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THOMAS WEINS TOTAL PERFEKT ALLES Roman MännerschwarmSkript Verlag Hamburg 2005 Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet die Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnd.ddb.de abrufbar. scanned by bloodronin k-leser: Mik (many thx ;)) Dieses E-book ist nicht zum Verkauf bestimmt! Thomas Weins Total perfekt alles Roman © MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 2005 Umschlaggestaltung: Carsten Kudlik, Bremen Druck: Finidr, Tschechien 1. Auflage 2005 ISBN-10: 3-935.596-75-8 ISBN-1...
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THOMAS WEINS

TOTAL PERFEKT ALLES

Roman MännerschwarmSkript Verlag Hamburg 2005, Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet die Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnd.ddb.de abrufbar. scanned by bloodronin k-leser: Mik (many thx ;)) Dieses E-book ist nicht zum Verkauf bestimmt! Thomas Weins Total perfekt alles Roman © MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 2005 Umschlaggestaltung: Carsten Kudlik, Bremen Druck: Finidr, Tschechien 1. Auflage 2005 ISBN-10: 3-935.596-75-8 ISBN-13: 978-3-935.596-75-6 MännerschwarmSkript Verlag Lange Reihe 102 – 20.099 Hamburg E-Mail ist versteckt www.maennerschwarm.de,

Das Grau der Dämmerung war schon ins schwarze

Leuchten der Nacht übergegangen. Am Horizont ver­ schwand der letzte Schimmer des Sonnenuntergangs orange verglühend. Darüber lag schräg die schmale, gold­ glänzende Mondsichel links neben dem Fernsehturm fast wie eine Schale, oder ein Schiff, eine Barke, die im Him­ melsmeer schwamm. Martin saß, in eine Wolldecke gewickelt, am Ufer der Spree. Im Firmament, das sich über ihm ausspannte, konnte er mehr und mehr Silberfunken aufglitzern sehen. Einige Sterne schienen zu pulsieren, manchmal sich zu bewegen, es sah aus, als ob ihr Licht auf ihn zu- oder näher komme, andere wechselten ihre Farbe nach Rot, nach Grün oder funkelten bläulich. Der Fluss unter ihm gluckste und klatschte sacht gegen die Ufermauer. Schau­ te Martin in Richtung Brücke, spiegelte das Wasser, das zäh wie Altöl dahinschwappte, die Lichter der Straßen­ laternen. Ein kalter Wind blies in unregelmäßigen Böen, und Martin begann zu frösteln. Er zog die Decke enger um sich. Gleich würde er einen heißen Tee kochen. Martin wohnte hier am Ufer – nur ein paar Schritte hinter ihm stand sein Bauwagen, ein würfelförmiger Holz­ kasten auf zwei Rädern – zusammen mit etwa zwanzig Leuten in einem so genannten Bauwagendorf. Nach dem Fall der Mauer waren mehrere solcher Plätze auf diesem Todesstreifen mitten durch Berlin entstanden und berei­ cherten das Stadtbild um ein Flair von Minislums. Tat­, sächlich gab es kein fließendes Wasser – sie schleppten es in Kanistern heran –, keinen Strom und keine Toiletten. Hundegebell war zu hören. Vom Schwarzen Kanal, einer Wagensiedlung am gegenüberliegenden Ufer, flackerten Kerzenlichter herüber. Martin wollte gerade aufstehen, um seine Küchenhexe anzuheizen, als er von drüben Geräusche hörte. Es gab einen dumpfen Knall, als wäre eine Tür zugeschlagen worden, dann schallten aufgeregte Stimmen über die Spree. Er sah, wie sich ein Schatten fortbewegte, dann strahlte eine Taschenlampe auf, ihr Lichtkegel hüpfte unruhig zwischen den kahlen Büschen hindurch bis zum Brückenkopf vor und verblasste im trüben Schein der Straßenlampen. Nun zuckte ein Blaulicht durch die Nacht, von der Kreu­ zung hinter ihm näherte es sich der Brücke, ein Einsatz­ wagen der Polizei. Und ohne eingeschaltete Sirene? Das Auto hielt vor der Einfahrt zum Schwarzen Kanal. Die blauen Lichtstrahlen blitzten stroboskopartig durch die Holunderzweige zu ihm herüber. Schließlich näherten sich, erst als dumpfes Brummen, dann in immer hellerem und lauterem Ton, Signalhörner, jetzt doch, dachte Martin, es blinkte diesmal von der Kreuzberger Seite her, zwei Feuerwehrwagen und ein Krankentransporter fuhren neben dem Polizeiauto am Eingang zum Kanal auf. War das etwa eine Razzia?, fragte er sich. Aber bei denen war doch nichts zu finden, die kifften nicht mal richtig. Und eine Räumung war wohl kaum möglich, abends und, mitten im Winter? Trotzdem war er beunruhigt und woll­ te nach drüben gehn. Er stand auf, sein Sitzkissen und die Wolldecke legte er in den Wagen, zog seine Jacke über, dann stolperte er den Sandpfad am Ufer entlang und zwischen den Holunder­ büschen hindurch zum Brückenkopf. Dort stand das hölzerne Gestell einer Werbetafel, unter der er sich durch­ bückte. Dann musste er über das Brückengeländer klet­ tern. Als Martin mit einem leichten Hüpfen auf dem Trottoir landete, wäre er fast mit Peer zusammengestoßen, der auch über die Brücke wollte. «Was ist denn bei denen los?», begrüßte er Martin. Die beiden kannten sich vom Sehen; Peer wohnte oben auf der East-Side und besuchte in letzter Zeit ab und zu Achim, dessen Wagen gleich neben Martins stand. Peer war einer der abgerissenen Punks, mit roter Irofrisur und Springerstiefeln, nietenbesetzter Lederjacke und schmut­ zig schwarzen Jeans. «Keine Ahnung, das ging grade eben los», antwortete Martin, «lass uns mal nachgucken.» Sie stapften in schnellen Schritten über die Brücke, an deren anderem Ende schon ein Grüppchen Leute schau­ lustig herumstand. Die Einsatzwagen versperrten die halbe Straße, Warnleuchten blinkten in grellem Gelb, behelmte Uniformmenschen mit Reflektorstreifen und Taschenlampen liefen wie Irrlichter zwischen den Autos und der Uferböschung hin und her. Als sie näher kamen, erkannte Martin Renate, die ihnen, entgegenrief, «‘ne Wasserleiche!» Bevor die beiden selbst nachschauen konnten, setzte sie hinzu, «Keiner von uns, so ‘nen Bürger hat’s da ange­ schwemmt.» Martin wollte selbst gucken und beugte sich über das Geländer. Die betonierte Plattform am Brückenpfeiler genau unter ihm stand voller Menschen, die sich aufge­ regt bewegten, und auf der Spree schwamm ein großes ovales Gummischlauchboot voller Einsatzkräfte, die wohl gerade anzulegen versuchten und ihren Kollegen am Ufer ein Seil zuwarfen. Martin schüttelte den Kopf, typisch Berlin, so ein Spektakel wegen nichts, dachte er, und nun sah er zwischen dem Boot und der Betonmauer den toten Menschenkörper treiben, wie ein Ast oder eine Plastiktüte unnatürlich sacht in der Strömung schaukelnd. Der Anblick des prallen weißen Fleischbergs erschreckte ihn. Martin hatte zwar einmal gelesen, dass Wasserleichen aufquellen, aber der Typ musste auch vorher schon groß und dick gewesen sein. Es war ein fast nackter Mann, er trug nur eine weiße Unterhose, die sich kaum von der Farbe seiner Haut unterschied und ihn geschlechtslos wirken ließ wie eine aufgeblasene Schaufensterpuppe, Arme und Beine steif abgespreizt. Was Martin aber gleich­ zeitig fast schaudern machte, war ein grünlich phospho­ reszierendes Glimmen, das die Leiche im schwarzen Wasser ausstrahlte, und als er es wahrnahm, lief ihm ein Kribbeln den Rücken hinunter, kalt wie ein Eishauch. Bald fassten vom Boot aus Arme mit Gummihandschuhen nach dem Körper, anscheinend begann die Bergung. Martin drehte sich wieder um, er sah Peer neben sich, weiter nach unten schauen. «Wahrscheinlich Selbstmord», sagte Renate. «Weil er keine Kleider anhat. Die falten sie zusammen und legen sie fein säuberlich neben ihre Schuhe am Ufer ab. So ein typisches Verhalten bei, eh, die sich ertränken.» Peer drehte sich nun zu ihnen um und schaute mit ausdruckslosem Blick auf Renate. «Wer hat ihn denn gefunden?», wollte Martin wissen. «Susanne», antwortete Renate, was Martin prompt mit einem «Na ausgerechnet» beantwortete. Er konnte Susan­ ne nämlich nicht besonders gut leiden, wegen ihrem Über­ muttergetue nannte er sie für sich «Susanne Wichtig», aber Renate ergänzte unbeeindruckt, «eigentlich war’s Rita.» Das war Susannes Hündin. Martin schaute in den Kreis. Zwei weitere Leute, die auch auf dem Kanal wohnten, und ein paar, die er nur vom Sehen kannte, standen herum und schauten verlegen auf den Boden, es gab nichts weiter über den Toten zu erzählen. Peer fragte Martin, «Ist Achim drüben?» «Weiß nicht», sagte er, «lass uns nachschaun, ich wollte sowieso wieder rüber.» Peer stapfte gleich los, Martin sagte «Tschau» in die Runde und folgte ihm mit großen Schritten. Als er fast neben ihm war, blieb Peer plötzlich stehen und beugte sich über das Brückengeländer. Er musste in zwei, drei Schüben, unter krampfartigem Würgen, in die Spree, kotzen. Vom Zusehen stieß es auch Martin gallig auf, Kotzen ist ansteckend wie Gähnen, etwas hilflos klopfte er Peer auf die Schulter. «Alles okay?», fragte Martin. «Geht schon», war die Antwort, «die Leiche da, der sah fast aus wie mein Alter.» Sie blieben noch einen Augenblick schweigend stehen, dann gingen sie weiter bis vor die beleuchtete Werbetafel, auf der ein Typ mit nacktem Oberkörper und grinsendem Kokainblick eine Filterzigarette rauchte. Sie kletterten, Martin zuerst, über das Geländer, unter der Tafel durch, und schlurften den dunklen Pfad entlang zur Platzmitte, auf der inzwischen ein Feuer flackerte. Als er näher trat, erkannte Martin einige seiner Mitbe­ wohner darum herumsitzen. Peer rieb sich die Hände über den Flammen, er schaute zu Achims Wagen. «Da brennt Licht», sagte er halb zu Martin und verabschiedete sich wieder. «Gibt’s was Neues von der Leiche?», wollte Bärbel wissen. Es war unglaublich, wunderte er sich, sie waren schon alle informiert. «Dass sie ausgerechnet am Kanal angespült wurde…», meinte Gajatri. «Habt ihr auch gesehn, wie die geleuchtet hat?», fragte Martin. «Wie geleuchtet?», hakte Bärbel ungläubig nach. Er konnte doch noch mit einer Neuigkeit aufwarten., «Wirklich», erwiderte Martin, «so fluoreszierend. Wie bei einem Glühwürmchen, nur nicht ganz so hell.» Justus bestätigte, «Das ist wegen der Verwesung im Wasser, irgendeine Eiweiß-Schwefel-Zersetzung löst das aus.» Martin setzte sich auf die Kante eines der feuchtkalten Holzklötze. «Ob Susanne zur Beerdigung geht?», fragte er sich laut. «Wie kommst du denn darauf?», entgegnete Gajatri. «Weiß nicht», zuckte er mit den Achseln. Aus dem Dunkel kam Ulli und stellte sich ans Feuer. «Sieht ja aus wie ein Plenum», sagte er ironisch. Regelmäßige verbindliche Arbeitstreffen waren auf der Schillingbrücke verpönt, während sie auf dem Schwarzen Kanal wöchentlich abgehalten wurden, mit vegetarischem Kochen und zwanghafter Gemütlichkeit. Die Leute drüben pflegten auch ein anderes Image, im Sommer wurde dort monatlich ein Open-Air-Kulturabend abgehal­ ten, ansonsten saßen sie an ihren Laptops und schrieben Diplomarbeiten in Soziologie; über die alternative Lebens­ form Wagenburg, wie Martin gern spottete, er hatte sein Studium längst aufgegeben. Oben auf der East-Side lebten zur Hälfte Freaks und Dealer, ansonsten Bier trinkende Punks. Der Platz galt selbst in der Szene als asozial, und tatsächlich verwandelte er sich in eine Blechdosenwüste, dazwischen lagen Auto­ schrott und Haushaltsmüll, dessen Entsorgung am Ein­ gang von Bürgern entlohnt wurde; pro Autobatterie oder Altölkanister kassierten die Punks bis zu zehn Mark, «Abfallgebühr». Reifen wurden zum Würstchengrillen verfeuert, und angeblich gab es einen eigenen Speed- Küchenwagen, in dem sie dieses feuchte neongelbe Desig­ nerpulver zusammenmixten, das der East-Side den ihr eigenen Charme verlieh. Sie würde wohl als Erstes geräumt werden, aber auch der Schwarze Kanal war bedroht. Darüber, wie lange sie auf der Schillingbrücke noch wohnen könnten, wurden unterschiedlichste Mutmaßun­ gen angestellt, die nie versiegenden Gesprächsstoff am Feuer boten, schließlich ging es um existenzielle Fragen. Ulli hatte sich in die Runde gesetzt; er wusste noch nichts von der Wasserleiche und wurde von Bärbel in allen Einzelheiten unterrichtet. «Daraus machen die Zeitungen wieder ein Räumungs­ argument», war sein Kommentar. «Der hat doch mit uns nichts zu tun», meinte Britta. «Wirst sehn, schlechte Presse, das bleibt irgendwie hängen», beharrte Ulli, «weißt doch, was die erfinden.» So ging das Gespräch noch eine Weile hin und her, ein neues Gerücht über Spekulanten und Pläne für Baumaß­ nahmen wurde auf seine möglichen Konsequenzen hin erörtert, aber Martin hörte immer weniger zu. Er schaute ins Feuer, das prasselte, fauchte und in gleißenden Farben loderte. Dabei verloren sich seine Gedanken zwischen den Bildern und Eindrücken, die das eben Erlebte ausgelöst hatte. Er fühlte sich müde, oder erschöpft, und ging bald in seinen Wagen, um den Ofen zu heizen., Als er die Tür aufgezogen hatte und über die ausklapp­ bare Metallstufe in den Wagen trat, stolperte er im Dunkeln über die Wolldecke und das Kissen, die im Eingang lagen. Er zündete den Kerzenstummel auf dem kleinen Holztisch an. Im Ofen glimmte noch, unter schwarzer Asche, bröselige Kohlenglut. Martin legte ein paar Holzscheite darauf, die bald grau dampften und schließlich Feuer fingen, dann knackte und knisterte es im Herd, und als er das Türchen öffnete, um neue Holzstücke nachzulegen, sprang ein Funke heraus und verkokelte rot glühend auf dem Boden. Von der eisernen Kochplatte strömten erste Wärmewellen auf und heizten die Luft im Wageninneren an. Martin schob den Kessel auf die Kochplatte und suchte seine Tasse für einen Tee. Sie stand noch vom Mittag auf dem Tisch, er fingerte die alten feuchten Teeblätter heraus und füllte neue nach. Dann setzte er sich auf seine Matrat­ ze, die etwa ein Drittel des gesamten Raums einnahm, und kramte darunter ein Tütchen mit Gras hervor. Als der Tee aufgebrüht war, zog er seine dicken Filz­ stiefel aus, die Jacke und sogar den Pullover, er legte seine Beine auf den Stuhl, weil sich am Boden noch die Kälte hielt, und zündete den Joint an.

Am nächsten Morgen weckte ihn ein wummerndes

Bassgeräusch. Er fühlte sich noch unausgeschlafen und dachte zuerst, Ulli hätte seine autobatteriebetriebene Musikanlage aufge­ dreht, aber selbst für Techno war der Sound zu minimalis­ tisch; es musste ein Polizeihubschrauber sein, der über, ihrem Platz durch die Luft kreiste, was in den letzten Wochen häufiger vorkam. Es war schon hell, und die Sonne warf ihr Licht durch das Fenster bis auf seine Bett­ decke. Er hatte schlecht geträumt, konnte sich aber nicht erin­ nern, was. Der Traum löste sich auf und verblasste, je mehr er ihm in Gedanken nachzuspüren suchte. Als er aufstand, zog sich die Haut an seinen Armen pickelig zusammen, es war kalt, und Martin beeilte sich, den Haufen Kleider überzuziehen, der von gestern auf dem Boden verstreut lag. Dann kniete er sich vor seine Küchenhexe, die Kohlenglut war über Nacht verloschen, er nahm Zeitungspapier und Holzstücke aus dem Vorrats­ korb unter dem Ofen hervor und stopfte beides in die Brennkammer. Wie jeden Morgen waren seine Hände mit Streifen von schwarzem Ruß beschmiert. Er öffnete die Lüftungsklappe, dann zündete er mit einem Streichholz das Papier von einer Ecke her an. Es glühte mit dünner blauer Flamme auf, verlöschte aber wieder in einem gelblich grauen Rauchwölkchen. Beim zweiten Versuch brannte es an, bald knisterten die Holz­ späne. Martin legte noch größere Scheite nach, so viele in den Ofen passten, und schloss das Türchen. Danach stand er wieder auf und nahm seine Urinflasche zum Pissen. Die war ihm bequemer, als jedes Mal rauszulaufen und bis zum Kloplatz zwischen den Holundern in der hinteren Platzecke zu gehen, vor allem im Winter. Schließlich nahm er den Wasserkessel vom Ofen, füllte ihn aus seinem Vorratskanister auf und stellte ihn auf die schon heiße Herdplatte. Noch einmal legte er neue Holz­ stücke in die rote Glut und stocherte mit seinem eisernen, Schürhaken den Gitterrost frei von Asche und darin verhakten Nägeln und Spangen, die im Holz verarbeitet gewesen waren. Endlich öffnete Martin die Wagentür, setzte sich auf die Schwelle und streckte die Beine nach draußen, die Füße auf dem Treppentritt. So saß er in der hellen, strahlenden Morgensonne. Vor ihm im Sand lagen die Steine seiner Feuerstelle, umgeben vom obligaten Holunder, ziemlich das Einzige, das hier auf dem Platz wuchs, dahinter sah er die Spree und das gegenüberliegende Ufer mit den Wagen vom Kanal. Erneut störte ihn das Wummern, er schaute in den Himmel, sah den Rauch aus seinem Ofenrohr in einer dünnen grauen Fahne nach oben steigen, und den Heli­ kopter. Ein bisschen hatte sich Martin schon daran ge­ wöhnt, er fragte sich nur, was die da oben stundenlang gucken konnten. Das Wasser begann zu sieden. Er füllte einen Löffel Kaffeepulver in die Tasse und schüttete das Wasser darauf. In einem Einmachglas hatte er einen selbst gemachten Aufstrich aus Nüssen und Trockenfrüchten, abgepackte Brotscheiben lagen auf dem Tisch. Er setzte sich wieder in die Tür. Auf der einen Seite von der Sonne gewärmt, auf der anderen durch den inzwi­ schen abstrahlenden Ofen, ließ er den Tag auf sich zukom­ men und drehte an einem Joint zum Frühstück. Auf der Spree trieben ein Schwarm schwarzer Enten mit weißem Nasenfleck, dazwischen ein paar Möwen. In, einem der Sträucher an der Seite zur Mauer spielten zwei Spatzen zwitschernd und flatternd. Der Hubschrauber kreiste immer tiefer und war nun groß und detailliert zu erkennen. Martin fragte sich, wie viele Bullen damit beschäftigt waren, unzählige Fotos und Beobachtungen zu Bewegungskarten, Personenakten, Einsatzplänen und Räumungsszenarien zu verarbeiten, ob manchmal Politi­ ker oder Investoren sich die Lage von oben vorführen ließen, oder die Presse sich Plätze mieten konnte; manch­ mal nämlich hatte er hinter den Piloten irgendwelche Gesichter rausglotzen gesehen. Oder er stellte sich vor, wie ihn der Copilot scherzhaft ins Visier seines Maschi­ nengewehrs nahm. Am Anfang hatte er dem Blechkasten zugewunken oder ihm den Mittelfinger entgegengestreckt; es war gleichsam eine natürliche Reaktion auf diese Maschinen über einem in der Luft, aber sie wich einer zunehmend genervten Indifferenz, je öfter diese schwarzen Brummer ihre Bahnen zogen. Er stand auf und ging zu seinem Bettkasten, in dem er seine Tripdose aufbewahrte. Ihr entnahm er ein vierecki­ ges, bunt bedrucktes Papierschnipsel, legte es auf seine Zungenspitze und schloss den Mund. Er sammelte etwas Spucke, ließ das Papier einweichen und schluckte es hinunter. Dann setzte er sich wieder in den Türrahmen und spülte mit Kaffee nach. Das Stahlinsekt drehte eine letzte Runde über ihm und bog ab entlang der Spree in Richtung East-Side. Eine Erinnerung drängte sich in sein Bewusstsein, so lebhaft, dass er sich fragte, ob das LSD schon wirke: Es, waren die siebziger Jahre und Kalter Krieg. Er saß im Klassenzimmer seiner Grundschule, vorne erklärte die Lehrerin eine Rechenart, bis ein Dröhnen in der Luft ihre Stimme übertönte. Es waren Starfighter vom nahe gelege­ nen amerikanischen Militärflugplatz, die übten, den Frieden zu sichern. Tag und Nacht stand ein Bomber mit Atomwaffen startbereit auf der Rollbahn, vor allem abends war das Rauschen der Düsentriebwerke über fünf Kilometer hinweg bis in sein Dorf zu hören. Sie übten hauptsächlich im Mosel-Tal und kündigten sich mit einem anschwellenden Geräusch an, das bis zum Ohrenbetäuben laut wurde. Die Lehrerin und sämtliche Kids steckten sich dann die Finger in die Ohren und schauten abwartend aus dem Fenster. Oft waren es zwei oder drei hintereinander, und meist folgte auch noch ein donnernder Knall; sein älterer Bruder hatte ihm erklärt, die Flugzeuge würden dann die Schallmauer durchbrechen. Das wäre aber keine richtige Mauer, sondern eine aus Luft, wie eine Druck­ welle, die sich überschlägt. Es gab auch ein Bild in einem Schulbuch, wo die Schallmauer wie ein Trichter um das Flugzeug dargestellt wurde. Obwohl Martin nichts Ge­ naues verstand, beschäftigte ihn diese Schallmauer lange, und dass sie so laut knallte, obwohl sie nicht zu sehen war, ließ ihm keine Ruhe. Heute führte er eine Schwer­ hörigkeit, zu der er Tendenzen bei sich festgestellt zu haben glaubte, auf diese Kindheitstraumen zurück. Martin machte sich eine zweite Tasse Kaffee und saß dann weiter auf seiner Türschwelle in der Wintersonne. Nach dem Frühstück und durch den Kaffee angeregt, musste er kacken. Er überlegte, ob er zur Minol rüber­, gehen sollte, der Tankstelle jenseits der Straßenkreuzung. Hier gab es kostenlose Wasserhähne, einen Container und die Klos, die ein paar von Martins Mitbewohnern bevor­ zugten. Aber oft fehlte Papier, und die Atmosphäre in dem weiß gekachelten Kabuff mit von innen verschließ­ barer Aluminiumtür war alles andere als einladend. Außerdem müsste er den Platz verlassen und über die autoverstopfte Straße laufen; er sagte für alles vor dem Tor «in die Stadt gehen», und das war ihm gerade zu anstrengend. Die Alternative war sein Eimer. Er trug ihn in den Wagen und schloss die Tür. Auf dem Metallrand zu sitzen war nicht sehr bequem, weil der sich ins Fleisch ein­ drückte und sogar Blutadern abquetschen konnte, so dass die Füße oder Beine anfingen zu kribbeln und taub wurden. Er verlagerte sein Gewicht mehr in eine Art Hocke auf die Füße, was aber gleichzeitig Waden und Oberschenkel anstrengte. Mit einer Hand tastete er nach der Klopapierrolle. In dem Moment hörte er ein Geräusch, er blickte auf und sah in der sich öffnenden Tür Peer, der, als er Martin sah, grinste. Martin schaute ihn an, er war überrascht und wollte etwas sagen, im Sinne von «Wie wär’s mit anklopfen?», während Peer die Stufe ins Wageninnere nahm, sich gegen den Türpfosten lehnte und ein betont lässiges «Moin» verlauten ließ. Die Situation hatte ihren eigenen Reiz. Martin sagte, «Lass die Tür ruhig auf, zum Lüften.» «Aber wenn uns jemand so sieht», entgegnete Peer in gespielter Besorgnis., Martin stutzte bei der Antwort. Eigentlich hätte er mit einer Bemerkung Peers in Richtung der typischen Furz­ witze gerechnet, die Martin ebenso nervig fand wie das Fluchwort «Scheiße», obwohl er es auch selbst benutzte. Ebenso hatte ihn irritiert, dass Peer «uns» gesagt hatte statt «dich». Auch war irgendetwas an Peers Ausstrahlung verwirrend, was Martin nur nebenbei auffiel. Peer legte seine Hände unter dem Bauch zusammen und hakte die Daumen beim Hosenknopf seiner graufleckigen Jeans ein. Das war eindeutig eine Pose aus dem Ballett der Klappen oder Parks, kam es Martin vor. Dabei war Peers Lächeln halb spöttisch und halb verlegen. Die Strähnen seines rot gefärbten Iros lagen strubbelig und platt über der an den Seiten rasierten Kopfhaut, er trug ein militarygrünes T- Shirt, und wie Martin nun genauer hinsah, hatte Peer mit seinen Daumen zwischen Shirt und Hose einen Streifen seines Bauchs zum Vorschein gebracht, der in der Mitte von einem dünnen Strich kleiner brauner Härchen geteilt wurde. Seine Füße staken in den Springerstiefeln, die aber wie Stulpen abstanden, weil sie nicht zugeschnürt waren. Martin erinnerte sich an gestern Abend, die Begegnung auf der Brücke, Peer musste bei Achim gepennt haben. Was war eigentlich mit den beiden, und was machte Peer nun bei ihm?, fragte er sich unwillkürlich. Er wollte etwas sagen, grübelte aber über zu vieles gleichzeitig und suchte nach passenden Worten. Vielleicht bemerkte Peer Martins leichte Konfusion, er sagte wie beiläufig, «Ich hab deinen Schornstein qualmen sehn. Der Scheiß-Hubschrauber hat mich wach gemacht.» Und nach einer rhetorischen Pause, «Hast du ‘ne Kippe und vielleicht ‘nen Kaffee?», Martin antwortete nicht direkt. Er wusste nun den Grund von Peers Anwesenheit, aber die Umstände waren ihm noch unklar. Zuerst stellte er eine Gegenfrage, «Hat dich die Alte geschickt, oder wie?» «Du meinst Achim oder wen? Das Arschloch is’ gar nicht da. Hat sich verpisst, heut Nacht.» Auch Martin war in letzter Zeit nicht gut auf Achim zu sprechen gewesen, weil der mit Isolierarbeiten in seinem Wagen beschäftigt war und hauptsächlich nachts arbeite­ te. Das Sägen und Hämmern hatte schon zu einem Platz­ plenum geführt, und Achim wurde angetragen, zur Mauerecke bei der Kreuzung zu ziehen, da hatte er größt­ möglichen Abstand zu den bewohnten Wagen; er war aber uneinsichtig, das sei ein Abstellplatz und die Autos viel zu laut, außerdem würden die Busse an der Ampel so stark brummen, ein Argument, das er von Ulli hatte. Wir würden ihn dem Erfrieren anheim geben. Da war es Martin zu viel geworden, das Dröhnen der Schubschiff­ motoren sei wohl genauso laut und störe ihn doch auch nicht, wenn er tagsüber rumpenne. Seitdem waren sie zerstritten und redeten kaum miteinander. Martin war aufgestanden und zwängte sich mit dem Eimer an Peer vorbei durch die Tür, weil der unverwandt am Pfosten lehnte. «Kleinen Moment», sagte Martin, brachte den Eimer an seinen Platz und füllte ihn mit Sägespänen aus einem Jutesack auf. Peer rieb sich die Hände über der Herd­ platte. «Ich glaub, wir müssen neues Wasser aufgießen», sagte, Martin, draußen stehend. «Wo? Hier?» Peer guckte sich um und zeigte auf den Kanister. «Wart, ich mach’s», entgegnete Martin, «wenn du mich reinlässt.» «Entschuldige», sagte Peer und trat einen Schritt nach hinten, so dass Martin zur Tür hereinkonnte. «War kein Vorwurf», sagte er. «Was?», fragte Peer zurück. «Na», Martin war von der Gegenfrage verdutzt, «ehm, ich meinte nur, du brauchst dich nicht entschuldigen.» Der Wasserkanister stand in Kopfhöhe auf einem Regal; der Ausgussschlauch aus durchsichtiger Plaste war an einem Ende durch den Deckel gesteckt. Hielt er das andere Ende tiefer, lief das Wasser in den Kessel oder was er darunter hielt. Peer beobachtete die Konstruktion. «Ausgetüftelt», kommentierte er und nahm die noch drei viertel volle Kaffeetasse von der Seite der Herdplatte. «Die wird langsam kalt.» Er trank schlürfend. «Tabak liegt neben dir. Es gibt sogar Brot und so was. Die Tasse müssen wir uns teilen, ich hab nur eine.» Das stimmte zwar nicht ganz, es gab eine Gästetasse, aber die lag hinter dem Wagen und musste erst gesucht und gründlich gesäubert werden. Er schaute sich etwas unschlüssig um, ging dann mit drei Schritten an Peer vorbei zum Bett, drückte die Decke in eine Ecke und setzte sich auf die Matratze. Peer rückte den Kessel ein Stück hin und her und fragte, «Soll ich noch Holz nachlegen?» «Gute Idee, ist bestimmt schon ganz runter gebrannt»,, meinte Martin, «der Korb unterm Ofen.» Er schaute Peer beim Nachlegen zu. Dann schloss er die Augen und versuchte seine Gedanken zu sammeln. Die schienen ihm aber davonzuschwirren und wie farbige Lichtschlieren um ihn herum einen Reigen zu tanzen, ein kosmisches Netz mit diamanten funkelnden Knoten auf seine Sehnerven zaubernd. Peer hatte sich neben ihn gesetzt, so dass sich ihre Schultern berührten. Irgendwie überraschte ihn Peers Ver­ halten, und er fragte sich, warum. Der nahm das Tabak­ päckchen vom Tisch und begann eine Zigarette zu drehen, mit einer schüchternen Selbstverständlichkeit, die Martin sympathisch war. Er wollte ein Gespräch beginnen. «Du wohnst an der East-Side?», sagte er halb feststel­ lend, halb fragend. «Bei zwei Kumpels; da liegt mein Schlafsack», antwor­ tete Peer. Martin drehte sich im Sitzen zur Seite, so dass er sich mit dem Rücken an die Wand lehnen konnte und Peer etwas zugewendet saß. «Und wie ist das mit Achim?», wollte Martin wissen. «Ach der», sagte Peer und zündete die Zigarette an. Er inhalierte einen tiefen Zug. «Der is’ ein Idiot. Wir haben noch Bier getrunken, gestern Nacht», sagte er ein wenig zögerlich und fügte hinzu, «Dann sind wir ins Bett, und als ich pennen wollte, hat er rumkrakeelt, ich soll abhaun, und er will alleine sein. Ich hab mich umgedreht, er soll keine Szene machen, was ihm eigentlich einfällt. Dann hat er seine Jacke geschnappt, is’ raus und hat die Türe zugedonnert. Ich, war auch ganz schön betrunken, ich bin gleich einge­ schlafen.» «Mh», antwortete Martin, «die hat manchmal ganz schöne Zicken.» Er kannte solcherart Geschichten schon von Achim und hatte öfter Klagen über dessen Launigkeit anhören müs­ sen. Auch dass er tage- und nächtelang in der Stadt ver­ schwand, war keine Ausnahme. Peer hielt die Tasse mit dem inzwischen wohl lauwarmen Kaffee, «Ich trink aus.» Martin nahm das Päckchen Tabak, legte ein Blättchen darauf zurecht und fummelte nach dem Gras, von dem er einen Vorrat in seinen ledernen Dopebeutel füllte. Er bröselte an einem Joint. Währenddessen brühte Peer den neuen Kaffee auf, zog die Wagentür zu, «Damit die Wärme drinbleibt», und setzte sich wieder neben Martin. «Ist dir kalt?», fragte der. «Nee», wies Peer zurück, «nur bisschen, vom Aufwa­ chen.» Er nahm die Tasse mit beiden Händen und trank vor­ sichtig von der dampfenden Brühe, dann reichte er sie Martin, der aber beide Hände zum Jointbauen benutzte und die halb fertige Tabakmischung erst ablegen musste. Peer beugte sich zum Tisch vor und angelte eine Scheibe Brot aus der Tüte. «Ist das hier essbar?» Er zeigte auf das Glas mit dem selbst gemachten Aufstrich. «Vielleicht sogar genießbar, probier selbst. Das Rezept ist orientalisch. Mit Stechapfel und Rosenwasser.», Peer schmierte ein wenig davon auf die Brotscheibe. «Bist du so ein Hippie?» Er biss ein großes Stück aus der Scheibe und murmelte kauend, «Okay.» Martin zündete den Joint mit dem grünen Plastikfeuer­ zeug an, das auf dem Tisch lag, sog in kräftigen Zügen den Rauch in die Lungen, dass die Glut an der Kippe rot aufleuchtete und sich mit einem leichten Knistern ringför­ mig am Papier entlangfraß. Er hielt den Joint zu Peer. Der nahm ihn mit Daumen und Mittelfinger, den Zeigefinger hielt er eingeknickt. Martin pustete den Rauch vor sich in den Raum und trank einen Schluck Kaffee. «Und wann fall ich von der Paste in Trance?» «Wann du willst», war Martins spontane Antwort, «das ist der Zauberapfel, der dir alle Wünsche erfüllt.» «Du erzählst mir hier Märchen», spöttelte Peer. «Kennst du Schneewittchen und den Giftapfel? Mit der Hexe und dem Todesschlaf im gläsernen Sarg? Das ist Avalon. Die Zwerge sind Fliegenpilz-Hilfsgeister, oder so ähnlich.» «Also ich steh mehr auf Comic und Science-Fiction», meinte Peer, «ich mal auch selber. Wülste mal sehn?» «Schwarzweiß oder bunt?», fragte Martin. «Wenn ich hab, auch mit Farben.» Er zog aus der hinteren Hosentasche einen kleinen verknitterten Papierblock heraus und blätterte darin. «Hier!», zeigte er ein Blatt, «Mein Spinnencomic. Ist noch nicht fertig.» Er gab die aufgeschlagenen Zettel Martin, weil die Bilder klein gemalt waren und er näher hinschauen musste., «Das Netz ist verschieden», krittelte Martin. «Nee», widersprach Peer, «das ist nur durch die Per­ spektive verzerrt. Die Nahaufnahme, so von unten her, verstehst du?» Er hatte noch einmal am Joint gezogen und reichte ihn zurück an Martin. Dabei berührten sich ihre Finger­ spitzen. Martin legte den Block auf den Tisch und rauchte. Der Joint war fast zu Ende gebrannt, er drückte die Kippe auf einem kleinen Teller aus. «Hat lustige Augen, die Spinne.» «Eigentlich soll sie grimmig dreinschaun», erläuterte Peer. Martin sah ihn an und grinste; aber wie sich ihre Blicke begegneten und ineinander fielen, spürte Martin das fast wie ein Stechen, das in seinem Bauch ein mulmiges Krib­ beln auslöste. Er wandte den Blick ab und blickte aus dem Fenster. Peer indessen ließ sich nach hinten sinken, so dass er quer auf der Matratze lag, die Arme verschränkt hinter dem Kopf. Er schaute gegen die Decke des Wagens. «Ich könnte noch ‘ne Runde poofen.» Martin schaute zu ihm hin. Er hatte Lust, Peer zu berühren, aber wie würde der reagieren? Er hob seine linke Hand über Peers Bauch und tippte mit Zeige- und Mittelfinger auf den Streifen Haut unter dem nach oben gerutschten T-Shirt. Als Peer das mit einem Lächeln beantwortete, fuhren Martins Finger leicht über die feinen Härchen und folgten ihnen unter den Rand des, Shirts zum Bauchnabel. Er legte die Finger, dann die ganze Hand flach auf Peers Bauch und schob sie unter dem Hemdstoff zu Peers rechter Brustwarze. Er tastete daran, fühlte leicht reibend mit einer Fingerspitze nach dem vorstehenden Noppen, drückte ihn nach innen und quetschte ihn vorsichtig zwischen Finger und Daumen. Peer blickte mit etwas leeren, nach innen gerichteten Augen zur Decke, er hatte seinen Mund einen Spalt weit geöffnet und leckte wie unbewusst mit der Spitze seiner roten Zunge über die Lippen. Martin sah, es törnte Peer an, er sagte, «Aber im Bett musst du die Springer auszie­ hen.» «Ich penn eh am liebsten nackt», entgegnete Peer, rich­ tete sich halb auf und legte seine linke Hand auf Martins Knie, das sich an Peers Bein drückte. Martin fasste das Shirt und schob es hoch, Peer hob seine Arme in die Luft, und Martin half mit der zweiten Hand, das Hemd über den Kopf hin auszuziehen. Peer öffnete Knopf und Reiß­ verschluss seiner Jeans und schob sie über Oberschenkel und Knie auf die Schuhe. Dann zog er ein Bein nach dem anderen aus dem Kleiderknäuel, in dem die Hosenbeine zwei hohle Röhren bildeten. Martin schaute Peer an. Der war eher dünn oder schlak­ sig, wie Martin schon bemerkt hatte. Die bleiche Haut, wie ein Flaum übersät mit durchsichtigen dünnen Härchen, lag eher ledrig als weich über den vorstehenden Knochen. Zwischen den gespreizten Beinen kräuselten die Haare sich struppig und dunkel wie ein Nest auf einer Astgabel, aus dem sich ein rosahautiges Küken emporreckte, sich zuckend vom Körper abhob und dabei auf und ab wippte. Peer friemelte an Martins Sweater, er zog dessen Unter­, hemd aus dem Hosenbund und stülpte beide Teile über Martins Kopf. Peer rollte sich in die Bettdecke, während Martin aus seiner Hose schlüpfte. Martin hatte ein mulmi­ ges Drücken im Bauch; aber vielleicht war das die Wir­ kung der Droge. Gleichzeitig strömte etwas wie ein Glücksrausch warm rieselnd durch ihn hin. Er rutschte unter die Decke und drückte seinen nackten Körper an Peers, er küsste Peers Nacken, während seine Hand über Peers Brust und Bauch streichelte. Als er das tat, durch­ blitzte seinen Kopf etwas, das er wie eine Einstellung aus einem Pornofilm wahrnahm und das ihn ablenkte. «Fast wie ein Automat, jede Bewegung programmiert», dachte er dabei unklar. Peer drehte sich zu ihm hin. Sie küssten sich. Martin drückte seine Zunge an Peers Lippen, dass sie von seiner Spucke glitschig wurden, und steckte sie weiter vor, gegen die Zahnreihen, die sich zögernd öffneten, bis er Peers Zunge fühlte, sie berührte und schmeckte. Dabei spielten ihre Hände je über des anderen Haut, die unter der Decke heiß und schwitzig wurde. Ihre Körper rieben sich desto schmiegsamer anein­ ander, Martin fühlte sich mit Peer im gleichen Rhythmus atmen und hatte ein Empfinden, als würden sie zusam­ menschmelzen, ihre Nervenfasern sich zu einem Netz verlöten, als fließe ihr sprudelndes Blut durch die gemein­ samen Adern eines Doppelwesens. Martin hob seinen Kopf leicht an, er sah, von Peers Stirn perlten Schweißtropfen. Er wischte mit seiner Hand darüber, fuhr das Haarbüschel entlang zum Hinterkopf, streichelte die rasierte Kopfhaut. Dabei versank sein Blick in Peers Augen, die so klar wirkten wie ein See, dessen, Grund durch das Wasser hindurch zu sehen ist. Peers Mund öffnete sich einen Spalt, er stöhnte leise, als Martin Peers Glied zwischen den Krausehaaren ertastete. Er ver­ mochte mit seiner Hand Peer mehr und mehr in Ekstase zu bringen, es war wie eine ansteigende Schwingung, die Peers ganzen Körper durchlief, sein Becken wippte vor und zurück, und er atmete noch hastiger. Doch plötzlich musste Peer heftig husten, als habe er sich verschluckt, er knickte seine Beine ein und zog sie an den Körper. Gleichzeitig rollte er sich von Martin weg. «Was ist passiert?», wollte Martin wissen. «Weiß nicht», antwortete Peer leise und angestrengt, er hatte sich abgewendet und schien gründlich verstimmt. «Geht’s dir okay?», fragte Martin besorgt. Er beugte sich etwas vor, um Peer ins Gesicht sehen zu können, und legte seine Hand auf Peers Schulter, spürte aber unter dessen Haut ein wie erschrecktes Zusammenzucken, als hätte er einen Stromschlag erhalten. Schnell zog er die Hand wieder weg. Peer schien sich innerlich zu verkramp­ fen und sagte stotternd, «Lass mal – ich kann grad nicht – bitte…» Martin sah, Peer hatte tränennasse Augen und schluchz­ te unmerklich. Martin setzte sich im Bett auf und atmete tief durch. Er breitete die Decke über Peer und zog sie ihm über die Schultern bis unters Kinn, behutsam, ohne ihn dabei anzu­ fassen. «Ruh dich aus», murmelte er, «keinen Stress…», und faltete seine Beine zum Schneidersitz auf der Matratze., Ihm war heiß, und gleichzeitig hatte er eine Gänsehaut auf Armen und Oberkörper. Er stand auf, ging zum Ofen und legte das letzte Holz in die weißgraue Glut. Orange Funken rieselten dabei in den Aschenkasten und verglommen. Er schloss das Ofentürchen, griff nach der Wolldecke unter dem Tisch und legte sie um seine Schul­ tern. Er musste sich, herausgerissen aus einem Unendlich­ keitsgefühl, neu in Raum und Zeit, im Hier und Jetzt orientieren. Was war eben geschehen? Was war los mit Peer, und wie sollte er sich nun verhalten? Auf dem Tisch stand noch die Tasse mit einem Rest Kaffee, der inzwischen kalt und bitter war, er trank davon, suchte nach Tabak und, in der Hose auf dem Boden, den Lederbeutel für einen Joint. Hatte er etwas falsch gemacht oder Peer überfordert oder verletzt? Er wusste, das waren falsche Fragen. Er schaute sich nach ihm um und setzte sich zurück auf die Matratze, neben sich unter der Decke Peer. Der war nicht eingeschlafen, streckte seinen Körper gerader, legte sich auf den Rücken, beide Hände zu Fäu­ sten geballt, und rieb sich mit den Handrücken die Augen. Dann schaute er Martin an, und dieser Blick verunsicherte Martin. Er versuchte, ein Wort dafür zu finden; guckte Peer unwirsch? Ängstlich, verärgert, beschämt oder vor­ wurfsvoll? Vielleicht von allem etwas, dachte er, und hatte mit einem Mal Angst, Peer würde jetzt sagen, eigentlich bin ich gar nicht schwul oder etwas Ähnliches. Dabei fühlte er wie im Voraus einen kränkenden Schmerz. Wie, kamen ihm bloß diese Gedanken in den Sinn? Der Joint war fertig, er rauchte ihn an. Sie schauten sich erneut einen Moment schweigend in die Augen, aber die Stimmung war gedrückt, als laste etwas Unausgesproche­ nes auf ihnen. Es war schwer, ein passendes Wort zu finden. «Bist du jetzt sauer auf mich?», fragte Martin schließlich. «Quatsch – wieso?», war Peers grummelige Antwort. Martin hielt ihm den Joint entgegen, Peer nahm ihn und rauchte. Dann gab er ihn zurück, schlug die Decke von sich weg, setzte sich auf die Bettkante und suchte nach seinen Kleidern. Martins Blick wanderte unwillkürlich über Peers nack­ ten Körper, wie er unter T-Shirt und Hose verschwand. «Peer?», fragte Martin. Der drehte den Kopf und schaute ihn an. «Mh?» Peer zog die Schuhe an. «Ich glaub, ich geh mal», sagte er. Martin nickte. Peer stand auf und ging zur Tür. Martin kletterte vom Bett. «He! – Sehn wir uns wieder?» «Weiß nicht», sagte Peer. «He warte, ich…», Martin sprang auf und ging auf ihn zu, wobei ihm die Decke von den Schultern rutschte. Er fasste ihn bei der Hand. «Ich… ehm…» Martin stellte sich vor Peer und drückte, ihm einen schmatzenden Kuss auf die Wange. «Tschau», sagte er, «bis… heut Abend vielleicht?» Das sollte scherzhaft klingen. Peer grinste kurz, ging dann die Stufe hinunter und nach draußen. Martin fühlte sich wie in einem Hausfrauenmelodram im Fernsehen. Hatte er sich wirklich in Peer verliebt? Er schaute aus dem Fenster, um Peer zwischen den Holun­ dersträuchern verschwinden zu sehen. Schließlich zog er seine Kleider über und ging selbst nach draußen, um sich abzulenken. Die Sonne war hinter einer Wolke verschwunden, ein leichter Wind blies von der Spree her. Martin ging die paar Schritte vor bis zum Ufer. Auf der Brücke stauten sich die Autos. Er sah den leeren Wasserleichenschauplatz von gestern. Es saßen gar keine Angler dort, wie sonst oft. Ein paar Möwen kreischten über dem Fluss. Martin hatte das Gefühl, er müsse sich mit irgendetwas beschäftigen, er wollte nicht die ganze Zeit vergrübeln. Vielleicht war es gut, neues Brennholz zu machen, ob­ wohl ihm eigentlich jede Anstrengung zu viel war. Er rauchte den letzten Zug, der schon das Papierfilter­ röllchen ansengte und ihn zu einem Husten reizte, und warf die Kippe in die Spree. Die Sonne kam wieder hervor, er beobachtete ihren Schein vom Kanal her sich über die Spree hin ausbreiten, und am Himmel den immer glitzernder funkelnden Rand der Wolke, bis die Glutscheibe mehr und mehr durch den, Dunst hindurchstrahlte. Er schlenderte neben seinem Wagen entlang vor zum Platz. In der Mitte, um die sich die beräderten Hütten grup­ pierten, sah Martin zwei Leute sitzen. Ein Feuer brannte. Er ging zu ihnen hin, es waren Britta und Ulli. Sie saßen auf je einem der Holzblöcke. Martin blieb eine Weile am Feuer stehen und schaute in das farbige Züngeln der Flammen; dann setzte auch er sich und schaute zu den beiden. Britta wollte wissen, wer da eben über den Platz gelau­ fen war, und, «Kam der von dir oder Achim?» «Von beiden», gab Martin zur Antwort, «und wohnt auf der East-Side.» Es gab keine weiteren Fragen oder ironische Bemerkun­ gen. Drüben auf dem Schwarzen Kanal war das differen­ zierter; Klaus, ein Freund von Martin, wohnte dort und hatte sich auf einem Plenum anhören müssen, es liefen szenefremde Männer im Ecstasytran über den Platz, und dann noch jeden Morgen ein anderer! Damit waren die Techno-Boys gemeint, mit denen Klaus eine permanente Love-Parade feierte. Stattdessen sprachen Britta und Ulli weiter über Vorbe­ reitungen für einen Aktionstag im Sommer. Es sollte deutschlandweit aufgerufen, eine Demo organi­ siert werden und ein Straßenfest stattfinden. Auf den Plätzen war ein Tag der offenen Tür geplant, mit Wand­ zeitungen zur aktuellen Situation, und buntem Programm, wie Britta frotzelte., «Als ob wir irgendwelche Anwohner von unserer Lebensweise überzeugen würden. Da kommt garantiert kein Einziger, übrigens steht sowieso kein Mietshaus im ganzen Umkreis.» «Das soll ja nicht nur für die Bürgers sein, sondern in die Szene hinein mobilisieren. Ein richtig guter Acid-Rave wär angesagt, wir könnten drei Tage und Nächte Dauer­ party machen und hätten den Platz garantiert voller Leute, denk an letztes Jahr, das war total ausgeflippt», plauderte Ulli. Martin legte die Hände auf die Knie und stützte das Kinn darauf, so schaute er der knackenden Glut zu. Hier sprang ein Funke, dort leckte eine Flamme blau oder gelb, sprühte grünlich unter einer Borke heraus, ein Ast brach weiß glühend, und rote Plättchen sprangen davon ab, die Hitze strich, in schwarzen Schlieren Muster malend, über das orange grillende Holz. So saßen sie, er wusste nicht zu sagen, wie lange, als das Tor rasselte.

Der Eingang, besser, die Einfahrt zum Platz wurde durch

ein Rolltor gebildet, dessen einer Flügel beim Öffnen ein metallisches Klappern erzeugte. Alle drei wendeten ihre Blicke zu dem gelben Tor, das eigentlich ein Element des Bauzauns war, der den Platz zur Straße und zum Fußgängerstreifen hin abgrenzte. Die Person schloss das Tor mit dem gleichen Geräusch, schaute zu ihnen hin, winkte und kam über den sandigen Weg, um den Grasplatz, das Biotop herum, ans Feuer., Martin sah, es war Daniel, den er von gemeinsamen Knei­ penabenden kannte. «Hallo!», grüßte Daniel, als er bei ihnen stand, und schaute zu Martin. «Hey», erwiderte der, «machst du ‘nen Spaziergang?» «So was Ähnliches», sagte Daniel, «ich will Klaus besu­ chen.» Er sagte das mit einem sonderbaren Tonfall, fand Martin. «Komisch, vorhin hab ich noch an ihn gedacht. Hab ihn zwei, drei Tage nicht gesehn. Frag mal bei Susanne nach, die wohnt ja neben ihm», sagte er. «Ich weiß», entgegnete Daniel, «ich mein, er ist nicht drüben, ehm, ich wollte dich fragen, ob du nicht mitkom­ men willst… er liegt nämlich seit drei Tagen im Kranken­ haus. Ab heute kann er wieder besucht werden.» «Wie ist das denn passiert?», fragte Martin betroffen. «Ging fast über Nacht», erzählte Daniel, «war richtig un­ heimlich… Von ich glaub Dienstag, also der Tag davor… Wir waren noch unterwegs vom Wochenende, das fing an mit einem Husten, aber der wurde immer schlimmer. Wir mussten aus der Sauna raus und sind in meine Wohnung, da zitterte er wie von Schüttelfrost und hatte gleichzeitig Fieber. Er hat fast keine Luft mehr gekriegt, wir mussten den Notarzt rufen… Pneumozystis…» Das war ein Schlüsselwort. Martin wusste, Klaus hatte Aids. Ihn überfiel leichte Panik in Form einer Hitzewallung. «Er ist in der AVK», sagte Daniel., Das war die Klinik mit der Sonderstation, Martin hatte Klaus dort im Herbst schon einmal besucht. Aber seitdem schien er wieder gesund zu sein. Martin blickte erneut in das Feuer. Dann stand er auf und sagte zu Daniel, «Lass uns mal an die Spree gehn. Ich hab meinen Tabak im Wagen.» Er ging langsam vor und Daniel hinter ihm drein, bis neben Martins Wagen. «Moment», sagte Martin und verschwand kurz, um mit dem kleinen Päckchen in der Hand wieder zurückzukom­ men. Sie stapften durch den grauen Sand vor zum Ufer. Daniel schien bedrückt. Er ließ die Schultern hängen, so kam es Martin vor, und er redete leise, fast flüsternd. «Der Arzt meinte, er muss zehn Tage drinbleiben. Es gibt da eine Therapie, so ein Medikament zum Inhalieren, für die Lungen. Das würde in der Regel anschlagen.» Sie standen nebeneinander und blickten über das Was­ ser. Von rechts, von flussab, glitt ein Schubschiff vor ihnen vorbei. In stählernen Schwimmtanks türmten sich gelbe Sandhaufen zu sechs, sieben pyramidenähnlichen Spitzen, am Ende war die Fahrerkabine mit dem sich drehenden Radarrohr und einem Schornstein, aus dem schwarzer Rauch quoll. Der Dieselmotor röhrte auf und schlug die Luft in Druckwellen, die in den Ohren und auf der Bauchdecke vibrierten, denn der Kapitän musste zwischen zwei Pfei­ lern hindurch und gab Gas, um den Kurs zu korrigieren. Das Wasser sprudelte schäumend hinter der Schiffs­, schraube auf und bildete eine v-förmige Wellenlinie. An den Seiten der schwarzen Metallcontainer schwappte die Spree in gleichförmigen, flachen Bogen wie eine sich vor­ wärts schiebende Sinuskurve. Das Fähnchen am Bug mit einem gelben Fächeremblem auf rotem Grund flatterte in das Torbogenrund zwischen den Brückenpfeilern. Bald war das Schiff halb verschluckt, dann quetschte sich die Kabine, zentimetergenau, wie es von hier aussah, durch die Öffnung und verschwand unter der Brücke wie in einem Tunnel. Der Rauch schweb­ te als schwarze Dunstwolke über dem kalten Wasser und wurde vom Wind in Schwaden zerweht. Daniel sagte, «Vielleicht können wir ein paar Sachen bei ihm abholen, die er braucht. Den CD-Walkman, ein Buch will er, und einen Taschenkalender, dann sein Adress­ buch. Soll alles auf seinem Bett liegen, sagt er.» «Du warst schon im Krankenhaus?», fragte Martin. Er suchte mit der Linken in seiner Hosentasche nach dem Beutel mit dem Haschisch und setzte sich auf die herumliegende Strohmatratze, obwohl sie feucht war. Die verschränkten Beine nutzte er als Ablage, um Blättchen, Tabak und Dopekrümel zu verarbeiten. Daniel zog sich den grünen Klappstuhl heran, auf des­ sen Holzleisten der Lack in großen Placken abblätterte. Er setzte sich vorsichtig auf die vorderste Kante. «Wir sind hingefahren, nachdem wir telefoniert hatten. Björn war mit. Als wir ankamen, war auch ein Arzt da und hat kurz mit uns geredet. Klaus war in so ‘nem keim­ freien Baum, also hinter der Glasscheibe. Wir durften gar, nicht zu ihm rein, weil wir was einschleppen könnten. Aber das sei halb so schlimm, wenn das Medikament erst wirke, könne er auf ein anderes Zimmer. Er hatte eine ovale Maske mit einem Schlauch dran über dem Mund. Und alle möglichen Geräte drum rum, Tropf und all das. Ich war ganz schön geschockt. Aber sah wohl gefährlicher aus, als es ist.» «Na ja, das kommt schon von dem Immunsystem», meinte Martin. Das war natürlich Unsinn, er wollte eigent­ lich etwas anderes damit sagen. «Klaus hat heut Morgen bei uns angerufen», sagte Daniel, «er brauchte ein paar Sachen. Wir könnten ihn besuchen kommen, Station zwei, rechter Flur, Zimmer zwei null acht.» «Ob die Leute am Kanal schon was wissen?», fragte sich Martin laut. «Vielleicht können wir rübergehn und mal hören», meinte Daniel. «Lass uns den Joint rauchen», erwiderte Martin, «und kurz überlegen. Können wir irgendwas… einpacken? Obst?» «Schadet nie», entgegnete Daniel. Martin rauchte an, und sie inhalierten abwechselnd. Beide grübelten schweigend vor sich hin. «Ich hol meine Jacke», sagte Martin nach einer Weile und stand auf. Er warf die Jointkippe in die Spree. Daniel wartete stehend und tappte dann hinter Martin den Pfad entlang zur Brücke. Sie duckten sich unter der Werbetafel, durch, kletterten über das Metallgestänge und schlender­ ten nebeneinanderher zur anderen Seite. Der Kanal war ein etwa zehn Meter breiter Uferstreifen, begrenzt von einer hohen weißen Betonmauer und der Böschung zur Spree parallel dazu. Auf beiden Seiten des Sackwegs standen Wagen, teils von Gestrüpp und Sträu­ chern zugewachsen. Aus ein paar Wagen stieg Rauch auf, aber niemand war zu sehen. Als sie vor Klaus’ Wagen ankamen, war die Tür abgeschlossen. Daniel schaute ratlos zu Martin. Der blick­ te sich um und sah vor dem Nachbarwagen Susanne. Sie hatte wohl abgewartet, bis die beiden sie bemerkten, und rief ihnen zu, «Klaus ist nicht da.» «Hast du einen Schlüssel?», erwiderte Martin mit ern­ stem Unterton, «Klaus ist im Krankenhaus. Eine Lungen­ entzündung.» «Oh», Susanne war sichtlich besorgt, «und wie geht’s ihm?» «Wir wollen ihn besuchen», sagte Martin. Daniel stand schweigend dabei und ließ Martin verhan­ deln. «Muss er lange drinbleiben? Und wie ernst ist es, also…», wollte Susanne wissen. Martin erzählte, was er von Daniel erfahren hatte, und fragte am Ende erneut nach dem Schlüssel. «Der liegt auf dem Fensterbord, an der Seite zur Mauer. Warte, ich hol ihn.» Sie kam zu ihnen herüber. «Ich hab ihn», sagte sie, steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Türe. Mit einer Handbewegung gab sie, den Wagen frei. Daniel stieg über die ausklappbare Metallstufe ins Innere und suchte die gewünschten Dinge zusammen. Martin blieb draußen bei Susanne stehen. Sie schauten schweigend zu Daniel hinein. «Hast du Obst?», fiel Martin ein zu fragen. Susanne überlegte. «Im Küchenwagen liegen Äpfel, die sind noch frisch. Davon kannst du ein paar mitnehmen.» Daniel hatte alles in einen Stoffbeutel gepackt und war wieder zu ihnen hinausgeklettert. Sie folgten Susanne nach vorne zu einem großen und mit bunten Motiven bemalten Wagen. Die Tür stand einen Spalt offen, Susanne ging hinein und erschien kurz darauf mit einer ausgebeulten weißen Plastiktüte. Sie verknotete die beiden Henkel und übergab das Paket Martin. «Viele Grüße, und wenn ihr zurück seid, könnt ihr euch mal kurz melden», sagte sie. Melden, dachte Martin. Vielleicht sollte er morsen, er sah sich beim Ein- und Ausschalten einer Taschenlampe um Mitternacht am Ufer stehen. Zwischen zwei Wagen hindurch konnte er auf die Spree schauen. Gegenüber sah er seinen Holunder, und das Dach seines Wagens war auch zu erkennen, als einziger, der nicht ganz von Gebüsch überdeckt war. Der Holzstuhl, auf dem Daniel noch vorhin gesessen hatte, sah klein aus wie ein Spielzeugmöbel. Über dem Braungrün der Büsche ragte das Glasdach des, Neubaus am Ostbahnhof in den grauen Himmel. Sie verabschiedeten sich von Susanne, «Wir fahrn mal», sagte Martin. Sie gingen den Weg zurück zur Brücke. Als sie an der Straße angekommen waren, fragte Martin, «Wie kommen wir überhaupt dahin, ich hab keine Ahnung.» «Am besten S-Bahn, bis Lichterfelde. Von da können wir laufen», meinte Daniel. «Ich muss schwarzfahrn», dachte Martin laut. «Ist in der S-Bahn nicht so gefährlich», beruhigte Daniel. Sie liefen auf der Straße bis zur Kreuzung vor. Alles war voll von Autos und Verkehrslärm, sie mussten stehen bleiben, sich umgucken und die Fußgängerampel beach­ ten. Quer über eine Wiese verlief ein Trampelpfad zum Vorgelände des Bahnhofs, dessen Fassade aus einer riesi­ gen halb spiegelnden Glasfront bestand. Der Innenraum strahlte in Neonlicht, rundum gesäumt von Ladengeschäften, mit Tabak, Zeitungen, eine Bäckerei duftete chemisch appetitanregend. Menschen rannten kreuz und quer, liefen eilig oder standen, zogen Koffer oder schleppten Rucksäcke. Dazu ein Geräuschpegel durcheinander gesprochener Unterhaltungen, von Laut­ sprecherdurchsagen übertönt. Ein Tunnel führte zu den S- Bahn-Gleisen. «Welche Bahn können wir nehmen?» Martin schaute sich um und starrte auf die elektrische Anzeigetafel. Ein Zug fuhr gerade unter den drei Bögen des gewölbten Glasdachs ein, und Martin sah den Fahrer hinter der Frontscheibe auf sich zukommen und dicht neben sich vorbeigleiten. Der Zug hielt. Die Türen schoben sich nach, beiden Seiten auf, sie stiegen ein, und Martin stellte sich gleich mit dem Rücken an die gläserne Trennwand im Eingang. Er streckte den Kopf nach draußen und schaute links und rechts über den Bahnsteig, dann musterte er die Fahrgäste im Wagen. Das war ein Instinkt, um Kontrol­ leuren gegebenenfalls rechtzeitig zu entgehen. Daniel setzte sich auf eine der Bänke und lehnte seinen Arm auf die schmale Gummikante des Fensters. Über der Tür blinkte eine rote Plastescheibe und quäkte einen elek­ trischen Warnton, die Türflügel schoben sich aneinander. Durchs Fenster gegenüber war Martins Wagenplatz gut zu sehen. Er wirkte ein bisschen wie ein Zirkus, sogar das brennende Feuer konnte er erkennen. Friedrichstraße mussten sie im Untergeschoss umstei­ gen. Sie setzten sich in der wartenden Bahn neben­ einander auf eine ungepolsterte Holzbank. Einer der Uraltwaggons, dachte Martin, der seit seiner kaiserlichen Einweihung unbeeindruckt durch zwei Weltkriege und die DDR gefahren war, aber bald von neueren ersetzt werden sollte. Sie fuhren unterirdisch. «Weißt du eigentlich…», setzte Martin zu einer Frage an, «ehm, wie ist das denn passiert? Klaus war doch wieder fit seit dem Herbst, oder?» «Er ist schon den Winter über ‘ne Zeit in Behandlung», wusste Daniel, «Blutwerte untersuchen, T-Zellen zählen. Die waren dermaßen im Keller, demnach musste er wie­ der mit so was rechnen.» Es stand also schlecht, schloss Martin. «Bisher hat er auch keine Medikamente eingenommen,, wegen der Nebenwirkungen. Solang’s gut geht, hat er gesagt. Jetzt wird er sich umstellen müssen», meinte Daniel, «vielleicht ist das ein heilsamer Schock.» Sie wechselten wieder ins Tageslicht, draußen zogen Sträucher und Hinterhausfassaden vorbei. Zum Glück war kein Kontrolleur gekommen, dachte Martin, jetzt waren sie aus der Gefahrenzone Innenstadt heraus. «Die nächste müssen wir schon aussteigen», sagte Daniel. Vom S-Bahnhof liefen sie erst eine Hauptstraße lang, dann in eine Seitenstraße, an deren Ende das Krankenhaus schon als weißer Neubaukasten zu erkennen war. Hinter der Umfassungsmauer lag links eine Grünanlage, rechts stand der Gebäudeflügel, um den herum sie zum Haupt­ eingang mussten. Auch hier öffneten sich gläserne Dop­ peltüren, dann standen sie vor einem Fahrstuhl, neben dem die Nottreppe hinaufführte. Daniel drückte einen kleinen Knopf, der rot aufleuchtete, sie senkten gleichzeitig die Köpfe und warteten auf einen Gong oder dass die Metallschiebetür auseinander glitt. Die Kabine hatte an der Rückwand einen braun getönten Spiegel, in dem sich Martin ausführlich betrachtete. Er strich mit der Hand über die Haare und klemmte eine abstehende Strähne hinter dem Ohr fest. Die Seitenwände bestanden aus geriffeltem Silberblech, auf dem Boden lag eine genoppte Gummimatte, an der Decke war ein vergit­ tertes Neonlicht eingebaut. Sie fuhren in die zweite Etage. Der krankenhaustypische Geruch kribbelte in Martins Nase. Der PVC-Boden spiegelte matt und steril, an den, Wänden hingen Blumenbilder in verwaschenen Farben. Daniel ging den Flur entlang und las die blauen Schilder neben den mit grüner Plastefolie furnierten Türen. Martin hatte das Besucher-WC entdeckt und schlüpfte hinein, er hatte einen plötzlichen Druck auf der Blase. Als er wieder hinauskam, sah er Daniel mit einem Pfleger sprechen. Er trat zu den beiden und schaute sie an. Der Pfleger sah ganz nett aus, fand Martin. Ob das eine Schwester war? Er wusste von vielen Schwulen, die sich seit Aids im Pflege­ bereich engagierten. Auf dem Gang neben ihnen stand ein metallenes Gestell mit Rädern, ein klobig monströser Teewagen, darauf Thermoskannen, mit Pflastern beklebt, auf denen handgeschrieben «Tee» stand, sowie ineinander gestapelte Tassen und Gläser. «Dritte Tür links», beendete der Pfleger das Gespräch mit Daniel. Sie gingen weiter den Flur entlang, bis sie vor Zimmer Nummer 208 standen. Daniel öffnete die Tür und machte einen Schritt in den Raum, Martin ging hinter ihm. Klaus’ Bett stand am Fenster, es war ein kleines Einzelzimmer. Alles strahlte weiß, auch die halb aufgeschlagene Decke, Klaus’ Kittel, ein Krankenhaushemd, schließlich das Kissen, auf dem sein Kopf lag. Ein dünner Plasteschlauch schlängelte sich von irgendwo in seine Nase und zischte leise. Aus der Armbeuge führte ein weiterer Schlauch zu einer durch­ sichtigen Flasche, die mit ihrer Öffnung nach unten an einem Metallgestell aufgehängt war., Klaus rollte den Kopf zur Seite und schaute zu ihnen hin. Er versuchte ein Lächeln mit den Mundwinkeln, aber es wirkte verzerrt. Seine Augen glühten gerötet und hat­ ten einen spiegelnden Glanz. Er wirkte sehr schwach. «Hey», sagte Martin. «Hey», entgegnete Klaus leise und sah beide nachein­ ander an, «mir geht’s schon wieder besser. In einer Woche kann ich hier raus.» Daniel lachte, «Erst mal liegst du hier und erholst dich. Ich hab die Sachen mitgebracht.» Er öffnete den Stoffbeutel und zog den Disc-Player, ein paar CDs, das Notizbuch, ein Metalldöschen und die Lek­ türe einzeln heraus und legte alles auf die umklappbare Abstellfläche des fahrbaren Metallnachtschranks. «Hier ist doch ganz schön», meinte Martin und ver­ suchte ironisch zu klingen, «wie so’n Kururlaub im Hotel.» Er schaute sich um. Das Fenster hatte Gardinen und außen eine Jalousie, die halb heruntergelassen war. Ein quadratischer Tisch stand in der Ecke, ein Stuhl davor, über beidem schwebte unter der Decke ein Fernseh­ apparat. Eine Tür hinter ihnen führte vermutlich ins Bad. An der Decke leuchteten Neonröhren in silbrig metallenen Kastenschirmen. «Ich könnt drauf verzichten», antwortete Klaus, und ergänzte nach einer Atempause, «Endlich Musik. Dann kann ich heut Nacht mal wieder raven. Hier ist nämlich ab zehn Uhr das Licht aus.» «Machst halt ‘ne Trance-Session im Bett», meinte Daniel. «Ich hab Äpfel mitgebracht», sagte Martin, «soll ich sie hier vorn auf den Tisch legen?», «Nein, hierher», sagte Klaus und deutete auf den Nacht­ schrank, «unten in das Fach. Danke.» Martin nahm die grünen Äpfel, es waren fünf Stück, aus der Tüte und legte sie nebeneinander in die Ablage des Schränkchens. Er zer­ knüllte die Plastiktüte und guckte nach einem Mülleimer. Der war in einer Nische vorn am Eingang, unter einem Waschbecken, das Martin erst jetzt bemerkte. Er warf das Bällchen in den Eimer, wo es sich knisternd wieder aufzufalten begann. «Die sind von Susanne, von eurem Platz. Schöne Grüße.» Er ging zum Stuhl, zog ihn etwas vor und setzte sich. Klaus war länger nicht auf dem Kopf rasiert, der war wie von einem schwarzen Pelz überzogen. Auf dem Kinn wuchsen einzelne Barthaare stoppelig hervor. «Kannst du schon nach draußen, spazieren gehn?», wollte Martin wissen. «Ich komm nicht mal bis aufs Klo», antwortete Klaus, «ich muss erst wieder kräftiger werden.» Daniel kam zum Fenster und setzte sich auf den Heiz­ körper, so gut das ging. «Brauchst du noch irgendwas?», fragte er. «Na ja, wegen dem Telefon, hab ich heut Morgen ge­ kriegt, aber kannst du da mal mit dem Pfleger reden, wegen der Anmeldegebühr?» Er wollte seinen Oberkörper aufrichten, sackte aber zurück. «Guck mal in dem Notizbuch», sagte er zu Daniel, «da ist vorne drin meine EC-Karte.» Daniel ging um das Bett zurück und suchte die Karte., «Vier-drei-sieben-eins, schreib’s dir auf», sagte Klaus. Martin schaute unter der Jalousie durch nach draußen. Das Braungrün des Rasens und einzelner Sträucher bilde­ te einen schmalen Streifen, an den ein weiterer fenster­ reihengegliederter Betonblock des Krankenhauskom­ plexes anschloss, von dünnen Ästchen vertrockneten wilden Weins spinnennetzförmig bewachsen. «Wir sagen allen, dass sie dich besuchen sollen», meinte Martin. Klaus hatte einen großen Bekanntenkreis, wenn auch nur wenige engere Freunde. «Am besten nachmittags», meinte Klaus. Er schaute mit großen Augen gegen die Decke. «Hier ist nämlich ziem­ lich öde. Aber ich bin sowieso hauptsächlich am Schla­ fen.» Martin sah, dass Klaus am anderen Arm ein Pflaster kleben hatte, unter dem ein Bluterguss lilagelb die Haut färbte. «Was hast du denn da gemacht?», wollte er wissen. Klaus schaute ihn an, dann auf seinen Arm. «Ist heut Nacht passiert. Im Schlaf. Ich wollt wohl auf­ stehn und hab die Kanüle rausgerissen, ohne dabei wach zu werden. Heute Morgen mussten sie den Arm wechseln. Und das Bettzeugs.» Er grinste. «Kannst du die Kiste einschalten?», fragte Martin und deutete auf den Fernseher. «Müsste ich freischalten lassen, aber will ich nicht. Für den Schrott, den die zeigen», antwortete Klaus., Martin schaute zum Tropf. In der Flüssigkeit stiegen ein paar Luftperlen auf und zerplatzten. Sie schwiegen. Dann erzählte Martin von der Wasserleiche. Er wusste nicht, wie er die Geschichte einleiten könnte, ein Toter schien ihm im Krankenhaus – warum eigentlich? – unpassend. «Sei froh, dass du nicht da warst», begann er, «gestern Abend ist am Kanal was Gruseliges passiert. Rita hat gebellt wie verrückt, sie hatte am Brückenkopf was aufge­ tan.» Dann erzählte er vom Fund der Leiche und dem Polizeieinsatz. «Nach über zwei Stunden wurde sie in so ‘ner Zink­ wanne abtransportiert», schloss er den Bericht. Die Tür ging auf, und der Pfleger schaute herein. «Abend­ essen», kündigte er an und verschwand wieder. «Schon?», fragte Daniel. «Vier Uhr dreißig», sagte Klaus. «Ist das ‘ne Schwuchtel?», fragte Martin flüsternd. «Bin nicht sicher», sagte Klaus, «Student, macht hier ein Praktikum.» Der Pfleger kam wieder rein, er trug einen Teller auf einem Plastetablett vor sich her. Hoffentlich hat er nichts gehört, dachte Martin. «Heute müssen wir aber was essen», singsangte der Praktikant in Oberarztsprache. Er hatte kurze, helle Haare und ein rundliches Gesicht. Überhaupt war er stämmig und hatte eine Jeans unter dem langen Kittel, aber die, typischen weißen Krankenhauslatschen. Er stellte das Tab­ lett auf den Tischwagen. Daniel war einen Schritt zur Seite gegangen, um ihm Platz zu machen. «Danach drehn wir dich noch mal, damit du nicht wund liegst. Einen Tee?», fragte er Klaus. Daniel und Martin schien er nicht zu beachten. Klaus nickte. Während der Pfleger daraufhin den Tee holte, meinte Martin, «Wir gehn dann jetzt besser.» «Kommt morgen wieder!», sagte Klaus und schaute sie an. Er lächelte. Martin stand auf und stellte sich neben Daniel. Sie grinsten verlegen. «Na ja, dann bis dann», meinte Martin. «Erhol dich, bis morgen», sagte Daniel. Sie schauten noch einen Moment Klaus an, der still dalag. «Und bringt auch CDs mit», sagte er. «Wird gemacht», meinte Daniel. Der Pfleger trat wieder ein, und Martin hob die Hand zu einem Abschied. Dann ging er auf den Flur und drehte sich zu Daniel um. Vorn beim Pflegerinnenzimmer fragte Daniel eine Dienst habende Schwester, was es mit dem Telefon auf sich habe, und hinterlegte 50 Mark Kaution. Danach gingen sie zurück zum Fahrstuhl. Martin drehte sich im Gehen eine Zigarette, die er vor der Tür anzün­ dete. Sie schlurften schweigend fast den ganzen Weg zur S-Bahn. «Krankenhausbesuche haben was Schreckliches», sagte Martin endlich. «Alles ist so steril und so keimfrei, so sau­ ber und tot. Der Geruch, die gedämpften Geräusche, das, beklemmt einen…» «Und dazwischen ständig von irgendwo ein Notsignal­ piepser. Wie permanenter Ausnahmezustand», ergänzte Daniel. Von Friedrichstraße fuhr Daniel weiter nach Hause, Martin verabschiedete sich und stieg aus. Er musste die Treppen zur Hochbahn hinaufsteigen, weil Rolltreppen erst neu gebaut wurden, hinter einer Verkleidung aus höl­ zernen Spanplatten. Oben angekommen, überlegte er auf dem Bahnsteig, was er tun wollte. Er hatte etwas Hunger, und ein Tee würde ihm gut tun. So fuhr er weiter bis Ost­ bahnhof und kam zurück zu seinem Wagen. Es war inzwischen dunkel, er hatte den Sonnenuntergang verpasst, und an seiner Tür klemmte ein ausgerissenes Papierstück: «Keiner da? Schade – Peer» Er ärgerte sich, die Einladung vergessen zu haben, aber der Besuch bei Klaus war ihm auch wichtig gewesen. Außerdem musste er feststellen, dass es kein Brennholz mehr gab. Auch seine Kohlen waren aufgebraucht, und der Winter zog sich hin. Also lief er mit dem leeren Vorratskorb unter dem Arm quer über den Platz zur gegenüberliegenden Ecke, direkt an der Straßenkreuzung. Es war die lauteste Stelle am Platz. Er suchte um den Holzhaufen herum, ob möglichst kleine Abfallstücke herumlägen. Immerhin wurde sein, Korb halb voll, das musste reichen, morgen würde er eine ganze Palette zerlegen, oder gleich zwei. Neben dem Holzvorrat stand der Küchenwagen, in den die Berliner Tafelrunde, das war ein Hilfsprojekt für Ob­ dachlose, ihnen wöchentlich kostenlos Lebensmittel liefer­ te. Dieses Angebot konnte noch vom Containern ergänzt werden, so nannten sie das Durchsuchen von Mülleimern hinter Supermärkten. Er fand einen Blumenkohl, der noch gut aussah. Kartof­ feln und Zwiebeln gab’s in seinem Wagen, das reichte schon für ein warmes Essen. Während des Kochens war Martin in gedrückter Stim­ mung. Beim Essen kaute er sinnend vor sich hin, dabei hatte er keine konkreten Gedanken oder formulierbaren Eindrücke, es war mehr ein diffuses Gefühl von unklaren Befürchtungen und unausgesprochenen Ängsten wegen Klaus. Auch er hatte sich bei dem Gedanken ertappt, Klaus hätte sich mehr schonen sollen. Seit er im Herbst aus der AVK entlassen war, tauchte er gleich wieder in seinen alten Lebensstil ab, und das hieß jede Nacht und an Wochenenden durchgehend Party. Aber es war seine eigene Entscheidung, und wahrscheinlich wäre er früher oder später auch so wieder krank geworden. Nach dem Essen rauchte Martin einen Joint. Aber davon wurde er noch grüblerischer. Obwohl schon ziemlich müde, wollte er sich ablenken. Er würde in seine Stamm­ kneipe fahren, das Café Anal. Dort lief Musik, er könnte ein paar Bekannte treffen und im Warmen sitzen. Es war auch fast um die Ecke, nur zwei Häuserblocks entfernt hinter der Brücke. Er zog die Jacke über, Handschuhe an,, blies die Kerze aus und ging nach draußen. Mit dem Fahr­ rad war er in drei Minuten dort.

Er hielt vor der großen Frontscheibe, hinter der rote und

gelbe Glühbirnen leuchteten. Zuerst fand er keinen Platz, sein Fahrrad abzustellen. Als er eintrat, versperrte zu­ nächst ein schwerer dunkelroter Filzvorhang die Sicht in den Raum. Martin schob ihn beiseite und machte einen Schritt in die Kneipe. Sie war voller Leute, alle Tische waren besetzt. Auch an der Theke, die sich links an der Wand befand, saßen und standen Menschen, genauso im hinteren Raum vor einem kleinen Bühnenpodest. Er ging zur Theke vor, wo er einen Platz suchen musste, um zwischen den Gästen hindurch ein Getränk zu bestel­ len. Hinter dem Tresen arbeitete Sylvia, eine Lesbe mit schulterlangem blonden Haar und dem für sie typischen weißen Herrenhemd. Wahrscheinlich hatte sie noch nie in ihrem Leben einen Rock oder ein Kleid getragen. Sie kann­ te Martin schon, weil er hier öfter rumsaß, und es war sowieso familiär, selbst in Berlin trafen sich in solch einer Subszene meist die gleichen Leute. «Einen Schwarztee?», fragte sie denn auch, und Martin nickte. Es wurde oft bespöttelt, dass er keinen Alkohol trank und mit einer Tasse Tee mehrere Stunden zubringen konnte, wenn er pleite war. Er kramte ein Markstück aus der Jackentasche hervor und gab es Silvia, als sie das Gedeck vor ihm auf dem Tresen abstellte., «Gibt es heute, ehm, Kultur?», fragte er. Sabine nickte und tippte mit ihrem Zeigefinger neben dem Tee auf einen Flyer. «Paula hat ihre Freundinnen eingeladen», kommentierte sie. Martin nahm den Zettel, hielt ihn dichter vor die Augen und las. Ein Gastauftritt des Café Transler war angekün­ digt, Moderatorin Paula Panko. Motto war die große Nacht des deutschen Schlagers. Auftreten würden Maria Marter, Camelia Light, Elvira Ostig, Marlene Dietrich sowie Linda und Tilly Kreuzfeld-Jacob in seinem Kuhfell­ kostüm. Martin kannte schon alle Nummern und wusste, was ihn erwarten würde. Er balancierte den Tee ein paar Schritte bis zu einem freien Stuhl in der Ecke hinter dem Durchgang. Hier stand der Kohleofen, der die Kneipe heizte, so dass Martin ihn als Abstelltisch für seinen Tee nutzen konnte. Außerdem strahlte er saunaartig Hitze ab, die Martin jetzt im Winter luxuriös und wohltuend vor­ kam. Er legte seine Jacke ab und schaute sich um. Einige Bekannte waren da, von denen er manche mit einem Kopfnicken oder Lächeln grüßte. Es war laut vom Reden, das noch durch die Musik übertönt wurde, zur Einstim­ mung lief eine Alexandra-Kassette. Am Ende des zweiten Raums, neben dem Bühnenpodest, führte eine Tür zu den Klos, wo sich heute auch die Künstlerinnen zurechtmach­ ten. Maria trat erst halb geschminkt mit einer schwarzen Langhaarperücke und Netzstrümpfen unter einem Mini­ rock daraus hervor und stöckelte zur Theke, wo er sein Sektglas nachgefüllt haben wollte., Bald war die Kneipe voll gestopft mit Menschen, und Martin war froh, einen Sitzplatz zu haben. Er sah im vorderen Raum am Tresen Frank, der neben ihm wohnte, und grüßte ihn mit einer Handbewegung; Frank war in Begleitung, anscheinend ein neuer Freund. Er ist immer so zurückhaltend und hat mir noch gar nichts erzählt, dachte Martin. Die Stimmung der Gäste stieg, ungeduldig wurden die Auftritte erwartet. Eine Gruppe Schwuz-Huschen, an ihrem Studentengehabe erkennbar, gab sich ausgelassen und rief im Sprechchor nach «Camelia Light». Die hatte er wahrscheinlich mitgebracht, überlegte Martin hämisch, obwohl auch er die Shows von Camelia großartig fand. Die Musik wurde ausgestellt und das Licht im Raum abgeschaltet. Nachdem das ganze Publikum in Klatschen verfiel, trat endlich Paula durch die Tür. Ein Scheinwerfer tauchte ihn in gleißend weißes Licht, er war auf Schlampe geschminkt und trug eine Küchenschürze und rosa Pantoffeln. Er stieg auf das Podest und stellte sich unter brausendem Applaus in die Mitte der Bühne, in einer Hand hielt er das Mikro, und als es etwas ruhiger war, begann er seine Moderation. Paula begrüßte alle, die hergekommen waren, und kün­ digte ein Highlight der Travestie an. Seinen Fummel entschuldigte er mit seiner Hausfrauenarbeit. Sein Alter sei zu spät nach Hause gekommen und habe ihn nicht gehn lassen wollen, nicht einmal umziehen habe er sich können. Küche-Kinder-Kirche bestimme nach wie vor die Vorstellungswelt der Kleinfamilie, und so widme sich das erste Stück der religiösen Romantik. Das war die Überlei­ tung. «Life on stage im Café Anal, meine Damen und Her­, ren», gab er die Bühne frei für Maria Marter mit «Ave Maria». Paula verließ das Podest und stellte sich an die Seiten­ wand, Maria trat durch die Tür, mit wild toupierten Perückenhaaren, schwarzer Schminke um Augen und Mund, und in einen schwarzen Leder-Dress gekleidet, das mit Metallringen und S/M-Accessoires ausstaffiert war: eine Art Ledermieder, mit Strapsen und hochhackigen Schuhen. Er hielt eine Gerte in der Hand und, Überra­ schung, zog an einer Leine oder Kette Marco hinter sich her, der sonst selten auf der Bühne stand und wohl als Statist fungierte. Martin kannte ihn, er gehörte zu der Punkerclique aus der Rattenbar. Das Kirchenlied in der Version von Nina Hagen lief über die Lautsprecher, wäh- rend Maria und Marco sich in einer Art Erotikshow über die Bühne wiegten, das Publikum pfiff und grölte und feuerte die beiden an. Maria drückte Marco auf die Knie und seinen Kopf, den er mit beiden Händen umfasste, in seinen Schritt, während er ein leierndes «Mar-ri-a-a-a» mit nach oben verdrehten Augen stöhnte. Die Gäste johlten und schrien. Als Paula schon wieder auf die Bühne kam, wurde im Chor «Zugabe» gerufen, aber Paula wiegelte ab. Gleich beim ersten Lied ginge das nicht, sie sollten mal die anderen Auftritte abwarten. Er bedankte sich «bei Maria Marter und ihrem Sklaven Marco». Unter Füßetrampeln und Klatschen traten die beiden ab. Als Nächstes kam Camelia als seine eigene Schwester aus der Frankfurter Provinz auf die Bühne und sang in hessischem Dialekt ein Lied über Ecstasy-Missbrauch und, dessen Folgen in Provinzdiskotheken. Camelias Erfolg beruhte mehr auf seiner Gestik und den körperlichen Verrenkungen als auf dem Inhalt der Lieder, die er immerhin selbst textete. Außerdem sang er kein Playback. Camelia schaute mit einem großen Schmollmund und glasig roten Augen ins Publikum wie eine Filmdiva der fünfziger Jahre. Sein Fanklub raste. Auch Martin klatschte Applaus, bis wieder Paula auf die Bühne kletterte und selbst eine Dar­ bietung gab. Martin hatte zwischendurch seinen Tee vergessen, der. stand noch auf dem Ofen und war dunkelbraun gezogen. Er friemelte den Beutel aus dem Glas und legte ihn auf den Unterteller. Der Tee würde bitter sein, er rührte ein Päckchen Zucker ein und trank einen Schluck. Paula trug nun eine Ponchodecke mit breiten grellen Pop-Art-Streifen, dazu einen schwarzen Filzhut. Darunter hatte er seine Perücke zu zwei seitlich heraushängenden Strähnen geflochten. Schon bei den ersten Tönen der einsetzenden Platte erkannte Martin, etwas verblüfft, weil er es wohl fünfundzwanzig Jahre nicht gehört hatte, den Indiojungen aus Peru, eine Schnulze der frühen Siebziger von Katja Ebstein, wenn er sich recht erinnerte. Martin suchte nach seinem Tabaksbeutel und drehte einen Joint. Er kam sich vor wie in einem Zeittunnel. Er fühlte sich auf das Sofa seiner Kindheit zurückversetzt, das vor die neue gebrauchte Schwarz-Weiß-Glotze ge­ rückt war; zusammen mit seinem Bruder tauchte er in die virtuelle Welt der Hitparade ab und war fasziniert und entrückt von dem, was da auftrat und besungen wurde., Ihm fiel ein, es war zu dieser Zeit, dass er im Radio von Amanda Lear hörte, sie sei eine Transsexuelle. Obwohl er gar nicht wusste, was das bedeutete, fühlte er sich betrof­ fen, und eine Hitzewelle hatte ihn damals vor Scham durchlaufen. Er konnte sich erinnern, nachgeschaut zu haben, ob seine Mutter ihn nicht beim Zuhören ertappt hätte, weil er knallrot im Gesicht geworden war. «Er will leben so wie du, der Indiojunge aus Peru. Laila laila laila la…», trällerte Paula und hob seine Arme wie anklagend gegen das Publikum. Einige schwenkten bren­ nende Feuerzeuge in der Luft, andere fielen in den Refrain ein wie ein falsch klingender Gesangsverein, «laila laila laila la…» Martin rauchte seinen Joint auf und warf die Kippe auf den Boden, um sie mit der Schuhspitze auszutreten, weil kein Aschenbecher in Reichweite war. Hatte er zu viel gekifft? Ihm war etwas schwindlig und er schwitzte am ganzen Körper. Es war inzwischen heiß von den vielen Menschen, die Luft stickig und verraucht. Das Licht wurde eingeschaltet, und eine Bewegung ging durch das Publikum, einige standen auf und drängten zur Theke, andere wollten aufs Klo, einige strömten nach draußen, um frische Luft zu schnappen. Martin schaute sich um. Er sah Daniel, der sich an der Theke mit einem Typen unterhielt. Er musterte die Gäste, meist in Armee-Outfit mit Bomberjacke, Militärtarnfle­ ckenhosen, Springerstiefeln, dazu Glatze und eine aufge­ setzte Raubeinigkeit oder wie auch immer diese Über­ anpassung an eine etwas zu typische Heteromännlichkeit benannt werden konnte., Plötzlich stand Susanne neben ihm und fragte, «Warst du bei Klaus?» «Ja», er war etwas sprachlos. Vor ihm wurde ein Stuhl frei, Susanne drehte ihn um und setzte sich. Martin überlegte. «Er muss wohl noch ‘ne Weile da bleiben», meinte er dann, «ehrlich gesagt, hat er mir nicht gut gefallen. Irgendwie bleich und eingefallen, das klingt zwar jetzt übertrieben…» Es war zwecklos. Diese Krankheit war so befrachtet und zerredet, dass es unmöglich schien, etwas Authentisches dazu zu sagen, zumal gegenüber Heteros. Schließlich war die Krankheit mit einem ganzen schwulen Leben verfloch­ ten, womöglich dessen Ergebnis, und darüber hinaus haftete ihr etwas Düsteres an – die Vorstellung von Anal­ sex, die untergründige Beschuldigung, Aids selbst eine Chance gegeben zu haben, und im Hintergrund der Tod. Keiner traute sich auszusprechen, dass Klaus vielleicht sterben würde, jeder spielte sich selbst und den anderen einen unerschütterlichen Optimismus vor, behauptete, Klaus würde es bald besser gehen und er käme wieder aus dem Krankenhaus raus. Martin formulierte, «Seine Blutwerte sind wohl nicht die besten, also seine Abwehrkräfte sind eigentlich gleich null. Die Ärzte behandeln auf eine spezielle Lungenentzün­ dung, das ist wohl ganz gut zu therapieren. Aber sie haben noch irgendwelche Pilze im Blut gefunden und sind weiter am Testen. Daniel wird die Tage mal mit dem Arzt sprechen. Aber so viel ist klar, er wird schon ein paar Wochen im Krankenhaus bleiben müssen.» Susanne schaute etwas schockiert drein, sie war ernst­, haft betroffen, das musste Martin ihr zugestehen. «Ich hätte ihn gern noch besucht», sagte sie, «aber ich fliege morgen für einen Monat nach Mexiko. Sagst du ihm schöne Grüße?» «Ich hatte letzte Woche mexikanische Pilze», entgegnete Martin, Mexiko und die Mayas waren dieses Jahr in Mode, dann, nach einer Pause, «Klaus hat sich über die Äpfel gefreut.» Der Typ, der auf Susannes Stuhl gesessen hatte, stellte sich neben sie und schaute fordernd. Er hatte sich ein neues Bier geholt. Susanne stand auf, «Ich setz mich wieder rüber», sie zeigte auf einen Tisch am Fenster, Martin erkannte ein Grüppchen vom Kanal. Während Paula wieder auf der Bühne stand und Elvira «Mugabe» mit seinem Song «Afrika» ankündigte, dessen Erstaufführung im Schwuz für Furore gesorgt hatte, blick­ te er durch den Raum, sah die Gesichter der Zuschauen­ den, wie sie lachten, wie sie tranken und sich amüsierten. Es entstand eine andächtige Stille, alle blickten gebannt auf die im weißen Spot erleuchtete bunt lackierte Klotür, durch die bei den ersten Klängen des Schlagers, unter einem Aufkreischen der Zuschauer, Elvira mit katzenartig gegrätschten Schritten auf die Bühne tigerte und dabei seine Arme wild durch die Luft schlängelte. Er kniff seine rot schimmernden Augen zusammen, die aus einem papa­ geifarbig geschminkten Gesicht herausschauten, das von einer Pavianfrisur umrahmt wurde. Um die Hüfte einen gelben Plastikbananenminirock, in zebragemusterter Strumpfhose und roten Stöckeln, hauchte er den Refrain, «Afrika» ins Playbackmikrofon, wobei er seine Luftballon­ brüste mit einer Hand knetete. Der Text ging etwa, «Hörst du die Trommeln, tief im Dschungel, Afrika!» Dabei verrenkte sich Elvira eher in der Improvisation eines indischen Bauchtanzes, wobei er auf seinen dürren Beinen sehr klapprig aussah; und tatsächlich, halb Alko­ holproblem, halb Bühnenshow, plumpste er auf den Tep­ pich, der über die etwas erhöhten Holzbohlen des kleinen Podiums gelegt war, rollte sich auf den Rücken, spreizte seine Beine weit von sich und keuchte mit verrutschter Perücke und einem verlorenen Stöckelschuh den Schlager­ refrain in die hohle Hand eines imaginierten Mikrofons, weil die Attrappe aus Versehen von der Bühne gekullert war. Gegen Ende des Songs kam er mühsam wieder auf die Beine, indem er sich an der Rückwand hochtastete, was die Gäste zu Wellen von Gekreische, Pfiffen und Johlen veranlasste. Martin dachte, das ist fast hysterisch, die Leute waren in einer kollektiven Ekstase; alle schienen außer sich und wie gleichgeschaltet. Aber Martin war nicht mehr in Stimmung für einen ausgeflippten Abend, es war, wie wenn ein Riss in der Oberfläche der Realität klaffte, aus dem etwas wie Rauch hervorquoll und die Welt mit einem rußigen Glanz über­ zog. Er trank einen Schluck von seinem Tee, der durch die Hitze des Ofens noch immer lauwarm war. Gegen Ende seiner Show, Elvira torkelte, stolperte in die Wandbespannung und schüttete nebenbei ein Glas Sekt in seinen Schlund, bereitete er Höhepunkt und Abschluss seines Acts vor, indem sie sich mit den Händen über Hin­ tern und Oberschenkel rieb, sich dann mit dem Rücken zu, den Zuschauern drehte, sich dabei leicht bückte und mit einem Ruck seine Strumpfhose bis auf die Knie nach unten schob. So schüttelte er die Backen seines fleischigen Gesäßes, dass es zitterte wie Wackelpudding, und gleich­ zeitig vibrierte ein Aufschrei durchs Publikum, obwohl oder weil sie alle auf diesen Strip gewartet hatten, wie in der Premiere. Das klatschte und raste, und rief und pfiff nach «Elvira, Elvira! Zugabe!». Die Stimmung war auf dem Siedepunkt. Elvira warf Kusshände in die Menge, Paula kam zu ihm und hielt ihn mit dem Arm um die Hüfte aufrecht. Es war ihm unmöglich, gegen den Lärm anzumoderie­ ren. Paula zupfte an seinem gewechselten Kostüm, einem roten Rüschenkleid, bis er einen weiteren Höhepunkt ankündigen konnte, extra für diesen Abend aus dem Schwuz abgeworben, Lindagard «Knef» mit seinem Rote- Rosen-Regen. Linda war sehr stattlich, was in Kontrast zu seinem weißgoldenen Engelskostüm stand, das auch keinen erkennbaren Bezug zum Liedtext zu haben schien. Er hatte sich ein Paar Flügel am Rücken befestigt und die Blondhaarperücke zu einem wahren Turm hochgesteckt, er warf Kondome aus seiner Handtasche um sich wie Konfetti. Einige schmiss er gezielt Leuten an die Köpfe, dass die sich duckten und mit den Händen schützten, aber das steigerte noch den allgemeinen Tumult, in dem das Publikum teils aufgestanden war oder schunkelte, teils grölend hinter der Musik her mitsang. Zwei Reihen vor Martin an der Seitenwand saß ein junger, tuntiger Schwuler neben seiner besten Freundin und wurde von einem hysterischen Lachkrampf geschüt­, telt, ihm liefen die Tränen übers Gesicht. Was war heute hier los? Martin wurde es zu grell. Merkwürdig, viele hier kann­ ten Klaus mehr oder minder gut. Sollte er allen erzählen, hört mal, geht morgen Klaus besuchen, der liegt im AVK, oder war das dafür die falsche Atmosphäre? Er überlegte, einen weiteren Joint zu rauchen, aber ihm dröhnte bereits der Kopf, seine Stimmung war umgeschlagen. Martin packte seine Jacke und drängte sich durch den überfüllten Raum zum Ausgang; selbst auf der Straße stand noch eine Traube Menschen. Zurück in seinem Wagen, heizte er gar nicht erst, sondern legte sich gleich unter die Federdecke. Obwohl überdreht, er hatte den letzten Tag mehr erlebt als sonst vielleicht in einer Woche, schlief er schnell ein und sank in einen Tiefschlaf.

Es war zwei Tage später und ein diesig wolkenver­

hangener Morgen, so dass Martin, als er aufwachte, nicht sicher war, ob es schon richtig hell sei. Draußen war nur grauer nasser Nebel zu erkennen, der sich auch, in feinen Tröpfchen wie aus einer Sprühpistole, die Sicht verwa­ schend auf die Fensterscheiben gelegt hatte. Er blieb noch einen Moment unter der Decke liegen. Das Bruchstück eines Traumes schwebte nämlich wie eine Luftspiegelung auf seinen Sehnerven, und als er die Augen kurz schloss, konnte er auch die anderen Teile ins, Gedächtnis zurückrufen. Gleichzeitig erinnerte er sich, es war einer jener Albträume, die ihn über Jahre durch die Kindheit begleitet hatten: Er saß darin spielend in einem großen Kornfeld, war es Weizen oder Hafer?, und bemerkte mit einem Mal eine rotierende Walze riesiger stählerner Sensen auf sich zu­ steuern, von einem Mähdrescher vorwärts geschoben, der schwarzen Rauch ausschnaufte. Er flüchtete in Panik, und es gelang ihm im letzten Moment, durch einen Sprung oder seitlichen Haken der tödlichen Gefahr zu entkommen und nicht zerfetzt oder zerstückelt zu werden. Ausgelöst war der Traum, weil er gehört oder gelesen hatte, dass auf diese Weise bei der Getreideernte jährlich Hunderte Rehkitze und junge Hasen sterben, die im Feld ihre Schlafplätze haben. Das Merkwürdige aber war, dass er sich in diesen Träumen nicht als Junge, sondern selbst als Rehkitz oder Hase sah und fühlte, wie er davonsprang, während knapp neben ihm das zermahlende Maul der ratternden Blechmaschine sich durch die Halme fraß. Das hatte er, aber ohne den Albdruck von einstmals, eben wie einen Traum nachgeträumt, gleichsam doppelt umhüllt. Tatsächlich, erinnerte er sich, gab es auch einen solchen Dieseldinosaurier im Dorf, Martin hatte ihn auf der Straße fahren sehen, er bewegte sich dort langsam und monströs, ein Ungetüm, raupenartig und ruckelig wie ein Panzer, hellgrün lackiert. Nach vorne reckte er diese breite, mit Spitzen und Klingen versehene Walze in die Straße, dahinter war der klobige, klapprige Kasten auf riesigen Rädern, nach hinten ragte ein Förderband, über das die, Strohballen ausgeworfen würden, wie ein drohend aufge­ richteter Skorpionschwanz. Vor dem Fahrer, einem finste­ ren und unfreundlichen alten Mann, hatte Martin seitdem Angst, selbst wenn er ihn auf der Straße, ohne sein Mons­ ter, hergehen sah. Er hing diesen Erinnerungsbildern noch kurz nach, dann wollte er erst einmal einen Kaffee kochen. Er stand auf, stopfte möglichst schnell zerrissene Karton­ stücke und kleinere Holzteile in den Ofen und zündete sie mit einem Streichholz an. Als die Flamme sich an der Pappe hochfraß, legte er sich noch einmal ins Bett, zog die Decke bis ans Kinn und schmiegte sich in die gespeicherte Wärme, weil der Wagen auf Außentemperatur herunter­ gekühlt war. Doch der einsetzende Geruch von Holzrauch ließ den Raum schnell behaglicher werden. Nach ein paar Minuten war es schon wohlig warm, und bald strahlte der Herd eine Hitze ab, die das Ofenrohr fauchen ließ und verfärbte, gleich würde es zu glühen beginnen. Jetzt schloss er die Lüftungsklappe bis auf einen dünnen Spalt und schob den Wasserkessel auf die Kochstelle. Er zündete die Kerze auf dem Tisch an und suchte nach einer kleinen Dose, die sich halb unter den überquellen­ den Aschenbecher geschoben hatte. Er entnahm ihr ein paar bernsteinfarbene Krümel, ein Weihrauchharz, das ihm Daniels Freund geschenkt hatte, und streute sie auf die Ofenplatte. Sie schmolzen Blasen werfend, und bald stiegen dünne Rauchfädchen auf und verteilten sich krin­ gelnd zu immer feineren Wölkchen, die ihren eigenartig süßwürzigen Geruch in den Raum verströmten. Er goss den Kaffee auf und nahm eine Weißbrotstange,, die er vom Küchenwagen mitgebracht hatte. Er brach ein Stück davon ab und schnitt es der Länge nach auf. Die beiden Hälften legte er auf einen Drahtuntersetzer und toastete sie über der Herdplatte. Weil er schon mal aufge­ standen war, öffnete er kurz die Tür und schaute nach draußen. Sein Blick machte eine Runde zur Spree, über den Kanal hoch zur Brücke, wanderte quer über den Him­ mel, der einheitlich düster gefärbt war. Er schloss sie wie­ der und begann mit dem Frühstück. Ein paar Alltagssorgen gingen ihm durch den Kopf, er hatte wie immer keinen Pfennig Geld, aber das war weni­ ger bedrückend. Dass sein Kohlenvorrat verheizt war und der Winter anhielt, beschäftigte ihn mehr. Er müsste wel­ che organisieren; nachher wollte er Frank besuchen und ihn zu einer gemeinsamen Aktion überreden, der hatte einen praktischen Fahrradanhänger, den sie auch als Handwagen nutzen konnten. Bis der Toast fertig war, rollte er einen Joint und ließ sich dann beides schmecken. Draußen wurde es nicht heller, stellte er fest, trotzdem wollte er nachher eine Runde über den Platz gehen. Es war besonders im Winter manchmal öde, in seinem kleinen Wagen rumzusitzen; im Sommer spielte sich das Leben hauptsächlich auf dem Platz ab, unter freiem Himmel. Es hatte auch ein paar Tage kein Feuer gegeben, das sonst eigentlich täglich in seiner steinernen Einfassung brannte, wunderte er sich. Während er den Kaffee schlürfte, dachte er noch einmal über seinen Traum nach.,

Später stand er auf, öffnete die Tür und schaute nach

draußen. Einzelne Möwen saßen wie festgefroren bei den Brückenpfeilern. Er zog seine Filzstiefel an, die gefütterte Winterjacke, dann ging er etwas unschlüssig vor den Wagen und schob die Tür zu. Er schaute nach seiner kleinen Feuerstelle, in der er bei jedem Mondwechsel ein Feuer abbrannte. Er musste noch herausfinden, fiel ihm ein, wann genau der nächste Vollmond stattfand, es würde morgen oder übermorgen so weit sein. Martin beschäftigte sich mit den Zyklen der Planeten, mit kosmischen Rhythmen. Er las Bücher über Astrologie, vielleicht um etwas über sich selbst zu erfahren. In letzter Zeit versuchte er eine Vorstellung von den Bewegungen der Sonne und des Monds bezüglich der Erde zu bekom­ men. Was war die scheinbare Umlaufbahn, der Tierkreis, im Unterschied zum Himmelsäquator, wie war der Mond­ umlauf dazu geneigt, was hatte es mit dessen Knoten auf sich, und warum stand seine Sichel einmal senkrecht am Horizont, während sie ein anderes Mal wie eine Schale unterging? Auch er erwartete gespannt die totale Sonnen­ finsternis, die in diesem Sommer über Deutschland und Europa sichtbar sein würde, schönes Wetter vorausge­ setzt, und, schon vor Hunderten Jahren vorhergesagt, nach Meinung der Esoterik-Szene die Jahrtausendwende, das neue Zeitalter des Wassermanns einleiten sollte. Er warf einen Blick auf sein Fahrrad, das an der Wagen­ wand unter dem Fenster lehnte, und in die spitze Ecke zwischen Wagen und Mauer. Auch da schien alles in Ordnung. Er kam sich vor wie ein selbstzufriedener Eigenheimler, der seine scheinheile Welt begutachtet. Martin machte ein paar Schritte zur Spree hin und stellte, sich auf die Ufermauer. Er schaute, ob auf dem Kanal, dem Platz am gegenüberliegenden Ufer, etwas los war, aber er sah nur das eine oder andere Ofenrohr rauchen. Die Spree runter verwischte der Nebel die Sicht auf den Turm vom Roten Rathaus, und auf der Brücke rückten die üblichen Blechkolonnen mit Abblendlicht schubweise vor­ wärts, dass es aussah wie das Fließband einer riesigen Produktionsstraße, aus der sie in eine Maschine einge­ speist werden würden. Ihm wurde bei der Vorstellung leicht schwindlig, und er trat von der Uferkante zurück. Martin schlurfte zu dem ringförmigen Weg, der die Feuerstelle großräumig um­ schloss. Er schaute zu Franks dunkelgrünem Wagen mit dem schwarz geteerten Spitzdach. Auch hier verriet ein dünner, fast farbloser Rauchstreif den geheizten Ofen, Frank musste schon wach sein. So ging er um den Wagen herum, dessen Eingangs­ treppe und Fenster zum Ufer hin lagen, und stieg die drei Stufen des wuchtigen Metallgestells hinauf, wobei er ein «Guten Morgen. Schon auf?» rief. «Komm rein», kam von drinnen die Antwort. Martin öffnete die Tür, schob mit einer Hand die Wolldecke einen Spalt zur Seite und machte einen Schritt in Franks Wagen. Der saß auf seinem Sofa. Vor ihm stand ein Wohnzimmer­ tisch, neben ihm der Ofen, ihm gegenüber zwei Ohren­ sessel links und rechts vom Fenster. Es wirkte wie eine Stube aus den fünfziger Jahren, nebenan war noch ein kleinerer zweiter Raum, durch eine Tür abgetrennt. Dort, hatte er das Bett und seinen Vorrats- und Küchenraum sowie einen Kanonenofen, den er aber nicht beheizte. Auf dem Tisch stand eine Porzellankanne und eine geblümte Teetasse, aus der Frank Kaffee schlürfte. «Auch eine?», bot er ihm an. «Gerne», sagte Martin, knöpfte seine Jacke auf und setzte sich in einen der Sessel. Frank beugte sich zur Seite und zog von neben oder unter dem Sofa eine zweite Tasse hervor. «Leider nicht gespült», kommentierte er, während er für Martin einschenkte. Auf dem Sofa lagen mehrere folian­ tenartige Bücher, ein weiteres lag aufgeschlagen auf Franks Knien, es schien ein altes Fotoalbum zu sein. «Was guckst denn da?», wollte Martin wissen. «Wilhelmine Wagner», war die Antwort. «Deine Oma?», fragte Martin weiter. «Nein, vom Recyclinghof. ‘ne Nachlasskiste. Schau hier.» Frank warf Martin einen papiernen Block zu, es war ein DDR-Ausweis. Martin blätterte ihn auf. Wagner, Wilhelmine, Mädchenname Budy, geboren 17. 3. 1921, Adresse Melchiorstraße 16, Berlin-Mitte. Frank deutete auf das Album. «Ich guck grad ihre Hochzeitsbilder, ‘ne Art Kriegs­ heirat, ihr Mann in Uniform. Die Familien vor der Kirche, das Brautkleid, die Gesichter. Abgewickeltes Leben.» Er blätterte das Buch einige Seiten vor. «Hier. Weihnacht im Kriege. 1943. Wilhelmine vor dem Tannenbaum. Wer hat das wohl geknipst?» Martin zuckte mit den Schultern und schwieg nachdenk­, lich. Frank kam ihm schon manchmal etwas skurril vor. Frank zeigte auf eine graue Wolldecke, die unter den Bänden lag. «Die war auch mit dabei.» Er zog sie unter dem Stapel hervor und faltete sie auseinander. In den Stoff waren dunkelblaue Streifen eingewebt, dazwischen in gleicher Farbe die sich wiederholende Beschriftung, Poli­ zei 1937, und am Ende war noch ein Kürzel AL in kleineren Buchstaben. Über einen Teil der Aufschrift war ein rußschwarzer Farbfleck geschmiert, wahrscheinlich war vergeblich versucht worden, sie unkenntlich zu machen. «Hat wohl die ganze DDR in einem Keller überlebt, um jetzt entsorgt zu werden», kommentierte Frank. Martin schlürfte den heißen Kaffee. «Zeig mal rüber!», forderte er Frank auf, ihm das Album zu reichen. Er betrachtete die Fotos. Sie waren schwarz­ weiß oder sepiafarben und hatten gezackte Ränder wie große Briefmarken. Darauf Menschen und Straßenszenen, die fremd waren und doch bekannt wirkten. In Kommodenschubladen auf dem Dachboden seines Elternhauses lagen pappkartonweise ähnliche Fotos. Pfer­ de waren statt Autos zu sehen, wie sie Wagen, gar eine Straßenbahn zogen, Menschen in Feiertagsanzügen, oder Frauen in weißen Schürzen und mit geflochtenem Haar. Er blätterte weiter. Berlin als Ruinenlandschaft. Dabei fiel ihm ein, «Übrigens, wollen wir nicht eine neue Kohlen­ aktion machen? Dieses ewige Holzkleinmachen, und mor­ gens frieren geht mir an die Nieren. Am liebsten gleich heut Nacht.» «Ich hab auch seit Tagen keine mehr, ist ‘ne gute Idee», antwortete Frank., «Prima», meinte Martin, «komm ich so gegen Mitter­ nacht rüber.» Er schaute auf das Album. «Beim Kohlenklauen komm ich mir nämlich genauso vor wie die hier auf den Bildern. Mir fallen dann die Trümmerfrauen ein, oder Erzählun­ gen, wie sie an den Bahndämmen Kartoffeln oder Koks einsammeln, die von den Güterwaggons runterfallen. Das war auch hier am Ostbahnhof.» Martin gab das Buch auf­ geschlagen über den Tisch an Frank zurück. «Ein komisches Gefühl, in einem Privatleben rumzustö­ bern», meinte Frank, «hier gibt’s sogar noch einen Stapel Briefe. Aber die Schrift ist kaum lesbar.» «Wilhelmine wird’s dir nicht mehr übel nehmen», sagte Martin. «Wer weiß, ob sie sich nicht im Grabe umdreht», erwi­ derte Frank. «Ich bin nicht abergläubisch», entgegnete Martin, «ich pflück sogar Kräuter auf dem Friedhof, da ist der Boden am wenigsten verseucht, obwohl manche davor warnen, das sei karmisch belastete Erde. Ich hab sogar mal eine Jesusfigur von einem frischen Grab geklaut, ohne nachher von Geistern heimgesucht zu werden.» Frank grinste, «Was hast du denn damit gemacht?» Martin erzählte die ganze Geschichte. «Das hing auch mit meinem Studium zusammen, also ich war mal für Theologie eingeschrieben. Ich hatte da­ mals meine einzige große Liebe bei mir wohnen und brauchte für ihn ein Geburtstagsgeschenk. Es sollte was Besonderes sein, eben ein bunt lackierter Jesus, ohne Kreuz., Ich wusste, dass bei den Katholiken erst nach einem Jahr ein Grabstein aufgestellt wird, bei der Beerdigung gibt’s erst mal ein Holzkreuz, und die haben manchmal einen Jesus dranhängen. Eines frühen Morgens stand ich auf dem nächstgelege­ nen Friedhof. Es wurde schneller hell als erwartet. Ich hab mich noch mal umgeschaut und mich dann vor einem Kreuz mit Figur auf die Erde gekniet und mein Sägeblatt gezückt. Ging ganz einfach, der war tatsächlich mit Holz­ pflöckchen festgenietet. In drei Minuten hatte ich den Jesus von seinem Folterinstrument abgenommen und hielt ihn in der Hand. Er war gut dreißig Zentimeter hoch und ebenso breit, mit ausgestreckten Armen. Ich bin aufgestanden und hab noch einmal zurückge­ schaut. Das Kreuz sah aus wie das auf dem Grab nebenan, die fehlende Figur würde gar nicht weiter auffallen, hab ich gedacht. Das Kunstwerk sah dann übrigens geil aus, wie ein Balletttänzer, sehr grazil. Ich hab ihm das Lendentuch, die Haare und Fingernägel rot gemalt. Dann kam’s auf den Fernseher, weil Manfred so gern die Kiste laufen hatte, bis er ausgezogen ist und ihn mitgenommen hat.» «Das klingt nach Grabschändung», meinte Frank. «Ach nee», entgegnete Martin, «der hat mich angelä­ chelt, wahrscheinlich war er froh, von seinem Marterholz runter zukommen. Er hat mir sogar Glück gebracht, glaub ich.» Sie saßen einen Moment schweigend, Martin trank den Kaffee leer und suchte in seiner Jackentasche nach Tabak. In der Innentasche wurde er fündig. Er drehte einen Joint., «Ich hab mehr in Supermärkten geklaut», erzählte Frank. «Angefangen hat’s mit der Geldbörse meiner Mutter im Küchenschrank, für Süßigkeiten. Später war das ein richti­ ger Sport. Als sie mich mal erwischt haben, mit Kaufhaus­ detektiv und allem, ist mein Alter ausgeflippt, der wollt mich totschlagen. Seitdem reden wir, glaub ich, auch nicht mehr miteinander.» Martin wusste, Franks Vater war ein hohes Tier bei der Kriminalpolizei einer Provinzhaupt­ stadt, seine Mutter seit Jahren wegen Depressionen in einer Privatklinik. Martin rauchte den Joint an und schaute aus dem Fenster. «Lass uns ein Feuer machen», meinte er, «richtig groß, ein Winterfeuer. Für Wilhelmine, wie wär’s?» Frank grinste und ließ sich überreden. «Ich könnt ihren Ausweis verbrennen, das ist wie eine zweite Beerdigung, so für mich.» Er stand auf, zog Jacke und Filzstiefel an. Sie gingen nach draußen und um den Wagen herum zur Feuerstelle in der Platzmitte. Es lagen noch verkohlte Holzstücke im Steinkreis, umgeben von grobkörniger schwarzer Asche. Frank stampfte mit dem Fuß darin herum und ebnete sie ein. «Ganz feucht», bemerkte er. Neben der Feuerstelle lag ein Vorrat Holz, der bedarfs­ weise vom Lager in der Platzecke nachgefüllt wurde. Martin suchte ein paar Teile zusammen, eine Sperrholz- Obstkiste zertrümmerte er mit einem Tritt. Frank hatte eine Zeitung eingesteckt, die er nun zerknüllte. Sie häuf­, ten die Brettchen darüber, schichteten kleinere Holz­ stücke, auch die angekohlten Reste, übereinander wie ein kleines Zelt. Martin hatte Streichhölzer, und bald leckten durch grauen Qualm orangerote Feuerzungen immer höher zwischen den Hölzern hervor. Martin legte noch mehr Bretter, Bohlen und Äste nach. Schnell wuchs das Feuer und ließ die Erde dampfen. Auch Frank legte noch Holz obenauf, bis der aufquellende Rauch die Flammen fast zu verschlucken drohte. Sie machten eine Pause und schauten den glühenden Holz­ stückchen zu, dem Farbenspiel der Flammen, in Lila, Grün, in Blau und Gelb. «Schöner als Fernsehn», meinte Martin. Bald schlugen die Feuerschlieren einen Meter hoch, und sie mussten einige Schritte zurücktreten, weil es zu heiß wurde. Frank warf eine dicke Bohle obenauf, und Funken stoben nach allen Seiten und regneten über sie hinweg, der Feuerhaufen fiel etwas in sich zusammen, und kieselsteingroße, glühende Holzwürfel rieselten bis an die Steineinfassung. Frank nahm Wilhelmines Pass aus der Tasche und warf ihn mitten in die lodernden Flammen. Als das Feuer sich ein bisschen beruhigt hatte und heruntergebrannt war, schichtete Martin einen neuen Holzstoß auf die knisternde Kohle. Dann setzte er sich auf einen Balken, der ihm einigermaßen trocken schien. Frank tat dasselbe. Bald kam Britta heran. «Gibt’s was zu feiern?», fragte sie und streckte die Hände in Richtung der Flammen, um sich zu wärmen. «Eigentlich nicht, vielleicht den Winter!», meinte Martin., Nicht lange, und auch Bärbel setzte sich mit ans Feuer. «Ist das ein Plenum?», fragte sie. Es sah fast so aus, als auch Ulli gucken kam. «Habt ihr am Fenster gewartet?», mutmaßte Martin. Er wusste, der Platz war schlimmer als ein Dorf, jeder beob­ achtete jeden, es gab oft sonst nichts zu tun. Entsprechend entstanden Tratsch und Gerüchte, die irgendwie ihr Zusammenleben im Gleichgewicht hielten. Tatsächlich kam auch noch Gajatri. Martin schaute hauptsächlich dem Feuer zu, er war wie in einer Hypnose, Feuer hatte ein eigenes Leben, es weckte besondere Stimmungen und wirkte klärend und wie eine Reinigung auf das Gemüt. Irgendwann verabschiedete sich Frank, er wollte noch einen Freund im Prenzlberg besuchen und schob kurz darauf sein Fahrrad zum Tor.

Später am Nachmittag löste der Dunst sich auf, und ab

und zu lugte die Sonne mit ein paar silbern blendenden Strahlen durch die Wolkenklumpen. Martin hatte doch noch beschlossen, Holz zu machen. Er wandte ihre neue Technik an. Dabei bückte er sich und nahm mit beiden Händen einen Pflasterstein, einen der würfelförmigen, rötlich gelben Berliner Quarzwacken von einigem Gewicht. Vor sich hatte er eine Holzpalette zurechtgelegt. Eine Transport­ firma entsorgte in gegenseitigem Einvernehmen ihre Ein­ wegverpackung bei ihnen, dadurch gab es einen unend­ lichen Holzvorrat, der sich zu einem Stapel auftürmte, höher als er selbst. Martin ging in die Knie, während er, den Rücken streckte, um den Stein anzuheben und über seinen Kopf zu stemmen. Das war wie Gymnastik. Dann hielt er kurz inne und ließ den Stein halb fallen, halb warf er ihn, so dass er auf eine der Latten krachte; und da die Latte an den Seiten auflag, faltete das Brett sich, wenn Martin gut genug zielte, zerbrochen in der Mitte ein. Schließlich waren nur die sechs massiven Klötze übrig, die der Palette ihre Höhe gegeben hatten. Auch sie passten gerade noch in den Ofen. Eine Palette ergab einen mehr als vollen Vorratskorb. Gajatri hatte diese Technik eingeführt, nachdem ihre Säge zerbrochen war und niemand ihr eine funktionieren­ de Axt leihen konnte. Ulli, als er sie das erste Mal sah, witzelte zwar vom «Zurück in die Steinzeit». Er gehörte mehr zur Lkw- und Schrauberfraktion. Aber tatsächlich war die Arbeit mit dem Stein bequemer und effektiver als mit anderen Werkzeugen, wie Martin ausprobiert hatte. Er war schon fast fertig und hob gerade wieder den Stein über den Kopf, als er das Klappern am Tor hörte. Er ließ sich jedoch nicht ablenken und den Stein auf eine weitere Latte knallen. Danach schaute er sich um. Das Tor ratterte immer noch, was ungewöhnlich war. Martin hatte schon Daniel erkannt, der das Tor weit öffne­ te. Martin war neugierig und ging zu ihm hin. Daniel lenkte ein kleines weißes City-Mobil mit grüner Schrift auf der Tür im Schritttempo auf den Platz Als er Martin sah, winkte er über dem Lenkrad und rollte bis zum Küchenwagen. Martin schloss den Torflügel hinter ihm. Daniel stieg aus und erklärte, «Mein Dienstwagen, sozusagen. Ich hatte schon Frühschicht und hab das Auto bis morgen. Ich dachte, vielleicht willst du mit zu Klaus,, und heut Abend wollten wir dieses Treffen machen, wenn du Zeit hast. Hedwig weiß Bescheid, Tino auch, Björn ist da, vielleicht kommt Linda.» Die beiden Frauennamen meinten Tunten. Martin wartete einen Augenblick, wegen der langen An­ sprache, und meinte dann, «Ich bin grad am Holzmachen. Wenn du mir beim Zusammenpacken hilfst, können wir gleich los.» Er zeigte zum Holzstapel. Daniel nickte. «Wir haben auch Zeit, kein Stress. Ich bin noch bisschen hektisch, vom Verkehr.» «Ist praktisch mit dem Auto», sagte Martin, «Schwarz­ fahrn mit der BVG finde ich immer nervig.» Sie gingen gemeinsam zum Holzstapel. Martin sammelte die zerkleinerten Stücke in den Korb. Sie gingen zurück zum Bauwagen. Martin stellte den Korb unter seinen Ofen, Daniel blieb bei Martins Feuer­ stelle stehen und drehte sich mit dem Gesicht in die Son­ ne. «Lass uns einen Joint rauchen», schlug Martin vor. «Gute Idee», erwiderte Daniel. Martin setzte sich zum Bröseln auf die Türschwelle. «Du warst schon arbeiten?», wollte er wissen. «Ich hab die Woche Frühschicht», sagte Daniel, «da ist aber am wenigsten zu tun.» Er hatte sowieso keinen anstrengenden Job, er arbeitete in einer Pflegeeinrichtung und betreute eine Wohnge­ meinschaft. Seine Patienten waren sehr selbständig, so dass die Arbeit hauptsächlich in kleinen Besorgungen und Freizeitgestaltung bestand; manchmal hatte er auch, Nachtdienste, in denen er im Dienstbett seinen Schlaf bezahlt bekam. Martin wusste, Daniel war nach seiner Zivildienst-Zeit mit einer Zusatzausbildung in den Pflegebereich ge­ rutscht, und seit er mit Björn nach Berlin gezogen war, arbeitete er für seinen Lebensunterhalt. Die beiden kamen ulkigerweise aus benachbarten Dörfern irgendwo in West­ falen und kannten sich seit der Schulzeit. Daniels Eltern waren auch kleinbürgerliche Bauern, wie die von Martin. Björns Alter war Architekt. Björn hatte nach der Zivi-Zeit noch ein Studium abgebrochen und machte gerade eine privat finanzierte Ausbildung als Geomant. Was er dort genau lernte, blieb etwas geheimnisvoll, auf Nachfragen reagierte er ausweichend. Martin hatte den Joint gedreht und rauchte ihn an einer Streichholzflamme an. «Hoffentlich wird’s bald Sommer», sagte Daniel, «ich freu mich schon auf die Wochenend-Raves im Umland.» Martin gab den Joint an Daniel und sagte, «Letztes Jahr war klasse. Warst du an diesem See dabei, wo die vielen Kirschbäume waren? Ja klar. Mit dem Sound-System von den Engländern und ihren Metallschrottskulpturen auf der Wiese. Und das milchige Vollmond-Licht über dem Gras.» «Da war ich auf Ketamin und hab Lutz kennen gelernt», sinnierte Daniel. «Stimmt, wir sind zusammen im Auto zurückgefahrn», erinnerte sich Martin. Die Techno-Bewegung wurde zum großen Teil von, Schwulen getragen und war ohne die sich zeitgleich ver­ breitenden Partydrogen fast undenkbar. So war ihre Szene eine Art Vorreiter einer zweiten chemischen Revolution, die das Alkoholmonopol und den Mythos des Heroins durch eine Ecstasy-Flut und Speed-Junkies ersetzt hatte. Galt das Kokain in den Siebzigern noch als luxuriös, waren Preis und Qualität seither auf ein Zehntel gefallen, und spätestens seit Crack-Pfeifchen auf brandenburgi­ schen Kleinstadtgesamtschulhöfen angekommen waren, verstärkte die Polizei ihre Einsätze gegen Hanfraucher. Die Drogenpolitik war völlig gescheitert. Heroin macht hässlich, galt als Devise. Klaus hatte das einmal zu Martin gesagt. Auch der, dachte Martin, hatte einen ähnlichen Lebens­ weg hinter sich. Er war ursprünglich in Schwaben aufge­ wachsen, an der Grenze zu Franken, als Adoptivkind. Sein Stiefvater war Volksschullehrer und schon früh gestorben, die Stiefmutter inzwischen fast achtzig. Letztes Jahr hatte er noch, bei der Autofahrt durch Frankreich, davon erzählt, wie er als Fünfzehnjähriger zum ersten Mal nach Berlin getrampt war. Nach einer Lehre in einem Bioladen wohnte er mit achtzehn bereits als Zivildienstflüchtling in Berlin. Als vor drei Jahren seine Mutter ihm ein Erbteil vorzeitig auszahlte – Klaus hatte bis dahin vom Sozialamt gelebt –, machte er sich selbständig und eröffnete einen Head-Shop, der in Koope­ ration mit einem Techno-Plattenladen laufen sollte. Klaus sagte, wenn die Hanflegalisierung kommt, hab ich schon ein Standbein im Geschäft. Aber die Marktlage war doch schwierig, es gab Konkurrenz und eingeschränkte Kondi­ tionen, Kräutertees mussten aus dem Sortiment genom­, men werden, Duftkissen mit Pilzen wurden verboten. Auch dem Plattenladen wurde nach gut einem Jahr der Strom abgestellt, und die Miete war nicht mehr zu finan­ zieren. Klaus musste sein Geschäft zumachen und die restlichen Waren verramschen, auch das Auto hatte er im Winter verkaufen müssen. Er hatte sich übers Sozialamt erst mal wieder krankenversichert und benutzte bei Be­ hörden seinen zweiten Vornamen. Letzten Herbst hatte ihn eine erste Lungenentzündung erwischt, und er wurde für knappe zwei Wochen ins AVK zur Ausheilung geschickt. Jetzt ist er wieder drinnen, sagte sich Martin. Sie hatten den Joint schweigend aufgeraucht. «Wollen wir los?», fragte nun Daniel. Martin warf die Kippe in den Steinkreis seiner Feuer­ stelle. «Von mir aus können wir», sagte er und stand auf. Sie gingen zurück zum Auto. Daniel stieg ein und starte­ te, während Martin das Tor öffnete. Der Wagen rollte auf die Straße, Martin stieg ein. Sie fuhren über die Brücke, dann bogen sie auf die Köpenicker Straße ab. Im Auto lief natürlich Techno-Musik, Daniel hatte die Anlage so laut, dass es zu anstrengend gewesen wäre, zu reden. Sie wipp­ ten nur mit den Köpfen im Rhythmus der Basstöne. Die Sonne wurde durch die Wagenscheiben gefiltert wie von einem Brennglas und blendete, wenn sie vor ihnen über der Straße funkelte. Daniel hatte eine angenehme Fahrweise, fand Martin, ohne starke Beschleunigung, abruptes Bremsen oder dich­, tes Auffahren. Auch war nicht viel Verkehr, und so glitten sie über die meist zweispurigen Straßen zwischen Allee­ bäumen und Mietshausblöcken hindurch. Vom Halle­ schen Tor ging es am alten Flughafen entlang, ein Stück über die Autobahn, aber nur zwei Ausfahrten. Dann fuhren sie in eine Straße, die nach Wohngebiet aussah, und Daniel meinte, «Ab hier können wir schon einen Parkplatz suchen.» Ein paar Meter weiter fanden sie eine Lücke. «Ich hab gar nichts bei, Blumen oder so», sagte Martin. «Ist auch noch eine Vase voll da, von Mina», sagte Daniel. Auf der Station hatte der gleiche Pfleger Dienst wie letztes Mal, Martin erkannte ihn sofort, es war der Prakti­ kant. Daniel sprach ein paar Worte mit ihm. Martin hörte nicht genau zu, er fühlte sich wie betäubt von dieser Kran­ kenhausatmosphäre. Seitlich gegenüber stand ein Kasten mit Grünpflanzen, die von der Decke mit einem speziellen Strahler angeleuchtet wurden, eine Yucca-Palme und ein kleinblättriges Kraut. Links und rechts waren je ein Stuhl aufgestellt, mit bunt bedruckten Stoffbezügen. An der Wand gegenüber hing ein Blumenaquarell, um die simu­ lierte Wohnzimmerstimmung zu komplettieren. Sie gingen den Flur entlang bis fast zum Ende, wo eine Glastür, die auf einen Mini-Balkon führte, Tageslicht hereinließ. Sie blieben vor der Tür mit der Nummer 211 kurz stehen, dann klopfte Daniel, und sie traten ins Zimmer. Drinnen standen zwei Betten, Klaus lag im hinteren an der, Fensterwand, er war mit einem anderen Patienten zusam­ mengelegt worden. Martin schaute Klaus an und nickte, Daniel grüßte mit einem «Hallo». Klaus grinste, als er sie beide sah, und setzte sich etwas höher im Bett auf, indem er ein Kissen hinter den Rücken klemmte. Er stellte seinen Zimmernachbarn vor, «Heiko aus der Scheune» – das war eine Disko im rosa Kiez um den Wittenbergplatz –, «er kellnert da.» Daniel und Martin schauten beide zum Nebenbett, Heiko guckte zu ihnen rüber und grinste als Begrüßung. Dann wandten sie sich wieder Klaus zu. Der sah besser aus als letztes Mal, dachte Martin. Er wirkte nicht so blass und eingefallen wie die Tage, und er schien auch guter Laune. Daniel wollte wissen, ob der Arzt schon eine Diagnose habe. «Nee», antwortete Klaus, «sie testen noch. Die behan­ deln erst mal auf Toxoplasmose und probieren eine Kom­ bitherapie, wegen der Viruslast.» Martin schaute sich im Zimmer um, während er zuhörte. Das Krankenhaus, zumindest dieser Flügel, war zwar ein Neubau, vielleicht aus den Siebzigern, und keins dieser hohen kalten Jahrhundertwende-Gemäuer im Kaiserstil, in dem die meisten öffentlichen Gebäude in Berlin gebaut waren. Aber diese Modernität hatte keinen Zugewinn an Gemütlichkeit gebracht. Es gab einen Tisch mit Stuhl in der Ecke, auf dem lagen Kekse und Äpfel, außerdem stand tatsächlich eine Glasvase mit Schnittblumen darauf; in Orangegelb leuchteten kleine Korbblüten wie Mini- Sonnenblumen zwischen dem satten Grün von Farnkraut­, blättern, eine atmende Oase. Klaus war wieder an einen Tropf angeschlossen, dessen Flasche an einem Metallständer hing; der Schlauch in die Nase war entfernt worden. Auf der Abstellfläche des Nachttischchens stand eine halb volle Teetasse, daneben lag eine blaue Plasteschachtel, unter deren durchsichtigem Deckel die Tagesrationen an Pillen aufgeteilt lagen. Vor dem Fenster gab es eine Jalousie aus Metall-Lamellen, sie schnitt das obere Drittel der Aussicht in dünne Streifen. Martin setzte sich auf den Stuhl. Daniel fragte Klaus, ob er persönliche Sachen brauche oder etwas zu erledigen sei. Klaus verneinte, «Wenn mir irgendwas einfällt, ruf ich dich an.» «Grüße von Björn soll ich ausrichten», sagte Daniel, «der kommt morgen vorbei.» Sie schwiegen ein bisschen. Klaus wollte wissen, was in der Szene abgehe. Sie erzählten Klaus von der Show im Anal. Klaus grinste amüsiert. Daniel schwärmte. «Als Letztes stand Pünktchen in einem grünen Seidenkleid auf der Bühne. Sie hat einen meterlangen Schleier hin und her geschwenkt, wie der Wind über die Felder weht, bei der Strophe, also ‹Sag mir, wo die Blumen sind›. Dabei hatte sie eine schwarze Klappe über ihrem linken Auge, wie so ein Pirat.» «Das hab ich gar nicht mehr mitgekriegt», meinte Martin., «Ich hab sie nach der Show gefragt, in welchem Film denn Marlene mal eine Seeräuber-Jenny gespielt hätte. Aber Pünktchen meinte, nee, das wär kein Kostüm, son­ dern echt, irgendeine Sehnervengeschichte, er sehe sonst alles doppelt, das kommt von der Toxo.» «Wo können wir hier eigentlich kiffen?», wollte Martin wissen. «Schwierig», meinte Klaus. «Wollen wir nicht rausgehn?», fragte Martin. «Ich häng hier am Tropf fest.» Martin wandte ein, «Das Gestell hat doch Räder.» Klaus zögerte. «Außerdem kann ich nicht weit gehn, irgendwas mit den Beinen. Wir bräuchten ‘nen Rollstuhl.» «Müssen die hier doch wohl haben», sagte Martin, «soll ich mal fragen gehn?» Klaus sagte nicht Ja, aber auch nicht Nein. Martin entschied, «Ich guck mal.» Er stand auf und ging über den Flur zum Schwesternzimmer. Der Pfleger reagierte missmutig auf die Frage. «Der ist grade ausgeliehen», war die Antwort, «was wollt ihr denn damit?» «Wir würden gern nach draußen, eine Runde spazieren fahrn», sagte Martin. «Ein paar Minuten in die Sonne, es ist schon fast frühlingshaft.» Das war zwar übertrieben, aber das Gegenargument «zu kalt» war damit im Voraus entkräftet. «Bei dem Wetter…», knurrte der Pfleger auch prompt., Aber Martin drängelte. «Vielleicht kann ich ihn holen gehn?» «Gegenüber, am Treppenhaus vorbei immer gradaus den Flur lang, Station 2C.» Martin ging los. Die Schwester aus 2C telefonierte sicher­ heitshalber mit 2B, bevor sie den Rollstuhl freigab. Ist das alles anstrengend, dachte er und schob den leeren Stuhl mit gesenktem Blick am Praktikanten vorbei und parkte ihn am Bett. Klaus und Daniel schauten unterneh­ mungslustig. «Aber nur fünf Minuten!», sagte Martin und schüttelte den erhobenen Zeigefinger, die Stimmung des Personals wiedergebend. «Alles vorbereitet?» Klaus schlug das Laken zurück und hockte sich aufs Bett, dann stellte er sich auf und setzte sich vorsichtig in den Rollstuhl. «‘ne Decke wär gut, und die Jacke brauch ich», sagte er. Beides fand Daniel in je einem Fach der Schrankwand. Den Tropf hängte Martin an die Halterung, die über dem Sitz an die Rückenlehne montiert war. Daniel packte Klaus’ Füße und Beine in die Decke ein, Martin schob den Stuhl, sie konnten losgehn. Als sie am Praktikanten vorbeikamen, hatte der sich im Durchgang aufgebaut und sagte, «Aber nur fünf Minu­ ten!» Sie mussten alle drei unwillkürlich auflachen. Peinlich, der muss sich voll veralbert vorkommen, dach­ te Martin, sind aber auch zu öde, solche Sprüche, dabei ist der Typ jünger als wir., Sie quetschten sich in den Fahrstuhl. Beim Verlassen der Kabine gab’s Probleme, weil er nicht genau an der Kante anhielt, sondern etwas zu tief. Der Rollstuhl holperte und schüttelte Klaus durch, fast wäre er rausgefallen. «Entschuldige», sagte Martin. «Schreckliches Ding», meinte Klaus, «genau wie Krü­ cken.» «Ach, schon bequemer als selbst gehn, oder?», versuchte Martin einzulenken. «Hoffentlich bin ich das bald wieder los, ich will mich erst gar nicht dran gewöhnen.» «Vielleicht musst du dich nur drauf einstellen», meinte Daniel. «Eklige Vorstellung, so hilflos sein», sagte Klaus. Die Stimmung war plötzlich gereizt. Martin sagte, «Man kann sich’s nicht aussuchen.» Aber Klaus konterte, «Wenn ich erst mal auf andere Leute angewiesen bin, hoff ich, dass es schnell zu Ende geht.» Das war ein Schlusswort. Endlich waren sie draußen und holperten zwischen dicken Baumstämmen hindurch auf eine matschige Wiese. In deren Mitte war eine kreisrunde Senke mit grauem Beton eingelassen, vielleicht fünf Meter im Durchmesser, mit einem Metallstab im Zentrum, aus dem im Sommer Wasser sprudeln mochte. «Na ja», kommentierte Daniel das Ambiente. «Wir setzen uns hier auf die Bank», meinte Martin; es standen einige herum, sämtlich unbenutzt, er zeigte auf, die nächstbeste. Bald kreiste möglichst unauffällig der Joint, aber dann war es ihnen allen auch schon zu kalt. Sie wollten gerade wieder gehen, als ein Geräusch Martin sich umdrehen ließ. Mina kam auf sie zu und begrüßte sie, «Ihr seht aus wie drei Indianerhäuptlinge auf dem Donnerbalken. Ich hatte grade ein Gesicht, da hab ich sogar die langen Vogelfe­ dern in euren Haaren gesehn.» «Hey Mina», grüßten Klaus und Daniel, «Hey», sagte auch Martin. «Warst du schon oben?», wollte Klaus wissen. «Nee, ich hab intuitiv erst hier im Park geschaut, und da sitzt ihr.» Mina war eine Freundin aus der Wagenszene, mischte aber auch bei Techno-Partys mit, wo sie eine mobile Chill­ out-Teestube betrieb, mit indischer Yogi-Mischung und viel Milch und Honig, obwohl sie schon über fünfzig war – ein Relikt der alten West-Berlin-Szene. Sie arbeitete außerdem als Malerin und praktizierte eine Frauen-Kräu­ ter-Kunde, die sie ihre Hexerei nannte, und besserte damit als Heilpraktikerin ihre Sozialhilfe auf. «Es ist doch noch Winter, trotz der Sonne», meinte Daniel. «Aber die tut echt gut», sagte Klaus. Er schloss die Au­ gen und streckte sein Gesicht in die Strahlen, wie um das Gesagte zu demonstrieren. «Kommst du nachher mit wegen dem Treffen?», fragte, Daniel. Mina verneinte. «Ich mach gleich mit Klaus eine Sitzung, und dann hab ich noch eine Patientin hier in der Nähe, eine Freundin mit Krebs», sagte sie. «Ich ruf morgen gegen Mittag mal an und hör, was ihr besprochen habt.» «Wollen wir reingehn?», meinte Martin. Sie brachen auf. Als Klaus wieder ins Bett verfrachtet war, beschlossen Daniel und Martin, sich zu verabschieden. «Also bis die Tage», sagte Martin zu Klaus, und zu Mina, «Wir sehn uns.» Auch Daniel sagte, «Tschau, bis denn», und die beiden gingen los. Auf dem Flur fragte der Praktikant, wo der Rollstuhl verblieben wäre. «Da», zeigte Martin, er hatte ihn vor Klaus’ Zimmer ge­ parkt. «Der wird wieder gebraucht!», war die Entgegnung. Sie trabten schweigend nebeneinander bis zum Auto. Erst beim Einsteigen fragte Martin, was denn mit Klaus’ Beinen sei. «War mir auch neu», sagte Daniel mit einem Schulter­ zucken. Während sie durch die Stadt fuhren, schaute Martin gedankenversunken aus dem Fenster auf die vorbeizie­ hende Stadt, sah die Menschen, die Häuser, die Bäume. Durch die schnelle Bewegung des Autos wirkte das wie in einem Film mit Zeitraffer, der das Gesehene in der Be­, schleunigung verzerrte; wie die eigentümliche Hektik von Menschenaufnahmen in alten Stummfilmen. Die Trance- Music verstärkte diesen Eindruck. Die Wirklichkeit ist surreal, dachte Martin, es kommt lediglich darauf an, wie sie betrachtet wird. Ein Blick durch eine Autoscheibe genügte. Daniel wohnte in Mitte. Sie kamen am Alexanderplatz vorbei und bewegten sich zwischen den betongegossenen Wohnmaschinen und Plattenhochhausbauten hindurch, sie überquerten die Spree, und ein paar Minuten später parkten sie an der Torstraße. In der Wohnung war Musik zu hören, Techno natürlich, und Daniel rief beim Eintreten, «Wir sind da-a!» Das galt wohl Björn, der mit Daniel zusammenwohnte. Martin zog Jacke und Schuhe aus, es war gut geheizt. Er folgte Daniel in die Küche. Der bot ihm einen Kaffee an, «Gerne», entgegnete Martin und ließ sich auf das Sofa plumpsen. Er hatte seinen Tabak aus der Jacke genommen und legte das Päckchen auf den Tisch. Die Küche war geräumig. Es gab noch einen hölzernen Küchenschrank mit zwei Türchen, in die gardinenverhan­ gene Fensterscheiben eingelassen waren. Herd, Kühl­ schrank, Spüle und eine Waschmaschine standen neben­ einander an der hinteren Wand. Ein zweiflügeliges hohes Fenster blickte auf den Innenhof. Der Raum war in Ocker­ gelb gestrichen, mit einem breiten, blau gemusterten Streifen, der wie ein Fries etwas über Kopfhöhe die typisch hohen Altbauwände entlanglief und nur vom Fenster unterbrochen wurde., Ein paar Topfpflanzen standen auf der Fensterbank, eine große Tonschale mit Grünlilien auf dem Tisch. Die streckten ihre langen schmalen Blätter wie Tentakel in alle Richtungen. Björn kam herein und begrüßte die beiden. «Hallo», sagte er und stellte sich hinter den zweiten Stuhl, die Hände auf der Lehne. Björn war etwas größer als Daniel und ziemlich dünn, so dass das T-Shirt um seinen Bauch schlackerte. Er steckte in einer ausgebleich­ ten Jeans und war barfuß. Es lagen aber überall Teppiche. Seine Kopfkugel spiegelte die Deckenlampe als weißen Lichtpunkt, er schien seine Haare frisch abrasiert zu haben. Glatze oder verfranste Haarbüschel waren die Einheits­ frisur der Szene, nur Martin schnitt sein Haar weiterhin lediglich an den Spitzen zu einer Topffrisur, «Wie Mireille Matthieu.» «Auch einen Kaffee?», fragte Daniel. Björn nickte und ging zum Küchenschrank, um sich selbst eine Tasse zu nehmen. «Hedwig hat angerufen», sagte er. «Sie kann nicht kommen, weil sie sich um ihren Laden kümmern muss. Einkäufe machen oder so.» Hed­ wig hatte vor ein paar Monaten eine schwule Cocktailbar eröffnet. «Mina hat auch was andres vor», erzählte Martin, «die haben wir im Krankenhaus getroffen.» «Fehlen noch Linda und Tino», sagte Daniel. «Bei Tino ist auch eher unsicher, der hat so rumgedruckst mit ‹viel­ leicht› und ‹mal sehn›.», «Was wollen wir überhaupt besprechen?», fragte Martin, er hatte sich noch keine genauen Gedanken gemacht. «Na ja», meinte Daniel, «ich weiß auch nicht. Ich hab gestern noch mal mit dem Arzt geredet, und der war ziemlich pessimistisch; vor allem weil die Symptome so unspezifisch sind.» Und, zu Björn gewandt, «Heute konn­ te er nicht mal richtig gehn, wir waren mit dem Rollstuhl spazieren.» Björn ergänzte, «Auf jeden Fall ist es diesmal ernster und nicht mit zwei Wochen getan, weil seine Abwehrkräfte prak-tisch auf null sind. Das heißt, wir müssen uns viel­ leicht um Formalia kümmern, für ihn aufs Sozialamt oder so, und dass er alles da hat. Und gut wär, wenn ihn jeden Tag jemand besucht. Klaus braucht Menschen, der kann nicht alleine sein, das macht ihn noch kränker.» Martin trank an seinem Kaffee und drehte einen Joint. Während sie rauchten, klingelte das Telefon, Björn ging in den Flur. Als er etwas später zurückkam, schaute er enttäuscht. «Verlass sich einer auf Tunten», sagte er. «Linda ist eben erst aufgestanden und hat heute Abend einen Auftritt in der AHA. Sie lässt sich entschuldigen.» Daniel und Martin schauten sich gefrustet an. Daniel sagte, «Ruf gleich mal Tino an, bevor wir hier rumwarten.» Es stellte sich heraus, Tino hatte den Termin vergessen und «gerade einen süßen Typen im Bett», er konnte nicht kommen., «Was machen wir jetzt?», fragte Martin. Eigentlich war nicht viel zu besprechen, es wäre abzu­ warten, wie sich alles entwickelte. «Morgen fahr ich zu Klaus», meinte Björn, «übermorgen Daniel.» «Danach kann ich», sagte Martin. «Bis dahin besprechen wir uns neu und sagen auch den andern noch mal Bescheid», ergänzte Daniel. Sie schauten sich reihum an und nickten. Es war alles klar. Daniel bot Martin an, ihn mit dem Auto zurückzu­ fahren. «Ach», meinte der, «ist ja nicht weit bis zur S-Bahn. Die zwei Stationen kann ich schwarzfahrn.» «Gehst du heut Abend zu Linda?», wollte Björn noch wissen. «Mal sehn, ob ich’s schaffe», sagte Martin. Dann verab­ schiedete er sich. Als er mit eingezogenen Schultern und in die Taschen gesenkten Händen frierend in seinem Wagen ankam, rumorte sein leerer Magen. Er heizte den Ofen an. Was konnte er essen? Auf dem Tisch lag das Weißbrot von heute Morgen. Sonst waren seine Küchenvorräte aufgebraucht. Im Vorratswagen fand er einen halb vollen Karton mit Streichkäsepackungen in verschiedenen Geschmacksrich­ tungen. Das sah eher nach Supermarktcontainer aus, dachte er, vielleicht hatte Justus oder Britta die Sachen hier hereingestellt. Martin suchte zwei davon aus und, schaute, ob sie noch sorgfältig verschlossen waren. Die Supermarktangestellten stachen nämlich manchmal extra sämtliche Tüten oder Verpackungen auf, weil sie es Martin und seinen Freunden nicht gönnten; andere wiederum stellten gute Sachen neben den Container, dass sie nicht im Restmüll untergingen. Martin nahm noch eine Weißbrotstange mit. Das musste für heute Abend reichen. Er brühte sich einen heißen chinesischen Grüntee auf und aß zu Abend. Danach rauchte er einen Joint und legte sich aufs Bett.

Später am Abend wollte er zu Frank rübergehn.

Er traf die nötigen Vorbereitungen, zog seine dick ge­ polsterte Jacke an, die Filzstiefel, suchte Handschuhe und eine Mütze. Unter dem Wagen lagen leere Jutesäcke für die Kohlen. Es war sicherlich Frost, und die Kälte stach wie Nadeln in sein Gesicht. Bei Frank war Licht zu sehen. Martin erstieg die drei Metallstufen, klopfte an das grün­ farbene Holz der Tür, öffnete sie mit einem «Ich bin’s!», und trat ins Innere von Franks Wagen. Der saß, in eine Wolldecke gewickelt, auf seinem Sofa. Daneben stand die wuchtige Küchenmaschine, Frank hatte sie aus einem leer stehenden Haus abgetragen und Stück für Stück per Fahr­ radanhänger aus Kaulsdorf abtransportiert. Sie hatte weiße Kacheln und war mit Lehm und Schamottsteinen ausgekleidet, aber nicht geheizt. «Gehen wir los?», fragte Martin. «Ich zieh meine Jacke an», antwortete Frank und stand auf. Die Decke ließ er auf dem Sofa liegen, und während, er die Kerze ausblies, trat Martin wieder nach draußen. Frank folgte ihm die Stufen hinunter, während er mit ausgestreckten Armen die Jacke überzog. Auch er trug eine Mütze, eins der schwarzen Wollmo­ delle im Matrosenstil. Gleich neben der Treppe lehnte der zweirädrige Fahrradanhänger, eigentlich eine rollende Holzkiste. Martin warf seine Jutesäcke in die Ablage, Frank kramte gebückt in einem Gerümpelstapel neben dem Hinterrad seines Wagens. Er wohnte in einem Zwei­ achser. «Hier sind sie!» Er legte seine Vorratssäcke zu denen von Martin, «wir können.» Martin hatte das Gefährt bereits umgedreht und zog es hinter sich her über den Bauwagenplatz zum Rolltor, Frank mit in die Tasche gesteckten Handschuhen hielt sich neben ihm. Sie mussten über die Straßenkreuzung, die so spät kaum noch von Autos befahren wurde, nur ein paar Taxis rauschten mit Vollgas durch die Nacht. «Hoffentlich ist kein Wachschutz unterwegs!», seufzte Frank. Martin fühlte sich bei solchen Aktionen immer etwas beklommen. Wenn ihnen eine Person entgegenkam und sie beide, wie es ihm vorkam, kritisch musterte, war er sicher, schon als Dieb entlarvt zu sein. Er versuchte so unauffällig wie möglich zu wirken, obwohl das absurd war. Sie bogen in eine Ausfahrt ein, die von zwei roten Back­ steinsäulen begrenzt war, zwischen denen wohl einmal Torgitter angebracht gewesen waren. ……, «Alles ruhig!», meinte Frank, auch er war ein bisschen aufgeregt. Ab jetzt waren sie verdächtig. Sie gingen vor der Front einer Lagerhalle vorbei, dann lag die Kohlenhalde vor ihnen. «Lass uns den Anhänger an der Seite verstecken und zuerst die Säcke voll machen», meinte Martin. Neben dem Platz mit den Kohlen war ein schmaler Durchgang, der sich nach hinten über Schienen und Gelei­ se ins offene Gelände verlief. Einige Pressspanplatten, die von einer Wohnungsauflösung stammen mochten, stan­ den schräg an eine Seitenwand gelehnt. Martin lenkte den Wagen rückwärts an diese Mauer und stellte ihn auf, indem er die Deichsel anhob und an die Wand gleich neben die Schrankbretter lehnte. So war er als Abfall getarnt. Frank hatte die knittrige Plasteplane an einer Ecke nach hinten geschlagen. Martin warf ihm die Säcke zu. Sie begannen, mit möglichst schnellen Handgriffen die ovalen schwarzen Scheiben in die Säcke zu reffen. Es waren Ost- Kohlen, die zwar angeblich nicht so gut heizten wie die Westbarren, aber jedenfalls besser als Holz. Martin hatte den ersten Sack voll; fünf oder sechs passten auf den Anhänger, ohne dass er überladen war. Er wuchtete ihn an die Seite. In dem Moment hörte er ein Geräusch, schreckte sofort auf und schaute sich um. Auf dem Weg näherten sich Scheinwerfer und warfen Licht­ streifen über das Pflaster. «Ein Auto», rief er Frank zu, «Achtung!» Er ließ seine Beute stehen und sprang neben den Anhän­, ger, wo er sich an die Wand gedrückt hinkauerte. Von da spähte er vorsichtig hinter dem Kasten des Anhängers hervor und sah das Auto neben der Halle auftauchen, erst die Schnauze, Kotflügel, dann die Seitentüren, er hatte schon erkannt und flüsterte zu sich selbst, «Die Bullen! Scheiße!» Sie hielten an. Martin verharrte regungslos, sein Herz pochte und schlug ihm im Halse. Frank war hinter das Mäuerchen gesprungen, das die Halde an der Rückseite einfasste. Dessen drei viertel voller Sack stand herum wie Kartoffeln bei der Ernte, bevor sie am Abend aufgeladen werden. Ob die Bullen das auch sehen würden? Das Auto bewegte sich langsam und kam auf sie zu, die Scheinwer­ fer drehten sich in ihre Richtung und tauchten die ganze Szene in Halogenlicht. Währenddessen hatte Martin sich noch mehr an die Seite gedrückt, auf Bodenhöhe war eine Art Fensternische, viel­ leicht einen halben Meter hoch und breit, einen Hand­ spann tief und mit einem Brett verkleidet, gegen das er sich anlehnte. Dabei rutschte er mit einem Fuß seitlich ab, dort war eine leichte Schräge, und Weiches am Boden gab dem unabsichtlichen Tritt nach, so dass er mit dem Schuh­ absatz gegen das Holzbrett trat. Das polterte daraufhin sich überschlagend nach innen, und Martin fiel gleich hinterher. Er kullerte in einen Kellerraum, mehr rutschend als fallend über einen abschüssigen Untergrund. Martin horchte nach draußen. Hatten die Bullen etwas gehört und würden aussteigen? Aber es war ruhig, er tastete um sich, unter ihm bewegte es sich wie Geröll. Das waren Kohlen, alles Kohlen, stellte er fest, der Kellerraum, war halb voll davon. Das würde ein paar Winter lang reichen! Er krabbelte auf allen vieren wie eine Eidechse zur Fensternische, stellte sich auf und schaute vorsichtig nach draußen. Das Licht drehte sich weg, das Auto, schluss­ folgerte er, fuhr also rückwärts, sie wendeten. Und tat­ sächlich, die Scheinwerfer verflüchtigten sich und hinter- ließen schummriges Dunkel. «Martin?», rief Frank und richtete sich hinter der Mauer auf. «Hier unten!», rief Martin ihm entgegen und streckte die Hand winkend aus der Nische nach draußen. «Puh, Glück gehabt, dass sie nicht ausgestiegen sind. War denen wahrscheinlich zu kalt, um nachzugucken», sagte Frank. «Eigentlich müssen sie was gemerkt haben; die Plane aufgeschlagen und die Säcke da!» Auch die leeren lagen ja über den Kohlen herum. «Was machst du überhaupt da drinnen», fragte Frank belustigt, «das hat ja ganz schön gerumpelt.» Er ging in die Hocke, und Martin forderte ihn auf, «Kletter mal rein. Schau dir an, was hier rumliegt. Der halbe Keller ist voll mit Kohlen.» «Ist ja nicht wahr», Frank war überrascht, «nie mehr frieren!» «Na ja, wegschaffen müssen wir sie schon noch. Das ist dasselbe wie die Halde.» «Aber die gehören keinem. Das ist alles abgewickelt, auch die Halle hier drüber steht seit Jahren leer. Nur noch paar leere Werkbänke mit Schraubstöcken. Ich war im, Sommer mal mittags da drinnen. Das sind so genannte Altlasten.» «Wenn die Punks von der East-Side das hier entdecken, ist der Raum in drei Nächten geplündert», bedachte Martin. Der Kohlenhaufen draußen war nämlich, wie sie be­ merkt hatten, fast aufgebraucht und bald leer geräumt, wenn das Rote Kreuz, denen das Gebäude nebenan gehör­ te, ihn nicht auffüllen würde, was fraglich war. «Wir verstecken das wieder, also den Eingang», sagte Frank. «Gute Idee!», meinte Martin. Er wollte wieder hier raus, kroch aber zuerst nach hinten, aufrichten konnte er sich nicht, und holte die hölzerne Abdeckplatte. «Hier, nimm mal», damit schob er sie quer durch die Öffnung zu Frank. Der nahm sie ihm ab und lehnte sie an die Wand. Martin lugte mit dem Kopf, dann dem Ober­ körper hervor. «Hilf mir mal», sagte er und streckte seine Hand aus. Frank war wieder aufgestanden und zog ihn nach draußen. Martin hatte einen leichten Schmerz im Bein, ein Stechen in Höhe des linken Knies. Aber es war nichts Ernstes. «Wir machen hier zu», sagte Frank und deutete auf den Keller, «dann arbeiten wir weiter. Wir können ja heute noch von den Kohlen hier draußen einladen. Die Bullen kommen nicht zweimal kurz hintereinander.» Martin war sich nicht so sicher, aber Frank hatte Recht., Sollten sie unverrichteter Dinge abziehen? Er klemmte das Brett in den Mauerrahmen. «Wir stellen den Müll hier davor», sagte er und nahm eine Pressspanplatte, die er vor die Nische stellte, dann noch zwei weitere Bretter. Das Loch in der Wand war ganz verdeckt und schien verschwunden. Frank sammelte wieder Kohlen auf, und Martin begann seinen zweiten Sack zu füllen. Als sie fertig waren, ver­ luden sie ihre Ausbeute gemeinsam in schweigsamer Routine auf den Anhänger. Der ächzte in der Achse, die Reifen wurden immer platter; er war eigentlich überladen. «Fertig?», fragte Frank. Martin nickte. Sie mussten beide ziehen, jeder fasste einen Teil des Griffs an. Martin kam sich vor wie ein Ackergaul; auch die klobigen Stiefel, außen mit schwarzem Leder und einer Filzborte am Schaft, warfen den Sand wie Hufe, eher als dass sie an Menschenfüße denken ließen. Als sie noch ein gutes Stück von den Torpfosten entfernt waren, sagte Frank, «Oje.» Martin, der beim Gehen vor sich auf den Boden geschaut hatte, blickte auf und sah, was Frank zu dem Seufzer veranlasst hatte. In der Einfahrt stand ein Auto mit abge­ blendeten Lampen, die Bullen von eben, und wartete. «Was jetzt?», fragte Martin. Sie blieben stehen. «Mh», meinte Frank. «Blöde Situation. Wir gehen einfach an ihnen vorbei.» «Ganz unauffällig», meinte Martin ironisch. Frank zog den Anhänger an, und sie gingen auf das, Auto zu. Einen anderen Ausgang gab es nicht. Die Beam­ ten im Wagen schienen gezögert zu haben, jetzt drehten sie das Scheinwerferlicht auf, Türen öffneten sich auf beiden Seiten, und Martin sah zwei schwarze Gestalten mit Mützen vor die Haube des Autos treten. Auch sie beide hatten vor dem Wagen angehalten. «Guten Abend!», ließ sich eine Bassstimme vernehmen. «Sie wissen, Sie befinden sich, ehm, auf unbefugtem Gelände!» Martin musste grinsen, waren dem Bullen die Gedanken eingefroren? Frank verbesserte ihn forsch, «Nein, wir befinden uns unbefugt auf Privatgelände.» «Die Ausweise!», sagte die zweite Gestalt etwas un­ freundlicher. Sie stellten den Anhänger ab, der sich mit dem Vorder­ teil nach unten neigte, bis die Deichsel am Boden auflag, und Martin zog einen Handschuh aus, um seine Jacke aufzuknöpfen; in der Innentasche musste sein Portemon­ naie mit dem Ausweis sein. «Nicht dabei!», erwiderte indessen Frank dem Beamten. Typisch, dachte Martin; er wollte in solchen Situationen möglichst Stress vermeiden. Aber er wusste, Frank war genervter von der Polizei, wegen seines Stiefvaters. Martin hatte sich inzwischen an das Gegenlicht gewöhnt und konnte den Beamten ins Gesicht sehen. Der mit den Papieren hatte einen Vollbart und war hager, der andere eher klein und korpulenter, auch älter, Martin schätzte ihn auf über fünfzig. Er machte einen Schritt auf den Bart­ träger zu und gab ihm seine Ausweiskarte. Martin legte sich einen beklommenen Gesichtsausdruck zu. Auch die, Polizisten sahen eher müde aus als dienstbeflissen. Der Dickere fragte Frank nun, «Wir müssen Ihre Perso­ nalien feststellen. Name?» «Frank», gab der zur Antwort, «Frank Lensen.» «Von der East-Side?», nahm der Zweite Martin ins Kreuzverhör. Der nickte. Der Beamte ging mit Martins Plastekarte ins Auto, setzte sich auf den Fahrersitz und überprüfte die Daten. Dann kam er wieder zu Martin und gab ihm den Ausweis zurück. Der ältere Beamte stieg nun auf seiner Seite ein und tippte wohl Franks Namen in den Apparat. Er streckte den Kopf aus der Scheibe, «Meldeadresse?», fragte er nach. «Reichenberger 70», antwortete Frank. «Können Sie das bezeugen?», wurde Martin von seinem Cop gefragt. Er nickte ein weiteres Mal. Der Dicke stieg nun auch wieder aus und baute sich erneut vor Frank auf. «Ich erteile euch hiermit einen Platzverweis!», ließ er sich vernehmen. «Beim nächsten Mal gibt’s eine Anzeige.» Sein Kollege ergänzte, in inoffiziellerem Tonfall, «Nun bringt ihr die Kohlen zurück und verschwindet.» Martin schaute Frank an. Die ganze Arbeit umsonst, dachte er, sollte er den Polizisten etwas vorjammern, von wegen der Kälte? Durften die im Dienst überhaupt Mitge­ fühl haben? Auch Frank sah wütend aus. Er konnte sich nicht zurückhalten und plapperte drauflos, «Die gehören aber uns, das, also… eh, das ist Mundraub!» Aber es schien kein gutes Argument, der Bartbulle, musste lachen, «Auch das ist strafbar, wenn’s auch nicht geahndet wird», erläuterte er, überhaupt war es keine Zeit für Diskussionen. «Oder sollen wir den Fahrradanhänger beschlagnah­ men?», setzte der andere Bulle nach. Martin schaute zu Frank. Der deutete mit einer nach hinten gekehrten Hand­ bewegung an, sie müssten wohl aufgeben. So wendeten sie ihren Karren und trotteten den Weg zurück. Hinter ihnen hörte Martin das Schlagen der zufallenden Auto­ türen, dann wurde der Motor gestartet. «Die kommen uns nach und gucken zu», meinte Frank. Tatsächlich folgte ihnen das Auto im Schritttempo. Als sie vor der Halde ankamen, wendete es wie eben, wäh­ rend Frank und Martin die Kohlen aus den Säcken zurückkippen mussten. Frank schaute über seine Schulter zurück und sagte zu Martin, «Fertig!» «Aber…», wollte der sagen, ein letzter Sack war noch abzuladen, doch Frank stieß ihn mit einer kräftigen Arm­ bewegung um und warf die leeren Juteknäuel darüber. «Den teilen wir für die Nacht», flüsterte er, «ist doch das Mindeste!» Martin grinste; er wäre gar nicht auf so eine Idee gekom­ men. Sie packten wieder gemeinsam die Zugstange, gin­ gen vor dem Polizeiauto entlang, Martin schaute auf die Frontscheibe und nickte wie zum Abschied, dann gingen sie eilig die Straße vor zum Ausgang. Nachdem sie das Gelände verlassen hatten und wieder auf die Straße kamen, fluchte Frank, «Die Schweine!», um, seine Aufregung abzubauen. «Eigentlich waren sie human», wandte Martin ein, aber Frank beharrte, «Ich mein das prinzipiell. Außerdem sind das keine Menschen, sondern Beamte.» Was sollten sie darüber streiten. Martin schaute sich noch einmal um, aber der Wagen folgte ihnen nicht. Viel­ leicht lauerten sie noch weiteren Kohlendieben auf. Martin atmete einmal durch, sie machten eine kleine Pause, dann zogen sie weiter, an der Hinterfassade des Bahnhofs entlang zurück zu ihrem Wohnplatz. Eine kleine Weile schwiegen sie, dann erzählte Frank, «Selbst wenn sie uns angezeigt hätten, das wär wegen Geringfügigkeit eingestellt worden. Die haben auch die Bahnhofshalle nachts geöffnet, als Wärmestube für die Obdachlosen. Vor paar Monaten haben sie mich vorm Recyclinghof erwischt, mit einem Wandschränkchen, so’n Medikamentenbord für die Küche. DDR-Design, weiß lackiert mit zwei Türchen und einem Kreuz in einem roten Kreis drauf, echtes Liebhaberstück. Das haben sie be­ schlagnahmt und ins Auto gepackt, und wahrscheinlich in der Kaserne in den Container geworfen. Da kam nie was nach. Wie kann man denn Müll auch klauen?» Unterdessen waren sie fast am Platz angekommen, sie mussten nur noch über die Kreuzung. Das Tor klapperte wie immer, als Martin es aufdrückte, und mit einem Bellen kam Tiffi schwanzwedelnd angesprintet und be­ schnupperte die beiden. Sie fuhren den Anhänger vor zu Martins Wagen. «Immerhin war’s nicht ganz vergeblich», meinte er zu Frank., «Vor allem wegen dem Kohlenkeller, lass uns da morgen noch mal drüber reden. Wir müssen das professionell planen. Da können wir paar Jahre mit überwintern!», sagte Frank enthusiastisch. «Länger, als wir hier noch wohnen dürfen», antwortete lakonisch Martin. Er zog unter seinem Wagen zwei hölzerne Kisten hervor und stellte sie neben den Anhänger. Sie hievten gemein­ sam den vollen Kohlensack auf die Kante des Karrens und kippten ihn vorsichtig aus. Die steinigen Scheiben krach­ ten schwer in die Holzlatten, beide wurden voll, bevor der Sack etwa zur Hälfte geleert war. «Den Rest schaff ich allein. Bis morgen dann», verab­ schiedete sich Frank. «Bis morgen», entgegnete Martin und hob die eine Kiste unter den Wagen, die andere direkt unter den Ofen ins Wageninnere, während Frank mit dem Fahrradanhänger und seiner Hälfte Kohlen von der Dunkelheit verschluckt wurde. Zurück in seinem Wagen, gähnte Martin mit weit geöff­ netem Mund. Er fühlte sich erschöpft, zog Handschuhe und Mütze aus, dann entzündete er den Kerzenstummel auf dem Tisch. Langsam verteilte sich die Helligkeit im Raum, bis sie alle Ecken ausleuchtete. Er schaute nach seinem Ofen, es war noch ein Rest Glut in der schwarz­ weißen Holzasche, und er packte die Brennkammer voll mit den neuen Kohlen; die Lüftungsklappe öffnete er ganz. Dann knöpfte er die Jacke auf, schüttelte sie über Schul­, ter und Arme ab und warf sie auf den Stuhl. Die Stiefel stellte er zum Trocknen mit gekippter Sohle gegen die Steige mit den Kohlen. Er setzte sich aufs Bett und rollte einen Joint. Der Wagen war noch etwas warm, und Martin spürte seine Hände kribbeln.

Er war längst eingeschlafen, als er von einem Geräusch

hochschreckte. Martin hörte, dass die Tür geöffnet wurde, und eine Stimme, er erkannte Peer, fragte ihn, «Hey, kann ich rein­ kommen?» Martin hatte sich im Bett aufgesetzt, jetzt beugte er sich zum Tisch vor und suchte die Streichhölzer, um die Kerze anzuzünden. «Mach mal», brummte er, noch halb benommen. «Ich bin grad über die Brücke gelaufen und hab ge­ glaubt, hier brennt noch Licht.» Peer war eingetreten und schloss die Tür. Martin bemerkte, Peer klang etwas bierselig. Alkohol verändert die Sprachmelodie und verstärkte seinen schel­ mischen Unterton, den Martin so mochte. Die Kerzenflam­ me brannte hoch und erleuchtete den Wagen in einem milchig gelben Schein. «Na ja, eigentlich hab ich schon gepennt. Es ist auch noch Nacht draußen, oder?» «Die Paranoia-Bar hat eben zugemacht», gab Peer als Zeitrahmen, «war aber nichts los. Hier ist schön warm.» «Ich hab wieder Kohlen», sagte Martin, «wir können, welche nachlegen.» Peer zog seine Jacke aus, hängte sie über die Stuhllehne und setzte sich zu Martin aufs Bett, «Ich hab Durst.» «Du weißt, dass ich kein Bier dahab. Einen Tee kann ich anbieten.» «Ist gut!», antwortete der. Martin schlug die Decke zurück und kletterte nackt an Peer vorbei aus dem Bett. Er hatte ein bisschen gezögert, aber warum?, fragte er sich und kniete vor dem Ofen. Er packte zuerst Holzscheite auf die aschigen Steine, die beim Schüren rot aufstrahlten, danach füllte er Wasser in den Kessel und stellte ihn auf die Herdplatte. Peer hatte sich aufs Bett gesetzt, Martin nahm neben ihm Platz. Sie schauten sich an. Peer lachte und legte seine Hand auf Martins Kopf. Er spielte mit den Fingern in seinen Haaren. Martin drehte den Oberkörper halb zu Peer und schob dessen T-Shirt nach oben, um die Haut darunter zu berühren. Sie fielen sich küssend aufs Bett. Währenddessen kochte das Wasser. Martin hatte noch genug Pflichtgefühl, um den Tee aufzugießen und zu­ gleich Kohlen nachzulegen. Aus der Tasse stieg der Wasserdampf auf wie Nebel über einem Laubwald am Morgen, um sich in Licht und Wärme aufzulösen. Peer hatte seine Springer ausgezogen. Martin setzte sich wieder. «Lass uns einen Joint rauchen», meinte er und nahm Tabak und das Hanfharz vom Tisch. «Ich hab deinen Zettel gefunden», sagte er, «tut mir leid,, dass ich nicht da war.» «Macht nix!», meinte Peer. «Ich fand’s schade. Aber ein Freund von mir liegt im Krankenhaus, den war ich besuchen, Klaus, der wohnt drüben am Kanal. Heute auch wieder. Dem geht’s nicht gut.» «Steck dich nicht an. Da gibt’s alle möglichen Keime und Amöben, mit Stacheln auf dem Kopf und glibberigen Saugrüsseln und riesigen Dornen, also, im Vergleich zu ihrem Körper. Was hat er denn?» «So eine unspezifische Geschichte, ehm, und Schimmel­ pilze im Gehirn, eigentlich hat er Aids.» «Uh, Horror», sagte Peer beiläufig. Martin hatte mit einer Reaktion des Überspielens oder schweigender Betretenheit gerechnet, wie sie die meisten Leute zeigten. Aber Peers Worte klangen fast wie «geil» oder «cool». Er fragte also nach, «Wie meinst du das, Horror?» «So zombimäßig. Eigentlich ist das ein miserabler ameri­ kanischer Comic. Da werden Negerkinder vom grünen Affen gebissen und schippern als Sexvampire nach Amerika. Aber Doktor Düsentrieb vernichtet das größte Kondom der Welt, bevor sein alter Freund und Wider­ sacher Gallenstone mit gengeklonten Retroviren das Inter­ net infiziert. Jetzt soll die Serie eingestellt werden, wegen fehlender Glaubwürdigkeit.» Martin rauchte den Joint an und gab ihn an Peer weiter. Peer meinte, «Trink jeden Morgen ein Schnapsglas voll Essigessenz. Das hilft.», «Wogegen?», fragte Martin zurück. «Wirst sehn!», meinte Peer und gab Joint und Tasse wieder an Martin, zog sein Shirt aus, dann rollte er sich auf das Bett, legte sich dabei auf den Rücken und seinen Kopf auf Martins Schoß und Schenkel. Der zog an der Zigarette, die andere Hand legte er nun auf Peers Bauch, der sich flach und hart anfühlte. Seine Finger spielten um den Nabel, streichelten über die weiße Haut, drückten sie knetend zu Röllchen wie eine leichte Massage. Peer grins­ te entspannt, Martin gab ihm den Joint. Er schob seine Hand unter Peers Hosenbund und öffnete den Nieten­ knopf, dann zuppelte er den Reißverschluss auf. Die Hose klaffte in einem Dreieck auseinander, aus dem braun gekräuselte Härchen hervorschauten. Er trug keine Unter­ hose. Peer streckte seine Hand über den Tisch, um die Kippe in den Aschenbecher zu drücken und die Tasse zu nehmen. Er hob den Kopf an, drehte sich leicht zur Seite und zog sich dabei ein Stück hoch. Martins Hand glitt dadurch tiefer, und seine Finger, seine ganze Handfläche fassten in weiche Wärme. Er befühlte und ertastete den knorpelig sich anfühlenden Hautauswuchs, der sich dadurch zu bewegen begann. Peer legte seinen Arm über Martins Rücken, hielt sich an dessen Schulter und rutschte, sich halb hochziehend, mit den Beinen aus seiner Jeans. Martins Hand wanderte über ein eingeknicktes Knie zum Knöchel, er friemelte die Socken eine nach der anderen von Peers Füßen. Dann drückte Peer Martin auf die Matratze und beugte sich halb über ihn, sie umschlangen sich mit Armen und Beinen,, pressten Brust und Bauch aneinander, rollten auf dem Bett einer über den anderen, schmiegten ihre Becken zusam­ men, ertasteten sich mit den Händen und küssten sich. Sie vergaßen Raum und Zeit und trieben wie ein Licht­ stern in einem elektrischen Meer. Martin fühlte seinen Körper schwebend leicht, als sei er in fluktuierende Energie getaucht, als tanze jede einzelne seiner Milliarden Körperzellen, als glühten seine Nerven­ bahnen in Regenbogenfarben. Er wollte Peer schmecken, wollte ihn verschlingen, woll­ te eins mit ihm sein. Martin küsste Peers Hals, seine Zunge glitschte über die ledrig braune Haut um die Brustwarze, die er mit seinen Lippen betastete, er fühlte sich vor bis zum Bauchnabel­ grübchen, das er mit Spucke anfüllte. Dann setzte er sich in die Hocke auf Peers Beine. Peers Hände tasteten über Martin, fassten das Knie, die Hüfte, eine legte sich auf seine Schulter, die andere strich nun über seine Haare, griff um seinen Nacken. Peer zog Martins Kopf mit sachtem Druck auf sich hinunter. Martin sollte noch Jahre später mit einem schaudernden Wohlbehagen an dieses Erlebnis zurückdenken. Auch wenn er manchmal davor erschreckte, weil ihn die Frage bedrückte, was von seinem Leben übrig bleibe, was wichtig gewesen sei, wie bei einer Beichte auf dem Toten­ bett, und die Antwort eine lose Kette unzusammenhän­ gender Bilder war, Bilder von Menschen, die er einmal geliebt hatte, wie die Fotos in einem Album oder besten­ falls eine Edelsteinsammlung, dies Zusammensein mit, Peer würde dazugehören. Er war ganz Lippen, ganz Speichel, ganz Zunge und Wangen, ganz Gaumen, ganz Hals und Kehlkopf; er spürte Schlucken, Zucken und Gleiten, es schmatzte; ihr Schwingen, Peers Hände, die ihn wie bei einer Schaukel immer weiter und fester anschoben, nun fühlte er Wärme­ schübe seine Mundhöhle durchspülen, und es schmeckte gleichzeitig süß und wie Seifenlauge. Martin schaute auf zu Peer, der stoßweise atmete, sein Herz pochte unter den Rippen, dass Martin die Haut darüber beben sehen konnte. Er legte seine Hand auf Peers Brustkorb, leckte sich die Lippen, da war etwas klebrig gewesen, dann streckte er sich neben Peer aus, führte die andere Hand an Peers Kopf bis zum Scheitel und küsste ihn noch einmal auf den Mund.

Klaus war nun schon über eine Woche im Krankenhaus.

Martin hatte Daniel aus einer Telefonzelle angerufen. Die Pneumozystis war zwar behandelt, Klaus’ Allgemein­ zustand aber schlecht, seine Beinmotorik ganz ausgefallen. Die Ärzte vermuteten eine Toxoplasmose oder etwas Ähn­ liches, das die Nerven lahm legte. Untersuchungsergeb­ nisse mussten abgewartet werden. Martin hatte versprochen, Klaus morgen Mittag zu besuchen. Denn auch den beiden ging es nicht so gut, Björn hatte schon seit Wochen eine unspezifische Grippe, klagte Daniel am Telefon., Wenn Martin zurückdachte, hatte es auch bei Klaus solche Phasen gegeben, oder Anzeichen, dass er vielleicht gesundheitlich angeschlagen sei. Aber er hatte das nie zum Thema gemacht, darüber gesprochen, zumindest nicht mit Martin, denn Klaus’ Image des Immer-gut-drauf hätte durch Krankheit oder andere Probleme angekratzt werden können. Deshalb glaubte auch Martin zunächst, früher oder später werde Klaus wieder fit sein, vielleicht müsste er täglich Tabletten nehmen, aber das tat er eh, witzelte Martin, und dachte dabei an die vielen Ecstasys. Es war schon dunkel, Martin saß in seinem geheizten Wagen. An diesem Abend hatte er nicht selbst gekocht und war schon etwas hungrig. Einmal die Woche, donnerstags, gab es Volxküche in der Rattenbar, eine Art Suppenküche mit vegetarischem Speiseplan, meist sogar einem Nachtisch. Er wollte mit dem Fahrrad fahren, weil nachts mit den Öffentlichen zurückzukommen Stunden dauerte. Der Frost war einer matschigen Feuchtigkeit gewichen, so dass die Luft beim Fahren nicht mehr eiskalt in die Lungen stechen würde. Er suchte Mütze, Handschuhe, sein Halstuch, zog die Winterjacke an und schnürte seine Boots. Ein paar Kohlen sollten die Glut halten, er blies die Kerze aus und verließ den Wagen. Nebenan kreischte eine Bohrmaschine. Achim war am Arbeiten, er hatte neuerdings Strom von der Werbetafel­ beleuchtung abgezapft. Martins Rad stand an der Seitenwand angelehnt, gleich, unter dem Küchenfenster. Martin schob es über den Platz, der dunkel und verlassen wirkte, nur in einzelnen Wagen schien Kerzenlicht, bei Justus ein Halogenlämpchen, das aus der Autobatterie versorgt wurde. Die wiederum speis­ te ein Windrad, das sich über seinem Wohn-Lkw wie ein alter Flugzeugpropeller aus Holz sirrend drehte. Das Rolltor klapperte metallisch, als er es öffnete und wieder schloss. Martin stieg auf und ließ sich den Fußgän­ gerstreifen entlang bis zur Kreuzung rollen. Die Luft war neblig, der Boden feucht beschlagen, keine Sterne waren zu sehen, stattdessen erzeugten die Straßen­ laternen abwechselnd mattweiße und gedämpft orange Lichtbälle, die wie künstliche Bäume einer abstrakten Weihnachtsmarktdekoration aussahen. Martin überquerte die Straße, bog ab und fuhr an der Minol vorbei, dahinter begann ein Fahrradweg. Neben ihm zog sich ein buschiger Grünstreifen hin, hinter dem die Plattenbauwohnmaschinen als lange Betonbänder auf­ ragten. Auf der anderen Seite der Straße verdeckten Klein­ gewerbe und das Stahlskelett eines Neubaus den Blick zur Spree. Er radelte halb rechts die Hauptstraße auf den Alexanderplatz zu. Hier musste er auf die Autofahrbahn wechseln, drei Spuren überqueren, um sich links einzu­ ordnen, und sich dabei durch stinkend brummende Blech­ kistenschlangen bewegen. Die Kreuzung war jedes Mal lebensgefährlich, und Martin war froh, wenn er sein Rad endlich zur Volksbühne hoch lenken konnte. Hier war der Motorverkehr wieder ruhiger. Ein Stück weiter ging vom Rosenthaler Platz die Brunnenstraße ab, dort befand sich das besetzte Haus, in dem die Rattenbar ihren Kneipen­ abend veranstaltete., Er rollte durch die Toreinfahrt in den ersten Hinterhof, der unbeleuchtet zu den Häuserwänden hin mit verschie­ denstem Schrott voll gestellt war, den schmalen Durch­ gang besäten Glassplitter zerschmissener Bierflaschen. Martin musste absteigen, er befürchtete einen Platten. Im zweiten Durchgang stellte er sein Rad ab und schloss es mit einer Kette fest. Er zog Handschuhe und Mütze aus, stopfte sie in die Jackentaschen und ging über den größeren Hof, wo an einer Seite der Eingang zur Kneipe war. Auch hier standen müllige Dinge umher, zwei erdge­ füllte Badewannen, in denen Unkraut vertrocknet war, wackelige Stühle säumten eine ascheschwarze Feuerstelle, weiter hinten gammelte ein Bauwagen zwischen Holzsta­ peln vor sich hin. Als Martin die Tür öffnete und über die Betonschwelle trat, umfing ihn ein Schwall warmer Luft, die gefüllt war mit dem Aroma gekochten Gemüses und dem metalli­ schen Rhythmus von Industrial-Techno. Die Stufen hinauf, kam Martin in den Thekenraum. Der Tresen bestand aus einem rostigen Metallblech, in das bizarre Lochmuster eingeschweißt waren. Dahinter standen Marco und Helga, zwei der Punks aus dem Tuntenhaus, noch etwas nüchtern und gestylt, die Iros glänzten frisch gefärbt in Blau und Rot, auch ihr Outfit hielt sich streng an die momentane Kleiderordnung. Die hieß Nietenhalskette, schwarzes beziehungsweise militärolives T-Shirt, im Winter war ein Kapuzi zugelassen, wahlweise mit einem Totenkopf oder einem Schriftzug darauf, metallbehange­ ner Ledergürtel in Schwarz, der nach einer Seite halb bis ans Knie hinabhing, eine Hose im Tarnmuster und Sprin­ gerstiefel, ergänzt durch Accessoires wie Armbänder mit Metalldornen oder Ringen, Piercings in Mund, Nase,, Ohren oder Augenbrauen und Zunge, oder Tätowierun­ gen auf der Haut. Martin hatte im Sommer gesehen, Helga trug auf ihrem Rücken den Sohlenabdruck eines Springer­ stiefels in Originalgröße als Tattoo. So ähnlich sah auch gut die Hälfte der Gäste aus, die zivile Hälfte waren meist Schmuddelhippies in abgetrage­ nen Pullis und rissigen Hosen, mit ranzigen Dreadlocks oder sonstwie zerstrubbelten Frisuren, wie sie in den besetzten Häusern vorkamen. Seitlich neben der Theke war ein Extratisch aufgestellt, darauf stand das dampfende Essen, drei große Metall­ töpfe, dazu Tellerstapel und Besteck. Dahinter, schon im Fummel, zwei der drei Haustunten, Ingeborg und Gertrud Gras, in schwarzer Perücke der eine und schulterlangem blondierten Echthaar der andere, beide in bester Schmin­ ke. Sie gaben das Essen aus. Martin schaute über Schultern. Ingeborg klatschte mit einer großen Kelle Reis auf die Teller, Gertrud schüttete daneben einen Löffel Gemüse, das tomatensoßig aussah, gelbe Maiskörner waren erkennbar, vielleicht noch Zucchini oder etwas Ähnliches, dachte er. Der Reis wurde schließlich mit einer gelben Sauce Übergossen, «Kokosge­ schmack», erklärte Gertrud ihm auf Nachfrage. Obenauf wurde ein Stück Weißbrot gepackt, Knoblauchtoast. Bis ihm seine Portion aufgetellert wurde, blickte er sich weiter um, guckte in den hinteren Raum, dort saßen auf alten Couchs und Sesseln schon Leute beim Essen. Martin kannte die meisten vom Sehen oder wusste diese oder jene Einzelheit, den Namen, ob sie in einem der besetzten Häuser lebten, studierten oder was immer. Er suchte in, seiner Hosentasche und zählte sein Kleingeld auf die Handfläche, bis zwei Mark zusammenkamen. «Dafür gibt’s noch Kuchen», verkündete Ingeborg wie auf einen nicht gemachten Einwand. Auch der hatte eine Tradition und wurde von der Mutterseele des Tunten­ hauses gebacken, Roland, den er bereits in einem Sofa entdeckt hatte. Martin, als er noch einen Löffel aus dem babyblauen Plastegitterkörbchen gezogen hatte, suchte sich einen Sitzplatz, ein Holzstuhl an der Wand gegenüber dem Tresen war noch frei. Er balancierte den Teller auf seinen Oberschenkeln aus, damit nichts überlief, nahm das Weiß­ brot in die eine Hand, und mit der andern löffelte er einen ersten Happen zum Mund. Sein leerer Magen rumorte. Das Essen war noch heiß, er stocherte und rührte ein bisschen darin herum. Er erkannte Pilze und Paprika­ stückchen, etwas gelbes Flaches, vielleicht Bambusschei­ ben, und rote Bohnen. Er probierte den Reis mit der Soße und blies ihn vor dem Mund kühl, dann schmeckte er würzigen Curry, unterlegt mit dem süßlichen Kokos. Martin bemühte sich, das Essen gut durchzukauen; seit ihm im Sommer ein fauler Backenzahn gezogen worden war, hatte er sich eine Zeit lang angewöhnt, seine Nahrung eher herunterzuschlingen, dafür lag sie ihm dann umso schwerer im Magen. Martin musste an Klaus denken, der den Vorläufer der Rattenbar mitgegründet hatte und hier Stammgast gewe­ sen war. Er hatte fast aufgegessen, nun schaute er in die Runde. Die Barhocker vor der Theke waren besetzt, einige Leute standen nach wie vor an der Essenausgabe; dort konnten, die Teller abgegeben werden, und der Kuchen wurde bereits verteilt. Martin sah Frank hereinkommen. Der bemerkte ihn auch gleich und grüßte mit einem Grinsen. Er wickelte sein Halstuch ab und knöpfte die Jacke auf, Martin sagte «Hey» und ergänzte, «Es gibt noch Essen.» «Ich hab auch ziemlich Hunger», entgegnete Frank, «ich lass mal meine Jacke hier.» Er legte sie neben Martin auf den Boden und ging zu Ingeborg und Gertrud. Martin drehte einen Joint, bis Frank zurück war. Beim Durchgang war noch ein unbe­ nutzter Stuhl, den zog sich Frank herüber. Martin zündete seine Haschzigarette an und meinte, «Wir hätten zusam­ men fahren können, ich bin auch vor ‘ner Viertelstunde erst gekommen.» «Nee, ich war nicht im Wagen; hab einen Freund besucht, in der Danziger Straße», meinte er, «ich fahr auch nachher wieder hin, wenn’s hier zu voll wird.» «Eine neue Liebe?», wollte Martin wissen. Frank wartete mit der Antwort, bis er einen Mund voll gekaut und hinuntergeschluckt hatte. «Eigentlich nicht, mehr so eine gleiche Interessenlage. Ist auch kein typi­ scher Schwuler.» «Heißt das, er ist bi?», fragte Martin leicht bissig. «Ich bin da nicht so dogmatisch wie du», sagte Frank. Martin wusste, Frank war leicht verletzbar und zog sich in sich zurück, er war Krebs. «Schmeckt gut», sagte Frank. Er kiffte nicht, Martin rauchte seinen Joint auf., «Ich bin erst auf Rolands Cremetorte gespannt», sagte er. Sie aßen schweigend, Martin hatte noch einen Rest auf dem Teller gehabt. Dann holte er zwei Stücke Kuchen, eine Art Schwarzwälder Kirschtorte. «Üppig; wie lang sie daran gerührt hat», krittelte Martin. Roland hatte ihn vor Jahren einmal abblitzen lassen. Frank kannte Roland besser. «Das ist noch DDR-Küche, mit Eiern und Fett und Zucker, keine Instant-Backmi­ schung wie bei unsereins im Westen», sagte er. Als sie auch den Kuchen aufgegessen hatten, erzählte Martin, «Morgen fahr ich Klaus besuchen, in der AVK. Ich hab überlegt, ich besorg mir ein BVG-Ticket, mit dem Fahrrad ist das ganz schön weit bis Schöneberg-Süd. Willst du nicht mal mitkommen? Ihr kennt euch doch eigentlich auch ganz gut.» Frank tat etwas verlegen. «Morgen bin ich unterwegs. Vielleicht ein andermal.» Martin kannte diese Reaktion, er nahm sie nicht übel. Nur wenige aus dem großen Freundeskreis hatten Klaus im Krankenhaus besucht, gerade die auch selbst von der Krankheit Betroffenen verdrängten so lange wie möglich, was ihnen vielleicht bald bevorstand. Frank meinte, «Ich muss was trinken.» Er brachte die Kuchenteller zurück und stellte sich an die Theke. Martin sah, er begann ein Gespräch mit Helga. Der Stuhl war unbequem, er stand auf und ging in den Nebenraum, um sich in ein Sofa zu setzen. Die Jacken ließ er liegen. In der Ecke mit dem Ofen, in dem durch eine, Glastür Kohlenglut zu sehen war, gab es einen Platz. Auf dem Sofa saß ein Punkerpärchen. Martin setzte sich daneben. Die Kneipe wurde schnell voller. Gleich sollte die Show losgehen, aber die war Martin zu trashig, es war kein Ver­ gleich zu den Tunten vom Anal. Der Raum heizte sich auf, und die Luft roch rauchig und verbraucht. Von den kalten Kellerwänden tropfte Kon­ denswasser, als schwitzten sie. Martin wollte einen Saft trinken und ging in den Thekenraum, der voll gestopft war mit Leuten, die sich zum Tresen hin drängten. Ein Durchgang zur Treppe schien unmöglich. Martin quetschte sich bis zum Tresen durch, Frank war noch hier und saß auf einem Hocker. Er drückte sich neben ihn. «Wenn die Show losgeht, wird’s hoffentlich leerer», meinte er. «Ich wart auch noch, ich komm nicht mal durch bis aufs Klo», meinte Frank. Martin bestellte einen Orangensaft. «Groß oder klein?», fragte der hinter der Theke, der Helga und Marco unterstützte. Martin fragte nach dem Preisunterschied. «Fünfzig Pfennig oder ‘ne Mark.» Das war unkommer­ ziell, er bestellte ein großes Glas. Das wurde auch noch bis zum Überlaufen gefüllt. Martin schlürfte einen großen Schluck ab, der lief kalt und süßsauer seine Kehle herun­ ter, Martin spürte ihn bis in den Magen gluckern., «Erstaunlich, wer hier alles rumspringt», meinte Frank. «Dabei machen sie Antiwerbung, trotzdem wird’s im­ mer voller.» Die Rattenbar war so angesagt, dass sie eine Ankündigung im monatlich erscheinenden schwulen Ver­ anstaltungskalender rückgängig gemacht hatten, aber das schützte nicht vor den trendy Mitte-Partyhoppern, die später einfallen würden. Martin war das zu viel Gedränge. Bierflaschen wurden an ihm vorbeigereicht, leere oder volle Gläser schoben sich an ausgestreckten Armen neben ihm hin und her, er wurde angerempelt und gedrückt. «Ich setz mich wieder rüber», sagte er zu Frank und bahnte sich einen Weg zum Durchgang. Sein Platz am Ofen war frei geblieben, die Leute standen wohl lieber, wunderte er sich. Martin stellte das Glas neben dem Sofa auf den Boden und begann, einen Joint zu drehen. Zwischendurch schaute er sich um und beobachtete die Leute. Einige hier kannte er schon ewig aus der Szene, viele tauchten irgendwann auf und verschwanden wieder, immer gab es ein paar neue Gesichter. Auch lebte die Szene vom Berlin-Tourismus, der gerade boomte. Martin fiel auf, es war bisher ein reiner Männerabend, sonst gab es zumindest eine Hand voll Lesben, die sich nicht abschrecken ließen. Vielleicht kämen mit den Ravern einige mit, da gab es auch ziemlich durchgeknallte Frau­ en. Eigenartig war, dass in der Techno-Bewegung gelebt, wurde, was die Queer-AktivistInnen lieber nur propagier­ ten, als es sich selbst abzuverlangen: eine Aufweichung der Grenzen zwischen männlich, weiblich, zwischen bi, trans, homo und hetero, was sicher einfach mit der unter­ schiedlichen Bevorzugung verschiedener Drogen zu tun hatte. Hier tranken die meisten nur Alkohol, und die Nacht klang auch gewöhnlich in einem kollektiven Bier­ koma aus. Er schaute einem Typen nach, der ihm gefiel; er ver­ schwand hinter der Klotür, um kurze Zeit später wieder durch den Raum nach nebenan zu gehen. Martin dachte an Peer. Der kam leider nicht hierher, und es hätte ihm wahrscheinlich auch nicht gefallen. Martin wollte es sich nicht eingestehen, dass er verliebt war. Er hatte auch keine Vorstellung, was das konkret heißen würde. Zudem war Peer auf eine Weise verschlossen, und er selbst vielleicht nicht weniger, die keine Gewöhnung entstehen ließ. Weder war es möglich, mit ihm über so etwas wie Bezie­ hung zu sprechen, noch wollte er, dass Martin ihn auf der East-Side besuchte. Peer ließ sich nicht einmal auf eine Vereinbarung ein, wann sie sich wiedertreffen wollten, er überließ das dem Zufall und seiner Stimmung. Ihr letztes Zusammensein wirkte noch immer wie ein Fieber in Martin nach. Sie hatten zusammen gepennt und noch einen halben Tag im Bett verbracht, bis Peer loswollte, nach draußen, ein Bier trinken und so. Seitdem wartete er, wann sie sich Wiedersehen würden., Die Musik wurde ausgedreht, denn unten fing die Show an. Einige Leute standen noch auf, die Rumstehenden bewegten sich und gingen zur Treppe und nach unten, auch die zwei neben ihm auf dem Sofa. Stattdessen setzte sich Jürgen zu ihm. Sie kannten sich schon lange. «Keine Lust auf die Show?», fragte Martin. «Zu voll», entgegnete Jürgen, «und immer dasselbe.» «Hoffst du immer noch, dass mal was Neues passiert?» Martin meinte, «Ich bin jahrelang jede Nacht in die Sze­ ne gerannt, weil ich dachte, ich könnte irgendwas verpas­ sen. So ähnlich wie bei meinem Coming-out, zuerst dacht ich, ich müsste was nach- oder aufholen.» «Ich weiß, was du meinst», sagte Jürgen. «Zum Glück wird das ab dreißig weniger wichtig, ist wie ‘ne Umstel­ lung. Das sagen viele.» «Na ja, die Schwulen legen sich dann einen verlässlichen Sexpartner zu, ziehen sich vor die Glotze zurück und imitieren die Ehe», meinte Martin. «Das hab ich noch nicht geschafft», entgegnete Jürgen, «aber ich hab auch meine Aussteuer versoffen. Find jetzt mal noch einen Typen, der dich aushält und durchfüttert.» «Bei deinem Lebensstil!», frotzelte Martin, «Aber mir geht’s genauso.» Jürgen war wie Martin arbeitslos und beim Sozialamt, er lebte von einem Tag in den anderen. «Und die Karriere hab ich schon lange an den Sargnagel gehängt. Neulich musst ich aufs Arbeitsamt», plauderte Jürgen, «die Sachbearbeiterin sagte auch, ‹Ja, dafür sind, Sie zu alt.› Also unglaublich, so eine dicke Schnecke hinter ihrem Monitor, die war selbst nie jung, schon als Beamtin geboren. ‹Sie können doch arbeiten›, aber als ich ‘ne Um­ schulung bezahlt haben wollte, die sollten mir so ‘nen Programmierkurs finanzieren…» «Diese Ausbildung zum Internet-Designer?», fragte Martin dazwischen. «Ja genau, eineinhalb Jahre, dieses neue Grafikdings, also da sagt die, ‹Nee, die New Economy sucht nur auf­ strebende, dynamische Computerfreaks›, dafür schiene ich ihr nicht mehr geeignet.» «Ich hab mich gar nicht erst beworben», sagte Martin, «ich hatte ja diese gemeinnützige Arbeit, als das aktuell war. Da haben sie fast jeden in diese Kurse gestopft. Warst wahrscheinlich zu spät dran.» «Kann natürlich sein, ich hatt’s mir reiflich überlegt», meinte Jürgen grinsend. «Stattdessen sollte ich einen Crashkurs als Altenpfleger machen. Aber ich hab was im Rücken, sogar mit Attest vom Arzt. Ich kann nicht schwer heben, hab ich ihr erklärt. So eine völlig unterbezahlte Schichtarbeit, und der Psychostress, nicht mit mir.» «Da feiert sich die Homobewegung als emanzipiert, aber es gibt noch immer keine schwulen Jobs, abgesehen von den Aids-Funktionären, von denen es angeblich mehr gibt als Kranke», deklamierte Martin. Sie konnten sich gegenseitig Stichworte geben, Jürgen hatte mal Politik und Geschichte studiert. «Aids ist wie Orwell, gibt’s seit 1984, zusammen mit Internet und Globalisierung, das ist ein Euphemismus für Gentechnik», erläuterte Jürgen seine Verschwörungstheo­, rie. «In Afrika gilt als ausgemacht, dass die CIA die Dritte Welt damit ausrotten will. Über die Hälfte der UN-Resolu­ tionen hat direkt oder indirekt mit Aids zu tun.» «Die Missionare haben damals schon die Homosexuali­ tät nach Afrika eingeschleppt», entgegnete Martin. «Kommt drauf an, was darunter verstanden wird. In den Industrieländern wissen wir das natürlich besser», meinte Jürgen, «so overeducated, kein Wunder bei all den Me­ dien.» «In einem Astro-Buch stand, Aids ist Pluto in Scorpio», sagte Martin und erzählte, «Ich hab auch mal überlegt, also in meiner ersten Schwulengruppe waren da paar, das ging grade los mit der Krankheit, die erste Reaktion war dieser Mythos, die goldene Zeit ist vorbei, das sorgenfreie Rumficken und das exzessive Gay Life, und die engagier­ teren Bewegungsschwestern sind in die neu gegründeten Aids-Hilfen abgewandert. Da dacht ich, ich wechsel mein Studium in Psychologie und werd irgendwas in der Betreuung oder Beratung. Zum Glück ist nichts daraus geworden. Ich wollt nicht noch mal von vorne anfangen, wieder jeden Morgen zur Uni, sondern lieber ‘ne Zeit in Ruhe vom Bafög leben damals.» «Dieses ganze frühe Aufstehn hab ich abgeschafft, nach dem Abi», erzählte Jürgen. «Schon in der Schule hatt ich immer mehr blaugemacht, Entschuldigungen gefälscht, und als ich ‘ne Wohnung hatte, also einen Wohnheim­ platz, als Erstes hab ich den Radiowecker aus dem Fenster geworfen, richtig symbolisch. Eigentlich ist das ein Hor­ ror, was die als Erziehung bezeichnen. Ab dem dritten Lebensjahr um sechs Uhr morgens aufstehn, damit du um acht antreten kannst, und dann Programm bis in den, Abend. Egal, ob Sommer oder Winter, und ob du Lust hast oder lieber ins Schwimmbad willst. Damit du’s früh genug eingedrillt kriegst für dein ganzes Leben.» «Also in der Abizeit», sinnierte Martin, «und am Stu­ dienanfang, das ist dann ja noch fast wie Schule, hatte ich öfter so einen Angsttraum, nicht dass ich schweißgebadet aufgewacht war, aber doch so, dass ich es zunächst für real gehalten hab, bis ich merkte, das ist ja nur geträumt gewesen, und zwar, dass ich irgendwelche Termine für Klassenarbeiten oder mündliche Prüfungen verpennt hatte, also dass ich aufwache und denke, scheiße, ich hätte schon seit einer halben Stunde vor diesem Lehrer oder Prof sitzen müssen und mein Gelerntes unter Beweis stellen. Das hat erst aufgehört, ein paar Jahre nachdem ich das Studium abgebrochen hab.» Martin trank von seinem Saft. Jürgen meinte, «Wir sind alle erziehungsgeschädigt, und als Schwule gleich doppelt. Also ich bin froh, dass ich mich nicht fortpflanze.» Sie schwiegen eine Weile. Jürgen wollte sich noch ein Bier holen. Er klopfte mit seiner Hand auf Martins Knie, dann stand er auf und ging nach vorne. Auch Martin wollte sich bewegen. Ihm fiel auf, dass er gerade in einem Schwall und wie unter einem Druck gere­ det hatte. Und was für einen Unsinn, dachte er, bloß von Klaus hatte er nichts erzählt. Auch Jürgen kannte ihn. Er war in einer seltsamen Stimmung, die er selbst nicht ergründen konnte. Vorhin hatte er gehört, wie jemand erzählte, draußen sei, Feuer. Er wollte nachschauen, wer da herumsitzen moch­ te, um auf andere Gedanken zu kommen. Es waren vielleicht zwanzig Leute, die um ein paar glühende Balken gruppiert waren. Martin suchte nach einem trockenen Platz und zwängte sich auf den Rest einer Holzplanke, die als Bank genutzt wurde. Ein Typ, den Martin nicht kannte, schleppte ein paar Bretter heran und legte sie auf die Feuerstelle. Sie waren feucht, und es dampfte und rauchte eine Weile, bis sie schließlich anbrannten und ein gelblicher Lichtkreis die Herumsitzenden flackernd beleuchtete. Es waren klei­ ne Grüppchen, die sich leise unterhielten, andere saßen allein und stierten ins Feuer. Martin drehte einen weiteren Joint, er rauchte in Knei­ pen mehr als sonst. Das Feuer wärmte ein bisschen, aber insgesamt war es zu kalt, um länger hier zu sitzen. Er war unschlüssig, ob er noch einmal reingehen sollte und die Nacht hier verbrachte oder besser seinen Wagen heizen, einen Tee kochen und im Warmen einschlafen sollte, statt frühmorgens ins kalte Bett zu kriechen. Es war auch nichts Besonderes los, er vermisste ein paar Bekannte, die sonst für bessere Stimmung sorgten. Nach dem Joint fuhr er zurück. Auf dem Weg durch die nächtliche Stadt fror er zuerst durch den Fahrtwind, dass ihm die Knochen richtigge­ hend klapperten, bis die Bewegung ihn langsam aufwärmte, aber da war er schon fast bei seinem Wagen. Nächstes Mal würde er doch mit der U-Bahn fahren.,

Am anderen Morgen war der Wagen noch nicht ganz

ausgekühlt, so dass es ihm leicht fiel, aufzustehen und Holz nachzulegen. Anschließend rollte er sich noch mal unter die Decke, bis das Kaffeewasser kochte und es rich­ tig warm sein würde. Sonst konnte er sich nach dem Schlaf selten an seine Träume erinnern, aber in letzter Zeit geschah das häufiger, stellte er fest. Von heute Nacht waren ihm wirre Bilder im Gedächtnis haften geblieben, von einem sommerlichen Techno-Fest irgendwo im Umland. Klaus war dabei, Daniel, andere Leute, es gab einen See, in dem sie in der Mittagshitze badeten. Er sah das klare grüne Wasser. Wenn er die Hand zum Kraulen hineintauchte, stiegen silbrige Streifen von Luftperlen darin verschieden schnell zur Oberfläche auf, wo sie schäumend zerplatzten. Als er im Traum aufschaute, sah er Peer, der nackt im Schilf stand und ihn zu sich winkte. Aber bis er die Stelle am Ufer erreicht hatte und an Land ging, war Peer ver­ schwunden. Dann sprang der Traum in eine neue Se­ quenz, die er nicht mehr erinnerte. Als das Wasser auf dem Herd kochte, stieg er endgültig aus dem Bett, zog seine Klamotten über und brühte seine erste Tasse Kaffee auf. Draußen war es grau wie die letzten Tage. Dieses Jahr kam ihm der Winter besonders lang und dunkel vor, die Kälte hielt sich zäh. Er hoffte auf einen baldigen, sonnigen Frühling. Frank hatte aus einem Bioladen tütenweise Früchtemüsli, mitgebracht, das einen Verpackungsschaden gehabt hatte, und auf dem Platz verteilt. Davon füllte er in seine Ess­ schale und goss Orangensaft aus einer Pappbox dazu, davon hatten sie eine Palette aus dem Container gezogen. Er ließ sich Zeit mit dem Frühstück, rauchte zwischendrin einen Joint, kochte eine zweite Tasse Kaffee. Zum Mittag wollte er ins AVK fahren, sonst hatte er nichts weiter vor. Er fragte sich, was eigentlich wäre, wenn Klaus länger oder dauernd im Krankenhaus oder in Pflege bleiben müsste. Das würde eine Menge an Umständen und Problemen bereiten, die Klaus selbst nicht bewältigen konnte. Daniel hatte auch schon angedeutet, Klaus könne später vielleicht erst mal bei ihnen quasi als Reha wohnen, aber konnten die beiden, konnte er da helfen? Würde er medi­ zinisch versorgt werden müssen, müsste das Sozialamt informiert werden? Was war mit seiner Wohnung, die er als Abstellraum beibehalten hatte? Es war eine unendliche Reihe von Fragen und Unwägbarkeiten, vor denen Martin erschreckte. Daniel hatte gesagt, die Mutter von Klaus wolle nach Berlin kommen, die hatte mit ihm telefoniert. Sie war fast achtzig und eigentlich die Stiefmutter, Klaus und sein Bru­ der waren aber echte Geschwister, sogar Zwillinge, jedoch grundverschieden. Der Stiefvater war schon gestorben, als Klaus noch ein Kind war. Martin hatte die Mutter einmal kennen gelernt, bei einem Frühstücksbesuch auf der sonnigen Terrasse, es war in einem dieser Einheitsdörfer in Süddeutschland, ein, Haus im Siebziger-Jahre-Neubaugebiet, mit koniferenum­ zäuntem Rasen. Der Bruder war im Dorf verheiratet. Klaus hatte erzählt, dass er schon als Kind immer nur wegwollte, er fand alles öde. Von seinem Konfirmations­ geld, er war fünfzehn, wollte er ein Flugticket nach Ameri­ ka kaufen, um nach Oregon zum Friedenscamp des Bhag­ wan zu pilgern; das hatte ihm die Mutter verboten. Er machte eine Lehre im Bioladen des Nachbarstädtchens. Mit achtzehn wohnte Klaus in Berlin, wo er bereits Leute kannte. Als Martin herzog, war Klaus schon aus dem Tuntenhaus in eine Wohnung gewechselt. Er war zwar noch engagiert, organisierte eine Homo-Landwoche mit, arbeitete im Vorbereitungskomitee des alternativen CSD. Sie beide knüpften Kontakte zur PDS-Queer-AG, die sich dann aber erst mal auf Stadtteilarbeit konzentrierte; Klaus schwenkte jedoch mehr und mehr in die entstehende Techno-Szene, mit Partydrogen, Tanzorgien und Love-Parade. Er rechtfertigte das gegen den Vorwurf der Entpolitisierung, es gehe darum, sich selbst zu entwickeln, schwul zu leben, statt darüber zu reden, und es sei emanzipatorisch, eine Gegenkultur mitzuentfalten, die nicht nur von einer militanten Anti-Haltung und Hass genährt wurde. Er ging so weit, zu behaupten, was die Kids in den neuen Bundesländern vor dem Umkippen in den Neofa­ schismus bewahren könne, sei nicht Aufklärung oder Antifa-Arbeit, sondern eine Schwemme von Ecstasy, womit er Recht behalten hatte. Martin konnte sich daran nicht gewöhnen. Er trank als Kiffer schon keinen Alkohol, und diese bunten Pillen oder, das nach Kalk schmeckende, ätzend brennende Speed waren ihm erst recht zu chemisch; seit seinem siebten Lebensjahr hatte er eine Abneigung gegen alles, was nach Arzt roch. Er misstraute der betäubten guten Laune, statt­ dessen entdeckte er LSD für sich, das ihm die je neuest angepriesenen Designerkicks als eitel erscheinen ließ. Auch die Elektrorhythmen hörte er auf Partys zwar ganz gern, aber nicht vierundzwanzig Stunden täglich. Seit Klaus gegenüber in einen Wagen gezogen war und seinen Head-Shop hatte, war Martin hauptsächlich durch ihn mit der Raverszene in Berührung gekommen. Als Martin in der S-Bahn saß, spürte er einen zunehmen­ den Druck im Kopf, fast wie eine Grippe, je näher er dem Krankenhaus kam. Kurz durchzuckte ihn der Gedanke, lieber an der Endstation spazieren zu gehen. Es war fast ein Widerwille, den er überwinden musste, bis er das weiße Gebäude betreten konnte. Klaus lag wieder in einem anderen Zimmer, direkt hinter dem Durchgang für die Schwestern und Pfleger. Martin klopfte und öffnete die Tür. Sein Blick fiel gleich auf Klaus, der gegenüber im Bett lag, nur der Kopf schaute unter der Decke hervor. Martin sagte «Hey» und stellte sich neben ihn, er legte seine Hand auf die Stelle der Bettdecke, wo Klaus’ Unter­ arm lag, und grinste ihn an. Klaus freute sich, ihn zu sehen, auch er murmelte ein Begrüßungswort und lachte etwas angestrengt. Er war wieder in ein Einzelzimmer umgelegt und wirkte mage­ rer, noch knochiger als letztes Mal. Dazu bemerkte Martin, etwas in Klaus’ Blick, seine Augen hatten einen spiegeln­ den Glanz, der aber gebrochen wirkte oder wie durch eine Sonnenbrille getönt – der Eindruck war unmöglich zu beschreiben oder auch nur klar zu fassen, aber unterbe­ wusst beunruhigte er Martin. Außerdem schien Klaus merkwürdig unbeweglich, er hatte nur den Kopf auf dem Kissen zu ihm hingedreht. Am Bett hing ein halb voller Plastikbeutel mit gelbbrau­ nem Urin. Auf dem Schrank neben Klaus stand das Telefon, eine Vase mit orange blühenden Schnittblumen, dazwischen Kekse und Schokolade in aufgerissenen Packungen, Apfel, eine Mandarine, Bananen. «Daniel hat gesagt, du kommst heute», sagte Klaus leise. «Habt ihr telefoniert?» «Heute früh. Er kommt morgen wieder und bringt mir die Post aus der Wohnung mit.» «Du bist gut versorgt?», meinte Martin, indem er auf die Sachen deutete, «Oder brauchst du was? Soll ich nächstes Mal irgendwas mitbringen?» «Daniel kümmert sich schon, danke», gab Klaus zur Antwort, «am besten, du fragst ihn. Der ist jetzt mein Krankenmanager.» Martin grinste erneut. Ein Glück, dass Klaus noch Humor hatte, er konnte wie Martin die Realität nicht mehr so recht ernst nehmen. Martin zog sich den Stuhl aus der Ecke ans Bett und setzte sich. Jetzt erst fiel ihm das Gitter an beiden Seiten auf. «Was ist das denn?», wollte er wissen., «Ach, das kann man runterklappen. Ist nur für die Nacht.» «Wie, für die Nacht?» «Ich bin wieder aus dem Bett gefallen. Ich schlafe zu unruhig, oder wollt ich alleine aufs Klo? Ich weiß nicht mehr.» «Ja, he…» Martin war sprachlos. «Ist nicht so schlimm», grinste Klaus. «Nicht so schlimm?» Martin war aufgeregt. «Das ist eine Katastrophe, wie kann denn das passieren?» «Die wollten mich schon festschnallen, mal sehn, ob’s das Gitter tut», sagte Klaus. «Ist denn das, war denn…», stotterte Martin, «kam das schon öfter vor?» «Paar Mal», meinte Klaus, «ich mach das im Schlaf, tags­ über hab ich gar nicht die Kraft aufzustehn.» «Und was sagen die Ärzte?», fragte Martin später. «Die wissen nichts und machen Tests, Abstriche, Blut­ proben. Angeblich was mit Gehirn und Nerven, die Tage soll mein Kopf in die Röhre, Computertomographie», sagte Klaus, «und ich hab jetzt eine Bewegungstherapeu- tin.» «Haben sie was gesagt, wie lange du hier bleiben musst?», fragte Martin. «Solang’s mir nicht besser geht…», antwortete Klaus. «Kriegst du Medikamente?» «Klar», sagte Klaus, die Frage war etwas naiv gestellt, «Infusionen morgens mittags abends, je drei Tabletten., Antibiotika, was gegen die Lungenentzündung, ein Mittel gegen Toxoplasmose, aber das schlägt nicht an. Für die Kombi hab ich zu schlechte Werte, die soll erst länger­ fristig eingestellt werden. Außerdem überlegen sie, ein neues Präparat auszuprobieren, wegen diesem Gehirn­ dings, da läuft eine Studie. Aber das überleg ich mir noch, wegen der Nebenwirkungen.» Diese ganze Parallelwelt überforderte Martin, alles, was er sah und hörte, war ganz anders als sein sonstiger Alltag. Es war erstaunlich, wie schnell medizinisches Vokabular in den gewöhnlichen Sprachschatz einfloss und zum Ausdruck von Befindlichkeiten, zur Erklärung von Stim­ mungen herangezogen wurde. Für manche von ihnen war inzwischen der Besuch beim Arzt etwas wie ein Lebensinhalt. Abnehmende oder zunehmende Blutbildbestandteile waren das Barometer für Depression oder Hoffnung. Viruslasten drückten wie ein Föhnwind aufs Gemüt. «Ich muss einen Joint rauchen», sagte Martin, «soll ich dafür rausgehen?» Klaus meinte, «Setz dich hier ans Fenster und mach’s einen Spalt auf. Aschenbecher steht schon da, für meine Gäste.» Martin schaute unschlüssig. «Hat Daniel gestern auch gemacht. Die nächste halbe Stunde kommt keiner, die sind ganz locker hier.» Martin setzte sich um und zündete bald einen dünnen Joint an. Er saugte den Rauch in tiefen Zügen ein und blies ihn möglichst nach draußen., «Willst was trinken?», fragte Klaus, «Musst dir aber selber einschenken. Es gibt Sprudel, O-Saft oder Kranken­ haustee, in der Kanne auf dem Flur.» «Fast wie ‘ne Bar», meinte Martin, «bis auf die Musik.» «Ich hab nur den Walkman», sagte Klaus, «Jan hat kleine Boxen. Morgen krieg ich meine Mini-Anlage aus dem Laden. Das Radioprogramm ist auf Dauer nicht auszuhal­ ten.» Martin hatte aufgeraucht. «Frag ihn doch mal», ergänzte Klaus, «ob er nicht rüber­ kommen will, er liegt auf der 203.» Martin kannte Jan vom Sehen und als Freund von Klaus aus der Technoszene, «Kann ich machen», meinte er. Jans Zimmer lag ein Stück den Flur hinauf. Der erkannte Martin gleich. «Hey», grüßte er. «Ich bin drüben bei Klaus», erklärte Martin, «der fragt, ob du nicht Lust hast, rüberzukommen und die Boxen mitzubringen.» «Gute Idee», lachte der, «hier ist eh langweilig. Brauch ich aber einen Rollstuhl, fragst du mal den Pfleger?» Martin nickte und ging zu dem PflegerInnenzimmer. Er wurde an den Stationseingang verwiesen, beim Treppen­ haus müsste ein Rollstuhl stehen. Als er zu Jan zurück­ kam, saß der schon auf seinem Bett, er trug ein grünes OP- Hemd mit Bändern daran, das topmodisch aussah, und er legte einen weißen Frotteebademantel um. Auf dem stand in blauen Buchstaben AVK eingestickt., «Schick, was?», meinte er, «den klau ich und trag ihn nächstes Mal in der schwulen Sauna.» Sein linkes Bein, sah Martin, war unter dem Knie dick angeschwollen und lilarot verfärbt. «Das ist hin!», kommentierte Jan Martins Blick. Er stellte sich auf das gesunde Bein und ließ sich in den Rollstuhl sinken. Dann nahm er die Musikkiste vom Schranktisch und stellte sie auf seine Kniee, «Kann losgehn», meinte er. Drüben bei Klaus stöpselten sie den Netzstecker ein, Jan suchte eine CD aus und legte sie in den Apparat. Er spielte am Lautstärkeregler. «Nicht so laut», meinte Klaus, «egal», entgegnete Jan, und schon tauchte Elektrobeat den Raum wie in schwarzen Samt, als würden die Geräte und die ganze Einrichtung weicher, als hätten sie ihre sterile Kälte verloren. Jan erzählte, Stefan sei heute Morgen entlassen worden, dem ginge es besser. Dafür hätten sie Jens wieder einge­ liefert, er läge auf der Station gegenüber. Martin kannte beide nur vom Sehen. Jan plauderte weiter, während Martin sich noch mal ans Fenster setzte und rauchte. Morgen würde er eine Opera­ tion haben, wegen der Schwellung, erzählte Jan. Das war eine Art Brand, der sich vom Bein her ausbreite. «Und was operieren sie?», fragte Klaus nach. «Amputieren. Sonst greift’s auf den ganzen Körper über. Die haben’s wochenlang mit Punktieren probiert, das ein­ gelagerte Wasser absaugen, mit Medikamenten, nichts zu machen. Geb ich schon mal ein Bein ab, besser als ganz draufgehn», sagte Jan möglichst gleichgültig, «ich hab die, letzten zwei Jahre so viel Medizin geschluckt, so viele Behandlungen hinter mir, so viel auf Station gelegen, da übersteh ich das auch noch.» Sie schwiegen eine Weile. Klaus fragte, was in der Stadt los sei. Martin erzählte von der Rattenbar. Klaus wollte wissen, ob Dieter da gewesen sei. Martin verneinte, er hatte ihn nicht gesehen. Er solle ihn unbedingt grüßen und ihm vom AVK erzählen, dass der ihn besuchen kommen soll. Martin versprach es fest, er wusste, die beiden hatten eine seltsam schwebende Flirt­ beziehung, er dachte, ein bisschen wie mit Peer. Dann kam der Krankenpfleger ins Zimmer, schon wie­ der der Praktikant. Er schaute etwas missmutig zu Martin neben dem geöffneten Fenster und fragte wegen Kaffee und Kuchen. Jan wollte beides hier im Zimmer serviert haben, er bestellte auch die Portion für Klaus. Der wollte eigentlich keinen Kuchen, aber Jan winkte ab. «Fütterst du ihn?», fragte der Pfleger Jan. «Mach ich», sagte er, «und lass doch den Kaffee für unseren Besuch da.» «Eigentlich…», zögerte der Bekittelte, aber Jan über­ redete ihn, «Sei mal nicht so… offiziell!» Die Kuchen und Tassen wurden auf einem Plastetablett gebracht und mangels Platz auf Klaus’ Beinen abgestellt. «Bitte», bot Jan Martin den Kaffee an, nahm die andere Tasse mit Unterteller zu sich und stellte sie neben die Bananen. Martin nutzte die schmale Oberseite des Heizkörpers für, seinen Kaffee. Jan nahm den Kuchenteller, es war eine Scheibe gelber Sandkuchen mit einem dünnen Zuckerguss, Martin hatte einmal gesehen, die wurden in Dosen verpackt angelie­ fert. Er aß das Stückchen in drei Happen auf, stopfte einen dicken Krümel mit dem Finger in den Mund und spülte mit einem großen Schluck Kaffee nach. «Jetzt du», sagte er zu Klaus. «Keinen Appetit», verneinte der. «Schau mal dein Gerippe an», zürnte Jan halb gespielt, rollte seinen Sitz näher an Klaus heran, nahm den Teller und stellte das leere Tablett an die Seite. Mit einer Kuchengabel trennte er ein würfelförmiges Stück ab, spießte es auf und führte es an Klaus’ Mund. «Gib das Martin», sagte Klaus. Martin lehnte ab, «Nee, iss du mal, ich hab den Kaffee.» Auch Jan widersprach und meinte «Mund auf» im Ton einer Arzthelferin oder Gouvernante. Jan fütterte ihm einige Stückchen, aber Klaus musste lan­ ge kauen, Martin bemerkte, es war nicht nur die fehlende Kraft der Arme, er schien auch schlecht schlucken zu kön­ nen, es lief ihm Speichel, mit Kuchenbröckchen vermischt, bis aufs Kinn. Jan wischte das jeweils mit einem Tuch aus Zellstoff weg. Nach dem halben Kuchen war es genug. Klaus drehte den Kopf zu Martin hin, auch Jan schien zufrieden. Klaus schaute Martin groß und suchend an. Der wollte etwas sagen, um die Spannung, die in der Situation lag, abzu­, mildern, aber ihm fiel nichts Passendes ein. Klaus begann mit einem Mal zu grinsen, er meinte, «Ich hab ganz schön abgebaut, was?» Martin konnte noch immer nichts sagen. Jan war weni­ ger beeindruckt. «An der Love-Parade machen wir ‘nen Invalidenwagen, mit Bett drauf und Tropf und beigebraunen Plastether­ moskannen, mit orangem Punkt auf dem Deckel. Die fül­ len wir mit flüssigem Ecstasy. Bis dahin musst du wieder tanzen können!» Er klopfte mit seiner Hand Klaus auf die Schulter. Die CD war aus, Jan legte eine neue ein und stellte den Apparat lauter. Sie hörten eine Weile Musik. Jan rollte zu Martin ans Fenster und zog eine fertige Zigarette aus seinem Tabaksbeutel. «Schon vorgedreht», meinte er und zündete den Joint an. Martin erkannte sofort den penetranten Geruch, Skunk­ gras, er rauchte ein paar Züge mit, die Jan ihm anbot. Der Rauch zog durchs Zimmer. Martin dachte, hoffentlich kommt jetzt kein Arzt rein. Klaus hatte nicht mitgeraucht. Er wirkte müde und schloss eine Zeit lang die Augen. Jan fuhr seinen Rollstuhl wieder um das Fußende von Klaus’ Bett und trank den Rest aus seiner Kaffeetasse. Auch Martin hatte seinen in kleinen Schlucken leer geschlürft. Er nahm Tasse und Unterteller in die Hand und stand auf, «Ich stell sie mal…», sagte er., Jan fiel ihm ins Wort, «Tu’s am Eingang neben das Waschbecken, die holen alles beim Abendessen ab.» Martin nahm auch Jans Tasse und die Kuchenteller und stellte sie auf die kleine Ablage, dann setzte er sich auf den Stuhl an dem quadratischen Tisch, der in der Ecke stand. «Am Sonntag ist Café Victoria», erzählte Jan, «da legt DJ Flamingo auf. Dann haben wir das ganze Ostgut da.» Das Café war von der Aids-Hilfe gesponsert und ein offener Treff, der im Besucherraum beim Flur zwischen den Stationen alle zwei Wochen sonntags stattfand. Es gab selbst gebackenen Kuchen, richtigen Kaffee aus mitge­ brachten gurgelnden Maschinen und dauerte je nach Pro­ gramm bis in den Abend. Martin kannte zwar DJ Flamin­ go nicht, aber das Ostgut war die angesagteste Techno- Disko der Stadt. Sie hatte am Wochenende durchgehend mit zwei Tanzflächen, Caféterrasse, Liegewiese und Kel­ lerdarkroom geöffnet. Nachdem die CD zu Ende war, wollte Jan wieder in sein Bett. «Das lange Sitzen strengt mein Bein an.» Er stöpselte seine Musikmaschine aus und legte sie auf seine Oberschenkel. Martin schob ihn zurück. Als Jan aufgestanden war und auf seine Matratze sank, meinte er zu Martin, «Das geht ziemlich schnell bei Klaus. Dann fällt er auch noch nachts aus dem Bett, seit er allein im Zimmer liegt. Ich hab schon gefragt, ob sie uns nicht zusammenlegen, aber ich hab die OP und danach muss ich steril sein, erst mal.» Martin fragte nach, «Ich hab das eben erst gehört, wegen den Gittern. Glaubst du, das ist, weil er alleine ist?», «Denk schon», sagte Jan, «hat der Pfleger auch gemeint, ich hab mich mit dem drüber unterhalten.» «Ich bring den Stuhl zurück», meinte Martin. «Und steck mir die Musik noch da in die Dose, hab ich vergessen, ich lieg schon.» Martin machte es. «Danke», sagte Jan. Dann rollte er den fahrbaren Stuhl zur Tür und verabschiedete sich, «Tschau, bis die Tage.» «Tschau», grinste Jan optimistisch. «Und für morgen alles Gute!» Er ging hinaus. Zurück bei Klaus, wollte Martin auch bald los. Wann er noch einmal vorbeikommen solle, fragte er. «Morgen ist Daniel da, übermorgen dann Björn», sagte Klaus. «Dann in drei Tagen, ich telefonier noch mal mit den beiden.» Klaus bot ihm an, die Esssachen mitzunehmen, «Oder schmeiß sie in den Müll, brauch ich nicht mehr», sagte er halb ironisch. «Ich verteil’s auf dem Platz», meinte Martin. «So viel ist’s gar nicht, sieht nur so voll aus auf dem Nachttisch.» Martin packte das Obst und die anderen Sachen in eine Plastetüte, die Reste warf er weg. Zum Schluss wischte er die Klapptischfläche mit einem nassen Zelltuch sauber, bis das mattweiße, mit feinen grauen Karos gemusterte Reso­ pal im Neonlicht glänzte. Er zog seine Jacke an, schaute sich um und meinte, «Gut, ich geh mal wieder.» Er nahm die Tüte in die eine Hand., «Tschau», sagte Klaus, «und grüß alle von mir, vor allem Dieter!» «Ich denk dran, tschau», sagte Martin, drehte sich zur Tür und blickte noch einmal zu Klaus, als er sie zudrückte. Da blieb er einen Moment stehen, als müsse er geistig durchatmen, bevor er sich umdrehte und zum Ausgang ging. Die ganzen neuen Eindrücke überschwemmten der­ art sein Empfinden, dass er sich fast körperlich schwindlig fühlte und Angst hatte zu torkeln. Erst als er nach draußen trat und die kalte Luft einsog, fühlte er sich etwas frischer. Auf dem Weg zur S-Bahn nahm er sich vor, noch bevor er zu seinem Wagen käme, Daniel anzurufen und ihm vom Besuch eben zu erzählen. Als er am Ostbahnhof ankam, hatten sich seine Gedan­ ken schon etwas beruhigt, er überlegte auch, als er an einer Reihe offener Telefonboxen stand, ob es nicht zu laut sei, die Geräuschkulisse in der Halle störte ihn. Aber er dachte, zumindest kurz Bescheid zu sagen sei sinnvoll. Sie könnten sich vielleicht zu einem Treffen verabreden, das wäre sowieso wichtig, dachte er und suchte in seinen Taschen nach Münzen. Björn war in der Leitung. Martin konnte gar nicht artiku­ lieren, was er sagen wollte. Björn beruhigte ihn, das mit dem Füttern sei halb so wild, es sei nur ungewohnt, «Da­ niel hat morgen ein Gespräch mit dem Arzt.» «Wir müssten uns noch mal koordinieren», meinte Martin, «außerdem sollen wir alle grüßen, die er kennt.», Daniel war auf Arbeit und kam erst später, erzählte Björn. Er würde das Dienstauto mitbringen und morgen die Mini-Anlage aus der Wohnung abholen. Vielleicht kämen sie zwischendrin auf den Platz, meinte Björn. «Würd mich freuen», sagte Martin, «auf ‘nen Kaffee oder so.» Das Telefon piepste, Martin verabschiedete sich, «Ich hab kein Kleingeld mehr. Also, vielleicht bis morgen. Tschau.» «Tschau», hörte er Björn noch vor dem Knacksen, als die Leitung automatisch gekappt wurde. Als er zu seinem Wagen kam, war es schon fast dunkel, obwohl die Tage spürbar länger wurden, schließlich war bald Frühlingsanfang. Trotzdem musste Martin noch durchgehend heizen. Das Feuerspiel, in der Hocke oder kniend vor der Ofen­ tür, war für ihn so etwas wie eine Meditation. Die Glut schüren, neues Holz nachlegen, zusehen, wie es anbrann­ te, in Flammen und Hitze aufging, die wachsende Wärme an Händen, Gesicht, am ganzen Körper spüren, vor allem wenn er durchgefroren war, das vermisste er im Sommer fast, wenn er den Herd nur kurz zum Kochen anfeuerte.

War es die nächste Nacht oder die darauf folgende?

Martin hatte schon tief geschlafen, als ihn ein Geräusch weckte, er hörte es zuerst im Halbschlaf. Dann erkannte er Peers Stimme, die näher kam., Der sang oder grölte ein Punklied, wobei er auch die Trommel und Gitarrenläufe mit der Stimme imitierte. Schon klopfte es polternd an seiner Tür. «Jemand da?» «Konzert zu Ende?», entgegnete Martin, als Peer schon eintrat. Er lehnte sich halb aus dem Bett und zündete die Kerze auf dem Tisch an, der Schatten am Eingang bekam Kon­ turen, fahle Farbe, Martin erkannte jetzt Peers Gesicht, er schien ziemlich angetrunken. «Ej, geile Band; die haben total gefetzt!», schilderte Peer seine Stimmung. Er zog die Jacke aus und warf sie auf den Stuhl. Martin entschied, den Ofen nachzuheizen, stand auf und stellte sich vor Peer. Er griff ihm mit beiden Händen, in­ dem er sie unter das T-Shirt schob, an die Hüftknochen, und zog ihn dicht an seinen nackten Körper. Er gab Peer einen schmatzenden Kuss auf den Mund. «Ich freu mich, dass du hier bist», sagte er. Peer grinste. Martin zog ihm das Shirt über den Kopf und streifte es von Peers Armen. Dann sagte er, «Ich leg noch Holz nach», und kniete vor dem Ofen, öffnete die Lüftungsklappe, darüber das eigentliche Türchen, hinter dem die Glut noch warm strahlte. Er legte ein paar Scheite und noch zwei Klötze in die Brennkammer, das würde eine Zeit lang vorhalten. Peer hatte hinter ihm gestanden und ihm in die Haare gefasst, seine Finger spielten auf seiner Kopfhaut. Nun drehte Martin sich in der Hocke halb um, er legte seine, Hände auf Peers Hintern und presste seine Lippen auf dessen Bauchdecke und Nabel. Er spürte Peers Hände an seinen Schultern, auf dem Rücken. Sein Mund rutschte tiefer, über den Jeansstoff, er biss mit den Zähnen sacht entlang dem Reißverschluss. Im Ofen knackte und knisterte das brennende Holz. Martin beugte sich etwas nach hinten und blickte Peer von unten her an, seine Hände ließ er zu Peers Kniekehlen sinken. Sie schauten sich gegenseitig in die funkelnden Augen und lachten sich an. Martin begann, einen der Springerstiefel aufzuschnüren, wobei die Socke mit abrutschte, dann öffnete er den zweiten. Peer hatte seinen Rücken an die Tür gelehnt und hielt sich mit einer Hand an der Stuhllehne fest. Martin stellte sich wieder dicht vor Peer auf. Er küsste ihn mit offenen Lippen, seine Zunge füllte bald ganz Peers Gaumen, nun tasteten seine Finger den Hosenbund ent­ lang, öffneten den Knopf und drückten den Baumwoll­ stoff auf die Oberschenkel herunter. Sie pressten und rieben ihre Körper aneinander. Martins Hände glitten über Peers Rücken, er griff in die weiche, gewölbte Haut von Peers Hinterbacken und fühlte mit einem Finger den schwitzigen Spalt entlang. Er tastete Haare und bald Hautfältchen, darunter etwas knorpeliges, wie einen Gummiring. Es war eine Einbuchtung wie der Nabel. Als er seine Fingerkuppe leicht hineindrückte, zog sich der Muskel nach innen zurück und bildete eine Art trichterförmige Höhlung, dann schob er sich weich und quallenartig nach außen, wobei Martins Fingerspitze um­ schlossen wurde und sich in Heißes, Feuchtes, Weiches tastete. Peer entfuhr ein Seufzer., Martin legte eine Hand auf Peers Kopf und drückte ihn nach hinten, den Zeigefinger der anderen führte er über Peers Lippen und steckte ihn leicht drehend tief in dessen Mund. Peer schloss die Augen und schleckte daran. Martin ging wieder in die Hocke, er führte den spucke­ feuchten Finger in Peers Anus und ließ ihn glitschig leicht in einer Bewegung bis zum Knöchel in Peers Inneres glei­ ten. Dabei spürte er das zuckende Zusammenziehen und Sich-Entspannen des Ringmuskels, das seinen Bewegun­ gen antwortete. «Mhhh», brummte Peer, und nach einer Weile, «das drückt grad auf die Blase. Ich muss mal pissen.» Er zog die Füße aus den Hosenbeinen, die bis auf die Knie gerutscht waren, Martin half mit den Händen. «Ich muss auch, lass uns an die Spree gehn», sagte er. Eigentlich pisste Martin nicht oft ins Wasser, er hatte einmal gelesen, es gab ein Tabu bei vielen Naturvölkern, die glaubten, davon könnten Krankheitskeime quasi gegen den Strom wie über eine Brücke in den Körper wandern, außerdem war es typisch männlich. Aber jetzt machte er eine Ausnahme. Draußen fassten sie sich Arm in Arm und schlenderten nebeneinander, nackt und barfuß, als gäbe es keinen Winter, vor bis zur Ufermauer, wo sie sich mit leicht gespreizten Beinen erleichterten. Peer brauchte länger, das kam vom Bier. Sie hielten sich nach wie vor umfasst, Martins Hand an Peers Hüfte, Peers Arm über Martins Schulter. Dann drehten sie sich zueinander und küssten sich, bis sie zu frösteln anfingen., «Lass uns wieder reingehn», sagte Martin. Er schloss die Tür hinter ihnen und legte ein paar Koh­ len nach. Peer streckte sich bäuchlings auf die Matratze. Als Martin sich neben ihn setzte, hatte er die Augen ge­ schlossen, seine Hände über den Kopf zusammengelegt und sagte wie flüsternd, «Fick mich.» Martin war etwas überrascht und unsicher. Er fuhr mit beiden Händen über Peers Rücken, Schultern, Nacken und Hals, fühlte den Muskeln, Knochen und Sehnen unter der Haut entlang nach. Er setzte sich auf Peers Ober­ schenkel, ließ Spucke auf seinen Finger tropfen und befeuchtete den haarumkränzten Stern aus rosa Fältchen, dessen Haut dünn und gespannt aussah, wie bei einer Wunde, wenn der Schorf darüber abgeknibbelt ist. Wieder senkte er seinen Finger in Peers Inneres, der streckte sich seiner Bewegung entgegen, indem er den Unterkörper anhob. Martin beugte sich über ihn, küsste ihn am Hals und streckte sich mit Beinen, Brust und Hintern vorsichtig auf Peer aus. Er bewegte seinen Unterkörper, fühlte, schob, er drückte sich in Peers Körper hinein, seine Lust wuchs durch die Reibung ihrer schwitzig erwärmten Schleimhäute. Peer war weich und offen, Martin zog sich heraus, um erneut in ihm zu versinken, bis sein Bauch Peers Rücken berührte, sein Becken sich an Peers Pobacken schmiegte. Doch plötzlich zuckte etwas wie ein Schluckauf durch Peers Brust, sein After verkrampfte sich spürbar. Als Mar­, tin schnell herausrutschte, rief Peer, «Autsch!», während ihn eine Art Krampfanfall schüttelte. Martin war abrupt aus seiner Ekstase gerissen und schaute verwundert auf Peer. Der hustete und würgte, es war wie Asthma. Sein Gesicht war knallrot, und Schweiß troff ihm von Kopf und Stirn herunter. Martin sah, seine Backen blähten sich, Peer beugte sich gerade noch über die Bettkante, dann schoss ein Strahl schaumig weißlicher Flüssigkeit aus seinem Mund heraus auf den Boden, da­ nach noch ein zweiter. Peer wischte sich seinen Mund mit dem Handrücken ab und beruhigte sich keuchend. Er drehte sich zu Martin und sagte, «Scheiße, tut mir leid, Scheiße!» Martin sah in Peers Augen etwas wie ein Entsetzen, das er nicht verstand, gleichzeitig glänzten sie wässrig, und Tränen liefen unkontrolliert über sein Gesicht. Peer setzte sich auf. «Scheiße», sagte er noch mal, «ich bin nicht besoffen, nicht so, glaub mir…» Martin wusste irgendwie, dass das stimmte, obwohl das auf seinem Strohteppich ursprünglich Bier gewesen war. «Ist okay», beruhigte Martin, «kein Problem.» «Ich bin…», murmelte Peer, «ich kann nicht… das war ein Filmriss, diese schwarzen Bilder… Scheiß-Alter!» Er schlug mit der Faust auf den Tisch, nicht allzu fest, aber es schepperte, und das Brotmesser hüpfte von der Kante der Platte auf den Boden.: «Ich verpiss mich besser», sagte Peer. Martin erhob nicht einmal Einspruch oder Protest. Er blieb reglos auf dem Bett sitzen und schaute zu Peer. Der, stand auf, zog seine Hose über, schlüpfte in die Springer, streckte sich ins T-Shirt und griff nach seiner Jacke. Martin sagte noch, «Wir müssen unbedingt mal reden. Komm morgen noch mal rum, so. Ich, ehm, ich lieb dich, he!» Peer schaute ihn aus geröteten Augen an und ver­ schwand wortlos durch die Tür. Alleine, sank Martin zurück aufs Bett und atmete ein paar Mal tief durch. Er konnte nicht einfach wegschlafen, setzte sich bald wieder auf und drehte einen Joint. Eigentlich war die Lage nicht so dramatisch, er müsste nur den Teppich rauswerfen, ein bisschen nachwischen. Was Peer da erbrochen hatte, war nicht viel gewesen und roch auch nicht so stark und typisch. Mehr beschäftigte ihn, was da eben passiert war. Hatte er zum Schluss nicht irgendetwas gemurmelt? Was ging in Peer vor? Welche Rolle spielte Martin dabei? Er stand noch wie unter Spannung, sein Puls ging schnell, der abrupte Stimmungswechsel zog als fast körperlicher Schmerz in seinen Lenden. Endlich legte er den halb gerauchten Joint in den Ascher und faltete die zu einem Bodenbelag ausgelegten Strohele­ mente zu einem Paket ein. Das schob er einfach zur Tür hinaus. Er musste noch seine Spülschüssel leer räumen und das restliche Wasser aus dem Kanister zum Aufwi­ schen benutzen., Dabei fand er einen Socken von Peer und legte ihn auf den Stuhl, der zweite war verschwunden.

Als Martin das nächste Mal zu Klaus fuhr, wollte er dort

über Nacht bleiben. An diesem Tag fand außerdem das Café der Aids-Hilfe statt. Es wurde von den Besuchern und Freunden veranstaltet, sollte offen für die Szene sein und eine Brücke in die Community schlagen, wie das im Jargon hieß. Auf dem Fußweg von der S-Bahn-Haltestelle aus hatte er an Peer denken müssen. Er spürte, dass ihr nur kurzes Zusammensein ihn see­ lisch überlastete. Er wusste nicht, was er Peer bedeutete, und der wollte nicht darüber reden. Umgekehrt schien ihn nicht zu interessieren, was Martin für ihn fühlte. Aber was wollte er eigentlich? Dass sie beide zusam­ menlebten, für immer und ewig? Er wusste, gleich am ersten Tag wäre die Erotik zwi­ schen ihnen erloschen und sie würden sich anöden. All seine Gedanken liefen auf einen toten Punkt zu, es gab keinen Weg aus diesem Teufelszirkel. Martin ging über den Flur und klopfte an der 207. Klaus lag in seinem Bett vor dem Fenster, Daniel saß daneben auf dem Stuhl. Auf dem Tisch in der Ecke bum­ merte die Mini-Anlage. «Hey», grüßte er die beiden. Die schauten ihn an und, grinsten. Auf dem Nachttisch stapelten sich CDs. «Alles vorbereitet?», fragte Martin. «Nee, ist noch Zeit», meinte Daniel, «kennst doch die Tucken, bis die ihre Kuchen geschminkt haben und all das.» Martin setzte sich auf den Heizkörper. Daniel fragte, wie es ihm gehe, Martin wunderte sich, ob er gestresst oder genervt wirken könnte. Er meinte, «Ach, so lala», er wollte nicht über sich oder Peer reden, was ihn eigentlich am meisten bedrückte. Es gab wohl Schlimmeres, dachte er angesichts von Klaus, aber war das eigentlich richtig oder nur seine, ihrer aller Rationalisierung? Klaus wirkte entspannt, Martin bemerk­ te, er war rasiert und sein Kopf geschoren, bis auf den schmalen Längsstreifen kurzer schwarzer Haare, seinem Irokesen-Schnitt. Martin schmunzelte. «Ihr habt ja auch große Toilette gemacht.» «Wenn ich schon mal wieder in die Szene geh», meinte Klaus. «Schick, nicht?», sagte Daniel stolz, «Ist mit Nassrasierer, nicht elektrisch, und glatt wie geleckt.» «Zweimal hat’s geblutet», meinte Klaus frotzelnd. «Naja, dafür, dass ich keine Friseuse bin, ist’s gut gewor­ den.» Er nahm eine Tasse zwischen den CDs hervor und trank einen Schluck, wahrscheinlich Tee, dachte Martin. «Ich rauch noch einen Joint, wenn ich schon hier sitze», meinte Martin., Als er den angezündet hatte, öffnete sich die Tür. Björn kam mit dem Rollstuhl herein. Martin war erschrocken, er hätte den Joint fast aus dem Fensterspalt geworfen, und überrascht, dass Björn ebenfalls hier war. «Drüben sitzen schon Gäste, und das DJ-Pult ist verka­ belt.» Martin und Björn begrüßten sich mit einem grinsenden Blick. «Wollen wir?», fragte Daniel. Klaus nickte. Martin rauchte weiter, während die beiden den Rollstuhl ans Bett fuhren, Tropf und Katheter aus ihren Halterun­ gen aushängten, die Decke zurückschlugen und Klaus, der T-Shirt, eine lange Turnhose und Socken anhatte, in die Hocke halfen, um ihn gemeinsam in den Stuhl zu heben. Sie klappten die Fuß-Halterung um und stellten seine Füße darauf, was einige Schwierigkeiten bereitete. Dann breitete Björn eine Decke über die Beine. Klaus legte die Arme auf die Stützen. Sie waren ganz dünn, auch die Hände sahen aus wie eingeschrumpft, insgesamt war er noch dürrer geworden. Er konnte sich nur noch wie in Zeitlupe bewegen, und der Kopf knickte ihm zur Seite. Aber auch dafür gab es eine Stützhalterung. Daniel schraubte daran, um die Höhe richtig einzustellen. «Fertig!», meinte er schließlich. Martin war auch aufgestanden und hatte sich halb auf den Tisch gesetzt. «Fehlt noch was?», fragte Björn. «Wir können», antwortete Klaus. Daniel schob Klaus in dem Metallstangengefährt vor, sich her, gefolgt von Björn und Martin. Sie gingen den Flur entlang. Auf einer Seite gaben die Fenster den Blick auf einen mit weißem Kies ausgelegten, quadratischen Innenhof frei, in dem ein paar immergrüne Sträucher vegetierten. Im Flur selbst standen zwei lange Plastik-Blumenkästen im dunkelbraun-orangenen Achtziger-Jahre-Design mit abgerundeten Ecken. Darin wuchsen aus tönernen Kunst­ erdbällchen eine Yucca-Palme, eine fingerblättrige Mons­ tara und etwas Buschiges, Bambusblättriges als Hydro- Kultur. Hinter einer weiteren Glastür wurden Kaffee und Kuchen auf einem improvisierten Buffet präsentiert. Hier standen schon ein paar schwarz gekleidete Kurz­ haarschnitt-Träger in losen Grüppchen, und der Raum war erfüllt von einer psychedelischen Ambient-Musik, die aus dem Caféraum nebenan kam. Als sie dort eintraten, fielen Martin ein paar Streifen geriffelte Alufolie auf, die teils an den Wänden, teils von der Decke hingen. Das Fenster hinter dem DJ war mit orangem Krepppapier ver­ klebt. Imagination ist eine schwule Tugend, ein Räucher­ stäbchen reichte, um den Raum in eine Goa-Party zu verwandeln, irgendwo am Palmenstrand einer Südsee wie aus der Fernsehwerbung. Es standen sogar ein paar Cocktail-Gläser mit Eiswürfeln herum. Etwas skurril, aber kosmopolitisch machten sich allein schon die Gestalten an den Tischen oder an der Kuchentheke aus. Es wirkte ein bisschen wie ein Vampir­ film, konnte jedoch auch als Gruftitreffen durchgehen. Es, war nicht eindeutig, wer Patient und wer Besucher war, wenn sie aus den klobigen Teetassen tranken oder Sahne­ torte auf Gäbelchen spießten, deren Füllung so weiß und porig wie ihre Gesichtshaut aussah, und unter dunklen Augenbrauen, die darüber wie Fremdkörper aufgeklebt erschienen, ihre Blicke nervös hin und her huschen ließen. Die ausschließliche Kleiderfarbe war Schwarz. Ihr Grüppchen einigte sich auf einen Tisch, Martin zog einen Stuhl zur Seite, an dessen Stelle Klaus platziert wurde, so dass er den Raum überblicken konnte. Björn und Martin setzten sich, Daniel bot an, Kaffee zu holen, «Um Kuchen müsst ihr euch selber kümmern.» Es waren sogar Aschenbecher aufgestellt. Martin schaute sich zu DJ Flamingo um. Das ist auch so eine Szenemaus, dachte er, wie wohl nicht anders zu erwarten gewesen war. Er stand relativ relaxt, den obliga­ torischen Kopfhörer auf den Ohren, und wippte mit dem haarlosen Kopf. Vor seinem Pult verströmte eine Neon­ röhre unsichtbares Schwarzlicht. Martin ließ seinen Blick über die Anwesenden wandern. Einige kannte er schon von Partys, Marco aus der Ratten­ bar sah er an einem Tisch sitzen. Auch war sein zweiter Eindruck weniger schockierend, eigentlich sah es aus wie in einer ganz normalen schwulen Kneipe. Klaus schien gelöst und grinste in den Raum, als sei er high. Daniel kam mit drei Tassen und stellte sie auf den Tisch. Er setzte sich, dann fragte er Klaus, «Willst auch ‘nen Kaffee, mit viel Milch? Kann nicht verkehrt sein.» Klaus war unschlüssig. ;, «Ich hol mal welchen, die haben extra diese Schnabel­ tassen da.» Er ging erneut in den Vorraum und kam mit einem Plastebecher zurück, den speziellen Deckel schraubte er im Gehen darauf. Er stellte sich vor den Tisch, hielt das Gefäß mit gewin­ kelten Armen vor sich und schüttelte es gleichzeitig vor­ sichtig in den Händen, dass es aussah wie die Pantomime eines Cocktailmixers, der seine Kunst präsentiert. Dann setzte er sich neben Klaus und hielt den Becher mit dem, wie Martin fand, leicht obszön aussehenden Noppen an Klaus’ Lippen und kippte ihn wie schluckweise nach oben. Klaus leckte sich die Lippen. «Gut», sagte er. Björn wollte nach Kuchen schauen, «Sonst ist alles weg. Guck doch, wie die sich die Cremeröllchen reinschaufeln. Wenn ich nicht aufpass, krieg ich nicht mal mehr ein Stück von meinem eigenen.» So ließ er einfließen, dass er bei der Vorbereitung mitgewirkt hatte. Martin fühlte sich ein bisschen träge von dem Joint und dachte, es sei passend, zu sagen, «Davon würd ich gern probieren. Bringst du mir ein Stück mit?» Björn nickte und kam bald mit zwei Kuchentellern zu­ rück. Darauf lag eine Obsttorte, natürlich mit Sahne. Buttercreme war aus der Mode, sie schlug auf die Leber und war kaum selbst zu machen. Martin sah sich als Spezialist für Hefeteig, der in seiner Holzofenhexe erst die Würze ausbuk, die eigentlich von einem leichten Rußgeschmack rührte, weil sein Backofen­ blech undicht und an einer Seite durchgerostet war. Er überlegte, zum nächsten Café auch einen Kuchen, mitzubringen. Die Torte schmeckte selbstverständlich delikat. «Lecker», lobte er Björn und gabelte ein Stück nach dem anderen auf, noch die letzten Sahnetupfer kratzte er vom Teller. Björn vertilgte eine Marzipantorte, und auch Daniel bekam Appetit. Als er mit seinem Teller zurückkam, hatte er sich gleich zwei Stücke aufgepackt, «Dann muss ich nicht so oft laufen», einen Himbeerboden unter Gelantine und eine Scheibe Möhrenkuchen mit Schokoladenglasur. Zwischendurch setzte sich Sven zu ihnen, ein Freund von Björn, und unterhielt sich eine ganze Weile angeregt mit ihm. Daniel besprach mit Martin den nächsten Tag, «Also du bleibst bis mittags, dann komm ich nach der Frühschicht. Am nächsten Morgen will Björn mich ablösen.» «Wo schlaf ich überhaupt?», wollte Martin wissen, «Rein praktisch, gibt’s ein Notbett oder so?» «Klar, in der Schrankwand falten sie dir ein Feldbett auf, Quatsch», sagte Daniel, «das haben sie morgens rausge­ rollt, wegen Platzmangel, steht auf dem Flur, wir gucken nachher noch mal. Auch wegen dem Bettzeugs.» «Wann werden wir geweckt?», fragte er weiter. «Um fünf rumort die Putzfrau, ab da kommt keine Langeweile mehr auf», erzählte Daniel. Martin schaute leicht entsetzt, so hatte er sich das nicht vorgestellt, eigentlich hatte er sich gar keine konkreten Vorstellungen gemacht, aber die Aussicht, so früh aufzu­, stehn, ließ ihn seufzen, das habe er die letzten fünfzehn Jahre nicht mehr tun müssen. «Siehst du», setzte Daniel entgegen, «das tut dir mal gut. Wegen Frühstück musst du dich mit dem Pfleger arrangieren.» Vor dem DJ-Pult entstand eine Tanzfläche, zwei Klone schlenkerten wie im Tran ihre Arme und bewegten sich im eigenen Kreis vor und zurück, dabei wackelten sie im Takt mit den Köpfen. Sven saß noch bei ihnen und erzählte gerade von Jan. Er habe vom Arzt gehört, die Operation sei gut verlaufen, andererseits war nicht sicher, ob die Entzündungskeime nicht doch im ganzen Körper verstreut seien. «In zwei Tagen kommt er wieder von der Intensiv run­ ter.» Damit verabschiedete er sich und stand auf. Klaus wollte noch einen Schluck Kaffee. Er versuchte selbst, mit beiden Händen den Becher vom Tisch zu heben und an den Mund zu führen, zitterte dabei aber so, dass er ihm aus den Händen zu rutschen drohte. Daniel half ihm beim Trinken. Kuchen hatte er gar keinen gegessen, und niemand hatte sich richtig getraut, ihm einen aufzunötigen, bemerkte Martin, als er selbst noch Appetit verspürte. «Magst du ‘nen Kuchen?», fragte er Klaus. Der verneinte aber kopfschüttelnd, «Keinen Hunger. Danke.» Martin ging in den Vorraum, die Theke war fast geplün­ dert, leere sahneverschmierte Kuchenplatten standen, herum, er fand noch ein Stück Käsetorte. Auch seine Kaffeetasse füllte er nach. Dabei stellte sich Else neben ihn, der eigentlich Jochen hieß, und sagte, «Hey Martin. So trifft man sich wieder.» «Ich bin mit Klaus hier», sagte er und fragte sich, ob er damit etwas erklären wolle. «Die Family bleibt doch irgendwie beisammen.» «Nicht wahr?», sagte Jochen, «Das Buffet sieht aus wie bei einer bayrischen Landhochzeit. Ich fühl mich wie in meinem ersten schwulen Gesprächskreis, wie sag ich’s meinen Eltern, in einem Raum vom katholischen Jugend­ zentrum in Regensburg, und es gab genau solche Kuchen, also schrecklich. An den Wänden hingen Soft-Porno- Plakate mit Gummi-Werbung, oder waren’s Zahnbürsten? Die wurden nachher wieder abgemacht, weil an­ schließend der Landfrauenchor den Raum benutzt hat.» «Mein Coming-out-Leiter hatte die wie Kunstdrucke hinter Glas über seine heimische Couch gehängt, das fand ich damals progressiv!», ergänzte Martin. Jochen klatschte eine Hand in die andere, als schlage er mit sich selbst ein, «Exakt. Kommst du auch aus Bayern?» «Bei mir war’s Heidelberg, aber das war wohl überall dasselbe», sagte Martin. Danach schenkte auch Jochen sich eine Tasse Kaffee ein. «Ich setz mich mal wieder», sagte Martin und ging zurück zum Tisch. Hier saß gerade Thomas neben Klaus und redete ihm ins Ohr. Martin setzte sich, er sah Klaus noch breiter grinsen und einen Kommentar zum Gehörten abgeben, den er, aber nicht verstand. Draußen, bemerkte er, war es bereits dunkel geworden. Ein paar Kerzen brannten gegen das Neonlicht an, und eine dünne graublaue Dunstschicht schwebte in der Luft. Nach dem Kuchen wollte Martin einen Joint rauchen, aber hier war es ihm zu öffentlich. Er gehe mal fünf Minuten vor die Tür, sagte er. Björn wollte ihn begleiten, «Ich komme mit», lud er sich ein. Sie liefen nebeneinander her zum Fahrstuhl. Sie fanden eine Holzbank und setzten sich auf die feuch­ te Kante. Martin bröselte an der Tüte. «Ich glaub, es ist gut», sagte Björn, «dass Klaus nicht mehr alleine ist. Er wirkt besser gelaunt, findest du nicht auch?» «Auf jeden Fall, er ist auch nicht mehr unruhig nachts oder aus dem Bett gefallen wie vorher», bestätigte Martin und fügte hinzu, «nur ob wir das schaffen, Vierundzwan­ zig-Stunden-Betreuung, und was, wenn er hier mal entlas­ sen wird?» «Wir haben einen Plan gemacht, wo sich Leute eintragen können, quasi eine Tag- und eine Nachtschicht. Wir müss­ ten bloß noch mehr Unterstützer finden, die mitmachen», sagte Björn, «dabei hat er so viele Bekannte, aber die sind seltsam verstreut. Grad mal für morgen ist jemand einge­ tragen, also ich und Daniel, und übermorgen können wir auch noch mal.» Martin gab den Joint an Björn. «Ich werd auch rumtelefonieren und einfach alle drauf anquatschen. Ist mir inzwischen egal, ob das nervt, auch morgen im Electric Ballroom», ergänzte Björn und rauchte, ein paar Züge. Die nächste Runde schwiegen sie und ließen das Hanf­ harz auf ihre Gemüter wirken. Der Joint war fast aufgeraucht, und es wurde schnell kühl, sie hatten keine Jacken übergezogen. «Lass uns wieder nach oben», meinte Martin und trat den Joint mit der Fußspitze aus. Als sie aus dem Fahrstuhl kamen und den Gang zwischen den Flügeltüren entlangliefen, hörten sie ein Geräusch, das beide zur Seite schauen ließ. Erst jetzt sahen sie hinter einem der Blumenkästen, wie ein Typ sie anschaute, durch die Yucca-Blätter halb verdeckt, und als sie ihn sahen, unbeteiligt dreinguckend ein paar Schritte machte. Es war eine klassische schwule Situation, dachte Martin, Björn empfand es ebenso, er sagte, «Aha, jetzt wissen wir auch, wo im AVK der Cruising-Park ist.» Martin musste lachen, es war absurd, aber wahr. Daniel und Klaus saßen am Tisch, die beiden gesellten sich wieder dazu. Björn erzählte ihnen, was sie eben erlebt hatten. «… Steht da in seiner polierten schwarzen Lederhose und lugt durchs Gestrüpp. Dem war’s wahrscheinlich selbst peinlich, das war wie ein unbewusstes, automati­ sches Verhalten. Voll auf der Lauer. Der hätt mir gleich im Fahrstuhl einen geblasen.», Sie saßen noch eine Weile herum, bis die ersten Leute gingen und mit dem Aufräumen begonnen wurde. Bald hörte auch die Musik auf, und der DJ baute seine Anlage ab. Klaus wollte noch bleiben, aber es war nichts mehr los. Daniel räumte ihren Tisch ab und stellte die Teller und Tassen aufs Buffet. Martin rangierte Klaus’ Rollstuhl von der Wand, an den Stühlen vorbei zur Glastür, sie schlurften zurück ins Zim­ mer, Daniel und Björn legten Klaus wieder auf sein Bett. Björn zog ihm Turnhose und Socken aus und deckte ihn zu. «Hat’s Spaß gemacht?», fragte er Klaus. Der nickte, «Sollten wir öfter machen, so ‘nen Ausflug.» «Du hast Humor», meinte Daniel. Er brachte den Roll­ stuhl nach draußen und kam, ein Gestell vor sich durch die Tür schiebend, zurück. «Dein Bett», sagte er zu Martin und stellte es links von sich an die Seitenwand. Martin setzte sich wie probehalber darauf. «Wir sollen noch den DJ und seine Elektrik nach Hause fahrn, wir haben mein Auto bei», sagte Daniel und nahm auf dem Stuhl Platz. Als Björn zurückkam, meinte er, «Alles klar. Der wartet vorn am Fahrstuhl.» Die beiden verabschiedeten sich, Daniel sagte, «Gut, wir fahrn mal.» Björn stellte sich an Klaus’ Bett und meinte, «Morgen ist Daniel da. Den Tag drauf komm ich noch mal her. Bis dann.», Er hob die Arme, machte seine Hände zu Fäusten und hielt sie Klaus entgegen, die Daumen drückend. Dann ging er los, auch Daniel sagte noch mal «Tschau denn» und folgte ihm durch die Tür. Martin schaute sich im Zimmer um und meinte, «Wir könnten noch Musik anmachen.» «Aber was Softes», meinte Klaus, «ich bin schon müde und schlaf bestimmt gleich ein.» Martin machte sich an der Anlage zu schaffen und drückte ein paar Knöpfe, bis die CD esoterische Medita­ tionsklänge erschallen ließ. Klaus bat, das Licht auszu­ schalten, «Es gibt eine Nachtbeleuchtung, der Schalter an der Konsole hinter mir.» Martin schaltete ihn ein und die Deckenbeleuchtung vorn am Eingang aus. Die Nachtschwester trat ein und brachte eine dünne Plasteflasche mit klarer Flüssigkeit, der neue Tropf für die Nacht. Den wechselte sie gegen die fast leere Flasche aus, anschließend werkelte sie am Waschbecken mit Tabletten und einer Spritze. Deren Inhalt wurde in die Kanüle gespritzt, Martin sah die milchig weiße Brühe in dem durchsichtigen dünnen Plasteschlauch Richtung Vene ruckeln. Als sie wieder gegangen war, zündete Martin seinen Joint an und rauchte, unbewusst sinnend. Danach stand er auf und schloss das Fenster, er beugte sich leicht über das Bett von Klaus, um nach ihm zu sehen; er war schon eingeschlafen und atmete ruhig. Martin ging leise zu seinem Bett, zog Hose und Strümpfe aus und streckte sich unter seine Decke., Er musste mit weit geöffnetem Mund gähnen, er war zu geschafft, um noch zu lesen. Martin drehte sich um, zog das Kissen unter dem Kopf zurecht, und bevor er es bemerkte, war er ebenso schnell eingeschlafen wie Klaus.

Martin wurde durch ein Poltern geweckt, er schaute auf

und sah eine Frau im grünen Kittel mit einer Holzstange durchs Zimmer gehn. Noch bevor er realisierte, dass er im Krankenhaus war, dass neben ihm Klaus lag, wusste er, die Putzfrau, und sank zurück ins Kissen. Er brauchte länger, sich an die Situation zu gewöhnen, als wenn er in seinem Wagen, in vertrauter Umgebung aufwachte. Bevor er sich fragen konnte, ob er aufstehn müsse, war das Zimmer schon sauber gewischt und alles wieder ruhig. Martin war gerade noch einmal eingeschlafen, als der Pfleger eintrat, der Praktikant. «Morgen», grüßte er und ging zu Klaus ans Bett, «Gut geschlafen?» Klaus nickte. «Es gibt Frühstück. Und die Medikamente bereite ich dir vor.» Damit ging er noch mal hinaus und kam mit einem Tablett zurück. Er stellte es auf die Ablage des Nacht­ schranks, nahm die Rations-Box mit Pillen, ging damit zum Waschbecken und vollzog das gleiche Ritual wie die Nachtschwester., Als die Tabletten verabreicht waren, fragte Martin, ob er eine Tasse Kaffee von dem Frühstück abhaben könne. Der Praktikant schaute ihn an, sagte aber nichts. Er ging wieder hinaus, kam jedoch kurze Zeit später mit einem Tablett zurück. Martin war überrascht, ein Kaffee und eine Scheibe Brot, daneben ein abgepacktes Plasteschäl­ chen Himbeermarmelade und eine Portion Butter. «Danke», sagte er ein bisschen verlegen. «Das geht aber nicht jeden Tag, ihr müsst euch schon selbst verpflegen», entgegnete der Pfleger griesgrämig. Als er gegangen war, nippte Martin an seinem Kaffee. Wieso hatte der «ihr» gesagt, konnte er ihn nicht als Per­ son ansprechen? Das Frühstück war zwar nett, aber auf eine Art ließ dieser Typ eine Antipathie gegenüber Martin raushängen, oder täuschte er sich? Er schmierte die Brotscheibe und aß sie auf. Satt war er nicht. Nächstes Mal müsste er sich etwas einpacken, auch gestern hatte er nur den Kuchen gegessen. Er trank den Kaffee leer und brachte das Tablett zur Ablage. Bald kam der Pfleger zurück ins Zimmer. Er schaute auf das Tablett, dann sagte er, «Das Bett muss in den Flur zurück!» «Direkt?», fragte Martin halb sich selbst, während der Praktikant sich als Antwort wartend an die Wand lehnte. Er schaute Martin fordernd an. Martin fand die Situation merkwürdig, sich beim Anzie­ hen zusehen zu lassen, stellte sich aber in Unterhose vor ihn und suchte seine restlichen Kleider zusammen, die hatte die Putzfrau auf den Stuhl gelegt. Fast ein bisschen, S/M-mäßig, dachte er dabei, während er seine Jeans an­ zog. Der Praktikant drückte ihm Kissen und Decke in die Arme und zog das Bett nach draußen. Martin packte das Knäuel in den Schrank und setzte sich auf den Stuhl. «Wie ist der nur drauf? Als hätt ich ihm mal auf die Füße getreten», sagte Martin. «Der ist so, mein weißer Engel», sagte Klaus, «Jan kann ganz gut mit ihm, auf die autoritäre.» Martin sah das Frühstückstablett vor Klaus stehen. «Was ist mit dir?», fragte Martin. «Mhhh», sagte Klaus. «Ich meine, ehm, kommt der noch mal, also hilft der dir frühstücken?», konkretisierte Martin seine Frage. Klaus zuckte mit den Schultern. «Oder…», Martin zögerte, der Gedanke befremdete ihn, aber er überwand diesen Skrupel, «also ich kann dir auch, also essen helfen.» Klaus schaute ihn schweigend an. «Schließlich musst du doch Hunger haben», sagte Martin, er überlegte, «immerhin hast du seit gestern Vor­ mittag nichts gegessen.» Klaus sagte, «Ich befürchte, ich krieg nicht viel runter.» «Aber essen musst du, da hilft alles nichts», meinte Mar­ tin und trat unschlüssig an Klaus’ Bett. «Wir probiern mal, ‘ne halbe Scheibe. Wie… wie macht denn der Pfleger das?» Martin setzte sich auf die Bettkan­ te. «Der schmiert das Brot und schneidet’s in kleine Würfel­, chen», sagte Klaus. Martin tat wie beschrieben. «So zuckerwürfelgroß?» Klaus nickte. «Einen Schluck Kaffee zuerst? Der ist extra in dieser Schnabeltasse», fragte Martin und hielt sie schon in der Hand. Er führte sie an Klaus’ Lippen und kippte sie an. Klaus schluckte sichtbar, dabei rann ein dünner gelb­ brauner Milchkaffeefaden von den Lippen übers Kinn. Martin zog die Tasse zurück und stellte sie ab. Klaus’ Mund blieb leicht geöffnet, und noch mehr Kaffee lief hinaus, vom Kinn auf die Brust tropfend. Martin nahm ein Zellstofftuch und tupfte den Kaffee auf, wischte ihn aus dem Gesicht. «Jetzt ein Stück Brot?», fragte Martin, «Kann ich’s mit der Hand nehmen?» Er schaute Klaus an. Weil der nicht verneinte, sondern ihm offen in die Augen schaute, führte er einen Brotwür­ fel, mit Butter und Marmelade bestrichen, an Klaus’ Lip­ pen und schob ihn mit den Fingern sachte zwischen den Zahnreihen hindurch in den Gaumen. Martin sah Klaus’ Zunge daran tasten, dann begann er mahlend zu kauen. Bald erschien das Brot als speicheliger Brei auf seinen Lippen, Martin wischte ihn mit einem Zell­ tuch auf. Einen Teil konnte Klaus herunterschlucken, dann kaute er weiter. «Noch einen?», fragte Martin. Klaus nickte. So gelang es, fünf Stücke in Klaus’ Magen zu bekom­ men, zwischendurch einen zweiten Schluck Kaffee. Dann war es Klaus genug., «Schon satt?», fragte Martin ungläubig. Klaus grinste leicht. «Na gut, als Abschluss Obst. Ein Stück Mandarine, wie wär’s? Die ist schön saftig», sagte Martin. Bevor Klaus widersprechen konnte, hatte er die Frucht aufgepellt und schob ihm ein Stückchen in den Mund. Nachdem er es gekaut und geschluckt hatte, was ihm leichter fiel als beim Brot, gab es ein weiteres. Zwei Ripp­ chen aß Martin selbst. «Genug», sagte Klaus. Martin hielt noch eine gute Hälfte der Mandarine in der Hand und zeigte sie Klaus. Der schüttelte den Kopf und lächelte. «Danke», sagte er. Martin wischte noch einmal mit einem Tuch um Klaus’ Mund, dann meinte er, «Gut. Und was machen wir jetzt? Vielleicht Frühsport?» «Bis zur Visite ist nix zu tun, die ist gegen elf», meinte Klaus. Martin wollte einen Joint rauchen, das war er gewohnt. Er rollte eine Tüte und sagte zu Klaus, «Ich geh mal in diesen Kiosk gucken und was kiffen.» Klaus nickte. Martin ging den Flur runter, er nahm die Treppen, weil der Fahrstuhl blockiert schien, hüpfte die Stufen hinunter und trat ins Freie. Er zündete seine Spezialzigarette an und spazierte um den Gebäudeblock vor zum Tor, neben dem der Kiosk in einem Durchgang hinter großen Glas­ scheiben lag., Er mochte solche Läden nicht besonders, auch Imbiß­ buden vermied er wegen der Stimmung dort, meist hingen alkoholisierte ältere Männer herum und klopften sexistische Sprüche. Aber dazu war es zu früh, nur eine Serviererin war hinter dem Tresen, als Martin eintrat, eine etwas biedere, dicke Frau mit einer Frisur, die aussah wie eine Perücke. Sie beäugte ihren Gast kritisch. Martin frag­ te, wie teuer ein Kaffee sei. «Eins fünfzig», erhielt er zur Antwort. «Kann ich mir gerade noch leisten», sagte er. «Also einen Kaffee?», fragte die Frau nach. Er fand passende Münzen und setzte sich an einen der Tische, es war ein Raum im Krankenhauskomplex, groß­ zügig mit Fensterfronten nach drei Seiten hin verglast. Er konnte die Einfahrt sehen und wer und was alles sich ins Gelände herein- oder hinausbewegte. Angestellte in weißen Kitteln oder Zivil, waren das Besucher?, zu Fuß, per Fahrrad, im Auto, es kamen Krankenwagen, Liefer- Lkws, die orange Straßenreinigung mit einem Müllsam­ melwagen fuhr vorbei. Er schlürfte seinen Kaffee. Dabei dachte er an gestern und die Nacht. Es war gar nicht so anstrengend. Er hatte befürchtet, dass er sich durch die Krankenhausatmo­ sphäre unwohl fühlte und damit Klaus ansteckte, oder der umgekehrt, wenn er angenervt war, das an ihm ausließe. Aber Martin war entspannt, ebenso schien Klaus gelöst und unverkrampft. Klaus klagte auch nicht über Schmerzen, schlief viel und wirkte manchmal verklärt oder wie abwesend, als sei er in einer Traumwelt. Dabei lag auf seinem Gesicht, weniger, um Lippen oder Mund, der Ausdruck eines untergründi­ gen Lächelns. Martin dachte, er selbst habe sogar gut gepennt, warm, weich und tief, außerdem schlief auch er nicht gern allein. Zudem kam es Martin, anders wohl als Klaus, ein biss­ chen wie eine Unternehmung vor, fast eine Action, er dachte an ihre gemeinsame Urlaubsfahrt nach Frankreich, mit dem Besuch bei Klaus’ Mutter. Vieles war zu zweit einfacher, erträglicher, machte sogar Spaß oder entwickelte eine gewisse Situationskomik, und da waren Klaus und Martin auf der gleichen Wellenlänge. Er trank seinen Kaffee und rauchte eine Tabakzigarette dazu. Anschließend ging er zurück. Auf dem Gang stand der überdimensionale Teewagen mit den orange gepunk­ teten Kannen und ihren beschrifteten Pflasteraufklebern, «Tee» und «Nur Früchtetee!». Daneben stand ein Karton mit kleinen bunt bedruckten Tetrapaks, Martin hatte Björn gestern eins trinken sehn. Er nahm eine Packung heraus, es war mit Milcheiweißzusatz und Fruchtgeschmack, klinisch erprobt, Erdbeer, Schoko, Banane, die mochte er seit Schülermilchzeiten nicht, und Vanille. Die drei Sorten wollte er probieren, es war laut Auf­ schrift nahrhaft und deckte den täglichen Vitaminbedarf. Prompt sah ihn der Praktikant, wie er mit den drei Packs in den Händen unauffällig an der Sichtscheibe vorüber­ eilte. Ausgerechnet, dachte er, aber von etwas musste er auch leben. Als er wieder im Zimmer war, probierte er gleich Vanil­, le, es schmeckte leicht chemisch, aber ganz okay. Martin schaute sich um. Dann füllte er die Vase mit Wasser auf und zupfte zwei vertrocknete Blumen heraus. Danach las er in seinem Buch. Es war eine Taschen­ buchausgabe der Grimm’schen Hausmärchen, zweiter Band. Er fragte, ob er Klaus vorlesen solle. Der lehnte ab, er döse lieber, vielleicht schlafe er noch mal vor der Visite. Aber nicht lange, und der Praktikant kam herein und kündigte den Ärzterundgang an. Martin wusste erst nicht, dass das ihm galt, Klaus erklärte, «Du musst draußen warten, tut mir leid, ist nicht meine Entscheidung.» «Klar», meinte Martin, «wie lange dauert das denn?» «Viertelstunde ungefähr», sagte Klaus. «Ideale Jointpause», verabschiedete er sich, zog die Jacke über und versenkte Erdbeer in einer Tasche. In der Tür kam ihm der weiße Pulk entgegen, Oberarzt, Unterarzt, Schriftführer, die Schwestern, ungefähr zehn Personen, und drängte in das Zimmer.

Martin ging in den Park. Er setzte sich auf eine der Bänke

und nahm den Drink, eine kleine Pappebox mit einem fünftel Liter Inhalt. An der Seite war diagonal ein weißer Strohalm angeklebt, der mit seiner angespitzten Seite in ein vorgezeichnetes Loch gesteckt werden konnte. Als er sie leer gesaugt hatte, warf er die Verpackung in einen eisengitternen Müllbehälter neben der Bank. «Per­, fekt», dachte er, «total perfekt alles.» Die Sonne blinzelte mal mehr, mal weniger durch duns­ tige Wolken hindurch. Als Martin seinen Tabak aus der Hosentasche kramte, lenkte ihn etwas ab, das er flüchtig wie im Augenwinkel wahrnahm, er schaute zum Beton­ becken des leeren Springbrunnens. Dort sah er einen grauen Fleck sich im Gras bewegen, dann erkannte Martin eine Ratte auf den Brunnenrand krabbeln und den Kreis entlanglaufen. Plötzlich hielt sie inne, hatte sie ihn gewittert? Sie drehte sich um, schaute Martin aus funkelnden Augen an, sie schnupperte in seine Richtung, dann kam sie auf gleichem Weg ein Stück zurück. Nach ein, zwei Metern huschte sie wieder ins Gras, in dem ihre Konturen schnell ver­ schwammen. Es war nur mehr das Wackeln der Halme zu sehen, zwischen denen sie sich hindurchschlängelte, bevor sie in einem Rascheln unter den Büschen verschwand. Martin begann seinen Joint zu drehen. In der Tasche, in der er sein Haschisch aufbewahrte, fühlte er einen Papierzettel. Den hatte er heute Morgen auf dem Boden liegen sehen, ihn eingesteckt und dann vergessen. Er bröselte fertig, zündete seinen Joint an, dann faltete er das Blatt auseinander und las. Daraus wird geschlossen, dass derartige Unflätereien am meisten außerhalb der hohen Natur der Engel verübt werden, da sie auch unter den menschlichen Handlungen für die niedrig­ sten und scheußlichsten erachtet werden, an sich getrachtet, nicht unter dem Gesichtspunkte der Pflicht der Natur und der, Fortpflanzung. Endlich, da einige (der Engel) aus einer wie immer gearteten Ordnung gefallen sind, wie man glaubt, so ist es nicht unpas­ send, zu behaupten, dass diejenigen Dämonen, die aus der letz­ ten Schar gefallen, und wiederum die, welche die Letzten darin sind, von den anderen zu solchen Unflätereien geschickt werden und darauf versessen sind. Auch das ist sehr wohl zu bemerken, dass, wenn auch die Schrift von Incubae und Succubae berichtet, man doch unter den unnatürlichen Lastern, was für welche es seien, nicht nur zu reden von der Sodomiterei, sondern auch jedem anderen Laster (des Coitus) außerhalb des gebotenen Gefäßes, nirgends liest, dass sie sich zu Incubi und Succubi gemacht hätten. Darin zeigt sich die Furchtbarkeit jener Sünden am deutlichs­ ten, da ohne Unterschied alle Dämonen, jeder Ordnung, vor ihrer Ausführung zurückschaudern und sie für scheußlich halten. Dies scheint auch die Glosse zu Hesekiel 19 zu bedeuten, wo es heißt: «Ich werde dich geben in die Hand der Palästiner, d. h. der Dämonen, die sogar erröten über dein Schandleben», worunter sie Laster gegen die Natur versteht. Und wer Augen hat, der sieht, dass man betreffs der Dämonen die Autorität (der Bibel) anerkennen muss. Denn keine Sünde hat Gott so häufig durch plötzlichen Tod an vielen gerächt (als diese). Es sagen auch einige, und es wird wirklich geglaubt, dass kei­ ner, der diesem Laster ergeben ist, nachdem er die Zeit des sterb­ lichen Lebens Christi, die sich auf 33 Jahre beläuft, in diesem Schandleben beharrend überschritten hat, erlöst werden kann, außer durch besondere Gnade des Erlösers. Das erhellt daraus, dass man oft unter Achtzigjährigen und Hundertjährigen welche in diesem Laster verstrickt findet, die die Lebenszeit, Christi, weil sie eine Zucht sittlichen Lebens war, verachten und kaum jemals ohne die größte Schwierigkeit sich dieses Ver­ brechens enthalten werden. Dass aber auch eine Ordnung unter ihnen bestehe auch in Bezug auf die äußeren Pflichten in Hinsicht auf die Anfechtun­ gen, das zeigen ihre Namen. Denn mag auch ein und derselbe Name, nämlich Diabolus, vielfach in der Schrift ausgedrückt werden, und zwar wegen ihrer verschiedenen Eigenschaften, so wird doch in der Schrift überliefert, dass diesen unsauberen Taten einer vorstehe, wie auch bei bestimmten andern Lastern. Der eigentliche Dämon aber der Hurerei und der Fürst jener Unfläterei heißt Asmodeus, was verdolmetscht wird mit «Brin­ ger des Gerichts», weil wegen eines derartigen Lasters ein furchtbares Gericht erging über Sodom und noch vier andere Städte. Was war denn das? Ohne richtig verstanden zu haben, ärgerte er sich. Er zerknüllte das Blatt und warf es in den Mülleimer. Dann dachte er, zuerst Klaus fragen zu müs­ sen, ob ihm der Text wichtig sei. Er nahm ihn wieder heraus, strich das Papier einigermaßen glatt und steckte es zurück in die Tasche. Klaus schlief, als er ins Zimmer kam. Er wollte ihn nicht wecken und setzte sich an den Tisch. Er las ein paar Seiten in seinem Buch., «Was sagen die Ärzte?», fragte er Klaus. «Der Toxoplasmoseverdacht ist endgültig hinfällig», sagte Klaus. «Du hast ja auch Medikamente dagegen gekriegt», mein­ te Martin. «Nee, die ist ja nicht heilbar, aber sie haben einen neuen Verdacht. Es heißt PML und hat was mit den Hirn- und Nervenzellen zu tun. Ich soll künstlich ernährt werden, sie legen mir ‘ne Magensonde. Hast ja gesehn, ich kann gar nichts mehr schlucken. Übermorgen soll ich operiert werden.» Martin schluckte unmerklich. Obwohl er sah, wie es um Klaus stand, war er doch jedes Mal neu überrascht, wenn ihm bewusst wurde, wie fortgeschritten die Krankheit schon war. Zum Glück litt Klaus am wenigsten, er war weder depressiv noch wehleidig. «Meine Mutter kommt nächstes Wochenende», erzählte Klaus später, «sie soll bei Daniel und Björn wohnen. Die ist schon alt, kennst sie ja. Da muss ich fit sein. – Martin», ergänzte er, «ich will nicht, dass sie hier bei mir schläft oder mehrere Tage hier bleibt.» «Versprochen», sagte Martin zuversichtlich, «ich sag ihr, sonst muss sie das Gästebett mit mir teilen.» Das sollte ein Scherz werden, der aber nur halb gelungen wirkte. Klaus reagierte in seiner Art, «Vorsicht, die macht das!» Jetzt mussten beide lachen. Gegen Mittag rief Daniel an. Das Telefon klingelte, Klaus konnte den Hörer mit zittri­, ger Hand ans Ohr führen und meldete sich, «Hallo?» Nach einer Pause meinte er, «Macht nichts. Ist gut. Tschau», und legte auf. Dann sagte er, «Daniel kommt heut nicht. Er muss Spät­ schicht machen, ein Kollege ist krank geworden.» «Der sollte mich eigentlich ablösen», meinte Martin. «Egal», sagte Klaus. «Mhh», grübelte Martin, «Morgen kommt Björn?» «Ich glaub ja», meinte Klaus. «Dann bleib ich solange, wenn’s okay ist», sagte Martin. Er sah an Klaus’ Augen, dass der sich freute. Morgens weckte die beiden wieder die Putzfrau, die durchs Zimmer wirbelte. Martin schaute verschlafen zu Klaus. «Moin», murmelte er. «Gut geschlafen?», fragte Klaus. Martin nickte, dann streckte er sich wieder unter der Decke aus. Er kannte nun schon den Krankenhausrhyth­ mus. Noch vor der Ärztevisite kam Björn. Er war etwas gehetzt und überrascht, Martin anzutref­ fen. «Dann hätt ich mich gar nicht so beeilen brauchen», meinte er und setzte sich auf den Stuhl. Er hatte eine große Sporttasche bei, die öffnete er jetzt. «Ich war schon in deiner Wohnung, Post holen.» Er zog einen ganzen Stapel hervor und legte ihn auf den Tisch., «Wäsche, ein paar Bücher, CDs», zählte Björn weiter auf, «wir können’s später wegpacken.» Martin fragte, ob Björn über Nacht bleiben würde. Er bejahte, «Und morgen ist Daniel hier. Er hat einen Tag frei bekommen, wegen dem Schichtwechsel gestern.» «Ich könnte dann übermorgen noch mal», sagte Martin. «Das ist gut», entgegnete Björn, «am Wochenende kommt ja auch deine Mutter.» Er drehte sich heim Sprechen halb zu Klaus um. Der schaute nur grinsend. Martin verabschiedete sich, er wollte los. Immerhin hatte er fast achtundvierzig Stunden hier verbracht. «Gut», sagte er, «ich geh mal. Wir sehn uns übermor­ gen.» Klaus lachte ihn an. «Danke», sagte er. «Bis dann», verabschiedete sich auch Björn von Martin, dann ging er hinaus auf den Flur, aus dem Gebäude, vom Gelände.

Je weiter er sich vom Krankenhaus wegbewegte, desto

leichter fühlte er sich, das AVK kam ihm vor wie eine Glocke, unter der alles leise, gedämpft, gefiltert vor sich ging, seltsam freundlich technizistisch. Laut lachen galt dort als ebenso peinlich wie geäußerte Trauer, alle taten so cool, als stünden sie am Eingang zu einem Darkroom, dachte er., Die S-Bahn fuhr ihn durch die mittägliche Stadt, er stellte oder setzte sich jeweils in den Sonnenschein, der hinter den Glasscheiben noch intensiver wirkte, und dachte an gar nichts. Sein Hirn kam ihm vor wie ein schwarzer Ballon, zum Platzen angefüllt, aber ohne dass ein Gedanke nach außen drang. Er nahm die Menschen, die Stadt und ihren Alltag nur wie durch einen Schleier wahr, eine transparente Welt, auf die der Tod seine schwarz strahlen­ den Schatten warf. Er war erleichtert, als das Rolltor in seiner Hand klap­ perte und er auf dem Wagenplatz ankam. Der war für ihn wie eine Insel, sein Schutzraum, wo er, ohne sich zusam­ menzunehmen, er selbst sein konnte. Er fühlte sich erschöpft. Er heizte seinen Ofen und über­ legte, ob er eine Runde schlafen wolle, aber es war heller Mittag. Stattdessen nahm er seinen letzten LSD-Trip, kochte einen Tee und setzte sich mit einer Wolldecke ans Spreeufer, wo er einen besonders dicken Joint mit langem Filter genoss. Bald fühlte er ein leichtes Zittern durch seinen Körper ziehen. Die Helligkeit um ihn herum schien zuzunehmen und blendete ihn. Er schlürfte an der dampfenden Teetas­ se. Wie er in den wolkenlos blauen Himmel schaute, ging ihm eine Szene durch den Sinn. Er sah Klaus neben sich sitzen, es war während einer Autofahrt, und durch die Frontscheibe blendete die Sonne. Sie fuhren stundenlang schweigend Richtung Meer. Martin erinnerte sich, er wollte etwas fragen, und schaute, halb zur Seite. Da begann Klaus, an einem Pickel zu krat­ zen, mit dem Zeigefinger, die Haut am Kinn war schorfig und trocken. Martin schaute wieder nach vorn auf die Straße, er musste sich konzentrieren, hatte aber Klaus im Blickfeld, der die nächste Stunde, oder zwei, neben ihm saß und sich schweigend an der Stelle kratzte. Klaus hatte auch immer abgekaute Fingernägel. Sie waren bei ihm bis ganz ins Nagelbett zurückgebissen, das sich rötlich entzündet darunter zur Fingerkuppe wölbte. Erst jetzt im Krankenhaus wuchsen sie nach, war Martin aufgefallen. Diese Nervosität hing zusammen mit Klaus’ Speedkon­ sum. Die Autofahrt hatte sie zu einem Techno-Festival ans Mittelmeer gebracht. Spät in der Nacht waren sie angekommen, parkten das Auto im Dunkeln und stolperten durch weichen Sand. Zwischen zwei Lkws hindurch flackerte Licht und stampf­ te Techno-Beat ihnen entgegen. Dann standen sie inmitten ravender Aliens unter blinkenden Spots, die in Rot, Blau, Orange, in Ultraviolett, Grün und Pink aufleuchteten. An einem skurrilen Metallgestänge aufgespannte, neonfarben bemalte Tücher bildeten über ihnen ein Halbzelt. Techno-Freaks hatten eine Neigung zu Science-Fiction- Bildern, Ufos und kosmischen Paralleluniversen. In der Tat fühlte sich Martin wie auf einem anderen Planeten oder einer Gegenwelt, weggebeamt aus der grauen Berli­ ner Realität in eine elektrisch animierte Traumvision, die Highsein, Jugend und Spacemusik feierte., Als es hell wurde, suchten sie ihr Auto. Es stand keine zehn Meter vom Meer entfernt. Es war wohl gerade Flut. Das Tageslicht entzauberte ein wenig die magische Illu­ sion der nächtlichen Eindrücke, die Leute sahen verkatert drein, mit schwarzen Augenringen oder bleich und verquollen, Trägheit der Bewegungen hatte den Tanz, die schwebend-fließende Ästhetik rhythmusdurchfluteter Körper abgelöst. Die Musik selbst schien Martin nüchter­ ner und trockener durch die Luft zu schallen. Sie fanden einen Stand, an dem schwarzer Kaffee und frisch gebackene Crepes angeboten wurden, mit Honig oder Kirschmarmelade bestrichen und zu einer Art Drei­ eckstüte gefaltet. Dazu nahmen sie Martins restliches LSD. Klaus wollte später Nachschub besorgen. Sie bummelten über den Platz. Rundum standen Autos teils mit Zelten daneben, die Mitte wirkte ein bisschen wie Bauwagenplatz, die Stände und Sound-Systems waren um die Wohn-Lkws wie herausgefaltet. Martin dachte an Zir­ kus oder eine mittelalterliche Zeltstadt. Mittags wollte Klaus ein paar Sachen verkaufen, die er aus seinem Head-Shop in einem Koffer mitgebracht hatte. Er breitete eine Wolldecke aus, drapierte darauf Pfeifen, Räucherstäbchen, Kräuterteepackungen und verschiedene Zigarettenpapiersorten auf einer Wolldecke. Sie selbst setzten sich dahinter und schauten nach Kunden aus. Schräg gegenüber war ihr Frühstücksstand. Musik weh­ te zu ihnen, und ein paar Leute saßen oder lagen wie schlafend in der Sonne. Bald kam einer der Typen zu ihnen herüber und schaute, was sie feilboten., Er fragte nach Haschisch, aber sie hatten nur ihren Eigenbedarf. Der Typ sprach spanisch, er hatte dichte schwarze Locken, trug auch ein schwarzes Shirt und schwarze Hosen, dazu Springerstiefel. Er war sehr nett, und sie unterhielten sich eine Weile, ohne ein Wort zu verstehen. Der Typ zog eine Plastikfolie aus der Tasche, zupfte sie flach und zeigte sie den beiden. Darauf war ein schwarz schillernder öliger Belag wie ein dünner Film. Es sah aus wie konzentriertes Hanfharz. Zweimal zehn Finger an Francs, und die Folie gehörte ihnen. Sie kratzten den Belag etwas unprofessionell mit einem Messer vom Polyäthylenträger ab und schmierten es in den Tabak einer Jointzigarette. Es schmeckte bitterer als Haschisch, sie vermuteten am ehesten selbst gepressten Mohnsaft. So war auch die Wirkung, die für Martin mit einer körperlichen Reinigung einsetzte, sein Magen ent­ leerte sich in einem Schwall, fast ohne Ankündigung oder dass ihm schlecht gewesen wäre, die halb verdauten Crêpes und der Kaffee sickerten in den Sand. Er scharrte die Stelle zu und fühlte sich frisch und high, nach einem Schluck Cola war selbst der belegte Geschmack im Mund verschwunden. Martin spürte noch einmal den Sand, das Mittelmeer und wie sie den Nachmittag auf einem orientalisch gemusterten Teppich durchflogen, ganz ohne räumliche Bewegung. Trotzdem hatte er das Rauschen des durch­ brausten Nirwana gehört, das wie ein elektromagnetischer Sturm oder galaktische Sternschnuppenschauer um seine Ohren pfiff., Als sie wieder landeten, waren in der irdischen Sphäre mehrere Stunden vergangen. Martin fühlte sich schwitzig und wollte im Meer baden, Klaus blieb bei seinem Kofferlädchen. Das Wasser war nicht kühl, eher pisswarm, trotzdem wirkte es quirlig und erfrischend. Er flirtete ein wenig mit einem Typen ein paar Meter weiter, der war aber mit einer Freundin da, und sie tauschten nur ein paar kurze scheue Blicke. Als die Sonne immer längere Schatten warf und sich zum Horizont senkte, wachten mit der weichenden Hitze die Techno-Grufties aus ihrem Chill-out auf und belebten langsam erneut das Gelände. Einzelne tanzten vor der Kulisse des Sonnenuntergangs oder saßen herum und be­ gannen, sich kopfwippend auf die Nacht einzuschwingen. In kleinen Grüppchen kreisten Joints oder wurden Dös­ chen mit Ecstasy herumgereicht, auch Klaus drehte ihnen beiden eine Opiumtüte, diesmal behielt Martin sein Essen, er begann sich schon zu gewöhnen. Mit zunehmender Dämmerung leuchteten, flackerten stroboskopten Lampen, Spots und Röhren in allen Farben zum Rhythmus der Musik. Die lief zwar für eine Woche durchgehend Tag und Nacht, legte aber an Intensität und Innovation gegen Abend zu, um die Party anzuheizen, ausgewechselte DJs werkelten hinter Mischpults, drehten versonnen an Knöpfen oder schoben mit ihren Fingern sachte Schieberegler hin und her. Nach und nach lud sich die Atmosphäre wie elektrisch auf, die Luft war gesättigt von Licht und Klängen, von, Vibrationen, die sich auf die Menschen übertrugen. So schwebten sie durch die Nacht, umwogt von einer Menge unter den Sternen dahintanzender Ausgeflippter. Den ganzen nächsten Tag schliefen sie im Sand neben ihrem Auto. Nachts fuhren sie zurück. Gegen zehn Uhr morgens bogen sie von der Autobahn ab und fuhren zwischen Getreide- und Sonnenblumen­ feldern hindurch nach Unterroth. Klaus hatte seiner Mut­ ter versprochen, sie zu besuchen. Das Dorf zog sich beiderseits der kurvigen Straße hin, links war eine Bierkneipe, rechts auf einem kleinen Hügel die geduckte, gelb gestrichene Kirche, es gab ein restauriertes Fachwerkhaus, daneben eins mit graublauen Asbestschindeln, dem so genannten Eternit, verkleidet. Engelstrompetenkübel und rote Geranien standen vor Türen und Fenstern. Beim Dorfausgang, an der Mauer des Friedhofs entlang, führte die Straße am Neubaugebiet vorbei, sie bogen in eine der Seitenstraßen. Auf den Schil­ dern Vogelnamen, Lerchenweg, Finkensteig, Schwalben­ platz. In der Spechtstraße lag das Einfamilienhaus. Die Mutter öffnete freudig überrascht und gleichzeitig mit besorgtem Tonfall, «Das ist ja schön, wo kommt ihr denn her?» Martin fühlte sich auf Anhieb unwohl, aber bei Kaffee und Brötchen auf der Terrasse ließ es sich aushalten. Klaus hatte klar gemacht, sie könnten nur ein, zwei Stunden bleiben, dann müssten sie weiter nach Berlin., Daran hielten sie sich, und seitdem hatte Klaus seine Mutter nicht mehr besucht, überhaupt war es Klaus’ letzter Urlaub gewesen. Auch Martin war seitdem nicht mehr aus Berlin rausgekommen. Martin fühlte sich wie gerade gelandet, die Erinnerung war lebhaft wie ein Tagtraum gewesen. Er schaute sich um. Die Sonne war auf ihrem schrägen Bogen über die alte Fabrik gewandert, hinter der sie untergehen würde. Hier war es kühl, der Tee ausgetrunken. Martin stand auf, etwas schwankend zuerst, ging zurück zu seinem Wagen, legte Kohlen nach, machte die Kerze an und kochte eine zweite Tasse Tee, später legte er sich aufs Bett und surfte durch verschiedenste Regionen seiner Phantasie, bis sein Geist ganz in den Bereich nächtlicher Schlafträume hinüberglitt.

Tags darauf traf er Frank.

Martin war gerade vom Küchenwagen, wo er nach Essensvorräten geschaut hatte, auf dem Weg zurück zu seinem Wagen, als das Rolltor klapperte und Frank sein Fahrrad durch den Eingang schob. Seine Holzkiste auf dem Gepäckträger war voll mit Gemüse, er kam wohl vom Containern. «Gut, dass ich dich treffe», begrüßte ihn Frank. «Ich war in meiner Wohnung.» Frank hatte sie, obwohl er nur hier wohnte, zur Sicherheit beibehalten. «Da war Post, also auch für dich, kommst du kurz rein, ich zeig’s dir.» Er lehnte sein Rad an die Wagenwand neben der Metall­ treppe und nahm die Holzkiste. Martin ging vor und hielt, die Tür auf, Frank stellte das Gemüse rüber in den Küchenraum, dann setzten sie sich zusammen auf das Sofa. Martin war neugierig und schaute Frank fragend von der Seite an. Der begann weitschweifig zu erklären, während er einen Briefbogen aus der Jackeninnentasche zog und auf den Tisch legte. «Der kommt aus der Psychiatrie und ist von Peer, kennst du den auch?», leitete Frank ein. Martin war verdutzt, dasselbe könnte er als Gegenfrage stellen, und antwortete, «Na ja, em, der hat mich paar Mal besucht. Und du?» «So ähnlich. Er hat auch ab und zu in meiner Wohnung übernachtet, daher hat er die Adresse, schätz ich. Er schreibt auch ausdrücklich von dir, wir sollen ihn besu­ chen kommen. Lies ruhig.» Martin nahm den Brief in die Hand und überflog den Text. Peer schrieb, er sei in U-Haft, er hätte sich gegen eine Personalkontrolle gewehrt, am Eingang zur East-Side, Widerstand gegen die Staatsgewalt, einen Polizisten ge­ schlagen. Er bat, ihn unbedingt zu besuchen, sonst kenne er nie­ manden. Nur der Satz «Sag bitte auch Martin, er soll mal kommen, und gib ihm den Brief zu lesen» war direkt für ihn. Ansonsten schrieb er seine genaue Adresse auf und dass vorher eine Besuchserlaubnis bei der Justizbehörde in Moabit beantragt werden müsse. Er schloss mit einem, «Bis dann? – Peer», daneben hatte er einen traurigen Smi­ ley gemalt, die Augen kleine Querkreuze, die Mund­ winkel nach unten gezogen. Martin legte den Bogen zurück auf den Tisch, starrte aber weiter darauf. «Wieso Psychiatrie eigentlich? Und warum…», Martin wusste selbst nicht, was er fragen wollte, er war von dem Briefinhalt wie überfahren. Frank war gefasster, er hatte den Brief heute Morgen schon gelesen. «Das ist jetzt öfter, dass sie vor der East-Side Leute ab­ greifen», sagte er, «die stehn entweder an der Mauer, hier vorn am Bahnhof, oder hinten an der kleinen Tür, gegen­ über der BP. Ich hab gleich in Moabit angerufen, die wollen einen schriftlichen Antrag mit Meldeadresse, form­ los genügt. Dann schicken sie die Bestätigung zurück, ein bis zwei Wochen. Ich fahr aber später mit dem Fahrrad hin und geb das persönlich ab, vielleicht geht’s ja schnel­ ler.» «Du denkst so wunderbar praktisch», meinte Martin.« «Soll ich für dich gleich mit einen Antrag stellen?», frag­ te Frank. «Das wär total nett», sagte Martin, «ich bin grade, also ich komm von Klaus und fahr auch gleich wieder hin womöglich übers Wochenende, ich weiß auch noch gar nicht genau, ob ich Zeit hab, die nächste Zeit. Aber so eine Erlaubnis war schon gut, dann könnt ich spontan hin.» «Schau mal!», sagte Frank und zeigte zwei weitere Brief­ bögen vor, «Hab ich im Computer von meinem Bekannten, gemacht, Duplikate.» Martin nahm sie in die Hand und las. «Alles vorbereitet», sagte Frank, «ich hab extra einen Durchschlag für dich. Unterschreiben Sie hier!» Er zeigte mit dem Finger auf das Papier. «Stift?», fragte Martin. Frank guckte, es lag keiner herum. «Muss ich suchen, einen Moment.» Er stand auf und kramte auf einem Wandbord, dort fand er einen Kugel­ schreiber. «Du bist ein Schatz, ein Goldstück», sagte Martin, «dan­ ke.» Er unterschrieb den Antrag für die Besuchserlaubnis. Frank glaubte, er bräuchte vielleicht Martins Personal­ ausweis, «sicherheitshalber». Er faltete die Papiere wieder zusammen und steckte sie ein, dann stand er auf, sie gingen zu Martin. Frank fragte, wie es Klaus gehe. «Was soll ich sagen?», meinte Martin. «Zunehmend schlechter. Also er wird jetzt auch künstlich ernährt, auf dem Kanal drüben kann er wohl nicht mehr wohnen.» Martin suchte auf seinem Wandregal, dann gab er Frank den Ausweis. «Wenn ich nicht da bin, leg’s mir einfach auf den Tisch», sagte er. «Gut», antwortete Frank und steckte den Pass ein, «ich fahr los. Bist du am Abend in der Rattenbar?» «Ach, ist die heute? Eher nicht», sagte Martin., «Viele Grüße an Klaus», gab ihm Frank mit. «Mach ich. Tschau», sagte Martin. «Tschau», verabschie­ dete sich Frank und ging zurück zu seinem Wagen. Als Martin bei Klaus ankam, fand er den bei guter Laune. Vielleicht war es der sonnige Nachmittag, der hinter den halb heruntergelassenen Metall-Lamellen der Außenjalou­ sie durch das Fenster hereinlugte. Bildete Martin sich das ein, oder sah Klaus im Gesicht nicht ganz so eingefallen aus, so hautig bleich wie letztes Mal? Daniel war schon gegangen, erzählte Klaus. Martin hatte gerade seine Jacke ausgezogen, über die Stuhllehne gehängt und sich hingesetzt, als Klaus ihn bat, «Machst du die Musik an?» Sie hörten Technounterlegte Gesänge von australischen Aborigines. Martin rauchte einen Joint, um sich einzustim­ men. Klaus berichtete von der gestrigen OP, die sei ohne Komplikationen verlaufen. Er nähme nun jeden Tag einen Plastebeutel voll breiig gelber Fertignahrung zu sich, «Astronautennahrung», ergänzte er grinsend. Wie zur Bestätigung brummte das entsprechende Gerät auf dem Beistelltisch kurz auf, gleichzeitig rotierte eine handtellergroße Scheibe an dessen Außengehäuse um eine halbe Drehung. Martin schaute sich den Apparat genauer an. Ein Plasteschlauch wand sich unter die Bettdecke später sah Martin, er endete unter einem großen weißen Pflaster auf Klaus’ Bauch. Die brummende Bewegung der Scheibe erfolgte etwa alle zwanzig Minuten, es war eine Art Pumpbewegung, mit der der Brei durch den Schlauch, zum Magen befördert wurde. Klaus erzählte noch von Björn und den Vorbereitungen auf den Besuch seiner Mutter. Sie würde morgen Abend mit dem ICE am Bahnhof Zoo eintreffen. «Oje», meinte Martin. «Geht schon», sagte Klaus, «sie haben sogar Erken­ nungszeichen besprochen, Jackenfarbe oder so was. Sams­ tag kommt sie her, Sonntagmorgen geht der Zug zurück. Die wollte sich eine Woche lang in ein Hotel einquartie­ ren, aber stell dir die allein in der U-Bahn vor, selbst mit dem Taxi, ist schon besser so. Zum Glück kümmern sich Daniel und Björn um alles. Ich weiß gar nicht, warum die das alles für mich tun.» Martin dachte einen Moment nach, dann sagte er vage, «Na ja, es sind gute Freunde von dir.» Nach einer Pause meinte Klaus, der Arzt habe gemeint, er werde jetzt auf die Medikamente eingestellt, die Lungenentzündung sei ausgeheilt, in ein, zwei Wochen brauchte er nicht mehr stationär behandelt zu werden. «Björn hat noch mal vorgeschlagen, ich könnte rehamä­ ßig bei ihnen wohnen, vielleicht mit einer Pflegekraft von der Aids-Hilfe als Unterstützung», fügte er hinzu, «aber dann könnte ich auch zurück in meine eigene Wohnung. Den Bauwagen werd ich erst mal aufgeben. Ich hab von diesem Hospiz in der Reichenberger Straße gehört, das ist jetzt bezugsfertig. Heut Morgen war eine Beamtin vom Sozialamt hier. Fürsorglich, wa?, die hat sogar ein Büro unten im Keller, Außenstelle Sterbestation, ‘ne ganz jung­ sche, grad mal verbeamtet und voll engagiert, die will das, mal kontaktieren und sich um die Anträge und so was kümmern.» Das alles klang nach Veränderungen. «Hospiz…», meinte Martin, «Heißt das, ehm, die können hier nichts mehr tun?» «Scheint, die haben mich aufgegeben. Aber das ZiK nennt sich offiziell Überlebenshaus, Zuhause im Kiez. Wenn das klappen würde, war gut. Daniel und Björn vier­ undzwanzig Stunden am Tag auf die Nerven zu fallen, das würde die überfordern, das kann ich nicht machen. Die haben ein Recht auf ihr Privatleben.» Martin grinste. «Na ja, eine Zeit lang geht es, sich einzu­ schränken», meinte er. Klaus sagte, «Wer weiß, wie lange das noch dauert mit mir.» Martin war etwas überrascht von der Aussage, noch während er sprach, überlegte er, die Frage zurückzu­ nehmen, «Glaubst du, dass du bald sterben könntest?» «Schade, nicht?», antwortete Klaus. Sie schwiegen. «Vielleicht solltest du dich mit LSD vorbereiten», sagte Martin, «ich müsste sowieso welches besorgen, schaden kann’s nicht.» Er bemerkte, das Wort von Klaus unterbe­ wusst wiederholt zu haben. Martin wusste, Klaus kannte die Arbeiten und Forschun­ gen zur Sterbebegleitung und Schmerztherapie mittels LSD aus der einschlägigen Drogenliteratur, die er auch in seinem Head-Shop vertrieben hatte. «Ich hab welches da», grinste Klaus, «guck mal in mei­, nem orangen Rucksack im Schrank.» Martin holte ihn hervor und legte ihn auf Klaus’ Bettdecke. «Vorn in der Tasche ist ein Notizbuch, nimm das mal raus. Im Umschlaginneren müssten die Papers stecken.» Martin öffnete den Reißverschluss, blätterte das Büchel­ chen auf und hielt bald ein unregelmäßig gerissenes Stück Papier in der Hand, auf das nebeneinander immer der gleiche Comic gedruckt war, Miraculix, der Druide aus einer bekannten Reihe französischer Bildgeschichten, vor gelbem Hintergrund mit einer Schöpfkelle in einem unter­ feuerten Zaubertrankkessel rührend, aus dessen wirbeln­ dem Dampf blaue, rote und weiße Sternchen wie fünf­ zackige Funken dem Druiden um den Kopf stoben. Ein Bild bestand aus zwei mal vier perforierten Pappen, insge­ samt mehr als zwanzig Stück, schätzte Martin. «Willst du eins nehmen?», wollte Martin wissen. «Sollen wir’s durch die Nahrungspumpe jagen oder durch den Tropf direkt in die Vene, als LSD-Junkie – nee, lass mal», sagte er grinsend. «Das zergeht auf der Zunge, also du nimmst das über die Spucke auf, das braucht gar nicht über den Magen verdaut werden», meinte Martin. «Ich spür keine Drogen mehr», sagte Klaus, «nimm du das für mich.» Das ließ er sich nicht zweimal sagen, noch bevor er nach­ denken konnte, wie das von Klaus gemeint war, hatte er eins der Papers abgerissen und auf seine Zungenspitze gelegt. Dann packte er die restlichen zurück ins Notizbuch und steckte das gerade in die Rucksacktasche, als der Pfle­ ger hereinkam – wer anders als der Praktikant., Hat der immer Dienst, wenn ich hier bin?, fragte sich Martin und deponierte den Rucksack wieder in der Schrankwand. Es war schon gegen Abend, der Tropf wurde gewechselt, die Medikamente in die Venenkanüle gespritzt, das Essen war noch nicht so weit. Der Praktikant erklärte Martin, wenn das Gerät orange zu blinken anfinge und piepse wie ein Telefon, solle er ihn rufen. «Wie ein Telefon?», fragte Martin nach. «So ein Piepton wie die Notfallsignale, aber im Rhyth­ mus wie beim Telefon, mit den Pausen», erklärte der ihm in genervtem Tonfall, wie belehrend. «Okay», meinte Martin, «und steht das Bett im Gang draußen?» «Reinholen wirst du’s dir selbst können», gab ihm der Pfleger zur Antwort. Das war nun eindeutig schnippisch und unfreundlich. Martin dachte, du arrogante Schwuch­ tel, er sagte es zwar nicht, aber es lag in seinem Blick, den der Praktikant auffing. Der friemelte an dem Apparat herum, legte den einen Kippschalter um und schaltete ihn wieder zurück, tippte an den Regelknopf und ging schweigend hinaus. Martin suchte eine neue CD aus und spielte Musik, er rauchte einen Joint am gekippten Fenster, um sich zu beruhigen. Klaus sagte zwischendurch, «Der meint das nicht so, das ist verkorkste Liebe.» «Ob ich mich darauf einlassen will?», stöhnte Martin grinsend., Nach dem Joint wollte er sein Bett reinrollen, er ging auf den Flur und sah den Teewagen. Kurz entschlossen nahm er dort drei neue Eiweiß-Getränke-Packs (was war eigent­ lich der Unterschied zu Normalmilch?), warf sie auf die Matratze und schob das Metallgestell auf den Gummirä­ dern ins Zimmer. War es Zufall? Er aß gerade ein mitgebrachtes Brot, als die neue Maschine mit einem Brummen einsetzte, dem aber ein zweites, höher tönendes, wie im Leerlauf folgte, dann kam das Piepsen und Blinken. Der Ton war so schrill und auch Martin derart konditioniert, dass er aufsprang und sich wie panisch umschaute. Er ging zum Apparat und kippte den Schalter unter der orangen Leuchtdiode um, es blinkte weiter, aber der Ton verstummte. «Uff», stöhnte Martin, «soll das eine Dauereinrichtung werden?» Er lief vor zum Personalzimmer. Die Nachtschwester saß schon dort, aber auch der Praktikant stand neben ihr, sie schienen sich unterhalten zu haben, als Martin vermel­ dete, der Essensbeutel sei durchgelaufen. «Ich mach’s noch», sagte der Praktikant zu seiner Ablö­ sung und kam mit einem vollen Beutel Fertignahrung hin­ ter Martin her. Er warf einen Blick auf den Tisch, an den Martin sich wieder setzte, und wechselte dann den Vorrat für Klaus gegen die leer gesaugte Plastikhülle und ging schweigend hinaus. Die leere Folie hatte er neben dem Apparat liegen lassen. Martin stand auf und warf sie in den Mülleimer, zusam­ men mit einer Schoko-Packung, dann öffnete er Vanille, und aß den Rest seines belegten Brotes auf.

Der Morgen verlief nach Plan, die Putzfrau weckte,

später eine Pflegerin, der Praktikant schien mal freizu­ haben, Martin aß seine Brote. «Wer ist denn heute da?», fragte Martin. Klaus schaute zur Decke. «Weiß nicht, ich glaub, nie­ mand», sagte er. «Soll ich mal bei Daniel anrufen?», meinte Martin. «Der arbeitet heute, damit er am Wochenende Zeit hat», sagte Klaus. «Solange kein anderer da ist, bleib ich», versprach er. Mittags kam Besuch, Susanne stand mit großem «Hallo» in der Tür. Klaus wachte auf, sie kam strahlend an sein Bett, eine große Sonnenblume in der einen Hand, in der anderen einen Stoffbeutel. «Ich bin gestern aus Mexiko zurückgekommen, eine Woche früher», erzählte sie. «Wir haben einen Doku-Film über die Landarbeiter gemacht. Geht’s dir besser?» Klaus schwieg. Martin stand auf, «Hallo», sagte er und schob den Stuhl in ihre Richtung, «hier ist eine Vase.» Er zeigte auf den Tisch, da stand das leere Glasgefäß. Martin nahm ihr die Sonnenblume ab, füllte Wasser in die Vase und stellte sie so hinein, dass sie Klaus anschaute. Susanne hatte inzwischen gut gelaunt weitergeredet, «Ich hab Obst mitgebracht und ein paar Kekse.» Sie packte, alles aus und legte Bananen, Orangen, Kiwis und zwei Sorten Kekse auf den Nachttisch vor die Mini-Anlage. Martin fühlte sich etwas beklommen, als er das sah. Klaus sagte, «Ich kann gar nichts mehr essen, guck, ich werd künstlich ernährt. Aber die Gäste freuen sich.» Susanne schaute entgeistert auf die Essenspumpe und sackte auf den Stuhl. «Oh», brachte sie nur hervor. Martin setzte sich auf die Heizung und drehte an einem Joint. «Ich werd jetzt auf neue Medikamente eingestellt» er­ gänzte er, «danach kann ich hier raus.» Das konnte auch zuversichtlich aufgefasst werden. Susanne war kreideweiß und bemüht, kein allzu entsetz­ tes Gesicht zu machen. «Und wie lange… behalten sie dich noch hier?», fragte sie schließlich nach. «Ein, zwei Wochen», antwortete Klaus. Martin zündete seinen Joint an. Susanne schaute zwar konsterniert, hatte sich aber etwas gefangen. «Scheint ja ziemlich locker zuzugehn hier», meinte sie und versuchte ein Grinsen. «Ich glaub, die sind viel gewöhnt, hier geht der harte Kern der Schöneberger Lederszene ein und aus, das AVK ist fast deren Wohnzimmer», meinte Martin. Klaus ergänzte, «Jan hat seinen Ecstasy-Handel mitge­ bracht. Dem laufen seine Kunden hier die Türen ein, als Besucher getarnt. Einer hat’s sogar bis in die Intensiv geschafft, bevor die Pfleger was gemerkt haben.», Susanne blieb irritiert, oder eingeschüchtert. Martin frag­ te sie nach ihrer Reise. Sie erzählte von Mexico City, Martin wollte von der Kalenderscheibe mit der großen Sonnenmutter wissen, Susanne hatte sie im Museum gesehen, erzählte von den Dörfern, die sie besucht hatte, ihren Eindrücken von den Menschen und der Kultur. Bald musste sie aber wieder gehen, «Ich hab noch nicht mal meinen Koffer ausgepackt», sagte sie und verabschie­ dete sich von ihnen beiden. «Susanne Wichtig», meinte Martin, als sie aus der Tür war, «hoffentlich hast du sie nicht vor den Kopf gestoßen, sie war auf einmal ganz kleinlaut.» «Ach, die braucht das, was kann ich dafür, dass ich nichts mehr essen kann», antwortete Klaus. Martin räumte das Mitgebrachte auf den Tisch in der Zimmerecke, ordnete es um die Vase an, suchte eine CD aus und ließ Musik ertönen. «Nimm einen Acid!», sagte Klaus grinsend. Martin schaute ihn an, grinste zurück und nahm den Rucksack aus dem Schrank. Das Papier schmeckte etwas metallisch auf der Zunge. Martin trank ein Erdbeer zum Hinunterspülen. So kam der Abend und die Nacht, Martin lag auf dem weißen Laken und dachte an Peer, der wohl in einem ähn­ lichen Zimmer und Bett schlafen würde wie er gerade.,

Am Freitag war für Martin das Krankenhaus schon All­

tag, er kam sich vor wie ein neutraler Beobachter. Er hatte mit nichts zu tun, war aber anwesend. Dieser Status wurde eigentlich nur Angehörigen ermöglicht, er war eher geduldet, weil es Klaus half. Dies ließ ihn vor allem der Praktikant spüren. Mittags kamen Daniel und Björn, bevor sie von hier aus zum Zoo fuhren, Klaus’ Mutter abzuholen. Vor allem Daniel sah aus, als hätte er einen Sonntags­ anzug aus seinem Kleiderschrank ausgegraben, auch Björn war schick angezogen. «Wie soll die euch so erkennen?», spottete Klaus auch gleich, «Die guckt nach verlotterten Punks mit bunten Haaren, wie ihr Kind einer ist.» «Die ist doch kein Staatsgast. Ihr seht aus, als hättet ihr den Blumenstrauß versteckt oder als wärt ihr Teil der Blaskapelle», legte auch Martin nach. «Lacht ihr nur», sagte Daniel grinsend, «ich war selbst mal Mutter.» Sogar Björn schaute ihn befremdet an. Er ergänzte, «Also Puppenmutter. Ich hatte sogar einen Kinderwagen, na ja, den hab ich immer meiner Schwester weggenommen.» «Ich hab meinen Teddys Jäckchen gehäkelt», erzählte Martin unterstützend, «echt wahr. Also Barbiepuppen konnten sich meine Eltern nicht leisten. Das hat mich womöglich bis heute geprägt.» Björn legte Musik auf, Martin drehte einen Joint., Sie besprachen den genauen Programmablauf. Martin wunderte sich, es war sogar schlimmer als bei einem Staatsgast. «Wir fahren sie in die Wohnung und zeigen ihr das Zimmer und so, wenn sie sich frisch machen will. Danach können wir was Warmes essen, ich hab eine Lasagne vo­ rbereitet, ob sie das mag?», fragte Daniel. «Anschließend wird sie schlafen wollen, oder wir setzen sie vor den Fern­ seher, das kennt sie sicher. Nach dem Frühstück wollen wir uns hierher bewegen. Abends können wir sie in ein Restaurant einladen, haben wir überlegt, vielleicht chine­ sisch und…» «Bloß nicht!», rief Klaus dazwischen. Daniel stockte mit offenem Mund, Björn gab ihm den Joint weiter. «Lieber, ehm, was Deftiges», beschwichtigte Klaus. «Also Jäger- oder Zigeunerschnitzel mit Fritten», meinte Björn. Daniel redete weiter, «Gut, wie sie will, dann ist der Tag rum. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück muss sie schon zum Bahnhof zurück.» «Klingt doch gut», sagte Martin. «Sie will sicher auch mit dir allein sein», deutete Björn an. «Das wird sich ergeben», meinte Klaus, «dann heult sie nur. Ich hätt gern, wenn ihr zumindest eine Zeit lang dabei seid, ich würd mich freuen, wenn ihr mir helft, ich will in den Rollstuhl und mit ihr raus in den Park, wenn die Sonne scheint.», Daniel machte große Augen. «Schaffst du das denn?» «Alleine nicht!», antwortete Klaus. «Das kann ich vorbereiten, ich bin ja morgens hier», meinte Martin. Damit stand der Tagesablauf. Als der Praktikant hereinkam, roch es im ganzen Zimmer nach Gras. Der schnüffelte auch und runzelte die Nase, «Was riecht denn hier so?», fragte er ironisch. Björn tat ganz cool, «Fällt dir das auch auf?», fragte er, «was kann das bloß sein?» Daniel war noch schlagfertiger. Er gab Björn mit der Hand einen Stoß an die Schulter und meinte wie entrüstet, «Tu doch nicht so, du weißt genau, das ist mein neues Parfum», und hauchte in Richtung des Praktikanten, «Opium…» Martin konnte sich das Lachen nur schwer verbeißen, auch Klaus drehte den Kopf und schaute grinsend aus dem Fenster. Der Praktikant verließ das Zimmer. «Das war zu viel», meinte Martin. «Was wollte der eigentlich, läuft hier planlos rein und raus», meinte Björn, «hat der nichts Besseres zu tun?» «Vielleicht wollte er…», sagte Klaus, «obwohl, für die Medikamente ist es zu früh.» «Aber für uns ist bald Zeit», meinte Björn, «falls wir noch einen Parkplatz suchen müssen und so.» «Gibt’s noch was Wichtiges zu bedenken? Haben wir was vergessen?», fragte Daniel und schaute sich dabei im Zimmer um, als habe er in einer Ecke noch etwas abge­, stellt. «Wird schon alles klappen!», sagte Klaus. Björn nickte zuversichtlich. «Lass uns losfahrn», meinte er zu Daniel. «Gut, dann bis morgen», verabschiedeten sie sich. «Und schon mal viele Grüße!», sagte Klaus. «Machen wir», antwortete Daniel im Rausgehn. «Die warn ja lustig heute», meinte Martin. «Gut, dass ich die habe», antwortete Klaus. Später, als er Brotschnitten mit Knoblauchquark aß und sich auf dem Flur mit Erdbeer und einer Tasse heißem Schwarztee versorgte, fragte Klaus ihn, «Muss ich es extra sagen?» Martin stutzte, dann verstand er und grinste. Er nahm den Rucksack aus dem Schrank und schluckte ein Paper. «Danke», sagte er. «Sind deine», antwortete Klaus. Auch diesen Abend verbrachten sie ohne viele Worte, Martin sorgte für Musik, er las in den Hausmärchen, döste und rauchte einen Joint, bis Klaus eingeschlafen war.

Die Putzfrau entlockte ihm nur ein leises Grummeln, er

drehte sich um und schlief weiter, bis die Pflegerin kam und die Medikamente für Klaus vorbereitete. Er frühstückte Brot mit Marmelade. Klaus erzählte ihr, dass heute seine Mutter zu Besuch komme, und schloss die Frage an, ob er den Rollstuhl, später nehmen könne, «Ich will mal wieder an die frische Luft.» «Da müsste die Ernährung abgestöpselt werden», sagte die Schwester. «Oder wir nehmen den Apparat mit», meinte Klaus, «hat der nicht ‘nen Akku?» «Ich sprech nachher mit dem Arzt, aber der wird nichts dagegen haben», sagte sie, «die Pneumozystis ist ja ausge­ heilt.» Martin kaute und schluckte, er brauchte einen Kaffee, «Ich geh mal zum Kiosk», sagte er. Zurück im Zimmer, befiel auch ihn das Mutterfieber. Er drehte die Sonnenblume zurecht, räumte die CDs ordent­ lich auf einen Stapel, versteckte den Aschenbecher, fuhr sein Bett auf den Gang, dann wusste er nichts mehr zu tun. «Das soll reichen», meinte Klaus. Die Pflegerin hatte ihn sogar rasiert, auch er schien etwas aufgeregt. Sie hörten Musik und warteten. Dann klopfte es an der Tür, sie ging auf, Daniel trat ein, «Wir sind da!», nach ihm kam Klaus’ Mutter, sie stand etwas gebückt, auf einem schwarzen Gehstock abgestützt, und schaute vom Türrahmen aus Klaus an. Björn stand hinter ihr, er legte den Arm leicht über ihre Schulter und schob die Mutter ins Zimmer. «Da ist ein Stuhl, da können Sie sich setzen», sagte er. Martin stand auf, schob das Möbel neben das Bett und stellte die Musik leiser, dass sie fast nicht mehr zu hören, war. Die Mutter ging zu Klaus. Sie legte ihre Hand auf dessen Unterarm und sagte nur, «Klaus!» Sie hatte rot entzündete Augenlider, war es das Alter, oder hatte sie geweint?, das Gesicht war unter den Run­ zeln und Falten, den Pigmentflecken, der klobigen Nase seltsam maskenhaft starr. Das schneeweiße lange Haar wurde nach hinten gelblich und war zu einem Knoten gedreht, von einem dünnen Nylonnetz gehalten. Auf der Oberlippe hatte sie einen dünnen Damenbart aus einzel­ nen schwarzen Stoppelhaaren. Die beiden schauten sich lange schweigend an, Martin sah auf Klaus’ Gesicht einzelne Muskeln unter der Haut zucken, um die Mundwinkel, um Augen und Lider. Daniel und Björn standen an der Wand. Martin stellte sich unschlüssig dazu. Schließlich sagte Klaus, «Bist du gut untergebracht?» Sie nickte. Dann setzte sie sich auf den Stuhl. «Ja», sagte sie, «deine Freunde haben sich um alles gekümmert.» Klaus sagte, «Das ist Martin, der bewacht mich hier. Ihr kennt euch.» Die Mutter schaute sich um und fixierte Martin, der sagte, «Hallo.» «Nein», sagte sie, «wir kennen uns nicht.» Martin sah in ihren Augen, dass das nicht stimmte. Klaus erklärte, «Martin war im Sommer mit dabei, als ich so wenig Zeit hatte, bei dem Frühstück.» «Ich kann mich nicht entsinnen», beharrte sie. Martin widersprach nicht., «Bist du denn gut versorgt hier?», wollte die Mutter von Klaus wissen. «Alles da, was ich brauche», beruhigte er sie. «Willst du nicht nach Nürnberg ins Uniklinikum? Dein Bruder hat sich erkundigt, da gibt es Spezialisten», sagte sie, «danach könntest du nach Hause kommen und dich kurieren.» «Wenn’s Kapazitäten gibt, dann hier», widersprach Klaus. «Hier ist Europas größte Aids-Station.» Die Schwester kam herein. «Ach, Sie sind Frau Hartwig», begrüßte sie die Mutter und streckte ihr die Hand entgegen. Dann meinte sie, die Visite sei unterwegs, und zur Mutter gewendet, «Da müssen Sie eine Viertelstunde draußen warten.» «Ah», meinte die und machte Anstalten aufzustehen. Die Schwester stützte sie mehr symbolisch am Arm und führte sie zur Tür, Daniel, Björn und Martin hinterdrein. Im Umdrehen sagte er noch, «Bis gleich.» Klaus nickte. Im Gang standen beiderseits eines Blumenkastens zwei Stühle. Auf einen wurde die Mutter platziert, Daniel setzte sich auf den anderen. Aus dem Raum gegenüber kam der Pulk der Visite und schob sich über den Flur in Klaus’ Zimmer. Martin wollte einen Joint rauchen, er meinte zu Björn, der neben ihm stand, «Ich geh mal in den Park.» «Ich komm mit», sagte der, und zu Daniel, «wartest du, hier, wir gehn mal raus.» «Ist okay», meinte Daniel. Als sie durch die Glastür waren, fragte Martin, «Ist sie anstrengend?» «Ach, geht so», antwortete Björn, «eigentlich schon. Zum Glück redet sie nicht so viel, aber von der Stadt ist sie überfordert.» «Sie ist wohl auch das erste Mal in Berlin», sagte Martin. «Sie ist halt ein bisschen pikiert. Wenn ich Daniel einen Kuss auf die Backe gebe, schaut sie nicht einfach weg, sondern schnalzt mit der Zunge, als wenn sie sich das in ihrer Gegenwart verbitten wollte. Sie will auch nichts von Klaus und seinem Leben in Berlin wissen. Was für ein liebes Kind er früher gewesen sei.» Sie rauchten. «Mich wollte sie auch nicht mehr kennen, obwohl sie sich erinnert hat», sagte Martin. «Meinst du?», fragte Björn. «Ich bin sicher. Die hatte diesen Schwiegermutterblick drauf, nach dem Motto, du hast mir meinen Sohn verdor­ ben», sagte er. «Kann sein. Auch dass sie ihn nach Hause schleppen will», meinte Björn. Sie rauchten den Joint auf und gingen wieder nach oben, um Daniel nicht zu lange mit der Mutter allein zu lassen. Die Visite war vorbei, und sie konnten zurück ins Kran­ kenzimmer. Björn meinte gleich, «Draußen ist total schön, wollten wir nicht spazieren gehn?», Klaus bat Martin, zur Pflegerin vorzugehn. Er fragte nach dem Rollstuhl und ob sie wegen der Magensonde behilflich sein könnte. Sie schickte ihn auf die Nachbarstation und ging selbst vor zu Klaus. Als er zurückkam, war Klaus schon im Bett aufgesetzt und in Hose und Pulli gesteckt, Daniel und die Schwester hoben ihn in den Stuhl, Tropf und Katheter wurden angehängt, ein Kissen unter die Kopfstütze geschoben, Strümpfe und Hausschuhe angezogen, eine Wolldecke über die Beine gelegt. Nachdem sie unten versammelt waren, mussten sie eine Stufe überwinden, dann holperte der Rollstuhl über Erd­ hügel und Baumwurzeln auf die Wiese. Der Brunnen spie noch immer keine Wasserfontäne. Sie schauten sich nach einer Sitzbank in der Sonne um. Nach einer Zeit schlug Daniel vor, Kaffee aus dem Kiosk zu holen. Es wurde hin und her geredet, schließlich beschlossen sie, alle zusammen zum Kiosk zu spazieren. Dort gab es Kaffee und Kuchen, Klaus schaute ihnen grinsend zu. Die Zeit verging. Als sie wieder ins Zimmer gerollt und gewackelt waren und Klaus im Bett und an die Ess­ maschine angeschlossen war (Martin sah erst jetzt, an Klaus’ Bauch hatte der Plasteschlauch ein grünes Verbin­ dungsstück mit einem kleinen Knopf zum Auf- und Zu­ drehen), leitete Daniel zum Programmpunkt «Alleinsein mit Muttern» über. «Frau Hartwig», sprach er betont laut, «wir lassen Sie jetzt eine Stunde allein. Nachher kommen wir wieder her und holen Sie hier ab.», Sie nickte, Klaus blickte etwas besorgt drein. Sie setzten sich wieder unten auf die Bank und rauchten einen Grasjoint, Daniel zog als Erster. «Läuft doch ganz gut bisher», meinte Martin. «Der anstrengendste Teil ist wohl jetzt», sagte Björn. «Ob eine Stunde okay ist?», fragte Daniel, «Hat Klaus was gesagt?» «Eigentlich nicht, wird schon gut sein», meinte Martin. Sie hatten nichts anderes zu tun und unterhielten sich noch weiter über die Situation insgesamt. Eine Freundin von Klaus hatte angerufen, vom Bauwa­ genplatz, und angeboten, mal nach Klaus zu schauen. «Wie heißt sie denn?», fragte Martin. «Vergessen. Aber sie kennt dich auch», sagte Björn, «aus dem Anal, sagte sie. Klang wie ‘ne Kampflesbe.» «Ach, wahrscheinlich Anja, hast Recht. Die ist aber nett, und versteht sich auch vom ganzen Kanal am besten mit Klaus», erzählte Martin. «Ich hab ihr erklärt, so und so», meinte Björn, «und sie hat sich bereit erklärt, dich mal abzulösen für ‘ne Nacht, also wenn du willst, sie kommt morgen Nachmittag her und wollte auch mit dir erst reden. Ich hab ihr gesagt, du wärst wahrscheinlich hier. War das okay?» «Klar», sagte Martin, «ich mag Anja auch gern. Und für mich, also, ist das egal. Mir macht das nichts aus, hier zu sein, ich komm mir vor wie auf ‘nem komischen Urlaub, aber ich bin auch froh, wenn mich mal jemand ersetzt. Wichtig ist, dass es Klaus dabei gut geht und dass er nicht, allein ist. Ich sprech das morgen mit ihm ab.» «Also, wenn die Mutter wieder weg ist, nächste Woche könnt ich auch mal hier übernachten, obwohl, ich weiß noch nicht, wie genau mein Dienstplan aussieht, weil ein Kollege krank ist», sagte Daniel. «Ihr kümmert euch so schon um alles», sagte Martin, «macht euch keine Sorgen wegen mir. Wird sich schon er­ geben.» «Na ja», sagte Björn, «eigentlich macht Daniel alles, ich helf nur. Außerdem bin ich ab nächstem Wochenende für acht Tage auf ‘nem Seminar in Süddeutschland. Ich bin erst zu Klaus’ Geburtstag zurück.» «Bis dahin ist er vielleicht aus dem Krankenhaus raus», meinte Martin, «wie alt wird er eigentlich?» Daniel wusste es. «Einunddreißig.» «Dann hat er gerade seinen Saturnumlauf hinter sich», sagte Martin. Björn fragte, «Ist mit diesem ZiK eigentlich schon was entschieden?» Martin zuckte die Achseln. «Das läuft wohl auch über die Krankenhausverwaltung oder das Sozamt im Keller. Klaus hat nichts Neues erzählt», sagte er. Dabei durchlief ihn ein Quergedanke wie eine Adrena­ linwelle, «Was ist übrigens für ein Datum? Ich glaub, ich hab meinen eigenen Sozialamtstermin verpasst. Das muss ich unbedingt vor Montag rausfinden.» «Hoffentlich kriegst du keinen Stress», meinte Björn. «Wird schon gut gehn. Ich bin da am Mariannenplatz, direkt im Bethanien. Da dürfen wir auf dem Flur noch, rauchen, also Tabak, die sind locker. Das werd ich denen schon erklären können.» Daniel drehte noch eine Grastüte. Als sie die geraucht hatten, schien ihnen die Stunde um zu sein. Sie gingen wieder zurück. Die Mutter saß schräg an der Seite des Bettes. Es war gut getimed, die beiden sahen nicht so aus, als seien sie aus einem tiefen Gespräch gerissen worden. Die Mutter schaute die drei an. «Da seid ihr wieder», begrüßte Klaus sie, um etwas zu sagen. Martin setzte sich auf die Heizung, um nicht ko­ misch rumzustehen, auch Björn rückte zu ihm. Daniel lehnte sich mit den Armen auf den Metallbügel am Fußende des Bettes. «Dann fahren wir langsam wieder», sagte er in dem Schwerhörigentonfall, der allen Pflegeberufen eigen ist, «Klaus ist sicher auch müde.» Die Mutter nickte unmerklich. Björn stand wieder auf, «Ich fahr schon mal das Auto vor den Eingang. Tschau, Klaus, bis die Tage», verabschie­ dete er sich. Daniel half der Mutter beim Aufstehn. Sie legte noch einmal ihre Hand auf Klaus’ Unterarm, dann ging sie schweigend mit Daniel hinaus. Der winkte den beiden noch einmal zu. Martin dachte, Klaus und seine Mutter hatten sich wohl schon vorher verabschiedet. Martin wurde von ihr ignoriert, auch er schwieg zum Abschied., «War’s schwer?», fragte Martin. Er glaubte so etwas wie eingetrocknete Tränenspuren auf Klaus’ Wangen zu sehen. «Gut, dass ich sie noch mal gesehn hab», sagte Klaus, «aber ich bin auch erleichtert, dass sie wieder weg ist.» Später erzählte er noch, dass sie über seine Beerdigung gesprochen hatten. Die Mutter wollte das zu Hause in Franken machen, mit Pfarrer und Kirchenchor. Das wäre ihm auch recht, meinte er, da brauchten er oder Daniel und Björn sich nicht drum kümmern. «Und das Soz be­ zahlt womöglich nur mehr Pappsärge», schloss Klaus das Thema.

Am nächsten Mittag kamen Daniel und Björn vom Bahn­

hof aus ins AVK. Die Mutter saß im Zug und wurde in Nürnberg von Klaus’ Bruder erwartet. Nachmittags kam Anja. Für Klaus war es okay, dass sie die Nacht über bei ihm bleiben sollte, und Martin erklärte ihr den Tagesablauf. Als Daniel und Björn zurückwollten, auch Martin daran dachte, aufzubrechen, fragte Björn, ob sie ihn im Auto mitnehmen sollten, und Daniel meinte sogar, «Komm doch noch mit zu uns, wir wollen kochen. Ich lad dich zum Abendessen ein.» Das passte Martin gut, er hatte die letzten Tage von Milcheiweißdrinks und belegten Broten gelebt. «Gerne», nahm er an. Sie verabschiedeten sich von Klaus und Anja., In der Wohnung angekommen, setzte sich Martin aufs Küchensofa und ließ sich zuerst einen Milchkaffee servie­ ren. Er half ein bisschen Gemüse schneiden. Daniel setzte Wasser für Spaghetti auf. Martin bekam eine Extrapfanne für die Gemüsesauce, Daniel und Björn brieten ihre mit gehacktem Fleisch an. Martin ließ sich auf zwei Gläser Rotwein ein, obwohl er eigentlich keinen Alkohol trank. Die machten ihn auch entsprechend müde, bald fühlte er sich schwer und träge. Björn bot ihm an, bei ihnen zu pennen, die Matratze liege noch von Klaus’ Mutter her fertig bezogen im Arbeitszimmer, aber Martin lehnte ab. Er wollte nach seinem Wagen sehen und im eigenen Bett schlafen. Martin fand seinen Personalausweis auf dem Tisch lie­ gen. Eine Unruhe ließ ihn in seinem Wagen herumräumen er stopfte eine Mülltüte mit angeschimmeltem Brot, dem Aschenbecherinhalt und leeren Plasteverpackungen voll, dann sortierte er das Wandbord, wo seine Papiere lagen. Als er seine Sozialamtsunterlagen in der Hand hielt, hatte er die Ursache seines Ordnungszwangs gefunden, sein Termin war für morgen angesetzt.

Er wachte auch früh genug auf, um zwei Tassen Kaffee

herunterzuschütten, essen konnte er vor dem Sozialamts­ besuch nie, sein Magen war ein verkrampfter Klumpen und wie zugeschnürt., Er lief den Uferpfad entlang zur Brücke. Es war bewölkt, dafür wärmer als die letzten Tage. Er ging am Kanal, links an der gelbroten Backsteinkirche vorbei und über den baumgesäumten Mariannenplatz. Im Seitenflügel des Bethanienhauses lag im zweiten Stock seine Abteilung, vom Treppenhaus durch eine vorsintflutliche Stahltür gesichert. Im Flur zog er seine Wartenummer aus dem Blechkäst­ chen an der Wand, das ihm vorkam wie von vor dem Kriege. Getoppt wurde das nur vom Friedrichshainer Standesamt, dort waren bis zur Abwicklung an einem Eisennagel handnummerierte Pappkarten aufgespießt, um die bösesten Vorurteile über die Zustände in der DDR mahnend zu bewahren. Auf dem Gang rauchte er eine Zigarette. Weil haupt­ sächlich kopftuchtragende Mütter mit einer Horde schrei­ ender Kinder herumsaßen, öffnete er eins der Fenster und blies den Rauch nach draußen. Nach eineinhalb Stunden wurde er aufgerufen. Die Beamtin war gewohnt unfreundlich und tat genervt. Sie kündigte an, wenn er sich nicht um Arbeit bemühe, müsse er mit Ableistung gemeinnütziger Arbeit rechnen. Er legte seine gefälschte Mietquittung vor, die ihm ein Freund aus­ stellte, bei dem auch seine Meldeadresse war. Die Beamtin tippte auf ihrem Taschenrechner herum und schrieb den gelben Zettel mit Zahlen voll. Nach zwanzig Minuten konnte er gehen, bis zum nächsten Monat, und stellte sich an die Kassenschlange an. Der Auszahlungsschalter war panzerglasgesichert, er musste Personalausweis und gel­ ben Schein durch eine Spalte schieben, dann wurde durch, einen Schubkasten unter dem Sichtfenster das Geld ausge­ zahlt. Er stopfte die Scheine und Münzen in die Tasche und verließ schnellstmöglich das Gebäude. Er ging vor zum Heinrichplatz und setzte sich in eins der Cafés. Da bestellte er Frühstück und aß Croissants mit Milchkaffee. Das war er seinem Magen schuldig, der sich dadurch entspannte. Anschließend ging er über den Mariannenplatz zurück, bog aber hinter der Brücke rechts ab und lief gleich durch zur East-Side. Auch zu der führte ein Insider-Fußweg direkt am Ufer entlang, an den leer stehenden Fabriken vorbei. Hinter denen verbreiterte sich der Uferstreifen. Einzelne Wagen standen auf der dünn bewachsenen Öd­ fläche verteilt, weiter nach oben wurden die Stellplätze immer dichter. Ein Asphaltstreifen zog sich der Länge nach über das Gelände. Links davon häufte sich Müll bis unter die Mauer, Kartons, Styroporstücke, Bauschutt da­ zwischen, rechts zum Ufer hin stand der russische Panzer, den Trecker-Becker Karin geschenkt hatte. Ihr kleiner Holzbauwagen lehnte sich förmlich daran. Der riesige Schrottklumpen war mit Graffiti übersät, das Kanonen­ rohr abgeknickt, die Einstiegsluke stand offen, Splitter von Acryl- oder Plexiglasfenstern und Aluminiumdosen lagen auf dem Wrack und darum herum. Martin ging noch drei Wagen weiter, wo durch ein Stoff­ tuch abgegrenzt der Innenhof seines Dealers lag, in dem schon ein paar Leute herumsaßen. Monni war gerade im Wagen, wurde ihm bedeutet. Er kniete sich und wartete. Das Gespräch im Kreis dreh­, te sich um die bevorstehende Räumung. Einige Bewohner hatten die East-Side schon verlassen, es gab einen Aus­ weichplatz, den der Senat im Umland zur Verfügung gestellt hatte. Die Punkerfraktion wollte den Platz bis zur Räumung halten, erfuhr Martin. Monni kam mit zwei Kunden aus seiner Tür, Martin grüßte ihn. Sie kannten sich ein paar Jahre, Monni war eigentlich Ägypter, aber in Südamerika aufgewachsen und hatte ein paar Jahre in Amsterdam gelebt, bevor er illegal nach Berlin gekommen war. Martin kaufte einen großen Vorrat marokkanisches Haschisch, LSD war gerade keins da, aber gute Ecstasys. Er lehnte ab, er wollte nächste Woche noch mal nachfra- gen. Als er am Spreeufer zu seinem Wagen zurücklief, hatte er den Großteil seiner Sozialhilfe schon wieder ausgege­ ben. Auf der Fahrt zu Klaus wollte er ein paar Lebens­ mittelvorräte einkaufen. Gegen Abend war er wieder im AVK, Anja war schon weg, Klaus sagte, sie sei vormittags von ihm aus zur Uni gefahren. Sie hatte angeboten, nächste Woche wieder eine Nachtwache zu übernehmen, für ihn sei das okay. Martin erzählte von seinem Tag. Klaus sagte zwischen­ durch, als er von der East-Side berichtete, LSD sei ja noch vorrätig. Martin nahm einen Trip aus dem Rucksack im Schrank. Er saß am Tisch, als der Pfleger zum Abendrundgang hereinkam. Es war mal wieder der Praktikant. Am Wasch­ becken bereitete er die Medikamente vor. Als er die aus der Box in seine Hand schüttete, sah Martin, wie ihm zwei der Pillen auf den Boden fielen. Er dachte noch, hebt er die, jetzt auf oder geht er neue holen, als der mit dem Fuß die farbigen Scheibchen einfach unter den Müllbehälter kick­ te. Martin war fassungslos, schwieg aber, auch wegen Klaus. Dann dachte er, höchste Zeit, dass wir hier raus­ kommen.

Nach der Visite am nächsten Tag gab es Neuigkeiten.

Klaus sollte entlassen werden, schon übermorgen, mit dem ZiK war der Umzug für Donnerstag abgesprochen, das Sozialamt musste noch einwilligen. Vorher sollte eine Magenspiegelung gemacht werden, ob die Sonde sich nicht entzündet habe. Tatsächlich stand eine Stunde später die Sozialarbeiterin im Zimmer und bat Klaus nach einem kurzen Gespräch, einen bedruckten Papierbogen zu unterschreiben. Klaus konnte den Kugelschreiber kaum halten und kra­ kelte ein paar Striche unter den Antrag. Sonst erledigte Daniel Formalia, er hatte eine schriftliche Ermächtigung, auch für Klaus’ Konto, es gab einen nützlichen Bogen mit hilfreichen Vordrucken, von den Aids-Hilfen herausgege­ ben, bezüglich Auskunftsrecht für Nichtverwandte über Mitsprache bei ärztlichen Maßnahmen bis zu Bestattungs­ verantwortlichkeiten. Mittags stand Dieter im Zimmer. Er tat etwas verlegen, entschuldigte sich, erst jetzt vorbeizuschauen, kam ans Bett und küsste Klaus auf den Mund., Martin wollte die beiden nicht stören und meinte, er fahre noch in die Stadt. Als er über den Flur ging, wusste er nicht genau, was er tun sollte. War das AVK schon sein Alltag geworden? Er wollte den beiden Zeit lassen und lieber zu spät als zu früh zurück sein. Er beschloss, die Schillingbrücke zu besuchen. Manchmal glaubte Martin an Intuition oder metaphysi­ sche Energien, auf seinem Tisch lag ein Briefumschlag, die Besuchserlaubnis für Peer. Frank konnte sie heute erst hier deponiert haben. Er wollte ihn fragen und ging zu seinem Wagen, Frank war aber nicht da, auch sein Fahrrad fehlte. Dafür sah er Bärbel und Ulli am Feuerkreis sitzen. Bärbel hatte Frank vor ein oder zwei Stunden wegfahren gese­ hen. «Wir könnten ein Feuer machen», meinte Martin. Ulli half ihm, Holz aufzuschichten. Bald knackten und züngelten Flammen, grauer Rauch begann aufzuquellen und stieg schräg in den Himmel. Bärbel fragte, wie es Klaus gehe. Martin war etwas überrascht, dass sie darüber informiert war, Frank hatte es wohl erzählt. Er meinte, «Na ja, er wird jetzt in ein Hospiz verlegt.» «Und du wohnst grad, also den ganzen Tag, im Kran­ kenhaus?», wollte sie wissen. Martin nickte, «Ich bin da ein Faktotum.» Ulli hatte nur halb zugehört, «Du liegst im Kranken­ haus? Ich dachte, du wärst verreist gewesen.», «Nee», sagte Martin, «ich lieg nicht selbst da, also schon, aber als Begleitung. Eigentlich als Sterbebegleitung.» Die beiden schwiegen, Martin schaute eine Zeit lang dem hochwachsenden Feuer zu, der Rauch war jetzt ruß­ schwarz, aber dünner und durchsichtig, die Flammen reckten sich weit über den Holzstapel empor und zeich­ neten zittrig gezackte Bewegungsmuster in die Luft. Martin wollte das Thema wechseln und fragte nach der East-Side. Am Samstag würde es eine Demo geben, gegen die Räumungspläne vom Senat und die Berliner Gewalt­ linie, erzählte Ulli. «Bloß ist von der East-Side keiner interessiert», sagte Bärbel, «die haben weder ein gemeinsames Plenum hinge­ kriegt noch überhaupt Ansprechpartner für den Senat gehabt. Die Freaks und Hippies sind am Wegziehen, jetzt sind welche aus der Heroinszene da, nachdem sie vom Mariannenplatz vertrieben worden sind. Die wohnen gar nicht da, das sind reine Verkaufsstände. So haben sie ein Alibi zum Räumen. Den Speedpunks ist alles egal.» Martin dachte an Peer. «Wenn die East-Side fällt, sind wir auch bald dran», sagte er. «So pessimistisch würd ich’s nicht sehen», meinte Bärbel «schließlich laufen Gespräche mit dem Bezirk, außerdem gibt’s Ausweichplätze, die werden auch uns ‘nen Ersatz­ platz anbieten müssen.» «Die machen auf Zersetzung und Zermürbung», meinte Martin, «und irgendwann schlagen sie zu.» «Dann wehrn wir uns», meinte Ulli, «so schnell lassen, wir uns nicht kleinkriegen.» «Vielleicht habt ihr Recht», sagte Martin, «ich seh mo­ mentan ein bisschen schwarz.» Abends war er wieder bei Klaus. Dieter war schon gegangen. Als Martin sich aufs Bett gelegt hatte und eigentlich bei einem Joint Klaus nach dem Mittag fragen wollte, war der schon eingeschlafen. Martin hatte den Eindruck, er schlief viel, auch mittags schloss er öfter die Augen und lag ruhig atmend für eine Stunde in seinen Träumen. Zudem war er einsilbiger ge­ worden, redete weniger und leiser, als falle es ihm schwer. Auch inhaltlich nahm er weniger teil, Björn hatte eine Frage zweimal wiederholen müssen. Klaus schien mehr und mehr in eine eigene Dimension zu versinken, die mit der Außenwelt nur noch lose verknüpft war. Seine Augen blickten nach innen und kamen Martin oft leer vor, als nehme er die Dinge um sich herum nicht mehr ganz wahr.

Am Morgen kam ein Pfleger, der sonst nicht auf der

Station arbeitete, und holte Klaus zur Magenspiegelung ab. «Jetzt fahrn wir spaziern», sagte er munter. Er öffnete die Bremsen an den Gummirädern des Bettes, schaute nach etwaigen Schläuchen oder Anschlüssen, hängte die Tropfflasche an die Triangel des Handgriffs, die über Klaus’ Kopf baumelte. Dann zog er das Bett, schon mal einen Meter nach vorne. «Gut», meinte der Pfleger, «kannst du mir helfen?» Martin nickte. «Fass mal bitte am Kopfende an», sagte er, und sie zogen und schoben Klaus ohne anzuecken durch die Tür auf den Flur, von dort weiter durch die Glastür zum Patienten­ fahrstuhl. Sie fuhren in den Keller. Dort kamen sie auf einen langen Gang, der sich nach beiden Seiten wohl zwanzig Meter oder mehr hinzog. Der Pfleger zog Klaus nach links bis vor eine breite Tür, dort klopfte er an. Ein Mann in grünem Kittel öffnete. «Der Nächste», sagte der Pfleger. «Danke», sagte der Assistent, er trug auch eine Haarhau­ be im gleichen grünen Farbton, und zu Martin gewandt, «Wollen Sie hier warten?» Der Pfleger ging zurück zum Fahrstuhl, Martin sagte, «Ich bleibe bei Klaus, wenn’s geht.» «Manchen wird schlecht; die Untersuchung ist etwas unangenehm. Wir müssen einen Gummischlauch durch die Speiseröhre schieben, das kann einen Würgereflex hervorrufen, sieht aber schlimmer aus, als es eigentlich ist…» Martin zögerte, bevor er entschied, «Ich brauch ja nur zugucken. Das werd ich wohl durchstehn.» «Gut», sagte der Assistent, «ich bereite alles vor. Es dauert noch fünf Minuten.» Er schloss die Tür. Martin setzte sich auf die Bettkante und schaute Klaus an., «Angst?», fragte er. Klaus schüttelte den Kopf. Martin schaute sich um. Am anderen Ende des Ganges sah er drei Leute sitzen. Einer hielt seinen Blick gefangen, er schaute genauer hin, war das Phillip, den er aus Heidelberg kannte, durchfuhr es ihn, aber das konnte doch nicht sein, sicher eine Ver­ wechslung – das passierte ihm bei den vielen Menschen, die er in Berlin sah, öfter –, aber in dem Moment wurde sein Blick gekreuzt, er spürte es wie einen Stromstoß. «Martin? Bist du das?», rief es über den Flur. «Unmöglich», dachte Martin, «Phillip!» Es musste fast zehn Jahre her sein, als er unsterblich in Phillips Afrofrisur aus langen blonden Strähnchen und in das bezauberndste Lächeln, das ihn je angeglänzt hatte, verliebt war. Sie hatten sich über die dortige Aids-Hilfe kennen gelernt, in der Phillip mit seinem Freund Sascha engagiert war. Er stand auf und winkte. «Das ist ein Freund, ehm, ich muss mal kurz…» Klaus nickte. Martin lief über den Gang. Phillip war aufgestanden, sie fassten sich zur Begrüßung bei den Händen. Er ist noch schöner geworden, dachte Martin. «Hey», grüßte er und unterdrückte ein «Wie geht’s?», stattdessen sagte er vage, «Du hier? Wohnst du jetzt in Berlin?» «Schon seit zwei Jahren», antwortete Phillip mit seiner hellen Stimme, «Sascha hat hier einen Job bekommen. Schön, dich wiederzusehn.», «Überraschung. Ich bin mit Klaus hier, vorne im Bett. Er kriegt gleich ‘ne Magenspiegelung.» «Ich bin hier ambulant», erzählte Phillip, «zweimal die Woche, zur Bluttransfusion. Lass uns mal treffen. Wo wohnst du?» «In Kreuzberg, ehm, gerne, komm mich doch besuchen. Ich wohne direkt am Spreeufer, total schön, also, in einem Bauwagen, an der Schillingbrücke, Ostbahnhof», sagte Martin. «An dieser East-Side-Gallery?», fragte Phillip. «In der Nähe. Aber ich bin grad selten da. Wegen Klaus, morgen ziehn wir ins ZiK, in das Hospiz», meinte er. «Ist das denn eröffnet?», fragte Phillip. «Noch nicht, aber die Leute sind schon eingezogen», sagte Martin. «Hast du Telefon? Schreib mir doch mal deine Nummer auf.» Phillip suchte in seiner Tasche neben dem Sitz nach Stift und Zettel. «Wir können uns auch gern bei mir treffen, Weiserstraße 8, Schöneberg.» Er zeigte auf das Geschriebene, «Kannst du’s lesen?» Martin nickte. Ein Geräusch lenkte ihn ab, er schaute sich um. Der grüne Assistent stand neben Klaus’ Bett und schaute herüber. «Oh, ich muss… wir sind dran», sagte Martin. Phillip lächelte ihn an. «Wir sehn uns?» «Ich ruf an, versprochen.», Er eilte über den Gang zurück und half, Klaus in den Untersuchungsraum zu schieben. Sie stellten das Bett neben einen Apparat. Der Assistent schaltete einen Monitor ein, auf dem ein kreisrunder grauer Fleck erschien. Martin zog sich einen Stuhl heran. Der Assistent fasste einen dicken Gummischlauch beim Ende, auf dem eine halbkugelförmige Glaslinse saß. Die Ummantelung war schwarz und ringförmig eingedellt, es sah aus wie ein langer wabbeliger Dildo. Der Assistent schob das Ende vorsichtig in Klaus’ Mund und Rachen. Klaus schluckte ein bisschen, atmete dann aber ruhig durch die Nase. Auf dem Monitor erschien ein rosa wabernder Schlund. Martin hatte seine Hand auf Klaus’ Arm gelegt, kein Schmerzreflex war auf seinem Gesicht zu sehen. Wahr­ scheinlich ist der ganze Schluckbereich betäubt, und Klaus spürt gar nichts, dachte Martin, deswegen kann er ja auch nicht essen. Der Assistent bediente einen Joystick an dem Apparat. Der Kreis auf dem Bildschirm bewegte sich hin und her, quallige gelbliche Wülste erschienen darauf. «Hier», zeigte der Assistent auf einen dunkel ver­ schwommenen Fleck, «das ist der Port. Sieht gut aus. Alles verheilt. Keine Entzündung.» «Aha?», sagte Martin. Er konnte nichts erkennen. Der Schlauch wurde wieder aus Klaus herausgezogen, die Reise durch sein Inneres war beendet., «Ihrer Entlassung steht nichts im Wege. Viel Glück», sagte der Assistent, und sie schoben Klaus auf den Gang. «Der Pfleger holt Sie gleich ab», damit wurde die Tür zugezogen. Martin schaute den Flur herunter, aber niemand war mehr zu sehen. Zu Klaus meinte er, «Na, ging ja. Morgen kommen wir hier raus. Alles okay?» «Alles okay!», grinsten Klaus’ Augen zur Antwort. Abends schaute Björn vorbei. Er war mittags im ZiK gewesen, hatte sich das Zimmer angeschaut und mit der Leiterin gesprochen. Eigentlich war das Projekt kein Hospiz, eher ein betreu­ tes Wohnheim für Dauerkranke mit Aids. Eine Vierund­ zwanzig-Stunden-Betreuung war zwar möglich, die Pflege wurde von einer schwulen Initiative, HIV e. V. übernom­ men, aber Klaus sollte im so genannten Notfallzimmer untergebracht werden, einem Appartement auf der Büro­ etage, das jedoch nicht fest belegt war und zur Intensiv­ betreuung genutzt werden sollte. «Es ist größer und viel gemütlicher als hier, nicht so krankenhausmäßig. Dein Bett ist aus Naturholz, es gibt ein Sofa, Einbauküche, alles nagelneu, die sind noch am Bauen, nächste Woche ist erst die offizielle Eröffnung.» Sie überlegten, was alles zu tun oder vorzubereiten wäre. Es würde sich schon ergeben, meinte Martin. Björn wollte mit Daniel abends im neuen Heim vorbei­, schaun.

Den nächsten Morgen waren sie beide etwas aufgeregt.

«Heute geht’s los», sagte Martin, «endlich können wir hier unsere Koffer packen. Ich bin froh, wenn wir aus diesem Laden verschwunden sind, keine Putzfrau mehr, kein Praktikant.» «Vielleicht gibt’s das auch im ZiK, wer weiß», dämpfte Klaus seine Euphorie. Noch vor der Visite begann Martin Sachen zu sortieren. Es war nicht viel, ein paar Kleider, das Wasch- und Rasier­ zeug von Klaus legte er in eine große Stofftasche, dann stöpselte er die Mini-Anlage aus, rollte sie in ein AVK- Handtuch und stopfte sie mit hinein. Er nahm den Ruck­ sack aus dem Schrank, da passten die CDs rein, das war schon alles. Er schaute noch mal überall nach, der Aschen­ becher musste zum Schluss verstaut werden, sonst hatte er nichts übersehen. Der Praktikant kam herein und kündigte den Ärzterund­ gang an. Zu Martin meinte er giftig, «Das Bett muss raus, hier ist ja kein Fußbreit Platz!» Martin saß darauf und schaute ihn grinsend an. Er dach­ te, das ist das letzte Mal, was macht er nur ohne uns? Er rollte das Bett auf den Gang, als die Visite schon davor stand und ihm zuschaute. Später kam ein Pfleger, der sich aber als der Kranken­ wagenfahrer herausstellte, er brachte den Praktikanten, mit. Vor der Tür stand der Krankenwagen, Klaus wurde hineingeschoben, festgeschnallt, Martin stellte das Gepäck mit dazu. «Fertig», sagte der Fahrer. Martin fragte, ob er auf dem Beifahrersitz mitfahren könne. Der Fahrer verneinte. Das dürfe er aus versicherungs­ rechtlichen Gründen nicht. So stand er und schaute dem abfahrenden Wagen nach, bis er um die Ecke gebogen war. Martin drehte sich um und ließ seinen Blick über die Fassade des Krankenhauses wandern, wie zum Abschied. Er rauchte einen letzten Joint auf der Wiese, dann ging er zur S-Bahn und fuhr Richtung Kreuzberg. Er lief vom Kottbusser Tor die Reichenberger Straße herunter, bis er vor der 129 stand. Ein orangefarbener Neubau mit neongrünen Fensterrah­ men, die im Erdgeschoss zur Straße hin die ganze Front bis auf den Fußboden einnahmen, daneben ein Altbau, der gerade entkernt und saniert wurde, das war das ZiK. Die massive Glastür war verschlossen, er schaute auf das metallene Klingelbord, er war sich unsicher und klingelte bei «Büro». Beim zweiten Mal krachte die Gegensprechanlage, Martin meldete sich mit «Hallo, ich möchte zu Klaus, Klaus Hartwig». Der Türöffner brummte, er drückte gegen die Scheibe und schob den Flügel nach innen auf. Im Flur musste er noch einmal eine Klingel drücken, und eine Stahltür, wie im Soz, bloß moderner und giftgrün gestrichen, öffnete sich automatisch. Es sah eher aus wie, Knast als eine Feuerschutztür. Er kam in einen breiten Flur und schaute sich um. Ein Handwerker in blauer Latz­ hose war dabei, eine Holzleiste an einer der Wände festzu­ schrauben. Er fragte ihn nach dem Notfallzimmer, aber der Hand­ werker wusste nicht genau Auskunft zu geben, er meinte jedoch, indem er auf eine Tür ihnen gegenüber verwies, da sei eben ein neuer Patient reingefahren worden. Martin klopfte und öffnete vorsichtig die Tür. Er spähte herein und sah gleich Klaus ihn grinsend anschauen. Der lag auf einem großen Bett mitten im Zimmer, dahinter war eine Nische mit einem Sofa, einer Billigdesignstehlampe, ein Fenster in der Rückwand. «Auch schon da?», fragte Klaus. «Noch nicht ganz», antwortete Martin. Klaus gegenüber befand sich eine Schrankwand, in der eine Spüle, daneben zwei Elektroherdplatten eingelassen waren. Der Raum war eigentlich quadratisch, wobei in der einen Ecke ein Viertel als Bad abgetrennt war. Die Wände waren zartlila getönt, der Laminatfußboden graugrün. Martin warf sich auf das gelb gemusterte Sofa. «Ist ja richtig wohnlich hier, im Gegensatz zum AVK», meinte er. «Gefällt mir auch besser», sagte Klaus. Neben dem Sofa standen die Tasche und der Rucksack. Martin begann sie auszupacken. Beim Bett gab es einen naturhölzernen Nachttisch, auf dem die Essenspumpe stand., Auch seitlich vom Sofa war ein kleiner Tischwürfel. Den hielt er geeignet für die Anlage und die CDs. Er öffnete die Wandschranktüren und füllte Klaus’ Kleider in leere Fächer, in anderen lagen schon Handtücher und Ersatz­ bettzeug. Den Ascher stellte er auf das Fensterbrett. Die Couch war zu einem Bett auszieh- und aufklappbar. Er machte sich gerade mit der Mechanik vertraut, als die Tür aufging und Gitti hereinkam. Der war genauso überrascht wie Klaus und Martin. Sie kannten Gitti eigentlich als Partytunte aus dem SO 36, einer Kiezdisko. «Was macht ihr denn hier?», fragte er in seinem Sing­ sangton mit leicht gespieltem Entsetzen. «Wir wohnen jetzt hier», sagte gleich Martin. «Du auch?», fragte Gitti nach. «Ich bin grade Klaus’ Schatten», sagte er. «Und ich eure Krankenschwester», meinte Gitti. «Und wo ist dein Kittel?», wollte Klaus wissen. «Hier sind wir zivil», sagte er, «ich trag höchstens geblümte Küchenschürzen.» Gitti schaute sich um, überprüfte, ob Tropf und Pumpe liefen, dann sagte er, wenn irgendwas sei, den Flur runter, letzte Tür links sei das Schwesternzimmer. Er fügte noch hinzu, «Die Leiterin hat gefragt, wer geklingelt hat. Du sollst dich kurz melden.» Martin nickte, und Gitti ging wieder hinaus. «Gitti hier zu sehn», sagte Martin. «Ja, ulkig, mit der hatte ich vor Jahren mal Sex», sagte Klaus trocken., Martin stellte Musik an und richtete die Anlage auf Klaus hin aus. «Ich guck mal im Büro», meinte er dann. Er ging über den Flur bis zu einer Tür, an die ein Papierblatt aufgeklebt war, beschriftet mit «ZiK – Verwal­ tungsbüro». Er klopfte und trat ein. Es war ein heller Büroraum, an der Seite ihm schräg gegenüber stand ein Schreibtisch dahinter saß eine Frau mit braunem Bubi­ kopf, Martin schätzte sie auf Anfang vierzig. Sie schaute freundlich, aber ein bisschen beamtenmäßig. Er sagte, «Hallo.» «Hallo», grüßte sie zurück und schaute ihn an. «Ich bin Martin», sagte er, «Gi…. em», er wusste gar nicht, wie Gitti sonst heißen mochte, «ich soll Ihnen Be­ scheid geben, also ich besuche Klaus, der heute gekom­ men ist.» «Sie hatten geklingelt?», fragte sie. Martin nickte. «Hans hat mir gerade gesagt, dass Sie in Klaus’ Zimmer sind», sagte die Leiterin. Martin nickte erneut. «Sie sind ein… Freund von Klaus?», fragte sie weiter. Martin sagte, «Ja, ich bin bei ihm, damit er sich nicht alleine fühlt. Schon im Auguste-Victoria. So eine Art – Begleitung.» Nun nickte die Leiterin. «Sie wissen vielleicht, dass wir eigentlich nicht für Fälle wie Klaus eingerichtet sind, das ist quasi eine Ausnahme. Die Finanzierung vom Sozialamt ist auch noch nicht be­ willigt. Die Sachmittel, also wir müssen aus dem Bestand, improvisieren, ebenso mit den Pflegekräften.» Martin verstand erst mal wenig. «Wie ist das mit dem Klingeln, oder gibt’s einen Schlüs­ sel für Klaus?» «Sie müssen schon hier im Büro läuten, Sie selbst können aber vom Zimmer aus öffnen, es gibt eine Sprechanlage an der Tür», erklärte sie. «Danke», sagte Martin und fragte sich, wofür eigentlich. Sie schauten sich an, Martin hatte das Gefühl, die Leite­ rin sei zwar nett, aber sie verbunkere sich hinter ihrer Brille wie hinter einer Mauer und setze ihm etwas entge­ gen, das sie verteidigen wollte, Autorität oder was auch immer. Er überlegte, ob sie eine Lesbe sei, entschied aber, wahrscheinlich war sie verheiratet und Mutter. «Ich geh mal wieder», sagte er und stand auf, «Tschüs.» «Auf Wiedersehn», antwortete die Leiterin. Martin ging über den Flur zurück. Links war ein Durch­ gang, darin sah er eine Küche, wohl für das Personal. Rechts war eine Tür, daran stand «Labor», die nächste Tür, fast gegenüber dem Eingang, war das Zimmer von Klaus. Klaus schlief. Martin setzte sich auf sein Sofa. Er rauchte einen Joint bei weit geöffnetem Fenster, das Zimmer war gut geheizt. Er packte sein Buch aus und legte es zu den CDs auf das Tischchen. Dann gönnte er sich ein LSD-Paper, das war eine tägli­ che Angewohnheit geworden., Er stellte leise Musik an und legte sich längs auf das Sofa, den Kopf auf der Armlehne. Als es klopfte und Björn und Daniel hereinplatzten, mit «Hallo» und «Wie geht’s euch», wachte Klaus auf und schaute die beiden an. Martin hatte sich wieder aufgesetzt und sagte, «Eh, hallo.» Die beiden kamen zu ihm ans Sofa, wobei sie sich im Zimmer umschauten. Björn setzte sich neben ihn, Daniel warf einen Blick ins Bad. «Luxusappartement», meinte er. Klaus grinste. Björn fragte, ob mit der Fahrt alles geklappt habe. «So weit», meinte Martin, «ich bin mit der U-Bahn herge­ kommen.» «War schwierig, hier reinzufinden», sagte Björn. «Überhaupt, diese schweren Türen und die luftdichte Stahlschleuse zum Treppenhaus, wie ein Atombunker», sagte Daniel. Martin erklärte, es gebe eine direkte Klingel. Er ging zur Tür und hob den Hörer der Sprechanlage ab. Darunter war ein roter und ein grüner Knopf. «Mh», meinte er. Daniel kam zu ihm hin und nahm ihm den Hörer ab, hielt ihn vor sich in der Hand und betrachtete ihn drehend, er drückte auf die zwei Knöpfe und hängte ihn wieder ein. Er war genauso untechnisch wie Martin. «Wir brauchen erst mal ein Namensschild», meinte er. Auch Björn stand auf. «Mach ich», sagte er, «dann probiern wir’s gleich aus. Ich geh mal zur Verwaltung.» Er kam mit einem Papierschnipsel, auf Klebeband gezo­, gen, zurück. «Ich probier von unten.» Dabei verschwand er im Fahr­ stuhl. Martin und Daniel gingen zurück ins Zimmer und schlossen die Tür. Bald tönte ein elektrischer Gong. Daniel hielt den Hörer ans Ohr. «Hallo, hier bei Hartwigs?» «Macht mal auf», tönte es durch die elektrische Muschel. Daniel probierte den grünen Knopf. «Jetzt?», rief er in den Hörer. Es kam keine Antwort. «Dann ist er wohl drin», meinte Martin, Kurz darauf kam Björn ins Zimmer. «Alles klar», sagte er. Sie setzten sich wieder aufs Sofa. «Wenn wir das ein bisschen wohnlich machen, lässt sich’s hier doch aushalten», meinte Daniel, «Klaus, wir könnten ein paar Sachen aus der Wohnung herholen, was meinst du?» Der schaute zu ihnen. «Klaus?», wiederholte Daniel. Der sagte leise etwas, hatte es aber verschluckt. Er wiederholte, «Gute Idee», aber es war fast geflüstert. Danach musste er husten, und dabei lief ihm schaumig weiße Spucke aus dem Mundwinkel. Daniel sprang auf und ging zum Bett. «Oje», sagte er, «gibt’s irgendwo ein Taschentuch?» Er schaute sich um. «Ein Handtuch?», fragte Martin. «Ist auch gut», sagte Daniel. Martin ging zum Schrank, und nahm zwei weiße Frotteetücher heraus. Daniel wisch­ te Klaus die Spucke von Mund und Kinn. Das andere Handtuch legte er über den Hals wie einen Latz. «Gut so?», fragte er Klaus. Der nickte. Daniel legte das Handtuch an die Seite des Betts. Klaus bewegte seinen Arm, seine Hand, und versuchte, den Stoff zu umfassen, indem er eine Faust machte. Dann tupfte er sich unsicher und schwerfällig damit über den Mund. Er wollte beweisen, dass er sich selbst helfen kön­ ne, aber es machte ihm sichtlich Mühe. Er ließ den Arm erschöpft zurücksinken. Alle drei schauten sie ihm dabei zu, ohne hinstarren zu wollen. Daniel sagte, «Lass mal, das machen wir schon, kein Problem.» Er stand noch neben dem Bett. Martin drehte einen Joint. «Geht das jetzt?», fragte Björn. «Vielleicht im Bad», meinte Martin. Klaus sagte leise, «Das stört mich nicht», und versuchte zu grinsen. Martin sagte, «Wir machen das Fenster auf.» Sie rauchten den Joint. Björn erzählte, er fahre morgen nach Thüringen. Ab Samstag nahm er an einem Seminar teil, das zu seiner Ausbildung gehörte, eine Art Feldforschung, sie besuch­ ten verschiedene natürliche Kraftorte, erläuterte er, und lernten dort den Zusammenfluss unterschiedlicher Ener­ gieformen zu beobachten; es war kein einfaches Wün­ schelrutengehen, sie bestimmten und vermaßen unter­ schiedlichste Frequenzschwingungen. Erst am nächsten, Wochenende komme er zurück. Daniel musste die kommenden Tage durcharbeiten, dafür hatte er ab nächster Woche länger frei. «Und ich hab den Urlaub bewilligt. Für August», erzähl­ te er, «wir haben nämlich eine Woche Frankreich gebucht, wir fahren während der Sonnenfinsternis zur Kathedrale von Chartres.» Es entstand ein kleines Schweigen. «Und ihr? Also… wisst ihr schon was?», fragte Daniel. Martin zuckte die Schultern. «Vielleicht bin ich bei mei­ nen Eltern in Westdeutschland, das liegt im Halbschatten­ bereich, und ich mache von da einen Ausflug», sagte er. «Ich setz mir diese Extrasonnenbrille auf und schau von hier aus aus dem Fenster», meinte Klaus, «In Indien pilgern jetzt schon Millionen Menschen zum Ganges, um sich zu reinigen. Dort gilt das als kosmisches Unglücks­ zeichen.» «Wirklich Millionen?» Martin konnte sich das nicht vorstellen. «Bei einer Milliarde insgesamt», sagte Klaus, «und Indien ist unbegreiflich, wie die denken und so.» Es klopfte, und Gitti kam herein. «Abendläuten», sagte sie, «wer sitzt denn hier alles?» Daniel und Björn grüßten ihn, «Hallo Gitti» und «Du hier?» «Ich bin doch beim HIV e. V.», erklärte sie. Er wollte nach Klaus sehen und ihn auf die Seite legen,, weil eine spezielle Matratze zwar bestellt war, aber erst geliefert werden würde, «damit du nicht wund liegst.» Er sah die Handtücher, «Was ist denn hiermit?» Daniel erklärte den Vorfall eben. Gitti sagte, er wolle Zellstoff besorgen. Er bat Daniel, ihm behilflich zu sein. Sie rollten Klaus in eine Art stabile Seitenlage, mit einge­ winkeltem Bein, das mit einem Kissen gegen das andere, aufliegende gepolstert wurde. Der Kopf lag zur Seite gedreht. Martin hatte zugeschaut, vielleicht müsste er einmal behilflich sein, wenn Daniel nicht da wäre. Gitti legte die Decke über Klaus, als es piepste, fast wie die Esspumpe, Gitti griff an ein schwarzes Plastikkäst­ chen, das seitlich an seinem Gürtel hing, schaute darauf und stellte das Signal mit einem Knopfdruck ab. «Ich muss zu einem Patienten», sagte er und flatterte zur Tür hinaus. Bald gingen auch Daniel und Björn wieder, sie wollten später noch ins CitKat. «Wir sehn uns erst nächste Woche wieder», meinte Björn zu Klaus. Der schaute ihn an. Daniel meinte, «Ich komm morgen kurz rein.» Björn fuhr mit einer Hand über Klaus’ Stoppelhaare, dann gab er ihm einen Kuss auf die Wange. «Mach’s gut», sagte er. «Tschau», flüsterte Klaus. «Bis dann», sagte Daniel, Björn umarmte Martin und drückte ihn kurz an sich.,

Nachdem sie wieder allein waren, ging Martin ans Bett

und schaute nach Klaus. Er sah, durch die seitliche Kopf­ lage war Speichel auf das Kissen getropft und bildete einen dunklen Fleck. Martin nahm eins der Handtücher, legte es auf die Stelle und steckte es vorsichtig unter Klaus’ Kopf. Als er sich wieder auf dem Sofa ausgestreckt hatte, kam die Leiterin ins Zimmer. Sie brachte einen riesigen Papp­ karton mit, der aber offensichtlich leicht zu tragen war, und stellte ihn neben der Tür ab. Sie grüßte mit «Guten Abend» und ging ans Bett. Sie ließ einen Blick über Klaus wandern, dann sagte sie zu Martin, «Wir haben leider keine kleinen Zellstofftücher im Lager, nur diese großen.» Sie zeigte auf den Karton. «Sie könnten sich nützlich machen und die zurechtschneiden, damit ein Vorrat für Sie vorhanden ist.» Martin schaute konsterniert. Sie hatte sogar eine Schere dabei, eine extra große zum Papierschneiden. Der Karton war schon offen, sie entnahm einen großen Bogen grün­ grauen Altpapiers. Sie kam damit zu Martin und zeigte ihm im Stehen seine Arbeit, wobei sie etwas unbeholfen war, ohne Ablage. Der Bogen musste in Viertel zerschnitten werden. Sie legte die Schnipsel neben ihn auf die Couch. «Wenn Sie fertig sind, gibt’s noch einen Karton bei mir im Büro», sagte sie. «Gut, ich komm’s nachher tauschen», sagte er. «Ich hab jetzt Feierabend», sagte sie, «das reicht bis, morgen. Schneiden Sie die hier erst mal.» Damit ging sie wieder. Martin nahm die Schere probehalber in die Hand. Es war eine Rechtshänderschere. Dann stand er auf und zog sich den Karton an das Sofa. Er las die Aufschrift: «Zell­ stofftücher Einweg, 10.000 Stück». «Uff», meinte er, «da hab ich ja was vor.» Er schaute zu Klaus, der erwiderte seinen Blick, sagte aber nichts. Martin nahm eine Hand voll Bögen und legte sie über sein Knie. Es war wie das raue Klopapier, bloß grünlich statt grau und nicht auf eine Rolle gewickelt. Er faltete den obersten Bogen in der Mitte und zog den Knick zwischen Daumen und Zeigefinger nach, dann legte er ihn noch einmal an den Ecken aneinander. So hatte er eine Markierung, an der entlang er schneiden konnte. Er musste ausprobieren, wie viele Blätter auf einmal er schneiden könne, ohne dass die Schere stecken blieb oder das Papier ausriss. Bald war er mitten in der Arbeit. Als er eine Pause machte und die Musik wechselte, bemerkte er, dass Klaus schlief. Seine Finger bekamen rot anlaufende Druckstellen, wo er die Metallösen der Schere griff. Endlich hatte er alle Bögen halbiert, das hieß, er hatte vor sich zwei neue Stapel, also noch mal die doppelte Anzahl Schnitte zu tätigen. Er rauchte erst einen Joint. Danach machte er sich an den ersten Stapel. Dabei rollte er Zellstoffpapier um Zeigefin­ ger und Daumen, damit sich die Haut nicht abschürfe, es hatte sich schon eine Blase gebildet., Er schnitt und schnitt. Dabei dachte er an sein Märchen­ buch und kam sich mit einem Mal vor wie das Dornen­ röschen mit der blutigen Spindel, oder die Müllerstochter, der vom gierigen König Nacht für Nacht immer größere Strohhaufen gebracht wurden, die sie zu Gold spinnen sollte, für jeden erledigten Haufen einen neuen, doppelt so großen. Martin grübelte über den Namen von Klaus’ Krankheit; dabei hatte er sich extra erkundigt. Multi… überlegte er, dann fiel es ihm ein, PML, Progressive Multifokale Leuk­ enzephalopathie. Was wie eine Flucht der Sprache vor dem Aussprechen der Wahrheit anmutete, verdolmetschte er anhand seiner restlichen Lateinkenntnisse in «fort­ schreitend sich ausbreitendes, an mehreren Stellen einset­ zendes Absterben der weißen Gehirnzellen». Ausgelöst wurde es wahrscheinlich von einem Ammoniaküber­ schuss im Blut, einer Nebenwirkung der Kombi-Therapie. Ach wie gut, dass niemand weiß, soll sich die Leiterin doch mit ihrer Schere zerschneiden und fußstampfend im Boden versinken, dachte er frei improvisiert. Der erste Halbstapel war fast in zwei kleine zerschnitten, als es noch einmal klopfte. Gitti stand erneut im Zimmer. «Ich dachte, ich guck noch mal rein, bevor die Nacht­ schicht kommt», sagte er und schaute neugierig auf Martin. «Was tust denn du da?», wollte er wissen. Neben Martin, vor ihm, an den Seiten auf dem Boden lagen Zellstoffstapel. «Ich soll die klein schneiden, Sisyphusarbeit», sagte, Martin lakonisch. «Das ist doch total unnütz», ereiferte sich Gitti, «hat dir das die Büroleiterin gesagt?» Martin nickte. «Die spinnt doch», sagte Gitti, «lass das mal ruhig. Wir kriegen spätestens morgen Mittag ‘ne neue Lieferung, in allen Größen. Außerdem können die bei Bedarf gefaltet werden, die saugen sowieso nichts auf.» «Hab ich eigentlich auch schon gedacht», sagte Martin und legte die Schere aus der Hand. «Wir müssen Klaus noch mal auf den Rücken drehn, für die Nacht. Außerdem sind seine Medikamente angekom­ men. Vor ‘ner Viertelstunde. Die muss ich ihm noch ver­ abreichen.» Martin stand auf und stellte sich neben Gitti ans Bett. Sie drehten Klaus um, so vorsichtig, dass er nicht auf­ wachte. Er blinzelte lediglich zwischendrin kurz mit den Augen. Gitti polsterte mit dem Kissen Klaus’ Kopf, so dass er zur Seite lag. «Ist besser, wenn das mit dem Speicheln losgeht, dass er sich beim Atmen nicht verschluckt», sagte Gitti. Martin zupfte das Handtuch unter Klaus’ Kinn und Kopf zurecht. «Leg ein paar Zellstofftücher drunter», riet ihm Gitti. Er stöpselte die mitgebrachte Spritze an der Tropfkanüle ein und drückte die Medikamentensuppe in den Schlauch zur Vene. «Der Tropf reicht bis morgen», meinte er, «falls was ist, komm ins Zimmer vor oder drück den roten Knopf an der, Sprechanlage, notfalls. Heut Nacht ist Andreas da, das ist auch ‘ne Schwester.» Martin nickte, das klang beruhigend. Gitti verschwand, «Gute Nacht», meinte er. «Dir auch», sagte Martin. «Werd ich haben», sagte Gitti im Rausgehn, «ich geh noch ins CitKat.» «Na dann», sagte Martin halblaut, weil die Tür schon ins Schloss fiel. Er räumte die Zelltücher in den Karton zurück. Anschließend faltete er die Couch zum Bett aus, legte ein Laken und die Ersatzdecke darauf, die mit Polyacrylfaser gefüllt war, wie darauf stand. Ein Bezug fehlte. Das war also ihr neues Domizil.

Es gab keine Putzfrau am Morgen.

Erst als ein Pfleger reinkam, «Guten Morgen» wünschte und Klaus fragte, wie es gehe, wurde Martin geweckt. Der Schatten eines Traumbilds hing noch in seiner Wahrneh­ mung, verblasste aber im wachen Tageslicht. Das war je­ doch genug, um eine Erinnerung an Peer in seinen Gedan­ ken zu verankern, der wohl darin vorgekommen war. Er wollte heute zu ihm hinfahren. Klaus musste noch einmal zur Seite gedreht werden, gegen Abend spätestens sollte eine sich selbst regulieren­ de Luftmatratze geliefert werden, meinte der Pfleger. Der machte einen netten Eindruck auf Martin. Als Klaus versorgt war, stellte Martin Musik an und, kümmerte sich um ein Frühstück. Heute gab es Fladenbrot, Joghurt, Marmelade, er kaufte noch ein Pfund Kaffee dazu. Unterwegs telefonierte er, um nachzufragen, ob er Peer besuchen könne, es wurde auf Station nachgefragt, von dreizehn bis vierzehn Uhr sei Besuchszeit, er brauche die Erlaubnis und seinen Ausweis. Die Einbauküche hatte natürlich kein Geschirr. Er ging vor zum Durchgang mit der Personalküche im Flur, und weil niemand zu sehen war, lieh er sich Topf, Teller, Tasse, Messer und ein Löffelchen aus. Dann kochte er auf der Herdplatte eigenen Kaffee und aß auf dem Sofa. Klaus war zur Tür hin von ihm weggedreht. Erst nach dem Frühstück ging er ums Bett, um ihn an­ schauen zu können, während er mit ihm sprach. Wieder war Klaus Speichel über die offen stehenden Lippen gelaufen, Martin wischte den mit Zellstoff ab, wobei aus dem Mund neuer nachlief. «Ich will gleich einen Freund besuchen, über Mittag, ich muss quer durch die Stadt, der ist in einer Psychiatrie im Norden eingeliefert. Gegen Abend bin ich wieder zurück.» Er sah in Klaus’ Blick, der hatte ihn verstanden. Er wollte etwas sagen, hustete aber dabei Spucke aus. Martin nahm aus dem Karton einen Stapel Zellstofftücher, die geviertelten zuerst, und reinigte noch mal Klaus’ Mund und Kinn. Er legte ein paar Bogen unter. Danach zog er seine Jacke an und ging zur U-Bahn, nachdem er seine Unterlagen eingesteckt hatte. Er musste in die S-Bahn umsteigen und bis zum Stadt­ rand fahren. Das dauerte fast eine Stunde., Er war zu früh und beschloss, von hier statt mit dem Bus zu Fuß zur Klinik zu laufen. Das Trottoir verlief neben einem rostigen Eisengitter, dahinter erstreckte sich ein Park mit hohen alten Bäumen wohl über zwei Kilometer entlang der Straße. Gegenüber standen einzelne Einfami­ lienhäuser mit grauem Rauputz in Fünfziger-Jahre-Bauart. Dann endete die Straße in einem Kreisel mit der End­ haltestelle für den Bus. Hinter einem wohl drei Meter hohen Gitter aus spitzen Stahlstäben sah er einen Glas­ betonneubau, von einem grünen Wiesenstreifen umgeben. Videokameras auf Stangen sicherten den Stahlzaun zusätzlich. Gegenüber der Haltestelle war ein Eingang aus dem gleichen Metall, das bei manchen Freibädern einen Drehkranzdurchgang bildet. Der Hindurchgehende befand sich dabei in einem beweglichen Käfig. An der Seite war eine Schiene mit einer Sprechanlage. Martin drückte auf den Klingelknopf. Aus dem Lautspre­ cher tönte eine kalte Männerstimme, «Besuchszeit erst ab dreizehn Uhr.» Auf der anderen Straßenseite gab es eine Holzbank in einem betongegossenen Unterstand in typischer DDR- Bauweise. Er ging hinüber und setzte sich, den Blick auf Eingang und Gebäude. Eine ältere Frau lief mit einem weißen Pudel an der Leine vorbei. Er wollte sie nach der Zeit fragen, aber sie sah verschlossen und unfreundlich aus, es konnten auch nur noch ein paar Minuten hin sein. Kurz darauf kam ein Bus und hielt unmittelbar vor ihm. Drei Frauen stiegen aus. Die eine, eine ältere Frau, in einen grauen Mantel gehüllt und mit Handtasche, schaute auf die Armbanduhr., Martin fragte sie, «Ist schon dreizehn Uhr?» Sie schaute zu ihm hin, «In zwei Minuten.» Sie überlegte kurz und merkte wohl, Martin könne nichts anderes als ein Besucher sein. «Wir können schon rüber.» Damit ging sie über die Straße, die beiden anderen Frau­ en standen bereits am Eingangsgitter. Martin folgte ihnen. Sie konnten einzeln durch die Drehtür, die wurde jeweils elektrisch weitergedreht, bis sie alle vier im Inneren waren. Dort führte ein Kiesweg zu einer Ecke des Gebäu­ des und seitlich an eine Eingangstür. Die Frauen vor ihm schienen schon alles zu kennen. Ehe Martin sich anmelden konnte, sah er die erste, wie sie von einem bulligen Pfleger auf ein Holzpodest gebeten wurde, das etwa kniehoch und ungefähr einen Quadratmeter groß war. Martin wurde aufgefordert, seine Papiere in eine Durch­ reiche zu legen und alle Metallgegenstände abzugeben, die bekäme er beim Hinausgehen wieder. Er hatte keine Schlüssel, Taschenmesser oder sonstige Gerätschaften bei sich, nur ein paar Münzen, die könne er eingesteckt las­ sen. Der Pförtner, der das sagte, war ein älterer, dunkel­ haariger Mann mit einem hageren, faltigen Gesicht. Seine Augen beobachteten Martins Bewegungen mit müde abgeklärtem Ausdruck. Hinter ihm zeigten Monitore in flirrenden Schwarz-Weiß-Bildern die Aufnahmen der Sicherheitskameras. Martin wurde als Letzter auf das Podest gebeten und von einem ihm zugeteilten Pfleger – oder Bewacher?, fragte er sich – mit einem Metalldetektor abgetastet. Sein Begleiter war ein schwergewichtiger Hüne von, mindestens zwei Metern Körpergröße. Wo haben sie die nur her, fragte sich Martin, ob die extra geklont und gezüchtet werden? Als er gecheckt war, bat der Typ ihn zu einer Tür, und sie standen in einem Innenhof, der fast fußballfeldgroß war. Der Pfleger ging einen Pfad über den Rasen entlang, Martin folgte ihm bis zu einem einstöckigen Gebäude, dessen vordere Wand ganz verglast war. Eine große Flü­ geltür stand offen. Davor forderte der Aufpasser Martin auf zu warten und ging in eine andere Richtung davon. Martin blieb draußen stehen und schaute über den Hof, in dessen Mitte sich eine lang gezogene Senke befand, die bis zu halber Höhe mit Kies ausgekleidet war, daran schloss sich Rasen an. Ein künstlicher See, dachte Martin, aber leer gepumpt, wahrscheinlich den Winter über. Auf dem Rasen standen einzelne kleine Bäumchen, die erst neu angepflanzt schie­ nen, an einen Stützpfahl angebunden. Die ganze Anlage, glaubte Martin, war erst nach der Wende neu gebaut worden. Er sah die ältere Frau aus dem Bus neben einem Mann über den Rasen spazieren, etwa zehn Meter dahinter ging ihr Aufpasser. Von rechts kam eine Person auf dem Kies­ weg zu ihm hin, Martin glaubte im ersten Moment einen Typen zu erkennen, den er oft in der Szene sah, Stefan, der im Tuntenhaus wohnte und den er nicht mochte. Er erschreckte über diesen ersten Eindruck, wieso ist der denn hier?, aber dann löste sich die Einbildung auf, und Martin erkannte, es musste Peer sein. War es die ungewohnte Kleidung, er trug ein weißes T- Shirt und saubere blaue Jeans, dazu weiße Socken in, Sandalen, oder war es die Kurzhaarfrisur, die die Ver­ wechslung ausgelöst hatte? Peer wirkte auch anders, schien eine andere Ausstrahlung oder Aura zu haben. Die Art, wie er sich bewegte, zu ihm hinsah, die ganze Körperhaltung und Gestik hatten einen anderen Charak­ ter, der ihn verwirrt hatte; er kannte das sonst von Junkies, wenn die auf Entzug oder Methadon waren und dadurch so verändert wirkten, dass es Martin passiert war, an einem Bekannten vorbeizugehen, als wäre es ein Fremder. Er sagte «Hey, Peer» und legte seine Arme um ihn. Sie drückten sich eng aneinander, den Kopf auf des anderen Schulter, und hielten sich wohl eine Minute schweigend fest. Dabei sah Martin im Hintergrund den Aufpasser stehen und sie neugierig beobachten. Er schloss die Augen. Als sie sich wieder voneinander lösten, fragte Martin, «Wie lange musst du hier bleiben?» «Weiß nicht. Ich hab mich freiwillig herlegen lassen, hier ist besser als in Moabit. Vielleicht lassen sie mich die Tage schon raus, es gibt eine Überprüfung meiner Aussage, es haben sich Zeugen gefunden, der ganze Einsatz an der East-Side soll also insgesamt politisch zurückgenommen werden.» «Und warum lieber hier?», fragte Martin. «Das kenn ich schon, ich war mal in der Forensik. Die Ärzte haben auch Einfluss auf den Prozess, mit Gutachten und so», sagte Peer. «Bekommst du Tabletten?», fragte Martin. «Zur Beruhigung», meinte Peer. Die haben ihn auf Neuroleptika eingestellt, dachte Mar­, tin. Er fühlte sich verkrampft, von der ganzen Umgebung, diesem offenen Knast, der kontrollierten Freizügigkeit, aber auch von Peer selbst, der ihm verändert schien, es gelang Martin nicht, ihre gemeinsame Ebene zu finden. «Du in Sandalen», meinte Martin. «Ich bin am Zeh operiert worden, am großen. Einge­ wachsener Nagel.» Martin überlegte, was er sagen könne. Auch Peer drehte sich um und schaute über den Hof. «Ich hab dir gar nichts mitgebracht», sagte Martin, es fiel ihm tatsächlich jetzt selbst erst auf, «ich wusste auch nicht genau, wie das hier abgeht. Eigentlich hätt ich LSD ein­ stecken können.» «Macht nichts», sagte Peer, «hier drin wär das sowieso nicht gut.» «War Frank schon bei dir, ich hab ihn eine ganze Zeit nicht gesehen», fragte Martin. «Nee, bisher nicht», sagte Peer. «Er hat die Besuchserlaubnis für mich beantragt», sagte Martin, «und eine für sich. Ich hatte so wenig Zeit.» «Du bist kaum mehr bei dir im Wagen», sagte Peer. «Tut mir leid. Ich bin gestresst gerade, ich bin viel bei Klaus, dem geht’s schlecht, der liegt, glaub ich, im Ster­ ben.» Er erzählte vom Umzug ins ZiK. «Aber wenn du wieder hier raus bist, verabreden wir uns, ich bin ja nicht aus der Welt», schloss er., Sie schwiegen nebeneinander stehend, Martin spürte einen leichten Druck in seinen Gedanken, der zunahm, ein Unwohlsein, den Zwang der Anstalt, nicht einfach tun zu können, was er wollte, nämlich Peer bei der Hand neh­ men, hier raus und auf eine Wiese laufen, sich die Kleider vom Leib reißen und sich lieben, berühren, zärtlich sein. Im Gegenteil drängte sich ihm reflexartig der Wunsch auf, sich dieser Situation zu entziehen, wegzugehn, aber er wollte gleichzeitig und trotz allem bei Peer sein. «Willst du mein Zimmer sehn?», fragte der. Martin wusste nicht genau. «Lass uns mal reingehn», sagte Peer und ging vor ihm her über den Hof zu einem gegenüberliegenden Haus, der Escort zehn Meter hinter ihnen. Es war wie in der Paranoia des Überwachungsstaats, unversehens schaute er in eine Kamera, und wenn er sich umdrehte, lächelte ihn der Sicherheitsbeamte an, wahr­ scheinlich war der Zaun elektrisch geladen, dachte Martin, oder sie hatten Tretminen und Selbstschussanlagen; er wusste, der Gedanke war absurd, entsprang aber auch nicht seiner alleinigen Einbildung, er war Ausformung einer Möglichkeit, bildhafte Imagination einer Struktur, eines Systems, das hier herrschte, und hielt nicht Deutsch­ land die Weltmeisterschaft im Verkauf ebendieser Mord­ instrumente, unter anderen? Als sie vor einer massiven Glastür standen, drückte Peer einen Klingelknopf, sagte «Peer» in ein Metallraster, die Tür öffnete sich ferngesteuert., Ein langer, breiter Flur lag vor ihnen, Martin konnte bis zum anderen Ende schauen, das wieder von einer licht­ durchlässigen Tür abgeschlossen war. In der Mitte des Gangs stand erhöht ein quadratisches Panzerglashäus­ chen. Als sie näher kamen, sah Martin darin zwei weiß bekittelte Pfleger sitzen und sie beobachten. Dieser Einbau stand in der Achse zu einem Quergang, der rechts in einen Aufenthaltsraum überging, durch eine verglaste Wand abgetrennt, mit Tischen und Plastestühlen. Ein paar Leute saßen darin. Durch die Fenster der Rückwand fiel der Blick in den Innenhof. Martin überlief ein Gruseln. Das war ein perfektes Panoptikum, es gab wohl keine Stelle, die unbeobachtet blieb. Das gleiche Schauern hatte ihn durchlaufen, als er das Konzentrationslager in Oranienburg besucht und die Baracken für die Häftlinge gesehen hatte. In seiner Vor­ stellung waren die mit kalten feuchten Erdlöchern oder Kellern und Verliesen assoziiert gewesen, aber die Baracken waren wie Pfahlbauten über der Erde, so dass unter deren Boden die Wachhunde liefen und durchge­ schossen werden konnte, jedes Verstecken ausgeschlossen. Dieser Eindruck hatte ihn, er wusste nicht, wie, erschüt­ tert und ihm nachhaltig die totale Brutalität, die modernis­ tische Gewalt der Nazis bewusst gemacht, die vollkom­ mene Kontrolle und Vernichtung menschlicher Individu­ en. An dem Glasausguck vorbei trat Peer zu einer Tür im Gang und öffnete sie. Er trat ein, Martin folgte ihm. Sie standen in einem geräumigen Zweibettzimmer, auf dem einen Bett lag, angekleidet ein bärtiger Typ. «Hey», sagte Peer, und zu Martin, «mein Mitbewohner.» Das Zimmer sah aus wie im Krankenhaus, weiß gestri­ chen, eine Schrankwand, zwei Betten, zwei Stühle, ein quadratischer Tisch mit runden Metallbeinen und einer abwaschbaren Platte aus Sprelacart oder einem Polyure­ thanschaum, die Einrichtung sah abgenutzt aus und nicht so neu wie das Gebäude, wahrscheinlich aus einer abge­ wickelten Ost-Klinik übernommen. «Lass uns einen Tee trinken», meinte Peer, und im Flur, «ich dachte, der sei nicht da.» Sie setzten sich in den Aufenthaltsraum. Es gab Thermoskannen mit Früchte- oder Fencheltee und weiße Einweg-Plastebecher. Auf den Tischen standen Aschen­ becher. Martin drehte an einer Zigarette, auch Peer wollte eine. «Ich kann dir den Tabak hier lassen», meinte Martin, es war ein fast neues Päckchen. «Das war nett, könnte ich gut brauchen», meinte Peer, «danke.» Martin schob es zu Peer, dann zündete er mit einem Feuerzeug ihre Zigaretten an. Ein Typ vom Nachbartisch setzte sich zu ihnen und wollte von Martin eine drehen. Martin verwies mit einer Geste auf Peer. Der gab ihm den Tabak. Der Typ fragte Martin, ob er Student sei. «Nein», sagte Martin. Er habe sicher einen guten Job. «Nein», sagte Martin, er war von der Aufdringlichkeit, des Typs genervt, wie diese penetranten Schwulen, dachte er. Der bohrte noch weiter, bis Martin sagte, «Ich bin hier bei Peer, ich besuche nicht dich, würdest du uns alleine lassen?» «Schwule Sau!», nuschelte der Typ nun und verlangte mit einer Geste Feuer von Peer. «Lass uns rausgehn», sagte der. Sie standen wieder auf, nahmen ihre Teebecher mit und gingen zurück in den Hof. Da hatte ihr Leibwächter gewartet. Sie gingen ein paar Schritte, dann blieben sie stehen und tranken die Becher leer. Peer meinte, «Der hat ‘ne Frau vergewaltigt und danach erwürgt. Hier sind schon merkwürdige Typen.» Martin sagte nichts. Nach einer Verlegenheitspause sagte Peer, «Ich glaub, die Besuchszeit ist um, der Aufpas­ ser schaut schon auf seine Uhr.» Martin drehte sich zu Peer hin, «Hey», sagte er und drückte ihn wie bei der Begrüßung lange und fest an sich er zitterte leicht. Dieses schweigende Ineinander klam­ mern, Sich-gegenseitig-Festhalten war die einzig authenti­ sche Begegnung in diesem Besuch, der einzige Austausch von Gefühlen. Als sie sich wieder trennten, wusste Martin nicht, dass er und Peer sich zum letzten Mal gesehen und berührt hat­ ten. «Tschau», sagte Martin, «Tschüs», verabschiedete sich Peer von ihm, er drehte sich um und ging ins Gebäude, zurück, vorbei an dem Aufpasser, der zu Martin kam und ihn wieder an die Tür zum Pförtner brachte. Er bekam seinen Perso durch das Schubfach und lief wie betäubt über den Kiesweg und durch das Drehkreuz auf die Straße und weiter den gleichen Weg, den er gekom­ men war, zur S-Bahn, er wollte nicht auf einen Bus warten. Noch in der Bahn, als er die Menschen sah, ihre Gespräche dort hörte, kam er sich vor wie ein Schatten, der durch eine irreale Plastikwelt zog, die ihm entfremdet war, deren Sorgen oder Freuden an ihm vorbeigingen, die nicht die seinen oder die seiner Freunde waren. Er hatte das Bedürfnis, unbedingt einen Joint rauchen zu wollen, sein Dope hatte er aber im ZiK gelassen.

Dort angekommen, klingelte er sowohl im Büro als auch

bei HIV e. V. aber der Türdrücker brummte nicht. Nebenan standen die großen Glasflügel offen, die bis zum Boden gingen und den Fußgängerweg nur durch eine Stolperkante vom Holzparkett im Inneren trennten, hier liefen Bauarbeiter herum, es roch nach Lack und Lösungsmitteln. Der Raum war als eine Art Aula angelegt und nahm fast das ganze Erdgeschoss ein. Er ging hinein und fand die Durchgangstür zum Treppenhaus. Klaus schlief, als er ins Zimmer kam. Er nahm einen Trip aus dem Rucksack, setzte Wasser für Kaffee auf und baute eine Grastüte. Immer noch flackerten die Bilder und Ein­ drücke wirr durch seinen Kopf, die der Besuch bei Peer in, ihm hinterlassen hatte. Martin hörte leise Musik, als es klingelte. Er meldete sich an der Sprechanlage, es war Daniel. Klaus war wach ge­ worden und schaute zu Martin, in seinem Blick lag ein Lächeln, Martin meinte, «Ich bin wieder zurück, und grade kommt Daniel.» Der brachte Mina mit, die er auf der Straße getroffen hatte. Martin dachte, es sei am besten, gleich zu erzählen, dass Klaus das Sprechen schwer falle, eigentlich war es ganz ausgefallen. Er bot an, Kaffee zu kochen. Daniel ging noch mal los und holte etwas von der Bäckerei. Martin war zu befangen, um von seiner Fahrt zu berich­ ten, die hatte sich noch nicht abgesetzt, war noch nicht in Worte zu fassen. Sie saßen zu dritt auf der Couch, als Gitti hereinkam. «Na, gut, dass ihr da seid, Kinder», sagte sie, «ihr müsst mir helfen.» Die Spezialmatratze war angekommen. Sie stand in einen Karton eingepackt im Flur. Gitti dirigierte die Aktion. «Wir heben Klaus einfach an und wechseln sie schnell aus», meinte er. Am Abend, als Mina und Daniel gegangen waren, draußen war es bereits dunkel und Martin schaute aus dem Fenster, bemerkte er, wie Klaus sich bewegte. Er schaute zu ihm hin und ging nahe ans Bett. Klaus blickte ihm tief in die Augen. Martin dachte zuerst, er brauchte etwas, aber Klaus hob langsam und zittrig seine Hand, und streckte sie Martin entgegen. Er nahm sie in die seine und las in Klaus’ Augen eine Frage, ein Mitleid, einen Trost. Er wusste plötzlich, Klaus hatte seine Stimmung seit dem Mittag bemerkt. Martin konnte noch immer nichts sagen, aber er sah, Klaus ver­ stand ihn auch so. Der Samstag floss träge dahin. Martin lag den ganzen Tag auf dem Sofa, nur unterbrochen von Klaus’ Husten, dann stand er auf und wischte mit Zellstoff die zähe Spucke von den Lippen und aus dem Mund. Sie hörten Musik. Klaus schlief nachmittags ein. Als Gitti die Medikamente verabreichte, erzählte er von den Vorbereitungen für die Eröffnung, die morgen statt­ finden sollte. Es war Prominenz geladen und ein kaltes Buffet bestellt. «Dabei sind die Handwerker noch im Haus», meinte er. Martin fragte Klaus, «Klingt nach Party. Gehn wir auch hin?» Klaus nickte unternehmungslustig. «Da müsst ihr mit dem Bett runterfahren», meinte Gitti. «Das hat doch Rollen», sagte Martin. Am nächsten Morgen plante er mit Klaus ihren Ausflug. Der Pfleger, der Gitti ablöste, hatte Bedenken. Das sei doch zu voll im Saal, es sei doch sehr offiziell, und mit dem sperrigen Bett wäre gar kein Platz. Martin entgegnete, für wen sei denn eine Eröffnungs­ feier, wenn nicht für die Bewohner und Patienten. Kurz darauf betrat die Leiterin das Zimmer und wollte Martin die Teilnahme an der Eröffnung ausreden., Martin schaute auf Klaus, der schaute ihn enttäuscht an. Da wurde Martin zornig. Auf der Einladung seien aus­ drücklich die Patienten willkommen geheißen. «Aber nicht unter allen Umständen», wandte sie ein. «Hören Sie mir jetzt mal gut zu», setzte er lautstark an, «Klaus, den Sie hier sehen, hat jahrelang für die Befreiung der Schwulen gekämpft und letztlich sein Leben drange­ geben. Ohne Leute wie ihn würde es so was wie das ZiK überhaupt nicht geben. Ebenso dieser Heinrich Hümpel, dessen Nachlass das Hospiz hier finanziert hat, das die Politiker unten feiern und von dem ihr Gehalt gezahlt wird. Der ist einsam in seiner Wohnung verreckt, und da wollen Sie mir verbieten, da runterzugehen?» Die Leiterin lief so rot an wie die Schleife an ihrem schwarzen Kleid, sie war unentschieden, ob sie explodie­ ren sollte, drehte sich dann aber um und rauschte türknal­ lend hinaus. «Fast hätt ich meine Contenance verloren», meinte Martin und atmete tief durch. Er stellte die Esspumpe aufs Bett, öffnete die Tür und rangierte das schwere Bett auf den kleinen Metallrädern in den Flur, dann durch die Stahltür und in den Fahrstuhl. Im Erdgeschoss standen schon Gäste im Gang und mach­ ten ihnen Platz. Sie mussten nach links in einen Flur, in dem seitlich der Eingang zum Saal lag. Martin sah gleich, sie würden mit dem Bett nicht um die Ecke kommen. Er probierte es trotzdem und war bald in der Tür verkeilt. «Ist doch unglaublich», meckerte er laut vor sich hin, «was denkt sich so ein Architekt eigentlich?», Sie mussten zurück ins Treppenhaus. «Fahren wir über die Straße», beschloss Martin. Er bat einen Herumstehenden, ihm behilflich zu sein, sie mussten das Bett eine Stufe herunterheben und ratterten ein paar Meter über das holprige Pflaster. Die Türflügel waren geöffnet, der Saal war voll gestopft mit Menschen. Dass es so voll sei, hätte Martin nicht gedacht. Er musste das Bett wieder anheben und rempelte gegen Menschen in schwarzen Anzügen, die einer Rede zuhör­ ten. Martin überlegte, ob er sich mit Klaus nach vorne durchdrängeln sollte, weil durch die stehenden Gäste nichts zu sehen war, entschied sich aber, hier an der Seite zu bleiben, bis es etwas leerer sei. Er setzte sich zu Klaus aufs Bett. Ein älterer glatzköpfiger Schwuler würdigte am Redner­ pult Initiative und Engagement aus der Szene, die dieses Hospiz hervorgebracht hätten. In dem Moment entstand ein kleiner Aufruhr neben Martin, Leute rückten zur Seite und schoben sich gegen­ seitig zusammen. Ein großer dicker Mann, von drei klei­ neren flankiert, schob sich durch die Menge nach vorne. Martin glaubte das Gesicht zu kennen. Vom Podium tönte es, «Gerade kommt Herr Momper, er hat es doch noch terminlich ermöglichen können, wir bitten Sie aufs Po­ dium.» Es wurde geklatscht. «Die Momper, mit ihren Bodyguards», sagte Martin. Klaus verzog die Lippen und streckte den Mittelfinger vor. Martin grinste, als er das sah., Er überlegte. Mompers Frau war zwar bekannt für ihre langjährige Unterstützung einer liberalen Aids-Politik, aber ihr Mann war der Bürgermeister des Senats, der die gewaltsame Räumung der Mainzer Straße verantworten musste. Klaus hatte damals in den tagelangen Straßen­ schlachten bis zum Schluss das Tuntenhaus Forellenhof verteidigt, als das Räumungskommando sie hinaus­ schleppte und in Polizeiwannen zur erkennungsdienstli­ chen Behandlung auf ein Revier brachte, wo sie stunden­ lang festgehalten wurden. Gerade das Tuntenhaus war Objekt gezielter Verwüs­ tung, kein Spiegel, kein Möbel, keine Matratze, die nicht zerschlagen, zertrümmert, aufgeschlitzt und aus dem Fenster geworfen wurde; die randalierenden Bullen hatten alle Türen eingetreten, Elektrogeräte zerstört, ihrem Hass freien Lauf gelassen. Damit hatte die Auflösung eines schwulen Zusammen­ hangs begonnen, an dessen Ende sie beide nun hier saßen beziehungsweise lagen, und derselbe Momper stand vorne und erntete Applaus für freundliche Reden. Anschließend sang Tim Fischer, ein Shooting-Star der Showszene, ein paar sentimentale Schlager zu Klavierbe­ gleitung. Er hatte seine letzte CD den Aids-Kranken gewidmet. Danach sprach der schwule Conferencier ein paar Ab­ schlussworte und lud zum Buffet. Die Menschenmenge verteilte sich schnell, auf der Straße im Hof, an aufgestellten Stehtischen und vor dem Buffet. Klaus und Martin konnten sich umsehen. Es standen und, liefen hauptsächlich Anzug tragende oder in schwarze Röcke und Kleider gesteckte Menschen herum, dazwi­ schen Presse mit blitzenden Kameras. Vor dem Buffet an einer Seitenwand drängelte sich eine Schlange von Leuten. Eine Gruppe von Jeans und Shirts tragenden Typen stach aus dem Publikum heraus, mit ihren langen Haaren und Tätowierungen auf den Armen waren sie als Bewohner zu erkennen, einer saß im Rollstuhl. Das waren einige der (Ex-) Junkies, die die Mehrzahl der ZiK-Bewohner aus­ machten. Martin hatte gehört, sie hätten verhindern wollen, dass auf dem Dach eine Regenbogenfahne gehisst wurde, weil sie nicht mit Schwulen identifiziert werden mochten. Sie häuften ihre Teller voll. Auch Martin wollte schauen, was es gab, obwohl er keinen besonderen Appetit hatte. Aber wie er an den Edelstahltöpfen und -platten vorbei­ ging, stellte er fest, dass alle Speisen mit Fleisch angerich­ tet waren. Lediglich die Beilagen, also der Reis und das Brokkoligemüse, kamen ohne Wurst oder Speck aus. Martin stellte seinen Teller mit dem Reis auf dem Buffet ab und verzichtete, stattdessen trank er ein Glas Sekt, der herumgereicht wurde, und ging zurück zu Klaus. «Es ist unglaublich, alles Fleischfresser», ereiferte er sich, «die haben hier anscheinend noch nichts von gesunder Ernährung gehört.» Jörg, der in der Aids-Hilfe Meineckestraße mitarbeitete und Klaus kannte, kam zu ihnen und drückte ihm die Hand., «Hallo Klaus», sagte er, «schön, dass du da bist. Gefällt’s dir?» Klaus nickte und grinste breit. «Klaus ist ‘ne Partykatze, er war schon gestern aufge­ kratzt, wann er mal wieder unter Menschen kommt», erzählte Martin. Sie redeten über dies und das, tauschten Szenetratsch und Neuigkeiten aus. Oft waren die Themen deprimie­ rend; Jörg erzählte, «Jan ist tot. Den kanntet ihr doch auch?» Martin nickte, Klaus schaute schockiert auf Jörg. «Im AVK. Sie hatten ihm das Bein amputiert, aber zu spät. Vorgestern war die Beerdigung.» Martin schluckte. War es eine Woche her, dass sie zu­ sammengesessen hatten? Und wieso war ihnen verheim­ licht worden, dass er ein paar Zimmer weiter gestorben war? Sie schwiegen eine Weile, dann schlug Jörg vor, «Mein Dirk wartet draußen im Hof, kommt doch mit raus an die frische Luft.» Sie schoben zu zweit das Bett quer durch den Raum und die Flügeltür in der gegenüberliegenden Wand, hinter der ein Innenhof angelegt war. Hier waren einige Leute versammelt, die Martin oder Klaus mehr oder weniger kannten und entweder grüßten oder sich zu ihnen stellten und ein paar Worte redeten. Martin trank noch ein Glas Sekt und fühlte sich bald angetrunken. Er fragte, ob Klaus erschöpft sei und sie wieder nach oben wollten, aber Klaus verneinte kopfschüttelnd. Ihm gefiel die Party., Sie fuhren noch einmal in den Saal, weil es zu kühl wurde, und blieben, bis es schon dämmerte und die letz­ ten Gäste sich verliefen. Plötzlich stand Anja vor ihnen, «Hallo, ich dacht mir, dass ich euch hier treffe», sagte sie. Martin hatte gar nicht daran gedacht, es war Sonntag. «Was war denn los?», fragte sie. «Offizielle Eröffnung, Deutschlands erstes Aids-Hos­ piz», erklärte Martin. «Mit Prominenz und Schnick­ schnack. Wir sind schon den ganzen Mittag hier.» , . Es wurde bereits aufgeräumt, sie beschlossen ins Zim­ mer zu fahren. Das Bett musste wieder über die Straße und durch die Eingangstür, die ihnen von innen geöffnet wurde, zum Fahrstuhl geschoben werden, aber mit Anjas Hilfe ging es leicht. Bald waren sie wieder oben, und Klaus schlief rasch ein. Martin blieb noch eine Weile und erklärte die neue Situation, das ZiK, den Husten, den Sprachausfall. «Aber er kriegt noch alles mit», schloss er. Bevor Martin sich verabschiedete, glaubte er sich am Rucksack bedienen zu dürfen, dann zog er seine Jacke über und lief durch die dunkle Stadt zur Schillingbrücke.

Auf dem Platz brannte Feuer. Martin setzte sich an den

Kreis und wärmte seine Hände. Bärbel, Gajatri, Ulli, Jonas und Britta waren versammelt. Das Gespräch drehte sich um die drohende Räumung der, East-Side. Es gab akute Hinweise, zudem hatte es einen Mord gegeben! Martin wollte es nicht glauben und ließ sich die Einzel­ heiten erzählen. Es hatte wohl eine Messerstecherei mit einem Kunden gegeben, wegen Ecstasy und zehn Mark. Am Wochenende stand oft eine Schlange bis zur Ober­ baumbrücke an der East-Side nach Drogen an. Der Sieb­ zehnjährige aus dem Barnimer Umland war wohl am Bein verletzt worden, ohnmächtig geworden und am Ufer über Nacht verblutet. Das war so typisch absurd wie die ganze East-Side. Martin musste trotz allem lachen, «wegen ‘nem Zehner», kommentierte er. Gajatri hatte seitlich in der Glut einen Topf stehen und Wasser gekocht, jetzt bot sie Tee an. Martin nahm dan­ kend eine Tasse. Er dachte an Peer, was würde er machen, wenn sein Wagen geräumt wäre? Martin würde ihn über­ reden, hierher zu ihnen zu ziehen. Nach einer Weile fühlte er sich müder werden, er hatte Hunger und ging in seinen Wagen. Er heizte die Hexe, danach lief er zum Küchenwagen und suchte nach Lebensmitteln, aber zum Kochen war es ihm zu spät. So nahm er belegte Brötchen, die einzeln in Plastikfolie abgepackt aus Lufthansabeständen gespendet worden waren, und suchte die ohne Wurst heraus. Wieder in seinem Wagen, aß er zu Abend und trank einen weiteren Tee. Anschließend legte er sich aufs Bett und hing seinen Gedanken nach, die im Kopf rotierten wie ein bunt tönen­ des Karussell. Irgendwann streifte er im Liegen seine Kleider ab und, kuschelte sich unter die Decke, er blies die Kerze aus und schlief bald ein. Er wurde früh aus seinen Träumen gestört, beunruhi­ gender Lärm lag über dem Platz. Martin stand auf und schaute aus der Tür hinaus. Was er sah, ließ ihn zittern und das Blut in den Magen sinken, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. Auf der Brücke stand eine Kolonne Polizeifahrzeuge, Räumungspanzer, Wasserwerfer. Hub­ schrauber kreisten und Armeen Weißbehelmter in grünen Kampfanzügen mit Plastikschilden und Gummiknüppeln marschierten wie in Zeitlupe auf. Er musste sich erst klar machen, sie stürmten nicht hier, sondern sperrten die East-Side rundherum ab, aber das vermochte ihn kaum zu beruhigen. Er zog seine Klamotten über und lief zum Feuerplatz. Auch seine Mitbewohner sammelten sich am Rolltor. Von da schauten sie auf die Straße. Martin stellte sich dazu. Alle waren sprachlos. Das sah aus wie im Krieg. Wie die sich postierten, wie sie Ketten bildeten, abriegel­ ten, flüchtenden Menschen hinterherhetzten und sie ein­ fingen, ihre Maschinen und Waffen in Stellung brachten, dagegen war jeder Widerstand zwecklos. Eine Spontan­ demo war ebenso unsinnig wie ein Versuch, auf die East- Side zu kommen und Palisaden zu bauen oder Ähnliches. Nach dem ersten Schock stand Martin deprimiert zwi­ schen den anderen. Was konnten sie tun? Gajatri wollte ein Feuer machen. Martin half ihr, sie gin­ gen zum Steinkranz und suchten Späne, Äste und Klein­ holz zusammen. Das legten sie auf die Glut, die noch von gestern Nacht unter der Asche schwelte., Bald saßen sie ums Feuer und berieten. Zuerst wurde die Lage besprochen. Sie selbst wurden nicht bedroht, das schien nun klar, wenn auch eine grün­ weiße Polizeiwanne sich vor ihrem Tor postiert hatte, ebenso vor dem Eingang zum Kanal drüben, wie sie sahen. Es galt herauszufinden, ob sie ihren Platz verlassen dürften. Gegen den Einsatz selbst war nichts mehr zu machen. Was würde nebenan vorgehen? Würden sie alle Bewohner verhaften? Was würde mit dem Gelände, mit den Wagen passieren? Dann war die Frage, ob oder wie sie den East-Sidelern helfen könnten. Eine Idee war, die Räumung möglichst zu dokumentieren, also Fotos oder Videoaufnahmen zu machen, aber dazu hatten sie nicht die Apparate, dafür waren die Leute vom besetzten Haus in der Köpenicker Straße besser ausgerüstet. Ob die schon informiert waren? Sie beschlossen, einen Boten rüber zum Kanal und von dort zur Köpi zu schicken, das übernahm Bärbel; Ulli und Britta würden versuchen, möglichst nah an den Hauptein­ gang der East-Side heranzukommen, um zu sehen, was dort genau vorging. Jonas hatte die Idee, mit dem Ruder­ boot vom Ufer her an das Gelände zu paddeln, aber als er zur Spree gucken ging, war auch die von Schiffen der Wasserschutzpolizei gesperrt. In der nächsten Zeit war eine ständige Bewegung auf dem Platz. Leute kamen und gingen, brachten Neuigkeiten oder wollten welche wissen. Die ganze autonome Szene war auf den Beinen, aus dem Friedrichshain, aus Kreuz­ berg, vom Prenzlberg kamen sie her. Es stellte sich heraus, es gab ein Ultimatum, noch etwa, eine halbe Stunde, bis zu dem alle Wohn-Lkws, die von selber fuhren, das Gelände verlassen und auf der Straße parken durften. Alle Bewohner wurden zur Personalien­ feststellung abgeführt und hinter dem Hauptbahnhof interniert, dort war ein Zelt aufgebaut; jeder Einzelne wurde auf Tuberkulose getestet und laufen gelassen. Sie sammelten sich gegenüber dem Eingang der East-Side auf dem Vorgelände des Bahnhofs, wo hinter einer Polizei­ wand ihre Hunde und Tiere, ihre Habseligkeiten, ihr Lebensraum gerade enteignet wurde. Der Einsatz war per­ fekt und total. Eine nicht endende Kette von Erfassten, links und rechts von einem Polizisten flankiert, wurde durch das Tor ausgespuckt und mit einer Wanne hinter den Bahnhof verbracht. Bagger, Raupen und Räumpanzer rollten auf den Platz, Einsatzwagen mit Hundefängern eines Tierheims fuhren hinein und heraus. Karin saß bei ihnen am Feuer und zitterte. Sie ließ sich einen Kaffee anbieten und war völlig verwirrt. Gajatri musste ihr ausreden, ihren Flocke zu holen, sie wollte sich am Ufer entlang durchschlagen, wie sie sich ausdrückte. «Den holen wir später aus dem Tierheim ab», beruhigte Gajatri. «Mein Russen-Panzer hat mir nichts geholfen!», lachte sie hysterisch. «Die Punks sind in Panik in die Spree gesprungen, in das eiskalte Wasser, und mussten rausge­ fischt werden. Die haben Leute oben von der Mauerkrone gepflückt und aus Erdbunkern rausgekratzt und gezerrt, wie Würmer von einem riesigen Vogelschnabel. Ein paar Leute haben sich angekettet, an ihren Wagendeichseln oder Betonplatten, aber die Bullen haben Schweißgeräte und Bolzenschneider, alles geplant. Es gibt von jedem, Wagen Einzelfotos, dazu Passbilder von den Bewohnern. Sie durchkämmen die Wagen und plündern. Die zerschla­ gen alles und schmeißen’s aus den Fenstern, bevor die Bagger drüberfahren.» Karin konnte nicht aufhören zu erzählen, was sie gesehen hatte. Ein erster Pressebericht lag vor, die Polizei sprach von einem erfolgreichen Großeinsatz, achthundert Beamte ge­ gen dreihundert Bewohner, es gebe ein paar Leichtverletz­ te, illegale Drogen wurden gefunden und beschlagnahmt. Für den Abend war eine Protest-Demonstration auf dem Mariannenplatz angesetzt. Martin wollte allein sein. Er ging zur Spree und setzte sich bei seinem Wagen ans Ufer. Das Wasser bewegte sich in rundbogigen Wogen, die Oberfläche spiegelte auf grün­ lichem Grund graue und blaue Punkte, die zu Kreisen zerflossen oder ineinander verschmolzen und ein pulsie­ rendes Wellengitter bildeten, das psychedelisch schillerte und eine wie hypnotische Wirkung auf Martin ausübte. Er fiel in einen Zustand des Außer-sich-Seins, des Nicht- Fühlens und Nicht-Denkens. Seine Wahrnehmung schwebte aus ihm heraus, und als er sich selber sah, wie in einem Traum, erschreckte er und sah plötzlich wieder durch seine eigenen Augen auf die Spree, auf seine Hände, auf den Ufersand. Ein Schattenbild hatte sich ihm eingeprägt: Ein Hochhausdach, ein Ausblick über Berlin, mit Fern­ sehturm im Nebel. Wo war das?, Was war es für eine Erinnerung? Er stand auf und ging zum Wagen, dann vor zum Feuer. Aber Martin war zu unruhig. Ihm war alles zu viel, er musste hier weg. Er wollte zu Klaus, im ZiK Zuflucht suchen. Unter der Werbetafel und über das Geländer kam er unkontrolliert auf die Brücke und zum Mariannenplatz. Er ging wie betäubt am Spreewaldbad vorbei zur Rei­ chenberger Straße. Bei Klaus angekommen, sank er ins Sofa und erzählte ihm die Neuigkeiten, er redete eine halbe Stunde lang, wie Karin bei ihnen, unzusammenhängend, es kam aus ihm wie ein Sturzbach von Bildern und Buchstaben, in Worte und Sätze gegossen, bis sein Mund davon ausgetrocknet war und er husten musste. Danach fühlte er sich müde, aber erleichtert. Er rauchte einen Joint, kurze Zeit später schlief er auf die Couch gerollt ein.

Für Dienstag hatte sich der Psychologe ankündigen

lassen. Was der wollte, war etwas ominös, offenbar beab­ sichtigte er, mit Klaus über den Tod zu reden. Martins erster Gedanke war, aha, die Letzte Ölung, Schwule waren ja anfällig für pseudokatholische Rituale, die Gleichzeitigkeit von exzessivem Ledersex und doppel­ moralischkonservativer Frömmlichkeit war auch in den Aids-Hilfen keine Seltenheit., Zum Glück war Klaus völlig frei davon, er war eigent­ lich Buddhist, dachte Martin, allerdings mehr gefühls­ mäßig, als dass er sich mit der Theorie oder bestimmten Schulen und Praktiken beschäftigt hätte. Er zeigte Martin mal Bilder von seiner Indienreise, die er vor zwei Jahren gemacht hatte, es waren drei Filme voll mit immer anderen Buddhastatuen, er hatte keine Schnappschüsse von Menschen eingefangen. Martin hatte angeboten, ihm das Tibetische Totenbuch vorzulesen, es gab eine Fassung für westliche Interes­ sierte, aber er hatte abgelehnt, milde lächelnd, wie Buddha selbst, dachte Martin. Er fühlte, Klaus bedurfte dessen nicht. Überhaupt wurde Klaus immer ätherischer, immer entrückter, manchmal hatte Martin gezweifelt, ob Klaus ihn noch sehe oder erkenne, wobei er wusste, dass Klaus auf seine Energie reagierte, seine Anwesenheit registrierte und, das bestätigten andere, unruhig wurde, wenn Martin nicht da war. Er wollte eigentlich Klaus mit dem Psychologen allein lassen, aber als er das sagte, bemerkte er, Klaus wollte ihn dabeihaben. «Als Übersetzer?», fragte er, «Na ja, ich kann mal gucken, was da für ‘ne Schwuppe ankommt, und mich dann aus der Affäre ziehen.» Klaus brauchte in ihren Unterhaltungen nicht mal nicken oder den Kopf schütteln, Martin konnte seine Gedanken aus den Blicken heraus­ lesen. Und als hätten sie es geahnt, stand zum Termin ein schwarz gekleidetes Kurzhaarmilchgesicht vor ihnen, das die schlimmsten Erwartungen weckte. Martin schätzte ihn jünger als sich selbst, er sah nach diesen bürgerlich pseu­, dointellektuellen Schwuchteln aus, die ihre gescheiterte Existenz in soziale Fürsorge ummünzen, Martin dachte, der hat mindestens zwei Semester Theologie studiert und dann halbherzig umgesattelt. Er stellte sich mit einem «Hallo, ich bin Florian» ihnen beiden vor. Martin sagte nichts. «Ich arbeite für die Aids-Hilfe und in Kooperation mit dem ZiK und HIV e. V.», versuchte er ein lockeres Gespräch einzuleiten und legte dabei die Spitzen seiner Finger aufeinander, «und biete Gesprächsmöglichkeiten über persönliche Sorgen, mit dem Alltag hier, der neuen Lebenssituation und über Ängste, Trauer um sich selbst, zum Thema Sterben an.» Klaus schaute an die Decke. Martin meinte, «Klaus kann nicht mehr reden.» Der Psychologe nickte freundlich, «Ich weiß. Aber er kann nicken oder verneinen.» Zu Klaus gewendet, fuhr er milde fort, «Hast du schon einmal an den Tod gedacht?» Klaus nickte. «Ich meine, an deinen Tod?» Er nickte. «Fällt es dir schwer, dir vorzustellen, dass du vielleicht bald sterben musst?» Klaus schüttelte den Kopf. «Oder hast du Angst? Schmerzt dich der Gedanke?» Klaus schüttelte den Kopf. Martin mischte sich ein, «Das hat er mir bestätigt, er spürt keinen Schmerz.», Der Psychologe schaute Martin etwas unwirsch an. Hatte er gestört? «Manche geben es nicht gerne zu, aber es fällt oft schwer, sich von der Welt zu trennen.» Wollte er ein Kopf schütteln sehen? «Deine Mutter hat angerufen. Am Freitag ist dein Ge­ burtstag, und sie möchte dich besuchen.» Klaus schüttelte den Kopf. «Möchtest du das denn nicht?», fragte der Psychologe. Klaus schüttelte wieder den Kopf. «Ich habe ihr zugesagt, mich um ihren Besuch zu küm­ mern. Sie ist doch deine Mutter?!» Klaus schüttelte energisch den Kopf. Martin sagte, «Sie war vorletztes Wochenende hier, die beiden haben sich ausgesprochen.» «Ich weiß», sagte der Psychologe schnippisch, «das Ver­ hältnis zu deiner Mutter war sicher nicht immer das beste, es fällt ihr schwer, deine Homosexualität zu akzeptieren, das geht uns ja allen so, aber solltest du ihr nicht verzei­ hen?» Was redet der da, fragte sich Martin genervt. Klaus konnte weder Ja noch Nein signalisieren, das war wie eine Fangfrage gewesen, ging auch Martin auf. Der Psychologe setzte nach, «Du solltest deiner Mutter eine Chance geben und sie empfangen. Sie will erst frei­ tags anreisen, aber ein paar Tage länger bleiben als letztes Mal.» Klaus schüttelte intensiv den Kopf, er hustete, weil er, etwas zu sagen versuchte. Auf seiner Stirn standen Schweißtropfen. «Es ist nicht gut, unversöhnt und verbittert dahinzu­ gehn. Ich kann auch bei eurem Treffen dabei sein, wenn du willst…» Klaus stiegen Tränen in die Augen, aus Hilflosigkeit und Wut, Martin hatte leicht gezittert, jetzt war es ihm genug. «Klaus hat Nein gesagt, er will diesen Besuch nicht, er hat sich bereits verabschiedet, das hat er mir erzählt, er sagt Nein, auch wenn du noch dreimal nachfragst.» «Aber…», sagte der Psychologe. «Nichts aber!», sagte Martin wütend, «Ich weiß nicht, wieso du überhaupt mit Frau Hartwig gesprochen hast und was sie dir erzählt hat. Erst mal ist sie nicht Klaus’ Mutter, sondern seine Adoptivmutter, sag jetzt bloß nicht ‹Ich weiß›, zweitens hat Klaus mit ihr alles geklärt, solan­ ge er sprechen konnte, und drittens ist es nicht Gram und Gesülze, warum er das ablehnt, sondern weil er sie zu gern mag, um ihr das anzutun, ihn so zu sehen, wie sie es nicht anders als traurig und elend begreifen könnte, und deine jesuitische Zwangsmoral, die so kleinbürgerlich ver­ brämt als suggestive Familientherapie daherkommt, kannst du dir jetzt sonst wohin stecken!» «Ich verbitte mir…», stotterte der Psychologe und starrte ihn entsetzt an. «Ich verbiete dir!», fiel Martin ihm schreiend ins Wort, musste tief Luft holen und setzte den Satz fort, «Klaus weiter derart unter Druck zu setzen. Er hat Nein zu dem Besuch gesagt, und dabei bleibt’s. Du hast das zu akzep­ tieren und weiterzugeben. Wir werden das auch selbst, klären und mit Frau Hartwig telefonieren.» Er sagte «wir» und dachte eigentlich an Daniel. «Wer hat dir eigentlich erlaubt, dich da einzumischen, die Rainer’sche vom Präventionsteam oder wer?» Dieser Name zeigte Wirkung, jeder kannte die graue Eminenz der Deutschen Aidshilfe in seinem eidottergelben Pullun­ der. «Ich werd da mal anrufen, ob die nichts Besseres auf Lager haben, als solche Schwuletten auf uns loszulassen», ergänzte er und dachte, vor Scheinautoritäten kuschen sie immer, wie leicht die Welt doch geht. Klaus schaute entspannter, der Psychologe schluckte sprachlos. «Gibt’s noch was?», setzte Martin nach, «Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt. Wir danken dir für dein Be­ mühen, aber wir brauchen deine Art von Hilfe hier nicht.» Dabei fixierte er ihn und ließ nicht ab, ihm scharf in die Augen zu schauen. Das war eine unmissverständliche Aufforderung zu gehen, selbst für einen Psychologen, dachte Martin, der stand nun auch zögernd auf, schaute sie beide noch mal kurz an, drehte sich zur Tür und ging stramm und auf­ recht hinaus, ohne ein Wort zu sagen oder sich noch mal umzudrehen. Die Tür ließ er lautstark ins Schloss fallen. «Ich befürchte, ich war etwas unfreundlich, oder?» Klaus schüttelte leicht den Kopf und setzte das satteste Grinsen seit Tagen auf.,

Mittwochs war Daniel bei ihnen.

Martin erzählte von dem Vorfall gestern, und ob es gut sei, mit Klaus’ Mutter zu telefonieren. Daniel wollte das übernehmen. Zudem plante er eine Geburtstagsfeier und hatte zum Freitag alle möglichen Freunde von Klaus eingeladen, zu Sektfrühstück, Kaffee und Kuchen, bis zum Nudelsalat am Abend. «Ob wir das durchstehn?», fragte sich Martin laut, «Mit wie viel Gästen rechnest du?» «Bisher haben alle zugesagt», meinte Daniel, «ich weiß nicht, liegt’s an meiner Überredungskunst oder dem An­ lass, ich sag immer, der und der kommt auch, das klingt nach Party, und plötzlich sind alle begeistert, sie hatten sowieso längst schon mal vorbeigeschaut haben wollen.» Martin meinte, «Dann schmücken wir das Zimmer. Ich könnte Luftschlangen basteln», er musste dabei an seine Scherenschnittarbeit mit dem Zellstoff denken. Daniel wusste nicht, welche Art Ironie Martin da ange­ schlagen hatte, und formulierte vorsichtig, «Also in die Richtung hab ich auch gedacht, wir hatten das in letzter Zeit nicht mehr besprochen, ich meine die Idee, ein paar schöne Sachen herzuholen.» Er sprach zu Klaus, «War doch gut, wenn du ein paar Dinge aus deiner Wohnung hier hast, damit’s gemütlicher wirkt, oder?» Klaus nickte. Martin meinte, «Gute Idee. Aber ich kenn die Wohnung gar nicht.» «Ich hab den Schlüssel, wegen Post und so. Die steht, ganz voll mit Krimskrams. Ist die Frage, was wir denn holen sollen?», sagte Daniel. Sie schauten sich alle drei unschlüssig an. Daniel hatte eine Idee. «Das ist wie Wörterraten. Ich mal die Buchstaben in einen Kreis, und du zeigst drauf.» Er bereitete ein Blatt Papier vor und zeigte es Klaus. Der führte langsam und schwach einen Finger darüber. «Ein B», sagte Daniel. «Und ein I», sah Martin, «ein L. Bild?» Klaus nickte. «Ein Bild?», fragte Daniel. «Hängt es an der Wand?» Klaus nickte. «Ist es ein bestimmtes?», fragte Daniel. Klaus nickte. «Gerahmt?», fragte Daniel. Er bestätigte. «Hängen mehrere Bilder an der Wand?», fragte Daniel. Klaus verneinte. «Also nur das eine, das hierher soll?», fragte Martin zur Bestätigung. Klaus nickte. Daniel schlug vor, eine Liste zu machen. Er schrieb «Gerahmtes Bild» unter den Buchstabenkreis. «Nächstes Wort», sagte Daniel. «T», sagte Martin. «E», Daniel., «P», Martin. «Weiter? P haben wir verstanden», sagte Martin. «Ah, er meint Doppel-P, Teppich!?» Klaus nickte. «Den großen bunten im Wohnzimmer, den deine Mutter dir zum Dreißigsten geschenkt hat?», fragte Daniel. Klaus nickte. «Wunderbar. Weiter.» Daniel notierte Teppich. «G», Daniel. «L», Daniel. «O», Martin, «das ist leicht, Globus.» Klaus nickte, Daniel schrieb es auf. «Noch was?», fragte Martin. Klaus setzte neu an. «B», sah Daniel. «U», Martin. «K», sagte Daniel, «BUK? Buch, nein…?» «S?», fragte Martin. «Buks? Box? Vielleicht Büchse? Eine Dose?» Klaus schüttelte den Kopf. Er runzelte leicht die Stirn. Er tastete unsicher über das Papier. L zeigte er. Daniel sagte, «Da fehlt ein Vokal, Ein L, bist du sicher?» Klaus verneinte. Er zeigte ein R. Martin schlug vor, «Da ist irgendwas durcheinander. Lass uns neu anfangen.» Klaus schaute angestrengt, aber Martin kam es vor, als, blicke er durch das Papier hindurch oder auf etwas Un­ sichtbares weit dahinter. Er legte seinen Finger auf das K. «K?», fragte Martin. Klaus zeigte ein P. Daniel war verunsichert. «K? P? Das ergibt keinen Sinn…» Auch Martin war ratlos. Klaus ließ seine Hand auf die Bettdecke sinken und richtete seine Augen gegen die Decke. «Ich glaube, Klaus ist erschöpft. Vielleicht sollten wir es erst mal gut sein lassen», sagte Martin. «Wir können das ja nach und nach machen, ist doch schon genug für eine Tour», meinte Daniel. «Und wie organisieren wir das?», fragte Martin. «Gute Frage», sagte Daniel, «ich hab diese Woche kein Auto, ausgerechnet, das hat ein Kollege mit Außendienst.» Martin überlegte, es sei vielleicht eine Abwechslung für ihn. «Ich könnte morgen mit Franks Fahrradanhänger einen Transport machen. Das ist dann eigentlich wie eine Spa­ zierfahrt durch die Stadt. Das dürfte kein Problem sein.» «Ist aber schon ein bisschen Schlepperei», meinte Daniel, «ich könnte ja helfen, aber erst abends ab zehn.» «Das ist ziemlich spät, und bis wir dann hier wären», entgegnete Martin. «Oder am Wochenende», sagte Daniel, «nach dem Geburtstag.» «Das geht schon okay», meinte Martin, «ich kann das, morgen machen, ich krieg das allein hin, lass mir nur den Schlüssel und die genaue Adresse da.» «Danke», sagte Daniel. Kurz nachdem Daniel gegangen war, erlitt Klaus einen neuen Hustenanfall. Die hatten sich die letzten Tage ver­ mehrt und nahmen auch in der Länge und Stärke zu, ebenso der unkontrollierte Speichelfluss, der sich in Mund und Gaumen sammelte, weil die Speiseröhre betäubt oder verschlossen war. Martin hatte sich inzwischen einen Stuhl neben das Bett gestellt und saß immer häufiger bei Klaus, um ihm Zellstofftücher unters Kinn zu halten, die Lippen abzuwischen, den Mund zu leeren. Denn sobald die Spucke sich gesammelt hatte, blockierte sie die Luft zum Atmen, lief in die Bronchien und führte zu dem asthmaartigen Husten, der durch Atemnot krampfartig ausgelöst wurde, wie wenn er sich verschluckt hätte. Diesmal war es so stark, dass Martin sich nicht mehr zu helfen wusste. Als Klaus zitternd nach Luft rang und rot anlief, drückte er den Signalknopf an der Sprechanlage. Bis allerdings Gitti herbeigeeilt war, hatte Klaus sich schon wieder einigermaßen beruhigt. Er atmete noch schnell und keuchend. Martin wirkte etwas gestresst und meinte, er käme kaum noch mit Zelltüchern nach, und das helfe auch eigentlich nichts, ob es denn keine Möglichkeit gebe, ein Medika­ ment oder so? Gitti meinte, er habe Recht, es sei an der Zeit und besser, die Absaugpumpe einzusetzen. Er brachte einen neuen Apparat, diese Geräte sahen alle aus wie aus einem Physiklabor, und stellte ihn zur Ess­, pumpe auf den Beistelltisch. Als Gitti das Teil einschaltete, begann ein brummendes Geräusch, bald ergänzt von gur­ gelndem Gluckern, gleichzeitig stiegen Blasen durch die Flüssigkeit im Glaskolben nach oben. Gitti nahm das Schlauchende, das in einer Art Düse auslief, und hielt es an Klaus’ Lippen. Mit einem knatte­ rigen Schlürfgeräusch wurde die restliche Spucke abgeso­ gen, Gitti führte die Düse in den Mund und bis in den Schlund von Klaus. Dabei erklärte er aber, das dürfe nicht zu oft gemacht werden, weil durch das Absaugen neue Speichelproduktion angeregt werde, «und das füllt nach und nach die Lungenbläschen», sagte Gitti. Martin wollte nicht nachfragen, war aber von der Aus­ kunft beunruhigt. Passierte das denn schon? Und was, wenn die Lungen voll wären? Könnte oder müsste Klaus dann operiert werden, würde er sogar künstlich beatmet? Er wollte gar nicht weiter darüber nachdenken. «Wenn er noch mal so hustet, drück ruhig rechtzeitig die Klingel. Nachher hat Andreas Dienst, ich warn ihn schon mal vor», sagte Gitti. «Ist gut», sagte Martin. Als Gitti gegangen war, nahm Martin seinen abendli­ chen Trip. Dabei stellte er fest, sie waren fast aufgebraucht, es gab nur noch zwei der Papiervierecke, eins legte er auf seine Zunge. Die Tage müsste er sich um neue kümmern, er hatte sich so daran gewöhnt. Das LSD hielt ihn in einer sensitiven Empfindlichkeit und enthob ihn der groben Anforderungen der rauen Realität, die sich hier neben Klaus immer mehr aufzulösen schien., Dabei wusste er nicht mal, wo sein Dealer nach der Räu­ mung abgeblieben war, aber das würde sich bald rumge­ sprochen haben.

Den Donnerstag benutzte Martin zu seinem Stadtausflug.

Nach dem Frühstück ging er los. Zuerst lief er zur Schillingbrücke. Frank war nicht da, aber sein Fahrrad- anhänger. Er lieh ihn sich aus, befestigte ihn mit einem Gummispanner an seinem Gepäckträger und radelte in Richtung Alexanderplatz. Er musste zur Oderberger Straße. Das war weiter, als er gedacht hatte, er musste den steilen Weg zum Prenzlberg hinauf vom Fahrrad abstei­ gen und schieben. Am Ende der Oderberger war eine Feuerwehrstation mit roten Rolltoren, links daneben eine große Einfahrt, durch die Martin in den Hof gelangte, von dem der Treppen­ hauseingang zur Wohnung von Klaus führte, im vierten Stock. Martin öffnete mit dem Schlüssel und trat in den Flur, dann schloss er die Tür leise hinter sich. Er wollte nicht, dass die Nachbarn ihn sähen, wer weiß, was die dachten, wenn er hier Mobiliar raustragen würde. Auch kam er sich ein bisschen vor wie ein Eindringling, es war ganz ruhig, er horchte, als erwarte er ein Knacken oder sonsti­ ges Geräusch. Er schaute sich um. Links war der Durchgang zur Küche. Die wirkte ziemlich vermüllt, auf dem Tisch häufte sich ein Durcheinander von Papieren, Essensresten,, schmutzigem Geschirr, ein überquellender Aschenbecher stand darauf. Die Blumen auf der Fensterbank waren teils vertrocknet, teils kurz davor. Im Flur waren Kartons und Kisten an die Wand gestapelt. Er ging durch zum Zimmer. Hier sah es nicht anders aus. Das Bett lag aufgeschlagen, darauf Papier und Zei­ tungen, ebenso auf dem Schreibtisch. Der Kleiderschrank stand offen. In jeder freien Ecke waren Kartons gestapelt. Martin dachte, das ist sicher die Ausstattung seines Head- Shops, er musste noch Glasbongs, Wasserpfeifen, Pflanz­ lampen, Lavaleuchten und andere großformatige Sachen übrig gehabt haben, die hier nun verpackt herumstanden. Er sah das Bild an der Wand über dem Bett. Eine Tuschezeichnung, in angedeuteten Pinselstrichen die Kon­ turen zweier nackter Jungen, die sich stehend umarmten. Er dachte an die Liste und schaute sich nach dem Globus um, er sah ihn beim Fenster. Der Teppich bedeckte fast den ganzen Zimmerboden, den müsste er erst leer räumen. Am Fußende des Betts stand eine lederbezogene Sitzbank, davor ein runder Tisch aus einer verzierten Metallscheibe, die am Rand wie ein Teller auskragte. Martin setzte sich und rauchte einen Joint. Dabei ließ er seinen Blick über die Gegenstände schweifen, die herum­ standen und -lagen und die er zum Teil wiedererkannte, die Wolldecke, die in Frankreich dabei war, das Tamburin, auf dem Klaus oft herumgetrommelt hatte, die Brösel­ schale aus Messing. Das löste in Martin Erinnerungen aus und ließ ihn eine Nähe zu Klaus spüren, als sei er selbst im Raum anwesend. Martin fragte sich, ob Klaus je hier­ her zurückkäme. Oder was wäre, wenn das Sozialamt die Miete nicht, mehr übernahm? Sie könnten das hier unmöglich alles ins ZiK schaffen. Und wie sollte Klaus auswählen oder bestimmen, was mit den Sachen geschehen sollte? Er hatte sicher kein Testament gemacht, auch mit Daniel nicht darüber gesprochen, vor zwei, drei Wochen war daran auch noch gar nicht zu denken gewesen. Der Vorfall gestern, als Klaus’ Buchstabengedächtnis ausgefallen war, beunruhigte ihn. Dass er etwas mitteilen wollte, aber unfähig gewesen war, es ihnen verständlich zu machen, vor allem nachdem es zuvor problemlos funk­ tioniert hatte, war ihm unbegreiflich, aber genauso Klaus selbst, das hatte er zumindest in dessen überraschtem Gesicht gesehen. Was passierte in Klaus’ Hirn? Was fühlte er, was dachte er noch? Waren schon andere Bereiche aus­ gefallen? Klaus konnte sich nicht mehr mitteilen, Martin würde ohne Antworten auskommen müssen. Er überlegte, wie er die Sachen packen sollte. Er räumte einen Pappkarton leer, tat den Globus hinein, nahm das Bild von der Wand, das schlug er in ein Handtuch ein und stellte es dazu. Eigentlich war noch Platz, er nahm den Kerzenständer, der auf dem Tisch stand, samt dem darin steckenden Stummel und ein paar Ersatzkerzen mit, die orange und hellgrün daneben lagen. Er steckte einen Stapel CDs dazu, hinter dem Bett auf der Fensterbank stand eine Buddhabronze, die gefiel ihm gut. Er schaute ins Bad, gab den Pflanzen in der Küche Wasser, obwohl das nicht viel helfen würde, und fragte sich, was er noch mitnehmen könnte, aber ihm fiel nichts Wichtiges ins Auge., Er musste zwei Mal runtergehen. Auf dem Anhänger band er den Teppichschlauch an der Deichsel fest und schnallte ihn am Kasten an, aber er stand noch einen guten Meter nach hinten raus, der Karton passte leicht in den Aufbau des Anhängers.

Es war schon Nachmittag, als er vor dem ZiK angerollt

kam. Dort packte er seine Gepäckstücke vor die Eingangstür, schloss Fahrrad und Anhänger ab und wollte gerade klin­ geln, als einer der Bewohner zur Tür herauskam und sie ihm aufhielt. Martin schaffte seine Sachen in den Fahr­ stuhl. Er war verschwitzt und erschöpft, es war doch anstrengender, als er gestern gedacht hatte. Vielleicht könnte er nachher duschen. Oben trug er den Teppich vor Klaus’ Zimmer, holte den Karton und schob ihn als Erstes hinein. Als er durch die Tür war, hörte er ein Geräusch, das ihn völlig irritierte. Es war ein Rasseln, ein metallisches Knattern, Martin regi­ strierte sofort, das kam von Klaus. Aus dessen Gurgel ruckelte und gluckerte es, dass es klang, wie ein alter Dieselmotor hustet, der mit einer Handkurbel angeworfen wird. Martin stellte sich ans Bett. Klaus atmete angestrengt und hastig, er hatte eine hohe Atemfrequenz, und sein Brustkorb hob und senkte sich deutlich unter der dünnen Decke. Er sah Martin mit großen, erschreckt wirkenden Augen an. Martin klingelte nach einem Pfleger, dann setzte er sich, ans Bett und legte seine Hand auf Klaus’ Unterarm, streichelte darüber und sagte, «Gleich kommt Gitti!» Er tupfte Schweiß von Klaus’ Stirn. Da kam Gitti schon herein. «Klaus atmet ziemlich laut», sagte Martin. Gitti schaltete sofort den Absauger ein und entfernte die weiße schaumige Spucke aus Klaus’ Mund, aber das änderte nichts an dem Rattern in den Lungen. Martin stand am Fußende des Betts und starrte ratlos auf Klaus. Gitti entschied, «Ich geb ihm ‘ne Beruhigungsspritze, er hat einen hohen Puls», und ging nach draußen. Martin setzte sich neben ihn, bis Gitti zurück war. «Das ist Morphium. Klaus hat doch kein Heroin genom­ men, oder?», fragte Gitti. Martin schüttelte den Kopf. Sie drückte einen Spritzenkolben voll Flüssigkeit in den Port der Tropfkanüle. Der Karton stand an der Tür im Weg, dachte Martin, der Teppich lag noch draußen. Solange Gitti beschäftigt war, könnte er sich darum kümmern, er nahm die Rolle vom Flur draußen und legte sie vor die Schrankwand. Den Karton schob er zum Sofa und öffnete ihn. Den bronzenen Buddha stellte er in ein offenes Regal­ fach auf ein gefaltetes Handtuch. Der Globus fand vor der Anlage auf dem Tisch Platz, nachdem er die CDs auf den Boden gestapelt hatte, der Kerzenständer kam zum Ascher auf die Fensterbank. Er nahm die Zeichnung und zeigte sie Klaus. Der schau­, te zwar aus glasig geröteten Augen wie durch ihn hin­ durch, aber ein lächelndes Zucken seiner Mundwinkel zeigte Martin, dass er ihn und das Bild wahrgenommen hatte. Er atmete jetzt etwas ruhiger, aber das Knarren aus seinem Brustkorb blieb. Dieses Geräusch erzeugte eine dauernde Anspannung in Martin, die ihn nervös und fahrig machte. Er nahm aus dem Rucksack den letzten Trip. Er konnte nur noch denken, hoffentlich hört dieses Ras­ seln bald wieder auf, das kann doch nicht bis morgen so weitergehen, an seinem Geburtstag. Es war auch etwas moduliert und klang fast sirrend und blechern. Draußen war es bereits dunkel, dazu hatte Regen eingesetzt und benetzte die untere Hälfte der Fensterscheibe mit einem Tropfenmuster, das auf der Glasfläche im Zimmerlicht aufblinkte. Martin setzte sich auf die Couch. Er stellte den Globus neben sich auf den Boden und schloss ihn an die Steck­ dose an. Die Leuchtkugel erstrahlte indigoblau und orange, sie verteilte ein mattes Licht. Gitti blieb neben Klaus sitzen, bis er einzudösen schien und sein Atem fast wie heiseres Schnarchen klang. Er meinte zu Martin, «Hoffentlich wird das zur Nacht hin nicht schlimmer, vielleicht ist es gut, wenn Andreas in seiner Schicht hier sitzt, im Allgemeinen ist eh alles ruhig im Haus.» Es beruhigte Martin, dass er nicht alleine mit Klaus bleiben sollte, falls sein Zustand wieder beunruhigender würde. Gitti sagte, «Wir brauchen einen zweiten Stuhl. Komm, schnell mit rüber.» Sie gingen zusammen über den Flur ins HIV-e.V.-Zim­ mer. Gitti zeigte auf einen Polsterstuhl, «Nimm den, ich schau vor der Ablösung noch mal rein, und falls was ist, klingle einfach!» Martin nickte, er griff den Stuhl bei der Lehne und brachte ihn in Klaus’ Zimmer. Dort stellte er ihn auf die andere Seite des Bettes, zur Fensterseite hin. Er schaute auf Klaus, der mit halb geschlossenen Augen dämmerte, die Arme und Hände über der Decke, die Gitti bis über den Bauch zurückgeschlagen hatte, seitlich ausgestreckt. Mit den Fingern der linken Hand machte er eine langsame Kratzbewegung auf dem Stoff des Überzugs, oder als wolle er Fusseln aus dem glatten Leinenstoff zupfen. Das geschah automatisch wie ein Muskelreflex, ohne Bezie­ hung und unabhängig von seinem sonstigen Körper, kam es Martin vor, denn Klaus schlief fast und hörte nicht auf, selbst als Martin seine Hand auf die von Klaus legte und ihn damit entkrampfen wollte. So saß er und achtete auf nichts als Klaus’ Atem, bis Gitti mit Andreas hereinkam. Sie sahen, dass Klaus schlief. Die beiden tuschelten halblaut miteinander, Martin verstand zwischendurch, «Ich hab ihm eine erste Spritze Morphium gegeben», dann verabschiedete Gitti sich leise, auch von Martin, mit einer Handgeste und einem aufmunternden Grinsen. Andreas ging hinter Martin zu dem Tisch mit den Appa­ raten und stellte ein Kistchen aus durchsichtigem Plastik darauf ab, das Ampullen enthielt. Er wollte ihm seinen Platz anbieten und sich gegenübersetzen, aber Andreas legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte ihn auf, den Stuhl zurück, er setzte sich selbst auf die andere Seite. Sie redeten nichts. Martin dachte daran, zu fragen, wie es um Klaus stehe, was passiert sei, wie dieses Schnarren medizinisch bewer­ tet würde, aber er wusste, Antworten würden ihm nichts erklären können. Andreas tupfte mit Zellstoff über Klaus’ Lippen, die waren etwas geschwollen und rissig aufgesprungen. Klaus’ Brust wölbte sich und sank zusammen, wölbte sich wieder und fiel erneut ein. Bald musste er husten, und dabei wachte er auf. Andreas kam ums Bett und nahm den Schlauch der Ab­ saugpumpe. Deren Glaskolben war inzwischen drei vier­ tel voll mit Flüssigkeit. Martin stand auf, um ihm Platz zu machen, und setzte sich gegenüber. Er sah, wie Andreas das Schlauchende tief bis in den Schlund von Klaus schob, dass es ihm mulmig wurde, er dachte, das geht ja bis in die Lunge, tatsächlich stieß er die Düse bis in die Bronchienäste vor, aber es schien zu lindern, Klaus zeigte keinen akuten Schmerz, sondern atmete entspannter, der blubbernde Ton ging zu einem Schnarren über. Aber es strengte ihn sichtlich an, Luft zu holen, er atmete wie nach einem Langstreckenlauf. An seinem Hals pulsierte eine Ader und ließ die Haut darüber auf und ab zucken. Als ein neuer Hustenanfall Klaus sich krampfartig im Bett krümmen ließ, verabreichte Andreas ihm eine weitere, Dosis Morphium. «Es ist Unsinn, ihn zu quälen», sagte er. Danach wurde Klaus ruhiger, seine Lider sanken bis auf einen kleinen Spalt über die Augen, sein Atem ging fla­ cher und langsamer. Plötzlich setzte er einmal aus, Martin erschreckte, dann atmete Klaus weiter. Aber kurz darauf machte er wieder einen Atemzug Pause. Martin zählte mit, um eine Panik zu unterdrücken, zwei, drei, vier,…. jedes fünfte Luftholen fehlte. Martin hatte Klaus’ Hand gehalten, die sich seltsam kalt und ge­ fühllos anfasste. Nach einer Weile wechselte er den Platz und sank in die Polster der Couch, seinen Kopf legte er mit dem Nacken auf der Rückenlehne nach hinten. Er war vollkommen erschöpft. Er schloss die Augen. In Sekunden fiel er in tiefen schwarzen Schlaf und tauchte daraus bald aufge­ stört wieder auf, ohne zu wissen, wie lange er weggetre­ ten war. Andreas sagte, es war nur eine halbe Stunde. Eben war Mitternacht. Martin setzte sich wieder ans Bett. Klaus schnaufte wie eine Maschine, es klang wie der Lärm in einem Sägewerk, und der schwoll nach und nach wieder an. Er legte seine Hand auf Klaus’ Unterarm. Darauf war die Haut rotweiß gefleckt und kalt. «Hey», sagte er, «du hast Geburtstag, seit grade eben.» Martin sah eine unsichtbare Bewegung über Klaus’ Ge­, sicht huschen, ein unmerkliches Zucken in den Augen, Klaus hatte ihn verstanden, spürte Martin. Klaus wurde wieder unruhiger, bewegte den Kopf, Vibra­ tionen liefen durch seine Arme. Er begann zu röcheln und hustete. Andreas meinte, «Bevor es noch mal zu so einem Anfall kommt, geb ich ihm eine nächste Beruhigungsspritze.» Martin schaute auf und zu Andreas. Der fügte hinzu, «Es kann aber sein, dass sein Atemre­ flex dann ganz aussetzt…» Martin nickte. Besser so, als ein neuer Erstickungs­ krampf. Martin legte seine flache Hand auf Klaus’ Stirn. Der schlug die Augen auf und bewegte seinen Blick ein wenig in Martins Richtung. Andreas hatte eine neue Ampulle aufgezogen und drückte sie in die Venenkanüle. Bald entspannte sich Klaus’ Körper und lag gelöst auf Kissen und Matratze. Der Atem war flacher geworden. Die Augen hatte er wieder geschlossen. Martin saß und hielt Klaus’ Hand in der seinen. Andreas legte sein Ohr über Klaus’ Mund. «Er atmet noch», stellte er fest. Martin fühlte, wie die Hand, der Arm von Klaus schon leblos waren, es floss kein Blut mehr hindurch. Andreas fühlte mit seiner Hand auf Klaus’ Brust., «Es schlägt nur noch unregelmäßig», sagte er leise und ließ seine Hand liegen. Martin schwitzte und zitterte bis in die Knochen. «Jetzt hat es aufgehört», sagte Andreas und zog seine Hand zurück. Er lehnte sich im Stuhl zurück. Klaus lag unbeweglich und gelöst, sein Gesicht, die Nacht über von der Anstrengung rot und verkrampft, ent­ spannte sich, obwohl keine sichtbare Bewegung darin war, es war jetzt bleich und wächsern. Sein rechtes Auge war geschlossen, sein linkes einen schmalen Spalt weit geöffnet. Eben war noch ein Streif Pupille darin gewesen, als Martin nun hinguckte, war es weiß. Er nahm seine Hand von Klaus’ Arm und fuhr ihm ein letztes Mal über Stirn und Haarstoppeln. Er war dabei aufgestanden, ging Richtung Sofa und in einem Kreis zum Bett zurück. Auch Andreas war aufgestanden. Martin war verwirrt. Andreas ordnete das Kästchen. «Ich lass euch jetzt al­ lein», sagte er, «oder kann ich noch was tun?» Martin überlegte kurz, «Ja, ich hab eine Bitte. Können wir die ganzen Pumpen und Schläuche abstöpseln?», frag­ te er. Andreas nickte. Er zog die Kanüle unter dem Pflaster aus der Armbeuge und hing den Tropf ab, löste die Ma­ gensonde bei dem grünen Hahn und rollte den Schlauch über die Pumpe, löste sogar unter der Decke den Katheter, und hängte den Beutel aus seiner Halterung unter dem Bett aus. Martin hatte ein seltsames Gefühl, als ob der Druck der Luft im Zimmer gestiegen sei, er musste das Fenster weit öffnen und frischen Wind hereinblasen lassen. Er hatte den Kerzenständer in der Hand und dachte, es sei eine gute Idee, eine Kerze anzuzünden. Er nahm eine neue, grüne, die noch angespitzt war und deren Docht sich weiß gewebt daraus schlängelte, steckte sie auf und brannte sie mit einem Streichholz an. Andreas hatte die Beutel und sein Schächtelchen wegge­ bracht und war noch einmal zurückgekommen. Martin stellte die Kerze vor die Esspumpe auf den Tisch. «Wie… geht’s denn weiter», fragte er Andreas, «ich mei­ ne, was passiert jetzt mit Klaus?» «Er kann erst mal hier liegen, morgen früh kommt eine Ärztin, wegen dem Totenschein. Soweit ich weiß, wird er abgeholt, von einem Unternehmen in Franken, die werden informiert, das ist frühestens morgen Nachmittag. Wir haben auch ein Extra-Kühlhaus, aber vielleicht ist es schöner, ihn hier einfach aufgebahrt zu lassen, wir sind ja kein Krankenhaus.» Martin nickte. Andreas schaute sich noch mal um, nahm die Absaugpumpe vom Tisch mit und ging leise aus dem Zimmer. Martin schaltete die Decken-Neonröhren aus, so dass nur die Kerze, der Globus und die Stehlampe gedämpftes Licht vergossen. Sein erster Gedanke war gewesen, sich, zum Schlafen hinzulegen, aber er war hellwach. Er saß in der Couch und rauchte einen Joint. Kein Geräusch war im Zimmer zu hören. Unklare Ge­ danken und Empfindungen kreisten durch seinen Kopf, aber der milde Rauch entspannte ihn langsam. Er ging eine Runde im Zimmer umher und schaute eine Weile auf den Körper von Klaus, ohne etwas Klares denken zu können. An Klaus’ Unterarm sah er lilafarbene Flecke, er schaute genauer und hob den Arm etwas an, es waren, wo die Haut aufgelegen hatte, große dunkle Lei­ chenflecke entstanden. So schnell, dachte er und schaute in die Kerzenflamme, dann setzte er sich wieder in die Couch. Das Fenster hatte er nach wie vor weit offen stehen, aus dem Gefühl heraus, das sei gut, damit der Geist von Klaus herein- und hinausschweben könne und Kontakt mit dem Ätherfluss habe. Martin saß gedankenversunken, bis es hell wurde. Er war wach und klar und spürte, wie die letzten zwei Monate, deren Druck, deren Stimmung in ihm abklingend nach­ schwangen. Wie Wellen auf dem Wasser, die, wenn er eine Münze hineinwarf, sich zuerst zu konzentrischen Kreisen schlos­ sen, dachte er, anschließend sich ausbreitende Ringe bilde­ ten, bis sie sich von innen her durchdrangen, es sah kurz aus wie stehende Wellen, und sich dann gegenseitig auf­ hoben, um in der Spiegelfläche des Wassers auszulaufen.,

Die Kerze war mehr als halb abgebrannt.

Martin wollte warten, bis sie von selbst erlöschte oder jemand hereinkäme, bevor er das ZiK verlassen wollte und in seinen Wagen zurückkehren würde. Er rauchte einen weiteren Joint. Martin blieb auf dem Sofa, er fühlte sich friedlich und ruhig. Es tat ihm gut, neben Klaus’ Leichnam zu sitzen und sich auf diese Weise von ihm zu lösen. Als die Kerze fast abgebrannt war, klingelte es. Martin schreckte auf, die Tagwelt erwachte, das musste schon Daniel sein, er ging an den Hörer und drückte den Tür­ öffner. Martin blieb am Eingang stehen, er hatte die Tür einen Spalt geöffnet. Als er Daniel im Flur sah, trat er ihm draußen entgegen, Daniel hatte einen Korb in der einen Hand, einen Karton unter dem Arm. Er sah überrascht Martin an und wusste augenblicklich, was ihm Martin leise und tonlos sagte, «Klaus ist die Nacht gestorben.» Daniel lief kreideweiß an, er taumelte auf der Stelle, Martin legte ihm den Arm auf die Schulter, «Willst du reinkommen?» Sie traten zusammen durch die Tür, Martin nahm den Karton, der Korb rutschte fast aus Daniels Hand und sank auf den Boden. Daniel beugte sich übers Bett und starrte eine Weile Klaus an. Martin bemerkte, Daniel fasste Klaus nicht an und berührte ihn nicht. «An seinem Geburtstag», sagte Daniel schließlich. Dann löste er sich aus seiner Starre, schaute zu Martin, der bei der Couch stehen geblieben war, und meinte, «Und ich, hab extra die Sachen durch die U-Bahn geschleppt.» Dann schaute er wieder zu Klaus. «Wann ist er gestor­ ben?», wollte er wissen. «So zwischen zwei und drei die Nacht», sagte Martin, «er ist immer mehr weggedämmert, sie haben ihm Morphium gegeben, er hatte vorher solche Hustenanfälle. Irgendwann ist der Atem immer flacher geworden und hat ganz aufgehört, das war ein sanfter Übergang.» Von dem rasselnden Atem, der Anstrengung, dem Rin­ gen um Luft sagte er nichts, weil es ihm noch zu nah war und auch belastend für Daniel sein könnte, dachte Martin, er würde das als Vorwurf gegen sich sehen können; in ein paar Tagen würde sich Gelegenheit ergeben, ihm alles genau zu berichten. «Was wird aus der Party?», fragte Daniel, «Ich muss allen abtelefonieren, nein, das geht gar nicht. – Ich mach jetzt erst mal eine Flasche Sekt auf, ich hab den ganzen Karton voll. Auf den Tod von Klaus!» Im Korb waren die Gläser, der Korken knallte, und die prickelnd gelbsilbrige Flüssigkeit füllte zwei Kelche. Martin dachte zuerst, es sei etwas makaber, fühlte aber, dass es ein wohl tuendes Ritual war, auf Klaus anzu­ stoßen, er sagte «Auf Klaus» und ließ die Gläser einen kristallenen Glockenton durch den Raum schallen. Sie tranken. Daniel schenkte nach. «Ich hab auch Brot und Käse, Avocadocreme, Trauben, ich bau das mal auf», sagte Daniel und stellte eine Schüs­ sel und Tüten mit Baguettestangen auf die Ablage der Kochnische. «Feiern wir eben seinen Todestag statt Geburtstag!»,, sagte Daniel. Martin hatte Musik angestellt. «Er ist schließlich der erste Gestorbene im ZiK-Hospiz, das ist wie eine Einweihung, Grund zum Feiern», sagte er. «Wann kommt denn Björn zurück?» «Gegen Abend, er will direkt vom Bahnhof hierher», sagte Daniel. Sie setzten sich auf die Couch, Daniel wollte das Fenster schließen, Martin meinte, «Nein, bitte lass es einen Spalt auf, oder stell’s auf Kipp, das klingt abergläubisch, aber das ist mir wichtig für Klaus, irgendwie.» Daniel verstand ihn und stellte die Hebel um, dass die Scheibe in einem Schrägspalt nach oben offen stand. Gitti klopfte und trat mit einer mittelalten Frau ein, der Ärztin. Die schaute etwas verwundert auf die beiden und ihre Sektgläser. Gitti grinste, dann wurde sein Blick ernst, als er zu Klaus ans Bett trat und ihn anschaute. Auch die Ärztin setzte sich nicht einmal und machte keine Untersu­ chungen, sie fühlte nur den schon ausgekühlten Hals, dann nickte sie Gitti zu und ging schweigend wieder. Gitti sagte noch, das Bestattungsunternehmen sei unter­ wegs und ab nachmittags zu erwarten, dann verließ auch er das Zimmer wieder. Martin und Daniel rauchten einen Grasjoint. Die Kerze war am Verlöschen, Martin bemerkte ihr Flackern. «Sollen wir eine neue anzünden?», fragte er. Daniel nickte, Martin stand auf und nahm eine orange, die er an der anderen anzündete, er hielt sie in der Hand,, er wollte die alte nicht ausblasen, sondern von selbst ausgehen lassen. Als der Docht in das flüssige Wachs ge­ sunken war und die flackerige Flamme in einem dünnen grauen Rauchfaden kaum hörbar verzischte, steckte er die neue in den Halter und setzte sich wieder neben Daniel. Nach einer Zeit klingelte es. «Gäste», sagte Daniel und horchte in die Sprechanlage. «Oh, Dieter, komm hoch», sprach er in den Hörer. Wie zuvor Daniel von Martin, wurde nun Dieter von Daniel schon im Flur vorbereitet. Dieter war zunächst sprachlos und starrte eine Viertel­ stunde lang auf Klaus. Seine Augen wurden wässerig, dann sah Martin Tränen über seine Wangen laufen. Dieter war starr und wischte sie nicht ab, schien sie gar nicht zu bemerken, sie tropften auf Klaus’ Bettdecke. Endlich ließ er sich von Daniel bewegen, einen Sekt zu trinken. Dann war die erste Flasche leer. Daniel nahm die zweite vor, er hatte den Karton in den Kühlschrank gestellt und den extra eingeschaltet, Martin hatte ihn nicht benutzt. «Ist schon kalt», bemerkte Daniel beim Öffnen. Sie stießen zu dritt an, diesmal ohne Toast, weil Dieter noch zu gerührt schien. Daniel drehte eine neue Grastüte. Als sie die fast aufge­ raucht hatten, klingelte Mina. Sie küsste Klaus auf die Stirn. In einer Stofftasche hatte sie Couscous-Salat mit Toma­ ten und Pfefferminzblättern und eine zweite Schüssel, in, der Kartoffeln, Gurken und Zwiebeln mit einer Marinade angerichtet waren. Auch sie trank einen Sekt mit ihnen. Martin fühlte sich müde werden, außerdem hatte er einen fast schmerzenden Hunger bekommen. Er sagte, «Ich muss was essen», und nahm einen am Rand bunt bedruckten Pappeteller von einem Stapel, Daniel hatte an alles gedacht. Den schaufelte er voll und setzte sich damit auf das Sofa, den Teller auf den Knien. Er aß mit einem dünnen Plastiklöffel, den Daniel in Dun­ kelblau besorgt hatte. Schließlich kamen noch Hedwig und Thilo. Sie brachten die erste Torte, tiefgekühlt in einer Pappschachtel. Hedwig reagierte etwas hysterisch. Er ging im Zimmer hin und her und sagte, «Schrecklich, einfach schrecklich» und «Ausgerechnet an seinem Geburtstag». Als er hörte, der Leichenbestatter sei von der Mutter beauftragt und schon auf der Autobahn vor Berlin, schimpfte er gegen die Wand, «Die nehmen uns das Recht auf Trauer! Die entfüh­ ren uns Klaus!» Thilo musste beruhigend auf Hedwig ein­ reden. Als schließlich Anja mit Susanne in der Tür stand, war das Zimmer fast überfüllt. Martin hing zurückgelehnt im Sofa, er hatte sich in sich verzogen, je mehr Trubel rundherum entstand. Nun schien es ihm zu viel, er dachte daran, dass er vierund­ zwanzig Stunden nicht geschlafen hatte, oder nur kurz, und sich völlig ausgelaugt und entkräftet fühlte. Er sagte Daniel, er müsse in sein Bett, das sei ihm alles zu viel, ob, das okay sei und Daniel sich um alles kümmere, «Ich muss erst mal ausschlafen.» Er suchte seine Jacke, sein Buch, das war alles, er stellte sich noch einmal ans Bett und ließ seinen Blick auf Klaus ruhen. Dann ging er leise hinaus. Auf der Straße sah er sein Fahrrad und Franks Anhänger, an beides hatte er gar nicht gedacht. Er schloss die Ketten ab, nahm die Deichsel in eine Hand, setzte sich aufs Rad und fuhr so zur Schilling­ brücke. Frank war wieder nicht in seinem Wagen, als er den Anhänger dort abstellte. Martin fühlte sich gleichzeitig müde und überdreht. Er machte ein Feuer in seinem Ofen, um die klamme Kälte zu vertreiben, er drehte einen Joint und rauchte ihn an der Spree. Endlich machte ihn die Wärme im Wagen schläfrig, er schlüpfte aus seinen Kleidern, legte sich in sein Bett und fiel in einen langen traumlosen Schlaf.

Erst tief in der Nacht wachte er kurz auf, seine Blase

drückte, er tappte zum Holunder hinter seinem Wagen, schaute danach kurz vor zur Spree, feuerte seinen Ofen und kochte eine Tasse Tee, rauchte einen Joint dazu und schlief weiter bis in den Morgen. Den nächsten Tag verbrachte er fast nur im Bett und seinem Wagen. Er wollte keinen sehen, nichts hören, zu, niemandem sprechen. Aber als es bereits dunkel war, klopfte Frank vorsichtig an seine Tür und fragte, ob er reinkommen dürfe. «Klar», sagte Martin und wunderte sich über solche Förmlichkeit. «Du bist mal zu Hause», begrüßte ihn Frank. «Ja, ich bin wieder…», sagte er, «Klaus ist gestern Nacht gestorben.» Frank war wenig überrascht, fragte auch nicht nach, womit Martin gerechnet hatte, stattdessen druckste er herum, «Du, ich muss dir was sagen.» Martin dachte, kann das nicht warten, interessiert ihn Klaus überhaupt nicht? Frank setzte neu an, «Martin», er nannte ihn beim Na­ men, «du, ich hab eine schlechte Nachricht, heut Morgen mit der Post, ich kann’s gar nicht, also, Martin, Peer ist tot, er hat sich umgebracht, vor paar Tagen schon…» «Was?», schrie Martin auf, «Das ist nicht wahr…» Er verlor völlig seine Beherrschung. Frank nahm ihn in den Arm und drückte ihn an sich. Das hatte er vorher noch nie getan. «Wie…», stammelte Martin schluchzend. «Da war Post, vom Sozialamt Wedding. Meine Adresse war bei seinem Perso, es gibt keine Angehörigen. Er ist schon eingeäschert, am Montag wird er beerdigt, am Städtischen Friedhof Weißensee. – Es war am Tag von der East-Side-Räumung, er ist in Lichtenberg von einem Hochhaus gesprungen.», Als Frank gegangen war, brach Martin zusammen, er sank auf den Boden und heulte zitternd, heulte die ganze Nacht, weinte bald trockene Tränen und wimmerte schluchzend, bis er erschöpft im Morgengrauen einschlief. Den nächsten Mittag wachte er spät auf, ein paar Son­ nenstrahlen fielen durchs Fenster und kitzelten ihn mit ihrer Helligkeit aus dem Schlaf. Er wollte eigentlich gar nicht erst aufstehen und rieb sich die Augen. Dann setzte er sich auf und starrte ein paar Minuten aus dem Fenster. Er fühlte sich lustlos und niedergeschlagen. Schließlich heizte er seine Küchenhexe, dabei starrte er in das anbrennende Feuer. Während das Wasser für seinen Kaffee kochte, rauchte er einen Joint. Seine Gedanken drehten sich wie knir­ schende Mühlsteine schwer und ratternd in seinem Kopf herum. Er hatte keinen Appetit und verzichtete aufs Früh- stücken. Er überlegte. Er wollte sich betäuben, aber er wusste, das würde nichts helfen. Stattdessen fragte er sich, ob er LSD besor­ gen könne, aber das war ihm zu aufwändig. In einem Glas auf dem Bord lagerten seine Stechapfelsamen. Daraus würde er einen Aufguss bereiten. Er schüttete das kochende Wasser aus dem Kessel in einen kleinen Topf und füllte eine halbe Hand voll der kleinen, linsenförmigen Samen hinein, das ließ er fünf Minuten auf dem Herd ziehen und goss aus dem Gebräu seinen Kaffee auf., Bald spürte Martin eine zunehmende Austrocknung in seinem Mund, die die Wirkung der Pflanze auf sein Ge­ müt ankündigte. Er rauchte einen weiteren Joint und spürte ein Rauschen in seinem Kopf, es fühlte sich an wie Schneeflocken, die durch sein Gehirn wirbelten. Er sah Schattenschlieren durch die Luft ziehen und schaute hinter sich, weil er von da einen kalten Hauch verspürte. Er musste aufstehen und nach draußen gehen, weil ihn die Wände seines Wagens zu erdrücken drohten. Er stand barfuß in seinem Feuerkreis, den er lange nicht benutzt hatte, und legte die Hände auf seinen Kopf. Dabei schaute er in die stechend blendende Sonne, bis die hinter einer Quellwolke verschwand. Martin atmete tief, etwas trieb ihn, loszugehen, eine fixe Idee setzte sich in seinem Kopf fest, er wollte nach Lichtenberg, wollte den Platz mit dem Hochhaus finden, wo Peer gestorben war; vielleicht gäbe es noch einen Hinweis, eine Absperrung. Das Blut wäre sicher längst beseitigt. Er tappte den Uferpfad entlang zur Brücke vor, ging bis zur Ampel, dann am Bahnhof vorbei die Straße weiter, neben der ehemaligen Mauer, dahinter hatte die East- Side-Wagenburg gelegen. Er schaute über die großflächigen Bilder, teils naiv, teils comicartig, andere abstrakt, alle irgendwie mahnend ge­ gen eine doktrinäre Politik, wie diese Grenze sie symboli­ siert hatte. Der Eingang zum ehemaligen Platz war mit einem Stahltor versperrt worden, darüber Stacheldraht,, zwei Polizisten standen davor. Martin wechselte die Straßenseite, um nicht an ihnen vorbeigehen zu müssen, er spürte Wut in sich aufsteigen. Ihr seid armselige Mörder, dachte er, an der Leine von kaltblütigen Politikern und Wirtschaftsmagnaten, den eigentlichen Massenmördern, und ihren Mordhetzern, den Kirchenführern. Sie haben Blumen kriminalisiert und verboten, Hanf, Stechapfel und heilige Pilze! Er war schon auf der Warschauer Brücke. Eine S-Bahn ratterte unter ihm hinweg in die Halle des Ostbahnhofs. Bald stand er an der Kreuzung Frankfurter Tor, er schaute in den Himmel und ging nach rechts Richtung Lichtenberg. Ein dicker Mann mit schwarzem Hut stieg aus dem U-Bahn-Tunnel und rempelte ihn an. Martin schaute erschrocken auf und blickte in das aufge­ schwemmte Gesicht der Wasserleiche. Er schrie kurz auf und rannte ein paar Schritte. Als er sich noch einmal umdrehte, war der Mann verschwunden. Er ging weiter, schaute nur starr auf den Boden vor sich, er sah weder Häuser noch Autos, noch Menschen. Immer geradeaus, unter der S-Bahnbrücke durch; links und rechts begannen die weiß gekachelten Plattenbauten. Bilder der Außenwelt begannen sich mit seinen inneren zu mischen, und er nahm tropfenweise seine Umgebung wieder wahr. Die Häuser schwankten und verzerrten ihre Fassaden, als wären sie aus beweglichem Silikon oder Gummi, die Passanten, die ihn anglotzten, sahen aus wie Dämonen, die hinter den erloschenen Augen, der dünnen Kopfhaut, wie Besessene fratzenhaft grinsten, es waren fahle Toten­ köpfe, die Martin erblickte. In einem Schaufenster häuften sich blutig nackte Men­ schenleichen. Er schaute weg. In Blickrichtung der Aus­ fallstraße ragte die Hochhaussilhouette einer Satelliten­ stadt aus dem dunstigen Smog. Dahinter schob sich, vom Horizont beginnend, in einer geschwungenen Linie hoch über ihm im Himmel auslau­ fend, ein staubig glitzernder Regenbogen blass schillernd durch die Wolken. Es kam ihm zuerst vor, als blicke er auf eine Negativfolie, aus der in Fotolabors das Bild abgezo­ gen wurde, die Kontraste schienen ihm verkehrt. Einer der Lichtstreifen funkelte fast silbrig spiegelnd wie polierte Kohle, daneben glänzte es so hell, als betrachte er eine Schwarzlichtröhre durch Sonnengläser, die nächsten Bänder strahlten und flimmerten in immer helleren Grau­ tönen: Er hatte sein Farbsehen verloren, alles erschien ihm wie in einem alten Schwarz-Weiß-Film. Der Bordstein endete, er ging schräg links an der S-Bahn entlang und kam in eine Fußgängerzone. Die Luft war dick wie Wasser; er hatte das Gefühl, Schritte zu machen, ohne vorwärts zu kommen, als trete er ins Leere, und das Atmen fiel ihm schwer, etwas wie ein eiserner Ring schnürte seine Rippen ein. Altbauten säumten eine Querstraße, dann öffnete sich das Gelände durch eingestreute Grünflächen. «Soll’s alles der Teufel holen!», murmelte Martin. Er tappte an einer hohen Mauer vorbei, bis die von einem großen verschlossenen Gittertor unterbrochen wurde, das verziert war wie bei einem Renaissance-, Schlösschen. Seitlich davon gab es eine kleine Pforte, dahinter schien sich ein Park zu erstrecken. Martin trat ein. Er ging zwischen Säulen hindurch, die von Rosen­ gestrüpp umrankt waren, und stand vor einem halb­ kreisförmigen Steinplatz, in dessen Mitte ein Findling auf­ gestellt war, eine stalinistische Gedenkmaschine für gefallene Kommunisten. Dahinter standen die Einheits­ grabsteine der DDR-Prominenz in einem Kiefernwäld­ chen. Martin sank an der Ummauerung nieder und ruhte sich aus. Nachdem er die Augen eine Zeit lang geschlossen hatte, war die Welt wieder farbig. Er spürte, dass seine Füße schmerzten, er knickte die Beine zum Schneidersitz und besah seine schmutzig schwarzen Fußsohlen. Wieso trug er keine Schuhe und Strümpfe? Außer ihm war niemand zu sehen. Das Bedürfnis, einen Joint zu rauchen, rumorte in seinem Kopf, aber er hatte nicht einmal Tabak dabei. Martin schaute in die vorüberziehenden Wolken. Klaus war vorangegangen, Peer würde ihn bei der Hand nehmen, wann immer. Der Tod hatte für ihn ein Stück seines Schreckens ver­ loren. Er stand auf, ging einen Kreis, das war sein Tick, eine Übersprungshandlung, ein Ritual, dann streckte er seine Arme in die Luft, spannte sich an, stellte sich auf die Zehenspitzen und atmete tief durch. Er verließ den Platz., Erleichtert, entspannt und ernüchtert, wollte er zurück zu seinem Wagen. Martin lief die S-Bahn-Gleise entlang bis zur nächsten Station und fuhr schwarz, er hatte weder seine Monats­ karte dabei noch Geld. Zum Glück waren keine Kontrol­ leure unterwegs, bald saß er an der Spree und rauchte einen Joint. Den Rest des Tages verbrachte er in einem komaartigen Dämmerschlaf.

Als Frank morgens bei Martin anklopfte, hatte der schon

gewartet. Die Schuhe angezogen, die Jacke bereit, ging er hinaus zu Frank. «Hey», sagte er, «Morgen», Frank. Martin nahm sein Fahrrad und schob es vor auf den Weg, sie gingen zum Tor, das beim Öffnen und Schließen klapperte, setzten sich auf ihre Räder und fuhren los. Frank kannte die Richtung, Martin folgte ihm. Die Strecke ging auf einer Ausfallstraße bis fast zur Stadtgrenze. Sie kamen an eine lange hohe ockergelbe Backsteinmauer, die an der Straße entlang verlief und hinter der Baumkronen zu sehen waren. Auf der anderen Seite standen noch einzelne Häuser, dazwischen Grünflä­ chen und Wiesen. «Hier muss es sein», sagte Frank, und nach ein paar Hundert Metern wies ein weißes Hinweisschild auf eine Toreinfahrt in der Mauer, darauf stand «Städtischer Fried­, hof Weißensee». Das Tor hatte einen gemauerten Rundbo­ gen, einer der zwei Gitterflügel stand nach innen offen. Sie rollten mit ihren Rädern auf den gekiesten Pfad, stiegen ab, stellten ihre Gefährte bei der Seite an einen Baum und schlossen sie fest. Martin schaute sich um. Alte große Bäume ließen den Friedhof wie eine Parkanlage erscheinen, dazwischen standen grüne Nadelsträucher, typische Krüppelkiefern und kegelförmig gestutzte Buschgewächse, waren das Eiben? Links lehnte sich ein niedriges Gebäude an die Mauer und öffnete sich zu einer Art überdachter Halle, die mit vier gemauerten Säulen abgestützt war. Davor und darin stand eine Trauergesellschaft in Grüpp­ chen herum. Frank und Martin gingen zu dem Haus. An der efeube­ wachsenen Seitenwand war eine Holztür, neben der ein Schild «Anmeldung» angebracht war. Frank schaute auf seine Armbanduhr. «Noch fünf Minuten», meinte er, sie beschlossen, sich auf eine Bank gegenüber zu setzen, die von der Sonne beschienen wurde. Martin drehte einen Joint, er fror trotz der Fahrt und klapperte mit den Zähnen. Da kam ein schwarz gekleideter älterer Mann mit silber­ grauen Haaren aus der Holztür. In seinen Händen hielt er einen dunklen Gegenstand, darauf ein Bukett aus drei roten Nelken und etwas Grünzeug. Er ging schreitend und gemessen über den kleinen Vorplatz, irgendwie feier­ lich, als er irritiert zu ihnen herüberschaute., Martin warf den Joint auf den Kies, stand auf und fragte, «Ist das Peer?» Auch Frank trat zu ihnen. «Peer Kluthe. Sind Sie die Trauergäste?» Der Bestatter war offenbar überrascht. Frank nickte. «Wenn Sie mir bitte folgen wollen», sagte der Mann wieder gefasst und förmlich. Martin hatte auf die Urne in dessen Händen gestarrt. Die war grauschwarz und sah aus wie eine dicke Kanonen­ kugel oder eine überdimensionale Patrone. Nach unten spitz zulaufend, war sie oben wie mit einem Deckel ver­ schlossen, worauf das Nelkenbukett lag. Sie gingen nebeneinander den Kiesweg entlang über den Friedhof, bogen links ein, dann rechts, wieder links und noch einmal um eine Ecke. Das werd ich nie mehr wiederfinden, dachte Martin. Er fragte, aus welchem Material die Urne sei. «Aus Hartplastik», erklärte der Bestatter verwundert. «Sieht aus wie Bakelit oder Alcydharz. Löst sich das denn in der Erde auf?», fragte er. «Das hält ewig», war die Antwort. «Ich meine, ist das denn ökologisch, sickern da Rück­ stände in den Boden, oder bleibt da Giftmüll übrig, Weichmacher oder so?», konkretisierte Martin die Frage. «In zehn Jahren ist das Erde, da finden sie nichts mehr beim Umgraben», widersprach sich der Bestatter in gleich­ gültigem Tonfall., Endlich kamen sie zu einem mit Büschen eingefassten Rasenplatz, über den ein Baum weit ausladend seine Aste streckte. An einer Ecke war der Rasen unterbrochen. Als sie heran­ traten, sah Martin drei quadratisch ausgehobene Löcher in einer Reihe nebeneinander, dahinter je ein Häufchen mit brauner Erde und ausgestochenem Grasnabenviereck daneben. Der Bestatter blieb vor den Erdlöchern stehen. Martin fragte, «Kann ich die Urne kurz in die Hand nehmen?» Der Bestatter nickte, gab sie ihm und hob die Nelken von der Oberseite ab, die legte er auf den Boden an die Seite. Martin zitterte leicht, als er das Plastegefäß in Händen hielt. In den Deckel war ein Ring eingelassen, er sah metallisch aus wie Messing, darauf stand rund eingraviert «Sozialamt Wedding». Der Kreis in der Mitte war grau­ weiß und wie von einer Glasscheibe überzogen, oder war es Laminierfolie, darin stand in kleinen Druckbuchstaben «Peer Kluthe», darunter Geburts- und Todesdatum. Martin registrierte nebenbei, Peer war nicht mal zwanzig Jahre alt geworden. Der Bestatter bedeutete ihm mit einer Geste, das linke Loch sei das Grab. Martin ging in die Hocke und versenk­ te die Urne in Peers neue Unterkunft. Er drückte sie etwas nach unten, da das Erdloch an den Seiten und in der Tiefe anstieß, dann stellte er sich wieder auf und trat einen Schritt beiseite, weil der Bestatter mit einem Schäufelchen die krümelnde Erde auf das Gefäß, häufte, bis es ganz bedeckt war und sich ein Hügelchen aufwölbte. Das wurde mit der flachen Metallfläche der Schaufel durch leichte Schläge festgeklopft, bis es wieder ebenerdig war, anschließend legte der Bestatter den Rasenteppich darauf und drückte ihn an den Kanten zurecht, dass er genau in die ausgestanzte Fläche passte und kaum mehr von der umgebenden Grasfläche zu unterscheiden war. Frank und Martin schauten schweigend zu. Der Bestatter erhob sich wieder, er sagte, «Sie haben etwa zwanzig Minuten Zeit zum Abschied. Dann kommt eine neue Trauergemeinde.» Damit drehte er sich um und schritt so zeremoniös davon, wie er mit ihnen hergekommen war. Die Nelken nahm er wieder mit. Frank hatte Räucherstäbchen dabei. Die steckte er in einem Kreis auf das Grab und zündete sie an. Martin setzte sich in die Wiese und drehte einen Joint. Der Rauch von den Duftstäben stieg in dünnen Fäden spiralförmig nach oben, bis er sich auffächerte und unterhalb des Ast­ daches zu einem feinen Nebel verteilte, der bald eine horizontale Schicht in der Luft bildete. Die flachen Strah­ len der Sonne brachen durch die Zweige des Baumes hin­ durch und illuminierten die Szene in schattengeflecktem Licht. An einer Seite, vor den Büschen, war ein breiter Naturstein, der unregelmäßig dreieckig eine schiefe Spitze bildete. In dessen Mitte war eine Tafelfläche poliert, in die «Gemeinschaftsgrab 1997 – » eingraviert war, die zweite Jahreszahl fehlte noch, wahrscheinlich, bis alle Plätze be­ legt wären., Sie schauten schweigend den Rauchsäulen zu, den glühenden Köpfchen der Stängel, von denen ab und zu weißgraue Aschestückchen abbrachen und ins Gras fielen. Die Stäbchen waren noch nicht ganz abgebrannt, als Frank den nächsten Leichenzug auf dem Kiesweg heran­ kommen sah, er deutete mit der Hand in die Richtung und meinte, «Wir müssen gehen.» Martin stand auf, Frank sagte, «Hier ist alles verraucht, der zieht gar nicht ab, es ist absolut windstill.» Er wollte die Reste der glühenden Räucherstäbchen ein­ sammeln, aber Martin sagte, «Lass die doch in Ruhe abbrennen, das ist ein legitimes Ritual. Wenn’s die Leute stört, sollen sie eben noch bisschen warten, sind die zwan­ zig Minuten überhaupt schon um?» Frank guckte automatisch auf seine Uhr und meinte, «Na ja, schon, komm, wir gehen.» Martin schaute noch einmal auf die Grabstelle im Gras, kurz durchzuckte ihn der Gedanke, hätten sie die Urne nicht lieber ausgraben und mitnehmen sollen? Aber zu spät, Unsinn, dachte er, drehte sich um und verließ mit Frank das Gelände, sie gingen den Kiesweg entlang in eine entgegengesetzte Richtung, um nicht an der neuen Trauergruppe vorbeilaufen zu müssen. Zurück bei ihren Rädern, schlossen sie die Ketten auf und schoben ihre Gefährte über den Weg durch das Tor hinaus. Auf der Straße fuhren Autos mit lärmendem All­ tagsgeräusch vorbei. «Lass uns in den Mauerpark radeln», sagte Frank, «da in der Nähe kenn ich ‘ne Biobäckerei, die haben auch Kaffee, in Mitnehmbechern. Heute wird ein erster sonniger Früh­ lingstag, wir können einen Leichenschmaus im Freien ab­ halten, das ist ein guter Abschluss.» Martin nickte zu dem Vorschlag, «Gute Idee», sagte er. Sie radelten auf dem Trottoir an der Backsteinmauer entlang zurück, bogen bald rechts ab und wieder links auf eine Hauptstraße, die als Sichtachse sacht auf den Fern­ sehturm zu abfiel. Frank fuhr rasant über das Pflaster der rechten Fahrspur, er gab Martin ein Handzeichen und zog sein Fahrrad zur Mitte der Straße, in der zwei Geleise Straßenbahnschienen liefen. Er wollte links abbiegen und kreuzte in schrägem Schnitt die Metallbänder in der Straße. Martin wollte es ihm nachtun, aber eine Straßenbahn kam ihm entgegen, er machte einen Schlenker zurück auf die Straße und wollte erst nach der Bahn die Fahrspuren überqueren. Frank wartete schon auf der anderen Seite der Kreuzung. In dem Moment hörte er hinter sich ein quietschend kreischendes Bremsgeräusch, er schaute über die Schulter und sah das blecherne Führerhaus eines Lkws keine fünf Meter entfernt auf sich zurollen, eine Hupe ertönte laut wie das Hornsignal eines Schiffs. Martin zuckte zusam­ men und lenkte panisch nach links, um die Fahrbahn zu räumen, dabei kam er auf eine der Schienen, sein Vorder­ reifen verkeilte sich darin, er kippte stolpernd mit dem Fahrrad um und fiel auf das Pflaster, während der riesige Lastwagen, ein Baufahrzeug, beladen mit Sand, rechts an ihm vorbeidonnerte., Zugleich bimmelte die Straßenbahn ihr Glockengeräusch und fuhr keinen halben Meter neben Martin mit ihren Metallrädern kreischend vorbei. Martin schlotterte am ganzen Leib, er stand auf, hob sein Fahrrad an und stürzte, fast ohne nach dem Verkehr zu schauen, über die Fahrbahn auf Frank zu. Noch ein Auto hupte, bevor er den Bordstein erreichte. Frank schaute ihn unsicher an. Martin ließ sein Rad umfallen, auf der Ecke stand der Pfosten einer Straßenlampe, aus grobem Waschbeton mit Kieselsteinen darin. Er klammerte sich daran fest und begann zu schreien, so laut wie der Verkehr. Er presste sich daran und drückte seine Arme so fest darum, dass sein Zittern in einen Mus­ kelkrampf überging, bis es langsam abflaute. «Scheiße, verdammte!», rief er, «Scheiße!» Frank sah schweigend zu ihm hin. «Und mein Rad ist auch kaputt, der Vorderreifen ist platt und hat einen Achter.» «Ich hab noch eins unter meinem Wagen, auf Reserve, das kannst du haben», versuchte ihn Frank zu beruhigen. Martin hielt noch immer den Laternenpfosten umschlun­ gen. Der brummte und vibrierte vom elektrischen Strom, obwohl die Lampe nicht brannte. «Wollen wir weiter?», fragte Frank. «Ich will sofort zurück zur Schillingbrücke», sagte Martin, «ich halt’s nicht mehr aus.» «Wir können ja schieben», sagte Frank., «Nein, tut mir leid, ich will alleine sein. Bitte.» Frank zögerte, dann fuhr er weiter. Martin blieb an dem Pfosten stehen, bis Frank außer Sichtweite war und sein Umriss sich in einer Seitenstraße verlor, blieb stehen und zitterte.]
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