Herunterladen: Richard Yates Elf Arten der Einsamkeit Short stories

Richard Yates Elf Arten der Einsamkeit Short stories Aus dem Amerikanischen von Anette Grube und Hans Wolf Deutsche Verlags-Anstalt München Inhalt Doktor Schleckermaul... 7 Alles, alles Gute ... 33 Jody läßt die Würfel rollen ... 55 Überhaupt keine Schmerzen... 79 Ein Masochist ... 97 Der mit Haien kämpft ... 119 Spaß mit Fremden... 141 Der BAR-Mann ... 157 Ein wirklich guter Jazzpianist ... 179 Weg mit dem Alten... 209 Baumeister... 233 Doktor Schleckermaul Miss Price wußte von dem neuen Jungen bloß, daß er sein Leben größtenteils in einem Waisenhaus verbracht hatte und daß »Tante und Onkel«,...
Autor Anonym
Downloads: 0 Abrufe 0

Dokumentinhalt

Richard Yates Elf Arten der Einsamkeit Short stories

Aus dem Amerikanischen von Anette Grube und Hans Wolf Deutsche Verlags-Anstalt München,

Inhalt

Doktor Schleckermaul... 7 Alles, alles Gute ... 33 Jody läßt die Würfel rollen ... 55 Überhaupt keine Schmerzen... 79 Ein Masochist ... 97 Der mit Haien kämpft ... 119 Spaß mit Fremden... 141 Der BAR-Mann ... 157 Ein wirklich guter Jazzpianist ... 179 Weg mit dem Alten... 209 Baumeister... 233,

Doktor Schleckermaul

Miss Price wußte von dem neuen Jungen bloß, daß er sein Leben größtenteils in einem Waisenhaus verbracht hatte und daß »Tante und Onkel«, die grauhaarigen Leute, bei denen er inzwischen wohnte, die rechtmäßigen, vom Wohlfahrtsamt der Stadt New York bezahlten Pflegeeltern waren. Ein weniger engagierter oder weniger phantasie- voller Lehrer hätte vielleicht auf mehr Einzelheiten ge- drängt, aber Miss Price war mit diesem schlichten Über- blick zufrieden. Ja, er genügte, um sie mit dem Gefühl eines Auftrags zu erfüllen, was ihre Augen schon am ersten Morgen, beim Eintritt des Jungen in die vierte Klasse, hell wie die Liebe leuchten ließ. Er kam früh und setzte sich in die hinterste Reihe, ker- zengerade, mit exakt unter dem Tisch gekreuzten Füßen, die Hände mitten auf der Schreibplatte verschränkt – als mache ihn die Symmetrie weniger verdächtig; als die übrigen Kinder hintereinander hereinmarschierten und ihre Plätze einnahmen, bedachte ihn jeder mit einem langen, ausdruckslosen Blick. »Wir haben heute morgen einen neuen Klassenkamera- den«, sagte Miss Price; sie brachte das Offensichtliche so betont hervor, daß alle am liebsten gekichert hätten. »Er heißt Vincent Sabella und kommt aus New York City. Ich weiß, wir werden unser Bestes tun, damit er sich wie zu Hause fühlt.«, Hierauf fuhren die Mitschüler herum und starrten ihn an, so daß er den Kopf ein wenig einzog und auf seinem Sitz hin und her rutschte. Normalerweise trug der Um- stand, daß einer aus New York kam, dem Betreffenden ein gewisses Prestige ein, denn für die meisten Kinder war die Stadt ein ehrfurchtgebietender Ort für Erwachsene, der ihre Väter tagtäglich verschluckte und den sie nur selten, und dann in den besten Kleidern, zum Vergnügen besuchen durften. Andererseits war auf den ersten Blick zu erkennen, daß Vincent Sabeila überhaupt nichts mit Wolkenkratzern zu tun hatte. Auch ohne sein verfilztes schwarzes Haar und die graue Haut hätte ihn seine Auf- machung verraten: eine lachhaft neue Cordhose, lach- haft alte Turnschuhe und ein gelbes, viel zu kleines Sweat- shirt, auf dessen Vorderseite die kargen Überreste einer aufgedruckten Mickymaus zu sehen waren. Er stammte eindeutig aus jenem Viertel von New York, das man durch- queren mußte, wenn man mit der Bahn in Richtung Grand Central unterwegs war – aus jenem Viertel, wo die Leute ihr Bettzeug über die Fenstersimse hängten und sich den ganzen Tag von Langeweile benebelt hin- auslehnten und wo man nichts als schnurgerade, tiefe Straßenzüge sah, die sich im Wirrwarr der Gehwege alle- samt ähnelten und in denen es von graugesichtigen, in irgendein hoffnungsloses Ballspiel vertieften Jungen wim- melte. Die Mädchen fanden ihn nicht besonders hübsch und wandten sich ab; die Jungen hingegen setzten ihre Mu- sterung fort und begutachteten ihn mit leisem Grinsen von oben bis unten. Er zählte zu der Sorte von Jungen, die sie gewöhnlich für »knallhart« hielten, zu der Sorte, deren Blick ihnen in unvertrauter Umgebung schon so, manches Mal Unbehagen bereitet hatte; hier bot sich eine einzigartige Chance zur Vergeltung. »Wie sollen wir denn zu dir sagen – Vincent?« erkun- digte sich Miss Price. »Ich meine, was ist dir lieber, Vin- cent oder Vince oder ... oder wie?« (Es war eine rein akade- mische Frage; auch Miss Price wußte, die Jungen würden »Sabella« zu ihm sagen, und die Mädchen würden ihn überhaupt nicht ansprechen.) »Vinny’s okay«, antwortete er mit sonderbar krächzen- der Stimme, die sich in den häßlichen Straßen seines Viertels offenbar heiser geschrien hatte. »Ich habe dich leider nicht verstanden«, sagte Miss Price und reckte den hübschen Kopf seitwärts nach vorne, so daß ihr Haar ein Stück über die Schulter wogte. »Sagtest du Vince?« »Vinny’s recht«, wiederholte er und rutschte unruhig hin und her. »Vincent, ja? Na schön, also dann Vincent.« Ein paar Mitschüler kicherten, aber keinem wäre es eingefallen, die Lehrerin zu korrigieren; der Spaß würde größer sein, wenn man das Mißverständnis stehen ließ. »Ich mache mir nicht die Mühe, dir jeden einzelnen hier mit Namen vorzustellen, Vincent«, fuhr Miss Price fort, »im Lauf des Unterrichts lernst du ja die Namen sowieso kennen, oder? Und wir erwarten auch nicht, daß du schon am ersten Tag oder so richtig mitarbeitest; laß dir nur Zeit, und wenn du etwas nicht gleich verstehst, dann genier dich nicht und frag einfach nach.« Er ließ ein undeutliches Krächzen hören und setzte ein flüchtiges Lächeln auf – gerade lange genug, um zu zei- gen, daß er gelbe Zähne hatte. »Also dann«, sagte Miss Price und ging zur Tagesord-, nung über. »Wir haben Montagmorgen, und als erstes ste- hen die Erlebnisberichte auf dem Programm. Wer möchte anfangen?« Sechs oder sieben Hände gingen hoch, Vincent Sabella war vorerst vergessen; Miss Price zuckte in gespielter Ver- wirrung zurück. »Du liebe Güte, heute haben wir aber viele Erlebnisberichte«, sagte sie. Die Idee zu diesen Be- richten – eine fünfzehnminütige Veranstaltung, bei der die Kinder an jedem Montag ihre Wochenenderlebnisse schildern sollten – stammte von ihr, und sie war ver- ständlicherweise stolz darauf. Auf der letzten Lehrerkon- ferenz hatte der Schulleiter sie dafür gelobt und betont, daß dies einen großartigen Brückenschlag zwischen den Welten der Schule und des Zuhauses darstelle und dar- über hinaus eine vorzügliche Methode sei, den Kindern Selbstvertrauen und sicheres Auftreten beizubringen. Das Ganze verlange umsichtige Kontrolle – die Schüchternen müßten aus der Reserve gelockt, die Vorlauten gebremst werden –, aber im allgemeinen, so Miss Price gegenüber dem Schulleiter, hätten alle Spaß daran. Besonders heute hoffte sie, daß es Spaß machen würde, schon um Vincent Sabella die Befangenheit zu nehmen, und deswegen rief sie Nancy Parker als erste auf; niemand konnte so wie Nancy die Zuhörer in Bann halten. Die Mitschüler verstummten, als Nancy anmutig nach vorne trat; auch die zwei oder drei Mädchen, die sie ins- geheim verachteten, mußten, wenn sie ihren Erlebnis- bericht vortrug, Entzücken vortäuschen (so beliebt war sie), und den Jungen, deren größtes Vergnügen darin be- stand, sie auf dem Pausenhof unter Gekreisch auf den Boden zu schubsen, blieb nichts weiter übrig, als sie mit albern zaghaftem Lächeln anzublicken., »Also ...«, fing sie an und schlug sich gleich darauf die Hand vor den Mund; die ganze Klasse lachte. »Aber Nancy«, sagte Miss Price. »Du kennst doch die Regel mit dem Also, wenn man mit einem Erlebnis- bericht beginnt.« Nancy kannte die Regel; sie hatte sie nur verletzt, um die Lacher einzuheimsen. Sie unterdrückte ein Kichern, strich mit den zarten Zeigefingern über die Seitennähte ihres Rocks und begann, diesmal richtig, von vorn. »Am Freitag hat meine ganze Familie einen Ausflug im neuen Wagen von meinem Bruder gemacht. Mein Bruder hat sich letzte Woche einen neuen Pontiac gekauft, und er wollte uns alle auf eine Fahrt mitnehmen – um den Wa- gen mal auszuprobieren und so. Wir sind in die Innen- stadt von White Plains gefahren und haben dort in einer Wirtschaft zu Abend gegessen, und hinterher wollten wir alle ins Kino, in Dr. Jekyll und Mr. Hyde, aber mein Bruder hat gesagt, der Film war’ zu gruslig und so, und ich war’ noch zu jung dafür – oh, war ich vielleicht sauer auf ihn! Und sonst, Moment. Am Samstag war ich den ganzen Tag zu Hause und hab meiner Mutter geholfen, das Braut- kleid für meine Schwester zu nähen. Meine Schwester ist nämlich verlobt, und meine Mutter näht das Braut- kleid für sie. Das war am Samstag, und am Sonntag ist ein Freund von meinem Bruder zum Abendessen gekom- men, und später am Abend mußten die zwei zum Col- lege zurück, und ich hab’ lang aufbleiben und mich von ihnen verabschieden dürfen und so, und ich glaub’, das war alles.« Nancy hatte immer ein sicheres Gespür dafür, wie man sich kurzfaßt – oder vielmehr, wie man das Ganze kürzer erscheinen läßt, als es tatsächlich gewesen war., »Sehr gut, Nancy«, sagte Miss Price. »Wer ist der näch- ste?« Der nächste war Warren Berg; er schritt nach vorne und rückte sich dabei sorgfältig die Hose zurecht. »Am Samstag bin ich zum Mittagessen rüber zu Bill Stringer«, begann er in seinem unverblümten Von-Mann-zu-Mann- Stil; in der vorderen Reihe rutschte Bill Stringer vor Ver- legenheit hin und her. Berg und Bill Stringer waren dicke Freunde, und ihre Erlebnisberichte überschnitten sich oft. »Nach dem Essen sind wir mit dem Rad in die Innen- stadt von White Plains gefahren. Bloß daß wir dann Dr. Jekyll und Mr. Hyde gesehn haben.« An dieser Stelle nickte er in Richtung Nancy, die, als sie einen leisen, nei- dischen Seufzer hören ließ, erneut ein paar Lacher ein- heimste. »Der Film war übrigens echt gut«, fuhr er mit wachsender Begeisterung fort. »Es geht da um so ‘nen Typ, der ... « »Um einen Mann, der«, korrigierte Miss Price. »Um einen Mann, der irgend so was Chemisches zu- sammenmixt und das Zeug dann trinkt. Und jedesmal wenn er’s trinkt, verwandelt er sich in ein richtiges Unge- heuer. Du siehst erst, wie er das Zeug trinkt, und dann, wie seine Hände auf einmal ganz schuppig werden, als war’ er ein Reptil oder so, und dann, wie sich sein Gesicht in ein richtiges Gruselgesicht verwandelt – mit Fangzäh- nen und so. Die direkt aus dem Mund rausragen.« Die Mädchen schüttelten sich vor Vergnügen. »Tja«, sagte Miss Price, »ich glaube, es war wohl doch klug von Nancys Bruder, daß er sie das nicht sehen lassen wollte. Und was hast du dann nach dem Film getan, Warren?« Ein enttäuschtes »Oooch!« ging durch die Klasse – jeder wollte noch mehr über die Schuppen und Fangzähne, hören –, aber Miss Price hatte es gar nicht gern, wenn die Erlebnisberichte in Nacherzählungen von Filmen ausarteten. Ohne große Begeisterung fuhr Warren fort, nach dem Film hätten sie bloß noch bei Bill Stringer im Hof herumgealbert, bis zur Abendbrotzeit. »Und am Sonntag«, sagte er, wieder munterer, »ist Bill Stringer zu mir gekommen, und mein Dad hat uns geholfen, ‘nen alten Reifen auf ein langes Seil zu ziehen. Das Seil hängt an ‘nem Baum. Hinter unserm Haus ist doch so ein steiler Abhang – wie ‘ne Schlucht –, und wir montieren also den Reifen ans Seil, und dann hältst du dich dran fest, läufst ein kurzes Stück, hebst irgendwann die Füße hoch, und schon rauschst du über die ganze Schlucht und wieder zurück.« »Das hört sich ja toll an«, sagte Miss Price und warf einen Blick auf ihre Uhr. »Und ob das toll ist«, bestätigte Warren. Aber dann fügte er, sich wieder die Hose zurechtrückend, mit gerun- zelter Stirn hinzu: »Klar, ist auch ganz schön gefährlich. Wenn du den Reifen losläßt oder so, dann stürzt du übel ab. Brauchst bloß auf ‘nen Stein oder so was zu knallen, und schon hast du dir’s Bein oder’s Rückgrat gebrochen. Aber mein Dad hat gemeint, er vertraut darauf, daß wir gut auf uns aufpassen.« »Na schön, Warren, ich fürchte, mehr Zeit haben wir dafür nicht«, sagte Miss Price. »Für einen Erlebnisbericht reicht’s gerade noch. Wer möchte? Arthur Cross?« Ein leises Stöhnen ertönte, denn Arthur Cross galt als der größte Langweiler der Klasse, und seine Erlebnis- berichte waren immer zum Einschlafen. Diesmal handel- te es sich um die dröge Schilderung eines Besuches bei seinem Onkel auf Long Island. An irgendeiner Stelle, unterlief ihm ein Versprecher – er sagte »Botormoot« statt »Motorboot« –, worauf alle lachten, mit jenem spöt- tischen Unterton, den sie sich eigens für Arthur Cross vorbehielten. Doch das Gelächter erstarb jäh, als sich ein rauhes, trockenes Krächzen aus der hinteren Reihe hin- einmischte. Vincent Sabella lachte ebenfalls, so daß die gelben Zähne deutlich zu sehen waren; alles starrte ihn an, bis er schließlich verstummte. Als die Erlebnisberichte beendet waren, begann der Unterricht. An Vincent Sabella dachten die Kinder eigent- lich erst wieder in der großen Pause, und da auch nur insofern, als sie darauf achteten, ihn von allem auszu- schließen. Er befand sich weder unter den Jungen, die sich um eine Reckstange scharten und der Reihe nach einen Felgaufschwung vollführten, noch stand er bei de- nen, die in der hinteren Ecke des Pausenhofs flüsternd den Plan ausheckten, Nancy Parker auf den Boden zu schubsen. Genausowenig gehörte er zu denen, die – eine größere Gruppe, darunter sogar Arthur Cross – einander im Kreis hinterherjagten, eine stürmische Variante des Fangspiels. Zu den Mädchen konnte er sich natürlich nicht stellen, auch nicht zu den Jungen aus den anderen Klassen, und so stellte er sich eben zu keinem. Er verharrte am Rand des Pausenhofs, direkt vor dem Schulgebäude, und tat zunächst so, als sei er vollauf mit den Schnür- senkeln seiner Turnschuhe beschäftigt. Er kauerte sich auf den Boden, band die Schnürsenkel auf und zu, rich- tete sich auf und machte wie zur Probe ein paar federnde, leichtfüßige Schritte; dann ging er wieder in die Hocke und hantierte erneut an den Schnürsenkeln herum. Nach fünf Minuten brach er die Sache ab, hob eine Handvoll Kiesel auf und begann sie auf ein unsichtbares, mehrere, Meter entferntes Ziel zu werfen. Damit verbrachte er aber- mals fünf Minuten, aber noch blieben weitere fünf Minu- ten übrig, und ihm fiel nichts anderes mehr ein, als ein- fach dazustehen, die Hände zunächst in den Taschen, dann in die Hüften gestemmt, schließlich mit männlich über der Brust verschränkten Armen. Miss Price stand im Eingang und sah sich das alles mit an; die ganze Pause über fragte sie sich, ob sie in den Hof gehen und einschreiten sollte. Dann entschied sie sich doch lieber dagegen. Auch tags darauf gelang es ihr, diesen Drang während der Pause zu unterdrücken, und so an jedem weiteren Tag dieser Woche, obwohl es ihr von Mal zu Mal schwe- rer fiel. Eines jedoch ließ sich nicht unterdrücken – daß ihre wachsende Befangenheit im Unterricht sichtbar wur- de. Sämtliche Fehler, die Vincent Sabella bei den Schul- arbeiten beging, sah sie ihm öffentlich nach, selbst sol- che, die mit dem Umstand, daß er noch neu war, gar nichts zu tun hatten, wohingegen sie seine Leistungen eigens hervorhob. Daß sie den jungen unbedingt fördern wollte, war allzu offensichtlich, vor allem dann, wenn sie es auf besonders geschickte Weise versuchte; als sie zum Bei- spiel einmal eine Rechenaufgabe erläuterte, sagte sie: »Also angenommen, Warren Berg und Vincent Sabella gehen in einen Laden, und jeder hat fünfzehn Cent; eine Zucker- stange kostet zehn Cent. Wie viele Zuckerstangen hat dann jeder?« Am Ende der Woche war der Junge auf dem besten Weg, zur schlimmsten Sorte von Lieblingsschü- lern zu werden – zum Opfer eines mitleidigen Lehrers. Am Freitag kam Miss Price zu dem Schluß, es wäre wohl am besten, mit ihm einmal unter vier Augen zu spre- chen und zu versuchen, ihn aus der Reserve zu locken., Sie könnte etwas zu den Bildern sagen, die er im Kunst- unterricht gemalt hatte, das wäre womöglich ein guter Einstieg; jedenfalls beschloß sie, die Sache in der Mittags- pause in Angriff zu nehmen. Das einzige Problem bestand darin, daß die Mittags- pause neben der großen Pause für Vincent Sabella der schwierigste Teil des Tages war. Er ging nämlich nicht wie die anderen Kinder für eine Stunde nach Hause, sondern brachte sein Mittagessen in einer zerknitterten Tüte mit in die Schule und verzehrte es dann im Klassenzimmer – was immer eine peinliche Situation herbeiführte. Die Kinder, die den Raum als letzte verließen, sahen ihn, die Papiertüte in der Hand, unverändert an seinem Pult sit- zen, und wenn zufällig eines wegen einer vergessenen Mütze oder eines liegengelassenen Pullis noch einmal zurückkam, überraschte es ihn, während er schon beim Essen war – vielleicht verbarg er dann ein hartgekochtes Ei vor den Blicken oder wischte sich mit der Hand ver- stohlen die Mayonnaise vom Mund. Es verbesserte die Situation keineswegs, als Miss Price nun, das Klassenzim- mer noch halb voll mit Kindern, auf ihn zutrat, sich an- mutig auf die Kante des Nachbartisches setzte und damit zu verstehen gab, daß sie sich ein Stück ihrer Mittags- pause abknapste, um bei ihm zu sein. »Vincent«, begann sie, »ich wollte dir schon die ganze Zeit sagen, wie gut mir deine Bilder gefallen haben. Sie sind wirklich sehr schön.« Er murmelte etwas vor sich hin und ließ den Blick zu der Gruppe von Kindern wandern, die soeben zur Tür hinausgingen. Miss Price sprach einfach weiter und setzte ihr Loblied auf die Bilder lächelnd fort; als sich die Tür hinter dem letzten Kind geschlossen hatte, konnte er ihr, endlich seine Aufmerksamkeit schenken. Er tat das zu- nächst nur sehr zaghaft; doch je länger sie redete, um so mehr schien er sich zu entspannen, bis sie schließlich merkte, daß sie ihn tatsächlich beruhigte. Es war so ein- fach und zufriedenstellend, als streichle man eine Katze. Sie hatte das Thema Bilder mittlerweile beendet und dehnte nun ihr Lob triumphierend auf weitere Eelder aus. »Es ist nie leicht«, sagte sie, »wenn man an eine neue Schule kommt und sich auf die ... na ja, auf die neue Arbeit und die neuen Arbeitsmethoden einstellen muß, und ich glaube, bis jetzt hast du deine Sache sehr gut gemacht. Das glaube ich wirklich. Aber sag mal, meinst du denn, es wird dir bei uns gefallen?« Erblickte kurz zu Boden und antwortete: »Denk’ schon«; dann wandte er sich ihr wieder zu. »Das freut mich sehr. Bitte laß dich nicht beim Essen stören, Vincent. Iß ruhig weiter, das heißt, wenn’s dir nichts ausmacht, daß ich hier bei dir sitze.« Inzwischen war es allerdings mehr als klar, daß ihm dieser Umstand überhaupt nichts ausmachte; er begann ein Lyoner-Sand- wich auszupacken, und sie hatte das sichere Gefühl, daß er die ganze Woche über noch nie so einen gesunden Appetit gehabt hatte. Es hätte nun nicht einmal mehr eine große Rolle gespielt, wenn ein Mitschüler herein- gekommen wäre und ihm zugesehen hätte, andererseits war es wohl auch ganz gut, daß das nicht geschah. Miss Price machte es sich auf dem Pult ein wenig be- quemer, schlug die Beine übereinander und ließ einen der schlanken, bestrumpften Füße ein Stück aus dem Mokassin gleiten. »Natürlich«, fuhr sie fort, »dauert es immer ein bißchen, bis man sich in einer neuen Schule einigermaßen zurechtgefunden hat. Für ein neues Klas-, senmitglied zum Beispiel ist es, na ja, nie leicht, sich mit den übrigen Schülern anzufreunden. Ich meine damit, du mußt dir keine Sorgen machen, wenn die anderen am Anfang ein bißchen unhöflich zu dir sind. In Wirklichkeit sind sie genauso wie du darauf aus, Freundschaften zu schließen, sie sind bloß etwas schüchtern. Es braucht eben alles ein wenig Zeit und Mühe, bei dir wie bei ihnen. Nicht gar so viel, natürlich, aber doch ein wenig. Diese Erlebnisberichte zum Beispiel, die wir montags morgens haben – die eignen sich sehr gut dazu, daß man einander besser kennenlernt. Normalerweise fühlt sich niemand verpflichtet, einen Erlebnisbericht vorzutragen; so etwas tut man bloß, wenn man Lust dazu hat. Und das ist nur eine Möglichkeit, anderen die eigene Person näherzubrin- gen; es gibt noch viele, viele weitere Möglichkeiten. Vor allem mußt du immer dran denken, daß Freundschaften zu schließen zu den natürlichsten Sachen der Welt gehört und daß es bloß eine Frage der Zeit ist, bis du so viele Freunde hast, wie du willst. Zunächst einmal, Vincent, hoffe ich doch, daß du wenigstens mich als deinen Freund betrachtest und daß du dich nicht genierst, zu mir zu kommen, wenn du einen Rat oder sonst etwas brauchst. Willst du das tun?« Er nickte und schluckte dabei einen Bissen hinunter. »Gut.« Sie stand auf und strich sich den Rock über den langen Schenkeln glatt. »So, jetzt muß ich gehen, sonst verpaß ich noch mein Mittagessen. Aber ich bin froh, daß wir mal ein bißchen miteinander geredet haben, Vin- cent, und ich hoffe, es wird nicht das letzte Mal sein.« Es war vermutlich ein Glück, daß sie aufgestanden war, denn hätte sie noch eine Minute länger auf dem Pult gesessen, dann hätte Vincent Sabella die Arme um sie, geschlungen und sein Gesicht im warmen Flanell ihres Schoßes vergraben, und mehr wäre nicht nötig gewesen, um die engagierteste und phantasievollste aller Lehrerin- nen aus der Fassung zu bringen. Als Miss Price dann am Montagmorgen zu den Erlebnis- berichten aufrief, war sie vollkommen überrascht, denn Vincent Sabellas ungewaschene Hand zählte zu denen, die als erste und am eifrigsten in die Höhe gingen. Besorgt erwog sie zunächst, jemand anders anfangen zu lassen, aber aus Angst, seine Gefühle zu verletzen, sagte sie dann doch so sachlich wie möglich: »Bitte schön, Vincent.« Ein gedämpftes, kaum hörbares Kichern ging durch die Klasse, als der Junge zuversichtlich nach vorne trat und sich seinem Publikum zuwandte. Er wirkte allzu zuver- sichtlich: gewisse Anzeichen – die Haltung der Schultern, das Schimmern in den Augen – ließen darauf schließen, daß er von schrecklicher Panik erfaßt war. »Am Samstag hab’ ich mir den Film da angeguckt«, ver- kündete er. »Angesehen, Vincent«, korrigierte Miss Price sanft. »Mein’ ich doch«, sagte er, »hab’ ich mir den Film da angeschaut. Dr. Schleckermaul und Mr. Hide.« Ein wildes, vergnügtes Gelächter brach aus, und alle berichtigten im Chor: »Doktor Jekyll« Bei dem Lärm konnte er nicht weitersprechen. Miss Price stand wütend auf. »So ein Fehler kann jedem mal passie- ren!« sagte sie. »Ihr habt überhaupt keinen Grund, so unhöflich zu sein. Erzähl weiter, Vincent, und bitte ent- schuldige diese völlig alberne Unterbrechung.« Das Ge- lächter klang ab, aber alle schüttelten noch spöttisch den Kopf. So ein Fehler wäre natürlich keinem passiert; hier, erwies sich, daß der Junge nicht nur ein hoffnungsloser Dummkopf, sondern auch ein Lügner war. »Mein’ ich doch«, fuhr er fort, ›-Dr. Schlecker und Mr. Hide. Hab’ ich ‘n bißchen verwechselt. Jedenfalls, ich hab’ ge- sehn, wie ihm seine Zähne und so aus’m Mund raus- gekommen sind, und das war schon toll. Und dann am Sonntag sind meine Mutter und mein Vater hergekom- men, daß sie mich in ihrem Wagen mitnehmen. In so ‘nem Buick. Mein Vater sagt: Vinny, Lust auf ‘nen kleinen Ausflug? Ich sag’: Klar, wo soll’s’n hin? Da sagt er: Wo de willst. Und da sag’ ich: Kutschiern wir einfach ‘n Stück durch die Gegend, fahrn auf irgend’ne große Straße und machen uns ‘nen schönen Tag. Und da kutschiern wir dann los – also bestimmt achtzig bis hundert Kilo- meter – und fahrn so aufm Highway, und auf einmal hängt uns ‘n Bulle hintendran. Mein Vater sagt: Keine Angst, den schütteln wir ab, und drückt voll auf die Tube. Meine Mutter kriegt ganz schön die Muffe, aber mein Vater sagt: Keine Angst, Schatz. Er will nämlich abbie- gen, daß er vom Highway runterkommt und den Bullen abhängt. Aber grad wie er abbiegt, da legt der Bulle auf einmal los und fängt an zu schießen.« Die paar Mitschüler, die es über sich brachten, ihn anzuschauen, hatten inzwischen den Kopf zur Seite ge- neigt und fixierten ihn mit halboffenem Mund, etwa so, wie man einen gebrochenen Arm oder einen Zirkusclown anstarrt. »Wir haben’s grad noch geschafft«, fuhr Vincent mit schimmernden Augen fort, »bloß die eine Kugel hat mein’n Vater an der Schulter erwischt. Hat ihm nich groß weh getan – war nämlich nur ‘n Streifschuß –, und meine Mutter hat ihm dann ‘nen Verband drumgemacht und, so, aber mit dem Fahren war’s halt erst mal aus, und wir haben ihn zu ‘nem Arzt bringen müssen. Und da sagt mein Vater: Vinny, meinste, du kannst ‘n Stück fahren? Ich sag’: Klar, wenn de mir zeigst, wie. Und da zeigt er mir, wie man aufs Gas drückt und auf die Bremse und so, und da bin ich dann zum Arzt kutschiert. Meine Mut- ter sagt: Bin richtig stolz auf dich, Vinny, bist ganz allein gefahren. Jedenfalls, wir sind dann zum Arzt, und dort is’ mein Vater versorgt worden und so, und dann is’ er mit uns wieder nach Haus gefahrn.« Er war außer Atem. Nach einer unbehaglichen Pause sagte er: »Und das war alles.« Dann ging er rasch zu seinem Platz zurück; der steife Stoff seiner neuen Cordhose erzeugte bei jedem Schritt einen leisen Pfeifton. »Na, das war ja sehr ... sehr unterhaltsam, Vincent«, sagte Miss Price; sie versuchte so zu tun, als wäre über- haupt nichts geschehen. »Schön, wer möchte als näch- ster?« Niemand meldete sich. An diesem Tag gestaltete sich die große Pause für ihn noch schlimmer als sonst; zumindest war dies so, bis er einen Ort gefunden hatte, wo er sich verbergen konnte – einen schmalen, lediglich mit ein paar Notausgängen versehenen Betonkorridor, der zwischen zwei Gebäude- teilen der Schule hindurchführte. Es war dort beruhigend düster und kühl – er blieb, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, stehen und beobachtete den Eingang; der Pau- senlärm war so weit weg wie der Sonnenschein. Aber als es schließlich läutete, mußte er wieder zurück in die Klasse; eine Stunde später war Mittagspause. Miss Price ließ ihn allein, bis sie ihre Mahlzeit beendet hatte. Dann verharrte sie, die Hand am Türgriff, eine volle Minute vor dem Klassenzimmer und nahm ihren ganzen, Mut zusammen. Schließlich trat sie ein und setzte sich zu einem weiteren kleinen Gespräch neben ihn; er war gerade dabei, den Rest eines mit Paprikakäse belegten Sandwiches hinunterzuschlucken. »Vincent«, begann sie, »dein Erlebnisbericht heute mor- gen hat uns allen gefallen, aber ich glaube, es hätte uns noch besser – viel besser – gefallen, wenn du uns statt dessen etwas aus deinem wirklichen Leben erzählt hät- test. Ich meine«, fuhr sie rasch fort, »mir ist zum Beispiel aufgefallen, daß du heute morgen eine hübsche neue Windjacke angehabt hast. Die ist doch neu, oder? Hat sie dir deine Tante am Wochenende gekauft?« Er bestritt es nicht. »Na, dann hättest du uns doch erzählen können, wie du mit deiner Tante in das Geschäft gegangen bist, um die Jacke zu kaufen, und was du dann hinterher so alles gemacht hast. Das wäre ein richtig guter Erlebnisbericht geworden.« Sie hielt einen Moment inne und sah ihm zum erstenmal unverwandt in die Augen. »Du verstehst doch, was ich damit sagen will, Vincent, oder?« Er wischte sich ein paar Brotkrümel von den Lippen, blickte zu Boden und nickte. »Und du denkst das nächste Mal dran, ja?« Er nickte erneut. »Darf ich mal bitte kurz raus, Miss Price?« »Natürlich.« Er ging auf die Knabentoiiette und übergab sich. Dann wusch er sich das Gesicht, trank einen Schluck Wasser und kehrte ins Klassenzimmer zurück. Miss Price war inzwischen an ihrem Pult beschäftigt und blickte nicht auf. Um sich nicht noch einmal mit ihr einlassen zu müs- sen, schlenderte er hinaus in die Garderobe und setzte, sich auf eine der langen Bänke, wo er einen liegengeblie- benen Überschuh aufhob und in den Händen hin und her drehte. Kurz darauf hörte er das Geplapper zurück- kehrender Kinder; um nicht in der Garderobe entdeckt zu werden, stand er auf und ging zum Notausgang. Als er die Tür aufschob, stellte er fest, daß sie in den Durchgang führte, wo er sich heute morgen versteckt hatte, und schlüpfte nach draußen. Einen Augenblick stand er ein- fach da und betrachtete die blanke Betonmauer; dann fand er in der Hosentasche ein Stück Kreide und schrieb alle unflätigen Ausdrücke, die ihm gerade einfielen, in dreißig Zentimeter großen Blockbuchstaben an die Wand. Er hatte bereits vier Wörter geschrieben und versuchte sich an ein fünftes zu erinnern, da hörte er hinter sich an der Tür ein Schlurfen. Arthur Cross stand da, hielt die Tür auf und las mit großen Augen, was er an die Mauer gekritzelt hatte. »Mann«, sagte Arthur mit ehrfürchtigem Flüstern. »Mann, dafür kriegen sie dich dran. Dafür krie- gen sie dich echt dran.« Erschrocken, aber dann plötzlich vollkommen ruhig ließ Vincent Sabella die Kreide in der Hand verschwin- den, hakte die Daumen unter den Gürtel und wandte sich Arthur mit drohendem Blick zu. »Ah ja?« sagte er. »Wer will mich denn verpetzen?« »Also verpetzen will dich keiner«, sagte Arthur Cross beklommen, »aber es war’ besser für dich, wenn du nicht solche Wörter..." »Alles klar«, sagte Vincent und trat einen Schritt vor. Seine Augen waren schmale Schlitze, er hatte die Schul- tern eingezogen und den Kopf vorgeschoben, wie Ed- ward G. Robinson. »Alles klar. Mehr will’ch nich’ wissen. Kann nämlich Petzer nich’ leiden, kapiert?«, Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da erschienen Warren Berg und Bill Stringer an der Tür – gerade recht- zeitig, um das, was er sagte, noch mitzubekommen und die Wörter an der Mauer zu sehen; Vincent wandte sich ihnen zu. »Und das gilt auch für euch, kapiert?« sagte er. »Alle beide.« Das Erstaunliche war, daß sich die Gesichter der beiden zu dem gleichen albernen, beschwichtigenden Lächeln verzogen, das auch Arthur Cross aufsetzte. Erst als sie ein- ander kurz angesehen hatten, waren sie imstande, Vin- cents Blick mit dem gebührenden Maß an Verachtung zu erwidern, aber da war es bereits zu spät. »Hältst dich wohl für ganz schön schlau, Sabella, eh?« sagte Bill Stringer. »Kann dir doch egal sein, was ich find’«, erklärte Vin- cent. »Du hast gehört, was ich gesagt hab’. Und jetzt gehn wir wieder rein.« Den anderen blieb nichts weiter übrig, als zur Seite zu treten, ihm den Weg frei zu machen und ihm völlig ver- blüfft in die Garderobe zu folgen. Nancy Parker war es, die petzte – obwohl man es bei jemandem wie Nancy Parker natürlich nicht unbedingt als Petzen bezeichnen konnte. Sie hatte von der Gardero- be aus alles mitgehört; sobald die Jungen hereinkamen, warf sie einen verstohlenen Blick in den Durchgang, sah die Wörter an der Mauer, setzte ein strenges Stirnrunzeln auf und begab sich unverzüglich zu Miss Price. Miss Price war gerade dabei, die Klasse für den Nachmittag zur Ord- nung zu rufen, als Nancy auf sie zutrat und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Die beiden verschwanden in der Garderobe - von wo kurz darauf das Zuschlagen der Notausgangstür ertönte –, und als sie in die Klasse zurückkehrten, war Nancy vor lauter Gerechtigkeitssinn rot im Gesicht, Miss, Price hingegen leichenblaß. Der Vorfall fand keine Er- wähnung. Der Unterricht nahm den ganzen Nachmittag über seinen gewöhnlichen Verlauf, aber es ließ sich nicht übersehen, daß Miss Price außer sich war, und erst als sie die Kinder um fünfzehn Uhr entließ, brachte sie die Sache zur Sprache. »Vincent Sabella bleibt bitte noch auf seinem Platz.« Sie nickte den übrigen Schülern zu. «Das war’s für heute.« Während das Klassenzimmer sich leerte, setzte sie sich ans Pult, schloß die Augen, massierte sich mit Daumen und Zeigefinger den schmalen Nasenrücken und ver- suchte sich Einzelheiten eines Buches über schwer ver- haltensgestörte Kinder ins Gedächtnis zu rufen, das sie irgendwann einmal gelesen und an das sie nur noch vage Erinnerungen hatte. Alles in allem hätte sie die Verant- wortung für Vincent Sabellas Einsamkeit vielleicht nie übernehmen dürfen. Vielleicht verlangte die ganze Sache nach einem Spezialisten. Sie holte tief Luft. »Komm doch mal her und setz dich neben mich, Vin- cent«, sagte sie; als er Platz genommen hatte, blickte sie ihm ins Gesicht. »Ich möchte, daß du mir die Wahrheit sagst. Hast du diese Wörter draußen an die Wand ge- schrieben?« Er starrte zu Boden. »Schau mich an«, sagte sie; er schaute sie an. Sie hatte noch nie so hübsch ausgesehen: die Wangen waren leicht gerötet, die Augen leuchteten, und ihr lieblicher Mund hatte sich zu einem Ausdruck verlegenen Mißfallens ver- zogen. »Zunächst einmal«, sagte sie und reichte ihm eine kleine, mit Plakatfarbe verschmierte Emailschüssel, »möchte ich, daß du mit dieser Schüssel zur Knabentoi- lette gehst und sie mit warmem Wasser und Seife füllst.«, Er kam der Aufforderung nach; als er, die Schüssel sorg- sam so haltend, daß das Seifenwasser nicht überschwapp- te, wieder zurückkehrte, kramte sie aus der unteren Pult- schublade ein paar alte Lappen hervor. »Hier«, sagte sie, wählte einen der Lappen aus und schob die Schublade sachlich zu. »Damit wird’s gehen. Den machst du naß.« Sie führte ihn zum Notausgang, stellte sich in den Durch- gang und sah ihm schweigend zu, wie er die Wörter abwusch. Als er die Aufgabe erledigt hatte und Lappen und Schüssel weggeräumt waren, setzten sich die beiden wie- der an Miss Prices Pult. »Du glaubst jetzt bestimmt, ich bin dir böse, Vincent«, sagte sie. »Nein, bin ich nicht. Ich wünschte fast, ich wäre es – das würde das Ganze viel einfacher machen –, aber ich bin einfach nur verletzt. Ich wollte ein guter Freund für dich sein, und ich glaube, du wolltest auch mein Freund sein. Aber so etwas ... also es fällt schon sehr schwer, mit jemand gut Freund zu sein, der so etwas tut.« Dankbar sah sie, daß er Tränen in den Augen hatte. »Vincent, vielleicht verstehe ich ein paar Dinge besser, als du denkst. Vielleicht verstehe ich auch, daß jemand, der so etwas tut, es manchmal gar nicht deswegen tut, weil er einen anderen damit verletzen will, sondern weil er unglücklich ist. Er weiß, daß er was Schlimmes tut, und er weiß auch, daß er hinterher nicht glücklicher ist, aber er tut es trotzdem. Und wenn er dann merkt, daß er einen Freund verloren hat, ist er furchtbar traurig, aber dann ist es schon zu spät. Getan ist getan.« Sie ließ diese ernste Bemerkung kurz in der Stille des Zimmers widerhallen, dann sprach sie weiter. »Ich kann das nicht einfach vergessen, Vincent. Aber vielleicht kön-, nen wir trotzdem Freunde bleiben, bloß dieses eine Mal – solange ich davon ausgehen kann, daß du mich nicht verletzen wolltest. Du mußt mir allerdings versprechen, daß du es ebenfalls nicht vergißt. Denk immer daran: Wenn du so etwas tust, dann verletzt du diejenigen, die sehr gern deine Freunde wären, und damit verletzt du dich selbst. Versprichst du mir, daß du immer daran den- ken wirst, Engelchen?« Das »Engelchen« kam so unwillkürlich wie die schlanke Hand, die sich auf die Schulter seines Pullis legte; beides sorgte dafür, daß er den Kopf noch tiefer hangen ließ. »Gut«, sagte sie. »Jetzt darfst du gehen.« Er holte seine Windjacke aus der Garderobe und ver- ließ, ihren müden unsicheren Blick meidend, den Raum. Die Gänge waren verwaist, und bis auf das dumpfe Klop- fen eines Mops, den der Hausmeister immer wieder gegen eine ferne Wand schob, herrschte Stille. Vincents Schritte auf den Gummisohlen gesellten sich zu der Stille ebenso wie das einsame leise Geräusch, das ertönte, als er den Reißverschluß seiner Jacke hochzog, und das sanfte Seuf- zen der mächtigen, automatischen Eingangstür. In dieser Stille war der Schreck um so größer, als er – er hatte be- reits ein paar Meter auf dem betonierten Fußweg zurück- gelegt – auf einmal merkte, daß zwei Jungen neben ihm gingen: Warren Berg und Bill Stringer. Die beiden lächel- ten ihn erwartungsvoll, beinahe freundlich an. »Und, was hat sie mit dir gemacht?« fragte Bill Stringer. Total überrumpelt, hätte es Vincent fast nicht recht- zeitig geschafft, sein Edward-G.-Robinson-Gesicht aufzu- setzen. »Geht euch nix an«, sagte er und ging schneller. »Nein ... hey, jetzt wart doch mal«, sagte Warren Berg; die beiden fielen in Trab, um mit ihm Schritt zu halten., »Was hat sie denn nun gemacht? Hat sie dich zusammen- geschissen, oder was? Hey, jetzt warte doch mal, Vinny.« Der Name ließ ihn am ganzen Leib erzittern. Er stemmte die Hände in die Jackentaschen und zwang sich dazu, weiterzugehen; dann sagte er mit bemüht ruhiger Stim- me; »Geht euch überhaupt nix an, hab’ ich gesagt. Laßt mich in Ruhe.« Aber die beiden waren inzwischen auf gleicher Höhe mit ihm. »Mann, die hat dich doch garantiert richtig zur Sau gemacht«, fuhr Warren Berg unbeirrt fort. »Was hat sie denn gesagt? Na komm, erzähl schon, Vinny.« Diesmal war der Name zuviel für ihn. Sein Widerstand brach, die Knie gaben ihm nach, und sein Schritt verlang- samte sich zu einem trägen Schlendern, was nun immer- hin ein Gespräch zuließ. »Nix hat sie gesagt«, erklärte er schließlich; und nach einer theatralischen Pause fügte er hinzu: »Sie hat statt dessen ‘s Lineal sprechen lassen.« »Das Lineal? Du meinst, sie ist mit dem Lineal auf dich los?« Die beiden machten ein fassungsloses Gesicht, ent- weder vor Ungläubigkeit oder vor Bewunderung, aber je länger sie zuhörten, um so mehr sah es nach Bewunde- rung aus. »Auf die Fingerknöchel«, sagte Vincent mit zusammen- gepreßten Lippen. »Auf jede Hand fünfmal. Sie sagt: Mach mal ‘ne Faust. Leg sie da aufs Pult. Dann nimmt se ‘s Lineal, und Patsch! Patsch! Patsch! Fünfmal. Wenn ihr nich’ völlig bescheuert seid, könnt ihr euch sicher den- ken, wie weh das tut.« Miss Price, die sich, während die Eingangstür leise hin- ter ihr zuging, den Kamelhaarmantel zuknöpfte, traute kaum ihren Augen. Das konnte nicht Vincent Sabella sein – dieser durch und durch normale, durch und durch, glückliche, von aufmerksam zuhörenden Freunden flan- kierte Junge da vorn auf dem Gehweg. Aber er war es, und bei diesem Anblick hätte sie vor Freude und Erleich- terung am liebsten laut aufgelacht. Was auch immer pas- siert war, alles schien gut zu werden. Ganz gleich, wie oft sie sich in guter Absicht durchs Dunkel getastet hatte, so etwas hätte sie niemals vorhersehen und schon gar nicht herbeiführen können. Aber es war so, und es bewies ein- mal mehr, daß sie das Verhalten von Kindern niemals begreifen würde. Sie beschleunigte den anmutigen Schritt, überholte die Jungen und lächelte ihnen im Vorbeigehen zu. »Schönen Abend noch, Jungs«, rief sie, wie um sie fröhlich zu seg- nen; als sie dann die drei verblüfften Gesichter sah, wurde ihr Lächeln noch breiter, und sie sagte verlegen: »Meine Güte, wird langsam richtig kalt, nicht wahr? Deine Wind- jacke hält sicher hübsch warm, Vincent. Du bist zu benei- den.« Die Jungen nickten ihr schüchtern zu; sie wünschte noch einmal einen schönen Abend, drehte sich weg und setzte ihren Weg zur Bushaltestelle fort. Tiefes Schweigen folgte ihr. Warren Berg und Bill Strin- ger sahen ihr nach, bis sie hinter der Ecke verschwunden war; dann wandten sie sich Vincent Sabella zu. »Von wegen Lineal!« sagte Bill Stringer. »Von wegen Lineal!« Empört gab er Vincent einen Schubs, so daß er stolpernd an Warren Berg stieß; der schubste ihn wieder zurück. »Mann, du lügst ja wohl immer, Sabella, wie? Du lügst ja wohl immer!« Durch die Schubserei aus dem Gleichgewicht gebracht, die Hände in die Jackentaschen gestemmt, versuchte Vin- cent vergeblich seine Würde zu bewahren. »Is’ mir doch, egal, ob ihr mir glaubt!« sagte er, und weil ihm sonst nichts mehr einfiel, wiederholte er: »Is’ mir doch egal, ob ihr mir glaubt!« Aber er ging inzwischen allein. Warren Berg und Bill Stringer waren bereits auf der anderen Straßenseite; sie bewegten sich im Rückwärtsgang und blickten in wüten- der Verachtung zu ihm zurück. »Das mit dem Polizisten, der auf deinen Vater geschossen hat, war genauso ge- logen«, rief Bill Stringer. »Und das mit dem Film auch«, fügte Warren Berg hin- zu; dann krümmte er sich plötzlich mit gekünsteltem Lachen, formte die Hände zu einem Trichter und brüllte: »Hey, Doktor Schleckermaul!« Der Spitzname war nicht besonders gut, klang aber echt – ein Name, der wahrscheinlich die Runde machen, sich rasch durchsetzen und hängenbleiben würde. Die beiden stießen einander an und riefen im Chor: »Was ist, Doktor Schleckermaul?« »Wieso läufst du nicht gleich mit Miss Price nach Hause, Doktor Schleckermaul?« »Tschüs, Doktor Schleckermaul!« Ohne sie zu beachten, marschierte Vincent Sabella wei- ter und wartete, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Dann machte er kehrt und lenkte den Schritt wieder in Rich- tung Schule; er durchquerte den Pausenhof und ging zurück zum Durchgang, dessen Wand dort, wo er sie mit dem nassen Lappen abgewischt hatte, noch dunkle, kreis- förmige Flecken aufwies. Er suchte sich eine trockene Stelle, holte seine Kreide hervor und begann mit großer Sorgfalt einen Kopf im Profil zu malen; das Haar zeichnete er lang und voll, für das Gesicht ließ er sich Zeit, löschte hier und da mit, feuchten Fingern und gestaltete alles wieder neu, bis es das schönste Gesicht war, das er jemals gezeichnet hatte; eine zierliche Nase, leicht geöffnete Lippen, ein Auge mit Wimpern, die so anmutig geschwungen waren wie die Flügel eines Vogels. Er legte eine Pause ein und bewun- derte sein Werk mit der feierlichen Miene eines Lieb- habers; dann zog er von den Lippen her einen Strich und formte ihn zu einer großen Sprechblase, in die er so zor- nig, daß ihm immer wieder die Kreide zwischen den Fin- gern zerbrach, alle Wörter schrieb, die er mittags an die Mauer gekritzelt hatte. Er wandte sich wieder dem Kopf zu, fügte ihm einen schlanken Hals an, leicht hängende Schultern und, mit kühnen Strichen, den Körper einer nackten Frau: große Brüste mit festen, kleinen Warzen, eine schmale Taille, einen Punkt als Bauchnabel, breite Hüften und Schenkel, die um ein Dreieck wütend hin- gekritzelter Schamhaare prangten. Zu guter Letzt schrieb er unter das Bild den Titel: »Miss Price«. Eine kurze Weile stand er tief durchatmend da und betrachtete sein Werk; dann ging er nach Hause.,

Alles, alles Gute

Niemand erwartete von Grace, daß sie am Freitag vor ihrer Hochzeit noch arbeitete. Nein, niemand hätte das zugelassen, ob sie wollte oder nicht. Ein Gardeniensträußchen – von Mr. Atwood, ihrem Chef – lag in einer Zellophanschachtel neben ihrer Schreib- maschine, und in dem beigefügten Umschlag steckte ein Geschenkgutschein von Bloomingdale über zehn Dollar. Mr. Atwood hatte sie, seit sie bei der Weihnachtsfeier der Firma mit ihm geknutscht hatte, besonders liebenswür- dig behandelt, und als sie nun hereinkam, um sich zu bedanken, saß er in tief gebückter Haltung da, hantierte klappernd an seinen Schreibtisch Schubladen und wich ihrem Blick errötend aus. »Aber nein, nicht der Rede wert, Grace«, sagte er. »Die Freude ist ganz meinerseits. Hier, brauchen Sie noch eine Nadel zum Anstecken?« »Ist schon eine dabei«, sagte sie und hielt das Sträuß- chen in die Höhe. »Sehen Sie? Eine hübsche, weiße Na- del.« Strahlend sah er zu, wie sie die Blumen am Revers ihres Kostüms befestigte. Dann räusperte er sich bedeutsam, zog die Schreibplatte aus seinem Tisch und machte sich bereit zum Morgendiktat. Doch am Ende waren es nur zwei kurze Briefe, und erst eine Stunde später, als sie ihn dabei ertappte, wie er einen Stapel Bänder im zentralen, Schreibbüro abgab, wurde ihr klar, daß er ihr einen Ge- fallen getan hatte. »Das ist sehr lieb von Ihnen, Mr. Atwood«, sagte sie, »aber ich glaube wirklich, Sie sollten mich heute meine Arbeit machen lassen wie an jedem ande –« »Nicht doch, Grace«, sagte er. »Man heiratet nur einmal im Leben.« Auch die Mädchen waren in heller Aufregung, drängten sich kichernd um ihren Schreibtisch und wollten immer wieder das Foto von Ralph sehen (»Och, ist der süßl«); der Büroleiter sah sich das Treiben nervös an, wollte kein Spielverderber sein, wies aber nachdrücklich darauf hin, daß es trotz allem ein Arbeitstag sei. Zum Mittagessen hatte sich dann die übliche kleine Runde im Schrafft’s versammelt – neun Frauen und Mäd- chen, die, beschwipst von den ungewohnten Cocktails, ihr Chicken à la King kalt werden ließen, während sie Grace mit alten Zeiten und guten Wünschen bombardier- ten. Es gab noch mehr Blumen und ein weiteres Ge- schenk – eine silberne Konfektschale, zu der jedes der Mädchen flüsternd etwas beigesteuert hatte. Grace sagte »Vielen Dank« und »Ich find’ das ganz toll von euch« und »Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll«, bis ihr schließlich von den vielen Worten der Kopf schwirrte, vom ewigen Lächeln die Mundwinkel weh taten und sie das Gefühl hatte, der Nachmittag würde niemals enden. Um vier Uhr rief Ralph an. »Wie geht’s, Schatz?« fragte er überschwenglich, und ehe sie antworten konnte, sagte er: »Paß auf. Rate mal, was ich gekriegt hab’.« »Keine Ahnung. Ein Geschenk oder so? Was denn?« Sie versuchte begeistert zu klingen, aber es fiel ihr nicht leicht., »‘ne Extrazulage. Fünfzig Dollar.« Sie sah ihn regelrecht vor sich, wie er bei den Worten »fünfzig Dollar« die Lip- pen mit einer Ernsthaftigkeit verzog, wie er’s immer tat, wenn er eine namhafte Summe nannte. »Tatsächlich? Wie schön, Ralph!« sagte sie; wenn in ihrer Stimme ein wenig Überdruß mitschwang, bekam er es nicht mit. »Schön, ja?« sagte er lachend und äffte das Mädchen- hafte der Antwort nach. »Gefällt dir wohl, Gracie, wie? Nein, aber ich mein’, das war ‘ne echte Überraschung, verstehst du? Der Chef sagt: Hier, Ralph, und drückt mir ‘nen Umschlag in die Hand. Hat nicht mal gelächelt dabei, und ich frag’ mich noch, um was geht’s eigentlich? Bin ich gefeuert, oder was? Da sagt er: Na los, Ralph, machen Sie schon auf. Ich mach’ den Umschlag auf, dann guck’ ich den Chef an, und da hat der ‘n kilometer- breites Grinsen im Gesicht.« Er lachte in sich hinein und stieß einen Seufzer aus. »Na gut, Schatz. Wann soll ich heut abend kommen?« »Hm, keine Ahnung. Am besten, sobald du kannst.« »Na gut, paß auf; ich muß vorher noch zu Eddie und die Reisetasche abholen, die er mir ausleihen will; so- bald das erledigt ist, geh’ ich nach Haus und ess’ was, und dann war’ ich so zwischen halb neun und neun bei dir. Okay?« »In Ordnung«, sagte sie. »Bis dann, Liebling.« Sie nann- te ihn erst seit kurzem »Liebling« – seit unwiderruflich feststand, daß sie ihn trotz allem heiraten würde –, und das Wort hatte noch einen fremden Klang. Als sie ihr Schreibmaterial im Schreibtisch verstaute (sonst gab es nichts mehr zu tun), packte sie die übliche kleine Panik: sie konnte ihn nicht heiraten – sie kannte ihn ja nicht, einmal richtig. Bei anderen Gelegenheiten wiederum hatte sie das Gefühl, sie könne ihn deswegen nicht heiraten, weil sie ihn allzu gut kannte; beides brachte sie heftig ins Wanken und machte sie anfällig für das, was Martha, ihre Mitbewohnerin, ihr von Anfang an gesagt hatte. »Der ist ja ulkig«, hatte Martha nach ihrem ersten Tref- fen gesagt. »Er sagt ›Tolette‹. Ich kenne sonst keinen, der ›Tolette‹ sagt.« Und Grace hatte gekichert und nur zu ger- ne bestätigt, daß das ulkig sei. Damals hatte sie Martha in praktisch allem bereitwillig zugestimmt – ja, damals glaubte sie oft, ein Mädchen wie Martha über eine An- zeige in der Times zu finden, sei so ziemlich das größte Glück, das ihr je widerfahren war. Doch Ralph hatte den ganzen Sommer über nicht lok- kergelassen, und im Herbst hatte sie sich langsam, aber sicher zu ihm bekannt. »Was gefällt dir denn nicht an ihm, Martha? Er ist doch absolut nett.« »Ach, absolut nett ist jeder, Grace«, erwiderte Martha in ihrem College-Ton, so daß »absolut nett« wie etwas leicht Absurdes klang; sie lackierte sich gerade sorgfältig die Fingernägel und hob verärgert den Blick. »Das Problem ist bloß, er kommt mir vor wie so eine kleine ... wie so eine kleine weiße Made. Verstehst du?« »Also ich versteh’ nicht, was sein Aussehen damit ...« »Du lieber Gott, du weißt doch, was ich meine. Ver- stehst du nicht, was ich damit sagen will? Ja, und dann seine Freunde, Eddie, Marty und George, mit ihrem arm- seligen, miesen Angestelltenleben und ihrem armseligen, miesen kleinen ... Die sind doch alle gleich, diese Typen. Das einzige, was sie sagen können, ist: Hey, was’n mit deinen Giants los? oder: Hey, was’n mit deinen Yankees los?, und dann wohnen sie alle irgendwo außerhalb, in, Sunnyside oder Woodhaven oder in so einem gräßlichen Ort, und ihre Mütter haben diese scheußlichen kleinen Porzellanelefanten auf dem Kamin stehen.« Martha wand- te sich mißbilligend wieder ihren Fingernägeln zu und machte damit deutlich, daß das Thema erledigt war. Den ganzen Herbst und Winter über war Grace durch- einander. Eine Weile versuchte sie, nur mit Marthas Sorte von Männern auszugehen – jener Sorte, die andauernd Ausdrücke wie »amüsant« im Mund führte und schmal- schultrige Flanellanzüge wie eine Uniform trug; dann wiederum versuchte sie eine Zeitlang, überhaupt nicht mit Männern auszugehen. Auf der Weihnachtsfeier der Firma hatte sie sich sogar auf diese verrückte Sache mit Mr. Atwood eingelassen. Und unterdessen hatte Ralph ständig angerufen, sie belagert und darauf gewartet, daß sie sich endlich entschied. Einmal fuhr sie mit ihm zu ihren Eltern nach Pennsylvania (wohin sie Martha im Traum nicht mitgenommen hätte), aber erst an Ostern gab sie schließlich nach. Sie waren irgendwo in Queens tanzen gegangen, auf einer jener großen Veranstaltungen der American Legion, die auch Ralphs Clique immer besuchte, und als die Band »Easter Parade« spielte, drückte er sie, fast auf der Stelle verharrend, innig an sich und sang ihr mit flüsterndem Tenor ins Ohr. Daß Ralph so etwas tat – so etwas Zartes, Sanftes –, hätte sie nie und nimmer von ihm erwartet; vielleicht hatte sie in diesem Moment noch nicht be- schlossen, ihn zu heiraten, aber nachträglich kam es ihr so vor. Nachträglich hatte sie immer das Gefühl, daß die Entscheidung in dem Moment gefallen war, als sie sich zur Musik wiegten und sie seine rauchige Stimme im Haar spürte:, »I’ll be all in clover And when they look you over I’ll be the proudest fella In the Easter Parade ...« In jener Nacht hatte sie es Martha gesagt, und sie sah noch Marthas Gesichtsausdruck vor sich. »Aber Grace, das meinst du ... das meinst du doch wohl nicht im Ernst. Ich hab’ die Geschichte eigentlich mehr oder weniger für einen Scherz gehalten ... du kannst doch nicht allen Ern- stes vorhaben...« »Sei still! Sei einfach still, Martha!« Danach hatte sie die ganze Nacht über geweint. Noch jetzt haßte sie Martha dafür; noch jetzt, als sie wie geistesabwesend die Akten- schränke an der Bürowand betrachtete, halb krank vor Angst, daß Martha recht hatte. Ein Kichern drang ihr plötzlich ans Ohr; sie fuhr zusammen und sah, daß zwei der Mädchen – Irene und Rose – hinter ihren Schreibmaschinen hervorgrinsten und mit dem Finger auf sie zeigten. »Erwi-hischt!« träl- lerte Irene. »Erwi-hischt! Wieder mal am Träumen, Grace, wie?« Rose parodierte eine in Träume Versunkene, ließ die dürftige Brust wogen und klimperte mit den Augen- deckeln; dann brachen die beiden in prustendes Lachen aus. Grace riß sich zusammen und setzte wieder das un- schuldige, offene Lächeln einer Braut auf. Es galt, sich auf die Pläne für morgen zu konzentrieren. Morgen vormittag, »in aller Frühe«, wie ihre Mutter immer sagte, würde sie sich mit Ralph an der Penn Sta- tion treffen, um zu ihren Eltern zu fahren. Um eins wür- den sie ankommen, und die Eltern würden sie vom Zug, abholen. »Schön, dich zu sehen, Ralph!« würde ihr Vater sagen; ihre Mutter würde Ralph wahrscheinlich einen Kuß geben. Eine Welle von warmer, anheimelnder Liebe durchzog sie: die beiden würden Ralph bestimmt nicht als kleine, weiße Made bezeichnen, sie hatten nichts mit Princeton-Abgängern und »interessanten« Männern im Sinn, mit der Sorte von Männern, um die Martha immer so viel Wirbel machte, Thr Vater würde Ralph vermutlich zu einem Bier einladen und ihm die Papiermühle zeigen, in der er arbeitete (und auch Ralph würde bestimmt nicht die Nase rümpfen über jemand, der in einer Papier- mühle arbeitete), und am Abend würden dann Ralphs Familie und seine Freunde aus New York eintreffen. Später am Abend würde sie Zeit für ein langes Gespräch mit ihrer Mutter haben, und am nächsten Morgen, »in aller Frühe« (bei dem Gedanken an das offene, glückliche Gesicht ihrer Mutter brannten ihr die Augen), würden sie sich allmählich für die Hochzeit zurechtmachen. Dann die Kirche, die Trauung, anschließend der Empfang (würde sich ihr Vater betrinken? Würde Muriel Ketchel verärgert sein, weil sie keine Brautjungfer war?) und zu guter Letzt der Zug nach Atlantic City und das Hotel. Doch von da an kam sie mit ihren Planungen nicht wei- ter. Eine Tür würde sich hinter ihr schließen, ein aben- teuerliches, unwirkliches Schweigen würde folgen, und der nächste Schritt würde dann einzig und allein Ralphs Sache sein. »Na denn, Grace«, sagte Mr. Atwood, »ich wünsche Ihnen alles Glück dieser Erde.« Er stand in Hut und Man- tel vor ihrem Schreibtisch, um sie herum ertönte Stim- mengewirr, Stühle wurden nach hinten geschoben – es war siebzehn Uhr., »Danke, Mr. Atwood.« Kaum hatte sie sich erhoben, war sie umringt von ihren Kolleginnen, die sie mit Ab- schiedsgrüßen geradezu überschütteten. »Alles Gute, Grace.« »Schick uns ‘ne Karte, Grace, ja? Aus Atlantic City.« »Tschüs, Grace.« »Schönen Abend, Grace, und noch mal: Alles, alles Gute.« Irgendwann war sie sie schließlich los, hatte den Fahr- stuhl und das Gebäude verlassen und eilte durch die Menschenmenge in Richtung U-Bahn. Als sie nach Hause kam, stand Martha in der Tür zur Kochnische; sie hatte ein flottes neues Kleid an und wirk- te darin sehr schlank. »Hallo, Grace. Ich wette, die haben dich heute bei le- bendigem Leib aufgefressen, stimmt’s?« »Ach wo«, sagte Grace. »Sie waren alle ... echt nett.« Sie setzte sich erschöpft hin und legte die Blumen und die Konfektschale auf einen Tisch. Plötzlich fiel ihr auf, daß in der ganzen Wohnung gefegt und Staub gewischt wor- den war und daß in der Küche das Essen brutzelte. »Hey, das sieht ja toll aus hier«, sagte sie. »Wie komm’ ich denn zu der Ehre?« »Na ja, ich war eben schon früh zu Haus«, sagte Mar- tha. Sie lächelte; es war einer der seltenen Augenblicke, wo sie auf Grace einen schüchternen Eindruck machte. »Hab’ einfach gedacht, es war’ vielleicht ganz hübsch, wenn’s hier zur Abwechslung mal ordentlich aussieht, bevor Ralph kommt.« »Aha«, sagte Grace, »find’ ich echt nett von dir.« Der Anblick, den Martha nun bot, war noch erstaun- licher: sie wirkte verlegen. Sie drehte einen mit Fett ver- schmierten Bratenwender zwischen den Fingern, hielt, ihn vorsichtig von ihrem Kleid weg und begutachtete ihn, als gälte es, ein schwieriges Problem zur Sprache zu bringen. »Hör zu, Grace«, begann sie. »Du verstehst doch, wieso ich nicht zu deiner Hochzeit kommen kann, oder?« »Aber ja«, sagte Grace, obwohl sie es eigentlich so genau nicht verstand. Es drehte sich irgendwie darum, daß Martha nach Harvard mußte, um ihren Bruder noch einmal zu sehen, bevor er zur Army ging, aber die Ge- schichte hatte sich von Anfang an nach einer Lüge ange- hört. »Ich möcht’ einfach nicht, daß du denkst, ich ... also ich war’ jedenfalls froh, wenn du’s verstehst. Und dann war’ da noch was anderes, was Wichtigeres.« »Was denn?« »Na ja, es tut mir einfach leid, daß ich über Ralph immer derartig hergezogen bin. Ich hatte überhaupt kein Recht, so mit dir zu reden. Er ist ein sehr netter Junge, und ich ... na ja, es tut mir einfach leid.« Grace fiel es nicht leicht, eine jähe Anwandlung von Dankbarkeit und Erleichterung zu verbergen, und sagte: »Ach wo, ist schon okay, Martha, ich ... « »Die Koteletts brennen an!« Martha stürzte in die Koch- nische. »Alles in Ordnung«, rief sie nach hinten. »Sind noch genießbar.« Als sie ins Zimmer zurückkehrte und das Essen servierte, war sie wieder ganz die alte. »Ich muß nach dem Essen gleich los«, sagte sie, während die beiden sich setzten. »Mein Zug geht in vierzig Minuten.« »Ich hab’ gedacht, du fährst erst morgen.« »Na ja, das hatte ich ursprünglich auch vor«, sagte Mar- tha, »aber ich hab’ mich entschlossen, schon heute abend zu fahren. Da war nämlich noch etwas, Grace – falls du, noch eine Entschuldigung vertragen kannst –, noch was anderes, was mir leid tut: ich hab’ dir und Ralph so gut wie nie die Chance gegeben, hier mal allein zu sein. Und deswegen räum’ ich heute abend die Bude.« Sie zögerte einen Augenblick. »Ist so eine Art Hochzeitsgeschenk von mir, okay?« Sie lächelte, diesmal nicht schüchtern, sondern eher so, wie es für sie typisch war – mit leicht abgewandtem Blick, nach einem kurzen, bedeutsamen Zucken der Lider. Es war ein Lächeln, das Grace – nach- dem es sie zunächst argwöhnisch gemacht, dann ver- wirrt, eingeschüchtert und schließlich zur Nachahmung gereizt hatte – schon seit langem mit dem Begriff »herab- lassend« verband. »Also das ist wirklich sehr nett von dir«, sagte Grace, ohne im Moment schon richtig zu erfassen, worauf das Ganze hinauslief. Erst nach dem Essen und Geschirr- spülen, erst als Martha in einem Wirbel aus Kosmetika, Gepäck und eiligen Abschiedsgrüßen zum Zug aufgebro- chen war, wurde es ihr allmählich klar. Sie nahm ein ausgiebiges, genüßliches Bad, trocknete sich anschließend eine ganze Weile ab und posierte da- bei, von einer seltsamen, langsam wachsenden Erregung gepackt, vor dem Spiegel. Dann holte sie im Schlafzim- mer aus dem raschelnden Seidenpapier einer kostspieligen weißen Schachtel die Glanzstücke ihrer Brautausstattung – ein hauchdünnes Nachthemd und ein dazu passendes Neglige –, zog sie an und stellte sich wieder vor den Spie- gel. Sie hatte so etwas noch nie getragen, sich auch noch nie so gefühlt, und die Vorstellung, sich Ralph so zu zei- gen, veranlaßte sie, in die Kochnische zu gehen und sich ein Glas von dem trockenen Sherry zu genehmigen, den Martha speziell für Cocktailpartys aufbewahrt hatte. Dann, schaltete sie bis auf eine einzelne Lampe alle Lichter aus, begab sich mit ihrem Glas zum Sofa und richtete sich erwartungsvoll auf Ralphs Ankunft ein. Nach einer Weite stand sie wieder auf, ging mit der Sherryflasche zum Bei- stelltisch und stellte sie dort mit einem zweiten Glas auf ein Tablett. Als Ralph das Büro verließ, war er ein bißchen ent- täuscht. Irgendwie hatte er sich von dem Freitag vor sei- ner Hochzeit mehr erwartet. Der Scheck mit der Extra- zulage war in Ordnung (auch wenn er insgeheim mit der doppelten Summe gerechnet hatte), und die Jungs hatten ihm in der Mittagspause einen Drink spendiert und dem Anlaß entsprechend herumgealbert (»Ach was, nimm’s nicht so schwer, Ralph ... ‘s gibt Schlimmeres«), aber den- noch, eigentlich hatte er sich eine richtige Feier erhofft. Nicht unbedingt mit den Jungs im Büro, aber mit Eddie und seinen Freunden. Statt dessen würde er sich mit Eddie nun bloß im White Rose treffen, wie an jedem anderen Abend im Jahr, würde ihn anschließend nach Hause begleiten, dort essen und sich die Reisetasche ausleihen, und danach würde er die ganze Strecke nach Manhattan zurückfahren müssen, nur um ein oder zwei Stunden bei Gracie zu sein. Als er in der Bar ankam, war Eddie nicht da – was das schneidende Gefühl von Einsamkeit noch verstärkte. In düsterer Stimmung trank er ein Bier und wartete. Eddie war sein bester Freund und zugleich der ideale Trauzeuge, weil er von Anfang an in sein Werben um Gra- cie eingeweiht war. Und in ebendieser Bar hatte Ralph ihm vom ersten Treffen im vergangenen Sommer erzählt: »Mann, Eddie ... solche Titten!«, Eddie hatte gegrinst. »Ah ja? Und wie steht’s mit ihrer Mitbewohnerin?« »Ach was, die kannst du vergessen, Eddie. Die ist ‘ne Vogelscheuche. Außerdem ziemlich hochnäsig, glaub’ ich. Nein, aber die andre, die kleine Gracie ... Mann, die hat echt Holz vor der Hütte.« Nach jedem Rendezvous hatte er Eddie, hie und da ein bißchen übertreibend, fast alles – manchmal auch mehr – von seinen Vergnügungen erzählt und ihn für das weitere Vorgehen um Rat gebeten. Doch damit würde es, wie mit so manchen anderen Freuden, nach dem heutigen Tag vorbei sein. Immerhin hatte ihm Gracie versprochen, daß er nach der Hochzeit einmal in der Woche mit den Jungs auf Achse sein dürfe, aber auch dann würde es nie mehr so sein wie früher. Von echter Freundschaft hatten Mädchen überhaupt keine Ahnung. Im Fernseher der Bar lief gerade ein Baseballspiel; er sah es sich teilnahmslos an, und der sentimentale Ver- lustschmerz schnürte ihm schier die Kehle zu. Fast sein ganzes Leben lang hatte er Freundschaften mit anderen Jungen und Männern gepflegt, hatte versucht, ein guter Kumpel zu sein, und nun war alles vorbei. Irgendwann schließlich tippte Eddie ihn mit dem Fin- ger zur Begrüßung ans Gesäß. »Na, Sportsfreund?« Ralph kniff mit träger Geringschätzung die Augen zusammen und drehte sich bedächtig um. »Was’n pas- siert, Mann? Hast dich verirrt?« »Bist in Eile, oder was?« Eddie bewegte beim Sprechen kaum die Lippen. »Kannst nicht mal zwei Minuten war- ten?« Er fläzte sich auf einen Hocker und schob dem Bar- keeper eine Vierteldollarmünze zu. »Laß mir mal eins raus, Jack.«, Eine ganze Weile tranken sie vor sich hin und starrten auf den Fernseher. »Hab’ heut ‘ne kleine Extrazulage ge- kriegt«, sagte Ralph. »Fünfzig Dollar.« »Echt?« sagte Eddie. »Nicht schlecht.« Ein Schlagmann mußte vom Feld; der Durchgang war vorbei, die Werbung begann. »Und?« sagte Eddie und schwenkte das Bier in seinem Glas. »Willst du immer noch heiraten?« »Warum nicht?« sagte Ralph achselzuckend. »Aber jetzt laß das mal, ja? Muß gleich wieder los.« »Immer langsam, immer langsam. Was hast’s’n so eilig?« »Jetzt mach schon, okay?« Ralph trat ungeduldig ein paar Schritte von der Bar zurück. »Ich würd’ gern deine Tasche holen.« »Ach was, Tasche.« Ralph trat wieder näher heran und bedachte Eddie mit einem finsteren Blick. »Hör zu, Mann. Keiner zwingt dich, mir die gottverdammte Tasche zu leihen. Nicht daß dir deswegen noch’s Herz bricht oder so ... « »Okay, okay, schon gut. Du kriegst die Tasche ja. Mach doch nicht gleich so ‘nen Aufstand.« Eddie trank sein Bier aus und wischte sich den Mund ab. »Gehn wir.« Daß er sich für seine Hochzeitsreise eine Reisetasche borgen mußte, machte Ralph schwer zu schaffen; viel lie- ber hätte er sich eine eigene gekauft. Im Schaufenster des Lederwarengeschäfts, an dem sie auf dem Weg zur U-Bahn jeden Abend vorbeikamen, war eine ausgestellt - eine schöne, große gelbbraune Gladstone-Tasche, die ein Seitenfach mit Reißverschluß hatte und neunund dreißig fünfundneunzig kostete –, und die hatte Ralph seit Ostern im Auge. »Ich glaub’, die kauf ich«, hatte er Eddie eben- so beiläufig erklärt, wie er ein paar Tage zuvor seine Ver-, lobung verkündet hatte (»Ich glaub’, ich werd’ das Mäd- chen heiraten«). Eddies Antwort war beidemal die gleiche gewesen: »Spinnst du?« Und beidemal hatte Ralph erwi- dert: »Warum nicht?« und zur Verteidigung der Tasche hinzugefügt: »Wenn ich heirate, dann brauch’ ich so was.« Von da an war es, als wäre die Tasche, fast ebensosehr wie Gracie, ein Symbol für das neue und üppigere Leben, das er anstrebte. Aber nach den Ausgaben für den Ring, die neuen Kleider und alles sonstige hatte er festgestellt, daß er sich die Tasche nicht leisten konnte; schließlich hatte er sich entschieden, die Reisetasche von Eddie zu borgen, die zwar ähnlich aussah, aber billiger und abge- nutzt war und bei der außerdem das Fach mit dem Reiß- verschluß fehlte. Als sie nun am Lederwarengeschäft vorbeikamen, blieb Ralph, von einer leichtsinnigen Idee ergriffen, plötzlich stehen. »Hey, warte mal, Eddie. Weißt du, was ich mit der Fünfzig-Dollar-Zulage mach’? Ich glaub’, ich kauf mir jetzt die Tasche da.« Er war regelrecht außer Atem. »Spinnst du? Vierzig Dollar für ‘ne Tasche, die du viel- leicht einmal im Jahr benutzt? Du bist ja verrückt, Ralph. Komm weiter.« »Na ja ... ich weiß nicht. Meinst du?« »Hör zu, Mann, behalt’ dein Geld mal lieber. Wirst’s noch brauchen.« »Na ja ... okay«, sagte Ralph schließlich. »Wahrschein- lich hast du recht.« Er holte Eddie wieder ein, und sie marschierten weiter in Richtung U-Bahn. So gingen die Dinge in seinem Leben immer aus. Erst wenn er mehr verdiente, würde er sich eine derartige Tasche leisten können, aber er akzeptierte es; ebenso wie er es, nach dem ersten kleinen Seufzer, ohne weitere Frage akzeptiert, hatte, daß er seine Braut wohl erst nach der Hochzeit besitzen würde. Die U-Bahn verschluckte sie, trug sie in schaukelnder, besinnungsloser Trance eine halbe Stunde lang ratternd und dröhnend dahin, bis sie sie schließlich in den kühlen frühen Abend von Queens ausspie. Sie zogen die Mäntel aus, lockerten die Krawatten und ließen sich, während sie weitergingen, vom leichten Wind die verschwitzten Hemden trocknen. »Und, wie isses?« fragte Eddie. »Wann sollen wir morgen in dem Pennsyl- vania-Nest auftauchen?« »Oh, wann ihr wollt«, sagte Ralph. »Irgendwann am Abend ist okay.« »Und hinterher? Was zum Teufel kannst du in so ‘nem Kaff überhaupt anfangen?« »Woher soll ich das wissen?« sagte Ralph abwehrend. »Wahrscheinlich rumhocken und quatschen; mit dem Alten von Gracie ‘n Bier trinken oder so; keine Ahnung.« »Meine Herrn«, sagte Eddie. »Und das am Wochen- ende. Echt toll.« Den feuchten Mantel zusammengeknüllt in der Faust, blieb Ralph erbost auf dem Gehweg stehen. »Jetzt hör mal zu, du Arsch. Keiner zwingt dich zu kommen – weder dich noch Marty, noch George, noch sonst jemand. Daß das klar ist. Wegen mir brauchst du dir kein Bein auszu- reißen, kapiert?« »Hey«, sagte Eddie. »Was’n los? Verstehst kein’ Spaß mehr?« »Spaß«, sagte Ralph. »Du mit deinen Spaßen.« Verdros- sen und den Tränen nahe tappte er hinter Eddie her. Kurz darauf bogen sie zu dem Block ab, wo sie beide wohnten – eine Doppelreihe von gepflegten, identischen, Häusern an beiden Seiten der Straße, auf der sie ihr gan- zes Leben lang gerauft, herumgelungert und Baseball ge- spielt hatten. Eddie schob die Tür zu seinem Haus auf und führte Ralph in den Flur, wo es vertraut nach Blu- menkohl und Überschuhen roch. »Geh schon mal rein«, sagte er, tippte mit dem Daumen an die geschlossene Wohnzimmertür und ließ Ralph den Vortritt. Ralph öffnete die Tür, und kaum war er drei Schritte drinnen, traf ihn beinahe der Schlag. Im Zimmer herrsch- te Totenstille, aber es war voll von grinsenden, rotgesich- tigen Männern – Marty, George, die Jungs aus dem Block, die Jungs aus dem Büro –, alle, seine ganzen Freunde, alle standen sie erwartungsvoll vor ihm, reglos wie eine feste Masse. Skinny Maguire saß gebückt, die Finger hoch über den Tasten gespreizt, am Klavier, und als er schwelge- risch die ersten Töne anschlug, stimmten alle dröhnend mit ein, schlugen mit den Fäusten den Takt, und ihr brei- tes Grinsen ließ den Text etwas entstellt klingen: »Fa he’s a jally guh fella Fa he’s a jally guh fella Fa he’s a jally guh fellah That nobody can deny!« Mit weichen Knien trat Ralph einen Schritt auf dem Tep- pich zurück, blieb mit weit aufgerissenen Augen stehen, schluckte und hielt sich an seinem Mantel fest. »That no- body can deny!« sangen sie, »That nobody can deny!« Und als sie schwungvoll zum zweitenmal den Refrain anstimm- ten, tauchte plötzlich Eddies kahlköpfiger Vater, in jeder Hand einen Glaskrug Bier, strahlend und lauthals mitsin- gend hinter den Eßzimmervorhängen auf. Schließlich häm- merte Skinny den Refrain ein letztes Mal in die Tasten:, »That-no-bod-dee-can-dee-nye!« Dann drängten alle jubelnd herbei, faßten Ralph an der Hand und klopften ihm auf die Arme und auf den Rük- ken; er stand zitternd da, seine Stimme ging im Getöse unter. »Mensch, Jungs ... danke. Ich ... ich weiß gar nicht, was ich ... danke, Jungs ... « Auf einmal teilte sich die Menge in zwei Hälften, und durch die Mitte schritt Eddie langsam nach vorn. Seine Augen schimmerten, er lächelte liebevoll, und an seiner Hand hing linkisch die Reisetasche – nicht seine eigene, sondern eine neue: die große gelbbraune Gladstone- Tasche, die ein Seitenfach mit Reißverschluß hatte. »Ansprache!« riefen die anderen anfeuernd. »Ansprache! Ansprache!« Aber Ralph konnte weder sprechen noch lächeln. Er konnte nicht einmal richtig sehen. Um zehn Uhr begann Grace in der Wohnung auf und ab zu gehen und sich dabei auf die Lippe zu beißen. Was, wenn er nicht kam? Aber natürlich würde er kommen. Sie setzte sich wieder hin, strich sorgsam das an den Schenkeln gebauschte Nylon glatt und zwang sich, ruhig zu bleiben. Wenn sie nervös würde, wäre die ganze Sache dahin. Das Geräusch der Klingel durchfuhr sie wie ein elektri- scher Schlag. Auf halbem Weg zur Tür blieb sie stehen, atmete tief durch und sammelte sich wieder. Dann drückte sie den Summer und machte die Tür einen Spaltbreit auf, um auf der Treppe nach ihm Ausschau zu halten. Als sie merkte, daß er eine Reisetasche dabeihatte, und sein bleiches, ernstes Gesicht sah, dachte sie zunächst, er wisse Bescheid; er würde hereinkommen, die Tür hinter, sich schließen und sie in die Arme nehmen. »Hallo, Lieb- ling«, sagte sie leise und öffnete die Tür etwas weiter. »Hallo, Schatz.« Er strich an ihr vorbei und ging nach drinnen. »Bin wohl ‘n bißchen spät dran, wie? Warst schon im Bett?« »Nein.« Sie machte die Tür zu, lehnte sich mit dem Rücken daran und hielt dabei mit beiden Händen den Griff fest, etwa so wie Filmheldinnen. »Ich hab’ bloß ... auf dich gewartet.« Er sah sie nicht einmal an. Er ging zum Sofa, setzte sich, nahm die Tasche auf den Schoß und ließ die Finger über das Leder gleiten. »Gracie«, sagte er fast flüsternd. »Schau dir das an.« Sie warf einen Blick auf die Tasche, dann in seine getrübten Augen. »Weißt du noch?« sagte er. »Ich hab’ dir doch von der Reisetasche erzählt, die ich kaufen wollte. Vierzig Dollar.« Er hielt inne und sah in die Runde. »Hey, wo ‘s denn Mar- tha? Schon im Bett?« »Die ist fort, Liebling«, sagte Grace und bewegte sich mit langsamen Schritten in Richtung Sofa. »Die ist das ganze Wochenende fort.« Sie setzte sich neben ihn, rückte näher und bedachte ihn mit Marthas ganz speziel- lem Lächeln. »Ah ja?« sagte er. »Na egal, paß auf. Ich hab’ doch dann gesagt, ich leih’ mir statt dessen die von Eddie, weißt du noch?« »Ja.« »Tja, und heut abend im White Rose sag ich; Komm, Eddie, wir gehn nach Haus, deine Tasche holen. Und da sagt er: Ach was, Tasche. Darauf ich: Was soll’n das?, aber er rückt mit keinem Wort raus, verstehst du? Wir, also zu ihm nach Haus, und da is’ die Tür zum Wohn- zimmer zu.« Sie kuschelte sich an ihn und schmiegte den Kopf an seine Brust. Automatisch hob er den Arm, legte ihn ihr um die Schultern und sprach weiter. »Er sagt: Na los, Ralph, mach die Tür auf. Darauf ich: Was soll’n das wer- den? Und er wieder: Egal, Ralph, mach sie schon auf. Ich mach’ sie also auf, und dann ... o Mann.« Seine Finger packten sie so fest an der Schulter, daß sie erschrocken zu ihm aufblickte. »Sie waren alle da, Gracie«, sagte er. »Die ganzen Kum- pel. Spielen Klavier, singen, sind voll am Jubeln ...« Seine Stimme zitterte, seine Augenlider begannen mit feuchten Wimpern zu flattern, »‘ne riesige Überraschungsparty«, sagte er und versuchte zu lächeln. »Bloß für mich. Is’ das zu fassen, Gracie? Und dann ... und dann kommt Eddie auf einmal vor und ... dann kommt Eddie auf einmal vor und drückt mir die Tasche da in die Hand. Genau die Tasche, auf die ich die ganze Zeit ‘n Auge gehabt hab’. Er hat sie von seinem Geld gekauft und nie ‘n Wort gesagt, bloß um mich zu überraschen. Hier, Ralph, sagt er. Ein- fach damit du weißt, daß du der Allergrößte bist.« Seine Finger zitterten und griffen wieder fester zu. »Ich hab’ geheult, Gracie«, flüsterte er. »Könnt’ gar nix dagegen tun. Ich glaub’ nich’, daß die Jungs ‘s mitgekriegt haben, aber ich hab’ einfach geheult.« Er wandte das Gesicht ab und bemühte sich mit bebenden Lippen, die Tränen zurückzuhalten. »Möchtst du einen Drink, Liebling?« fragte sie zärtlich. »Nee, laß mal, Gracie. Bin schon okay.« Er stellte die Tasche behutsam auf den Teppich. »Aber vielleicht ‘ne Zigarette, hm?«, Sie holte eine vom Beistelltisch, steckte sie ihm zwi- schen die Lippen und zündete sie an. »Ich mach dir ‘nen Drink«, sagte sie. Er verzog hinter dem Qualm das Gesicht. »Was hast’n ... den Sherry da? Nee, das Zeug mag ich nich’. Hab eh schon ‘ne Menge Bier intus.« Er lehnte sich zurück und schloß die Augen. »Und dann tischt uns Eddies Mutter auf einmal ‘n Wahnsinnsessen auf«, fuhr er fort, und seine Stimme klang nun fast wieder normal, »‘s gab Steaks; ‘s gab Pommes« – bei jedem Menüpunkt drehte er den Kopf auf der Sofalehne zur Seite –, »grünen Salat mit Tomaten, Gewürzgurken, Brot, Butter ... einfach alles. Die ganze Palette.« »Na«, sagte sie. »Das war ja bestimmt nett.« »Und hinterher gab’s Eis und Kaffee«, sagte er, »und Bier satt. Ich mein’, ‘s war ‘n richtiges Festmahl.« Grace fuhr sich mit den Händen über den Schoß, teils um das Nylon glattzustreichen, teils um die feuchten Handflächen zu trocknen. »Also das war ja wirklich sehr nett von ihnen«, sagte sie. Eine ganze Weile saßen die beiden schweigend da. »Ich muß gleich wieder los«, sagte Ralph schließlich. »Hab nämlich versprochen, daß ich zurückkomm’.« Ihr Herz pochte unter dem Nylon. »Ralph, wie findest du’s ... wie findest du’s eigentlich?« »Was denn, Schatz?« »Mein Negligè. Ursprünglich solltest du’s erst ... erst nach der Hochzeit zu sehen bekommen, aber ich hab’ gedacht, ich...« »Hübsch«, sagte er und befühlte wie ein Händler den dünnen Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. »Sehr hübsch. Wieviel hast’n dafür hingelegt, Schatz?«, »Oh ... keine Ahnung. Und, wie findest du’s?« Er küßte sie und begann sie endlich zu streicheln. »Hübsch«, wiederholte er. »Hübsch. Hey, gefällt mir echt gut.« Seine Hand verharrte einen Moment am tiefen Aus- schnitt, schlüpfte hinein und griff nach ihrer Brust. »Ich liebe dich, Ralph«, flüsterte sie. »Das weißt du doch, oder?« Seine Finger kniffen sie kurz in die Brustwarze und glit- ten dann rasch wieder heraus. Die gewohnte, monate- lang geübte Zurückhaltung ließ sich nicht ohne weiteres überwinden. »Klar«, sagte er. »Und ich lieb’ dich auch, Schatz. Aber jetzt sei ‘n braves Mädchen und geh schön schlafen; morgen früh sehn wir uns wieder. Okay?« »O Ralph. Geh nicht fort. Bleib hier.« »Aber ich hab’s den Jungs versprochen, Gracie.« Er stand auf und rückte seine Kleidung zurecht. »Die warten dort auf mich.« Sie fuhr hoch, aber der Schrei, der als weiblicher Protest gedacht war, kam zwischen ihren zusammengepreßten Lippen bloß als das Jammern einer Ehefrau hervor: »Sol- len sie doch warten!« »Spinnst du?« Er wich zurück, die Augen vor gerechtem Zorn weit aufgerissen. Sie mußte noch einiges lernen. Wenn sie sich schon vor der Hochzeit so benahm, wie zum Teufel würde es dann hinterher sein? »Du bist mir vielleicht eine! Ich soll die Jungs warten lassen? Nach allem, was sie für mich getan haben?« Nach ein paar Augenblicken, in denen ihr Gesicht lange nicht so hübsch gewirkt hatte, wie er es kannte, brachte sie ein Lächeln zustande. »Natürlich nicht, Liebling. Du hast recht.« Er trat wieder heran und strich ihr mit der Faust sanft, über die Kinnspitze, ein lächelnder, beschwichtigter Ehe- mann. »So’s schon besser«, sagte er. »Dann sehn wir uns morgen um neun an der Penn Station. Okay, Gracie? Halt, bevor ich geh’...«, er zwinkerte und schlug sich auf den Bauch. »Hab zuviel Bier intus. Darf ich mal deine Tolette benutzen?« Als er aus dem Badezimmer zurückkehrte, stand sie, die Arme wie wärmesuchend über der Brust verschränkt, schon da, um ihm gute Nacht zu sagen. Liebevoll nahm er die Reisetasche auf und kam zu ihr an die Tür. »Okay, Schatz, also dann«, sagte er und gab ihr einen Kuß. »Um neun. Aber nich’ vergessen.« Sie lächelte müde und öffnete ihm die Tür. »Keine Sor- ge, Ralph«, sagte sie. »Ich werd’ da sein.«,

Jody läßt die Würfel rollen

Feldwebel Reece war ein schlanker stiller Mann aus Ten- nessee, der in Drillich immer sauber aussah, und er war nicht gerade so, wie wir es von einem Feldwebel eines Infanteriezugs erwarteten. Bald hatten wir heraus, daß er ein typisches Exemplar – nahezu ein Prototyp – der Män- ner war, die in den dreißiger Jahren in die Armee einge- treten, geblieben und während des Kriegs zu den Kadern in den großen Ausbildungslagern gestoßen waren, aber zu Beginn war er eine Überraschung für uns. Wir waren ziemlich naiv, und ich glaube, daß wir so etwas wie einen Victor McLaglen erwartet hatten – stämmig, laut und hart, aber liebenswert, in der Tradition Hollywoods. Reece war hart, das ja, aber er wurde nie laut, und wir liebten ihn nicht. Er brachte uns am ersten Tag gegen sich auf, indem er unsere Namen metzelte. Wir waren allesamt aus New York, und unsere Namen verlangten nach ein bißchen Anstrengung, aber Reece machte ein Mordstheater dar- aus, vor ihnen zu kapitulieren. Er verzog das schmale Ge- sicht über der Namensliste, sein kleiner Schnurrbart zuckte bei jeder unbekannten Silbe. «Dee ... Dee Alice ...«, stam- melte er. »Dee Alice...« »Hier«, sagte D’Allessandro, und so ging es weiter bei fast allen Namen. Nachdem er sich mit Schacht, Sciglio und Sizscovicz herumgeschlagen hatte, kam er zu Smith., »He, Smith«, sagte er und blickte mit einem trägen, un- verbindlichen Grinsen auf. »Was zum Teufel machst’n du hier unter den ganz’n Gangstan?« Niemand fand das lustig. Schließlich war er fertig und schob sich das Klemm- brett unter den Arm. »Also gut«, sagte er. »Mein Name is’ Fellwebel Reece, und ich bin der Fellwebel von euerm Zug. Das heißt, wenn ich sag’, tut irgendwas, dann tut ihr es.« Er starrte uns lange und durchdringend an. »Zug!« schnarrte er, und sein Zwerchfell hüpfte. »Aach – tung!« Und seine Tyrannei begann. Am Ende dieses Tages und vieler folgender Tage stand für uns fest, daß er, um D’Allessandros Ausdruck zu benutzen, ein blöder Süd- staatenidiot war. Ich sollte darauf hinweisen, daß auch wir wahrschein- lich nicht gerade liebenswert waren. Wir waren acht- zehn Jahre alt, ein konfuser, zuggroßer Haufen von Stadt- jungen, entschlossen, uns nicht für die Grundausbildung zu begeistern. Apathie mag bei jungen Männern unseres Alters ungewöhnlich sein – auf jeden Fall ist sie wenig anziehend –, aber wir schrieben das Jahr 1944, der Krieg war nicht länger neu, und Bitterkeit war die modische Haltung. Das Leben in der Armee mit Elan aufzunehmen hieß, jemand zu sein, der keine Ahnung hatte, und das wollte keiner. Insgeheim mochten wir uns nach Kampf- getümmel sehnen oder zumindest nach Auszeichnungen, aber nach außen hin verhielten wir uns wie schamlose kleine Besserwisser. Aus uns Soldaten zu machen muß eine schweißtreibende Arbeit gewesen sein, und Reece trug die größte Last. Aber das war zu Beginn selbstverständlich nicht unsere Sicht der Dinge. Wir wußten nur, daß er uns hart ran- nahm, und wir haßten ihn wie die Pest. Von unserem, Leutnant, einem dicklichen Collegestudenten, der hin und wieder auftauchte und darauf beharrte, daß er uns fair behandeln würde, wenn wir ihn fair behandelten, sahen wir wenig, und noch seltener bekamen wir den Befehlshaber unserer Kompanie zu Gesicht (ich erinnere mich kaum mehr, wie er aussah, außer daß er eine Brille trug). Aber Reece war immer da, ruhig und hochmütig. Er sprach nie, außer um Befehle zu geben, und er lächelte nur, wenn er uns grausam behandelte. Und wenn wir andere Züge betrachteten, wußten wir, daß er ungewöhn- lich streng war; so hatte er zum Beispiel seine eigene Methode, Wasser zu rationieren. Es war Sommer, und das Lager duckte sich unter der gleißenden Sonne von Texas. Nur ein großzügiger Vorrat an Salztabletten hielt uns bis zum Einbruch der Nacht bei Bewußtsein; unsere Kluft war stets weiß gefleckt vom Salz in unserem Schweiß, und wir hatten immer Durst, aber das Trinkwasser für das Lager wurde von einer viele Meilen entfernten Quelle geholt, weswegen der Dauer- befehl galt, sich zurückzuhalten. Die meisten Unteroffi- ziere waren selbst durstig genug, um den Befehl großzü- gig auszulegen, aber Reece nahm ihn sich zu Herzen. »Wenn ihr Männer sonst nix vom Soldatenberuf lernt«, sagte er, »Wasserdisziplin werdet ihr lernen.« Das Wasser hing in Lister-Säcken – pralle Euter aus Leinwand – in regelmäßigen Abständen an den Straßen, und obwohl es warm war und ätzend nach Chemikalien schmeckte, war der Höhepunkt jeden Vormittag und jeden Nachmittag der Moment, wenn uns eine Pause vergönnt war, um unsere Feldflaschen zu füllen. Die meisten Züge nahmen einen Lister-Sack mit drängelnder, verschwenderischer Hektik in Angriff und bearbeiteten seine kleinen stähler-, nen Zitzen, bis der Sack schlaff und faltig herunterhing und sich im Staub darunter ein dunkler Fleck verschüt- teten Wassers ausbreitete. Nicht so wir. Reece war der Ansicht, daß eine halbvolle Feldflasche für jeden von uns genug war, und er stand neben dem Lister-Sack, über- wachte uns grimmig und ließ uns in ordentlichen Zweier- reihen davortreten. Wenn ein Mann seine Feldflasche zu lang unter den Sack hielt, unterbrach Reece, zog den Mann aus der Reihe und sagte: »Schutt es aus. Alles.« »Ich will gottverdammt sein, wenn ich das tue!« wider- sprach D’Allessandro ihm eines Tages, und wir standen fasziniert daneben und sahen zu, wie sie sich in der sen- genden Hitze finster anstarrten. D’Allessandro war ein stämmiger Junge mit wilden schwarzen Augen, der in den wenigen Wochen zu unserem Sprecher geworden war; ich glaube, er war der einzige, der mutig genug war, so eine Szene zu machen. »Wofür halten Sie mich«, rief er, »für ein gottverdammtes Kamel, so wie Sie?« Wir kicherten. Reece forderte Ruhe von uns, bekam sie, wandte sich blinzelnd wieder D’Allessandro zu und fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. »In Ordnung«, sagte er ruhig, »trink es. Alles. Ihr andern bleibt weg von dem Sack und faßt eure Feldflaschen nicht an. Ich möchte, daß ihr zuschaut. Na los, trink.« D’Allessandro grinste nervös triumphierend und be- gann zu trinken, hielt nur inne, um Luft zu holen, wäh- rend das Wasser auf seine Brust tropfte. »Trink«, fuhr Reece ihn jedes Mal an, wenn er die Flasche absetzte. Wir wurden vom Zuschauen wahnsinnig durstig, andererseits begannen wir langsam zu begreifen. Als die Feldflasche leer war, befahl Reece ihm, sie erneut zu füllen. Er tat es,, noch immer lächelnd, aber ein wenig besorgt. »Und jetzt trink wieder«, sagte Reece. »Schnell. Schneller.« Und als er ausgetrunken hatte und keuchte, die leere Feldflasche in der Hand, sagte Reece: »Jetzt nimm deinen Helm und dein Gewehr. Siehst du die Kaserne dort drüben?« In ein paar hundert Meter Entfernung schimmerte ein weißes Gebäude. »Du wirst im Schnellschritt zu der Kaserne marschieren, sie umrunden und im Schnellschritt zurück- kommen. Deine Kumpel werden hier auf dich warten; keiner von ihnen wird was zu trinken kriegen, bis du zurück bist. Also gut, marsch. Marsch. Im Schnellschritt.« Aus Loyalität gegenüber D’Allessandro lachte keiner von uns, aber er sah wirklich absurd aus, wie er mit wak- kelndem Helm schwerfällig über den Exerzierplatz trot- tete. Bevor er bei der Kaserne ankam, sahen wir, wie er stehenblieb, in die Hocke ging und das Wasser erbrach. Dann torkelte er weiter, eine winzige Gestalt im weit ent- fernten Staub, verschwand hinter dem Gebäude, tauchte schließlich auf der anderen Seite wieder auf und machte sich auf den langen Rückweg. Endlich war er zurück und ließ sich erschöpft zu Boden sinken. »Und?« sagte Reece leise. »Genug getrunken?« Erst jetzt durften wir anderen jeweils zu zweit an den Wassersack. Als wir fertig waren, ging Reece behende in die Hocke und füllte seine Feld- flasche zur Hälfte, ohne einen Tropfen zu verspritzen. Diese Art Sachen machte er jeden Tag, und wenn je- mand die Ansicht vertreten hätte, Reece würde nur seine Arbeit tun, hätten wir mit einem einstimmigen, verächt- lichen Schnauben geantwortet. Ich glaube, den ersten kleinen Sprung bekam unsere Feindschaft ihm gegenüber ziemlich früh während der Grundausbildung, eines Morgens, als einer der Ausbilder,, ein strammer Oberleutnant, versuchte, uns den Umgang mit dem Bajonett beizubringen. Wir waren uns einiger- maßen sicher, daß uns in dem großen modernen Krieg, für den wir bestimmt waren, wahrscheinlich nicht befoh- len würde, mit dem Bajonett zu kämpfen (und wenn doch, würde es nicht gerade viel ändern, wenn wir die Feinheiten von Stoß und Parade nicht beherrschten), und deshalb war unsere Lustlosigkeit an diesem Morgen noch ungetrübter als gewöhnlich. Wir ließen den Ausbilder reden, standen anschließend auf und stolperten durch die diversen Stellungen, die er vorgeführt hatte. Die anderen Züge machten es genauso schlecht wie wir, und angesichts dieser betrüblichen Inkompetenz in der ganzen Kompanie fuhr sich der Ausbilder über den Mund. »Nein«, sagte er. »Nein, nein, ihr habt es über- haupt nicht begriffen. Geht zu euren Plätzen und setzt euch. Feldwebel Reece, vortreten bitte.« Reece saß wie üblich in einem kleinen gelangweilten Kreis mit den Feldwebeln der anderen Züge zusammen, abseits des Unterrichts, aber er stand sofort auf und ging nach vorn. »Feldwebel, bitte zeigen Sie den Männern, worum es beim Bajonett geht«, sagte der Ausbilder. Und in dem Augenblick, als Reece ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett in die Hand nahm, wußten wir, ob es uns nun paßte oder nicht, daß wir etwas zu sehen bekommen würden. Es war das gleiche Gefühl wie bei einem Base- ballspiel, wenn ein starker Schlagmann einen Schläger aussucht. Auf die Befehle des Ausbilders hin nahm er zackig jede Stellung ein, erstarrte zu einer schlanken Statue, während der Ausbilder sich duckte, um ihn herumging, redete, auf die Verteilung des Gewichts und die angewin-, kelten Gliedmaßen hinwies und erklärte, daß es genau so richtig war. Und dann ließ er als Höhepunkt der Vorstel- lung Reece den gesamten Bajonettkurs durchlaufen. Und er absolvierte ihn schnell, geriet nie aus dem Gleich- gewicht, machte keine überflüssigen Bewegungen, stieß mit dem Gewehrlauf Holzblöcke von hölzernen Schul- tern, trieb das Bajonett tief in einen schaudernden Torso aus zusammengebundenem Reisig und riß es wieder her- aus, um den nächsten damit zu attackieren. Er sah gut aus. Es wäre übertrieben, würde ich behaupten, daß er unsere Bewunderung erregte, aber wenn man dabei zu- sieht, wie etwas gut gemacht wird, bereitet es automa- tisch Vergnügen. Die anderen Züge waren sichtlich beein- druckt, und obwohl niemand in unserem Zug etwas sagte, glaube ich, daß wir ein bißchen stolz auf ihn waren. Die nächste Ausbildungseinheit an diesem Tag war Drill für geschlossene Ordnung, und hier hatten die Feld- webel das volle Kommando, und innerhalb einer halben Stunde hatte Reece uns so getriezt, daß wir ihn wieder haßten. »Was zum Teufel glaubt er«, murrte Schacht in der Mannschaft, »daß er jetzt der Größte ist, nur weil er ein As mit dem dämlichen Bajonett ist?« Und wir schäm- ten uns, daß wir uns beinahe von ihm hätten vereinnah- men lassen. Als wir schließlich doch unsere Meinung über ihn änderten, war es nicht aufgrund einer besonderen Tat sei- nerseits, sondern aufgrund einer Erfahrung, die unsere Meinung über die Armee im allgemeinen und uns selbst veränderte. Es war auf dem Schießstand, der einzige Teil unserer Ausbildung, der uns wirklich Spaß machte. Nach den vielen Stunden des Drills und der Körperertüchti- gung, den eintönigen Unterrichtsstunden in der Sonne, und den Trainingsfilmen in schwülen Bretterbuden war die Aussicht, tatsächlich rauszugehen und zu schießen, vielversprechend, und als es soweit war, machte es tat- sächlich Spaß. Es war ein Gefühl großer Freude, flach auf dem Damm der Feuerlinie zu liegen, den Gewehrschaft an der Backe zu spüren und die öligen glänzenden Pa- tronenrahmen in der Nähe zu sehen, über eine große Distanz hinweg das Ziel anzuvisieren und auf das Signal der gemessenen Stimme aus dem Lautsprecher zu war- ten. »Fertig auf der Rechten. Fertig auf der Linken. Fer- tig auf der Feuerlinie... Die Flagge ist aufgezogen. Die Flagge flattert. Die Flagge ist eingeholt. Achtung – Feuer!« Es folgten die Explosionen vieler Schüsse, der atemlose Augenblick des Abdrückens und der heftige Rückstoß, als der Schuß losging. Dann entspannte man sich und sah zu, wie in der Ferne die Zielscheibe nach unten glitt, kon- trolliert von unsichtbaren Händen in dem Graben darun- ter. Wenn sie kurz darauf wieder auftauchte, wurde zu- dem eine farbige Scheibe hochgehalten, geschwenkt und zurückgezogen, mit der die Punktzahl signalisiert wurde. Der Mann, der hinter einem kniete und das Ergebnis notierte, murmelte: »Netter Schuß«, oder »Bös daneben«, und man wand sich im Sand und nahm von neuem das Ziel ins Visier. Nichts anderes in der Armee stachelte den Instinkt, miteinander zu wetteifern, so an wie das Schie- ßen, und auch wenn wir nur besser als die anderen Züge abschneiden wollten, brachte es uns doch näher an einen echten esprit de corps als alles andere. Wir verbrachten ungefähr eine Woche auf dem Schieß- stand, marschierten frühmorgens hinaus und blieben den ganzen Tag; für das Mittagessen sorgte eine Feld- küche, und auch das war eine erfrischende Abwechslung, von der Messe. Eine weitere Attraktion – anfänglich schien es die größte von allen – war, daß uns der Schießstand eine Verschnaufpause von Feldwebel Reece verschaffte. Er marschierte uns hinaus und wieder zurück, und er überwachte uns, wenn wir in der Kaserne die Gewehre putzten, aber für den größten Teil des Tages überantwor- tete er uns dem Personal des Schießstands, einem un- persönlichen freundlichen Haufen, dem es weniger um kleinliche Disziplin als um Treffsicherheit ging. Dennoch hatte Reece in den Stunden, wenn er den Befehl führte, reichlich Gelegenheit, uns zu schikanieren, aber nach ein paar Tagen auf dem Schießstand stellten wir fest, daß er lockerer wurde. Wenn wir jetzt zum Bei- spiel im Gleichschritt marschierten und zählten, mußten wir es nicht wieder und wieder tun, bis unsere trockenen Kehlen brannten, weil wir ununterbrochen »Eins, zwei, eins, zwei« brüllten. Wie die Feldwebel der anderen Züge ließ er uns nach ein-, zweimal aufhören, und zuerst wuß- ten wir nicht, was wir davon halten sollten. »Was ist los?« fragten wir uns verblüfft, aber ich glaube, daß wir es zum ersten Mal richtig machten, laut genug und absolut uni- sono schrien. Wir marschierten gut, und Reece ließ es uns auf diese Weise wissen. Der Weg zum Schießstand war mehrere Meilen lang, und ein gutes Stück führte durch den Teil des Lagers, in dem stramm marschiert werden mußte – wir bekamen erst Marscherleichterung, nachdem wir die letzten Kom- paniestraßen und -gebäude hinter uns gelassen hatten. Aber da wir jetzt so gut marschierten, machte es uns nahezu Spaß, und wir antworteten sogar begeistert auf Reeces Marschgesang. Es war seine Gewohnheit, mit uns, nachdem wir gezählt hatten, einen traditionellen Sing-, sang anzustimmen, der eine im Chor gerufene Antwort erforderte, und bislang hatten wir das immer gehaßt. Aber jetzt schien der Singsang auf einzigartige Weise zündend, ein authentisches Stück Folklore aus älteren Heeren und älteren Kriegen, tief verwurzelt in dem Leben, das wir langsam zu begreifen begannen. Er setzte mit seinem üblichen nasalen Geschnarre »Links ... links ... links« ein und erweiterte es zu einer traurigen kleinen Melodie: »Oh, du hattest ein gutes Zuhause und gingst –«, worauf wir ant- worteten »RECHT SO!«, wenn wir mit dem rechten Fuß auftraten. Das kleine Lied durchlief mehrere Variationen: »Oh, du hattest einen gut Job, und du gingst –« »RECHT SO!« »Oh, du hattest ein hübsches Mädchen, und du gingst –« »RECHT SO!« Und dann variierte er die Melodie ein wenig. »Oh, Jody ließ die Würfel rollen, als du gingst –« »RECHT SO!« schrien wir in soldatischem Einklang, und keiner von uns mußte sich fragen, was die Worte bedeuteten. Jody war unser treuloser Freund, der ver- weichlichte Zivilist, dem der Würfel des Schicksals alles zuspielte, woran uns etwas lag; und die nächsten Stro- phen, eine Reihe spöttischer Verse, machten klar, daß er immer als letzter lachen würde. Wir konnten marschie- ren und schießen und das Glaubensbekenntnis diszipli- nierter Kriegsmacht perfekt beherrschen, aber Jody war eine Macht jenseits unserer Kontrolle, und dieser Tatsache mußten sich Generationen stolzer einsamer Männer wie Reece stellen, dieser ausgezeichnete Soldat, der neben uns in der Sonne marschierte und die Worte aus einem verzerrten Mund brüllte. »Hat kein’ Sinn, nach Haus zu gehn – wirst weder Jody noch dein Mädchen sehn. Und –«, »EINS, ZWEI!" »Und –« »EINS, ZWEI!« »Und immer wenn ihr darben müßt, Jody ein Stück Braten ißt Und –« »EINS, ZWEI!« »Und –« »EINS, ZWEI!« Wir waren nahezu enttäuscht, als er uns am Rand des Lagers Marscherleichterung gab und wir wieder zu Individuen wurden, unsere Helme zurückscho- ben, die großartige Einmütigkeit des Singsangs aufgaben und jeder vor sich hin trottete. Wenn wir schmutzig und müde vom Schießstand zurückkehrten, die Ohren taub vom Lärm der Schüsse, stärkte es uns, wenn wir das letz- te Wegstück wieder im Gleichschritt marschierten, mit erhobenem Kopf und geradem Rücken, und die abküh- lende Luft mit unserem Antwortgebrüll durchschnitten. Nach dem Essen verbrachten wir einen guten Teil des Abends damit, unsere Gewehre mit der von Reece ge- forderten gründlichen Sorgfalt zu putzen. Während wir arbeiteten, füllte sich die Kaserne mit dem beißenden guten Geruch von Rohrreiniger und Öl, und wenn Reece mit uns zufrieden war, setzten wir uns für gewöhnlich draußen auf die Treppe, rauchten und warteten darauf, daß wir mit dem Duschen an der Reihe waren. Eines Abends war eine Gruppe von uns stiller als gewöhnlich, ich glaube, weil wir das übliche Gerede von Ungerechtig- keit und das Gejammer als unpassend, als dem merk- würdigen Wohlgefühl unangemessen empfanden, das wir während der letzten Tage verspürten. Schließlich faßte Fogarty die Stimmung in Worte. Er war ein kleiner ernster Junge, der Zwerg des Zugs und die Zielscheibe unserer, Witze, und vermutlich hatte er nicht viel zu verlieren, als er die Deckung verließ. »Ach, ich weiß nich’«, sagte er und lehnte sich seufzend an den Türrahmen, »ich weiß nich’, wie’s euch geht, aber mir gefällt’s – auf den Schieß- stand gehen, marschieren und so. Da hat man das Ge- fühl, daß man was wirklich Soldatisches tut, versteht ihr?« Er hatte da etwas gefährlich Naives gesagt – »solda- tisch« war Reeces Lieblingswort –, und wir blickten ihn unsicher an. Aber dann schaute sich D’Allessandro aus- druckslos in der Runde um, als wollte er denjenigen sehen, der es wagte zu lachen, und wir entspannten uns. Die Vorstellung, soldatisch zu sein, war achtbar gewor- den, und weil die Vorstellung und das Wort für uns un- trennbar mit Feldwebel Reece verbunden waren, wurde auch er achtbar. Bald hatte sich unser ganzer Zug verändert. Wir arbeite- ten jetzt mit Reece, statt gegen ihn, und bemühten uns, statt nur so zu tun, als würden wir uns bemühen. Wir wollten Soldaten sein. Das Ausmaß unserer Anstrengung mußte bisweilen lächerlich gewesen sein, und einen ge- ringeren Mann hätte sie vielleicht zu der Vermutung ver- anlaßt, wir würden uns über ihn lustig machen – ich erinnere mich an ernste kleine Chöre von »Jawoll, Feld- webel«, wann immer er einen Befehl erließ –, aber Reece nahm es mit unbewegter Miene hin, mit dem Ausdruck grenzenloser Selbstsicherheit, die die erste Voraussetzung guter Führerschaft ist. Und er war ebenso fair wie streng, was gewiß die zweite Voraussetzung ist. Wenn er zum Beispiel Gruppenführer ernannte, überging er kühl meh- rere Männer, die ihm nahezu die Stiefel geleckt hatten, um seine Anerkennung zu gewinnen, und entschied sich, für die, von denen er wußte, daß wir sie respektierten – D’Allessandro gehörte dazu, und die anderen waren eben- sogut gewählt. Der Rest seines Rezepts war klassisch ein- fach: er führte, indem er vortrefflich war, ob er ein Ge- wehr putzte oder Socken zusammenlegte, und wir folgten ihm, indem wir versuchten, es ihm gleichzutun. Es ist leicht, Vortrefflichkeit zu bewundern, aber es ist schwer, sie sympathisch zu finden, und Reece weigerte sich, sympathisch zu sein. Es war seine einzige Fehllei- stung, aber es war eine große Fehlleistung, denn Respekt ohne Zuneigung überdauert nicht lange – zumindest nicht, wenn jugendliche Sentimentalität im Spiel ist. Reece ra- tionierte Freundlichkeit, wie er Wasser rationierte: unsere Freude über jeden Tropfen stand in keinem Verhältnis zu seinem Wert, aber wir bekamen nie genug oder auch nur annähernd genug, um unseren Durst zu stillen. Wir freu- ten uns, als er beim Appell unsere Namen plötzlich kor- rekt aussprach und die meisten seiner Maßregelungen nicht mehr so beleidigend klangen, denn wir wußten, daß er damit unser Reifen als Soldaten anerkannte, aber irgend- wie hielten wir uns für berechtigt, mehr zu erwarten. Wir freuten uns auch, als wir herausfanden, daß unser pummeliger Leutnant Angst vor ihm hatte; wir konnten kaum unser Vergnügen verhehlen über den verächtlichen Ausdruck, den Reeces Gesicht annahm, wann immer der Leutnant auftauchte, oder über den Tonfall des jungen Offiziers – unsicher, nahezu kleinlaut –, wenn er sagte: »Jawoll, Feldwebel.« Dann fühlten wir uns Reece in einem stolzen soldatischen Bund nahe, und ein- oder zweimal gewährte er uns das großartige Kompliment eines Zwin- kerns hinter dem Rücken des Leutnants, aber nur ein- oder zweimal. Wir mochten seinen Gang und seinen, blinzelnden Blick nachahmen, unsere hellbraunen Hem- den so hauteng schneidern lassen wie seine und sogar bestimmte seiner sprachlichen Gewohnheiten überneh- men, darunter seinen Südstaatenakzent, aber wir konn- ten ihn nie als Kumpel betrachten. Er war einfach nicht der Typ. Er wollte nicht mehr als formalen Gehorsam während der Dienststunden, und wir kannten ihn kaum. An den seltenen Abenden, wenn er im Lager blieb, saß er entweder aliein oder in der unnahbaren Gesellschaft eines und zweier Offiziere, die ebenso schweigsam waren wie er, und trank Bier im PX. An den meisten Abenden und an den Wochenenden verschwand er in die Stadt. Ich bin überzeugt, keiner von uns erwartete, daß er seine Freizeit mit uns verbrachte – dieser Gedanke wäre uns tatsächlich nie gekommen –, aber der kleinste Einblick in sein Privatleben hätte geholfen. Wenn er zum Beispiel auch nur einmal mit uns in Erinnerungen an sein Zu- hause geschwelgt oder uns von seinen Gesprächen mit seinen FX-Freunden erzählt oder eine Bar in der Stadt genannt hätte, die er mochte, dann, so glaube ich, wären wir ergreifend dankbar gewesen, aber er tat es nie. Und was es noch schlimmer machte war, daß wir im Gegen- satz zu ihm kein wirkliches Leben außerhalb der täg- lichen Routine hatten. Die Stadt war ein kleines staubiges Labyrinth aus Holzhäusern und Neonschildern, in dem es von Soldaten wimmelte, und die meisten von uns fühl- ten sich dort nur einsam, so prahlerisch wir auch durch die Straßen stolzieren mochten. Die Stadt war nicht groß genug, um lange herumzulaufen; was für Lustbarkeiten auch immer sie bot, sie blieben das Geheimnis derjeni- gen, die sie vor uns entdeckt hatten, und wenn man jung und schüchtern war und nicht genau wußte, wonach man, suchte, war sie ein trister Ort. Man konnte im USO (United Service Organization) herumhängen und vielleicht mit einem Mädchen tanzen, das seit langem gegen tol- patschige Annäherungsversuche abgehärtet war; man konnte sich mit den faden Vergnügungen der Wasser- melonenstände und Spielsalons zufriedengeben oder in Gruppen ziellos durch die dunklen Seitenstraßen strei- fen, wo man in der Regel nur auf andere ziellos umher- streifende Gruppen von Soldaten traf. »Also, was willst du unternehmen’?« fragten wir einander ungeduldig, und die Antwort lautete stets: »Ach, ich weiß nich’. Ein biß- chen rumlaufen.« Normalerweise tranken wir genug Bier, um betrunken zu sein oder uns auf der Rückfahrt zum Lager im Bus zu übergeben, und wir waren dankbar für das Versprechen eines geordneten neuen Tages. Insofern ist es wahrscheinlich keine Überraschung, daß sich unser Gefühlsleben nach innen wandte. Wie fru- strierte Ehefrauen in den Vororten lebten wir von der Un- zufriedenheit der anderen; wir unterteilten uns in böse kleine Cliquen und weiter in eifersüchtig wechselnde Freundespaare, und wir streckten unsere Stumpfsinnig- keit mit Klatsch. Die meisten Klatschgeschichten hatten mit uns zu tun; für Neuigkeiten aus der Welt außerhalb des Zugs waren wir vor allem auf den Schriftführer der Kompanie angewiesen, einen freundlichen, seine Tätig- keit im Sitzen ausübenden Mann, der gern Gerüchte ver- breitete, während er vorsichtig eine Tasse Kaffee balan- cierend in der Messe von Tisch zu Tisch schlenderte. »Ich habe es in der Personalabteilung gehört«, sagte er als Vorwort zu einem unwahrscheinlichen Gerücht über ab- wesende Offiziere (der Oberst hatte Syphilis; der Kom- mandant des Militärgefängnisses hatte sich vor einem, Kampfbefehl gedrückt; die Ausbildung wurde verkürzt, und wir müßten in einem Monat nach Übersee). Aber an einem Samstagmittag kam er mit etwas Naheliegen- derem; er hatte es in der Schreibstube seiner eigenen Kompanie aufgeschnappt, und es klang plausibel. Seit Wochen, so erzählte er uns, versuche der pummelige Leutnant, Reece versetzen zu lassen; jetzt scheine es geplant zu werden, und es sei gut möglich, daß die näch- ste Woche für Reece die letzte als Zugfeldwebel sei. »Seine Tage sind gezählt«, sagte der Schriftführer geheimnistue- risch. »Was soll das heißen, versetzt?« fragte D’Allessandro. »Wohin versetzt?« »Nicht so laut«, sagte der Schriftführer und blickte beunruhigt zum Offiziers tisch, an dem sich Reece gleich- mütig über sein Essen neigte. »Weiß ich nich’. Das weiß ich nich’. Jedenfalls is’ es eine miese Sache. Wenn ihr’s wissen wollt, ihr habt den besten Feldwebel vom ganzen Standort. Er is’ zu verdammt gut, das is’ das Problem. Zu gut, als daß ein unfähiger Unterleutnant damit fertig wird. In der Armee zahlt es sich nie aus, so gut zu sein.« »Das stimmt«, sagte D’Allessandro ernst. »Das zahlt sich nie aus.« »Wirklich?« fragte Schacht grinsend. »Ist das so, Grup- penführer? Erklär’s uns, Gruppenführer.« Und die Unter- haltung an unserem Tisch degenerierte zu Geflachse. Der Schriftführer schlenderte davon. Reece mußte zur gleichen Zeit davon erfahren haben wie wir; jedenfalls veränderte sich sein Verhalten an die- sem Wochenende plötzlich. Er fuhr in die Stadt mit dem angespannten Ausdruck eines Mannes, der vorhatte, sich systematisch zu betrinken, und am Montagmorgen ver-, paßte er fast das Wecken. Montag morgens war er immer verkatert, aber das hatte bislang nie seine Dienstfähigkeit beeinträchtigt; er war immer dagewesen, um uns mit zor- nigen Befehlen aus den Betten zu jagen und hinauszutrei- ben. Aber diesmal herrschte eine merkwürdige Stille in den Unterkünften, während wir uns anzogen. »He, er ist nicht da«, rief jemand von der Tür zu Reeces Zimmer neben der Treppe. »Reece ist nicht da.« Die Gruppen- führer ergriffen bewundernswert rasch die Initiative. Sie drängten uns und spornten uns an, bis wir alle nach draußen stolperten und im Dunkeln Aufstellung bezo- gen, fast genauso schnell, wie wir es unter Reeces Auf- sicht getan hätten. Aber der in dieser Nacht diensthabende Offizier hatte auf seiner Runde Reeces Abwesenheit be- reits bemerkt und war losgelaufen, um den Leutnant zu wecken. Die Offiziere der Kompanie erschienen selten zum Wecken, vor allem nicht montags, aber als wir jetzt füh- rerlos dastanden, kam unser Leutnant um die Ecke der Unterkunft gelaufen. Im Schein der Gebäude sahen wir, daß sein Hemd nur halb zugeknöpft und sein Haar zer- zaust war; sein Gesicht war vom Schlaf verquollen, und er schien sehr verwirrt. Im Lauf noch rief er: »Also, Män- ner, ähm ...« Alle Gruppenführer holten tief Luft, um uns Haltung annehmen zu lassen, kamen jedoch über ein heiseres »Aach –« nicht hinaus, als Reece aus dem Dämmerlicht vor den Leutnant trat und sagte: »Zug! Aach – tung! Da war er, ein bißchen atemlos vom Laufen, noch immer das zerknitterte Hemd vom Vorabend auf dem Leib, aber er führte eindeutig den Befehl. Er ließ uns gruppenweise zum Appell antreten; dann hob er übertrieben steif ein, Bein, um auf Berufssoldatenweise eine Kehrtwendung zu machen, führte die Drehung makellos aus, stand mit dem Gesicht dem Leutnant zugewandt und salutierte. »Alle Rekruten angetreten, Sir.« Der Leutnant war zu verblüfft, um etwas anderes zu tun, als ebenfalls zu salutieren, schlampig, und zu mur- meln: »In Ordnung, Feldwebel!« Ich vermute, daß er nicht einmal »Sehen Sie zu, daß es nicht wieder vor- kommt« sagen konnte, denn schließlich war nicht viel vorgefallen, außer daß er zum Wecken aufgestanden war. Und wahrscheinlich verbrachte er den Rest des Tages damit, sich zu fragen, ob er Reece hätte maßregeln sollen, weil er keine Uniform getragen hatte; er machte den Anschein, als quälte ihn diese Frage bereits jetzt, als er sich umdrehte, um in sein Quartier zurückzukehren. Wir durften wegtreten und brachen in schallendes Ge- lächter aus, das nicht zu hören er vorgab. Aber Feldwebel Reece verdarb uns bald den Spaß. Er bedankte sich nicht einmal bei den Gruppenführern, weil sie ihm aus der Patsche geholfen hatten, und den ganzen Tag über nörgelte er auf die kleinliche Weise an uns herum, von der wir geglaubt hatten, wir hätten sie hinter uns gelassen. Auf dem Exerzierplatz nahm er den kleinen Fogarty in die Mangel und sagte: »Wann hast du dich zum letzten Mal rasiert?« Wie in vielen Gesichtern wuchs auch in Fogartys nur ein blasser Flaum, der kaum rasiert werden mußte. »Vor ungefähr einer Woche«, sagte er. »Vor ungefähr einer Woche, Fellwebel«, korrigierte Reece ihn. »Vor ungefähr einer Woche, Feldwebel«, sagte Fogarty. Reece schürzte die dünnen Lippen verächtlich. »Du, siehst aus wie eine räudige alte Straßenhündin«, sagte er. »Weißt du nicht, daß du dich jeden Tag rasieren sollst?« »Ich habe nichts, was ich jeden Tag rasieren könnte.« »Habe nichts, was ich jeden Tag rasieren könnte, Fell- webel.« Fogarty schluckte, blinzelte. »Was ich jeden Tag rasie- ren könnte, Feldwebel." Wir fühlten uns alle schwer enttäuscht. »Was zum Teu- fel glaubt er, wer wir sind«, fragte Schacht beim Mittag- essen, »ein Haufen Rekruten?« Und D’Allessandro murrte rebellisch und zustimmend. Ein schwerer Kater hätte Reece an diesem Tag entschul- digt, aber wohl kaum am nächsten Tag und am über- nächsten. Er schikanierte uns ohne Grund und ohne Unterbrechung, und er zerstörte alles, was er in den vie- len Wochen zuvor so gewissenhaft aufgebaut hatte; das empfindliche Gebäude unseres Respekts für ihn bröckel- te und stürzte ein. »Es ist endgültig«, sagte der Schriftführer der Kompanie am Mittwoch während des Abendessens. »Der Befehl ist raus. Morgen ist sein letzter Tag.« »Und?« fragte Schacht. »Wohin geht er?« »Nicht so laut«, sagte der Schriftführer. »Er wird mit den Ausbildern arbeiten. Einen Teil der Zeit auf dem Biwakgelände, den anderen Teil im Bajonettkurs.« Schacht lachte und stieß D’Allessandro an. »Verdammt«, sagte er, »da wird er sich freuen, was? Besonders über das Bajonett. Der Dreckskerl wird jeden Tag angeben kön- nen. Das wird ihm gefallen.« »Was, seid ihr verrückt geworden?« sagte der Schrift- führer beleidigt. »Gefallen, so ein Quatsch. Der Typ liebt, seine Arbeit. Ihr meint, ich mach’ Spaß? Er liebt seine Arbeit, und er hat verdammtes Pech gehabt.« D’Allessandro griff das Argument auf und kniff die Augen zusammen. «Wirklich?« sagte er. »Glauben Sie? Sie hätten ihn diese Woche erleben sollen. Jeden Tag.« Der Schriftführer neigte sich mit solchem Ernst vor, daß er etwas von seinem Kaffee verschüttete. »Hört mal«, sagte er, »er weiß es schon die ganze Woche – wie zum Teufel hätte er sich eurer Meinung nach denn verhalten sollen? Wie zum Teufel würdet ihr euch verhalten, wenn ihr wüßtet, daß euch jemand wegnehmen will, was ihr am liebsten macht? Begreift ihr denn nicht, daß er unter Druck steht?« Aber das, so gaben wir ihm mit unseren mürrischen Blicken zu verstehen, war keine Entschuldigung dafür, sich wie ein blöder Südstaatenidiot aufzuführen. »Ihr Jungs müßt erst noch erwachsen werden«, sagte der Schriftführer und ging schmollend davon. »Ach, glaubt nicht alles, was man euch erzählt«, sagte Schacht. »Ich glaube erst, daß er versetzt wird, wenn ich’s sehe.« Aber es stimmte. An diesem Abend saß Reece noch spät in seinem Zimmer und trank verdrossen mit einem sei- ner Freunde. Wir hörten in der Dunkelheit ihre leisen undeutlichen Stimmen und gelegentlich das Klirren der Whiskeyflasche. Am nächsten Tag war er zu uns weder milde noch hart, sondern er brütete und war distanziert, als wäre er mit anderen Dingen beschäftigt. Und nach- dem er mit uns am Abend zurückmarschiert war, ließ er uns noch kurz vor den Unterkünften stehen, in Rührt- Euch-Stellung, bevor er uns wegtreten ließ. Sein ruhe- loser Blick schien der Reihe nach über alle unsere Gesich-, ter zu schweifen. Dann begann er in einem Tonfall zu sprechen, der sanfter klang als jeder andere, den wir je von ihm gehört hatten. »Ich werd’ euch Männer nich’ wiedersehn«, sagte er. »Ich werd’ versetzt. Auf eins könnt ihr euch in der Armee immer verlassen, und das is’, wenn ihr was Gutes gefunden habt, eine Arbeit, die euch ge- fällt, dann versetzen sie euren Arsch woandershin.« Ich glaube, wir waren alle gerührt – ich jedenfalls war es; nie zuvor war er so nahe daran gewesen zu sagen, daß er uns mochte. Aber es war zu spät. Alles, was er jetzt sagen oder tun konnte, kam zu spät, und wir fühlten uns vor allem erleichtert. Reece schien das zu spüren und zu kürzen, was er hatte sagen wollen. »Ich weiß, daß mir niemand befohlen hat, eine Rede zu halten«, sagte er, »und das werd’ ich auch nich’ tun. Das einzigste, was ich sagen will, ist ...« Er senkte den Blick und starrte auf seine staubigen Uniformstiefel. »Ich möchte euch allen viel Glück wünschen. Laßt euch nix zuschulden kommen, hört ihr? Und geratet nich’ in Schwierigkeiten.« Die nächsten Worte waren kaum mehr zu hören. »Und laßt euch von niemand herumstoßen.« Es folgte ein kurzes schmerzhaftes Schweigen, so schmerzhaft, als würden sich zwei desillusionierte Lie- bende trennen. Dann richtete er sich auf. »Zug! Aach – tung!« Er sah uns noch einmal mit einem harten funkeln- den Blick an. »Wegtreten.« Als wir an diesem Abend vom Essen zurückkamen, stellten wir fest, daß er seinen Sack bereits gepackt hatte und ausgezogen war. Wir konnten ihm nicht einmal mehr die Hand schütteln., Unser neuer Feldwebel war am nächsten Morgen da, ein untersetzter vergnügter Taxifahrer aus Queens, der darauf bestand, daß wir ihn beim Vornamen nannten, der Ruby lautete. Er war durch und durch ein guter Kumpel. Er ließ uns bei jeder nur möglichen Gelegenheit an die Lister- Säcke und vertraute uns kichernd an, daß er sich von einem Freund im PX seine Feldflasche oft mit Coca-Cola und zerstoßenem Eis füllen ließ. Er war ein nachlässiger Ausbilder, und unterwegs mußten wir nie zählen, außer wenn wir an einem Offizier vorbeimarschierten, und er ließ uns nie im Chor sprechen oder singen außer eine holprige Version von »Give My Regards to Broadway«, das er voller Inbrunst anstimmte, obwohl er den Text nicht vollständig kannte. Es dauerte eine Weile, bis wir uns nach Reece an ihn gewöhnt hatten. Als der Leutnant einmal in unsere Unterkunft kam, um eine seiner kleinen Reden über Fair- neß zu halten und wie üblich mit »Also gut, Feldwebel« endete, steckte Ruby die Daumen in den Patronengurt, stand mit hängenden Schultern da und sagte: »Jungs, ihr habt hoffentlich alle aufmerksam zugehört, was der Leut- nant gesagt hat. Ich glaube, ich kann für euch alle und für mich sprechen und sagen, Leutnant, wir werden fair sein, denn das hier is’ ein Zug, der einen guten Kumpel erkennt, wenn er einen sieht.« Von dieser kleinen Ansprache so aufgeregt wie von Reeces wortloser Verachtung, blieb dem Leutnant nichts anderes übrig, als zu erröten und zu stammeln: »Also, ähm ... danke, Feldwebel. Ich glaube, das ist alles. Weiter- machen.« Und kaum war der Leutnant außer Sichtweite, gaben wir alle laute Würgegeräusche von uns, hielten uns die Nase zu und machten Schaufelbewegungen, als stün-, den wir knietief im Dung. »Mensch, Ruby«, rief Schacht, »warum zum Teufel schleimst du dich so ein?« Ruby zog die Schultern hoch und streckte die Hände aus, schüttelte sich vor gutmütigem Lachen. »Um am Leben zu bleiben«, sagte er. »Um am Leben zu bleiben, was glaubt ihr denn?« Und er verteidigte sich heftig über den wachsenden Lärm unseres Spotts hinweg. »Was is’ los?« wollte er wissen. »Was is’ los? Meint ihr etwa, er verhält sich dem Hauptmann gegenüber anders? Und der Hauptmann gegenüber dem Batallionskommandanten? Hört mal zu, ihr Schlaumeier, hört zu. Alle tun es! Alle tun es. Wie zum Teufel glaubt ihr, daß die Armee fimktio- niert?« Schließlich tat er das Thema mit taxifahrerischer Nonchalance ab. »Okay, okay, bleibt bei der Armee, und ihr werdet schon sehen. Wartet nur, bis ihr Jungs so lang bei der Armee seid wie ich, dann reden wir weiter.« Aber zu diesem Zeitpunkt lachten wir schon mit ihm; er hatte unsere Herzen erobert. Abends scharten wir uns im PX um ihn, während er hinter einer Batterie Bierflaschen saß, mit seinen aus- drucksstarken Händen gestikulierte und die entspannte zivile Sprache sprach, die wir alle verstanden. »Ah, ich hab’ einen Schwager, der is’ ein wirklich schlauer Kerl. Wißt ihr, wie er aus der Armee rausgekommen is’? Wißt ihr, wie er rausgekommen is’?« Und es folgte eine kom- plizierte unwahrscheinliche Geschichte von Verrat, auf die wir wie erwartet mit Lachen reagierten. »Doch!« be- harrte Ruby lachend. »Glaubt ihr mir etwa nich’? Glaubt ihr mir nich’? Und wenn wir schon von schlau reden, ich kenne noch einen Kerl – ich sag’ euch, der Kerl ist wirk- lich schlau. Wißt ihr, wie der rauskam?« Manchmal schwankten wir in unserer Loyalität, aber, nie für lange. Eines Abends saß eine Gruppe von uns auf der Treppe, vertrödelte die Zeit mit Zigaretten, bevor wir zum PX gingen, und diskutierten ausführlich – als woll- ten wir uns selbst überzeugen – die vielen Dinge, die das Leben mit Ruby so angenehm machten. »Na ja«, sagte der kleine Fogarty, »aber ich weiß nich’. Mit Ruby hat es nicht viel Soldatisches mehr.« Es war das zweite Mal, daß Fogarty uns in eine momen- tane Verwirrung stürzte, und zum zweiten Mal klärte D’Allessandro die Atmosphäre. »Na und?« sagte er und zuckte die Achseln. »Wer will schon Soldat sein?« Das traf es auf den Punkt. Wir konnten jetzt auf den Boden spucken und zum PX schlendern, mit hängenden Schultern, erleichtert, zuversichtlich, daß Feldwebel Reece uns nicht wieder heimsuchen würde. Wer wollte schon Soldat sein? »Ich nicht«, konnten wir in unserem Herzen sagen, »ich will doch keine Abzeichen«, und unsere Ver- achtung verlieh unserer Geisteshaltung Würde. Mehr als eine Geisteshaltung brauchten wir sowieso nicht, hatten wir nie gebraucht, und diese Haltung war viel bequemer als Reeces strenges, anspruchsvolles Glaubensbekennt- nis. Ich glaube, sie bedeutete, daß das Lager am Ende der Ausbildung einen Haufen schamloser kleiner Schlau- meier ablieferte, die in der unermeßlichen Unordnung der Armee verteilt und absorbiert wurden, aber Reece mußte es zumindest nicht mitansehen, und er wäre der einzige gewesen, dem es etwas ausgemacht hätte.,

Überhaupt keine Schmerzen

Myra richtete sich auf dem Rücksitz kerzengerade auf, schob Jacks Hand weg und strich sich den Rock glatt. »Schon gut, Süße«, flüsterte er lächelnd, »nur die Ruhe.« »Gib du Ruhe, Jack«, erklärte sie ihm. »Und ich mein’s jetzt wirklich ernst.« Seine Hand zog sich langsam zurück, aber sein Arm blieb schlaff auf ihren Schultern liegen. Myra ignorierte ihn und starrte zum Fenster hinaus. Es war ein früher Sonn- tagabend Ende Dezember, und die Straßen von Long Island wirkten wie ausgestorben; kleine schmutzige Schnee- haufen lagen auf dem Trottoir, aus geschlossenen Schnaps- läden grinsten Pappnikoläuse. »Ich find’s immer noch nicht richtig, daß du mich die ganze Strecke hier rausfährst«, rief Myra Marty zu, der sich aus Höflichkeit dazu bereit erklärt hatte. »Schon okay«, brummte Marty. Dann drückte er auf die Hupe und fügte, einem langsam vor ihm her tuckernden Laster zugewandt, hinzu: »Mach mal Platz da mit deiner Scheißkarre.« Myra war verärgert – wieso hatte Marty andauernd etwas zu meckern? –, aber da drehte sich Irene, Martys Frau, auf dem Beifahrersitz freundlich grinsend nach hin- ten. »Geht schon in Ordnung«, sagte sie. »Tut Marty ganz gut, wenn er sonntags mal rauskommt und nicht zu Hause rumhängt.«, »Na ja«, sagte Myra, »ich bin ja auch dankbar dafür.« In Wirklichkeit wäre sie allerdings lieber mit dem Bus gefah- ren, und zwar wie üblich allein. In den vier Jahren, die sie jeden Sonntag hierherkam, um ihren Mann zu besu- chen, hatte sie sich an die lange Fahrt gewöhnt; auf dem Rückweg mußte sie in Hempstead umsteigen, wo sie dann gern in einer Cafeteria einkehrte und sich Kaffee und Kuchen bestellte. Heute jedoch war sie mit Jack bei Irene und Marty zum Abendessen eingeladen gewesen, und das Essen hatte so lange gedauert, daß Marty ihr anbieten mußte, sie zur Klinik zu fahren, und dieses Ange- bot konnte sie nicht ausschlagen. Und dann mußten natürlich auch Irene und Jack mit, und alle taten so, als erwiesen sie ihr damit einen Gefallen. Aber man mußte ja höflich sein. »Es ist wirklich schön«, rief Myra, »mal mit dem Wagen hier rauszufahren, statt mit dem – laß das, Jack!« Jack sagte: »Pschsch, nur die Ruhe, Süße«, doch sie stieß seine Hand weg und wandte sich ab. Irene beobach- tete die beiden und schob kichernd die Zunge zwischen die Zähne; Myra spürte, wie sie errötete. Nicht daß sie sich wegen irgend etwas schämen mußte – Irene und Marty wußten über Jack und alles andere vollkommen Bescheid, was für die meisten ihrer Freunde galt, und kei- ner machte ihr Vorwürfe (außerdem, war sie nicht fast so etwas wie eine Witwe?) –, es ging bloß darum, daß Jack es endlich hätte kapieren müssen. Konnte er nicht wenig- stens so weit die Form wahren, daß er seine Hände bei sich behielt? »Na also«, sagte Marty. »Jetzt geht’s endlich vorwärts.« Der Laster war abgebogen, sie fuhren nun schneller und ließen die Straßenbahngleise und Läden hinter sich;, aus der Straße wurde eine Chaussee und schließlich ein Highway. »Lust auf ‘n bißchen Radio, Kinder?« rief Irene. Sie drückte eine der Programmtasten, worauf eine Stimme alle Welt dazu drängte, es sich heute abend vor dem hei- mischen Fernseher gemütlich zu machen. Sie betätigte eine weitere Taste; eine Stimme sagte: »Ja, in einem Craw- ford-Laden bekommen Sie mehr für Ihr Geld!« »Schalt bloß den Schwätzer ab«, sagte Marty, drückte erneut auf die Hupe und bog in die Schnellstraße ein. Als der Wagen das Klinikgelände erreicht hatte, drehte sich Irene auf dem Beifahrersitz um und sagte: »Ist doch ein herrliches Plätzchen. Ich mein’, ist das nicht wunder- voll hier? Oh, seht mal, sie haben einen Christbaum auf- gestellt, mit Lichtern und allem Drum und Dran.« »Schön«, sagte Marty, »und wohin jetzt?« »Gradeaus«, erklärte Myra, »bis zu dem großen Kreisel, wo der Weihnachtsbaum steht. Dann rechts, ums Verwal- tungsgebäude rum, und weiter bis zum Ende der Straße.« Marty bog an der richtigen Stelle ab, und als sie sich dem langgestreckten, niedrigen Bau der TB-Klinik näherten, sagte sie: »Da wären wir, Marty, genau hier.« Marty fuhr an den Bordstein und brachte den Wagçn zum Stehen. Myra griff sich die Zeitschriften, die sie für ihren Mann mitgenom- men hatte, und stieg aus in den spärlichen grauen Schnee. Irene zog die Schultern hoch, schlang die Arme um die Brust und drehte sich um. »Puuh, ganz schön kalt da draußen, was? Sag mal, Herzchen, wie lang wird’s denn dauern? Bis acht, oder?« »Genau«, sagte Myra, »aber hör mal, wieso fahrt ihr nicht einfach wieder nach Haus? Ich kann genausogut den Bus nehmen, wie immer.«, »Hältst du mich etwa für blöd?« sagte Irene. »Meinst du vielleicht, ich hab’ Lust, den ganzen Heimweg über den stinkigen Jack im Rücken zu haben?« Sie kicherte und warf Myra einen zwinkernden Blick zu. »Schon schlimm genug, ihn bei Laune zu halten, wenn du im Wagen sitzt, aber dann noch den ganzen Heimweg – nein, hör zu, wir fahren einfach ein bißchen durch die Gegend, Herzchen; vielleicht trinken wir irgendwo was oder so, und Punkt acht sind wir wieder hier.« »Na schön, okay, aber ich kann wirklich genauso- gut –« »Exakt hier«, sagte Irene. »Wir treffen uns exakt hier vor dem Gebäude, Punkt acht Uhr. Und jetzt schieb endlich ab und mach die Tür zu, bevor wir hier noch erfrieren.« Myra schlug lächelnd die Wagentür zu, aber Jack schmollte, ohne das Lächeln zu erwidern oder zu win- ken, mit gesenktem Blick vor sich hin. Kurz darauf rollte der Wagen davon, und Myra ging den Fußweg und die Treppe zur TB-Klinik hinauf. Im kleinen Wartezimmer roch es nach heißem Dampf und feuchten Überschuhen; sie schritt rasch hindurch, an der Tür mit dem Schild STATIONSSCHWESTER – INFEK- TIONSSTATION vorbei und in die große, von Lärm er- füllte Hauptstation. Sechsunddreißig Betten waren dort aufgestellt; ein breiter Gang trennte den Raum in zwei Hälften, die wiederum in schulterhohe offene Zellen mit jeweils sechs Betten unterteilt waren. Die Bettlaken und klinikeigenen Schlafanzüge waren gelb gefärbt, um sie von dem unverseuchten Bettzeug der Klinikwäscherei zu unterscheiden, was, im Verein mit den hellgrünen Wän- den, eine Farbkombination ergab, an die Myra sich nie gewöhnen konnte. Auch der Lärm war fürchterlich; alle, Patienten hatten ein Radio, und es klang, als hätte jeder einen anderen Sender eingestellt. Um manche Betten scharten sich Besucher – einer der frisch Eingelieferten lag da, hatte die Arme um seine Frau geschlungen und küßte sie –, doch die Männer in den anderen Betten machten einen einsamen Eindruck, sie lasen oder hörten Radio. Myras Mann bemerkte seine Frau erst, als sie direkt neben seinem Bett stand. Er hatte sich mit übereinander- geschlagenen Beinen aufgesetzt und starrte irgend etwas auf seinem Schoß trübsinnig an. »Hallo, Harry«, sagte sie. Er hob den Kopf. »Oh, hallo, Liebling, hab’ dich gar nicht kommen sehen.« Sie beugte sich vor und gab ihm einen raschen Kuß auf die Wange. Manchmal küßten sie sich auch auf die Lip- pen, aber eigentlich war das nicht erlaubt. Harry warf einen kurzen Blick auf seine Uhr. »Du bist spät dran. Hatte der Bus Verspätung?« »Ich bin nicht mit dem Bus gekommen«, sagte sie und zog den Mantel aus. »Jemand hat mich hergebracht. Irene, die Kollegin aus meinem Büro. Sie und ihr Mann haben mich in ihrem Wagen gefahren.« »Oh, schön. Wieso bringst du die zwei nicht mit rein?« »Na ja, sie haben keine Zeit – sie müssen noch wo- andershin. Aber sie lassen dich beide grüßen. Sieh mal, ich hab dir was mitgebracht« »Oh, danke, das ist ja toll.« Er nahm die Zeitschriften entgegen und breitete sie auf dem Bett aus: Life, Collier’s und Popular Science. »Wirklich toll, Liebling. Jetzt setz dich mal ein bißchen her.« Myra legte ihren Mantel auf den Stuhl neben dem Bett und nahm Platz. »Hallo, Mr. Chance«, sagte sie zu einem, sehr hochgewachsenen Schwarzen im Nachbarbett, der ihr grinsend zunickte. »Wie geht’s, Mrs. Wilson?« »Danke, gut, und Ihnen?« »Och, kann nicht klagen«, sagte Mr. Chance. Myra spähte über Harrys Bett hinweg zu Red O’Meara, der auf der anderen Seite lag und Radio hörte. »Hallo, Red.« »Oh, hallo, Mrs. Wilson. Hab’ Sie gar nicht gleich ge- sehn.« »Kommt Ihre Frau heut abend noch, Red?« »Die kommt jetzt immer samstags. War gestern abend da.« »Aha«, sagte Myra, »dann grüßen Sie sie mal von mir.« »Klar, mach’ ich, Mrs. Wilson.« Dann lächelte sie einem älteren Mann am gegenüber- liegenden Ende der Zelle zu, dessen Namen sie sich noch nie hatte merken können und der noch nie Besuch hatte; der Mann lächelte zurück, wirkte aber eher schüchtern. Sie machte es sich auf dem kleinen Stahlstuhl bequem, öffnete die Handtasche und kramte nach der Zigaretten- schachtel. »Was hast du denn da auf dem Schoß, Harry?« Es handelte sich um einen etwa dreißig Zentimeter durch- messenden Ring aus hellem Holz, an dessen rundum be- festigten kleinen Ösen eine Unmenge blauer Strickwolle hing. »Ach, das da?« sagte Harry und hielt das Ding in die Höhe. »Strickrahmen nennt man das. Hab’ ich aus der Beschäftigungstherapie.« »Was für ein Rahmen?« »Strickrahmen. Also, man zieht mit der kleinen Häkel- nadel da irgendwie die Wolle über die Ösen um den Ring, rum, ungefähr so, und das geht dann so lang weiter, bis man ‘nen Schal oder ‘ne Wollmütze hat – so was in der Art.« »Aha, verstehe«, sagte Myra. »Was ähnliches haben wir oft gemacht, als ich noch Kind war, bloß daß wir ‘ne rich- tige kleine Zwirnrolle benutzt haben, mit Nägeln drin. Man wickelt einen Faden um die Nägel, zieht ihn dann durch die Rolle und hat zum Schluß so was wie ein Strickseil.« »Ah ja?« sagte Harry. »Mit ‘ner Zwirnrolle, hm? Ja, jetzt fällt’s mir wieder ein; ich glaub’, meine Schwester hat auch so ein Ding gehabt. Eine Zwirnrolle. Stimmt, das hier ist das gleiche System, bloß größer.« »Und was hast du da grad’ in der Mache?« »Och, keine Ahnung, ich spiel’ einfach ‘n bißchen rum damit. Vielleicht wird’s ‘ne Wollmütze oder so. Weiß noch nicht.« Er begutachtete seine Arbeit und drehte dabei den Strickrahmen hin und her; dann lehnte er sich zur Seite und verstaute den Ring in seinem Nachttisch. »Ist bloß, daß man was zu tun hat.« Sie hielt ihm die Schachtel hin; er nahm sich eine Ziga- rette. Als er sich nach vorne beugte, um die Flamme des Streichholzes zu erreichen, klaffte der gelbe Schlafanzug auf, und sie sah seinen unglaublich dürren Brustkorb, der auf der einen Seite, wo die Rippen fehlten, wie einge- drückt wirkte. Ganz kurz konnte sie den Rand der häß- lichen, frisch verheilten Narbe erkennen, die von der letzten Operation stammte. »Danke, Liebling«, sagte er, die Zigarette zitterte dabei zwischen den Lippen; er ließ sich in die Kissen zurück- sinken und streckte die in Socken steckenden Füße auf dem Bettlaken aus., »Wie geht’s dir denn so, Harry?« sagte sie. »Prima.« »Du siehst besser aus«, log sie. »Wenn du noch ‘n biß- chen zunimmst, dann siehst du sogar sehr gut aus.« »Zahltag«, sagte eine Stimme über den Radiolärm hin- weg. Myra wandte sich um und sah einen schmächtigen Mann im Rollstuhl durch den mittleren Gang heranfah- ren; er drehte die Räder, wie alle TB-Patienten, nicht mit den Händen, sondern schob den Stuhl, um den Druck auf die Brust zu vermeiden, langsam mit den Füßen voran. Auf Harrys Bett zusteuernd, begann er mit gelben Zäh- nen zu grinsen. »Zahltag«, wiederholte er und brachte den Rollstuhl neben dem Bett zum Stehen. Er trug eine Art Brustverband, aus dem ein Plastikschlauch ragte. Der Schlauch wand sich über das Oberteil seines Schlafan- zugs, war dort mit einer Sicherheitsnadel befestigt und mündete in eine kleine, mit einem Gummipfropfen ver- sehene Flasche, die schwer in seiner Brusttasche lastete. »Na los, auf geht’s«, sagte der Mann. »Zahltag.« »Ach so, ja!« sagte Harry lachend. »Hab’ ich total ver- schwitzt, Walter.« Er zog aus der Nachttischschublade einen Dollarschein und händigte ihn aus; der Mann fal- tete den Schein mit dürren Fingern zusammen und steck- te ihn zu der Flasche in die Brusttasche. »Okay, Harry«, sagte er. »Damit wären wir wieder quitt, alles klar?« »Alles klar, Walter.« Der Mann schob den Rollstuhl ein Stück zurück und wendete ihn. Myra sah, daß seine Brust, der Rücken und die Schultern völlig verschrumpelt und mißgestaltet waren. »Tut mir leid, daß ich gestört hab’«, sagte er und bedachte Myra mit einem anzüglichen Grinsen., Sie lächelte. »Schon gut.« Als er sich durch den Gang entfernt hatte, sagte sie: »Was war das denn?« »Och, wir hatten ‘ne Wette abgeschlossen, beim Box- kampf am Freitagabend. Hab’ gar nicht mehr dran ge- dacht.« »Aha. Kenn’ ich den Mann?« »Wen ... Walter? Klar, glaub’ schon, Liebling. Hast ihn bestimmt mal gesehn, als ich noch drüben in der Chir- urgie war. Der alte Walter war dort über zwei Jahre in Behandlung; haben ihn erst letzte Woche wieder herge- bracht. Für die Kinder war das ‘ne harte Zeit. Aber er läßt sich nicht unterkriegen.« »Was ist denn das für ein Ding in seinem Schlafanzug? Die Flasche?« »Er hat ‘ne Drainage«, sagte Harry und ließ sich in die gelben Kissen zurücksinken. »Der alte Walter ist ein guter Junge; bin froh, daß er wieder da ist.« Dann senkte er ver- traulich die Stimme. »Ehrlich gesagt, er ist einer von den wenigen wirklich guten Jungs, die’s auf der Station hier noch gibt, jetzt, wo so viele von der alten Clique fort sind oder drüben in der Chirurgie liegen.« »Magst du die Neuen denn nicht?« fragte Myra und sprach nun ihrerseits so leise, daß Red O’Meara, der noch nicht allzu lange hier war, nicht mithören konnte. »Also ich find’ die alle absolut nett.« »Och, die sind wohl schon in Ordnung«, sagte Harry. »Ich mein’ bloß, na ja, mit Typen wie Walter komm’ ich einfach besser zurecht. Wir haben eben schon ‘ne Menge miteinander durchgemacht. Was weiß ich. Die Neuen gehen einem manchmal auf die Nerven, so wie die reden. Zum Beispiel kennt sich keiner von denen mit Tuber- kulose aus, aber jeder meint, er weiß genau darüber Be-, scheid; die lassen sich überhaupt nichts sagen. Ich mein’, so was kann einem schon auf die Nerven gehn.« Myra sagte, sie glaube zu verstehen, was er meinte; inzwischen erschien es ihr besser, das Thema zu wech- seln. »Irene findet die Klinik richtig hübsch, mit dem Weihnachtsbaum und so.« »Ah ja?« Harry beugte sich sehr behutsam zur Seite und schnippte die Zigarette in den blanken Aschenbecher auf seinem Nachttisch. Sein langes Leben im Bett hatte ihm alles zur präzisen, peniblen Gewohnheit werden lassen. »Und wie läuft’s im Büro, Liebling?« »Och, eigentlich ganz gut. Ich hab’ dir doch von dem einen Mädchen erzählt, von Janet, die gefeuert wurde, weil sie zu lange Mittag gemacht hatte, und daß wir alle Angst hatten, sie streichen uns die halbstündige Mittags- pause.« »Aber ja«, sagte Harry. Ihr war klar, daß er sich über- haupt nicht mehr daran erinnerte und eigentlich gar nicht zuhörte. »Na ja, und jetzt sieht’s so aus, als hätten sich die Gei- ster wieder beruhigt; letzte Woche nämlich sind Irene und drei andere Mädchen fast zwei Stunden fortgeblieben, und keiner hat einen Mucks gesagt. Eins von den Mädchen, Rose, rechnet schon seit ein paar Monaten mit einem Rausschmiß, aber auch die hat nichts zu hören gekriegt.« »Ach wirklich?« sagte Harry. »Na, das ist ja schön.« Eine Pause entstand. »Harry?« sagte sie. »Ja, Liebling?« »Hast du schon was Neues erfahren?« »Was Neues?« »Ich mein’, weißt du inzwischen, ob du auch auf der anderen Seite operiert werden mußt?«, »Aber nein, Liebling, ich hab dir doch gesagt, die Ent- scheidung wird noch ‘ne Weile dauern ... ich mein’, das hab’ ich dir längst erklärt.« Sein lächelnder Mund und zugleich finsterer Blick sollten signalisieren, was für eine alberne Frage das war. Es war der gleiche Blick, mit dem er sie ganz am Anfang, vor langer Zeit, immer bedacht hatte, wenn sie ihn fragte: »Was meinst du, wann lassen sie dich wieder nach Hause?« Jetzt sagte er: »Tatsache ist, daß ich mich erst von dieser letzten Operation erholen muß. Bei dem Geschäft braucht alles seine Zeit; nach so ‘ner Operation dauert’s lange, bis man wieder richtig auf dem Damm ist, besonders wenn einer so eine Liste von Zusammenbrüchen vorweisen kann wie ich in den letzten – wieviel waren’s gleich? – vier Jahren. Nein, jetzt heißt’s noch ein Weilchen warten – vielleicht sechs Mo- nate, vielleicht auch länger, keine Ahnung – und zuse- hen, wie sich die andere Seite macht. Dann erst fällt die Entscheidung. Vielleicht komm’ ich noch mal in die Chir- urgie, vielleicht auch nicht. Bei dem Geschäft muß man mit allem rechnen, Liebling, das weißt du doch.« »Ja, natürlich, Harry, tut mir leid. Ich wollt’ keine blö- den Fragen stellen. Ich wollt’ bloß hören, na ja, wie’s dir geht und so. Hast du noch Schmerzen?« ^Überhaupt keine mehr«, sagte Harry. »Das heißt, so- lang ich den Arm nicht zu hoch strecke oder so. Wenn ich das mache, tut’s weh, und manchmal auch, wenn ich mich im Schlaf auf die schlimme Seite dreh, aber solang ich in ‘ner ... na ja ... halbwegs normalen Position bleibe, hab’ ich überhaupt keine Schmerzen.« »Wie schön«, sagte sie, »ich bin jedenfalls heilfroh, das zu hören Eine ganze Weile blieben sie stumm; im Lärm der, Radios, im Lärm von Gelächter und Husten, der von den übrigen Betten herüberdrang, wirkte das Schweigen der beiden befremdlich. Harry begann geistesabwesend in der Popular Science zu blättern. Myras Blick wanderte zu dem gerahmten Foto auf seinem Nachttisch, einem ver- größerten Schnappschuß, der die beiden kurz vor der Hochzeit zeigte, aufgenommen im Jahr 1945 in Michi- gan, im Hinterhof von Myras Mutter. Myra wirkte sehr jung auf diesem Bild, langbeinig in ihrem Rock; sie wuß- te weder, wie sie sich anziehen, noch wie sie dastehen sollte, sie wußte überhaupt nichts, und mit ihrem kind- lichen Lächeln war sie zu allem bereit. Und Harry – das verblüffende war, daß Harry auf dem Foto irgendwie älter aussah als heute. Vielleicht lag es daran, daß sein Gesicht und seine Figur seinerzeit fülliger waren, außer- dem tat natürlich die Kleidung ein übriges – die dunkle, mit Auszeichnungen drapierte Eisenhower-Jacke und die glänzenden Stiefel. O ja, mit seinem energischen Kinn und den stahlgrauen Augen hatte er damals gut ausge- sehen – viel besser zum Beispiel als ein ebenso statt- licher, ebenso kräftiger Mann wie Jack. Aber mittlerweile hatte sich durch den Gewichtsverlust etwas Weiches um seine Lippen und Augen gelegt, und das ließ ihn wie einen schmächtigen kleinen Jungen erscheinen. Sein Ge- sicht hatte sich verändert und paßte zum Schlafanzug. »Bin wirklich froh, daß du mir die hier mitgebracht hast«, sagte Harry und wies auf die Popular Science. »Steht ein Artikel drin, den ich gleich lesen muß.« »Fein«, sagte sie, wollte aber eigentlich sagen: Kann das nicht warten, bis ich gegangen bin? Harry legte die Zeitschrift, mit dem Titelblatt nach unten, zur Seite, kämpfte gegen den Drang an, darin zu lesen,, und sagte: »Und wie geht’s sonst, Liebling? Ich mein’, außer im Büro?« »Gut«, sagte sie. »Mutter hat neulich geschrieben, einen Brief zu Weihnachten. Sie läßt dich herzlich grüßen.« »Fein«, sagte Harry; die Zeitschrift gewann inzwischen die Oberhand. Er fing wieder an zu blättern, schlug den betreffenden Artikel auf und las, als wollte er sich nur vergewissern, daß es sich um den richtigen Artikel han- delte, ganz beiläufig ein paar Zeilen, bis er schließlich völlig darin vertieft war. Myra zündete sich am Stummel ihrer letzten Zigarette eine neue an, nahm die Life zur Hand und begann zu blättern. Ab und zu hob sie den Kopf und warf einen Blick auf ihren Mann; er lag da, kaute beim Lesen an einem Fingerknöchel herum und kratzte sich mit dem gekrümmten großen Zeh des einen Fußes durch die Sok- ken hindurch an der Sohle des anderen. So ging der Rest der Besuchszeit dahin. Kurz vor acht Uhr erschien eine Gruppe von Leuten, die lächelnd ein Klavier auf Gummirädchen durch den Gang rollten – Mitarbeiter des Roten Kreuzes, die für die Sonntagabend- unterhaltung zuständig waren. Mrs. Balacheck führte die Prozession an, eine freundliche, korpulente Frau in Uni- form; sie war die Pianistin. Als nächstes kam das Klavier selbst, geschoben von einem bleichen jungen Tenor mit ständig feuchten Lippen, und dahinter folgten die Sänge- rinnen: eine aufgedunsene Sopranistin in einem Taftkleid, das unter den Armen wohl etwas zu eng war, und eine schlanke, streng blickende Altistin mit einer Aktenmappe. Ganz in der Nähe von Harrys Bett, ungefähr in der Mitte der Krankenstation, brachte man das Klavier zum Stehen, und die Musiker begannen ihre Noten auszupacken., Harry blickte von seiner Lektüre auf. »‘n Abend, Mrs. Balacheck.« Sie wandte sich ihm mit blitzenden Brillengläsern zu. »Wie geht’s Ihnen heut abend, Harry? Haben Sie Lust auf ein paar Weihnachtslieder?« »Klar, Ma’am.« Nacheinander gingen die Radios aus, und die Gesprä- che verstummten. Doch noch ehe Mrs. Balacheck in die Tasten greifen konnte, tauchte eine stämmige Schwester auf, stapfte auf Gummiabsätzen durch den Gang und wies die Musiker mit ausgestreckter Hand an, zu warten, bis sie etwas verkündet hatte. Mrs. Balacheck lehnte sich zurück, worauf die Schwester den Hals reckte und erst in die eine, dann in die andere Richtung der Station rief; »Besuchszeit ist um!« Dann ließ sie hinter ihrem steri- lisierten leinenen Mundschutz ein Lächeln erkennen, nickte Mrs. Balacheck zu und stapfte wieder davon. Nachdem die Musiker sich im Flüsterton kurz beraten hatten, begann Mrs. Balacheck, zur Einstimmung und um die störenden Geräusche der sich verabschiedenden Besucher zu übertönen, mit bebenden Wangen »Jingle Bells« zu spielen; die Sänger zogen sich ein wenig zurück und husteten leise vor sich hin – sie warteten darauf, daß die Zuhörer wieder zur Ruhe kamen. »Ach du Schande«, sagte Harry, »hab’ gar nicht mit- gekriegt, daß es schon so spät ist. Komm, ich bring’ dich noch raus zur Tür.« Er setzte sich behutsam auf und schwang die Beine aus dem Bett. »Nein, laß mal, Harry«, sagte Myra. »Bleib ruhig liegen.« »Nein, ist schon okay«, sagte er und schob die Füße in seine Hausschuhe. »Gibst du mir mal den Bademantel, Liebling?« Er stand auf, und sie half ihm in den cordsam-, tenen Bademantel, ein Kleidungsstück der Kriegsvetera- nen, das ihm sichtlich zu kurz war. »Gute Nacht, Mr. Chance«, sagte Myra; Mr. Chance nickte ihr grinsend zu. Sie verabschiedete sich von Red O’Meara und dem älteren Mann und wünschte auch Walter im Rollstuhl eine gute Nacht, als sie durch den Gang an ihm vorbeischritten. Dann hakte sie sich bei Harry unter und paßte sich – entsetzt darüber, wie dünn sein Arm war – sehr vorsichtig seinen langsamen Schrit- ten an. Vor der kleinen Gruppe verlegener Besucher, die sich im kleinen Wartezimmer aufhielten, blieben sie ste- hen und sahen einander an. »Tja«, sagte Harry, »dann mach’s mal gut, Liebling. Bis nächste Woche.« »Puuh«, sagte die Mutter eines Patienten, als sie mit hochgezogenen Schultern zur Tür hinausstapfte, »ist das eine Kälte heut abend.« Sie drehte sich um und winkte ihrem Sohn noch einmal zu; dann nahm sie ihren Mann am Arm und ging die Treppe zum schneeverwehten Fuß- weg hinunter. Jemand stellte sich an die Tür und hielt sie den übrigen Besuchern auf, worauf ein kalter Luftzug den Raum erfüllte; schließlich ging die Tür wieder zu, und Myra und Harry waren allein. »Na denn, Harry«, sagte Myra, »du gehst jetzt zurück in dein Bett und hörst dir die Musik an.« Wie er im offenen Bademantel so dastand, wirkte er sehr gebrechlich. Sie langte nach vorn, machte den Mantel sorgfältig zu, griff sich den herabbaumelnden Gürtel und schlang ihn zu einem festen Knoten; Harry lächelte sie an. »Jetzt aber marsch zurück ins Bett«, sagte sie, »sonst holst du dir noch ‘ne Erkältung.« »Okay. Gute Nacht, Liebling.«, »Gute Nacht«, sagte sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuß auf die Wange. »Gute Nacht, Harry.« An der Tür drehte sie sich noch einmal um und sah ihm nach, wie er in seinem zu kurzen, hochtaillierten Bademantel zur Station zurücktappte. Dann trat sie nach draußen, ging die Treppe hinunter und schlug in der jähen Kälte den Mantelkragen hoch. Martys Wagen war noch nicht da; die Straße war leer, bis auf die kleiner wer- denden Gestalten der übrigen Besucher, die auf dem Weg zur Bushaltestelle vor dem Verwaltungsgebäude soeben eine Straßenlaterne passierten. Sie raffte den Mantel enger um sich und blieb, zum Schutz vor dem Wind, direkt vor dem Klinikbau stehen. Drinnen verklang »Jingle Bells«, gedämpfter Applaus setzte ein, und kurz darauf begann das eigentliche Pro- gramm. Das Klavier ließ ein paar getragene Akkorde ertö- nen, dann erhoben sich die Stimmen: »Hört, die Engel nah und fern, Sie singen die Geburt des Herrn ...« Myra schnürte es plötzlich die Kehle zu, die Straßenlater- nen verschwammen vor den Augen. Sie schob sich die Faust in den Mund und begann jämmerlich zu schluch- zen; kleine Atemwölkchen schwebten im Dunkel davon. Es dauerte lange, bis sie sich wieder in den Griff bekam, und jedesmal, wenn sie schniefend Luft holte, ertönte ein schrilles Geräusch, das klang, als hätte man es meilen- weit hören können. Schließlich war es vorbei, oder im- merhin fast vorbei; es gelang ihr, die Schultern unter Kontrolle zu bringen, sich die Nase zu schneuzen, das Taschentuch wegzustecken und die Handtasche mit wie- dergewonnener Routine zuzuklappen., Kurz darauf tauchten die Wagenscheinwerfer auf der Straße auf. Sie lief den Fußweg hinunter, stellte sich in den Wind und wartete. Im Wagen hing warmer Whiskeydunst um die kirsch- roten Glühpünktchen der Zigaretten, und Irene rief mit schriller Stimme: »Puuh! Beeil dich mal ‘n bißchen, und mach die Tür zu!« Kaum war die Tür zugefallen, zog Jack sie an sich und sagte leise mit gaumiger Stimme: »Hallo, Süße.« Sie hatten alle einen kleinen Schwips; sogar Marty war in gehobener Stimmung. »Alles festhalten!« rief er, als sie mit Schwung das Verwaltungsgebäude umkurvten, am Christbaum vorbeirauschten, in die Gerade einscher- ten und mit wachsendem Tempo aufs Eingangstor zufuh- ren. »Alles festhalten!« Irenes Gesicht schwebte über die Rücklehne des Beifah- rersitzes und begann loszuschnattern. »Myra, Herzchen, hör zu, wir haben da an der Straße ‘ne wunderhübsche kleine Kneipe aufgetan, so was wie ‘ne Raststätte, bloß viel billiger und so. Und da fahren wir jetzt mit dir auf ‘nen kleinen Drink noch mal hin, okay?« »Klar«, sagte Myra, »gern.« »Weil, ich mein’, wir haben dir eh schon ‘n guten Zak- ken voraus ... jedenfalls möcht’ ich, daß du die Kneipe mal kennenlernst... Marty, fahr langsamer!« Sie lachte. »Also ehrlich, bei jedem andren Fahrer, der so viel intus hat wie er, würd’ ich Todesängste ausstehn. Aber beim ollen Marty braucht man sich keine Sorgen zu machen. Marty ist der beste Fahrer der Welt, ob nüchtern oder besoffen, das ist mir völlig egal.« Aber die beiden hörten überhaupt nicht zu. In einen Kuß versunken, schob Jack ihr die Hand unter den Man-, tel und ließ sie routiniert zwischen und unter die übrigen Schichten gleiten, bis er an ihrer Brust angelangt war. »Bist schon total verrückt nach mir, Süße?« murmelte er ihr zwischen die Lippen. »Hast noch Lust auf ‘nen klei- nen Drink?« Ihre Hände strichen ihm über den massigen Rücken und krallten sich daran fest. Dann drehte er sie so zu sich hin, daß er mit der anderen Hand heimlich an ihrem Schenkel hinaufpirschen konnte. »Klar«, flüsterte sie, »aber bloß einen, und danach ... « »Okay, Süße, okay.« »... und danach, Schatz, gehn wir gleich nach Hause.«,

Ein Masochist

Als Walter Henderson neun Jahre alt war, glaubte er eine Weile lang, daß nichts romantischer war, als tot umzufal- len, und ein paar seiner Freunde glaubten es ebenfalls. Da sie fanden, daß der einzig wahrhaft lohnende Teil eines Räuber-und-Gendarm-Spiels der Augenblick war, wenn sie vorgaben, erschossen zu werden, sich ans Herz faß- ten, die Pistole fallen ließen und zu Boden sanken, ließen sie den Rest bald weg – die ermüdende Aufgabe, zwei Gruppen zu bilden und herumzuschleichen – und redu- zierten das Spiel auf das Wesentliche. Es wurde zu einer Sache von individuellen Auftritten, nahezu zu einer Kunst. Einer von ihnen lief auf bühnengerechte Weise über die Kuppe eines Hügels und wurde zu einem bestimmten Zeitpunkt aus dem Hinterhalt angegriffen: ein gleichzei- tiges Zucken der erhobenen Spielzeugpistolen und das vielstimmige kehlige Stakkato – eine Art heiser geflüster- tes »Peng-peng-peng!« –, mit dem kleine Jungs das Geräusch von Schüssen simulieren. Daraufhin blieb der Darsteller abrupt stehen, drehte sich um, verharrte einen Augen- blick lang in einer Haltung anmutiger Agonie, stürzte dann zu Boden und rollte in einem Wirbel aus Armen und Beinen und in einer großartigen Staubwolke den Hügel hinunter, an dessen Fuß er schließlich hingestreckt liegenblieb, einer verkrumpelten Leiche gleich. Wenn er aufstand und seine Kleidung säuberte, kritisierten die, anderen seinen Auftritt (»Ziemlich gut« oder »Zu steif« oder »Hat nicht echt ausgesehen«), und dann war der nächste an der Reihe. Aus mehr bestand das Spiel nicht, aber Walter Henderson liebte es. Er war ein schmächtiger Junge mit schlechter motorischer Koordination, und das Spiel war die einzige annäherungsweise sportliche Aktivi- tät, bei der er sich auszeichnete. Niemand konnte es mit seiner Hingabe aufnehmen, mit der er seinen schlaffen Körper den Abhang hinunterrollen ließ, und er schwelgte in dem geringen Beifall, den er bekam. Nachdem ältere Jungen sie ausgelacht hatten, begann das Spiel die ande- ren schließlich zu langweilen; Walter wandte sich wider- willig zuträglicheren Spielen zu, und bald hatte er es ver- gessen. Aber er hatte Anlaß, sich lebhaft daran zu erinnern, eines Nachmittags im Mai fast fünfundzwanzig Jahre später, in einem Bürogebäude in der Lexington Avenue, während er an seinem Schreibtisch saß, vorgab zu arbei- ten und darauf wartete, gefeuert zu werden. Er war jetzt ein ernsthafter, gutaussehender junger Mann, seine Klei- dung spiegelte den Einfluß einer Ostküstenuniversität wider, und sein ordentliches braunes Haar begann sich oben leicht zu lichten. Jahre guter Gesundheit hatten ihn weniger schmächtig gemacht, und obwohl er immer noch Schwierigkeiten hatte, seine Bewegungen miteinan- der abzugleichen, zeigte sich das heutzutage meist nur noch in kleineren Dingen wie zum Beispiel in seiner Un- fähigkeit, seinen Hut, seine Brieftasche, die Theaterkarten und das Wechselgeld zu koordinieren, ohne daß seine Frau stehenbleiben und auf ihn warten mußte, oder in seiner Neigung, heftig gegen Türen zu drücken, auf denen »Ziehen« stand. Jedenfalls wirkte er, wie er da in seinem, Büro saß, wie ein Abbild von Gesundheit und Kompe- tenz. Niemand ahnte, daß unter seinem Hemd kalter Angstschweiß an ihm hinunterrann oder daß die Finger seiner linken Hand, versteckt in der Tasche, langsam ein Streichholzbriefchen zerrissen und zu einem feuchten Brei aus Pappe zermalmten. Seit Wochen hatte er es vor- hergesehen, und heute morgen, in dem Augenblick, als er aus dem Aufzug trat, hatte er gespürt, daß es an die- sem Tag passieren würde. Als mehrere seiner Vorgesetz- ten »Guten Morgen, Walt« sagten, entdeckte er eine ganz leise Andeutung von Sorge hinter ihrem Lächeln; und heute nachmittag, als er über die Schwingtür des kleinen abgeteilten Raums, in dem er arbeitete, schaute, traf sich sein Blick zufällig mit dem von George Crowell, dem Ab- teilungsleiter, der mit Papieren in der Hand zögernd auf der Schwelle zu seinem Büro stehenblieb. Crowell wandte sich rasch ab, aber Walter wußte, daß er ihn beobachtet hatte, besorgt, aber entschlossen. Nach wenigen Minuten war er sicher, daß Crowell ihn zu sich rufen und ihm die Kündigung mitteilen würde – unter Mühen selbstver- ständlich, weil Crowell die Art Boß war, die stolz darauf war, ein Pfundskerl zu sein. Es gab jetzt nichts weiter zu tun, als es geschehen zu lassen und zu versuchen, es mit so viel Anstand wie möglich hinzunehmen. Und von da an ließ ihm die Kindheitserinnerung keine Ruhe mehr, denn plötzlich kam ihm die Erkenntnis – und ihre Wucht ließ ihn den Daumennagel tief in das ver- steckte Streichholzbriefchen bohren –, daß es in gewisser Weise ein Muster seines Lebens war, Dinge geschehen zu lassen und sie mit Anstand hinzunehmen. Er konnte gewiß nicht in Abrede stellen, daß ihn die Rolle des guten Verlierers stets übermäßig angezogen hatte. Während sei-, ner Jugend hatte er sich darauf spezialisiert, er hatte bereit- willig Kämpfe mit stärkeren Jungen verloren und schlecht Football gespielt in der geheimen Hoffnung, verletzt und auf dramatische Weise vom Platz getragen zu werden (»Eins muß man dem alten Henderson jedenfalls lassen«, hatte der Trainer in der Highschool gesagt und dabei in sich hineingelacht, »er ist wirklich ein kleiner Maso- chist«). Das College hatte ihm eine größere Bandbreite für sein Talent geboten – es gab Prüfungen, durch die man rasseln, und Wahlen, die man verlieren konnte –, und später hatte es ihm die Air Force ermöglicht, ehren- haft als Flugkadett auszuscheiden. Und jetzt schien es, unvermeidlicherweise, daß er wieder einmal zu Hoch- form auflaufen sollte. Die Stellen, die er vor dieser inne- gehabt hatte, waren Anfängerjobs gewesen, wo man kaum etwas falsch machen konnte; als sich die Gelegenheit zu dieser Stelle bot, war es, mit Crowells Worten, »eine rich- tige Herausforderung« gewesen. »Gut«, hatte Walter gesagt. »Das ist es, wonach ich suche.« Als er diesen Teil des Gesprächs seiner Frau schil- derte, sagte sie: »Oh, wunderbar«, und daraufhin waren sie in eine teure Wohnung in der Upper Eastside gezogen. Als er in jüngster Zeit niedergeschlagen nach Hause kam und dunkel andeutete, daß er bezweifle, ob er noch lange durchhalten könne, schärfte sie den Kindern ein, ihn nicht zu belästigen (»Papa ist heute abend sehr müde«), brachte ihm einen Drink und beruhigte ihn mit umsich- tigen, ehefraulichen Beteuerungen, tat ihr Bestes, um ihre Angst zu verbergen, und hatte keine Ahnung oder zeigte es zumindest nicht, daß sie es mit einem chronischen, zwanghaften Versager zu tun hatte, mit einem merkwür- digen kleinen Jungen, der in die Pose des Zusammen-, bruchs verliebt war. Und das Erstaunliche, dachte er, das wirklich Erstaunliche war, daß er selbst es nie zuvor so gesehen hatte. »Walt?« Die Tür zu seinem Büroabteil schwang auf, und George Crowell stand da und blickte unbehaglich drein. »Kön- nen Sie kurz in mein Büro kommen?« »Gut, George,« Und Walter folgte ihm aus seinem Abteil durch das Großraumbüro, spürte die vielen Blicke in seinem Rücken. Würde behalten, sagte er sich. Wichtig war, Würde zu behalten. Dann schloß sich die Tür hinter ihnen, und die beiden waren allein in der Stille von Cro- wells mit Teppichboden ausgelegtem Büro. In der Ferne, einundzwanzig Stockwerke weiter unten, wurde gehupt; die einzigen anderen Geräusche waren ihr Atem, das Knarzen von Crowells Schuhen, als er zu seinem Schreib- tisch ging, und das Quietschen des Drehstuhls, als er sich setzte. »Setzen Sie sich, Walt«, sagte er. »Zigarette?« »Nein, danke.« Walter setzte sich und schlang die Fin- ger zwischen den Knien fest ineinander. Crowell schloß die Zigarettenschachtel, ohne selbst eine zu nehmen, schob sie beiseite, neigte sich vor und legte beide Hände flach auf die Glasplatte seines Schreib- tischs. »Walt, ich möchte nicht um den heißen Brei her- umreden«, sagte er, und der letzte Funken Hoffnung er- losch. Das Komische war, daß es dennoch ein Schock war. »Mr. Harvey und ich haben seit einiger Zeit das Gefühl, daß unsere Arbeit hier nicht so recht Anklang fin- det bei Ihnen, und wir sind beide widerstrebend zu dem Schluß gekommen, daß es am besten wäre, in Ihrem Interesse und in unserem, Sie gehen zu lassen. Das ist«, fügte er rasch hinzu, »nicht gegen Sie persönlich gemeint,, Walt. Wir haben hier eine hochspezialisierte Arbeit, und wir können nicht von jedem erwarten, daß er immer auf dem neuesten Stand ist. Besonders in Ihrem Fall sind wir wirklich der Meinung, daß Sie glücklicher wären in einer Firma, die besser zu Ihren ... Fähigkeiten paßt.« Crowell lehnte sich zurück, und als er die Hände hob, blieben auf dem Glas zwei feuchte graue Abdrücke zu- rück, wie die Hände eines Skeletts. Walter starrte sie fas- ziniert an, während sie schrumpften und sich auflösten. »Nun«, sagte er und blickte auf. »Sie haben das sehr freundlich ausgedrückt, George. Danke.« Crowells Lippen verzogen sich zu einem bedauernden Pfundskerllächeln. »Es tut mir schrecklich leid«, sagte er. »So etwas passiert einfach.« Und er begann, an den Knäufen seiner Schreibtischschubladen herumzufummeln, sichtlich erleichtert, daß das Schlimmste vorbei war. »Also«, sagte er, »wir haben einen Scheck ausgestellt über Ihr Gehalt bis Ende nächsten Monats. Damit haben Sie etwas – eine Abfindung sozusagen –, womit Sie über die Zeit hinwegkommen, bis Sie etwas finden.« Er reichte ihm einen länglichen Umschlag. »Das ist sehr großzügig«, sagte Walter. Dann herrschte Schweigen, und Walter wurde klar, daß er es brechen mußte. Er stand auf. »In Ordnung, George. Ich will Sie nicht länger aufhalten.« Crowell stand rasch auf und ging um den Schreibtisch, beide Hände ausgestreckt – eine, um Walter die Hand zu schütteln, die andere, um sie ihm auf die Schulter zu le- gen, als sie zur Tür gingen. Diese Geste, zugleich freundlich und demütigend, schnürte Walter kurz die Kehle zu, und einen schrecklichen Augenblick lang dachte er, er würde weinen. »Also, mein Junge«, sagte George, »viel Glück.«, »Danke«, sagte er und war so erleichtert über den festen Klang seiner Stimme, daß er es lächelnd wiederholte. »Danke. Auf Wiedersehen, George.« Die Entfernung zu seinem Büroabteil betrug ungefähr fünfzehn Meter, und Walter Henderson legte sie mit Hal- tung zurück. Er war sich bewußt, wie adrett und gerade seine gestrafften Schultern in Croweils Augen aussehen mußten; und während er an den Schreibtischen und Kol- legen vorbeiging, die entweder zaghaft zu ihm aufblick- ten oder wirkten, als ob sie es gern tun würden, war er sich zudem jeder feinen Regung seines gut kontrollierten Mienenspiels bewußt. Es war wie eine Szene in einem Film. Die Kamera hatte zuerst Crowells Standpunkt ein- genommen und war dann zurückgefahren, um das ge- samte Büro als Rahmen für die Gestalt Walters auf ihrem einsamen würdevollen Gang einzusetzen; jetzt hielt die Kamera in einer langen Nahaufnahme auf ihn, schwenkte kurz auf die sich wendenden Köpfe seiner Kollegen (Joe Collins, der besorgt dreinblickte, Fred Holmes, der ver- suchte, sich nicht zu freuen) und nahm dann Walters Per- spektive ein, als er das unscheinbare, ahnungslose Gesicht von Mary, seiner Sekretärin, entdeckte, die neben seinem Schreibtisch auf ihn wartete mit einem Bericht, den sie für ihn getippt hatte. »Ich hoffe, er ist in Ordnung, Mr. Henderson.« Walter nahm ihn und warf ihn auf den Schreibtisch. »Vergessen Sie’s, Mary«, sagte er. »Sie können den Rest des Tages freinehmen, und morgen früh gehen Sie in die Personalabteilung. Sie werden eine neue Arbeit kriegen, ich bin gerade gefeuert worden.« Ihre erste Reaktion war ein kleines argwöhnisches Lä- cheln – sie glaubte, er würde scherzen –, aber dann wurde, sie blaß und wirkte erschüttert. Sie war sehr jung und nicht allzu intelligent; in der Sekretärinnenschule hatten sie ihr wahrscheinlich nie erzählt, daß ihr Boß gefeuert werden könnte. »Aber das ist ja schrecklich, Mr. Hender- son. Ich ... also, aber warum tun sie so etwas?« »Ach, ich weiß nicht«, sagte er. »Aus vielen kleinen Grün- den vermutlich.« Er zog die Schubladen seines Schreib- tisches auf und knallte sie wieder zu, nachdem er seine Sachen herausgenommen hatte. Es waren nicht viele: eine Handvoll alter privater Briefe, ein ausgetrockneter Füllfederhalter, ein Feuerzeug ohne Feuerstein und ein halber Schokoladenriegel, eingewickelt in Papier. Er war sich bewußt, wie prägnant diese Dinge in ihren Augen aussehen mußten, als sie ihm dabei zuschaute, wie er sie sortierte und seine Taschen damit füllte, und er war sich der Würde bewußt, mit der er sich aufrichtete, umdrehte, seinen Hut vom Ständer nahm und ihn aufsetzte. »Sie betrifft das natürlich nicht, Mary«, sagte er. »Sie werden morgen eine neue Arbeit kriegen. Also.« Er reichte ihr die Hand. »Viel Glück.« »Danke. Ihnen auch. Also dann, guten Abend« – sie führte die Hand mit den abgekauten Fingernägeln an den Mund und kicherte unsicher –, »ich meine, auf Wieder- sehen, Mr. Henderson.« Der nächste Teil der Filmszene fand am Wasserbehälter statt, neben dem Joe Collins’ nüchterner Blick sich mit Mitgefühl anreicherte, als Walter sich ihm näherte. »Joe«, sagte Walter. »Ich gehe. Bin rausgeflogen.« »Nein!« Aber Collins’ erschrockene Miene war unver- kennbar ein Akt der Freundlichkeit; es konnte keine große Überraschung gewesen sein. »Himmel, Walt, was ist nur los mit diesen Leuten?«, Dann stimmte Fred Holmes mit ein, sehr ernst und vol- ler Bedauern, doch sichtlich erfreut über die Neuigkeit. »Mensch, Junge, das ist eine verdammte Schande.« Walter ging mit den beiden zum Aufzug, wo er auf den »Abwärts«-Knopf drückte; und plötzlich näherten sich ihm Kollegen aus allen Ecken des Büros, ihre Gesichter starr vor Sorge, die Hände ausgestreckt. »Tut mir schrecklich leid, Walt ...« »Viel Glück, mein Junge ..,« »Melde dich, okay, Walt? ...« Walter nickte, lächelte, schüttelte Hände und sagte: »Danke« und »Bis bald« und »Das werde ich«; dann leuchtete das rote Licht über einer der Aufzugtüren mit einem kleinen mechanischen Ding! auf, und nach ein paar weiteren Sekunden glitten die Türen auf, und der Fahrstuhlführer sagte: »Nach unten!« Walter betrat die Kabine, noch immer starr lächelnd, und winkte den ern- sten, redenden Männern einen munteren Gruß zu, und als die Türen sich schlossen, arretierten und die Aufzug- kabine lautlos durch den Raum fiel, fand die Szene ihren perfekten Abschluß. Die ganze Fahrt hinunter stand er da mit dem geröte- ten, strahlenden Ausdruck eines von Freude erfüllten Man- nes; erst als er auf der Straße war und rascher ausschritt, wurde ihm klar, wie vollkommen wohl er sich gefühlt hatte. Der schwere Schock dieser Erkenntnis bremste ihn, bis er anhielt und eine knappe Minute lang vor einem Ge- bäude stehenblieb. Die Kopfhaut prickelte unter seinem Hut, und seine Finger begannen, am Knoten seiner Kra- watte und an den Knöpfen seines Jacketts herumzufum- meln. Er kam sich vor, als hätte er sich bei einer obszö-, nen, schändlichen Handlung ertappt, und nie zuvor hatte er sich so hilflos, so verängstigt gefühlt. Dann, in einem Ausbruch von Tatendrang, setzte er sich erneut in Bewegung, rückte den Hut zurecht, biß die Zähne zusammen, trat hart mit den Absätzen auf, versuchte, eilig, ungeduldig, von Geschäften vorwärts ge- drängt zu wirken. Ein Mann konnte sich selbst in den Wahnsinn treiben, wenn er versuchte, sich mitten am Nachmittag mitten auf der Lexington Avenue zu psycho- analysieren. Er mußte etwas unternehmen und sich eine neue Arbeit suchen. Das einzige Problem, so wurde ihm klar, und wieder blieb er stehen und schaute sich um, bestand darin, daß er nicht wußte, wohin er ging. Er war irgendwo in den hohen vierziger Straßen, an einer Ecke, an der Blumen- läden und Taxis leuchteten, belebt von gutgekleideten Männern und Frauen, die durch die klare Frühlingsluft gingen. Als erstes brauchte er ein Telefon. Er hastete über die Straße in einen Drugstore und bahnte sich durch die Gerüche von Seife und Parfüm, Ketchup und Speck einen Weg zu der Reihe von Telefonzellen an der hinteren Wand; er holte sein Adreßbuch heraus und schlug die Seite mit den Stellenvermittlungsbüros auf, die seine Bewerbungs- unterlagen hatten; dann holte er eine Münze hervor und betrat eine Telefonzelle. Aber alle Stellenvermittlungen sagten ihm das gleiche: im Augenblick keine freien Stellen auf seinem Gebiet; sinnlos, daß er bei ihnen vorbeikomme, solange sie ihn nicht anriefen. Als er damit durch war, suchte er wieder nach seinem Adreßbuch, um die Nummer eines Bekann- ten nachzuschlagen, der ihm einen Monat zuvor erzählt hatte, daß es in seinem Büro vielleicht bald eine freie, Stelle gäbe. Das Adreßbuch befand sich nicht in der Innentasche seines Jacketts; er suchte es in den anderen Taschen des Jacketts und dann in den Hosentaschen, stieß dabei schmerzhaft mit dem Ellbogen gegen die Wand der Telefonzelle, aber er fand nur die alten Briefe und das Stück Schokolade aus seinem Schreibtisch. Flu- chend warf er die Schokolade auf den Boden und trat darauf, als wäre sie eine brennende Zigarette. Diese An- strengungen in der Hitze der Telefonzelle ließen ihn flach und schnell atmen. Er fühlte sich schwach, als er das Adreßbuch endlich sah, vor sich auf dem Münztelefon, wohin er es gelegt hatte. Sein Finger zitterte, als er wählte, und als er sprach und mit der freien Hand den Kragen von seinem schwitzenden Hals zerrte, klang seine Stim- me kläglich und aufdringlich wie die eines Bettlers. »Jack«, sagte er. »Ich habe mich gefragt ... ich habe mich nur gefragt, ob du was Neues über die freie Stelle weißt, die du vor einiger Zeit erwähnt hast ... « »Über was?« »Die freie Stelle. Du weißt schon. Du hast gesagt, daß es vielleicht eine freie Stelle in deinem ...« »Ach, das. Nein, ich habe nichts gehört, Walt. Ich wer- de mich melden, wenn es was Neues gibt.« »Okay, Jack.« Er schob die Tür der Telefonzelle auf und lehnte sich gegen die Wand aus gestanztem Blech, atmete tief ein, um die kühle Luft aufzunehmen. »Ich dachte nur, du hättest es vielleicht vergessen«, sagte er. Seine Stimme klang fast wieder normal. »Tut mir leid, wenn ich dich gestört habe.« »Ist schon in Ordnung«, sagte die herzliche Stimme in der Hörmuschel. »Was ist los, Junge? Wird die Lage brenzlig dort, wo du bist?«, »Oh, nein«, hörte Walter sich sagen, und er war sofort froh über die Lüge. Er log fast nie, und es überraschte ihn immer, wie einfach es sein konnte. Seine Stimme wurde zuversichtlicher. »Mir geht es gut hier, Jack, ich wollte nur nicht ... du weißt schon, ich dachte, du hättest es vielleicht vergessen, das ist alles. Wie geht’s der Fa- milie?« Nachdem sie das Gespräch beendet hatten, meinte er, daß es nichts weiter zu tun gab, als nach Hause zu gehen. Aber er blieb noch lange in der offenen Telefonzelle sit- zen, die Füße auf den Boden des Drugstores hinausge- streckt, bis ein kleines, gerissenes Lächeln seine Lippen umspielte, langsam erlosch und einem Ausdruck gewohn- ter Stärke wich. Die Mühelosigkeit der Lüge hatte ihn auf eine Idee gebracht, die, je länger er darüber nachdachte, zu einer weitreichenden und revolutionären Entschei- dung heranwuchs. Er würde es seiner Frau nicht erzählen. Mit etwas Glück fände er irgendeine Arbeit, bevor der Monat vorbei wäre, und in der Zwischenzeit würde er zumindest dieses eine Mal in seinem Leben seine Sorgen für sich behalten. Heute abend, wenn sie ihn nach seinem Tag fragte, wür- de er sagen: »Ach, er war in Ordnung«, oder sogar: »Gut.« Morgens würde er zur üblichen Zeit aus dem Haus gehen und den ganzen Tag fortbleiben, und so würde er es jeden Tag machen, bis er eine Arbeit gefunden hätte. Der Ausdruck »reiß dich zusammen« schoß ihm durch den Kopf, und die Art, wie er sich dort in der Telefonzelle zusammenriß, die Münzen einsammelte, seine Krawatte zurechtzog und dann auf die Straße hinausging, zeugte von mehr als nur Entschlossenheit: sie zeugte von vor- nehmer Würde., Bis er normalerweise nach Hause kam, waren noch mehrere Stunden totzuschlagen, und als er die Zweiund- vierzigste Straße Richtung Westen entlangging, beschloß er, sie in der Public Library totzuschlagen. Von seiner eigenen Wichtigkeit erfüllt, stieg er die breite Steintreppe hinauf, und bald saß er im Lesesaal, blätterte in einem gebundenen Band der Ausgaben des Life-Magazins vom letzten Jahr und ging seinen Plan wieder und wieder durch, erweiterte und vervollkommnete ihn. Er war klug genug, um zu wissen, daß diese tagtäg- liche Täuschung nicht einfach würde. Sie erforderte die beständige Wachsamkeit und Schläue eines Kriminellen. Aber war es nicht gerade die Schwierigkeit des Plans, die ihn lohnend machte? Und am Ende, wenn alles vorbei wäre und er es ihr endlich erzählen könnte, wäre der Lohn jede Minute der schweren Prüfung wert. Er wußte, wie sie ihn ansehen würde, wenn er es ihr erzählte – zuerst völlig ungläubig und dann, langsam, würde ihr Blick von einer Art von Hochachtung erfüllt, wie er sie in ihren Augen seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. »Du willst sagen, daß du es die ganze Zeit für dich behalten hast? Aber warum, Walt?« »Ach, na ja«, würde er beiläufig sagen, sogar die Achseln zucken, »ich habe keinen Grund gesehen, dich zu beun- ruhigen.« Als es an der Zeit war, die Bibliothek zu verlassen, blieb er eine Weile vor dem Eingang stehen, zog heftig an einer Zigarette und blickte hinunter auf den Fünf-Uhr-Verkehr und die Menschenscharen. Dieser Ort war für ihn mit einer besonderen Erinnerung verbunden, denn hier hatte er sie zum ersten Mal getroffen, an einem Frühlingsabend vor fünf Jahren. »Können wir uns oben auf der Treppe zur, Bibliothek treffen?« hatte sie ihn an jenem Morgen am Telefon gefragt, und erst viele Monate später, nachdem sie bereits verheiratet waren, hatte er sich über den Treff- punkt gewundert. Als er sie dann danach fragte, lachte sie. »Selbstverständlich war es beschwerlich – darum ging es ja. Ich wollte oben stehen, wie eine Prinzessin in einem Schloß oder so, und du solltest die vielen schönen Stufen hinaufsteigen, um Anspruch auf mich zu erheben.« Und genauso war es ihm erschienen. An jenem Tag hatte er das Büro zehn Minuten früher verlassen und war zu Grand Central geeilt, um sich in einer glänzenden unter- irdischen Toilette zu waschen und zu rasieren; ungedul- dig hatte er gewartet, während ein sehr alter, dicker, träger Bediensteter seinen Anzug zum Bügeln brachte. Nach- dem er dem Mann mehr Trinkgeld gegeben hatte, als er sich leisten konnte, war er nach draußen und die Zweiund- vierzigste Straße entlanggehastet, angespannt und atem- los, als er an Schuhgeschäften und Milchbars vorbeischritt, als er sich durch Schwärme unerträglich langsamer Fuß- gänger schlängelte, die keine Ahnung von der Dringlichkeit seiner Mission hatten. Er hatte Angst, zu spät zu kom- men, fürchtete halb, daß es sich um einen Scherz han- delte und sie nicht da wäre. Aber kaum hatte er die Fifth Avenue erreicht, sah er sie in der Ferne dort oben stehen, allein, am Kopf der Treppe zur Bibliothek – eine schlanke strahlende Brünette in einer modischen schwarzen Jacke. Da verlangsamte er den Schritt. Er überquerte schlen- dernd die Straße, eine Hand in der Tasche, und nahm die Stufen mit so leichter athletischer Nonchalance, daß sich niemand die Stunden der Angst, die Tage strategischer und taktischer Planung hätte vorstellen können, die ihn dieser Moment gekostet hatte., Als er sicher war, daß sie ihn kommen sah, blickte er wieder zu ihr, und sie lächelte. Es war nicht das erste Mal, daß er sie so lächeln sah, aber er war sich zum ersten Mal sicher, daß es nur ihm galt, und er verspürte einen war- men Schauder der Freude in der Brust. Er erinnerte sich nicht mehr an die Worte der Begrüßung, aber er erin- nerte sich, daß sie in Ordnung gewesen waren, daß es ein guter Anfang war – daß ihre großen strahlenden Augen ihn genauso sahen, wie er unbedingt gesehen werden wollte. Die Dinge, die er sagte, was immer es war, emp- fand sie als geistreich, und die Dinge, die sie sagte, oder der Klang ihrer Stimme, als sie sie sagte, machten ihn größer und starker und breitschultriger, als er es je zuvor im Leben gewesen war. Als sie sich umwandten und gemeinsam die Treppe hinunterzugehen begannen, faßte er sie am Oberarm, erhob Anspruch auf sie, und bei je- dem Schritt spürte er das leichte Hüpfen ihrer Brüste an der Rückseite seiner Finger. Und der bevorstehende Abend, der ausgebreitet zu ihren Füßen wartete, schien wunder- sam lang und wundersam reich an Versprechungen. Als er jetzt begann, die Treppe allein hinunterzugehen, empfand er es als stärkend, auf einen eindeutigen Tri- umph zurückblicken zu können – zumindest einmal im Leben hatte er die Möglichkeit des Scheiterns verneint und gewonnen. Andere Erinnerungen stellten sich ein, als er die breite Straße überquerte und die leicht abfallende Zweiundvierzigste Straße entlangging: Auch an jenem Abend waren sie hier gegangen, auf einen Drink ins Biltmore, und er erinnerte sich, wie sie ausgesehen hatte, als sie im Halbdunkel der Cocktaillounge neben ihm saß, sich aus den Hüften vorschob, als er ihr aus den Ärmeln der Jacke half, und sich dann zurücklehnte, ihr langes, Haar schüttelte und ihn auf provozierende Weise von der Seite anblickte, als sie das Glas an die Lippen hob. Ein wenig später hatte sie zu ihm gesagt: »Ach, laß uns zum Fluß gehen – ich liebe den Fluß um diese Tageszeit«, und sie hatten das Hotel verlassen und waren zum Fluß gegangen. Auch jetzt ging er dorthin, durch den Lärm der Third Avenue und dann Richtung Tudor City – allein schien der Weg viel weiter zu sein –, bis er vor der niede- ren Balustrade stand und über die Masse schnittiger Autos auf dem East River Drive hinweg auf das träge fließende graue Wasser jenseits davon schaute. Während irgend- wo vor der sich verdunkelnden Skyline von Queens ein Schlepper wehklagte, hatte er sie an genau dieser Stelle an sich gezogen und zum ersten Mal geküßt. Jetzt wandte er sich ab, ein neuer Mann, und machte sich auf den Weg nach Hause. Das erste, was ihn traf, als er die Wohnungstür öffnete, war der Geruch von Rosenkohl. Die Kinder saßen noch beim Abendessen in der Küche: Er hörte ihre hohen mur- melnden Stimmen über dem Klappern des Geschirrs und dann die Stimme seiner Frau, müde und schmeichelnd. Als die Tür zuschlug, hörte er sie sagen: »jetzt ist Papa gekommen«, und die Kinder riefen: »Papa! Papa!« Er verstaute seinen Hut gewissenhaft im Wandschrank im Flur und drehte sich um, als sie in der Küchentür auf- tauchte, sich die Hände an der Schürze trocknete und über ihre Müdigkeit hinweg lächelte. »Endlich kommst du ein- mal pünktlich nach Hause«, sagte sie. »Wie schön. Ich habe schon befürchtet, daß du wieder länger arbeiten mußt.« »Nein«, sagte er. »Nein, ich mußte nicht länger arbei- ten.« Seine Stimme hatte in seinen Ohren einen merk-, würdig fremden, verstärkten Klang, als spräche er in einer Echokammer. »Du siehst trotzdem müde aus, Walt. Du siehst er- schöpft aus.« »Ich bin zu Fuß nach Hause gegangen, das ist alles. Daran bin ich nicht gewöhnt. Wie geht’s?« »Ach, gut.« Aber auch sie sah erschöpft aus. Nachdem sie gemeinsam in die Küche gegangen waren, fühlte er sich dort von dem feuchten Glanz bedrängt und gefangen. Sein Blick schweifte trübselig über die Milchkartons, die Gläser mit Mayonnaise, die Suppen- dosen und Zerealienschachteln, über die Pfirsiche, die aufgereiht auf dem Fensterbrett lagen, um zu reifen, über die erstaunliche Zerbrechlichkeit und Zartheit seiner bei- den Kinder, deren plappernde Gesichter ein bißchen mit Kartoffelbrei verschmiert waren. Im Bad war es besser, und er ließ sich mehr Zeit als nötig, um sich fürs Abendessen frisch zu machen. Zumin- dest war er hier allein, gestärkt von kaltem Wasser; das einzig Lästige war die Stimme seiner Frau, die vor Un- geduld mit dem älteren Kind lauter wurde: »Na gut, Andrew Henderson. Keine Geschichte für dich heute abend, wenn du nicht sofort die Eiercreme aufißt.« Ein bißchen später hörte er, wie die Stühle zurückgeschoben und die Teller zusammengestellt wurden, was bedeutete, daß sie mit dem Abendessen fertig waren, dann das leise Schlurfen der Schuhe und das Zufallen einer Tür, was bedeutete, daß sie eine Stunde in ihrem Zimmer spielen durften, bevor sie ins Bad mußten. Walter trocknete sich gewissenhaft die Hände; dann ging er ins Wohnzimmer und setzte sich mit einer Zeit- schrift aufs Sofa, atmete langsam und tief ein, um zu, beweisen, wie sehr er sich unter Kontrolle hatte. Kurz darauf gesellte sie sich zu ihm, ohne Schürze und mit frisch aufgetragenem Lippenstift, und brachte einen Krug voller Eis. »Oh«, sagte sie seufzend. »Gott sei Dank, daß das vorbei ist. Jetzt ein bißchen Frieden und Ruhe.« »Ich mache die Drinks, Liebes«, sagte er und sprang auf. Er hatte gehofft, daß seine Stimme jetzt normal klin- gen würde, aber sie hallte noch immer wider wie in einer Echokammer. »Das wirst du nicht«, befahl sie. »Setz dich wieder. Du verdienst es, zu sitzen und bedient zu werden, wenn du nach Hause kommst und so müde aussiehst. Wie war dein Tag, Walt?« »Ach, in Ordnung«, sagte er und setzte sich wieder. »Gut.« Er sah ihr zu, wie sie Gin und Wermut abmaß, sie in dem Krug auf ihre gewandte rasche Art verrührte, die Sachen auf dem Tablett arrangierte und dieses durch das Zimmer trug. »So«, sagte sie und setzte sich nah neben ihn. »Machst du die Honneurs, Liebling?« Und als er die gekühlten Gläser gefüllt hatte, erhob sie ihres und sagte: »Oh, wie wunderbar. Prost.« Diese gute Cocktaillaune war sorg- fältig einstudiert, das wußte er. So wie ihre mütterliche Strenge während des Abendessens der Kinder; so wie die forsche nüchterne Effizienz, mit der sie früher am Tag die Einkäufe im Supermarkt in Angriff genommen hatte; so wie die Zärtlichkeit, mit der sie sich ihm später am Abend hingeben würde. Ihr Leben war der geordnete Wechsel vieler umsichtiger Stimmungen, oder ihr Leben war vielmehr dazu geworden. Dieser Wechsel gelang ihr fast immer, und nur selten, wenn er ihr Gesicht sehr genau betrachtete, sah er, wie viel Anstrengung es sie kostete., Aber der Drink war eine große Hilfe. Der erste bittere, eiskalte Schluck stellte seine Ruhe wieder her, und das Glas in seiner Hand schien beruhigend tief. Er trank noch ein, zwei Schlucke, bevor er es erneut wagte, sie anzu- sehen, und als er es tat, bot sie einen ermutigenden Anblick. Ihr Lächeln war nahezu vollständig entspannt, und bald plauderten sie so behaglich wie ein glückliches Liebespaar. »Ach, ist es nicht angenehm, dazusitzen und sich zu entspannen?« sagte sie und gestattete ihrem Kopf, in das Polster zu sinken. »Und ist es nicht großartig, daß Frei- tagabend ist?« »Und wie«, sagte er und hob sofort den Drink an den Mund, um sein Entsetzen zu verbergen. Freitagabend! Das bedeutete, daß er zwei Tage lang nicht einmal begin- nen konnte, nach Arbeit zu suchen – zwei Tage, die er im Haus festgehalten wäre oder sich im Park um Dreiräder und Eis am Stiel kümmern müßte ohne Hoffnung, der Last seines Geheimnisses entkommen zu können. »Ko- misch«, sagte er. »Ich hatte fast vergessen, daß Freitag ist.« »Oh, wie kannst du das nur vergessen?« Sie kuschelte sich noch genüßlicher ins Sofa. »Ich freue mich schon die ganze Woche darauf. Gieß mir noch einen kleinen Schluck ein, Liebling, und dann muß ich mich wieder an die Hausarbeit machen.« Er goß ihr noch einen kleinen Schluck und sich selbst ein ganzes Glas ein. Seine Hand zitterte, und er verschüt- tete ein wenig, aber sie schien es nicht zu bemerken. Ebensowenig schien sie zu bemerken, daß seine Antwor- ten immer gezwungener klangen, während sie das Ge- spräch am Laufen hielt. Als sie zur Hausarbeit zurück-, kehrte – den Braten begoß, den Kindern das Bad einließ, deren Zimmer aufräumte –, blieb Walter allein sitzen und ließ seinen Geist in eine schwere, ginbenebelte Verwir- rung abgleiten. Nur ein hartnäckiger Gedanke trat deut- lich zutage, ein Rat, den er sich selbst gab, so klar und kalt wie der Drink, den er immer wieder an die Lippen führte: Halte durch. Gleichgültig, was sie sagt, gleichgül- tig, was heute abend oder morgen oder am Tag danach passiert, halte einfach durch. Halte durch. Aber durchzuhalten wurde immer schwieriger, als die planschenden Badgeräusche der Kinder ins Zimmer schwebten; noch schwieriger war es, als sie hereinge- bracht wurden, um gute Nacht zu sagen, mit ihren Teddybären und in saubere Schlafanzüge gekleidet, ihre Gesichter glänzend und nach Seife riechend. Danach war es unmöglich, auf dem Sofa sitzenzubleiben. Er sprang auf und begann, hin und her zu gehen, zündete sich eine Zigarette nach der anderen an, horchte auf die klare, modulierte Stimme seiner Frau, die im Nebenzim- mer die Gutenachtgeschichte vorlas (»Ihr dürft auf die Wiese gehen oder die Straße entlang, aber geht nicht in Mr. McGregors Garten ...«). Als sie wieder herauskam, die Tür zum Kinderzimmer hinter sich schloß, sah sie ihn wie eine tragische Statue am Fenster stehen und in den dämmernden Hof hin- unterblicken. »Was ist los, Walt?« Er wandte sich mit einem geheuchelten Lächeln zu ihr um. »Nichts ist los«, sagte er mit der Echokammerstim- me, und die Filmkamera begann erneut zu surren. Zuerst hielt sie aus der Nähe auf sein angespanntes Gesicht, dann schwenkte sie zu ihr, um ihre Bewegungen zu be- obachten, als sie unsicher neben dem Beistelltisch stand., »Also«, sagte sie. »Ich werde noch eine Zigarette rau- chen, und dann muß ich das Abendessen auf den Tisch bringen.« Sie setzte sich wieder – diesmal lehnte sie sich weder zurück noch lächelte sie, denn sie befand sich in ihrer geschäftigen Das-Abendessen-auf-den-Tisch-brin- gen-Stimmung. »Hast du Feuer, Walt?« »Klar.« Und er ging zu ihr, tastete in seiner Tasche, als wollte er etwas hervorholen, was er ihr schon den ganzen Tag über hatte geben wollen. »O Gott«, sagte sie. »Schau dir diese Streichhölzer an. Was ist denn mit denen passiert?« »Mit denen?« Er starrte auf das zerfetzte, verdrehte Streichholzbriefchen, als wäre es ein belastendes Beweis- stück. »Ich muß es zerrissen haben«, sagte er. »Nervöse Angewohnheit.« »Danke«, sagte sie und nahm das Feuer aus seinen zit- ternden Fingern entgegen, und dann sah sie ihn aus gro- ßen todernsten Augen an. »Walt, es ist doch irgend etwas los, oder?« »Nein, natürlich nicht. Warum sollte etwas los –« »Sag mir die Wahrheit. Ist es die Arbeit? Ist es ... wovor du letzte Woche Angst hattest? Ist heute etwas passiert, woraus du schließt, daß sie dich ... Hat Crowell etwas gesagt? Erzähl’s mir.« Die schwachen Linien in ihrem Ge- sicht schienen tiefer geworden zu sein. Sie wirkte streng und souverän und auf einmal viel älter, war nicht einmal mehr besonders hübsch – eine Frau, die es gewohnt war, mit Notfällen fertigzuwerden, bereit, die Verantwortung zu übernehmen. Er ging langsam zu einem Sessel auf der anderen Seite des Zimmers, und die Haltung seines Rückens sprach beredt von der bevorstehenden Niederlage. Am Rand des, Teppichs blieb er stehen und schien zu erstarren, ein ver- wundeter Mann, der sich an sich selbst festhielt; dann drehte er sich um und sah sie mit der Andeutung eines melancholischen Lächelns an. »Also, Liebling ...«, setzte er an. Er hob die rechte Hand und berührte einen Knopf auf halber Höhe der Knopflei- ste seines Hemds, als wollte er ihn öffnen, und dann ließ er sich mit einem großen Seufzer rückwärts in den Sessel fallen, ein Bein ausgestreckt auf dem Teppich, das andere angezogen. Es war das Würdevollste, was er an diesem Tag getan hatte. »Sie haben mich gefeuert«, sagte er.,

Der mit Haien kämpft

Niemand hatte großen Respekt vor dem Arbeiterführer. Nicht einmal Finkel und Kramm, seine Besitzer, die zwei sauertöpfischen Schwager, die ihn sich ausgedacht hat- ten und es irgendwie zuwege brachten, Jahr für Jahr Profit daraus zu ziehen – auch sie konnten kaum stolz darauf sein. Das zumindest vermutete ich, so widerwillig wie sie sich durchs Büro schleppten und die gallegrünen Trenn- wände mit Hieben und Schreien zum Zittern brachten, nach den Druckfahnen griffen und sie zerrissen, Bleistift- spitzen abbrachen, nasse Zigarrenstummel auf den Boden warfen und verächtlich den Telefonhörer auf die Gabel knallten. Der Arbeiterführer war alles, was sie als Lebens- werk aufweisen konnten, und sie schienen ihn zu hassen. Man konnte es ihnen nicht verübeln: Das Ding war ein Ungeheuer. Vom Format her war es ein dickes, alle zwei Wochen erscheinendes, schlecht gedrucktes Boulevard- blatt, das einem leicht aus den Händen glitt und nur schwer wieder in der richtigen Reihenfolge zusammen- zusetzen war; von der inhaltlichen Ausrichtung nannte es sich »Eine unabhängige Zeitung, dem Geist der Ge- werkschaftsbewegung verpflichtet«; aber tatsächlich war es so etwas wie ein Branchenblatt für Gewerkschaftsfunk- tionäre, die es mit Gewerkschaftsgeldern abonnierten und gewillt sein mußten, den geringen Beistand, den es ihnen gewährte, zu ertragen, statt ihn zu wollen oder zu brau-, chen. Die Berichterstattung des Arbeiterführers über natio- nale Ereignisse »aus dem Blickwinkel der Arbeiterschaft« war zuverlässig schal, meist konfus und häufig unklar aufgrund von Druckfehlern; die meisten der dicht gesetz- ten Spalten waren gefüllt mit schmeichelhaften Berichten über das Treiben von Gewerkschaften, deren Führer zu den Abonnenten gehörten, oft unter Ausschluß wesentlich bedeutender Nachrichten über Gewerkschaften, deren Führer nicht dazugehörten. Und in jeder Ausgabe fanden sich zahllose einfältige Anzeigen, die im Namen diverser kleiner Industrieunternehmen zur »Harmonie« aufriefen, Firmen, die Finkel und Kramm hatten überreden oder so weit einschüchtern können, daß sie Anzeigen schalte- ten – ein Kompromiß, der einer richtigen Gewerkschafts- zeitung sicherlich Fesseln angelegt hätte, der jedoch den Stil des Arbeiterführers bezeichnenderweise nicht zu ver- krampfen schien. Das Redaktionspersonal wechselte schnell und häufig. Wann immer jemand ging, inserierte der Arbeiterführer in der »Hilfe gesucht«-Rubrik der Times und bot ein »be- scheidenes Gehalt entsprechend der Berufserfahrung«. Daraufhin versammelte sich eine nicht unerhebliche Men- schenmenge auf dem Gehsteig vor dem Büro des Arbei- terführers, ein schäbiges Ladenbüro am unteren Rand des Bekleidungsdistrikts, und Kramm, der Chefredakteur (Finkel war der Verleger), ließ sie alle eine halbe Stunde warten, bevor er einen Stapel Bewerbungsformulare er- griff, die Manschetten herunterzog und mit ernster Miene die Tür Öffnete – ich glaube, er genoß die Gelegenheit, den Geschäftsmann zu spielen. »Okay, lassen Sie sich Zeit«, sagte er, als sie herein- drängten und gegen die hölzerne Balustrade drückten,, die die Büros im Inneren abschirmte. »Lassen Sie sich Zeit, meine Herren.« Dann hob er die Hand und sagte: »Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?« und begann, die Arbeit zu erklären. Die Hälfte der Bewerber ging, sobald er über die Gehaltsstruktur sprach, und die mei- sten, die blieben, waren kaum Konkurrenz für jemanden, der nüchtern, anständig und in der Lage war, einen eng- lischen Satz zu konstruieren. So waren wir alle angeheuert worden, die sechs oder acht von uns, die in jenem Winter unter dem kränklich fluoreszierenden Licht des Arbeiterführers die Stirn in Fal- ten legten, und die meisten von uns machten kein Ge- heimnis aus unserem Wunsch nach etwas Besserem. Ich fing dort an, nachdem ich ein paar Wochen zuvor meine Stelle bei einer Tageszeitung verloren hatte, und blieb nur, bis ich im nächsten Frühjahr von der großen Foto- zeitschrift gerettet wurde, bei der ich noch immer ange- stellt bin. Die anderen hatten andere Erklärungen, über die sie wie ich lange diskutierten: Der Arbeiterführer war ein hervorragender Ort für schrille und redundante Ge- schichten vom großen Pech. Leon Sobel kam einen Monat nach mir, und bereits in dem Augenblick, als Kramm ihn in die Redaktion führte, wußten wir, daß er anders war. Er stand zwischen den unordentlichen Schreibtischen mit der Miene eines Man- nes, der neues Gelände überblickte, das es zu erobern galt, und als Kramm uns vorstellte (und dabei die Hälfte unserer Namen nicht wußte), schüttelte er uns auf thea- tralisch feierliche Weise die Hand. Er war ungefähr Mitte Dreißig, älter als die meisten von uns, ein sehr kleiner, angespannter Mann mit schwarzem Haar, das auf sei- nem Kopf zu explodieren schien, und einem humorlosen, schmallippigen Gesicht, das mit Aknenarben übersät war. Wenn er sprach, bewegten sich stets seine Augenbrauen, und sein Bück, der nicht so sehr durchdringend war, als daß er es sein wollte, blieb unverwandt auf die Augen des Zuhörers gerichtet. Das erste, was ich über ihn erfuhr, war, daß er noch nie in einem Büro gearbeitet hatte: Er war zeit seines Erwach- senenlebens Metallarbeiter gewesen. Zudem war er nicht wie der Rest von uns aus Not zum Arbeiterführer gegan- gen, sondern, wie er sich ausdrückte, aus Prinzip. Dafür hatte er die Stelle in einer Fabrik aufgegeben, die ihm nahezu doppelt so viel Geld eingebracht hatte. »Was ist tos, glaubst du mir nicht?« fragte er, nachdem er es mir erzählt hatte. »Nein, das nicht«, sagte ich. »Es ist nur, daß ich ...« »Vielleicht hältst du mich für verrückt«, sagte er und verzerrte sein Gesicht zu einem gerissenen Lächeln. Ich versuchte zu widersprechen, aber er wollte es nicht hören. »Mach dir keine Sorgen, McCabe. Ich bin schon oft verrückt genannt worden. Das macht mir nichts aus. Meine Frau sagt immer: ›Leon, damit mußt du rechnen.‹ Sie sagt: ›Die Leute verstehen einen Mann nicht, der mehr vom Leben will als nur Geld.‹ Und sie hat recht! Sie hat recht!« »Nein«, sagte ich. »Warte mal. Ich...« »Die Leute glauben, daß man eins von zwei Dingen sein muß: Entweder ist man ein Hai, oder man wehrt sich nicht und läßt sich bei lebendigem Leib von den Haien fressen – so ist die Welt. Ich bin der Typ Mann, der raus- geht und mit den Haien kämpft. Warum? Ich weiß nicht, warum. Das ist verrückt? Okay.« »Warte mal«, sagte ich. Und ich versuchte ihm zu erklä-, ren, daß ich überhaupt nichts dagegen hätte, wenn er sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen wolle, falls es das sei, was er vorhabe; nur hielt ich den Arbeiterführer für den dafür am wenigsten geeigneten Ort der Welt. Aber sein Achselzucken gab mir zu verstehen, daß ich Ausflüchte machte. »Na und?« fragte er. »Es ist doch eine Zeitung, oder? Und ich bin Schriftsteller. Und wozu ist ein Schriftsteller gut, wenn er nicht gedruckt wird? Hör mal.« Er hob eine Gesäßhälfte und plazierte sie auf der Kante meines Schreibtischs – er war zu klein, um die Bewegung mit Eleganz auszuführen, aber die Kraft seines Arguments half ihm dabei. »Hör mal, McCabe. Du bist noch jung. Ich will dir mal was sagen. Weißt du, wie viele Bücher ich schon geschrieben habe?« Und jetzt kamen seine Hände ins Spiel, was sie früher oder später immer taten. Er stieß mir die dicken Fäuste unter die Nase und schüttelte sie einen Moment, bevor sie sich zu einem Dickicht steifer bebender Finger entfalteten – nur der Daumen einer Hand blieb eingezogen. »Neun«, sagte er, und seine Hände fielen schlaff auf seinen Oberschenkel, wo sie sich ausruhten, bis er sie wieder brauchte. »Neun. Romane, Philosophie, politische Theorie – die ganze Band- breite. Und nicht eins davon veröffentlicht. Glaub mir, ich kenn’ mich aus.« »Das glaube ich«, sagte ich. »Und dann habe ich mich hingesetzt und gedacht: Wie sieht die Lösung aus? Und ich dachte: Das Problem mit meinen Büchern ist, daß die Wahrheit drinsteht. Und die Wahrheit ist was Komisches, McCabe. Die Leute wollen sie zwar lesen, aber sie wollen sie nur lesen, wenn sie von jemand kommt, von dem sie den Namen schon kennen. Stimmt’s? Also gut. Ich denk’ mir also, wenn ich die Bü-, cher schreiben will, muß ich mir erst mal einen Namen machen. Das ist jedes Opfer wert. Das ist der einzige Weg. Weißt du was, McCabe? Für das letzte Buch, das ich geschrieben hab’, hab’ ich zwei Jahre gebraucht.« Zwei Finger streckten sich, um das Gesagte zu unterstreichen, und entspannten sich wieder. »Zwei Jahre, jeden Abend vier, fünf Stunden Arbeit und am Wochenende den gan- zen Tag. Und du hättest die Scheiße sehen sollen, die von den Verlegern kam. Von jedem verdammten Verleger in der Stadt. Meine Frau hat geweint. Sie sagt: ›Aber warum, Leon? Warum?‹« An dieser Stelle preßte er die Lippen fest gegen die kleinen fleckigen Zähne und schlug mit der Faust auf die Handfläche der anderen Hand, die auf dem Oberschenkel lag, aber dann beruhigte er sich wieder. »Ich hab’ zu ihr gesagt: ›Hör mal, Liebling. Du weißt, war- um.«« Jetzt lächelte er mich leise triumphierend an. »Ich sage: ›Weil in dem Buch die Wahrheit steht. Darum.-« Dann zwinkerte er mir zu, glitt von meinem Schreibtisch und ging davon, aufrecht und flott in seinem besudelten Sport- hemd und den dunklen Hosen aus Serge, die am Gesäß locker und glänzend herunterhingen. Das war Sobel. Es dauerte ein Weile, bis er lockerer wurde: Wenn er nicht gerade redete, ging er in der ersten Woche alles mit einem Eifer und einer Versagensangst an, die alle außer Finney, den Chef vom Dienst, beunruhigten. Wie wir anderen auch war Sobel für eine Liste von zwölf oder fünfzehn Gewerkschaftsbüros in der Stadt zuständig, und seine Hauptarbeit bestand darin, Kontakt zu ihnen zu halten und aufzuschreiben, was immer sie als Nachrich- ten herausgaben. In der Regel war das nichts Aufregen- des. Die durchschnittliche Meldung bestand aus zwei, drei Absätzen mit einer einspaltigen Überschrift:, KLEMPNER ERRINGEN 3 CENT LOHNERHÖHUNG oder etwas in der Art. Aber Sobel komponierte sie so sorgfältig wie ein Sonett, und nachdem er einen Artikel abgegeben hatte, saß er da, kaute vor Angst auf den Lip- pen herum, bis Finney den Zeigefinger hob und sagte: »Komm mal her, Sobel.« Dann ging er zu ihm, nickte kleinlaut, während Finney ihn pedantisch auf einen grammatikalischen Makel hin- wies. »Substantivierungen sollte man vermeiden, Sobel. Statt ›gab den Klempnern eine neue Begründung zum Verhandele sagt man besser ›gab den Klempnern eine neue Begründung, um zu verhandeln‹.« Finney genoß diese Vorträge. Das Ärgerliche vom Stand- punkt eines Zuschauers aus war, daß Sobel so lange brauchte, um herauszufinden, was alle anderen instinktiv zu wissen schienen: Finney hatte Angst vor dem eigenen Schatten und zog sofort den Schwanz ein, wenn man die Stimme hob. Er war ein schmächtiger nervöser Mann, der sein Kinn vollsabberte, wenn er sich aufregte, und sich mit zitternden Fingern das stark geölte Haar raufte mit der Folge, daß seine Finger, wo immer sie hinlangten, Haaröl- flecken hinterließen, wie eine Spur seiner Persönlichkeit: auf seiner Kleidung, auf Bleistiften, auf dem Telefon und auf den Tasten seiner Schreibmaschine. Vermutlich war er nur deswegen Chef vom Dienst, weil sich niemand sonst den Schikanen Kramms ausliefern wollte: Ihre Redak- tionskonferenzen begannen immer damit, daß Kramm hinter seiner Trennwand »Finney! Finney!« schrie und Fin- ney aufsprang wie ein Eichhörnchen und zu ihm hastete. Dann war das unerbittliche Dröhnen von Kramms Forde-, rungen zu vernehmen und das Stammeln und Stottern von Finneys Erklärungen, und sie endeten damit, daß Kramm mit der Faust auf seinen Schreibtisch schlug. »Nein, Finney. Nein, nein, nein. Was ist los mit dir? Soll ich dir ein Bild malen? Na gut, na gut, raus hier, ich mach’s selbst.« Zuerst wunderten wir uns, warum Fin- ney sich das gefallen ließ – niemand konnte einen Job so nötig haben –, aber die Antwort fand sich in der Tatsache, daß der Arbeiterführer nur drei Rubriken mit Angabe des Verfassernamens hatte: einen von mehreren Zeitungen übernommenen Artikel über Sport, den wir von einem Zeitungssyndikat erhielten, eine schwerfällige Kolumne mit dem Titel »ARBEIT HEUTE von Julius Kramm« auf der Seite gegenüber den Kommentaren und einen zwei- spaltigen Kasten auf der letzten Seite mit der Überschrift: BROADWAY EXKLUSIV von Wes Finney In der oberen linken Ecke des Kastens befand sich so- gar ein winziges Foto von ihm mit angeklatschtem Haar und einem zuversichtlichen, die Zähne entblößenden Lächeln. Im Text schaffte er es, hier und da einen Bezug zur Arbeiterschaft herzustellen – ein Absatz über die Schauspieler- oder Bühnenarbeitergewerkschaft zum Bei- spiel –, aber meistens schrieb er direkt, auf die Art der zwei oder drei echten Broadway-und-Nachtclub-Kolum- nisten. »Schon von der neuen Nachtigall im Copa ge- hört?« fragte er die Gewerkschaftsführer; dann nannte er ihren Namen mit einer pfiffigen Randbemerkung über ihre Oberweite und ihre Taille und einem volkstümeln- den Kommentar zu dem Bundesstaat, in dem »sie zu Hause ist«, und er schloß gern folgendermaßen: »Die, ganze Stadt spricht über sie, und sie zieht die Leute in Scharen an. Ihr Urteil, dem unser Ressort voll und ganz zustimmt, lautet: Die Lady hat Klasse.« Kein Leser wäre auf die Idee gekommen, daß Wes Finneys Schuhe drin- gend zum Schuster mußten, daß er keine Freikarten bekam und nie ausging, außer um sich manchmal einen Film anzusehen oder in einem Automatenrestaurant ein Leberwurstsandwich zu essen. Er schrieb die Kolumne in seiner Freizeit und wurde extra dafür bezahlt – wie ich hörte, waren es fünfzig Dollar im Monat. Es war dem- nach eine beide Seiten zufriedenstellende Vereinbarung: Für diese kleine Summe hielt Kramm seinen Prügelkna- ben in absoluter Knechtschaft; für diese kleine Qual konnte Finney Zeitungsausschnitte in ein Album kleben – das verseuchte Umfeld des Arbeiterführers landete im Papierkorb seines möblierten Zimmers – und sich mit Träumen von ultimativer Freiheit in den Schlaf raunen. Wie auch immer, das war der Mann, der Sobel dazu brachte, sich für die Grammatik seiner Artikel zu ent- schuldigen, und es war traurig, es mit anzusehen. Selbst- verständlich konnte es nicht ewig so weitergehen, und eines Tages hörte es auf. Finney hatte Sobel zu sich gerufen, um ihm den gespal- tenen Infinitiv zu erklären, und Sobel legte die Stirn in Falten vor Anstrengung, ihm zu folgen. Keiner von bei- den bemerkte, daß Kramm ein paar Schritte entfernt in der Tür zu seinem Büro stand, zuhörte und das feuchte Ende seiner Zigarre betrachtete, als ob es abscheulich schmeckte. »Finney«, sagte er. »Wenn du Englischlehrer sein willst, dann such dir einen Job in einer Highschool.« Erschrocken steckte sich Finney einen Bleistift hinters, Ohr und vergaß dabei, daß dort bereits ein anderer Bleistift steckte, und beide Stifte fielen zu Boden. »Also, ich ...«, sagte er. »Ich dachte nur –« »Finney, das interessiert mich nicht. Heb deine Bleistif- te auf und hör mir bitte zu. Zu deiner Information, von Mr. Sobel wird nicht erwartet, daß er ein gebildeter Eng- länder ist. Es wird von ihm erwartet, daß er ein des Lesens und Schreibens mächtiger Amerikaner ist, und ich glaube, das ist er. Habe ich mich klar ausgedrückt?« Und der Ausdruck in Sobels Gesicht, als er zu seinem Schreibtisch zurückging, war der eines aus dem Gefäng- nis entlassenen Mannes. Von diesem Augenblick an begann er sich zu entspan- nen; oder fast von diesem Augenblick an – was seine Ver- wandlung besiegelte, war O’Learys Hut. O’Leary hatte vor kurzem das City College abgeschlos- sen und war einer unserer besten Männer (seither ging es aufwärts mit ihm; seinen Namen sieht man jetzt häufig in einer Abendzeitung), und der Hut, den er in diesem Winter trug, war aus wasserabweisendem Stoff und wurde in Regenmäntelgeschäften verkauft. Er hatte nichts beson- ders Flottes – im Gegenteil, O’Learys Gesicht wirkte unter seiner schlappen Form zu schmal –, aber Sobel mußte ihn insgeheim als Symbol des Journalismus oder des Nonkonformismus bewundert haben, denn eines Morgens kreuzte er mit dem gleichen Hut auf, brandneu. Er sah da- mit noch schlechter aus als O’Leary, vor allem wenn er ihn zu seinem schweren braunen Mantel trug, aber er schien ihn zu lieben. Im Zusammenhang mit dem Hut entwickelte er eine ganze Reihe neuer manierierter Verhaltensweisen: Mit einer schnellen Bewegung des Zeigefingers schob er ihn zurück, wenn er sich setzte und seine morgendlichen, Anrufe tätigte (»Hier spricht Leon Sobel vom Arbeiterfüh- rer ...«), er zog ihn schneidig nach vorn, wenn er das Büro verließ, um für einen Auftrag zu recherchieren, und hängte ihn mit einer schnellen Drehung aus dem Handgelenk an den Haken, wenn er zurückkehrte, um seine Geschichte zu schreiben. Am Ende des Tages, nachdem er seinen letzten Text in Finneys Eingangs körb chen gelegt hatte, zog er den Hut auf lässige Weise schräg über eine Braue, schwang sich den Mantel über die Schultern und schritt mit einem lockeren Abschiedsgruß davon, und ich stellte mir vor, wie er auf dem Nachhauseweg in die Bronx sein Spiegelbild in den schwarzen U-Bahn-Fenstern betrachtete. Er schien entschlossen, seine Arbeit zu lieben. Er brachte sogar einen Schnappschuß von seiner Familie mit – eine müde, niedergeschlagen lächelnde Frau und zwei kleine Söhne – und befestigte ihn mit Tesafilm an seinem Schreib- tisch. Niemand sonst ließ etwas Persönlicheres als ein Streichholzbriefchen über Nacht im Büro. Eines Nachmittags gegen Ende Februar rief mich Fin- ney an seinen fettigen Schreibtisch. »McCabe«, sagte er, »willst du eine Kolumne für uns schreiben?« »Was für eine Kolumne?« »Klatschgeschichten aus der Arbeitswelt«, sagte er. »Echte Gewerkschaftsthemen, aber aus einer Klatsch- oder Plau- derperspektive – ein bißchen Humor, Persönlichkeiten, solche Sachen. Mr. Kramm glaubt, daß wir so was brau- chen, und ich habe ihm gesagt, daß du der beste Mann dafür bist. ich kann nicht leugnen, daß ich mich geschmeichelt fühlte (wir waren schließlich alle durch unsere Umge- bung geprägt), aber ich war auch mißtrauisch. »Wird mein Name genannt?«, Er begann, nervös zu blinzeln. »O nein, nein, keine Na- mensnennung«, sagte er. »Mr. Kramm will, daß es anonym bleibt. Die Jungs liefern dir alles, was sich so ergibt, und du sammelst es und bringst es in Form. Das kannst du hier im Büro machen, während der regulären Arbeitszeit. Verstehst du?« Ich verstand. »Wird auch mit meinem regulären Gehalt bezahlt«, sagte ich. »Stimmt’s?« »Stimmt.« »Nein, danke«, sagte ich, und dann, weil ich mich groß- zügig fühlte, schlug ich vor, er solle es bei O’Leary ver- suchen. »Nee, den hab’ ich schon gefragt«, sagte Finney. »Der will’s auch nicht machen. Niemand will.« Ich hätte mir natürlich denken können, daß er die ge- samte Mitarbeiterliste des Büros durchgegangen war. Und angesichts der Tatsache, daß der Tag schon weit fortge- schritten war, mußte ich ziemlich weit unten stehen. Als wir an diesem Abend nach der Arbeit das Büro ver- ließen, schloß Sobel zu mir auf. Er trug seinen Mantel wie einen Umhang, die Ärmel baumelten leer herunter, und er hielt seinen Hut fest, wann immer er behende hüpfte, um den Furchen aus schmutzigem Matsch auf dem Geh- steig auszuweichen. »Ich erzähl’ dir ein kleines Geheim- nis, McCabe«, sagte er. »Ich schreib’ ‘ne Kolumne für die Zeitung. Ist alles schon arrangiert.« »Ja?« sagte ich. »Springt Geld dabei raus?« »Geld?« Er zwinkerte. »Werd’ ich dir gleich erzählen. Laß uns eine Tasse Kaffee trinken.« Er führte mich in den gekachelten und dampfenden Glanz des Automaten- restaurants, und nachdem wir uns an einem feuchten Ecktisch niedergelassen hatten, erklärte er mir alles. »Fin-, ney sagt, kein Geld, verstehst du? Ich sage, okay. Er sagt, auch keine Namensnennung. Ich sage, okay.« Er zwinkerte wieder. »Ich geh’ die Sache schlau an.« »Wie meinst du das?« »Wie ich das meine?« Er wiederholte stets die Frage und hielt die Augenbrauen hochgezogen, während er einen genüßlich avif die Antwort warten ließ. »Hör mal, ich durchschau diesen Finney. Er entscheidet diese Sachen nicht. Glaubst du etwa, er entscheidet etwas bei uns? Du solltest schlauer sein, McCabe. Mr. Kramm trifft die Ent- scheidungen. Und Mr. Kramm ist ein intelligenter Mann, mach dir nichts vor.« Nickend hob er die Kaffeetasse, aber seine Lippen zuckten vor dem heißen Getränk zu- rück, spitzten sich und bliesen in den Dampf, bevor er mit vorsichtiger Ungeduld daran nippte. »Na ja«, sagte ich, »okay, aber ich würde bei Kramm nachfragen, bevor du dir was erwartest.« »Nachfragen?« Er knallte die Tasse auf den Tisch. »Was gibt’s da nachzufragen? Hör mal, Mr. Kramm will eine Kolumne, richtig? Meinst du, es ist ihm wichtig, ob ich mit Namen genannt werde oder nicht? Oder das Geld – meinst du, wenn ich eine gute Kolumne schreibe, daß er dann Ausflüchte wegen der Bezahlung machen wird? Du spinnst. Finney ist derjenige, verstehst du? Er will mir nichts gönnen, weil er Angst hat, er könnte seine eigene Kolumne verlieren. Hast du kapiert? Also gut. Ich werd’ bei niemand nachfragen, bis ich diese Kolumne geschrie- ben habe.« Er stieß sich den steifen Daumen in die Brust. »In meiner Freizeit. Dann gehe ich damit zu Mr. Kramm, und wir reden Tacheles. Das kannst du ruhig mir überlas- sen.« Er lehnte sich behaglich zurück, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, die Tasse mit beiden Händen gefaßt,, als wollte er gleich daraus trinken, und blies in den Dampf. »Tja«, sagte ich. »Hoffentlich hast du recht. Wäre nett, wenn es funktionieren würde.« »Ah, vielleicht funktioniert’s auch nicht«, gestand er zu, verzog den Mund zu einer spekulativen Grimasse und legte den Kopf schräg. »Du weißt schon. Es ist ein Spiel.« Aber das sagte er nur aus Höflichkeit, um meinen Neid möglichst geringzuhalten. Er konnte es sich leisten, Zwei- fel zu äußern, weil er keinen verspürte, und ich sah ihm an, daß er bereits überlegte, wie er es seiner Frau erzählen würde. Am nächsten Morgen ging Finney von Schreibtisch zu Schreibtisch und wies uns an, Sobel alle Klatschgeschich- ten zu geben, auf die wir stießen; die Kolumne sollte in der nächsten Ausgabe beginnen. Später sah ich ihn mit Sobel konferieren, ihm erklären, wie die Kolumne geschrie- ben sein sollte, und mir fiel auf, daß nur Finney redete: Sobel saß da, rauchte und stieß dünne, verächtliche Rauch- wolken aus. Wir hatten gerade eine Ausgabe in den Druck gegeben, der Abgabetermin für die Kolumne war also in zwei Wochen. Anfänglich tauchten nicht viele Themen auf – es war schwer genug, Neuigkeiten von den Gewerkschaf- ten, über die wir berichteten, zu erfahren, geschweige denn »Klatschgeschichten«. Wann immer ihm jemand eine Notiz gab, runzelte Sobel die Stirn, kritzelte selbst etwas dazu und legte sie in eine Schreibtischschublade; ein- oder zweimal sah ich, daß er sie in den Papierkorb warf. Ich erinnere mich nur an einen von mehreren Tips, die ich ihm gab: Der örtliche Gewerkschaftsfunktionär der Heizungsinstallateure, über den ich schreiben wollte,, hatte mir durch die geschlossene Tür hindurch zugeru- fen, daß er heute keine Zeit habe, weil seine Frau gerade Zwillinge bekommen hätte. Aber Sobel wollte die Sache nicht. »Sie haben also Zwillinge gekriegt«, sagte er. »Na und?« »Wie du willst«, sagte ich. »Hast du viel anderen Stoff?« Er zuckte die Achseln. »Einiges. Ich mach’ mir keine Sorgen. Aber eins will ich dir sagen – viel von dem Mist werd’ ich nicht verwenden. Dieser Klatsch. Wer zum Teu- fel wird das lesen? Man kann nicht eine ganze Kolumne mit so ‘nem Mist machen. Die Sache muß von was zu- sammengehalten werden. Hab’ ich recht?« Ein anderes Mal (er redete jetzt nur noch über die Kolumne) freute er sich herzlich und sagte: »Meine Frau meint, daß ich jetzt genauso schlimm bin wie damals, als ich an meinen Büchern gearbeitet habe. Ich schreibe, schreibe, schreibe. Es macht ihr aber nichts aus«, fügte er hinzu. »Sie ist schon ganz aufgeregt deswegen. Und erzählt allen davon – den Nachbarn, allen. Am Sonntag war ihr Bruder da, fragt mich, wie’s in der Arbeit läuft – du weißt schon, auf so ‘ne klugscheißerische Art. Ich hab’ nichts gesagt, aber meine Frau tönt los: ›Leon schreibt jetzt eine Kolumne für die Zeitung‹ – und sie erzählt ihm alles. Mann, du hättest sein Gesicht sehen sollen.« Jeden Morgen brachte er ein Bündel handgeschriebener Seiten mit, die er am Abend zuvor verfaßt hatte, und die Mittagspause nutzte er, um sie zu überarbeiten und abzu- tippen, während er an seinem Schreibtisch ein Sandwich kaute. Und jeden Abend ging er als letzter; wir ließen ihn zurück, wie er konzentriert und wie in Trance auf seine Schreibmaschine einhämmerte. Finney ließ ihm keine Ruhe – »Wie weit bist du mit der Kolumne, Sobel?« –,, aber er parierte die Frage stets mit zusammengekniffenen Augen und einem trotzigen Recken des Kinns. »Machen Sie sich keine Sorgen. Sie werden sie kriegen.« Und dann zwinkerte er mir zu. Am Morgen des Abgabetags kam er mit einem kleinen Flecken Toilettenpapier auf der Backe zur Arbeit; er hatte sich vor Nervosität beim Rasieren geschnitten, aber an- sonsten wirkte er so zuversichtlich wie immer. An diesem Morgen gab es keine Telefonanrufe zu erledigen – an den Tagen mit Redaktionsschluß blieben wir alle da und be- arbeiteten Manuskripte und Fahnen –, und als erstes breitete er das fertige Manuskript aus, um es ein letztes Mal zu lesen. Er war so darin vertieft, daß er erst auf- blickte, als Finney neben seinem Ellbogen stand. »Gibst du mir den Artikel, Sobel?« Sobel riß die Papiere an sich und schirmte sie mit einem arroganten Unterarm ab. Er sah Finney unverwandt an und sagte mit einer Bestimmtheit, die er zwei Wochen lang geübt haben mußte: »Ich werde ihn Mr. Kramm zei- gen. Nicht Ihnen.« In Finneys Gesicht begann es zu zucken, als lägen seine Nerven bloß. »Nee, nee, Mr. Kramm braucht das nicht zu sehen«, sagte er. »Außerdem ist er noch nicht da. Komm schon, gib her.« »Sie verschwenden Ihre Zeit, Finney«, sagte Sobel. »Ich werde auf Mr. Kramm warten.« Vor sich hin murmelnd und Sobels triumphierenden Blick meidend, ging Finney zu seinem Schreibtisch zurück, wo er BROADWAY EXKLUSIV Korrektur las. Ich arbeitete an diesem Morgen am Layout-Tisch, klebte die Blindausgabe des ersten Teils zusammen. Ich stand da, arbeitete mit den unhandlichen Druckvorlagen und, verklebten Scheren, als Sobel sich von hinten an mich heranschlich und beunruhigt dreinblickte. »Willst du’s lesen, McCabe?« fragte er. »Bevor ich abgebe?« Und er reichte mir das Manuskript. Das erste, was mir ins Auge stach, war, daß er oben auf Seite 1 ein kleines Foto von sich mit seinem Schlapphut geklebt hatte. Das nächste war der Titel: SOBEL SPRICHT von Leon Sobel An den genauen Wortlaut der ersten Absätze erinnere ich mich nicht, aber sie lauteten ungefähr so: Das ist das »Debüt« einer neuen Serie des Arbeiter- führers, und zudem ist es »etwas Neues« für Ihren Kor- respondenten, der nie zuvor eine Kolumne geschrieben hat. Er ist jedoch alles andere als ein Novize, wenn es um das geschriebene Wort geht, im Gegenteil, er ist ein »tintenfleckiger Veteran« vieler Kämpfe auf dem Schlachtfeld der Ideen, um genau zu sein, neun Bücher sind seiner Feder entflossen. Selbstverständlich war seine Aufgabe in diesen Bänden eine etwas andere als in dieser Kolumne, dennoch hofft er, daß auch die Kolumne wie seine Bücher bestrebt sein wird, das grundlegende menschliche Geheimnis zu durchdringen, mit anderen Worten: die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen. Als ich aufblickte, sah ich, daß er den Rasiermesser- schnitt auf seiner Backe aufgekratzt hatte und dieser jetzt ungehindert blutete. »Also«, sagte ich, »als erstes würde ich es ihm ohne das Foto von dir geben – meinst du nicht, es wäre besser, er würde es erst lesen und dann –«, »Okay«, sagte er und drückte ein zusammengeknülltes graues Taschentuch auf sein Gesicht. »Okay, ich nehm’ das Foto wieder weg. Na los, lies den Rest.« Aber es war keine Zeit mehr, den Rest zu lesen. Kramm war gekommen, Finney hatte mit ihm gesprochen, und jetzt stand Kramm in der Tür zu seinem Büro und kaute mürrisch auf einer erloschenen Zigarre herum. »Du woll- test zu mir, Sobel?« rief er. »Sofort«, sagte Sobel. Er strich die Seiten von SOBEL SPRICHT glatt und entfernte das Foto, das er in seine Hosentasche steckte, während er zur Tür ging. Auf hal- bem Weg fiel ihm ein, den Hut abzunehmen, und er warf ihn erfolglos Richtung Hutständer. Dann verschwand er hinter der Trennwand, und wir lehnten uns zurück, um zuzuhören. Es dauerte nicht lang, bis Kramms Reaktion zu uns drang. »Nein, Sobel. Nein, nein, nein! Was soll das? Was versuchst du mir hier anzudrehen?« Draußen zuckte Finney auf komische Weise zusammen und hielt sich kichernd eine Gesichtshälfte, und O’Leary starrte ihn an, bis er damit aufhörte. Wir hörten Sobels Stimme, ein, zwei undeutliche Sätze des Protests, und dann wieder Kramm: »›Das grundlegende menschliche Geheimnis« – ist das Klatsch? Ist das Ge- munkel? Bist du nicht in der Lage, Anweisungen zu befol- gen? Einen Augenblick – Finney! Finney!« Finney hastete zur Tür, entzückt, zu Diensten sein zu können, und wir hörten, daß er klare ehrliche Antworten auf Kramms Fragen gab: Ja, er hatte Sobel erklärt, was für eine Art Kolumne verlangt wurde; ja, er hatte darauf hin- gewiesen, daß der Verfassername nicht genannt werden würde; ja, Sobel war mit reichlich Klatschmaterial versorgt, worden. Von Sobel hörten wir nur etwas Unverständliches, gesprochen mit einer angespannten tonlosen Stimme. Kramm erwiderte etwas Gutturales, und obwohl wir die Worte nicht verstanden, wußten wir, daß es vorbei war. Dann kamen sie heraus, Finney mit der Art von dämli- chem Lächeln im Gesicht, wie man es bisweilen in einer Menschenmenge sieht, die einen Autounfall beglotzt, Sobel so ausdruckslos wie der Tod. Er hob seinen Hut vom Boden auf, nahm seinen Man- tel vom Ständer, zog beides an und kam zu mir. »Auf Wiedersehen, McCabe«, sagte er. »Nimm’s leicht.« Ich schüttelte ihm die Hand, mein Blick schweifte zu Finneys idiotischem Lächeln, und ich stellte Sobel eine dumme Frage: »Du gehst?« Er nickte. Dann schüttelte er O’Leary die Hand – »Mach’s gut, Junge« – und zögerte, unsicher, ob er uns allen die Hand schütteln sollte. Er entschied sich für ein kurzes Wackeln mit dem Zeigefinger und ging hinaus auf die Straße. Finney verlor keine Zeit, uns beflissen flüsternd die ganze Geschichte zu erzählen: »Der Typ ist verrückt! Er sagt zu Kramm: ›Sie nehmen diese Kolumne, oder ich gehe‹ – einfach so. Kramm schaut ihn an und sagt: ›Du gehst? Raus hier, du bist gefeuert.‹ Was hätte er denn sonst sagen sollen?« Ich wandte mich ab und sah, daß der Schnappschuß von Sobels Frau und Söhnen noch auf seinem Schreib- tisch klebte. Ich entfernte ihn und ging damit hinaus auf den Gehsteig. »He, Sobel!« schrie ich. Er war einen Block entfernt, sehr klein, unterwegs zur U-Bahn. Ich lief ihm nach, brach mir fast das Genick auf dem gefrorenen Matsch. »He, Sobell« Aber er hörte mich nicht., Wieder im Büro, schlug ich seine Adresse im Telefon- buch nach, steckte das Foto in einen Umschlag, gab ihn zur Post, und ich würde mir wünschen, das wäre das Ende der Geschichte. Aber am Nachmittag rief ich den Chefredakteur einer Branchenzeitschrift für Werkzeug an, für die ich vor dem Krieg gearbeitet hatte, und er sagte, daß es im Moment keine freie Stelle gebe, aber vielleicht demnächst, und er wäre gewillt, Sobel anzuhören, wenn er vorbeikommen würde. Es war eine dumme Idee: Das Gehalt war noch geringer als beim Arbeiterführer, und außerdem war es ein Job für sehr junge Männer, deren Väter sie das Werkzeug- geschäft erlernen lassen wollten – Sobel hätte sich wahr- scheinlich disqualifiziert, sobald er den Mund aufge- macht hätte. Aber es schien besser als nichts, und kaum hatte ich abends das Büro verlassen, ging ich in eine Tele- fonzelle und schlug Sobels Nummer nach. Eine Frauenstimme meldete sich; es war nicht die hohe leise Stimme, die ich erwartet hatte. Sie war tief und me- lodiös – das war die erste von mehreren Überraschungen. »Mrs. Sobel?« fragte ich und lächelte absurderweise in die Sprechmuschel. »Ist Leon da?« Sie setzte an, um »Einen Augenblick« zu sagen, sagte dann jedoch: »Mit wem spreche ich, bitte? Ich möchte ihn jetzt nur ungern stören.« Ich nannte ihr meinen Namen und versuchte, die Sache mit der Werkzeugzeitschrift zu erklären. »Ich verstehe nicht«, sagte sie. »Was für eine Zeitung ist das genau?« »Also, es ist eine Branchenzeitschrift«, sagte ich. »Nichts Großartiges, aber es ... Sie wissen schon, auf ihre Art ist es eine hübsche kleine Sache.«, »Ich verstehe«, sagte sie. »Und Sie möchten, daß er hin- geht und sich bewirbt? Geht es darum?« »Ja, also, nur wenn er will«, sagte ich. Ich fing an zu schwitzen. Es war unmöglich, das blasse Gesicht auf Sobels Schnappschuß mit der heiteren, nahezu schönen Stimme in Einklang zu bringen. »Ich dachte nur, daß er es vielleicht versuchen will, das ist alles.«, »Gut«, sagte sie, »einen Augenblick, ich werde ihn fra- gen.« Sie legte den Hörer ab, und ich hörte sie im Hinter- grund miteinander sprechen. Zuerst klangen ihre Worte gedämpft, aber dann hörte ich Sobel sagen: »Ach, ich sprech’ mit ihm ... ich bedank’ mich nur schnell für den Anruf.« Und ich hörte sie antworten, mit unendlicher Zärtlichkeit: »Nein, Liebling, warum solltest du? Er ver- dient es nicht.« »McCabe ist in Ordnung«, sagte er. »Nein, das ist er nicht«, sagte sie, »sonst hätte er den Anstand, dich in Ruhe zu lassen. Laß mich mit ihm reden. Bitte. Ich wimmle ihn ab.« Sie kam zum Telefon und sagte: »Nein, mein Mann sagt, daß er sich nicht für diese Art Arbeit interessiert.« Dann dankte sie mir höflich, verabschiedete sich und überließ es mir, schuldbeladen und schwitzend die Tele- fonzelle zu verlassen.,

Spaß mit Fremden

Den ganzen Sommer wurden die Kinder, die zu Miss Snell in die dritte Klasse kommen sollten, vor ihr ge- warnt. »Junge, die wird’s euch zeigen«, sagten die älte- ren Kinder und verzogen vor boshaftem Vergnügen das Gesicht. »Die wird’s euch wirklich zeigen. Mrs. Cleary ist in Ordnung« – (Mrs. Cleary unterrichtete die andere, vom Glück bevorzugte dritte Klasse) – »sie ist nett, aber Mann, diese Snell – paßt bloß auf.« Und so geschah es, daß die Stimmung von Miss Snells Klasse gedämpft war, noch bevor im September die Schule begann, und zu Beginn des Schuljahrs tat Miss Snell wenig, um sie zu heben. Sie war vermutlich sechzig, eine große hagere Frau mit männlichen Gesichtszügen, und ihre Kleider, wenn nicht gar ihre Poren schienen beständig die trockene Essenz von Bleistiftspänen und Kreidestaub zu verströmen, die den Geruch der Schule ausmacht. Sie war streng, humor- los und damit beschäftigt, alles auszurotten, was sie für unerträglich hielt: Schwätzen, schlechte Haltung, Tag- träumen, häufige Gänge zur Toilette und, am schlimm- sten von allem, »ohne die richtige Ausrüstung zur Schule zu kommen«. Ihre kleinen Augen waren scharf, und wenn jemand beunruhigt und verstohlen flüsterte und einen anderen anstieß, weil er sich einen Bleistift borgen wollte, bemerkte sie es fast immer. »Was ist da hinten los?« fragte sie dann. »Ich meine dich, John Gerhardt.« Und John, Gerhardt – oder Howard White oder wer immer betrof- fen war –, den sie beim Flüstern erwischt hatte, wurde rot und sagte: »Nichts.« »Nuschel nicht. Geht es um einen Bleistift? Bist du wie- der ohne Stifte in die Schule gekommen? Steh auf, wenn ich mit dir spreche.« Und dann folgte ein langer Vortrag über »die richtige Ausrüstung«, der erst beendet war, wenn der Missetater nach vorn gegangen war, einen Bleistift aus dem kleinen Vorrat auf ihrem Pult entgegengenommen, »Danke, Miss Snell« gesagt und das Versprechen, daß er nicht darauf herumkauen oder die Spitze abbrechen würde, laut genug wiederholt hatte, daß alle es hörten. Mit Radiergummis war es noch schlimmer, da sie auf- grund der verbreiteten Neigung, sie von den Bleistiften abzubeißen, noch häufiger Mangelware waren. Auf Miss Snells Pult lag ein großer, formloser alter Radiergummi, und sie schien sehr stolz darauf zu sein. »Das ist mein Radiergummi«, sagte sie und hielt ihn hoch. »Ich habe diesen Radiergummi seit fünf Jahren. Fünf Jahre.« (Und das war nicht schwer zu glauben, denn der Radiergummi sah so alt und grau und verschlissen aus wie die Hand, die ihn drohend schwang.) »Ich habe nie damit gespielt, weil er kein Spielzeug ist. Ich habe nie darauf herum- gekaut, weil er nichts zu essen ist. Und ich habe ihn nie verloren, weil ich nicht dumm und achtlos bin. Ich brau- che diesen Radiergummi für meine Arbeit und passe gut darauf auf. Warum könnt ihr nicht das gleiche mit euren Radiergummis tun? Ich weiß nicht, was mit dieser Klasse los ist. Ich habe noch nie eine Klasse gehabt, die so dumm und so achtlos und so kindisch mit ihren Schul- sachen umgegangen ist.«, Sie verlor nie die Fassung, aber es wäre fast besser gewesen, sie hätte es getan, denn es war die immer glei- che, tonlose, trockene, leidenschaftslose Redundanz ihres Tadels, die uns demoralisierte. Wenn Miss Snell jeman- den für eine spezielle Rüge herausgriff, dann quälte sie ihn mit einem Vortrag. Sie näherte sich dem Gesicht ihres Opfers bis auf dreißig Zentimeter, ihre Augen starrten unverwandt in seine, und das faltige graue Fleisch um ihren Mund arbeitete, wenn sie grimmig und bedächtig ihre Beschuldigungen vorbrachte, bis der Tag alle Farbe verloren hatte. Sie schien keine Lieblingsschüler zu haben; einmal hackte sie sogar auf Alice Johnson herum, die immer alles dabeihatte und nahezu alles richtig machte. Alice murmelte etwas, während laut vorgelesen wurde, und als sie nach mehreren Ermahnungen weiter mur- melte, ging Miss Snell zu ihr, nahm ihr das Buch weg und schalt sie mehrere Minuten lang. Alice war zuerst ver- blüfft, als nächstes füllten sich ihre Augen mit Tränen, ihr Mund verzog sich zu schrecklichen Formen, und dann nahm sie die größte Demütigung auf sich und weinte vor der Klasse. Es war nicht ungewöhnlich, daß in Miss Snells Klasse geweint wurde, sogar Jungen weinten. Und ironischer- weise schien es immer während der Stille nach einer die- ser Szenen – wenn das einzige Geräusch im Raum das leise, halb erstickte Schluchzen eines Schülers war und der Rest der Klasse in einer Agonie der Verlegenheit nach vorn starrte –, daß aus Mrs. Clearys Klasse auf dem Flur gegenüber Lachen zu ihnen drang. Dennoch konnten sie Miss Snell nicht hassen, denn Bösewichte müssen für Kinder ganz und gar schwarz sein, und sie konnten nicht leugnen, daß Miss Snell bis-, weilen auf ganz eigene unbeholfene und tastende Art nett war. »Wenn wir ein neues Wort lernen, ist das, als ob wir einen neuen Freund finden«, sagte sie einmal. »Und wir alle finden doch gern neue Freunde, nicht wahr? Zum Beispiel, als das Schuljahr begann, wart ihr alle Fremde für mich, aber ich wollte unbedingt eure Namen lernen und mich an eure Gesichter erinnern, und deswegen habe ich mir die Mühe gemacht. Zuerst war es verwirrend, aber dann seid ihr alle meine Freunde geworden. Und später werden wir schöne Sachen gemeinsam machen - vielleicht ein kleines Fest an Weihnachten oder so etwas –, und ich weiß, daß es mir dann sehr leid tun würde, wenn ich mir diese Mühe nicht gemacht hätte, denn mit Fremden kann man nicht wirklich Spaß haben, nicht wahr?« Sie lächelte sie reizlos und scheu an. »Und genauso ist es mit Wörtern.« Nichts war peinlicher, als wenn Miss Snell so etwas sagte, aber die Kinder empfanden dann ihr gegenüber eine vage Verantwortung und hielten sich loyal zurück, wenn Schüler aus anderen Klassen wissen wollten, wie schlimm sie wirklich wäre. »Also, nicht so schlimm«, sagten sie verlegen und versuchten, das Thema zu wech- seln. John Gerhardt und Howard White gingen normalerweise gemeinsam von der Schule nach Hause, und obwohl sie es zu vermeiden trachteten, gesellten sich häufig zwei Kinder aus Mrs. Clearys Klasse zu ihnen, die in derselben Straße lebten – Freddy Taylor und seine Zwillingsschwe- ster Grace. John und Howard kamen für gewöhnlich bis zum Ende des Pausenhofes, bevor die Zwillinge sich aus der Menge lösten und ihnen nachrannten. »He, wartet, auf uns!« rief Freddy. »Wartet!« Und einen Augenblick später gingen die Zwillinge neben ihnen, plapperten und schwangen ihre identischen karierten Schultaschen aus Segeltuch. »Ratet mal, was wir nächste Woche machen werden«, sagte Freddy mit seiner piepsenden Stimme eines Nach- mittags. »Unsere ganze Klasse meine ich. Ratet mal. Na, macht schon, ratet.« John Gerhardt hatte den Zwillingen schon einmal aus- drücklich erklärt, daß er nicht gern mit einem Mädchen nach Hause ging, und nun hätte er beinahe gesagt, daß ein Mädchen schon schlimm genug sei, aber zwei seien mehr, als er ertragen könne. Statt dessen warf er Howard White einen wissenden Blick zu, und beide gingen schwei- gend weiter, entschlossen, nicht auf Freddys beharrliches »Ratet« zu antworten. Aber Freddy wartete nicht lange auf eine Antwort. »Wir machen einen Ausflug«, sagte er, »im Verkehrsunterricht. Wir fahren nach Harmon. Wißt ihr, was Harmon ist?« »Klar«, sagte Howard White. »Eine Stadt.« »Nein, ich meine, wißt ihr, was sie dort tun? Sie tau- schen dort bei allen Zügen, die nach New York fahren, die Dampflokomotiven gegen elektrische aus. Mrs. Cleary sagt, wir werden zuschauen, wie sie die Lokomotiven wechseln und so.« »Wir werden praktisch den ganzen Tag dort verbrin- gen«, sagte Grace. »Und was ist so toll daran?« fragte Howard White. »Wenn ich will, kann ich jeden Tag dorthin, mit dem Fahrrad.« Das war übertrieben, denn er durfte mit dem Fahrrad nicht über einen Umkreis von zwei Blocks hin- ausfahren, aber es klang gut, vor allem als er hinzufügte:, »Dafür brauche ich keine Mrs. Cleary«, wobei er »Cleary« affektiert und weinerlich betonte. »An einem Schultag?« fragte Grace. »Darfst du an einem Schultag hinfahren?« Howard murmelte lahm: »Klar, wenn ich will«, aber der Punkt ging eindeutig an die Zwillinge. »Mrs. Cleary hat gesagt, daß wir ganz viele Ausflüge machen«, sagte Freddy. »Später werden wir ins Natur- kundemuseum nach New York fahren und noch an viele andere Orte. Schade, daß ihr nicht in Mrs. Clearys Klasse seid.« »Macht mir gar nichts aus«, sagte John Gerhardt. Dann gab er ein Zitat zum besten, das direkt von seinem Vater stammte und ihm passend erschien: »Außerdem gehe ich nicht in die Schule, um herumzualbern. Ich gehe in die Schule, um zu arbeiten. Komm, Howard.« Ein oder zwei Tage später stellte sich heraus, daß beide Klassen gemeinsam den Ausflug machen sollten; Miss Snell hatte vergessen, ihren Schülern davon zu erzählen. Als sie es ihnen mitteilte, war sie gut gelaunt. »Ich den- ke, der Ausflug wird besonders nützlich sein«, sagte sie, »weil er lehrreich sein wird und zugleich ein besonderes Vergnügen für uns alle.« Am Nachmittag brachten John Gerhardt und Howard White den Zwillingen die Neuig- keit mit einstudierter Beiläufigkeit und heimlicher Freude bei. Aber es war ein kurzlebiger Sieg, denn der Ausflug unterstrich nur die Unterschiede zwischen den beiden Lehrerinnen. Mrs. Cleary machte alles mit Charme und Begeisterung; sie war jung und geschmeidig und mit die hübscheste Frau, die Miss Snells Klasse je gesehen hatte. Sie war es, die es den Kindern ermöglichte, den Führer-, stand einer riesigen Lokomotive, die ungenutzt auf einem Nebengleis stand, zu besichtigen, und sie war es, die her- ausfand, wo sich die öffentlichen Toiletten befanden. Die langweiligsten Fakten über Züge wurden mit Leben er- füllt, wenn sie sie erklärte; die unfreundlichsten Lokfüh- rer und Weichensteller wurden zu herzlichen Gastgebern, wenn sie sie anlächelte, während ihr langes Haar im Wind wehte und ihre Hände unbekümmert in den Taschen ihres Kamelhaarmantels steckten. Währenddessen hielt sich Miss Snell im Hintergrund, hager und sauertöpfisch, die Schultern gegen den Wind hochgezogen, der Blick aus ihren zusammengekniffenen Augen schweifte umher auf der Suche nach Nachzüglern. Einmal ließ sie Mrs. Cleary warten, während sie die eigene Klasse beiseite nahm und verkündete, daß es kei- ne Ausflüge mehr geben werde, wenn sie nicht lernten, als Gruppe zusammenzubleiben. Sie verdarb alles, und als der Ausflug zu Ende war, schämten sie sich schreck- lich für sie. Miss Snell hatte jede nur erdenkliche Mög- lichkeit gehabt, sich an diesem Tag zu bewähren, und jetzt war ihr Versagen ebenso schmählich wie enttäu- schend. Und das Schlimmste daran war: Sie war so er- bärmlich – die Schüler wollten sie in ihrem tristen, schweren schwarzen Mantel und mit ihrem Hut nicht einmal ansehen. Sie wollten nur, daß sie so schnell wie möglich in den Bus stieg, in die Schule zurückkehrte und außer Sichtweite wäre. Jeder der Herbstfeiertage sorgte für eine besondere Atmosphäre an der Schule. Zuerst kam Halloween, und mehrere Stunden des Zeichenunterrichts wurden dafür verwendet, mit Wachsmalstiften Kürbislaternen und schwarze Katzen mit Buckel zu malen. Thanksgiving war, wichtiger; eine oder zwei Wochen malten die Kinder Trut- hähne, Füllhörner und braun gekleidete Pilgervater mit hohen Hüten und Gewehren mit Läufen wie Trompeten, und im Musikunterricht sangen sie immer wieder »We Gather Together« und »America the Beautiful«. Und kaum war Thanksgiving vorbei, begannen die langwierigen Vor- bereitungen für Weihnachten: Rot und Grün waren die vorherrschenden Farben, und für das jährliche Weihnachts- spiel wurden Lieder geübt. Jeden Tag waren die Flure üppiger mit Weihnachtsschmuck dekoriert, bis schließ- lich die letzte Schulwoche vor den Ferien anbrach. »Macht ihr eine Party in eurer Klasse?« fragte Freddy Taylor eines Tages. »Klar, wahrscheinlich«, sagte John Gerhardt, obwohl er sich dessen überhaupt nicht sicher war. Abgesehen von der einen vagen Bemerkung viele Wochen zuvor hatte Miss Snell nichts von einer Weihnachtsfeier gesagt oder angedeutet »Hat Miss Snell gesagt, daß ihr eine macht, oder was?« fragte Grace. »Also, sie hat es nicht direkt gesagt«, meinte John Ger- hardt etwas obskur. Howard White ging wortlos neben ihm her und stieß die Schuhspitzen in den Boden. »Mrs. Cleary hat uns auch nichts gesagt«, sagte Grace, »weil es eine Überraschung sein soll, aber wir wissen, daß es eine Party geben wird. Ein paar Kinder, die sie letztes Jahr hatten, haben es uns erzählt. Sie haben gesagt, daß sie am letzten Schultag immer eine große Party macht mit einem Baum und so und kleinen Geschenken und was zum Essen. Macht ihr das auch?« »Ach, ich weiß nicht«, sagte John Gerhardt. »Klar, wahr- scheinlich.« Aber später, als die Zwillinge fort waren, wurde, er ein wenig besorgt. »He, Howard«, sagte er, »glaubst du, daß sie eine Party machen wird oder was?« »Keine Ahnung«, sagte Howard White und zuckte be- dächtig die Achseln. »Ich hab’ nichts gesagt.« Aber auch er war deswegen beunruhigt, und dem Rest der Klasse erging es ebenso. Als die Ferien näherrückten und vor allem während der paar höhepunktslosen Tage, nachdem das Weihnachts spiel über die Bühne war, schien es immer unwahrscheinlicher, daß Miss Snell eine wie auch immer geartete Party plante, und das ließ ihnen keine Ruhe. Am letzten Schultag regnete es. Der Morgen verging wie jeder andere, und nach dem Mittagessen waren die Flure wie an jedem anderen verregneten Tag voller plap- pernder Kinder, die in Regenmänteln und Gummistiefeln herumschlenderten und darauf warteten, daß der Nach- mittagsunterricht begann. Vor den Räumen der dritten Klassen herrschte eine besondere Spannung, denn Mrs. Cleary hatte die Tür ihres Klassenzimmers abgeschlossen, und bald verbreitete sich die Kunde, daß sie allein im Raum war und eine Party vorbereitete, die mit dem Läu- ten der Glocke beginnen und den ganzen Nachmittag dau- ern würde. »Ich habe heimlich geguckt«, erzählte Grace Taylor atemlos jedem, der es hören wollte. »Sie hat einen kleinen Baum mit blauen Lichtern, und sie hat das Zim- mer geschmückt und die Bänke weggeschoben und so.« Andere aus ihrer Klasse liefen fragend hinter ihr her – »Was genau hast du gesehen?«, »Nur blaue Lichter?« –, und wieder andere drängelten sich um die Tür und ver- suchten, durch das Schlüsselloch zu spähen. Die Kinder aus Miss Snells Klasse drückten sich un- sicher an die Flurwände, überwiegend schweigsam, die, Hände in den Taschen. Ihre Tür war ebenfalls geschlos- sen, aber niemand wollte überprüfen, ob sie auch abge- sperrt war, aus Angst, sie könnte aufschwingen und den Blick auf eine Miss Snell preisgeben, die ganz vernünftig an ihrem Schreibtisch saß und Hefte korrigierte. Statt des- sen beobachteten sie Mrs. Clearys Tür, und als sie endlich geöffnet wurde, sahen sie zu, wie die anderen Kinder hin- eindrängten. Alle Mädchen riefen im Chor »Ooh!«, als sie darin verschwanden, und auch von dort, wo Miss Snells Klasse stand, war zu sehen, daß das Zimmer verwandelt war. Da stand tatsächlich ein Baum mit blauen Lichtern – der ganze Raum glühte blau –, und die Schulbänke waren an die Wand geschoben. Sie sahen nur die Ecke eines Tischs in der Mitte, darauf Teller mit buntem Kon- fekt und Kuchen. Mrs. Cleary stand auf der Schwelle, schön und strahlend, leicht gerötet vor Aufregung. Sie lächelte den neugierigen Gesichtern von Miss Snells Klasse freundlich und zerstreut zu, dann schloß sie wie- der die Tür. Kurz darauf öffnete Miss Snell die Tür, und als erstes sahen sie, daß das Klassenzimmer unverändert war. Alle Tische standen an ihrem Platz, bereit für den Unterricht; die vertrauten, selbstgemalten Weihnachtsbilder hingen noch an den Wänden, und es gab keinen weiteren Schmuck als die schmuddligen roten Pappbuchstaben, die »Fröhliche Weihnachten« wünschten und schon die ganze Woche an der Tafel hingen. Aber dann bemerkten sie mit großer Erleichterung, daß auf Miss Snells Schreib- tisch ein kleines ordentliches Häufchen rot-weißer Päck- chen lag. Miss Sneil stand am Pult, ohne zu lächeln, und wartete darauf, daß die Klasse sich setzte. Instinktiv blieb niemand stehen, um die Geschenke anzustarren oder, einen Kommentar dazu abzugeben. Miss Snells Haltung machte klar, daß die Party noch nicht begonnen hatte. Auf dem Stundenplan stand Rechtschreibunterricht, und Miss Snell wies die Schüler an, Stifte und Hefte her- auszunehmen. In der Stille zwischen den Worten, die zu schreiben sie ihnen aufgab, hörten sie die Geräusche aus Mrs. Clearys Klasse – wiederholtes Gelächter und Aus- rufe der Überraschung. Aber das kleine Häufchen Ge- schenke machte alles wieder gut; die Kinder mußten es nur ansehen, und dann wußten sie, daß es nichts gab, wofür sie sich schämen mußten. Miss Snell hatte es ge- schafft. Die Geschenke waren alle gleich verpackt, in weißes Seidenpapier mit einer roten Schleife, und die wenigen Formen, die John Gerhardt erkennen konnte, deuteten darauf hin, daß es Taschenmesser sein konnten. Vielleicht, so dachte er, waren es Taschenmesser für die Jungen und kleine Taschenlampen für die Mädchen. Da Taschenmes- ser vermutlich zu teuer waren, war es wohl eher etwas Gutgemeintes und Nutzloses aus dem Billigladen, wie zum Beispiel Bleisoldaten für die Jungen und Miniatur- püppchen für die Mädchen. Aber auch das wäre in Ord- nung gewesen – etwas Hartes und Buntes, um zu bewei- sen, daß Miss Snell doch ein Mensch war, etwas, was man aus der Tasche ziehen und beiläufig den Taylor- Zwillingen zeigen konnte. (»Nein, nicht gerade eine Party, aber sie hat uns kleine Geschenke gegeben. Schaut.«) »John Gerhardt«, sagte Miss Snell, »wenn du auf nichts anderes achten kannst als die ... Sachen auf meinem Schreibtisch, dann räume ich sie vielleicht besser weg.« Die Klasse kicherte kurz, und Miss Snell lächelte. Es war ein kleines, schüchternes Lächeln, das gleich wieder ver-, schwand, bevor sie sich erneut dem Rechtschreibbuch zuwandte, aber es reichte aus, um die Anspannung zu lockern. Während die Rechtschreibhefte eingesammelt wurden, lehnte sich Howard White zu John Gerhardt und flüsterte: »Krawattennadeln. Ich wette, es sind Krawat- tennadetn für die Jungen und irgendein Schmuck für die Mädchen.« »Psst!« sagte John, aber dann fügte er hinzu: »Zu dick für Krawattennadeln.« Es herrschte allgemeine Unruhe; alle rechneten damit, daß die Party beginnen würde, sobald Miss Snell alle Rechtschreibhefte hatte. Statt des- sen bat sie um Ruhe und begann den Nachmittagsunter- richt in Verkehrserziehung. Der Nachmittag schritt voran. Jedesmal, wenn Miss Snell auf die Uhr blickte, erwarteten die Kinder, daß sie sagte: »Ach, du liebe Zeit – jetzt hätte ich beinahe etwas vergessen.« Aber sie tat es nicht. Es war kurz nach zwei Uhr, der Unterricht wäre in weniger als einer Stunde vor- bei gewesen, als Miss Snell durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen wurde. »Ja?« sagte sie gereizt. »Was ist?« Die kleine Grace Taylor trat ein, mit einem halben Stück Napfkuchen in der Hand und der anderen Hälfte im Mund. Sie zeigte sich höchst überrascht, daß die Klasse Unterricht hatte – sie wich einen Schritt zurück und bedeckte mit der freien Hand den Mund. »Nun?« fragte Miss Snell. »Willst du etwas?« »Mrs. Cleary möchte wissen, ob –« »Mit vollem Munde spricht man nicht.« Grace schluckte. Sie ließ sich überhaupt nicht ein- schüchtern. »Mrs. Cleary möchte wissen, ob Sie übrige Pappteller haben.« »Ich habe keine Pappteller«, sagte Miss Snell. »Und wür-, dest du Mrs. Cleary freundlicherweise davon in Kenntnis setzen, daß wir Unterricht haben?« »In Ordnung.« Grace nahm einen weiteren Bissen von ihrem Kuchen und drehte sich um, um zu gehen. Ihr Blick fiel auf die Geschenke, und sie hielt inne, um sie zu betrachten. Zweifellos war sie nicht beeindruckt. »Du hältst den Unterricht auf«, sagte Miss Snell. Grace setzte sich wieder in Bewegung. An der Tür warf sie der Klasse einen durchtriebenen Blick zu, kicherte kurz und kuchenkrümelnd und glitt dann hinaus. Der Minutenzeiger kroch hinunter auf halb drei und schlich weiter zu Viertel vor. Schließlich, um fünf vor drei, legte Miss Snell das Buch aus der Hand. »Gut«, sagte sie. »Ich denke, wir können jetzt alle unsere Bücher weg- legen. Das ist der letzte Schultag vor den Ferien, und ich habe eine ... kleine Überraschung für euch vorbereitet.« Wieder lächelte sie. »Ich glaube, am besten bleibt ihr alle sitzen, und ich werde die Sachen einfach verteilen. Alice Johnson, würdest du bitte kommen und mir helfen? Ihr anderen bleibt sitzen.« Alice ging nach vorn, und Miss Snell teilte die kleinen Päckchen in zwei Hälften auf und legte sie auf zwei Bogen Zeichenpapier. Alice nahm einen Bogen, hielt ihn vorsichtig, und Miss Snell nahm den anderen. Bevor sie durch das Zimmer gingen, sagte Miss Snell: »Ich denke, am höflichsten wäre es, wenn ihr alle wartet, bis jeder etwas hat, und dann öffnen wir die Päck- chen gemeinsam. Gut, Alice.« Sie gingen den Gang zwischen den Bankreihen entlang, lasen die Namen vor und verteilten die Geschenke. Die Kärtchen waren nach gewohnter Woolworth-Art mit einem Bild des Weihnachtsmanns und dem Schriftzug »Fröhliche Weihnachten« bedruckt, und Miss Snell hatte, sie mit ihren ordentlichen Wandtafelbuchstaben beschrif- tet. Auf John Gerhardts Kärtchen stand: »Für John G., von Miss Snell.« Er nahm es, und in dem Moment, als er es in der Hand spürte, wußte er voller Entsetzen ganz genau, was es war. Jegliche Überraschung war verflogen, als Miss Snell wieder nach vorn zurückgekehrt war und sagte: »In Ordnung.« Er entfernte das Papier und legte das Geschenk auf den Tisch. Es war ein Radiergummi der zweckdienlichen Zehn-Cent-Art, die eine Hälfte weiß für Bleistift und die andere grau für Tinte. Aus dem Augenwinkel sah er, daß Howard White neben ihm einen identischen Radiergummi auspackte, und ein verstohlener Blick durch das Klassen- zimmer bestätigte, daß alle Geschenke gleich waren. Nie- mand wußte, wie er reagieren sollte, und für einen Zeit- raum, der eine volle Minute zu sein schien, war es völlig still im Zimmer, abgesehen vom verklingenden Rascheln des Papiers. Miss Snell stand vor der Klasse, ihre verschränk- ten Finger wanden sich wie Würmer vor ihrer Taille, ihre Gesichtszüge zerflossen zu dem weichen zittrigen Lächeln einer Gebenden. Sie wirkte vollkommen hilflos. Schließlich sagte eines der Mädchen: »Vielen Dank, Miss Snell«, und dann sagte die ganze Klasse in rauhem Unisono: »Vielen Dank, Miss Snell.« »Gern geschehen«, sagte sie und faßte sich wieder, »und ich wünsche euch allen schöne Feiertage.« Gnädigerweise läutete die Glocke, und in dem lärmi- gen Gedränge des Rückzugs in den Garderobenraum war es nicht länger nötig, Miss Snell anzusehen. Ihre Stimme erhob sich über den Lärm: »Würdet ihr bitte alle das Papier und die Bänder in den Papierkorb werfen, bevor ihr geht?«, John Gerhardt fuhr in die Gummistiefel, griff nach sei- nem Regenmantel und drängte sich unter Einsatz der Ell- bogen aus dem Garderobenraum, aus dem Klassenzim- mer und den lauten Flur entlang. »He, Howard, beeil dich!« rief er Howard White zu, und schließlich waren beide von der Schule befreit und rannten spritzend durch die Pfützen auf dem Pausenhof. Mit jedem Schritt ließen sie Miss Snell weiter hinter sich; wenn sie schnell genug rannten, könnten sie sich sogar vor den Taylor-Zwillin- gen drücken, und dann müßten sie nicht mehr darüber nachdenken. Mit stampfenden Beinen und flatternden Regenmänteln rannten sie im Hochgefühl, entkommen zu sein.,

Der BAR-Mann

Bevor sein Name in einem Polizeiprotokoll und in den Zeitungen stand, hatte nie jemand viel über John Fallon nachgedacht. Er arbeitete als Angestellter bei einer gro- ßen Versicherungsgesellschaft, wo er sich mit einem gewissenhaften Stirnrunzeln schwerfällig zwischen den Aktenschränken bewegte, die weißen Manschetten um- geschlagen, um eine straff sitzende goldene Uhr am einen Handgelenk und das lockere Erkennungsband der Armee, ein Relikt aus einer unerschrockeneren und sorgloseren Zeit, am anderen zu entblößen. Er war neunundzwanzig Jahre alt, groß und stämmig, mit ordentlich gekämm- tem braunem Haar und einem breiten blassen Gesicht. Seine Augen blickten freundlich, außer wenn er sie vor Verwunderung weit aufriß oder sie drohend zusammen- kniff, und sein Mund war kindlich schlaff, außer wenn er die Lippen straffte, um etwas Knallhartes zu sagen. Als Straßenkleidung bevorzugte er flotte leuchtendblaue Anzüge mit gepolsterten Schultern und sehr tief angesetz- ten Knöpfen, und er ging im harten rhythmischen Klang seiner eisenbeschlagenen Absätze. Er lebte in Sunnyside, Queens, und war seit zehn Jahren mit einer sehr dünnen jungen Frau namens Rose verheiratet, die unter Stirnhöh- lenschmerzen litt, keine Kinder bekommen konnte und mehr Geld verdiente als er, weil sie siebenundachtzig Wörter in der Minute tippen konnte, ohne auch nur, einen einzigen Takt beim Kauen ihres Kaugummis auszu- lassen. Fünf Abende in der Woche, Sonntag bis Donnerstag, saßen die Fallons zu Hause und spielten Karten oder sahen fern, und manchmal schickte sie ihn los, um Sandwiches und Kartoffelsalat zu kaufen, ein leichter Imbiß, bevor sie ins Bett gingen. Den Freitagabend, das Ende der Arbeits- woche und der Tag, an dem im Fernsehen die Boxkämpfe übertragen wurden, verbrachte er mit den Jungs im Island Bar and Grill, gleich neben dem Queens Boulevard. Die Männer dort waren mehr aus Gewohnheit miteinander befreundet als aus wirklicher Sympathie, und die erste hal- be Stunde standen sie befangen herum, beleidigten ein- ander und verhöhnten jeden Neuankömmling (»O Gott, schau nur, was da gerade reingekommen ist!«). Aber bis die Kämpfe vorbei waren, hatten sie sich normalerweise in Bestlaune gealbert und getrunken, und der Abend ende- te oft gegen zwei, drei Uhr mit Gesang und schwanken- dem Gang. Den Samstag widmete Fallon, nachdem er morgens ausgeschlafen und nachmittags bei der Haus- arbeit geholfen hatte, der Unterhaltung seiner Frau: Sie gingen in eines der Kinos in der Nachbarschaft und an- schließend in eine Eisdiele, und um Mitternacht lagen sie für gewöhnlich im Bett. Am Sonntag lasen sie im Wohn- zimmer verschlafen die Zeitung, und dann begann seine Woche von neuem. Den Ärger hätte es nie gegeben, wenn seine Frau nicht ausgerechnet an diesem Freitag darauf bestanden hätte, daß er mit seiner Gewohnheit brach: An jenem Abend lief zum letzten Mal ein Film mit Gregory Peck, und sie sagte, sie sehe keinen Grund, warum er nicht einmal im Leben auf seinen Preiskampf verzichten könne. Sie sagte, es am Freitagmorgen, und es war nicht das letzte, was an diesem Tag schieflaufen sollte. Beim Mittagessen – dem speziellen Zahltagmittagessen, das er stets zusammen mit drei Kollegen aus dem Büro in einem deutschen Gasthaus einnahm – unterhielten sie sich über die Kämpfe, aber Fallon beteiligte sich kaum am Gespräch. Jack Kopeck, der nichts vom Boxen ver- stand (er nannte die Vorstellung der vergangenen Woche »einen verdammt guten Kampf«, obwohl es tatsächlich fünfzehn Runden Klammern und Waschlappen-Sparring gewesen waren, die mit einer absurden Entscheidung ge- endet hatten), schilderte der Gruppe ausführlich, daß er den besten Kampf überhaupt bei der Marine gesehen hätte. Daraufhin wurde am Tisch viel über die Marine geredet, während Fallon sich vor Langeweile wand. »Da war ich also«, sagte Kopeck und stieß sich gegen Ende seiner dritten langen Geschichte mit dem mani- kürten Daumen gegen das Brustbein, »mein erster Tag auf einem neuen Schiff, und ich hab’ nichts außer dieser maßgeschneiderten Matrosenkluft zum Appell. Ob ich Angst hatte? Ich habe gezittert wie Espenlaub. Der Alte kommt, sieht mich und sagt: ›Was glaubst du, wo du bist, Matrose? Auf einem Kostümball?‹« »Wenn wir schon davon reden«, sagte Mike Boyle und riß die runden Komikeraugen auf. »Ich sage euch, wir hatten da diesen Kommandanten. Er zog einen weißen Handschuh an und fuhr mit dem Finger das Schott ent- lang. Und wehe, wenn auf dem Handschuh auch nur ein Staubkorn klebte, dann war man ein toter Mann.« Dann wurden sie sentimental. »Ah, aber es ist ein gutes Leben in der Marine«, sagte Kopeck. »Ein anständiges Leben. Das Beste an der Marine ist, daß man jemand ist,, versteht ihr, was ich meine? Jeder Mann hat seine eigene Aufgabe. Bei der Armee läuft man doch nur herum und sieht so blöd aus wie alle anderen.« »Mann«, sagte der kleine George Walsh und tauchte seine Bockwurst in den Senf, »das kannst du laut sagen. Ich war vier Jahre bei der Armee, und glaub mir, das kannst du laut sagen.« Und da riß John Fallon der Geduldsfaden. »Wirklich?« sagte er. »Welcher Teil der Armee war das denn?« »Welcher Teil?« fragte Walsh und blinzelte. »Also, ich war eine Weile bei der Artillerie in Virginia, und dann war ich in Texas und Georgia – wie meinst du das, welcher Teil?« Fallon kniff die Augen zusammen, und seine Lippen strafften sich. »Du hättest es mal bei der Infanterie ver- suchen sollen, Mann«, sagte er. »Ach, na ja«, gab Walsh mit einem unsicheren Lächeln klein bei. Aber Kopeck und Boyle nahmen die Herausforderung grinsend an. »Bei der Infanterie?« sagte Boyle. »Haben die etwa – Spezialisten bei der Infanterie?« »Darauf kannst du deinen Arsch verwetten, daß sie bei der Infanterie Spezialisten haben«, sagte Fallon. »Jeder Blödmann in einer Schützenkompanie ist ein Spezialist, falls du es genau wissen willst. Und ich will dir mal eins sagen, Mann – dort scheißt sich keiner was um Seiden- handschuhe und maßgeschneiderte Kleidung, darauf kannst du deinen Arsch verwetten.« »Jetzt aber mal halblang«, sagte Kopeck. »Eins würd’ mich interessieren, John. Worauf warst du denn speziali- siert?«, »Ich war ein BAR-Mann«, sagte Fallon. »Was ist das denn?« Und da fiel Fallon zum ersten Mal auf, wie sehr sich im Lauf der Jahre die Zusammensetzung der Mitarbeiter im Büro verändert hatte. In den alten Zeiten, um 1949 oder 1950, als die alten Kollegen noch da waren, hätte jemand, der nicht wußte, was BAR bedeutete, mit großer Sicher- heit den Mund gehalten. »BAR«, sagte Fallon und legte seine Gabel weg, »steht für Browning Automatic Rifle. Das ist ein vollautoma- tisches Mehrladegewehr Kaliber dreißig, das die Haupt- feuerkraft einer Zwölf-Mann-Schützengruppe ausmacht. Beantwortet das deine Frage?« »Wie meinst du das?« hakte Boyle nach. »Ein Maschi- nengewehr?« Und als spräche er zu Kindern oder Mädchen, mußte Fallon erklären, daß es nicht mit einem herkömmlichen Maschinengewehr zu vergleichen und seine taktische Funk- tion eine völlig andere war; schließlich kramte er seinen Bleistift hervor und zeichnete aus dem Gedächtnis und mit Hingabe den Umriß der Waffe auf die Rückseite des Um- schlags, in dem sein wöchentlicher Gehaltsscheck steckte. »Na gut«, sagte Kopeck, »jetzt sag mir eins, John. Was muß man wissen, um mit so einem Gewehr schießen zu können? Braucht man eine spezielle Ausbildung dafür oder was?« Fallons Augen waren zornige Schlitze, als er den Stift und den Umschlug wieder in die Jackentasche stopfte. »Versuch’s mal«, sagte er. »Versuch mal mit dem BAR und einem Munitionsgurt über dem Rücken auf leeren Magen zwanzig Meilen zu marschieren, dich dann in einen Sumpf zu legen, wo dir das Wasser über den Arsch steigt, und du festgenagelt wirst von Maschinengewehrsalven und Mörserfeuer, und dein Gruppenführer schreit ›Bring das BAR in Stellung!‹, und du mußt den Rückzug des ganzen Zuges oder der ganzen verdammten Kompanie decken. Versuch’s mal, Mann – du wirst schon sehen, was man wissen muß.« Und er trank einen großen Schluck von seinem Bier, woraufhin er husten mußte und in seine dicke sommersprossige Faust spuckte. »Nur die Ruhe«, sagte Boyle lächelnd. »Überanstreng dich nicht, Mann.« Und Fallon wischte sich den Mund ab, atmete schwer und starrte sie wütend an. »Okay, du bist also ein Held«, sagte Kopeck leichthin. »Du hast gekämpft. Aber sag mir eins, John. Hast du selbst mit diesem Ding geschossen?« »Was glaubst du?« fragte Fallon und seine schmalen Lippen bewegten sich dabei kaum. »Wie oft?« Tatsache war, daß Fallon als kräftiger, fähiger Soldat von neunzehn Jahren, von den anderen in seiner Gruppe viele Male ein »verdammt guter BAR-Mann« genannt, seine Waffe in den letzten zwei Monaten des Krieges auf wunden Füßen viele Meilen über Straßen und Felder und durch Wälder geschleppt, damit häufig im Sperrfeuer der Artillerie und unter Mörserbeschuß gelegen und sie vie- len frisch gefangengenommenen Deutschen vor die Brust gehalten hatte; er hatte jedoch nur zweimal damit ge- schossen, hatte zweimal nichts getroffen und war das zweite Mal wegen Verschwendung von Munition getadelt worden. »Das geht dich verdammt noch mal nichts an!« sagte er, und die anderen blickten kaum verhohlen lächelnd, auf ihre Teller. Er starrte sie wütend an, wartete nur dar- auf, daß sie stichelten, aber keiner von ihnen sagte etwas, und das war noch schlimmer. Sie aßen schweigend und tranken ihr Bier, und nach einer Weile wechselten sie das Thema. Fallon lächelte den ganzen Nachmittag kein einziges Mal, und er war noch immer verdrossen, als er sich mit seiner Frau im Supermarkt in der Nähe ihrer Wohnung traf, um fürs Wochenende einzukaufen. Sie sah müde aus, wie immer, wenn ihre Stirnhöhlenschmerzen schlimmer wurden, und während er schwerfällig den Einkaufswagen hinter ihr herschob, wandte er immer wieder den Kopf, um den schwingenden Hüften und vollen Brüsten ande- rer junger Frauen im Laden nachzuschauen. »Au!« schrie sie einmal und ließ eine Schachtel Ritz Cracker fallen, um sich die schmerzende Ferse zu reiben. »Siehst du nicht, wo du mit diesem Ding hinfährst! Laß mich den Wagen schieben!« »Du hättest nicht so plötzlich stehenbleiben sollen«, sagte er. »Ich wußte nicht, daß du stehenbleiben woll- test.« Um sie nicht wieder mit dem Wagen anzufahren, mußte er danach seine ganze Aufmerksamkeit auf ihren schma- len Körper und ihre steckendürren Beine konzentrieren. Von der Seite betrachtet, neigte sich Rose Fallon immer ein wenig nach vorn; und beim Gehen schien ihr Hintern plump und wie abgetrennt in ihrem Schlepptau zu trei- ben. Ein paar Jahre zuvor hatte ein Arzt ihre Sterilität damit erklärt, daß ihre Gebärmutter nach vorn gekippt war, und ihr geraten, ihre Lage durch bestimmte Übun- gen zu korrigieren; eine Weile hatte sie die Übungen, halbherzig gemacht und sie dann nach und nach wieder aufgegeben. Fallon wußte nie, ob ihre merkwürdige Hal- tung die Ursache oder die Folge ihres inneren Zustandes war, aber er wußte mit Sicherheit, daß sie wie ihre Stirn- höhlenprobleme im Lauf ihrer Ehe schlimmer geworden war; er hätte schwören können, daß sie aufrecht gestan- den hatte, als er sie kennenlernte. »Möchtest du Rice Krispies oder Post Toasties, John?« fragte sie ihn. »Rice Krispies.« »Ja, aber die hatten wir letzte Woche. Hast du sie nicht über?« »Na gut, dann die anderen.« »Was murmelst du? Ich verstehe dich nicht.« »Post Toasties, habe ich gesagt!« Auf dem Nachhauseweg schnaufte er unter der Last der Lebensmitteltüten in seinen Armen mehr als gewöhnlich. »Was ist los?« fragte sie, als er stehenblieb, um den Griff um die Tüten zu ändern. »Ich bin vermutlich nicht in Form«, sagte er. »Ich sollte mal wieder Handball spielen.« »Also ehrlich«, sagte sie. »Das sagst du immer, und dann liegst du nur rum und liest Zeitung.« Bevor sie das Abendessen zubereitete, nahm sie ein Bad und aß dann, in einen großen Bademantel gewickelt, in dem ungepflegten Zustand, in dem sie sich nach dem Baden immer befand: feuchtes Haar, trockene, poröse Haut, kein Lippenstift und ein lächelnder Milchrand um die obere Hälfte ihres nicht lächelnden Mundes. »Wo willst du hin?« fragte sie, als er seinen Teller zurückschob und aufstand. »Schau dir das an – du läßt ein volles Glas Milch auf dem Tisch stehen. Ehrlich, John, du willst, dass, ich Milch kaufe, und wenn ich welche kaufe, läßt du sie stehen. Komm zurück und trink sie aus.« Er ging zurück und trank die Milch, woraufhin ihm leicht übel war. Nachdem sie mit dem Essen fertig war, begann sie ihre sorgfältigen Vorbereitungen für den Abend außer Haus; lange nachdem er das Geschirr gespült und getrocknet hatte, stand sie noch am Bügelbrett und bügelte den Rock und die Bluse, die sie ins Kino anziehen wollte. Er setzte sich, um auf sie zu warten. »Wir kommen zu spät, wenn du dich nicht beeilst«, sagte er. »Ach, sei nicht albern. Wir haben praktisch noch eine ganze Stunde. Was ist heute abend nur los mit dir?« Die hochhackigen Straßenschuhe sahen zu dem knö- chellangen Bademantel absurd aus, vor allem als sie sich breitbeinig vorbeugte, um den Stecker des Bügeleisens aus der Steckdose zu ziehen. »Warum hast du mit den Übungen aufgehört?« fragte er sie. »Mit was für Übungen? Wovon redest du?« »Du weißt schon«, sagte er. »Du weißt schon. Die Übun- gen für deinen nach vorn gekippten Utilus.« »Uterus«, sagte sie. »Du sagst immer ›Utilus‹. Es heißt Uterus.« »Das ist doch vollkommen egal. Warum hast du damit aufgehört?« »Also, ehrlich, John«, sagte sie und klappte das Bügel- brett zusammen. »Warum um Himmels willen fängst du ausgerechnet jetzt damit an?« »Was hast du vor? Willst du den Rest deines Lebens mit einem nach vorn gekippten Utilus herumlaufen oder was?«, »Tja«, sagte sie, »jedenfalls will ich bestimmt nicht schwanger werden, falls du davon sprichst. Darf ich fra- gen, was wir machen würden, wenn ich meinen Job auf- geben müßte?« Er stand auf und ging durchs Wohnzimmer, starrte wütend auf die Lampenschirme, die Blumenaquarelle und die kleine Porzellanfigur eines im Sitzen schlafenden Mexikaners, in dessen Rücken ein trockener Kaktus blühte. Er ging ins Schlafzimmer, wo ihre frische Unterwäsche für den Abend ausgelegt war, und hob den weißen Büstenhal- ter mit Schaumgummieinlagen hoch, ohne den ihre Brust so flach wie die eines Jungen war. Als sie hereinkam, wandte er sich ihr zu, hielt ihn ihr vors verblüffte Gesicht und sagte: »Warum trägst du diese verdammten Dinger?« Sie entriß ihm den Büstenhalter, wich zurück, lehnte sich an den Türstock und musterte ihn von Kopf bis Fuß. »Jetzt hör aber mal«, sagte sie. »Jetzt reicht es aber. Wirst du dich jetzt anständig benehmen oder nicht? Gehen wir ins Kino oder nicht?« Und plötzlich sah sie so erbärmlich aus, daß er es nicht mehr ertrug. Er nahm seinen Mantel und drängte sich an ihr vorbei. »Mach, was du willst«, sagte er. »Ich geh’ jetzt.« Und dann verließ er mit einem lauten Knallen der Tür die Wohnung. Erst als er auf den Queens Boulevard kam, entspannten sich seine Muskeln, und seine Atmung verlangsamte sich. Er ging nicht in den Island Bar and Grill – es war noch zu früh für die Boxkämpfe, und er war zu aufgebracht, um sich dafür zu interessieren. Statt dessen trampelte er die Treppe zur U-Bahn hinunter und hastete durch das Dreh- kreuz zum Bahnsteig, von wo die Züge Richtung Manhat- tan fuhren., Er hatte sich das vage Ziel Times Square gesetzt, aber an der Haltestelle Third Avenue überkam ihn Durst; er ging hinauf zur Straße und trank zwei Schnäpse und zwei Bier in der ersten Bar, auf die er stieß, ein trostloser Ort, des- sen Wände mit gestanztem Blech verkleidet waren und an dem es nach Urin stank. An der Bar rechts von ihm schwang eine alte Frau ihre Zigarette wie einen Taktstock und sang »Peg o’ My Heart«, und links von ihm sagte ein Mann mittleren Alters zu einem anderen: »Na ja, mein Standpunkt ist folgender: Man kann sich vielleicht über McCarthys Methoden streiten, aber, verdammt noch mal, nicht über seine Ziele. Hab ich recht?« Fallon verließ das Lokal und ging in eine andere Bar nahe der Lexington Avenue, eingerichtet mit Chrom und Leder, in der aufgrund der raffinierten Beleuchtung alle bläulichgrün aussahen. Er stand an der Bar neben zwei jungen Soldaten mit Divisions ab zeichen auf den Ärmeln und der Infanterietresse auf den Baretts, die gefaltet in ihren Schulterklappen steckten. Sie waren nicht dekoriert – es waren noch Kinder –, aber Fallon sah, daß sie keine Rekruten mehr waren: Zum einen wußten sie, wie sie ihre Eisenhower-Jacken zu tragen hatten, kurz und hauteng, und zum anderen waren ihre Kampfstiefel weich und glänzten nahezu schwarz. Beide wandten plötzlich den Kopf und blickten an ihm vorbei, und auch Fallon schau- te sich zu dem Mädchen im engen braunen Rock um, das sich aus der Gruppe an einem Tisch in einer dunklen Ecke löste. Sie drängte sich an ihnen vorbei, murmelte »Entschuldigung«, und alle drei drehten die Köpfe, um zuzusehen, wie sich ihr Hinterteil hob und senkte, hob und senkte, bis sie in der Damentoilette verschwunden war., »Mann, das war eine knackige Braut«, sagte der kleinere der beiden Soldaten, und sein Grinsen galt auch Fallon, der ebenfalls grinste. »Sollte ein Gesetz geben, das verbietet, so damit rum- zuwackeln«, sagte der größere Soldat. »Schlecht für die Truppe.« Ihrem Akzent nach zu urteilen stammten sie aus dem Westen, und beide hatten die hellen bäuerlichen Gesichter und den schielenden Blick, die Fallon von sei- nem alten Zug kannte. »Von welcher Einheit seid ihr, Jungs?« fragte er. »Ich sollte euer Abzeichen eigentlich erkennen.« Sie sagten es ihm, und er erwiderte: »Ah, ja, klar – ich erinnere mich. Die gehörte doch zur Siebten Armee? Damals vierundvierzig und fünfundvierzig?« »Kann ich nicht mit Sicherheit sagen, Sir«, sagte der kleinere Soldat. »Das war einiges vor unserer Zeit.« »Was zum Teufel soll das ›Sir‹?« sagte Fallon herzlich. »Ich war kein Offizier. Bin nicht über den Obergefreiten hinausgekommen, außer für ein paar Wochen, als sie mich zum Leutnant gemacht haben, drüben in Deutschland. Ich war ein BAR-Mann.« Der kleinere Soldat musterte ihn. »Das paßt«, sagte er. »Sie haben die Statur für einen BAR-Mann. Das alte BAR ist ein schweres Ding.« »Da hast du recht«, sagte Fallon. »Es ist schwer, aber ich will euch eins sagen, es ist eine verdammt hübsche Waffe, wenn’s ums Kämpfen geht. Hört mal, was trinkt ihr, Jungs? Ich heiße übrigens Johnny Fallon.« Sie schüttelten ihm die Hand und murmelten ihre Namen, und als das Mädchen in dem braunen Rock wie- der aus der Damentoilette kam, sahen sie ihr erneut, nach. Diesmal konzentrierten sie sich auf die wabbelnde Fülle ihrer Bluse, bis sie wieder an ihrem Tisch saß. »Mann«, sagte der kleinere Soldat, »das sind zwei Din- ger.« »Wahrscheinlich sind sie nicht echt«, sagte der Größere. »Die sind echt, Sohn«, versicherte Fallon ihm und wandte sich mit einem Mann-von-Welt-Zwinkern wieder seinem Bier zu. »Die sind echt. Falsche erkenne ich aus einer Meile Entfernung.« Sie tranken noch ein paar Runden, redeten über die Armee, und nach einer Weile erkundigte sich der größere Soldat, wie sie zum Central Plaza kämen, er habe gehört, daß dort am Freitagabend Jazz gespielt würde; dann fuh- ren sie alle drei mit einem Taxi, das Fallon bezahlte, die Second Avenue entlang. Als sie im Central Plaza auf den Aufzug warteten, zog er sich den Ehering vom Finger und steckte ihn in seine Westentasche. In dem großen hohen Ballsaal wimmelte es von jungen Männern und Mädchen; Hunderte von ihnen saßen vor ihren Bierkrügen, horchten auf die Musik oder lachten; weitere hundert tanzten wild auf einer freien Fläche zwi- schen den Bänken und Tischen. Weit weg auf der Bühne spielte eine Gruppe schwitzender farbiger und weißer Musiker aus Leibeskräften, ihre Blasinstrumente glänzten im rauchigen Licht. Fallon, in dessen Ohren Jazz immer gleich klang, setzte eine Kennermiene auf, als er mit hängenden Schultern auf der Schwelle stehenblieb, sein Gesicht angespannt und glänzend im Kreischen der Klarinetten, seine leuch- tendblaue Hose zitterte mit dem leichten rhythmischen Einknicken seiner Knie, und seine Finger schnippten lok-, ker zum Takt des Schlagzeugs. Aber es war nicht die Musik, die ihn mitriß, als er die Soldaten zu einem Tisch neben drei Mädchen führte, noch war es die Musik, die ihn veranlaßte, aufzustehen, sobald die Band etwas ausrei- chend Langsames spielte, und die Bestaussehende der drei zum Tanzen aufzufordern. Sie war groß und gut ge- baut, eine schwarzhaarige Italienerin, auf deren Stirn matt ein Schweißfilm schimmerte, und als sie vor ihm zur Tanzfläche ging, sich zwischen den Tischen hindurch- schlängelte, weidete er sich am langsamen, anmutigen Schwung ihrer Hüften und ihres Rocks. In seinem froh- lockenden, vom Bier benebelten Kopf wußte er bereits, wie es wäre, wenn er sie nach Hause brächte – wie sie sich für seine forschenden Hände in der dunklen Inti- mität des Taxis anfühlen würde und wie sie später wäre, sich windend und nackt, in einem weit entfernten ver- schwommenen Schlafzimmer am Ende der Nacht. Und kaum standen sie auf der Tanzfläche, kaum wandte sie sich ihm zu und hob die Arme, drückte er sie fest und hit- zig an sich. »Jetzt hör aber mal«, sagte sie und stemmte sich zornig gegen ihn, so daß die Sehnen an ihrem feuchten Hals hervortraten. »Nennst du das tanzen?« Er lockerte seinen zittrigen Griff und grinste sie an. »Keine Angst, Süße«, sagte er. »Ich beiße nicht.« »Und die ›Süße‹ kannst du dir auch sparen«, sagte sie, und dann schwieg sie, bis der Tanz vorbei war. Aber sie mußte bei ihm bleiben, denn die beiden Sol- daten hatten sich zu ihren zwei lebhaften, kichernden Freundinnen gesetzt. Sie saßen jetzt alle sechs am sel- ben Tisch, und eine halbe Stunde lang herrschte eine unangenehme Partystimmung: Eins der Mädchen (sie, waren beide klein und blond) lachte immer wieder krei- schend über die Dinge, die der kleinere Soldat ihr zu- murmelte, und um den Hals der anderen lag der Arm des größeren Soldaten. Aber Fallons große Brünette, die ihm widerwillig ihren Namen, Marie, genannt hatte, saß schweigend und steif neben ihm, öffnete und schloß die Schließe der Handtasche auf ihrem Schoß. Fallon hielt sich an ihrer Stuhllehne so fest, daß seine Finger- knöchel weiß hervortraten, und wann immer er seine Hand versuchsweise auf ihre Schulter legte, schüttelte sie sie ab. »Wohnst du hier in der Nähe, Marie?« fragte er sie. »In der Bronx«, sagte sie. »Kommst du oft hierher?« »Manchmal.« »Möchtest du eine Zigarette?« »Ich rauche nicht.« Fallons Gesicht brannte, die kleine gewundene Ader in seiner rechten Schläfe pulsierte sichtbar, und an seinem Oberkörper rann Schweiß hinunter. Er war wie ein Junge bei seinem ersten Rendezvous, gelähmt und sprachlos angesichts der Nähe ihres warmen Kleides, des Dufts ihres Parfums, der Art, wie ihre zierlichen Finger sich an der Handtasche zu schaffen machten und ihre breite Unter- lippe feucht schimmerte. Am Nebentisch erhob sich ein junger Matrose, hielt die Hände an den Mund und schrie etwas in Richtung Bühne, und der Ruf wurde im Saal aufgenommen. Es klang wie »Wir wolln die Saints!«, aber Fallon verstand den Sinn nicht. Zumindest bot es ihm Gelegenheit, etwas zu sagen. »Was schrein sie da?« fragte er sie. »›The Saints‹«, sagte sie und sah ihn gerade so lange, an, um es ihm zu erklären. »Sie wollen ›The Saints‹ hören.« »Oh.« Danach sprachen sie lange Zeit nichts mehr, bis Marie die ihr am nächsten sitzende Freundin ansah und dabei das Gesicht ungeduldig verzog. »Gehen wir«, sagte sie. »Komm. Ich will nach Hause.« »Ach, Marie«, sagte das andere Mädchen, ihr Gesicht gerötet vom Bier und vom Flirten (sie trug jetzt die Über- seekappe des kleinen Soldaten). »Sei nicht albern.« Dann sah sie Fallons gequälten Ausdruck und versuchte, ihm zu helfen. »Sind Sie auch in der Armee?« fragte sie gut gelaunt und neigte sich ihm über den Tisch hinweg zu. »Ich?« sagte Fallon überrascht. »Nein, ich – ich war da- bei. Bin schon vor einer ganzen Weile entlassen worden.« »Ach, ja?« »Er war ein BAR-Mann«, erklärte ihr der kleine Soldat. »Ach ja?« »Wir wolln die ›Saints‹! Wir wolln die ›Saints‹!« brüllten sie jetzt immer dringlicher in allen Ecken des riesigen Raums. »Komm schon«, sagte Marie erneut zu ihrer Freundin. »Gehen wir, ich bin müde.« »Dann geh doch«, sagte das Mädchen mit der Soldaten- kappe eingeschnappt. »Geh doch, wenn du willst, Marie. Kannst du nicht allein nach Hause gehen?« »Nein, warte, hör mal.« Fallon sprang auf. »Geh noch nicht, Marie – ich sag’ dir was. Ich hol’ noch Bier, okay?« Und er stürmte davon, bevor sie ablehnen konnte. »Für mich nicht«, rief sie ihm nach, aber er war bereits drei Tische weit entfernt und ging rasch in die Ecke des Saals, in der sich die Bar befand. »Schlampe«, flüsterte, er. »Schlampe. Schlampe.« Und die Bilder, die ihn jetzt, während er an der provisorischen Bar anstand, quälten, wurden durch seine Wut noch intensiver: widerspenstige Gliedmaßen und zerrissene Kleider im Taxi; blinde Ge- walt im Schlafzimmer und erstickte Schmerzensschreie, die zu Wimmern und dann zu einem spastischen lust- vollen Stöhnen wurden. Oh, er würde ihr schon die Hemmungen nehmen! Er würde ihr die Hemmungen nehmen! »Macht schon, macht schon«, sagte er zu den Männern, die hinter der Bar mit Krügen, Zapfhähnen und nassen Dollarscheinen hantierten. »Wir – wolln – die – ›Saints‹! Wir – wolln – die – ›Saints‹!« Das Gebrüll im Saal erreichte seinen Höhepunkt. Dann, nachdem sich das Schlagzeug in einen erbarmungslosen brutalen Rhythmus hineingesteigert hatte, der nahezu unerträglich war, bis er im Getöse der Becken endete und dem Schmettern der Bläser wich, drehte die Menge durch. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Fallon, der end- lich seinen Krug mit Bier bekam und sich von der Bar abwandte, bemerkte, daß die Band »When the Saints Go Marching In« spielte. Der Saal glich einem Tollhaus. Mädchen kreischten, Jungen standen brüllend auf Stühlen und schwenkten ihre Arme; Gläser gingen zu Bruch, Stühle fielen um, und an den Wänden standen vier Polizisten bereit, um bei Kra- wall einzuschreiten, während die Band drauflosspielte. »When the saints Go marching in Oh, when the saints go marching in ...«, Fallon drängte sich verwundert durch den Krach und ver- suchte, seine Leute zu finden. Er fand ihren Tisch, war sich jedoch nicht sicher, ob er es wirklich war – er war leer abgesehen von einer zerknüllten Zigarettenschachtel und einer Bierlache, und einer der Stühle war umgefallen. Er glaubte Marie unter den hektischen Tänzern zu erken- nen, aber es war eine andere große Brünette, die ein ähn- liches Kleid trug. Dann meinte er, den kleinen Soldaten wild gestikulierend auf der anderen Seite des Saals zu sehen, und bahnte sich einen Weg zu ihm, aber es war ein anderer Soldat mit einem bäuerlichen Gesicht. Fallon drehte sich immer wieder um die eigene Achse, schwitzte und schaute sich in der schwindelerregenden Menge um. Dann stieß ein Junge in einem feuchten rosafarbenen Hemd heftig an seinen Ellbogen, und das Bier ergoß sich in einem kalten Schwall über seine Hand und seinen Ärmel, und da wurde ihm klar, daß sie gegangen waren. Sie hatten ihn abserviert. Er war draußen auf der Straße und marschierte auf sei- nen eisenbeschlagenen Absätzen mit schnellen kräftigen Schritten, und der nächtliche Verkehrslärm war erschrek- kend leise nach dem Jazz und dem wahnwitzigen Ge- brüll. Er ging, ohne zu wissen wohin und ohne Gefühl für die Zeit, nahm nichts wahr außer dem Hämmern seiner Absätze, dem Stoßen und Ziehen seiner Muskeln, seinem zittrigen Einatmen und scharfen Ausatmen und dem Pum- pen seines Herzens. Er wußte nicht, ob zehn Minuten vergangen waren oder eine Stunde, ob er zwanzig oder fünf Blocks weit mar- schiert war, bevor er den Schritt verlangsamen mußte und am Rand einer kleinen Menschenmenge stehenblieb,, die sich um einen erleuchteten Hauseingang scharte. Polizisten forderten die Leute auf, weiterzugehen. »Bitte weitergehen«, sagte ein Polizist. »Bitte, gehen Sie weiter. Weitergehen.« Aber Fallon blieb wie die meisten anderen stehen. Es war der Eingang zu einer Art Vortragssaal – er erkannte es an dem Schwarzen Brett, das unter den gelben Lichtern im Inneren gerade noch zu sehen war, und an der Mar- mortreppe, die zu einem Saal hinaufführen mußte. Aber es waren vor allem die Anführer der Demonstranten, die seine Aufmerksamkeit erregten: drei Männer, in etwa so alt wie er, ihre Augen leuchteten vor Rechtschaffenheit. Sie trugen die blaugoldenen Überseekappen einer Vetera- nenorganisation und hielten Plakate hoch, auf denen stand: RÄUCHERT DEN KOMMUNISTEN AUS PROF. MITCHELL, GEHEN SIE ZURÜCK NACH RUSSLAND DIE KÄMPFENDEN SÖHNE AMERIKAS PROTESTIEREN GEGEN MITCHELL »Bitte weitergehen«, sagten die Polizisten. »Gehen Sie bitte weiter.« »Bürgerrechte, so eine Scheiße«, murmelte eine tiefe Stimme neben Fallons Ellbogen. »Diesen Mitchell sollte man einsperren. Haben Sie gelesen, was er in der Anhö- rung im Senat gesagt hat?« Und Fallon nickte und er- innerte sich an ein snobistisches Gesicht mit feinen Zügen, das er auf mehreren Zeitungsfotos gesehen hatte. »Schauen Sie«, sagte die murmelnde Stimme. »Da kom- men sie. Sie kommen jetzt raus.« Und so war es. Sie kamen die Marmortreppe herunter, gingen am Schwarzen Brett vorbei und hinaus auf den, Gehsteig: Männer in Regenmänteln und schmierigen Tweedanzügen, mürrische Mädchen in engen Hosen, die nach Greenwich Village aussahen, ein paar Neger, ein paar wenige sehr adrette, unsichere College-Studenten. Die Demonstranten wurden zurückgedrängt und stan- den still, hielten mit einer Hand ihre Plakate hoch und hoben die andere an den Mund, um »Bu-uh! Buuuh!« zu schreien. Die Menge nahm den Ruf auf: »Buuuh! Buuuh!« Und jemand schrie: »Geht doch nach Rußland!« »Bitte weitergehen«, sagten die Polizisten. »Gehen Sie bitte weiter. Bitte weitergehen.« »Da ist er«, sagte die murmelnde Stimme. »Da kommt er – das ist Mitchell.« Und Fallon sah ihn: einen großen, schlanken Mann in einem billigen Zweireiher, der ihm zu groß war, mit einer Aktenmappe in der Hand und flankiert von zwei unscheinbaren Frauen mit Brille. Da war das snobistische Gesicht von den Zeitungsfotos, das sich langsam von einer Seite zur anderen wandte, mit einem ruhigen, über- legenen Lächeln, das jedem, auf den es fiel, zu sagen schien: Oh, du armer Dummkopf. Du armer Dummkopf. »BRINGT den Dreckskerl um!« Erst als sich einige Leute plötzlich umdrehten und ihn ansahen, bemerkte Fallon, daß er brüllte; dann wußte er nur noch, daß er weiterbrüllen mußte, bis seine Stim- me wie bei einem weinenden Kind brach: »BRINGT den Dreckskerl um! BRINGT ihn um! BRINGT ihn um!« Mit vier angriffslustigen großen Schritten drängte er sich durch die Menge; dann ließ einer der Demonstran- ten sein Plakat fallen, trat zu ihm und sagte: »Nur die Ruhe, Mann. Immer mit der Ruhe –« Aber Fallon schüt-, telte ihn ab, rang kurz mit einem anderen Mann, befreite sich aus dessen Griff, packte Mitchell mit beiden Händen am Revers und riß ihn wie eine in sich zusammensackende Marionette zu Boden. Er sah, wie Mitchell auf dem Geh- steig sabbernd vor Entsetzen zurückwich, und das letzte, was er empfand, als sich der blaue Arm eines Polizisten über seinen Kopf hob, war ein Gefühl vollkommener Er- füllung und Erleichterung.,

Ein wirklich guter Jazzpianist

Wegen des mitternächtlichen Lärms an beiden Enden der Leitung herrschte in Harry’s New York Bar Verwirrung, als der Anruf durchgestellt wurde. Zuerst begriff der Bar- mann nur, daß, es ein Ferngespräch aus Cannes war, offenbar aus irgendeinem Nachtclub, und die hektische Stimme der Telefonistin ließ es wie einen Notfall klingen. Aber dann, als er sich das freie Ohr zuhielt und Fragen in den Hörer schrie, begriff er endlich, daß es nur Ken Platt war, der anrief, um einen gedankenlosen Plausch mit seinem Freund Carson Wyler zu halten, und darauf- hin schüttelte er verärgert den Kopf und stellte das Tele- fon auf den Tresen neben Carsons Glas mit Pernod. »Hier«, sagte er. »Es ist für dich, Herrgott noch mal. Dein Kumpel.« Wie einige andere Pariser Barmänner kannte er beide ziemlich gut: Carson war der Gutaussehende, der mit dem schmalen geistreichen Gesicht und dem eng- lisch klingenden Akzent; Ken war der Dicke, der immer lachte und hinterhertrottete. Vor drei Jahren hatten beide das Studium in Yale abgeschlossen, und jetzt versuchten sie, so viel Spaß wie möglich aus dem Leben in Europa zu ziehen. »Carson?« sagte Kens beflissene Stimme und vibrierte schmerzhaft im Hörer. »Hier spricht Ken – ich wußte, daß ich dich dort erreiche. Hör mal, wann kommst du runter?«, Carson runzelte die wohlgeformte Stirn. »Du weißt doch, wann ich komme«, sagte er. »Ich habe dir ein Tele- gramm geschickt, daß ich am Samstag komme. Was ist los mit dir?« »Himmel, nichts ist los mit mir – vielleicht bin ich ein bißchen betrunken, das ist alles. Nein, aber hör mal, wes- wegen ich eigentlich anrufe, hier ist ein Mann namens Sid, ein wirklich guter Jazzpianist, und ich will, daß du ihn dir anhörst. Er ist ein Freund von mir. Warte mal. Ich geh’ mit dem Telefon so nah, daß du ihn hören kannst. Hör mal, jetzt. Moment noch.« Es folgten verzerrte kratzende Geräusche und Kens Lachen und das Lachen von jemand anders, und dann hörte er das Klavier. Durch das Telefon klang es blechern, aber Carson wußte, daß es gut war. Es war »Sweet Lor- raine«, gespielt auf klangvolle traditionelle Weise, es hatte nichts Kommerzielles, und das überraschte ihn, denn Ken verstand normalerweise nichts von Musik. Nach einer Minute reichte er den Hörer einem Fremden, mit dem zusammen er getrunken hatte, einem Vertreter für land- wirtschaftliche Maschinen aus Philadelphia. »Hören Sie sich das an«, sagte er. »Das ist erstklassig.« Der Vertreter für landwirtschaftliche Maschinen hielt sich mit verwirrter Miene den Hörer ans Ohr. »Was ist das?« »Sweet Lorraine«.« »Nein, ich meine, worum geht es? Woher kommt das?« »Aus Cannes. Jemand, den Ken dort unten aufgetan hat. Sie haben Ken doch kennengelernt, oder?« »Nein, habe ich nicht«, sagte der Vertreter und runzelte die Stirn. »Hier, es hat aufgehört, und jemand spricht. Sie gehen besser wieder ran.«, »Hallo? Hallo?« sagte Kens Stimme. «Carson?« »Ja, Ken. Ich bin wieder da.« »Wo warst du? Wer war der Mann?« »Das war ein Herr aus Philadelphia namens –« Er blickte fragend auf. »Baidinger«, sagte der Vertreter und zog sein Jackett zurecht. »Namens Mr. Baidinger. Er steht hier mit mir an der Bar.« »Oh. Also, wie hat dir Sid gefallen?« »Sehr gut, Ken. Richte ihm aus, ich hätte gesagt, er wäre erstklassig.« »Willst du mit ihm sprechen? Er steht hier, einen Moment.« Es folgten wieder obskure Geräusche, und dann sagte eine tiefe, nicht mehr junge Stimme: »Hallo.« »Guten Abend, Sid. Ich heiße Carson Wyler, und mir hat sehr gut gefallen, wie Sie gespielt haben.« »Danke«, sagte die Stimme. »Vielen Dank. Freut mich.« Es konnte sowohl die Stimme eines Farbigen als auch eines Weißen sein, aber Carson vermutete, daß es ein Far- biger war, vor allem wegen der leisen Spur von Befangen- heit und gleichzeitigem Stolz, mit der Ken gesagt hatte: »Er ist ein Freund von mir.« »Ich komme am Wochenende nach Cannes, Sid«, sagte Carson, »und ich freue mich schon –« Aber Sid hatte den Hörer offensichtlich zurückgegeben, denn Ken schaltete sich ein. »Carson?« »Was?« »Wann kommst du am Samstag? Ich meine, mit wel- chem Zug?« Ursprünglich hatten sie vorgehabt, zusam- men nach Cannes zu fahren, aber Carson hatte sich in, Paris mit einem Mädchen eingelassen, und Ken war allein gefahren unter der Bedingung, daß Carson eine Woche später nachkommen würde. Jetzt war schon fast ein Mo- nat vergangen. »Ich weiß den genauen Zug nicht«, sagte Carson etwas ungeduldig. »Ist doch egal, oder? Ich sehe dich irgend- wann am Samstag im Hotel.« »Okay. Ach, und noch was, der andere Grund, warum ich anrufe, ich möchte für Sid bürgen, damit er in den IBF aufgenommen wird, okay?« »In Ordnung. Gute Idee. Gib ihn mir noch mal.« Und während er wartete, holte er seinen Füller heraus und bat den Barmann um das IBF-Mitgliedsbuch. »Nochmals hallo«, sagte Sids Stimme. »Wo soll ich Mit- glied werden?« »Im IBF«, sagte Carson. »Das steht für International Barflies, das wurde hier im Harry’s gegründet neun- zehnhundert-ich-weiß-nicht. Vor langer Zeit. Eine Art Club.« »Sehr gut«, sagte Sid und kicherte in sich hinein. »Also, dabei geht es um folgendes«, setzte Carson an, und sogar der Barmann, den der IBF langweilte und ärger- te, lächelte vergnügt über die ernste eifrige Art, in der Carson ihn erklärte, daß jedes Mitglied einen Anstecker fürs Revers mit einer Fliege als Abzeichen bekam sowie ein gedrucktes Büchlein mit den Vorschriften des Clubs und einer Auflistung aller IBF-Bars in der Welt; daß die Kardinalregel lautete, sollten sich zwei Mitglieder begeg- nen, mußten sie sich begrüßen, indem sie mit den Fin- gern der rechten Hand über die Schulter des anderen stri- chen und »Bss-s-s, bss-s-s!« sagten. Das war eins von Carsons besonderen Talenten, die, Fähigkeit, schamloses Vergnügen an trivialen Dingen zu finden und zu vermitteln. Nicht viele Menschen hätten den IBF einem Jazzmusiker beschreiben können, ohne mit einem bedauernden Lachen abzubrechen und zu erklären, daß es sich dabei natürlich um ein kleines trau- riges Spiel für einsame Touristen handelte, eigentlich etwas für Spießer, und daß der Mangel an Niveau der Spaß dabei war; Carson sprach geradeheraus. Auf die gleiche Weise hatte er einst dafür gesorgt, daß es unter den beleseneren Studenten in Yale Mode wurde, am Sonntagmorgen respektvoll konzentriert die Comicseiten des New York Mirror zu lesen; in letzter Zeit hatte ihn der- selbe Charakterzug vielen Zufallsbekanntschaften ans Herz wachsen lassen, insbesondere seiner derzeitigen Freun- din, der jungen schwedischen Kunststudentin, wegen der er in Paris geblieben war. »Du hast in allen Dingen einen wunderbaren Geschmack«, hatte sie an ihrem ersten denk- würdigen gemeinsamen Abend gesagt. »Du bist ein wirk- lich gebildeter, wirklich origineller Mensch.« »Haben Sie verstanden?« fragte er in den Hörer und hielt inne, um an seinem Pernod zu nippen. »Genau. Wenn Sie mir jetzt noch Ihren vollen Namen und Ihre Adresse sagen, Sid, werde ich hier alles organisieren.« Sid buchstabierte, und Carson schrieb alles gewissenhaft mit seinem und Kens Namen als Bürgen in das Mitglieds- buch, während Mr. Baidinger zusah. Als sie fertig waren, meldete sich noch einmal Ken, um sich widerwillig zu verabschieden, und dann legten sie auf. »Das muß ein ziemlich teures Telefongespräch gewesen sein«, sagte Mr. Baidinger beeindruckt. »Da haben Sie recht«, sagte Carson. »Das war es ver- mutlich.«, »Und worum geht’s bei diesem Mitgliedsbuch eigent- lich? Bei dieser Barflies-Geschichte?« »Oh, Sie sind kein Mitglied, Mr. Baidinger? Ich dachte, Sie wären Mitglied. Hier, ich bürge für Sie, wenn Sie möchten.« Mr. Baidinger hatte, wie er es später beschrieb, einen Mordsspaß an der Sache: Bis in die frühen Morgenstun- den machte er sich an der Bar an alle heran, an einen nach dem anderen, und begrüßte sie mit einem Summen. Carson fuhr am Samstag nicht nach Cannes, denn er brauchte länger als geplant, um die Affäre mit dem schwedischen Mädchen zu beenden. Er hatte eine trä- nenreiche Szene erwartet oder zumindest einen tapferen Austausch zärtlicher Versprechungen und Lächeln, aber statt dessen nahm sie seine Abreise überraschend gelassen auf – sogar zerstreut, als würde sie sich bereits auf den nächsten wirklich gebildeten, wirklich originellen Men- schen konzentrieren –, und das zwang ihn zu mehreren unangenehmen Aufschüben, die zu nichts weiter führten, als daß sie ungeduldig wurde und er das Gefühl hatte, vertrieben zu werden. In Cannes traf er erst am folgen- den Dienstagnachmittag ein, nach weiteren Telefonge- sprächen mit Ken, und als er schließlich aus dem Zug stieg, steif und verdrossen aufgrund eines Katers, wollte er verdammt sein, wenn er wußte, warum er überhaupt gekommen war. Die Sonne attackierte ihn, brannte sich tief in seine schmerzende Kopfhaut und verursachte einen plötzlichen Schweißausbruch unter seinem zerknitterten Hemd; sie ließ die verchromten Teile der geparkten Autos und Motorräder blendende Funken schlagen und die Ab- gase in kränklich blauen Wolken vor den rosa Gebäuden, aufsteigen; sie tauchte den Schwarm Touristen, die ihn anrempelten, in ein grelles Licht, so daß er jede einzelne ihrer Poren sah, die Anspannung, die ihre ladenneue Frei- zeitkleidung, ihre fest umklammerten Koffer und um den Hals getragenen Fotoapparate ausdrückten, die Unruhe ihrer lächelnden und rufenden Münder. Cannes wäre wie alle anderen Urlaubsorte auf der Welt, nur Hetze und Enttäuschung, und warum war er nicht geblieben, wo er hingehörte, in einem hohen kühlen Raum mit einem langbeinigen Mädchen? Warum zum Teufel hatte er sich überreden und hierherlocken lassen? Aber dann sah er Kens glückliches Gesicht in der Menge auftauchen – »Carson!« –, und da kam er schon, rannte auf die Art eines übergroßen dicken Jungen, dessen Ober- schenkel aneinander reiben, unbeholfen vor Freude. »Dort drüben steht das Taxi, ich nehme deine Tasche – Junge, du siehst vielleicht fertig aus! Du solltest erst mal duschen und was trinken, okay? Wie geht’s dir, verdammt noch mal?« Und als er bequem in den Polstern des Taxis saß und sie auf die Croisette bogen mit ihrem spektakulären Leuch- ten in Blau und Gold und der starken Meeresbrise, die das Blut erfrischte, begann Carson, sich zu entspannen. Schau dir die Mädchen an! Es gab Tausende von ihnen; und außerdem tat es gut, wieder mit dem alten Ken zusammenzusein. Wahrscheinlich hätte sich die Sache in Paris nur verschlimmert, wäre er geblieben. Er war genau zu rechten Zeit abgereist. Ken konnte nicht aufhören zu reden. Während Carson duschte, kam er immer wieder ins Badezimmer, klim- perte mit den Münzen in seiner Tasche und redete mit der lachenden überschäumenden Freude eines Mannes,, der seit Wochen seine eigene Stimme nicht mehr gehört hatte. Tatsächlich ging es Ken nie gut, wenn Carson nicht dabei war. Sie waren die besten Freunde, aber es war keine ausgewogene Freundschaft, und beide wußten es. In Yale wäre Ken wahrscheinlich von allem ausgeschlos- sen gewesen, wenn er nicht den Status von Carsons lang- weiligem, aber unzertrennlichen Freund innegehabt hätte, und dieses Muster setzte sich in Europa fort. Was hatte Ken an sich, das die Menschen abstieß? Carson hatte jahrlang über diese Frage nachgedacht. Lag es daran, daß er dick und körperlich unbeholfen war oder daß er in seinem Eifer, gemocht zu werden, schrill und albern sein konnte? Aber waren das nicht letztlich liebenswerte Eigenschaften? Nein, Carson glaubte, daß die beste Erklä- rung, die er gefunden hatte, in Kens Oberlippe bestand, die sich zurückzog, wenn er lächelte, und eine schmale, feuchte innere Lippe entblößte, die auf dem Zahnfleisch zitterte. Viele Menschen mit so einem Mund empfin- den ihn nicht als großes Handicap – Carson war wil- lens, das zuzugeben –, aber bei Ken Platt schien es das zu sein, woran sich alle am lebhaftesten erinnerten, welche bedeutender klingende Gründe, ihn zu meiden, sie auch anführen mochten; jedenfalls war es dieser Mund, der Carson in Augenblicken der Irritation stets am meisten auffiel. Jetzt zum Beispiel, als er der schlichten Aufgabe nachging, sich abzutrocknen, sein Haar zu kämmen und frische Kleidung anzuziehen, kam ihm dieses breite, be- bende, doppellippige Lächeln immer wieder in die Quere. Es war überall, blockierte seinen Griff zum Handtuch- ständer, hing zu nahe über seinem unordentlich gepack- ten Koffer, schwamm im Spiegel, um ihm das Binden der Krawatte zu verdunkeln, bis Carson die Zähne zusam-, menbeißen mußte, um nicht laut herauszubrüllen: »Ist ja gut, Ken – jetzt halt mal die Klappe.« Aber ein paar Minuten später waren sie in der schattigen Stille der Hotelbar in der Lage, sich wieder zu beruhigen. Der Barmann schalte eine Zitrone, faßte einen Strei- fen helle Schale sauber zwischen Daumen und Messer- klinge und zog ihn ab, und der feine Zitrusduft, ver- mischt mit dem Geruch des Gins im blassen Dampf der zerstoßenen Eiswürfel, verlieh der Wiederherstellung ihres Wohlbehagens Geschmack. Der Rest von Carsons Gereiztheit ertrank in zwei kalten Martinis, und als sie das Hotel verließen und draußen auf dem Gehsteig zum Abendessen schlenderten, fühlte er sich durch die alte Kameraderie und die vertraute überschäumende Fülle von Kens Bewunderung gestärkt. Eine Spur von Traurig- keit schlich sich ein, denn Ken würde bald in die Ver- einigten Staaten zurückkehren müssen. Sein Vater in Den- ver, der Verfasser sarkastischer wöchentlicher Briefe auf Firmenbriefpapier, hielt ihm eine Teilhaberschaft offen, und Ken, der die Kurse an der Sorbonne – der vorgescho- bene Grund für seinen Aufenthalt in Frankreich – längst absolviert hatte, hatte keine weitere Ausrede mehr, um zu bleiben. Carson, der in dieser wie in allen anderen Be- ziehungen vom Glück begünstigter war, brauchte keine Ausrede: Er hatte ein angemessenes privates Einkom- men und keine familiären Bindungen; er konnte es sich leisten, sich jahrelang in Europa umzusehen, wenn ihm danach war, auf der Suche nach Dingen, die ihm gefielen. »Du bist noch immer kreideweiß«, sagte er zu Ken über den Restauranttisch hinweg. »Warst du nicht am Strand?«, »Klar doch.« Ken blickte rasch auf seinen Teller. »Ich war ein paarmal am Strand. Aber in letzter Zeit war das Wetter nicht gut genug dafür.« Aber Carson ahnte den wahren Grund, nämlich daß es Ken peinlich war, den eigenen Körper zur Schau zu stellen, und deswegen wechselte er das Thema. »Ach, übrigens«, sagte er. »Ich habe das IBF-Zeug für deinen Klavierspielerfreund mitgebracht.« »Oh, großartig.« Ken blickte aufrichtig erleichtert auf. »Wir gehen hin, sobald wir mit dem Essen fertig sind, okay?« Und als ob er das Vorhaben beschleunigen wollte, schaufelte er sich eine tropfende Ladung Salat in den Mund und riß ein zu großes Stück Brot ab, das er mit dem Salat aß, während er das verbliebene Stück dazu benutzte, Essig und Öl auf seinem Teller aufzutunken. »Du wirst ihn mögen, Carson«, sagte er sachlich, wäh- rend er kaute. »Er ist ein großartiger Typ. Ich bewundere ihn wirklich sehr.« Er schluckte unter Mühen und fuhr rasch fort: »Ich meine, verdammt, mit so einem Talent könnte er morgen nach Amerika zurückgehen und ein Vermögen machen, aber ihm gefällt es hier. Zum einen hat er natürlich ein Mädchen hier, diese wirklich hüb- sche Französin, und vermutlich kann er sie nicht einfach mitnehmen – nein, aber ehrlich, es ist mehr als das. Die Leute akzeptieren ihn hier. Als Künstler, meine ich, und als Mensch. Niemand behandelt ihn von oben herab, nie- mand versucht, sich in seine Musik einzumischen, und mehr will er nicht im Leben. Also, ich meine, das sagt er nicht – er wäre wahrscheinlich ein Langweiler, wenn er es täte –, aber man spürt es. Bei allem, was er sagt, hört man es heraus, seine ganze geistige Einstellung.« Er schob sich das vollgesogene Brot in den Mund und kaute, mit Nachdruck. »Ich meine, der Typ ist echt integer«, sagte er. »Wunderbarer Typ.« »Klang wie ein verdammt guter Klavierspieler«, sagte Carson und griff nach der Weinflasche, »das bißchen, was ich gehört habe.« »Warte nur, bis du ihn wirklich hörst. Warte nur, bis er richtig loslegt.« Beide genossen es, daß Sid Kens Entdeckung war. Bis- lang war es immer Carson gewesen, der voranging, die Mädchen fand und die Sprache lernte und wußte, wie man jede Stunde am besten verbrachte; es war Carson gewesen, der die wirklich ausgefallenen Orte in Paris auf- spürte, an denen man nie Amerikaner sah, und der dann, als Ken lernte, eigene Orte zu finden, Harry’s Bar parado- xerweise zum ausgefallensten aller Orte erkor. Ken war ihm immer gern gefolgt, hatte verwundert den dank- baren Kopf geschüttelt, aber es war keine Kleinigkeit ge- wesen, in den Seitenstraßen einer fremden Stadt ganz allein ein unbestechliches Jazztalent aufzutreiben. Es be- wies, daß Kens Abhängigkeit letztlich doch nicht voll- kommen sein konnte, und das war beiden hoch anzu- rechnen. Der Ort, an dem Sid spielte, war mehr eine teure Bar als ein Nachtclub, ein kleiner, mit Teppich ausgelegter Keller ein paar Straßenzüge vom Meer entfernt. Es war noch früh, und sie fanden Sid allein an der Bar trinkend vor. »Ah«, sagte er, als er Ken sah. »Hallo.« Er war stämmig und gut gekleidet, ein sehr dunkler Neger mit einem schönen Lachein voller kräftiger weißer Zähne. »Sid, ich möchte Ihnen Carson Wyler vorstellen. Sie haben mit ihm damals telefoniert, erinnern Sie sich?« »O ja«, sagte Sid und schüttelte ihm die Hand. »O ja., Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Carson. Was trin- ken die Herren?« Sie machten eine kleine Zeremonie daraus, den Anstek- ker am Revers von Sids braunem Gabardine Jackett anzu- bringen, mit den Fingern über seine Schulter zu summen und ihm die Schultern ihrer identischen Leinenjacketts zum gleichen Zweck anzubieten. »Das ist gut«, sagte Sid und blätterte in dem Büchlein. »Sehr gut.« Dann steckte er es in die Tasche, trank aus und glitt vom Barhocker. »Wenn Sie mich entschuldigen, ich muß jetzt arbeiten.« »Noch nicht viel Publikum da«, sagte Ken. Sid zuckte die Achseln. »An einem Ort wie diesem ist mir das lieber. Wenn eine Menge Leute da sind, verlangt irgendein Spießer immer ›Deep in the Heart of Texas‹ oder so was ähnliches.« Ken lachte und zwinkerte Carson zu, und beide wand- ten sich um, um zuzusehen, wie Sid sich ans Klavier setzte, das auf einem niedrigen, von einem Schweinwerfer ange- strahlten Podium auf der anderen Seite des Raums stand. Er schlug eine Weile müßig ein paar Töne an und spielte vereinzelte Phrasen und Akkorde, ein Handwerker, der sein Werkzeug liebkost, und dann begann er. Ein un- widerstehlicher Rhythmus trat hervor, und darüber legte sich das Auf und Ab der Melodie, ein Arrangement von »Baby, Won’t You Please Come Home«. Sie blieben mehrere Stunden, hörten Sid beim Spielen zu und kauften ihm Drinks, wann immer er eine Pause machte, zum unübersehbaren Neid der anderen Gäste. Sids Mädchen kam, groß und braunhaarig, mit einem strahlenden, überraschten Gesicht, das nahezu schön war, und Ken stellte sie mit einer kleinen, unkontrollier- ten schwungvollen Geste vor: »Das ist Jaqueline.« Sie flü-, sterte, daß sie nicht sehr gut Englisch spreche, und als Sid die nächste Pause machte – die Bar füllte sich zunehmend, und es gab beträchtlichen Applaus, als er aufstand –, setzten sich die vier an einen Tisch. Ken überließ jetzt Carson das Reden; er war mehr als zufrieden, nur dazusitzen und den Tisch voller Freunde mit der heiteren Gelassenheit eines wohlgenährten jun- gen Priesters anzulächeln. Es war sein glücklichster Abend in Europa, und das in einem Ausmaß, das sich selbst Car- son nicht hätte vorstellen können. Innerhalb weniger Stunden füllte dieser Abend die Leere des vergangenen Monats, der Zeit, die begonnen hatte, als Carson sagte: »Dann fahr doch. Kannst du nicht allein nach Cannes fahren?« Dieser Abend machte all die heißen Kilometer wieder gut, die Ken auf brennenden Pulsen entlang der Croisette auf und ab gegangen war, um wie ein Idiot die Mädchen anzustarren, die unglaublicherweise nahezu nackt im Sand lagen; die überfüllten, langweiligen Bus- fahrten nach Nizza und Monte Carlo und St. Paul-de-Vence; den Tag, an dem er einem bösartigen Drogisten den drei- fachen Preis für eine Sonnenbrille bezahlt hatte, nur um dann, als er sich im Vorübergehen in einem glänzenden Schaufenster sah, festzustellen, daß er damit ausschaute wie ein großer blinder Fisch; das schreckliche Gefühl, das ihn Tag und Nacht verfolgte, jung, reich, frei und an der Riviera – an der Riviera! – zu sein und nichts zu tun zu haben. In der ersten Woche war er einmal zu einer Prostituierten gegangen, deren gerissenes Lächeln, deren schrilles Beharren auf einem hohen Preis und deren an- gewidert zuckendes Gesicht angesichts seines Körpers ihn in eine solche Agonie versetzten, daß er impotent gewe- sen war; an den meisten anderen Abenden war er betrun-, ken und elend von Bar zu Bar gezogen, voller Angst vor Prostituierten und Zurückweisungen anderer Mädchen, ja, er wagte es nicht einmal, mit Männern zu sprechen, um nicht für schwul gehalten zu werden. Einen ganzen Nachmittag hatte er in einem billigen Warenhaus ver- bracht, so getan, als würde er sich für Vorhängeschlösser, Rasiercreme und billiges Blechspielzeug interessieren, und sich durch die helle abgestandene Luft des Ladens mit vor Heimweh zugeschnürter Kehle bewegt. Fünf Aben- de hintereinander hatte er sich in der schützenden Dun- kelheit amerikanischer Filme versteckt, so wie er es Jahre zuvor in Denver getan hatte, um den Jungen zu entkom- men, die ihn Fettarsch Platt nannten, und nachdem er sich zum letzten Mal auf diese Weise zerstreut hatte, hatte er sich, zurück im Hotel und den widerlichen Geschmack von Schokolade noch im Mund, in den Schlaf geweint. Aber all das löste sich jetzt in der großartigen, verwege- nen Eleganz von Sids Klavierspiel auf, im Bann von Car- sons intelligentem Lächeln und in der Art und Weise, wie Carson nach jedem Stück die Hände hob, um zu klat- schen. Nach Mitternacht, als alle außer Sid zu viel getrunken hatten, fragte Carson ihn, wie lange er schon aus den Ver- einigten Staaten fort war. »Seit dem Krieg«, sagte er. »Ich kam mit der Army ruber und bin nie zurückgekehrt.« Ken, überzogen von einem Film aus Schweiß und Glück, hob rasch das Glas hoch, um anzustoßen. »Und bei Gott, ich hoffe, daß Sie es auch nie müssen, Sid.« »Warum ›müssen‹?« sagte Jaqueline. Ihr Gesicht sah im trüben Licht hart und nüchtern aus. »Warum sagen Sie das?« Ken blinzelte sie an. »Also, ich meine nur – Sie wis-, sen schon –, daß er sich nie verkaufen muß oder so. Das würde er natürlich auch nicht.« »Was soll das heißen ›verkaufen‹?« Es folgte ein ver- legenes Schweigen, bis Sid auf seine tiefe, polternde Art lachte. »Nimm’s leicht, Liebling«, sagte er und wandte sich an Ken. »Wir sehen es nicht so. Im Gegenteil, ich arbeite an allen Ecken daran, in die Staaten zurückzukeh- ren, um Geld zu verdienen. Da sind wir uns einig.« »Ja, aber es geht Ihnen doch gut hier, oder?« sagte Ken, flehte ihn nahezu an. »Sie verdienen hier doch genug, oder?« Sid lächelte geduldig. »Ich meine nicht eine Arbeit wie diese. Ich rede von richtigem Geld.« »Wissen Sie, wer Murray Diamond ist?« fragte Jaque- line und zog die Augenbrauen hoch. »Der Nachtclub- besitzer aus Las Vegas?« Aber Sid schüttelte den Kopf und lachte. »Liebling, warte mal – ich habe dir schon mehrmals gesagt, daß wir darauf nicht zählen können. Murray Diamond war neu- lich hier«, erklärte er. »Er hatte nicht viel Zeit, aber er hat gesagt, er wolle versuchen, diese Woche noch einmal zu kommen. Das wäre eine große Chance für mich. Aber wie gesagt, man kann nicht darauf zählen.« »Aber, Himmel noch mal, Sid.« Ken schüttelte verwun- dert den Kopf; dann spannten sich seine Züge vor Empö- rung an, und er schlug schwungvoll mit der Faust auf den Tisch. »Warum sich prostituieren?« wollte er wissen. »Ich meine, verdammt, Sie wissen doch, daß man Sie in den Staaten dazu zwingen wird, sich zu prostituieren!« Sid lächelte noch immer, aber seine Augen waren leicht zusammengekniffen. »Ich denke, das kommt ganz darauf an, wie man es sieht«, sagte er., Und das Schlimmste war für Ken, daß Carson Sid sofort zu Hilfe eilte. »Ach, ich bin sicher, daß Ken es nicht so meint, wie es klingt«, sagte er, und während Ken Ent- schuldigungen stammelte (»Nein, natürlich nicht, ich meinte nur – Sie wissen schon –.. »), sagte er andere Din- ge, unbeschwerte, geschickte Dinge, wie nur Carson sie sagen konnte, bis der peinliche Moment vorüber war. Als es Zeit war, sich zu verabschieden, wurden Hände ge- schüttelt, es wurde gelächelt und versprochen, sich bald wiederzusehen. Aber kaum standen sie auf der Straße, fiel Carson über Ken her. »Warum mußtest du deswegen so verdammt hochtrabend werden? Hast du nicht bemerkt, wie pein- lich das war?« »Ich weiß«, sagte Ken und beeilte sich, um mit Carsons langen Beinen Schritt zu halten. »Ich weiß. Aber ver- dammt, ich war so enttäuscht von ihm, Carson. Ich habe ihn nie zuvor so reden gehört.« Was er natürlich nicht sagte, war, daß er ihn eigentlich überhaupt nie reden ge- hört hatte außer in der einen schüchternen Unterhal- tung, die damals dazu geführt hatte, daß er in Harry’s Bar anrief, wonach Ken ins Hotel geflüchtet war aus Angst, länger zu bleiben, als er erwünscht war. »Trotzdem«, sagte Carson. »Findest du nicht, daß es sei- ne Sache ist, was er mit seinem Leben anfangen will?« »Okay«, sagte Ken, »okay. Ich habe ihm doch gesagt, daß es mir leid tut, oder?« Er fühlte sich jetzt so klein, daß er ein paar Minuten brauchte, bis ihm klar wurde, daß er in gewisser Weise gar nicht so schlecht abgeschnit- ten hatte. Carsons einziger Triumph an diesem Abend war der des Diplomaten, des Beschwichtigers von Gefüh- len gewesen; er, Ken, war es gewesen, der etwas Drama-, tisches getan hatte. Hochtrabend oder nicht, impulsiv oder nicht, zeugte es nicht von einer gewissen Würde, mit der eigenen Meinung nicht hinter dem Berg zu hal- ten? Er befeuchtete sich die Lippen und blickte im Gehen auf Carsons Profil, dann richtete er sich auf und ver- suchte, weniger zu watscheln, sondern mehr ungestüm und männlich zu schreiten. »Ich kann doch nichts für meine Gefühle«, sagte er voller Überzeugung. »Wenn ich von jemandem enttäuscht bin, zeige ich es auch, das ist alles.« »Gut. Vergessen wir’s.« Und Ken war sich fast sicher, obschon er es kaum zu glauben wagte, daß er aus Carsons Stimme widerwilligen Respekt heraushörte. Am nächsten Tag lief alles schief. Beim schwindenden Licht des Nachmittags saßen sie zusammengesackt in einem trostlosen Arbeitercafé in der Nähe des Bahnhofs, starrten vor sich hin und sprachen kaum miteinander. Noch dazu hatte dieser Tag ungewöhnlich gut begon- nen – das war das Problem. Sie hatten bis Mittag geschlafen und waren nach dem Essen an den Strand gegangen, denn Ken hatte nichts gegen den Strand, wenn er nicht allein war, und nach kurzer Zeit hatten sie zwei amerikanische Mädchen ken- nengelernt auf die unbeschwerte elegante Art, wie Carson solche Dinge stets bewerkstelligte. Im einen Augenblick waren die Mädchen mürrische Fremde, die ihre Körper mit parfümiertem Öl einrieben und dreinblickten, als wür- den sie die Polizei rufen, sollten sie angesprochen wer- den, im nächsten schüttelten sie sich vor Lachen über die Dinge, die Carson sagte, stellten ihre Flaschen und TWA-, Taschen zur Seite, um Platz zu machen für unerwartete Gäste. Für Carson gab es eine Große mit langen festen Oberschenkeln, intelligenten Augen und einer Art, das Haar zurückzuwerfen, die ihr wirkliche Schönheit ver- lieh, und eine Kleine für Ken – ein süßes, sommersprossi- ges, kumpelhaftes Mädchen, das mit jedem frohgemuten Blick und mit jeder gutgelaunten Geste bewies, daß sie es gewohnt war, den Zweitbesten zu nehmen. Ken, das Kinn auf die übereinandergesetzten Fäuste gestützt und tief in den Sand eingegraben, war ihren warmen Beinen sehr nahe, lächelte sie an und verspürte nicht die Hemmun- gen, die ihn normalerweise bei Gesprächen wie diesem heimsuchten. Auch als Carson und das große Mädchen aufstanden und spritzend ins Wasser rannten, war er in der Lage, ihr Interesse zu halten: Sie sagte mehrmals, daß die Sorbonne »faszinierend« gewesen sein müsse, und bedauerte ihn, weil er nach Denver zurückmußte, ob- schon sie sagte, daß es »wahrscheinlich das Beste« wäre. »Und dein Freund bleibt einfach für unbestimmte Zeit hier?« fragte sie. »Stimmt wirklich, was er gesagt hat? Ich meine, daß er nicht arbeitet oder studiert oder sonstwas tut? Daß er sich einfach treiben läßt?« »Tja – ja, das stimmt.« Ken versuchte, zwinkernd zu lächeln wie Carson. »Warum?« »Ich finde es interessant, das ist alles. Ich habe noch nie so einen Menschen kennengelernt.« Da wurde Ken klar, was das Gelächter und die knappen französischen Badeanzüge bei diesen Mädchen verbor- gen hatten, nämlich daß es sich um einen Typ Mädchen handelte, mit dem weder er noch Carson seit langem zu tun gehabt hatten – Mittelschichtmädchen aus den Vor- orten, die sich pflichtbewußt den Segen ihrer Eltern für, diese Reise geholt hatten; Mädchen, die »heiliger Stroh- sack« sagten, die sich auf der Straße durch ihre Kleidung aus dem Campusladen und ihren Hockeyspielerinnen- gang sofort verraten hätten. Sie waren genau der Typ Mädchen, die sich vor der Punschschale versammelt und »O Gott« gemurmelt hatten, als sie ihn zum ersten Mal im Smoking sahen, und ihre ignoranten, zum Verrückt- werden ausdruckslosen kurzen Blicke der Zurückweisung hatten seine schmerzvollen Jahre in Denver und New Haven vergiftet. Sie waren Spießerinnen. Und das Bemer- kenswerte war, daß er sich so wohl fühlte. Er verlagerte sein Gewicht auf einen Ellbogen, hob langsam eine Hand- voll heißen Sand auf und ließ ihn zurückrieseln, wieder und wieder, und mußte feststellen, daß er rasch und flie- ßend sprach: » ... nein, wirklich, es gibt eine Menge zu sehen in Paris; schade, daß du nicht länger dort warst. Die Orte, die mir am besten gefallen haben, sind mehr oder weniger ab- seits der Touristenpfade; natürlich hatte ich Glück, weil ich die Sprache einigermaßen gut kann, und dann habe ich viele geistesverwandte Leute getroffen ...« Er behauptete sich; er bewies sich. Er bemerkte es kaum, als Carson und das große Mädchen vom Schwimmen zurückkehrten, so geschmeidig und gutaussehend wie ein Paar auf einem Werbeplakat für eine Reise, sich neben ihnen niederließen, geschäftig mit Handtüchern und Zi- garetten hantierten und schaudernd Witze darüber mach- ten, wie kalt das Wasser gewesen war. Seine einzige wachsende Sorge war, daß Carson, der mittlerweile eben- falls über die Mädchen Bescheid wissen mußte, beschlie- ßen könnte, daß sie die Mühe nicht lohnten. Aber ein einziger Blick in Carsons leise lächelndes, redendes Ge-, sicht beruhigte ihn: Carson saß angespannt zu Füßen des großen Mädchens, während sie sich den Rücken auf eine Weise abtrocknete, die ihre Brüste herrlich schwin- gen ließ, und war eindeutig entschlossen, die Sache durchzuziehen. »Hört mal«, sagte er. »Warum essen wir nicht alle gemeinsam zu Abend? Danach könnten wir dann ... « Beide Mädchen begannen Entschuldigungen daherzu- plappern: Leider könnten sie nicht, trotzdem vielen Dank, sie waren mit Freunden zum Abendessen im Hotel verab- redet und müßten jetzt gleich zurück, so gern sie auch blieben – »O Gott, schau nur, wie die Zeit vergangen ist!« Und sie schienen es wirklich zu bedauern, so sehr, daß Ken allen Mut zusammennahm, die Finger ausstreckte und die warme, feingliedrige Hand ergriff, die neben dem Oberschenkel des kleinen Mädchens vor und zurück schwang, als alle vier zu den Umkleidekabinen stapften. Sie drückte sogar seine dicken Finger und lächelte ihn an. »Dann an einem anderen Abend?« sagte Carson. »Be- vor ihr abreist?« »Also eigentlich«, sagte das große Mädchen, »sieht es so aus, als wären unsere Abende ziemlich ausgebucht. Aber wahrscheinlich laufen wir uns am Strand wieder über den Weg. Hat Spaß gemacht.« »Gottverdammte, kleine, rotznasige New-Rochelle-Schlam- pe«, sagte Carson, als sie allein in der Männerumkleide- kabine waren. »Psst! Nicht so laut, Carson. Sie können dich hier drin hören.« »Ach, führ dich nicht so auf.« Carson schleuderte seine Badehose mit einem sandigen Schlag auf den hölzernen Boden. »Ich hoffe, sie hören mich – was zum Teufel, ist los mit dir?« Er sah Ken an, als würde er ihn hassen. »Zwei gottverdammte aufreizende, kleine, professionelle Jungfrauen. Himmel, warum bin ich nicht in Paris ge- blieben?« Und nun saßen sie hier, Carson blickte finster drein, Ken schmollte durch fliegenfleckige Fenster den Sonnen- untergang an, während ein Haufen nach Knoblauch rie- chender Arbeiter sich um den Flipper drängelte, lachte und schrie. Sie tranken bis weit nach der Abendessens- zeit; dann aßen sie ein spätes, unerfreuliches Mahl in einem Restaurant, in dem der Wein korkte und die Brat- kartoffeln zu fett waren. Nachdem die schmutzigen Teller abgeräumt waren, zündete sich Carson eine Zigarette an. »Was willst du heute abend machen?« fragte er. Um Kens Mund und auf seinen Backen schimmerte ein dünner Fettfilm. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Es gibt eine Menge gute Kneipen, in die wir gehen könnten.« »Vermutlich würde es deine künstlerische Empfindsam- keit beleidigen, wenn wir Sid noch einmal Klavier spielen hören?« Ken bedachte ihn mit einem schwachen, ziemlich ge- reizten Lächeln. »Du reitest noch immer darauf herum?« sagte er. »Klar möchte ich ihn noch mal hören.« »Auch wenn er sich prostituiert?« »Warum hörst du nicht damit auf, Carson?« Sie hörten das Klavier schon auf der Straße, noch bevor sie das Rechteck aus Licht betraten, das aus dem Eingang von Sids Bar auf den Gehsteig fiel. Auf der Treppe wurde der Klang lauter und voller, vermischte sich mit dem hei- seren Gesang eines Mannes, aber erst als sie unten in den Raum kamen und durch den blauen Dunst blinzelten, sahen sie, daß Sid der Sänger war. Die Augen halb ge-, schlossen, das lächelnde Gesicht über der Schulter dem Publikum zugewandt, sang er, während er hin und her schwankte und die Tasten bearbeitete. »Man, she got a pair of eyes ...« Das blaue Scheinwerferlicht ließ funkelnde Sterne auf sei- nen feuchten Zähnen und dem Schweiß auf seiner Schlafe aufblitzen. »I mean they’re brighter than the summer skies And when you see them you gunna realize Just why I love my sweet Lorraine ...« »Verdammt voll hier«, sagte Carson. An der Bar war nichts frei, aber sie hielten sich eine Weile unsicher in deren Nähe auf und sahen Sid zu, bis Carson bemerkte, daß eines der Mädchen auf einem Barhocker direkt hin- ter ihm Jaqueline war. »Oh«, sagte er. »Hallo. Ziemlich viele Leute heute abend.« Sie lächelte und nickte und reckte dann den Hals, um Sid zuzusehen. »Ich wußte nicht, daß er auch singt«, sagte Carson. »Ist das neu?« Ihr Lächeln ging in ein ungeduldiges kleines Stirnrun- zeln über, und sie hob den Zeigefinger an den Mund. Nach dieser Abfuhr drehte er sich wieder um und trat schwer von einem Fuß auf den anderen. Dann stieß er Ken an. »Willst du gehen oder bleiben? Wenn du bleiben willst, dann setzen wir uns wenigstens.« »Pssstl« Mehrere Personen wandten sich auf ihren Stüh- len um und runzelten die Stirn. »Pssst!« »Komm schon«, sagte er und führte den sich schlän- gelnden und stolpernden Ken durch die Reihen der, Zuhörer zu dem einzigen nicht besetzten Tisch im Raum, einem kleinen Tisch ganz vorn, zu nahe an der Musik und naß von vergossenen Getränken, der zur Seite ge- schoben worden war, um Platz für größere Gesellschaf- ten zu machen. Als sie saßen, sahen sie, daß Sid nicht wirklich in das Publikum schaute. Er sang für ein gelang- weilt wirkendes Paar in Abendgarderobe, das ein paar Tische weiter saß, ein silberblondes Mädchen, das ein Film- sternchen hätte sein können, und ein kleiner, rundlicher tiefgebräunter Mann mit Glatze, ein Mann, der so offen- sichtlich Murray Diamond war, daß ein Besetzungsbüro ihn hierhergeschickt haben könnte, um diese Rolle zu spielen. Manchmal blickten Sids große Augen in andere Ecken des Raums oder zur rauchverhangenen Decke, aber sie schienen nur etwas zu sehen, wenn er diese beiden Menschen fixierte. Auch als Sid verstummte und auf dem Klavier eine lange komplizierte Variation spielte, auch dann noch schaute er zu ihnen, um festzustellen, ob sie ihm zusahen. Als er das Stück beendete und der Applaus wie ein Donnerschlag einsetzte, hob der glatzköpfige Mann den Kopf, schloß die Lippen um eine bernsteinfarbene Ziga- rettenspitze und klatschte ein paarmal in die Hände. »Sehr nett, Sam«, sagte er. »Ich heiße Sid, Mr. Diamond«, sagte Sid, »trotzdem vie- len Dank. Freut mich, daß es Ihnen gefallen hat, Sir.« Er lehnte sich zurück, grinste an seiner Schulter entlang, während seine Finger mit den Tasten spielten. »Möchten Sie irgend etwas Besonderes hören, Mr. Diamond? Etwas Altes? Einen wirklich alten Dixieland? Vielleicht einen kleinen Boogie, vielleicht etwas Eingängiges, was wir eine kommerzielle Nummer nennen? Hier warten alle mög- lichen Melodien darauf, gespielt zu werden.«, »Irgend etwas, Sid«, sagte Murray Diamond, und dann neigte sich die Blonde zu ihm und flüsterte ihm etwas ins Ohr. »Wie wäre es mit ›Stardust‹, Sid?« sagte er. »Können Sie ›Stardust‹ spielen?« »Nun ja, Mr. Diamond. Wenn ich ›Stardust‹ nicht spie- len könnte, wäre ich wahrscheinlich nicht lange im Ge- schäft, weder in Frankreich noch in irgendeinem anderen Land.« Sein Grinsen verwandelte sich in ein tiefes fal- sches Lachen, und seine Hände glitten in die ersten Akkorde des Lieds. Und da machte Carson die erste freundliche Geste seit Stunden, und Kens Gesicht erglühte dankbar. Er zog sei- nen Stuhl nahe zu Kens und begann mit einer so leisen Stimme zu sprechen, daß niemand ihm hätte vorwerfen können zu stören. »Weißt du was?« sagte er. »Das ist widerlich. Mein Gott, mir ist egal, ob er nach Las Vegas will. Mir ist sogar egal, ob er dafür jemandem in den Arsch kriecht. Aber das ist was anderes. Dabei dreht sich mir der Magen um.« Er hielt inne, blickte stirnrunzelnd zu Boden, und Ken blickte auf die kleine wurmähnliche Ader in seiner Schläfe. »Diese geheuchelte Sprechweise«, sagte Carson. »Diese ganze falsche Onkel-Remus-Fas- sade.« Und dann schwang er sich zu einer kleinen, glotz- äugigen, kopfwackelnden, zischenden Parodie von Sid auf. »Jaa, Suh, Mr. Dahmon, Suh. Was möchtn See hörn, Mr. Dahmon, Suh? Hier wartn alle möglichn Melodien, ja, wartn drauf, gespielt zu wem, und bla, bla, bla und half s Maul!« Er trank sein Glas aus und stellte es mit einem Knall ab. »Du weißt verdammt gut, daß er nicht so reden muß. Du weißt verdammt gut, daß er ein intelligenter, gebildeter Mann ist. Mein Gott, am Telefon habe ich nicht einmal gemerkt, daß er ein Farbiger ist.«, »Na ja«, sagte Ken. »Es ist irgendwie deprimierend.« »Deprimierend? Es ist unwürdig.« Carson schürzte die Lippen. »Es ist degeneriert.« »Ich weiß«, sagte Ken. »Ich denke mal, das ist teilweise, was ich mit sich prostituieren gemeint habe.« »Da hattest du auf jeden Fall recht. Das reicht verdammt noch mal fast aus, um das Vertrauen in die Negerrasse zu verlieren.« Die Bestätigung, daß er recht gehabt hatte, wirkte auf Ken immer wie ein Stärkungsmittel, und nach einem Tag wie diesem wirkte sie ungewöhnlich belebend. Er kippte seinen Drink, setzte sich aufrecht und wischte sich den schmalen Schnurrbart aus Schweiß von der Oberlippe, verzog grimmig den Mund, um zu zeigen, daß auch sein Vertrauen in die Negerrasse schwer erschüttert war. »Jun- ge«, sagte er. »Ich habe mir völlig falsche Vorstellungen von ihm gemacht.« »Nein«, versicherte ihm Carson, »das konntest du nicht wissen.« »Hör mal, Carson, gehen wir. Zum Teufel mit ihm.« Und Kens Kopf war bereits voller Pläne: Sie würden in die Kühle der Croisette hinausschlendern, um lange und ernsthaft über die Bedeutung von Integrität zu reden, wie selten sie war und wie leicht vorzutäuschen und wie das Streben danach der einzige Kampf im Leben eines Men- schen war, den es sich zu kämpfen lohnte, bis alle Un- stimmigkeiten des Tages ausgeräumt wären. Aber Carson schob seinen Stuhl zurück, lächelnd und stirnrunzelnd zugleich. »Gehen?« sagte er. »Was ist los mit dir? Willst du nicht bleiben und dir das Spektakel ansehen? Ich schon. Findest du es nicht auf schreck- liche Weise faszinierend?« Er hielt sein Glas in die Höhe, und signalisierte, daß sie zwei weitere Cognacs wünsch- ten. Sid brachte »Stardust« zu einem würdevollen Abschluß, stand auf und badete im Applaus, um dann eine Pause zu machen. Er ragte direkt vor ihrem Tisch auf, als er vor- trat und vom Podium stieg, sein großes Gesicht schweiß- glänzend; er drängte sich an ihnen vorbei, blickte zu Dia- monds Tisch, blieb kurz dort stehen, um »Danke, Sir« zu sagen, obschon Diamond ihn nicht angesprochen hatte, bevor er sich einen Weg zur Bar bahnte. »Vermutlich glaubt er, uns nicht gesehen zu haben«, sagte Carson. »Wahrscheinlich nur gut so«, sagte Ken. »Ich wüßte nicht, was ich zu ihm sagen sollte.« »Das wüßtest du nicht? Ich schon.« Im Raum war es zum Ersticken, und Kens Cognac hatte in seiner Hand ein etwas abstoßendes Aussehen und einen widerwärtigen Geruch angenommen. Er lockerte sich mit feuchten Fingern Kragen und Krawatte. »Komm, Carson«, sagte er. »Verschwinden wir hier. An die frische Luft.« Carson ignorierte ihn, beobachtete, was an der Bar vor sich ging. Sid trank etwas, was Jaqueline ihm anbot, und verschwand dann auf der Männertoilette. Als er ein paar Minuten später zurückkehrte, das Gesicht getrocknet und gefaßt, wandte Carson sich wieder um und starrte auf sein Glas. »Da kommt er. Ich glaube, er wird uns jetzt mit einem großen Hallo begrüßen, um Diamond zu beein- drucken. Paß auf.« Einen Augenblick später strichen Sids Finger über den Stoff von Carsons Schulter. »Bss-s-s-, bss-s-s!« sagte er. »Wie geht es euch heute abend?«, Ganz langsam wandte Carson den Kopf. Unter schwe- ren Augenlidern blickte er für den Bruchteil einer Sekunde auf Sids Lächeln, so wie ein Mann einen Kellner anblik- ken könnte, der ihn versehentlich berührt hat. »Oh«, sagte Sid. »Vielleicht habe ich es nicht richtig gemacht. Vielleicht war es die falsche Schulter. Ich bin noch nicht allzu vertraut mit den Regeln und Vorschrif- ten.« Murray Diamond und die Blondine beobachteten sie, Sid zwinkerte ihnen zu, hielt den Daumen unter den IBF-Anstecker auf seinem Revers, während er seitwärts an Carsons Stuhl vorbeiging. »Das ist ein Club, in dem wir Mitglieder sind, Mr. Diamond«, sagte er. »Der Barflies- Club. Das Problem ist nur, daß ich die Regeln und Vor- schriften noch nicht richtig kenne.« Nahezu alle im Raum sahen ihm zu, wie er Carsons andere Schulter berührte. »Bss-s-s, bss-s-s!« Diesmal zuckte Carson zusammen und zog sein Jackett an sich, blickte mit einem verwirrten kleinen Achselzucken zu Ken, als wollte er fragen: Weißt du, was dieser Mann will? Ken wußte nicht, ob er kichern oder kotzen sollte; er empfand plötzlich beide Bedürfnisse sehr stark, obwohl sein Gesicht nichts davon verriet. Später erinnerte er sich noch lange Zeit an die saubergewischte schwarze Plastik- fläche des Tisches unter seinen reglosen Händen, die die einzig nicht schwankende Oberfläche in der Welt zu sein schien. »Na, sagt schon«, sagte Sid und zog sich mit einem polierten Lächeln ans Klavier zurück. »Was geht hier vor? Irgendeine Verschwörung?« Carson ließ ein lastendes Schweigen folgen. Dann stand er mit einer Miene auf, als hätte er sich plötzlich vage an etwas erinnert, als wollte er sagen, ach ja, natürlich, und, ging zu Sid, der verwirrt ins Scheinwerferlicht zurück- wich. Carson sah ihn an, streckte einen schlaffen Finger und berührte ihn an der Schulter. »Bsss«, sagte er. »Ist es damit erledigt?« Er drehte sich um und kehrte zu seinem Stuhl zurück. Ken betete, daß jemand – irgend jemand – lachen würde, aber niemand tat es. Nichts regte sich im Raum, während Sids Lächeln erstarb und er Carson und Ken anblickte, seine Lippen langsam die Zähne bedeckten und seine Augen größer wurden. Auch Murray Diamond schaute kurz zu ihnen – ein hartes, kleines gebräuntes Gesicht –, dann räusperte er sich und sagte: »Wie wäre es mit ›Hold Me‹, Sid? Können Sie ›Hold Me‹ spielen?« Und Sid setzte sich, begann zu spielen und starrte ins Leere. Würdevoll bat Carson mit einem Kopfnicken um die Rechnung und legte die korrekte Anzahl an Tausend- und Hundert-Franc-Scheinen auf die Untertasse. Im Nu ver- ließ er das Lokal, glitt gekonnt zwischen den Tischen hindurch zur Treppe, während Ken wesentlich länger brauchte. Er schlingerte und schwankte in der rauchigen Luft wie ein großer gefangener Bär, und noch bevor er am letzten Tisch vorbei war, fing er Jaquelines Blick auf, die ihn unverwandt ansah. Ihre Augen starrten erbar- mungslos auf sein mattes, unsicheres Lächeln, sie bohr- ten sich ihm in den Rücken und ließen ihn die Treppe hinauffallen. Und kaum stand er in der ernüchternden Nachtluft, kaum sah er Carsons aufrechte, weiß geklei- dete Gestalt ein paar Türen weiter, wußte er, was er tun wollte. Er wollte zu ihm laufen und ihn mit ganzer Kraft zwischen die Schulterblätter schlagen, ein heftiger, kra- chender Schlag, der ihn auf die Straße werfen würde, und, dann wollte er ihn weiter schlagen oder ihn treten – ja, ihn treten – und sagen, verdammt sollst du sein, Carson, verdammt! Die Worte befanden sich bereits in seinem Mund, und er wollte ausholen, als Carson stehenblieb und sich unter einer Straßenlampe zu ihm umdrehte. »Was ist los, Ken?« fragte er. »Fandest du es nicht wit- zig?« Nicht das, was er sagte, war von Bedeutung – eine Weile schien es, als würde nichts, was Carson sagte, je wieder Bedeutung haben –, es lag daran, daß sein Gesicht von einem Ausdruck heimgesucht wurde, der Kens Herzen auf unheimliche Weise vertraut war, der Ausdruck, mit dem er selbst, Fettarsch Platt, sein ganzes Leben lang andere angesehen hatte: gehetzt, verletzlich und schreck- lich abhängig, der Versuch eines Lächelns, ein Blick, der sagte, bitte, laß mich nicht allein. Ken ließ den Kopf hängen, entweder aus Barmherzigkeit oder aus Scham. »Ich weiß nicht, Carson«, sagte er. »Ver- gessen wir’s. Gehen wir irgendwo einen Kaffee trinken.« »Gut.« Und sie waren wieder zusammen. Das einzige Problem bestand jetzt darin, daß sie in die falsche Rich- tung losmarschiert waren: Um zur Croisette zu gelangen, mußten sie umkehren und an der erleuchteten Tür von Sids Bar vorbeigehen. Es war, als müßten sie durch Feuer gehen, aber sie brachten es rasch und, wie jeder gesagt hätte, vollkommen gefaßt hinter sich, mit erhobenen Köpfen, den Blick nach vorn gerichtet, so daß sie das Kla- vier nur ein, zwei Sekunden laut hörten, bevor es wieder leiser wurde und in ihrem Rücken im Rhythmus ihrer Schritte verklang.,

Weg mit dem Alten

Haus Sieben, das TB-Gebäude, hatte sich in den fünf Jah- ren, die seit dem Krieg vergangen waren, zunehmend vom Rest des Mulloy Veterans’ Hospital distanziert. Es stand keine fünfzig Meter von Haus Sechs entfernt, dem Gebäude der doppelseitig Gelähmten – sie schauten alle auf dieselbe Fahnenstange auf demselben windgepeitsch- ten Flachland von Long Island –, aber es herrschte kein gutnachbarschaftliches Verhältnis mehr, seit die Gelähm- ten im Sommer 1948 eine Petition eingereicht und gefor- dert hatten, daß die TBs auf ihrem eigenen Rasen blieben. Das hatte damals für einigen Groll gesorgt (»Die gelähm- ten Dreckskerle glauben, daß ihnen das Gelände gehört«), aber das hatte schon lange keine Bedeutung mehr; eben- sowenig war es von Bedeutung, daß keiner aus Haus Sie- ben in den Krankenhausladen durfte, außer er versteckte sein Gesicht hinter einer sterilen Papiermaske. Wen kümmerte es schon? Haus Sieben war schließlich und endlich anders. Die ungefähr hundert Patienten der drei gelbgestrichenen Stationen waren im Lauf der Jahre fast alle mindestens ein-, zweimal entkommen und hoff- ten, endgültig entkommen zu können, sobald ihre Rönt- genaufnahmen keinen Befund mehr zeigten oder sie sich von unterschiedlichen Arten von Operationen erholt hätten; in der Zwischenzeit betrachteten sie Haus Sieben nicht als Zuhause oder auch nur als Leben, sondern als, zeitlosen Schwebezustand zwischen Abschnitten, die sie, wie Häftlinge, »draußen« nannten. Und noch etwas: auf- grund der nicht-militärischen Natur ihrer Krankheit sahen sie sich in erster Linie nicht als »Veteranen« (außer viel- leicht an Weihnachten, wenn jeder ein vervielfältigtes Grußschreiben des Präsidenten und einen Fünf-Dollar- Schein vom New York Journal-American erhielt), und des- wegen fühlten sie sich den Verwundeten und Verstüm- melten auch nicht wirklich verbunden. Haus Sieben war eine eigene Welt. Es bot täglich die Wahl zwischen seiner ganz eigenen Art von Tugend – im Bett zu bleiben – und seiner eigenen Art von Laster: mitternächtliche Würfelspiele, unerlaubtes Entfernen, das Hereinschmuggeln von Bier und Whiskey durch die Not- ausgänge der beiden Waschräume. Es war die Bühne für seine eigene Art von Komödie – zum Beispiel, als Snyder eines Nachts die diensthabende Schwester mit der Was- serpistole in den Röntgenraum jagte oder als die Halb- literflasche Bourbon aus dem Bademantel des alten Foley rutschte und vor Dr. Resnicks Füßen zerbrach – und hin und wieder für seine eigene Art von Tragödie – als sich Jack Fox im Bett aufsetzte und »Himmel noch mal, macht das Fenster auf« sagte, hustete und damit die schreckliche Blutung auslöste, die ihn innerhalb von zehn Minuten umbrachte, oder die zwei-, dreimal im Jahr, wenn je- mand zu einer Operation gefahren wurde, über Rufe wie »Nimm’s leicht!« oder »Viel Glück, Junge!« lächelte und winkte und nie wieder zurückkam. Vor allem aber war Haus Sieben eine von ihrer ganz eigenen Art von Lange- weile verzehrte Welt, in der die Patienten zwischen Pa- piertaschentüchern und Spucknäpfen und dem ununter- brochenen Lärmen der Radios herumsaßen oder lagen., So war es auch auf Station C am Silvesternachmittag, außer daß der Lärm der Radios in Tiny Kovacs’ Gelächter unterging. Er war ein riesiger dreißigjähriger Mann, einsfünfund- neunzig groß und breit wie ein Bär, und an diesem Nach- mittag unterhielt er sich mit seinem Preund Jones, der neben ihm komisch klein und mager wirkte. Sie flüster- ten miteinander und lachten – Jones kicherte nervös und kratzte sich wiederholt durch den Schlafanzug am Bauch, Tiny lachte laut und schallend. Nach einer Weile standen sie auf, noch rot vor Lachen, und gingen durch den Raum zu McIntyres Bett. »He, Mac, hör mal«, sagte Jones. »Tiny und ich ha- ben ‘ne Idee.« Dann mußte er kichern und sagte: »Erzähl du, Tiny.« Das Problem war, daß McIntyre, ein zerbrechlicher Mann von einundvierzig Jahren mit einem zerfurchten sarkastischen Gesicht, zu dieser Zeit versuchte, einen wichtigen Brief zu schreiben. Aber beide verwechselten sein ungeduldiges Grimassieren mit einem Lächeln, und Tiny begann in gutem Glauben, die Idee zu erklären. »Hör mal, Mac, heute gegen Mitternacht werde ich mich ganz ausziehen, verstehst du?« Er sprach unter Mühen, weil ihm sämtliche Vorderzähne fehlten; sie waren bald nach seiner Lunge verfault, und das Gebiß, das das Kran- kenhaus für ihn bestellt hatte, war längst überfällig. »Dann bin ich ganz nackt, nur daß ich ein Handtuch anhaben werde, verstehst du? Wie eine Windel. Und schau, das werde ich mir um die Brust binden.« Er entrollte einen etwa einen Meter langen Streifen einer zehn Zentimeter breiten Binde, auf den er oder Jones mit Wäschetinte in großen Zahlen »1951« geschrieben hatten. »Kapiert?« sagte, er. »Ein großes dickes Baby? Ohne Zähne? Und du, Mac, du sollst das alte Jahr sein, okay? Du sollst das und das anziehen. Das wäre perfekt.« Auf der zweiten Binde stand »1950«, und der andere Gegenstand war ein falscher Bart aus Watte, den Tiny in einer Schachtel mit Rotkreuzvor- räten im Aufenthaltsraum gefunden hatte – er war offen- sichtlich Bestandteil eines alten Weihnachtsmannkostüms gewesen. »Nein, danke«, sagte McIntyre. »Sucht jemand anders, okay?« »Ach, Mensch, du mußt es machen, Mac«, sagte Tiny. »Wir sind alle im Haus durchgegangen, und du bist der einzige – verstehst du? Dünn, Glatze, ein paar graue Haare. Und am besten ist, daß du wie ich bist, du hast auch keine Zähne.« Und um klarzumachen, daß es nicht als Beleidigung gemeint war, fügte er hinzu: »Also, ich meine, du könntest sie zumindest rausnehmen, oder? Du könntest sie für ein paar Minuten rausnehmen und danach wieder reintun – oder?« »Hör mal, Kovacs«, sagte McIntyre und schloß kurz die Augen. »Ich habe doch schon nein gesagt. Könnt ihr beide jetzt bitte wieder verschwinden?« Langsam nahm Tinys Gesicht einen schmollenden Ausdruck an, seine Backen wurden rot gefleckt, als wäre er geschlagen worden. »Na gut«, sagte er beherrscht und nahm den Bart und die Binden von McIntyres Bett. »Na gut, zum Teufel damit.« Er drehte sich um und schritt zurück zu seinem Bett, und Jones trottete verlegen lä- chelnd hinter ihm her, seine locker sitzenden Pantoffeln klatschten auf den Boden. McIntyre schüttelte den Kopf. »Das sind doch zwei Vollidioten«, sagte er zu dem Mann im Bett neben sei-, nem, einem dünnen und sehr kranken Neger namens Vernon Sloan. »Hast du das mitgekriegt, Vernon?« »So in etwa«, sagte Sloan. Er wollte noch etwas hinzu- fügen, begann aber statt dessen zu husten und griff mit seiner langen braunen Hand nach seinem Spucknapf, und McIntyre wandte sich wieder seinem Brief zu. Zurück an seinem Bett, warf Tiny den Bart und die Bin- den in seinen Spind und knallte die Tür zu. Jones eilte zu ihm und sagte flehentlich: »Hör mal, Tiny, wir finden jemand anders. Wir nehmen Shulman oder –« »Shulman ist zu dick.« »Dann eben Johnson oder –« »Hör mal, vergiß es, ja, Jones?« explodierte Tiny. »Scheiß drauf. Ich bin fertig damit. Da versucht man, sich was auszudenken, damit die Jungs an Silvester ein biß- chen was zu lachen haben, und das kommt dabei raus.« Jones setzte sich auf den Stuhl neben Tinys Bett. »Ach, zum Teufel«, sagte er nach einer Weile, »Es ist trotzdem eine gute Idee, oder?« »Ach!« Tiny winkte mit seiner großen Hand angewidert ab. »Meinst du vielleicht, einer von den Scheißkerlen wüßte das zu schätzen? Meinst du vielleicht, daß es in dem ganzen Haus auch nur einen Idioten gibt, der das zu schätzen wüßte? Scheiß auf sie alle.« Es hatte keinen Sinn zu streiten; Tiny würde für den Rest des Tages schmollen. So war es immer, wenn seine Gefühle verletzt wurden, und sie wurden ziemlich oft verletzt, denn seine besondere Art von Frohsinn war dazu angetan, den anderen Männern auf die Nerven zu gehen. Da war zum Beispiel die Sache mit der quakenden Gummiente, die er kurz vor Weihnachten als Geschenk für einen seiner Neffen im Krankenhausladen gekauft, hatte. Das Problem damals war gewesen, daß er letzten Endes beschlossen hatte, dem Kind etwas anderes zu schenken und die Ente selbst zu behalten; er konnte stundenlang über das Quaken lachen. Nachdem abends die Lichter gelöscht waren, schlich er zu den anderen Patienten und quakte ihnen mit der Ente ins Gesicht, und es dauerte nicht lange, bis ihm alle rieten, es sein zu lassen und den Mund zu halten. Dann nahm jemand – es war McIntyre gewesen – die Ente von Tinys Bett und ver- steckte sie, und Tiny hatte drei Tage lang geschmollt. »Ihr haltet euch ja für so schlau«, hatte er die gesamte Station angemurrt. »Verhaltet euch wie ein Haufen Kinder.« Jones fand die Ente und gab sie ihm zurück; Jones war der einzige, der die Dinge, die Tiny tat, noch lustig fand. Als er jetzt aufstand, um zu gehen, heiterten sich seine Züge ein wenig auf. »Wie auch immer, ich hab’ meine Flasche, Tiny«, sagte er. »Du und ich wir werden heute Nacht jedenfalls Spaß haben.« Jones trank nicht viel, aber Silvester war etwas Besonderes, und Schmuggeln war eine Herausforderung: Ein paar Tage zuvor hatte er dafür gesorgt, daß ein halber Liter Whiskey hereingebracht wurde, und ihn unter viel Gekicher in seinem Spind unter einem Schlafanzug versteckt. »Erzähl bloß niemand, daß du ihn hast«, sagte Tiny. »Ich würde den Scheißkerlen nicht mal die Uhrzeit sagen.« Er schob sich eine Zigarette in den Mund und entfachte wütend ein Streichholz. Dann nahm er seinen neuen Morgenmantel – ein Weihnachtsgeschenk – vom Kleider- bügel, schlüpfte hinein und zog trotz seiner Stimmung sorgfältig die Schulterpolster und den Gürtel zurecht. Es war ein prächtiger Morgenmantel aus pflaumenfarbe- nem Satin mit kontrastierendem roten Revers, und Tinys, Miene und Haltung nahmen eine eigenartige Würde an, wann immer er ihn trug. Diese Erscheinung war ebenso neu oder saisonbedingt wie der Morgenmantel selbst: Sie stammte aus der Vorwoche, als Tiny sich angekleidet hat- te, um Weihnachten zu Hause zu verbringen. Viele der Männer waren auf die eine oder andere Art eine Offenbarung, wenn sie Straßenkleidung trugen. McIntyre wurde erstaunlich bescheiden und unfähig zu Sarkasmus oder Jux, wenn er sein kaum getragenes Buch- halterkostüm aus blauer Serge anzog, und Jones wurde in seiner alten Schlechtwetterjacke von der Marine erstaun- lich robust. Der junge Krebs, den alle Junior nannten, nahm in seinem doppelreihigen Geschäftsanzug eine stattliche Reife an, und Travers, ein Yale-Absolvent, was jedoch die meisten vergessen hatten, sah in der J.-Press- Hose und dem Button-down-Hemd seltsam kraftlos aus. Mehrere der Neger waren plötzlich wieder Neger statt ge- wöhnliche Menschen, wenn sie in ihren Hosen, die sich an den Knöcheln stark verjüngten und mit den weiten, langen Jacketts und den großen Windsor-Knoten auftra- ten, und auch ihnen schien es peinlich, auf die alte ver- traute Weise mit den weißen Männern zu reden. Aber Tinys Verwandlung war vermutlich am erstaunlichsten. Die Kleidung selbst war keine Überraschung – seine Fa- milie führte ein gutgehendes Restaurant in Queens, und er war angemessen gekleidet in einen teuren schwarzen Mantel und mit einem Seidenschal –, aber die Würde, die sie ihm verlieh, war bemerkenswert. Das dämliche Grin- sen war erloschen, das Lachen verstummt, die unge- schickten Bewegungen waren verschwunden. Die Augen unter der schmissigen Krempe seines Huts waren nicht mehr Tinys Augen, sondern blickten gelassen und gebie-, terisch. Die Wirkung wurde nicht einmal durch die feh- lenden Zähne verdorben, denn er öffnete den Mund nur, um kurze, nahezu barsche Weihnachtsgrüße zu mur- meln. Die anderen Patienten sahen mit einem gewissen scheuen Respekt zu diesem neuen Mann auf, zu diesem aufsehenerregenden Fremden, dessen harte Absätze auf den Marmorboden knallten, als er aus dem Gebäude schritt – und später, als er auf dem Weg nach Hause auf dem Gehsteig der Jamaica Avenue entlangging, machten ihm die Passanten instinktiv Platz. Tiny war sich der großartigen Figur, die er abgab, be- wußt, aber als er zu Hause ankam, dachte er nicht mehr darüber nach; im Kreis seiner Familie war sie die Realität. Niemand nannte ihn hier Tiny – er war Harold, ein sanft- mütiger Sohn, ein stiller Held für die vielen großäugigen Kinder, ein seltener und geehrter Besucher. Einmal, nach einem hervorragenden Essen, wurde ein kleines Mäd- chen feierlich zu Tinys Stuhl geführt, vor dem es schüch- tern stehenblieb, nicht wagte, ihm in die Augen zu blik- ken, und sich am Saum seines Partykleides festhielt. Seine Mutter drängte es zu sprechen. »Willst du Onkel Harold nicht erzählen, wen du jeden Abend in dein Gebet ein- schließt, Irene?« »Ja«, sagte das kleine Mädchen. »Ich sage zu Jesus, daß er Onkel Harold segnen und ihn bald wieder gesund ma- chen soll Onkel Harold lächelte und nahm die Hände des Mäd- chens. »Das ist prima, Irene«, sagte er heiser. »Aber weißt du, du sollst es ihm nicht sagen. Du sollst ihn darum bitten.« Zum ersten Mal blickte Irene ihm ins Gesicht. »Das meine ich«, sagte sie. »Ich bitte ihn darum.«, Und Onkel Harold nahm sie in die Arme, brachte sein großes Gesicht über ihre Schulter, damit sie nicht sah, daß seine Augen in Tränen schwammen. »Du bist ein braves Mädchen«, flüsterte er. Es war eine Szene, die nie- mand in Haus Sieben geglaubt hätte. Er blieb Harold, bis der Aufenthalt vorüber war und er sich von seiner anhänglichen Familie verabschiedete, in den großen Mantel schlüpfte, den Hut aufsetzte und davonging. Er war Harold auf dem Weg zum Busbahnhof und auf der Fahrt zurück ins Krankenhaus, und die ande- ren Männer sahen ihn merkwürdig an und begrüßten ihn ein bißchen schüchtern, als er durch Station C stampfte. Er ging zu seinem Bett und legte mehrere Pakete darauf (in einem befand sich sein neuer Morgenmantel), dann ging er in den Waschraum, um sich umzuziehen. Das war der Anfang vom Ende, denn als er in seinem alten verblichenen Schlafanzug und den abgelatschten Pantof- feln wieder herauskam, war in seinen weicher werdenden Gesichtzügen nur noch eine Spur Bedeutsamkeit verblie- ben, und auch diese löste sich in den nächsten ein, zwei Stunden auf, während er auf dem Bett lag und Radio hörte. Später am Abend, als sich die meisten der anderen zurück- gekehrten Patienten für die Nacht eingerichtet hatten, setzte er sich auf und schaute sich auf die alte alberne Weise um. Er wartete geduldig auf einen Moment absolu- ter Stille, dann hob er die Gummiente hoch und ließ sie zehnmal im Rhythmus von »Share and haircut, two bits« quaken, während alle anderen stöhnten und fluchten. Tiny war zurück, bereit, ein neues Jahr zu beginnen. Jetzt, eine knappe Woche später, konnte er seine Wür- de wiedererlangen, wann immer er sie brauchte, indem er den Morgenmantel anzog, sich in Pose warf und kon-, zentriert an zu Hause dachte. Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis der Morgenmantel vertraut und zer- knittert war, und dann wäre es vorbei, aber bis dahin wirkte er wie eine Zauberformel. Auf der anderen Seite des Gangs brütete McIntyre über seinem unfertigen Brief. »Ich weiß nicht, Vernon«, sagte er zu Sloan. »Letzte Woche hast du mir leid getan, weil du über Weihnachten in diesem Loch bleiben mußtest, aber weißt du was? Du hast Glück gehabt. Ich wünschte, sie hätten mich auch nicht nach Hause gelassen.« »Wirklich?« fragte Sloan. »Wie meinst du das?« »Ach, ich weiß nicht«, sagte McIntyre und wischte die Feder seines Füllers an einem Taschentuch ab. »Ich weiß nicht. Wahrscheinlich liegt es daran, daß es ein- fach Scheiße ist, wenn man wieder zurückmuß.« Aber das war nur die halbe Wahrheit; die andere Hälfte ging nie- manden außer ihm etwas an, so wie der Brief, den er die ganze Woche schon zu schreiben versuchte. McIntyres Frau war in den letzten ein, zwei Jahren dick und konfus geworden. Sie besuchte ihn jeden zweiten Sonntagnachmittag und hatte nie viel zu erzählen außer über die Filme oder die Fernsehsendungen, die sie ge- sehen hatte, und sie hatte ihm kaum etwas über ihre zwei Kinder zu berichten, die so gut wie nie kamen. »Du wirst sie ja sowieso an Weihnachten sehen«, sagte sie stets. »Das wird ein Spaß werden. Aber hör mal, Paps, bist du sicher, daß dir die Busfahrt nicht schaden wird?« »Natürlich nicht«, erwiderte er heftig. »Letztes Jahr hat sie mir doch auch nicht geschadet, oder?« Nichtsdestotrotz atmete er schwer, als er in Brooklyn endlich aus dem Bus stieg, beladen mit den Gesehen- ken, die er im Krankenhausladen gekauft hatte, und die, verschneite Straße nach Hause ging er ganz langsam ent- lang. Seine Tochter Jean, die jetzt achtzehn war, war nicht da, als er ankam. »Ach ja«, erklärte seine Frau, »ich dachte, ich hätte dir gesagt, daß sie heute abend wahrscheinlich nicht da ist.« »Nein«, sagte er. »Das hast du mir nicht gesagt. Wo ist sie?« »Ach, im Kino, mit ihrer Freundin Brenda. Ich dachte, es würde dir nichts ausmachen, Paps. Ja, ich habe ihr sogar zugeredet. Sie braucht hin und wieder einen Abend für sich. Du weißt schon, sie ist ein bißchen erschöpft. Sie wird leicht nervös und so.« »Weswegen wird sie nervös?« »Ach, du weißt schon. Zum einen ist die Arbeit, die sie jetzt hat, sehr anstrengend. Ich meine, ihr gefällt die Arbeit, aber sie ist es nicht gewöhnt, acht volle Stunden am Tag zu arbeiten. Verstehst du, was ich meine? Sie wird sich schon noch dran gewöhnen. Komm, trink eine Tasse Kaffee, und dann schmücken wir den Baum. Das wird ein Spaß werden.« Auf dem Weg ins Bad kam er an Jeans leerem Zimmer vorbei, mit seinem sauberen kosmetischen Geruch, dem ausgefransten Teddybären und den gerahmten Fotos von Sängern, und er sagte: »Es ist schon komisch, wieder zu Hause zu sein.« Sein Junge, Joseph, war an Weihnachten vor einem Jahr noch ein Kind gewesen, das mit Modellflugzeugen ge- spielt hatte; jetzt war sein Haar gut zehn Zentimeter zu lang, und er verbrachte viel Zeit damit, es mit seinem Kamm zu bearbeiten und zu einer glänzenden Tolle mit, hochgekämmten Seiten zu formen. Zudem war er ein starker Raucher, hielt die Zigaretten zwischen gelb ge- flecktem Daumen und ebensolchem Zeigefinger und das brennende Ende vor der Handfläche. Er bewegte kaum die Lippen, wenn er sprach, und wenn er lachte, gab er lediglich ein schniefendes Geräusch durch die Nase von sich. Während sie den Weihnachtsbaum schmük- kten, schnaubte er auf diese Weise kurz, als McIntyre das Gerücht erwähnte, daß die Behindertenrente der Vete- ranen vielleicht bald erhöht würde. Es mochte nichts bedeuten, aber für McIntyre war es dasselbe, als hätte er gesagt: »Willst du uns verarschen, Paps? Wir wissen doch, woher das Geld kommt.« Es schien eine unmißver- ständliche, neunmalkluge Anspielung auf die Tatsache, daß McIntyres Schwager und nicht seine Rente für den größten Teil des Familieneinkommens sorgte. Er beschloß, am Abend im Bett mit seiner Frau darüber zu sprechen, aber als es soweit war, sagte er nur: »Läßt er sich die Haare überhaupt nicht mehr schneiden?« »Alle Kinder tragen es jetzt so«, sagte sie. »Warum mußt du ihn immer kritisieren?« Am Morgen war Jean da, träge, mit zerwühltem Haar und in einen weiten blauen Bademantel gewickelt. »Hal- lo, Süßer«, sagte sie und gab ihm einen Kuß, der nach Schlaf und abgestandenem Parfum roch. Sie öffnete wort- los ihre Geschenke und lag dann lange Zeit da, ein Bein über die Armlehne eines tiefen Polstersessels geworfen, ihr Fuß wippte auf und ab, ihre Finger drückten an einem Pickel auf ihrem Kinn herum. McIntyre konnte den Blick nicht von ihr wenden. Es lag nicht nur daran, daß sie eine Frau war – der Typ in sich gekehrter, schief lächelnder Frau, der ihn in seiner, Jugend mit unerträglicher Schüchternheit und Verlangen erfüllt hatte –, es war etwas Verwirren der es als das. »Was guckst du so, Paps?« fragte sie, lächelte und run- zelte gleichzeitig die Stirn. »Die ganze Zeit guckst du mich an.« Er merkte, daß er rot wurde. »Hübsche Mädchen schaue ich immer gern an. Ist das so schlimm?« »Natürlich nicht.« Sie begann, konzentriert an einem abgebrochenen Fingernagel zu zupfen, blickte stirnrun- zelnd auf ihre Hände, so daß ihre langen Wimpern sich anmutig geschwungen vor ihren Wangen abhoben. »Es ist nur – du weißt schon. Wenn einen jemand die ganze Zeit anschaut, wird man nervös, das ist alles.« »Liebes, hör mal.« McIntyre beugte sich vor, die Ell- bogen auf seine knochigen Knie gestützt. »Kann ich dich was fragen? Was hat es damit auf sich, daß du immer ner- vös bist? Seitdem ich zu Hause bin, höre ich nichts ande- res. ›Jean ist nervös. Jean ist sehr nervös.‹ Willst du mir eine Frage beantworten? Weswegen bist du so nervös?« »Wegen nichts«, sagte sie. »Ich weiß nicht, Paps. Wegen nichts.« »Der Grund, warum ich frage« – er versuchte mit tiefer, sanfter Stimme zu sprechen, so wie sie, dessen war er sich fast sicher, vor langer Zeit geklungen hatte, aber jetzt klang sie kratzend, nörgelnd und kurzatmig –, »der Grund, warum ich frage, ist, wenn dir was Sorgen macht, solltest du es dann nicht deinem Paps erzählen?« Ihr Fingernagel riß ab bis tief ins Fleisch, woraufhin sie heftig die Hand schüttelte und den Finger mit einem lei- sen Schmerzenslaut in den Mund steckte, und plötzlich war sie auf den Beinen, mit rotem Gesicht und weinend. »Paps, kannst du mich nicht in Ruhe lassen? Kannst du, mich bitte einfach in Ruhe lassen?« Sie lief aus dem Zim- mer, in den ersten Stock und knallte die Tür zu. McIntyre wollte ihr nachlaufen, statt dessen stand er schwankend da und starrte finster Frau und Sohn an, die an entgegengesetzten Seiten des Raums den Teppich anstarrten. »Was ist eigentlich los mit ihr?« fragte er. »Hm? Was zum Teufel geht hier vor?« Aber sie schwiegen wie zwei schuldbewußte Kinder. »Kommt schon«, sagte er. Sein Kopf machte mit jedem Luftholen seiner schmächtigen Brust eine kleine unfreiwillige Bewegung. »Raus mit der Sprache, verdammt noch mal, redet schon.« Seine Frau sank mit einem leisen rührseligen Stöhnen auf die Kissen des Sofas, weinte, ihre Gesichtszüge ent- glitten ihr. »Na gut«, sagte sie. »Na gut, du willst es ja nicht anders. Wir tun alle unser Bestes, damit du ein schönes Weihnachten hast, aber wenn du nach Hause kommst und herumschnüffelst und mit deinen Fragen alle in den Wahnsinn treibst, na gut – es ist schließlich dein Begräbnis. Sie ist im vierten Monat schwanger – na, bist du jetzt zufrieden? Wirst du jetzt bitte aufhören, uns auf die Nerven zu gehen?« McIntyre setzte sich in einen Sessel, auf dem rascheln- des Weihnachtspapier lag, sein Kopf bewegte sich noch immer mit jedem Atemzug. »Wer war es?« sagte er schließlich. »Wer ist der Junge?« »Frag sie«, sagte seine Frau. »Na los, frag sie, und du wirst schon sehen. Sie wird es dir nicht sagen. Sie sagt es niemand – das ist ja das Problem. Sie hätte nicht mal was von dem Baby gesagt, wenn ich es nicht selbst heraus- gefunden hätte, und jetzt sagt sie nicht einmal ihrer eige- nen Mutter, wer der Junge ist. Lieber bricht sie ihrer, Mutter das Herz – ja, das tut sie, und das ihres Bruders auch.« Dann hörte er es wieder, das leise Schniefen auf der anderen Seite des Zimmers. Joseph stand da, grinste blöd und drückte seine Zigarette aus. Seine Unterlippe beweg- te sich ein wenig, und er sagte: «Vielleicht kennt sie den Namen des Kerls gar nicht.« McIntyre stand ganz langsam aus dem raschelnden Papier auf, ging zu seinem Sohn und schlug ihn mit der flachen Hand hart ins Gesicht, so daß sein langes Haar von seinem Schädel sprang und über seine Ohren fiel, sein Gesicht zusammenzuckte und zu dem eines verletz- ten, ängstlichen kleinen jungen wurde. Dann lief Blut aus der Nase des kleinen Jungen und tropfte auf das Nylon- hemd, das er zu Weihnachten bekommen hatte, und McIntyre schlug ihn noch einmal, und da schrie seine Frau auf. Ein paar Stunden später war er wieder in Haus Sieben und hatte nichts zu tun. Die ganze Woche aß er wenig, sprach mit niemandem außer mit Vernon Sloan und ver- brachte viel Zeit damit, den Brief an seine Tochter zu schreiben, der am Silvesternachmittag immer noch nicht fertig war. Nach vielen mißglückten Anfängen, die zwischen den benutzten Taschentüchern in der an seinem Bett hängen- den Abfalltüte gelandet waren, hatte er mittlerweile fol- gendes geschrieben: Jean, Liebes, ich glaube, ich habe mich ziemlich aufgeregt und einen Mordsärger veranstaltet, als ich zu Hause war. Baby, das ist nur, weil ich so lange weg war und es schwer für mich, ist zu begreifen, daß Du eine erwachsene Frau bist, und deswegen bin ich neulich durchgedreht. Aber, Jean, seit- dem ich zurück bin, habe ich nachgedacht, und ich möchte Dir ein paar Zeilen schreiben. Das Wichtigste ist, mach Dir keine Sorgen. Denk dran, Du bist nicht die erste Frau, die einen Fehler gemacht hat und (S.2) deswegen in Schwierigkeiten ist. Deine Mama ist des- wegen ganz durcheinander, aber laß nicht zu, daß sie Dich fertigmacht. Jean, vielleicht schaut es auch so aus, als ob du und ich einander nicht mehr so gut kennen, aber das stimmt nicht. Erinnerst Du Dich noch, wie ich zum ersten Mal von der Armee nach Hause kam und Du warst ungefähr zwölf, und manchmal sind wir im Pro- spect Park spazierengegangen und haben geredet. Ich wünschte, ich könnte jetzt so mit Dir (S.3) reden. Dein alter Paps ist vielleicht nicht mehr zu viel nütze, aber er weiß ein, zwei Dinge über das Leben und vor allem eine wichtige Sache, und die ist So weit war der Brief fortgeschritten. Jetzt, da Tinys Lachen verstummt war, war es unnatür- lich still auf der Station. Das alte Jahr verblaßte vor den Fenstern nach Westen zu einem dürftigen gelben Sonnen- untergang; dann wurde es dunkel, die Lichter wurden eingeschaltet, und maskierte Pfleger in Dienstkleidung rollten in wackligen Wagen auf Gummirädern die Tabletts, mit dem Abendessen herein. Einer von ihnen, ein hagerer Mann mit strahlenden Augen namens Carl, spulte seine tägliche Routine ab. »He, habt ihr von dem Mann gehört, der selbst dran glauben mußte?« fragte er und blieb mitten auf dem Gang mit einer dampfenden Kanne Kaffee stehen. »Schenk einfach Kaffee ein, Carl«, sagte jemand. Carl goß Kaffee in ein paar Tassen und wollte über den Gang, um auch auf der anderen Seite auszuschenken, blieb jedoch erneut stehen, und seine Augen quollen über dem Rand der sterilen Maske hervor. »Nein, hört mal – habt ihr von dem Mann gehört, der selbst dran glauben mußte? Das ist ein neuer.« Er blickte zu Tiny, der normalerweise mehr als willens war, mitzuspielen, aber Tiny butterte schlechtgelaunt eine Scheibe Brot, seine Backen bebten bei jeder Bewegung des Messers. »Wie auch immer«, sagte Carl schließlich, »dieser Mann sagt zu diesem Kind: ›He, Kind, stimmt es, daß heute Dienstag ist?‹ Das Kind sagt: ›Ja.‹ Versteht ihr? Da mußte der Mann selbst dran glauben!« Er schüttelte sich vor Lachen und schlug sich auf den Schenkel. Jones stöhnte anerken- nend; alle anderen aßen schweigend. Nach dem Essen, nachdem die Tabletts wieder abgetra- gen waren, zerriß McIntyre die alte Seite 3 und warf sie in die Abfalltüte. Er schüttelte seine Kissen auf, wischte ein paar Krümel vom Bett und schrieb: (S.3) reden. Jean, bitte schreib mir und sag mir den Namen des Jun- gen. Ich verspreche, ich, Aber er warf auch diese Seite weg und saß lange da, ohne ein Wort zu schreiben, rauchte eine Zigarette und be- mühte sich gewissenhaft wie immer, nicht zu inhalieren. Schließlich nahm er erneut den Füller zur Hand und säu- berte die Feder sehr sorgfältig mit einem Taschentuch. Dann begann er eine neue Seite: (S.3) reden. Baby, ich habe eine Idee. Wie Du weißt, warte ich auf die Operation auf der linken Seite im Februar, aber wenn alles gutgeht, kann ich mich vielleicht am 1. April hier verabschieden. Natürlich werde ich nicht entlassen wer- den, aber ich kann’s ja riskieren wie 1947 und hoffen, daß ich diesmal mehr Glück habe. Dann könnten wir aufs Land ziehen, nur Du und ich, und ich könnte einen Teil- zeitjob annehmen, und wir könnten Das Rascheln gestärkter Wäsche und das dumpfe Auftre- ten von Gummisohlen ließen ihn aufblicken; eine Kran- kenschwester stand mit einer Flasche Alkohol zum Ein- reiben neben seinem Bett. »Wie war’s, McIntyre?« sagte sie. »Sollen wir ihren Rücken einreiben?« »Nein, danke«, sagte er. »Heute abend nicht.« »Meine Güte.« Sie spähte kurz auf den Brief, den er mit der Hand ein wenig abschirmte. »Schreiben Sie immer noch Briefe? Jedesmal, wenn ich vorbeikomme, schrei- ben Sie einen Brief. Sie müssen vielen Leuten schreiben. Ich wünschte, ich hätte auch endlich die Zeit zum Briefe- schreiben.« »Ja«, sagte er. »Das ist eben der Unterschied. Ich habe jede Menge Zeit.«, »Ja, aber daß Ihnen so viele Dinge zum Schreiben ein- fallen!« sagte sie. »Das ist mein Problem. Ich setze mich, und alles ist bereit, um einen Brief zu schreiben, und dann fällt mir überhaupt nichts ein, was ich schreiben könnte. Es ist schrecklich.« Er sah ihrem Hinterteil nach, als sie sich auf dem Gang entfernte. Dann las er die neue Seite, zerknüllte sie und ließ sie in die Abfalltüte fallen. Er schloß die Augen und massierte mit Daumen und Zeigefinger seinen Nasenrük- ken, während er versuchte, sich an den genauen Wortlaut der ersten Version zu erinnern. Schließlich schrieb er sie nieder, so gut er konnte: (S.3) reden. Baby Jean, Dein alter Paps ist vielleicht nicht mehr zu viel nütze, aber er weiß ein, zwei Dinge über das Leben und vor allem eine wichtige Sache, und die ist Aber von da an lag der Füller tot in seinen verkrampften Fingern. Es war, als hätten alle Buchstaben des Alphabets, alle Kombinationen der Buchstaben, die Wörter ergeben, alle unendlichen Möglichkeiten handgeschriebener Spra- che aufgehört zu existieren. Er schaute aus dem Fenster auf der Suche nach Hilfe, aber das Fenster war jetzt ein schwarzer Spiegel und re- flektierte die Lichter, die hellen Laken und Schlafanzüge der Station. Er zog seinen Morgenmantel und seine Pan- toffeln an und stellte sich vor die kalte Scheibe, stützte die Stirn auf und schirmte das Gesicht zu beiden Seiten mit den Händen ab. Jetzt sah er eine Kette von Straßen- lampen in der Ferne und jenseits davon, zwischen dem, Schnee und dem Himmel, den Horizont aus schwarzen Bäumen. Auf der rechten Seite, knapp über dem Hori- zont, war der Himmel bedeckt von einem schwachen rosa Schimmern der Lichter von Brooklyn und New York, die Sicht war jedoch zum Teil durch einen großen dunklen Schatten im Vordergrund verstellt, die nur schwer erkennbare Ecke des Hauses der doppelseitig Gelähmten, eine ganze Welt entfernt. Als McIntyre sich vom Fenster abwandte, auf dem Glas einen schrumpfenden Geist aus Atem zurückließ und in das gelbe Licht blinzelte, tat er es mit einer seltsam scheuen, verjüngten und erleichterten Miene. Er ging zu seinem Bett, legte die Seiten seines Manuskripts ordent- lich aufeinander, riß sie in Hälften und Viertel und warf sie in die Abfalltüte. Dann nahm er seine Schachtel Ziga- retten und stellte sich neben Vernon Sloan, der durch sei- ne Lesebrille auf die Saturday Evening Post blinzelte. »Zigarette, Vernon?« fragte er. »Nein, danke, Mac. Wenn ich mehr als eine oder zwei am Tag rauche, muß ich nur husten.« »Okay«, sagte McIntyre und zündete sich selbst eine an. »Willst du Dame spielen?« »Nein, danke, Mac, jetzt nicht. Ich bin ein bißchen müde – ich glaube, ich will ‘ne Weile lesen.« »Sind diese Woche gute Artikel drin, Vernon?« »Oh, ziemlich gute«, sagte er. »Ein paar ziemlich gute.« Dann verzog sich sein Mund zu einem Grinsen und ent- blößte fast alle seine makellosen Zähne. »Sag mal, was ist los mit dir, Mann? Geht’s dir gut, oder was?« »Ach, nicht schlecht, Vernon«, sagte McIntyre und streck- te die dünnen Arme und das Rückgrat. »Nicht schlecht.« »Bist du endlich mit dem Schreiben fertig? Liegt’s daran?«, »Ja, vermutlich«, sagte er. »Mein Problem ist, mir fällt nichts ein, was ich schreiben könnte.« Er blickte über den Gang hinweg zu Tiny Kovacs’ brei- tem Rücken, der zusammengesunken in der lila Fülle des neuen Morgenmantels dasaß, ging hinüber und legte die Hand auf eine der enormen Satinschultern. »Und?« frag- te er. Tiny wandte den Kopf, schaute ihn finster an und rea- gierte sofort feindselig. »Und was?« »Wo ist der Bart?« Tiny riß seinen Spind auf, griff nach dem Bart und warf ihn McIntyre in die Hände. »Hier«, sagte er. »Du willst ihn? Nimm ihn.« McIntyre hielt ihn an die Ohren und zog das Band über den Kopf. »Das Band sollte ein bißchen enger sein«, sagte er. »Und wie sieht’s jetzt aus? Schaut wahrscheinlich bes- ser aus, wenn ich die Zähne rausnehme.« Aber Tiny hörte ihm nicht zu. Er kramte in seinem Spind nach den Bandagen. »Hier«, sagte er. »Nimm die auch. Ich will nichts mehr damit zu tun haben. Wenn du die Sache durchziehen willst, such dir jemand anders.« In diesem Augenblick kam Jones übers ganze Gesicht lächelnd dahergelatscht. »He, machst du doch mit, Mac? Hast du dir’s anders überlegt?« »Jones, red mit diesem Hurensohn«, sagte McIntyre durch den wackelnden Bart. »Er will nicht kooperieren.« »Ach, Mensch, Tiny«, bat Jones. »Die ganze Sache hängt an dir. Es war deine Idee.« »Ich hab’s doch schon gesagt«, sagte Tiny. »Ich will nichts mehr damit zu tun haben. Wenn ihr die Sache durchziehen wollt, sucht euch einen anderen Idioten.« Nachdem um zehn Uhr das Licht ausgeschaltet worden, war, machte sich niemand mehr die Mühe, den Whiskey zu verstecken. Männer, die den Abend über heimlich im Waschraum genippt hatten, tranken jetzt in still vergnüg- ten Gruppen auf den Stationen mit dem inoffiziellen, ein- mal im Jahr erteilten Segen der Schwester vom Dienst. Niemandem fiel es auf, als kurz vor Mitternacht drei Männer von Station C zuerst in die Wäschekammer schlichen, um ein Laken und ein Handtuch zu holen, anschließend in die Küche, um einen Besenstiel aufzu- treiben, und dann durch das ganze Gebäude gingen und im Waschraum von Station A verschwanden. Im letzten Moment sorgte der Bart für Aufregung: Er verbarg so viel von McIntyres Gesicht, daß die Wirkung der fehlenden Zähne verlorenging. Jones löste das Pro- blem, indem er alles abschnitt bis auf einen Kinnbart, den er mit Tesafilm befestigte. »Da«, sagte er. »so geht’s. Das ist perfekt. Jetzt roll die Schlafanzugbeine hoch, Mac, damit unter dem Laken nur deine nackten Beine zu sehen sind. Verstanden? Wo ist der Besenstiel?« »Jones, es geht nicht«, rief Tiny dramatisch. Abgesehen von einem Paar weißer Socken stand er nackt da und ver- suchte, das um seine Lenden gewickelte Handtuch mit einer Nadel festzustecken. »Das Scheißding bleibt nicht oben!« Jones befestigte rasch das Handtuch, und schließlich waren sie fertig. Nervös schluckten sie den Rest von Jones’ Whiskey und warfen die leere Flasche in einen Wäschekorb; dann schlichen sie hinaus und versteckten sich in der Dunkelheit vor dem Eingang zu Station A. »Fertig?« flüsterte Jones. »Okay ... Jetzt.« Er schaltete das Deckenlicht ein, und dreißig verblüffte Gesichter blinzelten im grellen Lichtschein., Zuerst kam 1950, eine ausgezehrte Gestalt, die sich zit- ternd an einen Stab klammerte, lahm und altersschwach; dahinter, grinsend und muskelprotzend, tanzte das rie- sengroße Baby mit der Windel, das das neue Jahr dar- stellte. Ein, zwei Augenblicke herrschte abgesehen vom unregelmäßigen Klopfen des Stabes des alten Mannes Stille, und dann setzten das Gelächter und die höhni- schen Rufe ein. »Weg mit dem Alten!« schrie das Baby über den Lärm hinweg und machte eine umständliche Posse daraus, den alten Mann zu vertreiben und in den Hintern zu treten, woraufhin der alte Mann taumelte und sich eine Hinter- backe rieb, während sie den Gang entlanggingen. »Weg mit dem Alten! Her mit dem Neuen!« Jones lief voraus, um das Licht auf Station B einzu- schalten, wo die Ovationen noch lauter ausfielen. Schwe- stern drängten sich ratlos in den Türen, um zuzusehen, runzelten die Stirn oder kicherten hinter ihren sterilen Masken, während die Show unter Gespött, Buhrufen und Pfiffen weiterzog. »Weg mit dem Alten! Her mit dem Neuen!« In einem der Einzelzimmer blinzelte ein sterbender Mann durch das Fenster seines Sauerstoffzelts, als die Tür aufge- rissen und das Licht eingeschaltet wurde. Er schaute ver- wirrt zu den wilden zahnlosen Clowns, die am Fuß seines Bettes herumtollten; schließlich begriff er und bedachte sie mit einem gelben Lächeln, und sie gingen weiter ins nächste Sterbezimmer und ins übernächste, bis sie end- lich Station C erreichten, wo ihre Freunde lachend im Gang standen. Es war kaum Zeit, um sich einen neuen Drink einzu-, schenken, bevor alle Radios gleichzeitig plärrten und Guy Lombardos Band »Auld Lang Syne« zu schmettern begann; dann vereinten sich alle grölenden Stimmen zu einem mißtönenden Chor, in dem Tinys Stimme alle anderen übertönte: »Should old acquaintance be forgot And never brought to mind? ...« Sogar Vernon Sloan sang, aufrecht in seinem Bett sitzend, einen wäßrigen Highball in der Hand, den er langsam im Rhythmus der Musik hin und her schwenkte. Alle sangen. »For o-o-old lang syne, my boys, For o-o-old lang syne...« Und nach dem Lied begann das Händeschütteln. »Ein gutes neues Jahr, Junge.« »Dir auch, Junge – hoffentlich schaffst du es diesmal.« Durch das ganze Haus Sieben schlenderten Männer auf der Suche nach Händen, um sie zu schütteln; im Lärm der Radios und Rufe wurden die Worte ein ums andere Mal wiederholt: »Ein gutes neues Jahr ...« »Hoffentlich schaffst du es diesmal, Junge ... « Und neben Tiny Kovacs’ Bett, auf dem der lila Morgenmantel als sorglos gebausch- tes Bündel lag, stand still und müde McIntyre, hob das Glas der Menge entgegen und entblößte lächelnd das nackte Zahnfleisch, Tinys Gelächter dröhnte ihm in den Ohren, und Tinys schwerer Arm lag um seinen Hals.,

Baumeister

Schriftsteller, die über Schriftsteller schreiben, verursa- chen leicht die schlimmste Art literarischer Fehlgeburt; das weiß jeder. Man beginne eine Geschichte mit »Craig drückte seine Zigarette aus und stürzte sich auf die Schreibmaschine«, und es gibt nicht einen Lektor in den Vereinigten Staaten, der gern den nächsten Satz lesen würde. Aber machen Sie sich keine Sorgen: Das hier wird ein ehrliches, realistisches Stück Prosa über einen Taxifahrer, einen Filmstar und einen bedeutenden Kinderspsycholo- gen, versprochen. Sie müssen jedoch ein wenig Geduld aufbringen, denn es wird auch ein Schriftsteller auftreten. Ich werde ihn nicht »Craig« nennen, und ich garantiere Ihnen, daß er nicht damit durchkommen wird, der einzig Feinfühlige unter den Protagonisten zu sein, aber wir werden ihn die ganze Zeit am Hals haben, und Sie müs- sen damit rechnen, daß er so ungeschickt und aufdring- lich ist, wie Schriftsteller es nahezu immer sind, in der Literatur wie im Leben. Vor dreizehn Jahre, 1948, war ich zweiundzwanzig und als Redakteur für Wirtschaftsnachrichten bei United Press angestellt. Mein Gehalt betrug vierundfünfzig Dollar die Woche, und es war kein besonders guter Job, aber er hatte zwei Vorteile. Der eine war, daß ich, wann immer mich, jemand fragte, was ich arbeitete, sagen konnte »Ich arbei- te bei UP«, was flott klang; der andere war, daß ich jeden Tag vor dem Daily-News-Gebäude auftauchen und ver- kommen aussehen konnte in einem billigen Trenchcoat, der so eingegangen war, daß er mir eine Nummer zu klein war, und mit einem abgenutzten braunen Filzhut (damals hätte ich ihn als »übel zugerichtet« beschrieben, und ich bin dankbar, daß ich jetzt etwas mehr über Ehr- lichkeit im Gebrauch von Worten weiß. Es war ein abge- nutzter Hut, abgenutzt durch endloses nervöses Drücken und Formen und Neuformen; er war überhaupt nicht übel zugerichtet.). Was ich damit sagen will, ist, daß ich jeden lag für die paar Minuten, die ich die letzten hun- dert Meter die leichte Anhöhe vom Ausgang der U-Bahn bis zum News-Gebäude hinaufschlenderte, Ernest Heming- way war, der zur Arbeit beim Kansas City Star ging. War Hemingway nicht vor seinem zwanzigsten Ge- burtstag im Krieg und wieder zurück gewesen? Nun, ich ebenfalls; na gut, ich war vielleicht nicht verwundet oder mit Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet worden, dennoch bleibt die Tatsache als solche bestehen. Hatte Heming- way sich je um etwas geschert, was eine solche Zeitver- schwendung und die Karriere Hinauszögerndes war wie der Besuch eines Colleges? Himmel, nein; und ich auch nicht. War Hemingway je wirklich etwas am Zeitungs- geschäft gelegen? Natürlich nicht; deshalb bestand auch nur ein marginaler Unterschied zwischen seinem glück- lichen Durchbruch beim Star und meiner trostlosen Ar- beit in der Wirtschaftsredaktion. Das Wichtige war, und ich wußte, Hemingway hätte dem als erster zugestimmt, daß ein Schriftsteller irgendwo anfangen muß. »Amerikanische Aktien verzeichneten heute trotz des be-, scheidenen Handels ungewöhnliche Kurssteigerungen...« Das war die Prosa, die ich den ganzen Tag für UP schrieb, und »Steigende Ölaktien notierten nachbörslich lebhaft« und »Die Geschäftsführung von Timken-Rollenlager er- klärte heute ...« – Aberhunderte von Wörtern, die ich nicht wirklich verstand (Was um Gottes willen sind Stel- lagegeschäfte und was sind sinkende Effektenvorzugs- scheine? Ich will noch immer verdammt sein, wenn ich es wüßte), während die Fernschreiber tuckerten und klap- perten und die Wall-Street-Ticker tickten und alle um mich herum über Baseball diskutierten, bis es gnädiger- weise an der Zeit war, nach Hause zu gehen. Der Gedanke, daß Hemingway früh geheiratet hatte, gefiel mir; da war ich völlig einer Meinung mit ihm. Meine Frau, Joan, und ich lebten so weit westlich, wie man in der Zwölften Straße West nur leben konnte, in einem gro- ßen Zimmer mit drei Fenstern im dritten Stock, und wenn es nicht das linke Seine-Ufer war, lag es gewiß nicht an uns. Jeden Abend nach dem Essen, während Joan das Geschirr spülte, herrschte eine respektvolle, wenn nicht gar ehrfürchtige Stille im Raum, und das war der Zeit- punkt, um mich in die Ecke hinter einen dreiteiligen Wandschirm zurückzuziehen, wo ein Tisch, eine Schreib- tischlampe und eine tragbare Schreibmaschine standen. Aber es war natürlich hier, im weißen Schein der Lampe, wo die sowieso nur wenigen Parallelen zwischen Heming- way und mir ihrer härtesten Bewährungsprobe ausgesetzt waren. Denn aus meiner Schreibmaschine kam kein »Oben in Michigan«, kein »Drei Tage Sturm« oder »Die Killer«; sehr oft kam eigentlich gar nichts, und wenn etwas kam, das Joan »wunderbar« nannte, wußte ich zuinnerst, daß es immer, immer schlecht war., Es gab auch Abende, an denen ich hinter dem Schirm nichts weiter tat, als herumzutrödeln – zum Beispiel jedes auf die Innenseite eines Streichholzbriefchens ge- druckte Wort oder alle Anzeigen hinten in der Saturday Review of Literature las –, und an einem solchen Abend im Herbst des Jahres stieß ich auf folgende Zeilen: Ungewöhnliche Gelegenheit für talentierten Schriftstel- ler. Voraussetzung: Phantasie. Bernard Silver. Und dann eine Telefonnummer, offenbar aus der Bronx. Ich werde Ihnen den trockenen witzigen Hemingway- Dialog ersparen, der folgte, als ich hinter dem Wand- schirm hervorkam, Joan sich von der Spüle abwandte und Seifenlauge von ihren Händen auf die aufgeschla- gene Zeitschrift tropfen ließ, und wir können auch das herzliche, nicht gerade geistreiche Telefongespräch mit Bernard Silver übergehen. Ich springe einfach zu einem Abend ein paar Tage später, als ich eine Stunde lang mit der U-Bahn fuhr und schließlich den Weg zu seiner Woh- nung fand. »Mr. Prentice?« fragte er. »Wie lautet gleich noch mal Ihr Vorname? Bob? Gut, Bob, ich bin Bernie. Kommen Sie rein, machen Sie es sich bequem.« Und ich denke, daß sowohl Bernie als auch sein Zuhause hier eine kurze Beschreibung verdienen. Er war Mitte bis Ende Vierzig, ein gutes Stück kleiner als ich und wesent- lich stämmiger, er trug ein teures blaßblaues Freizeithemd, die Schöße über der Hose. Sein Kopf war wiederum ein gutes Stück kleiner als meiner, mit sich lichtendem schwarzem Haar, das nach hinten geklatscht war, als hätte er mit dem Gesicht nach oben unter der Dusche gestanden; und sein Gesicht war eines der treuherzig-, sten und selbstbewußtesten Gesichter, die ich je gesehen habe. Seine Wohnung war sehr ordentlich, geräumig und cremefarben, überall Teppichboden und Türbögen. In der kleinen Nische neben dem Garderobenschrank (»Ziehen Sie Mantel und Hut aus, gut. Den hängen wir auf einen Kleiderbügel, und dann sind wir soweit, gut.«) sah ich eine Sammlung gerahmter Fotos unterschiedlicher Grup- pierungen von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, aber an den Wänden des Wohnzimmers hingen überhaupt keine Bilder, nur ein paar gußeiserne Lampenhalter und Spiegel. Hatte man das Zimmer einmal betreten, fiel einem der Mangel an Bildern jedoch nicht auf, denn die ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf ein einziges, erstaun- liches Möbelstück. Ich weiß nicht, wie man es nennt – eine Kredenz? –, aber was immer es war, es schien kein Ende zu nehmen, brusthoch an manchen Stellen, hüft- hoch an anderen, bestehend aus mindestens drei ver- schiedenen Schattierungen von glänzendem braunem Furnierholz. Ein Teil davon war ein Fernsehgerät, ein anderer ein Radio plus Plattenspieler; ein Teil verschmä- lerte sich zu Regalfächern, in denen Topfpflanzen und kleine Figurinen standen; wieder ein anderer, ausgestat- tet mit Chromgriffen und raffinierten Schiebetüren, stellte eine Bar dar. »Ginger-ale?«, fragte er. »Meine Frau und ich trinken nicht, aber ich kann Ihnen ein Glas Ginger-ale anbie- ten.« Ich glaube, Bernies Frau war an den Abenden, an denen er seine Bewerber empfing, im Kino; ich lernte sie später kennen, aber darauf werden wir noch kommen. An die- sem ersten Abend waren wir zu zweit, setzten uns mit, unserem Ginger-ale in glatte Kunstledersessel, und es ging nur ums Geschäft. »Zuerst einmal«, sagte er, »sagen Sie, Bob, kennen Sie »My Flag Is Down‹?« Und bevor ich fragen konnte, wovon er sprach, zog er es aus einem versteckten Winkel in der Kredenz und reichte es mir – ein Taschenbuch, das man noch immer in Drugstores findet, angeblich die Memoi- ren eines New Yorker Taxifahrers. Dann begann er, mich ins Bild zu setzen, und ich betrachtete das Buch, nickte und wünschte, ich hätte meine Wohnung nie verlassen. Auch Bernard Silver war Taxifahrer. Seit zweiundzwan- zig Jahren, mein ganzes Leben lang, und während der letzten zwei oder drei Jahre war er zu der Überzeugung gelangt, daß eine leicht fiktionalisierte Version seiner eigenen Erfahrungen ein Vermögen wert sein könnte. »Ich möchte, daß Sie sich das ansehen«, sagte er, und diesmal holte er eine ordentliche, kleine Schachtel mit acht mal dreizehn Zentimeter großen Karteikarten aus der Kredenz. Hunderte von Erlebnissen, sagte er; alle ver- schieden; und auch wenn nicht alle ganz und gar der Wahrheit entsprachen, wie er mir zu verstehen gab, so konnte er mir doch versichern, daß in jedem zumindest ein Körnchen Wahrheit steckte. Konnte ich mir vorstel- len, was ein wirklich guter Ghostwriter mit einem sol- chen Reichtum an Material anfangen könnte? Oder wie- viel Geld derselbe Schriftsteller auf die hohe Kante legen könnte, wenn sein fetter Anteil am Verkauf der Rechte an Zeitschriften, Buchverlage und Filmgesellschaften herein- käme? »Ich weiß nicht, Mr. Silver. Darüber muß ich erst mal nachdenken. Ich glaube, ich sollte erst mal das andere Buch lesen, und wenn ich dann meine, daß –«, »Nein, warten Sie. Sie sind mir weit voraus, Bob. Zuerst mal möchte ich nicht, daß Sie dieses Buch lesen, weil Sie daraus nichts lernen. Bei dem Typ geht es nur um Gang- ster und Weiber und Sex und Alkohol und so Zeug. Ich bin ganz anders.« Und ich saß da und ließ mich mit Gin- ger-ale vollaufen, als wollte ich einen gewaltigen Durst stillen, nur um so bald wie möglich gehen zu können, nachdem er seine Erklärung, wie ganz anders er war, be- endet hätte. Bernie Silver war ein warmherziger Mensch, erzählte er; ein gewöhnlicher, alltäglicher Typ mit einem Herzen so groß wie die ganze Welt und einer echten Lebensphilosophie; verstand ich, wovon er sprach? Ich habe einen Trick, mich auszublenden (ganz ein- fach: man fixiert mit den Augen den Mund des Sprechers und beobachtet die rhythmischen, sich endlos wandeln- den Formen von Lippen und Zunge, und schon hört man kein Wort mehr), und ich wollte ihn gerade anwenden, als er sagte: »Und verstehen Sie mich nicht falsch, Bob. Ich habe noch nie einen Schriftsteller darum gebeten, auch nur ein Wort umsonst zu schreiben. Natürlich kann es zum jetzi- gen Zeitpunkt nicht viel Knete sein, aber ich werde Sie bezahlen. Ist das fair? Kommen Sie, ich schenke Ihnen nach.« Das war ein Vorschlag. Er würde mir eine Idee aus dem Karteikasten geben; ich sollte daraus unter dem Namen Bernie Silver eine Kurzgeschichte in der ersten Person schreiben, zwischen eintausend und zweitausend Wör- tern, die garantiert sofort bezahlt wurde. Sollte ihm meine Arbeit gefallen, gäbe es jede Menge weitere Aufträge – einen pro Woche, wenn ich es schaffte –, und zusätzlich zu dieser anfänglichen Bezahlung könnte ich mich selbst-, verständlich auf einen großzügigen Prozentsatz an allen folgenden Einnahmen freuen, die das Material einbrin- gen würde. Er gefiel sich darin, augenzwinkernd ein Ge- heimnis aus seinen Marketingplänen für die Geschichten zu machen, obschon er es schaffte anzudeuten, daß Reader’s Digest interessiert sein könnte, und er war so ehr- lich zuzugeben, daß er noch keinen Verleger hatte für das ultimative Buch, das sie ergäben, aber er meinte, er kön- ne mir ein paar Namen nennen, die mich umhauen wür- den. Hatte ich zum Beispiel schon einmal von Manny Weidman gehört? »Oder vielleicht«, sagte er und brach in sein alles umfassendes Lächeln aus, »vielleicht kennen Sie ihn bes- ser als Wade Manley.« Es war der glänzende Name eines Filmstars, ein Mann, der in den dreißiger und vierziger Jahren so berühmt war wie heutzutage Kirk Douglas oder Burt Lancaster. Wade Manley war mit Bernie hier in der Bronx in die Grundschule gegangen. Über gemeinsame Freunde war es ihnen gelungen, seitdem auf sentimen- tale Weise verbunden zu bleiben, und was diese Freund- schaft frisch hielt, war Wade Manleys häufig wiederholter Wunsch, die Rolle des rauhen, liebenswerten Bernie Sil- ver, New Yorker Taxifahrer, in jedem Film und jeder Fern- sehserie zu spielen, die auf seinem farbenfrohen Leben basierten. »Jetzt nenne ich Ihnen noch einen Namen«, sagte er, und als er ihn aussprach, blinzelte er mich ge- rissen an, als wäre es ein Hinweis auf meine Allgemein- bildung, ob ich den Namen wiedererkannte oder nicht. »Dr. Alexander Corvo.« Und glücklicherweise gelang es mir, nicht allzu ver- ständnislos dreinzublicken. Es war nicht gerade der Name einer Berühmtheit, aber er war alles andere als unbe-, kannt. Es war einer dieser New-York-Times-Namen, die Zehntausende von Menschen vage kennen, weil sie seit Jahren in der Times hochachtungsvoll erwähnt werden. Oh, ihm mangelte vielleicht die Wucht von »Lionel Tril- ling« oder »Reinhold Niebuhr«, aber im Prinzip gehörte er in diese Kategorie; man konnte ihn wahrscheinlich der gleichen Klasse zurechnen wie »Huntington Hartford« oder »Leslie R. Groves« und ein, zwei Stufen höher als »Newbold Morris«. »Sie meinen den Wie-wird-er-noch-genannt?« sagte ich. »Der Kindheitskonfliktmann?« Bernie nickte feierlich, verzieh mir die ungebildete Aus- drucksweise und sprach erneut den Namen und die rich- tige Berufsbezeichnung aus. »Ich meine Dr. Alexander Corvo, den bedeutenden Kinderpsychologen.« Zu Beginn seines Aufstiegs zu Bedeutung war Dr. Corvo Lehrer an ebenjener Grundschule in der Bronx gewesen, und zwei der ungebärdigsten, heißgeliebtesten kleinen Frechdachse in seiner Obhut waren Bernie Silver und Manny Wie-heißt-er-noch, der Filmstar, gewesen. Er hatte sich eine unheilbare Schwäche für die beiden Kinder erhalten, und heute würde er nichts lieber tun, als den Einfluß, über den er in der Verlagswelt verfügte, zur För- derung ihres Projekts einzusetzen. Alles, was die drei jetzt noch brauchten, so schien es, war das letzte Element, der schwerfaßbare Katalysator, der perfekte Schriftsteller. »Bob«, sagte Bernie, »ich will Ihnen die Wahrheit sagen. Ich habe einen Schriftsteller nach dem anderen daran arbeiten lassen, und keiner von ihnen war der Richtige. Manchmal traue ich meinem eigenen Urteil nicht und bringe, was sie geschrieben haben, zu Dr. Corvo, und er schüttelt den Kopf. ›Bernie, versuch es noch mal‹, sagt er., Schauen Sie, Bob.« Er neigte sich in seinem Sessel ernst nach vorn. »Das ist keine anrüchige Geschichte, ich will niemanden um den Finger wickeln. An der Sache wird gebaut. Manny, Dr. Corvo und ich – wir bauen diese Sache auf. Machen Sie sich keine Gedanken, Bob, ich weiß – wirke ich wirklich so blöd? –, ich weiß, daß die beiden nicht so dran bauen, wie ich dran baue. Und warum sollten sie auch? Ein großer Filmstar? Ein hervor- ragender Gelehrter und Autor? Haben sie nicht selbst genug, woran sie bauen? Wichtigere Dinge als diese Sa- che hier? Selbstverständlich. Aber, Bob, ich will Ihnen die Wahrheit sagen: Sie sind interessiert. Ich kann Ihnen Briefe zeigen, ich kann Ihnen aufzählen, wie oft wir mit ihnen, oder zumindest mit Manny, und ihren Frauen in dieser Wohnung gesessen und stundenlang darüber gere- det haben. Sie sind interessiert, deswegen muß sich nie- mand Sorgen machen. Verstehen Sie, was ich Ihnen da sage, Bob? Ich sage Ihnen die Wahrheit. An dieser Sache wird gebaut.« Und er setzte zu einer bedächtigen, zwei- händigen Geste des Bauens an, begann auf dem Teppich, stellte unsichtbare Steine aufeinander, bis er ein Gebäude aus Geld und Ruhm für sich, aus Geld und Freiheit für uns beide errichtet hatte, das uns bis auf Augenhöhe reichte. Ich sagte, daß es wirklich gut klinge, aber wenn er nichts dagegen hätte, wüßte ich gern mehr über die sofortige Bezahlung der einzelnen Geschichten. »Und darauf werde ich Ihnen jetzt die Antwort geben«, sagte er. Er ging wieder zur Kredenz – ein Teil davon schien so etwas wie ein Schreibtisch zu sein –, und nachdem er in Papieren gekramt hatte, kam er mit einem Scheck zurück. »Ich werde es Ihnen nicht nur sagen«, sagte er., »Ich werde es Ihnen zeigen. Ist das fair? Das war mein letzter Autor. Nehmen Sie und lesen Sie selbst.« Es war ein stornierter Scheck, der besagte, daß Bernard Silver dem namentlich genannten Überbringer die Sum- me von fünfundzwanzig Dollar und null Cent bezahlte. »Lesen Sie!« beharrte er, als wäre der Scheck ein Stück Prosa von ungewöhnlichem Wert, und er beobachtete mich, als ich ihn umdrehte, um die Unterschrift des Man- nes zu lesen, die unter dem Stempel der Bank und den halb unleserlichen Worten von Bernie stand, welche be- sagten, daß es sich um eine Vorauszahlung handelte. »Sieht der korrekt aus?« fragte er. »Das ist die Verein- barung. Alles klar?« Ich nahm an, daß alles so klar war, wie es nur sein konnte, gab ihm den Scheck zurück und sagte, daß wir anfangen könnten, wenn er mir eine Karteikarte zeigen würde. »Einen Augenblick, bitte! Immer mit der Ruhe.« Sein Lächeln war enorm. »Sie sind von der schnellen Truppe, wissen Sie das, Bob? Ich meine, ich mag Sie, aber glauben Sie nicht, daß ich ein ziemlicher Trottel wäre, wenn ich jedem, der hier reinkommt und behauptet, Schriftsteller zu sein, einen Scheck ausstellen würde? Ich weiß, daß Sie ein Zeitungsschreiber sind. Gut. Weiß ich, ob Sie ein Schriftsteller sind? Warum lassen Sie mich nicht einen Blick auf das werfen, was Sie da auf dem Schoß liegen haben?« Es war ein Umschlag, der die Durchschläge der einzi- gen zwei halbwegs vorzeigbaren Kurzgeschichten ent- hielt, die ich je zustande gebracht hatte. »Klar«, sagte ich. »Hier. Natürlich sind sie was ganz anderes als das, was Sie ...«, »Macht nichts, macht nichts; natürlich sind sie was an- deres«, sagte er und öffnete den Umschlag. »Entspannen Sie sich und lassen Sie mich einen Blick drauf werfen.« »Ich meine, daß sie ziemlich ... nun ja, literarisch sind, so würde man sich vermutlich ausdrücken. Ich glaube nicht, daß sie Ihnen eine Vorstellung von meiner ...« »Entspannen Sie sich, habe ich gesagt.« Er zog eine randlose Brille aus der Tasche seines Frei- zeithemds und setzte sie umständlich auf, während er sich stirnrunzelnd zurücklehnte, um zu lesen. Er brauchte lange für die erste Seite der ersten Geschichte, und ich sah ihm zu und fragte mich, ob das der absolute Tief- punkt meiner literarischen Karriere werden würde. Ein Taxifahrer um Himmels willen. Endlich blätterte er die erste Seite um, gleich darauf die zweite Seite, und ich wußte, daß er quer las. Dann die dritte und vierte – die Geschichte hatte zwölf oder vierzehn Seiten –, während ich mein leeres warmes Ginger-ale-Glas umklammert hielt, als wäre ich bereit, es ihm an den Kopf zu schleudern. Ein zuerst kaum wahrnehmbares, zögerndes, dann zunehmend bestimmtes Kopfnicken setzte ein, während er sich voranarbeitete. Er las zu Ende, blickte verwirrt drein, las die letzte Seite noch einmal; dann legte er die Geschichte beiseite und nahm die zweite – nicht um sie zu lesen, sondern um ihre Länge zu überprüfen. Er hatte eindeutig genug gelesen für einen Abend. Er setzte die Brille ab und ein Lächeln auf. »Tja, sehr nett«, sagte er. »Ich werde die andere Ge- schichte jetzt nicht lesen, aber die erste ist sehr nett. Natürlich ist das hier, wie Sie gesagt haben, selbstver- ständlich eine ganz andere Art von Material, deswegen ist es schwer für mich zu ... – Sie wissen schon ... «, und er ver-, warf den Rest des schwierigen Satzes mit einer Hand- bewegung. »Ich sage Ihnen was, Bob. Statt jetzt zu lesen, will ich Ihnen ein paar Fragen über das Schreiben stellen. Zum Beispiel.« Er schloß die Augen und berührte die Lider vorsichtig mit den Fingern, dachte nach oder, das war wahrscheinlicher, tat so, als würde er nachdenken, um den nächsten Worten mehr Gewicht zu verleihen. »Zum Beispiel, lassen Sie mich folgende Frage stellen. Nehmen wir an, jemand schreibt Ihnen einen Brief und sagt: ›Bob, ich hatte heute keine Zeit, Ihnen einen kurzen Brief zu schreiben, statt dessen mußte ich Ihnen einen langen Brief schreiben.‹ Wüßten Sie, was damit gemeint ist?« Keine Sorge, diesen Teil des Abends brachte ich ziem- lich locker hinter mich. Ich wollte die fünfundzwanzig Dollar nicht kampflos aufgeben; und meine Antwort, aus was für einem vernünftig klingenden Unsinn auch immer sie bestand, ließ ihm keinen Zweifel, daß dieser spezielle Ghostwriter-Kandidat etwas von der Schwierigkeit und dem Wert von Verdichtung in Prosatexten verstand. Jedenfalls schien er zufrieden. »Gut. Versuchen wir es mit etwas anderem. Ich habe vorhin das Bauen erwähnt. Also, begreifen Sie, daß das Schreiben einer Geschichte auch ein Bauen ist? Als wür- de man ein Haus bauen?« Und er war so erfreut über die- ses von ihm erschaffene Bild, daß er sich nicht die Zeit nahm, das bedächtige, zustimmende Nicken, mit dem ich ihn dafür belohnte, aufzunehmen. »Ich meine, ein Haus muß ein Dach haben, aber wenn man das Dach zuerst baut, steckt man in Schwierigkeiten, richtig? Bevor man das Dach baut, muß man die Mauern bauen. Bevor man die Mauern baut, muß man die Fundamente legen –, und so weiter. Bevor man die Fundamente legt, muß man den Grund räumen und die richtige Baugrube ausheben. Habe ich recht?« Ich hätte nicht mehr mit ihm übereinstimmen können, aber noch immer ignorierte er meinen verzückten, spei- chelleckerischen Blick. Er rieb sich mit einem breiten Fin- gerknöchel den Flansch seiner Nase; dann wandte er sich triumphierend wieder mir zu. »Also gut, nehmen wir an, Sie bauen sich ein Haus. Und dann? Was ist die erste Frage, die Sie sich stellen müssen, wenn es fertig ist?« Aber ich sah, daß es ihm gleichgültig war, ob ich die Antwort verpatzte oder nicht. Er wußte, wie die Frage lau- tete, und konnte es kaum erwarten, sie auszusprechen. »Wo sind die Fenster?« sagte er und breitete die Hände aus. »Das ist die Frage. Wo kommt das Licht rein? Weil, verstehen Sie, was ich damit meine, wo das Licht rein- kommt, Bob? Ich meine die ... die Philosophie Ihrer Ge- schichte, ihre Wahrheit, die –« »So etwas wie die Erleuchtung«, sagte ich, und er gab die Suche nach dem dritten Substantiv mit einem lauten zufriedenen Fingerschnalzen auf. »So ist es. Genau, Bob. Sie haben’s erfaßt.« Wir waren im Geschäft und tranken ein weiteres Gin- ger-ale darauf, während er in seinem Karteikasten nach einer Idee für meine Probeaufgabe suchte. Die »Erfah- rung«, für die er sich entschied, handelte davon, wie Ber- nie Silver in seinem Taxi die Ehe eines neurotischen Paars gerettet hatte, einfach indem er sie in seinem Rückspiegel taxierte, während sie stritten, und ein paar ausgewählte Worte an sie richtete. Das zumindest war der ungefähre Verlauf. Auf der Karte stand nur:, Oberschichtmann & Frau (Park Ave.) fangen im Taxi das Streiten an, regen sich auf, Frau schreit was von Schei- dung. Ich beobachte sie im Rückspiegel & gebe meinen Senf dazu & bald lachen wir alle. Geschichte über Ehe usw. Aber Bernie brachte volles Vertrauen in meine Fähigkeit, die Sache auszuarbeiten, zum Ausdruck. Während er umständlich meinen Trenchcoat aus dem Schrank holte und mir dabei half, ihn anzuziehen, hatte ich Zeit, die Fotos aus dem Ersten Weltkrieg in der Nische zu betrachten – eine lange Kompanieaufstellung, ein paar gerahmte vergilbte Schnappschüsse von lachenden Män- nern, die sich umarmen, und in der Mitte das Bild eines einzelnen Hornisten auf einem Exerzierplatz mit staubi- gen Kasernen und einer aufgezogenen Flagge im Hinter- grund. Es hätte die Titelseite einer alten Ausgabe von American Legion mit der Unterschrift »Pflicht« sein kön- nen – der perfekte Soldat, schlank und in Habachtstel- lung, und die Mütter von Gefallenen hätten geweint angesichts seines schönen jungen Profils, das sich in männlicher Ehrerbietung gegen das Mundstück seines schlichten, beredten Horns drückte. »Wie ich sehe, gefällt Ihnen der Junge«, sagte Bernie gerührt. »Ich wette, Sie kommen nicht drauf, wer das ist.« Wade Manley? Dr. Alexander Corvo? Lionel Trilling? Aber ich wußte, noch bevor ich mich umblickte zu sei- nem errötenden strahlenden Gesicht, daß es Bernie selbst war. Und ob es nun albern klingt oder nicht, ich muß zugeben, daß ich ein klein bißchen echte Bewunderung für ihn empfand. »Also, ich will verdammt sein, Bernie. Sie sehen ... Sie sehen da ziemlich toll aus.«, »Damals war ich viel dünner«, sagte er und tätschelte seinen seidenen Bauch, als er mich zur Tür brachte, und ich erinnere mich, daß ich hinunterblickte in sein großes, dummes, schwammiges Gesicht und versuchte, irgend- wo darin die Züge des Hornisten zu finden. Auf dem Nachhauseweg in der wackelnden U-Bahn, während ich leise rülpste und Ginger-ale im Mund schmeckte, wurde mir zunehmend bewußt, daß es einen Schriftsteller weit schlimmer treffen könnte, als fünfund- zwanzig Dollar für zweitausend Worte einzusacken. Es war fast die Hälfte dessen, was ich in vierzig elenden Stun- den zwischen amerikanischen Aktien und sinkenden Effektenvorzugs schein en verdiente; und wenn Bernie die erste Geschichte gefiel, wenn ich eine pro Woche für ihn schreiben könnte, wäre das einer Gehaltserhöhung von fünfzig Prozent gleichgekommen. Neunundsiebzig Dollar in der Woche! Mit dieser Knete und den sechsundvierzig, die Joan als Sekretärin nach Hause brachte, hätten wir in Null Komma nichts genug, um nach Paris gehen zu kön- nen (und vielleicht würden wir dort keine Gertrude Steins oder Ezra Pounds kennenlernen, vielleicht würde ich kein »Fiesta« zustande bringen, aber ein möglichst baldiger Aus- landsaufenthalt war nichts weniger als unerläßlich für meine Hemingway-Pläne). Außerdem könnte es auch Spaß machen – oder es könnte zumindest Spaß machen, den Leuten davon zu erzählen: Ich wäre der Lohnschreiber eines Taxifahrers, der Bauarbeiter eines Bauunternehmers. Jedenfalls lief ich an diesem Abend die Zwölfte Straße entlang, und wenn ich nicht lachend, schreiend und her- umalbernd in die Wohnung platzte, dann nur weil ich mich zwang, mich unten an die Briefkästen zu lehnen, bis ich wieder Luft geschöpft und die weltläufige, amü-, sierte Miene aufgesetzt hatte, mit der ich Joan die Neuig- keiten erzählen wollte. »Aber wer glaubst du, gibt das Geld dafür?« fragte sie. »Er kann es doch nicht aus eigener Tasche bezahlen, oder? Ein Taxifahrer kann es sich nicht leisten, über einen längeren Zeitraum fünfundzwanzig Dollar die Wo- che zu zahlen, oder?« Das war ein Aspekt der Sache, auf den ich nicht gekom- men war – und es war typisch für sie, eine so vollkom- men logische Frage zu stellen –, aber ich tat mein Bestes, mich mit meiner eigenen Art von zynischer Schwärmerei darüber hinwegzusetzen. »Wer weiß? Wen kümmert’s? Vielleicht gibt Wade Manley das Geld. Vielleicht Dr. Wie- heißt-er-noch. Entscheidend ist, daß es da ist.« »Na gut«, sagte sie, »gut. Was glaubst du, wie lange wirst du für die Geschichte brauchen?« »Ach, überhaupt nicht lange. Ich schreibe sie in ein paar Stunden am Wochenende.« Aber dem war nicht so. Ich verbrachte am Samstag den ganzen Nachmittag und Abend mit einem falschen Anfang nach dem anderen; immer wieder verhedderte ich mich im Dialog des streitenden Paars und in techni- schen Unsicherheiten, was Bernie tatsächlich im Rück- spiegel sehen konnte, sowie in Zweifeln, was ein Taxi- fahrer in so einer Situation sagen konnte, ohne daß der Mann ihm den Mund verbot und ihn anwies, auf den Verkehr zu achten. Am Sonntagnachmittag lief ich herum, brach Bleistifte entzwei, warf sie in den Papierkorb und fluchte; zur Hölle mit allem; offenbar taugte ich nicht einmal zum gottver- dammten Ghostwriter für einen verdammten Blödmann von gottverdammtem Taxifahrer., »Du versuchst es zu sehr«, sagte Joan. »Oh, ich habe gewußt, daß das passieren würde. Du willst so unerträg- lich literarisch sein, Bob, das ist lächerlich. Du mußt nur an den tränentreibendsten Kitsch denken, den du im Leben je gelesen oder gehört hast. Denk an Irving Berlin.« Und ich antwortete, ich würde ihr den Mund mit Irving Berlin stopfen, wenn sie mich nicht auf der Stelle in Ruhe ließe und sich um ihre eigenen gottverdammten Ange- legenheiten kümmerte. Aber spät am Abend geschah etwas Wunderbares, wie Irving Berlin sich ausgedrückt hätte. Ich nahm das kleine Miststück von Geschichte und baute etwas daraus. Zuerst räumte und grub und legte ich ein wirklich gutes Funda- ment; dann holte ich das Holz und peng, peng, peng – zog ich die Mauern hoch und setzte das Dach darauf und obenauf den süßen kleinen Schornstein. Oh, und ich baute auch jede Menge Fenster ein – große quadratische Fenster –, und als das Licht hereinströmte, blieb nicht der leiseste Schatten eines Zweifels, daß Bernie Silver der wei- seste, sanftmütigste, mutigste und liebenswerteste Mann war, der je »Kinders« gesagt hatte. »Sie ist perfekt«, sagte Joan beim Frühstück, nachdem sie die Geschichte gelesen hatte. »Oh, sie ist einfach per- fekt, Bob. Ich bin sicher, daß es genau das ist, was er will.« Und so war es. Ich werde nie vergessen, wie Bernie dasaß, mit einem Ginger-ale in der einen und meinem bebenden Manuskript in der anderen Hand, und las, wie er, darauf würde ich heute noch wetten, nie zuvor gele- sen hatte und all die behaglichen, schmucken Wunder des kleinen Heims erforschte, das ich für ihn errichtet hatte. Ich sah zu, wie er jedes Fenster entdeckte, eins, nach dem anderen, und sein Gesicht von ihrem Licht in einen Heiligenschein getaucht wurde. Als er fertig war, stand er auf – wir standen beide auf – und schüttelte mir die Hand. »Wunderbar«, sagte er. »Bob, ich hatte das Gefühl, daß Sie was Gutes zustande bringen, aber ich will Ihnen die Wahrheit sagen. Ich wußte nicht, daß Sie etwas so Gutes zustande bringen. Jetzt wollen Sie Ihren Scheck, und ich sage Ihnen was. Sie kriegen keinen Scheck. Dafür kriegen Sie Bares.« Heraus zog er seine vertrauenswürdige schwarze Taxi- fahrerbrieftasche. Er ging mit den Fingern den Inhalt durch, nahm einen Fünf-Dollar-Schein heraus und legte ihn mir in die Hand. Er wollte offenbar eine Zeremonie daraus machen, mir einen Schein nach dem anderen zu geben, und ich stand da, lächelte den Schein an und war- tete auf den nächsten; und ich stand noch immer mit ausgestreckter Hand da, als ich aufblickte und sah, daß er die Brieftasche wieder wegsteckte. Fünf Dollar! Und auch jetzt noch wünschte ich, ich könnte behaupten, ich hätte es geschrien oder zumindest mit einer Spur der Empörung, die meine Eingeweide gepackt hatte, gesagt – es hätte mir später eine schreck- liche Menge Ärger erspart –, aber die Wahrheit ist, daß es als ganz leise, kleinlaute Frage herauskam: »Fünf Dollar?« »Genau!« Er kippte zufrieden zurück auf seine Fersen, die im Teppich versanken. »Ja, aber Bernie, wie ist unsere Abmachung? Sie haben mir doch den Scheck gezeigt, und ich ...« Sein Lächeln erstarb, er blickte so schockiert und ver- letzt drein, als hätte ich ihm ins Gesicht gespuckt. »Oh, Bob«, sagte er. »Bob, was ist los? Wir wollen doch keine, Spielchen treiben. Ich weiß, daß ich Ihnen den Scheck gezeigt habe, ich zeige Ihnen den Scheck gern noch mal.« Und die Falten seines Freizeithemds bebten vor recht- schaffener Empörung, als er in der Kredenz kramte und ihn holte. Es war tatsächlich derselbe Scheck. Es standen noch immer fünfundzwanzig Dollar und null Cent darauf; aber Bernies verkrampftes Gekritzel auf der Rückseite, über der Unterschrift des Mannes und unter dem Stempel der Bank war jetzt verdammt leserlich. Da stand selbstver- ständlich: »Der volle Vorschuß, für fünf Geschichten.« Ich war also nicht wirklich bestohlen worden – nur ein bißchen hereingelegt vielleicht, mehr nicht –, und des- wegen war jetzt mein größtes Problem, daß ich mir wie ein Idiot vorkam – ein krankes, nach Ginger-ale schmek- kendes Gefühl, das Ernest Hemingway mit Sicherheit sein ganzes Leben lang nicht gekannt hatte. »Habe ich recht oder nicht, Bob?« fragte er. »Habe ich recht oder nicht?« Und dann mußte ich mich setzen, und er tat sein lächelndes Bestes, um die Sache klarzustellen. Wie hatte ich nur annehmen können, daß er fünfund- zwanzig pro Geschichte meinte? Hatte ich irgendeine Vorstellung, wieviel ein Taxifahrer nach Hause brachte? Oh, Fahrer, denen ihr Auto gehörte, das war möglicher- weise etwas anderes; aber der durchschnittliche Taxifah- rer? Der für jemand anders fuhr? Vierzig, fünfundvierzig, vielleicht manchmal fünfzig Dollar die Woche, wenn er Glück hatte. Auch für einen Mann wie ihn, kinderlos und mit einer Frau, die Vollzeit bei einer Telefongesellschaft arbeitete, war es kein Honiglecken. Ich konnte jeden Taxifahrer fragen, wenn ich ihm nicht glaubte; es war kein Honiglecken. »Und Sie glauben doch nicht etwa,, daß jemand anders für die Geschichten bezahlt, oder? Oder?« Er schaute mich ungläubig an, fast als wäre er bereit, in Lachen auszubrechen, als würde der Gedanke, daß ich so etwas hatte glauben können, jeden vernünfti- gen Zweifel an meiner Beschränktheit ausräumen. »Bob, es tut mir leid, daß es da ein Mißverständnis ge- geben hat«, sagte er und brachte mich zur Tür, »aber ich bin froh, daß jetzt alles geklärt ist. Denn ich meine es ernst, Sie haben da eine wunderbare Geschichte geschrie- ben, und ich habe das Gefühl, daß daraus was wird. Ich sag Ihnen was, Bob, ich werde mich später in der Woche bei Ihnen melden, okay?« Und ich erinnere mich, daß ich mich verachtete, weil ich nicht den Mumm hatte, ihm zu sagen, er solle sich nicht weiter bemühen, genausowenig wie ich die schwere, väterliche Hand in meinem Nacken abschütteln konnte, als wir zur Tür gingen. In der Nische, vor dem jungen Hornisten, kam mir plötzlich der beunruhigende Ge- danke, daß ich den Wortwechsel vorhersagen konnte, der gleich stattfinden würde. Ich würde sagen: »Bernie, waren Sie wirklich Hornist in der Armee oder war das nur für das Foto?« Und ohne jede Andeutung von Verlegenheit, ohne das kleinste zittrige Zucken seines treuherzigen Lächelns würde er sagen: »Nur für das Foto.« Schlimmer noch: Ich wußte, daß sich der für einen Feldzug behütete Kopf des Hornisten bewegen, daß das feine, angespannte Profil auf dem Foto langsam erschlaf- fen und sich vom Mundstück des Horns, durch das die blöden, untalentierten Lippen niemals auch nur einen Furz hätten blasen können, abwenden und mir zuzwin- kern würde. Deswegen riskierte ich es nicht. Ich sagte, nur: »Bis dann, Bernie«, und schaute, daß ich raus und nach Hause kam. Joan reagierte erstaunlich sanftmütig auf die Neuigkeit. Ich meine damit nicht, daß sie deswegen »nett« zu mir war, was mich in dem Zustand, in dem ich mich an die- sem Abend befand, vermutlich umgebracht hätte; es war vielmehr so, daß sie nett zu Bernie war. Der arme, verlorene, tapfere kleine Mann, der seinen großen, unwahrscheinlichen Traum träumte – so in der Art. Und konnte ich mir vorstellen, was es ihn im Lauf der Jahre gekostet hatte? Wie viele dieser jämmerlichen, schwerverdienten Fünf-Dollar-Scheine er in den boden- losen Rachen zweit-, dritt- und zehntklassiger Möchte- gernschriftsteller geworfen haben mußte? Was für ein Glück für ihn, daß er, wenn auch durch Heuchelei mit einem stornierten Scheck, schließlich Kontakt zu einem erstklassigen Profi aufgenommen hatte. Und wie rührend und wie »süß«, daß er diesen Unterschied anerkannt hatte, indem er »Dafür kriegen Sie Bares« sagte. »Aber um Himmels willen«, sagte ich, dankbar, daß aus- nahmsweise ich statt ihrer vernichtend praktisch dachte. »Um Himmels willen, du weißt doch, warum er mir Bar- geld gegeben hat, oder? Weil er die Geschichte nächste Woche für hundertfünfzigtausend Dollar an den gottver- dammten Reader’s Digest verkaufen wird und weil er Ärger bekäme, wenn ich die Fotokopie des Schecks hätte und damit beweisen könnte, daß ich sie geschrieben habe, darum.« »Wollen wir wetten?« fragte sie und sah mich mit der für sie typischen, wunderschönen, wahrhaft unvergeß- lichen Mischung aus Mitleid und Stolz an. »Wollen wir wetten, daß er, sollte er sie tatsächlich dem Reader’s, Digest oder sonstwem verkaufen, darauf bestehen wird, dir die Hälfte zu geben?« »Bob Prentice?« sagte eine gutgelaunte Stimme am Tele- fon drei Abende spàter. »Bernie Silver. Bob, ich komme gerade von Dr. Alexander Corvo, hören Sie. Ich werde Ihnen nicht erzählen, was er gesagt hat, aber soviel sage ich Ihnen. Dr. Alexander Corvo hält Sie für ziemlich gut.« Was immer ich darauf antwortete – »Wirklich?« oder »Sie meinen, es gefällt ihm wirklich?« –, es war zurück- haltend und vielsagend genug, um die übers ganze Ge- sicht lächelnde Joan sofort an meine Seite zu holen. Ich erinnere mich noch daran, wie sie an meinem Hemds- ärmel zupfte, als wollte sie sagen: Na also – was habe ich gesagt? Und ich mußte sie beiseite schieben und mit der Hand abwinken, damit sie während des restlichen Ge- sprächs Ruhe gab. »Er will die Geschichte ein paar Kontaktpersonen im Verlagswesen zeigen«, sagte Bernie, »und er möchte, daß ich noch eine Kopie mache, um sie Manny an der West- küste zu schicken. Hören Sie, Bob, während wir warten, was mit dieser Geschichte passiert, möchte ich Ihnen den nächsten Auftrag geben. Oder warten Sie.« Und in seiner Stimme schwang eine neue Erkenntnis mit. »Hören Sie. Vielleicht ist es Ihnen angenehmer, allein zu arbeiten. Wäre Ihnen das lieber? Wollen Sie auf den Karteikasten verzichten und lieber Ihrer eigenen Phantasie freien Lauf lassen?« Spät an einem verregneten Abend stiegen mitten in der Upper West Side zwei Gangster in Bernie Silvers Taxi. Bei flüchtiger Betrachtung sahen sie wie gewöhnliche Fahr-, gäste aus, aber Bernie erkannte sie sofort, denn »Glauben Sie mir, ein Mann fährt nicht zweiundzwanzig Jahre durch die Straßen von Manhattan, ohne daß ein paar spezielle Kenntnisse an ihm hängenbleiben.« Einer war natürlich ein hartgesottener Verbrecher, und der andere war gerade mal ein ängstlicher Junge oder vielmehr »nur ein kleiner Ganove«. »Mir gefiel nicht, wie sie miteinander redeten«, ließ Bernie seine Leser durch mich wissen, »und mir gefiel die Adresse nicht, die sie mir nannten – die mieseste Spe- lunke in der Stadt –, aber vor allem gefiel mir nicht, daß sie mit meinem Taxi fuhren.« Und wissen Sie, was er tat? Oh, keine Sorge, er hielt nicht an, stieg aus, zerrte sie vom Rücksitz und trat ihnen einen nach dem anderen in den Unterleib – nichts von diesem »My-Flag-Is-Down«-Blödsinn. Zum einen hörte er aus ihrem Gespräch heraus, daß sie nicht auf der Flucht waren, zumindest nicht an diesem Abend. An die- sem Abend hatten sie lediglich den Laden (ein kleines Schnapsgeschäft nahe der Ecke, an der er sie aufgenom- men hatte) ausbaldowert; der Coup war für den nächsten Abend elf Uhr geplant. Als sie vor der miesesten Spelunke der Stadt ankamen, gab der hartgesottene Verbrecher dem kleinen Ganoven ein bißchen Geld und sagte: »Hier, Junge. Bleib im Taxi, fahr nach Hause und schlaf dich aus. Wir sehen uns morgen.« Und da wußte Bernie, was er zu tun hatte. »Der kleine Ganove lebte in Queens, und so hatten wir genügend Zeit, uns zu unterhalten, und ich fragte ihn, wer sein Favorit für die Baseball-Meisterschaft war.« Und von da an hielt Bernie mit tiefsinnigen Volksweis- heiten und größtem Geschick einen ununterbrochenen, Gesprächsfluß über unverfängliche Milch-und-Sonnen- schein-Themen des anständigen Lebens aufrecht, und noch bevor sie auf der Queensboro Bridge waren, hatte er seine harte Delinquenten schale geknackt. Sie rasten den Queens Boulevard entlang und plauderten wie zwei Anhänger des Polizeisportvereins, und als die Fahrt zu Ende war, schwam- men die Augen von Bernies Fahrgast praktisch in Tränen. »Ich sah, daß er mehrmals schluckte, als er mich be- zahlte«, ließ ich Bernie es ausdrücken, »und ich hatte das Gefühl, daß sich in dem Jungen etwas verändert hatte. Vielleicht hoffte ich es auch nur oder wünschte es mir. Aber ich wußte, daß ich alles in meiner Macht Stehende für ihn getan hatte.« Zurück in der Stadt, rief Bernie bei der Polizei an und schlug vor, das Schnapsgeschäft am nächsten Abend observieren zu lassen. Und tatsächlich fand ein Raubüberfall auf den Laden statt, der jedoch von zwei rauhen, liebenswerten Polizi- sten vereitelt wurde. Und tatsächlich konnten sie nur einen Gangster einbuchten – den hartgesottenen Verbre- cher. »Ich weiß nicht, wo der Junge an diesem Abend war«, schloß Bernie, »aber ich stelle mir gern vor, daß er zu Hause im Bett lag, ein Glas Milch trank und die Sport- seiten las.« Da waren das Dach und der Schornstein darauf; da waren die vielen Fenster, durch die das Licht herein- strömte; und wieder lachte Dr. Alexander Corvo anerken- nend in sich hinein, und wieder wurde die Geschichte Reader’s Digest unterbreitet; erneut wurde von einem Ver- trag mit Simon & Schuster und von einer Drei-Millionen- Dollar-Produktion mit Wade Manley in der Hauptrolle gemunkelt; und ich bekam wieder fünf Dollar mit der Post., Ein kleiner, zerbrechlicher alter Herr fing eines Tages im Taxi Ecke Neunundfünfzigste Straße und Third Avenue an zu weinen, und als Bernie sagte: »Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Sir?«, folgte auf zweieinhalb Seiten die herzzerreißendste Jammergeschichte, die ich mir ausden- ken konnte. Er war Witwer; seine einzige Tochter hatte vor langer Zeit geheiratet und war nach Flint, Michigan, gezogen; seit zweiundzwanzig Jahren war sein Leben eine Agonie der Einsamkeit, aber bis jetzt hatte er es tapfer ertragen, weil er eine Arbeit hatte, die er liebte – er war zuständig für die Pflege der Geranien in einer großen Gärt- nerei. Aber an diesem Morgen hatte ihm die Geschäfts- führung gekündigt: Er war zu alt für diese Art Arbeit. »Und jetzt erst«, hieß es laut Bernie Silver, »stellte ich die Verbindung her zu der Adresse, die er mir genannt hatte – eine Ecke auf der Manhattan-Seite der Brooklyn Bridge.« Bernie war sich natürlich nicht sicher, daß sein Fahr- gast vorhatte, auf die Brücke zu humpeln und seine alten Knochen über das Geländer zu hieven; genausowenig konnte er jedoch ein Risiko eingehen. »Ich dachte, daß es an der Zeit war, ein bißchen zu plaudern« (und damit hatte er recht: Eine weitere schwere halbe Seite Gejam- mer des ermüdenden alten Mannes, und die Geschichte wäre aus ihrem verdammten Fundament gekippt). Als nächstes folgten eineinhalb forsche Seiten Dialog, auf denen Bernie sich diskret erkundigte, warum der alte Mann nicht nach Michigan zu seiner Tochter zog oder ihr zumindest schrieb, damit sie ihn vielleicht einlud; aber, oh, nein, er klagte nur, daß er seiner Tochter und ihrer Familie keinesfalls zur Last fallen wolle. ›»Zur Last fallen?‹ sagte ich und tat so, als wüsste, ich nicht, was er meinte. ›Zur Last fallen? Wie könnte ein netter alter Herr wie Sie irgend jemandem zur Last fallen?. ›Was denn sonst? Was kann ich ihnen denn bieten?‹ Glücklicherweise mußte ich an einer Ampel halten, als er mich das fragte, und ich drehte mich um und schaute ihm direkt in die Augen. ›Mister‹, sagte ich, ›glauben Sie nicht, daß eine Familie jemanden bei sich haben will, der sich mit Geranien auskennt?‹« Als sie die Brücke erreichten, beschloß der alte Mann, vor einem nahen Automatenrestaurant auszusteigen, weil ihm nach einer Tasse Tee war. Das waren die Mauern der verdammten Geschichte. Und dann folgte das Dach: Ein halbes Jahr später erhielt Bernie ein kleines schweres Paket mit einem Poststempel aus Flint, Michigan, das an sein Taxiunternehmen adressiert war. Und wissen Sie, was in dem Paket war? Natürlich wissen Sie es. Eine Geranie samt Topf. Und hier ist der Schornstein: Es lag ein kleiner Zettel bei, beschriftet mit einer, wie ich es lei- der tatsächlich beschrieb, schönen, alten, spinnwebarti- gen Handschrift, und darauf stand schlicht: »Danke.« Ich persönlich hielt diese Geschichte für ekelerregend, und auch Joan war sich nicht sicher; aber wir schickten sie ab, und Bernie liebte sie. Und, wie er mir am Telefon erzählte, seine Frau ebenfalls. »Und dabei fällt mir der andere Grund ein, warum ich anrufe, Bob. Rose möchte wissen, an welchem Abend Sie und Ihre Frau zu einem kleinen geselligen Beisammen- sein zu uns kommen können. Nichts Besonderes, nur wir vier, wir trinken etwas und plaudern ein bißchen. Wäre Ihnen das angenehm?«, »Also, das ist sehr nett von Ihnen, Bernie, und natürlich wäre uns das angenehm. Aber so aus dem Stegreif kann ich nicht sagen, wann wir Zeit haben – einen Augenblick, bitte.« Und ich hielt die Hand auf die Sprechmuschel und sprach eindringlich auf Joan ein in der Hoffnung, daß sie mir eine elegante Entschuldigung liefern würde. Aber sie wollte hingehen, und sie schlug einen allen genehmen Abend vor, und damit waren wir alle vier fest- gelegt. »Oh, gut«, sagte sie, nachdem ich aufgelegt hatte. »Ich freue mich darauf. Sie klingen so süß.« »Jetzt hör mal zu.« Und ich deutete mit dem Zeigfinger direkt auf ihr Gesicht. »Wir gehen überhaupt nicht, wenn du vorhast, dort rumzusitzen und den beiden klarzu- machen, wie ›süß‹ sie sind. Ich werde den Abend nicht damit verbringen, beim Plebs den Gemahl der guten Fee zu spielen, und das ist mein letztes Wort. Wenn du aus dem Besuch eine gottverdammte Gartenparty für die Dienstboten machen willst, kannst du es gleich verges- sen. Verstanden?« Daraufhin fragte sie mich, ob ich etwas wissen wolle, und ohne eine Antwort abzuwarten, sagte sie es mir. Sie sagte zu mir, ich wäre so ungefähr der größte Snob und schlimmste Tyrann und der größte großmäulige Rund- umblödmann, dem sie je im Leben begegnet war. Anschließend führte eins zum anderen; als wir in der U-Bahn saßen und zu unserem angenehmen geselligen Beisammensein mit den Silvers fuhren, sprachen wir kaum noch miteinander, und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich war, daß die Silvers, die selbst mit Gin- ger-ale vorliebnahmen, für ihre Gäste eine Flasche Whis- key geöffnet hatten., Bernies Frau stellte sich als aufgeweckte Person mit eisenbeschlagenen Absätzen, Hüfthalter und Haarklem- men heraus, deren Telefonvermittlerstimme die feine Le- bensart auf eiskalte Weise perfekt zum Ausdruck brachte (»Guten Tag. Bin so erfreut, Sie kennenzulernen, kom- men Sie herein, nehmen Sie doch bitte Platz, Bernie, sei ihr behilflich, sie kommt nicht aus dem Mantel«); und weiß Gott, wer damit anfing oder warum, aber der Abend begann mit einer unangenehmen Diskussion über Politik. Joan und ich waren hin- und hergerissen, ob wir in die- sem Jahr Truman, Wallace oder überhaupt nicht wählen sollten; die Silvers waren Dewey-Anhänger. Und was es noch schlimmer machte für unsere zarten liberalen Emp- findlichkeiten, war, daß Rose Gemeinsamkeiten suchte, indem sie uns eine trostlose Geschichte nach der ande- ren – und jede mit einem noch kunstvolleren Schauder – über das unerbittliche, bedrohliche Vordringen farbiger und puertoricanischer Elemente in diesen Teil der Bronx erzählte. Aber nach einer Weile wurde es vergnügter. Zum einen waren beide hingerissen von Joan – und ich muß zuge- ben, daß ich niemanden kannte, der es nicht war –, und zum anderen wandte sich das Gespräch bald der fabel- haften Tatsache zu, daß sie Wade Manley kannten, was eine Reihe stolzer Erinnerungen heraufbeschwor. »Bernie läßt sich nichts von ihm gefallen, keine Sorge«, versicherte uns Rose. »Bernie, erzähl ihnen, was du getan hast, als er hier war und du ihm gesagt hast, er soll sich setzen und den Mund halten. Das hat er getan! Wirklich! Er hat ihn in die Brust gestoßen – diesen Filmstar! – und gesagt: ›Ach, setz dich hin und halt den Mund, Manny. Wir wis- sen, wer du bist!‹ – Erzähl’s ihnen, Bernie.«, Und Bernie, der sich vor Vergnügen wand, stand auf, um uns die Szene vorzuspielen. »Ach, wir haben nur Spaß gemacht, verstehen Sie«, sagte er, »aber ich hab’s getan. Ich habe ihn ein bißchen geschubst und gesagt: ›Ach, setz dich hin und halt den Mund, Manny. Wir wis- sen, wer du bist!‹« »So war’s! So wahr ich hier stehe! Er hat ihn in den Ses- sel dort drüben gestoßen! Wade Manley!« Kurz darauf, als Bernie und ich die Gläser neu füllten und von Mann zu Mann sprachen und Rose und Joan gemütlich auf dem Sofa saßen, bedachte Rose mich mit einem schelmischen Blick. »Ich möchte Ihrem Mann ja nicht schmeicheln, Joanie, aber wissen Sie, was Dr. Corvo zu Bernie gesagt hat? Soll ich’s ihr sagen, Bernie?« »Klar, erzähl’s ihr! Erzähl’s ihr!« Und Bernie schwenkte die Flasche Ginger-ale in der einen und die Flasche Whis- key in der anderen Hand, um klarzumachen, wie offen alle Geheimnisse an diesem Abend gelegt werden konnten. »Also«, sagte sie. »Dr. Corvo hat gesagt, daß Ihr Mann der beste Schreiber ist, den Bernie je gehabt hat.« Später, als Bernie und ich auf dem Sofa saßen und die Damen an der Kredenz standen, begann ich zu begreifen, daß auch Rose eine Baumeisterin war. Sie hatte die Kre- denz vielleicht nicht mit ihren eigenen Händen erbaut, aber sie hatte eindeutig mehr als den ihr zukommenden Anteil am Aufbau der tiefempfundenen Überzeugungen geleistet, die notwendig waren, um die Aberhunderte von Dollar aufzubringen, die die Ratenzahlungen verschlan- gen. Ein Möbelstück wie dieses war eine Investition für die Zukunft; und ich hätte jetzt, während sie davor stand, sie betätschelte und über kleine Flächen wischte und mit Joan redete, schwören können, daß ich vor mir sah, wie, sie in Gedanken eine zukünftige Party plante. Joan und ich wären unter den Anwesenden, so viel war sicher (»Das ist Mr. Robert Prentice, der Assistent meines Man- nes, und Mrs. Prentice«), und die anderen Gäste waren ebenfalls so gut wie vorhersehbar: selbstverständlich Wade Manley und seine Frau sowie eine gewissenhafte Auswahl ihrer Freunde aus Hollywood; Walter Winchell wäre da, und Karl Wilson und Toots Shor und die ganze Bande; aber für eine kultivierte Person wesentlich wichti- ger wäre die Anwesenheit von Dr. und Mrs, Alexander Corvo und von ein paar Leuten aus ihrem Kreis. Leute wie die Lionel Trillings und die Reinhold Niebuhrs, die Huntington Hartfords und die Leslie R. Groves – und wenn jemand vom Rang der Mr. und Mrs. Newbold Mor- ris kommen wollte, dann können Sie verdammt sicher sein, daß sie ziemlich einfallsreich um eine Einladung hätten buhlen müssen. Es war an diesem Abend, wie Joan später zugab, erstik- kend heiß in der Wohnung der Silvers; und ich führe diesen Umstand als annehmbare Entschuldigung für das an, was ich als nächstes tat – und 1948 brauchte ich dazu wesentlich weniger Zeit als heute, glauben Sie mir –, nämlich mich sternhagelvollaufen zu lassen. Bald war ich nicht nur der lautstärkste, sondern auch der einzige Redner im Raum; ich erklärte, daß wir alle vier bei Gott noch zu Millionären würden. Und was für einen Spaß wir dann hätten! Oh, wir wür- den Lionel Trilling ohrfeigen und ihn in jeden Sessel in diesem Zimmer stoßen und ihm sagen, er solle den Mund halten – »Und du auch, Reinhold Niebuhr, du aufgebla- sener, scheinheiliger alter Idiot! Wo ist dein Geld? Na los, zeig uns, wo dein Geld ist.«, Bernie gluckste und schien schläfrig, Joan schämte sich für mich, und Rose lächelte kalt, aber grenzenlos ver- ständnisvoll dafür, wie ermüdend Ehemänner bisweilen sein können. Dann standen wir in der Nische und pro- bierten jeder mindestens ein halbes Dutzend Mäntel an, und ich betrachtete wieder das Foto des Hornisten und überlegte, ob ich mich trauen sollte, die brennende Frage zu stellen. Aber diesmal war ich nicht sicher, was ich mehr fürchtete: Daß Bernie sagte: »Nur für das Foto« oder daß er sagte: »Klar war ich Hornist!« und im Schrank oder der Kredenz kramte, bis er das angelaufene alte Horn gefunden hätte, und wir alle zurückkehren und uns erneut setzen müßten und Bernie die Hacken zusammen- schlüge, sich aufrichtete und für uns alle die reine, trau- rige Melodie des Zapfenstreiches spielte. Das war im Oktober. Ich weiß nicht mehr genau, wie viele »Von Bernie Silver«-Geschichten ich im Herbst noch schrieb. Ich erinnere mich an eine komische Geschichte über einen dicken Touristen, der mit dem Bauch stecken- blieb, als er versuchte, sich durch das Dachfenster des Taxis zu schieben, um eine bessere Sicht zu haben, und eine sehr ernste, in der Bernie einen Vortrag über Tole- ranz gegen andere Rassen hielt (die mir sauer aufstieß angesichts der Tatsache, daß er mit Roses Ansichten zu den braunen Horden, die in der Bronx einfielen, sympa- thisiert hatte); aber woran ich mich während dieser Zeit am besten erinnere ist, daß Joan und ich ihn anschei- nend nicht erwähnen konnten, ohne uns zu streiten. Als sie zum Beispiel meinte, daß wir uns wirklich für seine und Roses Einladung revanchieren sollten, entgeg- nete ich, sie solle nicht albern sein. Ich wäre sicher, dass, sie es nicht erwarteten, und als sie fragte: »Warum?«, klärte ich sie knapp und ungeduldig über den hoffnungs- losen Versuch auf, Klassenschranken zu ignorieren, so zu tun, als ob die Silvers tatsächlich unsere Freunde werden könnten oder als ob sie das wirklich wollten. Ein anderes Mal, gegen Ende eines merkwürdig lang- weiligen Abends, den wir in unserem vorehelichen Lieb- lingsrestaurant verbrachten, nachdem uns eine Stunde lang nichts eingefallen war, worüber wir hätten reden können, versuchte sie, das Gespräch in Gang zu bringen, indem sie sich romantisch über den Tisch beugte und ihr Weinglas hochhielt. »Auf daß Bernie deine letzte Ge- schichte an Reader’s Digest verkauft.« »Ja«, sagte ich. »Klar. Wird ‘ne große Sache.« »Ach, sei nicht so miesepetrig. Du weißt genau, daß es jederzeit passieren kann. Wir könnten eine Menge Geld verdienen und nach Europa gehen.« »Bist du verrückt?« Plötzlich ärgerte es mich, daß ein intelligentes, gebildetes Mädchen im zwanzigsten Jahr- hundert noch so leichtgläubig sein konnte; und daß die- ses Mädchen mein Frau sein sollte und von mir erwartet wurde, mich über Jahre mit dieser einfältigen Unschuld zu arrangieren, erschien mir in diesem Augenblick eine unerträgliche Situation. »Warum wirst du nicht erwach- sen? Du glaubst doch nicht wirklich, daß es eine Chance gibt, diesen Schund zu verkaufen, oder?« Und ich sah sie an, wie Bernie mich an dem Abend angesehen haben mußte, als er fragte, ob ich wirklich geglaubt hätte, daß er mir jedesmal fünfundzwanzig Dollar zahlen würde. »Oder?« »Doch, das glaube ich«, sagte sie und stellte ihr Glas ab. »Oder zumindest habe ich es geglaubt. Und ich habe, gedacht, daß du es auch glaubst. Wenn das nicht der Fall ist, erscheint es mir zynisch und unaufrichtig, weiterhin für ihn zu arbeiten, nicht wahr?« Und auf dem Nach- hauseweg sprach sie kein Wort mit mir. Das eigentliche Problem war vermutlich, daß wir uns zu diesem Zeitpunkt über zwei wesentlich ernstere Dinge Sorgen machten. Zum einen hatten wir vor kurzem ent- deckt, daß Joan schwanger war, und zum anderen sank mein Ansehen bei United Press so beharrlich wie die Effektenvorzugsscheine. Während ich darauf wartete, daß meine Vorgesetzten immer weiter herausfanden, wie wenig Ahnung ich hatte von dem, was ich tat, war meine Zeit in der Wirtschafts- redaktion zu einem schleichenden Martyrium geworden; und wie erbärmlich willens ich jetzt auch war, zu lernen, was ich eigentlich wissen sollte, so war es doch allzu lächerlich spät, noch Fragen zu stellen. Ich beugte mich jeden Tag tiefer und tiefer über meine klappernde Schreib- maschine und wartete auf meinen Rauswurf – das freund- liche, traurige Herabsinken der Hand des stellvertreten- den Leiters der Wirtschaftsredaktion auf meine Schulter (»Kann ich einen Augenblick in meinem Büro mit Ihnen sprechen, Bob?) –, und jeden Tag, an dem es nicht pas- sierte, verbuchte ich als schäbigen Sieg. Anfang Dezember ging ich an einem solchen Tag von der U-Bahn nach Hause, schleppte mich die Zwölfte Straße entlang wie ein Siebzigjähriger, als ich bemerkte, daß seit eineinhalb Blocks ein Taxi im Schneckentempo neben mir herfuhr. Es war ein grünweißes Taxi, und hin- ter der Windschutzscheibe blitzte ein breites Lächeln auf. »Bob! Was ist los, Bob? Sie sind ja ganz in Gedanken versunken. Leben Sie hier?«, Als er das Taxi neben dem Bordstein abstellte und aus- stieg, sah ich ihn zum ersten Mal in seiner Arbeitsklei- dung: Schiebermütze, geknöpfte Strickjacke und um den Bauch eins dieser länglichen Wechselgeldgeräte; und als wir uns die Hand gaben, sah ich zum ersten Mal, daß sei- ne Fingerspitzen glänzend grau gefleckt waren, weil er den ganzen Tag die Münzen und Dollarscheine fremder Menschen in die Hand genommen hatte. Aus der Nähe betrachtet, lächelnd oder nicht, sah er so erschöpft aus, wie ich mich fühlte. »Kommen Sie mit, Bernie.« Er schien überrascht vom bröckelnden Eingang und den schmutzigen Treppen des Hauses, ebenso wie von der geweißten, mit Plakaten geschmückten Strenge unseres großen Zimmers, dessen Miete wahrscheinlich weniger als die Hälfte dessen be- trug, was er und Rose für ihre Uptown-Wohnung zahlten, und ich erinnere mich, daß ich einen leisen bohemien- haften Stolz darauf verspürte, ihn diese Dinge sehen zu lassen; vermutlich hatte ich die snobistische Vorstellung, es würde Bernie Silver nicht schaden zu erfahren, daß es Menschen gab, die gleichzeitig klug und arm waren. Wir konnten ihm kein Ginger-ale anbieten, aber er meinte, ein Glas einfaches Wasser würde es auch tun, und so war es kein großes gesellschaftliches Ereignis. Danach bekümmerte mich der Gedanke, wie angestrengt er Joan gegenüber war – ich glaube, er sah ihr während des gesamten Besuchs nicht einmal voll ins Gesicht –, und ich fragte mich, ob es daran lag, daß wir uns nicht für ihre Einladung revanchiert hatten. Warum wird in diesen Dingen fast immer den Frauen die Schuld gegeben für etwas, was mindestens genauso oft die Schuld ihrer Männer ist? Aber vielleicht war er sich in ihrer Gegenwart, seiner Taxifahrerkleidung auch nur bewußter als in mei- ner. Oder vielleicht hatte er sich nicht vorstellen können, daß eine so hübsche und kultivierte Frau in einer so kar- gen Wohnung leben konnte, und es war ihm peinlich für sie. »Ich will Ihnen sagen, weswegen ich vorbeigekommen bin, Bob. Ich will es mit einer neuen Methode versuchen.« Und während er sprach, begann ich mehr aufgrund sei- nes Blicks als aufgrund seiner Worte zu vermuten, daß etwas mit dem langfristigen Bauprogramm schrecklich schiefgelaufen war. Vielleicht hatte ein Verlegerfreund von Dr. Corvo endlich ein Wort zu den armseligen Möglich- keiten unseres Materials riskiert; vielleicht war Dr. Corvo selbst bissig geworden; vielleicht hatte Wade Manley einen endgültigen vernichtenden Kommentar abgegeben oder, noch vernichtender, Wade Manleys Agent. Oder vielleicht war Bernie nach seinem Arbeitstag auch nur auf eine Weise müde, die kein Glas einfaches Wasser beheben konnte; jedenfalls wollte er es mit einer neuen Methode versuchen. Hatte ich jemals von Vincent J. Poletti gehört? Er nann- te mir diesen Namen, als wüßte er ganz genau, daß er mich damit nicht verblüffen konnte, und fuhr augenblick- lich fort mit der Information, daß Vincent J. Poletti der demokratische Abgeordnete im Landesparlament aus Ber- nies Wahlkreis in der Bronx war. »Und dieser Mann«, sagte er, »ist jemand, der alles tut, um den Leuten zu helfen. Glauben Sie mir, Bob, er ist keiner von diesen billigen Stimmenfängern. Er ist ein wirklicher Diener des Volks. Und außerdem ist er ein kommender Mann in der Partei. Er wird unser nächster Kongreßabgeordneter. Und jetzt kommt meine Idee, Bob., Wir nehmen ein Bild von mir – ich habe einen Freund, der es umsonst machen wird –, er soll mich vom Rück- sitz des Taxis aus fotografieren, ich sitze am Lenkrad, drehe mich um und lächle, so.« Er drehte seinen Körper weg von seinem lächelnden Gesicht, um mir zu zeigen, wie es aussehen würde. »Und dieses Bild drucken wir auf die Titelseite eines Büchleins. Der Titel des Büch- leins« – und hier deutete er Blockbuchstaben in der Luft an – »der Titel des Büchleins lautet: ›Glauben Sie Bernie.‹ Okay? Also. In dem Büchlein steht eine Geschichte – ganz genauso wie die anderen, die Sie geschrieben haben, aber diesmal ein bißchen anders. Diesmal erzähle ich die Geschichte, warum Vincent J. Poletti der Mann ist, den wir im Kongreß brauchen. Ich meine nicht einfach politi- sches Geschwätz, Bob. Ich meine eine richtige kleine Geschichte.« »Bernie, ich sehe nicht, wie das funktionieren sollte. Man kann keine ›Geschichte‹ schreiben, warum jemand der Mann ist, den wir im Kongreß brauchen.« »Wer sagt das?« »Und außerdem habe ich geglaubt, daß Sie und Rose Republikaner sind.« »Auf der Bundesebene, ja. Aber nicht auf der lokalen, nein.« »Aber, Bernie, wir hatten gerade Wahlen. Es wird erst wieder in zwei Jahren gewählt.« Er tippte sich an die Schläfe und machte eine aus- holende Geste, um zu zeigen, daß es sich in der Politik lohnte, vorauszudenken. Joan stand in der Kochnische, spülte das Frühstücks- geschirr und bereitete das Abendessen vor, und ich schaute hilfesuchend zu ihr, aber sie wandte mir den Rücken zu., »Es klingt einfach nicht richtig, Bernie. Ich weiß nichts über Politik.« »Na und? Weiß, Scheiß. Was gibt’s da zu wissen? Wis- sen Sie was übers Taxifahren?« Nein; und ich wußte verdammt noch mal auch nichts über die Wall Street – Wall Street, Schmall Street! –, aber das war eine andere kleine deprimierende Geschichte. »Ich weiß nicht, Bernie; im Moment ist alles ungewiß. Ich glaube, daß ich zur Zeit besser keine Aufträge mehr annehme. Ich meine, zum einen werde ich vielleicht ...« Aber ich brachte es nicht über mich, ihm von meinen Schwierigkeiten bei UP zu erzählen, deswegen sagte ich: »Zum einen bekommt Joan ein Baby, und alles ist irgend- wie –« »Wow! Also, das ist ja großartig!« Er stand auf und schüttelte mir die Hand. »Das ist – ja – großartig. Herz- lichen Glückwunsch, Joanie!« Mir schien es damals etwas übertrieben, aber vielleicht ist das die Art, wie ein kinder- loser Mann mittleren Alters so eine Neuigkeit aufnimmt. »Also, hören Sie, Bob«, sagte er, als wir uns wieder setz- ten. »Diese Poletti-Sache ist ein Kinderspiel für Sie, und ich sage Ihnen noch was. Da es eine einmalige Sache ist und es keine Beteiligung geben wird, zahle ich zehn statt fünf. Abgemacht?« »Moment mal, Bernie. Ich brauche mehr Information. Ich meine, was genau tut der Mann für die Leute?« Und bald war klar, daß Bernie kaum mehr über Vincent J. Poletti wußte als ich. Er war ein echter Diener des Volkes, das war alles; er tat alles, um den Menschen zu helfen. »Oh, Bob, hören Sie. Was macht das schon? Wo bleibt Ihre Phantasie? Bislang haben Sie auch keine Hilfe gebraucht. Hören Sie. Was Sie da gerade gesagt haben,, bringt mich sofort selbst auf eine Idee. Ich fahre Taxi; zwei junge Leute winken mich vor dem Mütterheim zu sich, ein junger Veteran und seine Frau. Sie haben dieses winzig kleine Baby, drei Tage alt, und sie sind überglück- lich. Aber es gibt ein Problem. Der Junge hat keine Arbeit. Sie sind gerade erst hergezogen, sie kennen niemanden, vielleicht sind sie Puertoricaner oder so etwas, sie haben ihr Zimmer für eine Woche bezahlt, mehr haben sie nicht. Dann sind sie pleite. Ich soll sie nach Hause fah- ren, sie wohnen in meinem Viertel, wir reden miteinan- der, und ich sage: ›Hört mal, Kinder, ich bringe euch zu einem Freund von mir.‹« »Abgeordneter Vincent J. Poletti.« »Klar. Nur daß ich ihnen seinen Namen noch nicht nenne. Ich sage ›ein Freund von mir‹. Wir fahren hin, ich gehe rein und erzähle Poletti alles, und er kommt raus und spricht mit den jungen Leuten und gibt ihnen Geld oder so. Verstehen Sie? Da haben Sie einen großen Teil Ihrer Geschichte schon.« »Ja, aber einen Moment noch, Bernie.« Ich stand auf und begann auf dramatische Weise auf und ab zu schrei- ten, so wie es die Leute bei Drehbuchbesprechungen in Hollywood tun sollten. »Warten Sie. Nachdem er ihnen Geld gegeben hat, steigt er in Ihr Taxi, und Sie fahren mit ihm auf dem Grand Concourse davon, und die zwei jun- gen Puertoricaner stehen auf dem Gehsteig und sehen sich an, und das Mädchen sagt: ›Wer war der Mann?‹ Und der Junge blickt ganz ernst drein und sagt: ›Liebling, das weißt du nicht? Hast du nicht bemerkt, daß er eine Maske trug?‹ Und sie sagt: ›Oh, nein, es kann doch nicht der –‹ Und er sagt: ›Doch, doch, er war es. Liebling, das war der Einsame Abgeordnete.‹ Und hören Sie! Wissen, Sie, was als nächstes passiert? Hören Sie! Aus einem Block Entfernung hören sie eine Stimme, und wissen Sie, was die Stimme ruft?« Ich ließ ein zitterndes Knie zu Boden sinken, um die Pointe zu bringen. »Sie ruft: ›Hi-yo, Bernie Silver – auf geht’s!‹« Geschrieben mag es nicht sehr witzig wirken, aber ich lachte mich fast tot. Ich lachte mindestens eine Minute lang, bis ich husten mußte und Joan kam und mir auf den Rücken schlug; nur sehr langsam, während ich mich beruhigte, stellte ich fest, daß Bernie nicht amüsiert war. Während meines Anfalls hatte er verwirrt und höflich gegluckst, aber jetzt blickte er auf seine Hände, und seine blassen Backen waren verlegen rosa gefleckt. Ich hatte seine Gefühle verletzt. Ich erinnere mich, daß ich mich ärgerte, wie leicht sein Gefühle zu verletzen waren, und ich ärgerte mich, daß Joan in die Küche zurückgekehrt war, statt mir aus dieser peinlichen Situation zu helfen, und während weiter Schweigen herrschte, fühlte ich mich sehr schuldig, und es tat mir leid, bis ich schließlich be- schloß, daß die einzige Möglichkeit, es wiedergutzuma- chen, darin bestand, den Auftrag anzunehmen. Und tat- sächlich heiterte sich seine Stimmung sofort auf, als ich sagte, daß ich es versuchen würde. »Ich meine, Sie müssen nicht unbedingt die Geschich- ten von den jungen Puertoricanern benutzen«, versicherte er mir. »Das ist nur eine Idee. Oder Sie können damit anfangen und dann zu anderen Dingen übergehen. Sie können machen, was Sie wollen.« Als wir uns an der Tür wieder die Hände schüttelten (wie es schien, hatten wir uns den ganzen Nachmittag die Hände geschüttelt), sagte ich: »Für diese Geschichte gibt es also zehn Dollar, richtig, Bernie?«, »Richtig, Bob.« »Glaubst du wirklich, daß es richtig war, den Auftrag anzunehmen?« fragte mich Joan, kaum war er gegangen. »Warum nicht?« »Weil es praktisch unmöglich sein wird, oder?« »Würdest du mir einen Gefallen tun? Würdest du mich bitte in Ruhe lassen?« Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Ich verstehe dich nicht, Bob. Warum hast du gesagt, daß du es tun wirst?« »Was glaubst du, verdammt noch mal? Weil wir die zehn Dollar brauchen werden, darum.« Schließlich baute ich – oh, ich baute, schmaute. Ich steckte Seite eins und dann Seite zwei und dann Seite drei in die alte Maschine und schrieb, was das Zeug hielt. Ich fing an mit den jungen Puertoricanern, aber aus uner- findlichem Grund brachte ich nur zwei Seiten über sie zustande; dann mußte ich andere Möglichkeiten finden, wie Vincent J. Poletti seine gigantische Güte unter Beweis stellen konnte. Was tut ein Diener des Volkes, wenn er wirklich alles dafür tut, um den Leuten zu helfen? Er gibt ihnen Geld, das tut er; und bald schon ließ ich Poletti mehr über den Tisch schieben, als er zählen konnte. Am Ende war es so, daß jeder in der Bronx, der knapp bei Kasse war, nur in Bernie Silvers Taxi steigen und »Zu Poletti« sagen mußte, und seine Probleme waren gelöst. Und das Schlimmste daran war meine eigene grimmige Überzeugung, daß ich es nicht besser konnte. Joan sah die Geschichte nie, weil sie schlief, als ich sie schließlich in einen Umschlag steckte und zur Post brachte. Und nahezu eine Woche lang hörte ich kein, Wort von Bernie – oder über ihn, zwischen uns beiden. Dann, zur gleichen Zeit, zu der sein erster Besuch statt- gefunden hatte, am verschlissenen Ende des Tages, klin- gelte es. Ich wußte, daß es Ärger geben würde, sobald ich die Tür geöffnet hatte und ihn lächelnd dort stehen sah, Regenspritzer auf der Jacke, und ich wußte, daß ich mir nichts mehr gefallen lassen würde. »Bob«, sagte er, als er sich setzte, »ich sage es wirklich nicht gern, aber diesmal bin ich enttäuscht von Ihnen.« Er zog das zusammengefaltete Manuskript aus der Jacke. »Das ist ... Bob, das ist nichts.« »Es sind sechseinhalb Seiten. Das ist nicht nichts, Ber- nie.« »Bob, bitte, sprechen Sie nicht von den sechseinhalb Seiten. Ich weiß, daß es sechseinhalb Seiten sind, aber sie sind nichts. Sie haben einen Idioten aus dem Mann gemacht, Bob. Sie lassen ihn die ganze Zeit Geld ver- schenken.« »Sie haben mir erzählt, daß er Geld verschenkt, Ber- nie.« »An die jungen Puertoricaner, das habe ich gesagt, ja, denen kann er ein bißchen was geben, gut. Aber jetzt kommen Sie und lassen ihn Geld verschenken wie ein ... wie ein betrunkener Matrose oder so.« Ich dachte, ich würde in Tränen ausbrechen, aber mei- ne Stimme war sehr leise und kontrolliert. »Bernie, ich habe Sie gefragt, was er sonst noch tun könnte. Ich habe Ihnen gesagt, daß ich verdammt noch mal nicht weiß, was er sonst noch tun könnte. Wenn Sie wollen, daß er was anderes tut, hätten Sie das klarstellen müssen.« »Aber, Bob«, sagte er und stand auf, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, und an das, was er als nächstes, sagte, erinnere ich mich immer wieder als an den letzten, verzweifelten, ewig währenden Schrei des Philisters. »Bob, Sie sind doch der Mann mit der Phantasie!« Ich stand ebenfalls auf, damit ich auf ihn hinunterblik- ken konnte. Ich wußte, daß ich der Mann mit der Phanta- sie war. Ich war mir zudem bewußt, daß ich zweiund- zwanzig Jahre alt und müde wie ein alter Mann war, daß ich kurz davor war, meinen Job zu verlieren, daß ich bald Vater werden würde und mich nicht mehr besonders gut mit meiner Frau verstand; und jetzt kam jeder daher- gelaufene Taxifahrer, jeder Zuhälter eines unbedeutenden Politikers und angebliche Hornist in der Stadt New York zu mir ins Haus und versuchte, mir mein Geld zu stehlen. »Zehn Dollar, Bernie.« Er machte eine hilflose Geste, lächelnd. Dann schaute er zur Kochnische, wo Joan stand, und obwohl ich den Blick nicht von ihm wenden wollte, muß auch ich zu ihr gesehen haben, weil ich noch weiß, was sie tat. Sie wand ein Geschirrtuch in den Händen und blickte darauf hin- unter. »Hören Sie, Bob«, sagte er. »Ich hätte nicht sagen sol- len, daß es nichts ist. Sie haben recht! Wer kann von sechseinhalb Seiten behaupten, daß sie nichts sind? Wahrscheinlich stecken viele gute Ideen drin, Bob. Sie wollen Ihre zehn Dollar; gut, in Ordnung, Sie werden Ihre zehn Dollar kriegen. Ich bitte Sie nur um eins. Nehmen Sie die Geschichte zurück und schreiben Sie sie ein biß- chen um, mehr nicht. Dann können wir ...« «Zehn Dollar, Bernie. Jetzt.« Aus seinem Lächeln war alles Leben gewichen, aber es blieb auf seinem Gesicht, während er einen Geldschein aus seiner Brieftasche nahm und ihn mir reichte und ich, eine elende kleine Schau abzog und überprüfte, daß es ein gottverdammter Zehner war. »Okay, Bob«, sagte er. »Dann sind wir quitt. Richtig?« »Richtig.« Dann war er verschwunden, und Joan eilte zur Tür, öff- nete sie und rief: »Guten Abend, Bernie!« Ich meinte zu hören, daß seine Schritte auf der Treppe verstummten, aber ich hörte kein »Guten Abend« von ihm, deswegen nahm ich an, daß er nur stehengeblieben war und sich zu ihr umgedreht hatte, um ihr zu winken oder ihr eine Kußhand zu blasen. Vom Fenster sah ich, wie er auf den Gehsteig trat, in sein Taxi stieg und weg- fuhr. Während der ganzen Zeit faltete ich seinen Geld- schein immer wieder neu, und ich glaube nicht, daß ich jemals etwas in Händen hielt, was ich weniger wollte. Im Zimmer, in dem nur wir beide uns bewegten, war es still, während die Kochnische von den würzigen Düften und Dämpfen eines Essens erfüllt war, für das uns beiden der Appetit vergangen war. »Tja«, sagte ich. »Das war das.« »War es wirklich nötig«, fragte sie, »so schrecklich un- freundlich zu ihm zu sein?« Und das schien mir damals das Illoyalste zu sein, was sie hätte sagen können, der herzloseste Schlag von allen. »Unfreundlich zu ihm! Unfreundlich zu ihm! Würdest du mir netterweise sagen, was ich verdammt noch mal hätte tun sollen? Soll ich rumsitzen und ›freundlich‹ sein, wäh- rend ein billiger, verlogener kleiner Parasit von einem Taxifahrer reinkommt und mich ausblutet? Ist es das? Hm? Ist es das, was du willst?« Dann tat sie, was sie oft in solchen Momenten tat, und bisweilen denke ich, daß ich alles im Leben dafür geben, würde, wenn ich es nie hätte mit ansehen müssen: Sie wandte sich von mir ab, schloß die Augen und hielt sich die Ohren zu. Weniger als eine Woche später sank die Hand des stell- vertretenden Leiters der Wirtschaftsredaktion endlich auf meine Schulter, genau in der Mitte eines Absatzes über das Verhalten amerikanischer Aktien im bescheidenen Handel. Es war eine Weile vor Weihnachten, und ich fand einen Job als Vorführer von mechanischem Spielzeug in einem Billigladen in der Fifth Avenue. Und ich glaube, es war während dieser Zeit bei dem Billigladen – vielleicht wäh- rend ich eine kleine Katze aus Blech und Baumwolle auf- zog, die »Miau!« machte und auf der Seite herumrollte, »Miau!« und herumrollte, »Miau!« und herumrollte –, irgendwann in dieser Zeit jedenfalls gab ich auf, was noch von der Idee übrig war, mein Leben nach dem Muster von Ernest Hemingway aufzubauen. Manche Bau- vorhaben kommen einfach nicht in Frage. Nach Neujahr fand ich einen anderen dämlichen Job; dann, im April, mit dem schlagartigen und überraschen- den Einsetzen des Frühlings, wurde ich für achtzig Dollar in der Woche von einer Agentur für Öffentlichkeitsarbeit eingestellt, in der die Frage, ob ich wußte, was ich tat, keine große Rolle spielte, weil auch die anderen Ange- stellten kaum wußten, was sie taten. Die Arbeit fiel mir bemerkenswert leicht und gestattete mir, jeden Tag eine bemerkenswerte Menge an Energie für meine private Arbeit zu sparen, die mir plötzlich eben- falls leicht von der Hand ging. Nachdem ich Hemingway ein für alle Mal aufgegeben hatte, befand ich mich jetzt, in einer E-Scott-Fitzgerald-Phase; und dann, und das war das Beste, entdeckte ich etwas, was sich ganz so anließ, als wäre es mein eigener Stil. Der Winter war vorüber, und zwischen Joan und mir schien alles leichter zu gehen, und im Frühsommer wurde unsere erste Tochter geboren. Wegen ihr mußte ich das Schreiben ein, zwei Monate unterbrechen, aber es dauerte nicht lange, und ich war wieder am Werk und überzeugt, daß ich immer stärker wurde: Ich hatte damit angefangen, für einen großen, ehrgeizigen, tragischen Roman zu räumen und auszu- heben und die Fundamente zu legen. Ich schrieb das Buch nie zu Ende – es war der erste einer Reihe von mehr unvollendeten Romanen, als ich mir heute noch einge- stehen will –, aber in diesem frühen Stadium war es eine faszinierende Arbeit, und die Tatsache, daß es nur lang- sam voranging, vergrößerte das Versprechen seiner schließ- lichen Großartigkeit. Jeden Abend verbrachte ich mehr und mehr Zeit hinter dem Wandschirm, kam nur dahin- ter hervor, um mit einem Kopf voller heiterer und maje- stätischer Tagträume auf und ab zu schreiten. Es war spät im Jahr, irgendwann im Herbst, als ich eines Abends – Joan war ins Kino gegangen, ich als Babysitter zu Hause geblieben – hinter dem Schirm hervortrat, weil das Tele- fon klingelte, und hörte: »Bob Prentice? Bernie Silver.« Ich will nicht vorgeben, daß ich nicht mehr gewußt hätte, wer er war, aber es ist nicht zu viel gesagt, daß ich ein, zwei Sekunden Mühe hatte, mir vorzustellen, daß ich tatsächlich für ihn gearbeitet hatte – daß ich jemals wirk- lich direkt in die bedauernswerten Wahnvorstellungen eines Taxifahrers verstrickt gewesen war. Das gab mir Zeit, das heißt, es veranlaßte mich, zusammenzuzucken und das Telefon einfältig anzugrinsen, den Kopf einzuzie-, hen und mir mit der freien Hand das Haar glattzustrei- chen in einer verschämten Zurschaustellung von noblesse oblige – begleitet von einem lautlosen demütigen Schwur, daß ich alles in meiner Macht Stehende tun würde, um seine Gefühle nicht zu verletzen, was immer Bernie Silver auch von mir wollte. Ich erinnere mich, daß ich wünsch- te, Joan wäre zu Hause, damit sie Zeugin meines freund- lichen Verhaltens würde. Aber als erstes fragte er nach dem Baby. War es ein Jun- ge oder ein Mädchen? Wunderbar! Und wem sah sie ähn- lich? Ja, natürlich, natürlich, in diesem Alter sahen sie noch niemandem ähnlich. Und wie war es, Vater zu sein? Hm? Ziemlich gut? Gut! Dann schlug er einen, wie ich fand, merkwürdig formalen Mütze-in-der-Hand-Tonfall an wie ein vor langer Zeit entlassener Dienstbote, der sich nach der Dame des Hauses erkundigt. »Und wie geht es Mrs. Prentice?« In seiner eigenen Wohnung war sie »Joan« und »Joa- nie« und »Meine Liebe« gewesen, und ich konnte irgend- wie nicht glauben, daß er ihren Namen vergessen hatte; ich konnte nur vermuten, daß er an jenem Abend nicht gehört hatte, daß sie ihm auf der Treppe etwas nachrief – daß er sie vielleicht nur mit dem Geschirrtuch in der Hand hatte dastehen sehen und ihr die Schuld an meiner Unnachgiebigkeit bezüglich der verdammten zehn Dollar in die Schuhe geschoben hatte. Aber jetzt konnte ich nicht mehr tun, als ihm zu sagen, daß es ihr gut ginge. »Und wie ist es Ihnen ergangen, Bernie?« »Nun«, sagte er, »mir geht es gut.« Und dann schlug er die bestürzte Nüchternheit von Besprechungen in einem Krankenhauszimmer an. »Aber ich hätte beinahe Rose verloren, vor ein paar Monaten.«, Oh, jetzt war alles okay, versicherte er mir, es ging ihr viel besser, und sie war wieder zu Hause und fühlte sich wohl; aber als er von »Tests« und »Bestrahlung« zu reden begann, hatte ich das Gefühl von Verhängnis, das auf- kommt, wenn das unaussprechliche Wort Krebs in der Luft hängt. »Also, Bernie«, sagte ich, »es tut mir schrecklich leid, daß sie krank war, und bitte richten Sie ihr unsere ... « Ja, was? Glückwünsche? Genesungswünsche? Beides, so schien mir plötzlich, hätte eine unverzeihliche Andeu- tung von Herablassung. »Richten Sie unsere herzlichen Grüße aus«, sagte ich und biß mir sofort auf die Lippe aus Angst, daß dies am herablassendsten von allem geklun- gen hatte. »Werde ich! Werde ich! Das werde ich auf jeden Fall tun, Bob«, sagte er, und ich freute mich, es so ausgedrückt zu haben. »Aber weswegen ich anrufe ist folgendes.« Er lachte in sich hinein. »Keine Sorge, es geht nicht um Poli- tik. Also. Jetzt arbeitet ein wirklich schrecklich talentier- terjunge für mich, Bob. Er ist ein richtiger Künstler.« Und großer Gott, was für ein kränkliches, kompliziertes Ding ist doch das Herz eines Schriftstellers! Denn wissen Sie, was ich empfand, als er das sagte? Ich war ein klein bißchen eifersüchtig. Er war ein »Künstler«? Ich würde der Welt beweisen, wer in dieser kleinen Schreib Werkstatt der verdammte Künstler war. Aber Bernie sprach sofort weiter über »Strips« und »Lay- out«, und ich war in der Lage, meinen Konkurrenzneid zugunsten der alten, verläßlichen ironischen Distanz auf- zugeben. Was für eine Erleichterung! »Oh, Sie meinen einen Künstler. Einen Comic-strip- Zeichner. «, »Genau. Bob, Sie sollten sehen, wie der Junge zeichnen kann. Wissen Sie, was er tut? Er zeichnet mich so, daß ich aussehe wie ich, aber auch ein bißchen wie Wade Man- ley. Können Sie sich das vorstellen?« »Klingt gut, Bernie.« Und jetzt, da die alte Distanz wie- derhergestellt war, wurde mir klar, daß ich aufpassen mußte. Vielleicht brauchte er keine Geschichten mehr – er hatte wahrscheinlich eine ganze Kredenz voll Manu- skripte, die der Künstler als Vorlage benutzen konnte –, aber er brauchte vermutlich immer noch einen Schreiber, der die »Rahmenhandlung« oder wie immer es hieß und den Text für die Sprechblasen schrieb, und ich würde ihm jetzt beibringen müssen, so sanft und höflich wie mög- lich, daß nicht ich es sein würde. »Bob«, sagte er, »da baut sich wirklich etwas auf. Dr. Corvo hat sich die Zeichnungen angesehen und gesagt: ›Bernie, vergiß die Zeitschriften, vergiß die Bücher. Du hast die Lösung gefundene« »Also, das klingt wirklich gut, Bernie.« »Und Bob, jetzt der Grund, warum ich anrufe. Ich weiß, daß Sie viel zu tun haben bei UP, aber ich habe mich gefragt, ob Sie Zeit hätten, ein bißchen was –« »Ich arbeite nicht mehr bei UP, Bernie.« Und ich er- zählte ihm von meiner neuen Arbeit. »Na, das klingt ja, als ob Sie es in der Welt zu etwas bringen würden, Bob«, sagte er. »Glückwunsch.« »Danke. Jedenfalls glaube ich nicht, Bernie, daß ich jetzt für Sie etwas schreiben kann. Ich meine, ich würde es natürlich gern tun, darum geht es nicht, aber das Baby beansprucht viel Zeit, und dann habe ich noch meine private Arbeit – ich schreibe jetzt an einem Roman –, und ich glaube, daß ich nicht noch etwas annehmen sollte.«, »Oh. Also, okay, Bob. Kein Problem. Ich habe nur ge- dacht, daß es wirklich eine Chance für uns wäre, wenn Sie Ihre ... Sie wissen schon, Ihre schriftstellerischen Ta- lente einbringen würden.« »Es tut mir wirklich leid, Bernie, und ich wünsche Ihnen viel Glück.« Sie haben wahrscheinlich schon erraten, was mir, ich schwöre es, frühestens eine Stunde, nachdem ich mich von ihm verabschiedet hatte, aufging: daß Bernie mich diesmal nicht als Schreiber gewollt hatte. Er hatte gedacht, ich wäre noch bei UP und deshalb ein unschätzbarer Kontakt zum Herzen der Comic-strip-Zeitungsseiten. Ich erinnere mich noch genau, was ich tat, als mir die- se Erkenntnis dämmerte. Ich wechselte die Windel des Babys, blickte hinunter in ihre runden, wunderschönen Augen, als erwartete ich, daß sie mir gratulierte oder dankte, weil ich wieder einmal die schreckliche Möglich- keit umschifft hatte, ihr mit der Spitze der Sicherheits- nadel in die Haut zu stechen – damit war ich beschäftigt, als ich daran dachte, wie seine Stimme gezögert hatte, als er sagte: »... daß es wirklich eine Chance für uns wäre, wenn Sie Ihre ...« Während dieser winzigen Pause mußte er alle ausgefeil- ten Baupläne aufgegeben haben, die die Wendung »Ihre Kontakte bei UP« enthalten hätte (und er wußte nicht, daß ich gefeuert worden war; soweit es ihn betraf, konnte ich noch immer so viele solide Verbindungen im Zei- tungswesen haben wie Dr. Corvo in der Kinderpsycholo- gie oder Wade Manley beim Film), und statt dessen hatte er sich dafür entschieden, den Satz mit »Ihre schriftstelle- rischen Talente« zu beenden. Und da war mir klar, daß es trotz meiner pedantischen Sorge, Bernies Gefühle wäh-, rend des Telefongesprächs nicht zu verletzen, letztlich Bernie gewesen war, der alles getan hatte, um meine Gefühle zu schonen. Ich kann reinen Gewissens sagen, daß ich im Lauf der Jahre nicht oft an ihn gedacht habe. Es wäre eine hüb- sche Pointe, wenn ich behaupten würde, daß ich nie in ein Taxi steige, ohne vorher Nacken und Profil des Fah- rers eingehend zu mustern, aber es wäre gelogen. Es stimmt jedoch, und das fällt mir erst jetzt ein, daß ich oft, wenn ich nach den richtigen Worten für einen heiklen persönlichen Brief suche, an »Ich hatte heute keine Zeit, Ihnen einen kurzen Brief zu schreiben, statt dessen muß- te ich Ihnen einen langen Brief schreiben« denke. Ob ich es nun ernst meinte oder nicht, als ich sagte, daß ich ihm Glück mit seinem Comic strip wünschte, eine Stunde später begann ich es jedenfalls ernst zu mei- nen. Ich meine es jetzt ernst, aus ganzem Herzen, und das Komische ist, daß er noch immer etwas daraus bauen könnte, Kontakte oder nicht. Aus lächerlicheren Dingen wurden in Amerika schon Reiche errichtet. Jedenfalls hoffe ich, daß er das Interesse an seinem Vorhaben in der einen oder anderen Form nicht verloren hat; aber mehr alles andere hoffe ich bei Gott – und das ist diesmal kein Fluch –, ich hoffe bei Gott, daß er Rose nicht verloren hat. Nachdem ich alles noch einmal gelesen habe, sehe ich, daß es nicht sehr gut gebaut ist. Die Trage- und Querbal- ken, ja, sogar die Mauern sind irgendwie nicht in Ord- nung; die Fundamente scheinen schwach; vielleicht habe ich zu Beginn versäumt, die Grube richtig auszuheben. Aber es hat keinen Sinn, sich deswegen jetzt noch Sorgen, zu machen, denn es ist an der Zeit, das Dach darauf zu setzen – Sie auf den neuesten Stand zu bringen, was mit dem Rest von uns Baumeistern geschehen ist. Alle Welt weiß, was mit Wade Manley geschah. Er starb ein paar Jahre später unerwartet, im Bett; und die Tat- sache, daß es sich um das Bett einer jungen Frau und nicht um das Bett seiner Frau handelte, war pikant genug, um die Boulevardpresse über Wochen hinaus zu beschäf- tigen. Im Fernsehen werden noch immer seine alten Fil- me wiederholt, und wann immer ich einen sehe, bin ich von neuem überrascht, daß er ein guter Schauspieler war – vermutlich viel zu gut, um jemals die Rolle eines sentimental-einfältigen Taxifahrers mit einem Herzen so groß wie die ganze Welt zu spielen. Was Dr. Corvo anbelangt, so gab es eine Zeit, als alle wußten, was mit ihm geschehen war. Es war irgendwann zu Beginn der fünfziger Jahre, jedenfalls in dem Jahr, in dem die Fernsehgesellschaften ihre massivste Werbekam- pagne entwickelten und lancierten. Eine der massivsten wurde um die von Dr. Alexander Corvo, bedeutender Kinderpsychologe, unterzeichnete Behauptung aufgebaut, daß ein Junge oder ein Mädchen, in dessen Heim kein Fernsehgerät stand, in unserer Zeit höchstwahrscheinlich in einer an Gefühlen armen Welt aufwachsen würde. Alle anderen Kinderpsychologen, alle bekennenden Liberalen und nahezu jede Mutter und jeder Vater in den Vereinig- ten Staaten fielen über Alexander Corvo her wie ein Heu- schreckenschwarm, und als sie mit ihm fertig waren, war nicht mehr viel seines hohen Ansehens übrig. Seitdem, so behaupte ich jetzt einfach, verzichtet die New York Times jederzeit für einen Newbold Morris auf ein halbes Dut- zend Alexander Corvos., Und damit sind wir bei Joan und mir, und jetzt kommt der Schornstein. Ich muß Ihnen mitteilen, daß auch das, was sie und ich aufgebaut hatten, zusammengebrochen ist, vor ein paar Jahren. Oh, wir sind noch immer be- freundet – keine Auseinandersetzungen vor Gericht wegen Unterhaltszahlungen oder Sorgerechten oder etwas Ähn- lichem –, aber so ist es. Und wo sind die Fenster? Wo kommt das Licht herein? Bernie, alter Freund, verzeih mir, aber darauf weiß ich keine Antwort. Ich bin nicht einmal sicher, daß dieses Haus überhaupt Fenster hat. Vielleicht muß das Licht, so gut es kann, durch die Spalten und Ritzen eindringen, die das mangelhafte Geschick der Baumeister übrigließ, und wenn es so ist, kannst du gewiß sein, daß sich deshalb niemand schlechter fühlt als ich. Bei Gott, Bernie; bei Gott, hier sollte irgendwo unbedingt ein Fenster sein, für uns alle., Die Erzählungen »Doktor Schleckermaul«, »Alles, alles Gute« und »Überhaupt keine Schmerzen« wurden von Hans Wolf übersetzt, alle übrigen von Anette Grube. Die amerikanische Originalausgabe erschien 1962 unter dem Titel »Eleven Kinds of Loneliness« bei Little, Brown &Co., Boston, Massachusetts, USA. Der Übersetzung lag der 2001 bei Henry Holt and Company, LLC, New York, erschienene Sammelband »The Collected Stories of Richard Yates« zugrunde. Bibliographische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über Hhttp://dnb.ddb.deH abrufbar. Diese Ausgabe wurde auf chlor- und säurefrei gebleichtem, alterungsbeständigem Papier gedruckt. 1. Auflage Copyright © 1957,1961,1962, 2001 by the Estate of Richard Yates Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2006 by Deutsche Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Alle Rechte vorbehalten Typographie und Satz: DVA/Brigitte Müller Gesetzt aus der Stone Serif Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg Printed in Germany ISBN 10: 3-421-05859-8

ISBN 13: 978-3-421-05859-1

Hwww.dva.deH Zentaur2006-04-04]
15

Similar documents

Alfred Weidenmann Die Fünfzig vom Abendblatt
Alfred Weidenmann Die Fünfzig vom Abendblatt ISBN 3 7855 1766 1 © 1973 by Loewes Verlag, Bayreuth Umschlaggestaltung: Kajo Bierl und Creativ Shop Druck: Poligrafici Calderara, Bologna Printed in Italy Abendblatt oder Nachtexpreß Zur Straße hin machte das Abendblatt-Hochhaus mit seinen zwölf Stockwer
THOMAS WEINS TOTAL PERFEKT ALLES Roman
THOMAS WEINS TOTAL PERFEKT ALLES Roman MännerschwarmSkript Verlag Hamburg 2005 Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet die Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnd.ddb.de ab
Der junge Scheidungsanwalt Clarin freut sich auf ein ungestörtes
Der junge Scheidungsanwalt Clarin freut sich auf ein ungestörtes Pfingstwochenende in seinem Tessiner Ferienhaus, wo er einen Aufsatz für eine Fachzeitschrift schreiben möchte. Am ersten Abend lernt er auf der Terrasse des Hotels Bellavista einen älte- ren Mann kennen, einen scheinbar Verwirrten, ei
Rudolf Wolter OSTERN ERZÄHLEN Geschichten zum Osterkreis
Rudolf Wolter OSTERN ERZÄHLEN Geschichten zum Osterkreis eBOOK-Bibliothek Rudolf Wolter Ostern erzählen Geschichten zum Osterkreis (2006) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Bitte beachten Sie: Der Text dieses Erzählbandes unterliegt dem Urheberrecht. Eine kommerzielle oder a
Jenseits des Todes
JAMES WHITE Jenseits des Todes (Second Ending) ERICH PABEL VERLAG • RASTATT (BADEN) 1. Kapitel Das Erwachen war für Ross mehr wie ein allmähliches Auftauen aus einer körperlichen und geistigen Erstarrung. Irgendwo in seinem Bewußtsein begann es und breitete sich quälend langsam weiter aus, schmolz d
Ullstein Sachbuch
Ullstein Sachbuch Ullstein Buch Nr. 34125 im Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M – Berlin – Wien Die Originalausgabe erschien 1956 unter dem Titel »Earth In Upheaval« bei Doubleday & Company, Garden City, New York Aus dem Amerikanischen von Christoph Marx Ungekürzte Ausgabe Umschlagentwurf: Hansbernd
METTROPOLLIIS THEA VON HARBOU ROMAN OZEANISCHE BIBLIOTHEK 1984
METTROPOLLIIS THEA VON HARBOU ROMAN OZEANISCHE BIBLIOTHEK 1984 Irgendwann in ferner Zukunft, in der Superstadt Metropolis: Freder, der Sohn des mächtigen Finanz- Oligarchen Fredersen, verliebt sich in das Mädchen Maria, die pazifistische Führerin der unter unmensch- licher Akkordhetze schmachtenden
Rudolf Wolter OSTERLACHEN Kindergeschichten für die Osterzeit
Rudolf Wolter OSTERLACHEN Kindergeschichten für die Osterzeit eBOOK-Bibliothek Rudolf Wolter OSTERLACHEN Kindergeschichten für die Osterzeit (2005) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Bitte beachten Sie: Der Text dieses Erzählbandes unterliegt dem Urheberrecht. Eine kommerzie
Für John E. Varley
Für John E. Varley und für Francine und Kerry KAPITEL EINS »Rocky, würdest du dir das einmal anschauen?« »Hier spricht Käptn Jones. Zeig’s mir morgen früh!« »Es ist gewissermaßen wichtig.« Cirocco stand an ihrem Waschbecken und hatte das Ge- sicht voller Seife. Sie tastete nach einem Handtuch und wi
Der lang erwartete abschließende Band des mit dem
Der lang erwartete abschließende Band des mit dem JOHN W. CAMPBELL AWARD, dem HUGO GERNSBACK AWARD und dem NEBULA AWARD ausgezeichneten amerikanischen Autors der GÄA-TRILOGIE Der Satellit 06/3986 Der Magier 06/3987 Der Dämon 06/4313 Gäa ist das merkwürdigste Lebewesen im Sonnensy- stem: Selbst ein S
IMMANUEL VELIKOVSKY DIE SEEVÖLKER
IMMANUEL VELIKOVSKY DIE SEEVÖLKER AUS DEM AMERIKANISCHEN VON WOLFRAM WAGMUTH UND CHRISTOPH MARX UMSCHAU VERLAG Die Originalausgabe erschien 1977 unter dem Titel »Peoples of the Sea« bei Doubleday & Company, Inc., Garden City, New York Gescannt von c0y0te. Nicht seitenkonkordant. Das Register wurde e
DIE GROSSE GÄA-TRILOGIE VON JOHN VARLEY:
DIE GROSSE GÄA-TRILOGIE VON JOHN VARLEY: Der Satellit · 06/3986 Der Magier · 06/3987 Der Dämon · in Vorbereitung Titan, der Saturnmond, entpuppte sich als ein radförmi- ges Gebilde künstlichen Ursprungs mit einem Umfang von 4000 Kilometern. Das irdische Raumschiff »Ringma- ster« wird bei der Annäher
FrMaInCkH AWIL BeAdKeUkNinINd PHILOSOPH IE DER TAT Frühlings E rwachen
FrMaInCkH AWIL BeAdKeUkNinINd PHILOSOPH IE DER TAT Frühlings E rwachen Frank Wedekind Frühlings Erwachen (Geschrieben Herbst 1890 bis Ostern 1891) Dem vermummten Herrn Der Verfasser Erster Akt Erste Szene Wohnzimmer Wendla Warum hast du mir das Kleid so lang ge- macht, Mutter? Frau Bergmann Du wirst
Jürgen von der Lippe Monika Cleves SIEUNDER Botschaften aus parallelen Universen
SIEUNDER Jürgen von der Lippe Monika Cleves SIEUNDER Botschaften aus parallelen Universen Bei der Getrennt- und Zusammenschreibung folgt dieses Buch den Regeln der sprachlichen Vernunft und nicht denen der neuen Orthografie. 23407 06 © Eichborn AG, Frankfurt am Main, Februar 2006 Scan by Brrazo 04/2
Die Atmosphäre der Erde ist ruiniert
Die Atmosphäre der Erde ist ruiniert Und wenn die verheerenden Stürme über den ausgedörrten Kontinent hinwegrasen, sind sie zur Stelle: die Storm Troo‐ pers, Meteorologen und Computerfreaks, um die Spur der Vernichtung zu vermessen und sich den ausgeflipptesten Nervenkitzel zu verschaffen. Bruce Ste
Die 100 des Jahrhunderts: Ideen und Taten, die das 20.
Die 100 des Jahrhunderts: Ideen und Taten, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, vorgestellt in 100 präzisen biographischen Porträts. Die Komponisten : Ihre Melodien gehen um die Welt, ihre Kompositionen verändern das Musikverständnis – in Opern und Sinfonien, Liedern und Musicals. Zu ihnen gehören
Buch: Juni 1999: In Köln werden zahlreiche hochrangige Politiker
Buch: Juni 1999: In Köln werden zahlreiche hochrangige Politiker zum G-8-Wirtschaftsgipfel erwartet, darunter auch Bill Clinton und Boris Jelzin. Der serbische Diktator Milosevic hat vor den Verbänden der Nato die Waffen gestreckt, und nun soll über die Zukunft des Kosovo verhandelt werden. Die Stad
PROFESSORS ZWILLINGE In Italien
ELSE URY PROFESSORS ZWILLINGE In Italien Eine Geschichte für kleine Jungen und Mädchen TOSA VERLAG Die Erzählung PROFESSORS ZWILLINGE umfaßt die Bände PROFESSORS ZWILLINGE Bubi und Mädi PROFESSORS ZWILLINGE In der Waidschule PROFESSORS ZWILLINGE In Italien PROFESSORS ZWILLINGE Im Sternenhaus PROFESS
Buch: Eines Morgens liegt der Schäfer George Glenn tot im Gras, von einem Spaten
Buch: Eines Morgens liegt der Schäfer George Glenn tot im Gras, von einem Spaten an den Boden genagelt. Georges Schafe stehen vor einem Rätsel: Wer kann den alten Schäfer umgebracht haben? Miss Maple, das klügste Schaf der Herde, beginnt zu ermitteln. Aber wie findet man einen Mörder? Glücklicherwei
in UZu 563 brachten wird den Anfang von Otto Merks Ar-
NUMMER 565 Poul Anderson, H. Beam Piper, David Rome Außerirdische mal drei The Helping Hand, Naudsonce und Protected Species Ins Deutsche übertragen von Eduard Lukschandl ERICH PABEL VERLAG in UZu 563 brachten wird den Anfang von Otto Merks Ar- tikel aus dem Münchner Merkur. Hier ist nun der zweite
PROFESSORS ZWILLINGE in der Waldschule
ELSE URY PROFESSORS ZWILLINGE in der Waldschule Eine Geschichte für kleine Jungen und Mädchen TOSA VERLAG Die Erzählung PROFESSORS ZWILLINGE umfaßt die Bände PROFESSORS ZWILLINGE Bubi und Mädi PROFESSORS ZWILLINGE In der Waldschule PROFESSORS ZWILLINGE In Italien PROFESSORS ZWILLINGE Im Sternenhaus
Kurt Tucholsky SCHLOSS GRIPSHOLM
Kurt Tucholsky SCHLOSS GRIPSHOLM eBOOK-Bibliothek Kurt Tucholsky SCHLOSS GRIPSHOLM (1931) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Kurt Tucholsky (09.01.1890 – 21.12.1935) 1. Ausgabe, Juni 2006 © eBOOK-Bibliothek 2006 für diese Ausgabe © Johan Lindberg 2002 – 2006 für die Titelpho
Frank Schätzing Nachrichten aus einem unbekannten Universum Eine Zeitreise durch die Meere s&p 05/2006
Frank Schätzing Nachrichten aus einem unbekannten Universum Eine Zeitreise durch die Meere s&p 05/2006 Über viereinhalb Milliarden Jahre geheimer Geschichten, wuchtiger Dramen, verblüffender Wendungen und seltsamer Erfindungen wie Photosynthese, Sex oder Menschen. In seinem neuen Buch erzählt Frank
PROFESSORS ZWILLINGE Bubi und Mädi
ELSE URY PROFESSORS ZWILLINGE Bubi und Mädi Eine Geschichte für kleine Jungen und Mädchen TOSA VERLAG Die Erzählung PROFESSORS ZWILLINGE umfaßt die Bände PROFESSORS ZWILLINGE Bubi und Mädi PROFESSORS ZWILLINGE In der Waldschule PROFESSORS ZWILLINGE In Italien PROFESSORS ZWILLINGE Im Sternenhaus PROF
P. J. Tracy DER KÖDER Thriller
P. J. Tracy DER KÖDER Thriller Deutsch von Teja Schwaner Alte Menschen sterben schneller. Das gilt vor allem dann, wenn sie ein psychopathischer Mörder ins Jenseits befördert. Mit so einem Menschen bekommen es die Detectives Leo Magozzi und Gino Rolseth im kleinen US-Städtchen St. Paul zu tun. Gleic
ROBERT SILVERBERG DAS LAND DER LEBENDEN
ROBERT SILVERBERG DAS LAND DER LEBENDEN Roman Aus dem Amerikanischen übersetzt von ROLAND FLEISSNER Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 0605542 Titel der amerikanischen Originalausgabe TO THE LAND OF THE LIVING Deutsche Übersetzung von Roland Fleiss
Aino Trosell Die Taucherin
Aino Trosell Die Taucherin Roman Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek Gustav Kiepenheuer Verlag Originalausgabe: Ytspänning, Bokförlaget Prisma, Stockholm 1999 Die Übersetzung wurde gefördert von Svenska Institutet, Stockholm ISBN 3-378-00635-8 1. Auflage 2001 © 1999 Aino Trosell © Gustav Kiepenh
Thomas von Aquin Über die Herrschaft der Fürsten Reclam
Thomas von Aquin Über die Herrschaft der Fürsten Reclam THOMAS VON AQUIN Über die Herrschaft der Fürsten ÜBERSETZUNG VON FRIEDRICH SCHREYVOGL NACHWORT VON ULRICH MATZ PHILIPP RECLAM JUN. STUTTGART Originaltitel: De regimine principum Die Übersetzung wurde von Ulrich Matz revidiert Universal-Biblioth
RÄCHER VON DEN STERNEN
RÄCHER VON DEN STERNEN Er ist einer von vielen Wächtern, die seit Jahrhun- derten nach Invasoren aus den Tiefen des Welt- raums Ausschau halten. Dann, eines Tages, kommt seine große Stunde, und sein Daseinszweck ist er- füllt – er entdeckt die Angreifer und schlägt Alarm. Aber er kann nicht verhinde
Johanna Spyri: Artur und Squirrel
Johanna Spyri: Artur und Squirrel Auf Lärchenhöh Die Lärchenbäume am Hügel standen im ersten jungen Grün und wiegten ihre leichten Zweige hin und her im frischen Frühlingswind. Bis hinauf zum Tannenwäldchen zogen sie sich in Gruppen da und dort über das Weideland hin, und oben im Wäldchen schien ihr