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Rudolf Wolter OSTERLACHEN Kindergeschichten für die Osterzeit eBOOK-Bibliothek Rudolf Wolter OSTERLACHEN Kindergeschichten für die Osterzeit (2005) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Bitte beachten Sie: Der Text dieses Erzählbandes unterliegt dem Urheberrecht. Eine kommerzielle oder auch nicht-kom- merzielle, eine weitere oder anderweitige Nutzung des Textes ohne Genehmigung des Autors ist nicht gestattet. Wenden Sie sich bitte bei Fragen an E-Mail ist versteckt. Ihre Anfragen werden an den Autor weitergeleitet. 1. Ausgabe, April 2006 © Rudolf Wolter 2005 - 2006 für de...
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Rudolf Wolter

OSTERLACHEN

Kindergeschichten für die Osterzeit eBOOK-Bibliothek,

Rudolf Wolter OSTERLACHEN

Kindergeschichten für die Osterzeit (2005) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet, Bitte beachten Sie: Der Text dieses Erzählbandes unterliegt dem Urheberrecht. Eine kommerzielle oder auch nicht-kom- merzielle, eine weitere oder anderweitige Nutzung des Textes ohne Genehmigung des Autors ist nicht gestattet. Wenden Sie sich bitte bei Fragen an E-Mail ist versteckt. Ihre Anfragen werden an den Autor weitergeleitet. 1. Ausgabe, April 2006 © Rudolf Wolter 2005 - 2006 für den Text © eBOOK-Bibliothek 2006 für diese Ausgabe, Inhalt Vorwort Ostern ist ein komisches Fest Auch morgen ist noch alles wahr Das Osterlachen Ein Abend vor Ostern … Eine Geschichte gegen die Angst Eine Ostergeschichte Erwachsene sind komisch Lille Ann will endlich wissen, wann denn nun Ostern ist Ostern ist, wenn man Licht anmacht gegen die Angst Sie leben! Typisch Männer Vier Kinder finden heraus, warum wir Ostern feiern Vier Mädchen reden über Ostern, Vorwort Wie sag ich’s meinem Kinde? Weihnachten können wir den Kindern erzählen. Die Geschichte von der Familie im Stall und der Geburt eines Kindes ist archetypisch und für Kinder verständlich. Vom Stern und den drei Königen bei der armen Familie — ist das nicht immer wunderbar? Aber was machen wir mit Ostern, dem eigentlich christ- lichsten Fest? Wie sollen wir Kindern von Auferstehung reden? Der Osterhase, ein bißchen Frühling und Frucht- barkeit — aber was hat das mit Ostern zu tun! Schauen wir vor Ostern in die Bücherläden, wir grausen uns. Mit dieser kleinen Sammlung legt der Verfasser ein verständli- ches und dennoch ehrliches Osterbuch für Kinder vor. Er übersetzt die gute Nachricht von Ostern in kindgemäße Begriffe. In seinen Kindergeschichten fehlt auch das nicht, was Erwachsene zu Ostern sagen könnten., Ostern ist ein komisches Fest Zu Weihnachten gehört der Weihnachtsmann. Klar. Zu Weihnachten gehört der Stall und die Krippe. Klar. In der Krippe liegt das Jesuskind. Klar. Aber Weihnachten war schon. Weihnachten ist vorbei. Tina weiß das alles. Mama sagt, nun kommt Ostern. Tina weiß nicht, was Ostern ist. Mama sagt, zu Ostern kommt der Osterhase. Tina mag Hasen. Hasen haben ein weiches Kuschelfell. Der Osterhase hat kein weiches Fell. Der Osterhase ist außen aus buntem Silberpapier und innen aus Schokolade. Mama sagt, der Osterhase bringt die Ostereier. Tina mag Ostereier. Ostereier sind außen aus buntem Silberpapier und innen aus Schokolade. Tina kennt keinen Hasen, der Eier legt. Papa sagt, Hasen bekommen kleine Hasen und Vögel legen Eier. Tina denkt, Ostern ist ein komisches Fest. Kein Weihnachtsbaum, sondern ein Osterstrauch., Keine bunten Kugeln, sondern bunte Eier. Ein Hase, der Eier legt. Tina denkt, Ostern ist ein komisches Fest. Tina denkt, Schokolade schmeckt gut, aber Ostern ist ein komisches Fest. Tina fragt Papa: Warum feiern wir Ostern? Papa sagt nichts. Tina fragt Papa: Warum feiern wir Ostern? Papa sagt: Ich muß erst mal nachdenken. Tina fragt Papa: Warum, ist das so schwer? Papa sagt: Nein, schwer ist das nicht, aber ich muß dir eine Geschichte erzählen. Tina ruft: Oh fein, eine Geschichte! Tina mag Geschichten. Papa erzählt: Vor langer Zeit waren zwei Männer auf Reisen. Sie sprachen kein Wort, sondern starrten nur auf den Boden vor ihren Füßen und schritten schweigend nebeneinander her. Da trafen sie an einer Wegkreuzung einen Fremden. „Darf ich euch begleiten?“ fragte der Fremde. „Zusammen reist es sich besser!“ Die beiden Männer sagten nichts. „Warum seid ihr so traurig?“ fragte der Fremde. „Die Sonne scheint, die Vögel singen, und ihr seid so traurig.“ Da er- zählte der eine von ihnen: „Wir weinen. Wir weinen um unseren Freund. Sie haben ihn in der Stadt gefangen und umgebracht. Darum weinen wir.“ Und der andere erzählte: „Weißt du, es war unser bester Freund. Wir haben immer, miteinander gelacht und gefeiert, wir haben zusammen Brot und Wein geteilt, wir haben zusammen Kranke ge- heilt und für die Armen Geld gesammelt. Wir haben ge- meinsam von einer schöneren Welt geträumt, in der nie- mand hungern muß, in der jeder jedem hilft. Und nun ist unser bester Freund tot. Was sollen wir nur machen ohne ihn?“ Der Fremde hörte sich alles an, was die beiden ihm erzählten. Lange sagte er nichts. Als sie aber müde wurden und eine Pause einlegten, da aß er Brot mit ihnen und sie teilten auch den Wein miteinander. Sie unterhielten sich. Sie lachten sogar miteinander. Da sagte der eine Wanderer zum anderen: „Du, sag mal, ist es jetzt nicht genau wie früher, als Jesus bei uns war? Wir teilen unser Essen, wir unterhalten uns, wir lachen zusammen, wir können sicher auch weitermachen; wenn wir Kranke treffen, können wir sie heilen, wenn wir Arme treffen, können wir ihnen hel- fen, wir können es schöner machen in dieser Welt.“, Auch morgen ist noch alles wahr Da saß sie, die Stine, auf ihrem Hocker vor dem Wasch- becken und sollte Zähne putzen. Aber sie putzte keine Zähne. Niemand hatte ihre Zahnbürste naß gemacht und Zahnpasta darauf gedrückt, niemand hatte den Becher mit Wasser gefüllt. Stine sah auf den blinkenden Wasserstrahl, und fast wären ihre Tränen geflossen, wie das Wasser aus der Leitung rann. Ihre Mama lief durch die Wohnung, räumte auf und schimpfte: „Nun mach doch mal zu, Stine! Stine, mach zu! Wie willst du allein in den Kindergarten kommen, wenn ich nicht mehr da bin!“ Das war’s ja ge- rade. Deshalb saß Stine ja da, starrte auf den Wasserstrahl und war so traurig. Ihre Mama mußte zur Kur. Zur Kur müssen Leute, die müde sind. Aber wie kann jemand müde sein, der durch die Wohnung läuft und aufräumt. Stine verstand das nicht. Heute mittag, nach dem Kindergarten, wird ihre Mama nicht mehr da sein. Niemand wird da sein, der ihr mor- gens Höschen und Hemd, Socken und Jeans, Pullover und Haargummis hinlegt. Niemand wird da sein, der sie schnuckelt und küßt vor dem Aufstehen. Niemand wird da sein, der ihr vorliest beim Frühstück. Wer soll sie trösten, wenn etwas weh tut? Gestern erst hat sie sich geschnit- ten, da im Daumen, und Mama hatte ein Trostpflaster mit, einem Tiger draufgeklebt. Wer wird das tun, wenn Mama zur Kur ist? Wenn sie weg ist, viele Wochen, immer weg ist? Wer kann sie kitzeln wie Mama? Wer kommt an die Süßigkeiten oben im Schrank? „Nun mach zu, Stine, mach doch mal zu, ich muß zur Kur!“ schimpfte Mama. Der Kindergarten war heute nicht schön. Dreimal mußte Stine ganz schlimm weinen. Einmal hat Phillip sie gejagt, bis sie nicht mehr laufen konnte, einmal hat Chri- stian ihr auf die Lippe gehauen, und einmal war sie nur traurig, weil ihre Mama zur Kur war, und Papa wird sie abholen, Papa, der immer sagt: Ich hab keine Zeit, ich muß zur Arbeit; Kinder, seid leise, ich will jetzt fernsehen; laßt mich doch mal in Ruhe, ich muß noch arbeiten, Kinder. Nach dem Kindergarten stand er da, der Papa, und nahm sie bei der Hand. „Ich muß gleich noch mal ins Geschäft“, sagte er, „ich muß noch ein bißchen arbeiten.“ Stine lief an seiner Hand, Papa machte ganz große Schritte … und sie stolperte und Papa zog. „Essen stell ich dir hin“, sagte Papa und zog sie mit, und sie lief hinter ihm her, und sie stolperte, und sie weinte, er zog, sie lief, und ihre Tränen tropften auf die Straße. Plötzlich blieb Papa stehen. „Was ist denn, Stine?“ fragte er. Da weinte sie ganz laut, sie weinte so laut, daß Papa, der große Papa, sie auf den Arm nahm und ganz fest an sich drückte. Er blieb stehen, mitten auf der Straße, die Leute liefen an ihnen vorbei, um sie herum, drückte sie an sich, streichelte ihren Rücken, blieb stehen wie ein Stein, im Wasser und gehörte ganz ihr. „Was ist denn, Stine?“ fragte er. Da konnte sie plötzlich alles sagen: „Mama ist zur Kur“, weinte sie. „Niemand hat mich lieb“, weinte sie, „keiner schmust mit mir. Du liest mir nicht vor. Keiner gibt mir Zeug“, weinte sie. „Du bist immer gleich böse!“ Sie konnte plötzlich alles sagen, die kleine Stine, während ihr Papa stillstand im Strom der Leute, und sie war auf seinem Arm geborgen, das nasse Gesicht an seinem Stachelhals. „Weißt du was“, sagte Papa, als Stine Luft holen mußte, „weißt du was, mein Herzchen? Du sagst mir jetzt alles, was Mama immer gemacht hat, und dann machen wir es ganz genau so, hörst du? Es hat sich nichts geändert, weil Mama zur Kur ist. Wir haben dich lieb wie immer, wir trösten dich wie immer, ja? Mama wird’s sehen, wenn sie wieder- kommt, wir haben nichts geändert, nichts vergessen.“ Und so war’s denn auch. Beim Milchreis las Papa eine Geschichte vor. Sein Geschäft, seine Arbeit hatte er ver- gessen. Am nächsten Morgen lag Stines Zeug sauber auf ihrem Hocker. Die Zahnbürste war fertig gemacht, und Stine ließ sich Zeit wie immer. Nur beim Küssen kratzte Papas Bart. Morgen will er sich vorher rasieren. Und noch etwas war passiert. Als Stine mit ihrem Papa nach dem Ostereiersuchen in der Kirche war, wo sie mit ihrem Kindergarten Lieder sangen, da hörte sie von dem armen Jesus, der tot war, und seine Freunde waren ganz traurig, weil nun niemand mehr da war zum Trösten und, Heilen, niemand mehr mit ihnen ging, da wußte Stine genau, wie die Freunde Jesu sich fühlten. Und sie wußte auch, was ihr Herz für einen Hüpfer machte, als sie merk- ten, daß das Grab leer war, und Jesus lebt. Jesu Bart war bestimmt genauso stachelig wie Papas., Das Osterlachen Känguruhs tragen ihre Jungen in einem Beutel. Maren und ihr Papa waren so etwas wie Känguruhs, sagten die Leute wenigstens. Wo immer Marens Papa war, da war auch Maren. Oft merkten die Leute das nicht gleich, aber wenn der Papa sich umdrehte, dann sahen sie Maren. Sie saß auf Papas Rücken und machte sich ganz klein. In der Kneipe, auf dem Markt, im Laden … war der Papa da, war Maren nicht weit. Sang der Papa, summte Maren mit, lachte er, ki- cherte Maren, schrieb er Postkarten, malte Maren Herzen darauf. Wenn Maren aber mit ihren Legos spielte, baute Papa mit. Wollte Maren Mutter und Kind spielen, kochte Papa den Brei, auf dem Puppenherd natürlich, wo denn sonst. Papa legte sich auf den Boden und kochte im Liegen. So war das mit Maren und ihrem Papa. Und dann war Papa weg. Maren machte die Augen auf, als die Sonne sie an der Nase kitzelte, blinzelte, rief „Papa!“, aber Papa kam nicht. Sie rief noch lauter: „Papa!“ Aber Papa kam nicht. Mama kam, und sie sagte: „Papa kommt nicht, mein Mäuschen, heute nicht, morgen nicht, nie mehr!“ Da war es dann soweit: Maren weinte, Mama weinte, beide weinten sie Bäche und Flüsse voller Tränen. Es waren stille Tage, die Maren und ihre Mama nun erlebten. Sie kuschelten sich aneinander, sie aßen stumm, ihr Müsli zum Frühstück, stumm aßen sie den Pfannku- chen zu Mittag. Maren dachte: Papas Pfannkuchen waren aber süßer, aber sie sagte es nicht. In den Nächten dieser stillen Tage schlief Maren in Mamas Bett. Manchmal wein- ten sie beide. So wurde es Ostern. Mama weckte die kleine Maren, und sie zogen sich an, machten sich fertig für einen Aus- flug. Sie sprachen nicht viel. Sie zogen sich nur an, packten ein Picknick in den Rucksack, Brot und Saft und Äpfel und gekochte Eier. Maren wußte, wohin dieser Ausflug ging. Ostereier hatten sie immer draußen gesucht, irgendwo im Wald, als sie noch einen Papa hatte. So zogen die beiden los. Sie sprachen nicht viel. Mama parkte das Auto an dem Waldweg neben dem Hünengrab. Früher hatte Maren immer Hühnergrab dazu gesagt, aber es war nur ein ganz altes Steingrab, Tausende Jahre alt, hatte Papa erklärt, und weil die Steine so groß waren, glaubten die Menschen, hier wären Riesen begra- ben, Hünen eben. Maren erkannte alles wieder. Diesmal aber waren sie nicht allein hier. Auf der anderen Wegseite parkte noch ein Auto. Und davor stand eine Familie mit ei- nem Papa, einer Mama und zwei Kindern. Die Kinder tru- gen Henkelkörbe über dem Arm. „Wollt ihr auch Ostereier suchen?“ fragte der fremde Papa. „Ja“, sagte Maren, und „Ja“, sagte ihre Mama. Dann sprachen die Großen mitein- ander, leise sprachen sie, obwohl man doch nicht flüstern soll, wenn andere dabei sind, dachte Maren noch, aber, dann rief der andere Junge: „Seht doch mal, hier ist eine verletzte Biene!“ Da mußte Maren sich mit dem anderen Mädchen um die arme verletzte Biene kümmern, danach sahen sie den Ameisen zu, ganz großen, rötlichen Amei- sen, die Tannennadeln trugen. Es war der fremde Papa, der rief: „Kinder, der Oster- hase war hier! Wollt ihr nicht sehen, ob er etwas verloren hat?“ Genauso hatte Marens Papa immer gerufen, genauso! Maren rannte mit den anderen Kindern in das Waldstück neben dem Weg. Die anderen sammelten in ihre Körbe, Maren aber legte alle gefundenen Ostereier in ein Nest aus Moos zwischen zwei Baumwurzeln. Die anderen Kinder waren viel schneller als sie, weil sie immer hin und her laufen mußte, wenn ihre Hände zu voll waren. Sie fanden Ostereier und Osterhasen, so viele waren es noch nie. Zum Schluß, als niemand mehr etwas Buntes entdecken konnte, trafen sie sich bei Marens Osternest. Die beiden anderen Kinder sahen in ihre Körbe und auf Marens Osternest, und dann teilten sie und tauschten. Maren mochte keine Gelee- eier, und das andere Mädchen mochte kein Marzipan. Zum Picknick stiegen Maren und ihre Mama in das Familienauto zu den anderen, denn es war kalt draußen und schwarze Wolken ließen große weiße Schneeflocken fallen. „Osterflocken!“ nannte der fremde Papa sie. Maren und ihre Mama sahen sich an. Genau das hatte auch Ma- rens Papa gesagt, als es zu Ostern schneite. Osterflocken! Maren und ihre Mama sahen sich an, und dann fielen sie, sich um dem Hals und lachten, sie lachten so lange und so laut, daß die anderen ganz verwundert schauten. Sie konnten gar nicht wieder aufhören mit Lachen, sie lachten und sie küßten sich, sie küßten sich und lachten. Als die anderen ganz ratlos zu ihnen sahen, sagte Mama, immer noch kichernd: „Das ist unser Osterlachen!“ Dann erzählte sie, wie Maren ihren Papa verloren hatte, und wie sie immer wieder miteinander geweint hatten, wie sie sich vorhin noch hätten neben die Riesen ins Grab legen können, weil sie so traurig gewesen wären, und wie froh sie nun waren, weil der fremde Papa „Osterflocken“ gesagt hatte, genau wie Marens Papa. Da lachten auch die anderen. Die fremde Mama sagte: „Wißt ihr, das ist wirklich Ostern!“ „Wieso?“ fragten die anderen Kinder. „Nun“, erklärte die andere Mama, „Ostern feiern wir immer, wenn Menschen wieder zu leben anfan- gen. Maren und ihre Mama fangen nun wieder an zu leben, das ist Ostern!“ Maren wußte nicht, ob die anderen Kinder es verstan- den hatten. Sie hatte es verstanden. Nur die Leute mußten sich umgewöhnen. Von nun an ging Maren mit Mama in die Kneipe und zum Einkaufen. Mama konnte auch mit Legos bauen, Brei kochen konnte sie sowieso., Ein Abend vor Ostern … Gestern abend war’s, da wollte kein Kind schlafen gehen. Fast wie zu Weihnachten war’s, wenn alle auf das Christ- kind warten, den Lichterbaum und die Geschenke. Nur diesmal warteten die Kinder, ob sie nicht den Osterhasen zu sehen bekämen, wie er mit hohem Korb voll bunter Eier über die Wiese hoppelt. Die kleine Eva hat ihn denn auch gesehen mit seinen langen Ohren und dem weißen Popo, obwohl ihr großer Bruder Thomas sagt, das wäre ja nur ein Kaninchen gewesen. Aber Eva hat ihn gesehen. Bestimmt. Als sie es alle nicht mehr aushalten konnten, holte Papa eine Schale mit Gummibärchen und fragte: Soll ich euch vor dem Schlafengehen noch eine Geschichte erzählen, eine Ostergeschichte? Und Papa erzählte. Er erzählte von dem alten Herrn Kowalke, der damals, ‚als sie Kinder waren‘, zwei Häuser weiter wohnte, unten im Erdgeschoß. Und weil Herr Kowalke keine Beine mehr hatte, saß er immer am Fenster und sah hinaus. Im Som- mer war das Fenster offen, und wir Kinder spielten da- vor. Manchmal flog auch ein Ball durchs offene Fenster in seine Stube, und dann mußte einer von uns Jungen über das Fensterbrett hineinklettern und den Ball wiederholen. Manchmal erzählte Herr Kowalke auch Geschichten für uns Kinder, von den Heinzelmännchen: „Ach, wie war es, doch vordem mit den Heinzelmännchen so bequem“, von Max und Moritz: „Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich.“ Herr Kowalke wußte viele Geschichten, von Seeräubern und Gespenstern, von Wölfen, Tigern und Löwen, von Mooren und Sümpfen, von Schnee und Eis, von Fels und Stein. Wir Kinder lauschten gespannt, und manchmal gab’s auch etwas Süßes zum besseren Zuhören. Herr Kowalke packte auch Pakete für Menschen, die weit weg waren, in Gefängnissen und so, und wir Kinder halfen ihm packen und brachten sie zur Post. Er hatte auch ein Schiff auf dem Fensterbrett stehen, da gingen Groschen und Markstücke rein für die Menschen auf hoher See, die gerettet werden müssen. Manchmal schliefen auch Zigeuner bei Herrn Kowalke, aber unseren Eltern war das gar nicht recht. Sie glaubten, Zigeuner klauen immer, aber wir Kinder wußten das bes- ser. Denn die Zigeuner brachten uns immer etwas mit, und sie konnten uns zeigen, wie man eine Zwille baut, mit der man ganz weit treffen kann, und wie man Messersteck spielt. Herr Kowalke sammelte auch alte Kleider, Kinderklei- der. Wir Kinder wußten, was damit geschah. Denn die alte Wolljacke von Opa trug eines Sonntags die Frau Schubert zur Kirche und die Kinderhosen machten nun die Neu- männer schmutzig, von denen es so viele in unserer Straße gab. So war es mit Herrn Kowalke, und wir hatten viel, Spaß mit ihm. Eines Tages aber stand der weiße Wagen mit dem roten Kreuz vor der Tür, und dem blauen Licht. Herr Kowalke kam nicht wieder. Seine Fenster blieben verschlossen. Wir Kinder waren tieftodtraurig. Kein Spiel machte uns Spaß. Trübe hockten wir herum, meistens zu Hause, manchmal auch vor Herrn Kowalkes Fenstern, die ver- schlossen waren, denn er war ja nicht mehr da. Das ging so ein paar Tage, da brachte der älteste von uns ein Buch mit. Ich weiß noch wie es hieß: Sigismund Rüstig. Und als wir uns alle langweilten, las er uns vor aus seinem Buch, und wir staunten über die schönen Bilder darin. So war es nun öfter. Irgend jemand brachte ein Buch mit und las vor. Als Klaus auch Bonbons mitbrachte, war es so gemütlich wie mit Herrn Kowalke. Manfred brachte eines Tages auch wieder Zeug mit, das ihm zu klein gewor- den war, und wir trugen es zusammen zu den Neumän- nern, die sich sehr freuten. Wir dachten schon, sagte Frau Neumann, nun ist alles aus, wo doch der Herr Kowalke weg ist. Pakete packten wir nicht mehr. Niemand hatte sich die Adressen gemerkt. Aber wir haben den Lager- kindern zu Weihnachten ganz viel vorbeigebracht. Ich glaube, Peter hatte die Idee. Irgendwann hatten wir auch wieder das Schiff für Groschen und Markstücke. Einer der Möbelleute wollte es mitnehmen, als sie Herrn Kowalkes Wohnung leerräumten, aber ich rief: Das ist unser Schiff! Und da gab er es mir. Ich glaube, er hatte Angst, ich würde, weinen. Bald hatten wir Kinder wieder viel Spaß in unse- rer Straße … Papa schwieg. Eva aber fragte: Und was ist nun daran Ostern? In deiner Geschichte kam ja gar kein Osterhase vor! Ihr großer Bruder aber sagte nach einem Augenblick: Ich glaube, mit dem Herrn Kowalke war das wie mit Jesus. Der war doch auch weg, gekreuzigt, weißt du. Und dann haben sie einfach weitergemacht, seine Freunde. Gut, Tho- mas, sagte Papa, du hast mich verstanden. Jesus war nicht totzukriegen. Herr Kowalke auch nicht. Er lebt noch im- mer, wenn jetzt ich Geschichten erzähle wie er. Und wenn wir Pakete schicken! schrie die kleine Eva. Papa nickte. Dann klatschte er in die Hände und rief: Jetzt mal husch, husch ins Körbchen, ihr beiden, damit der Osterhase kommen kann! Morgen früh suchen wir, was er versteckt hat, und dann wollen wir zur Kirche und mit- singen: Es ist erstanden Jesus Christ, der an dem Kreuz gestorben ist. Übrigens: wollt ihr auch, daß in Hamburg Zigeuner leben?, Eine Geschichte gegen die Angst Kein Kind will gerne klein sein. Die Großen drängeln im- mer vor und schubsen die Kleinen beiseite. Die Großen dürfen selbst alles und verbieten den Kleinen, was sie selbst gerne tun. Fernsehen dürfen nur die Großen wann sie wollen. Schokolade kaufen dürfen nur die Großen wann sie wollen. Die Küche feudeln und mit Wasser plantschen dürfen nur die Großen wann sie wollen. Kein Wunder also: Kein Kind will gerne klein sein. Darum warten die Kleinen auch so sehr auf den Schulan- fang. Denn wer zur Schule geht, ist schon fast ganz groß. Und außerdem gibt es eine Schultüte, riesenlang und bis obenhin voll Schokolade, und fernsehen darf man dann auch viel mehr. Ist das nicht toll? Also: Endlich kommt die Abschiedsfeier im Kindergar- ten, sechs Wochen noch, fünf, vier, drei, zwei, eine Woche noch, und der große Tag ist da. Herzklopfen? Angst? Wie wird es sein? Die Lehrerin, die anderen Kinder? Klein Lille kennt keine Angst. Klein Lille geht in den dunklen Keller, Klein Lille sieht sich bei Karstadt im Gewühl un- ter lauter fremden Leuten nicht nach Mama um, Klein Lille kennt keine Angst. Sie streichelt große Hunde und springt ins tiefe Becken beim Baden. Angst kennt sie nicht., Das war nicht immer so. Klein Lille hat ihre Angst weg- gelegt, einfach weggelegt. Wie hat sie das gemacht? Das war so: Wenn Klein Lille mit Papa und Mama in Urlaub fährt, dann kommen sie in fremde Städte. In fremden Städten gibt es Spielzeugläden, Eiscafés und Kirchen. Klein Lille mag nur Spielzeugläden und Eiscafés. Sie möchte in jeden Spielzeugladen und in jedes Eiscafé. Aber sie möchte nicht in jede Kirche. Kirchen sind lang- weilig, fand Klein Lille. Aber Mama und Papa möchten in jede Kirche gucken. Kirchen riechen merkwürdig und sind kühl und dunkel. Nur manchmal brennen Kerzen und bun- tes Licht fällt durch die Scheiben. Wenn Papa und Mama Kirchen gucken, muß Klein Lille mit. Neulich auch. Ein Mann im dunklen Anzug schloß die Kirche auf und ließ viele Leute ’rein. Er erzählte und erzählte. Klein Lille hörte gar nicht zu. Sie hörte gar nicht zu. Sie hörte erst, als der Schlüssel umgedreht wurde und es ganz still war. Alle Leute waren weg. Papa und Mama waren weg. Die Kirche war kühl und dunkel. Langsam kroch die Angst in Klein Lille hoch, im Bauch fing sie an zu drücken und stieg hoch bis zum Hals. Kein Laut war zu hören. Nur ihr eigenes Atmen. Vorn in der Mitte auf dem Tisch stand das Kreuz mit der Puppe dran. Die Puppe war ein Mann. Klein Lille wußte auch, wer das war. Das war Jesus. Klein Lille lief zu dem Tisch vorn in der Mitte. Sie hörte riesenlaut ihre Schritte. Sie stand vor dem Tisch und sah dem Mann am Kreuz, ins Gesicht. Der Mann sah traurig aus, wie er da hing am Kreuz mit Nägeln festgemacht. Bist du auch allein, fragte Klein Lille. Der Mann am Kreuz schüttelte den Kopf. Ich bin nicht allein, sagte er. Du bist ja da. Dann bin ich auch nicht allein. Du bist ja da, sagte Klein Lille, und sie grub in ihrer Tasche. Möchtest Du ei- nen Bonbon, fragte sie. Jesus schüttelte den Kopf. Ich aber, sagte Klein Lille und schob sich den Bonbon in den Mund. Ja, so fing es an, als die beiden Freundschaft schlossen. Klein Lille erzählte dem Mann am Kreuz alles, was ihr einfiel, von ihrer Barbie-Puppe und dem Pony, von dem Shampoo, das in den Augen brannte beim Haare waschen, von der Katze, die sie sich wünscht und davon, daß sie nun bald in die Schule kam. Sie erzählte von den doofen Kindern, die nicht mit ihr spielen wollten, und von dem Bruder, der immer Streit anfing und ihr Tricks zeigte, die weh taten, und von Mama, die immer das Fernsehen aus- machte. Sie erzählte von ihrer Angst, weil Papa und Mama doch weg waren und sie eingeschlossen war in dieser dunklen Kirche, aber die Angst war gar nicht mehr da. Als sich der Schlüssel wieder drehte und Papa und Mama in die Kirche stürmten und Lille, Lille! riefen, da fand Lille es fast schade, daß diese schöne Zeit vorbei war. Aber eines hat Klein Lille mit hinausgenommen an die Sonne, die draußen schien: Klein Lille wußte nun, wie sie, ihre Angst wegkriegt. Wenn sie dieses Gefühl im Bauch anfangen fühlt, dann redet sie mit ihrem Freund. Das hilft immer. Manchmal redet sie auch mit Papa oder Mama. Aber die sind nicht immer da, wenn die Angst kommt. Ihr Freund aber ist immer da. Immer., Eine Ostergeschichte Dem kleinen Jungen taten die Füße weh. Die Sonne schien heiß und stechend, und ihm taten die Füße weh. Er kannte jeden Stein auf diesem Weg, er fühlte jeden Stein auf die- sem Weg. Jedes Haus kannte er und jeden Baum. Er sah gar nicht mehr hin. Ihm taten die Füße weh, er mochte keinen Schritt mehr tun, aber die Mutter zog ihn weiter. Wie eine eiserne Klammer war ihre Hand, die ihn zog und zog, Schritt um Schritt. Fast jeden Tag war es so. Fast je- den Tag taten ihm die Füße weh auf dem endlosen Weg zum Friedhof. Sie brachten Blumen hin, sie zupften Un- kraut, wo keines mehr war, sie schleppten Wasser zum Grab, um die Blumen zu tränken, fast jeden Tag. Das da, dieses kleine Stück Erde, diese bunten Blumen auf schwar- zer Erde — das war nun sein Vater, und sie gingen zu ihm, fast jeden Tag. Früher, ja früher, da hatte er einen Vater, der abends nach Hause kam, dreimal klingelte, der Bon- bons mitbrachte und Blumen für die Mutter, einen Vater hatte er, der Fußball spielte und Geschichten erzählte. Früher — und jetzt hatte er nur noch ein Stück Erde, Erde mit Blumen drauf, und ihm taten die Füße weh, fast jeden Tag, auf dem Weg zu diesem Stück Erde, die sein Vater war. Sein Vater war tot. Eines Tages, ganz plötzlich, kam er nicht mehr, brachte er keine Bonbons mehr und keine, Blumen für die Mutter, war er nicht mehr da zum Fußball- spielen und Geschichten erzählen. Eines Tages zog seine Mutter die schwarzen Kleider an und sie gingen den end- losen Weg zum ersten Mal. Schon damals taten ihm die Füße weh und ihm war, als hätte das nie aufgehört. Die Mutter zog und zog mit eiserner Hand, und jeder Schritt tat weh, jeder Schritt vorbei an den bekannten Häusern und Bäumen, über die harten bekannten Steine, und die Sonne schien heiß und stechend. Und dann waren sie end- lich zu Haus. Er wollte die Schuhe ausziehen, endlich die schmerzenden Füße befreien — aber als er die Schleife schon in den Fingern hatte, hörte er auf. Er saß auf der Treppe, sah auf seine staubigen Schuhe und hörte auf, sie auszuziehen. Mutter war in die Küche gegangen, und er hörte, daß sie sich Kaffee kochte. Er sah sie vor sich in ihrem schwarzen Kleid, wie sie da stand, am Herd, er sah den Dampf und den feuchten Glanz ihrer Augen. Ganz leise stand er auf, die Schuhe noch an den Füßen, und die Füße taten weh vor Müdigkeit, und er schlich ganz leise in sein Zimmer. Leise klimperte das Geld, als er es in seine Hund sammelte. Es klang viel heller, als das Klappern des Geschirrs in der Küche. Leise schlich er zurück zur Tür. Als er draußen war, begann er zu laufen, als hätten seine müden Füße Flügel bekommen. Zuerst kaufte er Blumen. „Von denen da“, sagte er. „Das sind Osterglocken“, sagte die Verkäuferin. Und dann kaufte er Bonbons. Es gab fast nur Ostereier, aus Schokolade, Gelee oder Zucker. Ihm war es, egal. Nur ein paar Bonbons wollte er. Und dann rannte er nach Haus, die Blumen fest in der Hand, die Bonbons oder Ostereier in der Tasche. Fast fröhlich war er, und seine Füße liefen wie von selbst. Und dann klingelte er. Dreimal klingelte er. Seine Mutter machte große Augen, als er vor ihr stand und die Blumen hinhielt, die Osterglocken. Und dann puhlte er die Ostereier aus der Tasche und legte sie auf den Küchentisch. Vier Stück hatte er bekommen für sein Geld. Und dann fragte er seine Mutter: Wollen wir Fußball spielen — ich meine, wenn du den Kaffee aus hast. Sie wollte erst nein sagen und: ich kann doch gar nicht Fußball spielen, aber dann hatte sie verstanden, und sie spielten Fußball nach dem Kaffee, und es ging sogar. Und abends erzählten sie sich Geschichten. Den langen Weg zum Friedhof sind sie nicht mehr gegangen seit diesem Tag. Aber sie haben sich lieb gehabt. Und wenn Ihr seine Mutter trefft, dann kann sie Euch diese Geschichte erzählen, eine Ostergeschichte. Denn sie weiß jetzt, was Ostern ist. Ihr auch?, Erwachsene sind komisch Warum, fragt Nina, warum feiern die Großen ein Fest, bei dem es Schokoladeneier gibt? Sonst sagt Mama immer: Iß nicht so viel Süßigkeiten, das schadet deinen Zähnen, und sie erzählt schlimme Geschichten von Karius und Baktus, die unsere Zähne kaputtbohren, wenn wir zuviel Süßes essen oder zu wenig Zähne putzen. Zu Ostern aber ist alles anders. Mama backt süßes Osterbrot, Papa versteckt Schokoladenhasen und Oster- eier. Erwachsene sind komisch. Papa sagt, er feiert Ostern, weil er nicht mehr allein ist. Aber erstens ist Papa nicht allein, immerhin ist Mama da und Nina ist da und ihr Bruder Lars ist auch da, lei- der. Und zweitens ist Papa gerne allein, er geht immer in den Werkkeller, trinkt da sein Bier und liest die Zeitung, qualmt die Luft ganz blau und jagt Nina hinaus, wenn sie mit ihm spielen will. Nicht einmal im Keller kann man allein sein, schimpft er dann. Aber natürlich hat er eine Ausrede, warum er sagt, er feiere Ostern, weil er nicht mehr allein ist. Erwachsene haben immer Ausreden. Nur Kinder dürfen keine haben. Papa sagt, als sie ihm das Herz ’rausgeschnitten haben, damals, als er so krank war, daß Mama immer weinte, da habe er es gemerkt: Als er im Bett lag, die Schwestern ihn immer pieksten, da habe er Angst, gehabt. Da merkt man doch, daß das eine Ausrede ist. Papa hat nie Angst. Nicht vor Spinnen und nicht im dunklen Keller. Aber da habe er dann gemerkt, daß er nicht allein sei. Nicht, weil da noch ein Mann in seinem Zimmer lag, sondern weil Jesus bei ihm gewesen sei. Nina kennt Jesus. Sie hat ein Bild von ihm. Da ist er an ein Kreuz genagelt und tot. Das ist ein schreckliches Bild, Nina kann es nicht lange ansehen, aber sie tut es doch immer wieder, gerade weil es so schrecklich ist. Und der soll bei Papa gewesen sein im Krankenhaus. Der hat mich getröstet, sagt Papa. Erwachsene sind komisch. Sonst trö- stet Papa immer selbst. Mama sagt, sie feiert Ostern, weil der Gott ihr vergibt. Aber das ist auch komisch. Nina hat eine ganz liebe Mama. Die macht nichts Böses. Außer, daß sie immer schimpft, wenn Nina ihr Zimmer nicht aufräumt, nicht ins Bett will oder nicht Zähneputzen. Nina hat ihre Mama gefragt. Was weißt du denn schon, hat Mama gesagt. Erwachsene glau- ben immer, die Kinder wüßten noch gar nichts. Dann hat Mama ganz lange nachgedacht, wie Nina, wenn ihr nichts einfällt. Aber Mama ist etwas eingefallen. Ich mache auch mal was falsch, sagte Mama, die immer schimpft, wenn Nina etwas falsch macht. Was denn, fragte Nina. Na, als ich jünger war, da hab’ ich geklaut. Bei Karstadt. Nina glaubt ihr nicht. Was denn, fragt Nina. Lippenstifte und Schminke. Nina glaubt ihr nicht. Wenn Nina etwas haben will, sagt Mama immer: Das brauchst du nicht. Das liegt, doch nur ’rum. Mama sagt, Jesus sei gestorben und wieder lebendig geworden, weil Gott ihr nun nicht mehr böse ist. Erwachsene sind komisch. Wie kann jemand sterben und wieder lebendig werden? Aber Oma sagt, das geht. Oma ist jetzt allein, weil Opa gestorben ist. Aber Nina kann Oma trotzdem nicht oft besuchen, weil Oma immer verreist ist. Oma sagt, als der Opa gestorben ist, da sei sie auch gestorben. Sie sei immer auf den Friedhof gelau- fen, habe nur geweint und gar nicht gewußt, wie es weiter- gehen soll. Wie gelähmt sei sie gewesen. Aber dann habe sie es gemerkt, daß sie wieder leben muß, und sie habe alles so gemacht, wie es mit Opa immer war. Deswegen reist sie nun auch so viel und ist bei den Naturschützern und bei denen, die sich um die Gefangenen kümmern, die Leute in den Gefängnissen. Das hat Opa auch getan, der hat im Gefängnis gearbeitet. Aber Opa ist immer noch auf dem Friedhof. Oma sagt, nun lebe sie wieder. Deswegen feiere sie auch Ostern. Erwachsene sind komisch. Nina feiert gerne Ostern. Sie beißt den Osterhasen im- mer zuerst die Ohren ab und dann den Kopf. Sie freut sich auch auf das Suchen. Es macht Spaß. Etwas zu finden und dann einzusammeln. Außerdem … Außerdem redet sie im Bett, abends, wenn Mama und Papa an ihrem Bett waren, gekuschelt haben, das Licht ausgemacht haben, aber die Tür muß offen bleiben, dann redet sie auch mit Jesus. Mama wollte immer, daß sie ein Gebet spricht, aber das mag Nina nicht. Nina will lieber, erzählen. Und deshalb erzählt sie immer im dunklen Zim- mer, was sie erlebt hat und wer sie geärgert hat und worauf sie sich freut. Und sie erzählt es Jesus. Früher hatte sie es Pumuckel erzählt, der bei ihr in der Wand wohnte, aber Pumuckel ist bloß ein Märchen, den gibt es eigentlich gar nicht. Darum erzählt sie es jetzt Jesus. Jesus ist ein Freund der Kinder, sagt Mama. Deswegen gibt es Weihnachtsge- schenke und Ostereier. Ostern ist ein schönes Fest, und Nina wäre auch ganz traurig, wenn sie abends niemanden hätte, dem sie erzählen kann. Und zwar alles. Auch die schlimmen Sachen. Jemanden, der nicht böse ist. Jeman- den, der nicht petzt. Jemanden, der sie nur in den Arm nimmt. Jemanden, der immer da ist., Lille Ann will endlich wissen, wann denn nun Ostern ist Also, das weiß doch jedes kleine Baby: Weihnachten ist, wenn es Geschenke gibt und einen Tannenbaum. Lille Ann weiß sogar noch etwas mehr. Weihnachten ist, wenn alle Menschen sich lieb haben und niemand mehr böse ist. Weih- nachten ist, weil Jesus geboren wurde im Stall von Bethle- hem unter dem Stern. Das ist doch klar. Das weiß doch je- des Baby. Das weiß auch Lille Ann. Aber wann ist Ostern? Lille Ann ist ja nicht dumm. Sie hat einen Mund und kann fragen. Also fragt sie ihre große Schwester Ann Kath- rin. „Wann ist denn Ostern?“ Ann Kathrin mag so gerne Schokolade, morgens, mittags und abends, auf Brot, zu trinken und von der Tafel, und die Mutti sagt vergebens: Davon wirst du nur dick, iß doch auch mal einen Apfel! Ann Kathrin sagt also: „Ostern gibt es Ostereier, Oster- hasen, Osterküken, aus Schokolade und Silberpapier, aber das muß man abpuhlen vorher.“ Lille Ann mag zwar auch Schokolade, aber noch lieber mag sie Knackwurst und gekochten Schinken, also fragt sie ihre Tante Anne: „Wann ist denn Ostern?“ Tante Anne hat es mit den Blumen. Sie hat Blumen auf dem Hut, auf dem Kleid, auf dem Kaffeegeschirr und sogar auf der Wand. Also sagt Tante Anne: „Wenn es Frühling wird und die Blumen aus der schwarzen Erde kommen, die Krokusse,, Schneeglöckchen, Tulpen, Narzissen und Osterglocken.“ Lille Ann mag Blumen, aber nur, wenn man sie pflücken kann, und wann durfte sie schon mal Blumen pflücken, fast immer gab es Mecker, wenn sie mit einem Strauß nach Hause kam. Dabei gibt es im Park so viele davon. Also fragt Lille Ann weiter. „Oma Annemarie, wann ist denn Ostern?“ fragt sie. Und Oma Annemarie wußte es ge- nau. Omas sind sehr klug. Oma Annemarie sagte: „Komm, setz dich mal auf meinen Schoß. Ich will’s dir erzählen. Du erinnerst dich doch an das Jesuskind?“ Lille Ann erinnert sich. Jesus wollte, daß alle Menschen sich lieb haben. Lille Ann weiß das. Jetzt erzählt Oma Annemarie, wie Jesus von den Reichen und Neunmalklugen und Gernegroßen ver- folgt wurde, wie sie ihn ins Gefängnis warfen, und Jesus wehrte sich nicht. Und dann töteten sie Jesus, und alles war aus. Als aber alle Freunde des Jesus weinten und weh- klagten, da kam die Nachricht: „Jesus lebt“, und sie feier- ten ein großes Fest. Lille Ann saß auf dem Schoß und hörte zu. „Und die Ostereier“, fragte sie, „und die Blumen — was haben die damit zu tun?“ fragte sie. Oma Annemarie dachte nach. Dann sagte sie: „Nichts, Lille Ann, ich glaube, gar nichts. Weißt du, ich habe ein- mal Ostern erlebt, da war es noch Winter und die Leute dachten an Tannenbäume und Weihnachtsmänner.“ „Wann war denn das?“ fragte Lille Ann. „Das war“, sagte Oma Annemarie, „als dein Opa starb., Du hast ihn gar nicht mehr kennengelernt. Oma hatte ihn sehr lieb, mußt du wissen, es war schön, mit Opa zu leben. Wir hatten viele Freunde und haben viel mit ihnen zu- sammen gearbeitet und gefeiert. Weißt du, was besonders schön war? Opa hatte es sich ausgedacht. Zu jedem Fest gingen wir, Opa, ich und unsere Freunde, in ein Kinder- heim, ein Krankenhaus, ein Haus für alte Leute und mach- ten für einen der Menschen dort eine richtige Bescherung. War das immer eine Freude!“ Omas Augen leuchteten. „Als dein Opa starb, hat Oma Annemarie nur geweint, Tag und Nacht. Ich wollte niemanden sehen, ich habe nie- manden mehr eingeladen und niemanden hereingelassen, wenn es klingelte. Ich war wie tot. Aber als es Weihnach- ten wurde und ich an Jesus dachte — da bin ich aufge- wacht. Da hab’ ich mein Taschentuch weggesteckt und mein ganzes Geld genommen, das ich im Hause hatte, und hab’ eingekauft, Brot und Wein, Fleisch und Fisch, Kuchen und Kaffee, Pullover und Mäntel, und ich bin dann auf den Bahnhof gegangen und hab’ es den Leuten dort geschenkt, die so aussahen, als könnten sie es gebrauchen. Ich kam mir vor wie das Christkind. Und es war wieder wunder- schön. Ich habe nicht geweint. Ich hatte viel zu viel zu tun. Ich hab’ einfach weitergemacht, wo dein Opa aufge- hört hatte. Das hat mir Spaß gemacht, bis heute. Das, Lille Ann, war mein Osterfest.“ Nun mußte Lille Ann erst mal nachdenken. Ostern ist also, wenn jemand aufhört zu weinen. Ostern ist, wenn, jemand das Taschentuch wegsteckt und armen Menschen eine Freude macht. Ostern ist, wenn jemand die Tür auf- macht und den Menschen gibt, was sie brauchen. „Ostern ist, wenn jemand wieder das tut, was Jesus auch getan hat“, sagte Oma Annemarie. „Wenn Menschen mer- ken, daß Jesus lebt, dann ist Ostern“, sagte sie, und Lille Ann wußte nun genug. Sie kletterte von Omas Schoß und fand es ganz richtig, daß wir so etwas Schönes mit Oster- eiern und Blumen feiern., Ostern ist, wenn man Licht anmacht gegen die Angst Weißt du, wann Ostern ist? Natürlich weiß Christine das. Ostern ist, wenn überall bunte Ostereier liegen, auf dem Rasen, unter der Hecke, hinter der Tür und auf dem Frühstückstisch. Ostern ist, wenn es silberne und goldene Hasen gibt, die man auszie- hen kann und denen man die Ohren abbeißen kann und die schmecken dann nach Schokolade. Aber nicht nur dann ist Ostern. Christine weiß das. Wo- her sie das weiß? Papa hat’s ihr gesagt. Oder eigentlich nicht ihr, sondern der Mama hat er’s gesagt. Und das war so. Die Sesamstraße war zu Ende, das Brot mit Gesichts- wurst war gegessen, das Kinderzimmer war aufgeräumt, Mama hatte schon dreimal gerufen: Komm, Zähneputzen! Und Christine putzte die Zähne, zog ihren Schlafanzug an: das kann ich schon allein! Sie lag im Bettchen, die Kuschel- tiere sahen zu, sie rief Kakao und Schnuller, und Papa brachte den Schnuller und Mama den Kakao. Das Licht ging aus, die Tür blieb offen und Christine schlief ein. Als große Hunde bellten und hinter ihr herliefen, wachte sie auf. Ein böser Traum war das. Ihr Herz schlug wild und sie weinte. Mama! rief sie. Papa! rief sie., Niemand kam. Ganz still war es in der Wohnung. Chri- stine hatte Angst. Mama! rief sie. Papa! rief sie. Niemand antwortete. Niemand kam. Christine stand auf. Sie tapste im Dunkeln durch die Wohnung. In den Ecken sah sie finstere Gestalten, die nach ihr griffen. Schneller tapste sie und schneller. Endlich! Papas Zimmer, Mamas Zimmer, nun konnte sie gleich zu ihnen ins Bett kriechen und kuscheln, und alles war gut. Aber: das große Bett war leer. Wie eine schwarze Welle schlug die Angst über Christine zusammen. Mama war weg. Papa war weg. Dunkel war’s und ganz, ganz traurig. Christine weinte. Sie weinte lauter und lauter. Niemand hörte sie. Niemand kam. Sie saß allein auf dem großen leeren Bett, und die Angst war da, und es war dunkel. Da plötzlich — Christine wußte nicht, woher das kam, — waren ihre Tränen alle, oder was war das? Plötz- lich stand sie auf, tappte zum Schalter und machte Licht, so wie Papa es immer machte, wenn er ins dunkle Zimmer kam. Christine machte Licht an und aus und an und aus und an. Im warmen Lampenlicht verzog sich die Angst. Sie krabbelte wieder ins Bett, und ihr war, als säßen Mama und Papa im Wohnzimmer und sähen fern. Als die beiden dann wirklich wieder da waren, erzählte Christine. Von ihrem bösen Traum erzählte sie, von ihrer, Angst und ihren Tränen, und wie sie dann Licht angemacht hätte, ganz so wie Papa es tut, und wie die Angst dann weg gewesen wäre, und sie gedacht hätte, Papa und Mama wären im Wohnzimmer. Da sagte Papa zur Mama: So muß es zu Ostern gewe- sen sein, damals, als Jesus tot war. Da haben seine Freunde einfach selbst das Licht angemacht, und ihre Angst war weg. Unsere kleine Christine hat Ostern entdeckt, unsere kleine Christine. Seitdem weiß Christine es auch. Ostern ist, wenn man das Licht anmacht gegen die Angst., Sie leben! Zu Weihnachten liegen die Geschenke unter dem Tannen- baum im Wohnzimmer. Wo denn auch sonst. Draußen ist es kalt und naß. Der Weihnachtsmann weiß das. Er kommt durch den Schornstein oder klopft an die Tür. Mit dem Osterhasen ist es anders. Am liebsten legt er die bun- ten Schokoladeneier ins grüne Gras, vielleicht auch unter einen Tannenbaum, aber der steht dann in einem richti- gen Wald. Deswegen fahren Christines Eltern zu Ostern mit ihr hinaus. Sie gehen zur Kirche, wie auch zu Weih- nachten, aber danach steigen sie ins Auto und fahren weg. Mama hat einen großen Korb ins Auto getragen, mit einer Kaffeekanne und hartgekochten Eiern, mit Osterbrot und Butter, mit Käse und Schinken, Orangensaft und Kuchen. Christine mag Picknick. Vor allem aber mag sie Ostereier suchen. Wenn es silbern, rot oder blau zwischen den Gras- büscheln oder unter dem Gesträuch leuchtet, dann macht ihr Herz jedesmal einen Hupfer. Und wenn ihr Osterkorb sich füllt, dann fühlt sie sich herrlich reich. Wenn die Autobahn nur nicht so langweilig wäre! Da hilft selbst das lustige Spiel nichts, das Papa vorschlägt. Sie sammeln bunte Autos, Christine die roten, Papa die grünen, und wer mehr gefunden hat, bekommt den Osterhasen in Goldpapier. Weil das Zählen über zwanzig nicht so einfach, ist, hilft Mama. Als sie endlich auf dem Parkplatz am Wald- rand sind, hat Christine gewonnen. Einundfünfundzig zu achtzehn. Christine legt den Osterhasen in ihren Korb. Zum Eiersuchen geht es diesmal tief in den Wald. Papa muß vorgehen, um zu sehen, ob er den Osterhasen findet. Christine geht mit Mama hinterher. Papa trug den Pick- nickkorb und Mama einen richtigen kleinen Baum mit Wurzeln. Christine wunderte sich darüber. Im Wald sind doch lauter Bäume, wer trägt schon einen Baum in den Wald. Christines Mama. Sie macht immer so komische Sachen. Christine fragt gar nicht erst. Mama wird es ihr schon zeigen, wozu sie einen Baum in den Wald trägt. Der Osterhase war dagewesen. Er hatte mehr Eier ver- loren, als alle Jahre vorher. Sogar Rollerskates hat er im Wald verloren, ganz kleine, genau passend für Christines kleine Füße. Nun wollte Christine picknicken. Aber Mama hatte noch etwas vor. Es ging um den jungen Baum mit Wurzeln. Sie gingen noch wenige Schritte den Waldweg entlang, da standen sie vor einem eisernen Tor. Die Tür quietschte, als Papa sie öffnete. Hinter dem Tor sah Christine eine Wiese. Auf der Wiese wuchsen büschelweise bunte Kro- kusse und gelbe Primeln. Und Kreuze. Ganz viele Kreuze. Bis hinten an den Zaun wuchsen auf dieser Wiese Kreuze. Christine wollte eigentlich etwas fragen, aber sie konnte nur flüstern. Sie wußte jetzt, was das für eine Wiese war. Es war ein Friedhof., „Wer ist hier begraben?“ flüsterte Christine. „Soldaten“, sagte Papa. „Hier sind Soldaten begraben, die im letzten Krieg gestorben sind.“ „So viele?“ flüsterte Christine. „So viele und noch viel mehr!“ „Und die liegen hier alle unter der Wiese?“ „Nein, die sind jetzt bei Gott, deshalb feiern wir ja Ostern“, sagte Papa. „Niemand bleibt tot. Jesus nicht und niemand.“ „Und der Baum?“ fragte Christine. Jetzt antwortete Mama. „Den Baum will ich pflanzen als Friedensbaum. Damit auch niemand mehr im Krieg sterben muß.“ „Wieso, ist denn immer noch Krieg?“ Christine konnte es nicht glauben. Die Sonne schien, die Blumen leuchteten, die Vögel sangen und eine Hummel brummte vorüber. „Jetzt ist wieder Krieg, Christine“, sagte Mama. „Des- wegen will ich einen Friedensbaum pflanzen. Gerade hier hin. Die jungen Männer, für die hier die Kreuze stehen, sie werden unseren Friedensbaum sehen und sie werden sich freuen, daß wir sie nicht vergessen haben. Hilfst du mir?“ Sie gruben zusammen eine Grube, stellten den kleinen Baum hinein, traten die Erde fest. Sie holten zusammen Wasser aus dem Brunnen am Ende des Weges, der über die Wiese führte, und gaben dem Baum zu trinken. Als sie fertig waren, stellten sie sich um den jungen Baum, faßten sich bei der Hand. „Wir feiern das Fest des Lebens“, sagte, Mama. „Dafür sollst du ein Zeichen sein, kleiner Friedens- baum. Nun wachse und werde groß, damit die ganze Welt in deinem Schatten den Frieden feiern kann!“ Danach lagerten sie am Waldrand und packten das Picknick aus. Christine aß Schokoladenostereier und süßes Osterbrot. Es war ganz still hier am Waldrand, nur die Vö- gel sangen lustig. Christine mußte immer wieder an ihren kleinen Friedensbaum denken. Ob die Vögel in ihm Nester bauen würden? Christine freute sich über ihre Mama und ihren Papa, die für den Frieden waren, und sie freute sich, daß sie lebte., Typisch Männer Typisch Männer! sagte Mama, und Tina machte die Oh- ren auf wie immer, wenn Mima sagte: Typisch Männer! Mama war zum Tennis gefahren, weil Papa gesagt hatte, fahr man ruhig, und nun war Mama zurück, und der Früh- stückstisch war noch immer ein Chaos, das Brötchen lag noch im umgekippten Kakao und die Honigflecken kleb- ten überall, und der Fußboden war voller Krümel, und Papa saß im Wohnzimmer und las. Typisch Männer, sagte Mama auch, als Papa feststellte, dann wird der Zoo eben zugemacht. Der Zoo wird zugemacht: Tina hätte heulen können. Ihr Zoo sollte zugemacht werden! Eigentlich war das gar nicht ihr Zoo. Der Zoo gehörte dem alten Herrn Kowalke. Es war auch eigentlich kein Zoo. Der alte Herr Kowalke nahm nur alle Tiere, die verletzt waren oder krank, bei sich auf und pflegte sie gesund. Da gab’s in seinem Garten einen dreibeinigen Igel und ein blindes Kaninchen, eine Katze fast ohne Fell und einen Hund mit einem Ohr, eine Taube mit hängendem Flügel, und nun war der alte Herr Kowalke ge- storben, und Tina sollte nie mehr ihre kleinen Freunde be- suchen. Der Zoo wird zugemacht, sagte ihr Vater, und ihre Mutter sagte: Typisch Männer! Was heißt das nun schon wieder? fragte Tinas Vater, und Tina wußte es auch nicht., Da setzte ihre Mutter einen Kaffee auf und rührte einen neuen Kakao an, und sagte: Setzt euch mal an den Tisch, und ich erzähle euch eine Ostergeschichte. Eine Geschichte vom Osterhasen? fragte Tina, und sie dachte an das blinde Kaninchen drüben im Garten vom toten Herrn Kowalke und war ganz traurig. Nein, vergiß mal den Osterhasen, sagte ihre Mama, aber das fiel Tina schwer. Wir reisen mal weit zurück durch die Zeit, erzählte ihr Mama, fast 2000 Jahre. Und nach Süden reisen wir, wo nun schon alle Bäume grün sind und die Blumen blühen und die Sonne scheint warm. Da gab es Leute, die sahen das Grün des Frühlings gar nicht. Ihre Augen waren voll Tränen und ihr Herz war ganz schwer. Ihr Freund und Lehrer, ihr Arzt und Helfer war tot. Hingerichtet worden war er von der mächtigen Polizei und den Soldaten. Ans Kreuz hatten sie ihn geschlagen, und alles war aus. Beerdigen mußten sie ihren Freund in einem Felsengrab und fliehen mußten sie aus der Stadt, denn sollten sie die nächsten sein, die man ins Gefängnis warf? Die Freunde Jesu flohen aus der Stadt und versteckten sich in den Dörfern; in einem Stall der eine, in einer Berghütte der andere, und sie sahen nicht die Sonne und nicht die Blumen, so verzweifelt und traurig waren sie. Nur vier Frauen, auch Freundinnen Jesu, waren in der Stadt geblieben. Maria hießen zwei von ihnen, Johanna die dritte und Salome die vierte. Sie saßen in der engen Stube, beisammen, Angst und Trauer im Herzen. Was sollte nur werden, dachten sie, Jesus liegt tot im kalten Grab und die Männer alle, seine Freunde — sie hatten sich verkrochen, irgendwo im weiten Land. Was sollte nun werden mit den Kranken, die einen Arzt brauchten, mit den Traurigen, die Jesus hätte trösten können? Es war die Maria aus Magdala, die plötzlich aufstand und sagte: Ich halte es nicht mehr aus. Wir sitzen hier und weinen, und Jesus liegt im kalten Grab — wir müssen etwas tun. Aber die Leute, flüsterte Salome, was werden die sagen? Da stand die andere Maria auf und rief: Ist mir doch egal! Und sie fing an, zusammenzusuchen, was man brau- chen könnte, um das Grab schön zu machen. Jesus hat so viel für uns getan, nun sind wir dran, rief sie trotzig, und dann gingen sie alle aus dem Haus, quer durch die Stadt zu den Felsengräbern. Mit jedem Schritt wurde ihr Gang schneller, fester, bestimmter. Wer öffnet uns nur das Grab, fragte Johanna, wir sind doch keine Männer, die einen so schweren Stein vom Eingang der Grabkammer wälzen können! Männer, sagte Maria aus Magdala verächtlich, und sie dachten alle an die geflohenen Freunde Jesu. Männer. Ein wenig atemlos und erschöpft kamen die vier Frauen bei den Felsengräbern an. Wie vom Donner gerührt blie- ben sie stehen. Der riesige Stein — er verschloß nicht mehr den Eingang zur Grabkammer, er war zur Seite gerückt,, drei, vier Handbreit weit. Ein Mann stand vor dem Grab und herrschte die Frauen an. Was wollt ihr hier? fragte er, und es klang, als sagte er: Schert euch weg! Wir wollten Jesu schmücken, sagte eine Maria mutig, und sie zeigten ihre Taschen vor mit Leintuch und Salbe und Blumen. Der Mann blickte, wie es schien, freundli- cher. Er hob seinen Arm und zeigte auf die Stadt, die unter ihnen in der Morgensonne lag. Da, sagte er, da sind die Menschen, die arm sind, krank und traurig. Und ihr sucht Jesus hier? Da in der Stadt, sagte er, da findet ihr Jesus, der eure Hilfe braucht. Nicht auf dem Friedhof. Nehmt die Traurigen in den Arm, kleidet die Armen, salbt die Kran- ken, feiert mit den Verzweifelten, dann werdet ihr nicht mehr nach Jesus suchen. Hier ist der Tod. Jesus gehört zum Leben. Die Frauen sahen sich an. Und sie sahen die Sonne, die Blumen, sie hörten die Bienen summen und die Vögel sin- gen. Und sie wagten zu lachen, erst leise, dann laut. Was sind wir für Närrinnen, rief die Maria aus Magdala, und Sa- lome rief lachend: Das sagen wir aber niemandem, daß wir hier gestanden haben auf dem Friedhof wie verschreckte Hühner, wir vier. Und sie wandten sich um und liefen der Stadt zu, im- mer schneller, immer schneller. Die Mama machte eine Pause. Seht ihr, sagte sie dann, das ist eine echte Ostergeschichte, und wißt ihr nun, was ich meine, wenn ich sage: Typisch Männer?, Tinas Vater schluckte. Tina sah es an seinem Kehlkopf, der rauf und runter hüpfte. Und dann sagte ihr Papa, und Tina fand ihn ganz toll: Dann meinst du also, wir sollten den Zoo einfach wei- terführen? In unserem Garten? Den Kaninchenstall, den könnten wir an der Hecke bei der Sandkiste aufstellen, das ist wahr. An diesem Osterfest hatte Tinas Papa noch viel zu tun, und Tina half ihm, soviel sie nur konnte. Tinas Mama aber kochte ihren Arbeitern das Osteressen und lächelte., Vier Kinder finden heraus, warum wir Ostern feiern Das Wohnzimmer war zur Werkstatt geworden. Mutti hatte die Kinder zur „Hasenwerkstatt“ eingeladen. Schließ- lich waren die Kinder alt genug, um nicht mehr an die Hasenwerkstatt auf dem Feld oder im Wald zu glauben, in der Herr und Frau Hase die Eier färben. Darum saßen sie nun um den großen Tisch und malten aus weißen Eiern bunte Ostereier. Buntpapier und Klebe, Tusche, Wasser- gläser und Pinsel, Filzstifte und Scheren bedeckten den Tisch. Christine schnitt Hasenohren aus und machte Hasenköpfe. Gerrit bastelte Indianerhauben für rote Eier- köpfe. Sandra malte Blumen auf blaue Eier. Thorstens Eier bekamen Streifen und Wellenlinien. Scheren und Pinsel standen nicht still, und die Münder auch nicht. „Ich möchte mal wissen, warum wir Ostern feiern?“ fragte Thorsten. Plötzlich war Stille um den Tisch. Alle dachten nach. „Da ist Jesus geboren“, wagte Sandra eine Antwort. „Quatsch!“ rief Thorsten. „Das war doch Weihnachten!“ Gerrit ärgerte sich. Er mochte Sandra besonders gern. „Da hat Jesus eben Eier gelegt“, zürnte er. Alle mußten lachen, so laut, daß Sandra mit dem Pinsel ausrutschte. „Ich möchte das wirklich wissen“, sagte Thorsten., Christine hatte eine Idee. „Ich weiß das!“ sagte sie, sprang auf, lief in ihr Kinderzimmer und holte ein Buch. „Macht mal Platz“, sagte sie, legte das Buch auf den Tisch und blätterte. Dann hatte sie es gefunden. Auf einem Bild sahen die Kinder einen Berg, darauf war ein großes Kreuz, und auf das Kreuz war ein Mann gena- gelt. Sein Kopf war blutig und hing herunter. Unter dem Kreuz weinten Frauen. „Das muß doch weh tun“, flüsterte Gerrit. „Stirbt man davon?“ fragte Sandra. „Klar, laß du dich doch mal …“ meinte Thorsten. Christine blätterte weiter. Auf dem nächsten Bild stan- den die Frauen vor einer leeren Höhle. „Das war sein Grab“, sagte Christine. In der Höhle lagen aber nur ein paar Klei- der auf der Erde. „Wie bei mir am Bett“, sagte Gerrit und dachte daran, wie seine Mutter schimpft. Christine blätterte weiter. Da sahen sie alle am Tisch sitzen, die traurigen Frauen, aber sie lachten nun, und die Schüler Jesu waren auch da, und sie aßen Brot und tranken Wein. Christine zeigte auf die lachenden Frauen. „Ostern ist, weil sie wieder lachen können“, sagte sie. „Wenn man wieder lachen kann, ist Ostern.“ Darüber weiß Gerrit Bescheid. So lange ist es gar nicht her, daß er bittere Tränen weinte. „Als mein Papa sagte, daß wir umziehen müssen, da hab ich auch geweint“, er- zählte er. „Ich hatte so eine schöne Höhle im Garten und, zwei ganz tolle Freunde, und unser Kindergarten war so schön. Hier kannte ich doch keinen. Aber nun kenne ich ja euch, und das ist auch gut“, sagte er nachdenklich. „Als mein Opa gestorben ist, hat meine Oma auch ganz viel geweint, und sie trug immer schwarze Kleider“, konnte Thorsten erzählen. „Aber jetzt nicht mehr. Jetzt ist sie im- mer verreist und besucht alte Freunde, die, die sie mit Opa kannte.“ „Bist du nicht traurig, wegen deines Opas, meine ich?“ fragte Christine. Thorsten überlegte. „Nö“, sagte er dann. „Früher hab ich immer mit meinem Opa das Tierheim besucht. Jetzt darf ich da allein hin. Mama fährt mich hin und holt mich wieder ab. Ich erzähle den Katzen von Opa. Die kommen jetzt auch zu mir, die Hunde auch.“ Sandra wußte auch eine Ostergeschichte. „Kennt ihr den Tobias?“ fragte sie. Natürlich kannten sie alle den Tobias. Tobias wohnt nebenan. Tobias ist schon groß, viel größer als sie. Tobias ist 14 und muß immer im Rollstuhl sitzen. Aber Tobias ist gar nicht traurig, obwohl er doch früher laufen konnte. Tobias kann zaubern, kennt ganz tolle Spiele und ist im- mer ganz witzig. Sie freuen sich immer, wenn er draußen ist. Mit seinem Rollstuhl ist Tobias fast so schnell wie sie, und manchmal läßt er sie mitfahren. So eine Geschichte hat Christine auch erlebt, wo man glaubt, alles ist zu Ende und es geht doch weiter., Das war letztes Jahr. Da wurde Papa arbeitslos. Zuerst war Papa wütend. Keine Arbeit, kein Geld, kein Geld, kein Weihnachten und keine Urlaubsreise, kein neues Fahrrad für Christine und kein Auto mehr und keinen Wohnwagen. Christine glaubte, Papa hat sogar geweint. Mama war je- denfalls ganz traurig und nervös, und Christine auch. Aber nun hat Papa ein eigenes Geschäft, und Weihnachten war trotzdem und der Wohnwagen steht auf dem Hof. Papa lachte wie früher. Thorsten war zufrieden. Ostern ist also, wenn man wie- der lachen kann, wie die Frauen auf dem Bild, wie Gerrit, wie seine Oma, wie Tobias, wie Christines Papa. Alle Kinder in der Hasenwerkstatt fühlten sich wohl. Wenn es so ist mit Ostern, dann braucht man gar keine Angst zu haben, nie mehr. Dann ist es ja so, als ob da eine liebe Hand wäre, die einen nie losläßt. Kein Wunder, daß wir das feiern mit lauter süßen Sachen und bunten Eiern. Ostern ist schön, fast so schön wie Weihnachten, und bald sind auch alle Eier festlich geschmückt., Vier Mädchen reden über Ostern Psst! Nele hat sich Besuch eingeladen. Nun liegen sie im Bett und erzählen sich etwas. Pssst! Ich möchte einmal hören, was sie sich erzählen. Psst! Da, sie reden von Ostern. Johanna wünscht sich Roll- schuhe, aha. Nina freut sich auf die Ostereier, klar. Sie ist eine Naschkatze. Sabrina will auch etwas sagen. Psst! Warum feiern wir Ostern? fragt sie. Große Pause. Da ist der Osterhase geboren worden, kichert Johanna. Alle lachen. Wieso denn, lacht Johanna, Weihnachten feiern wir doch auch die Geburt. Maria hat ein Kind gekriegt. Aber doch nicht den Weihnachtsmann, sagt Nele. Weihnachten wurde Jesus geboren. Klar, das wissen alle vier. Zu Weihnachten sieht man überall die Bilder vom Stall in Bethlehem, in dem das Jesus- kind geboren wurde. Zu Ostern sieht man nur Ostereier und Osterhasen in den Schaufenstern. Aber psst! Nina weiß noch etwas mehr. Mein Papa sagt, zu Ostern ist Jesus wieder lebendig geworden. Wieso? fragt Sabrina. Nun bin ich gespannt, was Nina weiß. Sie weiß wirk- lich etwas mehr von der wundersamen Geschichte., Das war so, sagt sie. Die haben den Jesus doch umge- bracht, weil er für die Armen war und weil die ihn für einen König hielten. Vielleicht waren sie auch neidisch auf ihn, weil er Leute gesund machen konnte. Außerdem hat er al- len Menschen, die es wollten, verziehen. Er war nicht mehr böse auf sie, auch wenn sie Schlimmes getan hatten. Das gefiel den anderen nicht. Da haben sie ihn umgebracht. Das ist doch aber kein Fest, sagt Nele. Da muß man doch traurig sein. Das waren sie auch, erzählt Nina. Die Freunde Jesu wa- ren ganz traurig, als er tot war. Aber mein Papa sagt, sie ha- ben nur drei Tage geweint, dann haben sie gemerkt, daß Je- sus trotzdem bei ihnen war, ich meine, obwohl er doch ans Kreuz genagelt wurde. Da waren sie plötzlich ganz fröhlich und haben weitergemacht, was der Jesus angefangen hatte. Jetzt sind sie ganz still im Kinderzimmer. Ich glaube, sie denken nach. Psst, das ist doch Johannas Stimme. Das kenn’ ich, sagt sie. Ich hab’ auch mal geweint. Ich glaube, länger als drei Tage. Das war, als Papa und Mama sich gestritten hatten. Da ist mein Papa weggegangen. Nicht mal Tschüß! hat er gesagt, und er konnte doch so schön basteln mit mir. Mein Puppenhaus haben wir zu- sammen gebaut. Und, fragt Nele, isser wieder da? Zuerst hat er angerufen, erzählt Johanna, und dann hat er mich eingeladen, in seine neue Wohnung. Jetzt bauen wir zusammen ein Schiff. Das wollen wir auf der Alster, fahren lassen. Ich glaube, er kommt bald zurück zu uns. Er fragt immer nach Mama, und Mama fragt nach ihm. Jetzt spricht Nina. Letztes Jahr, da waren wir in Frankreich. Da gibt es in den Bergen richtige Höhlen. Wir sind da mal ’reingegan- gen. Das war unheimlich. Ganz enge Gänge, und stockfin- ster. Die Wände waren naß, und es ging immer um neue Ecken herum. Ich hab’ gedacht, wir kommen nie mehr heraus. Da hab’ ich auch geweint. Aber dann, dann war da ganz hinten ein kleines Licht, ganz hell, und dann sind wir dahin gelaufen. Das Licht wurde immer größer, immer größer, und dann war da ein Ausgang, ein ganz anderer als der, wo wir ’reingegangen sind. Die Sonne schien, die Bäume waren grün. Das war toll! So eine Geschichte kennt Sabrina auch. Ich bin doch immer nachmittags bei meiner Oma, sagt sie. Weil Mama arbeiten muß. Wißt ihr, wie ich meine Oma früher mal genannt habe? Oma-Tränen, hab’ ich sie genannt. Das war, als mein Opa gestorben ist. Da hat sie immer ge- weint, schwarze Kleider trug sie und hat immer geweint. Ich mochte gar nicht mehr zu ihr. Aber dann ist sie ganz anders geworden. Jetzt trägt sie wieder bunte Kleider. Und sie reist auch wieder nach Österreich, wie damals immer mit Opa. Ich darf mit im Sommer. Psst! Nele will auch etwas sagen. Dann ist Ostern also, wenn Leute aufhören zu weinen? fragt sie. Keine Antwort. Die vier denken wohl nach., Oder wenn es wieder hell wird, sagt Nina dann. Nele hat noch eine Frage. Und der Jesus war wieder lebendig? Nina ist sich ganz sicher: Bestimmt. Jetzt spricht sie ganz leise. Psst, sonst verstehe ich nicht, was sie sagt. Manchmal rede ich mit ihm. Wenn ich traurig bin. Oder wenn ich mich ganz doll freue. Ich hab dann das Ge- fühl, ich weiß nicht wie, aber irgendwie ist er bei mir, ganz nahe, wißt ihr, ganz nahe. Betet ihr auch? Jeden Abend, sagt Nele, und dann denk’ ich auch, er steht neben meinem Bett. Und wenn ich etwas tue, was nicht so gut, dann denk ich immer, er sieht mich. Ich glaub’, ich werde sogar rot dann. Johanna träumt: Dann soll er mir auch die Rollschuhe bringen. Und Ostereier, lacht Nina. Sabrina sagt: Wißt ihr was? Ich finde die Geschichte von dem Jesus viel schöner, als die vom Osterhasen, der die Eier anmalt und versteckt. Daß man wieder lachen kann, wenn man traurig war … Nele sagt: Ich glaube, Gott will, daß wir uns freuen … Ich freu’ mich auch über Ostern, ruft Sabrina. Lange ist es still im Kinderzimmer. Jetzt sprechen sie über Rollschuhe. Bald werden sie einschlafen und von Roll- schuhen träumen — oder von Ostern — oder von Licht am Ende der Höhle — oder von Papa, der wieder da ist, und Oma, die wieder lacht.]
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