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Für John E. Varley und für Francine und Kerry KAPITEL EINS »Rocky, würdest du dir das einmal anschauen?« »Hier spricht Käptn Jones. Zeig’s mir morgen früh!« »Es ist gewissermaßen wichtig.« Cirocco stand an ihrem Waschbecken und hatte das Ge- sicht voller Seife. Sie tastete nach einem Handtuch und wischte die grüne Schmiere weg. Es war die einzige Art Sei- fe, die von der Wiederverwertungsanlage verarbeitet wurde. Sie schielte auf die beiden Fotos, die Gaby ihr reichte. »Was ist das?« »Nur der zwölfte Saturnmond.« Gaby schaffte es nicht ganz, ihre Aufregung zu verbergen. »Kein Scherz?« Cirocco ...
Autor Anonym
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Für John E. Varley und für Francine und Kerry, KAPITEL EINS »Rocky, würdest du dir das einmal anschauen?« »Hier spricht Käptn Jones. Zeig’s mir morgen früh!« »Es ist gewissermaßen wichtig.« Cirocco stand an ihrem Waschbecken und hatte das Ge- sicht voller Seife. Sie tastete nach einem Handtuch und wischte die grüne Schmiere weg. Es war die einzige Art Sei- fe, die von der Wiederverwertungsanlage verarbeitet wurde. Sie schielte auf die beiden Fotos, die Gaby ihr reichte. »Was ist das?« »Nur der zwölfte Saturnmond.« Gaby schaffte es nicht ganz, ihre Aufregung zu verbergen. »Kein Scherz?« Cirocco blickte stirnrunzelnd von einem Foto zum anderen. »Für mich sind das nur eine Menge klei- ner schwarzer Punkte.« »Na ja. Ohne den Komparometer kann man nichts erken- nen. Hier ist es.« Sie deutete mit dem kleinen Finger auf einen Bereich. »Dann wollen wir mal gehen und einen Blick darauf wer- fen.« Cirocco durchstöberte ihren Spind und fand einen erbsen- grünen Schiffsanzug, der so gut roch wie die anderen auch. Die meisten der handlichen Velcroabzeichen waren lose. Ihr Raum befand sich am Grund des Karussells auf halbem, Wege zwischen den Leitern Drei und Vier. Sie folgte Gaby der Krümmung des Bodens entlang und dann die Leiter hin- auf. Mit jeder Sprosse fiel der Aufstieg ein wenig leichter, bis sie schließlich in der Nabe schwerelos waren. Sie stießen sich vom langsam rotierenden Ring ab und schwebten den Zentralgang hinab zum Wissenschaftsmodul: SCIMOD auf NASA-isch. Es wurde dunkel gehalten, damit die Instrumen- te leichter abgelesen werden konnten, und es war so far- benprächtig wie das Innere einer Musikbox. Cirocco mochte es. Grüne Lichter blinzelten und Bänke von Fernsehschirmen zischten weißes Rauschen durch Schneewolkenkonfetti. Eu- gene Springfield und die Polo-Schwestern umschwebten den zentralen Holotank. Ihre Gesichter waren in rotes Leuchten gebadet. Gaby steckte die Platten in den Computer und schaltete ein die Darstellung intensivierendes Programm ein, deutete auf den Schirm, den Cirocco betrachten sollte. Die Darstel- lungen wurden deutlicher, miteinander kombiniert, und wechselten dann in rascher Folge. Zwei kleinmaßstäbliche Punkte blinkten nicht weit voneinander entfernt. »Da ist es«, sagte Gaby stolz. »Hübsch kleine Bewegung, aber die Platten liegen nur dreiundzwanzig Stunden ausein- ander.« Sie wurden von Gene gerufen. »Orbitale Elemente kommen herein«, sagte er. Gaby und Cirocco gesellten sich zu ihm. Cirocco senkte flüchtig den Blick und sah, wie sich sein Arm besitzergrei- fend um Gabys Taille legte, wandte sich rasch wieder ab und bemerkte, daß es auch die Polo-Schwestern gesehen hatten und ebenso bemüht waren, darüber hinwegzusehen. Alle hatten gelernt, sich aus den Angelegenheiten der anderen, herauszuhalten. Fett und messingfarben saß der Saturn in der Mitte des Tanks. Acht blaue Kreise waren um ihn gezogen, jeder grö- ßer als der vorangegangene, alle auf der äquatorialen Ebene der Ringe. Auf jedem Kreis gab es eine Kugel wie eine ein- same Perle auf einer Schnur, und neben den Perlen waren Namen und Zahlen aufgeführt: Mnemosyne, Janus, Mimas, Enceladus, Tethys, Dione, Rhea, Titan und Hyperion. Weit jenseits dieser Kreisbahnen gab es noch eine, sichtbar ge- neigt. Das war lapetus. Phoebe, der entfernteste Mond, konnte bei dem benutzten Maßstab nicht mehr gezeigt wer- den. Jetzt wurde ein weiterer Kreis eingezeichnet. Es war eine exzentrische Ellipse, beinahe tangential zu den Kreis- bahnen von Rhea und Hyperion, und sie schnitt mitten durch den Kreis, der Titan darstellte. Cirocco studierte sie und straffte sich dann. Sie blickte auf und erkannte tiefe Furchen auf Gabys Stirn, während deren Finger über die Tastatur flogen. Mit jedem abgerufenen Programm änderten sich die Zahlen auf dem Schirm. »Er ist vor etwa drei Millionen Jahren dicht an Rhea vor- beigekommen«, bemerkte sie. »Er befindet sich klar ober- halb der Umlaufbahn des Titan, obwohl Schwankungen eine Rolle spielen müssen, und ist bei weitem nicht stabil.« »Was bedeutet das?« fragte Cirocco. »Ein eingefangener Asteroid?« schlug Gaby mit einer zweifelnd hochgezogenen Braue vor. »Die Nähe zur Äquatorialebene macht das unwahrschein- lich«, meinte eine der Polo-Schwestern. April oder August? fragte sich Cirocco. Nach achtzehn Monaten in ihrer Gesell- schaft konnte sie sie immer noch nicht auseinanderhalten. »Ich habe gefürchtet, daß du es merken würdest.« Gaby kaute auf einem Knöchel. »Und doch ist er mit den anderen, zusammen entstanden, oder er wäre weniger exzentrisch.« Die Polo zuckte die Achseln. »Es gibt Erklärungsmöglich- keiten. Ein katastrophaler Zwischenfall in der jüngsten Ver- gangenheit. Er wäre leicht in Bewegung zu bringen.« Cirocco machte ein finsteres Gesicht. »Aber wie groß ist er denn dann?« Die Polo – August, sie war sich fast sicher, daß es August war – betrachtete sie mit diesem ruhigen, seltsam beunru- higenden Gesicht. »Ich würde sagen, etwa zwei oder drei Kilometer. Möglicherweise weniger.« »Ist das alles?« Gene grinste. »Gib mir die Zahlen, ich lande darauf.« »Was meinst du mit ›ist das alles‹?« fragte Gaby. »Er konnte gar nicht viel größer sein, oder die Lunarskope hät- ten ihn gesichtet. Wir hätten schon vor dreißig Jahren von ihm erfahren.« »Alles klar. Aber du hast mein Bad wegen einem ver- dammten Kieselstein unterbrochen. Er scheint es kaum wert zu sein.« Gaby machte ein überhebliches Gesicht. »Vielleicht nicht für dich, aber wenn er nur ein Zehntel so groß wäre, hätte es doch an mir gelegen, ihm einen Namen zu geben. Einen Kometen oder Asteroiden zu entdecken ist eine Sache, aber nur ein paar Leute kommen pro Jahrhundert dazu, einen Mond zu taufen.« Cirocco löste ihren Zehenhalt an der Strebe des Holotanks und drehte sich dem Ausgang zum Korridor zu. Kurz bevor sie hinausschwebte, warf sie noch einen kurzen Blick zurück auf die beiden winzigen Pünktchen, die immer noch über ihr auf dem Schirm blitzten. Bills Zunge hatte an Ciroccos Zehen angefangen und war, nun dabei, ihr linkes Ohrläppchen zu erforschen. Das gefiel ihr. Es war eine denkwürdige Reise gewesen, von der Ciroc- co jeden Zentimeter genossen hatte; manche von den Auf- enthalten unterwegs waren unerhört gewesen, und jetzt plagte Bill ihr Ohrläppchen mit Lippen und Zähnen, zupfte dabei sanft, um sie umzudrehen. Sie ließ es geschehen. Er stupste ihr mit Kinn und Nase an die Schulter, um ihre Drehbewegung zu beschleunigen. Sie fing an zu rotieren und fühlte sich wie ein großer, weicher Asteroid – eine Ana- logie, die ihr gefiel und in deren Weiterführung sie beobach- tete, wie die Terminatorlinie um sie herumkroch, um die Hügel und Täler ihrer Vorderseite ins Sonnenlicht zu brin- gen. Cirocco mochte den Weltraum, Lesen und Sex, nicht un- bedingt in dieser Reihenfolge. Noch nie hatte sie es ge- schafft, alle drei Bereiche zufriedenstellend miteinander zu verbinden, aber zwei waren nicht schlecht. Der freie Fall ermöglichte neue Spiele wie jenes, das sie gespielt hatten und das »ohne Hände« hieß. Sie konnten Füße, Mund, Knie oder Schultern benutzen, um sich gegen- seitig in Position zu bringen. Man mußte sanft und vorsichtig sein, aber mit trägem Beißen und Knuffen konnte man alles erreichen, und noch dazu auf so interessante Weise, Sie alle suchten hin und wieder den Hydroponik-Raum auf. Die Ringmeister hatten sieben Privatkabinen, die so not- wendig waren wie Sauerstoff. Aber sogar die von Cirocco war überfüllt, wenn sich zwei Leute darin aufhielten, und sie befand sich am Grund des Karussells. Es erforderte schon einen Liebesakt im freien Fall, um ein Bett als so begren- zend erscheinen zu lassen wie die Rückbank eines Chevro- let. »Warum drehst du dich nicht ein wenig in diese Rich- tung?« fragte Bill. »Kannst du mir einen stichhaltigen Grund dafür nennen?« Er zeigte ihr einen, und sie gab ihm etwas mehr, als er er- beten hatte. Daraufhin stellte sie fest, etwas mehr zu erhal- ten, als sie erbeten hatte – aber Bill wußte wie gewöhnlich, was er tat. Sie legte ihm die Beine um die Hüften und über- ließ ihm die Bewegungen. Bill war vierzig, der älteste der Besatzung, und er hatte ein Gesicht, das von einer klumpigen Nase dominiert wurde und von Backen, die einem Basset zur Ehre gereicht hätten. Er wurde kahl, und seine Zähne waren nicht mehr schön, jedoch wirkte sein magerer und fester Körper zehn Jahre jünger als das Gesicht. Die Hände waren gepflegt und sau- ber und exakt in ihren Bewegungen. Er konnte gut mit Ma- schinen umgehen, ohne dabei aber schmierig und geräusch- voll vorzugehen. Sein Werkzeugbeutel paßte in die Hemdta- sche und enthielt derart winzige Werkzeuge, daß Cirocco sich nie getraut hätte, sie anzufassen. Die Geschicklichkeit seiner Hände zahlte sich in der Liebe aus, und seine sanfte Veranlagung paßte dazu. Cirocco frag- te sich, warum sie so lange gebraucht hatte, ihn zu finden. An Bord der Ringmeister gab es drei Männer, und sie hatte es schon mit allen gemacht, was auch für Gaby Plauget galt., Sieben Leute, die in solch begrenztem Raum zusammenleb- ten, konnten keine Geheimnisse voreinander bewahren. So wußte zum Beispiel Cirocco genau, daß in Alabama immer noch gegen das Gesetz verstieß, was die Polo-Schwestern hinter den verschlossenen Türen ihrer benachbarten Räume taten. Sie alle hatten viel herumgebumst besonders in den ers- ten Monaten des Fluges. Gene war das einzige verheiratete Besatzungsmitglied, und er war darauf bedacht gewesen, schon sehr frühzeitig bekanntzugeben, daß er und seine Frau eine Vereinbarung über diese Dinge getroffen hatten. Trotzdem war er lange allein geblieben, denn die Polos hat- ten einander und Gaby schien sich überhaupt nichts aus Sex zu machen, während Cirocco sich unwiderstehlich zu Calvin Greene hingezogen fühlte. So groß war ihre Beharrlichkeit, daß Calvin schließlich mit ihr ins Bett ging, nicht nur ein, sondern dreimal. Es klappte aber bei keinemmal besser, und bevor er ihre Enttäuschung spüren konnte, kühlte sie die Beziehung ab und ließ ihn Ga- by nachjagen, der Frau, zu der er sich von Beginn an hinge- zogen gefühlt hatte. Calvin war praktischer Chirurg, den die NASA gleichermaßen zum Biologen und Ökologen des Schif- fes ausgebildet hatte. Er war schwarz, maß dieser Tatsache aber nur wenig Bedeutung bei, denn er war in O’Neil Eins geboren und aufgewachsen. Außerdem übertraf er als einzi- ges Besatzungsmitglied Cirocco an Körpergröße. Das hatte für sie nicht viel mit seiner Anziehungskraft zu tun; schon frühzeitig hatte sie gelernt, nichts auf die Körpergröße eines Mannes zu geben, wo sie ja ohnehin den meisten von ihnen darin überlegen war. Sie dachte, daß es mehr an seinen Au- gen lag, die weich und braun und klar waren. Und an sei- nem Lächeln., Diese Augen und dieses Lächeln waren für Gaby ohne Be- deutung gewesen, wie auch Ciroccos Charme Gene nicht in- teressiert hatte, ihre zweite Wahl. »Worüber lächelst du?« fragte Bill. »Meinst du nicht, daß du mir genug Grund dazu gibst?« konterte sie ein wenig atemlos. Aber in Wahrheit hatte sie daran gedacht, wie amüsant sie vier auf Bill gewirkt haben mußten, der sich aus der Verteilung der Leiber herausgehal- ten hatte. Es schien sein Stil zu sein, sich zurückzulehnen und die Leute sich gegenseitig aussortieren zu lassen, und dann, wenn die Sache bedrückend wurde, hinzuzukommen. Sicherlich war Calvin bedrückt gewesen, ebenso Cirocco. Ob nun wegen ständigen Denkens an Gaby oder aus Uner- fahrenheit, Calvin war kein sonderlich guter Liebhaber ge- wesen. Sie glaubte, daß es ein wenig an beidem lag. Er war ruhig, scheu und eine Leseratte. Seine Akte besagte, daß er den größten Teil seines Lebens in der Schule verbracht hatte und daß er eine akademische Fracht mit sich herumschlepp- te, die für Vergnügungen nicht viel Zeit ließ. Gaby beachtete ihn einfach nicht. Das Wissenschaftsmodul der Ringmeister war das feinste Spielzeug, das je ein Mäd- chen gehabt hatte. Sie war so in ihre Arbeit verliebt, daß sie dem Astronautenkorps beigetreten war und als beste ihrer Klasse graduiert hatte, um die Sterne ohne eine störende Atmosphäre beobachten zu können, auch wenn sie das Rei- sen haßte. Wenn sie arbeitete, bemerkte sie nichts anderes, hielt es auch nicht für seltsam, daß Calvin fast ebensoviel Zeit im SCIMOD verbrachte wie sie, während er auf die Ge- legenheit wartete, ihr eine Fotoplatte oder ein Linsentuch oder die Schlüssel zu seinem Herzen zu reichen. Auch Gene schien unachtsam zu sein. Cirocco sandte ver- zweifelt Signale aus, als wäre sie sonst auf ihre eigenen fünf, Finger angewiesen, aber Gene merkte nichts. Er grinste ein- fach mit seinem jungenhaften arischen Idealgesicht unter den zerzausten Haaren und redete vom Fliegen. Er war der Pilot für das Satelliten-Exkursionsmodul, wenn das Schiff erst einmal den Saturn erreicht hatte. Auch Cirocco flog gerne, aber es gab Zeiten, zu denen eine Frau etwas ande- res wollte. Schließlich bekamen Calvin und Cirocco jedoch, was sie gewollt hatten. Kurz darauf wollten es beide nicht mehr. Cirocco wußte nicht, welches Problem es zwischen Calvin und Gaby gegeben hatte; keiner von beiden sprach davon, aber es war offenkundig, daß es bestenfalls annehmbar funktionierte. Calvin traf sich weiterhin mit ihr, aber sie sah auch Gene. Dieser hatte anscheinend nur darauf gewartet, daß Cirocco aufhörte, ihn zu jagen. Sobald sie das getan hatte, begann er sich anzuschleichen und ihr Schweres ins Ohr zu flüstern. Ihr gefiel das nicht sonderlich, und seine übrige Technik war nicht besser. Nach dem Lieben schien er stets zu erwarten, daß sie sich bei ihm bedankte. Sie war nie leicht zu beein- drucken gewesen; es hätte Gene erstaunt zu erfahren, wo- mit er auf ihrer Skala von eins auf zehn fiel. Bill war beinahe zufällig passiert – obwohl sie seitdem ge- lernt hatte, daß in Bills Umgebung wenig Zufälle geschahen. Eines führte zum anderen, und jetzt waren sie dabei, eine pornografische Demonstration von Newtons drittem Bewe- gungsgesetz zu bieten, von jenem Gesetz, das sich auf »Ak- tion und Reaktion« zu beziehen pflegt. Cirocco hatte die Sache durchgerechnet und herausgefun- den, daß die Kraft der Ejakulation nicht annähernd ausreich- te, um die orgasmische Beschleunigung zu erklären, die sie in solchen Augenblicken immer feststellte. Der Grund lag, sicher in Zuckungen der großen Beinmuskulatur, aber die Auswirkung war schön und ein wenig erschreckend, als hät- ten sie beide sich in große fleischige Ballons verwandelt, die Luft verloren und im Moment der engsten Annäherung von- einander weggetrieben wurden. Stets drehten sie sich dabei und prallten voneinander ab, ruhten dann schließlich wieder beisammen. Auch Bill spürte, wie es sich aufbaute. Er grinste, und die Hydroponiklampen ließen seine krummen Zähne lumineszie- ren. PUB/REL DEPESCHE No. 0056 5/12/25 TRS RINGMEISTER (NASA 447D, L5/1, HOUSTON KO- PERNIKUS GCR BASISLINIE) JONES, CIROCCO, MISCOM FÜR UMSCHREIBUNG UND SOFORTIGE FREIGABE BEGINNT: Gaby hat beschlossen, den neuen Mond Themis zu nennen. Calvin pflichtet ihr bei, obwohl sie aus verschiedenen Über- legungen zu dem Namen gekommen sind. Gaby erwähnt die angebliche Sichtung von etwas, das ein zehnter Mond des Saturns gewesen wäre, durch William Henry Pickering – Entdecker Phoebes, des äußersten Saturnmondes – im Jahr 1905. Er nannte ihn Themis, und niemand hat den Mond je wieder gesichtet. Calvin weist darauf hin, daß bereits fünf Saturnmonde nach den Titanen der griechischen Mythologie (ein spezielles Interessengebiet von ihm; siehe PUB/REL DEPESCHE No.0009, 1/3/24) benannt sind und ein sechster Titan heißt. Themis war ein Titan, und so ist Calvin beruhigt. Themis hat manches mit dem Mond gemein, den Pickering, zu sehen glaubte, aber Gaby ist nicht davon überzeugt, daß er ihn tatsächlich gesehen hat. (Hätte er es getan, würde sie nicht als Entdecker genannt werden, aber um gerecht zu sein, Themis scheint zu klein zu sein und zu schwach zu leuchten, um auch nur von den besten Lunarskopen gese- hen werden zu können.) Gaby ist dabei, eine Kataklysmentheorie über die Entste- hung von Themis auszuarbeiten, nach der sie das Ergebnis einer Kollision zwischen Rhea und einem wandernden Aste- roiden war. Themis könnte das Überbleibsel dieses Asteroi- den sein oder ein aus Rhea herausgeschlagener Brocken. So erweist sich Themis als eine interessante Herausforde- rung für… »… die wundervollen Idiotenbande, die ihr alle inzwischen so gut kennt, die Besatzung des TRS Ringmeister.« Cirocco lehnte sich von der Schreibtastplatte zurück, streckte die Arme über den Kopf und ließ die Knöchel knacken. »Schund«, murmelte sie. »Und übertrieben.« Die grünen Buchstaben leuchteten vor ihr auf dem Schirm, unten immer noch ohne fertigen Absatz. Das war ein Teil ihrer Arbeit, den sie immer so lange wie möglich hinausschob, aber die auffordernden Spots der NA- SA konnten nicht länger ignoriert werden. Allen Anzeichen nach war Themis ein uninteressanter Felsbrocken, aber die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit hungerte verzweifelt nach einem Aufhänger für eine Story. Auch wollten sie menschli- ches Interesse wecken, was sie unter der Überschrift »per- sönlicher Journalismus« führten. Cirocco versuchte ihr bes- tes, konnte sich aber nicht dazu bringen, in die Art von De- tail zu gehen, die die Freigabeschreiber wollten. Was ohne- hin kaum eine Rolle spielte, denn was sie gerade verfaßt, hatte, würde bearbeitet, umgeschrieben, auf Konferenzen diskutiert und ganz allgemein aufgemöbelt werden, um die Astronauten »menschlicher erscheinen zu lassen«. Cirocco sympathisierte mit dieser Absicht. Manche Leute gaben keinen Pfifferling auf das Raumfahrtprogramm. Sie waren der Meinung, daß man das Geld besser auf der Erde, dem Mond und den L5-Kolonien ausgeben konnte. Warum Geld in das Rattenloch der Raumforschung schütten, wenn man soviel Gewinn aus Dingen ziehen konnte, die auf einer kommerziellen Grundlage beruhten, wie Industrieproduktion im Erdorbit? Forschungsflüge waren schrecklich teuer, und beim Saturn gab es nichts als einen Haufen Gestein und Va- kuum. Cirocco versuchte gerade, sich ein paar frische Formulie- rungen auszudenken, eine neue Masche, um ihre Beteili- gung an der ersten Forschungsmission in elf Jahren zu rechtfertigen, als auf ihrem Schirm ein Gesicht auftauchte. Vielleicht war es April, vielleicht aber auch August. »Käptn, es tut mir leid, dich zu stören.« »Macht nichts. Ich war nicht beschäftigt.« »Wir haben hier oben etwas, das du sehen solltest.« »Dann schnurstracks heraus damit.« Sie dachte, daß es August war. Sie hatte sich darum be- müht, beide auseinanderzuhalten, da Zwillinge es im allge- meinen übelnehmen, wenn sie miteinander verwechselt werden. Mit der Zeit hatte Cirocco jedoch erkannt, daß sich April und August nichts daraus machten. Aber April und August waren ja auch keine gewöhnlichen Zwillinge. Ihre vollen Namen lauteten April 15/02 und August 3/02 Polo. So stand es auf ihren jeweiligen Testschläuchen, und so hatten es die Wissenschaftler, die als ihre Hebammen, fungierten, in ihre Geburtsurkunden eingetragen. Cirocco hatte das immer für zwei exzellente Gründe gehalten, wa- rum es Wissenschaftlern nicht erlaubt sein sollte, mit Expe- rimenten herumzuspielen, die lebten, atmeten und schrieen. Die Mutter, Susan Polo, war zur Zeit ihrer Geburten be- reits fünf Jahre lang tot und konnte sie nicht beschützen. Auch sonst schien niemand bereit zu sein, sie in irgendeiner Form zu bemuttern, also hatten sie nur einander und ihre drei Klon-Schwestern zum Lieben. August erzählte Cirocco einmal, daß sie fünf nur einen engen Freund gehabt hatten, während sie heranwuchsen, einen Rhesusaffen mit hochge- züchtetem Gehirn. Er war seziert worden, als die Mädchen sieben Jahre alt waren. »Ich will vermeiden, daß es sich zu brutal anhört«, hatte August bei dieser Gelegenheit gesagt, in einer Nacht nach dem Konsum einiger Gläser von Bills Sojabohnenwein. »Die- se Wissenschaftler waren keine Monster. Viele von ihnen benahmen sich wie freundliche Tanten und Onkel. Wir er- hielten alles, was wir wollten. Ich bin sicher, daß viele von ihnen uns liebten.« Sie hatte einen weiteren Schluck ge- nommen. »Schließlich«, meinte sie, »haben wir eine Menge Geld gekostet.« Was die Wissenschaftler für ihr Geld bekamen, waren fünf ruhige, eher geisterhafte Genies – genau das, was sie be- stellt hatten. Cirocco bezweifelte, daß sie auf die blutschän- derische Homosexualität gefaßt gewesen waren, fand aber, daß sie sie hätten erwarten sollen, genauso wie den hohen IQ. Die Mädchen waren alle Klone ihrer Mutter – die Tochter einer Japanoamerikanerin der dritten Generation und eines Filipino. Susan Polo gewann den Nobelpreis für Physik und starb jung. Cirocco betrachtete August, während die Frau ein Foto auf, dem Kartentisch studierte. Sie sah genauso aus wie ihre be- rühmte Mutter als junge Frau: klein, mit kohlschwarzem Haar, einer adretten Figur und dunklen, ausdruckslosen Au- gen. Cirocco hatte nie gefunden, daß sich orientalische Ge- sichter untereinander so ähnelten, wie es viele Kaukasier dachten, aber Aprils und Augusts Gesichter verrieten nichts. Ihre Haut hatte die Farbe von Kaffee mit viel Sahne, aber im roten Licht des Wissenschaftsmoduls wirkte August beinahe schwarz. Sie warf Cirocco einen flüchtigen Blick zu, der mehr Aufre- gung zeigte, als für sie üblich war. Cirocco hielt ihrem Blick für einen Moment stand, sah dann nach unten. Vor einem Feld klar hervortretender Sterne waren sechs winzige Lich- ter zu einem perfekten Hexagon angeordnet. Cirocco betrachtete es ausgiebig. »Etwas Verflixteres habe ich noch nie auf einem Sternfoto gesehen«, gestand sie. »Was ist es?« Gaby hatte sich auf der anderen Seite der Kabine in einem Sessel angeschnallt und saugte Kaffee aus einem Plastikbe- hälter. »Das ist die jüngste Aufnahme von Themis«, sagte sie. »Ich habe sie im Verlauf der letzten Stunde mit meiner empfindlichsten Ausrüstung und einem Computerprogramm gemacht, um die Rotation zu messen.« »Ich schätze, das beantwortet meine Frage«, meinte Ci- rocco. »Aber was ist das?« Gaby ließ sich mit der Antwort Zeit und nahm erst noch einen Schluck. »Es kann sein«, sagte sie mit abwesender und verträum- ter Stimme, »daß mehrere Körper um ein gemeinsames Schwerkraftzentrum kreisen. Theoretisch. Gesehen hat es noch niemand. Man bezeichnet eine solche Konfiguration als, Rosette.« Cirocco wartete geduldig. Als niemand mehr etwas sagte, schnaubte sie. »Mitten im Satellitensystem des Saturn? Vielleicht für fünf Minuten, dann würden die anderen Monde es stören.« »Das ist es«, pflichtete Gaby bei. »Und wie sollte es überhaupt dazu kommen? Die Chancen sind wahnsinnig klein.« »Auch das stimmt.« April und Calvin hatten den Raum betreten. Jetzt blickte Calvin auf. »Will es denn niemand sagen? Das ist keine na- türliche Anordnung. Jemand hat sie konstruiert.« Gaby rieb sich die Stirn. »Du hast nicht alles mitbekommen. Ich habe sie mit Ra- darsignalen untersucht, die mir gezeigt haben, daß Themis einen Durchmesser von 1300 Kilometern hat. Auch die Dich- teberechnungen ergaben Unsinn; die Dichte liegt um ein ganzes Stück unter der des Wassers. Ich habe geglaubt, verkehrte Ablesungen zu bekommen, weil ich an den Gren- zen meiner Ausrüstung arbeitete. Dann erhielt ich das Fo- to.« »Sechs Körper oder einer?« fragte Cirocco. »Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber alles deutet auf einen.« »Erklär mal, was du zu wissen glaubst.« Gaby zog ihre Ausdruckbögen zu Rate, brauchte sie jedoch offenkundig nicht. Die Zahlen standen deutlich in ihrem Ge- hirn. »Themis durchmißt 1300 Kilometer. Das macht ihn zum drittgrößten Saturnmond, etwa so groß wie Rhea. Außer an diesen sechs Stellen muß er völlig schwarz sein, was die bei weitem niedrigste Albedo irgendeines Körpers im Sonnen-, system ist, wenn euch das interessiert; außerdem ist er der Körper mit der geringsten Dichte. Sehr wahrscheinlich ist er hohl und möglicherweise nicht kugelförmig, sondern Schei- ben- oder ringförmig wie eine Donuß. Auf jeden Fall scheint er sich zu drehen wie eine Scheibe, die auf ihrer Kante rollt, mit einer Umdrehung pro Stunde. Damit ist der Drehimpuls groß genug, daß sich nichts auf der Oberfläche halten kann. Die Zentripetalkraft ist stärker als die Gravitation.« »Aber wenn er hohl ist und man im Inneren wäre…« Ciroc- cos Augen hingen an Gaby. »Wenn er hohl ist, würde innen das Äquivalent zu einer Schwerkraft von Ein-Viertel-G herrschen.« Cirocco stellte ihre nächste Frage mit den Augen, und Ga- by konnte diesem Blick nicht standhalten. »Wir kommen ihm jeden Tag näher. Die Beobachtungs- möglichkeiten können nur besser werden. Aber ich kann dir nicht versprechen, wann ich mir irgendeines dieser Dinge sicher sein kann.« Cirocco steuerte auf die Tür zu. »Ich werde senden müs- sen, was du herausgefunden hast.« »Aber keine Theorien, okay?« rief Gaby ihr nach. Es war das erstemal, daß Cirocco sie nicht glücklich über das erleb- te, was sie durch ein Teleskop gesehen hatte. »Schreib sie zumindest nicht mir zu.« »Keine Theorien«, bestätigte Cirocco. »Die Tatsachen soll- ten reichen.« KAPITEL ZWEI, INFORMATIONSDEPESCHE No. 0931 (ANTWORT AUF HOUSTON-ÜBERMITTLUNG No. 5455, 5-20-25) 5-21-25 TRS RINGMEISTER (NASA 447D, L5/1, HOUSTON KO- PERNIKUS GCR BASISLINIE) JONES, CIROCCO, MISCOM SICHERHEITSVERBLOCKUNG ›EIN‹ CODE PRÄFIX DELTADELTA BEGINNT: 1. Wir stimmen mit eurer Analyse von Themis als interstella- rem Raumschiff vom Generationentyp überein. Vergeßt nicht, daß wir zuerst darauf gekommen sind. 2. Jüngstes Foto folgt. Beachtet die verstärkte Auflösung der hellen Bereiche. Noch kein Glück bei der Suche nach Dock- anlagen in der Nabe. Halten weiter Ausschau. 3. Sind mit Festlegung der Umkehr auf 5/22 einverstanden. 4. Erbitten auf den neuesten Stand gebrachte Kursbestim- mung, da neuer Orbit-Eintritt nähergekommen ist, begin- nend bei 5/25 durchgehend bis Beginn des Eintritts, dann hochgestuft. Es ist mir egal, ob das Einschaltung eines wei- teren Computers bedeutet; ich glaube nicht, daß unser Bordcomputer dieses Volumen bewältigen kann. 5. Wenden 5/22, 0400 UT, nach Umkehrbrennphase INFORMATIONSTEIL ENDET PERSÖNLICHES (VERBREITUNG BEGRENZT AUF RINGMEISTER MISSIONSKONTROLLKOMITEE) BEGINNT: Betrifft das Kontaktkomitee, das mir in den Ohren gelegen hat: ›schwirrt ab!‹ Mir ist egal, WER auf dem verdammten Ding hockt. Ich habe widersprüchliche Instruktionen erhal- ten, die sich anhören, als hätten sie die Macht direkter Be-, fehle. Vielleicht gefallen euch meine Ideen nicht, wie diese Sache zu handhaben ist, vielleicht doch. Tatsache ist, daß es meine Show sein wird. Die Zeitverzögerung allein reicht aus, um das erforderlich zu machen. Ihr habt mir das Schiff und die Verantwortung gegeben, also ›RUTSCHT MIR DEN BU- CKEL RUNTER!‹ ENDET. Cirocco hieb auf den CODIER-Knopf, dann auf Übermittlung und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Sie rieb sich die Au- gen. Nur wenige Tage zuvor hatte es nicht genug Beschäfti- gung gegeben. Jetzt erstickte sie unter den Anforderungen des Status-Checks, um die Ringmeister auf den Kreisbahn- eintritt vorzubereiten. Alles hatte sich verändert, und nur wegen dieser sechs winzigen Lichtpunkte in Gabys Teleskop. Die Erforschung der anderen Saturnmonde schien jetzt nicht mehr viel Sinn zu haben. Ein frühes Rendezvous mit Themis war unum- gänglich. Sie rief den Plan mit den Dingen ab, die noch erledigt werden mußten, dann den Dienstplan. Er war wieder umge- stellt worden. Sie mußte sich draußen zu April und Calvin gesellen und eilte zur Schleuse. Ihr Anzug war dick und eng und raschelte an ihr, während das Radio leise zischte. Er roch ungemütlich nach ihr, nach Krankenhausplastik und frischem Sauerstoff. Die Ringmeister war eine langgestreckte Konstruktion und bestand aus zwei Hauptsektionen, die durch eine Hohlröhre von drei Metern Durchmesser und hundert Metern Länge miteinander verbunden waren. Strukturelle Festigkeit erhielt die Röhre durch drei zusammengesetzte Träger an der Au- ßenseite, von denen jeder die Schubkraft eines Raketenmo-, tors auf das Lebenssystem übertrug, das vorne an der Röh- re balancierte. Am hinteren Ende befanden sich die Motoren und eine An- sammlung abwerfbarer Brennstofftanks. Den Zublick darauf versperrte die breite Platte des Strahlenschirms, der die Zentralröhre umringte wie der Rattenschutz das Haltetau eines Ozeanfrachters. Die andere Seite des Schirms war ein ziemlich ungesunder Ort. Am anderen Röhrenende befand sich das Lebenssystem, das aus dem Wissenschaftsmodul, dem Kontrollmodul und dem Karussell bestand. Das Kontrollmodul lag am äußersten vorderen Ende, eine kegelförmige Erhebung aus der großen Kaffeekanne des SCIMOD. Es war das einzige mit Fenstern ausgestattete Schiffsteil, mehr wegen der Tradition als aus praktischen Erwägungen. Das Wissenschaftsmodul war fast ganz hinter einem In- strumentendickicht verborgen. Die Hochleistungsantenne überragte alles andere, saß am Ende eines langen Stieles und war auf die Erde gerichtet. Es gab zwei Radarschüsseln und fünf Teleskope einschließlich Gabys 120-Zentimeter Newton-Reflektor. Direkt dahinter kam das Karussell, ein dickes weißes Schwungrad. Es rotierte langsam um den Rest des Schiffes und bestand aus vier Speichen, die vom Rand hinaufführten. Weitere Elemente waren am Zentralstamm befestigt, ein- schließlich der Hydroponikzylinder und der verschiedenen Komponenten des Landers: Lebenssystem, Antrieb, zwei Abstiegsstufen und die Aufstiegsmaschine. Der Lander war für die Erforschung der Saturnmonde ge- dacht gewesen, im besonderen lapetus und Rhea. Nach Ti- tan – der eine Atmosphäre hatte und sich deshalb für die, Erforschung im Rahmen dieses Fluges nicht eignete – war lapetus der interessanteste Körper in der Gegend. Bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts war er auf einer Hemi- sphäre deutlich heller gewesen, aber das hatte sich im Ver- lauf von zwanzig Jahren geändert, bis seine Albedo fast gleichförmig war. In der Helligkeitskurve gab es jetzt zwei Einbrüche an gegenüberliegenden Punkten seiner Umlauf- bahn. Der Lander war entworfen worden, den Grund dafür herauszufinden. Jetzt hatte man diesen Ausflug angesichts eines viel unwi- derstehlicheren Objektes namens Themis über Bord gewor- fen. Die Ringmeister ähnelte einem anderen Raumschiff: der fiktiven Discovery, der Jupitersonde aus dem Filmklassiker 2001: Odyssee im Weltraum. Das war nicht weiter überra- schend. Dem Entwurf beider Schiffe lagen ähnliche Parame- ter zugrunde, auch wenn eines den Raum nur auf Zelluloid durchquerte. Cirocco war jetzt EVA, um die letzten der So- larreflexionsplatten zu entfernen, die das Lebenssystem der Ringmeister umgaben. Bei einem Raumfahrzeug liegt das Problem normalerweise darin, überschüssige Wärme loszu- werden, aber mittlerweile befanden sie sich weit genug von der Sonne entfernt, daß es aufzufangen lohnte, was sie kriegen konnten. Sie hakte die Sicherheitsleine um ein Rohr, das von der Nabe des Karussells zur Liftschleuse führte, und sah sich einer der letzten Platten gegenüber. Diese war silbrig, einen Quadratmeter groß und aus zwei dünnen Folienschichten gefertigt, die wie ein Sandwich zusammengefügt waren. Ci- rocco führte den Schraubenzieher an eine Ecke, und das Ge- rät schnalzte, als es den Schlitz fand. Das Gegengewicht ro- tierte. Es verschluckte die lose Schraube, bevor sie da-, vonschweben konnte. Dasselbe noch dreimal, und die Platte löste sich von der unterliegenden Schicht aus Antimeteoritenschaum. Cirocco hielt sie fest und drehte die Fläche der Sonne zu, um ihre eigene zwanglose Untersuchung nach Löchern durchzufüh- ren. Drei winzige helle Lichter markierten die Stellen, wo die Platte von Körnchen meteoritischen Staubes getroffen wor- den war. Die Platte wurde durch Drähte starr gehalten, die an den Kanten entlangführten. Cirocco bog zwei davon zum Mittel- punkt. Nach der fünften Faltung war sie klein genug, um in die Schenkeltasche ihres Anzuges zu passen. Sie befestigte die Schnalle und schwebte dann weiter zur nächsten Platte. Zeit stand hoch im Kurs. Wann immer es möglich war, kom- binierten sie zwei Aufgaben miteinander, so daß das Ende des Schiffstages Cirocco auf ihrem Bett ruhend fand, wäh- rend Calvin an ihr die wöchentliche Untersuchung vornahm und Gaby ihr das jüngste Bild von Themis zeigte. Der Raum war rappelvoll. »Das ist kein Foto«, sagte Gaby gerade, »sondern ein computerintensiviertes theoretisches Bild. Und es ist infra- rot, was das günstigste Spektrum zu sein scheint.« Cirocco erhob sich auf einen Ellbogen, wobei sie darauf achtete, keine von Calvins Elektroden zu verschieben. Sie kaute auf dem Ende des Thermometers, bis er ihr einen finsteren Blick zuwarf. Der Ausdruck zeigte ein dickes Wagenrad, das von hellro- ten dreieckigen Stellen mit breiter Basis gerändert wurde. Es gab sechs rote Stellen an der Innenseite des Rades, aber sie waren kleiner und quadratisch. »Die großen Dreiecke an der Außenseite sind die heißes- ten Stellen«, sagte Gaby. »Ich schätze, daß sie zu einem, Temperaturkontrollsystem gehören. Sie nehmen Wärme von der Sonne auf und strahlen den Überschuß ab.« »Houston hat das bereits entschieden«, erinnerte Cirocco. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die Fernsehkamera dicht unter der Decke. Die Bodenkontrolle überwachte sie. Wenn denen dort etwas einfiel, würde Cirocco in ein paar Stunden davon hören, ob sie nun schlief oder nicht. Die Rad-Analogie stimmte fast wörtlich, abgesehen von den Leitflächen für Aufheizung oder Abkühlung, die Gaby gezeigt hatte. Im Zentrum gab es eine Nabe mit einem Loch, das eine Radachse hätte aufnehmen können, wäre Themis tatsächlich ein Wagenrad gewesen. Von der Nabe gingen strahlenförmig sechs dicke Speichen aus, die sich allmählich verdickten, bis sie in den Torus, die Felge des Rades, übergingen. Zwischen jedem Speichenpaar gab es eine der leuchtenden quadratischen Stellen. »Das ist neu an der Sache«, sagte Gaby. »Diese Quadrate sind gewinkelt. Sie sind das, was ich ursprünglich gesehen hatte, die sechs Lichtpunkte. Sie sind flach, andernfalls sie viel mehr Licht verstreuen würden. Wie die Sache steht, re- flektieren sie nur dann Licht zur Erde, wenn sie genau im richtigen Winkel stehen, und das ist selten.« »In welchem Winkel?« lispelte Cirocco. Calvin nahm ihr das Thermometer aus dem Mund. »Okay. Das Licht fällt parallel zur Achse ein, aus diesem Winkel.« Sie fuhr mit dem ausgestreckten Finger auf den Ausdruck. »Die Spiegel sind so angeordnet, daß sie das Licht um neunzig Grad zum Torus umlenken.« Sie berührte das Papier mit dem Finger, drehte diesen und deutete auf eine Stelle zwischen zwei Speichen. »Dieser Teil des Rades ist heißer als die übrigen, aber nicht so heiß, wie wenn er alle Wärme aufnehmen würde,, die er bekommt. Weder reflektiert noch absorbiert er sie, also überträgt er sie. Er ist entweder ganz durchsichtig oder nur lichtdurchlässig und läßt das meiste Licht zu dem durch, was auch immer darunterliegt. Fällt dir dabei etwas ein?« Cirocco hob den Blick von ihrer sorgfältigen Untersuchung. »Was meinst du damit?« »Okay. Wie wir wissen, ist der Torus hohl; vielleicht auch die Speichen. Auf jeden Fall, stell dir das Rad bildlich vor. Es gleicht einem Autoreifen, groß und dick und mit flacher Un- terseite, um ein größeres Volumen zu erzielen. Die Zentrifu- galkraft stößt einen von der Nabe weg.« »Soweit habe ich alles verstanden«, meinte Cirocco leicht amüsiert. Gaby konnte so konzentriert sein, wenn sie etwas erklärte. »Also, wenn du auf der Innenseite des Rades stehst, be- findest du dich entweder unter einer Speiche oder unter ei- nem Reflektor, richtig?« »Wie? O ja, also…« »Also ist es an jeder einzelnen Stelle immer entweder Tag oder Nacht. Die Speichen sind starr, auch die Reflektoren sind unbeweglich, ebenso die Dachfenster. Es muß also so sein. Immer Tag oder immer Nacht. Warum, denkst du, ha- ben sie es so gebaut?« »Um das zu beantworten, müßten wir ihnen begegnen. Sie müssen andere Bedürfnisse haben als wir.« Erneut betrach- tete sie das Bild. Immer wieder mußte sie sich die Größe von diesem Ding ins Gedächtnis rufen. Dreizehnhundert Ki- lometer Durchmesser, 4000 um den äußeren Rand herum. Die Aussicht auf eine Begegnung mit den Wesen, die so et- was gebaut hatten, bereitete ihr von Tag zu Tag mehr Sor- gen. »In Ordnung, ich kann warten.« Gaby war nicht allzusehr, an Themis als Raumschiff interessiert. Für sie war es ein faszinierendes Beobachtungsproblem. Cirocco betrachtete erneut das Bild. »Die Nabe«, begann sie und biß sich dann auf die Lippe. Die Kamera lief immer noch, und sie wollte nicht zu hastig etwas sagen. »Was ist damit?« »Na ja, sie ist die einzige Stelle, wo man an das Ding an- docken könnte. Der einzige Teil, der bewegungslos ist.« »Nicht so, wie es jetzt ist. Dieses Loch in der Mitte ist ganz schön groß. Sobald du dort eine feste Stelle erreichst, be- wegt sie sich mit einem ganz ordentlichen Tempo. Ich könn- te berechnen…« »Laß gut sein! Das ist jetzt unwichtig. Der Punkt ist, nur am eigentlichen toten Mittelpunkt der Rotation könnte man ohne große Probleme an Themis andocken. Ich möchte es ganz gewiß nicht versuchen.« »Also?« »Also muß es einen zwingenden Grund dafür geben, daß dort keine Dockeinrichtungen zu sehen sind. Etwas, das wichtig genug ist, um auf diese Stelle zu verzichten, irgend- ein Grund, um in der Mitte ein großes Loch zu lassen.« »Der Antrieb«, meinte Calvin. Cirocco warf ihm einen Blick zu und erwischte einen flüchtigen Eindruck von seinen brau- nen Augen, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte. »Das war mein Gedanke. Ein wirklich großer Fusions- Ramscoop. Die Maschinerie befindet sich in der Nabe, elekt- romagnetische Feldgeneratoren, die den interstellaren Was- serstoff ins Zentrum leiten, wo er oxidiert wird.« Gaby zuck- te die Achseln. »Ergibt Sinn. Aber was ist mit dem Dock?« »Na ja, es wäre einfach genug, das Ding wegzulassen. Man läßt einfach ein Loch im Boden und bekommt die, Fluchtgeschwindigkeit, um sich freizumachen, sowie noch ein bißchen zum herumspielen. Aber es sollte eine Art Dingsda geben, das sich zum Zentrum der Rotation hinaus- schiebt, um Scoutschiffe aufzupicken, wenn der Antrieb nicht läuft. Der Hauptantrieb muß dort sein. Die einzige an- dere Möglichkeit wäre, die Motoren um den äußeren Rand zu verteilen. Ich würde mir drei wünschen; mehr wären bes- ser.« Sie drehte das Gesicht zur Kamera. »Schickt mir alles, was ihr über Wasserstoff-Ramscoop- Antriebe habt«, sagte sie. »Seht zu, ob ihr mir eine Idee geben könnt, wonach wir Ausschau halten sollen, wenn Themis einen hat.« »Du mußt das Hemd ausziehen«, sagte Calvin. Cirocco langte nach oben und schaltete die Kamera aus, ließ aber den Ton eingeschaltet. Calvin klopfte ihr den Rü- cken ab und lauschte auf die Resultate, während Cirocco und Gaby mit der Begutachtung des Themis-Bildes weiter- machten. Sie kamen zu keinen neuen Einsichten, bis Gaby die Sache mit den Kabeln ins Spiel brachte. »Soweit ich es sagen kann, bilden sie etwa in der Mitte zwischen Nabe und Torus einen Kreis. Sie stützen die obe- ren Kanten der Reflektorplatten, ähnlich der Takelage eines Segelschiffes.« »Was ist mit denen?« fragte Cirocco, wobei sie auf eine Stelle zwischen zwei Speichen deutete. »Irgendeine Idee, wofür die gut sind?« »Nein. Es gibt sechs davon, und sie sind mitten zwischen den Speichen angeordnet und verlaufen radial von der Nabe zum Torus. Sie gehen durch die Reflektorplatten hindurch, wenn dir das etwas sagt.« »Nichts Genaues. Aber wenn es noch mehr von diesen, Dingern gibt, vielleicht kleinere, sollten wir nach ihnen Aus- schau halten. Diese Kabel sind etwa – was hast du gesagt? Drei Kilometer im Umfang?« »Eher fünf.« »Okay. Also könnte eines, das nur winzig ist – etwa so groß, wie der Umfang der Ringmeister –, für uns lange un- sichtbar bleiben, besonders wenn es so schwarz ist wie der Rest von Themis. Gene wird dort im SEM herumschnüffeln. Es würde mir nicht gefallen, wenn er dabei mit einem zu- sammenstößt.« »Ich werde den Computer damit beschäftigen«, sagte Ga- by. Calvin fing an, seine Instrumente einzupacken. »So entsetzlich gesund wie immer«, meinte er. »Ihr Leute liefert mir nie einen Bruch. Wenn ich dieses Fünf-Millionen- Dollar-Hospital nicht ausprobiere, wie soll ich sie dann glau- ben machen, daß sie für ihr Geld etwas bekommen haben?« »Willst du, daß ich jemandem den Arm breche?« schlug Cirocco vor. »Nee. Das habe ich auf der medizinischen Akademie be- reits gemacht.« »Einen gebrochen oder gerichtet?« Calvin lachte. »Blinddarm. Das ist jetzt etwas, was ich gerne probieren würde. Aber heutzutage bekommt man kaum noch durchgebrochene Blinddarme.« »Du meinst, du hast niemals einen Blinddarm herausge- nommen? Was bringt man euch denn heute auf medizini- schen Akademien bei?« »Daß, wenn die Theorie stimmt, die Finger ihr folgen wer- den. Wir sind zu intellektuell, um uns die Finger schmutzig zu machen.« Wieder lachte er, und Cirocco konnte spüren, wie die dünnen Wände ihrer Kabine zitterten., »Ich wüßte gerne, wann er mal ernst war«, meinte Gaby. »Du willst was Ernstes?« fragte Calvin. »Es gibt etwas, an das du vielleicht noch nie gedacht hast. Kosmetische Chirur- gie. Ihr Leute habt einen der besten Chirurgen in der Ge- gend…« Er machte eine Pause, um die unfeinen Laute ersterben zu lassen. »Einen der besten Chirurgen, die es gibt. Zieht jemand daraus Nutzen? Kaum. Eine Korrektur der Nase, na, das würde euch zu Hause sieben- oder acht- tausend kosten. Hier kriegt ihr das vom Blauen Kreuz.« Cirocco richtete sich auf und funkelte ihn eisig an. »Du meinst doch nicht etwa mich, oder?« Calvin streckte einen Daumen aus und begutachtete mit zusammengekniffenen Augen an ihm vorbei Ciroccos Ge- sicht. »Natürlich gibt es noch andere Arten kosmetischer Chirurgie. Ich bin in allen ganz ordentlich. Das war mein Hobby.« Cirocco trat nach ihm, und er duckte sich zur Tür hinaus. Lächelnd setzte sie sich wieder. Gaby war noch da, das Bild unter den Arm geklemmt. Sie hockte auf dem winzigen Klappstuhl neben dem Bett. Cirocco zog eine Braue hoch. »Gibt’s noch was?« Gaby wandte den Blick ab. Sie öffnete den Mund, um et- was zu sagen, bekam aber keinen Ton heraus und klatschte sich daraufhin mit der Handfläche auf den nackten Schenkel. »Nein, ich schätze nicht.« Sie machte Anstalten aufzuste- hen, tat es aber nicht. Cirocco betrachtete sie gedankenvoll, langte dann nach oben und schaltete den Fernsehton ab. »Hilft das etwas?« Gaby zuckte die Achseln. »Vielleicht. Ich hätte dich sowie- so gebeten, ihn abzuschalten, wenn ich jemals hätte anfan-, gen können, etwas zu sagen. Aber ich schätze, es geht nicht um meine Aufgaben.« »Aber du fühlst, daß du etwas sagen solltest«, wartete Ci- rocco. »Na ja, okay. Es ist deine Sache, wie du dieses Schiff führst. Du sollst wissen, daß ich mir dessen immer bewußt bin.« »Red weiter! Ich kann Kritik vertragen.« »Du hast mit Bill geschlafen.« Cirocco lachte lautlos. »Schlafen tue ich mit ihm nie. Das Bett ist zu klein. Aber ich weiß, was du meinst.« Sie hatte gehofft, Gaby die Befangenheit zu nehmen, aber es hatte offensichtlich nicht geklappt. Gaby stand auf und ging lang- sam hin und her, auch wenn sie nur vier Schritte machen konnte, bis sie die Wand erreichte. »Käptn, Sex bedeutet mir nicht viel.« Sie zuckte die Ach- seln. »Ich hasse ihn nicht, aber ich bin auch nicht so ver- rückt danach. Wenn ich einen Tag oder ein Jahr lang keinen Sex habe, merke ich es nicht einmal. Aber die meisten Leute sind anders, besonders die Männer.« »Ich auch.« »Ich weiß. Darum habe ich mich gefragt, wie du… einfach, was du für Bill empfindest.« Jetzt lag es an Cirocco, auf und ab zu gehen. Für sie war das noch unbefriedigender, denn sie war größer als Gaby und konnte nur drei Schritte machen. »Gaby, zwischenmenschliche Beziehungen in einer be- grenzten Umwelt sind ein ausgiebig erforschter Bereich. Sie haben es mit ausschließlich männlichen Besatzungen ver- sucht, einmal sogar mit einer rein weiblichen. Sie haben es mit Besatzungen versucht, die nur aus Ehepaaren bestan- den, und solchen, die nur aus Einzelpersonen bestanden,, mit Regeln, die Sex verbieten, und ganz ohne Regeln. Nichts davon hat richtig funktioniert. Die Leute gehen sich einfach gegenseitig auf die Nerven, und sie haben einfach Sex. Dar- um schreibe ich niemandem vor, was er privat macht.« »Ich wollte nicht sagen, daß du…« »Einen Moment! Ich habe das alles gesagt, damit du weißt, daß ich mir der potentiellen Probleme bewußt bin. Wenn es spezielle gibt, sollte ich davon hören.« Sie wartete. »Es geht um Gene«, sagte Gaby. »Ich habe es mit Gene und Calvin gemacht. Wie ich schon sagte, bedeutet es mir nicht sehr viel. Ich weiß, daß Calvin hinter mir her ist. Daran bin ich gewohnt. Zu Hause würde ich ihn einfach abkühlen. Hier bumse ich mit ihm, damit er glücklich bleibt. Es macht für mich so oder so keinen großen Unterschied. Aber ich bumse mit Gene, weil er… er hat diesen… diesen Drang, weißt du?« Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt. Jetzt öffnete sie sie wieder und blickte Cirocco verständnis- heischend an. »Ich habe auch etwas Erfahrung damit, ja.« Cirocco hielt ihre Stimme gleichmäßig. »In Ordnung, er hat dich nicht zufriedengestellt. Er hat es mir erzählt. Es verdrießt ihn. Diese Art von Besessenheit er- schreckt mich, vielleicht weil ich sie nicht begreife. Ich habe ihn getroffen, um zu versuchen, seine Spannungen zu mil- dern.« Cirocco spitzte die Lippen. »Laß mich das klarstellen! Bittest du mich, ihn dir aus der Hand zu nehmen?« »Nein, nein, ich bitte dich um nichts. Ich sagte schon, ich erläutere dir einfach das Problem, wenn du nicht schon da- von gewußt hast. Was du diesbezüglich unternimmst, liegt, bei dir.« Cirocco nickte. »In Ordnung. Ich bin froh, daß du es mir erzählt hast. Aber er wird damit leben müssen. Er ist cha- rakterfest, gut angepaßt und hat etwas von einer dominie- renden Persönlichkeit, aber er kontrolliert es gut, oder er wäre nicht hier.« Gaby nickte. »Wie du es für richtig hältst.« »Noch etwas. Es gehört nicht zu deinen Pflichten, irgend jemanden sexuell befriedigt zu halten. Jeder Zwang, den du in dieser Richtung empfindest, ist eingebildet.« »Ich verstehe.« »Genauso hast du dich aber verhalten. Es wäre mir nicht recht, wenn du gedacht hast, daß ich es von dir erwarte. Oder wenn du es von mir erwartet hättest.« Sie blickte for- schend in die Augen der anderen Frau, bis Gaby den Blick abwandte, streckte dann die Hand aus und tätschelte ihr das Knie. »Abgesehen davon wird es sich von selbst regeln. Wir werden bald alle zu beschäftigt sein, um viel ans Bumsen zu denken.« KAPITEL DREI Vom ballistischen Standpunkt aus war Themis ein Alptraum. Noch niemand hatte jemals versucht, einen ringförmigen, Körper zu umkreisen. Themis hatte einen Durchmesser von 1300 Kilometern und war 250 Kilometer breit. Der Torus war an der Außenseite flach und maß von oben nach unten 175 Kilometer. Die Dichte des Torus variierte gewaltig und bot den Anblick, daß er aus einem dicken Boden entlang der Außenseite bestand, einer Atmosphäre drumherum und ei- nem dünnen Baldachin, der sich darüber wölbte, um die Luft innen festzuhalten. Dann gab es noch die sechs Speichen, die 420 Kilometer lang waren. Sie waren im Querschnitt elliptisch und besaßen Haupt- und Nebenachsen von 100 beziehungsweise 50 Ki- lometern, nur nicht nahe der Basis, wo sie sich verdickten, um in den Torus überzugehen. Im Mittelpunkt befand sich die Nabe, die massiver war als die Speichen, und 160 Kilo- meter Durchmesser hatte sowie ein 100-Kilometer-Loch in der Mitte. Der Versuch, mit einem derartigen Körper fertigzuwerden, war gleichbedeutend mit einem Nervenzusammenbruch des Schiffscomputers und von Bill, der ein Modell zu entwickeln hatte, an das der Computer glauben würde. Der einfachste Orbit wäre auf der Äquatorebene des Sa- turn verlaufen und hätte sie in die Lage versetzt, die Ge- schwindigkeit zu nutzen, die sie bereits hatten. Aber das war unmöglich. Themis war mit seiner Rotationsachse zur Äquatorebene orientiert. Da die Achse durch das Loch im Zentrum von Themis verlief, hätte jeder äquatoriale Saturn- Orbit, den Cirocco voraussetzen konnte, die Ringmeister durch Bereiche heftig schwankender Gravitation geführt. Die einzige entwicklungsfähige Möglichkeit war eine Um- laufbahn in der Äquatorebene von Themis. Ein derartiger Orbit erforderte ein hohes Drehmoment und besaß nur den einen Vorteil der Stabilität, sobald er einmal eingenommen, war. Die Manöver begannen lange bevor sie den Saturn er- reichten. Im Verlauf des letzten Tages der Annäherung wur- de ihr Kurs neu berechnet. Cirocco und Bill stützten sich auf Erdcomputer und Navigationshilfen, die so weit entfernt wa- ren wie Mars und Jupiter. Sie hielten sich nur noch im CON- MOD auf und sahen zu, wie der Saturn auf den Heckbild- schirmen größer wurde. Dann wurde die lange Brennphase eingeleitet. Während einer Ruhepause in ihrer Arbeit schaltete Cirocco die Kamera im SCIMOD ein. Gaby blickte auf und zeigte ein gequältes Gesicht. »Rocky, kannst du nicht etwas gegen diese Vibrationen tun?« »Gaby, die Antriebsfunktion ist nominell, wie sie sagen. Sie werden nur rütteln, das ist alles.« »Die beste Beobachtungszeit auf dem ganzen Scheißtrip«, murrte Gaby. Auf dem Sitz neben Cirocco lachte Bill. »Fünf Minuten, Gaby«, sagte er. »Und ich finde wirklich, wir sollten sie so lange brennen lassen, wie es geplant war. Auf diese Weise kommen wir viel genauer hin.« Auf die Sekunde genau schalteten die Motoren ab, und sie alle hielten Ausschau nach der abschließenden Bestätigung, daß sie dort waren, wo sie sein wollten. »Hier Ringmeister, befehligt von C. Jones. Wir sind um 1341.453 Uhr Universalzeit in den Saturn-Orbit eingetreten. Ich werde die Vorausberechnungen für eine Korrekturbrenn- phase raufschicken, wenn wir wieder von hinten vorkom- men. Inzwischen gehe ich aus diesem Kanal.« Sie schlug auf den entsprechenden Schalter. »Jeder, der einen Blick nach draußen werfen möchte: dies wird eure einzige Gelegenheit sein.« Es war knapp, aber, August und April und Gene und Calvin schafften es, sich in den engen Raum zu quetschen. Nach einer Überprüfung mit Gaby drehte Cirocco das Schiff um neunzig Grad. Der Saturn war ein dunkelgraues Loch, siebzehn Grad breit, und verdeckte einen tausendmal größeren Bereich, als es der Mond von der Erde aus gesehen tat. Die Ringe form- ten von einer Seite zur anderen ganze unglaubliche vierzig Grad. Sie sahen aus wie festes, glänzendes Metall. Die Ring- meister war von nördlich des Äquators gekommen, so daß jetzt die obere Seite vor ihren Augen lag. Jedes Teilchen wurde von der anderen Seite her erleuchtet und zeigte eine dünne Sichel, wie der Saturn. Die Sonne war ein glitzernder Lichtpunkt in der Zehn-Uhr-Position, und sie näherte sich dem Saturn. Niemand sagte etwas, während sich die Sonne zur Verfins- terung hin bewegte. Sie sahen den Schatten des Saturn ü- ber den ihnen nächstgelegenen Teil der Ringe fallen und sie wie ein Rasiermesser durchschneiden. Der Sonnenuntergang dauerte fünfzehn Sekunden. Die Farben waren dunkel und veränderten sich rasch, reine rot-, gelb- und blauschwarze Tönungen wie die, die man von ei- nem Flugzeug in der Stratosphäre aus sehen konnte. Es gab einen Chor gedämpfter Seufzer in der Kabine. Das Glas depolarisierte sich, und alle schnappten wieder nach Luft, als die Ringe heller wurden und das tiefblaue Leuchten umspannen, das die nördliche Hemisphäre umrahmte. Graue Streifungen wurden auf der Planetenoberfläche sicht- bar, erhellt durch das Licht der Ringe. Dort unten gab es Stürme, die so groß waren wie die Erde. Als Cirocco schließlich den Blick abwandte, streifte er den Schirm links von ihr. Gaby war noch im SCIMOD. Ein Bild, des Saturn war auf dem Schirm über ihr zu erkennen, aber sie blickte nicht dorthin. »Gaby, möchtest du nicht heraufkommen und dir das an- schauen?« Cirocco sah, wie sie den Kopf schüttelte. Sie betrachtete eingehend die Zahlen, die über einen winzigen Bildschirm wanderten. »Und versäumst die beste Beobachtungszeit des ganzen Fluges? Du mußt den Verstand verloren haben.« Zuerst gingen sie in eine lange, elliptische Umlaufbahn mit einem Tiefpunkt 200 Kilometer über dem theoretischen Ra- dius von Themis. Das war eine mathematische Abstraktion, denn der Orbit war um dreißig Grad zum Themis-Äquator geneigt, was sie über die dunkle Seite führte. Sie flogen an dem sich drehenden Ring vorbei und kamen auf der Son- nenseite zum Vorschein. Themis breitete sich vor ihnen für das bloße Auge aus. Nicht, daß es viel zu sehen gab. Themis war fast so schwarz wie der Weltraum, selbst wenn die Sonne darauf schien. Cirocco studierte die gewaltige Masse des Rades mit den dreiecksförmigen Sonnensegeln, die es wie scharfe Zahnradzähne einfaßten, wahrscheinlich das Sonnenlicht aufnahmen und es in Wärme umwandelten. Das Schiff flog über das Innere des großen Rades. Die Speichen und die Solarreflektoren wurden sichtbar. Sie schienen fast so dunkel zu sein wie der Rest von Themis, außer wo sie einige der helleren Sterne widerspiegelten. Das Problem, das Cirocco immer noch beschäftigte, war das Fehlen eines Eingangs. Es gab viel Druck von der Erde, in das Ding hineinzugehen, und Cirocco wollte das trotz ih- rer vorsichtigen Instinkte so sehr wie alle anderen., Es muß eine Möglichkeit geben. Niemand zweifelte daran, daß Themis ein Artefakt war. Die Debatte ging darum, ob es ein interstellares Raumschiff war oder eine künstliche Welt wie O’Neil Eins. Die Unterschiede lagen in Bewegung und Herkunft. Ein Raumschiff würde einen Antrieb haben, und der würde sich in der Nabe befinden. Eine Kolonie wäre von jemandem in der Nähe gebaut worden. Cirocco hatte Theo- rien gehört, die Bewohner des Saturn oder Titan einschlos- sen, Marsianer – obwohl niemand auf dem Mars auch nur eine Pfeilspitze aus Feuerstein gefunden hatte und antike raumfahrende Rassen der Erde. Sie glaubte an keine davon, aber das spielte kaum eine Rolle. Schiff oder Kolonie, The- mis war von jemandem erbaut worden, und es mußte eine Tür geben. Die Stelle, um danach zu suchen, war die Nabe, aber die Zwänge der Ballistik erforderten eine Umlaufbahn so weit weg von der Nabe, wie es ging. Die Ringmeister trat in eine kreisförmige Umlaufbahn 400 Kilometer über dem Äquator ein. Sie flogen in der Drehrich- tung, aber Themis drehte sich schneller, als ihre Umlaufge- schwindigkeit war. Es war eine schwarze Fläche draußen vor Ciroccos Fenster. In regelmäßigen Abständen wischte eine der Solarplatten vorbei wie der Flügel einer monströsen Fle- dermaus. An der Außenfläche waren jetzt einige Einzelheiten er- kennbar. Es gab lange, runzelige Wülste, die auf den Solar- platten zusammenliefen und wahrscheinlich große Rohre enthielten, durch die eine Flüssigkeit oder ein Gas gepumpt wurde, um durch die Sonne erwärmt zu werden. Einige Kra- ter waren weithin in der Dunkelheit verstreut, manche da- von 400 Meter tief. Keinerlei Trümmer waren in ihrem Um-, kreis verteilt. Nichts konnte an der Außenfläche von Themis bleiben, ohne dort befestigt zu sein. Cirocco schloß ihr Kontrollpult ab. An ihrem Ellbogen nick- te Bill schlafend in seiner Liege. Sie beide hatten das CON- MOD seit zwei Tagen nicht verlassen. Wie eine Schlafwandlerin bewegte sie sich durch das SCI- MOD. Irgendwo weiter unten gab es ein Bett mit weichen Laken und einem Kopfkissen, und ein behagliches Viertel-G, jetzt, wo das Karussell sich wieder drehte. »Rocky, wir haben hier etwas Seltsames.« Mit einem Fuß auf der Leiter von Speiche D hielt sie an, stand für einen Moment sehr still. »Was hast du gesagt?« Die Schärfe in ihrer Stimme ließ Gaby aufblicken. »Auch ich bin müde«, sagte sie gereizt. Sie bewegte einen Schalter mit der Handfläche, und auf dem Schirm über ihr tauchte ein Bild auf. Es war ein Blick auf die näherkommen- de Kante von Themis. Es gab eine Schwellung darauf, die größer zu werden schien, während sie sie einholte. »Das war vorher nicht da.« Ciroccos Stirn furchte sich, als sie versuchte, die Erschöpfung abzuschütteln. Ein Summer ertönte schwach, und für einen Moment konnte sie nicht feststellen, wo. Dann wurden die Dinge scharf und deutlich, als das Adrenalin alle Hirngespinste fraß. Es war der Radaralarm im CONMOD. »Kapitän«, sagte Bill über den Lautsprecher. »Ich habe hier eine seltsame Ablesung. Wir nähern uns Themis nicht, aber etwas nähert sich uns.« »Ich komme.« Ihre Hände fühlten sich wie Eis an, als sie eine Strebe packte, um sich hochzuschwingen. Sie warf ei- nen kurzen Blick auf den Schirm. Das Objekt explodierte. Es sah aus wie eine Sternexplosion, und es wurde größer., »Ich kann es jetzt sehen«, sagte Gaby. »Es hängt immer noch an Themis, sieht aus wie ein langer Arm oder Kran- schnabel, und es öffnet sich nach außen. Ich denke…« »Die Dockanlagen!« schrie Cirocco gellend auf. »Sie wol- len uns packen! Bill, starte die Antriebssequenz! Halt das Karussell an und mach dich auf die Sprünge!« »Aber das wird dreißig Minuten dauern…« »Ich weiß. Beweg dich!« Sie stieß sich von der Sichtluke ab und in ihren Sitz, griff nach dem Mikrophon. »Alle Mann! Notsituation! Dekompressionsalarm! Evakuiert das Karussell! Beschleunigungsstationen! Anschnallen!« Mit der Linken schlug sie auf den Alarmknopf und hörte, wie im Raum hinter ihr das grausige Heulen einsetzte. Sie warf ei- nen Blick nach links. »Du auch, Bill! In den Anzug!« »Aber…« »Sofort!« Er war von seinem Sitz und tauchte durch die Eingangslu- ke. Sie drehte sich um und rief über die Schulter: »Bring meinen Anzug mit zurück!« Das Objekt war jetzt draußen vor dem Fenster sichtbar und kam schnell näher. Noch nie hatte sie sich so hilflos ge- fühlt. Durch Außerkraftsetzung der Programmierung des Fluglagekontrollsystems konnte sie alle Düsen auf der The- mis zugewandten Seite des Schiffes feuern, aber das reichte bei weitem nicht. Die große Masse der Ringmeister bewegte sich kaum. Ansonsten konnte sie nichts anderes tun als da- sitzen, die automatische Antriebssequenz überwachen und die Sekunden zählen, die sich träge vorbeischleppten. Wenig später wußte sie, daß sie nicht entkommen konnten. Das Ding war groß, und es bewegte sich schneller., Bill erschien in seinem Anzug, und sie kletterte in das SCIMOD, um sich den eigenen Anzug anzulegen. Fünf ano- nyme Gestalten saßen angeschnallt in Beschleunigungslie- gen, regten sich nicht und starrten auf den Schirm. Sie arre- tierte den Helm und hörte ein Chaos. »Seid ruhig.« Das Gerede erstarb. »Ich möchte Stille auf dem Anzugskanal haben, bis ich zum Sprechen auffordere.« »Aber was geht vor, Commander?« Das war Calvins Stimme. »Ich habe gesagt: nicht reden. Es sieht so aus, als sei ein automatisches Gerät dabei, uns aufzupicken. Das müssen die Dockanlagen sein, nach denen wir gesucht haben.« »Für mich sieht es mehr nach einem Angriff aus«, mur- melte August. »Sie müssen das schon früher gemacht haben. Sie müs- sen wissen, wie man es sicher macht.« Sie wünschte, sich selbst davon überzeugen zu können. Es half ihrer Glaubwür- digkeit nicht, als das ganze Schiff erzitterte. »Kontakt«, meinte Bill. »Es hat uns.« Cirocco eilte zu ihrer Station zurück, gerade rechtzeitig, um den Anblick des über sie hinwegfegenden Greifers zu versäumen. Das Schiff ruckte wieder, und furchtbare Geräu- sche kamen von weiter hinten. »Wonach hat es ausgesehen?« »Nach riesigen Oktopus-Tentakeln ohne die Saugnäpfe.« Seine Stimme klang erschüttert. »Es gab Hunderte davon, die überall herum wedelten.« Das Schiff ruckte erneut und stärker, und noch mehr, Alarm begann zu ertönen. Ein Feuersturm roter Lichter breitete sich über ihre Kontrollen aus. »Wir haben einen Riß in der Hülle«, sagte Cirocco mit ei- ner Ruhe, die sie nicht empfand. »Und wir verlieren Luft aus dem Zentralstamm. Versiegelung an den Drucktüren 14 und 15 ist gelöst.« Ihre Hände fuhren ohne bewußte Anleitung über die Kontrollen. Die Lichter und Knöpfe waren weit ent- fernt, wie durch das falsche Ende eines Fernrohres gesehen. Die Anzeigeskala des Beschleunigungsmessers fing an zu wirbeln, als sie heftig nach vorn geworfen wurde, dann zur Seite. Sie landete auf Bill, kämpfte sich dann zu ihrem Sitz zurück und schnallte sich an. Als die Schnalle sich klickend um ihre Taille schloß, ruckte das Schiff wieder zurück, schlimmer noch als vorher. Etwas kam durch die Luke hinter ihr und schlug gegen das Sicht- fenster, auf dem sich ein Gewebe aus Rissen verteilte. Sie hing von ihrem Sitz herab, ihr Körper zog gegen den Gürtel nach vorn. Ein Sauerstoffzylinder kam durch die Luke geflogen. Glas zerbrach, und das Geräusch des Aufschlages wurden mit dem Bersten der kalten, harten Glasmesser ab- gesaugt, die sich vor ihren Augen drehten und kleiner wur- den. Alles in der Kabine, was nicht befestigt war, sprang auf und wirbelte durch den Mund mit den gezackten Zähnen, der einmal eine Sichtluke gewesen war. Blut pulsierte in ihrem Gesicht, während sie über einem grundlosen schwarzen Loch hing. Große Gegenstände dreh- ten sich faul im Sonnenlicht. Einer davon war das Antriebs- modul der Ringmeister, dort draußen vor ihren Augen, wo es eigentlich nicht sein durfte. Sie konnte den abgebroche- nen Stumpf des Verbindungsstammes sehen. Ihr Schiff war dabei, auseinanderzufallen. »O Scheiße«, sagte sie und hatte daraufhin eine lebhafte, Erinnerung an ein Band, das sie einmal vom Flugschreiber eines Flugzeuges gehört hatte. Dies war das letzte Wort, das der Pilot geäußert hatte, Sekunden vor dem Aufschlag, als er wußte, daß er sterben würde. Auch sie wußte es, und der Gedanke erfüllte sie mit einem enormen Widerwillen. Sie sah in dumpfem Schrecken zu, wie das Ding, das die Maschinen in der Gewalt hatte, noch weitere Tentakel dar- umwickelte. Es erinnerte sie an einen Nautilus mit einem Fisch in seinem giftigen Griff. Ein Brennstofftank zerbrach geräuschlos und mit seltsamer Schönheit. Ihre Welt zerfiel in ihre Bestandteile, und kein Geräusch kündete von ihrem Untergang. Eine Wolke komprimierten Gases verteilte sich rasch. Das Ding schien nicht darauf zu achten. Andere Tentakel hielten andere Teile des Schiffes umwi- ckelt. Die Hochleistungsantenne schien beinahe davonzu- schwimmen, aber sie bewegte sich zu langsam, während sie den Schacht unter Cirocco hinunterpurzelte. »Lebendig«, flüsterte sie. »Es ist lebendig!« »Was hast du gesagt?« Bill versuchte, sich mit beiden Händen an der Instrumententafel festzuhalten. Er war in seinem Sessel fest angeschnallt, aber die Bolzen, die den Sitz am Boden hielten, waren zerbrochen. Wieder erzitterte das Schiff, und Ciroccos Sessel kam frei. Der Rand der Tafel traf sie quer über die Schenkel, und sie schrie auf, wobei sie sich freizukämpfen versuchte. »Rocky, hier drin fällt alles auseinander.« Sie war sich nicht sicher, wessen Stimme es war, aber die Angst drang zu ihr. Sie stieß sich ab und schaffte es, mit einer Hand den Sitzgurt zu öffnen, während sie sich mit der anderen von der Tafel weg hielt. Sie glitt seitlich hinaus und sah zu, wie ihr Sessel über die Reihen zertrümmerter Instrumente hüpfte, kurz im Rahmen der zerbrochenen Luke steckenblieb und, dann in irrealem Zeitlupentempo in den Weltraum hinaus- brach. Sie erwartete, daß ihre Beine gebrochen waren, fand je- doch, daß sie sie bewegen konnte. Der Schmerz ließ nach, als sie ihre Kraftreserven mobilisierte, um Bill aus seinem Sessel zu helfen. Zu spät – sie sah, daß seine Augen ge- schlossen waren, die Stirn und die Innenseite des Helmes mit Blut verschmiert. Als sein Körper frei über die Kontroll- tafel rutschte, sah sie die Beule, die sein Helm hineinge- schlagen hatte. Sie kämpfte um einen Griff an seinem Ober- schenkel, dann der Wade, am Stiefel, und er fiel, fiel inmit- ten, eines glitzernden Glasregens. In die Beinvertiefung un- ter der Kontrolltafel gekauert kam sie wieder zu sich. Sie schüttelte den Kopf, konnte sich nicht daran erinnern, was sie in diese Lage gebracht hatte. Aber die Kraft der Verzöge- rung war jetzt nicht mehr so groß. Themis hatte die Ring- meister – oder was davon übrig war – erfolgreich auf seine eigene Rotationsgeschwindigkeit gebracht. Niemand sagte etwas. Ein Atemorkan brach durch den Lautsprecher ihres Helms, aber nicht ein einziges Wort. Es gab nichts zu sagen; die Schreie und Flüche hatten sich selbst erschöpft. Sie rappelte sich auf, ergriff den Rand der Luke über sich und zog sich hindurch ins Chaos. Die Lampen funktionierten nicht, aber Sonnenlicht ergoß sich aus einem großen Riß in der Wand schroff über zerbro- chene Ausrüstung. Cirocco bewegte sich zwischen den Wrackteilen hindurch, und eine Gestalt im Raumanzug machte ihr den Weg frei. Ihr Kopf hämmerte. Eines ihrer Augen war zugeschwollen. Es gab eine Menge Schäden, und es würde eine Weile dauern, sie wieder zu beheben, damit sie wieder Fahrt auf- nehmen konnten., »Ich möchte einen vollständigen Schadensbericht von al- len Abteilungen«, sagte sie zu niemandem im besonderen. »Dieses Schiff war für eine derartige Behandlung nie vorge- sehen.« Nur drei Leute waren auf den Beinen. Eine Gestalt kniete in der Ecke und hielt die Hand eines anderen, der unter Trümmern begraben war. »Ich kann meine Beine nicht bewegen. Ich kann sie nicht bewegen.« »Wer hat das gesagt?« schrie Cirocco und versuchte, das Schwindelgefühl zu vertreiben, indem sie den Kopf schüttel- te, wodurch sie es nur verschlimmerte. »Calvin, kümmere dich um die Verletzungen, während ich schaue, was für das Schiff getan werden kann!« »Ja, Kapitän.« Niemand bewegte sich, und Cirocco fragte sich, warum. Alle beobachteten sie. Warum taten sie das? »Ich bin in meiner Kabine, wenn ihr mich braucht. Ich… ich fühle mich nicht wohl.« Einer der Anzüge machte einen Schritt auf sie zu. Sie wich aus, versuchte, der Gestalt aus dem Weg zu gehen, und ihr Fuß brach durch das Deck. Schmerz schoß durch das Bein. »Es kommt herein, dort drüben. Siehst du? Jetzt ist es hinter uns her.« »Wo?« »Ich sehe nichts. Oh, Gott, ich sehe es!« »Wer hat das gesagt? Ich will Ruhe auf diesem Kanal!« »Sieh doch! Hinter dir!« »Wer hat das gesagt?« Schweiß brach ihr am ganzen Kör- per aus. Etwas kroch von hinten an sie heran, das konnte sie fühlen, und es war eines dieser Dinge, die nur dann in dein Schlafzimmer kommen, wenn du das Licht ausgemacht, hast. Keine Ratte, sondern etwas Schlimmeres, etwas, das kein Gesicht hatte, sondern nur einen Flecken Schleim und kalte, tote, klamme Hände. Sie griff in die rote Dunkelheit und sah, wie eine Schlange sich durch einen Flecken Son- nenlicht vor ihr wand. Es war so still. Warum gab es keine Geräusche mehr? Ihre Hand schloß sich um etwas Hartes. Sie hob es hoch und fing an, es auf und ab zu schlagen, immer wieder, als das Ding blitzschnell in ihrem Blickfeld auftauchte. Es wollte nicht sterben. Etwas wickelte sich um ihre Taille und fing an zu ziehen. Die anzugbewehrten Gestalten hüpften und rannten in dem kleinen Raum herum, aber aus den Tentakeln schossen Fäden, die wie heißer Teer sofort hafteten. Der Raum war voll damit, und etwas hatte Cirocco an den Beinen gepackt und versuchte, sie wie ein Gabelbein auseinanderzuziehen. Sie spürte einen Schmerz, wie sie ihn noch nie erlebt hatte, aber sie hieb weiter mit dem Tentakel auf die zerstörten In- strumente ein, bis ihr das Bewußtsein entglitt. KAPITEL VIER Es gab kein Licht. Sogar dieses bißchen negativen Wissens war etwas, an das man sich klammern konnte. Die Erkenntnis, daß die sie, einhüllende Dunkelheit das Ergebnis des Fehlens von etwas war, das Licht genannt wurde, hatte sie mehr gekostet, als sie für möglich gehalten hätte, damals, als die Zeit aus auf- einanderfolgenden Augenblicken – wie Perlen auf einer Schnur – bestanden hatte. Jetzt rieselten die Perlen durch ihre Finger. Sie formten sich selbst wieder zu einer Nachäf- fung der Kausalität. Alles benötigt einen Kontext. Damit Dunkelheit etwas be- deutet, muß es die Erinnerung an Licht geben. Diese Erinne- rung schwand. Es war zuvor schon geschehen, und es würde erneut ge- schehen. Gelegentlich gab es einen Namen, der das entkör- perte Bewußtsein identifizierte. Häufiger war, daß es nur das Bewußtsein gab. Sie befand sich im Bauch eines Tieres. (Welches Tieres?) Sie konnte sich nicht daran erinnern. Es würde ihr wieder einfallen. Gewöhnlich war es so, wenn sie lange genug war- tete. Und Warten war leicht. Jahrtausende galten hier nicht mehr als Millisekunden. Das schichtförmige Gebäude der Zeit war eine Ruine. Ihr Name war Cirocco. (Was ist ein Cirocco?) »Schir-rock-o. Das ist ein heißer Wind aus der Wüste oder ein altes Volkswagen-Modell. Mom hat mir nie gesagt, was von beiden sie im Sinn hatte, als sie mir diesen Namen gab.« So lautete ihre Standardantwort. Sie erinnerte sich daran, wie sie es sagte, konnte beinahe spüren, wie unkör- perliche Lippen die bedeutungslosen Worte formten. »Nenn mich Kapitän Jones!« (Kapitän von was?) Vom TRS Ringmeister, TRS für Tiefraumschiff, mit sieben, Leuten an Bord auf seinem Weg zum Saturn. Eine davon war Gaby Plauget… (Wer ist…) … und… und noch jemand anderes war… Bill… (Wie lautete dieser Name noch?) Er lag ihr auf der Zungenspitze. Eine Zunge war ein wei- ches, fleischiges Ding… sie war im Mund aufzufinden, der… Vor einem Moment hatte sie es noch, aber was war ein Moment? Etwas, das mit Licht zu tun hatte. Was immer das war. Es gab kein Licht. War sie nicht schon vorher hier gewesen? Ja, gewiß, aber mach dir nichts draus, halte dich daran fest, laß den Gedanken nicht fahren! Es gab kein Licht und auch sonst nichts, aber was bedeutet ›sonst‹? Kein Geruch. Kein Geschmack. Kein Tastempfinden. Keine kinästhetische Körperwahrnehmung. Nicht einmal ein Gefühl der Lähmung. Cirocco! Ihr Name war Cirocco. Ringmeister. Saturn. Themis. Bill. Es kam alles auf einmal zurück, als ob sie es im Bruchteil einer Sekunde erneut durchlebte. Sie dachte, daß sie unter der Flut der Eindrücke wahnsinnig werden würde, und mit diesem Gedanken kam eine weitere, jüngere Erinnerung. Dies war schon einmal geschehen. Sie hatte sich erinnert, nur um zu sehen, wie ihr alles wieder entglitt. Sie war ver- rückt gewesen, viele Male. Sie wußte, daß der Griff ihrer Erinnerung nur schwach war, aber er war alles, was sie hatte. Sie wußte, wo sie sich befand, und sie kannte die Natur ihres Problems. Das Phänomen war im Laufe des vergangenen Jahrhun- derts erforscht worden. Man stecke einen Menschen in einen, Neopren-Anzug, bedecke seine Augen und befestige seine Arme und Beine, damit er sich nicht selbst anfassen kann, beseitige alle Geräusche aus der Umgebung und laß ihn in warmem Wasser schwimmen. Freier Fall ist sogar noch bes- ser. Es gibt Raffinessen wie intravenöse Ernährung und die Beseitigung von Geruchswahrnehmungen, aber sie sind nicht wirklich erforderlich. Die Ergebnisse sind überraschend. Viele der ersten Ver- suchspersonen waren Testpiloten – vernünftige, ausgegli- chene Männer mit Selbstvertrauen. Zweiundvierzig Stunden des Wahrnehmungsentzuges verwandelten sie in gefügige Kinder. Längere Perioden waren ausgesprochen gefährlich. Das Bewußtsein gab allmählich die wenigen Ablenkungen auf: den Herzschlag, den Neopren-Geruch, den Wasser- druck. Cirocco war mit den Tests vertraut. Zwölf Stunden Wahr- nehmungsentzug waren Teil ihrer eigenen Ausbildung gewe- sen. Sie wußte, daß sie in der Lage sein sollte, ihren Atem zu finden, wenn sie lange genug danach suchte. Er war et- was, was sie beherrschen konnte; ein nicht-rhythmisches Etwas, wenn sie entschied, ihn dazu zu machen. Sie ver- suchte, schnell zu atmen, zu husten. Sie spürte nichts. Also Druck. Wenn etwas sie festhielt, dann war es viel- leicht möglich, die Kraft ihrer Muskeln dagegen aufzubieten, zumindest zu spüren, daß sie etwas festhielt, wie sanft auch immer. Sie nahm jeweils nur einen Muskel, isolierte ihn, stellte sich seine Bänder und Lage bildlich vor, und versuch- te so, ihn zu bewegen. Ein Zucken der Lippe hätte schon gereicht. Es würde beweisen, daß sie nicht, wie sie zu fürch- ten begann, tot war. Sie zog sich von diesem Gedanken zurück. Wenn sie auch die normale Angst vor dem Tod als Ende allen Bewußtseins, hatte, so erahnte sie jetzt schwach etwas unendlich Schlimmeres. Was, wenn die Leute nicht starben, nie? Was, wenn das Dahinscheiden des Körpers dies zurück- ließ? Es konnte ein ewiges Leben geben, und es konnte in ewigem Fehlen von Wahrnehmungen verbracht werden. Der Wahnsinn begann anziehend zu wirken. Der Versuch, sich zu bewegen, war ein Fehlschlag. Sie gab ihn auf und fing an, ihre jüngsten Erinnerungen zu durch- stöbern, hoffte dabei, daß der Schlüssel zu ihrer gegenwär- tigen Lage in ihren letzten bewußten Sekunden an Bord der Ringmeister zu finden war. Sie hätte gelacht, wenn es ihr möglich gewesen wäre, die entsprechenden Muskeln zu fin- den. Wenn sie nicht tot war, dann war sie im Bauch eines Tieres gefangen, groß genug, ihr Schiff und ihre gesamte Mannschaft zu verschlingen. In kurzer Zeit begann auch dieser Gedanke zu wirken. Wenn er stimmte, wenn sie tatsächlich verspeist worden war und irgendwie noch lebte, dann mußte der Tod erst noch kommen. Alles war besser als die Alptraumewigkeit, deren ungeheure Sinnlosigkeit sich jetzt vor ihr entfaltete. Sie entdeckte, daß es möglich war, ohne Körper zu wei- nen. Ohne Tränen oder Schluchzer, ohne Brennen in der Kehle, weinte Cirocco hoffnungslos. Sie wurde ein Kind im Dunkeln, behielt den Schmerz in sich. Sie fühlte, wie ihr Bewußtsein wieder schwand, hieß das willkommen, und biß sich auf die Zunge. Warmes Blut floß ihr in den Mund. Sie schwamm darin mit der verzweifelten Angst und dem Hunger eines kleinen Fi- sches in einem fremden Salzmeer. Sie war ein blinder Wurm, nur ein Mund mit festen, runden Zähnen und einer geschwollenen Zunge, die nach diesem wundervollen Blut- geschmack leckte, der sich verstreute, noch während sie, danach suchte. Wild biß sie wieder zu und wurde mit einem frischen Strahl Rot belohnt. Kann man eine Farbe schmecken? fragte sie sich. Aber es war ihr egal. Es schmerzte wunderbar. Der Schmerz trug sie in ihre Vergangenheit zurück. Sie hob das Gesicht von den zerbrochenen Instrumenten und dem zertrümmerten Windschirm ihres kleinen Flugzeuges und spürte, wie der Wind das Blut in ihrem offenen Mund gefrieren ließ. Sie hatte sich auf die Zunge gebissen. Sie hielt die Hand an den Mund, und zwei rot besudelte Zähne fielen heraus. Sie betrachtete sie, ohne zu begreifen, woher sie kamen. Wochen später, als sie das Krankenhaus verließ, fand sie sie in der Tasche ihrer Parka. Sie behielt sie in einer Schachtel auf ihrem Nachttisch, für Gelegenheiten, wenn sie erwachte und der tödlich ruhige Wind ihr zuflüsterte. Der zweite Motor ist ausgefallen, und da unten gibt es nichts au- ßer Bäumen und Schnee. Dann nahm sie die Schachtel und rüttelte sie. Ich habe überlebt. Aber das war schon Jahre her, erinnerte sie sich. … als ihr Gesicht pochte. Sie waren dabei, die Binden zu entfernen. Wie im Kino. Es ist eine verdammte Schande, daß ich es nicht sehen kann. Erwartungsvolle Gesichter ver- sammelten sich ringsherum – mit raschen Kameraeinstel- lungen gezeigt – schmutzige Gaze fiel neben das Bett, Lage auf Lage des abgewickelten Stoffes – und dann… warum… warum, Doktor… sie ist schön. Aber das war sie nicht gewesen. Sie hatten ihr erzählt, was zu erwarten war. Zwei monströse blaue Augen und ge- schwollene, zornrote Haut. Die Gesichtszüge waren intakt, es gab keine Narben, aber sie war nicht schöner als schon immer zuvor. Die Nase glich immer noch entfernt einem Beil, und was war schon dabei? Sie war nicht gebrochen,, und ihr Stolz würde es nicht zulassen, daß sie aus rein kos- metischen Gründen verändert wurde. (Persönlich haßte sie diese Nase und dachte, daß sie, zu- sammen mit ihrer Körpergröße, ihr das Kommando über die Ringmeister gesichert hatte. Es hatte Druck gegeben, eine Frau zu wählen, aber die, welche über solche Dinge ent- schieden, konnten immer noch nicht einer hübschen 1,50erin das Kommando über ein teures Raumschiff geben.) Teures Raumschiff! Cirocco, du schweifst wieder ab. Beiß dir auf die Zunge! Sie tat es und schmeckte Blut… … und sah, wie der gefrorene See herauf und auf sie zu eilte, spürte, wie ihr Gesicht auf das Armaturenbrett schlug, hob den Kopf von zertrümmertem Glas, das unverzüglich einen bodenlosen Schacht hinabpurzelte. Ihr Sitzgurt hielt sie über dem Abgrund. Ein Körper rutschte durch die Trüm- mer und sie streckte die Hand nach seinem Stiefel aus… Wieder biß sie fest zu und spürte etwas in der Hand. Zeit- alter vergingen, und sie spürte, wie etwas ihr Knie berührte. Sie fügte die zwei Wahrnehmungen zusammen und erkann- te, daß sie sich selbst berührt hatte. Sie veranstaltete eine schlüpfrige Ein-Frau-Orgie im Dun- keln. Sie war rasend vor Liebe zu diesem Körper, den sie jetzt wiederentdeckte. Sie krümmte sich eng zusammen und leckte und biß alles, was sie erreichen konnte, während ihre Hände kniffen und zogen. Sie war glatt und haarlos und glit- schig wie ein Aal. Eine dicke, fast gallertartige Flüssigkeit quoll durch ihre Nasenlöcher, wenn sie zu atmen versuchte. Es war nicht un- angenehm; nicht einmal furchterregend, sobald sie einmal daran gewöhnt war., Und da war ein Geräusch. Es war ein langsamer Baß, und es mußte ihr Herzschlag sein. Sie konnte nichts berühren außer ihrem Körper, egal, wie sie sich auch streckte. Eine Zeitlang versuchte sie zu schwimmen, konnte aber nicht feststellen, ob sie irgendwo- hin gelangte. Während sie erwog, was als nächstes zu tun war, schlief sie ein. Das Erwachen war ein allmählicher, unsicherer Vorgang. Ei- ne Zeitlang konnte sie nicht sagen, ob sie träumte oder bei Bewußtsein war. Sich selbst beißen half nicht. Sie konnte von einem Biß träumen, oder vielleicht nicht? Auf diesen Gedanken gekommen, wie konnte sie zu einer solchen Zeit schlafen? Einmal daran gedacht, war sie sich nicht länger sicher, ob sie überhaupt geschlafen hatte. Es wurde ziemlich problematisch, erkannte sie. Die Unterschie- de zwischen den Bewußtseinsstadien waren so winzig und hatten nur so wenige Empfindungen, die ihnen Gestalt ver- liehen. Schlafen, Träumen, Tagträumen, Geistesklarheit, Wahnsinn, Wachsamkeit und Schläfrigkeit; sie besaß keinen Zusammenhang, der einem dieser Zustände Bedeutung ver- liehen hätte. Sie konnte ihren Schrecken in Form ihres beschleunigten Herzschlages hören. Sie war dabei, wahnsinnig zu werden, und wußte es. Sie kämpfte dagegen an und hielt sich hart- näckig an der Persönlichkeit fest, die sie aus dem Wirbel- wind des Wahnsinns rekonstruiert hatte. Name: Cirocco Jones. Alter: vierunddreißig. Rasse: nicht schwarz, aber auch nicht weiß. Sie war eine staatenlose Person – rechtlich eine Amerika- nerin, aber eigentlich Angehörige der wurzellosen Dritten, Kultur der multinationalen Gesellschaften. Jede größere Stadt der Erde besaß ihr Yankee-Getto mit Trakthäusern, englischen Schulen und Schnellimbiß-Konzessionen. Cirocco hatte in den meisten dieser Gettos gelebt – ein Leben, das dem eines Armee-Sprößlings ähnelte, aber weniger sicher war. Ihre Mutter war eine unverheiratete technische Beraterin gewesen und hatte oft für die Energiegesellschaften gear- beitet. Kinder wollte sie nie, hatte diese Rechnung aber oh- ne den arabischen Gefängniswärter gemacht. Er vergewal- tigte sie, als sie nach einem Grenzvorfall zwischen dem Irak und Saudi-Arabien gefangengenommen worden war. Wäh- rend der Texaco-Gesandte um ihre Freilassung verhandelte, wurde Cirocco geboren. Zu diesem Zeitpunkt hatte man be- reits ein paar Atombomben in die Wüste geworfen, und der Grenzvorfall war zu einem Buschbrandkrieg ausgeufert, als iranische und brasilianische Truppen das Gefängnis über- rannten. Die politischen Gewichte verschoben sich, und Ci- roccos Mutter fand ihren Weg nach Israel. Fünf Jahre später bekam sie durch den Fallout Lungenkrebs und verbrachte die darauffolgenden fünfzehn Jahre unter Behandlungen, die nicht ganz so schmerzhaft waren wie die Krankheit selbst. Cirocco wurde groß und einsam, und ihre Mutter war ihre einzige Freundin. Die Vereinigten Staaten sah sie im Alter von zwölf Jahren zum erstenmal, als sie schon Lesen und Schreiben und deshalb nicht mehr durch das amerikanische Schulsystem entwicklungsmäßig geschädigt werden konnte. Ihre emotionale Entwicklung war jedoch eine andere Sache. Freunde fand sie nur schwer, aber sie stand leidenschaftlich zu denen, die sie hatte. Ihre Mutter besaß feste Vorstellun- gen davon, wie eine junge Dame großzuziehen sei, und die- se Vorstellungen umfaßten Schußwaffen und Karate ebenso, wie Tanzen und Gesangsstunden. Nach außen hin fehlte es Cirocco nicht an Selbstbewußtsein. Nur sie selbst kannte ih- re unterschwellige Angst und Verwundbarkeit. Das war ihr Geheimnis – eines, das sie so gut für sich behielt, daß ihr die NASA-Psychologen auf den Leim gingen und ihr das Kommando über ein Schiff gaben. Und wieviel davon traf zu? fragte sie sich. Es ergab keinen Sinn, hier zu lügen. Ja, die Verantwortung der Befehlsgewalt machte ihr Angst. Vielleicht waren alle Kommandanten ins- geheim unsicher, wußten tief im Innern, daß sie nicht gut genug waren für die ihnen übertragene Verantwortung. Aber danach fragte man nicht – denn was wäre gewesen, wenn die anderen keine Angst gehabt hätten? Dann war das eige- ne Geheimnis bekannt. Sie erwischte sich bei der Frage, wie sie zum Kommando über ein Schiff gekommen war, wenn sie das eigentlich gar nicht gewollt hatte. Was wollte sie eigentlich? Ich würde gerne hier rauskommen, versuchte sie zu sa- gen. Ich wünschte, es würde etwas passieren! Kurz darauf passierte etwas. Mit der linken Hand ertastete sie eine Wand. Mit der Zeit spürte sie mit der Rechten noch eine. Die Wände waren warm, glatt und elastisch, genauso, wie sie sich das Innere eines Magens vorstellte. Sie konnte mit den Händen fühlen, wie sie vorbeiglitten. Und sich zu verengen begannen. Mit dem Kopf voran trieb Cirocco in einem unebenen Tun- nel. Die Wände fingen an, sich zusammenzuziehen. Zum erstenmal empfand sie Platzangst. Enge Räumlichkeiten hat- ten sie vorher noch nie bedrückt. Die Wände pulsierten und wogten, stießen sie vorwärts,, bis ihr Kopf in Kälte und ein grobes Gewebe hinausglitt. Sie wurde zusammengepreßt; Flüssigkeit sprudelte aus ihren Lungen, und sie hustete, atmete ein und stellte fest, daß sich ihr Mund mit grobem Sand füllte. Wieder hustete sie, und weitere Flüssigkeit kam heraus, aber ihre Schultern wa- ren jetzt frei, und sie zog den Kopf in der Dunkelheit ein, um einen weiteren Mundvoll zu vermeiden. Sie keuchte und spuckte und fing an, durch die Nase zu atmen. Ihre Arme kamen frei, dann die Hüften, und sie begann, in dem schwammigen Material zu graben, das sie einhüllte. Es roch wie ein Tag der Kindheit, in einem kalten, öden Keller- geschoß verbracht, jenem engen Raum, den Erwachsene nur dann aufsuchen, wenn die Leitungen streiken. Es roch nach neun Jahre alt und im Schmutz graben. Ein Bein kam frei, dann das andere, und sie ruhte sich aus, wobei sie den Kopf in einen Luftbeutel gebeugt hielt, den sie mit Armen und Brust formte. Ihr Atem ging in feuch- ten Krämpfen. Erde zerbröckelte hinter ihrem Nacken und rollte an ihrem Körper herab, bis sie beinahe ihren Luftraum füllte. Sie wur- de begraben, aber sie lebte. Es wurde Zeit zum Graben, a- ber sie konnte die Arme nicht einsetzen. Gegen die Panik kämpfend, drückte sie sich mit den Bei- nen nach oben. Ihre Oberschenkelmuskeln zogen sich zu- sammen, die Gelenke knackten, aber sie spürte, wie die Masse über ihr nachgab. Mit dem Kopf brach sie in Licht und Luft hinaus. Keuchend und spuckend zog sie einen Arm aus dem Boden, dann den anderen, und krallte sich in etwas, das sich wie kaltes Gras anfühlte. Sie kroch auf Händen und Knien aus dem Loch und brach zusammen. Sie grub die Finger in den gesegneten Boden und weinte sich in den Schlaf., Cirocco wollte nicht aufwachen. Sie kämpfte dagegen an, tat so, als ob sie schliefe. Als sie spürte, wie das Gras verblaßte und die Dunkelheit zurückkehrte, öffnete sie rasch die Au- gen. Zentimeter vor ihrer Nase lag ein blaßgrüner Teppich, der wie Gras aussah. Es roch auch danach. Es war die Art Gras, die nur auf den Wiesen der besseren Golfplätze zu finden ist. Aber es war wärmer als die Luft, und sie konnte sich das nicht erklären. Vielleicht war es überhaupt kein Gras. Sie rieb mit der Hand darüber und schnupperte erneut. Nenn es Gras! Sie setzte sich auf und etwas klirrte, lenkte sie ab. Ein schimmerndes Metallband lag um ihren Nacken und kleinere lagen um ihre Arme und Beine. Viele seltsame Gegenstände baumelten von dem großen Band herab, die durch Draht zusammengehalten wurden. Sie legte sie ab und fragte sich, wo sie sie schon zuvor gesehen hatte. Es fiel ihr erstaunlich schwer, sich zu konzentrieren. Das Ding in ihrer Hand war so komplex und vielfältig – zuviel für ihre verstreuten Geister. Es war ihr Druckanzug, allen Kunststoffs und aller Gum- midichtungen beraubt. Das meiste am Anzug war Kunststoff gewesen. Nichts war geblieben außer dem Metall. Aus den Teilen formte sie einen Haufen und erkannte da- bei, wie nackt sie war. Unter einem Überzug aus Erde war ihr Körper vollkommen haarlos. Sogar ihre Augenbrauen waren fort. Aus irgendeinem Grund machte sie das sehr traurig. Sie barg das Gesicht in den Händen und fing an zu wei- nen. Cirocco weinte weder leicht noch oft. Sie war nicht gut darin. Aber nach einer geraumen Weile glaubte sie wieder, zu wissen, wer sie war. Jetzt konnte sie herausfinden, wo sie war. Es war vielleicht eine halbe Stunde später, als sie sich zum Aufbruch bereit fühlte. Aber diese Entscheidung produzierte ein Dutzend Fragen. Aufbrechen, aber wohin? Sie hatte vorgehabt, Themis zu erforschen, aber das war, als sie noch über ein Raumschiff verfügte und die Hilfsmittel der Heimattechnologie der Erde. Jetzt hatte sie nur noch ih- re nackte Haut und ein paar Metallstücke. Sie befand sich in einem Wald, der aus Gras und einer, Sorte von Bäumen bestand. Die Bezeichnung Bäume ver- lieh sie aus denselben Gründen wie die für das Gras. Wenn etwas siebzig Meter hoch ist, einen braunen, runden Stamm hat und etwas, das wie Blätter weit oben aussieht, dann ist das ein Baum. Was nicht heißen mußte, daß es sie nicht freudig verspeisen würde, wenn ihm die Gelegenheit dazu geboten wurde. Sie mußte ihre Sorgen auf ein handliches Niveau reduzie- ren. Schließ die Dinge aus, an denen du nichts ändern kannst, ärgere dich nicht zu sehr über die Dinge, an denen du nur wenig ändern kannst! Und vergiß nicht, daß du in einer Höhle verhungern wirst, wenn du so vorsichtig bist, wie es der gesunde Menschenverstand zu bestimmen scheint! Die Luft gehörte zur ersten Kategorie. Sie konnte ein Gift enthalten. »Also hör sofort auf zu atmen!« sagte sie laut. Zumindest roch sie frisch und brachte sie nicht zum Husten. Wasser war etwas, wozu sie nicht viel tun konnte. Letzt- lich würde sie etwas trinken müssen, vorausgesetzt, sie konnte etwas finden – was sofort an die erste Stelle auf ih- rer Liste gehörte. Wenn sie es fand, würde sie vielleicht ein Feuer machen und es abkochen können. Wenn nicht, würde sie es so trinken, mikroskopische Bazillen und alles. Und dann war da noch die Nahrung, die ihr mehr Sorgen machte als alles andere. Selbst wenn es nichts gab, das sie als Mahlzeit begehrte, konnte sie nicht wissen, ob Nahrung, die sie zu sich nahm, sie vergiften würde. Oder sie war viel- leicht nicht nahrhafter als Zellophan. Wenn das noch nicht reichte, dann gab es noch das kalku- lierte Risiko. Wie kalkuliert man ein Risiko, wenn ein Baum vielleicht kein Baum ist?, Sie sahen gar nicht einmal so sehr nach Bäumen aus. Die Stämme wirkten wie polierter Marmor. Die hohen Äste ver- liefen parallel zum Boden und über eine bestimmte Entfer- nung hinweg, bevor sie einen rechten Winkel bildeten. Dar- über waren die Blätter flach wie Lilienblätter und maßen drei oder vier Meter. Was war tollkühn und was übervorsichtig? Es gab keinen Fremdenführer, und die Gefahren würden nicht gekennzeichnet sein. Aber ohne ein paar Annahmen konnte sie nicht aufbrechen, und das mußte sie. Sie wurde hungrig. Sie faßte einen Entschluß, stapfte zum nächsten Baum hinüber und schmetterte die Handfläche dagegen. Aber er stand einfach nur höchst gleichgültig da. »Nur ein dummer Baum.« Sie untersuchte das Loch, aus dem sie herausgekommen war. Es bildete eine rohe braune Wunde in der ordentlichen Grasfläche. Rasenstücke, die von einer fedrigen Wurzel- struktur zusammengehalten wurden, lagen umgedreht ringsherum. Das Loch selbst war nur einen halben Meter tief; die Seiten waren zerbröckelt und hatten den Rest auf- gefüllt. »Etwas hat versucht, mich zu essen«, sagte sie. »Etwas hat alle organischen Bestandteile meines Anzuges gegessen und auch mein ganzes Haar, und dann den Abfall genau hier ausgeschieden. Mich eingeschlossen.« Beiläufig bemerkte sie, daß sie glücklich darüber war, daß das Ding sie als Ab- fall eingestuft hatte. Es war ein Mordsbiest. Sie wußten, daß der äußere Teil des Torus – der Boden, auf dem sie saß – dreißig Kilometer dick war. Dieses Ding war groß genug, um die Ringmeister gegen einen Ausleger fahren zu lassen, während das Schiff, eine 400 Kilometer entfernte Umlaufbahn beschrieb. Lange Zeit hatte sie in seinem Bauch gesteckt und sich aus irgend- einem Grund als unverdaulich erwiesen. Es hatte den Erd- boden bis zu dieser Stelle durchgraben und sie ausgestoßen. Und das machte einfach keinen Sinn. Wenn es Plastik es- sen konnte, warum dann nicht Cirocco? Waren Schiffskapi- täne zu zäh? Es hatte ihr ganzes Schiff verzehrt, Stücke so groß wie das Antriebsmodul, andere nur winzige Glasstücke oder purzeln- de, entschwindende Gestalten in Raumanzügen mit einge- beulten Helmen… »Bill!« Sie stand auf den Füßen und jeder Muskel ihres Körpers spannte sich. »Bill! Hier bin ich. Ich lebe! Wo bist du?« Sie schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. Wenn sie doch nur durch das trübe Gefühl in ihrem Kopf hindurchkä- me, aus dem Gedanken nur so langsam entstanden. Sie hatte die Besatzung nicht vergessen, aber erst in diesem Moment stellte sie wieder eine Verbindung zwischen ihr und der neugeborenen Cirocco her, die nackt und haarlos auf dem warmen Boden stand. »Bill!« rief sie wieder. Sie lauschte und brach dann zu- sammen, als die Beine unter ihr einknickten. Sie zerrte an dem Gras. Durchdenke es! Wahrscheinlich hatte ihn die Kreatur als ein weiteres Wrackteil behandelt. Aber er war verletzt gewe- sen. Wie sie, fiel ihr bei dem Gedanken jetzt wieder ein. Sie untersuchte ihre Oberschenkel und fand nicht einmal eine Prellung. Das sagte ihr nichts. Sie konnte fünf Jahre lang in der Kreatur gesteckt haben oder auch nur ein paar Monate. Einer der anderen mochte jederzeit ankommen und aus, dem Boden herausgestoßen werden. Irgendwo da unten, etwa anderthalb Meter tief, hatte die Kreatur eine Art Aus- scheidungsöffnung. Wenn sie wartete und die Kreatur den Geschmack aller Menschen nicht mochte – nicht nur nicht den einer gewissen Cirocco –, konnten sie alle wieder zu- sammenkommen. Sie setzte sich hin, um auf die anderen zu warten. Eine halbe Stunde später (oder waren es nur zehn Minu- ten?) ergab es keinen Sinn mehr. Die Kreatur war groß. Sie hatte die Ringmeister wie Minze zum Nachtisch verspeist. Sie mußte sich durch einen großen Teil der Unterwelt von Themis erstrecken, und es ergab keinen Sinn zu denken, daß für den ganzen Verkehr nur diese eine Öffnung zur Ver- fügung stand. Es konnte noch andere geben, und sie konn- ten über das ganze Land verstreut sein. Wenig später kam Cirocco ein weiterer Gedanke. Sie ka- men weit voneinander entfernt, aber sie kamen, und dafür war sie dankbar. Der Gedanke war einfach: sie war durstig, sie war hungrig und sie war schmutzig. Was sie sich am meisten in der Welt wünschte, war Wasser. Das Land fiel leicht ab. Sie war bereit zu wetten, daß es irgendwo da unten einen Fluß gab. Sie stand auf und stieß mit einem Fuß an den Haufen aus Metallstücken. Es war zuviel zum Tragen, aber der Schrott war alles, was ihr an Werkzeugen zur Verfügung stand. Sie nahm einen der kleineren Ringe, hob dann aber den größe- ren auf, der ihr Helmverschluß gewesen war und noch mit den herabbaumelnden elektronischen Bauteilen verbunden. Das war nicht viel, aber es würde reichen müssen. Sie schob sich den großen Ring über die Schulter und ging den Hügel hinab., Der Teich wurde durch den Zwei-Meter-Fall eines kleinen Flusses gespeist, der sich durch ein kleines felsiges Tal wand. Die mächtigen Bäume wölbten sich darüber und ge- währten Cirocco keinen Blick auf den Himmel. Sie stand auf einem Felsen nahe dem Ufer des Teichs und versuchte, des- sen Tiefe abzuschätzen, überlegte, ob sie hineinspringen sollte. Daran denken war alles, was sie tat. Das Wasser war klar, aber man konnte nicht sagen, was es möglicherweise darin gab. Sie sprang über die Kante, die den Wasserfall hervor- rief. Bei einem Viertel G war das leicht. Ein kurzer Gang brachte sie an ein sandiges Ufer. Das Wasser war warm, süß und sprudelnd und zweifellos das beste, was sie jemals gekostet hatte. Sie trank sich satt, hockte sich dann hin und schrubbte sich mit Sand ab, hielt dabei ein Auge offen. Wasserlöcher waren stets Orte, an denen man vorsichtig sein mußte. Als sie fertig war, fühl- te sie sich zum erstenmal seit ihrem Erwachen wieder an- nehmbar menschlich. Sie setzte sich auf den nassen Sand und ließ die Füße ins Wasser hängen. Es war kälter als Luft oder Boden, aber immer noch über- raschend warm für etwas, das nach einem gletschergespeis- ten Bergfluß aussah. Dann erkannte sie, daß es einen Sinn ergab, wenn die Hitzequelle in Themis sich dort befand, wo sie sie vermutet hatten: unten. Das Sonnenlicht würde auf der Umlaufbahn des Saturn nicht viel Bodenwärme spenden. Aber die dreieckigen Flächen waren jetzt unter Cirocco und dienten wahrscheinlich dazu, Sonnenwärme aufzufangen und zu speichern. Sie stellte sich mächtige unterirdische Flüsse aus heißem Wasser vor, die ein paar hundert Meter tief im Boden verliefen. Weiterzugehen schien sich als ihre nächste Aufgabe anzu-, bieten, aber in welche Richtung? Geradeaus weiter konnte sie ausschließen. Hinter dem Fluß stieg das Land wieder an. Flußabwärts sollte am einfachsten sein und sie rasch wieder in flache Gegenden führen. »Entscheidungen, Entscheidungen«, murrte sie. Sie betrachtete das Knäuel Metallschrott, das sie die ganze Zeit geschleppt hatte… wie spät war es jetzt? Nachmittag? Morgen? Auf diese Weise konnte die Zeit hier drin nicht ge- messen werden. Man konnte nur von verstrichener Zeit sprechen, und sie hatte keine Vorstellung davon, wieviel das mittlerweile für sie war. Sie hielt den Helmring noch in der Hand. Jetzt runzelte sie die Stirn, als sie ihn näher betrachtete. Ihr Anzug hatte einmal ein Radio enthalten. Natürlich konnte es keinesfalls intakt durch die Schicksalsprüfung ge- kommen sein, aber einfach aus Wut suchte und fand sie die Überbleibsel. Sie fand die winzige Batterie und das, was von einem Schalter übriggeblieben war – eingeschaltet. Sonst nichts. Das meiste von dem Radio waren Siliziumchips ge- wesen und Metall, also hatte es eine entfernte Hoffnung ge- geben. Sie blickte erneut hin. Wo war der Lautsprecher? Er sollte ein kleiner metallener Schalltrichter sein, das Überbleibsel eines Kopfhörers. Sie fand ihn und hob ihn ans Ohr. »… achtundfünfzig, neunundfünfzig, dreiundneunzig, sech- zig…« »Gaby!« Sie war auf den Füßen und schrie, aber die ver- traute Stimme zählte weiter, ohne sie zu bemerken. Cirocco kniete auf dem Felsen und ordnete die Reste ihres Helms mit zitternden Fingern, hielt den Lautsprecher an ein Ohr, während sie in den Bauteilen herumscharrte. Sie fand das Stecknadelkopf große Kehlmikrophon., »Gaby, Gaby, melde dich bitte! Kannst du mich hören?« »… achtzig – Rocky! Bist du das, Rocky?« »Ich bin’s. Wo… wo sind…« Mit Bedacht beruhigte sie sich, schluckte und redete weiter. »Bist du unverletzt? Hast du die anderen gesehen?« »O Käptn. Die schrecklichsten Sachen…« Ihre Stimme brach, und Cirocco hörte Schluchzen. Gaby sprudelte einen Strom unzusammenhängender Wörter hervor: wie glücklich sie sei, Ciroccos Stimme zu hören, wie einsam sie gewesen war, wie sicher sie gewesen war, die einzige Überlebende zu sein, bis sie auf ihr Radio gelauscht und Geräusche gehört hatte. »Geräusche?« »Ja, außer uns ist zumindest noch einer am Leben, es sei denn, du warst es, die da geweint hat.« »Ich… verdammt, ich habe ganz schön geheult. Vielleicht war ich es.« »Ich glaube nicht«, meinte Gaby. »Ich bin mir ziemlich si- cher, daß es Gene war. Er singt auch manchmal. Rocky, es ist so schön, deine Stimme zu hören.« »Ich weiß. Es ist schön, deine zu hören.« Sie mußte einen weiteren tiefen Atemzug tun und den Griff um den Helmring lockern. Gaby hatte ihre Stimme wieder unter Kontrolle, a- ber Cirocco stand am Rand zur Hysterie. Das Gefühl behagte ihr nicht. »Die Sachen, die mir passiert sind«, sagte Gaby gerade. »Ich war tot, Käptn, und im Himmel, und ich bin nicht ein- mal religiös, aber dort war ich…« »Gaby, beruhige dich! Sieh zu, daß du dich wieder in den Griff bekommst!« Es gab ein durch gelegentliches Schniefen unterbrochenes Schweigen., »Ich denke, ich bin jetzt wieder in Ordnung. Tut mir leid.« »Macht nichts. Wenn du etwas Ähnliches durchgemacht hast wie ich, dann verstehe ich vollkommen. Aber wo steckst du jetzt?« Es entstand eine Pause, dann kam ein Kichern. »Hier in der Gegend gibt es keine Straßenbezeichnungen«, sagte Gaby. »Es ist eine Schlucht, nicht sehr tief, voller Felsen und mit einem Bach in der Mitte. An beiden Seiten des Flusses stehen solche komischen Bäume.« »Das hört sich sehr nach dem an, wo ich bin.« Aber was für eine Schlucht? fragte sie sich. »In welche Richtung gehst du? Hast du die Schritte gezählt?« »Ja. Flußabwärts. Wenn ich nur aus diesem Wald heraus- käme, könnte ich halb Themis sehen.« »Daran habe ich auch gedacht.« »Wir brauchen nur ein paar Landmarken, um festzustel- len, ob wir in derselben Gegend sind.« »Aber ich dachte, das müßten wir sein, oder wir könnten uns nicht gegenseitig hören.« Gaby sagte nichts, und Cirocco erkannte ihren Fehler. »Richtig«, sagte sie. »Blickrichtung.« »Sieh nach. Diese Radios taugen für eine ganz schöne Strecke. Hier drin krümmt sich der Horizont nach oben.« »Ich würde das eher glauben, wenn ich es sehen könnte. Wo ich jetzt im Augenblick bin, das könnte der verzauberte Wald von Disney weit spät am Abend sein.« »Disney hätte das besser gemacht«, sagte Gaby. »Es gäbe mehr Einzelheiten und Monster, die die Köpfe aus den Bäu- men steckten.« »Sag das nicht! Hast du etwas in der Art gesehen?« »Ein paar Insekten; ich schätze, es waren welche.« »Ich habe einen Schwarm winziger Fische gesehen. Sie, sahen aus wie Fische. Oh, nebenbei, geh nicht ins Wasser! Sie könnten gefährlich sein.« »Ich habe sie gesehen, nachdem ich im Wasser war. Aber sie haben nichts gemacht.« »Bist du an etwas vorbeigekommen, das auf irgendeine Weise bemerkenswert ist? Irgendein ungewöhnliches Land- schaftskennzeichen?« »Ein paar Wasserfälle und zwei umgestürzte Bäume.« Ci- rocco sah sich um und beschrieb Teich und Wasserfall. Gaby sagte, daß sie an mehreren Orten wie dem vorbeigekommen war. Vielleicht war es derselbe Fluß, aber es gab keine Mög- lichkeit, das mit Sicherheit zu wissen. »In Ordnung«, meinte Cirocco. »Wir machen folgendes: wenn du einen flußaufwärts blickenden Felsen findest, dann mach ein Zeichen darauf.« »Wie?« »Mit einem anderen Stein.« Sie fand einen von der Größe ihrer Faust und ging damit den Felsen an, auf dem sie ge- sessen hatte. Sie kratzte ein großes ›C‹ hinein, dessen Künstlichkeit nicht zu übersehen war. »Ich mache das gerade.« »Mach alle hundert Meter oder so ein Zeichen. Wenn wir am selben Fluß sind, wird eine von uns hinter der anderen herkommen, und die vorne kann darauf warten, bis die an- dere sie eingeholt hat.« »Hört sich gut an. Uh, Rocky, wie lange halten diese Bat- terien?« Cirocco verzog das Gesicht und rieb sich die Stirn. »Vielleicht einen Monat Betriebszeit. Es könnte davon ab- hängen, wie lange wir… du weißt schon, wie lange wir innen drin waren. Ich habe keine Vorstellung davon. Du?« »Nein. Hast du noch Haare?«, »Nicht eine Strähne.« Sie fuhr sich mit der Hand über die Kopfhaut und stellte fest, daß sie sich nicht mehr ganz so glatt anfühlte. »Aber es wächst wieder.« Cirocco wanderte flußabwärts und hielt dabei Lautsprecher und Mikro in Position, so daß sie miteinander sprechen konnten. »Am hungrigsten fühle ich mich, wenn ich daran denke«, sagte Gaby. »Und im Moment denke ich daran. Hast du schon welche von diesen kleinen Beerenbüschen gesehen?« Cirocco sah sich um, machte aber nichts dergleichen aus. »Die Beeren sind gelb und etwa so groß wie deine Dau- menspitze. Ich halte gerade eine. Sie ist weich und licht- durchlässig.« »Willst du sie essen?« Es entstand eine Pause. »Ich wollte dich danach fragen.« »Früher oder später werden wir etwas versuchen müssen. Vielleicht reicht eine nicht aus, um dich zu töten.« »Macht mich nur krank«, lachte Gaby. »Diese eine zer- brach auf meinen Zähnen. Drinnen ist ein dickes Gelee, wie Honig mit Minzgeschmack. Es löst sich in meinem Mund auf… und jetzt ist er verschwunden. Das Äußere ist weniger süß, aber ich esse es trotzdem. Es könnte der einzige Teil mit Nährwert sein.« Wenn überhaupt, dachte Cirocco. Es gab keinen Grund, warum irgendein Teil davon einen Nährwert für Menschen haben sollte. Sie freute sich darüber, daß Gaby eine solch detaillierte Beschreibung ihrer Wahrnehmungen lieferte, während sie die Beere aß, aber sie wußte, welchen Zweck das hatte. Dieselbe Technik wurde von Bombenentschär- fungsteams benutzt. Einer hielt sich fern, während der an- dere jede Aktion über Radio berichtete. Wenn die Bombe, hochging, hatte der Überlebende für das nächstemal etwas daraus gelernt. Als sie zu dem Urteil kamen, daß genug Zeit ohne schlech- te Auswirkungen verstrichen war, begann Gaby noch mehr Beeren zu essen. Kurz darauf fand auch Cirocco welche. Sie schmeckten fast so gut wie das Wasser beim erstenmal. »Gaby, meine Füße sind fast schon taub. Ich frage mich, wie lange wir schon wach sind.« Es entstand eine lange Pause, und sie mußte noch einmal rufen. »Hm? Oh, hallo. Wie bin ich hierher gekommen?« Sie hör- te sich leicht benommen an. Cirocco runzelte die Stirn. »Wo ist hier? Gaby, was ist los?« »Ich habe mich für eine Minute hingesetzt, um meine Bei- ne auszuruhen. Ich muß eingeschlafen sein.« »Versuche, soweit aufzuwachen, daß du einen guten Platz zum Schlafen finden kannst.« Cirocco hielt bereits Umschau. Die Sache stand im Begriff, ein Problem zu werden. Keine Stelle sah gut aus, und sie wußte, daß es die schlimmste Vorstellung von allen war, sich allein in einem fremden Land hinzulegen. Nur der Versuch, länger wachzubleiben, wäre noch schlimmer gewesen. Sie ging ein kleines Stück zwischen die Bäume und staun- te darüber, wie weich sich das Gras unter ihren nackten Fü- ßen anfühlte. Soviel besser als die Felsen. Es würde schön sein, sich für eine Minute hineinzusetzen. Sie erwachte im Gras, setzte sich rasch auf und sah sich um. Nichts bewegte sich. In einem Meter Umkreis um die Stelle, wo sie geschlafen, hatte, war das Gras braun geworden, ausgetrocknet wie Heu. Sie stand auf und blickte auf einen großen Felsbrocken hinab. Sie hatte sich ihm stromabwärts gehend genähert, als sie Ausschau nach einem Schlafplatz hielt. Jetzt umrun- dete sie ihn, und auf der anderen Seite stand ein großer Buchstabe: ›G‹. KAPITEL FÜNF Gaby bestand darauf, umzukehren. Cirocco protestierte nicht; für sie hörte es sich gut an, auch wenn sie es nie hät- te vorschlagen können. Sie ging stromabwärts und kam oft an Zeichen vorbei, die Gaby gemacht hatte. An einer Stelle mußte sie das sandige Ufer verlassen und hinauf auf die Grasfläche gehen, um ei- nem großen Haufen aus Felsbrocken auszuweichen. Als sie das Gras erreichte, sah sie eine Reihe ovaler brauner Fle- cken mit der Form von Fußabdrücken. Sie kniete nieder und berührte sie. Das Gras war an diesen Stellen trocken und brüchig, genau wie an der Stelle, wo sie geschlafen hatte. »Ich habe Fußspuren von dir gefunden«, berichtete sie Gaby. »Deine Füße können das Gras nicht länger als eine Sekunde berührt haben, und doch hat etwas in deinem Kör- per es getötet.«, »Dasselbe habe ich gesehen, als ich aufwachte«, sagte Gaby. »Was hältst du davon?« »Ich denke, daß wir etwas absondern, was für das Gras giftig ist. Wenn das stimmt, riechen wir vielleicht nicht sehr gut für die Art von großen Tieren, die normalerweise ein In- teresse an uns haben könnten.« »Das sind gute Nachrichten.« »Schlimm ist nur, daß wir möglicherweise eine andere Biochemie haben. Für die Ernährungsfrage ist das nicht sehr günstig.« »Es macht solchen Spaß, mit dir zu reden.« »Bist du das da vorne?« Cirocco blickte mit zusammengekniffenen Augen in das blaßgelbe Licht. Der Fluß verlief eine gute Strecke weit ge- radeaus, und genau dort, wo er wieder zu einer Biegung an- setzte, stand eine winzige Gestalt. »Ja. Ich bin es, wenn du es bist, die da mit den Armen winkt.« Gaby schrie durchdringend, ein schmerzhaftes Geräusch in dem winzigen Ohrhörer. Cirocco hörte das Geräusch eine Sekunde später noch einmal, viel schwächer. Sie grinste und spürte dann, wie das Grinsen breiter und breiter wurde. Sie hatte nicht rennen wollen – es war zu sehr wie in einem schlechten Film, aber sie rannte trotzdem und Gaby ebenso, machte in der niedrigen Schwerkraft lächerlich lange Hüpf er. Sie prallten so heftig aufeinander, daß sie beide für einen Moment keine Luft bekamen. Cirocco umarmte die kleinere Frau und hob sie hoch. »V-v-v-verdammt sch-sch-schön, dich zu sehen!« sagte Gaby. Eines ihrer Augenlider zuckte, und ihre Zähne klap-, perten. »He, langsam, beruhige dich!« besänftigte Cirocco sie und rieb ihren Rücken mit beiden Händen. Gabys Lächeln war so breit, daß es beim Betrachten weh tat. »Es tut mir leid, aber ich glaube, ich werde hysterisch. Ist das nicht zum Lachen?« Und sie lachte tatsächlich, aber es war flach und schmerzhaft für das Ohr und verwandelte sich rasch in Zittern und heftiges Atmen. Sie hielt Cirocco mit einer Kraft, die ausreichte, um Rippen zu brechen. Cirocco wehrte sich nicht, sondern drückte sie sanft auf das sandige Flußufer hinab und hielt sie fest, während große Niedrig- Schwerkraft-Tränen auf ihre Schultern tropften. Cirocco war sich nicht sicher, an welchem Punkt sich die tröstenden Umarmungen in etwas anderes verwandelten. Gaby war für eine lange Zeit recht unempfänglich, und es schien das Natürlichste zu sein, sie festzuhalten und zu streicheln, während sie sich beruhigte. Dann schien es na- türlich zu sein, daß Gaby sie streichelte und daß sie sich fest aneinander drückten. Es begann erst dann ein wenig unge- wöhnlich zu wirken, als Cirocco entdeckte, daß sie Gaby küßte, und daß Gaby die Küsse erwiderte. Vielleicht hätte sie zu diesem Zeitpunkt aufhören können, dachte sie, aber das wollte sie nicht, weil sie nicht wußte, ob die Tränen, die sie schmeckte, von ihr oder von Gaby stammten. Und nebenbei wurde zu keinem Zeitpunkt ein wirklicher Liebesakt daraus. Sie rieben sich aneinander und küßten sich gegenseitig auf den Mund, und als der Orgasmus kam, schien er fast keinen Bezug zum Vorausgegangenen zu ha- ben. Zumindest war es das, was sie sich immer wieder selbst sagte. Eine von ihnen mußte nachher etwas sagen, und es schien das Beste zu sein, sich von dem fernzuhalten, was sie gera-, de gemacht hatten. »Ist jetzt alles in Ordnung mit dir?« Gaby nickte. Ihre Augen schimmerten noch, aber sie lä- chelte. »Uh-huh. Wenn auch wahrscheinlich nicht auf Dauer. Ich bin schreiend aufgewacht. Ich habe wirklich Angst davor, mich schlafen zu legen.« »Meine Lieblingsbeschäftigung ist es auch nicht. Weißt du, daß du so ziemlich die am komischsten aussehende Kreatur bist, die ich je gesehen habe?« »Weil du keinen Spiegel hast.« Gaby konnte stundenlang nicht aufhören zu reden, und es gefiel ihr nicht, als Cirocco sie losließ. Sie wechselten zu ei- nem weniger ausgesetzten Platz oben zwischen den Bäumen und setzten sich wieder, Cirocco mit dem Rücken am Stamm und Gaby an sie gelehnt. Sie sprach von ihrer Wanderung den Fluß hinab, aber worauf sie immer wieder zurückkommen wollte oder wovon sie nicht wegkam, war ihre Erfahrung im Bauch der Kreatur. Für Cirocco klang es wie ein langer Traum, der wenig ge- meinsam hatte mit ihrer Erfahrung, was aber vielleicht nur am Fehlen passender Worte lag. »Ein paarmal bin ich in der Dunkelheit aufgewacht, wie du«, sagte Gaby. »Wenn ich es tat, konnte ich nichts spüren oder sehen oder hören, und ich hatte wirklich nicht den Wunsch, lange dort zu bleiben.« »Ich bin immer weiter in mein früheres Leben zurückge- gangen. Es war außerordentlich lebhaft. Ich konnte… alles spüren.« »Ich auch«, sagte Gaby. »Aber es war keine Wiederho- lung, es war alles neu.« »Hast du immer gewußt, wer du bist? Das war für mich, das Schlimmste, das Erinnern und wieder Vergessen. Ich weiß nicht, wie oft das geschehen ist.« »Ja, ich wußte immer, wer ich bin. Aber ich bin es ganz schön müde geworden, ich selbst zu sein, wenn das einen Sinn ergibt. Die Möglichkeiten waren so begrenzt.« »Was meinst du damit?« Gaby machte einige unbestimmte Handbewegungen, ver- suchte, etwas aus der Luft zu ziehen. Sie gab auf und dreh- te sich in Ciroccos Arm, um ihr für eine geraume Weile auf- merksam in die Augen zu blicken. Dann legte sie den Kopf zwischen Ciroccos Brüste. Cirocco fand das störend, aber die Wärme und Gefährtenschaft ihrer Nähe war“ zu angenehm, um darauf zu verzichten. Sie blickte auf Gabys kahlen Kopf hinab und mußte sich gegen den Drang wehren, ihn zu küs- sen. »Ich war zwanzig oder dreißig Jahre lang da drin«, sagte Gaby ruhig. »Und versuch mir nicht zu erzählen, daß das unmöglich ist. Ich habe eine recht gute Vorstellung davon, daß im übrigen Universum keinerlei vergleichbare Zeitspan- ne verging. Ich bin nicht verrückt.« »Das habe ich auch nicht behauptet.« Als Gaby zu zittern begann, streichelte ihr Cirocco die Schultern, und es ließ wieder nach. »Na ja, ich hätte auch nicht sagen sollen, daß ich nicht verrückt bin. Noch nie hatte ich es nötig, daß mich jemand verhätschelt, und also habe ich vorher auch nie geweint. Es tut mir leid.« »Es macht mir nichts«, murmelte Cirocco, und es machte ihr wirklich nichts. Sie fand es überraschend einfach, der anderen Frau Beteuerungen ins Ohr zu flüstern. »Gaby, kei- ne von uns hätte ohne ein paar Stiche da durchkommen können. Ich habe stundenlang geheult. Ich habe aufgege-, ben. Vielleicht tue ich es wieder, und wenn ich es nicht ver- hindern kann, würde ich mich freuen, wenn du dich um mich kümmerst.« »Das werde ich, mach dir keine Sorgen.« Sie schien sich etwas mehr zu entspannen. »Die wirkliche Zeit ist unwichtig«, meinte Gaby schließlich. »Auf die innere Zeit kommt es an, und nach dieser Uhr war ich viele Jahre dort drin. Ich bin durch ein gottverdammtes gläsernes Treppenhaus in den Himmel aufgestiegen, und so sicher wie ich hier sitze, kann ich im Geist jede Stufe sehen, und ich kann fühlen, wie die Wolken vorbeihuschen und wie meine Füße auf dem Glas quietschen. Und es war ein Holly- wood-Himmel mit einem roten Teppich auf den letzten drei oder vier Kilometern und goldenen Toren wie Wolkenkratzer und Leuten mit Flügeln. Und ich habe nicht daran geglaubt, verstehst du, und doch tat ich es. Ich wußte, daß ich träum- te; und ich wußte, daß es lächerlich war; und schließlich wollte ich nichts mehr damit zu tun haben – und alles ver- schwand.« Sie gähnte und lachte leise. »Warum erzähle ich dir das alles?« »Vielleicht, um davon loszukommen. Fühlst du dich jetzt besser?« »Etwas.« Danach war sie für eine Weile ruhig, und Cirocco dachte, daß sie eingeschlafen war, aber dem war nicht so. Sie regte sich und schmiegte sich enger an Ciroccos Brust. »Ich hatte Zeit, mich selbst zu begutachten«, sagte sie undeutlich. »Es gefiel mir nicht. Ich fing an, mich zu fragen, was ich mit mir selbst tat. Vorher hat mich das nie geküm- mert.« »Was stimmt nicht mit der Art, wie du warst?« fragte Ci-, rocco. »Ich habe dich eigentlich gemocht.« »Hast du? Ich verstehe nicht, wie. Sicher, ich habe nie- mandem groß Ärger gemacht, ich konnte auf mich selbst aufpassen. Aber was sonst? Was an Gutem?« »Du warst gut in deinem Beruf. Das ist alles, was ich wirk- lich von dir gefordert habe. Du warst darin die beste, die es gibt, oder du wärst nicht für diese Mission ausgesucht wor- den.« Gaby seufzte. »Irgendwie beeindruckt mich das nicht. Ich meine, um so gut zu werden, habe ich einfach alles geop- fert, was ein menschliches Wesen ausmacht. Wie ich schon sagte, habe ich ein wenig echte Seelenforschung betrie- ben.« »Welchen Entschluß hast du gefaßt?« »Zum einen bin ich mit der Astronomie fertig.« »Gaby?« »Es ist die Wahrheit. Und warum, zum Kuckuck, nicht? Wir werden hier nie wieder herauskommen, und es gibt hier keine Sterne zu betrachten. Ich hätte sowieso etwas ande- res finden müssen, was ich machen kann. Und der Entschluß ist gar nicht so plötzlich. Ich hatte wirklich lange Zeit, meine Meinung zu ändern. Weißt du, daß ich auf der ganzen Welt keinen Geliebten habe? Nicht einmal einen Freund.« »Ich bin deine Freundin.« »Nein. Nicht in dem Sinn, den ich meine. Die Leute haben mich wegen meiner Arbeit respektiert, Männer haben mich wegen meines Körpers begehrt. Aber ich habe nie irgend- welche Freunde gefunden, nicht einmal als Kind. Keine von der Art, denen man sein Herz öffnen kann.« »Das ist nicht so schwer.« »Ich hoffe nicht. Weil ich eine andere Person sein werde. Ich werde den Leuten von meinem wirklichen Ich erzählen., Jetzt ist das erstemal, daß ich das tun kann, weil ich zum erstenmal mich selbst wirklich kenne. Und ich werde lieben. Ich werde mich um die Leute kümmern. Und es sieht so aus, als wärest du es.« Sie hob den Kopf und lächelte Ciroc- co an. »Was meinst du damit?« fragte Cirocco mit einem leichten Stirnrunzeln. »Es ist ein komisches Gefühl, und ich wußte es, sobald ich dich sah.« Sie lehnte ihren Kopf wieder an. »Ich glaube, ich liebe dich.« Cirocco konnte eine Zeitlang nichts sagen, zwang sich dann zu einem Lachen. »He, Süße, du steckst immer noch in diesem Hollywood- himmel. So etwas wie Liebe auf den ersten Blick gibt es nicht. Sie braucht Zeit. Gaby?« Sie versuchte mehrmals, mit ihr zu reden, aber Gaby schlief entweder oder täuschte es sehr gut vor. Cirocco ließ müde den Kopf zurückfallen. »Oh, mein Gott!« KAPITEL SECHS Das Gescheiteste wäre es gewesen, eine Wache aufzustel- len. Cirocco fragte sich, während sie sich wach zu werden bemühte, warum sie es so selten geschafft hatte, das Ge-, scheite zu tun, seit sie nach Themis gekommen war. An die seltsame Zeitlosigkeit mußten sie sich anpassen, denn sie konnten nicht immer so lange gehen, bis sie umfielen. Gaby schlief mit dem Daumen im Mund. Cirocco versuchte aufzustehen, ohne sie zu stören, aber das war unmöglich. Gaby stöhnte und öffnete die Augen. »Bist du so hungrig wie ich?« gähnte sie. »Schwer zu sagen.« »Denkst du, daß es an den Beeren liegt? Vielleicht sind sie nicht gut.« »Das kann man unmöglich jetzt schon sagen. Aber schau mal dorthin! Das könnte unser Frühstück sein.« Gaby blickte dorthin, wo Cirocco hindeutete. Unten am Fluß stand ein Tier und trank. Während sie es beobachteten, hob es den Kopf und betrachtete sie aus einer Entfernung von nicht mehr als zwanzig Metern. Cirocco spannte sich, bereitete sich auf alles vor, aber das Tier blinzelte und senk- te den Kopf wieder. »Ein sechsbeiniges Känguruh«, meinte Gaby. »Ohne Oh- ren.« Die Beschreibung paßte. Das Tier besaß ein kurzes Fell und hatte zwei große Hinterbeine, wenn auch nicht so groß wie ein Känguruh. Die vier Vorderbeine waren kleiner, das Fell hellgrün und gelb. Das Wesen kümmerte sich nicht ge- rade aufmerksam um seine Sicherheit. »Ich würde gerne einen Blick auf seine Zähne werfen. Daraus könnten wir etwas erfahren.« »Das Gescheiteste wäre es wahrscheinlich, so schnell wie möglich von hier wegzukommen«, sagte Gaby. Sie seufzte und sah sich auf dem Boden um. Sie stand auf, bevor Ciroc- co sie daran hindern konnte, und ging auf die Kreatur zu. »Gaby, laß das!« zischte Cirocco, versuchte, das Tier nicht, zu alarmieren. Sie sah jetzt, daß Gaby einen Stein in der Hand hielt. Die Kreatur blickte wieder auf. Sie hatte ein Gesicht, das unter anderen Umständen lustig gewirkt hätte. Der Kopf war rund und hatte keine sichtbaren Ohren oder eine Nase – nur zwei große sanfte Augen. Aber der Mund sah aus, als würde die Kreatur auf einer Baßharmonika kauen. Er war doppelt so breit wie der übrige Kopf und verlieh dem Tier ein dümm- liches Grinsen. Es hob alle vier Vorderbeine vom Boden und hüpfte drei Meter hoch in die Luft. Gaby sprang vor Überraschung fast genausoweit und hatte Zeit, sich in der Luft wild zu drehen, bevor sie auf dem Hintern landete. Cirocco erreichte sie und versuchte, ihr den Stein wegzunehmen. »Komm, Gaby! Wir brauchen das Fleisch nicht so drin- gend.« »Sei still!« sagte Gaby zwischen zusammengepreßten Zähnen hindurch. »Ich tue das auch für dich.« Sie entrang ihr den Arm und rannte vorwärts. Das Wesen hatte zwei Sprünge gemacht, aber jeder davon hatte für acht oder neun Meter gereicht. Jetzt stand es ru- hig, die Vorderbeine auf dem Boden, den Kopf gesenkt. Es verzehrte das Gras. Gelassen hob es den Blick, als Gaby zwei Meter entfernt stehenblieb. Es schien keine Angst vor ihr zu haben und fing wieder an zu grasen, als Cirocco hinter Gaby auftauchte. »Findest du, wir sollten…« »Still!« Gaby zögerte nur noch einen weiteren Moment und trat dann zu dem Tier hin. Sie hob den Arm und schlug den Stein heftig oben auf seinen Kopf, sprang dann wieder weg. Das Tier gab einen hustenden Ton von sich, taumelte und, fiel dann auf die Seite. Es trat einmal aus und regte sich nicht mehr. Eine Zeitlang beobachteten sie es, dann ging Gaby hin und stieß es mit dem Fuß an. Nichts passierte, also sank sie ne- ben ihm auf ein Knie. Es war nicht größer als ein kleiner Hirsch. Cirocco kauerte sich zusammen, die Ellbogen auf den Knien, und versuchte, sich nicht abgestoßen zu fühlen. Gaby schien außer Atem zu sein. »Glaubst du, daß es tot ist?« fragte sie. »Sieht so aus. Sozusagen anti-klimaktisch, findest du nicht?« »Ich bin okay.« Gaby fuhr sich mit einer Hand über die Stirn und schmet- terte dann den Stein wiederholt auf den Kopf des Tieres, bis rotes Blut floß. Cirocco zuckte zusammen. Gaby ließ den Stein fallen und wischte sich die Hände an den Schenkeln ab. »Das wäre dies. Weißt du, wenn du etwas von diesem tro- ckenen Unterholz einsammeln könntest, schaffe ich es viel- leicht, ein Feuer zu machen.« »Wie willst du das machen?« »Kümmer dich nicht drum! Hol einfach das Holz!« Cirocco hatte eine halbe Armladung beisammen, bevor sie innehielt und sich fragte, wann Gaby angefangen hatte, die Befehle zu geben. »Nun, die Theorie war gut«, meinte Gaby düster. Cirocco riß wieder an dem sehnigen roten Fleisch, das so zäh am Knochen hing. Gaby hatte eine Stunde lang mit einem Stück ihres Raum- anzuges und einem Stein geschwitzt, der, wie sie hoffte, ein Feuerstein war, was sich jedoch als falsch erwies. Sie hatten, einen Haufen aus trockenem Holz, einer feinen moosartigen Substanz und Splittern, die mit der scharfen Kante von Ci- roccos Helm sorgfältig von Baumästen geschabt worden wa- ren. Sie hatten alle erforderlichen Zutaten zu einem Feuer, außer dem Funken. Im Verlaufe dieser Stunde hatte Ciroccos Meinung von Gabys Fähigkeiten eine Revolution erlebt. Zu dem Zeit- punkt, als sie mit dem Häuten fertig war und Gaby das Feu- ermachen aufgegeben hatte, wußte sie, daß sie es roh essen und dankbar dafür sein würde. »Dieses Wesen kannte keine Raubtiere«, sagte Cirocco mit vollem Mund. Das Fleisch war besser, als sie erwartet hatte, hätte aber etwas Salz vertragen können. »Ganz sicher hat es sich nicht so verhalten«, pflichtete Gaby bei. Sie hockte auf der anderen Seite des Kadavers, und ihre Augen streiften über den Boden hinter Ciroccos Schulter. Cirocco tat umgekehrt dasselbe. »Das könnte bedeuten, daß es keine Raubtiere gibt, die groß genug sind, uns Sorgen zu machen.« Das Essen war eine ausgedehnte Angelegenheit aufgrund des erforderlichen Aufwands an Kauen. Sie verbrachten die Zeit mit der Untersuchung des Kadavers. Das Tier schien für Ciroccos ungeübte Augen nicht sonderlich bemerkenswert zu sein. Sie wünschte sich, Calvin wäre dagewesen, um ihr zu sagen, ob sie sich irrte. Fleisch, Haut, Knochen und Fell hat- ten die üblichen Farben und bestanden aus den üblichen Geweben, und sie rochen sogar richtig. Es gab jedoch Orga- ne, die sie nicht identifizieren konnte. »Die Haut sollte für etwas gut sein«, meinte Gaby. »Wir könnten daraus Kleider machen.« Cirocco rümpfte die Nase. »Wenn du sie tragen willst, geh voran. Wahrscheinlich wird sie schnell anfangen zu stinken,, und bislang ist es ohne Kleider warm genug.« Es schien nicht richtig zu sein, den größten Teil des Tieres zurückzulassen, aber sie entschieden, daß sie es mußten. Sie beide behielten je einen Beinknochen zur Benutzung als Waffe, und Cirocco hackte einen großen Brocken Fleisch ab, während Gaby Fellstreifen zurechtschnitt, um die Rauman- zugteile zusammenzubinden. Sie machte sich einen groben Gürtel und band ihre Sachen daran. Dann gingen sie weiter flußabwärts. Sie sahen noch mehr von den Känguruhwesen, sowohl einzeln als auch in Gruppen von dreien oder sechsen. Es gab auch andere, kleinere Tiere, die sich fast zu schnell an den Baumstämmen auf und ab bewegten, als daß man sie noch hätte sehen können, und weitere, die dicht am Flußufer blieben. Allen konnte man sich leicht nähern. Die Baumtiere schienen, wenn sie lang genug stillhielten, um begutachtet werden zu können, keine Köpfe zu haben. Sie waren blaue Bälle mit kurzem Fell und sechszehigen Füßen, die ringsum an den Rändern hervorschauten, und sie konnten sich in alle Richtungen gleich gut bewegen. Der Mund befand sich an der Unterseite im Mittelpunkt eines Sterns aus Beinen. Die Landschaft fing an sich zu verändern. Sie sahen jetzt nicht nur mehr Tiere, sondern es gab auch eine größere Vielfalt im Pflanzenleben. Sie trotteten in einem Licht einher, das der Baldachin des Waldes fahlgrün färbte, einhundert- tausend Schritte im Vierundzwanzig-Stunden-Tag. Unglücklicherweise gerieten sie rasch aus dem Zählen. Die gewaltigen, vereinfachten Bäume machten hundert ver- schiedenen Arten Platz und tausend Arten von blühenden Sträuchern, Hängeranken und parasitären Gewächsen. Die einzigen Dinge, die sich nicht veränderten, waren der Fluß, der ihr einziger Führer war, und die Neigung der Themis-, Bäume zur Riesenhaftigkeit. Jeder einzelne davon wäre im Sequoia-Nationalpark als Ehrenmal und Touristenattraktion bewertet worden. Auch war es nicht mehr still. Während des ersten Tages ihrer Reise hatten Cirocco und Gaby nur die Geräusche ihrer eigenen Schritte und das Klappern ihrer geborgenen Anzug- reste als Begleitung. Jetzt zwitscherte, bellte und heulte der Wald zu ihnen. Das Fleisch schmeckte besser denn je, als sie eine Pause einlegten. Cirocco schlang es hinunter, während sie Rücken an Rücken mit Gaby neben dem knorrigen Stamm eines Baumes saß, der wärmer war, als ein Baum hätte sein sol- len, eine weiche Rinde hatte und Wurzeln, die Knoten bilde- ten, größer als Häuser. Seine oberen Äste verschwanden völlig im unglaublichen Gewirr über ihnen. »Ich wette, es gibt auf diesen Bäumen mehr Leben als auf dem Boden«, meinte Cirocco., »Schau nach oben!« sagte Gaby. »Ich würde sagen, je- mand hat diese Ranken miteinander verwebt. Man kann se- hen, wie unten Wasser herausfließt.« »Wir sollten uns darüber unterhalten. Wie steht es hier drin mit intelligentem Leben? Wie würden wir es erkennen? Das ist einer der Gründe, warum ich versucht habe, dich am Töten dieses Tieres zu hindern.« Gaby schmatzte nachdenklich. »Hätte ich erst versuchen sollen, mit ihm zu reden?« »Ich weiß, ich weiß. Ich hatte mehr Angst, daß es sich umdreht und dir die Beine abbeißt. Aber wo wir jetzt wissen, wie unaggressiv es ist, sollten wir vielleicht genau das tun. Versuchen, mit einem zu reden.« »Wie dumm, meinst du. Dieses Wesen hatte nicht halb soviel Gehirn wie eine Kuh. Man konnte das in seinen Augen lesen.« »Wahrscheinlich hast du recht.« »Nein, du hast recht. Ich meine, ich habe recht, aber du hast recht damit, daß wir vorsichtiger sein sollten. Ich wür- de nicht gerne etwas essen, mit dem ich eigentlich reden sollte. – He, was war das?« Es war kein Geräusch, sondern die Feststellung, daß alle Geräusche aufgehört hatten. Nur das Plätschern von Wasser und das hohe Zischen der Blätter störten die Stille. Dann erhob sich ein gewaltiges Stöhnen, und es baute sich so ru- hig und langsam auf, daß sie es schon minutenlang gehört hatten, als sie erkannten, was es war. Gott mochte derartig stöhnen, wenn Er alles verlor, was Er jemals geliebt hatte, und wenn Er eine Kehle wie eine tau- send Kilometer lange Orgelpfeife hätte. Es baute sich wei- terhin auf einem Ton auf, der es irgendwie schaffte, lauter, zu werden, ohne dabei je die unterste Grenze des menschli- chen Gehörs zu verlassen. Sie spürten ihn in den Gedärmen und hinter den Augäpfeln. Er schien bereits das Universum zu erfüllen und wurde doch noch lauter. Der Klang einer Abteilung Saiteninstru- mente gesellte sich dazu: Cellos und elektronische Bässe. Auf dieser massiven tonalen Grundlage marschierten leich- ten Schrittes hochfrequente zischende Obertöne. Das En- semble wurde noch lauter, als es schon nicht mehr möglich war, daß es noch lauter wurde. Cirocco glaubte, ihr Schädel würde zerspringen. Von ferne nahm sie wahr, daß Gaby sie an sich drückte. Das Kinn sackte ihnen herab, als ein Schauer toter Blätter vom Dach des Waldes auf sie herabfiel. Winzige Tiere stürzten herun- ter, verdrehten sich und prallten auf. Der Boden selbst be- gann, im Gleichklang zu pochen. Er sehnte sich danach, auseinanderzufliegen und sich in die Luft zu werfen. Ein Staubsturm jagte unschlüssig dahin und schlug sich dann am Körper des Baumes, wo sie sich zusammenkauerten, selbst in Stücke. Bruchstücke peitschten auf sie herab. Um sie herum krachte es, und ein Wind begann, bis auf den Boden des Waldes durchzudringen. Ein dicker Ast bette- te sich in die Mitte des Flusses. Da schwankte der Wald schon knarrend und protestierend: Gewehrschüsse und aus trockenem Holz gerissene Nägel. Die Gewalt des Sturms erreichte ein bestimmtes Niveau und blieb darauf. Die Windgeschwindigkeit schien etwa sechzig Stundenkilometer zu betragen. Weiter oben hörte es sich viel schlimmer an. Sie blieben tief im Schutz der Baumwurzeln und sahen zu, wie der Sturm sie umtobte. Ci- rocco mußte schreien, um sich durch das tiefe Stöhnen Ge- hör zu verschaffen., »Was, schlägst du vor, hat das so schnell aufkommen las- sen?« »Ich habe keine Ahnung«, schrie Gaby zurück, »örtliche Erhitzung oder Abkühlung, eine starke Veränderung des Luftdrucks. Obwohl ich nicht weiß, was das verursachen könnte.« »Ich glaube, das Schlimmste ist vorbei. He, deine Zähne klappern ja.« »Ich habe keine Angst mehr. Mir ist kalt.« Auch Cirocco spürte es. Die Temperatur fiel. In nur weni- gen Minuten sank sie von mild auf frostig, und Cirocco schätzte jetzt, daß sie bis etwa auf den Nullpunkt herunter- ging. Bei einem sechzig Kilometer schnellen Wind war das nicht zum Lachen. Sie drängten sich aneinander, aber sie konnte spüren, wie ihr die Wärme vom Rücken abgesaugt wurde. »Wir müssen uns irgendwie schützen!« schrie sie. »Ja, aber wie?« Keine von ihnen wollte das bißchen Schutz aufgeben, das sie hatten. Sie versuchten sich gegenseitig mit Erde und to- ten Blättern zu bedecken, aber der Wind blies alles weg. Als sie sicher waren, daß sie erfrieren würden, hörte der Wind auf. Er ließ nicht nach, er hörte einfach auf, und Ciroc- cos Ohren knallten so heftig, daß es schmerzte. Sie konnte nichts hören, bis sie sich zu einem Gähnen zwang. »Wow! Ich habe schon von Druckschwankungen gehört, aber von nichts in der Art.« Der Wald war wieder ruhig. Dann stellte Cirocco fest, daß sie, wenn sie aufmerksam lauschte, den ersterbenden Geist von dem hören konnte, was auch immer das stöhnende Ge- räusch gemacht hatte. Das ließ sie auf eine Weise erschau- ern, die nichts mit der Kälte zu tun hatte. Noch nie hatte sie, sich eine große Einbildungskraft zugeschrieben, aber das Stöhnen hatte sich so menschlich angehört, wenn auch von gewaltiger Stärke. Es vermittelte ihr den Wunsch, sich nie- derzulegen und zu sterben. »Schlaf nicht ein, Rocky! Wir haben etwas anderes.« »Was jetzt?« Sie öffnete die Augen und sah ein feines weißes Pulver durch die Luft schweben. Es funkelte in dem fahlen Licht. »Ich würde es Schnee nennen.« Sie gingen so schnell sie konnten, damit ihnen nicht die Füße erfroren, und Cirocco wußte, daß es nur die reglose Luft war, die sie rettete. Es war kalt, zur Abwechslung sogar der Boden. Cirocco fühlte sich übersättigt. Das konnte alles nicht möglich sein. Sie war Kapitän eines Raumschiffes ge- wesen; wie hatte sie es verdient, sich mit nackter Haut durch einen Schneesturm zu schleppen? Aber der Schnee war vorübergehend. An einer Stelle lag er zentimeterhoch auf dem Boden, aber dann wallte von un- ten her Wärme auf und schmolz ihn rasch. In Kürze wurde auch die Luft wärmer. Als sie fühlten, daß es sicher war, fanden sie eine Stelle auf dem warmen Boden und legten sich schlafen. Die Fleischkeule roch nicht mehr allzu gut, als sie erwach- ten, und dasselbe galt für Gabys Fellgürtel. Sie warfen das alles weg und wuschen sich im Fluß, woraufhin Gaby ein weiteres dieser Tiere tötete, das sie ›Lächler‹ zu nennen be- gonnen hatten. Es war so einfach wie das letztemal. Sie fühlten sich viel besser nach dem Frühstück, das sie mit einigen der weniger exotischen Früchte ergänzten, die sie in großem Überfluß fanden. Cirocco mochte besonders eine Sorte, die aussah wie eine massige Birne, aber Fleisch, wie eine Melone hatte. Es schmeckte wie scharfer Cheddar- käse. Sie fühlte sich, als würde sie den ganzen Tag lang mar- schieren können, aber es stellte sich heraus, daß dem nicht so war. Der Fluß, bislang während der ganzen Reise ihr Füh- rer, verschwand in einem großen Loch am Fuß eines Hügels. Sie beide standen am Rand des Loches und blickten hinab. Es gurgelte wie der Abfluß einer Badewanne, machte jedoch in langen Abständen ein saugendes Geräusch, das von ei- nem tiefen Rülpsen gefolgt wurde. Cirocco gefiel das nicht, und sie wich zurück. »Vielleicht bin ich verrückt«, sagte sie, »aber ich frage mich, ob das Ding, das uns verschlungen hat, hier sein Was- ser bezieht.« »Könnte sein. Aber ich werde nicht hineintauchen, um es herauszufinden. Also was jetzt?« »Ich wünschte, ich wüßte es.« »Wir könnten dorthin zurückkehren, wo wir angefangen haben, und warten.« Gaby schien über diese Idee nicht be- geistert zu sein. »Verdammt! Ich war sicher, wir würden eine Stelle finden, um Ausschau zu halten, wenn wir weit genug gegangen wä- ren. Glaubst du, daß das ganze Innere von Themis aus ei- nem einzigen großen Regenwald besteht?« Gaby zuckte die Achseln. »Dafür habe ich augenscheinlich nicht genug In- formationen.« Cirocco bedachte das für eine Weile. Gaby war offensicht- lich bereit, sie die Entscheidungen treffen zu lassen. »Okay. Zuerst steigen wir auf diesen Hügel und sehen nach, wie die Lage ist. Noch etwas, das ich gerne versuchen würde, wenn es dort oben nichts Lohnendes gibt, wäre, auf einen dieser Bäume zu klettern. Vielleicht kämen wir hoch, genug, um etwas zu sehen. Glaubst du, wir könnten es schaffen?« Gaby studierte einen Stamm. »Sicher, bei dieser Schwer- kraft. Aber das ist keine Garantie, daß wir unsere Köpfe werden hinausstecken können.« »Ich weiß. Laß uns auf den Hügel klettern!« Er war schroffer als die Landschaft, durch die sie bisher gekommen waren. Es gab Stellen, wo sie Hände und Füße benutzen mußten, und Gaby führte sie dabei, weil sie mehr Erfahrungen im Bergsteigen hatte. Sie war beweglich, viel kleiner und geschmeidiger als Cirocco, und schon nach kur- zer Zeit spürte Cirocco jeden Monat Altersunterschied zwi- schen ihnen. »Heilige Scheiße, sieh dir das an!« »Was ist denn?« Cirocco war einige Meter hinter ihr. Als sie den Blick hob, sah sie von Gaby nur die Beine und den Hintern aus einem deutlich ungewöhnlichen Winkel. Selt- sam, dachte sie, daß sie alle männlichen Besatzungsmitglie- der nackt gesehen hatte, aber auf Themis hatte gelangen müssen, um Gaby nackt zu sehen. Was für ein seltsames Geschöpf sie ohne Haare war. »Wir haben unseren Aussichtspunkt gefunden«, sagte Ga- by. Sie drehte sich langsam um und reichte Cirocco die Hand. Auch auf der Kuppe des Hügels wuchsen Bäume, jedoch reichten sie nicht an die Höhe derer heran, die sie hinter sich gelassen hatten. Obwohl sie dicht standen und mit Ranken überwuchert waren, ragte keiner von ihnen über ei- ne Höhe von zehn Metern hinaus. Cirocco hatte auf den Hügel steigen wollen, um zu schau- en, was auf der anderen Seite lag. Jetzt wußte sie es. Der Hügel hatte keine andere Seite., Gaby stand ein paar Meter vor der Kante einer Klippe. Mit jedem Schritt, den Cirocco machte, stellte sich der Ausblick neu ein, wich zurück und umfaßte einen größeren Bereich. Als sie neben Gaby stand, konnte sie die Wand des Steilab- falls noch immer nicht sehen, aber sie bekam schon eine Vorstellung davon, wie tief der Absturz war. Er mußte in Ki- lometern bemessen werden. Sie spürte, wie ihr Magen schlingerte. Sie befanden sich an einem natürlichen Fenster, das von einer Zwanzig-Meter-Lücke zwischen den äußersten Bäumen geformt wurde. Vor ihnen gab es für 200 Kilometer nichts anderes als Luft. Sie standen an einer Stelle der Kante und blickten über die Breite von Themis hinweg zur anderen Seite. Dort drü- ben gab es einen haarfeinen Schatten, der eine Klippe sein mochte wie die, auf der sie standen. Über der Linie lag grü- nes Land, das zu Weiß wurde und dann zu Grau, schließlich zu einem strahlenden Gelb, als ihre Augen den schrägen Abhang hinauf zum lichtdurchlässigen Bereich in der Decke wanderten. Ihre Augen wurden zur Krümmung der fernen Klippe zu- rückgezogen. Darunter lag noch mehr grünes Land, mit wei- ßen Wolken dicht über dem Boden oder soweit hochgetürmt wie ihr Standort. Es glich dem Ausblick von einer Bergspitze auf der Erde – abgesehen von einer Sache. Der Boden schien eben zu sein, bis sie nach links oder rechts blickte. Er bog sich. Sie schluckte und reckte den Nacken, drehte ihn, versuchte, den Boden als eben zu betrachten, zu leug- nen, daß in weiter Ferne das Land höher lag als ihr Stand- ort, ohne irgendwo anzusteigen. Sie keuchte und griff in die Luft, sank dann auf Hände und Knie herab. So fühlte sie sich besser. Sie kroch näher an, den Abgrund heran und hielt dabei den Blick nach links ge- richtet. In weiter Ferne lag ein Schattenland, das sich zur Begutachtung durch sie auf die Seite neigte. Ein dunkles Meer glitzerte in der Nacht, ein Meer, das es irgendwie schaffte, nicht über die Ufer zu treten und auf sie zuzuströ- men. Jenseits davon lag wieder ein heller Bereich, ähnlich dem vor Cirocco, der in der Ferne verschwand. Dahinter wurde ihr Blick vom Dach abgeschnitten, das sich auf das Land herabzukrümmen schien. Sie wußte, daß das eine per- spektivische Illusion war; das Dach würde genauso hoch sein, wenn sie an jener Stelle darunter stünde. Sie befanden sich am Rand eines der Bereiche permanen- ten Tages. Ein dunstiger Terminator begann das Land zu ih- rer Rechten zu überlagern, nicht scharf und deutlich, wie der Terminator eines Planeten vom Weltraum aus wirkte, son- dern eine Dämmerungszone durchlaufend, die Cirocco auf dreißig oder vierzig Kilometer Breite schätzte. Hinter dieser Zone herrschte Nacht, aber keine Schwärze. Ein gewaltiges Meer lag darin, doppelt so groß wie das in der anderen Rich- tung, und es sah aus, als fiele helles Mondlicht darauf. Es funkelte wie eine weite Ebene voller Diamanten. »Ist das nicht die Richtung, aus der der Wind kam?« frag- te Gaby. »Ja, wenn wir uns nicht entlang einer Flußkrümmung ge- dreht haben.« »Das glaube ich nicht. Das dort sieht für mich wie Eis aus.« Cirocco stimmte ihr zu. Die Eisschicht brach auf, wo sich das Meer zu einem Hals verengte und schließlich zu einem Fluß wurde, der vor ihr entlangfloß und in das andere Meer mündete. Dort drüben war die Landschaft gebirgig, zerklüf- tet wie ein Waschbrett. Cirocco verstand nicht, wie sich der, Fluß seinen Weg zwischen den Bergen hindurch schlängeln konnte, um zu dem Meer auf der anderen Seite zu gelan- gen. Sie entschied, daß die Perspektive sie täuschte. Wasser floß nicht bergauf, nicht einmal in Themis. Hinter dem Eis gab es einen weiteren Tageslicht-Bereich, der heller und gelber als die anderen war, die sie sehen konnte, wie Wüstensand. Um ihn zu erreichen, würde sie das gefrorene Meer überqueren müssen. »Drei Tage und zwei Nächte«, sagte Gaby. »Das kam sehr hübsch aus der Theorie heraus. Ich hatte gesagt, daß wir von irgendeinem Punkt aus fast das halbe Innere von Themis würden sehen können. Womit ich nicht gerechnet habe, sind diese Dinge.« Cirocco folgte Gabys deutendem Finger zu einer Reihe von etwas, das wie Seile aussah, die unten auf dem Boden be- gannen und sich zum Dach hinaufbogen. Es gab drei davon in einer Linie fast direkt vor ihnen, so daß das nächste die anderen beiden teilweise verbarg. Cirocco hatte sie schon eher gesehen, war jedoch darüber hinweggegangen, weil sie nicht alles auf einmal verstehen konnte. Jetzt sah sie ge- nauer hin und runzelte die Stirn. Wie bedrückend viele Din- ge in Themis, waren auch sie gewaltig. Das Nächste konnte als Modell für alle anderen dienen. Es war fünfzig Kilometer weit entfernt, aber Cirocco konnte er- kennen, daß es aus vielleicht hundert Strängen bestand, die zusammengewunden waren. Jeder Strang war 200 oder 300 Meter dick. Weitere Einzelheiten waren über diese Entfer- nung hinweg nicht erkennbar. Die drei in der Reihe bogen sich alle steil über das gefro- rene Meer und erstreckten sich 150 Kilometer oder mehr hinauf, bis sie an einer Stelle ins Dach übergingen, wo ihres Wissens nach eine der Speichen sein mußte, von der Innen- seite gesehen. Es war eine kegelförmige Mündung wie der, Schalltrichter einer gigantischen Trompete, die sich erwei- terte, um ins Dach überzugehen und in die Seiten der Rand- Umfriedung. An der entfernten Kante des Trichters, etwa 500 Kilometer weit entfernt, konnte Cirocco weitere Trossen ausmachen. Links von ihr waren noch mehr, aber diese verliefen senk- recht zur gewölbten Decke hinauf und verschwanden durch sie. Dahinter bogen sich andere Reihen zu der Speichen- mündung hin, die sie von ihrem Aussichtspunkt aus nicht sehen konnte, sich aber über den Bergen jenseits des Mee- res befinden mußte. Wo die Trossen auf den Boden trafen, zogen sie ihn zu Bergen mit breitem Fundament hoch. »Sehen aus wie die Kabel einer Hängebrücke«, meinte Cirocco. »Finde ich auch. Und ich denke, genau das sind sie auch. Es sind nur keine Türme erforderlich, um sie zu tragen. Die Kabel können im Zentrum befestigt sein. Themis ist eine kreisförmige Hängebrücke.« Cirocco kroch näher an die Kante heran, streckte den Kopf darüber hinaus und blickte die zwei Kilometer bis zum Bo- den hinunter. Die Klippe fiel so lotrecht ab, wie das bei einer unregelmä- ßigen Oberflächengestalt möglich ist. Erst dicht über dem Grund begann sie flacher zu werden und in das Land dort unten überzugehen. »Du denkst doch nicht daran hinabzusteigen, oder?« frag- te Gaby. »Der Gedanke war mir in den Sinn gekommen, aber ich fühle mich dabei gewiß nicht wohl. Und was würde dort un- ten besser sein als hier oben? Wir haben eine recht gute Vorstellung davon, daß wir hier oben überleben könnten.« Sie hielt inne. Sollte das ihr einziges Ziel sein?, Wenn sie die Möglichkeit hatte, würde sie das Abenteuer der Sicherheit vorziehen, wenn die Sicherheit darin bestand, aus Stangen eine Hütte zu bauen und sich von einer Diät von rohem Fleisch und Früchten niederzulassen. In einem Monat wäre sie verrückt geworden. Und das Land dort unten war schön. Es gab unmöglich steile Berge mit schimmernden blauen Seen, die wie Juwe- len zwischen ihnen verstreut waren. Sie konnte wogende Grasflächen sehen, dichte Wälder und weit im Osten die brütende Mitternachtssee. Es war nicht erkennbar, welche Gefahren dieses Land barg, aber es schien sie zu rufen. »Wir könnten mit Händen und Füßen an diesen Ranken hinabklettern«, meinte Gaby, langte über die Kante und zeigte einen möglichen Abstieg. Der Steilabfall war dicht mit Pflanzen überwachsen. Der Dschungel ergoß sich über die Kante wie ein erstarrter Was- serfall. Massive Bäume wuchsen aus der nackten Gesteins- fläche heraus, klammerten sich daran wie Rankenfußkrebse. Das Gestein selbst war nur an einzelnen Stellen sichtbar, und selbst dort sah es nicht so schlecht aus. Er wirkte wie eine Basaltformation, ein dicht gepacktes Bündel aus Kris- tallsäulen mit breiten sechseckigen Plattformen, wo Pfeiler weggebrochen waren. »Es ist machbar«, meinte Cirocco schließlich. »Leicht oder sicher wird es nicht sein. Wir müßten uns einen ziemlich gu- ten Grund ausdenken, um es zu probieren.« Einen besseren als den sich in ihr regenden gestaltlosen Drang, dort unten zu sein, dachte sie. »Verflixt, ich möchte auch nicht hier oben festsitzen«, sagte Gaby mit einem Grinsen. »Dann sind eure Schwierigkeiten vorüber«, sagte eine ru- hige Stimme hinter ihnen., Jeder Muskel in Ciroccos Körper spannte sich. Sie biß sich auf die Lippe und zwang sich zu langsamen Bewegungen, bis sie einen sicheren Abstand zur Kante hatte. »Hier oben. Ich habe auf euch gewartet.« Und dort saß auf einem Ast, drei Meter über dem Boden, die nackten Füße herabbaumelnd, Calvin Greene. KAPITEL SIEBEN Bevor Cirocco eine rechte Chance gehabt hatte, ihre Fas- sung zurückzugewinnen, saßen sie alle in einem Kreis, und Calvin redete. »Ich bin nicht weit von dem Loch herausgekommen, wo der Fluß verschwindet«, sagte er. »Das war vor sieben Ta- gen. Am zweiten Tag habe ich euch gehört.« »Aber warum hast du uns nicht gerufen?« fragte Cirocco. Calvin hielt die Überbleibsel seines Helmes hoch. »Das Mikro fehlt«, sagte er und zog das abgebrochene Ende des Drahtes hervor. »Ich konnte zuhören, aber nicht senden. Ich habe gewartet und Früchte gegessen. Ich konn- te einfach keines von den Tieren töten.« Er streckte die breiten Hände seitlich aus und zuckte die Achseln. »Woher wußtest du, daß dies hier die richtige Stelle zum Warten war?« wollte Gaby wissen. »Ich wußte es nicht mit Sicherheit.«, »Na ja«, sagte Cirocco. Sie klatschte die Handflächen auf die Beine und lachte dann. »Na, stell dir das vor! Gerade geben wir die Hoffnung auf, noch jemand anderen zu finden, und stolpern im selben Moment über dich. Es ist zu schön, um wahr zu sein. Nicht wahr, Gaby?« »Huh? O ja, es ist riesig.« »Auch euch zu sehen ist gut. Ich höre euch jetzt seit fünf Tagen zu. Es ist nett, eine vertraute Stimme zu hören.« »War es wirklich so lange?« Calvin tippte auf ein Gerät an seinem Handgelenk. Es war eine Digitaluhr. »Sie geht immer noch genau«, sagte er. »Wenn wir zu- rückkommen, werde ich dem Hersteller einen Brief schrei- ben.« »Ich würde mich beim Hersteller des Armbandes bedan- ken«, meinte Gaby. »Deines ist aus Stahl, und meines war Leder.« Calvin zuckte die Achseln. »Ich werde es mir merken. Es kostet mehr, als ich als Assistenzarzt in einem Monat ver- dient habe.« »Der Zeitraum scheint immer noch zu hoch gegriffen zu sein. Wir haben nur dreimal geschlafen.« »Ich weiß. Bill und August haben dasselbe Problem beim Einschätzen der Zeit.« Cirocco blickte auf. »Bill und August sind am Leben?« »Ja, ich habe ihnen zugehört. Sie sind da unten auf dem Grund. Ich kann dir die Stelle zeigen. Bill hat noch sein gan- zes Radio, wie ihr beide. August hatte nur einen Empfänger. Bill hat ein paar Landmarken herausgesucht und angefan- gen, darüber zu reden, wie wir ihn finden können. Er ist zwei Tage lang dagesessen, und August fand ihn recht, schnell. Jetzt senden sie regelmäßig. Aber August fragt im- mer nur nach April, und sie weint viel.« »Jesus«, hauchte Cirocco. »Das glaube ich. Du hast keine Vorstellung davon, wo April oder Gene stecken?« »Einmal dachte ich, Gene zu hören. Weinend, wie Gaby sagte.« Cirocco dachte darüber nach und runzelte die Stirn. »Warum hat Bill uns dann nicht gehört? Er müßte doch auch gelauscht haben.« »Es muß am Problem der geraden Linien liegen«, meinte Calvin. »Die Klippe hat euch abgeschnitten. Ich war der ein- zige, der beide Gruppen hören konnte, aber ich konnte nichts ändern.« »Dann würde er uns jetzt hören, wenn…« »Reg dich nicht auf. Sie schlafen jetzt und würden dich nicht hören. Diese Kopfhörer sind wie Mückensummen. In fünf oder sechs Stunden sollten sie wieder aufwachen.« Er blickte von einer zur anderen. »Auch für euch wäre es das Gescheiteste, etwas zu schlafen. Ihr seid fünfundzwanzig Stunden lang gelaufen.« Diesmal hatte Cirocco keine Schwierigkeiten, ihm zu glauben. Sie wußte, daß nur die Er- regung des Augenblicks sie wachhielt. Ihre Lider erschlaff- ten. Aber noch konnte sie nicht nachgeben. »Wie war es bei dir, Calvin? Hattest du Probleme?« Er zog eine Augenbraue hoch. »Probleme?« »Du weißt, wovon ich rede.« Er schien sich in sich selbst zurückzuziehen. »Darüber rede ich nicht. Niemals.« Sie war geneigt, ihn nicht zu drängen. Er schien friedlich zu sein, als müsse er mit etwas ins reine kommen. Gaby stand auf, streckte sich und gähnte mächtig. »Ich bin für die Falle«, sagte sie. »Wo willst du dich ausstrecken, Rocky?« Auch Calvin stand auf. »Ich hatte da einen Platz in Ar-, beit«, sagte er. »Es ist hier oben in diesem Baum. Ihr zwei könnt ihn benutzen, und ich werde aufbleiben und nach Bill horchen.« Es handelte sich um ein aus Zweigen und Ranken gefloch- tenes Vogelnest. Calvin hatte es mit einer federartigen Sub- stanz ausgelegt. Es bot reichlich Platz, aber Gaby entschied sich dazu, eng an sie zu rücken, wie sie es zuvor gehalten hatten. Cirocco fragte sich, ob sie diese Sache zum Halten rufen sollte, aber kam zu dem Entschluß, daß es keine Rolle spielte. »Rocky?« »Was ist?« »Ich möchte, daß du ihm gegenüber vorsichtig bist.« Ci- rocco kehrte von der Grenze des Schlafs zurück. »Mmmmpf? Calvin?« »Etwas ist mit ihm geschehen.« Cirocco betrachtete Gaby mit einem blutunterlaufenen Au- ge. »Geh schlafen, Gaby, okay?« Sie langte hinüber und tätschelte ihr Bein. »Sei nur wachsam«, brummte Gaby. Wenn es doch nur ein Anzeichen gegeben hätte, daß es Morgen war, dachte Cirocco und gähnte. Es hätte das Auf- stehen wesentlich erleichtert. So etwas wie ein Hahn oder Sonnenstrahlen, die in einem anderen Winkel einfielen. Gaby schlief noch neben ihr. Sie löste sich von ihr und stand auf dem breiten Ast. Calvin war nicht in der Nähe. Das Frühstück befand sich in Griffweite: purpurne Früchte in der Größe von Ananas. Sie pflückte eine und aß sie, Schale und alles. Dann begann sie zu klettern. Es war leichter, als es aussah. Sie kam beinahe so schnell hoch, wie sie es mit einer Leiter geschafft hätte. Ganz ent- schieden gab es Dinge, die man für Ein-Viertel-G sagen, konnte, und der Baum war ideal zum Klettern, besser als alles, was sie seit dem Alter von acht Jahren gesehen hatte. Die knorrige Rinde bot auch an den Stellen Griffmöglichkei- ten, wo es nur wenig Äste gab. Sie zog sich ein paar Kratzer zu, um ihre Sammlung zu ergänzen, aber das war ein Preis, den sie willig zahlte. Zum erstenmal seit ihrer Ankunft in Themis fühlte sie sich glücklich. Das Zusammentreffen mit Gaby und Calvin zählte sie dabei nicht mit, weil es so emotional gewesen war, daß sie sich am Rande der Hysterie bewegt hatte. Jetzt fühlte sie sich einfach gut. »Meine Güte, es ist länger her als das«, brummte sie. Sie war nie eine düstere Person gewesen. Auf der Ringmeister hatte es einige gute Zeiten gegeben, aber wenig totalen Spaß. Bei dem Versuch, sich an die letzte Gelegenheit zu erinnern, wo sie sich so gut gefühlt hatte, entschied sie, daß es die Party gewesen war – nach der Mitteilung, daß sie nach sieben Jahren des Versuchens ihr Kommando erhalten hatte. Sie grinste bei der Erinnerung; es war eine hervorra- gende Party gewesen. Aber wenig später verbannte sie alle Gedanken aus ihrem Bewußtsein und ließ ihre Seele in die Anstrengung selbst fließen. Sie war sich jedes einzelnen Muskels bewußt und jedes Quadratzentimeters Haut. Es lag ein überraschendes Maß an Freiheit darin, ohne Kleider am Körper einen Baum zu erklettern. Bis jetzt war ihre Nacktheit ein Ärgernis und eine Gefahr gewesen. Jetzt liebte sie sie. Sie spürte die rau- he Beschaffenheit des Baumes unter den Zehen und die e- lastische Biegung der Äste. Sie verspürte den Wunsch, wie Tarzan zu brüllen. Als sie der Spitze näher kam, hörte sie ein Geräusch, das vorher nicht dagewesen war. Es war ein wiederkehrendes, Knirschen und kam von einer Stelle, die sie durch die gelb- grünen Blätter hindurch nicht sehen konnte, vor ihr und ein paar Meter tiefer. Mit größerer Vorsicht vorgehend schob sie sich auf einen horizontalen Ast und schlängelte sich auf die freie Luft zu. Vor ihr befand sich eine blaugraue Wand. Sie hatte keine Vorstellung, was das sein mochte. Wieder kam das Knir- schen, lauter und von einer Stelle etwas über ihr. Ein Bü- schel abgebrochener Zweige fiel vor ihr nach unten und ver- schwand außer Sicht. Dann tauchte plötzlich ein Auge auf. Sie schrie, bevor es ihr bewußt wurde. Ohne sich so recht daran erinnern zu können, wie sie dorthin gekommen war, sprang sie drei Meter zurück und starrte gelähmt in das monströse Auge. Es war so groß, wie ihre ausgestreckten Arme reichten, schimmerte vor Feuchtigkeit und wirkte ver- blüffend menschlich. Es blinzelte. Eine dünne Membrane zog sich von allen Seiten her zu- sammen wie eine Kamerablende und schnappte dann wieder auf, buchstäblich so schnell wie ein Zwinkern. Cirocco brach mit dem Herunterklettern alle Rekorde, spürte gar nicht, daß sie sich das Knie aufriß, und schrie den ganzen Weg lang gellend. Gaby war wach. Sie hielt einen Schenkelknochen und war sichtlich bereit, ihn auch zu be- nutzen. »Runter, runter!« kreischte Cirocco. »Da oben ist etwas. Es könnte diesen Baum als Zahnstocher verwenden.« Die letzten acht Meter legte sie frei schwebend zurück, landete auf allen vieren und war auf ihrem Weg den Hügel hinunter, als sie mit Calvin zusammenstieß. »Hast du mich nicht gehört? Wir müssen weg von hier. Da ist dieses Ding…«, »Ich weiß, ich weiß«, beruhigte er sie und streckte ihr die Handflächen entgegen. »Ich weiß Bescheid, und es gibt kei- nen Grund, sich Sorgen zu machen. Ich hatte keine Zeit, es euch zu erzählen, bevor ihr schlafen gingt.« Cirocco fühlte sich ausgeleert, jedoch bei weitem nicht be- ruhigt. Es war schrecklich, soviel nervöse Energie zu haben und nichts mit ihr anfangen zu können. Ihre Füße wollten rennen. Statt dessen raunzte sie Calvin an. »Ach Scheiße, Calvin! Du hattest keine Zeit, mir von so was zu erzählen? Was ist es, und was weißt du darüber?« »Es ist eure Möglichkeit, von dieser Klippe wegzukom- men«, sagte er. »Sein Name lautet…« – er schürzte die Lip- pen und pfiff drei klare Töne mit einem Triller am Schluß –, »… aber ich sehe, daß er nur schlecht mit Englisch vermischt zu gebrauchen ist. Ich nenne ihn Whistlestop.« »Du nennst ihn ›Whistlestop‹«, wiederholte Cirocco be- täubt. »Das ist richtig. Er ist ein Blimp*.« »Ein Blimp.« Er betrachtete sie seltsam, und sie knirschte mit den Zäh- nen. »Er sieht mehr wie ein lenkbares Luftschiff aus, aber er ist keines, weil er kein starres Skelett hat. Ich werde ihn rufen, und dann kannst du ihn dir selbst anschauen.« Er steckte zwei Finger zwischen die Lippen und pfiff eine lange, kom- plexe Melodie mit merkwürdigen musikalischen Intervallen. »Er ruft ihn«, sagte Cirocco. »Ich habe es gehört«, sagte Gaby. »Bist du unverletzt?« »Ja. Aber meine Haare werden grau sein, wenn sie wieder wachsen.« Von oben kam eine antwortende Folge von Trillern, und dann geschah einige Minuten lang nichts. Sie warteten., Whistlestop schwoll von links her ins Blickfeld. Er war 300 oder 400 Meter von der Klippenwand entfernt und flog pa- rallel zu ihr, und selbst auf die große Entfernung konnten sie nur einen kleinen Teil von ihm sehen. Er war ein fester, *Blimp: ein nicht starres Kleinluftschiff (Anm. d. Übers.) blau-grauer Vorhang, der über ihre Aussicht gezogen wurde. Dann machte Cirocco das Auge aus. Erneut pfiff Calvin, und das Auge drehte sich ziellos und fand sie schließlich. Calvin blickte über die Schulter zurück. »Er sieht nicht sehr gut«, erklärte er. »Dann bin ich dafür, daß wir ihm aus dem Weg bleiben, etwa im nächsten Bezirk.« »Das würde nicht reichen«, meinte Gaby ehrfürchtig. »Sein Arsch würde im nächsten Bezirk sein.« Die Nase verschwand, und Whistlestop glitt weiterhin an ihnen vorbei. Und glitt vorbei. Und glitt und glitt und glitt. Er schien kein Ende zu haben. »Wo will er hin?« fragte Cirocco. »Er braucht einige Zeit, um anzuhalten«, erklärte Calvin. »Er wird recht bald anbrassen.« Cirocco und Gaby gesellten sich an der Kante zu Calvin, damit sie die ganze Operation sehen konnten. Whistlestop, der Blimp, maß vom Steven bis zum Heck ei- nen vollen Kilometer. Alles, was er noch brauchte, um wie ein mehr als lebensgroßes Modell des Zeppelins Hindenburg auszusehen, war ein auf den Schwanz gemaltes Haken- kreuz. Nein, entschied Cirocco, das stimmte nicht ganz. Sie war eine Luftschiff-Enthusiastin und hatte an dem NASA-Projekt mitgewirkt, eines zu bauen, das fast so groß war wie Whist-, lestop. Bei der Zusammenarbeit mit den Projekt- Ingenieuren hatte sie den Entwurf der LZ-129 recht gut kennengelernt. Die Form war dieselbe: eine langgestreckte Zigarre mit stumpfer Nase, am Heck spitz zulaufend. Es gab sogar eine Art Gondel, die unten dranhing, wenn auch weiter hinten als bei der Hindenburg. Die Farbe war anders und auch die Be- schaffenheit der Haut. Es gab keine Stützkonstruktion; Whistlestop war so glatt wie die alten Kleinluftschiffe von Goodyear, und jetzt, wo sie ihn bei Licht sehen konnte, schimmerte er irisierend wie Perlmutt und mit einem Anflug von Öligkeit über dem grundlegenden Blaugrau. Und die Hindenburg hatte keine Haare gehabt. Whistlestop besaß welche entlang eines transversalen Bauchkammes, und sie wuchsen mittschiffs dicker und länger, wurden heckwärts zu einem spärlichen Blau. Ein Greifer aus zierli- chen Ranken hing unter dem zentralen Klümpchen, oder der Gondel, oder was immer es war. Dann waren da noch die Augen und die Heckflossen. Ci- rocco sah ein seitlich blickendes Auge und dachte, daß es wahrscheinlich mehr davon gab. Anstelle von vier Tragflä- chen am Heck hatte Whistlestop nur drei: zwei horizontale und eine Steuerflosse. Cirocco konnte sehen, wie sie sich bogen, als das monströse Wesen darum kämpfte, den Men- schen die Nase zuzuwenden, wobei es gleichzeitig um die halbe Länge zurückstieß. Die Flossen waren dünn und durchsichtig wie die Flügel eines körperkraftgetriebenen O’Neil-Fliegers, und elastisch wie eine Qualle. »Du… uh, du redest mit diesem Ding?« fragte sie Calvin. »Recht gut.« Er lächelte das Luftschiff an, war glücklicher, als Cirocco ihn je gesehen hatte. »Dann ist diese Sprache leicht zu lernen?«, Er runzelte die Stirn. »Nein, ich glaube nicht, daß man das sagen kann.« »Wie lange… bist du schon hier? Sieben Tage?« »Ich sage dir, ich weiß, wie man mit ihm spricht. Ich weiß eine Menge darüber.« »Wie hast du es dann gelernt?« Die Frage bereitete ihm offensichtlich Kopfzerbrechen. »Ich erwachte und wußte es.« »Sag das nochmal!« »Ich weiß es einfach. Als ich ihn zum erstenmal sah, wuß- te ich alles über ihn. Als er redete, verstand ich ihn. So ein- fach ist das.« Es war weit davon entfernt, so einfach zu sein; dessen war Cirocco sich sicher. Aber offenkundig wollte er in dieser Fra- ge nicht gedrängt werden. Whistlestop brauchte den größeren Teil einer Stunde, um sich in Position zu bringen und dann vorsichtig mit der Nase heranzukommen, bis er fast die Seite der Klippe berührte. Während dieser Operation wichen Gaby und Cirocco ein gu- tes Stück zurück. Sie fühlten sich besser, als sie seinen Mund sahen. Es war ein einen Meter breiter Schlitz, zwanzig Meter unterhalb des vorderen Auges. Unter dem Mund gab es noch eine getrennte Öffnung: einen Ringmuskel mit der Doppelfunktion als Druckablaßventil und Pfeife. Ein langer, starrer Gegenstand ragte aus dem Mund her- aus und erstreckte sich bis zum Boden. »Kommt!« sagte Calvin einladend. »Gehen wir an Bord!« Weder Gaby noch Cirocco konnten sich vorstellen, dem nachzukommen. Sie starrten ihn einfach nur an. Für einen Moment sah er erzürnt aus, dann lächelte er wieder. »Ich schätze, für euch ist es schwer zu glauben, aber es ist wahr. Ich weiß eine Menge über diese Dinge. Ich bin be-, reits einmal mit ihm geflogen. Er ist absolut dazu bereit und hat sowieso denselben Weg. Und es ist sicher. Er ißt nur Pflanzen, aber auch davon nur wenig. Er kann nicht zuviel essen, oder er würde sinken.« Er setzte einen Fuß auf die lange Laufplanke und ging auf den Eingang zu. »Was ist das für ein Ding, auf dem du da stehst?« fragte Gaby. »Ich schätze, du würdest es seine Zunge nennen.« Gaby begann zu lachen, aber es hatte einen hohlen Klang und er- starb in einem Husten. »Ist das alles nicht einfach ein biß- chen… ich meine, Jesus, Calvin! Da stehst du auf der Zunge von dem verdammten Ding, forderst mich auf, in sein Maul zu gehen, verflucht! Ich nehme an, am Ende von… sollen wir es die Kehle nennen? Am Ende der Kehle ist etwas, was nicht wirklich ein Magen ist, aber demselben Zweck dient. Und für diese Säfte, die dort über uns fließen werden, auch dafür wirst du eine hübsche, glatte Erklärung haben!« »He, Gaby, ich verspreche dir, es ist so sicher wie…« »Nein, danke!« schrie Gaby. »Vielleicht bin ich Mama Plaugets dümmste Tochter, aber niemand hat jemals ge- sagt, ich hätte nicht genug Verstand, nicht in das Maul ir- gendeines verdammten Monsters zu steigen. Jesus! Weißt du eigentlich, was du verlangst? Ich bin schon einmal auf dieser Reise lebendig verspeist worden. Ich werde es nicht noch einmal dazu kommen lassen.« Sie kreischte inzwischen und zitterte, und ihr Gesicht war rot. Cirocco pflichtete allem, was Gaby sagte, auf einer ge- fühlsmäßigen Ebene bei. Trotzdem trat sie auf die Zunge. Sie war warm, aber trocken. Sie drehte sich um und streck- te die Hand aus. »Komm, Schiffskamerad! Ich glaube ihm.« Gaby hörte auf zu zittern und machte ein bestürztes Ge-, sicht. »Du würdest mich doch nicht hier verlassen?« »Natürlich nicht. Du kommst mit uns. Wir müssen zu Bill und August hinunter. Komm schon! Wo ist dein Mut? Ich weiß, daß du ihn hast?« »Das ist nicht fair«, jammerte Gaby. »Ich bin kein Feig- ling. Du kannst einfach nicht von mir verlangen, das zu tun.« »Aber ich verlange es von dir. Die einzige Möglichkeit, mit deiner Angst umzugehen, ist, ihr entgegenzutreten. Komm her!« Gaby zögerte lange, straffte dann die Schultern und kam näher, als ginge sie zu ihrer Hinrichtung. »Ich tue es für dich«, sagte sie, »weil ich dich liebe. Ich muß bei dir sein, wohin auch immer du gehst, selbst wenn es bedeutet, daß wir zusammen sterben.« Calvin betrachtete Gaby seltsam, sagte aber nichts. Sie gingen in das Maul und fanden sich in einer dünnen, licht- durchlässigen Röhre mit einem dünnen Boden über noch dünnerer Luft. Es war ein langer Weg. Mittschiffs befand sich der große Beutel, den sie von au- ßen gesehen hatte. Er bestand aus dickem, durchsichtigem Material, war hundert Meter lang und dreißig breit, und der Boden war mit pulverisiertem Holz und Blättern bedeckt. Außer ihnen gab es auch kleine Tiere darin: mehrere Läch- ler, eine Auswahl kleinerer Arten und Tausende von winzi- gen glatthäutigen Wesen, noch kleiner als Spitzmäuse. Wie von den anderen Tieren, die sie in Themis gesehen hatten, wurden sie auch von diesen nicht beachtet. Man konnte nach allen Seiten hinausblicken, und sie stellten fest, daß sie sich bereits in einiger Entfernung von der Klippe befanden. »Wenn dies hier nicht Whistlestops Magen ist, was dann?«, fragte Cirocco. Calvin sah verwirrt aus. »Ich habe nie gesagt, daß es nicht sein Magen ist. Es ist seine Nahrung, auf der wir hier stehen.« Gaby stöhnte und versuchte, den Weg zurückzulaufen, den sie gekommen war. Cirocco packte sie und drückte sie zu Boden. Sie blickte zu Calvin auf. »Es ist alles in Ordnung«, sagte er. »Er kann nur mit Hilfe dieser kleinen Tiere verdauen. Er frißt ihre Endprodukte. Seine Verdauungssäfte können euch nicht mehr verletzen als schwacher Tee.« »Hörst du das, Gaby?« flüsterte Cirocco ihr ins Ohr. »Es wird uns nichts passieren. Beruhige dich, Süße!« »Ich h-höre. Sei nicht böse auf mich. Ich habe große Angst.« »Ich weiß. Komm, steh auf und sieh hinaus! Das wird dich ablenken.« Sie half ihr beim Aufstehen, und sie wälzten sich zur durchsichtigen Magenwand hinüber. Es war wie Gehen auf einem Trampolin. Gaby drückte Nase und Hände dage- gen und verbrachte den Rest des Fluges damit, zu schluch- zen und starr ins Freie hinauszublicken. Cirocco ließ sie al- lein und ging zu Calvin. »Du mußt vorsichtiger mit ihr sein«, sagte sie ruhig. »Die Zeit in der Dunkelheit hat sie mehr mitgenommen als uns.« Sie verengte die Augen und studierte sein Gesicht. »Außer daß ich von dir eigentlich nichts weiß.« »Mit mir ist alles in Ordnung«, sagte er. »Aber ich möchte nicht über das Leben vor meiner Wiedergeburt sprechen. Es ist vorbei.« »Komisch. Gaby hat so ziemlich dasselbe gesagt. Ich kann es nicht so sehen.« Calvin zuckte die Achseln, war eindeutig nicht an dem in-, teressiert, was sie beide dachten. »In Ordnung. Ich fände es gut, wenn du mir sagen wür- dest, was du weißt. Es ist mir egal, wie du es gelernt hast, wenn du mir das nicht sagen willst.« Calvin dachte darüber nach und nickte. »Ich kann dir ihre Sprache nicht schnell beibringen. Sie besteht überwiegend aus Klang und Dauer, und ich kann nur eine Pidgin-Version davon sprechen, die auf den tieferen Tönen beruht, die ich hören kann. Es gibt sie in allen Größen von etwa zehn Metern bis hin zu etwas größer als Whistlestop. Sie fliegen oft in Schwär- men; dieser hier hat einige kleinere Begleiter, die du nicht gesehen hast, weil sie auf der anderen Seite geblieben wa- ren. Dort sind jetzt ein paar von ihnen.« Er deutete zum Fenster hinaus, wo sich ein Schwarm von sechs Zwanzig-Meter-Luftschiffen in Position drängte. Sie sahen wie schwerfällige Fische aus. Cirocco konnte ihre schrillen Pfiffe hören. »Sie sind freundlich, ziemlich intelligent und haben keine natürlichen Feinde. Sie erzeugen aus ihrer Nahrung Wasser- stoff und halten ihn unter leichtem Druck. Als Ballast tragen sie Wasser, lassen es ab, wenn sie steigen wollen, und sie lassen Wasserstoff aus den Ventilen, wenn sie herunterge- hen wollen. Ihre Haut ist zäh, aber wenn sie verletzt wird, sterben sie gewöhnlich. Sie sind nicht sonderlich manövrierfähig und besitzen we- nig Feinkontrolle. Sie brauchen viel Zeit, um in Fahrt zu kommen. Manchmal kann ein Feuer sie erwischen, und wenn sie es nicht schaffen, wegzukommen, explodieren sie wie Bomben.« »Was ist mit all diesen Kreaturen hier drin?« fragte Ciroc- co. »Brauchen sie die alle, um ihre Nahrung zu verdauen?«, »Nein, nur die kleinen gelben Wesen. Sie können nur fres- sen, was ein Blimp für sie zubereitet. Du wirst sie nirgendwo anders finden als im Magen eines Blimps. Die anderen We- sen sind Anhalter oder Passagiere wie wir.« »Ich begreife es nicht. Warum macht der Blimp so was?« »Es ist Symbiose, kombiniert mit Intelligenz, seine eige- nen Entscheidungen zu treffen und zu tun, was ihm gefällt. Seine Rasse kommt mit anderen hier drin gut aus, beson- ders mit den Titaniden. Er tut ihnen Gefallen, und sie erwi- dern es durch…« »Titaniden?« Er lächelte unsicher und breitete die Hände aus. »Das ist ein Wort, das ich für einen Pfiff einsetze, den er benutzt. Ich habe nur eine verschwommene Vorstellung davon, was sie sind, weil ich komplexe Beschreibungen nicht so gut beherr- sche. Ich habe mitbekommen, daß sie sechsbeinig sind und allesamt weiblich. Ich nenne sie Titaniden, weil das in der griechischen Mythologie der Name für weibliche Titanen ist. Ich habe auch andere Dinge benannt.« »Wie zum Beispiel?« »Die Regionen, Flüsse und Bergketten. Die Landgebiete habe ich nach den Titanen benannt.« »Was… o ja, jetzt erinnere ich mich.« Calvin hatte Mytho- logie als Hobby studiert. »Wer waren die Titanen noch gleich?« »Die Söhne und Töchter von Uranus und Gäa. Gäa er- schien aus dem Chaos. Sie gebar Uranus, machte ihn sich ebenbürtig, und sie erzeugten die Titanen, sechs Männer und sechs Frauen. Ich habe die hiesigen Tage und Nächte nach ihnen benannt, da es sechs Tage und sechs Nächte gibt.« »Wenn du alle Nächte nach Frauen benannt hast, werde, ich mir eigene Namen ausdenken.« Er lächelte. »Nichts dergleichen. Es ist alles ziemlich zufäl- lig. Sieh mal nach hinten zu dem gefrorenen Ozean! Er sieht so aus, als sollte er Ozeanus sein, also habe ich ihn so ge- nannt. Das Land, über dem wir uns jetzt befinden, ist Hype- rion, und diese Nacht dort drüben vor uns, mit den Bergen und dem unregelmäßigen Meer, ist Rhea. Wenn du von Hy- perion aus nach Rhea blickst, ist der Norden links von dir und der Süden rechts. Dann kommen der Reihe nach – die meisten davon habe ich nicht gesehen, verstehst du, aber ich weiß, daß es sie gibt – nämlich Crius – du kannst es ge- rade sehen –, dann um die Biegung herum kommen Phoebe, Tethys, Thea, Methis, Dione, lapetus, Cronus und Mnemosy- ne. Du kannst Mnemosyne auf der anderen Seite von Ozea- nus sehen, hinter uns. Es sieht aus wie eine Wüste.« Cirocco versuchte, im Kopf alles aneinanderzureihen. »Ich werde das nie alles behalten.« »Die einzigen, die eine Rolle spielen, sind Ozeanus, Hype- rion und Rhea. Tatsächlich sind nicht alle Namen Titanen. Eine Titane ist Themis, und ich dachte, das würde verwir- rend sein. Und, na ja…« Er wandte mit einem Schafsgrinsen den Blick ab. »Ich konnte mich an die Namen von zwei Tita- nen einfach nicht erinnern. Ich habe dafür Methis benutzt, die Weisheit, und Dione.« Cirocco war das eigentlich egal. Die Namen waren griffig und auf ihre Art systematisch. »Laß mich die Flüsse raten. Noch mehr Mythologie?« »Ja. Ich habe die neun größten Flüsse von Hyperion aus- gesucht – und er hat höllisch viele davon, wie du sehen kannst – und sie nach den Musen benannt. Dort unten im Süden sind Urania, Calliope, Terpsichore und Euterpe, mit Polyhymnia in der Dämmerungszone als Zufluß des Rhea., Und dort drüben auf dem nördlichen Hang, im Osten ange- fangen – fließt Melpomene. Näher an uns sind Thalia und Erato, die aussehen, als würden sie ein System bilden. Und der eine, den ihr herabgekommen seid, ist ein Zufluß des Clio, der jetzt genau unter uns ist.« Cirocco blickte hinab und sah ein blaues Band, das sich durch dichten grünen Wald schlängelte, verfolgte es zurück bis zur Klippenwand hinter ihnen und schnappte nach Luft. »Also dahin gelangt der Fluß«, sagte sie. Er wölbte sich aus der Klippenkante hervor, fast einen halben Kilometer unterhalb der Stelle, wo sie gestanden hatten, sah für fünfzig Meter fest und hart wie Metall aus, bevor er anfing aufzubrechen. Von dem Punkt an teilte er sich rasch in Fragmente und erreichte den Boden als Nebel. Noch ein Dutzend weitere Wasserstreifen kamen aus der Klippenwand hervor, aber keiner so nah und großartig, jeder mit seinem dazugehörigen Regenbogen. Von ihrem Aus- sichtspunkt aus waren die Regenbogen aufgereiht wie Kri- cket-Tore. Es war atemberaubend, fast zu schön, um wahr zu sein. »Ich hätte gerne die Postkartenkonzession für diesen Ort«, meinte sie. Calvin lachte. »Du verkaufst Kamerafilme, und ich werde Karten für die Flüge an den Mann bringen. Was hältst du von diesem?« Cirocco blickte flüchtig zu Gaby zurück, die immer noch wie erstarrt vor dem Fenster hockte. »Die Reaktionen scheinen gemischt zu sein. Ich finde ihn schön. Wie heißt der große Fluß? Der eine, in den alle ande- ren münden?« »Ophion. Die große Schlange des Nordwindes. Wenn du genau hinschaust, kannst du sehen, daß er aus einem klei- nen See dort hinten bei der Dämmerungszone zwischen, Mnemosyne und Ozeanus kommt. Dieser See muß eine Quelle haben, und ich vermute, daß es der Ophion ist, der unterirdisch durch die Wüste fließt, aber wir können nicht sehen, wo er untertaucht. Anders gesagt, er fließt in die Seen und auf der anderen Seite aus ihnen heraus.« Cirocco folgte dem geschlängelten Weg und konnte sehen, daß Calvin recht hatte. »Ich denke, ein Geograph würde dir sagen, daß der herauskommende Fluß nicht derselbe ist wie der, der in den See hineinmündet«, sagte sie. »Aber ich weiß, daß all diese Regeln für irdische Flüsse gemacht wur- den. Okay, also nennen wir ihn einen kreisförmigen Fluß.« »Dort ist die Stelle, wo Bill und August sind«, sagte Calvin und deutete. »Etwa halb den Clio hinab, wo der dritte Ne- benfluß…« »Bill und August. Wir hätten versuchen sollen, mit ihnen Verbindung aufzunehmen. Bei all diesem Durcheinander ü- ber das Einsteigen in den Blimp…« »Ich habe mir dein Radio geborgt. Sie sind auf und warten auf uns. Du kannst jetzt mit ihnen sprechen, wenn du willst.« Cirocco besorgte sich ihren Helmring und das Radio von Gaby. »Bill, kannst du mich hören? Hier ist Cirocco.« »Uh… ja, ja! Ich höre dich. Wie geht es dir?« »So gut wie man erwarten kann, bei einem Flug im Magen eines Luftschiffes. Was ist mit dir? Hast du alles gut über- standen? Keine Verletzungen?« »Nein, mir geht’s gut. Hör zu! Ich wünschte… ich wünsch- te, ich könnte sagen, wie gut es ist, deine Stimme zu hö- ren.« Sie spürte eine Träne auf ihrer Wange und wischte sie weg., »Es ist schön, dich zu hören, Bill. Als du aus diesem Fens- ter gefallen bist… oh, verdammt! Du erinnerst dich nicht, oder?« »Es gibt eine Menge Sachen, an die ich mich nicht erinne- re«, sagte er. »Wir können das alles später regeln.« »Ich sterbe fast vor Verlangen, dich zu sehen. Hast du noch Haare?« »Es wächst auf meinem ganzen Körper wieder. Wir lassen das am besten alles warten. Wir haben vieles zu bespre- chen, ich und du und Calvin und…« »Gaby«, half sie nach, als eine sehr lange Pause verstri- chen zu sein schien. »Gaby«, sagte er ohne große Überzeugung. »Du siehst, ich bin über einige Dinge etwas verwirrt. Aber das sollte kein Problem sein.« »Bist du sicher, daß du in Ordnung bist?« Sie fühlte sich plötzlich kalt und rieb sich energisch die Unterarme. »Aber gewiß. Wann wirst du hier sein?« Cirocco fragte Calvin, der eine kurze Melodie pfiff. Als Antwort kam eine weitere Melodie, von irgendwo über ih- nen. »Blimps haben keine sonderlich gute Vorstellung von der Zeit«, sagte er. »Ich würde sagen, drei oder vier Stunden.« »Ist das vielleicht eine Art, eine Fluglinie zu betreiben?« KAPITEL ACHT, Cirocco wählte das vordere Ende der Gondel – es half nichts, sie als Magen zu betrachten –, um für sich zu sein. Gaby war noch wie gelähmt und Calvin kein sehr lustiger Ge- sprächspartner mehr, seitdem er alles gesagt hatte, was er über Whistlestop wußte. Die Dinge zu besprechen, die Ciroc- co wissen wollte, weigerte er sich. Ein Geländer wäre hübsch gewesen. Die Gondelwand war bis hinunter zu ihren Füßen durchsichtig wie Glas, und man hätte ohne den Teppich aus halbverdauten Blättern und Zweigen auch dort hindurchblicken können. Es bot sich eine schwindelerregende Aussicht. Sie flogen über einen dichten Dschungel hinweg, der sehr dem Land weiter oben auf der Klippe ähnelte. Der Fluß Clio – breit, gelb und träge – wand sich durch ihn hindurch wie ein Wasserband, zu Boden geworfen, um sich dorthin zu schlängeln, wohin es wollte. Cirocco war über die Klarheit der Luft verblüfft. Über Rhea gab es Wolken, die sich über der Nordküste des Meeres zu Gewitterwolken auftürmten; jedoch konnte sie darüber hin- wegblicken bis hin zu den Grenzen der Krümmung von Themis in beiden Richtungen. Ein Schwarm großer Blimps schwebte in unterschiedlichen Höhen um das Haltekabel, das Whistlestop am nächsten war. Sie konnte nicht feststellen, was sie dort machten, dachte aber, daß sie vielleicht Nahrung zu sich nahmen. Das Kabel war dick genug, daß Bäume darauf wachsen konnten. Wenn Cirocco geradenwegs nach unten schaute, konnte sie Whistlestops gewaltigen Schatten sehen. Je tiefer sie gingen, desto größer wurde er. Nach vier Stunden war sein Umfang erstaunlich, und immer noch befanden sie sich über den Baumwipfeln. Sie fragte sich, wie Whistlestop sie auf dem Boden abzusetzen gedachte. Es gab keine freie Stelle,, die auch nur entfernt groß genug war, daß er landen konn- te. Sie war erstaunt, zwei Gestalten an einer Flußkrümmung auf dem Westufer zu sehen, die ihr zuwinkten. Sie winkte zurück, im Zweifel darüber, ob sie zu sehen war. »Wie kommen wir denn runter?« fragte sie Calvin. Er verzog das Gesicht. »Ich habe nicht gedacht, daß es dir gefällt, also habe ich es nicht erwähnt. Kein Grund, besorgt zu sein. Wir springen mit dem Fallschirm ab.« Cirocco reagierte nicht, und er schien erleichtert zu sein. »Es ist wirklich ein Kinderspiel. Nichts dabei. So sicher, wie es nur geht.« »Uh-huh. Calvin, ich liebe das Fallschirmspringen. Ich denke, daß es ungeheuer viel Spaß macht. Aber ich möchte gerne meinen eigenen Schirm inspizieren und zusammenpa- cken. Ich möchte gerne wissen, wer ihn hergestellt hat und ob es ein guter ist.« Sie blickte sich um. »Berichtige mich, wenn ich mich irre, aber ich habe nicht gesehen, daß du welche an Bord gebracht hast.« »Whistlestop hat welche«, sagte er. »Es klappt immer.« Wieder sagte Cirocco nichts. »Ich springe als erster«, sagte er beschwichtigend. »Dann kannst du es sehen.« »Uh-huh. Calvin, sehe ich das richtig, daß es der einzige Weg nach unten ist?« »Abgesehen davon, etwa hundert Kilometer nach Osten zu den Ebenen zu fliegen. Whistlestop würde euch dorthin bringen, aber ihr würdet durch einen Sumpf zurückgehen müssen.« Cirocco blickte zum Boden, ohne ihn eigentlich zu sehen. Sie atmete tief ein und dann wieder aus. »Na denn. Laß die Fallschirme sehen,!« Sie ging zu Gaby, und faßte sie an den Schultern, zog sie sanft von der Sei- tenwand weg und führte sie zum hinteren Ende der Gondel. Gaby war fügsam wie ein Kind. Ihre Schultern waren steif, und sie zitterte. »Ich kann sie dir nicht wirklich zeigen«, sagte Calvin. »Nicht bevor ich springe. Sie werden hergestellt, wenn man abspringt. Und zwar so.« Er langte hinauf und packte eine Handvoll herabhängen- der, weißer Ranken. Sie dehnten sich. Er fing an, sie ausei- nanderzutrennen, bis er ein loses Geflecht hatte. Das Zeug war wie Sahnekaramelle, aber es behielt seine Form, wenn man nicht daran zog. Er zwang ein Bein durch eine Lücke im Geflecht, dann das andere. Er zog es hoch bis um die Hüften, und es bildete einen engen Korb. Er stieß die Arme durch weitere Löcher, bis sein Körper in einen Kokon gewickelt war. »Ihr seid schon gesprungen; ihr kennt den Dreh. Bist du ein guter Schwimmer?« »Ein sehr guter, wenn mein Leben auf dem Spiel steht. Gaby? Schwimmst du gut?« Sie brauchte ein paar Augenblicke, um sich ihrer bewußt zu werden, dann flackerte wachsendes Interesse in ihren Augen. »Schwimmen? Sicher. Wie ein Fisch.« »Also gut«, sagte Calvin. »Schaut zu, wie ich’s mache, und folgt meinem Beispiel.« Er pfiff. Ein Loch tauchte vor ihm im Boden auf und öffnete sich wie eine Irisblende. Er winkte, schritt über den Rand hinaus und fiel hinab wie ein Stein. Was bei einem Viertel der Erdschwerkraft nicht gar so schnell war, aber mit einem unerprobten Fallschirm schnell genug, fand Cirocco. Die Tragleinen wickelten sich hinter ihm ab wie Spinnen-, seide. Dann kam ein solides fahlblaues Tuch, eng gebündelt und innerhalb einer Sekunde offen. Sie blickten rechtzeitig hinab, um das Flattern und Krachen zu sehen und zu hören, als sich der Schirm öffnete und Luft griff. Calvin schwebte hinunter und winkte ihnen dabei zu. Cirocco gab Gaby einen Wink, sich das Geschirr anzule- gen. Sie war so begierig darauf, hinauszukommen, daß sie absprang, bevor Cirocco die Konstruktion überprüfen konn- te. Das sind zwei von dreien, dachte sie, und steckte ihren Fuß durch die dritte Netzkonstruktion. Sie war warm und elastisch und auch bequem, sobald sie sie richtig angelegt hatte. Der Sprung war Routine, wenn überhaupt etwas in Themis das sein konnte. Der Fallschirm bildete einen blauen Kreis vor dem gelben Himmel über ihr. Er schien kleiner zu sein, als er sein sollte, aber in der niedrigen Schwerkraft und dem hohen Druck offenbar groß genug. Sie packte eine Handvoll Tragleinen und steuerte sich auf das Flußufer zu. Sie landete stehend und befreite sich rasch von dem Ge- schirr. Der Schirm schrumpfte auf dem schlammigen Ufer zusammen und bedeckte fast Gaby. Cirocco stand in knietie- fem Wasser und sah, wie Bill auf sie zukam. Es war schwer, nicht zu lachen. Er sah aus wie ein bleiches gerupftes Hühn- chen mit kurzen Stoppeln, die auf Brust, Beinen, Armen, Gesicht und Kopfhaut wuchsen. Sie legte sich beide Hände an die Stirn und fuhr mit ihnen rückwärts über ihre stoppelbedeckte Kopfhaut, und ihr Grin- sen wurde breiter, als er näherkam. »Bin ich so wie in deiner Erinnerung?« fragte sie. »Sogar schöner.« Er legte die letzten paar Schritte zwi- schen ihnen platschend zurück und umarmte sie. Sie küßten, sich. Cirocco weinte nicht und verspürte auch kein Bedürfnis danach, obwohl sie vor Glück überfloß. Bill und August hatten in nur sechs Tagen Wunder voll- bracht, wobei sie nur mit den scharfen Kanten ihrer Anzug- ringe gearbeitet hatten. Sie hatten zwei Hütten gebaut; eine dritte verfügte erst über zwei Seitenwände und ein halbes Dach. Sie waren aus zusammengebundenen Zweigen errich- tet und mit Schlamm zusammengebacken. Die Dächer wa- ren schräg und mit Stroh gedeckt. »Das Beste, was wir tun konnten«, sagte Bill, als er ihnen alles zeigte. »Ich habe an Lehmziegel gedacht, aber die Sonne wollte den Schlamm nicht schnell genug trocknen. Diese Hütten halten den Wind fern und den größten Teil des Regens.« Drinnen maßen sie zwei mal zwei Meter und waren mit ei- ner dicken Lage trockenen Strohs ausgelegt. Cirocco konnte nicht aufrecht stehen, dachte aber nicht daran, sich zu be- schweren. Mit einem Dach über dem Kopf schlafen zu kön- nen war nichts, worüber man lachte. »Wir hatten nicht mehr die Zeit, die andere fertig zu be- kommen, bevor ihr angekommen seid«, fuhr er fort. »Mit der Hilfe von euch dreien wird es noch einen Tag dauern. Gaby, diese hier ist für dich und Calvin. Ich und Cirocco werden in die dort drüben ziehen, die bisher August hatte. Sie sagt, sie will die neue.« Weder Calvin noch Gaby sagten etwas, aber Gaby hielt sich dicht bei Cirocco. August sah schlimm aus. Sie war fünf Jahre älter gewor- den, seitdem Cirocco sie das letztemal gesehen hatte, ein dünnes hohläugiges Gespenst mit Händen, die fortwährend zitterten. Sie wirkte unvollständig, als hätte man die Hälfte von ihr weggehackt., »Heute hatten wir keine Zeit, frische Beute zu machen«, sagte Bill gerade. »Wir waren zu sehr mit dem neuen Haus beschäftigt. August, ist von der gestrigen noch genug üb- rig?« »Ich denke schon«, meinte sie. »Würdest du sie holen?« Sie wandte sich ab. Bill fing Ciroccos Blick auf, schürzte die Lippen und schüttelte langsam den Kopf. »Überhaupt nichts von April?« fragte er leise. »Nicht ein Wort, auch nicht von Gene.« »Ich weiß nicht, was aus ihr werden wird.« Nach dem Essen schickte Bill sie an die Arbeit der Fertigstel- lung der dritten Hütte. Mit der Praxis von bereits zweien war es für ihn nur noch Routine. Es war eine ermüdende, aber nicht körperlich schwere Arbeit; sie konnten große Blöcke mit Leichtigkeit tragen, aber das Zurechtschneiden auch nur der kleinsten war schrecklich und langwierig. Als Ergebnis davon war die Frucht ihrer Mühen nicht schön anzuschauen. Als sie fertig waren, suchte Calvin die ihm zugewiesene Hütte auf, während August in eine andere ging. Gaby schien in Verlegenheit zu sein, schaffte es aber letztendlich zu stammeln, daß sie sich in der Gegend umsehen wollte und für mehrere Stunden nicht zurück sein würde. Sie wanderte davon und sah verloren aus. Bill und Cirocco blickten einander an. Bill zuckte die Ach- seln und deutete auf die verbleibende Hütte. Cirocco setzte sich verlegen. Es gab viele Dinge, nach de- nen sie fragen wollte, aber sie zögerte, damit anzufangen. »Wie war es für dich?« fragte sie dann. »Wenn du die Zeit zwischen der Kollision und dem Aufwa- chen hier meinst, dann werde ich dich enttäuschen müssen., Ich erinnere mich an nichts davon.« Sie langte hinüber und betastete sanft seine Stirn. »Keine Kopfschmerzen? Schwindelgefühle? Calvin sollte dich einmal anschauen.« Er machte ein finsteres Gesicht. »War ich verletzt?« »Ganz schön schlimm sogar. Dein Gesicht war blutig, und du warst bewußtlos. Das ist alles, was ich in den paar Se- kunden sehen konnte, die ich hatte. Ich dachte, dein Schä- del sei vielleicht gebrochen.« Er faßte sich an die Stirn und fuhr mit den Fingern über die Seiten und den Hinterkopf. »Ich kann keine schmerzenden Stellen finden. Da waren auch keine Beulen. Cirocco, ich…« Sie legte ihm eine Hand auf das Knie. »Nenn mich Rocky, Bill. Du weißt, daß du der einzige bist, bei dem ich mir nichts daraus mache.« Er runzelte die Stirn und wandte den Blick von ihr ab. »In Ordnung, Rocky. Darüber muß ich mit dir reden. Es ist nicht einfach… die dunkle Zeit, wie August sie nannte. Es ist nicht nur so, daß ich mich nicht erinnern kann. Für mich lie- gen ganz schön viele Dinge im Nebel.« »Welche denn?« »Wie, wo ich geboren wurde, wie alt ich bin, oder wo ich aufgewachsen bin oder zur Schule ging. Ich kenne das Ge- sicht meiner Mutter, aber ich kann mich nicht an ihren Na- men erinnern oder daran, ob sie tot ist oder noch lebt.« Er rieb sich die Stirn. »Es geht ihr gut und sie lebt in Denver, wo du aufgewachsen bist«, sagte Cirocco ruhig. »Oder es war so, als sie uns an deinem vierzigsten Geburtstag anrief. Sie heißt Betty. Wir mochten sie alle.« Er schien erleichtert zu sein, dann wieder niedergeschla- gen., »Ich schätze, das bedeutet etwas«, meinte er. »Ich habe mich an sie erinnert, weil sie wichtig für mich ist. Ich habe mich auch an dich erinnert.« Cirocco blickte ihm in die Augen. »Aber nicht an meinen Namen. Ist es das, was dir soviel Schwierigkeiten macht, es mir zu sagen?« »Ja.« Er sah elend aus. »Ist das nicht eine dumme Sache? August hat mir deinen Namen genannt, aber sie hat mir nicht gesagt, daß ich dich Rocky nannte. Das klingt sehr hübsch, nebenbei. Ich mag es.« Cirocco lachte. »Den größten Teil meines erwachsenen Le- bens habe ich versucht, diesen Namen loszuwerden, aber ich werde stets schwach, wenn ihn mir jemand ins Ohr flüs- tert.« Sie nahm seine Hand. »An was sonst erinnerst du dich mir bezüglich? Weißt du noch, daß ich der Kapitän war?« »Oh, gewiß. Ich weiß noch, daß du der erste weibliche Ka- pitän warst, unter dem ich jemals diente.« »Bill, im freien Fall spielt es keinerlei Rolle, wer oben ist.« »Das habe ich nicht…« Er lächelte, als er erkannte, daß er gefoppt wurde. »Auch dessen war ich mir nicht sicher. Ha- ben wir… ich meine…waren wir…« »Haben wir gebumst?« Sie schüttelte den Kopf, nicht in Verneinung, sondern Verwunderung. »Bei jeder Gelegen- heit, sobald ich einmal aufgehört hatte, Gene und Calvin zu jagen und bemerkte, daß der beste Mann an Bord mein Chefingenieur war. Bill, ich hoffe, daß ich deine Gefühle nicht verletze, aber in gewisser Weise mag ich dich so.« »Wie was?« »Du konntest dich nicht aufraffen zu fragen, ob wir… intim werden könnten.« Sie machte die Pause so dramatisch, wie sie konnte, und senkte dabei scheu die Augen. Er lachte. »So warst du, bevor wir einander kennenlernten. Scheu. Ich, denke, es wird wieder ganz wie das erstemal sein, und das erstemal ist immer etwas Besonderes, meinst du nicht auch?« Sie blinzelte ihn an und wartete ab, was sie für ei- nen passenden Zeitraum hielt; er bewegte sich jedoch nicht, also ging sie zu ihm und drückte sich an ihn. Es hatte sie nicht überrascht; auch das andere erstemal hatte sie ihre Gefühle recht deutlich zeigen müssen. Als sie den Kuß unterbrachen, blickte er zu ihr auf und lä- chelte. »Ich wollte dir sagen, daß ich dich liebe. Aber du hast mir keine Zeit gelassen.« »Das hast du noch nie gesagt. Vielleicht solltest du dich nicht festlegen, bis dein Gedächtnis zurückkehrt.« »Ich denke, daß ich vorher vielleicht noch nicht wußte, daß ich dich liebe. Dann… nur dein Gesicht und ein Gefühl waren mir verblieben. Ich vertraue dem. Und ich meine, was ich gesagt habe.« »Mmm. Du bist nett. Weißt du noch, was dabei zu tun ist?« »Ich bin sicher, daß es mit der Praxis wieder zurück- kehrt.« »Dann denke ich, daß es Zeit für dich ist, wieder mit dem Dienst unter mir zu beginnen.« Es war so beglückend wie das erstemal, aber ohne die Verlegenheit, die es gewöhnlich begleitet. Cirocco vergaß alles andere. Das Licht reichte gerade aus, sein Gesicht zu sehen, und es herrschte gerade genug Schwerkraft, um die Strohhaufen weicher zu machen als feinste Seide. Die zeitlose Beschaffenheit dieses langen Nachmittages hatte mit dem unveränderlichen Licht von Themis wenig zu tun. Für Cirocco gab es keinen Ort, an dem sie sein mußte; es war nicht nötig, irgendwo hinzugehen, jemals, wegen ir-, gend etwas. »Jetzt ist Zeit für eine Zigarette«, sagte er. »Ich wünsch- te, ich hätte eine.« »Damit deine Asche auf mich fällt«, neckte sie ihn. »Schmutzige Gewohnheit. Ich wünschte, ich hätte etwas Kokain. Es ging alles mit dem Schiff verloren.« »Du kannst ziemlich direkt sein.« Er hatte sich nicht von ihr zurückgezogen. Sie erinnerte sich daran, wie sehr sie das auf der Ringmeister gemocht hatte, das Abwarten, ob die Dinge wieder in Gang kommen würden. Bei Bill taten sie es gewöhnlich. Diesmal war es etwas anders. »Bill, ich fürchte, daß ich auf diese Weise ein wenig irritiert werde.« Er verlagerte sein Gewicht auf die Hände. »Schmerzt dir das Stroh im Rücken? Ich kann eine Runde unten machen, wenn du willst.« »Es ist nicht das Stroh, mein Lieber, und auch nicht mein Rücken, sondern etwas mehr Persönliches. Ich fürchte, du fühlst dich an wie Schmirgelpapier.« »Du auch, aber ich war viel zu höflich, um es zu sagen.« Er rollte sich weg und legte einen Arm unter ihre Schultern. »Komisch, daß ich es vor ein paar Minuten noch nicht be- merkt habe.« Sie lachte. »Wenn dir Dornen gewachsen wären, hätte ich es vor ein paar Minuten noch nicht bemerkt. Aber ich wünschte, wir hätten wieder unser Haar. So fühle ich mich ganz schön nackt, und es ist höllisch unbequem.« »Denkst du, daß dir Schlimmes widerfahren ist? Bei mir wächst es überall wieder, und es ist, als ob Flöhe auf meiner Haut Volkstänze aufführten. Entschuldige mich, während ich mich kratze.« Das tat er lebhaft, und Cirocco half ihm dabei,, die unmöglichen Stellen an seinem Rücken zu erreichen. »Aaaah! – Sagte ich, daß ich dich liebe? Ich war verrückt, ich wußte nicht, was Liebe bedeutet. Jetzt weiß ich es.« Gaby wählte diesen Moment, um in der Tür aufzutauchen. »Verzeih mir, Rocky, aber ich habe mich gefragt, ob wir wegen der Fallschirme etwas tun sollten. Einer von ihnen ist bereits den Fluß hinabgeschwommen.« Cirocco setzte sich rasch auf. »Um was mit ihnen zu machen?« »Sie bergen. Sie könnten doch nützlich sein.« »Du… gewiß, Gaby. Du könntest recht haben.« »Ich dachte nur, es wäre eine gute Idee.« Sie blickte zu Boden und scharrte mit den Füßen, warf Bill zum erstenmal einen flüchtigen Blick zu. »Uh… okay. Ich dachte, vielleicht… könnte ich etwas Nettes für dich tun.« Sie lief aus der Hütte. Bill setzte sich auf und stützte die Ellbogen auf die Knie. »Habe ich da zuviel hineingelesen?« Cirocco seufzte. »Ich fürchte, nicht. Gaby ist dabei, ein großes Problem zu werden. Sie denkt, daß sie auch in mich verliebt ist.« KAPITEL NEUN »Was meinst du mit ›auf Wiedersehen‹? Wohin gehst du?« »Ich habe darüber nachgedacht«, sagte Calvin ruhig. Er nahm sich die Armbanduhr ab und reichte sie Cirocco. »Ihr, könnt sie hier besser gebrauchen als ich.« Cirocco stand dicht davor, vor Frustration zu explodieren. »Und das ist deine ganze Erklärung für uns? ›Ich habe darüber nachgedacht.‹ Calvin, wir müssen zusammenhalten. Wir sind noch immer eine Forschungsgruppe, und ich bin noch dein Kapitän. Wir müssen gemeinsam darauf hinarbei- ten, gerettet zu werden.« Er lächelte schwach. »Und wie sollen wir das machen?« Sie wünschte, er hätte diese Frage nicht gestellt. »Ich hatte noch nicht die Zeit, dafür einen Plan auszuar- beiten«, sagte sie vage. »Es muß etwas geben, das wir tun können.« »Laß es mich wissen, wenn du dir etwas ausgedacht hast!« »Ich befehle dir, bei uns zu bleiben!« »Wie willst du mich davon abhalten, wenn ich gehen will? Mich niederschlagen und fesseln? Wieviel Energie wird es erfordern, mich die ganze Zeit zu bewachen? Mich hier fest- zuhalten würde mich zu einer Beeinträchtigung machen. Wenn ich gehe, kann ich ein Aktivposten sein.« »Wie meinst du das, ein Aktivposten?« »Einfach das. Die Blimps können sich über die ganze Krümmung von Themis hinweg unterhalten. Sie sind bedeu- tende Nachrichtenträger; jeder hier hört auf sie. Wenn ihr mich je für etwas braucht, werde ich zurückkommen. Alles, was ich dazu tun muß, ist, dir ein paar einfache Rufe beizu- bringen. Kannst du pfeifen?« »Mach dir darüber keine Gedanken«, sagte Cirocco mit ei- nem verärgerten Wink. Sie rieb sich die Stirn und gestattete es ihrem Körper, sich zu entspannen. Wenn sie Calvin zum Bleiben bewegen wollte, mußte sie ihn dazu überreden, an- statt ihn einzusperren., »Ich sehe immer noch nicht ein, warum du gehen willst. Gefällt es dir hier bei uns nicht?« »Ich… nein, nicht allzu sehr. Als ich allein war, war ich glücklicher. Hier gibt es zuviel Spannung und zu viele schlechte Gefühle.« »Wir alle haben eine Menge durchgemacht. Es sollte bes- ser werden, wenn wir einige Dinge in Ordnung gebracht ha- ben.« Er zuckte die Achseln. »Dann könnt ihr mich rufen, und ich werde es wieder versuchen. Aber ich mache mir nichts mehr aus der Gesellschaft meiner eigenen Rasse. Die Blimps sind freier und weiser. Ich war nie glücklicher als während dieses Fluges.« Er zeigte mehr Begeisterung, als Cirocco seit der Begeg- nung auf der Klippe an ihm gesehen hatte. »Die Blimps sind alt, Kapitän, als Individuen ebenso wie als Rasse. Whistlestop ist vielleicht 3000 Jahre alt.« »Woher weißt du das? Woher weiß er es?« »Es gibt Zeiten der Kälte und Zeiten der Wärme. Ich schätze, es liegt daran, daß Themis immer in dieselbe Rich- tung zeigt. Die Achse weist im Moment genau auf die Son- ne, aber alle fünfzehn Jahre blockieren die Ringe das Son- nenlicht, bis sich der Saturn weiterbewegt und den anderen Pol auf die Sonne ausrichtet. Es gibt hier drin Jahresläufe, aber jeder davon dauert fünfzehn Jahre. Whistlestop hat 200 davon erlebt.« »Okay, okay«, sagte Cirocco. »Das ist es, wozu wir dich brauchen, Calvin. Irgendwie bist du dazu in der Lage, mit diesen Wesen zu reden. Du hast von ihnen gelernt. Etwas davon könnte wichtig für uns sein, wie diese sechsbeinigen Wesen… wie hast du sie genannt?« »Titaniden. Das ist alles, was ich von ihnen weiß.«, »Na ja, du könntest mehr herausfinden.« »Kapitän, es gibt zuviel zu wissen. Aber ihr seid im gast- freundlichsten Teil von Themis gelandet. Bleibt hier, und al- les wird in Ordnung sein. Geht nicht nach Ozeanus oder auch nur Rhea. Diese Orte sind gefährlich.« »Siehst du? Wie hätten wir das erfahren sollen? Wir brau- chen dich.« »Du verstehst nicht. Ich kann nichts über diesen Ort ler- nen, ohne ihn zu sehen. Whistlestops Sprache geht zum größten Teil über mein Begreifen.« Cirocco konnte spüren, wie die Bitterkeit der Niederlage in ihr aufwallte. Verdammt, John Wayne hätte den Bastard ab- gekanzelt. Charles Laughton hätte ihn in Eisen gelegt. Sie wußte, daß sie sich viel besser gefühlt hätte, hätte sie diesem sturen Hundesohn einen Schwinger verabreicht, a- ber die Wirkung wäre rasch wieder geschwunden. Nie hatte sie ihre Befehlsgewalt auf diese Weise ausgeübt. Sie hatte den Respekt ihrer Besatzung gewonnen und behalten, in- dem sie Verantwortung gezeigt und die größte Weisheit ein- gesetzt hatte, die sie in bezug auf irgendeine Situation auf- zubringen vermochte. Sie konnte Tatsachen ins Gesicht se- hen, und wußte, daß Calvin sie verlassen würde, aber sie fand es einfach nicht richtig. Und warum nicht? fragte sie sich. Weil es ihre Autorität minderte? Das mußte ein Teil davon sein, und ein anderer Teil war ihre Verantwortung für sein Wohlergehen. Aber es lief auf das Problem hinaus, dem sie von Beginn ihres Kommandos an gegenübergestanden hatte: den Mangel an ausreichen- den Rollenmodellen für einen weiblichen Schiffskapitän. Sie war entschlossen gewesen, sämtliche Postulate zu prüfen und nur auf die zurückzugreifen, die sie als richtig empfand., Daß etwas für Admiral Nelson in der britischen Marine richtig war, bedeutete noch nicht, daß es auch für sie zutraf. Es mußte Disziplin geben, gewiß, und es mußte eine Auto- rität geben. Marinekapitäne hatten seit Jahrtausenden das eine gefordert und das andere durchgesetzt, und sie hatte nicht vor, diese ganze angesammelte Erfahrung wegzuwer- fen. Wo die Autorität eines Kapitäns in Frage gestellt wurde, folgte gewöhnlich die Katastrophe. Aber der Weltraum war nicht dasselbe, entgegen der Mei- nung von Generationen von Science Fiction-Autoren. Die Leute, die ihn erforschten, waren hochintelligente und indi- vidualistische Genies, das Beste, was die Erde zu bieten hat- te. Man mußte flexibel sein, und der NASA-Rechtskodex für Tiefraumfahrten erkannte das an. Dann gab es noch den anderen Faktor, den sie nicht ver- gessen konnte. Sie besaß kein Schiff mehr. Das Schlimmste, was einem Kapitän je passieren konnte, war ihr geschehen. Sie hatte ihr Kommando verloren. Das würde ihr für den Rest des Lebens ein bitterer Geschmack im Mund sein. »In Ordnung«, sagte sie ruhig. »Du hast recht. Ich kann weder die Zeit noch die Energie erübrigen, um dich zu be- wachen, und ich fühle mich nicht danach, dich zu töten, au- ßer in einem bildlichen Sinn.« Sie brachte sich selbst zum Innehalten, als sie erkannte, daß sie mit den Zähnen knirschte, und entspannte bewußt ihre Kiefer. »Ich sage dir jetzt, daß ich, wenn wir zurückkommen, eine Anklage wegen Befehlsverweigerung gegen dich erheben werde. Wenn du gehst, dann gegen meinen Wunsch und gegen die Interes- sen der Mission.« »Das akzeptiere ich«, sagte er ohne Regung. »Du wirst noch einsehen, daß der letzte Teil nicht stimmt. Wo ich hin- gehe, werde ich mehr von Nutzen sein als hier. Aber wir, werden nicht zur Erde zurückkehren.« »Wir werden sehen. Warum bringst du jetzt nicht jeman- dem bei, wie man Blimps ruft? Ich finde, daß ich lieber nicht in deiner Nähe sein möchte.« Am Ende war es doch Cirocco, die den Pfeifcode lernen mußte, da sie das größte musikalische Talent hatte. Ihr Ge- fühl für Tonhöhen war beinahe vollkommen, und das war in der Blimp-Sprache entscheidend. Es waren nur drei Sätze zu lernen, deren längster aus sie- ben Tönen und einem Triller bestand. Das erste bedeutete »gutes Steigen« und war nur ein höflicher Gruß. Der zweite lautete »ich will Calvin«, und der dritte »Hilfe!«. »Vergiß nicht, rufe einen Blimp nie, wenn du ein Feuer in Gang hast.« »Wie optimistisch du bist.« »Ihr werdet rasch genug ein Feuer machen. Uh, ich war dabei, mich zu fragen, ob ich euch August abnehmen soll? Bei mir fühlt sie sich vielleicht besser, und wir können bei der Suche nach April einen größeren Bereich abdecken.« »Wir können uns selbst um unsere Verluste kümmern«, meinte Cirocco kalt. »Wie du es für richtig hältst.« »Überhaupt ist sie sich kaum dessen bewußt, daß du gehst. Verschwinde einfach aus meinem Blickfeld, wärst du so freundlich?« August zeigte sich weniger komatös, als Cirocco gedacht hatte. Als sie hörte, daß Calvin wegging, bestand sie darauf, ihn zu begleiten. Nach einem kurzen Kampf gab Cirocco nach, wenn auch mit noch mehr Befürchtungen als vorher. Whistlestop kam tief heran und begann damit, ein Kabel abzuspulen. Sie beobachteten, wie es in der Luft peitschte, und sich drehte. »Warum ist er bereit, das zu tun?« fragte Bill. »Was hat er davon?« »Er mag mich«, sagte Calvin einfach. »Auch ist er daran gewöhnt, Passagiere zu befördern. Die fühlenden Lebens- formen bezahlen für ihre Flüge, indem sie Nahrung aus sei- nem ersten Magen in seinen zweiten weiterbewegen. Er selbst hat nicht die Muskeln dafür. Er muß beim Gewicht sparen.« »Kommen hier alle so gut miteinander aus?« wollte Gaby wissen. »Wir haben bislang nichts gesehen, das nach einem fleischfressenden Tier aussah.« »Es gibt Fleischfresser, aber nicht viele. Die Symbiose ist die grundlegende Tatsache des Lebens. Sie und die Anbe- tung. Whistlestop sagt, daß alle höheren Lebensformen ei- ner Gottheit Ergebenheit schulden, und daß sich der Sitz des Göttlichen in der Nabe befindet. Ich habe schon an eine Göt- tin gedacht, die über den ganzen Kreis des Landes herrscht. Ich nenne sie Gäa, nach der griechischen Mutter.« Cirocco war trotz ihrer Laune interessiert. »Was ist Gäa, Calvin? Eine Art primitiver Legende, oder vielleicht der Kon- trollraum von diesem Ding?« »Ich weiß nicht. Themis ist viel älter als Whistlestop, und ein großer Teil davon ist auch ihm unbekannt.« »Aber wer betreibt es? Du hast gesagt, daß es hier drin viele Rassen gibt. Welche davon? Oder arbeiten sie zusam- men?« »Auch das weiß ich nicht. Hast du die Geschichten von Generationenschiffen gelesen, in denen etwas schiefging und alle in die Barbarei zurückfielen? Ich glaube, daß hier vielleicht etwas Ähnliches vorgeht. Ich weiß, daß irgendwo etwas arbeitet. Vielleicht Maschinen, vielleicht auch eine, Rasse, die in der Nabe bleibt. Das mag die Quelle der Anbe- tung sein. Aber Whistlestop ist sich dessen sicher, daß eine Hand das Rad hält.« Cirocco runzelte die Stirn. Wie konnte sie ihn gehenlassen bei all diesen Informationen in seinem Kopf? Sie waren nur ausschnitthaft, und sie konnten nicht wissen, wieviel davon zutraf, aber es war alles, was sie hatten. Jedoch war es zu spät für nochmaliges Überlegen. Sein Fuß steckte im Steigbügel am Ende der langen Leine. Au- gust gesellte sich zu ihm, und der Blimp holte sie ein. »Kapitän!« rief er, kurz bevor sie verschwanden. »Gaby hätte diesen Ort nicht Themis nennen sollen. Nenn ihn Gäa!« Cirocco brütete über ihr Fortgehen nach und tauchte dabei in eine tiefe Depression, saß am Ufer des Flusses und dach- te über das nach, was sie hätte machen sollen. Keine Mög- lichkeit schien richtig zu sein. »Wie steht es mit seinem hippokratischen Eid?« fragte sie Bill. »Er wurde dafür auf diesen Flug geschickt, damit er sich um uns kümmert, wenn es nötig ist.« »Es hat uns alle verändert, Rocky.« Alle außer mir, dachte sie, sagte es aber nicht. Zumindest hatte sie, soweit sie es sagen konnte, keine bleibenden Auswirkungen ihrer Erlebnisse erlitten. In gewisser Weise war das seltsamer als das, was mit den anderen geschehen war. Normalerweise hätten sie alle katatonisch sein müssen. Statt dessen hatte einer sein Gedächtnis verloren, gab es eine besessene Persönlichkeit, eine Frau mit einem jugendli- chen Liebchen und einen Mann, der in lebendige Zeppeline verliebt war. Cirocco hatte als einzige einen vernünftigen Kopf behalten., »Verkohle dich nicht selbst!« murmelte sie. »Wahrschein- lich wirkst du auf die anderen so verrückt, wie sie auf dich.« Jedoch verwarf sie auch diesen Gedanken. Bill, Gaby und Calvin wußten alle, daß ihre Erfahrungen sie verändert hat- ten, obwohl Gaby nicht zugeben würde, daß ihre Liebe zu Cirocco ein Nebeneffekt war. August wurde zu sehr von ih- rem Verlust in Anspruch genommen, um überhaupt an et- was anderes zu denken. Cirocco machte sich erneut Gedanken um April und Gene. Waren sie noch am Leben, und wenn, wie kamen sie zu- recht? Waren sie allein, oder hatten sie es geschafft, zu- sammenzukommen? Sie hielten eine regelmäßige Routine des Lauschens und Sendens ein, versuchten, mit den beiden Verbindung aufzu- nehmen, aber es kam nichts dabei heraus. Niemand hörte wieder einen Mann weinen, und niemand hörte etwas von April. Die Zeit verging nahezu unbemerkt. Cirocco hatte Calvins Uhr, die ihnen sagte, wann Zeit zum Schlafen war, aber es war schwer, sich an das gleichmäßige Licht anzupassen. Nie hätte sie das von einer Gruppe erwartet, die in der künstli- chen Umgebung der Ringmeister gelebt hatte, wo der Tag vom Schiffscomputer bestimmt worden war und willkürlich hatte verändert werden können. Das Leben war leicht. Alle Früchte, die sie probierten, wa- ren eßbar und schienen sie zu nähren. Wenn es Vitamin- mangelzustände gab, mußten sie sich erst noch bemerkbar machen. Manche Früchte waren salzig, und andere hatten einen Beigeschmack, von dem sie hofften, daß es sich um Vitamin C handelte. Wild gab es reichlich und war leicht zu erlegen. Sie alle waren an die strenge Zeiteinteilung von Astronau-, ten gewöhnt, wo jede Aufgabe von der Bodenkontrolle zu- gewiesen wurde und der Hauptzeitvertreib darin bestand, darüber zu meckern, wie ungewöhnlich sie war, und sie dann auf jeden Fall doch zu erledigen. Sie waren darauf vorbereitet worden, in einer feindlichen Umwelt um das Ü- berleben zu kämpfen, aber Hyperion war etwa so feindlich wie der Zoo von San Diego. Sie hatten mit Robinson Crusoe gerechnet oder doch zumindest der Schweizer Familie Ro- binson, aber Hyperion war ein Schwächling. Noch hatten sie sich nicht genug angepaßt, um in den Begriffen einer Missi- on zu denken. Zwei Tage nach dem Fortgang von Calvin und August prä- sentierte Gaby Cirocco Kleider, die sie aus den ausrangier- ten Fallschirmen gemacht hatte. Es rührte Cirocco tief, Ga- bys Gesichtsausdruck zu sehen, als sie sie anprobierte. Die Ausstattung war halb Toga, halb lockere Hosen. Das Material war dünn, aber überraschend zäh. Es hatte Gaby viel harte Arbeit abverlangt, es in brauchbare Größen zu schneiden und mit Dornennadeln zusammenzunähen. »Wenn du so etwas wie Mokassins machen kannst«, teilte sie Gaby mit, »werde ich dich um drei Grade befördern, wenn wir zurückkehren.« »Ich arbeite daran.« Danach strahlte Gaby einen Tag lang, war so ausgelassen wie ein junger Hund, berührte bei jeder Gelegenheit Cirocco und ihre feine Kleidung. Sie war rüh- rend bestrebt zu gefallen. Cirocco saß am Ufer des Flusses, einmal für sich allein, und glücklich darüber. Der Zankapfel zwischen zwei Liebenden zu sein, entsprach nicht ihrem Geschmack. Bill fing an, sich über Gabys Verhalten zu ärgern, und schien zu finden, daß, er etwas tun sollte. Mit einer langen biegsamen Stange in der Hand lehnte sie sich leicht zurück und sah zu, wie ein kleiner Holzschwim- mer am Ende ihrer Leine hüpfte. Sie ließ ihre Gedanken ü- ber das Problem hinwegschweifen, irgendeiner Rettungsmis- sion zu helfen, die vielleicht kommen würde, um nach ihnen zu suchen. Was konnte getan werden, um die Rettung zu erleichtern? Es war sicher, daß sie nicht aus eigener Kraft aus Gäa hi- nauskommen würden. Das Beste, was sie tun konnte, war der Versuch, mit der Rettungsmission Kontakt aufzuneh- men. Sie zweifelte nicht daran, daß eine kommen würde, und hatte nur wenige Illusionen darüber, daß ihr vorrangi- ger Zweck der Rettung diente. Die Nachrichten, die sie wäh- rend des Auseinanderbrechens der Ringmeister zu senden geschafft hatte, beschrieben eine feindliche Handlung, und die darin enthaltenen Implikationen waren enorm. Sicher würde man die Besatzung der Ringmeister für tot halten, aber man würde Themis-Gäa nicht vergessen. In Kürze würde ein Schiff ankommen, beladen bis an die Grenzen seiner Tragfähigkeit. »In Ordnung«, sagte sie. »Gäa sollte irgendwo ein paar Kommunikationseinrichtungen haben.« Wahrscheinlich in der Nabe. Selbst, wenn sich dort auch die Maschinen befanden, so schien doch ihre zentrale Lage der logische Platz für die Kontrollen zu sein. Es konnte dort oben Leute geben, die sich um die Dinge kümmerten, viel- leicht aber auch nicht. Der Weg würde bestimmt nicht leicht sein, und das Ziel ungewiß. Die Nabe war möglicherweise gegen Eindringen und Sabotage sorgfältig gesichert. Aber wenn es dort oben ein Radio gab, dann sollte sie zu- sehen, was sie machen konnte, um dorthin zu gelangen., Sie gähnte, kratzte sich die Rippen und bewegte müßig ih- ren Fuß auf und ab. Der Schwimmer hüpfte im Wasser auf und ab. Es schien eine gute Zeit für ein Nickerchen zu sein. Der Schwimmer ruckte und verschwand im schlammigen Wasser. Cirocco blickte für einen Moment dorthin und er- kannte dann mit leichter Überraschung, daß etwas den Kö- der geschluckt hatte. Sie stand auf und fing an, an der Leine zu ziehen. Der Fisch hatte keine Augen, keine Schuppen und keine Flossen. Sie hielt ihn hoch und betrachtete ihn neugierig. Es war der erste Fisch, den einer von ihnen gefangen hatte. »Was, zum Teufel, mache ich?« fragte sie laut. Sie warf ihn ins Wasser zurück, wickelte ihre Fangleine auf und ging um die Flußbiegung herum auf das Lager zu. Auf halbem Wege fing sie an zu laufen. »Es tut mir leid, Bill, ich weiß, daß du eine Menge Arbeit in dieses Lager gesteckt hast. Aber wenn sie kommen, um uns abzuholen, möchte ich dabei sein und so hart wie möglich darauf hinarbeiten, daß wir hinauskommen«, sagte Cirocco. »Grundsätzlich stimme ich dir zu. Was hast du für eine I- dee?« Sie erklärte ihre Gedanken bezüglich der Nabe und der Tatsache, daß, wenn es eine zentrale technische Kontrolle für diese gewaltige Konstruktion gab, sie dort oben zu fin- den sein würde. »Ich weiß nicht, was wir dort finden werden. Vielleicht nichts außer Spinnweben und Staub und die Erkenntnis, daß hier unten alles durch schiere Trägheit weiterläuft. Oder vielleicht den Kapitän und eine Besatzung, die darauf war- ten, uns für das Eindringen in ihr Schiff in Stücke zu schie- ßen. Aber du hast recht: wir müssen nachschauen.«, »Welchen Vorschlag hast du, um dort hinaufzukommen?« »Ich weiß es nicht mit Sicherheit. Ich nehme an, die Blimps können es nicht, oder sie wüßten mehr über diese Göttin, von der sie reden. Vielleicht gibt es in den Speichen nicht einmal Luft.« »Das würde es etwas schwer machen«, meinte Gaby. »Das wissen wir nicht, bis wir nachsehen. Die Trossen bie- ten die Möglichkeit, die Speichen hinaufzukommen. Sie müßten eigentlich die ganze Strecke innen hinaufführen, bis zur Nabe.« »Mein Gott«, murmelte Gaby. »Selbst die schrägen sind hundert Kilometer hoch. Und das bringt einen gerade bis zum Dach. Von dort sind es noch einmal 500 Kilometer bis zur Nabe.« »Mein schmerzender Rücken«, ächzte Bill. »Was ist mit dir los?« wollte Cirocco wissen. »Ich habe nicht gesagt, daß wir an ihnen hinaufklettern sollen. Ent- scheiden werden wir uns, wenn wir einen besseren Ausblick haben. Was ich euch zu sagen versuche, ist, daß wir keine Ahnung von diesem Ding hier haben. Nach allem, was ich weiß, steckt irgendwo ein Expreßaufzug im Sumpf, der uns bis zur Spitze hinaufbringen würde. Oder ein kleines Männ- chen verkauft Hubschraubertickets oder fliegende Teppiche. Aber, verdammt noch mal, wir werden es nie herausfinden, wenn wir nicht damit anfangen, uns umzuschauen!« »Reg dich nicht auf!« sagte Bill. »Ich bin dabei.« »Wie steht’s mit dir, Gaby?« »Ich gehe, wohin du gehst«, meinte sie wie selbstver- ständlich. »Das weißt du.« »In Ordnung. Folgendes habe ich mir überlegt. Im Wes- ten, Richtung Ozeanus, verläuft eine schräge Trosse. Aber der Fluß nimmt die andere Richtung, und wir könnten ihn, zur Fortbewegung benutzen. Auf diese Weise könnten wir sogar schneller zur nächsten Kabelreihe kommen, als wenn wir uns einen Weg durch den Dschungel bahnen. Ich denke, wir sollten uns nach Osten halten, Richtung Rhea.« »Calvin hat gesagt, wir sollten uns von Rhea fernhalten«, erinnerte Bill. »Ich habe nichts von Hineingehen gesagt. Wenn etwas noch schwieriger hinzunehmen sein würde als dieser fort- währende Nachmittag, dann eine fortwährende Nacht, also bin ich nicht wild darauf, dort überhaupt hinzukommen. Zwischen hier und dort gibt es jedoch eine Menge Land. Wir könnten es uns anschauen.« »Gib es zu, Rocky, du bist im Herzen Touristin.« Sie mußte lächeln. »Völlig richtig. Vor einer Weile habe ich mir überlegt: hier sind wir an diesem unglaublichen Ort. Wir wissen, daß es hier drin ein Dutzend intelligente Rassen gibt. Und was machen wir? Herumsitzen und fischen. Na, ohne mich. Mir ist danach, herumzuschnüffeln. Dafür haben sie uns bezahlt, und, verdammt noch mal, das ist es, was mir gefällt. Vielleicht will ich ein wenig Abenteuer haben.« »Mein Gott«, sagte Gaby wieder mit einem leisen Gluck- sen. »Was könntest du noch mehr verlangen? Ist noch nicht genug passiert?« »Abenteuer haben so eine Art, sich umzudrehen und einen zu beißen«, meinte Bill. »Als ob ich das nicht wüßte. Aber auf jeden Fall gehen wir flußabwärts. Ich würde gerne nach der nächsten Schlafperi- ode aufbrechen. Ich fühle mich, als hätte man mir Drogen verabreicht.« Bill dachte einen Moment lang darüber nach. »Denkst du, daß das möglich ist? Etwas in einer der Früchte?« »Huh? Du hast zuviel Science Fiction gelesen, Bill.«, »Hör zu, du verreißt meine Lesegewohnheiten nicht, und dann verzichte ich auch bei deinen alten flachen Schwarz- weißfilmen darauf. Okay?« »Aber das ist Kunst. Egal. Ich schätze, wir haben mögli- cherweise etwas gegessen, das wie ein Beruhigungsmittel wirkt, aber eigentlich bin ich der Meinung, daß es einfach altmodische Faulheit ist.« Bill stand auf und griff nach seiner nicht vorhandenen Pfei- fe. Er sah verärgert aus, daß er es schon wieder vergessen hatte, dann klopfte er sich die Hände ab. »Es wird eine Weile dauern, ein Floß zusammenzubas- teln«, sagte er. »Warum ein Floß? Wie wäre es mit diesen großen Samen- hülsen, die wir den Fluß haben hinabschwimmen sehen? Ei- ne davon wäre groß genug, um uns aufzunehmen.« Bill machte ein finsteres Gesicht. »Ja, ich schätze, das sind sie, aber denkst du, sie werden sich in rauhem Wasser gut handhaben lassen? Ich würde gerne erst einen Blick auf ih- ren Unterboden werfen, bevor…« »Handhaben? Denkst du, ein Floß wäre besser?« Er sah überrascht aus, dann verdrossen. »Weißt du, vielleicht bin ich dabei, lahm zu werden. Also los, Commander!« KAPITEL ZEHN, Die Samen wuchsen auf den Wipfeln der größten Bäume im Wald. Jeder Baum produzierte nur eine Samenhülse auf einmal, und wenn sie die Reife erlangte, explodierte sie wie ein Kanonenschuß. In langen Abständen hatten sie sie los- gehen hören. Was nach der Explosion übrigblieb, war etwas wie eine gleichmäßig und glatt geteilte Walnußschale. Als sie eine große vorbeitreiben sahen, schwammen sie hinaus und zogen sie ans Ufer. Wenn sie leer war, lag sie hoch im Wasser, hatte aber auch beladen immer noch reich- lich Freibord. Sie brauchten zwei Tage für die Ausstattung und den Ver- such, ein Steuerruder anzubringen. Sie machten einen lan- gen Stab mit einem breiten Blatt am Ende zurecht und hoff- ten, daß es reichen würde. Es gab auch ein primitives Ruder für jeden von ihnen für den Fall, daß sie in rauhes Wasser kamen. Gaby warf die Leine los. Cirocco setzte den Rücken ein, um sie in die Flußmitte hinauszustoßen, und nahm dann ih- ren Posten am Heck ein, eine Hand leicht auf die Ruderpinne gelegt. Eine Brise kam auf, und wieder einmal wünschte sie sich ihr Haar zurück. Was für eine feine Sache, Haare zu ha- ben, die im Wind flattern. Die einfachen Dinge sind es, die wir vermissen, dachte sie. Gaby und Bill waren aufgeregt und vergaßen für den Mo- ment ihre Feindseligkeit, während sie an den gegenüberlie- genden Seiten des Bootes saßen, den Fluß voraus beobach- teten und Cirocco die Gefahren zuriefen. »Sing ein Seemannslied für uns!« schrie Gaby zurück. »Du bringst das durcheinander, Dummes«, lachte Cirocco. »Ihr Unterschichtentypen auf dem Vorderdeck seid es, die den Kielraum auspumpen und die Lieder singen. Hast du jemals The Sea Witch gesehen?«, »Ich weiß nicht. War es im Dreidie?« »Es ist ein Flachfilm mit dem guten alten John Wayne in der Hauptrolle. Die Sea Witch war sein Schiff.« »Ich dachte, es könnte der Kapitän sein. Du hast dir gera- de selbst einen Sitznamen ausgesucht.« »Hüte dich, oder ich werde sehen, ob ich eine Planke für dich auslegen kann, damit du von jetzt an läufst!« »Wie wäre es mit einem Namen für dieses Boot, Rocky?« fragte Bill. »He, es sollte einen Namen haben, nicht? Ich war so sehr mit dem Versuch beschäftigt, für den Stapellauf Champag- ner zu organisieren, daß ich das total vergessen habe.« »Rede mir nicht von Champagner!« murrte Gaby. »Irgendwelche Vorschläge? Hier ist eure Chance für eine Beförderung.« »Ich weiß, wie Calvin es genannt hätte«, meinte Bill auf einmal. »Sprich zu mir nicht von Calvin!« »Trotzdem haben wir uns auf die griechische Mythologie festgelegt. Wir sollten dieses Schiff Argo nennen.« Cirocco machte ein zweifelndes Gesicht. »War das nicht im Zusammenhang mit der Suche nach dem Goldenen Vlies? O ja, jetzt fällt mir der Film wieder ein.« »Wir sind nicht auf der Suche nach etwas«, erinnerte Ga- by. »Wir wissen, wohin wir wollen.« »Wie wäre es dann mit…« Bill hielt inne und machte ein gedankenvolles Gesicht. »Ich denke an Odysseus. Hatte sein Schiff einen Namen?« »Ich weiß nicht. Wir haben unseren Mythologen an diese übergroße Goodyear-Reklame verloren. Aber selbst wenn es einen hatte, möchte ich ihn nicht benutzen. Odysseus hatte nur Schwierigkeiten.«, Bill grinste. »Abergläubisch, Käptn? Das hätte ich nie ge- glaubt.« »Es ist das Meer, Bursche. Es stellt seltsame Dinge mit ei- nem an.« »Komm mir nicht mit deinen Spätshow-Dialogen. Ich bin dafür, das Boot Titanic zu nennen. Das war ein Schiff für dich.« »Ein Rosteimer. Versuche das Schicksal nicht, Freund.« »Mir gefällt Titanic auch«, lachte Gaby. »Wer hätte das gedacht auf einem Boot, das eine aufgemöbelte Nußschale darstellt?« Cirocco blickte auf. »Dann nehmt es auf eure Häupter. Nennen wir es Titanic. Lang möge sie segeln! Ihr mögt jauchzen und ansonsten feiern.« Die Besatzung jubelte dreimal, und Cirocco grinste und machte eine Verbeugung. »Lang lebe der Kapitän!« rief Gaby. »Sagt mal«, meinte Cirocco, »sollten wir den Namen nicht auf den Fender malen, oder was zum Teufel das auch ist?« »Auf den was?« Gaby sah entsetzt aus. Cirocco grinste. »Es ist eine hübsche Zeit, um es euch zu sagen, aber von Booten habe ich nicht die geringste Ah- nung. Wer ist schon mal gesegelt?« »Ich ein wenig«, sagte Gaby. »Dann führst du das Schiff. Tausch mit mir den Platz!« Sie ließ die Ruderpinne los und ging vorsichtig nach vorne. Dann legte sie sich auf ihre Bank, streckte sich aus und ver- schränkte die Arme unter dem Kopf. »Ich werde mit wichti- gen Kommandoentscheidungen beschäftigt sein«, sagte sie mit einem gewaltigen Gähnen. »Stört mich nicht bei etwas Geringerem als einem Hurrikan.« Unter einem johlenden Chor schloß sie die Augen., Der Clio war lang, gewunden und träge. In der Flußmitte konnten sie mit ihren Vier-Meter-Stangen nicht den Grund erreichen. Wenn sie sie ins Wasser hielten, konnten sie spü- ren, wie manchmal etwas dagegen stieß. Sie fanden nie heraus, was das war. Sie hielten die Titanic auf halbem We- ge zwischen der Flußmitte und dem backbord gelegenen U- fer. Cirocco hatte vorgehabt, daß sie auf dem Boot blieben und nur ans Ufer gingen, um Nahrung zu besorgen, ein Un- ternehmen, das nie mehr als zehn Minuten dauerte. Aber das Wachehalten funktionierte nicht besonders. Zu oft lief die Titanic auf Grund und machte es erforderlich, die Schla- fenden zu wecken. Es brauchte sie alle drei, um das Boot wieder flottzumachen, sobald es einmal aufgelaufen war. Schnell fanden sie heraus, daß die Titanic nicht sonderlich manövrierfähig war und es zwei Leute mit Stangen erforder- te, das Boot von Untiefen fernzuhalten. Sie beschlossen, alle fünfzehn oder zwanzig Stunden ein Lager aufzuschlagen. Cirocco machte einen Zeitplan, der sicherstellte, daß auf dem Fluß stets zwei Leute wach waren, und immer einer, wenn sie lagerten. Der Clio wand sich durch das beinahe ebene Terrain wie eine mit Nembutal gedopte Schlange. Ein Nachtlager mochte in gerader Linie nur einen halben Kilometer von dem der vorherigen Nacht entfernt sein. Längst hätten sie ihre Orien- tierung verloren gehabt, wäre da nicht die Trosse gewesen, die im Zentrum von Hyperion den Boden erreichte. Cirocco wußte von ihrem Überblick aus der Luft, daß das Kabel öst- lich von ihnen bleiben würde, bis sie auf den Fluß Ophion stießen. Es war immer gegenwärtig, türmte sich empor wie irgend- ein unvorstellbarer Wolkenkratzer, immer höher hinauf, schien sich auf sie zuzuneigen, bis es durch das Dach und in, den Raum hinaus verschwand. Sie würden in seiner Nähe vorbeikommen auf ihrem Weg zu den schrägen Trageka- beln, die in die Speiche über Rhea verliefen. Cirocco hoffte, einen nahen Blick darauf erwischen zu können. Das Leben wurde zur Routine. Schon bald funktionierten sie als Team fehlerlos und mußten nur noch selten mitein- ander reden. Meistens gab es wenig mehr zu tun, als auf Sandbänke aufzupassen. Gaby und Bill verbrachten viel Zeit damit, an jedermanns Bekleidung Verbesserungen vorzu- nehmen. Sie beide erlangten Geschicklichkeit mit den Dor- nennadeln. Bill flickte fortwährend am Steuerruder herum und arbeitete daran, das Bootsinnere bequemer zu gestal- ten. Cirocco verbrachte den größten Teil ihrer Zeit mit Tag- träumen und betrachtete dabei die vorbeiziehenden Wolken. Sie dachte über Mittel und Wege nach, die Nabe zu errei- chen, versuchte, Probleme vorherzusehen, aber das war ei- ne nutzlose Beschäftigung. Die Möglichkeiten waren zu viel- fältig, um eine sinnvolle Planung zu erlauben. Sie bevorzug- te in hohem Maße das Träumen. Und schließlich sang sie den anderen vor, womit sie beide überraschte. Als Kind hatte sie zehn Jahre lang Gesangsund Klavierunterricht gehabt und eine Karriere als Sängerin in Erwägung gezogen, bevor die Lockung des Weltraums zu stark geworden war. Bis zur Fahrt mit der Titanic hatte nie- mand davon gewußt; sie hatte es für nicht in Übereinstim- mung mit ihrem Image gehalten, die Besatzung mit Liedern zu unterhalten. Jetzt war ihr das egal, und das Singen führte sie enger zusammen. Sie besaß eine volle und klare Alt- stimme, die am besten zu alter Folkmusik paßte, zu Balla- den und Judy-Garland-Songs. Bill fertigte aus einer Nußschale, Fallschirmleinen und, Lächlerhaut eine Laute. Er lernte sie zu spielen, und Gaby gesellte sich mit einer Nußschalentrommel dazu. Cirocco brachte ihnen Lieder bei und verteilte die Harmonien: Gaby hatte einen akzeptablen Sopran und Bill einen klangtauben Tenor. Sie sangen Trinklieder aus den Wirtsstuben von O’Neil Eins, Lieder aus der Hitparade, aus Zeichentrick- und ande- ren alten Filmen. Den Umständen entsprechend wurde eines rasch zu ihrem Lieblingslied. Es handelte von einer gelben Backsteinstraße und dem wundervollen Zauberer von Oz. Sie brüllten es jedesmal, wenn sie sich aufmachten, und wurden nur noch lauter, wenn der Wald zurückkreischte. Mehrere Wochen vergingen, bevor sie den Ophion erreich- ten. Nur zweimal unterbrach etwas ihre friedliche Routine. Der erste Zwischenfall erfolgte nach drei Reisetagen, als ein Augapfel am Ende eines langen Stieles keine fünf Meter von der Titanic entfernt, aus dem Wasser tauchte. Es gab keinen Zweifel daran, daß es sich um ein Auge handelte, nicht mehr, als es bei Whistlestop gegeben hatte. Es war ein zwanzig Zentimeter durchmessender Ball, der in einer, beweglichen grünen Höhle saß, die auf den ersten Blick wie eine grüne Hand wirkte, deren Finger das Auge von hin- ten umklammerten. Der Augapfel selbst war aus hellerem Grün mit einer glotzenden Pupille. Beim ersten Anblick der Kreatur fingen sie an, auf das Ufer zuzurudern. Das Auge war auf sie gerichtet gewesen und hatte weder Interesse noch Gefühle verraten, es starrte nur reglos. Es schien sich nichts daraus zu machen, als sie sich entfernten. Es betrachtete sie zwei oder drei Minuten lang und verschwand dann so still, wie es erschienen war. Einmal am Ufer, bestand die übereinstimmende Meinung darin, daß sie diesbezüglich nichts unternehmen konnten. Die Kreatur hatte nicht versucht, ihnen zu schaden – was nichts über ihr zukünftiges Verhalten besagte. Aber sie konnten ihre Fahrt nicht beenden, nur weil es große Tiere im Fluß gab. Bald sahen sie mehr von den Augen und gewöhnten sich letztendlich daran. Sie ähnelten Periskopen so sehr, daß Bill sie ›U-Boote‹ taufte. Der zweite Zwischenfall war etwas, worauf sie eher vorbe- reitet waren, weil es schon einmal passiert war. Es handelte sich um den gewaltig stöhnenden Wind, den Calvin ›Gäas Klage‹ genannt hatte. Vor dem schlimmsten Sturm war noch Zeit, die Titanic auf das Ufer zu setzen und im Windschatten Schutz zu suchen. Cirocco wollte nicht zwischen die Bäume gehen, denn sie erinnerte sich noch an den Beinahe-Treffer eines stürzenden Astes im Hochland. Bei dem ins Gesicht peitschenden Wind und den über sie hinwegrollenden Wolken waren die Beobachtungsbedingun- gen nicht gut, aber sie schaffte es, flüchtige Eindrücke von dem aus Ozeanus kommenden Sturm zu erhaschen. Er kam, von oben. Wolken schwollen wie Gottes eisiger Atem aus der mächtigen Speiche über dem gefrorenen Meer. Der Wind traf auf die Eisschicht und brach darauf, erhob sich peitschend zu Tornados, die aus dieser Entfernung winzig wirkten, aber gewaltig sein mußten. Durch die rasch auf Hyperion zukommenden Wolken konn- te Cirocco die schrägen Tragekabel sehen, die den Boden mit dem Himmel über Ozeanus verbanden. Falls sie sich im Wind bewegten, dann viel zu langsam, als daß man es hätte sehen können, aber dort mußte es irgendeine schwankende oder streckende Bewegung gegeben haben. Die Kabel ver- strömten einen feinen grauen Nebel. Sie beobachtete, wie er in die spitzen Winkel hinabschwebte, die die Kabel mit dem Boden bildeten, und mußte sich daran erinnern, daß die Par- tikel, die sie auf solche Entfernungen sehen konnte, so groß wie Bäume sein mußten. Dann verhüllten die Wolken alle Sichtmöglichkeiten, und Schneefall setzte ein. Kurz darauf wurde der Fluß aufgewühlt und stieg fast bis zur auf das U- fer gesetzte Titanic. Cirocco glaubte, im Boden Bewegung zu spüren. Sie wußte, daß sie einen Teil von Gäas Luftzirkulationssys- tem in Funktion sah, und fragte sich, wie die Luft in die Speiche gesaugt wurde und welcher Mechanismus sie wieder hinauszwang. Auch fragte sie sich, warum der Vorgang so gewalttätig sein mußte. Calvins Uhr besagte, daß seit der letzten Klage siebzehn Tage vergangen waren; sie hoffte, daß es bis zum nächstenmal mindestens ebenso lange dau- ern würde. Wie beim erstenmal hielt die Kälte nicht für mehr als sechs oder sieben Stunden an, und der Schnee blieb nicht liegen. Diesmal trotzten sie der Kälte besser und stellten fest, daß die Kleider aus Blimpseide schützender waren, als sie aus-, sahen, und wie Windjacken funktionierten. Der dreißigste Tag seit ihrem Herauskommen war durch zwei Dinge gekennzeichnet: eines, das geschah, und eines, was nicht geschah. Das erste war ihre Ankunft am Zusammenfluß des Clio und des mächtigen Flusses Ophion. Sie befanden sich da schon tief im Süden Hyperions, im gleichen Abstand zum zentralen Senkrechtkabel und dem südlichen, die sich jetzt beide über ihnen emportürmten. Der Ophion war blaugrün, breiter und schneller als der Clio. Er riß die Titanic in seine Mitte, und nach einer Zeit der Furcht und des Auslotens mit ihren Stangen entschieden die Reisenden, daß es sicher sein würde, dort zu bleiben. In Breite und Strömungsgeschwindigkeit erinnerte der Ophion Bill und Cirocco an den Mississippi, jedoch mit stärkerer Ve- getation und mit hohen Bäumen entlang der Ufer. Das Land war immer noch dschungelbedeckt, aber der Ophion war breit und tief. Weit stärker betroffen war Cirocco von dem Nichtereignis – dessen, worauf sie gewartet hatte, während die Tage auf Calvins Uhr vorbeitickten. Seit zweiundzwanzig Jahren war sie so regelmäßig gewesen wie die Gezeiten, und es war be- unruhigend, daß die Periode nicht eintrat. »Wußtest du, daß es heute dreißig Tage sind?« fragte Ciroc- co an diesem Abend Gaby. »Wirklich? Ich hatte nicht daran gedacht.« Sie runzelte die Stirn. »Ja. Und ich bin mehr als nur spät dran. Es waren bei mir immer neunundzwanzig Tage, manchmal eher, nie später.« »Weißt du, ich bin auch zu spät dran.«, »Das dachte ich.« »Verdammt nochmal, das ergibt einfach keinen Sinn.« »Ich habe mich gefragt, welche Verhütungsmethode du auf der Ringmeister benutzt hast. Hast du es da einmal ver- gessen können?« »Absolut unwahrscheinlich. Calvin hat monatlich dafür ge- sorgt.« Cirocco seufzte. »Ich habe befürchtet, daß es etwas so Unfehlbares wie dies sein würde. Was mich angeht, ich kann die Pille nicht nehmen; sie macht mich dick. Ich habe eine von diesen Membranen benutzt, die man ständig trägt. Ich hatte sie an, als wir untergingen. Ich habe nicht wirklich daran gedacht, einmal nachzuschauen, bis… na ja, bis wir mit Bill und August zusammengetroffen sind, und da war es vielleicht schon zu spät.« Sie zögerte, diese Sache mit Gaby zu diskutieren. Es war kein Geheimnis, daß sie und Bill mit- einander geschlafen hatten, und es war auch kein Geheim- nis, daß es weder Zeit noch Ort noch Zurückgezogenheit da- für gegeben hatte, seitdem Gaby auf der Titanic ständig da- bei war. »Jedenfalls ist sie weg. Ich nehme an, daß sie von dem- selben Wesen verzehrt wurde, das auch unser Haar ver- schlungen hat. Was mir, nebenbei gesagt, die Haut kribbeln läßt.« Gaby erschauerte. »Aber ich dachte, es könnte Bill gewesen sein. Jetzt glau- be ich es eigentlich nicht mehr.« Sie stand auf und ging hin- über zu Bill, der auf dem Boden lag und schlief. Sie weckte ihn und wartete, bis er munter zu sein schien. »Bill, wir sind beide schwanger.« Bill war nicht so wach, wie sie gedacht hatte. Er blinzelte überrascht, dann furchte sich seine Stirn., »Na, schau mich doch nicht an! Nicht einmal bei dir. Das letztemal mit Gaby war nicht lange nach dem Verlassen der Erde. Abgesehen davon habe ich mir einen Regulater be- sorgt.« »Ich habe nichts dergleichen gesagt«, beruhigte sie ihn. Mit Gaby, was? dachte sie. Das war ihr neu, und sie hatte geglaubt, von allem zu wissen, was auf der Ringmeister vorgegangen war. »Um so sicherer ist, daß etwas Seltsames vor sich geht. Jemand oder etwas spielt uns da einen Streich, aber ich lache nicht darüber.« Calvin hielt sich an das, was er gesagt hatte. Zwei Tage, nachdem Cirocco einen vorüberziehenden Blimp angerufen hatte, schwebte Whistlestop über ihnen, und eine blaue Blume entfaltete sich, mit dem darunter baumelnden Chi- rurgen. August war dicht hinter ihm. Sie landeten unmittel- bar vor dem Ufer im Wasser. Cirocco mußte eingestehen, daß Calvin gut aussah. Er lä- chelte, und sein Schritt war schwungvoll. Er grüßte jeden und schien sich nichts daraus zu machen, daß man ihn her- beigerufen hatte. Er wollte über seine Reisen erzählen, aber Cirocco war zu begierig darauf, zu hören, was er von der neuen Lage hielt. Er wurde sehr ernst, lange bevor sie damit fertig war, ihm darüber zu berichten. »Hattest du eine Peri- ode, seit wir hierher kamen?« fragte er August. »Nein, hatte ich nicht.« »Es sind jetzt dreißig Tage«, sagte Cirocco. »Ist das für dich unüblich?« Von der Art, wie sich Augusts Augen weite- ten, entnahm Cirocco, daß dem so war. »Wann hattest du zum letztenmal Verkehr mit einem Mann?« »Den hatte ich nie!« »Ich habe befürchtet, daß du das sagen würdest.«, Calvin schwieg für eine Weile und dachte nach. Dann wur- de sein Blick noch finsterer. »Was soll ich sagen? Ihr alle wißt, daß es für eine Frau möglich ist, eine Periode aus anderen Gründen zu über- springen. Athletinnen lassen manchmal eine ganze Menge aus, und wir wissen nicht genau, warum. Streß kann dafür verantwortlich sein, gefühlsmäßiger oder körperlicher. Aber ich glaube, die Chancen, daß das euch alle drei zu gleicher Zeit betrifft, sind dünn.« »Ich neige dazu, dem zuzustimmen«, sagte Cirocco. »Es könnte an der Nahrung liegen. Wir haben keine Mög- lichkeit, das herauszufinden. Ich könnte euch sagen, daß ihr drei und… ah, April, einer Konvergenz unterlagt.« »Was ist das?« wollte Gaby wissen. »Das geschieht manchmal mit Frauen, die eng zusammen- leben, wie auf einem Raumschiff, wo sie dicht aufeinander- sitzen. Einige hormonelle Signale führen offensichtlich dazu, ihre Menstruation zu synchronisieren. April und August wa- ren schon seit langem in einem gemeinsamen Rhythmus, und Cirocco nur ein paar Tage davon entfernt. Zwei frühzei- tige Perioden, und sie war im Gleichschritt. Gaby, du warst dabei, unregelmäßig zu werden, wenn du dich erinnerst.« »Darum habe ich mich nie sehr gekümmert«, sagte sie. »Nun, du warst dabei. Aber ich begreife nicht, was das mit der Lage zu tun haben könnte, die wir hier haben. Ich habe das nur vorgebracht, um aufzuzeigen, daß seltsame Dinge geschehen. Es ist möglich, daß ihr alle einfach eine über- sprungen habt.« »Es ist auch möglich, daß wir alle schwanger sind, und mir schaudert bei dem Gedanken, wer der Vater ist«, sagte Ci- rocco sauer. »Das ist völlig unmöglich«, meinte Calvin. »Wenn du, sagst, daß das Ding, das uns verspeist hat, es mit euch al- len getrieben hat… kann ich das nicht annehmen. Nicht ein- mal auf der Erde gibt es ein Tier, das einen Menschen be- fruchten könnte. Sag du mir, wie dieses fremdartige Ge- schöpf es tat.« »Ich weiß es nicht«, sagte Cirocco. »Deswegen ist es ja fremdartig. Aber ich bin davon überzeugt, daß es in uns ge- langt ist und etwas mit uns gemacht hat, das für es völlig vernünftig und natürlich scheinen mag, aber fremdartig ist nach allem, was wir wissen. Und es gefällt mir nicht, und wir wollen wissen, was du tun kannst, wenn wir schwanger sind.« Calvin rieb sich die dichten Locken am Kinn und zeigte ein spöttisches Lächeln. »Auf der Akademie haben sie mich nicht für Jungfrauengeburten ausgebildet.« »Ich bin nicht in der Stimmung für Scherze.« »Tut mir leid. Du und Gaby seid sowieso keine Jungfrau- en.« Er schüttelte verwundert den Kopf. »Wir denken an etwas, das unmittelbarer und weniger hei- lig ist«, sagte Gaby. »Wir wollen diese Babies nicht, oder was, zum Teufel, sie auch sind.« »Schau, warum wartet ihr nicht noch einmal dreißig Tage, bevor ihr anfangt, euch aufzuregen? Wenn ihr dann wieder keine Periode habt, ruft mich nochmal!« »Wir würden es gerne jetzt hinter uns bringen«, sagte Ci- rocco bestimmt. Calvin wirkte zum erstenmal aufgebracht. »Und ich sage, daß ich es jetzt nicht tun werde. Ich könnte die Instrumente dafür zusammenbasteln, aber sie müßten sterilisiert wer- den. Ich habe kein Spekulum, und der Gedanke an das, was ich improvisieren müßte, um die Gebärmutterhälse zu er- weitern, reicht aus, um euch Alpträume zu verschaffen.«, »Der Gedanke an das, was in meinem Bauch heranwächst, macht mir bereits Alpträume«, sagte Cirocco finster. »Cal- vin, ich möchte im Moment nicht einmal ein menschliches Baby, noch viel weniger das, was dies sein könnte. Ich möchte, daß du die Operation durchführst.« Gaby und August nickten zustimmend, wenn auch Gaby etwas übel zu sein schien. »Und ich sage, wartet noch einen Monat. Das wird keinen Unterschied machen. Die Operation wird dieselbe sein. Aber vielleicht wird in einem Monat eine Möglichkeit zum Feuer- machen gefunden werden, um etwas Wasser zu kochen, um das zu sterilisieren, was ich an Instrumenten zustandebrin- ge. Ergibt das vielleicht keinen Sinn? Ich versichere euch, ich kann die Operation mit einem minimalen Risiko durch- führen, aber nur mit sauberen Instrumenten.« »Ich will es einfach hinter mich bringen«, sagte Cirocco. »Ich will dieses Ding aus mir draußen haben.« »Käptn, nimm’s leicht! Beruhige dich und denke nach! Wenn du eine Infektion bekommst, bin ich machtlos. Im Os- ten ist das Land anders. Vielleicht findet ihr eine Möglich- keit, Feuer zu machen. Auch ich werde Ausschau halten. Ich war ein gutes Stück weit über Mnemosyne, als dein Ruf kam. Möglicherweise gibt es dort jemanden, der Werkzeuge benutzt und ein brauchbares Spekulum und eine brauchbare Dehnsonde herstellen kann.« »Dann wirst du uns wieder verlassen?« fragte sie. »Ja, werde ich, nachdem ich euch alle eingehend unter- sucht habe.« »Ich bitte dich erneut darum, bei uns zu bleiben.« »Es tut mir leid. Ich kann nicht.« Nichts, was Cirocco sagte, konnte ihn umstimmen, und obwohl sie wieder mit der Idee liebäugelte, ihn festzuhalten,, ließen immer noch dieselben Gründe diese Idee nicht gut erscheinen. Und eine weitere Sache war ihr seit seinem Weggang eingefallen: es war vielleicht nicht klug, es sich mit jemandem zu verscherzen, der einen so großen Freund wie Whistlestop hatte. Er erklärte sie alle vier für fit und gesund, trotz der ausge- bliebenen Perioden bei den Frauen, und blieb dann noch für, einige Stunden, schien selbst das nur ungern zu tun. Er erzählte ihnen, was Whistlestop und er auf ihren Reisen ge- sehen hatten. Ozeanus war eine schreckliche Gegend, eisig und gefähr- lich. Sie hatten es so rasch wie möglich überquert. Es gab dort unten eine humanoide Rasse, aber Whistlestop hatte nicht hinuntergehen wollen, damit er einen Blick aus der Nähe hätte erhaschen können. Die Wesen dort hatten mit einem hölzernen Katapult Steine geschleudert, schon als der Blimp noch einen Kilometer weit über ihnen war. Calvin be- schrieb sie als von menschlicher Gestalt, bedeckt mit lan- gem weißen Haar. Sie schossen erst und stellten später Fra- gen. Er nannte sie Yeti. »Mnemosyne ist eine Wüste«, sagte er. »Sie sieht sonder- bar aus, denn die Dünen türmen sich viel höher auf als auf der Erde, wegen der niedrigen Schwerkraft, vermute ich. Es gibt dort unten pflanzliches Leben, und ich habe auch einige kleinere Tiere gesehen, als wir tief hinuntergingen, und et- was, das wie eine zerstörte Stadt aussah, obendrein ein paar kleine Ruinen, die vielleicht vor tausend Jahren Burgen waren, weil sie sich auf senkrechten Felsspitzen befinden. Um sie zu errichten, müssen tausend Jahre der Arbeit von Kulis erforderlich gewesen sein, oder einige ganz schön gute Hubschrauber. Ich glaube, daß hier drin etwas total falsch gelaufen ist. Alles wird zu Staub. Mnemosyne sah vielleicht einmal so aus wie diese Gegend, bis zu dem leeren Flußbett und den Lei- chen gewaltiger Bäume, die von Sandstürmen zerfressen werden. Etwas hat das Klima verändert oder ist den Erbau- ern entglitten. Wahrscheinlich dieser Wurm, den wir gesehen haben. Laut Whistlestop gibt es nur einen dieser Art. Mnemosyne ist nur, für einen groß genug. Wenn es einmal zwei gab, dann ha- ben sie es schon vor langem ausgekämpft, und nur dieser Opa von einem Wurm ist übriggeblieben. Er ist groß genug, um Whistlestop wie eine Olive zu verspeisen.« Sowohl Cirocco als auch Bill hoben bei Calvins Erwähnung von Riesenwürmern den Blick. »Ich habe nie das ganze Ding auf einmal gesehen, aber ich wäre nicht überrascht, wenn es zwanzig Kilometer lang wäre. Er ist einfach eine große, lange Röhre mit Löchern an beiden Enden, die denselben Durchmesser haben wie der ganze verdammte Wurm. Er ist in Segmente unterteilt, und der Körper sieht hart aus wie die Panzerung eines Gürteltieres. Er hat ein Maul wie eine Kreissäge, innen und außen mit Zähnen besetzt. Er hält sich unter dem Sand auf, aber manchmal ist er nicht tief genug, und der Wurm muß an die Oberfläche. Einmal haben wir ihn dabei beobachtet.« »Es gab einen Wurm wie diesen in einem Buch«, sagte Bill. »Auch in einem Film«, sagte Cirocco. »Er hieß Dune.« Calvin schien über die Unterbrechung verärgert zu sein und blickte kurz nach oben, um zu sehen, ob der Blimp noch in der Nähe war. »Jedenfalls habe ich mich gefragt«, sagte er, »ob es viel- leicht dieser Wurm ist, der Mnemosyne so übel zugerichtet hat. Könnt ihr euch vorstellen, was er aus Baumwurzeln machen kann? In zwei Jahren könnte er die ganze Gegend zugrunderichten. Die Bäume sterben, recht schnell ver- schlechtert sich der Zustand des Erdbodens, er kann kein Wasser mehr halten, und daraufhin verschwinden die Flüsse unter der Erde. Das müssen sie, wißt ihr; der Ophion fließt durch Mnemosyne. Man kann sehen, wo er verschwindet und wo er wieder zutage tritt. Der Strom ist nicht unterbro-, chen, aber er nützt Mnemosyne nichts. Also dachte ich mir daraufhin, daß niemand, der diese Ge- gend entworfen hat, einen solchen Wurm hineingesetzt hät- te. Er kann die Dunkelheit nicht mögen, oder anderenfalls würde er direkt durch Ozeanus ziehen und alles zugrunde richten. Ich glaube, daß es aus purem Glück passiert ist, und wenn diese Gegend nur mit Glück daran vorbeikommt, dann kann es nicht mehr lange gutgehen. Dieser Wurm muß eine schlechte Mutation sein, und das bedeutet, daß es hier niemanden mit genug Macht gibt, ihn zu töten und die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Ich fürchte, die Erbauer sind ent- weder ausgestorben oder in die Barbarei zurückgefallen, wie in diesen Geschichten, die du uns erzählt hast, Bill.« »Möglich«, stimmte Bill zu. Cirocco schnaubte. »Sicher ist es das. Es ist auch möglich, daß du zuviel in diesen Wurm hineininterpretierst. Vielleicht mögen die Leute hier Würmer und konnten es nicht über sich bringen, diesen einen zurückzulassen. Dann wuchs er, bis er ein größeres Haus brauchte, und sie gaben ihm Mne- mosyne. Jedenfalls müssen wir weiterhin versuchen, in die Nabe zu kommen.« »Tut das«, pflichtete Calvin bei. »Ich werde weiter den To- rus erforschen, herumsegeln und sehen, wer hier unten noch lebt. Die Erbauer können einen Niedergang erlebt und doch noch genug Technologie haben, um ein Radio zu bau- en. Wenn dem so ist, werde ich es euch sagen, und ihr Leu- te könnt zurück nach Hause.« »›Ihr Leute‹?« meinte Cirocco. »Komm, Calvin. Wir ste- cken alle gemeinsam hier drin. Nur weil du nicht bei uns bleiben willst, bedeutet das noch nicht, daß wir dich hier zu- rücklassen würden.« Calvin runzelte die Stirn und wollte nichts mehr sagen., Bevor sich Whistlestop in Bewegung setzte, warf Calvin ein paar an Fallschirme gehängte Lächler hinaus. Er benutzte sie als Gewichte, um Fallschirme aus dem Spender zu zie- hen, denn die bläuliche Seide und die Leinen waren die nützlichsten Dinge, die sie bis jetzt gefunden hatten. Gaby faltete die Schirme zusammen und verstaute sie sorgfältig, wobei sie schwor, Cirocco wie eine Königin zu kleiden. Cirocco ergab sich darein. Es war ein kleiner Preis, um Gaby glücklich zu sehen. Und erneut wurde die Titanic flottgemacht, diesmal mit ei- nem neuen Gefühl der Dringlichkeit. Sie mußten Kontakt zu einer Rasse aufnehmen, die fortgeschritten genug war, um bei antiseptischer Chirurgie zu helfen, oder einen Weg fin- den, um ein Feuer in Gang zu bringen; und es mußte rasch geschehen. Das Ding in ihrem Bauch würde nicht warten. In den folgenden Tagen dachte sie viel darüber nach. Ihr Ab- scheu war in ihr wie eine straff geballte Faust zu spüren. Überwiegend stammte er aus der unbekannten Natur des Wesens, das seinen Samen in sie gepflanzt hatte. Und doch wäre die Abtreibung auch dann ihre Entschei- dung gewesen, wenn sie dessen sicher gewesen wäre, einen menschlichen Fötus zu nähren. Das hatte nichts mit der I- dee der Mutterschaft selbst zu tun; sie hatte vor, Mutter zu werden, wenn sie sich von der NASA zurückzog, wahr- scheinlich im Alter von vierzig oder fünfundvierzig. Sie hatte ein Dutzend Zellen in Kältesuspension auf O’Neil Eins, bereit dazu, befruchtet und implantiert zu werden, wenn sie sich dazu bereit fühlte, zu gebären. Das war unter Astronauten eine übliche Vorkehrung, auch bei den Mond- und L5- Kolonisten: eine Hecke gegen Strahlenschäden an Fortpflan- zungsgewebe. Cirocco plante, einen Jungen und ein Mäd- chen aufzuziehen, während sie alt genug war, ihre Großmut-, ter zu sein. Aber sie würde die Zeit selbst wählen. Ob nun der Vater ein Mensch und ein Geliebter war oder eine gestaltlose Monstrosität im Inneren Gäas, sie würde ihre eigenen Fort- pflanzungsorgane kontrollieren. Sie war nicht bereit, noch für viele Jahre nicht. Unbeschadet der Tatsache, daß Gäa nicht der Ort war, um mit einem Säugling belastet zu sein, hatte sie noch viele Dinge zu tun, Bestrebungen, bei denen ein Kind ein ebenso großes Problem sein würde wie hier. Und sie war absolut dazu entschlossen, hinauszugelangen und diese Dinge zu tun. KAPITEL ELF Die Tragekabel kamen in Fünferreihen und angeordnet zu Gruppen von je fünfzehn, und Reihen von drei alleinstehen- den. Jede Nachtregion war mit fünfzehn Kabeln verbunden. Es gab eine Reihe von fünf senkrechten Trossen, die direkt hin- auf in das hohle Horn verliefen, das das Innere eines der Speichen von Gäas Rad war. Zwei davon erreichten den Bo- den im Hochland und waren im Grunde genommen ein Teil der Wand, eines im Norden und das andere im Süden. Eines erhob sich von einem Punkt auf halbem Wege zwischen den äußersten Kabeln, und die anderen zwei waren gleichmäßig, zwischen dem zentralen und den Randkabeln angebracht. Zusätzlich zu diesen zentralen Kabeln besaßen die Nacht- regionen jede zwei weitere Fünferreihen, die strahlenförmig von der Speiche aus verliefen, jedoch in Tageslichtgebieten befestigt waren, eine Reihe zwanzig Grad im Osten und die andere zwanzig Grad westlich der zentralen Reihe. Die Spei- che über Ozeanus schickte Trossen bis nach Mnemosyne und Hyperion. Der Satz von fünfzehn Kabeln trug den Boden unter einer Region über vierzig Grad von Gäas Umfang. Die Kabel, die von einer Tages- durch eine Dämmerungs- bis in eine Nachtzone verliefen, taten dies in spitzem Winkel zum Boden, einem Winkel, der mit der Höhe größer wurde, bis er sich an der Verbindungsstelle mit dem Dach sechzig Grad näherte. Darüber hinaus gab es noch Reihen zu je drei Kabeln, die ausschließlich mit Tageslichtbereichen verbunden waren. Diese Kabel waren senkrecht und verliefen vom Boden aus geradenwegs hinauf, bis sie das Dach durchdrangen und in den Weltraum hinausführten. Es war das Mittelkabel von Hyperions Dreierreihe, dem sich die Titanic und ihre Besat- zung jetzt näherten. Jeden Tag wurde es großartiger und einschüchternder. Sogar von Bills Lager aus hatte es gewirkt, als würde es sich über sie lehnen. Die Neigung war jetzt keineswegs stärker betont, aber die Größe des Dings hatte zugenommen. Es schmerzte, daran emporzublicken. Zu wissen, daß eine senkrechte Säule einen Durchmesser von fünf Kilometern hat und 120 Kilometer hoch ist, ist eine Sache; sie zu se- hen, eine andere. Der Ophion beschrieb eine weite Schleife um die Basis des Kabels, begann in südlicher Richtung und wandte sich dann nach Norden, bevor er seine allgemeine östliche Richtung, wieder aufnahm. Dieses Bild hatten sie bereits gesehen, als sie noch weit vom Kabel entfernt gewesen waren. Das Ver- drießliche an Reisen in Gäa lag darin, daß man die Land- schaft leicht überblicken konnte, wenn man weit entfernt war. Je näher man an etwas herankam, desto verkürzter wurde der Blick, bis die Oberflächenmerkmale über alles Er- kennen hinaus abgeflacht waren. Das Land, das sie durch- reisten, wirkte stets so flach wie die Erde. Erst in weiter Ent- fernung fing es an, sich nach oben zu krümmen. »Möchtest du mir nicht noch einmal erzählen, warum wir das machen?« rief Gaby nach vorne zu Cirocco. »Ich glaube nicht, daß ich es verstanden habe.« Die Reise zur Speiche war schwieriger, als sie erwartet hatten. Zuvor waren sie auf dem Weg durch den Dschungel dem Fluß gefolgt. Er bildete eine natürliche Straße. Jetzt kannte Cirocco die wahre Bedeutung der Undurchdringlich- keit. Das Land war mit einem beinahe festen Vegetations- wall bedeckt, und ihre einzigen Schneidwerkzeuge hatten sie aus ihren Helmringen gemacht. Um die Sache noch zu verschlimmern, hob sich der Boden stetig, während sie dem Kabel näherkamen. »Ein bißchen weniger Meckern wäre mir recht«, rief sie zurück. »Du weißt, daß wir es tun müssen. Es sollte in Kürze leichter werden.« Sie hatten bereits einige nützliche Infor- mationen gesammelt. Die soweit wichtigste war die Tatsa- che, daß es wirklich ein Kabel war, aus gewundenen Strän- gen zusammengesetzt. Es gab mehr als hundert von diesen Strängen, und jeder hatte mindestens 200 Meter Durchmes- ser. Für den größten Teil ihrer Länge waren die Stränge eng gewunden, aber einen halben Kilometer über dem Boden begannen sie auseinanderzulaufen und erreichten den Bo-, den als getrennte Gebilde. Die Basis des Kabels wurde zu einem Wald aus mächtigen Türmen, und nicht zu einem ein- zelnen gigantischen Turm. Interessanterweise waren mehrere Stränge gebrochen. Weit oben konnten sie die verdrehten Enden von zweien se- hen, die sich ringelten wie die gespaltenen Haarspitzen in einer Shampoo-Reklame. Als sie in offenes Land durchbrachen, erkannte Cirocco, daß, was auch immer sich unter dem Erdboden befand, die gummiartige Substanz, an der die Kabel befestigt waren, sich gedehnt hatte. Jeder Strang hatte einen Kegel hochge- zogen, und diese Kegel waren mit Sand überhäuft. Man konnte zwischen den äußeren Strängen hindurch in einen ganzen Wald davon blicken, der sich in Dunkelheit verlor. Das Land zwischen ihnen und dem Kabel war sandig, und mächtige Felsbrocken waren darin verstreut. Der Sand war rötlich-gelb, und die scharfkantigen Felsen wiesen nur weni- ge Erosionsspuren auf. Sie sahen aus, als wären sie gewalt- sam aus dem Boden gerissen worden. Bill legte den Kopf zurück und folgte mit dem Blick dem Kabel bis zum lichtdurchlässigen Dach. »Mein Gott, was für ein Anblick!« sagte er. »Denk daran, wie die Eingeborenen es sehen müssen«, meinte Gaby. »Die Kabel des Himmels, die die Welt auf- rechthalten.« Cirocco schirmte die Augen ab. »Kein Wunder, daß sie denken, Gott würde dort oben leben«, sagte sie. »Denkt an den Puppenspieler, der solche Fäden zieht.« Der Boden war fest, als sie begannen, den Abhang zu ersteigen, aber je höher sie kamen, desto mehr fing er an nachzugeben. Hier wuchs nichts, das die Erde festhielt. Es war Sand, oben naß, aber darunter trocken, und er formte, eine Kruste, die unter ihren Füßen in unstabile rutschende Platten zerbrach, die hinter ihnen hinabglitten. Cirocco übernahm die Führung, war entschlossen, zu dem Strang zu gelangen, aber binnen kurzem glitt sie immer wieder so weit zurück, wie sie sich hochkämpfte, immer noch 200 Meter vor der Spitze. Bill und Gaby hielten sich zurück und beobachteten ihren Versuch, in dem unstabilen Boden Tritt zu finden. Es hatte keinen Zweck. Sie fiel auf das Gesicht und rollte zurück, setzte sich auf und funkelte das Kabel an, das so quälend nahe war. »Warum mir?« fragte sie und schlug mit der Faust auf den Boden. Sie wischte sich den Sand vom Mund. Sie stand auf, aber ihre Füße glitten erneut weg. Gaby griff nach ihrem Arm, und Bill stürzte beinahe auf sie beide, als er zu helfen versuchte. Wieder hatten sie einen Meter verloren. »Soviel dazu«, sagte Cirocco erschöpft. »Trotzdem möchte ich mich immer noch hier umsehen. Kommt jemand mit?« Keiner war allzu begeistert, aber sie folgten ihr den Hang hinab und gingen in den Wald der Kabelstränge hinein. Jeder Strang hatte einen Sandhaufen um sich herum. Sie waren gezwungen, einem gewundenen Pfad dazwischen hindurch zu folgen. Zähes, sprödes Unkraut wuchs in der festgepackten Erde zu Füßen der riesigen Maulwurfshaufen. Es wurde dunkel, während sie immer weiter hineingingen – dunkel und viel stiller, als es im Verlaufe der Wochen auf dem Fluß der Fall gewesen war. Ein weit entferntes Heulen wie von Wind war zu hören, der durch lange und verlassene Gänge fegte, und von hoch oben das Läuten wie vom Wind bewegter Glocken. Sie hörten die eigenen Schritte und das Geräusch ihres eigenen Atems. Dem Gefühl, sich in einer Kathedrale zu befinden, war, unmöglich zu entkommen. Cirocco hatte schon einmal einen Ort wie diesen gesehen, zwischen den gewaltigen Sequoias von Kalifornien. Dort war es grüner und nicht dermaßen still, aber das Schweigen und das Gefühl, zwischen riesen- haften und gleichgültigen Wesen verloren zu sein, waren dasselbe. Sie wußte, wenn sie eine Spinnwebe sehen würde, dann würde sie nicht aufhören zu rennen, bis sie wieder Ta- geslicht erreichte. Sie bemerkten Gebilde über sich, die reglos in der toten Luft hingen und wie zerrissene Wandbehänge aussahen, substanzlose Formen in den Schatten weit über ihnen. Fei- ner Staub umschwebte sie, von der leisesten Luftbewegung umhergewirbelt. Gaby berührte leicht Ciroccos Arm. Cirocco zuckte zu- sammen, blickte dann hinauf, wohin Gaby deutete. Etwas hing seitlich an einem der Stränge, fünfzig Meter über dem Gipfel des Sandhügels. Sie dachte, es säße auf einem Sims, fragte sich aber dann, ob es irgendein Gewächs sein mochte. »Wie ein Rankenfußkrebs«, meinte Bill. »Oder eine ganze Kolonie davon«, flüsterte Gaby, dann hustete sie nervös und wiederholte sich. Cirocco konnte es ihr nachfühlen; es war, als sollten sie flüstern. Cirocco schüttelte den Kopf. »Es erinnert mich an die Klip- penbehausungen in Arizona.« Einige Minuten später machten sie mehr dergleichen aus› überwiegend weit höher und weniger deutlich erkennbar als die eine, die Gaby entdeckt hatte. Waren es Behausungen oder Parasiten? Es war nicht zu sagen. Cirocco warf einen letzten Blick in die Runde und glaubte in der Ferne etwas zu sehen, direkt am Rand zur totalen Finsternis., Es war ein Bauwerk. Kurz nachdem sie das erkannt hatte, wußte sie, daß es eine Ruine war. Feiner Sand war ringsher- um aufgehäuft. Es war beinahe erfrischend, etwas zu finden, das in menschlichen Größenvorstellungen errichtet worden war. Das Bauwerk war etwa so groß wie die kleinsten Pueblos von Colorado und sah tatsächlich auch ein wenig so aus. Es gab drei Schichten hexagonaler Kammern ohne erkennbare Eingänge. Jede Schicht bestand aus Räumen, die etwas grö- ßer waren als die der darunterliegenden Schicht. Cirocco ging näher heran und berührte eine Wand. Es war kalter Stein, geschnitten, behauen und ohne Mörtel zusammenge- fügt, wie es die Inkas gemacht hatten. Bei näherem Hinschauen erkannten sie, daß es in der Tat fünf Lagen aus Kammern gab, aber die beiden untersten waren viel kleiner als die drei, die sie aus der Ferne gesehen hatte, und auch aus kleineren Steinen gefertigt. Als sie den Sand am Fuß der Wand wegwischte, fand sie eine sechste Schicht, dann eine siebte, jede winziger als die darüberlie- gende. »Was fängst du damit an?« fragte sie Bill, der sich neben sie gekniet hatte, während sie grub. »Es ist eine komische Art zu bauen.« Cirocco grub tiefer, wurde jedoch bald vom Sand besiegt, der so schnell nachrutschte, wie sie ihn hinausschaufeln konnte. Die unterste Schicht, die sie gefunden hatte, be- stand nur aus einen halben Meter hohen und etwa so brei- ten Kammern, errichtet aus Steinen von der Größe von Maurerziegeln. Sie umrundeten das seltsame Bauwerk und fanden eine Stelle, wo es eingefallen war. Massive Steine von der Spitze hatten die meisten der kleineren unten zerschmettert. Sie, fanden eine intakte Kammer, der nur eine Wand fehlte. Sie sahen keine inneren Türen und auch keine Stelle, wo man die Konstruktion von außen hätte betreten können. »Warum baut jemand etwas ohne Türen?« »Vielleicht sind sie von unten hineingekommen«, schlug Gaby vor. »Ohne einen Bulldozer werden wir das nie herausfinden.« Cirocco dachte an die Ausrüstung, die sie zur Benutzung mit dem Satelliten-Lander mitgebracht hatten, und sie zuckte zusammen, als der Gedanke sie zurück zu den Trümmern ihres Schiffes führte, die zerbrochen durch das All purzelten. »Ich frage mich, welche Verbindung dies mit dem Kabel hat«, sagte Bill. »Ist es für eine Art Instandhaltungsdienst gebaut worden oder später, nachdem die Dinge zusammen- brachen?« Cirocco hob eine Braue. »Gehen wir davon aus, daß die Dinge zusammengebrochen sind?« Er breitete die Hände aus. »Es gibt strukturelle Schäden, die nicht repariert wurden. Du hast die zerrissenen Stränge gesehen.« Sie wußte, daß das etwas für sich hatte. Das ganze dunkle Miasma unter dem Kabel roch nach Nichtbenutzung und Verlassenheit. Es war ein muffiges Grab, oder die Knochen von etwas, das einst mächtig gewesen war. Aber selbst im Niedergang war Gäa großartig. Die Luft war frisch, das Wasser sauber. Es stimmte, daß große Gebiete jetzt Wüste waren oder gefrorenes Ödland, und es war schwer zu glauben, daß man das so geplant hatte. Und doch hatte Cirocco das unbestimmte Gefühl, daß die ökologischen Systeme noch stärker hätten verfallen sein müssen, gäbe es dort oben niemanden mit einem gewissen Maß an Kontrolle. »Gäa ist nicht ohne Führung«, sagte Gaby wie als Echo zu, Ciroccos Gedanken. »Dieses Bauwerk wirkt alt auf mich. Jahrtausende wären wahrscheinlich nicht weit danebenge- griffen.« »Es fühlt sich gewiß so alt an«, stimmte Bill zu. »Ich weiß etwas von den komplexen Verflechtungen, die bei der Instandhaltung eines Biosystems zu berücksichtigen sind«, fuhr Gaby fort. »Gäa ist größer als O’Neil Eins, und das macht sie flexibler. Aber in ein paar Jahrhunderten wür- den die Dinge ohne Kontrolle zusammenbrechen. Aber das haben sie nicht vollständig getan.« »Vielleicht Roboter«, meinte Bill. »Das wäre mir recht«, sagte Cirocco. »Solange eine ge- wisse Intelligenz hinter dem hier steckt, habe ich vor, mit ihr in Kontakt zu treten und sie um Hilfe zu bitten. Mit Com- putern verhandelt es sich vielleicht einfacher.« Bill, der viel Science Fiction gelesen hatte, konnte zu je- dem Aspekt von Gäa ein Dutzend Theorien entwerfen. Er hatte eine besondere Vorliebe für die immer glaubhaften Formen des Themas Heimsuchung: etwas kam aus dem Nichts und tötete genug von den Erbauern, um Gäa in den Händen automatischer Sicherheitsgeräte zu lassen. »Sie ist ein Wrack, darauf wette ich«, sagte er zu ihnen. »Ganz wie das Schiff in Heinieins Die lange Reise. Eine Men- ge Leute haben sich vor Jahrtausenden mit Gäa auf den Weg gemacht und verloren unterwegs die Kontrolle. Der Schiffscomputer brachte sie in eine Kreisbahn um den Sa- turn, stellte den Antrieb ab und sitzt jetzt immer noch da oben, hält die Luftpumpen in Gang und wartet auf weitere Befehle.« Hinaus nahmen sie einen anderen Weg, teilweise deshalb, weil sie unmöglich sagen konnten, wie sie hineingekommen, waren. Cirocco machte sich darüber keine Sorgen, denn so- lange sie auf das Licht zugingen, stimmte ihre Richtung. Sie erreichten das Sonnenlicht an einer Stelle weit nördlich von der, wo sie hineingegangen waren, und konnten jetzt etwas sehen, das am Punkt ihres Eindringens vom Kabel selbst verdeckt gewesen war. Es handelte sich um einen zerrissenen Strang, aber dieser lag auf dem Boden. Ciroccos erster Gedanke galt dem riesigen Sandwurm, den Calvin beschrieben hatte. Der Strang sah aus wie ein leben- des Wesen und schimmerte im gelben Licht. Dann fielen ihr wieder die brasilianischen Pipelines ein, die sie beim Überle- benstraining gesehen hatte: große silberne Röhren, die den Regenwald durchschnitten, als sei er kein Hindernis. Der Strang hatte sich beim Sturz seinen eigenen Weg ge- schlagen, die größten Bäume umgerissen, und war unerbitt- lich auf den Boden gekracht. Seitdem hatte sich der Dschungel wieder darüber geschlossen, aber die große Mas- se sah immer noch so aus, als könne sie sich jeden Moment erheben, die anmaßenden Kletterpflanzen abschütteln und die Bäume in Streichhölzer verwandeln. Fünfhundert Meter darüber ringelte sich das zerrissene obere Ende des Stranges vom Kabelkörper weg. Es war ausgefranst, und das durch den Riß freigelegte Innere glit- zerte, und reflektierte rot, blaugrün und matt kupferfarben. Dem Brotschimmel ähnelnde graue Verfärbungen wuchsen in dem Stumpf, und aus der Unterseite ergoß sich ein Wasser- fall direkt hinunter zu einer Vegetationsinsel, die weit ab- seits des Waldes lag. Die Wassermenge war beträchtlich und schlug geräuschvoll auf, aber kam aus dem mächtigen ver- drehten Strang hervor, als sei sie nicht mehr als das dünne Rinnsal aus einem zerbrochenen Rohr. Sie näherten sich dem gestürzten Strang und stellten fest, daß er aus einer Reihe sechseckiger Facetten zusammenge- setzt war, die nur ein paar Millimeter Durchmesser hatten, getrübt durch Goldeinschlüsse direkt unter der Oberfläche. Er reflektierte dumpf und gebrochen, als benutzten sie das Auge eines Rieseninsektes als Spiegel. Sie folgten ihm den Hügel hinab und in den Dschungel, wo sich das abgerissene Ende als hohl erwies, aber dermaßen durch Dickicht und Ranken verstopft, daß ein Betreten un- möglich war. »Was da auch drin war, die Pflanzen mögen es«, sagte Gaby. Cirocco sagte nichts. Das fortgeschrittene Stadium des Verfalls war bedrückend. Das offene Ende des Stranges war groß genug, daß die Ringmeister hätte hindurchfliegen kön- nen. Nach den Maßstäben Gäas war der Strang nur klein, nur einer von 200 allein in dieser Trosse. Und doch war er so ein hoch aufragendes Wrack, so rasch der Verrottung und Auflösung verfallen. Bei seinem Sturz mußte Gäas gesamte Oberfläche unter den Schwingungen gedröhnt haben. Und niemand hatte diesbezüglich etwas unternommen. Sie sagte nichts, aber es war schwer, die Überreste zu be- trachten und doch weiter zu glauben, daß sich immer noch jemand um die Maschine kümmerte., KAPITEL ZWÖLF Zwei Tage nach ihrer Erforschung des Kabelinneren erreich- te die Besatzung der Titanic den Rand des tropischen Wal- des. Das Land war nie bergig gewesen außer in der Nähe des Kabels; jetzt wurde es so flach wie ein Billardtisch, und der Ophion breitete sich kilometerweit in alle Richtungen aus. Es gab keine Uferlinie mehr. Die einzigen Merkmale für das Ende des Flusses und den Beginn des Sumpflandes bil- deten ein Saum aus hohem Gras, das im flachen Wasser wurzelte, und die gelegentlich meterhohe Schlammbank. Über allem breitete sich eine Wasserschicht aus, selten tie- fer als zehn Zentimeter, außer in den verschlungenen Irr- gärten sumpfiger Neben- und Altwasser, schmaler Buchten und Brackwasserarme. Diese wurden von großen Aalen und nilpferdgroßen einäugigen Schlammfischen freigehalten und weiter vertieft. In dieser Gegend traten drei Arten von Bäumen auf und wuchsen in weit verstreuten Gruppen. Die Art, die Cirocco gefiel, sah aus wie Glasplastiken, mit geraden, durchsichti- gen Stämmen und regelmäßigen Ästen in kristallartiger An- ordnung. Die kleinsten Zweige waren Fäden, die man in der Glasfaseroptik hätte benutzen können. Wenn der Wind blies, brachen die schwächsten Zweige ab. Aufgesammelt und an, einem Ende mit Fallschirmtuch umwickelt, ergaben sie her- vorragende Messer. Wegen dem Blitzeffekt, der hervorgeru- fen wurde, wenn die Fäden sich bewegten, benannte Cirocco die Bäume ›X-mas‹, Weihnachtsbäume. Die übrige größere Vegetation entsprach weniger Ciroccos Geschmack. Eine Pflanze – es schien unpassend, sie als Baum zu bezeichnen, auch wenn sie groß genug war – war eher pilzartig und ähnelte einem Haufen von dem, was man auf dem Boden jeder Rinderfarm finden konnte. Bill nannte sie deshalb ›Dungs‹. Bei näherer Betrachtung konnte man erkennen, daß es darin eine interne Struktur gab, jedoch wollte niemand zu nahe herangehen, denn die Bäume ro- chen zu sehr nach dem, wonach sie aussahen. Dann gab es noch Bäume, die es besser schafften, wie solche auszusehen. Sie hatten etwas von der Zypresse an sich und ein wenig von der Weide und wuchsen in unordent- lichen Gewirren, umrankt von Schlingpflanzen, die sich be- mühten, sie herabzuziehen. Dieses Land war fremdartig, in einer weit unangenehme- ren Art und Weise, als es beim Hochland der Fall gewesen war. Der Dschungel, den sie hinter sich gelassen hatten, war nicht zu verschieden von dem des Amazonas oder Kongo. Hier sah jedoch nichts vertraut aus, alles war mißgestaltet und bedrohlich. Ein Lager aufzuschlagen war unmöglich. Sie fingen an, das Boot an Bäume zu binden und darin zu schlafen. Alle zehn bis zwölf Stunden regnete es. Sie bauten Fallschirmtuch- Zelte über dem Bug auf, aber das Wasser sickerte herein und bildete Pfützen auf dem Boden. Das Wetter war heiß, jedoch herrschte eine solche Feuchtigkeit, daß überhaupt nichts mehr trocken wurde. Bei dem Schlamm, der Hitze, Feuchtigkeit und dem, Schweiß wurden sie reizbar. Sie bekamen zu wenig Schlaf, schafften oft nicht mehr als ein unregelmäßiges Dösen, während sie frei hatten, und alles wurde noch schlimmer, wenn sie alle drei zu schlafen versuchten und es damit en- dete, daß sie um den beschränkten Platz auf dem gekrümm- ten Boden der Titanic kämpften. Cirocco erwachte aus einem Alptraum, in dem sie nicht mehr atmen konnte. Sie setzte sich auf und spürte, wie sich der Kleiderstoff von ihrer Haut schälte. Zwischen ihren Fin- gern und Zehen, unter dem Nacken und in ihrem Schoß fühlte sie sich klebrig. Gaby nickte ihr beim Aufstehen zu und wandte ihre Auf- merksamkeit wieder dem Fluß zu. »Rocky«, sagte Bill. »Da ist etwas, was du…« »Nein«, sagte sie und hob die Hände. »Verdammt, ich will Kaffee. Für Kaffee würde ich töten.« Gaby lächelte pflichtbewußt, aber es wirkte angestrengt. Sie wußten inzwischen, daß Cirocco nur langsam ansprang. »Kein Spaß. Okay.« Finster starrte sie auf die Landschaft, die so verrottet und verfallen aussah, wie sie sich fühlte. »Gebt mir nur eine Minute, bevor ihr anfangt, mir Fragen zu stellen«, sagte sie. Sie kämpfte sich aus ihren anhaftenden Kleidern und sprang in den Fluß. Das war besser, aber nicht viel. Sie bewegte sich auf und ab, trat Wasser, hielt sich neben dem Boot und dachte an Seife, bis ihre Füße etwas Glitschi- ges berührten. Sie wartete nicht, bis sie herausfand, was es war, sondern zog sich hastig über die Bordwand und stand wieder im Boot, während sich Wasserpfützen um ihre Füße bildeten. »So. Was wolltest du?« Bill deutete zum Nordufer., »Wir haben dort drüben Rauch gesehen. Du kannst jetzt noch etwas erkennen, direkt links von dieser Baumgruppe.« Cirocco lehnte sich über den Bootsrand und sah es: eine dünne graue Linie vor dem Hintergrund der fernen Nord- wand. »Dann wollen wir das Boot aufs Ufer setzen und nach- schauen.« Es war eine langwierige, strapaziöse Plackerei durch knietie- fen Schlamm und stehendes Wasser. Bill führte. Sie wurden aufgeregt, als sie um den großen Dung-Baum herumkamen, der ihnen den Blick verstellt hatte. Cirocco erschnupperte einen leichten Rauchgeruch über dem stärkeren Gestank des Baumes und eilte über den glitschigen Boden. Just in dem Moment, als sie das Feuer erreichten, fing es an zu regnen. Es war kein starker Regen, aber das Feuer war auch nicht stark. Es sah aus, als hätten sie nichts davon zu erwarten außer Ruß an ihren Beinen. Bei dem Feuer handelte es sich um ein unregelmäßiges Schwelfeuer, das etwa einen Hektar bedeckte und an den Rändern ungleichmäßig glomm. Noch während sie zusahen, begann der graue Rauch unter dem strömenden Regen weiß zu werden. Dann leckte eine Flammenzunge in wenigen Me- tern Entfernung von unten her an einem Busch. »Besorgt etwas Trockenes!« befahl Cirocco. »Irgendwas, ein bißchen Sumpf gras und dazu ein paar Äste. Beeilt euch, es geht uns sonst aus.« Bill und Gaby rannten in verschie- dene Richtungen davon, während sich Cirocco neben den Busch kniete und hineinblies. Sie ignorierte den Rauch in den Augen und blies weiter, bis ihr schwindelig wurde. Schon bald war sie damit beschäftigt, ausreichend trocke- nes Holz aufzustapeln. Endlich konnte sie sich zurücksetzen, und sich sicher fühlen, daß es weiter brennen würde. Gaby schrie und warf einen Stock so hoch, daß er fast nicht mehr zu sehen war, bevor er anfing, wieder herabzufallen. Cirocco grinste, als Bill ihr auf den Rücken hieb. Es war nur ein klei- ner Sieg, aber es konnte ein wichtiger sein. Sie fühlte sich großartig. Als der Regen aufhörte, brannte das Feuer immer noch. Das Problem lag darin, wie sie es am Brennen halten konn- ten. Sie diskutierten stundenlang darüber, versuchten und verwarfen verschiedene Lösungen. Es erforderte den Rest des Tages und den größten Teil des nächsten, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Aus dem Sumpflehm formten sie zwei Schüsseln, brannten sie sorg- fältig und trockneten dann eine große Menge Holz, die äu- ßerst langsam brannte. Als das erledigt war, entzündeten sie in beiden Schüsseln kleine Feuer. Es erschien ihnen rat- sam, eines als Reserve zu haben. Der Plan würde erfordern, daß sich ständig jemand um das Feuer kümmerte, aber sie waren entschlossen, das zu tun, bis sie eine bessere Lösung fanden. Als sie fertig waren, war schon fast wieder Schlafenszeit. Cirocco wollte sehen, ob sie es noch schaffen konnten, tro- ckenen Grund zu erreichen, und sie traute ihren Vorkehrun- gen für das Feuer nicht wirklich, aber Bill schlug vor, zuerst etwas zu erlegen. »Ich bin dabei, dieser Melonen ganz schön überdrüssig zu werden«, sagte er. »Meine letzte schmeckte widerlich.« »Ja, aber hier gibt es keine Lächler. Ich habe seit Tagen keinen gesehen.« »Dann erlegen wir etwas anderes. Wir brauchen Fleisch.«, Es stimmte, daß sie in letzter Zeit nicht gut gegessen hat- ten. Der Sumpf bot nichts, was der Überfülle an fruchttra- genden Pflanzen entsprach, die sie im Wald vorgefunden hatten. Die einzige einheimische Pflanze, die sie probiert hatten, schmeckte nach Mango und verursachte Durchfall. Auf dem Boot war das einem inneren Kreis der Hölle ver- gleichbar. Seitdem hatten sie sich auf gelagerte Vorräte ver- lassen. Sie beschlossen, daß der große Schlammfisch die nahelie- gendste Beute war. Wie alle anderen Tiere, denen sie be- gegnet waren, widmeten ihnen die Fische kaum Beachtung. Alles andere war zu klein und zu schnell, oder – wie die Rie- senaale – zu groß. Dem Schlammfisch gefiel es, mit vergrabenem Maul im Schlick zu stecken, und er bewegte sich durch Hin- und Her- schlagen des Schwanzes. Cirocco und Gaby und Bill hatten bald einen umzingelt. Sie sahen ihn zum erstenmal aus der Nähe. Cirocco war noch nie eine so häßliche Kreatur begegnet. Sie war etwa drei Meter lang, am Bauch flach und in der Mitte zwischen ihrem stumpfen Maul und einem übel aussehenden horizontalen Schwanzwiderhaken ausgebaucht. Den Rücken entlang zog sich ein langer grauer Kamm, weich und lappig wie der ei- nes Hahnes, aber schleimig. Er schwoll und schrumpfte rhythmisch. »Bist du sicher, daß du das essen willst?« »Wenn es lange genug stillhält.« Cirocco war vier Meter vor dem Schlammfisch postiert, während sich Gaby und Bill von den Seiten näherten. Alle drei hatten sie sich Schwerter aus abgebrochenen Xmas- Baum-Ästen gemacht. Der Schlammfisch hatte ein Auge von der Größe einer Tortenplatte. An einer Stelle hob sich der, Augenrand, bis das Tier Bill anblickte. Er erstarrte. Der Fisch machte ein schnüffelndes Geräusch. »Bill, das gefällt mir nicht.« »Mach dir keine Sorgen. Er blinzelt, siehst du?« Ein Strom Flüssigkeit sprudelte aus einem Loch oberhalb des Auges und erzeugte dabei das Schnüffeln, das sie gehört hatte. »Er hält sein Auge feucht. Keine Lider.« »Wenn du meinst.« Sie wedelte mit den Armen, und der Fisch wandte prompt den Blick von Bill ab und richtete ihn auf sie. Sie wußte nicht sicher, ob das eine Verbesserung der Lage war, machte jedoch auf ihren Fußballen einen Schritt vorwärts. Der Fisch sah gelang weilt weg. Bill kam heran, raffte sich auf und stieß sein Schwert di- rekt hinter dem Auge durch das Fleisch, lehnte sich darauf. Der Fisch zuckte, als Bill das Holz losließ und zurücksprang. Nichts geschah. Das Auge bewegte sich nicht, und die Or- gane auf dem Fischrücken schwollen nicht länger auf und ab. Cirocco entspannte sich und sah, daß Bill grinste. »Zu leicht«, meinte er. »Wann wird dieser Ort uns eine Herausforderung bieten?« Er packte den Griff des Schwertes und zog es heraus. Dunkles Blut sprudelte ihm über die Hand. Der Fisch bog sich, führte Maul und Schwanz zusam- men und schwang dann den Schwanz seitwärts und auf Bills Kopf herab. Er grub sich gewandt unter Bills reglosen Körper und schleuderte ihn in die Luft. Cirocco konnte nicht einmal sehen, wo er wieder herun- terkam. Wieder wölbte sich der Fisch, wobei er diesmal auf dem Bauch balancierte und sowohl Maul als auch Schwanz in der Luft hielt. Zum erstenmal sah sie den Mund. Er war rund wie bei einem Neunauge, und besaß zwei Reihen von Zähnen, die gegeneinander rotierten und klapperten. Der Schwanz schlug auf den Schlamm, und der Fisch sprang, nach Cirocco. Sie tauchte flach auf den Boden und pflügte mit dem Kinn eine Schlammwelle auf. Hinter ihr plumpste der Fisch herab, wölbte sich und schnipste fünfzig Kilo Schlamm in die Luft, indem er wie wahnsinnig mit dem Schwanz peitschte. Die scharfe Flosse zerschnitt den Boden vor Ciroccos Gesicht, hob sich dann für einen weiteren Versuch. Auf Händen und Knien hastete sie davon und glitt jedesmal aus, wenn sie aufzustehen versuchte. »Rocky! Spring!« Sie tat es und entging knapp einem Verlust ihres Armes, als der Fischschwanz wieder auf den Boden schlug. »Weg, weg! Er ist hinter dir her!« Ein kurzer Blick nach hinten zeigte ihr nur rotierende Zäh- ne. Alles, was sie hören konnte, war deren schreckliches Summen. Er wollte sie fressen. Sie steckte bis zu den Knien im Morast und steuerte auf tieferes Wasser zu, was keine gute Idee zu sein schien, aber jedesmal, wenn sie umzudrehen versuchte, peitschte der Schwanz aus dem Matsch heraus. Schon bald war sie durch das ständige Sperrfeuer aus schmutzigem Wasser geblen- det. Sie rutschte aus, und bevor sie sich wieder aufraffen konnte, krachte der Schwanz seitlich gegen ihren Kopf. Sie war noch bei Bewußtsein, aber ihre Ohren dröhnten, als sie sich herumwälzte und nach ihrem Schwert tastete. Der Schlamm hatte es verschluckt. Der Fisch war noch einen Meter weit entfernt und krümmte sich zu einem weiteren Sprung, der sie zermalmen würde, als Gaby heranstürmte. Ihre Füße berührten kaum den Boden. Sie traf Cirocco mit einem Angriff aus dem Sprung heraus, fest genug, um Zäh- ne zu lockern, und der Fisch schnellte, und sie alle drei rutschten drei Meter weit durch den Morast., Cirocco nahm wie von ferne eine schleimige nasse Wand unter einem Fuß wahr. Sie fand Halt. Der Fisch peitschte wieder nach ihnen, während Gaby Cirocco durch den Schlamm schwimmend mit sich zog. Dann ließ sie los, und Cirocco steckte den Kopf aus dem Wasser und schnappte nach Luft. Sie sah den Rücken Gabys, die sich der Kreatur entgegen- stellte. Der Schwanz kam auf der Höhe ihres Nackens her- angezischt, tödlich wie eine Sense, aber sie duckte sich und hielt das Schwert hoch. Es brach dicht über dem Griff ab, aber die scharfe Kante schnitt eine große Lasche in die Flos- se. Der Fisch geriet noch mehr in Raserei. Wieder sprang Gaby, direkt vor den scheußlichen Zähnen, und landete auf dem Rücken der Kreatur. Sie stach mit dem Schwertgriff in das Auge und schlitzte abwärts, anstatt zu stoßen, wie Bill es getan hatte. Der Fisch warf sie ab, hatte aber jetzt keine Orientierung mehr. Wütend hämmerte die Schwanzflosse auf den Boden, während Gaby auf eine Möglichkeit wartete, ihm erneut einen Schnitt beizubringen. »Gaby!« schrie Cirocco. »Laß ihn! Setz nicht dein Leben aufs Spiel!« Gaby blickte kurz zurück und eilte dann zu Cirocco. »Wir sollten besser von hier verschwinden! Kannst du ge- hen?« »Sicher, ich…« Der Boden kreiste. Sie klammerte sich an Gabys Ärmel, um das Gleichgewicht wiederzufinden. »Halt dich fest! Dieses Ding kommt näher.« Cirocco konnte nicht sehen, was sie meinte, weil Gaby sie hochhob, bevor sie wußte, was geschah. Sie war zu schwach und verwirrt, um dagegen anzukämpfen, als Gaby sie aus dem Morast schleppte, mit einem Feuerwehrmannsgriff über die Schulter gelegt., Sie wurde sanft auf einen Flecken Gras gelegt, und dann sah sie Gabys Gesicht über sich schweben. Tränen liefen ihr über die Wangen herab, während sie vorsichtig Ciroccos Kopf betastete und die Hände dann zur Brust weiterführte. »Au!« Cirocco zuckte zusammen und krümmte sich vor Schmerz. »Ich glaube, du hast mir eine Rippe gebrochen.« »Oh, mein Gott. Als ich dich hochgehoben habe? Es tut mir leid, Rocky, ich…« Cirocco faßte ihr an die Wange. »Nein, Dummkopf, als du mich getroffen hast wie die Frontlinie der Riesen. Und ich bin glücklich, daß du es getan hast.« »Ich möchte deine Augen untersuchen. Ich dachte, du…« »Keine Zeit. Hilf mir auf! Wir müssen nach Bill sehen.« »Zuerst du. Leg dich einfach zurück. Du solltest nicht…« Cirocco schob ihre Hand weg und erhob sich auf die Knie, bevor sie wieder vornüberklappte und sich erbrach. »Siehst du, was ich meine? Du mußt hierbleiben.« »In Ordnung«, würgte sie. »Geh und finde ihn, Gaby! Kümmere dich um ihn! Bring ihn lebend hierher zurück!« »Laß mich nur deine…« »Geh!« Gaby biß sich auf die Lippe, blickte flüchtig zu dem Fisch hinüber, der sich in einiger Entfernung immer noch hin- und herwarf, und sah gequält aus. Dann sprang sie auf die Füße und rannte davon. Cirocco hoffte, daß es die richtige Rich- tung war. Sie saß da, hielt sich den Bauch und fluchte leise, bis Gaby zurückkehrte. »Er lebt«, sagte sie. »Total kalt, und ich glaube, er ist ver- letzt.« »Wie schlimm?« »Er hat Blut am Bein, an den Händen und auf dem ganzen, Gesicht. Einiges davon ist aber Fischblut.« »Ich habe dir gesagt, daß du ihn herbringen sollst«, knurr- te Cirocco und versuchte, einen weiteren Anfall von Übelkeit zu unterdrücken. »Ssssh«, besänftigte Gaby sie und rieb mit der Hand leicht über Ciroccos Stirn. »Ich kann ihn nicht bewegen, solange es mir nicht gelungen ist, eine Bahre zu machen. Zuerst werde ich dich zum Boot zurückbringen und dort niederbet- ten. – Still! Wenn ich dich niederkämpfen muß, werde ich es tun. Du möchtest doch keinen Kinnhaken einstecken, oder?« Cirocco war danach, selbst einen Faustschlag auszuteilen, aber die Übelkeit überwand dieses Bedürfnis. Sie legte sich zurück, und Gaby hob sie hoch. Sie erinnerte sich daran, gedacht zu haben, wie lächerlich sie dabei ausgesehen haben mußten: Gaby war 150 Zenti- meter groß, Cirocco 185. Bei der niedrigen Schwerkraft mußte Gaby vorsichtig zu Werk gehen, aber das Gewicht war kein Problem. Die Welt drehte sich nicht mehr so schlimm, wenn sie die Augen zumachte. Sie legte den Kopf an Gabys Schulter. »Danke, daß du mein Leben gerettet hast«, sagte sie und wurde ohnmächtig. Sie erwachte durch das Schreien eines Mannes. Das war ein Laut, den sie niemals wieder hören wollte. Bill war halb bei Bewußtsein. Cirocco setzte sich auf und faßte sich vorsichtig an die Schläfe. Es schmerzte, aber der Schwindel war weg. »Komm her und leih mir eine Hand!« sagte Gaby. »Wir müssen ihn niederhalten, oder er wird sich selbst verlet- zen.« Sie eilte an Gabys Seite. »Wie schlimm steht es mit ihm?«, »Wirklich schlimm. Sein Bein ist gebrochen. Wahrschein- lich auch ein paar Rippen, aber er hat kein Blut gespuckt.« »Wo ist der Bruch?« »Schien- oder Wadenbein. Ich weiß nicht, welcher was ist. Ich dachte, es wäre eine Fleischwunde, bis ich ihn auf die Bahre legte. Er fing an zu kämpfen, und der Knochen stach hervor.« »Jesus!« »Zumindest verliert er nicht viel Blut.« Cirocco spürte wieder ein Zucken im Magen, während sie die gezackte tiefe Wunde an Bills Bein untersuchte. Gaby wusch sie mit ausgekochten Fallschirmtuchfetzen. Jedesmal, wenn sie sie berührte, schrie er rauh. »Was willst du machen?« fragte Cirocco, sich vage dessen bewußt, daß sie ihr das befehlen sollte, anstatt zu fragen. Gaby wirkte gequält. »Ich finde, du solltest Calvin rufen.« »Was soll das nützen? Oh, ja, ich werde diesen Hundesohn rufen, aber du hast selbst gesehen, wie lange er das letzte- mal gebraucht hat. Wenn Bill tot ist, bis er hier ankommt, werde ich ihn töten.« »Dann müssen wir den Knochen einrichten.« »Weißt du, wie das geht?« »Ich habe einmal zugeschaut«, sagte Gaby. »Das geschah aber bei Narkose.« »Was wir haben, ist ein Haufen Fetzen, und ich hoffe nur, daß sie sauber sind. Ich halte seine Arme fest. Wart eine Minute!« Sie trat neben Bill und blickte auf ihn hinab. Er starrte ins Nichts, und seine Stirn fühlte sich heiß an, als sie sie berührte. »Bill? Hör mir zu! Du bist verletzt, Bill.« »Rocky?« »Ich bin es. Es wird alles wieder in Ordnung sein, aber, dein Bein ist gebrochen. Verstehst du?« »Ich verstehe«, flüsterte er und schloß die Augen. »Bill, wach auf! Wir brauchen deine Hilfe. Du darfst nicht gegen uns kämpfen. Kannst du mich hören?« Er hob den Kopf und blickte auf sein Bein hinab. »Ja«, keuchte er und wischte sich mit seiner schmutzigen Hand übers Gesicht. »Ich werde wieder in Ordnung kommen. Bring’s hinter uns, ja?« Cirocco nickte Gaby zu, die eine Grimasse schnitt und zerrte. Es bedurfte dreier Versuche und hinterließ beide Frauen erschüttert. Beim zweiten Zug trat das Knochenende mit einem schmatzenden Geräusch hervor, das Cirocco wieder erbrechen ließ. Bill trug es tapfer; sein Atem ging pfeifend, und die Nackenmuskeln standen wie Seile hervor, aber er schrie nicht mehr. »Ich wünschte, ich wüßte, wie gut wir das hingekriegt ha- ben«, meinte Gaby. Dann fing sie an zu weinen. Cirocco wandte sich von ihr ab und schiente Bills Bein. Als sie damit fertig war, hatte er das Bewußtsein verloren. Sie stand auf und hielt die blutigen Hände hoch. »Wir müssen weiter«, sagte sie. »Hier ist es ungünstig. Wir müssen eine Stelle finden, wo es trocken ist, dort ein Lager aufschlagen und darauf warten, bis es ihm besser geht.« »Wahrscheinlich sollte er nicht bewegt werden.« »Nein«, seufzte sie. »Aber es muß sein. In einem Tag soll- ten wir das Hochland erreicht haben, das wir schon vorher gesehen haben. Auf geht’s!«, KAPITEL DREIZEHN Es dauerte zwei Tage statt nur einen, und sie waren schrecklich. Sie hielten oft an, um Bills Verbände zu sterilisieren. Die von ihnen zum Erhitzen von Wasser benutzte Schale war keineswegs so gut wie ein Keramiktopf; Stücke bröckelten von ihr ab, sie neigte zum Schmelzen und hinterließ das Wasser getrübt, das fast eine Stunde brauchte, bis es koch- te, denn der Druck in Gäa war größer als eine Atmosphäre. Gaby und Cirocco konnten ein paar Stunden zum Schlafen abzweigen, immer jeweils eine, wenn der Fluß ruhig und breit war. Aber über gefährliche Strecken hinweg mußten sie beide aufpassen, daß das Boot nicht auf Grund lief. Wei- terhin gab es regelmäßig Regen. Bill schlief, und als er nach den ersten vierundzwanzig Stunden erwachte, wirkte er fünf Jahre gealtert. Sein Ge- sicht war grau. Als Gaby den Verband wechselte, bemerkte sie, daß seine Wunde nicht gut aussah. Der Unterschenkel und der größte Teil des Fußes hatten beinahe das Doppelte ihres üblichen Umfangs. Als sie den Sumpf hinter sich ließen, war er im Delirium. Er schwitzte sehr stark und hatte hohes Fieber. Früh am zweiten Tag nahm Cirocco Verbindung zu einem vorbeiziehenden Blimp auf und erhielt von ihm als Antwort den hohen, ansteigenden Pfeifton, der laut Calvin »Okay, ich werde ihnen Bescheid sagen« bedeutete. Sie begann jedoch bereits zu fürchten, daß es zu spät war. Sie sah zu, wie der Blimp gelassen auf das gefrorene Meer zusegelte und fragte, sich, warum sie darauf bestanden hatte, den Wald zu ver- lassen. Und wenn sie es schon mußten, warum dann nicht in Whistlestop über alles hinwegsegeln, weit weg von schreck- lichen Dingen wie Schlammfischen, die sich zu sterben wei- gerten? Ihre Gründe waren immer noch so stichhaltig wie vorher, aber das hinderte sie nicht daran, sich Vorwürfe zu machen. Gaby konnte nicht mit Blimps fliegen, und sie mußten einen Weg hinaus finden. Aber sie dachte, daß es einfachere und mehr zufriedenstellende Dinge geben mußte als die Verant- wortung für das Leben anderer, und sie war ihres eigenen Lebens überdrüssig. Sie wollte raus, wollte, daß jemand an- ders ihr die Last abnahm. Wie hatte sie jemals denken kön- nen, daß sie ein Kapitän sein konnte? Was hatte sie richtig gemacht, seitdem sie das Kommando über die Ringmeister angetreten hatte? Was sie wirklich wollte, war einfach, aber so schwer zu finden. Sie wollte Liebe, wie jeder andere auch. Bill hatte gesagt, daß er sie liebte; warum konnte sie ihm nicht das- selbe sagen? Sie hatte gedacht, es vielleicht eines Tages sa- gen zu können, aber jetzt sah es danach aus, als ob er ster- ben würde, und sie trug für ihn die Verantwortung. Sie wollte auch Abenteuer erleben. Dieser Wunsch hatte sie ihr ganzes Leben lang angetrieben, angefangen mit dem ersten Comic-Buch, das sie öffnete, dem ersten Weltraum- Dokumentarfilm, den sie mit großen Augen als Kind ange- schaut hatte, den ersten alten Schwarzweißflachfilmen mit ihren Eisenfressern und den voll-farbigen Western, die sie gesehen hatte. Der Durst danach, etwas Unerhörtes und Heldenhaftes zu tun, hatte sie nie verlassen. Er hatte sie von einer Karriere als Sängerin abgebracht, die ihre Mutter gewollt hatte, und der Hausfrauenrolle, die alle anderen von, ihr verlangten. Sie wollte hinabstoßen auf die Ebene von Raumpiraten und flammenden Lasern, wollte mit einer Ban- de wilder Revolutionäre durch den Dschungel schleichen, um einen Nachtangriff auf das Bollwerk des Feindes durchzufüh- ren, wollte nach dem Heiligen Gral suchen oder den Todes- stern vernichten. Als Erwachsene hatte sie andere Gründe gefunden, um sich durch das College zu kämpfen und darauf zu trainieren, die Beste zu sein, die es gab, so daß, als die Möglichkeit kam, niemand sonst für die Saturnmission aus- gewählt werden konnte. Jedoch war es unter allem anderen auch die Sucht, zu reisen und fremde Orte zu sehen und Dinge zu tun, die noch nie zuvor jemand getan hatte, die sie auf die Decks der Ringmeister geführt hatte. Jetzt hatte sie ihr Abenteuer. In einer Nußschale schwamm sie im Inneren des gewaltigsten Bauwerks, das je ein menschliches Auge erblickt hatte, einen Fluß hinab, und ein Mann, der sie lieb- te, lag im Sterben. Osthyperion war ein Land sanftwelliger Hügel und langge- streckter Ebenen, durchsetzt mit windschiefen Bäumen wie auf einer afrikanischen Savanne. Der Ophion wurde enger und begann dahinzueilen, wurde gleichzeitig auf geheimnis- volle Weise kälter. Für fünf oder sechs Kilometer schwammen sie dahin, auf die Gnade des Flusses angewiesen, vorbei an niedrigen Klip- pen, die steil zum Ufer abstürzten. Die Titanic konnte nicht gesteuert werden, wenn sie schnell fuhr. Cirocco hielt nach einer Verbreiterung des Flusses und einer Landestelle Aus- schau. Sie fand sie, und sie verbrachten zwei Stunden, indem sie mit Stangen und Paddeln gegen die Strömung kämpften, um das Boot an das felsige Ufer zu bringen. Sie beide hiel-, ten sich nur noch mit ihren letzten Kraftreserven aufrecht. Noch bedrohlicher war, daß es im Boot keine Nahrung mehr gab und Osthyperion ziemlich unfruchtbar aussah. Sie zerrten die Titanic das Ufer hinauf, wobei sie auf den glitschigen Steinen ausrutschten, die durch das Wasser ab- geschliffen waren. Sie zerrten das Boot so weit hinauf, bis sie Gewißheit hatten, daß es außer Gefahr war. Bill war sich der Bewegung nicht bewußt. Er hatte schon lange nichts mehr gesagt. Cirocco wachte bei Bill, während Gaby in einen totenähnli- chen Schlaf fiel. Sie hielt sich wach, indem sie die Gegend in hundert Metern Umkreis um die Lagerstelle erforschte. Zwanzig Meter vom Flußufer entfernt war eine niedrige Böschung. Sie kletterte hinauf. Osthyperion schien eine hervorragende Gegend für Farmer zu sein. Weite Landflächen wirkten wie gelbe Weizenfelder in Kansas. Verdorben wurde die Illusion durch andere Ge- genden, die rostrot waren oder von einem mit Orange ver- mischten Blaßblau. Alles wogte im Wind wie hohes Gras. Dunkle Schatten zogen vorüber, und manche Wolken hingen so tief, daß sie in den Tälern der Nebenarme Nebelbänke bildeten, sogar im Sonnenlicht. Im Osten erstreckten sich die Hügel zur Dämmerungszone von Westrhea, wobei sie allmählich eine grüne Färbung an- nahmen, bei der es sich um Wald handeln mußte, bis sie sie in der Dunkelheit wieder verloren, um sich in kahle felsige Berge zu verwandeln. Im Westen flachte sich das Land ab, in dem die Seen und Moore der Schlammfischsümpfe glit- zerten, wenn sie das Sonnenlicht auffingen. Dahinter er- streckte sich das dunklere Grün des tropischen Waldes, und weiter die Krümmung hinauf gab es noch mehr Ebenen, die in der Dämmerung von Ozeanus mit seinem gefrorenen, Meer verschwanden. Während sie die fernen Hügel forschend betrachtete, sah sie eine Gruppe von Tieren: schwarze Punkte vor dem gel- ben Hintergrund. Zwei oder drei der Punkte schienen größer zu sein als die anderen. Sie wollte gerade zum Zelt zurückkehren, als sie die Musik hörte. Sie war so schwach und ferne, daß sie nun glaubte, sie bereits seit einiger Zeit gehört zu haben, ohne sie als das zu erkennen, was sie war. Die Musik bestand aus einer Gruppe rasch aufeinanderfolgender Klänge, gefolgt von ei- ner langgezogenen Note, schmerzlich süß und klar. Sie sprach von Stille und einem Seelenfrieden, den, wie Cirocco dachte, sie vielleicht nie wieder erleben würde, und sie war ihr vertraut wie ein in der eigenen Kindheit gehörtes Wie- genlied. Sie ertappte sich dabei, lautlos zu weinen, war so still, wie sie nur konnte, und bat den Wind, mit ihr zu schweigen. A- ber das Lied war verklungen. Die Titanide fand sie, während sie das Zelt abbrachen, be- vor sie Bill transportierten. Sie stand oben auf der Böschung an der Stelle, wo tags zuvor Cirocco gesessen hatte. Cirocco wartete darauf, daß die Fremde den ersten Zug machte, a- ber sie schien dieselbe Idee zu haben. Das naheliegendste Wort für dieses Wesen war Zentaur. Sie hatte einen unteren Körperteil von Pferdegestalt und ei- ne obere Hälfte, die erschreckend menschlich wirkte. Ciroc- co war nicht ganz sicher, ob sie überhaupt daran glaubte. Das Wesen entsprach nicht Disneys Vorstellungen von Zentauren, noch hatte es viel mit dem klassischen griechi- schen Modell zu tun. Es hatte eine Menge Haare, jedoch war bleiche nackte Haut das vorherrschende Kennzeichen. Es besaß große vielfarbige Haarkaskaden auf Kopf und, Schwanz sowie den unteren Teilen aller vier Beine und den Unterarmen. Am merkwürdigsten war das Haar zwischen den beiden Vorderbeinen an der Stelle, wo ein anständiges Pferd – das Ciroccos Verstand weiterhin zu sehen versuchte – nichts außer glattem Fell besaß! Das Wesen trug einen Schäferstab und außer ein paar kleinen Schmuckstücken keinerlei Kleidung. Cirocco wußte sofort, daß es sich hierbei um eine der Ti- taniden handelte, von denen Calvin gesprochen hatte, ob- wohl er bei der Übersetzung einen Fehler gemacht hatte. Sie – Calvin hatte gesagt, sie seien allesamt weiblich – war nicht sechsbeinig, sondern sechsgliedrig. Cirocco trat einen Schritt vor, und die Titanide legte sich eine Hand an den Mund, streckte sie dann in einer raschen Geste aus. »Halte Ausschau!« rief sie. »Sei bitte vorsichtig.« Für den Bruchteil einer Sekunde fragte Cirocco sich, wo- von die Titanide sprach, aber diese Überlegung verschwand rasch unter Erstaunen. Die Titanide hatte weder Englisch, Russisch noch Französisch gesprochen, bislang die einzigen Sprachen, die Cirocco beherrschte. »Was zum…« Sie hielt inne und schluckte. Einige der Wör- ter waren ziemlich hoch gestimmt. »Worum geht es? Sind wir in Gefahr?« Das Fragestellen war schwer und erforderte eine verwickelte Appoggiatur. »Ich habe wahrgenommen, daß ihr es seid«, sang die Titanide. »Ich fühlte, ihr würdet gewiß fallen. Aber ihr müßt am besten wissen, was für eure Art richtig ist.« Gaby betrachtete Cirocco seltsam. »Was, zum Teufel, ist los?« wollte sie wissen. »Ich kann sie verstehen«, sagte Cirocco, die nicht den Wunsch verspürte, mehr in die Tiefe zu gehen. »Sie hat ge-, sagt, wir sollten vorsichtig sein.« »Vorsichtig… was?!«. »Wie hat Calvin den Blimp verstanden? Etwas hat in unse- ren Gehirnen gepfuscht, Süße. Gerade jetzt wird es greifbar, also sei still!« Sie machte hastig weiter, bevor noch mehr Fragen gestellt werden konnten, denn sie kannte auf keine die Antwort. »Seid ihr das Volk der Sümpfe?« fragte die Titanide. »O- der kommt ihr vom gefrorenen Meer?« »Weder noch«, antwortete Cirocco. »Wir haben die Sümp- fe durchquert auf unserem Weg zu… zum Meer des Bösen, aber einer von uns ist verletzt. Wir haben nicht vor, euch zu schädigen.« »Ihr werdet mir wenig Schaden zufügen, wenn ihr zum Meer des Bösen geht, denn ihr werdet sterben. Ihr seid zu groß, um Engel zu sein, die ihre Flügel verloren haben, und zu schön für Geschöpfe des Meeres. Ich gestehe, noch nie welche wie euch gesehen zu haben.« »Wir… könntest du zu uns ans Ufer kommen? Meine Stimme ist schwach; der Wind trägt sie nicht!« »Ich werde im Handumdrehen dort sein.« »Rocky«, zischte Gaby. »Sieh nur, sie wird herunterkom- men!« Sie stellte sich vor Cirocco und hielt ihr Glasschwert bereit. »Das weiß ich«, sagte Cirocco und rang mit Gabys Schwertarm. »Ich habe sie darum gebeten. Steck das weg, bevor sie falsche Schlüsse zieht, und halt dich zurück! Ich werde schreien, wenn es Ärger gibt.« Die Titanide kam die Klippe mit den Vorderbeinen zuerst herab, die Arme zur Balance ausgestreckt. Sie tanzte be- hende, ritt auf dem kleinen Erdrutsch herab, den sie erzeugt hatte, trabte dann auf sie zu. Ihre Füße machten ein ver-, trautes Klopfgeräusch auf den Steinen. Sie war dreißig Zentimeter größer als Cirocco, die sich da- bei ertappte, einen Schritt zurückzuweichen, als die Titanide dicht herankam. Selten in ihrem Leben hatte sie eine größe- re Frau getroffen, aber dieses weibliche Geschöpf hätte je- den überragt, ausgenommen einen Basketballprofi. Aus der Nähe betrachtet wirkte sie fremdartiger denn je, und zwar genau deswegen, weil sie stellenweise so menschlich war. Eine Reihe roter, orangefarbener und blauer Streifen, die Cirocco für natürliche Zeichnungen gehalten hatte, stellte sich als aufgemalt heraus. Sie waren zu Mustern angeordnet und überwiegend auf Gesicht und Brust beschränkt. Vier Sparrenstreifen schmückten ihren Gürtel, direkt über der Stelle, wo ihr Nabel gewesen wäre, hätte es den gegeben. Ihr Gesicht war groß genug, um die Breite von Nase und Mund passend erscheinen zu lassen. Die Augen waren au- ßergewöhnlich groß und standen weit auseinander. Die Iris war strahlend gelb, und sternförmige grüne Streifen um- rahmten weiße Pupillen. Die Augen waren so erstaunlich, daß Cirocco den am stärksten nichtmenschlichen Zug des Gesichtes fast nicht bemerkt hätte. Sie hatte sie für eine komische Blumensorte gehalten, die hinter die Ohren gesteckt war, aber sie erwies sich als die Ohren selbst. Die spitzen Enden reichten bis ü- ber den Scheitel. »Man nennt mich Cis«, sang sie. Es war eine Tonfolge im Cis-Schlüssel. »Was hat sie gesagt?« flüsterte Gaby. »Sie sagte, ihr Name lautet…« Sie sang den Namen, und die Ohren der Titanide richteten sich auf. »So kann ich sie unmöglich ansprechen«, protestierte Ga- by., »Nenn sie Cis. Würdest du bitte den Mund halten und mich das Gespräch führen lassen!« Sie wandte sich wieder der Titanide zu. »Mein Name ist Cirocco oder Käptn Jones«, sang sie. »Das ist meine Freundin Gaby.« Die Ohren sanken auf die Schultern herab, und Cirocco mußte beinahe lachen. Der Ausdruck der Titanide hatte sich nicht verändert, jedoch hatten die Ohren Bände gesprochen. »Einfach nur Schier-oh-ko-oder-Käp-ten-Jonz?« sang sie in einer Nachahmung von Ciroccos monotonem Gesang. Als sie seufzte, weiteten sich ihre Nüstern unter der Gewalt des Atemstoßes, ihre Brust bewegte sich aber nicht. »Das ist zwar ein langer Name, aber kein klangvoller, bitte um Ent- schuldigung. Empfindet ihr Leute Freude, wenn ihr euch so verdrießliche Namen gebt?« »Unsere Namen werden uns gegeben«, sang Cirocco und verspürte eine unerklärliche Verlegenheit. Der Name, den sie der Titanide genannt hatte, wirkte nach deren lebhafter Melodie fade. »Unsere Sprache ist nicht wie deine, und un- sere Pfeifen sind auch nicht so tief.« Cis lachte, und es war ein vollkommen menschliches La- chen. »Du sprichst mit der Stimme eines dünnen Schilfrohrs, in der Tat, aber ich mag dich. Ich möchte euch mit nach Hause zu meiner Hintermutter nehmen, wenn ihr einverstanden seid.« »Wir würden deine Einladung annehmen, aber einer von uns ist schwer verletzt. Wir brauchen Hilfe.« »Wer von euch ist es?« fragte Cis und flatterte bestürzt mit den Ohren. »Keine von uns, sondern jemand anderes. Er hat sich den Knochen in einem seiner Beine gebrochen.« Beiläufig be- merkte sie, daß es in der Titanidensprache Pronominalkon-, struktionen für männlich und weiblich gab. Liederfragmente mit der Bedeutung Mann-Mutter und Frau-Mutter und mit noch weniger wahrscheinlichen Vorstellungen flitzten ihr durch den Kopf. »Einen Knochen in seinem Bein«, sang Cis, wobei ihre Oh- ren komplizierte Signale ausführten. »Sofern mich meine Vermutungen nicht im Stich lassen, ist das für Leute wie euch, die auf kein Bein verzichten können, sehr ernst. Ich werde die Heilerin rufen.« Sie hob ihren Stab und sang kurz in einen kleinen grünen Höcker an seinem Ende. Gabys Augen weiteten sich. »Sie haben Radio? Rocky, sag mir, was vorgeht!« »Sie hat gesagt, sie würde einen Doktor rufen, und daß ich einen langweiligen Namen habe.« »Bill könnte einen Doktor gebrauchen, aber der wird kein Mitglied der AMA sein.« »Meinst du, das wüßte ich nicht?« zischte Cirocco ärger- lich. »Mit Bill sieht es sehr schlecht aus, verdammt noch mal. Selbst wenn dieser Doktor nur Pferdepillen und Zauber zu bieten hat, wird es Bill nicht wehtun, wenn er ihn sich einmal anschaut.« »War das eure Sprache?« fragte Cis. »Oder habt ihr A- tembeschwerden?« »Wir reden auf diese Weise. Ich…« »Bitte vergebt mir. Meine Hintermutter sagt, daß ich Takt lernen muß. Ich bin bloß…« – sie sang die Zahl Siebenund- zwanzig und ein Zeitwort, das Cirocco nicht umformen konnte – »… und ich muß noch viel lernen, was über das Wissen des Schoßes hinausgeht.« »Ich verstehe«, sang Cirocco, was nicht stimmte. »Wir müssen fremd auf dich wirken. Du wirkst auf uns ganz ge- wiß so.«, »Tue ich das?« Die Tonart ihres Liedes verriet, daß das für Cis ein neuer Gedanke war. »Für jemanden, der deine Art noch nie gesehen hat.« »Es muß sein, wie du sagst. Aber wenn du noch nie eine Titanide gesehen hast, woher im großen Rad der Welt kommt ihr dann?« Cirocco hatte über die Methode gerätselt, mit der ihr Verstand Cis’ Gesang übersetzte. Sie erkannte, als sie die Töne »woher« hörte, indem sie sich alternierende Interpre- tationen dieses Zwei-Noten-Wortes ins Bewußtsein rief, daß Cis in freundlicher und formeller Weise mit ihr sprach, wobei sie die Abflachung der Tonhöhe zu Klein-Intervallen benutz- te, die für Junge im Gespräch mit Älteren reserviert war. Jetzt wechselte sie zu den chromatischen Klangreihen eines belehrenden Modus. »Überhaupt nicht aus dem Rad. Hinter den Wänden der Welt gibt es einen größeren Ort, den ihr nicht sehen könnt…« »Oh! Ihr seid von der Erde!« Sie hatte nicht ›Erde‹ gesagt, ebensowenig, wie sie sich selbst als ›Titanide‹ bezeichnet hatte. Aber die Wirkung ih- res Wortes für den dritten Planeten der Sonne überraschte Cirocco so sehr, als hätte sie es getan. Indem sie Ciroccos Führung folgte, begann Cis, die Lehrsprache zu benutzen, wobei sich ihre Haltung und Positur mit dem Wechsel verän- derten. Sie geriet in Aufregung, und wenn ihre Ohren nur ein klein wenig größer gewesen wären, hätte sie sich in die Luft erhoben. »Ich bin verwirrt«, sang sie. »Ich dachte, die Erde sei ein Märchen für die Jungen, an Lagerfeuern ausgedacht. Und ich dachte, Erdwesen würden aussehen wie Titaniden.« Ciroccos neuerlich abgestimmtes Ohr wurde vom letzten, Wort überfordert, und sie fragte sich, ob es als ›Leute‹ ü- bersetzt werden sollte, wie in »Wir Leute, ihr Barbaren«. Die chauvinistischen Untertöne waren jedoch nicht vorhanden. Sie sprach von ihrer Rasse als einer unter vielen in Gäa. »Wir sind die ersten, die kommen«, sang Cirocco. »Ich bin überrascht, daß du von uns weißt, da wir bis zu diesem Moment nichts von euch gewußt haben.« »Dann singt ihr nicht von unseren großen Taten, wie wir von euren?« »Ich fürchte, nein.« Cis warf einen flüchtigen Blick über die Schulter. Eine wei- tere Titanide stand jetzt oben auf der Böschung. Sie ähnelte Cis stark, wies jedoch einen beunruhigenden Unterschied auf. »Das ist B…«, sang sie und wechselte dann, schuldbewußt aussehend, wieder zum formellen Modus. »Bevor er kommt, möchte ich gerne noch eine Frage stel- len, die in meiner Seele brennt, seitdem ich euch zum ers- tenmal sah.« »Du brauchst mich nicht als Ältere zu behandeln«, sang Cirocco. »Du könntest älter als ich sein.« »O nein. Nach eurer irdischen Rechnung bin ich drei. Was ich gerne wissen möchte, wobei ich hoffe, daß die Frage nicht unverschämt ist: Wie könnt ihr so lange stehen, ohne umzufallen?« KAPITEL VIERZEHN, Als die andere Titanide sich zu ihnen gesellte, wurde der be- unruhigende Unterschied, den Cirocco schon vorher bemerkt hatte, übermäßig deutlich und sogar noch beunruhigender. Zwischen den Vorderbeinen, wo Cis einen Haarflecken auf- wies, hatte B einen vollkommen menschlichen Penis. »Heiliger Gott«, flüsterte Gaby und stupste Cirocco an den Ellbogen. »Würdest du bitte ruhig sein?« forderte Cirocco. »Das macht mich sehr nervös.« »Du nervös? Und was ist mit dir? Ich kann nicht einen Ton von dem verstehen, was du singst. Aber es ist hübsch, Ro- cky. Du singst wirklich schön.« Abgesehen von den männlichen Genitalien war B fast i- dentisch mit Cis. Beide besaßen hohe, kegelförmige Brüste und eine haarlose bleiche Haut. Ihre Gesichter waren ent- fernt feminin, mit breitem Mund und bartlos. B’s Körper war stärker bemalt, und er trug mehr Blumen im Haar. Davon und von dem Penis abgesehen, hätte man die beiden kaum auseinanderhalten können. Aus einer Hautfalte auf Höhe seins fehlenden Nabels schaute das Ende einer Holzflöte heraus. Offensichtlich war dort eine Tasche in der Haut, eine Art Känguruhbeutel. B trat vor und streckte die Hand aus. Cirocco wich zurück, und B folgte ihr rasch und legte ihr die Hände auf beide Schultern. Sie war nur für einen Moment erschreckt und er- kannte, daß er Cis’ Besorgnis teilte. Er hatte geglaubt, sie fiele nach hinten, und wollte sie nur festhalten. »Es ist alles in Ordnung«, sang sie nervös. »Ich kann aus eigener Kraft stehen.« Seine Hände waren groß, aber voll- kommen menschlich. Der Körperkontakt mit ihm vermittelte ein seltsames Gefühl. Ein unmögliches Geschöpf zu sehen war etwas ganz anderes, als seine Körperwärme zu spüren., Es erinnerte sie machtvoll an die Tatsache, daß sie hier den ersten Kontakt zwischen Menschen und einer intelligenten Fremdrasse hatten. B roch nach Zimt und Äpfeln. »Die Heilerin wird bald da sein.« Er sang mit ihr das Lied der Gleichgestellten, wenn auch in einen formellen Modus gesetzt. »Habt ihr inzwischen gegessen?« »Wir würden euch selbst Nahrung anbieten«, sang Ciroc- co, »aber in Wirklichkeit sind uns die Vorräte ausgegangen.« »Und meine Vorderschwester hat euch nichts angeboten?« B warf Cis einen zurechtweisenden Blick zu, und sie ließ den Kopf hängen. »Sie ist neugierig und impulsiv, aber macht sich wenig Gedanken.« Die Wörter, mit denen er sein Ver- wandtschaftsverhältnis zu Cis beschrieb, waren komplex. Cirocco besaß den Wortschatz, aber nicht alle Bezüge. »Sie war äußerst freundlich.« »Ihre Hintermutter wird sich freuen, das zu hören. Willst du zu uns kommen? Ich weiß nicht, was für eine Art Nah- rung ihr bevorzugt, aber wenn wir etwas haben, das euch gefällt, dann gehört es euch.« Er griff in seinen Beutel – einen um die Taille gebundenen Lederbeutel, nicht den, der ein Teil seines Körpers war und brachte ein großes, rötlich-braunes Gebilde zum Vorschein, das wie geräucherter Schinken aussah. Er handhabte es wie einen Truthahnschenkel. Die Titaniden setzten sich, wobei sie leicht und geschickt die Beine unterschlugen, also setz- ten sich auch Gaby und Cirocco – ein Vorgang, dem die Ti- taniden mit unverhohlenem Interesse zusahen. Das Fleischstück wurde herumgereicht. Cis brachte meh- rere Dutzend grüne Äpfel zum Vorschein, die von den Titan- iden einfach im Stück in den Mund gesteckt wurden. Ein Knirschen, und sie waren verschwunden. Gaby betrachtete das Obst finster. Sie zog eine Braue, hoch, als Cirocco in einen der Äpfel hineinbiß. Er schmeckte wie ein grüner Apfel. Innen war er weiß und saftig und hatte kleine braune Kerne. »Vielleicht verstehen wir das alles später«, meinte Ciroc- co. »Ich hätte nichts gegen ein paar Antworten schon jetzt«, erwiderte Gaby. »Niemand wird uns glauben, daß wir he- rumgesessen und gottverdammte grüne Pippinäpfel geges- sen haben, und das in der Gesellschaft von fleischfarbenen Zentauren.« Cis lachte. »Die eine, die Gabi heißt, singt ein aufrütteln- des Lied.« »Spricht sie zu mir?« »Dein Lied gefällt ihr.« Gaby lächelte dümmlich. »Es ist nichts im Vergleich zu deiner Wagner-Arie. Wie kannst du sie nur verstehen? Wie steht es mit ihrem Aussehen? Ich habe von paralleler Evolu- tion gehört, aber von der Taille aufwärts? An Humanoiden könnte ich glauben. Ich war auf alles gefaßt, von großen Gallertklumpen bis zu Riesenspinnen. Aber die da ähneln uns zu sehr.« »Und doch sieht das meiste von ihnen überhaupt nicht nach uns aus.« »Richtig!« Gaby schrie wieder. »Aber schau dir das Ge- sicht an! Laß die Eselsohren weg! Der Mund ist breit, die Augen sind groß, und die Nase wirkt, als hätte man mit der Schaufel draufgehauen, aber alles liegt im Bereich dessen, was man auch auf der Erde finden kann. Schau tiefer, wenn du dich traust.« Sie schauderte. »Schau dir nur mal das an, und dann sag mir, daß das kein menschlicher Penis ist.« »Frage sie, ob wir einstimmen können«, sang B herzlich. »Wir kennen die Worte nicht, können aber eine Begleitung, improvisieren.« Cirocco sang, daß sie noch etwas länger mit ihrer Freundin sprechen mußte und es später übersetzen würde. Er nickte, folgte aber dem Gespräch aufmerksam. »Gaby, bitte schrei mich nicht an!« »Es tut mir leid.« Gaby senkte den Blick zum Schoß und gab sich Mühe, ruhiger zu werden. »Ich mag es, wenn die Dinge einen Sinn ergeben. Ein menschlicher Penis an einem Fremdwesen tut das nicht. Hast du ihre Hände gesehen? Sie haben Fingerabdrücke, das habe ich erkannt. Das FBI würde sie zu den Akten nehmen, ohne Fragen zu stellen.« »Ich hab’s gesehen.« »Wenn du mir sagen könntest, wie du mit ihnen sprichst…« Cirocco breitete die Hände aus. »Ich weiß es nicht. Es ist, als hätte mein Bewußtsein diese Sprache schon immer ge- kannt. Singen ist schwerer als zuhören, aber nur, weil meine Kehle nicht dafür geschaffen ist. Zuerst hat es mich er- schreckt, aber jetzt nicht mehr. Ich vertraue ihnen.« »Genauso, wie Calvin den Blimps vertraut.« »Es ist klar, daß etwas an uns herumgespielt hat, während wir schliefen. Jemand hat mir die Sprache gegeben – ich weiß nicht, wie oder warum –, und dieser jemand gab mir auch etwas anderes, das Gefühl, daß der Grund für diese Gabe nicht böse ist. Und je mehr ich mit den Titaniden spre- che, desto mehr mag ich sie.« »Calvin sagte so ziemlich dasselbe über die Blimps«, meinte Gaby finster. »Du hast ihn beinahe gefangenge- setzt.« »Ich glaube, ich verstehe ihn jetzt etwas besser.« Die Titanidenheilerin – eine Frau, deren Name auch in der B-, Tonart lag – trabte ins Zelt und verbrachte einige Zeit da- mit, unter Ciroccos wachsamen Augen Bills Bein zu untersu- chen. Die Wundränder waren gelb und blauschwarz. Flüssig- keit quoll heraus, als die Heilerin darauf drückte. Sie war sich der Besorgnis Ciroccos bewußt. Sie drehte ih- ren menschlichen Rumpf, durchstöberte einen Lederranzen, der mit einem Packgurt auf ihrem Pferderücken befestigt war, und brachte eine durchsichtige runde Flasche zum Vor- schein, die mit einer braunen Flüssigkeit gefüllt war. »Ein starkes Desinfektionsmittel«, sang sie und wartete. »Wie ist sein Zustand, Heilerin?« »Sehr ernst. Ohne Behandlung wird er in einigen zehn Umdrehungen bei Gäa sein.« Cirocco übersetzte es erst einmal auf diese Weise, aber es hatte für den Zeitraum nur ein Wort gegeben. Unter Anwendung metrischer Vorsilben hielt sie es für »Zehnumdrehung«. Gäa brauchte für eine Umdrehung fast eine Stunde. Die Bedeutung von »bei Gäa sein« war eindeutig, obwohl die Heilerin das Wort Gäa benutzt hatte. Sie bezog sich in einem auf ihre Welt, auf die Göttin, die die Welt war, und auf die Vorstellung der Rückkehr zum Erdboden. Es gab kei- nen Beiklang der Unsterblichkeit. »Vielleicht würdest du es vorziehen, auf die Ankunft eines Heilers deiner eigenen Rasse zu warten«, sang die Titanide. »Bill würde es vielleicht nicht erleben.« »Das stimmt. Meine Heilmittel sollten eigentlich den An- griff der kleinen Parasiten beseitigen, aber ich weiß nicht, ob sie nicht auch seine Stoffwechselprozesse hemmen. Zum Beispiel kann ich dir nicht versprechen, daß meine Behand- lung nicht der Pumpe schadet, die seine vitalen Flüssigkei- ten in Bewegung hält, wie ich auch nicht weiß, wo bei deiner Rasse diese Pumpe zu finden ist.«, »Genau hier«, sang Cirocco und klopfte sich auf die Brust. Die Ohren der Titaniden hüpften auf und ab. Eines drückte sie auf Bills Brust. »Kein Witz«, sang sie. »Na ja, Gäa ist weise und sagt nicht, warum sie sich dreht.« Cirocco befand sich in einer Agonie der Unentschlossen- heit. Die Konzepte von Stoffwechsel und Keimen waren nichts, worüber ein Hexendoktor Bescheid wissen würde. Diese Worte waren exakt so übersetzt. Und doch war sogar die Heilerin sich dessen bewußt, daß ihre Medizin einem menschlichen Körper schaden konnte. Aber Calvin war weggegangen, und Bill lag im Sterben. »Bitte, wofür sind die gut?« sang die Heilerin. Sie hielt Bills Fuß und krümmte mit sanften Fingern seine Zehen. »Uh, sie…«, sagte Cirocco, konnte aber die Wörter für ver- kümmerte evolutionäre Rudimente nicht finden. Es gab ein Wort für Evolution, aber es bezog sich nicht auf Lebewesen. »Sie sind nützlich dafür, das Gleichgewicht zu halten, aber nicht unentbehrlich. Es handelt sich um ein Versehen oder auch Unvollkommenheit des Entwurfs.« »Ah«, dröhnte die Heilerin. »Gäa macht Fehler, das ist wohlbekannt. Nimm zum Beispiel denjenigen, mit dem ich zuerst hinterverbunden war, vor vielen Zehntausendumdre- hungen.« Cirocco wollte das Objekt des letzten Satzes mit »mein Mann« übersetzen, aber das paßte nicht; ebenso- leicht hätte es »meine Frau« heißen können, obwohl auch das nicht genau traf. Es gab kein menschliches Äquivalent, erkannte sie, und dann erinnerte sie sich wieder an ihr Prob- lem. »Tu für meinen Freund, was in deiner Macht steht«, sang sie. »Ich vertraue ihn deinen Händen an.« Die Heilerin nickte und machte sich an die Arbeit., Zuerst wusch sie die Wunde mit der braunen Flüssigkeit. Sie bedeckte sie mit einem gelben Gelee und legte ein gro- ßes Blatt auf die Haut, um »die kleinen Verzehrer seines Fleisches herauszulocken«. Ciroccos Hoffnungen stiegen und fielen beim Zuschauen. Sie machte sich nichts aus dem Blatt und auch nichts aus dem ›Herauslocken‹. Beides wirkte zu primitiv. Aber als die Heilerin die Wunde verband, benutzte sie Binden aus verschlossenen Packungen, von denen sie sagte, sie seien »von Parasiten gereinigt« worden. Bei der Arbeit untersuchte sie mit großem Interesse Bills Körper, wobei sie manchmal ein kleines Liedchen des Er- staunens summte. »Na, wer hätte denn an so was gedacht? – Hier ein Mus- kel? – So befestigt? Wie Gehen auf gebrochenen Füßen… nein, ich glaube es nicht.« Sie beschrieb Gäa wechselweise als weise und grenzenlos erfindungsreich, unnötig sorgfältig und einen Dummkopf. Auch bemerkte sie mit einem er- staunten Blick auf Bills Hintern, daß Gäa sich am gelegentli- chen Scherz ebenso erfreute wie an der nächsten Göttlich- keit. Als die Heilerin fertig war, war Cirocco schweißgebadet. Aber zumindest hatte die Heilerin keine Rasseln oder Voo- doo-Puppen hervorgebracht und auch keine magische Zei- chen in den Sand geritzt. Als sie den letzten Knoten in die Verbände geknüpft hatte, fing sie an, ein Heilungslied zu singen. Cirocco fand, daß das nichts schaden konnte. Die Heilerin beugte sich über Bill und umschlang ihn mit den Armen, hob ihn sanft an der Taille hoch und drückte ihn gegen ihren Körper. Seinen Kopf legte sie an ihre Schulter und beugte dann den eigenen Kopf herab, bis ihre Lippen sich an seinem Ohr befanden. Sie wiegte sich vor und zu- rück und summte ein Wiegenlied ohne Worte., Bill hörte allmählich auf zu zittern. Farbe fing an, in sein Gesicht zurückzukehren, das friedlicher wurde, als es seit der Verletzung je gewesen war. Nach ein paar Minuten hätte Cirocco geschworen, daß er lächelte. KAPITEL FÜNFZEHN Cirocco stellte fest, daß sie einige Vorurteile hatte, die sie ablegen mußte. Das erste war das offenkundigste. Nachdem B angekom- men und außer seinen Geschlechtsorganen ganz wie Cis ausgesehen hatte, war sie davon ausgegangen, daß man Titaniden nur schwer würde auseinanderhalten können. Die Gruppe, die sich als Antwort auf Cis’ Ruf zeigte, wirkte wie Ausreißer von einem Kinderkarussell. Die Heilerin hatte smaragdgrünes Kopf- und Schwanzhaar. Der Rest ihres Körpers war von einem dicken, schneeweißen Pelz bedeckt. Es gab eine weitere haarige Titanide, eine Erdbeerblonde mit violetten Tupfern. Dann gab es eine braun-weiße Schecke, und einen, der außer am Schwanz überhaupt keine Haare hatte. Seine Haut war blaßblau. Die letzte Gruppe wirkte nackt, ohne es zu sein. Sie hatte nicht nur an dem Teil ein Pferdefell, wo es vernünftig aus- sah, sondern auch an ihrer menschlichen Oberhälfte. Sie, hatte Zebrastreifen in hellem Gelb und leuchtendem Orange sowie lavendelfarbenes Haar auf dem Kopf und am Schwanz. Es nützte nichts, den Blick von ihr abzuwenden; das Bild brannte sich selbst in die Netzhaut ein. Noch nicht zufrieden mit der Karnevalatmosphäre, bemal- ten sich die Titaniden ihre nackte Haut und ihre bunten Haarflecken. Sie trugen Halsketten und Armbänder, steckten sich Nippes durch Löcher, die sie durch Nasen und Ohren getrieben hatten, banden sich Ketten aus Messinggliedern und gefärbten Steinen oder Blumenbänder um die Beine. Jeder hatte ein Musikinstrument über der Schulter hängen oder aus dem Beutel hervorschauen, gefertigt aus Holz, Tierhörnern, Meerestierschalen oder Messing. Das zweite Vorurteil – was in Wirklichkeit das erste war, da Calvin ihnen davon berichtet hatte – bestand darin, daß man glaubte, die Titaniden seien alle weiblich. Eine taktvolle Frage an die Heilerin brachte eine freimütige Antwort und eine furchteinflößende Demonstration. Die Titaniden hatten alle drei Geschlechtsorgane. Cirocco wußte von den frontalen, in der Größe denen bei Menschen entsprechenden männlichen oder weiblichen Ge- nitalien. Sie bestimmten das Geschlecht des Pronomens aus Gründen, die nur für eine Titanide Sinn ergeben konnten. Zusätzlich hatte jede eine große vaginale Öffnung unter dem Schwanz, ganz wie bei Stuten. Es war das Organ an der Körpermitte, das Gaby und Ci- rocco schockierte. Im weichen Bauch zwischen den Hinter- beinen der Heilerin befand sich eine dicke, fleischige Schei- de, und daraus kam ein Penis zum Vorschein, der in jedem Detail menschlich war, abgesehen von der Tatsache, daß er so lang und dick war wie einer von Ciroccos Armen. Cirocco hatte sich für erfahren gehalten. Sie hatte schon, viele nackte Männer gesehen, und seit Jahren hatte keiner von ihnen ihr mehr etwas Neues zu zeigen gewußt. Sie mochte Männer und sie mochte Geschlechtsverkehr, aber dieses Ding gab ihr doch den Gedanken ein, ob sie nicht lie- ber Nonne werden wollte. Die starke Reaktion beunruhigte sie. Sie wußte, daß dies dasselbe Gefühl war, was Gaby zum Ausdruck gebracht hatte, nämlich durch enge Parallelen stärker aus der Fassung gebracht zu werden als durch etwas völlig Fremdartiges. Das Dritte, was Cirocco zu überdenken hatte, wurde durch die Erkenntnis ausgelöst, daß sie trotz Kenntnis der Sprache und der Fähigkeit, die Substantive für alle Geschlechtsorga- ne der Titaniden zu benutzen, von den Hinteren nichts ge- wußt hatte, bis ihr davon berichtet worden war. Sie wußte noch immer nicht, warum es drei gab, und konnte das Wis- sen darüber auch nicht in ihrem Verstand finden. Was ihr zur Verfügung stand, waren Wortlisten und die Regeln grammatikalischer Konstruktionen. Bei Substantiven funktionierte das gut; sie mußte nur an einen Gegenstand denken, um das Wort zu kennen. Aber bei manchen Verben begann es zu versagen. Rennen und Springen und Schwim- men und Atmen waren klar genug’. Aber Verben für Dinge, die Titaniden machten und Menschen nicht, waren nicht so treffend. Wo das System auseinanderfiel, war beim Beschreiben von Familienbeziehungen, Verhaltensregeln und Sitten und einer Unmenge anderer Dinge, bei denen es zwischen Titan- iden und Menschen kaum Gemeinsamkeiten gab. Diese Vor- stellungen wurden in den Liedern der Titaniden zu Fehlno- ten. Manchmal übersetzte Cirocco sie für sich oder Gaby mit verwickelten Bindestrichkonstruktionen, wie Sie-die- frontaler-Direkt-Nachkomme-meiner-Hintermutter ist, oder, das Gefühl-rechtschaffenen-Abscheus-gegen-Engel. Diese Sätze waren in der Titanidensprache jeweils nur ein Wort. Es lief auf die Tatsache hinaus, daß ein fremdartiger Ge- danke in ihrem Kopf immer noch ein fremdartiger Gedanke war. Sie konnte nicht damit umgehen, so lange er ihr nicht erklärt wurde; sie hatte keine Bezugsmöglichkeiten. Die letzte Schwierigkeit, die durch die Ankunft der Gruppe der Heilerin verursacht wurde, lag in den Namen: es gab zu viele Namen in denselben Tonartvorzeichnungen, also fiel ihr ursprüngliches System auseinander. Gaby konnte sie nicht singen, also mußte Cirocco englische Worte für sie fin- den. Sie hatte in musikalischer Stimmung angefangen und beschloß, damit weiterzumachen. Die erste Titanide, der sie begegnet waren, betitelte sie jetzt als Cis-Hornpipe, denn der Name klang wie der dieses Matrosentanzes. B wurde B- Banjo. Die Heilerin war B-Wiegenlied, die Erdbeerblonde G- moll-Walzer, die Schecke B-Clarino, und die blaue Titanide trug jetzt den Namen G-Foxtrot. Das gelbe und orangefar- bene Zebra nannte Cirocco D-moll-Leierkasten. Prompt ließ Gaby die Tonartvorzeichnungen fallen, wie es jemand hätte wissen müssen, der von ihr stets Rocky ge- nannt wurde. Die Ambulanz war ein langer hölzerner Wagen mit vier gummibereiften Rädern, gezogen von zwei Titan- iden in lockerem Geschirr. Er besaß eine pneumatische Auf- hängung und Reibungsbremsen, die vom Zugteam bedient wurden. Das Holz war hellgelb wie frisches Kiefernholz, wunderbar glatt gehobelt und ohne Nägel zusammengefügt. Cirocco und Gaby legten Bill auf ein gewaltiges Bett mitten auf dem Wagen und kletterten hinter ihm hinauf, zusammen mit Wiegenlied, der Titanidenheilerin. Diese bezog Posten neben Bills Bett mit unter ihr gefalteten Beinen, sang ihm, vor und wischte ihm mit einem nassen Tuch die Stirn ab. Die anderen Titaniden marschierten neben dem Wagen her, außer Hornpipe und Banjo, die bei ihren Herden zurückblie- ben. Sie besaßen etwa 200 Tiere von Rindergröße, jedes mit vier Beinen und einem dünnen, geschmeidigen, drei Meter langen Hals. Die Hälse verfügten am Ende über Schaufel- klauen und gespitzte Mäuler. Die Tiere fraßen, indem sie sich mit den Mäulern in den Boden gruben und Milch aus den Rücken von Schlammwürmern saugten. Am Ansatz- punkt des Halses hatte jedes ein Auge. Mit den Köpfen im Boden konnten sie immer noch sehen, was oben passierte. Gaby betrachtete eines von ihnen mit einem leicht empör- ten Gesichtsausdruck, als zögerte sie zuzugestehen, daß so etwas existieren konnte. »Gäa hatte ihre guten und ihre schlechten Tage«, folgerte sie, wobei sie einen von Cirocco übersetzten titanidischen Aphorismus zitierte. »Sie muß ein neuntägiges Saufgelage hinter sich gehabt haben, als sie sich das ausgedacht hat. Was ist mit diesen Radios, Rocky? Können wir einen Blick darauf werfen?« »Ich werde mich erkundigen.« Sie sang zu Clarino, dem Schecken, und fragte ihn, ob sie seine Sprecherpflanze be- trachten durften, hielt dann inne, kaum daß sie das Wort herausgebracht hatte. »Sie bauen sie nicht«, sagte sie. »Sie ernten sie.« »Warum hast du das nicht schon vorher gesagt?« »Weil ich es gerade erst erkannt habe. Hab Geduld mit mir, Gaby! Das Wort für sie bedeutet ›der Samen der Pflan- ze, die Lieder trägt‹. Schau mal!« Das an das Ende von Clarinos Stab gebundene Ding war ein länglicher gelber Samen, glatt und ohne Kennzeichen außer einem weichen braunen Fleck., »Hier lauscht er«, sang Clarino und deutete auf den Fleck. »Berührt das nicht, oder er wird taub. Er singt dein Lied sei- ner Mutter vor, und wenn es ihr gefällt, singt sie es der Welt vor.« »Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz.« Clarino deutete über Gabys Schulter. »Dort ist eine, die noch ihre Kinder bei sich hat.« Er trabte zu einer Gebüschgruppe, die in einer Mulde wuchs. Ein glockenförmiges Gewächs erhob sich neben je- dem Busch aus dem Boden. Clarino packte die Glocke, riß eine Pflanze ab und trug sie mit Wurzeln und allem zurück zum Wagen. »Man singt dem Samen vor«, erklärte er. Er nahm sich das Messinghorn von der Schulter und spielte mehrere Tak- te eines Tanzes im Fünf-Viertel-Takt. »Jetzt krümmt eure Ohren…« Verlegen hielt er inne. »Das heißt, tut das, womit eure Rasse ihr Gehör verstärkt.« Eine halbe Minute später hörten sie die Hornklänge, dünn wie von einem alten Edison-Zylinder, aber sehr deutlich. Clarino sang eine Melodie, die rasch wiederholt wurde. Es gab eine Pause, dann wurden die beiden Themen gleichzei- tig gespielt. »Sie hört mein Lied und mag es, siehst du?« sang Clarino mit einem breiten Lächeln im Gesicht. »Wie die Wunschsendung einer Radiostation«, meinte Ga- by. »Was, wenn der Disc-Jockey dieses Lied nicht spielen will?« Cirocco übersetzte Gabys Frage, so gut sie konnte. »Es braucht Praxis, um gefällig zu singen«, gab Clarino zu. »Aber sie sind sehr zuverlässig. Die Mutter kann schneller sprechen, als vier Füße fliegen.« Cirocco übersetzte, aber Clarino unterbrach sie., »Die Samen sind auch nützlich für den Aufbau der Augen, die im Dunkeln sehen«, sang er. »Mit ihnen tasten wir in der Quelle des Windes nach dem Herannahen von Engeln.« »Das klingt nach Radar«, meinte Cirocco. Gaby beäugte sie zweifelnd. »Willst du alles glauben, was dir diese übergebildeten Polo-Ponies erzählen?« »Sag du mir, wie diese Samen funktionieren, wenn nicht elektronisch. Oder ziehst du mentale Telepathie vor?« »Magie ist möglicherweise leichter zu akzeptieren.« »Dann nenn es Magie. Ich glaube, in diesem Samen gibt es Kristalle und Schaltungen. Und wenn man ein organi- sches Radio ziehen kann, warum dann nicht auch Radar?« »Vielleicht Radio. Nur, weil ich es mit meinen eigenen Au- gen gesehen habe, und nicht, weil ich irgendwas damit zu tun haben will. Aber kein Radar.« Die Radareinrichtung der Titaniden befand sich in einem Zelt vorne auf der Ambulanz. Sie hätte Rübe Goldberg verwirrt. Nüsse und Blätter waren an einem irdenen Topf befestigt, in den dicke Kupferranken hineinführten. Wiegenlied sagte, daß der Topf einen Wurm enthielte, der die »Essenz der Kraft« erzeugte. Es gab ein Gestell aus Radiosamen, die mit Knäueln aus nadelspitzen Ranken verbunden waren, offen- kundig mit einiger Präzision eingefügt, da es an jedem Sa- men an der Stelle, wo schließlich der Kontakt hergestellt worden war, eine dichte Ansammlung durchführender Na- delstiche gab. Es gab noch weitere Dinge, alle pflanzlicher Natur, einschließlich eines Blattes, das aufleuchtete, wenn es vom Lichtreflex einer anderen Pflanze getroffen wurde. »Er ist leicht abzulesen«, sang Wiegenlied heiter. »Dieses Pünktchen falschen Feuers zeigt den Himmelsriesen an, den ihr dort drüben Richtung Rhea sehen könnt.« Sie deutete, auf einen Punkt auf dem Schirm. »Seht, wie er Leben ver- liert… dort! Jetzt leuchtet er hell, aber verschoben.« Cirocco begann mit der Übersetzung, aber Gaby unter- brach sie. »Ich weiß, wie Radar funktioniert«, nörgelte sie. »Dieser ganze Aufbau beleidigt mich.« »Wir brauchen ihn zur Zeit kaum«, versicherte Clarino ih- nen. »Es ist jetzt nicht die Jahreszeit für Engel. Sie kom- men, wenn Gäa aus dem Osten atmet, und quälen uns, bis sie sie wieder an ihre Brust zurückzieht.« Cirocco fragte sich, ob sie das richtig verstanden hatte; hatte sie gesungen »zieht sie an ihre Brust«? Sie verfolgte die Sache aber nicht weiter, denn Bill stöhnte und öffnete die Augen. »Hallo«, sang Wiegenlied. »Ich freue mich so, daß du zu- rückkommen konntest.« Bill schrie und zeterte dann, als er sein Bein belastete. Cirocco postierte sich zwischen Bill und Wiegenlied. Er sah sie und seufzte erleichtert. »Sehr schlechter Traum, Rocky«, sagte er. Sie rieb seine Stirn. »Wahrscheinlich war nicht alles ein Traum.« »Huh? Oh, du meinst die Zentauren. Nein, ich erinnere mich daran, daß die Weiße mich gewiegt und mir vorgesun- gen hat.« »Na, wie fühlst du dich dann?« »Schwach. Mein Bein schmerzt nicht allzusehr. Ist das ein gutes Zeichen, oder ist es tot?« »Ich glaube, daß sich dein Zustand bessert.« »Wie steht es… uh, du weißt schon. Gangrän.« Er wandte den Blick von ihr. »Ich glaube, du hast keines. Es sah viel besser aus, nach-, dem die Heilerin dich behandelt hat.« »Heilerin? Die Zentaurin?« »Das war das letzte, was wir noch tun konnten«, sagte Ci- rocco, und von neuem überwältigten sie Zweifel. »Calvin ist nicht gekommen. Ich habe sie beobachtet, und sie schien zu wissen, was sie tat.« Sie glaubte, er sei wieder eingeschlafen. Nach einer ge- raumen Weile öffnete er wieder die Augen und lächelte schwach. »Das ist keine Entscheidung, die ich hätte treffen wollen.« »Es war schrecklich, Bill. Sie sagte, du würdest im Sterben liegen, und ich habe ihr geglaubt. Entweder hätte ich bis zu Calvins Ankunft nichts unternommen – und ich weiß nicht, was er ohne irgendwelche Medikamente hätte machen kön- nen –, und sie sagte, sie könnte die Keime abtöten, was Sinn ergab, denn…« Er berührte ihr Knie. Seine Hand war kalt, aber der Griff fest. »Du hast richtig gehandelt«, sagte er. »Beobachte mich nur. In einer Woche werde ich wieder gehen können.« Es war später Nachmittag – eintönigerweise war es immer später Nachmittag –, und jemand schüttelte sie an der Schulter. Sie blinzelte heftig. »Deine Freunde sind angekommen«, sang Foxtrot. »Es war der Himmelsriese, den wir schon vorher gesehen haben«, fügte Wiegenlied hinzu. »Sie waren die ganze Zeit an Bord.« »Freunde?« »Ja, euer Heiler und zwei andere.« »Zwei…« Sie stand auf. »Diese anderen. Weißt du etwas von ihnen? Eine ist mir bekannt. Ist der zweite wie sie, oder, männlich, wie mein Freund Bill?« Die Heilerin runzelte die Stirn. »Eure Fürwörter verwirren mich. Ich gebe offen zu, nicht zu wissen, wer von euch männlich und wer weiblich ist, da ihr euch hinter Geweben versteckt.« »Bill ist männlich, ich und Gaby sind weiblich. Ich werde es dir später erklären, aber wer ist im Himmelsriesen?« Wiegenlied zuckte die Achseln. »Der Riese hat es nicht ge- sagt. Er ist so verwirrt wie ich.« Whistlestop schwebte über der Titanidenkolonne und dem Wagen, die angehalten hatten, um auf den Absprung zu warten. Ein Fallschirm erblühte mit einer winzigen schwar- zen Gestalt darunter. Calvin, daran gab es keinen Zweifel. Während er herabschwebte, tauchte ein weiterer Schirm auf, und Cirocco bemühte sich zu erkennen, wer das sein mochte. Die Gestalt wirkte irgendwie zu groß. Dann öffneten sich ein dritter Schirm und ein vierter. Ein Dutzend Fall- schirme schwebten in der Luft, bevor sie Gene ausmachte. Bei den übrigen handelte es sich unglaublicherweise um Ti- taniden. »He, es ist Gene!« schrie Gaby. Sie stand ein kurzes Stück entfernt bei Foxtrot und Clarino. Cirocco war auf dem Wa- gen geblieben. »Ich frage mich, ob April…« »Engel! Engel greifen an! Formiert euch!« Die Stimme kreischte – eine Titanidenstimme, die ihre ganze Musikalität verloren hatte, vor Haß erstickt. Cirocco war sprachlos darüber, Wiegenlied über die Radaranlage ge- beugt zu sehen und zu hören, wie sie Befehle schrie. Ihr Ge- sicht war verzerrt, jeder Gedanke an Bill vergessen. »Was ist los?« begann sie und duckte sich dann, als Wie- genlied über sie hinwegsprang. »Runter mit euch, Zweibeiner! Haltet euch da raus!«, Cirocco hob den Blick, und der Himmel wimmelte von Flü- geln. Sie kamen rings um den Blimp herab, die Flügel angezo- gen, um die Geschwindigkeit zu erhöhen, und griffen die fal- lenden Titaniden an, die hilflos an ihren Leinen hingen. Es waren Dutzende. Cirocco stürzte lang auf den Wagenboden, als das Gefährt unter dem Schnalzen des Ledergeschirrs voranruckte. Sie konnte es gerade noch vermeiden, aus der offenstehenden hinteren Wagenklappe zu fallen, kämpfte sich rechtzeitig auf Hände und Knie, um zu sehen, wie Gaby sprang und die Seitenwände des Wagens packte. Cirocco half ihr hinein. »Was, zum Teufel, ist eigentlich los?« Gaby hielt ein Bron- zeschwert, das Cirocco noch nicht gesehen hatte. »Paß auf!« Bill wurde aus seinem Bett geworfen. Cirocco kroch zu ihm hin und versuchte, ihn wieder hineinzulegen, aber der Wagen schleuderte krachend über Steine und Spal- ten. »Haltet an, verdammt noch mal!« schrie Cirocco und sang es dann auf Titanidisch. Das machte keinen Unterschied. Die zwei vorne befestigten Titaniden eilten in den Kampf, und nichts würde sie zum Halten bringen. Eine hielt ein Schwert, das sie über sich schwang, und kreischte wie ein Dämon. Cirocco hieb einer von ihnen auf den Steiß und verlor bei- nahe ihren Skalp, als das Schwert auf sie herabfuhr. Mit tief eingezogenem Kopf blickte sie auf die Knoten hinab, mit de- nen die Titaniden am Wagen hingen. »Gaby, gib mir das Ding, schnell!« Das Schwert kam mit dem Griff zuerst durch die Luft geflogen und landete zu ih- ren Füßen. Sie hackte auf die Ledergeschirre ein. Eines löste sich, dann das andere. Die Titaniden bemerkten es nicht. Rasch ließen sie den, Wagen hinter sich, als dieser gegen einen Felsbrocken rammte und zum Stehen kam. »Was war das nur…« »Ich weiß nicht. Das einzige, was mir jemand gesagt hat, lautete: ›Duck dich!‹ Hilf mir mit Bill, ja?« Er war wach und schien nicht weiter verletzt worden zu sein. Er betrachtete den Himmel, während sie ihn wieder auf die Pritsche legten. »Jesus Christus«, sagte er, gerade laut genug, um über das Kreischen der Titaniden hinweg gehört zu werden. »Sie werden da oben umgebracht.« Cirocco blickte rechtzeitig auf, um zu sehen, wie eine der fliegenden Kreaturen drei Fallschirmleinen über einer der herabkommenden Titaniden durchschnitt. Der Schirm knüll- te sich zusammen. Mit scheußlicher Geschwindigkeit ver- schwand die Titanide hinter einem niedrigen Hügel im Wes- ten. »Sind das Engel?« wunderte sich Bill. Für die Titaniden waren sie Engel des Todes. Von mensch- licher Gestalt, mit gefiederten Schwingen, die von Spitze zu Spitze sieben Meter maßen, verwandelten die Engel den friedlichen Himmel über Hyperion in ein Schlachthaus. Bald waren alle Fallschirme vom Himmel verschwunden. Die Schlacht verlagerte sich hinter den Hügel, außer Sichtweite der drei Menschen. Titaniden kreischten wie Fin- gernägel über eine Wandtafel, und ganz weit oben ertönte ein grausiges Klagen, das von den Engeln stammen mußte. »Hinter dir«, warnte Gaby. Cirocco drehte sich um. Aus dem Osten näherte sich schweigend ein Engel. Er glitt über den Boden hinweg, die großen Schwingen reglos, und wuchs mit unmöglichem Tempo. Sie sah das Schwert in sei- ner linken Hand, das menschliche Gesicht vor Blutdurst ver-, zerrt, die von den Augenwinkeln aus verlaufenden Tränen- streifen, die sich verknotenden Armmuskeln, als er mit dem Schwert ausholte… Er überquerte sie, schlug mit den Flügeln, um sich über den flachen Hügel zu erheben. Die Flügelspitzen berührten den Boden und fegten Staubfontänen hoch. »Er hat mich verfehlt«, meinte Gaby. »Setz dich!« wies Cirocco sie zurecht. »Du gibst ein gro- ßes Ziel ab, wenn du so dastehst. Und er hat dich nicht ver- fehlt. Im letzten Moment hat er seine Absicht geändert; ich habe gesehen, wie er den Hieb unterbrach.« »Warum hat er das gemacht?« Sie kauerte sich neben Ci- rocco zusammen und betrachtete forschend den Horizont. »Ich weiß nicht. Höchstwahrscheinlich deswegen, weil du keine vier Beine hast. Aber der nächste ist vielleicht weniger achtsam.« Sie sahen einen weiteren Engel aus einem etwas anderen Winkel näherkommen. Er schnitt durch die Luft, die Beine aneinandergepreßt, eine Art Hecktragfläche hinter den Fü- ßen ausgestreckt, die Arme an den Seiten, und zuckte gera- de so viel mit den Flügeln, daß es ausreichte, um die Ge- schwindigkeit zu halten. Cirocco hatte noch nie etwas gese- hen, was dem an Grazie und Bewegungsökonomie gleich- kam. Sie sahen, wie noch ein anderer Tempo gewann, indem er geradewegs nach unten stürzte, dann im letzten möglichen Augenblick die Flügel ausbreitete und über den Boden hin- wegschoß, bis er hinter der Hügelkuppe verschwand. »Sie sind sehr gut«, flüsterte Gaby. »Ich würde nur ungern in ein Handgemenge mit ihnen ge- raten«, stimmte Cirocco zu. »Sie würden mich schwindelig fliegen.«, Ein kalter Wind erhob sich aus dem Osten und wirbelte Staub von dem trockenen Boden hoch. Dann kamen die Titaniden um den Hügel herum gestürmt, verfolgt von einem Schwarm Engel. Cirocco erkannte Wie- genlied, Clarino und Foxtrot. Clarinos linkes Vorderbein war rot vor Blut. Die Titaniden trugen Holzlanzen mit Messing- spitzen und Bronzeschwerter. Sie gaben keinen lauten Schlachtgesang mehr von sich, aber die Raserei stand ihnen noch in den Augen. Dampf strömte aus ihren Nüstern hervor, und die von ihnen, die eine nackte Haut hatten, glänzten schweißbedeckt. Sie don- nerten vorbei und warfen sich dann herum, um sich den En- geln zu stellen. »Sie benutzen den Wagen als Deckung!« rief Gaby. »Wir werden in der Mitte erwischt. Schnell weg!« »Was ist mit Bill?« schrie Cirocco. Gabys Augen hielten ihre für einen Moment fest. Sie schien etwas sagen zu wollen, murrte dann etwas Unver- ständliches und holte sich ihr Schwert von Cirocco zurück. Mit wesentlich mehr Mut als Vernunft stand sie am Wage- nende und blickte den ankommenden Engeln entgegen. Wieder einmal war alles, was Cirocco sehen konnte, Gabys Rücken, während sie zwischen ihrer Liebe und der näher- kommenden Gefahr stand. Die Engel ignorierten sie. Sie hielt das Schwert bereit, aber die Engel umflogen den Wagen, um die Titaniden zu erreichen, die dahinter Stellung bezogen hatten. Der Lärm war unglaublich. Das Klagen der Engel, ver- mischt mit dem schrillen Schreien der Titaniden, während flatternde Schwingen die Luft zerrissen. Eine monströse Gestalt türmte sich aus der Staubwolke, auf, ein in braunen und schwarzen Schattierungen gemalter Alptraum mit Flügeln, die sich wie zum Leben erwachte Schatten bewegten. Sie war blind, und Schwert und Lanze stießen ziellos umher, während der Engel versuchte, in dem, Miasma seine Stellung zu finden. Sie schien nicht größer zu sein als ein zehnjähriges Kind, und dunkles Blut strömte aus einer Wunde in ihrer Seite. Sie war über dem Wagen, als sie die Lanze warf. Die Mes- singspitze durchdrang den Ärmel von Gabys Kleidern und biß in den Wagenboden, wobei sie wie eine Bogensehne schwirrte. Dann war der Engel an ihnen vorbei, ein hölzer- ner Speer stak in seinem Nacken. Er stürzte, und Cirocco konnte nichts mehr sehen. So rasch, wie die Schlacht über sie gekommen war, war sie auch vorbei. Das Klagen nahm einen anderen Klang an, und die Engel stiegen auf und verkleinerten sich zu flattern- den Gestalten hoch am Himmel, die nach Osten flogen. Neben dem Wagen herrschte Aufruhr. Die drei Titaniden trampelten auf dem Körper des gefallenen Engels herum. Man konnte kaum noch erkennen, daß dieser Körper jemals humanoid ausgesehen hatte. Cirocco wandte den Blick ab, ihr wurde übel durch das Blut und die mörderische Wut in den Gesichtern der Titaniden. »Was glaubst du, hat sie zum Verschwinden bewegt?« fragte Gaby. »Noch zwei Minuten, und sie hätten uns alle eingewickelt.« »Sie müssen etwas erfahren haben, das wir nicht ken- nen«, meinte Cirocco. Bill blickte nach Westen. »Dort«, sagte er und deutete in die Richtung. »Jemand kommt.« Cirocco erkannte zwei vertraute Gestalten. Es waren Hornpipe und Banjo, die Hirten, die in vollem Galopp näher- kamen. Gaby lachte bitter. »Da mußt du mir schon etwas mehr, zeigen. Eines dieser Kinder ist nur drei Jahre alt, hat Rocky gesagt.« »Dort«, sagte Bill wieder und deutete diesmal in die ande- re Richtung. Über den Hügel kam eine Sturmflut von Titaniden ge- strömt wie eine buntscheckige Kavallerie. KAPITEL SECHZEHN Es war sechs Tage nach dem Engelangriff, der einundsech- zigste Tag seit ihrem Auftauchen in Gäa. Cirocco lag auf ei- nem niedrigen Tisch, die Füße in improvisierten Halterun- gen. Irgendwo da unten war Calvin, aber sie wollte ihm nicht zuschauen. Wiegenlied, die weißhaarige Titanidenhei- lerin, sah zu und sang, während die Operation voranging. Ihre Lieder waren beruhigend, halfen aber alle nicht sehr. »Der Gebärmutterhals ist geweitet«, sagte Calvin. »Ganz so schnell wollte ich das gar nicht wissen.« »Tut mir leid.« Er richtete sich kurz auf, und Cirocco sah seine Augen und Stirn über der Chirurgenmaske. Er schwitz- te reichlich. Wiegenlied wischte den Schweiß weg, und seine Augen zeigten Dankbarkeit. »Kannst du mit der Lampe nä- herkommen?« Gaby brachte die flackernde Lampe in Position. Sie warf große Schatten von Ciroccos Beinen an die Wände. Sie hörte, das metallische Klicken der Instrumente, die aus dem Steri- lisationsbad genommen wurden, spürte dann, wie die Küret- te durch das Spekulum klimperte. Calvin hatte Instrumente aus rostfreiem Stahl gewollt, a- ber die Titaniden konnten ihn nicht herstellen. Er und Wie- genlied hatten mit den besten Handwerkern gearbeitet, bis er Messinggeräte hatte, die er benutzen zu können meinte. »Es tut weh«, knirschte Cirocco. »Du tust ihr weh«, erklärte Gaby, als verstünde Calvin sie nicht. »Gaby, du bist entweder still, oder ich finde jemand ande- ren, der mir die Lampe hält.« Cirocco hatte Calvin noch nie so grob sprechen hören. Er machte eine Pause und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Der Schmerz war nicht stark, aber andauernd und schwer zu lokalisieren, wie bei Schmerzen im Mittelohr. Sie konnte das Kratzen hören und fühlen, und es ließ sie die Zähne zusammenbeißen. »Ich habe es«, sagte Calvin leise. »Was hast du? Kannst du es sehen?« »Ja. Du bist weiter, als ich dachte. Gut, daß du darauf be- standen hast, die Sache zu erledigen.« Er nahm das Kratzen wieder auf und machte gelegentlich eine Pause, um die Kü- rette zu reinigen. Gaby wandte sich ab, um etwas in ihrer Handfläche zu be- gutachten. »Es hat vier Beine«, flüsterte sie und machte An- stalten, an Ciroccos Seite zu kommen. »Ich will es nicht sehen. Bring’s weg von mir!« »Darf ich es sehen?« sang Wiegenlied. »Nein!« Sie kämpfte gegen einen Brechreiz und konnte für die Titanide nicht die Antwort singen, schüttelte dafür aber heftig den Kopf. »Gaby, zerstöre es! Sofort, hörst du?« »Erledigt, Rocky.«, Cirocco stieß einen tiefen Atemzug aus, der sich in ein Schluchzen verwandelte. »Ich wollte dich nicht anschreien. Wiegenlied hat gesagt, daß sie es sehen wollte. Wahrschein- lich hätte ich sie lassen sollen. Vielleicht hätte sie etwas damit anfangen können.« Cirocco protestierte mit der Behauptung, gehen zu können, aber die Vorstellungen der Titaniden von der Medizin umfaß- ten viel Hätscheln, Körperwärme und beruhigende Lieder. Wiegenlied trug sie über den Feldweg zu den Quartieren, die ihnen die Titaniden zur Verfügung gestellt hatten. Sie sang das Lied des Beistandes in Zeiten geistigen Schmerzes, während sie sie auf das Bett senkte. Daneben standen noch zwei leere. »Willkommen im Veterinärhospital«, grüßte Bill sie. Sie brachte ein schwaches Lächeln zustande, während Wiegen- lied die Decken zurechtlegte. »Reißt dein lustiger Freund wieder Witze?« sang Wiegen- lied. »Ja, er bezeichnet dies als Ort-der-Heilung-für-Tiere.« »Er sollte sich schämen. Heilung ist Heilung. Trinke dies, und du wirst dich entspannen.« Cirocco nahm den Weinschlauch und trank in tiefen Zü- gen. Es brannte den ganzen Weg hinunter, und Wärme ver- teilte sich in ihrem Körper. Die Titaniden tranken gegorene Getränke aus denselben Gründen wie die Menschen, eine der angenehmeren Entdeckungen der letzten sechs Tage. »Ich habe ein Gefühl, als hätte man mir gerade auf die Finger geklopft«, sagte Bill. »Diesen Ton kenne ich mittler- weile.« »Sie liebt dich, Bill, sogar wenn du unartig bist.« »Ich habe gehofft, dich aufzuheitern.« »Es war ein interessanter Versuch. Bill, es hatte vier Bei-, ne.« »Aua. Und ich mache Witze über Tiere.« Er langte hinüber und nahm ihre Hand. »Es ist okay. Ich hab’s hinter mir, und alles, was ich jetzt tun möchte, ist schlafen.« Sie nahm zwei weitere Schlucke aus dem Weinschlauch und tat genau dies. Gaby verbrachte die erste Stunde nach ihrer Operation da- mit, jedermann zu erzählen, daß sie sich gut fühlte, danach erbrach sie sich und hatte zwei Tage lang Fieber. August kam ohne jede schlechte Auswirkung davon. Cirocco war reizbar, aber gesund. Bill machte bei der Heilung gute Fortschritte, aber Calvin sagte, daß der Knochen nicht korrekt gerichtet worden war. »Also, wieviel länger wird es dauern?« fragte Bill. Diese Frage hatte er zuvor schon gestellt. Es gab nichts zu lesen, keinen Fernseher, nichts außer dem Fenster, das auf eine dunkle Straße in Titanstadt hinausblickte. Mit seinen Kran- kenschwestern konnte er sich nur in Pidgin-Liedchen unter- halten. Wiegenlied lernte zwar Englisch, aber nur langsam. »Zumindest weitere zwei Wochen«, meinte Calvin. »Ich habe das Gefühl, daß ich jetzt schon damit gehen könnte.« »Du könntest wahrscheinlich, aber genau das ist die Ge- fahr. Es würde durchkrachen wie ein trockener Ast. Nein, ich werde dich für zwei weitere Wochen nicht aufstehen lassen, nicht einmal mit Krücken.« »Wie stünde es damit, ihn hinauszubringen?« fragte Ciroc- co. »Möchtest du gern nach draußen, Bill?« Sie trugen Bill in seinem Bett zur Tür hinaus und eine kur- ze Strecke die Straße entlang, bevor sie ihn unter einem der, mit einem Baldachin versehenen Bäume absetzten, die Ti- tanstadt aus der Luft unsichtbar machten und die nächste Annäherung an eine Nacht boten, die sie seit ihrer Erfor- schung der Kabelbasis gesehen hatten. Die Titaniden hielten ihre Häuser und Straßen ständig beleuchtet. »Hast du Gene heute schon gesehen?« fragte Cirocco. »Das hängt davon ab, was du mit heute meinst«, sagte Calvin mit einem Gähnen. »Du hast immer noch meine Uhr.« »Aber du hast ihn nicht gesehen?« Calvin schüttelte den Kopf. »Seit einer Weile nicht mehr.« »Ich frage mich, was er im Schilde führt.« Calvin hatte Gene gefunden, wie er dem Ophion durch steiles Gelände folgte, wo sich der Fluß durch die Nemesis- berge von Crius schlängelte, der Tagesregion direkt westlich von Rhea. Er sagte, er wäre in der Dämmerungszone aufge- taucht und seitdem ständig gewandert in dem Versuch, mit den anderen zusammenzukommen. Auf die Frage, was er gemacht hatte, wollte er nur sagen: »überlebt«. Cirocco zweifelte nicht daran, fragte sich aber schlicht, was er damit meinte. Er wischte seine eigenen Er- fahrungen mit Wahrnehmungsentzug weg und behauptete, zuerst besorgt gewesen zu sein, sich aber dann beruhigt zu haben, als er die Situation begriff. Cirocco war sich auch nicht sicher, ob sie wußte, was er damit meinte. Zuerst hatte sie sich gefreut, jemanden gefunden zu ha- ben, der nur so minimal beeinflußt zu sein schien wie sie selbst. Gaby stöhnte noch immer im Schlaf. Bill hatte Ge- dächtnislücken, auch wenn die Erinnerung langsam zurück- kehrte. August war chronisch depressiv und stand an der Schwelle zum Selbstmord. Calvin war glücklich, wollte aber, allein sein. Nur sie und Gene schienen vergleichsweise un- verändert zu sein. Sie wußte jedoch, daß während ihres Aufenthaltes in der Dunkelheit ein Geheimnis sie berührt hatte. Sie konnte mit den Titaniden singen. Sie spürte, daß mit Gene mehr ge- schehen war, als er sagen wollte, und sie begann, nach An- zeichen davon zu suchen. Er lächelte viel. Ständig versicherte er jedermann, daß al- les bei ihm in Ordnung sei, auch wenn er gar nicht gefragt worden war. Er war freundlich. Manchmal war er ungewöhn- lich herzlich, aber ansonsten schien alles normal zu sein. Cirocco beschloß, ihn zu finden und noch einmal zu versu- chen, mit ihm über die zwei fehlenden Monate zu sprechen. Titanstadt gefiel ihr. Es war warm unter den Bäumen. Da in Gäa die Wärme vom Boden emporstieg, wurde sie vom hohen Dach einge- fangen. Es war eine trockene Hitze; mit einer leichten Bluse bekleidet und ohne Schuhe fand Cirocco, daß ihr Körper sich mit höchster Effizienz selbst kühlte. Die Straßen waren mit Papierlaternen, die sie an Japan erinnerten, angenehm be- leuchtet. Der Boden bestand aus festgestampfter Erde, be- feuchtet durch sogenannte Sprinklerpflanzen, die einmal pro Umdrehung Nebel versprühten. Die Hecken waren so dicht mit Blumen besetzt, daß Blumenblätter wie ein ständiger Regen an ihnen herabfielen. Sie wuchsen trotz der ständi- gen Düsternis ausgezeichnet. Die Titaniden hatten noch nie etwas von Städteplanung gehört. Die Behausungen waren zufällig über den Boden, unter dem Boden und sogar in den Bäumen verstreut. Die Straßen wurden formlos durch den Verkehr definiert. Es gab weder Zeichen noch benannte Straßen, und jeder Stadtplan, wäre in Kürze mit Korrekturen übersät gewesen, wenn mit- ten auf den Straßen neue Häuser emporwuchsen und Fuß- gänger sich ihre Wege durch Hecken trampelten, bis sich ein neues Gleichgewicht etabliert hatte. Jedermann hatte für Cirocco ein fröhliches Begrüßungslied übrig. »Hallo Erdmonster! Immer noch im Gleichgewicht, wie ich sehe.« »Oh, schau mal, die zweibeinige Merkwürdigkeit. Komm und schmause mit uns, Schier-oh-ko!« »Tut mir leid, Leute«, sang sie. »Geschäfte. Habt ihr Cis Meistersinger gesehen?« Es amüsierte sie, ihre Lieder so zu übersetzen, obwohl auf Titanidisch ›Monster‹ und ›Merkwürdigkeit‹ keine Beleidi- gung enthielten. Aber die Einladung zum Schmausen war nun schwer abzu- lehnen. Nach zwei Monaten mit rohem Fleisch und reizlosen Früchten war das Essen der Titaniden zu gut, um wahr zu sein. Ihre Küche war ihre größte Kunst, und mit einigen we- nigen Ausnahmen konnten die Menschen alles essen, was auch die Titaniden vertrugen. Cirocco fand das Gebäude, das sie Stadthalle nannte, mehr durch Glück als planmäßig, indem sie häufig ste- henblieb und nach dem Weg fragte. (Erst links, beim zwei- tenmal rechts, dann um das… nein, das wurde bei der letz- ten Kiloumdrehung blockiert, oder?) Die Titaniden begriffen die Anordnung, aber Cirocco glaubte nicht daran, daß sie es je begreifen würde. Die Stadthalle war einfach deswegen die Stadthalle, weil dort Meistersinger wohnte, und er war bei den Titaniden das, was am nahesten an einen Führer herankam. In Wirk- lichkeit war er ein Kriegsherr, aber selbst das paßte nicht, ganz. Es war Meistersinger gewesen, der am Tage des Kampfes mit den Engeln die Verstärkung angeführt hatte. Seitdem hatte er sich benommen wie jeder andere auch. Cirocco hatte ihn fragen wollen, ob er wisse, wo Gene zu finden war, aber das war nicht erforderlich. Gene war be- reits dort. »Rocky, wie schön, daß du vorbeikommst«, sagte er, stand auf und legte ihr den Arm über die Schultern. Er küßte sie leicht auf die Wange, was sie ärgerte. »Ich habe gerade mit Meistersinger über ein paar Sachen gesprochen, die dich vielleicht interessieren.« »Du hast… du kannst mit ihnen sprechen?« »Seine Ausdrucksweise ist schrecklich«, sang Meistersin- ger im schwierigen äolischen Modus, »nach der Art der cria- nischen Völker. Seine Stimme will sich nicht zur Unaufdring- lichkeit bequemen, und sein Ohr ist mehr an die… sollen wir sagen, die unmodulierten Worte eurer eigenen Pfeifen ange- paßt? Aber wir können oberflächlich zusammen singen.« »Ich habe etwas davon verstanden«, sang Gene lachend. »Er glaubt, von oben herab mit mir reden zu können, wie man einem Säugling Worte buchstabiert.« »Warum hast du mir das noch nicht erzählt, Gene?« fragte Cirocco und suchte seine Augen. »Ich habe es nicht für wichtig gehalten«, sagte er abwin- kend. »Ich habe eine Dosis abbekommen wie du auch, aber es ist nicht so gut ausgefallen.« »Ich wünschte einfach, du hättest es mir erzählt, das ist alles.« »Es tut mir leid, okay?« Er schien irritiert zu sein, und sie fragte sich, ob er vorgehabt hatte, sie alles wissen zu las- sen. Sicherlich hatte er nicht geglaubt, es noch länger ver- bergen zu können., »Gene hat mir viele interessante Dinge erzählt«, sang Meistersinger. »Er hat meinen Tisch mit Linien vollgezeich- net, aber sie ergeben nicht viel Sinn für mich. Ich möchte gerne verstehen und bete darum, daß dein überlegener Ge- sang die Dunkelheit erhellen möge.« »Ja, Rocky, versuch’s! Ich kann es diesem blöden Esel nicht verständlich machen.« Cirocco warf ihm einen tadelnden Blick zu und entspannte sich, als sie sich daran erinnerte, daß Meistersinger es nicht verstehen konnte. Trotzdem hielt sie es für unmanierlich und kindisch. Der Titanide war alles andere als dumm. Meis- tersinger kniete an einem der niedrigen Tische, die von den Titaniden bevorzugt wurden. Er hatte ein matt orangefarbe- nes Fell, das ein paar Zentimeter lang war, und nur das Ge- sicht war nackt. Die Haut war schokoladenbraun, die Augen hellgrau in einem Gesicht, das zu Anfang mit dem aller Ti- taniden identisch gewesen zu sein schien, aber Cirocco jetzt den Eindruck vermittelte, daß es hier ebenso viele Variatio- nen gab wie bei menschlichen Gesichtern. Sie konnte die Titaniden mittlerweile auseinanderhalten, ohne sich auf die Farbe zu beziehen. Aber das Gesicht wirkte nach wie vor weiblich auf sie. Sie konnte diese kulturelle Konditionierung nicht abschütteln, trotz des unübersehbaren Penis’. Gene hatte Hautfärbstoff benutzt, um eine Karte auf Meis- tersingers Tisch zu zeichnen. Zwei parallele Linien verliefen ostwestlich, und weitere Linien zerschnitten den Zwischen- raum in Rechtecke. Es handelte sich um den Innenrand von Gäa, in die Länge gezogen und von oben gesehen. »Hier ist Hyperion«, sagte er und stach mit einem rotge- färbten Finger auf die entsprechende Stelle. »Im Westen Ozeanus, im Osten… wie habt ihr es genannt?«, »Rhea.« »Richtig. Dann kommt Crius. Dort verlaufen Haltekabel hier, hier und hier. Titaniden leben in Osthyperion und Westcrius. Aber in Rhea gibt es keine Engel. Weißt du wa- rum, Rocky? Weil sie in den Speichen wohnen.« »Worum geht es überhaupt?« »Hab etwas Geduld mit mir! Mach es ihm verständlich, ja?« Sie tat ihr Bestes. Nach mehreren Versuchen wirkte er in- teressiert und deutete mit einem Finger, dessen Nagel oran- gefarben war, neben einen Punkt in Westhyperion. »Dann wäre dies die große Treppe zum Himmel neben der Stadt?« »Ja, und daneben liegt Titanstadt.« Meistersinger runzelte die Stirn. »Warum kann ich es nicht sehen?« »Das habe ich verstanden«, sagte Gene. »Weil ich es nicht eingezeichnet habe«, sang er. Mit einem Schnörkel machte er neben dem größeren noch einen Punkt. »Auf welche Weise werden diese Linien alle Engel töten?« wollte Meistersinger wissen. Gene wandte sich an Cirocco. »Hat er gefragt, warum ich das alles zeichne?« »Nein, er wollte wissen, was das mit dem Töten von En- geln zu tun hat, und ich würde gerne eine eigene Frage hin- zufügen, die da lautet: Was, zum Teufel, machst du da? Ich verbiete dir, diese Diskussion weiterzuführen. Wir können nicht eine von zwei kriegführenden Nationen unterstützen. Hast du denn nicht die Genfer Kontaktprotokolle gelesen?« Gene schwieg für einen Moment und vermied es, sie an- zublicken. Als er sie wieder anblickte, sagte er ruhig: »Erinnerst du dich nicht mehr an dieses Gemetzel, oder, hast du wirklich alles verpaßt? Sie sind ausgelöscht worden, Rocky. Fünfzehn von diesen Eseln sind gesprungen. Alle au- ßer einem sind umgekommen, und noch zwei von denen, die bei dir waren. Die Engel haben zwei verloren, plus einen Verwundeten.« »Drei. Du hast nicht gesehen, was mit dem dritten pas- siert ist.« Es machte sie immer noch krank, daran zu den- ken. »Wie auch immer. Die Sache ist die: es war eine neue Taktik. Die Engel hatten einen Trupp oben auf den Blimp gesetzt. Zuerst dachten wir, die Engel hätten mit den Blimps ein Bündnis geschlossen, aber es stellte sich heraus, daß auch die Blimps aufgebracht sind. Sie sind neutral. Die En- gel kamen während eines Unwetters an Bord, daher dachte der Blimp, daß es sich bei dem Zusatzgewicht um Wasser handelte. Er legt an die zwei Tonnen zu, wenn es regnet.« »Was bedeutet dieses ganze ›Wir‹-Zeugs? Bist du dabei, ein Bündnis zu schließen? Diese Macht hast du nicht. Ich mache das, als Schiffskapitän.« »Vielleicht sollte ich dich darauf hinweisen, daß dein Schiff nicht mehr existiert.« Falls er sie hätte verletzen wollen, hätte er nicht besser zielen können. Sie räusperte sich und fuhr fort: »Gene, wir sind nicht als Militärberater hier.« »Verdammt, ich dachte doch nur, ich könnte ihnen ein paar Sachen zeigen, wie diese Karte. Ohne Karte kann man nicht strategisch planen. Sie werden auch ein paar neue Taktiken brauchen, aber…« Meistersinger gab das hohe Pfeifen von sich, das als Räus- perlaut diente. Cirocco erkannte, daß sie ihn ignoriert hat- ten. »Entschuldigt mich«, sang er. »Diese Zeichnung ist wirk- lich eine feine Sache. Ich werde sie für das nächste Drei-, Städte-Jamboree auf meine Brust malen. Aber wir sprachen von Methoden zum Töten von Engeln. Ich würde gerne mehr von dem grauen Pulver der Gewalt hören, das du zuvor er- wähnt hast.« »Jesus, Gene!« Cirocco explodierte, brachte dann ihre Stimme wieder unter Kontrolle. »Meistersinger – mein Freund, dessen Beherrschung eurer Lieder so armselig ist, muß sich schlecht ausgedrückt haben. Ich weiß nichts von solch einem Pulver.« Meistersingers Augen waren sanfte Teiche. »Wenn nicht von dem grauen Pulver, dann erzählt mir von dem Gerät, das Speere höher in die Luft schleudert, als eine Hand sie werfen kann.« »Auch das mußt du mißverstanden haben. Entschuldige mich bitte für noch einen Moment.« Sie wandte sich an Ge- ne und versuchte, ruhig zu bleiben. »Gene, geh raus! Ich rede später mit dir.« »Rocky, ich will doch nur…« »Das ist ein Befehl, Gene!« Er zögerte. Sie war im Nahkampf ausgebildet und verfügte über die größere Reichweite, aber auch er hatte diese Aus- bildung und besaß die größere Kraft. Sie war sich bei wei- tem nicht sicher, daß sie ihn schlagen konnte, machte sich jedoch bereit, es zu versuchen. Der Augenblick ging vorüber. Gene entspannte sich, hieb die Handfläche auf den Tisch und verließ steifbeinig den Raum. Meistersinger war diesem Vorgang mit Augen ge- folgt, denen nichts entgangen war. »Es tut mir leid, daß ich böses Blut zwischen dir und dei- nem Freund verursacht habe«, sang der Titanide. »Es war nicht dein Fehler.« Ihre Hände waren kalt, jetzt, wo die Konfrontation vorüber war. »Ich… schau mal, Meis-, tersinger!« sang sie im Modus zwischen Gleichgestellten. »Wem glaubst du, mir oder Gene?« »Sieh es ein, Roh-kie, du hast gewirkt, als hättest du et- was zu verbergen.« Cirocco kaute auf einem Knöchel, während sie sich über- legte, was zu tun sei. Der Titanide war sich sicher, daß sie log, aber wieviel wußte er bereits? »Du hast recht«, sang sie schließlich. »Wir haben ein Pul- ver der Gewalt, das stark genug ist, diese ganze Stadt zu vernichten. Wir kennen Geheimnisse der Zerstörung, die auch nur anzudeuten ich mich schäme; Dinge, die ein Loch in eure Welt sprengen und die Luft in den kalten Weltraum hinausschießen lassen könnten.« »Dergleichen brauchen wir nicht«, sang Meistersinger, der interessiert wirkte. »Das Pulver würde schon reichen.« »Ich kann es dir nicht geben. Wir haben nichts davon mit- gebracht.« Der Titanide hatte sich sein Lied offenkundig sorgfältig zu- rechtgelegt, als er schließlich wieder sang. »Dein Freund Gene hielt es für möglich, diese Dinge her- zustellen. Wir sind gut, was Holz und die Chemie lebender Dinge betrifft.« Cirocco seufzte. »Er hat wahrscheinlich recht. Aber wir können euch die Geheimnisse nicht geben.« Meistersinger schwieg. »Meine persönlichen Gefühle haben damit wenig zu tun«, erklärte sie. »Diejenigen, die über mir stehen, die Weisen meiner Rasse, haben gesagt, daß es so sein soll.« Meistersinger zuckte die Achseln. »Wenn es der Wille dei- ner Ältesten ist, hast du kaum eine Wahl.« »Ich freue mich, daß du es so siehst.« »Ja.« Er machte eine Pause und legte sich sein Lied wie-, der sorgfältig zurecht. »Dein Freund hat offenbar nicht so viel Respekt vor seinen Ältesten. Wenn ich ihn wieder fragen sollte, wird er mir viel- leicht die Dinge beibringen, die ich für den Sieg brauche.« Ihr sank das Herz, aber sie versuchte, es ihn nicht merken zu lassen. »Gene war vergeßlich. Er hat eine schwere Reise hinter sich; seine Gedanken wanderten, aber ich habe ihn jetzt wieder an seine Pflichten erinnert.« »Ich verstehe.« Wieder überlegte er, bot ihr ein Glas Wein an, das sie dankbar austrank. »Ich glaube, ich könnte selbst eine Speerschleuder ent- werfen. Ein biegsamer Stock, die Enden mit einem Riemen verbunden.« »Offen gesagt, bin ich überrascht, daß ihr ihn noch nicht habt. Ihr habt doch bereits viel kompliziertere Dinge.« »Wir besitzen etwas Ähnliches, das die Kinder zum Spielen benutzen.« »Die Natur eures Krieges mit den Engeln verwirrt mich. Warum kämpft ihr gegeneinander?« Meistersinger runzelte die Stirn. »Weil sie Engel sind.« »Gibt es sonst keinen Grund? Ich war von eurer Toleranz gegenüber anderen Rassen beeindruckt. Ihr empfindet keine Feindseligkeit mir und meinen Freunden, den Blimps oder den Yetis in Ozeanus gegenüber.« »Es sind Engel«, wiederholte er. »Ihr wollt mit ihnen nicht in einem Land leben?« »Engel wären nicht in der Lage, ihre Jungen an Gäas Brust zu säugen, wenn sie die großen Türme verließen. Und wir könnten nicht an Wänden hängend leben.« »Also kämpft ihr nicht um Land oder Nahrung. Könnte der Grund religiöser Natur sein? Verehrt ihr einen anderen, Gott?« Er lachte. »Verehren? Du hast dein Lied merkwürdig ges- taltet. Es gibt nur eine Göttin, sogar für die Engel. Gäa ist allen Rassen in ihr bekannt.« »Dann verstehe ich es einfach nicht. Könntest du es mir erklären? Warum kämpft ihr?« Meistersinger der Kriegsherr dachte lange nach. Als er endlich wieder sang, war es in einer trauernden Moll-Tonart. »Von allen Dingen des Lebens ist dies das eine, wonach ich Gäa allzu gerne fragen würde. Daß wir alle sterben und zum Schlamm zurückkehren müssen – dagegen habe ich keine Einwände, empfinde ich keine Bitterkeit. Daß die Welt ein Kreis ist und Winde wehen, wenn Gäa atmet – das sind Dinge, die ich verstehe. Daß es Zeiten gibt, zu denen man hungern muß, oder zu denen der mächtige Ophion vom Staub verschluckt wird oder der kalte Wind aus dem Westen uns frieren läßt – diese Dinge akzeptiere ich, wie ich be- zweifle, daß ich diese Angelegenheiten besser regeln könn- te. Gäa muß sich um viele Länder kümmern und zu Zeiten ihren Blick woanders hinwenden. Wenn die großen Säulen des Himmels peitschen, so daß der Boden zittert und man fürchtet, die Welt ginge ausein- ander und stürze in die Leere, beschwere ich mich nicht. Aber zur Zeit von Gäas Atem, wenn der Haß auf mir liegt, überlege ich nicht mehr. Ich führe mein Volk in die Schlacht und bemerke nicht, daß meine Hintertochter an meiner Sei- te fällt. Ich habe es nicht bemerkt. Sie war eine Fremde für mich, denn der Himmel war voller Engel, und es war Zeit zu kämpfen. Erst später, wenn uns die Wut verläßt, zählen wir die Gefallenen. Dann findet die Mutter ihr Kind erschlagen auf dem Feld. Dann fand ich die Tochter meines Fleisches, von Engeln verwundet, aber von den Füßen ihres eigenen, Volkes zertrampelt. Das war vor fünf Atemzügen. Mein Herz wurde krank, und ich fürchte, es wird niemals wieder heilen.« Cirocco wagte nicht, das Schweigen zu brechen, als Meis- tersinger sich von ihr abwandte. Er stand auf und ging zur Tür, blickte hinaus in die Dunkelheit, während Cirocco das Kerzenflackern auf dem Tisch betrachtete. Er gab Laute von sich, die gewiß ein Weinen waren, wenn sie sich auch nicht wie menschliches Weinen anhörten. Nach einer Weile kehrte er zu ihr zurück und setzte sich wieder, und er sah sehr mü- de aus. »Wir kämpfen, wenn der Zorn über uns kommt. Wir hören nicht auf zu kämpfen, bevor alle Engel tot oder in die Flucht geschlagen sind.« »Du sprichst von Gäas Atem. Das ist mir fremd.« »Du hast ihn klagen gehört. Er ist ein zornerregender Sturm aus den himmlischen Türmen; kalt aus dem Westen und heiß aus dem Osten.« »Habt ihr je versucht, mit den Engeln zu reden? Wollen sie eurem Gesang nicht zuhören?« Wieder zuckte er die Achseln. »Wer kann einem Engel vor- singen, und welcher Engel würde zuhören?« »Es beschäftigt mich immer noch, daß niemand versucht hat… mit ihnen zu verhandeln.« Das war ein schwieriges Wort. Das, welches sie schließlich aussuchte, bedeutet »er- geben« oder »den Schwanz zukehren« – in einem wörtli- chen Sinn. »Wenn ihr euch zusammensetzen und jeder dem Gesang des anderen lauschen könntet, vielleicht hättet ihr dann Frieden.« Seine Stirn furchte sich. »Wie kann es ein Gefühl-der- Harmonie-zwischen-Geschwistern geben, wenn sie Engel sind.« Das von ihm benutzte Wort war dasselbe, das auch, Cirocco als das beste einer inadäquaten Menge ausgewählt hatte. »Frieden« war zwischen Titaniden ein allumfassender Zustand, kaum der Erwähnung wert. Aber zwischen Titan- iden und Engeln war der Frieden eine Vorstellung, die in der Sprache nicht enthalten war. »Mein Volk hat keine Feinde in anderen Rassen, sondern in ihm kämpfen die einen gegen die anderen«, sagte Ciroc- co. »Wir haben Methoden entwickelt, diese Konflikte zu lö- sen.« »Das ist für uns kein Problem. Wir kommen mit Feindse- ligkeit zwischen Angehörigen unserer Rasse sehr gut zu- recht.« »Vielleicht könntest du uns etwas davon beibringen. Aber ich für mein Teil wünschte mir, euch etwas von den Metho- den zu zeigen, die wir gelernt haben. Manchmal sind beide Parteien zu stark verfeindet, um sich zusammenzusetzen und zu reden. In solch einem Fall benutzen wir eine dritte Partei, die sich zwischen die Feinde setzt.« Er zog eine Augenbraue hoch und senkte dann argwöh- nisch beide. »Wenn das funktioniert, warum braucht ihr dann so viele Waffen?« Sie mußte lächeln. Es war nicht leicht, den Titaniden etwas zu vermitteln. »Weil es nicht immer funktioniert. Dann versuchen unsere Krieger, sich gegenseitig zu vernichten. Aber unsere Waffen sind so furchtbar geworden, daß sie seit langer Zeit niemand mehr benutzt hat. Wir sind im Frieden besser geworden, und als Beleg dafür biete ich an, daß wir, seit wir in der La- ge sind, unseren ganzen Planeten zu vernichten, also seit mindestens… sagen wir sechzig Myria-Umdrehungen, das nicht mehr getan haben.« »Das ist ein Augenblinzeln, während sich Gäa dreht«, sang, er. »Ich prahle nicht. Es ist schrecklich, mit dem Wissen zu leben, daß nicht nur die… die eigene Hintermutter, die eige- nen Freunde und Nachbarn ausgelöscht werden können, sondern die ganze Rasse bis hin zum kleinsten Grünschna- bel.« Meistersinger nickte ernst und sah beeindruckt aus. »Es liegt bei euch. Meine Rasse kann euch mehr Krieg an- bieten oder die Möglichkeit des Friedens.« »Das verstehe ich«, sang er gedankenverloren. »Das ist eine schwerwiegende Entscheidung.« Cirocco entschied sich, den Mund zu halten. Meistersinger wußte, daß es in seiner Macht lag, die Waffenkunst zu ler- nen, die Gene ihm angeboten hatte. Die Kerze im Wandhalter zertropfte zu Dunkelheit, und nur die, die zwischen ihnen stand, überlebte und warf tanzendes Licht über Meistersingers feminine Gesichtszüge. »Wo könnte ich den finden, der in der Mitte steht? Mir scheint, daß so jemand von den Speeren beider Seiten ge- troffen würde.« Cirocco breitete die Hände aus. »Ich bin willens, meine Dienste als autorisierte Vertreterin der Vereinten Nationen anzubieten.« Meistersinger betrachtete sie forschend. »Ohne etwas ge- gen die Va-ain-ten-natz-jonen sagen zu wollen, wir haben noch nie etwas von ihnen gehört. Warum sollten sie sich für unsere Kriege interessieren?« »Die Vereinten Nationen sind dazu da, Konflikte zu lösen. Offen gesagt, sie sind nicht besser als wir insgesamt, was heißt, bei weitem nicht vollkommen.« Er zuckte die Achseln, als sei er sowieso davon ausgegan- gen. »Warum würdest du das für uns tun?«, »Ich komme ohnehin durch das Gebiet der Engel, wenn ich zu Gäa unterwegs bin. Und ich hasse Krieg.« Zum erstenmal wirkte Meistersinger beeindruckt. Ganz of- fenkundig war seine Meinung von ihr bedeutsam gestiegen. »Du hast vorher noch nicht gesagt, daß du eine Pilgerin bist. Dies wirft ein neues Licht auf die Dinge. Ich fürchte, du bist ein Dummkopf, aber es handelt sich um eine heilige Dummheit.« Er langte über den Tisch und faßte mit seinen großen Händen ihren Kopf, beugte sich hinüber und küßte sie auf die Stirn. Es war die stärkste rituelle Geste, die Ci- rocco je einen Titaniden hatte machen sehen, und es rührte sie. »Dann geh«, sagte er. »Ich werde nicht mehr an neue Waffen denken. Es ist alles schlimm genug. Wir wollen nicht einen Weg einschlagen, der zu noch mehr Vernichtung füh- ren muß.« Er machte eine Pause und schien mit sich zu Rate zu ge- hen. »Wenn du durch irgendeine Fügung der Geschehnisse tat- sächlich Gäa treffen solltest, dann hätte ich gerne, daß du sie für mich fragst, warum meine Hintertochter sterben mußte. Wenn sie dir keine Antwort geben will, dann schlag ihr ins Gesicht und sage ihr, daß es von Meistersinger ist!« »Das werde ich tun.« Sie stand auf und fühlte sich seltsam heiter, irgendwie weniger besorgt über die Zukunft, als sie es bisher zwei Monate lang gewesen war. Sie machte An- stalten zu gehen, war aber noch auf etwas neugierig. »Wofür war der Kuß?« fragte sie. Er blickte auf. »Es war der Kuß für die Toten. Wenn du gehst, werde ich dich niemals wiedersehen.«, KAPITEL SIEBZEHN Hornpipe hatte die Rolle der Führerin und der Informations- quelle für die Menschengruppe übernommen. Sie sagte, daß ihre Hintermutter dem zustimmte, und fand, daß es eine gute Gelegenheit sein würde, etwas zu lernen. Das Auftau- chen der Menschen war das aufregendste Ereignis, das seit vielen zehntausend Umdrehungen in Titanstadt passiert war. Als Cirocco den Wunsch zum Ausdruck brachte, den Ort der Stürme außerhalb der Stadt zu sehen, packte Hornpipe eine Picknick-Mahlzeit und zwei volle Weinschläuche ein. Calvin und Gaby wollten mitkommen, aber August saß ein- fach nur da und starrte zum Fenster hinaus – etwas, das sie oft tat. Gene war nicht zu finden. Cirocco erinnerte Calvin daran, daß er die Zusage gegeben hatte, bei Bill zu bleiben. Bill verlangte, sie sollte warten, bis er wieder gesund war, und sie mußte ihn daran erinnern, daß immer noch sie die Verantwortung trug. Er hatte das vergessen, als die Ein- schränkung ihn mürrisch und kleinlich gemacht hatte. Ciroc- co hatte Verständnis für ihn, mochte ihn aber dann am we- nigsten, wenn er den Beschützer hervorkehrte. »Schöner Tag für ein Picknick«, sang Hornpipe, als Cirocco und Gaby sich am Stadtrand zu ihr gesellten. »Der Boden ist trocken. Wir sollten in vier oder fünf Umdrehungen hin und wieder zurückkommen.« Cirocco kniete nieder und band die Schnürsenkel der wei- chen Ledermokassins zu, die die Titanen für sie angefertigt hatten, stand dann wieder auf und blickte über das braune Land hinweg dorthin, wo sich im Westen das zentrale Rhea-, kabel – der Ort der Stürme – in den klaren Himmel türmte. »Ich hasse es, dich zu enttäuschen«, sang sie, »aber mei- ne Freundin und ich werden zehn Umdrehungen brauchen, um dorthin zu kommen, und zurück noch einmal so lang. Wir haben vor, an der Basis zu lagern, um dort den falschen Tod zu erwarten.« Hornpipe schauderte. »Ich wünschte mir, ihr würdet das nicht tun. Es macht mir Angst. Woher wissen die Würmer, daß sie euch nicht verzehren sollen?« Cirocco lachte. Die Titaniden schliefen niemals. Sie fanden es noch beunruhigender als den komischen Trick, ständig auf zwei Beinen zu balancieren. »Es gibt eine Alternative. Ich zögere mit dem Vorschlag, aus Angst, dich zu beleidigen. Auf der Erde haben wir Tiere – keine Leute –, die so ähnlich gebaut sind wie ihr. Wir rei- ten auf ihren Rücken.« »Auf ihren Rücken?« Hornpipe machte ein verwirrtes Ge- sicht, aber dann hellte sich ihre Miene auf, als sie die Ver- bindung herstellte. »Du meinst, mit einem von euren Beinen auf jeder… natürlich, ich verstehe! Denkst du, es würde klappen?« »Ich will es gerne versuchen, wenn du es auch willst. Streck deine Hand aus! Nein, dreh sie… richtig. Ich werde den Fuß hineinsetzen…« Das tat sie, packte Hornpipe an der Schulter und schwang sich hinauf. Sie saß auf dem breiten Rücken mit einem Sattelgurt unter sich und einer Sattelta- sche hinter jedem Bein. »Ist es so bequem?« »Ich spüre dich kaum. Aber wie willst du draufbleiben?« »Das müssen wir herausfinden. Ich dachte, ich…« Sie brach ab und stieß einen schrillen Schrei aus. Hornpipe hat- te ihren Kopf völlig herumgedreht. »Stimmt was nicht?«, »Nichts. Ich bin nur erschrocken. Wir sind nicht so gelen- kig. Ich kann kaum glauben, wie du so was machst. Aber egal. Dreh dich um und schau, wo du hingehst!« »Welche Gangart ziehst du vor?« »Oh. Ich weiß nicht.« »In Ordnung. Ich werde zuerst traben und dann zu einem gemächlichen Galopp übergehen.« »Macht es dir etwas aus, wenn ich die Arme um dich le- ge?« »Überhaupt nichts.« Hornpipe beschrieb einen weiten Kreis und legte allmäh- lich Tempo zu. Sie rasten an Gaby vorbei, die anfeuernd schrie. Als Hornpipe austrabte und anhielt, atmete sie kaum schwerer. »Meinst du, es wird gehen?« fragte Cirocco. »Ich denke doch. Wir wollen es mit euch beiden versu- chen.« »Ich hätte gern etwas, was ich über diesen Gurt legen könnte«, sagte Cirocco. »Was Gaby angeht, warum finden wir für sie nicht jemand anderen?« Innerhalb von zehn Minuten besorgte Hornpipe zwei Kis- sen und einen weiteren Freiwilligen. Er war männlich und hatte ein lavendelfarbenes Fell sowie weißes Kopf- und Schwanzhaar. »He, Rocky, ich habe ein ausgefalleneres Pferd als du.« »Kommt darauf an, wie man es sieht. Gaby, ich möchte dir gerne…« Sie sang den Namen, machte daraufhin die Vorstellung in umgekehrter Richtung und flüsterte dann Ga- by heimlich zu: »Nenn ihn Panflöte.« »Was hast du gegen Leo oder George?« murrte sie, schüt- telte aber dann seine Hände und schwang sich gewandt auf seinen Rücken., Sie machten sich auf den Weg, und die Titaniden sangen ein Reiselied, in das die Frauen einfielen, so gut sie konnten. Als das erste zu Ende war, lernten sie ein weiteres. Dann ging Cirocco zu Liedern von der Erde über. Die Titaniden waren entzückt; sie hatten gar nicht gewußt, daß die Men- schen Lieder besaßen. Cirocco war mit einem Floß den Colorado hinabge- schwommen und mit einer Nußschale den Ophion. Sie hatte den Südpol überflogen und die Vereinigten Staaten mit ei- nem Doppeldecker. Sie war mit Motorschlitten und Fahrrad gereist, mit Kabelauto und Schwerkraftzug, und einmal hat- te sie auch eine kurze Reise auf einem Kamel gemacht. Nichts davon war vergleichbar damit, auf einem Titaniden unter der Wölbung Gäas einherzureiten in diesem langen Nachmittag, ewig an der Grenze der Dämmerung. Vor ihr erhob sich eine Treppe vom Boden zum Himmel und ver- schwand in der Nacht. Sie warf den Kopf zurück und sang. »Ein weiter Weg nach Tipperary, ein weiter Weg zu ge- hen…« Der Ort der Stürme war harter Fels und gequälte Erde. Grate wie knorrige Knöchel begannen das braune Land in Falten zu legen, und zwischen ihnen öffneten sich tiefe Ab- gründe. Die Grate krümmten sich nach außen und wurden zu Fingern, die das Land packten und wie einen Bogen Pa- pier zerknüllten. Bald gingen die Finger in eine verwitterte Hand und dann einen zottigen Arm über, der sich in die Nacht hinaus erstreckte. Die Luft war nie ruhig. Plötzliche Windstöße aus allen Rich- tungen erzeugten tausend Sandteufel, die ziellos über den Weg der Reisenden tanzten., Bald hörten sie das Heulen. Es war ein hohles Geräusch, nicht angenehm, aber auch nicht von der entsetzlichen Trauer des großen Sturms von Ozeanus, der als ›Gäas Kla- ge‹ bekannt war. Hornpipe hatte ihnen eine gewisse Vorstellung von dem vermittelt, was sie erwartete. Die Grate, die sie erstiegen, waren Kabelstränge, die in einem Winkel von dreißig Grad aus dem Boden hervorkamen und mit Erde bedeckt waren. Der Wind hatte das Land zu Furchen erodiert, die allesamt auf die Quelle des Geräusches zu verliefen. Sie kamen an Sauglöchern im Boden vorbei, manche mit einem Durchmesser von nicht mehr als einem halben Meter, andere groß genug, um einen Titaniden zu verschlucken. Jedes Loch besaß seinen eigenen erkennbaren Pfeifton. Es war eine unharmonische, nicht gequantelte Musik, ähnlich manchen der eher undurchsichtigen Experimente um die Jahrhundertwende. Allem unterlag ein dauernder Orgel- klang. Die Titaniden suchten sich ihren Weg am letzten, langen Grat hinauf. Der Boden war hart und steinig, seit langem von loser Erde gesäubert, aber der Rücken des Grates war schmal, und die Abgründe waren breit und tief. Cirocco hoff- te, daß die Titaniden wissen würden, wann am besten anzu- halten war. Bereits jetzt peitschte ihr der Wind Tränen in die Augen. »Dies ist der Ort der Stürme«, sang Hornpipe. »Wir wagen es nicht, näher heranzugehen, da die Winde stark genug werden, euch wegzutragen. Aber ihr könnt den Großen Heu- ler sehen, wenn ihr den Hang hinabgeht`. Willst du, daß ich dich dorthin trage?« »Danke, ich werde gehen«, sagte Cirocco und schwang sich von Hornpipes Rücken., »Ich zeige dir den Weg.« Hornpipe machte sich an den Abstieg und machte kurze, zimperlich und unsicher wirken- de Schritte, hatte aber augenscheinlich keine Schwierigkei- ten. Die Titaniden gelangten an einen senkrechten Absturz und folgten ihm nach Osten. Als Gaby und Cirocco ihn erreich- ten, spürten sie das Stärkerwerden des Windes und des Lärms. »Wenn es noch viel schlimmer wird«, schrie Cirocco, »denke ich, daß wir besser aufgeben!« »Ich bin bei dir.« Aber als sie die Stelle erreichten, wo die Titaniden stehen- geblieben waren, sahen sie, daß es nicht nötig war, weiter- zugehen. Dort gab es sieben sichtbare Sauglöcher, alle an den En- den langer und steiler Schluchten. Sechs besaßen einen Durchmesser von fünfzig bis zweihundert Metern. Aber der Große Heuler hätte sie alle verschlucken können. Cirocco schätzte, daß es ein Kilometer war vom unteren Rand seiner Öffnung bis zum oberen, und an der breitesten Stelle die Hälfte davon. Die ovale Form wurde durch seine Lage zwischen zwei Kabelsträngen erzwungen, die ein spit- zes V bildeten, wo sie aus dem braunen Land hervorkamen. Wo sie aufeinandertrafen, klaffte das große Maul aus nack- tem Stein offen. Die Seiten der Öffnung waren so glatt, daß sie im Sonnenlicht wie verzerrte Spiegel blitzten. Sie waren poliert worden durch tausend Jahre des Windes und des ab- schleifenden Sandes, den er mit sich führte. Adern von leichterem Erz im dunklen Gestein verliehen ihm einen Perlmuttschimmer. Hornpipe beugte sich herab und sang direkt in Ciroccos Ohr., »Ich kann sehen, warum!« brüllte Cirocco nach hinten. »Was hat sie gesagt?« wollte Gaby wissen. »Sie sagt, daß sie diesen Ort Gäas Vordergabelung nen- nen.« »Kann ich verstehen. Wir stehen auf einem ihrer Beine.« »Das ist die Idee dabei.« Cirocco faßte an Hornpipes Hinterteil und deutete zurück auf den Rücken des Grates. Sie fragte sich, was die Titan- iden wohl von diesem Ort dachten. Ob sie Ehrfurcht emp- fanden? Unwahrscheinlich. Er lag direkt außerhalb der Stadt. Hatten die Schweizer Ehrfurcht vor ihren Bergen? Es war gut, in relative Stille zurückzugelangen. Cirocco stand neben Hornpipe und ließ den Blick über die Gegend schweifen. Wenn die Kabelbasis eine riesige Hand war, wie es vorher auf sie gewirkt hatte, dann hatten sie es bis zum zweiten Knöchel von einem der Finger geschafft. Der Heuler lag un- ten an der Hautfalte zwischen zwei Fingern. »Gibt es einen anderen Weg nach oben?« sang Cirocco. »Eine Möglichkeit, die ausgedehnte Ebene dort oben zu er- reichen, ohne von Gäa angesaugt zu werden?« Panflöte, ein wenig älter als Hornpipe, nickte. »Ja, viele. Diese gewaltige Mutter aller Löcher ist das größte. Viele der anderen Grate werden es euch ermögli- chen, auf das Plateau zu kommen.« »Warum hast du mich dann nicht dort hinauf gebracht?« Hornpipe wirkte überrascht. »Du hast gesagt, daß du den Ort der Stürme sehen wolltest, und nicht hinaufklettern, um Gäa zu begegnen.« »Mein Fehler«, gestand sie. »Aber welches ist der güns- tigste Weg nach oben?« »Nach ganz oben?« sang Hornpipe mit geweiteten Augen., »Ich habe nur Spaß gemacht. Sicher willst du nicht dort- hin?« »Ich habe vor, es zu versuchen.« Hornpipe deutete auf den nächsten Kamm im Süden. Ci- rocco studierte das Land jenseits der Kluft. Es schien nicht schwieriger zu sein als der Grat, den sie erstiegen hatten. Die Titaniden hatten dafür anderthalb Stunden gebraucht, also sollte sie in der Lage sein, es in sechs bis acht Stunden zu schaffen. Dann kamen weitere sechs Stunden ansteigen- den Terrains, bis das Plateau erreicht war, und dahinter… Von dem Punkt aus, an dem sie sich befanden, wirkte das schräge Kabel wie ein widernatürlicher Berg. Es stieg von hier aus für annähernd fünfzig Kilometer an bis in die Dun- kelheit über der Grenze von Rhea. Auf drei von diesen Kilo- metern wuchs nichts; es gab nur schokoladenbraune Erde und graues Gestein. Dann gab es für eine ähnliche Strecke nur vom Sturm verdrehte, blattlose Bäume. Dahinter hatte Gäas hartnäckiges Leben einen Halt gefunden. Cirocco konnte nicht sagen, ob es Gras oder Waldland war, aber das fünf Kilometer durchmessende Rund des Kabels war grün überkrustet – die korrodierte Ankerkette eines Ozeanschif- fes. Das Grün erstreckte sich bis an die Dämmerungszone von Rhea. Diese Zone besaß keine scharfen Ränder; sie begann allmählich, während die Farbe von der Dunkelheit wegge- wischt wurde. Das Grün verblaßte zu Bronze, vertiefte sich zu dunklem Gold, über Blutrot zu Silber, und schließlich zur Farbe von Wolken, die auf der anderen Seite vom Mond be- schienen waren. Dort war das Kabel fast schon unsichtbar. Das Auge folgte der unmöglichen Kurve, während es ab- nahm und zu einem Seil wurde, einer Schnur, einem Bindfa- den, einem Zwirnfaden, bevor es in die aufragende Dunkel-, heit des Daches überging und in der Speichenöffnung ver- schwand. Man konnte sehen, wie sich die Speiche allmählich verengte, aber es war zu dunkel, um darüber hinaus viel sehen zu können. »Wir könnten es schaffen«, sagte sie zu Gaby. »Mindes- tens bis zum Dach. Ich hatte gehofft, daß es hier am Boden eine Art mechanischen Lift geben würde. Es könnte auch einen geben, schätze ich, aber wenn wir danach suchen würden…« Sie deutete auf das zerfurchte Land. »Es könnte Monate dauern.« Gaby studierte die Steigung des Kabels, seufzte und schüttelte langsam den Kopf. »Ich folge dir, wohin du gehst, aber weißt du, daß du ver- rückt bist? Wir werden niemals über das Dach hinauskom- men. Sieh nur, ja? Von dort an würden wir an der Unterseite eines fünfundvierzig-Grad-Winkels entlangklettern.« »Bergsteiger machen das dauernd. Du hast es in der Aus- bildung auch getan.« »Sicher. Zehn Meter weit. Aber hier werden wir es für fünfzig oder sechzig Kilometer machen müssen. Und dann – jetzt kommt die gute Nachricht –, dann werden wir nur noch 400 Kilometer weit senkrecht nach oben zu gehen haben.« »Es wird nicht leicht sein. Aber wir müssen es versuchen.« »Madre de Dios!« Gaby schlug sich mit dem Handballen gegen die Stirn und rollte die Augen. Hornpipe war Ciroccos Gesten gefolgt, während sie das Problem umriß. Jetzt sang sie largo: »Du willst die große Treppe ersteigen?« »Ich muß.« Hornpipe nickte, beugte sich dann herab und küßte Ciroc- co auf die Stirn. »Ich wünschte, ihr Typen würdet damit aufhören«, sagte, Cirocco auf Englisch. »Wofür war das?« wollte Gaby wissen. »Laß gut sein. Wir wollen zurück in die Stadt.« Nachdem sie den Ort der Stürme verlassen hatten, hielten sie an. Hornpipe breitete eine Decke auf dem Boden aus, und sie setzten sich zu einem Picknick hin. Das in Nußscha- lenthermosflaschen aufbewahrte Essen war noch heiß. Ci- rocco und Gaby aßen vielleicht ein Zehntel davon, und die Titaniden schlangen den Rest hinunter. Es waren noch fünf Kilometer bis Titanstadt, als Hornpipe über die Schultern zurückblickte, ihr Gesichtsausdruck eine Mischung aus Trauer und Erwartung. Sie starrte auf das dunkle Dach. »Gäa atmet«, sang sie traurig. »Was? Bist du sicher? Ich dachte, das ginge geräuschvoll und wir hätten noch genug Zeit bis… heißt das, daß wieder Engel kommen werden?« »Geräuschvoll ist es aus dem Westen«, berichtigte Horn- pipe sie. »Aus dem Osten kommt der Atem Gäas schwei- gend. Ich glaube, ich höre sie bereits.« Sie machte einen Fehltritt und warf Cirocco beinahe ab. »Na, beeil dich, verdammt noch mal! Wenn sie dich hier draußen allein erwischen, hast du keine Chance.« »Es ist zu spät«, sang Hornpipe, und jetzt zeigten ihre Au- gen Verlangen, die Lippen zogen sich zurück und legten alle Zähne frei. »Beeil dich!« Cirocco hatte diesen Kommandoton jahre- lang praktiziert und schaffte es irgendwie, ihn in ein Titan- idenlied umzusetzen. Hornpipe galoppierte los und Panflöte folgte dichtauf. Bald darauf konnte sogar Cirocco das Klagen der Engel hö- ren. Hornpipes Schritt schwankte; ihr verlangte ungemein, danach, sich umzudrehen und zu kämpfen. Sie näherten sich einem einzelnen Baum, und Cirocco traf eine Blitzentscheidung. »Leg zu! Schnell, wir haben nicht mehr viel Zeit!« Sie hielten unter den sich ausbreitenden Ästen, und Ciroc- co sprang zu Boden. Hornpipe wollte durchgehen, aber Ci- rocco schlug der Titanide ins Gesicht, was sie vorüberge- hend zu beruhigen schien. »Gaby, schneid die Satteltaschen ab. Panflöte! Hör auf damit! Komm sofort zurück!« Panflöte wirkte unentschlossen, kam aber dann zu ihnen zurück. Gaby und Cirocco arbeiteten emsig, rissen ihre Klei- der in Streifen und machten jede drei starke Seile. »Meine Freunde«, sang Cirocco, als sie die Stricke hatte. »Ich habe keine Zeit für Erklärungen. Ich bitte euch, mir zu vertrauen und zu tun, was ich sage.« Sie legte jedes Körn- chen Entschlossenheit, das sie besaß, in das Lied, und setz- te es in den Modus, den die Alten und Weisen gegenüber den Jungen und Dummen benutzten. Es funktionierte, je- doch nur so gerade eben. Beide Titaniden blickten weiterhin nach Osten. Sie brachte sie dazu, sich auf die Seiten zu legen. »Das tut weh«, beschwerte sich Hornpipe, als Cirocco ihr die Hinterbeine zusammenband. »Es tut mir leid. Es ist zu deinem Wohl.« Rasch schnürte sie ihr die Vorderbeine und Arme zusammen und warf dann Gaby einen Weinschlauch zu. »Sieh zu, daß du soviel davon in ihn hineinkriegst, wie du kannst. Ich möchte, daß er zu widerlich besoffen ist, um sich noch bewegen zu können.« »Alles klar.« »Mein Kind, ich möchte, daß du das trinkst«, sang sie. »Auch du da drüben. Trinkt viel davon!« Sie hielt Hornpipe, den Sauger an die Lippen. Das Geräusch der Engel war jetzt lauter. Hornpipes Ohren zuckten rasch auf und ab. »Baumwolle, Baumwolle«, murmelte Cirocco. Sie riß Strei- fen aus ihrer bereits zerfransten Jacke und rollte sie zu klei- nen Ballen zusammen. »Bei Odysseus hat es funktioniert, vielleicht klappt es auch bei mir. Gaby, die Ohren! Verstopf seine Ohren!« »Das tut weh«, heulte Hornpipe. »Laß mich aufstehen, Erdmonster! Ich mag dieses Spiel nicht.« Sie fing an zu stöhnen, und die Klänge lösten sich nur gelegentlich in Wor- te des Hasses auf. »Trink ein bißchen mehr Wein!« summte Cirocco. Die Ti- tanide würgte, als sie ihr das Getränk in die Kehle goß. Die Schreie der Engel wurden lauter. Hornpipe fing an, als Ant- wort zu kreischen. Cirocco packte die Ohren der Titanide und hielt sie zu, barg dann den großen Kopf in ihrem Schoß. Sie legte die Lippen an eines der Ohren und sang ein titani- disches Wiegenlied. »Rocky, hilf mir!« schrie Gaby. »Ich kenne keines von die- sen Liedern. Sing lauter!« Panflöte kämpfte und kreischte, als Gaby versuchte, ihm die Ohren zuzuhalten. Er schlug mit den gebundenen Händen zu und warf sie von sich. »Pack ihn! Laß ihn nicht abhauen!« »Ich versuche es.« Sie rannte hinter ihm her und versuch- te, ihm die Arme an die Seiten zu pressen, aber er war viel zu stark für sie. Erneut taumelte sie weg und rappelte sich mit einer Platzwunde über dem rechten Auge wieder auf. Panflöte kaute wie wild an den Stricken, die seine Handge- lenke zusammenhielten. Das Tuch riß, und er griff sich an die Ohren. »Was jetzt, Rocky?« zeterte Gaby verzweifelt. »Komm und hilf mir!« sagte Cirocco. »Er wird dich töten,, wenn du dich ihm in den Weg stellst.« Es war viel zu spät, um Panflöte noch aufzuhalten. Seine Vorderbeine waren frei, und er krümmte sich wie eine Schlange, zerrte an dem Band, das seine Hinterbeine hielt. Ohne einen Blick für die Frauen und Hornpipe raste er auf Titanstadt zu. Kurz darauf war er hinter der Kuppe eines fla- chen Hügels verschwunden. Gaby schien sich nicht bewußt zu sein, daß sie weinte, als sie neben Cirocco niederkniete, und sie tat auch nichts ge- gen das Blutrinnsal, das seitlich an ihrem Gesicht herabfloß. »Wie kann ich helfen?« »Ich weiß nicht. Berühre sie, beruhige sie, tu irgendwas, das sie von den Engeln ablenkt.« Hornpipe warf sich jetzt mit zusammengebissenen Zähnen und blutleerem Gesicht hin und her. Cirocco hielt sie fest, ging so dicht heran, wie sie sich traute, während Gaby ein Seil um den Brustkorb der Titanide schlang und ihr die Arme fest an die Seiten fesselte. »Ruhig, ruhig«, flüsterte Cirocco. »Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde über dich wachen, bis deine Hin- termutter zurückkommt. Ich werde dir ihre Lieder vorsin- gen.« Hornpipe beruhigte sich allmählich, und ihr Blick ge- wann die Intelligenz zurück, die Cirocco schon bei ihrer ers- ten Begegnung gesehen hatte. Das war unendlich besser als das schreckliche Tier, in das sie sich kurz zuvor verwandelt hatte. Es dauerte zehn Minuten, bis die letzten Engel über sie hinweggezogen waren. Hornpipe war schweißgebadet, wie jemand, der gegen Heroin- oder Alkoholsucht kämpfte. Sie fing an zu kichern, als sie auf die Rückkehr der Engel warteten. Cirocco lehnte sich auf ihre Seite, blickte ihr ins Gesicht und hielt ihren Kopf fest. Sie war überrascht, als die, Titanide sich zu bewegen begann. Das war kein Testen der Stricke, wie ihre Bewegungen zuvor. Diesmal war es eindeu- tig sexuell. Sie gab Cirocco einen feuchten Kuß. Ihr Mund war entnervend groß und warm. »Wäre ich doch ein Junge«, summte sie betrunken. Ciroc- co blickte kurz hinab. »Jesus«, hauchte Gaby. Der gewaltige Penis der Titanide war aus seiner Scheide hervorgekommen, und seine Spitze pulsierte auf dem Staub. »Für dich bist du vielleicht ein Mädchen«, sang Cirocco, »aber für mich hast du zuviel von einem Jungen an dir.« Hornpipe hielt das für lustig. Sie heulte und versuchte er- neut, Cirocco zu küssen, gab es aber liebenswürdig genug auf, als Cirocco sich zurückzog. »Ich würde dir großen Schaden zufügen«, keuchte Horn- pipe. »Wehe, dies ist für den hinteren Teil, den du nicht hast. Wäre ich doch ein Junge und hätte etwas, das für dich passen würde.« Cirocco lächelte und ließ sie weiterschwärmen, aber ihre Augen lächelten nicht. Sie blickte über Hornpipes Schulter auf Gaby. »Letzte Zuflucht«, sagte sie ruhig auf Englisch. »Wenn es so aussieht, als käme sie frei, dann nimm diesen Stein und schlag ihr damit auf den Kopf. Wenn sie freikommt, ist sie so gut wie tot.« »Alles klar. Wovon redet sie?« »Sie möchte mich lieben.« »Damit? Vielleicht wäre es besser, ich brate ihr gleich ei- nen über.« »Sei nicht töricht. Sie gefährdet uns nicht. Wenn sie los- kommt, wird sie uns nicht einmal mehr wahrnehmen. Hörst du, wie sie zurückkommen?«, »Ich denke schon.« Es stellte sich heraus, daß es beim zweitenmal nicht annä- hernd so schwierig war. Sie gaben Hornpipe keine Chance, die Engel zu hören, und obwohl sie schwitzte und zitterte, als könne sie sie irgendwie fühlen, so kämpfte sie doch kei- neswegs heftig. Und dann waren die Engel wieder in der ewigen Dunkel- heit verschwunden, in der Speiche hoch über Rhea. Hornpipe weinte, als sie sie losbanden, die hilflosen Schluchzer eines Kindes, das nicht begreift, was ihm wider- fahren ist. Es verwandelte sich in Unverschämtheit und Be- schwerden, hauptsächlich über ihre wunden Beine und Oh- ren. Gaby und Cirocco rieben ihr die Beine an den Stellen, wo die Stricke sie aufgescheuert hatten. Ihre gespaltenen Hufe waren so glatt und rot wie Kirschengelee. Sie schien über den Verbleib von Panflöte verwirrt zu sein, war aber nicht bekümmert, als sie erfuhr, daß er in die Schlacht gegangen war. Sie gab ihnen nasse Küsse und drückte sich verliebt an sie, wobei sie bei Gaby etwas Be- sorgnis verursachte, auch als Cirocco ihr erklärte, daß die Titaniden frontalen und hinteren Geschlechtsverkehr strikt unterschieden. Die frontalen Organe dienten der Produktion von halb befruchteten Eiern, die dann von Hand in eine hin- tere Vagina eingesetzt und durch einen hinteren Penis ein weiteres Mal befruchtet wurden. Als Hornpipe wieder auf die Beine gekommen war, war sie zu betrunken, um die Frauen zu tragen. Sie führten sie in Kreisen umher und dann in Richtung Stadt. Nach einigen Stunden konnten sie wieder auf ihren Rücken steigen. Titanstadt war bereits in Sicht, als sie Panflöte fanden. Auf seinem hübschen blauen Fell war das Blut schon ge-, trocknet. Eine Lanze ragte aus seiner Seite hervor und deu- tete himmelwärts. Man hatte ihm den Kopf abgeschlagen und schwer verstümmelt. Hornpipe kniete neben ihm nieder und weinte. Gaby und Cirocco zogen sich zurück. Cirocco schmeckte Bitterkeit im Mund. Gab Hornpipe ihr die Schuld? Hätte sie es vorgezo- gen, zusammen mit ihm zu sterben, oder war das eine hoff- nungslose Erdlingsregung? Die Titaniden schienen keinen Begriff von Schlachtenruhm zu haben; kämpfen taten sie, weil sie nicht anders konnten. Cirocco bewunderte sie für das erste und bedauerte sie für das zweite. Freut man sich über die Rettung des einen, oder weint man über den Tod des anderen? Sie konnte nicht beides tun, also weinte sie. Hornpipe kämpfte sich wieder auf die Beine, war viel schwerfälliger als zuvor. Drei Jahre alt, dachte Cirocco. Das hieß gar nichts. Sie hatte etwas von der Unschuld eines Menschen im selben Alter an sich, aber sie war eine erwach- sene Titanide. Sie hob den abgetrennten Kopf auf, küßte ihn und legte ihn dann wieder neben den Leichnam. Sie sang nicht; die Titaniden besaßen kein Lied für diesen Augenblick. Gaby und Cirocco stiegen wieder auf ihren Rücken, und Hornpipe schlug Richtung Stadt einen langsamen Trab an. »Morgen«, sagte Cirocco. »Morgen brechen wir zur Nabe auf.« KAPITEL ACHTZEHN, Fünf Tage später war Cirocco immer noch damit beschäftigt, den Aufbruch vorzubereiten. Bill war ausgeschlossen, obwohl er anderer Ansicht war. Auch August kam nicht in Frage. Sie redete nur noch selten und verbrachte ihre Zeit am Stadtrand, gab auf Fragen nur einsilbige Antworten. Calvin konnte nicht sagen, ob die bes- te Therapie darin bestand, sie zurückzulassen oder sie mit- zunehmen. Cirocco mußte sich zugunsten der Mission ent- scheiden, die in Schwierigkeiten wäre, wenn August einen Zusammenbruch erlitt. Calvin war ausgeschlossen, weil er versprochen hatte, in Titanstadt zu bleiben, bis Bill wieder gesund genug war, um für sich selbst zu sorgen; danach hatte er wieder einige Zie- le. Gene war dabei. Cirocco wollte ihn haben, wo sie ein Auge auf ihn halten konnte, weit weg von den Titaniden. Blieb noch Gaby. »Du kannst mich nicht zurücklassen«, sagte diese, nicht bittend, sondern wie die Feststellung einer Tatsache des Le- bens. »Ich folge dir.« »Ich würde es auch nicht versuchen. Du bist eine Plage mit dieser Fixierung auf mich, die ich gar nicht verdiene. Aber du hast mir das Leben gerettet, wofür ich dir noch nie wirklich gedankt habe, und du sollst wissen, daß ich es nie- mals vergessen werde.« »Ich will deinen Dank nicht«, meinte Gaby. »Ich will deine Liebe.« »Ich kann sie dir nicht geben. Ich mag dich, Gaby. Ver- dammt, wir sind Seite an Seite gewesen, seit diese Sache anfing. Aber wir legen die ersten fünfzig Kilometer mit Whistlestop zurück. Ich würde dich nicht zwingen, an Bord zu gehen.«, Gaby wurde blaß, sagte aber laut und tapfer: »Du wirst es nicht müssen.« Cirocco nickte. »Wie ich gesagt habe, es liegt bei dir. Cal- vin sagt, daß wir mit Whistlestop bis zur Höhe der Dämme- rungszone kommen können. Höher gehen die Blimps nicht, weil die Engel es nicht wollen.« »Also gehen du, ich und Gene?« »Ja.« Cirocco machte ein finsteres Gesicht. »Ich bin froh, daß du mitkommst.« Sie brauchten viele Sachen, und Cirocco wußte nicht, woher sie sie bekommen sollten. Die Titaniden besaßen ein System des Wechselverkehrs, aber die Preise wurden durch eine verwickelte Formel festgelegt, die Verwandtschaftsgrade, den Rang in der Gemeinschaft und Bedürftigkeit einschloß. Niemand mußte hungern, aber Individuen mit niedrigem Status wie Hornpipe hatten wenig mehr als Mahlzeiten, Un- terkunft und die bloßen Notwendigkeiten des Körper- schmucks. Diesen hielten die Titaniden für kaum weniger lebenswichtig als Nahrung. Es gab ein Kreditsystem, und Meistersinger benutzte et- was von seinem, baute jedoch überwiegend darauf, Cirocco einen willkürlich hohen Status zuzuerkennen, sie zur geisti- gen Hintertochter zu erklären und Gründe dafür vorzubrin- gen, daß sie als solche von der Gemeinschaft adoptiert wer- den sollte, weil die Natur ihrer Mission es rechtfertige. Die meisten Titanidenhandwerker kauften die Idee und waren beinahe zu hilfreich dabei, die Gruppe auszurüsten. Rucksäcke wurden hergestellt mit Gurten, die dem mensch- lichen Körper angepaßt waren. Dann kam jeder einzelne und bot seine oder ihre feinsten Waren an. Cirocco hatte entschieden, daß jeder von ihnen etwa fünf-, zig Kilo an Masse tragen konnte. Das ergab zwar großen Umfang, wog aber nur zwölf Kilo und würde ständig leichter werden, während sie auf die Nabe zu kletterten. Gaby sagte, daß dort die zentripetale Beschleunigung nur einem Vier- zigstel der Schwerkraft entspräche. Seile waren die erste Erwägung. Die Titaniden besaßen ei- ne Pflanze, an der gute Seile wuchsen, stark, dünn und biegsam. Jeder von den Menschen konnte eine 100- MeterRolle davon tragen. Die Titaniden waren gute Kletterer, beschränkten ihre Bemühungen in der Regel jedoch auf Bäume. Cirocco disku- tierte mit den Eisenarbeitern über Kletterhaken, die mit den Ergebnissen ihrer besten Anstrengungen zurückkamen. Un- glücklicherweise war Stahl für die Titaniden etwas neues. Gene betrachtete die Haken und schüttelte den Kopf. »Das ist das beste, was sie machen können«, sagte Ciroc- co. »Sie haben ihn getempert, wie ich es ihnen gesagt ha- be.« »Es reicht immer noch nicht. Aber mach dir keine Sorgen. Egal, woraus das Speicheninnere besteht, auf keinen Fall wird es Gestein sein. Fels könnte niemals den Kräften standhalten, die diese Konstruktion zu zerreißen versuchen. Eigentlich kenne ich überhaupt nichts, was dafür stark ge- nug wäre.« »Was nichts anderes bedeutet, als daß die Leute, die Gäa gebaut haben, Dinge kennen, die uns unbekannt sind.« Cirocco war nicht allzu beunruhigt. Die Engel lebten in den Speichen. Sofern sie nicht ihr ganzes Leben fliegend zu- brachten, mußten sie auf irgend etwas sitzen. Wenn die auf etwas sitzen konnten, dann konnte sie sich daran festhalten. Sie nahmen auch Hämmer mit, um die Haken einzuschla- gen, die leichtesten und härtesten, die die Titaniden herstel-, len konnten. Die Metallarbeiter statteten sie mit Beilen und Messern aus sowie Wetzsteinen, um sie zu schärfen. Sie konnten jeder einen Fallschirm einpacken, eine Gefälligkeit von Whistlestop. »Kleider«, meinte Cirocco. »Welche Art Kleider sollen wir mitnehmen?« Meistersinger sah sie hilflos an. »Ich brauche so was nicht, wie du siehst«, sang er. »Aber manche von unseren Leuten, die eine nackte Haut haben wie du, tragen welche, wenn es kalt ist. Wir können herstel- len, was du möchtest.« Und so wurden sie von Kopf bis Fuß mit der feinsten ge- musterten Seide ausgestattet. In Wirklichkeit war es keine Seide, fühlte sich aber genauso an. Darüber hinaus gab es noch Hemden und Hosen aus Filz, zwei Garnituren für jeden, und gewebte Sweater; Fellmäntel und Hosen wurden ange- fertigt, ebenso fellgefütterte Handschuhe und Mokassins mit harten Sohlen. Sie mußten für jede Gelegenheit etwas da- beihaben, und obwohl die Kleidung eine Menge Platz bean- spruchte, bedauerte es Cirocco nicht. Sie packten Seidenhängematten und Schlafsäcke ein. Die Titaniden besaßen Streichhölzer und Öllampen. Sie nahmen jeder eine und dazu einen kleinen Vorrat an Brennstoff. Es war unmöglich, daß er für die ganze Reise reichen würde, aber das galt ebenso für Nahrung und Wasser. »Wasser«, sorgte sich Cirocco. »Das könnte ein großes Problem werden.« »Na ja, wie du schon sagtest, da oben leben die Engel.« Gaby half am fünften Tag der Vorbereitungen beim Packen. »Sie müssen irgendwas trinken.« »Das heißt nicht, daß Wasserlöcher leicht zu finden sein werden.«, »Wenn du dir die ganze Zeit Sorgen machen willst, kön- nen wir genausogut gleich hierbleiben.« Sie nahmen Wasserschläuche mit, die für etwa neun oder zehn Tage reichen würden, und füllten dann bis zur Massen- grenze ihr Gepäck mit getrockneter Nahrung auf. Sie hatten vor, das zu essen, was auch die Engel zu sich nahmen, wenn es möglich war. Am sechsten Tag waren sie bereit, und Cirocco mußte sich noch mit Bill auseinandersetzen. Sie war ungehalten wegen der Möglichkeit, vielleicht ihre Autorität einsetzen zu müs- sen, um den Streit zu beenden, aber sie wußte, daß sie es tun würde, wenn es dazu kam. »Ihr seid verrückt«, meinte Bill und schlug dabei mit der Handfläche auf das Bett. »Ihr habt keine Vorstellung davon, was ihr da oben finden werdet. Glaubst du im Ernst, daß du einen 400 Kilometer hohen Schornstein ersteigen kannst?« »Wir werden sehen, ob es möglich ist.« »Du wirst dich um’s Leben bringen. Du würdest tausend Kilometer draufhaben, bevor du unten aufschlägst.« »Ich schätze, in dieser Luft kann die Erdgeschwindigkeit nicht viel über 200 liegen. Bill, wenn das ein Versuch sein soll, mich aufzumuntern, dann erledigst du einen lausigen Job.« Sie hatte ihn noch nie so erlebt, und sie haßte es. »Wir sollten alle zusammenhalten, und du weißt das. Du bist immer noch dabei, überzukompensieren, weil du die Ringmeister verloren hast, und versuchst, die Heldin zu spielen.« Wenn darin nicht ein Körnchen Wahrheit gelegen hätte, könnte es nicht so wehgetan haben. Sie hatte schon viele Stunden lang darüber nachgedacht, während sie einzuschla- fen versuchte. »Luft! Was ist, wenn es da oben keine Luft gibt?«, »Wir haben nicht vor, Selbstmord zu begehen. Wenn es nicht geht, werden wir das akzeptieren. Du konstruierst Ar- gumente.« Seine Augen flehten sie an. »Ich bitte dich, Rocky, warte auf mich! Ich habe dich nie zuvor um etwas gebeten, aber darum bitte ich dich jetzt.« Sie seufzte und scheuchte Gaby und Gene aus dem Zim- mer. Als sie weg waren, setzte sie sich auf die Kante seines Bettes und griff nach seiner Hand. Er zog sie weg. Sie erhob sich rasch, wütend darüber, daß sie versucht hatte, ihn so zu erreichen, und daß er sie zurückgewiesen hatte. »Ich scheine dich nicht zu kennen, Bill«, sagte sie ruhig. »Ich hatte es eigentlich geglaubt. Du warst ein Trost für mich, wenn ich einsam war, und ich dachte, mit der Zeit würde ich dich vielleicht lieben. Ich verliebe mich nicht leicht. Vielleicht bin ich zu argwöhnisch; ich weiß es nicht. Früher oder später verlangt jeder von mir, so zu sein, wie er es haben will, und jetzt machst du das auch.« Er sagte nichts, blickte sie nicht einmal an. »Was du machst, ist so unfair, daß ich heulen könnte.« »Ich wünschte, du tätest es.« »Warum? Damit ich in dein Bild davon passe, was von ei- ner Frau zu erwarten ist? Verdammt, ich war ein Kapitän, als du mir begegnet bist; ich habe nicht geglaubt, daß das für dich so wichtig war.« »Ich weiß nicht, wovon du redest.« »Ich rede von der Tatsache, daß zwischen uns alles vorbei ist, wenn ich jetzt von hier weggehe. Weil ich nicht darauf warten werde, daß du daherkommst, um mich zu beschüt- zen.« »Ich weiß nicht, was du…« Daraufhin heulte sie, und es fühlte sich gut an. Sie brachte, sogar ein bitteres Lachen zustande, als es vorbei war. Es hatte Bill überrascht. Gaby streckte den Kopf durch die Tür, verschwand aber wieder, als Cirocco nicht auf ihre Anwe- senheit reagierte. »Okay, okay«, sagte sie. »Ich zeige Überreaktionen. Ich tue es deswegen, weil ich mein Schiff verloren habe und das ausgleichen muß, indem ich mich mit Ruhm bekleckere. Ich bin frustriert, weil ich es nicht geschafft habe, diese Mann- schaft wieder zusammenzuführen und auf Trab zu bringen, nicht einmal soweit, daß der eine Mann, auf den ich mich verlassen zu können glaubte, meine Entscheidungen respek- tiert, den Mund hält und tut, was ihm gesagt wurde. Ich bin kein komisches Geschöpf; ich weiß es. Vielleicht bin ich mir zu sehr der Dinge bewußt, die anders sein würden, wäre ich ein Mann. Man wird empfindsam, wenn man auf seinem Weg nach oben sieht, wie es immer wieder passiert und man doppelt so gut sein muß, um den Job zu kriegen. Du stimmst meiner Entscheidung, hinaufzugehen, nicht zu. Du hast deine Einwände vorgebracht. Du hast gesagt, du würdest mich lieben. Ich glaube nicht, daß du es jetzt noch tust, und es tut mir sehr leid, daß es so gekommen ist. Aber ich befehle dir, hier zu warten, bis ich zurückkomme, und mir zu dem Thema nichts mehr zu sagen.« Sein Mund bildete eine unnachgiebige Linie. »Weil ich dich liebe, möchte ich nicht, daß du hinauf- gehst.« »Mein Gott, Bill, diese Art von Liebe will ich nicht. ›Ich lie- be dich, also halte still, während ich dich festbinde.‹ Was weh tut, ist die Tatsache, daß du das machst. Wenn du mich nicht als meine eigene Herrin haben willst, die ihre eigenen Entscheidungen treffen und auf sich selbst aufpassen kann, dann kannst du mich überhaupt nicht haben.«, »Was für eine Liebe ist das?« Ihr war nach Weinen zumute, wußte aber, daß es ihr egal war. »Ich wünschte, das wüßte ich. Vielleicht gibt es so et- was nicht. Vielleicht muß der eine vom anderen umsorgt werden, was bedeutet, daß ich besser damit anfange, einen Mann zu suchen, der von mir abhängen wird, weil ich es an- dersherum nicht haben will. Können wir nicht einfach fürein- ander sorgen? Ich meine, wenn du schwach bist, helfe ich dir raus, und wenn ich schwach bin, hilfst du mir.« »Es sieht so aus, als wärest du nie schwach. Gerade hast du gesagt, daß du auf dich selbst aufpassen kannst.« »Jedes menschliche Wesen sollte das können. Aber wenn du denkst, daß ich nicht schwach bin, dann kennst du mich nicht. Gerade jetzt bin ich ein kleines Baby und frage mich, ob du mich ohne einen Kuß von hier weggehen lassen wirst, oder auch nur, ohne mir Glück zu wünschen.« Verdammt, da floß eine Träne. Schnell wischte sie sie weg, wollte vermeiden, daß er sie beschuldigte, Tränen als Waffe zu benutzen. Wie komme ich immer in diese Situationen, die keinen Gewinner haben? fragte sie sich. Stark oder schwach, sie würde immer in der Verteidigerposition sein. Zu einem Kuß ließ er sich gerade noch erweichen. Es schien nur wenig zu sagen zu geben, als sie sich voneinan- der lösten. Cirocco konnte seine Reaktion auf ihre trockenen Augen nicht feststellen. Sie wußte, daß er verletzt war, aber verletzte ihn das noch mehr? »Komm zurück, so schnell du kannst!« »Das werde ich. Mach dir nicht zuviel Sorgen um mich. Ich bin zu schlecht zu töten.« »Als wenn ich das nicht wüßte.« »Zwei Stunden, Gaby, höchstens.« »Ich weiß, ich weiß. Sprich nicht davon, okay?«, Whistlestop wirkte noch größer als zuvor, wie er da auf der flachen Ebene östlich von Titanstadt ruhte. Normaler- weise ging ein Blimp niemals tiefer als auf Höhe der Baum- wipfel. Es war erforderlich gewesen, sämtliche Feuer in der Stadt zu löschen, um ihn zur Landung auf den Boden zu ü- berreden. Cirocco blickte zu Bill zurück, der auf seinen Krücken ne- ben der Pritsche stand, auf der die Titaniden ihn herausge- tragen hatten. Er winkte, und sie winkte ihrerseits zurück. »Ich nehme es zurück, Rocky«, sagte Gaby mit klappern- den Zähnen. »Sprich mit mir!« »Ruhig, Mädchen, ruhig! Mach deine Augen auf, ja? Schau, wo du hingehst! Hoppla!« Ein Dutzend Tiere bildeten im Magen des Blimps eine Schlange, wie U-Bahn-Fahrgäste, die ungeduldig warteten, nach Hause zu kommen. Beim Aussteigen stolperten sie ü- bereinander. Gaby wurde umgerannt. »Hilfst du mir, Rocky?« Sie sagte es verzweifelt, riskierte nur einen kurzen Blick auf Cirocco. »Sicher.« Sie warf Calvin ihren Rucksack zu, der bereits mit Gene drin war, und hob die andere Frau hoch. Gaby war so winzig und so kalt. »Zwei Stunden.« »Zwei Stunden«, wiederholte Gaby dumpf. Es ertönte Hufgetrappel, und Hornpipe tauchte am offenen Ringmuskel auf. Sie packte Gaby am Arm. »Hier, Kleine«, sang sie. »Das wird dir durch deine Schwierigkeiten helfen.« Sie drückte Gaby einen Wein- schlauch in die Hand. »Woher wußtest du…«, begann Cirocco. »Ich sah die Furcht in ihren Augen und erinnerte mich an den Dienst, den sie mir erwiesen hat. Habe ich recht gehan-, delt?« »Du warst wunderbar, mein Kind. Ich danke dir in ihrem Namen.« Sie sagte Hornpipe nichts von dem Weinschlauch in ihrem Gepäck, den sie für genau diesen Zweck mitge- nommen hatte. »Ich werde dich nicht noch einmal küssen, da du sagst, daß du zurückkehren wirst. Viel Glück wünsche ich euch, und möge Gäas Drehung euch bald zu uns zurückführen.« »Wenn du das nicht wörtlich meinst, danke ich dir.« »Viel Glück.« Die Öffnung schloß sich lautlos. »Was hat sie gesagt?« »Sie möchte, daß du dich betrinkst.« »Ich hatte bereits einen Schluck, oder auch zehn. Aber wo du es jetzt erwähnst…« Cirocco blieb bei ihr, als sie von einem Tränenausbruch überwältigt wurde, und füllte sie mit Wein, bis sie an der Grenze zur Bewußtlosigkeit war. Nachdem sich Cirocco ver- gewissert hatte, daß mit Gaby alles in Ordnung sein würde, gesellte sie sich zu den Männern vorne in der Gondel. Sie waren bereits in der Luft. Aus einem Loch in der Nähe von Whistlestops Nase strömte noch Wasserballast. Wenig später glitten sie über die Oberseite des Kabels da- hin. Beim Hinabschauen erkannte Cirocco Bäume und Gras- flächen. Teile des Kabels waren vollständig zugewachsen. Das Ding war so groß, daß es beinahe aussah wie ein Strei- fen flachen Landes. Die Gefahr, hinabzufallen, würde nicht gegeben sein, bis sie das Dach erreichten. Das Licht wurde langsam schwächer. Nach zehn Minuten befanden sie sich in orange-getönter Dämmerung und nä- herten sich der ewigen Nacht. Cirocco war traurig darüber, das Licht verblassen zu sehen. Sie hatte es verflucht, weil es so beständig war, aber wenigstens war es Licht. Sie würde, es für einige Zeit nicht mehr sehen. Vielleicht würde sie es überhaupt nie wieder sehen. »Hier ist das Ende der Linie«, sagte Calvin. »Er wird euch ein wenig tiefer heranbringen und dann müßt ihr absprin- gen. Viel Glück, ihr verrückten Dummköpfe! Ich werde auf euch warten.« Gene half Cirocco, Gaby in ihr Geschirr zu stecken, sprang dann als erster, um sie zu empfangen, wenn sie den Boden erreichte. Cirocco sah von oben aus zu, bis das geschafft war, erhielt dann von Calvin einen Kuß, der Glück bringen sollte. Sie legte sich ihr eigenes Geschirr um die Hüften und ließ sich über die Kante fallen. Sie schwebte hinab in die Dämmerungszone. KAPITEL NEUNZEHN Sie fühlten sich leichter, als sie auf dem Kabel landeten und dem Zentrum Gäas etwa hundert Kilometer näher gekom- men waren – und einhundert lange Kilometer von ihrem Bo- den entfernt. Die Schwerkraft war von fast einem Viertel G auf weniger als ein Fünftel gesunken. Ciroccos Bündel wog fast zwei Kilo weniger, und ihr Körpergewicht hatte um zweieinhalb Kilo abgenommen. »Es sind einhundert Kilometer bis dahin, wo das Kabel ins Dach verläuft«, sagte Cirocco. »Ich würde sagen, daß wir, hier eine Steigung von fünfunddreißig Grad haben. Für den Moment sollte es leicht genug sein.« Gene machte ein skeptisches Gesicht. »Eher vierzig Grad, würde ich sagen, näher an fünfund- vierzig. Und es wird steiler. Sagen wir sechzig Grad, bevor wir Dachhöhe erreichen.« »Aber bei dieser Schwerkraft…« »Lach nicht über fünfundvierzig Grad Steigung«, sagte Gaby. Sie saß auf dem Boden und sah grün aus, war aber guter Dinge. Sie hatte sich erbrochen, meinte aber, alles sei besser als der Aufenthalt in einem Blimp. »Ich habe auf der Erde einige Klettertouren gemacht und hatte dabei ein Fern- rohr auf den Rücken geschnallt. Man muß dazu in guter Form sein, und das sind wir nicht.« »Sie hat recht«, meinte Gene. »Ich habe an Gewicht ver- loren. Niedrige Schwerkraft macht einen faul.« »Ihr seid Defätisten.« Gene schüttelte den Kopf. »Denk nur nicht, daß wir einen Fünf-zu-eins-Vorteil haben werden. Und vergiß nicht, daß dieses Bündel fast soviel Masse hat wie du. Sei vorsichtig damit.« »Ach, zum Teufel! Wir machen uns zur längsten Bergbe- steigung auf, die je von menschlichen Wesen probiert wur- de, und höre ich Gesang? Nichts, nichts als Nörgeln.« »Wenn es Lieder zu singen gibt«, meinte Gaby, »sollten wir sie besser jetzt singen. Später wird uns nicht mehr da- nach zumute sein.« Na ja, dachte Cirocco, versucht habe ich es. Sie war sich dessen bewußt, daß der Weg schwer sein würde, hatte aber gedacht, der schwere Teil würde nicht beginnen, bevor sie das Dach erreicht hatten, was sie in fünf Tagen schaffen zu können glaubte., Sie befanden sich in einem dämmerigen Wald. Bäume aus trübem Glas ragten über sie empor, filterten noch zusätzlich das Licht, das die Dämmerungszone erreichte, und verliehen so allem eine Bronzetönung. Die Schatten waren kegelför- mig und undurchdringlich und deuteten nach Osten, auf die Nacht zu. Ein Baldachin aus rosa, orangefarbenen, blaugrü- nen und goldenen Zellophanblättern wölbte sich über ihnen: ein verschwenderischer Sonnenuntergang an einem späten Sommerabend. Der Boden vibrierte sanft unter ihren Füßen. Cirocco dach- te an die gewaltigen Luftmengen, die durch das Kabel zur Nabe strömten, und wünschte sich, es gäbe irgendeine Mög- lichkeit, diese ungeheure Kraft zu nutzen. Das Klettern war nicht schwierig. Der Boden bestand aus festem, glattem und kompaktem Erdreich. Die Kontur der Landschaft wurde von den Windungen der Kabelstränge un- ter der dünnen Erdschicht bestimmt. Sie erhoben sich bu- ckelförmig zu langen Graten, die – wie man sehen konnte – sich nach einigen hundert Metern zu den abfallenden Kabel- seiten neigten. Die Vegetation war da am dichtesten, wo das Erdreich am tiefsten war, nämlich zwischen den Strängen. Die Wanderer entwickelten die Taktik, einem Grat zu folgen, bis er sich stärker zu neigen begann, und dann eine flache Furche zu durchqueren und den nächsten Strang im Süden zu bestei- gen. Das war jeweils für etwa einen halben Kilometer gut, dann mußten sie wieder kreuzen. Jede Furche wurde am Grund von einem kleinen Wasser- lauf durchzogen. Keiner war mehr als ein Rinnsal, aber das Wasser strömte rasch und schnitt tiefe Kanäle in die Erde, den ganzen Weg am Kabel hinunter. Cirocco vermutete, daß die Flüsse irgendwo im Südwesten direkt vom Kabel hinab-, stürzen mußten. Gäa war hier so fruchtbar wie am Boden. Viele Bäume tru- gen Früchte und wurden von baumbewohnenden Tieren be- lebt. Cirocco erkannte eine träge kaninchengroße Kreatur, die eßbar und leicht zu töten war. Nach zwei Stunden stellte Cirocco fest, daß die anderen recht gehabt hatten. Sie erkannte es daran, daß sie einen Wadenkrampf bekam, der sie mit ausgebreiteten Gliedern auf den warmen Boden sinken ließ. »Sagt es nicht, verdammt!« Gaby grinste. Sie war mitfühlend, fand aber immer noch Gefallen an sich selbst. »Es ist die Steigung. Man hat nicht das Gefühl, es sei schwer hinaufzugehen; du hattest recht mit dem Gewicht. Aber es ist so steil, daß man es mit den Zehen machen muß.« Gene setzte sich neben sie, den Rücken am Hang. Durch einen Spalt in den Bäumen konnten sie einen Flecken von Hyperion sehen, der hell und anziehend leuchtete. »Auch die Masse ist ein Problem«, sagte er. »Ich mußte mit der Nase fast am Boden gehen, um überhaupt voranzu- kommen.« »Mein Rücken tut weh«, bestätigte Gaby. »Meiner auch«, sagte Cirocco elend. Der Schmerz ebbte ab, nachdem sie ihr Bein massiert hatte, würde aber bald wiederkommen. »Es ist verdammt täuschend«, meinte Gene. »Vielleicht würden wir besser auf allen vieren gehen, sonst zwingen wir unsere Oberschenkel und die Wadenmuskeln dazu, einen zu großen Teil der Arbeit zu leisten. Wir sollten sie etwas ver- teilen.« »Das hat was für sich. Und es würde uns dabei helfen, für, den senkrechten Teil in Form zu kommen. Der wird über- wiegend Armarbeit sein.« »Ihr habt beide recht«, sagte Cirocco. »Ich habe ein zu scharfes Tempo vorgegeben. Wir werden öfter eine Pause machen müssen. Gene, würdest du diesen Medizinbeutel aus meinem Rucksack holen?« Sie hatten verschiedene Heilmittel für laufende Nasen und Fieber dabei, Phiolen mit Desinfektionsmitteln, ein Vorrat von dem örtlichen Narkotikum, das Calvin für die Abtreibun- gen benutzt hatte – sogar einen Beutel mit Beeren, die als Stimulanz wirkten. Cirocco hatte sie versucht. Sie hatten eine Erste-Hilfe-Broschüre, die Calvin geschrieben hatte und die darüber informierte, wie verschiedene Probleme zu be- handeln waren, von einer blutigen Nase bis hin zu einer Amputation. Und sie hatten ein rundes Gefäß mit violetter Heilsalbe, das Meistersinger ihr »für die Schmerzen des We- ges« gegeben hatte. Sie krempelte das Hosenbein hoch und rieb etwas auf den Krampf, hoffte dabei, daß das Zeug bei Menschen so gut wirkte wie bei Titaniden. »Fertig?« Gene war aufgestanden und befestigte sein Bündel. »Ich denke schon. Übernimm du die Führung. Geh nicht so schnell, wie ich es gemacht habe! Ich werde dir Bescheid sagen, wenn du zu schnell für mich gehst. Wir werden zwanzig Minuten lang gehen und uns dann zehn Minuten lang ausruhen.« »Du hast es kapiert.« Fünfzehn Minuten später hatte Gene Schmerzen. Er heulte auf, riß sich den Stiefel weg und massierte den nackten Fuß. Cirocco freute sich über die Möglichkeit zum Ausruhen. Sie streckte sich aus und faßte nach dem Gefäß mit der Salbe in, eine Tasche, rollte sich auf den Rücken und reichte das Ge- fäß zu Gene hinauf. Mit dem Rucksack unter sich saß sie beinahe aufrecht, jedoch hingen ihre Beine hangabwärts. Neben ihr hatte sich Gaby nicht die Mühe des Umdrehens gemacht. »Fünfzehn Minuten Klettern und fünfzehn Minuten Ausru- hen.« »Was auch immer du sagst, Chefdame«, seufzte Gaby. »Ich werde mich für dich bei lebendigem Leib schinden, ich werde klettern, bis meine Hände und Füße nur noch blutige Stümpfe sind. Und wenn ich sterbe, schreib auf meinen Grabstein einfach, daß ich starb wie ein Soldat. Gib mir ei- nen Tritt, wenn du zum Aufbrechen bereit bist!« Sie begann laut zu schnarchen und Cirocco lachte. Gaby öffnete arg- wöhnisch ein Auge und lachte dann ebenfalls. »Wie wäre es mit ›Hier liegt eine Raumfahrerin‹?« schlug Cirocco vor. »›Sie erfüllte stets ihre Pflicht‹«, meinte Gene. »Ehrlich.« Gaby rümpfte die Nase. »Wo enthält das Leben Romantik? Erzähle jemandem dein Epitaph, und was kriegst du dafür? Witze.« Ciroccos nächster Krampf kam während der folgenden Ru- hepause. Eigentlich Krampfe, denn diesmal waren beide Beine beteiligt. Nichts davon war spaßig. »He, Rocky«, sagte Gaby und faßte sie zögernd an der Schulter. »Sinnlos, wenn wir uns selbst umbringen. Laß uns diesmal eine Stunde lang bleiben!« »Das ist lächerlich`.« Cirocco brachte ein Murren zustan- de. »Ich bin kaum außer Atem. Es fühlt sich einfach nicht richtig an, auf meinem Hintern zu sitzen.« Argwöhnisch be- trachtete sie Gaby. »Wie schaffst du es, keine Krämpfe zu, bekommen?« »Ich faulenze«, gestand Gaby lachend. »Ich befestige ein Seil an diesem Hintern, auf dem du nicht sitzen willst, und laß dich die Eselsarbeit machen.« Cirocco mußte ebenfalls lachen, wenn auch gequält. »Ich werde einfach damit leben müssen«, sagte sie. »Frü- her oder später werde ich in Form kommen. Krämpfe wer- den mich nicht umbringen.« »Nein, aber ich hasse es einfach zu sehen, wenn du Schmerzen hast.« »Wie wäre es mit zehn Minuten hoch, zwanzig Pause?« schlug Gene vor. »Ganz einfach nur, bis wir uns zu etwas besserer Form durchgearbeitet haben.« »Nein. Wir klettern fünfzehn Minuten lang, oder bis einer von uns nicht mehr weiter kann, was eben als erstes kommt. Dann ruhen wir uns genausolange aus, oder bis wir alle wieder klettern können. Und das machen wir acht Stun- den…« Sie blickte auf die Uhr. »Das sind von jetzt an noch etwas mehr als fünf Stunden. Dann lagern wir.« Gaby seufzte. »Geh voran, Rocky! Darin bist du gut.« Es war fürchterlich. Cirocco hatte weiterhin die meisten Schmerzen, wenn auch Gaby allmählich anfing, ebenfalls welche zu bekommen. Die Titanidensalbe half, aber sie mußten sie sparsam ver- wenden. Jeder von ihnen hatte eine Medizintasche einge- packt, und Ciroccos Vorrat hatten sie bereits aufgebraucht. Sie hofften, daß es nicht nötig sein würde, schon an den ersten paar Tagen der Reise alles zu verbrauchen, sondern wollten zumindest ein Gefäß für das Erklettern des Spei- cheninneren aufbewahren. Schließlich war der Schmerz nicht unerträglich. Wenn er Cirocco packte, mußte sie fast, schreien, aber dann setzte sie sich und wartete darauf, daß er vorüberging. Gegen Ende der siebten Stunde ließ sie sich erweichen, ärgerte sich etwas über ihre eigene Sturheit. Es war beinahe so, als hätte sie zu beweisen versucht, daß Bill recht hatte, indem sie sich zwang, zäh zu sein, an die Grenze ihres Er- tragens zu gehen und dann etwas darüber hinaus. Sie schlugen das Lager am Grund einer Rinne auf und sammelten Holz für ein Feuer, dachten jedoch nicht daran, die Zelte aufzuschlagen. Die Luft war heiß und schwül, aber das Feuer bot ein willkommenes Licht in der zunehmenden Düsternis. Sie saßen in behaglicher Entfernung darum her- um, hatten sich bis auf ihre glänzende seidene Unterwäsche ausgezogen. »Du siehst aus wie ein Pfau«, sagte Gene und nahm einen Schluck aus seinem Weinschlauch. »Ein sehr lahmer Pfau«, seufzte Cirocco. »Wie weit, denkst du, sind wir gekommen, Rocky?« fragte Gaby. »Schwer zu sagen. Fünfzehn Kilometer?« »Dem würde ich zustimmen«, nickte Gene. »Ich habe ent- lang ein paar Graten die Schritte gezählt und den Durch- schnitt ermittelt. Dann habe ich mir die Zahl der Grate ge- merkt, die wir überquert haben.« »Große Geister denken gleich«, sagte Cirocco. »Heute fünfzehn, morgen zwanzig. In fünf Tagen werden wir das Dach erreichen.« Sie streckte sich aus und betrachtete die wechselnden Farben der Blätter über sich. »Gaby, du bist gewählt. Durchwühle diesen Sack und sieh zu, daß du irgendeinen Fraß für uns hinkriegst! Ich könnte einen Titaniden essen.«, Sie schafften am nächsten Tag keine zwanzig Kilometer; sie schafften keine zehn. Sie erwachten mit wunden Beinen. Cirocco war so steif, daß sie die Knie nicht beugen konnte, ohne zusammenzuzu- cken. Sie taumelte umher, um Frühstück zu machen und das Lager abzubrechen, bewegten sich wie Achtzigjährige, zwangen sich dann selbst zu einer Reihe von Kniebeugen und isometrischen Übungen. »Ich weiß, daß dieses Bündel einige Gramm leichter ist«, jammerte Gaby, als sie es sich auf den Rücken hängte. »Ich habe zwei Mahlzeiten daraus verzehrt.« »Meines hat zwanzig Kilo zugenommen«, meinte Gene. »Meckern, immer nur meckern. Kommt schon, ihr Affen! Wollt ihr ewig leben?« »Leben? Ist das Leben?« Die zweite Nacht brach schon fünf Stunden später herein weil Cirocco entschied, daß es so sein mußte. »Danke, o Große Herrin der Zeit«, seufzte Gaby, als sie sich auf ihrem Schlafsack ausstreckte. »Wenn wir es versu- chen, können wir vielleicht einen neuen Rekord aufstellen. Ein Zwei-Stunden-Tag!« Gene ließ sich neben ihr nieder. »Wenn du das Feuer in Gang gebracht hast, Rocky, werde ich etwa fünf von diesen Steakpflanzenfilets verschlingen. Inzwischen geh bitte etwas vorsichtiger, ja? Du weckst mich nämlich, wenn deine Knie knacken.« Cirocco stemmte die Hände in die Hüften und funkelte sie an. »Also so geht das, wie? Ich habe Neuigkeiten für euch zwei. Ich habe einen höheren Rang als ihr.« »Hat sie etwas gesagt, Gene?«, »Ich habe nichts gehört.« Cirocco humpelte umher, bis sie genug Holz für ein Feuer beisammen hatte. Das Niederknien, um es anzuzünden, er- wies sich als ein recht verwickeltes Problem; sie wußte nicht sicher, ob sie es lösen konnte. Es bestand darin, mißhandel- te Gelenke in Winkel zu biegen, die sich einfach nicht bilden wollten. Nach einer Weile brutzelten jedoch die Steakpflanzen im Fett, und Gene und Gaby folgten ihren Nasen zur Quelle die- ses himmlischen Aromas. Cirocco hatte gerade noch genug Kraft, um mit den Schu- hen Erde über die heiße Asche zu scharren und ihren Schlaf sack zu entrollen. Schon während des Hinlegens schlief sie ein. Der dritte Tag war nicht so schlimm wie der zweite – aber nur in der Weise, wie der Brand von Chicago weniger schlimm war als das Erdbeben von San Francisco. In etwas weniger als acht Stunden schafften sie auf fort- laufend steiler werdendem Grund zehn Kilometer. Gaby be- merkte am Schluß, daß sie sich jetzt nicht mehr achtzig Jah- re alt fühlte, sondern nur noch achtundsiebzig. Es wurde notwendig, eine neue Klettertaktik zu benutzen. Die zunehmende Steigung machte Gehen, auch auf allen vieren, noch schwieriger. Stets glitten ihre Füße dabei aus, und sie rutschten auf den Bäuchen abwärts, Arme und Beine ausgebreitet, um ein seitliches Abrutschen zu vermeiden. Gene schlug vor, daß jeder abwechselnd das Ende eines Seiles nahm und hochkroch, soweit es reichte, um es dann an einen Baum zu binden. Die anderen beiden, die unten warteten, hatten es dann leicht, sich Hand über Hand hi- naufzuziehen und dabei zu gehen. Wer jeweils vorausging,, mußte zehn Minuten lang schwer arbeiten, während sich die anderen beiden ausruhten, und konnte sich dann ausruhen, bis er wieder dran war. Sie schafften dabei jeweils dreihun- dert Meter. Cirocco betrachtete den Bach in der Nähe ihrer dritten La- gerstelle und dachte daran, ein Bad zu nehmen, entschied sich dann aber dagegen. Sie wollte nur essen. Gene über- nahm mit etwas Gebrumm seinen turnusmäßigen Dienst an der Pfanne. Sie fühlte sich tatsächlich gut genug, ihr Bündel zu durch- wühlen und das Maß der Vorräte zu begutachten, bevor sie zusammenbrach. Am vierten Tag schafften sie in zehn Stunden zwanzig Kilo- meter. Das Lager hatte sie an einer Stelle errichtet, wo der Bach, dem sie folgten, breit genug für ein Bad war, und Cirocco hatte sich ausgezogen und hineingelassen, ohne auch nur darüber nachzudenken. Seife wäre ganz schön gewesen, aber am Grund gab es feinen Sand, und sie konnte sich da- mit abreiben. Rasch gesellten sich Gaby und Gene zu ihr. Später ging Gaby auf Ciroccos Anweisung los, um frisches Obst zu suchen. Es gab keine Handtücher, also kauerte Ci- rocco nackt neben dem Feuer, als Gene die Arme um sie legte. Sie sprang auf, wobei sie brennende Zweige verstreute, und stieß seine Hände von ihren Brüsten. »He, laß das!« Sie wehrte sich behende und brach seinen Griff. Er war nicht im geringsten beschämt. »Komm schon, Rocky, es ist doch nicht so, daß wir einan- der noch nie berührt hätten!«, »Wie? Na ja, ich mag es nicht, wenn sich Leute an mich heranschleichen. Behalte deine Hände für dich!« Er wirkte verbittert. »So sieht es also aus? Was wird von mir erwartet, wenn zwei nackte Frauen herumrennen?« Ci- rocco langte nach ihren Kleidern. »Ich wußte nicht, daß der Anblick nackter Frauen dazu führt, daß du die Kontrolle über dich verlierst. Ich werde es mir merken.« »Jetzt bist du wütend.« »Nein, ich bin nicht wütend. Wir müssen für einige Zeit eng zusammenleben, und es würde nichts bringen, wütend zu werden.« Sie drückte die Verschlüsse ihrer Bluse zu und beäugte ihn für einen Moment wachsam, brachte dann das Feuer wieder in Ordnung und achtete darauf, mit dem Ge- sicht zu Gene gewandt zu sitzen. »Jedenfalls bist du wütend. Ich habe mir nichts dabei ge- dacht.« »Verzichte einfach darauf, mich zu begrapschen, das ist alles!« »Ich würde dir Blumen und Süßigkeiten schicken, aber das ist im Moment etwas umständlich.« Sie lächelte und entspannte sich ein wenig. Das hörte sich mehr nach dem alten Gene an, was eine Verbesserung war gegenüber dem, was sie einen Augenblick zuvor in seinen Augen gesehen hatte. »Hör zu, Gene! Damals auf dem Schiff haben wir nicht e- ben das ideale Paar abgegeben, und du weißt das. Ich bin müde, ich bin hungrig, und ich fühle mich immer noch schmutzig. Alles was ich sagen kann, ist, wenn ich mich da- nach fühle, werde ich es dich wissen lassen. Okay?« »Fair genug.« Keiner von ihnen sagte etwas, als Cirocco das Feuer höher, brennen ließ und es sorgfältig auf die kleine Grube be- schränkte, die sie in die Erde gegraben hatte. »Habt ihr… hast du etwas mit Gaby?« »Das geht dich nichts an.« »Ich habe mir schon immer gedacht, daß sie unter der Oberfläche homosexuell ist«, meinte er nickend. »Aber ich dachte nicht, daß du auch lesbisch bist.« Sie holte tief Luft und betrachtete ihn forschend. Die zu- ckenden Schatten offenbarten nichts auf seinem blondbärti- gen Gesicht. »Stichelst du mich absichtlich? Ich habe ge- sagt, daß es dich nichts angeht.« »Wenn du nicht geil auf sie wärst, brauchtest du es nur zu sagen.« Was ist mit mir los? fragte sie sich. Warum verschafft er mir eine Gänsehaut? Gene hatte schon immer nach seiner eigenen Holzkopflogik gehandelt, wenn es um Menschen ging. Sein Fanatismus war sorgfältig unterdrückt und sozial akzeptabel, oder er wäre niemals für den Saturnflug ausge- wählt worden. Er trampelte fröhlich durch seine Beziehun- gen und war aufrichtig überrascht, wenn Leute über seine Taktlosigkeit beleidigt waren. Er war eine allzu übliche Per- sönlichkeit, so gut unter Kontrolle – entsprechend seinem psychologischen Profil –, daß man sie kaum als absonderlich einstufen konnte. Warum also fühlte sie sich so unbehaglich, wenn er sie be- trachtete? »Am besten setze ich dir gleich den Kopf zurecht, damit du Gaby nicht wehtust. Sie hat sich in mich verliebt. Das hat etwas mit der Isolation zu tun. Ich war die erste Person, die sie anschließend sah, und daraufhin hat sie diese Fixierung entwickelt. Ich denke, daß sie dem wieder entwachsen wird, weil sie nie zuvor eindeutig homosexuell war. Auch nicht he-, terosexuell, was das angeht.« »Sie hat es verheimlicht«, meinte er. »Welches Jahr haben wir? Neunzehnhundertfünfzig? Du erstaunst mich, Gene. Man verheimlicht nichts vor diesen NASA-Tests. Sicher, sie hatte eine homosexuelle Affaire. Ich hatte eine, und du auch. Ich habe dein Dossier gelesen. Möchtest du vielleicht, daß ich dir sage, wie alt du dabei warst?« »Ich war noch ein Kind. Die Sache ist, ich konnte etwas von ihr erzählen, wenn wir uns geliebt hatten. Keine Reakti- on, weißt du? Ich wette, es ist anders, wenn ihr zwei es macht.« »Wir machen…« Sie hielt inne und fragte sich, wie sie sich so weit hatte hineinziehen lassen. »Ich betrachte dieses Gespräch als beendet. Ich möchte nicht darüber sprechen, und abgesehen davon kommt Gaby gerade zurück.« Gaby näherte sich dem Feuer und ließ ein Netz voller Früchte neben Cirocco zu Boden fallen. Sie kauerte sich nie- der und blickte nachdenklich vom einen zum anderen, stand dann auf und zog sich an. »Klingen meine Ohren tatsächlich, oder ist das Einbil- dung?« Weder Gene noch Cirocco sagten etwas, und Gaby seufz- te. »Da sind wir wieder. Ich glaube, ich fange an, den Leuten zuzustimmen, die behaupten, daß bemannte Weltraummis- sionen mehr kosten, als sie wert sind.« Der fünfte Tag führte sie unwiderruflich in die Nacht. Jetzt gab es nur noch das geisterhafte Licht, das von den sich zu beiden Seiten emporkrümmenden Tagesgebieten reflektiert, wurde. Das war nicht viel, aber es reichte. Der Boden war merklich steiler und die darauf liegende Erdschicht dünner. Oft gingen sie auf den warmen, bloßen Strängen, die eine sichere Wegfindung erlaubten. Sie fingen an, sich aneinander anzuseilen und achteten darauf, daß immer zwei von ihnen festhielten, während der dritte klet- terte. Nicht einmal hier hatte das Pflanzenleben Gäas aufgege- ben. Massive Bäume breiteten ihre Wurzeln flach auf dem Kabel aus, schickten Ausläufer in die Oberfläche und hielten sich hartnäckig fest. Die Mühe, diesem wenig einladenden Untergrund das Leben abzuringen, hatte sie jeder Schönheit beraubt. Sie waren dürr und vereinzelt, ihre Stämme durch- scheinend und von einem blassen inneren Licht erleuchtet, ihre Blätter nur noch Fetzen von Nichts. An manchen Stellen konnte man die Wurzeln wie Leitern benutzen. Gegen Ende dieses Tages hatten sie in gerader Linie sieb- zig Kilometer zurückgelegt und waren der Nabe fünfzig Ki- lometer nähergekommen. Die Bäume standen jetzt dünn genug, und sie konnten sehen, daß sie über das Niveau des Daches hinaus waren und sich schon auf ihrem Weg in den enger werdenden, keilförmigen Raum zwischen dem Kabel und dem glockenförmigen Mund der Rhea-Speiche befan- den. Sie konnten zurückblicken und Hyperion unter sich ausgebreitet sehen, als ritten sie auf einem Drachen, der gehalten wurde von einem in dem felsigen Knäuel festge- bundenen Monsterseil, das der Ort der Stürme genannt wurde. Sie erblickten das Glitzern der Glasburg früh am sechsten Tag. Cirocco und Gaby kauerten in einem Gewirr von Baum wurzeln und begutachteten sie, während Gene mit dem Seil, zum Fuß des Bauwerks unterwegs war. »Vielleicht ist dies der Ort«, meinte Cirocco. »Du meinst, deine Liftstation?« schnaubte Gaby. »Wenn das so ist, dann werde ich gleich in einer Berg- und Talbahn auf Papierschienen fahren.« Das Ganze ähnelte etwas einem italienischen Bergdorf, je- doch errichtet aus Zuckerwatte, eine Million Jahre alt und halb geschmolzen. Kuppeln und Balkone, Bögen, stürzende Stützpfeiler, Zinnen und terrassenförmig angelegte Dächer hockten auf einem vorspringenden Sims und fielen über die Kante wie Sirup, der über eine Waffel gegossen wurde und rasch erstarrt war. Hohe Türme ragten in allen Winkeln dar- aus hervor wie Stifte in einem Becher. Sie waren hoch und spindeldürr. In den Ecken funkelten Schneewehen oder pas- tellfarbener Puderzucker. »Es ist eine Ruine, Rocky.« »Ich sehe es. Laß mir meine Phantasie, ja?« Die Burg kämpfte einen schweigenden Kampf mit dünnen weißen Reben, der unentschieden zu stehen schien. Die Burg hatte tödlichen Schaden genommen, aber als sie Gene erreichte, hörten Cirocco und Gaby, wie die Reben das tro- ckene Rascheln des Todes von sich gaben. »Wie Bartflechten-Tillandsie«, sagte Gaby und zupfte eine Handvoll aus der umschlingenden Masse. »Aber größer.« Gaby zuckte die Achseln. »Wenn Gäa es im großen öko- nomischen Format bauen kann, wird es ihr nichts ausma- chen.«, »Da oben ist eine Tür!« rief Gene nach hinten. »Wollt ihr hinein?« »Darauf kannst du wetten!« Fünf Meter ebene Fläche erstreckten sich zwischen der Kante des Felsvorsprunges und der Burgwand. Nicht weit vor ihnen erhob sich ein runder Torbogen, der Ciroccos Scheitel nur wenig überragte. »Wow«, flüsterte Gaby und lehnte sich an die Wand. »Auf ebenem Grund zu gehen macht einen fast schwindlig. Ich hatte vergessen, wie das ist.« Cirocco zündete eine Lampe an und folgte Gene durch den Torbogen in eine gläserne Halle. »Wir bleiben besser zusammen«, sagte sie. Es schien guten Grund für die Vorsicht zu geben. Obwohl keine der Flächen vollkommen reflektierte, hatte der Ort viel mit den Spiegelhäusern in Vergnügungsparks gemeinsam. Sie konnten durch die Wände nach allen Seiten in andere Räume blicken, die auch Glaswände hatten, die Zugang zu weiteren Räumen boten. »Wie kommen wir wieder raus, wenn wir einmal drin sind?« fragte Gaby. Cirocco deutete nach unten. »Wir folgen unseren Fußspu- ren zurück.« »Ah. Wie dumm von mir.« Gaby beugte sich hinunter und betrachtete das feine Pulver, das den Boden bedeckte. Grö- ßere, flache Platten lagen darin verstreut. »Bodenglas«, sagte sie. »Fallt möglichst nicht hin.« Gene schüttelte den Kopf. »Das habe ich zuerst auch ge- dacht, aber es ist kein Glas. Das Zeug ist dünn wie Seifen- blasenhaut, und es bildet keine Kanten.« Er suchte sich eine Wand aus und drückte leicht mit der Handfläche dagegen., Sie zersplitterte mit leisem Klingeln. Er fing eines der Stücke auf, die um ihn herum zu Boden schwebten, und zerdrückte es mit der Hand. »Wie viele Wände könntest du kaputtmachen, bevor der zweite Stock auf uns fällt?« fragte Gaby, wobei sie auf den Raum über ihnen deutete. »Eine Menge, glaube ich. Schau, dies hier ist ein Irrgarten, aber nicht ursprünglich. Wir können durch manche Wände gehen, weil irgend jemand sie bereits zerbrochen hat. Die Burg war ein Gestell aus Würfeln, von denen keiner Zugän- ge hatte.« Gaby und Cirocco blickten einander an. »Wie das Bauwerk, das wir unter dem Kabel gesehen ha- ben«, sagte Cirocco für sie beide. Sie beschrieb es Gene. »Wer errichtet Gebäude mit Zimmern, die man weder be- treten noch verlassen kann?« wollte Gaby wissen. »Der Kammernautilus«, meinte Gene. »Wer?« »Der Nautilus. Er erzeugte eine spiralförmige Schale. Wenn sie ihm zu klein wird, geht er hinein und verschließt darin einen Sektor. Wenn man sie in der Mitte durchschnei- det, sieht sie sehr hübsch aus. Das Gebäude, das ihr gese- hen habt, hört sich sehr danach an. Unten kleine Zimmer, oben große.« Cirocco runzelte die Stirn. »Aber hier sehen alle Räume gleich groß aus.« Gene schüttelte den Kopf. »Der Unterschied ist nicht groß. Dieser Raum ist etwas höher als der da hinten. Woanders wird es kleinere geben. Diese Wesen haben in die Breite ge- baut.« Als Cirocco sich die Geschöpfe, die die Glasburg erbaut hatten, vorzustellen versuchte, tauchte das Bild auf von et-, was, das wie Korallen funktionierte. Die Kolonie verließ Häu- ser, denen sie entwuchs, und baute auf den Überresten neu. Teile der Burg türmten sich zehn Stockwerke hoch auf oder noch mehr. Strukturelle Stärke kam nicht von den gewebe- dünnen Mauern, sondern von den Zwischenräumen, die die Kanten formten. Sie waren wie klare, helle Streben, so dick wie ihre Handgelenke, sehr fest und stark. Wenn alle Wände in der Burg zerbrochen worden wären, wäre der Grundriß geblieben wie das stählerne Stützwerk eines Wolkenkrat- zers. »Wer immer sie gebaut hat, war nicht der letzte, der sie benutzt hat«, vermutete Gaby. »Jemand ist eingedrungen und hat eine Menge Veränderungen durchgeführt, sofern diese Geschöpfe nicht wesentlich entwickelter waren, als wir annehmen. Aber egal wie, hier ist schon lange niemand mehr.« Cirocco versuchte, nicht enttäuscht zu sein, aber es führte zu nichts. Es war eine Ernüchterung. Sie waren noch weit vom Gipfel entfernt, und es sah ganz danach aus, als wür- den sie jeden einzelnen Meter kletternd zurücklegen müs- sen. »Sei nicht böse.« »Was soll das?« Cirocco wurde langsam wach. Schwer zu glauben, daß es bereits acht Stunden sind, dachte sie. Aber woher wußte er es? Sie hatte doch die Uhr. »Schau nicht hin!« Er sagte es im selben gleichmäßigen Tonfall, aber Cirocco erstarrte mit halb erhobenem Arm. Sie sah Genes Gesicht orangefarben im Licht des sterbenden Feuers. Er kniete über ihr. »Warum… was ist los, Gene? Stimmt etwas nicht?« »Sei nur nicht böse. Ich wollte ihr nicht wehtun, aber ich, konnte sie auch nicht gut zuschauen lassen, oder?« »Gaby?« Sie wollte sich aufrichten, und er zeigte ihr das Messer. In der geschärften Wahrnehmung des Augenblicks erkannte sie Verschiedenes: Gene war nackt; Gaby lag mit dem Gesicht nach unten da, war nackt und schien nicht zu atmen; Gene hatte eine Erektion. Seine Hände waren blut- befleckt. Ciroccos Sinne schärften sich bis zum Äußersten. Sie konnte seinen gleichmäßigen Atem hören und Blut und Gewalttätigkeit riechen. »Sei nicht böse«, sagte er ruhig. »So wollte ich es nicht machen, aber du hast mich dazu gezwungen.« »Ich habe nur gesagt…« »Du bist böse, das sehe ich.« Er seufzte über die Unge- rechtigkeit all dessen und präsentierte mit der linken Hand ein zweites Messer – Gabys. »Wenn du es dir überlegst, mußt du dir selbst die Schuld geben. Was denkst du, woraus ich gemacht bin? Ihr Frauen. Haben eure Mütter euch bei- gebracht, selbstsüchtig zu sein? Ist es so?« Cirocco versuchte, sich eine sichere Antwort auszudenken, aber er wollte offensichtlich gar keine. Er beugte sich über sie und setzte ihr eine Messerspitze unter das Kinn. Sie fuhr zusammen; die Spitze stach in das weiche Fleisch. Sie war noch kälter als seine Augen. »Ich verstehe nicht, warum du das machst.« Er zögerte. Das zweite Messer hatte sich in Richtung ihres Bauches bewegt; jetzt hielt er es gerade außerhalb ihres Blickfeldes. Sie leckte sich die Lippen und wünschte sich, es wieder sehen zu können. »Das ist eine faire Frage. Darüber habe ich immer nach- gedacht – welcher Mann täte das nicht?« Er suchte in ihren Augen nach Verständnis und sah verloren aus, als er es nicht fand., »Ah, was nützt das? Du bist eine Frau.« »Versuch es!« Das Messer bewegte sich wieder. Sie spür- te, wie seine flache Seite gegen die Innenseite ihres Schen- kels gedrückt wurde. Schweiß brach ihr auf der Stirn aus. »Du mußt es nicht so machen. Leg das Messer weg, und ich gebe dir alles, was du willst.« »Ah-ah.« Da war das Messer wieder und winkte hin und her wie der mahnende Finger einer Mutter. »Ich bin nicht dumm. Ich weiß, wie ihr Frauen funktioniert.« »Ich schwöre es. Es muß nicht so laufen.« »Doch es muß. Ich habe Gaby umgebracht, und das wirst du mir nicht vergeben. Es war nie gerecht, weißt du. Die ganze Zeit quält ihr uns. Immer sind wir gehörnt, und ihr sagt immer nein.« Er lächelte höhnisch, aber dieser Aus- druck verschwand rasch, um wieder von der Ruhe ersetzt zu werden. Das Hohnlächeln hatte Cirocco besser gefallen. »Ich gleiche einfach die Dinge aus. Damals, als ihr mich in der Dunkelheit alleingelassen habt, habe ich mich entschlos- sen, immer das zu tun, was mir beliebt. In Rhea habe ich Freunde gefunden. Du wirst sie nicht sehr mögen. Von jetzt an bin ich der Kapitän, wie es von Anfang an hätte sein sol- len. Du wirst tun, was ich sage. Und jetzt mach keine Dummheit.« Sie schnappte nach Luft, als die scharfe Spitze des Mes- sers ihre Hosen zerschnitt. Sie glaubte zu wissen, was er mit dem Messer tun würde, und fragte sich, ob sie lieber dumm und tot als lebendig und verstümmelt sein wollte. Aber so- bald die Hosen entfernt waren, schnitt er nicht weiter. Ihre Aufmerksamkeit kehrte zu dem Messer unter ihrem Kinn zu- rück. Er drang in sie ein. Sie wandte das Gesicht ab, und die Messerspitze folgte. Es schmerzte höllisch, aber das war, nicht von Bedeutung. Worauf es ankam, war das Zucken in Gabys Wange, die Spur, die ihre Hand durch den Staub ge- zogen hatte, während sie sich auf das Beil zu bewegte, ihr halb offenes Auge und der Schimmer darin. Cirocco blickte zu Gene auf und hatte keine Mühe dabei, Furcht in ihre Stimme zu legen. »Tu’s nicht! O bitte, ich bin nicht bereit. Du wirst mich umbringen!« »Du bist bereit, wenn ich es sage.« Er senkte den Kopf, und Cirocco riskierte einen kurzen Blick auf Gaby, die zu be- greifen schien. Ihr Auge schloß sich. Alles geschah wie in weiter Entfernung. Sie besaß keinen Körper; es war etwas anderes, das so furchtbar schmerzte. Nur die Messerspitze an ihrem Kinn hatte Bedeutung, bis Gene zu erschlaffen begann. Was wäre der Preis seines Versagens? fragte sie sich. Richtig. Dann kann er nicht versagen. Ein Augenblick würde kommen, an dem seine Aufmerksamkeit schwankte, aber daß dieser Augenblick kam, das mußte sie sicherstellen. Sie fing an, sich unter ihm zu bewegen. Es war das ekelhaftes- te, was sie je gemacht hatte. »Jetzt sehen wir die Wahrheit«, meinte er mit einem ver- träumten Lächeln. »Red nicht, Gene!« »Du hast es kapiert. Siehst du, um wieviel besser es ist, wenn du nicht kämpfst?« Bildet sie es sich ein, oder war ihre Haut unter der Berüh- rung des Messers nicht mehr ganz so klamm? Sie kostete den Gedanken, vorsichtig, um sich nicht selbst hereinzule- gen, und kam zu dem Entschluß, daß es stimmte. Sie hatte eine außerordentliche Sensibilität erlangt. Das leichte Nach- lassen des Drucks war wie das Heben eines großen Gewich-, tes. Er würde die Augen schließen müssen. Taten sie das nicht immer? Er schloß sie, und sie bewegte sich beinahe, aber rasch öffnete er sie wieder. Verdammt, er stellte sie auf die Probe. Aber er erkannte die Täuschung nicht. Normalerweise war sie eine lausige Schauspielerin, aber das Messer hatte sie inspiriert. Sein Rücken krümmte sich. Er schloß die Augen. Der Druck des Messers war weg. Nichts klappte richtig. Sie schlug seinen Arm in die eine Richtung und drehte ih- ren Kopf in die andere; das Messer schnitt seitlich in ihre Wange. Sie hieb nach seiner Kehle, wollte sie zermalmen, aber er wich noch rechtzeitig aus. Sie wand sich und trat zu, spürte, wie das Messer über ihr Schulterblatt schnitt. Dann war sie oben… … rannte aber nicht. Qualvolle Sekunden lang berührten ihre Füße nicht den Boden, während sie auf den Biß des Messers wartete. Es kam nicht dazu, und sie erlangte einen ausreichenden Stand, um wieder hoch- und von ihm wegzuspringen. In der Luft blickte sie kurz über die Schulter zurück und stellte fest, daß ihr Tritt stärker gewesen war, als sie es sich vor- gestellt hatte. Er hatte ihn von den Beinen gerissen, er schlug gerade erst auf. Gaby befand sich noch im Sprung. Adrenalin veranlaßte die irdischen Muskeln, sich in der ge- ringen Schwerkraft wahnsinnig zu betätigen. Die Hetzjagd brauchte eine Ewigkeit, bis sie losging, ge- wann dann aber rasch an Geschwindigkeit. Sie glaubte nicht, daß er von Gabys Angriff wußte, daß sie hinter ihm war. Er hätte nicht so konzentriert Cirocco ver-, folgt, wenn er Gabys Gesicht gesehen hätte. Das Lager hatten sie auf dem Zentralplatz der Burg errich- tet, eine flache Stelle, die von den Erbauern nie unterteilt worden war. Das Feuer lag zwanzig Meter von der ersten Galerie von Zimmern entfernt. Cirocco war noch dabei, schneller zu werden, als sie gegen die erste Wand schlug. Sie wurde nicht langsamer und zerschmetterte ein Dutzend Wände, bevor sie hinauflangte und einen der Träger packte. Sie schwang sich durch neunzig Grad und stand auf, stolper- te, durchbrach drei Decken, bevor sie in der Luft anhielt. Sie hörte den Krach, den Gene beim Vorankommen verursach- te; er begriff den Sinn ihres Manövers nicht. Sie stellte die Füße auf einen Träger und stieß sich ab. Sie stieg auf, eine Wolke der dünnen Glasscherben mit ihr, wand und drehte sich mit traumartig langsamen Bewegun- gen. Sie sprang zur Seite und durchbrach drei Wände, bevor sie stehenblieb. Sie brach nach links durch, dann wieder ein Stockwerk höher, dieses entlang und wieder zwei hinunter. Auf einem Träger zusammengekauert hielt sie an und lauschte. Da war das ferne Klirren zerbrechenden Glases. Es war dunkel. Sie befand sich inmitten eines Kammerlabyrinths, das sich unendlich weit in alle Richtungen erstreckte; nach oben, nach unten und seitwärts. Sie wußte nicht, wo sie sich befand, aber auch Gene wußte das nicht, und genau das hatte sie beabsichtigt. Das Krachen wurde lauter, und sie sah, wie Gene den Raum zu ihrer Linken hinauf segelte. Sie tauchte nach rechts hinunter, packte zwei Stockwerke tiefer einen Träger und lenkte ihren Bewegungsimpuls wieder nach rechts um. Mit den bloßen Füßen auf einem weiteren Träger kam sie erneut zur Ruhe. Ringsherum senkte sich langsam zerbro-, chenes Glas nieder. Sie hätte nicht gewußt, daß Gene so nahe war, wäre ihm nicht der Glasregen vorausgegangen. Er war die Träger ent- langgegangen, aber das Gewicht von einem Teil seines Fu- ßes war zu groß für eine noch nicht zerbrochene Scheibe, auf der bereits Trümmer von Ciroccos Durchgang lagen. Sie zerbrach, und das Glas senke sich wie Schneeflocken. Ciroc- co schwang sich um den Träger herum und stieß mit den Füßen nach unten. Sie schlug hart auf und drehte sich benommen um, er- kannte, daß er auf den Füßen landete, wie sie es mit ein wenig Verstand und dem Zählen der Stockwerke auch getan hätte. Es fiel ihr noch ein, daran zu denken, als er über ihr stand; dann sah sie, wie das Beil seinen Kopf traf, und ver- lor das Bewußtsein. Sie kam plötzlich wieder zu sich – schreiend, was ihr vorher noch nie passiert war. Sie wußte nicht, wo sie sich befand, aber sie war wieder im Bauch des Tieres gewesen, und zwar nicht allein. Auch Gene hatte sich dort aufgehalten und ihr mit ruhiger Stimme erklärt, warum er sie zu vergewaltigen gedachte. Sie vergewaltigt hatte. Sie hörte auf zu schreien. Sie befand sich nicht mehr in der Glasburg. Ein Seil war um ihre Taille gebunden. Von ihr fiel der Boden schräg ab. Weit unten erstreckte sich das dunkle Silbermeer von Rhea. Gaby war neben ihr, jedoch ziemlich beschäftigt. Um ihre Taille waren zwei Seile gebunden. Eines verlief hangauf- wärts zu demselben Baum, an dem Cirocco befestigt war, das andere hing straff über der Dunkelheit. Tränen hatten einen Kanal durch das getrocknete Blut auf ihrem Gesicht gewaschen. Sie benutzte ein Messer, um eines der Seile, durchzuschneiden. »Ist das da Genes Bündel, Gaby?« »Ja. Er wird es nicht mehr brauchen. Wie fühlst du dich?« »Es war schon mal besser. Zieh ihn hoch, Gaby!« Diese blickte auf, und das Kinn hing ihr herunter. »Ich möchte das Seil nicht verlieren.« Sein Gesicht war ein blutiges Wrack. Ein Auge war zuge- schwollen, das andere nur noch ein Schlitz, die Nase gebro- chen, und drei seiner Schneidezähne fehlten. »War ein ganz schöner Sturz«, stellte Cirocco fest. »Nichts im Vergleich zu dem, was ich vorhatte.« »Mach seinen Rucksack auf und verbinde ihm das Ohr! Er verliert immer noch Blut.« Gaby stand kurz vor einer Explosion, aber Cirocco schnitt ihr mit einem festen Blick das Wort ab. »Ich beabsichtige nicht, ihn zu töten, also schlag es nicht vor!« Gabys Beilwurf hatte ihm das Ohr abgetrennt. Das hatte sie nicht vorgehabt, sondern ihm das Beil seitlich an den Kopf werfen wollen, jedoch hatte es sich in der Luft gedreht und ihm einen abgleitenden Schlag versetzt, der ausreichte, ihn bewußtlos zu machen. Er stöhnte, während Gaby ihn verband. Cirocco begann sein Bündel zu durchstöbern und die Sa- chen herauszunehmen, die sie gebrauchen konnten. Sie be- hielt die Vorräte und die Waffen und warf alles andere über die Kante. »Wenn wir ihn leben lassen, wird er uns folgen, das weißt du.« »Vielleicht, und ich könnte entschieden ohne das aus- kommen. Wir werden ihn eventuell hinunterwerfen müs- sen.«, »Warum zum Teufel mußte ich…« »Mit seinem Fallschirm. Bind seine Beine los!« Sie legte ihm das Geschirr um die Beingabelung. Er stöhn- te wieder, und sie wandte den Blick ab von dem, was Gaby ihm dort angetan hatte. »Er dachte, er hätte mich getötet«, sagte Gaby gerade und machte den letzten Knoten in den Verband. »Er hatte es vor, aber ich habe den Kopf gedreht.« »Wie schlimm ist es?« »Nicht tief, blutet aber scheußlich. Ich war betäubt und hatte Glück, daß ich zu schwach war, mich zu bewegen, nachdem er… nachdem…« Ihre Nase lief, und sie wischte sie mit dem Handrücken ab. »Ich war recht schnell ohne Be- wußtsein. Das nächste, was ich mitbekam, war, wie er sich über dich beugte.« »Ich bin froh, daß du gerade dann aufgewacht bist. Ich habe meine Flucht vermasselt. Und danke, daß du wieder mal meinen Pelz gerettet hast.« Gaby betrachtete sie traurig, und sofort bedauerte Cirocco schon die Wahl ihrer Worte. Gaby schien sich persönlich verantwortlich für das Geschehen zu fühlen. Es konnte nicht leicht sein, dachte Cirocco, stillzuliegen, während jemand vergewaltigt wird, den man liebt. »Warum läßt du ihn am Leben?« Cirocco blickte auf ihn hinab und kämpfte gegen einen plötzlichen Anfall brennender Wut, bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte. »Ich… du weißt, daß er früher nie so gewesen ist.« »Das weiß ich nicht. Unter der Oberfläche war er schon immer ein geiles Vieh, oder wie hätte er sonst so was ma- chen können?« »Wir alle sind so. Wir unterdrücken es, aber er kann es, nicht mehr. Er hat mit mir geredet wie ein kleiner Junge, der verletzt ist – nicht böse, nur verletzt –, weil nichts so gelau- fen ist, wie er es haben wollte. Etwas ist nach dem Knall mit ihm passiert, genau wie mit mir. Und dir.« »Aber wir haben nicht versucht, jemanden zu töten. Hör zu, laß ihn mit dem Fallschirm runter. Das ist okay. Aber ich denke, er sollte seine Eier hierlassen.« Sie hob das Messer hoch, aber Cirocco schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe ihn nie groß gemocht, aber wir sind mit- einander ausgekommen. Er war ein gutes Besatzungsmit- glied, und jetzt ist er wahnsinnig, und…« Sie hatte sagen wollen, daß es teilweise ihre Verantwortung war, daß er niemals wahnsinnig geworden wäre, wenn sie ihr Schiff be- halten hätte, aber sie brachte es nicht hervor. »Ich gebe ihm eine Chance wegen dem, was er war. Er gab vor, da unten Freunde zu haben. Vielleicht war es nur Phantasterei, vielleicht werden sie ihn aufnehmen. Schneid ihm die Handfesseln auf.« Gaby tat es, und Cirocco knirschte mit den Zähnen und stieß ihn mit dem Fuß weg. Er kam ins Rutschen und schien sich seiner Umgebung bewußt zu werden. Er schrie, als der Fallschirm sich hinter ihm auswickelte, verschwand dann um die Krümmung des Kabels. Sie sahen nicht, ob der Schirm sich öffnete. Die beiden Frauen saßen dort lange. Cirocco traute sich nicht, etwas zu sagen. Es bestand die Möglichkeit, daß sie anfangen würde zu weinen und nicht mehr damit aufhören zu können, und dazu war keine Zeit. Wunden mußten be- handelt und eine Reise zu Ende geführt werden. Gabys Kopf war nicht schwer verletzt. Die Wunde hätte genäht werden müssen, aber das Desinfektionsmittel und ein Verband waren alles, was sie einsetzen konnten. Sie, würde eine Narbe auf der Stirn behalten. Das würde auch Cirocco, von ihrem Aufschlag auf dem Boden der Burg her. Eine weitere würde von der Kinnspitze zum Ohr verlaufen und noch eine über den Rücken. Keiner der Schnitte war ernsthaft genug, um ihr Sorgen zu ma- chen. Sie versorgten einander und schnürten ihre Bündel, und Cirocco blickte die lange Strecke des Kabels hinauf, die sie noch zu ersteigen hatten, bevor sie die Speiche erreichten. »Ich finde, wir sollten wieder in die Burg gehen und uns ausruhen, bevor wir das in Angriff nehmen«, meinte sie. »Zwei Tage, um Kraft zu sammeln.« Gaby blickte auf. »Oh, sicher. Aber der nächste Teil wird leichter sein. Als ich euch beide hier herunter brachte, habe ich eine Treppe gefunden.« KAPITEL ZWANZIG Die Treppe kam aus einem großen Sandhaufen am höchst- gelegenen Rand der Burg hervor und verlief pfeilgerade aufwärts, bis sie außer Sicht verschwand. Jede Stufe war anderthalb Meter lang und vierzig Zentimeter hoch und schien in das Kabel hineingeschnitten worden zu sein. Nachdem Cirocco und Gaby der Treppe eine Weile gefolgt, waren, kamen sie allmählich zu der Erkenntnis, daß sie ih- nen in Wirklichkeit nicht viel Gutes bringen würde. Sie krümmte sich nach Süden, auf den Absturz zu. Bald würde sie gewiß unbegehbar sein. Aber die Stufen blieben vollkommen eben. Schon bald gingen sie auf einem terrassenförmigen Sims mit einer mächtigen Wand zu einer Seite und einem schieren Absturz auf der anderen. Es gab kein Geländer, überhaupt keinen Schutz. Sie drückten sich eng an die Wand und zitterten bei jedem Windstoß. Dann begann der Sims sich in einen Tunnel zu verwan- deln. Das war ein allmählicher Vorgang. Zur Rechten war immer noch freier Raum, aber die Wand hatte angefangen, sich über ihre Köpfe zu krümmen. Der Weg wand sich unter das Kabel. Cirocco versuchte, sich das bildlich vorzustellen: stetig an- steigend und dabei spiralförmig um die Außenseite des Ka- bels verlaufend. Nach weiteren 2000 Stufen befanden sie sich in völliger Dunkelheit. »Stufen«, brummte Gaby. »Sie haben etwas Derartiges gebaut, und sie haben Stufen reingesetzt.« Sie waren ste- hengeblieben, um ihre Lampen herauszuholen. Gaby füllte ihre und richtete den Docht her. Sie wollten immer nur eine brennen lassen und hofften, daß das Öl reichen würde, bis sie auf der anderen Seite herauskamen. »Vielleicht waren es Gesundheitsfanatiker«, mutmaßte Ci- rocco. Sie riß ein Streichholz an und hielt es an den Docht. »Aber wahrscheinlich war dies eine Notmaßnahme für einen Energieausfall.« »Na ja, ich bin froh, daß die Treppe da ist«, gestand Gaby., »Wahrscheinlich hat es sie auch auf dem ganzen Weg wei- ter unten gegeben, nur dort mit Erdreich bedeckt. Was be- deutet, daß sich schon seit langem niemand mehr hierum gekümmert hat. Die Bäume hier oben müssen junge Mutati- onen sein.« »Wie du meinst.« Gaby hob die Lampe und blickte voraus, dann dorthin zurück, wo sie noch einen Lichtkeil sehen konnte. Ihre Augen verengten sich. »Schau, es scheint, daß wir uns an einer Wegbiegung be- finden. Er windet sich an der Außenseite entlang, biegt dann scharf nach links ab und verläuft geradenwegs ins Innere.« Cirocco begutachtete die Sache und fand, daß Gaby recht hatte. »Sieht so aus, als kämen wir mitten hindurch.« »O ja? Erinnerst du dich an den Ort der Stürme? Diese Luftmassen gehen hier irgendwo durch.« »Wenn dieser Tunnel dorthin führen würde, hätten wir es bereits gemerkt. Wir wären längst weggeblasen worden.« Gaby betrachtete im flackernden Licht die ansteigende Treppe. Sie schnupperte. »Hübsch warm hier drin. Ich frage mich, ob es noch heißer wird?« »Das finden wir nur heraus, indem wir reingehen.« »Uh-huh.« Gaby schwankte, und die Lampe drohte ihr aus den Fingern zu fallen. Cirocco legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Alles in Ordnung?« »Ja… nein, verdammt!« Sie lehnte sich an die warme Wand des Korridors. »Mir ist schwindelig, und mir zittern die Knie.« Sie streckte die Hand aus und betrachtete sie: ein leichtes Zittern war festzustellen. »Vielleicht war ein Ruhetag nicht genug.« Cirocco blickte, auf die Uhr und starrte dann finster den Korridor hinauf. »Ich hatte gehofft, auf der anderen Seite hinaus und wieder auf die Oberseite des Kabels zu kommen, bevor wir uns aus- ruhen.« »Ich kann es schaffen.« »Nein«, entschied Cirocco. »Mir ist gar nicht so ungeduldig zumute. Die Frage ist, ob wir hier im Korridor lagern, w6 es so heiß ist, oder nach draußen gehen?« Gaby blickte zu dem viele Stufen zurückliegenden Absturz zurück. »Ein wenig Schwitzen macht mir nichts aus.« Es war etwas daran, ein Feuer zu haben, selbst wenn das Wetter unerträglich heiß war. Sie diskutierten nicht darüber; Cirocco nahm kleine Zweige und Moos aus Genes Gepäck und fing an, eines zu machen. Schon bald hatte sie ein klei- nes Feuer in Gang und fütterte es geizig, während sie sich der mechanischen Aufgabe entledigten, ein dürftiges Lager aufzuschlagen. Schlafsäcke wurden ausgerollt, Pfannen und Messer hervorgeholt, Vorräte zum Abendessen herausge- sucht. Wir sind ein gutes Team, dachte Cirocco und hockte sich nieder, während sie Gaby zuschaute, die Gemüse in die blubbernden Reste des Eintopfes vom vorigen Abend würfel- te. Ihre Hände waren klein und flink, und braune Erde war in die Handflächen gerieben. Sie konnten kein Wasser mehr zum Waschen erübrigen. Gaby wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und hob kurz den Blick zu Cirocco. Sie lächelte – ein zitterndes und versuchsweises Unterfangen, das sich verbreiterte, als Cirocco zurücklächelte. Ein Auge wurde von einem Verband fast bedeckt. Sie tunkte den Löffel in die Suppe und schlürf-, te geräuschvoll. »Diese Rettich-Dingsdas läßt man am besten knusprig«, meinte sie. »Gib mir deinen Teller!« Sie schöpfte eine groß- zügige Portion darauf, und beide lehnten sie sich zurück, eine Armeslänge nebeneinander, und aßen. Es war köstlich. Beim Lauschen auf die kleinen Geräusche, das Prasseln des Feuers und das Löffelkratzen auf den Holz- tellern, entspannte sich Cirocco und dachte an nichts. »Hast du noch mehr Salz?« Cirocco griff in ihr Bündel und fand die Tüte sowie noch zwei vergessene Süßigkeiten, in gelbe Blätter eingewickelt. Sie drückte Gaby eine davon in die Hand und lachte, als de- ren Augen aufleuchteten. Sie setzte den Teller ab und wi- ckelte das kaugummiartige, bissengroße Konfekt aus, hielt es sich unter die Nase und schnupperte. Es roch zu gut, um auf einmal verdrückt zu werden. Sie biß die Hälfte ab, und das Aroma gesüßter Aprikosen und Sahne verteilte sich in ihrem Mund. Der Ausdruck des Entzückens auf Ciroccos Gesicht machte Gaby fast hysterisch. Cirocco aß die andere Hälfte und fing dann an, lüsterne Blicke auf die Süßigkeit zu werfen, die Gaby neben sich gelegt hatte, während sie versuchte, ein unbewegtes Gesicht zu machen. »Wenn du das fürs Frühstück aufbewahrst, wirst du die ganze Nacht wach bleiben müssen.« »Oh, mach dir keine Sorgen. Ich habe nur ausreichend Manieren, um zu wissen, daß Nachtisch für nach dem Essen ist.« Sie zog das Auswickeln über fünf Minuten hin und begut- achtete die Süßigkeit dann kritisch für weitere fünf Minuten, wobei sie über Ciroccos Possen hilflos losprustete. Cirocco benahm sich wie ein Cockerspaniel am Mittagstisch oder wie, ein Landstreicher, der durch das Schaufenster einer Bäcke- rei blickt; sie rang nach Luft, als Gaby ihr das Stück schließ- lich in den Mund steckte. Sie hatte soviel Spaß, daß es wehtat, sich zu fragen – während sie mit dem Gesicht dicht vor dem Gabys eifrig schnupperte –, ob die Albernheit klug war. Gabys Gesicht war vor Lachen und Erregung gerötet, ihre Augen funkelten. Warum konnte sie sich nicht einfach entspannen und daran erfreuen? Sie mußte etwas von ihren Sorgen gezeigt haben, denn Gaby wurde augenblicklich wieder ernst. Sie berührte Ciroc- cos Hand und betrachtete sie mit einem drängenden Blick, schüttelte dann langsam den Kopf. Keine von beiden traute sich etwas zu sagen, aber Gaby hatte ihr deutlicher als mit irgendwelchen möglichen Worten gesagt: »Du hast von mir nichts zu befürchten.« Cirocco lächelte, und Gaby tat es ebenfalls. Sie löffelten die letzten Reste vom Eintopf aus, hielten sich die Teller dicht vor den Mund und kümmerten sich nicht um Tischma- nieren. Aber es war nicht mehr ganz dasselbe. Gaby schwieg. Bald darauf begannen ihre Hände zu zittern, und der Teller fiel klappernd auf die Stufen. Sie setzte sich auf, rang nach Luft und schluchzte, griff blindlings nach Ciroccos Hand, als die sie ihr auf die Schulter legte, zog die Knie an und preßte sich die Fäuste unters Kinn, begrub das Gesicht hinter Ci- roccos Nacken und weinte. »Oh, es tut weh, es tut so weh.« »Dann laß es raus! Weine!« Cirocco legte die Wange auf das kurze schwarze Haar, das sehr fein war und zerzaust aussah, hob dann Gabys Kinn und suchte eine Stelle, die nicht mit Binden bedeckt war. Sie näherte sich mit den Lip-, pen der Wange, aber im letzten Moment küßte sie die Lip- pen – ohne zu wissen, warum. Gabys Mund war feucht und sehr heiß. Gaby sah sie lange an, schniefte laut und legte das Ge- sicht wieder auf Ciroccos Schulter. Sie begrub es in der Na- ckenbeuge und war dann still. Kein Zittern mehr und kein Schluchzen. »Wie kannst du nur so stark sein?« fragte sie, die Stimme gedämpft, aber sehr nah. »Wie kannst du nur so tapfer sein? Du rettest mir weiter- hin das Leben.« Gaby schüttelte den Kopf. »Nein, ich meine es wirklich. Wenn ich dich jetzt nicht hätte, um mich an dich zu lehnen, würde ich verrückt werden. Und du mußt nicht einmal wei- nen.« »Ich weine nicht so leicht.« »Vergewaltigung fällt leicht?« Sie suchte wieder Ciroccos Augen. »Gott, es tut mir so weh. Ich habe Schmerzen, von Gene und wegen dir. Ich weiß nicht, welche schlimmer sind.« »Gaby, ich wäre bereit, dich zu lieben, wenn das den Schmerz lindern würde, aber auch ich habe Schmerzen, körperliche.« Gaby schüttelte den Kopf. »Das ist nicht das, was ich von dir will, nicht einmal, wenn du dich großartig fühlst. Wenn du ›willig‹ bist, dann ist es nicht gut. Ich bin nicht Gene, und ich möchte lieber den Schmerz behalten als dich auf diese Weise haben. Mir ge- nügt es, dich zu lieben.« Was sollte sie sagen? Was sollte sie ihr sagen? Bleib bei der Wahrheit, sagte sie sich. »Ich weiß nicht, ob ich deine Liebe je erwidern werde!, Nicht auf diese Weise. Aber so hilf mir«, sie drückte Gaby an sich und wischte sich rasch über die Nase, »so hilf mir, du bist die beste Freundin, die ich je hatte.« Gaby ließ mit einem leisen Seufzer den Atem fahren. »Das wird für den Moment reichen müssen.« Cirocco glaubte, daß Gaby wieder in Tränen ausbrechen würde, aber sie tat es nicht. Sie drückte Cirocco einmal kurz an sich und küßte ihr den Nacken. »Das Leben ist furchtbar schwer, nicht wahr?« fragte sie mit dünner Stimme. »So ist es. Wir wollen schlafen gehen.« Sie legten sich schlafen. Gaby streckte sich auf der höchsten Stufe aus, Cirocco bewegte sich auf der nächsten hin und her, und die Asche des Feuers glühte auf der Stufe unter ihr nach. Aber in der Nacht schrie Cirocco auf und erwachte in völli- ger Dunkelheit. Schweiß brach ihr auf dem ganzen Körper aus, als sie darauf wartete, daß Genes Messer zustach. Ga- by zog sie zu sich herab und hielt sie fest, bis sie den Alp- traum abgeschüttelt hatte. »Wie lange bist du schon hier?« fragte Cirocco. »Seit ich anfing, wieder zu weinen. Danke, daß du mich zu dir gelassen hast.« Lügnerin. Aber Cirocco lächelte, als sie das dachte. Die nächsten tausend Stufen wurde es immer heißer, so heiß, daß sie die Wände nicht mehr anfassen konnten und die Sohlen ihrer Stiefel brannten. Cirocco schmeckte die Niederlage, wußte, daß es noch mindestens mehrere tau- send Stufen bis zum Zentrum waren, von wo an sie erwar- ten konnten, daß es wieder kühler wurde., »Nochmal tausend Stufen«, sagte sie. »Wenn wir es so weit schaffen. Wenn es nicht kühler wird, kehren wir um und versuchen es an der Außenseite.« Sie wußte jedoch, daß das Kabel schon zu steil war. Schon vor dem Tunnel hatten die Bäume zu weit auseinander gestanden, um beim Klettern eine Hilfe zu sein. Die Neigung des Kabels würde achtzig Grad betragen, bevor sie die Speiche erreichten. Sie würde ihrem hypothetischen Glasberg gegenüberstehen, der schlimmsten Möglichkeit, die sie sich bei Vorbereitung der Reise vorgestellt hatte. »Wie du meinst. Nur eine Minute, ich möchte das Hemd ausziehen. Ich ersticke.« Auch Cirocco zog sich aus, dann marschierten sie weiter durch den Hochofen. Nach weiteren fünfhundert Stufen zogen sie sich wieder an. Dreihundert Stufen hinter dieser Stelle öffneten sie ihre Bündel und zogen die Mäntel heraus. Eis begann sich an den Wänden zu zeigen, und Schnee knirschte unter ihren Schritten. Sie zogen sich Handschuhe an und die Kapuzen der Parkas über den Kopf, standen dann im Lampenlicht, das durch die reflektierenden weißen Wän- de erstaunlich hell geworden war, und beobachteten, wie ihr Atem zu Eiskristallen kondensierte. Beim Blick nach vorne erkannten sie, daß sich der Korridor unzweifelhaft verengte. »Noch tausend Stufen?« schlug Gaby vor. »Du mußt meine Gedanken gelesen haben.« Kurz darauf zwang das Eis Cirocco, den Kopf zu senken, dann auf Hände und Knie herunterzugehen. Es wurde dun- kel, als Gaby mit der Lampe die Führung übernahm. Cirocco hielt an und hauchte in ihre steifen Hände, legte sich dann auf den Bauch und kroch weiter. »He! Ich stecke fest!« Sie war froh, keine Panik in ihrer, eigenen Stimme zu hören. Die Situation war furchteinflö- ßend, aber sie wußte, daß sie freikommen konnte, wenn sie rückwärts kroch. Die Krabbelgeräusche vor ihr hörten auf. »Okay. Ich kann hier nicht umdrehen, aber es wird wieder breiter. Ich mache noch ein Stück weiter und schaue, wie es aussieht. Zwanzig Meter, okay?« »Alles klar.« Sie lauschte auf die sich weiter entfernenden Geräusche. Die Dunkelheit schloß sich um sie, sie hatte ge- rade genug Zeit, in kalten Schweiß auszubrechen, bevor das wiederkehrende Licht sie blendete. Noch ein Augenblick, und Gaby war zurück. Sie hatte Eiskristalle in den Augenbrauen. »Genau hier ist die schlimmste Stelle.« »Dann komme ich durch. Ich bin nicht so weit gekommen, um dann wie ein Korken in der Flasche zu enden.« »Das hast du vom Essen dieser ganzen Süßigkeiten, Di- ckerchen.« Gaby konnte sie nicht hindurchziehen, also kroch sie zu- rück und schaffte es, die Messinghacke aus dem Rucksack zu holen. Sie schlugen auf das Eis ein und versuchten es er- neut. »Atme aus«, schlug Gaby vor und zog sie an den Händen. Sie kam durch. Hinter ihnen stürzte ein etwa einen Meter langer Eisklotz von der Decke herunter und rutschte geräuschvoll auf das Tageslicht zu. »Das muß der Grund sein, warum dieser Durchgang offen ist«, meinte Gaby. »Das Kabel ist biegsam, und wenn es sich biegt, zerbricht das Eis.« »Das und die warme Luft hinter uns. Wir wollen den Gang nicht länger verstopfen, okay? Weiter!« Bald darauf konnten sie wieder aufrecht gehen und kurz, danach war das Eis nur noch Erinnerung. Sie zogen die Män- tel aus und fragten sich, was wohl als nächstes kam. Das Dröhnen begann nach weiteren 400 Stufen. Es wurde lauter, bis sie sich leicht vorstellen konnten, wie direkt hin- ter den Tunnelwänden gewaltige Maschinen arbeiteten. Eine der Wände war heiß, aber bei weitem nicht so heiß wie der Bereich, den sie bereits begangen hatten. Sie waren sich dessen sicher, daß das Geräusch von der Luft stammte, die vom Ort der Stürme zu irgendeinem un- bekannten Ziel weit über ihnen gesaugt wurde. Nach weite- ren zweitausend Stufen hatten sie das Geräusch hinter sich gebracht und erreichten wieder einen heißen Bereich. Sie eilten hindurch und hielten sich nicht damit auf, sich auszu- ziehen, da sie wußten, daß es nicht mehr weit bis zum an- deren Ende des Tunnels war. Wie erwartet ließ die Hitze wieder nach, nachdem sie einen Saunabad-Gipfel erreicht hatte, den Cirocco auf fünfunddreißig Grad schätzte. Gaby führte immer noch und sah das Licht zuerst. Es war nicht heller als auf der anderen Seite, nur ein blasser Silber- streifen, der links begann und sich allmählich erweiterte, bis sie auf einem Gesims an der Seite des Kabels standen. Sie schlugen sich gegenseitig auf den Rücken und machten sich daran, weiterzuklettern. Sie überquerten den Kabelrücken, stetig steigend, stetig in südlicher Richtung, über den breiten Buckel hinweg und auf der gegenüberliegenden Seite wieder hinunter. Das Kabel war jetzt vollständig kahl; keine Bäume und kein bißchen Erde hielten sich noch irgendwo. Zum erstenmal sah Gäa wirklich wie die Maschine aus, die sie auch war – wie Cirocco wußte: die unglaublich gewaltige Konstruktion, erbaut von Wesen, die vielleicht noch in der Nabe lebten. Das bloße Ka- bel war glatt und gerade und stieg jetzt in einem Winkel von, sechzig Grad an, näherte sich dem geweiteten unteren Ende der Speiche. Der keilförmige Zwischenraum zwischen Spei- che und Kabel hatte sich mittlerweile auf weniger als zwei Kilometer verengt. Auf der Südseite verliefen die Stufen in einen weiteren Tunnel. Cirocco und Gaby glaubten, dafür bereit zu sein, a- ber dieser Tunnel hielt sie beinahe zum Narren. Sie eilten durch die erste Hitzezone und gratulierten sich selbst, als sie spürten, wie die Temperatur wieder fiel. Sie erreichte etwa zwanzig Grad und stieg dann wieder. »Verdammt! Diese Wechselbäder! – Weiter!« »Welche Richtung?« »Zurück wäre so schlimm wie vorwärts. Weiter!« Sie wären nur dann in Gefahr geraten, wenn eine von ih- nen gestürzt wäre und sich verletzt hätte, aber es machte Cirocco Angst und erinnerte sie daran, bei Gäa nichts als erwiesen zu betrachten. Sie hatte vergessen, daß das Kabel aus gewundenen Strängen bestand und daß die Schächte, in denen die heißen und kalten Flüssigkeiten und Luftmassen hindurchfließen mochten, recht verwickelt sein konnten. Sie kamen an der Vibrationszone vorbei, die sich auch hier im Zentrum befand, und dann durch die kalte Zone, die hier nicht so mit Eis verstopft war wie die im vorherigen Tunnel, und dann wieder auf der Nordseite heraus. Wieder über den Rücken und hinab in den dritten Tunnel. Hindurch und wieder über den Rücken. In zwei Tagen machten sie das noch siebenmal. Es wäre noch schneller gegangen, wenn nicht eine Verzögerung im vierten Tunnel eingetreten wäre, der so mit Eis verstopft war, daß selbst Gaby hacken mußte, bevor sie sich hin- durchquetschen konnte. Sie brauchten acht eisige Stunden, um sich einen Weg zu bahnen., Aber als sie nun beim nächstenmal wieder die Südseite des Kabels erreicht hatten, gab es dort keinen Tunnel. Der Steigungswinkel lag jetzt zwischen achtzig und neunzig Grad, und die Treppe begann sich an der Außenseite ent- langzuwinden wie der rote Streifen um eine Pfefferminz- stange. Keine von beiden wollte ein Lager auf einem Gesims auf- schlagen, das anderthalb Meter breit war und über einem Absturz von 250 Kilometern hing. Cirocco wußte, daß sie sich im Schlaf hin- und herwarf, und daß eine einzige Um- drehung sie hier entschieden zu weit bringen würde. Also schleppten sie sich, obwohl sie beide müde waren, immer weiter um das Kabel herum und drückten dabei ständig die linke Schulter an die beruhigende Solidität der Trosse. Cirocco fand keinen Gefallen an dem Anblick, der sich über ihr bot. Je näher sie herankamen, desto unmöglicher sah es aus. Aus ihren Beobachtungen von außen wußten sie, daß jede Speiche im Querschnitt oval war, fünfzig Kilometer breit und etwas weniger als einhundert hoch, bevor sie sich trichter- förmig weitete, um in das Dach des Torus zu münden. Die- sen geweiteten Bereich hatten sie gerade durchquert, und die jetzt matt sichtbaren Speichenwände waren fast senk- recht. Womit sie nicht gerechnet hatten, war die Lippe, die um die monströse Höhlung der Speichenröhre verlief. Sie war leicht fünf Kilometer breit. Das Kabel schien nahtlos in die Lippe überzugehen und setzte sich wahrscheinlich dahinter fort aus dem Weg zu was auch immer, mit dem es an der Nabe befestigt war. Wäh- rend einer ihrer Ruhepausen untersuchten die beiden Frauen die Lippe, die sich direkt über ihren Köpfen aus der Wand zu wölben schien, obwohl sie noch zwei Kilometer entfernt war., Sie bildete einen gewaltigen Überhang auf dem Weg ihrer Mühen, erstreckte sich endlos, bis die Öffnung sichtbar wur- de, die durch die Perspektive verengt wirkte. Die Öffnung maß etwa vierzig mal achtzig Kilometer, aber um sie zu er- reichen, mußten sie fünf Kilometer an der Unterseite der Lippe hängend zurücklegen. Gaby blickte zu Cirocco und zog eine Braue hoch. »Mach dir keine unnötigen Sorgen. Bis jetzt war Gäa gut zu uns. Klettere weiter, meine Freundin!« Und wiederum war Gäa gut zu ihnen. Als sie die Oberseite des Kabels erreichten, gab es dort wieder einen Tunnel, ei- nen, der das gewaltige graue Dach durchdrang. Sie zünde- ten die Lampe an, stellten fest, daß nicht mehr viel Brenn- stoff übrig war, und fingen dann an zu klettern. Der Tunnel wand sich nach links, als ob das Kabel noch da wäre, obwohl sie dessen nicht länger sicher sein konnten. Sie zählten 2000 Stufen, dann noch einmal 2000. »Mir fällt ein«, sagte Gaby keuchend, »daß dieser Tunnel bis zur Nabe führen könnte. Und wenn du das für eine gute Nachricht hältst, denkst du besser noch einmal darüber nach.« »Ich weiß, ich weiß. Weiterklettern!« Cirocco dachte an den Lampenbrennstoff, den Stand ihrer Vorräte und die halb gefüllten Wasserschläuche. Bis zur Nabe waren es noch 300 Kilometer. Bei drei Stufen pro Meter machte das noch eine glatte Million Stufen. Sie blickte auf die Uhr und maß ihr Schrittempo. Sie hatten einen Rhythmus von etwa zwei Stufen pro Se- kunde; nur leichtes Antippen der Schuhe, um sie hoch ge- nug für die nächste Stufe zu stoßen. In dieser Höhe war die Schwerkraft bereits auf ein Achtel g gesunken – die Hälfte der bereits niedrigen Schwerkraft bei ihrem Aufbruch., Zwei Stufen pro Sekunde ergaben eine Reisezeit von einer halben Million Sekunden. Acht Drei Drei Drei Komma Drei – usw. – Sekunden, 138 Stunden oder fast sechs Tage. Wenn man das verdoppelte, um Ruhe- und Schlafperioden einzu- beziehen, bei einer vorsichtigen Schätzung… »Ich weiß, woran du denkst«, sagte Gaby von hinten. »A- ber können wir es im Dunkeln schaffen?« Damit hatte sie einen wichtigen Punkt angerissen. Die Nahrung konnte noch für zwei Wochen reichen; bei Ratio- nierung kam man vielleicht auch mit dem Wasser hin, aber nicht mehr für den Rückweg nach unten. Aber das kritische Verbrauchsgut in diesem Stadium war der Lampenbrennstoff. Sie besaßen nur noch einen Vorrat für fünf Stunden, und sie hatten keine Möglichkeit, sich neuen zu besorgen. Sie war noch dabei, das durchzurechnen – versuchte, eine Mathematik zu entwickeln, die sie bis ans Ziel bringen wür- de, als sie auf dem Boden der Speiche herauskamen. Nichts hatte Cirocco sich jemals kleiner fühlen lassen. Nicht O’Neil Eins, das Space Habitat, nicht die Sterne im All, nicht der Boden Gäas. Sie konnte alles sehen, und ihr perspektivi- scher Sinn versagte vollkommen. Es war unmöglich, die Krümmung der Wände ausfindig zu machen. Sie erstreckten sich wie ein hochkant gestellter Ho- rizont von ihr fort, bis sie plötzlich anfingen, sich zu verdre- hen, womit sie den Raum eher halbkreisförmig als rund wir- ken ließen. Alles war in eine blaßgrüne Lumineszenz gebadet. Vier vertikale Fensterreihen bildeten die Lichtquelle, von denen aus schräge Lichtbalken nach unten verliefen und sich im leeren Mittelpunkt kreuzten. Der nicht ganz leer war. Gerade wie ein Lineal verliefen, drei senkrechte Trossen durch die Mitte der Röhre ineinan- der verwunden wie ein Zopf. Durch die Lichtbalken schweb- ten merkwürdige, zylindrische Wolken, die sich langsam drehten. Cirocco erinnerte sich daran, daß sie die dunklen und en- gen Räume unter dem Kabel bei deren Erforschung als Ka- thedrale betrachtet hatte. Gäa hatte ihren Vorrat an Super- lativen erschöpft, aber sie wußte, daß die Bereiche dort un- ten nur eine verlassene Kapelle gewesen waren. Dies hier war die Kathedrale. »Ich dachte, ich hätte mittlerweile alles gesehen«, sagte Gaby ruhig und deutete an der Wand hinter ihnen empor. »Aber ein senkrechter Dschungel?« Man konnte es nicht anders beschreiben. Die Innenseite der Speiche war mit den allgegenwärtigen Bäumen über- krustet, die sich an den Wänden festhielten und nach außen oder an der Wand hoch wuchsen. Nach oben hin wurden sie immer kleiner und verwandelten sich in unbestimmter Ent- fernung einfach in einen gewöhnlichen, glatten grünen Tep- pich. Dahinter lag ein weiteres graues Dach. »Würdest du sagen, daß es bis dort hinauf 300 Kilometer sind?« Gaby blickte mit verengten Augen, bildete dann mit den Fingern ein Gitter und rechnete nach irgendeinem privaten System. »Es deckt die richtige Zahl von Geraden.« »Setz dich! Darüber müssen wir nachdenken.« Sie war eher darauf angewiesen, zu sitzen, als nachzu- denken. Bis zu diesem Moment hatte sie tatsächlich ge- glaubt, es schaffen zu können. Jetzt erkannte sie, daß diese Selbsttäuschung genährt worden war durch die Unfähigkeit,, sich das Problem bildlich vorzustellen. Nun konnte sie es be- trachten und verzagte innerlich. Dreihundert Kilometer, in gerader Linie aufwärts. In gerader Linie. Nach oben. Sie mußte verrückt gewesen sein. »Erstens. Sieht es so aus, als gäbe es irgendeinen Weg durch dieses Dach?« Gaby blickte dorthin und zuckte die Achseln. »Das besagt nichts. Durch dieses gab es auch einen Weg, oder? Von hier aus könnten wir das nie sehen.« »Richtig. Aber wir hatten gehofft, daß es eine Leiter bis zur Spitze geben würde. Siehst du eine?« »Nein.« »Wiederum richtig. Ich dachte, daß diese Treppe bedeute- te, daß es einen Weg bis zur Spitze gibt, wenn er gebraucht wird. Jetzt denke ich, daß ein Weg bis hier, genau zu dieser Stelle, alles ist, was die Erbauer im Sinn hatten.« »Vielleicht.« Gabys Augen hatten sich verengt. »Aber sie müssen einen Weg gehabt haben, um zur Nabe zu kommen. Wahrscheinlich war nicht geplant, daß es hier diese Bäume gibt. Aber sie haben alles überwuchert, wie auf dem Kabel.« »In welchem Fall…« Was nur? »Wir noch eine Mordskletterei vor uns haben«, beendete Gaby den Satz für sie. »Bei all diesem Gewächs finden wir den Eingang vielleicht nie. Von oben wäre er wahrscheinlich leichter zu finden.« »Zum drittenmal richtig. Ich versuche einfach, die Sache zu durchdenken, wie du siehst. Es war mir eingefallen, wenn wir in – sagen wir, vier oder fünf Jahren – nach oben kom- men und herausfinden, daß es keine Treppe gibt… wir wie- der eine lange Kletterei vor uns haben. Nach unten.« Diesmal lachte Gaby., »Wenn du meinst, daß wir umkehren sollen, dann wünsch- te ich mir, du würdest damit herausrücken. Ich würde dich nicht mit Verachtung strafen.« »Sollen wir umkehren?« Das Fragezeichen hatte sie nicht setzen wollen, aber da war es. »Nein!« »Ah. Ich verstehe.« Es machte ihr nichts aus. Sie hatten die Beziehung zwischen Kapitän und Besatzung schon lange vergessen. Sie lachte und schüttelte den Kopf. »In Ordnung. Wie sieht dein Plan aus?« »Erstmal sehen wir uns um. Später – in vier oder fünf Jah- ren – würden wir ganz schön dumm aussehen, wenn einer der Erbauer uns fragte, warum, zum Teufel, wir nicht den Aufzug genommen haben.« KAPITEL EINUNDZWANZIG Die Basis der Speiche hatte einen Umfang von etwa 250 Ki- lometern. Die beiden Frauen machten sich an die Umwande- rung und hielten dabei nach allem Ausschau, von einer Strickleiter bis zum Anti-Schwerkraft-Hubschrauber. Was sie fanden, waren horizontale Bäume, die in einem vertikalen Wald wuchsen. Als sie die äußeren Zweige durchdrangen und den Stäm- men bis zu den Wurzeln in der Wand folgten, mußten sie, eine allmähliche Steigung erklimmen, die von herabgefalle- nen Zweigen und verfaulenden Blättern gebildet wurde. Die eigentliche Substanz der Speiche war ein schwammiges graues Material. Als sie dagegendrückten, gab es nach wie weiches Gummi. Als Cirocco einen Busch aus der Wand zog, kam eine lange Pfahlwurzel zum Vorschein. Die Wand blute- te mit einer dicken, milchigen Flüssigkeit und schloß sich dann wieder um das kleine Loch. Es gab kein Erdreich und nur wenig Sonne; so hell das Licht auch gewirkt hatte, als sie aus dem dunklen Treppen- schacht gekommen waren, so war der wirkliche Beleuch- tungsgrad doch ziemlich niedrig. Cirocco vermutete, daß diese Pflanzen – wie viele im Torus – von Lebensquellen un- ter der Oberfläche abhingen. Die Wand selbst war feucht und trug Gewächse wie Moos und Flechten, aber nur wenige Pflanzen mittlerer Größe. Es gab keine Gräser, und die vorhandenen Reben waren para- sitär und wurzelten in den Baumstämmen. Viele Bäume ge- hörten zu derselben Art, die sie im Radkranz gesehen hat- ten, jedoch an eine horizontale Existenz angepaßt. Vertraute Früchte und Nüsse wuchsen an ihnen. »Damit ist das Nahrungsproblem gelöst«, meinte Gaby. Es konnte keine Flüsse in der Speiche geben, aber die Wand glitzerte vor winzigen Rinnsalen. Weit oben waren Wasser- fälle auszumachen, die sich hinausbogen und zu Nebeln wurden, lange bevor sie den Boden erreichten. Gaby blickte zu ihnen empor und bemerkte, daß sie gleichmäßig verteilt zu sein schienen, wie Rasensprinkler! »Soviel zum Verdursten.« Es sah so aus, als wäre die Ersteigung nicht wirklich un- möglich. Cirocco fiel es schwer, sich darüber zu freuen. Wenn man die Möglichkeit einer Treppe ausschloß – und, sie kam rasch zu dem Schluß, daß sie keine finden würden, da die Bäume eine Untersuchung der Wand aus der Nähe verhinderten –, gab es zwei Möglichkeiten, nach oben zu gelangen. Eine davon war, an den Bäumen selbst hinaufzuklettern. Es sollte möglich sein, rechnete Cirocco sich aus, dort von Ast zu Ast zu gehen, wo sich die Äste eines Baumes mit de- nen seiner Nachbarn trafen. Die andere Möglichkeit war ein einfacher Bergsteiger Job. Sie stellten fest, daß ihre Metallbolzen in die Oberfläche der Wand getrieben werden konnten, indem sie sie einfach hi- neinstießen. Cirocco wollte lieber die Wand hoch, denn sie traute den Bäumen nicht. Gaby zog die Äste vor, wo es rascher gehen würde. Sie debattierten darüber bis zum zweiten Tag, an dem zwei Dinge geschahen. Gaby bemerkte das erste, während sie über den grauen Boden der Speiche hinwegblickte. Ihre Augen verengten sich, und sie deutete. »Ich glaube, dieses Loch ist nicht mehr da«, sagte sie. Cirocco blickte mit zusammengekniffenen Augen hin, war sich aber nicht sicher. »Klettern wir am besten mal rauf und sehen uns die Sache an.« Sie seilten sich an und begannen den Aufstieg durch die Äste. Es war nicht so schlimm, wie Cirocco befürchtet hatte. Wie immer gab es auch hier einen optimalen Weg, um die Sache in Angriff zu nehmen, und sie fanden schnell heraus, wel- cher es war. Sie mußten sich einen Weg suchen zwischen den dickeren Ästen näher zur Wand – die sehr stabil waren, aber dazu neigten, zu weit auseinander zu stehen und den, dünneren, mehr weidenähnlichen weiter draußen, die tau- send Stellen für Hände und Füße boten, sich aber unter ih- rem Gewicht durchbogen. »Ein wenig weiter nach innen!« rief Cirocco nach vorne zu Gaby, die die Aufgabe übernommen hatte, am anderen Ende eines Fünf-Meter-Stricks den Weg auszukundschaften. »Ich würde sagen, etwa zwei Drittel der Baumlänge von innen bis zu den Wipfeln wären in etwa richtig.« »Innen, Wipfel?« meinte Gaby. »Du bringst die Richtun- gen durcheinander.« »Die Unterseite der Bäume befindet sich innen an der Wand, die Wipfel sind draußen in der Luft. Was könnte ein- facher sein?« »Dem stimme ich zu.« Nachdem sie zehn Bäume weit geklettert waren, arbeite- ten sie sich weiter zu den Wipfeln hinaus. Als sich die Äste, die sie entlanggingen, durchzubiegen begannen, banden sie ein Seil an einen starken. Jetzt funk- tionierte das Durchbiegen zu ihrem Vorteil, da es ein Fenster in einem ansonsten undurchdringlichen Wall aus Blattwerk öffnete. Sie hatten sich einen Baum ausgesucht, der in ei- nem horizontalen Wald seine Nachbarn überragt hätte, sich in der Speiche aber damit begnügen mußte, weiter aus der Wand hervorzustehen. »Du hattest recht. Es ist weg.« »Nein, ich hatte noch nicht recht, werde es aber in einer Minute haben.« Cirocco sah, was von dem Loch noch übrig war, nämlich ein winziges schwarzes Oval im grauen Boden, und sie konnte sehen, wie es sich ähnlich der Iris eines Auges zu- sammenzog. Das einzigemal, wo sie von unten einen guten Blick auf das Loch gehabt hatten, war es noch fast so groß, gewesen wie die Speiche selbst. Jetzt durchmaß es bereits weniger als zehn Kilometer und schloß sich weiter. Bald würde es die senkrechten Kabel umschließen, die durch den Mittelpunkt liefen. »Irgendwelche Ideen?« fragte Gaby. »Wozu soll es gut sein, die Speiche vom Rand einwärts zu schließen?« »Ich habe nicht die blasseste Vorstellung, aber ich vermu- te, sie wird wieder aufgehen. Die Engel sind durchgekom- men, sie kommen regelmäßig durch, also…« Sie hielt inne und lächelte. »Es ist der Atem Gäas.« »Wie bitte?« »Es ist das, was die Titaniden den Wind aus dem Osten nennen. Ozeanus bringt kaltes Wetter und die Klage, und Rhea bringt heißen Wind und die Engel. Wir haben hier also eine 300 Kilometer hohe Röhre mit einem Ventil an jedem Ende, also eine Art Luftschleuse. Man kann sie als Pumpe benutzen. Man kann Bereiche hohen und solche niedrigen Druckes erzeugen und sie dazu verwenden, Luft zu bewe- gen.« »Wie würdest du das machen?« fragte Gaby. »Mir fallen zwei Möglichkeiten ein. Irgendeine Art von be- weglichem Kolben, um die Luft zusammenzudrücken oder zu verdünnen. Ich sehe aber keinen, und ich hoffe höllisch, daß es keinen gibt, oder er würde uns erledigen.« »Wenn es einen gäbe, wäre er diesen Bäumen nicht gut bekommen.« »Richtig. Also handelt es sich um die andere Methode. Die Wände können sich erweitern oder zusammenziehen. Man schließt das untere Ventil und öffnet das obere, erweitert die Speiche und zieht so Luft von oben herein. Dann macht man oben zu und unten auf, schaltet die große Presse ein und, zwingt so die Luft in den Torus.« »Wo kommt die oben eingesaugte Luft her?« »Entweder durch die Kabel hochgesaugt – bei einem Teil muß es so sein, das haben wir gesehen –, oder sie kommt aus den anderen Speichen. Oben laufen sie alle zusammen. Mit ein paar weiteren Ventilen kann man die Speichen ge- geneinander einsetzen. Man öffnet und schließt diese Schleusen und saugt Luft aus Ozeanus durch die Nabe in diese Speiche hinein. Dann öffnet und schließt man ein paar andere, und zwingt so die Luft nach Rhea hinunter. Wenn ich jetzt nur wüßte, warum die Erbauer dieses System für erforderlich hielten.« Gaby machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ich glaube, darauf kann ich dir die Antwort geben. Das ist etwas, was mich beschäftigt hat. Warum wird nicht die ganze Luft im Torus gesammelt? Hier oben ist sie dünner, aber immer noch atembar, denn im Torus liegt der Luftdruck höher als die Erdnorm. Und in niedriger Schwerkraft sinkt der Druck weniger schnell ab. Zum Beispiel ist die Marsat- mosphäre nicht sonderlich dicht, reicht jedoch weit hinaus. Wenn man also die Luft zirkulieren läßt, hat sie keine Zeit, sich zu setzen. Man kann so in ganz Gäa einen passenden Luftdruck aufrecht erhalten.« Cirocco nickte und seufzte dann. »In Ordnung. Du hast gerade den letzten Einwand gegen das Hinaufklettern entkräftet. Nahrung und Wasser haben wir, zumindest sieht es so aus, als würden wir es haben, und jetzt scheint es auch, daß wir Luft haben werden. Wo- hin, hast du gesagt, gehen wir?« »Wie wäre es damit, die übrige Wand zu erforschen?« »Welchen Nutzen hätte das? Vielleicht sind wir schon an dem vorbei, wonach wir suchen. Wir haben keine Möglich-, keit, es festzustellen.« »Ich schätze, du hast recht. Okay, geh voran!« Das Klettern war Schwerarbeit: ermüdend und dabei doch volle Aufmerksamkeit erfordernd. Mit der Zeit schafften sie es besser, aber Cirocco wußte, daß es nie so leicht werden würde, wie die Ersteigung des Kabels. Der eine Trost am Ende des ersten Anstieges von zehn Stunden bestand darin, daß sie in Form waren. Cirocco war müde und hatte eine Blase in der linken Handfläche, aber abgesehen von leichten Rückenschmerzen fühlte sie sich in Ordnung. Schlafen würde guttun. Sie kletterten in den Wip- fel eines Baumes hinaus, um einen Blick nach unten zu wer- fen, bevor sie das Lager errichteten. »Kannst du mit deinem System eine solche Höhe messen?« Gaby runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Nicht gut.« Sie streckte die Hände aus, formte mit ihnen ein Quadrat und kniff die Augen zusammen. »Ich würde sa- gen – aahhh!« Cirocco packte sie unter einem Arm und hielt sich selbst fest, indem sie einen Ast über ihrem Kopf ergriff. »Danke. Was für ein Sturz das geworden wäre.« »Du hattest dein Seil«, bemerkte Cirocco. »Ja, aber ich möchte eigentlich nicht an seinem Ende baumeln.« Sie schnappte nach Luft und blickte dann wieder zum Boden hinunter. »Was soll ich sagen? Er ist ein Mordsstück weiter weg als vorher, und die Decke ist nicht einen Meter näher. Dabei wird es für eine ganze Weile bleiben.« »Würdest du sagen, daß es etwa drei Kilometer sind?« »Das werde ich, wenn du es tust.« Das bedeutete hundert Klettertage, wenn man davon aus-, ging, daß es keine Probleme gab. Cirocco stöhnte leise und blickte wieder hinunter, versuchte zu glauben, daß es fünf Kilometer waren, nahm aber an, daß es sich eher um zwei handelte. Sie zogen sich wieder ein Stück zurück und fanden zwei Äste, die fast parallel waren und zweieinhalb Meter vonein- ander entfernt. Sie befestigten ihre Hängematten zwischen ihnen, setzten sich auf einen Ast und nahmen eine kalte Mahlzeit aus rohen Gemüsen und Obst ein, legten sich dann in die Hängematten und schnallten sich darin an. Zwei Stunden später fing es an zu regnen. Cirocco erwachte durch ein regelmäßiges Tropfen auf ihr Gesicht, drehte den Kopf und warf einen flüchtigen Blick auf die Uhr. Es war dunkler als noch beim Schlafengehen. Ne- ben ihr schnarchte Gaby ruhig, das Gesicht in das Netz ge- drückt. Sie würde am Morgen einen schmerzenden Nacken haben. Cirocco überlegte, ob sie sie wecken sollte, kam aber zu dem Schluß, daß es für sie besser sein würde, den Regen zu verschlafen, wenn sie konnte. Bevor sie ihre Hängematte verlegte, schlich Cirocco hinaus zum Baumwipfel. Außer ei- ner matten Nebelwand und einem stetigen Regenguß konnte sie nichts erkennen. Zum Mittelpunkt hin regnete es viel stärker. Was sie an ihrem Lager abbekamen, war nur das Wasser, das sich auf den äußeren Blättern sammelte und an den Ästen entlanglief. Als sie zurückkam, war Gaby wach und das Tropfen viel schlimmer geworden. Sie entschieden, daß eine Verlegung der Hängematten zu nichts führen würde, also holten sie ein Zelt hervor, rissen mit den Messern einige Säume auf und wandelten es so in einen Baldachin um, den sie über ihrer Lagerstelle befestigten. Sie trockneten sich, so gut sie konn- ten, und begaben sich dann wieder in die nassen Hängemat-, ten. Die Hitze und die Feuchtigkeit waren schrecklich, aber Cirocco war so müde, daß sie unter dem Geräusch des auf die Plane prasselnden Wassers bald wieder einschlief. Zwei Stunden später wachten sie beide zitternd wieder auf. »Noch eine von diesen Nächten…«, seufzte Gaby, ließ aber den Satz unbeendet. Ciroccos Zähne klapperten, als sie Mäntel und Decken auspackten, sich fest einwickelten und in die Hängematten zurückkehrten. Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie sich warm genug fühlte, um wieder zu schlafen. Das leichte Schwanken der Bäume half dabei. Cirocco nieste und Schnee wehte davon. Es handelte sich um einen sehr leichten, trockenen Schnee, der in jede Ritze ihrer Decke gedrungen war. Sie setzte sich auf, und er stürzte lawinenartig in ihren Schoß. Eiszapfen hingen von den Rändern der Plane und von den Stricken, die ihre Hängematte hielten. Es gab ein ständiges knackendes Geräusch vom Wind, der Zweige auf und ab peitschte, und ein ständiges Prasseln von Eisstückchen auf der gefrorenen Plane. Eine von Ciroccos Händen war im Freien, und sie war steif und schmerzte, als sie über die Lü- cke griff und Gaby anstieß. »Huh? Huh?« Gaby blickte sich mit einem verschwollenen Auge um, während das andere von gefrorenen Wimpern zu- gehalten wurde. »Oh, verdammt.« Ein Husten schüttelte sie. »Wie fühlst du dich?« »Abgesehen von einem zugefrorenen Ohr, denke ich, ganz gut. Was jetzt?« »Alles anziehen, was wir haben, schätze ich. Dann abwar- ten.«, Das war ein schwieriges Unterfangen, wenn man in einer Hängematte saß, aber sie schafften es. Es gab eine Katast- rophe, als Cirocco mit tauben Fingern herumfummelte: ein Handschuh verschwand rasch im wirbelnden Schnee unter ihnen. Sie fluchte fünf Minuten lang erbittert, bis ihr einfiel, daß sie noch Genes Handschuhe hatten. Dann warteten sie. Schlafen war unmöglich. Unter den Lagen von Kleidung und Decken fühlten sie sich warm genug, aber sie sehnten sich nach Gesichtsmasken und Schutzbrillen. Alle zehn Mi- nuten schüttelten sie den angesammelten Schnee von sich. Sie versuchten sich zu unterhalten, aber die Speiche war mit Geräuschen erfüllt. Cirocco fand, daß die Minuten sich zu Stunden dehnten, während sie mit der Decke über dem Gesicht dalag und dem heulenden Wind lauschte. Über die- sem gab es noch ein beängstigenderes Geräusch wie von zerplatzendem Mais. Mit Eis überladene Zweige brachen ab, wenn sie vom Wind gepeitscht wurden. Sie warteten fünf Stunden lang. Wenn überhaupt, dann wurde der Wind noch kälter und stärker. In ihrer Nähe brach ein Zweig, und Cirocco hörte, wie er durch den eisverkruste- ten Wald unter ihnen stürzte. »Gaby, hörst du mich?« »Ich höre dich, Käptn. Was machen wir jetzt?« »Ich hasse es zu sagen, aber wir werden uns bewegen müssen. Ich möchte auf dickeren Zweigen sein. Zwar glaube ich nicht, daß diese hier brechen werden, aber wenn das über uns passiert, kriegen wir was ab.« »Ich habe nur auf diesen Vorschlag gewartet.« Das Verlassen der Hängematten war ein Alptraum. Einmal draußen und auf dem Hauptast stehend, war es noch schlimmer. Ihre Sicherheitsleinen waren gefroren und muß-, ten sorgfältig gebogen und gewunden werden, bevor sie wieder benutzt werden konnten. Als sie sich ihren Weg ein- wärts zu bahnen begannen, ging es nur Schritt für Schritt. Sie mußten eine zweite Sicherheitsleine festmachen, bevor sie zurückgehen und die erste lösen konnten; dann wieder- holte sich der Vorgang, Knoten wurden mit behandschuhten Fingern gemacht, oder es wurde nach Ausziehen der Hand- schuhe so rasch erledigt, daß ihre Finger nicht zu früh taub wurden. Sie benutzten ihre Hämmer und Messer, um das Eis von Zweigen zu hauen, auf denen sie gehen mußten. Bei aller Vorsicht stürzte Cirocco zweimal ab und Gaby einmal. Ciroccos zweiter Sturz führte zu einer Muskelzerrung im Rü- cken, als die Sicherheitsleine sie auffing. Nach einer Stunde Mühsal erreichten sie den Stamm. Er war fest und breit genug, um darauf zu sitzen. Aber hier oh- ne den Schutz der Zweige, die seine Gewalt brachen, blies der Wind noch heftiger denn je. Sie trieben Haken in den Baum, banden sich daran fest und bereiteten sich ein weiteres Mal darauf vor, auszuhar- ren. »Ich hasse es, das vorzubringen, aber ich spüre meine Ze- hen nicht mehr.« Cirocco hustete ausgiebig, bevor sie reden konnte. »Was schlägst du vor?« »Ich weiß nicht«, sagte Gaby. »Aber ich weiß, daß wir er- frieren werden, wenn wir nichts unternehmen. Entweder bleiben wir in Bewegung, oder wir suchen uns einen Unter- schlupf.« Sie hatte recht, und Cirocco wußte es. »Rauf oder runter?« »Unten ist die Treppe.«, »Wir haben einen Tag gebraucht, um so hoch zu kommen, und zwar ohne Eis, das die Dinge kompliziert. Und bis zur Treppe wären es noch einmal zwei Tage. Wenn der Eingang nicht unter Schnee begraben liegt.« »Darauf wollte ich gerade kommen.« »Wenn wir aufbrechen, können wir genausogut weiterklet- tern. So oder so werden wir erfrieren, wenn das Wetter nicht bald umschlägt. Klettern würde es für eine Weile auf- schieben, schätze ich.« »Das war auch mein Gedanke«, sagte Gaby. »Aber ich würde gerne zuerst etwas anderes ausprobieren. Laß uns mal ganz bis zur Wand gehen. Erinnere dich, daß du früher davon gesprochen hast, wo die Engel möglicherweise leben, und dabei hast du Höhlen erwähnt. Vielleicht gibt es da drü- ben Höhlen.« Cirocco wußte, daß es hauptsächlich darauf ankam, wieder aktiv zu werden und das Blut zum Kreisen zu bringen. Also krochen sie am Baumstamm entlang und schlugen dabei das Eis weg. Nach fünfzehn Minuten erreichten sie die Wand. Gaby begutachtete sie, stützte sich dann ab und fing an, mit ihrer Axt auf das Eis einzuschlagen. Es fiel ab und legte die graue Substanz frei, aber Gaby hörte nicht auf zu ha- cken. Als Cirocco erkannte, was sie machte, gesellte sie sich mit ihrer eigenen Axt dazu. Eine Zeitlang ging es gut. Sie hackten ein Loch von einem halben Meter Durchmesser. Die weiße Milch gefror, als sie aus der Wand sickerte, und sie schlugen auch das weg. Ga- by war ein Schneedämon; er klebte an ihren Kleidern und am Wollschal, den sie sich über Mund und Nase gezogen hatte, und verwandelte ihre Augenbrauen in dicke weiße Simse. Bald erreichten sie eine neue Lage, die zu zäh war, um, zerhackt werden zu können. Gaby attackierte sie energisch, mußte jedoch letztendlich zugeben, daß es zu nichts führte. Sie ließ die Hand zur Seite fallen und funkelte die Wand an. »Na ja, es war eine Idee.« Sie trat angeekelt gegen den Schnee, der bei der Arbeit ringsherum heruntergefallen war, von den Vibrationen herabgeschüttelt. Sie betrachtete ihn, reckte dann den Hals und starrte in die Dunkelheit hinauf. Sie trat einen Schritt zurück und packte Ciroccos Arm, um Halt zu finden, als sie auf Eisbrocken ausrutschte. »Da oben gibt es einen dunkleren Fleck«, sagte sie und deutete. »Zehn… nein, fünfzehn Meter weiter oben, etwas weiter rechts. Siehst du ihn?« Cirocco war sich nicht sicher. Sie konnte mehrere dunkle Stellen sehen, aber keine davon sah wie eine Höhle aus. »Ich werde raufklettern und nachschauen.« »Laß mich! Du hast härter gearbeitet.« Gaby schüttelte den Kopf. »Ich bin leichter.« Cirocco wollte nicht streiten, und Gaby hämmerte einen Haken so weit oben in die Wand, wie sie hinaufreichen konnte. Sie band ein Seil daran und kletterte hoch genug, um einen zweiten Haken hineinzuschlagen. Als sie sicher daran hing, schlug sie den ersten wieder heraus und trieb ihn einen Meter über dem zweiten erneut in die Wand. Sie brauchte eine Stunde, um die Stelle zu erreichen. Un- ten zitterte Cirocco, stampfte mit den Füßen und schüttelte sich die Eisschauer von den Schultern, die Gaby auf sie her- unterregnen ließ. Dann traf sie eine abgebrochene Schnee- platte an der Schulter und trieb sie in die Knie. »Tut mir leid!« rief Gaby nach unten. »Aber ich habe hier etwas gefunden. Laß es mich freimachen, dann kannst du heraufkommen.«, Der Eingang war gerade eben groß genug, daß sich Cirocco hindurchquetschen konnte, selbst als Gaby das meiste Eis weggehackt hatte. Es handelte sich um eine Caverne mit einem Durchmesser von anderthalb Metern und einer etwas geringeren Höhe. Cirocco mußte ihren Rucksack ablegen und ihn dann hinter sich hereinziehen. Es herrschte drang- volle Enge. »Gemütlich, wie?« fragte Gaby und entfernte Ciroccos Ell- bogen von ihrem Hals. »Tut mir leid. Oh, entschuldige. Gaby, mein Fuß!« »Verzeih. Wenn du mich nur zertreten… So ist es besser, aber ich wünschte, du könntest die Beine einziehen.« »Wo? O je!« Auf einmal prustete sie los. Sie kauerte mit dem Rücken an der Decke und angezogenen Knien, während Gaby nach hinten auswich in dem Versuch, ihr nicht im Weg zu sein. »Was ist denn so komisch?« »Ich dachte gerade an einen alten Film. Laurel und Hardy in ihren Nachthemden beim Versuch, es sich in einer oberen Koje bequem zu machen.« Gaby lächelte, wußte aber offensichtlich nicht, worum es ging. »Eine obere Koje – weißt du, in einem Überlandzug… Schwamm drüber. Ich dachte nur, sie hätten es mit einer Arktis-Ausrüstung und dazu zwei Koffern probieren sollen. Wie, denkst du, soll das funktionieren?« Sie schaufelten den restlichen Schnee aus der winzigen Höhle hinaus und stapelten die Ausrüstung vor der Öffnung, um diese zu verstopfen. Danach war zwar das wenige Licht verschwunden, das es noch gegeben hatte, aber der Wind blies nicht mehr herein, und so zählten sie es als Gewinn. Nach zwanzig Minuten Kampf schafften sie es, sich Seite an, Seite niederzulassen. Cirocco konnte sich kaum bewegen, neigte aber dazu, sich in der gesegneten Wärme über solche Dinge keine Gedanken zu machen. »Denkst du, wir könnten jetzt etwas schlafen?« fragte Ga- by. »Mir ist ganz sicher danach zumute. Wie geht es deinen Zehen?« »Okay. Sie kribbeln, werden aber warm.« »Meine auch. Gute Nacht, Gaby.« Sie zögerte nur für ei- nen Moment, beugte sich dann hinüber und küßte sie. »Ich liebe dich, Rocky.« »Schlaf ein!« Sie lächelte, als sie es sagte. Als Cirocco erwachte, perlte Schweiß auf ihrer Stirn. Ihre Kleider waren durchtränkt. Benommen hob sie den Kopf und stellte fest, daß sie sehen konnte. Sie fragte sich, ob das Wetter umgeschlagen hatte, bewegte leicht ihr Bündel, dann entschlossener – und entdeckte, daß sich der Eingang der Höhle geschlossen hatte. Beinahe hätte sie Gaby geweckt, überlegte es sich aber gerade rechtzeitig noch einmal. »Erstmal schauen, ob ich rauskomme«, murmelte sie. Es hatte keinen Sinn, Gaby zu erzählen, daß sie erneut leben- dig verspeist worden waren, solange es nicht wirklich stimmte. Gaby würde diese Nachricht nicht gut aufnehmen; der Gedanke daran, in solch begrenztem Raum eingesperrt zu sein – für sich genommen schon schlimm genug –, war furchterregend, als sie an Gaby und ihre ansteckende Panik dachte. Es stellte sich heraus, daß kein Grund zur Besorgnis vor- lag. Beim Untersuchen der Wand an der Stelle, wo das Loch gewesen war, fing sie an, sich zu bewegen und blendenartig zu öffnen, bis das Loch so groß war wie zuvor. Ein klares, Eisfenster mit schwachem Licht dahinter kam zum Vor- schein. Cirocco schlug mit der behandschuhten Faust dage- gen, und es zersprang. Kalte Luft stürzte herein, also blo- ckierte sie das Loch wieder hastig mit ihrem Bündel. Wenige Minuten später schob sie es weg. Bis auf wenige Zentimeter hatte sich das Loch wieder geschlossen. Sie betrachtete die winzige Öffnung gedankenvoll und setzte im Geist alles zusammen. Erst als sie alles zu verste- hen glaubte, schüttelte sie Gaby an den Schultern. »Wach auf, Kleine, es ist Zeit für neue Anpassungen.« »Hmmm?« Gaby wurde schnell wach. »Verdammt, ist das ein Backofen hier drin.« »Das meinte ich. Wir werden ein paar Sachen ausziehen müssen. Möchtest du zuerst?« »Geh voran. Ich werde versuchen, dir nicht in die Quere zu kommen.« »In Ordnung. Warum, meinst du, ist es hier drin so heiß? Hast du darüber nachgedacht?« »Ich bin gerade erst aufgewacht, Rocky. Hab’ ein Einse- hen.« »Okay, ich werde es dir erzählen! Fühl mal die Wände!« Sie führte die schwierige Aufgabe durch, ihre Parka auszu- ziehen, während Gaby dieselbe Entdeckung machte wie sie ein wenig früher. »Sie sind warm.« »Ja. Zuerst konnte ich mir diese Wand nicht erklären. Ich dachte, die Bäume seien nicht geplant gewesen, wie die Gewächse auf dem Kabel, aber wie ich sehe, hätten sie hier nicht wachsen können, ohne daß die Wand sie ernährt. Ich habe versucht, mir auszudenken, was für eine Maschine die- se Aufgabe am besten erledigen könnte, und kam wieder auf eine natürliche, biochemische Maschine. Ein Tier oder eine Pflanze, möglicherweise genetisch maßgeschneidert., Ich kann mir kaum vorstellen, daß so etwas sich in einer vernünftigen Zeit entwickelt haben könnte. Es ist 300 Kilo- meter hoch, in der Mitte hohl und umgibt die wirkliche Wand.« »Und die Bäume sind Parasiten?« Gaby nahm es besser auf, als Cirocco erwartet hatte. »Nur in dem Sinn, daß sie ihre Nahrung von einem ande- ren Tier beziehen. Sie sind jedoch keine echten Parasiten, weil es so geplant worden ist. Die Erbauer haben dieses große Tier als Lebensraum für diese Bäume entworfen, und die Bäume bieten ihrerseits kleineren Tieren einen Lebens- raum, und wahrscheinlich auch den Engeln.« Gaby dachte darüber nach und betrachtete Cirocco mit zugekniffenen Augen. »Das hört sich sehr nach den mächtigen Tieren an, die, wie wir annehmen, im Untergrund des Torus leben«, sagte sie ruhig. »Ja, etwas in der Art.« Cirocco suchte bei Gaby nach An- zeichen von Panik, sah jedoch, daß sie nicht einmal schwer atmete. »Macht dir das… ah… keine Sorgen?« »Du meinst meine bekannte Phobie?« Cirocco langte hinter ihr Bündel und regte den Eingang wieder an, sich zu öffnen, schob das Bündel dann zur Seite und ließ Gaby die Sache sehen. Langsam ging das Loch wie- der zu. »Ich fand das heraus, bevor ich dich geweckt habe. Siehst du, es geht zu, öffnet sich aber wieder, wenn man es kitzelt. Wir sitzen nicht in der Falle, und dies hier ist kein Magen oder etwas Ähnliches…« Gaby berührte ihre Hand und lä- chelte schwach. »Ich schätze deine Besorgnis.« »Na ja, ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen, son- dern nur…«, »Es war richtig. Wenn ich das zuerst gesehen hätte, wäre ich wahrscheinlich immer noch am Schreien. Aber ich bin nicht von Grund auf klaustrophobisch. Ich habe eine neue Phobie, die vielleicht nur mich befallen hat, nämlich die Angst, lebendig verspeist zu werden. Aber sag mal – und tue es bitte überzeugend –, wenn das hier kein Magen ist, was dann?« »Es gibt keine Parallele zu irgendeinem Tier, das ich ken- ne.« Mittlerweile war sie bis auf die Unterwäsche ausgezo- gen und entschied sich, an diesem Punkt aufzuhören. »Es handelt sich um eine Zuflucht«, fuhr sie fort und versuchte, sich klein zu machen, als Gaby mit dem Ausziehen begann. »Sie dient genau dem Zweck, zu dem wir sie benutzen: eine Möglichkeit, um aus der Kälte zu kommen. Ich bin bereit zu wetten, daß die Engel in solchen Höhlen überwintern; ande- re Tiere vielleicht auch. Möglicherweise hat das große Tier einen Nutzen davon, vielleicht den, daß die Exkremente es befruchten.« »Was die Exkremente betrifft…« »Ja, ich habe dasselbe Problem. Wir werden einen leeren Topf oder etwas Ähnliches benutzen müssen.« »Mein Gott. Ich rieche schon wie ein Kamel. Dieser Platz wird noch lieblich werden, wenn das Wetter sich nicht bald ändert.« »So schlimm ist es nicht. Ich stinke mehr.« »Wie diplomatisch von dir.« Gaby trug jetzt nur noch ihre auffallend gemusterte Unterwäsche. »Meine Liebe, wir wer- den für eine Weile verdammt eng zusammenleben, und da- bei ist Sittsamkeit nutzlos. Wenn du das anbehältst, weil…« »Deswegen eigentlich nicht«, sagte Cirocco zu hastig. »… weil du befürchtest, mich zu erregen, dann überleg dir das noch einmal. Auf jeden Fall ist es hier drin unpraktisch., Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn ich das hier auszie- he und ihm die Chance gebe, zu trocknen.« Sie tat es, ohne auf Erlaubnis zu warten, und streckte sich dann neben Ci- rocco aus. »Vielleicht teilweise deswegen«, gestand Cirocco. »Schon der andere Grund, der schwerwiegendere, läßt mich erröten. Meine Periode hat begonnen.« »Das dachte ich mir. Höflicherweise habe ich nichts ge- sagt.« »Wie diplomatisch von dir.« Sie lachten, aber Cirocco spürte, wie sie rot wurde. Es war ihr furchtbar peinlich. An die auf dem Schiff übliche Überempfindlichkeit war sie ge- wöhnt. Schmutzig zu sein und nichts daran ändern zu kön- nen, erschreckte sie. Gaby schlug vor, daß sie eine Binde aus der Medizintasche benutzen sollte, wenn auch nur für ihre eigene Bequemlichkeit. Cirocco ließ sich dazu überreden und war froh darüber, daß die Idee von Gaby stammte. Für einen solchen Zweck hätte sie die nötigen medizinischen Vorräte nicht benutzen können, ohne Gabys Zustimmung zu haben. Eine Zeitlang waren sie still, und Cirocco sich der Nähe Gabys unbehaglich bewußt. Sie sagte sich, daß sie sich dar- an gewöhnen mußte. Möglicherweise mußten sie tagelang in diesem Unterschlupf bleiben. Gaby schien sich nicht im mindesten etwas daraus zu ma- chen, und rasch genug verlor Cirocco die scharfe Wahrneh- mung ihres Körpers. Nachdem sie eine Stunde lang einzu- schlafen versucht hatte, begann sie sich durch alles gelang- weilt zu fühlen. »Bist du wach?« »Ich schnarche immer, wenn ich wach bin.« Gaby seufzte und setzte sich auf. »Verflixt, ich muß noch sehr viel schläf-, riger werden, bevor ich so nahe bei dir wegsacken kann. Du bist so warm und weich…« Cirocco ignorierte das. »Kennst du Spiele, mit denen man die Zeit vertreiben kann?« Gaby rollte sich auf die Seite und blickte Cirocco an. »Ich könnte mir einige erstklassige ausdenken.« »Spielst du Schach?« »Ich hatte gefürchtet, daß du das sagen würdest. Nimmst du Schwarz oder Weiß?« Um den Eingang herum bildete sich das Eis so schnell wie- der, wie sie es wegschlagen konnten. Zu Anfang machten sie sich wegen der Atemluft Sorgen, aber einige Experimente erwiesen, daß es selbst dann aus- reichend Sauerstoff gab, wenn die Öffnung vollkommen zu war. Die einzige Erklärung dafür lautete, daß die Überle- benskapsel wie eine Pflanze funktionierte und Kohlendioxid durch die inneren Wände saugte. An der hinteren Höhlenwand entdeckten sie einen Nippel. Wenn man ihn drückte, kam dieselbe milchige Substanz heraus, die sie schon früher gesehen hatten. Sie probierten sie, entschlossen sich jedoch dazu, sich an ihre Vorräte zu halten, bis nichts mehr davon übrig war. Dies war die Milch Gäas, von der Meistersinger Cirocco erzählt hatte. Zweifellos nährte sie die Engel. Langsam verwandelten sich die Stunden in Tage und die Schachspiele in Turniere. Gaby gewann die meisten. Sie er- fanden neue Spiele mit Wörtern und Zahlen, und Gaby ge- wann auch davon die meisten. Mit all dem, was sie gemein- sam durchgemacht hatten, den Dingen, die sie einander, näherbrachten, und denen, die sie trennten, Ciroccos Vor- behalte und Gabys Stolz, war es nicht vor dem dritten Tag, daß sie sich liebten. Es geschah während einer der Zeiten, zu denen sie beide nur an die schwach lumineszierende Decke starrten und dem Heulen des Windes draußen lauschten. Sie waren ge- langweilt, zu energiegeladen und ein wenig verrückt nach Bewegung. Cirocco spann einen endlosen Strom der Ratio- nalisierungen durch ihren Kopf: Gründe, warum ich mit Ga- by nicht körperlich intim werden sollte. A)… An A) konnte sie sich nicht mehr erinnern. Bis vor wenigen Tagen war der Verzicht noch sinnvoll gewesen. Warum jetzt nicht mehr? Da war die Situation; diese hatte ihr Urteil ge- wiß gefärbt. Nie zuvor war sie einem anderen Menschen so nahe gewesen. Seit drei Tagen hatten sie ständigen Körper- kontakt. Sie pflegte in Gabys Armen zu erwachen, naß und erregt. Was noch schlimmer war, Gaby konnte nicht anders, als es merken. Sie beide konnten die Gemütsschwankungen der jeweils anderen inzwischen riechen. Aber Gaby hatte gesagt, daß sie Cirocco nicht wollte, be- vor diese nicht ihre Liebe erwiderte. Oder nicht? Nein. Cirocco überdachte es noch einmal und erkannte, daß Gaby gesagt hatte, eine ernsthafte Leidenschaft auf sei- ten Ciroccos sei die Bedingung. Wozu sie das Lieben nicht akzeptierte, war als Therapie zur Linderung ihres eigenen Schmerzes. In Ordnung. Cirocco besaß die Leidenschaft. Noch nie hat- te sie sie so stark empfunden. Sie hielt sich im wesentlichen deshalb zurück, weil sie nicht homosexuell war, sondern bi- sexuell mit starker Bevorzugung des männlichen Ge- schlechts, und sie spürte, daß sie sich nicht mit einer sie lie-, benden Frau einlassen sollte, bevor sie wußte, daß sie über den ersten Liebesakt hinaus durchhalten konnte. Was sich als das dümmste erwies, das sie je gehört hatte. Wörter, Wörter, nur dumme Wörter. Hör auf deinen Kör- per, und hör auf dein Herz! Ihr Körper besaß keine Vorbehalte mehr, und ihr Herz nur noch einen. Sie drehte sich um und setzte sich rittlings auf Gaby. Sie küßten sich, und Cirocco begann, sie zu strei- cheln. »Ich kann nicht behaupten, dich zu lieben, und dabei ehr- lich sein, weil ich mir nicht sicher bin, daß ich genau weiß, wie es mit einer Frau ist. Ich würde dich bis zum Tod vertei- digen, und dein Wohlergehen ist mir wichtiger als jeder an- dere Mensch. Noch nie hatte ich eine so gute Freundin wie dich. Wenn das nicht reicht, höre ich auf.« »Hör nicht auf!« »Als ich einmal einen Mann liebte, wollte ich Kinder von ihm haben. Was ich für dich empfinde, ist meinen damaligen Gefühlen sehr verwandt, hat aber nicht diesen Inhalt. Ich begehre dich… oh, so sehr, daß ich es nicht einmal ausdrü- cken kann. Aber ich kann nicht mit Gewißheit behaupten, dich zu lieben.« Gaby lächelte. »Das Leben ist voller Enttäuschungen.« Sie legte die Arme um Cirocco und zog sie herab. Fünf Tage lang heulte draußen der Wind. Am sechsten be- gann das Tauwetter, und es dauerte bis zum siebenten Tag. Es war gefährlich, während des Tauwetters hinauszuge- hen. Eisbrocken kamen krachend von oben heruntergestürzt und machten dabei ein furchtbares Getöse. Als das aufhörte, begaben sich die beiden Frauen blinzelnd in eine Welt hin-, aus, die kalt war, vor Wasser schimmerte und zu ihnen flüs- terte. Sie arbeiteten sich bis zum Wipfel des nächsten Baumes hinaus und hörten, wie das Flüstern lauter wurde. Als die kleineren Zweige anfingen, sich unter ihrem Gewicht zu bie- gen, gelangten sie in einen sanften Regen: große Tropfen fielen mit langsamer Bewegung von Blatt zu Blatt. Die Luft im Zentrum der Säule war klar, aber ringsherum, soweit sie blicken konnten, waren die Wände von Regenbo- gen umkränzt, während sich das geschmolzene Eis seinen Weg durch das Blattwerk bahnte, hinab zu dem neu ent- standenen See auf dem Speichenboden, der durch das ge- schlossene Schleusenventil gebildet wurde. »Was jetzt?« wollte Gaby wissen. »Hinein! Hinein und hinauf! Wir haben eine Menge Zeit verloren.« Gaby nickte. »Es macht mir, wie du weißt, nichts aus, wenn wir weiterklettern. Aber würdest du mir noch einmal sagen – warum?« Cirocco wollte schon sagen, daß das eine dumme Frage sei, stellte aber fest, daß es nicht stimmte. Sie hatte wäh- rend ihrer langen Einkerkerung Gaby gegenüber zugegeben, daß sie nicht mehr daran glaubte, in der Nabe noch jeman- den im Besitz der Kontrolle zu finden. Sie wußte selbst nicht, wann sie aufgehört hatte, daran zu glauben. »Ich habe Meistersinger ein Versprechen gegeben«, sagte sie. »Und jetzt habe ich keine Geheimnisse mehr vor dir, nicht ein einziges.« Gaby runzelte die Stirn. »Ein Versprechen, was zu tun?« »Zu sehen, ob ich etwas machen kann, um den Krieg zwi- schen Titaniden und Engeln zu beenden. Ich habe nieman- dem etwas davon gesagt, und weiß nicht genau, warum.«, »Ich verstehe. Denkst du, daß es etwas gibt, was du ma- chen kannst!« »Nein.« Gaby sagte nichts, blickte ihr aber weiter for- schend in die Augen. »Ich muß aber den Versuch machen. Warum siehst du mich so an?« Gaby zuckte die Achseln. »Nur so. Ich bin nur neugierig darauf, welche Gründe du für das Weitergehen haben wirst, nachdem wir die Engel gefunden haben. Wir werden dann weitermachen, nicht wahr?« »Das setze ich voraus. Irgendwie scheint es mir das Rich- tige zu sein.« KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG Die Welt war eine endlose Folge von Bäumen, die erklettert werden mußten. Jeder Baum bildete eine Variation dessel- ben Problems; so verschieden wie Schneeflocken, und doch von betäubender Gleichförmigkeit. Die Kommunikation, die nötig war, um voranzukommen, bestand aus Handbewegun- gen und Grunzen. Cirocco und Gaby wurden zu einer perfek- ten Baumersteigungsmaschine, ein Körper, der sich für im- mer aufwärts bewegte. Sie kletterten immer zwölf Stunden durch, und wenn sie lagerten, schliefen sie wie Tote. Unter ihnen öffnete sich der Boden, und ein Meer fiel auf Rhea. Der Boden blieb für einige Wochen auf und ging dann, wieder zu, als sich das Dach öffnete und erneut die kalten Winde wehten. Sie zwangen die beiden Frauen, Schutz zu suchen. Fünf Tage Dunkelheit, und sie waren wieder drau- ßen und am Klettern. Es war sechs Tage nach ihrem dritten Winter, als sie den ersten Engel entdeckten. Sie hielten an und sahen zu, wie er sie beobachtete. Er befand sich nahe einem Baumwipfel und war durch die Zweige nur undeutlich erkennbar. Schon zuvor hatten sie Engel klagen gehört, manchmal gefolgt vom Klatschen rie- senhafter Flügel. Aber Ciroccos Wissen über Engel war bis- her immer noch auf den gefrorenen Augenblick beschränkt, als sie einen auf einem Titanidenspeer aufgespießt gesehen hatte. Er war kleiner als Gaby, besaß einen gewaltigen Brustkorb und spindeldürre Arme und Beine. Anstelle von Füßen hatte er Klauen. Seine Flügel wuchsen direkt über den Hüften, so daß er beim Fliegen vorn und hinten etwa dieselbe Ge- wichtsmenge hatte. Zusammengefaltet reichten sie über den Kopf hinaus, während die Spitzen unterhalb des Astes he- rabhingen, auf dem er hockte. Die Steuerflossen an Beinen, Armen und Schwanz waren ordentlich gefaltet. Nachdem sie all diese Unterschiede festgestellt hatte, mußte Cirocco zugeben, daß das Überraschendste an ihm seine Menschenähnlichkeit war. Er sah aus wie ein stark un- terernährtes Kind, aber es war ein menschliches Kind. Gaby warf Cirocco einen kurzen Blick zu; diese zuckte die Achseln und gab ihr dann einen Wink, auf alles gefaßt zu sein. Sie trat einen Schritt vor. Der Engel kreischte und tanzte rückwärts. Seine Flügel entfalteten sich zu ihrer vollen Spannweite von neun Me- tern, und er balancierte, indem er sie lässig schlug, um auf, den Zweigen stehenzubleiben, die für sein Gewicht zu dünn waren. »Wir möchten nur gerne mit dir reden.« Sie streckte die Hände aus. Der Engel kreischte erneut und war verschwun- den. Sie konnten das Brausen seiner Flügel hören, während er an Höhe gewann. Gaby betrachtete Cirocco. Sie zog eine Braue hoch und machte eine fragende Handbewegung. »Richtig. Aufwärts!« »Käptn!« Cirocco erstarrte sofort. Vor ihr kam Gaby mit einem Ruck zum Stehen, als sich das Seil zwischen ihnen straffte. »Was ist?« wollte Gaby wissen. »Still! Hör zu!« Sie warteten, und nach einigen Minuten wiederholte sich der Ruf. Diesmal hörte ihn auch Gaby. »Gene kann es nicht sein«, flüsterte sie. »Calvin?« Kaum hatte sie das gesagt, erkannte sie die Stimme. Sie war merkwürdig verändert, aber sie kannte sie. »April.« »Richtig«, kam die Antwort, obwohl Cirocco nicht sehr laut gesprochen hatte. »Reden?« »Natürlich möchte ich mit dir reden. Wo, zum Teufel, steckst du?« »Unterhalb. Ich sehe dich. Komm nicht zurück!« »Warum nicht? Verdammt, April, seit Monaten hoffen wir schon darauf, daß du wieder auftauchst. August war schon dabei, verrückt zu werden.« Cirocco machte ein finsteres Gesicht. Etwas stimmte nicht, und sie wollte gern wissen, was. »Ich komme zu dir, oder überhaupt nicht. Wenn du zu mir, kommst, fliege ich weg.« Sie saß in den kleinen Zweigen, zwanzig Meter von den bei- den Frauen entfernt. Selbst auf diese Entfernung konnte Ci- rocco ihr Gesicht ausmachen, das genau dem Augusts ent- sprach. Sie war ein Engel, und Cirocco wurde übel. April schien Probleme mit dem Sprechen zu haben. Lange Pausen lagen zwischen den Sätzen. »Kommt bitte nicht näher! Bewegt euch nicht in meine Richtung. Wir können uns nur für kurze Zeit auf diese Weise unterhalten.« »Sicher glaubst du nicht, daß wir dir wehtun werden?« »Und warum nicht? Ich…« Sie hörte auf und wich zurück. »Nein, ich denke nicht. Aber ich könnte euch genausowe- nig näherkommen lassen, wie ich meine Hand ins Feuer hal- ten kann. Ihr riecht falsch.« »Hat das mit den Titaniden zu tun?« »Mit was?« »Den Zentauren. Dem Volk, gegen das ihr Krieg führt.« April zischte und zog sich zurück. »Sprecht nicht von ih- nen.« »Ich glaube nicht, daß ich es vermeiden kann.« »Dann muß ich euch verlassen. Ich werde versuchen, zu- rückzukehren.« Mit einem lauten Schrei tauchte sie durch die Zweige davon. Für eine kurze Zeit hörten sie ihre Flügel, dann war es, als wäre sie nie bei ihnen gewesen. Cirocco betrachtete Gaby, die mit baumelnden Füßen da- saß. Ihr Gesicht war finster. »Es ist schrecklich«, flüsterte Cirocco. »Was ist mit uns geschehen?« »Ich hatte gehofft, sie könnte uns einige Antworten ge- ben. Was immer es war, es hat sie am schlimmsten getrof-, fen. Schlimmer als Gene.« Ein paar Stunden später kam April zurück, konnte aber die wichtigsten Fragen nicht beantworten. Es stellte sich heraus, daß sie nicht einmal darüber nachgedacht hatte. »Wie sollte ich es wissen?« sagte sie. »Ich war in der Dunkelheit, ich erwachte so, wie ihr mich seht. Es spielte keine Rolle, und es spielt auch jetzt keine Rolle.« »Kannst du das erklären?« »Ich bin glücklich. Niemand hat mich oder meine Schwes- tern gewollt. Niemand hat uns geliebt. Nun, jetzt brauche ich es nicht mehr. Ich bin vom Adlerclan, stolz und allein.« Vorsichtige Fragen brachten ans Tageslicht, was sie damit meinte. Beim Adlerclan handelte es sich nicht um einen Stamm oder eine Vereinigung, die April aufgenommen hat- ten, eher war er eine Art innerhalb der Gattung Engel. Adler waren Einzelgänger, einsiedlerisch von der Geburt bis zum Tod. Sie kamen nicht einmal zur Paarung zusam- men und konnten ihre Gesellschaft untereinander jeweils nur für Minuten ertragen, und dann auch nur, wenn sie in ausreichendem Abstand voneinander flogen. April hatte bei solch einem Gespräch im Vorbeifliegen von der Anwesenheit der Menschen in der Speiche gehört. »Da sind zwei Dinge, die ich nicht verstehe«, sagte Ciroc- co vorsichtig. »Darf ich fragen?« »Ich kann nicht versprechen zu antworten.« »In Ordnung. Wie kommt es, daß die Engel sich vermeh- ren, wenn ihr nie zusammenkommt?« »Es gibt eine nicht-fühlende Kreatur, die am Grund der Welt geboren wird. Sie verbringt ihr Leben damit, bis zur Spitze zu klettern. Einmal im Jahr finde ich ein Exemplar und pflanze ihm ein Ei in den Rücken. Männliche Engel la-, gern Sperma darauf ab oder auch nicht, wie es der Zufall will. Ein befruchtetes Ei kommt mit der Kreatur zur Spitze, und wenn der Wirt stirbt, wird das Kind geboren. Wir wer- den in die Luft hinein geboren und müssen auf dem Weg nach unten lernen, wie man fliegt. Manche schaffen es nicht. Das unterliegt dem Willen Gäas. Das ist unsere…« »Eine Minute. Du sagtest Gäa. Warum hast du diesen Na- men gewählt?« Es gab eine Pause. »Ich verstehe die Frage nicht.« »Ich kann es nicht deutlicher machen. Calvin hat diesen Ort Gäa genannt. Er dachte, das würde gut passen. Hast du auch mit griechischer Mythologie zu tun?« »Ich habe den Namen noch nie vorher gehört. Die Leute nennen dieses Wesen Gäa. Sie ist eine Art Göttin, wenn auch nicht ganz. Ihr macht mir Kopfzerbrechen. Ich bin glücklich, wie ich bin, und muß jetzt fliegen.« »Warte! Warte nur eine Minute!« April schob sich auf den Baumwipfel zu. »Du sagtest ›Kreatur‹. Sprichst du von diesem Ding in der Speiche?« April machte ein überraschtes Gesicht. »Was? – Nein. Das ist nur ein Teil von ihr. Die ganze Welt ist Gäa. Ich dachte, ihr wüßtet das.« »Nein, ich… Warte, bitte flieg nicht weg!« Es war zu spät. Sie hörten das Klatschen ihrer Flügel. »Kommst du später zurück?« rief Cirocco. »Noch einmal«, lautete die entfernte Antwort. »Ein Wesen, sagst du. Alles eine Kreatur. Woher weißt du das?« April war diesmal schon nach einer Stunde wiedergekom-, men. Cirocco hoffte, daß sie sich wieder an Gesellschaft ge- wöhnte, aber immer noch wollte sie nicht näher als zwanzig Meter herankommen. »Glaube es. Manche von meinem Volk haben mit ihr ge- sprochen.« »Dann ist sie intelligent?« »Warum nicht? Hör zu… Käptn.« Sie hielt sich für einen Moment die Schläfen. Cirocco konnte sich die Konflikte vor- stellen. April war eine der besten Physikerinnen im System gewesen, und jetzt lebte sie als ungestümes wildes Tier nach einem Kodex, der Cirocco kaum verständlich war. Sie glaubte, daß die alte April vielleicht darum kämpfte, wieder aus dem Geschöpf hervorzubrechen, zu dem sie geworden war. »Cirocco, du sagst, daß du… zu denen auf der Umrandung sprichst.« So nahe konnte sie dem Konzept von Titaniden kommen, ohne zu fliehen. »Sie verstehen dich. Calvin kann zu den Strömern sprechen. Die Veränderungen, die Gäa an mir bewirkt hat, sind eher vollständig. Ich bin eine meines Volkes. Ich erwachte mit dem Wissen, wie ich mich inner- halb meines Volkes zu verhalten habe. Ich habe dieselben Gefühle und Triebkräfte wie jeder andere Engel. Das ist eine Sache, die ich weiß. Gäa ist eins. Gäa lebt. Wir leben in ihr.« Gaby sah ein wenig grün aus. »Seht euch nur um«, fuhr April fort. »Was habt ihr gese- hen, das einer Maschine ähnelt? – Irgend etwas? – Wir wur- den von einem lebendigen Wesen ergriffen; ihr postuliert eine Kreatur unter dem Rand. Die Speiche wird von einem großen Lebewesen erfüllt; ihr kommt zu dem Schluß, daß es ein Mantel über dem darunterliegenden Stützwerk ist.« »Was du sagst, ist verblüffend.« »Mehr als das. Es ist wahr.«, »Wenn ich das akzeptiere, werde ich in der Nabe keinen Kontrollraum finden.« »Aber ihr werdet dort sein, wo sie lebt. Sie sitzt dort wie eine Spinne und zieht Fäden wie ein Puppenspieler. Sie wacht über alle ihre Geschöpfe, und sie besitzt euch beide so sicher, wie sie mich besitzt. Sie hat für ihre eigenen Zwe- cke an uns herumgebastelt.« »Und worin bestehen die?« April zuckte die Achseln, eine menschliche Geste, die zu sehen Cirocco wehtat. »Sie wollte es mir nicht sagen. Ich flog zur Nabe, aber sie lehnte es ab, sich mir zu zeigen. Mein Volk sagt, daß man auf einer großen Mission sein muß, um Gäas Gehör zu fin- den. Offensichtlich war meine nicht groß genug.« »Und wonach wolltest du sie fragen?« April schwieg für ei- ne sehr lange Zeit. Cirocco erkannte, daß sie weinte. Dann hob sie wieder den Blick zu ihnen. »Ihr tut mir weh. Ich glaube, ich möchte nicht mehr mit euch reden.« »Bitte, April! Bitte, für die Freundschaft, die zwischen uns bestand!« »Gab’s die? Gab’s die wirklich? Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich erinnere mich nur an mich und August und an meine anderen Schwestern vor langer Zeit. Immer sind wir miteinander allein gewesen. Ich bin jetzt ganz allein, allein.« »Vermißt du sie?« »Das tat ich«, sagte sie leer. »Das war vor langer Zeit. Ich fliege, fliege, um allein zu sein. Einsamkeit ist die Welt des Adlerclans. Ich weiß, daß es richtig ist… Aber vorher… vor- her, als ich mich noch nach meinen Schwestern sehnte…« Cirocco verhielt sich völlig ruhig, fürchtete, sie zu ver- scheuchen., »Nur einmal haben wir uns zusammengetan«, sagte sie mit einem leisen Seufzer. »Wenn Gäa nach dem Winter A- tem holt, dann bläst sie uns über die Länder… An jenem Tag flog ich mit dem Wind. Es war ein schöner Tag. Wir töteten viele, weil mein Volk auf mich hörte und auf dem großen Strömer fuhr. Die Vierbeinigen waren über- rascht, weil der Atem vorüber war; nur wir wenige saßen noch auf dem Strömer, müde und hungrig, aber noch mit der Lust im Blut, noch dazu in der Lage, zusammenzuarbei- ten. Es war ein Tag für das Singen großer Lieder. Mein Volk folgte mir – mir! –, tat, was ich ihm sagte, und ich wußte in meinem Herzen, daß die Vierbeinigen in Gäa bald ausge- löscht sein würden. Dies war nur das erste Scharmützel im neuen Krieg. Dann sah ich August, und mein Geist verließ mich. Ich wollte sie töten, wollte vor ihr fliehen, wollte sie umarmen und mit ihr weinen. Ich floh. Jetzt fürchte ich den Atem Gäas, denn eines Tages wird er, mich nach unten tragen, um meine Schwester zu töten, und dann werde ich sterben. Ich bin Ariel die Schnelle, aber von April Polo ist genug in mir verblieben, daß ich damit nicht leben könnte.« Cirocco war bewegt, durfte es sich jedoch nicht anmerken lassen. April hörte sich an, als sei sie in der Engelgemein- schaft wichtig. Sicher würden sie auf sie hören. »Wie es sich trifft, bin ich hier oben, um Frieden zu stif- ten«, sagte sie. »Geh nicht! Bitte geh nicht!« April zitterte, blieb aber stehen. »Frieden ist unmöglich.« »Das kann ich nicht glauben. Viele Titaniden sind krank im Herzen, wie du, und sehnen sich nach Frieden.« April schüttelte den Kopf. »Verhandelt ein Lamm mit dem Löwen? Eine Fledermaus mit einem Insekt, ein Vogel mit einem Wurm?« »Du sprichst von Raubzeug und Beute.« »Natürliche Feinde. Es ist in den Genen der Engel veran- kert, die Vierbeinigen zu töten. Ich kann… als April kann ich erkennen, was du denkst. Frieden sollte möglich sein. Wir müssen über unmögliche Entfernungen fliegen, nur um zu kämpfen, zu töten. Viele von uns schaffen es nicht zurück. Der lange Aufstieg ist beschwerlich, und viele stürzen ins Meer.« Cirocco schüttelte den Kopf. »Ich denke nur, wenn ich ei- nige Vertreter zusammenbringen könnte…« »Ich sage dir, das ist unmöglich. Wir sind Adler. Du kannst nicht einmal uns dazu bringen, als Gruppe zusammenzuar- beiten, viel weniger noch dazu, uns mit den Vierbeinigen zu treffen. Es gibt noch andere Clans, und einige davon sind gesellig, aber sie leben nicht in dieser Speiche. Vielleicht hättest du bei ihnen Glück, aber ich zweifle daran.« Die drei schwiegen für eine Weile. Cirocco spürte das Ge-, wicht der Niederlage auf sich ruhen, und Gaby legte ihr die Hand auf die Schulter. »Was denkst du? Sagt sie die Wahrheit?« »Ich vermute es. Es gleicht dem, was Meistersinger mir erzählt hat. Sie haben keine Kontrolle darüber.« Sie blickte auf und redete zu April. »Du sagtest, daß du versucht hast, Gäa zu sehen. Wa- rum?« »Des Friedens wegen. Ich wollte sie fragen, warum der Krieg sein muß. Ich bin sehr glücklich, abgesehen vom Krieg. Aber sie hat meinen Ruf nicht gehört.« Oder sie existiert nicht, dachte Cirocco. »Willst du sie immer noch suchen?« fragte April. »Ich weiß nicht. Wo ist der Sinn? Warum sollte dieses ü- bermenschliche Wesen einen Krieg beenden, nur weil ich sie darum bitte?« »Es gibt schlimmere Dinge im Leben, als eine Aufgabe er- füllen zu müssen. Wenn ihr jetzt umkehren würdet, was tä- tet ihr dann?« »Auch das weiß ich nicht.« »Ihr habt einen langen Weg zurückgelegt. Ihr müßt große Schwierigkeiten überwunden haben. Mein Volk sagt, daß Gäa gute Geschichten und große Helden schätzt. Bist du ein Held?« Sie dachte an Gene, der in die Schwärze hinabwirbelte, an Panflöte, der in den Tod galoppierte, an den Schlammfisch, der sich gegen sie schnellte. Gewiß hätte ein Held Besseres geleistet. »Das ist sie«, sagte Gaby plötzlich. »Von uns allen ist nur Rocky ihren Absichten treu geblieben. Wir würden immer noch in Schlammhütten herumsitzen, wenn sie uns nicht angetrieben hätte. Sie hat dafür gesorgt, daß wir uns stän-, dig auf ein Ziel hinbewegen. Vielleicht werden wir es nicht erreichen, aber wenn das Rettungsschiff kommt, ich wette, sie werden uns dabei finden, wie wir es immer noch versu- chen.« Cirocco fühlte sich verlegen, aber seltsam gerührt. Seit der Kaperung ihres Raumschiffs hatte sie gegen ein Gefühl des Versagens angekämpft; es tat gut zu wissen, daß je- mand von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt war. A- ber ein Held? Nein, das kaum. Sie hatte nur getan, was ge- tan werden mußte. »Ich denke, Gäa wird beeindruckt sein«, meinte April. »Geht zu ihr! Stellt euch in die Nabe und ruft! Erniedrigt euch nicht und bittet nicht! Sagt ihr, daß ihr ein Recht auf einige Antworten habt, für uns alle! Sie wird zuhören.« »Komm mit uns, April!« Die Engelfrau wich zurück. »Mein Name ist Ariel die Schnelle. Ich gehe mit nieman- dem, und niemand geht mit mir. Ich werde euch niemals wiedersehen.« Wieder tauchte sie hinab, und Cirocco wußte, daß sie ihr Wort halten würde. Sie betrachtete Gaby, die ihre Augen mit einem leichten Zucken des Mundes nach oben rollte. »Hinauf?« »Warum, zum Teufel, nicht? Es gibt einige Dinge, wonach ich gerne fragen würde.« KAPITEL DREIUNDZWANZIG, »Ich bin kein Held, weißt du.« »In Ordnung. Heldin.« Cirocco kicherte. Sie lagen am letzten Tag ihres vierzehn- ten Winters nebeneinander, ihrem achten Monat in der Spei- che. Nur noch zehn Kilometer trennten sie von der Nabe. Sie würden es im Schlaf schaffen, sobald das Tauwetter einsetz- te. »Nicht einmal das. Wenn es hier eine Heldin gibt, dann bist du es.« Gaby schüttelte den Kopf. »Ich habe ausgeholfen. Dieses Unternehmen wäre für dich wahrscheinlich viel schwerer geworden, wenn ich nicht da- beigewesen wäre.« Cirocco drückte ihr die Hand. »Aber ich bin nur hinterhergelaufen. Ich habe dir ein paarmal aus der Patsche geholfen, aber ich eigne mich nicht zum Helden. Ein Held hätte niemals versucht, Gene ohne Fallschirm über den Rand zu werfen. Du hättest es allein bis hierher geschafft. Ich nicht.« Sie schwiegen, jede beschäftigt mit ihren eigenen Gedan- ken. Cirocco war sich nicht sicher, ob zutraf, was Gaby gesagt hatte. Teilweise war es richtig, obwohl sie dem nie laut zu- gestimmt hätte. Gaby hätte sie nie soweit bringen können. Sie war keine Führerin. Aber bin ich es? fragte sie sich. Gewiß hatte sie hart genug versucht, eine zu sein. Aber hätte sie es allein geschafft? Daran zweifelte sie. »Es hat Spaß gemacht, nicht?« fragte Gaby ruhig. Cirocco war aufrichtig überrascht. War es möglich, acht Monate der Mühen Spaß zu nennen? »Ich glaube, ich würde ein etwas anderes Wort benutzen.«, »Nein, du hast recht. Aber du weißt, was ich meine.« Das tat sie, was komisch genug war. Endlich konnte sie die Niedergeschlagenheit verstehen, die sie während der letzten Wochen geplagt hatte. Die Reise würde bald vorüber sein. Sie würden die Mittel finden, um zur Erde zurückzu- kehren, oder eben nicht. »Ich möchte nicht zur Erde zurück«, meinte Cirocco. »Ich auch nicht.« »Aber wir können hier nicht einfach umkehren.« »Du weißt es am besten.« »Nein, ich bin nur hartnäckig. Aber wir müssen weiter. Ich schulde es April und Gene – und auch den anderen von uns –, herauszufinden, was mit uns geschehen ist, und warum.« »Hol die Schwerter raus, ja?« »Erwartest du Schwierigkeiten?« »Keine, gegen die Schwerter helfen würden. Aber ich fühle mich einfach besser, wenn ich eines in der Hand halte. Man erwartet von mir, ein Held zu sein, stimmt’s?« Gaby bestritt das nicht. Sie ließ sich auf ein Knie herab und durchstöberte das Extrabündel, brachte die Kurzschwer- ter zum Vorschein und warf Cirocco eines zu. Sie standen nahe dem Gipfelpunkt von etwas, das die letz- te Treppe sein mußte. Wie die andere, mit deren Hilfe sie durch die Schleuse der Speiche geklettert waren, wand sie sich spiralförmig um das Kabel, das sie am oberen Ende ei- nes langen, öden Abhangs wiederentdeckt hatten, der die Grenze zwischen dem Wald und dem oberen Speichenventil markierte. Das Ersteigen des Abhanges war Arbeit mit Ha- cke, Seil und Haken gewesen und hatte sie für zwei an- strengende Tage beschäftigt. Da sie kein Lampenöl mehr besaßen, hatten sie die Treppe, in völliger Dunkelheit ersteigen müssen, Stufe für Stufe. Es war ohne Zwischenfall verlaufen, bis Cirocco ein schwaches rotes Leuchten vor ihnen erkannt hatte. Plötzlich war das Bedürfnis nach einem Schwert in der Hand dagewesen. Es war eine gute Waffe, trotz des zu großen Griffs. Auf diesem Höhenniveau innerhalb Gäas wog sie überhaupt nichts. Cirocco zündete ein Streichholz an und berührte die Gestalt eines Titaniden, die in die Flachseite der Klinge gra- viert war. »Du siehst aus wie auf einem Ölbild von Frazetta«, meinte Gaby. Sie blickte an sich hinunter. Sie war zerlumpt, nur noch in Fetzen ihrer einst guten Kleider gehüllt. An den Stellen, wo sie nicht von Schmutz und Abschürfungen bedeckt war, sah ihre Haut blaß aus. Cirocco hatte ziemlich an Gewicht verlo- ren; das Übriggebliebene war fest und drahtig. Ihre Füße und Hände waren zäh wie Leder. »Und ich habe immer wie eines dieser Maxfield-Parrish- Mädchen aussehen wollen, so viel mehr damenhaft.« Sie schüttelte das Streichholz aus und zündete ein ande- res an. Gaby betrachtete sie noch immer. Ihre Augen leuch- teten in dem gelben Licht. Auf einmal fühlte Cirocco sich hervorragend. Sie lächelte, lachte dann leise, streckte die Hand aus und legte sie Gaby auf die Schulter. Gaby erwider- te die Geste, ein zaghaftes Lächeln auf dem Gesicht. »Hast du… irgendein diesbezügliches Gefühl?« Gaby wink- te mit dem Schwert zum oberen Ende der Treppe. »Vielleicht habe ich eins.« Sie lachte wieder und zuckte dann die Achseln. »Nichts Spezifisches, aber wir sollten auf den Zehenspitzen schleichen.« Gaby sagte nichts, wischte sich jedoch die Handfläche am Schenkel ab, bevor sie die Finger fest um den Schwertgriff, schloß. Dann lachte sie. »Ich weiß nicht, wie man damit umgeht.« »Tu einfach so, als wüßtest du es! Wenn wir oben ange- kommen sind, laß alle Ausrüstung zurück!« »Bist du sicher?« »Ich möchte die zusätzliche Masse nicht dabeihaben.« »Die Nabe ist groß, Rocky. Es könnte eine Weile dauern, sie zu durchsuchen.« »Ich habe so ein Gefühl, als würde es nicht lange dauern. In keiner Weise.« Sie blies das zweite Streichholz aus. Sie warteten, bis sich ihre Augen angepaßt hatten und sie das von oben kommen- de schwache Leuchten sehen konnten. Dann gingen sie Sei- te an Seite die letzten hundert Stufen hinauf. Sie traten in eine pulsierende rote Nacht hinaus. Das einzige Licht kam von einer laser-geraden Linie über ihnen. Die Decke war in Düsternis versunken. Links von ih- nen ragte ein Kabel empor, ein schwarzer Schatten in der noch schwärzeren Luft. Wände, Boden und die Luft selbst schwangen im Rhyth- mus eines langsamen Herzschlages mit. Auf den Gesichtern spürten sie einen leichten eisigen Luftzug, der aus dem un- sichtbaren Eingang zur Ozeanus-Speiche wehte. »Es wird ganz schön hart werden, hier herumzuschnüf- feln«, flüsterte Gaby. »Ich kann den Boden nur etwa zwan- zig Meter weit erkennen.« Cirocco sagte nichts. Sie schüttelte den Kopf, um das ko- mische, schwere Gefühl loszuwerden, das sie überkommen hatte, wehrte dann einen Schwindelanfall ab. Sie wollte sich setzen, wollte umkehren. Sie hatte Angst und traute sich nicht, ihr nachzugeben., Sie hielt das Schwert hoch und sah es schimmern wie ein Blutteich. Sie trat einen Schritt vor, dann noch einen. Gaby hielt mit, und sie gingen in die Dunkelheit hinein. Die Zähne schmerzten ihr. Sie erkannte, daß sie sie zu fest zusammengebissen hatte, daß die Kiefermuskeln ver- knotet waren. Sie blieb stehen und schrie: »Hier bin ich!« Nach langen Sekunden kam ein Echo zurück, dann eine ganze Reihe davon, die sich sodann in der Dunkelheit verlo- ren. Sie hob das Schwert über den Kopf und rief erneut: »Hier bin ich! Ich bin Kapitän Cirocco Jones, Kommandan- tin des TRS Ringmeister, im Auftrag der Vereinigten Staaten von Amerika, der Nationalen Luft- und Raumfahrtbehörde und der Vereinten Nationen der Erde. Ich würde gerne mit dir reden!« Es schien Äonen zu dauern, bis die vielfältigen Echos er- starben. Als sie verstummt waren, war nichts mehr zu hören außer dem langsamen Schlagen des gewaltigen Herzens. Sie standen Rücken an Rücken, die Schwerter in Bereitschaft, und blickten in die Dunkelheit. Cirocco spürte eine Flut des Zorns sie durchströmen und die letzten Spuren der Angst auslöschen. Sie schwenkte das Schwert und schrie in die Nacht hinaus, während ihr Tränen an den Wangen hinabliefen. »Ich verlange, dich zu sehen! Meine Freundin und ich sind durch viele Härten gegangen, um hier vor dir zu stehen. Der Boden hat uns nackt in diese Welt gespuckt, und wir haben uns den Weg zu ihrer Mitte erkämpft. Man hat uns grausam behandelt und nach Launen hin- und hergeworfen, die wir nicht verstehen. Deine Hand hat in unsere Seelen gegriffen und versucht, uns die Würde zu nehmen, aber wir blieben, ungebeugt. Ich fordere dich auf, vorzutreten und mir zu antworten! Antworte für das, was du getan hast, oder ich werde mein Leben der Aufgabe widmen, dich zu vernichten! Ich fürchte dich nicht! Ich bin bereit zu kämpfen!« Sie hatte keine Vorstellung davon, wie lange Gaby schon an ihrem Ärmel zupfte. Sie blickte hinab und konnte die Au- gen nur schwer darauf einstellen. Gaby sah verängstigt aus, blieb aber standhaft an ihrer Seite. »Vielleicht«, meinte sie schüchtern, »… ah… vielleicht spricht sie kein Englisch.« Und so sang Cirocco erneut ihre Herausforderung, diesmal auf Titanidisch. Sie benutzte den hohen deklamatorischen Modus, der für das Geschichtenerzählen reserviert war. Die festen, dunklen Wände warfen ihren Gesang zurück, bis die schwarze Nabe unter ihrer trotzigen Musik erklang. Der Boden fing an zu beben. »Iiiiiiiichchch…« Es war ein einzelner Ton, ein englisches Wort, ein Wirbel- sturm der Sprache. »… höööööööööreeee…« Cirocco stürzte auf Hände und Knie nieder und blickte be- täubt zu Gaby, die sich neben ihr dicht an den Boden drück- te. »… diiiiiiiiichchch…« Das Wort hallte minutenlang wider und ging allmählich in den fernen Baß über, der wie abklingender Fliegeralarm brummte. Der Boden beruhigte sich, und Cirocco hob den Kopf. Weißes Licht blendete sie. Die Augen mit dem Unterarm abschirmend, blickte sie verkniffen in das helle Leuchten. Etwas wie ein Vorhang wurde von einer der Wände gezogen. Er reichte fünf Kilome- ter hoch vom Boden bis zur Decke. Dahinter kam eine kris-, tallene Treppe zum Vorschein. Sie funkelte grausam und er- streckte sich in ein so blendendes Licht hinauf, daß Cirocco nicht hineinblicken konnte. Gaby zupfte wieder an ihrem Ärmel. »Laß uns von hier verschwinden!« flüsterte sie drängend. »Nein. Ich bin hergekommen, um mit ihr zu reden.« Sie zwang sich dazu, die Handflächen flach auf den Boden zu legen und sich hochzustemmen. Das Aufstehen war leicht, das Stehenbleiben aber eine andere Sache. Nichts hätte sie lieber getan, als Gabys Vorschlag zu folgen. Ihre gespielte Tapferkeit schien jetzt ein Anfall von Berauschtheit gewesen zu sein. Aber sie fing an, auf das Licht zuzugehen. Die Öffnung war 200 Meter breit und wurde von Säulen aus Kristall markiert, die die oberen Enden der Tragekabel sein mußten. Emporblickend konnte sie erkennen, wie die Trossen sich entwirrten und sich jeder Strang durch ein kompliziertes Muster drehte, bis alle in ein Korbgeflecht ver- liefen, das das ferne Dach bedeckte. Hier war der unvor- stellbar starke Anker, der Gäa zusammenhielt. Cirocco runzelte die Stirn. Auch hier war einer der Stränge gerissen. Bei näherem Hinsehen entpuppte sich die ganze Decke als einem Pullover ähnlich, mit dem ein Kätzchen ge- spielt hat, voller Knäuel und ausgezupfter Fäden. Als sie das feststellte, fühlte sie sich besser. So mächtig Gäa war, sie hatte bessere Tage gesehen. Die beiden Frauen erreichten die unterste Treppenstufe und betraten sie. Daraufhin gab die Stufe eine tiefe Orgelno- te von sich, die andauerte, als sie weiter hinaufstiegen. Die siebente Stufe hob den Ton um eine halbe Note, und die dreizehnte Stufe führte zu einer erneuten Steigung. Lang- sam stiegen sie die chromatische Leiter empor, und nach, Erreichen der ersten Oktave gesellten sich Harmonien dazu. Plötzlich brüllten zu beiden Seiten orangefarbene Flammen auf. Die Frauen sprangen vor Schreck zwei Meter hoch in die Luft, bevor die niedrige Schwerkraft sie wieder in den Griff bekam. Zorn stieg von neuem in Cirocco auf, und sie war dankbar dafür. Furchteinflößend war es – eine Zurschaustellung ro- her Macht, die ihre Knie erzittern ließ und den Tapfersten in die Knie gezwungen hätte. Doch auf Cirocco hatte sie den gegenteiligen Effekt. Gott oder kein Gott, es war ein billiger Trick, der dazu dienen sollte, mit Nerven zu spielen, die be- reits angekratzt waren. »Selbst die größte Hollywoodshow kann gegen dieses Mädchen nicht an«, meinte Gaby, und Cirocco liebte sie da- für. Effekthascherei, das war es. Welche Art Gott wäre dar- auf angewiesen? Die Flammen erstarben – nur um doppelt so hoch wieder aufzulodern, nach der Decke zu lecken und einen gelben und orangefarbenen Tunnel zu formen. Die Frauen gingen weiter. Vor ihnen erhoben sich Tore aus Kupfer und Gold. Sie schwangen geräuschlos auf und schlossen sich donnernd hinter ihnen. Die Musik erhob sich zu einem rasenden Crescendo, wäh- rend sie sich einem lichtumhüllten großen Thron näherten. Als sie die breite Marmorplattform oberhalb der Stufen er- reichten, konnten sie den Thron nicht mehr anblicken. Die Hitze war zu stark. »Sprich!« donnerte es ihnen entgegen. Nachdem das Wort geäußert war – im selben tiefen Ton- fall, den sie draußen gehört hatten, und doch mit einem mehr menschlichen Klang –, begann das Licht matter zu, werden. Cirocco riskierte einen vorsichtigen Blick und er- kannte eine große, breite menschliche Gestalt in dem Nebel aus Licht. »Sprich, oder kehrt zurück, woher ihr kommt!« Cirocco kniff die Augen zusammen und sah einen runden Kopf auf einem dicken Hals, Augen, die wie Kohlen glühten, und dicke Lippen. Gäa war vier Meter groß und stand auf- recht vor ihrem Thron auf einem Zwei-Meter-Sockel. Ein ge- drungener Körper, ein monströs aufgeblähter Bauch, gewal- tige Brüste und Arme und Beine, die einen Profi-Ringer ein- geschüchtert hätten. Sie war nackt und von der Farbe grü- ner Oliven. Der Sockel veränderte abrupt seine Form und wurde zu einem mit Gras und Blumen bedeckten Hügel. Gäas Beine wurden zu Baumstämmen, die Füße fest im dunklen Erd- reich verwurzelt. Kleine Tiere standen um sie herum, wäh- rend fliegende Geschöpfe ihren Kopf umkreisten. Sie blickte Cirocco direkt an, und ihre mächtige Stirn begann sich zu umwölken. »Ah… ich meine, ich werde sprechen, ich werde spre- chen.« Cirocco öffnete den Mund, um es zu tun, und fragte sich, wohin ihr gerechter Zorn verschwunden war, als sie Gaby einen flüchtigen Blick zuwarf. Gaby zitterte und blickte mit glitzernden Augen zu Gäa hinauf. »Ich war hier«, flüsterte sie. »Ich war hier.« »Still«, zischte Cirocco und stieß sie mit dem Ellbogen an. »Darüber reden wir später.« Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und wandte sich erneut Gäa zu. »O Große…« Nein! Erniedrige dich nicht, hatte April ge- sagt. Gäa schätzt Helden, hatte sie auch gesagt. Bitte, April, bitte hab recht! »Wir kamen… ich und weitere sechs Menschen von… wir, kamen vom Planeten Erde, ein ganz schönes… ich weiß ei- gentlich nicht, wie lange…« Sie hielt inne und wußte, daß sie auf Englisch nichts herausbekommen würde. Sie holte tief Luft, straffte die Schultern und fing an zu singen., »Wir kamen in Frieden, ich weiß nicht, vor wie langer Zeit. Wir waren nach deiner Rechnung eine winzige Mannschaft und stellten keine Bedrohung für dich dar. Wir waren unbe- waffnet, und doch wurden wir angegriffen. Unser Schiff wurde zerstört, bevor wir eine Chance gehabt hatten, unse- re Absichten zu erläutern. Wir wurden gegen unseren Willen eingesperrt, unter Bedingungen, die dazu geeignet waren, unseren Geist zu schädigen, der Möglichkeit beraubt, unter- einander oder mit unseren Kameraden auf der Erde in Ver- bindung zu treten. In uns wurden Veränderungen bewirkt. Als ein Ergebnis dieser Behandlung wurde ein Mitglied mei- ner Mannschaft wahnsinnig. Ein weiteres befand sich am Rande des Wahnsinns, als ich es verließ. Ein drittes verlangt nicht mehr nach der Gesellschaft seiner Mitmenschen, und ein viertes hat den Großteil seines Gedächtnisses verloren. Ein fünftes wurde über alles Wiedererkennen hinaus ver- wandelt; es erkennt nicht mehr seine Schwester, die es einst liebte. All diese Dinge sind nach unseren Begriffen ungeheuerlich. Ich empfinde, daß uns Unrecht widerfahren ist und daß wir eine Erklärung verdient haben. Wir sind schlecht behandelt worden und verdienen Gerechtigkeit.« Sie sackte in sich zusammen, war glücklich darüber, alles herausbekommen zu haben. Was als nächstes geschah, lag nicht mehr in ihren Händen; gegen dieses Wesen konnte sie nicht kämpfen. Gäas Stirnrunzeln vertiefte sich. »Ich bin keine Unterzeichnerin der Genfer Abkommen.« Cirocco fiel der Unterkiefer herab. Sie wußte nicht, was sie zu hören erwartet hatte, aber gewiß nicht das. »Was bist du dann?« Es war heraus, bevor sie es verhin- dern konnte., »Ich bin Gäa, die Große und Weise. Ich bin die Welt, ich bin die Wahrheit, ich bin das Gesetz, ich bin…« »Dann bist du der ganze Planet? April hat die Wahrheit gesagt?« Vielleicht war es unklug, eine Göttin zu unterbrechen, aber Cirocco fühlte sich wie Oliver Twist bei der Bitte nach mehr Haferschleim. Irgendwie mußte sie dagegen kämpfen. »Ich war noch nicht fertig«, polterte Gäa. »Aber ja, das bin ich. Ich bin die Erdmutter, wenn ich auch nicht von eurer Erde komme. Alles Leben entspringt aus mir. Ich gehöre zu einem Pantheon, das bis zu den Sternen reicht. Nenn mich einen Titanen.« »Dann bist du es, die…« »Genug! Ich lausche nur Helden. Du hast von großen Ta- ten gesprochen, als du dein Lied sangst. Sprich jetzt von ihnen, oder verlasse diesen Ort! Sing mir von deinen Aben- teuern!« »Aber ich…« »Sing sie mir!« donnerte Gäa. Sie sang. Die Geschichte nahm mehrere Stunden in An- spruch, weil – obwohl Cirocco sie zusammenfassen wollte Gäa auf Einzelheiten bestand. Cirocco begann, sich für diese Aufgabe zu erwärmen. Die Titanidensprache war dafür gut geeignet; solange sie sich an den deklamatorischen Modus hielt, war es unmöglich, einen unbeholfenen Satz zu singen. Als sie fertig war, fühlte sie sich stolz und ein wenig zuver- sichtlicher. Gäa schien darüber nachzusinnen. Cirocco bewegte sich nervös hin und her. Ihre Füße schmerzten, ein Beweis dafür – dachte sie –, daß man allem überdrüssig werden konnte. Endlich sprach Gäa wieder. »Das war eine gute Geschichte«, sagte sie. »Eine bessere,, als ich viele Zeitalter lang gehört habe. Du bist wahrhaft heldenhaft. Ich werde mit euch beiden in meinen Gemä- chern sprechen.« Damit verschwand sie. Sie verwandelte sich in eine Flam- me, die ein paar Sekunden lang flackerte und dann erstarb. Sie sahen sich um. Sie befanden sich in einem großen, mit einer Kuppel überdachten Raum. Hinter ihnen verliefen die Stufen, jetzt unbeleuchtet, hinunter ins dunkle Innere der Nabe. Verrostete Schnäbel säumten die Treppe, rauchten unregelmäßig und gaben das scharfe Knacken sich abküh- lenden Metalls von sich. Der Gestank von verbranntem Gummi hing in der Luft. Der Marmorboden war gesprungen und verfärbt, mit ei- nem Staubfilm bedeckt, der deutlich ihre Fußspuren zeigte. Der Ort wirkte wie ein schäbiges Opernhaus, wenn die Lich- ter angehen und die Illusion verscheuchen. »Ich habe ja einige verrückte Dinge gesehen, seit es uns hierher verschlagen hat«, meinte Gaby, »aber das schlägt alles. Wohin gehen wir jetzt?« Cirocco deutete schweigend auf eine kleine Tür in der Wand links von ihnen. Sie stand halb offen, und Licht drang durch den Spalt. Cirocco stieß sie auf und sah sich mit einem wachsenden Gefühl des Erkennens um, dann trat sie ein. Es war ein großer Raum mit einer vier Meter hohen Decke. Der Boden bestand aus milchigen Glasrechtecken, durch die von unten her Licht drang. Die Wände waren mit beigefar- benem Holz getäfelt. Überall hingen Ölgemälde in vergolde- ten Rahmen. Die Möbel erinnerten an die Zeit Ludwigs XVI. »Deja vu, nicht wahr?« sagte eine Stimme vom hinteren Ende des Raumes. Eine kleine rundliche Frau in einem form- losen Sackkleid stand vor ihnen. Sie ähnelte Gäa auf diesel-, be Weise, wie ein geschnitzter Seifenriegel an Michelangelos »Pieta« erinnern mochte. »Setzt euch! Setzt euch!« sagte sie jovial. »Wir machen uns hier nichts aus Zeremonien. Den Rummel habt ihr gese- hen; dies hier ist die bittere Wirklichkeit. Darf ich euch etwas zum Trinken anbieten?« KAPITEL VIERUNDZWANZIG Cirocco hatte es aufgegeben, sich eine Meinung zu bilden. »Weißt du was?« fragte sie und fühlte sich mehr als nur ein bißchen schwindelig. »Wenn in diesem Moment jemand sagen würde, die Ringmeister habe den Erdorbit nie verlas- sen und dieses ganze Ding sei die Bühne in einem Holly- woodatelier, ich glaube nicht, daß ich dann auch nur mit ei- nem Auge blinzeln würde.« »Eine vollkommen natürliche Reaktion«, tröstete sie Gäa. Sie watschelte durch den Raum, besorgte Gaby ein Glas Wein und Cirocco einen doppelten Schuß Scotch on the rocks, rückte Bilder gerade und wischte mit dem ausge- fransten Saum ihres Kleides Staub von den Tischen. Gäa war klein und gedrungen, hatte den Körperbau eines Fasses. Ihre Haut war verwittert und braun, und die Nase glich einer Kartoffel. Doch sie hatte Lachfalten in den Au- genwinkeln und um die Winkel ihres sinnlichen Mundes., Cirocco versuchte, dieses Gesicht einzuordnen, gab ihrem Verstand etwas zu tun, während sie es gewissenhaft ver- mied, Theorien zu entwickeln, W.C. Fields? Nein, für diese Rolle eignete sich nur die Nase. Und dann wußte sie es. Gäa hatte eine außerordentliche Ähnlichkeit mit Charles Laugh- ton in The Private Life of Henry VIII. Gaby und Cirocco setzten sich auf die gegenüberliegenden Enden einer abgeschabten Couch. Gäa stellte neben jeder ein Glas auf das Seitentischchen und schnaufte dann durch den Raum, um ihre Körpermasse in einen hochrückigen Ses- sel zu stemmen. Sie keuchte und verschränkte die Finger im Schoß. »Fragt mich nach irgend etwas«, sagte sie und beugte sich erwartungsvoll vor. Cirocco und Gaby blickten einander an und dann wieder Gäa. Für kurze Zeit herrschte Schweigen. »Du sprichst Englisch«, sagte Cirocco. »Das ist keine Frage.« »Wieso sprichst du Englisch? Wo hast du es gelernt?« »Ich gucke Fernsehen.« Cirocco wußte, was sie als nächstes fragen wollte, aber nicht, ob sie sollte. Angenommen, dieses Geschöpf war das letzte Überbleibsel der Erbauer Gäas? Sie hatte keinen Be- weis dafür gesehen, daß Gäa tatsächlich ein einheitlicher Organismus war, wie April es behauptet hatte, aber mögli- cherweise glaubte diese Person, eine Göttin zu sein. »Wie steht es mit… mit dieser ganzen Show dort drau- ßen?« fragte Gaby. Gäa winkte ab. »Alles mit Spiegeln gemacht, meine Liebe, bloße Taschen- spielerei.« Sie senkte den Blick kurz auf den Schoß und machte dann ein einfältiges Gesicht. »Ich wollte euch ver- scheuchen für den Fall, daß ihr kein wirkliches Heldenmate-, rial wart. Ich habe mein Bestes getan. Ich dachte, in diesem Stadium würde es für uns leichter sein, hier drin in Verbin- dung zu treten. Behagliche Umgebung, Essen und Trinken wollt ihr etwas essen? Oder Kaffee? Kokain?« »Nein, ich würde… sagtest du…« Ciroccos Nase kribbelte, aber sie fühlte sich munterer und weniger furchtsam als beim Betreten der Nabe. Sie lehnte sich auf der Couch zurück und blickte in die Augen des Ge- schöpfes, das sich Gäa nannte. »Spiegel, sagtest du. Was bist du dann?« Gäas Lächeln wurde breiter. »Zum Kern der Sache, eh? Gut. Ich liebe Direktheit.« Sie schürzte die Lippen und schien über die Frage nachzusin- nen. »Meinst du, was dies hier ist, oder was ich bin?« Sie legte die Hände über ihre gewaltigen Brüste und wartete nicht auf eine Antwort. »Ich bin drei Arten des Lebens. Da ist mein eigentlicher Körper, die Umwelt, die ihr durchquert habt. Da sind meine Geschöpfe, wie die Titaniden, die zu mir gehö- ren, aber nicht von mir beherrscht werden. Und da sind meine Werkzeuge, getrennt von mir, aber ein Teil von mir. Ich besitze gewisse Geisteskräfte – die hilfreich sind für die Illusionen, die ihr gerade gesehen habt, nebenbei gesagt. Nennt sie Hypnotismus und Telepathie, obwohl beides nicht zutrifft. Ich bin in der Lage, Geschöpfe zu konstruieren, die Erwei- terungen meines Willens sind. Dieses hier ist achtzig Jahre alt, das einzige seiner Art übrigens. Aber ich habe auch noch andere Sorten. Sie haben diesen Raum und die Treppe draußen erbaut, zum größten Teil nach Plänen, die ich aus Filmen geklaut habe. Ich bin ein großer Film-Fan, und ich verstehe, daß du…«, »Ja, aber um…« »Ich weiß, ich weiß«, besänftigte Gäa. »Ich schweife ab. Ein verdammtes Ärgernis, siehst du. Ich muß auf diese Wei- se mit dir reden. Als ich zuvor sagte ›ich höre dich‹… na ja, da habe ich das obere Ozeanus-Ventil als Kehlkopf benutzt und ein bißchen Luft aus der Speiche gepreßt. Damit habe ich dem Wetter ganz schön mitgespielt: diese drei Wörter haben ganz Hyperion mit Schnee bedeckt. Aber daß ich dir diesen Körper zeige, gibt dir den Wunsch ein, etwas anderes zu glauben, nämlich daß ich eine dösige alte Frau bin und ganz allein hier oben.« Sie betrachtete Cirocco mit zusammengekniffenen Augen. »Das vermutest du immer noch, nicht wahr?« »Ich… ich weiß nicht, was ich denken soll. Selbst wenn ich dir glaube, weiß ich immer noch nicht, was du bist.« »Ich bin ein Titane. Du möchtest wissen, was ein Titan ist.« Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück, und ihr Blick schweifte in die Ferne. »Was ich wirklich bin, ist in ferner Vergangenheit verloren. Wir sind alt, soviel ist klar. Wir wurden konstruiert, haben uns nicht entwickelt. Wir leben drei Millionen Jahre lang und sind seit über einem Tausend eurer Generationen hier in der Gegend. In dieser Zeit haben wir uns verändert, wenn auch nicht durch evolutionäre Prozesse, wie ihr sie versteht. Ein großer Teil unserer Geschichte ist vergessen. Wir wis- sen nicht, welche Rasse uns geschaffen hat, und auch nicht, für welchen Zweck. Es soll genügen festzustellen, daß unse- re Schöpfer gut gebaut haben. Sie sind verschwunden, aber wir sind noch da. Vielleicht leben ihre Abkömmlinge noch in mir, aber wenn dem so ist, dann haben sie ihre frühere Grö- ße vergessen. Ich lausche den Botschaften meiner durch diese Galaxis verteilten Schwestern, aber keine spricht von, den Erbauern.« Sie schloß für einen Moment die Augen, öffnete sie dann wieder und wartete. »In Ordnung«, meinte Cirocco. »Du hast eine Menge Ein- zelheiten ausgelassen. Wie bist du hergekommen? Warum bist du nur eine? Du hörst Radio; sprichst du auch über Funk? Und wenn, warum bist du dann noch nicht mit der Erde in Verbindung getreten? Wenn…« Gäa hob die Hand und kicherte. »Eins nach dem anderen, bitte. Du setzt eine Menge vor- aus. Was gibt dir den Gedanken ein, daß ich ein Besucher bin? Ich wurde in diesem System geboren, genau wie du. Rhea ist meine Heimat. Im Moment nähert sich meine Toch- ter auf lapetus der Reife. Es gibt eine Familie von Titanen, die den Uranus umkreist. Sie bilden die Ringe. Sie sind alle weitaus kleiner als ich. Ich bin der größte Titan in dieser Gegend.« »lapetus?« fragte Gaby. »Einer der Gründe, warum wir…« »Laß die Luft ab! Ich werde es erklären und dir eine Reise sparen. Wir können nicht zwischen den Sternen reisen. Abgesehen von kleineren Bahnkorrekturen können wir uns überhaupt nicht bewegen. Aus meiner Umrandung gebe ich Eier ab, wo sie ja auf- grund meiner Rotation schon eine beachtliche Geschwindig- keit haben. Ich ziele sie, so gut ich kann, aber über diese Entfernungen ist das Treffen des Ziels problematisch, da die, Eier keinerlei Führung mehr haben, sobald sie einmal ge- startet sind. Wenn sie auf eine passende Welt fallen – lapetus ist per- fekt keine Luft, steinig, eine Menge Sonnenlicht, nicht zu groß und nicht zu klein –, schlagen sie Wurzeln. Nach 50.000 Jahren ist das Titanenkind bereit, geboren zu wer- den. In diesem Stadium hat sie eine ganze Hemisphäre des Gebärkörpers bedeckt. Das ist der Grund für das Aussehen von lapetus vor fünfundsiebzig Jahren; eine Seite war deut- lich heller als die andere. Dann zieht sich das Titanenkind zusammen, bis es ein di- ckes Band bildet, das die Welt von Pol zu Pol schließt. Das ist bei lapetus mittlerweile geschehen. Meine Tochter hat tief gegraben, hat den Kern erreicht, um die Elemente zu finden, die sie zum Leben braucht. Ich fürchte, lapetus ist inzwischen ziemlich ausgeplündert. Meine Großmutter und davor deren Mutter haben bereits diesen Mond benutzt. Meine Tochter ist damit beschäftigt, die Brennstoffe zu synthetisieren, die sie brauchen wird, um sich von lapetus zu lösen. Das sollte in fünf oder sechs Jahren geschehen. Wenn sie bereit ist – und nicht einen Tag vorher, denn ein- mal geboren, enthält sie die gesamte Masse, die ihr je zur Verfügung stehen wird –, sprengt sie sich ins All. Wahr- scheinlich wird sich lapetus bei diesem Vorgang spalten, wie der Mond, der schließlich zu den Ringen wurde. Dann…« »Du sagst, die Titanen sind für die Ringe verantwortlich?« fragte Gaby. »Habe ich es nicht gerade erklärt?« Gäa wirkte etwas ver- ärgert, war jedoch sehr von ihrer Geschichte in Anspruch genommen. »Das ist lange her, und du kannst mich nicht dafür ver-, antwortlich machen. Jedenfalls, wenn meine Tochter einmal frei ist, wird sie ihre gegenwärtige Rotation aufgeben und anfangen, sich so zu drehen, wie ich es mache. Der Teil von ihr, der die Nabe bilden wird, berührt momentan die Ober- fläche von lapetus. Im Raum wird er sich zusammenziehen und die Speichen bilden. Dann wird sie sich schneller dre- hen, stabilisieren, sich mit Luft füllen und damit beginnen, in sich Berge zu bewegen als Vorbereitung für die Geschöpfe, die… na ja, ihr habt das Bild. Ich schweife ab, wenn ich von meiner Tochter spreche, wie alle Eltern, nehme ich an.« »Nein, nein, ich bin fasziniert«, sagte Cirocco. »Deine Tochter wird in sich Titaniden haben und Engel und Blimps?« Gäa kicherte. »Keine Titaniden, vermute ich. Wenn sie sie mag, wird sie sie schon selbst erfinden müssen, wie ich es tat.« Cirocco schüttelte den Kopf. »Das geht über mein Beg- riffsvermögen.« »Einfach genug. Die meisten meiner Spezies sind Ab- kömmlinge der Geschöpfe, die von den Titanen beherbergt wurden, als man uns schuf. Jedes von mir abgegebene Ei enthält den Samen für eine Million Arten, wie zum Beispiel die elektronischen Pflanzen. Ich denke nicht, daß meine Er- bauer sich viel um Maschinen kümmerten. Sie haben sich alles biologisch gezogen, was sie brauchten, von der Klei- dung bis zu Häusern und Schaltsystemen. Die Titaniden und Engel sind etwas anderes. Ihr habt euch gewundert, bevor ihr euch an sie gewöhnt habt, warum sie so menschlich aussehen konnten. Die Antwort ist einfach. Ich habe Menschen als Modell benutzt, auch für mich. Die Titaniden waren einfach, aber die Engel… die Kopfschmer- zen! Eure Geschichtenerzähler waren viel phantasievoller als, praktisch. Die Flügelspannbreite mußte gewaltig sein, damit sie vom Boden wegkommen, selbst bei meiner niedrigen Schwerkraft und meinem hohen Luftdruck. Ich gebe zu, daß sie nicht wie das biblische Vorbild aussehen, aber sie funkti- onieren! Siehst du, das grundlegende Problem war…« »Du hast sie selbst gemacht?« fragte Cirocco. »Alles an ihnen, aus dem Nichts?« »Das sagte ich gerade, nicht? Ich habe ihre DNS entwor- fen. Für mich ist das nicht schwieriger, als für euch das An- fertigen einer Tonfigur.« »Sie sind vollständig dein Entwurf. Und die Grundideen hast du aus dem Radio bezogen, was bedeutet, daß sie als Kultur nicht sehr alt sein können. Wir haben noch nicht so lange Rundfunk, nach deinen Maßstäben.« »Weniger als ein Jahrhundert, was die Titaniden betrifft. Die Engel sind noch jünger.« »Dann… dann bist du ein Gott. Ich möchte hier nicht theo- logisch werden, aber ich denke, du weißt, was ich meine.« »Für alle praktischen Zwecke, hier in meiner kleinen Ecke des Universums… ja, das bin ich.« Sie faltete die Hände und machte ein selbstgefälliges Gesicht. Cirocco blickte verlangend zur Tür. Es wäre so schön ge- wesen, hindurchzugehen und zu versuchen, dies alles zu vergessen. Was spielte es für eine Rolle, wenn diese Person eine ver- rückte Überlebende der Erbauer war fragte sich Cirocco. Sie beherrschte diese Welt, die sie Gäa nannten. Es machte kei- nen Unterschied, ob sie wirklich damit identisch war; so o- der so war sie die höchste Macht. Und merkwürdig genug fand Cirocco in ihren unbedachten Momenten, daß sie sie mochte, bis sie sich daran erinnerte, was sie in erster Linie in die Nabe geführt hatte., »Es gibt zwei Dinge, die ich dich fragen möchte«, sagte Cirocco so fest, wie sie es wagte. Gäa richtete sich wachsam auf. »Bitte, fahr fort! Wie es sich trifft, gibt es auch zwei Din- ge, nach denen ich dich fragen möchte.« »Ich… du? Mich fragen?« Die Idee war vollkommen uner- wartet. Cirocco war nervös genug bei der Vorstellung, die Ringmeister ins Gespräch zu bringen. Sie wußte, daß ihr und ihrer Mannschaft unrecht getan worden war, aber wie sagte man das einer Göttin? Cirocco sehnte sich nach einem Tau- sendstel der Tapferkeit, die sie befähigt hatte, in der Nabe zu stehen und Flüche in die leere Luft zu schreien. »Was könnte ich denn für dich tun?« Gäa lächelte. »Du könntest überrascht sein.« Cirocco blickte kurz zu Gaby, deren Augen leicht geweitet waren und die verstohlen die Finger kreuzte. »Das erste… ah… das erste betrifft die Titaniden.« Ver- dammt, das hätte Nummer Zwei werden sollen. Aber es konnte nicht schaden, das Wasser zu testen. »Ein Titanide mit Namen Meistersinger…« Sie sang seinen Namen und fuhr dann fort, »bat mich, zu… wenn ich jemals soweit kommen würde, dir gegenüberzutreten, dir die Frage zu stellen, warum sie Krieg führen müssen.« Gäa machte ein finsteres Gesicht, aber mehr vor Verwir- rung denn Ärger. »Sicher hast du das erkannt.« »Nun, ja, das habe ich. Aggression gegen Engel ist ihnen einprogrammiert. Es handelt sich um einen Instinkt, und das Umgekehrte trifft für die Engel zu.« »Das stimmt genau.« »Und da du sie entworfen hast, mußtest du einen Grund, gehabt haben…« Gäa wirkte überrascht. »Aber ja, natürlich. Ich wollte Krieg haben. Von so etwas hatte ich noch nie gehört, bis ich anfing, euer Fernsehpro- gramm zu empfangen. Ihr scheint das sehr zu mögen, wenn ihr alle paar Jahre einen veranstaltet, daß ich dachte, ich sollte in der Sache auch einen Versuch wagen.« Cirocco wußte für lange Zeit nicht, was sie sagen sollte. Sie stellte fest, daß ihr Mund offenstand. »Du meinst es ernst, nicht wahr?« »Vollkommen.« »Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.« Gäa seufzte. »Ich wünschte, du hättest keine Angst vor mir. Ich versichere dir, daß euch von mir keine Gefahr droht.« Gaby beugte sich vor. »Woher sollen wir das wissen? Du…« Sie unterbrach sich und warf Cirocco einen Blick zu. »Ich habe euer Schiff zerstört. Das ist Punkt Zwei auf der Tagesordnung, da wette ich. Viele Dinge, die damit zu tun haben, kennt ihr nicht. Wollt ihr noch Kaffee?« »Jetzt nicht, danke«, sagte Cirocco hastig. »Gäa, oder Eu- re Heiligkeit, oder wie immer ich dich auch nennen soll…« »Oh, Gäa ist ganz nett.« »… wir mögen den Krieg nicht. Ich jedenfalls nicht, und ich glaube, für alle normalen Leute gilt dasselbe. Sicher hast du auch Antikriegsfilme gesehen.« Gäa runzelte die Stirn und kaute auf einem Knöchel. »Natürlich. Aber sie waren in der Minderzahl, und selbst sie waren populär. Sie zeigen noch mehr Blutvergießen als die meisten der Pro-Kriegsfilme. Du sagst, daß ihr den Krieg nicht mögt, aber warum fasziniert er euch so?« »Die Antwort darauf kenne ich nicht. Ich weiß nur, daß ich, den Krieg hasse, und die Titaniden hassen ihn auch. Sie möchten gerne, daß er aufhört. Ich bin hergekommen, um dich darum zu bitten.« »Kein Krieg?« Sie beäugte Cirocco argwöhnisch. »Nein.« »Nicht einmal ein gelegentliches Scharmützel?« »Nicht einmal das.« Gäas Schultern sackten herab und hoben sich dann wieder mit einem großen Seufzer. »Sehr gut«, meinte sie. »Betrachte es als erledigt.« »Ich hoffe, es bereitet nicht zuviel Schwierigkeiten«, fuhr Cirocco fort. »Ich weiß nicht, wie du vorgehen willst…« »Es ist getan!« Der Raum wurde durch einen Blitz erleuch- tet, der eine Krone um Gäas Kopf bildete. Der Donnerschlag brachte Gaby und Cirocco auf die Füße. Gaby hatte das Schwert halb aus der Scheide gezogen und stand zwischen Cirocco und Gäa. Mehrere unbehagliche Sekunden gingen vorbei. »Das hatte ich nicht vor«, sagte Gäa und wedelte nervös mit den Händen. »Es war nur… na ja, gewissermaßen eine Enttäuschung.« Sie seufzte und bedeutete ihnen, sich wie- der zu setzen. »Ich hätte sagen sollen, es ist dabei, erledigt zu werden«, erklärte sie, als die Lage sich wieder beruhigt hatte. »Ich rufe alle Engel und Titaniden zurück. Die Umprogrammie- rung wird eine Weile dauern.« »Umprogrammierung?« fragte Cirocco mißtrauisch. »Niemand wird verletzt werden, meine Liebe. Der Boden wird sie verschlucken, und einige Zeit später werden sie frei von dem Zwang wieder hervorkommen. Zufrieden?« Cirocco fragte sich, worin die Alternative bestand, nickte aber., »Sehr gut. Jetzt zu der anderen Sache, deinem Schiff. Ich habe es nicht getan.« Sie hob die Hand und wartete, bis sie sicher war, daß Ci- rocco sie nicht unterbrechen würde. Dann fuhr sie fort: »Ich weiß, daß ich euch gesagt habe, ich sei die ganze Welt, ich sei Gäa. Das traf einmal vollkommen zu. Jetzt nicht mehr ganz. Bedenke, daß ich 3.001.266 Jahre alt bin.« Sie machte eine Pause und zog eine Braue hoch. »Drei Millionen…« Ciroccos Augen verengten sich. »Du hast gesagt, das wäre deine Lebensspanne.« »Richtig. Ich bin auch nach meinen Maßstäben uralt, nicht nur nach euren. Ihr habt es auf dem Rand und in der Nabe gesehen. Meine Wüsten sind trockener und meine Ödländer tiefer unter Eis als jemals zuvor, und ich kann nichts dage- gen tun. Ich bezweifle, ob ich noch weitere 100.000 Jahre lang leben werde.« Plötzlich lachte Cirocco. Gaby wirkte überrascht, und Gäa saß nur höflich da, den Kopf zur Seite geneigt, bis Cirocco es wieder unter Kontrolle bekam. »Verzeih mir«, sagte sie und schnappte immer noch nach Luft. »Aber irgendwie fällt es mir schwer, angemessenes Mitgefühl zu empfinden. Nur 100.000 Jahre!« Sie lachte wieder, und diesmal fiel Gäa in ihr Lachen ein. »Du hast recht«, meinte sie. »Es ist noch genug Zeit, um Blumen zu schicken. Ich könnte eure ganze Rasse überle- ben.« Sie räusperte sich. »Aber zurück zu dem, was ich sag- te. Ich bin am Sterben. Ich habe Tausende von Fehlfunktio- nen – noch halte ich zusammen, vergeßt das nicht, aber ich bin nicht mehr das, was ich einmal war. Denkt an einen Dinosaurier. Ein Gehirn im Kopf, ein weite- res im Rumpf. Dezentralisierte Kontrolle über einen gewalti- gen Körper. Ich funktioniere genauso. Als ich jung war, ar-, beiteten meine Hilfsgehirne noch einwandfrei mit mir zu- sammen, wie eure Finger euch gehorchen. Während der letzten halben Million Jahre hat sich das geändert. Ich habe einen Großteil der Kontrolle über meine Außenbereiche ver- loren. Es gibt zwölf verschiedene Intelligenzen auf dem Rand, und ich bin dabei, mich sogar in meinem zentralen Nervengeflecht, der Nabe, in zwei Persönlichkeiten zu spal- ten. In gewisser Weise ähnelt das der griechischen Theogonie, die ich so sehr schätzen gelernt habe. Meine Kinder neigen dazu, widerspenstig, eigensinnig und feindselig zu sein. Dort unten gibt es gute und schlechte Länder. Hyperion ist eines der guten. Sie und ich kommen gut miteinander aus. Rhea ist temperamentvoll und ziemlich verrückt, aber zu- mindest kann ich sie oft dazu beschwatzen, das Richtige zu machen. Aber Okeanos ist der Schlimmste. Er und ich sprechen nicht mehr miteinander. Was ich in Okeanos tue, das tue ich durch Irreführung, Täuschung und Verschlagenheit. Es war Okeanos, der euer Schiff einfing.« KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG Okeanos brütete 10.000 Jahre lang, während er spürte, wie Gäas Griff schwächer wurde. Es war immer noch möglich,, daß sie die keimende Unabhängigkeit auslöschen konnte, die er so sorgfältig verbarg. Sein Groll nagte an ihm. Warum mußte er im Dunkeln sitzen? Er, der mächtigste der Ozeane, ewig mit Eis bedeckt. Das Leben, das auf dem öden Boden über ihm kämpfte, war verkümmert. Viele sei- ner Kinder würden im vollen Licht des Tages sterben. Was war so gut an Hyperion, daß er so üppig und schön sein soll- te? Still und nur für wenige Meter pro Tag streckte er einen Nerv unter dem Boden aus, bis er direkt mit Rhea sprechen konnte. Er erkannte die Samen des Wahnsinns in ihr und fing an, auf der Suche nach einem Verbündeten die Augen nach Westen zu richten. Mnemosyne war nicht gut. Sie war leer, körperlich und emotionell, betrauerte das Entschwinden ihrer üppigen Wäl- der. Obwohl er nach Kräften versuchte, Groll gegen Gäa zu erzeugen, schaffte es Okeanos doch nicht, die Tiefen von Mnemosynes Depression zu durchdringen. Er grub weiter. Hinter Mnemosyne lag die Nachtregion von Kronos. Hier war Gäas Griff stark; das über dieses Gebiet herrschende Satellitengehirn war nur ein Werkzeug des Übergeistes und hatte noch keine eigenständige Persönlichkeit entwickelt. Okeanos drang weiter nach Westen vor. Ohne es zu er- kennen, legte er ein Kommunikationsnetz aus, das die sechs rebellischen Länder vereinigen würde. Seinen stärksten Verbündeten fand er in lapetus. Wenn sie nur näher beisammen gewesen wären, hätten sie Gäa viel- leicht besiegen können. Aber die Taktiken, die sie sich vor- stellten, hingen von enger physischer Kooperation ab, und so konnten er und lapetus nur gemeinsam Pläne schmieden. Er war gezwungen, auf sein Bündnis mit Rhea zurückzugrei- fen., Er machte seinen Schachzug etwa zu der Zeit, als auf der Erde die Pyramiden errichtet wurden. Ohne Warnung stopp- te er die durch seinen gewaltigen Körper und die von ihm kontrollierten Tragekabel strömenden Kühlflüssigkeiten. Am äußersten östlichen Ende des Meeres, das seine gefrorene Landschaft beherrschte, besaß er die Kontrolle über zwei Flußpumpen – mächtige Dreikammermuskeln, die die Was- ser des Ophion ins westliche Hyperion hoben. Er brachte ihr gewaltiges Schlagen zum Stillstand. Im Osten tat Rhea das- selbe mit den fünf Pumpen, die Wasser über ihre östlichen Gebirgszüge hoben, während sie die Arbeit ihrer Pumpen in der Nähe von Hyperion beschleunigte. Vom Westen abge- schnitten und vom Osten ausgesaugt, begann Hyperion zu verdorren. In wenigen Tagen hörte der Ophion auf zu fließen. »All dies erfuhr ich aus zweiter Hand, von Rhea«, berichtete Gäa. »Ich hatte gewußt, daß ich dabei war, die Kontrolle über meine peripheren Gehirne zu verlieren, aber niemand hatte irgendeinen Groll erwähnt. Ich hatte mir nicht vorge- stellt, daß so etwas existieren konnte.« Es war allmählich dunkler geworden, während Gäa von der Rebellion des Okeanos erzählte. Die meisten der lumineszie- renden Bodenplatten waren ausgegangen. Die verbliebenen gaben ein flackerndes orangefarbenes Leuchten von sich. Die Wände des Raumes zogen sich in Düsterkeit zurück. »Ich wußte, daß ich etwas tun mußte. Er war dabei, ganze Ökosysteme zu vernichten; es mochte tausend Jahre dau- ern, bevor ich sie wieder richtig in Ordnung bringen konn- te.« »Was hast du gemacht?« flüsterte Gaby. Cirocco fuhr auf Gäas ruhige Stimme hatte sie beinahe hypnotisiert. Gäa, streckte die Hand aus und ballte sie langsam zu einer Faust, die wie ein Steinbrocken aussah. »Ich drückte.«. Der gewaltige Ringmuskel war drei Millionen Jahre lang un- tätig gewesen. Er besaß nur eine Funktion unmittelbar nach der Geburt des Titanen die Nabe zusammenzuziehen und die Speichen zu bilden. Gäas Kabelnetz hing davon ab. Er war das Zentrum ihrer Verspannung, der mächtige Anker, der sie zusammenhielt. Er ruckte. Gigatonnen von Eis und Gestein sprangen in die Luft. Zehntausend Quadratkilometer der Oberfläche von Okea- nos stiegen auf wie ein Expreßlift. Das gefrorene Meer wur- de zu einem Morast, durchsetzt mit Eiswürfeln von Stadt- viertelgröße. In ganz Gäa rissen Kabelstränge wie verrottete Seile, wurden aufgetrennt, fransten aus und droschen auf das Land unter sich. Der Muskel entspannte sich. Einen betäubenden Moment lang herrschte Gewichtslosig- keit in Okeanos. Quadratkilometergroße Eisschollen schweb- ten wie Schneeflocken, wirbelten davon in dem Sturm, der aus der Nabe wehte. Als Okeanos sich aufbäumte, schwangen fünfzehn Kabel in der tödlichen Musik von Gäas Rache. Die Schallenergie allein riß zehn Meter Mutterboden aus den umgebenden Gebieten und wirbelte gegenlaufende Staubstürme ein dutzendmal durch den gesamten Torus, bevor ihre Wut nachließ. Wie eine Hand, die einen Ball quetscht, spannte und ent- spannte sich der Muskel in der Nabe in einem Zweitages- rhythmus, der Gäa vibrieren ließ wie ein gezupftes Gummi- band. Sie verfügte noch über einen weiteren Trick, wartete aber,, bis der Kataklysmus Okeanos bis auf den nackten Fels leer- gefegt hatte. Sie besaß nur sechs weitere Muskeln und beugte jetzt einen davon. Die über Okeanos aufragende Speiche zog sich zusam- men, verengte sich um die Hälfte ihres normalen Durchmes- sers. Für über eine Woche des Wassers beraubt, waren die Bäume trocken wie Zunder. Sie zerbrachen, gaben ihren hartnäckigen Halt in Gäas Fleisch auf und begannen zu fal- len. Auf dem Weg nach unten gerieten sie in Brand. Okeanos wurde zu einem Inferno. »Ich wollte den Bastard verbrennen«, sagte Gäa. »Ich hatte vor, ihn für alle Zeiten abzutöten.« Cirocco hustete und griff nach ihrem vergessenen Drink. Die Eiswürfel klimperten beunruhigend in der Stille und wachsenden Dunkelheit. »Er war zu tief, aber ich legte die Furcht vor Gott in ihn.« Sie kicherte lautlos. »Bei dem Vorgang verbrannte ich mich selbst – das Feuer beschädigte mein unteres Schleusenven- til, und von da an habe ich alle siebzehn Tage Wirbelstürme und Lärm auf ihn geblasen. Dabei handelt es sich nicht um meine Klage, sondern meine Warnung. Aber sie war es wert. Für Jahrtausende war er ein guter Junge. Begeht keinen Irr- tum, man kann eine Welt nicht mit einem Dutzend Göttern betreiben. Die Griechen wußten, wovon sie sprachen. Aber siehst du, der Haken liegt darin, daß sein Schicksal mit meinem verbunden ist. Er ist ein anderer Teil meines Geistes, also bin ich nach euren Begriffen verrückt. Das wird uns letztlich alle vernichten, die Guten Und die Bösen. Aber er legte sein bestes Betragen an den Tag, bis ihr kamt., Ich hatte geplant, ein paar Tage vor eurer Ankunft hier mit euch in Verbindung zu treten. Mein Vorhaben bestand darin, euch mit Hyperions äußeren Greifern aufzufangen. Ich versichere euch, ich hätte das vorsichtig tun können, ohne dabei auch nur Glas zu zerbrechen. Okeanos beutete meine Schwäche aus. Meine Sendeorga- ne befinden sich auf dem Rand. Ich hatte drei davon, aber eines fiel schon vor Äonen aus. Die anderen sind in Okeanos und Krios. Krios ist mein Verbündeter, aber Rhea und Tethys schafften es, seinen Sender zu zerstören. Plötzlich lag meine ganze Kommunikation in den Händen von Okea- nos. Ich beschloß, das Auflesen bleibenzulassen. Ohne Verbin- dung zu mir hättet ihr das sicher fehlgedeutet. Aber Okeanos wollte euch für sich.« Der Kampf tobte unterhalb der Oberflächen von Okeanos und Hyperion. Er wurde in den großen Leitungen ausgefoch- ten, die die als Gäas Milch bekannte Nährflüssigkeit trans- portieren. Jeder der menschlichen Gefangenen wurde mit schützen- der Gallerte umhüllt, während über ihr Schicksal entschie- den wurde. Ihr Stoffwechsel wurde verlangsamt. Medizinisch gesehen waren sie komatös, ohne Kenntnis von ihrer Um- welt. Die Kriegswaffen waren die Pumpen, die die Nährflüssig- keiten und Kühlmittel durch die Unterwelt trieben. Die Geg- ner erzeugten große Druckgefälle, so daß an einer Stelle ein Milchgeysir in Mnemosyne ausbrach und hundert Meter hoch in die Luft spritzte, um auf den Sand niederzufallen und ei- nen kurzen Frühling zu nähren. Der Kampf dauerte den größten Teil eines Jahres. Schließ-, lich erkannte Okeanos, daß er dabei war, zu verlieren. Unter dem erschütternden Druck, den Gäa von lapetus, Kronos und Mnemosyne her aufbaute, fingen die Beutestücke an, auf Hyperion zuzufließen. Okeanos änderte seine Taktik. Er langte in die Geister sei- ner Gefangenen und weckte sie auf. »Ich hatte schon die ganze Zeit gefürchtet, daß er das tun würde«, sagte Gäa, während die Beleuchtung des Raumes gänzlich zu verlöschen drohte. »Er besaß eine Verbindung zu euren Gehirnen. Für mich wurde es zwingend, diese Ver- bindung zu durchtrennen. Dazu setzte ich Taktiken ein, die ihr, wie ich glaube, nicht verstehen würdet. Bei dem Vor- gang verlor ich eine von euch. Als ich sie zurückbekam, war sie verändert worden. Er versuchte, euch alle zu vernichten, bevor ich euch erhielt – eure Geister, nicht eure Körper. Das wäre leicht genug gewesen. Er überflutete euch mit Infor- mationen. Er pflanzte die Pfeifsprache in einen von euch, den Gesang der Titaniden in zwei andere. Daß irgend je- mand von euch geistig gesund überlebt hat, ist für mich ei- ne Quelle der Verwunderung.« »Nicht alle von uns haben es geschafft«, sagte Cirocco. »Nein, und es tut mir leid. Ich werde versuchen, es ir- gendwie euch gegenüber wiedergutzumachen.« Während Cirocco sich fragte, was denn möglicherweise ge- tan werden konnte, um die Dinge in Ordnung zu bringen, sagte Gaby: »Ich erinnere mich daran, wie ich eine gewaltige Treppe hinaufstieg«, erzählte sie. »Ich kam durch goldene Tore und stand vor den Füßen Gottes. Und vor ein paar Stunden schien es, als sei ich wieder an derselben Stelle. Kannst du mir das erklären?« »Ich habe zu euch allen gesprochen«, sagte Gäa. »In dei-, nem Zustand, nach Tagen des Wahrnehmungsentzuges geistig leicht zu beeinflussen, hast du deine eigene Interpre- tation dazu erfunden.« »Ich erinnere mich überhaupt nicht daran«, meinte Ciroc- co. »Du hast es ausgelöscht. Dein Freund Bill ging noch weiter und löschte die meisten seiner Erinnerungen aus. Nachdem ich euch mit Hyperions Hilfe befragt hatte, ent- schied ich, was getan werden mußte. April war zu sehr mit Kultur und Gebräuchen der Engel durchdrungen. Der Ver- such, sie in das zurückzuverwandeln, was sie vorher gewe- sen war, hätte sie vernichtet. Ich brachte sie in die Speiche und ließ sie dort herauskommen, damit sie ihre eigene Be- stimmung finden konnte. Gene war geistig krank. Ich brachte ihn nach Rhea und hoffte, daß er von euch anderen getrennt bleiben würde. Ich hätte ihn vernichten sollen.« Cirocco seufzte. »Nein. Auch ich ließ ihn leben, als ich ihn hätte töten können.« »Du verschaffst mir Erleichterung«, sagte Gäa. »Was die anderen von euch anging, so war es zwingend, daß ihr wie- der voll zu Bewußtsein gebracht wurdet. Es war nicht einmal Zeit, euch zusammenzuführen. Ich hoffte, daß ihr euren Weg hier herauf finden würdet, und mit der Zeit tatet ihr es. Und jetzt könnt ihr heimkehren.« Cirocco blickte schnell auf. »Ja, das Rettungsschiff ist da. Es steht unter dem Kom- mando von Kapitän Wally Svensen, und…« »Wally!« Gaby und Cirocco riefen es gleichzeitig. »Ein Freund? Ihr werdet ihn bald sehen. Dein Freund Bill spricht schon seit zwei Wochen mit ihm.« Gäa schaute un- behaglich drein, und als sie wieder redete, lag ein Hauch, von Verdrießlichkeit in ihrer Stimme. »In Wirklichkeit han- delt es sich um etwas mehr als um eine Rettungsmission.« »Ich hatte es mir fast gedacht.« »Ja. Käptn Svensen ist für einen Krieg mit mir ausgerüs- tet. Er hat eine große Zahl Nuklearwaffen an Bord, und sei- ne Anwesenheit da draußen macht mich nervös. Das ist ei- nes der Dinge, um die ich dich bitten wollte. Könntest du ein gutes Wort einlegen? Ich könnte unmöglich eine Bedrohung für die Erde sein, weißt du.« Cirocco zögerte einen Moment lang und jetzt lag es an Gäa, ein unbehagliches Gesicht zu machen. »Ja, ich denke, ich kann das regeln.« »Vielen Dank. Er hat eigentlich nicht gesagt, daß er mich beschießen würde, und als er entdeckte, daß es Überleben- de von der Ringmeister gibt, wurde diese Möglichkeit noch unwahrscheinlicher. Ich habe einige seiner Scoutschiffe auf- gesammelt, und sie sind jetzt dabei, ein Basislager bei Ti- tanstadt aufzubauen. Du kannst ihm erklären, was passiert ist, da ich nicht sicher bin, ob er mir glauben wird.« Cirocco nickte und sagte lange Zeit nichts, wartete darauf, daß Gäa fortfuhr. Sie tat es aber nicht, und schließlich muß- te Cirocco etwas sagen. »Woher wissen wir, daß wir das alles glauben können?« »Ich kann euch keine Garantien geben. Ich kann euch nur bitten, die Geschichte zu glauben, wie ich sie erzählt habe.« Cirocco nickte wieder und stand auf. Sie versuchte, es bei- läufig zu tun, aber niemand hatte damit gerechnet. Gaby sah verwirrt aus, erhob sich aber ebenfalls. »Es war interessant«, sagte Cirocco. »Danke für das Ko- kain.« »Wir wollen nichts überstürzen«, sagte Gäa nach einer Pause der Verblüffung. »Sobald ich euch zum Rand zurück-, gebracht habe, kann ich nicht mehr direkt mit euch reden.« »Du kannst mir ja eine Postkarte schicken.« »Entdecke ich einen Hauch von Zorn?« »Ich weiß nicht. Tust du es?« Plötzlich war sie wütend und wußte nicht genau, warum. »Du mußt es doch wissen. Ich bin deine Gefangene, egal, wie du es nennst.« »Das ist nicht ganz richtig.« »Dafür habe ich nur dein Wort. Für eine Menge Sachen habe ich nur dein Wort. Du bringst mich in einen Raum di- rekt aus einem alten Film, zeigst dich mir als rundliche alte Frau und läßt mich in meinem einzigen Laster schwelgen. Du schwächst die Beleuchtung und erzählst mir eine lange und unwahrscheinliche Geschichte. Was soll ich denn glau- ben?« »Es tut mir leid, daß du es so empfindest.« Cirocco schüttelte müde den Kopf. »Vergiß es!« sagte sie. »Ich fühle mich etwas enttäuscht, das ist alles.« Gaby zog vielsagend eine Braue hoch, sagte aber nichts. Das irritierte Cirocco, und es half auch nichts, als Gäa eben- falls an dieser Feststellung interessiert zu sein schien. »›Enttäuscht‹? Ich kann mir nicht vorstellen, wieso. Du hast erreicht, wozu du aufgebrochen bist, und das gegen enorme Widrigkeiten. Du hast einen Krieg beendet. Und jetzt wirst du heimkehren.« »Der Krieg macht mir Sorgen«, sagte Cirocco langsam. »Inwiefern?« »Ich habe deine Geschichte nicht geschluckt. Jedenfalls nicht alles davon. Wenn du wirklich willst, daß ich für dich losflitze, dann nenn mir den wirklichen Grund, warum die Titaniden so lange gegen die Engel gekämpft haben. Wel- chem Zweck diente es? Das kann doch nicht nur eine Laune gewesen sein.«, »Der Praxis wegen«, sagte Gäa prompt. »Wie bitte?« »Der Praxis wegen. Ich habe keine Feinde und auch nichts in meinem Instinktverhalten, das mir hilft, mit einem Krieg fertigzuwerden. Ich wußte, daß ich bald Menschen begegnen würde, und alles, was ich von euch erfuhr, unterstrich die Tatsache eurer Aggressivität. Eure Nachrichten, eure Filme, eure Bücher: Krieg, Töten, Plünderung, Feindseligkeit.« »Du hast dich bereitgemacht, einen Krieg gegen uns zu führen.« »Ich habe die Techniken erforscht, für den Fall, daß ich es tun müßte.« »Was hast du gelernt?« »Daß ich dabei fürchterlich schlecht abschneide. Ich kann eure Schiffe vernichten, wenn sie dicht herankommen, aber das ist schon alles. Ihr könntet mich in einem Sekunden- bruchteil zerstören. Ich habe keinen Sinn für Strategie. Mein Sieg über Okeanos zeigte alle Feinheiten des Ringens. Ihr wart kaum hier, da revolutionierte April die Engel-Offensive, und Gene stand im Begriff, bei den Titaniden neue Waffen einzuführen. Natürlich hätte ich ihnen diese Waffen geben können. Ich habe genug Wildwestfilme gesehen, um zu wis- sen, wie Pfeil und Bogen funktionieren.« »Warum hast du es nicht getan?« »Ich hoffte, sie würden sie erfinden.« »Und warum haben sie das nicht?« »Sie sind eine neue Spezies. Ihnen fehlt der Erfindungs- reichrum. Das ist mein Fehler; ich war nie sonderlich origi- nell. Den riesigen Sandwurm in Mnemosyne habe ich aus einem Film geklaut. In Phoebe gibt es einen Riesenaffen, auf den ich sehr stolz bin, aber er ist auch nur eine Imitation aus einem Film. Die Titaniden entnahm ich eurer Mythologie, aber ihr sexueller Aufbau stammt original von mir.« Sie war sichtlich stolz, und Cirocco mußte beinahe lächeln. »Ich kann die Körper machen, siehst du, aber einer zusammen- gebastelten Rasse einen Sinn für… na ja, die schiere Wider- borstigkeit von euch Menschen… das geht über meine Fä- higkeiten.« »Also hast du dir ein wenig davon geborgt«, meinte Ciroc- co. »Verzeihung?« »Tu nicht unschuldig. Da ist eine Sache – von einiger Be- deutung für mich und Gaby und August –, die zu erwähnen du vergessen hast. Ich habe dir soweit geglaubt, mehr oder weniger, aber hier ist deine Möglichkeit, mich davon zu ü- berzeugen, daß du die Wahrheit gesagt hast. Warum wur- den wir geschwängert?« Gäa sagte für einen Zeitraum nichts, der ihnen sehr lang vorkam. Cirocco war bereit zu rennen. Schließlich war Gäa immer noch eine Göttin; es würde nicht angehen, sie zu er- zürnen. »Ich war es«, sagte Gäa. »Hast du geglaubt, wir wären einverstanden?« »Nein, ich war sicher, das wäret ihr nicht. Jetzt tut es mir leid, aber es ist nun mal geschehen.« »Und ungeschehen gemacht.« »Ich weiß.« Sie seufzte. »Die Versuchung war einfach zu groß. Es war eine Möglichkeit, einen neuen Hybriden zu ge- winnen – einen, der vielleicht das Beste von beiden Rassen verkörperte. Ich hoffte auf die Neubelebung… egal. Ich tat es und versuche nicht, mich zu entschuldigen. Ich bin nicht stolz darauf.« »Jedenfalls freue ich mich, das zu hören. So was macht man einfach nicht, Gäa. Wir sind denkende Wesen, genau, wie du, und haben verdient, mit größerer Würde behandelt zu werden.« »Jetzt verstehe ich das«, sagte Gäa zerknirscht. »Es ist eine Vorstellung, an die ich mich nur schwer gewöhnen kann.« Cirocco gab widerwillig zu, daß dem wahrscheinlich so war nach drei Millionen Jahren als Göttin. »Ich habe eine Frage«, sagte Gaby. Sie hatte lange geschwiegen, anscheinend zu- frieden damit, daß Cirocco das Gespräch führte. »War diese Reise wirklich nötig?« Cirocco, die selbst Zweifel über diesen Teil der Geschichte gehabt hatte, wartete. »Du hast recht«, gestand Gäa. »Ich hätte euch auf direk- tem Wege herholen können, ganz offensichtlich, da ich April mehr als den halben Weg transportiert hatte. Die zusätzliche Zeit der Isolation hätte ein gewisses Risiko bedeutet, aber ich hätte euch wieder in Schlaf sinken lassen können.« »Warum hast du es dann nicht getan?« verlangte Cirocco zu wissen. Gäa warf die Arme hoch. »Reden wir mal ernsthaft miteinander, ja? Zum ersten weiß ich nicht, ob ich euch das schuldig war. Zum zweiten hatte ich – und habe ich noch – ein wenig Angst vor euch. Nicht euch beiden persönlich, aber vor den Menschen. Ihr neigt dazu, unüberlegt zu sein.« »Das will ich nicht bestreiten.« »Jedenfalls habt ihr es herauf geschafft, nicht wahr? Das ist, was ich hatte sehen wollen: ob ihr es schaffen könnt. Und du solltest mir dafür danken, denn ihr hattet eine große Zeit.« »Ich kann mir nicht vorstellen, wie du so etwas denken…« »Wir sind jetzt aufrichtig, erinnerst du dich? Du bist wirk-, lich überglücklich, daß du jetzt nach Hause kommen wirst, oder?« »Na ja, natürlich bin ich…« »Alles an dir zeugt davon, daß du es nicht bist. Du hattest ein Ziel zu erreichen – hier heraufzukommen. Das ist jetzt vorbei. Die beste Zeit deines Lebens. Leugne es, wenn du kannst!« Cirocco war nahezu sprachlos. »Wie kannst du das sagen? Ich habe gesehen, wie mein Geliebter fast umgebracht wur- de – wurde selbst beinahe getötet. Gaby und ich sind ver- gewaltigt worden, und ich habe eine Abtreibung durchge- macht. April wurde in ein Monster verwandelt und August ist…« »Du hättest auch auf der Erde vergewaltigt werden kön- nen. Was das andere angeht… hattest du erwartet, es würde leicht sein? Es tut mir leid wegen der Abtreibung; so etwas werde ich nie wieder tun. Gibst du mir für das Übrige die Schuld?« »Nun, nein, ich denke, ich glaube, was du…« »Du willst mir die Schuld geben. Das würde es dir leichter machen, zu gehen. Es fällt dir schwer zuzugeben, daß selbst mit all diesen Dingen, die deinen Freunden passiert sind nichts davon dein Fehler –, du ein großartiges Abenteuer hattest.« »Das ist das am meisten…« »Käptn Jones, ich unterbreite dir die Tatsache, daß du nicht wirklich zu einem Kapitän geschaffen bist. Oh, du hast deine Sache gut gemacht, ganz einfach, wie du die meisten Dinge gut machst, die du anpackst. Aber du bist kein Kapi- tän. Du hast keinen Spaß daran, andere Leute herumzu- kommandieren. Du schätzt deine Unabhängigkeit, du magst es, zu fremden Orten zu reisen und aufregende Dinge zu, tun. In einem früheren Zeitalter wärest du ein Abenteurer geworden oder ein Glücksritter.« »Vorausgesetzt, ich wäre als Mann geboren«, berichtigte Cirocco. »Das liegt daran, daß Frauen erst in jüngster Zeit die Chance auf eigene Abenteuer haben. Der Weltraum war die einzige Grenze, die dir als Bewährung zur Verfügung stand, aber er wird in so großer Zahl erobert, eine sehr zivilisierte Angelegenheit. Er ist nicht wirklich dein Bier.« Cirocco hatte keinen Versuch unternommen, sie zu unter- brechen. Es war alles so weit hergeholt, also entschied sie, Gäa weiterschwafeln zu lassen. »Nein, wofür du gemacht bist, ist genau das, was du jetzt getan hast. Die Ersteigung des unbesteigbaren Berges. Der Kontakt mit fremden Wesen. Das Schütteln deiner Faust ge- gen das Unbekannte, das Spucken in Gottes Auge. All das hast du getan. Unterwegs wurdest du verwundet; wenn du auf diesem Weg weitergehst, wirst du noch mehr verwundet werden. Du wirst frieren und hungrig sein, bluten und vor Erschöpfung niederfallen. Also was willst du? Den Rest dei- nes Lebens hinter einem Schreibtisch verbringen? Geh nach Hause! Es wartet auf dich.« Tief unten im gekrümmten Abgrund, der Gäas Nabe war, heulte schwach der Wind. Irgendwo wurden Luftmassen in einen 300 Kilometer hohen senkrechten Schacht gesaugt, und dieser Schacht war mit Engeln bevölkert. Cirocco sah sich um und schauderte. Rechts von ihr lächelte Gaby. Was weiß sie, das ich nicht weiß? fragte sich Cirocco. »Was bietest du mir an?« »Die Chance auf ein langes Leben, mit der Möglichkeit, daß es vielleicht sehr kurz ist. Ich biete dir gute Freunde und üble Feinde an, ewigen Tag und endlose Nacht, erhe-, benden Gesang und starken Wein, Mühen, Siege, Verzweif- lung und Ruhm. Ich biete dir die Chance zu einem Leben, das du auf der Erde nicht finden wirst, die Art von Leben, die du nicht einmal im Raum zu finden erwartet hast, die du dir aber stets erhofft hast. Ich brauche einen Vertreter im Torus. Es ist lange her, daß ich einen dort hatte, denn ich verlange viel. Ich kann dir be- stimmte Kräfte geben. Du wirst deine Arbeit planen, dir dei- ne Zeit und Gefährten aussuchen, die Welt sehen. Du wirst etwas Hilfe von mir erhalten, aber wenig Einmischung. Wie fändest du es, ein Magier zu sein?« KAPITEL SECHSUNDZWANZIG Aus der Luft gesehen wirkte das Basislager der Expedition wie eine häßliche braune Blume. Eine gezackte Wunde hatte sich direkt östlich von Titanstadt im Boden geöffnet und damit begonnen, Erdenmenschen auszuspucken. Es sah so aus, als würde es nie wieder aufhören. Während Cirocco von Whistlestops Gondel aus zusah, drang ein blau- er Gallerttropfen von Pillenform aus dem Boden und fiel auf die Seite. Das Verkapselungsmaterial verwandelte sich rasch in Wasser und gab einen silbrigen Raupentransporter frei. Das Fahrzeug wühlte sich durch den Morast und bahnte sich seinen Weg zu einer Reihe von sechs ähnlichen Maschinen,, die neben einem Komplex aus aufblasbaren Kuppeln park- ten, bevor es seine fünf Passagiere ausspie. »Diese Leute haben einen vornehmen Auftritt«, stellte Ga- by fest. »Sieht so aus. Und das ist nur die Landegruppe. Wally wird sein Schiff nicht so nahe heranbringen, daß es aufge- pickt werden könnte.« »Bist du sicher, daß du dort hinunter willst?« fragte Gaby. »Ich muß. Sicher weißt du das.« Calvin ließ den Blick über alles schweifen und schnaufte. »Wenn es dir gleich ist«, sagte er, »werde ich einfach hier oben bleiben. Es könnte schlimm werden, wenn ich hinun- terginge.« »Ich kann dich schützen, Calvin.« »Das bleibt abzuwarten.« Cirocco zuckte die Achseln. »Vielleicht möchtest du auch gerne bleiben, Gaby.« »Ich gehe, wohin du gehst«, sagte diese einfach. »Sicher weißt du das. Denkst du, daß Bill noch da unten ist? Er hätte inzwischen evakuiert werden können.« »Ich denke, er hat lieber gewartet. Und nebenbei muß ich auch deswegen hinunter, um darauf einen Blick zu werfen.« Sie deutete auf einen glänzenden Haufen Metall einen Ki- lometer westlich des Lagers in einer Blume aus aufgewühl- tem Erdreich. Es lag keinerlei Ordnung darin, kein Hinweis darauf, daß es je mehr gewesen war als ein Haufen Schrott. Es war das Skelett der Ringmeister. »Dann greifen wir uns mal die Fallschirme«, sagte Cirocco. »… und sagte, sie hätte während des ganzen angeblich ag- gressiven Zwischenfalls wirklich in unserem Interesse ge- handelt. Ich kann Ihnen keinen konkreten Beweis für die, meisten dieser Behauptungen geben. Es kann keine Beweise geben, außer dem pragmatischen ihres Verhaltens über ei- nen angemessenen Zeitraum hinweg. Aber ich sehe keinen Beleg für die Tatsache, daß sie eine Bedrohung für die Menschheit sein könnte, jetzt oder in der Zukunft.« Cirocco lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und langte nach ihrem Glas Wasser, wünschte sich dabei, es handele sich um Wein. Sie hatte zwei Stunden lang geredet, nur von Gaby unterbrochen, wenn diese Einzelheiten ihres Berichtes aus- führlicher darstellte oder berichtigte. Sie befanden sich in einer runden Kuppel, die als Haupt- quartier für die Landegruppe diente. Der Raum war groß genug für die sieben versammelten Offiziere, für Cirocco, Gaby und Bill. Die beiden Frauen waren nach ihrer Landung sofort hierher gebracht, jedermann vorgestellt und gebeten worden, mit dem Bericht zu beginnen. Cirocco fühlte sich fehl am Platz. Die Besatzung der Unity und Bill waren mit fleckenlosen, faltenfreien Uniformen in Rot und Gold bekleidet. Sie rochen nach Sauberkeit. Und sie sahen für Ciroccos Geschmack entschieden zu mi- litärisch aus. Die Ringmeister-Expedition hatte das vermie- den, sogar die militärischen Titel eliminiert, ausgenommen den Kapitän. Zur Zeit des Startes der Ringmeister hatte sich die NASA darum bemüht, ihre militärische Herkunft auszulö- schen. Sie hatte für den Flug um die Schirmherrschaft der UNO ersucht, obwohl die Vorstellung, bei der Expedition handele es sich um etwas anderes als etwas rein Amerikani- sches, eine durchsichtige Fiktion war. Immerhin, das war etwas gewesen. Die Unity zeigte schon durch ihren Namen an, daß die Na- tionen der Erde enger zusammenarbeiteten. Ihre multinati- onale Besatzung erwies, daß das Ringmeister-Experiment, die Nationen zu einem gemeinsamen Vorhaben vereinigt hatte. Aber die Uniformen unterrichteten Cirocco davon, worin dieses Vorhaben bestand. »Dann rätst du dazu, unsere friedliche Politik weiterzufüh- ren«, sagte Kapitän Svensen. Er sprach über einen Fernse- her, der auf einem Klapptisch in der Mitte des Raumes stand. Abgesehen von den Stühlen war dieser Tisch das ein- zige Möbelstück. »Das meiste, was du verlieren kannst, ist deine For- schungsgruppe. Sieh es ein, Wally! Gäa weiß, daß es ein kriegerischer Akt wäre und daß das nächste Schiff nicht einmal bemannt sein wird, sondern eine einzige große H- Bombe.« Das Gesicht auf dem Bildschirm verfinsterte sich, dann nickte Svensen. »Entschuldige mich für einen Moment«, sagte er. »Ich möchte das mit meinem Stab besprechen.« Er wandte sich ab, hielt jedoch inne und drehte sich dann ihnen wieder zu. »Wie steht’s mit dir, Rocky? Du hast nicht gesagt, ob du ihr glaubst. Sagt sie die Wahrheit?« Cirocco zögerte nicht. »Ja, das tut sie. Darauf kannst du dich verlassen.« Leutnant Strelkov, der Bodenbefehlshaber, wartete, bis er sicher war, daß der Kapitän nichts mehr zu sagen hatte, und stand dann auf. Er war ein stattlicher junger Mann mit ei- nem etwas fliehenden Kinn, und er war – obwohl Cirocco es kaum zu glauben vermochte – Soldat in der sowjetischen Armee. Er wirkte fast noch wie ein Kind. »Kann ich Ihnen etwas besorgen?« fragte er in exzellentem Englisch. »Viel- leicht sind Sie hungrig nach Ihrer Reise hierher zurück.« »Wir haben kurz vor dem Absprung gegessen«, sagte Ci-, rocco auf Russisch. »Aber wenn Sie Kaffee hätten…« »Eigentlich hast du deine Geschichte nicht richtig zu Ende erzählt«, sagte Bill gerade. »Bleibt noch die Frage, wie ihr nach eurem Gespräch mit Gott wieder herunter gekommen seid.« »Wir sind gesprungen«, sagte Cirocco und nippte an ihrem Kaffee. »Ihr…« Sie und Bill und Gaby saßen in einer »Ecke« des runden Zimmers und hatten ihre Stühle zusammengerückt, wäh- rend die Offiziere von der Unity sich rings um den Fernseher herum angeregt unterhielten. Bill sah gut aus. Er ging mit einer Krücke, und seine Beine schmerzten offensichtlich, wenn er auf ihnen stand, aber er war in gehobener Stim- mung. Der Arzt von der Unity hatte gesagt, daß er ihn ope- rieren wollte, sobald er an Bord war, und daß er der Mei- nung war, er würde hinterher wieder fast so beweglich sein wie früher. »Warum nicht?« fragte Cirocco mit einem leichten Lä- cheln. »Wir haben die Schirme als Sicherheitsmaßnahme den ganzen Weg mitgenommen – warum sie dann nicht be- nutzen?« Bills Mund stand immer noch offen. Sie lachte mit- fühlend und legte ihm die Hand auf die Schulter. »In Ord- nung, wir haben lange überlegt, bevor wir gesprungen sind. Aber es war wirklich nicht gefährlich. Gäa hielt die Schleu- sen und Ventile an beiden Enden für uns auf und rief Whist- lestop. Die ersten 400 Kilometer legten wir frei fallend zu- rück, dann landeten wir auf seinem Rücken.« Sie hielt ihren Becher hoch, während ein Offizier Kaffee nachgoß, und wandte sich dann wieder Bill zu. »Ich habe genug geredet. Wie steht es mit dir? Wie ist es, gelaufen?« »Nicht so interessant, fürchte ich. Ich habe meine Zeit un- ter Calvins Behandlung verbracht und ein kleines bißchen Titanide aufgesammelt.« »Wie alt war sie?« »Wie… die Sprache, du Idiotin«, sagte er lachend. »Ich habe gelernt, gu-gu und wa-wa zu singen und Bill hungrig. Es war eine riesige Zeit. Dann beschloß ich, mich vom Hin- tern zu erheben und etwas zu tun, da du mich nicht mit- nehmen wolltest. Ich fing an, den Titaniden von etwas zu erzählen, worüber ich etwas wußte, nämlich die Elektronik. Ich habe einiges gelernt über Kupferreben und Batterie- würmer und IC-Nüsse, und über kurz oder lang besaß ich einen Sender und einen Empfänger.« Er grinste über den verblüfften Ausdruck auf Ciroccos Ge- sicht. »Dann war es nicht…« Er zuckte die Achseln. »Kommt darauf an, wie man es sieht. Du hast immer nur an ein Radio gedacht, mit dem man die Erde erreichen könnte. Das kann ich nicht bauen. Das, was ich habe, ist nicht sehr stark – ich kann nur mit der Unity sprechen, wenn sie sich über uns befindet und das Signal nur durch das Dach zu dringen braucht. Aber selbst, wenn ich es vor deinem Weggang hätte bauen können, wärst du wahrscheinlich doch gegangen, nicht wahr? Die Unity war noch nicht hier, also wäre das Radio nutzlos ge- wesen.« »Ich denke, ich wäre gegangen. Ich hatte andere Dinge zu tun.« »Habe ich gehört.« Er grinste. »Das brachte mir die schlimmsten Augenblicke dieser Reise«, gestand er. »Ich hatte angefangen, die Titaniden zu mögen, und dann beka-, men sie alle aus dem Nichts heraus diesen verträumten Blick und rannten ins Grasland hinaus. Ich dachte, es wäre wieder ein Engel-Angriff im Gange, aber keiner von ihnen kam zurück. Alles, was ich je fand, war ein großes Loch im Boden.« »Ich habe beim Anflug ein paar gesehen«, sagte Gaby. »Sie sind zurückgebracht worden«, sagte Bill. »Sie erin- nern sich aber nicht an uns.« Ciroccos Bewußtsein war ab- geschweift. Um die Titaniden machte sie sich keine Sorgen. Sie wußte, daß sie in Ordnung sein und jetzt nicht mehr un- ter Kämpfen zu leiden haben würden. Aber es war traurig zu wissen, daß Hornpipe sich nicht mehr an sie erinnern würde. Sie hatte die Leute von der Unity beobachtet und sich ge- fragt, warum keiner von ihnen sich zu dem Gespräch dazu- gesellte. Sie wußte, daß sie nicht gut roch, glaubte aber nicht, daß das der Grund war. Mit einiger Überraschung er- kannte sie, daß sie Angst vor ihr hatten. Der Gedanke machte sie lächeln. Ihr wurde bewußt, daß Bill etwas zu ihr gesagt hatte. »Tut mir leid – was meintest du?« »Gaby sagt, du hättest noch nicht die ganze Geschichte erzählt. Sie sagt, da wäre noch etwas mehr, und ich sollte es hören.« »Oh, das«, meinte Cirocco und funkelte Gaby an. Aber es mußte ja sowieso heraus. »Gäa, uh… sie hat mir einen Job angeboten, Bill.« »Einen ›Job‹?« Er zog die Brauen hoch und lächelte zag- haft. »Den eines ›Magiers‹, wie sie es nannte. Sie neigt zur Romantik. Du würdest sie wahrscheinlich mögen; Science Fiction gefällt ihr auch.« »Aber was bringt dieser Job mit sich?«, Cirocco breitete die Hände aus. »Allgemeine Störungsbe- hebung, Natur unbestimmt. Wann immer sie ein Problem hat, gehe ich hin und schaue nach, was ich tun kann. Es gibt – buchstäblich – einige widerspenstige Regionen hier unten. Sie könnte mir beschränkte Immunität versprechen, eine Art von bedingtem Paß, der auf der Tatsache beruht, daß die regionalen Gehirne sich daran erinnern, was sie mit Okea- nos gemacht hat, und es darum nicht wagen würden, mich zu schädigen, wenn ich sie durchreise.« »Das ist alles? Hört sich wie ein ziemlich riskanter Vor- schlag an.« »Ist er auch. Sie hat angeboten, mich auszubilden, mei- nen Kopf mit einer enormen Wissensmenge zu füllen, ge- nauso, wie sie mir beigebracht hat, Titanidisch zu singen. Ich würde ihre Unterstützung und Rückendeckung haben. Nichts Magisches, aber ich würde den Boden bewegen kön- nen, sich zu öffnen und meine Feinde zu verschlucken.« »Das kann ich glauben.« »Ich habe den Job angenommen, Bill.« »Das dachte ich mir.« Er senkte den Blick auf seine Hände und wirkte sehr mü- de, als er ihn wieder hob. »Du bist wirklich etwas Besonderes, weißt du?« Er sagte es mit einer Spur von Bitterkeit, nahm die Nachricht aber besser auf, als Cirocco erwartet hatte. »Es hört sich wie die Art Job an, die dir zusagt. Die linke Hand Gottes.« Er schüt- telte den Kopf. »Verdammt, dies ist wirklich ein höllischer Ort. Es könnte sein, daß du ihn nicht magst, weißt du. Ich hatte gerade begonnen, es zu tun, als die ganzen Titaniden verschwanden. Das hat mich erschüttert, Rocky. Es sah wirklich so aus, als hätte jemand einfach sein Spielzeug weggeräumt, weil er des Spielens müde war. Woher willst, du wissen, daß du nicht auch eines ihrer Spielzeuge sein wirst? Du bist immer dein eigener Boß gewesen; denkst du, du wirst es weiterhin sein?« »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich konnte einfach nicht der Tatsache ins Gesicht sehen, daß ich zur Erde zurückkeh- re, zu einem Schreibtischjob und Vorlesungsreisen. Du hast ausgediente Astronauten gesehen. Ich könnte auf einem Posten im Direktorium einer großen Gesellschaft landen.« Sie lachte, und Bill lächelte dünn. »Das ist genau, was ich tun werde«, sagte er. »Aber ich hoffe auf die Forschungsabteilung. Den Raum zu verlassen, schreckt mich nicht. Du weißt, daß ich zurückgehen werde, nicht wahr?« Cirocco nickte. »Ich wußte es, sobald ich deine hübsche neue Uniform sah.« Er gluckste, aber es lag wenig Frohsinn darin. Sie blickten einander eine Zeitlang an, dann langte Cirocco hinüber und nahm seine Hand. Er lächelte mit einem Mundwinkel, beugte sich herüber und küßte sie leicht auf die Wange. »Viel Glück«, sagte er. »Dir auch, Bill.« Auf der anderen Seite des Raumes räusperte sich Strel- kov. »Kapitän Jones, Kapitän Svensen würde jetzt gerne mit Ihnen sprechen.« »Ja, Wally?« »Rocky, wir haben deinen Bericht zur Erde weiterge- schickt. Er wird einige Analysen erfordern, also wird es für einige Tage keine endgültige Entscheidung geben. Aber wir haben hier unsere Empfehlungen deinen hinzugefügt, und ich denke nicht, daß es Probleme geben wird. Ich erwarte eine Erhebung des Basislagers zu einer Kulturmission und, UN-Botschaft. Ich würde dir den Job des Botschafters anbie- ten, aber wir haben schon jemanden mitgebracht für den Fall, daß unsere Verhandlungen von Erfolg gekrönt sein würden. Außerdem rechne ich damit, daß du scharf darauf sein wirst, zurückzukehren.« Gaby und Cirocco lachten, und kurz darauf fiel auch Bill ein. »Tut mir leid, Wally. Ich bin nicht scharf darauf, heimzu- kommen. Ich werde nicht zurückgehen. Und ich könnte den Job nicht annehmen, auch wenn du ihn mir anbieten wür- dest.« »Warum nicht?« »Interessenkonflikte.« Sie hatte gewußt, daß es nicht so einfach sein würde, und das war es auch nicht. Sie trat formell von ihrem Auftrag zurück, erklärte Kapitän Svensen ihre Gründe und hörte dann geduldig zu, wie er ihr erklärte – in zunehmend entschiedenen Begriffen –, warum sie einfach zurückzukehren hätte, und um das Maß voll zu machen, warum auch Calvin zurückkommen müßte. »Der Arzt sagt, daß man ihn behandeln kann. Bills Ge- dächtnis kann wiederhergestellt werden, und wahrscheinlich ist auch Gabys Phobie heilbar.« »Ich bin sicher, daß man Calvin heilen kann, aber er ist dort glücklich, wo er sich jetzt befindet. Gaby ist bereits ge- heilt. Aber was planst du für April?« »Ich hatte gehofft, du könntest dabei helfen, sie zur Rück- kehr zu uns zu bewegen, bevor du an Bord kommst. Ich bin sicher…« »Du weißt nicht, wovon du redest. Ich gehe nicht zurück, und damit ist alles gesagt. Es war schön, mit dir zu reden.«, Sie drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Raum. Niemand versuchte sie aufzuhalten. Sie und Gaby erledigten ihre Vorbereitungen auf einem Feld in geringer Entfernung vom Basislager und warteten dann nebeneinander stehend ab. Es dauerte länger, als sie erwar- tet hatte, und sie begann nervös zu werden und flüchtige Blicke auf Calvins arg mitgenommene Uhr zu werfen. Strelkov kam zur Tür herausgestürzt und brüllte einer Gruppe von Männern, die mit der Errichtung eines Schup- pens für die Raupenfahrzeuge beschäftigt waren, Befehle zu. Plötzlich hielt er überrumpelt inne, als er feststellte, daß Cirocco nicht weit entfernt war und auf ihn wartete. Er wink- te den Männern, stehenzubleiben und ging auf die beiden Frauen zu. »Es tut mir leid, Käptn, aber Commander Svensen sagt, daß ich Sie unter Arrest stellen muß.« Er schien die Ent- schuldigung aufrichtig zu meinen, hielt aber die Hand dicht an seiner Schußwaffe. »Würden Sie bitte mitkommen?« »Schauen Sie dorthin, Sergei.« Sie deutete über seine Schulter. Er wollte sich zunächst umdrehen, zog dann aber in plötz- lichem Argwohn seine Waffe. Er wich zurück und zur Seite, bis er einen Blick nach Westen riskieren konnte. »Gäa, höre mich!« rief Cirocco. Strelkov beäugte sie ner- vös. Sie achtete sorgfältig darauf, keine drohende Geste zu machen, hob jedoch die Arme in Richtung auf Rhea, zum Ort der Stürme und zum Kabel, das sie mit Gaby erstiegen hatte. Hinter ihnen ertönten Rufe. Eine Schwingung bewegte sich am Kabel abwärts, fast unmerklich, wie die Welle, die durch einen Gartenschlauch geht, wenn man ihm einen raschen, Schlag aus dem Handgelenk gibt. Die Auswirkung auf das Kabel war explosiv. Eine Staubwolke breitete sich ringsher- um aus, und in ihr waren mit der Wurzel ausgerissene Bäu- me. Die Schwingung traf den Boden, und der Ort der Stürme bauchte sich aus, zersprang und spie Felsbrocken hoch in die Luft. »Haltet euch die Ohren zu!« schrie Cirocco. Das Krachen schlug urplötzlich zu und warf Gaby zu Bo- den. Cirocco taumelte, hielt aber die Stellung, als aller Don- ner der Götter sie umrollte und die Fetzen ihrer Kleider hin- ter ihr flatterten, als die Schockwelle ankam und die Stürme zu wehen begannen. »Schaut!« rief sie wieder, streckte die Hände aus und hob sie langsam zum Himmel. Niemand konnte sie hören, aber dafür sahen sie hundert Wasserfontänen aus dem trockenen Boden brechen und Hyperion in einen nebelverschleierten Springbrunnen verwandeln. Blitze prasselten durch den dichter werdenden Nebel, aber ihre Geräusche wurden ver- schluckt von dem mächtigen Brüllen, das immer noch von den entfernten Wänden widerhallte. Es dauerte eine geraume Weile, bis alles wieder erstarb, und in dieser ganzen Zeit regte sich niemand. Als es wieder still geworden war, lange nachdem sich die letzte Fontäne in ein Tröpfeln verwandelt hatte, saß Strelkov noch dort, wo er niedergesunken war, betrachtete das Kabel und den sinken- den Staub. Cirocco ging zu ihm und half ihm auf die Beine. »Sagen Sie Wally, er soll mich in Ruhe lassen«, erklärte sie und ließ ihn stehen. »Das ging ja wie geschmiert«, meinte Gaby später. »Wirk-, lich famos.« »Alles mit Spiegeln gemacht, meine Liebe.« »Was hattest du für ein Gefühl?« »Ich habe mir fast in die Hosen gemacht. Weißt du, man könnte sich daran gewöhnen, darauf abzufahren. Es war furchtbar aufregend.« »Ich hoffe, daß du es nicht sehr oft machen mußt.« Im stillen pflichtete Cirocco ihr bei. Es war knapp gewe- sen. Die Demonstration, furchteinflößend, weil sie auf ihr Kommando erfolgt war, hätte einfach bloß ein unerklärliches Phänomen abgegeben, wäre sie passiert, bevor Strelkov aus der Kuppel gekommen war, um sie zu bedrohen. In Wirklichkeit konnte sie die Vorführung für fünf oder sechs Stunden nicht wiederholen, selbst wenn sie in diesem Moment um eine weitere bat. Sie konnte mit Gäa schnell genug in Kontakt treten. In ih- rer Tasche trug sie einen Hauptradiosamen. Aber Gäa konn- te nicht schnell reagieren. Etwas so Furchteinflößendes zu tun wie eben, erforderte von ihr Stunden an Vorbereitung. Cirocco hatte die Botschaft, in der sie um das Kunststück ersuchte, schon von Whistlestop aus geschickt, nachdem sie über die zu erwartende Folge der Ereignisse nachgedacht hatte. Von da an war es ein nervöser Tanz mit der Uhr ge- wesen, das In-die-Länge-ziehen ihrer Geschichte hier, das Knausern mit der Antwort auf eine Frage dort, stets mit dem Wissen über die Kräfte, die sich in der Nabe und unter ihren Füßen ansammelten. Ihr Vorteil war die Zurückhaltung mit der zeitlichen Einteilung ihres Rücktritts gewesen, aber der Nachteil hatte im Einschätzen der Zeit gelegen, die Wally brauchte, um ihre Festnahme zu befehlen. Sie konnte bereits sehen, daß die Zauberei nicht ganz so leicht sein würde., Andererseits würde nicht ihre ganze Arbeit so übertrieben verlaufen, wie das Herabrufen eines Angriffes aus dem Himmel. Ihre Taschen waren vollgestopft mit den Sachen, die sie als Reservemaßnahmen mitgebracht hatte für den Fall, daß Blut und Donner es nicht schafften, die Landegruppe einzu- schüchtern, Sachen, die sie beim Durchstöbern Hyperions gefunden hatte, bevor sie wieder an Bord Whistlestops ge- gangen und zum Basislager geflogen war. Dazu gehörten eine achtbeinige Eidechse, die ein Beruhigungsmittel ver- spritzen konnte, wenn sie gedrückt wurde, und eine merk- würdige Sammlung von Beeren, die – eingenommen – den- selben Effekt hatten. Sie besaß Blätter und Rinde, die sie in Blitzpulver verwandeln konnte, und als letztes Hilfsmittel eine Nuß, die eine annehmbare Handgranate abgab. Sie trug ganze Bibliotheken mit Lehren über das Leben in der Wildnis im Kopf; hätte es gäanische Pfadfinderinnen ge- geben, dann würden ihr alle Verdienstmedaillen zustehen. Sie konnte den Titaniden vorsingen, den Blimps zupfeifen, konnte krächzen, zwitschern, zirpen, poltern und stöhnen – und das in einem Dutzend Sprachen, die zu benutzen sie noch keine Gelegenheit gefunden hatte, zu Lebewesen, de- nen sie noch nicht begegnet war. Sie und Gaby hatten sich Sorgen gemacht, ob all die In- formationen, die Gäa ihnen zu vermitteln vorgeschlagen hatte, überhaupt in menschliche Gehirne passen würden. Komischerweise gab es dabei überhaupt kein Problem. Sie waren sich nicht einmal irgendwelcher Veränderungen be- wußt; wenn sie etwas wissen mußten, dann wußten sie es, ganz so, als hätten sie es in der Schule gelernt. »Zeit, um in die Hügel aufzubrechen?« schlug Gaby vor. »Noch nicht. Ich glaube nicht, daß wir mit Wally weitere, Schwierigkeiten haben werden. Sie werden einsehen, daß wir für sie wertvoller sind, wenn sie gute Beziehungen mit uns unterhalten. Aber da ist noch eine Sache, die ich mir anschauen möch- te, bevor wir gehen.« Sie war auf einen emotionellen Augenblick vorbereitet ge- wesen. Es wurde auch einer, aber nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatte. Der Abschied von Bill war ihr schwerer ge- fallen. Das Wrack der Ringmeister war ein trauriger, stiller Ort. Sie gingen hindurch, ohne zu sprechen, erkannten da und dort Teile, konnten aber meist nicht identifizieren, was ein verdrehtes Metallstück einst gewesen war. Der silberne Haufen glänzte dumpf im schönen Nachmittag von Hyperion, teilweise im staubigen Boden eingebettet wie ein robotischer King Kong nach seinem Sturz. Gräser hatten sich bereits einen Halt im aufgewühlten Erdreich verschafft. Ranken krochen über zerbrochene Bauteile. Eine einzelne gelbe Blume blühte im Zentrum dessen, was einmal Ciroc- cos Kommandokonsole gewesen war. Cirocco hatte gehofft, ein Erinnerungsstück an ihr früheres Leben zu finden, aber sie war nie habgierig gewesen und hatte nur wenige persönliche Dinge mitgebracht gehabt. Die wenigen Fotos waren sicher gefressen worden, zusammen mit dem Logbuch und dem Umschlag mit den Zeitungsaus- schnitten. Es wäre schön gewesen, auf ihren Klassenring zu stoßen – sie konnte ihn auf dem Bord neben ihrem Wand- brett sehen, wo sie ihn zuletzt hingelegt hatte –, aber sie fand ihn nirgends. Sie sahen ein Besatzungsmitglied der Unity in einiger Ent- fernung. Er kletterte über die Trümmer, hob seine Kamera, und fotografierte. Cirocco dachte, es sei der Schiffsfotograf, erkannte dann aber, daß einer der Männer es auf eigene Faust tat, wahrscheinlich mit der eigenen Kamera. Sie sah, wie er einen Gegenstand auflas und in die Tasche steckte. »Komm in fünfzig Jahren hierher zurück«, bemerkte Gaby, »und sie werden wahrscheinlich alles weggekarrt haben.« Nachdenklich blickte sie sich um. »Das hier sieht wie eine gute Stelle für einen Andenkenstand aus. Verkaufe Filme, Souvenirs und Heiße Würstchen, und es würde sicher ein gutes Geschäft.« »Du glaubst doch nicht, daß es dazu kommt, oder?« »Das liegt an Gäa, schätze ich. Sie hat gesagt, daß sie Leute zu Besuch kommen lassen wird. Das bedeutet Tou- rismus.« »Aber die Kosten…« Gaby lachte. »Du denkst immer noch an die Tage der Ringmeister, Käptn. Damals konnte man nur uns sieben hier heraus befördern. Bill sagt, daß die Unity eine Besatzung von 200 hat. Wie hätte es dir gefallen, vor dreißig Jahren die Filmkonzession auf O’Neil Eins zu bekommen?« »Ich wäre inzwischen steinreich«, gestand Cirocco. »Wenn es eine Möglichkeit gibt, hier reich zu werden, dann wird es jemand tun. Also, warum machst du mich nicht zum Minister für Tourismus und Konservierung? Ich bin mir nicht sicher, wie mir die Rolle des Zauberlehrlings gefiele.« Cirocco grinste. »Hiermit bist du es. Versuche Bestechung und Vetternwirtschaft auf dem Minimum zu halten, ja?« Gaby beschrieb mit dem Arm einen Kreis und mit den Au- gen einen weitschweifenden Blick. »Jetzt kann ich es sehen. Wir werden den Stand dort drü- ben errichten – natürlich ein klassisches griechisches Motiv –, und Gäaburger und Milchshakes verkaufen. Die Reklame-, tafeln werde ich auf fünfzig Meter bis zum oberen Rand be- schränken, und ich werde den Gebrauch von Neon in Gren- zen halten. ›Begegnen Sie den Engeln! Riechen Sie den A- tem Gottes! Schießen Sie über die Stromschnellen des Ophion hinweg! Hier zu den Zentaurenritten, für nur eine dünne Zehn-Dollar-Note! Vergessen Sie nicht…‹« Sie kreischte und tanzte zur Seite, als sich der Boden be- wegte. »Ich habe wirklich nur Spaß gemacht, verdammt!« schrie sie zum Himmel hinauf und blickte dann argwöhnisch Ciroc- co an, die lachte. Ein Arm kam aus der Stelle hervor, wo Gaby gestanden hatte. Lose Erde verschob sich und legte ein Gesicht und einen Wust bunten Haares frei. Sie knieten nieder und schaufelten Sand von der Titanide weg, während diese hustete und spie, bis sie es geschafft hatte, ihren Rumpf und die Vorderbeine zu befreien. Sie machte eine Pause, um Kraft zu sammeln, und betrachtete neugierig die beiden Frauen. »Hallo«, sang Hornpipe. »Wer seid ihr denn?« Gaby rappelte sich auf und streckte die Hand aus. »Du erinnerst dich wirklich nicht an uns, oder?« sang sie. »Ich erinnere mich an etwas. Es scheint, als würde ich dich kennen. Hast du mir nicht vor langer Zeit etwas Wein gegeben?« »Das habe ich«, sang Gaby. »Und du hast die Gunst erwi- dert.« »Komm da raus, Hornpipe«, sang Cirocco. »Du könntest ein Bad vertragen.« »Ich erinnere mich auch an dich. Aber wie schafft ihr es, auf zwei Beinen im Gleichgewicht zu bleiben, ohne daß ihr umfallt?«, Cirocco lachte. »Ich wünschte, ich wüßte es, Kind.«, JOHN VARLEY

DER SATELLIT

Science Fiction-Roman, Titel der amerikanischen Originalausgabe

TITAN

Deutsche Übersetzung von Thomas Schichtel Das Umschlagbild schuf Michael Pfeiffer Die Karten auf S. 6/7 und S. 10 zeichnete Erhard Ringer Die Illustrationen im Text sind von John Stewart Ebook von Minichi Nightingale,

GÄA

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