tie-Nie, und er beobachtete, wie das lange, flauschige rosa Haar der Tie-Nie über ihm hüpfte, während Mutter seine Windel wechselte. Dann drehte die Tie-Nie den Kopf herum, und er fand das lustig. Und Mutter lachte! Das hatte sie in letzter Zeit nicht oft getan. Adam war begeistert! Robin nestelte ihr Hemd auf und hob ihn hoch, und er fand die Brustwarze. Und jetzt war die Welt vollkommen. Die Gruppe erreichte das äußere Ende der Hänge- brücke und überquerte diese in einer Reihe. Adam, schlief jetzt. Robin war reif zum Schlafen, und Nova mehr als nur reif, aber sie war immer noch weit hinter den anderen. Sie kamen unter einem gewölbten Torbogen hin- durch, auf den der Name von Chris' Baumhaus ge- malt war: Tuxedo Junction. Robin fragte sich, was das bedeutete. Das Pandämonium war wieder unterwegs. Während sie durch den Wald des nördlichen Hy- perion ging, machte sich Gäa Gedanken über die jüngsten Ereignisse. Sie war nicht glücklich, und wenn Gäa unglücklich war, bekamen es die Wesen in ihrer Umgebung stets zu spüren. Ein Elefant schaffte es nicht rechtzeitig, ihr aus dem Weg zu gehen. Sie trat ihn weg, ohne ihren Schritt zu unterbrechen. Der Elefant flog durch die Luft und landete hundert Me- ter weiter, in zwei Hälften zerrissen. Gäa war damit beschäftigt, das Programm für das nächste Lager festzulegen. Nach langen Erwägungen entschied sie sich für Kurosawas Sieben Samurai. Dann erinnerte sie sich an die anderen beiden, die in Tuxedo Junction warteten. Chris und Cirocco. Nun, es gab da noch diesen Film von 1994 mit neun im Ti- tel, nicht wahr? Sicherlich konnte ihr Bibliothekar ihn aufspüren. Dann hatte sie es und lachte auf: der zweite Hauptfilm würde Fellinis ›81/2‹ sein.,

ZWEI

Chris ließ die Spiegeleier geschickt aus der Kupfer- pfanne auf einen Steingutteller rutschen. Die Pfanne hatte fast einen Meter Durchmesser. Sein gesamtes Kochgeschirr hatte Übergröße, denn seine häufigsten Gäste waren Titaniden, die reichliches Essen ebenso liebten wie das Kochen. Chris war nur ein mittelmäßiger Küchenchef, aber Cirocco machte das anscheinend nichts aus. Sie schwang ihre Gabel in einer Geste des Dankes, als er den ersten Teller entfernte und den zweiten Schub Eier vor sie stellte. Sie saß an dem hohen Tisch auf ei- nem hohen Stuhl, die Füße um die Querverstrebun- gen gehakt, die Ellbogen ausgebreitet, und hielt den Kopf tief, während sie das Essen hineinschaufelte. Das nasse Haar hatte sie zurückgebunden, damit es ihr dabei nicht in die Quere kam. Chris zog sich ihr gegenüber einen Stuhl an den Tisch und stemmte sich hinauf. Während Cirocco in ihr vierzehntes Ei haute, machte er sich an die beiden, die er für sich gebacken hatte, und beobachtete Ciroc- co über den Tisch hinweg. Sie sah blaß aus und war dünn. Er konnte ihre Rip- pen zählen; die Brüste waren kaum noch vorhanden. »Wie war die Reise?« fragte er. Sie nickte und griff nach ihrer Kaffeetasse, um den letzten Mundvoll Eier hinunterzuspülen. Das erfor- derte beide Hände, denn es war eine Titanidentasse. »Keine Probleme«, sagte sie und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. Dann zog sie ein überraschtes Gesicht und warf Chris einen schuldbe-, wußten Blick zu. Sie nahm ihre Serviette und wischte sich zuerst den Arm, dann den Mund ab. »Entschuldige«, sagte sie und kicherte nervös. »Deine Tischmanieren gehen mich nichts an«, sagte er. »Dies ist auch dein Haus.« »Ja, aber das ist kein Grund, sich wie ein Schwein zu benehmen. Es schmeckt nur so gut. Richtiges Es- sen, meine ich.« Er wußte, was sie meinte. Sie war lange unterwegs gewesen. Er lächelte über die Beschreibung des Es- sens. Der »Speck« war Fleisch von einem Lächler, in dessen Stammbaum auch Schweinegene auftauchten bei dem gäanischen System von Kreuzzüchtungen, das Luther Burbank ins Irrenhaus getrieben hätte. Die »Eier« stammten von einem Strauch, der in Dione häufig vorkam. Erntete man sie nicht, wurden schließlich vielbeinige Reptilien daraus ausgebrütet, die mit ihren Exkrementen die Samen der Pflanze verbreiteten. Aber die Frucht schmeckte sehr nach echten Eiern. Der Kaffee war, merkwürdig genug, echt, eine Hy- bride, die an das schwache Licht in Gäa angepaßt war. Nach dem Zusammenbruch des irdisch- gäanischen Handels war es ebenso gewinnbringend geworden, im Hochland Kaffee anzubauen, wie Ko- kain, den traditionellen gäanischen Export. Coke überschwemmte den Markt, aber Kaffee war schwie- rig zu bekommen. »Kong ist tot«, sagte Cirocco mit vollem Mund. »Tatsächlich? Wer war es?« »Mußt du wirklich fragen?« Chris überlegte und kam nur auf einen wahr- scheinlichen Kandidaten., »Erzählst du mir davon?« »Sofern du noch mehr Speck in die Pfanne schlägst.« Sie lächelte ihn an. Er seufzte und stand auf. Während der Speck brutzelte, erzählte sie Chris, was sie in Phöbe gesehen hatte. Währenddessen be- endete sie ihre zweite Portion. Anschließend stand sie auf und spülte den Teller ab, stellte sich neben Chris, schnitt große Stücke von einem riesigen Laib Brot ab und arrangierte sie zum Toasten auf einem Tablett. »Ich schätze, er muß sterben, wenn sie sein Gehirn zerschneiden, oder nicht?« Sie bückte sich und schob das Tablett auf den untersten Auszieher des Back- ofens, wo die Strahlungswärme das Brot langsam er- hitzen konnte. »Das vermute ich auch.« Chris verzog das Gesicht. Sie richtete sich wieder auf, band das Haar los und schüttelte es aus, fuhr dann mit den Fingern hin- durch. Chris beobachtete sie und stellte fest, daß ihr Haar jetzt fast ganz weiß war. Es fiel bis weit auf ih- ren Rücken hinab. Er fragte sich, ob sie es je wieder schneiden würde. Vor ihrem Gehirneingriff vor fünf Jahren hatte sie es selten mehr als schulterlang getra- gen. Dann hatte man ihr den Kopf geschoren, und das schien zu einer neuen Vorliebe für langes Haar geführt zu haben. »Sonst noch etwas, was ich wissen sollte?« erkun- digte er sich. »Ich habe wieder mit Gaby gesprochen.« Chris sagte nichts dazu, sondern drehte weiterhin die Speckstreifen um. Cirocco stöberte in einem Ka- binettschrank herum. »Was hat sie gesagt?«, Cirocco brachte einen Titanidenstriegel zum Vor- schein und fing an, sich damit das Haar zu kämmen. Sie schwieg eine Zeitlang und seufzte schließlich. »Ich habe sie zweimal gesehen. Einmal vor etwa drei Hektorevs, bevor ich zu Kongs Berg ging. Dann in Tethys wieder, nicht viel später. Beim ersten Mal sagte sie mir, Robin sei auf dem Weg zurück nach Gäa. Sie sagte nicht, warum. Robin hat Kinder dabei.« Chris sagte nichts. Vor nicht langer Zeit hätte er es, aber seitdem waren ihm Fragen über manche Dinge gekommen, Dinge wie zum Beispiel die Definitionen von »vernünftig«, die Bedeutung der Magie, die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten. Er hatte sich stets für einen vernünftigen Mann gehalten. Er war zivilisiert und glaubte nicht an Hexerei. Ob- wohl er zwanzig Jahre an einem Ort mit einem »Gott« gelebt hatte, mit dem er gesprochen hatte, obwohl er einen »Dämon« geliebt hatte, der vorher ein »Magier« gewesen war, so verwandte er doch keines dieser Worte mit seiner wörtlichen Bedeutung. Gäa war nur ein kleiner Gott. Cirocco war bemerkenswert, besaß aber keine magischen Kräfte, zum Guten oder zum Bösen. Angesichts der Dinge, deren Zeuge er gewesen war oder von denen er gehört hatte, warum sollte er sich da um eine lumpige Auferstehung Sorgen machen? Aber sie hatte ihm viel Kummer bereitet. Gaby war in seinen Armen gestorben, und er würde niemals ih- re schrecklichen Verbrennungen vergessen. Als Ci- rocco ihm zum ersten Mal gesagt hatte, sie habe Gaby gesehen, war er explodiert. Später hatte er sich freundlich verhalten aus Furcht, seine alte Freundin würde senil. Aber Senilität war eine zu einfache Er-, klärung. Selbst wenn die Rationalität den Bach hin- unter war, behielt der Pragmatismus seinen Wert, und Chris hielt sich für pragmatisch. Wenn es funk- tioniert, dann ist es wahr. Und Ciroccos Gespräche mit Gaby hatten sich, was das Vorhersagen der Zu- kunft anging, als treffsicher erwiesen. »Wann kommt sie hier an?« wollte er wissen. »Hier in Gäa? Sie ist bereits da. Tatsächlich sollte sie mittlerweile schon nahe der Junction sein.« »Sie kommt hierher?« »Conal bringt sie, und es sind auch ein paar Titani- den dabei. Was ist los? Willst du sie nicht hier ha- ben?« »Das ist es nicht. Es wird großartig sein, sie wie- derzusehen. Ich habe nie daran geglaubt.« Er sah sich in der Küche um. »Ich habe mich nur gefragt, ob für Gäste genügend da ist. Vielleicht sollte ich zu den Huas hinüberlaufen und nachsehen, ob sie ...« Cirocco lachte und legte die Arme um ihn. Er blickte in ihr Gesicht hinab und erkannte das schalk- hafte Funkeln darin. »Sei nicht so eine Hausfrau, Chris«, sagte sie und küßte ihn. »Die Titaniden sind besser darin, und es gefällt ihnen auch.« »Okay. Was möchtest du?« Er umarmte sie, fuhr mit den Händen ihren Rücken hinab bis zum Hinter- teil und hob sie mühelos hoch. »Zuerst holen wir lieber Speck und Toast vom Herd, bevor es uns anbrennt. Ich bin zu dem Ent- schluß gekommen, daß ich nicht so hungrig bin, wie ich dachte.« »Nein?« »Na ja, nicht so sehr. Ich bin überall in diesem stin-, kenden Rad herumgerannt und hatte nichts anzu- schauen als Eiserne Meister.« Sie schob eine Hand zwischen ihn und sich, fuhr damit an seinem Bauch hinab und drückte sein Glied. »Auf einmal wirkt dein reizloses Gesicht merkwürdig attraktiv.« »Das da unten ist nicht mein Gesicht, alte Frau.« »Es tut's auch«, sagte sie und begann zu kneten. Bei Vollendung ihres dreizehnten Jahrzehnts gehörte Langeweile zu Ciroccos größten Ängsten. Die Ver- heerungen des Alters waren ihr erspart geblieben, das Abstumpfen der Sinne und geistigen Kräfte. Sie konnte sich vorstellen, daß es einmal langweilig wer- den würde, sich mit einem Geliebten niederzulegen und die althergebrachten Rituale des Koitus zu voll- ziehen. An dem Tag würde sie bereit sein zu sterben. Aber so weit, so gut. Sie befanden sich im Krähennest, einer Dachstube, die sich über dem Hauptbau von Tuxedo Junction er- hob. Alle sechs Wände besaßen Fenster. Eine Leiter führte zum dritten Stock hinunter und eine weitere zu einem Glockenstuhl hinauf, der Chris' Glocken- spiel beherbergte. Zwei Dutzend Seile führten an ei- ner Wand entlang, durch Löcher in Decke und Fuß- boden. »Juchhee!« schrie Cirocco und streckte einen Arm zu den Seilen aus. Sie suchte sich eines aus und zog heftig daran. Die größte Messingglocke über ihnen schlug fröhlich an. »Ist es so gut, hm?« fragte Chris und sackte auf ihr zusammen. »Ich sage es dir dreimal«, versetzte sie und läutete die Glocke noch zweimal. Dann umschlang sie ihn, mit Armen und Beinen und drückte ihn so fest, wie sie konnte, bis sie ihn tief in sich spürte. Das Leben in Gäa hatte seine guten und seine schlechten Seiten. Manche Dinge, wie das sich nie verändernde Licht, nahm Cirocco inzwischen kaum noch wahr. Der Übergang des Tages in die Nacht war nur noch eine verschwommene Erinnerung. Eines der guten Dinge, die sie gewöhnlich nicht zur Kenntnis nahm, war die niedrige Gravitation. Eine Gelegen- heit, wo ihr dies auffiel, war stets beim Liebesakt. So- gar ein Mann von der Größe Chris' wog nicht viel. Statt eine bedrückende Last zu werden, war sein Körper eine warme und erquickende Gegenwart. Sie konnten stundenlang so daliegen, wenn sie wollten, er völlig entspannt und sie nicht in Gefahr, zerdrückt zu werden. Das gefiel ihr. Sobald ein Mann einmal in ihr war, haßte sie es, ihn wieder herzugeben. Chris richtete sich etwas auf und blickte auf sie hinab. Er glänzte vor Schweiß, und auch das gefiel ihr. »Sagte sie auch etwas über ...« Er wußte nicht, wie er den Satz beenden sollte, aber das machte nichts. Cirocco verstand ihn auch so. »Nichts. Nicht ein Wort. Aber ich weiß, daß es kommt, und zwar bald.« »Woher?« »Ich weiß es eigentlich nicht richtig. Nenn es die Intuition einer Sechzigerin.« »Es ist lange her, daß du eine Sechzigerin warst.« »Wovon redest du? Ich habe es zweimal bis dorthin geschafft. Ich bin eine zweifache Sechzigerin plus zehn.« »Ich schätze, das macht dich doppelt so sexy wie, jede andere, plus zehn.« »Verdammt richtig. Ich ...« Sie hörten es beide gleichzeitig. Gar nicht weit ent- fernt stimmten Titaniden ein Lied an. Chris küßte sie, glitt aus ihr heraus, stand auf, und ging zum Fenster, von wo er auf die Brücke hinunterblickte. Cirocco drehte sich auf die Seite und betrachtete ihn. Ihr ge- fiel, was sie sah, aber sie fragte sich, was Robin wohl davon halten würde. Von der Taille abwärts war Chris der haarigste Mensch, den sie je gesehen hatte. Es sah fast so aus, als hätte er eine Hose aus Bärenfell an. Das Haar war hellbraun, wie das auf dem Kopf, und an keiner Stelle weniger als zehn Zoll lang. Es war weich und zart, das angenehmste Fell, das man sich denken konnte, um die Beine darum zu legen. Chris war dabei, sich in einen Titaniden zu ver- wandeln. Es dauerte jetzt bereits fünf Myriarevs. Die Brust und die Arme zeigten überhaupt keine Behaa- rung mehr. Ein Bart wuchs ihm schon lange nicht mehr, und das Kinn war jetzt so glatt wie das eines Knaben. Im passenden Licht konnte man sein Gesicht für das eines Zwölfjährigen halten. Er hatte da und dort noch andere Merkmale, die Robin sicher er- schrecken würden ... wie zum Beispiel sein Schwanz. Dessen fleischiger Teil war nur etwa sechs Zoll lang, aber er konnte damit wackeln, wobei das lange Haar herumflatterte wie das eines ausgelassenen Pferdes. Chris war sehr eingebildet, was diesen Schwanz be- traf, und er beherrschte ihn nicht mehr als ein Hund. Jetzt wackelte der Schwanz vor Aufregung hin und her, als Chris die Reisegesellschaft betrachtete, die seine Brücke überquerte. Lächelnd drehte er sich um., »Sie sind es«, sagte er, und seine langen Ohren wa- ren steil aufgestellt und ragten über den Scheitel des Kopfes empor. Ciroccos Gedanken eilten eineinviertel Jahrhunderte zurück zu einem Film, der sogar damals schon alt gewesen war: Zeichentrickknaben spielten Billard und verwandelten sich dabei in Esel. Ein klei- ner Junge aus Holz, und ihre Mutter hielt dort in der Dunkelheit Ciroccos Hand ... an den Titel konnte sie sich jedoch nicht erinnern. »Ich gehe sie begrüßen«, sagte Chris und stieg auf die Leiter. Er hielt inne. »Kommst du auch?« »In einer Minute.« Sie sah zu, wie er verschwand, setzte sich dann auf dem riesigen strohgefüllten Sack auf, den sie als Bett benutzt hatten. Sie schob sich das dichte weiße Haar aus dem Gesicht, streckte sich und blickte zu dem Fenster hinaus, das dem anderen ge- genüberlag, aus dem Chris hinausgeschaut hatte. Gaby war da draußen. Sie saß auf einem Ast auf derselben Höhe wie der Glockenturm, nicht mehr als fünfzig Meter entfernt. »War es schön?« erkundigte sich Gaby. »Ja.« Cirocco empfand weder Verlegenheit noch Unmut, als sie erkannte, daß Gaby vielleicht schon länger dort saß. »Du mußt auf ihn aufpassen. Er schwebt in großer Gefahr.« »Was kann ich tun?« »Manches weiß ich nicht.« Gaby sah traurig aus, schüttelte es dann jedoch ab. »Zwei Dinge«, sagte sie. »Erstens: er ist der Vater von beiden. Er könnte es au- ßerdem schon wissen, denn Robin ist sich dieser Tat- sache bereits ziemlich sicher.« »Chris?«, »Ja. Du wirst sehen. Bei Nova ohnehin, aber auch bei dem Jungen.« »Junge? Was für ein Junge?« »Zweitens«, fuhr Gaby fort. Sie lächelte. »Erwürge das Mädchen nicht! Sie wird dich zum Wahnsinn treiben, aber nimm es hin! Sie ist die Mühe wert.« »Gaby, ich ...« Da sperrte Cirocco den Mund auf, denn Gaby rollte sich von dem Ast und sprang in Richtung des Teiches hinunter. Cirocco erwischte noch einen kurzen Eindruck von ihr, die Arme vorne zusammengelegt, die Zehen hinter sich ausgestreckt, dann verschluckte das Grün die Erscheinung. Cirocco lauschte noch lange, aber sie hörte kein Platschen.

DREI

Die Titaniden bereiteten ein Festessen. Robin schloß aus ihrem fröhlichen Gesang, daß sie von den Span- nungen zwischen den Menschen in ihrer Umgebung nichts merkten. Sie irrte sich. Die Titaniden wußten besser als Robin, was vor sich ging, aber sie waren sich auch im klaren, daß sie keinen Einfluß darauf nehmen konnten. Also wandten sie eine Taktik an, die seit fast einem Jahrhundert gut funktionierte. Sie überließen menschliche Angelegenheiten den Men- schen. Robin hatte vergessen, wie gut titanidisches Essen sein konnte. Kurz nach ihrer Rückkehr in den Koven und unmittelbar vor der Geburt Novas hatte sie sich zu zwanzig Kilo über ihrem Kampfgewicht aufge-, bläht. Eine erbarmungslose Diät hatte sie wieder da- von befreit, und sie hatte ihr Gewicht dann zwölf Jah- re lang gehalten. Irgendwann hatte sie das Interesse am Essen verlo- ren. Schlank zu bleiben war fünf Jahre lang kein Pro- blem, und im Verlauf dieser Zeit mußte sie sich stets ermahnen, überhaupt zu essen. Nichts schmeckte ihr. Als sie jetzt in die vollbeladenen Teller, die die Tita- niden reichten, hineinschaufelte, fragte sie sich, ob sie wieder vorsichtig werden mußte. Es war ein merkwürdig freudloses und sprödes Er- eignis. Chris, Cirocco und Conal lächelten viel, spra- chen aber wenig. Nova hatte natürlich ihren Teller mit in die hinterste Ecke des Zimmers genommen. Sie aß verstohlen wie ein Tier und behielt stets Cirocco im Auge. »Nova!« rief Robin ihr zu. »Komm zu uns an den Tisch!« »Ich bleibe lieber hier, Mutter!« »Nova!« Das Mädchen ließ sich Zeit und machte ein finste- res Gesicht, aber sie kam. Robin fragte sich, wie lange sie noch gehorchen würde. Die Tugend des Gehor- sams war in einem Kovenkind tief verankert, denn die Familien unterschieden sich dort stark vom tradi- tionellen menschlichen Modell. Nova schuldete bis zu ihrem zwanzigsten Geburtstag Robin völlige Erge- benheit und danach weiterhin großen Respekt. Aber sie war jetzt achtzehn. Ein oder zwei Jahre ... das be- deutete in Gäa wenig. Es hatten sich jedoch auch kleine Segnungen einge- stellt. Sie beide hatten seit ihrer Ankunft in Tuxedo Junction nicht mehr miteinander gekämpft, und dafür, war Robin dankbar. Die Kämpfe zerrissen ihr das Herz. Im Kampf ist es hilfreich zu wissen, daß man ohne jeden Zweifel im Recht ist, aber Robin war sich darin kaum noch sicher. Tatsächlich hatte Nova seit ihrer Ankunft nicht ein Dutzend Worte gesagt. Sie hatte nur schweigend da- gesessen und entweder die eigenen Hände betrachtet oder Cirocco. Robin folgte dem Blick ihrer Tochter zum Magier – Entschuldigung, berichtigte sie sich selbst, zum Captain –, der Schlange ein unverständli- ches Stück Titanidisch vorsang, blickte dann wieder zu ihrer Tochter. Große Mutter, rette uns! »Reicht es dir schon, Robin?« Verwirrt schüttelte Robin ihre Überraschung ab und versuchte, Cirocco anzulächeln. Sie tauchte einen Löffel in die Schüssel mit Babynahrung, die die Tita- niden zubereitet hatten, und führte ihn dann in Adams Mund. »Mir? Ja, ich bin wirklich satt, aber er braucht län- ger.« »Könnte ich unter vier Augen mit dir reden?« Nichts wollte Robin lieber, aber sie hatte auf einmal Angst davor. Sie schabte Essensreste von Adams Mund und machte eine vage Geste. »Sicher, sobald ...« Aber Cirocco war bereits um den Tisch herumge- kommen und hob das Baby hoch. Sie reichte es Chris, dem das zu gefallen schien. »Komm schon! Chris wird sich gut um ihn küm- mern, wie, alter Mann?« »Sicher, Captain.« Cirocco zog an Robins Ellbogen, sanft, aber beharr-, lich. Die kleine Hexe gab nach. Sie folgte Cirocco durch die Küche und hinaus auf einen der mit Ge- ländern versehenen Wege, der über einen horizontal verlaufenden Ast führte, und dann eine leichte Stei- gung hinauf in ein abgetrenntes Haus, das fast in den Zweigen verborgen war. Es hatte fünf Wände und war aus Holz gefertigt. Die Tür war so niedrig, daß Cirocco sich bücken mußte, um hineinzugelangen. Robin konnte jedoch hindurchgehen und hatte dabei noch einen Fingerbreit Raum. »Das hier ist ein sonderbarer Ort.« »Chris ist ein sonderbarer Bursche.« Cirocco zün- dete eine Öllampe an und stellte sie auf den Tisch mitten im Zimmer. »Erzähl mir davon! Valiha hatte mich schon ge- warnt, daß er sich verändert hätte, aber niemals ...« Robin versagte die Stimme, als sie schließlich das In- nere des Pavillons in Augenschein genommen hatte. Die Wände bestanden alle aus Kupfer. Hunderte Entwürfe waren in das Metall gehämmert, von denen manche Robin sehr vertraut vorkamen und andere ihr völlig fremd waren. Wieder andere erinnerten sie anscheinend an tief vergrabene Dinge. »Was ist das?« flüsterte sie. Cirocco deutete auf das größte Kunstwerk. Robin ging näher heran und erkannte eine stilisierte Frau, eckig und primitiv wie eine Hieroglyphe. Die Frau war nackt und schwanger und hatte drei Augen. Eine Schlange ringelte sich von einem Knöchel bis zur Schulter der anderen Seite hinauf, wo sie den Kopf hob und ihr ins Gesicht starrte. Die Gestalt erwiderte den Blick der Schlange fest. »Soll das ... ich sein?« Robin fuhr sich mit der Hand, unwillkürlich an die Stirn, wo das dritte Auge eintä- towiert war. Sie hatte es sich vor über zwanzig Jahren verdient, und ohne es hätte sie nie nach Gäa zurück- kehren können. Sie trug auch die Tätowierung einer Schlange, die sich um ein Bein wickelte und dann um den Rumpf bis hinauf zur Brust. »Was ist das?« Zwei Holzstühle mit geraden Lehnen standen in dem Raum. Cirocco zog einen mehr in die Mitte und setzte sich darauf. »Du solltest wahrscheinlich Chris danach fragen. Ich halte es für ein Andenken. Er mochte dich. Er hat nicht damit gerechnet, dich je wiederzusehen. Er hat das hier gebaut.« »Aber ... es ist sonderbar!« »Wie ich schon sagte, das ist Chris auch.« »Was geschieht mit ihm?« fragte Robin. »Du meinst, körperlich? Er bekommt, was Gäa ihm vor langer Zeit versprochen hat.« »Es ist ekelhaft.« Cirocco lachte. Robin wurde wieder rot, aber dann merkte sie, daß Cirocco nicht über sie lachte, sondern über einen privaten Gedanken. »Nein, das ist es nicht«, sagte Cirocco. »Es ist nur erstaunlich. Du siehst alles auf einmal, aber ich habe es Tag für Tag geschehen sehen, und es sah völlig natürlich und richtig aus. Und was das Erstaunliche angeht ... du hast ihn mehr schockiert als er dich.« Robin mußte sich abwenden. Sie wußte, wie sie aussah. »Man nennt es Alter«, sagte sie bitter. Es war die schreckliche Wahrheit, daß sie älter wirkte als Cirocco., »Nein. Du bist älter geworden, aber das ist nicht das Schockierende. Du hast dich auf deine Weise so radikal verändert wie Chris. Große Angst hat deine Seele gezeichnet.« »Das glaube ich nicht. Versagen und Schande, ja, aber nicht Angst.« »Angst«, fuhr Cirocco unerbittlich fort. »Die Große Mutter hat dich verlassen. Du hast keinen Mittel- punkt mehr. Du brennst nicht mehr; du treibst dahin und kannst den Schoß der Erde nicht mehr mit den Füßen erreichen. Du kennst keinen Ort mehr, wo du stehen kannst, hast keinen Nabel mehr.« »Woher weißt du das alles?« kreischte Robin. »Ich weiß, was ich sehe.« »Ja, aber die Worte, die ... die geheimen Worte ...!« Einige davon stammten aus Koven-Ritualen, aus Ze- remonien und Exorzismen, von denen Robin genau wußte, daß sie sie niemals gegenüber dem Magier erwähnt hatte. Andere kamen aus den dunkelsten Winkeln ihrer eigenen Seele. »Ich hatte eine gewisse Einführung. Im Moment möchte ich wissen, welches Ziel du hier verfolgst. Warum bist du gekommen? Was erhoffst du dir?« Robin wischte sich die Tränen ab und zog einen Stuhl näher zu Cirocco. Sie setzte sich und konnte endlich die ältere Frau anblicken. Dann erzählte sie ihre Geschichte. Robin war, wie so viele andere, nach Gäa gekommen, um geheilt zu werden. Gäa war ein Gott, der niemals etwas umsonst gab. Robin war davon unterrichtet worden, daß sie sich beweisen, etwas Heroisches vollbringen müßte, bevor, eine Heilung möglich war. Sie war nicht recht willens gewesen, das zu tun. Es war nicht unmöglich, mit ih- rem Zustand zu leben. Sie war früher schon damit fertig geworden: als ihre Hand beim ersten Anzei- chen eines Anfalles zu zittern begann, hatte sie sich einfach den kleinen Finger amputiert. Aber Robin war von Gaby Plauget überredet wor- den, sich an einer Reise durch das Radinnere zu be- teiligen, in Begleitung von Gaby, Cirocco, den Titani- den Psaltery, Hautbois, Hornpipe und Valiha sowie Chris Major, der ebenfalls Heilung suchte. Gaby und Cirocco hatten ein verdecktes Motiv. Sie waren auf der Suche nach einem Verbündeten unter den elf Regionalgehirnen Gäas, Gaby viel mehr als Cirocco, denn der Magier war damals eine hoff- nungslose Alkoholikerin, die man auf das Unterneh- men mitschleppen mußte. Einige der Regionalgehirne waren Verbündete Gäas, andere ihre Feinde. Die Grenzen waren während der Okeanischen Rebellion gezogen worden, zu einer Zeit, als die Menschen auf der Erde noch in Höhlen lebten. Gaby hatte keinen geringeren Plan, als Gäa zu stür- zen und zu ersetzen. Sie war darauf aus, einen neuen Gott anzuwerben. Die Mission kostete ihr das Leben und möglicherweise noch viel mehr. Cirocco kam um ihren Posten als Magier. Und es blieb abzuwarten, ob die Sache den Titaniden das Überleben als Rasse ge- kostet hatte. Die einzigen, die anscheinend von der fehlgeschla- genen Suche profitiert hatten, waren Robin, Chris und die Eisernen Meister. Robin und Chris waren ge- heilt worden. Den Eisernen Meistern war es aus un- bekannten Gründen erlaubt worden, sich über ihre, winzige Insel in Phöbe auszubreiten, bis sie jetzt den Titaniden die Vorherrschaft im großen Rad streitig machten. Und am Ende war Robin nach Hause geflogen und hatte vorgehabt, nun allzeit glücklich zu sein. »Eine Zeitlang war es großartig«, erzählte sie und lächelte bei der Erinnerung. »Chris hatte recht. Es brachte wirklich eine Menge Labra, einen Finger nachwachsen zu lassen. Ich empfehle das als eine Methode, Freunde in Erstaunen zu versetzen.« Sie wußte, daß Gaby und Cirocco Labra als die weibliche Version von Macho abgetan hatten. Sie hatten sich geirrt, aber das spielte eigentlich keine Rolle. Die Tatsache, daß Gäa es gewesen war, die Ro- bins abgetrennten kleinen Finger ersetzt hatte, nagte fortwährend an ihr und höhlte letztlich sowohl Robin als auch ihren Sieg aus. Er war so bedeutungslos wie das dritte Auge, das angeblich Unfehlbarkeit verlieh. In Wirklichkeit wa- ren die Trägerinnen des Auges Tyrannen, die nichts falsch machen konnten und scheinheilig waren wie nur irgendein Papst. »Ich hatte den Koven bereits als eine fast mythische Gestalt verlassen«, fuhr Robin fort. »Ich kehrte zu- rück als ... mir fällt kein Begriff dafür ein. Der Koven hatte nie jemanden gesehen wie mich.« »Einen Superstar«, bot Cirocco an. »Was ist das?« »Ein archaisches Wort. Es bezeichnet jemanden, dessen Reputation alle vernünftigen Grenzen sprengt. Recht bald glauben die Leute wirklich an diese Re- putation.« Robin dachte darüber nach., »Ja, etwas davon trifft zu. Ich stieg auf, so schnell ich wollte. Ich hätte noch schneller machen können, aber ... ich war mir nicht sicher, ob ich sollte.« »Du hörtest eine Stimme«, vermutete Cirocco. »Ja. Es war meine eigene Stimme. Ich denke, man hätte mich zur Großen Mutter selbst ausrufen kön- nen. Aber ich wußte, daß ich es nicht war. Ich wußte, daß ich nicht einmal sonderlich gut war.« »Sei nicht zu streng mit dir. Du warst verdammt gut, wie ich mich erinnere.« »Verdammt schnell, verdammt stark. Verdammt boshaft und ein gußeisernes Weibsbild. Aber wo es darauf ankam, für mich ...« – und sie pochte sich auf die Brust – »... genau hier drin wußte ich, wer ich war. Ich beschloß, mich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Wir haben Orte, wohin wir uns zu- rückziehen können ... etwas wie die Nonnen. Das ist es doch, was Nonnen machen?« »So habe ich es gehört.« »Ich hatte vor, etwa ein Jahr lang zu meditieren. Dann wollte ich ein Kind haben und mich der Aufga- be widmen, es großzuziehen. Aber ich hatte nicht die Zeit dafür. Ich spürte schon bald, daß ich schwanger war.« Sie schwieg für einen Moment, als sie in der Erin- nerung darauf zurückblickte. Sie kaute auf der Un- terlippe und blickte schließlich wieder zu Cirocco. »Das war ein Jahr – über ein Jahr, nachdem ich von Gäa zurückgekehrt war. Auf der Erde hätte es unbe- merkt bleiben können, aber im Koven müssen wir künstlich ...« »Ich erinnere mich. Ich weiß, wovon du sprichst.« »Ja, aber sieh mal, die Frauen in den Gebärzentren, wissen, wer gekommen war, um es machen zu lassen. Als ich dicker wurde ...« Sie seufzte und schüttelte den Kopf. »Das Schreckliche ist, wenn es einer ande- ren geschehen wäre, hätte man sie vielleicht ver- brannt. Wir haben seit ... oh, fünfzig Jahren keine mehr wegen christlichen Glaubens verbrannt. Aber es sah ganz nach nur zwei Möglichkeiten aus. Entweder hatte ich fleischliche Beziehungen zu einem christli- chen Dämon, oder ... es war das Gynorum Sanctum, die Vereinigung einer sterblichen Frau mit der Heili- gen Mutter, vollkommen und unschuldig.« Cirocco betrachtete Robin forschend, als diese den Kopf in die Hände legte. »Haben sie das wirklich gegessen?« erkundigte sie sich. »Oh, sie taten es, aber auch wieder nicht. Es besteht eine konservative Partei, die alle Lehren für buch- stäblich wahr hält. Jedenfalls war mein Schicksal be- siegelt. Ich will nicht behaupten, daß ich nicht selbst dazu beigetragen hätte. Ich glaube, eine Zeitlang habe ich wirklich geglaubt, die Große Mutter wäre zu mir gekommen. Aber jedesmal, wenn ich in Novas Ge- sicht blickte, sagte mir etwas, es sei doch jemand an- ders gewesen.« Cirocco schüttelte müde den Kopf. So viel hätte vermieden werden können, wäre sie nicht beschäftigt gewesen, während sich Robin auf die Abreise vorbe- reitete. Moment! wies sie sich zurecht. Du warst eine Zeit- lang beschäftigt, sicher, aber schließlich auch fast eine Kilorev lang betrunken. »Hast du je vermutet, woher das Baby stammte?« »Lange Zeit nicht. Wie ich schon sagte, es war viel, einfacher, es so zu nehmen, wie es kam. Erst später habe ich mir bewußt die Frage gestellt.« »Ich hätte dir erzählen können, daß Gäa dir zum Abschied einen Streich spielen würde. Sie hat dassel- be mit mir gemacht, und auch mit Gaby und August, unmittelbar nach unserer Ankunft hier. Wir wurden alle schwanger. Wir hatten Abtreibungen.« Sie unter- brach sich und betrachtete wieder Robin. »Hast du ... hattest du irgendein Gefühl ... wer der Vater des Kin- des sein könnte?« Robin lachte. »Geh und schau sie dir an! Es ist doch offensicht- lich, oder nicht?« »Nova hat deinen Mund.« »Richtig, und sie hat die Augen von Chris.« Chris war im Keller und suchte nach einem Filmpro- jektor. Es war vielleicht semantisch irreführend, bei einem Baumhaus von einem »Keller« zu sprechen, wo sich ja alle Stockwerke oberhalb des Bodens befanden, aber Chris hatte doch einen zustande gebracht. Eine Falltür im Boden des Hauptgebäudes führte zu einer ausgehöhlten Stelle im Stamm des großen Baumes. In diesen Raum kam letztlich alles, wofür Chris nie ei- nen Nutzen gefunden hatte. Das war eine ganze Menge. Conal, der auf der Leiter stand und die Lampe hochhielt, während Chris Gegenstände von einem Haufen auf den anderen warf, betrachtete die Sammlung bestürzt. »Abgesehen davon, daß du ein zwanghafter Ar- chitekt bist«, stellte er fest, »hast du auch einen bösen, Fall von Sammleritis.« »Ich denke, sie ist im Endstadium«, stimmte Chris zu. »Aber dasselbe könntest du auch über das Smith- sonian sagen.« »Was ist das?« »Ach, nichts, jetzt, wo du es erwähnst. Vor vielen Jahren hochgejagt worden. Aber es war ein Museum. Und in Gäa haben wir keine Museen.« Er richtete sich auf und wischte sich eine Mischung aus Staub und Schweiß vom Gesicht. »Es ist eine Schmutzarbeit, aber jemand sollte sie tun.« »Die Titaniden haben ein Museum.« »Punkt angekommen. Aber der älteste Gegenstand darin ist nicht viel älter als Cirocco. Es gibt die Tita- niden halt noch gar nicht so lange. Wir haben kein einziges menschliches Museum in Gäa. Falls auf der Erde noch welche übrig sind, werden sie es nicht mehr lange bleiben. Also warum nicht hier damit an- fangen?« Conal warf noch einen zweifelnden Blick auf die Haufen von Trödel. »Gib es zu, Chris, du kannst einfach nichts weg- werfen.« »Zugegeben.« Chris langte tief in einen Stapel Zeugs und brachte eine altertümliche Kodak Brownie zum Vorschein. »Aber man weiß eben nie, wann man etwas braucht.« »Ja, aber woher hast du den ganzen Krempel?« Chris bugsierte Conal die Leiter hinauf und folgte ihm nach draußen, schloß dann die Falltür hinter sich. Conal folgte ihm durch das Labyrinth von Türen und Zimmern, bis sie in den Bereich kamen, den Chris sich als Werkstatt reserviert hatte. Er bestand, sogar aus mehreren Räumen, und Chris konnte darin alles machen, vom Glasblasen bis zur Reparatur von Computern. Er stellte den Projektor auf eine Werkbank und be- gann ihn auseinanderzunehmen. »Ich sammle einfach hier und da Sachen ein«, er- klärte er. »So fing es an. Heutzutage bringen alle Ti- taniden, die mich besuchen, ein Geschenk mit. Sie betreiben einen umfangreichen Handel. Man weiß nie, was sie alles auftreiben. Von der Erde kommt nicht mehr viel an, aber früher kam praktisch alles herein. Siedler brachten den größten Teil ihres Besit- zes mit. Das war noch vor dem Krieg.« Er nahm die Seitenplatte ab und blickte in das Ge- rät, blies haufenweise Staub weg. Er steckte einen Finger in den Mechanismus und drehte ein Rad. Dann zog er eine lange Glasbirne aus dem Projektor und warf sie Conal zu, der sie auffing. »Probier sie aus, ja? Ich bezweifle, daß sie noch etwas taugt. Wahrscheinlich muß ich eine neue blasen.« Conal ging an die Werkbank. Er klemmte die Birne ein und nahm zwei isolierte Drähte mit freien Enden, führte eines an die Messingfassung und das andere an die stumpfe Spitze. Er drückte einen Schalter, und der Draht glühte hell auf. Chris brachte den Projektor herüber und stellte ihn neben die Birne. »Also funktioniert sie doch, hm? Das spart uns Zeit.« Er nahm die Birne und schraubte sie wieder hinein, verband dann verschiedene Gerätschaften auf der Werkbank miteinander und berührte schließlich die Kontakte am Motor des Projektors mit zwei Drähten. Der Apparat summte und es roch leicht, nach Ozon, aber sonst geschah nichts. Chris brummte und versuchte es mit einer neuen Anordnung der Transformatoren. Immer noch nichts. Er blickte auf und sah, wie Cirocco und Robin den Raum betraten. Ein Stück hinter ihnen folgte Nova. »Cirocco«, sagte Chris, »ich kann einen neuen Mo- tor für dieses Ding besorgen und es so zurechtba- steln, daß der Film transportiert wird. Oder ...« Er deutete auf sie, dann auf den Projektor. »Denkst du, du kannst ihn reparieren?« Sie warf ihm einen seltsamen Blick zu, zuckte dann die Achseln und trat an die Werkbank. Sie betrachtete den Projektor, legte die Hände darauf und machte ein finsteres Gesicht. Funken prasselten; Robin schnappte nach Luft, aber Cirocco blinzelte nur. Etwas klapperte kurz und blieb dann stehen. Cirocco beugte sich weiter herab, kümmerte sich nicht um die wabernden blauen Elmsfeuer, die sich zwischen ihren Fingern wölbten. Nur für eine Sekunde bemerkte Conal ein verträumtes Verschwimmen ihres Blickes, dann richtete sie sich wieder auf und steckte sich die Dau- menspitze in den Mund. »Der Bastard hat mich verbrannt«, murrte sie und saugte am Daumen. Chris zog eine Braue hoch und drückte auf den Einschalter des Projektors. Das Gerät stotterte zuerst und lief dann so ruhig, wie bei einem solch alten Ap- parat nur möglich. Niemand sagte etwas. Conal holte Stühle herbei, während Chris Ciroccos Film durch den Projektor fä- delte. Er hatte keine Aufnahmespule, aber das spielte kaum eine Rolle, da er davon ausging, daß niemand diesen Film mehr als einmal sehen wollte., Cirocco und Robin hefteten einen Papierbogen an die gegenüberliegende Wand. »Sollten wir nicht auch die Titaniden einladen?« fragte Robin. »Filme bringen sie aus dem Gleichgewicht«, sagte Cirocco. »Wir wissen nicht, woran es liegt«, ergänzte Chris und beantwortete damit die Frage in Robins Blick. »Ihr Gehirn ist anscheinend nicht dafür eingerichtet, damit fertig zu werden. Ihnen wird schlecht davon, so etwas wie Seekrankheit.« Er startete den Projektor. Schon einen Augenblick später ertönte ein wür- gendes Geräusch vom Eingang her. Conal drehte sich um und sah Nova vor den Bildern an der Wand da- vonlaufen. Er dachte daran, ihr zu folgen, wußte aber, daß das ein dummer Einfall war. Er wandte sich wie- der dem Film zu. Gäa biß dort gerade einem zweiten Mann den Kopf ab. Dieser Mann trug eine orangefarbene Robe. Der erste hatte einen traditionellen Priesterkragen und schwarze Meßgewänder getragen. Gäa wärmte sich damit für den Kampf gegen Kong auf. Man konnte den Riesenaffen im Hintergrund ei- niger Aufnahmen erkennen. Die Bolex, die sie ge- macht hatte, hatte sich mehr für den Verzehr der hei- ligen Männer interessiert. Jede Aufnahme war ruhig abgedreht und sorgfältig gestaltet. Der Kampf begann. Gäa und Kong wurden hand- gemein. Kong segelte über Gäas Kopf hinweg und landete auf dem Rücken. Er wirkte verdutzt, als Gäa schwerfällig herankam und ihn auf den Boden drückte. Er warf sie jedoch wieder ab und verfolgte, sie. Dann kam ein Schnitt, und Kong lag wieder am Boden. Gäa beugte sich über ihn und stürzte sich dann auf ihn. Diesmal tat sie anscheinend mehr, als ihn nur am Boden festzuhalten. Conal wurde nicht schlau daraus. Er starrte mit trockenem Mund auf die Bilder, war fasziniert und schämte sich dessen. Schließlich mußte er wegsehen. Er betrachtete Chris, Cirocco, Robin ... alles mögliche, nur nicht die Leinwand. »Ich hätte geschworen, er sei geschlechtslos«, sagte Cirocco an einer Stelle. »Es war gut verborgen«, meinte Chris. »Sie mußte es richtig aus ihm herauszerren.« »Große Mutter, bewahre uns!« flüsterte Robin. Conal wandte sich wieder dem Film zu. Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß eine Frau einem Mann Sex aufzwingen könne. Vielleicht wäre es das auch nicht, aber Kong war schwer verletzt. Blut spritzte aus einem Loch in seiner Brust, während Gäa rittlings auf ihm saß. Sie badete sich darin. »Schaltet ab!« flehte Conal. Cirocco warf ihm einen kurzen Blick zu, das Gesicht hart wie Stein, und schüttelte den Kopf. Er konnte weggehen oder zu- schauen. Er zwang sich, wieder hinzusehen. Gäa stolperte, war anscheinend trunken. Sie lief gegen die steinerne Wand der Höhle und fiel auf die Seite. Die Leinwand wurde für einen Moment schwarz und dann wieder hell. Gäa lag auf der Seite, immer noch nackt. Auf Gesicht und Händen trock- nete das Blut. Sie rollte sich stöhnend auf den Rücken. Ihre Bauchdecke wogte auf und nieder. »Sie gebärt etwas«, sagte Chris. »Ja«, knurrte Cirocco. »Aber was?«, Das Filmende lief durch den Verschlußmechanis- mus und segelte auf den Boden. Die weiße Leinwand flackerte und beleuchtete drei bleiche Gesichter, bis Chris gnädig abschaltete. Es war ein Kamel, und es war tot. Es war lebendig zur Welt gekommen und von Gäa in ihr Gefolge auf dem Weg von Kongs Berg zum ge- genwärtigen Lagerplatz des Pandämoniums aufge- nommen worden; Gäa hatte versucht, sich eine Ver- wendung dafür auszudenken. Gäa hatte kein Kamel geplant gehabt. Sie plante in letzter Zeit überhaupt nicht mehr viel, sondern er- freute sich des Chaos'. Das machte viel mehr Spaß als die Aufrechterhaltung der verfluchten Welt. Gäa gebar einfach deshalb Wesen, weil es ihr als die passende Funktion einer Göttin erschien. Sie war ebenso überrascht wie alle anderen über das, was da- bei herauskam. Ihr Geist hatte sich in viele unabhän- gige Teile gespalten, einige verrückter als andere, aber alle völlig wahnsinnig. Geistige Notiz: Zeige bald Die drei Gesichter Evas. Der Teil von ihr, der ihr Äquivalent eines Uterus überwachte, erzählte dem Rest nicht, was er vorhatte. Gäa war mit diesem Arrangement zufrieden. Nach drei Millionen Jahren war eine Überraschung schon etwas wert. Einmal pro Kilorev präsentierte ihr der Körper etwas Neues. Im vergangenen Jahr hatte sie einen Wurf Drachen geboren, einen vier Meter langen Tiger und eine Kreatur, die zur Hälfte ein T-Modell war und zur Hälfte ein Krake. Die meisten dieser We- sen lebten nicht lange, da ihnen Teile fehlten wie Herz oder Nase. Die übrigen waren Maultiere. Ihr, Unterbewußtsein konnte nicht mit der Feinarbeit be- lästigt werden. Aber das Kamel war recht gut. Es war ein ausge- wachsenes Dromedar, knausrig wie das Sozialamt, und es war jetzt tot, da Gäa entschieden hatte, was sie damit machen wollte. Sie würde es durch ein Nadel- öhr ziehen. Es war eine große Nadel, zugegeben. Auch ein großer Trichter stand zur Verfügung und eine Ma- schine, um das Kamel zu zermahlen. Vor einhundert laufenden Kameras stieg Gäa auf das Gerüst oberhalb des Trichters und goß das erste Faß Kamelpüree hinein. Drei Revs später rief sie müde und gereizt halt. Ungefähr die Hälfte von dem Kamel war hindurch und der Rest nur noch eine Frage ermüdender Arbeit. Abgesehen davon konnte die Filmlänge, die sie bis jetzt hatte, mit Aufnahmen ergänzt werden, die sie von dem Trichter machen lassen wollte, nachdem er wieder gereinigt war. Sie machte es sich auf ihrem Stuhl bequem, um sich das Double Feature des Tages anzuschauen, das aus Lawrence von Arabien bestand und ... – sie konnte sich nicht erinnern. Sie wand sich auf ihrem Stuhl und rutschte ungeduldig hin und her. Wann wollte Cirocco endlich loslegen? Gäa wartete auf das Hauptereignis.,

VIER

»Robin, wach auf!« Robin war sofort hellwach. Sie sah Cirocco über sich gebeugt. »Alles in Ordnung, keine Angst!« »Habe ich auch nicht.« Robin rieb sich die Augen. »Wie spät ...« Cirocco lächelte, als sie sah, wie Robin sich daran erinnerte, wo sie sich befand. »Du hast ungefähr sieben Stunden lang geschlafen. Reicht das?« »Sicher.« Cirocco flüsterte weiterhin, also tat es auch Robin. »Aber wieso reichen ... wozu?« »Ich möchte, daß du mit mir kommst«, sagte Ciroc- co. Nova hielt die Augen geschlossen und bewegte sich nicht, während sich ihre Mutter anzog. Nachdem Ro- bin hinausgegangen war und die Tür hinter sich ge- schlossen hatte, erhob sich Nova und schlich an die Tür. Sie öffnete sie einen Spalt breit und sah Cirocco und Robin auf dem Flur ruhig miteinander reden. Sie verschwanden aus Novas Blickfeld. Sie hörte, wie sie die Treppe zum ersten Stock hinuntergingen. Von der Geländersäule im zweiten Stock konnte sie sie im großen Zimmer sehen, und dann hörte sie, wie die Vordertür geöffnet und wieder geschlossen wur- de. Nova eilte zurück in das Zimmer, das sie mit ihrer Mutter und Adam teilte. Sie warf einen kurzen Blick in Adams Kinderbett und stellte zu ihrer Überra- schung fest, daß er nicht mehr da war. Sie wußte, daß, Robin das kleine Monster nicht genommen hatte, also vermutete sie, daß Cirocco es hatte. Indem sich Nova aus dem Fenster lehnte, konnte sie das äußere Ende der Hängebrücke sehen. Sie lehnte sich hinaus – und zuckte rasch wieder zurück. Die beiden anderen Frauen überquerten gerade die Brücke, und Cirocco trug das Baby. Nova war schon angezogen, die Treppe hinunter und hatte die Hand auf dem Türknauf, bevor sie in- nehielt und nachdachte. Es würde nicht klappen. Nova besaß eine ziemlich gute Vorstellung von ih- ren Fähigkeiten. Auf heimischem Grund hätte sie vielleicht Cirocco verfolgen können, ohne entdeckt zu werden. Aber Cirocco war zu gut. Sie spürte anschei- nend sogar Blicke auf der Haut oder einen vorüber- gehenden Gedanken. Daß Nova so einer Frau durch einen Dschungel folgen konnte, den sie nicht kannte, lag außerhalb des Bereiches der Vernunft. Aber, Große Mutter, sie wäre ja so gerne bei ihr gewesen! Zuerst hatte Robin gar nicht bemerkt, daß sie einem Weg folgten. Er war nicht sehr ausgeprägt, aber vor- handen. Manchmal mußten sie sich unter niedrigen Ästen hindurchducken und über gestürzte Bäume klettern. Trotzdem war der Pfad da. Robin durchfor- stete ihr dürftiges Wissen über das Verhalten wilder Tiere und fragte sich, ob dies eine Wildfährte war, er- kannte dann jedoch, daß ihre wenigen Kenntnisse die Erde betrafen, nicht Gäa. Wer konnte schon sagen, warum ein gäanisches Tier sich so oder so verhielt? »Vertraust du mir, Robin?«, »Dir vertrauen? Sicher, ich denke schon. Wieso?« »Es denken ist nicht genug. Überleg es dir noch einmal!« Robin überlegte, während sie der Frau folgte, die sie für sich immer noch als den Magier betrachtete. Sie fühlte sich unbeholfen, schwach und sehr alt. Ci- rocco vor ihr war mager und geschmeidig und schien förmlich aus dem Boden unter ihren Füßen zu wach- sen. Ihr vertrauen? Robin konnte sich jede Menge Pros und Contras ausdenken. Der Magier war eine Alko- holikerin gewesen, als Robin sie kennengelernt hatte. Wurden Alkoholiker je geheilt, richtig geheilt? War es nicht möglich, daß sie, sobald die Dinge sich schlecht entwickelten, wieder in die Flasche tauchte? Robin betrachtete sie von neuem. Nein, das würde Cirocco nicht tun. Robin wußte nicht, warum sie sich da so sicher war, aber sie war es eben. Diese Frau hatte sich grundlegend gewandelt. »Ich vertraue darauf, daß du dein Wort hältst. Ich glaube, wenn du sagst, daß du etwas tun wirst, dann kann ich darauf zählen, daß es getan wird.« »Unbedingt, sofern ich noch am Leben bin.« »Ich vertraue darauf, daß du tust, was du für rich- tig hältst.« »Richtig für wen? Dich, mich oder jedermann? Das ist nicht immer dasselbe.« Das war Robin bekannt, und sie dachte noch ein- mal darüber nach. »Für jedermann. Ich glaube, du würdest es mir sa- gen, wenn du etwas tun müßtest, was du für das Be- ste hältst, was mir aber weh tun würde.« »Das stimmt.«, Sie setzten ihren Weg eine Zeitlang schweigend fort, dann drehte sich Cirocco halb um und winkte Robin, an ihrer Seite zu gehen. Der Weg war hier breit und genug für zwei Personen nebeneinander. Cirocco ergriff Robins Hand, und sie gingen zusam- men. »Vertraust du darauf, daß ich Geheimnisse wah- re?« »Sicher.« »Ich habe mich nicht richtig ausgedrückt. Manche Sachen muß ich vor dir geheimhalten. Ich kann dir nicht sagen, wieso. Teilweise liegt es an der alten gol- denen Regel der sogenannten ›Erkenntnisgemein- schaft‹. Was du nicht weißt, kannst du nicht weiter- sagen.« »Du meinst es ernst, nicht wahr?« »Ich treibe keine Spiele, Kleines. Hier herrscht ge- nauso Krieg wie auf der Erde. In mancherlei Hinsicht ist der hiesige genauso gräßlich.« »Ja, ich vertraue darauf, daß du es tust. Zumindest, bis ich mehr weiß.« »Das reicht!« Cirocco blieb stehen und drehte Ro- bin mit dem Gesicht zu sich. »Entspann dich einfach und sieh mir in die Augen, Robin! Ich möchte, daß du dich völlig entspannst. Jeder Muskel ist locker, und du wirst schläfrig.« Robin war früher schon hypnotisiert worden, aber noch nie so leicht. Cirocco redete nicht viel und be- nutzte auch keine Gegenstände. Sie blickte Robin nur in die Augen, und die Pupillen wurden so groß wie das Phöbe-Meer. Sie murmelte leise vor sich hin und führte die Handflächen an Robins Wangen. Robin entspannte sich., »Schließ die Augen!« sagte Cirocco, und Robin ge- horchte. »Du wirst schlafen, aber du mußt nicht tief gehen. Du kannst weiterhin Dinge fühlen und riechen und ausgezeichnet hören, aber du wirst nichts sehen. Verstehst du?« »Ja.« Robin spürte, wie sie hochgehoben wurde. Es war schön. Sie hörte den Wind in den Zweigen rascheln. Der Geruch überreifer Erdbeeren hing in der Luft. Sie spürte sich auf und ab hüpfen, während Cirocco den Weg entlangtrabte. Dann drehte diese sich um. Das ging endlos so weiter, bis jeder Richtungssinn in Ro- bin ausgeschaltet war. Sie machte sich nichts daraus. Hauptsächlich spürte sie Ciroccos starke Arme unter ihrem Rücken und ihren Beinen, spürte die festen Bauchmuskeln Ciroccos an ihrer Hüfte und roch den charakteristi- schen, leicht süßen Duft, den sie stets mit dem Magier in Verbindung brachte. Ihr Bewußtsein entwarf woh- lige Phantasien. Es war lang her, daß sie eine Geliebte gehabt hatte. Sie fühlte sich gut, besser als seit ... seit jenen Tagen vor langer Zeit, als sie mit sieben Gefährten den Ophion hinab einem ungewissen Schicksal entgegen- gefahren war. Man konnte einiges dafür vorbringen, von irgendwelchen Kräften – oder Magiern – über die Grenzen der Selbstkontrolle hinausgetragen zu wer- den. »Nova schlief nicht, als ich dich geholt habe«, er- zählte Cirocco. »Wirklich nicht?« »Nein. Sie ist uns die Treppe hinunter gefolgt. Dann hat sie uns aus dem Fenster beobachtet. Ich, dachte, sie würde uns verfolgen, aber sie tat es nicht.« »Sie ist nicht dumm.« »Das sehe ich. Sie ist ... schwierig.« Robin lachte. »Wenn du von der Jungfräulichen Tochter zu einer Ausgestoßenen und einem Flücht- ling degradiert worden wärst, könntest du auch schwierig werden.« »Warum ist sie gekommen? Sie scheint dich zu has- sen.« »Ein Teil von ihr tut das auch, denke ich. Ich habe so ungeheuerlich versagt, mein Sturz war so tief ... es war so, als hätte ich das auch ihr angetan.« Robin unterbrach sich und fragte sich, warum sie diese Din- ge sagte und keinen Schmerz dabei empfand, erin- nerte sich dann aber, daß sie hypnotisiert war. Das war ihr recht. Diese Dinge mußten gesagt werden. »Sie kam aus Gehorsam? Das hört sich gar nicht nach ihrem Stil an.« »Du kennst den Koven nicht. Es geschah aus Ver- pflichtung ... aus Angst. Ich glaube nicht, daß meine geliebten Schwestern es schaffen werden. Ich denke, sie werden da draußen erfrieren. Aber zu dem Zeit- punkt, als die Frage aufgeworfen wurde, hatte ich keine Stimme. Nova glaubte auch nicht, daß sie es schaffen werden. Und ... sie hatte auch nicht das Gefühl, eine große Wahl zu haben. Es war hart für uns. Nach Adams Entdeckung existierten wir neunzig Tage lang nicht. Mein drittes Auge rettete mir das Leben, aber auch nur hauchdünn.« »Warum mußte sie gehen? Es war doch dein Kind?« »Ah, das spielte keine Rolle. Siehst du, sie war ein, Monstrum. Sie fand die Sache mit Adam heraus, als er sechs Monate alt war. Sie versuchte ihn zu töten. Ich hinderte sie daran. Dann versteckten wir beide ihn, aber wir wußten, daß es nicht gutgehen konnte. Und am Ende kam alles heraus. Ich brauchte jedes Fünkchen meines früheren Ansehens, um zu schwö- ren, es sei ein Mädchen. Niemand sah nach, aber alle wußten Bescheid.« »Was meinst du damit, daß Nova ein Monstrum war?« »Das einzige Kind im Koven mit einem Bruder. Schuldig durch Verbindung mit mir, der großen Sün- derin.« Sie seufzte. »Sind die Leute nicht wunder- voll?« »Sie sind überall in etwa gleich.« Cirocco schwieg eine Zeitlang. Robin hatte einen komischen Gedanken. Wo steckte Adam? Cirocco hatte ihn beim Aufbruch getragen. Jetzt trug sie Ro- bin und brauchte beide Hände dafür. Robin machte sich darüber keine Sorgen. Sie ver- traute Cirocco tatsächlich. »Nova war auch verdächtig groß. Es machte nichts, solange wir obenauf waren. Später wurde von Taten geflüstert, die man lieber nicht beschreibt. Und es war auch Liebe im Spiel.« »Liebe?« »Sie liebt mich. Man sieht es ihr zur Zeit nicht son- derlich gut an, aber sie tut es.« »Das sehe ich.« »Sie liebt auch dich. Auf eine völlig andere Art.« »Das sehe ich auch.« Cirocco setzte sie schließlich ab. Robins Sinne waren, herrlich scharf. Sie spürte weiche, feuchte Erde unter den nackten Füßen. (Was war mit ihren Schuhen pas- siert? Egal.) Ein aromatischer Hauch lag in der Luft. Sie spürte, wie ihr der Schweiß den Rücken hinabrie- selte. Sie stand dort in der Dunkelheit und wartete. Dann hörte sie Ciroccos Stimme vor sich. »Du kannst dich jetzt hinsetzen und die Augen öff- nen.« Robin tat wie geheißen. Sie sah Cirocco vor sich knien. Ihre Augen waren tiefe, faszinierende Teiche. Robin blickte kurz nach links und erblickte Chris, der ebenfalls kniete und den in seine rosa Decke einge- wickelten Adam hielt. Er lächelte sie an, aber dann faßte Cirocco mit einer Fingerspitze an Robins Kinn und drehte ihren Kopf nach vorn. »Sieh ihn nicht an! Sieh mich an!« »In Ordnung.« »Ich möchte, daß du ein wenig tiefer gehst. Du kannst deine Augen offenhalten, wenn du willst, aber achte nicht auf das, was du siehst. Der Klang meiner Stimme ist das einzig Wichtige.« »In Ordnung.« »Wie tief bist du?« Robin versuchte sich darüber klarzuwerden. »Etwa einen Meter.« »Leg noch was zu!« Robin gehorchte. Die Augen hielt sie geöffnet, aber sie bemerkte nichts anderes als wirbelnde Dampf- wolken. Cirocco befand sich nicht mehr vor ihr, aber sie konnte auch einfach nicht sagen, was denn dort war. Sie spürte einen leichten Druck auf dem Kopf. Es war Ciroccos Hand. »Warum hast du Adam am Leben gelassen, Robin?«, Robin hörte die eigene Stimme von weither kom- men. Sie hatte einen flüchtigen Eindruck von den dreien, von oben gesehen: ein großer, zur Hälfte be- haarter Mann; eine starke Frau; ein winziges, hilflo- ses, mitleiderregendes ... Sie verbannte diesen Gedanken rasch. »Ich hatte einen Traum.« »Worum ging es in diesem Traum?« »Um Adam.« Lächelnd. Rosa. Zierliche, winzige Zehen. Der Geruch ihrer eigenen Milch und seiner nassen Windel. »Gaby.« Schwarz und mit sich ab- schälender Haut. Brüchiger Haut. Ein zerstörtes Au- ge. Ein süßer Duft. »Du hast von Gaby geträumt?« »Sie saß bei mir. Sie half bei seiner Geburt. Sie hielt ihn hoch, ganz blutig und scheußlich. Dann küßte sie mich und ich weinte.« »In dem Traum?« »Ja.« Robin runzelte die Stirn. »Nein. Sie sah besser aus. Nicht verbrannt.« »In dem Traum?« »Nein. Ja ... ich erinnere mich nicht daran, aufge- wacht zu sein. Ich erinnere mich ... nach dem Traum schlafengegangen zu sein. Adam saugte an meiner Brust.« »Was hat Gaby gesagt?« »Sie sagte, ich müßte in meinem Herzen den Willen finden, ihn zu behalten. Sie sagte, die Welt würde zerstört werden. Die Erde, der Koven ... vielleicht auch Gäa. Sie sagte, er sei wichtig. Ich müßte ihn hierherbringen. Sie sagte, Chris wäre der Vater. Ich sagte, zwei jungfräuliche Geburten seien eine zuviel. Sie sagte, Gäa hätte es getan, Gäa hätte Magie be-, nutzt, um einen Teil von Chris in mir zu bewahren. Winzige Zeitkapseln, nannte sie es. Dann ging sie weg.« »Sie verschwand?« Robin war überrascht. »Nein, sie ging zur Tür hin- aus.« Cirocco schwieg eine Zeitlang, und es machte Ro- bin nichts aus. Sie wartete auf weitere Fragen. Statt dessen verschwand der Druck von Ciroccos Hand von ihrem Kopf und kehrte dann wieder. Diesmal war es nicht die Handfläche, sondern der Ballen. Er berührte sie nur leicht, aber Robin hatte das Gefühl, daß sie die Wellen und Wirbel durch die Kopfhaut fast erkennen konnte. Eine dünne Stimme war zu hö- ren. »Laß mich los, du steinalte Fotze!« Robin hatte noch nie jemanden so mit Cirocco re- den gehört. Die Stimme fuhr in diesem Ton noch eine Weile fort. Robin spürte, wie sich ihre Hände zu Fäu- sten ballten, und die dünne Stimme quietschte. »Ich verpetze dich bei dem Scheißtierschutzverein, du Kotztüte! Ich ficke dich in deine großen haarigen Ohren, und ich habe Syphilis, ich habe Sachen, für die man noch nicht einmal Namen hat, und ich werde ...« Wieder der Druck, gefolgt von einem schärferen Schrei. »Ich befehle dir, zu sprechen!« sagte Cirocco. Robin schwieg. Irgendwie wußte sie, daß der Befehl nicht ihr galt. »Gäa wird Kerosin pissen und Napalm scheißen, wenn sie erfährt ...« »Rede!« »Ich kenne meine Rechte! Ich will einen gottver-, dammten AAANWALT! ich will ...« »Rede!« »Aaaaaah! Aaah! Okay, okay, okay, ich werde re- den!« »Liegt Gäas Hand auf diesem Kind? Ich befehle dir, antworte!« »Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht se- hen ... sehen ... Ich denke, vielleicht ...« »Rede!« »Nein, nein, nein! Gäa hat sie vor langer Zeit be- rührt. Gäa weiß, daß sie hier ist. Gäa hat die Familie des Kindes geplant, aber nicht berührt. Gäas Hand liegt nicht auf diesem Kind.« Und plötzlich auch nicht mehr die von Cirocco. Robin saß da und blinzelte und hatte irgendwie das Gefühl, als ob ein schreckliches Gewicht von ihrem Kopf genommen worden wäre. »Du kannst jetzt emporkommen, Robin. Langsam und entspannt. Es ist alles in Ordnung.« Robin kam herauf. Sie fühlte sich erfrischt, holte tief Luft, blinzelte wieder und drehte sich um. Ciroc- co verstaute gerade eine Flasche in einem Tornister. In einer Hand hielt sie einen vertrauten Gegenstand: einen alten automatischen .45er Colt. Sie reichte ihn ihr. Robin drehte ihn in der Hand um. Er war entsi- chert. Sie steckte ihn zurück und blickte auf. »Das ist meiner.« »Ich habe ihn dir weggenommen, bevor Cirocco dich geweckt hat«, sagte Chris. »Was war das?« Robin deutete auf den Tornister. »Mein Dämon.« Ciroccos Augen bohrten sich in die Robins. »Kannst du ein Geheimnis bewahren?« Robin erwiderte den Blick und nickte schließlich., »Wenn du es so willst.« Cirocco nickte und entspannte sich etwas. »Ich kann dir nur sagen, daß es getan werden mußte. Frü- her hatte ich eine andere Methode. Sie war weniger zuverlässig und nicht annähernd so einfach.« Für ei- nen Moment war ein furchtbarer Schmerz aus ihren Augen zu lesen. Sie sah weg, wandte den Blick dann aber wieder Robin zu. »Frag Conal bei Gelegenheit danach! Warte, bis er ein wenig Wein getrunken hat!« »Dachtest du, ich wäre ein Spion Gäas?« »Ich mußte von der Möglichkeit ausgehen. Konntest du dir selbst sicher sein, daß du es nicht warst?« Robin wollte schon entrüstet ein natürlich konnte ich äußern, aber sie bremste sich. Sie dachte an winzige Zeitkapseln und jungfräuliche Geburten. Gäa hat sie vor langer Zeit berührt. Gäa hat ihre Familie geplant. »Sie kann mit ihrer Biotechnik einfach alles tun, nicht wahr?« »Es gefällt ihr, wenn man das glaubt. Aber ja, in etwa kann sie es. Du hast keine Vorstellung, wie schlimm das sein kann!« »Hättest du mich getötet?« »Ja.« Robin dachte, sie müsse eigentlich wütend darüber sein, aber sie war es nicht. Sie fühlte sich seltsam ge- tröstet. Falls Gäa eine schleimige Falle in ihrem Kör- per gelegt hätte, wäre sie lieber tot gewesen. »Was ist mit Nova?« fragte sie plötzlich. »Jetzt bist du passend paranoid«, sagte Cirocco und nickte. »Aber du mußt noch viel früher aufstehen, um mit mir mitzuhalten. Nova habe ich schon vor Stun- den untersucht. Ich hielt es für klug ... in Anbetracht ihres Temperaments, daß sie sich nicht daran erin-, nert. Ich habe sie angewiesen, es zu vergessen, und das wird sie auch.« »Und Adam?« »Unschuldig wie ein Baby«, sagte Chris und lä- chelte sie an. Sie erwiderte das Lächeln, und auf ein- mal fiel ihr wieder ein, wie sehr sie ihn damals, vor vielen Jahren, gemocht hatte. Sie war sogar bereit, ihm seine Behaarung nachzusehen, zumindest für den Augenblick. Dann nahm sie zum ersten Mal ihre Umgebung in Augenschein und runzelte die Stirn. »Was ist das hier?« wollte sie wissen. »Der Jungbrunnen«, sagte Cirocco. Es hatte einst zwölf Brunnen in Gäa gegeben. Der in Okeanos war während der Rebellion zerstört worden. Theas Brunnen lag tief unter Eis, und die von Mne- mosyne und Tethys waren unter Sand begraben. Von den übrigen acht waren vor zwanzig Jahren sieben abrupt stillgelegt worden, an einem Tag, der auch den Tod der ersten Inkarnation Gäas gebracht hatte sowie einen Regen von Kathedralen aus dem Him- mel. Aber Gäa beherrschte Dione nicht, denn das Zen- tralgehirn dieser Region war tot. Sie konnte dieses Land weder zum Guten noch zum Bösen beeinflus- sen. Zwar hätte sie ihre Truppen schicken und Bellin- zona in eine lebendige Hölle verwandeln können, aber die tieferen Funktionen unter der Oberfläche waren ihr unzugänglich. Dem Land Dione ging es trotzdem erstaunlich gut. Cirocco vermutete, daß die Gremlins dabei die Hand im Spiel hatten. Woran es auch lag, die Pflanzen wuchsen auch weiterhin, das Wasser floß und die, Luft zirkulierte. Und der Brunnen sprudelte. Er war für Chris der hauptsächliche Grund gewe- sen, Tuxedo Junction hier zu errichten. Chris brauchte den Brunnen ebenso wie Cirocco. Es schien ihm eine gute Idee zu sein, ihn aus der Nähe im Auge zu be- halten. »Woher soll ich wissen, daß es mir nicht schadet?« fragte Robin. »Du mußt es nicht tun«, sagte Cirocco. »Das weiß ich; du hast es mir schon gesagt, aber ... woher weißt du es? Vielleicht ist es ein Trick. Viel- leicht liegt Gäas Hand auf dir!« »Wenn das so ist, bist du schon verloren«, erwi- derte Cirocco. »Du hast bereits gesagt, daß du mir vertraust. Entweder du tust es oder du läßt es blei- ben.« »Ich tue es. Gefühlsmäßig.« »Nur so funktioniert es. Die Logik hat nichts damit zu tun. Logisch ist nicht nachzuweisen, daß Gäa mich nicht lenkt.« »Ich weiß. Entschuldige. Ich bin einfach nervös.« »Das brauchst du nicht zu sein. Zieh dich nur aus!« Cirocco wandte sich ab, denn sie spürte, daß Robin wegen des Ausziehens ebenso nervös war wie wegen alles anderen. Sie überlegte, ob sie Chris wegschicken sollte, damit er später zu seiner eigenen Behandlung zurückkam. Dann drehte sie sich um und sah, wie Robin aus ihrer Hose stieg, und da wußte sie, daß Chris nichts damit zu tun hatte. Cirocco hoffte, daß ihr Gesicht nichts zeigte, aber sie spürte Hitze in ih- rem Hals hochsteigen, den erstickenden Geschmack plötzlichen Mitleids., Robin sah traurig aus, wie sie nackt dastand. Sie hätte auf jeden Fall traurig ausgesehen, aber für je- manden, der sie auf ihrem Höhepunkt gesehen hatte, mußte es herzzerreißend sein. Sämtliche Tätowierungen waren weitgehend ver- blaßt. Cirocco hatte schon das Auge und das Pentas- ma auf Robins Kopf und den Teil der Schlange auf ih- rem Arm gesehen. Sie waren bunt und leuchtend ge- wesen, als Robin neunzehn gewesen war. Jetzt waren sie stumpf und trübe, und man erkannte nur noch Spuren von mattem Rot und trübem Grün in einem Bereich, der jetzt zum größten Teil schiefergrau war. Die vierte Tätowierung, die Schlange um ein Bein, war im selben Zustand wie die anderen. Und die fünfte hatte man verwüstet. Es war kein großer Verlust für die Welt der Kunst, dachte Cirocco, aber trotzdem eine Metzelei. Robin hatte schon früh in ihrem Leben erfahren, daß alle Kinder, die sie gebären sollte, dieselbe Krankheit ha- ben würden wie die, zu deren Heilung sie nach Gäa gekommen war. In einem Anfall jugendlicher Tapfer- keit hatte sie ihren Bauch mit einer scheußlichen Zeichnung versehen. Sie zeigte ein schattenhaftes Monster, das durch die Haut brach in dem Versuch, sich mit Zähnen und Klauen den Weg aus Robins Schoß in die Außenwelt zu bahnen. »Nova war so verdammt groß«, sagte Robin kläg- lich und rieb sich an der Narbe, die die Tätowierung noch häßlicher machte. »Sie mußten einen Kaiser- schnitt machen.« Sie stand mit hängenden Schultern da und versuchte den Eindruck zu erwecken, daß sie die Hände nur ganz zufällig fest über dem Unterleib gefaltet hatte. Ihre Haut war käsig, das Haar matt., Das Gesicht war zerfurcht, und auch die Zähne sahen nicht gut aus. Robin ließ sich schon seit längerem durchhängen. Der Alterungsprozeß war das nicht; bei ihr handelte es sich um etwas anderes. »Mach dir nichts daraus!« sagte Cirocco. »Der Brunnen wird dem ein Ende bereiten.« Sie watete ins Wasser und streckte die Hand aus. Es war heißer, als Robin für möglich gehalten hatte. Sie spürte die Hitze auf eigenartige Weise: sie war sich ihrer bewußt, fühlte sich aber nicht verbrannt. Sie gingen gemächlichen Schrittes hinein. Erst bis zu den Knöcheln, dann den Knien, dann eine Pause, bevor sie bis zu den Hüften hineingingen. Chris be- fand sich an einer Seite von Robin, Cirocco an der an- deren, und beide hielten sie an den Händen. Das Wasser – sofern es welches war – hatte einen süßen Duft, und besaß die Farbe und die Konsistenz von Honig. Nein, erkannte Robin, das traf nicht zu. Es war nicht wie Sirup. Vielleicht eher wie Nektar. Sie ging bis zur Taille hinein und schnappte nach Luft. Die Flüssigkeit sickerte in sie hinein. Sie konnte es spüren: wie feines Öl füllte sie ihre Eingeweide und die Vagina. Es hatte den Anschein, als sollte es sich abstoßend anfühlen, aber das tat es eindeutig nicht. Es war ein wundervolles Gefühl. Robin er- schauerte und spürte ihre Knie schwach werden. Ci- rocco stützte sie. Dann strömte das Wasser über ihre Brüste hinweg. Sie entspannte sich in Ciroccos Armen, wie der Magier es ihr befohlen hatte. Sie schloß die Augen und spürte, wie eine Hand ihr die Nase zukniff und wie sie ins Wasser getaucht wurde., Sie nahm es wahr wie im Traum. Sie hatte keinen Grund, jemals wieder zum Vorschein zu kommen. Der Drang zum Einatmen baute sich auf, aber als er richtig stark wurde, spürte sie den Druck von Ciroc- cos Lippen auf ihrem Mund, und sie zog den Atem des Magiers ein. Dann ließ sie ihn ganz langsam wie- der hinaus. So ging es lange Zeit weiter. Robin zählte nicht mit, aber sie wußte, daß es eine lange Zeit war. Dann hörte Cirocco auf. Erneut spürte Robin den Drang zum Einatmen wachsen. Cirocco hatte ihr gesagt, was sie tun sollte, aber sie hatte immer noch ein wenig Angst. Ging ihr Vertrauen in den Magier wirklich so weit? Nun, warum nicht? Robin spürte, wie die Hand ih- re Nase freigab. Der heiße Nektar strömte hinein. Sie öffnete den Mund. Luft blubberte hervor und das Wasser floß hinein. Ein paar Krämpfe traten auf, als sich ihre Lungen füllten und sie den letzten Rest Luft hinauszuhusten versuchte. Sie schlug um sich, wurde aber festgehal- ten. Dann entspannte sie sich wieder. Cirocco hielt sie eine halbe Rev lang unter Wasser, trug sie dann ans Ufer und legte sie neben Adam, der noch schlief. Chris brachte ein Handtuch zum Vor- schein, und Cirocco machte sich daran, Robin abzu- trocknen. Goldene Flüssigkeit tropfte aus deren Mund. Cirocco schlug ihr auf den Rücken und der Atem setzte wieder ein, nachdem sie die letzten Reste herausgehustet hatte. Ihre Haut war braun und fast zu heiß, um sie zu berühren. »Geh du voraus«, sagte Chris und nahm Cirocco, das Handtuch weg. »Ich kümmere mich um sie.« Cirocco nickte und ging zurück in den Teich. Im nächsten Augenblick trieb sie schon unmittelbar un- ter der Oberfläche dahin. Nach einer halben Rev kam sie wieder heraus, und ihr langes Haar, vollgesaugt und an den Schultern klebend, war glänzend schwarz. Chris blieb am längsten drin. Als er wieder heraus- kam, war er ein paar Zentimeter größer und das Ge- sicht hatte sich leicht verändert. Cirocco versetzte Robin wieder in eine leichte Trance, und Chris hob sie und Adam hoch. Er warf noch einen Blick über die Schulter auf Cirocco und brach dann auf, um Robin zurück nach Tuxedo Junc- tion zu bringen und seinen Vorschlag zu unterbrei- ten.

FÜNF

Luther stolzierte über die Docks von Bellinzona, die so menschenleer waren wie die staubigen Straßen der Westernstadt in Zwölf Uhr mittags mit Gary Cooper. Möglicherweise stellte er sogar selbst diese Verbin- dung her, da er den Film kürzlich im Pandämonium gesehen hatte. Er sah nicht wie Gary Cooper aus. Er sah aus wie Frankensteins Monster nach einem dreitägigen Sauf- gelage mit anschließendem Autounfall. Der größte Teil der linken Gesichtshälfte war nicht mehr vor- handen, und man erkannte dort ein Stück vom Kie- ferknochen sowie abgebrochene Zähne, ein Stück, vom Schläfenbein und eine leere Augenhöhle. Grün- liches Hirngewebe war durch einen schartigen Spalt im Schädel zu sehen, als wäre es herausgequollen und provisorisch zurückgestopft worden. Sein übrig- gebliebenes Auge war eine schwarze Grube in einem roten Meer, und es flammte in heiligem Zorn. Nähte zogen sich rings um seinen Hals; keine Narben, son- dern richtige dicke Fäden, die die Haut durchdran- gen. Hätte man sie entfernt, wäre der Kopf herunter- gefallen. Luthers ganzer Körper, ausgenommen die Hände, war in einer schmutzigen schwarzen Soutane ver- steckt. Seine Hände trugen Stigmata, aus denen Blut und Eiter rannen. Ein Bein war kürzer als das andere. Das lag nicht an einer Entstellung, sondern an einem schlichten mechanischen Problem: das Bein hatte einmal einer Nonne gehört. Es verlangsamte jedoch nicht Luthers Schritt. Es war nicht nötig, sich zu verstecken, und Luther versuchte es auch gar nicht. Allerdings war es für ihn und seine Bande auch zu den günstigsten Zeiten nicht einfach. Luther war schon keine Erquickung für die Nase, aber das Aroma seiner Apostel konnte so- gar ein Schwein auf fünfzig Schritt bewußtlos ma- chen. Selbst Menschen mit ihrem verkümmerten Ge- ruchssinn konnten Luther gewöhnlich ausmachen, lange bevor er in Sicht kam. Manchmal klappte eine Pirsch gegen den Wind, aber jüngst schienen die Bel- linzonaner einen sechsten Sinn entwickelt zu haben, wo es die Priester betraf. Seine zwölf Apostel schlurften hinter ihm her. Im Vergleich zu ihnen war Luther eine Schönheit. Sie waren nichts als Zombies, aber Luther war, einmal Pastor Arthur Lundquist von der Amerikani- schen Vereinigten Lutherischen Kirche in Urbana, Il- linois, gewesen. Urbana war schon vor langer Zeit zerstört worden und ebenso der größte Teil von Pa- stor Lundquist. Das eine oder andere Stück von ihm hatte einst anderen Leuten gehört – Gäa bastelte sich ihre Priester aus dem verfügbaren Material zusam- men. Hin und wieder irrte ein Gedanke an zu Hause durch sein trübes Gehirn, ein Gedanke an die Ehefrau und die zwei Kinder. Das quälte ihn und vergrößerte seinen Eifer, das Werk Gottes um so gründlicher zu tun. Auch viel Luft wehte durch sein Gehirn als Er- gebnis der Pistolenschußwunde, die ihm sein cha- rakteristisches schiefes Lächeln und die nuschelnde Sprechweise beschert hatte. Auch das quälte ihn. Er ging bis zum Rand der Todeszone, die zum Viertel der Freien Frauen führte. Forschend betrach- tete er die Befestigungen vor sich. Er sah niemanden, aber er wußte, daß sie da waren und ihn beobachte- ten. Er nahm eine herausfordernde Haltung ein und zeigte ihnen seine Geringschätzung, die Hände in den Hüften. »Feinde Gottes!« rief er, oder versuchte es wenig- stens. Durch das Fehlen der linken Wange hatte er Probleme mit allen Lauten, für die Lippen erforder- lich waren, und so klang es wie »Weinße Gottesch!« »Ich win Luther! Ich win im Awtrag Gottesch hier!« Ein Pfeil durchmaß zischend eine flache Flugbahn, traf ihn in der Brust und fuhr bis zu den Federn hin- ein. Luther machte sich nicht einmal die Mühe, ihn abzubrechen, und er nahm auch nicht die Hände von den Hüften. Eine Freie Frau eilte heraus auf die Brücke, und sie, hielt eine Fackel in der Hand. Sie warf diese in das Öl, das sie hier bei den ersten Gerüchen von Luthers Bande in Bellinzona ausgeschüttet hatten. Eine Feu- erwand sprang zwischen Luther und dem Viertel in die Höhe und begann die Brücke zu verschlingen. Die Frau eilte zurück in Deckung. »Ein Kind wurde hierhergewracht vor vielen ... wehreren Revsch. Gott wraucht dieschesch Kind. Gott wird herablächeln auf die, die wir vow Verwleiw des Kindesch erzählt! Kowwt hervor, kowwt hervor und erlangt Gottesch Gnade!« Niemand sprang hervor, um irgendeine Gnade zu erlangen. Luther hatte auch nichts anderes erwartet, aber es erzürnte ihn trotzdem. Er heulte auf. Er schrie Obszönitäten zur brennenden Brücke hinauf, machte wütend kehrt und stampfte mit dem langen Bein auf den Planken des Docks auf und ab. Schon bald lief Blut aus seinem Auge und eine Mischung von Spei- chel und schwarzem Schleim sickerte aus der offenen Gesichtshälfte. Die Vorderseite seiner Soutane wurde unweit der Hüfte dunkler. Aber die Kraft war in ihm und wurde stärker. Er ließ sich auf die Knie sinken, streckte die Arme himmelwärts und sang: »Ein weschte Wurg ist unscher Gott! Ein gute Wehr und Waffen; Er hilwt unsch wrei ausch aller Not, Die unsch jetscht hat betrowwen ...« Vers auf Vers schrie der Priester, der Tonhöhen nicht wahrnehmen konnte, das Lied in einem gebrochenen, zischenden Baß hervor, und wo er die Worte verges- sen hatte, grölte er. Aber es kam ohnehin nicht auf die, Worte an, sondern auf die Kraft, und er spürte sie auf sich ruhen wie nur bei wenigen Gelegenheiten seit seiner Auferstehung. Er schweifte ab, erinnerte sich an die Zeit, als er noch von seiner Kanzel herab Pre- digten gehalten hatte. Er war damals schon ziemlich wortgewaltig gewesen, aber nichts im Vergleich zu heute. Gott würde stolz auf ihn sein. Sogar die wurmzerfressenen Zombies hinter ihm waren be- wegt. Sie wimmerten, als versuchten sie mitzusingen, wobei ihnen die lockeren Zungen aus den scheußli- chen Mündern hingen und wackelten, während sie mit den Körpern hin und her schwankten. Und da kam sie auch schon, eine einzelne Freie Frau, blieb stehen und warf ihre Waffe weg. Sie lä- chelte mit irre aufgerissenem Mund, und ihre Augen waren strahlend und hell, als wäre sie nicht bei Sin- nen. Die Freien Frauen schrien. Sie hatten damit ange- fangen, als Luther sein Lied anstimmte, und jetzt ver- doppelten sie ihre Bemühungen. Sie schrien nicht aus Furcht – obwohl sie alle bis in die Tiefen ihrer Seelen verängstigt waren –, sondern aus taktischen Grün- den, um die Kraft zu übertönen. Es war ein vielstim- miges erstaunliches Trällern mit flinker Zunge nach Art arabischer Frauen bei Sieg oder Trauer. Viele hatten sich wie die Mannschaft des Odysseus Baum- wolle oder Wachs in die Ohren gesteckt, um sich zu schützen. Luther lachte darüber. Er wußte, daß ihr Verhalten ein Fehler war. Mit zugestopften Ohren waren sie noch verwundbarer, da sie den gemeinsa- men Schrei, den Klang der Solidarität, den einzigen wirksamen Schutz gegen Luther und seinesgleichen, nicht hören konnten., »Der alt wöse Weind, Mit Ernscht ersch jetscht weint; Grosch Wach und wiel Lischt Schein grauscham Rüschtung ischt, Aw Erd ischt nicht scheineschgleichen!« Sie trat vor. Ein Pfeil folgte ihr, aber die Hand, die ihn abgeschossen hatte, war zu zittrig gewesen, um tref- fen zu können. Er verfehlte sie, ebenso ein zweiter. Der dritte bohrte sich in ihren Rücken. Sie erschauer- te, ging aber weiter. Die Freien Frauen schossen nicht aus Verachtung oder weil sie sie für eine Verräterin gehalten hätten. Sie kannten Luthers Kraft, das Bewußtsein von Frau- en zu umnebeln. Sie schossen auf sie, weil der Tod die gnädigere Alternative war. »Und wenn die Welt voll Deuwel wär, Und wollt' unsch gar werschlingen, So würchten wir unsch nicht scho scher, Escholl unsch doch gelingen.« Sie trat in die Flammen. Zwei weitere Pfeile trafen sie. Sie fiel auf Hände und Knie, als ihr Haar wie trockener Zunder auf- flammte. Sie kroch weiter, wurde schwarz. Sie kämpfte sich wieder auf die Beine, hörte nichts mehr, war geblendet, und ein brennendes Brett zerbrach unter ihr. Sie fiel rückwärts und rollte von der Brücke ins Wasser. Luther hörte auf zu singen und erhob sich. Lä- chelnd sah er zu, wie ein halbes Dutzend Freie Frau- en aus ihren Verstecken kamen und nach vorn liefen,, wobei sie die Gesichter vor der Flammenhitze und vor seiner furchtbaren Gegenwart schützten. Einige zeigten ihm Hörner, was ihn noch mehr erheiterte. Glaubten sie wirklich, das Herausstrecken von klei- nem Finger und Zeigefinger würde sie schützen? Sie fingen den Körper ihrer Schwester mit einem Seil ein und zogen ihn aufs Dock herauf. Sie lebte noch, aber das war nebensächlich. Wäre sie tot gewe- sen, hätten die anderen sie mit noch größerer Ent- schlossenheit verfolgt. Jetzt konnte sie sterben und hatte auch eine Chance, tot zu bleiben. »Gott wird euch schrafen!« rief Luther und drehte sich dann zu seinen Truppen um. »Andreasch! Jo- hannesch! Thaddäusch! Phil ... Judasch!« Fünf Zom- bies traten vor, einschließlich Philippus, dessen trü- bes Bewußtsein nicht entscheiden konnte, ob er auch aufgerufen war oder nicht. Luther schob ihn unge- duldig zurück. Es waren stets diese vier, wenn Luther etwas erledigt haben wollte, und der Grund dafür war nicht geheimnisvoll. Die übrigen acht hatten entweder ein b, m oder p im Namen, und so bildeten die Namen von zwei Dritteln seiner Jünger für Luther unaussprechliche Zungenbrecher. »Greift die Ungläuwigen an!« befahl er den Aufge- rufenen. »Zerschwettert die Schünder! ›In loderndew Feuer üwt Wergeltung an denen, die Gott nicht ken- nen und dew Ewangeliuw nicht gehorchen!‹ Erschter Theschaloniker! Einsch! Acht wisch Neun! Geht, wei- ne Jünger!« Luther beobachtete, wie sie in die Flammen mar- schierten. Sie würden es nicht überstehen, wohl aber noch einigen Schaden anrichten. Sie starrten bereits vor Pfeilen, die sie jedoch völlig ignorierten, wie sie, sich auch nicht darum kümmerten, daß sie brannten. Da sie schon tot waren, spielte es keine Rolle. Der frühere Pastor Lundquist wandte sich vom Ge- schehen ab. Er konnte keinen Schmerz mehr empfin- den und auch kaum noch so etwas wie Zweifel, aber manchmal kroch ein Gefühl in ihn hinein, unter des- sen Einfluß er im dunkeln tappte, ganz wie jemand, der blind und taub gemacht worden war und dem man alle vier Glieder amputiert hatte. Zum einen war es ärgerlich zu sehen, wie Judas in den Untergang marschierte. Dies war möglicherweise schon der zwanzigste »Judas«, den er verlor. Etwas veranlaßte ihn stets, den größten, stärksten und am wenigsten zersetzten Neuen zum Judas zu bestimmen. Er wußte nicht, was. Und da war noch etwas. So sehr er sich auch be- mühte, er konnte nicht die nebelhafteste Erinnerung daran heraufbeschwören, was ein Thessaloniker war. Es war reine Gewohnheit, die Luther auf einem Weg aus der Stadt hinaus zum alten Friedhof führte. Er hatte Glück. Sechs Begräbnisscheiterhaufen warteten darauf, angezündet zu werden, und sogar frisch umgegrabe- ne Erde war zu erkennen. Luthers Anmarsch hatte die Bestatter offensichtlich verscheucht, bevor sie die Leichen hatten in Brand stecken können. Und war es möglich, daß tatsächlich jemand begraben worden war? Die zwei Dinge, worin sich fast alle Bewohner von Bellinzona einig wurden, waren Tod und Wahnsinn. Die Wahnsinnigen blieben sich selbst überlassen, so- lange sie nicht gewalttätig wurden. Und die Toten, wurden sofort verbrannt. Angesichts des Todes herrschte Waffenstillstand und zeigte sich das einzige Beispiel von Gemeinschaftsgeist, das Bellinzona je erlebt hatte. Alle arbeiteten zusammen, um die Toten zum Friedhof zu schaffen, wo man sie durch Zere- monien beseitigte, die den Hindus vom Ganges ent- lehnt worden waren. Es war nicht immer so gewesen. In einer Stadt, wo neunzig Prozent der Bevölkerung keine Verwandten hatten, hatte man die Leichen ignoriert. Eine Leiche hatte tagelang vor sich hinfaulen können, bis sie je- mand vor lauter Ekel mit einem Fußtritt ins Wasser beförderte, damit sie versank. Aber dann waren die Leichen wieder aufgetaucht und in die Boote geklettert, um in dunklen Winkeln zu lauern. Von da an hatten die Vigilanten und die Freien Frauen Begräbnistrupps organisiert. Aber Begräbnisse hatten keine Besserung gebracht. Die Toten gruben sich wieder frei. Die Einäscherung erwies sich als einzig sichere Antwort. »Hättet ihr wloß die Feuer entschündet«, gackerte Luther. »Wringt die Leichen zu wir!« wies er seine restlichen Apostel an. Bartholomäus und Simon Petrus wühlten in der Erde herum und brachten eine zerstückelte Leiche zum Vorschein. Jemand hatte geglaubt, so das System sprengen zu können, aber Luther wußte es besser. Auch dies überstieg nicht die Macht des allmächtigen Gottes. Die Leichen waren noch recht frisch, außer einer, die etwa schon zwei Tage alt war. Eine war in weißes Tuch gewickelt: ein reicher Mann, wenn man die Stoffpreise in Bellinzona berücksichtigte. Die übrigen, waren nackt. Luther schlitzte das Tuch über dem Ge- sicht des reichen Mannes auf und wußte sofort, daß dies sein neuer Judas Ischariot war. Er steigerte sich in eine leichte Euphorie. Dies hier war nichts im Vergleich zu dem ekstatischen Ge- schmetter, das er den Freien Frauen entgegenge- schleudert hatte. Wiedererweckung war eine Routi- neangelegenheit wie die Austeilung von Hostien. So- bald er den richtigen Zustand erreicht hatte, kniete er nieder und küßte jedes Paar kalter Lippen. Beim letzten mußte er warten, bis Petrus die Einzelteile zu- sammengesetzt hatte. Schon nach wenigen Minuten öffneten die Leichen die Augen. Die Apostel halfen ihnen auf die Beine, während Luther seine Neuerwerbungen mit kriti- schem Feldwebelblick musterte. Diese schwarze Frau könnte Thaddäus sein, entschied er. Und der Chinese würde einen guten Johannes abgeben. Er verteilte die Namen ohne Rücksicht auf das frühere Geschlecht. Nach ein paar Wochen war das ohnehin nur noch verdammt schwer zu erkennen. Die sieben neuen Zombies waren schwach und un- sicher. Sie brauchten zehn bis zwanzig Revs, um ihre volle Kraft zu erlangen, der Zerstückelte noch länger. Luther gedachte, ihn in den Wald bringen zu lassen, damit er dort in Gesellschaft der beiden weiteren, die Luther nicht brauchte, blieb, bis sie schließlich ihren Weg zum Pandämonium fanden. Luther reiste stets nur in Begleitung von zwölf. Am Ufer des Flusses kniete er zum Gebet nieder. Gut oder böse – der Unterschied war nicht mehr groß. Luther konnte Haß und Wut empfinden und, eine religiöse Ekstase, die weitgehend wie Haß und Wut gleichzeitig war. Die Gelegenheit, bei der er sich am ehesten gut fühlte, im Sinn des alten Arthur Lundquist, war gegeben, wenn er mit Gott in Verbin- dung stand. Wenn er betete. Er tat es nicht häufig. Gott war eine sehr beschäf- tigte Frau und hatte es nicht gern, wenn Sie mit Tri- vialitäten belästigt wurde. Schon wenn Sie nur nicht antwortete, ging der Stich tief. Erteilte Sie ihm gar ei- nen Verweis, schmetterte ihn das zu Boden, als wäre er ein Insekt. Aber heute hörte Sie ihn und antwortete ihm. Luther erfuhr, wo das Kind sich aufhielt. Er stand auf, sammelte seine Truppen und gab ihnen die Marschbefehle. Er hoffte nur, daß diese Hurentochter Kali Tuxedo Junction nicht vor ihm erreichte.

SECHS

Cirocco war müde nach ihrem Bad im Brunnen. Es war nicht immer so gewesen. In jüngeren Jahren hatte ein Bad sie derart mit Energie geladen, daß es fast schmerzhaft gewesen war. Zwei oder drei Tage lang hatte sie nicht essen müssen. Chris sagte, für ihn sei es immer noch so. Er war ja auch erst neunundvier- zig. Cirocco jedoch mußte sich seit den letzten fünfzig Jahren oder so nach jeder Verjüngung für ein paar Stunden hinlegen. Sie tat es nicht direkt am Brunnen. Es ging hierbei um das Prinzip des Wasserloches. Feinde konnten nach Dione kommen und auch bis zum Brunnen, in, dem Wissen, daß Cirocco ihn einmal alle drei Kilorev aufsuchen mußte. Also ging sie zu einem abgelegenen See, den sie kannte, etwa fünf Meilen von Tuxedo Junction ent- fernt. Er besaß ein Ufer aus schwarzem Sand, fein wie Pulver und erwärmt von den subgäanischen Tempe- raturen. Sie streckte sich aus, legte den Kopf auf ihren Tor- nister und döste ein. Nova sah sie, als sie die Brücke erreichten. Im ersten Moment erkannte sie nicht, wer da mit dem großen haarigen Mann ankam, aber eigentlich konnte es kei- nen Zweifel geben. Robin trug lediglich Shorts, und die Tätowierungen, die ihren Körper einzigartig machten, waren sichtbar. Die Schlangen wirkten bei- nahe lebendig. Robin leuchtete in kräftigen Farben, die Nova nur von Photos ihrer Mutter als junge Frau kannte. Wenn überhaupt, leuchteten die Farben jetzt noch mehr. Goldene Flecken schienen zu glitzern, und rote und violette und grüne und gelbe schim- merten wie kostbare Juwelen. Robin sah aus wie ein kleines braunes Osterei. Braun? Nova sah noch einmal hin. Ganz sicher, Robin hatte es geschafft, zu Sonnenbräune zu kommen. Ein netter Trick in diesem Buttermilchsonnenlicht, und noch netter in Anbetracht der Tatsache, daß sie es in zwei Stunden erreicht hatte, ohne dabei zu verbrennen. Nova beobachtete weiter das äußere Ende der Brücke, aber Cirocco ließ sich nicht blicken. Sie seufzte und ging die Treppe hinunter, um Robin und Chris zu empfangen., Es war schockierend, die Veränderung aus solcher Nähe zu sehen. Robin hatte fünf Jahre abgeschüttelt. Nova hatte schon bemerkt, daß Cirocco wirklich eine sehr mächtige Hexe war, aber sie konnte kaum glau- ben, was sie hier sah. Es störte sie in gewisser Weise, daß sie nicht stolz darauf war, wie frisch und glück- lich ihre Mutter aussah. Sie hatte einfach nicht das Recht, so glücklich zu sein, wenn es Nova so elend erging! Ein Mahl wurde aufgetragen, und noch immer zeigte sich Cirocco nicht. Robin und Chris verschwanden zusammen ir- gendwohin. Nova blickte ihnen nach und eilte dann hinauf in ihr Zimmer. Nach kurzer Zeit kam sie wie- der hervor und ging in die Küche. Schlange war al- lein dort und mixte etwas in einer großen Schüssel, das wie Plätzchenteig roch. Er warf Nova einen kur- zen Blick zu und widmete sich wieder seiner Arbeit. Nova ging hinüber zu dem gewaltigen Gewürzre- gal an der Wand. Hunderte von geblasenen Glasfla- schen enthielten Blätter und Pulver und Kristalle und manche Dinge, die nach Novas Meinung am besten unbenannt blieben. Viele waren gäanischen Ur- sprungs. Das Problem bestand darin, daß sie zwar wußte, daß viele irdische Gewürze dabei waren, aber sie trugen sämtlich titanidische Beschriftung, die ins Glas graviert war. Indem sie die Stöpsel rauszog und ein paar in Fra- ge kommende Kandidaten beschnupperte, gelang es ihr, Aristolochia-Wurzeln ausfindig zu machen, dann nach weiterem Probieren auch etwas, das wie pulve- riger Kubebenextrakt duftete. Es hatte die richtige, Farbe und es schmeckte richtig. Aber dann war Nova aufgeschmissen. »Vielleicht kann ich helfen?« Sie hüpfte vor Überraschung – was keine Kleinig- keit war in der niedrigen Schwerkraft. Sie hatte so eif- rig versucht, die Existenz des Titaniden zu ignorieren, daß sie seine Anwesenheit fast vergessen hatte. »Das bezweifle ich«, sagte sie. Aus irgendeinem Grund war sie stets verlegen, wenn diese absonderli- chen Tiere redeten. Sie taten so, als wären sie menschlich, und schnitten dabei doch so kläglich ab. »Du könntest es ausprobieren«, schlug Schlange vor. »Ich habe mich gefragt, ob ... ob du auch Karda- mom hast.« »Groß oder klein?« »Was?« »Wir benutzen zwei Sorten: die größere ...« »Ja, ja, ich weiß. Die kleinere.« »Möchtest du die getrocknete Schale oder den zer- stoßenen Samen?« »Den Samen, den Samen!« Nova bedauerte jetzt, sich überhaupt auf das Gespräch eingelassen zu ha- ben. Aber Schlange reichte ihr ein Glas, und sie klopfte eine Portion auf ein Stück Papier und drehte es zusammen. Dann half Schlange ihr bei der Suche nach dem Zimt. Sie bemerkte, daß er sich fragte, was sie da zu kochen vorhatte, und daß es nicht seine Zu- stimmung fand, was es auch sein mochte. »Sonst noch etwas?« »Oh ... hast du vielleicht noch Benjamin?« Schlange schürzte pedantisch die Lippen. »Danach mußt du im Arzneischrank suchen.« Seine, Meinung von ihrem Rezept war eindeutig noch schlechter geworden. »Es wird als ›benzoin‹ be- schriftet sein. Benjamin ist eine Verbalhornung.« Er unterbrach sich und wollte anscheinend eine Frage stellen, aber Cirocco hatte ihm nahegelegt, beim Um- gang mit diesem Menschen behutsam zu sein. »Falls es von Bedeutung ist«, fuhr er fort, »es wird kein Ka- liumzyanid mehr in der Lösung sein, aber mögli- cherweise noch etwas Alkohol.« Nova wollte schon sagen, daß sie nicht die Gummi- resina meinte, sondern das Kristall, entschied sich aber dagegen. Sie eilte davon und hinauf in das Krankenzimmer, das sie bereits ausfindig gemacht und nach weiteren Zutaten heimgesucht hatte. Wieder in ihrem Zimmer, schloß sie die Tür, zog die Gardinen zu, zündete eine Kerze an und entle- digte sich ihrer Kleider. Mit gekreuzten Beinen auf dem Boden sitzend klopfte sie Portionen ihrer Neu- erwerbungen in eine kleine Metallschale, die sie als Tiegel benutzte, fügte etwas Wasser hinzu und rührte alles mit dem Finger um. Mit einer Nadel entnahm sie dem Daumen Blut und ließ es in die aromatische Mixtur tropfen, die von der Hitze der Kerze zu spru- deln begann. Sobald sie richtig kochte, zupfte sich Nova drei Schamhaare aus, versengte sie an der Ker- zenflamme und gab sie dann in den Tiegel. Ein Schuß von dem Wodka, den sie aus dem Wohnzimmerschrank geklaut hatte, brachte die Mixtur so zum Sieden, daß blaue Flammen heraus- schlugen. Nova kochte sie weiter, bis sie ein paar Körnchen graues Pulver gewonnen hatte. Sie schnupperte daran und verzog das Gesicht. Na ja, sie würde nicht viel brauchen. Sie war einen Moment, lang nervös wegen der Benzoe und der Tatsache, daß das Rezept eigentlich Pilzlikör anstelle von Wodka vorsah. Aber das, was sie vorhatte, sollte ein Sympa- thiezauber werden und keine buchstäbliche Hexerei, also sollte es wohl gelingen. Sie zupfte sich weiter Haare aus und fuhr damit so lange fort, bis sie wund war, drehte die Haare dann zusammen und verknüpfte sie zu einer winzigen goldenen Bürste. Dann zog sie sich Hemd und Hose wieder an und spähte zur Tür hinaus. Als sie sich da- von überzeugt hatte, daß sie unbeobachtet war, eilte sie den Flur entlang zu Ciroccos Zimmer. Darin benutzte sie die Bürste, um kleine Pulver- flecken auf die Bettpfosten und unter das Kopfkissen zu tupfen. Unter dem Bett zeichnete sie ein Pen- tagramm und legte ein Schamhaar in dessen Mitte. Dann zog sie sich zur Tür zurück und hinterließ alle Meter einen winzigen Tupfer. Anschließend ging sie durch den Flur, tauchte die Bürste in den Topf und zog eine Spur aus Pulverflek- ken bis zu ihrer Tür. Nachdem sie diese geschlossen hatte, mußte sie sich für einen Moment daranlehnen. Ihr Herz klopfte und ihre Wangen glühten. Sie riß sich die Kleider vom Leib und sprang ins Bett. Mit der Bürste machte sie ein Zeichen zwischen ihren Brüsten. Dann schob sie sich die Bürste zwischen die Beine und murmelte eine Beschwörung. Anschließend stellte sie den Topf an der Wand auf den Boden, wo Robin ihn nicht se- hen würde. Sie zog sich die Bettdecke bis zum Hals hoch und holte tief und bebend Luft. Sei ruhig, mein Herz! Deine Geliebte wird kom- men!, Dann sprang sie aus dem Bett und setzte sich ei- lends an den riesigen, wunderbaren Kosmetiktisch mit dem welligen Spiegel. Sie fiel über ihre Kosmeti- ka her, ohne sich darum zu kümmern, daß sich einige davon als unersetzbar erweisen könnten. Sie richtete sich mit grenzenloser Sorgfalt das Gesicht, wandte ihr bestes Parfüm an und hüpfte wieder ins Bett. Was, wenn das Parfüm den Duft des Tranks über- deckte? Was, wenn Cirocco sich nichts aus Lippenstift machte? Sie benutzte selbst keinen. Sie benutzte über- haupt keine Kosmetika und war doch die schönste Frau, die Nova je gesehen hatte. Schluchzend raste sie den Flur hinab zum Bade- zimmer. Sie schrubbte alles weg und übergab sich dann auf der Toilette. Sie machte wieder sauber, putzte sich die Zähne und eilte zurück ins Bett. Es mußte Liebe sein; was sonst konnte so weh tun? Sie weinte, sie stöhnte, sie riß die Bettlaken in Fet- zen, und Cirocco kam immer noch nicht. Endlich weinte sich Nova in den Schlaf.

SIEBEN

Im Traum öffnete Cirocco die Augen. Sie lag rücklings auf dem feinen schwarzen Sand. Der Kopf ruhte auf dem Tornister. Der Sand war völ- lig trocken, und das galt auch für ihren Körper. Sie breitete die Arme aus und grub die Finger in den Sand, streckte die Zehen und spürte dabei die Bewe- gung des Sandes unter den Fersen, bewegte Schultern und Hüften in langsamen, sinnlichen Kreisen, die die, ciroccoförmige Vertiefung im Sand ein paar Zenti- meter tiefer machten. Sie atmete lang aus und ent- spannte sich vollkommen. Sie war sich jedes Muskels und jedes Knochens bewußt. Ihre Haut war straff gespannt, und jedes Nervenende wartete darauf, daß sich die seltsame Empfindung wiederholte. Das geschah nach einer zeitlosen Traumzeit. Eine kleine Hand rieb an ihrem linken Bein, von der Fuß- spitze bis zum Knie und wieder zurück. Sie konnte es ganz deutlich spüren. Vier Finger, ein Daumen, der Handballen. Der Druck war nicht fest, nicht massie- rend, aber auch nicht wie die Berührung einer Feder. Cirocco verfolgte es ohne Beunruhigung, in der Art mancher Träume. Sie erkannte die winzigen Verän- derungen im Gewebe ihrer Haut, wo sich die Hand bewegte. Ihre Brustwarzen wurden hart. Sie schloß die Au- gen (es war nicht vollständig dunkel hinter den Au- genlidern), drückte den Kopf nach hinten an den Tornister, hob die Schultern vom Sand und wölbte den Rücken. Die Hand fuhr ihren Oberschenkel hin- auf und eine weitere bedeckte eine Brust, fuhr mit sanften Fingerspitzen um deren Wölbung und mit dem Daumen über die runzelige Warze. Cirocco seufzte und sank entspannt zurück auf den nachgie- bigen Sand. Sie öffnete wieder die Augen. Im Traum. Die Landschaft war dunkler geworden. In einem Land niemals wechselnden Lichtes fuhr die Dunkel- heit über den stillen See hinweg. Cirocco stöhnte. Die Beine fühlten sich schwer an, wie angeschwollen; sie öffnete sie, bot sich dem dunkler werdenden Himmel, an. Ihre Hüften schienen direkt aus dem Boden zu wachsen; sie hob sie in der primitivsten aller Gesten und entspannte sich dann wieder. Zwei kleine Fußabdrücke tauchten zwischen ihren Beinen im Sand auf; erst einer, dann der andere. Dann der Abdruck von Knien. Der Sand erwärmte sich, nahm die Form von Beinen an, machte Platz für eine Hüfte, als das Phantom sich hinkniete und ver- schob. Beide Hände lagen auf Ciroccos Oberschen- keln und fuhren sanft auf und ab. Cirocco schloß erneut die Augen und konnte sofort besser sehen. Geisterhafte Abbildungen des Sees, des gegenüberliegenden Ufers und des Himmels pul- sierten an der Innenseite der Lider. Sie richtete sich auf die Ellbogen auf und ließ den Kopf zurückfallen. Durch die dünne Haut sah sie die Bäume auf einen Punkt am Himmel zusammenlaufen. Der Himmel hatte die Farbe von Blut. Sie zog die Beine an und öffnete die Knie. Sie schnappte nach Luft, als die Hände sie abtasteten. Sie hielt die Augen geschlossen und hob den Kopf. Wenn sie geradeaus blickte, konnte sie nichts ande- res sehen als das Pochen ihres Pulses und die aufblit- zenden amorphen Eindrücke der eigenen Netzhäute. Aber wenn sie zur Seite blickte – wobei sie sorgsam darauf achtete, daß die Augen geschlossen blieben –, wurde eine Gestalt erkennbar, die zwischen ihren ge- spreizten Beinen kniete. Es war eine kubistische Ge- stalt, ein überlagertes Etwas mit Tiefen, die Ciroccos periphere Traumvision nicht erreichen konnte. Es war ein Etwas aus farbigem Rauch, von den Strahlen des Mondlichtes zusammengehalten. Cirocco wußte, wer es war, und hatte keine Angst., Im Traum öffnete sie die Augen zu einer fast voll- ständigen Dunkelheit. Da kniete der Schatten. Sie spürte, wie die Hände an ihren Schenkeln hinabfuhren und die Finger auf ihrem Bauch spreizten, sah das Gesicht ihrer gläser- nen Liebhaberin herabkommen, spürte die streifende Berührung durch langes Haar und den Kitzel eines warmen Atems, den zärtlichen Kuß, die begehrliche Öffnung von Mund und Vulva, den Eintritt der Zun- ge, das Herumgleiten der Hände, um ihre Hinterbak- ken zu umklammern und sie vom nachgiebigen Sand abzuheben. Für einen Moment war Cirocco wie erstarrt. Sie warf den Kopf zurück, den Mund geöffnet, konnte aber keinen Laut hervorbringen. Als sie endlich schluchzen und ihren Atem wieder loslassen konnte, verwandelte er sich in ein Stöhnen, das in einem ge- flüsterten Wort verklang. »... Gaby ...!« Es war vollkommen dunkel. Cirocco griff nach un- ten und fuhr mit den Händen durch dichtes Haar, an Gabys Hals entlang und über ihre Schultern. Sie drückte die kleinere Frau mit den Beinen, und Gaby küßte sie auf den Bauch, auf Brüste und Hals. Cirocco spürte die vertrauten schweren Brüste über sich hin- weggleiten und den Druck des wundervollen Ge- wichtes auf dem eigenen Körper. Mit den Händen er- forschte sie die unmögliche Festigkeit von Gabys Körper. Sie hörte Gabys Atem dicht an ihrem Ohr und roch den besonderen Duftkomplex, den sie als den Gabys kannte. Sie weinte. Im Traum schloß Cirocco wieder die Augen. Sie sah Tränen in Gabys Augen und ein Lächeln, auf ihren Lippen. Sie küßten sich. Gabys nacht- schwarzes Haar bedeckte ihre beiden Gesichter. Cirocco öffnete die Augen. Es wurde heller. Gaby lag immer noch auf ihr. Sie tauschten bedeutungslose Laute aus, während sich ein fahles Dämmerlicht über die Landschaft stahl. Cirocco sah das geliebte Gesicht und küßte es. Gaby lachte leise. Dann stützte sie die Hände auf den Sand und erhob sich auf die Knie, um rittlings auf Cirocco zu sitzen. Sie streckte die Hand aus, stand auf und zog Cirocco mit. Der Boden klebte wie Fliegenpapier, und Cirocco mußte feste ziehen, um hochzukommen. Als sie schließlich stand, drehte Gaby sie um und deutete nach unten. Cirocco sah den eigenen Körper reglos im Sand liegen. »Bin ich tot?« fragte sie. Die Frage kam ihr nicht wichtig vor. »Nein, meine Geliebte. Ich bin nicht der Todesen- gel. Komm mit mir!« Gaby legte einen Arm um Ci- rocco, und sie gingen zusammen den Strand hinauf. Im Traum sprachen sie miteinander. Sie gebrauch- ten dabei keine ganzen Sätze. Ein Wort hier und da genügte. Alte Wunden und alte Freuden wurden wieder zum Vorschein gebracht, zum gelben Himmel von Iapetus emporgehalten, beweint und belacht und wieder sorgfältig verstaut. Sie sprachen von Ereignis- sen, die ein Jahrhundert zurücklagen, aber sie er- wähnten nichts aus den letzten zwanzig Jahren. Diese beiden Jahrzehnte existierten nicht für die alten Freundinnen. Schließlich war es für Gaby Zeit zu gehen. Cirocco sah, daß Gabys Füße den Sand nicht mehr berührten. Sie versuchte sie festzuhalten, aber die kleinere Frau schwebte weiter zum Himmel hinauf, und alle Bewe-, gungen Ciroccos waren traumtypisch zu langsam und zu wenig wirkungsvoll, um es zu verhindern. Es war traurig. Cirocco weinte eine Zeitlang, nachdem Gaby verschwunden war, während sie dort im wie- derhergestellten Licht stand. Zeit zum Aufwachen, dachte sie. Als nichts geschah, blickte sie zum Strand hinab. Zwei Reihen Fußabdrücke führten zu der Stelle, wo sie jetzt müde und entmutigt stand. Sie schloß die Augen und ohrfeigte sich. Dann öff- nete sie die Augen wieder und mußte feststellen, daß ihre Situation unverändert war. Also machte sie sich auf den Rückweg und folgte dabei dem Rand der Wasserfläche. Sie beobachtete im Gehen ihre nackten Füße. Sie machten neue Abdrücke neben den beiden Spuren in Gegenrichtung. Where the Woozle Wasn't, dachte sie und konnte sich nicht erinnern, woher das stammte. Du wirst senil, Cirocco. Ihr Körper lag ein kleines Stück vom Wasser ent- fernt, oben, wo der Sand trocken war und feinkörnig genug, um Sanduhren damit zu füllen. Er lag mit dem Kopf auf dem Tornister, die Hände auf dem Bauch gefaltet, die Beine ausgestreckt und an den Knöcheln überkreuzt. Sie kniete neben ihm nieder. Er atmete langsam und regelmäßig. Sie wandte den Blick vom Körper ab und richtete ihn ... hinab auf sich selbst. Auf den Körper, in dem sie lebte. Er war ihr völlig vertraut. Sie berührte sich, rieb die Hände aneinander, streckte eine Hand aus und versuchte hindurchzublicken, konnte es aber nicht. Sie kniff in den Oberschenkel und beobachtete, wie die Haut rot wurde., Nach einer Weile streckte sie die Hand aus und be- rührte einen Unterarm. Der Körper war etwas anderes, nicht sie selbst. Es war eine alltägliche Dichotomie. Was, wenn der Körper sich aufsetzte und reden wollte? Es war eindeutig Zeit aufzuwachen, entschied sie. Oder schlafenzugehen. Sie erforschte ein Jahrhundert Lebenserfahrung sowohl vom Standpunkt des Bauches als auch dem des Kopfes aus und fand eine nonverbale Vorstel- lung, die ihren Hinterkopf kitzelte. Es war nutzlos, die Überlegung zu Ende zu führen. Manchmal war das in Gäa die einzige Möglichkeit, das Leben zu be- wältigen. Dinge geschahen hier, und nicht alles war zu erklären. Cirocco erlaubte es ihren Instinkten, das Komman- do zu übernehmen. Ohne nachzudenken schloß sie die Augen und fiel nach vorn, drehte sich im Fallen. Sie spürte kurz die Berührung durch die Haut des anderen, eine sonderbare, aber nicht unangenehme Empfindung von Ganzheit – ähnlich dem Gefühl der Schwangerschaft –, und rollte über den Sand hinweg. Sie öffnete die Augen, setzte sich auf und stellte fest, daß sie allein war. Die Spuren im Sand waren immer noch da. Zwei führten weg, eine kam zurück. Auf Händen und Knien kroch sie zum festeren, feuchteren Sand näher an der Wasserfläche. Sie suchte sich einen der kleineren Abdrücke aus – hoch gewölbt, fünf Zehen klar zu erkennen und eingegra- ben – und fuhr mit den Fingerspitzen leicht durch die Vertiefungen. Sie kroch zum nächsten Abdruck wei- ter und beugte sich hinab, bis sie ihn fast mit der Na-, se berührte. Sie konnte Gaby ganz deutlich riechen. Die Abdrücke der größeren Füße hatten überhaupt keinen Geruch. Das war bei ihren eigenen Fußab- drücken immer so. Ciroccos Geruchssinn, obwohl übermenschlich scharf, konnte die eigene Fährte nicht vom stets vorhandenen Duft ihrer selbst unterschei- den. Sie hätte vielleicht länger darüber nachgedacht, aber auf einmal roch sie etwas anderes, noch ziemlich weit entfernt, aber nicht zu verkennen. Sie packte ih- ren Tornister und rannte mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Tuxedo Junction.

ACHT

Robin schwatzte ungefähr eine Rev lang weiter. Chris hatte damit gerechnet, und es machte ihm nichts aus. Die kleine Hexe schwamm auf dem Kamm einer Verjüngungswoge. Teilweise hatte das chemi- sche Ursachen und war das Ergebnis geheimnisvoller Verbindungen, die immer noch durch ihr Blut wog- ten, sich den Weg in jede Zelle bahnten und dort ihre Veränderungen herbeiführten. Teilweise lag es aber auch an psychologischen Gründen, die völlig ver- ständlich waren. Robin sah fünf Jahre jünger aus, aber sie fühlte sich besser als in den letzten zehn Jah- ren. Das Ergebnis ähnelte dem von Amphetaminen oder einer manisch-depressiven Psychose. Die Höhen waren des Himalaya würdig und fast unerträglich, die Tiefen scharf, aber gnädig kurz. Chris erinnerte sich gut daran., Für ihn war es nicht mehr so erregend. Wenn er den Brunnen besuchte, fühlte er sich noch genauso- gut wie früher, aber das Gefühl war nicht beständig und wurde innerhalb weniger Rev von Schmerzen abgelöst. Diese begannen entlang des Rückgrates und an den Seiten des Kopfes. Sie machten ihm nichts aus; es waren nur Wachstumsschmerzen. Robin zwitscherte den größten Teil ihrer Lebensge- schichte hervor, konnte sich einfach nicht hinsetzen und marschierte in dem fünfseitigen Raum auf und ab, den er mit kupfernen Andenken an sie ausgestat- tet hatte. Chris saß nur am Tisch in der Mitte des Zimmers, nickte an den richtigen Stellen und gab zu- rückhaltende Antworten, wo es ihm höflich vorkam, und er konzentrierte sich auf die einsame Kerze vor sich. Endlich lief Robin ab. Sie setzte sich auf den hohen Schemel Chris gegenüber und stützte die Ellbogen auf den Tisch, betrachtete dann die Kerze mit Augen, die stärker leuchteten als die Flamme. Langsam wur- de Robins Atem wieder ruhiger, und sie wandte die Augen von der Kerze zu Chris. Es war, als bemerkte sie ihn zum ersten Mal. Sie unternahm mehrere Anläufe, um etwas zu sagen, und hatte schließlich Erfolg. »Entschuldige«, sagte sie. »Unnötig. Es ist erfrischend, jemanden zu sehen, der so überschwenglich ist. Und da du sonst dazu neigst, schweigsam zu sein, sind mir eine Menge Fra- gen erspart geblieben.« »Große Mutter, ich habe wohl gequasselt, wie? Ich konnte anscheinend einfach nicht aufhören; ich mußte dir erzählen ...«, »Ich weiß, ich weiß.« »Chris, es ist so ... so wunderbar!« Sie blickte auf ih- ren Arm und die Tätowierung, die leuchtend darauf hervortrat. Zum hundertsten Mal rieb sie ungläubig an der Haut, und ihr Gesicht zeigte dabei den kleinen Rest der Angst, sie könne es abreiben. Chris langte nach der dicken Kerze und rollte sie schlechtgelaunt an ihrem Fuß herum, beobachtete dabei, wie das Wachs an den Seiten herabtropfte. »Es ist wunderbar«, stimmte er zu. »Der Brunnen gehört zu den wenigen Orten, die Gäa nicht zugäng- lich sind. Wenn man dorthingeht, erkennt man, daß dies vor langer Zeit eine verdammt schöne Welt ge- wesen sein muß.« Robin legte den Kopf schräg und betrachtete Chris. Er konnte den Blick nicht erwidern. »Okay«, sagte sie. »Du hast mich hergebeten, um etwas zu besprechen. Du erwähntest einen Vorschlag. Möchtest du mir sagen, worum es dabei geht?« Er betrachtete jetzt wieder mit finsterem Blick die Kerze. Er wußte, daß Robin Direktheit schätzte und ungeduldig werden würde, wenn sie spürte, daß er Zeit schinden wollte, aber er war nicht in der Lage, mit der Sache herauszurücken. »Was hast du für Pläne, Robin?« »Was meinst du damit?« »Wo willst du bleiben? Was willst du tun?« Sie sah überrascht aus und blickte dann erneut rasch durch das verrückte Zimmer, das er gebaut hatte. »Ich fürchte, darüber habe ich mir noch keine Ge- danken gemacht. Dieser eine Mann, Conal, sagte, es wäre in Ordnung, wenn ich eine Zeitlang hierbliebe, also ...«, »Das ist kein Problem, Robin. Dieses Haus gehört all meinen Freunden. Ich würde mich sehr freuen, wenn du es auch zu deinem Haus machtest. Für im- mer.« Sie blickte ihn dankbar an, aber auch mit einem Hauch Argwohn. »Ich weiß das zu schätzen, Chris. Es wird mir gut- tun, ein wenig zu bleiben und die Möglichkeiten zu klären.« Er seufzte und blickte sie dann über den Tisch hinweg direkt an. »Ich möchte dich geradeheraus fra- gen. Ich hoffe, du denkst erst darüber nach, bevor du antwortest. Und ich hoffe, daß du ehrlich bist.« »In Ordnung. Schieß los!« »Ich will Adam.« Ihr Gesicht erstarrte. Für eine geraume Weile be- wegte sie keinen Muskel. »Was empfindest du gerade jetzt?« fragte Chris. »Zorn«, entgegnete sie tonlos. »Unmittelbar davor. Unmittelbar, bevor du es un- terdrückt hast.« »Freude«, sagte sie und stand auf. Sie ging hinüber zu der Kupferdarstellung von ihr an der gegenüberliegenden Wand und fuhr langsam mit der Hand darüber. Dann wandte sie sich wieder zu Chris um. »Meinst du, ich wäre eine schlechte Mutter?« »Ich habe dich seit zwanzig Jahren nicht gesehen. Ich weiß es nicht. Aber ich sehe Nova, und ich weiß, daß du für sie eine gute Mutter bist.« »Meinst du, ich wäre eine gute Mutter für Adam?« »Ich denke, daß du es versuchst und es dich zer- reißt.«, Sie kam zurück an den Tisch, zog den Stuhl davon weg und kletterte wieder hinauf. Sie verschränkte die Hände auf dem Tisch und betrachtete Chris. »Du bist gut, aber nicht vollkommen, Chris. Ich ha- be dir erzählt, daß ich ihn bei seiner Geburt fast um- gebracht habe. Vielleicht ist das für dich schwer zu verstehen. Falls ich ihn umgebracht hätte ... würde ich mich nicht als Mörderin fühlen. Es wäre das richtige gewesen. Ihn am Leben zu lassen hat mich ruiniert, politisch, sozial ... in einfach jeder Hinsicht. Ich bitte dich, mir zu glauben, daß diese Dinge nicht zu mei- ner Entscheidung beigetragen haben.« »Ich glaube es. Die Meinungen anderer Leute wa- ren nie sehr wichtig für dich.« Sie strahlte ihn an und sah für einen Moment aus wie neunzehn. »Danke. Eine Zeitlang waren ihre Ansichten sehr wichtig. Du hättest mich nicht wiedererkannt. Aber als er aus meinem Körper heraus an die Luft kam, habe ich mir intensiv Gedanken über mich gemacht. Ich tue es immer noch.« »Liebst du ihn?« »Nein. Ich empfinde eine große Zuneigung für ihn. Ich wäre bereit zu sterben, um ihn zu schützen. Mei- ne Gefühle für ihn ... Chris, mit ›zwiespältig‹ wären sie nur unzulänglich beschrieben. Vielleicht liebe ich ihn wirklich.« Sie seufzte wieder. »Aber Adam zer- reißt mich nicht. Ich habe Frieden mit ihm geschlos- sen und mit unserer gemeinsamen Bestimmung, und ich werde eine gute Mutter sein.« »Ich habe nie daran gezweifelt.« Sie betrachtete ihn finster und fuhr sich mit der Hand durchs Haar., »Dann verstehe ich dich nicht.« »Robin, ich hatte nie vor, ihn zu retten, weil ich mir nie vorstellen konnte, daß er darauf angewiesen ist.« Sein Gesicht verdüsterte sich für einen Moment. »Ich gebe zu, daß ich mir um Nova Sorgen mache.« »Sie hat ihn beinahe selbst umgebracht.« »Das überrascht mich nicht. Sie ist dem sehr ähn- lich, wie du in ihrem Alter warst.« »Ich war fieser. Der Unterschied zwischen mir und ihr liegt darin, daß ich es geschafft hätte, ihn zu töten, und ihr es nicht gelang. Und der Grund, warum es ihr nicht gelang, ist darin zu suchen, daß sie es ei- gentlich gar nicht wollte. Sie wählte einen Zeitpunkt, an dem ich sie ertappen mußte. Sie brachte ihren Schmerz zum Ausdruck und probierte gleichzeitig, ob ich sie wirklich aufhalten würde.« »Denkst du, daß er jetzt vor ihr sicher ist?« »Vollkommen. Sie hat mir ihr Wort gegeben. Und erinnerst du dich noch, wie wichtig mir ein Eid war? Nun, im Vergleich zu ihr war ich eindeutig lasch.« Sie schob die Kerze vom Mittelpunkt des Tisches an die Seite. »Vielleicht könntest du mir sagen, warum du ihn immer noch willst.« »Weil ich sein Vater bin.« Er holte tief Luft. »Ich tappe im dunklen. Ich weiß nichts über das Famili- enleben im Koven. Ich weiß nicht, wie es funktioniert, wenn nur Frauen da sind. Heiratet ihr? Hat das Kind zwei Eltern?« Robin überlegte eine Zeitlang und schnitt dann ei- ne Grimasse. »Ich habe vor langer Zeit mit Gaby über einige die- ser Dinge gesprochen, und sie erzählte mir von hete- rosexuellen Gebräuchen. Ich entschied schließlich,, daß die beiden Lebensweisen nicht sehr verschieden sind. Ungefähr dreißig oder vierzig Prozent von uns binden sich zu Paaren und haben damit Erfolg. Die meisten anderen versuchen, eine lebenslängliche Ver- pflichtung einzugehen, aber sie fällt nach wenigen Jahren auseinander. Etwa zehn Prozent trennen sexu- elles und Familienleben vollständig, haben zufällige oder serienweise Geliebte und belassen es dabei.« »Einzelne Eltern«, sagte Chris. »Dort, wo ich auf- gewachsen bin, lag die Scheidungsrate bei etwa fünf- undsiebzig Prozent. Aber ich spreche von meiner Er- ziehung, meinen Gefühlen davon ... was richtig und falsch ist. Und die sagen mir, daß ein Vater Verant- wortung für seine Kinder hat.« »Wie steht es mit Nova? Sie ist auch von dir.« »Ich habe befürchtet, daß du mich danach fragen würdest. Sie ist kein Kind mehr, aber trotzdem noch ein Teil von mir, und ich werde sie richtig behan- deln.« Robin lachte. »Du solltest nicht so fest mit den Zähnen knir- schen«, meinte sie. »Sonst frage ich mich, ob du es ehrlich meinst.« »Es wird nicht leicht sein, das gebe ich zu.« »Mach dir keine Sorgen! Sie hat viele Seiten, aber sie leicht gern zu haben, gehört nicht dazu. Aber ver- gessen wir das einmal für eine Minute, und stellen wir auch die Vorstellung zurück, ›zu tun, was richtig für Nova ist‹, worin das auch bestehen mag ... du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du Adam willst. Nur deshalb, weil du sein Vater bist?« Chris breitete die Hände aus und betrachtete sie, wie sie da auf dem Tisch lagen – groß, rauh von der, Arbeit und nutzlos. »Ich weiß nicht, ob ich es überhaupt erklären kann.« Er bemerkte, daß er kurz davor stand zu wei- nen. »Ich habe mir Sorgen gemacht ... Ich habe ... Zweifel.« Er deutete auf seine Ohren, die weitgehend im langen Haar verborgen waren. Sie waren lang und spitz. »Ich verändere mich. Ich habe darum gebeten und ich wollte es – glaube ich. Es ist ein wenig spät, um es mir anders zu überlegen. Ich und Valiha ... o Gott, ich kann jetzt nicht darüber reden. Ich kann es dir jetzt nicht erklären.« Er legte das Gesicht in die Hände und weinte. An- scheinend gab es keine Möglichkeit, ihr die Sache verständlich zu machen. Er wußte nicht, wie lange er weinte. Als er auf- blickte, betrachtete sie ihn immer noch neugierig. Sie lächelte leicht, wollte ihn wahrscheinlich damit beru- higen. Er wischte sich die Augen. »Ich fühle mich betrogen. Ich fand Schlange, und ich liebe ihn sehr. Ich liebe Titaniden. Eines Tages werde ich einer sein.« »Wann?« »Da liegen zum Teil meine Zweifel begründet. Der Vorgang ist geheimnisvoll. Er dauert lange, und er wird mittlerweile schmerzhaft. Ich nehme an, ich könnte jetzt aufhören und für immer auf halbem Weg zwischen Mensch und Titanide festsitzen. Schau, Robin, Titaniden sind nicht menschlich ... Sie sind gleichzeitig besser und schlechter, uns ähn- lich und von uns verschieden, aber sie sind nicht menschlich. Neunundneunzig Prozent von mir wol- len einer sein, damit ... damit ich nicht mehr so ver- letzend sein kann, wie ich es vor so langer Zeit war., Damit ich Valiha verstehen kann, damit ich ihr erklä- ren kann, warum ich mich damals so verhielt. Aber dieses quälende eine Prozent steht Todesängste aus, wenn es aufhören soll, Mensch zu sein.« »Also bist du es, der zerrissen wird!« »Ich schätze, damit ist es zusammengefaßt.« »Er ist dein Bindeglied zum Menschsein.« »Ja. Und ich bin sein Vater, egal auf welch krumme Weise.« Robin stand auf und ging erneut hinüber zur Wand. Chris nahm die Kerze und folgte ihr, hielt sie dort hoch, als Robin sanft das gehämmerte Kupfer berührte. »Das gefällt mir«, sagte Robin. »Danke.« »Zuerst hatte ich es nicht geglaubt, aber es gewinnt Macht über einen.« Sanft folgte sie mit den Fingern dem Umriß der Kupfer-Robin und umfuhr dann den schwangeren Bauch. Sie drehte sich zu Chris um. »Warum hast du mich als schwanger dargestellt?« »Ich weiß nicht. Es war keine bewußte Entschei- dung.« »Und du hast etwas weggelassen ...« Sie legte sich die Hände auf den Unterleib, auf die Stelle, wo sie ei- ne scheußliche Tätowierung gehabt hatte, eine mon- ströse, trotzige und verzweifelte Zeichnung, die sich ein stolzes Kind auf den Körper gekrakelt hatte. Der Brunnen hatte sie entfernt, als hätte sie nie existiert. »Dann nimm ihn!« sagte Robin. Für einen Moment traute Chris seinen Ohren nicht. »Danke«, sagte er dann. »Du machst ein Gesicht, als hättest du nicht damit gerechnet, mich zu überzeugen.«, »Das hatte ich auch nicht. Wieso hast du deine Meinung geändert?« Amüsiert kräuselte sie einen Mundwinkel. »Du hast wirklich eine Menge von mir vergessen! Ich traf meine Entscheidung eine halbe Sekunde, nachdem du deine Frage gestellt hast. Dann mußte ich nur noch deine Gründe erfahren, um mich zu überzeugen, daß ich nicht nur einen leichten Ausweg suchte.« Chris war so erleichtert, daß er sie hochhob und küßte, so mühelos, als hätte er es mit einem Kind zu tun, während sie lachte und tat, als wehre sie sich. Sie lachten immer noch, als sie den Schrei hörten. Er überging das Wachbewußtsein von Chris und löste direkt etwas Tieferes aus, eine Reflexhandlung, und er sprintete schon zur Tür, lange bevor er wußte, wer da geschrien hatte.

NEUN

Rocky und Valiha waren zwei Kilometer von Tuxedo Junction entfernt auf einem der wenigen flachen und offenen Stücke Land in dieser Gegend, und sie zogen einen Pflug, ganz wie Zugtiere, die sie jedoch ein- deutig nicht waren. Der Vergleich hätte sie nicht be- kümmert. Ein titanidischer Bauer ging einfach vor seinem Pflug, nicht dahinter. Titaniden waren stets ehrlich und fair – im Sinn ei- nes fairen Handels. Sie bezahlten ihre Schulden. Sie dachten nie daran, Unterkunft oder Nahrung anzu- nehmen, ohne etwas dafür zu geben. Sie verstanden, sich auch darauf, die Zahlung einer Schuld mit be- rechtigtem Selbstinteresse zu verbinden. Rocky und Valiha besuchten gerne die Junction, wohnten gerne bei Chris in seinem phantasievollen Baumhaus, und sie liebten gutes Essen. Manche Pflanzen gediehen nicht im gäanischen Dschungel, sondern lediglich im Licht, auf flachen Böden und ohne Konkurrenten. Daher das Pflügen. Chris hätte es nicht selbst tun können, und sobald es vollbracht war, konnte er mehr Feldfrüchte ziehen und eine bessere Tafel her- richten. So balancierte sich alles hübsch aus. Sie hatten etwa zwei Morgen fertig. Die frisch um- gepflügte Erde roch angenehm für Rocky. Es war schön, sich anzustrengen, die eigenen Hufe zu spü- ren, wie sie sich in den Boden gruben, das Knarren des Geschirrs zu hören, zu sehen, wie die fruchtbare braune Erde durch die subgäanische Wärme dampfte. Es war schön, sich Hintern an Hintern mit Valiha zu reiben. Gelb war schon immer eine seiner Lieblings- farben gewesen, und die Madrigals waren stets gelb. Er kannte sie noch nicht lange. Das heißt, von ihr gewußt hatte er fast seit seiner Geburt, da sie diese schreckliche Reise mit dem Captain gemacht hatte, von der Legenden und Lieder erzählten. Er kannte ih- ren Sohn Schlange seit vielen Myriarev. Als Freundin hatte er Valiha jedoch erst vor ungefähr sieben Kilo- rev kennengelernt. Im Verlauf der letzten Kilorev hatte er sich in sie verliebt. Das überraschte ihn. Titaniden konnten ebenso schrullig sein wie andere intelligente Arten, und Rocky hatte etwas gegen Äolische Solos. Er neigte dazu, sie nicht zu mögen. Er wußte, daß das unlogisch war, da schließlich das einzelne Elternteil, des Solos die Ichbezogenheit besaß, um sich die Ge- burt einer genetisch identischen Kopie seiner selbst zu wünschen, ohne jede Hilfe von anderen Titaniden. Das Kind war so unschuldig wie alle Kinder ... und doch, wenn es eine Kopie war, erlaubte es die Ver- nunft, ihm die Ichbezogenheit der Mutter zu unter- stellen. Valiha war ein Äolisches Solo. Sie erreichten das Ende einer Reihe. Beide waren sie angenehm müde und ein wenig verschwitzt. Vali- ha griff nach den Schnallen ihres Geschirrs, also folgte Rocky ihrem Beispiel. Sie machten sich von dem Pflug frei, und Valiha trottete ein paar Schritte vorwärts, drehte sich dann mit angehobenem Schwanz um und kam zurück neben Rocky, jedoch in der anderen Richtung stehend. Sie beugte sich hin- über und griff unter ihn, um den vorstehenden Fleischwulst zu drücken, in dem sein Vorderpenis steckte. »Ich bin scharf auf dich«, sang sie. »Möchtest du mich besteigen?« »Hört sich gut an«, sang er, ging um sie herum und stellte sich hinter ihr auf. Mit ihrem Lied hatten sie eigentlich viel mehr ge- sagt, aber Titanidengesang war noch nie leicht zu übersetzen gewesen. Valiha hatte ihren aus vier No- ten bestehenden Satz in eine derbe Tonart gesetzt. Aber die Art, wie sie ging, gehörte auch dazu, und der Satz drückte auch die Vorstellung aus, daß Rocky sie bestieg und nicht umgekehrt. Rockys Antwort war auch nicht nur einfach zustimmend. In gewisser Hin- sicht waren der ganze Austausch und die nachfol- genden Bewegungen so formalisiert wie eine Dressur., Valiha stellte ihre Hinterbeine weiter auseinander und senkte das Hinterteil etwas. Rocky stieg mit den Vorderbeinen auf ihren Rücken, umfaßte sie und drang in sie ein. Er umarmte ihren Rumpf von hinten, und sie langte hinter sich, um seine Vorderbeine fest- zuhalten. Dann drehte sie den Kopf ganz um und sie küßten sich, und dann buckelten und bumsten sie fröhlich und herzhaft zwei Minuten lang, bis sie bei- de ihren vorderen Orgasmus erreichten. Das geschah aus soliden neurologischen Gründen, die in der Be- schaffenheit der Titaniden lagen, stets gleichzeitig. Rocky ruhte sich in dieser Position noch kurz aus, seine Brüste fest an Valihas starken Rücken gedrückt, und löste sich dann aus ihr. Sie fragte, ob sie ihm einen ähnlichen Dienst erwei- sen könne, und er lehnte ab, nicht, weil es ihm nicht gefallen hätte, bestiegen zu werden – er wollte das sehr –, sondern weil er ernste und intime Gedanken hegte. Und so tänzelte er vor sie, bäumte sich hoch auf die Hinterbeine auf und stand ihr dann von Angesicht zu Angesicht gegenüber, nur wenige Zoll von ihr ent- fernt. Sie lächelte ihn an, legte ihm einen Arm über die Schulter und drehte ihren Kopf leicht, um ihn zu küssen, bemerkte dann seine frontale Erektion. Sie sah überrascht aus, wich aber nicht zurück. »Sir, ich kenne euch kaum«, sang sie in der forma- len Tonart. »Erst seit kurzem«, pflichtete er ihr bei. »Aber eine Liebe, die so stark ist wie meine, entsteht manchmal schnell, ganz in der Art derer, Die-auf-zwei-Beinen- gehen. Falls Sie gestattet, möchte ich meiner Lady ei- ne frontale Vereinigung vorschlagen.«, »Dann tragt sie vor.« »Ein Trio. Ich selbst die Hintermutter. Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber ich war noch nie Hintermutter.« »Ihr seid noch jung.« »Das ist wahr.« »Mixolydisch?« »Lydisch. Und Schlange als Hintervater.« Sie senkte nachdenklich den Blick. »Erhöht?« sang sie. »Ja.« Das, was er skizziert hatte, war ein Erhöhtes Lydi- sches Trio, einer der gebräuchlichsten unter den neunundzwanzig Varianten. Er und Valiha würden frontalen Geschlechtsverkehr vollziehen, um ein halb befruchtetes Ei zu produzieren: Rocky als Vorderva- ter, Valiha als Vordermutter. Das Ei würde dann von Cirocco Jones aktiviert und in Rockys Mutterschoß implantiert werden, damit es Schlange voll befruch- tete: Rocky als Hintermutter, Schlange als Hinterva- ter. Rocky bemerkte, daß Valiha sich die Sache zu- sammenreimte. Die Genetik war bei Titaniden so sehr ein Instinkt, wie sie für Menschen unwägbar war. Er wußte, daß Valiha in seinem Vorschlag keinen Fehler finden würde, obwohl die Tatsache, daß Valiha Schlanges Hintermutter war, der Sache für Menschen einen inzestuösen Anstrich gab. Aber Inzest war für die Titaniden nur in speziellen und begrenzten Fällen ein genetisches Problem – und moralisch war es überhaupt keines. »Es ist eine gute Paarung«, sang sie schließlich. »Sie erfordert reifliche Überlegung.«, »Wie Sie es für richtig hält.« »Es liegt nicht an Euch, Sir«, begann sie und fiel dann zurück in eine weniger formelle Tonart. »Ver- dammt, Rocky, ich liebe dich auch, und du bist ein bewundernswerter Bursche, aber die Zeiten machen mir Sorgen.« »Ich weiß, Valiha, die Welt dreht sich ungünstig.« »Ich weiß nicht, ob wir Kinder in eine solche Welt setzen sollten.« »Zur Zeit Eurer eigenen Hintermutter, lagen wir da nicht im Krieg mit den Engeln?« Sie nickte und wischte sich eine Träne weg. Sie zwang sich zu lächeln. »Ich weiß. Und es wird Schlange gefallen. Habt Ihr schon mit ihm darüber gesprochen?« »Keine andere Seele weiß davon.« »Dann bitte ich Euch, haltet es in Eurem Herzen verschlossen, bis die Welt sich weitere tausend Mal gedreht hat. Dann werdet Ihr Eure Antwort erhal- ten.« Sie küßten sich und hörten, wie Schlange in vollem Galopp aus dem Dschungel kam. Unter seinen Hufen spritzte Erde weg, als er über das gepflügte Feld donnerte. »Ich dachte schon, daß ihr zwei pflügen würdet!« sang er. »Ich fühlte mich so schuldig, weil ich zu Hause blieb und meine einzige Last dieses wilde Menschenkind war, während ihr wie gewöhnliche Landarbeiter schuftet. Also habe ich mich beeilt, um euch zu finden ...« Er unterbrach sich, stemmte alle vier Hufe in den Boden und stand für zwei lange Sekunden vollkom- men reglos. Dann erhob er sich auf die Hinterbeine,, warf sich herum und raste den Weg zurück, den er gekommen war. »Zombies!« schrie er, aber inzwischen hatten auch Rocky und Valiha sie gerochen und folgten ihm in aller Eile. »Man rettet ein Kind, und was hat man dann davon?« fragte sich Conal. Er blickte zu Adam. Speichel tropfte von dessen Kinn. »Man wird Babysitter, das hat man davon.« Er gähnte und machte es sich auf seiner Couch be- quemer. Er befand sich in einem Eckzimmer im Erd- geschoß des Haupthauses der Junction, einem Zim- mer mit vielen Fenstern und guter Aussicht auf den Wasserfall. Nova war irgendwo oben und tat etwas, was eine Zeitlang einen seltsamen Geruch erzeugt hatte. Worum es dabei auch ging, es hatte sie zum Kotzen gebracht. Davor war sie im ganzen Haus her- umgelaufen und hatte sich wie ein Spion verhalten. Aber seit über einer Stunde war kein Laut von ihr zu hören. »Wirklich schön, mit ihrem kleinen Bruder hier zu sitzen«, erzählte er Adam. Das kleine Kind betrach- tete ihn ernst und warf dann ein Titanidenei nach ihm. Es machte Conal wirklich nichts aus. Er war sehr zufrieden damit, sich ausgenutzt zu fühlen. Der Kleine war in Ordnung. Kein Heuler. Wirklich gescheit und stark. Er konnte wahrscheinlich schon in ungefähr einem Jahr mit den Gewichten anfangen, sobald er fest auf seinen Beinen stand. Er hatte die Konstitution dafür. Und in gewisser Hinsicht war Conal stolz darauf, daß Robin ihm genug vertraute,, um ihm das Kind anzuvertrauen. Er hatte den Kleinen mitten auf den Boden gesetzt, zusammen mit einigen Spielsachen, die er geschnorrt hatte, und Adam war anscheinend glücklich, dazusit- zen und mit den Sachen in der Gegend herumzuwer- fen und dann hinter ihnen herzukriechen. Besonders interessant fand er das Regal mit den alten Titaniden- eiern. Sie waren rund und etwa so groß wie Golfbälle, und sie kamen in allen Farben vor. Sie waren zu groß, als daß Adam sie hätte in den Mund stecken können, obwohl ihn das nicht hinderte, es doch zu versuchen. Sie wollten jedoch nicht zerbrechen. Sie hatten ledig- lich den Nachteil, daß sie leicht unter Möbelstücke rollten, also hatte Conal eine Kissenpalisade um Adam herum aufgebaut, die vier Meter durchmaß. Bislang hatte Adam es nicht geschafft, allzu viele wegzuräumen. Er stapfte dazwischen herum. Er war nackt, fiel nicht oft hin, und wenn es doch einmal passierte, sprang er sofort wieder auf. Conal beobachtete, wie Adam ruhig wurde und dann auf den Boden machte. Conal lachte, und Adam drehte sich unbeholfen um und lachte ebenfalls. »Ma!« quietschte er. »Tie-Nie! Ma!« »Pipi«, sagte Conal im Aufstehen. »Du mußt das lernen, Kind. Sag ›Muß Pipi machen‹.« Adam lachte lauter und nickte. Conal holte ein Handtuch aus dem Badezimmer und wischte die Bescherung auf. Es war ärgerlich, aber was konnte man anderes erwarten? Immer noch besser als Windeln! Er setzte sich wieder, und seine Gedanken wandten sich, nicht zum ersten Mal, Nova zu. Höchstwahr- scheinlich schlief sie da oben. Verteufeltes Problem,, diese Nova. Verteufeltes Problem. Was sollte man da machen? Wo anfangen? Ihm fiel dazu nichts ein. Zuerst hatte er geglaubt, daß sie alle Lebewesen gleichermaßen haßte. In letz- ter Zeit war er jedoch zu der Überzeugung gelangt, daß er in ihrem Herzen einen besonderen Platz ein- nahm, direkt unter Klapperschlangen, Päderasten und Spirochäten. Das war ein entschieden ungünsti- ger Ausgangspunkt, aber Entschlossenheit war schon immer Conals starke Seite gewesen. Unglücklicherweise traf das für seine Vorstel- lungskraft nicht zu. Ebenso schlecht stand es um sein Feingefühl. Cirocco hatte ihm gesagt, daß er bewun- dernswert direkt war, man sich daran aber erst ge- wöhnen müßte. Daher drehten sich seine Gedanken, als sie sich Nova zuwandten, immer wieder unergiebig im Kreis. Er wußte, daß es lächerlich war, und auch, daß etwas Grundsätzliches geschehen mußte, bevor Nova in ihm je etwas anderes erkennen konnte als ein wider- wärtiges Monster, aber er hatte trotzdem immer wie- der dieselbe Phantasievorstellung. Sie fing damit an, daß er aufstand und die Treppe hinaufging. Dann klopfte er an ihre Tür. »Komm herein!« sagte Nova daraufhin. Er trat ein und lächelte gewinnend. »Wollte nur schauen, ob du irgend etwas brauchst, Nova«, sagte er. Dann – an dieser Stelle waren ihm die Einzelheiten nicht ganz klar – setzte er sich neben sie auf das Bett und beugte sich über sie, um sie zu küssen. Ihre Lip- pen öffneten sich ... Sie kreischte., Es war ein schauerlicher, erschreckender Schrei, der sich ihrer Kehle entrang. Conal war so von seiner Tagträumerei gefesselt, daß er für einen verwirren- den Moment versuchte, eine Entschuldigung zu for- mulieren, und dann gefror ihm nahezu das Blut, als er begriff, daß der Schrei wirklich gewesen war. Seine Füße berührten die unterste Treppenstufe, dann die neunte und schließlich die oberste, und schon brauste er den Flur hinab zu ihrem Zimmer.

ZEHN

Nova kam langsam zu sich, und sie wußte nicht, was sie beunruhigt hatte. Sie blieb liegen und wartete dar- auf, daß das Geräusch wiederkehrte, und sie fragte sich, warum sie gedacht hatte, Cirocco stünde drau- ßen vor der Tür und warte darauf, einzutreten. Da war es wieder! Ein kratzendes Geräusch. Aber hier kratzte man nicht an den Türen, sondern ballerte mit der Faust dagegen. Und es war nicht an der Tür, sondern am Fenster. Sie stand gähnend auf, tappte zum Fenster und steckte den Kopf hinaus. Sie blickte nach unten. Was sie dort sah, blieb für alle Zeit in ihr Gedächt- nis eingebrannt. Ein Ding kletterte an der Außenseite des Hauses herauf. Sie sah seine Arme, die aus Knochen und Schlangen bestanden, und die Oberseite des Kopfes, die mit aufgebrochenem Pergament und Fetzen lan- gen Haares bedeckt war. Aber das eigentlich Grauen- hafte waren seine Hände. Nova konnte die nackten, Fingerknochen sehen, Brocken verfaulenden Fleisches und Mäuler. Jeder Finger endete in einer kleinen blinden Schlange mit breitem Maul und nadelschar- fen Zähnen, und wenn die Hand die senkrechte Wand packte, bissen die Schlangen mit hörbarem Knirschen ins Holz. Das Ding kletterte Hand über Hand rasch herauf. Nova tastete nach ihrer Pistole und bemerkte verspätet, daß sie nichts anhatte, als das Ding heraufblickte. Es hatte ein Schädelgesicht. Würmer schwärmten in den Augenhöhlen durchein- ander. Nova bekam es nicht so leicht mit der Angst. Selbst dieses entsetzliche Gesicht reichte nicht, um sie zum Schreien zu bringen. Aber dann machte sie kehrt, um ihre Pistole zu holen, und sah sich direkt dem zwei- ten Ding gegenüber, das neben dem Fenster von der Wand herabhing, sein Gesicht zwei Fuß von ihrem entfernt. Über seinen Augenbrauen war nichts zu er- kennen als schartige Knochen und eine brodelnde Masse von Würmern. Es packte nach ihr, und sie kreischte. Es bekam sie am Handgelenk zu fassen. Sie zog, immer noch kreischend, während sich die winzigen Schlangen in ihrem Fleisch verbissen. Dann riß sie sich los. Sie wußte später nicht mehr, wie sie durch das Zimmer gekommen war. Die Zeit lief langsam ab oder war durch kurze Lücken zerhackt. Nova fand die Pistole in ihrer Hand. Die Hand zitterte, als sie an der Sicherung fummelte. Dann riß sie die Waffe her- um und nach oben. Das zweite Ding war schon im Zimmer und kam auf sie zu, und sie drückte den Ab- zug und hörte nichts, weil ihr die Waffe aus der blut-, bedeckten Hand gerutscht war. Das Ding kam immer näher. Sie rollte sich über das Bett und drückte sich in die Lücke zwischen ihm und der Wand, als sie hörte, wie die Tür zersplitterte. Die Pistole mußte irgendwo da unten liegen. Nova kämpfte gegen einen über- mächtigen Drang an, noch einmal auf das Ding zu blicken, hörte dann einen klatschenden Aufprall, dann, wie das Haus erdröhnte, als etwas zu Boden fiel. Sie fand die Pistole, faßte sie mit der unversehr- ten Hand und riß dann die Arme hoch über das Bett, so daß sie die Waffe vor sich hatte. Conal kam dem Tod auf eine Zehntelsekunde nahe. Der Nervenimpuls war schon unterwegs zu Novas Finger am Abzug, als sie erkannte, daß er mit einer der scheußlichen Kreaturen kämpfte, und sie brachte es gerade noch rechtzeitig fertig, die Hände hochzu- reißen und ihre erste Raketenkugel einen Fuß unter- halb der Decke in die Wand zu jagen. Sie konnte unmöglich einen sicheren Schuß auf das Ding abgeben, mit dem Conal kämpfte, aber das zweite Monster steckte auf seinem Weg ins Zimmer im Fensterrahmen, also verabreichte sie ihm zwei Ex- plosivkugeln, eine in den Kopf und die zweite in die Brust, und dann hielt sie für eine Sekunde inne, um zu sehen, was das Monster davon hielt. Der Kopf explodierte zu Pulver und verschwand. Die Brust wollte auseinanderfliegen, aber die Silber- schlangen, die den Körper des Dings durchfädelten, schafften es irgendwie, sie zusammenzuhalten. Und es setzte seinen Vormarsch fort. Wenn du das noch länger machst, dachte Nova, werde ich es mit der Angst bekommen. Das Ding auf dem Boden hatte Conal abgeworfen., Nova verpaßte dem Monster drei Kugeln, aber das Ergebnis war auch nicht besser als vorher. Die Krea- tur wurde durch die Gewalt der Explosionen an die Wand geschleudert und der linke Arm an der Schul- ter abgerissen. Aber sie stand einhändig wieder auf und ging auf Conal zu. Desgleichen der Arm. Mit den Fingern zog er sich rasch voran und robbte auf Conal zu. Nova schluckte den bitteren Geschmack von Erbro- chenem hinunter und feuerte ihre letzten drei Kugeln in das kopflose Ding vor dem Fenster. Es stolperte rückwärts und schlug auf dem Fensterbrett auf, fiel dann torkelnd rücklings aus dem Fenster. Sie hörte ein sich entfernendes Kratzen an der Außenwand, dann ein Platschen, als es ins Wasser stürzte. Das war, als der zweite Zombie sich ihr zuwandte. Conal schien benommen zu sein. Er rappelte sich gerade auf und schüttelte fortwährend den Kopf. Und das Monster fiel auf einem zerschmetterten Bein auf Nova zu, verlor dabei Knochensplitter, geleearti- ges Fleisch, krabbelnde Käfer und Maden. Sie warf die Pistole nach ihm und wünschte sich, es wäre der solide Colt ihrer Mutter und nicht das neue, moderne Leichtgewichtmodell. Es schlug eine klaf- fende Wunde in die Wange des Zombies, und Wür- mer ergossen sich daraus. Nova hob das Bett hoch und warf es. Der Zombie schlug es weg. Sie ging zu Boden, schaffte es nicht, die Reflexe des Zurückzuckens zu unterdrücken. Sie warf eine Lampe, eine Vase, den Nachttisch, und immer noch kam das Monster näher. Conal nä- herte sich ihm langsam von hinten, aber es ragte jetzt, über Nova auf, und sie kauerte in der Ecke, und es würde sie packen. Ihre Hand griff nach einer Waffe. Nach irgend etwas. Sie fand etwas und warf es. Und das Ding brach genau in dem Augenblick zu- sammen, als Chris durch die Tür kam. Sie sah, wie Chris es trat, während es noch fiel, wie er es angriff ... und dann aufhörte. Er runzelte die Stirn, und Nova fragte sich, was jetzt nicht stimmte, erkannte dann, daß er sich nicht klar wurde, warum das Ding sich nicht wehrte. Er trat es erneut mit aller Kraft. Der Zombie fiel auseinander. Die Silberschlan- gen, die ihn zusammengehalten hatten, die ihn belebt zu haben schienen, waren schlaff und leblos. Chris kniete vor Nova. Sie konnte ihn kaum erken- nen. Er betrachtete kurz ihren Arm und schien damit zufrieden zu sein, daß ihre Wunden nicht lebensge- fährlich waren, legte ihr dann die großen Hände auf die Schultern und sah sie an. »Kommst du wieder klar?« Sie brachte ein Nicken zustande, und schon war er verschwunden. Sie hörte, wie er etwas zu Conal sag- te, etwas über Adam, und dann ging. Es schien ihr, als gäbe es im Zimmer nichts außer der toten Kreatur. Sie konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Sie lag nur ungefähr drei Fuß von ihr ent- fernt. Ohne bewußten Gedanken wurde Nova von ih- ren Füßen weggeschoben. Mit dem Rücken rutschte sie an der Wand entlang, und ihre Füße schoben sie weiter, bis sie gegen etwas Weiches stieß. Das war nicht gut, denn an so etwas hatte sie überhaupt nicht gedacht; harte Wände und harte Fußböden waren viel besser. Sie quiekste. Es war ein schüchternes, verängstigtes dünnes Quieken, und sie bedauerte es, sofort, aber es war nun mal passiert. Sie wußte be- reits, daß sie gegen Conal gestoßen war. Das rauhe Gewebe seiner Jacke kratzte an ihrer Schulter, und das war gut so. Alles Warme war gut. Das Ding war schrecklich kalt gewesen, als es sie gepackt hatte, und jetzt war ihr schrecklich kalt. Sie saß zitternd da, während Conal ihr die Jacke um die Schultern legte. Sie hörte Rufe aus anderen Zimmern und Kampfgeräusche, und sie wußte, daß sie eigentlich den anderen helfen sollte. Aber sie blieb ruhig sitzen, während Conal sein Hemd zerriß und es um ihren blutigen Unterarm und die Hand wickelte. Während er noch damit beschäftigt war, hörte sie das Hämmern von Titanidenhufen und Laute, bei denen es sich nur um Kriegsrufe handeln konnte. Es ergab keinen Sinn, daß der Zombie tot war. Tot? Ja, zum Teufel, dachte Chris. Natürlich war er tot; er war von Anfang an tot gewesen, aber das hatte sie in der Vergangenheit niemals gebremst. Er wollte auf das abscheuliche Ding eintreten, bis die Reste davon von der Wand gekratzt werden mußten, aber er hatte nicht genug Zeit dazu. Er hatte auch nicht die Zeit, sich zu überlegen, was es umge- bracht hatte. Er hatte eigentlich nicht einmal genug Zeit, um Nova zu untersuchen, aber er tat es trotz- dem. Conal wirkte benommen. Blut floß aus einer Kopf- hautwunde, und er hatte eine eigroße Beule seitlich am Kopf. »Wo ist Adam? Conal, kannst du mich hören?« »...ten«, murmelte er. »Unten. Beeil dich, Chris ... Zombies!«, Draußen im Flur lag noch ein regloser Zombie. Er war aus der Richtung von Ciroccos Zimmer gekom- men. Chris lief die Treppe hinunter, um eine Ecke, durchquerte das Musikzimmer – und lief einem wei- teren Zombie in die Arme. Der kämpfte gegen ihn. Mit ihm war es noch nicht so weit gekommen wie mit dem in Novas Zimmer; nach ihrem Äußeren zu urteilen, war sie noch nicht länger als ein oder zwei Wochen tot. Chris hob den Zombie hoch und warf ihn von sich, hoffte, damit Zeit zu gewinnen. Das einzige, womit man diesen Dingern wirklich zu Leibe rücken konnte, waren Waffen mit Klingen. Es half auch, wenn man den gleichmäßigen Rhythmus eines akkordarbeitenden Holzfällers hatte sowie den stabilen Magen von Conan dem Barbaren. Sie zu schlagen oder mit ihnen zu ringen war eine gute Methode, ums Leben zu kommen. Sie konnten nahezu grenzenlos viel einstek- ken, und selbst, wenn man sie zerstückelte, kämpften sie noch weiter. Wenn man jedoch genug von den Todesschlangen durchtrennte, die den Zombies einen obszönen Anschein von Leben gaben, führte das schließlich zum Erfolg. Sie waren unglaublich stark. Und wenn sie dicht genug herankamen, gingen einem die Todesschlan- gen ans Fleisch. Schon während der Zombie an die Wand prallte, suchte Chris nach einer Axt oder einer Klinge. An- scheinend war nichts dergleichen vorhanden. Er packte einen Stuhl, wollte den Zombie damit auf Ab- stand halten, während er sich in die Küche zurück- zog, als er etwas bemerkte. Das Ding stand nicht wieder auf., Der Zombie – es wirkte lächerlich, ein weibliches Pronomen zu gebrauchen, obwohl er aufgedunsene, halb verweste Brüste hatte – war auf dem Boden zu- sammengebrochen und hatte dabei eine schöne sil- berne Posaune zerdrückt. Auch diesmal nahm sich Chris nicht die Zeit, sich über sein Glück zu wundern oder sich Fragen zu stellen. Er hatte gar nicht vorgehabt, gegen das Ding zu kämpfen; es hatte ihm einfach im Weg gestanden. Er eilte durch das Musikzimmer, erreichte die Küche, wo er sein größtes Hackbeil packte und dann durch das Haus raste, gerade rechtzeitig, um Robin auf ei- nem Fenstersims balancieren zu sehen, die Beine ge- beugt und die Arme nach vorn ausgestreckt. Er rief ihr etwas zu, aber sie sprang hinaus. Robin war fast schneller als Chris am Ausgang des Kupferraums – und wäre dort beinahe mit ihm zu- sammengeprallt, was weh getan hätte, da er bereits genug Schwung hatte, um gar keine Tür zu brauchen; er hätte glatt durch die Wand brechen können. Robin bremste genug, damit er durchkam, lief dann selbst hinaus, so schnell sie konnte und registrierte dabei das Schauspiel von Chris Major, der mit äußerstem Tempo dahinlief. Sie konnte es nicht lange bewun- dern; er hätte genausogut fliegen können. Große Mutter, aber das hier war wirklich ein großer Baum! Es schien ewig zu dauern, aber schließlich rammte sie die Hintertür auf und eilte durch ein Zimmer nach dem anderen, rief dabei nach Chris, Nova, Conal ... irgend jemandem. Sie blieb nicht ein einziges Mal stehen. Einmal erwischte sie mit dem Augenwinkel, kurz den Eindruck von irgendeinem Grauen, das durch ein leeres Zimmer trottete, aber sie hielt nicht an. Nichts würde sie aufhalten, bis sie Nova gefunden hatte und die Ursache dieses Schreis. Sie kannte ihre Tochter gut, und sie wußte, daß sie nicht ohne Grund derart geschrien hatte. Aber dann brachte sie doch etwas zum Stehen. Sie blickte in ein Zimmer mit vielen Kissen und Spielsa- chen auf dem Boden. Sie hörte Adam schreien und sah eine entfernt menschenähnliche Kreatur – etwas stimmte an ihr überhaupt nicht, aber sie konnte es bei dem kurzen Blick nicht erkennen – mit Adam in den Händen durch das Fenster springen. Das Anhalten in nur einem Viertel der Erdschwer- kraft erfordert Übung. Robin war noch nicht gut darin und mußte erst gegen eine Wand knallen, sich mit den Händen wieder wegstoßen und dann mit ei- ner Hand am Türpfosten in das Zimmer hinein- schwingen. Sie lief ans Fenster und blickte hinaus, sah die Kreatur wegschwimmen, wozu sie nur einen Arm benutzte. Mit dem anderen hielt sie Adam über Wasser. Robin schleuderte die Stiefel weg, stieg in den Fen- sterrahmen und sprang. Später stritt sie immer ab, daß sie vergessen hatte, nicht schwimmen zu können. Einmal war sie früher schon bis über den Kopf ins Wasser getaucht worden. Etwas war damals mit ihr geschehen, und sie hatte es geschafft, das Ufer zu erreichen. Jetzt zählte sie dar- auf, daß es wieder funktionierte, aber das tat es nicht. Sie schlug mit einem betäubenden Platschen im Wasser auf und kämpfte sich wieder ans Licht. Sie stieß mit dem Kopf durch die Oberfläche und, holte tief Luft, versuchte dann zu schwimmen. Je stärker sie sich bemühte, desto schlechter klappte es. Ihr Kopf ging immer wieder unter, und ihr fiel nichts besseres ein als zu versuchen, die Nase hochzuhalten – ein Bestreben, das sie selbst mit ihrem windmüh- lenartigen Schlag vereitelte. Die Strömung trug sie in dieselbe Richtung wie ihr Ziel, aber das half nicht, da auch der Kidnapper mit der Strömung schwamm, und bei den kurzen Eindrücken, die sie von ihm er- wischte, war er immer weiter entfernt. Sie wirbelten jetzt in reißendem Wasser umher, vorbei an Felsen hie und da, aber es war überall tief, überall kalt, und binnen kurzem wußte sie, daß sie in diesem Fluß sterben würde. Sie bekam den Kopf immer seltener über Wasser und für immer kürzere Zeit, und mei- stens schluckte sie eine Menge Wasser, wenn sie nach Luft schnappte. Da wurde ihr ein Arm um den Hals gelegt und sie aufwärts gezogen, wobei sie auf dem Rücken lag. Sie kämpfte kurz, aber der Arm verstärkte seinen Druck, bis sie fast erstickte. Sie hustete Wasser hervor und entspannte sich. Chris zog sie kraftvoll durch das Wasser und zum Ufer hin. Er brachte sie dann doch nur zu einem Felsen in Strommitte, wo sie sich festklammern und dabei den Rumpf über Wasser halten konnte, ohne daß eine all- zu starke Strömung an ihr zerrte. »Halt dich fest!« schrie Chris. »Schnapp ihn, Chris!« rief sie heiser. Er war bereits weg. Sie zog sich weiter hinauf und blickte über den Fel- sen hinweg. Der Kidnapper war Chris vielleicht hun- dert Fuß voraus, und der Abstand wurde geringer,, aber die Strömung war weiter unten extrem schnell. Robin verfiel in Lethargie. Sie war erschöpft, war dem Tod nahe gewesen, und alles, was sie jetzt noch tun konnte, war, sich am Felsen festzuhalten und zu- zuschauen, wie sich die Ereignisse vor ihr abspielten. Sie schienen keinen sonderlichen Bezug zu ihr zu ha- ben. Sie brachte es fertig, sich zu fragen, ob der Dieb es durch die Stromschnellen schaffen und dabei Adam am Leben erhalten könne, aber sie konnte sein Überleben oder seinen Tod nicht in bezug zu sich selbst bringen. Ein Schrei sprudelte immer wieder in ihrem Hals hoch, fand aber nicht den Weg nach draußen. Sie hörte, wie die Titaniden die Brücke überquerten und dabei ein Geräusch machten wie eine Lawine. Sie drehte sich um und sah, wie Schlange auf Chris deu- tete, wie dann Rocky über das Geländer sprang und hinabsegelte, die Vorderbeine voraus, dann so heftig ins Wasser platschte, daß es zehn Meter hoch spritzte. Dann tauchte sein Kopf wieder auf, und er schwamm mit starken Zügen, während Schlange und Valiha durch die vordere Tür von Tuxedo Junction gingen, ohne daß sie sich die Mühe machten, sie zu öffnen. Man hörte, wie jemand durch das Gebüsch brach, und Robin wandte noch rechtzeitig den Kopf, um zu sehen, wie Cirocco am Rand des Flusses ent- langrannte. Sie kam an Robins Felsen vorbei, über- holte Chris, erreichte eine zum Absprung geeignete Stelle und sprang. Sie legte eine nahezu gerade Flug- bahn zurück und war schon vierzig Fuß vom Ufer entfernt, bevor sie auf dem Wasser aufschlug. Und sie versank nicht darin. Sie hatte den Rücken gewölbt und die Arme nach hinten gelegt wie die, Flügel eines Flugzeugs, hielt das Kinn beim Aufprall hoch und hüpfte zweimal wie ein flacher Stein, glitt dann weitere kostbare fünf Meter über die Oberflä- che, bevor sie einsank. Sie war nur zehn Meter hinter ihrem Ziel und schwamm kräftig. Robin balancierte auf den Knien, die Fäuste geballt und die Zähne zusammengebissen, während sie ver- suchte, Cirocco mit schierer Willenskraft voranzuhel- fen. Sie nahm nur schwach wahr, wie Valiha und Schlange irgendwo hinter ihr ins Wasser sprangen, ließ den Blick keinen Augenblick von der Frau, die für sie immer der Magier bleiben würde. Es sah aus, als würde Cirocco den Bastard in kleine Fetzen zer- reißen, sobald sie ihn hatte, und nichts auf der Welt wollte Robin lieber sehen. Sie hörte Rufe hinter sich. Ein breiter Schatten fegte mit atemberaubender Geschwindigkeit über sie hin- weg, und alles, was sie dann erkennen konnte, war das kärgliche Rückenprofil eines Engels, der seine zwanzig Fuß Flügel voll ausgebreitet hatte und mit deren Spitzen das Wasser streifte. Er faltete die Flügel ein klein wenig ein und schien auf seinem Sturzflug zu zögern. Dann packte er Adam mit der mühelosen Grazie eines Adlers und schwang sich in die Lüfte, indem er seine Geschwin- digkeit in Höhengewinn umsetzte. Kaum fünfzig Meter hoch, schlug er mit den mächtigen Schwingen und war schon wenig später im Osten verschwunden.,

ELF

Auf dem Weg nach Tuxedo Junction hatte Luther ei- ne Vision. Er wußte, daß es für ihn nicht gut ausge- hen würde. Er dachte, Gäa wolle ihn vielleicht durch diese Information anspornen. Und tatsächlich, als er den hohen Berg erstieg, von dem aus man den See, den Baum und das Baumhaus überblickte, kam er ge- rade noch rechtzeitig, um den Ausgang zu sehen. Die Vision hielt noch an. Sie stützte sich nicht nur auf seinen einzigen Augapfel; Bäume, Wände und die Entfernung waren für sie keine Hindernisse. Er konnte Kalis Truppen im Haus sehen, sah das Kind in seinem Zimmer spielen. Er beobachtete, wie der halbtitanidische Heide die Treppen hinauf und her- unter raste und wie Cirocco Jones auf die Szene ge- laufen kam. Er erlebte mit, wie die beiden Menschen und die drei Titaniden ins Wasser sprangen. Für einen Moment wagte er zu hoffen, als der Dä- mon ins Wasser tauchte. So sehr er Jones auch haßte, er wußte, daß keiner von Kalis Bande ihr ebenbürtig war – auch, was das anging, keiner seiner eigenen Jünger. Nichts hätte Luther mehr gefallen, als zu se- hen, wie der Dämon Kalis Schleimbrut zerriß. Dann könnte das Kind ihm gehören ... Ungläubig sah er, wie der Engel herabbrauste. »Engel!« schrie er auf. »Engel? Wein Gott, wein Gott, waruw hascht Du wich verlaschen?« Seine Jünger scharrten hinter ihm nervös mit den Füßen, wollten am liebsten verschwinden. Ohne ei- genes Bewußtsein waren sie irgendwie auf seine Emotionen eingestimmt. Sie empfingen seine wach-, sende Frustration, seinen Haß auf den Dämon und Kali ... und seine rasche, starke Angst wegen der Tod- sünde, die er gerade geäußert hatte. Luther trug ein besonderes Kreuz in seinem Gürtel. Es war aus Bronze und an allen Rändern scharf wie ein Rasiermesser. Er zog es heraus und schlug sich damit auf die Beine ein, spürte, wie die Arme des Kreuzes tief hineinschnitten, und sonnte sich in der Kasteiung des Fleisches. Er hörte ein kollerndes Geräusch über sich. Er blickte auf und erkannte Kali, die von ihrem Po- sten auf einem Baum herabkletterte. Ein Fernglas klapperte dabei gegen ihren unwahrscheinlichen Bu- sen. Ihr Leibsklave, ein nackter achtjähriger Knabe, krabbelte behende wie ein Affe hinter ihr her. Er trug einen goldenen Kragen, in dem eine zwei Meter lange goldene Kette endete, die ihn an Kali fesselte. Kali bestand ganz aus Gold und Verwesung. Die Sklavenkette war vierzehnkarätig, aber die zig Ringe, die sie an Fingern und Zehen trug, waren rein, weich und schön. Sie trug einen echten Messing-BH, der ih- re kolossalen ockerfarbenen Brüste wie eine gotische Kathedrale stützte. Ihre Beine und vier Arme waren von Hunderten von kunstvollen Bändern und Ringen umwickelt, sämtlich zu klein für das Glied, das sie quetschten, so daß ihr Fleisch um den Schmuck her- umquoll. Kalis Taille wurde von einem goldenen Gürtel von zwanzig Zentimetern Breite eingeschnürt, denn ihr Körper war zu fettsteißiger Fülle aufge- quollen. Die Wendung »Sanduhrfigur« hätte für sie allein erfunden sein können. Ihre Fingernägel waren fünfzehn Zentimeter lang und bestanden aus Bronze., Ihr Gesicht ... es war nicht ganz angemessen, von Kalis Gesicht zu sprechen, da sie drei Köpfe hatte. Aber der rechte und der linke waren einfach nur an- geheftet. Um die Hälse dieser beiden Köpfe war je ei- ne Würgerschlinge fest zugezogen. Wenn einer abge- fault war, ersetzte sie ihn stets wieder aus den Vor- räten, über die Gäa verfügte. Zum jetzigen Zeitpunkt, da sie vom Baum herabsprang und auf Luther zuging – in einer grotesken Hüftsprunggangart, wie eine Hu- re in einer Leichenhalle –, war einer der Köpfe schon ziemlich reif und der andere erst eine kürzliche Er- rungenschaft. Der alte war weiblich und weiß gewe- sen, jetzt aber schon weitgehend abgestorben und purpurn, mit roten vorstehenden Augäpfeln und ei- ner schwarzen heraushängenden Zunge. Er hing an einem Fleischfetzen nach hinten. Der andere Kopf hatte einem schwarzen Mann gehört, und die Farbe hatte sich durch die Strangulierung kaum verändert. Der Kopf hing trunken nach vorn und schwankte, während Kali ging. Der mittlere Kopf war in einem früheren Leben einmal – genau wie Luther einmal der Pastor Arthur Lundquist gewesen war – eine Priesterin namens Maya Chandraphrabha gewesen. Von ihr war nur noch der Kopf übrig. Im Leben hatte sie einen jun- genhaften, unbeholfenen und sterilen Körper gehabt. Sie, die sich jetzt Kali nannte, erlebte nie einen Au- genblick des Bedauerns, erfuhr nie auch nur die kurz- fristigen Qualen, die manchmal den bedrängten, der jetzt Luther war. Sie sonnte sich in ihrer immensen Fruchtbarkeit. Ihr Mutterschoß war fruchtbar wie ei- ne Qualle; jede Kilorev warf sie eine neue schreiende Monstrosität zum größeren Ruhm Gäas., Sie trug einen Gürtel aus Menschenschädeln. Ihr Gesicht war tot. Sie konnte zwar die Augen be- wegen, aber nicht blinzeln, lächeln, die Stirn runzeln oder den Mund schließen. Der Kiefer hing ihr herab und die Zunge aus dem Mund. Der kollernde Laut, den Luther gehört hatte, war Kalis Lachen. Kali war die Verkörperung der Grausamkeit. Sie kollerte Luther an und zeichnete mit den Fin- gern zweier Hände komplizierte Muster in die Luft. »Sisaggt, wo, zum Teufel, warst du Luther«, leierte der Knabe herunter. Er war von Hause aus Erbe eines großen Vermö- gens und etwa ein Jahr älter als der Krieg. Als er und seine Familie aus ihrem Versteck in den mexikani- schen Bergen hervorgekommen waren, hatte eine von Gäas Barmherzigkeitsmissionen ihn aufgesammelt. Seine Mutter war taub gewesen, und dieser Tatsache verdankte er eine Fähigkeit, die für Kali jetzt nützlich war. Er war einmal ein kluger, gesunder, wachsamer Sechsjähriger gewesen, jetzt jedoch war sein Körper zum Skelett abgemagert, mit einem aufgequollenen Bauch und spindeldürren Gliedmaßen. Er wirkte et- wa acht Jahre älter als vor zwei Jahren und wandte die Augen nicht eine Sekunde lang von Kalis Hän- den. »Gäa hat wir dasch Recht gegewen, dasch Kind zu holen!« donnerte Luther. Kali kollerte noch lauter, und ihre Finger flogen. »Sisaggt, hat dir dieses Recht nicht gegeben, wenn du es nicht zuerst schaffst«, schnatterte der Junge. »Sisaggt, du warst verdammt zu spät. Sie sagt, du bissein proddesant ...« Kali schlug dem Jungen in das geschundene Gesicht., »... sisaggt, du bissein prodde...« Wieder wurde er geschlagen. »... proddestan...« Und erneut. »... prod... es... tant... sisaggt, du bissein protestanti- scher Scheißer, ignoran... scheißköpfiger beschissener Christ. Sisaggt, du bist zu häßlich zum Leben. Si- saggt, warum du nicht deinen Arsch dem Papst ...« »Wawylonische Hure! Wetze von Goworrha!« »Sisaggt, verdammt direkt. Sisaggt, sie wird auf dich losgehen und deinen Trupp Arschlöcher. Si- saggt, wenn du nicht gelobt hast, Zölibis ...« Kali schlug ihn wieder. »... Zöbila... Zila... Zöllba... Zöllili-li-li-li... Zölibin... Zöli...bat.« Der Knabe seufzte vor Vergnügen und Erleichte- rung, als er es endlich korrekt heraus hatte und Kali aufhörte, ihn zu schlagen. »Zölibat, Zölibat, Zölibat«, murmelte er. Das näch- stemal würde er es richtig sagen, ohne Frage. »Faffentuw!« zischte Luther. Arthur Lundquist, dessen ferner Geist die Handlungen des Dings er- füllte, zu dem er geworden war, hätte Pfaffentum nicht von vollkommenen Ablässen unterscheiden können, da er ein dreifach reformierter Lutheraner war und damit ein spiritueller Verbündeter der mei- sten katholischen Sekten. Aber es amüsierte Gäa, daß alle ihre Priester Fundamentalisten waren, und ihr Gedächtnis reichte weit zurück. Also wurde Luther noch aufgebrachter. »Faffentuw!« wiederholte er und seine Aposteln blökten es ihm nach. »Faffentuw! Welchesch Recht hascht du, dasch Kind zu nehwen?«, »Sisaggt, Gäa hat sie beauftragt. Sisaggt, sie war enorm viel besser als du und deine Trottel!« »Awer die Engel! Ich ...« Luther unterbrach sich. Er war wütend, konnte aber nichts ändern, ohne daß er möglicherweise eine Blasphemie äußerte. Warum hatte Gäa Kali Engel gegeben? Luther hatte keine Engel. Er hatte nie welche gehabt, hatte nie ge- sagt bekommen, er könne je welche haben! »Es wird nicht gelingen!« versuchte er es. »Dein Engel kann Fandäwoniuw nicht erreichen.« Der Junge beobachtete wieder die Hände. »Sisaggt, es wird gelingen. Sisaggt, sie hat eine ganze Scheißladung Engel. Sisaggt sie hat genug da- von, um den kleinen Mutterficker bis zum Pandämo- nium von einem zum anderen weiterzugeben. Si- saggt, wie würde es dir gefallen einen großen saftigen Biß aus ihren großen knackigen ...« Luther schrie auf und schlug nach dem Jungen. Der Junge schluckte es, wie er in den letzten zwei Jahren überhaupt alles geschluckt hatte, ohne den Blick von Kalis Händen abzuwenden, ohne den Strom seiner abscheulichen Flüche zu unterbrechen. Er hatte ge- lernt, daß nichts, was von woanders herkam, je dem entsprach, was Kali austeilte. Er irrte sich. Luther schwang sein Kreuz, und der Knabe war auf der Stelle tot. Dann stürzte sich Luther auf Kali, und seine Apostel taten es ihm gleich. Sie alle rissen an ihr herum. Sie wehrte sich nicht. Sie lag auf dem Rücken und kollerte zufrieden, und ihr La- chen erzürnte Luther noch mehr ... Bis er feststellte, daß alle seine Apostel tot waren.,

ZWÖLF

Sie versammelten sich in dem Zimmer, aus dem Adam geraubt worden war. Conal sah zu, wie sie einer nach dem anderen her- einkamen. Der Kopf schmerzte ihm immer noch sehr, aber das war nur geringfügig im Vergleich zu der Angst, die sich in ihn hineinstahl. Die drei Titaniden waren naß, ignorierten es aber. Cirocco war naß und schien es nicht zu bemerken. Chris war dabei, sich mit einem Handtuch abzu- trocknen. Er machte einen erschöpften und abwesen- den Eindruck. Conal wußte nicht, was für eine be- sondere Hölle Chris durchmachte, aber er konnte ei- nige Anzeichen davon erkennen. Robin war naß und zitterte. Chris reichte ihr sein Handtuch, als er fertig war. Nova ... Sie trug immer noch Conals Jacke, hielt sie mit ei- ner Hand auf ihren Schultern fest und zitterte fast so sehr wie ihre Mutter. Und obwohl sie die Jacke trug und sie auch festhielt, machte sie keinen Versuch, sich zu bedecken. Die Jacke reichte ihr ohnehin nur bis zur Taille und konnte ihr daher auch nicht viel nützen, aber sie streckte auch noch den verletzten Arm aus, damit Rocky ihn behandelte, und kümmerte sich nicht darum, daß auf diese Weise eine Brust zu sehen war. Nova schien kein körperliches Schamgefühl zu be- sitzen. Conal war das bei Cirocco gewöhnt und sah es auch häufig bei Leuten, die schon lange in Bellinzona lebten. Bei Neuankömmlingen war es jedoch unge- wöhnlich., Er erinnerte sich daran, wie er Nova in ihrem Schlafzimmer an sich gedrückt hatte. Diesen Moment wollte er nicht mehr vergessen. Und jetzt konnte er anscheinend nicht den Blick von ihr wenden. »Das wird sehr weh tun«, sagte Rocky. »Ärzte sagen so etwas nicht«, versetzte Nova. »Sie versprechen einem vielmehr, daß es nicht sehr schmerzt.« »Ich bin kein Arzt, sondern ein Heiler, und das wird sehr weh tun!« Rocky goß die antiseptische Lösung über Novas Wunden und säuberte sie dann. Ihr Gesicht erstarrte und verzog sich dann zur Grimasse, aber sie schrie nicht. Conal hielt sie für dumm. Er war auch wegen Zombiewunden behandelt worden. Rocky hatte tief gehen müssen, um sicherzustellen, daß er alle Fäul- nispartikel herausholte. Unter den Zombiehauch zu geraten, reichte, um einen für eine Woche ins Bett zu bringen. Und wenn man verletzt war wie Nova ... Er mußte wegsehen. Er hatte noch nie einen son- derlich strapazierfähigen Magen gehabt. Cirocco hatte wie ein Stein gewartet, bis sich alle versammelt hatten. Jetzt, wo alle da waren, ver- schwendete sie keine Zeit. »Wer war bei Adam im Zimmer, als er geraubt wurde?« fragte sie. Conal blieb fast das Herz stehen. Er sah, wie Chris sich umsah, ein finsteres Gesicht machte und versuchte, es sich zu überlegen. »Robin und ich waren im Hexenzimmer«, sagte er. »Als ich herkam ...« »Ich stelle eine einfache Frage«, unterbrach in Ci-, rocco. »Ich möchte nur wissen, wer hier war. Wir müssen irgendwo anfangen.« »Niemand war hier«, sagte Conal und schluckte schwer. Cirocco wandte sich ihm zu. »Und woher weißt du das?« »Weil ich, sobald ich den Schrei hörte, hinauflief ...« Ciroccos Blick blieb auf ihm ruhen. Sie war nicht in der Stimmung, Zeit zu verschwenden, also konnte ihr Blick nicht viel länger als zwei Sekunden gedauert haben, und diese Sekunden brauchten nicht viel mehr als zwanzig Jahre, um vorüberzugehen. »Ich hatte dich angewiesen, ihn um jeden Preis zu schützen«, sagte sie tonlos. Für einen Moment waren die Türen zu dem auf Touren laufenden Zwillings- hochofen geöffnet. Dann wandte sie den Blick ab, und Conal bekam wieder Luft. »Das ist nicht fair, Cirocco«, protestierte Chris. »Was sollte Conal denn machen, als er Nova schreien hörte? Sich nicht darum kümmern? Er konnte un- möglich ...« Da wandte Cirocco den Blick zu Chris, und er hatte nichts mehr zu sagen. »Vergeude nicht meine Zeit, Chris! Wir können ein andermal über Fairness debattieren.« Das geht in Ordnung, dachte Conal. Niemand hat dir versprochen, daß es fair zugehen würde. Du bist zum ältesten, gemeinsten und paranoidesten Menschen im Sonnensystem marschiert ... und du versuchst ei- nen Mann aus dem zu machen, was übrigblieb. »Cirocco, was ist mit Nova?« fragte Robin. »Chris konnte nicht ...« »Halt den Mund, Robin!«, »Captain«, meldete sich Rocky. »Halt den Mund, Rocky!« Mehrere Leute versuchten gleichzeitig zu reden, einschließlich Nova. »Haltet den Mund!« Cirocco hob nicht direkt die Stimme, sondern legte etwas hinein, dem niemand widersprechen konnte. Und sie wartete nicht auf Stille. Diese trat ein, aber Cirocco stürmte bereits weiter. »Ich weiß, wie schnell ein Engel ist«, sagte sie. »Ich konnte diesen nicht gut genug erkennen, um festzu- stellen, zu welchem Klan er gehört. Es gibt fünfund- zwanzig Arten Engel, die einander alle nicht mögen, also bekommen wir möglicherweise Hilfe von ande- ren Schwärmen. Ihre Reichweite ist begrenzt. Wir können davon ausgehen, daß er zum Pandämonium fliegt, also ...« »Warum lassen wir ihn nicht einfach ziehen?« murrte Nova. Cirocco legte rasch zwei Schritte zurück und schlug Nova so heftig ins Gesicht, daß die junge Frau zu Bo- den ging. Blut sickerte aus ihrem Mundwinkel, als sie den Kopf hob, und Cirocco zeigte auf sie. »Kind, ich habe alles eingesteckt, was ich von dir einzustecken bereit bin. Dies ist eine erste und letzte Warnung. Du wirst verdammt schnell erwachsen werden und ein Mitglied der menschlichen Rasse, andernfalls es wahrscheinlich ist, daß ich dich zufäl- lig töte, und das würde ich nicht gern tun, weil Robin meine Freundin ist. Wir werden jetzt besprechen, wie wir das Leben eines Menschen retten, der, wie es sich trifft, dein Bruder ist, und du wirst nur dann etwas sagen, wenn du angesprochen wirst.«, Wieder hatte Cirocco nicht die Stimme gehoben. Es war auch kaum nötig. Nova lag benommen auf der Seite und war jenseits aller Demütigung. Conals Jacke war ihr beim Sturz von den Schultern gefallen. Weni- ge Minuten früher wäre Conal noch sehr interessiert gewesen, aber jetzt konnte er ihr nur einen kurzen Blick widmen, während Rocky ihr aufhalf. Cirocco brauchte ihn, und Nova hatte sich einfach in ein wei- teres Weibsbild verwandelt, und ein dummes oben- drein, was das anging. »Gäa steckt hinter dieser Sache. Gaby hat mich ge- warnt und gemeint, das Kind sei wichtig. Ich weiß nicht, warum Gäa hinter ihm her ist. Möglicherweise will sie mich einfach dazu provozieren, einen Ent- scheidungskampf mit ihr zu suchen, was sie schon seit Jahren versucht. Aber noch hat sie ihn nicht. Sie befindet sich in Hyperion und damit so weit von hier entfernt wie nur möglich. Da ist etwas, was ich wis- sen muß. Chris, als du in Novas Zimmer gekommen bist, war der Zombie da bereits tot?« »Ja.« »Und der im Flur ...« »Der war noch nicht da, als ich hinauslief, lag aber tot auf dem Boden, als ich wieder herauskam.« »Hat jemand von euch ihn umgebracht?« Cirocco betrachtete sie nacheinander, und jeder zeigte an, daß er es nicht getan hatte. »Der im Musikzimmer. Erzähl mir davon!« »Ich hatte mich bereit gemacht, gegen ihn zu kämp- fen, und er ist einfach umgekippt.« »Aber der mit Adam ist entkommen.« Sie wandte sich Nova zu. »Was hast du mit dem ersten ge- macht?«, »Ich habe auf ihn geschossen«, flüsterte Nova. »Ich habe ... dreimal geschossen.« »Das hätte ihn nicht umbringen können. Was hast du dann gemacht?« »Ich habe die Pistole nach ihm geworfen.« Cirocco wartete. »Dann das Bett. Dann weitere Sachen.« Nova zuckte teilnahmslos die Achseln. Anschei- nend war sie in einem Schockzustand. »Die Vase, die Lampe, den Tie...« Das Blut wich ihr aus dem Gesicht. »Was?« drängte Cirocco sie weiter. »E-e-etwas, was ich g-g-gemacht habe.« »Ich werde dich nicht wieder schlagen, Nova, aber du wirst mir sagen, was das war.« Novas Flüstern war kaum zu hören. »... Ein Liebestrank ...« »Sie hat sich einige Zutaten aus der Küche ge- borgt«, meldete sich Schlange freiwillig. Cirocco wandte sich von ihnen allen ab und schwieg einige Sekunden lang. Niemand regte sich. Endlich drehte sie sich wieder um. »Chris«, sagte sie und zeigte auf ihn. »Funkgeräte. Drei Stück. Bring sie hierher, dann treffen wir uns in der Höhle!« Chris eilte davon, ohne ein Wort zu sagen. »Valiha, du nimmst ein Funkgerät und läufst so schnell wie möglich nach Bellinzona! Mach einen Rundruf an alle Titaniden, die noch an ihren Magier glauben. Ich will Zombies haben, so viele, wie ihr er- wischen könnt. Riskiert aber nicht euer Leben und bleibt mit mir in Funkverbindung!« »Ja, Captain.«, »Rocky, du bleibst hier! Es werden vielleicht weite- re Anweisungen nötig, wenn wir herausfinden, wie sie Adam zum Pandämonium bringen wollen.« »Ja, Captain.« »Schlange. Sobald du dein Funkgerät hast, läufst du nach Westen und haushaltest dabei mit deinen Kräften. Du kannst keinen Engel überholen, aber wir werden versuchen, dich aus der Luft zu leiten. Nimm Waffen mit!« »Ja, Captain.« »Conal, du kommst mit mir. Robin, Nova, ihr könnt auch mit mir kommen oder hierbleiben, wie ihr wollt.« Sie war bereits auf dem Weg zur Tür, als sie gegen eines der losen Titanideneier trat, mit denen Adam gespielt hatte. Sie erstarrte, ging dann langsam zu der Wand hinüber, wo es lag, bückte sich und hob es auf. Sie hielt das Ei ans Licht und starrte es an, und zum erstenmal in der Erinnerung der Lebenden wirkte der Magier wie betäubt. Das Ei war durchsichtig. Sie ließ es fallen und stand für einen Moment mit hängenden Schultern da. »Rocky«, sagte sie, »sammle all diese Eier ein! Überzeug dich davon, daß du wirklich alle hast! Zer- störe das Mobiliar und zerreiße die Kissen, aber über- sieh nichts! Ich nehme mir das Funkgerät von Chris, sobald wir verschwinden. Wenn du sicher bist, daß du alle Eier hast, zerstöre sie!« Es erforderte eine große Anstrengung, aber Cirocco schaffte es, die Gedanken von den Titanideneiern ab- zuwenden und wieder auf das Problem zu richten,, mit dem sie konfrontiert war. Robin und Nova hatten sich beide entschieden, mit ihr zu kommen. Sie versuchte nicht, es ihnen auszu- reden, und fragte auch nicht nach ihren Gründen. Sie folgten ihr in den Dschungel und dann bergauf zur Höhle. Es war komisch, wie schnell alles wieder auf- tauchte. Die Gewohnheit, Befehle zu geben. Sie hatte damit begonnen, diese Gewohnheit zu entwickeln, ohne das Gefühl zu haben, sie wäre talentiert, und obendrein in einer Zeit mit noch einigen weiblichen Rollenmodellen, die sie studieren konnte, und sie hatte dann zäh daran gearbeitet, das Erwünschte zu entwickeln. Sie hatte mit tausend alten Männern ge- sprochen, Marinekapitänen, von denen manche schon im Ersten Nuklearen Krieg Schiffe befehligt hatten. Dann mit Raumkapitänen, mit ganz neuen Traditio- nen, neuen Methoden, etwas zu tun ... und doch auch mit vielen Gemeinsamkeiten. Menschen blieben Men- schen. Vielleicht waren sie etwas bereitwilliger, den Befehlen einer Frau zu folgen, als noch im Jahr 1944, aber die Probleme, wenn man sich automatischen Gehorsams versichern und den Respekt verdienen wollte, der eine starke, einige und loyale Besatzung nährte, waren weitgehend dieselben geblieben wie immer. Man konnte tausend Sachen lernen, und es führten unzählige Wege zu der unwahrscheinlichen Position, wo Männer und Frauen bereit waren, die Befehle, die man erteilte, zu befolgen. Die NASA hatte Führungs- kurse finanziert, und Cirocco hatte sie alle mitge- macht. Sie hatte Autobiographien großer Führer gele- sen., Sie wußte insgeheim, daß sie kein Talent zum Kommandieren besaß. Es war alles eine Fassade, aber wenn man sie vierundzwanzig Stunden am Tag auf- rechterhielt, merkte es niemand. Sie verlor ihr erstes Kommando. Danach hatte sie es nicht mehr geschafft, aus den Überlebenden eine funktionierende Besatzung zu machen. Sie alle gin- gen eigene Wege – alle außer Gaby und Bill –, und Cirocco lebte viele Jahre lang mit einem tiefsitzenden Gefühl, versagt zu haben. Die NASA war in Aufregung geraten, als nur zwei von den sieben Besatzungsmitgliedern der Ringmei- ster dazu überredet werden konnten, zur Erde zu- rückzukehren, und sie war rasend geworden, als sie erfuhr, daß der Kapitän zu den fünf Deserteuren ge- hörte. Aber die NASA war eine zivile Organisation, und daher fühlte sich Cirocco dazu berechtigt, den Dienst an einem Ort ihrer Wahl zu quittieren, nach- dem sie erfüllt hatte, was sie als ihre Verantwortung betrachtete, indem sie alles berichtete, was sie von den Ereignissen und ihren Ursachen wußte. Die NASA konnte sie nicht vor ein Kriegsgericht stellen, so gern sie es auch getan hätte, selbst in Ab- wesenheit. Aber sie tat das zivile Äquivalent, das heißt, sie setzte ein Dutzend Kommissionen und Un- tersuchungsausschüsse ein. Cirocco hatte dann fast ein Jahrhundert lang Zeit gehabt, sich über alles Gedanken zu machen. Im Verlauf dieser Zeit hatte sie viel an Führerschaft ge- dacht, und sie war zu dem Schluß gekommen, daß man von verschiedenen Sorten von Führern sprechen konnte. Manche waren gut, andere schlecht. Wahr- scheinlich traf es zu, daß manche Führer niemals die, Zweifel durchmachten, die sie erlebt hatte, sondern sich ihrer selbst und all ihrer Handlungen völlig si- cher waren. Dabei handelte es sich um die Egomanen, die Monomanen und die Größenwahnsinnigen – At- tila, Alexander, Karl der Große, Mussolini, Patton, Suslow – alles besessene Männer, getriebene Männer, oft psychotisch oder paranoid. Sie konnten prinzipiell sogar gute Führer sein, aber Cirocco hatte doch das Gefühl, daß die Welt jeweils schlimmer geworden war, wenn diese Leute ihr ihren Willen aufgeprägt hatten. Seit Jahrzehnten war Cirocco jetzt frei von dieser Art Verantwortung. Am meisten war sie zufrieden, wenn niemand von ihr abhing und wenn auch sie sich auf niemanden verlassen mußte. In den vergan- genen zwei Jahrzehnten hatte ihre einzige Aufgabe darin bestanden, um nahezu jeden Preis am Leben zu bleiben. Jetzt trat möglicherweise eine Veränderung ein. Aber als es notwendig wurde, befriedigte sie die Entdeckung, wie schnell sie die Gänge wechseln konnte. Chris holte die anderen ein, als sie gerade die Höhle erreichten. Sie war hoch, breit und tief, der perfekte Platz für einen Teil von Ciroccos Arsenal. Die Höhle stand an- scheinend ungeschützt offen, hatte aber in Wirklich- keit Wächter, die so gut versteckt waren, daß ein Ein- dringling über einen stolpern konnte, ohne ihn zu se- hen. Cirocco hatte diese Kreaturen in Rhea aufge- sammelt, wo sie früher ein altes Götzenbild bewacht hatten, und hatte gelernt, wie man ihre einfachen Ge- hirne neu programmierte, daß es ihren eigenen Be-, dürfnissen entsprach. Sie ignorierten Titaniden, aber jeder Mensch, der nicht von Chris oder Cirocco be- gleitet wurde, wäre tot gewesen, bevor er die Höhle auch nur betreten konnte. Drinnen standen Flugzeuge. Es waren sechs, aber drei davon hatte man ausgeschlachtet, um mit ihren Teilen die anderen einsatzbereit zu halten. Als Ciroc- co sie vor zwanzig Jahren gekauft und per Schiff nach Gäa geholt hatte, waren sie der höchste Stand der Technik gewesen. Dieser Stand hatte sich in dreizehn Jahren nicht viel weiterentwickelt und seit Ausbruch des Krieges überhaupt nicht mehr. Es waren prächti- ge, unglaublich gute Flugzeuge, und sie unterschie- den sich von den unförmigen Dinosauriern, auf de- nen Cirocco ihre Pilotenausbildung erhalten hatte, wie das Fluggerät der Brüder Wright von einem Fünf-Mach-Jäger, wenn die Unterschiede auch für ei- nen ungeübten Betrachter nicht offensichtlich waren. Cirocco machte einen Rundgang. »Wie lange ist es her, seit du sie das letzte Mal ge- flogen hast, Chris?« fragte sie. »Etwa eine halbe Kilorev, Captain. Entsprechend deinem Fahrplan. Mit der Zwei und der Vier hatte ich keine Probleme, aber an der Acht muß etwas getan werden.« »Egal. Wir brauchen sie nicht. Robin, Nova, kann eine von euch fliegen?« »Ein Flugzeug?« fragte Robin. »Tut mir leid, Cap- tain.« »Wir müssen es mit der Captain-Rolle nicht über- treiben.« »Ich habe ... z-z-zuhause etwas ge-ge-geflogen, ein ...«, »Drück dich klar aus, Kind! Ich tu dir nicht mehr weh, das verspreche ich.« »Ich habe ein Segelflugzeug gesteuert«, flüsterte Nova fast unhörbar. »Wir haben diese Gleiter und fliegen damit die Achse entlang, und ...« »Ich habe davon gehört«, sagte Cirocco. Sie dachte darüber nach, während sie weiter zur Drachenflug Zwei hinüberging, dem kleineren der einsatzfähigen Flugzeuge, das bereits auf das Katapult gespannt war. »Besser als nichts. Conal, du fliegst dieses hier, und Nova mit dir. Mach sie mit den Grundlagen ver- traut, wenn du Gelegenheit dazu findest! Steig ein, heiz es auf und fang mit den Checks an! Chris, du stellst fünf Sets Überlebensausrüstung zusammen: das Grundgepäck, Extrarationen, Handwaffen, Ge- wehre, Kleidung und was dir sonst einfällt, sofern es praktisch ist und nicht zuviel wiegt!« »Kugelsichere Anzüge?« fragte Chris. Cirocco hielt inne, wollte schon etwas sagen, hörte dann aber doch auf ihre innere Stimme. »Ja. Nova kann einen von meinen anziehen. Such die kleinste Größe für Robin aus, und ...« »Verstanden«, sagte Chris. Er beobachtete sie mit schmalen Augen. »Wie steht es mit den Geschützen? Sollen sie geladen werden?« Cirocco betrachtete die Zwei, in deren durchsichtige Tragflächen großkalibrige Geschütze eingebaut wa- ren. »Ja, ich mache das. Robin, du hilfst ihm!« Sie holte zwei Kisten Munition für die Tragflä- chengeschütze und lud diese, hörte dabei, wie Conal seine Funkchecks mit den Titaniden durchführte. Sie schlug die Deckel wieder zu, als Chris und Robin die, Ausrüstung auf die freien Flächen hinter den Sitzen luden. »Zur Seite treten!« rief Conal. Er feuerte eine Test- salve aus jedem Geschütz. Es klang sehr laut in der Höhle. Cirocco zog das Treibstoffkabel über den Höhlen- boden und steckte es in den Rumpf, beobachtete dann, wie sich der große Falttank ganz füllte. »Steig ein!« wies sie Nova an. »Wo kann ich drauftreten?« »Auf alles. Das Ding ist viel stabiler, als es aus- sieht.« Sie verstand Novas Besorgnis. Als Cirocco die Drachenflieger zum erstenmal gesehen hatte, hatte sie gedacht, es sei ein schrecklicher Fehler passiert. Sie schienen nur aus Zellophan und Kleiderbügeln zu bestehen. Nova stieg ein und Cirocco schlug die Tür hinter ihr zu. Sie sah zu, wie Conal Nova das Anlegen der Gurte zeigte. »Alles klar!« rief Conal wieder, war aus dem ge- schlossenen Cockpit heraus kaum zu hören. Der Motor sprang an. Er war im durchsichtigen Rumpf deutlich sichtbar: etwa einen Meter lang und mit einer Bohrung von zwanzig Zentimetern. Auf ei- nen beiläufigen Blick sah er so grundlegend und un- kompliziert aus wie ein Bunsenbrenner. Das traf zum Teil zu, war jedoch täuschend. Er enthielt kaum Me- tall, sondern bestand aus Keramik, Kohlefadenwick- lungen und Kunststoff. Die Turbine drehte sich mit Geschwindigkeiten, die ohne Null-G-Lager unmög- lich gewesen wären, und erzeugte dabei Temperatu- ren, die alle Materialien verdampft hätten, die in Ci- roccos Jugend gebräuchlich waren. Das Flugzeug hustete eine kleine Rauchwolke,, dann durchlief der Motor rasch die Stadien Rot und Orange, bis er gelb glühte. Conal betätigte den Kata- pultauslöser, und die Maschine wurde in die Luft ge- schleudert. Nach zweihundert Metern drehte sie sich direkt in den Himmel. »Helft mir hier!« sagte Cirocco, und Robin und Chris packten die andere Flügelspitze und das Schwanzruder der Drachenflug Vier. Sie hoben sie mühelos hoch und trugen sie zum Katapult. Chris füllte Treibstoff ein, während Robin die Vorräte ein- lud und Cirocco für die Checks auf dem Pilotensitz Platz nahm. Die Vier war unbewaffnet. Cirocco machte sich eine Sekunde lang Sorgen darüber und verbannte dann den Gedanken. Sie hatte sich keinen Nutzen für die Bewaffnung der Zwei vorstellen kön- nen, ging aber nach dem Prinzip vor, daß, wenn man sie schon besaß, es töricht war, sie nicht bereitzuhal- ten. »Conal, empfängst du mich?« »Laut und deutlich, Captain.« »Wo bist du?« »Von der Junction aus genau nach Osten unter- wegs, Captain.« »Nenn mich Cirocco, und kreise dort auf fünftau- send Metern, bis du weitere Anweisungen be- kommst!« »Roger, Cirocco.« »Valiha, Rocky, Schlange, empfangt ihr mich?« Sie alle bestätigten, und Cirocco wies Nova an, das Rezept und die Zutaten ihres Liebestranks an Rocky weiterzugeben. Sobald die Maschine mit Treibstoff gefüllt und beladen war, kletterte Chris auf die bei- den Rücksitze, während Robin sich neben Cirocco, setzte, die den Motor anwarf. Als ausreichend Schub bereit war, wandte sie sich Robin zu. »Lehn den Kopf hinten an!« sagte sie. »Dieses Ding hat eine saftige Beschleunigung.« Und schon waren sie weg.

DREIZEHN

Cirocco hatte Conal nicht lange nach seiner Ankunft in Gäa das Fliegen beigebracht. Er war sehr gut darin, und es machte ihm Spaß. Nicht, daß die Bedienung einer Drachenflug schwer zu lernen war. Diese Maschinen konnten in jedem Gelände praktisch von selbst starten, navigie- ren und wieder landen. Sie benötigten keine Rollbah- nen und kamen auch ohne Bodenunterstützung zu- recht, die über gelegentliche Tankstops hinausging. Jeder, der einmal eine Piper Cub geflogen hatte, konnte in wenigen Minuten in einer Drachenflug heimisch werden, auch wenn ihm das Fehlen einer Instrumentierung Kummer bereitete. Eine Drachen- flug hatte in gewissem Sinn nur ein einziges Instru- ment: einen Computerbildschirm. Eine einzelne Ta- statur rechts vom Piloten rief jede Information ab, die der Pilot oder das Bordgehirn wünschen konnten; der Computer sah pro Sekunde fünfzigtausend Daten durch, informierte den Piloten über jede kritische Si- tuation und empfahl Handlungsweisen. Boden- und Luftradar waren vorhanden und jede Funkmöglich- keit, die man je brauchen konnte. Cirocco hatte die, Kompasse gegen Inertialsucher ausgetauscht. Die Seitenruderpedale und der Steuerknüppel wa- ren jedoch vom selben Typ, wie er über eineinhalb Jahrhunderte auf der Erde in Gebrauch gewesen war. Conal nutzte die Zeit, während er auf Cirocco warte- te, indem er Nova im Gebrauch dieser Geräte unter- wies. Sie sah aufmerksam zu und machte alles richtig, als er ihr die Steuerung übergab. Als die Vier zu ihnen emporstieg, schloß Conal sich ihr mit der größeren Maschine an und begleitete Ci- rocco rechts, ein Stück hinter ihr. »Hier ist der Plan«, sagte Cirocco. »Das Radar reicht ungefähr dreißig Kilometer in alle Richtungen. Ein Engel schafft zirka siebzig Kilometer pro Stunde und hält das vielleicht zwei Stunden lang durch. Er ist jetzt seit etwas weniger als einer Stunde weg. Wir nehmen an, daß er zum Pandämonium unterwegs ist, das sich gegenwärtig im südlichen Hyperion aufhält. Wir gehen auf zwanzig hinauf, das sind zwo null Ki- lometer, und wir fliegen fünfzig Kilometer weit aus- einander in derselben Richtung. Wir machen dabei ein Tempo von eins zwei null Stundenkilometern für die nächsten dreißig Minuten, und wollen hoffen, daß uns das im großen und ganzen in das Gebiet des En- gels bringt. Dann drosseln wir die Geschwindigkeit auf sechzig und versuchen, ihn per Radar auszuma- chen. Wenn das nicht gelingt, fliegen wir mit hoher Geschwindigkeit weiter, bis wir sicher sind, daß wir uns vor ihm befinden. Dann fliegen wir ein Suchmu- ster ab, das uns diagonal über seinen projizierten Weg führt, bis wir ihn gefunden haben oder einem von uns etwas Besseres einfällt. Kommentare?« Conal arbeitete das auf seine mühselige, aber me-, thodische Weise aus. Cirocco unterbrach ihn nicht. Er erkannte, daß er, abgesehen von Chris, mit dem sie diese Sache bereits besprochen hatte, mehr über Gäa wußte als alle anderen. »Was ist, wenn er in größerer Höhe fliegt?« wollte er schließlich wissen. »Sollte das Suchmuster außer horizontal auch vertikal verlaufen?« »Ich gehe davon aus, daß er ziemlich tief fliegen wird.« Conal zog auch das mit in Rechnung, und er war sich nicht sicher, ob diese Annahme stichhaltig war. Die Engel hielten sich vielleicht nicht gerne an das ge- bogene Dach des Torus, aber sie konnten es, wenn sie dazu gezwungen waren. Cirocco verließ sich offen- sichtlich auf irgendeine Art von Übergabemanöver, da kein einzelner Engel Adam von Dione nach Hype- rion bringen konnte, und sie mußte davon ausgehen, daß die späteren Träger mit größter Wahrscheinlich- keit am äußeren Rand Gäas versteckt waren. Aber Gäa war eine ungewöhnliche Welt für Flieger. Man konnte auf volle hundertfünfzig Kilometer stei- gen, bevor man gegen das Dach stieß. Und wenn man durch eine Speiche flog, kam man noch höher. Falls der Engel auf sechzig Kilometer ging, konnten sie di- rekt unter ihm dahinfliegen, ohne ihn jemals zu se- hen. »Hyperion ist fast die halbe Umrandung weit ent- fernt«, bemerkte Conal. »Er könnte genausogut durch eine Speiche aufsteigen, durch die Nabe fliegen und dann wieder hinuntergehen.« »Du hast vollkommen recht, Conal«, erwiderte Ci- rocco. »Aber für den Moment gehe ich von der Randroute aus. Falls wir in zwei oder drei Rev nichts, finden, müssen wir die Sache neu abschätzen.« »Du bist der Boss«, meinte Conal. »Ja, aber unterlaß es deswegen nicht, dir selbst Ge- danken zu machen! Und abgesehen davon, ich werde in wenigen Minuten mein bestes tun, um zu mogeln.« Conal konnte an Novas gerunzelter Stirn erkennen, daß sie keinen Schimmer hatte, wovon der Captain redete. Conal konnte es sich ziemlich gut denken, hielt aber den Mund. »Der Wetterbericht«, meldete sich der Computer. »Sie erreichen ein Gebiet, wo starke Turbulenzen ...« Conal drückte auf den Override. Der Computer schwieg wieder. »Worum ging es?« wollte Nova wissen. Conal warf ihr einen kurzen Blick zu. Sie schien sich besser zu fühlen. Sie mußte es, dachte er, wenn sie bereit war, mit ihm zu sprechen. Er hatte sich nicht auf die lange Reise gefreut, die er mit jemandem, der ihn haßte, auf engstem Raum zurücklegen mußte. »Im Bordgehirn ist ein Modell Gäas gespeichert«, informierte er sie und rief einen Seitenblick der auf- geschnittenen Radwelt ab. »Diese Maschine verfügt wie alle anderen über das Modell, und sie notieren sich Stellen, wo die Wahrscheinlichkeit für das Auf- treten von Stürmen, von früheren Erfahrungen aus- gehend, groß ist. Meistens ist das nur ein Ärgernis.« »Ich dachte, es wäre hilfreich.« »Nicht allzusehr. Sieh mal!« Er vergrößerte das Segment des Torus, das Dione enthielt, und zeigte ihr einen Teil der Speiche, die darüber aufragte. Zwei blaue Punkte gingen dicht über der Unterseite des Bildes an und aus und trugen die Bezeichnungen 2 und 4. »Das sind wir«, sagte Conal und deutete auf, die 2. »Wir fliegen in Richtung Iapetus und nähern uns der Dämmerungszone, wo wärmere Luft vom Boden aufsteigt. Wenn in Gäa Luft aufsteigt, dringt sie in andere Luftmassen ein, die sich langsamer be- wegen, weil sie der Nabe näher sind. Also über- schlägt sie sich gewissermaßen wie eine brechende Welle. In der Übergangszone hat man es mit vielen schnellen Fallwinden zu tun.« Er blickte kurz zu ihr hinüber, um zu sehen, ob sie verstanden hatte. Er hatte mit seinem früheren erd- gebundenen Denken schon eine Weile gebraucht, um damit klarzukommen. Auf der Erde war der äquiva- lente Effekt die Rotation von Luftmassen, die von nordsüdlichen Strömungen erzeugt wurde, und hing dort von der Tatsache ab, daß sich die Luft am Äquator mit der Drehung des Planeten schneller be- wegte als die Luft im Norden oder Süden. War der Effekt so stark, nannte man ihn einen Hurrikan. »Sicher«, meinte Nova, »der Coriolis-Effekt. Den müssen wir zu Hause in Rechnung ziehen, wenn wir Gleitflüge machen.« »Hier ist es nicht so schlimm. Gäa ist viel größer als der Koven. Ich muß gar nicht daran denken, wenn ich die Maschine fliege, denn der Computer berücksich- tigt ihn bei der Navigation.« Er deutete wieder auf den Bildschirm. »In Gäa ist das Wetter nämlich sehr regelmäßig. Schlechtes Wetter kommt aus den Spei- chen. Gäa saugt eine Menge Luft in eine Speiche, treibt sie durch die Nabe in eine andere Speiche und läßt sie von dort auf eine Nachtregion hinabfallen. Es läuft alles nach einem Plan ab. Das ist es, was der Computer mir sagen will: ich nähere mich einer Grenzlinie zwischen Tag und Nacht, was bedeutet,, daß ich unter einer Speiche hervorkomme und mit einigen Böen zu rechnen habe. Aber die Sache ist die ...« – er deutete auf die riesige Mündung der Dione- Speiche über ihnen –, »daß ich es ziemlich leicht selbst erkennen kann.« Nova antwortete nicht, sondern blickte sich um und betrachtete forschend die Speiche, das gebogene Dach vor ihnen, das sich über Iapetus wölbte, und verglich alles mit dem Modell auf dem Bildschirm. Conal wußte, daß die verschlungene Geometrie Gäas einiges an Gewöhnung erforderte. Es war eine Sache, es sich auf einer Karte anzuschauen, aber eine ganz andere, auf der sausenden Umrandung zu stehen und einen Ameisenblick darauf zu werfen. »Jetzt verstehe ich deine Ansicht über die Auffin- dung des Engels«, meinte sie schließlich. »Was hin- dert ihn daran, einfach so hoch zu fliegen, daß wir ihn niemals entdecken? Auf diese Weise hat er auch den kürzeren Weg.« »In Gäa sind alle Entfernungen in der Luft geringer als am Boden«, sagte Conal. »Und wenn du von Dio- ne nach Rhea wolltest, rings um das Rad, wäre der kürzeste Weg eine Speiche hinauf, dann durch die Nabe und schließlich die Rhea-Speiche hinunter. So fällt es einem unterwegs zunehmend leichter, weil man an Gewicht abnimmt. Und sobald man einmal die Nabe erreicht hat, geht es nur noch bergab.« »Warum meint Cirocco, daß er nicht diesen Weg nimmt?« »Dafür gibt es ein paar Gründe. In den Speichen leben verschiedene Engelschwärme. Sie können ein- ander nicht leiden und achten eifersüchtig auf ihre Gebiete. Egal, zu welchem Schwarm unser Engel ge-, hört, er muß durch feindliches Gebiet, wenn er zwei Speichen durchquert. Vielleicht würden sie ihn um- bringen, und er hätte auch große Probleme mit der Nahrungssuche. In dieser Beziehung hat er es durch den Torus leichter. Und die weiteren Träger können sich hier leichter verstecken, weil kein anderer Schwarm hier Nistrechte besitzt.« »Und warum gehst du davon aus, daß er nach Hy- perion will?« Conal zuckte die Achseln. »Da müßtest du den Captain fragen. Sie verfügt über ein besonderes Wis- sen, von dem sie mir nicht immer erzählt. Anderer- seits war sie verflixt überrascht, als dieser Engel Adam packte, das kann ich dir sagen.« Sie näherten sich der Westgrenze von Iapetus, als Ci- rocco den Befehl gab, die Geschwindigkeit zu dros- seln. Conals Maschine befand sich weit im Norden und war für das Auge nicht sichtbar, erzeugte aber einen starken und gleichmäßigen Blip, wenn der Computer die Bodenkarte zeigte. Als die dreidimensionale Graphik benutzt wurde, fiel es Robin schwer, sich nicht entmutigt zu fühlen. Aus dieser Sicht stellte sich Gäas Torus als sanft gebogene Röhre dar. Die Stellen, wo der Engel sich möglicherweise befand, bildeten insgesamt eine Halbkugel mit Tuxedo Junction als Mittelpunkt. Der Suchquerschnitt der Flugzeuge ergab einen länger werdenden Schlauch von einhundert Kilometern Breite und fünfzig Kilometern Höhe. Verglichen mit dem Gebiet, wo der Engel vielleicht war, wirkte er un- zureichend. Es war noch viel Platz darüber und sehr viel darunter., »Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht«, meinte Cirocco. »Ich halte die Position eine Zeitlang und hof- fe, daß er sich zeigt. Aber wenn wir ihn in einer Stun- de nicht haben, lege ich Tempo zu, und dann fliegen wir die Gegend kreuz und quer ab. Wir decken damit fast den gesamten Luftraum ab.« »Was, wenn er zurück nach Metis geflogen ist?« »Unwahrscheinlich. Aber falls wir in vier oder fünf Stunden keine Ergebnisse haben, schicke ich Conal in diese Richtung zurück.« »Und was ist mit der Speiche?« erkundigte sich Chris. »Das wäre solch ein logistischer Alptraum, daß ich ihn ausschließe.« Robin betrachtete die riesige Waldfläche weit unter ihnen. »Was, wenn er sich einfach ... da unten ins Gebüsch gehockt hat?« »Robin, wenn er das tut, können wir nicht mehr viel ausrichten.« Sie wünschte sich, sie hätte die Frage nicht gestellt. »Aber«, fuhr Cirocco fort, »er wird das nicht tun.« Robin überlegte, ob sie Cirocco fragen solle, wie sie da so sicher sein konnte, mußte aber feststellen, daß sie nicht den Mut aufbrachte. Sie wollte, daß der Ma- gier recht hatte. Es half ein wenig, jemanden dabei- zuhaben, der zu wissen schien, was er tat. »Reich mir meinen Tornister, Chris! Es wird Zeit für den scheußlichen Teil.« Der Tornister trug den unmißverständlichen Stem- pel titanischer Fertigung und sah aus wie ein alter Freund. Robin beobachtete, wie Cirocco ihn zwischen ihren Füßen auf den durchsichtigen Boden stellte,, öffnete und ein kleines Glas mit einem Metalldeckel herausholte. Etwas Weißes und Schleimiges war auf dem Grund des Glases zusammengerollt. Es hob den Kopf und blinzelte. »Was bei den neun Milliarden Irrlehren des Chri- stentums ist das?« erkundigte sich Robin. Cirocco blickte sie entschuldigend an. »Es ist das, worüber ich am Brunnen nicht mit dir reden wollte, aber die Dinge haben sich etwas zu weit entwickelt, um noch Geheimnisse zwischen uns zu wahren. Das ist ein Stück von Gäas Bewußtsein. Rocky hat es vor etwa fünf Jahren aus meinem Kopf geholt. Mit einem Wort, es ist mein eigener persönli- cher Dämon.« Robin nahm ihn in Augenschein. Das Wesen streckte sich aus. Es sah aus wie eine Schlange mit zwei Beinen. Im Stehen hielt es das Gleichgewicht, indem es den Schwanz als dritte Stütze benutzte. Die Beine wirkten eigentlich mehr wie Arme und hatten krallenbe- wehrte Hände. Der Hals des Wesens war etwa drei Zentimeter lang, und der Schwanz mit der Stummel- spitze ungefähr zehn. Man konnte zwei runde ei- dechsenartige Augen erkennen und einen überra- schend ausdrucksvollen Mund. Robin beugte sich herüber und starrte es an. Das Wesen schien etwas zu rufen. Sie konnte fast die Wörter verstehen. War es möglich, daß es sprechen konnte? »Hat es einen Namen?« Cirocco räusperte sich, und Robin wandte ihr den Blick zu. »Wenn du richtig hinsiehst«, sagte Cirocco, und ih-, re Lippen zuckten, »wirst du erkennen, daß er männ- lich ist.« Robin schaute wieder hin. Die Große Mutter be- wahre uns, es ist männlich! »Er behauptet, er habe keinen Namen«, sagte Ci- rocco. »Wenn ich ihn mal nicht als ›widerlichen Schleimbeutel‹ bezeichnen möchte, nenne ich ihn ›Snitch‹.« Cirocco rieb sich mit einem Finger heftig an der Oberlippe, räusperte sich und zeigte ganz allge- mein all die Symptome der Nervosität, die Robin bei ihr nie erwartet hätte. Man lernt jeden Tag etwas Neues, dachte Robin. »Sieh mal!« fuhr Cirocco fort. »Von der Stellung ausgehend, die er einnahm, als Rocky ihn fand ... nun ... könnte man sagen, daß er, nun ja, etwa neunzig Jahre lang mit meinem Verstand gefickt hat.« Das hatte für Gäa kein ausreichender Grund sein können, dieses Wesen männlich zu machen, da es sein ganzes Leben in Ciroccos Kopf zubringen sollte. Also war sein Geschlecht einer von Gäas verdrehten Scherzen und eine besondere und häßliche Demüti- gung für Cirocco, sollte es je gefunden werden. Cirocco schraubte den Deckel vom Glas und stellte es auf die Fläche direkt oberhalb des Computerbild- schirms, der sie die Bezeichnung Armaturenbrett ge- geben hatte. Snitch sprang herauf und setzte sich auf den Rand des Glases, sah sich verschlafen um und gähnte. Er kratzte sich mit einer Klaue wie ein Hund und hockte sich dann hin wie ein winziger Geier, den Kopf fast zwischen den Schultern versteckt. »Ich könnte glatt etwas zu trinken gebrauchen«, sagte er. Robin erinnerte sich an die Stimme. »Ich rede mit dir, Arschgesicht«, sagte er., Cirocco streckte die Hand aus und schnipste mit einem Finger. Der Dämon prallte heftig an die Wind- schutzscheibe und fiel heulend wieder auf das Ar- maturenbrett. Dann zermalmte Cirocco seinen Kopf mit dem Daumen. Robin hörte ein knirschendes Ge- räusch. Große Mutter, dachte sie. Sie hat ihn getötet! »Tut mir leid«, sagte Cirocco, »aber es ist die einzi- ge Methode, zu ihm durchzudringen.« »Du entschuldigst dich bei mir?« quietschte Robin. »Zieh ihm bei lebendigem Leib die Haut ab und ver- füttere ihn an die Würmer! Ich war nur überrascht, daß du ihn fünf Jahre lang am Leben gelassen hast und ihn jetzt umbringst.« »Mit ihm ist alles in Ordnung. Ich weiß nicht ein- mal, ob man ihn überhaupt töten kann.« Sie nahm den Daumen weg und Snitch rollte zurück auf seine Füße. Sein Kopf war verformt und Blut tropfte aus einem Auge. Während Robin hinsah, nahm der Kopf wie irgendein unheimlicher Kunststoff wieder die frühere Form an. »Wem muß ich eine reinhauen, damit ich in dieser stinkenden Bude einen Drink bekomme?« Er hüpfte auf den Rand des Glases und setzte sich dort hin. Cirocco langte in ihren Tornister und holte eine metallene Feldflasche in einem Lederbehälter hervor. Sie schraubte den Deckel ab, holte eine Ophtiole aus der Tasche, steckte sie in den Hals der Feldflasche und zog etwas Flüssigkeit heraus. Snitch hopste be- gierig von einem Bein auf das andere, hatte den Kopf zurückgelegt und den Mund geöffnet. Cirocco hielt ihm die Ophtiole über den Mund und ließ einen dik- ken Tropfen hineinfallen. Snitch schluckte schwer und öffnete den Mund wieder., »Das reicht für den Moment«, sagte Cirocco. »Wenn du brav bist, bekommst du mehr.« »Was ist das?« fragte Robin. Snitch rollte mit den Augen und blickte sie an. »Äthylalkohol. Snitch will seinen Sprit ohne Um- wege.« Sie seufzte. »Er ist Alkoholiker, Robin. Das ist fast alles, was er zu sich nimmt, abgesehen von etwas Blut einmal am Tag.« Snitch deutete mit dem Kopf auf Robin. »Wer ist diese Braut?« Cirocco schlug ihm erneut ins Gesicht, und er heulte auf, hielt aber schnell wieder den Mund. »Vielleicht ...«, begann Robin, überlegte es sich dann aber anders. »Sprich weiter!« forderte Cirocco sie auf. »Nun ... vielleicht war er der Grund für dein ... ah ... Problem.« »Nicht nötig, es zu umschreiben, Robin. Ob er es war, der aus mir eine Säuferin gemacht hat, ja?« Sie seufzte und schüttelte den Kopf. »Ich habe lange Zeit mein bestes versucht, das zu glauben. Aber ich wuß- te, daß ich nur meine eigene Schwäche von mir ab- wälzen wollte. Falls überhaupt, bin ich der Grund für sein Problem! Er hockte so lange in einem alkoholi- sierten Gehirn, bis er süchtig wurde.« Sie straffte die Schultern, beugte sich ein Stück vor und blickte den Dämon an. »Jetzt, Snitch«, sagte sie, »machen wir ein Spiel.« »Ich hasse Spiele.« »Dieses wird dir gefallen. Gäa hat etwas Schreckli- ches getan.« Er lachte meckernd. »Ich wußte, daß etwas Gutes passieren würde!«, »Aber du hast nie daran gedacht, mich zu warnen, ja? Nun, vielleicht tust du es nächstes Mal. Und ge- schehen ist, du giftiger ekelhafter Schanker, daß je- mand ein Kind gekidnappt hat. Gäa steckt dahinter, so sicher, wie Fliegen sich in Scheiße vermehren, und du wirst mir sagen, wo das Kind ist!« »Warum beißt du mir nicht in den Arsch?« Robin war überrascht, als Chris zwischen sie langte und das abscheuliche kleine Biest mit der Faust packte. Nur der Kopf von Snitch blieb sichtbar, und er rollte wild mit den Augen. »Ich möchte ihn, Captain«, sagte Chris mit tiefer Stimme. »Ich habe mir die ganze letzte Stunde über ihn Gedanken gemacht, und vielleicht bin ich dabei auf einige Dinge gekommen, an die du noch nicht gedacht hast.« »Wartet einen Moment, wartet einen Moment!« kreischte Snitch. »Ihr wißt, daß ich bessere Arbeit lei- ste, wenn ihr mir nicht weh tut, das wißt ihr, das wißt ihr!« »Eine Minute, Chris«, sagte Cirocco. Die winzigen Augen fuhren von Chris zu Cirocco und wieder zu- rück. Snitch schluckte und redete dann mit schmei- chelnder Stimme weiter. »Kümmere ich mich vielleicht um das, was Gäa sich einfallen läßt?« fragte er. »Für ein paar Drinks könnte ich euch helfen.« »Mein Angebot lautet auf vier Tropfen.« »Jetzt sei fair!« jammerte er. »Und sei vernünftig. Du kannst nicht bestreiten, daß ich dann die beste Arbeit leiste, wenn ich ordentlich was getrunken ha- be!« Cirocco dachte anscheinend darüber nach., »In Ordnung. Aber du hast mir noch gar nicht er- möglicht, dir von dem Spiel zu erzählen. Stell ihn wieder hin, Chris!« Chris gehorchte, und Cirocco zündete ein Streichholz an. Sie bewegte es auf den Dämon zu und hielt es dicht vor sein Gesicht. »Ich gebe dir jetzt zwei Tropfen. Dann wirst du mir sagen, wo das Kind ist. Wir fliegen dorthin. Wenn wir dort ankommen und du recht hattest, bekommst du drei weitere Tropfen. Wenn du dich geirrt hast, dann binde ich eines dieser Streichhölzer längs an deinen Rücken und zünde es an. Es braucht etwa zwanzig Sekunden, bis es abgebrannt ist. Dann versuchst du es noch einmal. Wenn du dich erneut irrst, gibt es noch ein Streichholz. Ich habe ungefähr ...« – sie blickte in ihren Tornister – »... oh, etwa fünfzig Streichhölzer. Also können wir dieses Spiel sehr, sehr lange spielen. Oder es kann sehr schnell vorbei sein!« »Schnell, schnell, schnellschnellschnellschnell!« jammerte Snitch und hüpfte dabei auf und ab. »Okay. Mach den Mund auf!« Cirocco verabreichte ihm seine zwei Tropfen, was ihn zu beruhigen und ihm merkwürdigerweise auch Farbe zu geben schien. Zuerst war er kränklich gelb- weiß gewesen, jetzt verfärbte er sich rötlich. Er sprang vom Rand des Glases hinab und ging auf dem Armaturenbrett hin und her. Robin beobachtete ihn fasziniert. Der Dämon marschierte ein paar Minuten lang auf und ab. Schließlich geriet er ins Taumeln, als sich die Wirkung des Alkohols ausbreitete. Allmählich wandte er den Blick immer mehr zu einer bestimmten Stelle am Himmel. Er hüpfte zur Windschutzscheibe hinauf und drückte das abstoßende Gesicht dagegen,, als wolle er besser sehen. Endlich rülpste er und deutete mit einem Bein hinaus. »Er ist dorthin«, sagte er und kippte um.

VIERZEHN

»Conal, dreh zwanzig Grad nach links und steig auf vierzig Kilometer! Beschleunige auf zwei null null Kilometer pro Stunde!« »Zwanzig Grad links, vierzig, zweihundert; Roger, Captain.« Er führte die Wendung sofort durch, erhöhte den Schub und achtete darauf, daß die Maschine den Rest auch so durchführte, wie sie sollte. Wie ein Uhrwerk, dachte er befriedigt. Draußen wichen die Flügel aus ihrer zu drei Vierteln ausgefah- renen Position ein Stück weit zurück. »Was meinst du, warum hat sie sich wohl dazu entschlossen?« fragte Nova. »Ich weiß nicht«, antwortete Conal. In Wirklichkeit hatte er durchaus eine Vorstellung, aber sie war zu kompliziert, um sie zu erklären, und obendrein war er angewiesen worden, niemandem von Snitch zu erzäh- len, wenn Cirocco es nicht besonders genehmigt hatte. »Ich werde nicht schlau aus ihr«, gestand Nova. »Da bist du nicht der erste.« »Conal, tragt ihr eure kugelsicheren Anzüge?« »Nein, Cirocco, sollten wir?« »Ich denke schon. Wir ziehen unsere jedenfalls an. Ich habe keinen besonderen Grund dafür, außer dem üblichen.«, »Was nützt es, wenn man es hat, aber nicht be- nutzt, richtig, Captain?« »Exakt.« »Wir machen es.« Er wandte sich zu Nova um. »Kommst du dran? Es sind diese blauen Anzüge.« Nova fummelte an einem davon herum, bis sie ihn ausgebreitet hatte. Es war ein leichter, etwas steifer blauer Overall ohne Ärmel und Beine. Die in den zä- hen Kunststoff eingewebten Kohlefäden schützten si- cher vor Kugeln aus Handfeuerwaffen und gaben auch teilweise Schutz vor schwereren Waffen und Bombensplittern. »Was ist, wenn man am Kopf getroffen wird?« wollte Nova wissen. »Wenn wir in etwas hineingeraten, setzen wir diese Helme auf und ziehen die Beinlinge und Ärmel über. Brauchst du Hilfe dabei?« »Ich komme zurecht.« Sie stemmte sich aus dem Sitz und schob ihre Hose zu den Knöcheln hinunter. Das Flugzeug hüpfte nach rechts, und sie blickte ner- vös nach draußen. »Was ist passiert? Was ist los?« »Nichts«, sagte Conal und hustete nervös. »Ah, ich dachte, du würdest das über deine Hose ziehen.« »Spielt das eine Rolle?« Sie zog sich das Hemd über den Kopf. Diesmal machte die Maschine nur einen kleinen Satz. »Nein, es spielt keine Rolle«, antwortete er und zog den Abschirmvorhang von seiner Halterung an der Decke herab. Er hörte sie schwer seufzen. Dann zog sie an der Unterkante des Vorhanges und schob ihn damit wie- der hoch. Er blickte sie kurz an und sah, daß sie die Vorderseite des Körpers mit den Kleidern bedeckte., Ihre Augen funkelten. »Kann ich eine Minute lang mit dir reden? Ist das okay? Bin ich anständig?« Er schluckte schwer. »Nova, es ... es reicht nicht!« Sie fuhr sich mit den Fingern durch das Haar und zupfte frustriert daran. »Okay, meine Mutter hat mir davon erzählt, aber ich habe es einfach nicht begriffen, also vielleicht bist du so freundlich, es mir zu erklären. Es liegt wohl nicht daran, daß du mich nicht gern anschauen wür- dest?« »Nein, daran liegt es überhaupt nicht.« »Genau das verstehe ich nicht. Du bringst mich da- zu, daß ich mir häßlich vorkomme.« »Entschuldige.« Jesus, womit sollte man anfangen, wie erklärte man das? Er war sich gar nicht sicher, ob er es sich selbst erklären könnte, viel weniger ihr. »Verdammt, ich komme aus dem Gleichgewicht, weil ich dich haben will und nicht haben kann. Dich zu sehen macht mich scharf, okay?« »Okay, okay! Große Mutter, ich weiß nicht, warum du dir solche Sorgen darüber machst, scharf zu wer- den, aber ich stimme dir zu. Ich werde die Stellen be- decken, bei denen es mir Robin gesagt hat, aber ich hatte eigentlich gerade jetzt gedacht, ich täte es! Also sag mir schon, Mister Männlich, was muß ich bedek- ken?« »Du kannst meinetwegen sämtliche Klamotten aus dem Fenster werfen!« preßte Conal zwischen den Zähnen hervor. »Das ist deine Sache, nicht meine.« »O nein, ich möchte dich ja nicht aus der Fassung bringen! Ich möchte nicht, daß du deine unsichere Selbstbeherrschung verlierst! Mutter, rette mich!« Sie, zog den Vorhang heftig herunter, wenige Sekunden später aber wieder so weit hinauf, daß sie darunter hervorblicken konnte. »Da ist noch etwas. Ich hatte vor dem Start nicht mehr die Möglichkeit zu pinkeln. Muß ich damit warten, bis wir wieder landen?« Conal öffnete ein Fach im Armaturenbrett, reichte ihr den seltsam geformten Topf und zog den Vaku- umschlauch aus seinem Schlitz. »Du hakst den Schlauch hier ein, dann ... führst du ihn an ...« »Ich kann es mir denken! Ich schätze, du möchtest auch dabei deine Zurückgezogenheit!« »Wenn es dir recht ist!« Ihre Antwort war mehr ein Knurren als ein Wort, und dann zog sie denn Vorhang wieder herunter. Conal flog kochend weiter und versuchte, die von der anderen Seite kommenden Geräusche zu ignorieren. Vor sieben Jahren noch wäre er vielleicht einfach durchgedreht. Unmöglich zu sagen, was er dann eventuell getan hätte – was für ein Temperament er gehabt hatte! Seitdem hatte er viel gelernt. Das Tem- perament war noch vorhanden, aber fest und dauer- haft unter Kontrolle. Er wandte die schwer erlernten Routinemaßnah- men an, um sich zu beruhigen. Als er damit fertig war, kam er sich töricht vor, wie gewöhnlich, wenn er es zugelassen hatte, so wütend zu werden. Nova ging von ihrer eigenen Logik aus, und nach ihren Begriffen war er außerordentlich dumm. Zum Teufel, dachte er, nach meinen eigenen auch! Er wünschte sich, er hätte sich nicht auf einen Schimpfwettkampf mit ihr eingelassen. Sie hatte, recht. Ihre Nacktheit war kein Angriff auf ihn. Er wünschte sich, er könnte diese Dinge ihr gegen- über auch so klar ausdrücken, wie er sie denken konnte, aber er wußte aus bitteren Erfahrungen, daß die Worte niemals richtig herauskamen. Als Nova den Vorhang wieder hinaufschob, trug sie die Hose über dem kugelsicheren Anzug. Sie hatte das Hemd zusammengefaltet und hinter dem Sitz verstaut. Sie saß aufrecht und starrte geradeaus. Er mußte sehr an sich halten, um nicht zu lachen, obwohl er es gern getan hätte. Er fühlte sich viel bes- ser. Jetzt verhielt sie sich töricht! Sie wußte nicht, wie sie ihren Zorn überwinden konnte, und das verlieh ihm ein Gefühl der Überlegenheit, das sehr ange- nehm war. Sie war ja noch so jung. Also zog er den Vorhang feierlich wieder herunter, legte schnell den eigenen kugelsicheren Anzug an und dann die anderen Kleider darüber. »Du behältst das Radar im Auge, während ich mich um dieses Zeug kümmere!« wies er sie an, als er den Schirm wieder öffnete. Sie nickte, und er drehte sich um und sicherte das Netz über der losen Fracht im Heck. Als er sich wieder umdrehte, war immer noch nichts zu sehen, außer dem leeren Himmel. Schwei- gend flogen sie weiter. Während der nächsten Stunde empfing Cirocco zwei Signale vom Radar. Das erste Mal waren alle erregt, obwohl Cirocco sie davor gewarnt hatte. Es stellte sich auch rasch heraus, daß es nur ein einzelner Blimp war. Cirocco schwenkte ab. Blimps haßten al- les, was mit Feuer zu tun hatte, und sie waren Ciroc- co gegenüber jahrelang sehr kühl gewesen, als sie die, Jets importiert hatte. Das war unfair, denn Cirocco hatte das getan, um die Flugbomben zu vernichten, die den Himmel für alle Wesen unsicher machten, die leichter als Luft waren. Aber mit einem Blimp konnte man nicht streiten. Der zweite Blimp erwies sich als einsamer Engel. Für einen Moment stieg die Stimmung, bis deutlich wurde, daß seine Schwingen die falsche Farbe hatten. Cirocco schaltete den Motor ab und glitt ein paar Mi- nuten lang neben ihm her. Er gehörte zum Dione Su- praschwarm und war schockiert darüber, daß ein En- gel für das Pandämonium arbeitete, und er schwor, daß sein Schwarm, seine Abteilung und sein Ge- schwader dem Magier treu blieben. Also band sie ein Streichholz an Snitch, was ihn wunderbar inspirierte. Nach einem weiteren Tropfen Äthylalkohol konnte er wieder sprechen und sagte, daß der Engel jetzt unter und ein Stück weit hinter ihnen sei. Cirocco übermittelte Conal über Funk den neuen Kurs. »Kann ich dich etwas fragen?« erkundigte sich Nova. »Nur zu!« Sie hatte lange gebraucht, um nur soviel herauszu- bekommen. Jetzt fiel es ihr schwer, weiterzureden. Irgendwie mußte sie sich über diese verrückte Welt klarwerden, denn sie steckte hier für den Rest ihres Lebens fest, zusammen mit Titaniden und Männern. Sie spürte immer noch den Abdruck von Ciroccos Handfläche auf ihrer Wange. Sie liebte Cirocco, und Cirocco hatte sie geschlagen. Es mußte gelingen, diese beiden Erfahrungen miteinander in Einklang zu brin- gen und so zu verarbeiten, daß Cirocco nie wieder ei-, nen Grund fand, sie zu schlagen. Damit das möglich wurde, mußte sie einige Dinge begreifen. »Was hat Cirocco Jones deiner Meinung nach sagen wollen, als sie mich aufforderte, mich zur menschli- chen Rasse zu gesellen?« Als sie die Frage gestellt hatte, entspannte sie sich ein wenig. Seine Antwort würde nicht viel bedeuten, erkannte sie. Es war von vornherein eine dumme Idee gewesen, ihn zu fragen. Vielleicht konnte ihre Mutter es erklären, wenn sie beide wieder etwas Zeit für sich hatten. Aber er überraschte sie. »Ich habe mich schon dasselbe gefragt«, sagte er. »Ich schätze, sie hatte einfach nicht genug Zeit, sich deutlich auszudrücken, also sagte sie irgend etwas, um deine Aufmerksamkeit zu erlangen.« »Also weißt du es auch nicht?« »O nein, das habe ich nicht gesagt. Ich weiß, was sie meinte.« Er runzelte die Stirn und lächelte sie schief an. »Ich denke nur nicht, daß ich es dir erklären kann.« »Würdest du es versuchen?« Er betrachtete sie für eine geraume Weile. Der Blick beunruhigte sie. »Warum sollte ich?« fragte er endlich. Sie seufzte und wandte sich ab. »Ich weiß nicht«, sagte sie. Er zuckte die Achseln. »Ich habe mich selbst gefragt. Warum sollte ich versuchen, dir etwas zu erklären, wenn du jedesmal, wenn ich ein freundliches Lächeln für dich übrig habe, mich ansiehst, als wäre ich eine Laus? Meinst du nicht, daß ich auch Gefühle habe?« Das war genau die Art von Frage, über die sich Nova keine Gedanken machen wollte. Aber sich sol-, che Gedanken nicht zu machen, hatte ihr einen Schlag ins Gesicht eingetragen. »Du hast vor einiger Zeit auch nicht an meine Ge- fühle gedacht!« »Ich gebe zu, daß ich einen unglücklichen Fehler gemacht habe«, sagte er. »Interessiert es dich, was ich diesbezüglich zu tun gedenke?« Er blickte sie wieder an und grinste. »Ich werde sagen, daß es mir leid tut, daß ich mich entschuldige und von jetzt an bessern werde. Wie klingt das für einen Tritt in die Hose?« Sie versuchte, seinen Blick zu erwidern, mußte aber schließlich wegsehen. »Ich fühle mich unbehaglich dabei«, gestand sie. »Ich weiß nicht, wieso.« »Ich schon. Soll ich es dir sagen?« »Ja.« »Sag bitte!« Wie er einen wütend machen konnte! Aber sie holte tief Luft, als wäre sie schwer geprüft, ver- schränkte die Arme und funkelte ihn an. »Bitte.« »Jesus, muß das weh getan haben!« »Überhaupt nicht. Es ist nur ein Wort.« »Doch, es hat weh getan, und es ist nicht nur ein Wort. Es hat aus demselben Grund weh getan, auf- grund dessen dir meine Entschuldigung nicht gefal- len hat. Du hast mich jetzt zweimal als menschliches Wesen betrachten müssen.« Sie dachte einige Minuten lang darüber nach, und er sagte in dieser Zeit nichts. »Willst du damit sagen, daß Cirocco das gemeint hat? Daß ich heterosexuell werden und Männer lie- ben muß?«, »Nichts so Drastisches und nichts so Einfaches.« Er rieb sich das Gesicht und schüttelte langsam den Kopf. »Hör mal, ich bin nicht der richtige dafür. Ich wünschte, Cirocco wäre hier! Warum wartest du nicht, bist du es mit ihr besprechen kannst?« »Nein«, sagte sie, denn ihr Interesse wuchs. »Ich würde es gern von dir hören!« »Ich weiß wirklich nicht, wieso«, brummte er. Dann holte er tief Luft. »Schau mal, für dich sind überall Grenzen gezogen. Da gibt es uns und die ande- ren. Das uns gilt anscheinend nur für eine sehr kleine Gruppe. Okay, ich kann das verstehen, ich empfinde genauso. Ich mag auch nicht alle Menschen. Und ich weiß, daß auch Cirocco nicht der größte Groupie ist, das die menschliche Rasse je erlebt hatte. Und sie meinte eigentlich nicht einmal nur die Menschen, denn die Titaniden sind keine Menschen, wohl aber Teil dessen, zu dem du dich gesellen sollst. Kannst du mir soweit folgen?« »Ich weiß nicht. Aber red weiter!« »Scheiße! Werde erwachsen!« wetterte er. »Das hat sie gemeint! Hör auf, Leute nach ihrem Aussehen zu beurteilen!« Er unterbrach sich und schüttelte traurig den Kopf. »Nova, ich könnte eine halbe Stunde lang weiterschwätzen wie ein CBC-Spot über Dienst an der Allgemeinheit, darüber, daß man die Qubeheads und die Normans und die Beces und die Ööks und die Nigger und die kleinen flaumigen Tiere und die Klapperschlangen lieben soll. Ich habe manche von diesen Leute gehaßt, als ich ein Junge war. Heutzuta- ge beschränke ich mich darauf, Sklavenhändler und Babyschieber und ähnliche Leute zu hassen. Jede Per- son, die ich treffe, ist auf Bewährung, weil wir es da, draußen mit einer zweifelhaften und gefährlichen Welt zu tun haben, und du hast recht, wenn du bei neuen Gesichtern argwöhnisch bist. Aber wenn sie sich nicht als Schurken erweisen, dann behandelt man sie eben, wie man selbst behandelt werden möchte, ganz nach der alten goldenen Regel. Wenn ein Freund von mir einen Freund hat, ist der auch mein Freund, bis er sich als etwas anderes erweist. Es ist mir egal, ob er schwarz, braun, gelb oder weiß ist, männlich oder weiblich, jung oder alt, ob er auf zwei, vier oder sechzehn Beinen rumläuft. Und ich bin meinerseits ein guter Freund. Ich bin treu wie Teufel, und ich spüle mein Geschirr selbst.« »Ich bin auch treu!« protestierte sie. »Sicher. Jedem auf deiner Seite, wo man nur zwei- beinige Frauen findet. Valiha kann nicht deine Freundin sein, weil sie wie ein Tier aussieht, und ich kann nicht dein Freund sein, weil ich einen Penis ha- be.« Er deutete durch die Windschutzscheibe auf den leeren Himmel. »Dein armer kleiner Bruder kann auch nicht dein Freund sein, weil du ihn nicht als Menschen betrachtest. Nova, einfach, indem ich dich anschaue – den guten Teil von dir –, weiß ich, daß es sagenhaft wäre, dich auf meiner Seite zu haben. Aber ich kann die Grenze nicht überqueren.« Er seufzte und lehnte sich zurück. Nova hatte fas- ziniert zugehört, ohne viel davon zu verstehen, wie zum Beispiel den Teil mit den Qubeheads und den Niggern. Sie besaß nicht die blasseste Vorstellung, was das für Leute sein mochten. Und warum brachte er die Hautfarbe ins Spiel? Was hatte die mit irgend etwas zu tun? »Was würdest du mir vorschlagen? Sollten wir, beide Sex machen?« Er warf die Hände hoch. »Das tut weh, wirklich! Meinst du, ich hätte das alles nur gesagt, um unter deine Wäsche zu kommen?« »Es ... es tut mir leid. Obwohl ich nicht weiß, was ich Falsches gesagt habe.« Er sah müde aus. »Ich schätze, du weißt es wirklich nicht, wie? In Ordnung. Kannst du Ehrlichkeit verkraften, ohne bö- se zu werden? Ich würde liebend gern ›Sex‹ mit dir ›machen‹. Ich war beleidigt, weil dort, wo ich aufge- wachsen bin, Jungen einfach alles sagen, nur um Mädchen ins Bett zu kriegen, und hier bin ich so ver- flucht edelmütig, daß es mich krank macht, also hat es mir weh getan, als du sagtest, es sei alles nur zun- genfertig. Aber du hast es ernst gemeint, nicht wahr?« »Ja. Ich tue es, wenn es das ist, was getan werden muß.« »Nettere Worte habe ich niemals zu hören bekom- men.« »Habe ich dich wieder beleidigt? Entschuldige.« Er grinste. »Du steigerst dich darin. Ich erkenne das dankbar an. Es zeigt dein Bemühen. Hör mal, Nova, du solltest das mit deiner Mutter besprechen. Sie hat herausbekommen, wie man es macht. Aber wenn du meine Meinung hören willst, dann solltest du das tun, was ich getan habe, als Cirocco mich auf die rich- tige Bahn gebracht hat. Ich war ein wirklich ver- fluchter Heuchler, als ich hier ankam. Ich bin jetzt nicht vollkommen, aber ich habe mich gebessert. Al- so, sobald ich ›Frog‹ oder ›Qubehead‹ dachte, verän- derte ich es zu ›Kanadier‹. Wenn ich ›schwarz‹ dach-, te, änderte ich es zu ›weiß‹. Wenn du also ›Mann‹ hörst, mach daraus ›Frau‹. Wenn du eine Person an- schaust und denkst ›Titanide‹, mach daraus ›Schwe- ster‹. Wenn du an Adam denkst, dann tu so, als wäre er deine kleine Schwester. Überleg dir, wie du dich fühlen würdest!« Sie dachte darüber nach und war über ihren eige- nen Zorn erstaunt. Er verging rasch wieder – schließ- lich war es nur ein Trick –, aber es war interessant, sich zu überlegen, wie die Welt aussehen würde, wenn diese Dinge alle zuträfen. »Dürfte ich einen Eindruck überprüfen, den ich ha- be?« erkundigte er sich. Sie nickte. »Du findest mich ... körperlich abstoßend, nicht wahr?« Und wieder geschah etwas Erstaunliches. Sie spürte, wie sie errötete. »Ich möchte dich nicht beleidigen ...« »Ich ziehe Ehrlichkeit vor.« Sie nickte unbehaglich. »Du bist zu behaart. Dein Kinn ist so rauh; ich denke, es wäre schmerzhaft, von dir geküßt zu werden. Deine Arme und Beine sind ... verkehrt. Sind diese Sachen für ... irdische Frauen an- ziehend?« Er grinste wieder. »Sie waren dafür bekannt.« »Und du findest mich ... attraktiv?« fragte sie. »Mehr als das. Du bist atemberaubend. Du bist eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe.« Nova schüttelte verwundert den Kopf. »Das ist eine komische Welt«, meinte sie. »Was stimmt damit nicht? Haben Lesbierinnen an- dere Vorstellungen von Schönheit?« »Ich weiß nicht. Im Koven galt ich als irre groß., Niemand hielt mich für schön.« Sie betrachtete ihn wieder. »Stimmt es, daß Männer außergewöhnliche Größe nicht unattraktiv finden?« »In Artillery Lake stimmt es«, kicherte Conal. »Ich schwöre bei Gott, ich halte dich für die Nummer zwei hinter Cirocco Jones.« »Jetzt bist du albern«, schniefte sie. Sie hätte viel- leicht mehr gesagt, aber der Radaralarm ging los, und Cirocco führte sie auf einen neuen Kurs.

FÜNFZEHN

Es war für sie alle ein Schock, zu entdecken, daß das Ding, welches Adam trug, kein Engel war. Oder, falls man es doch als solchen betrachtete, mußte man we- nigstens auch einen Zombie als Menschen ansehen. Cirocco fluchte leise, als sie es mit dem Fernglas betrachtete. Chris konnte den Blick nicht von diesem Ding abwenden, aber als Cirocco ihm das Fernglas reichte, mußte er sich zwingen, hineinzusehen. Seine schlimmsten Befürchtungen hatten sich nicht verwirklicht. Als er Adam studierte, konnte er keine Bisse von Todesschlangen erkennen. Von diesen ab- stoßenden Armen gehalten, den Kopf herabhängend, das dunkle Haar im Wind wehend, machte Adam ein Nickerchen. Chris mußte das Glas absetzen und seine zittern- den Hände beruhigen. Dann blickte er wieder hin und bestätigte mit Gewißheit, was sein Herz bereits wußte: das Kind war am Leben. Zweimal sah Chris Adams Mund auf- und zugehen, als wäre er am, mampfen, und er konnte das Heben und Senken der winzigen Brust erkennen. Schließlich konnte er die Aufmerksamkeit dem Zombie-Engel zuwenden. Es war ein sehr alter. Haut war nicht mehr vorhan- den, sondern nur noch das Skelettgerüst, die Federn und das Netz aus Todesschlangen, das ihn zusam- menhielt. Robin wurde zudringlich, also reichte er ihr das Fernglas. Cirocco atmete tief aus. »Okay, deshalb haben wir ihn also nicht gleich ge- funden. Er fliegt schneller, als es ein lebendiger Engel könnte. Wir sind fast schon in Cronus.« Chris wollte schreien. Er wollte tausend dumme Fragen rufen, im Kreis herumlaufen und den Mond anheulen. Er schluckte alles hinunter. Bleib ruhig, bleib ruhig! Stell fest, wo die Feuerausgänge sind! Bewege dich geordnet! Verliere nicht das Gleichge- wicht, steck den Kopf zwischen die Knie, wenn du dich schwach fühlst ... und denke nach! Denke nach! »Irgendwelche Ideen?« erkundigte sich Cirocco. Chris lauschte dem tödlichen Schweigen, sowohl im Flugzeug als auch übers Radio. »In Ordnung«, meinte Cirocco. »Die Prioritäten. Erstens: wir tun nichts, was ihn gefährdet. Conal, wir fallen am besten ein Stück weit zurück, damit wir die Luftströmungen auf keinen Fall stören. Wie hören sich zweihundert Meter an?« »Von mir aus okay, Cirocco«, meldete sich Conals Stimme. »Ideen?« fragte sie erneut. »W-w-was, wenn er ... ah ... ihn fallenläßt?« brachte, Chris hervor. »Das ist keine Idee, sondern eine Situationsbe- schreibung.« Sie runzelte die Stirn und dachte eine Zeitlang darüber nach. »Okay, ich gehe etwa einen Kilometer herunter und bleibe leicht hinter ihm. Co- nal, du bleibst, wo du bist. Falls du das Baby fallen siehst, möchte ich es eine Zehntelsekunde später wis- sen. Ich springe hinaus und fange es ein.« Fallschirme! dachte Chris. Etwas stimmte nicht mit ihm; er hätte daran denken sollen. Er drehte sich um und kletterte an der Ausrüstung vorbei nach hinten, um sie zu suchen. Nur – Cirocco konnte das nicht machen, das war verrückt, es mußte ... »Tut mir leid, Cirocco«, sagte Conal. Cirocco sah für einen Moment erstaunt aus. »Was ›zum Teufel‹ meinst du mit ›tut mir leid, Ci- rocco‹?« »Es wird nicht funktionieren«, meinte Conal. »Zum einen verläßt der Captain sein Schiff nicht. Das muß dir entfallen sein. Aber selbst, wenn du springen könntest, du mußt die Maschine fliegen!« »Chris kann sie fliegen!« »Tut mir schon wieder leid, Cirocco. Er hat mir ge- sagt, er wäre zu groß dafür.« Lieb von ihm, dachte Chris. »Er hat recht, Cirocco«, sagte Chris rasch. Er hakte seinen Fallschirm – einen Stoffschlauch von etwa der Größe eines fest zusammengerollten Regenschirms – an die Ringe seines kugelsicheren Anzugs. »Das ist verrückt!« meinte Cirocco. »Du mußt ein- fach den beschissenen Sitz zurückschieben und ...« Er blickte sie direkt an. »Ich habe vergessen, wie man fliegt«, sagte er. Sie, starrte ihn weiterhin an, und er schaffte es, ihren Blick ruhig zu erwidern. Endlich seufzte sie und nickte. »In Ordnung. Jetzt ...« »Ich sollte es tun«, meldete sich Robin. »Verdammt noch mal! Wer ist ...« »Ich war schon oft im freien Fall«, sagte Robin und hob dabei leicht die Stimme. »Chris nicht. Ich hätte eine größere Chance, ihn zu erwischen.« »Ich habe die Verantwortung für ihn«, sagte Chris und sah Robin bedeutungsvoll an. »Ich bin besser ausgebildet!« schoß Robin zurück. Cirocco blickte mit flammenden Augen von einem zum anderen. »Will sonst noch jemand seine billige Haut aufs Spiel setzen?« wollte sie wissen. »Ich mache es«, sagte Nova. »Ich bin zwanzigmal häufiger mit dem Fallschirm gesprungen als Robin. Vor zwei Jahren war ich Koven-Meisterin.« »Das haut mich um«, murmelte Cirocco und wurde dann wieder lauter. »In Ordnung, genug davon! Wir sind alle zutiefst beeindruckt, stellen so aber nichts auf die Beine. Conal, du bleibst genau dort, wo du bist!« »Erraten, Captain.« »Robin, Chris, falls wir die Nachricht erhalten, springt ihr beide!« Sie hakten die Fallschirme ein und planten den Vorgang von Öffnung der Maschine und Absprung. Robin bediente den Türriegel ein paarmal und schob die Tür auf, um sicherzustellen, daß sie das schnell wiederholen konnte. »So«, meinte Cirocco, »noch irgendwelche Ideen?« »Ich habe mir gerade Gedanken über die Weiterga-, be von Adam gemacht«, sagte Conal. »Was ist damit?« »Nun, wir werden den zweiten Träger schon eine ganze Weile sehen, bevor er ankommt. Was, wenn wir ihn einfach abschießen?« Alle schwiegen, während sie versuchten, sich über die Implikationen dieses Vorschlages klarzuwerden. Chris dachte bereits, es könnte eine gute Idee sein. »Nein«, sagte Cirocco schließlich. »Jedenfalls jetzt noch nicht. Erstens bin ich nicht der Meinung, daß sie es mit nur einer Weitergabe schaffen. Ich tippe auf vier oder fünf. Also sollten wir beim erstenmal nur beobachten, wie es geschieht, und dann bereit sein, ihn einzufangen. Wenn dieser Träger mehr als den halben Weg zurücklegt und sich erst dann der nächste zeigt, überlegen wir uns die Sache noch einmal.« »Das kapiere ich nicht«, meinte Robin. »Wenn wir den nächsten Träger abschießen, wird der jetzige müde werden und landen müssen. Dann können wir ihn leicht einfangen.« Cirocco nickte. »Das hört sich wirklich logisch an. Aber du kannst darauf wetten, daß Gäa an diese Möglichkeit gedacht hat und irgendein Hintergedanke von ihr im Spiel ist. Finden wir lieber erst einmal heraus, wie das bei der ersten Übergabe aussieht.« Chris stimmte zu, obwohl es eine Qual war zu warten. »Ich möchte das einfach zur Diskussion stellen«, sagte Conal. »Aber könnten wir nicht versuchen, ihn einzufangen? Besteht irgendeine Möglichkeit für mich, dichter heranzumanövrieren und ... na ja, ich habe die Schritte noch nicht alle ausgearbeitet.«, »Ich glaube nicht, Conal«, sagte Cirocco. »Wir müs- sen uns an unsere erste Priorität halten, die darin be- steht, ihn nicht zu gefährden.« »Okay, ich sage es«, meldete sich Conal wieder. »Wieso ist Adam in den Armen dieses Dings sicherer, als wenn er durch die Luft fällt, während Robin und Chris bereit sind, ihn aufzufangen? Und wieso denkst du, daß er sicher sein wird, wenn diese Bastarde es schaffen, ihn Gäa zu übergeben?« Chris schluckte schwer. Er hatte diese Gedanken in den Hintergrund gedrängt, aber sie waren dort nicht glücklich gewesen. Jetzt wühlten sie in seinem Gehirn herum und drängten ihn zu schreien. Cirocco sah sehr müde aus. »Ich denke, er wird bei Gäa völlig sicher sein«, sagte sie ernst. »Wenigstens körperlich. Ich bin sicher, daß sie ihn lebend will.« Sie machte ein finsteres Ge- sicht. »Ganz sicher. Wartet einen Moment, während ich das überprüfe.« Sie schlug mit der Faust auf die ausgestreckte Ge- stalt des schlafenden Snitch. Er schrie und sprang auf die Beine. »Keine Streichhölzer mehr, keine Streichhölzer mehr!« Er unterbrach sich benommen. »Mein Kopf!« Er brach zusammen und fiel mit dem Kinn auf das Armaturenbrett, bedeckte den Kopf mit den Füßen. Cirocco zog sie nacheinander weg. »Entspanne dich, Snitch«, sagte sie. »Beantworte mir ein paar Fragen, dann tue ich dir nicht mehr weh. Und ich gebe dir sogar drei weitere Tropfen!« Ein Auge fuhr auf einem dünnen Stiel nach oben. »Nicht weh tun Snitchy-Baby?« jammerte er. »Nicht weh tun.«, »Drinky-winky?« Cirocco holte die Feldflasche hervor und drückte einen Tropfen in den Mund des Dämons. »Beantwortest du jetzt die Fragen?« »Bei Bereitschaft Feuer, Mieze.« »Wir haben das Kind, nach dem wir suchten, ge- funden.« »Wie schön. Hatteuch nich viel nützt, wie?« »Nein. Er wird zu Gäa gebracht, oder?« Snitch nickte. »Gäa liebt den kleinen Scheißer. Sie wird echt gut zu ihm sein. Stargefang'ner. Nix zu gut für'n kleenen oll'n Adam. Stinkende Priester rauften sich wochen- lang die Bärte, als die Nachricht kam, der kleene Baschtard sei unnerwegs hierher.« »Ich verstehe nicht, wie ...«, begann Robin, aber Ci- rocco brachte sie mit einer Geste zum Schweigen. Ci- rocco beugte sich hinüber, und Chris konnte das Flü- stern kaum hören. »Wenn er nicht auf der Hut ist, so wie jetzt, können wir eine Menge erfahren.« Snitch war anscheinend wieder eingeschlafen. Ci- rocco fuhr mit der Ophtiole dicht an ihn heran, und sein Kopf richtete sich auf und bewegte sich, der Ophtiole folgend, hin und her. »Weiter, Snitch.« Der winzige Dämon fing an zu weinen. »Weiter, weiter, weiter, immer weiter ... was wollen sie von mir? Warum lassen sie mich nicht in Frieden? Immer hinter mir her, niemals Ruhe ... ich sag euch, ich bin unschuldig! Man hat mir etwas angehängt! Ich habe mich zu nichts gedrängt, ich ...« »Wohin soll ich den Oscar schicken, Snitch?«, »Meine Agenten regeln alles«, sagte er und gewann seine Fassung sofort zurück. »Die stinkenden Priester haben sich die Bärte ge- rauft«, gab Cirocco ihm Hilfestellung. »Wochenlang! Wer immer ihn auch gefunnen hat, wird der neue Magier, sagt Gäa. Der Magier, der Ma- gier, der wunnerbare Magier!« »Und das Kind?« »Er wird König! König vom Rad! Sie wird sich wirklich gut um ihn kümmern, das garantiere ich! Nix wie's Beste!« »Sie will nicht seinen Tod?« »Aber nein, Jose! Wirst kleen Böhnchen keen Haar krümmen, sacht se, oder du wirst sterben wollen, aber nich können, weil se dich für'n Jahr am Leben lassen wird und dich Stückweise umbringt! Sie hat 'nen Palast gebaut, um ihn dort festzuhalten, ganz aus Gold und kostbare Juwelen und rein's Platin, un' Ammen, die überall rumrennen und Diener fürs Haa- rekämmen und sei'n Schwanz waschen und die Füße ablecken.« »Und warum macht sie das alles?« fragte Robin. Snitch hickste und wandte ihr ein trübes Auge zu. Er betrachtete sie von Kopf bis Fuß und verzog einen Mundwinkel. »Hübsche Titten, Kußmäulchen. Würdest gern seh'n, wo ich tätowiert bin?« Cirocco schlug ihm ins Gesicht. Er rülpste. »Wie ist das mit dieser Schlange? Ich sehe den Schwanz, aber wo ist der Kopf?« Wieder schlug ihn Cirocco. Er blinzelte, schüttelte den Kopf und fing an zu singen. »He, kleine Schlange, bist ja verrückt, oder wie?, Dein Arsch ist in der Luft und dein Kopf tief in ihrem ...« Diesmal schlug Robin hin, und ziemlich fest. »Das reicht!« tobte Snitch und marschierte wütend auf dem Armaturenbrett hin und her. »Ich laß mir diese Scheiße von dir gefallen, Duschbeutel, aber nicht von ihr! Werde jetzt nichts mehr sagen, kein Wort mehr! Meine Lippen bleiben verschlossen!« Cirocco hob ihn hoch und steckte ihm ein Streich- holz mit dem Ende voran in den Hals. Ein Stück vom Stiel und der Kopf ragten noch aus dem Mund des Dämon hervor. Die Augen quollen ihm aus den Höhlen, als sie ihn umdrehte und das Streichholz auf dem Armaturenbrett anstrich. Dann hielt sie ihn auf- recht, die Arme an die Seiten gedrückt, damit er be- obachten konnte, wie das Streichholz langsam ab- brannte. »Ich denke, diese Streichhölzer brennen glatt bis hinunter in deinen Schwanz«, sagte Cirocco ruhig. »Ich frage mich nur – meinst du, wir können es se- hen? Meinst du, du leuchtest vielleicht wie eine La- terne? Was war das? Du mußt etwas lauter sprechen, sonst kann ich dich nicht verstehen.« Sie wartete, während Snitch sich vergeblich bemühte. »Tut mir leid, Snitch, ich verstehe kein Wort von dem, was du sagst. Was ist das? Oh, in Ordnung.« Sie befeuchtete die Fingerspitzen und löschte damit den Kopf des Streichholzes. Er brutzelte nur noch kurz. Dann zog sie das Streichholz aus Snitch heraus, und er brach keuchend zusammen. »Das Problem mit dir ist«, meinte er, »daß du kei- nen Spaß verstehst. Herrgott, du bist wirklich nie- derträchtig, Cirocco Jones!«, »Ich verstehe das als berufliches Kompliment. Und nun, sie hat dir eine Frage gestellt. Du wirst sie mit gebührender Achtung als Frau Robin ansprechen und deine schmierigen Gedanken für dich behalten.« »Okay, okay.« Er blickte erschöpft zu Robin. »Würden Sie bitte die Frage wiederholen, Frau Ro- bin?« »Ich wollte nur wissen, wozu Gäa sich solche Pro- bleme schafft? Wieso treibt sie solchen Aufwand, um Adam zu rauben?« »Sie hat da überhaupt keine Probleme, Frau Robin. Sehen Sie, sie gewinnt, egal, wie es ausgeht. Falls sie das Kind erhält und Cirocco nicht kommt, nun, das ist auch fein. Aber sie überlegt sich, daß, wenn sie das Kind erhält, Cirocco mit Sicherheit kommen wird.« Er wandte den Kopf und grinste Cirocco anzüglich an. »Und auch Cirocco weiß, warum sie dann kommen muß.« Cirocco hob ihn hoch und steckte ihn rasch zurück in die Flasche. Chris konnte hören, wie er protestie- rend schrie – wobei er sich überwiegend auf den ver- sprochenen Alkohol bezog –, während sie den Deckel zuschraubte. Eine Zeitlang schwiegen alle. Der Aus- druck von Ciroccos Gesicht schloß Konversation aus. Endlich entspannte sie sich wieder ein wenig und betrachtete erst Robin, dann Chris. »Ihr wollt sicher wissen, worüber er gesprochen hat. Ich weiß nicht, ob ich es wirklich sagen muß, aber ich werde es tun. Es war klar, daß ich mit allem, was mir zur Verfügung steht, hinter Adam her sein wür- de. Falls Gäa ihn erhielte, würde ich nicht ruhen, bis wir ihn wieder hätten.« »Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, gestand Ro-, bin, »aber ich habe nie an eine andere Möglichkeit gedacht.« »Ich weiß, was sie meint«, sagte Chris, »und auch ich hätte nie gedacht, daß es einen Unterschied ma- chen würde.« »Ich danke euch beiden. Robin, ich habe außer Freundschaft noch einen Grund, alles zu versuchen, damit er Gäa nicht in die Hände fällt, und wenn doch, ihn ihr wieder zu entreißen.« Sie drückte ein paar Zahlen auf ihrer Tastatur. »Rocky, wie viele Eier hast du in dem Zimmer gefunden?« »Fünfzehn, Captain«, sagte die Stimme aus dem Funkgerät. Cirocco drehte sich zu Chris um. »Hört sich das richtig an?« »Nein, ich bin sicher, daß ich ein Regal für sech- zehn in dem Zimmer hatte. Es war voll.« »Conal«, sagte Cirocco, »was kannst du mir über das Regal mit Titanideneiern erzählen, das du Adam zum Spielen gegeben hast?« »Es war das Standard-Andenkenregal, Captain. Zwei Reihen, acht oben und acht unten. Es war voll.« Cirocco drückte wieder etwas auf der Tastatur. »Rocky, es scheint ...« »Ich habe das Regal gefunden, Captain«, sagte Rocky. »Es enthielt sechzehn. Ich habe deinen Befeh- len entsprechend sorgfältig gesucht.« »Rocky, dann hilf mir, falls du ...« »Captain, erlaube mir, dich zu unterbrechen, bevor du etwas sagst, was mich beleidigen könnte. Ich habe die fünfzehn Eier hier vor mir liegen. Ich habe mit dem Zerstören nicht gewartet, bis ich alle gefunden hatte. Um genau zu sein, ich habe sie jeweils in zwei Hälften gespalten, damit du die Stücke bei deiner, Rückkehr zählen kannst – da ich die peinliche Situa- tion erwartet habe, die sich offensichtlich eingestellt hat. Nun, vielleicht finde ich das fehlende Ei noch, aber es könnte auch sein, daß Adam es in Händen hielt, als er gepackt wurde. Aber wenn es nicht ge- funden wird, wäre es ziemlich belastend, wenn ich in Kürze schwanger würde, meinst du nicht auch?« »Entschuldige, Rocky«, antwortete Cirocco. »Ich habe mir eben einfach die Mittel vor Augen geführt, die ein verzweifelter Titanide ergreifen würde, wenn ...« »Ich bin nicht beleidigt, Captain.« »Um Himmels willen.« Conals Stimme klang ehr- fürchtig. »Daran hatte ich nicht gedacht, Cirocco.« »Wovon redet ihr?« wollte Robin wissen. »Es geht um Adam«, erklärte Cirocco. »Er ist auf einmal mehr als von persönlicher Bedeutung für uns alle.« »Er kann Titanideneier befruchten«, erklärte Chris Robin. »Die, auf denen er gekaut hat, sind durchsich- tig geworden – sie sind aktiviert.« »Ja«, sagte Cirocco. »Er kann das machen, was für fast ein Jahrhundert nur an mir lag. Also müssen wir ihn zurückholen! Wir können ihn einfach nicht in Gä- as Händen lassen, denn wenn sie ihn hat, werden die Titaniden zu ihren Sklaven. Und wenn wir seine Freiheit bewahren ...« Sie blickte auf und durch die Windschutzscheibe hinaus ins Leere, und sie wirkte überrascht. »... dann kann ich sterben.« »Beruhige dich, beruhige dich!« sagte Conal. »So hat sie das nicht gemeint.«, »Was, zum Teufel, könnte sie sonst gemeint ha- ben?« verlangte Nova zu wissen. »Sie hat nicht gesagt, daß sie sich selbst töten will, oder?« Er gab ihr die Möglichkeit, darüber eine Weile nachzudenken. In Wahrheit hatte Ciroccos Äußerung auch ihn erschüttert, aber er hatte schnell die Bedeu- tung darin verstanden. »Was hat sie denn dann gemeint? Erkläre es mir!« »Du mußt erst einmal verstehen, was Gäa ihr an- getan hat«, meinte Conal. »Es war vor langer Zeit, damals, als Cirocco und der Rest der ursprünglichen Besatzung gerade angekommen waren. Gäa bot ihr den Posten des Magiers an. Sie akzeptierte. Dazu ge- hörte – was Gäa nicht erwähnte –, daß die Rasse der Titaniden verändert wurde. Gäa entfernte den einge- bauten Haß gegen die Engel und beendete damit den Krieg, der so lange gedauert hatte. Sie veränderte die Titaniden aber auch so, daß ... weißt du, wie sie sich fortpflanzen?« »Nur vage.« »Okay. Zuerst haben sie frontalen Geschlechtsver- kehr. Die Frau produziert dabei ein teilbefruchtetes Ei, wie du einige in Adams Zimmer gesehen hast. Sie müssen dann in eine hintere Vagina eingeführt und durch einen hinteren Penis erneut befruchtet wer- den.« Novas Lippen wurden schmaler, aber sie nickte. »Der Schritt, den ich ausgelassen habe, ist Cirocco. Das Ei kann nicht voll befruchtet werden, solange es nicht durch Ciroccos Speichel aktiviert wurde. Gäa hat es biotechnisch so eingerichtet. Die Titaniden hatten früher große Festivals, auf denen Cirocco die aussuchte, die ein Baby haben konnten. Bevölke-, rungskontrolle. Cirocco wurde es so satt, den Gott für die Titaniden zu spielen, daß sie Alkoholikerin wur- de. Aber sie kommt nicht mehr davon los, nicht ein- mal heutzutage, wo Gäas Agenten ständig hinter ihr her sind.« Conal erkannte Mitgefühl in Novas Blick, und es rührte ihn. »Das muß sehr hart sein«, meinte Nova. »Außerordentlich, und sogar in mancher Hinsicht, an die du vielleicht gar nicht denkst. Gäa hat nie an- gedeutet, daß Cirocco jemals vom Haken gelassen würde. Ich will damit sagen, falls Cirocco stürbe, würden es auch die Titaniden. Dadurch erhielt ihr persönliches Überleben absoluten Vorrang über alles andere. Deshalb mußte sie auch Dinge tun, auf die sie nicht stolz ist. Wie zum Beispiel mit mir ...« Er unter- brach sich gerade noch rechtzeitig und schluckte bit- teren Geschmack hinunter. Er wußte einige Dinge, die zu erfahren Nova keinen Anspruch hatte. »Ich weiß von zwei Gelegenheiten in den letzten sieben Jahren, bei denen Cirocco titanidische Freunde heiklen Situationen aussetzte, obwohl sie wußte, daß sie sie nicht überleben konnten, weil sie ihr eigenes Leben nicht riskieren kann. Bei einer dieser Gelegen- heiten – ich weiß, daß sie das Gefühl hat, ihn verraten zu haben. Eines Tages könnte sie auch gezwungen sein, mich zu verraten, damit sie überleben kann. Ich weiß das und akzeptiere es. Es ist nicht leicht, so zu leben. Man wird zum letz- ten Überlebenden, ohne daß man darauf stolz sein kann, weil man weiß, zu welchen Mitteln man dabei greift. Da bleibt nicht viel Raum für Ehre. Und Ciroc- co lacht zwar über Ehre, aber ich weiß, daß sie ihr, große Bedeutung beimißt – nicht so, wie jemand an- ders sie definiert, aber so, wie sie selbst es tut.« Nova zeigte ihm einen ganz neuen Blick, der ihm Unbehagen einflößte. Keines von den Dingen, die er gesagt hatte, war ihm leicht gefallen. Es hatte lange und schmerzhafte Zeit erfordert, sie hervorzubringen. »Was ich zu sagen versuche«, fuhr Conal zaghaft fort, »ist, daß Cirocco sich nach einem Ende dieses Druckes sehnt. Sie hätte es am liebsten wieder so, daß sie sich nur um sich selbst sorgen müßte. Und sie würde weiterhin überleben, wäre weiterhin verflixt schwer zu töten, aber ihr Tod wäre einfach nur noch ... ihr Tod. Wie bei uns allen.« »Ja«, sagte Nova, immer noch mit diesem seltsa- men Blick. »Das verstehe ich.«

SECHZEHN

Robin beobachtete die erste Übergabe Adams durch das Fernglas. Sie hatte die Hand auf dem Türriegel liegen und war bereit zu springen. Der zweite Engel war schon seit einer halben Stun- de auf ihren Bildschirmen zu sehen, während er aus der Dunkelheit von Cronus heraufkam. Für wenige Minuten war er mit den Augen zu sehen gewesen, bis ihn die tiefere Dunkelheit über ihnen wieder ver- schluckt hatte. Robin konnte die beiden Gestalten selbst mit maximaler Vergrößerung kaum erkennen, während sie Conal zuhörte, der berichtete, was ge- schah. »Der zweite Engel liegt noch etwa fünfzig Meter, zurück. Er steigt jetzt höher ... kommt näher. Der er- ste dreht sich um. Er übergibt das Baby ... okay, der zweite hat es. Er hält es genauso wie der erste. Adam ist wach. Er ... ja, er weint.« Robin schluckte schwer. Sie hörte ein Geräusch von Chris, drehte sich aber nicht um. »Der erste fällt jetzt zurück. Er ... Jesus!« »Was?« stieß Cirocco aus. »Berichte, Conal!« »Er ... ja ... der erste Engel ist gerade auseinander- geflogen. Ich meine, er ist doch glatt explodiert! Wir fliegen gerade durch die Federn. Seine Knochen und die Todesschlangen fallen ... ich kann sie nicht mehr sehen. Wenn ihr in der richtigen Position seid, um Adam aufzufangen, müßtet ihr in einer Minute hin- durchfliegen.« Sie alle warteten. Robin beobachtete, wie die diffu- se Wolke, die ein Engel gewesen war, größer wurde. Schon bald konnte sie das Fernglas absetzen und sie mit bloßen Augen sehen. Ein Prasseln war zu hören, wie von Hagel. Eine schlaffe Todesschlange drapierte sich für einen Moment über den linken Flügel und wurde dann weggeblasen. »Das ist also der Trick«, meinte Cirocco. »Die Engel landen überhaupt nicht. Wenn wir den nächsten Trä- ger abschießen, wird dieser einfach weiterfliegen, bis er stirbt.« »Aber er war von vornherein nicht lebendig ...«, bemerkte Chris. »Sei nicht töricht, Chris! Ein Zombie ist so lebendig wie du oder ich. Es handelt sich dabei um einen Gruppenorganismus, ein Schwarmbewußtsein, das in eine Leiche eindringt und darin lebt. Die Todes- schlangen verzehren das tote Fleisch langsam, und, auch alles andere, was sie finden können. Daran ist nichts übernatürlich.« »Du bist nicht der Meinung, daß der Engel eben ... einfach beschlossen hat zu sterben? Ich meine, die ganzen Todesschlangen sind gleichzeitig hinausge- gangen. Ist das möglich?« Robin sah, daß Cirocco darüber nachdachte. »Du verstehst nichts von Zombies. Zunächst verfü- gen sie nicht über einen Überlebensinstinkt, weder als Individuen noch als Schwärme. Sie empfinden keinen Schmerz. Ich glaube nicht, daß sie intelligent sind, aber sie können Befehle befolgen. Wer immer sie diri- giert, vermittelte ihnen wahrscheinlich das generelle Angriffsziel – das darin bestand, das Kind unverletzt in die Hand zu bekommen – und einige besondere Taktiken, und dann haben sie es zuwege gebracht.« »Auf mich wirkt das alles wie berechnet«, meinte Robin. Cirocco nickte. »Ich denke, sie hat recht. Wer das auch geplant hat – Luther, Brigham, Marybaker, Moon; irgendeiner von ihnen – hat sich ausgerechnet, wie weit ein To- desengel mit seinen letzten Kräften fliegen kann. Der erste hätte wahrscheinlich noch ein paar Kilometer schaffen können, aber den Boden hätte er nicht mehr erreicht. Als seine Mission also beendet war, starb er. Das bedeutet: falls wir seinen Ersatzmann abgeschos- sen hätten, würde Adam jetzt nach Cronus hinunter- fallen, und ihr zwei würdet euer bestes tun, ihn auf- zufangen.« Chris räusperte sich, und Cirocco sah ihn kurz an. »Ich schätze, dieser Zeitpunkt ist so gut wie jeder andere, das vorzubringen.«, »Finde ich auch«, meldete sich Conal. »Cirocco«, fuhr Chris fort, »wie stehen deiner Mei- nung nach die Chancen? Falls Adam abgeworfen wird, können ich und Robin ihn auffangen?« Cirocco schüttelte den Kopf. »Was soll ich dazu sagen, Chris? Ich denke seit Stunden darüber nach. Zu viele Faktoren spielen da- bei eine Rolle. Um aufrichtig zu sein, ich halte die Chancen für sehr gut. Ihr seid zu zweit und ihr hättet mehrere Versuche – falls ihr nicht in Panik geratet und wenn ihr lernt, euren Fall zu kontrollieren, dann solltet ihr ihn auffangen können. Robin sagt, sie hätte schon Erfahrung damit, also hat sie vielleicht eine größere Chance. Ich würde sagen, daß eure Chancen besser stehen als fünfundneunzig Prozent.« »Meine wären noch besser«, warf Nova ein. »Ich sollte es machen.« »Du kannst nicht an zwei Orten gleichzeitig sein«, entgegnete Cirocco. »Meine Entscheidung steht fest.« Sie wandte sich Chris zu. »Ich drücke es ganz deut- lich aus. Eure Chancen, ihn aufzufangen, sind hervor- ragend. Wenn die Wette um ein Pokerblatt ginge, würde ich sagen; los! Aber ihr habt auch eine Chance von fünf Prozent, daß ihr verliert!« »Ich weiß, ich weiß.« Chris bedeckte das Gesicht mit seinen großen Händen und schwieg lange. Als er wieder aufsah, waren seine Augen rot. »Was würdest du machen, Captain?« Cirocco lehnte sich auf dem Sitz zurück und schloß die Augen. »Chris ... ich kann diese Entscheidung nicht treffen. Ich kann nicht einmal sagen, ob ich ihn zurückhaben will, weil er ein Mensch in Gefahr ist oder weil er, meine Rettung ist. Ich fühle mich wie ein Profi, der hinzugezogen wird, wenn ein Kind geraubt wurde. Ich kann euch erzählen, was alles passieren könnte, aber die Entscheidung über die verschiedenen Mög- lichkeiten liegt bei den Eltern.« Sie blickte von Chris zu Robin und wieder zurück. »Ich halte mich an eure Entscheidung, egal, wie sie ausfällt.« »Aber was möchtest du tun?« wollte Robin wissen. »Ich? Ich möchte ihn auf der Stelle zurückholen, und ich möchte es so sehr, daß es mich krank macht. Aber ihr kennt meine Hintergedanken.« »Wenn mich einer fragt«, sagte Conal, »ich stimme Cirocco zu. Ich will nicht, daß Gäa ihn in die Hand bekommt.« »Ich stimme ihr nicht zu«, sagte Nova. »Entschul- dige, Mutter. Das Risiko ist zu groß, selbst wenn ich hinter ihm herspringen würde. Ich bin mir zu neun- undneunzig Prozent sicher, daß ich ihn erwischen würde. Aber ein Prozent Risiko ist zuviel.« »Erzähl mir von Gäa!« bat Chris. »Gäa?« Cirocco runzelte die Stirn. »Du glaubst es vielleicht nicht, aber da fühle ich mich auf sichererem Boden. Was Snitch sagte, ist absolut richtig. Sie wird Adam nichts antun. Sobald sie ihn bei sich hat, ist er körperlich nicht mehr in Gefahr. Er wird gut behan- delt werden.« »Ich mache mir Sorgen wegen psychischer Schä- den«, sagte Chris. »Ich sage es nicht gern, Chris, aber wir können nichts anderes tun, als das Trauma aussuchen, das er erleben wird. Abzustürzen oder eine Achtzehn- Meter-Frau als liebende Großmama.« »Das wird ihm weh tun. Sicher reißt sie ihn an sich.«, »Das ist natürlich ihr Plan. Aber unterschätze sie nicht. Sie wird ihn dazu erziehen, sie zu lieben. Aber damit ist sichergestellt, daß er gut behandelt wird.« Alle schwiegen eine Zeitlang, und endlich seufzte Chris. »Wahrscheinlich werde ich niemals vor einer noch schwierigeren Entscheidung stehen. Aber ich denke, wir sollten es versuchen, ihn jetzt zurückzu- holen.« »Das finde ich auch«, ergänzte Robin ruhig. Sie griff nach hinten und nahm Chris' Hand. »Okay«, sagte Cirocco. »Wir sind etwa auf halbem Weg durch Cronus. In ungefähr einer Rev haben wir das Licht, das wir brauchen, um es zu schaffen. Ich würde jede weitere Idee begrüßen.« In beiden Flugzeugen war es lange Zeit sehr ruhig, während sie durch die silbrige Nacht von Cronus flo- gen. Hundert Dinge konnten schiefgehen, und sie alle wußten es. Irgendwann während einer endlosen Rev meldete sich Rocky aus Tuxedo Junction, und es war eine Er- leichterung für Cirocco, sich mit etwas Neuem be- schäftigen zu können. »Captain«, berichtete Rocky, »ich habe das sech- zehnte Ei gefunden. Es war den Flur vor dem Zim- mer hinuntergerollt; ich habe es zerstört.« »Ausgezeichnet, Rocky.« »Ich habe Informationen zurückgehalten, da ich dich nicht vom zentralen Problem ablenken wollte.« »Jetzt ist wahrscheinlich ein guter Zeitpunkt, sie mir auszurichten.« »Sehr gut. Valiha hat auf ihrem Weg nach Bellinzo- na zwölf tote Zombies auf dem Gipfel eines Hügels, entdeckt, ungefähr anderthalb Kilometer von hier. Spuren eines Kampfes hat sie nicht entdeckt.« »Liegt dieser Hügel so, daß der Wind von Tuxedo Junction aus kommt?« »Ja. Ich vermute, daß Novas Zaubertrank sie getö- tet hat.« »Hört sich vernünftig an.« »Valiha glaubt, daß auch zwei Priester dort auf dem Gipfel waren. Sie meint, es waren Luther und Kali, aber die Geruchsspur war zu alt, um sicher zu sein. Obendrein wurde ein totes menschliches Kind gefunden, männlich, zwischen fünf und fünfzehn Jahren alt. Ich habe die Leiche des Jungen geborgen, aber ich kann es nicht genauer schätzen. Vielleicht kannst du es.« »Er ist nicht zum Zombie geworden?« »Nein. Vielleicht wird er es auch nicht.« »Möglicherweise nicht, aber wir können das Risiko nicht eingehen. Verbrenne ihn bitte! Sonst noch et- was?« »Valiha hat vor kurzem wieder mit mir gespro- chen. Sie bittet dich, sie zu rufen, wenn du Zeit hast.« »Mach ich. Roger.« Cirocco wechselte den Kanal. »Schlange, empfängst du?« »Ich empfange, Captain.« »Wo steckst du, mein Freund?« »Ich habe Iapetus fast zur Hälfte hinter mir, Ciroc- co.« Alle konnten seine Erschöpfung hören. »Du bist unglaublich schnell, Schlange, aber ich fürchte, es war umsonst. Wir haben Cronus bald hinter uns, und wir sind uns sicher, daß Adam nach Hyperion gebracht wird. Ich glaube nicht, daß es noch sinnvoll ist, wenn du weitermachst.«, »Ich ziehe es vor, weiterzugehen, sofern du nicht etwas Besseres für mich zu tun hast. Aber ich muß bald anhalten, um mich auszuruhen und zu essen.« »Überfordere dich nicht. Ich denke nicht, daß du viel tun kannst, so oder so.« »Dann laufe ich weiter, bis ihr umdreht.« »In Ordnung.« Cirocco drückte wieder auf Tasten. »Valiha, bist du da?« »Ich bin in den Außenbezirken von Bellinzona, Ci- rocco«, meldete sich Valiha. »Was wolltest du wissen?« »Du hast mir befohlen, fünf lebendige Zombies zu fangen«, sagte sie. »Ich habe Hornpipe, Mbira, Cem- balo, Sistrum und Lyricon für dieses Vorhaben ge- wonnen. Sie sagten mir, daß Luther vor kurzem hier war, aber keine andere Zombiegruppe in der Gegend sei. Wir können nach Streunern suchen, aber unsere Nasen sagen uns, daß hier keine zu finden sind. Die Bürger dieser schönen Stadt sind so vorsichtig ge- worden, daß nur noch wenige neue Zombies sich aus ihren Gräbern erheben. Was ich wissen wollte, Cap- tain: müssen diese Zombies bereits tot sein?« Cirocco dachte kurz nach. »Valiha, du bist schonungslos praktisch.« »Captain, für mich gibt es die, die man wegen ihrer Verbrechen hingerichtet hat, und die, welche auf- grund eines Versehens noch umherwandern. Möch- test du, daß ich sie über ihre Rechte informiere und faire Prozesse arrangiere?« »Folge dem richtigen Weg, so, wie du ihn siehst«, sang Cirocco. Valiha schaltete das Funkgerät ab und stopfte es in, ihren Beutel. Sie sang ihren fünf Begleitern ein paar Töne vor, und sie trabten davon, folgten dem breiten Pier, der sich am Großen Kanal entlangzog. Als sie den kreuzenden Wasserweg erreichten, der unter dem Namen ›Sumpf der Verzweiflung‹ bekannt war, blieben sie stehen und sahen sich um. Hier wurde ein großer Teil von Bellinzonas blühendem Sklavenhan- del abgewickelt. Wenig später kam bereits eine Karawane den Ed- ward-Teller-Boulevard herabgetrottet. Es waren zwanzig Sklaven in Eisenfesseln, sech- zehn weibliche und vier männliche, viele darunter noch Kinder. Sie wurden bewacht von zehn muskulö- sen Männern in grob gearbeiteten Rüstungen, und an der Spitze des Zuges kam der Sklavenmeister in einer Sänfte, die von einem Paar eineiiger Zwillinge getra- gen wurde. Die Sänfte war ein auffälliger Luxus in Gäas geringer Schwerkraft, aber sie hatte schließlich auch nichts mit Nützlichkeit zu tun, sondern allein mit Schaustellerei. Der Trupp Wächter andererseits hätte sich leicht als zu klein erweisen können, selbst wenn die Karawane nur von menschlichen Banditen angegriffen worden wäre, aber der Sklavenmeister verließ sich auf die unsichtbare Gegenwart der Mafia, der er Treue schuldete. Die Titaniden verteilten sich entlang des Piers. Die Wächter betrachteten sie nervös, ebenso der Skla- venmeister. »Stehen die zum Verkauf?« fragte ihn Valiha. Die Frage überraschte den Mann offensichtlich. Es war gut bekannt, daß die Titaniden niemals Sklaven kauften. Aber eine solide Geschäftspraxis erforderte es, ihnen aus dem Weg zu gehen und sie niemals zu, beleidigen – oder sie wenigstens als die gefährlichen Tiere zu behandeln, die sie waren. Also erhob sich der Mann und verbeugte sich flüchtig. »Alle zum Verkauf, sicher. Seid ihr auf dem Markt?« »Wie es sich trifft, sind wir es«, sagte Valiha. Sie legte ihm eine Hand um den Hals und drückte zu. Vor sehr langer Zeit, dachte sie, war jemand die Mutter dieses Mannes gewesen und er ihr kleiner Liebling. Sie empfand kurz Bedauern, als sie hörte, wie sein Rückgrat zerbrach. Wie ist nur das aus ihm geworden? fragte sie sich. Es war alles, was er als Eloge von ihr zu erwarten hatte. Als sie aufblickte, waren die zehn Wachen tot. Es war so schnell gegangen, daß viele Leute auf dem stark belebten Boulevard es erst jetzt merkten. In ei- nem Augenblick war da noch eine Sklavenkarawane gewesen, und schon im nächsten nur noch Sklaven sowie Titaniden, die Leichen nebeneinander in eine ordentliche Reihe legten. Ein paar Leute eilten davon. Andere, die bemerkten, daß die Titaniden keine ag- gressiven Bewegungen mehr machten, beobachteten das Geschehen wachsam und wandten sich dann wieder den eigenen Angelegenheiten zu. Niemand schrie. Niemand weinte. Die Titaniden zogen die Leichen aus und häuften Waffen und Kleider auf der Straße auf, befreiten dann die Sklaven von ihren Fesseln. Es dauerte einige Zeit, sie davon zu überzeugen, daß sie tatsächlich frei wa- ren. Valiha und ihre Gruppe hielten die Aasgeier lan- ge genug in Schach, daß die befreiten Sklaven sich aus der Beute bedienen konnten. Cembalo meldete, sich freiwillig als Eskorte für die Frauen, die ins Viertel der Freien Frauen wollten. »Die meisten von ihnen werden innerhalb von zehn Revs wieder versklavt sein«, sang Hornpipe. »Das weiß ich«, sang Valiha. »Aber ich bin nicht hergekommen, um die ganze Welt zu säubern, son- dern nur diesen Teil und ihn nur für den Augen- blick.« Sie langte in ihren Beutel und holte das Funk- gerät hervor. »Rocky, hörst du mich?« fragte sie auf Englisch. Titanidischer Gesang wurde oft entstellt, wenn er durch diese plumpen menschlichen Geräte geschickt wurde. »Hier bin ich, Valiha.« »Vier Titaniden sind auf dem Weg zu dir. Sie wer- den Pferche für diese Kreaturen bauen. Wir haben elf in der Hand. Hat der Captain dir Anweisungen für ihre Unterbringung gegeben?« »Hat sie. Bis wir herausgefunden haben, ob Novas Elixier im Haus noch wirksam ist, sollten sie in eini- ger Entfernung gehalten werden. Ich habe bereits ei- nen Platz ausgesucht.« »Wir sind in Kürze bei dir.« Auf dem Weg aus der Stadt kam es nicht zu Schwierigkeiten. Valiha hielt am Friedhof an und füllte ein paar Scheffel Erde in einen Lederbeutel. Es war wahr- scheinlich nicht nötig – die meisten Leichen, die nicht verbrannt wurden, verwandelten sich schließlich in Zombies –, aber man wußte, daß die Erde von Bellin- zona von Todesschlangensporen wimmelte, Gäas Saat. Sie erreichten die Junction in kurzer Zeit. Als sie, ankamen, arrangierten sie die Leichen auf dem Bo- den, Rücken an Rücken, Bauch an Bauch, und streu- ten die Erde über sie. Sobald die Zombies sich regten, wurden sie in die neu errichteten Käfige gesteckt. Valiha war befriedigt, als sie ihre Aufgabe erledigt hatte. Sie beobachtete, wie die Monster führungslos hin und her schlurften und an die Wände stießen. Es würde interessant sein, zu sehen, was sie um- brachte.

SIEBZEHN

»Mir gefällt das nicht«, sagte Conal zum drittenmal. »Ich kann die Maschine nicht fliegen«, entgegnete Nova. Sie hakte die Sicherheitsschnur an ihr Geschirr und blickte dann Conal an. »Mir gefällt es immer noch nicht!« schimpfte er. »Ich weiß nicht, ob du die Gefahr für Adam richtig einschätzt.« »Ich schätze, ich habe das verdient«, sagte Nova und hielt ihren Zorn fest unter Kontrolle. »Aber ich spiele schließlich dein Spiel. Ich steige aus, um meine kleine Schwester zu retten.« Er betrachtete sie lange und nickte dann. »Achte auf die Füße!« warnte er sie erneut. »Um Christi willen, achte darauf, daß das Biest dich nicht aufschlitzt.« »Ich werde aufpassen, aber nicht um Christi wil- len.« Sie öffnete die Tür und verriegelte sie in dieser Position, trat dann hinaus auf den Flügel. Vorsichtig drehte sie sich so, daß Conal es nicht sehen konnte,, löste dann die Schnur und befestigte sie an einer Stoffschlaufe an ihrem Hemd. Falls der Todesengel ihren Bru... ihre Schwester fallenließ, wollte Nova hinter ihm herspringen. Hinter ihr. Große Mutter, erhöre deine Tochter und schenke ihr Glück! Sie blickte hinunter und war erfreut festzustellen, daß sie nur Wachsamkeit verspürte, aber keine Angst. Ihre Sorge galt nicht dem Stürzen, sondern dem Sturz zur falschen Zeit. Sie wartete, während Conal das Flugzeug dichter heransteuerte, bis Nova den Engel fast berühren konnte. Sie packte ihr Messer fest. Der Todesengel wandte ihr sein Knochengesicht zu, senkte einen Flügel und tauchte steil nach unten. Nova konnte Conal ins Funkgerät brüllen hören. Sie steckte den Kopf wieder ins Flugzeug und brüllte selbst etwas. »Hinterher, verdammt! Folge ihm hinunter! Bring mich dicht genug heran, daß ich ihm das Arschloch zerreißen kann!« Conal tat wie geheißen, allerdings nicht so schnell, wie Nova es gerne gehabt hätte. Aber selbst so mußte sie sich mit beiden Händen festhalten. Die Trägheit, sagte sie sich; man fühlt sich leicht, aber die Masse bleibt dieselbe. Conal hatte die Nase der Maschine nach unten ge- drückt und den Gashebel ganz zurückgenommen. Trotzdem gewann die Maschine noch an Geschwin- digkeit. Sie kamen dem Todesengel näher ... ... der mit einem verächtlichen Zucken der verlot- terten Schwanzfedern abdrehte. Conal sauste vorbei, zog wieder hoch und dann nach links ..., ... und Nova fand sich an den Fingerspitzen hän- gend, denn sie war mit den Füßen auf dem durch- sichtigen Flügel ausgerutscht. Conal vollführte einen kniffligen kleinen Über- schlag, der Nova für einen Moment gewichtslos machte. Sie zappelte, um die Stiefel nach unten zu bekommen, spürte, wie das Gewicht zurückkehrte, blickte auf und stellte fest, daß sie im Begriff standen, mit dem Engel zusammenzustoßen. Als Conal diesmal mit seinen wilden Manövern fertig war, hing sie nur noch an einer Hand. Er zog eben und drosselte wieder, und sie kletterte schwer atmend hinauf. »Das bringt nichts«, meinte Conal. »Ich bin beinahe mit ihm zusammengestoßen.« »Ich weiß«, sagte sie, während sie wieder in die Kabine stieg. Conal hatte das freie Ende der Sicherheitsschnur in der Hand und sah wütend aus. Er wollte etwas sagen, aber Cirocco meldete sich über Funk. »Er sinkt weiter, Conal. Warum ziehst du nicht eben und gesellst dich zu uns?« Er drehte sich um und sah, wie Ciroccos Maschine dem Engel folgte, der jetzt gemächlicher an Höhe verlor. Conal folgte ihnen nach unten. Der Todesengel setzte seinen Abstieg längere Zeit fort. Als er schließlich eben zog, geschah es auf einer Höhe von einem Kilometer. »Na ja«, meinte Cirocco zweifelnd, »wir mußten es versuchen. Hätten wir es nicht getan, hätten wir uns unser ganzes Leben lang selbst immer wieder in den Hintern getreten.«, »Dann ist es vorbei?« fragte Robin. »Das könnte es genausogut sein«, entgegnete Ci- rocco. »Meine Lieben, dieser Versuch hat unsere Chancen, Adam einzufangen, um das Zehnfache ge- senkt.« »Um mehr«, meinte Nova. »Okay, um mehr. Und noch schlimmer: wenn er Adam tatsächlich fallenläßt, dann ist es unsere Schuld, wenn es aus solch geringer Höhe passiert.« »Wir mußten es versuchen«, meinte Chris. Cirocco nickte nachdenklich. »Leute, wir haben gerade eine Botschaft erhalten. Gäa wird Adam nichts antun, aber sie ist bereit zu- zulassen, daß wir ihn umbringen, wenn wir zu clever werden. Also fallen wir besser ein Stück weit zurück, etwa einen Kilometer, und hoffen, daß dieser Hunde- sohn wieder etwas höher steigt.« Sie taten es, und wenig später stieg der Todesengel auf zwei Kilometer und zog dort eben. Dann tauchte ein weiterer aus der hellgelben Wüste von Mnemosy- ne auf und übernahm Adam. Sie beobachteten das Auseinanderfallen des zweiten, genau dem Beispiel des ersten folgend, und wie der dritte unermüdlich weiterflog. »Cirocco, ich habe Treibstoffprobleme«, sagte Conal. Sie beobachtete, wie die Zahlen aus seinem Com- puter auf ihrem Bildschirm erschienen. Dann lehnte sie sich zurück und dachte nach, ging es noch drei weitere Male durch, bis sie sich sicher fühlte, die richtige Vorgehensweise entwickelt zu haben. »Ich übergebe dir jetzt einigen Treibstoff«, unter- richtete sie Conal. »Ich selbst behalte soviel, wie ich, brauche, um die Basis im Nordwall zu erreichen. Ich lasse die Vier dort stehen und komme mit etwas Grö- ßerem und Niederträchtigerem zurück.« »Verstanden.« Conal ging auf Ciroccos Flughöhe und dann dar- unter, unter ihre Maschine, übergab an den Autopi- loten und kroch hinaus, um den aus dem größeren Flugzeug baumelnden Treibstoffschlauch zu packen. Er steckte ihn in die Tanköffnung und beobachtete, wie der Treibstoff seinen Tank füllte. »Bleib hinten und tiefer, wie wir es besprochen ha- ben«, wies Cirocco Conal an. »Ich werde nicht lange weg sein.« »Mach dir keine Sorgen um uns, Captain«, hörte sie ihn sagen. Sie kippte die Tragflächen und schwenkte nach Norden ab. Was folgte, war nicht erstaunlicher als die Ver- wandlung eines Moskitos in einen Falken. Flugzeuge sind Seriengeräte. Der Planer steht vor der Aufgabe, sich für das wichtigste Charakteristi- kum zu entscheiden und es seiner Arbeit zugrunde- zulegen, wohl wissend, daß die übrigen Parameter darunter leiden werden. Ein langsames Flugzeug für große Höhen benötigt große Tragflächen, damit die dünne Luft es noch trägt. Ein sehr schnelles Flugzeug dagegen braucht nicht so viel Tragfläche, muß aber der atmosphärischen Aufheizung standhalten. In bei- den Fällen stellen sich Probleme, was die strukturelle Festigkeit angeht. Und die schnellsten Flugzeuge ha- ben normalerweise kurze Reichweiten, weil sie ver- schwenderisch Treibstoff verbrauchen. Die Drachenflug-Serie war der bislang gelungenste Versuch menschlicher Ingenieure, Flugzeuge zu ent-, wickeln, die alles gut konnten. Die Maschinen waren für irdische Bedingungen entworfen. Gäas Umwelt- verhältnisse waren anders, aber die meisten Unter- schiede fielen zugunsten der Drachenflug-Maschinen aus. Die Triebwerke waren klein und leicht und verar- beiteten den Kraftstoff zu fast hundert Prozent. Die Flugwerke waren sehr stabil, hitzebeständig und von variabler Fluggeometrie. Auf der Erde rutschte eine Drachenflug bei zehn Stundenkilometern ab. In Gäas Torus, bei einem Luftdruck von zwei Atmosphären, blieb eine Drachenflug auch im Schrittempo noch in der Luft. Auf der Erde stieg sie bis auf siebzigtausend Fuß; in Gäa war diese Eigenschaft verschwendet, da selbst in der Nabe der Luftdruck noch eine Atmo- sphäre betrug. Die Drachenflugmaschinen waren für den Kunstflug geeignet und konnten mehr Kurven fliegen, als ein menschlicher Pilot aushalten konnte, ohne bewußtlos zu werden. Die Maschinen waren ultraleicht, idiotensicher, besaßen ein hohes Fas- sungsvermögen, erforderten wenig Wartung, nutzten den Kraftstoff ökonomisch, erreichten große Höhen, besaßen hohe Reichweiten ... ... und waren überschallschnell. Cirocco hatte die Schallgrenze in Gäa ein paarmal durchbrochen, aber das hatte nicht viel Sinn. Im To- rus betrug die Schallgeschwindigkeit zwischen tau- senddreihundert und tausendvierhundert Stunden- kilometern, je nach Lufttemperatur. Die längstmögli- che Reise dauerte bei dieser Geschwindigkeit etwa eineinviertel Stunden. Als Cirocco jetzt über dem südlichen Mnemosyne die Gashebel vorschob, war sie noch ungefähr zwei-, hundert Kilometer von ihrem Ziel entfernt. Die Moto- ren brüllten auf, die Tragflächen schwangen zurück und fuhren ein, und der Rumpf zog sich im Mittelteil zusammen. In drei Minuten beschleunigte sie auf eintausend Stundenkilometer. Ein paar Minuten später mußte sie wieder langsamer werden. Ihr Ziel war eine Höhle, die etwa eine Meile hoch in der jähen Felswand des nördlichen Hochlandes lag. Als Cirocco den Flugbomben den Krieg erklärt hatte, kaufte sie genug Waffen, um eine mittelgroße Bananenrepublik auszurüsten. Das war nicht billig, und die Frachtgebühren nach Gäa verdreifachten den Preis, aber das bedeutete ihr nichts. Sie hatte auf der Erde einen Haufen Geld besessen, überwiegend da- durch verdient, daß sie so ungewöhnlich lange gelebt hatte, und es war nur Papier – weniger als Papier, denn mit Papier konnte man ein Feuer anzünden. Es gefiel ihr, letztlich einen Nutzen für das Zeug zu fin- den. Es hatte nicht lange gedauert, sämtliche Flugbom- ben zu töten. Cirocco hätte dieDrachenflug- Maschinen dazu benutzen können, aber sie hatte viel mehr eingekauft. Das meiste war noch da und war- tete darauf, benutzt zu werden. Sie überließ es dem Computer, sie bis auf hundert Meter an ihr Ziel zu bringen, übernahm dann selbst das Steuer und lenkte die Maschine in die Höhle, drehte die Düsen so, daß sie senkrecht landete. Die Insassen stiegen schnell aus, und Cirocco wies Chris und Robin an, ihre persönliche Ausrüstung mitzu- nehmen. Dann suchte sie ein anderes Flugzeug aus. Die Höhle war groß. Dreißig Flugzeuge standen darin., Sie entschied sich für eine Mantis Fünfzig, die aus derselben Generation stammte wie die Drachenflug, aber nicht in erster Linie zum Transport diente. Der Name resultierte aus der Tatsache, daß die Mantis fünfzig Personen und ein paar Waffen transportieren konnte, oder fünfundzwanzig Personen und viele Waffen, oder zehn Personen und genug Feuerkraft, um eine Staffel älterer Maschinen abzuschießen und eine mittlere Großstadt dem Erdboden gleich zu ma- chen. Wenn man Chris als zwei Personen zählte, dann startete Cirocco mit vieren. Entsprechend plante sie die Nutzlast. Die drei verbrachten die nächste halbe Stunde da- mit, Raketen an den Tragflächen zu befestigen, die Kanone zu laden und Bomben einzuladen. Die Laser sorgten für sich selbst. Das Ding, das an der senkrechten Oberfläche des zentralen Mnemosyne-Kabels hing, war keine Flug- bombe, genauso, wie ein Alligator kein Leguan ist. Er hatte annähernd die Gestalt einer 707. Die Schwingen waren zurückgelegt. An ihnen waren vier Staustrahltriebwerke angebracht. Gäa hatte vor drei Myriarev von ihm geträumt und gesehen, wie ihr Traum zum Leben erwachte. Sie hatte ihn und seine Brüder und Schwestern ›Luft- mörder‹ genannt. Der Name stand auf dem schlanken Rumpf, der fröhlich mit einer vollen Ladung Kerosin gluckerte. Die Schrift war weiß und die übrigen Teile hatten die Farbe getrockneten Blutes. Man sah nicht viele wie ihn. In ganz Gäa waren es nur zehn. Sie alle hingen wie Rankenfüßer an Kabeln., Sein Leben war bis jetzt langweilig verlaufen, aber er war geduldig. Noch nie hatte er seine Schwingen ausprobiert. Aber dieser Tag kam näher. Er freute sich darauf. Der Luftmörder war nicht ausgesprochen helle, aber man konnte ihn auch nicht dumm nennen. Er war zielstrebig und schlau, wenn er seine Ziele ver- folgte. Seit drei Myriarev hing er hier und nährte sich von dem Kerosin, das aus dem Kabel tropfte. Er konnte noch einmal so lange oder für noch mehr Zeit hier hängen, aber er dachte nicht, daß es dazu kom- men würde. Er spürte Gäas Erregung. Er rechnete mit Befehlen. Zig verschiedene Kreaturen, Haken und Rotaugen genannt, hingen ihrerseits an ihm und zankten sich zwischen den Reihen kalter Brustwarzen an den Un- terseiten seiner Schwingen. Diese Wesen waren aus- gesprochen dumm; ein notwendiges Ärgernis. Die Rotaugen waren größer, die Haken schneller – we- nigstens lautete so die Theorie. Jedes würde nur eine Chance bekommen, es herauszufinden, da sie nicht wiederverwendbar waren. Alle waren sie organische Kreaturen, die auf einem Skelett aus Festtreibstoff be- ruhten. Ihre Gehirne lagen auf explosiven Kernen. Sie konnten im infraroten Bereich sehen, und sie liebten helle Gegenstände wie Motten das Kerzenlicht. Der Luftmörder war keine Flugbombe, obwohl er mit diesen Geschöpfen verwandt war. Die neun Ae- romorphen jedoch, die in seiner Nähe am Kabel hin- gen, ähnelten den Flugbomben wie ein Greyhound oder Dobermann einem Chihuahua. Der Luftmörder war unbestritten der Staffelführer. Durch seine infrarot sehenden Augen beobachtete er, konzentriert, wie die beiden Flugzeuge weit unter ihm vorbeizogen. Er sah sie eine Zeitlang dicht bei- sammen fliegen, bemerkte dann aber, wie das größere schneller wurde und nach Norden abschwenkte. Die Flugbomben wollten starten, aber er riet zur Geduld. Sobald das größere Flugzeug weit weg und in der Ke- rosinquelle gelandet war, von deren Existenz ihn sei- ne gäanischen Instinkte unterrichteten, komman- dierte er fünf seiner Untergebenen ab, einen nach dem anderen, und beobachtete, wie sie der hellen Sandfläche entgegenstürzten.

ACHTZEHN

»Die mußt du dir eines Tages mal aus der Nähe an- schauen«, meinte Conal, als er sah, wie Nova das zentrale südliche Mnemosyne-Kabel anstarrte. »Ich bezweifle, ob du je etwas Vergleichbares gesehen hast!« »Es sieht von hier so klein aus«, sagte Nova. »Wie ein Faden.« »Dieser Faden ist etwa fünf Kilometer dick und be- steht aus hunderten von Strängen. Tiere und Pflanzen leben darauf, die niemals auf den Boden herabkom- men.« »Meine Mutter hat gesagt, Cirocco Jones sei einmal eines bis zum höchsten Punkt hinaufgeklettert.« Sie reckte den Hals und entdeckte die Stelle, wo das Ka- bel an das gewölbte Dach von Mnemosyne stieß. »Ich kann nicht begreifen, wie sie das geschafft hat.« »Sie hat es zusammen mit Gaby getan. Und es war, keines von diesen Kabeln, die senkrecht hinaufrei- chen. Cirocco ist an einem hochgeklettert, das in ei- nem schrägen Winkel aufsteigt wie die da vor uns. Siehst du, wie sie sich hinaufkrümmen und in die Speiche von Okeanos führen? Von hier aus kannst du nicht richtig in die Speiche hineinsehen. Cirocco hat mir erzählt, die Kabel wären das, was Gäa zusam- menhält.« »Warum ist hier alles wie ausgestorben?« »Das liegt an dem Sandwurm. Er könnte den Mount Everest als Zahnstocher benutzen.« »Denkst du ...« – sie mußte sich unterbrechen, um mächtig zu gähnen – »... denkst du, wir werden ihn sehen?« »Sag mal, warum schläfst du nicht etwas?« »Ich bin okay.« »Nein, wirklich, du solltest es tun. Ich wecke dich, wenn etwas Wichtiges geschieht, und wenn nichts passiert, kannst du mich in zwei Revs ablösen.« »Wie lange dauert eine Rev?« »Fast genau eine Stunde.« »In Ordnung, ich mache es. Danke.« Sie drehte sich leicht auf ihrem Sitz. »Wie geht es der Hand? Soll ich die Verbände neu wickeln?« »Sie ist in Ordnung. Ich habe sie mir geprellt, als ich am Flügel hing.« Sie schenkte ihm ein schläfriges, freundliches Lächeln und ertappte sich dann anschei- nend dabei. Conal unterdrückte sein Grinsen; sie machte entschieden Fortschritte. Sie mußte sich erst daran erinnern, mißmutig zu sein. Vielleicht vergaß sie es eines baldigen Tages ganz. Konnte das Glück dann noch lange auf sich warten lassen?, Sie schloß die Augen und schlief innerhalb von zehn Sekunden ein. Conal beneidete sie. Er brauchte gewöhnlich mindestens eine Minute. Er betrachtete sie forschend, während sie schlief, und fühlte sich dabei ein wenig schuldig. Ihr Gesicht war entspannt, und sie sah sogar noch jünger aus als achtzehn Jahre. Sie hatte immer noch ein Gesicht wie ein kleines Mädchen, große Wangen und eine vorstehende Oberlippe. Conal erkannte die Züge ihrer Mutter in der Stupsnase und dem großen Kiefer wieder. Wenn sie die Augen geschlossen hatte, war diese beunruhi- gende Ähnlichkeit mit Chris kaum zu entdecken. Er wandte sich entschlossen ab, als er bemerkte, daß seine Augen zu den vollen Rundungen der Brü- ste schweiften, zu den runden Hüften und den langen Beinen. Es genügte wohl, wenn man feststellte, daß sie das Gesicht eines Kindes und den Körper einer Frau hatte. »Achtung!« sagte der Computer. »Feindliche Flug- zeuge haben hier ...« Conal drückte den Override und warf Nova einen kurzen Blick zu. Ihre Augen flatterten; dann erzeugte sie einen undamenhaften Laut und kuschelte sich tie- fer in die Polster. Wieder einmal ein Ärgernis. Der verdammte Com- puter hatte ein langes Gedächtnis. Die Ergebnisse von Ciroccos Luftkrieg gegen die Flugbomben waren in ihm gespeichert, und daher versuchte er jetzt, Conal vor einer Basis zu warnen, die seit achtzehn Jahren leer stand. Die Flugbomben hatten sich gerne an zen- tralen Kabeln versammelt. Sie konnten jahrelang mit der Schnauze nach unten daranhängen und auf ihre, Chance warten. Sie mußten so hängen, da sie ihre Ma- schinen nicht starten konnten, ohne bereits eine Vor- wärtsbewegung zu haben. Primitive Staustrahltrieb- werke, mehr war da nicht gewesen; nichts im Ver- gleich zu der ultra-verfeinerten Fackel, die leise im Heck der Drachenflug summte. Conal war froh, daß sämtliche Flugbomben tot wa- ren. Trotzdem, wäre es nicht komisch, falls ... Er blickte kurz zum Zentralkabel hinüber und sah, wie ein winziger Fleck zur Wüste hinabfiel. Er blin- zelte und rieb sich die Augen, und der Fleck war ver- schwunden. Conal betrachtete weiter das Kabel und schüttelte den Kopf. Man vergaß leicht, wie riesig es war. Was erwartete er eigentlich zu sehen? Flugbom- ben, die sich am Kabel festhielten? Andererseits, was, zum Teufel, konnte dieser Fleck sonst gewesen sein? Er spielte am Radar herum, aber das meldete nichts. Er blickte zu dem Engel hinauf, der Adam trug. Alles in Ordnung dort. Aus einem Impuls heraus führte er der Maschine Energie zu und stieg rasch auf sechs Kilometer. Und prompt klingelte das Radar. »Alarm!« meldete der Computer. »Vier ... berichti- ge, fünf nicht identifizierte Flugzeuge kommen näher. Berichtige, drei nicht ident... berichtige, vier ...« Conal schaltete die Stimme aus, da sie ihn nur ab- lenkte. Das Graphik-Display zeigte ihm viel mehr. Oder doch nicht? Er sah da unten auf dem Deck deutlich zwei Blips, die ihm schnell näherkamen. Dann waren es drei, dann tauchte noch einer auf. »RADAR-GEGENMASSNAHMEN WURDEN ER-, GRIFFEN«, meldete der Computer auf dem Bild- schirm. Das schien auf Drachenflug-Maschinen hinzudeuten oder auf die Rückkehr von Cirocco in der Mantis. Co- nal vermutete, daß Cirocco drei Flugzeuge per Auto- pilot fliegen konnte, aber wozu, und warum hatte sie es ihm nicht gesagt? Aber Flugbomben konnten wie- derum kein Radar blockieren. »Da hörst du besser auf, Conal«, murmelte er vor sich hin. Die nackte Wahrheit war, daß er nie eine Flugbombe gesehen und nie gegen eine gekämpft hatte. Es führte in Gäa schnell zum Tode, wenn man glaubte, daß die Dinge sich nie änderten. »Wach auf!« sagte er und rüttelte Nova an der Schulter. Sie war sofort wach. »Cirocco, ich habe einige unidentifizierte Blips auf meinem Bildschirm, mindestens vier, wahrscheinlich fünf. Sie reagieren nicht auf Transponder. Sie nähern sich mir mit etwa ... fünfhundert Stundenkilometern, und sie setzen Mittel gegen mein Radar ein. Ich bin auf sechs Kilometer gestiegen für den Fall ... für den Fall, daß sie feindselige Maßnahmen ergreifen. Ich ...« Er unterbrach sich und wischte sich mit dem Hand- rücken Schweiß von der Stirn. »Verdammt, Cirocco, was soll ich tun?« Sie lauschten beide und hörten nichts als atmo- sphärische Störungen. Nova durchforschte den Himmel über ihnen, aber Conal zweifelte daran, daß sie etwas sehen würde. Dann, gesegnet sei sie, drehte sie sich schnell um und kramte die restlichen Teile ih- rer kugelsicheren Anzüge hervor. »Cirocco, empfängst du?« Wieder Schweigen. Sie war wahrscheinlich nicht im Flugzeug, sondern, suchte Waffen zusammen und führte eine Überprü- fung durch. Vielleicht hörte sie ihn und war unter- wegs zum Funkgerät. »Cirocco, ich führe sie von Adam weg und schieße sie dann ab. Ich halte diesen Kanal offen.« Nova reichte ihm einen Helm und Beinlinge. Er setzte den Helm auf, winkte aber bei dem Rest ab. »Vergiß die, wir haben nicht genug Zeit. Zieh deine Gurte nach und halt dich fest!« In dem Augenblick, als sie sich gerade den Gurt fest über den Schoß gezogen hatte, riß Conal den Knüppel zurück und schob den Gashe- bel vor. Die kleine Maschine schoß vorwärts und zog hoch wie eine Rakete. Nova blickte nach vorn und nach den Seiten. »Die auf dem Radar waren unter uns«, sagte Conal. »Sie flogen dicht über dem Boden. Sie müßten also jetzt hinter uns sein, und ich denke nicht, daß ...« »Genau da!« rief Nova und deutete nach links vorn. Es kam direkt auf sie zu, stürzte herab wie ein Fal- ke, wurde laufend größer. Conal drehte nach rechts ab und kippte die Ma- schine. Die Flugbombe schoß heulend an ihnen vor- bei. Conal erwischte einen Eindruck von einem luft- schluckenden Haifischmaul und von Flügeln, die hoch gewölbt und dann nach unten und hinten gezo- gen waren. Conals Maschine wurde in der vom Aus- puffrohr der Flugbombe erwärmten Luft hin und her geworfen, dann gelang es ihm, sie wieder umzudre- hen und einen Flügel zu kippen, damit sie einen bes- seren Blick hatten. »Warum hast du nicht geschossen?« erkundigte sich Nova., »Ich ... ich habe vergessen, daß wir Geschütze ha- ben«, gestand er. »Kannst du die Burschen da unten sehen?« »Ja. Der erste fliegt eine Kurve, die übrigen vier ...« »Ich hab sie.« Die vier stiegen in enger Formation. Der Anblick führte Conal zurück zu einem kalten Wintertag. Er war zehn, und die ›Schneevögel‹, Ka- nadas Präzisionsflugteam, zeigten eine Show. Sie flo- gen Tragfläche an Tragfläche und wendeten als Ein- heit. Und sie waren hochgestiegen wie diese Flug- bomben, und am Ende des Anstieges ... ... verteilten sich die Flugbomben, zogen schwarze Abgasfahnen hinter sich her und teilten damit den Himmel in Viertel. Conal hatte sie jetzt alle auf dem Radar. Die Bilder waren eindeutig; der zu Anfang hereingelegte Com- puter hatte inzwischen die neuen Signaturen gelernt. Und es war eine verdammt gute Sache, daß er über Radar verfügte, erkannte Conal. Diese Teufel waren sehr schnell außer Sichtweite. Er fühlte sich ziemlich hilflos. Zusammen mit Nova beobachtete er, wie die Blips auf dem Radarschirm drehten und wendeten, ohne daß ein Muster zu er- kennen war. Conal dachte, er sollte besser irgendein Manöver vorbereiten, wie es die Flugbomben so of- fensichtlich taten, aber er wußte nichts über den Luft- kampf. Er wischte sich die feuchten Hände an der Hose ab und überlegte. Was wußte er über Flugbomben? »Sie waren groß, schwerfällig und relativ langsam und nicht für Luftkämpfe ausgestattet.« Er hörte Ci- roccos Stimme in seinem Gedächtnis. Sie hatte nicht, viel von diesen Kreaturen erzählt. »Ihre Haupttaktik bestand im Rammen. Darauf mußte ich aufpassen, denn sie schienen sich nichts daraus zu machen, daß sie selbst dabei umkamen. Eine hat mich einmal fast erwischt, und ich hatte enormes Glück, daß ich da- vonkam.« Das klang alles sehr schön, und die Flugbombe, die sie gerade fast gerammt hatte, war sicherlich groß gewesen – möglicherweise dreimal so lang wie die kleine Drachenflug. Aber schwerfällig und langsam? Er betrachtete wieder die über den Himmel ge- schwungenen Kondensstreifen. Er dachte, daß er schneller war als sie und sicherlich manövrierfähiger, aber sie wirkten gar nicht so schwerfällig. »Da kommt eine von hinten«, sagte Nova. »Ich sehe sie.« Er versuchte, ein paar Manöver zu entwickeln. Dabei halfen ihm lediglich Erinnerungen an Luftkämpfe in Filmen, wo sie gewöhnlich aus der Sonne kamen – aber das funktionierte in Gäa nicht. Und sie kamen von hinten heran und schossen einen ab. Da Flugbomben aber keine Geschütze hatten, funktionierte auch das nicht. Er fühlte sich besser. Er bremste etwas ab und er- möglichte es dem Verfolger, näherzukommen, führte dann eine Reihe von Kurven und Sturzflügen durch und hielt die ganze Zeit Ausschau nach den anderen vier. Der Verfolger machte ihm alle Manöver nach, aber langsamer, und verfehlte ihn dadurch. Conals Zuversicht wuchs. Okay, was nun zu tun war ... Er führte den Gedanken gleich aus, zog den Knüp- pel heftig zurück, stieg hoch und überschlug sich und spürte dabei, wie ihn fünf g in den Sitz drückten. Er führte die Schleife zu Ende, und die Flugbombe flog, ebenfalls eine weite Schleife und fiel zurück. Sie war ein wenig langsam, als Conal eine rechte Kurve mit acht g und einem Sturzflug ausführte, dann eine plötzliche Drehung ... und da war sie fast unter ihm, also bremste er. Die Tragflächen fuhren aus und er- zitterten, als sie sich in die Luft gruben und ihn anho- ben. Conal drückte den Bug jedoch fest nach unten ... Das Ding war in seinem Blickfeld, und er ertappte sich dabei, wie er schrie, während die Geschütze an den Tragflächen knatterten. Er brüllte weiter, wäh- rend er den wilden Drehungen der Flugbombe folgte. Dann sah er, wie eine orangefarbene Flamme aus ihr hervorschoß, und er mußte hochziehen und mehr Gas geben, um nicht in ihren Feuerschweif zu geraten. Er fegte durch schwarzen Rauch und sah die Flugbombe unter sich. Einer ihrer Flügel war abgerissen, und sie stürzte in Spiralen dem zehn Kilometer tiefer liegen- den Boden entgegen. »Genau wie im Kino!« grölte er. Nova hüpfte auf ihrem Sitz auf und ab und machte ein komisches Ge- räusch, wie er es noch nie gehört hatte, aber er wußte, daß es Jubel war, bevor er das begeisterte Leuchten in ihren Augen sah. Es war ein wildes Leuchten, dem nur das Schimmern ihrer Zähne gleichkam, und Co- nal liebte sie dafür. »Conal! Conal, empfängst du?« »Hier bin ich, Cirocco.« »Wir starten in etwa zwei Minuten. Wie ist die La- ge bei euch?« »Ich habe gerade eine Flugbombe weggeputzt, Captain!« Er konnte den Stolz nicht aus seinem Ton- fall heraushalten. »Es sind aber noch vier weitere in der Gegend.« Er blickte kurz zu Nova, und sie hatte, selbst genau diesen Moment gewählt, ihn anzublik- ken. Es konnte keine Sekunde gedauert haben, aber Nova zeigte ein boshaftes Lächeln, das ausdrückte: Du bist okay! Und bei Gott, dachte er, wir sind es, was? Nie waren sie sich je näher gewesen. Dann be- obachtete sie schon wieder den Himmel. »Wir werden die Szenerie auf dem Weg dorthin nicht bewundern«, sagte Cirocco. »Ich denke, wir schaffen es, Captain.« »Drei sind gerade dabei, hinter uns einzuschwen- ken«, meldete Nova. »Ich sehe es.« Er hatte sie auf dem Radarschirm und sah sie auch mit den Augen. Er fragte sich, was sie vorhatten und wo die vierte steckte. »Ich werde das mit Snitch besprechen und mich davon überzeugen, wieviel er weiß«, sagte Cirocco. Conal machte sich nicht die Mühe zu antworten. Er zog wieder hoch und flog eine weite Schleife, konnte beinahe einen Schuß auf die hinterste Flugbombe in der Formation, die ihn verfolgte, anbringen, aber er schoß nicht, weil er wußte, daß er seine Munition besser sparte. Also führte er eine lustige Jagd über den Himmel, bis sie über die ganze Hölle hinweggestreut waren. Die Flugbomben brachen ab und formierten sich neu, als er Höhe gewann und sich dabei besorgt fragte, was mit der letzten war. Sie war nicht auf seinem Schirm zu sehen, und da fiel ihm etwas ein. »Eine ist vielleicht unterwegs zu euch, Captain«, sagte er. »Vielleicht versucht sie einen Hinterhalt zu legen, um euch nach dem Start zu erwischen.« »Ich halte die Augen offen, danke.« Und die Verfolger waren wieder hinter ihm. Er, plante seine Flugbahn und überlegte, daß er es viel- leicht schaffte, eine oder zwei zu erledigen, bevor Ci- rocco eintraf. Die Flugbomben schlängelten sich in einer Linie hinter ihm her. Er zog hoch, zunächst langsam, und sah, wie die letzte schnell seinem Bei- spiel folgte. Das gefiel ihm nicht. Da wurde die Dra- chenflug nach links geschleudert, und er mußte mit dem Knüppel kämpfen. Er blickte zum Fenster hin- aus und sah ein schartiges Loch in der Tragfläche, di- rekt neben dem Geschütz. Noch während er hinsah, tauchten zwei weitere Löcher auf, und etwas riß sich heulend von dem stabileren Material des Kanzelda- ches los. Er blickte hinauf in die tiefe Furche und zog den Steuerknüppel kräftig zurück. »Sie schießen auf uns!« rief Nova. Er wußte später nicht mehr genau, was er in den nächsten zwanzig Sekunden machte. Der Erdboden tauchte auf allen Seiten auf, war in einem Moment links, dann über ihm, dann drehte er sich ringsherum. Es mußte funktioniert haben. Kurz hatte er eine Flug- bombe im Blick und feuerte, verfehlte sie aber. Er blickte zurück, und alle drei waren weit hinter ihm, formierten sich aber bereits neu. Vielleicht sollte er ihnen einfach davonfliegen. Er glaubte nicht, daß sie bei Höchstgeschwindigkeit mithalten konnten. Vorsicht ist die Mutter der Por- zellankiste, und all das ... Aber er machte sich Sorgen wegen der beschädig- ten Tragfläche. Drachenflug-Maschinen waren un- glaublich zäh, aber sie hatten Grenzen. Er zuckte die Achseln und schob den Gashebel ganz vor. »Vor dir!«, Nova mußte unglaubliche Augen haben. Er hätte den Feind nicht gesehen, bis es zu spät war – sah ihn auch tatsächlich nicht, bis er fast sein ganzes Blickfeld ausfüllte, nichts als ein klaffendes Maul, das ihnen kleine Feuerklumpen entgegenspie. Aber er drückte den Steuerknüppel hinunter und flog unter der vier- ten Bombe hindurch, mit gerade einem Meter Ab- stand. Er hörte eine Explosion und wagte es, nach hinten zu blicken. Die Taktik hatte sich nicht ausge- zahlt. Die Bombe hatte ihn um Haaresbreite verfehlt und stieß frontal mit der dritten in der folgenden Reihe zusammen. Was jetzt auf Mnemosyne herab- stürzte, ähnelte nicht einmal entfernt mehr Flugzeu- gen. »Conal«, meldete sich Ciroccos Stimme mit be- sorgtem Tonfall. »Snitch sagt, sie könnten bewaffnet sein! Ich weiß nicht, wie verläßlich das ist.« »Danke!« schrie er und ging tiefer, als er die Ge- schosse vorbeipfeifen hörte. Er steuerte zum Erdbo- den hinunter und drehte und wendete auf dem gan- zen Weg. Dann krachte etwas durch die Rumpfwand und schien im Innenraum überall herumzuprallen. Die Kanzel füllte sich mit beißendem Rauch, und No- va schrie und stampfte mit den Füßen. »Es lebt, es lebt!« kreischte sie, aber er konnte sich jetzt nicht darum kümmern. Er drehte die Maschine weiter, und erneut verteilten sich die Verfolger hinter ihm. Als er für einen Moment Luft zu haben glaubte, sah er nach rechts. Nova hatte das Gesicht verzerrt und trat nach etwas Schwarzem, das zuckte und hüpfte und rauchte. Es hatte ein Maul und biß nach ihren Beinen. Während Conal zusah, warf Nova einen der ungenutzten Beinlinge eines kugelsicheren An-, zuges über das Ding und trampelte darauf herum. Ein Knall wie von einem Knallkörper erfolgte, und Novas Bein wurde so heftig hochgeschleudert, daß es gegen das Kinn stieß. Der pfeifende Ton, den Conal gehört hatte, seit sie getroffen worden waren, änderte sich in der Tonhöhe, und dann sah er, wie der Bein- ling durch ein handgroßes Loch im Boden gesaugt wurde. Er hatte nicht genug Zeit, sich darum zu kümmern. Er war fast schon am Erdboden. Er zog wieder hoch und fegte mit siebenhundert Stundenkilometern über die Wüste dahin, fünfzig Meter über den Dünen. Die linke Tragfläche schrie ihre Qual hinaus. Und noch immer hatte er keine Zeit, sich Gedanken zu machen, denn die Verfolger waren direkt hinter ihm und feuerten weiter. »Na, zum Teufel«, sagte er, »jetzt werde ich aber verrückt.« Und es stimmte, er war wirklich wütend und scherte sich einen Dreck darum. Also zog er hoch, ohne darüber nachzudenken, flog, was die Ma- schine hergab, und behielt die Aufwärtsrichtung bei, bis er glaubte, daß er genug Platz hatte, nahm dann den Gashebel zurück und stieß den Steuerknüppel bis zum Anschlag nach vorn. Für einen Moment waren sie schwerelos, dann packten die g-Kräfte sie und zogen sie immer stärker gegen die Gurte. Sie stürzten auf den nicht mehr weit entfernten Boden zu. Fünf g, sechs, sieben. Zehn g, und ihre Gesichter wurden rot, während der Boden mit quälender Trägheit um sie rotierte. Draußen be- schwerte sich die Tragfläche, und drinnen fragte sich Conal, ob es zu knapp wurde. Die äußere Schleife war so eng, wie es nur ging. Er konnte nichts anderes, tun als hoffen, daß die Flugbomben ihm folgten und daß er bald ein Stück des Himmels über den Bug kriechen sehen konnte. Er sah den Himmel durch den Fußboden auftau- chen und größer werden. Hinter sich hörte er ge- dämpft zwei Aufschläge, und er brachte ein Lächeln zustande, wenn sich auch seine Gedanken nur lang- sam bildeten. Wenn es geklappt hatte, waren diese Flugbomben gerade in den Erdboden gekracht. Dann flog er mit dem Kopf nach unten wieder ho- rizontal. Der Sand war so nahe, daß er ihn mit der ausgestreckten Hand hätte erreichen können. Behutsam schob er die Drachenflug höher, bis er ge- nug Raum hatte, um sich wieder aufzurichten. Er blickte kurz zu Nova, deren Gesicht grün war. Ihm wäre es nicht anders ergangen, hätte er genug Zeit gehabt, aber die Tragfläche beschwatzte ihn gerade. Langsam stieg er auf einen Kilometer, mußte dreimal Gas wegnehmen, wenn die Tragfläche flatterte. Das kleine Flugzeug fühlte sich an wie ein Auto, das über eine unebene Straße holperte. Conal warf wieder ei- nen Blick auf die Tragfläche und sah, daß sie nur noch an einer dünnen Strebe hing. Er schaltete den Motor ab. Geräuschlos krochen sie durch die Luft. »Raus!« schrie er und sah, wie Nova die Tür auf- stieß. Sie hatte den Gurtwerkauslöser vergessen, also schlug er darauf und schubste sie, sah, wie sie sich nach oben und hinaus kämpfte, sprang dann an der anderen Seite hinaus. Er zählte bis zehn – bei sieben begann er mit den Zähnen zu klappern, als ihm einfiel, daß er noch nie mit dem Fallschirm abgesprungen war – und riß an der Leine. Der Fallschirm blähte sich und ruckte hef-, tig an ihm. Conal atmete tief aus. Er blickte sich um, sah die beiden Flammensäulen dort, wo seine Verfol- ger abgestürzt waren, entdeckte dann die helle oran- gefarbene Blüte von Novas Fallschirm. Er fühlte sich riesig. Gäa wurde purpurrot, als sie von der Geschichte hörte. »Er hat mein Baby in Gefahr gebracht!« schrie sie und stapfte auf dem bereits aufgewühlten Boden des Pandämoniums hin und her. Alle mußten eilen, um ihr aus dem Weg zu gehen. Einige hatten Erfolg. »Wem glaubt er eigentlich zu dienen?« dröhnte sie. »Keine Risiken, überhaupt keine Risiken sind bei diesem Kind einzugehen! Habe ich das nicht klargemacht?« Zustimmende Rufe ertönten. Bolexe drängelten sich näher heran, um filmen zu können, kletterten dabei übereinander wie Käfer in einem Glas. Gäa hob die Hand, streckte sie nach oben aus, und es wurde ruhig, abgesehen vom Surren der Kameras. Dann ballte sie die Hand zu einer Faust von der Grö- ße eines Kombiwagens. Blitze fuhren krachend aus dem Himmel herab und umhüllten sie wie ein pur- purner Heiligenschein. Mit wutverzerrtem Gesicht nahm sie die Faust zurück wie ein Speerwerfer, und schleuderte etwas, das ein Blitz des Hasses sein mochte, in Richtung Mnemosyne. Weit oben am Zentralkabel explodierten die Treib- stofftanks des Luftmörders. Haken und Rotaugen fingen Feuer und fanden sich auf ihren Todesstürzen wieder, um zu explodieren, sobald ihr Treibstoff ver- ausgabt war. Auch vier Flugbomben gerieten in Brand. Es war ein geräuschvolles und hell leuchten-, des Ereignis und ähnelte sehr der traditionellen japa- nischen Feuerwerksgranate, die man als ›Chrysan- themenstrauß‹ bezeichnet. Als alles vorbei war, exi- stierten in Gäa nur noch ganze neun Luftmörder- Kampfgruppen. Robin, Chris und Cirocco sahen die Show, und Ciroc- co umkreiste sie wachsam, aber nichts stürzte sich vom Kabel herab auf sie. Cirocco fuhr die Tragflächen fast auf eine Linie mit dem Rumpf zurück und steu- erte die Stelle an, die ganz von schwarzem Rauch verdeckt war. Sie rief fortwährend nach Conal und bekam keine Antwort. In der Nähe der beiden Rauchsäulen bremste sie ab und umkreiste sie. Sie alle fürchteten zu entdecken, daß eines der Feuer die Gräber von Conal und Nova kennzeichnete. Eine Leuchtkugel stieg in den Himmel und explo- dierte, und drei Minuten später setzte Cirocco leicht auf. Sie hatte kaum die Motoren abgeschaltet, da wa- ren Chris und Robin auch schon draußen und eilten auf die beiden Gestalten zu. Conal hatte es irgendwie fertiggebracht, sich einen Knöchel zu verstauchen. Cirocco hätte das in dem weichen Sand gar nicht für möglich gehalten – aber dann fiel ihr ein, daß sie nie zu der Fallschirmausbil- dung gekommen war, die sie ihm hatte geben wollen. Conal hatte Nova einen Arm um die Schultern ge- legt und sie einen Arm um seine Taille, und sie schafften es gemeinsam, in der Ein-Viertel- Schwerkraft so schnell zu gehen wie eine unversehrte Person. Nova war vier Zoll größer als ihr Begleiter, und er zeigte ein dümmliches Grinsen, das bei Ciroc-, co die Frage hervorrief, wie schlimm denn dieser Knöchel nun wirklich verletzt war. »Haben wir Zeit, Cirocco?« fragte Conal. »Kommt darauf an. Worum gehts?« Sie dachte an Adam, und ihr war klar, daß sie sich ein gutes Stück weit zurückhalten mußten, falls sie wieder von Flug- bomben angegriffen wurden. Als ihr die Flugbomben einfielen, wanderte ihr Blick nervös zum Himmel hinauf. Sie gaben hier ein vorzügliches Ziel ab. »Wir haben da etwas im Flugzeug, was wir uns an- sehen sollten. Es ist gleich da drüben.« »Ich hole es«, sagte Nova und ließ ihn los. Er schrie auf, verlor das Gleichgewicht und setzte sich in den Sand. Sie sahen hinter Nova her, die zum Wrack der Drachenflug lief. »Sie haben auf uns geschossen«, sagte Conal. »Snitch hatte recht.« Er erzählte ihnen von dem Angriff und davon, wie er eine abgeschossen, zwei zum Absturz gebracht und die beiden anderen ausgetrickst hatte. Cirocco erzählte ihm von der Explosion, die Conal und Nova aus großer Ferne gesehen hatten. »Ich habe nicht die leiseste Idee, was dafür verant- wortlich gewesen sein könnte«, sagte Cirocco. »Aber es geschah an der Stelle, wo früher die Basis der Flugbomben war. Und es war auch kein Düsentreib- stoff. Es waren eine Menge Explosivstoffe und viel- leicht auch fester Raketentreibstoff.« Nova kam zurück. Sie atmete schwer und zeigte die Überreste des Dinges vor, das versucht hatte, sie zu beißen. Es sah ein wenig so aus wie eine explodierte Zigar- re, eine zehn Zentimeter lange flexible Röhre. Ein En-, de war versengt und das andere schartig und gewei- tet. Nova deutete auf das schartige Ende. »Da saß ein Kopf«, erklärte sie. »Es muß sehr hart gewesen sein, denn es krachte, als es auf den Boden fiel. Es hüpfte herum wie ein ...« »Wie ein Fisch in einem Boot«, sagte Conal. »Es hatte keine Augen, aber einen Mund, und es schnappte dauernd nach mir. Ich habe darauf herum- getrampelt, und es explodierte.« Cirocco nahm Nova das Ding aus der Hand. Sie hielt es behutsam und schnupperte am verbrannten Ende. »Eine Art Raketengeschoß«, meinte sie schließlich. »Ich schätze, es sollte eigentlich beim Aufschlag ex- plodieren. Der Kopf muß verdammt hart gewesen sein, um durch die Wand der Drachenflug zu schla- gen. Aber, seht mal, es kann sich drehen und damit nach der Zündung noch in geringem Maße auf das Ziel steuern.« Sie schnitt eine Grimasse und sah Nova an. »Hast du gesehen, wie es unter deinem Fuß ex- plodiert ist?« »Ein Teil von einem kugelsicheren Anzug war dar- über.« »Trotz allem hat die Sprengladung nicht gereicht, dir den Fuß abzureißen.« Cirocco seufzte und warf das Ding weg. »Aber es hat ein Loch in den Boden gesprengt. Freunde, eine Flugbombe könnte verflucht viele von diesen kleinen Scheußlichkeiten tragen. Mir gefällt diese Geschichte überhaupt nicht. Das ist ein Set neuartiger, gefährlicher Kreaturen, die Gäa da entwickelt hat.« Ihr fiel nichts anderes ein, als sie alle in die Mantis zu laden. Sie hörte sich Conals Beschreibung der Ra-, darblockade und der Form der Flugbombe an, die er abgeschossen hatte. Die meisten Veränderungen machten auf Cirocco den Eindruck, als seien sie dafür gedacht, das Radar zu verwirren – dieser Komplex von Merkmalen, den man »Täuschung« nennt. Sie starteten und flogen weiter nach Osten. Sie fan- den den Engel schnell wieder und folgten ihm in ei- nem diskreten Abstand von zwei Kilometern. Cirocco hatte ein Auge auf den Radarschirm, das andere auf den Himmel gerichtet.

NEUNZEHN

Während des langen Fluges über Okeanos saß Gäa reglos wie ein Stein auf ihrem Stuhl und starrte grü- belnd in den eisigen Westen. Sämtliche Bewohner des Pandämoniums gingen auf leisen Sohlen. So hatten sie Gäa noch nie erlebt. Gäa bot mächtig viel Spaß, auch wenn sie dazu neigte, auf einen zu treten. Sie bot viel Gelächter, so wie sie all diese Prediger mit großen Zeremonien empfing und diese armen Dussel aufbaute, bis ihnen fast die Köpfe platzten in der Überzeugung, Gäa veranstalte all dies nur für sie. Sie sagte ihnen, sie habe sie ins Pandämonium eingela- den – sie persönlich und niemanden sonst, weil nie- mand sonst ganz den Eindruck von den Dingen hatte, weil niemand sonst ganz den wahren Glauben ver- stand, so wie es der Dummkopf des Augenblicks tat – und Gäa bat sie auch, ihr Einblick zu gewähren in die unzweifelhafte Absolute Wahrheit und überhaupt ihr brillantes Verständnis von Theologie zu verkünden., Dann, wenn der jeweilige Prediger wirklich aufgeregt wurde, sah sie ihn an wie ein Profispieler, der die As- se aus dem Ärmel irgendeines armen dummen Hin- terwäldlers fallen sah, dröhnte Gotteslästerung! und biß ihm den hohlen Kopf ab. Dann spuckte sie den Kopf in den Auferstehungs- O-Meister, und ein Dutzend Revs später kam eine wimmernde Mißgeburt am anderen Ende zum Vor- schein, und sie sagte zu ihr: Du bist Rasputin oder Du bist Luther, und sie intonierte feierlich das Evangeli- um, an das der Neue zu glauben hatte, und schickte ihn hinaus in die Welt, um sie zu missionieren. Sie hielten eine Zeitlang durch, die Priester, anders als die Zombies, die nur ein Dämmerleben von unge- fähr einer Kilorev hatten. Aber selbst die Priester er- reichten einen Punkt, an dem sie zu abgestorben wa- ren, um noch mehr zu tun, als daß sie dalagen und zuckten. Das war nur für kurze Zeit komisch, also hatte Gäa bereits eine Menge Luthers und Rasputins durchgebracht. Das gefiel allen. Aber während des letzten Teils der Ankunft des Königs war Gäa nur ein verdammt furchterregender Spezialeffekt von fast zwanzig Metern Größe. Natürlich war Okeanos daran schuld. Okeanos war der Feind, fast vom selben Format wie Cirocco Jones. Gäa konnte sich einfach unmöglich gut fühlen, solan- ge der König über die hyperboreischen Gefilde von Okeanos geflogen wurde. Um die Wahrheit zu sagen, nicht viele Pandämo- nier fühlten sich gut dabei, Okeanos so nahe zu sein, von Anfang an nicht. Okeanos war etwas, das man am liebsten behaglich weit entfernt wußte, weit um, die Große Kurve des Torus herum, und möglichst nicht starr vor einem aufragend wie eine gigantische brechende Welle von Eisbergen. Viele der getreuesten Speichellecker gingen mit hochgezogenen Schultern und gesträubten Nackenhaaren herum. Aber dann flog der König aus der Dämmerungszo- ne heraus und über den G-Schlüssel – die am weite- sten südwestlich liegende von den acht Regionen Hyperions, nur dreihundert Kilometer entfernt vom D-Moll-Schlüssel, wo das Pandämonium lagerte. Und vielleicht machte Gäa etwas mit den Sonnenkollekto- ren draußen im Vakuum, die fortlaufend die Strahlen über das satte und hübsche Hyperion schickten, oder vielleicht war es einfach nur die enorme Erleichte- rung, die Gäa verspürte – und wenn eine Göttin oder ein Starlet von der Größe vor Erleichterung seufzt, Bruderherz, dann spürt man das aber wirklich bis in die Zehenspitzen – und der Tag, der endlose und sich niemals verändernde Tag, war auf einmal heller. Plötzlich ergingen Befehle hierhin und dorthin, und alle fielen übereinander, als sie versuchten, schnellstmöglich arschzukriechen. »Wein!« trompetete Gäa. »Laßt das Land vor Wein überfließen!« Und zwanzig verblüffte Weinhändler wurden herbeigetrieben und umgedreht und genu- delt wie Straßburger Gänse, bis der Chablis in unzäh- lige Feldflaschen sprudelte. »Essen!« dröhnte Gäa. »Öffnet das gewaltige Füll- horn und laßt meine Fülle hervorströmen!« Also wurde tonnenweise Butter geschmolzen, wurden harte Getreidekerne eimerweise in die rotierenden Mäuler von Mahlmaschinen geschaufelt, die so groß waren wie Zementmischer, und Feuer wurden dar-, unter geschürt, bis heiße gelbe Teigteilchen in allen Richtungen explodierten und den Boden übersäten, um dort von Legionen von Produzenten verschlun- gen zu werden, die für einen Augenblick ihren Ap- petit auf frischen Film zugunsten einer Popcornrase- rei vergaßen. Zehntausend Frankfurter brutzelten schon bald auf hundert Grillrosten, und Milchscho- kolade strömte aus den knusprigen Zitzen der Fuhr- leute. »Filmt!« schrie Gäa. »Es soll ein Fest für den König sein, die phantastischste Zelluloidfeier aller Zeiten! Führt sie auf drei Leinwänden gleichzeitig vor, hängt die Kartenliste auf und hebt den Preis an den Karten- häuschen an!« Und dann schrie sie Titel: König der Könige. Die größte aller Geschichten. Jesus Christ Superstar. Jeez. Jeez II. Jeez III. und IV. Der Nazarener. Das Evangelium nach dem heiligen Matthäus. Das Leben des Brian. Ben Hur. Ben Hur II. Bethlehem! Die Geschichte von Golgatha. Es kam zu etwas Gemurre unter Priestern islamischer, jüdischer oder mormonischer Herkunft, aber es war ein leises Gemurre und es ging im allgemeinen Jubel rasch unter. Denn wer konnte sich schon beschweren? Der Kö- nig kam! Es gab Wein, Essen und Filme, und Gäa war glücklich. Was konnte sich das Pandämonium mehr wünschen? Und dann wurde es noch besser. Ungefähr zehn Minuten vor der Ankunft des Kö- nigs, als die Party gerade in Schwung kam, stemmte sich Gäa auf die Beine, machte ungläubig vier Schritte und grinste in Cinerama. »Sie kommt!« schrie Gäa mit einer Stimme, die die, Augen von zehn Bolexen und einer Arri zerstörte, und Schauer krochen das Rückgrat von jedem inner- halb von zehn Kilometern Entfernung hinab, der ein Rückgrat besaß, auf dem sich zu kriechen lohnte. »Sie kommt, sie kommt, sie kommt!« Gäa hüpfte auf und nieder, was für sieben bis acht auf jeder Richterskala gut war. Der Laden brach zusammen und ein Kliegscheinwerferbaum fiel um. »Es ist Ci- rocco Jones! Nach zwanzig Jahren habe ich sie endlich zum Kampf hervorgelockt!« Da strengten alle die Augen an, und schon bald flog ein plumpes, lächerlich kleines durchsichtiges Flugzeug ins Blickfeld und begab sich in etwa einem Kilometer Höhe auf eine Kreisbahn. »Komm herunter!« rief Gäa höhnisch. »Komm her- unter und kämpfe, du eierloses Wunder! Komm her- unter und friß deine Leber auf, du stinkende Verräte- rin, du Mörderin ... mit dem schwachen Glauben! Komm zu mir!« Die Maschine zog nur ihre Kreise. Gäa holte tief Luft und brüllte. »Er wird lernen, mich zu lieben, Cirocco!« Immer noch nichts. Die Leute fragten sich schon, ob Gäa nicht einen Fehler gemacht hatte. Gäa erzählte ihnen schon seit Jahren von Cirocco. Sicherlich konnte sie nicht so wenig beeindruckend sein wie der Neuankömmling. Gäa lief jetzt um das Pandämonium herum, hob auf, was sie in die Hände bekam, und warf es in die Luft: einen Felsbrocken, einen Elefanten, eine Pop- cornmaschine, Brigham und fünf seiner Räuber. Das Flugzeug wich sämtlichen Wurfgeschossen mühelos aus., Dann wackelte es mit den Tragflächen, kippte eine nach unten und tauchte. In ungefähr einhundert Me- tern Höhe zog es eben, und jetzt brüllte das verrückte Ding mit voller Stimme. Kaum zu glauben, daß es überhaupt in der Lage sein sollte, etwas auszurichten, aber trotzdem besaß es für einen Haufen Leute, die seit Jahren wenigstens vier Kriegsfilme pro Woche gesehen hatten, doch eine gewisse Vertrautheit, die sie nervös machte. Was sie hier zu sehen bekamen, sah aus wie die Anflüge der F-86 in Die Brücke von To- ko-Ri, oder vielleicht mehr wie eine Jap Zero, die sich in Tora! Tora! Tora! auf jenen großen Prahm, die Ari- zona, stürzte, oder nach hunderten sonstiger Luft- kampffilme, wo die Maschinen schnell und heiß her- anjagten und feuerten, nur sah man in diesen Streifen die Handlung meist aus der Luft, wo alles in sagen- haftem Technicolor aufblühte, nicht vom Boden aus, wo innerhalb weniger kurzer Sekunden die Dinge einfach unglaublich wurden und überhaupt nichts mehr Filmisches an sich hatten. Die ganzen Tempel in der Reihe gingen fast gleich- zeitig hoch. Dort würde ein Feuerschlag mit mehr als fünffacher Schallgeschwindigkeit erfolgen, und die klugen Raketen würden mitten durch den Vorderein- gang rasen und dann krawumm, nichts mehr außer Splittern und einem Flammenpilz. Das Flugzeug feu- erte auch, aber statt ka-tschu ka-tschu ka-tschu zu ma- chen und in ordentlichen Reihen kleine Schlamm- fontänen zu erzeugen, drehten und kurvten diese verdammten Dinger und jagten einen, und wenn sie auftrafen, gingen sie hoch wie Handgranaten. Dann flog Cirocco eine rasante Kurve, für die sie nicht mehr brauchte als eine Pylone. Sie mußte min-, destens von zwölf g gezogen werden und war so tief, daß, wenn da draußen ein Feld gelegen hätte, sie nicht nur den Staub von dem verdammten Ding hochgejagt, sondern es obendrein mit der Flügelspit- ze gepflügt hätte. Und da kam sie schon wieder heran, schneller als je, schoß weitere Raketen ab, fing damit aber schon weiter entfernt an, so daß alle genug Zeit hatten, den Sturm und Drang auf sich zujagen zu se- hen. Und dann zog Cirocco fast senkrecht hoch, stieg immer höher und klinkte drei dicke Bomben aus, eins, zwei, drei, die weiter stiegen, während Cirocco abdrehte, bis sie fast unsichtbar wurden, dann kurz da oben hingen und dann herabfielen. Cirocco konnte sie unmöglich gezielt haben. Es war übernatürlich, sagten die Leute, es konnte einfach nicht vollbracht werden, aber dann klatschten die Bomben mitten durch die Dächer der Tonbühnen eins, zwei und drei, einfach so. Eins, zwei, drei – und sie waren Ge- schichte. Die Menschen und Humanoiden bekamen es bei diesem Geschehen verständlicherweise mit der Angst, aber die Photofaune waren begeistert! Was für eine Ausbeute! Aufruhr entstand an den Kamerasok- keln der Hubschrauber, an deren Beine sich, wenn sie starteten, bis zu fünf oder sechs Panaflexe klammer- ten und sich dort drehten, um ihre Aufnahmen zu machen. Die meisten von ihnen erwischten herrliche Bilder von Raketen aus der Sicht des Zieles, Aufnah- men, die vorher noch nie gelungen waren. Es war ei- ne Schande, daß nichts von dem Rohmaterial über- lebte, um den Projektor zu erreichen. Mittlerweile war das Pandämonium dermaßen in Rauch gehüllt, daß schwer festzustellen war, von wo, aus Cirocco als nächstes angriff. Die Leute hörten, wie die Motoren von Ciroccos Flugzeug protestierten und lauter wurden. Dann war sie schon wieder über ihnen. Flüssiges Feuer strömte aus dem Bauch des Flugzeugs, drehte sich in der Luft ... und fiel wunder- barerweise hundert Meter von dem Blutbad entfernt in einem Halbkreis mit dem Pandämonium als Mit- telpunkt. Später stimmten die Überlebenden darin überein, daß es unmöglich ein Fehler gewesen sein konnte. Jones hatte zu genau getroffen, teuflisch ge- nau, und hatte ihnen damit gezeigt, was sie tun konn- te, damit die Pandämonier nächstesmal etwas zum Nachdenken hatten. Viele von ihnen würden von jetzt an eine Menge Zeit damit zubringen, über Na- palm nachzudenken. Im Mittelpunkt allen Geschehens stand Gäa, fest wie eine Eiche. Sie hatte die mächtigen Brauen zu- sammengezogen, während sie beobachtete, wie die tödliche Mücke alles um sie herum in Schutt und Asche verwandelte. Beim vierten Überflug brach sie in Gelächter aus. Irgendwie klang es noch schreckli- cher als das Geräusch der Bomben oder das Prasseln der Flammen. Jones flog zum fünften Mal an – und Gäa hörte für einen Moment auf zu lachen, als die Archive explo- dierten. Zwanzigtausend Filmbehälter wurden zu rauchendem Schutt, desgleichen zehntausend seltene Drucke, viele davon unersetzbar. Mit einer Bombe hatte Jones zwei Jahrhunderte Filmgeschichte ausge- löscht. »Macht euch keine Sorgen!« schrie Gäa. »Ich habe Duplikate von den meisten Sachen!« Die Überleben- den, die unter Geröll kauerten und hörten, daß Jones, zu einem weiteren Angriff ansetzte, erkannten lang- sam, daß Gäa sie beruhigen wollte. Gäa dachte, sie spürten den Verlust so schmerzlich wie sie selbst, während die Pandämonier in Wirklichkeit alle jeden Zentimeter jemals belichteten Films hergegeben hät- ten für eine Chance, diesem Alptraum zu entrinnen. Und wieder lachte Gäa. Die Maschine flog erneut an. Einige Pandämonier spürten, daß es das letzte Mal war, und ein paar brachten sogar genug Mut auf, den Kopf zu heben und es zu beobachten. Jones kam schnurstracks und auf gleichbleibender Höhe heran. Sie schoß paarweise Raketen ab, die alle auf Gäa zujagten – und im letzten Moment abdrehten und sie um Haaresbreite verfehlten. Immer mehr schossen heulend heran, um hundert Meter hinter ihr zu explodieren. Es nahm den Anschein einer Mes- serwurfnummer in einem Zirkus an, als die Projektile an Gäas Knöcheln, Armen, Ohren, Knien vorbeiflo- gen. Und das Flugzeug griff wieder an, und Gäa lachte. Eine Reihe von Schußlöchern erschienen auf Gäas Brust. Sie lachte nur noch lauter. Es hörte sich an, als hätte Jones zehn schwere Geschütze an diesem Flug- zeug, und alle eröffneten das Feuer, während sie nä- her kam. Gäa wurde hin und her geworfen von den Einschlägen und blutete, gezeichnet von den Beinen bis hinauf zu ihrem mächtigen Schädel. Und alle sahen, daß sie nicht ernsthaft verletzt werden konnte. Das Flugzeug stieg höher ... immer weiter. In etwa drei Kilometern Höhe, als es nur noch ein Fleck war, kreiste es wieder., »Ich werde ihm trotzdem nicht weh tun, Cirocco!« rief Gäa. Dann betrachtete sie sich selbst, runzelte die Stirn, drehte sich dann um und sah einen Vormann an der Rückseite ihres von Kugeln durchlöcherten Stuhls hängen. »Wir holen lieber das zweite Team«, wies sie ihn an, »und ruf meine Make-up-Mannschaft zusammen. Wir haben viel zu tun.« Der Vormann regte sich nicht. Gäa runzelte die Stirn, kippte den Stuhl und sah, daß es nur noch ein halber Vormann war. Da marschierte sie in die Flammen davon und schrie Befehle. »Na ja«, sagte Cirocco ziemlich bedrückt. »Es hatte zunächst den Anschein einer guten Idee.« Diesmal hatte niemand einen wilden Jubel emp- funden, wie Conal und Nova vorher bei ihrem Luft- kampf mit den Flugbomben. Cirocco hatte sie mehr oder weniger alle gefragt, ob sie das tun konnte, und sie alle hatten mehr oder weniger zugestimmt, daß sie es tun sollte. Also hatte sie sich mit kalter Heftigkeit und Gründlichkeit ans Werk gemacht, was sie alle, einschließlich Cirocco, ein wenig erschüttert hatte. Ci- rocco hatte erst beim letzten Angriff den Haß in sich hochsteigen gefühlt, als sie auf die Monstrosität feu- erte, die sich Gäa nannte. In dem Moment hatte sie eine gewaltige Versuchung empfunden, die gesamte Feuerkraft in das Ding hineinzujagen, in der absur- den Hoffnung, daß es zerplatzte. Sie fragte sich, ob die anderen begriffen, warum sie sich letztlich mit der Show der Kraft und der kleineren Verletzungen zufriedengegeben hatte., Gäa konnte auf diese Weise nicht getötet werden. Selbst wenn sie auf einer Atombombe saß und von ihr verdampft wurde, würde sie aus dem tödlich ver- seuchten Boden wieder hervorwachsen. Gäa war al- lerdings auch nicht unsterblich. Sie war über den Hö- hepunkt, gewiß, war senil, wurde jeden Tag ver- rückter. Sie konnte nicht mehr viel länger durchhal- ten – nur noch etwa hundert weitere Jahrtausende. Und es war Ciroccos Aufgabe, sie zu töten. Sie blickten hinab auf die flackernde Ruine des Pandämoniums. Nur ein Gebäude stand noch. Zwei- fellos war das der ›Palast‹, von dem Snitch gespro- chen hatte, aus Gold und Platin errichtet. Adam sollte dort untergebracht werden, wahrscheinlich in einer Krippe aus massivem Gold und mit Diamanten als Murmeln, groß wie Gänseeier. »Warum hast du sie nicht einfach außer Gefecht gesetzt?« fragte Conal ruhig. »Du begreifst sie immer noch nicht«, meinte Ciroc- co. »Hätte ich den Palast zerstört oder Gäa getötet, wäre der Todesengel einfach weitergeflogen, zu nied- rig für uns, um Adam einzufangen. Er wäre weiterge- flogen, bis er auseinanderfiele, und dabei wäre Adam umgekommen.« »Ich kapiere es nicht«, gestand Conal. »Sie sagte doch, komm herunter und kämpfe. Nun, du hast ge- gen sie gekämpft. Was erwartet sie? Möchte sie, daß du landest und mit ihr ringst?« »Conal, alter Freund ... ich weiß es nicht. Es könnte sein, daß sie genau das will. Ich habe das Gefühl, sie ...« »Was?« drängte Conal. »Sie möchte wohl, daß ich mit einem Schwert in, der Hand zu ihr gehe.« »Ich verstehe es nicht«, meinte Conal. »Ich meine ... das hört sich total verrückt an. Ich schätze, es liegt daran, daß ich nicht die richtigen Worte finde. ›Fair Play‹ trifft es nicht, aber sie hat ... irgend etwas an sich. Nicht immer und nicht auf eine irgendwie vernünfti- ge Weise, aber nach dem, was du mir erzählt hast, würde ich denken, daß sie die Chancen etwas ge- rechter verteilt. Andererseits glaube ich aber nicht, daß sie dir irgendeine Chance ließe.« Cirocco seufzte. »Ich auch nicht. Und Gaby meinte ...« Sie brach rasch ab, als sie sah, daß Robin sie merkwürdig an- blickte. »Jedenfalls wird Gäa mir nicht sagen, was sie will, außer, daß ich komme und kämpfen soll. Sie er- wartet, daß ich mir das zusammenreime.« Es wurde wieder ruhig, und alle an Bord blickten hinaus auf das Blutbad. Menschen und unschuldige Tiere waren da unten gestorben. Die Menschen hat- ten im Dienst des Bösen gestanden, auch wenn sie nicht selbst böse gewesen waren, und Cirocco bedau- erte es nicht, sie getötet zu haben, empfand aber auch keine Freude darüber, war auch nicht stolz auf sich. »Ich glaube, mir wird schlecht«, sagte Nova. »Tut mir leid, Kind«, sagte Cirocco. »Die Pütz ist ganz hinten.« »Es braucht dir nicht leid zu tun!« schrie Nova, und sie stand kurz davor, in Tränen auszubrechen. »Ich wollte, daß du sie tötest, bis zum letzten! Es hat mir gefallen! Ich habe nur ... habe nur einen schwachen Magen, mehr nicht.« Sie schluchzte und blickte Ciroc- co flehend an. »Und nenn mich nicht Kind!« flüsterte sie und floh ins Heck des Flugzeuges., Ein kurzes unbehagliches Schweigen stellte sich ein, das Chris brach, indem er sagte: »Wenn du meine Meinung hören willst, dann wünschte ich mir irgendwie, du hättest es nicht ge- tan.« Er stand auf und folgte Nova. »Na, ich freue mich, daß du es getan hast«, sagte Robin hitzig. »Ich wünschte nur, du hättest mehr auf Gäa geschossen. Große Mutter, was für ein abstoßen- des Ding!« Cirocco hörte sie kaum. Irgend etwas nagte an ihr, etwas, was sich nicht richtig anfühlte. Chris beurteilte ihre Taten normalerweise nicht kritisch. Er hatte na- türlich durchaus das Recht dazu, aber er tat es ge- wöhnlich nicht. Als sie weiter darüber nachdachte, fiel ihr ein, daß er sie eigentlich nicht kritisiert ... »Chris«, begann sie und drehte sich um. »Was hast du ...« »Es wird die Lage wahrscheinlich schwierig ma- chen«, entgegnete er. Er winkte ihnen zu und zuckte entschuldigend die Achseln. »Jemand muß sich um ihn kümmern«, sagte er und zog die Tür auf. »Nein!« schrie Cirocco und machte einen Satz auf ihn zu. Es war zu spät. Er war draußen und die Tür fiel wieder zu. Cirocco konnte nur mit entsetzter Fas- zination zuschauen, wie sich sein Fallschirm öffnete und er auf das Pandämonium zuschwebte. Chris und Adam landeten innerhalb einer Minute.,

ZWEITER HAUPTFILM

Ich war stets unabhängig, auch wenn ich Partner hatte. SAM GOLDWYN,

EINS

Die Zombies waren in getrennten Pferchen unterge- bracht, die in einer Reihe standen, jeder zwanzig Meter vom nächsten entfernt. Cirocco wollte die Frage nicht stellen, wußte aber, daß sie es tun mußte. »Waren sie ... schon tot?« »Nein, Captain«, antwortete Valiha. »Was haben sie gemacht?« Valiha erzählte es ihr. Dann fühlte sie sich etwas besser. Die Sklaverei war ein altes Übel, das der Menschheit in der einen oder anderen Form vielleicht für immer erhalten bleiben würde. Trotzdem schmerzte Valihas Bemerkung, daß sie sie über ihre Rechte informieren und ihnen faire Pro- zesse machen wollte. Es schmerzte, weil es so etwas in Gäa nicht gab, und ohne irgendeine Art von Re- geln schien das Menschentier einfach zu allem fähig – auch dazu, aufs Geratewohl elf Männer zu töten. Ci- rocco war nicht so dumm, sie zu betrauern, aber sie war das Töten leid, war es auch leid, den Befehl dazu zu erteilen. Sie fühlte, daß es hinterher zu leicht fallen konnte. Sie wollte nicht Gott spielen. Sie wollte nur allein gelassen werden. Sie wollte nur für sich selbst verantwortlich sein und für nie- manden sonst. Sie sehnte sich nach völliger Zurück- gezogenheit, danach, zwanzig Jahre nur für sich zu sein, um ihre gezeichnete Seele ans Licht zu zerren und den Versuch zu machen, die Sünde von ihr ab- zuwaschen. Der Geruch des Wesens, das Cirocco Jones genannt wurde, gefiel ihr nicht mehr., Der Drang, aus dem Flugzeug zu springen und Chris in den sicheren Tod zu folgen, war überwälti- gend gewesen. Nova, Robin und Conal hatten sie nur mit Mühe zurückhalten können. Cirocco wußte immer noch nicht, ob sie einen Drang zum Selbstmord verspürt hatte, oder ob sie nur so wütend gewesen war, daß sie geglaubt hatte, Frau gegen Frau mit Gäa kämpfen zu können. Sie hatte Wut und Verzweiflung zu gleichen Teilen emp- funden. Es wäre so schön, sich hinzulegen. Aber jetzt stand ihr ein weiterer Kampf bevor. Vielleicht der letzte. Die Zombies schlurften ziellos herum. Cirocco be- kämpfte ihre Übelkeit und besiegte sie, aber nicht, bevor es Valiha merkte. »Du solltest dich nicht verantwortlich fühlen«, sang die Titanide. »Es war nicht deine Tat.« »Ich weiß.« »Dies ist nicht deine Welt. Unsere zwar auch nicht, aber wir haben keine Schuldgefühle, wenn wir sie von solchen Tieren befreien.« »Ich weiß, Valiha, ich weiß. Sprich zu mir nicht weiter davon!« sang Cirocco. Es stimmte, daß diese Männer den Tod verdient hatten. Aber Cirocco empfand mit primitiver und unlogischer Gewißheit, daß niemand dies hier ver- dient hatte. Sie hatte geglaubt, die Flugbomben seien das Schlimmste, was bislang geschaffen wurde, bis Gäa die Idee zu den Zombies hatte. Auf einmal wirkten die Flugbomben wie lebhafte Kätzchen. »Wovon redet ihr?« erkundigte sich Nova. Cirocco blickte zu ihr. Das Kind sah ein wenig grün aus, hielt sich aber gut. Cirocco hatte nichts an ihr auszusetzen;, Zombies waren schwer zu ertragen. »Wir haben nur ... über die Höchststrafe diskutiert. Egal. Du mußt nicht dabeisein, weißt du.« »Ich will sie sterben sehen!« Wieder war Cirocco nicht überrascht. Nova hatte Talent zum Kämpfen demonstriert, aber nur geringen Geschmack für Blut. Cirocco war damit einverstan- den. Zombies waren jedoch etwas ganz anderes. Sie kannte Novas Motive nicht, obwohl sie argwöhnte, daß sie etwas mit einer Kreatur zu tun hatten, die un- erbittlich auf Nova zustapfte und nicht sterben woll- te. Was Cirocco anging, so war ihrer Meinung nach das Töten eines Zombies eine menschliche Tat. »Wir fangen lieber an«, sagte sie. »Bringt den ersten in die Kammer!« Rocky und Hornpipe befestigten ein Seil an dem Käfig und zogen ihn die Straße entlang zu einem ga- ragenähnlichen Gebäude, das ungefähr einen Kilo- meter weit entfernt war. Es hatte ein paar Fenster, ei- ne Leiter, die auf das Dach hinaufführte, sowie eine Falltür dort oben; obendrein war es einigermaßen luftdicht gemacht. Sie schoben den Käfig in das Ge- bäude und verschlossen hinter ihm die Türen. Horn- pipe prüfte die Windverhältnisse und verkündete, sie lägen innerhalb akzeptabler Grenzen. Das Problem bestand darin herauszufinden, was die Zombies mit so erstaunlicher Wirksamkeit getötet hatte. Es schien unwahrscheinlich, daß alle Zutaten von Novas Liebestrank dazu erforderlich waren. Viele Fragen stellten sich. Cirocco hoffte, daß einige nie beantwortet werden mußten, wußte aber aus bit- terer Erfahrung, daß Gäa oft einen Streich in Dinge eingebaut hatte, die erst wundervoll aussahen., Zu dem Rezept gehörte Blut. Mußte es zu einer be- sonderen Blutgruppe gehören? Schamhaar gehörte dazu. Wäre es mit Novas Kopfhaar auch gegangen? Funktionierte es nur mit blondem oder mit jedem Schamhaar? Vielleicht kam es noch schlimmer. Gäa hatte man- ches vorausgeplant. Nova war geplant. Sie war die Tochter von Chris und Robin, aber nicht auf konven- tionelle Weise. Vielleicht ging Gäas Planung noch mehr ins Detail. Es konnte sich herausstellen, daß nur Novas Blut und nur Novas Schamhaar den ge- wünschten Zweck erfüllten. Sie war noch nicht dazu gekommen, Nova das zu sagen. Der Anfang war einfach. Cirocco stieg die Leiter hinauf, öffnete oben die Luke und kippte eine abge- messene Portion Benzoin hinein – was Nova »Benja- min« genannt hatte. Dann kletterte sie wieder hinun- ter, und alle versammelten sich an den Fenstern. Der Zombie reagierte nicht. »Okay«, meinte Cirocco. »Wir entlüften und versu- chen es mit Kubebe.«

ZWEI

Conal stand bis zur Brust im Wasser und sah Robin zu, die sich mit wesentlich mehr Begeisterung als Grazie an ihm vorbeiwühlte. Er grinste. Himmel, aber sie war eben eine Arbeiterin. Wenn sie sich doch nur etwas entspannen und lockerer hineinlegen würde, wenn sie doch einmal jeden Gedanken an Geschwin-, digkeitsrekorde vergessen und es ihrem kräftigen kleinen Körper erlauben würde, ganz zu übernehmen ... Sie hatten kurz nach ihrer Rückkehr mit den Unter- richtsstunden angefangen. Robin hatte verkündet, daß sie sich niemals wieder nur deswegen in der Klemme befinden wollte, weil sie nicht schwimmen konnte, und Conal hatte feststellen müssen, daß man ihn zum Lehrer bestimmt hatte. Ihm war es recht. Er war selbst nur ein durch- schnittlicher Schwimmer und schon gar kein Lehrer, aber er konnte im Wasser stehen und es ihr beibrin- gen, sie einfangen, wenn sie zu versinken drohte, und das reichte anscheinend. Er blickte an Robin vorbei dorthin, wo das Wasser tief war und die Strömung schnell, und er sah dort Nova, die sich so mühelos fortbewegte wie ein See- hund. Er wünschte sich, er könnte stolz darauf sein, aber Tatsache war, daß manche Leute für das Wasser geboren wurden, und daß sie zu ihnen gehörte. Ko- misch, daß sie achtzehn Jahre gebraucht hatte, das herauszufinden. Jetzt schwamm sie zweimal so gut, wie er es je schaffen würde. Aber sie konnte ihrer Mutter anscheinend nichts davon abgeben. Conal sah, daß Robin wieder ins Zappeln geriet, und stieß sich ab. Mit wenigen Zügen war er bei ihr. Sie lag auf dem Rücken im Wasser und schnappte nach Luft. »Alles in Ordnung«, sagte sie. »Wenigstens habe ich diesen Teil zuendegebracht.« »Du steigerst dich.« »Kein Grund zu lügen, Conal. Ich werde nie gut schwimmen können.«, Er zog sie näher ans Ufer, und sie bekamen Boden unter die Füße. Nova flitzte an ihnen vorbei und kletterte auf den schmalen Strand, stand tropfend oben, schlank und glänzend, und schüttelte sich das Wasser aus dem kurzen blonden Haar. Sie bückte sich, nahm ein Handtuch und rubbelte sich energisch den Kopf ab. »Wir sehen uns im Haus«, sagte sie und entfernte sich das Ufer entlang. Conal wandte den Blick von ihr zu Robin und sah, daß sie ihn betrachtete. »Sie ist aufregend, wie?« meinte Robin leise. »Ich schätze, ich habe sie angestarrt ...« »Sei nicht schüchtern. Ich bin zwar ihre Mutter, aber ich erkenne eine heiße Katze, wenn ich sie sehe.« »Das komische ist«, gestand Conal, »ich habe sie in Wirklichkeit gar nicht als Mädchen angesehen. Ich meine, nicht sexuell. Ich war fast jeden Tag mit euch beiden schwimmen, weißt du, also bin ich es ge- wöhnt, sie anzuschauen. Sie ist einfach ein unglaub- lich gesundes Tier. Sie leuchtet geradezu.« Robin betrachtete ihn skeptisch, also spielte er die Rolle, die sie erwartete, gab sich beschämt und schüttelte den Kopf, als habe sie ihn bei einer Lüge ertappt. Aber es war eine komische Sache, und sie stimmte. Er konnte den ganzen Tag in der Gesell- schaft einer nackten Nova verbringen, ohne jemals einen sexuellen Gedanken auf sie zu verschwenden. Man hatte eben erreichbare Träume und unmögliche, und Nova stammte für immer und ewig aus einem der letzteren. Zu schlimm, aber so war es einfach. Al- so tasteten sie beide sich vorsichtig auf gegenseitigen Respekt zu, der sich gerade noch hauchdünn von, echter Freundschaft unterschied, aber ihm gefiel es genauso. Und es störte überhaupt nicht seine Bewunderung für ihre enorme Schönheit. Eine Welt konnte nicht so schlimm sein, wenn man in ihr ein solches Geschöpf vorfand. Und da sah es ihm gar nicht ähnlich, dachte er, in- mitten seines Stolzes niedergestreckt zu werden, in- dem er plötzlich und unerklärlich der Tatsache be- wußt wurde, daß Robin eine Frau war. Nun, es war ihr eigener Fehler. Sie hätte es nicht erwähnen dürfen. Sie wateten ans Ufer und trockneten sich mit den weichen weißen Handtüchern aus der Junction ab. Conal blickte Robin immer wieder verstohlen an. Sie saß auf einem großen, glatten Felsen und trocknete sorgfältig die Zwischenräume zwischen den Zehen, pingelig wie eine Katze. Sie sah gewiß nicht aus wie vierzig. Sie sah aus wie ... eine Dreißigerin, dachte er, aber am unteren Ende. Das Alter war eine komische Sache. Man konnte achtundzwanzig sein und dabei ein kränkliches, pummeliges und schlampiges Wesen. Oder man war fünfundfünfzig und hatte einen festen, flachen Bauch, strahlte vor Gesundheit und hatte Lachfalten um die Augen. Das Haar zum Beispiel. Es war unnatürlich hoch über einem Ohr abrasiert, und zwar dem, das den Mittelpunkt des seltsamen fünfeckigen Musters bil- dete. Wirklich erschreckend, wenn man es zum ersten Mal sah, aber im Laufe der Zeit wirkte es dann pas- send für Robin. Die Schlangen zum Beispiel. Das war nun wirklich, etwas, was einen Burschen abschrecken konnte, diese Schlangen, die sich um ein Bein und einen Arm rin- gelten und eine dicke Schleife unter den Brüsten zo- gen und deren Köpfe sich gegenseitig ansahen. Aber wenn man das ein paarmal gesehen hatte, war es ein- fach nur noch Robin. Mehr als das, die Schlangen wa- ren für sich eine hübsche Sache. »Hast du einen Letzten Willen?« erkundigte sich Conal, während er sich energisch das Haar trocken- rieb. »Einen Letzten Willen? Oh, du meinst, wenn ich sterbe. Das würde mir doch hier nicht viel nützen. Keine Koven – oder Gerichte, was immer sie auch auf der Erde haben.« »Ich schätze, du hast recht. Aber wenn du stirbst, sollten die da gerettet werden.« Sie sah lächelnd zu ihm auf. »Gefallen dir die Schlangen, ja? Es würde mir nichts ausmachen, abgehäutet und gegerbt zu wer- den, wenn alles vorbei ist.« Sie stand auf und sah ihn an. »Berühre sie, Conal.« »Was ...« »Berühre sie einfach. Bitte.« Sie streckte die Hand aus, und er nahm sie. Er fragte sich, ob sie einen Scherz mit ihm trieb, und berührte den Schwanz der Schlange mit einem Finger. Die Schlange ringelte sich dreimal um den kleinen Finger, und er folgte ihr mit der Fingerspitze. Auf dem Handrücken wurde sie etwas dicker und zog sich dann in drei weiteren Schleifen um den Un- terarm. Sanft fuhr sein Finger an ihr entlang. Dann ging es dreimal um den Oberarm. Robin drehte sich und zog seine Hand über ihre Schulter und zwischen, den Schulterblättern hinab. Sie hob den nackten Arm – den ohne Tätowierung – und drehte sich unter sei- ner Hand weiter, bis sie ihm wieder das Gesicht zu- wandte. Er zog die Fingerspitzen hoch über eine Brust, dann zwischen beiden Brüsten hinab und unter ihnen her, öffnete dann die Handfläche und bedeckte die Brust. Robin blickte auf die Hand hinab. Ihr Atem ging tief und gleichmäßig. »Jetzt die andere«, sagte sie. Er senkte sich auf ein Knie und berührte ihren Fuß. Der Schwanz der Schlange begann auf dem kleinen Zeh. Die Schlange zog sich in S-Kurven über den Fußrücken, ringelte sich um den Knöchel und wand sich zweimal um die Wade. Conal spürte ihr langsam nach, spürte die festen, wohlgeformten Muskeln un- ter der vollkommen glatten Haut. Robins anderes Bein hatte, wie er bemerkte, feine Härchen. Die Schlange schwoll auf ihren Schleifen um den Oberschenkel. Conal folgte ihr brav, langte um Robin herum, als sie außer Sicht kam. Robin drehte sich wieder um, und er fuhr ihr mit der Hand über die Hüfte, über eine Hinterbacke und den Rücken hinauf. Robin hob einen Arm, und er griff darunter hindurch und bedeckte von hinten die andere Brust. Er hielt sie für einen Moment fest und nahm dann die Hand weg. Robin drehte sich um und lächelte ihn traurig an. Dann nahm sie seine Hand, verschränkte ihre Finger mit seinen, und sie gingen Seite an Seite den Strand hinauf. Conal war lange seltsam zufrieden damit, nichts zu sagen, aber dieses Gefühl konnte nicht von Dauer sein. »Warum?« fragte er endlich., »Ich habe mich selbst gefragt. Ich möchte gern wis- sen, ob du eine bessere Antwort gefunden hast als ich.« »War das ... etwas Sexuelles?« Conal, sagte er zu sich, du bist die Seele der Zartheit. Tragt all eure klei- nen Probleme Conal vor, ihr Mädchen, und er wird mit seinen genagelten Schuhen mitten hindurch lat- schen. »Vielleicht. Vielleicht aber auch etwas weniger Ein- faches. Ich denke, ich wollte einfach nur berührt wer- den. Absichtlich. Du hast mich bei den Schwimm- stunden angefaßt, und es war nicht dasselbe ... aber es hat mich beunruhigt, wie gut es sich anfühlte.« Conal dachte darüber nach. »Ich reibe dir den Rücken. Ich weiß, wie.« Sie lächelte ihn an. Tränen schimmerten ihr in den Augen, aber es sah überhaupt nicht danach aus, daß sie im Begriff stand zu weinen. Seltsam! »Wirklich? Es würde mir gefallen.« Wieder folgte eine Zeit, in der sie schwiegen. Conal sah die Stufen, die zur Junction hinaufführten, und es tat ihm leid, daß sie schon angekommen waren. Er wünschte sich, der Strand wäre länger. Er hielt gerne Robins Hand. »Ich war ... die meiste Zeit meines Lebens sehr un- glücklich«, sagte sie leise. Er sah sie an. Sie betrach- tete ihre nackten Füße, wie sie über den Sand tappten. »Ich hatte zwei Jahre lang jetzt keine Geliebte mehr. Als Mädchen hatte ich jede Woche eine andere, wie es bei Mädchen üblich ist. Aber keine von ihnen ertrug mich lange. Als ich von Gäa zurückkam, wollte ich eine Frau, um mein Leben mit ihr zu verbringen. Ich hatte drei, und das längste Verhältnis dauerte ein, Jahr. Da kam ich zu dem Schluß, daß ich einfach nicht für eine Paarbindung geschaffen war. In den letzten fünf Jahren habe ich nicht deswegen Liebe gemacht, weil es sich gut angefühlt hätte – es war schrecklich, wenn der Teil mit dem Schweiß vorbei war –, son- dern weil es sich so schlimm anfühlte, überhaupt kei- nen Verkehr zu haben. Schließlich habe ich das aber doch aufgegeben und bin ganz ohne Sex ausgekom- men.« »Es hört sich ... schlimm an«, meinte Conal. Sie waren jetzt am Fuß der Treppe. Conal schickte sich an hinaufzusteigen, aber Robin blieb stehen und hielt seine Hand fest. Er drehte sich um. »Schlimm?« Eine Träne lief ihr die Wange hinab, und sie wischte sie mit der freien Hand weg. »Ich vermisse den Sex nicht sonderlich. Was mir fehlt, ist, berührt zu werden. Gehalten zu werden. Jemanden in meinen Armen zu halten. Seit Adam nicht mehr da ist ... habe ich niemanden mehr dafür.« Sie sah ihn weiter an, und er fühlte sich nervöser denn je seit seinem ersten Monat mit den Gewichten. Conal war in der Gesellschaft von Frauen nicht ge- hemmt, aber diese hier und ihre Tochter waren an- ders, und das ging über die Tatsache hinaus, daß sie lesbisch waren. Robin drückte seine Hand fest, also dachte er, ach, zum Teufel, legte die Arme um sie und drehte den Kopf leicht, um sie zu küssen. Er sah, wie ihr Mund aufging, dann drehte sie den Kopf zur Seite, und er wollte sie loslassen, aber da hatte sie ihn schon um- armt, also legte er ihr die Hände auf den Rücken, in, wie er hoffte, väterlicher Weise, und sie drängte lang- sam die Hüften an ihn und preßte ihm die trockenen, Lippen auf den Hals. Alles in allem geschah dies so graziös, als würden zwei Zehnjährige beim Flaschen- drehen Pfänder geben, aber als alle Anpassungen vorgenommen waren, waren Conal und Robin von den Knien bis zu den Schultern fest aneinanderge- drückt, und Conal spürte, wie Robins Tränen über seine Brust rieselten. Sie klammerte sich an ihn, und er drückte die Nase auf ihren Scheitel, während er mit den Händen an den sanften Kurven ihres Rük- kens auf und ab fuhr. Mehrere Male versuchte er, sich sanft von ihr zu lö- sen, aber sie hielt ihn fest. Nach einer Weile versuchte er es nicht mehr, statt dessen widmete er sich wilden Vorstellungen. Das alles geschah nur in seinem Be- wußtsein; der Rest von ihm war, zu seiner Bestür- zung und Verlegenheit, schon weit voraus. Schließlich wischte sich Robin die Augen und löste sich etwas von ihm, hielt aber die Hände fest an sei- nen Hüften. »Oh, ... Robin, ich habe keine Ahnung, wieviel du weißt ...« »Genug«, sagte sie und blickte zwischen ihnen hin- ab. »Du brauchst dich nicht für ihn entschuldigen. Ich weiß, daß dein Freund da unten sein eigenes Leben führt, und daß eine Berührung ausreicht, ihn zu erre- gen. Und daß er vielleicht trotz deiner eigenen Emp- findungen in dieser Sache reagiert.« »Ah ... tatsächlich stimmen er und ich normaler- weise ganz gut überein.« Sie lachte und drückte ihn an sich, sah dann ernst zu ihm auf. »Du weißt natürlich, daß es nicht funktionieren könnte.«, »Ja, ich weiß.« »Wir sind zu verschieden. Ich bin zu alt.« »Du bist nicht zu alt.« »Glaube mir, ich bin es. Vielleicht solltest du mir die Rückenmassage nicht geben. Es könnte zu schwierig für dich sein.« »Vielleicht sollte ich wirklich nicht.« Sie betrachtete ihn wehmütig und setzte an, die Treppe hinaufzusteigen. Sie blieb gleich wieder ste- hen, verharrte für einen Moment reglos, kam dann wieder auf die letzte Stufe herab. So war sie auf glei- cher Augenhöhe mit ihm. Sie legte ihm die Hände an die Wangen und küßte ihn. Ihre Zunge tanzte um seine Lippen herum, dann schob Robin sich wieder zurück und ließ langsam die Hände sinken. »Ich bleibe ungefähr eine Stunde oben in meinem Zimmer«, sagte sie. »Wenn du vernünftig bist, bleibst du besser hier unten.« Sie drehte sich um. Er beob- achtete, wie die Schlangen über ihren nackten Rücken spielten, während sie die Treppe erklomm, bis sie au- ßer Sicht war. Er drehte sich um und setzte sich auf die Treppe. Er verbrachte zehn unerträgliche Minuten damit, aufzustehen und sich wieder hinzusetzen. Egal was, er konnte in dieser Verfassung nicht das Haus betre- ten. Rationales Denken war gefordert. Dies war eine Situation, die Abkühlung erforderte. Robin hatte völlig recht. Es konnte nie funktionieren. Und nur einmal wäre dumm, hatte sie selbst gesagt. Einmal war ihr nicht genug, und einmal war alles, was ihm hierbei möglich war. Ein Experiment, dazu verurteilt, schiefzugehen. Er blickte wieder die Treppe hinauf. Er konnte im-, mer noch ihr adrettes Hinterteil sehen. »Na ja«, seufzte er, »es ist lange her, daß mich je- mand beschuldigt hat, vernünftig zu sein.« Er blickte auf seinen Schoß hinab. »Du wußtest es die ganze Zeit schon, wie?«

DREI

Valiha saß auf dem Gipfel des Berges, der sich über Tuxedo Junction erhob, unweit der großen ver- brannten Stelle auf dem Boden. Pflanzen sprossen be- reits aus der Asche, wuchsen rings um die weißen Knochen. Bald würde die Stelle nur noch schwer zu finden sein. Mehrere Menschenschädel lagen herum. Einer war viel kleiner als die anderen. Valihas Hände waren beschäftigt. Sie hatte mit ei- ner breiten verwitterten Planke und einer Sammlung von Schnitzwerkzeugen begonnen. Das Ding war jetzt fast fertig, aber sie merkte es nur am Rande. Die Hände arbeiteten ohne bewußte Führung. Valihas Geist war weit weg. Titaniden schliefen nur als Kleinkinder, aber sie fielen doch für Perioden von zwei oder drei Revs in einen Zustand herabgesetzter Bewußtheit. Es war eine Traumzeit, in deren Verlauf das Bewußtsein in die Ferne schweifen konnte, in die Vergangenheit und an Orte, die es eigentlich nicht aufsuchen wollte. Valiha erweckte ihre Zeit mit Chris wieder zum Leben, empfand wieder seine Bitterkeit, das fremdar- tige Verlangen tief in seiner Seele, das es ihr verweh-, ren wollte, den eigenen Körper mit anderen zu teilen, die sie liebte – die schlimme, ausgedehnte Lebewohl- Zeit, als seine Verrücktheit ihren wundervollen Cha- rakter verlor und wurmzerfresen wurde, der langsa- me Rückgewinn des Vertrauens und das Wissen, daß es wahrscheinlich nie wieder so sein würde wie vor- her. Valiha rührte einmal mehr an ihre tiefe Liebe zu ihm, die unverändert war und unveränderlich. Sie dachte an Bellinzona. Die Menschen waren da- mit beschäftigt, ihren Heimatplaneten zu sterilisieren. Zu diesem Zweck benutzten sie Waffen, die über Va- lihas Verständnis gingen, Waffen, mit denen man Hyperion in glühendes Glas verwandeln konnte. Ihr kam ein Gedanke, den sie im Wachzustand nie ge- habt hätte. Falls ihr eine dieser Waffen zur Verfügung stünde, würde sie damit Bellinzona sterilisieren. Viele wertvolle Leute würden dabei umkommen, und das wäre eine schändliche Tat. Aber sicherlich würde das Gute eines solchen Vorgehens das Böse überwiegen. Das Rad war Valihas Heimat, und diese Besucher wa- ren ein Krebs, der das Herz des Rades zerfraß. Gewiß konnte man auch gute Menschen finden, aber es sah so aus, als müßte man nur genug Menschen zusam- menbringen, damit etwas Böses entstand. Sie durchdachte es noch einmal und wußte, daß die Leute auf der Erde denselben Gedanken haben muß- ten: »Das, was ich tue, ist nicht in Ordnung, aber das Gute daran wiegt schwerer als das Böse. Wie bedau- erlich, daß Unschuldige dabei umkommen ...« Zögernd gab Valiha jeden Gedanken auf, Bellinzo- na zu sterilisieren. Sie würde weiter so vorgehen, wie sie und die anderen Titaniden es schon seit vielen Kilo- revs taten, und den Krebs Zelle für Zelle bekämpfen., Mit diesem Gedanken kehrte Valiha aus der Traumzeit in die wirkliche Zeit zurück und bemerkte, daß ihre Arbeit beinahe fertig war. Sie hielt sie hoch ans Licht und begutachtete sie kritisch. Sie fertigte nicht zum ersten Mal eines dieser Din- ge. Sie hatte keinen Namen dafür. Titaniden begru- ben ihre Toten niemals, sondern warfen sie einfach in den Ophion, damit das Wasser sie forttrug. Sie er- richteten keine Denkmäler. Die Titaniden hatten keinen Gott außer Gäa. Sie liebten sie nicht, aber Gäa war nicht Inhalt eines Glaubensartikels, sondern so real wie die Syphilis. Die Titaniden glaubten nicht an ein Leben nach dem Tod. Gäa hatte ihnen gesagt, daß es so etwas nicht gab, und sie hatten keinen Grund, daran zu zweifeln. Entsprechend kannten sie auch keine Ri- tuale dafür. Valiha wußte jedoch, daß es für die Menschen an- ders war. Sie hatte die Begräbnisriten in Bellinzona beobachtet. Da sie stets pragmatisch war, wollte sie nicht einfach behaupten, daß diese Riten wertlos wa- ren. Und sie hatte hier dreizehn Leichen, keine davon identifiziert, ohne daß sie auf irgendeine Weise hätte herausfinden können, an was aus dem Durcheinan- der irdischer Kulte diese Leute geglaubt hatten. Was sollte ein pflichtbewußtes Wesen in diesem Fall tun? Ihre Antwort war die Schnitzerei. Jede war anders, eine Art freie Assoziation von Valihas bruchstück- haftem Verständnis menschlicher Totems. Die jetzige Schnitzerei trug ein Kreuz und eine Dornenkrone und obendrein Hammer und Sichel, einen Halbmond, ei- nen Davidsstern und eine Mandala. Auch ein Abbild von Mickey Maus war zu sehen, ein Fernsehbild-, schirm mit dem CBS-Auge, ein Hakenkreuz, eine menschliche Hand, eine Pyramide, eine Glocke und das Wort SONY. Die Spitze zierte das am meisten mystische Symbol von allen, das auch auf der Ring- meister gestanden hatte: Das Kennzeichen der NASA. Valiha fand ihre Arbeit gelungen. Das Fernsehauge saß direkt auf der Pyramidenspitze. Es erinnerte sie an ein weiteres Symbol, das hineingepaßt hätte: den Buchstaben S, von zwei vertikalen Strichen durch- schnitten. Sie zuckte die Achseln, stand auf und stellte das gespitzte Ende der Schnitzerei auf den Boden. Mit dem linken Vorderhuf hämmerte sie dagegen, bis das Bild fest in der Erde steckte. Dann trat sie gegen die Schädel, bis diese um die Schnitzerei gruppiert wa- ren, und blickte zum Himmel hinauf. Sinnlos; Gäa war da oben, und Gäa war es nicht wert, zu ihr zu sprechen. Also wandte Valiha den Blick in die Umge- bung, auf die Welt, die sie liebte. »Wer immer oder was immer Du sein magst«, sang sie, »Du möchtest vielleicht diese dahingeschiedene Menschenseelen an deine Brust nehmen. Ich weiß nichts von ihnen, außer, daß einer sehr jung war. Die übrigen waren eine Zeitlang Zombies im Dienst Lu- thers, eines üblen Wesens, nicht länger menschlich. Egal, was sie in ihrem Leben getan haben, sie müssen unschuldig geboren worden sein, wie wir alle, also sei nicht zu streng mit ihnen. Es war Dein Fehler, sie als Menschen zu erschaffen, und das war ein schmut- ziger Trick. Wenn Du tatsächlich irgendwo dort draußen bist, solltest du Dich schämen.« Sie hatte keine Antwort erwartet, und sie erhielt auch keine., Sie kniete nieder, sammelte ihre Schnitzwerkzeuge ein und verstaute sie in ihrem Beutel. Dann fegte sie mit den Vorderhufen die Holzspäne beiseite und warf einen letzten Blick auf die friedliche Szene. Sie fragte sich erneut, warum sie das tat. Sie wollte sich schon auf den Rückweg zur Junction machen, sah aber, daß Rocky ihr den Weg herauf ent- gegenkam, also wartete sie auf ihn. Rückblickend stellte sie fest, daß sie während der Traumzeit zu ei- nem Entschluß bezüglich seines Vorschlages gekom- men war. Er gesellte sich zu ihr und betrachtete ihr Werk, ohne etwas zu sagen. Er schwieg eine Zeitlang feier- lich, wie er es Menschen auf Friedhöfen abgeschaut hatte, und drehte sich dann zu Valiha um. »Es sind jetzt eintausend Revs«, sang er. Eine Kilorev, dachte Valiha. Zweiundvierzig Er- dentage, seit Adam und Chris Gefangene im Pandä- monium waren. »Ich bin zu einem Entschluß gekommen«, sagte sie. »Ich habe mir überlegt, daß dies keine gute Zeit ist, neues Leben in diese Welt zu setzen.« Er senkte den Blick, hob ihn aber gleich wieder mit einem Hoffnungsschimmer zu ihr. Sie lächelte ihn an und küßte ihn auf die Lippen. »Es wird nie eine gute Zeit geben. Es trotzdem zu tun ist daher eine Geste, die mir zusagt. Und es in diesem Zeitalter ohne Gäas Zustimmung zu machen, sagt mir noch mehr zu. Möge sein Leben lange und interessant sein!« »Die Menschen«, sang Rocky, »gebrauchen manchmal genau diese Worte als Fluch.« »Ich weiß. Sie sagen auch ›Hals- und Beinbruch‹,, um das Glück zu beschwören. Ich glaube nicht an Flüche oder an das Schicksal, und ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand ein kurzes und langweiliges Leben will.« »Die Menschen sind verrückt, wie man weiß.« »Sprich nicht von den Menschen! Sprich mit dei- nem Körper zu mir!« Sie kam in seine Arme, und sie drückten sich an- einander und küßten sich. Das Klirren der Werkzeu- ge in Valihas Beutel unterbrach sie. Sie lachten beide, und Valiha legte sie weg und küßte ihn anschließend weiter. Es war das erste Stadium des frontalen Ge- schlechtsverkehrs. Obwohl nicht so formalisiert wie der hintere Geschlechtsverkehr, erforderte er doch auch eine Menge Rituale. Um sich aufzuwärmen, würden sie einander besteigen und das dann noch drei- oder viermal wiederholen, sobald der Liebesakt ernster wurde. Sie hatten interessante fünf Revs vor sich.

VIER

Cirocco saß im tiefen Wald, zwanzig Kilometer von der Junction entfernt. Sie hatte vor fünf Revs ein klei- nes Feuer in Gang gebracht, das immer noch hell brannte. Die Scheite wurden anscheinend gar nicht verzehrt. Ein Wunder. Eine Kilorev. Eintausend Stunden, seit Adam ge- raubt worden war., »Was hast du erfahren?« Sie blickte auf und sah Gabys Gesicht jenseits der tanzenden Flammen. Sie entspannte sich und ließ die Schultern hängen. »Wir haben ein Giftgas entwickelt, das Zombies tötet«, berichtete Cirocco. »Aber wir haben das schon vor langer Zeit gelernt.« Es hatte sich herausgestellt, daß Blut es grundsätz- lich tat, sogar das von Titaniden. Aber das Haar mußte Schamhaar sein und von einem Menschen stammen. Die gute Nachricht war die, daß man nur wenig brauchte. Ein Haar reichte für ein Pfund von dem Zeug. Ansonsten ruinierte es den ganzen Schwung, wenn man auch nur eine Zutat von Novas Gebräu ausließ. Titaniden waren damit beschäftigt, ganze Scheffel zuzubereiten. »Was habt ihr sonst erfahren?« Cirocco überlegte. »Freunde von mir beobachten das Pandämonium aus sicherer Entfernung. Sie haben mir von der jüng- sten Verlagerung berichtet, die an den Fuß des südli- chen Hochlandes führte. Nova und Robin haben schwimmen gelernt. Sie bringen jetzt Conal einige Sa- chen über das Kämpfen bei, die er noch nicht kannte. Ich gebe ihnen Flugstunden.« Sie seufzte und rieb sich mit der Hand die Stirn. »Ich weiß, daß Chris und Adam am Leben sind und man ihnen nicht weh tut. Ich weiß, daß Robin seltsame Gedanken an Conal hegt. Ich weiß, daß No- va noch immer dieselben Gefühle für mich hat, da sie versucht hat, mir hierher zu folgen. Sie wird besser darin. Ich weiß, daß sie sich auch an die Vorstellung, gewöhnt, daß die Titaniden den Umgang mit ihnen wert sind. Sie hat Conal weitgehend akzeptiert. Und ich weiß, daß ich einen Drink brauche, mehr als je in den letzten zwanzig Jahren.« Gaby streckte die Hand aus und griff dabei durch die Flammen. Ihre Hand schien zu brennen, und Ci- rocco schnappte nach Luft und wich zurück. Sie starrte in Gabys verschwommenes Gesicht und er- kannte die Verwirrung darin. »Oh«, sagte Gaby und zog die Hand zurück. »Ich schätze, das hat für dich ganz schön schlimm ausge- sehen. Ich habe das Feuer nicht bemerkt.« Habe das Feuer nicht bemerkt, dachte Cirocco, und ein Bild drängte sich plötzlich in ihr Bewußtsein. Sie hatte es nie mit eigenen Augen gesehen, aber es hatte seit zwei Jahrzehnten ihre Träume durchzogen. Gaby, eine Seite ihres Gesichtes und der größte Teil ihres Körpers geschwärzt, und aufbrechend ... »Du hast das Feuer nicht bemerkt?« murmelte Ci- rocco kopfschüttelnd. »Stell nicht zu viele Fragen«, warnte Gaby sie. »Ich kann mir nicht helfen, Gaby. Ich kann es in nichts einordnen, woran ich glaube. Du bist wie ... wie der geheimnisvolle Geist in einem Märchen. Du sprichst in Rätseln. Ich habe nie begriffen, warum die Geister in diesen Geschichten nicht offen mit etwas herausrücken können. Warum all die ernsten War- nungen, warum die Fragmente und Andeutungen von Dingen, die so schrecklich wichtig sind?« »Cirocco, meine einzige Liebe ... niemand will dir mehr helfen als ich. Wenn ich könnte, würde ich dir alles erzählen was ich weiß, von A bis Z, wie bei einer NASA-Einsatzbesprechung. Aber ich kann nicht. Ich, habe einen sehr triftigen Grund dafür ... und ich kann ihn dir nicht nennen.« »Kannst du ihn nicht andeuten?« Gabys Blick ging in die Ferne. »Stell deine Fragen rasch!« »Oh ... beobachtet Gäa dich?« »Nein. Sie hält Ausschau nach mir.« Jesus, dachte Cirocco. Es geht um alles oder nichts, aber hör auf, dich zu beschweren! »Weiß sie, daß du ... zu mir kommst?« »Nein. Schnell, ich kann dir nicht mehr lange ant- worten!« »Besteht eine Möglichkeit ...« »Sie zu besiegen? Ja. Weise die offensichtlichen Antworten zurück. Du mußt ...« Sie brach ab und verblaßte. Aber sie drückte die Augen fest zu und preßte die Fäuste an die Schläfen, und ihr Bild wurde wieder deutlicher. Cirocco spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten. »Es ist besser, wenn du keine Fragen stellst. Oder nicht zu viele. Seit sie Adam bei sich hat, ist ihre Aufmerksamkeit die meiste Zeit auf ihn gerichtet.« Gaby rieb sich die Augen mit den Fingerknöcheln und blinzelte, lehnte sich dann auf die Arme zurück und streckte die Beine aus. Erst jetzt sah Cirocco, daß das Feuer aus war. Nicht nur aus, sondern schon lan- ge erkaltet, mehr zerfallende Asche. Gaby fuhr mit den Fersen hindurch. »Ohne ihre Verrücktheit wäre Gäa unverwundbar. Du könntest gar nichts tun. Aber weil sie verrückt ist, geht sie Risiken ein. Weil sie verrückt ist, geht sie an die Wirklichkeit wie an ein Spiel heran. Sie funktioniert nach Regeln. Ihr Regelbuch stammt, aus alten Kinofilmen und aus dem Fernsehen, aus Märchen und Mythen, die sie von der Erde aufge- schnappt hat. Sie hält die meisten Phantasiegeschöpfe für Realität und versucht sie biotechnisch nachzubil- den, oftmals mit Erfolg, wie wir festgestellt haben. Das wichtigste, was du erkennen mußt, ist folgen- des: Sie ist nicht die Gute! Sie weiß es und zieht es auch so vor. Bringt dich das nicht auf eine Idee?« Cirocco war sicher, daß es eigentlich müßte, aber sie hatte so eifrig zugehört, daß die Frage sie über- raschte. Sie runzelte die Stirn, kaute auf den Lippen und hoffte, daß sie sich nicht wie ein Dummkopf an- hörte. »... die Guten gewinnen immer«, meinte sie. »Genau! Es bedeutet aber nicht, daß du gewinnen wirst, denn nach Gäas Regeln ist noch nicht heraus, daß du die Gute bist. Solltest du verlieren, dauert es wenigstens zwei Jahrzehnte, bis ein weiterer Heraus- forderer aufsteigen kann.« »Sprichst du von Adam?« fragte Cirocco. »Ja. Er ist der nächste mögliche Held. Gäa läßt ihn in den Kulissen warten, bereit zu erleben, daß du stürzt. Aber seine Aufgabe wäre schrecklich schwie- rig. Sie plant, seine Liebe zu erlangen. Er müßte erst dagegen ankämpfen, bevor er gegen Gäa kämpfen könnte. Aus diesem Grund läßt sie Chris am Leben. Er dient als Adams Gewissen. Aber sie wird ihm um- bringen, wenn Adam sechs oder sieben Jahre alt ist. Auch das gehört zum Spiel.« Sie schwiegen eine Zeitlang, während Cirocco dar- über nachdachte. Sie spürte einen starken Drang zu protestieren, schluckte ihn aber hinunter. Sie erin- nerte sich daran, was sie zu Conal gesagt hatte: Hast, du einen fairen Kampf erwartet? »Bislang gehst du falsch an die Sache heran. Dir sind Kräfte verliehen worden, die du scheinbar gar nicht zur Kenntnis nimmst. Du akzeptierst die physi- schen Kräfte ziemlich bereitwillig, aber die anderen sind stärker.« Gaby zählte an ihren Fingern ab. »Du hast viel mehr Verbündete als Gäa. Du hast oben welche und auch unten. Manche werden dir zu Hilfe kommen, wenn du es am wenigsten erwartest. Du hast einen Spion im feindlichen Lager. Benutze Snitch, und vertraue dem, was er zu sagen hat. Und du hast so etwas wie einen Schutzengel.« Ga- by lächelte und deutete mit dem Daumen auf die ei- gene Brust. »Mich. Ich werde tun, was ich kann, um den Ausgang zu deinen Gunsten zu manipulieren. Ich werde dir alles erzählen, was ich weiß ... aber er- warte keine rechtzeitigen Warnungen! Verlaß dich auf mich als jemanden, der im Hintergrund steht! Betrachte mich als Geheimagentin!« Gaby wartete, während Cirocco das verarbeitete. »Vergiß nicht, es ist besser, du wartest, bis du ein gutes Gefühl hast, als dich voreilig hineinzustürzen. Und wenn du mich jetzt ... anfassen würdest ...« Gaby hustete und wandte den Blick ab, und Cirocco be- merkte, daß sie kurz vor dem Weinen war. Sie wollte aufstehen. »Nein, nein, bleib hier! Nichts Sexuelles, gar nichts. Aber ich kann den Kontakt mit dir länger aufrechter- halten, wenn wir einander anfassen. Komm einfach ein Stück näher!« Cirocco tat es, bis ihre nackten Füße in der Asche denen von Gaby begegneten. Gaby legte das Kinn auf, die Knie. Sie faßten sich an den Händen, und sie er- zählte Cirocco eine Geschichte.

FÜNF

Robin sah zu, wie Conal aufstand, die Tür öffnete und hinausging. Ziemlich plötzlich, dachte sie, aber sie hatte nicht um mehr gebeten. Sie hatten einander für ihre jeweils eigenen Zwecke benutzt. Trotzdem hätte er Lebewohl sagen können. Dann war er wieder da und hatte die alte Jacke da- bei, die er getragen hatte, als sie ihm in Bellinzona begegnet waren, und die er seit Adams Entführung immer seltener getragen hatte. Er wühlte in einer der Taschen herum und brachte eine lange dicke Zigarre zum Vorschein, von der Art, wie er sie früher ständig geraucht hatte und jetzt nur noch selten. Wenn man es recht bedachte, hatte er seit ihrer Begegnung viele Veränderungen durchgemacht. »Kann ich auch so eine haben?« fragte Robin. Conal hatte seine Zigarre zwischen die Zähne ge- klemmt und blickte Robin jetzt von der Seite her an. Dann holte er doch noch eine aus der Tasche und warf sie ihr zu. »Sie wird dir nicht schmecken«, sagte er, während er auf dem Bett saß und sich in die gewaltigen Kissen zurücklehnte, die am Kopfteil aufgehäuft waren. »Sie riechen gut«, meinte Robin. »Der Geruch hat mir schon immer gefallen.« »Daran zu riechen ist eine Sache, sie zu rauchen ei-, ne andere.« Er biß das Ende von seiner ab, also folgte sie seinem Beispiel. Dann zündete er ein Streichholz an und brauchte lange, um die Zigarre anzustecken. Ein bläulicher aromatischer Rauch breitete sich aus. »Was du auch tust, atme den Rauch nicht ein«, sagte er und hielt ihr ein Streichholz hin. Sie saugte am abgebissenen Ende, und schon nach wenigen Sekunden hustete sie. Er nahm ihr die Zigar- re weg und klopfte ihr auf den Rücken, bis sie wieder Luft bekam, drückte dann ihre Zigarre im Aschenbe- cher aus. »Ziemlich ekelhaft, wie?« fragte er. »Vielleicht kann ich ein paar Züge an deiner ma- chen.« »Alles, was du willst, Robin. Du hast das Sagen.« »Tatsächlich?« Er drehte sich um und betrachtete sie, und sie war überrascht, als sie sah, daß er nervös und entschuldi- gend wirkte. »Hör mal, es tut mir leid, daß ich nicht besser war. Ich habe es versucht, ehrlich, aber nach einer Weile konnte ich nicht mehr tun als ...« »Wovon redest du? Du warst gut!« Seine Augen wurden schmaler. »Aber du bist nicht gekommen.« »Conal, Conal ...« Sie drehte sich um, legte ihm ei- nen Arm über die Brust und ein Bein über die Lenden und kuschelte sich dann heftig in seine Halsgrube. Sie flüsterte ihm ins Ohr: »Ich habe nie damit gerechnet. Denk zurück! Hattest du nicht den Eindruck, daß ich meinen Spaß hatte?« »Doch«, gestand er. »Dann warst du gut. Ich habe keinen Orgasmus, erwartet. Offen gesagt, verstehe ich immer noch nicht, wie er auf diese Weise möglich werden soll. Der Entwurf der Körper ist total verkehrt. Der Akt scheint nicht dazu gedacht, die Frau zu befriedigen.« »Er kann es«, meinte er. »Mein Wort darauf. Du mußt dich nur daran gewöhnen. Und ich muß lernen ...« Er verstummte, und jeder suchte den Blick des an- deren. Er zuckte resigniert die Achseln und lehnte sich in die Kissen zurück. Es war ein heißer Tag. Ihre Körper glitzerten vor Schweiß. Robin fühlte sich großartig, empfand eine durchdringende Wärme in sich, die ihren Körper zum Summen brachte. Es war lange her, seit sie das letztemal so etwas empfunden hatte. Sie legte die Hände hinter den Kopf und blickte an sich hinab und dann auf Conal. Sie legte einen ihrer nackten Füße an sein Bein und verglich ihren Fuß mit seinem. Sehr verschieden, und doch derselbe grundlegende Ent- wurf. Das gleiche galt für die Beine. Dann die so un- terschiedlichen Lenden. Ihre kompakte, ordentliche Anordnung, seine ... aufwendigen, vitalen äußeren Weichteile, die dort schlaff und erschöpft lagen, noch ganz feucht von ihr. Sie hatte sein Glied nie häßlich gefunden, nicht einmal im Zustand der Erektion. Es sah so verletzlich aus – und war es auch, wie sie vor langer Zeit bei ei- ner unglücklichen Episode mit Chris herausgefunden hatte. Sie versuchte, sich in Conal hineinzuversetzen. Wie wäre es wohl, wenn man sich selbst betrachtete und das sah? So sehr sie es auch versuchte, sie kam nicht weiter als bis zu der Angst, die er, wie sie meinte,, ständig empfinden mußte. Sie dachte, sie würde zu- sammengekrümmt gehen müssen, in ständiger Angst vor einem Angriff, mitleiderregend preisgegeben. Er hatte eine Blöße, die sie niemals fühlen konnte. Sie dankte der Großen Mutter, daß ihr der Segen zuteil geworden war, als Frau auf die Welt zu kommen. »Weißt, du, was mir gefallen hat?« fragte sie auf einmal. »Was?« »Daß dein Penis so klein ist. Als ich es mit Chris machte, war es unangenehm, weil seiner so viel grö- ßer ist als deiner, aber als ich das erste Mal ...« Sie merkte, daß er zitterte, und sah ihn an. Sein Ge- sicht war verzerrt, und er schien Schwierigkeiten mit dem Atmen zu haben. Dann blickte er sie an, ver- suchte etwas zu sagen und brach dann in Gelächter aus. Es war ein Lachen in der Art, wie man es nur schwer wieder unter Kontrolle bekommt. Es war bis zu einem gewissen Grad ansteckend – Robin lachte eine Zeitlang mit, aber bald spürte sie die Unsicher- heit, die daraus resultiert, daß man den Witz nicht versteht und nicht weiß, ob man ausgelacht wird. Schließlich bekam Conal Schluckauf und beruhigte sich. »Habe ich etwas Falsches gesagt?« fragte Robin ei- sig. »Robin, ich will nur Danke sagen. Ich akzeptiere das Kompliment in dem Geist, indem es angeboten wurde.« »Ich fürchte, das reicht nicht, Conal.« Er seufzte. »Nein. Ich habe es auch nicht erwartet. Ich schätze, ich werde es erklären müssen.« Er blickte, zur Decke hinauf. »Oh, Große Mutter, gib mir Kraft!« Es kam so unerwartet, daß Robin lachte. »Warum, in aller Welt, hast du das gesagt?« »Ich weiß nicht. Ich denke, ich habe es Nova oft genug sagen hören, wenn sie sich irgendeiner kultu- rellen Kluft gegenübersah. Und ich hatte das Gefühl, daß Sie die einzige ist, die mich verstehen könnte.« Robin wartete, während er sich die Augen wischte und die Luft anhielt, um den Schluckauf loszuwer- den. »Es ist töricht, Robin, okay? Es gehört zu den Din- gen, über die man entweder lachen oder weinen muß. Vor wenigen Jahren noch wäre ich beleidigt gewesen. Gott sei Dank bin ich inzwischen ein wenig erwach- sener geworden.« Er erklärte es ihr näher, und er hatte recht, es war töricht. Sicherlich war sie keine Expertin in dieser Angelegenheit, aber sie wußte, daß so etwas nur für einen Mann wichtig sein konnte. Sie fragte, ob das an ihrer Verwundbarkeit läge, ob sie vielleicht dachten, daß ein großer Penis dagegen helfen würde. Aber Conal sagte, daß Logik dabei keine Rolle spielte. Er fragte, ob es in der Koven-Gesellschaft Parallelen gä- be. Ihr fielen keine ein. Er erzählte ihr, daß auf der Erde der Brustumfang oft für das Selbstgefühl einer Frau wichtig sei. »Im Koven nicht«, sagte Robin. »Tut mir leid, aber ...« »Nein, nein, nein! Ich sagte schon, ich wußte, daß es ein ehrliches Kompliment war. Es störte mich nur, daß ... du weißt schon.« Das dachte sie auch, und es machte sie traurig. »Es ist nur ein weiteres Beispiel, warum es zwi-, schen uns nicht klappen würde, Conal.« Er wurde ernst, sah sie an und nickte widerwillig. »Ich schätze, du hast recht.« Sie drückte ihn wieder an sich, und es war ein schönes Gefühl, daß sie ihrerseits gedrückt wurde. »Ich möchte dir danken für den ... für den Trost«, sagte sie. »Das Vergnügen lag ganz auf meiner Seite, Ma'am. Tut mir leid, das zu sagen.« Sie lachte, wußte aber, daß er wirklich beunruhigt war, weil er sie nicht zum Orgasmus gebracht hatte. »Du sollst wissen, daß ich dich wirklich mag, Co- nal.« »Ich mag dich auch, Robin.« Er drehte sich wieder auf den Rücken. Er paffte an seiner Zigarre, und Robin beobachtete, wie die blauen Rauchschwaden zur Decke hinaufstiegen. Sie strich faul mit dem nackten Fuß an seinem Bein auf und ab. Er verlagerte das Bein so, daß er ihren Fuß mit seinem berühren konnte, und sie trieben ein albernes Spiel mit den Zehen, lachten leise und wurden dann wie- der ruhig. Schließlich warf Conal die Zigarre aus dem Fenster, richtete sich auf einen Ellbogen auf und beugte sich hinüber, um sie auf eine Brustwarze zu küssen. Er grinste sie an. »So. Bist du wieder bereit?« »Ich dachte schon, du würdest gar nicht mehr fra- gen.«,

SECHS

Nova hatte es lange verabscheut, in Gäa zu sein. Der Wendepunkt war erst kürzlich erreicht worden; jetzt hatte sie mehr Spaß als bei einem Schwarzen Sabbat. Mit dem Schwimmen fing es an. Schwimmen war ein sinnliches Vergnügen, von dem sie nie geträumt hatte. Es war schöner als alle anderen Sportarten zu- sammengenommen, ja, gehörte eigentlich gar nicht in dieselbe Schublade. Wie schrecklich, wenn sie nie in ihrem Leben schwimmen gelernt hätte! Und das Fliegen! Sie hatte schon im Koven Segel- flug betrieben, aber das war nicht dasselbe. Die schie- re Kraft und unbegrenzte Flexibilität der Drachenflug- Maschinen war schon eine Freude. Sie hatte schnell Spaß daran gefunden, obwohl sie bezweifelte, daß sie je so gut wie Conal sein würde. Und schließlich das Titanidenreiten. Zuerst wirkten sie so langweilig wie Aufzüge. Wenn man auf einem saß, merkte man kaum, daß man sich bewegte, so gleichmäßig war ihre Gangart. Und selbst wenn sie mit einer ordentlichen Ge- schwindigkeit liefen, war es nicht das, was man schnell nannte. Nova hatte herausgefunden, daß es darauf ankam, den richtigen Titaniden zu finden. Jetzt hielt sie sich auf dem breiten Rücken von Vir- ginal (Mixolydisches Quartett) Mazurka fest, einem zwei Jahre alten Weibchen, und ritt mit dem Wind um die Wette. So einfach war es tatsächlich. Nova hatte den falschen Eindruck gehabt, alle Titaniden, wären Erwachsene, da sie alle ungefähr gleich groß waren. Es war ein Schock zu erfahren, daß Virginal erst zwei Jahre alt war, und ein Vergnügen festzu- stellen, daß sie noch einen Anflug von Leichtsinn zeigte. Da Cirocco Jones seit Adams Entführung so oft weg war, verbrachte Nova jeden freien Augen- blick – wenn sie nicht schwamm oder Flugunterricht hatte – auf Virginals Rücken. Gemeinsam hatten sie fast ganz Dione südlich des Ophion gesehen. Jetzt liefen sie am Waldrand entlang, in dem Ge- biet, wo die Bäume seltener wurden und der Boden langsam zu den hochragenden Wällen des südlichen Hochlandes hin anstieg. Nova trug ihre Reitkleider. Conal bezeichnete sie als Robin-Hood-Kleider. Sie waren aus weichem grünen Leder gefertigt und be- deckten sie vollständig, abgesehen vom Gesicht. Auch braune Schuhe und Handschuhe aus demsel- ben Material gehörten dazu, und ein grüner Zwei- spitz mit einem weißen Federbusch. Virginal übersprang einen umgestürzten Baum, und Nova war für einen Moment schwerelos, hielt sich dabei fest, indem sie die Fersen in die Flanken der Titanide drückte und mit den Händen ihre nach hinten ausgestreckten Arme umklammerte. Sie lan- deten wieder, und Nova sprang auf und stand leicht auf dem hüpfenden Rücken, blickte über Virginals Schulter hinweg, während sie eine steile Uferbank hinabfegten, die zu einem der vier Nebenflüsse des Briareus führte. Es war herrlich; ein kontrollierter Fall, bei dem die Hufe der Titanide nur hie und da auftrafen, und begleitet von einer geräuschvollen Pa- rade kleiner Steine, lockerer Erde und Felsbrocken, die mithüpften, aber bei Virginals Kopfsprung nicht, mithalten konnten. Der Wind war rauh und kühl und zerrte an Novas Haaren. Unten angelangt und als ihre Hufe ins Wasser klatschten, wurde Virginal langsamer. Eine Sprüh- fontäne sprang hoch, dann war nur noch das langsa- me Klopfen der Hufe auf dem felsigen Ufer zu hören. »Genug, goldene Frau«, keuchte Virginal. Nova klopfte ihr auf die Schulter und sprang auf den trok- kenen Boden. Sie hätte es nicht zugegeben, aber auch sie benötigte eine Rast. Sich auf dem Rücken der Ti- tanide festzuhalten, war fast so anstrengend wie Lau- fen. Es wäre überhaupt nicht möglich gewesen, dort zu bleiben, ohne daß Virginal in erheblichem Umfang Hilfe leistete. Ein Dutzend Mal pro Meile spürte No- va im allgemeinen, wie sie von ihrem Platz auf dem bloßen Rücken wegrutschte, nur um von einer star- ken Hand zurückgezogen zu werden oder zu spüren, daß sich der Rücken unter ihr gerade ausreichend verlagerte, daß sie wieder in ein unsicheres Gleich- gewicht zurückgeschubst wurde. Das Gespür eines Titaniden für seinen Reiter war fast übernatürlich. Nova vermutete, daß Virginal mit einem Dutzend voller Weingläser auf dem Rücken galoppieren konnte, ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten. Nova warf sich auf einen breiten, flachen Felsen, drehte sich um und blickte hinauf in den gelben Himmel. Keine schlechte Welt letztlich. Natürlich, unmittel- bar links von dem Flecken Himmel war die unbe- greifliche Tiefe der Dione-Speiche zu sehen, aber es war zu dunstig, um sie klar zu erkennen. Nova war das nur recht., Sie betrachtete die Titanide, die sich das Haar auf- gebunden hatte und in dem eiskalten Strom kniete. Virginal tauchte den Kopf unter Wasser und riß den Rumpf dann hoch in die aufrechte Stellung, erzeugte damit einen schönen dicken Bogen kristallinen Was- sers. Ihr Haar war glänzend braun mit smaragdgrü- nen Streifen, und es war über einen Meter lang. Es schlug mit einem Klatschen auf den Rücken, und Vir- ginal schüttelte energisch den Kopf, erzeugte dabei einen Schauer, und das Wasser aus den Haaren lief ihr an den Flanken hinab. Ihr Atem erzeugte Dampf- wolken. Nova fand, daß Virginal schön war. Virginal gehörte zu den haarigen Titaniden. Ihr ganzer Körper außer Handflächen und Gesicht war mit der Art Haar bedeckt, wie man es bei Pferden fand. Nur auf der Kopfhaut wuchs es lang wie bei ei- nem Menschen. Das Haar war grün und braun ge- streift wie ein Zebra. Das Gesicht war braun. Wenn sie reglos am Waldrand stand, war Virginal fast un- sichtbar. Nova kannte die Tierwelt überwiegend nur aus Naturfilmen und aus dem kleinen Zoo des Koven. Sie hatte Filme gesehen, in denen Menschen auf Pferden ritten, einschließlich einiger Geschichten von jungen Mädchen, die völlig verrückt nach ihnen waren. Der Kovenzoo besaß fünf Pferde. Nova war von ihnen nie sehr beeindruckt gewesen, aber jetzt fragte sie sich, ob es daran lag, daß niemand auf ihnen reiten durfte. Der Gedanke beunruhigte sie. Sie machte Fortschritte darin, die Titaniden als Menschen zu betrachten ... oder als ›Leute‹, wie Conal es ausdrückte. Aber das war schwer mit dem Bild eines dummen Tieres zu vereinbaren. Sie vermutete jedoch, daß sie, falls auf, der Erde geboren, eine begeisterte Reiterin geworden wäre. Und wenn sie Virginal dabei beobachtete, wie sie sich im Wasser abkühlte, fielen ihr zwangsläufig die Naturfilme ein. Wenn Virginal außer Atem war, schnaubte sie wie ein Pferd, wobei sich ihre weiten Nüstern bauschten. Während Nova noch zuschaute, vollführte Virginal einen erstaunlichen Titani- dentrick: Sie zog Wasser durch die Nase ein – sechs oder acht Liter – und drehte sich dann um, um es sich explosionsartig auf die Flanken zu sprühen. Drei schwache musikalische Klänge ertönten, und Nova sah, wie Virginal in ihren Beutel langte – auch etwas völlig Fremdartiges – und etwas hervorholte, was man als Radiosamen bezeichnete. Die Titanide sang kurz hinein und lauschte dann. Nova hörte, wie aus dem Samen gesungen wurde. Virginal trabte aus dem Wasser und schüttelte sich wie ein Hund. »War das Cirocco?« fragte Nova. »Ja. Sie wollte wissen, wo wir sind.« »Stimmt etwas nicht?« »Das hat sie nicht gesagt. Sie wollte wissen, ob du sie auf einer kurzen Reise begleitest.« »Begleiten ... wohin will sie?« »Das hat sie nicht gesagt.« Nova sprang auf. »Ist mir auch egal! Große Mutter! Sag ihr ja! Sag ihr, ich werde dort sein ...« »Sie holt dich ab«, sagte Virginal und sang wieder etwas in den Samen. Cirocco traf nach wenigen Minuten in der fast un- sichtbaren Drachenflug eins ein. Die kleine Maschine war so schnell und schemenhaft wie ein Kolibri. Ci-, rocco landete sie auf einem zehn Meter langen, fla- chen Stück Erde und brachte sie zum Stehen, als der Bug fast schon einen hausgroßen Felsbrocken be- rührte. Sie stieg aus, hob das Flugzeug hoch und hatte es herumgedreht, als Nova und Virginal sie er- reichten. »Sei gegrüßt, Hintertochter von Munyekera!« grüßte Cirocco Virginal formell und blickte dann No- va an, verzog lächelnd einen Mundwinkel und legte zwei Finger an eine Augenbraue. »Wie geht es dir, Nova?« »Sei gegrüßt, Captain!« sang Virginal. Es war das einzige Fragment titanidischen Gesangs, das Nova verstehen konnte. Sie sagte nichts. Wie üblich, wenn sie sich Cirocco gegenübersah, war ihr Mund zu trok- ken zum Sprechen. Der Magier, dachte Nova. Sie hielt nichts von die- sem Captain-Zeug. ›Magier‹ faßte es hübsch zusam- men. Cirocco sah in Kleidern gut aus. Nova hatte bisher nur wenig Gelegenheit gehabt, sie so zu sehen. Ciroc- co trug eine schwarze Hose und Bluse sowie einen breitkrempigen Hut. Sie war schwerer als zu der Zeit, da Nova sie zum erstenmal gesehen hatte. Irgendwie betonten die Kleider das. Selbst darin konnte Cirocco nicht die Dinge tun, die von einer normalen Frau zu erwarten waren. Sie hatte an allen Körperstellen Fleisch zugelegt, an den Brüsten jedoch besonders viel. Es hatte mit den geheimnisvollen Expeditionen in den Wald zu tun. Dreimal waren sie und Robin jetzt dorthingegangen, und jedesmal waren sie jün- ger, gesünder und in Ciroccos Fall schwerer zurück- gekommen. Es machte sie sogar noch schöner., »Ich muß eine kleine Expedition durchführen«, sagte Cirocco und wirkte, als sei ihr ein wenig unbe- haglich. »Es ist eigentlich nicht nötig, daß du mit- kommst; ich könnte es allein schaffen. Aber es ist nicht sehr gefährlich, und ich dachte, es könnte dich interessieren.« Nova fühlte sich schwach. Befiehl mir, über zerbro- chenes Glas zu gehen, mein Liebling! Befiehl mir, daß ich mir das Herz herausreiße und es dir gebe! Befiehl mir, um die Welt zu schwimmen, einen Titaniden niederzurennen, mit einem Zombie zu ringen! Befiehl mir, irgend etwas Dergleichen zu tun, und ich werde es freudig tun oder bei dem Versuch sterben – für dich! Und jetzt fragst du mich, ob es mich interessie- ren könnte, dich irgendwohin zu begleiten ... In einem Versuch, beiläufig zu wirken, zuckte sie die Achseln in typischer Warum-nicht-Geste und sagte: »Sicher, Cirocco.« »Gut.« Cirocco öffnete die Tür des Flugzeugs, und Nova sah, daß der einzelne Sitz herausgenommen worden war. Das Innere war ausgeräumt. »Es wird eng sein, aber ich wollte unser kleinstes Flugzeug nehmen. Ich denke nicht, daß es zu schlimm sein wird, aber du sitzt praktisch auf meinem Schoß.« Ich werde es irgendwie ertragen können, dachte Nova. Das Flugzeug war leer, wenn man von zwei fest zusammengerollten Fallschirme absah, die hinten la- gen. Cirocco reichte Nova einen, und sie beide schnallten sie sich an. »Wir werden springen müssen«, erklärte Cirocco und duckte sich in das Cockpit. Sie rutschte so weit hinüber, wie es ging, und Nova zwängte sich hinein., Für einen Moment ging es unbeholfen mit den Ellbo- gen zu, dann hatten sie ihre Sitzpositionen gefunden. »Denkst du, daß du uns von hier wegbringen kannst?« fragte Cirocco. »Ich glaube schon.« »Vergiß nicht, daß wir ganz schön schwer sind.« Nova entwarf es bereits im Computer. Wäre es nicht einfach großartig, wenn sie es verpfuschte und Cirocco es dann übernehmen müßte, ihrer beider Le- ben zu retten? Sie wies den Gedanken von sich. Sie schloß die Tür und sah sich zu Virginal um, die ein gutes Stück entfernt stand. Sie winkte, und die Titanide winkte zurück. »Klar!« rief sie und fühlte sich albern. Aber in der Luftfahrt galten die Regeln immer und für jeden, wie Conal es ihr am Tag der ersten Flugstunde in demü- tigenden Begriffen klargemacht hatte – unterstützt von Ciroccos kaltem Funkeln. Nova ging den Start geistig durch, holte tief Luft und schob den Gashebel vor. Das Flugzeug sprang vorwärts, erreichte den Rand der flachen Stelle ... und sank etwas ab. Nova bearbeitete die Kontrollen, führte dem winzigen Motor Treibstoff zu und erlitt fast einen Nervenzusammenbruch, als das Flugzeug zehn ausgedehnte Sekunden lang entschlossen schien, in ein paar Baumwipfel zu krachen. Sie fegten knapp darüber hinweg, und Nova ris- kierte einen Blick auf Cirocco. Der Magier hatte die Bäume nicht einmal angesehen. Sie blickte durch das transparente Dach und suchte etwas. Nova empfand einen seltsamen Stolz. Cirocco hatte vorausgesetzt, daß Nova es schaffte. Aber sie empfand es auch als Dämpfer. Ein zustimmendes »Gut gemacht« wäre ihr, hinuntergegangen wie Butter. Dann erkannte sie, daß das Kompliment im Vertrauen enthalten war. »Bring uns auf dreißig Kilometer hoch und steuere nach Nordosten!« sagte Cirocco. »Ein besonderes Ziel?« »Ich kann es nicht exakt ausdrücken, da ich nicht genau weiß, wo er ist.« »Er?« »Whistlestop. Er befindet sich irgendwo über dem westlichen Iapetus.« Ein Blimp! Nova war erst aufgeregt, dann verwirrt. Nach dem, was sie von Blimps wußte, gefiel es ihnen nicht, wenn ihnen Düsenflugzeuge in die Nähe ka- men. »Spielt es eine Rolle, wie schnell ich hochgehe?« »Mit unserem Treibstoff haben wir eine große Reichweite. Du könntest genausogut voll loszischen.« Nova berechnete einen Steigungswinkel, der schnell war, aber nicht verschwenderisch, und sie führte das Manöver manuell durch, statt die ganze Sache dem Computer zu überlassen, denn sie wollte die Notfallprozeduren üben. Cirocco beobachtete sie und sagte nichts. »Kreuzen sie denn normalerweise so hoch?« fragte Nova, als das Flugzeug auf der gewünschten Höhe war und dort blieb. Cirocco blickte zum Fenster hin- aus nach unten. »Sehr selten. Ich möchte sicher sein, daß wir über ihm sind. Warum siehst du nicht auf deiner Seite hin- aus, ob du ihn ausmachen kannst? Es sollte nicht zu schwierig sein. Er ist nicht viel größer als der Staat Pennsylvania.«, Das war eine Übertreibung, aber Nova war ent- täuscht, als sie ihn ausfindig machten. Sie hatte schon mehrere Blimps aus der Ferne gesehen – sie kamen in Dione nie allzu dicht zum Boden hinunter –, aber Whistlestop sah gar nicht so furchtbar groß aus. Dann merkte sie, was für Zahlen auf dem Radar- schirm standen, und daß er nicht zwei oder drei Ki- lometer entfernt war, sondern fünfundzwanzig Kilo- meter unter ihnen. »Schalte das Radar ab!« ordnete Cirocco an. »Er tut seinen Ohren weh.« Nova folgte der Anweisung, sah dann, daß Cirocco ihr Gepäck überprüfte, ihren In- strumentengürtel und das Zubehör ihres Fallschirms, also tat sie dasselbe. »So lautet mein Plan: Du programmierst diese Kiste so, daß sie zur Höhle bei der Junction zurückfliegt. Achte darauf, daß sie Whistlestop nie näher kommt als bis auf zwanzig Kilometer. Darüber hinaus ist es für sie am besten, wenn sie dicht über dem Boden fliegt, zwei-, dreihundert Meter.« Cirocco sah Nova an. »Willst du nicht fragen, warum?« »Ich denke nicht, daß ich sollte.« »Locker, Süße. Wir unterliegen hier keiner militäri- schen Disziplin. Der Grund, weshalb ich will, daß die Maschine tief fliegt, ist, daß ich das Auftauchen wei- terer Flugbomben erwarte. Bislang haben sie sich nicht gezeigt, aber in den nächsten Tagen werden sie es. Ich möchte dieses Flugzeug nicht verlieren, wenn es sich nicht selbst verteidigen kann.« »Das ergibt Sinn.« Nova blickte nervös in den Himmel. Bis zu diesem Augenblick hatte sie nicht an Flugbomben gedacht. Sie erinnerte sich noch an Co- nals großartige Flugkünste bei dem Angriff, und sie, wußte, daß er ihr das Leben gerettet hatte. Sie be- zweifelte, daß sie selbst ein Flugzeug auch nur annä- hernd so gut steuern konnte. Also machte sie sich an das Programm für den Autopiloten, während Cirocco ruhig wartete. Schon bald blieb Nova stecken. Sie schüttelte den Kopf und löschte ein unmögliches Ergebnis. »Ich weiß nicht, ob ich mit all dem fertig werde«, gestand sie. »Es tut mir leid.« »Das braucht es nicht. Hier, das machst du falsch.« Ciroccos Finger flogen über die Tasten, hielten nur lange genug inne, daß Nova es sah und verstand. »Eines der wichtigsten Dinge, die man lernen kann, ist das Eingeständnis, daß man es nötig hat, mehr zu lernen.« Nova blickte sie kurz an und sah, daß Cirocco lä- chelte. »Wo wären wir beide jetzt«, fragte Cirocco, »wenn du nicht bemerkt hättest, daß du einer sehr brenzligen Absprungsituation gegenüberstehst?« Für den Bruchteil einer Sekunde wurde ihr Lächeln zu einem Grinsen, dann blickte sie schon wieder auf den Com- puter. Und Nova wußte, daß der Magier ihr wieder einmal weit voraus gewesen war. Sie hätte geschwo- ren, daß Cirocco dem Absprung gar keine Aufmerk- samkeit schenkte und auch ihre Nervosität nicht be- merkte. »Okay«, fuhr Cirocco fort, während sie das Pro- gramm eingab. »Du steigst als erste aus! Spring vor- aus und halte an, sobald du weit genug vom Flug- zeug entfernt bist; dann folgst du mir! Solltest du Flugbomben sehen, schneidest du deine Leinen durch und fällst so lange frei, wie du dich traust. In diesem, Gepäck befindet sich ein zusätzlicher Schirm. Noch Fragen?« Nova hatte noch ein Dutzend, stellte aber nur eine. »Denkst du, wir werden Flugbomben zu sehen be- kommen?« »Nein. Aber ganz ausschließen kann ich es nicht.« Sie öffneten die Tür und Nova sprang ab. Sie rich- tete sich aus und zog die Reißleine. Sie hörte das ver- traute Schnappen des Stoffes und das Schwirren der Leinen, dann zog etwas heftig an ihr. Sie blickte nach oben ... Eine schreckliche Sekunde lang glaubte sie, der Schirm habe sich losgerissen, denn sie hatte mit einer bunten, traditionellen Fallschirmkappe gerechnet. Statt dessen sah sie etwas aus Spinnweben und Luft, das fast unsichtbar war. Na ja, das war sinnvoll. So waren sie schwer zu entdecken. Sie sah Cirocco, die beide Hände an den Tragleinen hatte, nach rechts herumschwang und an Höhe ver- lor. Nachdem sie ein paarmal an den eigenen Leinen gezogen hatte, fiel Nova hinter ihr her. Folge mir, hatte der Magier gesagt. Überall hin, dachte Nova. Mehrere Minuten lang durchforschte sie den klaren Himmel nach den verräterischen Kondensstreifen von Flugbomben. Zweimal sichtete sie den eigenen verlassenen Jet. Beim erstenmal machte es ihr Angst, beim zweitenmal war sie schon gelangweilt. Sie folgte Cirocco gemächlich. Es war ein Tag für das Gleiten, wie sie ihn so schön noch nie erlebt hatte. Dann kreiste Cirocco auf einmal heftig und schwang am Ende ihrer Leinen hin und her. Nova machte sich zuerst keine Sorgen, aber je länger es, dauerte, desto mehr fragte sie sich, was da nicht in Ordnung war. Als Cirocco steil abstürzte, bekam es Nova mit der Angst. Sie hatte Mühe, ihr zu folgen, und kaum stürzte sie, da zog Cirocco schon wieder hoch ... war fast über ihr. Ein Looping war mit einem Fallschirm schwierig durchzuführen. Der Magier hatte es nicht ganz geschafft, aber Nova konnte sich immer noch nicht denken, wo die Schwierigkeiten la- gen, bis sie das Lachen hörte. »Ich dachte, du wolltest mir folgen!« rief Cirocco und lachte wieder. »Ich dachte, du wärest der Ju- gendchampion des Koven oder so etwas!« Oh, wirklich? Nova zog mit beiden Händen an ihren Leinen und brauste so dicht an Cirocco vorbei, daß sie deren überraschtes Keuchen hörte. Immer schneller fiel No- va, schwang dabei von einer Seite zur anderen und gewann an Schwung, bis sie mit einem heftigen Ruck hochgerissen wurde, herumschwang und für einen Moment kopfunter schwebte, während der Schirm unter ihr zusammenfiel. Sie schlingerte, vermied es meisterhaft, sich in den lockeren Leinen zu verstrik- ken, wurde dann ruckhaft angehalten, hörte das scharfe Knattern, als der Schirm wieder in der Luft griff, und ging wieder in den Gleitflug über, so or- dentlich und adrett wie je in einem Wettkampf. In ih- rem Gedächtnis sah sie die Reihe der 10er- Benotungen auf den Anzeigetafeln der Preisrichte- rinnen. Cirocco glitt neben sie, gerade weit genug entfernt, daß die Schirme sich nicht ins Gehege kamen, und betrachtete sie mit einem verdrießlichen Blick, den sie nicht beibehalten konnte. Sie platzte wieder los., »Ich beuge mich der besseren Frau«, sagte Cirocco. »Einen schönen Schreck hast du mir eingejagt, junge Dame.« »Du hast mir Angst gemacht!« protestierte Nova. »Ja, das dachte ich mir. Wahrscheinlich hätte ich es nicht tun sollen.« »Es hat mir nichts ausgemacht.« »Nova, ich weiß, daß ich den Eindruck einer sehr kalten, sehr mürrischen alten Hexe mache. In letzter Zeit hatte ich nicht mehr viel Zeit, mich zu vergnü- gen. Und ich weiß, daß ich sechsmal so alt bin wie du, und ich weiß, daß du die tragische Geschichte meines Lebens gehört hast ... aber soll ich dir was erzählen? Wenn ich alles zusammenzähle, das Gute und das Schlechte, dann hatte ich eine riesige Zeit. Die letzten dreißig Jahre waren hart, und die nächsten werden noch härter. Aber ich wünsche mir nicht, daß ich ein anderes Leben gehabt hätte. Das Schreckliche ist ... na ja, wie jetzt eben. Wenn ich lustig sein möchte, wirkt es einfach untypisch. Das macht mich traurig.« Die letzten dreißig Jahre! dachte Nova. Es wurde ein langer Sprung. Sie amüsierten sich mit ein paar weiteren Tricks, die allerdings nicht mehr so extrem ausfielen wie die Loopings. Und die ganze Zeit wurde Whistlestop unter ihnen größer. Als Cirocco und ihre Mannschaft ihn vor fast einem Jahrhundert zum erstenmal gesehen hatten, war er von der Schnauze bis zum Schwanz gerade über ei- nen Kilometer lang. Die Hindenburg, das größte je- mals auf der Erde gebaute Luftschiff, war etwas we- niger als ein Viertel so groß gewesen wie Whistlestop. Seit der ersten Begegnung war Whistlestop be-, trächtlich gewachsen. Er war jetzt zwei Kilometer lang. Bedingt durch die proportionale Zunahme seiner sonstigen Dimensio- nen war er jetzt achtmal größer als damals. In sich trug er fünfzehn Millionen Kubikmeter Wasserstoff. »Niemand weiß, warum er so enorm gewachsen ist«, erzählte Cirocco Nova, als sie sich zur Landung auf dem breiten Rücken bereitmachten. »Normaler- weise wachsen Blimps nicht so schnell. Ich weiß, daß er ungefähr sechzigtausend Jahre alt ist. Seine Zeitge- nossen scheinen pro Jahr nur um ein paar Zentimeter größer zu werden. Ich weiß, daß Alter Scout, der mindestens zwanzigtausend Jahre älter ist als Whistlestop, nur zirka anderthalb Kilometer lang ist.« Sie erzählte noch mehr, und Nova hörte sich alles an, aber bloße Worte konnten Whistlestop niemals gerecht werden. Man mußte ihn sehen, um an ihn zu glauben. Nova hatte gedacht, die Landung auf dem Rücken eines Blimps sei eine riskante Sache, aber sie versprach nur so schwierig zu werden wie die Lan- dung eines Moskitos auf einem Elefanten. Sie traf leichtfüßig auf und lief ein paar Schritte, während sie ihren Fallschirm meisterhaft reffte, und sie wollte ihn schon zusammenfalten, als Cirocco sie an der Schulter berührte. »Schneide ihn ab!« sagte sie. »Wir kommen auf an- derem Weg wieder hinunter.« »Ich habe kein Messer dabei«, sagte Nova. Cirocco sah überrascht aus und schüttelte den Kopf. »Ich werde senil, schätze ich«, sagte sie und be- trachtete Nova von Kopf bis Fuß. Nova hatte keine Idee, was es für ein Problem gab. Cirocco durch-, trennte ihre Leinen mit einer weißen Klinge. Als No- va diese genauer in Augenschein nahm, erkannte sie, daß sie aus einem geschärften Knochen bestand, der von Titaniden in ihrer komplizierten Weise geschnitzt worden war. »Trägst du irgend etwas unter den Kleidern?« wollte Cirocco wissen. »Nur einen Baumwollslip«, sagte Nova. »Ich suche nach Metall. Es ist nicht nur unhöflich, sondern extrem gefährlich, irgendwelches Metall mit auf einen Blimp zu nehmen, oder sonst etwas, was Funken schlagen kann.« Novas Schnürsenkel besaßen Metallösen, aber nach einer genauen Inspektion verkündete Cirocco, sie sei- en akzeptabel. Nova war erleichtert, denn es handelte sich um ein Geschenk von Virginal. Dann kniete Cirocco nieder und betastete die zähe Haut des Blimps. Nova ging ihr nach. Sie wußte, daß sie Fragen stellten sollte, aber ihre vorrangige Reakti- on auf Cirocco war Ehrfurcht und ihre Antwort Ge- horsam, trotz des kurzen Eindrucks von einem spaß- haften Magier, den sie während des Sprungs gehabt hatte. Sie blickte sich um. Sie hätte genausogut auf einer flachen silbernen Untertasse stehen können. Sie wußte, daß sich der Boden abwärts krümmte, aber sie hätte ein gutes Stück in jede Richtung gehen können, bevor diese Tatsache problematisch wurde. Endlich schien Cirocco die richtige Stelle gefunden zu haben. Sie drückte die Spitze des Knochenmessers in die Haut des Blimp und machte ein kleines Loch. Nova beobachtete, wie sie die Hand über den Einstich hielt, und hörte ein zischendes Geräusch, das bald, wieder aufhörte. Cirocco wirkte zufrieden, und zu Novas Erstaunen schnitt sie mit dem Messer ein gro- ßes X in die Blimphaut. Sie steckte die Hautlappen in das Loch, und sie beide blickten dann in den Ein- schnitt. Er führte in Dunkelheit. Auf allen Seiten des engen Kanals wölbten sich die Wände nach innen, gehalten von etwas, was wie ein Netz aussah. Nova erkannte, daß es sich um Gassäcke handelte und daß Cirocco eine Lücke zwischen ihnen ausfindig gemacht hatte. »Was, wenn du den Sack durchlöchert hättest?« er- kundigte sich Nova. »Whistlestop hat über eintausend Gaszellen. Man könnte dreihundert davon gleichzeitig durchlöchern, und er wäre immer noch flugfähig. Und wenn mein erster Stich eine Zelle beschädigt hätte, wäre sie in- nerhalb von zehn Sekunden wieder geheilt.« Sie steckte die Beine in das Loch, fand Halt und grinste zu Nova hinauf. »Du folgst mir, okay?« »Macht es ihm nichts aus?« »Dieses Loch ist in fünf Minuten verheilt. Er wird es nicht einmal bemerken, das verspreche ich.« Nova hatte ihre Zweifel, aber diese beeinträchtig- ten nicht ihre Bereitschaft zu folgen. Sobald der Kopf des Magiers verschwunden war, trat auch sie hinun- ter, rutschte aus und hielt sich an dem Netzgewebe fest, das sie umgab. »Schiebe die Hautlappen wieder nach oben!« rief Cirocco herauf. »Dann heilt es schneller!« Nova tat wie geheißen, und es wurde dunkler in dem Blimp. »Und jetzt steigst du einfach hinunter. Du wirst ei-, nige merkwürdige Dinge sehen, aber mach dir keine Sorgen! Hier drin gibt es nichts, was dich verletzen könnte.« Lange Zeit kletterten sie abwärts. Zuerst war es vollkommen dunkel, dann paßten sich Novas Augen jedoch an, und sie konnte ein wenig sehen. Sie fand es leichter, sich mit den Fingern festzu- halten, aber es war ermüdend. Gelegentlich fand sie mit den Füßen ein dickeres Kabel, auf dem sie stehen konnte, aber sonst war da nichts außer dem feinen Netz. Nur die geringe Schwerkraft rettete sie. Nach zehn Minuten bemerkte sie Licht unter sich. Sie hielt an und sah, wie Cirocco eine kleine, leuch- tende, orangefarbene Kugel aus ihrem Tornister hol- te. Sie reichte sie Nova und band sich eine weitere ans Handgelenk. Das Licht war eine Art Biolumineszenz. Es reichte aus, um etwas zu sehen. Zuerst ging es jetzt besser. Nova konnte sehen, wohin sie Hände und Füße setzte. Dann verstärkte es merkwürdigerweise ihre Klaustrophobie. Es war wie in einem Alptraum, in dem sich die Wände um einen schlossen, aber es war wirklich. Die Wände wölbten sich tatsächlich. Nova fiel wieder ein, was sie hier eigentlich tat. Die Dinge, die sie packte, waren weder Seile noch Netze, sondern die lebendige Muskulatur eines gewaltigen Wesens. Sie spürte, wie sie sich bewegte, wenn sie daran zog. Zwar waren die Muskeln trocken, dank der Großen Mutter und all ihrer kleinen Dämonen, aber es war trotzdem unheimlich. Sie kamen an Seitengängen vorbei. Manche waren nicht dicker als einer von Novas Armen, aber ein paar waren groß genug, um darin zu gehen. Tief in den, größeren Gängen sah sie glitzernde Augen. »Cherubim«, sagte Cirocco nach der ersten Sich- tung. »Sie stehen zu Engeln in demselben Verhältnis wie die Affen zu uns. Sie nisten in den größeren Blimps.« Der Himmelsleviathan hatte noch mehr Bewohner. Kleine mausähnliche Geschöpfe huschten ständig um ihre Füße, und einmal hielt Cirocco an, während et- was Größeres aus ihrem Weg flitzte. Nova konnte es nicht sehen, aber das machte ihr gar nichts aus. »Bist du sicher, daß er sich nichts aus unserer An- wesenheit macht?« fragte sie einmal. »Je länger wir hier sind, desto sicherer«, meinte Ci- rocco. »Wenn er uns nicht haben wollte, wüßten wir es inzwischen. Er müßte nur diesen Gang verschlie- ßen und mit Wasserstoff fluten. Mach dir nichts draus, Nova. Blimps haben ihre eigene innere Ökolo- gie. Unzählige Tierarten können nirgendwo anders leben. Und Blimps nehmen immer vorübergehende Passagiere mit.« Endlich erreichten sie einen breiteren Gang, und Cirocco betrat ihn. Er hatte einen Durchmesser von ungefähr zwanzig Metern und schien sich endlos in beide Richtungen zu erstrecken. »Central Park«, sagte Cirocco. Und tatsächlich wuchsen baumähnliche Organismen, die bleich und skelettartig aussahen, aus den Wänden. Sie schreck- ten vor dem Licht zurück. Cirocco deutete nach vorn. »Komm! Es ist nur noch etwa ein Kilometer.« Es war ein seltsamer Marsch. Sie gingen auf einer Gaszelle, und das Netz unter ihren Füßen war hier viel dichter, beinahe fest. Und es federte; es war, als ginge man auf einem Meer aus Kissen., Nach längerer Zeit verbreiterte sich der Korridor, und es wurde hell. Die beiden Frauen standen in ei- nem riesengroßen, gestaltlosen Raum. Der Boden senkte sich zu einer durchsichtigen Membran ab, schattiert mit Kreuzlagen aus dünnen Kabeln und hervorgewölbt durch den inneren Druck. Es war kühl hier drin, so, wie es überall innerhalb des Blimps ge- wesen war. »Der Salon B-24«, sagte Cirocco und machte sich an die Durchforstung von Stapeln bunter Stoffe. Nova trat vor, bis fast an das riesige Fenster. Sie erkannte, daß sie sich in der Nase der Kreatur befand, ein Stück weit an der Unterseite. Ihr bot sich ein Ausblick, wie ihn der Bombenschütze in einer alten Militärmaschi- ne gehabt hätte, und es war herrlich. Tief unter ihr kroch die Landschaft in einer langsamen und gleich- mäßigen Parade dahin, und sie tat es seit sechzigtau- send Jahren. Nova stieß mit dem Fuß an etwas Festes in einem Tuchhaufen. Sie blickte hinab und schnappte nach Luft. Es war der Fuß eines Menschen: braun, welk und an einem dürren Bein hängend. Die Zehen wak- kelten. Sie sah auf und erblickte das Gesicht eines sehr alten Mannes, der völlig kahlköpfig war und braun wie Mahagoni, und er zeigte mit einem zufrie- denen Lächeln kräftige weiße Zähne. »Mein Name ist Calvin, Liebes«, sagte der alte Mann. »Und du bist das Hübscheste, was ich seit lan- gem zu sehen bekomme.« Nova sah zu keinem Zeitpunkt viel von Calvin. Er ging herum, aber er war immer so in Stoff eingewik- kelt, daß nur sein Kopf sichtbar war., »Das einzige echte Problem im Leben«, sagte er einmal, »besteht darin, es immer warm zu haben. Der alte Whistlestop fliegt gern dorthin, wo es kalt ist. Na, Rocky, wie geht es August?« Cirocco erklärte ihm, daß August schon sehr lange tot sei. Nova beobachtete ihn, und sie war sich nicht sicher, ob der alte Mann es begriff. Er fragte auch noch nach anderen, die alle tot waren. Jedesmal schüttelte er traurig den Kopf. Nur einmal brachte er Cirocco aus dem Gleichgewicht, als er nämlich nach Gaby fragte. »Sie ... ihr geht es gut, Calvin. Ihr geht es ganz gut.« »Das ist wirklich schön.« Völlig verrückt. Nova wußte alles über Gaby. Sie erkannte schließlich, daß Calvin fast so alt war wie Cirocco. Man sah ihm jedes einzelne Jahr an, und doch wirkte er ziemlich rüstig und vollkommen glücklich und wach. Nur die Fragen nach den Toten boten einen Hinweis auf Senilität. Er wirtschaftete in der kühlen Höhle herum, durchstöberte Strohkörbe und brachte Holzschüsseln, Knochenmesser und ein Schneidebrett zum Vor- schein. Cirocco saß neben Nova und sprach leise mit ihr. »Er ist nicht verrückt, Nova. Ich glaube nicht, daß er sich unter dem Tod etwas vorstellen kann, und ich glaube auch nicht, daß er irgendeine Vorstellung von der Zeit besitzt. Er lebt seit fünfundneunzig Jahren hier oben und ist der glücklichste Mann, den ich je gesehen habe.« »Hier ist es!« krähte Calvin und zeigte einen gro- ßen hölzernen Behälter. Er kam zu der ebenen Stelle zurück, wo Cirocco und Nova mit gekreuzten Beinen, saßen und wo er bereits Schüsseln mit Salat und ro- hem Gemüse aufgestellt hatte, dazu einen Krug mit etwas, was er ›Met‹ nannte. »Das wird gut«, meinte er und warf denn Nova ei- nen kurzen Blick zu. »Du wickelst dich besser etwas ein, Mädchen, und machst es dir behaglich.« Nova fror inzwischen, traute sich aber nicht an die Lumpenhaufen heran. Sie hatte bemerkt, wie einige der kleinen blinden, haarlosen Mäuse aus einem Hau- fen hervorkrochen. Aber der Stoff roch nicht schmut- zig. »Der Blimp sondert dieses Zeug ab«, sagte Cirocco und zog die Falten um sich. »Es ist gut gegen Kälte. Mach schon, es ist sauber! Alles hier drin ist sauber.« »Ist immer so in einem Blimp«, gluckste Calvin. Mit einem Holzlöffel schöpfte er eine dicke klumpige Suppe in die Schalen. »Versuch es ... Nova ist dein Name, sagtest du? Hübscher Name; ich mag ihn. Neu und fröhlich, und du siehst so fabelhaft aus, wie man es sich nur denken kann. Das hier ist mein Spezial- Gazpacho. Besteht nur aus den feinsten in Gäa ge- wachsenen Zutaten.« Er gluckste wieder, als er Nova ihre Schale reichte. »Früher bin ich einmal im Jahr für eine warme Mahlzeit hinuntergegangen. Irgendwann erkannte ich, daß seit dem letzten Mal einige Zeit her war und ich es gar nicht vermißt hatte.« »Ich denke, du bist nur zweimal hinuntergegangen, alter Trottel«, meinte Cirocco. Calvin lachte herzlich darüber. »Oh, aber Rocky! Das kann doch nicht stimmen, oder?« Er wirkte für einen Moment nachdenklich und zählte an seinen Fingern, mußte aber schon bald auf- geben. Nova unterdrückte ihr Lachen, weil sie dachte,, er wäre dann beleidigt. Er war sehr nett, wenn auch konfus. »Nun hab keine Angst davor, Süße«, sagte er zu ihr. »Aber geh respektvoll damit um! Ich gebe nicht viel darauf, warme Mahlzeiten zu haben, aber ich mag sie gern heiß, wenn du verstehst, was ich meine.« Nova verstand es unglücklicherweise nicht. Sie schnupperte daran und fand Gefallen am Aroma, also lud sie sich den Löffel voll. Die Suppe basierte auf Tomaten und Sellerie und war gut und würzig und kalt. Sie nahm noch einen Mundvoll ... und dann schlug der erste Löffel zu. Sie schluckte und schnappte nach Luft, spürte, wie das Zeug in ihren Nasengängen und hinter den Augäpfeln brannte. Sie stürzte sich auf den Met und schluckte einen ganzen Becher davon hinunter. Er rutschte gut und schmeckte nach Honig. Sogar der Gazpacho schmeckte gut, wenn man ihn vorsichtig löffelte. Sie saßen beisammen und aßen, und es war ein gutes Mahl, wenn auch ein wenig ge- räuschvoll. Das rohe Gemüse knirschte zwischen den Zähnen. Sie hörten sich an wie Kaninchen. Nova vermutete, daß sie Fleisch nach einiger Zeit vermis- sen würde, aber Calvin ging es gut mit seiner kalten vegetarischen Küche. Und der Met war sagenhaft! Er nahm nicht nur die Schärfe der stärker gewürzten Speisen, sondern flößte Nova ein Gefühl der Wärme und Entspannung ein und machte sie ein wenig verschwommen an den Rändern. »Zeit aufzuwachen, Nova.« »Wa...?« Sie setzte sich rasch auf. Sie hatte Kopf-, schmerzen und brauchte lange, bis sie Cirocco richtig sehen konnte. »Wie spät ist es?« »Ein paar Stunden später.« Cirocco lächelte sie an. »Meine Liebe, ich glaube, du warst ein klein wenig betrunken.« »Wirklich?« Nova wollte Cirocco schon sagen, daß es das erstemal war, bemerkte dann aber, daß es sich kindisch angehört hätte. Also lachte sie. Sie hatte da- bei das Gefühl, als würde ihr schlecht, aber es ging vorüber. »Und was machen wir jetzt?« »Darum geht es«, meinte Cirocco. »Wir werden dich ein wenig ausnüchtern und kehren dann zur Junction zurück. Ich bin jetzt bereit, meinen Zug zu machen.«

SIEBEN

Die Titaniden hatten acht Revs gebraucht, um das Festessen zuzubereiten. Es gab einen kompletten ge- rösteten Lächler, gekochte Aale und Fische, zu Gelee gemacht, zurück in ihre Häute gestopft und kunstvoll in klaren schmackhaften Aspik eingelegt. Der Obst- gang war ein hochragendes Gefüge von der Gestalt eines Weihnachtsbaumes, überquellend vor unzähli- gen Variationen von gäanischen Beeren, Melonen, Kern- und Zitrusfrüchten, garniert mit Blättern aus grüner Zuckerwatte und von innen heraus durch My- riaden von Kugeln leuchtend. Es gab zehn Pasteten, sieben Sorten Brot, drei Suppenterrinen, wackelige Pagoden aus Lächlerrippchen, kunstfertig gestaltetes Gebäck mit Krusten, so dünn wie Seifenblasen ... es, drehte sich einem alles. Cirocco hatte einen solchen Festschmaus seit dem letzten Purpurkarneval vor zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Es war genug Essen da für einhundert Menschen oder zwanzig Titaniden – bei nur neun Leuten, die teilnahmen. Cirocco nahm ein wenig hiervon und ein wenig davon, lehnte sich zurück, kaute langsam und beob- achtete ihre Gefährten. Es war wirklich eine Schande, daß sie keinen größeren Hunger hatte. Alles auf dem Tisch schmeckte ausgezeichnet. Sie wußte, daß sie die glücklichste Frau überhaupt war. Vor sehr langer Zeit, als sie sich vielleicht um ihr Gewicht noch gesorgt hätte, war es nie nötig gewe- sen. Sie konnte damals soviel essen, wie sie wollte, ohne je ein Gramm zuzunehmen. Seit sie Magier ge- worden war, hatte ihr Gesicht zwischen fünfundvier- zig – nach einem sechzigtägigen Fasten – und fünf- undsiebzig Kilo geschwankt. Großenteils war es eine Sache der bewußten Entscheidung. Ihr Stoffwechsel hatte dafür keinen festgelegten Wert. Zur Zeit befand sie sich am oberen Ende der Spannbreite. Drei Besuche im Jungbrunnen in weni- ger als einer Kilorev waren ungewöhnlich viel. Sie hatte eine gleichmäßige Fettschicht am ganzen Kör- per, und ihre Brüste, Hinterbacken und Schenkel wa- ren sinnlich geworden. Sie lächelte innerlich, als sie sich an die hochgewachsene spindeldürre Cirocco Jones im Alter von fünfzehn Jahren erinnerte, die für derartige Brüste gemordet hätte. Die Cirocco in ihrem dreizehnten Jahrzehnt hielt sie für ein geringfügiges, aber notwendiges Ärgernis. Das angesetzte Fett wür- de sich in den bevorstehenden zermürbenden Tagen, als praktisch erweisen. Am Ende würde es aufge- braucht sein. Inzwischen gab sich Conal ergriffener als üblich. Er saß links von ihr und hatte seinen Spaß. Robin saß neben ihm. Sie boten einander ständig von den Sachen an. Da niemand von einer einzelnen Speise allzuviel essen konnte, war es sinnvoll, auf besondere Delikatessen hinzuweisen, aber Cirocco argwöhnte, daß es bei diesen beiden um mehr ging. Sie dachte, falls das Mahl aus abgestandenen C-Rationen bestan- den hätte, würden Conal und Robin trotzdem kichern wie Kinder. Ich sollte schockiert sein, dachte Cirocco. Sie hatte ein Gefühl, daß es böse ausgehen würde, daß es wahrscheinlich am besten nie angefangen hätte. Dann wies sie sich selbst zurecht. Das war Si- cherheitsdenken. Wenn man eine solche Lebensein- stellung hatte, mußte man damit rechnen, daß das Bedauern um ungetane und unversuchte Dinge eine endlose Kette formte, die in späteren Jahren rasselte. Sie grüßte schweigend den Mut der beiden und wünschte ihnen Glück. Die Idioten glaubten, daß niemand ihre heimliche Affäre bemerkte. Möglicherweise fand man in Hype- rion Titaniden, die nichts davon wußten, aber sicher- lich nicht hier in Dione. Cirocco sah, daß Valiha, Rocky und Schlange – ein Trio, von dessen Zusam- menhalt keiner der anderen Menschen etwas wußte – es mit liebevoller Anerkennung bedachten. Hornpipe wußte Bescheid, behielt aber wie üblich seine Mei- nung für sich. Auch Virginal wußte davon, aber trotz ihrer wachsenden Vertrautheit mit Nova würde sie es nie erwähnen, hauptsächlich deshalb, weil die junge, Titanide sich über ihr mangelndes Wissen von den Wegen der Menschen im klaren war und sie es nie riskieren würde, Nova versehentlich weh zu tun. Blieb noch das neunte Mitglied der Gruppe, Nova. Sie machte sich prächtig, urteilte Cirocco, war aber immer noch zu sehr die selbstbezogene Jugendliche, um etwas zu merken, was ihre Mutter angestrengt vor ihr geheimhielt. Sie schwelgte in seliger Unge- wissheit, was Robins Sünde betraf. Denn es war eine Sünde. Cirocco fragte sich, ob Robin das schon erkannt hatte und wie sie wohl da- mit fertig wurde, sobald das Gewicht der Schuld auf sie fiel. Sie hoffte, daß sie dann helfen konnte, denn sie liebte die kleine Hexe sehr. Sie betrachtete all ihre Gefährten am Tisch. Sie liebte jeden von ihnen. Fast weinte sie, kämpfte die Tränen aber wieder zurück. Jetzt war nicht der richti- ge Zeitpunkt. Sie zwang sich zu lächeln und äußerte sich anerkennend über ein Stück Kuchen, das ihr an- geboten wurde. Schlange strahlte vor Vergnügen. Aber sie bemerkte, daß Hornpipe sie ansah. Und doch überraschte es sie, als leises Rülpsen und zufriedenes Bauchtätscheln das Ende des herrlichen Mahles anzeigten, daß Hornpipe sich räusperte und wartete, bis alle schwiegen. »Captain«, sagte er. »Wir haben uns gefreut, daß du keine Einwände gegen die Zubereitung dieses Festmahls hattest. Du weißt, daß wir so etwas nur in einem Augenblick von großer Bedeutung für uns ma- chen.« »›Wir haben uns gefreut‹, Hornpipe?« fragte Ciroc- co. Es beunruhigte sie festzustellen, daß sie nicht wußte, wovon er redete. Und sie betrachtete auch die, übrigen Titaniden und sah, daß sie alle feierlich auf ihre leeren Teller blickten. Virginal blickte kurz zum anderen Kopfende des Tisches, zu dem leeren Ge- deck, das sie zu jeder Mahlzeit aufgestellt hatten, seit Chris über dem Pandämonium abgesprungen war. »Für wen sprichst du, mein Freund?« »Ich spreche für alle Titaniden hier und für viele hunderte, die nicht kommen konnten. Ich wurde zum Sprecher gewählt, um diese ...« Wieder staunte Ciroc- co, da Hornpipe nach einem Wort zu suchen schien. Dann bemerkte sie, daß es etwas anderes war. »Ist ›Klage‹ das, was du sagen willst?« »Es liegt schon in der Nähe«, meinte Hornpipe und schüttelte bekümmert den Kopf. Er sah sie bittend an. Für einen Moment wirkte er wie ein Fremder. Für ei- nen Moment kam er ihr wie der erste Titanide vor, den sie zu Gesicht bekam – und er war ja tatsächlich ein direkter Nachkomme des ersten. Man konnte ihn fälschlich für eine wahrhaft bedrückende Frau halten. Die schwere Masse seines glänzenden schwarzen Haares, die breiten Wangenknochen, langen Wim- pern, der breite Mund und die babyglatten Wangen ... Cirocco kehrte in die Gegenwart zurück, in eine Wirklichkeit, die sich von ihr zu entfernen schien. »Dann sprich weiter!« sagte sie. »Es ist ganz einfach«, sagte er. »Wir wollen wissen, was du für die Rückkehr des Kindes unternimmst.« »Was unternehmt ihr?« »Wir haben Nachforschungen angestellt. Wir haben die Verteidigungsanlagen des Pandämoniums auf die Probe gestellt. Nach Luftaufklärung aus einem Blimp konnten wir eine Karte der Festung anfertigen. In Ti- tanstadt wurden Pläne ausgearbeitet.«, »Was für Pläne?« »Massiver Angriff. Belagerung. Wir haben mehrere Möglichkeiten.« »Wurden schon irgendwelche Initiativen ergrif- fen?« »Nein, Captain.« Er seufzte und sah sie wieder an. »Wir müssen das Kind retten. Verzeih mir, wenn du kannst, aber ich muß das sagen. Du bist unsere Ver- gangenheit. Adam ist unsere Zukunft. Wir können es Gäa nicht erlauben, daß sie ihn in Händen hat.« Cirocco wartete, während das Schweigen tiefer wurde, und blickte von einem Gesicht zum nächsten. Keiner der Titaniden wollte sie ansehen. Robin, Conal und Nova sahen schnell weg, wenn ihre Blicke sich trafen. »Conal«, sagte sie schließlich, »hast du einen Plan?« »Ich wollte mit dir darüber sprechen«, sagte er ent- schuldigend. »Ich dachte an einen Überfall. Nur wir beide – hinein und ganz schnell wieder hinaus. Ich glaube nicht, daß ein frontaler Angriff Erfolg hätte.« Cirocco blickte sich weiter um. »Noch Pläne? Auf den Tisch damit!« »Lock sie heraus!« sagte Nova. »Was heißt das?« »Benutze dich selbst als Köder! Bring sie dazu, daß sie herauskommt und kämpft! Stell eine Falle für sie auf! Grab ein großes Loch oder irgend etwas ... ich weiß nicht. Ich habe die Einzelheiten nicht ausgear- beitet. Vielleicht eine Art Hinterhalt.« Cirocco betrachtete Nova mit größerem Respekt. Es war natürlich eine scheußliche Idee, aber in mancher Hinsicht besser als die anderen., »Das sind vier Ideen«, stellte Cirocco fest. »Noch weitere?« Die Titaniden wußten keine mehr. Cirocco war er- staunt, daß sie zu Hunderten auf zwei Ideen gekom- men waren. Titaniden waren vieles, aber keine Takti- ker. Ihr Bewußtsein arbeitete anscheinend nicht in dieser Richtung. Cirocco stand auf. »In Ordnung. Hornpipe, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Es war nachlässig von mir, nieman- dem zu erzählen, was ich tue. Natürlich machst du dir und machen sich alle Titaniden Gedanken dar- über, Adam zurückzuholen, und ihr seht nicht, daß ich etwas unternehme. Ich war viel weg. Ich habe nicht viel geredet. Und er ist wirklich eure Zukunft, und ich bin einerseits dankbar dafür und bedaure ihn andererseits. Ich habe während der letzten Kilorev an fast nichts anderes gedacht. Ich wollte euch heute abend von meinen Plänen erzählen, aber ihr zwingt mich jetzt schon dazu. Der erste Punkt ist Gäa. Keiner von euch versteht sie. Ihr habt mir vier Drehbücher gegeben. Für vier Filme.« Sie hielt die Finger hoch, als sie es abzählte. »Hornpipe, du erwähntest den frontalen Angriff. Nennen wir das den Weltkrieg-Zwei-Film. Dann kam die Belagerung; das ist der Monumentalfilm aus dem alten Rom. Conal, deine Idee ergibt einen Gangster- film. Novas Idee paßt zu einem Western. Ich habe auch noch an weitere Ansätze gedacht. Da wäre der Monsterfilm zu nennen, der, wie ich meine, Gäa sehr gefallen würde: Wir verbrennen sie oder rösten sie durch Elektrizität. Man könnte den Gefängnisfilm, erwähnen, wo wir gefangengenommen werden und wieder fliehen. Dann käme der Luftangriff, der wahr- scheinlich einen Vietnamfilm ergibt. Ihr dürft aber nicht vergessen, daß Gäa an all diese Möglichkeiten gedacht hat und noch an mehrere zu- sätzliche. Mein Ansatz entlehnt Bestandteile aus eini- gen davon, aber um Gäa zu besiegen, müssen wir ganz vom Genrefilm abgehen.« Sie blickte von einem Gesicht zum anderen, und es überraschte sie nicht, dort Verwirrung zu sehen. Sie dachten bei all diesem Gerede über Filme wahr- scheinlich, sie stünde im Begriff, verrückt zu werden. »Ich bin nicht verrückt«, sagte Cirocco ruhig. »Ich versuche nur so zu denken wie Gäa. Gäa ist besessen von Filmen aus der Zeit zwischen 1930 und 1990. Sie hat sich selbst zum Ebenbild eines Stars gemacht, der 1961 starb. Sie möchte Filme leben. Sie hat ein Star- System, und die meisten, die sie als Stars für ihr gro- ßes Monumentalepos ausgesucht hat, sitzen hier am Tisch. Sie hat alles mögliche versucht, um einige von euch herzuholen. In gewisser Hinsicht hat sie einige von euch gemacht, wie die alten Studio-Mogule ver- sucht haben, Abbilder ihrer Stars zu schaffen. Sie hat mir die Hauptrolle zugewiesen. Aber es ist eine große Produktion mit vielen wichtigen Charak- teren und einer milliardenschweren Besetzung. Sie kann Fehler machen. Gaby war einer. Gaby sollte jetzt noch leben, als mein treuer Kumpan. Chris war auch einer. Er war als mein Hauptdarsteller ge- dacht. Es sollte zu einer Liebesgeschichte zwischen Chris und mir kommen, aber Valiha geriet dazwi- schen. Ihre Liebe zu Chris war nicht geplant. Gäa ist jedoch eine schlaue Regisseurin. Sie hat, immer ein vorbereitetes Ersatzplot, auf das sie zu- rückgreifen kann, und immer eine zweite Besetzung. Die Story-Abteilung kann jederzeit irgendeine Varia- tion kreieren, eine Möglichkeit, Dinge zu verschieben, damit das Plot weitergehen kann. Conal, du bist ein gutes Beispiel dafür.« Conal hatte wie hypnotisiert ausgesehen; jetzt zuckte er überrascht hoch. »Du bist ein Abkömmling von Eugene Springfield, einem der ursprünglichen Darsteller, den Gäa sich als Schurken ausgesucht hatte. Diese Tatsache wird bei den kommenden Ereignissen wichtig sein. Ich ver- mute stark – und Snitch bekräftigt mich darin –, daß du manipuliert wurdest, um hierherzukommen.« »Ausgeschlossen!« protestierte Conal. »Ich wollte dich töten, und ...« Er unterbrach sich und wurde rot. Cirocco wußte, daß er nur selten von ihrer Begeg- nung sprach. »Es fühlte sich an wie freier Wille, Conal«, sagte sie freundlich. »Und das war es auch. Sie hat damals in Kanada nicht in dein Bewußtsein eingegriffen, aber ihr gehörte der Verlag, der dieses lächerliche Co- micbuch herausgab, mit dem du hergekommen bist. Sie war dazu in der Lage, die Geschichte zu färben und obendrein sicherzustellen, daß du von deiner Herkunft wußtest, und wahrscheinlich gab sie dir auch den Anstoß, Bodybuilding zu betreiben. Dann lief es wie von allein. Robin, du weißt bereits einiges darüber, wie du manipuliert wurdest.« »Sicher«, sagte Robin bitter. »Es tut mir leid, daß ich es dir erzählen muß ... ver- dammt, es kommt noch schlimmer, und niemandem, wird etwas davon gefallen. Sie hatte ihre Finger schon in deinem Leben, als du noch nicht geboren warst. Spricht euer Volk noch vom Heuler?« Robin wirkte vorsichtig, nickte aber. »Er ist das, was uns in den Weltraum gebracht hat. Es war ein großer Meteor. Der Koven befand sich damals noch in Australien. Der Heuler schlug dort auf und tötete die Hälfte von uns. Aber er lag auf un- serem Land und war voller Gold und Uran, das leicht abgebaut werden konnte. Er machte uns reich genug, um den Koven im Orbit zu bauen ...« Ihre Augen wurden rund vor Schrecken. »Der Heuler schlug 2036 in Australien auf«, sagte Cirocco. »Damals war ich seit elf Jahren hier. Es be- steht kein Zweifel, daß Gäa ihn geschickt hat.« »Das ist verrückt«, meinte Nova. »Natürlich ist es das. Aber nicht so, wie du meinst – wenn du meinst, es könnte nicht so passiert sein.« »Aber Gäa wurde beobachtet ...« »... und erzeugte die ganze Zeit über schon Eier, jeweils eins alle zehn Revs. Das Wächterschiff ver- folgte ihre Flugbahnen, bis sie außer Reichweite wa- ren, und berechnete, ob sie die Erde treffen könnten. Keines wurde je als Bedrohung erachtet, und es wur- den zu viele, um sie noch verfolgen zu können.« »Es war ein ungemein guter Schuß«, meinte Horn- pipe zweifelnd. »Gäa ist sehr gut in allem, was sie tut. Sie hatte die Erde vorher schon einmal getroffen, 1908, um sich so- zusagen einzuschießen. Damals landete er in Sibirien. Der, welcher in Australien landete, war neun Jahre vorher gestartet worden, und es sah so aus, als käme er von weit draußen wie ein Asteroid mit langer, Umlaufzeit. Bei der letzten Annäherung wurde er gelenkt, aber alle organische Materie verbrannte beim Eintritt in die Atmosphäre, also gab es keinen Beweis mehr, daß er von Gäa stammte.« Robin schüttelte den Kopf, aber nicht verneinend, sondern ungläubig. »Warum sollte sie das tun?« Cirocco verzog das Gesicht. »›Warum‹ ist bei Gäa eine schwierige Frage. Als ich mein Buch über sie schrieb, kam einer der Kritiker mit meiner Analyse nicht zurecht. Er konnte nicht ak- zeptieren, daß ein so mächtiges Wesen so kleinliche Dinge tut. Wenn es überhaupt einen Grund gibt, dann den, daß sie es aus Spaß tut. Ich denke, sie hörte von eurer Gruppe. Sie hielt es für einen guten Witz, euch mit einer Geschwindigkeit von vierzigtausend Kilometern pro Stunde ein Vermögen auf den Kopf zu werfen. Und sie blieb am Koven interessiert. Ihr gehörte – durch ein halbes Dutzend Scheinfirmen – die Ein- richtung auf der Erde, wo der Koven seinen Samen kaufte. Sie hat euch zäh und klein gezüchtet und hie und da schlechte Gene eingestreut, damit früher oder später eine von euch auftauchte, um Heilung zu su- chen. Sie war sehr zufrieden mit dir, Robin. Du hast sie viel zum Lachen gebracht. Nichts im Vergleich zu dem Gebrüll, wenn sie mich beobachtete, aber doch spaßig genug.« Robin legte das Gesicht in die Hände. Nova be- rührte sie an der Schulter, aber Robin schüttelte den Kopf und richtete sich wieder auf. Ihre Augen glit- zerten vor Wut. »Nova«, fuhr Cirocco fort, »du weißt schon, wel-, chen Spaß sich Gäa mit dir und Adam erlaubt hat. Du und Robin, ihr habt die große Umkehrung zu spüren bekommen: das Skript darüber, wie man vom Millio- när zum Tellerwäscher wird.« Cirocco sah die Titaniden an. »Ihr alle wißt, wie ihr benutzt worden seid. Jeder von euch ist aufgrund einer Entscheidung am Leben, die ich traf. Jeder eurer Vorfahren mußte zu mir kommen und mich um etwas bitten, was eigentlich ihr Recht sein sollte. Ihr und euer Volk wart so zer- mürbt, daß ihr eine Kilorev brauchtet, euch aufzuraf- fen und mich auch nur leicht zu kritisieren ... und ich habe mich so an diese Einstellung gewöhnt, daß es mich schockierte. Ich glaube, eure ganze Rasse wird unterdrückt. Ich vermute, daß ihr in fast jeder Bezie- hung besser sein könnt als die Menschen, aber falls wir Gäa nicht besiegen, werdet ihr diese Chance nie- mals bekommen.« Ihr Blick wanderte erneut über ihre Gesichter und blieb auf jedem eine Zeitlang ruhen. Sie waren alle verletzt, wütend ... und entschlossen. »Das hört sich ... nach Unfehlbarkeit an«, meinte Virginal. »Ich meine, sie nahm sich vor, Chris und Conal und Robin herzubringen, und sie sind alle hier. Sie plante die Geburt von Nova und Adam. Alles, was sie sich vornahm, führte sie auch aus.« Cirocco schüttelte den Kopf. »Es sieht nur so aus. Ich habe bereits einige Dinge erwähnt, die nicht funktionierten. Ihr könnt sicher sein, daß auch andere Projekte gescheitert sind, und wir wissen nur deshalb nichts davon, weil einfach niemand aufgetaucht ist. Seit etwa hundert Jahren erteilt sie ... ah ... Befehle – stellt sie euch als Aufruf, zur Rollenbesetzung vor, der über die ganze Erde geht. Sie hat Botschaften eingerichtet, hat direkte Maßnahmen ergriffen, wie den Beschuß des Planeten mit einem Asteroiden, oder etwas so Raffiniertes wie die Einstellung eines Schreibers, der in Conals Co- micbuch Gene als Helden zeichnete. Manche dieser Projekte schlugen fehl, und die Leute kamen niemals hier an. Aber jetzt hat sie ihre Besetzung. Möglicher- weise treffen wir noch mehr Leute, aber ich bezweifle es. Das nächste hört sich schlimm an, aber ist nicht zu umgehen: Alle anderen Leute in Gäa sind in ihren Augen nur Komparsen oder Nebendarsteller. Die meisten wichtigen Rollen sind in diesem Zimmer ver- sammelt. Wir sind neun. Dazu kommen noch Chris und Adam, Whistlestop und Calvin und Snitch. Und zwei – möglicherweise drei – weitere, von denen ich euch später erzähle.« »Snitch?« fragte Robin angewidert. »Ja. Er ist wichtig. Gegen uns stehen Gäa und die Macht des Pandämoniums. Auch dort drüben finden sich wichtige Darsteller. Ich glaube, Luther könnte ei- ner sein, Kali ein weiterer. Über die anderen weiß ich nichts. Aber am Ende wird es zu einem Showdown kommen ... und die Kameras werden laufen.« »Was sollen wir tun, Captain?« fragte Conal. »Zunächst ...« Sie ergriff Conals Hand und auf der anderen Seite die Valihas. »Ich möchte, daß wir unser Leben verpfänden, unseren Besitz und unsere gehei- ligte Ehre. Mein Ziel ist die Rückkehr Adams und der Tod Gäas.« »Einer für alle und alle für einen«, sagte Conal und sah sich dann verlegen um. Cirocco drückte seine Hand, als sie sah, wie er die Robins ergriff., »Was ist mit Chris? Wollen wir ihn nicht auch zu- rückholen?« fragte Valiha. »Chris ist Teil des Schwures. Sein Leben ist gefähr- det wie unseres. Wir retten ihn, wenn wir können, aber wenn er sterben muß, wird er sterben, genau wie wir anderen.« Alle faßten sich jetzt an den Händen, außer Nova und Schlange, die niemanden mehr an der anderen Seite hatten außer dem leeren Stuhl, der für Chris ge- dacht war. Cirocco betrachtete nacheinander jeden von ihnen und erwog seine Stärken und Schwächen. Niemand wich ihrem Blick aus. Es war eine gute Gruppe. Ihre Aufgabe war fast unmöglich zu lösen, aber Cirocco fiel niemand ein, den sie lieber an ihrer Seite gesehen hätte. »Ich muß euch noch zwei Dinge mitteilen, und dann können wir uns an die Planung machen. Ich habe Chris gesehen und kurz mit ihm gespro- chen. Es geht ihm gut und Adam auch.« Sie wartete, bis sich das Gemurmel wieder legte. »Im Augenblick kann ich euch nicht mehr darüber sagen. Vielleicht später. Das zweite, was ich euch mittei- len muß, habe ich bislang vor mir her geschoben. Es hat eigentlich nur wenig Einfluß auf das, was wir zu tun haben, aber ihr solltet es wissen. Ich bin mir fast sicher, daß Gäa den Krieg begon- nen hat. Selbst wenn sie es nicht tat, hat sie doch mit- geholfen, daß er sieben Jahre lang weiterging.« Es trat Schweigen ein, wie sie es erwartet hatte. Es war natürlich auch ein Schock, aber als sie die Ge- sichter betrachtete, bestätigte das ihre Einschätzung der Lage: Eine Menge Leute hatten seit langem etwas, Ähnliches vermutet. Hornpipe nickte traurig. Robin sah ernst aus. Für einen Moment glaubte Cirocco, Virginal würde es schlecht. »Vierzig Milliarden Menschen«, sagte Virginal. »Etwas in der Art.« »Ermordet«, sagte Schlange. »Ja. Auf die eine oder andere Weise«, bestätigte Ci- rocco finster. »Aber so sehr ich Gäa hasse, kann ich ihr doch nicht die ganze Schuld geben. Die menschli- che Rasse hat nie gelernt, mit der Bombe zu leben. Es wäre früher oder später passiert.« »Hat Gäa die erste Bombe geworfen?« fragte Conal. »Die auf Australien?« »Nein. Das hätte sie nicht gewagt, aber mein ... ah ... Informant meint, daß Gäa den Zwischenfall wahr- scheinlich arrangiert hat. Ich habe einmal vor langer Zeit die Raserei bei der Fütterung von Haien miterlebt. Und genau das hat Gäa gemacht. Sie sah dieses riesige Becken voller hungriger Haie, Millionen Haie. Also ließ sie etwas Blut ins Wasser tropfen, und die Haie brachten sich gegenseitig um. Sie waren dazu bereit; Gäa hat sie nur angestachelt. Als später das Wachschiff draußen abgezogen war, und immer dann, wenn der Krieg ein baldiges Ende anzeigte, brachte sie eine ihrer eigenen Bomben an der richtigen Stelle zur Explosion, und es ging wieder los. Auf diese Weise hat sie ein paar Mil- liarden direkt ermordet.« »Du sprichst doch jetzt nicht von Eiern?« erkun- digte sich Robin. »Sondern von echten Atombomben? Ich wußte gar nicht, daß Gäa welche hatte.« »Warum sollte sie nicht? Sie hatte ein Jahrhundert Zeit, welche zu erwerben; Leute zu finden, die bereit, waren, sie ihr zu verkaufen. Aber das braucht sie gar nicht. Sie kann sie selbst herstellen. Gäa war lange Zeit verwundbar. Eine große Fusionsbombe könnte diese Welt zerstören. Es stand nie in den Karten, daß sie reglos darauf wartete. Also lag der Krieg in ihrem Interesse. Die Kriegsparteien haben jetzt einen Punkt erreicht, wo sie niemals mehr hoffen können, Gäa zu treffen – und es hat einige Versuche gegeben. Ein paar Dutzend Raketen wurden in ihre Richtung ge- startet, aber keine flog weiter als bis zur Marsbahn. Gäa wird mühelos mit ihnen fertig.« Cirocco lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und wartete auf Fragen. Eine lange Zeit verging, ohne daß eine gestellt wurde. Schließlich blickte Nova auf. »Woher weißt du das alles, Cirocco?« Gute Frage, Kind. Cirocco rieb sich langsam die Oberlippe und betrachtete Nova mit schmalen Au- gen, bis das Mädchen unbehaglich die Augen nieder- schlug. »Ich kann es dir jetzt nicht sagen. Du mußt dich einfach mit meinem Wort zufriedengeben.« »Oh, ich wollte nicht sagen ...« »Du hast jedes Recht, dich zu fragen. Ich kann nicht mehr tun, als dich an deinen Eid zu erinnern und mir für den Moment einfach zu glauben. Ich verspreche euch, daß ihr alle soviel wissen werdet wie ich, bevor ich euch bitte, euer Leben in die Waagschale zu le- gen.« Und das werde auch ich tun, Gaby, dachte sie. Ihre größte Furcht war, daß Gaby letztlich nur ihr er- schien. »Kannst du uns in deine Pläne einweihen?« fragte Hornpipe., »Das kann ich. In die kleinsten und ermüdenden Einzelheiten. Ich schlage vor, daß die Becher gefüllt werden, daß die Stühle zurückgeschoben und Käse und Kräcker gebracht werden für diejenigen, die noch ein paar Winkel im Bauch finden, wo sie etwas hineinstecken können. Es wird eine ganze Weile dau- ern, und es ist so verrückt wie alles, was bisher schon war.« Es dauerte wirklich lange. Nach fünf Revs debat- tierten sie immer noch über diesen oder jenen Punkt des generellen Entwurfes, aber der Plan an sich war akzeptiert. Nova schnarchte da schon auf ihrem Stuhl. Cirocco beneidete sie. Sie rechnete nicht damit, in der näch- sten Kilorev zu schlafen.

ACHT

Cirocco verließ die Tafel und stieg die Haupttreppe des großen Hauses hinauf in den zweiten Stock, der nur selten benutzt wurde. Hier oben hatte Chris schon vor langer Zeit ein Zimmer für sie reserviert. Sie wußte nicht, welche Regung ihn veranlaßt hatte, es als »Ciroccos Zimmer« zu bezeichnen. Er hatte damals seltsame Dinge getan; wie den Bau des Kup- ferschreins für Robin. Das Zimmer hatte einen nackten Holzfußboden, weiße Wände und ein Fenster mit einer schwarzen Jalousie. Das einzige Möbelstück war ein weiß gestri- chenes, einfaches Eisenbett. Die Matratze war dick und mit Federn prall vollgestopft. Es war stets or-, dentlich gemacht mit weißen Laken und einem Kis- sen, und es war so hoch, daß Cirocco die Sprungfe- dern unter der Matratze und den Boden darunter se- hen konnte. Einziger Farbfleck im Raum war die Messing-Türklinke. Es war ein Zimmer, in dem nichts sich verstecken oder versteckt werden konnte. Es war wunderbar ge- eignet, sich hinzusetzen und nachzudenken. Zog man die Jalousie herunter, konnte einen nichts mehr ab- lenken. Das Licht, das durchs Fenster hereinfiel, erinnerte sie an frühen Morgen. Sie erinnerte sich daran, wie sie auf dem College Nächte hindurch Unterricht ge- habt hatte und danach in ein Zimmer ähnlich diesem zurückgekehrt war. Sie spürte dieselbe angenehme Müdigkeit, dieselbe Gärung hin und her gewälzter Ideen, Ideen, die immer noch in ihrem Kopf kreisten. Natürlich war es nicht Vormittag. Es war zeitloser Nachmittag. Cirocco war daran gewöhnt. Sie vermißte kleine Dinge. Manchmal hatte sie den Wunsch, wieder die Sterne zu sehen. Sternschnup- pen, bei denen man sich etwas wünschen konnte. Sie setzte sich auf die Bettkante. Wonach sehnst du dich, Cirocco? Du siehst zwar keine Sternschnuppe, aber wünsche dir trotzdem etwas. Wer bekommt es mit? Na ja, es wäre nett, wenn jemand das mit dir teilte. Kaum hatte sie diesen Gedanken, empfand sie ihn als undankbar. Sie hatte Freunde, die besten der Welt. Mit Freunden hatte sie immer Glück gehabt. So wur- de die Bürde geteilt. Aber eine besondere Art des Miteinanderteilens, hatte sie vermißt. Oft hatte sie geglaubt, es sei mög- lich, dieser oder jener Mann könne der richtige sein. Was war diese Erscheinung, die man Liebe nannte? Vielleicht wußte sie es nicht einmal. Sie hatte lange genug gelebt, daß sie gar nicht mehr genug Finger hatte, die Beinahe-Liebesgeschichten zu zählen. Die erste, als sie vierzehn war. Der Bursche auf dem Col- lege ... wie hieß er noch gleich? Wie sie jetzt zurückdachte, fragte sie sich, ob es ihre letzte Chance war. Als Kapitän und Kandidatin für das Kommando hatte sie nicht viel Zeit dafür gehabt. Viele Liebhaber im körperlichen Sinn, aber sich zu verlieben hätte ihre Pläne gefährdet. Als Magier ... war immer etwas dazwischengekommen. Sie war sogar bereit gewesen, ein Auge zuzudrük- ken. Wenn der Richtige sich nicht fand, warum dann nicht die Richtige? Sie war Gaby so nahe gewesen. Es hätte gelingen können. Und all die lieben Titaniden. Zweimal hatte Cirocco Kinder geboren, einmal auf die titanidische Weise mit einer anderen als Hinter- mutter. Einmal auf die menschliche Weise, als sie ihn selbst ausgetragen hatte. Sie hatte schon lange nicht mehr an ihn gedacht. Er war zur Erde zurückgekehrt und hatte nie geschrieben. Jetzt war er schon längst tot. In Ordnung, Cirocco, so viel zu diesem Wunsch. Die Sache mit den drei Wünschen funktioniert nicht bei Sternen – die du ja ohnehin nicht gesehen hast –, aber wir werden großzügig sein und dir zwei Wün- sche zum Preis von einem zugestehen. Sie erkannte, daß es helfen würde, einfach einen Geliebten zu haben. Es wäre so leicht zu haben., Sie wischte sich eine Träne von der Wange. Fünf Titaniden unten im Haus. Jeder von ihnen würde freudig ihr Geliebter oder ihre Geliebte sein – auch in der frontalen Form, was sie nicht sonderlich bereit- willig taten. Aber es war Jahrzehnte her, seit Cirocco das letztemal einen Titaniden geliebt hatte. Es war nicht fair. Alles, was sie tun mußte war, sich an ihre Stelle zu begeben und eine simple Frage zu stellen. Konnten sie denn nein sagen? Conal ... Sie ging mit den Knien zu Boden und setzte sich hin. Ihr Gesicht war jetzt naß vor Tränen. Conal stand ihr zur Verfügung und hatte es immer getan. Und sie konnte ihn niemals mit ins Bett neh- men. Sie mußte nur daran denken, was sie ihm an- getan hatte, und fühlte sich krank. Kein Mann sollte dermaßen seiner Würde beraubt werden. Nach dem damaligen Vorfall noch seine Geliebte zu werden, wäre so grotesk, daß sie es sich nicht vorstellen konnte. Robin ... war so süß, daß Cirocco es kaum glauben konnte. Was für eine eiserne, schnell hochgehende, nach Pisse und Essig schmeckende Hurentochter sie doch vor zwanzig Jahren gewesen war! Jeder ver- nünftige Mensch hätte damals gesagt, daß man sie bei der Geburt am besten ertränkt hätte. Wahrscheinlich hatte Cirocco sie deshalb so gemocht. Aber bei Robin hatte sie nie diesen Funken der Anziehung gespürt, nicht in dem Maße, wie es bei Gaby gewesen war. Was auch gut so war. Robin würde mit Conal genug Probleme haben, ohne daß ihr auch noch ein altern- der Magier in die Quere kam. Cirocco legte die Hände auf die kühlen, schim- mernden, glatten Bodenplanken und beugte sich her-, ab, bis sie sie mit der Wange berührte. Ihre Sicht war verschwommen. Sie schniefte, rieb sich die Nase und wischte sich die Augen, und sie blickte lustlos am Boden entlang zu dem Lichtspalt unter der Tür. Kein Staubkorn war zu sehen. Es roch nach Holzpolitur, scharf und frisch wie nach Zitrone. Sie entspannte sich, und dann bebten ihre Schultern. Nova ... O Gott, sie wollte nicht Novas Geliebte sein, son- dern Nova selbst. Achtzehn Jahre alt, frisch, gut ent- wickelt, unschuldig und verliebt. Verliebt in eine müde alte Hexe. Das mußte in Elend enden. Aber was für ein ... süßes Elend war es wohl, jung zu sein und zum erstenmal ein gebrochenes Herz zu haben! Cirocco schluchzte jetzt laut, ohne aber viel Lärm zu machen. Sie konnte nicht mehr aufhören. Sie dachte an Nova, wie sie das blaue Wasser durchschnitt, schlank wie ein Seehund, dachte an das große unbeholfene Mädchen, das unten an den Fall- schirmleinen schwang und dann wie ein Engel ohne Flügel dahinsegelte. Sie sah Nova, wie sie lachend und mit leuchtenden Augen das titanidische Festes- sen verschlang, dachte dann an das Mädchen, wie es allein in seinem Zimmer war und den Trank mixte, mit dem sie Ciroccos Liebe zu erringen versucht hatte. Cirocco gab sich ihren Tränen hin. Sie lag auf dem kalten Fußboden und weinte um das, was gewesen war, was war und was sein würde. Ein winziger Teil ihres Bewußtseins sagte ihr, daß sie es lieber jetzt hinter sich brachte. Später würde sie nicht mehr viel Gelegenheit dazu haben., Conal hatte sich so lange mit Robin unterhalten, daß es Stunden zu sein schienen. Das Gespräch hatte sich von Ciroccos Plan entfernt – der Conal immer noch leicht unwirklich vorkam – und anderen Dingen zugewandt. Mit Robin zu reden fiel ihm in jüngster Zeit nicht mehr schwer. Er sah, daß sie schläfrig wurde, und erkannte, daß auch er es war. Nova schlief immer noch zusammen- gerollt auf ihrem großen Stuhl, aber die Titaniden waren alle verschwunden. Er hatte nicht bemerkt, wie sie gegangen waren. Titaniden konnten sich nun si- cherlich leise bewegen, aber das war doch lächerlich! Es waren fünf, und er hatte sie nicht gehen sehen? Er sah, wie Robin ihn anlächelte. »Wo sind wir nur mit den Gedanken gewesen?« fragte sie und gähnte. Sie beugte sich herüber und küßte ihn auf die Wange. »Ich bin fürs Bett.« »Ich auch. Wir sehen uns später.« Er blieb noch eine Zeitlang sitzen, nachdem Robin gegangen war, inmitten der Überreste des Essens. Dann stand er auf und ging zur Treppe. Virginal stand wie eine Statue mitten im angren- zenden Zimmer. Die Ohren hatte sie steil nach vorn gerichtet, und sie blickte mit schrecklicher Intensität auf einen Punkt an der Decke. Conal wollte schon etwas sagen, aber Virginal bemerkte ihn, lächelte ihn kurz an und ging hinaus. Er zuckte die Achseln und stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf. Und dort standen Valiha und Hornpipe genauso reglos. Auch sie hatten die Ohren aufgerichtet. Beide wirkten schmerzerfüllt. Sie bemerkten Conal nicht, bis er an ihnen vorbei- ging, dann sahen sie ihn kurz an, ohne ihn auch nur, mit einem Wort zu grüßen. Langsam gingen sie auf die Treppe zu, die er gerade heraufgekommen war. Er wurde nicht schlau aus ihnen. Er zuckte die Achseln und betrat sein Zimmer. Er dachte weiter über das Gesehene nach, öffnete die Tür und steckte den Kopf hinaus. Die beiden hatten wieder ihre Lauschhaltung eingenommen. Rocky stand auf der Treppe, und auch er lauschte und blickte nach oben. Conal studierte die Decke, die für die Titaniden of- fenbar so interessant war. Er konnte nichts erkennen. Lauschten sie auf etwas da oben im zweiten Stock? Die Zimmer dort waren alle leer. Er hörte nichts. Da fing Rocky leise an zu singen. Bald fielen Horn- pipe und Valiha ein, und auch Schlange kam leise herauf, um sich zu Virginal zu gesellen. Es war ein geflüstertes Lied, und Conal verstand auch nicht mehr davon als von ihren sonstigen Liedern. Er gähnte und machte die Tür zu.

NEUN

Während das Pandämonium fünf Myriarevs lang sei- ne unsteten Wanderungen durchführte, waren die Bauarbeiten am permanenten Standort in Hyperion vorangeschritten. Die Eisernen Meister waren die Hauptauftragneh- mer. Sie hatten die Stelle vorbereitet, die einen Kreis um das südliche zentrale Vertikalkabel bildete. Brük- ken überspannten jetzt den trägen Euterpe-Fluß und die heftig brausende Terpsichore. Zweihundert Qua- dratkilometer bewaldeter Hügel waren kahlgeschla-, gen worden. Man hatte das Holz zum Pandämonium transportiert, wo es gemahlen, gesägt, getrocknet, ge- schnitten, gestapelt, zusammengefügt und genagelt, geschmirgelt und zurechtgeschnitzt wurde, woran fünftausend Trupps Zimmerleute arbeiteten. Von den Bergwerken, Schmelzhütten, Schmieden und Gieße- reien in Phöbe aus war eine Eisenbahnstrecke durch unwegsames Gelände gebaut worden, durch das Asteria-Gebirge und über den mächtigen Ophion in der Dämmerungszone von West-Rhea, und endlose Güterzüge brachten die Metallknochen des Pandä- moniums über die fremdartigen Stahlbänder. Im We- sten war der Calliope-Fluß eingedämmt worden. Der See hinter dem Damm erstreckte sich jetzt zwanzig Meilen weit, und seine Wassermassen donnerten durch die Turbinen und Generatoren, von wo aus die Elektrizität in die Leitungen eingespeist wurde, deren Masten über eine Landschaft hinwegmarschierten, wo einst die Titaniden ihre Herden gehalten hatten. Während der letzten Myriarev, in der die Bauar- beiten ihren Höhepunkt erreichten, holte Gäa immer mehr menschliche Flüchtlinge aus Bellinzona, um sie als Arbeiter im Pandämonium zu verwenden. Manchmal hatte sie dort siebzigtausend Arbeitskräf- te. Die Arbeit war hart, aber das Essen gut. Arbeiter, die sich beschwerten oder starben, wurden in Zom- bies verwandelt. So waren Arbeiterunruhen kein Problem. Es sollte Gäas Meisterstück werden. Als Adam gefangengenommen wurde, waren die Arbeiten am permanenten Standort nahezu abge- schlossen. Als Gäa das Ausmaß der Schäden an ihrer Wandershow erkannte, ordnete sie den letzten Um-, zug an, obwohl noch eine Kilorev Arbeit zu tun war. Das südliche zentrale Kabel hatte einen Durchmes- ser von fünf Kilometern und war hundert Kilometer hoch an der Stelle, wo es das Dach von Hyperion durchdrang und im Tageslicht verschwand. Fünf- hundert Kilometer weiter lief es in die Nabe Gäas, wo es ein Strang von vielen in einem monströsen Korb- netz wurde. Dieses Korbnetz war der Anker, der Gä- as Torus fortwährend spannte. Das Kabelnetz war tief unter dem Torus an Gäas Knochen befestigt, und sei- ne Funktion war es, die zentripetale Kraft zu bändi- gen, damit Gäa nicht auseinanderflog. Die Kabel ta- ten dies seit drei Millionen Jahren und zeigten jetzt gewisse Spuren der Ermüdung durch die ständige Beanspruchung. Jedes Kabel bestand aus einhundertvierundvierzig gewundenen Strängen, von denen jeder im Durch- messer etwa zweihundert Meter betrug. Im Verlauf der Äonen hatten sich die Stränge gedehnt. Diesen Vorgang bezeichneten alle – außer Gäa, die den Aus- druck für ordinär hielt – als Jahrtausenddurchhänger. Deshalb war die Basis eines Vertikalkabels keine Fünf-Kilometer-Säule, sondern ein schmaler Kegel aus sich entwirrenden Strängen, der ungefähr sieben Kilometer durchmaß. Zwischen den Strängen konnte man Lücken finden; es war möglich, mitten durch das Kabel zu gehen, durch den gigantischen Strängewald. Darin sah es aus wie in einer dunklen Stadt aus run- den, schwebenden Wolkenkratzern ohne Fenster und ohne Spitzen. Zusätzlich zu dem Durchhänger waren gerissene Stränge zu beklagen. Gäa besaß einhundertacht Kabel mit insgesamt fünfzehntausendfünfhundertzweiund-, fünfzig Strängen. Davon waren zweihundert als ge- rissen zu erkennen, weil sie zu den äußeren Lagen gehörten. Jedes Kabel in Gäa hatte seine sichtbaren Wunden, wobei der obere Teil des Stranges sich wegrollte wie ein vereinzelter Spliß und der untere Teil auf dem Boden lag, bis zu siebzig Kilometer lang, je nachdem, wie hoch die Bruchstelle lag. Das traf auf alle Kabel zu, ausgenommen eines im Zentrum des südlichen Hyperion. Während andere Kabel zwei, drei oder sogar fünf sichtbare Bruchstel- len aufwiesen, war dasjenige, das sich aus dem Mit- telpunkt des Neuen Pandämoniums erhob, makellos und stieg in einer glatten und atemberaubenden Steilkurve an. Gäa tätschelte abwesend den Kabelstrang, neben dem sie stand, warf einen letzten Blick nach oben und ging dann zum Herz ihrer neuen Domäne. Nur sie wußte von den inneren gebrochenen Strängen, denen, die niemals an den Tag kamen. Es waren vierhundert. Sechshundert Versager aus fünfzehntausend waren eine Quote von nur etwa vier Prozent. Nicht schlecht für drei Millionen Jahre, dachte Gäa. Sie konnte zwanzig Prozent tolerieren, wenn auch nicht leicht. An dem Punkt würde sie ihre Rotationsgeschwindig- keit herabsetzen müssen. Natürlich bestanden noch weitere Gefahren. Das schwächste Kabel war im zen- tralen Okeanos zu finden. Sollten dort weitere Strän- ge nachgeben, konnte das gesamte Kabel unter der zusätzlichen Spannung reißen. Okeanos würde sich dann nach außen wölben und ein tiefes Meer bilden, in das der Ophion von beiden Seiten hineinfloß und nie wieder hinaus. Das Ungleichgewicht würde je- doch zu einer Destabilisierung führen, die wiederum, weitere Stränge schwächte ... Das vertrug kein Nachdenken. Seit vielen Jahrtau- senden lautete Gäas Motto: Soll der morgige Tag für sich selbst sorgen. Sie gelangte in die Bereiche des Neuen Pandämo- niums, die noch im Bau waren, und sah eine Zeitlang zu, wie Zimmerleute und Eiserne Meister an einer Tonbühne arbeiteten, die größer war als jede zuvor auf der Erde gebaute. Dann blickte sie hinaus über das Studio. Das Neue Pandämonium war ein Ring um das Sie- ben-Kilometer-Kabel mit einer Breite von zwei Kilo- metern. Seine Fläche bedeckte fünfundzwanzig Qua- dratkilometer. Das Studiogelände war vollständig umgeben von einer Mauer mit einem Umfang von dreißig Kilome- tern und einer Höhe von dreißig Metern. Oder we- nigstens sah der Plan so aus. Der größte Teil der Mauer war fertiggestellt, aber einige Sektionen hatten erst eine Höhe von zwei oder drei Metern erreicht. Die Mauer bestand aus Basaltstein, den man im süd- lichen Hochland gebrochen und vierzig Kilometer über eine zweite Bahnlinie der Eisernen Meister zum Pandämonium transportiert hatte. Die Mauer war an das Vorbild der Chinesischen Mauer angelehnt, aber höher und breiter. Sie wurde gekrönt von einer Ein- schienenbahn, die am inneren Rand entlanglief. Außen schloß sich ein Burggraben an, der mit Hai- en gefüllt war. Die Mauer war von zwölf Toren durchbrochen, so daß sie dem Zifferblatt einer Uhr ähnelte. Die Tore waren gewölbt und über stabile Dämme zu erreichen, die in Zugbrücken endeten, und sie waren zwanzig Meter hoch – genug, daß Gäa, hindurchgehen konnte, ohne den Kopf einzuziehen. Jedes Tor wurde an der Innenseite der Mauer von je- weils zwei Tempeln flankiert, dem jeweils ein Priester und seine Truppen vorstanden. Gäa hatte die Tempel nach reiflicher Überlegung angeordnet. Sie glaubte daran, daß ein gewisses Maß an Spannung unter ih- ren Jüngern sowohl für größere Disziplin als auch für interessante und ungeplante Ereignisse sorgen wür- de. Meistens waren diese Ereignisse blutig. Entsprechend wurde das Universal-Tor in der Zwölf-Uhr-Position, das nördlichste der Tore des Neuen Pandämoniums, im Osten von Brigham und seinen Männern bewacht und im Westen von Joe Smith und seinen Gadianton-Räubern. Brigham und Joe verabscheuten sich gründlich, wie es sich ge- ziemte für Anführer rivalisierender Sekten mit insge- samt gleichem Glaubenssystem. Mehr als einen Ki- lometer weit entfernt in der Ein-Uhr-Position lag das Goldwyn-Tor. Dort stand Luthers schmucklose Ka- pelle, angefüllt mit seinen zwölf Jüngern und unge- zählten Pastoren, dem Vatikan von Papst Joan ge- genüber, wimmelnd von Kardinälen, Erzbischöfen, Bischöfen, Statuen, blutenden Herzen, Jungfrauen, Rosenkränzen und sonstigem Pfaffenkram. Luther schäumte stets, wenn einmal pro Hektorev die Bin- gospiele abgehalten wurden, und spie jedesmal aus, wenn er an der Marktbude vorbeikam, an der ein lebhafter Handel mit Ablässen betrieben wurde. Bei zwei Uhr lag das Paramount-Tor, wo Kali und ihre Schläger sowie Krishna und seine Orangekutten endlose verstohlene Intrigen gegeneinander insze- nierten. Drei war das RKO-Radio-Tor. Der gesegnete Foster, und Pater Brown verliehen dort ihren jeweiligen lite- rarischen Charakteren ein bösartiges Leben. Bei vier war das Columbia-Tor anzutreffen, wo Marybaker ihren Leseraum hatte und Elron seine E- Metren und Engramme. Nahe dem First-National-Tor führten der Ayatollah und Erasmus X. einen ständigen Jihad von ihren ver- schiedenen Moscheen aus. Am Fox-Tor ging es vergleichsweise ruhig zu. Gautama und Siddhartha griffen nur selten auf Ge- walt zurück und lenkten diese auch noch oft gegen sich selbst. Die Hauptablenkung am Fox war ein ein- gedrungener Priester namens Gandhi, der ständig versuchte, sich den Weg in einen Tempel freizu- schubsen. Und so ging es weiter um die gewaltige Uhr des Neuen Pandämoniums herum. Das Warner-Tor war die Arena für Shinto und Sony in ihrem unaufhörli- chen Kampf um Neu und Alt. Am MGM-Tor tönten die heiseren Rivalitäten von Billy Sunday und Aimee Semple McPherson. Keystone wurde bewacht von Konfuzius und Tze-Tung, Disney von Der Guru Mary und St. Nikolaus, und United Artists von St. Torque- mada und St. Valentin. Weitere entrechtete Priester hatten ihre heiligen Stätten weit von den Toren entfernt. Mumbo Jumbo aus dem Kongo stolzierte in düsterem Zorn durch das Studio und murrte etwas von Diskriminierung, und es war genau das, was Gäa geplant hatte. Wicca, Mensa, Trotzki und I. C. schimpften über die Beto- nung der Tradition, Ronald Rambo Zambo aus Hol- lywood zeterte über den Verlust derselben, und der Mahdi und viele andere beschwerten sich über die, einseitig pro-christliche Ausrichtung des gesamten Mythensystems im Neuen Pandämonium. Keiner von ihnen äußerte jedoch seine Beschwer- den gegenüber Gäa. Und sie alle waren dem KIND tief und aufrichtig ergeben. Von jedem Tor aus führte eine mit Gold gepfla- sterte Straße ins Innere. Wenigstens hatten die ursprünglichen Entwürfe so gelautet. In der Praxis fand sich in Gäa nicht genug Gold für so viele Straßen, und sie konnte es auch nicht herstellen. Also waren elf Straßen fünfzig Meter weit mit Barren aus reinem Gold gepflastert, gefolgt von einem Kilometer aus vergoldeten Backsteinen. Die restlichen Backsteine waren mit Goldfarbe ange- pinselt worden, die bereits abblätterte. Nur die Universal-Straße bestand auf ganzer Länge aus purem Gold. Und am inneren Ende der Straße erhob sich Tara, der Tadsch-Mahal-Plantagenpalast, der Adam, das KIND, beherbergte. Tatsächlich eine gelb gepflasterte Straße, dachte Gäa, während sie den Vierundzwanzig-Karat- Highway entlangschritt. Rechts und links von ihr befanden sich die Ton- bühnen, Kasernen, Läden, Requisitenkammern, Gar- deroben, Ausstattungsgebäude, Garagen, Büros der Geschäftsleitung, Entwicklungsabteilungen, Schnei- deräume, Vorführräume, Gilden-Enklaven und pho- tofaunalen Zuchtpferche des größten Studios, das es je gegeben hatte. Und dies, dachte Gäa in satter Zu- friedenheit, ist nur eines von zwölf. Hinter dem ei- gentlichen Studio kamen die Straßendekorationen – Manhattan 1930, Manhatten 1980, Paris, Teheran, To- kio, Clavius, Westwood, London, Dodge City 1870 –,, und dahinter die schwarzen Parzellen mit den Rin- der-, Schaf-, Büffel- und Elefantenherden, den Mena- gerien mit tropischen Vögeln und Affen, die Fluß- dampfer, Kriegsschiffe, Indianer und Nebelgenerato- ren; und dies alles grenzte zu beiden Seiten an die nächsten Studiogelände: Goldwyn und United Ar- tists. Gäa blieb stehen und trat zur Seite, um einen mit Kokain beladenen Lastwagen vorbeizulassen. Er wurde von einem Zombie gesteuert. Die Kreatur am Steuer hatte wahrscheinlich überhaupt nicht bemerkt, daß die Säule, die sie umfahren hatte, seine Göttin war; das Dach des Lastwagens ragte nicht weit über Gäas Knie hinaus. Er bog zum Kokain-Lagerhaus ab, das inzwischen fast voll war. Gäa runzelte die Stirn. Die Eisernen Meister waren in vielem gut, aber sie waren nie auf den Dreh mit dem Verbrennungsmotor gekommen. Dampfmaschinen gefielen ihnen besser. Gäa erreichte das Universal-Tor. Das Fallgitter war oben, die Zugbrücke unten. Brigham stand auf einer Straßenseite, Joe Smith auf der anderen, und sie fun- kelten einander an. Aber beide Priester und alle ihre Mormonen und Normannen beendeten ihre mörderi- schen Streitigkeiten, als Gäa über ihnen aufragte. Gäa betrachtete die Szenerie forschend, ohne sich um das Surren der Panaflexe zu kümmern. Obwohl das Studio noch nicht fertiggestellt war, würde die heutige Zeremonie die Arbeiten abschließen, die ihr am wichtigsten waren. Elf der zwölf Tore waren ge- weiht. Heute erfolgte der abschließende Ritus, der den Kreis vollendete. Bald konnten die ernsthaften Filmarbeiten beginnen. Der unglückliche Bursche, der zugegeben hatte, ein, Autor zu sein, stand in goldenen Ketten da. Gäa nahm auf ihrem Sitz Platz – der alarmierend unter ihr knarrte, wodurch mehrere Kulissenschieber beinahe einen Herzstillstand bekamen. Einmal war ein Sitz unter ihr zusammengebrochen ... »Fangt an!« murmelte sie. Brigham schlitzte dem Autor den Hals auf. Dann wurde das Opfer auf einen Galgen gehievt und sein Blut auf dem großen, sich drehenden Globus über dem Universal-Tor verschmiert. Chris beobachtete die Zeremonie durch ein hochgele- genes Fenster in Tara. Auf diese Entfernung konnte er unmöglich erkennen, was dort vor sich ging. Eines war sicher: Was dort auch geschah, es war mörderisch, obszön, verrückt und eine Verschwen- dung von Leben ... Er wandte sich ab und ging die Treppe hinunter. Er hatte mit vielem gerechnet, als er vor fast zwei Kilorevs aus dem Flugzeug gesprungen war. Nichts davon war erfreulich gewesen. Ihm war dann auch nichts Erfreuliches geschehen ... aber auch nichts von dem, was er erwartet hatte. Zuerst war er frei durch das Chaos des Pandämo- niums gewandert. Er wich den großen Feuern aus, hoffte gegen alle Hoffnung, daß er vielleicht Adam fände und mit ihm ins Land hinaus fliehen könnte. Dazu kam es nicht. Er wurde von Menschen und Zombies gefangengenommen sowie von einigen We- sen, die anscheinend beides nicht waren. Er tötete ein paar von ihnen und wurde dann niedergerungen, ge- fesselt und bewußtlos geschlagen. Eine ungewisse Zeit folgte. Er wurde in einer gro-, ßen, fensterlosen Kiste gehalten. Er wurde unregel- mäßig gefüttert und bekam einen Eimer zum Urinie- ren und Entleeren des Darms ... sowie reichlich Zeit, sich an die Vorstellung zu gewöhnen, daß dies für den Rest seines Lebens sein Platz war. Dann wurde er an diesem neuen Standort freige- lassen, in diesem ausgedehnten, unglaublichen, ge- schäftigen Irrenhaus, das man Neues Pandämonium nannte. Man zeigte ihm sein Quartier in Tara und führte ihn zu einer Audienz bei Adam. Alle bezeich- neten Adam als das KIND, wobei die Großbuchsta- ben in der Sprechweise zum Ausdruck kamen. Er war unverletzt und schien zu gedeihen. Chris war nicht sicher, ob Adam ihn erkannte, aber das Kind war be- reit, mit ihm zu spielen. Adam besaß ein Vermögen an Spielzeugen. Wunderbare, sinnreiche Spielzeuge aus den feinsten Materialien, und alle vollkommen si- cher, ohne scharfe Kanten oder etwas, was man ver- sehentlich verschlucken konnte. Er hatte zwei Kin- derschwestern, hundert Diener und – wie Chris bald erkannte – ihn. Chris sollte ein Teil der Haushaltsein- richtung von Tara werden. Nicht viel später war Gäa zu Besuch gekommen. Chris erinnerte sich nicht gerne daran. Er hielt sich sonst für so mutig, wie man es nur erwarten konnte, aber zu Füßen dieses monströsen Wesens zu sitzen und ihr zuzuhören, hatte ihn fast umgebracht. Sie be- herrschte ihn, wie ein Mensch einen Pudel beherr- schen konnte. »Setz dich!« sagte sie, und er gehorchte. Er fühlte sich, als säße er zu Füßen des Sphinx. »Deine Freundin Cirocco war sehr unartig«, sagte Gäa. »Ich bin mit der Bestandsaufnahme noch nicht, fertig, aber es sieht so aus, als hätte sie drei- oder vierhundert Filme vollständig vernichtet. Damit mei- ne ich nur die Filme, von denen ich nur eine Kopie hatte. Wahrscheinlich existieren auf der Erde keine mehr. Was meinst du dazu?« Für seine Antwort brauchte er mehr Mut, als er er- wartet hatte. »Ich finde, Filme bedeuten nichts im Vergleich zu menschlichem Leben oder ...« »Menschlichem Leben, ja?« fragte Gäa und lächelte schwach. »Das habe ich nicht gemeint. Ich meinte Menschen und Titaniden ...« »Was ist mit den Eisernen Meistern? Sie sind intel- ligent, was du sicher nicht bezweifelst. Was ist mit den Walen und Delphinen? Was mit Hunden und Katzen, Kühen, Schweinen und Hühnern? Ist das Le- ben wirklich so heilig?« Chris wußte dazu nichts zu sagen. »Natürlich treibe ich ein Spiel mit dir. Aber ich ha- be noch nichts Besonderes am Leben gefunden, ob intelligent oder nicht. Es ist beliebig reproduzierbar, in fast jeder Form. Es existiert, aber es ist töricht zu denken, es habe ein Recht zu existieren. Die Art seines Todes ist letztlich nur von geringer Bedeutung. Ich erwarte nicht, daß du mir zustimmst.« »Das ist gut, weil ich es auch nicht tue.« »Schön. Meinungsunterschiede sind das, was das Leben, wie es ist, interessant macht. Ich persönlich halte die Kunst für das einzige, was wirklich beein- druckend ist. Kunst kann ewig leben. Es ist eine gute Frage, ob sie Kunst bleibt, auch wenn kein Auge sie mehr sieht oder kein Ohr sie hört, aber das ist eine, von diesen nicht zu beantwortenden Fragen, nicht wahr? Ein Buch oder Gemälde oder Musikstück sollte ewig leben, wohingegen das Leben nur durch die ihm bestimmten Augenblicke wankt, ißt und scheißt, bis ihm die Luft ausgeht. Es ist alles recht häßlich. Wie es sich trifft, mag ich Filme. Und ich finde, Ci- rocco hat eine große Sünde begangen, als sie diese vierhundert Filme zerstörte. Was meinst du?« »Ich? Ich persönlich würde jedes Gemälde, jeden Film, jede Platte und jedes Buch zerstören, das je exi- stierte, wenn ich damit ein menschliches oder titani- disches Leben retten könnte.« Gäa blickte ihn finster an. »Vielleicht sind unserer beider Positionen extrem.« »Deine ist es.« »Du hast eine Art Museum zu Hause, in Tuxedo Junction.« »Es ist ein Luxus, den ich niemals missen möchte. Ich will nicht leugnen, daß die Vergangenheit es wert ist, bewahrt zu werden, und es ist traurig zu sehen, wenn Kunst – auch schlechte Kunst – für immer aus der Welt verschwindet. Kunst zu zerstören, ist eine üble Sache, der ich keinen Beifall zolle, aber Cirocco hätte es auch nicht getan, wenn sie nicht geglaubt hätte, sie könne dadurch Leben retten. Deshalb glau- be ich nicht, daß sie gesündigt hat.« Gäa dachte eine Zeitlang darüber nach und lächelte ihn dann an. Sie stand auf und überraschte Chris da- mit völlig. »Gut«, sagte sie. »Dann haben wir ideale Positionen bezogen. Du auf der einen Seite, ich auf der anderen. Es wird interessant sein festzustellen, was Adam meint.«, »Was willst du damit sagen?« Sie lachte. »Hast du je von Jiminy Cricket gehört?« Das hatte er zu dem Zeitpunkt noch nicht. Aber in- zwischen hatte er den Film gesehen und verstand jetzt, welche Rolle er spielte. Er hatte den Film sogar viermal gesehen. Es war einer von Adams Lieblings- filmen. Der Ablauf ihrer Tage wurde rasch durchsichtig. Chris blieb auf Tara. Er konnte mit Adam soviel Zeit verbringen, wie er nur wollte, außer einer Rev in jeder von Adams Wachperioden. In dieser Rev war Adam mit dem Fernsehgerät allein. Jedes Zimmer in Tara hatte einen Fernseher, man- che sogar drei oder vier. Man konnte sie nicht aus- schalten. Sie alle zeigten gleichzeitig dasselbe Pro- gramm, so daß die Kontinuität nicht verlorenging, wenn Adam von einem Zimmer in ein anderes wech- selte. Zu diesem Zeitpunkt spielte das für Adam noch keine große Rolle. Seine Konzentrationsspanne be- trug gewöhnlich nicht viel mehr als eine Minute. Fes- selte das Programm jedoch einmal wirklich seine Aufmerksamkeit, blieb er vielleicht sogar fünf oder zehn Minuten sitzen und kicherte über Dinge, die nur er zu begreifen schien. Während der Zeiten, in denen ihn Chris nicht besuchen durfte, spielte er manchmal mit seinen Spielsachen oder verbrachte auch den größten Teil der Rev, indem er auf den Bildschirm starrte. Meist schlief er dabei ein. Chris war nicht beeindruckt. Tatsächlich nahm er das Fernsehen kaum zur Kenntnis, es sei denn als, ständiges, geräuschvolles Ärgernis. Er bemerkte bald, daß irgendeine Art Erziehungs- prozeß im Gang war. Die Sachen, die Adam am lieb- sten sah – gemessen in gpm, Gekicher pro Minute – tauchten öfter auf dem Bildschirm auf. Das meiste war kaum anstößig. Man sah eine Menge Zeichentrickfilme von Walt Disney und Warner Brothers, viel japanische Computer-Animation aus den 90ern und von der Jahrhundertwende sowie ei- nige alte Fernsehshows. Hie und da schlich sich ein Western ein und auch Kung-Fu-Filme, die Adam an- scheinend deshalb mochte, weil sie so laut waren. Chris lachte doch tatsächlich, als der erste obskure Film von der 20th Century Fox auf den Bildschirm kam. Er hieß Ein Ticket nach Tomahawk, und Gäa spielte darin eine kleine Rolle. Chris sah den Film, während Adam schlief – denn er hatte in seinem aufwendigen Gefängnis nur wenig zu tun, wenn er nicht gerade mit Adam beschäftigt war. Der Film war ein Western. Und dann erspähte er Gäa in einer Re- vue. Es war natürlich nicht Gäa, sondern eine Schau- spielerin, die ihr sehr ähnlich sah. Chris betrachtete sich aufmerksam den Nachspann, um den Namen der seit langem toten Frau herauszufinden, entdeckte ihn aber nicht. Wenig später sah er Gäa wieder in einem Film, diesmal in Alles über Eva. In diesem Film spielte sie eine größere Rolle, und er konnte feststellen, daß die Schauspielerin Marilyn Monroe hieß. Er fragte sich, ob sie berühmt gewesen war. Er kam bald zu dem Schluß, daß sie es wohl gewe- sen war, da ihre Filme nun regelmäßig im Tara-, Fernsehen auftauchten. Adam nahm sie kaum zur Kenntnis. Alles über Eva hatte auf der Kicherskala den Wert Null angezeigt; Adam hatte kaum einen Blick auf den Film geworfen. Dem Asphalt-Dschungel er- ging es nicht besser, und das gleiche galt für Blondi- nen bevorzugt. Dann sah Chris Dokumentarfilme über das Leben und den Tod von Marilyn Monroe. Es gab sie in er- staunlicher Zahl. In den meisten wurde von Eigen- schaften gesprochen, die Chris einfach nicht sehen konnte. Obwohl sie eine Kassenattraktion im zwan- zigsten Jahrhundert gewesen sein mochte, sagten Chris nur wenige ihrer Filme etwas. Aber etwas bestätigte seinen Verdacht. Während einer der langweiligen Dokumentarfilme lief, blickte Adam von seinen Spielsachen auf, lächelte, deutete auf den Fernseher und sagte »Gay«. Er blickte zu Chris, deutete wieder und sagte »Gay.« Chris war zum erstenmal beunruhigt. Gäa kam nicht nach Tara. Das heißt, sie betrat es nicht, obwohl das Haus un- ter Berücksichtigung ihrer monströsen Gestalt gebaut worden war. Sämtliche Türen waren breit und hoch ge- nug für sie, und die Treppe und der erste Stock waren soweit verstärkt, daß sie ihr Gewicht tragen konnten. Aber sie kam zu Besuch. Wenn sie es tat, blieb sie in größerer Entfernung, und Adam wurde auf einen Balkon im ersten Stock gebracht. Chris verstand die Logik diese Vorgehens. Jemand, der so groß war, ängstigte das Kind vielleicht. Gäa hatte vor, Adam allmählich an sich zu gewöhnen, und kam jeden Tag ein wenig näher., Immer, wenn Gäa zu Besuch kam, bot sie etwas Interessantes. Einmal war es ein Feuerwerk, das sie in der Hand hielt und dann in die Luft schleuderte. Es war nicht zu laut, aber sehr hübsch. Ein andermal war es eine Herde dressierter Elefanten. Sie brachte sie dazu, durch Reifen zu springen und Balance- kunststücke zu vollführen. Sie legte sich ein unge- mütlich aussehendes Tier über die Schulter, hatte dann ein Gewicht auf jeder Handfläche liegen und hob beide hoch in die Luft. Chris war beeindruckt, und Adam kicherte die ganze Zeit. Gäa plapperte un- aufhörlich in Babysprache, rief Adam beim Namen, sagte ihm, daß sie ihn liebe, und erwähnte so oft wie möglich ihren Namen. Und stets brachte sie ein wun- derbares Geschenk mit. »Gay, Gay, Gay!« krähte Adam dann begeistert. »Gay-ah!« rief Gäa stets zurück. Adam war jetzt etwa fünfzehn Monate alt. Sein Wortschatz wurde größer. Es dauerte nicht mehr lan- ge, bis er ›Gäa‹ sagen konnte. Marilyn Monroe hatte annähernd dreißig Filme gemacht. Als das Universal-Tor eingeweiht wurde, hatte Chris jeden von ihnen wenigstens einmal gese- hen. Er brütete darüber nach, während er die Treppe vom zweiten Stock hinunterging. Immer öfter unter- brach Adam jetzt sein Spielen, deutete auf den Fern- seher, lachte und nannte den Namen seiner riesen- haften Oma. Chris wollte gerade zum Erdgeschoß hinunterge- hen, als er von einem lauten Knall überrascht wurde, rasch gefolgt von einem weiteren. Er brauchte einen Moment, bis er die Geräusche als die einer Knall- schleppe erkannte., Er drehte sich um und rannte zum Balkon im er- sten Stock. Am Himmel entdeckte er zwei mittelgroße Dra- chenflug-Maschinen. Sie drehten und wurden langsa- mer, kamen jetzt noch einmal heran, nachdem sie so überraschend das Neue Pandämonium überflogen hatten. Chris war sich der Rufe und des Herumeilens unten vage bewußt. Die Flugzeuge waren zu hoch für ihn, um festzustellen, wer darin saß, oder auch nur, wie viele Leute es waren. Cirocco, dachte er. Mein Gott, Cirocco, du kannst doch nicht so dumm sein! Du kannst doch nicht glau- ben, es nütze irgend etwas, diese Festung zu bom- bardieren ... Er sah mit offenem Mund zu, wie die beiden Flug- zeuge, jetzt ziemlich langsam, eine komplizierte Folge von Drehungen und Wendungen absolvierten. Sie schienen die richtigen Positionen für irgend etwas zu suchen. Chris blieb fast das Herz stehen, als die beiden Ma- schinen zu rauchen begannen. Was konnte da pas- siert sein? Eine beschrieb eine schnelle Zickzackbahn, wäh- rend die andere eine weite, langsame Kurve flog. Dann hörten beide auf zu rauchen. Erneut wurden sie zu kaum sichtbaren Mücken, die ihre Kurven flogen und irgendeine Position suchten. Und Chris erkannte, daß sie die Buchstaben SU in die Luft geschrieben hatten. Sie zogen hoch und kippten, fingen wieder an zu rauchen. Diesmal zogen sie zwei parallele Linien, drehten scharf und fügten den Linien oben Halb- monde hinzu. PP. SUPP. Was, zum Teufel, sollte das?, Mit präzisen, engen Kurven wurden zwei weitere Linien hinzugefügt. SURR. »Chris«, flüsterte jemand. Er fuhr fast aus der Haut. Dann drehte er sich um und schrie beinahe laut auf, als er sah, wie Cirocco dicht genug bei ihm stand, daß er sie berühren konnte. »Cirocco«, flüsterte er und fand sich schon in ihren Armen wieder. Es war albern, es so auszudrücken, dachte er, da er sie weit überragte. Aber die Kraft floß nur in eine Richtung; es fiel ihm sehr schwer, seine Tränen zurückzuhalten. Sie zog ihn zurück in die Dunkelheit des Hauses. »Mach dir nichts daraus!« sagte sie ruhig und wies mit dem Kinn zum Himmel hinauf. »Eine amüsante Ablenkung ... mit einer Pointe. Sie wird Gäa gefallen, bis zum letzten Wort.« »Was willst du ...« »Ich habe nicht viel Zeit«, sagte Cirocco. »Es ist nicht leicht, hier einzudringen. Kannst du eine Zeit- lang zuhören?« Chris verkniff sich die tausend Fragen, die er stel- len wollte, und nickte. »Ich wollte ...« Cirocco unterbrach sich und sah für einen Moment weg. Chris fand die Zeit, zwei Dinge zu bemerken: Sie stand selbst kurz vor dem Weinen, und sie trug ein absonderliches Kostüm. Aber die Zeit reichte nicht, um alles aufzunehmen. »Wie geht es Adam?« fragte sie. »Gut.« »Sag mir, was geschehen ist.« Er tat es so schnell und präzise, wie er konnte. Sie nickte ab und an, runzelte zweimal die Stirn und, machte einmal den Eindruck, als würde ihr schlecht. Aber am Schluß nickte sie. »Es ist ziemlich genau so, wie Gaby es mir erzählt hat«, meinte sie. »Und komm mir jetzt bloß nicht we- gen Gaby.« »Das hatte ich nicht vor. Über Gespenster mache ich mir keine Gedanken mehr.« »Gut. Du verstehst also, was du tun mußt?« »Recht gut. Ich ... ich weiß nicht, ob ich etwas nüt- zen kann. Gäa ist viel raffinierter, als ich ihr zugetraut habe.« »Du kannst es schaffen«, sagte Cirocco völlig zu- versichtlich. »Wir werden unser bestes tun, euch hier herauszuholen. Wie ich dir schon letztesmal sagte, ist Adams Seele noch nicht in Gefahr und wird es auch für lange Zeit noch nicht sein. Aber, Chris ... es wird eine lange Zeit werden, ist dir das klar?« »Ich denke schon. Oh – hast du irgendeine Vor- stellung, wie lange?« »Weniger als ein Jahr auf keinen Fall. Vielleicht zwei.« Chris tat sein bestes, um seine Bestürzung zu ver- bergen, aber er wußte, daß sie es bemerkte. Sie sagte nichts. Er holte tief Luft und versuchte zu lächeln. »Wie du es für richtig hältst.« »Chris, es ist nicht nur richtig. Es ist der einzige Weg! Ich kann dir nicht viel darüber sagen. Wenn Gäa denkt, du wüßtest etwas, könnte sie es aus dir herausholen.« »Ich verstehe. Aber ...« Er wischte sich über die Stirn und sah Cirocco dann direkt an. »Cirocco, war- um nimmst du ihn nicht jetzt einfach mit und fliehst wie der Teufel?« »Chris, mein lieber alter Freund, glaube mir, wenn, ich das tun könnte, würde ich es tun, würde dich der Gnade Gäas ausliefern – und wahrscheinlich vor Scham sterben, sobald ich Adam in Sicherheit ge- bracht hätte. Aber ich würde es tun. Du weißt, daß ich dich rette, wenn ich kann ...« »Und falls du es nicht kannst, akzeptiere ich es.« Sie drückte ihn erneut an sich und küßte sein Kinn; weiter hinauf kam sie nicht. Chris war wie betäubt, aber es war ein schönes Gefühl, sie in den Armen zu halten. »Gäa ist ... Chris, ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Aber ihr Wille ist auf Adam konzentriert. Ich ha- be mich ihm gezeigt, als ich letztesmal hier war. Sie weiß, daß ich hier war, und diesmal war es viel schwerer, hereinzukommen. Ich kann euch nicht mehr besuchen. Und wenn ich Adam nähme und wegliefe, würde sie uns beide fassen. Ich weiß das. Kannst du es akzeptieren?« »Ich tue es, wenn ich muß.« »Das ist alles, worum ich bitte. Deine Aufgabe ist es, mit Gäa auf gutem Fuß zu bleiben, egal, wie ab- scheulich das vielleicht ist. Und sei vorsichtig ihr ge- genüber! Du könntest dich dabei ertappen, daß du sie magst! Nein, nein, sag mir nicht, das sei unmöglich. Auch ich habe sie einmal gemocht. Du kannst nicht mehr tun, als du selbst sein, Adam lieben und ... ver- dammt, Chris. Vertraue mir!« »Das tue ich, Cirocco.« Sie blickte gequält. Sie küßte ihn wieder – und ver- ließ ihn dann. Die Art, wie sie es tat, war schon merkwürdig. Sie wich zurück in den Schatten, an eine Stelle, von der sie sich nicht entfernen konnte, ohne daß er sie sah – und war plötzlich verschwunden.,

ZEHN

»Hexe des Südens, Hexe des Südens, hier Hexe des Nordens. Der untere Querstrich von deinem letzten E war ziemlich schartig, Bursche.« Conal sprach seine Antwort ins Mikro, während er eine Vier-G-Kurve zog. »Kümmer dich um deinen eigenen Krempel, Kind- chen!« sagte er. »Du hast all die einfachen Buchsta- ben.« Er zog den Steuerknüppel zurück, blickte schnell nach links und rechts hinaus auf die riesigen, flachen Buchstaben, die bereits geschrieben waren, und schlug wieder auf den Rauchknopf. Er beobach- tete alles vorsichtig, bis er auf der Grundlinie war, schaltete dann den Rauch ab und drehte hart nach rechts. Sie hatten eine Woche lang geübt und dabei mit Versuchen angefangen, die vom Boden aus chinesisch gewirkt hatten, wie Cirocco schwor. Allmählich brachten sie eine fast lesbare Schrift zustande. Inzwi- schen glaubte Conal, er könne es bereits im Schlaf. Es war natürlich verrückt, aber nicht verrückter als andere Sachen, die sie gemacht hatten. Sie lebten jetzt, wie es schien, auf einer neuen, nicht vertrauten Ebe- ne. Eine Tat war nicht mehr in allen Fällen an sich schon genug, sondern auch die Art, wie sie vollbracht wurde, war bedeutsam. Bestimmte Dinge mußten mit Überlegung getan werden, andere mit etwas, was Elan hieß. Die Himmelsschrift hätte man ohne Drill mit perfekten Buchstaben hinbekommen können, in- dem man die Manöver einfach in die Autopiloten der Flugzeuge einprogrammierte. Aber Cirocco hatte da-, gegen ihr Veto eingelegt. Conal beklagte sich nicht. Ihm gefiel es, Herausfor- derungen an Gäas klaren Himmel zu schreiben. »Hexe des Nordens!« rief er. »Nennst du das ein R?« »Ich stelle es gegen jedes andere R am Himmel!« schoß Nova zurück. »Hört auf damit, Kinder!« rief Robin von ihrem Aussichtspunkt weit oben. »Macht euch an die zweite Zeile.« Cirocco verließ die goldene Straße kurz vor der Stelle, von wo an sie wirklich aus reinem Gold bestand, und huschte zwischen zwei hochragende Gebäude. Sie fand eine von außen nicht einsehbare Nische und zog sich rasch ihr Kostüm aus. Sie war als indianische Prinzessin verkleidet gewe- sen, als sie das Columbia-Tor durchschritt, und hatte es geschafft, sich als Statistin auszugeben, die zur Ar- beit an einem Western ging, der gegenwärtig auf die- sem Gelände gedreht wurde. Bis Tara vorzudringen war weniger eine Frage der Kostümierung gewesen als vielmehr der schieren Frechheit. Es gab eine Sa- che, die sie tun konnte. Sie wußte nicht, wie sie es tat, und wenn sie zu angestrengt darüber nachdachte, zerstörte es vielleicht ihre Gewandtheit, aber sie dachte daran in Begriffen, sich klein zu machen. Die Leute würden sie dann nur noch kurz anblicken und wieder wegsehen. Sie lohnte den Blick auf sie nicht. Es hatte lange genug funktioniert, damit sie zu Chris vordringen konnte. Auf dem Weg hinaus hatte sie dieses Verfahren nicht so sehr gebraucht, da sich alle auf die Himmelsschrift konzentrierten., Aber der Weggang mußte anders aussehen und er- forderte eine andere Art Frechheit. Cirocco bekleidete sich mit schwarzer Hose, Stie- feln, Hemd und Hut. Ganz ähnlich war sie bei ihrer ersten Begegnung mit Conal angezogen gewesen. Sie band sich den kurzen schwarzen Umhang um den Hals, steckte eine kleine Automatik oben in einen Stiefel und einen großen Revolver in den Hosenbund. »Vielleicht sollte ich mir auch ein Neonschild um- hängen«, murmelte sie vor sich hin. »Es könnte auch nicht auffälliger sein als dieser Aufzug.« Sie blieb noch für einen Moment stehen und beru- higte ihren Atem. Auf einen Impuls hin – die Art von Impuls, der sie zu vertrauen gelernt hatte – öffnete sie die drei oberen Hemdknöpfe und schob ihre Brust vor. Das war ein Lockmittel, damit sich die Blicke auf etwas anderes konzentrierten als auf ihr zu gut er- kennbares Gesicht. Dann trat sie hinaus auf die Straße und schritt zuversichtlich zur Wache am MGM-Tor. Sie mußte den Mann mit dem Ellbogen anschub- sen. Er starrte zur Himmelsshow hinauf. »Was heißt S-U-R-R-E ...«, begann er. »Warum haben sie nur einen Analphabeten an die- ses Tor gestellt?« knurrte Cirocco. Der Mann nahm Haltung an und hielt sich sein Klemmbrett schützend vor die Brust. Cirocco streckte eine leere Hand in ei- nem schwarzen Handschuh aus. »Ich bindererste Vizepräsident des Beschaffungs- amtes«, sagte sie. »Hier ist mein Ausweis. Gäa hat mir befohlen, das Ding-Amabob auf der Stelle zu defusti- zieren!« Sie steckte sich die nicht existierende Ausweis- karte in eine Brusttasche, und die Augen des Mannes folgten der Karte bis zu der Tasche und blieben dort, hängen. Er begaffte Ciroccos Dekolleté und nickte. »Was haben Sie gesagt?« »Gehen Sie voran, Sir!« »Wie steht es um die Sicherheit? Wie steht es mit dem Protokoll, das Sie darüber führen sollen, wer durch dieses Tor ein und aus geht? Sämtliche Höllen- hunde könnten hier bellend hereinlaufen und bekä- men von Ihnen noch Hundekuchen! Wollen Sie mich nicht nach meinem Namen fragen?« »Oh ... w-w-wie heißen S-s-sie ... Sir?« »Guinness.« Sie spähte über die Schulter des Man- nes, während er den Namen auf seinem Klemmbrett notierte. »Achten Sie darauf, ihn richtig zu schreiben. G-U-I-N-N-E-S-S. Alex Guinness. Gäa wird es wissen wollen.« Cirocco machte auf dem Absatz kehrt und mar- schierte dann durch das Tor und über die Zugbrücke, ohne einen einzigen Blick nach links oder rechts zu werfen. Es dauerte fünfzehn Minuten, bis der Mann wieder ganz bei Bewußtsein war. Aber da war Cirocco schon hundert Kilometer weit weg. Gäa hatte es schon nach den ersten beiden Buchsta- ben, SU, begriffen. Sie stand am Universal-Tor, die gewaltigen Füße fest auf mehr Gold gepflanzt, als Fort Knox je be- wacht hatte, die Hände in den Hüften, und lächelte. SURR. SURREN. Sie brach in Lachen aus. Mittlerweile waren auch einige weitere hinzugekommen, die auch eine Menge Filme gesehen hatten – in vielen Fällen mehr, als sie, sich die Mühe machten zu erinnern. Die meisten von ihnen hatten ein paar nervöse Minuten hinter sich. Die Blicke wechselten ständig zwischen Gäas Gesicht und der Schrift am Himmel. Als Gäa dann loslachte, war es das Signal für einen erleichternden Ausbruch von Gelächter. Die menschliche Bevölkerung brüllte bei jedem Buchstaben von neuem, und jeder Buchsta- be verdoppelte auch Gäas eigenes Gelächter. Als die Nachricht fertig geschrieben war, konnte man das erste S kaum noch lesen. Aber das verdarb niemandem den Spaß. SURRENDER GAEA!* »Wir müssen den Magier konsultieren!« brüllte Gäa. »Er wird wissen, was zu tun ist!« Das Gelächter wurde lauter. Es wird Zeit für ein Festival, dachte Gäa. Jones muß verzweifelt sein, um etwas so Dummes zu tun. Wußte sie nicht, daß es die Böse Hexe des Westens war, die Sachen an den Himmel schrieb? Bedeutete ihr das Wort böse nichts? Dieser Kampf hatte seine Regeln, und Symbole waren außerordentlich wichtig. Gäas gewaltiges Lachen war zu einem sporadi- schen Kichern abgeklungen. Die Buchstaben wurden undeutlicher und fielen als feiner Nebel herab. Zu den beiden Flugzeugen gesellte sich jetzt ein drittes, von dem Gäa schon die ganze Zeit gewußt hatte. Höchstwahrscheinlich saß Cirocco persönlich darin und hatte aus sicherer Entfernung zugeschaut, wie ihre Günstlinge die schmutzige und gefährliche Ar- beit taten. Dieser Kampf würde es gar nicht wert sein, dachte Gäa. * Übergebt Gäa!, Seltsamerweise deprimierte sie dieser Gedanke. Sie tat ihn mit einem Achselzucken ab. Die drei Flugzeuge flogen jetzt niedriger und in Formation, umkreisten das gewaltige Rund des Neuen Pandä- moniums. Sie stießen immer noch Rauch hervor. Ein Fantasy-Film-Festival, überlegte Gäa. Welche Titel sind in jüngster Zeit nicht gelaufen? Nun, mal sehen, da war ... Sie hielt inne und blickte argwöhnisch zum Himmel. »Nein!« schrie sie und rannte los. »Nein, du Hexe! Das habe ich im Budget nicht eingeplant!« Sie trat auf einen toten Zombie, glitt aus und fiel beinahe hin. Sie sah, wie noch ein Zombie umkippte. Zwei Minuten später waren alle Zombies im Pan- dämonium tot. »All you need is love«, sang Robin. »Was ist das?«, hörte sie Conal über Funk fragen. »Nur ein Lied, wie wir Hexen es singen.« Sie pfiff es, als sie ihre Maschine ein letztes Mal in Querlage über die seltsame Szene unter ihr steuerte. »Mutter!« sagte Nova verzweifelt. »Meine Liebe, es wird langsam Zeit, daß dich der Ursprung unseres Zombiekillers nicht mehr verlegen macht, meinst du nicht auch?« »Ja, Mutter.« Robin hörte, wie Nova das Funkgerät mit einem Knacken ausschaltete. »Auf mein Zeichen hin nach links abdrehen«, sagte Conal. »Da unten ist das MGM-Tor. Das mit dem großen Steinlöwen darauf.« »Roger«, sagte Robin, die immer noch das Lied summte. Sie blickte erneut zum Neuen Pandämoni- um hinab., Cirocco hatte die Anlage beschrieben, so daß sie sie schon vor ihrer Ankunft gekannt hatten. Aber sie zu sehen war etwas völlig anderes. Robin hatte während der ganzen verrückten Vorführung gezittert, als sie in großer Höhe kreiste, ihr stärkeres Radar und die schwere Bewaffnung bereit für Flugbomben. Ein Dutzend Pläne für alle Eventualitäten waren durch ihr Bewußtsein getaumelt – Pläne, die General Jones gnadenlos in sie alle hineingepaukt hatte. Robin grinste und lachte dann. Die Lage war reiz- voll für den Witzbold in ihr. »Was, meint ihr, wird Gäa wohl sagen?« fragte sie die anderen. »Ich frage mich, ob sie schon begriffen hat, daß wir gerade drei Tonnen Liebestrank über ihr abgeworfen haben?« »Ist das Robin aus dem Koven?« erkundigte sich eine Stimme. Für einen Moment war nichts zu hören als das ho- he Winseln der Düsen. »Robin, was macht ihr da, während ihr meinen Luftraum verstopft?« »Jesus«, flüsterte Conal. »Ist das ...« »Südhexe, vergiß nicht die Regeln für den Funk- verkehr! Ich finde, wir sollten ...« »Ich weiß, daß es Conal ist, meine Liebe«, sagte Gäa. »Und ich weiß, daß deine liebe Tochter Nova im anderen Flugzeug sitzt. Was ich nicht verstehe, ist dieses Gerede von einem Liebestrank.« Robin flog schweigend weiter. Ihre Handflächen waren feucht. »Ach ja«, seufzte Gäa. »Ihr werdet langweilig, wie ich sehe. Aber es ist nicht nötig, Plan X-98 auszufüh- ren, oder was immer du sagen wolltest. Ich schicke, niemanden hinter euch her. Keine Flugbomben wer- den euren Rückflug nach Dione behindern.« Wieder trat eine Pause ein. »Aber ich bin trotzdem neugierig. Warum kam Cirocco Jones nicht mit auf diese kleine Eskapade? Vielleicht hatte sie nicht genug Rückgrat dafür. Sie hat wirklich den Dreh drauf, andere für sich in den Kampf zu schicken. Habt ihr das schon be- merkt? Wie hat euch ihr dramatischer fliegender Auftritt bei der Junction gefallen, als meine Freunde euren lieben Sohn von diesem schrecklichen Ort ge- rettet haben, an den ihr ihn gebracht hattet? Reichlich Zeit für euch alle, ihre heroischen Anstrengungen mitzuerleben ... die, traurig zu sagen, doch zuende waren, kurz bevor sie tatsächlich mit dem armen Zombie ringen mußte. Ich frage mich, wo sie steckte? Habt ihr sie gefragt, woher sie kam?« Robin blickte nach links und rechts und gab Nova und Conal mit Handzeichen zu verstehen, daß sie nichts sagen sollten. Sie sah, daß beide nickten. »Bislang eher eine fade Konversation«, fuhr Gäa fort. »Ich wollte euch nur fragen, wie die Dinge ge- laufen sind. Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal sahen. Ich hoffte irgendwie, ihr würdet einmal hereinschauen, als ich eure Ankunft sah.« »Ich habe anscheinend einfach nicht die Zeit dafür gefunden, schätze ich«, entgegnete Robin. »Ah, das klingt viel besser. Du solltest dir die Zeit wirklich nehmen. Chris hat nach dir gefragt.« Robin biß sich auf die Unterlippe. Sie hatte darauf nichts zu erwidern, was sich gelohnt hätte. Und sie konnte das Gespräch nicht lange als Spiel ansehen. »Sagt mir«, meldete sich Gäa nach einer nachdenk- lichen Pause wieder. »Habt ihr schon von der Genfer, Konvention bezüglich der Kriegsführung gehört?« »Vage«, sagte Robin. »Wußtet ihr schon, daß man es für unmoralisch hält, Giftgas einzusetzen? Ich frage das deshalb, weil Cirocco eure Köpfe ganz sicher mit einem Haufen Unsinn über Gute und Böse gefüllt hat. Als ob es so etwas gäbe. Aber wenn es stimmte, stellt euch doch einmal folgende Frage: Brechen die Guten die inter- nationalen Regeln der Kriegsführung?« Robin runzelte die Stirn und schüttelte dann den Kopf. Sie fragte sich, ob es wohl wirklich gefährlich war, Gäa zuzuhören. War sie in der Lage, eine Ver- zauberung über Funk auszuüben und sie drei dazu zu bringen, daß sie verrückte Dinge taten? Aber Cirocco hatte davon nichts erwähnt. »Du bist ein dummes altes Tantchen, Gäa«, sagte Robin. »Stöcke und Steine ...« »... könnten nicht die kleinste Delle in dein scheuß- liches Fell schlagen. Aber Wörter treffen dich im Kern. Cirocco hat mir das erzählt. Was den Einsatz von Gas angeht, hast du schon deine menschliche Be- völkerung überprüft? Hast du dir die Elefanten, Ka- mele und Pferde angesehen?« »Sie scheinen in Ordnung zu sein«, gestand Gäa zweifelnd. »Da haben wir es. Nimm es nicht persönlich, Gäa, du alte Hexe! Wir haben eine Möglichkeit gefunden, mit einer Seuche Schluß zu machen, die wir als To- desschlangen bezeichnet haben. Wir betrachten das als öffentliche Dienstleistung, und das Pandämonium stand eben gerade auf dem Sprühplan. Ich hoffe, es hat dir nicht zu große Ungelegenheiten gemacht.«, »Nicht allzu ... bezeichnet haben? Wie nennt ihr sie jetzt?« Ha! Hereingefallen, du Abscheulichkeit! »Wir nennen sie jetzt Gäas Bandwürmer. Ich hoffe, du hast eine große Toilette.« Robin hörte Nova lachen. Das schien Gäa endlich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Es begann als un- zusammenhängender Schrei. Robin mußte die Laut- stärke herunterdrehen. Der Schrei hielt für eine er- staunliche lange Zeit an und verwandelte sich dann in einen Strom übler Ausdrücke, schrecklicher Dro- hungen und fast zusammenhangloser Tiraden. Nach einer kurzen Pause meldete sich Nova. »Das ist ja wirklich etwas«, meinte sie. »Vielleicht sollten wir sie, wenn alles vorbei ist, in einer Karne- vals-Nebenvorstellung bringen.« »Nein«, sagte Conal. »Niemand würde dafür be- zahlen. Alle haben schon Scheiße gesehen.« Ein kurzes Schweigen trat ein. »Junger Mann«, sagte Gäa eisig, »eines Tages wer- de ich dir den Wunsch eingeben, du wärest nie gebo- ren worden. Nova, das war unfreundlich, um es mil- de auszudrücken. Aber ich kann es wohl verstehen. Es muß hart für dich sein. Sag mir, was hegst du für Gefühle gegenüber diesem schrecklichen Kerl, der deine Mutter vögelt?« Diesmal war das Schweigen von ganz anderer Qualität. Robin spürte, wie sich ihr der Magen um- drehte. »Mutter, was ...« »Nova, halte Funkstille ein! Und vergiß nicht, was ich dir über Propaganda erzählt habe. Gäa, das Ge- spräch ist vorüber.«, Aber sie hatte nicht das Gefühl, das letzte Wort ge- habt zu haben. Propaganda war ein schönes Wort, aber es bedeutete nicht, daß sie in der Lage sein wür- de, Nova noch weiter zu belügen. Gäa setzte das Funkgerät ab und beobachtete, wie die beiden Flugzeuge im Westen verschwanden. Sie war durch und durch sauer. Obwohl die logischen und emotionellen Bereiche ihres Geistes nicht mehr so gut funktionierten wie früher – eine Tatsache, die sie eingestand und um die sie sich keine Sorgen mehr machte –, so war doch die reine Rechenfähigkeit ungemindert. Sie wußte, wie viele Zombies vernichtet waren. Ungefähr vierzig Prozent der Arbeitskräfte des Neuen Pandämoniums waren Untote gewesen – jetzt zweifach tot. Das war schon schlimm genug, aber ein Zombie war oben- drein so viel wert wie fünf menschliche Arbeiter, vielleicht sechs. Zombies waren stärker und brauch- ten keinen Schlaf oder auch nur Ruhepausen. Sie konnten mit einem Mist abgefüttert werden, bei des- sen Anblick ein Schwein erstickt wäre. Obwohl sie nichts betreiben konnten, das auch nur so kompliziert war wie ein Tonbandgerät, gaben sie hervorragende Klempner, Elektriker, Anstreicher, Kulissenschieber und Zimmerleute ab – all die Handwerksberufe, die für die Herstellung von Filmen von wesentlicher Be- deutung waren. Bei vernünftiger Fürsorge hielten Zombies sechs bis sieben Kilorevs, und sie waren so- gar im Tod noch ökonomisch: Wenn ein Zombie den endgültigen Tod näherkommen fühlte, war seine letzte Handlung, sein Grab zu schaufeln und sich hineinzulegen., Probleme, Probleme ... Die Trupps der Zimmerleute, die Gäa für ihr Wan- derfestival benutzt hatte, hatten sich als nicht flexibel genug für die Anforderungen des Neuen Pandämo- niums erwiesen. Einige der von ihnen hochgezogenen Gebäude fielen bereits wieder zusammen. Gäa konnte versuchen, eine Master-Version von Zimmerleuten zu entwickeln ... aber ihr war unangenehm bewußt, daß ihre Fähigkeit zur genetischen Manipulation abnahm. Sie konnte nur hoffen, daß ihre nächste Geburt an- stelle weiterer Kamele und Drachen etwas Nützliche- res hervorbrachte, das sich auch selbst erneuerte, aber sie wußte, daß sie sich nicht darauf verlassen konnte. So sahen eben die Gefahren aus, wenn man sterb- lich war. Denn sie war sterblich. Nicht nur in dem Sinn, daß in hunderttausend Jahren das Riesenrad, welches man Gäa nannte, verdorren und absterben würde, sondern im Sinn des riesenhaften Monroe- Klons, in den sie so viel von ihrer Lebenskraft ge- steckt hatte. Sie seufzte, aber dann besserte sich ihre Stimmung etwas. Gutes Kino entsprang aus Widrigkeiten, nicht aus einer ununterbrochenen Erfolgsserie. Sie würde mit der Story-Abteilung sprechen, um diesen neuen Rückschlag in das gewaltige Epos ihres Lebens ein- zubauen, das seit zwanzig Jahren in Arbeit war. Die letzten Filmmeter waren noch keineswegs in Sicht. In der Zwischenzeit mußte sie eine Lösung finden. Wieder dachte sie an Titaniden. In Hyperion fand man Titaniden wie Dreck. »Titaniden!« schrie Gäa und erschreckte damit je- den innerhalb eines halben Kilometers Entfernung. Die Titaniden mußten ihre aufsässigste Erfindung, sein. Damals waren sie ihr als eine gute Idee vorge- kommen. Sie waren immer noch hübsch anzusehen. Gäa hatte sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eine Art ersten Entwurf von Menschen geschaffen. Wie sich herausstellte, waren sie ihr besser gelungen, als sie geahnt hatte. Immer wieder übertrafen sie die Er- wartungen. In den ersten Tagen der Vorbereitung des Studio- geländes hatte Gäa, sobald sich Arbeitskräfte als Pro- blem erwiesen, natürlich daran gedacht, Titaniden einzusetzen. Sie schickte Eiserne Meister aus, um welche einzustellen – und die Meister kamen unver- richteter Dinge zurück. Es war beunruhigend. Wuß- ten die Titaniden nicht, daß sie Gott war? Es war schwierig, sie lebendig zu fangen, aber es gelang ihr bei einigen. Doch sie waren nicht bereit, das geringste bißchen Arbeit zu tun. Folter half nicht. Alle, die eine Möglichkeit fanden, begingen Selbst- mord. Soweit Gäa wußte, hatte vor dem Bau des Stu- dios nie ein Titanide Selbstmord begangen. Sie liebten das Leben zu sehr. Sie hatte einen Gefangenen danach gefragt. »Wir sterben lieber, als Sklaverei zu erdulden«, sagte er. Eine feine Ansicht, dachte Gäa, aber keine, die sie in die Titaniden eingebaut hatte. Verdammt, Men- schen erwärmten sich für die Sklaverei wie Enten für das Wasser. Warum die Titaniden nicht auch? In Ordnung, in Ordnung, Gäa war über die Maßen flexibel. Wenn sie nicht lebendig arbeiten wollten, dann sollten sie es eben tot tun. Ein Titanidenzombie sollte eigentlich die Arbeit von hundert Menschen lei- sten können., Aber es funktionierte nicht. Die Titanidenleichen, aus denen sie Zombies machte, waren schwächer als die Originale, hatten eine schlechte Koordination und neigten dazu, wie Pferde mit Senkrücken in der Mitte durchzusacken. Gäa führte eine technische Studie durch und entdeckte, daß die Skelettstruktur die Ver- antwortung trug. Taxonomisch ausgedrückt waren die Titaniden keine Wirbeltiere. Sie hatten ein knorpeli- ges Rückgrat, das viel biegsamer und kräftiger war als die unsicheren Stapel, aus denen die Rückgrate von Menschen und Engeln bestanden. Das Problem war, daß die Knorpel nach dem Tod verfaulten und von den Todesschlangen gefressen wurden. Auf diese Weise betrogen die Titaniden sie noch aus dem Grab. Gäa hätte gedacht, daß es eine Scheißwelt sei, wäre ihr nicht noch bewußt gewesen, daß sie selbst sie ge- schaffen hatte. Der Botschafter vom MGM-Tor hätte keinen gün- stigeren Augenblick erwischen können. Er reichte ihr das Klemmbrett und kniete bebend nieder, denn er kannte Gäas übliche Reaktion auf schlechte Nach- richten. Dieses Mal war die Reaktion gemäßigt. Gäa sah sich den Namen auf dem Klemmbrett an, seufzte und warf das Brett lässig über die Dächer von drei Ton- bühnen hinweg. Sie war ausgetrickst worden. Zweimal an einem Tag hatte Cirocco Jones Gäas Lieblingsmythen gegen sie verwandt. »Sie hat mich ge-oz-t und ge-star-war-t«, murmelte sie. Sie brauchte eine Pause. Wie wäre es mit einem neuen Festival? fragte sie sich. Filme über Filme. Das, hörte sich hübsch an. Sie sah sich nach ihrem Archi- var um und entdeckte ihn hinter einer Ecke des Ge- bäudes kauernd. Sie winkte. »Ich gehe in Vorführraum Eins«, sagte sie ihm. »Besorge mir für den Anfang Truffauts Tag für Nacht!« Er kritzelte es sich auf einen Notizblock. »Auteurs«, murmelte sie. »Such ein paar Filme von Hitchcock aus. Egal welche. The Stunt Man. Und ... wie heißt der über den Zusammenbruch des Studio- wesens?« »Licht, Kamera, Action!« sagte der Archivar. »Das ist es. Sei in zehn Minuten fertig!« Gäa trottete die goldene Straße hinab und war so deprimiert wie seit Jahrhunderten nicht. Jones hatte gute Arbeit geleistet. Ein Teil ihres Bewußtseins beschäftigte sich weiter mit dem Arbeiterproblem. Sie würde weitere Flücht- linge aus Bellinzona holen müssen. Das Schreckliche war, daß sie von jetzt an ihre menschlichen Arbeiter praktisch verhätscheln mußte, denn wenn sie starben, blieben sie einfach tot. Verdammte Nachricht! Und sie fragte sich, ob sie den Morast in Bellinzona abholen sollte. Die Gnadenflüge zur Erde gingen noch weiter, aber die Schiffe kamen jetzt mit vielen leeren Plätzen zurück. Fast wünschte sich Gäa, sie hätte den Krieg nicht angezettelt.,

ELF

Wie so vieles im großen Rad, war auch der Ursprung der Stadt Bellinzona geheimnisvoll. Die ersten menschlichen Forscher, die Dione be- treten hatten, berichteten von einer großen leeren Stadt aus Holz. Sie stand auf einem kräftigen Pfahl- werk, das tief in das Gestein unterhalb der Wasserli- nie eingelassen war, und sie hatte frisch behauene Straßen, die sich in das felsige Bergland zu beiden Seiten der Pfefferminzbucht hinaufschlängelten. Im Süden war die Landschaft relativ flach und stieg langsam zu einem Paß an, der zu dem Wald führte, welcher alles umgab. Gefährliche Kreaturen lebten in diesem Wald, aber sie waren nicht so schlimm wie der Treibsand, das Fieber und die giftigen und fleischfressenden Pflanzen. Diese Gegend hatte nicht den Anschein, daß irgend jemand sich wünschen würde, hier zu leben. Cirocco Jones war lange vor den ›Forschern‹ dage- wesen. Sie machte sich jedoch einfach nicht die Mühe, irgend jemand von der Geisterstadt zu erzählen, die im fünfzigsten Jahr ihrer Magierschaft aufgetaucht war. Sie rätselte darüber ebensosehr wie alle anderen. Die Stadt schien keinen Nutzen zu haben. Aber sie war im menschlichen Maßstab gebaut. Man fand große und kleine Häuser. Die Türen waren ziemlich hoch, aber Titaniden mußten sich norma- lerweise bücken, um hindurchzukommen. Nach Ausbruch des Krieges und dem Beginn des Flüchtlingsstroms hatte Cirocco kurz die Idee gehabt, daß Gäa einfach für den Bau eines sicheren Hafens, gesorgt hätte, wohl wissend, daß früher oder später ein Krieg die Erde verschlingen würde. Aber Gäas Einfluß in Dione war minimal, und humanitäre Re- gungen hatte sie überhaupt nicht. Irgend jemand hatte den Kern von Bellinzona errichtet, und das auch noch ziemlich gut. Gäas Beitrag bestand einfach darin, daß sie die Bürger lieferte. Cirocco vermutete, daß es die Gremlins gewesen waren. Einen Beweis dafür hatte sie nicht. Man konnte nicht von einer »Gremlin-Architektur« spre- chen, denn diese Geschöpfe hatten so unterschiedli- che Bauwerke errichtet wie die Glasburg und den Pharao-Berg. Cirocco hatte sich oft gewünscht, mit ihnen in Verbindung zu treten und ihnen ein paar Fragen zu stellen. Aber nicht einmal Titaniden hatten je einen Gremlin gesehen. Menschen hatten den Stadtkern in planloser Weise und mit schlampig gebauten Konstruktionen erwei- tert. Die neuen Piers ruhten normalerweise auf Pon- tons, und natürlich waren da die Flottillen aneinan- derstoßender Boote zu sehen. Aber trotz Vernachläs- sigung und Mißbrauch waren einige der größeren Gebäude in Bellinzona ziemlich eindrucksvoll. Cirocco mußte eine Armee aufstellen, um gegen Gäa zu kämpfen. Bellinzona war der einzige Ort, wo ausreichend viele Menschen zu finden waren, aber ein lärmender Haufen taugte für Ciroccos Absichten nicht. Sie benötigte Disziplin, und um sie durchzuset- zen, mußte sie den Ort zivilisieren und säubern – und gänzlich beherrschen. Sie entschied sich für ein großes, aufwendiges, la- gerhausgroßes Gebäude auf dem Sumpf der Ver- zweiflung. Das Haus wurde von seinem Pächter, ›Schlinge‹ genannt. Dieser Pächter war ein Mann na- mens Maleski, und er kam aus Chicago. Cirocco hatte einiges über ihn erfahren. Maleski war einer der ober- sten vier oder fünf Bandenführer von Bellinzona. Er hatte den Geschmack des Unwirklichen, aber sie ent- schied, daß es nur eine von diesen Merkwürdigkeiten war. Sie hatte vor, sich gegen einen echten, lebendi- gen Gangster aus Chicago zu stellen. Als Cirocco und die fünf schwarzgekleideten Tita- niden das Haus betraten, waren fast alle Bewohner am anderen Ende versammelt und blickten dort zu den Fenstern hinaus, starrten hinauf zum Himmel. Das war kein Zufall. Cirocco stand in der Mitte des großen Raumes im Licht flackernder Fackeln und wartete darauf, daß sie jemand bemerkte. Es dauerte nicht lange. Überraschung verwandelte sich in Bestürzung. Eigentlich sollte es niemandem möglich sein, einfach in die Schlinge hineinzumarschie- ren. Sie wurde von außen schwer bewacht. Maleski wußte es noch nicht, aber die Wachen waren alle tot. Die Männer im Raum zogen ihre Schwerter und verteilten sich entlang der Wände. Einige von ihnen packten Fackeln. Eine enge Gruppe von neun Leuten bildete einen Menschenschild um Maleski. Für einen Moment bewegte sich niemand. »Ich habe schon von Ihnen gehört«, sagte Maleski schließlich. »Sind Sie nicht Cirocco Jones?« »Bürgermeisterin Jones«, stellte Cirocco fest. »Bürgermeisterin Jones?« wiederholte Maleski. Er trat aus seiner Gruppe heraus vor. Sein Blick wan- derte zu der Pistole im Bund von Ciroccos schwarzer Hose, aber sie beunruhigte ihn anscheinend nicht. »Das ist mir neu. Einige Ihrer Leute hatten vor einiger, Zeit Streit mit meinen Jungs. Geht es darum?« »Nein. Ich übernehme dieses Haus. Ich werde eine zehnstündige Amnestie verkünden. Sie werden jede Minute davon brauchen, also gehen Sie jetzt lieber. Was die anderen betrifft, es steht auch Ihnen allen frei zu gehen. Sie haben fünf Minuten, um das mitzu- nehmen, was sie tragen können.« Einen Augenblick lang schienen alle zu verwirrt zu sein, um etwas zu sagen. Maleski runzelte die Stirn und lachte dann. »Scheiße, was Sie reden. Dieses Haus ist Privatbe- sitz.« Diesmal lachte Cirocco. »Was glauben Sie denn, auf welchem Planeten Sie leben, Sie Idiot? Hornpipe, schieß diesem Burschen ins Knie!« Die Pistole war in Hornpipes Hand aufgetaucht, als Cirocco »schieß« sagte, und als sie bei »Knie« ange- kommen war, trat die Kugel schon an der anderen Seite von Maleskis Bein aus. Während Maleski stürzte und für einige Sekunden, nachdem er auf dem Boden gelandet war, herrschte lärmende Aktivität. Keiner der Männer, der sie über- lebte, war je in der Lage, die Folge der Ereignisse zu berichten, abgesehen von der Feststellung, daß viele Männer vortraten, und ordentliche Löcher mitten auf ihren Stirnen auftauchten, und die Männer zu Boden sanken und sich nicht mehr bewegten. Die restlichen etwa zwanzig Männer standen ganz still, außer Ma- leski, der heulte und sich herumwarf und seinen Männern befahl, die gottverdammten Hundesöhne zu töten. Aber alle Titaniden hielten Pistolen in bei- den Händen, und die meisten der Männer hatten je-, weils eine ausgezeichnete Sicht in einen dicken Lauf. Endlich hörte Maleski auf zu fluchen und lag nur schwer atmend da. »Okay«, krächzte er dann. »Okay, Sie haben ge- wonnen. Wir verschwinden.« Er drehte sich schwer- fällig um. Er war wirklich ganz gut. Das Messer war in sei- nem Ärmel versteckt. Er zog es im Umdrehen, und sein Arm zuckte mit der Präzision langer Übung. Die Klinge blitzte in der Luft auf ... und Cirocco packte es. Sie packte es einfach und hielt es fest, die Spitze nur noch sechs Zoll von ihrem Hals entfernt, in den es sich hatte bohren sollen. Maleski starrte, als sie das Messer hochriß und den Griff wechselte, und dann blitzte es wieder auf, und Maleski kreischte, als es sich bis zum Griff in das zerfetzte Fleisch bohrte, das sein Knie gewesen war. Ein Mann, der links von Ma- leski stand, fiel ohnmächtig zu Boden. »Rocky«, sagte Cirocco, »binde eine Aderpresse um seinen Oberschenkel und wirf ihn dann hinaus! Ihr Männer, werft eure Waffen weg, wo ihr steht, und entfernt euch langsam von ihnen! Das gilt für alle Waffen. Dann zieht euch aus. Nehmt eine Hose mit zur Tür und reicht sie Valiha – der gelben Titaniden. Wenn sie eine Waffe darin findet, wird sie euch das Genick brechen. Andernfalls könnt ihr die Hose an- ziehen und gehen! Ihr habt vier Minuten.« Es dauerte nicht einmal eine Minute. Alle waren fieberhaft darauf bedacht wegzukommen, und nie- mand versuchte, Valiha zu täuschen. »Sagt euren Freunden, was hier passiert ist!« rief Cirocco hinter ihnen her, als ihre eigenen Leute ein- trafen., Ihre Mannschaft setzte sich aus Menschen und Ti- taniden zusammen. Die Titaniden waren alle ruhig, in ihren Aufgaben bewandert. Die meisten Menschen waren nervös, erst vor wenigen Stunden eingezogen. Unter ihnen waren Freie Frauen, Leute von der Bür- gerwehr und auch Angehörige sonstiger Gemein- schaften. Ein Schreibtisch wurde aufgestellt, und Cirocco nahm dahinter Platz, während die Lampen angeord- net wurden. Sie litt an der Reaktion auf den Kampf und auf das, was sie mit Maleski gemacht hatte – wie auch den knappen Ausgang. Sie glaubte, diesen Mes- sertrick bei sechs von zehn Versuchen zu schaffen, aber das war nicht annähernd genug. Sie durfte nie wieder zulassen, daß es so knapp wurde. Der größte Teil ihrer Nervosität war jedoch Lam- penfieber. Offensichtlich war das etwas, dem man nicht entwachsen konnte. Sie litt seit ihrer Kindheit daran. Zwei Bürgerwehrmänner, die vor dem Krieg in Massenmedien gearbeitet hatten, waren damit be- schäftigt, Kabel zu verlegen sowie ein Stativ mit einer kleinen Kamera aufzustellen. Die Lampen flammten auf und Cirocco blinzelte. Ein Mikrophon wurde ihr vorgesetzt. »Dieses Zeug muß ein Jahrhundert alt sein«, schimpfte einer der Techniker. »Sorgen Sie nur dafür, daß es eine Stunde lang funktioniert«, wies ihn Cirocco an. Er hörte ihr offen- bar nicht zu, sondern studierte ihr Gesicht aus ver- schiedenen Richtungen. Er streckte vorsichtig die Hand nach ihrer Stirn aus, und sie wich beunruhigt zurück., »Sie sollten dort wirklich etwas haben«, meinte er. »Da ist eine ekelhafte Spiegelung.« »Was haben?« »Make-up.« »Ist das wirklich nötig?« »Frau Jones, Sie sagten, Sie wollten einen Medien- berater, und ich sage Ihnen nur, wie ich es machen würde, wenn es meine Show wäre.« Cirocco seufzte und nickte. Einer der Titaniden hatte etwas Creme bei sich, mit der der Mann zufrie- den war. Er bestrich ihr Gesicht mit dem fettigen Zeug. »Das Bild ist ziemlich gut«, verkündete der andere Mann. »Aber ich weiß nicht, wie lange diese Röhre hält.« »Dann fangen wir lieber an«, meinte der Regisseur. Er nahm das Mikro und sprach hinein. »Bürger von Bellinzona«, sagte er, und seine Stimme ging in einem hohen Rückkopplungspfeifen unter. Der andere Mann justierte einige Schalter, und der Regisseur sagte wieder etwas. Diesmal war es deutlich zu hö- ren. Cirocco hörte, wie die Worte von den Bergen draußen zurückgeworfen wurden. »Bürger von Bellinzona«, wiederholte der Regis- seur. »Wir haben eine wichtige Bekanntmachung von Cirocco Jones, der neuen Bürgermeisterin von Bellin- zona.« Eine Freie Frau war am Fenster und blickte nach oben. »Das Bild ist da!« rief sie. Cirocco räusperte sich nervös und kämpfte einen Impuls nieder, strahlend zu lächeln, der einfach von ihren NASA-Pressekonferenzen vor einer Million Jah-, ren stammen mußte. Dann sprach sie. »Bürger von Bellinzona, mein Name ist Cirocco Jones. Viele von Ihnen haben bereits von mir gehört. Ich war einer der ersten Menschen in Gäa, und Gäa hatte mich für eine Zeitlang zu ihrem Manager er- nannt. Vor zwanzig Jahren wurde ich gefeuert. Es ist wichtig für Sie zu verstehen, daß, obwohl Gäa mich gefeuert hat, die Titaniden das nie akzep- tierten. Sie alle werden meinen Befehlen folgen. Ich habe diese Tatsache noch nie voll ausgenutzt. Jetzt werde ich es tun, und die Ergebnisse werden Ihrer aller Leben verändern. Von diesem Augenblick an sind Sie alle, wie ich schon sagte, ›Bürger von Bellinzona‹. Sie werden sich fragen, was das mit sich bringt. Im wesentlichen be- deutet es, daß Sie meinen Befehlen gehorchen wer- den. Ich habe Pläne für eine spätere Demokratie, aber im Moment tun Sie lieber, was ich Ihnen sage. Es befinden sich jetzt Tausende von Titaniden in Ihrer Stadt. Jeder einzelne davon ist über die neuen Regeln instruiert worden. Betrachten Sie sie als Poli- zei. Ihre Kraft oder Schnelligkeit zu unterschätzen, wäre ein schlimmer Irrtum. Da Sie nach Regeln leben werden, nenne ich Ihnen jetzt einige. Weitere werden folgen, nachdem wir die Sache in Gang gebracht haben. Mord wird nicht geduldet. Die Sklaverei ist verboten. Alle menschlichen We- sen, die den Status von Sklaverei haben, sind frei. Alle Menschen, die glauben, daß sie andere Men- schen besitzen, lassen sie besser auf der Stelle frei. Das schließt jede Praxis ein, die durch Gewohnheit irgendeinen anderen Menschen seiner Freiheit be-, raubt. Falls Sie Zweifel haben – wenn Sie zum Bei- spiel Muslim sind und glauben, Ihre Ehefrau zu be- sitzen –, fragen Sie lieber einen Titaniden. Für diesen Zweck besteht eine zehnstündige Amnestie. Menschenfleisch darf nicht mehr verkauft werden. Jeder Mensch, der mit einem Eisernen Meister ver- kehrt, wird sofort erschossen. Privatbesitz ist abgeschafft. Sie können weiter dort schlafen, wo Sie es bisher getan haben, aber denken Sie nur nicht, daß Sie irgend etwas besitzen außer den Kleidern, die Sie tragen. Für mindestens vier Dekarevs sind keine scharfen Waffen in Menschenhand erlaubt. Übergeben Sie derartige Waffen irgendeinem Titaniden, solange die Amnestie dauert. Ich werde die Polizeigewalt so schnell wie möglich wieder Menschen übertragen, aber in der Zwischenzeit gilt der Besitz eines Schwertes oder Messers als Kapitalverbrechen. Ich bin mir über die Härte klar, die diese Maßnahme für diejenigen bedeutet, welche Messer zu anderen Zwecken gebrauchen, aber ich betone noch einmal, daß Sie erschossen werden, wenn Sie Ihre Messer be- halten. Ich ... habe Ihnen kurzfristig wenig Gutes anzubie- ten, aber ich glaube, daß langfristig die meisten von Ihnen zu schätzen wissen, was ich heute tue. Nur die Ausbeuter, Sklavenhalter und Mörder werden ihre gegenwärtigen Positionen nicht zurückerlangen. Die übrigen von Ihnen werden Sicherheit und die Vor- teile einer organisierten menschlichen Gesellschaft ernten. Ich verlange, die folgenden Personen innerhalb von zehn Stunden in dem Haus zu sehen, das als Schlinge, bekannt ist. Jeder, der nicht kommt, wird in der elften Stunde erschossen.« Cirocco verlas eine Liste mit fünfundzwanzig Na- men, die sie mit Conals Hilfe zusammengestellt hatte. Es waren die Namen der einflußreichsten Anführer von Mafia, Tong und Banden. Als sie damit fertig war, wiederholte sie ihre Be- kanntmachung auf Französisch und ein weiteres Mal in ihrem unsicheren Russisch. Dann übergab sie ihren Platz an eine Freie Frau, die alles auf Chinesisch vor- las. Ein Dutzend weitere Übersetzer wartete, Men- schen und Titaniden. Cirocco hoffte, jeden der neuen Bürger von Bellinzona zu erreichen. Sie fühlte sich ausgelaugt, als sie endlich wieder für sich war. Sie hatte, wie es schien, endlos an der Rede gearbeitet, und nie das Gefühl gehabt, daß sie sich gut anhörte. Sie dachte, daß irgendwo darin klang- volle Erklärungen vorkommen sollten, vielleicht über Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Aber nach langem Nachdenken stellte sie fest, daß sie gar nichts für ein »Recht« mit großem R hielt. Konnte ir- gendein Sterblicher ein »Recht auf Leben« beanspru- chen? Also hatte sie auf den Pragmatismus zurückgegrif- fen. Er hatte ihr im Verlauf eines langen und prag- matischen Lebens gute Dienste geleistet. »So sieht die Sache aus, ihr armen dummen Trottel. Wer mir in die Quere kommt, wird ausgelöscht.« Selbst, wenn man die besten Motive hatte – Cirocco schmeckte das nicht gut. Und sie war sich ihrer Moti- ve bei weitem nicht sicher. Das Leben in Bellinzona war nicht das, was man als, langweilig bezeichnen konnte. Der gewaltsame Tod lauerte überall und konnte sich jederzeit einstellen. Für die Leute mit guten Beziehungen war das Leben bestenfalls bequem und schlimmstenfalls nervös. Man wußte nie, wann ein bestimmter Boß unterlag und damit die eigenen sorgsamen Planungen für das süße Leben hinfällig wurden. Und doch war das im- mer noch besser, als zur gesichtslosen Masse zu gehö- ren. Für sie war Bellinzona eine besondere Art von Hölle. Nicht nur schwebte sie ständig in der Gefahr der Versklavung ... die meisten, die zu ihr gehörten, hatten nichts zu tun. Natürlich hatte man stets das Erforderliche zu tun, um zu überleben. Das hielt die Menschen beschäftigt. Aber es war nicht so, als hätte man einen Beruf. Es war nicht so, als bestellte man die eigenen Felder – oder auch die eines Grundbesitzers. In den meisten Gegenden schuldeten die Leute einem Boß, Shogun oder Grundbesitzer Gefolgschaft, oder auch einem Capo ... irgendeinem lokalen Herrn Gernegroß. Für eine Frau war es noch schlimmer, es sei denn, sie wurde von den Freien Frauen aufgenommen. Weibli- che Sklaverei kam reichlich vor. Sie bedeutete mehr als die Arbeitssklaverei, die Männer erlebten. Es war die altmodische sexuelle Sklaverei. Frauen wurden zehnmal so viel ge- und verkauft wie Männer. Und wenn jemand nicht weiter nutzbar war, war- tete schon der Metzgerblock. In Wirklichkeit wurde relativ wenig der Nahrung wegen gemordet. Es kam vor, aber durch das Manna und die Bosse war diese Sache recht gut unter Kon- trolle. Trotzdem wurden, bedingt durch die Fleisch- knappheit, viele frische, für den kommunalen Schei-, terhaufen bestimmte Leichen für Haken, Messer und Bratpfanne abgezweigt. Die Langeweile war ein großes Problem. Sie er- zeugte Verbrechen – sinnlose, willkürliche Verbre- chen –, als brauchte Bellinzona noch mehr Gründe für Gewalt. Es wäre fair, wenn man feststellte, daß Bellinzona reif für eine Veränderung war. Irgendeine Verände- rung. Als dann der Blimp über die Stadt schwebte, ka- men die Dinge ins Stocken. Die Bellinzonaner hatten schon Blimps gesehen, von weitem. Sie wußten, daß die Blimps groß waren. Viele wußten gar nicht, daß sie auch intelligent wa- ren. Die meisten wußten, daß die Blimps der Stadt wegen der vielen Feuer nicht nahekamen. Whistlestop machten sie offensichtlich nichts aus. Er schwebte gemütlich auf die Stadt zu, als täte er es jeden Tag, und breitete seinen riesenhaften Schatten vom Sumpf der Verzweiflung bis hin zu den Endkais aus. Er war fast so groß wie die ganze Pfefferminz- bucht. Dann blieb er einfach hängen, das bei weitem Größte, was irgend jemand in der Stadt je gesehen hatte. Seine titanischen Heckruder bewegten sich trä- ge, gerade ausreichend, um ihn über dem Zentrum der Stadt zu halten. Das allein hätte schon gereicht, den Verkehr zum Erliegen zu bringen. Dann aber tauchte ein Gesicht an seiner Seite auf und sagte die erstaunlichsten Dinge.,

ZWÖLF

Zwanzig Revs nachdem sie die Macht an sich geris- sen hatte, wünschte sich Cirocco, sie hätte Bellinzona sich selbst überlassen. Sie hatte die Zankereien er- wartet, aber das änderte nichts daran, daß sie sie er- müdend fand. Sie seufzte und hörte weiter zu. An diesem Punkt war es das Beste, daß die Leute, die sie sich als Verbündete erhoffte, die Tatsachen akzep- tierten, auch ohne die Art Demonstration, die bei Maleski so nützlich gewesen war. Weitere Demonstrationen waren nötig geworden, aber damit hatte sie ja gerechnet. Von den fünfund- zwanzig, deren Namen sie aufgerufen hatte, waren achtzehn jetzt tot. Sieben waren ohne Waffen ge- kommen, um dem neuen Boß die Treue zu schwören. Cirocco wußte verdammt gut, daß sie keinem von ih- nen trauen konnte, wenn er auch nur eine Büro- klammer als Waffe in die Hand bekam, aber es war am besten, wenn sie sich durch ihre eigene Gier selbst vernichteten. Sollten sie doch ihre Verschwörungen aushecken. Dann würde man sie auf dem üblichen Weg des Gesetzes hängen. So konnte man den An- schein der Fairneß erwecken, auch wenn die Sache abgekartet war. Von daher waren die Bösen kein Problem. Wie üb- lich waren es die Guten, die für endlose Kopfschmer- zen verantwortlich waren. »Wir können und werden unsere getrennte Enklave nicht aufgeben!« stellte Trini fest. »Du bist nicht oft hiergewesen, Cirocco. Du weißt nicht, wie es war! Du begreifst nicht, wie schlimm es für eine Frau war –, und ist! –, wenn sie versucht, in Bellinzona zu leben. Was manche von unseren Frauen erlebt haben ... oh, Cirocco, es brächte dich zum Weinen! Vergewaltigung war noch das wenigste! Wir müssen für uns bleiben.« »Und wir geben unsere Waffen nicht her«, sagte Stuart. Er war der Mann, der als Reaktion auf Ciroc- cos Forderung nach einem Vertreter der Bürgerwehr gekommen war, genau wie Trini als eine Älteste der Freien Frauen gekommen war. »Sie sprechen von Ge- setz und Ordnung. Sieben Jahre lang waren wir so ziemlich die einzige Gruppe, die versucht hat, einen Grad der Anständigkeit für alle Menschen in Gäa zu bewahren ...« Und an dieser Stelle funkelte er Trini an, die zurückfunkelte. »Wir waren immer bereit und werden es immer bleiben, auch die zu beschützen, die nicht zu unserer Organisation gehören. Das hängt nur davon ab, wie viele Leute und Waffen uns zur Verfü- gung stehen. Ich will nicht behaupten, daß wir die Straßen sicher gemacht hätten, aber unser Ziel war immer die Anständigkeit.« Cirocco blickte von einem zum anderen. Merkwür- digerweise hatten sie beide ihre jeweiligen Positionen in zwei Minuten zusammengefaßt. Wahrscheinlich erinnerten sie sich beide nicht daran, daß sie zehn Stunden lang gestritten und ausgeschmückt hatten, ohne viel mehr zu sagen als gerade eben. Jedenfalls hielten sie für den Moment den Mund und betrachteten Cirocco begehrlich. »Ich mag euch beide«, sagte Cirocco ruhig. »Es würde mich sehr schmerzen, auch nur einen von euch töten zu lassen.« Beide zuckten nicht zusammen, aber ihre Blicke wurden etwas hohl., »Stuart, Sie und ich, wir wissen beide, daß meine Waffenpolitik nicht lange halten könnte. Mir bietet sich eine sehr lange Pause, und ich habe vor, sie op- timal zu nutzen. Ich kontrolliere alle Munition in Bel- linzona. Man findet hier eine Menge Schußwaffen. Ich habe vor, sie zusammentragen zu lassen, auch wenn es nötig werden sollte, ein Haus nach dem an- deren zu durchsuchen. Brauchbare Schußwaffen her- zustellen geht über die industrielle Kapazität von Bellinzona, und das wird noch lange so bleiben. Aber Sie können und werden Messer machen, weitere Schwerter, Bögen, Pfeile, Totschläger ... und so weiter. Ich möchte diese kurze Zeit nutzen, in der alle ent- waffnet sind, um ... um den Leuten eine Chance zu geben, frei zu atmen. In den nächsten paar Tagen wird es viele Tötungen geben, aber es wird sich dabei um Tötungen von Menschen durch Titaniden han- deln. Falls ein Mensch einen anderen Menschen tötet, wird die Hinrichtung schnell und öffentlich erfolgen. Ich will, daß die Leute es sehen. Mein Ziel hier besteht darin, eine soziale Übereinkunft in Gang zu setzen, und ich fange praktisch bei Null an. Meine Vorteile sind überlegene Macht und das Wissen, daß die mei- sten Leute hier aus gesetzlich geordneten Gesell- schaften vor dem Krieg kommen. Sie werden sich bald wieder daran erinnern, wie sie miteinander zu- rechtkommen.« »Sie versuchen, ein Paradies zu schaffen, nicht wahr?« spottete Stuart. »Keineswegs. Ich hege nur wenige Illusionen über das, was hier geschehen wird. Es wird brutal und un- fair sein. Aber es ist jetzt schon besser als vor zwanzig Revs.«, »Ich habe mich vor zwanzig Revs sicher gefühlt«, wandte Trini ein. »Aber nur deshalb, weil du in einem ummauerten Lager gelebt hast. Ich gebe dir keine Schuld; ich habe in eurer Position dasselbe getan. Aber ich muß jetzt die Mauern niederreißen. Und ich kann nicht einen Haufen schwerttragender Bürgerwehrleute herum- stolzieren haben, bevor ich nicht mehr über sie weiß.« Sie wandte sich Trini zu. »Ich kann dir ein paar Dinge anbieten. Nach der Entwaffnung wird eine Zeitlang – möglicherweise ei- ne Myriarev lang – nur die Polizei die Erlaubnis ha- ben, Schwerter und Knüppel zu tragen. Und nur Frauen wird es erlaubt sein, Messer mitzuführen.« »Das ist nicht fair!« rief Stuart. »Sie haben verdammt recht, es ist nicht fair«, fuhr Cirocco fort. »Es ist auch nicht fair, daß die meisten Frauen, die nach dem Krieg hier eintrafen, von ir- gendeinem großen haarigen Stück niedergeschlagen, weggezerrt und auf einer öffentlichen Auktion ver- kauft worden sind.« Trini blickte interessiert, aber auch noch zweifelnd. »Einige Frauen werden sterben«, brachte sie vor. »Die meisten von ihnen können nicht mit einem Mes- ser umgehen.« »Ein paar Frauen sind gestern ums Leben gekom- men, weil sie keins hatten«, entgegnete Cirocco. Trini machte immer noch ein zweifelndes Gesicht. Cirocco wandte sich an Stuart. »Was Ihre Bürgerwehr angeht ... wir werden nach der Übergangszeit eine menschliche Polizei benöti- gen. Ich habe vor, die Bürgerwehr dabei bevorzugt zu behandeln.«, »Mit Knüppeln bewaffnet?« fragte er. »Unterschätzen Sie nicht den Polizeiknüppel.« »Meine Leute werden dann also zu irgendeinem Burschen gehen und ihn durchsuchen, richtig? Was passiert, wenn der Bursche ein Messer zieht?« »Das hängt davon ab, wie gut Ihr Mann ist. Es kann freilich passieren, daß er umkommt.« Sie gab den beiden die Möglichkeit, es erneut zu überdenken. Es war eine große Versuchung, einfach klar damit herauszurücken: Ihr habt keine Chance. Aber das wußten sie ja. Es war besser, wenn sie einen Weg sahen, Gefallen an der Sache zu finden, wenig- stens teilweise. »Es wird also Gesetze und Gerichte geben?« er- kundigte sich Stuart. »Jetzt noch nicht. Ich habe bereits Gesetze über Sklaverei und Töten skizziert. Für den Moment wer- den sie am Ort des Verbrechens durchgesetzt, wobei die Titaniden als Richter amtieren. Bald werden wir die Gesetze weiter ausgestalten und die ganzen For- malitäten von Verhaftung und Verfahren einsetzen.« »Ich würde mich besser fühlen, wenn wir sofort ei- nige Gesetze und Gerichte einführten«, sagte Trini. Cirocco sah sie nur an. Sie erwähnte nicht, daß es noch eine brutalere Alternative gab, an die sie eine Zeitlang gedacht hatte – und die sie auch jetzt noch nicht ganz ausschloß. Sie nannte sie die Conal- Lösung. Die Titaniden konnten Urteile fällen, denen Cirocco völlig vertraute. Wenn sie sagten, dieser oder jener Mensch sollte getötet werden, dann wußte Ci- rocco, daß sie recht hatten. Man konnte nicht abstrei- ten, daß es so schneller und leichter ginge. Sie wußte nicht einmal, ob es falsch wäre. Cirocco, glaubte an gut und böse, aber richtig und falsch wa- ren etwas ganz anderes. Trini sehnte sich nach der Zustimmung des Gesetzes, weil sie damit aufgewach- sen war. Das galt auch für Cirocco, die deshalb letzt- lich auch glaubte, daß die Menschen das Gesetz brauchten, wenn sie zusammenleben sollten. Aber sie betete es andererseits nicht an. Sie hegte keinen Zwei- fel daran, daß ein Titanide mit seiner angeborenen Fähigkeit, das Böse in Menschen zu riechen, bessere Urteile fällen konnte, als zum Beispiel zwölf mensch- liche Geschworene. Aber es fühlte sich nicht richtig an, und deshalb hatte sich Cirocco für den beschwerlichen Weg ent- schieden. »Wir werden am Ende Gesetze und Gerichte ha- ben«, sagte sie. »Mit der Zeit wahrscheinlich auch Rechtsanwälte. Aber das liegt alles an euch.« Trini und Stuart sahen einander an. »Sie meinen, an uns beiden?« erkundigte sich Stuart. »Oder an allen Bürgern?« »Auch das liegt an euch. Wenn ihr eine Zeitlang mit mir zurechtkommt, werdet ihr euch nach meinem Weggang in einer ausgezeichneten Position finden, die Regierung zu übernehmen.« »Weggang?« fragte Trini. »Wann wäre das?« »Sobald ich kann. Ich tue dies hier nicht, weil ich will. Ich tue es, weil ich die einzige bin, die es tun kann, und ... aus Gründen, die euch im Moment nichts angehen. Ich habe nie den Drang verspürt zu regie- ren. Ich erwarte, daß es mächtig Kopfschmerzen macht.« Stuart wirkte immer nachdenklicher. Cirocco dachte, daß ihre ursprüngliche Einschätzung dieses, Mannes korrekt war. Er hatte den Hunger nach Macht. Sie fragte sich, wie hoch in der Regierung er vor dem Krieg gewesen war. Sie zweifelte nicht dar- an, daß er zur Regierung gehört hatte, obwohl sie ihn nicht gefragt hatte. Trini hatte denselben Drang, wenn auch in anderer Form. Cirocco kannte sie seit zwanzig Jahren, aber erst in den letzten sieben Jahren war Trinis verborge- ne Perversion zutage getreten. Zählte man alles zu- sammen, hatte sie sich ganz gut damit geschlagen. Sie war eine Gründungsmutter und führende Kraft hin- ter den Freien Frauen. Sie war ein im Grunde guter Mensch. Cirocco brauchte keinen Titaniden, um das festzustellen. Für Stuart galt das gleiche. Cirocco mochte eigent- lich keinen von beiden. Sie hatte das Gefühl, daß der Drang, große Menschengruppen zu führen, im Grun- de nicht sehr schön war, aber sie wußte auch, daß es solche Leute geben mußte. Sie konnte mit ihnen um- gehen, wenn sie mußte. »Welche Regierungsform stellen Sie sich vor?« wollte Stuart wissen. »Sie haben das Privateigentum abgeschafft. Sind Sie Kommunist?« »Ich bin vorübergehend ein absoluter Diktator. Ich tue das, was, wie ich glaube, getan werden muß, und ich gehe dabei nach einem Plan vor, den ich sehr sorgfältig ausgearbeitet habe. Ich habe das Privatei- gentum abgeschafft, weil Bellinzona eine Fundsache ist. Die mächtigsten Leute leben in den größten Häu- sern, während die ärmsten nicht einmal Kleider ha- ben. Das kam deshalb so, weil bei ihrer Ankunft hier kein Gesetz vorhanden war. Die Lösung, die mir ein- gefallen ist, besteht darin, erstens die Sklaverei abzu-, schaffen und zweitens die übermäßigen Gewinne auszumerzen, die die rücksichtsloseren Bürger ein- fach deshalb gemacht haben, weil sie Hundesöhne sind. Das ist einer der Kopfschmerzen, die ich er- wähnte. Im Augenblick besitze ich die Stadt Bellinzo- na. Aber ich will oder brauche sie nicht. Ich beabsich- tige, die Häuser, Räume und Boote den Leuten zu- rückzugeben ... und ich will es fair tun. Viele von die- sen Leuten haben hart gearbeitet, haben zum Beispiel Boote gebaut. Ich habe sie gerade alle gestohlen. Ei- nes der Dinge, bei denen ihr beide mir hoffentlich helfen werdet, ist die Ausarbeitung eines Verfahrens, um Ansprüche auf persönliches Eigentum, Immobili- en und Wohnungen zu sortieren. Ja, im Augenblick bin ich eine Art Kommunist. Aber ich rechne damit, daß sich das ändert.« »Warum soll der Staat nicht alles behalten?« fragte Trini. »Auch das überlasse ich euch. Ich rate davon ab. Ich denke, du wirst populär sein und besser schlafen, wenn du versuchst, fairer zu sein als so. Aber viel- leicht ist das nur ein Vorurteil von mir. Ich gestehe, daß ich eine Vorliebe für Privateigentum und Demo- kratie habe. Ich bin unter diesen Bedingungen auf- gewachsen. Aber ich weiß, daß es auch andere Theo- rien gibt.« Erneut beobachtete sie, wie sich Stuart und Trini gegenseitig musterten. Beide versprachen interessant zu werden. »Im Moment«, fuhr Cirocco fort, »benötige ich Ant- worten. Könnt ihr mit mir zusammenarbeiten, wohl wissend, daß meine Entscheidungen absolut sind?« »Wenn sie absolut sind, warum brauchen Sie uns?«, »Für euren Rat, wenn ich sie treffe. Für eure Kritik, wenn ihr denkt, ich hätte eine schlechte Entscheidung getroffen. Aber glaubt nicht, ihr hättet eine Stimme!« »Haben wir eigentlich eine Wahl?« fragte Trini. »Ja. Ich beabsichtige nicht, euch zu töten. Wenn du ablehnst, schicke ich dich nach Hause und besorge mir eine andere Freie Frau, und ich mache das immer wieder, bis ich eine finde, die mir dabei hilft, die Frei- en Frauen in die Gesellschaft zurückzuführen. Ir- gendeine wird es, weißt du.« »Ja, ich weiß. Es könnte genausogut ich sein.« Stuart blickte auf. »Ich? Sicher. Und ich fange genau jetzt an, indem ich Ihnen sage, daß es ein böser Fehler ist, wenn die Titaniden Menschen töten. Das fördert Rassenvorur- teile.« »Ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen. Die Tita- niden können sich selbst verteidigen. Wenn jemand hier in Gefahr schwebt, dann ist es die menschliche Rasse, nicht die titanidische. Wenn die Dinge letzten Endes nicht friedlich geregelt werden können, dann bringen sie einfach jeden von euch um, Männer, Frauen und Kinder.« Stuart wirkte erst erschreckt, dann nachdenklich. Cirocco war nicht überrascht. Selbst sieben Jahre in Bellinzona hatten nicht die anthropozentrische Über- zeugung dieses Mannes ausgelöscht, daß die Men- schen letztlich über alle anderen Arten triumphieren würden, genau wie sie es auf der Erde getan hatten. Gerade hatte er die Vorstellung erwogen, es könne anders kommen. Sie gefiel ihm nicht. Dinge, die ihm nicht gefielen, würde es reichlich geben.,

DREIZEHN

Der Polizeidienst gefiel Rocky nicht. Er stand damit nicht allein; der Dienst sagte keinem Titaniden zu. Aber der Captain hatte ihnen feierlich versprochen, daß sie auf diese Weise das KIND zurückbekommen würden, also ging Rocky fleißig Streife. Es war eine interessante Zeit gewesen. Am ersten Tag hatte er an einem Überfall auf das Hauptquartier eines Bosses teilgenommen; dreihun- dert Tote waren zurückgeblieben, einschließlich eines Titaniden, den ein Pfeil am Kopf getroffen hatte. Rocky selbst hatte eine Pfeilwunde an der linken Hinterhand erhalten, nicht ernst, aber schmerzhaft. Er schonte das Bein jetzt noch. Das war nicht die schlimmste Razzia gewesen. Ein Boß hatte fast hundert Revs durchgehalten. Die Tita- niden belagerten das Gebäude und machten rings- herum Feuer, damit es im Inneren so ungemütlich wie möglich wurde. Am Ende hatten die Truppen des Bosses seinen Kopf zur Fronttür hinausgeworfen und sich ergeben. Drei Titaniden waren bei dieser Aktion ums Leben gekommen. Im ganzen wußte Rocky von einem Dutzend toter Titaniden. Die Verluste der Menschen gingen in die Tausende; zu den meisten war es in den ersten vier- zig Revs gekommen, mit einem weiteren kurzen Hö- hepunkt, als die Entwaffnungspolitik in Kraft gesetzt wurde. Jetzt waren alle Banden zerstreut. Die Men- schen betrachteten Rocky mit Argwohn und Angst, aber seit längerem hatte niemand mehr etwas gegen ihn unternommen., Also bummelte er in der Runde, wobei ihm die Schwertscheide gegen das linke Vorderbein schlug, und hielt Ausschau nach Ärger, in der Hoffnung, keinen zu finden. Hin und wieder kam Rocky an ei- nem Menschen von der Art vorbei, die Cirocco ver- rückt nannte, die nach Rockys Meinung aber Würmer im Kopf hatten. Alle Menschen waren verrückt, das war allgemein bekannt, aber bei den meisten war das etwas Großartiges. Bei einer Minderheit sah es anders aus. Das Wort für sie war ›Psychopathen‹, aber das Wort enthielt für Rocky keinen Geschmack. Das wa- ren die Leute, die, wie er wußte, auf der Stelle getötet werden sollten, und die einzige Frage bei ihnen lau- tete nicht, ob sie getötet werden sollten, sondern wann. Aber der Captain hatte gesagt, daß niemand um- gebracht werden sollte, es sei denn »auf frischer Tat ertappt«, um ihre Worte zu gebrauchen, beim Bege- hen eines Kapitalverbrechens. Und tatsächlich war Rocky das inzwischen recht so. Er hatte genug Tötungen gesehen. Sollten die Menschen doch ihre Fehler selbst beseitigen. Rocky zog es vor, an schönere Sachen zu denken. Er lächelte und erschreckte damit eine menschliche Frau, die nach kurzem Zögern das Lächeln erwiderte. Rocky tippte sich an den Hut und kratzte sich dann unter dem Hemd. Kleider paßten ihm gar nicht in den Kram, aber manchmal mußte man auch dem Captain in seiner Verrücktheit den Willen lassen. Tragt die Uniformen, hatte sie gesagt, also tat es Rocky und kratzte sich die ganze Zeit. Er hörte die verschwommenen, dunklen Gedanken Tamburas in seinem Geist und lächelte erneut., Tambura war seine Tochter. Sie war noch winzig. Valiha hatte das halb befruchtete Ei eine Zeitlang be- halten und einen guten Zeitpunkt abgewartet, um sich dem Magier zu nähern. Cirocco gab ihre Erlaub- nis, und eine Dekarev vor der Invasion in Bellinzona hatte Schlange das Ei in Rockys Schoß ein zweites Mal befruchtet. Und dort kuschelte sich jetzt Tambu- ra in der dritten Dekarev ihres Lebens. Sie war in die- sem Moment nur ein mikroskopischer Klecks sich teilender Zellen mit einem Gehirn von der Größe ei- ner Walnuß – ein Gehirn, das einst Valihas Ei gewe- sen war. Innerhalb der kristallinen Eistruktur befan- den sich Molekulargitter, die ganz anders organisiert waren als das menschliche Gehirn. Die Fähigkeit zu singen war bereits einprogrammiert. Vieles, was Va- liha in ihrem Leben gelernt hatte, war dort auch ge- speichert, einschließlich der Menschensprache. Erin- nerungen an Valihas Leben waren zu finden, und an das Leben aller Vordermütter bis zurück zur Vor- dermutter das Madrigal-Akkords, Violine. In gerin- gerem Maße waren auch die Vorderväter und Hin- terväter vertreten in der einzigen Form von Unsterb- lichkeit, die für Titaniden etwas bedeutete. Rocky versuchte, nicht chauvinistisch zu sein, aber dies schien ihm ein mitfühlenderes System zu sein, als das verrückte Gezänk der menschlichen Genetik. Menschen entwickelten sich durch Greuel und unge- nügende Anpassung, durch die kalte Gnadenlosigkeit des Zufalls, durch eine endlose Reihe von Geistesge- störten, die ohne eigene Schuld schreiend auf die Welt kamen, ohne daß sie eine Chance gehabt hätten zu überleben. Zu den besten Zeiten war der Mensch eine Serie von Kompromissen zwischen dominanten, und rezessiven Genen. Und das einzige feste Pro- gramm seines unentwickelten Gehirns war, wie es schien, ein Überrest aus den Zeiten heißhungriger Tiere, die auf den Bäumen gelebt hatten, als Gäa sich noch nicht drehte. Nach Rockys Ansicht war das eine Erklärung für das Krebsgeschwür, das Bellinzona darstellte. Titaniden erhielten schon eine harte, elementare und praktische Erziehung durch ihre Vordermütter, während sie noch Eier waren, lange bevor eine Be- wußtheit auftrat. Die maschinenähnlichen Strukturen in dem sich entwickelnden Ei filterten aus dem fron- talen Samen Informationen und Wesenszüge heraus, die nützlich zu sein versprachen, führten Testsimula- tionen durch und lehnten diejenigen ab, die nicht funktionieren würden, verfestigten sich dann zu ei- nem Potential. Das Ei übernahm die DNS nicht ein- fach ungeprüft, das Gute mit dem Schlechten ver- mischt, sondern zerteilte sie, schätzte die Bestandteile ein und benutzte jene, die sinnvoll schienen. Während der titanidische Embryo alle praktischen und viele historische Dinge von seiner Vordermutter erfuhr, so bezog er alles andere von der Hintermutter. Rocky fragte sich, ob er nicht voreingenommen war – da er selbst schwanger war –, aber es kam ihm so vor, als wäre dies der wichtigste Teil. Tambura war lebendig und bei Bewußtsein und stand fortwährend mit Rocky in Verbindung. Diese Verbindung funktionierte nicht verbal – obwohl Tambura über Worte verfügte – und auch nicht mu- sikalisch – obwohl Tambura viel Zeit damit ver- brachte, die seltsamen Lieder des Mutterleibs zu sin- gen. Während sich ihr äußeres Gehirn zu etwas dem, menschlichen Gehirn ganz Ähnlichem entwickelte, wenn auch mit einem kybernetischen Ei im Zentrum, füllte Rocky die sich herausbildenden Schichten mit seiner Liebe, seinem Gesang ... mit seiner Seele. Die Schwangerschaft war für einen Titaniden in vieler Beziehung der schönste Teil des Lebens. Rocky unterbrach die Verbindung mit seiner Tochter, als er Gewalttätigkeit witterte. Die Art, wie sich die Luft anfühlte, änderte sich. Er hatte eine sol- che Veränderung in letzter Zeit häufig bemerkt. Als er den Damm entlang vorausblickte, sah er die Quelle. Er fühlte sich erschöpft und fragte sich, wie die menschlichen Polizisten mit ihrem Job fertig ge- worden waren. Die Situationen waren so vorhersag- bar, und doch war jede so gefährlich anders. Er zog seine Handfeuerwaffe aus dem Beutel und überprüfte das Magazin. Es war eine Waffe von ganz anderer Art als die, welche er widerwillig getragen hatte an jenem Tag vor so vielen Revs, als er nach Bellinzona gekommen war, um seinen Captain zu operieren. Die jetzige Waffe war ein Modell des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts, und sie war unter Berücksichtigung gäanischer Bedingungen entworfen und bestellt worden. Die meisten Prinzipien waren unverändert, aber die Materialien waren anders. Rockys Pistole enthielt kein Metall. Sie sah aus wie eine lange schmale Papprolle an einem Griff. Kurze Rippen ragten aus der Mitte des Laufes aus Karbon- keramik; sie leuchteten eine Sekunde lang hellrot, wenn die Pistole abgefeuert worden war. Der Griff – zu klein für Rockys Hand – enthielt vierzig winzige Raketen mit Bleispitzen. Das Geschoß wurde in einem relativen Schneckentempo durch den, Lauf geführt und dann heftig beschleunigt. Es durch- brach die Schallmauer innerhalb eines Meters nach der Mündung. Es war eine wunderbare Waffe. Rocky haßte sie. Von der Art, wie sie sich in seinem Beutel anfühlte, bis hin zu den häßlichen Ergebnissen ihrer furchtba- ren Genauigkeit, war sie ein durch und durch böses Ding. Er hoffte, daß der Tag käme, an dem alle derar- tigen Dinge aus dem Land Gäas verschwunden sein würden. In der Zwischenzeit näherte er sich den rufenden Leuten. Ein Mann hatte eine Frau am Oberarm gepackt und zog sie hinter sich her, während sie ihm ordinäre Ausdrücke an den Kopf warf. Er erwiderte sie, Belei- digung auf Beleidigung. Ein weinendes Kind folgte den beiden. Eine kleine Gruppe von Menschen hatte sich zusammengefunden, um zuzuschauen, nicht je- doch, um sich einzumischen. Rocky hatte solche Er- eignisse schon dutzendmal gesehen, kam es ihm vor. Während Rocky näherkam, blieb der Mann – der den Titaniden nicht gesehen haben konnte – endlich stehen und schlug die Frau mit der Faust. Er schlug wieder zu, und ein drittes Mal ... und dann bemerk- ten sie beide, daß ein Titanide dicht neben ihnen stand und eine Pistole auf sie richtete. »Laß sie sofort los!« sagte Rocky. »Schauen Sie, ich hatte nicht vor ...« Rocky schlug ihm leicht auf den Kopf, auf die Stel- le, wo, wie man ihn unterrichtet hatte, später die we- nigsten Nebenwirkungen auftraten, und der Mann brach zusammen. Die Frau kniete sich, wie Rocky es beinahe erwartet hatte, rasch neben ihn und brach in, Tränen aus, während sie seinen Kopf hielt. »Nehmen Sie ihn nicht mit!« schluchzte sie. »Es war meine Schuld.« »Steh auf!« befahl ihr Rocky. Als sie es nicht tat, zog er sie hoch. Sie hatte nicht genug an, um eine Waffe zu verstecken. Er langte hinter sich in die Sat- teltasche und holte ein kurzes Stahlmesser von der Art hervor, die man in Bellinzona bereits »Eier- schneider« nannte. »Ich rate dir, das immer bei dir zu tragen«, sagte er. »Das werde ich nicht tun! Ich brauche kein Mes- ser!« »Wie du willst.« Rocky steckte das Messer zurück. »Heute ist das okay. In einer Hektorev wirst du gegen das Gesetz verstoßen, wenn du unbewaffnet bleibst. Die Strafe lautet beim ersten Verstoß auf eine Kilorev Arbeitslager. Entnimm die Einzelheiten den Schwar- zen Brettern der Kommune, da Unwissenheit nicht als Entschuldigung angenommen wird. Wenn du nicht lesen kannst, wird ein Dolmetscher ...« Sie stürzte sich auf ihn und schwang dabei unbe- holfen die Fäuste. Er hatte das erwartet. Er wollte Zeugen und er wollte, daß sie ihn schlug, vor allem deshalb, weil er das weinende Kind nicht bei ihr zu- rücklassen wollte. Er gestattete es ihr, ein paar Hiebe zu landen, und schlug sie dann bewußtlos. »Angriff auf einen Polizeioffizier«, informierte er die Menge, und niemand hatte etwas einzuwenden. Das Kind weinte noch heftiger. Der Junge war unge- fähr acht, schätzte Rocky, aber er konnte sich irren. Das Alter von Menschenkindern war für Titaniden schwer auszumachen. »Ist das deine Mutter?« fragte er das Kind, das aber, zu aufgeregt war, um die Frage auch nur zu hören. Rocky betrachtete wieder die Menge. »Weiß jemand, ob das die Mutter des Kindes ist?« Ein Mann trat vor. »Ja, er gehört zu ihr, zumindest behauptet sie es.« Es konnte sein, daß sie seine leibliche Mutter war. Rocky dachte, daß sie es war, weil sie ihm nicht wie die Art Frau vorkam, die eines von Bellinzonas un- zähligen Findelkindern adoptierte. »Ist irgend jemand bereit, in dieser Gemeinschaft die Verantwortung für den Jungen zu übernehmen?« Es war zum Totlachen, dachte Rocky. Gemeinschaft. Aber es war das vorgeschriebene Verfahren, und Ci- rocco behauptete, daß sich Gemeinschaften entwik- keln würden. »Falls nicht, bringe ich ihn in den Kin- derhort der Gemeinde, wo man sich um ihn küm- mern wird, bis seine Mutter wieder aus dem Ar- beitslager kommt.« Überraschenderweise trat ein Mann vor. »Ich nehme ihn«, sagte er. »Sir«, begann Rocky. »Ihre Pflichten in dieser Si- tuation sind ...« »Ich weiß, worin sie bestehen. Ich lese die ver- dammten Schwarzen Bretter. Sehr sorgfältig! Nehmen Sie diese beiden nur mit, und ich sorge dafür, daß dieser Bursche einen Platz zum Schlafen hat.« In den Worten des Mannes war Ärger zu hören, ein gewisser Trotz. Die Menschen kümmern sich um ihre eigenen Leute, wollte er zum Ausdruck bringen. Aber auch ein grollender Respekt war vorhanden. Rocky war beides recht. Er verfügte über die Autorität, vor Ort Entscheidungen dieser Art zu treffen, und war der Ansicht, daß es dem Jungen in der Fürsorge die-, ses Mannes gutgehen würde. Also fesselte er die Gefangenen, warf sie sich über den Rücken und machte sich auf den Weg zum Ge- fängnis. Unterwegs drang Tambura wieder in sein Bewußtsein ein. *Mutter, was tut dir so weh?* Tamburas Frage war gleichzeitig viel einfacher und weit vielschichtiger als diese Übersetzung. »Mutter« war zum Beispiel eine überaus grobe Vereinfachung des titanidischen Hauptwortes, das Tambura verwandte. Die Frage selbst war eher eine Gefühlswelle. *Ereignisse. Beziehungen zwischen Personen und Arten. Leben.* *Mutter, muß ich geboren werden?* *Du wirst das Leben lieben, mein Kind. Die meiste Zeit.*

VIERZEHN

Seit der Übernahme war Nova höllisch beschäftigt gewesen mit drei Löchern in ihrem Raumanzug und nur zwei Flicken. Cirocco schien überhaupt nicht zu schlafen. Nova hatte diesen Zustand fast selbst schon erreicht. Die Invasion lag beinahe eine halbe Kilorev zurück. Zu Anfang hatte Nova wenig zu tun gehabt, außer die Zahlen der Toten und Verwundeten festzuhalten. Aber seit die Gesetze in Kraft gesetzt und die Volks- zählung eingeleitet waren, hatte sich ihre Arbeitsbe- lastung vergrößert. Es wurden nicht nur die Leute gezählt, sondern auch Wohnungen. Man zog auch ei-, ne Bestandsaufnahme alles früheren Privateigentums in Erwägung. Nova war für die Computer verantwortlich. Unmöglich, eine Revolution ohne Computer durchzuführen, dachte sie. Ihr Titel war Leitende Bürokratin. Sie wußte nicht einmal, was das bedeutete, außer, daß es ihr nicht er- laubte, mit einem Schwert auf den Straßen herumzu- laufen. Ihr war das recht. Sie kämpfte jetzt nur noch, wenn es unvermeidlich war, und sie wurde inzwi- schen ziemlich gut darin, es zu vermeiden. In dieser Beziehung hatten sie und Conal viel ge- meinsam. Der Gedanke an Conal irritierte sie für einen Mo- ment. Sie wandte den Blick von ihrem Computerbild- schirm und führte einige Entspannungsübungen aus. Nach ihrer Rückkehr vom Pandämonium hatte ein Kampf stattgefunden. Nova hatte verlangt zu erfah- ren, ob Gäas Behauptungen bloße Propaganda waren. Robin hatte ihr zögernd die Wahrheit gesagt, und Nova hatte sie daraufhin informiert, daß sie sich von diesem Tag an nicht mehr als Robins Tochter be- trachtete. Sie seufzte und schob sich das Haar aus den Au- gen. Bei den endlosen Besprechungen in der Junction vor der Invasion hatte Cirocco herausgefunden, daß Nova eine Begabung für die Bedienung von Compu- tern besaß. Also brachte man Chris' alte Geräte zum Vorschein, staubte sie ab, fütterte sie mit Energie und bereitete sie für den großen Tag vor. Seitdem hatte Nova nur wenige Stunden von ihrem Kontrollpult entfernt verbracht., Sie gestand sich selbst gegenüber ein, daß dies eine interessante Methode war, eine Revolution zu be- trachten. Sie war die erste, die den Rückgang der Hinrichtungen im Schnellverfahren bemerkte. Sie wußte vor allen anderen, daß die Verschickungsrate zu den Arbeitslagern abnahm. Nova war es, die dem Magier die ersten Schätzungen der Bevölkerungszahl von Bellinzona überbrachte. Es stellte sich heraus, daß fast eine halbe Million Menschen in Bellinzona lebte, eine Tatsache, die alle außer Conal überraschte. Novas Maschinen konnten diese Menschen nach jedem Gesichtspunkt auflisten, der vielleicht nützlich war, von der nationalen Her- kunft über Alter, Geschlecht, Sprache, Körpergröße und Gewicht bis hin zur Augenfarbe. Es war eine höllische Volkszählung. Sie sollte die Grundlage für ein System der Identifikation in irgendeiner nebel- haften Zukunft bereitstellen. Nova stand ein Stab aus einhundert Personen zur Verfügung, die ihren Zen- tralprozessor ständig mit Informationen fütterten. Sie legte die Ergebnisse dann Cirocco und dem Regie- renden Rat vor. Der Rat regierte nach wie vor eher dem Namen nach als in Wirklichkeit. Cirocco blieb zunächst Dik- tator, woran niemand irgendwelche Zweifel hegte. Die Wirtschaft von Bellinzona faszinierte Nova, seit sie mehr darüber erfahren hatte. Man fand darin ei- nen äußerst wichtigen Faktor, der Cirocco endlose Sorgen bereitet hatte. Nova hatte ihn den ›Manna- Faktor‹ getauft. Obwohl Gäa Dione nicht beherrschte, so besaß sie doch die Speiche darüber. Nach ihrem Entschluß, die menschlichen Kriegsflüchtlinge in der neuen Stadt, von Bellinzona anzusiedeln, wollte sie offensichtlich so viel Kontrolle wie möglich über sie behalten. Dazu erfand sie das Manna. Wie der Name schon sagte, handelte es sich dabei um Nahrung, die vom Himmel fiel. Sie wuchs an einer Billion Pflanzen da oben in der Dunkelheit der Dione-Speiche, und alle paar Hektorevs fiel sie wie aus einem Füllhorn über Dione herab. Das Manna kam in Gestalt von kokosnußgro- ßen Bällen, die an kleinen Fallschirmen hingen. Trotz der Fallschirme war es klug, Deckung zu suchen, wenn es Manna regnete. Wie Kokosnüsse hatten die Manna-Stücke harte Schalen. Sie überstanden den Aufprall, waren aber nicht schwer zu knacken. Innen fand man hundert verschiedene Sorten von nahrhaftem Fleisch in einer Vielzahl von Geschmacksrichtungen. Es bot alle Vit- amine und Mineralien, die ein Mensch benötigte, um gesund zu bleiben. Das Manna war tatsächlich so gut, daß die, die sich ganz davon ernährten – ein großer Teil der Bevölkerung – gesünder waren als die, wel- che ihren Speisezettel mit teuren und exotischen dio- nianischen Fleisch- und Gemüsesorten ergänzten. Dicke Leute verloren bei Manna-Ernährung Gewicht, bis sie eine optimale Masse erreicht hatten. Menschen mit Vitaminmangelerscheinungen erholten sich bin- nen weniger Kilorevs. Manna hemmte auch den Zahnverfall, reinigte den Atem, linderte Menstruati- onskrämpfe und heilte Glatzköpfigkeit. Natürlich war es ein Zeichen von Status in Bellinzona, das Zeug nie gegessen zu haben. Manna hielt sich zwei Kilorevs. Alle außer den am stärksten Behinderten schafften es, davon bis zum nächsten Schauer genug zu horten. Die wenigen, die, das entweder nicht konnten oder nicht taten, waren reif für die Sklaverei, wenn sie hungrig wurden. Natürlich galt der Grundsatz: Gäa gibt und Gäa nimmt. Das Wetter in Dione war furchtbar. Es wurde nie zu kalt, aber oft war es kalt genug, daß die ob- dachlosen Massen einen endlosen schläfrigen Nach- mittag hindurch zitterten. Und es regnete viel. Unter- kunft war also etwas Lohnendes, etwas, wofür viele Leute arbeiteten. Und man kam nicht leicht daran, da die Bosse sich jeden Zoll Boden geschnappt hatten, den sie beherrschen konnten, und harte Preise for- derten für das Recht, unter einem Dach zu schlafen. Aber abgesehen von der Suche nach Unterkunft und dem Anhäufen von Manna-Vorräten ungefähr jede Kilorev ... mußte man nur wenig tun, um in Bel- linzona zu überleben. Cirocco bezeichnete die Stadt als vollendeten Wohlfahrtsstaat. Und sie wußte, daß nicht lange, nachdem sie die Herrschaft übernommen hatte, die Mannaregen auf- hören würden. Die Frage lautete nur: wann? Das erste und wichtigste Ziel ihrer Regierung be- stand also darin, die Bevölkerung zu ernähren. Es war ein Ziel, das vor allen anderen Vorrang hatte – sogar vor Gesetz und Ordnung. Es mußte um jeden Preis erreicht werden, denn nichts konnte schlimmer sein als eine unterworfene, aber hungernde Stadt. Novas Bevölkerungsschätzungen hatten Cirocco bestürzt. Sie hatte sich vorgestellt, eine Stadt von zwei- oder dreihunderttausend ernähren zu müssen. Und doch ... im Moros wimmelte es von eßbarem Fisch. Die Ebenen im Anschluß an die Pfefferminz- bucht waren fruchtbar. Gäanische Feldfrüchte wuch- sen schnell. Man konnte es schaffen, aber nicht mit, einer freien Bevölkerung. Zwangsarbeit war unum- gänglich. Einige Gesetze waren entsprechend formu- liert worden. Für Ciroccos Pläne war es wesentlich, die Gefängnisse zu füllen, denn sie hegte keine Illu- sionen über Heere von Freiwilligen, die hinausmar- schierten, um den Dschungel zu roden und Getreide zu säen und zu ernten. Gewaltverbrechen wurden mit sofortiger Hinrichtung bestraft: ein Mund weni- ger, der zu stopfen war. Andere Verbrechen trugen dem verwirrten Bürger eine lange Zeit in einem Ar- beitslager ein. Cirocco war entschlossen, so weit zu gehen wie nötig. Sie hätte das Niesen in der Öffent- lichkeit zum Verbrechen erklärt, wenn es nicht anders möglich gewesen wäre, die Lager zu füllen. Glückli- cherweise hatten ihr die Bürger Bellinzonas den Ge- fallen getan, ihre völlig vernünftigen Gesetze in aus- reichender Zahl zu brechen, um die Lebensmittelver- sorgung zu sichern. Als dann das Manna nicht mehr vom Himmel fiel, war Bellinzona gerüstet.

FÜNFZEHN

Ohne genau zu wissen, wie es gekommen war, waren Valiha und Virginal zu Fischern geworden. Keine von beiden hatte je zuvor einen Fisch gefangen. Die Menschen, die etwas von Schiffen verstanden, hatten durch die Erlasse der Bürgermeisterin das Kommando über die bellinzonanischen Boote über- nommen, die mehr konnten, als nur vor Anker zu schaukeln. Seit zehn Dekarev stach die Flotte nun, immer wieder in See, mit Valiha und Virginal vorne- weg. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, die U-Boote ab- zuwehren. Es hätte schon viel früher eine Fischindustrie in Bellinzona entstehen können, wären nicht alle von Menschen gesteuerten Boote, die sich mehr als zehn Kilometer von der Stadt entfernten, prompt aufge- fressen worden. U-Boote hatten einen gewaltigen Appetit, und sie waren nicht wählerisch. Der Captain hatte eine Art Abkommen mit ihnen geschlossen. Es funktionierte so gut, daß nicht nur die Schiffe nicht gefressen wurden, sondern die Fisch- fangflotte sich auch mit den Flottillen der U-Boote zusammentun konnten, um den See übersät zu finden mit den ausgespuckten und noch lebenden Fisch- schwärmen, die von den gewaltigen Mäulern der U's kurz zuvor heraufgeschöpft worden waren. Es gab ein Lied über U-Boote. Valiha und Virginal sangen es, obwohl ihnen die Kenntnis dieses Liedes nicht angeboren war. Und die Meerungeheuer glitten aus der Tiefe herauf, um einen großen Teil ihres Fan- ges der hungrigen Stadt zu übergeben. Es war ein Wunder. Und genau das taten sie jetzt. Valiha stand im Bug eines der größten Boote der Bellinzona-Flotte und sang das U-Boot-Lied, während nicht weit entfernt ein U-Boot seinen mächtigen Körper dicht unter der Oberfläche wälzte. Große Wassertropfen spritzten in Richtung der kleineren Schiffe und der zwischen ih- nen ausgespannten Netze. Benommene und verwirrte Fische zuckten vergeblich in dem Sturzbach, entka- men dem Maul des U-Bootes nur, um von den Net-, zen verschluckt zu werden. Es war ein schöner Anblick. In letzter Zeit sangen die Fischer ihre eigene Version des U-Boot-Liedes, während sie die Netze einzogen. Valiha lauschte kri- tisch. Sie wußte, daß die Nuancen des titanidischen Gesangs fehlten, aber wie so viel menschliche Musik besaß auch dieser Gesang eine einfache Vitalität, die anziehend war. Vielleicht reagierten die U-Boote ei- nes Tages nur noch auf menschlichen Gesang. Das wäre nur gut, denn Valiha hatte nicht den Wunsch, für den Rest ihres Lebens die Flotte zu kommandie- ren. Zu Anfang war es turbulent zugegangen. Bei einem harten Kern begeisterter Seefahrer, vielen menschli- chen Polizisten und einer Handvoll Titaniden war es nur möglich gewesen, mit einer Ladung aufsässiger Gefangener in See zu stechen. Bei den ersten Ausflü- gen war wenig mehr herausgekommen als Blasen und schmerzende Rücken. Aber die Menschenpolizei war eifrig – vielleicht ein wenig zu eifrig, dachte Va- liha –, und bald arbeiteten wenigstens alle so hart, wie sie konnten. Langsam bildete sich ein Gemein- schaftsgeist heraus. Anfangs schlug er nur zögernd Wurzeln. Aber wenn Valiha jetzt zufällig Gespräche auf den geschäftigen Fischmärkten mit anhörte, wur- de deutlich, daß diese Leute sich als eine Gruppe be- trachteten – und, was noch mehr war, sich für etwas besser hielten als die Faulenzer an Land. Man brauchte jetzt weniger Polizei, um sie in einer Reihe zu halten. Wenn die Flotte Segel setzte, zogen die Menschen die Leinen entschlossen ein, und wenn die Fische gesichtet wurden, klang Jubel auf. Zur Abfahrt und zur Rückkehr wurden Lieder gesungen, wie, auch das titanidisch inspirierte U-Boot-Shanty. Das war gut so, wie Valiha wußte. Der letzte Man- na-Schauer hatte sich um viele Tage verspätet, und als man das Manna öffnete, war es zu ranzig für den Verzehr. Aber Bellinzona stand inzwischen auf eigenen Fü- ßen.

SECHZEHN

»Das ist Gäa«, sagte Adam. »Sicher ist sie es«, bestätigte Chris so fröhlich, wie er konnte. Adam legte sein Spielzeug weg und setzte sich vor den Fernsehschirm. Chris hatte sich schon genug Sorgen gemacht, wenn Gäa sich nur in alten Marilyn-Monroe-Filmen zeigte. Er und Adam hatte sie alle ein Dutzendmal gesehen. Adam langweilte sich bei diesen Filmen in- zwischen entsetzlich. Aber ungefähr eine Kilorev nach der Luftshow, die Gäa so böse zugesetzt hatte, passierte etwas Neues. Gäa tauchte in einem Zeichentrickfilm auf. Chris hätte nicht überrascht sein dürfen. Es war leicht genug zu bewerkstelligen, und es würde damit nicht aufhören. Aber Chris hatte sich mehr als zwan- zig Jahre lang nicht mehr mit Fernsehen beschäftigt und er hatte diese Möglichkeit völlig vergessen. Der erste war ein Betty-Boop-Zeichentrickfilm, und lediglich die Bilder waren ausgetauscht worden. Wo immer im Original Betty Boop auftauchte, hatte Gäa sie durch eine stilisierte, aber leicht erkennbare Ma-, rilyn Monroe ersetzt. Der Soundtrack war unverän- dert. Wenn Erdcomputer das machen konnten, war es nur logisch, daß Gäa dem nicht nachstand. Später tauchte sie in den Filmen auf, die, wie Chris wußte, Adams Lieblingsfilme waren. Es handelte sich um viel anspruchsvolleres Zeug, mit Ersatz des kom- pletten Körpers, Aufbesserung des Gesichtes und der Monroe/Gäa-Stimme. Die Fälschung war unmöglich zu erkennen. Es war Filmmagie ohne Nähte, Trick- technik n-ten Grades. Und es war ganz ausgesprochen merkwürdig, Ma- rilyn Monroe in der Hauptrolle von Fäuste des Zorns zu sehen. Sie war eine furchterregende Gestalt, wie sie da Bruce Lee bei jedem Wirbeln, jedem finsteren Blick und jedem Sprung ersetzte. Die chinesischen Darsteller sprachen alle synchronisiertes Englisch, aber bei Gäa/Lee war die Sprache auf die Lippenbe- wegungen abgestimmt. Natürlich hatte Lee seine meisten Szenen in diesen Filmen ohne Hemd gespielt, also tat Gäa dasselbe. Dann waren da die Liebessze- nen ... Von nun an konnte man überhaupt nicht mehr vorhersagen, wo Gäa vielleicht auftauchte. Chris sah sie als Schneewittchen, Charlie Chaplin, Cary Grant und Indiana Jones. Sie erschien in einer alten RKO- Serie, von der sie pro Tag eine Episode sendete. Das Pandämonium-Fernsehen zeigte immer mehr Gewalt. Selbst die Komödien tendierten jetzt deutlich zum Slapstick. Chris konnte da wenig machen. Die Tatsache, daß er die Entwicklung zum Teil erwartet hatte, machte es ihm nicht leichter. Gäa fuhr auch mit ihren regelmä-, ßigen Besuchen fort. Jedesmal kam sie ein bißchen näher, blieb aber immer noch in recht großem Ab- stand. Es war nicht damit zu rechnen, daß sie dem Jungen jemals Angst einjagte. Chris konnte nichts anderes tun, als das Kind lie- ben. Das war auch nichts, worüber sich jemand zu mok- kieren hatte, dachte er. Er wußte, daß Adam seine Liebe erwiderte, war sich aber auch darüber im kla- ren, daß die Liebe eines Kindes sehr unbeständig sein kann. Eines Tages würde es zu einer Kraftprobe kommen. Nichts anderes konnte so sicher sein. Der Ausgang allerdings war bei weitem nicht sicher. »Hallo, Gäa!« sagte Adam und winkte dem Bild- schirm zu. »Hallo, Adam, mein lieber Junge!« antwortete Gäa. Chris blickte auf. Das Bild Gäas war stehengeblie- ben und wandte sich von der Handlung ab, die hinter ihr weiter ablief. Sie blickte Adam an und lächelte. Adam begriff es immer noch nicht. Er kicherte und sagte wieder: »Hallo!« »Wie geht es dir, Adam?« fragte Gäa. Die Hand- lung hinter ihr war eine Kampfszene. Gäa duckte sich, als ein Stuhl durch die Gegend geworden wur- de. Er segelte über ihren Kopf. »Uff! Er hat mich fast erwischt!« Adam lachte lauter. »Pack se!« schrie er. »Pack se!« »Sie können mich nicht kriegen!« prahlte Gäa und drehte sich um, parierte geschickt den Schlag eines großen Burschen mit schwarzem Hut. Sie verab- reichte ihm eine schnelle Eins-zwei-drei- Kombination, und er ging zu Boden. Gäa staubte sich, die Handflächen ab und grinste wieder Adam an. »Wie gefällt dir das, Adam?« wollte sie wissen. »Ich mag es, ich mag es!« sagte Adam lachend. Rette mich doch jemand! dachte Chris benommen.

SIEBZEHN

Schlange donnerte über das Spielfeld. Rasenklumpen flogen ihm von den Hufen, und er spielte den schwarzweißen Ball behende mit den Vorderbeinen. Dann trat er ihn seitlich mit einem Huf, und Mando- lin bäumte sich auf die Hinterbeine, um ihn in Rich- tung von Zampogna zu köpfen. Er schaffte es jedoch nicht, den Ball unter Kontrolle zu bringen, und mußte hilflos zusehen, wie Kekese vom Dur-Team ihn zu Clavecin paßte, die damit auf das Molltor zustrebte. Schlange beobachtete das Geschehen scharf aus dem Mittelfeld heraus, und als Tjelempang Clavecin den Ball abjagte und an Piano weitergab, befand er sich in der Position, ihn im Laufen zu übernehmen. Als er den Ball wieder führte, lief er wie der Wind, der Pele der vierbeinigen Mannschaft, steuerte auf den Dur- Tormann zu, der verzweifelt versuchte, Schlanges Manöver zu durchschauen, erst nach links sprang, dann nach rechts, wieder links – und sich an der fal- schen Stelle befand, als Schlange den Ball mit den Knien hochstieß und dann mit dem Kopf nach vorn ging – den Kopfstoß jedoch absichtlich verpaßte. Der Tormann flog durch die Luft, zur linken Torseite hin ... ... und mußte hilflos zusehen, wie Schlange sich, herumdrehte und mit einem Hinterbein gegen den Ball trat. Das Leder zischte mitten in das Netz des Gegners. Moll führte vier zu drei. So blieb der Spielstand, bis nur noch eine Centirev zu spielen war. Da erzielte Mandolin ihr erstes Tor in der Begegnung und stellte damit den Sieg sicher. Schlange gesellte sich zu den anderen, die sich ver- sammelten, um Mandolin zu gratulieren, die immer noch ein Grünschnabel im schönen Fußballsport war. Es fiel ihm nicht ein, daran zu erinnern, daß er, Schlange, das Siegestor erzielt hatte. Er hatte auch zwei von den anderen Toren geschossen. Niemand konnte daran zweifeln, daß er der beste Fußballspie- ler in Gäa war. Keuchend wie Dampfmaschinen und vor Schweiß triefend widmeten sich die Titaniden der Art Balge- rei, die nach einem hart umkämpften Spiel üblich war. Allmählich wurde sich Schlange eines anderen Geräusches bewußt. Für einen Moment war er alar- miert. Es hörte sich an wie an dem schrecklichen Tag des Aufruhrs. Aber dann entdeckte er eine lockere Gruppe von Gefangenen, die sich an den Seitenlinien versammelt hatten, riefen und klatschten. Sie waren dort vor kurzem zusammengekommen, um den Titaniden zuzuschauen. Diese Gruppe war größer als die letzte. Tatsächlich war die Gruppe so- gar jeden Tag größer geworden, erkannte Schlange. Ein paarmal hatten einige der menschlichen Gefan- genen, nachdem das Titanidenspiel zu Ende war, das Feld übernommen, um den Ball herumzutreten. Schlange hob den Fußball auf und trat ihn hoch, und weit. Er fiel in die Gruppe der Gefangenen, die alle männlich waren. Schlange beobachtete, wie die Menschen den Ball hin und her warfen und darauf warteten, daß die Titaniden gingen. Er fragte sich, ob sie wohl gerne selbst Mannschaf- ten bilden wollten. Er ging zur Seitenlinie und sah zu, wie sie über den Rasen liefen. Es sah aus, als spielten zwanzig oder dreißig Leute in jeder Mannschaft auf dem übergroßen Titanidenspielfeld und akzeptierten dabei fröhlich die Unbequemlichkeit des aufgewühl- ten Bodens. Schlange ging nachdenklich davon. Er gesellte sich am Berghang westlich des Tales zu den anderen Tita- niden, faltete die Beine unter sich, zog seinen in Leder gebundenen Skizzenblock und einen Kohlestift aus dem Beutel, blickte hinaus über das Tal und fiel sofort in den mentalen Zustand, der nicht mit dem zu ver- gleichen war, was die Menschen Schlaf nannten, aber auch nicht ganz so war wie Wachsein. Forschend betrachtete er die Aussicht, die sich vor ihm ausbreitete. Weit rechts lag im Norden die Pfef- ferminzbucht mit dem Moros dahinter. Am diesseiti- gen Ende der Bucht kauerte Bellinzona unter seiner üblichen Dunstglocke. Whistlestop war zu sehen, umsichtige drei Kilometer oberhalb der Feuerfalle Stadt schwebend. Vor Schlange breiteten sich die vielen Kilometer Land aus, die man dem Dschungel abgerungen hatte. Hier war es anders als bei den Dschungeln der Er- de, wo der Boden überraschenderweise empfindlich war und wenig fruchtbar, sofern erst einmal gerodet. Gäanischer Boden funktionierte nach anderen Regeln. Das Getreide versenkte tiefe Wurzeln und gedieh an, Gäas nahrhafter Milch sowie ihrer unterirdischen Wärme. Die Photosynthese spielte kaum eine Rolle bei den Pflanzen, die im matten Licht von Dione ge- zogen werden konnten; entsprechend bunt sahen die Felder aus. Sie bildeten eine riesige Flickendecke aus Getreide. Sämtliche Felder waren quadratisch – außer denen direkt am Fluß, die in Terrassen angelegt und überflutet waren, um reisähnliches Getreide zu zie- hen. Zwischen den Quadraten waren Erdpfade an- gelegt, auf denen Menschen Handkarren voll geern- teten Getreides zu den Docks am Fluß zogen, von wo aus Frachtkähne die reiche Fülle hinab zur Stadt transportierten. Und da und dort zwischen den Fel- dern erhoben sich die ordentlichen Zeltreihen, in de- nen die Arbeiter untergebracht waren. Cirocco bestand darauf, sie Gefangene zu nennen. Schlange dachte, daß ›Sklaven‹ vielleicht ein genaue- res Wort war, aber Cirocco beharrte darauf, daß es ei- nen Unterschied gab. Das meinte Schlange auch. Die Sklaverei war für den titanidischen Geist eine fremd- artige Vorstellung, also war er bereit zuzugeben, daß es einen Menschen erforderte, die Abstufungen zu unterscheiden. Wieder einmal hatte er es mit einer Sache der Hier- archie zu tun, ein weiteres Konzept, das den Titani- den Schwierigkeiten machte. Sie hatten zwar Älteste und waren fähig, dem Captain Gehorsam zu leisten, aber alles, was komplexer war, verwirrte sie schreck- lich. Die Arbeitslager wurden zum Beispiel von ei- nem Direktor geleitet, einem früheren Vigilanten, den Schlange nicht mochte, der aber kein schlechter Mann war. Er war dem Rat unten in der Stadt verantwort- lich – speziell dem Gefängniskomitee. Der Rat wurde, von Cirocco Jones und ihren Beratern geleitet: Robin, Nova und Conal. In der anderen Richtung führte der Direktor den Befehl über zwanzig Lagerbosse, die ihrerseits etwa einem Dutzend Aufseher Weisungen erteilten. Jeder Aufseher leitete einige Arbeitsgruppen, die jeweils von einem Kalfakter überwacht wurden. Schlange blickte auf seinen Skizzenblock hinab. Er hatte, während er dort saß, ab und zu daraufge- schaut, aber seine Augen hatten dem Gehirn nichts übermittelt. Jetzt erkannte er, daß er eine einfache Wiedergabe der Szene vor ihm zustandegebracht hatte. Er musterte sie kritisch. Die Menschen auf der Straße hatte er ausgelassen. Er runzelte die Stirn. Das war es nicht, was sich sein Geist vorstellte. Er riß die Seite ab, zerknüllte sie und warf sie weg. Dann blickte er zu dem Lager hinab. Die Zelte bestanden aus grünem Zelttuch. In jedem waren zehn Menschen untergebracht. Die Ge- schlechter schliefen getrennt, aber sexuelle Abstinenz wurde nicht erzwungen. Die Aufseher und Bosse wurden vom Direktor ernannt, aber nicht von den Titaniden überprüft. In praktischen Begriffen war das ein Fehler, wie Schlange wußte. Einige Aufseher und Bosse waren schlimmer als die Gefangenen. Es war möglich gewesen, einige von ihnen bei brutalem Vor- gehen zu erwischen, wonach sie sich dabei wieder- fanden, sich im Lendenschurz eines Gefangenen ab- zuplagen. Aber heutzutage achteten derartige Leute darauf, ihre Abscheulichkeiten im Verborgenen zu betreiben. Die Titaniden konnten nicht überall sein. Es war unpraktisch, es war nicht effizient – und es war so, wie es nach Meinung des Captains sein mußte., Schlange hatte sich zu Anfang darüber Sorgen ge- macht. Später hatte er die Falle entdeckt. So verrückt es auch war, es war die Art, wie Menschen ihre An- gelegenheiten regelten. Sie konnten Lügen oder das Böse nicht so aufspüren wie ein Titanide, also hatten sie Kompromisse hervorgebracht, die sie gewöhnlich »Gerechtigkeit« nannten, oder genauer »Recht«. Schlange wußte sehr gut, daß Wahrheit ein relativer Begriff war, manchmal einfach nicht zu greifen, aber die Menschen waren ihr gegenüber nahezu völlig blind. Die Falle – und es war eine gut versteckte Falle – bestand darin, daß, wenn die Menschen sich auf die titanidische Wahrnehmung der Wahrheit und des Bö- sen verließen, sie alle Vorteile einer gesunden Gesell- schaft errangen und die Titaniden für menschliche Bedürfnisse versklavt wurden. Ciroccos Lösung war sinnvoller. Sie hatte vor, die Titaniden nur so weit zu gebrauchen, wie sie mußte. Zuerst war das in großem Umfang der Fall gewesen, als die Titaniden als Polizisten, Richter, Geschworene und Henker agiert hatten. Der Zweck war, der Ge- sellschaft den Anstoß zu geben, daß sie begriff: üble Taten wurden bestraft. Aber die Menschen mußten dem auch wieder ent- wöhnt und zu ihren eigenen Methoden zurückge- führt werden. Das geschah in zunehmendem Maße. Die Gerichte übernahmen einen größeren Teil der Last. Daß sie oft nicht ganz passende Entscheidungen trafen, war einfach der Preis, den Menschen für ihre Freiheit bezahlen mußten. Erneut betrachtete er den Skizzenblock und er- kannte dort eine Zeichnung von drei weiblichen Ge- fangenen. Die Frau in der Mitte war alt und müde, ih-, re Hände knotig von der Erntearbeit. Sie stand dort in ihrem schmutzigen Lendentuch. Eine wunderbare Schönheit war tief in ihr Gesicht eingegraben. Die jüngste und nach menschlichen Begriffen hübscheste Frau in der Gruppe war mit dem Gesicht eines Mon- sters gezeichnet. Schlange erinnerte sich an sie. Sie war böse. Eines Tages würde sie hängen. Bei genaue- rem Hinsehen erkannte Schlange, daß er einen Gal- gen in ihr Gesicht gezeichnet hatte. Er riß das Blatt ab, zerknüllte es und blickte wieder zum Lager. Im Mittelpunkt der Gemeinschaft stand der Gal- gen. Er war in den ersten Tagen der Eroberung häufig benutzt worden, jetzt jedoch seltener. Es war zu ei- nem furchtbaren Aufstand gekommen, aber seit dem Tag hatte man die Zahl der titanidischen Wachen re- duziert. Jetzt waren kaum noch genug da, um sechs Fußballmannschaften zu bilden. Obwohl das Gefängnisleben harte Arbeit bedeute- te, war es besser als das Leben, das die meisten Ge- fangenen vorher in Bellinzona geführt hatten. Die Nahrungsbeschaffung war früher nie ein Problem gewesen, aber jetzt regnete es kein Manna mehr, und neue Gefangene berichteten von Hunger und Unsi- cherheit. Ein Wirtschaftssystem war im Entstehen be- griffen, und die sozialen Grenzen wurden gezogen. Jobs gab es reichlich, aber die Löhne reichten gerade aus, daß man sich selbst ernähren konnte, und das nicht einmal gut. Viele Jobs waren härter und gefähr- licher als die Farmarbeit. Und an manchen Tagen kehrte die Flotte leer zurück oder es trafen keine Frachtkähne von den Lagern ein. Dann hungerten alle. Das Gefängnisessen war das beste – der Direktor, hatte den Befehl, dafür zu sorgen. Und es war reich- lich. Das Gefängnis war ein sicherer Platz. Die mei- sten Leute hier wollten keine Schwierigkeiten ma- chen. Also patrouillierten die Titaniden nur in dem Strei- fen Niemandsland zwischen den Lagern und der Stadt. Sie fingen nur selten jemanden, und nur weni- ge Betten erwiesen sich beim Appell als leer. Wieder betrachtete Schlange eine Skizze. Drei Männer hingen im Zentrum des Lagers an Stricken. Zwei waren böse gewesen, wie sich Schlange erin- nerte. Einer hatte lediglich etwas Dummes getan: Er hatte vor titanidischen Zeugen einen Aufseher getö- tet. Der Aufseher hatte das sicherlich verdient gehabt – Schlange fiel ein, daß der Täter wenige Hektorevs später selbst gehängt wurde, denn das Gesetz war eben Gesetz. Schlange hätte ihm das Leben geschenkt, aber der menschliche Richter war anderer Meinung gewesen. Ärgerlich riß Schlange das Blatt ab und warf es weg. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu dem Etwas in seiner Seele zurück, von dem er wußte und das er haßte. Dies hier war eine schreckliche Gegend, ein Ort des Leidens, ein Menschenort, wo sich kein Titanide aufhalten sollte. Titaniden wußten, wie man sich benahm. Die Menschen verbrachten ihr Leben in einem endlosen Kampf, um ihre tierische Natur zu bezwingen. Es war gut möglich, daß diese Gesetze, Gefängnisse und Galgen die beste Lösung waren, die sie jemals für dieses Paradoxon finden würden. Einen Titaniden jedoch machte es krank, ein Teil davon zu sein. Schlange starrte in die Dunkelheit der Dione-, Speiche und stimmte ein Lied der Trauer an und der Sehnsucht nach dem Großen Baum der Heimat. An- dere fielen ein, während ihre Hände mit einfachen Verrichtungen beschäftigt waren. Der Gesang dauerte lange. Etwas Gutes mußte hier vollbracht werden. Schlan- ge rechnete nicht damit, daß er die Welt ändern konnte. Er glaubte auch nicht daran, daß er die menschliche Natur ändern konnte – und er hätte es auch nicht getan, wäre es ihm möglich gewesen. Die Menschen hatten ihr eigenes Schicksal. Sein Ziel war bescheiden. Er wollte nur, daß die Welt eines Tages ein klein wenig besser geworden war, weil er in ihr gelebt hatte. Dieser Wunsch kam ihm bescheiden ge- nug vor. Er blickte auf seinen Skizzenblock hinab. Er hatte einen lächelnden Menschen gezeichnet. Der Bursche trug eine kurze Hose, ein gestreiftes Hemd und Schuhe. Er befand sich in ungestümer Bewegung und trat dabei einen Fußball.

ACHTZEHN

Robin setzte sich auf ihren Platz, rechts von dem grö- ßeren Stuhl am Ende des gewaltigen Ratstisches in der Großen Halle der Schlinge. Sie öffnete ihre ge- schickt gefertigte lederne Aktentasche – ein Geschenk von Valiha und Virginal –, holte einen Stapel Papiere hervor und klatschte ihn auf das polierte Holz. Dann warf sie einen nervösen Blick in die Runde, holte ihre Drahtrandbrille hervor und setzte sie auf., Sie hatte immer noch ein komisches Gefühl, wenn sie sie trug. Zu Hause hatte sie an einem immer wie- der auftretenden Sehproblem gelitten, das, während sie älter wurde, leicht zu beheben gewesen war. Hier, ohne die Besuche im Brunnen, wurden ihre Augen laufend schlechter. Und, Große Mutter, das war ja auch kein Wunder, wo sie doch ihre Tage damit ver- brachte, auf endlose Berichte zu starren. Sie hätte nicht überrascht sein dürfen, wußte sie, aber sie war es doch. In jeder Hinsicht, außer der letzten und wichtigsten, war sie die Bürgermeisterin von Bellinzona. Sie vermutete, daß sie mittlerweile Papst wäre, wenn sie als Christin geboren worden wäre. Cirocco war diesbezüglich völlig vernünftig gewe- sen an jenem Tag vor sechs Kilorevs – bis zu einem gewissen Punkt. Von da an blieb sie unnachgiebig. »Du hast Erfahrung darin, eine große Zahl von Menschen zu führen«, hatte Cirocco gesagt. »Ich nicht. Aus Gründen, die du noch sehen wirst, muß ich die letzte Macht in Bellinzona behalten, aber ich werde mich in sehr vielen Dingen auf dich und dein Urteil verlassen. Und ich weiß, daß du dich der Auf- gabe gewachsen zeigen wirst.« Na ja, es war eine Aufgabe gewesen, inzwischen aber immer mehr bloße Routine: genau das, was sie an der Führung des Koven so gehaßt hatte. Sie fuhr mit der Hand über den Tisch und lächelte. Es war ein wunderbarer Tisch aus bestem Holz, mit mehr geschickten Schnitzereien verziert, als Robin zählen konnte. Natürlich hatten Titaniden ihn herge- stellt. Es war der zweite Tisch, der den Ratssaal zierte. Der erste war rund. Cirocco warf nur einen Blick darauf und befahl, ihn wegzubringen., »Wir sind hier nicht auf Camelot«, sagte sie. »Hier werden keine Treffen von Gleichgestellten stattfin- den. Bringt mir einen großen, langen Tisch mit einem großen Stuhl am Kopfende!« Robin wußte, daß der Fehler, den die Titaniden gemacht hatten, für sie ganz natürlich gewesen war. Die Menschen hatten ihre Art, und die Titaniden auch. Sie hatten keinen Begriff von der psychologi- schen Wirkung, die Cirocco anstrebte, indem sie am Kopfende Platz nahm. Aber sie brachten einen großen Stuhl. Manchmal saß Cirocco auch darauf. In letzter Zeit blieb er jedoch immer häufiger leer und Robin führte ihre Amtsgeschäfte vom gewohnten Platz rechts neben dem Thron aus. Andere setzten sich jetzt auf ihre Stühle. Direkt ge- genüber schlug Nova einen gewaltigen Papierstoß heftig auf den Tisch und setzte sich. Sie blickte kurz zu ihrer Mutter hinüber und nickte, ergriff dann ei- nen Stift und machte Notizen an den Rändern der Papiere. Die ältere Hexe seufzte. Sie fragte sich, wie lange Nova das noch aufrechterhalten konnte. Nova redete mit ihrer Mutter. Die beiden schafften es, zusammen- zuarbeiten. Aber es lief alles so vorsichtig ab. Es gab kein Lachen, keine Scherze, nicht einmal Beschwer- den, außer solchen, die in der durchdachten, zum Wahnsinn treibenden Sprache des Bürokraten for- muliert waren. Robin sehnte sich nach einem guten alten Streit mit lauten Worten. Sie betrachtete den immer noch leeren Stuhl. Ciroc- co Jones, flankiert von ihren zwei Chefberaterinnen. Das Miststück und die beiden Hexen, hatte sie einmal, zufällig jemanden sagen hören. Die meisten Ratsmit- glieder bemerkten nichts von dem Riß zwischen Mutter und Tochter. Stuart setzte sich auf seinen Platz rechts von Robin. Sie nickte ihm zu und lächelte, was eine Anstrengung für sie war. Sie mochte den Kerl nicht, aber er war fä- hig, tüchtig, vorsichtig und sehr intelligent, wenn es ihm paßte. Ebenso war er furchtbar ehrgeizig. In ei- ner anderen Situation hätte er alles darangesetzt, Ro- bin ein Messer in den Rücken zu stechen. Jetzt war- tete er auf den richtigen Zeitpunkt, wartete darauf, daß Cirocco wirklich nach einem Erdjahr von der Macht zurücktrat, wie sie es versprochen hatte. Wenn sie es tat, würden die Fetzen fliegen. Trini setzte sich neben Nova, die sich herüber- beugte und die ältere Amazone auf den Mund küßte. Robin rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Sie mochte Trini nicht viel mehr als Stuart, vielleicht we- niger. Kaum zu glauben, daß sie und Trini sich ein- mal kurz geliebt hatten, vor zwanzig Jahren. Jetzt wa- ren Trini und Nova ein Herz und eine Seele. Robin wußte nicht, inwieweit das echt war. Nova schwärmte offensichtlich weiter für Cirocco. Robin war sicher, daß der Grund für diese öffentliche Zur- schaustellung von Zuneigung in Novas Wissen be- stand, daß es ihre Mutter störte. Sie runzelte die Stirn und sah weg. O schöne neue Welt! Die übrigen Plätze wurden jetzt besetzt. Conal saß wie üblich abseits, ein paar Zoll hinter Ciroccos Stuhl und leicht seitlich versetzt, von wo aus er die Vor- gänge beobachten und seine Zigarren rauchen konn- te, eine nach der anderen. Er sagte nie etwas und, hörte alles. Die meisten Ratsmitglieder hatten nicht die leiseste Vorstellung, was sie mit ihm anfangen sollten. Seine Position war ein Kunstgriff, wie Robin wußte. Er sah aus wie ein Assassine, wenn er sich die Mühe machte, diesen Eindruck zur Geltung zu brin- gen. Er wirkte düster, eingehüllt in Rauch. Cirocco ließ sich auf ihren Thron sinken und legte die Stiefel auf den Tisch. Sie hielt eine kalte Zigarre zwischen den Zähnen. »Fangen wir an, Leute!« sagte sie. »Wie ist deine gefühlsmäßige Reaktion, Conal?« wollte Cirocco wissen. »Gefühlsmäßig?« Er überlegte. »Besser, Captain. Nicht viel, aber besser.« »Letztesmal hast du nicht geglaubt, daß es funktio- niert.« »Ein Mann kann sich irren.« Sie betrachtete ihn forschend. Conal ertrug es ge- lassen. Zuerst hatte er sich übergangen gefühlt. Alle hatten eine Aufgabe, schien es, nur Conal nicht. Oh, sicher, man sprach davon, daß er die Luftwaffe kommandieren sollte, falls und wenn, und er hatte auch die Luftwaffenreserve von Bellinzona organi- siert. Ihre Angehörigen trugen Uniformen, wenn sie wollten. Aber sie flogen keine Flugzeuge und würden es auch noch für beträchtliche Zeit nicht tun. Er hatte gedacht, daß er übergangen würde, und es hatte ihm weh getan. Aber allmählich dämmerte ihm, daß er Ciroccos Augen und Ohren war, wenn sie auf ihren geheimnisvollen Aktionen außerhalb der Stadt war, ähnlich, wie Robin dann die Ersatzbürgermeiste- rin war., Seine Pflichten waren unbestimmt, was ihm gut paß- te. Seine Aufgabe bestand darin, in wechselnder Klei- dung umherzustreifen. Niemand außer Ratsmitglie- dern und ein paar Leuten aus der Polizeiführung wuß- te, daß er etwas mit der Regierung der Stadt zu tun hatte. Er konnte kommen und gehen, wie er wollte, und die Menschen redeten mit ihm. Alles, was er hörte, gab er an Cirocco weiter. Er hatte weder Novas Computerdiagramme noch Robins Erfahrung und ih- re klugen Theorien, aber er kannte die Geheimnisse. »Wie steht es mit dieser Schwarzmarktscheiße?« »Ich stimme Robin zu.« »Versuchst du mich zu ärgern, oder was? Ich stimme ihr auch zu, aber ich will von dir keine Theo- rien hören, Conal, sondern die Wirklichkeit.« Conal war von ihrer Reaktion ein wenig über- rascht. Er sah genauer hin und bemerkte, daß sie un- ter großer Anspannung stand. »Der Schwarzmarkt ist nicht das Problem, als das Nova ihn aufbaut. Er hat nicht viel an Waren zu bie- ten, und die Preise sind sehr hoch.« »Was bedeutet«, meinte Cirocco, »daß an den Docks nur sehr wenig Lebensmittel abgezweigt wer- den. Und trotzdem haben wir Knappheit. Und diese Knappheit ist real.« »Niemand hungert. Aber viele Leute wünschen sich, daß das Manna noch fiele.« Cirocco brütete eine Zeitlang darüber. »Wie steht es mit dem Dollar?« Conal lachte. »Man sagt, ein Dollar gebe einen guten Kaffeefilter ab. Benutze fünf oder zehn, und wenn du fertig bist, sind die braunen Flecken vielleicht etwas wert. Dol-, lars sind auch zusammengerollt nützlich, um Koks zu rauchen.« »Makulatur, mit anderen Worten.« »Es ist dieses Gesetz, worüber Nova gesprochen hat. Robin sagte, es bedeutet, daß das schlechte Geld das gute verdrängt hat.« »Nein«, entgegnete Cirocco. »Das ist es, was die Goldmünzen in die Matratzen und die Sparstrümpfe drängt. Die Leute sparen das Zeug, das Wert besitzt, und geben das aus, was an Wertverlust leidet.« »Wie auch immer. Ich denke nicht, daß das Schul- problem so schlimm ist, wie sie es heute abend darge- stellt haben. Es stimmt, daß es Ärger gibt. Aber die meisten Menschen hier waren schon dabei, irgendwie Englisch zu lernen, zumindest genug, um klarzu- kommen. Was ihnen wirklich querliegt, ist, daß sie gutes Englisch lernen müssen.« »Was schlägst du vor?« »Die Forderung abmildern, daß sie lesen und schreiben lernen sollen. Man sollte sie aus der Schule entlassen, sobald sie ein Werbeplakat lesen können, und sich nicht die Mühe machen, ihnen das Deklinie- ren beizubringen. Aber natürlich, wenn das jemand sagt, der als Analphabet hier ankam und auch jetzt noch kein großer Leser ist ...« »Schluß damit, Conal!« Cirocco kaute auf einem Fingerknöchel. »Du hast recht. Wir können bei den nicht englischsprechenden Erwachsenen mit Pidgin- Kenntnissen zufrieden sein. Ihre Kinder werden mehr lernen. Ich hätte da nicht so hinterher sein sollen.« »Niemand ist vollkommen.« »Erinnere mich nicht daran. Was weißt du sonst noch?«, »Die meisten Leute bevorzugen Tauschhandel. Ich möchte behaupten, daß sechzig Prozent der in der Stadt abgewickelten Geschäfte Tauschhandel sind. Aber eine weitere Währung wird rasch populär, nämlich der Alkohol. Bier wird schon lange angebo- ten. Der Wein steht tatsächlich im Begriff, genießbar zu werden, aber meistens kann ich nicht feststellen, woraus er gemacht wurde – und wahrscheinlich will ich es auch gar nicht wissen. Aber wir sehen immer mehr von dem harten Stoff.« »Destillierter Alkohol. Das macht mir Angst.« »Mir auch. Methanol macht die Runde. Einige Menschen sind blind geworden.« Cirocco seufzte. »Brauchen wir noch ein Gesetz?« »Das den zu Hause hergestellten Fusel verbietet?« Conal runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Ich wende hier deine goldene Regel an. Das Problem mit einem Minimum an Gesetzen zu lösen. Anstatt den guten Alkohol – der in Bellinzona ein in sich wider- sprüchlicher Begriff ist – zu verbieten, tu es nur mit dem Gift.« »Wird nicht gelingen. Nicht, wenn es als Geld be- nutzt wird. Das Zeug geht so viel hin und her; wie können wir da herausfinden, wo es einmal herkam?« »Das Problem stellt sich«, gestand Conal. »Und selbst die guten Brennereien benutzen Etiketten, die leicht zu fälschen sind ... und die Leute mischen Was- ser hinein ...« »Es ist keine sehr gute Währung«, meinte Cirocco. »Ich halte es für das beste, eine öffentliche Erzie- hungskampagne zu starten. Ich weiß nicht viel über Methanol. Ist es nicht leicht festzustellen? Kannst du, es nicht riechen?« »Ich bin mir nie sicher. Man muß erst einmal durch den Schnapsgestank dringen.« Beide dachten eine Zeitlang darüber nach. Conal neigte dazu, sich nicht einzumischen. Er glaubte nicht, daß es sinnvoll war, die Leute vor sich selbst zu schützen. Seine eigene Lösung bestand darin, nur aus versiegelten Flaschen zu trinken, die er aus der Hand eines Destillateurs erhielt, dem er vertraute. Seiner Meinung nach sollten es alle so halten, aber vielleicht brauchte man letztlich doch ein Gesetz. Er stand der ganzen Sache zwiespältig gegenüber. Er hatte Bellinzona früher keineswegs geliebt. Er wußte, daß es jetzt in der Stadt wesentlich besser zu- ging. Man konnte unbewaffnet durch die Straßen ge- hen und sich dabei eines vernünftigen Maßes an Si- cherheit erfreuen. Aber wohin man sich auch wandte, prallte man ge- gen ein Gesetz. Wenn man sieben Jahre lang ohne Gesetze gelebt hatte, war es schwierig, wieder in ent- sprechenden Begriffen zu denken. Was ihn zu der Frage brachte, die Cirocco, wie er wußte, als nächstes stellen würde. Sie enttäuschte ihn nicht. »Wie steht es mit mir? Was zeigt das Conalmeter an?« Er streckte eine Hand aus und bewegte sie hin und her. »Du hast dich gesteigert. Zehn oder fünfzehn Pro- zent mögen dich ganz gern. Vielleicht dreißig Prozent tolerieren dich und werden nach einigen Bieren auch zugeben, daß du die Lage gebessert hast. Aber die übrigen können dich wirklich nicht leiden. Entweder, kippst du ihnen die Wagen um, oder sie meinen, du tätest nicht genug. Wir haben da draußen eine Menge Leute, die sich besser fühlen würden, wenn ihnen vom Aufwachen bis zum Schlafengehen immer je- mand sagte, was sie zu tun haben.« »Vielleicht geht ihr Wunsch in Erfüllung«, mur- melte Cirocco. Conal wartete darauf, daß sie fortfuhr, aber sie tat es nicht. Also tat er wieder einen Zug an seiner Zigar- re und legte sich dann seine Worte vorsichtig zurecht. »Da wäre noch etwas anderes. Es ist ... ein Bild, schätze ich. Du bist ein Gesicht an der Flanke eines Blimps. Eigentlich nicht wirklich.« »Mein Medienteam hat das absolut deutlich ge- macht«, meinte sie verdrießlich. »Ich bin über das Fernsehen als halsstarrige Hexe angekommen.« »Ich weiß nicht Bescheid, was das normale TV an- geht«, sagte Conal. »Aber auf diesen großen Bildschir- men von Whistlestop mögen sie dich einfach nicht. Du stehst über ihnen. Du gehörst nicht zu ihnen ... und du bist nicht stark genug, falls das das richtige Wort ist, um diese Art Angst einzuflößen ... oder, ich weiß nicht, vielleicht ist es Respekt ...« Er verstummte, konnte nicht ausdrücken, was er empfand. »Du bestätigst erneut meine Medien-Untersuchun- gen. Einerseits bin ich olympisch und drakonisch – und die Menschen hassen das –, andererseits aber kei- ne Gestalt von ausreichender Autorität.« »Die Leute glauben nicht an dich«, sagte Conal. »Sie glauben mehr an Gäa.« »Und sie haben Gäa noch nicht einmal gesehen.« »Die meisten von ihnen haben auch dich noch nicht gesehen.«, Erneut überlegte sie. Conal wußte genau, daß sie im Begriff war, eine Entscheidung zu treffen, die ihr zuwider war, die sie aber unvermeidlich fand. Er wartete geduldig, denn er wußte: Was sie auch ent- schied, er würde sein bestes tun, seinen Teil davon zu erfüllen. »Okay«, sagte sie und legte die Füße auf den Tisch. »Wir werden folgendes machen ...« Er hörte zu. Schon bald grinste er.

NEUNZEHN

Nach der Begegnung trat Conal hinaus in das uner- schöpfliche Licht von Dione und wandte sich nach links auf den Damm des Oppenheimer Boulevards. Bellinzona war eine Stadt, die niemals schlief. Je- den »Tag« kam es zu drei Stoßzeiten, jeweils ange- kündigt durch lautes Hupen von Whistlestop. Wäh- rend dieser Zeiten gingen die Menschen von der Ar- beit nach Hause oder umgekehrt. Jemand war damit beauftragt, alles zu planen, wie Conal wußte, so daß etwa ein Drittel der Stadt stets relativ ruhig war, da die Bewohner schliefen, während ein weiteres Drittel unter den Geräuschen des Handels summte und noch ein weiteres unter den Geräuschen von Bellinzonas dürftigen Amüsements. Viele Leute arbeiteten zwei Schichten oder anderthalb, um durchzukommen, aber man fand auch Schenken und Spielkasinos, Bor- delle und Versammlungsräume, um das notwendige soziale Leben zu ermöglichen. Nur Arbeit und kei- nerlei Spiel wäre eine triste Art gewesen, eine Stadt, zu regieren, dachte Conal. An den Flußdocks und den Kais, an denen die Fi- schereiflotte anlegte, wurde rund um die Uhr gear- beitet. Dasselbe galt auch für die Werften und für die jungen Industrien der Stadt, die in drei Schichten ar- beiteten. Der Hauptgrund für die gestaffelten Zeiten bestand jedoch darin zu vermeiden, daß die Stadt all- zu übervölkert wirkte. Es war einfach so, daß es nicht genug Unterkünfte gab, wenn alle gleichzeitig zu schlafen versuchten. Kooperatives Wohnen war die Norm. Es funktionierte ganz gut, aber die Geburtsrate stieg und die Kindersterblichkeit sank, und die Zim- merleute waren stets beschäftigt an den Endkais und hoch in den Bergen, um neue Wohnungen zu bauen. Conal hatte beschlossen, die Stadt zu mögen. Sie atmete neues Leben. Sie war vital und lebendig, wie er sich an Fort Reliance vor dem Krieg erinnerte. Man hörte viel Gemecker in den Schenken, aber allein die Tatsache, daß sich die Leute frei fühlten zu meckern, bedeutete schon etwas, fand er. Es bedeutete, daß sie sich eine Besserung der Dinge erhofften, die ihnen nicht gefielen. In rascher Folge ging er an einem der neuen Parks vorbei – einem großen quadratischen Schwimmdock mit hufeisenförmigen Feldern, Volleyballnetzen, Bas- ketballkörben sowie Bäumen und Sträuchern in Töp- fen –, an einem Krankenhaus und einer Schule. All dies wäre noch vor sieben Kilorevs in Bellinzona un- denkbar gewesen. Conal wich aus, als ein Titanide mit einer schwangeren Frau in den Armen vorbeiga- loppierte, auf den Eingang der Notaufnahme des Krankenhauses zu. In der Schule saßen die Kinder, auf dem Boden und warteten auf das Ende der Stun- de, wie sie es immer getan hatten. Die Spielanlagen in den Parks wurden ausgiebig benutzt. Das alles er- wärmte Conal. Er hatte bislang gar nicht bemerkt, wie er es vermißt hatte. Nicht, daß er in der Stadt leben wollte. Er dachte daran, sein altes Leben wieder aufzunehmen, sobald diese Sache vorbei und alles wieder in einheimische Hände gelegt war. Er wollte wieder als Nomade durch das große Rad streifen, ein Freund des Cap- tains. Aber es war schön zu wissen, daß das neue Bellinzona hier zu finden sein würde. Er betrat ein vertrautes Haus und stieg drei Trep- pen hinauf. Er öffnete eine Tür mit seinem Schlüssel und trat ein. Die Jalousien waren herabgezogen. Robin lag im Bett. Er dachte, sie schliefe, ging in das kleine Bade- zimmer und wusch sich im Waschbecken, benutzte dabei ein Stück der harten, rauhen Seife, die seit kur- zem auf dem schwarzen Markt erhältlich war. Er putzte sich die Zähne und rasierte sich sehr sorgfältig mit einem alten Rasierer. Diese Dinge waren relativ neue Gewohnheiten für Conal, aber er hatte die alten Tage schon fast vergessen, in denen er erst dann ge- badet hatte, wenn die Kleider zu steif waren, um sich noch mühelos bücken zu können. Er glitt ins Bett und achtete sorgsam darauf, Robin nicht zu wecken. Sie drehte sich zu ihm um, war voll wach und hungrig. »Dies wird nie funktionieren«, sagte sie wie so häu- fig. Er nickte und nahm sie in die Arme, und es funk- tionierte wunderbar.,

ZWANZIG

Cirocco Jones ging nach der Begegnung zu der Stelle, wo sie Hornpipe wußte. Sie bewegte sich auf die Art und Weise, die sie gelernt hatte, die Robin so konfus machte, wenn Cirocco zu den Ratssitzungen kam. Niemand nahm sie zur Kenntnis. Sie fragte sich, ob es wohl das letzte Mal war, daß sie sich so bewegen konnte. Die Tatsache, daß sie die Quelle dieser Kraft nicht kannte, machte es ihr schwerer zu glauben, daß sie noch Bestand hatte nach dem, was sie jetzt zu tun gedachte. Sie stieg auf Hornpipe, und er galoppierte aus der Stadt. Schon bald durchquerten sie den Dschungel des südlichen Dione, unweit von Tuxedo Junction. Als sie das Ufer des Jungbrunnens erreichten, stieg Cirocco ab. »Bleib in der Nähe«, rief sie Hornpipe. »Es wird ei- ne Weile dauern.« Der Titanide nickte und verschwand wieder im Dschungel. Cirocco zog sich aus und kniete sich in den Sand. Sie öffnete ihren Tornister und holte die Flasche mit Snitch heraus. Er blinzelte benommen. Sie schüttete ihn auf den Boden und sah zu, wie er her- umstolperte und fluchte. Er würde einige Zeit brau- chen, bis er in irgendeiner Form verständlich wurde. Cirocco betastete ihren Körper, als wäre er ein un- bekanntes und möglicherweise gefährliches Objekt. Die Rippen standen hervor. Sie hatte immer noch mehr Brustgewebe, als sie es gewöhnt war, und die Schenkel waren fest und voll; die Knie jedoch wurden knochig. Das Haar war wieder einmal von grauen, Strähnen durchzogen. Sie spürte winzige Falten um die Augen und die Mundwinkel. Sie schnalzte mit einem Finger in Snitchs Gesicht, und der Dämon spuckte sie an, ohne dabei wirklich überzeugend zu wirken. Ohne daß er sie gefragt hät- te, holte Cirocco die Flasche aus dem Tornister und drückte aus der Ophtiole sieben dicke Tropfen in Snitchs nach oben geöffneten, begierigen Mund. Snitch schmatzte und zeigte dann den Gesichts- ausdruck, der in seinem beschränkten Vorrat an Mie- nenspiel als Lächeln diente. »Die alte Hexe fühlt sich heute sehr großzügig«, meinte er. »Die alte Hexe ist nicht in Stimmung für Spiele. Möchtest du hören, daß ich dich lebendig häute, wenn du nicht redest? Oder bist du dieses Spiels so müde wie ich?« Snitch balancierte auf einem Bein, während er sich mit dem anderen hinterm Ohr kratzte. »Warum lassen wir das nicht aus?« »Schön. Wie geht es Adam?« »Adam geht es prima. Er mag seine riesengroße Oma. Eines baldigen Tages wird Gäa ihn – entschul- dige bitte den Ausdruck – in der Handfläche halten.« »Wie geht es Chris?« »Er ist trübsinnig. An guten Tagen denkt er immer noch, er könne Herz und Hirn des oben erwähnten Adam, seines Sohnes, gewinnen. An seinen schlech- ten Tagen hält er sich bereits für verloren. Inzwischen sind die meisten Tage für ihn schlechte Tage. Und es hilft ihm auch nicht, daß Gäa ihn in einigen ihrer Fernsehshows als Hauptfigur zeigt und zwingt, ein paar abstoßende Dinge zu tun, um ... sich sein tägli-, ches Brot zu verdienen.« Snitch blinzelte und machte ein finsteres Gesicht. »Habe ich da Metaphern durcheinandergebracht?« Cirocco überging diese Frage. »Wie steht es mit ... Gaby?« Snitch blickte sie vielsagend an. »Du hast mich noch nie nach ihr gefragt.« »Jetzt frage ich dich.« »Ich könnte dir sagen, daß du sie dir nur einbil- dest.« »Ich könnte dir deinen Kopf in dein eigenes Arschloch stecken.« »Gott«, sagte Snitch und schnitt eine Grimasse. »Ich wünschte, ein solches Manöver wäre bei mir so un- möglich wie bei dir.« »Du weißt, daß es nicht so ist.« »Wie gut ich mich daran erinnere!« Er seufzte. »Gaby ... bereitet gerade ihren schmutzigen Trick vor. Du weißt, wovon ich spreche. Gaby bewegt sich auf einer dünnen Linie. Vielleicht wirst du nie erfahren, wie dünn sie ist. Kümmere dich nicht mehr um sie!« »Aber ich habe sie nicht mehr gesehen seit ...« »Kümmere dich nicht mehr um sie, Captain!« Sie starrten einander an. Eine solche Bemerkung rief nach Bestrafung. Cirocco fragte sich, was ihre Be- reitschaft, es ihm diesmal durchgehen zu lassen, zu bedeuten hatte. Was veränderte sich? Oder war sie einfach zu müde, um sich noch etwas daraus zu ma- chen? Sie wies den Gedanken von sich, gab Snitch drei weitere Tropfen des reinen Äthylalkohols zu trinken und steckte ihn zurück in seine Flasche. Dann begab sie sich vorsichtig in die reinigende Wärme des Brun-, nens, legte sich hinein und atmete die Wasser tief ein. Sie bewegte sich zehn Revs lang nicht.

EINUNDZWANZIG

Das Neue Pandämonium war fertig. Gäa hatte persönlich den äußeren Wall inspiziert, hatte mit den eigenen schweren Händen Große Wei- ße aus dem Wassergraben gefischt und sämtliche Vorbereitungen für die Belagerung überprüft. Das Problem der Arbeitskräfte war immer noch akut. Gäa hatte einige Zeit gebraucht, um ihren Auf- sehern begreiflich zu machen, daß Menschen nicht mehr gezwungen werden konnten, sich zu Tode zu arbeiten. Viele Menschen waren gestorben, bis diese Lektion gelernt worden war. Und jetzt stellte sich auch noch ein kleines Deserteurproblem, da keine Zombie-Bataillone mehr vorhanden waren, die Flüchtlinge zur Strecke brachten und folterten. Die Priester waren nicht glücklich über menschliche Ge- folgsleute, waren aber klug genug, keinen Ärger deswegen zu machen. Glücklicherweise hatte das Zombiepulver keine Wirkung auf Priester. Alle Vorbereitungen waren getroffen. Das Neue Pandämonium konnte jedem Angriff und jeder Bela- gerung standhalten. Zufrieden rief Gäa ihren Archivar herbei und be- stellte eine Dreiervorstellung: The Man Who Would Be King. All The King's Men. Indira. Wunderbare politische Filme, alle drei.,

ZWEIUNDZWANZIG

Gaby Plauget wurde 1997 in New Orleans geboren, zu einer Zeit, als die Stadt noch zu den Vereinigten Staaten von Amerika gehörte. Ihre Kindheit verlief tragisch. Ihr Vater erschlug ih- re Mutter, und fortan wurde Gaby zwischen Ver- wandten und Behörden hin und her geschoben, wo- bei sie lernte, sich nie allzuviel aus jemandem zu ma- chen. Die Astronomie war ihre Rettung. Sie wurde zur größten Kapazität im Bereich planetarischer Astronomie, so gut, daß sie eine Koje an Bord ergat- terte, als die Besatzung der Ringmeister ausgewählt wurde, und das, obwohl sie es haßte zu reisen. Dem Sex stand sie ziemlich gleichgültig gegenüber. Dann wurde die Ringmeister zerstört, und die ge- samte Besatzung verbrachte eine Zeit in völligem Wahrnehmungsentzug. Gene wurde dabei verrückt. Bill hatte hinterher Lücken im Gedächtnis und er- kannte Cirocco nicht, als er ihr wieder begegnete. Die Polo-Schwestern April und August, nie die stabilsten unter den Klon-Genies, wurden getrennt; April wur- de in einen Engel verwandelt, und August verzehrte sich allmählich durch den Verlust der Schwester. Als Calvin wieder auftauchte, konnte er mit den Blimps reden und hatte kein Verlangen mehr nach menschli- cher Gesellschaft. Cirocco gewann die Fähigkeit, Ti- tanidisch zu singen. Gaby verbrachte eine ganze Lebensspanne in dem Zustand. Zwanzig Jahre, sagte sie hinterher. Als sie erwachte, war es wie aus einem jener verrückten Träume, in denen man auf einmal weiß, worum es, überhaupt geht. Die Großen Antworten auf das Le- ben sind in Reichweite, wenn man nur lange genug einen klaren Kopf behält, um sie zu ordnen. Alle Er- fahrungen, die Gaby in diesen zwanzig Jahren ge- macht hatte, waren ganz frisch in ihrem Bewußtsein gegenwärtig, bereit, ihr Leben und die Welt zu ver- ändern ... ... bis sie, wie nach einem Traum, verblaßten. In- nerhalb weniger Minuten vergaß sie alles außer ein paar Dingen. Eines davon war, daß es wirklich zwan- zig Jahre gewesen waren, voller Einzelheiten, die nur in einer solchen Zeitspanne vorkommen konnten. Weiter blieb die Erinnerung bestehen, wie sie eine riesige Treppe hinaufgestiegen war, begleitet von Or- gelmusik. Als sie und Cirocco später Gäa in der Nabe besuchten, erlebte Gaby diesen Augenblick von neu- em. Das dritte, was sie behielt, war eine hoffnungslo- se und unheilbare Liebe zu Cirocco Jones, für Gaby selbst eine ebenso große Überraschung wie für Ciroc- co. Gaby hatte sich nie als Lesbierin betrachtet. Alles andere war vergessen. Fünfundsiebzig Jahre vergingen. Im Alter von einhundertunddrei starb Gaby Plau- get unter dem Zentralkabel von Tethys. Sie starb schrecklich und unter Schmerzen an Flüssigkeit, die sich im verbrannten Lungengewebe bildete. Dann kam die größte Überraschung überhaupt. Es gab wirklich ein Leben nach dem Tod. Gäa war wirk- lich Gott! Auf dem ganzen Weg hinauf zur Nabe kämpfte Gaby gegen diese Vorstellung. Sie hatte ihren toten Körper dort unten liegen gesehen. Sie war zu einem bloßen Bewußtseinspunkt geworden, der nichts mehr, auf einer körperlichen Ebene empfand, obwohl die Entkörperung sie nicht daran hinderte, weiter Ge- fühle zu haben. Das stärkste davon war Furcht. Sie entwickelte sich zum Kind zurück und entdeckte sich beim Rezitieren des Ave Maria und des Vaterunser, und sie stellte sich vor, wie sie im riesigen, kalten, düsteren und doch tröstenden Innenraum der alten Kathedrale neben ihrer Mutter kniete und den Ro- senkranz betete. Aber die einzige Kathedrale war der lebendige Körper Gäas. Gaby war in irgendeiner Weise zur Nabe transpor- tiert worden, ergriffen, bewegt oder gezaubert, zu der Treppe aus dem Szenenaufbau eines Films, die sie und Cirocco vor so langer Zeit hinaufgestiegen wa- ren. Die Treppe lag tief unter Staub und war ge- schmückt durch kunstvoll drapierte Spinnweben aus Filmszenarien. Gaby fühlte sich wie eine Kamera auf einem sehr gleichmäßigen Dolly, wie sie sich ohne Willen oder Kontrolle durch die kleine Oz-Tür an ei- ner Seite bewegte, hinein in das Louis-XVI-Zimmer, das ein genaues Duplikat eines Sets aus dem Film 2001: Odyssee im Weltraum war. Genau dort waren sie und Cirocco zum ersten Mal der gedrungenen, pummeligen alten Frau begegnet, die sich Gäa nann- te. Die Goldfarbe blätterte von den Bilderrahmen ab. Die Hälfte aller Lampen war entweder ganz aus oder flackerte. Das Mobiliar war abgewetzt, rissig und muffig. In einem wackeligen Sessel saß Gäa, die Füße auf einen niedrigen Tisch gelegt, starrte auf einen al- tertümlichen Schwarzweiß-Fernseher und trank Bier aus einer Flasche. Sie war gestaltlos wie üblich in ih-, rer schmutzigen grauen Kleidung. Gaby hatte sich, wie alle Leute außer den größten Fanatikern, unzählige Möglichkeiten vorgestellt, wie das Leben nach dem Tod vielleicht aussah, und damit ein Spektrum abgedeckt, das vom Himmel bis zur Hölle reichte. Aber diese Möglichkeit war ihr ir- gendwie nie in den Sinn gekommen. Gäa drehte sich ein kleines Stück weit um. Es war wie in einem jener auf künstlerisch gemachten Filme, in denen die Kameralinse eine Filmgestalt darstellt, auf die die übrigen Darsteller reagieren. Gäa be- trachtete Gaby oder zumindest den geometrischen Ort im Raum, an dem zu sein sich Gaby vorstellte. »Hast du überhaupt eine Vorstellung, welchen Kummer du mir bereitet hast?« murmelte Gäa. Nein, habe ich nicht, sagte Gaby. Obwohl, wenn sie darüber nachdachte, »sagte« ein recht gegenständli- ches Wort war für das, was sie tatsächlich machte. Kein Ton kam dabei hervor. Sie fühlte weder Lippen- noch Zungenbewegungen. Kein Atem wurde in Lun- gen eingezogen, die, soweit Gaby wußte, immer noch in der Dunkelheit unter Tethys lagen, ganz mit Schleim gefüllt. Aber der Impuls war wie beim Sprechen, und Gäa schien sie auch zu hören. »Warum konntest du nicht einfach die Finger da- von lassen?« schimpfte Gäa. »Man findet auch Räder innerhalb von Rädern, Gaby, um einen Spruch zu prägen. Rocky hat sich doch gut gemacht. Was ist denn schon dabei, hin und wieder ein bißchen be- trunken zu sein?« Gaby »sagte« nichts. »Rocky« war natürlich Ciroc- co Jones, und sie war fast die ganze Zeit mehr als nur, ein bißchen betrunken gewesen. Und was das Finger- davon-lassen betraf ... Cirocco hätte es so halten können. Es war unmög- lich genau zu sagen. Möglicherweise hätte sie sich nach vierzig oder fünfzig Jahren, nachdem sie gefeu- ert worden war, dazu aufgerafft, etwas zu tun betreffs der unmöglichen Situation, die sie dazu gebracht hatte zu trinken. Andererseits war es vielleicht sogar für eine Unsterbliche möglich, sich zu Tode zu trin- ken ... Jedenfalls war es Gaby gewesen, die Cirocco den Anstoß gegeben hatte, den ersten versuchsweisen Schritt zu einer Inspektion der Regionalgehirne Gäas zu unternehmen, um nach Anzeichen für nützliche Subversion zu suchen. Sie hatten gehofft, jemanden zu finden, der als Brennpunkt dienen konnte für Ga- bys geplanten Aufstand der Götter. Das hatte ihr einen scheußlichen Tod eingetragen. »Ich hatte Pläne für dieses Mädchen«, sagte Gäa ge- rade. »Zwei oder drei Jahrhunderte später ... wer weiß? Es wäre vielleicht möglich gewesen, ihr ein paar Dinge beizubringen. Es wäre vielleicht möglich gewesen, ihr begreiflich zu machen ... daß sie zugab ...« Gäas Stimme versank in niedergeschlagenem Ge- brumm. Gaby reagierte wieder nicht. Gäa warf ihr ei- nen gereizten Blick zu. »Ich hatte die Schnauze voll von dir«, beschwerte sie sich. »Nie wäre ich darauf gekommen, daß du die- sen ganzen Ärger anfängst. Eine tragische Gestalt – das bist du. Rocky überallhin zu folgen, während dir die kleine rosa Zunge heraushängt wie einer läufigen Hündin. Es war eine gute Rolle, Gaby, eine Rolle, um die herum du ein Leben hättest aufbauen können. Ich, werde dir nicht vergeben, daß du deine eigenen Zei- len geschrieben hast. Wo hast du eigentlich aufge- hört, eine ...« Da ihr die Worte fehlten, warf Gäa ihre Bierflasche auf einen riesigen Fleck an der Wand. Ein Haufen zerbrochenes Glas lag darunter aufgehäuft. Gäa blickte wieder auf und grinste heimtückisch und böse. »Ich wette, daß du einige Antworten willst. Ich werde meinen Spaß haben, wenn ich sie dir gebe. Und hier ist auch schon eine.« Gäa streckte die Hand aus – die verschwamm, als sie sich dem Standpunkt der Gaby-Kamera näherte – und zog sie wieder zu- rück, und sie hielt darin ein kleines, weißes sich ver- zweifelt wehrendes Wesen mit zwei Beinen und weit aufgerissenen Augen. »Spione«, sagte Gäa. »Das war deiner. Saß fünf- undsiebzig Jahre lang in deinem Kopf. Wie gefällt dir das? Er heißt Stoolie. Rocky hat einen, der heißt Snitch. Sie weiß nichts davon, nicht mehr, als du ge- wußt hast. Alles, was ihr beide tatet, wurde sofort an mich weitergegeben.« Gaby empfand bodenlose Verzweiflung. Dies muß die Hölle sein! »Nein, ist es nicht. Das ist auch alles so ein Quatsch.« Gäa unterbrach sich lange genug, um das Leben aus der schreienden Obszönität in ihrer Hand zu quetschen. Dann wischte sie die blutige Masse an der Armlehne ab. »Leben und Tod sind nicht so wichtig, wie du denkst. Das Bewußtsein ist das wirkliche Rätsel. Dein Bewußtsein von dir selbst als lebendes Wesen. Du erinnerst dich an das Sterben, du denkst, daß du dich daran erinnerst, durch den Raum nach hier oben zu, schweben, vor gar nicht so langer Zeit. Aber die Zeit ist auf dieser Ebene eine kitzlige Sache. Ebenso das Gedächtnis. Du bist kein Gespenst, wenn dich das tröstet. Ich habe dich!« flüsterte Gäa und machte eine Ge- ste ganz ähnlich der, mit der sie Stoolie zerquetscht hatte. »Ich habe dich geklont, dich aufgezeichnet; ich habe alles genommen, was an Gabyheit an dir war, schon als du zum ersten Mal hier warst. Auch bei Ci- rocco habe ich das gemacht. Danach habe ich mich mit Hilfe dieses kleinen Bastardes in deinem Kopf auf dem neuesten Stand gehalten. Ich habe keine über- natürlichen Kräfte. Ich bin nicht Gott, nicht nach dei- nen Vorstellungen von Gott ... aber ich bin eine ver- dammt gute Magierin! Die Frage, ob du, Gaby Plau- get, das kleine Mädchen aus New Orleans, das die Sterne liebte, wirklich dort unten in Tethys gestorben bist, ist philosophische Haarspalterei. Nicht der Mühe wert. Du weißt, daß du das Bewußtsein bist, das ich jetzt anspreche. Leugne es, wenn du kannst.« Gaby konnte es nicht. »Das wird alles mit Spiegeln gemacht«, sagte Gäa mit einem Achselzucken. »Falls du eine ›Seele‹ hat- test, dann habe ich sie nicht mitbekommen, und sie ist in deinen anthropomorphen katholisch-jüdisch- christlichen Himmel hinaufgefahren, an den ich per- sönlich nicht glaube, weil ich noch nie irgendwelche Radiostationen gehört habe, die von dort sendeten. Alles andere von dir besitze ich.« Was hast du mit mir vor? fragte Gaby. »Ich wünschte, es gäbe eine Hölle.« Sie überlegte eine Zeitlang schweigend. Gaby konnte nichts ande- res tun, als weiter zuzuschauen. Langsam entwickelte, Gäa einen Gesichtsausdruck, der eine schreckliche Mischung aus Grinsen und höhnischem Lächeln war. »Obwohl keine Hölle verfügbar ist, habe ich doch tatsächlich ein brauchbares Faksimile. Ich glaube nicht, daß du es überlebst. Aber ich war noch nicht fertig, dir zu sagen, warum. Willst du es wissen?« Gaby dachte, daß alles besser wäre als Gäas Hölle- nersatz. »Das kannst du noch einmal sagen«, versetzte Gäa. »Weil du Rocky für mich ruiniert hast. Rocky war eine echte fehlerhafte Heldin. Seit Jahrtausenden hatte ich eine gesucht. Sie ist jetzt immer noch fehlerhaft, aber sie entwickelt ein gewisses Rückgrat. Snitch spürt, wie es sich aufbaut. Gerade findet sie heraus, daß du tot bist. Sie ist sich nicht sicher, ob ich dich getötet ha- be, vermutet es aber doch stark. Robin, Valiha und Chris stecken tief in Schwierigkeiten. Vielleicht über- leben sie es nicht. In diesem Moment investiert Rocky ihre ganze Energie, um sie zu retten. Danach ... wird sie hierherkommen und mir den Krieg erklären. Die- se ...« – Gäa klopfte sich auf die Brust – »... diese In- karnation Gäas wird das nicht überleben.« Sie zuckte die Achseln. »Das ist mir egal. Ich habe Frau Kartof- felkopf ohnehin satt. Ich habe schon Ideen für die nächste Gäa, die dich vielleicht amüsieren würden. Aber du wirst dir nichts mehr daraus machen. Ich bin fertig mit dir. Du vergeudest meine Zeit.« Mit diesen Worten streckte Gäa die Hand aus und ... packte den Traum-Ort, der Gaby war ... – und für Gaby wurde alles schwarz. Dann stellte sie fest, daß sie in der gebogenen Leere der Nabe nach oben schwebte, zu einer Linie aus rotem Licht ganz oben in, der Nabe, einer Linie, die sie und Cirocco schon beim ersten Besuch gesehen hatten ... Es ist alles ein Traum, erinnerte sie sich selbst. Die- ses Gespräch hatte nie stattgefunden, nicht auf einer körperlichen Ebene. Gäa verfügte über alle Erinne- rungen Gabys, und sie war auch dazu in der Lage, neue in das Computerprogramm, die Gedächtnisma- trix einzufügen, die alles war, was von Gaby noch blieb – von Gaby, die einmal aus Fleisch und Blut be- standen hatte. Also ist das alles Illusion. Gäa macht irgend etwas mit mir, aber ich fliege jetzt nicht hoch durch die Luft, ich stürze nicht in diesen wirbelnden Mahlstrom, der, was ich im Herzen immer gewußt habe, der Geist dieses Wesens ist, das Gäa heißt ... Ein Gedanke schützte sie. Eine Idee, die sie festhielt inmitten des Chaos', bewahrte sie davor, aus dem Wahn in den Irrsinn abzustürzen. Das sind die zwanzig Jahre, dachte sie. Ich habe sie be- reits durchlebt. In der roten Linie war die Lichtgeschwindigkeit eine lokale Fügung, ein kurioses regionales Phänomen, das ein Ärgernis sein konnte – wie ein Bulle, der sich in einer ländlichen Stadt in Georgia hinter einer Re- klametafel versteckte, der aber, wenn man ausrei- chend Bestechungsgelder zur Verfügung hatte oder genug Pferde unter der Motorhaube, nicht zwangs- läufig Sorgen machen mußte. Nimm immer eines zu seiner Zeit. »Geschwindig- keit« hängt von Raum und Zeit ab. Beides waren in der Linie keine relevanten Begriffe. »Licht« bestand aus komplexen und unnötigen Paketen masseloser »Wellikel«, ein Nebenprodukt des Lebens in der Li-, nie, wie Schweiß und Kot. Die »Lichtgeschwindig- keit« war ein Widerspruch in sich. Wie schwer war jener Tag in den Bergen, als du ein Lagerfeuer ange- zündet hattest und eine Sternschnuppe sahst? Wie groß ist die Masse des gestrigen Tages? Wie schnell ist die Liebe? Die Linie führte ganz um den inneren Rand Gäas, der in einsteinscher Perspektive ein Kreis war. Die Linie verlief nicht kreisförmig. Vor dem Hintergrund des inneren Randes gesehen, war die Linie dünn. Die Linie war nicht dünn. Die Linie schien innerhalb des Universums zu exi- stieren. Kein Stück von ihr führte über die physikali- schen Grenzen Gäas hinaus, und Gäa war im Univer- sum enthalten. Deshalb existierte die Linie innerhalb des Universums. Die Linie aber war viel größer als das Universum. Am Ende war der Begriff »Universum« unpassend für eine Definition der Linie. Das Konzept einer nackten Singularität kam der wahren Natur der Linie am nächsten – und hatte wenig damit zu tun. Wesen lebten darin. Die meisten waren wahnsin- nig, was Gäa auch mit Gaby vorhatte. Aber Gaby hielt sich an dem Gedanken fest: Dies sind die zwan- zig Jahre. Und: Cirocco wird mich brauchen. Langsam und vorsichtig lernte Gaby die Natur der Realität kennen. Sie wurde zu so etwas wie einem Gott. Es war bedauernswert unpassend – sie verfügte jetzt über eine Menge ANTWORTEN, und sie wußte, daß die FRAGEN niemals richtig formuliert worden waren. Aber dieses Wissen war auch schon etwas. Sie wäre viel glücklicher gewesen, die Art von Drehbuch nachzuleben, die sie für das Leben gehalten hatte,, aber es war jetzt zu spät dafür, und sie pflegte zu ak- zeptieren, was unumgänglich war. Während sie sich vorsichtig von der dominanten Gegenwart fernhielt, die sie als Gäa kannte, blickte Gaby aus der Linie heraus. Sie sah Cirocco in der Nabe eintreffen, sah die Ku- geln in dem Wesen einschlagen, das sich »Gäa« nannte, spürte die viel interessantere Folge von Ver- änderungen durch die Entität ziehen, die sie als Gäa kannte, und wurde nachdenklich. Da bot sich eine Möglichkeit ... Sie dachte einen Moment lang darüber nach, einen Moment, der, wie sich herausstellte, fünf Jahre dau- erte. Sie erkannte, daß sie es hier nicht viel länger aus- halten konnte. Gäa hatte das auch nicht geschafft, obwohl ein Teil von ihr in der Linie geblieben war. Gaby mußte dasselbe tun, um zu überleben. Vorsich- tig und darauf bedacht, Gäa nicht zu alarmieren, löste sie sich, verlagerte sie das Zentrum ihres Bewußtseins zum Torus hinunter. Sie sah Cirocco oft und blieb selbst ungesehen. Sie lernte die Wege der Magie.

DREIUNDZWANZIG

»Vielleicht kommt sie nie«, sagte Gäa. »Da könntest du recht haben«, erwiderte Chris. Er tauchte den Schrubber in das Seifenwasser, wischte damit herum und hob ihn dann zu der gro- ßen, rosafarbenen Fleischwand., Sie befanden sich im Badehaus, das einfach nur ei- ne der Tonbühnen auf dem RKO-Gelände war, die man für eine Esther-Williams-Parodie benutzt und dann außer Betrieb genommen hatte, damit sie als Gäas Bad diente. Das Licht war matt. Wände und Decke bestanden aus Holz und die mächtigen Schie- betüren waren geschlossen. Irgendwo waren heiße Steine in das heiße Wasser geworfen worden und produzierten Dampfwolken. Chris und Gäa waren gleichermaßen schweißgebadet. Der Schrubber war einfach ein großer Besen mit steifen Borsten. Gäas Haut wirkte, obwohl sie sich weich anfühlte, unbeschädigt durch dieses Werk- zeug, egal, wie heftig Chris den Besen führte. Das war eines der kleineren Mysterien. Eine Panaflex wanderte vorbei, betrachtete prüfend die Szene und nahm ein paar Meter Film auf, dann schwebte sie wieder davon. »In Wirklichkeit denkst du anders«, meinte Gäa. »Da könntest du recht haben«, sagte Chris wieder. Gäa bewegte sich. Chris trat zurück, da jede Bewe- gung von Gäas Masse Gefahren für normale Leute mit sich brachte, die zufällig im Weg waren. Sie lag mit dem Gesicht nach unten und hatte den Kopf auf den verschränkten Armen liegen. Sie lag in etwa einem Meter tiefen Wasser. Als sie wieder zur Ruhe kam, war ihr Kopf ihm zugewandt, folgte eines der riesigen Augen Chris. Er war dabei, ihre rechte Seite von der Taille bis zur Schulter zu schrubben, und arbeitete sich auf den Oberarm zu. Er brauchte bis dahin noch einige Zeit. »Es ist jetzt schon viel Zeit vergangen«, fuhr Gäa fort. »Wieviel ... acht Monate?«, »Etwas in der Größenordnung.« »Hast du irgendeine Idee, was sie tun könnte?« »Du weißt, daß sie zweimal hier war. Du weißt, daß ich es dir nicht sagen würde, wenn ich sie wie- dersähe.« »Du bist unverschämt, aber ich liebe dich. Jeden- falls weiß ich, daß sie seitdem nicht mehr hier war.« Das stimmte. Cirocco hatte ihn gewarnt, daß es so kommen würde, aber es war trotzdem schwierig. Chris benötigte dringend moralische Unterstützung. Andererseits war sein Job als Badehelfer nicht so schlimm, wie er befürchtet hatte. Offenkundig sollte ihn diese Aufgabe demoralisieren. Er tat sein Bestes, damit Gäa dachte, daß es wirklich funktionierte, und schleppte sich an den Tagen, wenn sie ein Bad be- stellte, mühsam zur Arbeit und wieder zurück. Aber es war nur ein Job. Sobald man sich an seine bizarre Natur gewöhnt hatte, war es nicht mehr viel anders, als striche man ein Haus an. Chris arbeitete sich an Gäas Seite entlang und dann an der Außenseite des Arms hinunter, säuberte den Schrubber wieder und bürstete dann ihren Ellbogen und Unterarm. »Wenn sie kommt ...«, begann er und verstummte gleich wieder. »Was?« »Was machst du dann mit ihr?« »Sie töten. Das sagte ich dir schon. Oder es jeden- falls versuchen.« »Gibst du ihr wirklich eine Chance?« »Keine sehr große. Sie ist unterlegen, meinst du nicht auch?« »Das kann jeder erkennen. Warum ... warum gehst, du nicht einfach hinaus und bringst sie zur Strecke? Sie könnte sich dir doch nicht lange entziehen, oder?« »Sie ist sehr clever. Und meine ... Sicht erreicht sie nicht mehr. Das hat sie sehr gut hinbekommen.« Gäa hatte schon vorher versteckte Andeutungen auf Blindheit gemacht. Chris war sich nicht sicher, vermutete aber, daß es sich auf Snitch bezog. »Warum haßt du sie so sehr?« Gäa seufzte. Die Dampfwolken wurden heftig durcheinandergewirbelt. »Ich hasse sie nicht, Chris. Ich liebe sie sehr. Aus diesem Grund will ich ihr das Geschenk des Todes machen. Das ist alles, was ich ihr geben kann, und es ist das, was sie braucht. Ich liebe auch dich.« »Wirst du auch mich töten?« »Ja. Falls Cirocco dich nicht retten kann. In deinem Fall wird der Tod kein Geschenk sein.« »Ich verstehe nicht den Unterschied.« »In deinem Fall wird er eine Qual sein, weil dir Adams Liebe fehlen wird. Du bist jung, und dir ist noch nie zuvor etwas so Gutes widerfahren, daß es sich mit Adam vergleichen ließe.« »Diesen Teil verstehe ich. Aber ich begreife nicht, warum der Tod für Cirocco eine Gunst wäre.« »Ich habe nichts von Gunst gesagt. Ein Geschenk. Sie braucht ihn. Der Tod ist ihr Freund. Der Tod ist ihre einzige Möglichkeit, noch zu wachsen. Sie wird nie- mals Liebe finden. Aber sie kann lernen, ohne sie zu leben. Auch ich habe es gelernt.« Chris dachte darüber nach und beschloß, ein Risiko einzugehen. »Ganz sicher. Du hast sie durch Grausamkeit er- setzt.«, Gäa zog eine Braue hoch. Chris blickte ihr nicht gern in die Augen, auch nicht aus der Ferne. Zuviel alter Schmerz war in ihnen zu erkennen. Und Schlechtigkeit, eine sehr große Schlechtigkeit ... aber er fragte sich inzwischen, woraus Schlechtigkeit ent- steht. Traf man einfach die Entscheidung, schlecht zu werden? Er bezweifelte es. Es mußte eine allmähliche Entwicklung sein. »Natürlich bin ich grausam«, murmelte Gäa und schloß das Auge wieder. »Aber dir ist es unmöglich, die Grausamkeit mit meinen Augen zu sehen. Ich bin fünfzigtausend Jahre alt, Chris. Cirocco ist gerade über einhundert und spürt bereits, wie Dinge an ihrer Seele fressen. Kannst du dir vorstellen, wie ich mich fühle?« »Du meinst drei Millionen, nicht ...« »Natürlich. Woran habe ich da bloß gedacht? Du kannst dir jetzt meinen Rücken vornehmen, Chris.« Er stellte die Trittleiter hin und stieg mit seinem Schrubber und einem Schlauch hinauf. Ihr Rücken fühlte sich unter seinen nackten Füßen weich und nachgiebig an. Sie schnurrte wie eine Katze, als er sie zwischen den Schulterblättern schrubbte.

VIERUNDZWANZIG

Cirocco stieg aus dem Brunnen und streckte sich auf dem Sand aus. Sie schloß für einen Moment die Au- gen. Als sie sie öffnete, lag sie immer noch auf Sand, aber es war der feine schwarze Sand des kleinen Sees,, wo Gaby sie geliebt hatte an dem Tag, als Adam ge- raubt wurde. Cirocco drehte den Kopf und sah Gaby neben sich stehen. Sie hob die Hand, und Gaby ergriff sie. Wie- der einmal hatte Cirocco das Gefühl, von einer kleb- rigen Oberfläche weggezogen zu werden; dann stand sie auf den Beinen. Sie drückte Gaby an sich. »Du warst so lange weg«, sagte Cirocco, kurz da- vor, in Tränen auszubrechen. »Ich weiß, ich weiß. Zu lange. Und wir haben jetzt nicht viel Zeit, und es ist viel zu sehen. Kommst du mit?« Cirocco nickte und folgte Gaby in den See, wobei sie ihre Hand festhielt. Sie wußte, daß das Wasser seicht war, und spürte doch, wie der Grund rasch ab- fiel, bis sie schwammen und gerade noch die Köpfe über Wasser hatten. Gaby machte eine Bewegung mit dem Kopf, und sie tauchten. Es war nicht so wie Schwimmen. Es ging direkt nach unten. Cirocco brauchte sich dabei gar nicht an- zutreiben; sie glitten einfach dahin. Sie spürte, wie das Wasser an ihr vorbeirauschte. Und es war kein Wasser, sondern eher Schlamm oder warme Erde. So mußte sich ein Wurm fühlen, der sich durch den Erdboden schlängelt, dachte Ci- rocco. Sie erinnerte sich daran, wie sie sich vor langer Zeit durch Gäas feuchte Erde zum Licht hin gekämpft hatte: haarlos, desorientiert und voller Angst wie ein neugeborenes Baby. Jetzt war es anders. Sie hatte kei- ne Angst. Dann stand sie in einer riesigen Höhle, ohne zu wissen, wie sie hineingelangt war. Die Höhle er- streckte sich weiter, als sie blicken konnte. Sie ging, mit Gaby neben den spinnenhaften Formen von Raumschiffen her, die hier im Dock lagen. »Als der Krieg ausbrach, habe ich angefangen, sie zu retten«, erzählte Gaby. »Immer wieder tauchten Kapitäne auf und wollten nicht mehr in den Krieg zu- rück. Sie beschädigten ihre Schiffe. Ich habe sie her- gebracht und gerettet.« Es waren hunderte. Sie sahen seltsam aus, wie sie da hockten. »Es wirkt alles so ... so verloren«, meinte Cirocco. »Die meisten Schäden sind leicht zu beheben«, ver- sicherte Gaby. »Davon gehe ich aus. Aber ... sie waren nicht dafür gedacht, hier zu enden. Weißt du, wie sie aussehen? Wie Quallen, die an den Strand geworfen wurden.« Gaby blickte über die stille Armada hinweg und nickte. Raumschiffe hatten viel gemeinsam mit den weichen anatomischen Phantasien, die in den mehr exotischen Meeresinvertebraten verkörpert sind. »Du hast sie hergebracht, sagtest du. Nicht Gäa?« »Ich war es. Ich dachte, man könnte sie eines Tages gut gebrauchen. Ich habe auch eine Menge anderes Zeug herbeigeschafft, als ich erkannte, daß Gäa eine Fortsetzung des Krieges wünschte. Sieh einmal dort- hin!« Gaby drehte Cirocco sanft um ... ... und die Dunkelheit umschloß sie wieder. Als es hell wurde, sah Cirocco, daß sie ganz woanders wa- ren. »Wie hast du das nur gemacht?« »Süße, ich könnte es dir unmöglich erklären. Nimm einfach hin, daß ich es kann.« Cirocco dachte darüber nach. Sie fühlte sich ein wenig benebelt, als wäre sie betrunken oder träume, sie. Es war ein Geisteszustand, in dem man bereit war, Dinge hinzunehmen. »Gut«, sagte sie ruhig. Sie standen in einem endlosen Tunnel. Er war voll- kommen rund, wirkte absolut gerade und pulsierte in vielfarbigem Licht. »Was du hier siehst, ist keine wirkliche Zeit«, er- klärte Gaby. »Ich träume, ja?« »Etwas in der Art. Dies ist der Ring des Alchemi- sten, eine viertausend Kilometer lange kreisförmige Kollisionsstrahl-Kernzertrümmerungsanlange ... und sie ist noch durch weitere Techniken auf eine Weise frisiert, die über alles hinausgeht, was wir je auf der Erde gebaut haben. Hier stellt Gäa Schwermetalle her ... in letzter Zeit vor allem Gold. Früher hat sie einen großen Vorrat Plutonium angelegt. Ich wollte es dir nur zeigen.« Cirocco starrte auf die Lichter. Sie flogen durch den Tunnel, wie rot-, gelb- und weißglühende Hummeln. Gar nicht sehr schnell. Keine wirkliche Zeit, hatte Gaby gesagt. Die Lichter mußten Atomkerne sein, und sie mußten auf die Lichtgeschwindigkeit zugehen. Eine Sichthilfe, dachte Cirocco. Kein Traum, aber etwas Ähnliches. Eher ein Film. »Hier drin ist keine Luft, nicht wahr?« »Nein, natürlich nicht. Macht dir das Sorgen?« Cirocco schüttelte den Kopf. »Gut, sieh einmal hier hinüber ...« ... und sie drehte sich wieder um ... Diesmal hielt sich Cirocco den Kopf, und es war etwas leichter. Sie hielt die Augen geöffnet, hatte aber, nichts davon. Sie befand sich in einer weiteren Höhle, viel kleiner als der Raumschiff-Hangar. »Hier herrscht eine Temperatur, die nur knapp über dem absoluten Nullpunkt liegt. Das hier sind ge- frorene Muster von mehreren hunderttausend irdi- schen Tier- und Pflanzenarten. Gaä hat einige davon gesammelt. Weitere habe ich bestellt, kurz bevor der Krieg ausbrach. Ich hoffte, sie würden irgendwann einmal zu gebrauchen sein, wie die Schiffe. Geh jetzt einen Schritt hinauf ...« Cirocco tat wie geheißen und verlor beinahe das Gleichgewicht. Gaby hielt sie fest, und dann stand sie wieder auf dem vertrauten schwarzen Sand. Sie holte tief Luft, ein Atemzug, an den sie auch glauben konnte. »Diese Art Reisen gefällt mir nicht«, beschwerte sie sich. »Mag sein. Aber ich habe dir noch ein paar Dinge zu zeigen. Möchtest du sie noch sehen?« »Ja.« »Dann halte meine Hand und hab keine Angst.« Cirocco gehorchte, und sie stiegen auf in die Luft. Cirocco war schon vorher oft in Träumen geflogen. Man hatte zwei Möglichkeiten, die Sache anzupacken – was wahrscheinlich mit einer Art psychologischem Wetterbericht zu tun hatte. Geringe Sichtweite im Großhirn; klare Luft im Mark. Eine Methode bedeu- tete, dazusitzen und zu fliegen, wie auf einem flie- genden Teppich aus Persien. Auf diese Weise konnte man langsam über die Welt hinwegschweben. Die andere Methode funktionierte mit Herabstoßen und Hochziehen – aber nie mit ganz soviel Kontrolle, wie, man sie in einem Flugzeug hatte. Dieser Flug jetzt erfolgte nach der zweiten Metho- de, aber sehr exakt. Cirocco flog mit ausgebreiteten Armen dahin – sie hielt sich zuerst an Gabys Hand fest, ließ dann aber los und flog selbständig – und mit zusammengelegten Füßen, die Beine ausgestreckt. Ihr war schwindelig; es war wundervoll. Indem sie die Arme nach hinten schwenkte, konnte sie be- schleunigen. Die Handflächen dienten als Querruder für Kurvenflug und Wendungen. Mit unterschiedli- chen Bewegungen der Füße konnte sie entweder tie- fer gehen oder hochziehen. Sie experimentierte damit, führte einige enge Wendungen und Schleifen aus. Etwas war ganz anders als beim ›normalen‹ Traum- flug, und sie erkannte bald, daß es das Bewegungsge- fühl war. Obwohl ihre Sicht immer noch seltsam ne- belhaft war und ihr Verstand leicht berauscht, konnte sie die Luft doch riechen und schmecken und spüren, wie sie an ihrem Körper entlangrauschte; und, was am wichtigsten war, sie besaß Masse und Trägheit. Am tiefsten Punkt ihrer Loopings war die Beschleu- nigung mehrere G, und sie mußte sich anstrengen, die Arme steif ausgebreitet zu halten, und sie spürte dann, wie das Fleisch von Gesicht, Schenkeln und Brüsten nach unten gezogen wurde. Sie blickte zu Gaby hinüber, die auf dieselbe Weise flog. »Wunderschön«, sagte sie. »Ich dachte mir, daß es dir gefallen würde. Aber die Zeit rennt uns davon. Folge mir!« Gaby drehte sich um und stieg über der dunklen Landschaft von Dione höher. Cirocco tat, was ihr ge- sagt worden war, setzte sich hinter Gaby und stellte, fest, daß sie schneller wurde, ohne daß sie das beab- sichtigt hatte. Sie legte die Arme an die Seiten, und sie und Gaby schossen aufwärts. Jetzt war es ganz anders als das Fliegen in einem Flugzeug. Von An- strengung, von schwer arbeitenden Motoren war nichts zu spüren. Sie stiegen wie Raketen in den Himmel. Schon bald durchquerten sie die Mündung der Dione-Speiche. Cirocco spürte keinen Luftwider- stand mehr, obwohl sie Hunderte von Stundenkilo- metern schnell sein mußten. Sie breitete versuchswei- se die Arme aus und spürte keinen Wind. Durch Drehen der Hände oder Füße erreichte sie nichts. Sie folgte einfach Gaby. Die Dione-Speiche war, wie alle sechs Speichen des großen Rades, im Querschnitt oval; dieser maß unge- fähr hundert Kilometer entlang einer Achse und fünfzig Kilometer entlang der anderen. Sie ging mit einer riesigen, glockenförmigen Gewebeausbauchung in den Torus des Rades über, einer Ausbauchung, die allmählich zum gewölbten Dach des Torus wurde. Am oberen Ende der Glocke befand sich ein Schließ- muskel, der ganz geschlossen werden konnte, und am anderen Ende, zur Nabe hin, befand sich ein wei- terer. Indem sie diese Ventile auf- oder zumachte und die dreihundert Kilometer hohen Speichenwände wölbte, pumpte Gäa Luft von einer Region in die an- dere, erhitzte oder kühlte sie dabei, wie es gerade er- forderlich war. Abgesehen von der öden Okeanos-Speiche behei- mateten die Innenräume dieser hochragenden Zylin- der Leben in Fülle. Riesige Bäume wuchsen horizon- tal aus den senkrechten Wänden hervor. Komplexe, Ökosysteme gediehen in den Labyrinthen der Zwei- ge, in den Hohlräumen der Bäume und in den ei- gentlichen Speichenwänden. In Gäa fanden sich Dutzende von Engel-Arten, die meisten davon zu verschieden voneinander, um sich untereinander fortzupflanzen. In der Dione-Speiche lebten drei Arten – oder Schwärme, wie sie sich selbst nannten. Ganz oben, wo fast keine Schwerkraft mehr wirksam war, lebte der spinnenhafte Luftschwarm: Zwerge unter den Engeln, mit durchsichtigen Flügeln und durchsichtiger Haut, kurzlebig und nicht allzu helle, und sie ähnelten eher Fledermäusen als Vögeln. Sie landeten nur selten irgendwo, außer um Eier ab- zulegen, die sie dem Schicksal überließen. Sie er- nährten sich von Blättern. Der mittlere Teil der Speiche gehörte den Dione- Adlern, die mit den Adler-Schwärmen in Rhea, Phöbe und Cronus verwandt waren. Adler bildeten keine Gemeinschaften. Tatsächlich war mit einem blutigen Kampf zu rechnen, sobald sich zwei Adler begegne- ten. Ihre Jungen wurden lebendig und mitten in der Luft geboren, und sie mußten auf dem langen Sturz zum Torus hinunter das Fliegen lernen. Viele schaff- ten es. Aber die Luftengel und die Adler waren in der Minderzahl. Die meisten gäanischen Engel bauten Nester und nährten ihre Jungen. Sie taten das in sehr unterschiedlicher Weise. Eine Art in Thea hatte drei Geschlechter: Hähne, Hennen und Neutren. Die Hennen waren flugunfähig und groß, die Hähne klein und wild. Die Neutren waren als einzige intelli- gent, und sie sorgten auch für die Jungen, die lebend geboren wurden., Der Dione-Supra-Schwarm – nach Ciroccos Mei- nung eine unpassende Bezeichnung, da sein Gebiet am unteren Ende der Speiche lag – war friedlich und lebte in Gemeinschaften. Die Supra-Engel bauten große bienenwabenförmige Nester in den Bäumen, und sie verwandten dazu Zweige, Schlamm und den eigenen getrockneten Kot, der ein Bindemittel ent- hielt. Bis zu tausend Supras konnten in einem Nest leben. Ihre Weibchen brachten Dinge zur Welt, die Plazentoiden genannt wurden. Ein Plazentoid war eine Art Säugetierei mit einem Embryo darin, das an das lebendige Fleisch Gäas gesetzt werden mußte. Auf diese Weise erreichte die Schwangerschaft nie ein Stadium, in dem die Weibchen nicht mehr fliegen konnten, und die Jungen konnten recht groß werden, bevor sie den Mutterschoß verlassen mußten. Wie menschliche Säuglinge waren auch die kleinen Su- pras noch lange Zeit hilflos. In sechs oder sieben Jah- ren lernten sie zu fliegen. Cirocco mochte die Supras. Sie waren leichter an- zusprechen als die meisten übrigen Engel, und man hatte sogar davon gehört, daß sie in Bellinzona Han- del trieben. Sie gebrauchten öfters Werkzeuge als die meisten Engel. Cirocco wußte, daß ihre Einstellung unlogisch war und auf Vorurteilen beruhte – es war nicht die Schuld der Adler, daß sie so herzlos waren, sondern lag einfach an ihrer Biologie –, aber sie konnte nicht anders. Im Verlauf der Jahre hatte sie viele Suprafreunde gehabt. Wie die meisten Engel ähnelten auch die Supras spindeldürren Menschen mit riesigen Brustkörben. Ihre Körper waren glänzend schwarz. Sie konnten die Knie in alle Richtungen beugen, und bei ihren Füßen, handelte es sich um Vogelkrallen. Ihre Flügel waren unterhalb der Schulterblätter angebracht. Im zusam- mengefalteten Zustand ragten die »Ellbogen«-Gelen- ke über die Köpfe hinaus und die Spitzen der langen Handschwingen hingen bis weit über die Füße. Die Engel hatten eines mit den Titaniden gemein- sam: Sie waren beide relativ neue Schöpfungen Gäas, Variationen des Themas Mensch. Selbst mit hohlen Knochen, riesigen Flügeln, gigantischen Muskeln und ohne jedes Fett hatte der fliegende Mensch Gäas Fä- higkeiten im Entwurf bis an die Grenzen bean- sprucht. Die größeren Engel konnten auf dem Torus nicht viel mehr als ihr eigenes Gewicht in die Luft bringen. Sie zogen es vor, in den Niedrigschwerkraft- Gebieten der Speichen zu leben. Zusätzlich zu ihren Nistgewohnheiten hoben sich die Supras noch durch zwei weitere Dinge ab. Eines war ihre Färbung. Die Weibchen hatten grüne Flügel- federn und die Männchen rote. Das Schwanzleitwerk beider Geschlechter war schwarz, außer in der Paa- rungszeit, in der die Weibchen Pfauenräder bekamen und ein herrliches Balzverhalten zeigten. Sonst unter- schieden sich die Geschlechter äußerlich nicht. Und Supras hatten keine Namen. In ihrer Sprache kamen Pronomen der ersten Person Singular nicht vor. Näher als bis zum ›wir‹ kamen sie nicht heran, und doch besaßen sie keinen Gruppengeist. Sie exi- stierten nur als Individuen. Das gestaltete die Kommunikation mit ihnen etwas schwierig. Aber es lohnte die Mühe. Die Supras wirkten gar nicht überrascht, als sie sahen, daß Gaby und Cirocco zum Nest heraufgeflogen ka-, men und dort leicht wie Federn neben der Öffnung an der Spitze landeten. In der Speiche regnete es, und das Verdeck aus Lächlerfell war über die Öffnung ge- zogen worden, um das Wasser abzuhalten. Gaby duckte sich darunter, und Cirocco folgte ihr in die Dunkelheit. Verdammt komischer Traum, dachte sie. In einer Minute konnte sie noch fliegen, und sobald sie auf dem Nest gelandet war, mußte sie auf ihre übliche unbeholfene Weise durch das Supra-Nest tappen. Eine Supra-Treppe war eine Reihe von Stangen, die in den lehmziegelartigen Nestwänden verankert wa- ren. Die Engel packten diese Stangen mit den Füßen; Cirocco konnte nichts anderes tun, als sich mit beiden Händen festhalten, und so tun, als sei dies eine nor- male Leiter, während sie daran herunterkletterte. Und so war auch das Supra-Äquivalent zu einem be- quemen Sessel eine lange horizontale Stange. Die Su- pras hockten darauf, ohne daß es ihnen schwerfiel. Cirocco und Gaby suchten sich ihren Weg zum hinteren Teil des Nestes, der an die Speichenwand gebaut war. Überall an der Wand hingen Supra- Babies in kleinen Taschen aus Gäas Fleisch. Manche waren nicht größer als Straußeneier, während andere so groß waren wie menschliche Säuglinge und eine Menge Pflege brauchten, damit sie nicht ihre Nabel- schnüre zerrissen. Die Kindesfürsorge wurde von al- len Angehörigen des Schwarmes abwechselnd gelei- stet. Supras waren nicht auf bestimmte Eltern fixiert. Der Grund der Plazentoidenkolonie war die einzi- ge Stelle im Nest mit einer ebenen Fläche und groß genug, um als Boden zu dienen. Gaby und Cirocco setzten sich dort mit gekreuzten Beinen hin. Cirocco, fiel ein, daß sie ein Geschenk hätte mitbringen sollen. Irgend etwas hätte es schon getan – die Supras liebten helle Sachen. Es war eine höfliche Art, einen Besuch einzuleiten. Aber Cirocco hatte ja nicht einmal Klei- der an. Gaby hatte auch nichts dabei, aber mit dem ele- ganten Schwung eines Magiers öffnete sie eine Hand und produzierte einen alten Fahrradrückstrahler aus Plastik, der die Farbe wechselte, wenn er gedreht wurde. Er gefiel den Supras, die ihn hin und her reichten. »Ein tolles Geschenk«, meinte einer von ihnen. »Herrlich leuchtend«, pflichtete ein weiterer bei. »Elegant und hübsch«, schlug einer vor. »Wir sind herrlich entgeistert«, schaltete sich ein vierter ein. Sie äußerten eine Zeitlang schnatternd ihre Würdi- gung, und sobald Cirocco und Gaby ein Wort ein- flechten konnten, priesen sie die Schönheit, den Geist, die Haltung, Weisheit und eleganten Flugeigen- schaften ihrer Gastgeber in den höchsten Tönen. Sie spendeten der Kolonie, dem Nest, dem Ast, dem Ge- schwader, der Staffel und dem Schwarm der un- schätzbaren Supras ihren Beifall. Ein brunftendes Weibchen war so bewegt, daß es die Schwanzfedern zu einer sexuellen Demonstration spreizte. Obwohl Cirocco sie in dem matten Licht kaum sehen konnte, stimmte sie in den Chor der anderen ein, die die Fruchtbarkeit und Leistungsfähigkeit des Weibchens in so expliziten Begriffen feierten, daß sogar eine Hu- re dabei errötet wäre. »Wollt ihr etwas ... essen?« fragte einer. Die ande- ren sahen weg und schwiegen schamhaft. Es war et-, was Neues für die Supras, etwas, das sie bei ihrem Umgang mit Menschen vorsichtig ausprobierten. Bei den Supras war es Brauch, daß man niemals außer- halb des eigenen Nestes um Nahrung bat oder welche anbot. Sie wäre einem hungernden Supra zwar von einem anderen Nest nicht verweigert worden, aber die meisten Supras würden eher sterben, als darum bitten. Die Einladung wurde von dem Individuum mit dem niedrigsten Status im Nest ausgesprochen, ei- nem alten, dürren und wahrscheinlich dem Tode na- hen Männchen. »Wir können nicht mehr«, sagte Cirocco munter zu einem anderen Individuum. »Voll, wir sind total voll«, stimmte Gaby zu. »Mit einem Gramm mehr könnten wir nicht mehr fliegen«, erklärte Cirocco. »Fett ist gefährlich.« »Enthaltsamkeit ist eine Tugend.« Sie sahen niemals den an, der gefragt hatte, und verteilten auf diese Weise die Last der Verlegenheit gleichmäßig, wie es die Höflichkeit erforderte. Die Supras gackerten beifällig und priesen den Wohl- stand ihrer Gäste. Plötzlich erinnerte sich Cirocco an den einsamen Supra, den sie am Himmel über Iapetus gesehen hat- te, während der Todesengel mit Adam dahinflog. »Also, warum sind wir hergekommen zu diesem Nest?« fragte Cirocco und sprach dabei die Gruppe der Engel an, nicht Gaby, und stellte ihre Frage ge- zielt so um, daß sie die Supras so wenig wie möglich verwirrte. »Ja, eine äußerst interessante Sache«, meinte einer., »Warum sind sie gekommen, warum sind sie ge- kommen?« »Die eine ist aus Luft, die andere aus Traum.« »Träume im Nest, wie außerordentlich seltsam!« »Die eine, die brennt. Warum sind sie gekommen?« Gaby räusperte sich, und alle sahen sie an. »Wir sind aus demselben Grund gekommen, wie auch schon in der Vergangenheit«, sagte sie. »Um die Sache gegen Gäa zu verfolgen, um die Vorbereitun- gen für den Krieg gegen sie und all ihre Besitztümer und Nester voranzutreiben.« »Genau!« fiel Cirocco ein, die gar nicht verwirrter hätte sein können. »Das ist genau unsere Absicht ... uns mit den großartigsten Kriegslisten und Taktiken zu befassen!« »Höchst exakt!« meinte ein Engel begeistert. »Oh, verwünscht sei der Tag!« »Das Nest Gäas wird niedergeworfen werden.« »Murmel«, sagte ein Engel. Das äußerten sie im- mer, wenn sie zwar nichts zu sagen hatten, aber am Gespräch beteiligt sein wollten. »Murmel«, stimmte ein anderer zu. Es fiel leicht, die Dione-Supras als liebenswerte Schwachköpfe zu betrachten, als vertrottelte Gelehrte mit großem und gebrochenem Wortschatz. Aber sie waren nichts Dergleichen. Die menschliche Sprache war für sie eine Freude, denn sie war unlogisch und fruchtbar und paßte so gut zu dem natürlichen Be- dürfnis der Supras, zu verwirren und zu vernebeln und ganz allgemein jeder klaren Aussage auszuwei- chen, wenn es nur möglich war. »Ganz und gar gewalttätig«, schlug Gaby vor. »Oh, so außerordentlich gewalttätig! Große Qual!«, »Und vorsichtig, äußerst vorsichtig!« »Die Taktiken«, sagte einer. »Solch ein Lexikon der Taktiken.« Die Art, wie er es sagte, machte für Ciroc- co klar, daß es sich dabei um eine Frage handelte, die man vielleicht so übersetzen konnte: Wie bekämpfen wir Gäa? Gaby machte noch einmal diese undurchschaubare Bewegung der Hände. Sie hatte nichts im Ärmel, ent- schied Cirocco. Einen Moment lang wußte sie, wie andere sich fühlen mußten, wenn sie selbst ihre dürf- tige Magie wirkte. Gaby produzierte einen roten Stock, bei dem es sich unmißverständlich um Dynamit handelte. Er trug sogar die Beschriftung: DYNAMIT – hergestellt in Bellinzona. Die Engel wurden still, während sie ihn betrachteten. Cirocco nahm ihn und drehte ihn in den Händen. Die Engel seufzten einstimmig. »Woher hast du das?« fragte Cirocco, vergaß die anderen für den Moment. »In Bellinzona wird nichts Dergleichen hergestellt.« »Das liegt daran, daß ihr es noch eine Kilorev lang nicht tun werdet«, erklärte Gaby. »Strohfeuer!« krähte ein Supra. »Es ist ein Stroh- feuer!« »Eine substanzlose Nichtigkeit«, meinte ein ande- rer. »Noch nicht hergestellt? Wie grotesk! Wir werden ganz falsch informiert!« »Es existiert nicht«, faßte einer zusammen. »Wie diese Cirocco.« »Sei nicht kleinlich!« wurde er beschworen. »Hast du vergessen, daß es ein Traum ist?« erin- nerte einer Cirocco., »Dynamit! Dynamit! Dynamit!« »Es wird Dynamit geben«, stimmte Gaby zu. »So- bald der Zeitpunkt gekommen ist, gegen Gäa zu kämpfen, wird es seit einiger Zeit Dynamit gegeben haben.« »Wird gegeben haben! Ein wahrhaft stratosphäri- sches Verb!« »Äußerst ernsthaft.« »Eine ... Illusion?« fragte stirnrunzelnd ein junger Supra, der immer noch das Dynamit in Gabys Hand betrachtete. »Ein Trugbild«, erklärte einer. »Eine Galionsfigur! Ein Mondschein-Allerlei, eine flüchtige Farce, infra-vergangene Prä-Pentimenti! Ei- ne Leere!« rief noch einer und schloß damit wir- kungsvoll die Debatte ab. Sie starrten das Dynamit an in einer Stille, die nur von Federngeraschel durchbrochen wurde. Gaby brachte es wieder zum Verschwinden, schickte es dorthin zurück, woher es gekommen war – in die Zukunft, vermutete Cirocco. »Ah«, seufzte einer der Supras endlich. »In der Tat«, bekräftigte ein anderer. »Meine Güte, was wir alles tun werden mit so einem Stück Macht!« sagte er. »Ja, werdet ihr«, stimmte Gaby zu. »Und jetzt wer- det ihr uns alles darüber erzählen.« Was Gaby dann auch ausführlich tat. Als sie fertig war, erfolgte das übliche Angebot von Sex. Cirocco und Gaby nahmen beide an, wie es die Höflichkeit erforderte. Sie vollführten das Werbungszeremoniell, welches, Cirocco immer wieder an einen Square-Dance erin- nerte. Die anderen sangen dazu und klatschten rhythmisch. Ciroccos Partner war ein gediegenes Ex- emplar seiner Spezies. Seine hellroten Flügel um- hüllten sie warm, während der Akt ›vollzogen‹ wur- de. Und das war auch etwas, was sie an den Supras anziehend fand. Sie hatten kein bißchen Fremden- angst. Ein Stammesvolk – die Kultur durchsetzt mit Ritualen, Gebräuchen, Traditionen –, und sie waren doch flexibel. Wären die Besucher auch Supras gewe- sen, dann wäre auch das Angebot von Sex ernst ge- wesen und der Akt nicht nur simuliert worden. Die- ses Ritual hatten sie ausschließlich für menschliche Besucher formalisiert. Echter Sex mit dem Supra wäre für beide grotesk gewesen, aber das Männchen be- rührte Cirocco nur ganz leicht mit seinem winzigen Penis, den sie gar nicht sehen konnte, und alle waren glücklich. Cirocco fühlte sich gut dabei. In gewisser Weise vermittelte es ihr das Gefühl, geliebt zu wer- den. Sie hatte fast vergessen, daß es ein Traum war, bis sie leicht auf dem schwarzen Sandufer landeten und sie dort ihren schlafenden Körper sah. In der Nähe lag Hornpipe auf seinen untergeschlagenen Beinen und machte in seiner eigenen Traumzeit eine Schnitzerei. Er sah auf und nickte ihnen beiden zu. Cirocco küßte Gaby zum Abschied und beobach- tete, wie sie wegflog. Dann gähnte sie und streckte sich und blickte dann auf ihren Körper hinab. Zeit aufzuwachen, dachte sie ironisch. Wieder einmal war sie davon beeindruckt, wie, schnell das Phantastische alltäglich werden konnte. Sie kniete neben ihrem schlafenden Körper nieder, erinnerte sich daran, wie es das vorherige Mal gewe- sen war, und rollte sich auf ihn. Sie schnappte nach Luft, als sie warmes, muskulö- ses Fleisch berührte anstatt des Sandes, mit dem sie gerechnet hatte. Für einen Moment lag sie mit ausge- breiteten Gliedern auf dem schlafenden Körper, aber dann sprang sie auf, als wäre sie auf einem Ameisen- hügel gelandet. Entsetzt stand sie da, während sich die andere Cirocco regte und mit einer Hand nach ih- rem Gesicht faßte ... sich dann etwas auf die Seite drehte und wieder einschlief. Cirocco sah sich um und bemerkte, daß Hornpipe sie betrachtete. Was sieht er? Sie fragte sich, ob sie ihn je danach fragen würde. »Ich bin nicht bereit hierfür«, sagte sie laut. Aber dann seufzte sie, kniete sich in den Sand und be- rührte zögernd den Körper. Wieder war er ein ande- rer. Es handelte sich um eine große, kräftig wirkende, braungebrannte und nicht sehr hübsche Frau. Sie ergriff die Hand der anderen Cirocco. Diese regte sich leicht und murmelte etwas. Dann öffnete sie die Augen und setzte sich schnell auf. Es folgte ein Moment, in dem sie sich schwindelig fühlte, und dann war sie nur noch Cirocco. Sie sah sich rasch um und entdeckte niemanden. »Nur du und ich, Kind«, sagte sie zu sich selbst und ging hinüber zu Hornpipe.,

FÜNFUNDZWANZIG

Als Bellinzona schließlich einige Historiker hervor- brachte, waren sie sich nie ganz sicher, wann die Ver- änderung eingetreten war. Die Stadt war im Chaos entstanden, hatte sich in Konfusion vergrößert und war in Unordnung erobert worden. Es folgte eine kurze Zeit, in der die Arbeitslager ebenso viele Insas- sen hatten, wie freie Bürger durch die Straßen gingen. Conal entdeckte bei seinen nicht förmlichen Um- fragen unter den Bürgern keine dramatischen Sprün- ge in der Moral oder in dem Ausmaß an Zustimmung für Cirocco Jones, nicht einmal nach dem Luftangriff. Er vermutete, daß diese Situation eine Kombination mehrerer Ursachen hatte. Aber aus welchem Grund auch immer – irgend- wann zwischen der sechsten und neunten Kilorev nach Ciroccos Invasion hörte Bellinzona auf, eine zer- strittene Ansammlung aufsässiger Individuen zu sein, und wurde zu einer Gemeinschaft – mit den Grenzen, denen dieser Begriff bei Menschen unter- worfen war. Dieser Vorgang verlief nicht so drama- tisch, als hätten sich alle Menschen auf einmal ent- schlossen, Brüder zu werden. Tiefe und beständige Differenzen existierten auch weiterhin, und nirgend- wo stärker als im Rat. Aber am Ende der neunten Kilorev war Bellinzona eine Stadt mit einer Identität und einem Zweck. Dabei spielte der Fußball eine überraschend große Rolle. Mit starker Unterstützung durch Robins organisa- torische Fähigkeiten und die bereitwillige Mitarbeit, des Sportplatzkommissars hatte Schlanges Manie in kurzer Zeit zur Bildung von zwei Ligen mit je zehn Mannschaften geführt, und das waren nur die der Erwachsenen. Es gab auch Juniorenmannschaften und solche für Fortgeschrittene. Ein zweites Stadion mußte gebaut werden, um der Anzahl der Spiele ge- recht zu werden, die stark umkämpft und gut besucht waren. Da hatten die Leute etwas zum Jubeln. Örtli- che Helden wurden geboren, innerstädtische Rivali- täten bildeten sich heraus. Man konnte nach langer, harter Arbeit in der Kneipe darüber reden. Für man- che Leute war es ein Grund zu kämpfen. Die titanidi- sche Polizei hatte Anweisung, sich nicht einzumi- schen, solange nur Fäuste zum Einsatz kamen. Sobald sich die Nachricht von diesem beispiellosen Wegse- hen des Gesetzes verbreitete, kam es zu wahnsinni- gen Schlägereien und wurden einige Leute verletzt – und die Bürgermeisterin unternahm nichts. Sogar das schien den Gemeinschaftsgeist zu stärken. Kühlere Köpfe meldeten sich zu Wort und unterbanden die Kämpfe, und die Menschen, die sich zu Bürgern her- ausbildeten, lernten es, sich gegenseitig besser zu dulden. Womit nicht gesagt war, daß keine Nasen mehr ge- brochen wurden. Whistlestops Abflug spielte dabei eine Rolle. Eines Tages schwebte er einfach davon und kam nicht zu- rück. Die Menschen schienen freier zu atmen. Er war ein zu sichtbares Symbol der Unterdrückung. Er war zwar nur ein alter Beutel voller Luft und völlig harmlos, aber es gefiel den Leuten nicht, wie er über ihnen schwebte, und sie waren froh, ihn verschwin- den zu sehen., Die Titaniden wurden weniger zahlreich und we- niger sichtbar. Die Besatzungsmacht wurde an dem Tag halbiert, als Cirocco vom Brunnen zurückkehrte, und eine Kilorev später noch einmal. Menschliche Polizisten übernahmen ihre Aufgaben, und Titaniden mischten sich nur noch in Fällen schwerster Gewalt- tätigkeiten ein. An zivilen Streitfällen waren sie voll- kommen desinteressiert. Qualität und auch Quantität der Nahrungsmittel- lieferungen stiegen, als mehr Anbaufläche kultiviert wurde und die Leute, die dort arbeiteten, bessere An- baumethoden lernten. Lächlerfleisch tauchte auf den Märkten auf, und sein Preis sank allmählich. Land- vergabe-Programme ermöglichten unabhängigen Bauern die Existenz. Niemand war überrascht, daß sie sich als leistungsfähiger erwiesen als Zwangsar- beiter. Die Inflation blieb ein Problem, aber einer von No- vas Wirtschaftsberichten tröstete mit den unsterbli- chen Worten: »Die Zuwachsrate der Zuwachsrate nimmt ab.« Die meisten Leute hielten den offensichtlichen Grund für den Anstieg der Moral auch für den ent- scheidenden: den feigen und unprovozierten Angriff durch – wie man später herausfand – das Sechste Kampfbombergeschwader der Gäanischen Luftwaffe, das in Iapetus stationiert war. Das Sechste Geschwa- der bestand aus einem Luftmörder und neun Flug- bomben, die am ersten schönen Tag nach vielen De- karevs Regen kreischend aus dem Osten heranfegten und die Menschen im Freien erwischten, wo sie die ungewohnte Wärme genossen. Der Ausdruck »feige und unprovoziert« wurde, zwanzig Revs danach von Trini in einer Rede be- nutzt, als man noch damit beschäftigt war, die Scher- ben zusammenzukehren. Trini war sogar noch aus- fallender geworden; in unlogischem, aber tief emp- fundenem Zorn hatte sie den Angriff einen Tag ge- nannt, der von nun an in Schande leben würde. Abgesehen von dem Wort »Tag« war dieser Satz erstaunlich genau. »Das ist Gäas Hilfe für mich, verdammt sei ihre Haut«, unterrichtete Cirocco den Rat auf der nächsten Sitzung. »Sie reicht mir ein Pearl Harbor auf einem Silbertablett – und obendrein einen Sieg. Sie muß verzweifelt darauf aus sein, die Sache mit mir zu klä- ren. Sie weiß, daß ich bald kommen muß, wo der Pa- triotismus jetzt derartig stärker wird.« Das Sechste Kampfbombergeschwader fügte der Stadt mit Bomben und Raketen schwere Schäden zu. Hätte der Angriff länger gedauert oder wäre auch noch das Achte Geschwader hinzugekommen, von dem Cirocco wußte, daß es in Metis stationiert war, so hätte die Stadt in ein Inferno verwandelt werden können. Aber im entscheidenden Augenblick tauchte die Luftwaffe von Bellinzona auf. Die Tatsache, daß Bellinzona über eine Luftwaffe verfügte, war den Bellinzonanern neu, und diejeni- gen, die aus ihrer Deckung hervorzukommen wag- ten, beobachteten ehrfürchtig, wie die ›Drachenflug‹- Maschinen, ›Gottesanbeterinnen‹, ›Moskitos‹ und ›Mücken‹ die beutesuchenden Aeromorphen in tödli- che Kämpfe verwickelten. Was die Menschen nicht wußten, war, daß das Sechste Geschwader von An- fang an unterlegen war. Und es sah auch sicherlich, nicht danach aus. Die Flugbomben waren groß, schnell und laut, und sie zogen dicke Wolken aus schwarzem Rauch hinter sich her und versprühten Feuer, wenn sie angriffen. Die Bellinzona-Flugzeuge schienen nur aus Drähten und Cellophan zu beste- hen, aber sie drehten und wendeten mit gespensti- scher Leichtigkeit, und obwohl ihre Bewaffnung beim Feuern keinen großen Lärm machte, führte sie doch eindeutig zum gewünschten Ergebnis, wenn sie das Ziel traf. Drei Gottesanbeterinnen vertrieben den großen, prahlerischen Luftmörder vom Himmel, ver- folgten ihn, während er qualvoll schreiend abstürzte und an einer Bergflanke in einem Feuerball zerbarst. Von den verängstigten Bellinzonanern erhob sich ein rauher Jubelschrei. Hätte es den bellinzonanischen Piloten nicht an Er- fahrung gefehlt, wäre der Angriff eine Schlappe ge- worden. Ein Pilot brachte es fertig, mit einer beson- ders gerissenen Flugbombe in Konflikt zu geraten, verlor eine Tragfläche und stürzte ins Meer ab. Seine Leiche wurde geborgen, und eine spontane Prozessi- on trug sie den Oppenheimer-Boulevard entlang. Später wurde diesem ersten Helden des Gäanischen Krieges ein Denkmal errichtet. So spielte der Sieg in der Schlacht von Bellinzona sicher eine wichtige Rolle in dem Wandel, der über die Stadt kam. Aber das entscheidende Element die- ses Wandels trat bei Ciroccos Rückkehr vom Brunnen ein. Sie wurde eine Persönlichkeit des öffentlichen Le- bens. Innerhalb einer Hektorev waren die Straßen von Bellinzona mit Plakaten geschmückt, die ihr Gesicht, zeigten. Es waren heroische Plakate nach dem Vor- bild der großen Transparente von Lenin und Suslov, die einst an Maifeiertagen durch Moskau getragen worden waren. Wenn man sie betrachtete, wußte man, daß Cirocco Jones für Brüderschaft, Solidarität, drei ordentliche Mahlzeiten am Tag und die Wohlfahrt des Proletariats stand. Die Schwarzen Bretter der Gemeinde waren zu Nachrichtenzentralen geworden, zu großen Wänden voller Mitteilungen, Geschichten und Fußballergeb- nissen. Eine noch junge Zeitungsindustrie hatte sich entwickelt; sie bestand lediglich aus vier oder fünf periodisch erscheinenden, raren Pergamentblättern. Sie wurden in aller Stille übernommen. Die Heraus- geber wurden überredet; einer landete im Gefängnis. Geschichten über Gäa wurden jetzt gebracht, über das Neue Pandämonium, über Gerüchte, es würde ein Krieg im Osten vorbereitet. Daß diese Geschichten der Wahrheit entsprachen, änderte nichts an der Tat- sache, daß die Medien in Bellinzona vom Staat betrie- ben wurden. Vielen Leuten in der Regierung gefiel das nicht. Ungefähr genauso viele hielten es für eine gute Idee. Liberale und Faschisten fand man überall in gleicher Zahl, hatte Cirocco herausgefunden. Stuart und Trini verabscheuten dieses System, wenn auch nicht wegen moralischer Begründungen für die bürgerlichen Freiheiten. Sie sahen hilflos zu, wie Ci- rocco die öffentliche Meinung in Bellinzona in einen sicheren Würgegriff nahm. Und sie wußten, daß Ci- rocco, wenn sie weiterhin Sicherheit bot und opposi- tionelle Meinungen ersticken konnte, Bürgermeisterin bleiben konnte, bis sie starb. In ihrem Fall war es möglich, daß das erst in tausend Jahren geschah., Andererseits bestand auch die Möglichkeit, daß sie keine weitere Kilorev mehr lebte. Denn sie trat jetzt öffentlich auf. Es kam zu Treffen, Versammlungen, Paraden. Sie mischte sich unter Menschen, schüttelte Hände, küßte Babies, zeigte sich mit den Führern der Gemeinschaft. Sie durchschnitt zeremonielle Bänder vor neuen Entwicklungsprojek- ten. Sie hielt Reden. Es waren gute Reden. Sie waren aus demselben Grund gut, aus dem auch die Plakate an- stachelnd waren: Cirocco fand die Leute, die sich darauf verstanden, Plakate zu gestalten und Reden zu schreiben, und motivierte sie zum Arbeiten. Es war alles sehr gewieft. Sogar Trini und Stuart mußten das zugeben. In Ciroccos Gegenwart spürten sie es: Eine Kraft, die von dieser Frau auszugehen schien, eine Kraft, die einen dazu brachte, daß man sich in ihrer Gegenwart gut fühlte und gut von ihr dachte, wenn sie nicht da war. Cirocco konnte alles sein, was die Situation erforderte. In einer Menge wirkte sie zum Anfassen. Auf einem Podium war sie mitreißend und erhebend ... oder beängstigend, wenn sie von der Bedrohung durch Gäa sprach. Trini nannte sie jetzt Charisma Jones, zumindest dann, wenn die Bürgermeisterin nicht dabei war. Glücklicherweise konnte man jetzt wissen, wann sie da war. Es kam nicht mehr zu solchen geheimnisvol- len Erscheinungen. Cirocco schien allgegenwärtig zu sein. Und das war die große Gefahr für sie, wie Trini wußte. Ließ man einmal das gute Gefühl beiseite, so fand man doch immer noch Leute, die sie haßten. In zwei Kilorevs erfolgten drei Attentate. In der ersten, Zeit ihrer Regierung hätte es sicher mehr gegeben, wäre sie zugänglicher gewesen. Jetzt gab sie draußen in der Menge ein gutes Ziel ab. Wären noch Schuß- waffen verfügbar gewesen, hätte sie keine Chance gehabt. Aber wie die Lage war, hatten die Leute, die mit dem Messer auf sie losgegangen waren, in Se- kundenschnelle den Tod gefunden. Cirocco war zu gut, um auf Leibwachen angewiesen zu sein. Bislang. Eines Tages würde ein hervorragender Bogenschütze in großer Entfernung stehen und den Versuch machen. In der Zwischenzeit lebte man gut in Bellinzona. Als Cirocco dann eine Armee aufstellte, schien es das Natürlichste auf der Welt zu sein.

SECHSUNDZWANZIG

»Mir gefällt diese Geschichte mit der Armee nicht«, meinte Robin. »Warum nicht? Wir haben dort Chancengleichheit, Männerregimenter und Frauenregimenter. Der Sold ist gut, das Essen riesig ...« »Ich merke nie, von welchem Punkt an du keinen Jux mehr machst.« »Robin, wenn die Sprache auf die Armee kommt, mache ich nur noch Jux. Anders werde ich nicht da- mit fertig.« Robin betrachtete Cirocco Jones, die rittlings auf Hornpipe saß, wie sie selbst auf Valiha. Nicht weit von ihnen kanterte die kleine Tambura in der staksi- gen und liebenswerten Weise aller jungen Titaniden, einher und freute sich über den erzieherischen Aus- flug mit ihrer Vordermutter, Hornpipe und den bei- den Menschen. Der Magier, der Captain, der Bürgermeister ... der Dämon. Cirocco Jones war all das, und sie war auch eine alte Freundin. Aber in letzter Zeit machte sie Ro- bin manchmal Angst. Wenn sie sie bei den großen Versammlungen im Stadion sah, wenn sie beobach- tete, wie die Menschenmassen jedes Wort von ihr bejubelten ... – dann erinnerte sie das zu sehr an das historische Format von Demagogen der Vergangen- heit, von silberzüngigen Schurken, die ihre Völker in den Untergang geführt hatten. Cirocco war eine Fremde, wenn sie mit erhobenen Armen dort oben stand und die totale Zustimmung der Menge entge- gennahm. Und doch, bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie mit ihr allein sein konnte, war sie nur Cirocco. Natürlich war selbst das schon stets leicht überwälti- gend gewesen, aber in einer ganz anderen Weise. Cirocco spürte anscheinend Robins Stimmung. Sie drehte sich zu ihr um und schüttelte den Kopf. »Vergiß nicht, was ich dir damals in der Junction gesagt habe!« mahnte sie. »Damals, als wir das alles planten. Ich sagte dir, daß dir nicht alles gefallen würde. Aber ich sagte dir auch, daß es nicht ganz so ist, wie es scheint.« »Diesen Herausgeber ins Gefängnis zu stecken ... das hat mich krank gemacht. Er ist ein guter Mann.« »Das weiß ich. Ich bewundere ihn. Wenn dies vor- über ist, werde ich meinen ganzen verbliebenen Ein- fluß nutzen – falls ich dann noch lebe –, um sicherzu- stellen, daß er gebührend geehrt wird. Vielleicht, könnte man ihn zum Leiter der Journalistenschule machen ... und er wird mich für den Rest seines Le- bens hassen. Aus gutem Grund.« Robin seufzte. »Verdammt! Sobald sich Trini sicher ist, daß du fortgegangen bist, wird sie ihn einfach wieder ins Ge- fängnis stecken. Oder Stuart.« Sie ritten fast genau nach Westen, hinein in das Herz der Dunkelheit von Dione. Die Titaniden hatten sie bereits durch den ›undurchdringlichen‹ Dschun- gel getragen und über die ›unübersteigbaren‹ Berge, und das fast ebenso leicht wie zwei Panzer auf einer gepflasterten Straße. Sie hatten den Ophion durch- schwommen und näherten sich jetzt dem zentralen Vertikalkabel von Dione. Es war wie in einer irdi- schen Vollmondnacht. Hinter ihnen bog sich Iapetus an der Innenseite des Rades hinauf und vor ihnen Metis. Beide Regionen reflektierten genug Licht nach Dione, daß die Titaniden ihren Weg fanden. Tambura trappelte links und rechts des Hauptpfades einher, kam aber auf eine sanfte Ermahnung von Valiha hin stets zurück, und sie geriet wie alle Titanidenkinder niemals in Schwierigkeiten. Cirocco hatte den Sinn der Reise nicht erwähnt. Robin hatte gedacht, das Zentralkabel sei nur eine Landmarke auf dem Weg zum eigentlichen Ziel, aber als sie bei ihm ankamen, blieben die Titaniden stehen. »Wir begleiten dich gerne, Captain«, sagte Valiha. »Dieser Ort bietet für uns keine Schrecken.« Sie bezog sich auf die instinktive Angst der Titani- den vor den Zentralkabeln und vor den Wesen, die darunter lebten. Vor zwanzig Jahren hatten sich Ro- bin und Chris, gefangen unter einem Steinschlag un-, ter dem zentralen Tethyskabel, dem Alptraum ge- genübergesehen, Valiha die fünf Kilometer lange Wendeltreppe hinunterzutreiben, die in der Höhle von Tethys endete – einem griesgrämigen, besesse- nen, furchterregenden und – ein Glücksfall für seine Besucher – kurzsichtigen Geringeren Gott. Valihas IQ hatte mit jeder Stufe abgenommen, bis sie am Fuß der Treppe nicht mehr intelligenter war als ein Pferd und doppelt so nervös. Die Begegnung hatte mit zwei ge- brochenen Vorderbeinen für Valiha geendet und ei- nem endlosen Alptraum für Robin. Gegen diese Angst konnten die Titaniden nichts tun. Gäa hatte sie ihnen einprogrammiert. Aber Dione war tot, und das machte offensichtlich einen Unterschied. »Danke für das Angebot, meine Freunde, aber ich würde es vorziehen, wenn ihr hier auf uns warten würdet. Unser Vorhaben dauert nicht lange. Ihr könntet die Gelegenheit nutzen, um diesem Tunicht- gut etwas von der Grazie und Würde beizubringen, für die eure Rasse berühmt ist, die ihr aber so sehr fehlt.« »He!« protestierte Tambura und sprang Cirocco an, die seitlich auswich, sie packte und in gespielter Wildheit mit ihr rang, bis die junge Titanide zu heftig lachte, um noch weiterspielen zu können. Cirocco zerzauste ihr das Haar und nahm Robin am Arm. Sie betraten den Wald der Kabelstränge. Bei fünfundzwanzig Zentimetern pro Stufe gab es zwanzigtausend Stufen, die zu Dione hinunter führ- ten. Selbst in einer Schwerkraft von nur einem Viertel G waren das verflucht viele Stufen., Cirocco hatte eine starke Batterielampe mitge- nommen. Robin war ihr dankbar dafür. Zwar er- zeugten Geschöpfe, die Glühvögel genannt wurden und an der hohen, gewölbten Decke hingen, ein na- türliches Licht, aber es war matt und orangefarben, und es traten auch lange Wegstrecken auf, wo keines von diesen Tieren nistete. Die beiden Frauen gingen für lange Zeit schweigend. Robin erkannte, daß sie wahrscheinlich nie eine bessere Gelegenheit finden würde, mit Cirocco über etwas zu sprechen, was ihr viel Schmerz bereitete. Die neue, stärker gewordene, ruhmreiche Bürgermei- sterin hatte in diesen Tagen nur noch wenig Zeit, um mit ihren Freunden zu sprechen. »Ich schätze, es ist unmöglich, daß du nichts von mir und Conal weißt.« »Du hast recht, es ist unmöglich.« »Er möchte wieder zu mir kommen.« »Warum hast du ihn hinausgeworfen?« »Das habe ich nicht ...« Aber sie hatte doch. Sie konnte es genausogut zugeben, entschied sie. Es war jetzt fast eine Kilorev her, und Robin fand nicht mehr viel Schlaf. Nicht mehr daran gewöhnt, allein zu schlafen, dachte sie, und sie wußte doch, daß das nicht alles war. »Zum Teil lag es an Nova, denke ich«, sagte sie. »Jedesmal, wenn ich sie anblickte, sah ich den Vor- wurf und fühlte mich schuldig. Ich wollte ihr wieder nahekommen.« »Hat wirklich gut funktioniert, nicht wahr?« »Diese kaltärschige, frömmlerische, rotznasige kleine ...« Sie schluckte den Rest hinunter, bevor sie wirklich in Wut geriet., »Sie ist alles, was ich habe«, sagte sie statt dessen hilflos. »Das stimmt nicht. Und es ist ihr gegenüber nicht fair.« »Aber ich ...« »Hör mir mal eine Minute lang zu!« unterbrach Ci- rocco sie. »Ich habe über diese Geschichte ziemlich viel nachgedacht, und zwar seit unserem Festmahl, seit wir unser Versprechen ablegten und uns daran- setzten, die Übernahme Bellinzonas zu planen. Ich ...« »Du wußtest es da schon?« »Ich hasse es, meine Freunde in einer solchen Zwickmühle zu sehen. Ich habe mich herausgehalten, weil Leute im allgemeinen in solchen Dingen keinen Rat hören mögen. Aber ich habe einen Rat auf Lager – falls du ihn hören möchtest.« Robin wollte ihn nicht. Sie hatte erfahren, daß die Beobachtungen und Pläne der Bürgermeisterin ge- wöhnlich richtig waren – und sehr oft ganz und gar nicht das, was einem gefiel. »Ich will ihn hören«, sagte sie. Robin zählte dreihundert Stufen, bevor Cirocco wieder etwas sagte. Große Mutter, dachte Robin. Es muß wirklich schlimm sein, wenn sie so lange braucht, um sich die Worte zurechtzulegen. Wofür hält sie mich eigentlich? »Nova hat den Unterschied zwischen dem Bösen und der Sünde nicht gelernt.« Robin zählte fünfzig weitere Stufen. »Vielleicht habe ich das auch nicht«, meinte sie. »Natürlich impliziere ich, daß ich es gelernt habe«, sagte Cirocco kichernd. »Ich will dir sagen, was ich den- ke, und du kannst damit anfangen, was du willst.«, Zehn weitere Stufen. »Sünde ist die Verletzung der Stammesgesetze«, sagte Cirocco. »Auf der Erde war in den meisten Ge- sellschaften das, was ihr im Koven praktiziert, eine Sünde. Es gibt noch ein Wort dafür: Perversion. In der Vergangenheit haben die meisten Menschen Ho- mosexualität als eine Perversion betrachtet. Ich habe etwa hundert Theorien darüber gehört, warum Men- schen homosexuell sind. Ärzte sagen, es geschähe in der Kindheit. Biochemiker sagen, es läge alles an Sub- stanzen im Gehirn. Militante Schwule sagen, schwul zu sein wäre gut für einen. Und so weiter. Im Koven sagt ihr, Männer seien üble Wesen und nur eine üble Frau könne sich mit einem paaren. Ich habe keine Theorie. Und es ist mir egal. Für mich ist es einfach nicht wichtig, ob jemand heterose- xuell oder homosexuell ist. Aber für dich ist es wichtig. Für deine eigenen Be- griffe hast du gesündigt, weil du Geschlechtsverkehr mit einem Mann hattest. Du bist eine Perverse.« Sie legten weitere fünfzig Stufen zurück, während Robin darüber nachdachte. Es war kein neuer Ge- danke für sie. »Ich weiß nicht, ob mir das hilft«, sagte sie schließ- lich. »Ich habe nicht versprochen zu helfen. Ich finde, es ist deine einzige Chance, die Sache objektiv zu be- trachten. Ich habe es versucht. Ich bin dabei zu dem Schluß gekommen, daß aus Gründen, die ich nicht verstehe, einige Menschen so und andere so sind. Auf der Erde hat es trotz überwältigender gesellschaftlicher Gründe, heterosexuell zu sein, immer Leute gegeben, die es nicht waren. Der Koven ist wie ein Spiegelbild, dazu. Ich vermute, daß es doch einige unglückliche Frauen im Koven gegeben haben könnte. Wahr- scheinlich wußten sie nicht einmal, was sie unglück- lich machte. Vielleicht träumten sie davon. Sündige Träume. Aber ihr Problem war, daß sie – aus wel- chem Grund auch immer, ob biologisch, verhaltens- mäßig, hormonell – daß sie ... na ja, mir fällt kein bes- seres Wort ein: schwul waren. Sie wären mit männli- chen Geschlechtspartnern glücklicher gewesen. Ich weiß nicht, ob man schwul geboren oder dazu ge- macht wird – auf der Erde oder im Koven. Aber ich denke, du bist eine Perverse.« Robin spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoß, aber sie blieb nicht stehen. Es war am besten, alles auszudiskutieren. »Du denkst, ich müßte einen Mann haben.« »So einfach ist das nicht. Aber irgend etwas in dei- ner Persönlichkeit greift mit etwas in Conal ineinan- der. Wäre er eine Frau, dann wärst du jetzt die glück- lichste Person in Gäa, aber da er ein Mann ist, gehörst du zu den elendesten. Es liegt daran, daß du dem Koven seine große Lüge abgekauft hast, obwohl du meinst, du seist zu erwachsen für all das. Millionen irdischer Männer und Frauen haben die großen Lü- gen der irdischen Kulturen geglaubt, und sie starben so unglücklich, wie du es jetzt bist. Und ich mache dir den Vorschlag, das als eine Torheit zu betrachten.« »Ja, aber ... verdammt noch mal, Cirocco, ich kapie- re das. Ich habe mir das schon gedacht ...« »Aber du hast nicht hart genug dagegen ge- kämpft.« »Aber was ist mit Nova?« »Was soll mit ihr sein? Wenn sie dich nicht so ak-, zeptieren kann, wie du bist, dann ist sie nicht der Mensch, als den du sie dir erhofft hast.« Robin dachte viele hundert Stufen lang darüber nach. »Sie ist erwachsen«, meinte Cirocco. »Sie kann ihre eigenen Entscheidungen treffen.« »Ich weiß, aber ...« »Sie repräsentiert die unversöhnliche Last der Ko- ven-Moral.« »Aber ... aber kann ich ihr nicht helfen, das zu überwinden?« »Nein. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob du ihr überhaupt helfen kannst. Aber ... vielleicht sollte ich es nicht sagen, aber ich denke, die Zeit wird dein Problem lösen. Die Zeit und ein Titanide.« Robin fragte sie danach, aber Cirocco wollte nichts weiter dazu sagen. »Du bist also der Meinung, ich sollte Conal wieder zu mir lassen?« »Liebst du ihn?« »Manchmal denke ich, daß ich es tue.« »Ich weiß nicht vieles mit Sicherheit, aber eines, dessen ich mir wirklich sehr sicher bin, ist, daß allein die Liebe etwas wert ist.« »Er macht mich glücklich«, gestand Robin. »Um so besser!« »Wir ... wir sind sehr gut im Bett.« »Dann ist es dumm von dir, dich woanders aufzu- halten. Für deine Urururgroßmutter mag das gut ge- nug gewesen sein. Du stammst von einer langen Linie von Lesbierinnen ab, aber du hast eine Spur Perversi- on im Blut.« Wieder hundert Stufen, dann noch einmal soviel., »Nun ja, ich denke darüber nach«, sagte Robin. »Du hast mir gesagt, was Sünde ist. Was ist ein Übel?« »Robin, ich erkenne eines, wenn ich es sehe.« Zu mehr war nicht die Zeit, bis sich Robin zu ihrer Überraschung am Fuß der Dione-Treppe wiederfand. Hier sah es ganz anders aus als bei den übrigen Regionalgehirnen. Robin hatte schon drei gesehen: Crios, noch immer Gäa treu; Tethys, ein Feind; und Thea, eine von Gäas stärksten Verbündeten. Die zwölf Regionalgehirne hatten sich schon vor langer Zeit entschieden, auf welcher Seite sie stehen wollten, während der Okeanischen Rebellion, als das Land selbst Gäa untreu geworden war. Diones Unglück war es gewesen, genau zwischen Metis und Iapetus zu liegen, zweien von Okeanos' stärksten und wirkungsvollsten Helfern. Als der Krieg ausbrach, wurde sie von den beiden in die Mangel genommen und tödlich verwundet. Sie hatte wirklich lange gebraucht, bis sie tot war, aber das war sie jetzt seit wenigstens fünfhundert Jahren. Es war dunkel am Fuß der Treppe. Ciroccos und Robins Schritte erzeugten Echos. Der Wassergraben um den riesigen konischen Turm, der einmal Dione gewesen war, war trocken. Während Tethys mit ei- nem roten inneren Licht geleuchtet und wach und wachsam gewirkt hatte sogar in seiner völligen Un- beweglichkeit, war Dione offenkundig eine Leiche. Der Turm war zum Teil zerfallen. Robin konnte durch die klaffenden Löcher eine gitterartige innere Struktur erkennen. Als das Licht von Ciroccos Ta- schenlampe darauffiel, warf sie Millionen zersplit- terter Reflexe zurück., Als die Taschenlampe in die andere Richtung ge- schwenkt wurde, waren nur zwei Reflexe zu erken- nen. Die Zwillingslichtpunkte lagen etwa zwei Meter auseinander und leuchteten innerhalb eines großen gewölbten Tunneleingangs. Es sah aus, als stünde ein Zug darin. »Komm heraus, Nasu!« flüsterte Cirocco. Robins Herz machte einen Satz. Sie stürzte durch die Jahre zurück, zwanzig und noch mehr ... ... bis zu dem Tag, an dem sie als junges Mädchen die winzige Schlange erhalten hatte, eine südameri- kanische Anakonda, Eunectes murinus, und sie zu ih- rem Dämon erwählt hatte. Keine Katzen und keine Krähen für Robin; sie wollte eine Schlange. Sie nannte sie Nasu, was, wie ihr jemand gesagt hatte, in irgend- einer irdischen Sprache ›kleines Schwein‹ hieß. Sie gab ihr diesen Namen, nachdem sie beobachtet hatte, wie Nasu sechs verschreckte Mäuse zu einer Mahlzeit verschlang. ... bis zur Ankunft in Gäa, mit Nasu in der Handta- sche. Die Schlange war aufgeschreckt und verwirrt gewesen durch den Zoll und die niedrige Schwer- kraft, und hatte sie dreimal an jenem Tag gebissen. ... bis zum Verlust der Schlange irgendwo in den Tiefen Gäas zwischen Tethys und Thea. Sie und Chris hatten sie lange gesucht, hatten Köder ausgelegt und endlos gerufen, aber alles vergebens. Chris hatte ver- sucht, Robin zu überzeugen, daß die Schlange dort unten in der Dunkelheit Beute finden würde, daß sie überleben konnte. Robin hatte versucht, das zu glau- ben, es aber nicht geschafft. Sie wollte ursprünglich die Schlange ihr ganzes Le- ben lang behalten. Sie wollte mit diesem Reptil alt, werden. Sie wußte, daß Anakondas zehn Meter lang und schwerer werden konnten als bloße Pythons, Zoll für Zoll, um den Faktor zwei. Eine wahrhaft bemer- kenswerte Schlange, die Anakonda ... Nasu erzeugte ein Zischen, bei dem sich die Haare auf Robins Nacken aufstellten. Geräusche wie diese, wenn auch nicht so tief und laut, mußten in den Sümpfen der Kreidezeit zu hören gewesen sein. Eine bemerkenswerte Schlange, aber so groß wurden sie eigentlich nicht. »Sch-sch-Cirocco ... wir verschwinden besser ...« Nasu bewegte sich. Sicherlich hatte es seit Anbe- ginn der Zeit niemals ein solches Rutschen gegeben. Es war dazu geeignet, Tyrannosaurier quietschend zur Flucht ins Dickicht zu bewegen, die Eingeweide eines Vielfraßes zu lockern und bei Löwen und Ti- gern zum Herzstillstand zu führen. Robins Herz anzuhalten. Der Kopf der Anakonda kam aus dem Tunnel her- vor und hielt an. Allein die Zunge besaß den doppel- ten Umfang einer voll ausgewachsenen Anakonda, und sie glitt hervor und zuckte hierhin und dorthin. Der Kopf war völlig weiß und hatte etwa die Größe der Lokomotive, die sich Robin zuerst in der Dunkel- heit vorgestellt hatte. Die Augen waren golden und hatten enge schwarze Schlitze. »Sprich mit ihr, Robin!« flüsterte Cirocco. »Cirocco!« zischte Robin drängend. »Ich glaube, du begreifst nicht! Eine Anakonda ist kein Hündchen und auch kein Kätzchen!« »Ich weiß.« »Tust du nicht! Man kann für sie sorgen, aber man besitzt sie nie. Sie dulden einen, weil man zu groß ist,, um gefressen zu werden. Wenn sie hungrig ist ...« »Ist sie nicht. Ich kenne mich ein bißchen damit aus, Kleine. Hier unten findet man großes Wild. Du denkst doch nicht, daß sie durch den Verzehr von Hühnern und Kaninchen so groß geworden ist?« »Ich glaube nicht, daß sie überhaupt so groß gewor- den ist! In zwanzig Jahren? Das ist unmöglich!« Erneut war dieses Rutschgeräusch zu hören, und weitere zwanzig Meter von Nasu gelangten in die dunkle Halle. Die Schlange hielt an und kostete wie- der die Luft. »Sie wird sich nicht an mich erinnern. Sie ist kein Schoßtier, verdammt! Ich mußte vorsichtig mit ihr umgehen und wurde trotzdem gebissen.« »Robin, ich verspreche dir, daß sie nicht hungrig ist. Und selbst, wenn sie es wäre, gäbe sie sich nicht mit etwas so kleinem ab wie uns.« »Ich verstehe nicht, was du von mir willst.« »Bleib einfach stehen und sprich mit ihr, auf genau die Weise wie vor zwanzig Jahren! Gewöhne sie an dich ... und lauf nicht weg!« Robin gehorchte. Sie standen drei- oder vierhun- dert Meter von der Schlange entfernt. Alle paar Mi- nuten rutschte sie weiter und es kamen weitere fünf- zig Meter von ihr aus dem Tunnel hervor. Es war nicht abzusehen, daß Nasu die Länge auszugehen drohte. Und dann war der Augenblick da, als der Kopf nur noch zwei Meter von Robin entfernt war. Robin wußte, was als nächstes folgte, und rüstete sich dafür. Die große Zunge kam hervor. Sie berührte sie leicht an den Unterarmen, flirtete kurz mit dem Kleider- stoff, fuhr zuckend über ihr Haar., Und alles war in Ordnung. Die Zunge war feucht und kalt, aber nicht unange- nehm. Und im Augenblick der Berührung wußte Ro- bin irgendwie, daß die Schlange sich an sie erinnerte. Die Berührung durch die Zunge schien ein Zeichen des Erkennens von Nasu an Robin weiterzugeben: Ich kenne dich. Nasu glitt weiter und hob den großen Kopf etwas vom Boden an, und Robin fand sich von einem Halb- kreis aus weißer Schlange umgeben, die ihren Kopf überragte. Ein furchtbares gelbes Auge musterte sie mit reptilienhafter Nachdenklichkeit, und doch hatte Robin keine Angst. Nasu neigte den Kopf etwas auf die Seite ... Robin erinnerte sich an etwas, das der Schlange ge- fallen hatte. Manchmal hatte sie Nasu mit dem Zeige- finger oben am Kopf gerieben, und Nasu hatte sich aufgerichtet, sich unter ihrem Arm zusammengerollt und zu weiterer Zärtlichkeit präsentiert. Robin langte hinauf und rieb mit beiden Fäusten die glatte Haut auf Nasus Kopf. Die Schlange gab ein relativ leises Zischen von sich – auch nicht lauter als das, was ein Ozeanliner bei der Einfahrt in einen Ha- fen von sich gibt – und wich zurück. Wieder berührte die Zunge Robin, und dann legte sich Nasu von der anderen Seite her um sie und legte den Kopf in die andere Richtung, um wieder gestreichelt zu werden. Cirocco ging langsam zu den beiden hin. Nasu be- obachtete es gelassen. »Okay«, sagte Robin ruhig. »Ich habe mit ihr ge- sprochen. Was jetzt?« »Offensichtlich ist sie mehr als eine Anakonda«, begann Cirocco., »Offensichtlich.« »Ich weiß nicht, was sie verändert hat. Das Nah- rungsangebot? Die geringe Schwerkraft? Irgend et- was halt. Sie hatte sich an das unterirdische Leben angepaßt. Ich habe sie zwei- oder dreimal gesehen. Sie war jedesmal größer, kam mir aber nicht in die Quere. Ich habe Grund zu der Annahme, daß sie viel intelligenter ist als früher.« »Warum?« »Jemand, mit dem ich befreundet bin, sagte mir, sie könne es sein. Als ich Nasu dann das nächste Mal sah, sagte ich ihr, sie solle sich in Dione mit mir tref- fen, wenn sie wieder mit ihrer alten Freundin Zu- sammensein wollte. Und hier ist sie.« Robin war beeindruckt, aber in ihr regte sich auch Argwohn. »Und was ist der Zweck davon?« Cirocco seufzte. »Du hast mich gefragt, was ein Übel ist. Vielleicht dies. Ich habe lange darüber nachgedacht, aber ich fürchte, ich kann mir keinen guten Begriff davon ma- chen, was eine Schlange vielleicht für schlecht hält. Ich glaube nicht, daß sie Gäa liebt. Und ich kann oh- nehin nur einen Vorschlag machen. Der Rest liegt an dir und ihr.« »Was für ein Vorschlag?« »Bitte sie, uns nach Hyperion zu folgen und Gäa zu töten.«,

SIEBENUNDZWANZIG

Nova blickte zu Virginal auf und versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen. »Bist du müde? Ist das der Grund?« »Nein«, sagte Virginal. »Ich ... mir ist heute nicht nach Laufen.« »Fühlst du dich nicht gut?« Nova konnte sich nicht an irgendeinen Titaniden erinnern, der sich auch nur über Kopfschmerzen beklagt hätte. Titaniden waren stinkgesund. Abgesehen von gebrochenen Knochen oder schwereren inneren Verletzungen konnte nichts einen Titaniden auf dem Krankenlager halten. Virginal hatte natürlich das Recht abzulehnen. No- va hegte keine Illusionen, daß sie Virginal besaß oder auch nur auf die Zeit der Titaniden Anspruch hatte. Aber sie hatten es regelmäßig getan, seit sie nach Bel- linzona gekommen waren. Nova packte stets einen riesigen Picknickkorb, und sie galoppierten dann da- von zu irgendeinem abgelegenen, unheimlichen Platz in den Bergen, wobei sich Nova festhielt, als ginge es um ihr Leben, obwohl sie doch wußte, daß sie nur in geringer Gefahr schwebte. Sie aßen dann, redeten über dies und das, und anschließend hielt Nova ein Nickerchen, während Virginal ihre Traumzeit hatte. Zuerst hatten sie es regelmäßig getan, einmal pro Hektorev. Während Novas Aufgaben zunahmen, hatte sie immer weniger Zeit für Ausflüge gefunden. Aber sie waren ihre einzige wirkliche Erholung, ihre einzige Flucht vor den ewigen langweiligen Zahlen. Fußball langweilte sie, und sie trank nicht. »Na, dann vielleicht morgen«, sagte sie und ge-, brauchte dabei den üblichen bellinzonanischen Be- griff für »nach meiner nächsten Schlafperiode«. Zu ihrer Überraschung zögerte Virginal und wandte den Blick ab. »Ich denke nicht«, sagte sie zögernd. Nova ließ den schweren Beutel auf den hölzernen Straßensteg fallen und stemmte die Hände in die Hüften. »Okay. Du hast irgend etwas auf dem Herzen. Ich finde, ich habe ein Recht, es zu erfahren!« »Da bin ich mir nicht sicher«, meinte Virginal. Sie blickte gequält. »Vielleicht würde Tambura gerne mit dir losziehen. Ich kann sie fragen.« »Tambura? Warum sie? Weil sie ein Baby ist?« »Sie kann dich problemlos tragen.« »Das ist nicht der Punkt, Virginal!« Nova be- herrschte sich kurz vor einem Zornesausbruch und versuchte es noch einmal. »Willst du damit sagen ... daß du heute nicht mit mir ausreifen möchtest, morgen nicht ... und über- haupt nicht mehr?« »Ja«, sagte Virginal dankbar. »Aber ... warum?« »Das ist keine Warum-Sache«, meinte Virginal un- behaglich. Nova drehte und wendete den Satz in Gedanken und versuchte ihn zu verstehen. Keine Warum-Sache. Aber es gibt immer ein Warum. Titaniden waren ehr- liche Leute, aber sie sagten nicht immer die ganze Wahrheit. »Magst du mich nicht mehr?« fragte Nova. »Ich mag dich immer noch.« »Dann ... wenn du mir nicht sagen kannst, warum,, dann kannst du mir doch wenigstens sagen, was sich verändert hat. Was ist passiert?« Virginal nickte zögernd. »Da wächst etwas in deinem Kopf«, sagte sie schließlich. Nova legte unwillkürlich die Hand an die Stirn. Sie dachte sofort an Snitch und spürte Eis und Spinnen über ihre Haut gleiten. Aber das konnte Virginal nicht gemeint haben. »Ich dachte erst, es würde rasch absterben«, fuhr Virginal fort. »Aber du nährst es jetzt, und bald wird es zu groß sein, um es noch zu töten. Ich weine dar- um. Ich möchte dir jetzt Lebewohl sagen, bevor die- ses Ding die Nova verschlingt, die ich geliebt habe.« Erneut überlegte Nova scharf, und diesmal kam sie mit etwas hervor. »Hat es mit meiner Mutter zu tun?« Virginal lächelte, erfreut, daß sie verstanden wor- den war. »Ja, natürlich. Das ist der Samen.« Nova spürte, wie die Wut zurückkam. Sie fragte sich, ob sie es auch diesmal schaffen würde, sich zu zügeln. »Verdammt, hör mir mal zu! Falls Robin dich dazu angestiftet hat ...« Virginal schlug sie. Es war ein ziemlich leichter Schlag für eine Titanide. Nova ging nicht zu Boden. »Es war Cirocco, stimmt's? Sie hat dir gesagt, was ich ...« Virginal schlug sie erneut. Nova schmeckte Blut. Und Sie weinte. »Es tut mir sehr leid«, sagte Virginal. »Ich habe auch meinen Stolz. Niemand spielt dir einen Streich. Ich würde mich nie als Instrument hergeben für je-, manden, der deine Wiedervereinigung mit deiner Mutter plant.« »Das geht dich nichts an!« »Vollkommen richtig. Es geht mich überhaupt nichts an. Du mußt dein eigenes Leben führen und tun, was du für das Beste hältst.« Sie drehte sich um und ging weg. Nova lief hinter ihr her und packte sie am Arm. »Warte! Bitte warte, Virginal! Hör mal, ich ... was kann ich tun?« Virginal blieb stehen und seufzte. »Ich weiß, daß du nicht vorhast, unhöflich zu sein. Aber in einer solchen Situation Ratschläge zu geben, wird von meinem Volk als unhöflich betrachtet. Ich kann dir keinen Weg vorgeben.« »Ich soll mich wieder mit meiner Mutter vertragen, ja?« fragte Nova bitter. »Ihr sagen, daß es okay für sie ist ... jeden feierlichen Eid zu brechen ... zu verkehren mit diesem ...« »Ich weiß nicht, ob dir das helfen würde. Ich ... ha- be schon zuviel gesagt. Geh zu Tambura! Sie ist jung und wird das Ding noch einige Zeit nicht sehen. Du kannst mit ihr aufs Land hinaus reiten.« »Auf ... du meinst, andere Titaniden können ...« Das ungeheure Ausmaß dieser Vorstellung über- wältigte sie. Sie kam sich nackt vor. Waren alle heim- lichen Gedanken für jeden Titaniden sichtbar? Was sehen sie eigentlich alles? Virginal griff in ihren Beutel und holte ein kleines flaches Stück Holz hervor, eines, wie sie es oft für ihre Schnitzereien verwandte. Es zeigte ein Mädchen, leicht als Nova zu erken- nen, in einer Kiste sitzend und mit einem steinernen, Gesichtsausdruck. Außen vor der Kiste standen ein paar Gestalten – Robin? Conal? Virginal? –, die nicht so deutlich waren, aber erkennbar Kummer zeigten. Nova erkannte, daß die Kiste ein Sarg sein konnte. Aber das Mädchen darin war nicht tot. Der Anblick machte Nova krank, und sie wollte das Holzstück schon zurückgeben. »Sieh dir das Gesicht genauer an!« befahl Virginal. Sie tat es. Es hatte ausdruckslos gewirkt, aber bei genauerem Hinsehen erkannte Nova ein süffisantes, katzenhaftes Lächeln. Selbstzufrieden? Die Augen waren leere Höhlen. Sie warf es weg. Virginal hob es wieder auf, be- trachtete es traurig und warf es dann über das Wasser des Moros hinaus. »Solltest du das nicht behalten?« fragte Nova bitter. »Es könnte heutzutage etwas wert sein. Aber viel- leicht war es ein bißchen zu kraß ausgefallen. Ein we- nig zu offen symbolisch. Wenn du es noch einmal versuchst, bin ich mir sicher, daß du es genau richtig hinbekommen könntest.« »Es war schon der fünfte Entwurf, Nova. Ich habe sie während meiner letzten fünf Traumzeiten ange- fertigt. Ich habe versucht, sie zu ignorieren, habe sie weggeworfen. Aber ich kann jetzt nicht mehr ignorie- ren, was mir meine Träume mitteilen. Du weist dieje- nigen ab, die dich lieben. Das ist traurig. Und es macht dir Spaß. Das ist zwar – wie du sagst – nicht meine Angelegenheit, aber etwas, was ich nicht mehr in meiner Nähe haben möchte. Lebwohl!« »Warte! Bitte geh jetzt nicht! Ich ... ich gehe zu ihr und sage ihr, daß es okay ist. Ich sage ihr, daß es mir leid tut.«, Virginal zögerte und schüttelte langsam den Kopf. »Ich weiß nicht, ob das genug ist.« »Was kann ich denn tun?« »Dich wieder öffnen«, sagte Virginal ohne zu zö- gern. »Du hast die Möglichkeit der Liebe ausge- schlossen. Nicht nur die zu deiner Mutter. In deinem Büro sitzt ein Mädchen. Du siehst sie kaum. Sie be- wundert dich. Sie könnte deine Freundin sein. Sie könnte deine Geliebte sein. Ich weiß es nicht. Aber beides ist nicht möglich, so, wie du jetzt bist.« Nova war wieder verwirrt. »Von wem sprichst du?« »Ich weiß nicht, wie sie heißt. Du würdest sie be- merken, wenn du nur hinsähst.« »Ich weiß nicht, wie.« Virginal seufzte. »Nova, wenn du eine Titanide wärst, würde ich dir vorschlagen, für einige Zeit wegzugehen. Falls diese Krankheit der Seele mich infizierte, würde ich in die Wildnis gehen und fasten, bis ich die Dinge wieder klar sähe. Ich weiß nicht, ob das bei Menschen funk- tioniert.« »Aber ich kann nicht. Mein Job ... Cirocco braucht mich ...« »Ja«, meinte Virginal traurig. »Du hast natürlich recht. Also, Lebwohl!«

ACHTUNDZWANZIG

Cirocco fand Conal an einem Hang sitzend, von wo aus er auf das Rekrutenlager blickte., Es befand sich auf einer großen, langen Insel mitten im Moros. Man hatte dort Zelte errichtet und einen großen Speisesaal, und ein Paradeplatz war angelegt worden. Die Luft war erfüllt von den Rufen der Ser- geanten, und die winzigen Gestalten neuer Rekruten marschierten in Reihen oder kraxelten über Hinder- niskurse. Conal blickte auf, als Cirocco sich neben ihn setzte. »Das ist vielleicht ein Platz, wie?« meinte sie. »Nicht mein Lieblingsplatz«, gestand Conal. »Aber du bekommst die Rekruten ja wirklich.« »Dreißigtausend, als ich es das letzte Mal über- prüfte. Ich dachte, ich müßte jeweils einen Bonus bei der Besoldung und den Essensrationen anbieten, aber sie kommen auch weiterhin von alleine. Ist Patriotis- mus nicht wunderbar?« »Ich habe nie viel darüber nachgedacht.« »Hast du jetzt gerade darüber nachgedacht?« »Sicher.« Er deutete hinunter zu der jungen Bellin- zona-Armee. »Du sagtest, ihnen stünde kein Kampf bevor. Aber ich frage mich, ob das wirklich so ist. Sie machen den Eindruck, als wollten sie einen. Sogar ...« »Nach allem, was sie auf der Erde gesehen haben«, beendete Cirocco seinen Satz. »Ich weiß. Ich dachte, es wäre schwierig, hier eine Freiwilligenarmee aufzu- stellen. Aber ich denke mir, irgendein ... grundlegen- der Geschmack am Krieg wird der Menschheit nie abhanden kommen. Eines Tages wird Bellinzona zu groß sein. Wir werden eine weitere Stadt irgendwo in der Nähe gründen, vielleicht in Iapetus. Nicht viel später werden die beiden Städte miteinander Handel treiben, und bald darauf gegeneinander kämpfen.« »Gefällt es ihnen eigentlich, herumzurennen und, Befehle entgegenzunehmen?« Cirocco zuckte die Achseln. »Einigen schon. Die übrigen ... viele würden wie- der nach Hause gehen, wenn sie könnten. Wir haben ihnen nicht gesagt, daß die Verpflichtung bis zum Ende besteht, und der einzige Weg hinaus ist eine Entlassung aus medizinischen Gründen. Die Hälfte der Leute da unten denkt mittlerweile, daß sie einen Fehler gemacht hat.« Sie zeigte auf einen umzäunten Bereich. »Das ist die Palisade, und sie ist viel schlim- mer als ein Arbeitslager. Wenn Leute wieder aus ihr herauskommen, setzen sie sich als Soldaten sehr stark ein.« Conal wußte das; er wußte vieles von dem, was sie gerade gesagt hatte. Er hatte viel Zeit hier verbracht und versuchte, die Sache zu verstehen. Er war zu spät geboren worden, um noch die Zeit der großen Arme- en zu erleben. Militärische Disziplin war ihm fremd und machte ihm Angst. Die Soldaten, mit denen er sich unterhielt, wirkten ... anders. »Sie sind mit der Zeit wirklich bereit für den Kampf«, stellte Conal fest. Es stimmte. Der Drill da unten war ernst. Die Schwertproduktion stieg. Jeder Soldat sollte ausgerüstet werden mit einem Kurz- schwert, einer Brustplatte aus gehärtetem Leder oder – bei Offizieren – aus Bronze, einem Eisenhelm, festen Stiefeln, einer guten Hose ... kurz, mit der wesentli- chen Infanterie-Ausrüstung. Die Truppen waren in Legionen und Kohorten organisiert und hatten römi- sche Taktik gelernt. Bogenschützenlegionen gehörten dazu. Pioniere lernten, wie man Belagerungstürme und Katapulte entwarf, die vor Ort aus den verfügba- ren Materialien gebaut werden sollten. Einige Ein-, heiten waren schon ausgerückt und damit beschäf- tigt, in Iapetus und Cronus die Brücken der alten Cir- cum-Gäa-Straße zu reparieren. »Sie müssen bereit sein«, erklärte Cirocco. »Wenn ich den großen Kampf, den Kampf zwischen mir und Gäa ... falls ich den verliere, ist der Krieg für diese Soldaten nicht vorbei. Sie werden weit von zu Hause entfernt feststecken, und Gäa bläst die Sache dann be- stimmt nicht ab. Sie hat vielleicht einhunderttausend Leute im Pandämonium, und sie alle werden kämp- fen. Ausgebildet werden sie nicht sein – dafür ist Gäa zu schludrig. Aber unsere Leute sind eins zu vier in der Minderzahl. Ich schulde es ihnen, darauf zu ach- ten, daß sie auf den Kampf vorbereitet sind.« Conal brauchte einen Moment, um das alles zu- sammenzuzählen. »Aber wir haben bereits dreißigtausend, und es kommen noch mehr ...« »Einige werden unterwegs sterben, Conal.« Er drehte sich um und sah sie an, und er bemerkte, daß sie auf seine Reaktion achtete. »So viele?« »Nein. Ich beabsichtige, Aussonderungen vorzu- nehmen. Aber wir werden Verluste haben. Wie viele, das hängt teilweise von dir ab.« Auch das verstand er. Diese ›römischen‹ Legionen würden unter der ständigen Drohung von Luftangrif- fen marschieren. Es lag an ihm, die Gäanische Luft- waffe abzuwehren. »Wie viele Maschinen? Weißt du das schon?« »Flugbomben? Ich bin mir ziemlich sicher, daß noch acht Kampfgruppen übrig sind. Das sind acht- zig Maschinen. Was macht denn die Ausbildung,, ganz nebenbei?« »Sie läuft gut. Ich habe jetzt mehr gute Piloten als Flugzeuge.« »Nun, was die Flugzeuge angeht: Die du hast, sind alle, die du je haben wirst. Verschwende keines!« Conal war für einen Augenblick verärgert. Es sah Cirocco gar nicht ähnlich, so etwas zu sagen. Er be- trachtete sie und bekam es mit der Angst, als er ihr für einen kurzen Moment ihr Alter ansah. Es mußte eine wirklich große Last sein. »Conal ... vielleicht ist der Zeitpunkt nicht gut, das vorzubringen. Ich komme gerade von einer kurzen Reise mit Robin zurück, und ich habe an ihr ... Nervo- sität bemerkt.« »Was meinst du? Was für eine Nervosität?« »Oh ... ich hatte das Gefühl ... vielleicht hatte sie Angst. Ich hatte bislang an dieser Sache zuviel Spaß.« Sie wies mit dem Kopf auf das Lager, aber diese Be- wegung brachte noch viel mehr zum Ausdruck. Conal war schon auf dieselbe Idee gekommen. »Mir ist eingefallen«, sagte er, »daß niemand dir diesen Job nehmen würde, nicht einmal dann, wenn du zur Wahl stündest.« »Du hast recht.« »Es bedeutet, daß du sehr viel Macht hast.« »Das ist auch so. Darüber, wie es sein würde, hatte ich dir schon einiges erzählt, damals bei unserer er- sten Diskussion. Aber davon zu hören und es zu se- hen, sind zwei verschiedene Dinge.« Conal spürte, wie ihm kalt wurde. Das war schon lange nicht mehr passiert. Die Nabe seines Univer- sums war dieses Rätsel, das Cirocco Jones hieß. Die Beziehung zwischen ihnen hatte in Blut und Schmerz, begonnen. Sie hatte sich durch die Politik des Schrek- kens und der Unterwerfung bis dahin entwickelt, daß er sie akzeptierte, beinahe verehrte – und schließlich ihr Freund wurde. Aber ein winziger Splitter trockenen Eises blieb tief in seiner Seele stecken. Oben in jener Höhe hatte er einmal geglaubt, er würde sterben. Cirocco und Hornpipe waren über ei- ne Kilorev weg gewesen. Seine geringen Lebensmit- telvorräte waren schon lange aufgebraucht. Er exi- stierte in einem halbwachen Zustand, der zu dem unveränderlichen Licht paßte. Er beobachtete, wie ihm das Fleisch von den Knochen schmolz, und er wußte, daß sie ihn im Stich gelassen hatten. Das war einfach nicht richtig. Er hatte nicht damit gerechnet, daß Cirocco das tun würde. Aber es verlieh ihm ein komisches Gefühl der Überlegenheit. Er hatte einige Lektionen über sich selbst gelernt, und der Bursche, der in wenigen Wo- chen hungers sterben würde, war ein besserer Mann als der, welcher auf die schwarzgekleidete Fremde in der Titanidenbar zugegangen war. Wenn sie ihn ster- ben ließ, war es ihr Verlust. Dann war eines ›Tages‹ Hornpipe in die Höhle ge- klettert, und Conals neue Welt brach um ihn zusam- men. Sie haben mich auf die Probe gestellt, dachte er. Soll er doch hungern; abwarten, was er davon hält. Und wenn er ein wenig verrückt wird? Es wird ihn folgsamer machen. Diese Gedanken dauerten nur den Bruchteil einer Sekunde. Dann sah er, daß Hornpipe schwer ver- wundet war, aus einem Dutzend Wunden blutete und einen Arm in der Schlinge trug. Wie er es in die-, sem Zustand geschafft hatte, heraufzuklettern ... »Ich bin tief beschämt«, sagte Hornpipe mit müder Stimme. »Wenn es nur möglich gewesen wäre, wäre ich schon viel früher gekommen. Aber wir konnten nichts tun. Cirocco befahl mir, dich davon zu unter- richten, daß sie sich persönlich bei dir entschuldigen wird, sollte sie überleben. Aber ob sie nun leben wird oder stirbt, sie läßt dich frei. Du hättest nie hier zu- rückgelassen werden dürfen.« Conal wollte tausend Fragen stellen, von denen aber keine mehr wichtig war, als er die Lebensmittel sah. Hornpipe bereitete eine Brühe zu und blieb dann für eine Weile bei ihm, um sicherzugehen, daß mit ihm alles in Ordnung war. Er wollte keine Fragen be- antworten, als Conal sie endlich stellte, sondern sagte nur, daß Cirocco schwer verwundet worden sei, sich jetzt aber an einem einigermaßen sicheren Ort befän- de. Dann verabschiedete sich der Titanide wieder, ließ aber ein Lebensmittellager in Gläsern zurück, einen Herd und etwas Brennstoff und obendrein einen Fall- schirm. Er erklärte dessen Bedienung, beruhigte ihn und sagte, seine Überlebenschancen wären hervorra- gend, sollte er gezwungen sein, ihn zu benutzen – zumindest bis er gelandet war. Aber Hornpipe be- tonte, daß die Höhle im Augenblick der sicherste Platz in ganz Gäa sei, und daß er aus genau diesem Grund Cirocco hierher bringen wollte. Schreckliche Wesen seien unterwegs, erklärte ihm Hornpipe, und er würde gut daran tun, zu bleiben, bis ihm die Le- bensmittel ausgingen. Hornpipe schwor, daß ledig- lich sein eigener Tod ihn davon abhalten würde, zur Höhle zurückzukommen. Falls er sich nicht zeigte, bis, die Lebensmittel verbraucht waren, sollte Conal springen. Aber Hornpipe blieb nicht lange weg. Er kehrte mit Cirocco zurück, deren Verletzungen zu zahlreich wa- ren, um sie noch zu zählen. Sie hatte Blut und Ge- wicht verloren – und zwei Finger, die später nach- wuchsen. Sie hatte Fieber und war kaum bei Bewußt- sein. Ein Titanide namens Rocky war diesmal dabei. Er war Heiler und pflegte sie allmählich wieder gesund. Aber das brauchte einige Zeit, und währenddessen bot sich Conal einmal eine Gelegenheit. Er hatte ge- wußt, daß sie sich einmal bieten würde. Beide Titani- den befanden sich am Höhleneingang in diesem halb schlafenden, halb wachen Zustand. Sie wandten ihm den Rücken zu. Cirocco schlief auf einer Pritsche, ein paar Schritte von ihm entfernt. Er holte den Revolver aus ihrem Gepäck hervor und zog den Hahn mit dem Daumen zurück. Er drückte Cirocco den Lauf an die Schläfe. Und dann wartete er ab, was er als nächstes tun würde. Ein paar Unzen mehr Druck gegen den Abzug, und sie wäre tot gewesen. Er vergaß nicht, sich davon zu überzeugen, ob die Titaniden ihn beobachteten. Sie taten es nicht. Ihm kam ein neuer Verdacht, und er sah schnell nach, ob der Revolver geladen war. Er war. Da nahm er ihn von Ciroccos Kopf weg, drückte den Hahn wieder vorsichtig zurück und legte die Waffe weg. Als er aufsah, standen beide Titaniden nur ein paar Schritte von ihm entfernt. Ihr Gesichts- ausdruck war merkwürdig, aber sie wirkten nicht wütend. Er wußte, daß sie gesehen hatten, wie er den, Revolver weglegte. Später begriff er, daß sie alles ge- wußt hatten, was er tat, und sein Glaube an die Ur- teilskraft der Titaniden war von diesem Augenblick an uneingeschränkt. Wenig später legte Rocky ein Ohr an Ciroccos Kopf und erklärte, er höre etwas darin ... »Conal?« Er schreckte hoch. »Du sahst aus, als wärst du Millionen Meilen ent- fernt.« »Ich schätze, das war ich auch. Du hast mich ge- fragt, ob ich mir Sorgen mache, du könntest auf Dau- er Diktator von Bellinzona werden.« Cirocco starrte ihn an. »Ich habe die Frage nicht wirklich gestellt ... aber ich schätze, das war wohl die Idee.« »Die Antwort lautet: Es ist mir egal. Wenn es so käme, denke ich, würdest du es besser machen als je- der andere, außer vielleicht Robin, die ich dazu über- reden möchte, aus der Regierung auszuscheiden, mit mir in einer kleinen Hütte in Metis zu wohnen und vielleicht noch ein paar Kinder zu haben, und du und Nova und Chris und all die Titaniden könnt uns dann an ihren Geburtstagen besuchen. Und ich denke, du weißt, was du tust. Und ich glaube nicht, daß du in dem Job bleiben wirst ... und sei es nur, weil du zu gescheit dazu bist.« »Puuh.« Cirocco schüttelte den Kopf und lachte dann. »Du hast recht. Es ist verlockend, selbst für eine eingefleischte, alte, einsame Hexe wie mich. Aber du hast auch wieder recht, wenn du sagst, es sei gar nicht so verführerisch.« »Weshalb bist du dann hergekommen?« wollte Co-, nal wissen. »Um eine ehrliche Meinung zu hören, denke ich. Mittlerweile bin ich schon so paranoid, daß ich glau- be, sogar die Titaniden sagen mir nur noch das, was ich hören will.« »Und ich habe es nicht getan?« Cirocco grinste. »Natürlich hast du das, Conal. Es ist nur so, daß ich es dir glaube.«

NEUNUNDZWANZIG

Es sollte das letzte Treffen vor dem Langen Marsch sein, der schon in einer Hektorev beginnen sollte. Die Pläne für die große Parade wurden endgültig festge- legt. Es war ein Ärgernis – die Truppen mußten nach Bellinzona verschifft, dort an Land gebracht und in einer Parade durch die Stadt geschickt werden, damit sie von der Menge bejubelt wurden; dann mußte man sie wieder verladen und zum Südende des Moros transportieren, wo der Landweg zur Straße flach und leicht zu bewältigen war. Aber die Parade war nicht zu umgehen. Die Stadt mußte ihre Armee sehen. Die Armee mußte wissen, daß das Volk hinter ihr stand, während sie sich in Gefahr begab. Es wäre tödlich gewesen, die Bedeutung der Moral zu unterschätzen. Auch das Treffen war ein Ärgernis. Cirocco saß ru- hig da und lauschte den üblichen Beschwerden, Vor- schlägen und Selbstdarstellungen, während sie dar- auf wartete, bis sie selbst an die Reihe kam. Das große Zelt konnte die vier Generäle, zwanzig, Obersten und einhundert Majore leicht aufnehmen, die die hohen Tiere der Armee waren. Cirocco kannte sie alle namentlich – ein guter Politiker zu sein, be- stand zum Teil darin, sich an jedermanns Namen zu erinnern, und Cirocco hatte peinlich darauf geachtet –, aber insgeheim zog sie es vor, die einzelnen Offi- ziere nach ihrem Kommando zu benennen. Sie hatte vier Divisionen, jede von einem General geführt. Entsprechend gab es einen General Zwei, Drei, Acht und Hunderteins, die jeweils die zweite, dritte, achte und hunderterste Division führten. Daß sie keine erste, vierte usw. Division hatten, kümmerte Cirocco nicht. Sie hatte sich die Bezeichnungen aus historischen Gründen ausgesucht, die Gäa anspre- chen würden. Jeder General stand fünf Legionen vor, die jeweils von einem Oberst befehligt wurden. Jede Legion be- stand aus zweitausend Soldaten. Die Legionen waren fortlaufend numeriert. Eine Legion bestand aus fünf Kohorten, eine Ko- horte aus zehn Kompanien und eine Kompanie aus zwei Abteilungen. Eine Kompanie wurde von einem Sergeanten befehligt, von denen die Bellinzona- Armee sechzehnhundert hatte. Diese Zahlen waren das Ergebnis endlosen Geran- gels und gaben immer noch Anlaß zu Debatten. Die meisten höheren Offiziere stimmten darin überein, daß das Verhältnis zwischen Offizieren und Dienen- den hoffnungslos schlecht war. Vierzigtausend Sol- daten brauchten nach Ansicht dieser professionellen Militärs einfach mehr Offiziere. Die zweite große Beschwerde lautete, daß man zu wenig Waffen und zu wenig Ausrüstung hatte. Die, Beschaffung hatte die erwarteten Ziele nicht erreicht. Cirocco hörte zu, wie General Hunderteins die Zah- len erläuterte: ein Defizit von x Schwertern, y Schil- den und z Brustpanzern. Drittens wurde über mangelhafte Ausbildung ge- klagt. Die hohen Tiere beschwerten sich bitterlich darüber, daß sie niemanden hatten, gegen den sie praktizieren konnten. Als Ergebnis gab es keine ans Blut gewöhnten Soldaten, außer einer Handvoll, die schon auf der Erde gekämpft hatten. Cirocco hörte sich das alles an und erhob sich schließlich. »Als erstes«, sagte sie und deutete auf General Zwei, »werden Sie gefeuert. Sie betrachten das menschliche Leben geringschätzig und sollten wieder auf der Erde Knöpfe drücken und Wüsten erzeugen. Ich würde Sie zurückschicken, wenn ich könnte. Wie die Lage ist, schicke ich Sie für zwei Kilorevs ins Ge- fangenenlager. Ihre Taschen sind gepackt. Gehen Sie nach Hause und schreiben Sie Ihre Memoiren!« Sie warteten in dem lastenden Schweigen, bis der Mann mit rotem Gesicht aus dem Zelt gegangen war. Dann deutete sie auf Oberst sechs. »Sie sind auf seinen Posten befördert. Auf Ihrem Bett liegt ein Stern. Heften Sie ihn sich an, wenn sie hinkommen. Suchen Sie sich einen Nachfolger für die Sechste Legion – und er muß nicht aus den Reihen Ih- rer Majore stammen.« Sie deutete auf drei weitere Personen. »Sie, Sie und Sie. Sie sind keine Obersten mehr. Sie sind nicht gut genug, um eine Legion zu führen.« Die drei standen auf und gingen. Wenn überhaupt, war die Stille noch drückender geworden. »Ich kenne die Majore nicht gut genug, um be-, gründete Urteile über ihre Leistungen zu fällen. Sie können also ruhiger atmen. Aber ich möchte alle Anwesenden dringend ersuchen, die notwendigen Entlassungen und Degradierungen vorzunehmen, damit diese Truppe effizienter wird. Und jetzt ... werde ich alle Ihre Probleme lösen. Ich werde Ihre Truppen dezimieren.« Sie wartete, bis das Gemurmel erstarb, und wandte sich dann an die Generäle. »Geben Sie die Befehle an die Sergeanten weiter. Jeder von ihnen befehligt zwanzig Soldaten. Ich möchte, daß sie davon die zwei schlechtesten heraus- suchen und nach Hause schicken. Sie sollen die rohe- sten Rekruten nehmen, den Burschen, der über seine Schnürsenkel stolpert und sich an seinem Schwert schneidet, das Mädchen, das den Kopf nicht unten halten kann oder nicht behält, welches Pfeilende an die Sehne gehört ... ich möchte, daß alle Pfuscher, Nichtangepaßten, Schwächlinge und Idioten ausge- sondert werden. Mustern Sie sie innerhalb von zwan- zig Revs aus; ehrenvolle Entlassungen, ohne daß die Leute ein Stigma behalten.« Sie winkte lässig. »Es müssen nicht zwei aus jeder Abteilung sein. Manche Abteilungen werden sich als durch und durch solide erweisen, und andere werden fünf oder sechs Unge- eignete haben. Regeln Sie es auf Kompanie- und Ko- hortenebene ... aber regeln Sie es! Ich will, daß diese Armee in zwanzig Revs zehn Prozent kleiner ist.« Es wurde wieder gemurmelt, wie sie es erwartet hatte. Sie unterdrückte ein Lächeln. Es war eine ver- dammte Tatsache, daß diese Maßnahme das Verhält- nis von Offizieren zu Dienenden verbesserte, aber sie war ganz und gar nicht das, was die Offiziere erwar-, tet hatten. »Nächster Schritt«, fuhr sie fort. Sie deutete auf General drei. Er zuckte leicht zusammen. »Ihre Divi- sion ist die jüngste und hat den höchsten Anteil an Rekruten. Ich glaube, daß Sie ein guter General sind und sich wirklich um das Wohlergehen Ihrer Truppe sorgen. Es ist nicht Ihr Fehler, daß Ihre Division die schwächste von den vieren ist. Aber sie ist es nun einmal. Sie wird also die Heimatdivision.« »Jetzt aber mal ...« Cirocco mußte ihn nicht sehr böse anfunkeln, um ihn zum Schweigen zu bringen. Der Mann erkannte, daß er über die Stränge geschlagen hatte, und hielt den Mund. »Wie ich schon sagte, bleibt Ihre Division zu Hau- se. Damit ist das Problem der Ausrüstung gelöst und das der Ausbildung gemildert, da Sie auf Ihre ganze Ausrüstung verzichten und damit fortfahren, Ihre Truppen auszubilden, während wir anderen gegen das Pandämonium ziehen.« Der General schluckte schwer, sagte aber nichts. »Sie erhalten neue Ausrüstung, sobald sie herge- stellt ist. Wir anderen müssen mit dem auskommen, was wir mitnehmen ... was ja jetzt genug ist. Ihr Auf- trag besteht darin, zwei Garnisonen einzurichten, ei- ne auf der Oststraße nach Iapetus und die andere auf dem westlichen Paß in den Bergen. Diese Garnisonen sollten zu verteidigen sein, falls Gäa Armeen nach Dione schickt. Sie werden auch Außenposten am Nordufer des Moros einrichten. In Zusammenarbeit mit den Zivilbehörden sollen Sie eine Marine aufbau- en, die auf dem Moros patrouilliert. Die taktischen Entscheidungen überlasse ich Ihnen, empfehle aber,, die Stadt bis zu einem gewissen Grad zu befestigen und eine Anzahl Soldaten – möglicherweise eine Le- gion – in der Nähe zu stationieren. Sollten wir schei- tern, liegt die Verteidigung Bellinzonas in Ihrer Hand.« Der General wirkte jetzt interessierter, aber Cirocco wußte, daß sie keine Möglichkeit hatte, ihm seinen Auftrag wirklich schmackhaft zu machen. »Noch eines, General. Wenn wir abrücken, lassen wir die schwächste Division zurück. Wenn wir zu- rückkommen, möchte ich, daß sie die beste ist, oder Sie sollten sich einen anderen Job suchen.« »Sie wird die beste sein«, sagte er. »Gut. Fangen Sie sofort an!« Er sah überrascht aus, erhob sich dann und mar- schierte hinaus, wobei ihm seine Obersten und Majo- re folgten. Nach ihrem Weggang war die Zahl der leeren Stühle beeindruckend. Cirocco hatte gerade die Größe ihrer Armee um mehr als ein Viertel verringert und war mit ihrer Arbeit sehr zufrieden. Sie blickte von einem Gesicht zum anderen und ließ sich dabei Zeit, und als sie fertig war, lächelte sie. »Meine Damen und Herren«, sagte sie, »wir sind bereit, gegen das Pandämonium zu ziehen.«,

DRITTER HAUPTFILM

Man muß den Bullen an den Zähnen packen. SAM GOLDWYN,

EINS

Vielleicht hörte Gäa von der Parade. Es war falsch, alle unangenehmen Zwischenfälle ih- rer böswilligen Einmischung zuzuschreiben, aber der Regen, der die Parade auf dem Weg durch die Stadt durchnäßte, gehörte zu den Dingen, die sie liebte. Er beeinträchtigte jedoch nicht die Begeisterung der Bürger; es sah aus, als stünde jeder Bellinzonaner an einer Straßenecke oder hinge aus einem Fenster, um den Vorbeimarsch der Truppen zu betrachten. Die Soldaten verabscheuten die Vorführung natürlich, wie Soldaten das Paradieren seit den Anfängen aller Kriege gehaßt hatten. Ihre Stiefel wurden naß, und ein Brustpanzer aus gehärtetem Leder, den Schweiß, Öl und Gebrauch noch nicht biegsam gemacht hatten, war wie eine Kleinausgabe von Eiserner Jungfrau. Aber die Armee hielt wacker durch, und sie ertrug dann die Überquerung des unüblich stürmischen Mo- ros. Eine vorhersehbare Zahl von Soldaten wurde seekrank. Am westlichen Ufer des Moros stiegen alle aus und landeten in einem Matschmeer. Tausend schwere Güterwagen warteten dort auf sie, aber die Hälfte davon steckte bereits bis zu den Achsen fest. Das Versorgungskorps – eine eigenständige, nicht kämpfende Einheit, die Ausrüstung montiert und auf der Dione-Straße Fahrer ausgebildet hatte – war be- reits sehr tüchtig in Pflege und Führung von Gäas einziger Zugtierart. Die Tiere hießen Jeeps und stammten aus Metis. Bis vor kurzem hatten sie keinen Namen gehabt, außer im titanidischen Gesang. Ciroc- co hatte veranlaßt, fünfzehnhundert von ihnen zu-, sammenzutreiben und ans Geschirr zu gewöhnen. Das war nicht weiter schwer. Die Jeeps waren lie- benswerte, rinderartige Allesfresser. Sie waren nach dem Vorbild jener frühen Nashornvorfahren gestal- tet, die im prähistorischen Persien ihre Blütezeit ge- habt hatten und fast doppelt so groß gewesen waren wie heutige Elefanten. Jeeps waren nicht ganz so groß. Sie hatten bärenartige Klauen und Köpfe wie Kamele, und die Vorderbeine waren doppelt so lang wie die Hinterbeine, was für eine komische Gangart verantwortlich war. Die Jeeps fraßen alles, was sie bekommen konnten. Solange man Jeeps dabeihatte, war die Abfallbeseitigung nie problematisch. Die schlechteste Eigenschaft dieser Tiere bestand in einer Neigung, über die eigenen Beine zu stolpern und die Wagen umzukippen, die sie zogen. Aber dafür waren sie sauber, rochen ganz gut und waren für Zuneigung empfänglich. Die meisten ihrer Führer hatten sie schätzen gelernt. Und die Jeeps konnten gewaltige Lasten über lange Strecken ziehen, ohne viel Wasser zu verbrauchen. Sie hatten große, schlaffe Höcker auf den Schultern, in denen Fett für magere Zeiten gespeichert werden konnte. Die Jeeps brachten die Kolonnen schnell in Bewe- gung. ... und als die Armee Iapetus erreichte, zogen sich die Wolken zurück und erhob sich ein warmer Wind. Bald glitzerte die Luft und war die Straße trocken. Man konnte bis nach Mnemosyne sehen. Es war ein schöner Tag, um auf eine Reise aufzubrechen – egal, was vielleicht am Ende des Weges wartete. Der Wind peitschte die Wimpel an der Spitze jeder, Legion, Kohorte und Kompanie. Die Banner zeigten Zahlen oder Buchstaben, aber keine anderen Symbo- le. Und an der Spitze der ganzen Prozession war kei- ne Fahne zu sehen. Es war sehr darauf gedrängt wor- den, eine Flagge für Bellinzona zu wählen, aber Ci- rocco hatte sich dem konsequent widersetzt. Sie war damit einverstanden, Bürgermeisterin zu sein, sie war bereit, eine Armee aufzustellen, auszubilden und auszurüsten und sie in die Schlacht zu führen ... aber bei Flaggen zog sie die Grenze. Sollte Gäa doch ihre Flagge aufziehen und dafür kämpfen. Das Sonnenlicht von Iapetus schimmerte auf den Brustpanzern der Offiziere. Die Luft war erfüllt von den Geräuschen knarrender Holzräder und dem Knallen von Lederstiefeln sowie den eigenartigen tu- tenden Geräuschen der Jeeps, die so aufgeregt waren, wie sie nur sein konnten. Die menschlichen Legionen marschierten zusam- men. Zwischen ihnen marschierten Trupps von je fünfzig Titaniden, die ihre eigenen Wagen zogen, welche stärker und besser gebaut aussahen – und si- cherlich viel hübscher waren als die Wagen der Men- schen. Obwohl die Titaniden an sich schon farben- prächtig genug waren, trugen sie ihre schönsten Ju- welen und hatten ihre Körper und Wagen mit den farbenfrohesten Blumen geschmückt. Sie trugen keine Flaggen. Tausend von ihnen waren zu Kampfgrup- pen zusammengestellt, und man konnte darüber de- battieren, ob sie oder die fast dreißigtausend Men- schen die stärkere Streitmacht waren. Zusätzlich zu diesen regulären Truppen streiften titanidische Scouts weit vor der Kolonne umher und zu den Seiten bis in zwanzig Kilometer Entfernung., Kein Hinterhalt war denkbar, den sie nicht entdecken würden. An diesem ersten Tag drohte die einzige Ge- fahr aus der Luft. Einige Soldaten verbrachten viel Zeit damit, in den klaren Himmel zu blicken und sich Wolken zu wünschen. Majore marschierten den Kohorten voraus. Jede Legion wurde von einem Oberst angeführt, ebenfalls zu Fuß. Drei Titaniden von ungewöhnlich lässigem Naturell waren überredet worden, die Generäle an den Spitzen ihrer Legionen zu tragen. Den Titaniden gefiel das nicht – sie kannten die fraglichen Generale kaum und waren es nicht gewöhnt, irgendeinen Men- schen auf ihrem Rücken zu dulden, es sei denn einen lieben Freund. Sie achteten darauf, daß der Ritt so rauh wie nur möglich verlief. Die Generale schäum- ten in ihrer eigenen Unzufriedenheit. Nicht wegen des unbequemen Ritts – sie kannten die unheimliche Sanftheit nicht, mit der sich die Titaniden gewöhnlich bewegten –, sondern weil es unmöglich war, rittlings auf diesen Kreaturen zu sitzen und an ihren breiten Rücken vorbeizugucken. Die Würde verbot die prak- tische Transportweise, die Cirocco vor langer Zeit er- funden hatte, nämlich mit dem Gesicht nach hinten zu reiten. Der ganze Sinn dieser Reitgelegenheit be- stand schließlich darin, die Generale von den ge- wöhnlichen Fußsoldaten abzusetzen. Also ertrugen sie das Gerüttel und den Mangel an Sicht und ver- suchten so würdevoll wie möglich auszusehen. Und an der Spitze der Kolonne, einige hundert Meter vor der hundertersten Division, zogen neun Individuen her. An ihrer Spitze Cirocco Jones, die in ihren schmucklosen schwarzen Kleidern und Hut rittlings auf Hornpipe saß. Ihr folgten ohne besondere, Ordnung Conal auf Rocky, Robin auf Schlange ... und Nova auf Virginal. Valiha trabte ohne menschliche Last einher. Keiner von ihnen wußte viel zu sagen. Die Stim- mung war nicht festlich. Dies war der einzige Tag, an dem Conal mit der Armee ritt, also achteten Rocky und Schlange darauf, daß er oft ganz dicht bei Robin war. Aber was immer sie einander zu sagen hatten, war anscheinend schon gesagt worden. Nach dem er- sten Biwak sollte Conal sich zum nördlichen Hoch- land aufmachen und dort das Kommando über die Luftwaffe übernehmen. Virginal hielt sich auf Novas Bitte hin von den bei- den entfernt. Die junge Hexe und frühere Bürokratin – sie war nach einem Streit mit Cirocco zurückgetre- ten und durch jemanden aus Trinis Fraktion ersetzt worden – wollte ihrer Mutter und deren Liebhaber alle Zeit miteinander ermöglichen, die sie nur kriegen konnten. Zwischen der Hexe und der Titaniden be- stand eine neue, reifere Beziehung. Nova war nach Virginals Begriffen noch nicht vollkommen, aber auf dem Weg dorthin. Sie hatte das schon oft geäußert, und sie lachten jedesmal lauter darüber. Virginal für ihren Teil schämte sich des eigenen Betragens. Die Lektion von ihrer Hintermutter, nachdem diese von der Szene mit Nova erfahren hatte, tat immer noch weh. Immer wieder griff Nova an ihre Taille und befin- gerte die Zaubertasche, die an ihrem Gürtel hing. Sie war schön bestickt mit einem altertümlichen Yin- Yang-Symbol und enthielt den Zombiestaub, den Nova versehentlich entdeckt hatte und der nach dem Gesetz von jedem Bellinzonaner jederzeit mitgeführt, werden mußte. Die Taschen waren schnell zu Glück- stalismanen für alle Zwecke geworden. Nova hatte ihren von einem scheuen koreanischen Mädchen na- mens Li erhalten, das zwar noch große Schwierigkei- ten mit Englisch hatte, aber dafür die universale Sprache der Liebe wirklich gut beherrschte. Es war zu einem schweißtreibenden Abschied gekommen. Nova konnte kaum glauben, daß sie solche Schönheit und Empfindsamkeit so lange übersehen hatte. Li hatte in ihrem Statistischen Amt gearbeitet. Konnte dies Liebe sein? fragte sich Nova. Na ja, vielleicht. Es war noch zu früh, um es sagen zu können. Aber Li war jemand, an den man nach Hause schreiben konnte, jemand, der das heimische Feuer in Gang hielt. An der Spitze der Kolonne saß Cirocco betont auf- recht auf ihrem Titaniden denn sie war sich dessen bewußt, daß die Armee sie da vorne sehen konnte. Sie behielt ihre Gedanken für sich. Die Generale hatten sie gewarnt, daß der erste Ta- gesmarsch zu lang war für unerprobte Truppen. Das Camp war schon vor einer Hektorev in Iapetus vor- bereitet worden, mit Zelten, die anschließend abge- brochen und noch zusätzlich auf den Güterwagen verfrachtet werden würden. Cirocco wußte, daß der Weg zu weit war, und das hatte sie auch vorgehabt. Sie war wieder damit be- schäftigt, ihre Armee zu dezimieren. Also trieb sie ihre Soldaten gnadenlos durch die zunehmende Hitze und das endlose Tageslicht von Iapetus. Die ersten kippten um. Wenn das geschah, wurden sie auf die Wagen geladen. Als das Lager schließlich erreicht war, befand sich der größte Teil, der Armee in einem Erschöpfungszustand. Nicht we- nige Offiziere waren am Wegrand umgefallen. »Folgendes werden wir tun«, unterrichtete sie den Führungsstab, bevor dieser eine Chance gehabt hatte, das Messezelt zu erreichen. »Die Soldaten, die ohn- mächtig geworden sind oder als Folge des heutigen Marsches medizinische Probleme haben, bleiben hier. An dieser Stelle werden sie Pontus Camp aus verfüg- baren Materialien errichten. Sie behalten ihre Waffen und die sonstige Ausrüstung, aber die Wagen neh- men wir mit. Pontus wird befestigt und dient dann als ständige Garnison für zwei Kohorten einer Legi- on. Die drei anderen Kohorten werden ähnliche, aber kleinere Außenposten im Norden, Süden und Osten errichten. Die Aufgabe dieser Sonderkommandos be- steht darin, die Landstraße auszubessern und offen- zuhalten und einem eventuellen Angriff aus Hype- rion so lang wie möglich standzuhalten. Sie stehen unter dem Befehl des Generals der Dritten Division in Bellinzona. Schicken Sie einen Boten, der ihn davon unterrichtet. Und fordern Sie die Wagen an, die Sie brauchen, um die schwersten medizinischen Fälle zu- rückzubringen, diejenigen, die nicht nur erschöpft sind. Alles klar?« Niemand hatte die Kraft, mit ihr zu streiten.

ZWEI

Vierhundertfünfzig Kilometer weiter westlich und fünf Kilometer unter der Oberfläche glitt Nasu durch die Dunkelheit, bis sie auf einen langen, engen Tun-, nel stieß, der sehr schlecht roch. Sie kannte diese Stellen und haßte sie mit ihrem kühlen und schwerfälligen Reptilgehirn. Sie wollte nicht in den Tunnel hinein. Er war ein Ort des Schmerzes. Sie erinnerte sich undeutlich daran, unter Iapetus vor nur einer Kilorev, und an weitere Gele- genheiten in der Vergangenheit. Nasu probierte den Tunnel mit der Zunge und schmeckte Haß. Fast einen Kilometer weit entfernt wanden sich große Segmente ihrer mittleren Körper- partie in Unentschlossenheit und vor Eifer, von hier zu verschwinden. Ihr Schwanz begann tatsächlich wegzukriechen. Es dauerte einige Zeit, bis Impulse aus der Gallone grauer Materie, die sie als Gehirn be- nutzte, das Körperende erreichten, das in zunehmen- dem Maße nicht mehr mit dem Hauptquartier über- einstimmte. Der schwere körperliche Konflikt führte dazu, daß Säuren in ihren monströsen Verdauungskanal spritzten, was an sich schon schmerzhaft genug ge- wesen wäre. Die Säure führte jedoch auch noch zu ei- nem wilden Aufruhr, bei dem sich Nasus Flanken unvorhersehbar aufwölbten. Der Grund dafür war einfach: Sie hatte erst kürzlich achtundsiebzig von den langsamen, blinden, elefantenähnlichen Kreatu- ren verschlungen, die man Heffalumps nannte und die in dieser Dunkelheit lebten. Sie starben nicht leicht. Sechsundzwanzig von ihnen waren immer noch am Leben, und sie fanden an Säure auch keinen größeren Geschmack als Nasu. Säure. Hyperion. Das Robin-Wesen. Geh nach Hy- perion. Säure. Robin. Diese Vorstellungen trieben wie zusammenhanglo-, se Gespenster durch ihr Bewußtsein, hundert Mal, zweihundert Mal, und wurden schließlich wieder eingeprägt. Sie mußte nach Hyperion. Sie mußte dort Robin-warme-Beschützerin treffen. Sie mußte in den Tunnel mit der Säure. Einmal in Bewegung, war Nasu nicht mehr aufzu- halten. Sie brauste durch den Tunnel wie der schlimmste freudianische Alptraum der Geschichte. Sie traf weit später auf die Säure, als sie erwartet hatte. Zu diesem Zeitpunkt stand ein Anhalten nicht mehr zur Debatte. Sie pflügte eine große Bugwelle von der Säure auf und hielt dabei die Augen fest ge- schlossen. Aber sie konnte es durch die lichtdurchläs- sigen Lider sehen, als sie das tiefe Heiligtum von Chronos erreichte, Gäas treuem Freund. Chronos heulte auf vor Wut, Demütigung und Schmerz, konnte die Schlange aber damit nicht auf- halten. Sie wählte den östlichsten der drei Tunnels, die aus der Kammer hinausführten, und schob den Kopf hinein. In diesem Augenblick befand sich das Endstück ihres Schwanzes noch im westlichen Ende des Tunnels. Es schmerzte fürchterlich. Derlei Dinge hatten dazu geführt, daß sie jetzt weiß war. Bald würde sie wieder die Haut abstreifen, und das half, aber nur ein biß- chen. Die Säure brannte ihr die Augenlider weg. Sie würden nachwachsen, aber es schmerzte gewaltig. Und es tat natürlich auch noch hinten an ihrem Schwanz weh, aber die Signale trafen nur langsam ein. Nasu platzte hinein in die dunklen Höhlen des Ost-Chronos-Labyrinths und kroch weiter, bis sie si- cher war, daß sie ganz hinaus war. Dann wand sie sich, schlug riesige Segmente ihres Körpers gegen das, Gestein. Die sechsundzwanzig überlebenden Heffa- lumps waren schnell tot. Hätte irgend jemand direkt über ihr auf Gäas Torus gestanden, wäre es ihm wie ein Erdbeben vorgekommen. Aber der Schmerz hörte für eine ganze Weile nicht auf. Nasu ringelte sich zu einem engen Ball zusam- men, wobei der Kopf irgendwo nahe dem Mittel- punkt war, und wartete darauf, daß sich die Heilung einstellte. Nur noch ein weiteres Mal, dachte sie.

DREI

Chronos war zutiefst verärgert. Wenn man Herr und Meister von einhunderttau- send Quadratkilometern Land ist – plus den endlosen Höhlen darunter, und in gewissem Sinn auch der Luft darüber – und man vielleicht einen Besucher in zehn Myriarevs hat, und dann noch nicht einmal sonderlich begeistert ist von diesem Besucher ... nun, dann ärgert es einen wirklich, wenn ein verdammtes Alptraumreptil so durch das eigene Heim donnert wie ein außer Kontrolle geratener Güterzug. Es be- stätigte seine bittere Ansicht: Das gottverdammte Rad ging allmählich in die Brüche. Nichts funktionierte mehr. Alles Nieten! Chronos war Gäa seit Jahrtausenden treu – seit Ewigkeiten! Als diese Okeanos-Geschichte hochkam, wer war es, der damals tausendprozentig hinter Gäa gestanden hatte? Chronos nämlich! Als sich der Staub dann wieder legte und der alte Iapetus da drüben, saß, seine nicht-existierenden Hände rieb wie ein Kommie-Spion in einem schwachsinnigen Comic und süße Nichtigkeiten in Chronos' Ohren flüsterte, hatte er da zugehört? Überhaupt nicht! Chronos hatte einen direkten Draht in den Himmel; Gäa saß auf ihrem Thron und mit dem Rad war alles in Ordnung. Als dann diese verrückte Mnemosyne durchdrehte und in ihr Bier flennte – bu-hu-hu –, was dieser elen- de Sandwurm mit ihren stinkenden Wäldern machte, verlor er da seinen Glauben an Gäa? Er tat es nicht. Und selbst als Gäa ihm diese heimtückische Hexe Cirocco Jones hinschob und ihm sagte, sie sei jetzt der Magier, und er solle schön nett zu ihr sein, machte er da Schwierigkeiten? Nein, doch nicht der gute alte Chronos! Geschah ihr recht, als Jones ... Er wich vor diesem Gedanken zurück. Gäa ging es nicht gut, wie jeder sehen konnte, aber manche Ge- danken blieben besser ungedacht. Man konnte nie wissen, wer vielleicht mithörte. Aber das war zuviel! War es wirklich! Es war auch nicht so, daß er es nicht vorausgesehen hätte. Seine Anforderung lag jetzt elf Myriarevs zu- rück! Dreihunderttausend Gallonen neunundneun- zigprozentige Salzsäure, das war alles, was er brauchte, um sein Reservoir wieder ganz aufzufüllen. Da ist dieses Ding, hatte er Gäa gesagt. Schlange- nähnlich, aber schrecklich groß. Es ist keins von mei- nen, aber vielleicht von deinen. Aber es lebt jedenfalls hier unten und ist schon zweimal hier durchgekom- men, und das Scheißding ist jedesmal größer. Damit nicht genug: Dieser ständig zu niedrige Säurestand trocknet meine oberen Synapsen aus. Macht mir dau- ernd Schmerzen ..., Sie hatte ihm nicht geglaubt. Keins von ihren, hatte sie gesagt. Mach dir keine Sorgen. Und es ist Iapetus, der dir dein HCl klaut, und ich kann, verflucht noch mal, nichts dagegen machen! Also halt den Mund und laß mich wieder zu meinen Filmen gehen! Na ja. Diesmal würde er es ihr aber wirklich erzählen. Er rief bei ihr an. Wen er erreichte, war ihr neuer Assi- stent. Das passierte jetzt immer häufiger. Das Ge- spräch war nicht verbal, aber es hatte einen gewissen Geschmack, der sich übersetzt etwa so anhörte: »Hallo, Gäanische Produktionen.« »Ich möchte bitte Gäa sprechen.« »Tut mir leid, sie ist bei Außenaufnahmen.« »Na ja, dann verbinden Sie mich mit dem Pandä- monium. Es ist wichtig.« »Wen soll ich ankündigen, Sir?« »Chronos.« »Pardon? Wie buchstabieren Sie das?« »Chronos, verdammt noch mal! Der Herr dieser Region Gäas – genau eines Zwölftels ihres gesamten Landes im Torus nebenbei –, bekannt als Chronos.« »Oh, natürlich. Das buchstabiert sich K-R-O ...« »Chronos! Verbinden Sie mich sofort mit Gäa!« »Es tut mir leid, Sir, aber sie ist in einer Vorfüh- rung. Spartakus, glaube ich. Das sollten Sie wirklich sehen! Einer der besten Monumentalfilme aus dem alten Rom, die je ...« »Würden Sie mich bitte ganz einfach verbinden?« »Tut mir leid. Hören Sie, wenn Sie Ihre Nummer hinterlassen, sage ich ihr, sie solle Sie gleich zurück- rufen.« »Dies ist ein Notfall! Sie muß sofort davon erfah-, ren, weil er zu ihr unterwegs ist. Und Sie haben meine Nummer.« »... o ja, hier ist sie. Sie ist hinter die ... sind Sie noch in ...« »Ich werde das gesamte Gespräch an Gäa weiter- geben.« »Wie Sie wollen.« Klick. Chronos versuchte es später erneut. Wieder hatte er den Klugscheißer von Assistent in der Leitung, der ihm sagte, Gäa sei in einer Produktionskonferenz und könne nicht gestört werden. Na dann ... dann ... dann fick sie doch!

VIER

Die meiste Zeit, die Chris in Tara war, hatte es dort kein Bier gegeben. Man bekam es in den Läden, das heißt diejenigen, die nachweisen konnten, daß sie mit ihrer Arbeitsschicht fertig waren. Chris hatte nicht viel getrunken. Das Bier war nicht sehr gut. Jetzt konnte man in den Kühlschränken von Tara hervorragendes Bier finden. Es war heiß draußen. Adam schien es nichts auszumachen, und auch Chris kümmerte es nicht sehr, aber ein kühles Bier oder zwei war genau das, was er nach einem langen Tag brauchte, den er damit zugebracht hatte, Adam von den Fernsehgeräten abzulenken, ohne dabei zu auf- fällig zu werden. Zwei oder drei Bier waren genau das, was er brauchte., Was ihm schwerfiel, war, niemals zuzugeben, daß die Spiele, die er sich ausdachte, hauptsächlich den Sinn hatten, daß Adam sich nicht die Fernsehpro- gramme ansah. Ohne TV hätte Chris sicherlich viel Zeit mit Adam verbringen können, wäre aber sicher damit zufrieden gewesen, ihn öfters allein spielen zu lassen. Wie die Lage war, fürchtete er, zuviel Zeit mit dem Kind zu verbringen. Es wurde immer schwieri- ger, Adams Interesse zu wecken. Adam wurde der Spiele, auch der mit den Spielsachen, oft müde. Manchmal, wenn er sich ganz schlecht fühlte, dachte Chris, Adam mache sich seinen Spaß mit ihm. Ein sehr paranoider Gedanke, Chris. Drei oder vier Bier beruhigten ihn vielleicht. Aber das Schlimmste, das Schrecklichste ... Manchmal erwischte er sich dabei, daß er das Kind schlagen wollte. Er verbrachte jede wache Stunde in Adams Nähe, und so viel, wie er nur konnte, beschäftigte er sich aktiv mit ihm. Ein erwachsener Mensch kann nur ein bestimmtes Maß an kindischen Sachen vertragen, an Baby-Gerede und Spielen und dummem Lachen. Chris konnte viel davon vertragen, aber auch er hatte seine Grenzen. Er sehnte sich ungeheuer nach intelli- genter Gesellschaft ... nein, nein, nein – das war über- haupt nicht das richtige Wort. Es war völlig falsch. Er sehnte sich nach der Gesellschaft von Erwachsenen. Wenn also Adam schlief und Chris sich schrecklich allein fühlte, waren vier oder fünf Biere genau das Richtige, um seine ausgefransten Nerven zu beruhi- gen. Er mußte Erwachsene um sich haben. Was er hatte, waren ein sehr intelligenter, ergötzlicher Zweijähriger, ... sowie Amparo und Sushi. Sonstige Helfer im Haushalt kamen und gingen, ohne jemals mit Chris zu sprechen. Er vermutete, daß sie Befehle von Gäa hatten, ihn als den Mann-der-nicht-da-ist zu behan- deln. Nur Amparo und Sushi waren treu. Beide waren Ammen gewesen, als Chris eintraf. Amparo schien eine intelligente Frau zu sein, aber sie konnte kein Englisch und verspürte auch keinen Drang, es zu lernen. Chris hatte sich genug spanische Alltagsfetzen angeeignet, um sich mit ihr verständi- gen zu können, aber es würde nie sehr zufriedenstel- lend sein. Was Sushi anbetraf ... Er wußte nicht, ob sie wirklich so hieß. Sie war eine Idiotin. Sie hätte ein Super-Genius sein können, bevor sie nach Gäa gekommen war, aber Gäa hatte etwas mit ihr angestellt. Das Zeichen war auf ihrer Stirn, ei- ne Schwellung unter der Haut von der Form eines umgedrehten Kreuzes. Als Chris endlich bemerkte, daß Sushis Verstand so leer war wie ihre Augen, be- rührte er eines Tages die Schwellung und war er- staunt zu sehen, wie Sushi zu Boden fiel und sich dort wälzte, als hätte sie einen epileptischen Anfall. Durch weitere Untersuchungen – und übelkeiterre- gende Experimente – erfuhr er, daß es sich dabei nicht um einen Anfall handelte. Es war das alte Lustprinzip. Gäa hatte etwas wie Snitch in Sushis Kopf gesteckt und in ihr Lustzentrum eingeführt. Jetzt würde sie für einen Stoß alles tun. Wenn sie es selbst berührte, hatte sie nichts davon. Es mußte ein anderer tun. Sie schien es etwa dreimal am Tag zu brauchen. Wenn sie es nicht von Chris bekam, schmiegte sie sich an Adam, der es für sehr komisch, hielt, wenn sich Sushi auf dem Boden wälzte, stöhnte und masturbierte. Also mußte Chris Sushi mehrmals am Tag zufrie- denstellen. Glücklicherweise konnte er danach fünf oder sechs Biere trinken, um sich wieder zu beruhigen. Sushi hatte ihren Namen aus einem sehr einfachen Grund erhalten: Sie ernährte sich von rohem Fisch. Der Fisch mußte nicht frisch sein. Die Schuppen mußten nicht entfernt sein, und auch die Köpfe machten Sushi keinen Kummer. Ihr Atem war entsetzlich! Chris brauchte einige Zeit, um zwei und zwei zu- sammenzuzählen. Das Fischessen war ein konditio- nierter Reflex. Iß einen Fisch und du erhältst einen Stoß! Über kurz oder lang würde Sushi überhaupt nichts anderes mehr essen. Das Fernsehprogramm war in diesen Tagen zu fünfzig Prozent interaktiv. Und jetzt tauchte Chris darin auf, obwohl er nie vor Gäas Kameras getreten war. Zuerst wirkte es harmlos, wie so vieles in Tara. Als erstes tauchte er in einem Abbott-und-Costello- Streifen auf, und zwar anstelle von Costello. Feine Veränderungen waren an ihm vorgenommen wor- den. Er war klein und pummelig, aber doch eindeutig zu erkennen. Er sprach mit einer Mischung aus seiner wirklichen Stimme und der von Costello. Adam liebte es. Chris stellte fest, daß sogar er hin und wieder grinste. Costello war ein Dummkopf, keine Frage, aber ein liebenswerter. Es hätte schlimmer kommen können. Es kam schlimmer. Als nächstes waren es Laurel und Hardy. Gäa war, Ollie und Chris war Stan. Chris sah sich die Filme aufmerksam an und wog das Für und Wider ab. Die beiden Komödianten hatten eine Zuneigung fürein- ander. Das machte ihm Sorgen. Auf den ersten Blick schien Stan ein Idiot zu sein, aber in Wirklichkeit war es komplizierter. Und Ollie war ein Prahlhans, der die meisten Stürze auf den Hintern hatte ... aber am Ende doch die dominante Persönlichkeit. Auch dies- mal wollte Gäa wieder auf etwas hinaus. In letzter Zeit war er in einigen fragwürdigen Rol- len aufgetaucht. Nicht der Schurke per se, wohl aber ein ziemlich unerfreulicher Mensch. In einer Rolle in einem Film, an dessen Titel er sich nicht erinnerte, sah er, wie er Gäa schlug. Und er bemerkte, daß es Adam beunruhigte, obwohl er nicht darüber sprechen wollte. Adam zog eine Grenze zwischen Phantasie und Realität – aber es war eine verschwommene Grenze. Gäa war diese erstaunliche, komische, riesige und harmlose Dame, die an das Fenster im zweiten Stock von Tara kam und ihm schöne Spielsachen gab. Warum schlug Chris sie zusammen? Der Plot war nicht von Bedeutung, und auch nicht die Tatsache, daß der nur wenig über zwei Meter große Chris kaum ein würdiger Gegner für die Monroe von fast zwanzig Metern war. Chris war sich jetzt sicher, daß er auf lange Sicht verlieren würde. Es war ja schön und gut, als Adams Gewissen dienen zu sollen; aber das Fernsehen hatte eine lautere Stimme als das Gewissen eines Kindes – das gar nicht existierte, ehe es nicht jemand nährte. Chris hatte überhaupt keine Chance. Ein Jahr war vergangen. Cirocco hatte gesagt, es könne bis zu zwei Jahren dauern, bevor sie wiederkam., Er war sich ziemlich sicher, daß es dann zu spät sein würde. Es hätte Chris beträchtlich aufgeheitert, wenn er gewußt hätte, daß Cirocco und ihre Armee bereits auf dem Marsch nach Hyperion waren. Aber Gäa hatte es nicht für angebracht angesehen, es ihm zu sagen, und er konnte es auf anderem Wege nicht erfahren. Er hätte einen Hinweis aus dem Gäanischen Fernsehen erhalten können: Adam schlief schon und Chris saß zusammengesackt vor einem Gerät. Der Film war die unveränderte Version von Napoleon aus dem Jahr 1995, und auf dem Bildschirm marschierten riesige Armeen nach Waterloo. Aber da war Chris schon viel zu betrunken, um noch etwas mitzukriegen.

FÜNF

Auf dem Marsch des zweiten Tages kippten sogar noch mehr Soldaten um als tags zuvor, obwohl er kürzer war. Cirocco hatte auch damit gerechnet. Wahrschein- lich hatten die Leute den Eindruck, es sei ein leichter Weg zur Entlassung. Sie wies die Ärzte an, jeden sorgfältig zu untersuchen und nur die ernstesten Fälle zurückzuschicken. Davon wurden letztlich sechzehn festgestellt. Alle anderen schulterten wieder die Tornister, als das Lager abgebrochen wurde, und marschierten weiter, nach Iapetus hinein. Sie überquerten die beiden kleinen namenlosen Flüsse, die aus den Tyche-Bergen nach Süden in den, großen See Pontus flossen, der Iapetus beherrschte. Die Brücken waren gut repariert worden und das Gelände leicht zu bewältigen. Iapetus, ein Feind Gä- as, würde ihren Vormarsch durch seine Domäne nicht behindern, wie Cirocco wußte. Die Probleme begannen in Chronos. Mehrere »Tage« lang kampierte die Armee an dem reizvollen See. Das Wetter blieb klar und warm. Ci- rocco steigerte allmählich das Tempo, als die Soldaten sich besser an den Marschrhythmus gewöhnten. Aber sie trieb auch nicht zu stark. Sie wollte, daß ihre Leute zäh waren und nicht erschöpft, sobald es zum schwierigen Teil kam. Am Zusammenfluß von Pluto und Ophion, dicht an der Grenze zu Chronos, befahl Cirocco ihren Gene- ralen, die Garnison der äußersten östlichen Verteidi- gungslinie zu gründen. Diesmal nahm sie sich nicht die Schwachen vor. Sie wollte Veteranen, die zähe- sten Männer und Frauen, die sie finden konnte. Sie sollten ein Fort direkt westlich der Pluto-Furt und nördlich das Ophion errichten. Cirocco überließ ih- nen titanidische Kanus für die Überquerung des gro- ßen Flusses. Die Aufgabe der Truppe bestand auch darin, im Norden und Süden zu patrouillieren und dabei leicht und schnell zu marschieren. Ihre Position war gegen einen entschlossenen Angriff nicht zu halten, aber darum ging es auch nicht. Es war Ciroc- cos Hoffnung, daß diese Truppen, sobald angegriffen, Boten zurück nach Bellinzona schickten und hinhal- tende Guerilla-Aktionen durchführen würden, um auf diese Weise der Stadt soviel Zeit wie möglich zu verschaffen, sich auf den Angriff vorzubereiten., Das alles bedrückte Cirocco. Nahezu alles, was sie in Iapetus getan hatte, waren Vorbereitungen für eine Niederlage. Falls die Luftwaffe von Bellinzona noch existierte, war dieser Außenposten ihrer schnellen Boten überflüssig. Selbst die langsamste Drachenflug- Maschine konnte von hier aus Bellinzona in zwanzig Minuten erreichen und alarmieren. Aber die Luftwaffe schaffte es vielleicht gar nicht, Chronos zu überqueren. Und falls ihre Armee im kommenden Kampf sieg- reich bleiben sollte, würde natürlich niemand aus Hyperion zurückkehren, außer ihren eigenen Solda- ten und den Flüchtlingen und Kriegsgefangenen aus dem Pandämonium. Sie schuldete der Stadt jedoch jede Vorsichtsmaß- nahme, die ihr nur einfiel. Cirocco hatte sie trickreich dazu gebracht, nicht nur einfach einen Haufen Fuß- soldaten hervorzubringen, sondern eine hingebungs- volle und motivierte Streitmacht. Sie wußte, daß diese Truppen kämpfen würden, falls es dazu käme. Die Circum-Gäa-Landstraße hatte den Ophion an ei- ner Stelle gerade noch innerhalb der unsichtbaren Grenze zwischen Iapetus und Chronos überquert. Damals, als Gaby die Landstraße baute, waren Ophion-Überquerungen ihre größten Herausforde- rungen. Der Fluß war im Flachland sehr breit und ziemlich tief, und an Stellen, wo er schnell floß, tat er es durch unbezwingbare Berge. Also hatte Gaby die Überquerungen auf ein Minimum beschränkt. Aber einige waren nötig gewesen. Chronos war da- für ein gutes Beispiel. Man konnte keinen wirklich, leichten Weg durch Chronos finden, aber die nördli- che Route war noch fünfmal schwieriger als die süd- liche. Also war eine große Brücke unumgänglich. Nachdem Ciroccos Pioniere die Route bis nach Mnemosyne erkundet und die möglichen Reparatu- ren an Straße und Brücken in Iapetus und in geringe- rem Umfang auch in Chronos ausgeführt hatten, be- richteten sie, daß die Ophion-Brücke ein hoffnungslo- ser Fall sei. Das Südende war völlig eingestürzt. Ga- bys Trupps hatten fünf Jahre gebraucht, das Ding zu bauen, damals vor fast siebzig Jahren. Jetzt war es unmöglich, es rechtzeitig für den Marsch auf das Pandämonium zu reparieren. Also lagerten sie am nördlichen Ufer und bauten Hunderte von Flößen. Das war eine harte und lang- wierige Arbeit, da man in diesem Teil von Chronos nur wenig Bäume von ausreichender Größe fand, die das Bauholz liefern konnten. Cirocco und die Generale betrachteten während dieses Unternehmens nervös den Himmel. Cirocco rechnete mit einem Angriff in Chronos oder Hype- rion, möglicherweise in beiden Ländern, falls die er- ste Schlacht nicht entscheidend war. Und die Armee, durch den Fluß getrennt und auf verwundbaren Flö- ßen ausgebreitet, glich während des Übersetzens ei- ner Ansammlung brütender Enten. Kurz vor Beginn des Feldzuges hatte Cirocco ihren Gedankengang Conal, seinen Piloten und den Gene- ralen erläutert. In Analogie zu einem Zifferblatt hatte sie die zwölf Regionen Gäas in einem großen Kreis gezeichnet und dabei mit Crios in der Zwölf-Uhr- Stellung begonnen. »Damit liegt Hyperion, unser Ziel, hier in der, Zwei-Uhr-Position«, erklärte sie und schrieb den Namen hinein. »Das zentrale Hyperion-Kabel ist die Basis für das Zweite Kampfbomber-Geschwader der Gäanischen Luftwaffe. Bei drei Uhr liegt Okeanos. Es gibt kein Drittes Geschwader; Gäa hat in Okeanos keine Macht.« Sie setzte ein großes X neben den Na- men von Okeanos. »Das Vierte Geschwader mit Basis in Mnemosyne wurde bei einer Explosion vor über einem Jahr aus- gelöscht. Meine Quellen berichten, daß es nicht er- setzt wurde.« Sie setzte wieder ein X. »Das Sechste Geschwader aus Iapetus griff Bellinzona an und wurde vernichtet. In Dione finden wir kein Siebtes, aus demselben Grund wie bei Okeanos. Die nächste kampffähige Einheit ist das Achte Geschwader, dort in Metis.« Sie schrieb zwei weitere X-e und trat zu- rück, um ihr Werk zu bewundern. »Sie sehen, daß Chronos sich mitten in einer großen Lücke in Gäas Luftmacht befindet. Von Metis hier bei acht Uhr bis hindurch zu Hyperion bei zwei Uhr fin- den wir sieben voll ausgerüstete Bombergeschwader. Metis wird scharf überwacht. Falls ein Angriff von dort kommt, erhalten wir Warnung über Funk. Das gleiche gilt für Hyperion. Aber wenn sich das Fünfte Geschwader auf uns stürzt, während wir in Chronos sind, erhalten wir kaum eine Warnung. Ich habe zwei mögliche Szenarios ausgearbeitet. Sagen wir, das Achte aus Metis startet seinen Angriff. Es braucht Zeit, um hier anzukommen, und wir wer- den gewarnt. Nach meiner Meinung wäre es für Gäa logischer, uns mit dem Chronos-Geschwader zu überraschen und festzunageln. Gleichzeitig könnten dann das Achte oder Zweite oder beide starten und, rechtzeitig hier eintreffen, um dem Fünften zu helfen. Die zweite Option besteht darin, unseren Durchzug durch Chronos zu gestatten. Offen gesagt, würde ich lieber hier angegriffen. Denn wenn Gäa wartet, bis wir in Hyperion sind, kann sie alle diese Gruppen heranführen – Phöbe, Crios, Rhea, Hyperion, Chro- nos ... vielleicht sogar Tethys, und das auch noch ziemlich gleichzeitig und mit kurzer oder gar keiner Warnung für uns.« Alle studierten Ciroccos große gäanische Uhr feier- lich. Ideen wurden vorgebracht, von denen einige nützlich waren. Man stimmte darin überein, daß es für Gäa das Gescheiteste war zu warten, bis Ciroccos Armee in Hyperion eintraf, und dann ihre volle Kraft in die Waagschale zu werfen. Cirocco pflichtete dem bei – und dachte bedrückt, daß Gäa wahrscheinlich genau das Gegenteil tun würde. Mal alle Logik beiseitegelegt; Cirocco fürch- tete einen Angriff in der feindlichen Nacht von Chro- nos.

SECHS

Der Luftmörder in Tethys wußte nicht, daß er der Flügelführer des Zehnten Kampfbombergeschwaders der Gäanischen Luftwaffe war. Eine solche Bezeich- nung hatte ihm Gäa nicht verliehen. Er wußte nur, daß er Anführer der Staffel war. Vage war ihm klar, daß es noch weitere Staffeln gab, aber das war für ihn nicht wichtig. Sein Auftrag war genau definiert ... und er arbeitete nicht gut mit anderen Luftmördern, zusammen. So etwas entsprach nicht seiner Natur. Er war der Flügelführer. Befehle waren eingetroffen. Sie sprachen auch da- von, in Basen nachzutanken, die unter dem Befehl anderer Luftmörder standen. Er fand den Gedanken abscheulich, aber Befehle waren Befehle. Er wußte von einer Armee, die jetzt durch Chronos marschierte. Er wußte, daß an einem Punkt Befehle eintreffen würden, diese Armee anzugreifen. Er wußte, daß Feinde am Himmel warteten. Das machte ihm keine Angst. Dies alles vermittelte ihm ein Gefühl der Wärme und Zufriedenheit. Als einziges Ärgernis in seinem Leben empfand er die Engel, die sich in jüngster Zeit hier herumtrieben. Sie kamen auch dicht herangeflogen und schnat- terten neugierig, grüne und rote. Er verachtete sie. Ih- re wabbeligen Körper waren amüsante Ziele für seine Rotaugen und Haken ... aber er hatte keine entspre- chenden Befehle. Er verachtete die Engel. Sie hatten so wenig Kraft. Sie waren als Flugmaschinen so inef- fizient. Sie bauten jetzt schon Nester, die wie er am Kabel hingen. Drei davon sah er unterhalb von sich, große bauchige Konstruktionen, die anscheinend aus Schlamm und Flechtwerk gefertigt waren. Für seinen Geschmack waren es Schandflecke. Ursprünglich waren es vier gewesen, bis er auf ei- nes ein Rotauge warf, um seine Stärke zu testen. Es fiel wie Reispapier auseinander. Die herumschwe- benden roten und grünen Federn und die erschreck- ten Schreie der Überlebenden amüsierten ihn., Aber weitere Schüsse probierte er nicht. Er wartete auf seine Mission.

SIEBEN

Conal hatte einen Angriff auf die Basis in Chronos durchführen wollen und diesen Punkt lang und gründlich diskutiert, bis Cirocco nichts mehr übrig blieb, als ihn in ihren geheimsten Plan einzuweihen – den Plan, der vielleicht funktionierte, vielleicht aber auch nicht. Eine andere Möglichkeit bot sich nicht, zu erreichen, daß Conal ruhig sitzen blieb, während Ro- bin – und natürlich auch seine anderen Freunde – hilflos unter diesen blutrünstigen Monstern einher- zog, die auf dem abscheulichen Kabel hockten. Als er von dem Plan hörte, willigte er zögernd ein. Auch dieser Plan brachte zwar Robin in Gefahr, aber das war unmöglich ganz zu umgehen. »Es muß so laufen, Conal«, sagte Cirocco. »Ich vermute, daß ein Angriff auf die Chronos-Basis Ver- stärkungen aus allen Teilen des Rades herbeiführen würde, bevor wir eine Chance haben, unseren Über- raschungseffekt zu erzielen. Wenn genug Verstär- kung kommt, könnten du und deine Leute ausge- löscht werden, wonach wir auf dem ganzen Weg nach Hyperion gegen Luftangriffe ungeschützt wä- ren.« Und so saß Conal jetzt in seiner Basis, gut versteckt im nördlichen Hochland von Iapetus, und grübelte. Ihm kam es wie eine Ewigkeit vor. Er schlief nicht gut. Er entfernte sich nie weiter als zweihundert Me-, ter von seinem Flugzeug, das stets aufgetankt und startbereit war. Die übrigen Piloten spielten Karten, erzählten Wit- ze und versuchten ganz allgemein, die Zeit herumzu- bringen, es waren überwiegend Männer und Frauen, die auch schon auf der Erde Kampfflugzeuge gesteu- ert hatten. Conal hatte nicht viel mit ihnen gemein- sam. Die meisten waren College-Jünglinge. Sie sahen auf ihn herab, und es widerstrebte ihnen, daß Cirocco ihm das Kommando übertragen hatte ... aber sie be- wunderten seine fliegerischen Fähigkeiten. Das Flie- gen war ihm angeboren, sagten sie. Das stimmte, aber der entscheidende Faktor, daß sie auf ihn hörten, war der, daß er mehr Flugstunden in Gäa hatte als sie alle zusammengenommen. Er kannte die speziellen Be- dingungen in Gäa, wußte, was die zähen kleinen Ma- schinen in dem hohen Druck und der geringen Schwerkraft aushalten konnten, wußte auch über die Coriolisstürme Bescheid, die so viele von den übrigen Piloten in Verwirrung stürzten. Sie duldeten ihn und lernten von ihm. Er saß während jeder wachen Stunde am Funkge- rät. Die Basis selbst wahrte Funkstille. Sie hofften, daß Gäa ihre Position nicht kannte, und argwöhnten, daß die Flugbomben Funkverbindungen abhören konn- ten. Also lauschten sie den vorgeschobenen Beob- achtern in Metis und den knappen Mitteilungen der vorrückenden Armee. Endlich erfolgte der Alarm. »Banditen auf acht Uhr«, sagte die Stimme über Funk, »... sechs, sieben ... dort ist das achte, neunte ... und Big Daddy macht zehn.«, Die Besatzungen hasteten los. Conal war schon in der Luft, als der Rest der Durchsage eintraf. »Sie fallen steil ab. Kann sie nicht mehr sehen. Sta- tion eins verabschiedet sich. Kommen, Station zwei, Station drei.« Station eins befand sich im südlichen Hochland von Metis. Die Leute dort verfügten über das größte Teleskop in Gäa – wie so viel anderes hochwertiges technisches Gerät aus Chris' unwahrscheinlichen Kellern requiriert – und es war ständig auf das Zen- tralkabel von Metis ausgerichtet. Zwei und drei lagen östlich und westlich des Ka- bels. Egal in welche Richtung sich das Achte wandte, Conal würde es bald erfahren. Er rechnete damit, daß es nach Osten drehte, in Richtung von Bellinzona und der Armee; trotzdem war es immer möglich, daß es sich um eine Ablenkung oder einen Trick handelte. Aber einer Sache war er sich ziemlich sicher. Das Fünfte Geschwader stürzte nach Chronos hinab, und es hatte nicht weit zu fliegen. »Station drei meldet: Wir haben alle zehn Banditen in Sicht. Kurs ... genau östlich, innerhalb der Grenzen unseres Radars.« Drei Staffeln zu fünf Flugzeugen waren auf den Er- stalarm hin gestartet. Conal dachte nur ungern daran, wie wenig Flugzeuge er in Reserve hatte. »Hier spricht der Große Kanadier«, sagte er. »Staf- felführer drei, nach Osten wenden und Plan drei aus- führen.« »Roger, Kanadier.« »Und viel Glück.« »Roger«, kam die lakonische Antwort. Sie würden es brauchen, das wußte Conal. Das Achte würde so, lange wie möglich genau nach Osten fliegen, bevor es sein endgültiges Ziel bekanntgab, indem es entweder scharf links nach Bellinzona abschwenkte oder in Richtung Chronos und der Armee weiterflog. So oder so, die dritte Staffel würde sich mit ihm anlegen, eins zu zwei in der Minderzahl. Conal sah, wie die fünf Maschinen ausscherten, so hübsch und ordentlich wie in einer Flugshow. Er wünschte, es wäre eine. Sie waren bis jetzt genau nach Süden geflogen. Nun befahl Conal, nach Osten abzuschwenken. Die Staffeln eins und zwei sollten voneinander wegsteu- ern und dann über der Armee von Norden und Sü- den her wieder zusammentreffen. Gerade, als sie den Schwenk vollendeten, erhielt Conal über Funk die Nachricht, die er gefürchtet hatte. »Hier Rocky Road. Wir werden aus der Luft ange- griffen. Keine Bodentruppen gemeldet. Angreifer vermutlich Chronos Fünftes, aber gegenwärtig un- möglich zu bestätigen.« Eine Explosion war zu hören. »Beeilt euch, ihr Burschen! Wir werden hier draußen in Stücke geschlagen!« Auf die erste Nachricht von Station eins hin führte die Armee ihren Verteidigungsplan aus, so dürftig er auch war. Sie war vom Ophion aus nach Chronos weiterge- zogen, über sanft gewelltes Land hinweg, das sie von der Luft aus schrecklich angreifbar machte. Sie zog jetzt in eine schmaler werdende Enge des Graslandes hinein, die schließlich ganz zerdrückt wurde vom Dschungel aus dem Süden und vom Hestia-Meer im Norden., Selbst offensiv werden konnte die Armee nicht. Im Arsenal war nichts zu finden, was einer Flugbombe hätte etwas anhaben können. Man hatte Versuche unternommen, die Bewaffnung der Luftwaffe auf Bodenbedienung umzustellen, aber sie waren alle kläglich gescheitert. Cirocco hatte sie aufgegeben, in dem Wissen, daß sie schon zuviel von den schwin- denden Vorräten der Luftwaffe in ihrer maßlosen Schau über dem Pandämonium verschwendet hatte. Jetzt mußte sie dafür bezahlen, und auch alle anderen ringsum. Bellinzona hatte vor kurzem mit der Herstellung von Schießpulver und Nitroglyzerin begonnen. Die Armee besaß Schießpulver in Form von großen Ra- keten, aber fast das gesamte Nitro – in der Form von Dynamit – war für einen Zweck abgezweigt worden, den Cirocco zur Empörung ihrer Generale nicht ent- hüllen wollte. Aber selbst das Dynamit hätte bei der Abwehr eines Luftangriffes nicht viel geholfen. Die Raketen und ihre Sprengköpfe waren nur für Ablen- kungsmanöver nützlich. Man hoffte, daß die Rotau- gen und Haken von ihrer Wärme angezogen wurden. Die Leuchtfeuer waren zu demselben Zweck ange- zündet worden. Man hatte mehrere Dutzend Wagen mit trockenem Holz und Kerosin beladen und bei Meldung des Angriffs nach vorne, nach hinten und zu beiden Seiten so weit weggefahren, wie sie bis zur Sichtung der Flugzeuge noch kamen. Dann waren sie in Brand gesteckt worden. Hier mitten in der chrono- sianischen Nacht hoffte man, mit diesen hellen Lich- tern die Angreifer über die Größe der Armee zu täu- schen und ihnen leichte und entbehrliche Ziele zu bieten., Der Hauptteil der Armee löschte alle Lichter, ver- teilte sich und machte sich mit Schanzwerkzeugen an die Arbeit – mit Schaufeln, um ein ziviles Wort zu gebrauchen, also mit Geräten, welche die Hochtech- nologie nicht mehr stark hatte verbessern können. Ein Infanterist aus den Argonnen hätte sofort gewußt, wie sie zu gebrauchen waren. Der Boden war fest, aber es war erstaunlich, wie schnell man graben konnte, wenn erst einmal die Bomben fielen. Cirocco ertappte sich dabei, etwas Erstaunliches zu tun. Als die blauweißen Punkte des Fünften Kampf- bombergeschwaders über ihnen kreisten und in Posi- tion für ihre Anflüge gingen, lief sie auf der Straße zurück, schrie und schwenkte das Schwert. »Nieder mit euch! In Deckung! Runter, runter! Die Luftwaffe ist unterwegs! Behaltet eure gottver- dammten Köpfe unten!« Vor sich erblickte sie die erste tödliche orangefar- bene Blüte, die von der Seite her kam und noch weit entfernt war. Cirocco wurde am Arm gepackt, hoch- gehoben und auf Hornpipes breiten Rücken gewor- fen. Sie landete auf den Füßen, packte seine Schultern und schrie ihm ins Ohr: »In Deckung, du verrückter Bastard!« »Sofort, wenn du es auch tust.« So donnerten sie die Straße entlang, erschreckten die Soldaten, wedelten mit den Schwertern und schrien Warnungen, die vollkommen überflüssig wa- ren, denn der Erdboden dröhnte und brannte jetzt unter dem Bombardement des Wilden Fünften. Ci- rocco wußte, daß es wahnsinnig war. Sie hatte noch nie begriffen, wie Befehlshaber solch verrückte Sa- chen machen konnten, und sie war sich auch nicht, ganz sicher, wie sie selbst es schaffte. Sie hegte keine Illusionen, immun gegen Bomben und Kugeln zu sein, und glaubte auch nicht, daß die irre Kraft ihrer Persönlichkeit sie irgendwie beschützen konnte – eine Theorie, die sie in manchen der abstruseren militäri- schen Werke tatsächlich dargelegt gefunden hatte. Sie wußte nur, daß es jetzt nicht richtig wäre, in Deckung zu gehen. Besser das Risiko eingehen, getö- tet zu werden. Die Soldaten mußten ihre Furchtlosig- keit sehen, selbst wenn sie so stark zitterte, daß ihr beinahe das Schwert aus der Hand fiel. Sie hatte keine andere Möglichkeit, sie dazu zu bringen, daß sie ihr eigenes Leben riskierten, sobald sie es von ihnen verlangte. Mein Gott, dachte sie, was für eine wundervolle Sa- che ist doch so ein Krieg! Die meisten Titaniden trafen die Maßnahme, die auch nach Meinung Ciroccos und der Generale für sie lo- gisch war. Sie hätten ewig gebraucht, Gräben auszu- heben, die für ihre riesigen Körper tief genug waren. Ihr großer Vorteil war die Schnelligkeit. Also liefen sie davon. Sie verstreuten sich in alle Richtungen, entfernten sich so weit vom Zentrum des Geschehens, wie sie nur konnten, und beobachteten dann entsetzt, wie sich die bösartige Schönheit der Schlacht in der Luft und auf dem Boden entfaltete. Luftraketen stiegen von den Pyrotechnikwagen aus kreischend in den Himmel, zogen orangefarbene Funken hinter sich her, leuchteten hellrot und explo- dierten dann. Rotaugen und Haken stürzten wie Ketten glühender Vögel unter den Schwingen der, Flugbomben hervor, zogen rotes, blaues oder grünes Feuer hinter sich her, beschleunigten erschreckend schnell und schrien vor blutrünstiger Freude, wenn sie sich selbstmörderisch in die Feuerwagen stürzten, Luftraketen verfolgten oder allzu oft nicht hereinfie- len und in wenigen Metern Höhe über den Boden schossen, um flüssiges Feuer über der rasch pocken- narbig wirkenden Landschaft zu vergießen. Die Ae- romorphen selbst waren nur an ihren schwarzweißen Abgasen zu erkennen. Die Bomben waren überhaupt nicht sichtbar, bis sie den Boden erreichten, ließen dann allerdings alles andere als bedeutungslos er- scheinen. Ein paar Titaniden, die es nicht mehr ertragen konnten, wollten zurückgehen, wurden aber von ih- ren vernünftigeren Kameraden aufgehalten. Nur die titanidischen Heiler flohen nicht. Wie die menschlichen Ärzte taten sie, was Ärzte im Krieg schon immer taten. Sie sammelten die Verwundeten ein, pflegten sie – und starben neben ihnen. »Oh, Große Mutter, wenn du mich lebendig hier her- ausführst, verlasse ich nie wieder meinen Computer, nie wieder, nie wieder, nie wieder ...« Nova merkte selbst gar nicht, daß sie schrie. Sie drückte sich fest in einen Schützengraben, der nur etwa einen Zentimeter tief zu sein schien – und sie teilte ihn mit zwei Fußsoldaten, die sie noch nie gese- hen hatte. In Wirklichkeit war der Graben um einiges tiefer, und während einer relativen Flaute kletterten alle drei hinaus und schaufelten wie die Verrückten. Dann setzten die Monster wieder zu einem Anflug, an, und die drei sprangen wieder in den Graben, ein Durcheinander spitziger Ellbogen, Stiefel, Schwert- scheiden, schiefer Helme und des Gestanks der Angst. Sie hielten die Schilde über sich und hörten, wie Erdklumpen auf die stumpfe Bronze polterten. Eine Bombe schlug in nächster Nähe ein. Nova fragte sich, ob sie je wieder hören würde. Lange Zeit vernahm sie nur Klingeln. Fetzen aus heißem Metall prasselten auf sie nieder, und rauchende Erde. »Nie wieder, nie wieder, nie wieder ...« In einem Winkel seines Bewußtseins wußte Conal, daß sich die Metis-Invasoren nach Norden gewandt hatten und jetzt auf dem Weg nach Bellinzona waren. In diesem Winkel weinte er auch um die Dritte Staf- fel, die einer Übermacht gegenüberstand. Der Rest von ihm konzentrierte sich auf den dunk- len Himmel vor ihm, der von einer dahinkriechenden Minute zur anderen heller wurde. Sie konnten die Schlacht sehen, lange bevor sie dort eintrafen. Dann stellten sie den Feind und hatten keine Zeit mehr, an etwas anderes zu denken als ans Fliegen. Vieles mußte er seinem Computer überlassen. Er hat- te zu viele Punkte auf dem Schirm, zuviel Durchein- ander, zuviel Dunkelheit. Er drehte und wendete, steu- erte auf etwas Vielversprechendes zu – und wurde dann vom Feuerleitcomputer überfahren, der sein Ziel als Freund identifizierte. Dann schoß er eine Flug- bombe ab. Ihre Begegnung war in weniger als drei Sekunden vorüber. Er machte sich nicht die Mühe zuzuschauen, wie die Trümmer in die Nacht hinab- stürzten, sondern ging sofort in eine Zehn-G-Kurve, um sich das nächste Gelegenheitsziel vorzunehmen., Die Schlacht war eigentlich enttäuschend. Er wuß- te, daß sie es nicht für die gewesen war, die sie auf dem Boden ausgesessen hatten während der zwanzig Minuten, die seine Staffeln gebraucht hatten, bis sie hier eintrafen. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte das Fünfte Geschwader bereits törichterweise einen gro- ßen Teil seiner Luft-Luft-Kapazität verausgabt, und seinen Geschützen gingen die kleinen Kugelkreatu- ren aus. Die Flugbomben besaßen aber immer noch einige Bomben, und das war erfreulich, da es viel herzhaftere Explosionen ergab, wenn Conals Raketen sie trafen. Jede Explosion bedeutete eine Todesladung weniger für die, die dort unten in den Gräben lagen. Zum Schluß war nur noch der Luftmörder da. Co- nal und zwei seiner Piloten näherten sich ihm von hinten. Conal schoß dem Luftmörder den größten Teil der linken Tragfläche weg. Eine Mücke schien geradewegs in seine Auspuffrohre fliegen zu wollen und schoß dabei eine Rakete ab. Sie alle bremsten und sahen zu, wie er abstürzte. Die Luft war voller Rauch, und auf dem Boden brannte eine erschrek- kende Zahl von Feuern. »Hier Großer Kanadier an Rocky Road.« Die folgende Pause war länger, als es Conal recht war. Jemand war von seinem Funkgerät getrennt worden, erkannte er. »Hier Rocky Road, Kanadier. Ich sehe keine Feinde mehr.« »Das ist richtig. Sie sind alle tot. Das Fünfte exi- stiert nicht mehr. Ich habe noch nichts von meiner Dritten Staffel gehört, aber ich weiß, daß sie den Feind irgendwo über Dione gestellt hat. Ihr Leute habt jetzt eine Atempause von mindestens einer hal-, ben Rev, bevor irgendwelche Überlebenden hier ein- treffen können.« »Roger, Kanadier. Wir graben uns ein.« Conal flog sehr langsam, nur wenig über Sinkflug- geschwindigkeit, während die Computer die Erste und Zweite Staffel wieder formierten. Conal sah sich um und erkannte eine Lücke in der Zweiten und auch in seiner eigenen, der Ersten. Er blickte auf seinen Schirm und sah dort ein stationäres Notrufsignal auf dem Boden, kurz vor dem Hestia. Er schickte einen seiner Piloten hinüber, um nachzusehen, ob es ein Überlebender war. Zwei Maschinen verloren. Ein Pilot verloren, mög- licherweise zwei. Zwei weitere Flugzeuge mit kleine- ren Schäden. Conal bemerkte, daß er naßgeschwitzt war. Er überließ die Maschine ganz der Automatik, lehnte sich zurück und zitterte ein paar Minuten lang. Dann wischte er sich den Schweiß aus dem Gesicht. »Großer Kanadier, Großer Kanadier, hier ist Staffel drei.« Conal erkannte die Stimme. Sie gehörte Gratiana Gomez, der jüngsten und am wenigsten erfahrenen Pilotin der Dritten Staffel. »Ich empfange dich, Gomez.« »Kanadier, die Dritte Staffel stellte den Feind zehn Kilometer südlich der Pfefferminzbucht. Zehn Ma- schinen waren gemeldet worden, und zehn wurden vernichtet. Eine kam bis Bellinzona durch, wo ich sie eben zerstört habe. Sie warf drei, vielleicht vier Bom- ben auf die Stadt.« Ihre Stimme hatte etwas an sich, was Conal beun- ruhigte., »Gomez, wo ist dein Staffelführer?« »Conal ... ich bin der Staffelführer. Tatsächlich ... bin ich die Dritte Staffel.« Ihr versagte die Stimme; er hörte nur noch ein totes Mikro. »Gratiana, flieg zurück nach Iapetus Nord und parke dort!« Eine lange Pause folgte. Als sie wieder redete, hatte sie die Stimme wieder unter Kontrolle. »Das kann ich nicht, Kanadier. Das Flugzeug ist stark beschädigt. Ich glaube, es ist vielleicht zu retten. Ich werde versuchen, es oben bei den Arbeitslagern auf dem Fußballfeld abzusetzen. Ich denke, ich kann ...« »Negativ, Gomez.« Conal wußte genau, was sie dachte. Piloten waren leicht zu haben, aber Flugzeuge waren kostbar. Die Gleichung beleidigte ihn. »Nun ... dann setze ich es dicht an den Kais in den Bach, wo das Wasser nicht zu tief ist. Sie können es herausziehen und ...« »Gomez, du steuerst das Ding zum Moros hinaus, und wenn du direkt über dem größten und flachsten Stück Land bist, das du finden kannst, springst du ab.« »Kanadier, ich finde, daß ich ...« »Steig aus, Gomez! Das ist ein Befehl!« »Roger, Conal.« Später, als die Lage geklärt wurde, erfuhr Conal, daß Gomez sicher auf den Boden gelangt war. Sie starb eine Stunde später an Blutverlust aus den Schrapnellwunden, von denen sie ihm nichts gesagt hatte. Nova erkannte, daß sich die Lage allmählich beruhigt hatte. Sie hob den Kopf ein kleines Stück an. Sie be-, merkte Feuer in der Nacht. In nicht allzugroßer Ent- fernung hörte sie Leute stöhnen. Manche schrien. Sie stemmte sich vorsichtig auf die Ellbogen, schob den Helm zurück und stellte fest, daß sie einem ihrer Grabengefährten mitten ins Gesicht sah. Er grinste sie dümmlich an. Sie hörte sich kichern. Große Mutter, wie furchtbar! Aber sie konnte es nicht lange unter- drücken. Der Mann lachte mit ihr, aus Freude dar- über, noch am Leben zu sein. Dann wandten sie sich zu der dritten Person im Graben um, um die Freude mit ihm zu teilen. Aber er hatte ein kleines Loch unter dem linken Arm und ein großes mitten in der Brust. Nova hielt die blutige Leiche lange fest, und sie konnte nicht weinen, obwohl sie es wollte. Obwohl sie nie ein Wort miteinander gewechselt hatten, so hatten sie doch zusammen wie verrückte Tiere geschaufelt, sich in der Dunkelheit und unter den Feuern zitternd aneinandergedrängt und ihre Wärme geteilt. Und sie hatte es nicht bemerkt, als seine Wärme in einer roten Flut aus ihm herausfloß. Cirocco und Hornpipe waren durch die Druckwelle eines Beinahe-Treffers umgeworfen worden. Obwohl unverletzt, hatten sie beschlossen, unten zu bleiben. Genug war genug. Jetzt ging Cirocco leicht humpelnd über das Schlachtfeld. In ihren Ohren klingelte es noch. Haar- spitzen und Augenbraue auf der rechten Seite waren angesengt. An der rechten Hand klebte etwas Blut. Sie registrierte alles. Sie hatten viele Tote und Ver- letzte, aber diese wurden versorgt. Sergeanten brüll- ten herum, als sei dies nur eine weitere Übung auf, dem Hinderniskurs. Überall flog Erde herum. Viele Gräben waren bereits zwei Meter tief. Cirocco ent- deckte keinen einzigen Bummelanten. Das Fünfte Ge- schwader hatte sie alle überzeugt. Die Krankenstation war ein großes Zelt, das so weit von den Gräben entfernt aufgebaut war, wie Cirocco es gewagt hatte. Sie hatte lange darüber debattiert, ob es mit einem großen weißen Kreuz markiert werden sollte, sich aber letztlich dagegen entschieden. Gäa hatte sich selbst in die Rolle des Schurken begeben. Es konnte gut sein, daß sie ihre Flugbomben angewiesen hatte, sich weiße Kreuze auszusuchen. Cirocco betrat die Funkzentrale und ergriff ein Handmikro. »Großer Kanadier, bist du noch da oben?« »Ich fliege nirgendwohin. Captain, hast du Robin gesehen?« »Ich habe keine Informationen über sie, Kanadier.« »... Okay. Tut mir leid, ich hätte nicht fragen sol- len.« Cirocco sah sich um und stellte fest, daß niemand sie beobachtete. »Conal, ich informiere dich, sobald ich etwas weiß.« »In Ordnung. Was soll ich jetzt machen?« Sie besprachen es und benutzten dazu Kodewörter, die Gäa und ihre Truppen nicht verstehen konnten, sollten sie zufällig mithören. Conal war der einzige außer Cirocco, der ihren Plan für die Gäanische Luftwaffe kannte. »Ich finde«, meinte Conal, »wenn du es tun willst, solltest du es so schnell wie möglich tun.« »Ich stimme dir zu. Gib uns ... noch zwei Revs, da-, mit wir uns hier so sicher eingraben, wie es nur ir- gend geht. Ihr fliegt zurück nach Iapetus, ergänzt euere Bewaffnung und tankt wieder auf. Ich bespre- che es mit den Generalen.« Robin hatte den größten Teil der Schlacht halb unter einem toten Titaniden vergraben zugebracht. Sie und vier weitere Leute hatten einen Schützen- graben ausgehoben. Dann fielen die Bomben ... und der Titanide fiel direkt am Rand des Grabens. Seine Leiche rutschte langsam herein, bedeckte Robin aller- dings nicht ganz. Sie dachte, daß er ihr wahrschein- lich so das Leben gerettet hatte. Als alles vorüber war und sie sich wieder freikämpfen konnte, sah sie, wie- viel Trümmer der gewaltige tote Fleischhaufen ab- sorbiert hatte. Eine andere Frau aus dem Schützen- graben hatte ein Metallstück im Bein, aber die übri- gen waren unverletzt. Robin gelang es, Cirocco zu finden, die Zeit für ei- ne kurze Umarmung hatte, bevor sie zum Zelt der Generale weitereilte. Robin und Nova waren hier draußen Kuriositäten, und Robin war sich dessen schmerzlich bewußt. Sie gehörten nicht wie alle anderen zur Armee. Ihnen waren keine Pflichten zugeteilt worden. Nova ge- hörte nicht einmal mehr zur Stadtregierung. In einem normalen Krieg, der ganz nach Strategie und Taktik von Soldatenmassen und Flugzeugen geführt wurde, wäre Robin niemals mitgenommen worden. Aber ih- re Anwesenheit hier war notwendig. Das Problem war nur, sie konnte niemandem sagen warum. Sie verstand es nicht einmal selbst gänzlich. Sie wanderte durch das Blutbad und suchte nach, ihrer Tochter. Auch andere Leute wanderten so ziel- los herum, aber sie zeigten Blicke wie bei einer Kriegsneurose. Robin war erschüttert, hatte aber noch die Kontrolle über sich. Vor zwanzig Jahren hatte sie sich mit ihrer Angst abgefunden, als sie es sich zum ersten Mal gestattet hatte, sie zu empfinden. Sie hatte sich während des Angriffs sehr gefürchtet, war ent- setzt und bekümmert gewesen über all die Verluste, aber jetzt, wo es vorbei war, empfand sie nur noch Abscheu vor der Widerwärtigkeit dieses Angriffs ... und Sorge um ihre Tochter. Sie entdeckte sie dabei, einen Graben auszuheben. Sie mußte dreimal rufen, bevor Nova aufblickte. Die Unterlippe des Mädchens bebte; sie stieg aus dem Loch heraus und fiel Robin in die Arme. Robin spürte nur Tränen des Glücks. Und sie kam sich ein wenig töricht vor, wie immer, wenn sie die Arme um eine Tochter legte, die gut einen Kopf grö- ßer war als sie. Nova weinte hemmungslos. »Oh, Mutter«, sagte sie, »ich möchte nach Hause!«

ACHT

Cirocco breitete ihre Zifferblattkarte auf dem wacke- ligen Tisch aus. Ein Hauptmann hielt eine Lampe darüber, während sie zwei weitere X-e einzeichnete. »Die Chronos- und Metis-Geschwader der Gäani- schen Luftwaffe sind ausgelöscht. Das bedeutet, daß diese ganze Radhälfte mit uns genau in der Mitte kei- ne feindliche Luftmacht mehr beherbergt. Die nächste Drohung für uns liegt diese ganze Strecke weit ent-, fernt in Hyperion. Bellinzona wird noch vom Thea- Geschwader bedroht. Wenn sie jetzt Gäa wären, was würden Sie unternehmen?« General zwei studierte die Anordnung und mel- dete sich zu Wort. »Sie muß inzwischen wissen, daß eine von unseren Gruppen stärker ist als eine von ihren.« »Aber ich glaube nicht, daß sie unsere Gesamtstär- ke kennt«, sagte Cirocco. »Gut. Das könnte sie veranlassen zu warten. Ein Angriff auf Bellinzona von Thea aus ist möglich. Aber Sie sagen, ihr Hauptziel sei die Armee.« »Ist es auch.« »Dann ... dann haben wir noch eine gute Vorwarn- zeit, wenn das Hyperion-Geschwader startet. Sie sagten, unsere Spione in Hyperion seien ausgezeich- net.« »Das sind sie.« »Wenn ich sie wäre«, sagte General acht, »würde ich jetzt meine Flugzeuge massieren, zum Beispiel die Hyperion-Gruppe in die leere Basis von Mnemosyne verlagern, falls diese noch nutzbar ist.« »Das ist sie nicht.« »In Ordnung. Und das Hyperion-Geschwader kann es nicht bis Chronos schaffen, ohne von unserer Luftwaffe angegriffen zu werden. Also würde ich es anweisen zu bleiben, wo es ist. Ich würde das Thea- Geschwader in die Basis von Metis verlagern. Iapetus steht nicht zur Debatte, aus demselben Grund wie Chronos. Wie viele Flugbomben können eine Basis benutzen?« »Das weiß ich nicht.« »Hm. Nun, wenn mehr als ein Geschwader in einer, Basis landen kann, würde ich die entfernteren näher heranführen. Phöbe, Crios und Tethys nach Metis und Hyperion. Die Reichweite kennen wir auch nicht, oder?« »Nein. Ich vermute, wir befinden uns an der äußer- sten Grenze der Reichweite der Hyperion-Gruppe. Aber wir werden ihr näherkommen. Ich dachte, Gäa könne sie vielleicht jetzt auf uns loslassen, während wir uns noch erholen, und ihren Platz durch Rhea be- setzen. Aber ich denke, daß sie in diesem Moment ... gar nichts tun wird. Bislang hatte ich recht.« Sie deu- tete wieder auf die Karte. »Wir müssen die Armee verteidigen, die Stadt ... und unsere Basis in Mnemo- syne. Unsere Basis in Iapetus ist entbehrlich – ich ha- be sogar befohlen, sie zu sprengen, falls man versu- chen sollte sie einzunehmen.« »Warum sollten sie das versuchen?« »Weil sie mit Sicherheit Hunger bekommen. Ich schlage einen Überraschungsangriff vor. Falls er ge- lingt, könnte er uns die völlige Luftüberlegenheit ein- bringen.« Sie beobachtete die Auswirkungen dieses magi- schen Satzes. In den großen Kämpfen zweier Jahr- hunderte waren diese Worte der Schlüssel zum Sieg gewesen. Natürlich wollten die Generale wissen, wie Cirocco sich das vorstellte. Sie sagte es ihnen.,

NEUN

»Beginnt Unternehmen Heißfuß! Beginnt Unterneh- men Heißfuß!« Auf den Zentralkabeln der Länder von Hyperion bis Mnemosyne sitzend, schnatterten die um die klei- nen Funkgeräte versammelten Dione Supras aufge- regt los. Der Traum-Dämon hatte gesagt, daß die Funkge- räte sprechen würden, und wirklich, sie taten es ständig. Die Supras waren ganz verzückt gewesen über den makellosen Quatsch, den die raffinierten Geräte hervorstießen. Indem sie so exotische Knaller erwähnten wie ›Kanadier‹, Lyrik wie ›Rocky Road‹, indem sie von ›metallenen Staffeln‹ sprachen, von ›Luftmördern‹ und einem Burschen namens ›Roger‹, waren die Funkgeräte für die Supras eine Quelle des Vergnügens geworden. Sie spielten Reimspiele. »Großer Kanadier, bist du in Position?« »Intromission.« »Inquisition.« »Schwein und Puck.« »Jau und Schluck.« Es machte riesig Spaß. Der Traum-Dämon und ihre substanzlose Gefähr- tin hatten erklärt, was ein Heißfuß war. Es gefiel den Supras. Nicht die Mission – auf die sie bereits festge- legt waren –, sondern der Kodename und der Streich. Supras hatten einen eher groben Sinn für Humor. »Heißfuß, Schweißfuß!« Seit Kilorevs waren sie schon dabei, alles zu arran- gieren. Es war unangenehm. Der Gestank von Kero-, sin schmeckte ihnen nicht. Aber sie taten es für den Dämon. Und jetzt war das Kodewort aus dem Funkgerät gekommen. Der Plan mußte unverzüglich ausgeführt werden, damit das Unternehmen gleichzeitig in ganz Gäa ablief. Jeder andere Ablauf wäre gefährlich für die Supras, worauf Gaby sehr bestimmt hingewiesen hatte. »Oh, soviel Dynamit wird es gegeben haben«, meinte einer. »Chrysanthemensträuße«, keuchte ein anderer et- was voreilig. »Blumenschauer!« »Mit Opfern ist zu rechnen«, meinte ein anderer, wobei er den niederträchtigen Angriff auf das Nest in Tethys meinte. »Das Schwert schneidet mit beiden Seiten.« »Das ist pyrotechnischer Jargon.« »Ist ein Film in der Kamera?« Sie warfen sich vom Kabel weg in die Luft und tauchten hinab zu dem Vipernnest, das unter ihnen hing. Der Luftmörder war sich der Engel nur am Rande bewußt, bis sie näher als fünfzig Meter heran waren. Sie waren in seiner Umgebung schon so gewohnt, daß seine Wahrnehmung sie normalerweise einfach aussortierte, wie intelligentes Radar, das die Bilder von Vögeln aussonderte. Dann waren sie schon mitten in der Staffel, schwatzten und schnatterten, kamen sogar nahe ge- nug heran, um die ihm untergebenen Aeromorphen zu berühren. Er sah, wie ein Engel etwas seitlich an, eine Flugbombe heftete. Er hörte, wie etwas durch das Auspuffrohr einer anderen hinabratterte. Mit einem Schrei warf sich der Luftmörder in die Luft, stürzte, bis er Zündgeschwindigkeit erreicht hatte, und warf dann alle vier Motoren an. Seine Staf- fel folgte ihm ... Eine Flugbombe explodierte. Die Haftmine an ihrer Seite riß ein großes Loch in den Verbrennungsraum. Die Flugbombe torkelte aus ihrem Kurs und stürzte dann in endlosen Spiralen ab, wobei sie Flammen und Rauch hinter sich herzog. Eine weitere kam auch nicht mehr von der Basis weg. Als der Motor ansprang, wurde sie von der im Nachbrenner liegenden Dynamitbombe zerrissen. Nur noch Stücke flatterten zum Boden hinunter. Der Luftmörder ging in eine steile Schräglage und stieg höher. Er empfand keinen Haß, nur einen über- wältigenden Drang, jeden Engel in Gäa abzuschießen. Er arbeitete an der Aufgabenstellung. Er schoß ein paar Haken ab und erzielte einen Treffer an einem fliegenden Engel. Dann feuerte er eine Rakete in ihr Nest. Nach dem Aussehen der Explosion zu urteilen, war es bereits leer. Und die Engel waren praktisch nicht zu treffen. Er beobachtete, wie seine Untergebenen durch die Luft kurvten und versuchten, sie zu erwischen. Bald wa- ren keine Engel mehr zu sehen. Sie waren zum Kabel geflogen und versteckten sich dort in den winzigen Nischen. Es war sinnlos, dort auf sie zu schießen, und es konnte auch gefährlich werden für ... Der Luftmörder war so konzentriert gewesen, daß er erst jetzt die Flammen bemerkte, die aus der Basis schossen. Große Tropfen Treibstoff flossen aus den, Verbindungen, von denen er gerade erst abgelegt hatte. Der Treibstoff floß seitlich am Kabel herab. Der Luftmörder wußte, daß der Brand andauern würde, bis die Quelle versiegt war, woraus immer sie be- stand. Sein Gehirn brachte diese Information unter, und er entwarf jetzt seine Taktik von ihr ausgehend. Er besaß keine Möglichkeiten, Feuer zu löschen. Er hatte auch keine Informationen, daß irgendeine andere Kreatur in Gäa dafür ausgestattet war, einen solch unzugänglichen Brand zu bekämpfen. Daher war die Basis verloren. Also mußte er die obere Basis vertei- digen. Er stieg höher ... Und konnte bald sehen, daß auch sie brannte. Klick. Wieder eine Information abgespeichert. Er rief seine Gruppe auf, sich um ihn zu formieren. In Thea gab es auch eine Basis. Er würde seine Grup- pe vorläufig dorthin führen. Er funkte eine knappe Beschreibung des Gefechts an Gäa und wartete auf ihre Befehle, zuversichtlich, daß ein Flug nach Thea die einzig logische Möglichkeit war. Er machte sich keine Sorgen. In den sechs verbliebenen Regionen Gäas, die noch Luftkampftruppen beherbergten, stürzten sich Luft- mörder und Flugbomben aus brennenden Stütz- punkten. Die Tethys-Gruppe kam mit den geringsten Verlusten davon: nur zwei Flugbomben. Crios verlor drei Flugbomben und den Luftmörder, und die Überlebenden umkreisten ziellos das brennende Ka- bel und konnten sich nicht darüber klarwerden, wo- hin sie sich wenden sollten. Hyperion wurde am schwersten getroffen, wo sechs von neun Flugbom-, ben beim ersten Angriff zerstört oder unbrauchbar gemacht wurden. Die Dione-Supras erlitten Verluste, was sie schon vorher gewußt hatten. In einigen Dekarevs würden sie sich versammeln, um sie zu betrauern, nachdem genug Zeit vergangen war, um ihr Andenken in Eh- ren zu halten. Bis dahin verbannten sie den Gedanken an die ei- genen Verluste. Es war ganz gewiß ein köstlicher Streich gewesen. »Großer Kanadier, sämtliche Stützpunkte brennen. Wiederhole, sämtliche! Alle Überlebenden sind in der Luft. Im jetzigen Moment herrscht große Verwir- rung.« Conal schluckte schwer. Er wußte, daß der Gegner bald Bescheid wissen würde. Einige Überlebende würden herkommen, vielleicht viele. Er hörte Ciroccos Schadensberichten zu, zählte sie geistig zusammen und verglich sie mit den eigenen Kräften. Wenn er die unbekannten Variablen berück- sichtigte – maximale Reichweite und mögliche Auf- tankstationen, von denen die Supras nichts wußten –, kam doch ein ganz gutes Ergebnis heraus. Die Gruppen von Rhea und Hyperion würden nach Chronos kommen und zur Armee. Das war ihr einzig mögliches Ziel. Seine Flieger erwarteten sie in Mnemosyne. Möglicherweise konnte dort ein Hinter- halt gelegt werden, obwohl er sich nicht darauf ver- ließ. Crios hatte beide Möglichkeiten – obwohl nichts dabei herauskommen würde, wenn die Einschätzung der maximalen Reichweite richtig war., Die theanische Gruppe konnte wahrscheinlich Chronos erreichen. Vielleicht auch Tethys. Phöbe nicht, aber diese Gruppe würde es mit Bellinzona versuchen. Conals großer taktischer Vorteil bestand darin, daß er den Gegner in Wellen empfangen konnte. Er hielt es für höchst unwahrscheinlich, daß die näheren an Ort und Stelle kreisten und Treibstoff verschwende- ten, bis die Nachzügler aufschlossen. Er glaubte nicht, daß Luftmörder in solchen Bahnen dachten. Sie schienen sich auf jeweils ein Ziel zu fixieren und dann sogar selbstmörderische Maßnahmen zu ergrei- fen, um es zu erreichen und zu vernichten. Conal formierte seine Staffeln entsprechend. Die Befehle trafen ein. Der Luftmörder hatte recht ge- habt ... bis zu einem gewissen Punkt. Er hatte damit gerechnet, daß ihm die Stadt als Ziel zugewiesen würde. Aber die über den theanischen Luftmörder als Zwischenstation übermittelten Befehle waren kurz und eindeutig. Er sollte mit seiner Gruppe nach Chronos fliegen und die Armee angreifen. Er sollte kämpfen, bis nicht ein feindliches Flugzeug mehr am Himmel war, bis keine Bombe mehr übrig war, die man auf die Armee werfen konnte. Erst dann sollte er sich um sein weiteres Überleben Gedanken machen. Das überraschte ihn nicht, zumindest nicht der letzte Teil. Es brauchte kaum gesagt zu werden, da es ohnehin zu den geltenden Befehlen gehörte. Was sein taktischer Computer jedoch nicht richtig einordnen konnte, war das, was ungesagt blieb. Er war nicht an- gewiesen worden, in der Thea-Basis aufzutanken. Er war so dicht daran, einem Befehl nicht zu gehor-, chen, wie ein Luftmörder nur kommen konnte. Er entschied, daß er beim Anflug auf die Thea-Basis um die Erlaubnis ersuchen würde, dort aufzutanken. Das konnte unmöglich als Ungehorsam verstanden wer- den. Diese Entscheidung wurde allen Regeln gerecht. Dann erreichte er das Zentralkabel von Thea und sah, daß die Basis brannte. Das erklärte alles. Auch diesmal machte er sich wieder keine Sorgen. Er flog in Richtung Chronos weiter. Conals Fünfte und Sechste Staffeln blieben im Radar- schatten des Mnemosyne-Kabels. Als das Zweite Hy- perion vorbeigerast kam, ganz auf Chronos und die vierhundert Kilometer entfernte Armee konzentriert, stürzten sich die kleineren Flugzeuge auf sie wie Fal- ken, die aus großer Höhe herabstießen, und rissen sie in Stücke. Der Hyperion-Luftmörder schaffte es noch, bevor er starb, die Rhea-Gruppe vor der Falle in Mnemosy- ne zu warnen. Sie würde in etwa zwanzig Minuten eintreffen. Die Zweite und Vierte Staffel der Bellinzonani- schen Luftwaffe probierten in Dione einen ähnlichen Trick, mußten aber warten, um sicherzugehen, daß der Feind nicht die Stadt zum Ziel hatte. Das Thea- Geschwader war vorgewarnt und gab eine gute Vor- stellung. Conal, der wieder in der Iapetus-Basis war und bereit, die Erste Staffel als Verstärkung heranzu- führen, hörte zu, während drei seiner Piloten starben und ein vierter zum Absprung gezwungen wurde. Einer seiner Staffelführer gehörte zu den Toten, also kombinierte er die sechs übriggebliebenen Maschinen der Zweiten und Vierten zu einer Staffel und beor-, derte sie zum Auftanken zurück nach Iapetus. Dann startete er an der Spitze der Ersten Staffel nach Dione – fünf von seinen elf noch übrigen Flug- zeugen im Osten. Tethys würde einen Versuch mit Bellinzona wagen, das schien sicher. Es wäre Wahnsinn, bis Chronos vorzustoßen. Die aus Rhea kommende Erste Staffel hatte nicht mehr sehr viel Treibstoff, als sie zu Conals Sechster und Siebenter stieß – wobei die Siebte nur aus zwei Maschinen bestand, die beauftragt waren, die Mne- mosyne-Basis zu bewachen, während die Hyperion- Gruppe angegriffen wurde. Die Fünfte war beim Auftanken und würde nicht zur Hilfe kommen. Noch bestand die Möglichkeit einer letzten Welle aus Crios, und die Basis mußte verteidigt werden. Thea feuerte schon aus großer Entfernung mit Ra- keten. Schwärme von Haken kamen aus dem Westen herangefegt, bevor die Gruppe auch nur in Sicht war. Das erwies sich als gute Taktik. Drei Bellinzona- Flugzeuge wurden abgeschossen. Zwei Piloten ge- lang es, über der Wüste abzuspringen. Dann begann der Luftkampf, und in zehn Minuten war der Him- mel frei von Flugbomben. Die Mnemosyne-Abordnung wußte es noch nicht, aber für sie war der Krieg vorüber. In Crios umkreisten die überlebenden Flugbomben immer noch die Überreste ihres Luftmörders, die brennend auf dem Boden lagen. Hin und wieder schickte eine ein Rotauge in die Trümmer, als hoffte sie, sie wieder zum Leben zu erwecken., Mit jämmerlich klagenden Lauten blieben die Flugbomben über ihrem gefallenen Führer, bis ihnen einer nach der anderen das Benzin ausging und sie abstürzten. Der Phöbe-Luftmörder und seine Flugbomben flogen nach Metis hinein. Er stellte fest, daß dort, wie auch in Tethys und Thea, die Basis am Zentralkabel brannte. Der Luftmörder hatte ein taktisches Problem. Er war beauftragt, die Bellinzona-Armee in Chronos an- zugreifen, zweitausend Kilometer entfernt. Seine Reichweite betrug achtzehnhundert Kilometer. Jetzt sah er, daß er es hätte schaffen können, wäre er die Phöbe-Speiche hinaufgeflogen, durch die Nabe und dann nach Chronos hinunter. Das wäre auch eine hübsche Überraschung gewesen. Er hatte darauf gezählt, in Metis aufzutanken. Niemand hatte ihm gesagt, daß es keine Tankstops unterwegs gab, und die geltenden Befehle hatten ge- lautet, dem Torus folgend für alle Gefechte bereit zu sein, sofern keine besonderen Instruktionen eintrafen. Er hatte Gerüchte von Lärmdämmungsmaßnahmen in der Nähe gehört. Gäa befand sich dort oben – oder ein Teil von ihr –, und vielleicht machten ihr Luft- mörder Kopfschmerzen. Der Wortschatz des Luftmörders enthielt jedoch kein Wort wie ›hoffnungslos‹. Er flog durch Metis nach Dione weiter – und erblickte dort die brennen- den Leichen derer, die vor ihm hiergewesen waren. Er war trotzdem äußerst zuversichtlich, daß er seine Mission erfüllen würde. Seine Flugbomben, die jede nur einen Motor hatten, besaßen eine Reichweite von, zweitausendeinhundert Kilometern. Sie würden noch lebend die Schlacht erreichen. Über Iapetus ging dem Luftmörder der Treibstoff aus – und er steckte in einer Klemme. Flugbomben waren nicht sehr helle. Er hatte nur ein kleines Repertoire von Befehlen, die er ihnen ge- ben konnte: »Folgt mir«, »Angriff«, »In Formation für Bombardierungsanflug«, »Ergreift Abwehrmaßnah- men«, »Stellt den Feind« ... und ähnliche Dinge. Er ging die Liste durch. Er fand keinen Befehl wie »Macht ohne mich weiter«. Das war ein interessantes Problem. Er dachte die ganze Zeit darüber nach, während er wie ein großer Gleiter zum Boden hinabsegelte, umgeben von dem tiefen Donnern seiner hinter ihm gestaffelten Truppe. Etwa zwei Meter über dem Boden kamen ihm zum ersten Mal in seinem Leben Zweifel. Vielleicht wird es diesmal nicht gelingen, dachte er. Dann prallte er auf und begann sich zu überschlagen. Hinter ihm krachten die Flugbomben auf den Bo- den, eine nach der anderen. Von oben sah Conals Zweite Staffel ungläubig zu. Nur etwa zwanzig Minuten vor dem Tod des Phöbe- Elften hatte Conal entgeistert beobachtet, wie das Tethys-Zehnte Bellinzona links liegen ließ und nach Westen weiterschoß. Er und die anderen Flieger der Ersten hatten sich nahe dem Dione-Zentralkabel versteckt, eine perfekte Position, um das Zehnte in einem Hinterhalt zu über- raschen und zu vernichten. Jetzt befand sich der Feind in einer guten Position ihm gegenüber – und seine übrigen Staffeln befanden sich zum Auftanken in der Basis und hatten sogar noch schlechtere Chan-, cen, sich dem Feind gegenüber einen Vorteil zu ver- schaffen. Conal erteilte der Staffel seine Befehle, und sie gingen rasch auf Überschallgeschwindigkeit. Da- mit blieb ihnen nicht mehr viel Treibstoff für Luft- kämpfe, sobald sie aufgeholt hatten. Dann schaltete er mit bebender Hand den Kode von Ciroccos Armee ein. »Rocky Road, hier Großer Kanadier.« »Mach schon, Kanadier!« »Rocky ... Cirocco, das Zehnte hat Dione überflo- gen. Ich fürchte, ihr werdet sie in wenigen Minuten sehen.« »Wir sind für sie so bereit, wie wir je sein werden.« »Captain ... es tut mir leid. Ich habe sie falsch ein- geschätzt. Ich dachte, sie würden ...« »Conal, verprügel dich nicht selbst! Wir dachten, wir bekämen es mindestens mit drei Gruppen zu tun, und bislang haben wir nicht einmal einen Kondens- streifen gesehen.« »Ja, aber da bleibt immer noch Crios, wovon ich noch nichts gehört habe, und Phöbe, die zwanzig Mi- nuten hinter mir ausgemacht wurden.« »Crios wurde abgeschossen, Conal. Und was Phöbe angeht ... ein kleiner Vogel hat mir mitgeteilt, daß sie Probleme bekommen werden, die nichts mit dir zu tun haben. Sag deinen Leuten, sie sollen sich zurück- halten, Phöbe nicht stellen und dann berichten, was passiert!« »Na ja, wenn du sicher bist ...« »Ich bin sicher. Und jetzt tu bezüglich Tethys, was du kannst, und ich will den Leuten hier sagen, daß sie die Köpfe unten behalten sollen.« »Roger, Rocky Road.«,

ZEHN

Der Luftmörder bemerkte, daß sich ihm Feinde von hinten näherten. Sie waren aus dem Nichts gekom- men und würden ihn erreichen, bevor er und sein Geschwader den Feind in Chronos angreifen konn- ten. Er hatte den überwältigenden Drang verspürt, sich nach Norden zu wenden, zu dem saftigen, hilflosen Ziel Bellinzona. Die Stadt war ihm beinahe wie ein Magnet vorgekommen. Er wollte nach Norden ab- drehen ... Und dann waren die winzigen, verachtenswerten Flugzeuge aufgetaucht, und er erkannte, daß sie schon die ganze Zeit auf der Lauer gelegen hatten. Gäa war groß. Gäa war gut. Gäa war weise und hatte sicherlich gewußt, daß er in eine Falle geflogen wäre, hätte er sich nach Norden gewandt. Äußerst zuversichtlich näherte sich der Luftmörder weiter Chronos. Als die feindliche Flotte in Raketenreichweite kam, schickte er vier seiner sieben Flugbomben zurück, um sie zum Kampf zu stellen. Sie scherten rasch aus. Der Luftmörder flog weiter und beobachtete mit seinen hinteren Radarsinnen, wie die Flugbomben nachein- ander starben. Er empfand dabei ebenso viele Ge- fühle wie ein Gewehrschütze, der vier Kugeln das Ziel verfehlen sah. Es war ärgerlich, daß er danebenge- schossen hatte, aber auf die Kugeln verschwendete er keinen Gedanken. Dann sah er, daß eines der fünf Feindflugzeuge ab- stürzte. Und noch besser war, daß jetzt drei von den, anderen weit hinter ihm waren, nachdem sie Zeit und Treibstoff auf den Abschuß der vier Flugbomben ver- geudet hatten. Nur eine Maschine kam weiterhin nä- her und konnte sein reduziertes Geschwader einho- len, bevor er und seine Flugbomben den Tod über der Armee ausstreuen würden. Er zögerte nur kurz und schickte dann eine weitere Flugbombe aus, um diesen Feind zu verlangsamen. Er bildete sich nicht ein, daß sie den Feind abschießen würde. Die Flugbombe flog den Angreifer frontal an ... und verfehlte ihn. Sie ging in eine Kurve, würde aber jetzt von den drei übrigen Verfolgern aufs Korn genom- men werden. Und der erste näherte sich weiter. Klick. So sei es. Er war jetzt beinahe in Chronos. Die Maschine hinter ihm würde einen, vielleicht zwei der drei restlichen Flieger seines Geschwaders erwi- schen. Drei bekam er sicher nicht. Sogar wenn der Luftmörder selbst abgeschossen wurde, hatten die Flugbomben ihre Befehle. Sie würden angreifen, bis ihnen der Treibstoff ausging, und sich dann wie Ka- mikaze auf das größte sich bietende Ziel stürzen. Ganz wie in einer Flugshow, sagte sich Conal, als die Flugbombe auf seiner Frontscheibe größer wurde und direkt auf ihn zukam. Die Maschinen steuerten genau aufeinander zu, und man dachte schon, es gäbe über- haupt keine Möglichkeit mehr, daß sie nicht zusam- menstießen, aber in der letzten Minute zuckte eine dann in eine Richtung und die andere in die andere und sie flogen mit ein paar Zentimetern Abstand an- einander vorbei. Es war nur so, daß in einer Flugshow die Maschi-, nen nicht aufeinander schossen. Lichtstreifen kamen von den sich nähernden Flugbomben und zischten auf allen Seiten vorbei. Conal spürte, wie zwei seine Tragflächen durchschlugen, aber er blickte nicht zur Seite. Bei den Geschwindigkeiten, die sie draufhatten, dauerte es nicht mehr als zwei Sekunden, bis er nach Sichtung der Flugbombe sein Manöver machte. Es kam ihm wie eine Stunde vor. Die Flugbombe wurde immer größer, und er wartete und wartete und wich dann so abrupt aus, daß ihm schwarz vor Augen wurde. Es dauerte nur einen Augenblick. Als er den Kopf hob, befand er sich noch in der Luft und fast hinter den verbliebenen drei, obwohl sie noch weit entfernt waren. Weit hinter ihm zog der Angreifer kreischend in eine Kurve, aber er konnte ihn vergessen. Er konnte ihn nie erwischen. Es kam ihm beinahe schon zu leicht vor. Er schoß eine Flugbombe ab, die nicht einmal versuchte aus- zuweichen. Er schoß sich auf den Luftmörder ein, aber der zog hoch und entfernte sich wieder. Damit sah er sich der letzten Flugbombe gegenüber, die ebenfalls keinen Fluchtversuch machte. Conal war es fast zuwider, sich die Zeit zu nehmen, aber er gab dem Computer ihre Fährte, worauf der Computer ei- ne Rakete instruierte, die kreischend davonflog und sich im Triebwerk der Flugbombe vergrub. Conal blickte nach oben und sah den Luftmörder. Er drehte und schoß noch eine Rakete ab – flog dann eine noch engere Kurve, als er den Haken näher- kommen sah. Er war noch in der Kurve, als der Ha- ken hochging und einen Meter von der Spitze seiner, linken Tragfläche riß. Die kleine Drachenflug hustete, und Conal wurde nach vorn gegen die Gurte gezogen. Er verlor schnell dreihundert Meter Höhe, als die durchsichtigen Trag- flächen sich ächzend spannten, um eine neue Form zu finden, die den Schaden kompensierte. Endlich – vier, vielleicht fünf Sekunden später – wußte Conal, daß er immer noch flugfähig war, wenn auch nicht mehr so schnell wie vorher. Er erspähte den Luftmörder. Eines von dessen vier Triebwerken fehlte, und von dieser Stelle aus zog er einen schwarzen Rauchstreifen hinter sich her. Es sah aus, als machte sich der Luftmörder keine Gedanken darüber. Er war im Sinkflug begriffen, und Conal wußte, daß er es mit Absicht tat, denn nicht mehr weit voraus waren jetzt die verstreuten Feuer der Armee zu erkennen. Conal stieg höher und heftete sich von hinten an den Luftmörder. Er peilte ihn sorgfältig mit der Visiereinrichtung an und befahl dem Computer, ihn zur Hölle zu schicken. Nichts geschah. Fluchend schaltete er auf Handbedienung um und versuchte, den Luftmörder mit der letzten Tragflä- chenkanone abzuschießen. Nichts geschah. Der Computer war noch in Betrieb, aber die Bot- schaften kamen nicht mehr bis zu den Waffen durch. Vor Wut schreiend steuerte Conal noch näher her- an. Der Luftmörder machte sich keine Sorgen. Er konnte den Zufluß zur fehlenden Maschine, nicht aufhalten, also würde das Feuer, das ihm einige Schmerzen bereitete, nicht ausgehen, aber der Schmerz sollte ihn nicht ablenken. Eine rasche Kon- trolle des Verbrauchs beruhigte ihn, denn er verlor nicht mehr Treibstoff, als wenn die Maschine noch an Ort und Stelle gewesen wäre. Er würde es schaffen! Er würde es schaffen, wenn nicht diese kleine ... Wo, zum Teufel, war sie? Er hatte sie noch vor ei- ner Sekunde auf dem Radar gehabt. Sie war tiefer ge- gangen. Er hätte es gesehen, wenn sie abgestürzt wä- re. Er durchforschte den Himmel mit dem Radar und den visuellen Sinnen und entdeckte nichts. Jetzt machte er sich doch Sorgen. Conal befand sich zehn Meter unter dem Luftmörder. Er hatte das Gefühl, er brauche nur die Hand aus- zustrecken, um dessen riesige Gestalt zu berühren. Rotaugen und Haken hingen in Schwärmen daran, und sie wanden sich vor Eifer in dem starken Wind. Er sah, wie die Achterkanten der großen Tragflä- chen herunterklappten und in die Luft bissen. Er mußte schnell die eigenen Landeklappen ausfahren, oder er wäre unter dem Monster hervorgeschossen. Abbremsen. Bereitmachen für den Überflug zum Bombardieren. Der Luftmörder hatte wahrscheinlich vor, akkurat zu sein und während des einen und ein- zigen Überfluges so viele Bomben wie möglich ab- zuwerfen. Wahrscheinlich wußte er, daß er nicht von Bodengeschützen bedroht wurde. Geschütze. Conal hatte daran gedacht, ihn zu rammen. Wäre der Luftmörder nicht langsamer geworden, hätte er keine andere Möglichkeit gehabt., Er blickte zum Bauch hinauf, der auf ganzer Länge von schließmuskel-ähnlichen Falten bedeckt war. Co- nal hatte sich schon gefragt, woher die Bomben ka- men. Hätte es mir denken können, dachte er. Das ent- sprach ganz sicher Gäas Sinn für Humor. Er sprengte das Kabinendach ab. Der Wind traf ihn wie eine Faust, aber da er und der Luftmörder immer noch weiter abbremsten, wurde es mit der Zeit etwas besser. Er steckte die Hand in die kugelsichere Weste und zog die Leuchtpistole. Der Wind packte den er- sten Schuß und zog ihn haarscharf links am Rumpf des Luftmörders vorbei. Conal hatte noch zwei weite- re. Setzte die Kreatur zu einer Kurve an? Egal. Er zielte wieder und berechnete diesmal eine starke Ab- lenkung mit ein. Er sah, wie die Leuchtkugel sich in dem versenkte, was sich überraschend als weiches Fleisch nur wenige Zentimeter von einem der Schließmuskel entfernt herausstellte. Es war Magne- sium – und zu hell, um es anzusehen. Conal ließ sich abfallen und ging in eine Kurve – und der Luftmörder tat dasselbe. Conal hörte ein Kreischen, blickte auf und erwischte einen kurzen Eindruck von einem abscheulichen starren Auge, das von einem harten, plastikähnlichen Material ge- schützt wurde. Das Auge funkelte ihn haßerfüllt an. Der Luftmörder stürzte mit brennenden Innereien hilflos ab. Conal dachte an die ganzen Bomben und Kerosin- Dämpfe und Raketen und riß seine Maschine so hef- tig herum, wie er es nur wagte. Dann ging es zu wie beim chinesischen Neujahrs- fest. Feuerspeiende Drachen flogen überall herum. Seine Maschine wurde von Schockwellen und, Schrapnells geschüttelt und war für einen Moment von Flammen eingehüllt, als eine Bombe in unmittel- barer Nähe detonierte. Dann war Conal wieder in freier Luft. Die Drachenflug wechselte die Gänge. Sie schaltete immer wieder, probierte eine Form nach der anderen, wurde langsamer und kippte dann langsam nach links ab. Irgendwo in ihrem riesigen Aufgebot an möglichen Zellen mußte doch eine Form zu finden sein, die es ermöglichte weiterzufliegen. Aber das war nicht der Fall. Tut mir leid, schien das tapfere kleine Flugzeug zu sagen, als es über den Bug kippte und abstürzte wie ein Stein. Conal stemmte sich hinaus, öffnete den Fallschirm und sah, wie der Luftmörder gerade noch hundert Meter von der Armee entfernt aufprallte. Und wenn man bedachte, daß er der Bursche war, der hatte überzeugt werden müssen, daß es im Leben nie so gut ausging wie in Comic-Heften! Er blickte nach oben und sah, daß der Fallschirm ein großes Loch hatte. In seinem gegenwärtigen Ge- mütszustand machte ihm das nicht die geringsten Sorgen. Ich werde auch das überleben, sagte er sich mit breitem Grinsen. Und er überlebte es wirklich. Als er aufzustehen versuchte, heulte er auf vor Schmerz. Er hatte sich den Knöchel gebrochen. »Habe doch glatt nie die Fallschirm-Ausbildung er- halten«, erzählte er seinen Rettern.,

ELF

Es hätte anders ausgehen können. Gäa hatte keinen großen militärischen Stab, aber doch ein paar Leute, und als die ersten Berichte von den Niederlagen der Luftkampfgruppen von Chro- nos und Metis eintrafen, fand sie einer der Stabsoffi- ziere und informierte sie. Er empfahl, weitere Ein- heiten von der anderen Hälfte des Rades heranzuzie- hen und sie in Positionen aufzustellen, die für einen massierten Angriff günstiger waren. Es war die all- gemeine Ansicht, daß man die raffinierten kleinen Bellinzona-Flugzeuge so am besten schlagen konnte. Gäa saß in einer Vorführung von Krieg und Frieden, und zwar der langen Mosfilm-Version. Sie pflichtete dem Offizier bei, daß es wahrscheinlich eine gute Idee war, und forderte ihn auf, sie noch einmal anzu- sprechen, sobald sie aus der Vorführung kam und ei- ne Möglichkeit hatte, es sich zu überlegen. Als sie dann blinzelnd wieder ans Licht kam, in- formierte man sie, daß alle ihre Luftstützpunkte zer- stört waren und auch die Luftwaffe kurz davor stand, ausgelöscht zu werden. Die Neuigkeiten riefen ein pikiertes Stirnrunzeln auf ihrem riesigen Gesicht hervor. »Seht einmal nach, ob ihr nicht eine Kopie von Stra- tegie Air Command finden könnt!« wies sie ihre Berater an und ging zurück in den Vorführraum.,

ZWÖLF

Die Toten wurden gezählt und zusammengetragen. Es waren etwas über sechshundert Menschen und zweiundzwanzig Titaniden. Ihre Leichen wurden mit Holz gestapelt und in Brand gesetzt, während die ganze Division stillstand. Die Verwundeten wurden versorgt. Fünfzehnhun- dert Menschen und fünfunddreißig Titaniden waren verletzt, viele davon schwer. Wagen wurden mit den weniger ernsten Fällen beladen und fuhren dann Richtung Stadt, begleitet von einer Eskorte aus drei Kohorten. Sie hatten also eine Legion von Toten und Ver- wundeten und eine halbe Legion, die nicht nach Hy- perion weiterziehen sollte. Vergleichbare Zahlen hatten die Titaniden zu vermelden. Im Effekt war das wieder eine Dezimierung. Es hätte viel schlimmer kommen können. Alle sagten sich das immer wieder. Niemand erwähnte es, während der Scheiterhaufen brannte oder als die ge- blendeten, an Brandwunden leidenden und ver- stümmelten Überlebenden auf die Wagen verladen wurden. Nach der unbarmherzigen Logik des Krieges wußte Cirocco, daß es nicht besser ausgegangen wä- re, wenn sie jede Sekunde der Ereignisse geplant hätte. Die Luftwaffe war viel stärker betroffen als die Armee, sowohl was die Flugzeuge als auch die Pilo- ten anging – aber die Gäanische Luftwaffe existierte nicht mehr. Die Überlebenden Bellinzona-Piloten wa-, ren Helden. Die Geschichte ihres Kampfes würde noch lange in den Kneipen von Bellinzona erzählt werden. Die Armee hatte zwar Schaden genommen, war aber wahrscheinlich jetzt stärker als vorher. Sie war, um es mit diesem schrecklich passenden Wort zu be- zeichnen, »mit Blut getauft« worden. Soldaten hatten Kameraden sterben sehen. Sie gaben Gäa die Schuld und haßten sie dafür. Sie hatten die Angst kennenge- lernt. Sie waren jetzt Veteranen. Ciroccos Generale wußten es besser, als irgendei- nen dieser Punkte zu erwähnen. Sie erinnerten sich an den Ex-General, der von »akzeptablen Verlusten« gesprochen hatte. Aber sie alle wußten, daß es stimmte, und auch, daß Cirocco sich darüber im kla- ren war. Es hätte kaum besser kommen können. Cirocco war so glücklich, daß sie hätte kotzen kön- nen. Das einzige, was es gerade noch erträglich machte, war, daß sie bislang gegen Monster gekämpft hatten. So konnte sie diesen Haß, diesen Geist blutdürstiger Rachsucht akzeptieren und gutheißen, der sie so ab- gestoßen hätte, wäre er gegen eine andere Gruppe von Menschen gerichtet gewesen. Aber in Hyperion, an den Toren des Pandämoni- ums, konnte sich das alles ändern. Falls Ciroccos Plä- ne für Gäa nicht funktionierten, würden diese Leute bald gegen andere Menschen kämpfen. Einige der Leute waren freiwillig dort und waren so schlecht wie Gäa selbst. Aber die große Mehrheit im Pandämonium war so zufällig an seine Ufer ge- spült worden, wie die Bellinzonaner an die von Dio-, ne. Es war eben so gekommen, und Gäa spielte mit betrügerisch gemischten Karten. Cirocco ertappte sich dabei, wie sie schweigend zur Heiligen Gaby betete. Bitte laß mich nicht scheitern! Bitte sorge dafür, daß diese Armee – die ich erst auf- gestellt habe, als du mir versprachst, Adam könne ge- rettet werden, ohne daß Menschen gegeneinander kämpfen –, bitte sorge dafür, daß sie nie Gefallen daran findet, andere Menschen zu töten! Noch eine Sache trieb sie weiter. Wenn sie starb und die Armee kämpfen mußte, dann war es besser, einen blutigen Tod zu erleiden, als in Sklaverei zu le- ben. Die Armee zog weiter. Als die Straße im Dschungel verschwand, begaben sich die Titanidentruppen an die Spitze. Über die Titaniden war gemurrt worden. Das war nicht logisch, aber das waren solche Dinge nie. Es spielte keine Rolle, daß die am Boden festgehaltenen Menschen nichts gehabt hatten, um sich zu wehren – daß sie eigentlich überhaupt keinen Kampf geliefert hatten. Es spielte keine Rolle, daß auch die Menschen, hätten sie nur gekonnt, auch vom Schlachtfeld weg- gelaufen wären. Tatsache war einfach, daß die Tita- niden geflohen und die Menschen zurückgeblieben waren, um die Kugeln einzufangen. Der Dschungel änderte das. Sie kamen nur langsam voran. Während die Sol- daten durch einen langen dunklen Blättertunnel zo- gen, kamen sie an erschöpften, blutenden Titaniden vorbei, die am Wegrand saßen. Neben ihnen saß stets die Legion, die die Spitzenposition innegehabt hatte., Sobald das Ende der Kolonne vorbei war, schlossen sich diese Legion und die Titaniden wieder an. Das geschah ungefähr alle zwei Revs. Wenn eine Legion an die Spitze rückte, sah sie, was ablief. Die Gruppen zu fünfzig Titaniden hackten sich mit der Geschwindigkeit und Energie einer großen und gleichmäßigen Kreissäge durch den Dschungel. Es war ein eindrucksvoller Anblick. Kleine beißende und kratzende Kreaturen griffen sie an. Giftige Pflan- zen zeichneten die farbenprächtigen Häute der Tita- niden. Man brauchte nicht lange, um festzustellen, daß Menschen die Armee nur mit einem Zehntel des gegenwärtigen Tempos vorangebracht hätten, und auch das nur mit schweren Verlusten. Es war schon in der Mitte der Kolonne schlimm genug, wo ständig irgendwelche Wesen aus dem Unterholz hervorsprangen. Die Truppen wurden sehr nervös. Einige Soldaten starben einfach, ohne daß man einen Grund dafür sah – Opfer von Berührungs- giften. Wenn sie lagerten, bedrängte sie der Dschungel. Kreaturen, die eher in Drogenalpträume paßten als in die Realität, kamen durch die Dunkelheit getappt und gerieten kurz ins Licht, wie sie gegen vier oder fünf Titaniden kämpften. Zweimal mußte die Armee im Dschungel kampie- ren. Niemand schlief viel. Sie hatten noch einen Grund, in ständiger Anspan- nung zu leben. Es wurde gemunkelt, daß eine Armee sie angreifen würde, solange sie noch in Chronos wa- ren, einem Verbündeten Gäas. Niemand wußte etwas darüber, von welcher Art die möglichen Feinde sein sollten, aber nach dem, was sie gesehen hatten, rech-, neten sie mit Schrecklichem. Chronos griff jedoch aus irgendeinem Grund nicht an. Die Armee kam am an- deren Ende zum Vorschein und atmete erleichtert auf – alle außer zweiundfünfzig Titaniden und sechzehn Menschen, die nie wieder atmen würden. Am Ophion schlugen sie ein komfortables Lager auf. Es war am Rand der großen Wüste von Mnemosyne, unweit der Stelle, wo der Fluß im Untergrund ver- schwand, um erst nach zweihundert Kilometern wie- der zum Vorschein zu kommen. Cirocco erlaubte den Soldaten, sich auszuruhen, vom Dschungel zu erholen und ausreichend Kräfte für die Durchquerung der Wüste zu sammeln. Fuß- ballspiele wurden organisiert. Männliche und weibli- che Soldaten zogen sich in die Paarungszelte zurück und vergaßen eine Zeitlang die Angst. Alle verfügbaren Wasserbehälter wurden gefüllt. Sie konnten auf keine Oase hoffen, keine Quelle, kein Wasser von irgendwelcher Art, bis sie die Schneeflä- chen von Okeanos erreichten.

DREIZEHN

Der Schrecken vor dem Sandwurm war allgemein verbreitet. Viele Geschichten waren über ihn erzählt worden, obwohl außer Cirocco ihn noch nie ein Mensch gese- hen hatte. Er war zehn Kilometer lang und hatte ein Maul von zweihundert Metern Durchmesser, sagten einige. Er, dürstete nach Menschenblut, behaupteten andere. Er liebte es, unter der Sandoberfläche zu bleiben, wo er schneller war als ein Titanide, um dann an die Ober- fläche zu brechen und ganze Armeen zu verschlin- gen. Nun ja ... irgendwie. Viele der Geschichtenerzähler erinnerten sich an das Ungeheuer, das vor langer Zeit in einem Film aufgetaucht war – einem von Gäas Lieblingsfilmen. Es hatte ihr so gefallen, daß sie das Ungeheuer tat- sächlich biotechnisch entwickelt und in Mnemosyne freigesetzt hatte, in der Region, die nach der titanidi- schen Legende einmal das Juwel des Rades gewesen war. Die Wahrheit war viel phantastischer – und viel langweiliger. Auf halbem Weg durch die Wüste kamen sie an ei- ner großen Schlaufe des Wurmes vorbei. Der Wurm war dreihundert Kilometer lang und hatte einen Durchmesser von vier Kilometern. Er zog es vor, un- terhalb der Oberfläche zu bleiben, aber dort, wo das Grundgestein weniger als vier Kilometer tiefer lag, blieb ihm keine Wahl, also waren Schlaufen von ihm schon auf große Entfernung sichtbar. Er zermampfte allmählich das Gestein zu immer feinerem Sand und lebte irgendwie von den Mineralien, die er aufnahm. Was seine Geschwindigkeit anbetraf ... Dreihundert Kilometer Sand erzeugen eine Menge Reibung. Der Sandwurm bestand aus riesigen Ringsegmenten, von denen jedes etwa hundert Meter lang war. Was geschah, war, daß sich eines der sicht- baren Segmente sechs oder sieben Meter voranschob, sich dann das nächste in der Reihe wieder heran-, schob, dann das nächste und so weiter bis zum Ende. Zwei oder drei Minuten später schoben sich die Seg- mente wieder sechs oder sieben Meter weit vor. So eindrucksvoll das war und so vollkommen harmlos, die Erleichterung darüber, das zu sehen, war so groß, daß sich schnell ein Tick ausbreitete, den aufzuhalten Cirocco nichts unternahm. Die Armee machte sich daran, den Wurm mit Graffitis zu bedek- ken. Wenn jeweils eine Legion an den zwei oder drei Kilometern sichtbaren Wurmes vorbeikam, gestattete ihr der Befehlshaber eine kurze Pause. Die Soldaten drängten sich dann zusammen, um sich auf der ver- dammt größten lebendigen Wand zu verewigen, die je einer von ihnen gesehen hatte, und um über die Botschaften zu lachen, die Vorangegangene hinterlas- sen hatten. Namen und Heimatstädte waren die sen- timentalen Favoriten. »Marian Pappadapolis, Dja- karta.« »Carl Kingsley, Buenos Aires.« »Fahd Fong, GROSSER Freistaat Texas!« Man konnte die überraschend weiche Haut des Biestes mit Schwert oder Fahrtenmesser bearbeiten; es reagierte überhaupt nicht darauf. Gedichte wurden verfaßt: »Wer auf eines Sand- wurms Eier schreibt ...« Dringende Nachrichten: »Sammy, ruf zu Hause an!« Werbung: »Für vergnügliche Stunden komm zu George, Fünfte Legion, Zelt Zwölf!« Kritik: »Sonja Kolskaya erzeugt mächtig Kopf- schmerzen!« Philosophie: »Fuck the Army!« Hilfreiche Vorschläge: »Blas es zum Hintern raus!«, Und Patriotismus: »TOD FÜR GÄA!!!« Diese Nachricht wiederholte sich den ganzen Wurm entlang. Zu finden waren auch rührende Elo- gen auf tote Freunde und heimwehkranke Klagen, die Soldaten überall vorbrachten. Sogar ein Stück Ge- schichte: »Kilroy was here.« Der Sandwurm war eine günstige Gelegenheit, wußte Cirocco. Die Armee brauchte komische Ent- spannung, denn die Durchquerung von Mnemosyne war höllisch. Die Temperatur stieg bis auf sechzig Grad und sank selten unter vierzig. Die Feuchtigkeit hielt sich sehr in Grenzen, was half. Nichts sonst tat es. Auch die Nacht bot keine Erleichterung, keine kühlende Brise. Die Strategien des Umgangs mit der gäanischen Wüste unterschieden sich völlig von denen, die in der Sahara nützten. Das Sonnenlicht war hier so schwach wie verdünnter Tee. Man konnte davon nicht einmal braun werden, geschweige denn daran verbrennen. Dementsprechend waren Hüte nicht in Gebrauch und auch sonst keine schützende Kleidung. Viele zogen es vor, sich fast ganz auszuziehen, damit der Schweiß optimal verdunsten konnte. Andere trugen Kleidung, die gerade noch ein wenig Wasser einfing. Keine der beiden Strategien war sonderlich hilf- reich. Sie hatten genug Wasser dabei, um es ohne Ra- tionierung zu schaffen. Entsprechend erließ Cirocco keine Anordnungen. Das Problem bestand darin, daß man seine Füße rettete und etwas Schlaf fand. Seltsame Vorrichtungen, seit Dione mitgeführt, wurden ausgepackt und herumgereicht. Sie sahen aus wie Schneeschuhe und waren aus zähem Schilf-, rohr gewebt. Es erforderte Übung, mit ihnen zu ge- hen, aber es lohnte die Mühe. Die ganze Wärme kam von unten durch den Sand herauf, der an manchen Stellen heiß genug war, um darauf zu kochen. Die Sandschuhe verteilten das Gewicht, so daß man nicht einsank, und bewahrten die Stiefelsohlen für die mei- ste Zeit davor, in Kontakt mit dem Boden zu kom- men. Die Titaniden besaßen ihre eigenen strapazierfähi- gen Versionen. Die Jeeps jedoch hatten eine furchtba- re Zeit und tuteten fast unaufhörlich. Die Lager waren Alpträume. Die Leute schliefen aufrecht an die Wagen gelehnt. Es war möglich, zusammengefaltete Zelte, Kleider und alles andere, was greifbar war, zu Betten aufzu- häufen, die in gewissem Maße isolierten. Menschen drängten sich darauf zusammen – und erwachten keuchend und schweißgebadet aus Alpträumen, die vom Verbrennen handelten. Es war besser, auf dem Marsch zu schlafen. Die Soldaten taten es abwechselnd, kletterten auf die Wa- gen und holten sich ein paar Stunden Schlaf, bis sie von der nächsten Schicht geweckt wurden. Trotzdem schliefen noch viele im Marschieren ein, fielen zu Bo- den und sprangen schreiend wieder auf. Es kam zu Fällen von Erschöpfung und Dehydrati- on. Die Luftwaffe flog ständig heran und wieder ab und brachte die schlimmsten Fälle voraus bis an die Grenze von Okeanos. Trotzdem starben Menschen, wenn auch nicht so viele, wie Cirocco befürchtet hatte. In der Dämmerungszone zwischen Mnemosyne und Okeanos gestattete Cirocco ein kurzes Lager am Ufer, des warmen Sees, wo der Ophion nach seiner unter- gäanischen Reise wieder hervorkam. Hier konnte man auf dem Boden schlafen. Dann trieb Cirocco ihre Leute weiter bis zum Ufer des größten Meeres in Gäa, das sechzig Prozent der Oberfläche von Okeanos ein- nahm und selbst einfach Okeanos genannt wurde. Das Wasser war kühl. Am Ufer wuchsen Pflanzen. Die Legionen zogen die Kleider aus und sprangen ins Meer. Die Jeeps kletterten freudig tutend ins Wasser. Die Titaniden schwammen draußen, wo es tief war, herum, und wirkten dabei wie unwahrscheinliche Loch-Ness-Monster, wie da ihre menschlichen Torsos aus dem Wasser ragten. Cirocco versammelte wieder einmal ihre Generale, um die Pläne für die Truppen durchzusprechen, die durch Mnemosyne zu sehr geschwächt waren. Sie versuchte ihre Angst zu verbergen, glaubte aber nicht, daß es ihr gelang. Für Cirocco war Okeanos der große Unbekannte. Sie hatte ihn oft durchquert, aber stets mit einer tiefen Furcht. Das war schwer zu erklä- ren, da ihr dort nie etwas wirklich Schlechtes passiert war. Aber Gaby hatte sich geweigert, über Okeanos zu sprechen, und das machte ihr Sorgen. Man kam zu dem Entschluß, daß die vom Medizi- nischen Korps als zu geschwächt für die Okeanos- Durchquerung bezeichneten Soldaten hier am Westu- fer des Sees bleiben sollten, allerdings ohne Truppen, die sie bewachten. Falls es zum Kampf kam, mußten sie selbst für sich sorgen. Cirocco zeigte ihnen, was sie essen konnten und wovon sie sich fernhalten mußten. Dann führte sie ih- re Armee nach Okeanos hinein, nachdem sie es so lange hinausgeschoben hatte, wie sie konnte.,

VIERZEHN

Die Wagen waren so leicht, wie sie überhaupt werden konnten. Die für den Dschungel mitgeführte Ausrü- stung war am Westrand der Wüste zurückgelassen worden. Die Wüstenausrüstung lag bei den Rekon- valeszenten am östlichen Rand. Nach Okeanos mußte man kein Wasser mitnehmen, und die Kaltwetter- Ausrüstung, die schon so lange und so weit mitge- schleppt worden war, wurde nun auf dem Rücken getragen. Falls die Jeeps ihre leichtere Bürde zu schätzen wußten, ließen sie es sich nicht anmerken. Die Route durch Okeanos führte die Armee am südlichen Ufer entlang, vorbei an der Stelle, wo sich die große Eisschicht formierte, und bis an den Rand eines der drei großen Gletscher, die vom südlichen Hochland her vorrückten. An dieser Stelle war die Eisschicht über hundert Meter dick, reichlich Sicher- heitsspielraum für das Gewicht der Armee. Die Circum-Gäa-Landstraße hatte in Okeanos keine feste Strecke, wie auch in Mnemosyne nicht. Es wäre töricht gewesen, eine permanente Route anzulegen. Der leichteste Weg führte über die gefrorene See. Obwohl sie nicht flach war – der Druck von den Glet- schern brach das Eis auf und schob mächtige Schich- ten nach oben und über andere Schichten –, konnte man doch eine in vernünftiger Weise ebene Route finden. Jetzt, wo die Engel alles Dynamit verbraucht hatten, das sie überhaupt je benötigten, brachten re- gelmäßige Flüge von Conals übriggebliebenen Flug- zeugen Tonnen von dem Zeug herbei. Die Kund- schafter benutzten es, um Durchgänge zu sprengen., Während sie in die eishelle Nacht von Okeanos vorrückten und sich dem ersten Lagerplatz näherten, wurde eine vertraute Gestalt im Osten größer. Es war Whistlestop, der wieder einmal das Unerklärliche tat. Blimps überquerten Okeanos stets in großer Höhe. Aber hier kam er, als hätte er eine Anzahlung auf die- sen Ort. Er hielt kurz vor der Armee an, und dann regnete etwas aus seinem Bauch, was wie feiner Staub aus- sah. Der Regen dauerte lange. Immer wieder ertönte das unheimliche Nebelhorndröhnen, das das Ablas- sen von überschüssigem Wasserstoff begleitete. Trotzdem stieg er allmählich höher, während der fei- ne Staub herabregnete. Als er damit fertig war, flog er ein paar Kilometer weit weg, wandte sich erneut nach Osten und warf einen Sturzbach an Ballastwasser ab, das schon zu Eisregen gefror, bevor es den Boden erreichte. Die Nutzlast erwies sich als Feuerholz. Es lag auf dem ganzen Platz verstreut, den Cirocco als erste La- gerstelle ausgesucht hatte. Das Holz war zu den rich- tigen Stücken geschnitten worden, die in die Brenner paßten, welche innerhalb der Soldatenzelte aufge- stellt werden konnten. Es war trocken und brannte fast ohne Rauchentwicklung. Cirocco wies die Offiziere an, unter den Truppen zu verbreiten, daß das Holz ein Geschenk der Titani- den von Hyperion sei. Die allgemeine Meinung über die Titaniden, bereits hoch bei den Dschungelvetera- nen, stieg noch um eine Raste, als die Soldaten warme Mahlzeiten hinunterschlangen und dann in warmen Zelten in ihr Bettzeug krochen., Es geschah während des zweiten Lagers in Okeanos, daß Gaby wieder einmal zu Cirocco kam. Cirocco befand sich in ihrem Zelt. Sie hatte die Fü- ße zu dem Feuer ausgestreckt, das in einem Ding ähnlich einer großen Öltonne brannte. Ein Feldbett stand in dem Zelt. Cirocco hatte gedacht, sie könnte vielleicht schlafen. Sie hatte es nicht mehr getan seit ... wann war das gewesen? Irgendwo in Chronos. Aber sie hatte kein großes Glück. Trotzdem wußte sie, daß sie den Schlaf brauchte, also streckte sie sich wieder aus, gähnte und schloß die Augen ... und Gaby kam durch die Zeltklappe. Cirocco hörte sie und richtete sich auf. Sie fand nicht viel Zeit zum Nachdenken. Gaby faßte sie an der Hand und führte sie eilig hinaus. »Komm schon!« sagte Gaby. »Ich muß dir etwas Wichtiges zeigen.« Sie gingen hinaus in den wirbelnden Schnee. Es war kein Schneesturm, überhaupt kein richtiger Sturm, aber jede Art Wind war unangenehm bei zehn Grad minus. Die beiden Posten vor Ciroccos Zelt wa- ren wach und standen mit dem Rücken zum Feuer, damit sie nicht geblendet wurden ... und sie sahen Gaby und Cirocco nicht. Sie blickten mitten durch sie hindurch. Was nur natürlich war in einem Traum, dachte Ci- rocco. Gaby und sie trotteten durch den Schnee zu einem anderen Zelt, und Gaby führte Cirocco hinein. Zwei besetzte Betten befanden sich darin. In einem schlief Robin und im anderen setzte sich Conal auf und rieb sich die Augen. »Captain? Ist das ...«, Conal hatte offensichtlich keine Schwierigkeiten, Gaby zu sehen. Auch er mußte also träumen. »Wer ist das?« wollte er wissen. »Ich bin Gaby Plauget«, sagte Gaby. Cirocco mußte Conal nun richtig bewundern. Er betrachtete Gaby eine Zeitlang, ohne etwas zu sagen, brachte anscheinend die Realität mit den endlosen Geschichten in Einklang, die er während seiner gan- zen Zeit in Gäa gehört hatte. Die Vorstellung eines Geistes schien ihm nicht sehr schwerzufallen. Endlich nickte er. »Dein Spion, Captain, ja?« »Das ist richtig, Conal. Das ist sehr gut.« »Ich habe mir ausgerechnet, daß es niemand ande- res sein konnte.« Er wollte aufstehen und zuckte zu- sammen, schwang dann seine Beine herum, damit er sich mit der Krücke hochstemmen konnte. Conal hätte mit seinem gebrochenen Knöchel in die Stadt zurückgeschickt werden müssen. Er war bereit gewesen, ein Riesentheater zu machen, falls jemand den Vorschlag machte, aber es kam nicht dazu. Ciroc- co brauchte ihn in Hyperion, ob nun versehrt oder nicht. Und da er auf Rocky reiten konnte, war es auch kein großes Problem. Aber es war ein böser Bruch. Die titanidischen Heiler dachten, daß er lange humpeln würde – mög- licherweise für den Rest seines Lebens. Gaby kniete sich vor ihn hin. Mühelos öffnete sie den unförmigen Gipsverband und legte dann die Hände auf den nackten Knöchel. Sie drückte eine halbe Sekunde lang zu. Conal schnappte nach Luft und machte ein überraschtes Gesicht. Er stand auf und legte sein ganzes Gewicht darauf., »Wunder, zwei für ein Viertel«, sagte Gaby. »Den Viertel werde ich dir schuldig bleiben müs- sen«, sagte Conal. »Aber danke ...« Und er lachte los. »Was gibt es?« »Dir zu danken scheint so wenig ...« Er zuckte die Achseln, und seine Lippen bewegten sich in einem dümmlichen Grinsen. Es wirkte unsicher. »Worin be- steht das zweite Wunder?« »Ich zeige es euch. Nehmt meine Hände, Kinder!« Das Fliegen schien Conal viel mehr aus dem Gleichge- wicht zu bringen als Geister und magische Heilungen. Cirocco konnte ihn mit den Zähnen schnattern hören. »Kopf hoch, Conal!« sagte Gaby. »Nach der Art, wie du an den Luftmörder herangegangen bist, sollte das hier für dich ein Parkspaziergang sein.« Er sagte nichts. Cirocco ertrug die Sache einfach. Ihr gefielen Dinge nicht, die sie nicht selbst unter Kontrolle hatte. Aber während dieser Träume schien das nie viel zu bedeuten. Sie fand heraus, daß sie sich irrte. Als sie merkte, wohin es ging, wollte sie umdrehen und zurückkeh- ren. »Du hast mir bis jetzt vertraut«, sagte Gaby sanft. »Vertraue mir noch etwas länger! Du brauchst hier vor nichts Angst zu haben!« »Ich weiß, aber ...« »Aber du hast immer eine irrationale Furcht ver- spürt, wenn du Okeanos durchquert hast, und du hast dich dem Zentralkabel nie auf mehr als hundert Kilometer genähert. Okeanos ist der Feind, sagen dir deine Gedanken in einem fort. Okeanos ist schlecht. Nun, seit zwanzig Jahren weißt du, daß Gäa die, Schlechtere ist. Also, was macht das aus Okeanos?« »Ich weiß nicht. Schon oft wollte ich aufbrechen, zu dem Bastard gehen und ihm ins Auge blicken ... und jedesmal sehe ich wieder, wie die Ringmeister aus den Nähten platzt.« »Und jedesmal hörst du wieder das Märchen, das uns Gäa oben in der Nabe erzählte.« Gaby unterbrach sich und redete dann im Tonfall eines verdrießlichen Kindes weiter. »Darüber, wie die arme, mißverstan- dene Gäa alles versuchte, ehrlich und nur Freund der Menschheit zu sein, und uns mit offenen Armen emp- fangen wollte ... aber dann hat dieser schlimme, hin- terhältige, rebellische Bastard Okeanos die Hand aus- gestreckt und ... oh, ihr armen Seelen, wie schrecklich muß es für euch gewesen sein, aber es war nicht mein Fehler, seht ihr, es war Okeanos, der früher einmal Teil meines riesigen Gehirns war und jetzt wirklich ein ei- genständiger Halbgott ist! Und ich kann den Schur- ken einfach nicht mehr kontrollieren ...« Gaby wurde still, und Cirocco ließ sich ihre Worte noch einmal durch den Kopf gehen. »Ich bin nicht ein solcher Idiot, daß ich mir das nicht schon selbst überlegt habe«, sagte Cirocco. »Aber wie ich dir schon sagte, ich konnte einfach nicht herkommen.« »Snitch hatte viel damit zu tun«, meinte Gaby. »Selbst als du ihn bereits aus dem Kopf hattest, blieb ein Teil von seinem Müll zurück.« Cirocco erschauerte. »Tut mir leid, das war eine ziemlich schlechte Me- tapher, schätze ich. Keine Metaphern mehr! Jetzt kommen wir zur Realität!«, Sie landeten unmittelbar vor dem Rand des Strang- waldes, der zum Zentralkabel gehörte, und gingen zu Fuß hinein. Es wurde wärmer, als sie sich dem Zen- trum näherten. Das bißchen Licht, das sie zu Anfang noch hatten, versiegte schon nach den ersten hundert Metern. Weder Conal noch Cirocco trugen eine Lam- pe, aber Gaby verfügte über eine Art Lichtquelle, die ihr vorausströmte wie Mondlichtstrahlen oder wie Reflexe von einem gespiegelten Tanzsaalglobus. Es reichte zum Sehen ... und es gab nichts zu sehen. Ci- rocco war schon unter vielen Kabeln gewesen, und überall hatte sie dort das Treibgut der Jahrhunderte vorgefunden: Skelette seit langem toter Kreaturen, herabgestürzte Nester blinder Flugtiere, die zerknit- terten Überreste gekräuselter Gobelins, die sich von den Kabelsträngen abschälten und seit Stunden oder Jahrtausenden davon herabhingen ... sogar alte Papp- schachteln und Sandwichverpackungen aus Plastik, und eingedellte Dosen aus den Tagen von Gäas Tou- ristenprogramm. Tausende von Menschen waren damals mit Flößen auf dem Ophion gefahren oder hatten Höhlenexpeditionen in die Strangwälder un- ternommen. Die Strangwälder beherbergten eine komplexe Ökologie der Nacht, selten gesehen, aber angedeutet durch Tierkot und Samenhülsen, herabge- fallen aus unsichtbaren Zwischenräumen in großer Höhe. In Okeanos fand man nichts Dergleichen. Ein Rei- nigungstrupp hätte vor wenigen Stunden staubwi- schend und polierend hindurchziehen können. Der Boden war wie Linoleum beschaffen. Cirocco erinnerte sich jetzt nur noch vage an ihre Ängste. Als sie darüber nachdachte, war sie erstaunt,, daß sie überhaupt Angst gehabt hatte. Ihre Zeiten mit Gaby waren alle angenehme, halb benebelte Traum- zustände gewesen. Sie wußte, daß nichts schiefgehen konnte. Nicht einmal rückblickend wirkten die Träume beängstigend. Jetzt ging sie in ihrem üblichen Zustand gelassener Erwartung einher. Fast fühlte sie sich wie ein kleines Kind, das mit seiner Mutter auf einem gewundenen Waldweg wandert. Es war inter- essant, aber nicht aufregend. Hinter jeder Biegung warteten neue Dinge, aber sie würden ihr keine Angst einflößen. Sie hegte eine süße Erwartung, was jeweils als nächstes kam, aber es drängte sie nicht. Auf eine schwer zu beschreibende Weise spürte sie einige von Conals Emotionen. Auch er hatte keine Angst, aber er war sehr neugierig. Gaby mußte ihn immer wieder zurückrufen, oder er wäre ihnen vor- ausgeeilt. In Weiterführung von Ciroccos Analogie war er ein Stadtjunge, der noch nie einen Wald gese- hen hatte; jede Wegbiegung bot ihm ein neues Wun- der. An einer Stelle, von der Cirocco wußte – ohne zu begreifen woher –, daß hier genau der Mittelpunkt des Kabels war, sahen sie ein Licht. Als sie näherka- men, sahen sie einen Mann, der daneben saß. Sie gin- gen zu ihm hin und blieben stehen. Er blickte zu ih- nen auf. Er sah aus wie Robinson Crusoe oder Rip Van Winkle. Haar und Bart waren lang und grau. Fremde Gegenstände, Zweige und kleine Grätenstücke, wa- ren darin verfilzt, und unterhalb des Mundes war im Bart ein langer brauner Fleck zu sehen. Der Mann starrte vor Dreck. Er trug noch dieselben Kleider, in denen ihn Cirocco vor zwanzig Jahren zum letzten, Mal gesehen hatte, wie er sich im Sägemehl auf dem Boden der Verzauberten Katze in Titanstadt wand. Es wäre untertrieben gewesen, die Kleider als Fetzen zu beschreiben; es waren die am schlimmsten herunter- gekommenen Kleidungsstücke, die Cirocco je gese- hen hatte. Große Löcher in ihnen zeigten viel von der Haut – abgezehrt und eng über die Knochen ge- spannt –, und jeder Zentimeter dieser Haut zeigte große und kleine Narben. Das Gesicht war alt, aber nicht auf die Weise wie Calvins Gesicht. Dieser Mann hätte ein sechzig Jahre alter Strandgutsammler sein können. Eine seiner Augenhöhlen war leer. »Hallo Gene«, sagte Gaby ruhig. »Wie geht es dir, Gaby?« erkundigte sich Gene mit überraschend kräftiger Stimme. »Mir geht es gut.« Sie wandte sich Conal zu. »Co- nal, ich möchte dir Gene Springfield vorstellen, früher auf dem TRS Ringmeister. Gene, dies ist dein Ururen- kel Conal Ray. Er hat einen langen Weg zurückgelegt, um dich zu sehen.« »Setzt euch!« sagte Gene an sie alle gewandt. »Ich gehe nicht weg.« Sie folgten seiner Aufforderung. Conal starrte sei- nen Vorfahr an, den Mann, den er für tot gehalten hatte, als er nach Gäa kam. Das erste, was Cirocco bemerkte, als sie Gene ge- nauer in Augenschein nahm, war eine Wölbung auf seiner kahl werdenden Stirn. Die Haut dort war un- versehrt. Die Schädelform war verzerrt, als hätte man eine halbe Grapefruit unter die Haut geschoben. Die Stelle, wo die Wölbung sich befand, deutete auf etwas hin. Cirocco fragte sich, welchen Druck das Ding auf die Stirnlappen ausübte., Sie besah sich auch die Umgebung etwas genauer. Viel war da nicht. Das Feuer kam aus einer Boden- spalte. Es brannte hell und gleichmäßig in der wind- stillen Dunkelheit. Ein Haufen Stroh lag da, offensichtlich Genes Bett. In der Ferne wurde das Licht von einem kleinen Teich reflektiert, der etwa zwanzig Meter durchmaß. Neben Gene stand ein großer verzinkter Eimer voll Wasser. Das war alles. Unweit von hier befand sich der Eingang zu der Treppe, die hinunter zu Okeanos führte. »Warst du diese ganze Zeit hier, Gene?« fragte ihn Cirocco. »Die ganze Zeit«, bestätigte er. »Seit damals in Te- thys, wo Gaby mir die Eier abgeschnitten hat.« Er be- trachtete Gaby und lachte gackernd. Nein, entschied Cirocco, das war nicht ganz das richtige Wort. Dieses Geräusch hatte nichts mit Lachen zu tun. Es war nur ein Geräusch, das ein alter Mann machte. Er erzeugte es wieder, als er Cirocco ansah, Conal und dann er- neut Gaby. »Du bist nicht zurückgekommen, um dich dafür zu entschuldigen, nicht wahr?« »Nein«, sagte Gaby. »Habe ich auch nicht erwartet. Egal. Sie sind nach- gewachsen, genau wie schon das erste Mal, als du sie mir abgeschnitten hattest.« Er gackerte wieder. »Was ißt du?« erkundigte sich Conal. Gene beäugte ihn argwöhnisch und tauchte dann eine knorrige Hand in den Eimer. Er zog etwas Grau- es und Blindes hervor, das zappelte. »Kochst du sie auf diesem Feuer?« fragte Gaby. »Kochen?« fragte Gene bestürzt. Er blickte von, dem häßlichen Ding in seiner Hand zum Feuer und wieder zurück, und eine absonderliche Vermutung wuchs unter seinen buschigen Brauen. Er grinste und zeigte dabei seine braunen Zahnstümpfe. »Sag mal, das ist ja eine Idee! Sie sind ziemlich zäh. Man macht sich die Zähne daran kaputt, wirklich. Ich fange sie in dem Teich da drüben. Glitschige Teufel.« Er betrach- tete den Aal wieder und runzelte die Stirn, als könne er sich nicht erinnern, wie er dorthin gelangt war. Er warf ihn in den Eimer zurück. »Was machst du eigentlich hier unten?« wollte Co- nal wissen. Gene blickte kurz hoch, schien Conal aber nicht zu sehen. Er kratzte sich am Kopf – Cirocco zuckte zu- sammen, als sie sah, wie tief die Finger in die Haut- wölbung einschnitten – und brummte etwas in den Bart. Er schien seine Besucher gar nicht mehr wahr- zunehmen. »Gaby«, flüsterte Cirocco. »Was ist mit ... mit der Art, wie er spricht ...? Es ist ...« »Hinterwäldlerisch? Schnurrig? Umgangssprach- lich?« Sie kräuselte einen Mundwinkel zu einem bit- teren Lächeln. »Interessant für einen Harvardabsol- venten. NASA-typischer New Yorker, meinst du nicht auch? Rocky, Gene ist der bejammernswerteste Hundesohn, der je gelebt hat. Ihm wurden Sachen mitgespielt, die das, was Gäa mit uns machte, als ver- spielte Streiche erscheinen lassen. Sieh dir mal seinen Kopf an! Sieh ihn dir nur an!« Cirocco hatte ihre Augen kaum davon abwenden können. Jetzt packte sie ein Zwang, es anzufassen. Sie kämpfte dagegen an, solange sie konnte, dann stand, sie auf, kniete sich vor Gene hin und legte ihm die Handfläche auf die Stirn. Sie war weich. Etwas regte sich träge unter der Haut. Sie dachte, sie müsse eigentlich angeekelt sein, aber sie war es nicht. Sie starrte auf ihre Hand, als gehöre sie jemand anderem, und spürte, wie sich in ihr eine Kraft aufbaute. Gene hob langsam die Hände und legte sie um ihren Unterarm, machte dabei aber kei- nen Versuch, ihren Arm wegzustoßen. Sie spürte, wie er die Stirn runzelte. Sie empfand einen absurden Impuls – schon am Rand zur Hysterie –, ›heile!‹ zu schreien. Dann hielt sie etwas in der Hand, was feucht war, sich wand und übel roch. Sie betrachtete es leiden- schaftslos. Es war mit Blut bedeckt, genau wie ihre Hand. Das Ding war ähnlich aufgebaut wie Snitch, aber grotesk aufgedunsen und fett, und es hatte trü- be, rollende Augen wie geschälte Trauben. Es machte ein krächzendes Geräusch. »Hundesohn«, murmelte Gene. »Hundesohn. Hundesohn.« Cirocco hörte, wie Conal wegstolperte und kotzte. Irgendwie wußte sie, daß es wichtig war, die Kreatur weiter anzustarren, die ihrerseits weiterhin krächzte. Gaby bewegte sich, hielt ihr etwas hin ... Es war ein Glas mit dicker schwarzer Wand. Ciroc- co stopfte die Monstrosität hinein und schraubte den Deckel fest zu. Erst dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit Gene zu. Er befingerte sich die Stirn, die mit blutigen Fin- gerspuren bedeckt war, aber nicht gebrochen. Die Haut hing ihm lose am Kopf, aber sonst war kein Zei- chen von Schädigungen zu erkennen., »Hundesohn«, sagte er. »Wie Snitch?« fragte Cirocco. Jetzt, wo es vorüber war, fühlte sie sich schwach. »Nein«, erwiderte Gaby. »Sie sind zwar verwandt, aber Snitch hat nur zugehört und darüber berichtet.« Sie tippte sich an die eigene Stirn. »Der in meinem Kopf hat nur zugehört.« Sie hob das schwarze Glas hoch. »Dieser hier war etwas, das Spione einen ›Maulwurf‹ nennen. Er grub sich tief ein und ver- schob dort die Dinge. Wenn es ihm möglich war, oh- ne daß er sich dadurch verriet, führte er Ereignisse herbei. Ereignisse wie Vergewaltigung, Krieg und Sa- botage ... Er führte nach einer Weile Genes Leben. Gene war eine Puppe an Gäas Fäden.« »Dort oben – auf dem Kabel?« Sie hatten schon vor so vielen Jahren an ihm ge- zweifelt, kurz nach dem Schiffbruch der Ringmeister. Er versuchte damals, den Titaniden zu zeigen, wie sie in ihrem Krieg gegen die Engel neue Waffen einset- zen konnten, eine direkte Verletzung der Verfah- rensweisen für den Erstkontakt und der Bestimmun- gen der Vereinten Nationen. Aber sie schrieben das dem einfachen Wunsch zu, den Titaniden zu helfen. Also nahmen sie ihn mit, als sie über das Kabel zur Nabe hinaufsteigen wollten. Und er schlug Gaby be- wußtlos und ließ sie, nachdem er sie vergewaltigt hatte, liegen, weil er sie für tot hielt. Dann vergewal- tigte er Cirocco, und er hätte sie beide getötet, hätten sie nicht etwas Glück gehabt und wären nicht schnell gelaufen. Gaby wollte ihn an Ort und Stelle kastrieren, aber Cirocco erlaubte es ihr nicht. Sie bedauerte die Ent- scheidung nach wie vor nicht, nicht einmal nach den, endlosen Problemen, die er in den darauffolgenden fünfundsiebzig Jahren gemacht hatte, und nachdem er Ereignisse in Gang gesetzt hatte, die zu Gabys Tod führten. Aber ihn nicht getötet zu haben, das hatte sie oft bedauert. Sie fanden mit der Zeit heraus, daß es ganz schön schwer war, ihn zu töten. Gaby schlitzte ihm bei einer Gelegenheit die Kehle auf und ließ ihn als tot liegen. Er überlebte es. So wurde er wie Snitch. Wenn Cirocco etwas von Snitch wollte, mußte sie ihn foltern. Und über die Jah- re hinweg entfernte Gaby immer etwas von Gene, wenn sie ihn traf – ein Ohr, ein paar Finger, einen Hoden. Er wurde immer wieder ganz, aber anders als Cirocco und Gaby behielt er Narben. »Nein, nicht auf dem Kabel«, sagte Gaby. »Nicht direkt, meine ich. Das Ding hat ihn da noch nicht ge- lenkt. Aber es flüsterte ihm Sachen zu. Gene war wie ein Schizophrener. Ich ... ich denke, er muß schon ei- nen Hang zu Gewalttätigkeit gehabt haben, damit das Ding ihn dazu anstacheln konnte. Später spielte es nie mehr eine Rolle, was Gene dachte. Er existierte in gewisser Weise nicht mehr. In gewisser Weise ist er seit Jahren tot.« Gaby seufzte und schüttelte den Kopf. »Ich habe das Gefühl, mich schämen zu müssen. Denn sieh mal, wenn es hier ein Wunder gibt, dann das, wie sehr er Widerstand geleistet hat und wie lan- ge. Selbst dadurch, daß er hierherkam ... an den ein- zigen Ort im Rad, wo Gäa niemals hinsieht. Sie be- kommt immer noch Berichte von dem Maulwurf, aber sie tut so, als kämen sie von woanders.« »Warum?«, »Warum? Weil sie verrückt ist. Und – noch etwas anderes, was du in einer Minute sehen wirst.« Conal hatte sich wieder zu ihnen gesellt. Er sah immer noch grün aus. »Was hat sie mit ihm gemacht?« fragte er ruhig und eindringlich. Für einen Moment dachte Cirocco, seine Frage gälte dem, was sie getan hatte. Aber er blickte Gaby an, und Gaby erklärte, was Gäa getan hatte und vor wie langer Zeit, und auch, was es bedeutete. Conal nahm es schweigend auf. »Was ist mit Calvin?« fragte Cirocco. »Auch er hat einen bekommen. Aber Whistlestop wußte davon und tötete das Ding fast unverzüglich. Ich weiß nicht wie. Whistlestop hat sich nicht die Mühe gemacht, uns davon zu erzählen ... wofür ich ihm einige Vorwürfe mache, obwohl ich weiß, daß er nicht mit Belangen der Menschen befaßt ist.« Sie zuckte die Achseln. »Der Tod dieses Dings in Calvins Kopf ist der Grund, warum er jetzt stirbt.« »Wer ist Calvin?« wollte Conal wissen. »Erinnerst du dich an dein Comicbuch?« fragte Ci- rocco. »Er war der Schwarze.« »Lebt auch er noch?« »Ja.« Cirocco wandte sich wieder zu Gaby. »Was ist mit Bill?« »Nachdem er zur Erde zurückgekehrt war, nahm er seinen Abschied von der NASA, um als Agent für Gäa zu arbeiten. Alles ganz offen, aber er führte auch heimliche Aktionen durch. Ich denke, er bekam einen wie Gene, aber ich weiß es nicht sicher. Frag mich nicht nach April oder August; ich weiß nicht, was Gäa mit ihnen gemacht hat.«, »Wieviel weißt du wirklich? Kannst du mir noch mehr sagen?« »Wußte, daß er da oben war«, sagte Gene. Alle sa- hen ihn an. »Er mochte Fisch«, erläuterte Gene und deutete da- bei auf den Eimer. »Wurde richtig fett durch den Fisch, wirklich. Hat mir nicht viel gebracht, der Fisch.« Er schlug sich auf die dürre Brust. »Aber ich wußte, daß er da oben war. Hat mir auf den Kopf ge- pinkelt, der Kerl.« Er gackerte. »Weißt du, wer ihn dort eingesetzt hat, Gene?« fragte Gaby. »Gäa.« »Was hältst du davon?« »Gemeine Sache!« Er gackerte wieder und schüt- telte den Kopf. »Habe hier unten über einiges nach- gedacht. Habe mir einiges überlegt.« Gaby wandte sich an Cirocco, als könne Gene nicht mithören. Und vielleicht konnte er auch nicht. »Der Südstaaten-Akzent ist ein Abschiedsgeschenk von Gäa. Erinnerst du dich an die Kino-Analogie, von der ich dir erzählt habe? Sie wollte ihn als Charakter- darsteller, als Hanswurst, als Handlanger ... ich weiß es nicht genau. Volkstümelnder Humor.« »Echt komisch!« schäumte Conal. »Mordsmäßig«, stimmte Gaby zu. »Gäa war schon immer so witzig wie Mastdarmkrebs.« »Habe mir das eigene Auge rausgestochen«, sagte Gene und gackerte. »Habe wirklich schwer nachge- dacht. Man bricht sich dabei mächtig einen ab. Es sprang einfach hinaus. Tat höllisch weh.« Er gackerte wieder. »Wird aber wieder wachsen. Geht immer so. Genau wie damals, als ich mir einmal die Hand ab-, sägte, weil ich aufhören wollte zu denken. Ist auch nachgewachsen.« Er überlegte. »Nachdenken tut weh«, schloß er. »Hast du an etwas gedacht, Gene?« erkundigte sich Gaby. Er schielte sie mit seinem einen Auge an. »Sicher habe ich«, gestand er endlich. »Dachte, man sollte etwas unternehmen. Jemand sollte ... sollte ihr alles Leben aus dem Leib prügeln, genau das!« Er sah sie trotzig an. »Vielleicht läßt sich das machen, Gene«, sagte Ga- by. Er kniff das Auge argwöhnisch zusammen. »Mach keine Späße mit dem alten Gene, Gaby!« Er sah erst verwirrt aus, gackerte dann, zuckte die Ach- seln und bedachte sie mit einem Blick wie ein Hund, der gerade irgendwo ein Durcheinander angerichtet hatte, wobei er genau wußte, daß er das nicht durfte. »Bist du wirklich Gaby? Hatte vor, dich aufzusu- chen. Wollte dir sagen ... Mensch, es tut mir wirklich leid ...« – er sah noch verwirrter aus –, »... daß ich dich umgebracht habe.« »Das gehört alles der Vergangenheit an, Gene«, meinte Gaby. Genes Lachen hörte sich zum ersten Mal echt an. »Alles der Vergangenheit. Das ist gut. Ich muß dir sagen ...« Er sah sich vage in der Dunkelheit um, dann rekonstruierte er mühsam seine schwache Ver- bindung mit der Gegenwart. »Vielleicht kannst du etwas machen«, sagte Gaby. »Mit Gäa.« »Mit Gäa?« »Es ist aber gefährlich. Ich will ehrlich sein. Es, könnte dich das Leben kosten.« Gene musterte sie forschend. Cirocco fragte sich, ob er begriff. Dann sah sie, wie eine Träne aus seinem unversehrten Auge drang. »Du meinst ... es wird mir vielleicht möglich sein, nicht mehr zu denken?«

FÜNFZEHN

Gaby brachte sie durch dieselbe Art schwindelerre- gender Teleportation zu Okeanos, die sie im vorheri- gen Traum benutzt hatte. Als Cirocco sich wieder ori- entieren konnte, sah sie sich um und hatte das Ge- fühl, daß sie schon einmal hiergewesen wäre. Aber das war sie nicht. Die Ähnlichkeit mit Dione war nur so stark. Den großen Unterschied jedoch machte eine große grünliche Röhre, die von den Rui- nen des Gehirns von Okeanos direkt in die Dunkel- heit darüber führte. Bevor die Röhre Bodenhöhe er- reichte, spaltete sie sich und lief in zwei Richtungen, nach Osten und Westen. Cirocco versuchte sich über das Bild klarzuwerden, an das sie hier erinnert wur- de, und schaffte es schließlich: Alte Mietskasernen mit nackten Glühbirnen an der Decke – Verlänge- rungsschnüre, die Toaster und Fernseher mit Strom versorgten. Der Graben war tief und trocken. Seit langem war hier schon nichts mehr lebendig. Cirocco wandte sich an Gaby. »Was ist passiert?« »Wahrscheinlich werden wir nie alles davon erfah-, ren. Teile von Okeanos gehören immer noch zu Gäas Bewußtsein. Andere Teile sind verloren. Es geschah vor Jahrtausenden, wie sie es uns gesagt hat. Aber die Gehirne waren nie getrennt. Ich denke, Okeanos ... starb einfach. Gäa konnte sich nicht damit abfinden. Die menschliche Analogie kann nur bis zu diesem Punkt getrieben werden. Danach ist sie nicht mehr stichhaltig, aber ich kann es euch nicht anders erklä- ren. Gäa fühlte sich verraten. Sie weigerte sich, an etwas so Phantastisches wie den Tod von Okeanos zu glau- ben. Also spaltete sich tatsächlich ihr Bewußtsein, und ihr wuchs dieser Nerv nach hier unten – diese Verbindung führt zum Hyperion-Gehirn und die an- dere zu dem von Mnemosyne. Damit wurde sie zu Okeanos. Und dieser Teil von ihr war ein Scheißkerl. Es kam zwar zu irgendeiner Art von physischem Kampf, aber ich glaube nicht, daß er so dramatisch war, wie Gäa ihn dir beschrieb. Gäa hat immer nur mit sich selbst gesprochen. Wenn du mit einem belie- bigen Regionalgehirn sprichst, sprichst du in Wirk- lichkeit mit einem Fragment von Gäas Persönlichkeit. Und sie spaltet sich immer weiter auf. Sie ... ich kann dir immer noch nicht alles erzählen, aber sie entwickelte ein ... System, um die Dinge in Betrieb zu halten. Diese fast zwanzig Meter große Frau, gegen die du in den Kampf ziehst, gehört zum System. Du ebenfalls. Und ich auch, obwohl das ein Unfall war. Mehr kann ich dir nicht sagen.« Gaby drehte sich zu Gene um. »Wenn ich dir sage, daß du einige Dinge tun sollst, wirst du sie dann tun? Wirst du es behalten? Wenn du weißt, daß diese Dinge Gäa weh tun werden?«, Genes Auge funkelte. »O ja! Gene wird es behalten! Gene wird Gäa sehr weh tun!« Gaby seufzte. »Dann befindet sich das letzte Stück an seinem Platz«, sagte sie. Gaby setzte sie am Rand des Lagers ab, jedoch inner- halb der äußeren Postenlinie, damit es nicht zu Miß- verständnissen kam. Dann gingen sie auf das Licht zu. Conal taumelte. Cirocco griff nach ihm – und ent- deckte, daß er weinte. Sie zögerte nur für einen Mo- ment und fragte sich, was für ihn am besten war, dann umarmte sie ihn. Er weinte hilflos, bekam sich aber schnell wieder unter Kontrolle und entzog sich ihr verlegen. »Fühlst du dich besser?« »Mir ist nur wieder eingefallen ... wozu ich nach Gäa kam, was ich mit dir machen wollte.« »Sei kein Trottel! Selbst ich wußte das meiste von dem noch nicht, was wir gerade gehört haben.« »Dieser arme Mann. Dieser arme, bedauernswerte Hundesohn.« »Du wirst dich besser fühlen, wenn du aufwachst.« Er betrachtete sie seltsam, drückte ihr dann die Hand und ging weg zu seinem Zelt. Cirocco machte sich auf den Weg zu ihrem. Der Posten rief sie an, erkannte sie dann und salutierte. Er schien keine Probleme mit der Vorstellung zu haben, daß sie trotz seiner Überwachung hatte aus dem Zelt schleichen können. Wenn er nur ins Zelt blicken könnte, dachte Ciroc-, co. Sie seufzte, zog die Zeltklappe zurück und berei- tete sich auf eine Bewegung vor, die sie schon zwei- mal ausgeführt hatte, bei der sie sich aber immer noch unbehaglich fühlte. – aber es lag keine andere Cirocco auf dem Bett. Nachdem sie eine Zeitlang dagestanden und dar- über nachgedacht hatte, setzte sie sich auf das Bett und grübelte weiter. Dann kam sie zu dem Entschluß, daß es keinen Sinn hatte, wenn sie aufzuwachen ver- suchte, ohne daß sie überhaupt schlief. Sie blickte auf die Uhr und stellte fest, daß es auf die Rev zuging, zu der sie weiterziehen sollten. Sie trat wieder hinaus, um die Dinge in Gang zu bringen. Die Armee marschierte in Hyperion ein. Bei klarem Wetter konnten sie ihr Ziel sehen, seit sie Mnemosyne halb hinter sich gebracht hatten. Man konnte das südliche Vertikalkabel, das direkt ins Zentrum des Pandämoniums deutete, kaum überse- hen. Während sie jetzt durch das sanft gewellte Hü- gelland des südwestlichen Hyperion zogen, erblick- ten sie manchmal schon die kreisförmige Mauer, die das Studio umgab. Die Brücke über den Uraniafluß war eine der we- nigen noch intakten Brücken der Circum-Gäa- Landstraße. Cirocco wies ihre Ingenieure an, sie zu untersuchen, erst auf versteckte Bomben und dann auf bauliche Festigkeit. Man sagte ihr, die Brücke sei stabil, aber sie traf trotzdem die Vorsichtsmaßnahme, die Wagen in großen Abständen hinüberzuschicken und die Soldaten ohne Marschtritt. Die Brücke hielt. Die Brücke über die Calliope wurde von Gäa be- reitgestellt. Es war ein Erddamm, den Gäa dort hatte, bauen lassen. Die Turbinen waren klein, an menschli- chen hydroelektrischen Standards gemessen. Die Luftwaffe flog weiteres Dynamit ein, und nachdem die Armee den Damm überquert hatte, ließ Cirocco ihn sprengen. Alle sahen zu, wie ein großes Loch aufgesprengt wurde, und jubelten, als der See den Rest erledigte. Cirocco zerstörte auch die Turbi- nen. Der Damm war vollständig ungeschützt gewe- sen, wenn man einmal von sechs Technikern der Ei- sernen Meister absah, denen es anscheinend über- haupt nichts ausmachte, zuzuschauen, wie ihre Ar- beit vernichtet wurde. Cirocco wußte nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Sie schickte weiterhin Pa- trouillen aus, die nach gäanischen Truppenbewegun- gen Ausschau hielten, aber es gab nichts Dergleichen.

SECHZEHN

Schon seit langem sah sich Gäa nur noch Kriegsfilme an. Als der Strom ausfiel, hätte es in keinem ungünsti- geren Augenblick geschehen können. Es war die letzte Spule der Brücke am Kwai. In einer der teuersten Schlußszenen aller Zeiten baute sich gerade die Spannung auf. Man konnte schon die kleine japani- sche ›Puff-Puff-Puff‹ um die Biegung kommen hören, und es sah aus, als wäre der Bursche durchgedreht, denn er half doch glatt den Japsen, die mit der Brücke verdrahteten Bomben zu finden, und ... Alec Guinness, dachte sie bitter. Es war beinahe, wie ein Omen. Sie glaubte natürlich nicht an Omen ... Und dann fiel also der Strom aus. Ein ferner, unbe- stimmter Teil ihres Geistes wußte, wer das verursacht hatte, aber sie wollte nicht daran denken. Die ganze Geschichte hatte lustig angefangen, aber Gäa fand sie jetzt von Tag zu Tag langweiliger. Und sie hatte auch die Filme langsam satt, um die Wahrheit zu sagen. Sie war den kleinen Balg Adam satt und auch den stinkenden, betrunkenen Chris. Am meisten hatte sie es satt, darauf zu warten, daß Cirocco Jones auftauchte. Sie glaubte nicht mehr, daß es die erhoffte Herausforderung sein würde, wenn sie die Hexe unter den Füßen zermalmte. Sie war eine Zeitlang darüber wütend, während ih- re Leute sich beeilten, den Notgenerator anzuwerfen und einen Transformator hereinzubringen, an dem der Projektor laufen konnte ... die ganzen langweili- gen kleinen Sachen, die langweilige kleine Techniker erledigen. Wußten sie denn nicht, daß sie ein Star war? Endlich ging es weiter. Der Projektor klapperte fünfzehn Sekunden lang und blieb dann wieder ste- hen. Die Lampe brannte ein Loch in den Film. Genug war genug. Gäa erschlug den Vorführer und stapfte hinaus ins Tageslicht, um zu sehen, ob Ciroccos Armee schon da sei.,

SIEBZEHN

Sie schlugen das letzte Lager nur noch zehn Kilome- ter vom Pandämonium entfernt auf. Ein kurzer Marsch noch. Und in Gäa mußte sich ein General natürlich keine Gedanken darüber machen, zu wel- cher Tageszeit er angreifen wollte. Zwei Sachen mußten erledigt werden. Cirocco rief Nova, Virginal, Conal, Rocky, Robin, Schlange, Valiha und Hornpipe im großen Komman- dozelt zusammen. Niemand sonst war anwesend. Selbst die Posten draußen waren angewiesen worden, sich auf fünfzig Meter zu entfernen. Cirocco stand vor den anderen und blickte sie nacheinander an. Sie war mehr als erfreut über das, was sie sah, aber abgestoßen von dem, was sie sagen mußte. »Robin«, begann sie. »Ich habe dich nicht belogen, aber dir auch nicht die ganze Wahrheit gesagt. Nasus Chance, Gäa zu schlagen, beträgt vielleicht eins zu tausend.« Robin sah weg und nickte langsam. »Ich schätze, ich wußte es schon.« »Selbst wenn sie tatsächlich diese Gäa töten würde – und ich spreche jetzt von dieser gigantischen Mon- strosität im Pandämonium, nicht von der richtigen Gäa, die Nasu niemals schlagen könnte –, würde es nichts nützen. Ich rechne sogar damit, daß Gäa sie tötet.« »Nasu ist nicht mehr mein Dämon, Captain«, sagte Robin. Sie blickte wieder zu Cirocco und hatte dabei Tränen in den Augen. »Ich meine, ich kann sie doch, wirklich nicht mehr in einem Jutebeutel mit mir her- umtragen, oder?« »Nein. Aber ich kann sie noch zurückrufen. Wir könnten auch ohne sie zurechtkommen.« Robin schüttelte den Kopf und nahm eine aufrech- tere Haltung an. »Tu, was du für richtig hältst, Cirocco!« Jetzt war es an Cirocco, den Blick abzuwenden. »Ich wünschte, ich könnte das. Aber ich weiß gar nicht immer, was richtig ist.« Sie betrachtete die an- deren. »Ich habe euch mehr gesagt als irgend jeman- dem sonst. Jetzt sage ich euch noch mehr – nicht alles, selbst jetzt noch nicht – und ich weiß nicht einmal selbst alles. Aber wir haben nur eine Chance, und ich werde sie ergreifen. Nova!« Die junge Hexe war überrascht und atmete schnell ein. Cirocco lächelte sie müde an. »Nein, ich habe keine großen Überraschungen für dich. Aber ich bin jetzt mit allen ehrlich, und du bist die einzige, die Calvin gesehen hat. Erinnerst du dich an ihn?« Nova nickte. »Er liegt im Sterben. Was er hat, könnte vielleicht von titanidischen Heilern geheilt werden. Wir wissen es nicht, weil er uns nicht erlaubt, ihn zu untersu- chen. Er war früher Arzt, also weiß er vielleicht, daß es unheilbar ist. Jedenfalls möchte er etwas für uns tun, und es wird ihn das Leben kosten. Das ist der Grund, aus dem ich dich damals mitgenommen habe, um ihn zu besuchen: Ich wollte mich überzeugen, ob er bereit ist. Er ist es.« »Der Tag, an dem ich mich betrunken habe«, sagte Nova und lächelte wehmütig., »Conal, du hast Gene gesehen. Du mußt irgendeine Vorstellung davon haben, wozu er in der Lage ist. Was Gaby ihm auftrug – wird er wahrscheinlich nicht richtig machen. Er überlebt es wahrscheinlich nicht. Gaby und ich wissen es.« Conal betrachtete für einen Moment seine Stiefel und blickte dann in Ciroccos Augen. »Nie zuvor habe ich jemanden gesehen, der so zum Sterben bereit war wie er. Ich finde, der Tod wäre für ihn ein Segen ... und ich denke, er weiß genau, was er tut.« Cirocco war ihm dankbar. Conal schien immer zu bestehen. Sie holte tief Luft und wehrte ihre Tränen ab. »Virginal, Valiha, Schlange, Horn ...« Hornpipe trat vor und legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. »Captain, da jetzt die Zeit ist, offen zu sein, sollte ich dir sagen: wir haben längst begriffen, daß ...« »Nein«, entgegnete Cirocco und stieß seine Hand weg. »Ich muß es sagen. Ihr wißt alle, daß Chris bei dieser Begegnung vielleicht umkommt. Ich habe euch gesagt, daß die Rettung Adams mein vorrangiges Ziel ist. Das war gelogen. Seine Rettung ist mein zweites Ziel. Sie ist mir wichtiger, als ich ausdrücken kann ... aber wenn am Ende ich, Adam und Gäa tot sind, zähle ich es als Sieg.« Hornpipe sagte nichts. Valiha trat vor. »Wir haben das besprochen«, sagte sie. »Wir haben deine Sicherheitsregeln beachtet und diese Sache nicht in der ganzen Rasse verbreitet, also treffen wir vier die Entscheidung und tragen ihre ganze Last. Wir haben das Gefühl, daß die Rasse uns beipflichten, würde. Irgendwann muß alles riskiert werden, um ein großes Übel zu beseitigen.« Cirocco schüttelte den Kopf. »Ich hoffe, daß du recht hast. Es besteht ... eine gute Möglichkeit, daß die wundervolle titanidische Rasse – die ich, das schwöre ich euch, mehr liebe als meine eigene – überlebt, selbst wenn Gäa, Adam und ich getötet werden. Aber falls Adam und ich umkommen und Gäa überlebt, seid ihr zum Untergang verurteilt. Und das hat für mich erste Priorität: Das Wesen, wel- ches Gäa genannt wird, muß aus dem Universum ge- tilgt werden.« »Wir stehen zu dir in diesem Bestreben«, stellte Hornpipe fest. »Die Verantwortung für die Rettung Adams liegt bei uns ...« – er machte eine Geste, die die ganze Gruppe einschloß – »... bei uns sieben von zwei Rassen, vereinigt durch Liebe. Es ist so, wie es sein sollte.« »Es ist so, wie es sein sollte«, sangen die Titaniden. »Adams Leben liegt jetzt in unseren Händen. Du solltest nicht mehr daran denken. Du hast uns gesagt, was wir tun müssen, und wir werden es nach bestem Vermögen tun. Du solltest es jetzt vergessen und uns vertrauen ... und tun, was du tun mußt.« »Du wirst immer unser Magier bleiben«, sagte Schlange und sang es anschließend noch einmal, laut und herausfordernd. Die anderen Titaniden fielen ein. Cirocco spürte, daß sie weinen mußte, aber sie konnte es doch zurückhalten. Sie blickte sie wieder an. »Dies ist vielleicht unser letztes Treffen«, sagte sie. »Dann werden die Überlebenden immer in Liebe, derer gedenken, die fallen«, meinte Virginal. Cirocco ging zu ihnen und küßte sie alle nachein- ander. Dann schickte sie sie los. Sie hatte geglaubt, alles Weinen wäre seit damals in der Junction für sie vorüber, aber als die anderen gegangen waren, stellte sie doch fest, daß sie noch Tränen übrig hatte. Es dauerte einige Zeit, bis sie die Generale zu sich rufen konnte. Als sie um den Führungstisch versammelt waren, blickte Cirocco von einem zum anderen und schämte sich dafür, daß sie sie stets mit den Nummern der von ihnen befehligten Divisionen gleichsetzte. Das rührte von ihrem Abscheu für militärische Dinge her, aber inzwischen waren diese Leute Kameraden. Sie hatten neben ihr gestanden, und sie selbst hatte jetzt eine merkwürdige Überraschung für sie bereit. Sie wußte, daß sie dieses Zahlenspiel jetzt für immer be- enden mußte. Sie betrachtete jeden einzeln und prägte ihn ihrem Gedächtnis ein. Park Suk Chee, ein kleiner Koreaner in den Fünfzi- gern, Befehlshaber der Zweiten Division. Nadaba Shalom, eine hellhäutige Frau in den Vier- zigern, gelassen, das Rückgrat der Achten. Daegal Kurosawa, eine Mischung aus Japaner, Schwede und Swazi. Er befehligte die Hunderterste. Sie alle waren schon auf der Erde Militärs gewesen, aber keiner hatte es dort weiter als bis zum Leutnant gebracht. Sie führten jetzt den Befehl über Soldaten, die auf der Erde höhere Ränge gehabt hatten ... aber nicht über frühere Generäle. In Bellinzona hatte es ei- ne Zeit gegeben, als die Entdeckung eines Ex-, Generals Anlaß gewesen war für eine grausige Feier: Die Leute versammelten sich und verbrannten den Kommißhengst auf dem Scheiterhaufen. Das Ex- Generale-Verbrennen war Bellinzonas einzige ein- heimische Sportart gewesen. Zur Zeit von Ciroccos Machtübernahme hatte schon länger keine Lynchjustiz mehr stattgefunden, trotzdem war es zu Beginn schwer, jemanden zu be- wegen, daß er diesen Titel annahm. Eine Zeitlang be- zeichnete man die Generale als ›Cäsaren‹, aber das Althergebrachte setzte sich wieder durch, als sich die Menschen an die Tatsache gewöhnten, daß diese Ge- nerale keine Kernwaffen zum Spielen hatten. »Park, Shalom, Kurosawa.« Sie nickte jedem zu, und sie erwiderten das Nicken wachsam. »Zunächst ... wir werden keine Belagerungstürme bauen.« Sie waren überrascht, taten aber ihr Bestes, es nicht zu zeigen. Vor kurzem hätte noch einer gefragt, ob sie einen Frontalangriff über die Brücken plante, und ein weiterer