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Sie wussten, daß sie dem Tod geweiht waren... Eingekreist von kubanischen Militärberatern und Angehörigen einer obskuren Nationalen Front saßen sie in der Falle. Wenn sie weiterkämpften, würden sie aufgerieben, ergaben sie sich, dann wartete auf sie ein Schauprozess und am Ende das Todesurteil, das gewöhnlich sofort vollstreckt wurde. Es gab jedoch für die Söldner noch eine dritte Möglichkeit... und die kam aus dem Nichts und sah einem Ufo verdächtig ähnlich... Jerry Pournelle Die entführte Armee Illustrationen von Bermejo BASTEI‐LUBBE‐TASCHENBUCH Science Fiction Special Band 24.013 Erste Aufl...
Autor Anonym
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Sie wussten, daß sie dem Tod geweiht waren... Eingekreist von  kubanischen Militärberatern und Angehörigen einer obskuren  Nationalen  Front  saßen  sie  in  der  Falle.  Wenn  sie  weiterkämpften,  würden  sie  aufgerieben,  ergaben  sie  sich,  dann  wartete  auf  sie  ein  Schauprozess  und  am  Ende  das  Todesurteil, das gewöhnlich  sofort vollstreckt wurde. Es gab  jedoch  für die Söldner noch eine dritte Möglichkeit... und die  kam aus dem Nichts und sah einem Ufo verdächtig ähnlich...,                                                Jerry Pournelle            Die entführte   Armee   Illustrationen  von  Bermejo, BASTEI‐LUBBE‐TASCHENBUCH  Science Fiction Special  Band 24.013      Erste Auflage: November 1980  Zweite Auflage: Mai 1989                              © Copyright 1980 by Jerry Pournelle,  Published by arrangement with Charter Communications Inc.  © Copyright 1980 der deutschsprachigen Ausgabe  bei Bastei‐Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co.  All rights reserved  Bastei‐Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co. Bergisch Gladbach  Originaltitel: Janissaries  Ins Deutsche übertragen von Petra Betzer  Titelillustration: Esteban Maroto  Umschlaggestaltung: Quadro Grafik, Bensberg  Druck und Verarbeitung:  Brodard & Taupin, La Fleche, Frankreich  Printed in France  ISBN 3‐404‐24.013‐8 ,         Für Tom Doherty         ,       TEIL I      Die Söldner,                                 1    Das Mörserfeuer näherte sich stetig.  Rick Galloway hörte den scharfen Knall von mindestens fünf  Mörsern.  Dann  herrschte  für  einen  Moment  Stille.  Es  war  gerade  Dämmerung,  und  die  dauerte  in  den  Tropen  nicht  lange. Die Nacht kam schnell, und mit ihr kamen die Stimmen  des  tropischen,  afrikanischen Hochlands: Vögel, Grillen  und  nicht  identifizierbare  Kreaturen  riefen  einander  in  der  plötzlich einbrechenden Dunkelheit. Eine leichte Brise ließ das  trockene Gras auf der Spitze des Hügels rascheln.  Man  hörte  das  Rattern  von  entferntem  Maschinengewehrfeuer. Es klang viel zu nah. , »Ich glaube, die Straßensperre ist hinüber«, sagte Lieutenant  Parsons.  Seine  Stimme  wirkte  überraschend  ruhig.  »Sie  werden innerhalb dieser Stunde hier sein.«  »Yeah.« Captain Galloway schwenkte seine Nachtgläser den  südlichen  Hang  des  Hügels  entlang,  hinunter  zu  der  Querstraße,  in  der  sie Major Hendrix mit  den Verwundeten  zurückgelassen hatten. Es gab nichts zu sehen. Er drehte sich  vorsichtig um und  ließ den Blick über den Hügel  schweifen,  der  im Moment  seine  ganze Welt  bedeutete.  Er  sah  nichts  außer dem winzigen Überrest seines Kommandos. Die Männer  hatten  sich  eingegraben  und  gute  Arbeit  geleistet  mit  dem  wenigen, das sie hatten.  »Wo,  zur  Hölle,  sind  diese  Helicopter?«  fragte  Galloway.  Trotz  der  kühlen  Brise,  die  nach  Sonnenuntergang  aufgekommen war,  fühlte er Schweißtropfen auf seiner Stirn.  »Elliot!«  »Sir.«  Sergeant  Elliot  erhob  sich  am  anderen  Ende  des  Grabens,  an  dem  Galloway  stand.  Der  Graben  war  nicht  gebunkert,  aber  es  war  keine  Zeit,  um  eine  bessere  Verteidigungsanlage  für  den  Kommandoposten  zu  konstruieren.  »Können  Sie  nicht  das  Hauptquartier  erreichen?«  fragte  Galloway.  »Nein,  Sir.  Warner  versucht  es  immer  noch.«  Der  große  Sergeant drehte sich wieder dem Radio zu.  »Vielleicht  sollten  wir  die  Männer  laufenlassen«,  schlug  Parsons vor. »Einige kommen vielleicht durch.«  Rick  schüttelte den Kopf. »Wohin  sollen  sie  laufen?«  fragte  er.  Parsons  zuckte  die  Achseln.  »Wir  riskieren  unser  Leben , praktisch für nichts und wieder nichts – «  »Wir  schenken  unseren  Arbeitgebern  noch  eine  Stunde«,  sagte  Galloway.  Seine  Stimme  klang  so  bitter,  wie  er  sich  fühlte, obwohl er versuchte, seine Gefühle im Zaum zu halten.  »Es  gibt  keine  Gemeinsamkeiten,  Andre«,  sagte  Galloway.  »Wir  sprechen  nicht  die  Sprache,  wir  haben  die  falsche  Hautfarbe,  und wir  sind  umzingelt.  Ich  vermute,  die Hälfte  der Truppen ist weggelaufen. Sie wissen, was los ist, Elliot!«  »Sir.«  »Wie viele verfügbare Leute haben wir?«  »Vielleicht fünfzig, Captain.«  »Da hast du’s«, sagte Rick. »Ungefähr die Hälfte von denen,  die wir  auf diesen  blöden Berg  gebracht haben. Der Rest  ist  davongelaufen.«  Er  wußte,  daß  er  zuviel  redete,  zu  viele  Worte machte; aber er war  jung und unerfahren, und er hatte  Angst.  Parsons nickte in die Dunkelheit. Er nahm eine Plastikflasche  von seinem Gürtel. »Wein?«  »Sicher.«  Rick  nahm  die  Literflasche  und  trank  ein  paar  Schlucke des örtlichen Weins. Parsons trug immer eine Flasche  mit sich rum. Rick war sicher, daß »Parsons« nicht der richtige  Name des Lieutenants war. Parsons  sprach  Französisch und  Deutsch, und manchmal deutete  er  an, daß  er  einmal  in der  Legion gedient hatte.  Es  war  auch  unwichtig.  Außerdem  war  Rick  auch  kein  richtiger Captain. Die Operation ging vom CIA aus, und die  Agentur borgte sich Leute, wo sie sie kriegen konnte.  Galloway gab Parsons die Flasche zurück, der sie mit einem  spöttischen Toast an die Lippen  setzte. »Auf uns, von denen  verdammt wenige übriggeblieben sind.« , »Sie lassen sich Zeit mit dem Angriff«, sagte Rick.  »Sie  haben  Angst  vor  uns.«  Parsons  Stimme  war  ein  höhnisches Trällern in der Dunkelheit.  »Sicher«, sagte Galloway. Aber sie sind übermächtig, dachte  er.  Wir  haben  mehr  als  eine  kubanische  Söldnertruppe  erledigt. Trotz  jeder Hilfe der Politiker, die uns hier  in Sainte  Marie  absetzten,  haben  wir  nicht  gewonnen.  Das  lag  nahe.  Was war  es noch, das Wellington über Waterloo  sagte? Eine  todsichere Sache – eine Sache, die so sicher ist, wie man es nie  zu  hoffen  gewagt  hatte.  Ja,  genauso  war  es,  aber  der  Unterschied ist, daß wir es sind, die verlieren.  Offiziell  waren  sie  Freiwillige,  und  sie  erhielten  von  den  Vereinigten Staaten keine Unterstützung; aber die meisten von  ihnen waren ehemalige Soldaten der US‐Armee, und der CIA  brachte  sie  herein.  Die  Kubaner  und  Russen  machten  jedenfalls  kein Geheimnis  aus der Hilfe, die  sie der  anderen  Seite gaben.  »Ich  habe  das Hauptquartier  am Draht«, meldete  Sergeant  Elliot.  »Mirabile dictu«, murrte Parsons.  Rick  kroch  hinüber  zum  Radio.  Vielleicht  werden  Gebete  doch  erhört,  dachte  er.  Im  Süden  war  heftiges  Feuer  automatischer  Waffen  zu  hören,  und  eine  Mörserbombe  schlug fünfzig Yard unterhalb ihrer Stellung in den Berghang  ein.  Rick  schätzte,  daß  der  Feind  weniger  als  eine  Meile  entfernt war. Es würde nun nicht mehr lange dauern.  »Galloway  hier«,  sagte  er  ins Mikrophon.  »Könnt  ihr  uns  zum Teufel nicht hier rausholen?«  »Negativ.«  Das einzelne Wort war das Todesurteil. Rick setzte an, um ,                                                            , das  auszusprechen,  dann  überlegte  er  es  sich  anders.  Sie  wußten das auch. »Warum nicht?«  »Es  tut  mir  leid,  Rick.«  Galloway  erkannte  Colonel  Blumfelds  Stimme.  Blumfeld war  einer  der Männer,  die  auf  ihn  eingeredet  hatten,  sich  freiwillig  für  diesen  Auftrag  zu  melden.  »Ich hätte die Helicopter  sonstwohin geschickt, und  zur Hölle mit meiner Karriere, aber  ich habe keine Maschine,  die ich schicken kann. Sie kamen und schafften sie fort.«  »Sie?«  »Befehl von oben.«  Blumfeld klang unglücklich. Rick dachte, daß er verdammt  genug Grund hatte, unglücklich zu sein.  »Ihr Befehl lautet zu kapitulieren«, sagte Blumfeld.  »Großer  Gott.  Die  Kubaner  werden  uns  in  einem  Schauprozeß als Söldner vorführen, und dann schießen sie uns  ab.«  »Sie sagen, das täten sie nicht.«  »Sicher. Colonel, schicken Sie mir nun Unterstützung?«  »Nein.«  »Dann  fahren Sie zur Hölle!« Galloway gab Sergeant Elliot  das Mikro, dann ging er dorthin zurück, wo Parsons stand.  Parsons  hörte  mit  einem  halben  Lächeln  zu,  das  im  Sternenlicht  kaum  zu  sehen  war.  Dann  nahm  er  seine  Weinflasche hervor.  »Wir haben  ein gutes Rennen geliefert«,  sagte er.  Rick streckte die Hand nach der Flasche aus. »Darauf werde  ich trinken.«  »Und jetzt, was weiter?«  Rick zuckte die Achseln. Es gab wenig Auswahl. Sie waren  weiße  Männer  in  einem  schwarzen  Land.  Rick  war  schon , immer schnell beim Erlernen fremder Sprachen, aber selbst er  kannte  kaum  genug  von  dem  örtlichen  Dialekt,  um  Lebensmittel  zu  kaufen.  Sie würden  sofort  entdeckt werden,  egal, wohin sie gingen.  Major  Jefferson  hatte  alle  schwarzen  Truppen  bei  einem  Infiltrationsangriff  eingesetzt.  Rick  hoffte,  daß  sie  durchgekommen  waren,  aber  ohne  die  schwarzen  Truppen  existierte  auch  nicht mehr der Anspruch  auf  eine  integrierte  Armee. Keine Schwarzen, die  für sie sprechen und sie  tarnen  konnten. Rick fragte sich, ob das etwas nützen würde. Es kam  wahrscheinlich darauf an, wer sie gefangennehmen würde.  Es war  sein  erstes  und  sehr wahrscheinlich  auch  einziges  Kommando, das er  je hatte. Er hatte wenig Kampferfahrung.  Er hatte als junger Lieutenant begonnen, als er aus dem ROTC  der  staatlichen  Universität  kam.  Seine  Beförderung  zum  Captain  ohne  Sold  kam  gerade  zur  rechten  Zeit  und  am  rechten Ort. Er war klug genug nicht zu denken, daß es mehr  bedeutete.  Rick dachte, daß es überhaupt nicht viel bedeutete. Parsons  war ein Karrieremensch, aber das Militär war nicht Galloways  Karrieretraum.  Das  ROTC  war  ein  einfacher  Weg,  die  Collegeausbildung zu bezahlen, die er sich von Haus aus nicht  leisten konnte.  Die  andere Alternative war Football. Rick war  schnell und  drahtig.  Wäre  er  zum  Football  gegangen,  hätte  er  ein  Stipendium  mit  allen  Nebenverdiensten  eines  Stars  bekommen. Aber  er mochte das Spiel nicht. Es  erforderte zu  viele Verpflichtungen.  Statt dessen wechselte er zum Laufteam und errang so seine  Urkunde. Der Wettlauf besaß nicht den Glanz des Footballs; , die  Football‐Stars  hatten  die  erste Wahl  bei  den  Mädchen.  Andererseits  konnten  sie  ihre  Chancen  oft  wegen  Verletzungen  oder  den  Trainingsvorschriften  nicht  wahrnehmen. , Ein Läufer zu sein, war aus Rick Galloways Sicht wesentlich  angenehmer. Er sagte sich das selbst sehr oft. Aber das Laufen  war  für  den  Studenten  nicht wichtig  genug;  es waren  nicht  immer  solche  leichten  Jobs  verfügbar.  Die  ROTC  versorgte  Rick mit dem nötigen Geld.  Als Rick seine Abschlußprüfung machte, stellte er  fest, daß  er  sich  nie  zu  irgend  etwas  besonders  hingezogen  gefühlt  hatte. Er hatte nie eine Verbindung gesucht, noch hatte er  ihr  entgegengewirkt.  Er  hatte  wenige  festgefügte  politische  Ansichten.  Er war  ein  professioneller Neutraler,  und  er war  sich nicht sicher, ob ihm dieses Image gefiel.  Ein  Klassenkamerad,  John  Henry  Carter,  war  ein  Karrieremensch beim Militär und hatte sich freiwillig für diese  CIA‐Operation  in Afrika gemeldet. Er  sprach Rick darauf an  mitzumachen; ein Abenteuer, das er erleben konnte, während  er noch jung war, und bevor er einen stumpfsinnigen Job und  ein  noch  stumpfsinnigeres  Leben  annahm.  Er wußte,  daß  es  die Möglichkeit gab, getötet zu werden, aber er war in seinem  Leben noch nie ernsthaft bedroht worden. Er konnte schneller  laufen als jede Gefahr.  Carter war der einzige schwarze Mann, den Rick gut kannte,  und der einzige Freund, den er in der Truppe hatte. Nun war  Carter mit Major Jefferson unterwegs. Major Hendrix hatte ein  Bein verloren, und war zurückgeblieben, um die Straßensperre  südlich von ihnen zu halten. Parsons und Galloway waren die  einzigen Offiziere, die übriggeblieben waren.  Der Plan  sah  vor, daß Galloway den Berg  einnehmen und  halten  sollte,  bis  die  Helicopter  kamen;  dann  konnten  sie  zurückgehen, um nach den Verwundeten zu sehen. Rick gefiel  diese  Idee von Anfang an nicht, aber Hendrix machte  sie zu , einem Befehl.  Jemand hatte die Straßensperre zu halten, und  jemand  anders  hatte  einen  Landeplatz  zu  erobern;  Hendrix  konnte  nicht  gehen,  wodurch  die  Bergspitze  an  Galloway  hängenblieb.                                                     ,   Aber  Hendrix  hatte  die  Straßensperre  nicht  mehr  lange  gehalten – und nun würden hier keine Helicopter landen.  Und das war’s, dachte Rick. Er hatte überhaupt keine Wahl.  Zum ersten Mal konnte er nicht einmal davonlaufen…  Etwas erregte  seine Aufmerksamkeit. Rick  sah hoch. »Was,  zur Hölle?« Er rief in den schwarzen Himmel. Ein helles Licht  bewegte  sich  zwischen  den  Sternen.  Es  schien  näher  zu  kommen,  und  es  verursachte  kein  Geräusch.  »Woher  bekommt Labon Flugzeuge?« fragte Rick.  Parsons  zuckte  die Achseln.  »Von  den Kubanern,  vermute  ich – aber Rick, das ist kein Flugzeug.«  Er  hatte  recht. Das  Licht  kam  in  einer  solch  fremdartigen  Flugweise  näher,  wie  Rick  es  noch  bei  keinem  Flugzeug  gesehen  hatte.  Man  sah  nur  dieses  eine  Licht;  es  war  unmöglich,  die  Form  oder  die  Größe  des  Fluggerätes  auszumachen,  aber  es  ragte  wie  ein  Fleck  aus  den  Sternen  heraus. Zu  viele  Sterne.  Er  bemerkte mit  Schaudern,  daß  es  riesig war.  Es  bewegte  sich  zu  schnell  vorwärts  und  rotierte  seltsam, und das in absoluter Stille.  Es  sank nach unten, und  ein glänzender Lichtstrahl zuckte  herab  und  erleuchtete  den  Bergkamm.  Der  Widerschein  reichte aus, um zu enthüllen, was die tropische Nacht verbarg.  »Eine  gottverdammte  fliegende Untertasse!«  schrie  einer  aus  der Truppe. Dann hörten sie einen Schuß.  »Nicht feuern!« schrie Rick.  Parsons sah ihn neugierig an.  »Das kommt nicht von Labon. Warum darauf schießen? Und  –  ich  bin nicht  sicher,  ob wir  ihm überhaupt  etwas  anhaben  können…« , »Es landet«, sagte Parsons überflüssigerweise.  »Klar.«  Rick  verspürte  den  albernen Wunsch  zu  kichern.  Warum  nicht?  dachte  er. Wir  sind  besiegt,  umzingelt,  jeder  von uns  ist  innerhalb dieser Woche  fällig,  also warum  nicht  auch noch fliegende Untertassen? Er fühlte sich wirr im Kopf,  und das kam nicht allein vom Wein. Er war froh, daß er nicht  den hier gebräuchlichen Pot versucht hatte.  Fliegende Untertassen gab es nicht wirklich. Aber sie waren  auch keine  Science Fiction. Das Mädchen, von dem  er gerne  als  »seinem« Mädchen  dachte  –  er wußte,  daß  sie  sich  über  diese Bezeichnung geärgert hatte, und er sagte dies auch nie,  wenn  sie dabei war, aber  er dachte gerne von  sich  selbst als  von einem Mann, der einmal ein Mädchen hatte –, interessierte  sich sehr für Science Fiction und hatte Rick dazu verleitet, ein  paar  von  den Klassikern  zu  lesen;  aber weder  sie  noch  ihre  Freunde »glaubten« an fliegende Untertassen.  Das Ding setzte auf der Bergspitze auf. Es war sehr groß, so  groß wie  eine  707,  und  es  hatte  nicht  genau  die  Form  einer  Untertasse,  obwohl,  wenn  man  es  aus  einiger  Entfernung  betrachtete,  es  durchaus  diesen  Eindruck  erweckte.  Es  sah  mehr  aus  wie  ein  halber  Football,  der  der  Länge  nach  aufgeschlitzt war,  am Boden war  es  nahezu platt.  Für  einen  Moment  tat es gar nichts. Dann öffnete  sich  in der Mitte der  einen Seite ein glänzendes, orangefarbenes Rechteck.  Sergeant Elliot  kam  zu  ihm  hoch. Andere  von der Truppe  krochen in den Graben. »Was tun wir, Captain?« fragte Elliot.  »Die Männer sollen auf ihren Posten bleiben«, sagte Rick. Er  beobachtete  die  glänzende  Öffnung.  Nichts  tat  sich.  Die  einzigen Geräusche waren das Murren seiner eigenen Truppe,  und niemand – oder kein Ding – kam heraus. »Übernimm du«, , sagte er zu Parsons. »Ich gehe hin und sehe nach.«  Parsons  spreizte  seine  Hand  in  einer  ratlosen  Geste,  ein  typisch  französisches Achselzucken.  »Du  bist  verrückt. Aber  ich werde mit dir gehen – «  »Nein.« Rick starrte wieder das Schiff an. Für einen Moment  fühlte  er  Hoffnung  in  sich  aufsteigen.  Konnte  dies  ein  Spezialflugzeug  sein,  dessen  Existenz  vom  CIA  geheimgehalten  wurde,  und  das  ihn  nun  hier  herausholen  sollte? Die Agentur  hatte  sie  in  diesen  Schlamassel  gebracht  und würde sich in eine unangenehme Lage bringen, wenn sie  gefangengenommen  wurden.  »Elliot,  versuchen  Sie  das  Hauptquartier zu erreichen.«  »Geht nicht, Sir. Das Radio funktioniert nicht mehr, seit wir  dieses Ding gesichtet haben.«  »Fliegende Untertasse«, murmelte jemand.  Rick  hatte  diese  Geschichten  gehört. Wo  immer  fliegende  Untertassen  auftauchten,  hörte  sämtliches  elektrische  Gerät  auf zu arbeiten, Autozündung, Radios, Fernsehen, alles.  Aber  so  was?  Er  redete  sich  ein,  daß  die  Agentur  dieses  Schiff geschickt hatte, um ihn zu retten. Es konnte stimmen, sie  könnten  tatsächlich  ein  geheimes  Schiff  riskieren,  um  die  schwerwiegenden politischen Folgen zu vermeiden, wenn sie  gefangen wurden, und –  Es führte zu nichts, wenn er es nur anstarrte. Er wollte nicht  alleine  gehen,  aber  Parsons  mußte  hierbleiben  und  das  Kommando übernehmen, und Elliot wurde gebraucht, um die  Truppe zu kontrollieren. Er sah nach den anderen, die zu ihm  in den Graben geklettert waren. »Mason, komm du mit mir.«  »Okay.« Mason war Korporal; ein kleiner, stämmiger Mann  mit  viel  Selbstvertrauen  und  phlegmatischem  Temperament. , Er würde mitmachen.  Rick nahm sein Gewehr und setzte sich in Bewegung. Mason  machte sein Gewehr schußbereit und ging direkt hinter Rick.  »Ich  habe  nie  an  fliegende  Untertassen  geglaubt«,  sagte  Mason.  »Ich  auch  nicht.  Ich  bin  nicht  sicher,  ob  ich  es  jetzt  tue«,  verriet  ihm Rick. »Es könnte die Agentur  sein, die uns holen  kommt.«  »Ja, sicher«, sagte Mason.  Rick konnte sich vorstellen, wie der Mann  sich  fühlte. Rick  Galloway glaubte  es nämlich  auch nicht. Das hier war keine  Illusion, keine Fata Morgana. Es war nicht die Venus und auch  kein Wetterballon. Dies war ein echtes Schiff, das  lautlos auf  diesem Berg gelandet war, und es war verdammt zu modern  und  ungewöhnlich,  eine  »einfache«  geheime Waffe  zu  sein.  Jeder, der  eine Flotte von Schiffen wie diesem besaß, konnte  die ganze Welt beherrschen. So wie es hereingekommen war,  lautlos, und seine Richtung aufs Geratewohl ändernd, war es  für  jede  Rakete  oder  jeden  Abfangjäger,  von  dem  Rick  je  gehört hatte, nicht zu stoppen.  Er  erreichte  das  erleuchtete  Viereck.  Er  konnte  die  Blicke  seiner  Leute  auf  seinem  Rücken  spüren.  Im  Süden  setzte  wieder das Knattern von Gewehrfeuer ein, und ungefähr die  Hälfte von seinen Leuten hatte  ihre Posten verlassen, um das  Schiff  zu beobachten. Andere  aber  gruben  sich  ein,  grimmig  abwartend.  Sie  hatten  die  Kubaner  für  den Hügel  bezahlen  lassen. Aber wie  lange konnten sie  ihn noch halten? Rick sah  in das Schiff hinein.  Das erleuchtete Viereck war ein Türeingang, zu einer kleinen  Kammer,  ungefähr  drei Meter  lang.  Es war  niemand  darin, , und man  konnte  an  drei  von  den Wänden  etwas  erkennen,  was man für Schiebetüren halten konnte, die aber geschlossen  waren. Die Öffnung war etwas weniger als zwei Meter hoch,  ein  Stückchen  zu  niedrig  für Ricks Athletenkörper. Er  stand  draußen, und schaute nach drinnen, bis er sich blöd vorkam.  Schließlich rief er: »Jemand zu Hause?«  »Kommen Sie herein, Captain Galloway«, sagte eine Stimme.  Es war  eine  ganz  gewöhnliche männliche  Stimme,  nicht  im  mindesten  unirdisch.  »Sie  haben  sehr  wenig  Zeit,  Captain.  Kommen Sie an Bord.«  »Mein Gott,  vielleicht  ist  es  die Agentur«, murmelte  Rick.  Was  immer  er  vermutet  hatte,  auf  keinen  Fall  war  es  eine  gewöhnliche, menschliche Stimme, mit einem Akzent, den er  nirgends einordnen konnte.  Es  sprach wieder.  »Sie  lassen  vielleicht  besser  Ihre Waffen  draußen. Sie werden Sie nicht brauchen, und  sie veranlassen  Sie wahrscheinlich  nur  zu  voreiligen  Reaktionen. Wenn wir  Ihnen schaden wollten, wären Sie jetzt tot.«  Das, dachte Rick, war  auf  jeden  Fall  sicher. Dieses Ding  –  was  immer  es  war  –  konnte  nicht  schlimmer  sein  als  die  Kubaner. Er nahm  seine Waffe von der Schulter und  ließ  sie  auf den Boden gleiten. Mason  tat das gleiche, warf  ihm aber  einen  bedeutsamen  Blick  zu.  Rick  nickte.  Sie  hatten  beide  Messer,  und  Rick  hatte  seine  45er  Automatik  unter  seiner  Jacke. Er war sicher, daß Mason auch eine hatte.  Die Öffnung  lag unbequem hoch über dem Boden.  »Keine  Laufplanke für uns«, sagte Rick zu Mason. Er legte seine Hand  auf die Schwelle. Es  fühlte sich wie Metall an und war  leicht  erwärmt.  »Hier  geht’s«,  murmelte  er  und  sprang  hinein.  Mason folgte dichtauf. ,                                     Er  hatte  halb  vermutet,  daß  sich  der  Eingang  schließen  würde,  sobald  sie drinnen waren, aber es  tat  sich nichts. Die  Tür zu seiner Linken glitt leise auf und gab den Blick auf einen  kurzen Korridor frei. Rick gestikulierte Mason,  ihm zu folgen  und trat ein. Am entgegengesetzten Ende glitt eine andere Tür  auf. Der Raum dahinter war sehr hell beleuchtet.  Er  trat behutsam ein und  fühlte sich auf einmal sehr allein.  Corporal Mason hatte  zwei Tage vorher nicht gezögert,  eine  Infanterie‐Attacke  auf  einen  kubanischen  Tank  anzuführen,  und  hatte  sich  dabei  allein  an  ihn  rangeschlichen  und  eine  Mine hineingeworfen; er sah jetzt sehr viel nervöser aus als bei  dem Angriff  auf  den  Tank.  Rick  fragte  sich,  ob  er  genauso , zittrig,  war  wie  der  Corporal,  und  versuchte  sich  geradezuhalten und die Kontrolle über  sein Gesicht nicht zu  verlieren. Es ging nicht, daß die Truppe  ihren Offizier zittern  sah.  Seine  Augen  hatten  sich  an  das  grelle  Licht  gewöhnt.  Es  waren  – Wesen  –  in dem Raum. Drei davon, und  sie waren  nicht menschlich.      2    Sie  hatten menschenähnliche Gestalt.  Sie  hatten  zwei Arme,  zwei Beine und zwei Augen, aber die Proportionen stimmten  nicht.  Die  Schultern  waren  zu  hoch,  fast  als  ob  sie  keine  Nacken hätten, und  ihre Köpfe saßen auf zu dicken Körpern.  Sie  trugen  Kleider,  Schutzanzüge  von  glänzendem,  metallischem  Aussehen,  einer  mattgrau,  die  anderen  zwei  hatten  hellere  Farben,  die  schimmerten,  wenn  sie  sich  bewegten.  Ihre Hände besaßen nur drei Finger, aber davon waren zwei  Daumen  –  einer  auf  jeder  Seite  einer dicken Handfläche.  Sie  hatten keine Haare, soweit Rick es sehen konnte. Ihre Lippen  waren  dünn  –  zu  dünn,  um menschlich  zu  sein  –,  und  ihre  Münder  saßen zu hoch  in  ihren  fremden,  flachen Gesichtern.  Mund zu hoch, Augen zu niedrig, Nase – keine richtige Nase,  stellte  Rick  fest.  Statt  dessen  war  da  ein  fleischiger,  schnauzenartiger Schlitz wie ein vertikaler zweiter Mund. Er  reichte hoch, bis er beinahe die Augenlinie erreichte.  Es kostete  einige Anstrengungen, die Augen von  ihnen  zu  lösen  und  den  Raum  zu  inspizieren.  Er  war  fast  leer.  Im , oberen  Bereich  des  Zimmers  befanden  sich  Bildschirme,  Fernsehern  ähnlich,  nur  sehr  dünn. Manche  zeigten  Bilder:  Ricks Soldaten, die draußen standen; Lieutenant Parsons und  Sergeant Elliot, die  redeten und mit den Fingern zeigten; die  Maschinengewehr‐Stellungen. Die Fremden schienen  fast alle  seiner  Verteidigungsanlagen  entdeckt  zu  haben,  und  ihre  Fernseher  zeigten  helle  Bilder,  obwohl  es  draußen  nahezu  stockdunkel war.  Die  Kreaturen  saßen  an  einem  langen  Tisch,  der  der  Tür,  durch  die  sie  hineingekommen  waren,  gegenüberstand.  Er  war zu hoch – wenigstens einen Fuß höher als ein Tisch, der  für  Menschen  gewesen  wäre  –,  und  er  war  durchsichtig,  schimmerte aber nicht wie Glas, und war beinahe unsichtbar.  Ein kleiner Kasten mit Lichtern und farbigen Feldern ruhte auf  dem Tisch.  Rick hatte den Eindruck, daß  er  zur Kontrolle von  einigen  der  Bildschirme  diente;  schließlich  waren  da  noch  flache,  rechteckige Platten, einen  Inch  lang, manche  in hellen Farben  leuchtend,  andere  farbig,  jedoch dunkel. Es konnten Schalter  oder  Sensortasten,  aber  es  konnte  auch  sonstwas  sein.  Der  Raum war jedenfalls genauso fremd wie die Kreaturen.  Trotz dem starken Wunsch, sich in eine Ecke zu verkriechen  und zu winseln, studierte Rick den Raum sehr sorgfältig und  versuchte die neuen  Informationen  einzuordnen und  in  eine  logische  Folge  zu  bringen.  Er  versuchte  weiter  sich  einzureden, daß dies ein Traum war, aber er wußte es besser.  Endlich war er in der Lage, zu sprechen. »Hallo.«  Als die Fremden  sprachen, bewegte  sich beides, der Mund  und  der  Nasenschlitz.  »Sie  haben  sehr  wenig  Zeit,  Captain  Galloway«, sagte der graugekleidete Fremde. Die Stimme war ,                                                            , sehr  nüchtern.  Sie  klang  männlich,  aber  Rick  rief  sich  ins  Bewußtsein, daß  er das Geschlecht der Kreatur nicht kannte.  Oder,  dachte  er,  ob  sie  überhaupt  Geschlechter  besitzen?  »Vielleicht sogar zuwenig. Wir haben wahrscheinlich zu lange  gewartet. Wir sind hier, um Sie und Ihre Männer zu retten.«  »Wer, zur Hölle – «  »Später. Wir haben jetzt keine Zeit zu verlieren.«  Sicher, dachte Rick. Später. Aber der Fremde hatte recht. Die  Kubaner rückten schnell vor. Er versuchte, seine Gedanken zu  ordnen, aber es war schwierig, zu akzeptieren, was er tat, daß  er mit Dingen  sprach. Der Mann, der  redete  – Mann? Nein.  Kein Mann. Kein Mann, der redete, beides, in seinem Kopf lief  alles durcheinander. Er hatte keinen Anhaltspunkt, von dem  er ausgehen konnte. Schließlich  fand er seine Stimme wieder.  »Was wollen Sie mit uns tun?«  »Sie sollen zuerst Ihre Männer an Bord holen. Schnell, bevor  keiner mehr übrig  ist.« Der Fremde  spreizte  seine Hand, mit  der  Handfläche  nach  unten,  eine  Geste,  die  Rick  nichts  besagte. Der Tonfall  seiner Stimme hatte  sich nicht geändert,  aber  es  war  nicht  schwierig  zu  erkennen,  daß  der  Fremde  ungeduldig  war.  »Wie  wir  schon  sagten,  und  wie  wir  zweifellos noch öfter sagen müssen – wenn wir Ihnen schaden  wollten, wären  Sie  längst  tot. Was  können wir  Ihnen  schon  tun, was die Kubaner in ein paar Stunden ganz bestimmt tun  werden?«  Der  Fremde  hatte  offensichtlich  recht,  aber  dadurch  fühlte  sich  Rick  auch  nicht  besser.  Diese  »Rettung«  wirkte  nicht  besonders reizvoll.  »Wieso kennen Sie meinen Namen?« fragte er.  »Von  Ihrem Radio. Sie haben keine Zeit mehr  für Fragen.« , Das  kam  von  einer  der  Kreaturen  in  den  hellen  Schutzanzügen. »Sie müssen handeln, jetzt.«  »Was ist mit unseren Waffen?«  »Bringen  Sie  sie  mit.  Bringen  Sie  Ihre  ganze  Ausrüstung  mit«,  sagte der graue  Schutzanzug.  »Aber  schnell. Wenn die  Kubaner  uns  sehen  können, müssen wir  verschwinden. Mit  oder ohne Sie und ihre Männer.«  »Es gibt keine andere Wahl, Capt’n«, sagte Corporal Mason.  »Besser  sie  als  die  Kubaner.«  Die  Stimme  des  Kavalleristen  war klar und ohne Gefühl.  »Das  denke  ich  auch«,  sagte  Rick.  Er  stand  noch  einen  Moment unentschlossen da, aber er wußte nun, was er wollte.  »Okay.«  »Schnell«, trieb der Fremde zur Eile.  »Sicher. Komm, Mason – «  »Sie werden  ihn hierlassen«,  sagte der  graue  Schutzanzug.  »Als einen Beweis Ihrer guten Absichten.«  »Nun, so warten Sie noch eine verdammte Minute – «  »Es  ist okay, Captain«,  sagte Mason. »Ich bin hier genauso  sicher wie draußen.«  »Gut.« Rick ging zurück durch den Korridor. Die Tür öffnete  sich  für  ihn. Als  er die Einlaßkammer  erreichte,  öffnete  sich  gegenüber dem Eingang, der zu dem Raum führte, in dem die  Fremden saßen, eine andere Tür. Er sah einen großen,  leeren  Raum, mehr als fünfzig Fuß lang und vielleicht fünfzehn Fuß  breit.  »Veranlassen  Sie  die  Männer,  mit  ihren  Waffen  hier  hineinzugehen«,  sagte  eine  Stimme.  Sie  schien  von  den  Wänden  zu  sprechen,  aber man  konnte  keinen Lautsprecher  entdecken. , Rick  sprang  aus  dem  Schiff  und  rannte  zu  seinem  Kommandoposten. Die Hälfte  der  Soldaten  –  vielleicht  auch  mehr  –  hatte  sich  dort  versammelt,  um  auf  das  Schiff  zu  starren. Sie standen auf Gewehre und Granaten gestützt und  nutzten jeden Komfort, den Waffen so bieten können, aus.  »Ich hatte nicht mehr daran geglaubt, dich wiederzusehen«,  sagte Lieutenant Parsons. »Willkommen.«  »Danke. Wir haben aber keine Zeit mehr. Bring die Männer  an  Bord.  Männer,  Waffen,  Verpflegung,  Ausrüstung,  alles.  Schnell.«  »Aber – « stammelte Sergeant Elliot. Rick hatte den großen  Sergeant nie vorher so durcheinander gesehen.  »Das  ist  ein CIA‐Schiff«,  sagte Rick. Er  sprach  laut,  so daß  ihn  möglichst  viele  seiner  Männer  hören  konnten.  »Streng  geheim. Sie sind gekommen, um uns herauszuholen, aber sie  wollen nicht, daß die Kubaner das  Schiff  sehen, wir müssen  also schnell einladen. Nun bewegt euch!«  »Sir!«  Elliot  rannte  zu  dem  Mörserstandort  hinüber,  und  einige  von  den  anderen  Soldaten  sammelten  ihr Gepäck  ein  und  rannten zum Schiff. Rick war  sich nicht  sicher, ob er  sie  zum Narren gehalten hatte oder nicht, aber die »CIA‐Schiff«‐ Erklärung  schien  der  leichteste  und  schnellste  Weg,  die  Situation in die Hand zu bekommen.  Parsons  sah  ihn mit hochgezogenen Augenbrauen  an.  Sein  Gesichtsichtsausdruck zeigte deutlich, daß er wußte, daß Rick  ein Lügner war. Dann zuckte er die Achseln und begann die  Männer  in das Schiff zu  treiben. Sergeant Elliot  trieb weitere  zusammen.  Gute Soldaten, dachte Rick. Und  jeder hätte wahrscheinlich  die gleiche Entscheidung getroffen: Sie wußten, was die ,                                                            , Kubaner tun konnten. Dies war schließlich eine Chance.  Die Mörsergruppe rannte mit ihrer Röhre vorbei, gefolgt von  anderen,  die  das  Zubehör  für  die  Mörserbomben  hinterhertrugen. Männer  schnappten  sich  Kästen  und Gurte  mit Munition und stopften sich die Taschen mit Granaten voll.  Sie gingen jedenfalls gut bewaffnet an Bord.  Nicht,  dachte  Rick,  daß  das  unsere  Lage  wesentlich  verbessern würde. Waffen machen  uns  nicht  sicherer.  Aber  wir fühlen uns durch sie sicherer, und das ist wichtig.  »Was soll dieser Unsinn?« fragte Parsons mit leiser Stimme.  »Du weißt, daß das nicht – «  »Kann’s nicht ändern. Laß die Fragerei  jetzt.« Rick hielt die  Hand  hoch  und  zeigte  nach  Süden. Von  dort war  verstreut  Gewehrfeuer zu hören, manchmal klang es näher, als Hendrix  möglicherweise sein konnte. Die Kubaner räumten die letzten  Widerstände  beiseite,  bevor  sie  den  Berg  heraufkamen.  »Hendrix war mal«, sagte Rick. »Seine letzten Befehle lauteten,  so  viele Männer  hier  herauszuholen, wie wir  können. Weißt  du einen besseren Weg?«  »Nein. Aber – «  »Aber nichts. Dieses Schiff wartet nicht, und wir können für  Hendrix und seine Leute nichts tun.« Durch die Angst und ein  bißchen  Schuldgefühl  gegenüber  ihren Verwundeten, die  sie  nun im Stich ließen, sprach Rick schärfer, als er beabsichtigte.  Andre Parsons zuckte die Achseln. »Wie du meinst. Aber es  gibt Fragen, die du beantworten mußt.«  »Ich weiß  selbst  nichts.  Jesus, Andre,  sei  nicht  böse. Tu  es  einfach. Bitte.«  »Gut.«  Er  ging  hinaus  und  half  dabei  das  leichte  Maschinengewehr auseinanderzubauen. , Immer  mehr  Männer  rannten  vorbei.  Sie  trugen  Pakete,  Schlafsäcke, Helme, Aluminiumkästen, Meßgeräte; das übliche  Gepäck einer Armee  im Einsatz. Sie machten nicht viel Lärm,  und es gab überraschend wenig Verwirrung.  Gute  Leute,  dachte  Rick.  Wir  haben  verdammt  gut  gearbeitet,  wenn  man  bedenkt,  wie  wenig  Ausrüstung  wir  hatten. Nicht unser  Fehler, daß wir  geschlagen wurden.  Für  einen Haufen  von  Soldaten,  die  noch  nie  vorher  zusammen  gedient hatten, waren wir verdammt gut.  »Das ist der letzte!« schrie Elliot.  Rick hatte mitgezählt. »Es sind nur  fünfunddreißig Männer  an Bord gegangen.«  Elliot  sah  beschämt  aus.  »Ich  kann  nicht  mehr  finden.  Captain.«  Sie  sind  davongelaufen,  dachte  Rick.  Gut,  ich  kann  sie  verstehen.  Ich  hab’  ja  selbst  daran  gedacht.  »Gut,  geh  an  Bord«, befahl  er. Nachdem Elliot hineingeklettert war,  folgte  Rick. Sie waren die letzten.  Sobald Rick den Eingang frei gemacht hatte, glitt die äußere  Tür  zu.  Als  er  weiter  in  den  Raum  ging,  in  dem  sich  die  Truppe befand, schloß sich diese Tür ebenfalls. Sie waren von  der Außenwelt und dem Kontrollraum  abgeschnitten  –  oder  was dieser Raum auch immer war, dachte Rick. Mason befand  sich immer noch mit den Fremden darin.  Plötzlich  hörten  sie  einen  lauten  musikalischen  Ton,  und  eine Stimme  sagte: »Bitte  setzen Sie  sich alle auf den Boden.  Schnell.«  »Hinunter!«  schrie  Rick.  »Seht  euch  vor!«  Er  selbst  sackte  schwerfällig  nach  unten,  gerade  noch  zur  rechten  Zeit.  Sie  hatten  das  Gefühl,  viel  zu  schwer  zu  sein,  und  einige  der , Truppe, die nicht schnell genug auf den Befehl reagiert hatten,  fielen hin. Loses Gepäck fiel herunter und rollte in dem Raum  herum.  Es  erfolgten  seitwärts  gerichtete  Beschleunigungen.  Das  Gefühl der Bewegung hielt lange an. Dann stoppte es, und sie  hatten wieder ihr normales Gewicht. , »Sanitäter?«  schrie  jemand.  Einer  der  Männer  hielt  sein  Handgelenk, das durch einen Sturz auf den Boden gebrochen  war.  Sergeant  McCleve  ging  zu  dem  Mann,  der  auf  dem  Boden  lag. McCleve war  ein älterer Kavallerist,  ein Karriere‐ Soldat,  von  dem  das  Gerücht  umging,  daß  er  an  einer  mexikanischen  Universität  ein  Medizinstudium  absolviert  hatte und in den Vereinigten Staaten keine Lizenz bekam, weil  er ein schwerer Trinker war. Rick wußte nichts Genaues, aber  McCleve erschien ihm immer sehr fachkundig.  Die Männer  sprachen  auf  einmal  alle  gleichzeitig. Manche  fluchten, und einer oder zwei beteten. Andere standen auf und  wanderten  in  dem  Raum  herum.  Da  gab  es  aber  nichts  zu  sehen.  Sie befanden sich in einem großen, rechteckigen metallischen  Gefängnis,  und  viel  mehr  konnte  wirklich  nicht  darüber  gesagt werden. Rick  konnte  sich  immer  noch  nicht  erklären,  woher das Licht kam, es war einfach da, und obschon es viele  Schatten gab, waren sie sehr schwach.  »Ich denke, wir  sind weg«,  schrie Rick.  »Sollen  sich dieses  Mal die Kubaner den Kopf zerbrechen!«  Plötzlich  kam  eine  Stimmung  auf,  die  aber  gekünstelt  fröhlich  wirkte.  Rick  lächelte  grimmig.  Er  fühlte  sich  nicht  gerade danach, sich in euphorische Stimmung zu bringen.  »Spielen wir fair, Sir!« sagte Corporal Gengrich. »Wie konnte  der  CIA  ein  Ding wie  dieses  bekommen?  Und warum,  zur  Hölle,  brauchen  sie  uns,  wenn  sie«  –  er  machte  eine  umfassende Geste – »dies haben können?«  Es war  eine  gute  Frage, und Rick hatte  keine  Idee, was  er  darauf antworten sollte.  »Alles  zu  seiner Zeit«,  sagte Lieutenant Parsons.  »Alles  zu , seiner Zeit. Dankt lieber eurem Schicksal.«  »Aber« – begann Gengrich.  »Hör  auf.«  Sergeant  Elliot  war  nervös  und  fiel  in  die  militärische  Tradition  zurück,  die  ihm  vertrauter  war  und  verstanden wurde.  Ein Offizier  hatte  gesprochen,  und  dabei  blieb es.  Letztendlich  nützt  es  doch  nichts,  dachte Rick.  Elliot  hatte  strenge Ansichten, was einen Offizier anging: Er setzte voraus,  daß sie  fähig waren, er wollte, daß sie es waren, er verlangte,  daß  sie  es waren. Er wußte, daß  es genug Unfähige gab, die  ihre Orden hatten, und dabei blieb es, aber er war stolz genug  auf  seine Armee, daß er  sich  selbst geopfert hätte, um  sie zu  schützen. Aber Rick vermutete, daß Elliot nicht zögern würde,  einen schlechten Offizier zu Ehren des Corps abzusägen.  Die Beschleunigung setzte wieder ein, aber dieses Mal nicht  so heftig. Das Schiff drehte sich. Rick  fühlte sich  in der Falle,  aber  er versuchte,  sich  ruhig und unbesorgt zu verhalten. Er  wußte nicht, ob ihm das gelang, aber er dachte, daß es wichtig  war, wenn die Truppe ihn zufrieden sah.  Wir sind, dachte er, sechsunddreißig bewaffnete Männer mit  einigen schweren Waffen und sitzen  in einem Schiff, das von  Fremden kontrolliert wird – von Fremden!  Ich habe nicht die  leiseste Ahnung, wo wir  sind, wohin wir  fahren,  noch was  diese Kreaturen mit uns vorhaben.  Es  war  sicher,  daß  sie  sich  im  Weltraum  befanden.  Das  führte  zu  dem  Schluß:  Sie  brauchten  ganz  sicher  nicht  zu  schießen. Nicht, daß es hier nichts gab, worauf man schießen  konnte,  es  standen  jede Menge Waffen  zur Verfügung,  und  manche  konnten  bestimmt  Löcher  in  das  Schiff  bohren. Die  Metallwand schien nicht zu dick zu sein, und Rick hatte keine , Ahnung, wie stark sie sein mochte. Selbst wenn man annahm,  daß sie eine Tür aufbrechen konnten und Luft dahinter fanden  und daß sie durch das Schiff gehen und  jeden Fremden töten  oder gefangennehmen konnten – was dann? Sie konnten das  Ding  nicht  steuern;  sie  konnten  es  auch  nicht  landen;  sie  konnten  nicht  einmal  das  Lebensmittel‐,  Wasser‐  und  Luftsystem bedienen.  Und bisher hatte sie noch niemand bedroht.  Zwei Stunden später waren sich alle sicher, daß sie sich  im  Weltraum  befanden.  Sie  hörten  einen  knappen,  warnenden  Ton, und  eine  Stimme  sagte:  »Es kommt gleich  eine Periode  der  Schwerelosigkeit.  Bitte  sichern  Sie  das Gepäck  und  sich  selbst.«  Das  einzige  Ding,  an  dem  sie  sich  irgendwie  festhalten  konnten,  war  eine  niedrige  Stange,  die  an  zwei  Seiten  des  Raumes entlanglief, wie die Stangen, die die Balletttänzer  für  ihre Übungen benutzen. Rick gab entsprechende Befehle, um  alle  Männer  an  diese Wände  zu  bringen.  Sie  zogen  durch  soviel Gepäckstücke wie möglich  Schnüre.  Sie waren  gerade  fertig, als ein anderer musikalischer Ton erklang.   , »Jesus, wir müssen hier raus!« schrie ein Soldat.  »Halt  die  Klappe!«  Elliot  sah  auch  nicht  gerade  gut  aus.  »Captain – «  Er  beendete die  Frage  nicht. Das  Schiff  vollführte mehrere  Kreisbewegungen,  aber  keine war  zu  heftig. Dann,  langsam,  begann  alles, was  in  der  Luft  geschwebt  hatte,  sich  auf  den  Boden zu senken. Sie fühlten sich zunehmend schwerer, bis sie  sich wieder fast – aber nicht ganz – normal fühlten.  Dieses Mal war es sehr viel schwieriger, die Truppe wieder  zu beruhigen. Sie umklammerten  ihre Waffen und starrten  in  dem Raum umher,  ob  sie  nicht  etwas  fanden,  gegen das  sie  kämpfen  konnten,  oder  was  sie  sonst  tun  konnten.  Rick  dachte,  daß  er  die  Angst  im  Raum  buchstäblich  riechen  konnte, und sie war ansteckend. Er fühlte sich wie ein Tier im  Käfig.  »Um Gottes willen, wohin fliegen wir?« fragte Gengrich.  »Die Reise dauert noch zwei Stunden«, sagte die Stimme. Sie  sprach immer noch wie aus dem Nichts.  »Also  können  sie  uns  zuhören«,  stellte  Parsons  fest.  Er  senkte seine Stimme. »Bist du sicher, daß es nichts weiter gibt,  das du mir erzählen willst?«  »Nicht jetzt.«  Parsons zuckte die Achseln. »Wie du willst. Aber  ich hoffe,  daß du mich nicht länger als ein paar Stunden warten läßt. Es  wird schwierig, die Männer unter Kontrolle zu halten, wenn es  noch  lange  so  weitergeht.«  Sein  Gesicht  verzerrte  sich.  »Es  wird auch schwierig, mich zu kontrollieren.«  »Yeah«, sagte Rick. Er wußte genau, wie sich Andre Parsons  fühlte.   , *    Die Zeitschätzung der Stimme war exakt. Ricks Uhr sagte, daß  sie sich seit vier Stunden und fünf Minuten an Bord befanden,  als  der  warnende  Ton  wieder  erklang  und  sie  ermahnt  wurden, sich zu sichern.  Dieses Mal gab es keine Periode der Schwerelosigkeit, aber  die  Beschleunigungen  waren  kurz  und  scharf,  in  kleinen  Abständen.  Zwischen  den  Abständen  gab  es  Perioden  von  wechselnder Gravitation. Schließlich fühlten sie einen leichten  Aufprall, nicht stärker als ein Sprung von einem Stuhl auf den  Boden. Die Beschleunigungen hörten auf.  Sie hatten nicht genug Gewicht. Bei weitem nicht genug, und  das  blieb  so.  Rick  sah  sich  überrascht  um,  eine  wilde  Vermutung  kam  ihm  in  den  Sinn.  Einige  der  Soldaten  murrten. Corporal Gengrich nahm nachdenklich eine Patrone  aus  seiner Tasche und  ließ  sie  fallen,  er beobachtete, wie  sie  langsam auf den Boden sank.  Ungefähr  ein  Sechstel  Gravitation,  dachte  Rick.  Diese  Tatsache  ließ  sich  nicht  verdrängen  und  auch  nicht  die  Schlußfolgerung, die sich daraus ergab.  Gengrich schrie als erster. »Gott, Allmächtiger, wir sind auf  dem verdammten Mond!«   , 3    Die Truppe hatte wenig Zeit, um auf Gengrich zu  reagieren.  Die  Tür  öffnete  sich,  und Corporal Mason  kam  herein.  Sein  Gesicht sah aschfahl aus, und seinen  rechten Arm hielt er an  die Brust gepreßt. Die Tür blieb zum Eingangsraum hin offen,  aber alle anderen Türen waren geschlossen.  »Mason – «  »Wo zur Hölle hast du gesteckt?«  »Stimmt was nicht, Art? Was, zum Teufel, haben sie mit dir  gemacht?«  Die Männer redeten alle auf einmal. Sergeant McCleve kam  mit seiner Medizintasche herüber.  »Ruhe!«  brüllte Ricks  Sergeant  Elliot  und wiederholte  den  Befehl noch etwas  lauter. Es wurde noch etwas gemurrt, aber  das Geschrei hörte auf.  Rick kam zu Mason und McCleve. »Was ist passiert?«  »Jesus,  Captain,  wir  sind  auf  dem  Mond!«  sagte  Mason.  »Diese Bastarde haben uns auf den Mond gebracht!«  »Ja«, sagte Rick.  »Ich  habe  alles  gesehen«,  sagte  Mason.  Die  Männer  versammelten sich um sie herum, um alles zu verstehen.  Rick  nickte  sich  selbst  zu.  Es  war  Zeit,  daß  die  Männer  erfuhren, was geschehen war. Er dachte, daß er es ihnen schon  früher hätte sagen sollen.  »Diese  Bildschirm‐Dinger«,  sagte  Mason.  »Es  war  wie  Fernsehen. Wir  hoben  ab,  es  schien  kerzengerade  hoch  zu  gehen, und die Erde war weiter und immer weiter weg, bis ich  sie  ganz  sehen  konnte,  genau  wie  im  Fernsehen,  während  einer Übertragung über eine Weltraumfahrt.« , »Was  ist  mit  deinem  Arm  passiert?«  fragte  McCleve.  Er  schlitzte  den  Ärmel  von  Masons  Tarnjacke  auf  und  untersuchte die Wunde. Es  sah  aus wie  ein  sauberes  rundes  Loch, dünner als ein Bleistift, und es ging durch die Jacke, den  Arm  und’  kam  auf  der  anderen  Seite  des  Ärmels  wieder  heraus. Es war aber kein Blut zu sehen.  »Sie wollten mir nichts erzählen«, sagte Mason.  »Wer?« – »Wer wollte nichts erzählen?« fragten die Männer.  Elliot  blickte  sie  scharf  an,  aber  er  versuchte  nicht,  sie  ruhigzubekommen. Er wollte auch wissen, was lief.  »Diese Kreaturen«, sagte Mason. »Der – Captain, Sie haben  sie  gesehen.  Ich weiß  nicht, wer  sie  sind.  Keine Menschen.  Sehen ein bißchen aus wie Menschen, aber es sind keine.«  Nun gab es  jede Menge aufgeregtes Gebrabbel. »Haltet die  Klappe«,  knurrte  Rick,  »laßt  Mason  seine  Geschichte  erzählen.«  »Sie wollten nicht mit mir reden. Wir entfernten uns weiter  und weiter von der Erde, bis  ich sie sah – ganz –, bis  ich das  Tageslicht und die Wolken über dem Ozean erkennen konnte,  genau wie  auf  dem  Fernseher  von  Skylab. Und  sie wollten  nicht reden. Da zog ich meine Pistole und richtete sie auf einen  von ihnen – den im grauen Anzug –, und ich sagte ihm, wenn  er  mir  nicht  sagte,  wohin  wir  fliegen,  würde  ich  ihn  erschießen.«  »Bescheuert«, murrte Lieutenant Parsons.  »Ja,  Sir,  es war bescheuert«,  sagte Mason.  »Die Kreatur  tat  nichts. Sie winkte nur mit  ihrer Hand, und etwas, etwas wie  ein  Strahl, wie  ein  Laserstrahl,  kam  aus  der Wand.  Ich  sah  überhaupt keine Öffnung vorher. Nur dieses grüne Licht, und  es bohrte ein Loch hier durch.  Ich  ließ die Pistole  fallen, und , die Kreatur kam herüber und hob  sie  auf, und  sie  sagte,  ich  solle  mich  da  hinsetzen  und  mich  melden,  wenn  ich  medizinische Hilfe brauchte  –  er  sprach  in  einer Art wie  ein  Professor. Dann gab er mir eine Tablette.  Ich dachte darüber  nach, und dann nahm  ich  sie, danach  tat es nicht mehr weh.  Und  dann  flogen wir  direkt  auf  den Mond  zu.  Ich  sah  uns  landen. Wir sind auf der Rückseite, Captain. Auf der Rückseite  des Mondes. Da ist eine große Höhle, und zwei andere Schiffe  wie dieses hier.«  Als Mason zu reden aufhörte, fingen die Männer wieder an.  »Sie sagten uns nicht, daß dies eine gottverdammte  fliegende  Untertasse ist!« schrie Gengrich. Seine Stimme klang feindlich  und anklagend. »Sie sagten, es sei ein CIA‐Schiff!«  »Sie waren  in Eile«,  sagte Rick. »Würdest du  lieber wieder  auf  dem  Berg  sein  und  auf  die  Kubaner warten? Wollt  ihr  das?«  Sie wußten nicht, was sie darauf antworten sollten. Niemand  sprach davon, zurückzugehen.  »Sterben können wir immer«, sagte Rick. »Aber, wir können  auch herausfinden, was diese – Leute – von uns wollen.«  »Der  Rat  war  gut.«  Die  Stimme  kam  von  überall  und  nirgends. »Sie werden es bald wissen. Die Außentür wird sich  öffnen, und Sie nehmen bitte Ihr Gepäck und Ihre Ausrüstung  mit aus dem Schiff. Es wird Ihnen gesagt, was Sie danach tun  sollen.  Bitte  seien  Sie  vorsichtig.  Sie  befinden  sich,  wie  Sie  schon  sagten,  auf  dem Mond  Ihres  Planeten. Der  Luftdruck  wird niedriger sein, als Sie es gewöhnt sind, aber es gibt genug  Luft und Sauerstoff für Ihre Art, wenn Sie sich nicht zu heftig  bewegen. Nun sammeln Sie bitte Ihr Gepäck ein.«  Rick fühlte sich total gefühllos. »Laßt es uns anpacken.« ,                                                            , Elliot stand einen Moment unentschlossen da, dann machte  er  seine Meinung  ganz  unmißverständlich  klar.  »Nehmt  das  Gepäck zusammen. Bewegt euch!« brüllte er.  Hinter der Tür befand  sich  eine Höhle.  Schweres Material,  das  wie  dickes  Gummi  aussah,  verschloß  die  Tür  zu  der  Höhle. Die Sperre, die Rick an das Material erinnerte, aus dem  Regenmäntel gemacht werden, erstreckte sich zwanzig Meter  oder  so  in  die  Höhle.  Die  Tunnel  wände  waren  aus  Fels,  glänzten  aber,  als  ob  sie  lackiert wären.  Rick  fühlte  es;  das  Zeug war  ziemlich  hart,  und  er  dachte,  daß  es  aufgesprüht  worden war – möglicherweise, damit die Luft nicht durch die  Felswände entwich.  Als  sie  das  Schiff  entladen  hatten,  schloß  sich  die  Eingangsluke, und sie hatten keine andere Wahl, als hinunter  in den Tunnel zu gehen. Er führte hinab in den Fels. Mit dem  Gepäck  hatten  sie  keine  Schwierigkeiten;  alles wog  nur  ein  Sechstel von dem, was es auf der Erde gewogen hätte, und ein  Mann  konnte  ohne  große Anstrengung  zehn Mörserbomben  tragen.  Der Tunnel war  beleuchtet,  nicht mit  strahlenden Wänden  wie das Schiff, sondern mit gewöhnlichen Leuchtstofflampen.  Rick  untersuchte  eine  der  Beschriftungen;  es  stand  »Westinghouse«  darauf.  Gewöhnlicher  Draht  wanderte  von  Lampe zu Lampe.  Während  sie  tiefer  in die Höhle  eindrangen,  schlössen  sich  hinter  ihnen  Türen.  Sie  schienen  aus  dem  gleichen  Regenmantel‐Material zu  sein wie die Passage vom Schiff zu  der Höhle, und sie schlossen so dicht mit den Wänden ab, daß  es schwierig war zu sehen, ob sie solide waren oder nicht.  Sie  erreichten das Ende des Ganges. Rick  schätzte, daß  sie , ungefähr  einen  Kilometer  gegangen  waren.  Am  Ende  des  Ganges waren eine große Höhle, so groß wie eine Basketball‐ Halle, und Möbel. Rick  sah Tische,  Stühle, Bücherregale mit  Büchern und Magazinen. An einem Ende des Raumes standen  Betten mit Armeedecken auf einem Haufen. Auf einem Tisch  standen  eine  Kaffeemaschine  und  Stapel  von  Plastiktassen,  und neben der Kaffeemaschine stand eine Dose Yuban‐Kaffee.  Auf  einem  anderen  Tisch  sah  Rick  Brotlaibe  von  verschiedenen  amerikanischen  Marken;  Gläser  mit  Jiffy‐ Erdnußbutter; Büchsen mit Campbells‐Suppe. Papierteller und  billige  Plastikgabeln.  Kondensmilch.  Käseecken;  Wiener  Würstchen  –  Sardinenbüchsen.  Es  gab  keine Anzeichen  von  frischen  Lebensmitteln,  Fleisch  oder Gemüse,  aber Rick war  sicher, daß sie nicht verhungern würden.  Am anderen Ende der Höhle war ein Fernsehschirm. Er sah  fremd aus. Rick sah keine Herstelleraufschrift, es sei denn, daß  die  komischen  Dinger  auf  einer  Platte  am  Boden  etwas  bedeuteten.  Es  hatte  jedenfalls  keine  Schalter.  Das  Gesicht  eines Mannes schaute heraus, und aus der Art, wie sich seine  Augen und  sein Kopf bewegten,  schloß Rick, daß der Mann  ihn beobachtete.  Rick stand da und starrte auf den Fernseher. Das Gesicht auf  dem Schirm war menschlich.  »Sind  Sie  gut  versorgt?«  Die  Figur  auf  dem  Bildschirm  sprach  ohne Warnung. Die Phrase war nicht unbedingt  eine  Frage,  dadurch  wurde  sie  aber  auch  nicht  positiver.  Die  Stimme hatte einen leichten Akzent, aber Rick war sicher, daß  er nie vorher etwas Derartiges gehört hatte.  »So gut wie jeder andere«, sagte Rick.   , »Dann  sind  Sie  Captain  Galloway.  Ich  brauche  Informationen. Erstens: Stimmt es, daß Sie das Schiff, das Sie  hierherbrachte, freiwillig betraten? Die Shalnuksis zwangen Sie  nicht dazu?«  »Shalnuksis?«  »Die  Wesen,  die  Sie  hierherbrachten.  Wurden  Sie  gezwungen, an Bord ihres Schiffes zu kommen?«  »Nicht durch sie. Es gab da ein paar Kubaner, die uns keine  große Wahl ließen.«  »Das  ist meine  zweite  Frage.« Der  Ausdruck  des Mannes  änderte  sich  überhaupt  nicht.  Rick  ging  näher  an  den  Bildschirm heran und untersuchte sehr sorgfältig das Bild.  Er sah einen Mann, der die Vierziger erreicht hatte. Er  trug  ein rostfarbenes Übergewand, das einer Tunika ähnelte, keine  Knöpfe,  ein  V‐Ausschnitt,  der  blau  umrandet  und  mit  Verzierungen  bestickt  war:  ein  stilisierter  Komet  und  eine  aufflammende  Sonne. Das Haar  des Mannes war  kurz,  und  seine  Hautfarbe  war  dunkler  als  die  von  Rick;  sie  hatte  ungefähr die Farbe eines amerikanischen Indianers, aber nicht  ganz so dunkel.  »Ist es wahr, daß Sie jetzt tot wären, wenn Sie die Shalnuksis  nicht an Bord genommen hätten?« fragte der Mann.  »So ist es ungefähr«, antwortete Rick.  »Einer  Ihrer Männer wurde  durch  die  Shalnuksis  verletzt.  Sie sagten, sie verteidigten sich nur selbst, und verletzten den  Mann so gering wie nur möglich. Stimmt das?«  »Ja – «  »Danke.  Wir  bedauern,  daß  wir  Ihnen  nicht  mehr  entgegenkommen  können.  Alles,  was  Sie  hier  finden,  steht  Ihnen zur Verfügung. Sie dürfen nun essen, wenn Sie wollen. , Wir werden später mehr zu erzählen haben.«  »Hey  –  verdammt,  was  geht  vor?«  fragte  Rick.  Aber  er  sprach zu einem leeren Schirm.    *    Sie  untersuchten  ihr Gefängnis.  Es  gab  eine Kochplatte  und  eine Steckdose mit einem  langen Kabel. Das Kabel  lief  in die  Wand,  und  das  Loch,  wo  es  herauskam,  war  mit  dem  Regenmantelmaterial  isoliert.  Die  Kochplatte  stammte  von  General  Electric.  Die  Kaffeekanne  war  japanisch  mit  japanischer  Beschriftung.  Alles  in  dem  Raum  kam  von  der  Erde. Das meiste aus den Vereinigten Staaten, aber es gab auch  Artikel von vielen anderen Orten. Einige Teile der Einrichtung  waren  neu,  viele  noch  in  der  ursprünglichen  Verpackung.  Andere Gegenstände waren schon benutzt. Es gab Radios und  Fernseher,  aber  es  kam  nichts  außer  Zischen  und  Heulen  heraus.  Nach  einer halben  Stunde  beschlossen  sie,  ein Abendessen  zu  kochen.  Es  gab  viel  zu  essen:  Suppe  und  eingemachten  Speck und Schinken, eingemachtes Gemüse und Pudding zum  Nachtisch.  Andre  Parsons  fand  neben  der  Kaffeemaschine  einen Wasserhahn. Darunter befand  sich  ein Abfluß. Andere  Männer  fanden Behälter mit warmem Bier und verschiedene  Krüge mit Wein,  so  viel,  daß  jeder  ein  Bier  und  eine  volle  Tasse mit  kalifornischem  Rotwein  hatte.  Kaffee  gab  es  jede  Menge.  Nachdem  sie  gegessen  hatten,  fühlten  sie  sich  besser. Die  Männer  streiften  noch  etwas  ruhelos  umher,  aber  möglicherweise,  um  es  sich  bequem  zu  machen,  indem  sie , alles benutzten, was sie in ihrem Gepäck fanden. Elliot schaffte  es, zwei der einzelnen Betten  für Parsons und Rick Galloway  zur  Seite  zu  stellen.  Niemand  hatte  seit  vierundzwanzig  Stunden weder gegessen noch geschlafen, und bald streckten  sich  die  Männer  auf  Betten  und  Feldbetten  oder  auf  Hängematten oder dem Boden lang.  Der Boden, fand Rick, war an den Ecken zu den Wänden hin  uneben, aber von den Wänden weg war er künstlich glatt und  flach. Wenn man ihn berührte, fühlte er sich warm an.  Rick  saß  mit  Parsons  an  einem  Tisch  in  der  Nähe  des  Bildschirmes. Sie aßen schweigend. Schließlich sagte Parsons:  »Ich sehe jetzt ein, warum du es nicht früher erklärt hast.«  »Yeah. Nicht, daß ich es nicht gekonnt hätte«, sagte Rick nur.  Parsons  zuckte die Achseln.  »Fünf  Stunden  früher war  ich  darauf  vorbereitet,  auf diesem Berg  getötet  zu werden. Nun  habe ich gegessen, ich habe noch eine Tasse Wein und Kaffee,  um  nachzuspülen,  und  es  ist  warm.  Niemand  schießt  auf  mich,  und  ich  habe  ein  komfortables  Bett. Wir  haben Glück  gehabt.«  »Vielleicht.«  »Denkst  du  an  die  Fortsetzung  deiner  Fernseh‐ Konversation?«  fragte Andre.  »Ein Mensch. Ein Mensch, der  interessante  Fragen  stellt.  Sind  wir  Freiwillige? Wie  wurde  Corporal Mason  verletzt? Wären wir  noch  am  Leben, wenn  wir nicht an Bord des  fremden Schiffes gegangen wären? All  das  wurde  von  einem  Menschen  mit  autoritärer  Stimme  gefragt, als ob er jedes Recht auf die Antworten habe.«  Rick nickte. »Ich dachte auch schon darüber nach. Es heißt,  es paßt  jemand auf, was mit uns geschieht. Vielleicht nur ein  bißchen, aber es paßt  jemand auf.  Ich hoffe, das  ist ein gutes , Zeichen.«  »Es kann nicht schlecht sein«, sagte Andre.  »Du bist so verdammt ruhig – «  Parsons  lachte.  »Ich wollte  das  gleiche  von  dir  behaupten.  Rick,  ich bin ziemlich durcheinander, aber es wäre nicht sehr  gut, es die Männer merken zu lassen. Offensichtlich geht es dir  genauso.«  »Yeah. Aber  ich wünschte,  sie würden  uns  sagen, was  sie  mit uns vorhaben.«  »Vielleicht  gar  nichts«,  meinte  Parsons.  Er  zuckte  die  Achseln  wieder  auf  seine  vielsagende  französische  Art.  »Vielleicht haben  sie uns aus humanitären Gründen gerettet.  Oder sind wir dessen nicht würdig?« Er lächelte breit.                                   ,   »Captain! Capt’n, dieses Fernsehen  läuft wieder. Sie wollen  Sie sprechen.«  Rick kämpfte mit sich, um wieder wach zu werden. Ein Blick  auf seine Uhr sagte ihm, daß er fünf Stunden geschlafen hatte.  Es  war  ihm  länger  vorgekommen,  und  er  fühlte  sich  weit  besser erholt, als er es von fünf Stunden Schlaf erwartet hatte.  Um  den  Fernseher  waren  ungefähr  ein  Dutzend  Männer  versammelt.  Sie  versuchten,  mit  dem  Mann  zu  sprechen  –  soweit Rick sehen konnte, war es der gleiche, der schon einmal  mit ihm geredet hatte –, aber sie hatten keinen Erfolg. Erst als  Rick vor dem Bildschirm stand, fing der Mann an zu reden.  »Es  ist  Zeit,  über  Ihre  Situation  zu  sprechen«,  sagte  die  Fernsehfigur. »Sie werden keine Waffen brauchen. Lassen Sie  die Waffen  und  andere  große metallische Objekte  hier,  und  kommen Sie durch die Tür, die sich hinter diesem Bildschirm  in der Wand öffnet.«  Während  er  sprach,  schwang  eine  Stahlplatte,  die  in  die  Wand  eingelassen  war,  auf.  Dahinter  erschien  eine  gummiartige,  luftdichte  Tür.  »Bitte  allein«,  sagte  der  Bildschirm. »Sie sind nicht in Gefahr.«  »Vielleicht  sollten  ein  paar  von  uns  mitkommen«,  schlug  Sergeant Elliot vor.  »Danke, Sarge, aber  ich werde Sie nicht brauchen«, wehrte  Rick ab. »Wenn sie uns wirklich töten wollen, dann lassen sie  die Luft  aus diesem Zimmer. Und vergessen  Sie  eines nicht,  Elliot.  Lassen  Sie  die  Truppe  um  Gottes  willen  nichts  Blödsinniges unternehmen, während ich weg bin.«  »Ja, Sir, aber wann werden Sie zurück sein?«  »Weiß ich nicht.« , »Capt’n,  wenn  Sie  in  vier  Stunden  nicht  wieder  da  sind,  können wir diese Tür aufsprengen – «  »Nein. Wecken  Sie Lieutenant Parsons, und übergeben  Sie  ihm das Kommando. Ich werde zurückkommen.« Während er  durch die Tür ging, gab sich Rick sehr viel zuversichtlicher, als  er  sich wirklich  fühlte. Die Tür  schloß  sich hinter  ihm, noch  bevor sich die luftdichte Barriere vor ihm auf tat.  Er  sah  einen weiteren  Korridor,  aber  kein Mensch war  in  Sicht. Rick  folgte  ihm  ungefähr  hundert Meter,  bis  er  scharf  rechts  abbog,  dann  wurde  der  durch  zwei  weitere  gummiartige  Türen  geschleust.  Er  tauchte  in  einer  anderen  Kammer wieder  auf, die  sehr viel kleiner war  als die, die  er  gerade verlassen hatte. Sie war sehr gut beleuchtet, und er sah  mindestens ein Dutzend von den Bildschirmen, wie er sie auf  dem Schiff und in der Höhle gesehen hatte.  In der Höhle waren Menschen und  Fremde,  vielleicht  von  beidem ein Dutzend. Manche studierten die fernsehähnlichen  Schirme. Ein Fremder in einem grauen Anzug, möglicherweise  der, der schon in dem Schiff zu ihm gesprochen hatte, kam auf  ihn zu.  Der  Fremde war  sechs  Inches  größer  als  Rick,  aber  dieses  Stück schien allein in den Beinen zu stecken. Sein Körper war  nicht viel  länger als der von Rick. Die Arme waren  länger als  die  eines Menschen,  aber nicht  so  lang wie die Beine.  »Da«,  sagte der Fremde. Er  zeigte  auf  eine Tür.  »Sie werden  – gut  daran tun – vorsichtig zu sein – was Sie sagen.«  Rick nickte.  »Ich  verstehe.« Wenn dies der  gleiche  Fremde  war wie der im Schiff, und Rick dachte, daß es der gleiche war,  so sprach er nicht mehr so leicht und zuversichtlich, wie er es  im Schiff getan hatte. Warum wohl? wunderte er sich. , Die  Tür  mündete  in  ein  Büro.  Ein  Schreibtisch  stand  gegenüber  der  Tür. Auf  dem  Tisch  lagen  Papiere  und  zwei  Tastaturen, die  zu  einem Computer gehören mußten, dachte  Rick. Zwei von den  flachen Bildschirmen waren  in den Tisch  eingelassen,  und  andere  Schirme waren  höher  an  der Wand  angebracht. Sie waren alle  leer. Die Wände des Büros waren  viereckig  und wie  der  Boden  und  die Decke metallisch,  der  Raum  war  in  die  Höhle  gebaut.  Auf  dem  Boden  lag  ein  Teppich, von dem Rick dachte, daß es ein Persianer war; er sah  jedenfalls genauso aus. Es gab noch andere Kunstgegenstände,  die  von  der  Erde  zu  kommen  schienen:  Seebilder,  eine  Farbphotographie  der  Golden‐Gate‐Brücke,  ein  Kalliroskop  mit seinen wirbelnden Schockwellen‐Mustern.                                   ,   Der Mann,  den  er  auf  dem  Bildschirm  gesehen  hatte,  saß  hinter  dem  Schreibtisch. Der  Schreibtisch  selbst  sah modern  dänisch aus und stammte wahrscheinlich auch von der Erde.  Als  Rick  eintrat,  stand  der Mann  auf,  aber  er machte  keine  Anstalten, Rick die Hand zu schütteln.  Er war vielleicht fünf Fuß zehn groß, zwei Inches kleiner als  Rick,  und  sah  verhältnismäßig  menschlich  aus.  Er  war  ein  bißchen  dunkler  als  Rick,  sein  Gesicht  war  runder,  aber  er  hätte auf keiner Straße der Vereinigten Staaten oder Europas  Aufmerksamkeit  erregt.  Sein  Ausdruck  war  nicht  unfreundlich,  aber  er  sah  gequält,  sehr  beschäftigt  und  gedankenverloren aus.  Der Mann  sprach.  In  Ricks Ohren  klang  es mehr wie  das  Zwitschern eines Vogels denn eine menschliche Sprache. »Wie  ein Papagei in einem Käfig voller Katzen«, erzählte Rick später  Andre  Parsons.  Der  Fremde  antwortete  in  der  gleichen  Sprache; und der Mann nickte.  »Entschuldigen  Sie,  Captain«,  sagte  er.  »Bitte  setzen  Sie  sich.«  Er  zeigte  auf  zwei  Stühle,  beide  aus Aluminium  und  Plastik, einer in Normalhöhe, der andere ein gutes Stück höher  – wie für einen Riesen. »Zweifellos haben Sie viele Fragen zu  stellen.«  Nun, das  ist eine Untertreibung, dachte Rick. »Ja, beginnen  wir, wer sind Sie?«  Der Mann nickte, die Lippen fest zusammengepreßt; wieder  war  sein Ausdruck  eher  ungeduldig  und  leicht  ärgerlich  als  etwas  anderes.  »Sie  werden  meinen  Namen  schwer  aussprechen können. Versuchen Sie’s mit ›Agzaral‹ das klingt  ähnlich  und  wird  mich  nicht  ärgern.  Ich  bin  –  diese , Bezeichnung gibt es bei Ihnen nicht. Halten Sie mich für einen  Polizei‐Inspektor.  Für  unsere  Zwecke  trifft  es  ungefähr  zu.  Und setzen Sie sich.«  Rick  nahm  den  normalen  Stuhl. Der  Fremde  ging  zu  dem  hohen  Stuhl.  Er  paßte  genau.  »Und meine  –  Retter?«  fragte  Rick. Es war schwierig zu entscheiden, wie er reden sollte. Es  gab  keine  Regeln,  und  Rick  hatte  keine  Ahnung,  was  den  Menschen oder die Fremden beleidigen konnte. Offensichtlich  sollte er Ausdrücke wie »diese Kreaturen« oder »ganz  schön  seltsam hier« lieber vermeiden, aber wie sollte er den Fremden  nennen?  »Sein Name bedeutet übersetzt ›Goldsmith‹«, sagte Agzaral.  »Viele Namen der Shalnuksis werden von alten Bedeutungen  abgeleitet. Das scheint ein nahezu universeller kultureller Zug  unter  zivilisierten  Leuten  zu  sein.  Falls  Sie  seine  eigene  Sprache vorziehen, so lautet sein Name ›Karreeel‹.« Das letzte  Wort  intonierte  er  mit  einem  Zwitscherlaut,  den  Rick  unmöglich aussprechen konnte.  »Ich  bin  erfreut,  Sie  kennenzulernen«,  sagte  Rick.  »Eine  Phrase,  die  wir  oft  genug  nicht  so  meinen,  aber  bei  den  Umständen,  unter  denen  wir  uns  trafen,  meine  ich  das  aufrichtig. Nur – «  »Nur,  Sie  möchten  gerne  wissen,  warum  wir  diese  Anstrengung  auf  uns  nahmen«,  sagte  Agzaral.  »Ich  hörte  einen  Teil  der  Unterhaltung,  die  Sie  mit  einem  anderen  Offizier hatten.« Er wechselte wieder  zu der Zwitscher‐ und  Knurrsprache und faßte sich kurz.  »Wir brauchen Sie«, erklärte Karreeel. Seine Gesichtsschlitze  erweiterten  sich  kurz.  »Wir  brauchen menschliche  Soldaten,  und  wir  hatten  große  Kosten  und  Schwierigkeiten,  Sie  zu , finden.«  »Aber warum uns?« fragte Rick.  »Nun,  weil  Sie  nicht  vermißt  werden«,  sagte  Agzaral.  »Außerdem konnten sie an Bord seines Schiffes kommen, ohne  gesehen zu werden. Es gibt strenge Regeln, die nicht erlauben,  daß die Schiffe von jemandem beobachtet werden.«  »Fliegende  Untertassen«,  sagte  Rick.  »Aber  sie  wurden  gesehen – «  »Manche haben sie gesehen«, korrigierte Agzaral.  »Aber  nicht  Karreeel.  Die  Schiffe,  die  gesehen  wurden,  wurden  von  Studenten  entdeckt.  Glücklicherweise  konnte  keine dieser Entdeckungen bewiesen werden.« Er seufzte. Rick  schien  es  ein  sehr  menschlicher  Seufzer  zu  sein.  »Meine  unangenehme Aufgabe  ist  es,  jeden  Fall  zu untersuchen,  bei  dem ein Schiff gesehen und darüber berichtet wurde.«  »Ich verstehe«, sagte Rick. »Und was dann?«  »Wir  haben  auf  der  Erde  Agenten«,  sagte  Agzaral.  »Sie  machen die ›Untertassen‹‐Berichte unglaubwürdig.«  »Sie  haben  gute  Arbeit  geleistet«,  sagte  Rick.  Er  erinnerte  sich, was er  immer schon von den UFO‐Geschichten gehalten  hatte,  und  an  die  Leute,  die  an  »fliegende  Untertassen«  glaubten. Total vernagelte Idioten. »Die« – er zögerte bei dem  ungewohnten Wort – »Shalnuksis – studieren sie uns?«  Agzarals Lippen kräuselten  sich zu etwas, das Rick  für ein  dünnes  Lächeln  hielt.  »Nein.  Andere  studieren  die  Erde.  Darunter  auch  Menschen.  Aber  die«  –  er  hielt  inne  –  »in  Zukunft  werde  ich  nicht  unterbrechen,  wenn  ich  einen  Ausdruck  gebrauchen  muß,  den  Sie  nicht  sofort  verstehen  werden. Ich werde einfach den am nächsten liegenden Begriff  nehmen. Es gibt eine Hohe Kommission, die den Handel mit , primitiven Welten  steuert,  besonders mit  der  Erde,  und  die  primitive  Völker  vor  roher  Ausbeutung  schützt.  Diese  Kommission verbietet den Handel oder anderen Verkehr mit  Ihrem Planeten.«  »Aber warum?« fragte Rick. Er war überrascht, wie ruhig er  sich  fühlte. Ein Teil von  ihm wollte  schreien und die glatten  Wände  hochrennen  und mit  den  Armen  um  sich  schlagen,  aber  statt dessen  fiel es  ihm  leicht genug, hier zu  sitzen und  sich höflich mit einem Menschen zu unterhalten, der nicht von  der  Erde  kam,  und  einem  Fremden,  der  einem  gestreckten  Schimpansen mit  einem  einzelnen Nasenloch und ohne Hals  ähnelte.  »Ihr  Planet  befindet  sich  in  einer  interessanten  Entwicklungsphase«,  sagte Agzaral.  »Der Handel wird  nicht  erlaubt,  bis  beschlossen  ist,  was  –  bis  die  Studien  beendet  sind.«  »Aber, zur Hölle, was wollen Sie dann mit mir?« fragte Rick.  »Ich  will  nichts«,  sagte  Agzaral.  »Für  mich  sind  Sie  ein  großes Ärgernis. Karreeel hat  Ihnen ein Angebot zu machen,  das Sie, wie ich glaube, erwägen sollten.«  »Schießen – uh, machen Sie weiter. Wie lautet das Angebot?«  »Meine – Kollegen – und ich sind Kaufleute. Besser zutreffen  würde  allerdings  ›Handelsabenteurer‹«,  sagte  Karreeel.  Während er sprach, hielt er häufig  inne, und Rick fragte sich,  ob  er  eine Art Übersetzungsmaschine  benutzte.  Er  sah  kein  Anzeichen  von  einem Kabel  oder  einem Hörgerät,  aber  das  war nicht ausschlaggebend.  »Handelsabenteurer«, wiederholte Rick. Er konnte sich nicht  helfen,  aber  er  dachte  an  die  Gentleman‐Abenteurer  der  Ehrenwerten  Ost‐Indien‐Kompanie,  die  ausgezogen  waren , und  Indien  für England erobert hatten, und er  fragte sich, ob  die Fremden ähnliche Absichten mit der Erde hatten.  »Ja«,  sagte  Karreeel.  »Nun  brauchen  wir  menschliche  Soldaten. Der Preis für Söldner wurde – übermäßig hoch. Wir  hatten  Glück,  daß wir  hier  Soldaten  fanden  und  ‐Inspektor  Agzarals Vorschrift dabei nicht verletzt wurde. Sicher werden  Sie uns in einem zustimmen – wir waren erfolgreich.«  »Wenn wir einverstanden sind«, sagte Rick.  Agzaral wog seinen Kopf  in einer Art, die Rick befremdete;  als er Ricks Reaktion sah, kontrollierte er sich und nickte. »Sie  stehen nicht unter dem Zwang, akzeptieren zu müssen«, sagte  er.  »Wenn  er  sein  Angebot  gemacht  hat,  werde  ich  Ihnen  darlegen, welche Alternativen Ihnen offenstehen.«  »Es  gibt  einen  Planeten,  er  ist  sehr weit  von  hier«,  ergriff  Karreeel  das Wort.  »Er  hat  eine  primitive Gesellschaftsform,  weit primitiver als die Ihre. Der Planet kann uns mit einer sehr  wertvollen  Pflanze  versorgen,  die  irgendwoanders  nicht  zufriedenstellend  gedeiht.  Wir  brauchen  Hilfe,  um  diese  Pflanze dort anzubauen und zu ernten.«  Rick  schüttelte den Kopf. Das  ergab  keinen  Sinn.  »Warum  pflanzen Sie nicht selbst an?«  Der  Fremde  gestikulierte  mit  seiner  Linken,  und  beide  Gesichtsschlitze dehnten sich weit auseinander. »Warum sollte  einer von uns dazu verdammt werden, auf einem primitiven  Planeten zu leben?«  »Aber wir sind keine Bauern – «  »Wir  schlagen  Ihnen  nicht  vor,  sie  selbst  anzupflanzen. Es  existiert eine örtliche Bevölkerung. Unglücklicherweise ist der  Planet sehr primitiv, in einem Stadium des – Feudalismus. Wir  brauchen  keine  Bauern,  sondern  Soldaten,  die  die  dortige , Regierung  anhalten,  unseren  Bedarf  an  Pflanzen  anzubauen,  zu ernten und uns abzuliefern.«  »Und warum  glauben  Sie, daß wir daran  interessiert  sind,  auf einem primitiven Planeten zu leben?« fragte Rick.  »Ihre Belohnung sollte klar sein. Sie können herrschen, wie  sie wollen, ohne Beschränkung. Sie werden wohlhabend und  mächtig sein und müssen lediglich sehen, daß unsere Pflanzen  wachsen.  Wir  werden  Sie  dafür  mit  jeglichem  Luxus  und  Komfort versorgen.«  »Das hört sich ja wie ein Langzeitprojekt an«, sagte Rick.  »Natürlich«, sagte Karreeel.  Noch bevor Agzaral etwas sagte, wußte Rick, was kommen  würde.  »Diese Aufgabe wird  Ihre Lebenszeit beanspruchen«,  sagte  Agzaral.  »Captain  Galloway,  es  muß  Ihnen  natürlich  klarwerden,  daß  Sie  und  Ihre Männer  nie wieder  zur  Erde  zurückkehren werden.«      4    »Nur noch  eine  verdammte Minute!«  explodierte Rick.  »Erst  kidnappen Sie uns, und dann – «  »Retteten«,  berichtigte Agzaral.  »Ich  fragte  Sie  danach.  Ich  habe  die  Mühe  auf  mich  genommen,  die  Geschichte  zu  überprüfen.  Für  mich  ist  es  offensichtlich,  daß  Sie  jetzt  tot  wären,  wenn  Karreeel  Sie  nicht  an  Bord  seines  Schiffes  genommen hätte. Bestreiten Sie das?«  Rick  fühlte, wie  sein Ärger durch Angst  verdrängt wurde.  »Nein.  Ich kann es nicht bestreiten. Aber warum können wir , nicht nach Hause gehen?«                          »Weil  Ihnen  geglaubt  würde!«  sagte  Agzaral.  »Zu  viele  Zeugen.  Karreeel  stimmte  seinen  Plan  natürlich  darauf  ab.  Indem er eine so große Gruppe an Bord nahm, sorgte er dafür,  daß  man  Ihnen  glauben  würde,  wenn  Sie  zur  Erde  zurückkämen.«  »Sie erwähnten Alternativen«, sagte Rick.  Agzaral  nickte.  »Sie  haben  mehr  als  genug.  Aber  keine  schließt  die  Rückkehr  auf  Ihren  Heimatplaneten  ein.  Sie  können  hier  in  der Kammer  bleiben,  in  der  Sie  sich  gerade  aufhalten, bis ein Transporter Sie auf einen anderen Planeten  bringen kann. Einige von  Ihnen  können vielleicht  eine  Stelle  als  Versuchsperson  in  einer  Universität  bekommen.  Die  anderen finden vielleicht – andere Arbeit. Ich weiß aber nicht,  was  mit  der  Mehrheit  von  Ihnen  passiert.  Die  Hohe  Kommission  hat  das  zu  entscheiden.  Ich  habe  zu  berichten,  daß Ihnen Arbeit angeboten und abgelehnt wurde. Menschen,  die  nicht  gerne  arbeiten,  haben  auf  den  meisten  unserer , Planeten kein  angenehmes Leben. Und  es wird vielleicht  ein  paar  Jahre dauern, bis ein Transporter gefunden  ist –  für Sie  alle jedenfalls.«  »Wir haben also keine große Auswahl.«  »Oder Sie begehen alle Selbstmord«, deutete Agzaral einen  weiteren Weg an.  »Das ist die letzte Möglichkeit.« Rick fühlte die Handgranate  durch seine Tasche. Es war eine neue Ausführung, eine kleine  Granate,  nicht  viel  größer  als  ein  Golfball,  und  sie  bestand  hauptsächlich  aus  Plastik.  Sie  würde  in  Tausende  kleine  Fragmente  explodieren,  sicher  reichte  es  aus,  um  jeden  in  diesem Raum zu töten – einschließlich ihn selbst. Es schien im  Moment  keine  sehr  nützliche  Waffe  zu  sein.  »Kann  ich  rauchen?« fragte er.  »Ich ziehe vor, wenn Sie es nicht tun«, sagte Agzaral.  »Okay. Sehen Sie, wie, zur Hölle, stellen Sie es sich vor, daß  dreißig Männer einen ganzen Planeten übernehmen sollen?«  »Keinen  ganzen  Planeten.«  Karreeels  Stimme  änderte  sich  nicht; sie blieb sachlich, ruhig, unbekümmert. »Der größte Teil  des Planeten« –  er zwitscherte  etwas Unverständliches  – »ist  uninteressant Und wertlos. Es  ist nur eine bestimmte Region,  die  /kontrolliert werden  soll. Sicher werden  ihre Männer mit  Feuerwaffen  und  anderer  militärischer  Ausrüstung  keine  Schwierigkeiten  haben,  Primitive  mit  Lanzen,  Bögen  und  Schwertern zu beherrschen, oder?«  Das  schien  nicht  schwer  zu  sein.  Rick  war  trotzdem  von  dieser  Idee nicht  sehr eingenommen. Wenn der Planet  schon  so primitive Waffen besaß, dann sah es mit der Hygiene und  der medizinischen Versorgung nicht viel anders aus. Dort zu  leben, würde kein großes Vergnügen sein. , Er fragte sich, wie es wohl wäre, von der Wohlfahrt in einer  von Agzarals Kulturen zu leben. Es hatte nicht sehr angenehm  geklungen, aber Agzaral war zweifellos mehr Luxus als Rick  gewohnt.  Aber  dann  war  da  noch  der  Ausdruck  »Versuchsperson«,  und  das  hatte  sich  wirklich  nicht  gut  angehört.  Es  gab  noch  ein  anderes  schwerwiegendes  Problem.  »Wir  sind alle Männer«,  sagte Rick. »Und Sie werden uns  für den  Rest unseres Lebens auf einen anderen Planeten schicken…«  »Ah«,  sagte  Karreeel.  »Ich  verstehe.  Erlauben  Sie  mir  zu  erklären, daß es dort andere menschliche Frauen gibt.«  »Sie haben Frauen gekidnappt?« fragte Rick.  »Nein. Eine  so  große Anzahl  zu  beschaffen,  ist  –  ohne die  Regeln zu verletzen – sehr schwierig. Der Planet – nennen wir  ihn  Paradies.  Das  ist  ein  guter  Name  für  einen  Planeten.  Paradies ist von Menschen bewohnt.«  »Großer Gott«, sagte Rick.  Einen Moment war es ganz still. Rick  fragte sich, ob er den  Fremden beleidigt hatte.  »Es  ist wirklich wahr«, sagte Agzaral. »In vielen Teilen der  Galaxis gibt es Menschen.«  »Wie?« fragte Rick.  Agzaral  lächelte  dünn.  »Vermuten  nicht  Ihre  eigenen  Wissenschaftler,  daß  die Menschen  sich  nicht  auf  der  Erde  entwickelten?«  »Ich  habe  nie  gehört,  daß  diese  Theorie  ernst  genommen  wurde. Wenn die Leute – Menschen –  in der ganzen Galaxis  verbreitet sind, wie kamen sie dorthin?«  »Ich bezweifle, daß Sie das  je herausfinden werden«,  sagte  Agzaral.  Seine  Stimme  klang  nun  sehr  ernst.  »Es  gibt  keine , englische  Übersetzung  der  galaktischen  Geschichte,  und  ich  habe  keine  Lust,  Ihnen Unterricht  zu  geben. Glauben  Sie  es  einfach.«  Rick  runzelte  die  Stirn.  Er  fragte  sich,  ob  es  wahr  sein  konnte. Es gab Legenden von frühen Astronauten: Ezekiel und  das Rad, Cherubim, die biblischen  fliegenden viergesichtigen  Kreaturen;  die  sogenannten  Beweise  der  Sensationsschreiberlinge.  Die  Genesis  konnte  man  als  Verpflanzung  einer  sehr  kleinen  Gruppe  von  Menschen  interpretieren  –  die  Geschichte  nannte  nur  zwei  –,  auf  eine  Welt,  auf  der  sie  sich  nicht  entwickelt  hatte.  Es  entzog  sich  Ricks Verständnis. Er war nie ein brillanter Student gewesen.  Einer  der  Gründe,  warum  er  in  der  ROTC‐Klasse  hart  arbeitete, lag in seiner Vermutung, daß er die Armee vielleicht  brauchte, um eine Arbeit zu bekommen. Das einzige Fach,  in  dem  er  regelmäßig und gute Leistungen gebracht hatte, war  militärische Geschichte,  und  diese  versprach  kein  besonders  gutes Einkommen.  Paradies.  Er  lächelte  schief,  als  er  an  einen  Klumpen  unbewohnbaren  Eises  dachte,  den  man  »Grünland«  getauft  hatte,  in der Hoffnung, daß  sich  ein paar Einfaltspinsel dort  niederlassen würden.  »Richtige Menschen«,  sagte  er.  »Homo  sapiens.«  »Wie  intelligent,  darüber  kann man  streiten. Nicht  nur  in  diesem  Paradies,  sondern  überall«,  sagte  Agzaral.  »Aber  verlassen  Sie  sich darauf;  eine Gemeinschaft mit den Frauen  dort wird sehr fruchtbar sein.«  Etwas  anderes  beschäftigte  Rick  noch.  »Sie  sind  eine  Art  Polizist«, sagte er. »Ich war im Glauben, daß Sie hier sind, um  die  Leute  von  der  Erde  zu  schützen.  Ich  denke  an  all  die , Gesetze. Sie können keine Leute kidnappen, die nicht ohnehin                                                           ,   sterben würden. Nun  schicken Sie uns  los, diesen primitiven  Planeten  zu  erobern,  den  Sie  Paradies  nennen.  Warum  kümmern Sie sich nicht um die Menschen dort?«  Agzaral  runzelte  die  Stirn.  Rick  fragte  sich,  ob  er  eine  empfindliche  Stelle  getroffen  hatte.  »Paradies  –  Sie  können  ruhig auch den richtigen Namen des Planeten erfahren«, sagte  Agzaral.  »In  der  richtigen  Sprache  heißt  er  ›Tran‹.  Tran  ist  nicht durch die gleichen Gesetze geschützt wie die Erde.« Er  hielt  inne  und  preßte  die  Lippen  grimmig  aufeinander.  »Außerdem können Sie den Leuten dort nichts antun, was sie  sich  nicht  selbst  antun.  Sie  ersparen  ihnen  vielleicht  viel  Elend.«  Es  gibt  dort  etwas Geheimnisvolles,  dachte Rick. Agzarals  Gesichtsausdruck  paßte  nicht  zu  seinen Worten.  Aber was?  »Wenn es so einfach ist, warum tun Sie es dann nicht selbst?«  »Wir können nicht.« Agzaral wies auf Karreeel. »Entdecker,  Siedler und Entwickler haben auch ihre Rechte. Aber wenn Sie  auf Tran ankommen, erinnern Sie sich vielleicht daran, daß die  Leute dort genauso menschlich sind wie Sie und  ich, Captain  Galloway.«  »Wieviel Zeit habe ich noch?«  Agzaral blickte auf Karreeel.  »Wir  haben  es  nicht  besonders  eilig«,  sagte  der  Fremde.  »Sagen wir vierundzwanzig Stunden?«    *    Rick  unterbreitete  den  Vorschlag  der  Truppe.  Er  war  nicht  überrascht, als erst totale Stille herrschte und dann alle auf ,                                                            , einmal redeten. Er wußte, was sie  fühlten; er wollte ebenfalls  reden,  als  das  Interview mit  Agzaral  und  Karreeel  beendet  war.  Dann durchschnitt eine  laute Stimme das Geschnatter. »Ein  anderer Planet? Das ist nicht möglich.«  Soldat  Larry  Warner,  der  von  der  Truppe  »Professor«  genannt  wurde,  verfügte  über  eine  Stimme,  die  man  auch  mitten  in  einem Gefecht deutlich  hören  konnte.  Er  hatte  ein  College  besucht,  und Rick  hatte  keine Ahnung, warum  sich  der Mann freiwillig zur Armee gemeldet hatte, noch warum er  zum  zweitenmal  an  einer  CIA‐Operation  teilnahm.  Er  diskutierte mit  jedem, Offizieren, Unteroffizieren, einfach mit  jedem,  der  zuhören  wollte.  Nur  durch  die  Androhung  schwerer Strafen bekam man  ihn  ruhig. Trotzdem war er ein  gebildeter Mann,  und  Rick  hatte  in  der  Vergangenheit  sein  Wissen als sehr nützlich empfunden.  »Schneller  als  Lichtgeschwindigkeit  zu  fliegen  ist  unmöglich«,  sagte  Warner.  »Wir  können  kein  anderes  Sternsystem erreichen, und  in unserem Sonnensystem gibt es  ganz  sicher  keinen  bewohnbaren  Planeten.  Sie  müssen  Sie  angelogen haben.«  »Das wäre eine unsinnige Täuschung«, sagte Andre Parsons.  Sergeant Elliot wußte einen einfacheren Weg. »Halt’s Maul,  Warner.«  »Woher  kommen  die  Fremden?«  schrie  Jack  Campbell.  »Nicht  aus  diesem  Sonnensystem.  Sie  sagten  es  selbst,  Professor.« Campbell war  im College durchgefallen und ging  zur Armee, weil  er nichts Besseres zu  tun hatte. Er  liebte  es,  Warner zu hänseln. »Hey,  ich bin dafür! Captain,  ich glaube,  unser Status wird sich um einiges ändern. Die meisten von uns , können  auf  etwas mehr  als  nur  zwanzig  Jahre  Armee  und  dann die Pension hoffen – «  Rick  zuckte  die  Achseln.  »Ich  hab’  nicht  viel  darüber  nachgedacht, aber ich glaube schon. Sie redeten so, als ob wir  tun und lassen können, was wir wollen.«  »Ich  wollte  schon  immer  mal  König  sein«,  sagte  Andre  Parsons. »Ich sehe keinen Grund, warum wir nicht alle Könige  sein  sollten  –  oder  wenigstens  Grafen  und  Barone.  Vorausgesetzt natürlich, wir nehmen an.«  »Wir müssen auf jeden Fall hier raus!« schrie jemand.  Wieder ging das Geschwätz los.  »Wohin?«  »Ich habe eine Frau und zwei Kinder – ich muß wieder nach  Hause!«  »Ruhe  –  verdammt!«  Elliots  Kommando  brachte  sie  einen  Moment zur Vernunft.  Bevor sie wieder loslegen konnten sagte Rick: »Wir kommen  nicht mehr nach Hause. Das haben  sie  eindeutig klargestellt,  und ich sehe keinen Weg, wie wir dorthin gelangen sollen. Sie  können, wann  immer sie wollen, den Druck hier bis auf Null  absenken. Weiß  jemand, wie man  in  einem  Vakuum  atmen  soll?«  »Also was tun wir, Captain?« fragte Campbell.  »Zusammenhalten.  Und  tun,  was  sie  wollen«,  sagte  Rick.  »Lieutenant  Parsons  hat  recht.  Wenn  wir  hier  raus  sind,  können wir alle reich werden. Wir können nicht nach Hause,  aber wir können reich werden. Wenn wir zusammenhalten.«  »Gegen einen ganzen Planeten kämpfen?« fragte Campbell.  »Nicht ganz«, sagte Rick. »Aber wir können es schaffen. Wir  sind wegen der Waffen und was die Taktik betrifft im Vorteil., Obwohl es eine Menge Leute dort gibt. Eine Menge. Wenn wir  nicht zusammenhalten – gut, wann schläft wer?«  »Zuerst brauchen wir  einen neuen Vertrag«,  sagte Warner.  Seine  Stimme  hatte  einen  selbstzufriedenen  Ton.  »Ein  neuer  Vertrag.  Wir  können  damit  anfangen,  indem  wir  einen  Vorsitzenden wählen – «  Sergeant  Elliot  sah  aus,  als  hätte  ihn  der  Schlag  getroffen.  »Wählen! Wir haben Offiziere – «  »Die unter den gegebenen Umständen keine Autorität über  uns  haben«,  beendete  Warner  den  Satz.  »Ihre  Bevollmächtigungen  stammen  von  den  Vereinigten  Staaten,  und dort  leben wir  ja nicht mehr. Warum sollten wir Befehle  von ihnen annehmen?«  »Warner,  noch  ein  gottverdammtes Wort  von  dir,  und  ich  breche  dir  dein  Genick.«  Elliot  ging  und  stellte  sich  neben  Soldat Warner.  »Er hat recht«, sagte Andre Parsons. »Die, die freiwillig mit  uns gehen, haben auch freiwillig Captain Galloway und mich  als  Führer  zu  akzeptieren.«  Er  drehte  sich  zu  Rick  um  und  sagte  sehr  förmlich:  »Sir,  ich  erkenne  Sie  hiermit  als  Führer  und Captain dieses Auftrages an.« Dann salutierte er.  Parsons hatte sich von der Truppe weggedreht, so daß nur  Rick  sein  Gesicht  sehen  konnte.  Seine  Augen  lachten  verschmitzt,  und  als  Rick  den  Salut  zurückgab, winkte  ihm  Parsons übertrieben zu.    *    Rick  hatte  Parsons  erzählt,  daß  die  Fremden  –  und  der  menschliche »Polizist«, der manchmal genauso fremd war wie , die  Shalnuksis  –  möglicherweise  ihre  ganze  Unterhaltung  abhörten; danach paßten sie auf und sagten nichts mehr, was  ihre Auftraggeber  nicht  hören  sollten.  Es machte  Rick  noch  einsamer als sonst. Er hatte die Erde und jeden, den er kannte,  verloren, und er konnte nicht darüber reden, ohne das Risiko  einzugehen, abgehört zu werden.  Und  doch,  dachte  er,  vielleicht  wird  es  noch  gut.  Wie  Parsons  schon  sagte,  hatte  jeder  eine Zeit,  in  der  er  träumt,  irgendwie  ein  Ritter,  Baron  oder Graf  zu werden. Vielleicht  sogar  ein König. Das passierte  einem  auf der Erde  nie,  aber  vielleicht passierte es mit Rick Galloway auf Paradies.  Er  hatte  noch  andere  Phantasievorstellungen.  Er  wußte  genug  von  der  Geschichte  der  Erde,  um  die  Fehler  zu  erkennen,  die  seit  dem  Mittelalter  bis  in  die  industrielle  Gesellschaft  gemacht  wurden.  Er  hatte  Bilder  von  Bombay  und Kalkutta gesehen. Vielleicht, sagte er sich selbst, konnte er  dieser  neuen  Welt  helfen,  ein  paar  von  diesen  Fehlern  zu  vermeiden.  Für Karreeel  und  seine Händler‐Abenteurer war  dies eine Routineangelegenheit, um etwas Geld zu machen –  oder was  immer als Geld  in  ihrer Kultur angesehen wurde –,  aber für Rick war es eine Gelegenheit zum Abenteuer.  Es  war  aber  auch  unvermeidbar,  und  er  war  sich  unangenehm bewußt, daß viele der Argumente, die er gegen  die Männer und  sich  selbst benutzte, aus der Notwendigkeit  geboren wurden. Sie hatten einfach keine andere Wahl.    *    Die erste Aufgabe bestand in den Vorbereitungen. Sie würden  Verpflegung  und  Ausrüstung  brauchen.  Agzaral  hatte  ihm , erzählt, daß sie einen angemessenen Teil der Ausrüstung von  der  Erde  bekommen  konnten.  Er  hatte  nicht  gesagt,  was  angemessen hieß.  Rick  veranlaßte  die  Truppe,  Listen  anzufertigen.  Waffen,  Munition,  Spezialausrüstung,  Kommunikationsgeräte,  Überlebensgepäck,  medizinische  Versorgung,  Seife;  Luxusartikel  und  Annehmlichkeiten,  die  auf  Tran  nicht  hergestellt werden konnten, selbst nicht mit all der Hilfe, die  Rick und seine Leute geben konnten. Die Liste wurde endlos,  und sie begannen einiges wegzustreichen.  Sie  hatten  sehr wenige  Informationen  über  Tran.  Karreeel  war sich sicher, daß es dort keine Petroleumindustrie gab, aber  keiner wußte, ob es überhaupt Petroleum dort gab: somit also  keine  Verbrennungsmaschinen.  Andere  entscheidende  Informationen waren genauso schleierhaft.  Rick  bat  den  Fernseher  um  ein  Interview.  Kurz  darauf  erschien Karreeel auf dem Schirm.  »Wir brauchen mehr Daten«, sagte Rick. »Wie groß ist dieser  Planet?  Gibt  es  dort  Hurrikane?  Wie  kann  ich  etwas  vorbereiten, wenn ich nicht weiß, was ich vorbereiten soll?«  »Ihre Fragen sind vernünftig. Unglücklicherweise haben wir  die Daten,  die  Sie  brauchen,  nicht  übersetzt. Das wird  aber  später gemacht.«  »Können  Sie  die  Ausrüstung,  die  ich  brauche,  zusammenstellen?«  »Einiges. Das meiste.«  »Wie?« fragte Rick.  »Wir können es kaufen. Oder stehlen«, sagte Karreeel. »Ich  habe wenig Zeit  für Sie. Sie werden  später  jemanden  treffen,  der Zeit  für Sie hat. Bis dahin, belästigen Sie mich bitte nicht , weiter.«  »Wer ist das – «  »Ein  Mensch. Wenn  Sie  mir  Ihre  Liste  geben,  werde  ich  sehen, was besorgt werden kann.«  Der Schirm war wieder leer. Rick und Andre sahen einander  an. »Sie müssen Agenten auf der Erde haben«, sagte Parsons.  »Sie sprachen von Einkäufen – «  »Yeah.«  Rick  dachte  einen  Moment  darüber  nach,  dann  lachte  er.  »Fremde  unter  uns.  Agenten  der  Galaktischen  Konföderation studieren uns. Wir lesen es schon seit wer weiß  wie vielen Jahren, und es ist alles wahr.«  Andre Parsons  lachte auch, aber keiner von beiden hielt es  wirklich für so lustig. ,       Teil II    Das Schiff , 1    Gwen Tremaine war verliebt. Wenn man in Betracht zog, daß  sie zwanzig  Jahre alt und nicht gerade unattraktiv war, sollte  einen  das  nicht  erstaunen;  aber  tatsächlich war  sie mehr  als  erstaunt. Sie konnte es gar nicht richtig glauben.  Sie hatte sich mit einem einsamen Leben abgefunden. Nicht  einsam in dem Sinn, daß sie keine Freunde hatte, davon hatte  sie mehr  als genug;  aber  sie war überzeugt, daß  sie  sich nie  verlieben würde,  und  bezweifelte  immer,  daß  es  überhaupt  jemand  konnte.  Sie  hatte  den  starken  Verdacht,  daß  all  die  poetischen  Ergüsse,  all  die  lyrischen  Beschreibungen,  die  erzählten, was  einer  fühlt, wenn  er verliebt  ist, von Dichtern  und  Schriftstellern  geschrieben  wurden,  die  diese  Gefühle  zwar gerne haben wollten, sie aber selbst nie erlebten.  Körperliche Anziehungskraft konnte sie verstehen. Sie hatte  verschiedene Affären gehabt und sie alle genossen. Aber was  sie in sich selbst und in anderen nie wecken konnte, war, was  immer die Dichter fühlten, wenn sie von Liebe sprachen.  Sie hatte es versucht, und ein paarmal dachte  sie  schon, es  wäre  ihr  geglückt,  aber  es  hatte  sich  nie  zu  etwas  mehr  entwickelt.  Die  starke  Gemütsbewegung,  das  Gefühl  jemanden zu brauchen, das sie bei einigen Mädchen feststellte,  mit denen sie zusammen war – manchmal bewegte es sie, aber  es  hielt  nie  länger  an.  Normalerweise  hatte  sie  nach  dem  körperlichen  Zusammensein  verschiedene  Gefühle,  aber  gewöhnlich  überdauerten  sie  das  kalte  Licht  des  Morgens  nicht.  Eine  Zeitlang  schob  sie  die  Schuld  ihrer  Unfähigkeit,  sich  zu  verlieben,  auf  die  Männer  in  ihrem  Leben,  und  wirklich,  es  war  etwas  Wahres  daran.  Soweit  sie  es  sich , vorstellen  konnte,  hatte  sie  eine  ansehnliche  Kollektion  von  Zynikern,  Großmäulern  und  auch  ganz  oberflächliche  Charaktere  angezogen.  Sogar  ihre  Freunde  sagten  es. Nicht,  daß es so offensichtlich war, wenn sie sie  traf. Sie suchte sich  nicht  den  begehrtesten  Jungen  in  ihrer Hochschulklasse  aus  oder  war  hinter  den  Footballchampions  her,  die  jedes  Mädchen  in  der  Schule  haben  konnten.  Sie  verabredete  sich  lieber mit  den  ruhigen,  die  Brillen  trugen  und  eine Menge  lasen. Einige hatten vor  ihr noch nie eine Verabredung. Aber  sie verließen sie ausnahmslos, sobald sie ihr Selbstvertrauen so  weit  aufgepäppelt  hatte,  bis  sie  sich  trauten,  jemand  anders  um eine Verabredung zu bitten.  In Wahrheit erschreckte sie jeden, der versuchte sie ernst zu  nehmen.  Sie war  intelligent,  sie  redete  viel,  und  sie war  an  allem interessiert. Sie schrieb für eine Schulzeitung. Sie machte  so viel zusätzliche Klassenarbeiten, daß sie in jedem Fach eine  Auszeichnung  bekam,  sogar,  als  sie  das  Schlußexamen  machte.  Sie  verdiente  gutes  Geld  durch  so  unweibliche  Aktivitäten wie altes Brot aufzukaufen und an Hühnerfarmen  wieder zu veräußern. Kurz, sie war  für  jeden  Jungen, den sie  traf,  eine Konkurrenz,  und  die,  die  sie mochte, waren  nicht  selbstsicher genug, um diese Herausforderung zu überleben.  Als sie sechzehn und ein Senior  in der  John Marshall High  School war,  traf  sie  Fred  Linker  in  der  Schulbücherei.  Fred  hatte in seinem ganzen Leben noch keine Verabredung gehabt  und hatte einen Horror vor Mädchen. Gwen war zu der Zeit  ein bißchen zynisch gegenüber Männern, aber  sie war genug  Produkt  ihrer Kultur, um zu wünschen, daß sich  jemand mit  ihr  verabredete.  Fred  schien  perfekt  zu  sein.  Er  sah  nicht  schlecht aus, er war nur ein wenig schüchtern. Er las gern und , kannte Arbeiten wie »Silverlock«, die  sie  sich auslieh,  sobald  er  ihr davon erzählt hatte. Er war ein guter Zuhörer, und sie  teilten  viele  Ansichten.  So  arbeitete  sie  an  ihm,  bis  er  sie  ausführte, und  drei  Tage  später  hatte  er  den Mut,  ihr  einen  Gutenachtkuß zu geben. Er wußte nicht  sehr gut, wie er das  tun sollte, aber Gwen war eine gute Lehrerin. Sie hatte Bücher  gefunden, in denen stand, wie man es tat.  Fred  wollte  Schriftsteller  werden.  Er  schrieb  andauernd.  Eines Tages würde er eine Geschichte verkaufen. Dessen war  er  sich  sicher.  Er  hatte  einige  an  verschiedene  Magazine  geschickt und bisher nur Absagen erhalten.     , Gwen  las  die Magazine,  die  Fred  gerne mochte,  und  drei  Wochen  später  erschien  in  einem  der  Magazine  eine  Kurzgeschichte  von  ihr.  Sie dachte, daß  er  nun  stolz  auf  sie  wäre, und außerdem wußte sie nun, wie er seine Geschichten  verkaufen  konnte  –  man  mußte  nur  die  Vorlieben  des  Verlegers  herausfinden  –,  aber  eine  Woche  nach  diesem  Vorfall  verabredete  Fred  sich mit  einem  anderen Mädchen.  Später verkaufte er selbst drei Geschichten, aber er bat Gwen  nicht mehr um eine Verabredung.  Das College war nicht viel anders. Gwens physischer Drang  wurde stärker, und manchmal war sie so alleine, daß sie sich  lieber  in ein bis  in die Nacht geöffnetes Lokal setzte und  las,  als  in  ihr  Zimmer;  sie war  so  allein,  daß  sie  beschloß,  dem  nächsten Mann, den sie mochte, keine Konkurrenz zu machen.  Sie versuchte immer, es durchzuführen, aber es war nicht gut.  Selbst  wenn  sie  nicht  gerade  das  tat,  von  dem  ihr  gegenwärtiger  Freund  dachte,  daß  er  besonders  gut  darin  wäre, so würde es doch  irgendwann herauskommen, daß sie  es könnte, wenn sie wollte.  Oder vielleicht, sagte sie zu sich selbst, während sie sich  in  ihrem  zwangsläufig  nett  eingerichtetem  Ein‐Zimmer‐ Appartement  umzog,  vielleicht  ist  alles  falsch.  Vielleicht  mochten sie mich nur nicht auf dem ersten Platz. Weiß Gott, es  muß mit mir etwas nicht stimmen.  Ich bin nicht häßlich. Sie betrachtete sich selbst aufmerksam  im Spiegel. Zu klein, ja. Five foot two and eyes of blue klingt in  Schlagern ganz gut, aber in Wirklichkeit ist das sehr klein, und  meine Augen sind mehr grünbraun statt blau. Die Nase ist zu  spitz,  das Gesicht  zu  eckig,  aber  es  gibt  viele Mädchen mit  spitzeren Nasen und eckigeren Gesichtern, und die sind auch , nicht  häßlich.  Und  ich  habe  eine  gute  Figur,  nicht  zuviel  davon,  aber  gut  proportioniert.  Ich  brauche  keinen  Büstenhalter, und meine Hüften  sind auch nicht  zu knochig.  Ich kann nicht gut Kleider  tragen, weil  ich zu dünn bin, aber  schlecht sehe ich nicht aus. Männer wenden sich nicht gerade  ab, wenn ich komme.  Und  jeder  sagt  mir,  daß  ich  gut  erzählen  kann.  Ich  bin  aufgeweckt und witzig. Sie sagen es immer kurz nachdem wir  uns treffen und kurz bevor sie gehen.  Aber dieses Mal ist es anders.    *    Sie  zog  sich  sorgfältig  an.  Dieses Mal  wirklich,  dachte  sie.  Heute nacht wird  etwas passieren. Sie hatte  ein angenehmes  Gefühl der Erwartung. Vielleicht hält es dieses Mal an, dachte  sie. Bitte. Laß es andauern.  Sie grinste  ihr Spiegelbild an. Zu wem betete  sie?  In  ihrem  Weltbild war  Platz  für  einen Gott,  aber  nicht  für  einen,  der  dieser  Art  von  Gebet  viel  Aufmerksamkeit  schenkte. Wenn  Gebete wirkten, würde  es  eine Menge  schlechterer Leute  als  Gwen  Tremaine  geben,  die  sich  ihre  Seele  aus  dem  Leib  beteten. Nun, sie bekamen nicht, was sie wollten, warum sollte  also sie es bekommen?  Aber es gab eine Chance. Les war anders.  Sie  hatte  ihn  in  einem  Nachtcafe  in  der  Nähe  der  Universitätsbücherei  getroffen.  Es  war  sehr  spät,  und  sie  wollte gerade nach Hause gehen. Sie trug ein halbes Dutzend  Bücher,  und  er  hatte  das Anthropologiebuch  gesehen.  »Das  sieht aus, als ob es neu wäre«, sagte er. »Ich glaube,  ich habe , das noch nie gesehen, darf ich mal reinschauen?«  Und  dann  hatten  sie  angefangen  zu  reden.  Er  war  hochbegabt.  Sie  konnte das  aus den wenigen Dingen, die  er  sagte,  schließen. Aber  er wollte meistens,  daß  sie  redete.  Er  mochte es,  ihr zuzuhören – alles,  sie konnte über alles  reden,  was ihr gerade einfiel.  Er  veranlaßte  sie,  von  ihrer Kindheit  in  Iowa  zu  erzählen,  über den Umzug nach Kalifornien, als sie vierzehn war, über  die  High  School  und  das  College,  und  ihre  erfolglosen  Liebesaffären, über ihre Theorien über Geschichte und Physik  und  Mathematik  und  besonders  Anthropologie  und  –  Er  mochte sie. Er hörte zu, und er mochte sie, und für Gwen war  das ungeheuerlich.  Und sie konnte nicht mit ihm konkurrieren. Zum Teil konnte  sie  es  nicht,  da  sie  nicht wußte, was  er  tat.  Er  sagte  es  nie  direkt, aber sie hatte den Eindruck, daß er etwas mit Physik zu  tun  hatte.  Einmal  fragte  er  sie  nach  dem  Ursprung  des  Universums.  Sie  hatte  ihm  erzählt,  was  sie  dachte,  und  er  kritzelte einige Gleichungen auf eine Serviette. Sie  sagten  ihr  nichts. Er warf die Serviette weg. Am nächsten Morgen kam  sie zurück und suchte den Fetzen Papier in dem Abfall hinter  dem Restaurant  und  ging  damit  zur  Bücherei. Nachdem  sie  einen  ganzen  Tag  daran  gearbeitet  hatte,  sagten  ihr  die  Gleichungen  immer  noch  nichts.  Sie  konnte  nicht  mal  die  meisten Symbole ausfindig machen.  Das hieß, er war ein Lügner – nur, es konnte nicht sein. Les  brauchte nicht zu  lügen. Sie sprachen nur über  ihn, wenn sie  ihn dazu drängte, und er sprach nie, um sie zu beeindrucken.  Er  hatte  es  bereits  in  der  ersten  Nacht  getan,  als  sie  herausgefunden hatte, daß er so ziemlich jedes ,                                                            , Anthropologiebuch  gelesen  hatte,  das  je  geschrieben wurde  und  alle Haupttheorien  verstand. Wenn  sie  ihn  zum  Reden  brachte,  lernte  sie  in einer Stunde mit Les mehr als  in einem  Monat in ihrer Klasse.  Für drei Wochen sah sie  ihn nur  in dem Cafe. Er kam spät,  immer nach Mitternacht, manchmal  erst  in der Dämmerung.  Er fuhr einen LKW, um Geld zu verdienen, und er hatte keine  festen  Arbeitszeiten;  aber  er  kam  immer,  und  sie  wartete  immer. Sie hatten nie darüber gesprochen, aber sie wußte, er  kam wegen ihr.  Drei Wochen unterhielten sie sich in dem Cafe. Er winkte ihr  zum Abschied zu, wenn  es  so  spät war, daß  sie nach Hause  (oder in die Schule) mußte.  Bis gestern. Gestern stand er auf, als sie aufstand, zahlte und  ging mit ihr nach Hause. Es schien ganz natürlich, daß er mit  ihr hineinging und daß sie zusammen ins Bett gingen und daß  er  in  ihr  eine Leidenschaft  entfachte, die  sie nie  für möglich  gehalten hatte.  Er blieb bis mittags.  Und  jetzt  wollte  er  zurückkommen  und  sie  irgendwohin  mitnehmen. Sie zog sich sehr sorgfältig an. Ein Rock, der nicht  knitterte. Sie brauchten sich nicht in einem Auto zu verrenken.  Er war  in  ihrem Bett willkommen, aber wer weiß? dachte sie.  Sie grinste  ihr Gesicht  im Spiegel an. »Angemaltes Flittchen«,  sagte sie zu ihm.  Das Bild grinste zurück. »Wir mögen es, oder nicht?«  »Verdammt noch mal«, sagte Gwen. »Verdammt noch mal.  Ich hätte nie gedacht, daß ich – «  Sie  lachte  über  sich  selbst,  studierte  aber  ihre  kleine  Kollektion Schmuck und Parfüm. Was würde er mögen? , »Unabhängig,  frei.  Ich  werde  meinen  Hintern  bewegen,  damit er mich mag«, erzählte sie dem Spiegel.  »Halt ihn fest, dieses Mal«, riet der Spiegel.  »Richtig.« Wenn ich kann. Bitte. Laß es diesmal gut sein. Laß  es andauern.    *    Als  eine  Stunde  nach  Mitternacht  die  Türklingel  läutete,  rannte sie, dann zügelte sie sich. Er wußte, daß sie ihn mochte,  aber sie wollte nicht, daß er dachte, sie wäre so verrückt nach  ihm.  Trotzdem war  sie  ein  bißchen  atemlos,  als  sie  die  Tür  öffnete. Würde  er über  sie herfallen? Sie  ins Bett  tragen? Sie  würde verdammt keinen Widerstand leisten ‐  Er  küßte  sie,  ließ  aber  schnell  von  ihr  ab,  bevor  es  weiterführte.  Dann  grinste  er.  »Später.  Wir  werden  eine  Menge Zeit haben.«  »Gut.«  »Wollen wir fahren?« fragte er.  »Sicher. Wohin? Brauche ich einen Mantel?«  »Ich habe einen Wochenend‐Trip im Kopf. Kannst du schnell  eine Tasche packen?«  Sie  runzelte die Stirn. War er  so  selbstsicher? Aber er hatte  allen Grund, es zu sein. Und warum nicht? »Ich kann  für ein  paar Tage weg«, sagte sie. »Aber ich müßte meine Vermieterin  anrufen, und ihr sagen – «  »Schreib ihr einen Zettel. Es ist spät.«  »Was soll ich einpacken? Schwimmsachen? Skianzug?«  »Magst du Boote? Segeln?«  »Ich war noch nie auf einem. Aber ich werde nicht seekrank ,                                                            , ‐ ich glaube, das habe ich dir schon erzählt.«  »Hast du.«  Da war es. Der leichte Akzent. »Wo bist du aufgewachsen?«  fragte sie.  »Ich  dachte,  du wärst  der  Fachmann,  der meinen  Dialekt  errät.« Er grinste.  Es  ist  ein  liebes Grinsen,  dachte  sie.  Ein  liebes Grinsen  in  einem lieben Gesicht. Sie trat näher zu ihm.  Er zog sie an sich und hielt sie einen Moment fest.  »Du hast genau die richtige Größe«, sagte sie.  »Wie meinst du das?«  Sie  zuckte  die Achseln.  »Groß  genug,  daß  ich  von  dir  als  einem großen Mann denke, aber nicht  so groß, daß du mich  überragst.  Und  nicht  so  groß  in  anderen  Dingen, wenn  du  weißt, was ich meine – «  Er lachte. »Wir passen anscheinend zusammen.«  »Ja,  ich glaube  schon.  Ich packe meine  Segelsachen«,  sagte  sie. »Ich brauche nicht lange.«    *    »Ich  wußte  nicht,  daß  es  in  den  Bergen  Boote  gibt«,  sagte  Gwen. » Wohin bringst du mich also?«  Es  schien  eine  berechtigte  Frage  zu  sein. Die  Straße wand  sich  ständig  höher  in  die Angeles Mountains  und  entfernte  sich  vom Meer.  Zuerst  dachte  sie,  sie  führen  an  die  Küste  entlang  nach  Santa  Barbara,  aber  er  war  nach  Osten  abgebogen.  Der  LKW  brummte  über  die  Straße.  Es war  ein  schwerer  Ford,  und  die  Ladefläche  war  mit  seltsamen  Dingen , vollgestopft, die durch  eine Plane geschützt waren. Das war  auch  komisch.  Warum  ein  vollgeladener  Laster  für  eine  Wochenendfahrt? »Wohin fahren wir, Les?«  »Vertraust du mir nicht?«  »Ich –  ich weiß nicht.  Ich weiß  – Les, bitte. Spiel nicht mit  mir.«   , »Das will  ich  auch nicht, Gwen.«  Seine  Stimme klang  sehr  ernst.  »Aber  ich  habe  keine  andere Wahl.«  Er  zögerte  einen  Moment.  »Du  sagtest mir,  daß  du  lernen möchtest.  Reisen,  andere Völker sehen und lernen wie sie leben – «  »Ja – «  »Ich  kann  dir die Gelegenheit  verschaffen,  es  zu  tun.  Jetzt  gleich.  Aber  es  ist  ein  langer  Trip.  Willst  du  mit  mir  kommen?«  »Jetzt direkt? Einfach so? Niemandem sagen – «  »Ja.«  »Les, ich kann nicht – «  »Sicher kannst du. Du hast mir  selbst gesagt, daß niemand  danach  fragt, was dir passiert. Deine Mutter  ist  tot, und von  deinem Vater hast du seit  Jahren nichts gehört. Sicher kannst  du. Wer  fragt  schon nach dir? Die Leute an der Universität?  Die Vermieterin? Nein, bestimmt nicht.«  »Aber – jetzt gleich? Einfach so? Wohin fahren wir?«  »Das ist der Teil, den ich dir nicht erzählen kann. Eine lange  Reise  in  exotische  und  weite  Länder.  Das  kann  ich  dir  versprechen.«  »Mit dir.«  »Ja. Mit mir.« Er  fuhr mit beiden Händen am Steuer, beide  Augen auf die Straße gerichtet, fast, als hätte er Angst um den  Laster. Nun  ließ  er das Lenkrad  einen Moment  los, um  ihre  Hand  in die seine zu nehmen und zu drücken. »Mit mir. Das  verspreche ich dir.«  Sie dachte darüber nach. Aber es war alles so  fremd. »Was  ist  in dem LKW? Deine Reiseausrüstung? Was – wer bist du?  CIA?«  »Was, wenn ich es wäre?« , »Ich – würde das nicht mögen.«  »Dann  bin  ich  es  nicht«,  sagte  er.  »Wart’s  ab. Das  ist  eine  andere Frage. Das Gepäck in dem Laster ist für die Reise, aber  es ist nicht für mich. Ich habe Ausrüstung für andere geladen.  Ich übernahm es und muß es abliefern.«  »Aber immer nachts?«  »Meistens«, sagte er.  »Les, wohin  fahren wir?  Ich dachte  eine Weile  an Mexico,  aber wir fahren nach Nordosten. Wo – «  Er  fuhr  langsamer.  »Ich  kehre  um  und  fahr’  dich  nach  Hause.«  »Und dann?«  »Und dann gehe ich. Ich muß gehen, Gwen. Es tut mir leid,  wenn ich dir fast nichts erzählen kann, aber ich darf nicht. Ich  möchte gerne, daß du mit mir kommst, aber du hast nicht viel  Zeit, es dir zu überlegen.«  »Wie lange, wie lange werden wir fort sein?«  »Eine  lange  Zeit.  Jahre.  Aber  du  wirst  exotische  Orte  kennenlernen, weit weg, Orte, die du nie sehen wirst, wenn du  nicht mit mir kommst.«  »Ich habe nicht sehr viel eingepackt«, sagte sie. »Nicht, um  so  lange wegzubleiben. Wirst du mir einen grasgrünen Rock  kaufen?«  Der Laster  rollte noch  ein Stück. Dann hielt Les an, drehte  sich  um  und  küßte  sie.  »Ich  bin  glücklich«,  sagte  er.  Dann  startete er. »Wir haben nicht mehr viel Zeit. Sie werden nicht  die ganze Nacht warten.«  »Wer wartet nicht?« wollte sie wissen.  Eine Stunde später erfuhr sie es.   , 2    Gwen war auf dem Mond. Sie mußte sich das  immer wieder  sagen.  Sie  war  auf  dem  Mond  und  sprach  mit  einem  Fernseher.  Das Gesicht  auf dem  Schirm war menschlich.  Fremd,  aber  menschlich, und nach dem, was Gwen  in dem Schiff gesehen  hatte, war jedes menschliche Gesicht eine Erleichterung.  Der Mann sah neugierig aus. »Sie kamen  freiwillig?«  fragte  er.  Gwen war nackt, bis auf ein Bettuch, das sie sich umgehängt  hatte,  als  ihr  bewußt  wurde,  daß  der  Fernseher  in  beide  Richtungen übertrug. Sie saß auf einer Ecke des Bettes, um mit  dem Mann  in  der  rostfarbenen  Tunika  zu  sprechen,  der  auf  dem Schirm erschienen war. Les  lag zugedeckt auf dem Bett,  und  sein  Gesichtsausdruck  war  –  verärgert? Warum  ist  er  verärgert, fragte sie sich.  »Ja,  ich  kam  freiwillig«,  sagte  sie.  »Les  fragte mich,  ob  ich  mitkomme. Er sagte,  ich könne  fremde und exotische Länder  besuchen, und – «  »Sie kamen freiwillig an Bord«, sagte der Mann. »Wird man  Sie  vermissen?  Entstehen  durch  Ihre  Abwesenheit  Schwierigkeiten? Intensive Suche durch die Polizei?«  »Ich glaube nicht.  Ich habe meiner Vermieterin einen Zettel  zurückgelassen,  daß  ich  für  ein  Wochenende  weg  bin.  Sie  macht  sich  vielleicht  Sorgen, wenn  ich  nicht  zurückkomme,  und ruft die Polizei.«  »Man  vermutet wahrscheinlich,  daß  Sie  ermordet wurden.  Das ist aber nicht mein Problem.« Der Schirm war wieder leer.  »Das läge hinter uns«, sagte Les. Er sah erleichtert aus. ,                                       Warum  erleichtert?  Und  warum  hatte  er  sich  Sorgen  gemacht? Es gab vieles, das Gwen nicht verstand. Aber ganz  sicher war  sie  froh, daß  sie mitgekommen war. Es gab  viele  Wunder, sogar hier in dem Zimmer. Es war verschwenderisch  eingerichtet,  vorwiegend  mit  Gegenständen  von  der  Erde;  aber  einige  der Möbel  waren  neu  und  fremd.  Da  war  der  Fernseher  mit  dem  sonderbaren  Kontrollkästchen,  mit  dem  man  Bücher  und  Landkarten  und  andere  interessante Daten  erscheinen  lassen konnte – das  einzige Problem war, daß  sie  kein Wort davon  lesen konnte. Und es gab die Fremden und  das Erlebnis, die Erde vom Weltraum aus zu sehen. Sie spürte , nun  die  niedrige  Gravitation  des  Mondes  und  konnte  die  Oberfläche  von  Luna  auf  dem  Bildschirm  erkennen.  Es war  alles erschreckend, aber auch erregend.  »Wer war dieser Mann?« fragte sie.‐  »Ein Typ von der Polizei«, sagte Les.  »Was  wäre  passiert,  wenn  ich  gesagt  hätte  daß  du  mich  gekidnappt hast?«  »Vielleicht hätte er dir nicht geglaubt. Aber wenn du gesagt  hättest, daß dich die Shalnuksis gekidnappt haben, dann hätte  es Ärger gegeben.«  Gwen  zitterte,  aber  nicht  vor  Angst.  Es  war  alles  so  wunderbar.  Fremde. Raumschiffe. Und  sie waren  so  nett  zu  ihr. Les hatte  ihr Kleider und Schmuck gegeben – nicht, daß  die Geschenke etwas besagten, aber er hatte sie für sie besorgt.  Er sorgte sich um sie. Sie wußte es. Er paßte auf sie auf.  »Und du kömmst nicht von irgendwo auf der Erde?« fragte  sie. »Ich kann es immer noch nicht glauben.«  »Es  ist  aber wahr«,  sagte  er.  »Mein  Zuhause’  ist  zwanzig  Lichtjahre von hier entfernt.«  »Wie lange warst du auf der Erde?«  »Vier Jahre. Ein bißchen mehr.«  »Aber  du  sprichst  so  gut  Englisch! Kein Wunder,  daß  ich  nicht feststellen konnte, woher du kommst. Wie hast du in vier  Jahren so gut Englisch gelernt?«  »Es  ist  eine  Begabung«,  sagte  er.  »Ich  spreche  ein  paar  menschliche Sprachen. Vier von deinem Planeten.«  »Viele menschliche Sprachen – Les, was  tust du  für diese –  diese Fremden?«  »Du kannst mich als Zivilbeamten betrachten«, sagte er. »Ich  fliege  Schiffe,  mache  Studien  über  Primitive,  kaufe , Ausrüstungen und sehe, daß sie an Bord kommen –  jede Art  von  Arbeit,  die  die  Händler  oder  die  Konföderation  verlangen.«  »Ein Zivilbeamter.«  »So was Ähnliches«, sagte Les. »Meistens ist es menschliche  Arbeit für die Konföderation, aber manchmal verleihen sie uns  an Händler, wenn mehr Menschen  für  die Arbeit  gebraucht  werden. Im Moment erledige  ich ein paar Botengänge für die  Shalnuksis.«  »Aber warum gehst du nicht nach Washington und erzählst  dort  alles?  Oder  jemand  anderem?  Warum  solch  eine  Geheimniskrämerei?«  »Für  Fragen  haben wir  später  noch  genug  Zeit«,  sagte  er.  »Wir  werden  sehr  viel  Zeit  haben.  Im  Moment  sind  wir  zusammen und haben noch ein paar Stunden, bevor wir in das  andere Schiff gehen.«  »Ein anderes Schiff?«  »Ja. Ich muß einige Leute – Menschen, Freiwillige, Soldaten –  auf  einen  anderen  Planeten  bringen.  Ich werde  sie  auf  dem  Weg dahin unterrichten müssen.«  »Soldaten.  Freiwillige.  Du  meinst  Söldner.«  Sie  machte  keinen Versuch, die Verachtung in ihrer Stimme zu verbergen.  Er lachte. »Magst du keine Krieger? Sie sollten dir eigentlich  ein bißchen leid tun. Sie haben mit ihrer Arbeit genug zu tun.  Mehr als sie ahnen.«  »Gegen wen wollen sie kämpfen? Was werden sie tun?«  »Alles zu seiner Zeit. Du wirst mehr über sie wissen, als dir  recht ist, wenn wir auf Tran sind. Im Moment –« Er zog sie an  sich. , Einen Moment widerstand sie, aber sie konnte sein Drängen  spüren.  Warum  widerstehen?  dachte  sie.  Warum  sein  Bedürfnis  übelnehmen? Seine Sehnsucht nach mir.  Er hatte ihr Wunder gezeigt, die über ihre Vorstellungskraft  gingen. Was konnte es  sonst noch geben? Sie  schauderte vor  Erwartung.    *    In  den  Schirm  kam  Leben,  während  die  Soldaten  ihr  Mittagessen  kochten.  Rick  Galloway  ging mit  seinen  neuen  Ausrüstungslisten  hinüber.  Es  gab  eine  Menge,  was  sie  brauchten, und sie hatten nicht viel erhalten von dem, wonach  sie gefragt hatten.  »Keine Zeit«, sagte Agzaral. »Wirklich, keine Zeit. Sammeln  Sie  Ihre Ausrüstung. Sie müssen diesen Bau sofort verlassen.  Draußen  steht  ein Schiff, und Sie müssen mit allem, was Sie  mitnehmen  wollen,  an  Bord  gehen.  Sie  haben  noch  zwei  Stunden.«  Er schien sehr aufgeregt. »Sie müssen sich beeilen.«  »Warum? Wir  können  jetzt  nicht  gehen. Wir  haben  nichts  von dem, wonach wir gefragt haben.«  »Einiges  befindet  sich  an Bord des  Schiffes. Der Rest wird  wahrscheinlich  später  geliefert.  Aber  beeilen  Sie  sich.  Diejenigen, die zurückbleiben, werden mit den Konsequenzen  nicht glücklich sein.«  »Warum?«  »Sie werden es erfahren«,  sagte Agzaral. »Aber Sie werden  überhaupt nicht gehen, wenn Sie das Schiff jetzt nicht beladen. , Erinnern Sie sich an die Alternativen, die ich Ihnen anbot. Sie  haben sich nicht geändert.«  »Das ist lächerlich«, sagte Rick. »Es ergibt keinen Sinn.«  Es  kam  keine  Antwort.  Agzaral  starrte  weiter  aus  dem  Fernseher.  Wenigstens  sieht  er  nicht  gelangweilt  aus,  dachte Rick.  Ist  das  ein  gutes  Zeichen?  Es  konnte  einen  tatsächlich  erschrecken. ,   »Ich  kann  nicht  sagen,  daß  ich mir  etwas  daraus mache«,  sagte Andre Parsons. »Aber ich denke an einige Alternativen.«  Er  drehte  sich  zum  Bildschirm.  »Warum  sollten  wir  Ihnen  trauen?«  »Sie wären überrascht, wenn  sie wüßten, wie  egal mir das  ist«, sagte Agzaral. »Aber  ich erinnere Sie, daß sie noch nicht  an Bord des Schiffes sind.«  Parsons zuckte die Achseln, dann sah er zu Rick. »Ich denke,  wir sollten es tun.«  »Einverstanden«, sagte Rick. »Laden wir ein. Elliot, bring sie  auf Trab. Wir gehen ins Schiff.«  »Bringen  Sie  Ihr  Gepäck  auf  den  oberen  Korridor«,  sagte  Agzaral. »Das Schiff wird in Kürze bestiegen werden können,  und Sie sollten Ihre Habseligkeiten bis dahin zur Luftschleuse  geschafft haben.«  Sie brachten schwitzend die Waffen und die Ausrüstung den  Korridor  hinauf.  »Nun  holt  dieses  Zeug  noch«,  befahl  Rick.  »Räumt die Höhle leer.«  »Warum«,  fragte  Warner.  »Was  sollen  wir  mit  einem  gasbetriebenen Rasenmäher?«  »Weiß  ich  nicht«,  sagte  Rick.  »Aber  wir  bekommen  nie  wieder einen anderen. Und nun nimm ihn, Professor.«  »Ja, Sir«, sagte Warner. »Und den Toaster auch?«  »Alles«, sagte Rick. Er hob eine Kaffeedose auf.  Als sie die Höhle verlassen hatten, schloß sich der Eingang.    *    Das  Schiff  stank. Obwohl  sie  von  dem  Schiff  nicht  sehr  viel , sehen konnten, war es offensichtlich, daß es ein anderes war  als das, mit dem  sie gekommen waren. Der Anstrich war an  einigen Stellen  fleckig und abgebröckelt. Auch das Deck war  von Flecken übersät.  Als  sie  das  letzte  Stück  der  Ausrüstung  an  Bord  hatten,  schloß  sich  die  Eingangstür.  Es  gab  überhaupt  keine  Vorwarnung. Ihr Gewicht nahm zu. Es war offensichtlich, das  Schiff  war  in  Bewegung.  Rick  schätzte  die  Beschleunigung  ungefähr auf das Doppelte der Anziehungskraft des Mondes.   , Nach  zwei  Stunden  begann  er  loszubrüllen.  »Was,  zum  Teufel, geht hier vor?« fragte er. Aber es war niemand da, mit  dem  er  reden  konnte.  Es  schien  kindisch,  die  leere  Luft  anzuschreien,  aber  es war  noch  blöder,  überhaupt  nichts  zu  tun.  Nichts  passierte.  Einige  der  Truppe  durchstreiften  die  Bereiche, die sie erreichen konnten. Sie fanden Türen, die sich  öffneten,  und  dahinter  waren  Toiletten,  Lagerräume,  eine  andere  leere  Kammer.  Sie  fanden  in  zwei  anderen  Räumen  etwas zu essen.  Der  Rest  war  verschlossen.  Es  gab  keinen  Weg  in  den  anderen Teil des Schiffs.  »Was, zum Teufel, geht vor?« murrte Rick.  Andre Parsons zuckte die Achseln. »In den Lagerräumen ist  Wein  und  Whiskey.  Ich  schlage  vor,  wir  genehmigen  uns  einen Drink.«  »Hast du sonst nichts im Kopf?«  »Doch, aber im Moment weiß ich nichts Besseres zu tun.«  Mehr als fünfzig Stunden vergingen. Sie hatten immer noch  nichts  von  irgend  jemandem  gehört.  Und  das  Schiff  beschleunigte die ganze Zeit. Rick errechnete die Entfernung,  indem  er von der doppelten Mond‐Gravitation  ausging. Das  Ergebnis  schien  so  unvernünftig,  daß  er  noch mal  rechnete.  Zweiunddreißig Millionen Meilen. Ein drittel der Entfernung  von der Erde zur Sonne.  Auf  dem  Fernseher  gab  es  absolut  nichts. Warner  begann  sich  zu  beschweren,  daß  ihre Arbeitgeber  den Vertrag  nicht  einhielten. Rick  stimmte  ihm heimlich zu, aber er  sah keinen  Grund,  darüber  zu  reden.  Falls  die  Shalnuksis  zuhörten,  so  wollte  er  ihnen  keinen Grund  geben,  in  diesen  Begriffen  zu , denken. Schließlich brachte Elliot Warner zum Schweigen.  Ein paar der Männer waren schon bald total betrunken, und  Rick  mußte  an  den  Türen  zum  Schnapsabteil  Wachen  aufstellen.  Das  Problem  war  –  wem  konnte  er  trauen?  Die  Disziplin ging allmählich zum Teufel, und er konnte nicht viel  dagegen tun.  Weitere vierzig Stunden verstrichen.  »Zehn  Minuten.«  Die  Stimme  hallte  durch  das  Abteil.  »Sie  haben  zehn  Minuten,  um  sich  auf  die  Schwerelosigkeit  vorzubereiten. Zehn Minuten.«  In  den  Vorratsräumen  gab  es Netze,  und  sie  steckten  die  losen Gegenstände dort hinein, aber sie behielten ihre Waffen.  Niemand  wollte  zwischen  sich  und  seinem  Gewehr  Schiffstüren haben.  Die  Beschleunigung  stoppte,  und  sie waren  im  freien  Fall,  aber nicht für lange. Das Schiff bewegte sich in kurzen Stößen.  Dann hörten sie einen tiefen Ton – aber nichts erinnerte an den  warnenden Ton, den  sie von den Lautsprechern kannten. Es  war ein tiefes Brummen, das durch das ganze Schiff lief, als ob  das Schiff selbst vibrierte und den Ton erzeugte.  Ricks  Sicht  verschwamm. Er  konnte  sehen,  aber nicht  sehr  gut,  so,  als  ob  er  durch  dicke  astigmatische  Linsen  sehen  würde.  Der  dröhnende  Ton  wurde  lauter  und  schwoll  beängstigend an. Dann erstarb der Ton allmählich, und Ricks  normales Sehvermögen kehrte zurück. Sie  fühlten wieder  ihr  Gewicht,  mehr  als  vorher  –  fast  der  Erdanziehungskraft  entsprechend.  Das Fernsehen  schaltete  sich  ein. Es zeigte Karreeel, der  in  seinem  hohen  Sessel  saß.  Er  sah  beinahe  komisch  aus,  und  einige Männer begannen nervös zu lachen. ,                                                            , Dann kamen sie näher und beschimpften das Fernsehbild. Es  erfolgte  aber  keine  Antwort  darauf.  Statt  dessen  begann  Karreeel mit flacher, monotoner Stimme zu sprechen.  »Ich  erinnere  Sie  daran,  daß  dies  eine  aufgezeichnete  Nachricht ist«, sagte der Fremde. »Bitte hören Sie genau zu.«  »Haltet die Klappe«, befahl Rick. Das Gerede erstarb, aber er  bekam die ersten Worte nicht mit.  »… war unvermeidlich.  Sie  sind  nun  auf  Ihrem Weg  nach  Tran, und Sie können das Fehlen einer geeigneten Ausrüstung  nicht  mehr  bedauern  wie  wir.  Ihr  Erfolg  ist  für  uns  sehr  wichtig,  und  nur  die  hohe Dringlichkeit  veranlaßte  uns,  Sie  ohne die nötigen Vorbereitungen loszuschicken.« Der Fremde  sprach in einer ruhigen und sorglosen Art, aber Rick bemerkte,  daß die Nasen‐ und Mundschlitze mehr flatterten als bei dem  Interview in Agzarals Büro.  »Wir  werden  Sie  mit  so  viel  Informationen  wie  möglich  versorgen. Der Pilot dieses Schiffes  ist von  Ihrer Art, und  er  besitzt Bänder über die lokalen Bedingungen, die wir kennen.  Er wird diese Informationen übersetzen und Ihnen die Kopien  davon übergeben.  Sie  werden  schätzungsweise  vierzig  Ihrer  Tage  an  Bord  dieses  Transporters  bleiben.  Während  dieser  Zeit  wird  die  Beschleunigung  ständig wachsen,  um  Sie  an  die Gravitation  zu gewöhnen, die Sie auf Paradies finden werden.  Ich muß Sie daran erinnern, daß die meisten  Informationen  über  die  örtlichen  Sprachen  sehr  alt  sind,  aber  zweifellos  werden  Sie  sie  sehr  schnell  lernen, wenn  Sie  sie  gebrauchen  müssen.  Sie brauchen vielleicht nur  eine. Wir  sind  an  einem  sehr kleinen Gebiet des Planeten interessiert. Sie werden auch  alle Informationen erhalten, die Sie brauchen, um die Pflanzen ,                                                            , anzubauen.  Die  Kultivierung  des  Surinomaz  ist  kompliziert,  und es  ist wichtig, daß Sie die  Instruktionen genau befolgen.  Die Ernte ist für uns, und deshalb auch für Sie, sehr wertvoll.  Wenn wir  das  nächste Mal  Paradies  besuchen, werden wir  Luxus‐ und  andere Güter mitbringen. Sie brauchen  sich  also  um  nichts  anderes  zu  kümmern,  als  anzubauen,  was  wir  erwarten, und es an uns abzuliefern.  Selbstverständlich müssen  Sie  verstehen,  daß  falls  Sie  uns  nichts  zu  verkaufen  haben, wir  natürlich  auch  nichts  an  Sie  verkaufen werden.  Wir wünschen Ihnen viel Erfolg.«  Der Schirm war wieder leer. Dann erschien ein menschliches  Gesicht.  Der  Mann  war  nicht  so  dunkel  wie  Agzaral,  und  seine  Augen  hatten  eine  hellere  Farbe,  aber  es  war  doch  eine  schwache Ähnlichkeit mit Agzaral festzustellen. Seine Stimme  hatte  überhaupt  keinen  Akzent.  »Sie  können  mich  Les  nennen«, sagte er. »Ich bin der Pilot. Ich versuche, Ihre Fragen  zu beantworten.«  »Bring  uns  zurück!«  schrie  Warner.  »Ihr  habt  nicht  das  Recht,  unseren  Vertrag  zu  ändern!  Wir  haben  uns  auf  besondere Bedingungen hin anwerben lassen, und ihr habt sie  geändert. Wir steigen aus!«  Der Pilot lachte. »Gut, das können Sie dann auf Tran tun. Ich  glaube nicht, daß schon  jemand während des Beschleunigens  aus  einem  Schiff  gesprungen  ist,  aber  Sie  können  es  gerne  versuchen. Unglücklicherweise gibt es keine Möglichkeit, wie  Sie  uns  berichten  könnten,  was  dabei  passiert.  Telepathie?  Sind Sie Telepath?«  »Das  nicht, Warner«,  sagte  Rick.  »Elliot,  setz  dich  auf  ihn , drauf, vielleicht ist es das, was er braucht.«  »Sir.« Sergeant Elliot grinste. Es war das  erste Mal,  seit  sie  den Mond verlassen hatten, daß er etwas  total verstand, und  er war begierig, sich nützlich zu machen.  »Ausrüstung«,  sagte  Rick.  »Wir  haben  nicht,  was  wir  brauchen – wir wissen nicht einmal, was wir brauchen.«  »Yeah, das  ist  schlecht«,  sagte Les.  »Karreeel  ist deswegen  sehr  besorgt.  Sehen  Sie,  wir  erfuhren,  daß  ein  Schiff  mit  Regierungsleuten einen Besuch machen wollte. Das hätte Ihre  Reise um Monate verzögert, wenn nicht länger. Vielleicht wäre  sie  ganz  ausgefallen.  Dieses  Schiff  wurde  von  Karreeels  Handelsgesellschaft  gemietet,  und  Sie  glauben  nicht, was  es  kostet, wenn es die ganze Zeit untätig herumsteht.«  »Aber – wir wissen nicht, was wir tun sollen, wenn wir dort  sind«, protestierte Rick.  »Sie werden alle Informationen, die Sie brauchen, erhalten«,  sagte Les. »Gut, alle Informationen, die wir haben. Sehen Sie,  das  wurde  alles  schon  einmal  gemacht.  Sie  werden  es  schaffen.«  »Das ist absurd«, sagte Andre Parsons. »Wie können Sie von  uns  erwarten,  daß  wir  ein  ganzes  Land  in  die  Hand  bekommen  und  Pflanzen  anbauen  –  ohne  geeignete  Ausrüstung und mit sehr wenig Munition?«  »Weiß  nicht«,  sagte  der  Pilot.  »Aber  Sie  sollten’s  besser  versuchen. Karreeel wird seinen Teil des Vertrages einhalten,  aber  er wird  nicht mit  Ihnen  handeln, wenn  Sie  ihm  nichts  zum Handeln anbieten.«  »Aber  das  ergibt  keinen  Sinn«,  sagte  Parsons.  »Wenn  sie  diese Pflanzen wollen, warum schicken sie uns dann mit   ,                                                            , ungenügendem Werkzeug los?«  »Gut,  es  ist  wirklich  schlecht«,  sagte  Les.  »Aber  seine  Gesellschaft  kann  sich  diesen  Schaden  leisten. Aber was  sie  sich nicht leisten konnten, war die Zeit, die sie verloren hätten,  wenn  Ihr  immer  noch  auf  dem Mond  wäret,  während  die  Kommissionsleute  ankommen.  Ihr  hättet  das  auch  nicht  gemocht. Verhöre, Komiteesitzungen, noch mehr Verhöre, und  die  ganze Zeit würden  sie  darauf  bestehen,  daß  sie  nur  das  Beste für euch wollen.«  »Können  Sie  nicht  einiges  davon  näher  erklären?«  fragte  Rick. »Wieso zum Beispiel handelt ihr Leute nicht so, wie wir  immer von einer interstellaren Zivilisation dachten – «  Der  Pilot  lachte.  »Ich  habe  einige  eurer  Spekulationen  gelesen. Warum denkt  ihr, daß wir  so verschieden von  euch  sind?  Oder  daß  wir  die  Erde  anders  behandeln  als  die  Engländer  Indien?  Entschuldigt  mich,  aber  ich  habe  auch  Arbeit. Unter anderem muß ich diesen Text hier übersetzen.«  »Kann das nicht ein Computer übernehmen?« fragte Rick.  »Yeah,  aber  es  ist nicht  so  leicht, wie  Sie denken.  Ich muß  zuerst mal die richtigen Programme dafür festlegen. Ich melde  mich wieder.« Der Schirm war wieder leer.  Andre Parsons schaute gedankenvoll. »Wie nannte die Ost‐ Indien‐Companie die eingeborenen Soldaten?«  »Sepoys«, sagte Rick.  Parsons  nickte.  »Sepoys. Gut,  nun  kennen wir wenigstens  unseren Status.«         , 3    Das  Computer‐Kontroll‐System war  kompliziert,  aber Gwen  war  in der Lage, es  für einfachere Aufgaben, wie Bilder und  Dokumente  abzurufen,  zu  benutzen.  Eine  gute  Einrichtung,  sagte sie sich selbst. Sonst hätte sie sich zu Tode gelangweilt.  Nicht mit Les natürlich. Er war aufmerksam und freundlich.  Er verbrachte Stunden damit, Abendessen vorzubereiten und  in  romantischem  Stil  zu  servieren, mit  exotischer Musik von  einem  Dutzend Welten, Weine  und  Liköre  von  mindestens  genauso  vielen,  so  daß  ihre  Abende  –  und  Nächte!  –  erregender waren, als sie es sich vorstellen konnte.     , Aber das waren nur einige Stunden am Tag. Man kann nur  eine  begrenzte  Zeit  am  Tag  verzaubert  sein.  Oder  im  Bett,  sagte sie sich. Les hatte seine Arbeit; er übersetzte Dokumente  für die  Söldner. Deshalb  hatte  sie morgens und  nachmittags  (Schiffszeit,  natürlich;  seit  sie  das  Sonnensystem  verlassen  hatten, war draußen nichts mehr zu sehen – kein Stern, keine  Sonne,  die  die  Tage  oder  Jahreszeiten markierten)  nichts  zu  tun. Les wollte sie nicht mit den Söldnern sprechen lassen; sie  sollten nicht wissen, daß sie an Bord war. Er bestand darauf.  Dadurch blieb sie neugierig. Wer waren sie? Warum gingen  sie auf eine primitive Welt, die Tran genannt wurde?  Als sie gelernt hatte, das Informationssystem des Computers  zu benutzen, konnte sie erst nur Bilder ansehen. Die Sprachen  waren  ihr  ein  totales  Rätsel.  Die  Bilder  waren  verblüffend  genug; Sterne, Nebelflecke, Zeitaufnahmen von vielgestaltigen  Sternensystemen, auf denen die Sterne so nah waren, daß man  sie fast berühren konnte, und Ströme von Sternenstaub in das  Universum  sandten;  eine  andere  Zeitaufnahme  zeigte  ein  schwarzes Loch, das seinen Gefährten verschlang, es war aus  sehr  kurzem Abstand  aufgenommen  und mit  hinreichender  Zeitverzögerung,  so  daß  sie  den  richtigen  Stern  sich  verkleinern  und  in  Gase  auflösen  sehen  konnte,  die  spiralenförmig  tiefer  und  tiefer  sanken  und  schließlich  im  Nichts  verschwanden.  Es  gab  interessante  Bilder  von  Leben  auf ein paar hundert Planeten. Sie zählte ein Dutzend Rassen.  Shalnuksis natürlich, und andere; Centauroiden, Octopoiden.  Eine menschliche Rasse, die aber offensichtlich von Reptilien  abstammte.  Eine  Welt,  auf  der  die  Menschen,  richtige  Menschen, kleine geflügelte Reptilien als Haustiere hielten, die  wie kleine Drachen aussahen. , Und es war frustrierend, weil Les keine Fragen beantworten  wollte. Nicht, daß er alle Fragen glatt abschlug, aber er wollte  sie verschieben, er fragte sie, was sie über das dachte, was sie  gesehen hatte, fragte, an was sie das erinnerte, bis der Abend  vorüber war, und  sie wieder einmal nur allein geredet hatte.  Sein Wunsch, alles über die Erde zu wissen, war unersättlich.  Er wollte alles erfahren, ob trivial und tiefgründig. Kein Detail  erschien ihm unwichtig.  Ein Anthropologe studierte sie. Aber wenige Anthropologen  waren so bezaubernd wie er.  Schließlich  fand  sie die Akte von Tran, den Ort, wohin die  Söldner gebracht werden sollten. Sie konnte kein Wort davon  lesen,  natürlich  nicht;  aber  sie  hatte  gelernt,  wie  man  den  Computer  dazu  bringen  konnte,  die Wörter  auszusprechen,  die  er  auf  den  Bildschirm  schrieb,  und  davon  lernte  sie  das  Lautbildungsalphabet,  das  die  Konföderation  benutzte.  Sie  machte sehr kleine Fortschritte beim Lernen dieser Sprache. Es  gab zu viele Wörter, die sich auf Orte, Leute, Dinge und Ideen  bezogen, die  sie überhaupt nicht kannte. Das überraschte  sie  aber nicht. Der wirkliche  Schock überfiel  sie  erst,  als  ihr der  Computer die Sprache von Tran zeigte.  Sie verbrachte einen Tag damit, bis sie sicher war. Dann, am  Abend, als sie bei einem Glas Amontillado (»Eines der feinsten  Produkte  der  Erde«,  hatte  Les  gesagt.  »Man  kann  ihn  mit  nichts anderem vergleichen. Zu blöd, daß der reguläre Handel  mit der Erde nicht  erlaubt  ist.«)  alleine waren,  konnte  sie  es  nicht länger für sich behalten.  »Ich habe mir die Sprachen von Tran angehört«, sagte sie.  Er zog eine Augenbraue hoch. »Da gibt es nichts, was dich  interessieren könnte.« , »Aber  ja!  Les,  ich  habe  einige  von  den Wörtern  erkannt!  Viele  eigentlich.  Diese  Sprache  basiert  auf  einer  alten  indoeuropäischen  Sprache!  Einige  Wörter  stammen  unverändert aus dem alten Griechischen!«  »Scharfsinnig bemerkt«, sagte er. »Ich denke, du hast recht.«  »Rick, du veräppelst mich. Du weißt, was das heißt. Es heißt,  daß Leute – viele Leute, genug, um Sprachen mitzubringen –  von  Tran  zur  Erde  gekommen  sind,  und  das  vor mehr  als  viertausend Jahren.«  »Umgekehrt«, berichtigte er. »Von der Erde nach Tran.«  »Das  meinte  ich  ja.  Es  ist  offensichtlich,  daß  sich  die  Menschen nicht auf Tran entwickelten. Es ist nur eine Kolonie.  Aber warum ist es so primitiv? Relativ primitiv gegenüber der  Erde. Und die Erde  ist von eurem Standpunkt aus primitiv –  Les, ist die Erde eine Kolonie?«  »Nein.« Er sah gedankenvoll aus. »Vielleicht ist das nicht die  richtige Antwort.  Vielleicht  hast  du  recht. Die  Erde  ist  eine  Kolonie – «  »Les,  red  keinen Unsinn.  Entwickelte  sich  die Menschheit  auf der Erde?«  »Was denkst du? Du hast Darwin und Ardrey und Leakey  gelesen. Noch einen Sherry?«  »Ich will keinen Sherry, ich will Antworten!«  Er  trat zu  ihr und  füllte  ihr Glas. »Sei nicht so ernst«, sagte  er. »Nun, du denkst offensichtlich, daß die Menschheit auf der  Erde geboren wurde. Erzähl mir, warum.«  Eine  Stunde  später  war  es  Zeit  zum  Abendessen,  und  er  hatte ihre Fragen immer noch nicht beantwortet.    * , Das Abendessen war exotisch, wie üblich, aber sie hatte kein  Interesse am Essen.  »Hey.  Du weinst«,  sagte  er.  »Was  ist  los? Magst  du  kein  Nastani?«  »Du behandelst mich wie ein Kind.«  »Nein. Ich behandle dich wie einen Erwachsenen«, sagte er.  Er war sehr ernst.  »Ich – was meinst du?«  »Du  bist  eine  intelligente  Frau.  Du  stellst  faszinierende  Fragen.  Willst  du  die  Antworten  darauf  nicht  selbst  herausfinden?«  »Aber du weißt, und ich weiß nicht – «  »Weiß ich?«  »Du meinst,  du weißt  nicht? Du weißt  nicht, wo  sich  die  Menschheit entwickelte?«  »Ich weiß nicht einmal, daß sie sich entwickelte.«  »Aber  –  « Die Ungeheuerlichkeit  seiner Worte  erschlug  sie  fast. »Aber deine – deine Kultur –,  ihr befahrt den Weltraum  seit  viertausend  Jahren«,  beharrte  sie.  »Wenn  du  die  Antworten  nicht  weißt,  schließlich  mußt  du  mehr  Informationen haben! Gib mir ein paar.«  »Das  kann  ich  machen.  Wieviel  kannst  du  in  ein  paar  Wochen aufnehmen?«  »Oh!« Sie war lange Zeit still.  »Gwen.«  Seine  Stimme war  sehr  sanft,  sein Ausdruck  sehr  ernst.  »Gwen,  akzeptiere  es. Alles. Glaub mir,  ich  passe  auf  dich auf. Und glaube mir, wenn ich sage, daß ich versuche das  zu  tun, was  am  besten  für  uns  beide  ist.«  Er  lachte.  »Mein  Gott, was sind wir ernst. Und der Nachtisch schmilzt.«   ,                                                            , *    Allmählich bemerkte sie es: Er interessierte sich dafür, was sie  dachte.  Er wollte  ihre  Ideen wissen,  und mehr  als  das,  ihre  Reaktionen auf das, was  sie  lernte. Aber er brachte  sie dazu,  mit sich selbst zu sprechen.  »Was  bin  ich?«  fragte  sie  ihren  Spiegel.  »Geliebte  oder  Versuchskaninchen?  Anthropologische  Informationsdame,  oder  –  «  Sie unterbrach  sich.  Sie war dabei,  »seine Frau«  zu  sagen, und sie hatte kein Recht, das nur zu denken.  Und er wollte alles wissen. Wenn sie ausrief, daß einige der  intelligenten  Rassen,  die  sie  entdeckt  hatte,  mit  den  Beschreibungen  aus  der  griechischen  Mythologie  identisch  seien: Centauren,  eine Wasserrasse,  die  fälschlicherweise  für  Meerjungfrauen  gehalten wurden,  eine  Saurierrasse,  die  die  Minotaurenlegende begründet oder nicht begründet hatte – er  hörte  nicht  nur  zu,  er  bestand  darauf,  ihre  Beschreibung  zu  hören, und die legendären Kreaturen zu skizzieren.  Er  ermunterte  sie  auch,  Tran  zu  studieren.  Sie  entdeckte  vielleicht  etwas Nützliches, das den  Söldnern  helfen  konnte.  »Es würde eine Menge ausmachen, wenn du etwas entdecken  kannst«, sagte er.  »Warum?«  »Wenn sie Erfolg haben, werden sie eine Menge Geld für die  Händler machen. Und die Händler haben auf den Rat großen  Einfluß. Das schadet meiner Karriere nicht.«  Sie starrte ihn ungläubig an. »Ich – ich dachte, ich kenne dich  besser als so«, sagte sie. »Denkst du nicht an die Menschen auf  Tran? Sie sind Menschen. Denkst du nicht daran?«  »Ich denke mehr  als genug daran«,  sagte Les.  »Tatsächlich , genug, um zu  sehen, ob  ich den Söldnern helfen kann, ohne  großes Blutvergießen erfolgreich zu sein. Denn, weißt du, sie  müssen einfach Erfolg haben – «  »Warum?«  Er  ignorierte  ihre Frage. »Weißt du  irgend etwas, das  ihnen  helfen könnte?«  »Ich weiß nicht«, sagte Gwen. »Die Informationen, die ich zu  sehen bekam, sind alle schon sehr alt – «  »Ungefähr sechshundert Jahre«, sagte Les. »Seit damals war  niemand mehr dort, außer einem Aufklärungsflieger, der kurz  darüber  kreiste. Wir  wissen,  daß  sie  da  unten  noch  immer  ziemlich  primitiv  sind.  Keine  gepflasterten  Straßen,  Industrien, Eisenbahnen. Keine technologische Zivilisation.«  »Und niemand ist seit sechshundert Jahren dort gelandet?«  Les nickte.  »Aber ich dachte, diese Pflanzen seien sehr wertvoll – «  »Sind  sie  auch.  Aber  für  die  Shalnuksis  gibt  es  einige  Gründe, aus denen  sie  sich von Tran  fernhalten müssen.« Er  sah sie einen Moment lang gedankenvoll an. »Es ist das beste,  wenn  du  es  weißt.  Tran  ist  nicht  in  der  Datenbank  der  Konföderation  verzeichnet.  Außer  den  Shalnuksis  und  ein  paar Menschen, die  für  sie  arbeiten, weiß  niemand, daß der  Planet existiert.«  Er  schien  sehr  ernst  zu  sein, und  sie wußte, daß  er bereits  bedauerte,  ihr  so  viel  anvertraut  zu  haben.  Sie  wollte  ihm  sagen, daß er  ihr alles anvertrauen konnte, daß sie  immer zu  ihm  halten  würde,  ganz  gleich,  was  er  tat.  Dieser  Gedankengang  schockierte  sie,  da  sie  nie  vorher  so  etwas  gedacht  hatte.  Außerdem,  war  es  wirklich  wahr?  »Was  passiert, wenn der – der Rat es herausfindet?« , Les schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht.« Einen Moment  lang blieb er still.  Sie wartete, hoffte, daß er ihr wieder trauen würde, aber statt  dessen sagte er: »Es würde auf keinen Fall gut  für mich sein.  Die  Shalnuksis würden  die  Kontrolle  verlieren:  Sie  könnten  ihre Pflanzen nie ernten.«  »Aber  wie  können  sie  von  einer  kleinen  Gruppe  von  Söldnern ohne  Informationen  erwarten, daß  sie  ihnen  irgend  etwas bringen?«  »Vielleicht  können  sie  nichts  erwarten.«  Die  Stimme  des  Piloten klang ziemlich besorgt. »Aber es  ist wichtig. Hast du  irgendwelche Vorschläge?«  »Das  ergibt  keinen  Sinn«,  sagte  Gwen.  »Du  sagst,  die  Pflanzen sind sehr wertvoll, aber sie besuchen die Anbaustätte  seit Hunderten von Jahren nicht mehr – «  »O.ja«,  sagte  Les.  »Aber,  siehst  du,  das  Surinomaz wächst  nicht unter den normalen Bedingungen auf Tran. Nur ein paar  Jahre, alle sechshundert Jahre. Aber in ein paar Jahren gedeiht  es  für  fünf  Jahre  sehr  gut.  Die  Söldner  können  einen  sehr  guten Preis dafür erzielen, wenn sie wissen, wie.« Er seufzte.  »Ich  glaube,  es  wird  das  beste  sein,  sie  in  der  Nähe  eines  kleinen  Dorfes,  in  der  richtigen  Region  abzusetzen  und  zu  hoffen,  daß  sie  intelligent  genug  sind,  ihre  Probleme  zu  meistern.«  »Sie kennen nicht einmal die Sprachen – «  »Sie werden sie lernen müssen.«  »Warum aber sechshundert Jahre?«  »Planetenbahnen«,  sagte  der  Pilot.  »Tran  hat  zwei  Hauptsonnen.  Beide  sind  etwas  größer  und  heißer  als  die  Sonne der Erde. Aber der Planet  ist weiter davon entfernt, so , daß  es  nicht  so warm  ist.  Eigentlich  ein  erträgliches  Klima.  Aber  selbst  mit  zwei  Sonnen  wächst  das  Surinomaz  nicht  richtig.  Bis  die  dritte  Sonne  näher  kommt,  ist  es  nur  ein  Unkraut, aber dann ist es für eine kurze Zeit der beste Stoff in  der ganzen Galaxis.«  »Aber was ist Surinomaz!«  »Hast du schon mal was von Acapulco‐Gold gehört?« fragte  der Pilot.  »Marihuana – du meinst Drogen?«  »Auf  eine  Art.  Sieh,  auf  der  Erde  habt  ihr  bis  jetzt  nur  betäubende Opiate entdeckt. Weißt du, wovon ich rede? Nein?  Nun,  es  läuft  darauf  hinaus,  daß  das  Gehirn  seine  eigenen  Schmerzmittel  und  euphorischen  Drogen  produziert.  Chemikalien, die dem Morphium ähnlich sind. Ihr habt genug  davon  in euren Körpern, und  ihr seid auf eine natürliche Art  high.  Suhnomaz macht  im  Körper  den  gleichen  Stoff,  wenn  man es  trinkt. Es hat auf die Shalnuksis die gleiche Wirkung  wie  auf Menschen, und  sie benutzen  es wie die Amerikaner  den Alkohol. Und ›Tran‐Natur‹ erzielt den gleichen Preis wie  Talisker‐Scotch oder seltenere Weine.«  Gwen starrte ihn an.  »Ich sehe schon, du billigst das nicht«, sagte Les. »Sieh, was  bedeutet es für mich, ob die Shalnuksis Drogen nehmen oder  nicht? Oder bedeutet es dir etwas?«  Aber es muß mehr dahinterstecken, dachte sie. Es muß. Oder  kann ich nur nicht akzeptieren, daß ich einen Dealer liebe? »Ist  das nicht alles illegal?« fragte Gwen.  Les  zuckte  die Achseln.  »Der Drogenhandel  ist  nicht  ganz  legal,  aber  niemandem  macht  es  wirklich  etwas  aus.  Tran  geheimzuhalten – nun, das ist höchst illegal.« , »Aber die Pflanze ist wichtig für dich«, sagte Gwen.  Der Pilot war nun sehr ernst. »Aber wichtiger, als du denken  kannst, ist, daß die Söldner Erfolg haben.«  »Dann solltest du bleiben und ihnen helfen«, sagte sie.  »Kann nicht. Das Schiff ist zu verwundbar. Und dieser Trip  muß  geheimgehalten  werden,  das  heißt,  das  Schiff muß  so  schnell wie möglich wieder zurück – «  Und dann wechselte er, wie immer, das Thema.  Die Daten des Computers über Tran waren nur skizzenhaft.  Soweit  Gwen  sagen  konnte,  wurde  der  Planet  nie  besucht,  außer  um  die  Ernten  abzuholen,  und  nie  wurden  systematische Studien auf ihm durchgeführt. Niemand schien  bisher  besonders  neugierig  gewesen  zu  sein. Es  gab  nur  ein  paar Gruppen Händler, die von der Erde Söldner holten,  sie  instruierten,  ein  bestimmtes  Gebiet  zu  besetzen,  Surinomaz  anzubauen,  es  zu  ernten, und das Produkt  an die  Schiffe  zu  verkaufen, die dann später kamen.  Wie Gwen aus der Sprache folgern konnte, hatte das alles in  den  indoeuropäischen Zeiten angefangen. Sie war angenehm  überrascht,  als  sie  in  den Datenbändern  des  Computers  die  Bestätigung  dafür  fand.  Die  ersten Menschen  wurden  nach  Tran  geschickt,  da  die  dort  vorherrschende  Lebensform  centauroid  (vage  den  Centauren  der  griechischen  Legende  ähnlich, aber die  intelligenten Centauren, die sie auf anderen  Bildern  gesehen  hatte  und  die  in  keiner  Beziehung  zu  den  Legenden  standen,  waren  diesen  viel  ähnlicher)  und  so  intelligent  wie  Schimpansen  waren,  und  nicht  ausgebildet  werden  konnten,  die  Pflanzen  anzubauen.  Sie  konnte  aber  nicht herausfinden, warum Menschen gewählt wurden, oder  warum, wenn  sie  sich  schon  für Menschen  entschieden,  sie , eine Bande von Achäern und ihre Sklaven ansiedelten, anstatt  eine hochtechnisierte Kolonie zu gründen.  Die  ursprüngliche  Expedition  mußte  sehr  teuer  gewesen  sein.  Die  Shalnuksis‐Händler  hatten  zusätzlich  zu  den  Achäern  eine  Auswahl  von  Erdpflanzen  und  ‐tieren  mitgebracht,  verteilten  weit  über  den  Planeten  Samen  und  kehrten  Jahre danach mit mehr Tieren und  Insekten  zurück.  Was  sie  brachten, wählten  sie  nicht  nach wissenschaftlichen  Erkenntnissen aus, sie machten keinen Versuch, die Ökologie  irgendwie auszugleichen. Es erfolgte eine laufende, natürliche  Auswahl; sich anpassen oder sterben.  Die  Datenbänder  bestätigten  das  nicht,  aber  Gwen  fragte  sich, ob die Konkurrenz der Erdpflanzen, ‐tiere und ‐insekten  nicht  einer  der  Gründe  war,  warum  das  Surinomaz  immer  schwerer  zu  kultivieren war. Trans  natürliche Lebensformen  brauchten  Levoaminosäuren  und  Dextrogen‐Zucker,  genau  wie  die  von  der  Erde,  und  beide  kämpften  um  die  gleichen  Nährstoffe.  Trans  Geschichte  und  Entwicklung  wurde  von  seinen  Sonnen  beherrscht.  Die  beiden Hauptsonnen  gaben  nur  ein  bißchen mehr als neunzig Prozent von dem, was die Erde von  der Sonne erhielt; Tran war normalerweise eine kalte Welt, auf  der nur die Gebiete um den Äquator für Menschen angenehm  waren. Aber dann kam die zyklische Annäherung des dritten  Sternes, und Tran erhielt alle sechshundert  Jahre  für zwanzig  Jahre  zwanzig  Prozent  mehr  Sonnenlicht,  das  sind  zehn  Prozent mehr Licht, als die Erde jemals bekam.  In diesen Hitzeperioden schmolzen die Eispole. Das Wetter  wurde  überaus wechselhaft,  Perioden  der Dürre wechselten  fast überall mit Regenstürmen ab. Die höheren Gegenden, die , normalerweise zu kalt für die Menschen waren – man könnte  sie mit der Tundra von Alaska vergleichen –, wärmten sich auf  und wurden zu einer gemäßigten Zone, die für eine kurze Zeit  eine prachtvolle Blüte des Lebens erfuhr.  Die Folgen, die die Eindringlinge mit  sich brachten, waren  für  die menschlichen  Kulturen  verheerend.  Sie  entwickelten  sich  nie weiter  als  bis  zu  einem  Feudalismus  der  Eisenzeit.  Gwen fand das sehr merkwürdig und nahm sich vor, mit Les  darüber zu reden, aber sie fühlte sich nicht besonders gut und  ging früh zu Bett.  Am nächsten Morgen erbrach sie ihr Frühstück.    *    Nach einer Woche war sie sicher. Sie ging, um Les zu suchen.  Er  saß  an der Kontrollkonsole und diktierte Nachrichten  für  die  Söldner.  Als  sie  eintrat,  sah  er  mit  einem  leichten  Stirnrunzeln auf, verärgert, daß  sie  ihn bei der Arbeit  störte.  »Ja?«  »Ich bin schwanger.«  Sein Gesicht durchlief eine Tonliter von Gefühlen.  Überraschung,  aber  dann  noch  etwas  anderes.  Es  sah  fast  wie Entsetzen  aus. Er  sagte  lange nichts,  so  lange, bis  es  ihr  wie eine Ewigkeit vorkam. Dann – seine Stimme klang ruhig –  sagte  er.  »Wir  haben  so  ziemlich  alle  medi‐zinischen  Automaten  an  Bord.  Ich  kann  den  Computer  fragen,  ob  sie  eine Abtreibung durchführen können.«  »Geh zum Teufel!« schrie sie. »Geh zum Teufel!«  »Aber – «   ,                                             »Wie kommst du darauf, daß  ich eine Abtreibung will?  Ich  glaube, für dich ist das allenfalls etwas Lästiges. Es – «  »Still. Es hat mehr Folgen, als du dir denken kannst.«  Er meint  es  ernst,  dachte  sie.  Tödlich  ernst.  Tödlich. Nun,  das ist ein passendes Wort. »Les, ich dachte, du würdest dich  vielleicht  freuen.« Tränen  rollten  ihr über die Wangen,  trotz  ihren Anstrengungen,  sich unter Kontrolle zu halten. Konnte  er es nicht verstehen? , »Es gibt  so viel, was du nicht weißt. Nicht wissen kannst«,  sagte er. »Gwen, wir können kein Familienleben führen. Nicht  das, was du unter Familienleben verstehst – «  »Du bist schon verheiratet. Ich hätte es mir denken können.«  Sie  war  wieder  alleine.  Allein,  und  sie  konnte  nicht  nach  Hause gehen.  Seine Reaktion bestürzte sie. Er lachte. Dann sagte er: »Nein.  Ich  bin  nicht  verheiratet.«  Er  stand  auf und  kam  zu  ihr.  Sie  ging  weg.  Sein  Gesichtsausdruck  änderte  sich,  er  wurde  sanfter.  »Gwen,  es  wird  alles  gut  werden.  Du  hast  mich  überrascht, das ist alles. Es wird gut werden, du wirst sehen!«  Sie wollte ihm nur zu gerne glauben. »Les, ich liebe dich – «  Er kam näher. Sie hatte Angst, vor ihm und vor allem, aber  sie wußte  nicht, was  sie  tun  sollte;  und  als  er  zu  ihr  kam,  klammerte sie sich verzweifelt an ihn.    *    Zwei Wochen  vergingen. Les  erwähnte  ihrer  beider Zukunft  nicht wieder. Sie erreichten das Sternensystem von Tran, und  Les beschäftigte  sich damit,  einen geeigneten Landeplatz  für  die Söldner zu finden. ,     Teil III    Tylara , 1    Tylara  von  Tamaerthon  saß  am  Kopfende  des  großen,  hölzernen Ratstisches unter Fahnen und Waffen, die schon bei  Hunderten von Kämpfen getragen worden waren.  Ihre Bluse  war aus feiner Seide, die kornblumenblau gefärbt war, um ihre  Augen zu betonen, aber darunter trug sie ein Kettenhemd. Der  Dolch  an  ihrem  Gürtel  war  mit  Juwelen  besetzt,  und  der  Knauf war nach einem Möwenkopf geschnitzt; ein Kunstwerk,  aber  die  Klinge  stammte  aus  Rustengo  und  war  ziemlich  scharf  geschliffen.  Ihr  geflochtenes,  rabenschwarzes  Haar  wurde von einem eisenbeschlagenen Diadem gekrönt.  Sie war  jung  und  schön,  und  jeder Mann  im Raum  fühlte  ihre Anwesenheit; trotz ihrer Rüstung und dem Dolch an ihrer  Taille erschien sie schmal und verwundbar, als ob sie Schutz  brauchte.  Jedermann erschien  in der großen Halle von Schloß Dravan  zwergenhaft  klein. Wie  alle  alten  Schlösser  auf  Tran,  stand  Dravan auf Eishöhlen; in dem Beratungsraum war ein leichter  Geruch von Ammoniak zu  spüren, als  ein Eingeweihter  eine  massive  Tür  weit  unter  ihnen  öffnete.  Über  dem  Grund  erstreckten sich massive Steingewölbe und große Holzbalken.  Andere  Räume  der  Festung  protzten  mit  wertvollen  Wandteppichen  und  Holztäfelungen,  aber  hier  lagen  die  Knochen  und  Sehnen  des  Schloßes  nackt  da.  Die  einzigen  Dekorationen  waren  Erinnerungsstücke  an  gewonnene  Schlachten.  Und davon gab es viele. Fahnen von Ländern, die hundert  Meilen  und  weiter  entfernt  waren,  ließen  die  Stärke  von  Dravan  und  die  Geschicklichkeit  der  Könige,  die  hier , herrschten, vermuten. Tylara sah hinauf zu  ihnen, als könnte  sie von da oben neue Kraft beziehen.  Es  war  ihre  erste  Besprechung  mit  der  ganzen  Ratsversammlung,  und  sie  hatte  kein  richtiges Vertrauen  zu  diesen Westländlern.  Sie  schienen  so  klein wie  ihr Mann  zu  sein! Und  es nahmen nur  zwei Bheromänner  an der  Sitzung  teil. Die anderen waren Ritter und Kaufleute, ein Priester von  Hestia  –  eine  Getreide  produzierende  Region  –  und  die  unvermeidlichen Priester von Yatar, zwei Vertreter der freien  Bauernschaft, und darunter ein paar Zunftmeister. Sie nannten  sie die Große Lady, und  im Moment  respektierten  sie  sie als  die  Eqetassa  von  Chelm;  aber  sie  war  immer  noch  eine  Fremde, die nie unter ihnen gelebt hatte.  Ihre einzigen wirklichen Freunde war die Gefolgschaft, die  sie aus Tamaerthon mitgebracht hatte, und diese hatten keinen  Platz im Rat dieses westlichen Landes.  Ein Bote  stand am Ende der Tafel. Was  er vorlas, war voll  mit  blumenreichen  Phrasen  und  kunstvollen Komplimenten,  aber  der  Inhalt  war  klar  genug.  Sie  hörte  ihm  zu,  ohne  ungeduldig  zu  werden,  dann  winkte  sie,  damit  er  hinausgebracht  wurde.  Als  er  gegangen  war,  sah  sie  die  schwere hölzerne Tafel entlang  jeden an. »Nun, meine Lords?  Wanax Sarakos hat uns ein Angebot gemacht. Haben Sie einen  Vorschlag?«  Es  herrschte  tiefe  Stille.  Tylara  lächelte  dünn.  Dieses  Schweigen sagte mehr, als je durch Worte ausgedrückt werden  konnte. Ihre Bheromänner wollten das Angebot akzeptieren –  oder  letztendlich  mit  Sarakos  verhandeln,  solange  sie  noch  etwas  zum  Verhandeln  hatten.  Die  freien  Bauern  und  die  Zunftmeister – konnten auch sie Sarakos herbeiwünschen? ,                                                            , Tylara schaute  in  ihre  teilnahmslosen Gesichter und konnte  nichts darin  lesen. Sie wußte zuwenig von diesem Volk, und  sie  waren  daran  gewohnt,  ihre  Gedanken  vor  den  Herrschenden zu verbergen.  Aber wenn  einer der Bheromänner dafür plädieren würde,  Sarakos zu akzeptieren, würden andere ihm zustimmen. Oder  nicht? Dies waren die Leute ihres Mannes. Konnten sie ihm so  unähnlich sein? Die Erinnerung an ihn gab ihr einen Stich, und  sie sah  ihn, wie er war: gebräunt,  lachend, kam er zu  ihr. Sie  wischte  das  Bild  aus  ihrem  Bewußtsein,  bevor  die  Tränen  kamen, sie hatte diesen Traum schon vorher geträumt, und er  endete  in der Wirklichkeit  – Lamil  lag kalt und  steif auf der  Totenbahre.  Sie spürte ganz deutlich ihre Jugend und Unerfahrenheit. So  wie  sie  die  Jahre  hier  zählten,  war  sie  erst  zwölf  (in  Tamaerthon zählten  sie bei der Geburt  eines Kindes  ein  Jahr  und ab dem neunten Jahr addierten sie vier weitere, so daß sie  dort  siebzehn  Jahre  alt war).  Sie  hatte weit weg  von  diesen  Eisenbergen  gelebt,  und  sie  kannte  dieses  Volk  nicht.  Es  sprach für ihren Mann – und die Strenge seiner Familie –, daß  sie ihr trotzdem gehorchten.  »Kapitän Camithon«, sagte sie. »Es scheint, daß niemand zu  sprechen wünscht. Vielleicht möchtet Ihr mich beraten.«  Camithon  hatte  unter  drei Generationen  den Königen  von  Chelm gedient. Sein Bart war in diesen Diensten ergraut, und  sein Körper war mit Wunden bedeckt. Eine  lange Narbe von  einer Lanze, die nur knapp sein Auge verfehlt hatte,  lief quer  über seine Wange und gab ihm ein wildes Aussehen, aus dem  er  manchmal  bei  Kriegsberatungen  einige  Vorteile  zog.  Er  stand  vornübergebeugt,  als  ob  seine  Knochen  sehr  müde , wären, und während er stand, murmelte er etwas von seinen  Gütern, die er seit einem  Jahr nicht mehr besucht hatte. Aber  als er sprach, war seine Stimme sehr fest.  »Der  Usurpator  marschiert  mit  zweitausend  Lanzen  und  einem  großen  Versorgungszug«,  sagte  er.  »Wir  haben  vielleicht  hundert  Lanzen  und  stehen  Wanax  Sarakos  im  Weg.«  Tylara nickte verstehend,  so wie  sie  es bei  ihrem Vater bei  Clan‐Besprechungen  gesehen  hatte.  Innerlich  wünschte  sie,  schreien zu können. Camithon war als großartiger Soldat weit  bekannt, und vielleicht war er es auch, aber er kam nicht zur  Sache,  bevor  er  nicht  alles  ein  Dutzend  Mal  und  öfter  überprüft hatte.  Sie  zügelte  bereitwillig  ihre  Ungeduld  und  dachte,  daß  niemand es bemerken würde. Sie war ausdauernd, wenn auch  nicht geduldig, aber das mußte reichen.  Dravan  ist  stark,  grübelte  Camithon.  Er  strich  mit  den  Fingern über die Narbe an seiner Wange, als ob er jeden daran  erinnern wollte, daß er Dravan  in dem Kampf gehalten hatte,  der  ihm  diese  unverkennbare Mal  beibrachte.  »Unsere  Lady  hat die Kornspeicher und Vorratslager gesehen, und was darin  war auch. Dieses alte Schloß hat fünf Armeen getötet – aber es  wurde noch nie von nur hundert Lanzen gehalten, und noch  nie war es so von jeder Hilfe abgeschnitten.«  »Als ob es Hilfe geben würde, die geschickt werden könnte«,  murrte einer der Zunftmeister.  Camithons Schwert lag auf einer aufgerollten Landkarte auf  dem  Tisch.  Er  hob  die  Waffe  auf  und  benutzte  sie  als  Zeigestock.  »Der  Protektor  ist  hier,  zehn  Tage  und mehr  im  Nord‐Westen mit unserem Wanax Ganton. Er hat mehr als ,                                                            , tausend Lanzen, und der Protektor kann nicht  zulassen, daß  der  junge König auf  irgendeinem Schloß gefangengenommen  wird. Deshalb kann er nicht selbst kommen, um uns zu retten,  und ich bezweifle, daß er eine so große Streitmacht entbehren  kann.«  Tylara wollte schreien. Ich weiß das alles, hallte es in ihrem  Kopf.  Nach  außen  lächelte  sie  und  sagte:  »Sie  geben  uns  hundert Lanzen, aber sie vergessen meine Bogenschützen aus  Tamaerthon. Ich hoffe, dieser Usurpator Sarakos begeht diesen  Fehler. Er wird ihn jedenfalls nicht zweimal begehen.«  Hinter  ihr  war  Beifallsgemurmel  zu  hören.  Tylaras  Leute  konnten  sich  nicht  an den Ratstisch  setzen,  aber  sie  standen  auf  ihrer Seite, und die  freien Bauern von Tamaerthon hatten  keine Angst,  in  einem  Ratssaal  gehört  zu werden.  In  ihrem  bergigen  Land  an  der  See  lebten  die  Clans  nicht  wie  die  Bauern  im  Westen  unter  den  großen  Lords  und  Bheromännem.  Sie  hatte  plötzlich  einen  kurzen Anfall  von Heimweh.  Sie  sehnte  sich nach den hohen Gebirgen mit der blauen See  im  Osten und den  starren Bergen, die  sich hochreckten und bei  düsterem  Licht  und  in  der  Abenddämmerung  tiefblau  dastanden.  Es  wäre  so  leicht,  nach  Hause  zu  gehen.  Sie  brauchte  nur  Sarakos  dieses  Schloß  zu  übergeben,  und  sie  konnte als reichste Lady von Tamaerthon zurückkehren – oder  sie konnte bleiben und das Land  ihres Mannes wieder einen.  Sarakos  würde  es  ihr  geben,  und  der  Rat  würde  Beifall  klatschen. Sie mußte nur diese Worte sagen ‐  »Hundert  Lanzen  und  zweihundert  Bogenschützen  sind  nicht  mehr  als  fünfhundert  kämpfende  Männer«,  sagte  Camithon. Er sprach, als ob er stolz auf seine Rechnerei wäre. , »Ferner haben wir nicht  für alle unsere Ritter Schildknappen  und Gewappnete. Und diese Wände,  so  stark  sie  auch  sind,  umschließen ein großes Gebiet. Wir haben keine Reserve. Jeder  Mann wird auf seinem Posten gebraucht. Was  tun wir, wenn  sie ermüden?«  Jetzt, dachte sie. Sag es jetzt. Aber sie konnte nicht. Sie hatte  geschworen.  Und  wie  konnte  sie  mit  dem  Mörder  ihres  Mannes  in  seinem  eigenen  Heim  abrechnen?  Chelm  als  Gnadengeschenk  von  Sarakos  zurückzuerhalten?  Es  war  undenkbar.  Doch – was war sonst zu tun? Wenn der Kapitän keine Lust  zu  einem Kampf hatte, gab  es  keine  andere Möglichkeit.  Sie  spielte nervös mit ihren Zöpfen.  »Doch  die  Würde  verlangt,  daß  wir  kämpfen«,  sagte  Camithon. Er  sah die Länge des Ratstisches hinunter.  »Wagt  jemand, das zu bestreiten?«  Manche wollten es bestimmt gerne, aber niemand sagte es.  »Ich war nie einer, der nur für die Ehre allein kämpft«, sagte  Camithon.  »Ich  ziehe  es  vor  zu  gewinnen. Aber wir  können  nichts  Besseres  tun,  und  wenn  wir  kämpfen,  müssen  wir  Dravan halten. Wir haben die  einzige  gute  Straße nach dem  Süden  fest  in  der Hand.  Bis wir  besiegt  sind,  kann  Sarakos  keine  größere  Gruppe  auf  die  Suche  nach  unserem  jungen  Wanax schicken. Wir gewinnen Zeit für den Protektor.«  »Yatar  weiß,  was  er  damit  tun  wird«,  sagte  Bheromann  Trakon.  Seine  Stimme  klang  übermäßig  laut,  nervös,  doch  Trakon war  ein guter Mann, der dem alten Wanax  in  seinen  Schwierigkeiten  beigestanden  und  viel  deswegen  verloren  hatte.  »Ungerecht,  mein  Lord!«  protestierte  Camithon.  »Der , Protektor ist der größte Krieger von Drantos, und er hat schon  öfter  gewonnen,  auch  wenn  alles  aussichtslos  schien.«, »Und  der  Tagvater  vollbringt  noch  ein  Wunder«,  sagte  Trakon.  Er  drehte  sich  nicht  um,  um  das  rote  Gesicht  von  Yanulf, dem Hauptpriester  von Yatar,  zu  sehen.  »Doch, was  können wir tun? Ich traue Sarakos keinen Meter weit. Von den  Bheromännern, die zu ihm überliefen, sind mehr als die Hälfte  bei seinen Spielereien draufgegangen.«  »Was  aber  Dutzende  von  anderen  nicht  davon  abhält,  zu  ihm  zu  stoßen«, murrte  der Gildenmeister  der Weber.  »Die  Hälfte der Bheromänner – nein, drei Teile von vieren – haben  Sarakos  willkommen  geheißen.  Wir  kämpfen  zu  keinem  Zweck.«  »Was schlagt Ihr vor, Kapitulation?« fragte Camithon.  Der stattliche Gildenmeister zuckte die Achseln. »Das wäre  nicht gut. Sarakos hat seine eigenen Weber, und diese mögen  unsere Konkurrenz nicht. Aber es ist trotz allem ein verlorener  Kampf.«  »Er  ist mehr als verloren.« Yanulf hatte die ganze Zeit  still  und  teilnahmslos dagestanden;  jetzt  richtete  sich der Priester  zu voller Größe auf und sprach voll Verachtung. »Narren. Die  Zeit  kommt  näher,  und  ihr  plappert  von  dynastischen  Kleinkriegen.«  »Legenden«, sagte Trakon.  Yanulf  lächelte dünn.  »Legenden.  Ist  es  eine Legende, daß  der Dämon am Nachthimmel wächst? Ist es Legende, daß das  Wasser entlang der Küste  steigt? Daß die Lamils brüten und  das Tollkraut auf euren besten Feldern sprießt? Ist es Legende,  daß wir in dem Ratssaal sitzen und kein Feuer brennt, und wir  haben es trotzdem nicht kalt?«  »Ein warmer Sommer«, sagte Trakon. »Und nicht mehr. Der  Feuerstehler wurde vom Himmelsgewölbe verbannt und steht , jetzt immer um Mitternacht im Zenit. Natürlich ist es warm.«  Die  Bauer  und  Gildenmeister  murrten.  Yanulfs  Stimme  erhob  sich.  »Und  in  der  Zeit  der  Hitze«,  stimmte  er  an,  »werden  die  Seen  dampfen  und  die  Länder  schmelzen wie  Wachs. Das Wasser der Ozeane wird die Berge verschlingen.  Wehe  denen,  die  nicht  darauf  vorbereitet  sind.  Wehe  den  Ungläubigen.« Er  lachte.  »Wehe dir, Bheromann. Aber Yatar  wird dir vergeben. Meine Lady, jetzt ist nicht die Zeit für einen  Krieg. Jetzt ist die Zeit, um Vorräte zu sammeln, um die leeren  Höhlen zu füllen. Riechen sie nicht den Atem des Bewahrers?  Wenn der  Sturmbringer  sich nähert, warnt Yatar die  Seinen;  und sein erstes Zeichen ist der Atem des Bewahrers.«  »Aye«,  murmelte  einer  der  Bauern.  »Mein  Neffe  ist  ein  Eingeweihter, und er sagt, das Eis habe  in der Vergangenheit  am  vierzigsten  Tag  um  einen  halben  Fuß  zugenommen.  Zugenommen,  wenn  der  Feuerstehler  um  Mitternacht  über  uns steht.«  »Wie lange?« fragte Tylara. »Wie lange bis zu der ZEIT?«  »Die  Schriften  sind  nicht  klar«,  gab  Yanulf  zu.  »Das  Schlimmste kommt vielleicht nicht vor einem Dutzend  Jahre.  Zuerst  kommen  noch  andere  Zeichen.  Die  Dämonengötter  werden uns besuchen und uns Magie zum Tausch für SOMA  anbieten. Fremde werden kommen, mit  fremden Waffen und  einer fremden Sprache.«  Trakon lachte.  Yanulf  warf  ihm  einen  verächtlichen  Blick  zu.  »Es  steht  geschrieben«, sagte er. »Und so kommen die Christen, und so  kommen  die  Legionen;  und  so  kommen  eure  Vorväter.  Es  macht  nichts  aus,  ob  ihr  daran  glaubt  oder  nicht.  Bevor  der  Feuerstehler fünfmal durch die wahre Sonne getaucht ist, ,                                                            , werden diese Dinge geschehen sein.«  »Nun, viel Zeit noch bis dahin«, meinte Trakon.  »Nay«,  sagte  Yanulf.  »Wenn  alle  diese  Zeichen  zu  sehen  sind, werden alle  in den großen Schlössern Zuflucht  suchen.  Die Kleinkriege, die ihr im Moment kämpft, werden vergessen  sein wie die, die  ihre Schlösser auf nacktem Felsen erbauten,  ihre Narrheit erkennen, und ihre Armeen zum Angriff führen.  Bald, bald werden alle wissen, daß es nirgendwo außer in den  Höhlen des Protektors Schutz gibt.«  Tylara ließ sie reden, hörte aber mit einem Ohr hin, für den  Fall,  daß  es  etwas Neues  gab.  Allerdings war  die  Situation  einfach genug, wenn man die Religion aus dem Spiel ließ.  Aber wagte sie es? Die Priesterschaft Yatars war universell.  Welche  örtlichen  Gottheiten  auch  immer  dieses  oder  jenes  Land in der Hand hielten, Yatar war überall, wo es Menschen  gab.  In  ihrem  eigenen  Land  gab  es  Eishöhlen,  tief  in  den  Felsen.  Und  es  wurden  Getreide‐und  Fleischopfer  dahin  dargebracht,  um  sich  für  die  Tage  der  Hitze  zu  schützen,  obwohl  nur  wenige  an  die  Geschichten  der  Priesterschaft  glaubten. Wenn die ZEIT sich näherte – eine Zeit der Stürme,  wenn kein Schiff segelte und die Seen stiegen, um die Berge zu  verschlingen. Wenn Tamaerthon  selbst zu  einer  Insel wurde;  wenn Feuer vom Himmel fiel; eine Zeit, in der kein Regen fiel,  und dann werden tödliche Regen in Strömen fallen ‐  Sie hatte die Geschichten gehört. Keiner den sie kannte, mit  Ausnahme der Priester, glaubte daran. Doch alle kannten sie.  Aber es war Zeit. Die Religion konnte warten. Und sonst war  die  Situation  klar  genug.  Wanax  Loron  war  kein  guter  Herrscher  gewesen, und drei  Jahre  vor  seinem Tod war der  Bürgerkrieg ausgebrochen. Die Bheromänner, die gegen ihn ,                                                            , kämpften, hatten das Recht auf ihrer Seite. Sogar Chelm hatte  geschwankt und die Tore von Dravan geschlossen, als Wanax  Loron  vor den Bheromännern  Schutz  suchen wollte,  obwohl  sich  Chelm  niemals  der  Revolte  angeschlossen  hatte.  Das  geschah unter Lamils Vater, bevor ihn die Seuche holte.  (Seuche. Die Legenden sagten, wenn der Dämonenstern sich  näherte, wütet die Seuche im ganzen Land; und sicherlich kam  die Seuche jetzt jedes Jahr und tötete jedesmal mehr…)  Aber  Loron  hatte  Söldner  angeheuert  und  trieb  die  Bheromänner immer weiter und weiter zurück, bis die Großen  des  Landes  etwas  Unverzeihliches  taten  und  um  Hilfe  von  außerhalb  baten.  Sie  boten  Sarakos,  Sohn  von Toris  Sarakos,  seines Zeichens und  zu Recht  einer der  fünf Wanaxxae, und  Sohn von Toris, Hoher König der Fünf, die Krone von Drantos  an.  Bevor die  Invasion begann, starb Loron; aber Drantos blieb  mit einem Kind‐König und einer leeren Schatzkammer zurück.  Als  die  Bheromänner  sich  um  ihren  neuen  Wanax  versammelten, mit einem der Ihren als Beschützer, kamen sie  zu  spät.  Sarakos  fuhr  damit  fort,  seine  Ansprüche  durchzusetzen.  Zwanzig  Jahre  vorher  hatte  der  Rat  von  Drantos  eine  königliche Heirat  zwischen  Lana  von Drantos,  Schwester von Loron Wanaxes Vater, und Toris Wanax, Hoher  König  der  Fünf,  arrangiert.  Es  war  ein  brillanter  diplomatischer  Zug,  aber  nun  konnte  Sarakos  den  Thron  Drantos durch Blut besteigen, da er der am meisten  legitime  erwachsene  Beansprucher war.  Ein  paar Minuten mit  einem  Kissen  würden  ihn  zum  einzig  möglichen  Beansprucher  machen.  Und wer konnte die Bheromänner  tadeln, die Sarakos und , Friede  für  einen  Kind‐König  und  Krieg  vorzogen?  Gerade  jetzt, da der Dämon den Nachthimmel sichtbar erhellt und die  Priester Yatars aus ihren muffigen Büchern lesen und von der  ZEIT, die kommt, erzählen. Dies waren keine Zeiten für einen  Kind‐König.  Wenn  nur  Lamil  Sarakos  getroffen  hätte!  Er  würde noch leben, und er ‐  »Ich sage, wir kämpfen!« Der Dialekt war ungepflegt – der  Grobschmied  am Fuße des Tisches  sprach.  »Ich habe gehört,  wie  sie  in  der  Fünf  leben.  Für  einen wie mich  ist  es  dann  besser,  tot  zu  sein.  Soll  ich  meine  Schmiede  benutzen,  um  Sklavenketten für meine Freunde zu hämmern?«  »Gut gesprochen«, sagte Bheromann Trakon. »Wirklich, gut  gesagt. Für unsere Ehre dann. Denn – die Ehre verlangt nicht,  daß wir es halten, wenn alles verloren ist. Ich sage Kampf, und  ich werde auf den Mauern sein; aber wenn Sarakos Türme und  Belagerungsmaschinen bringt, müssen wir den besten Handel  abschließen, den wir finden. Für uns alle.«  »Sie  mögen  vielleicht  handeln,  mein  Lord«,  sagte  der  Grobschmied.  »Aber wenn  der Dämon  hoch  am  Taghimmel  steht,  was  sollen  wir,  das  Volk,  tun?  Sarakos  wird  gerne  Schloß  Dravan  für  seine  Leute  halten,  aber  wird  er  meine  Familie in die Kühle des Bergfriedens lassen?«  »Wenn  er das nicht  schwört, werde  ich keinen Handel mit  ihm abschließen«,  sagte Trakon. »Wir von Chelm beschützen  die Unseren, selbst gegen Götter. Aber ich glaube, ihr fürchtet  die Geschichten der Priester zu sehr.«  »Wenn der Dämon riesig ist und Himmelsfeuer fallen, wirst  du dich an diese Worte erinnern«, sagte Yanulf.  »Wir  kämpfen«,  sagte  Tylara.  »Den  Rest  müssen  wir  abwarten,  aber  wir  kämpfen.  Seht  nach  den , Verteidigungsanlagen.  Und  bringt  alle,  die  es wünschen,  in  den Schutz der Mauern. Treibt die Herden, die wir hier nicht  unterbringen  können,  in  die  Berge.  Laßt  nichts  für  Sara‐kos  übrig. Nichts zu essen. Versteckt alles Wertvolle. Schützt und  versteckt  alle  nützlichen Güter.  Sarakos  soll  unser  Land  für  seinen Aufenthalt möglichst unangenehm vorfinden.«  »Es  ist  eine  Sünde,  Essensvorräte  zu  zerstören«,  sagte  Yanulf. »Sünde.«  Am anderen Ende der Tafel wurde gemurrt, aber die Bauern  wußten,  daß  es  notwendig  war.  Einer  der  Gildenmeister  sprach für alle Stadtleute und Bauern. »Wenn wir hart genug  durchgreifen,  zieht  er  vielleicht wieder  ab,  und wir  bleiben  unsere eigenen Herren.« Er strich mit seiner Hand über seinen  Nacken.  »Wenn  nicht,  wird  hier  herum  bald  eine  schwere  Kette  hängen.  Ich  kann mir  nicht wünschen,  eine  solche  zu  tragen.«  »Seht nach allem«, sagte Tylara.  »Aye, Lady«, sagte Kapitän Camithon. Er hielt  inne, bis die  Bheromänner  gingen,  aber  sie  waren  nicht  so  schnell  gegangen, daß sie  ihn nicht mehr hören konnten. »Der  junge  Lord machte  keinen  Fehler,  als  er  seine Wahl  traf.  Sie  sind  mehr Mann als die Hälfte der Bheromänner von Drantos.«    *    Die  große  Halle  war  mit  Ausnahme  Tylaras  und  dem  Kommandanten  ihrer  Bogenschützen  leer.  Cadaric  war  fast  genau  so  alt wie  Kapitän  Camithon.  Seine Haut war  durch  Sonne  und  Wind  gezeichnet,  so  daß  seine  Wangen  rissig  waren wie sprödes Leder. Er trug das Wams und den Kilt ,                                                            , seiner  eigenen  Leute;  sie  hatten  sich  nie  etwas  aus  Hosen  gemacht. »Sie haben keinen Fehler gemacht, Lady«,  sagte  er.  Er  schien  angenehm  überrascht.  »Wir  werden  diesen  Westleuten  zeigen,  was  die  Pfeile  von  Tamaerthon  alles  können.«  »Bis wir sie alle erschossen haben«, sagte Tylara. Nun, da die  anderen gegangen waren, konnte sie sich in ihren Sessel fallen  lassen. Sie schien noch zierlicher und verwundbarer. Sie hatte  Angst,  und  es  gab  keinen  Grund,  dies  vor  Cadaric  zu  verheimlichen. Er kannte  sie,  seit  sie geboren war, und hatte  ihrem  Bruder  und  Vater  schon  gedient.  Innerhalb  von  fünfhundert Meilen gab es niemanden mehr, dem  sie  so voll  vertrauen  konnte.  »Ich  habe  dich  hierhergebracht,  um  in  einem fremden Land zu sterben, alter Freund.«  Er  zuckte  die  Achseln.  »Ist  das  schlechter,  als  zu  Hause  getötet zu werden. Ich bezweifle nicht, daß mich der Tod hier  genauso leicht findet wie in unseren Bergen. Wenn es Zeit ist,  in  seiner Herberge  zu  logieren,  dann  ist  es  eben  Zeit.  Und  doch«,  grübelte  er,  »und  doch  hat  der  Tagvater  hier  mehr  Macht.  Denkst  du,  das  alte  Einauge  hat  die  Übersicht  über  dieses Land verloren? Es wäre gut, das zu wissen.«  »Sie sagen, er sieht die ganze Welt«, sagte Tylare. »Cadaric,  ich glaube, sie trauen mir nicht.«  »Sie kennen dich nicht. Du bist für sie ein  junges Mädchen,  und alles, was sie wissen, ist, daß ihr Führer dich gewählt hat.  Und deshalb  lieben  sie dich. Oh, Lady,  ich weiß, daß du um  ihn trauerst.«  Und  das  war  mehr  als  wahr.  Tylara  rieb  ihre  Wangen,  entschlossen, die Tränen nicht wieder kommen zu lassen. Eine  Witwe,  noch  bevor  sie  eine  richtige  Braut war.  Es war  eine , Geschichte, wie sie die Minnesänger sangen.  Sicherlich hatte Lamil sie geliebt. Eqeta von Chelm, einer der  großen  von  Drantos;  er  hätte  unter  Hunderten  von  Ladies  wählen  können;  aber  sein  Schiff  zerschellte  an  der  felsigen  Küste von Tamaerthon, und nach einem Sommer (zu warm –  konnten die Priester recht haben?) wählte er die Tochter eines  Oberhaupts  von  Tamaerthon.  Tylara  verfügte  über  keine  Mitgift,  nichts,  das  sie  in  die  Ehe mitbringen  konnte  –  nur  zweihundert  Bogenschützen,  und  hundert  davon  stand  es  nach  fünf  Jahren Dienst  frei, zu gehen –, aber Lamil hatte sie  gewählt, trotz der Großen seines Heimatlandes.  Sie  hatte  es  geliebt,  ihn  zu  beobachten,  jung  und  stark,  Wadenmuskeln  so hart wie Granit und wie dicke Stränge an  seinen schlanken Beinen herausstehend. Seine Haut war in der  Sonne  zu  einer  tiefen  Kupferfarbe  gebrannt.  In  der  Nacht  rannten  sie  auf  hohen  Gebirgskämmen,  die  durch  den  Feuerstehler  erhellt  wurden.  Am  Tag  lachte  er  in  der  Brandung, kletterte hoch auf die Riffe über der See, um  junge  Adler  zu  suchen.  Und  er  lachte.  Das  waren  ihre  liebsten  Erinnerungen,  sein  Lachen;  lachend  und  schwörend,  daß  er  keine  andere  haben wollte  als  sie, und  sie wußte,  es  konnte  nicht  anders  sein,  und  wieder  lachend,  wenn  er  an  den  Aufruhr  dachte,  den  er  verursachte,  wenn  er  die  großen  Ladies von Drantos und den Fünf ablehnen würde.  Und doch – es war kein dummes Spiel. Tylara brachte nichts  –  und  gab  niemanden  Grund,  das  ausgedehnte  Land  von  Chelm zu fürchten. Wenn keine große Lady den begehrtesten  Mann in Drantos fangen konnte, dann gab es wenigstens keine  Eifersüchteleien. Doch sie wußte, daß er sie liebte.  Sie wurde mit ihm verheiratet, bevor er Tamaerthon verließ, , aber  sie  war  zu  jung,  um  mit  ihm  zu  gehen.  Das  Gesetz  verlangte, daß die Heirat »vollzogen« wurde, und so geschah  es,  aber  mit  einer  dicken  Steppdecke  zwischen  sich  im  Hochzeitsbett,  und  ein  Gefolgsmann  ihres  Vaters  stand  die  ganze Nacht dabei.  Und  im Winter, während der Feuerstehler durch die wahre  Sonne tauchte, bereitete sie sich darauf vor, in ihr neues Heim  zu  gehen,  um  ihren  starken  stattlichen  jungen  Ehemann  zu  treffen.  Sie  sang  den  ganzen  Winter  durch,  bis  ihr  Vater  vortäuschte,  traurig  zu  sein,  da  sie  so  froh  war,  gehen  zu  können.  Im  Frühling,  als  die  Schatten  am  Mittag  doppelt  standen und das Eis dünn war,  segelte sie mit der  jährlichen  Kaufmannsflotte, die zu groß war, um von Piraten belästigt zu  werden, nach Norden.  Sie  segelten nach Norden, dann nach  Westen, durch den Gürtel der  Inseln und  Sümpfe und dann  den Fluß hoch. Als sie  landeten, war sie so gespannt, daß sie  noch  am  selben  Tag  weiterfuhr.  Sie  ritt  so  hart,  daß  ihre  Dienstmädchen  total erschöpft waren und die Bogenschützen  derbe Flüche knurrten.  Sie  erreichten  Schloß  Dravan  nur  Stunden  vor  den  Neuigkeiten.  Lamil  hatte  beschlossen,  dem  jungen  Wanax  Ganton  beizustehen.  Es  hatte  einen  großen  Kampf  gegeben,  und  Lamil  war  tot.  Die  meisten  seiner  Kämpfer  wurden  getötet,  als  sie  den  Rückzug  des  jungen  Königs  und  des  Protektors deckten. Kapitän Camithon sagte ihr, daß der Eqeta  Sarakos  herausgefordert  und  ihn  auf  den  Helm  geschlagen  hatte,  bevor  ihn  die  Wachen  aus  dem  Sattel  holten.  Ein  Dutzend  Männer  hatten  ihn  gehalten,  bevor  Sarakos  persönlich ihm den Todesstoß versetzte.  »Ich  trauere um  ihn«,  sagte Tylara, und es war Eis  in  ihrer , Stimme.  »Deine  Leute  sollen  gute  Pfeile  herstellen,  Cadaric.  Wir werden diesen Sarakos lehren, welch Gefieder die Möwen  von Tamaerthon tragen.«    *                                                   , 2    Es waren  nur  kämpfende Männer  in  der  großen Halle  von  Schloß Dravan. Der Rat wurde nicht gebraucht; und nun saßen  Cadaric  und  drei  Kapitäne  der  Bogenschützen  unter  den  Rittern und Bheromännern an der großen Tafel.  Als Tylara eintrat, standen sie alle respektvoll auf. Falls die  Bheromänner  es  übelnahmen,  daß  ihre  Bogenschützen  als  Gleichgestellte unter bewaffneten Rittern  saßen,  so  ließen  sie  es sich jedenfalls nicht anmerken. Ihre Lady hatte während der  letzten Wochen  gezeigt, wie  scharf  ihre  Zunge  sein  konnte,  und  sie  hatten  gesehen,  was  diese  Pfeile  tun  konnten.  Sie  warteten,  bis  sie  sich  am Kopf der Tafel niedergesetzt  hatte.  Dann begannen alle gleichzeitig zu sprechen.  »Halt!  Ruhe!«  Bheromann  Trakon  schlug  mit  einem  Dolchgriff auf den Tisch. »So ist es besser.« Er lächelte ihr zu.  »Meine Lady.«  Sie nickte ihm ihren Dank zu. Trakon war in der letzten Zeit  sehr  aufmerksam.  Seine  Frau war  vor  zehn Monaten  an der  Seuche gestorben. Er war doppelt  so  alt wie  sie  –  aber  auch  nur  das,  und  noch  stattlich  genug.  Ganz  gewiß  konnte  sie  nicht  für  immer  dieses  Land  als  jungfräuliche  Herrscherin  regieren.  Sie würde nie wieder  einen wie Lamil  finden, und  Trakon  würde  es  so  gut  wie  jeder  andere  tun,  wenn  ihre  Trauerzeit zu Ende war. Aber so bald, so bald…  »Sie  kommen,  Lady«,  sagte  Kapitän  Camithon.  »Zwei  Tagesmärsche im Norden.«  »Zwei Tage, wenn sie Glück haben«, sagte Trakon. »Sie sind  so  voll  beladen mit  ihrer  Beute,  daß  sie  froh  sind, wenn  sie  zweitausend Schritte in der Stunde gehen.« ,                                                            , »Alle?« fragte Tylara.  »Aye,  Lady«,  sagte  Camithon.  Er  starrte  auf  die  anderen,  bereit,  jeden  Einwand  übelzunehmen,  den  ein  Bogenschütze  Tamaerthons  machen  konnte.  Aber  es  herrschte  nur  Stille.  Trakon,  Cadaric  und  Camithon  hatten  den  sich  nahenden  Feind gesehen und die anderen nicht. »Ich habe allein in ihrer  Vorhut fünfhundert Fahnen gezählt.«  »Habt ihr das Land gut ausgespäht?« fragte Tylara.  »Aye, Lady«, sagte Cadaric. »Es ist für unsere Zwecke mehr  als geeignet. Wir können sie abfangen, aye, und bluten lassen,  ohne  eine  Handvoll  zu  verlieren,  wenn  wir  es  richtig  anfangen.«  Es  gab  noch mehr Gerede.  Trakon  klopfte  erneut,  um  die  Ordnung  wiederherzustellen.  Einer  der  Ritter  schrie.  »Sie  abfangen? Was ist das für eine Verrücktheit?«  Tylara  bemerkte Trakons  grimmiges Lächeln. Er war  nicht  zu  stolz  gewesen,  Cadaric  zuzuhören,  als  er  von  dem  Erkundungsritt zurückkam. Ein guter Mann, dachte sie.  »Die  Zeiten  sind  kritisch«,  sagte  Tylara.  »Die  Landkarten  erinnern mich  an meine Heimat.  In  kritischen Zeiten  ist  ein  Mann soviel wie zehn – «  »Kritisch  sind  sie,  aber  nicht  so  kritisch«,  sagte  Kapitän  Camithon. Er  schien verletzt zu  sein. Strategie war etwas  für  Professionelle und nichts  für Mädchen, die gerade  alt genug  für das Bett waren. »Wenn wir  in diesen Zeiten mit unseren  hundert Lanzen stehen, bringen wir Sarakos zum Bluten, aber  dann wird uns seine Stärke überrennen. Wer  ist dann da, um  Dravan zu verteidigen?«  Trakon  grinste  breit.  »Unsere  Lady  schlägt  nicht  vor,  stehenzubleiben«, sagte er. , »Über was, im zwölften Namen von Yatar, reden wir dann?«  fragte Camithon.  Cadaric grinste. »Es  ist  ein Übel, daß  ihr  im Westen nichts  von den Sagen hörtet, wie Tamaerthon seine Freiheit von Ta‐ Hakos und den anderen Habgierigen um uns gewonnen hat«,  sagte er. »Ich schlage vor, es singt einer diese Ballade für euch.  Mit der Erlaubnis meiner Lady?«  Tylara  nickte,  und  bevor  jemand  protestieren  konnte,  begann einer der jungen Bogenschützen zu singen.  Zuerst murrten einige, aber die Stimme des Jungen war gut.  Sie hörten ruhig zu und versuchten nicht,  ihr Erstaunen über  diese Unterbrechung während eines Kriegsrates zu verbergen.  Während  der  Fortsetzung  des  Liedes  lehnte  sich  Camithon  begierig vor, und Bheromann Trakon begann breit zu grinsen.  Noch bevor die Ballade beendet war, drängten sich die Ritter  und Kapitäne um die Landkarte. Zum erstenmal seit Wochen  waren Aufschreie und Lachen in der großen Halle zu hören.    *    Tylara saß  rittlings auf  ihrem Pferd. Das war an sich schon  schockierend;  aber  was  noch  schlimmer  war,  sie  ritt  keine  sanfte Stute, sondern einen großen Hengst – ein Kriegsroß, auf  das  jeder Ritter  stolz  sein würde.  Sie  befand  sich  auf  einem  kleinen  Hügel,  umgeben  von  einem  Dutzend  Gewappneter  und genauso vielen Bogenschützen.  Das war  der  Preis,  den  sie  bezahlen mußte,  um  selbst  am  Kampf  teilzunehmen.  Sie  hätte  ihre  Leute  nie  dazu  bekommen, mit ihrer Handlungsweise einverstanden zu sein –  aber sie wäre auf jeden Fall gekommen, und niemand wagte ,                                                            , es,  Hand  an  sie  zu  legen.  Ein  Soldat,  der  von  Trakon  den  Auftrag  bekam,  sich  ihrer  Zügel  zu  bemächtigen  und  sie  zurück in Schloß Dravan zu führen, mußte die Striemen ihrer  Reitpeitsche  noch  Wochen  danach  tragen.  Sie  mußte  wenigstens  einen gezielten Schlag auf den Mann  führen, der  ihren Mann getötet hatte.  Etwas  unterhalb  waren  nicht  nur  alle  ihre  kämpfenden  Männer,  es  waren  auch  Hunderte  von  Bauern  mit  Buschmessern  und  Äxten  da.  Sie  benutzten  diese,  um  die  niedrigen,  gerippeartigen  Wachsstengel  an  der  Bergseite  abzuschneiden und in den Gebirgspaß zu tragen. Fünfhundert  Schritte  von  der  Spitze  des  Passes  bis  hinunter, wo  er  sich  wieder  erweiterte,  war  die  schmale  Straße  mit  den  frischgeschnittenen  Büschen  belegt.  Noch  mehr  wurde  zu  beiden Seiten aufgestapelt.  Die Bheromänner, Ritter und Gewappnete, warteten an der  Stelle, an der der Paß sich erweiterte, ungefähr hundert Schritt  weiter  wie  der  letzte  Buschstapel.  Die  bewaffneten  Ritter  saßen  auf der Erde und  ließen  ihre Pferde  ausruhen,  bis  sie  gebraucht wurden. Ein paar polierten ihre Panzer und Schilde.  Andere spielten mit Würfeln.  Ungefähr  die  Hälfte  der  Ritter  waren  mit  Pferden  ausgerüstet. Die anderen ritten Centauren; sie waren nicht so  zuverlässig wie  Pferde,  schwieriger  zu  zähmen  und  gingen  leichter  durch,  wenn  sie  geschlagen  wurden.  Pferde  waren  weit besser, aber sie kosteten auch viel mehr. Sie mußten mit  angebautem  Heu  und  Getreide  gefüttert  werden;  nur  vom  Grasen konnten sie nicht leben.  Die  Legenden  der  Priester  sagten,  daß  Pferde,  wie  die  Männer, von bösen Göttern gebracht wurden. Das schien nicht , vernünftig  zu  sein,  aber  wie  die  anderen  Geschichten  von  Schiffen  am Himmel war  die  Erzählung  universal.  »Warum  sonst«,  sagten die Priester, »müssen wir  so hart arbeiten, um  zu essen, wenn uns nicht der Tagvater dazu bestimmt hätte?«  Sie  sagten,  daß  die  Sterne  Sonnen  seien  und  die Wanderer  andere  Planeten,  von  denen  einer  die  wahre  Heimat  der  Männer  sei. Ob die Geschichten nun wahr waren oder nicht,  die Männer mit Pferden hatten es besser als die mit Centauren,  und sie wünschte, mehr Ritter hätten Pferde.  Zwischen der Höhe des Passes und dem erweiterten Gebiet,  auf dem ihre Ritter warteten, war der Durchgang sehr schmal  – an  jedem Punkt nicht mehr als hundert Schritte breit. Und  die Berge stiegen zu beiden Seiten steil hoch. Einer der Bauern  ging mit seinem Buschmesser dort hinauf. Bevor er aber einen  der hochschießenden Stengel abhauen konnte, hielten  ihn ein  Dutzend Stimmen zurück.  »Nicht da, du Tagvater – verdammter Narr!« Ein  reisender  Zunftgeselle rannte hoch und zeigte dem Buschschneider den  richtigen Platz. Es war sehr wichtig, daß auf dem Berg neben  dem Paß kein Zeichen von Aktivität zu sehen war ‐  Ein Reiter  trabte über die Spitze des Gebirgskamms. Er zog  sein  Schwert  und  schwang  es  lebhaft.  »Feind  in  Sicht«,  murmelte ein Offizier. Tylara nickte.  Die  Ritter  und  die  Gewappneten  sprangen  auf  ihre  Füße,  schwerfällig  in  ihrer Rüstung, und halfen  sich gegenseitig  in  den Sattel. Die Rüstungen waren  schwer, und die Centauren  wehrten sich gegen schwere Lasten; nur wenige waren so gut  trainiert,  daß  sie  ihren  Reitern  halfen.  Noch  bevor  alle  im  Sattel  saßen,  sah  Tylara  von  ihrer  Stellung  die  Vorhut  von  Sarakos’ Armee. , Die Wanax hatten sich gut aufgestellt. In der Vorhut waren  nur  kämpfende Männer,  und  als  sich  der  Paß  zu  verengen  begann,  stellte  sich  die  Kolonne  in  guter  Ordnung  auf.  Sie  stießen  sich  nicht  gegenseitig  und  rotteten  sich  nicht  zusammen. Die Reiter  führten;  dann  folgte  eine Gruppe  auf  Centauren; und dann kamen noch mehr Reiter. Sie kletterten  die  gewundene  Straße  hinauf  in  den  Paß,  zwanzig  nebeneinander – eine  lange Kolonne –, die Lanzen hoch, mit  Fahnen, die im frostigen Morgenwind flatterten.  Die  Gruppe  dahinter  war  nicht  so  ordentlich  gestaffelt.  Karren,  die  von  Eseln  und  Mulis  gezogen  wurden,  Armbrustschützen  gemischt  mit  Lanzenmännern,  Sensationshungrige,  Köche,  Prostituierte  und  Priester,  alles  bunt durcheinandergemixt.  Eine Trompete  erklang, und Camithons  schwere Kavallerie  trottete vorwärts über die aufgestapelten Büsche zu der Spitze  des  Passes.  Sie  erhoben  ihre  Banner.  Die  Buschschneider  kletterten  hinter  ihnen  weg,  hinunter  und  auf  die  Straße,  rannten zurück nach Dravan und wirbelten eine dünne Wolke  Staub auf, während sie rannten.  Von den Führern von Sarakos’ Armee  erscholl  eine andere  Trompete,  und  die  Kolonne  hielt  an.  Die  Gruppe  dahinter  wurde immer ungeordneter, je mehr die marschierende Horde  aufeinanderstieß. Die  der Armee  folgenden  Einheiten  holten  auf und vermischten sich mit den Führern. Die Armen, dachte  Tylara. Wenn  sich  die  Ritter  nur  zehn Minuten  unter  diese  Menge mischen könnten, würde Wanax Sarakos die Verluste  spüren. Aber die Führungsgruppe war nicht ungeordnet, und  diese allein übertraf an Zahl ihre ganze Armee.  Wieder  einmal  fühlte  sie  Zweifel  und  Angst  in  sich , aufsteigen, und sie sah auf zu dem Gewölbe des rötlichblauen  Himmels über ihr, um nach einem Zeichen zu suchen. Aber es  war  keines  da.  Ein  kalter,  wolkenloser  Tag  in  den  Bergen;  selten genug, der Tagvater zeigte sich in seiner ganzen Pracht  –  aber  er  zeigte  keine  Gunstbezeigung. Würde  er  zu  ihnen  halten? Oder würde das alte EINAUGE den Tag beherrschen,  den Tapfersten  auswählend, um  ihn  zu  erschlagen, den  Sieg  nach einer Laune zusprechend?  Von Sarakos’ Kolonne erklangen mehr Trompeten, und die  voranreitenden Ritter breiteten sich zu vierzig nebeneinander  aus. Sie bewegten sich  im Schritt vorwärts, dann verfielen sie  in Trab. Die Linien  kräuselten  sich,  als Lanzen  zwischen  sie  fielen, und die Trompeten  erschallten noch  einmal. Der Trab  wurde  zu  einem  kurzen  Galopp,  während  der  Angriff  vorwärts stürmte.  »Jetzt«, betete Tylara. »Jetzt. In Yatars Namen, JETZT!«  Ihre  eigenen  Trompeten  erklangen.  Ihre Ritter  schwenkten  und  spornten  ihre Pferde  an,  trabten hinunter  zu der  Straße  nach  Dravan  und  ritten  der  Staubwolke  nach,  die  die  abziehenden Holzfäller aufgewirbelt hatten.  Tylara murmelte Dankesworte  zu  dem  Tagvater. Das war  der erste, der vielen Züge, die falsch laufen konnten. Wenn die  Ritter nicht weglaufen wollten oder der Anblick des Feindes  sie  in  hoffnungslosen  Schrecken  versetzt  hätte,  da  es  unehrenhaft war, davonzurennen ‐mehr als ein Kampf wurde  durch  den  blinden  Gehorsam  gegenüber  den  Regeln  der  Kavalliersehre  verloren.  Genau  wie  dieser  vielleicht  noch  verloren wurde.  »Sie fliehen! Die Feiglinge rennen!« Die Schreie erhoben sich  aus den Reihen von Sarakos’ angreifenden Rittern. , Während  ihre  eigenen  Ritter  wegritten,  waren  in  den  Büschen  neben  den  Straßenseiten  leichte  Bewegungen  zu  bemerken.  Männer  sprangen  aus  Löchern  neben  dem  Gestrüpp und hielten Fackeln daran, dann  flohen  sie zu den  Seiten des Passes. Dünne Wölkchen von aufsteigendem Rauch,  hier und da eine Flamme. Die Wachsstengel entzündeten sich  schnell.  Ihre Ritter  erreichten  den weiten  Platz,  an  dem  sie  vorher  gewartet  hatten.  Sie  schwenkten  gleichzeitig  herum,  blickten  dem Feind ins Gesicht. Ihre Lanzen flogen herunter.  »Die  Feiglinge  haben  hinten  ein  Feuer  entzündet!«  schrie  jemand. »Wir werden sie lehren!« Der angreifende Feind kam  schneller,  ungefähr  hundert  Schritte  in  das  Gestrüpp.  Zweihundert,  und  sie  ritten  immer  noch.  Tylara  hielt  den  Atem an.  Als die führenden Einheiten dreihundert Schritte in den mit  Büschen  bestreuten  Paß  vorgedrungen  waren,  erklangen  hundert  Schritt unterhalb der  Spitze des Passes  ihre  eigenen  Trompeten. An  den  Bergseiten  über  dem  Paß  blitzte  es  auf.  Leuchtende  Kilts,  mattes  Leder,  der  dumpfe  Glanz  von  Stahlhelmen,  die  mit  Erdfarben  übermalt  waren.  Einen  Augenblick  vorher  war  noch  kein  Mann  zu  sehen.  Nun  standen  beinahe  zweihundert  Bogenschützen  hinter  Sträuchern,  Felsen,  als  ob  sie  aus  dem  Boden  gewachsen  wären.  Sie  erhoben  ihre  Bögen,  legten  die  Pfeile  an  ihre  Wangen, um zu zielen.  Aus  den  Truppen  von  Sarakos  erschollen  Schreie,  aber  es  war selbst für den Dümmsten offensichtlich, daß die Angreifer  nicht mehr  zu halten waren. Die  Sicherheit  lag vorne, durch  die Schilde der Ritter, heraus aus dem rasenden Feuer und ,                                                   weg von den Bogenschützen. Die  führenden Reiter  spornten  ihre Pferde härter an.  Und wieder eine Pause. Dann ein Schrei von der Bergseite.  »Laßt die grauen Möwen fliegen!«  Die  Pfeile  flogen  mit  einem  tödlichen  Zischen.  In  einem , Augenblick war die Luft  voll  von  ihnen. Noch während die  erste Salve niederging, war die zweite schon unterwegs. Pfeile  von  der  Länge  des  Armes  eines  großen  Mannes  und  mit  Stahlspitzen versehen, wurden von Bögen geschossen, die die  Männer seit  ihrer Kindheit benutzten. Der zweite Regen ging  nieder, und ein anderer zischte hinaus.  Das Blutbad war schrecklich. Die Pfeile spießten Pferde auf,  Sättel  und  sogar  Rüstungen.  Pferde  bäumten  sich  auf  und  gingen  durch,  stießen  ineinander,  stolperten  und  fielen  und  strauchelten über gefallene Pferde. Die Centauren schrien vor  Entsetzen und  Schmerz,  ihre  stummelartigen Arme  schlugen  wild um  sich,  ihre halben Hände zerrten wahnsinnig an den  Pfeilen, ihre Köpfe verdrehten sich, um die Wunden zu lecken.  Sie  bissen  ihre  Reiter  und  versuchten  sie  abzuwerfen  oder  fielen in das Gebüsch und rollten sich auf den Rücken. Einige  stürzten  bergauf  auf  die  Straße,  und  wurden  niedergeschossen, bevor sie weiterklettern konnten.  Die Pfeile  flogen noch  immer. Der Angriff war  in  einzelne  Gruppen  zerbrochen,  kleine,  von  zwei,  drei  und  vier Mann;  keine  harte  Welle  von  gewappneten  Männern  mit  Lanzen,  sondern eine ungeordnete Horde, die vor den Bogenschützen  floh,  weg  von  dem  Feuer,  hinaus  in  das  freie  Gelände  unterhalb ‐  Um  im Gegenangriff  von Tylaras Reitern niedergemäht  zu  werden.  Sie  griffen  mit  hundert  Schritt  Anlauf  an,  um  Schwung  zu  holen,  und  streckten  die  führenden  Teile  von  Sarakos’ Einheit nieder,  trieben den Feind zurück zum Feuer  und zu den  fallenden Pfeilen, dann schwenkten sie, während  eine andere Welle angriff, schlug und wieder drehte. Während  sie schwenkten,  trafen sie auch  ihre Nachfolger; diese hielten , an und stiegen ab.  Sie  zogen  sich  zurück.  Der  einäugige  Wotan  hatte  ihr  zugelächelt,  er  hatte  ihre  Ritter  nicht  durchdrehen  lassen,  obwohl  er  es  leicht  gekonnt  hätte.  Sie  hatten  ihre  Befehle  befolgt. Die meisten der westlichen Ritter würden nicht zu Fuß  kämpfen; aber die Eqetas von Chelm hatten dies gut trainiert.  Sie  standen  mit  erhobenen  Lanzen  da,  dicht  hinter  dem  brennenden  Buschwerk,  einer  undurchdringlichen  Wand,  gegen  die  sich  Sarakos’  Männer  immer  wieder  werfen  konnten, ohne sie jemals zu durchbrechen. Einer organisierten,  berittenen Truppe hätten  sie nicht widerstehen können,  aber  diese  Gefahr  war  ausgeschaltet.  Sarakos’  Einheit  kämpfte  gegen  den  Rauch  und  die  Flammen,  gepeinigt  von  dem  ununterbrochenen Regen der Pfeile, und durch das Feuer und  die Körper  der  eigenen Kameraden  gehemmt.  Für  die  Linie  der stehenden Ritter war es einfach, die wenigen zu töten, die  aus dem Rauch ritten,  Ein frischer Wind kam auf, um die Flammen noch höher zu  peitschen.  Sie  wuchsen  und  flammten  hoch,  und  bis  auf  fünfhundert  Schritt  sah  der  Paß  wie  die  Hölle  aus  –  ein  Wirrwarr  von  Feuer  und  Rauch,  schreienden  Männern,  Männern ohne Pferde, sterbende Pferde, reiterlose Centauren,  die  durch  das  Feuer  halb  verrückt  waren  und  in  alles  hineinliefen.  Und  durch  alles  flogen  die  Möwen  von  Tamaerthon mit  ihrem  tödlichen Biß, Schwärm auf Schwärm  von den grauen Schäften.  Die Trompeten Sarakos’ bliesen zu  einem  eiligen Rückzug,  aber für die meisten war kein Rückzug mehr möglich.  Die  Pfeile  kamen  nun  nicht  mehr  in  Wolken.  Die  Bogenschützen pickten einzelne Ziele heraus, konzentrierten ,                                                            , sich  auf Männer,  die  immer  noch  auf  ihren  Pferden  saßen,  schossen die Reittiere ab, um die Männer mit ihren Rüstungen  hilflos in dem brennenden Buschwald stehenzulassen. Der Paß  war erfüllt mit den Schreien von Schmerz und Terror.  Tylara  saß  grimmig  auf  ihrem  Pferd,  den Mund  zu  einer  harten  Linie  zusammengepreßt.  Ich  dachte,  ich  würde  es  genießen,  sagte  sie  zu  sich  selbst. Dies  sind die Männer, die  meinen Mann töteten. Ich sollte mich an ihrer Qual weiden.  Aber bei all dem  fühlte sie keine Freude, nur Übelkeit und  Horror, die sie vor ihrer schreienden Eskorte verbergen mußte,  und die Erkenntnis, daß dies nur der Anfang war. Es würde so  weitergehen, noch Wochen.  ICH WUSSTE NICHT, DASS DIE PFERDE SO SCHREIEN,  dachte  sie.  Ich habe erwartet, Männer  sterben zu  sehen, aber  ich dachte nicht an die Pferde.  Sie beobachtete weiter alles mit trauriger Faszination, bis sie  bemerkte, was  sie  tat.  Sie  hatte  beinahe  einen  fatalen  Fehler  begangen.  Sarakos  brachte  nun  seine  eigenen  Bogenschützen  nach  vorne.  Die meisten waren  Armbrustschützen  oder  berittene  Bogenschützen, mit kurzen Bögen, die sie nur am Brustkasten  anziehen konnten; keiner von ihnen war ein Gegner für einen  ihrer  Tamaerthon‐Clanmänner,  aber  zweihundert  konnten  nicht  gegen  eintausend  kämpfen.  Es war Zeit  zu  gehen.  Sie  erhob ihre Hand und winkte energisch.  Ihre Trompeten erklangen  in dem Paß. Cadaric winkte sein  Einverständnis  und  begann  seine  Bogenschützen  hinauszusenden;  die  ganz  vorne  zuerst,  dann  die  anderen,  einer  über  den  anderen  springend,  so  daß  sie  ein  ständiges  Feuer auf Sarakos’ Truppen hielten, die sich an einer Ecke des , Buschfeuers  sammelten.  Eine  andere  Trompete  rief.  Nichts  passierte.  Ihre  Ritter  standen  im  Paß.  Einige  verließen  die  Linie,  aber  nur  um  ihre  Pferde  zu  holen,  und  wenn  sie  aufsaßen, kamen sie zurück.  »Narren!« schrie Tylara. Sie trieb ihr Pferd hinunter zu dem  Hügel,  auf  dem  die  Ritter  und  Bheromänner  von  Chelm  standen. Als sie kam, stiegen mehr auf ihre Pferde, aber es sah  nicht‐ so aus, als ob sie abziehen wollten.  »Reitet  los!« brüllte sie. »Bevor das Feuer niederbrennt und  ihre ganze Armee durchkommt! Reitet, meine Lords. Ihr habt  gut  gekämpft. Der  einäugige Wotan meint  es  gut mit  euch.  Sarakos wird diesen Tag nicht  so  schnell vergessen. Nun,  im  Namen des Tagvaters, reitet!«  Bheromann  Trakon  saß  bewegungslos  da.  »Das  Feuer  schützt  sie  nicht  weniger  als  uns.  Hinter  ihrer  Vorhut  war  nichts  als  Fußvolk. Wir  haben  heute  noch  mehr  Arbeit  zu  erledigen.«  »Nicht wahr!«  schrie  Tylara.  »Sie  brachten  ihre  berittenen  Bogenschützen nach vorne, als  ich  sie noch beobachtete, und  sie  haben  noch  ihre  Armbrustschützen.  Ihr werdet  in  ihren  Pfeilhagel  reiten,  und  der  Rest  wird  durch  ihre  Kavallerie  niedergemäht.«  Trakon bewegte sich nicht.  »Mein Lord«,  sagte Tylara. Sie versuchte die Panik  in  ihrer  Stimme zu kontrollieren. »Wenn  Ihr heute hier sterben wollt,  so will ich Euch zur Seite stehen. Es wird kein Sieg sein, ganz  gleich,  wie  viele  wir  töteten,  wenn  wir  Dravan  Sarakos  überlassen  müssen.  Ob  wir  nun  hier  gefangengenommen  werden oder hinter den Mauern, fertig sind wir so oder so. Ich  möchte lieber mit den Rittern meines Mannes getötet werden, , als nach Dravan reiten und zusehen, wie es in Sarakos’ Hände  fällt. Ist das nach Eurem Willen?«  Trakon  saß  immer  noch  einen  Augenblick  bewegungslos,  dann  schüttelte  er  den  Kopf,  als  wollte  er  ihn  von  dem  Morgennebel  reinigen.  »Ihr  habt  gut  gesprochen,  Lady. Wir  haben keinen Sieg errungen, wenn wir hierbleiben, um getötet  zu  werden.«  Er  stieg  in  seine  Steigbügel,  um  Befehle  zu  schreien. »Tragt die Toten und Verwundeten weg. Laßt nichts  für  Sarakos  hier. Laßt  ihn  glauben, daß  er  ein Viertel  seiner  Vorhut  an  Geister  verloren  hat  und  nichts  erreichte.«  Er  wendete und  ritt den Paß hinunter. Einen Augenblick  später  folgte ihm Tylara.  Ich  folge,  dachte  sie. Es war mein  Sieg,  aber  ich  folge.  Sie  seufzte, wissend, was jeder denken würde, der es sah.  Eine Woche  später  erreichte  Sarakos  Schloß  Dravan.  Der  erste Versuch das Schloß zu stürmen, wurde zurückgetrieben;  Angriff  und  Verteidigung  waren  fast  wie  die  Eröffnungsschritte in einem rituellen Tanz. Der nächste Sturm  wurde ebenfalls zurückgeschlagen; Sarakos errichtete Gräben  und Zelte und Verteidigungsanlagen um das Schloß.  Von Dravan gab es weder einen Ein‐ noch einen Ausgang.  Sarakos und seine Armee warteten auf ihren Triumph. , 3    Die  Belagerungstürme  rollten  langsam  vorwärts.  Die  behelmten  Köpfe  der  Belagerer  ragten  heraus,  als  ob  sie  begierig  darauf  wären,  die  Mauern  und  Tore  von  Schloß  Dravan  anzugreifen.  Hunderte  von  Männern  schoben  und  zerrten,  um  das  Monster  vorwärts  zu  bewegen.  Aufseher  schrien  im Rhythmus.  Jungen gössen geschmolzenes Fett auf  die  Radachsen.  Sie  würden  die  Mauern  gegen  Mittag  erreichen.  »Es  ist  Zeit,  Tylara«,  sagte  Trakon.  »Zeit  und  vergangene  Zeit.«  Sie  sah  ihn  hilflos  an,  dann  die  anderen:  Cadaric,  seinen  Sohn  Cadaroc  und  Yanulf.  »Habe  ich  keine  andere  Möglichkeit?« fragte sie.  »Ihr kennt meinen Rat, Lady«,  sagte Cadaric. Er griff nach  seinem Bogen. »Es gibt hier keine Pfeile mehr. Außer für mich,  um  zu  sterben;  aber  es  wäre  schlecht,  wenn  es  zu  keinem  Zweck geschähe.«  Cadarics Sohn öffnete den Mund, um zu sprechen, schwieg  aber beim Blick seines Vaters. Der  junge Mann sah haßerfüllt  hinunter zu den Türmen.  Yanulf nickte weise. »Was bleibt uns für eine Wahl? In einem  Tag werden sie hier drinnen sein, und es geht nie gut mit dem  Pöbel,  wenn  eine  Festung  durch  einen  Sturm  genommen  wird.«  Er  hielt  inne.  »Ihr  braucht  nicht  hierzubleiben,  Lady.  Mein  Platz  ist  bei  den  Eingeweihten  in  der  Höhle  des  Bewahrers,  und  dort  können wir  für  Euch  auch  einen  Platz  finden.«  »Nein«,  sagte  Trakon.  »Ich  habe  ihr  ein  besseres Geschäft , angeboten als dieses.«  Yanulf verneigte  sich. »Ich will dann nicht  länger warten.«  Er drehte sich um, um die Zinnen zu verlassen.  »Ich werde meinen Sohn mit Euch  senden«,  sagte Cadaric.  »Vielleicht  hilft  ihm  Yatar,  nach  Tamaerthon  zurückzukehren.«  »Vielleicht auch nicht«, sagte Yanulf. »Aber es ist gut,  junge  Männer  als  Lehrlinge  bei  sich  zu  haben.«  Der  alte  Priester  winkte den Armeen hinter den Mauern zu. »Ihr Narren. Die  ZEIT kommt, und die Männer kämpfen immernoch.«  »Aber  nicht mehr  lange«,  sagte  Tylara.  Sie  drehte  sich  zu  Trakon  um,  aber  einen  Augenblick  lang  konnte  sie  keine  Worte  finden.  Schließlich  sagte  sie:  »Macht  einen  guten  Handel für unsere Leute.«  »Das werde ich. Es wird sich alles zum Besten wenden.«  Tylara  stand auf den Zinnen, als Trakon das grüne Banner  des Waffenstillstandes hißte und durch das Tor schritt.   , Ihre  Ladies  kleideten  sie  an,  und  einer  von  Sarakos’  Offizieren  begleitete  sie  in  den  Ratssaal.  Sie  fühlte  sich  sonderbar  leicht,  ohne  Rüstung  und  Stahlhelm  und  fremd  ohne Bewaffnung. Das  fremdeste von allem war, Sarakos auf  ihrem Platz am Kopf der Tafel zu sehen.  Er  sah  jung aus, um  so mächtig zu  sein. Er war ein großer  Mann, aber nicht fett; nur seine Augen verrieten seine Strenge.  Er  war  ansehnlich  und  stattlich,  aber  sie  vergaß  keinen  Moment, daß dies der Mann war, der  ihren Ehemann getötet  hatte.  Sein Lächeln war nicht freundlich. »Willkommen, Lady.« Er  starrte sie an, und sie erbebte.  Sarakos  war  nicht  allein  in  dem  Raum.  Wachen  hielten  Bheromann  Trakon.  Sein  Hemd  stand  offen.  Auf  seiner  nackten Brust war Blut. »Was bedeutet das?« fragte sie.  »Ihr  seid  alle  Verräter«,  sagte  Sarakos.  »Verräter  sterben  nicht  leicht,  wie  ihr  gleich  sehen  werdet.«  Er  winkte  den  Wachen. »Bringt das Aas hinaus und tötet ihn mit dem Rest.«  Trakon  schüttelte  die  Wachen  ab  und  stand  gerade  da,  obwohl es  ihn einige Anstrengung kostete, dies zu tun. »Hält  so  ein Wanax  seine Versprechen?«  fragte  er.  »Ihr  gabt  Euer  Wort, daß Lady Tylara und ich – «  »Heiraten dürfen«, sagte Sarakos. »Nachdem die Verräter tot  sind. Und so soll es mit dir geschehen. Für immer vereint.« Er  drehte sich um und sah Tylara verständnisvoll an. »Ich kann  sehen, warum du sie haben willst. Du mußt vielleicht auf sie  warten, aber sie wird für alle Zeiten dein sein, wenn ich fertig  bin.« Er winkte den Wachen zu, daß er sie nicht mehr brauche.  Für  eine  Stunde war  Schloß Dravan  von  den  Schreien  der  Sterbenden  erfüllt. Tylara wurde  gezwungen,  am  Fenster  zu , stehen und  zu  beobachten, wie  ihre  Soldaten  starben;  einige  wurden geköpft, und die Bogenschützen wurden als Ziele für  Sarakos’ Armbrustschützen benutzt, die Offiziere verhöhnten  sie von den Zinnen des Schlosses aus.  Dann wurde sie  in das Schlafzimmer von Sarakos gebracht,  und eine andere Art des Schreckens begann. ,   Sie  hörte  die  massive  Tür  sich  öffnen  und  wimmerte,  versuchte,  ihre Knie noch näher  an  ihre Brust  zu  ziehen. Sie  hielt die Augen geschlossen. Wer würde es sein? Das alte Weib  mit  der  Peitsche  oder  Sarakos  selbst?  Sie  erinnerte  sich  an  seine  Worte,  als  er  ging:  »Du  hast  mich  nicht  erfreut.  Ich  werde bald einen Leichnam hier liegen haben. Aber bevor du  stirbst,  wirst  du  mich  befriedigen.  Du  wirst  um  die  Gelegenheit betteln.«  »Meine Lady.«  Die Stimme schien anders zu sein. Bekannt und jung. Es war  nicht Sarakos ‐  »Meine  Lady.  Wir  haben  wenig  Zeit.  Sie  müssen  jetzt  kommen.«  Sie hatte Angst. War das ein Trick? Aber die Stimme klang  drängend.  Sie  hatte  den Mut  die Augen  zu  öffnen  und  den  Kopf zu drehen, obwohl sie keinerlei Hoffnung hatte.  Sie  sah  Kilts  –  ihre  eigenen Muster  –  und  schaute  höher.  »Caradoc!« schrie sie. Er ging zu ihr, und sie ließ sich von ihm  helfen, sich aufrecht zu halten. Er keuchte, als er ihren Rücken  sah,  und  sie  lehnte  sich  an  ihn,  als  er  sie  schnell  aus  dem  Schlafzimmer führte. Vor ihrer Tür lagen zwei tote Männer.    *    Es war zu  früher Stunde. Sie  sahen niemanden, während  sie  die  Hintertreppe  zu  der  großen  Zisterne  hinunter  auf  den  Grund  schritten;  dann  zu  den  massiven  Türeingängen,  die  immer  noch  weiter  hinunterführten,  zu  den  Höhlen  der  Beschützer. Der Ammoniakgeruch war sehr stark. Sie zögerte, , aber  Caradoc  stieß  sie  weiter  und  schloß  die  Türen  hinter  ihnen. Dann kamen zwei Eingeweihte mit Fackeln, um  ihr zu  helfen.  Ihre Gesichter zeigten Mißbilligung über die  Invasion  in ihr Reich.  Sie  gingen durch unbeleuchtete Tunnel, wanderten,  bis  sie  nicht mehr  wußte,  wo  sie  waren.  Schließlich  kamen  sie  zu  einem  größeren  Raum,  der  durch  eine  Fackel  erhellt  war.  Yanulf war da.  »Die Wachen waren  betrunken«,  sagte Caradoc.  »Ich  habe  vier getötet. Sonst war keiner wach.«  »Wir  müssen  gehen,  bevor  sie  gefunden  werden«,  sagte  Yanulf. Der Priester wendete sich an die Eingeweihten. »Holt  Blasen.«  Sie sahen ihn voll Schrecken an.  »Denkt  ihr,  Yatar  zieht  sein  Geheimnis  der  Tortur  seiner  Freunde vor?« schnauzte Yanulf. »Diese Lady behandelte uns  gut.  Sie  wird  nicht  enthüllen,  was  sie  sah,  noch  wird  es  Caradoc.«  Die  Eingeweihten  zögerten  noch  einen  Augenblick,  dann  gingen  sie.  Als  sie  zurückkamen,  trugen  sie  luftgefüllte  Schafsblasen.  Yanulf wies auf eine Tür in dem Zimmer. »Wir werden hier  durchgehen.  Ihr  müßt  nur  von  den  Blasen  atmen,  und  ihr  müßt den Atem solange es geht anhalten. Die Reise führt weit  hinunter,  und  wir  können  anhalten/um  zu  rasten,  bis  wir  durch  die  Tunnel  und  hinter  der  Tür  auf  der  anderen  Seite  sind. Es wird dunkel sein. Habt ihr verstanden?«  Tylara  starrte  ihn  verwirrt  an.  Sie  wollte  sich  hinlegen,  ausruhen,  schlafen, den  Schmerz  in  ihrem Rücken vergessen  und den  schrecklichen Schmerz zwischen  ihren Beinen. »Wir , brauchen nicht«, sagte sie. »Gebt mir Euren Dolch und – «  »Seid  kein  Narr«,  sagte  ihr  Yanulf.  »Denkt  ihr,  ich  habe  Sarakos  herausgefordert, Yatars Haus  verletzt,  nur um Euch  sterben zu lassen?«  »Vielleicht  trage  ich  Sarakos’ Kind«,  sagte  sie.  »Ich würde  eher sterben.«  »Dazu  ist noch Zeit genug, wenn  ihr genau Bescheid wißt.  Aber  es  ist  unwahrscheinlich«,  sagte  Yanulf.  »Sehr  unwahrscheinlich,  selbst wenn man  Eure  Jungfernschaft  aus  dem Spiel läßt.«  Es wurde gesagt, daß die Priester von Yanulf wissen, wann  Frauen empfangen konnten.  »Nur  lebend können wir auf Rache hoffen«, sagte Caradoc.  »Für  Euch  und  für  meinen  Vater.  Bis  ich  Sarakos’ Möwen  gefiedert sehe, möchte ich leben.«  »Kommt.«  Yanulf  gab  ihnen  die  Blasen.  »Bevor  ihr  die  Blasen benutzt, atmet tief ein. Viele Male.« Er zeigte es ihnen.  »Mehr.« Als er zufrieden war, wies er die Eingeweihten an, die  schweren Türen zu öffnen.  Dahinter  waren  noch  mehr  Türen.  Die  nächste  war  mit  Leder  abgedichtet.  Tylara  fühlte  das Ammoniak  ihre Augen  beißen, und selbst durch die Blase konnte sie den stechenden  Geruch wahrnehmen, als die letzten Türen geöffnet waren.  Aus  den  Höhlen  quoll  Kälte.  Sie  nahm  die  Hand  eines  Eingeweihten und ließ sich in die Dunkelheit führen.    *  Es  gab überhaupt  kein Licht.  Sie  fühlte die Wände,  als  sie  durchgingen.  Es  gab  Bretter  mit  Körben  und  Streifen  von  Fleisch, die dazwischen hingen. Zwischen den Brettern waren  ,                                                            , schleimige, knollige Dinge, die  sich kalt anfühlten. Dann gab  es nur noch Eis.  Sie schienen endlos weiterzugehen. Die Luft in der Blase war  fast verbraucht, und  ihre Lungen schmerzten so sehr, daß sie  ihre  anderen  Schmerzen beinahe vergaß.  Sie war  sicher, daß  sie  aus Atemnot  ohnmächtig werden würde,  aber  in diesem  Moment hielten sie an. Licht brach durch eine Tür, die sich vor  ihnen  öffnete.  Sie  beeilten  sich,  hindurchzueilen,  ließen  eine  andere  Tür  hinter  sich  und  standen  draußen,  in  dem  sterbenden Licht der Nachtsonne. Im Osten war schon das Rot  der Morgendämmerung zu sehen.  Da  waren  Pferde.  Sie  fühlte  sich  selbst  hinter  Caradoc  aufsteigen. Sie klammerte sich an ihn, und sie ritten weg. Nach  einiger Zeit schlief sie an dem Bogenschützen hängend ein. In  ihren Träumen  zog  sie  Sarakos  lebend die Haut  ab,  und  sie  lächelte.    *    Die wahre Sonne stand hoch über ihnen, als sie schließlich an  einer  Straßenkreuzung  anhielten.  »Wir müssen uns  beeilen«,  sagte Yanulf.  »Dieses  Pferd  muß  sich  ausruhen«,  antwortete  Caradoc.  »Das doppelte Gewicht  zu  tragen,  hat  es  fast  zum Umfallen  gebracht.« Er stieg ab, um Tylara herunterzuhelfen, dann  ließ  er das Pferd zu der Wasserstelle  laufen, die dem Steinhaufen  am nächsten war. Er verneigte sich vor den Steinen, bevor er  die Pferde trinken ließ.  Tylara  verneigte  sich  ebenfalls.  Kreuzungen  waren  dem  Führer des Todes geweiht. Dann wendete sie sich Yanulf zu. , »Ich danke Euch.«  »Dankt ihm.« Er wies auf Caradoc.  »Habe  ich. Aber wir hätten nicht  fliehen können, wenn  Ihr  nicht – « Sie hielt sich selbst zurück.  »Meinen Schwur des Geheimnisses nicht gebrochen hätte?«  sagte Yanulf. »Ja. Zweifellos werde ich darauf antworten. Aber  ich  sprach  wahr  zu  den  Eingeweihten.  Yatar  kann  nicht  wünschen,  daß  sein  Geheimnis  zu  einem  solchen  Preis  gewahrt wird.«  »Wohin gehen wir?« fragte Tylara.  Caradoc antwortete hinter ihr: »Dies ist die Oststraße«, sagte  er.  »Vielleicht  finden  wir  den  Jungen  Wanax  und  den  Beschützer. Und wenn nicht – führt sie nach Hause.«  Zu Hause. Sie  sah  in den Osten, aber Tamaerthon  lag über  hundert Meilen hinter Salzebenen und Seeräuberländern. »Da  kommt  jemand«,  sagte  sie. Sie zeigte ostwärts. Zwei Männer  und eine Frau kamen die Straße herauf. Die Frau trug fremde  hosenartige Kleider, wie die Männer. ,     Teil IV    Die Kreuzung , 1    Der Planet unter  ihnen sah nicht aus wie die Erde. Die Polar‐ Eiskappen waren zu groß, und es gab viel mehr Wasser und  zuwenig Land. Außer den weiten, leeren Seen – wegen ihnen?  Rick wußte  zuwenig, um Vermutungen  anzustellen  – gab  es  riesige Wüsten, die von Bergen umrahmt waren.  Von der Umlaufbahn aus war keine Spur eines Menschen zu  entdecken.    *    Der  Pilot  schien  Angst  vor  ihnen  zu  haben.  Er  ließ  sie  die  Munition  für  die  Raketen  und  die  Mörserbomben  in  einer  Kiste und die Gewehre in einer anderen verstauen. Er machte  ihnen  klar,  daß  die  zwei Kisten mit  beträchtlichem Abstand  voneinander ausgeladen wurden.  Die  letzten  Stunden  waren mit  Besprechungen  ausgefüllt,  denen Rick  und Andre  beiwohnen mußten.  Es wurde  ihnen  gesagt,  wie  Surinomaz  anzubauen  war,  das  eine  komplexe  Ökologie  aufwies,  und  die  Prozedur  der  Ernte  war  noch  komplexer;  wie  sie  die  Übersetzungsgeräte  zu  benutzen  hatten, um mit den Händlern zu  reden, wenn sie kamen, die  Ernte  abzuholen;  endlose Details,  und  immer  der warnende  Unterton,  daß  die Menschen  auf  Tran  human  sind  und  es  verdienen, gut behandelt zu werden.  Das Landegebiet war ausgewählt; weit genug vom Äquator,  um  ein  erträgliches  Klima  zu  garantieren,  selbst  wenn  die  zusätzliche Sonne näher kam, weit genug von den Polen, um  selbst dann noch dort leben zu können, wenn der Eindringling , weit weg war;  und  hoch  genug,  um  sicher  zu  sein,  daß  es  trocken  blieb, wenn  die  Polkappen  schmolzen  und  die  Seen  hundert  Meter  höher  stiegen.  Es  gab  mehrere  Gebiete,  die  diese Ansprüche  erfüllten, und Rick wußte  keinen Weg,  auf  dem er herausfinden konnte, welches das Beste war. Er hatte  sich  bei  dem  Piloten  dafür  eingesetzt,  den  Planeten  einige  Tage  zu  beobachten,  bevor  sie  landeten,  aber  sein Anliegen  wurde  zurückgewiesen. Der Pilot  schien  es wahnsinnig  eilig  zu  haben.  Rick  fragte  sich  warum,  aber  er  bekam  keine  Erklärung.  Sie gingen  in eine engere Umlaufbahn, und der Bildschirm  zeigte  Bilder  von  der  Landschaft  unter  ihnen:  einige  große  Städte,  aber  zum  größten  Teil war  es  ein  Land  von Dörfern  und  Feldern.  Viele  der  Dörfer  und  alle  Städte wurden  von  massiven Schlössern beherrscht. Es gab einige Straßen.  Parsons wollte  in  der Nähe  einer  der  Städte  landen,  aber  Rick  wählte  ein  Dorf  in  der  Nähe  einer  der  Hauptstraßen,  fünfzehn Kilometer von einem Schloß entfernt. Die Photos aus  der  Umlaufbahn  zeigten  eine  Armee,  die  außerhalb  des  Schlosses  ihr  Lager  aufgeschlagen  hatte,  und  massive  Belagerungstürme, die nahe vor der Vollendung standen.  »Wenn es dort eine Schlacht gibt, beschließen wir vielleicht,  daran  teilzunehmen«,  sagte  Rick.  »Nachdem  wir  einen  politischen Überblick bekommen haben.«  »Näher  bei  einer  Stadt wäre  besser«,  sagte  Parsons.  »Und  wenn du daran denkst, das Schloß zu nehmen, warum dann  einen Tagesmarsch davon landen?«  Rick brachte wieder einmal vor, daß sie nicht genug wüßten,  und besser  in sicherer Entfernung von einem Konflikt  landen  sollten. Schließlich hörte Parsons auf zu widersprechen. , Sie  landeten  in  der Abenddämmerung,  kurz  nachdem  die  Hauptsonne  untergegangen,  aber  bevor  die  entfernte  zweite  aufgegangen war. Wenn die zweite Sonne voll da war, würde  sie den Planeten wie  tausend Vollmonde erhellen, würde die  Nacht erleuchten, wie ein bewölkter Tag auf der Erde. Als sie  landeten,  malte  das  betrügerische  Licht  –  Dämmerung  der  Sonne,  Strahlen  der  Dämmerung  der  zweiten  Sonne  –  unheimliche Bilder und Schatten.  Sie  luden  die  Gewehre  zuerst  aus,  dann  die  Munition  ungefähr  einen  Kilometer  von  ihrem  ersten Aufsetzen.  Rick  war  der  letzte,  der  ging.  Bevor  er  hinausspringen  konnte,  schloß sich die Tür, und das Schiff hob ab.  »Stop! Ich bin noch an Bord!« schrie er.  »Ich weiß.« Die Stimme des Piloten klang heiter. Das Schiff  flog einen halben Kilometer, dann setzte es auf. Rick hörte das  Heulen der Maschinen, aber die Tür öffnete sich nicht. Dann  sagte die Stimme: »Jetzt kannst du rausgehen.«  Während er auf den Boden  sprang, hob das Schiff ab. Rick  beobachtete  es,  bis  es  in  den Wolken  verschwand.  Er  hatte  nicht wirklich geglaubt, daß es direkt danach abfliegen würde.  Er fühlte sich total alleine.  »Es ist wirklich abgehauen.«  Er  unterdrückte  seinen  Schrecken,  bis  er  bemerkte,  daß  es  die Stimme einer Frau war.  Sie  war  ein  kleines  Mädchen,  nicht  sehr  hübsch  in  dem  Halbdunkel. Sie hatte einen besseren Schutzanzug an als sein  eigener.  »Du bist ein Mensch«, sagte er.  »Du klingst nicht sehr überzeugt.«  »Ich bin dessen auch nicht sicher.« , »Ich  bin  ein Mensch.  Ich  heiße  Gwen  Tremaine,  und  ich  komme aus Santa Barbara.«  »Santa Barbara? In Kalifornien? Auf der Erde?«  »Ja.« Sie versuchte zu lachen, aber es gelang ihr nicht. »O ja,  ich komme von der Erde.«  »Wir  gehen  besser  zu  den  anderen«,  sagte  Rick.  Er  ging  näher  zu  ihr  und  sah  die  Tränen  in  ihren  Augen.  »Bist  du  okay?«  »Ich bin verdammt verstört«, sagte sie.  »Genauso geht es mir. Uh – «  »Ich war die Geliebte des Piloten«,  sagte  sie. »Das wolltest  du doch fragen, oder nicht? Ich wurde schwanger und wollte  keine Abtreibung, also schmiß er mich hier raus.« Dieses Mal  brachte sie ein Lachen heraus. Rick dachte, daß es schrecklich  klang.  »Sehr  bequem.  Ich  fragte  ihn,  ob das die  traditionelle  Art  für  Piloten  von  fliegenden  Untertassen  ist,  ihr  überflüssiges Gepäck  loszuwerden,  aber  er  antwortete  nicht  darauf.«  »Jesus!«  murmelte  Rick.  Er  führte  sie  durch  das  Buschgestrüpp – es war ähnlich dem Chaparral im Westen der  Vereinigten  Staaten,  aber  es  hatte  einen  fremden  beißenden  Geruch – den  fernen Lichtern zu, bei denen Parsons und die  Gewehre abgeladen waren. Er wollte  ihr etwas Nettes sagen,  um sie zu trösten, aber ihm fiel nichts ein. Gott, Allmächtiger,  dachte  er.  Sie  mußte  so  alleine  sein,  wie  noch  nie  jemand  gewesen ist. »Weißt du etwas über – warum wir hier sind?«  »Möglicherweise mehr als du«, sagte sie. Sie ging neben ihm,  aber ein paar Schritte entfernt, als ob sie von  ihm abgestoßen  würde.  »Wenn  du  mehr  als  ich  weißt,  so  bin  ich  für  alle  neuen , Informationen dankbar«, sagte er.  »Wir  haben  jede Menge  Zeit.  Ich muß mich  erst  an  diese  Situation  gewöhnen,  ja? Als  er mir  Informationen über Tran  gab, sagte er mir nicht, daß er vorhat, mich hierzulassen.«  »Wann sagte er dir – «  »Daß er mich im Stich läßt? Ungefähr fünf Minuten vorher.«  »Das war – « Er versuchte an etwas zu denken, was er sagen  konnte, aber es fiel ihm nichts ein.  »Eine Schweinerei, was er tat?« fragte sie. »Sicher war es das.  Aber  siehst  du,  ich  dachte,  ich  liebe  ihn.«  Sie  ging  ein  paar  Schritte weiter. »Höre ich mich genauso an wie du?« fragte sie.  »Wie?«  »Verstört  und  bemüht,  ruhig  zu  bleiben,  obwohl  du  in  Wirklichkeit am liebsten im Kreis rennen würdest und mit den  Armen um dich schlagen möchtest?«  »Benehme ich mich so?« fragte Rick.  »Ja.«  »Ich glaube, du hast recht«, sagte er.    *    Parsons  hatte die Truppe  auf der Bergspitze  versammelt. Er  schien genauso überrascht, Rick wie auch Gwen zu sehen. »Ich  dachte,  sie  hätten  dich  dahin  mitgenommen,  wohin  die  Untertasse  auch  immer  fliegt«,  sagte Parsons. Rick gefiel die  Schärfe  in Parsons Stimme nicht, noch mochte er die Art, wie  Parsons die M‐16 Rifle hielt. »Taten  sie nicht«,  sagte  er. »Ich  glaube,  sie  wollten  eine  Eskorte  für  Miß  Tremaine.«  Rick  erklärte ihnen, wer sie war.  »Okay. Und was tun wir jetzt?« , »Es gibt ungefähr tausend Dinge zu tun«, sagte Rick. »Wenn  es  hell  ist,  können  wir  hinunter  in  das  Dorf  gehen.  Zuerst  müssen  wir  anfangen,  die  örtliche  Sprache  zu  lernen.  Und  herausfinden, auf welche Seite des Krieges wir uns schlagen,  den wir gesehen haben. Dann – «  »Es  gibt  eine  Sache,  die  noch  etwas  dringender  ist«,  sagte  Parsons.  »Und was ist das?«  »Ich  denke  es  ist  Zeit,  daß  wir  das  Kommando  umstrukturieren«,  sagte  er. Das Gewehr  schwang herum, bis  es fast auf Rick zeigte.  »Was, zur Hölle, meinst du?«  »Du  bist  kein  erfahrener  Offizier«,  sagte  Parsons.  »Ein  ROTC‐Bübchen,  beinahe  ohne  Kampferfahrung.  Fühlst  du  dich  unter  diesen  Umständen  wirklich  qualifiziert,  uns  zu  führen?«  »So qualifiziert wie du – «  »Nein. Dies  ist meine Karriere. Für dich war es ein Unfall«,  sagte Parsons.  »Dann übernimmst du also.«  »Ja.« Parsons zuckte die Achseln. »Wenn du willst, kämpfe  ich mit dir darum.«  »Ist das nicht ein bißchen barbarisch?« fragte Rick vorsichtig.  Parsons  lächelte  breit.  »Natürlich.  Wir  sind  auf  einem  barbarischen  Planeten.  Tatsächlich,  das  ist  mein  Haupteinwand gegen dich, Rick. Du hast nicht den  richtigen  Instinkt  zum  Überleben  hier.  Ich  habe  schon  lange  eine  bedauerliche Tendenz zur Weichherzigkeit  in dir beobachtet.  Das war schon  in Afrika schlimm genug. Hier könnte es uns  zum Verhängnis werden.« , Ein Kreis von Männern hatte sich um sie gebildet. Rick sah  sie an. »Elliot – «  »Capt’n, es  tut mir wirklich sehr  leid.  Ich habe eine Menge  drüber  nachgedacht,  seit  Mr.  Parsons  es  zum  ersten  Mal  aufbrachte, auf dem Schiff noch. Er hat recht. Sie haben eben  nur die Erfahrung nicht.«  Und  es klingt wirklich, als ob  es  ihm  leid  tut, dachte Rick.  Und wahrscheinlich tat es ihm auch leid. Eines stand jedenfalls  fest.  Wenn  Elliot  und  die  NCOs  Parsons  Übernahme  akzeptierten,  dann  konnte  er,  Rick,  aber  auch  gar  nichts  dagegen  tun.  Das  Beste,  was  er  tun  konnte,  war,  das  Kommando zu lähmen. Sie starrten ihn alle an.  Er mußte etwas  sagen und  schnell, bevor Parsons beschloß  zu schießen, und es dabei bleiben zu lassen. »Vielleicht hast du  recht. Andre, du hast mehr Erfahrung als ich. Okay, übernimm  du  das  Kommando.« Während  er  das  sagte,  fühlte  er  eine  Welle der Erleichterung. Jemand anderes konnte sich jetzt den  Kopf zerbrechen.  »Bin  froh,  daß  du  es  verstehst«,  sagte  Parsons.  »Sergeant  Elliot, bauen Sie unsere Verteidigung auf.«  »Sir.«  »Und  der  Rest  von  euch  verschwindet«,  sagte  Parsons.  Er  wartete, bis die  anderen gegangen waren.  »Rick, da  ist noch  ein anderes Problem. Sicher kannst du verstehen, daß du nicht  bei uns bleiben kannst.«  »Warum nicht?«  »Du hattest das Kommando. Manche Männer würden dich  jedesmal ansehen, wenn ich einen Befehl gebe. Es würde nicht  laufen«,  sagte Parsons. Seine Stimme war  tief und drängend,  beinahe  bittend.  »Ich  hätte  dich  eigentlich  direkt  erschießen , sollen«, sagte er. »Das wäre am intelligentesten gewesen.«  »Scheißdreck.  Die Männer  würden  nicht  dafür  eintreten«,  sagte Rick.  »Siehst  du?«  sagte  Parsons.  »Einige  von  ihnen  bewundern  dich. Und es kann nur einen Kommandanten geben.«  »Du schickst mich alleine weg«, sagte Rick.  Parsons zuckte die Achseln. »Was kann  ich sonst tun? Sieh,  ich will dich nicht töten. Du kannst deine persönlichen Waffen  nehmen – «  »Verdammt großzügig von dir«, sagte Rick.  »Es  ist  großzügig,  und  du weißt  es. Auch  für mich  ist  es  gefährlich.  Faire  Warnung,  Rick.  Ich  bot  dir  an,  um  das  Kommando  zu  kämpfen.  Du  hast  abgelehnt,  was  sehr  intelligent von dir war. Aber das nächste Mal, wenn  ich dich  sehe, nehme ich an, daß du deine Meinung geändert hast. Und  ich  werde  dich  töten,  Rick.  Mach  keinen  Fehler  in  dieser  Beziehung.«  »Du meinst das wirklich, Andre, nicht wahr?«  »Ja.«  Er  benutzte  seinen  Fuß,  um  auf  einen  Rucksack  zu  zeigen,  der  neben  ihm  lag.  »Ich  habe  deine  Ausrüstung  zusammengestellt. Ein Gewehr. Zweihundert Schuß, und das  ist mehr  als  dein  Anteil  an Munition.  Erste‐Hilfe‐Päckchen.  Eine  Wochenration.  Du  kannst  meinetwegen  deinen  Feldstecher behalten. Du hast deine Pistole, und ich habe noch  eine Schachtel Patronen dafür eingepackt. Ich war nicht geizig  – «  »Geh zum Teufel – «  »Bitte«, protestierte Parsons. »Bring es nicht so weit, daß ich  meine  Großzügigkeit  bedauere.«  Er  wies  mit  dem  Finger  hinunter. »Die Straße führt in diese Richtung. Geh nicht zum ,                                                            , Schloß. Geh nach Osten.«  »Ich gehe mit ihm.« Gwens Stimme klang sehr kontrolliert.  Parsons sah überrascht aus. Wie Rick hatte er vergessen, daß  sie  ihnen  zuhörte.  »Sicher  meinst  du  das  nicht  so«,  sagte  Parsons.  »Sicher meine ich das«, sagte sie. Sie schüttelte ihren Kopf.  »Du  bist  verrückt.  Ich  habe  euch  beiden  wochenlang  zugehört. Wenn ich zwischen euch wählen muß, dann nehme  ich Galloway.«  »Warum?« fragte Parsons.  »Nur  weil  ich  das  will.  Oder  beabsichtigst  du,  mich  hierzubehalten?«  Parsons  runzelte  finster  die  Stirn.  »Nein,  das  verlange  ich  nicht.  Sehr  gut. Aber  setzt  euch  in Bewegung.  Ich habe  eine  Menge zu tun.«  »Selbstverständlich  hast  du  das«,  sagte Gwen.  Ihr  Stimme  war  zuckersüß.  »Und  du  bist weniger  dafür  geeignet,  es  zu  managen, als du denkst. Laß uns gehen, Captain Galloway.«    *    Weiter unten, in der Nähe der Straße, gab es Bäume. Sie sahen  aus wie knorriges Immergrün, aber die Blätter waren zu breit,  und  wie  das  Chaparral  hatten  sie  einen  fremden,  strengen  Geruch. Rick lief in die Bäume, bevor er sprach.  »Bist du von Sinnen?« fragte er.  »Nein.« Die  Stimme  des Mädchens war  stark,  beinahe  zu  laut.  »Du sahst nicht einmal überrascht aus…«  »Ich war es auch nicht. Ich habe gesagt, daß ich euch beiden , seit Wochen zuhörte. Bevor wir auf den Berg  stiegen, wußte  ich, was passieren würde.«  »Du hättest mich vielleicht warnen können?«  »Zu welchem  Zweck?«  fragte  sie.  »Es  gab  nichts, was  du  noch hättest tun können. In einem fairen Kampf hätte er dich  geschlagen,  und  du  würdest  ihn  ohne  Warnung  nicht  niederschießen. Oder?«  »Nein.  Ich  glaube  nicht.  So  wußtest  du,  daß  sie  meutern  würden. Der Pilot auch?«  »Ja. Er sagte immer, daß du deinen Weg gehen würdest und  sie den ihren.«  »Und du hast beschlossen, mit mir zu kommen. Warum? –  Vorsicht, es ist glitschig hier – « Er streckte seine Hand aus.  Sie ging von  ihm weg. »Laß das  sein«,  sagte  sie. »Ich hatte  einen Liebhaber, und noch einen brauche ich nicht.«  »Aber ich wollte nicht – «  »Nein,  ich  glaube,  du wolltest  nicht«,  sagte  sie.  »Aber  ich  wollte  es  klarstellen. Und  vielleicht  bekommst  du  dann  ein  paar  Ideen, wieso du.  Ich gewann den Eindruck, daß du  ein  bißchen menschlicher bist als einige dieser Tiere hinter uns.«  »Sie sind keine Tiere, sie sind Soldaten. Und sogar sehr gute.  Gwen,  das  ist  dumm.  Wenn  du  Angst  hast,  beraubt  oder  vergewaltigt  zu werden, dann  bleibst du besser bei Parsons.  Nicht,  daß  ich  dich  irgendwann  anfallen  würde,  aber  ich  glaube, ich lebe nicht lange.«  »Noch leben sie lange.«  »Was, zur Hölle, meinst du damit?« fragte Rick.  »Nichts.«  Sie  kletterte  den Abhang  hinunter.  »Die  Straßen  hier unten«, sagte sie. »Welche Richtung?«  »Links.« , »Weg  von  dem  Schloß«,  sagte  sie.  »Siehst  du?  Schließlich  hast  du  doch  genug  Verstand,  um  von  einem  Kampf  wegzugehen.«  Sie hielt an, um ihm intensiv ins Gesicht zu sehen. »Und du  brauchst  dein  Macho‐Image  nicht  unbedingt  aufrechtzuerhalten – ich sage nicht Feigling zu dir.«  »Nein,  aber  du  erinnerst mich  ganz  schön  an  zu Hause«,  sagte Rick.  »Wie kommt das?«  Er  erzählte  ihr,  wieso  er  Laufen  anstatt  Football  gewählt  hatte. »Und erzähl mir nicht, wie vernünftig es war«, sagte er.  »Ich weiß, es war vernünftig, aber es quälte mich.«      2    Die Straße war ausgezeichnet. Sie erinnerte Rick an die alten  römischen  Straßen,  die  er  in  Europa  gesehen  hatte;  Pflastersteine, die über genug Felsstücke gelegt waren, um ein  Absinken zu verhindern. Die Straße gab es anscheinend schon  sehr  lange, wie man  aus  der Abnutzung  der  Steine  ersehen  konnte, wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten. Obgleich sie,  nicht  wie  römische  Straßen,  niedrige  Hügel  und  Bäume  umging. Römische Militärstraßen  liefen unfehlbar geradeaus,  ohne Rücksicht, welches Hindernis im Wege stand.  Die  Bäume  und  das  Unterholz  waren  seltsam,  aber  sie  schienen  nicht  besonders  fremd  zu  sein;  nicht  fremder  als  Afrika war, als er es zum ersten Mal sah. Es gab keine Vögel –  jedenfalls hatte er noch keinen gesehen –, aber er sah zweimal  fliegende Eichhörnchen. Fast, dachte er, sehen sie aus wie die , Bilder  von  den  fliegenden  Füchsen  in  meinen  alten  Schulbüchern. Auf der Erde sah ich nie einen echten.  Gwen  ging  neben  ihm,  ihren  Abstand  immer  noch  aufrechterhaltend.  »Du  hast  beschlossen,  mit  mir  zu  kommen.  Hast  du  irgendeinen  –  «  Rick  unterbrach  sich  selbst  und  senkte  die  Stimme. »Hinter uns ist jemand«, sagte er. Sie blickten zurück  zur nächsten Kurve, aber sie sahen nichts. Rick zog Gwen von  der  Straße  herunter  in  die  Bäume.  Sie  suchten  sich  in  dem  Unterholz  ein  Versteck.  Rick  hielt  das  Gewehr  bereit. Wer  auch  immer  kam,  er  machte  keinen  Versuch  leise  zu  sein;  Fußtritte klapperten auf den Pflastersteinen.  Corporal Mason kam um die Kurve. Er hielt an und sah nach  vorne,  dann  hängte  er  sehr  vorsichtig  das Gewehr  über  die  Schulter und hob seine leeren Hände hoch. »Capt’n«, rief er.  »Hier drin«, sagte Rick.  »Ja,  Sir.  Dachte  schon,  daß  Sie  mich  kommen  hören.  Ich  wollte nur nicht erschossen werden.«  Rick führte Gwen zurück auf die Straße. Er nahm die Waffe  über die  Schulter, versicherte  sich  aber, daß der Riemen des  Schulterhalfters, in der die Pistole steckte, gelockert war. »Was  führt dich hierher?«  »Ungefähr ein Dutzend von uns wollten freiwillig mit Ihnen  kommen,  aber  Parsons  und  Elliot  wollten  sie  nicht  gehenlassen. Elliot sagte, daß es für einen von uns okay wäre,  so zogen wir Karten darum, und ich bin hier.«  »Sehr  schmeichelhaft«,  sagte  Rick.  Und,  dachte  er,  möglicherweise  sogar  glaubhaft.  Es war  aber  auch möglich,  daß Parsons einen schickte, der ihn erledigte. Parsons war ein  vorsichtiger Mann. , Parsons würde  das wahrscheinlich  tun,  aber Mason  hätte  den Job nicht angenommen. Es gab einige, die es getan hätten,  aber  nicht Mason. Rick  bemerkte plötzlich, daß  er  froh war,  den kleinen, mutigen Corporal zu sehen. Endlich hatte er doch  einen  Freund,  der  seinen  Rücken  an  diesem  fremden  Platz  deckte.  »Willkommen  an  Bord«,  sagte  Rick.  »Aber  vielleicht  möchtest du erklären – «  Mason  spuckte  in  den  Schmutz.  »Parsons  ist  ein  Fremdenlegionärstyp«,  sagte  er.  »Die  Legion  verbraucht  Männer.  Ich  kannte  ein  paar  Söldner,  die  über  die  Leichen  ihrer Kameraden gingen. Nein, danke.«  »Sähe  es  Parsons  ähnlich,  wenn  er  dich  jetzt  als  einen  Deserteur suchen läßt?« fragte Rick.  »Möglich  ist  es«,  stimmte  Mason  zu.  »Es  war  Elliot,  der  sagte,  daß  es  okay  wäre  abzuhauen,  aber  vielleicht  hat  er  Parsons nicht danach gefragt.«  »Und  nachher  hat  er  es  ihm  wahrscheinlich  auch  nicht  erzählt«,  fügte  Rick  hinzu.  Eine  andere  Komplikation.  »Wir  müssen besser nach hinten sichern.«  »Aus  mehr  als  einem  Grund«,  sagte  Mason.  »Es  sind  wahrscheinlich  noch  andere,  die  aus  Parsons  Scheißtrupp  aussteigen wollen.«  »Vielleicht  sollten wir warten«,  sagte Gwen.  »Aber  –  «  sie  schaute nachdenklich. »Ihr solltet nicht zu lange warten.«  »Warum?«  Sie schüttelte ihren Kopf. »Weibliche Intuition – «  »Verdammter  Scheißdreck.  Du  hast  schon  mehrere  Male  angedeutet, daß du Dinge weißt, die ich nicht weiß. Ist es nicht  an der Zeit, daß du mich in das Geheimnis einweihst?«  »Nein. Es ist noch nicht soweit.« Gwen war sehr ernst. , »Und wann wird es sein?«  »Ich weiß nicht. Aber  ich mache dich darauf aufmerksam –  Solange die Männer weglaufen, um zu dir zu stoßen, bist du  für Parsons eine Bedrohung.«  »Also soll ich vor ihm weglaufen – «  »Das  ist  es  nicht«,  sagte  sie.  »Sieh, du willst  ihn  nicht  aus  dem Hinterhalt erschießen. Aber wenn er beschließt, dich zu  töten,  so  wirst  du  es  nicht  wissen,  bis  es  passiert  ist.  Der  einzige Weg, auf dem du sicher vor ihm bist, ist, wenn er nicht  weiß, wo du bist.«  Das hatte Sinn. Es klang nicht sehr männlich, aber es klang  logisch. Rick stimmte zu.  »Da ist noch etwas anderes«, sagte sie.  »Yeah?«  »Wenn die Shalnuksis‐Händler erfahren, wo du bist, werden  sie es Parsons erzählen – «  »Das  ist  es, worüber  du  dir wirklich  Sorgen machst,  oder  nicht?« fragte Rick. »Du willst nicht, daß dich die Galaktischen  finden. Warum?«  »Spielt das eine Rolle? Du willst nicht mit ihnen handeln. Du  kannst es unmöglich alleine schaffen, diese Droge anzubauen  – «  »Droge?«  »Ich werde es später erklären. Rick, du willst nicht mit ihnen  handeln. Es ist ganz bestimmt besser, wenn Parsons uns nicht  findet. Mein Vorschlag ist nur, daß wir keine Aufmerksamkeit  auf uns  lenken. Wir  sollten diesen Teil des Landes verlassen  und keine Spuren hinterlassen. Ergibt das keinen Sinn?«  »Ich nehme an – «  »Das ist alles, was ich fragte.« , »Es ist genug. Wir wissen noch nicht, wohin wir gehen. Was  dies betrifft, wir werden bald keine Rationen mehr haben. Ich  habe so etwas wie ein Reh gesehen – «  »Wahrscheinlich war es eines. Hier wurden viele Erdentiere  freigelassen.«  »Verdammt! Du  tust  es  schon wieder. Was weißt du  sonst  noch, das vielleicht unser Leben retten kann?«  Sie antwortete nicht.    *    Sie wanderten um eine andere Kurve. Da war eine Kreuzung,  die durch eine kleine, mit Stroh bedeckte Hütte markiert war.  Das Dach mündete in eine Steinzisterne. Die Nebenstraße war  schmutzig  und  durch Wagenspuren  und  Fußabdrücke  von  beschlagenen Pferden  tief ausgefahren, aber  im Moment war  sie total verlassen. ,   Mason  untersuchte  die  Zisterne.  Auf  dem  Wasser  schwammen Blätter. »Trauen wir dem Zeug?« fragte er.  »Wir werden  es wahrscheinlich müssen,  und  es  ist  besser,  jetzt damit zu beginnen, da wir immer noch mit Gamma‐Pillen  und den anderen Spritzen vollgepumpt sind – aber ich glaube,  wir können noch einen Tag oder so warten, bis wir eine feste  Basis haben. Hast du Reinigungstabletten?«  »Yeah.  Ich  werde  sie  benutzen.  Geben  Sie  mir  Ihre  Feldflasche.«  Sie  füllten  ihre  Feldflaschen, während Rick über  ihre Lage  nachdachte. Auf der Hauptstraße würde der meiste Verkehr  sein, aber man kam auch besser darauf vorwärts. Nicht weit  hinunter  auf  der  Nebenstraße  konnte  er  Wasser‐  und  Schlammpfützen sehen.  »Pferde  kommen«,  sagte Mason.  Er  zeigte  zurück  auf  den  Weg, den sie benutzt hatten .  »Herunter von der Straße«, befahl Rick. Er  führte sie  in die  Bäume in die Nähe der Kreuzung. ,   Es  gab  einen  Klick,  als  Mason  seine  H&K‐Kampfrifle  entsicherte.  »Sie gehen langsamer«, sagte er leise.  »Wenn  sie keinen Ärger wollen, wir wollen keinen«,  sagte  Rick.  Zwei  Pferde  kamen  in  Sicht.  Eines  trug  einen  älteren  Mann mit gelben Kleidern. Auf der Brust des Kleides war ein  blauer Kreis mit  einem  stilisierten  Blitz  aufgenäht. Auf  dem  anderen Pferd  ritten zwei. Der vordere Reiter  trug einen Kilt  und Eisenhelm, und an  seiner  linken Seite  steckte ein kurzes  Schwert.  Der  andere  war  durch  eine  Kapuze  und  Mantel  verhüllt. An  der Kreuzung  hielten  sie  an,  und  der  verhüllte  Mann  sprang  leicht herunter und  führte  sein Reittier  an den  Wasserlauf,  vorher  aber  hielt  er  inne,  um  sich  vor  dem  Steinhaufen zu verbeugen.  Die anderen zwei stiegen ab.  Gwen sah sehr  interessiert zu. »Beachtet die ehrfurchtsvolle  Geste«, wisperte sie. »Hermes. Führer des Todes. Ursprünglich  war er der Gott der Straßenkreuzungen. Offensichtlich hat er  diese Aufgabe hier nicht verloren.«  Der  zweite Reiter warf die Kapuze  zurück und  nahm den  Mantel  ab. Mason  gab  einen  beinahe  unhörbaren  Pfiff  von  sich. »Das läßt sich sehen!« flüsterte er.  Rick gestikulierte, daß er still sein sollte. Mason hatte recht.  Das Mädchen war  jung, ungefähr zwanzig, schätzte Rick, mit  langem  rabenschwarzem  Haar.  Und  selbst  auf  diese  Entfernung  noch waren  ihre  Augen  aufsehenerregend  blau.  Ihr  Gesicht  hatte  eine  klassische  nordische  Form,  und  der  wollene Kittel, den  sie  trug,  hätte  bei Magnin’s  einen  hohen  Preis gebracht. , Nur der Reiter  im Kilt  schien  bewaffnet  zu  sein, und Rick  untersuchte  seine Waffen  sehr  vorsichtig. Am  Sattel war  ein  Lederbeutel  befestigt;  der  Form  nach  konnte  er  möglicherweise einen Langbogen enthalten. Sonst sah er keine  anderen Wurfwaffen. Das Schwert des Mannes war ziemlich  kurz. Er  trug auch  einen Dolch, der ungefähr die Länge von  Ricks‐Gerber‐Mark‐II‐Kampfmesser hatte.  »Dies ist vielleicht eine gute Chance, mit den Einheimischen  zu sprechen«, sagte Rick.  »Sie denken möglicherweise, wir sind Pferdediebe«, warnte  Gwen.  »Dann bleiben wir weg von den Pferden. Mason, unternimm  nichts, bis es keine andere Wahl mehr gibt. Und hab ein Auge  auf den Weg, den wir gekommen sind. Nur für den Fall.«  »Sicher.«  »Nicht nur wegen Parsons«, sagte Rick. »Das Mädchen sieht  nervös aus, und sie blicken immer wieder zurück. Und hast du  bemerkt,  wie  abgehetzt  diese  Pferde  sind?  Sie  halten  nicht  freiwillig  an.  Okay,  laß  uns  gehen  und  Kontakt  zu  den  Einheimischen aufnehmen.«    *    Das Mädchen  sah  sie  zuerst.  Sie  rief  etwas, und der  jüngere  Mann ging zu seinem Pferd.  »Heb die Arme, Mason«, befahl Rick. Er spreizte die Hände.  »Gwen, kannst du sagen, daß wir Freunde sind?«  »Die  letzte Sprache von Tran, die  ich studieren konnte, war  sechshundert  Jahre  alt«,  sagte  sie.  Sie  erhob  ihre  Stimme.  »Amici. Filos. Zevos. Nein, verdammt, das geht so nicht durch. , Rick,  verbeuge  dich  vor  dem  Steinhaufen. Wenigstens  zeigt  ihnen das, daß wir religiös sind.«  »Gut. Du auch, Mason. Und laß deine Hände sauber.«  »Ja, Sir.«  Verehrung  eines  Steinhaufens.  Es  schien  einen  nützlichen  Effekt  zu  haben.  Die  anderen  beobachteten  sie mißtrauisch,  aber sie unternahmen nichts, als Rick näher kam.  Der Krieger mit dem Kilt starrte Rick mit offener Neugierde  an. Er musterte das Gewehr, als ob er wüßte, daß es eine Waffe  ist. Er  schien  sehr  interessiert an der Scheide des Mark  II zu  sein, das in Ricks Gürtel steckte.  Der  ältere Mann  in  der  Robe  schöpfte  mit  einem  Kürbis  Wasser und bot es ihnen an.  Rick  zögerte,  dabei  dachte  er  an  die  verschiedenartigen  Amöben‐Lebensformen,  die  wahrscheinlich  in  dem  ungereinigten Wasser lebten.  »Er ist ein Priester«, sagte Gwen. » Blauer Himmel und Blitz.  Zeus? Jupiter?«  Der Priester nickte verstehend. »Yatar.«  »Es  ist  tatsächlich wahr«,  sagte Gwen.  Sie  schien  entzückt.  »Zeus  Pater,  der  Himmelsvater.  Sieh,  blau  für  das  Himmelgewölbe, und der Blitz – «  Rick ließ sich von dem Priester den Kürbis reichen, schluckte  fest  und  trank,  hoffend,  daß,  wenn  das  Unvermeidbare  eintreten  sollte,  es nicht  zu  einer ungelegenen Zeit passierte.  »Trägst du etwas Wein mit dir rum, Mason?« fragte er.  »Ja, Sir.«  »Dann biete ihn an.«  Mason nahm die Plastik‐Liter‐Flasche von seinem Gürtel.  »Wein«, sagte Rick. »Uh‐Vino.« , Der Priester  sah  interessiert aus und  sagte etwas zu  seinen  Begleitern. Sie sahen ebenfalls interessiert aus.  Rick hob die Flasche an die Lippen und trank einen Schluck.  Es war zwar kein Wein, aber Scotch. Was hab’  ich denn  jetzt  getan, dachte er. Die anderen deuteten auf das Mädchen, und  es streckte erwartungsvoll seine Hand aus.  Rick übergab ihr die Flasche. »Stark. Fuerte. Nicht viel. Uh –  nimm nicht so viel – «  Das  Mädchen  trank,  schaute  überrascht,  und  trank  dann  noch mal,  aber  langsam.  Sie  schien  nicht  schockiert  zu  sein,  und  das  hieß,  daß  sie  hier  eine Art  der Destillation  kennen  mußten. Sie sagte etwas, das Rick als Dankesworte auffaßte.  »Capt’n, kein Wunder, daß sie wollten, daß sie trinkt«, sagte  Mason. »Die Rückseite ihres Kleides ist voll Blut.«  »Yeah? Gwen, sieh mal nach – «  »Wenn sie mich läßt«, sagte Gwen. »Halt ein Auge auf ihren  Freund.«  Sie  ging  hinüber  zu  dem Mädchen.  »Permiso? Uh,  Medico.« Sie klopfte sich selbst auf die Brust. »Magister?«  »Magistro?«  sagte das Mädchen.  Sie  schaute Gwen, wie  es  schien,  mit  Respekt  an  und  hielt  still,  während  Gwen  versuchte, ihre Bluse abzustreifen. »Guter Gott!« murmelte sie.  »Rick, jemand hat dieses Kind böse zugerichtet.«  Kind, zur Hölle, dachte Rick. »Wie?«  Das Mädchen  stand  auf  und  knöpfte  das  Vorderteil  ihres  Kleides  auf  und  streifte  es  von  den  Schultern,  so  daß  der  Rücken und die Brust nackt waren. Anscheinend machten sie  sich  hier  nichts  aus  Schamgefühl  –  jedenfalls  was  den  Oberkörper  anging.  Es  war  schwer,  nicht  auf  die  nahezu  perfekte  Figur  zu  starren.  Doch  offensichtlich  lief  sie  gewöhnlich  nicht  ohne Kleider  herum;  sie war  kein  bißchen , von der Sonne gebräunt.  Sie hatte auch keine Einwände, daß Rick sie betrachtete, und  er  ging  hinüber,  um  ihren  Rücken  zu  untersuchen.  Jemand  hatte sie böse geschlagen. Ihr Rücken war eine einzige Wunde,  und wer sie auch geschlagen hatte, hatte sie bös zerschunden,  und die Haut hing  in Fetzen. Es begann schon zu vernarben.  Er holte  seinen Erste‐Hilfe‐Kasten hervor.  »Hast du Ahnung  davon?« fragte er Gwen.  »Nein.« Sie sah schon fast krank aus.  »Dann  laß  es besser mich machen.« Er nahm  einen Tupfer  heraus.  »Wenn  ich  das  sauber  mache,  wird  es  schmerzen.  Gwen, beobachte  ihren Freund.« Er  tippte sich selbst auf den  Brustkasten.  »Magistro«,  sagte  er.  »Medico.«  Sie  zuckte  zusammen, als der Tupfer die Wunde berührte, aber sie schrie  nicht auf. Rick bestrich sie mit Merthiolan und  legte eine  lose  Gaze‐Bandage  über  die  offenen  Hautstellen.  »Keine  Tetanusimpfungen«, warnte er. »Paß auf, daß noch Luft an die  Wunden kommt. Es ist besser, eine Infektion durch die Luft zu  riskieren. Mit dem ganzen Pferdemist  auf der  Straße besteht  ein hohes Tetanus‐Risiko.« Er  trat  zurück.  »Okay, du kannst  dich jetzt wieder anziehen.« Er machte mit der Hand Zeichen,  um  anzudeuten,  was  er  meinte.  »Und  trink  noch  einen  Schluck. Du hast ihn verdient.«  Das Mädchen  versuchte  zu  lächeln.  Sie  tippte  sich  auf  die  Brust. »Tylara von Tamaerthon, Eqetassa von Chelm.«  »Verstehst du das, Gwen?« fragte Rick.  »Ich  glaube  schon.  Eqetassa.  Das  kommt  aus  dem  Altgriechischen. Wenn  ich mich nicht  irre,  ist sie eine Gräfin.  Und wenn das  stimmt,  ist  ihr Name Tylara, und  sie  stammt  aus dem Land mit diesem gutturalen Klang.« , »Tylara«,  sagte  Rick.  Das  Mädchen  nickte  glücklich.  Er  zeigte auf  sich  selbst. »Rick Galloway, Captain der Söldner.«  Falls  lange Namen einen hohen Rang bezeichneten, so wollte  er sich nicht als Bauer ausgeben.  »Rick«,  versuchte  Tylara  zu  sagen.  Sie  zeigte  auf  den  Priester. »Yanulf, Sacerdos von Yatar.« Der Priester verneigte  sich. Sie zeigte noch einmal. »Caradoc.«  »Latein  und  Griechisch  mit  Mykenäisch  gemischt«,  sagte  Gwen.  »Mykenäisch?« fragte der Priester. Er zeigte auf sie.  »Nein.« Gwen schüttelte mit dem Kopf. Der Priester runzelte  die Stirn. Der Mann  im Kilt nahm  einen Striegel heraus und  begann die Pferde zu bearbeiten. Von Zeit zu Zeit sah er sich  vorsichtig  nach  Rick  und  Mason  um,  aber  er  schien  nicht  besonders argwöhnisch zu sein.  Eine  günstigere  Zeit  beginnt,  dachte  Rick.  Und  dieses  Mädchen! Waren alle Frauen auf diesem Planeten so lieblich?      3    »Eine Kompanie  kommt, Capt’n!«  rief Mason.  »Viele Pferde,  die hart geritten werden.«  Die  anderen hörten  es  auch. Rick deutete  auf das Dickicht  neben der Straße. Es würde keinen Platz geben, um die Pferde  zu  verstecken, und dem Geschrei nach, war  auch  keine Zeit  mehr  dafür.  Tylara  schrie  etwas,  und  Caradoc  rannte  zu  seinem  Pferd.  Er  nahm  den  Lederbeutel  herunter  und  zog  einen  Langbogen  hervor.  Er  spannte  ihn  mit  einer  solchen  Leichtigkeit an, daß Ricks Muskeln  schon vom Zusehen weh , taten.  Ein  Dutzend  Reiter  kam  um  die  zweihundert  Meter  entfernte Kurve. Der Anblick war wie ein Schlag  ins Gesicht.  Es waren nicht alles Pferde. Drei der Tiere waren Centauren.  Die Reiter trugen Kettenpanzer, und aus ihren Helmen ragten  weiße  Federn. Die Männer,  die  führten,  trugen  Lanzen  und  hielten sie bereit. Sie sahen nicht gerade freundlich aus.  Tylara  schrie.  Rick  konnte  nichts  verstehen,  aber  er  hörte  mehrere  Male  das  Wort  »Sarakos«  fallen.  Sie  rannte  zu  Caradoc und nahm  seinen Dolch,  sie hielt  ihn, als wüßte  sie,  wie man damit umgeht. Caradoc legte einen Pfeil an. Er stieß  einen anderen vor sich in den Schmutz. Es gab nur diese zwei.  Zwei  Pfeile,  ein  Kurzschwert  und  ein  Dolch;  aber  seine  neuen Freunde bereiteten sich offensichtlich darauf vor, gegen  ein Dutzend Reiter zu kämpfen. Yanulf stand teilnahmslos bei  der Zisterne, die Arme zum Himmel gereckt.  »Was tun wir?« schrie Mason.  Rick antwortete einen Augenblick lang nicht. Es war immer  noch Zeit, in die Bäume zu verschwinden. Dies war nicht sein  Kampf.  Von  der  Uniform  her  konnten  die  sich  nähernden  Reiter die örtliche Polizei sein. Was das betraf, hatte er keinen  Beweis, daß Yanulf  nicht  ein Betrüger war und Tylara  seine  Komplizin.  Er  konnte  sich  selbst  als  Geächteter  ausgeben.  Vielleicht  war  er  auch  einer.  Und  sie  konnten  immer  noch  rennen…  Aber  verdammt,  dachte  er,  ich  bin  müde  vom  Rennen.  Manchmal muß man sich eben für eine Seite entscheiden. Und  warum nicht jetzt? »Wir kämpfen«, sagte er.  »Würdest du  es  auch  tun, wenn  sie  ein  altes Weib wäre?«  fragte Gwen. , »Halt die Klappe. Mason, feure ein paar Warnschüsse ab.«  Die H&K  schoß automatisch;  eine Salve von  fünf Schüssen  mußte über die Köpfe der sich nähernden Reiter gezischt sein.  Sie verlangsamten ihr Tempo nicht.  Caradoc legte den Pfeil an die Wange und ließ ihn mit einer  sanften Bewegung  los. Der führende Reiter bekam  ihn voll  in  die Brust und fiel von seinem Pferd.  Und das wäre  es dann, dachte Rick. Er hob die H&K und  begann zu feuern.  Als  Tylara  die  Fremden  näher  kommen  sah,  dachte  sie  zuerst, sie wären vielleicht von einem anderen Dorf, trotz ihrer  fremden Kleidung; aber einen Augenblick später wußte sie es  besser. Sie konnten keine Einheimischen sein, und sie hatte ein  wenig Angst. Wer waren sie?  Sie waren  offensichtlich wohlhabend.  Sie wußte nicht, was  all die Dinge, die sie trugen, oder am Gürtel hängen hatten, für  einen Zweck hatten, aber so viel Metall war sehr wertvoll. Und  alle drei sprachen als Gleichberechtigte zueinander. Sie kannte  die Worte nicht, aber der Ton machte ihr das klar.  »Böse Götter«, murmelte Yanulf. »Die ZEIT nähert sich.«  Caradoc  blickte  hastig  zu  dem  Steinhaufen,  auf  Schutz  hoffend.  »Erzählen  eure  Sagen  auch, wie  sie  unsere  Seelen  stehlen  werden?«  fragte Tylara. »Für mich sehen sie nicht wie Götter  aus.« Obwohl, dachte  sie,  sagte  es  aber  nicht, der  schmalere  Mann war stattlich genug, um einer zu sein, wenn schon kein  Gott,  dann wenigstens  ein Held  aus  den  alten  Sagen.  »Was  haben wir durch ihre Freundschaft zu verlieren?«  »Wenig«, stimmte Yanulf zu, und ging Wasser holen, um die  traditionelle Geste zu machen. , Ihre Antwort war überraschend genug. Tylara kannte starke  Getränke,  die  aus  gefrorenem Wein  hergestellt wurden,  bei  dem man das Eis wegschlug, aber sie hatte nie etwas gekostet,  das so schmeckte, bis der Mann ihr die Flasche gab.  Die Flasche selbst war auch sehr  interessant. Es war weder  Metall  noch  Keramik,  und  sie  hatte  nie  etwas  Derartiges  gesehen.  Dann  kamen  sie  näher  und  untersuchten  ihren  Rücken,  und  der  Stattliche  machte  etwas,  das  zuerst  schmerzte, dann aber den Schmerz wegnahm. Während er sie  behandelte, studierte sie ihn aus der Nähe. Er war ein Krieger.  Die beschlagene Klinge auf seiner Brust – welch fremder Platz  es  zu  tragen,  aber  es  sah  sehr  handlich  aus,  leicht  herauszuziehen,  vielleicht  mußte  er  oft  kämpfen  –  war  offensichtlich genug. Weniger auffällig war die Waffe, die  er  über der Schulter trug. Sie ähnelte einem Langbogen, aber da  war kein Bogen; und alles bestand aus Metall.  Er  trug  keinen  Panzer,  den  sie  sehen  konnte.  Nur  das  Gewand  aus  einem  Stück, das  Jacke und Hose  zugleich und  farbig gefleckt war, um dem Wald ähnlich zu sehen. Sein Hut  war eine Filzmütze, und sie hatte schon solche vorher gesehen.  Die  Stiefel waren  grün, mit  schwarzem  Leder  an  der  Sohle,  mehr wie die Stiefel eines Bauern als die eines Kriegers. Dann  waren  da  noch  all  die  verwirrenden  Dinge  –  alle  sehr  vorsichtig  gearbeitet,  alle  nützlich  erscheinend,  aber  total  mysteriös –, die an den Riemen an seinen Schultern und von  seinem Gürtel hingen.  Rick.  Das  hatte  sie  begriffen,  aber  nicht  die  Titel,  die  er  genannt  hatte.  Und  sein  Gefährte  –  offensichtlich  auch  ein  Krieger und wohlhabend,  sicher ein Ritter oder vielleicht ein  Bheromann  –  hieß Mason. Das Mädchen  nannte  sich Gwen. , Unverständlicherweise mochte Tylara sie nicht. Sie mußte zu  Rick  gehören,  und  Tylara wußte,  daß  es  keinen Grund  gab,  dies übelzunehmen, aber sie  tat es. Eine Sache war  jedenfalls  klar genug. »Das sind keine Götter«, erzählte sie Yanulf.  »Vielleicht«, grollte der Priester.  Alter Narr,  dachte  sie,  bedauerte  es  aber  sofort wieder;  er  hatte alles aufgegeben, um sie zu  retten. Sie hatte von einem  Priester Yatars  noch  nie  gehört,  daß  er  jemanden  anders  als  den  vereidigten  Eingeweihten  erlaubte,  in  die  tiefen Höhlen  einzudringen.  Nicht  einmal  der  Vater  ihres  Mannes  hatte  jemals  die Höhlen  unter Dravan  besucht. Würde  Sarakos  es  wagen, dort nach ihr zu suchen?  Der Drink hatte ihr gutgetan. Sie fühlte sich jetzt viel besser,  und  sie  sprach  gewandt mit  den  Fremden,  dabei  vergaß  sie  beinahe die Schrecken der vorhergehenden Nacht, bis der eine  mit Namen Mason  eine Warnung  rief und  ein Dutzend  von  Sarakos’ Husaren in vollem Galopp auf sie zusprengte.  Sie  rannte,  um  Caradocs  Dolch  an  sich  zu  nehmen,  und  fragte sich, was wohl passiert wäre, wenn sie – Rick – gebeten  hätte ihr seinen eigenen zu leihen. Hätte er es getan? Mit dem  Dolch in der Hand hatte sie nur wenig Angst. Sie konnten sie  vielleicht töten, aber sie würden sie nie wieder zurückbringen.  Und die Fremden hatten ihre Waffen vom Rücken genommen  und hielten sie wie eine Armbrust ‐  Sie  war  einen  Moment  bestürzt,  als  Masons Waffe  einen  Krach  wie  Zunder  von  sich  gab,  und  sie  war  noch  mehr  bestürzt,  als  keine  Wirkung  erfolgte.  Caradocs  Pfeil  tötete  seinen Mann,  aber unter Masons Zunder  fiel niemand. Aber  dann erhob Rick seine eigene Waffe.  Das Ergebnis war unglaublich. Jedes Mal, wenn Ricks Waffe , sprach,  fiel  ein Reiter. Dann  tat Mason das  gleiche. Caradoc  stand mit angelegten Pfeilen da, aber  er  ließ  sie nicht  los. Er  beobachtete alles mit Verwunderung, genau wie Tylara.  Der Kampf war vorüber, noch ehe er richtig begonnen hatte.  Männer  lagen  auf  der  Straße, manche  tot,  andere  stöhnend,  während reiterlose Pferde und Centauren herumjagten. Tylara  hatte genug Verstand, um nach dem Zügel  eines Pferdes  zu  greifen, und Caradoc  fing noch eines. Sie sah, daß Rick nicht  daran zu denken schien, obwohl Mason es versuchte und der  Versuch fehlschlug. Warum?  Caradoc  übergab  ihr  die  Zügel  von  dem  Pferd,  das  er  gefangen hatte und ging hinaus, um den gefallenen Soldaten  einen letzten Dienst zu erweisen. Als er dem ersten die Kehle  durchschnitt, schrie Rick auf, wie vor Schrecken. Sein Partner  sagte  etwas,  und  das Mädchen  sagte  noch mehr.  Schließlich  wendete Rick sich ab. Haßte er denn Sarakos’ Truppen? Und  so  sehr?  Warum?  Sie  würde  Sarakos  mit  Vergnügen  in  grünem,  stinkigem  Eiter  sterben  lassen,  aber  seine  Soldaten  hatten das nicht verdient. Offenbar überzeugten seine Freunde  ihn, denn er sagte nichts weiter; aber es war gut, daß sie sich  an  ihn  als  einen  kaltherzigen  Mann  erinnern  konnte,  der  unbarmherzig gegenüber seinen Feinden war.  Aber er war ein Mann. Dessen war sie sich sicher.    *    »Lassen sie  ihn seine Arbeit  tun, Capt’n«, sagte Mason. »Wie  in Rom und so. Außerdem, wenn sie alle tot sind, erzählen sie  niemandem, wer sie unter die Erde gebracht hat.«  Rick schluckte. In den klassischen Zeiten war es normal, die , Verwundeten  zu  töten,  selbst  die  eigenen.  Das  war  so,  bis  Philip  von  Macedonien  die  Krankenpfleger  in  die  Armee  einführte.  Philip  gab  den  Pflegern  eine  hohe  Belohnung  für  jeden Krieger, den sie retteten.  Es  ärgerte  ihn,  daß  er  keines  von  den  Pferden  gefangen  hatte. Sie würden  sie brauchen. Centauren, nun  ja, er konnte  ohne  sie  leben –  sie sahen niederträchtig aus. Er wußte nicht  viel über Pferde, aber er wollte lieber reiten als laufen.  Das Problem war ein paar Minuten später gelöst.  Nachdem  Caradoc  (dieser  Name  –  gab  es  nicht  einen  walisischen König dieses Namens? Irgend etwas stimmte nicht  mit  Gwens  Theorie  über  die  sprachliche  Entwicklung  hier)  seine  gräßliche  Arbeit  bei  den  Verwundeten  erledigt  hatte,  stieg er auf sein eigenes Pferd und ritt die Straße hinunter. Ein  paar Minuten später kam er mit vier weiteren zurück. Er bot  sie alle Rick an.  Rick  inspizierte  die  Sättel.  Holz  mit  Leder  besetzt  und  starren,  hölzernen  Steigbügeln.  Die  Pferde waren  groß  und  stämmig, und er vermutete, daß sie auf der Erde einen guten  Preis erzielen würden. »Kannst du reiten?« fragte er Gwen.  »Im Griffith Park auf Reitpfaden«, sagte sie. Sie beobachtete  nervös die Pferde.  »Wir werden  versuchen,  langsam  zu  reiten. Ob  es  unsere  neuen  Freunde  beunruhigen  wird,  wenn  wir  die  Toten  ausplündern?  Da  draußen  gibt  es  eine  Menge  nützlicher  Gegenstände.«  »Ich weiß es nicht.«  »Ich  auch  nicht«,  sagte  Rick.  Die  homerischen  Helden  raubten  ihre  toten  Feinde  immer  aus.  Manchmal  verstümmelten sie sie sogar. Und oft machten sie aus Waffen , und  Rüstungen,  die  sie  gebrauchen  konnten,  Trophäen.  »Mason, geh und sieh, was du  findest«, sagte er. »Schwerter.  Und wenn es Waffen gibt, die für einen von uns geeignet sind,  nimm sie, aber nimm die Federn von den Helmen.« Er dachte  einen  Moment  nach.  »Und  rühr  die,  die  der  Bogenschütze  erledigt hat, nicht an.«  Das  schien  die  richtige  Aktion  zu  sein.  Nachdem  Mason  durch  die  Toten  gegangen war,  tat  Caradoc  das  gleiche.  Er  bekam  seinen Pfeil  zurück und plünderte den Mann, den  er  getötet hatte, dann ging er zu Masons Resten über. Er brachte  die Beute hinüber zu der Zisterne und sagte etwas zu Yanulf.  Der  alte  Priester wies  auf  ein  Schwert,  einen  Brustharnisch  und  eine Ledertasche, die Caradoc  aufnahm und  ehrerbietig  vor dem Steinhaufen auftürmte.  Aha. »Mason, bring unsere Sachen hinüber zu Yanulf.«  Der  Teil,  den  der  Priester  von Masons Haufen  abzweigte,  war wesentlich größer. »Ich frage mich, was das PC bedeutet«,  sagte Rick.  »Und wer die Beute bekommt.«  »Neuverteilungssystem«,  sagte  Gwen.  »In  manchen  Gesellschaftssystemen  ist  es  ziemlich  gerecht.  Die  ersten  Menschen, die die Straße herunterkommen, werden sich selbst  mit den Wohltaten der alten Steinhaufen helfen. Uh – ich sage  es nicht gern, aber es wäre besser, wenn ihr die Toten von der  Straße  wegtragen  würdet.  Auf  diese  Weise  sind  sie  verschwunden, und vielleicht sieht niemand so genau hin, wie  sie getötet wurden.«  »Unsere Spuren verwischen?« fragte Rick.  »Ja.«   ,                                                   Das ergab einen Sinn. Er dachte, daß er diese Redewendung  jetzt  öfter  benutzte,  seit  er  Gwen  getroffen  hatte.  »Laß  uns  anfangen, Mason. Vielleicht  findet Caradoc die  Idee gut und  hilft uns.«  Caradoc half,  aber  er verstand offensichtlich nicht, warum. , Als  sie  die  Leichen  hundert Meter weg  von  der  Straße  ins  Unterholz  getragen  hatten,  machte  Rick  einige  symbolische  Gesten  und  warf  ein  paar  Erdklumpen  auf  sie.  Als Mason  fragend die Stirn runzelte, sagte Rick: »Es ist mir lieber, wenn  er  glaubt, daß wir  eine  komische Religion  haben,  als daß  er  sich fragt, warum wir die Leichen herumtragen.«    *    Sie beluden  ihre überzähligen Pferde mit der Beute, während  Caradoc  sein überschüssiges Gepäck  auf dem Pferd, das der  Priester  geritten  hatte,  festband.  Dann  ritt  er  auf  einem  frischen  Pferd  davon  und  kehrte mit  zwei weiteren  zurück.  Nach einem fragenden Blick zu Rick gab er die neuen Reittiere  Tylara und Yanulf. Sie stiegen auf.  »Capt’n, sie warten auf uns«, sagte Mason.  »Yeah.  Steigt  auf.«  Er  schwang  sich  in  den  Sattel  und  schnalzte  versuchsweise.  Das  Pferd  bewegte  sich  leicht.  Es  schien sehr gut trainiert, und es reagiert auf die Zügel, wie er  es  erwartet hatte. »Ich  führe deines  erst  einmal«,  sagte  er zu  Gwen. »Wenn du mich läßt.«  »Bitte.«  Rick  lenkte  sein  Pferd  hinüber,  bis  er  neben  Tylara  war.  »Wohin?«  fragte er. »Quo vadis? Donde?« Er zeigte hilflos  in  alle Richtungen.  Sie runzelte die Stirn, dann schien sie zu verstehen. Sie wies  die Straße hinunter. »Tamaerthon.«  »Dein Zuhause?« fragte Rick. Er zeigte auf sie, dann auf die  Straße. Tylara von Tamaerthon hatte  sie gesagt. Es mußte  so  sein. »Du. Tamaerthon?« , Sie nickte kraftvoll, dann breitete sie ihre Arme aus, um die  ganze Gruppe  einzuschließen.  »Tamaerthon«,  sagte  sie,  und  ihre Stimme klirrte.   ,     Teil V    Tamaerthon, 1    Tylara war weniger  als  ein  Jahr  fort  gewesen,  aber  sie  hatte  beinahe vergessen, wie klein  ihr Heimatland war. Das ganze  Tamaerthon  war  nicht  mehr  als  zweimal  so  groß  wie  ihr  eigenes  Land  von  Chelm,  und  die  Güter  ihres  Vaters  im  Garioch wären  für  einen weltlichen Ritter  angemessen  –  fast  zu  gering,  um  einen  Bheromann  zu  unterhalten.  Was  die  Große Halle ihres Vaters betraf, so war sie nicht viel größer als  ihr Ratssaal auf Schloß Dravan, und in der Tat benutzte es ihr  Vater zu Ratszusammenkünften, die gewöhnlich – wie  jetzt –  nicht  mehr  als  ein  Treffen  mit  einigen  seiner  Gefolgsleute  waren.  Dies  war  nicht  die  einzige  Enttäuschung  für  sie.  Der  Empfang für sie war nicht sehr begeisternd. Ihr Vater hatte sie  als  große Lady  gehen  sehen. Er  sandte mehr Bogenschützen  und  mehr  Reichtümer,  als  er  sich  leisten  konnte,  zu  ihrer  Mitgift.  Außerhalb  der  Ratshalle  beklagten  die  Frauen  des  Dorfes  den  Tod  ihrer  Söhne  und  Liebsten,  die  mit  ihrer  Lady  gegangen waren, um in einem fremden Land zu sterben.  »Ich  dachte,  daß  ihr  vielleicht  Pferde  und  Ritter  sendet«,  sagte  ihr Vater. »Und Gold. Aber  ihr  seid mit nicht mehr als  drei  gewappneten  Männern  und  diesem  Priester  zurückgekehrt.«  »Welche Wahl  hatte  ich? Aber  ich  kam mit mehr  als  drei  gewappneten Männer.« Tylara  schilderte den Kampf auf der  Kreuzung. »Und noch zweimal kämpften sie, als Banditen und  Flüchtlinge uns nicht in Ruhe lassen wollten. Jedes Mal ließen  sie  keinen  am Leben.«  Sie  beschrieb die Waffen; die großen, , die wie eine Armbrust aussahen und über der Schulter hingen,  und die kleineren Ein‐Hand‐Waffen, die sie unter ihren Jacken  verborgen hielten.  »Aber woher kommen sie?« fragte ihr Vater.  »Von den Sternen«, sagte Yanulf.  Drumold starrte den Priester und dann wieder seine Tochter  an.  »Waffen  aus  Feuer  und  Zunder…  dann  sind  die  alten  Sagen wahr?«   , »Sind  sie«,  sagte  Yanulf.  »Ihr  könnt  es  selbst  sehen,  der  Dämonenstern wird alle zehn Tage größer.«  »Aye,  ich  habe  es  bei  der Dämmerung  gesehen, wenn  die  Nachtsonne  niedrig  steht«,  stimmte Drumold  zu.  »Aber  die  Sagen  berichten  von  fremden Göttern.« Er  blickte  nervös  zu  dem  Steinhaus,  in  dem  die Neuankömmlinge  untergebracht  waren. »Sind diese – «  »Keine Götter«, sagte Tylara. »Sie sind Männer, Männer mit  großen Waffen, aber Männer. Sie waren ein paar Tage krank,  beinahe sind sie gestorben. Die Lady bei ihnen ist immer noch  krank.«  »Sie  trägt  ein  Kind«,  sagte  Yanulf.  »Aber  ich  weiß  nicht,  wessen.«  »Keine  Götter«,  grübelte  Drumold.  »Männer.  Und  sie  nahmen  sich deiner  an. Mit der Macht, die  sie haben  –  « Er  wurde nachdenklich.  »Das  fiel mir  auch  ein«,  sagte  Yanulf.  »Als  ich  die Macht  ihrer Waffen  sah,  dachte  ich  daran,  den  Lord‐Protektor  und  den  Jungen  Wanax  von  Drantos  zu  suchen.  Mit  der  Hilfe  dieser  Sternen‐Männer  könnten  wir  Sarakos  aus  Drantos  vertreiben,  und  Lady  Tylara  könnte  in  ihr  Heim  zurückkehren.«  »Aber sie wollen dir nicht helfen?« fragte Drumold.  »Sie  können  nicht«,  sagte  Yanulf.  »In  den  zehn  Tagen,  in  denen  wir  die  Armee  des  Beschützers  suchten,  suchte  der  Beschützer  Sarakos.  Drei  Tage  nachdem  sich  die  Armeen  trafen, hörten wir die Geschichte von Flüchtlingen. Der Kampf  sah zuerst gleich aus, obwohl Sarakos viel mehr Lanzen besaß.  Aber  als  die  Schlacht  beinahe  geschlagen  war,  vernichtete  Sarakos  seine  Feinde mit Waffen  aus  Feuer  und  Blitz.« Der , Priester  spreizte  seine Hand. »Unsere Freunde  sind nicht die  einzigen  Männer  von  den  Sternen.  Mehr  als  zwanzig,  mit  Waffen, die  schrecklicher  sind,  als die, die Rick  trägt,  haben  sich mit Sarakos vereinigt und halten nun Drantos für ihn.«  »Rick war einer aus ihrer Kompanie«, sagte Tylara.  »Warum ist er dann nicht bei ihnen?«  Sie zuckte hilflos die Achseln. »Ich weiß es nicht.  Ich hörte  von  Lady  Gwen,  daß  Rick  einmal  der  Kommandant  dieser  Sternenmänner war.  Ich weiß,  daß  es  ihm  nichts  ausmacht,  wenn sie ihn nicht wiederfinden.«  »Warum  wagen  wir  es  dann,  ihn  hierzubehalten?«  fragte  Drumold. »Ist er eine Gefahr für unser Land?«  »Er  ist unser Gast. Er  rettete mich  einmal vor Sarakos und  ein zweites Mal vor Banditen«, sagte Tylara.  Ihr Vater  studierte  sorgfältig  ihr Gesicht.  »Aye,  und  er  tat  mehr  als  das«,  sagte  er.  »Wenn  deine  Trauerzeit  um  ist,  werden  wir  einen  anderen  Fremden  die  Tochter  von  MacClallan Muir heiraten sehen?«  Tylara wußte darauf nichts zu sagen. Ich wünsche es, dachte  sie.  Ich wollte,  ich wüßte  es. Wessen  Kind  trug  Gwen?  Sie  behandelte Rick nicht so, wie eine Frau ihren Mann behandelt,  aber die Sitten der Sternenmänner waren  fremd.  Ich verstehe  es nicht. Besonders verstehe  ich Rick nicht, der es gerne mag,  in  meiner  Nähe  zu  sein,  aber  mich  nie  berührt,  außer  um  Wunden zu heilen…  Eine  andere  Erinnerung.  Ricks  Wutanfall,  als  er  endlich  verstand, was  Sarakos mit  ihr  getan  hatte.  Beinahe,  beinahe  wäre  er  zurückgegangen,  um  Sarakos  zu  suchen,  aber  dann  sprach Gwen  lange Zeit mit  ihm, und dann  ritten  sie weiter.  Aber  er  raste  vor  Zorn.  Er  haßt  den  Mann,  der  mir  Leid , zufügte.  »Wir  haben  unsere  Schwierigkeiten  hier«,  sagte  Drumold  gerade. »Es gab vorzeitig Regen, und die Ernten werden nicht  gut  sein.  Ohne  die  Bogenschützen,  die  ich  mit  dir  sandte,  haben wir viel von unserem Weideland verloren. MacClallan  Muir  steht nicht mehr  so gut wie  zu der Zeit,  als du gingst,  und wenn es sich erst einmal herumgesprochen hat, daß mir  meine Tochter keine tausend Lanzen zur Hilfe schicken kann,  wird  es noch  schlechter werden. Nun brachtest du uns auch  noch  Gäste,  die  vielleicht  Sarakos’  ganze  Stärke  gegen  uns  wendet. Tochter, es ist nicht dein Fehler, aber es ist nicht gut.«  Er  schaute  seine  schweigenden Gefolgsleute  an.  Sie  hatten  keinen Rat für ihn. Dann starrte er schwermütig in das Feuer.  »Aber sie sind Gäste, und ich heiße sie willkommen, für was es  auch immer gut sein mag.«  »Für was brauchen sie so verdammt lange?« fragte Corporal  Mason.  »Mein  Magen  knurrt.  Sie  könnten  uns  wenigstens  füttern.«  »Ich  vermute,  daß  sie  darüber  debattieren«,  sagte  Gwen.  »Gastfreundschaft  wird  in  einigen  Kulturen  sehr  ernst  genommen. Wenn  sie  uns  Essen  geben,  so müssen  sie  uns  aufnehmen und uns gegen unsere Feinde beschützen.«  »Gut, ich möchte nur, daß sie sich beeilen.«  »Zähl deine guten Taten«,  riet  ihm Rick. »Letztendlich gibt  es  ein  warmes  Feuer  und  einen  sicheren  Schlaf.«  Und  das,  dachte er,  ist mehr, als wir seit Wochen hatten, während wir  vor  Sarakos  flohen,  weg  von  Drantos,  weg  von  den  Besatzungstruppen. Es war eine alptraumhafte Reise, bei der  sie  alle  drei  an  klassischen  Fällen  von  Montezumas  Rache  erkrankt  waren,  nichts  von  der  Sprache  und  den  Sitten , wissend…                                                           ,   »Aber wir schafften es«, sagte er laut. »Und ohne Spuren zu  hinterlassen. Also was sollen wir nun tun?«  »Einsteigen«,  sagte  Gwen.  »Uns  in  der  Gemeinschaft  etablieren.«  »Sicher.«  Rick wies  aus  dem  Fenster.  Die  Landschaft war  herrlich. Das Dorf  lag auf einer  flachen Wiese hoch über der  See,  auf  drei  Seiten  von  schneebedeckten  Bergen  umringt.  Abgesehen  von  der  Küste  im  Südosten  hätte  es  eine  Landschaft  von  einer  Ansichtskarte  aus  der  Schweiz  sein  können. »Schön«, sagte er. »Aber, zur Hölle, ich sehe nicht viel  kultiviertes Land, und  einige der Felder, die  ich  sehe, waren  überschwemmt.  Keine  Industrie,  und  nicht  viel Weideland.  Gwen, vielleicht hast du mehr als ich bemerkt, aber selbst für  mich ist es offensichtlich, daß dies hier eine Kriegergesellschaft  ist. Wahrscheinlich bekommen sie ihre meisten Vorräte, indem  sie ihre Flachland‐Nachbarn berauben, als daß sie selbst etwas  anbauen. Es gibt nur einen Weg, wie Mason und ich hier leben  können. Glücklicherweise ist es ein Geschäft, das wir kennen.«  »Bis wir  keine  Patonen mehr  haben«,  sagte Mason.  »Was  nicht mehr lange dauern kann.«  »Dann  müssen  wir  uns  damit  beschäftigen,  Vorderlader  herzustellen«,  sagte  Rick.  »Ich  habe  versucht,  mich  an  die  Formel für Schießpulver zu erinnern. Und ich glaube, ich habe  sie.«  »Rick, das kannst du nicht!« protestierte Gwen.  »Warum  nicht? Möchtest  du  sie  unverdorben? Denkst  du,  Pfeile sind ein saubererer Weg als Gewehrschüsse?«  »Das  ist  es  nicht«,  sagte Gwen.  »Gott,  ich wünschte, mein  Kopf würde aufhören zu schmerzen. Rick, wenn du anfängst, , Schießpulver‐Waffen  zu  benutzen,  dann  verrätst  du  unseren  Aufenthaltsort.«  Mason knurrte etwas in seinen Bart. »Capt’n, ich weiß nicht,  wie  Sie darüber denken,  aber  ich habe  genug davon,  immer  auf Lieutenant – ha,  er  ist  jetzt wohl General – aufzupassen.  Sie haben das Land gesehen, durch das wir zuletzt kamen. Mit  fünfhundert  guten  Männern  könnten  wir  diese  Pässe  für  immer halten. Zur Hölle damit, immer vor Parsons und seiner  Crew Angst zu haben. Ich wünsche fast, ich könnte sicher sein,  daß er kommt.«  »Er hat recht«, sagte Rick. »Und er ist nicht der einzige, der  müde ist, immer von Parsons verscheucht zu werden.«  »Hast  du  vergessen,  daß  die  Shalnuksis  vielleicht  Parsons  helfen  werden?«  sagte  Gwen.  »Wahrscheinlich  tun  sie  es.  Kannst du gegen SIE kämpfen?  Ich wage gar nicht daran zu  denken, daß du Tylaras Vater  in einen sinnlosen Krieg gegen  die  mächtigsten  Truppen  auf  diesem  Planeten  ziehst.«  Sie  rümpfte die Nase. »Ich dachte besser von dir.«  »Was, zur Hölle, willst du, daß wir tun?« fragte Rick.  »Was wir beschlossen haben.  Sowenig  Spuren von unserer  Anwesenheit wie möglich zu hinterlassen – wenigstens bis die  Shalnuksis  ihren Handel  beendet  haben. Wenn  sie  erst weg  sind, so hast du nur noch gegen Parsons zu kämpfen.«  Schon  wieder,  dachte  Rick.  Schon  wieder  hatte  sie  recht.  Aber  warum  habe  ich  das  Gefühl,  daß  sie  mir  nicht  alles  erzählt?         , 2    Die Höhle war kalt und roch nach Ammoniak. Rick  fröstelte,  während  ihn  der  alte  Priester  hinunter  durch  windige  Korridore  führte.  »Dies  ist  alles  geheim«,  sagte  Yanulf.  »Obwohl das Geheimnis  im Westen besser gewahrt wird  als  hier. Doch, geheim genug.«  »Was  ist geheim?«  fragte Rick. »Jeder weiß, daß es Höhlen  gibt – «  »Aber nicht die Größe und wo die Eingänge sind oder wie  man in sie eindringt.«  »Und warum zeigst du sie mir?« fragte Rick. Er hustete von  dem Ammoniakgeruch in der Kälte.  »Vielleicht  glauben  sie  dir  –  mir  schenken  sie  wenig  Beachtung«, sagte Yanulf. »Und eines habe ich gelernt; daß ihr  Sternenmänner  euch  eine  eigene Meinung  bildet,  über  das,  was ihr seht.«  »Für mich  ist das alles  fremd«, sagte Rick. »Wodurch  ist es  so kalt hier?«  Yanulf  hielt  eine  Fackel  näher  an  eine  knollige,  schleimige  Masse, die  eine Wand der Höhle  schütze.  »Die Wurzeln des  Protektors.  Eine  Pflanze.  Deshalb  weiß  ich  auch,  daß  die  Geschichten  über  die Dämonensonne wahr  sind.  In meinem  ganzen Leben sah ich den Protektor nie größer als den Körper  eines Mannes.  Seit  einiger  Zeit  beginnt  er  zu wachsen,  und  nun  wächst  er  täglich.  Das  Wachstum  begann,  als  der  Dämonenstern am Nachthimmel zu sehen war, genau wie die  Legenden sagen.«  »Wie  macht  eine  Pflanze  Eis?«  fragte  sich  Rick  laut.  »Es  müssen Teile über dem Boden sein – « , »Aye.  Es  ist  sehr  groß. Dicke  Blätter.  Im Westen  sind  die  Schlösser über die Höhlen gebaut, und der Protektor klettert  die Mauern und Zinnen hoch.  In diesem  armen Land bauen  sie wenig  Schlösser,  und  die  Pflanze wächst  auf  Felsen. Du  sahst sie.«  »Ah.« Er  erinnerte  sich  an  eine dickblättrige Kletterpflanze  mit  dicken  Stielen  und  häßlich  weißen  Beeren.  »Wissenschaftler – uh, Leute, deren Aufgabe es  ist, die Natur  zu  studieren  – bei uns  zu Hause, würden viel bezahlen, um  eine Pflanze wie diese  zu  sehen.  Sonnenlicht  zu Ammoniak,  und  irgendwie  produzierte  das  Ammoniak  Kälte;  der  evolutionäre Vorteil einer solchen Pflanze auf einem Planeten  in  einem  dreifachen  Sternensystem  war  offensichtlich. Was  wolltest du mir eigentlich zeigen?«  »Die Größe der Höhlen und die leeren Vorratsräume. Wenn  die  ZEIT  über  uns  kommt,  sind  diese  Höhlen  der  einzig  sichere  Zufluchtsort. Dieses  und  nächstes  Jahr  gibt  es  keine  Ernten, und zwei weitere  Jahre nur geringfügige. So sagen es  die  Legenden.  Nachdem  ich  deine  Zeichnungen  von  den  Sonnen sah, glaube ich an sie.«  »Was mich überrascht«, sagte Rick. »Du bist ein Priester von  Ius  Pater,  dem  Tagvater.  Denkst  du  nicht,  daß  die  Sterne  Götter sind?«  »Können sie das nicht sein?« fragte Yanulf. »Du sagst selbst,  daß sie älter als Welten sind und immer brennen.«  Und  ich  lasse  es  am  besten  dabei,  dachte  Rick.  Ich  frage  mich, wofür die ganze Geheimnistuerei gut ist. Wovor müssen  sie sich verstecken?  Yanulf öffnete  eine massive hölzerne Tür. Der Geruch von  Ammoniak war  sehr  stark,  und Rick  dachte,  daß  die  Fackel , sich  trübte. Der Priester hielt  sie hoch, und hustend  sagte er:  »Siehst du, ein paar miserable Opfergaben. Da ist Fleisch und  Getreide, aye, genug, für einige Zehn‐Tage, aber nicht genug                                                       , für einen ganzen Winter. Wie  sollen diese Leute  in der ZEIT  leben?«  Die  Legenden  sagten,  daß  das  Näherkommen  der  dritten  Sonne  schlimme  Zeiten  ankündigt:  Feuer, Hungersnot,  Flut,  Taifune. Diejenigen, die nicht darauf vorbereitet sind, werden  sterben.  In den  Sagen waren Kriege mit Göttern  eingestreut,  das Erscheinen von sagenhaften Monstern und unvollständige  Geschichten, dessen Hauptthema der nutzlose Handel mit den  fürchterlichen Göttern vom Himmel war. Es war  schwer, die  Tatsachen  von  den  Fabeln  zu  unterscheiden,  aber  Rick  zweifelte  nicht  daran,  daß  harte  Zeiten  bevorstanden.  Das  ganze Klima würde sich ändern.  Sie  gingen  tiefer  in  die Höhlen.  Sie waren  sehr  groß,  und  einige  reichten  tief  unter  die  Oberfläche,  bis  in  den  Granit.  Wasser sickerte durch einige Räume. Andere waren voller Eis.  »Es wird  gesagt,  daß  Yatar Opfer  verlangt«,  sagte  Yanulf.  »Diese  sind  weit  weg  gelagert,  und  die  Priester  und  die  Eingeweihten passen darauf auf. In manchen Ländern sind die  Vorratsräume gefüllt. Aber nicht hier.«  Schließlich führte Yanulf sie zurück aus der Höhle. Rick war  überrascht, wie weit sie unter der Erde gegangen waren. »So  ist  es  auch  in  den  anderen Höhlen  von  Tamaerthon«,  sagte  Yanulf.  »Die  Priester  und  Eingeweihten  erzählten  mir,  daß  ihre Vorratskammern genauso leer sind wie diese hier.«  »Ich glaube dir aufs Wort«, keuchte Rick. Er schritt schneller,  der frischen Luft und dem Sonnenlicht entgegen.    *    Drumold war  entsetzt.  »Zwei  Jahre  keine  Ernte? Aye,  dann , sind wir  verloren. Noch  eine  schlechte  Ernte,  und wir  sind  noch  vor  dem  Frühjahr  verhungert.«  Er  spuckte  in  das  Holzfeuer, das im Herd des Ratssaales brannte, um die Götter  um Milde zu bitten.  »Zuerst soll es eine Zeit der guten Ernten geben«, sagte Rick.  »Wenigstens  hoffe  ich  das.  Ich  weiß  nicht  viel  über  Klimatologie,  aber  die  Legenden  sagen  es,  und  es  ist  nicht  unmöglich.«  »Du weißt wenig über Tamaerthon«, sagte Drumold. »In den  besten  Jahren haben wir wenig genug Land, und müssen die  Gelegenheit zu Raubzügen in das Empire benutzen. Nae, nae,  die Götter  hassen  uns,  da  sie  uns  in  solchen  Zeiten  auf  die  Welt  kommen  ließen.  Ich  hatte  gehofft,  die  Legenden  seien  nicht wahr.«  »Aber  wir  müssen  etwas  tun«,  sagte  Tylara.  »Du  bist  MacClallan Muir.  Du  hast  geschworen,  die  Clanmänner  zu  schützen.«  »Und  das  habe  ich  getan!«  donnerte  Drumold.  »Sind wir  nicht  frei  vom  Empire?  Sind  die  kaiserlichen  Sklaventreiber  die  letzten  zehn  Jahre  zu  uns  in  die  Berge  gekommen?  Mädchen,  ich  tue, was  ich kann,  aber  ich bin kein Zauberer,  der Pflanzen in einem Steinbruch wachsen lassen kann!«  »Wir  können  euch  helfen«,  sagte  Gwen.  »Wir  kennen  Möglichkeiten  der  Bewirtschaftung,  die  die  Felder  fruchtbar  machen – «  »Mädelchen,  ich  sage  dir,  hier  gibt  es  kein  Land  zum  bebauen«,  sagte  Drumold  ärgerlich.  »Du  sahst  selbst,  daß  unser bestes Land jetzt aufgeschwemmt und rissig ist – «  »Ja.« Sie sprach mit Rick englisch. »Schwere Regenfälle, als  sie sie nicht erwarteten. Und wenn wir ihnen nur zeigen, wie ,                                                            , man  pflügt,  wird  es  schon  helfen,  um  die  Gießbäche  zu  stoppen – «  »Zur  rechten  Zeit  helfen?«  fragte  Rick.  »Wenn wir  richtig  gerechnet  haben, werden  sie  ihre Ärsche  vor  dem  nächsten  Frühjahr heben müssen, um zu arbeiten.«  Drumold  starrte  sie  argwöhnisch  an.  »Ich  mag  es  nicht,  wenn ihr so redet«, sagte er.  »Meine Entschuldigung«, sagte Rick. »Also gibt es hier kein  Land, das gepflügt ist?«  Tylara  lachte.  »Es  gibt  im Römischen Empire  genug Land.  Felder als Parks für Cäsar. Wälder mit Wild für Cäsar. Herden  für Cäsars Götter. Dort gibt es Nahrung und Land.«  »Ein  grausamer  Spaß«,  sagte  Drumold.  »Es  gibt  dort  Nahrung und Land, aye. Und Legionen, um es zu verteidigen,  und  Sklavenmärkte  für  jene,  die  das  Empire  ohne  Cäsars  Erlaubnis betreten.«  »Vergißt  du  Ricks  Sternenwaffen?«  fragte  Tylara.  Sie  wendete sich Rick zu. »Deine Freunde haben ganz Drantos mit  ihren Waffen  genommen. Können wir  nicht  das  gleiche mit  dem Empire tun?«  Verdammt,  ich wünschte, sie würde mich nicht so ansehen,  dachte  Rick.  Ich  bin  kein Gott.  »Ich  glaube  nicht«,  sagte  er.  »Abgesehen  davon,  gibt  es  bestimmt  bessere Möglichkeiten,  als  zu  kämpfen.  Können  wir  nicht mit  dem  gegenwärtigen  Cäsar verhandeln?«  Drumold und Tylara lachten beide. »Die einzige Art, auf die  Cäsar  einen  aus meiner  Sippe  sehen möchte,  ist  in Ketten«,  sagte Drumold. »Außer Wolle haben wir wenig, was wir  ihm  verkaufen  können. Was wir  von  Cäsar  bekommen,  nehmen  wir uns mit Schwert und Bogen.« , Wenn Cäsar nicht mit sich handeln  ließ, so gab es vielleicht  eine  andere  Möglichkeit,  seine  Aufmerksamkeit  auf  sie  zu  lenken. »Wie stark ist dieses Empire?« fragte Rick.  »Bring die Landkarten!« rief Drumold. Er wartete, während  ein Gefolgsmann  Pergament  aufrollte.  »Das  Empire  ist  nicht  mehr so ausgedehnt wie zu meines Großvaters Zeiten«, sagte  er.  »Aber  sie  halten  das  fruchtbare  Tiefland  und  die  Vorgebirge,  hier  und  hier.  Sie  unterhalten  in  dieser  Festung  eine Legion von viertausend Söldnern.« Er deutete auf einen  Punkt, einige zwanzig Meilen entfernt, wo die Vorgebirge zu  steilen  Bergen  wurden,  die  nach  Tamaerthon  führten.  »Innerhalb  von Zehn‐Tagen  können  zwei Legionen mehr da  sein, und in weiteren Zehn‐Tagen noch zusätzlich drei.«  Und  wir  haben  noch  ungefähr  hundert  Schuß  für  das  Gewehr, dachte Rick. »Das  sind  ja  schöne Aussichten«,  sagte  er vorsichtig.  »Die  anderen  Sternenmänner  haben  ganz  Drantos  genommen«, sagte Tylara. »Kannst du das nicht auch?«  »Sie brauchten die Armeen von Sarakos, um es zu schaffen.«  Und  ich  vermute,  Sarakos  hatte  Grund,  seinen  Handel  zu  bedauern. Er ist für Andre Parsons wahrscheinlich nicht mehr  als eine Marionette, die ihm dient.  Tiefländer.  In  ungefähr  fünf  Jahren,  vielleicht  weniger,  würde  dieses  neue  römische  Empire  unter Wasser  stehen  –  alles  außer  dem  hohen  Plateau,  auf  dem  Rom  selbst  stand.  Und  zu  dieser Zeit würden  die  Einwohner  von  Tamaerthon  verhungern.  Abgesehen  von  MacClallan  Muir  und  seiner  Familie.  Sie würden  nicht  verhungern. Nach Yanulf würden  die Clanführer und ihre Kinder ‐theoretisch bereitwillig – sich  selbst als Versöhnungsopfer für die Götter anbieten. Das ergab , sich  mit  dem  Tod  des  Führers.  Zu  Drumolds  Großvaters  Zeiten,  passierte  dies  nach  drei  Jahren  schlechter  Ernten,  weswegen  Drumolds  Großvater  die  Position  des  Chefs  von  Tamaerthon erhielt.  Verdammt, da mußte etwas sein, was er tun konnte.  Das war ein Mädchen, das seine Pflicht ernst nahm.  »Habt ihr das Empire in der Vergangenheit überfallen?«  »Aye«, sagte Drumold.  »Erzählt mir mehr über das Empire. Wie sind die Legionen  bewaffnet?«  »Mit Lanzen und Schwertern. Wie sonst?«  »Lanzen und Schwerter – dann sind sie beritten?«  Drumold  schien  überrascht  zu  sein.  »Aye.  Pferde  und  Centauren. Vorwiegend aber Pferde.«  »Keine  Fuß‐Soldaten?«  Rick  beschrieb  eine  klassische  römische  Legion:  rechteckiger  Schutzschild,  Pilum  und  Gladius hispanica.  »Ich  wüßte  nicht,  daß  es  irgendwo  welche  gibt«,  sagte  Drumold. »Kann es sein, daß es in deinen westlichen Ländern  welche gibt, Priester?«  »Nein.«  Yanulf  studierte  Ricks  Gesichtsausdruck.  »Was  bringt dich darauf, daß es welche geben könnte?«  Soweit er es verstanden hatte, brachten die Shalnuksis eine  Expeditionseinheit von der Erde um 200 A. D. auf Tran, in der  Zeit von Septimus Severus. Das mußten die Vorfahren dieser  neuen  Römer  gewesen  sein.  Severus  unterhielt  noch  klassische,  zu  Fuß  marschierende  Legionäre,  ein  wenig  entartet  gegenüber  denen  aus Cäsars Zeit,  aber  immer  noch  die  wirkungsvollste  Infanterie,  die  die  Erde  sah,  bis  das  Schießpulver  erfunden  wurde.  Offensichtlich  war  mit  den , Legionen hier das gleiche wie mit denen auf der Erde passiert:  Sie  stiegen  auf  schwere  Kavallerie  und  damit  auf  Disziplinlosigkeit  um.  Nun  regierte  die  schwere  Kavallerie  überall, wo es das Terrain erlaubte. Dieses Rom war mehr als  das  ganze  Römische  Reich  –  aha?  Es  mußte  eine  andere  Expedition  um  800  gegeben  haben,  zur  Zeit  von  Karl  dem  Großen. Dieses Rom mußte  das  ganze Römische Reich  sein.  Aber all das konnte er nicht erklären.  »Eines  unserer  größten Königreiche  in  der Geschichte war  auf diese Weise bewaffnet«,  sagte  er.  »Uh  – welche Religion  hat das Empire?«  »Sie  nennen  sich  selbst Christen«,  sagte Yanulf.  »Aber  die  Christen der südlichen Länder sagen, sie sind keine.«  »Dann wird Yatar in Rom nicht verehrt?«  »Nein.«  »Haben sie Eishöhlen? Wie überlebt Rom die ZEIT?«  fragte  Rick. Yanulf spreizte seine Hände. »Sie heißen Besucher nicht  willkommen. Oder  eher begrüßen  ihre Sklavenmeister  sie zu  freundlich, Es wird gesagt, daß  es  in Rom Höhlen gibt, aber  wer  sie besucht, weiß  ich nicht. Es wird auch gesagt, daß  es  dort  eine  große  Bibliothek mit  vielen  Aufzeichnungen  über  vergangene Zeiten gibt, aber auch dieses Wissen stammt nicht  von mir.«  Gwen hatte mit wachsendem Erstaunen zugehört. »Rick, an  was denkst du?« fragte sie.  Das brachte  ihr  einen  scharfen Blick von Drumold  ein, der  nicht gewohnt war, daß Frauen auf diese Art sprachen.  »Im Norden herrscht Dürre«, sagte Rick. »Im Westen ist der  Salzsumpf, und westlich davon  stehen Parsons und  Sarakos.  Südlich  von  uns  befindet  sich  zum  größten  Teil  der Ozean. , Wenn wir nun einiges bekommen wollen, um es für die ZEIT  aufzuspeichern, so müssen wir es von Rom nehmen.«  »Mann, bist du blöde?« fragte Drumold. »Wir beraubten das  Empire,  das  ist wahr, wir  taten  es  schnell,  und  brachten  oft  Vieh und Pferde mit, aber wir entrannen selten der Bestrafung  durch die Legionen.«  »Er ist nicht blöde«, protestierte Tylara. »Er kann – ich habe  ihn  schon  vorher  über  Schlachten  reden  hören.  Über  seine  Siege über die Kubaner – «  Yeah, ich prahle jede Menge, wenn du um mich bist, dachte  Rick. »Welche Bestrafung? Was tun die Legionen?«  »Manchmal  nichts«,  sagte  Drumold.  »Aber  wenn  wir  sie  lange genug reizen, bringen sie ihre Armee in die Berge.«  »Und ihr bekämpft sie – «  »Wir versuchen es«, sagte Drumold. »Aye, und wir können  Kämpfe gewinnen. Aber sie kommen wieder, und wir müssen  in die Berge flüchten. Sie brennen die Dörfer und das Getreide  nieder und  schlachten die Herden. Öfter  verloren wir mehr,  als wir  gewannen. Das  Empire  ist  ein Gigant,  den man  am  besten nicht weckt.«  »Aber  ihr  habt  Kämpfe  gegen  sie  gewonnen«,  sagte  Rick.  »Ihr mußtet, oder  sie hätten Tamaerthon einfach besetzt und  eingenommen.«  »Aye, wir haben sie in der Vergangenheit geschlagen«, sagte  Drumold.  »In den Pässen,  in den Bergen. Aber noch nie hat  jemand  die  Legionen  in  der  Ebene  besiegt.  Ich  glaube,  es  erinnert  sich niemand mehr daran, wann  es  zuletzt versucht  wurde.«  So  weit  hörte  sich  das  sehr  nach  den  schottischen  Grenzländern an. Schottland blieb frei, aber beinahe kahl und , unfruchtbar.  Aber  es  gab  eine  Zeit  nach  Bannockburn,  als  England  Schottland  fürchtete…  Die  Gewehre  würden  wahrscheinlich  einen  einzelnen  Kampf  gewinnen.  Das  Ergebnis  würde  bedeutsamer  sein,  als  eine  Grenzprovinz  auszuplündern,  aber  für  MacClallan  Muir  –  und  Tylara  –  konnte es den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.  Ein organisierter Raubzug, mit  einem Wagentreck, um das  Getreide  herauszufahren,  und  eine  gut  organisierte  Einheit,  um die Legionen aufzuhalten.  »Wie  viele Männer  kannst  du  gegen  das  Empire  ins  Feld  schicken?«  fragte Rick.  »Für den größten Raubzug, den  es  je  gab. Dann gibt es für tausend Jahre etwas zu singen.«  Drumold  runzelte  die  Stirn.  »Nicht  alle Clans werden  auf  diese  Aufforderung  antworten«,  sagte  er.  »Vielleicht  dreihundert Lanzen. Zweitausend Bogenschützen, dann noch  dreitausend Burschen mit Schwertern. Vielleicht noch tausend  freiwillige Männer, die mit dem bewaffnet sind, was sie finden  können. Nicht mehr.«  »Und  die  nächste  Legion  ist  viertausend  Männer  stark«,  grübelte Rick.  »Viertausend  Legionäre«,  protestierte  Drumold.  »Mit  Kettenhemden und Pferden, guten Pferden. Mann, auf ebenem  Boden reiten sie uns nieder.«  Zweitausend  Bogenschützen.  Edward  hatte  bei  Crecy  viermal mehr, aber Edward stand der ganzen Ritterschaft von  Frankreich  gegenüber, mindestens  dreißigtausend Mann.  Im  Vergleich dazu konnte Tamaerthon mehr Truppen gegen das  Empire führen, als Edward je hatte.  Aber  da  gab  es  einen  gewaltigen  Unterschied.  Bogenschützen  allein  konnten  niemals  gegen  Kavallerie , antreten.  Edwards  Hauptlinie  bei  Crecy  waren  unberittene  gewappnete Männer,  voll  bewaffnete  Ritter.  Aus  dem,  was  Rick  gesehen  hatte,  schloß  er,  daß  Tamaerthons  dreihundert  Lanzen  aus  höchstens  fünfhundert Männern  bestanden,  von  denen nicht mehr als die Hälfte bewaffnet waren. Und es war  unmöglich,  daß  fünfhundert  einen  Schutzschild  für  die  Bogenschützen  bilden  konnten. Die Legionskavallerie würde  sie  wegfegen.  Sie  brauchten  nur  dicht  hintereinander  anzugreifen, und mit den Bogenschützen wäre es vorbei.  Schießpulver? Nein.  Selbst wenn man  davon  ausging,  daß  Gwen  unrecht  hatte, mit  der  Annahme,  daß  die  Shalnuksis  möglicherweise  Parsons  helfen  könnten,  verfügten  sie  nicht  mehr  über  genug  Zeit.  Sie  benötigten  wenigstens  tausend  Arkebusen  und  eine  Tonne  Schießpulver.  Außerdem  brauchten  sie  auch  Ringbajonette.  Es  würde  Jahre  dauern.  Nein.  Es  würde  nicht  schaden,  wenn  einige  der  jungen  Clankrieger  sich  auf  die  systematische  Suche  nach  Sulfat  machen würden, nur für den Fall, aber Schießpulver war nicht  die richtige Antwort.  Aber  es  gab  einen  anderen Weg. Auf  der  Erde wurde  die  Schwere Kavallerie abgesetzt, noch bevor das Schießpulver die  letzten  Nägel  in  ihren  Sarg  klopfte.  »Sind  von  den  Clanmännern je einige mit der Pike gedrillt worden?«  »Pike?« fragte Drumold.  »Eine lange Stange, mit scharfer, metallischer Spitze.«  »Ye, du meinst Speere. Wir haben Speere.«  »Nein,  ich meine  Piken. Wie  lang  sind  die  Speere,  die  ihr  benutzt? In welcher Aufstellung kämpft ihr?« , Das dauert eine Weile. Schließlich brachte ein Gefolgsmann  eine  typische Waffe herein. Sie war ungefähr sechs Fuß  lang,  viel zu kurz, um sie gegen Kavallerie einzusetzen. Die Piken,  die  von den  Schweizern und  später  von den Landsknechten  verwendet wurden, waren achtzehn Fuß lang. Die Männer, die  sich  keine  bessere  Waffe  als  einen  Speer  leisten  konnten,  waren Bauern und kämpften in überhaupt keiner Aufstellung.  Sie gingen wie Herden in den Kampf und starben in Herden.  »Wie  lange  kannst  du  die  Clanmänner  ohne  Kampf  zusammenhalten?« fragte Rick. »Um sie zu drillen.« Er mußte  zuerst das Konzept des Drills und des Trainings erklären. Jetzt  bewunderte nur noch Tylara seinen hervorragenden Verstand.  »Die  Felder  und  die  Herden  würden  vernachlässigt«,  protestierte Drumold. »Und es gibt nicht genug zu essen,  für  eine solche Horde an einem Ort.«  »Es gibt Lebensmittel in den Höhlen.«  »Für die ZEIT«, widersprach Yanulf. »Und selbst dafür nicht  genug.«  »Nicht genug für die ZEIT!« stimmte Rick zu. »Aber genug,  um  eine  Armee  im  Training  zu  versorgen.  Zu  was  soll  es  nützen, wenn wir das wenige, das wir haben,  aufbewahren?  Eine  gut  trainierte Armee  kann  die  Legionen  schlagen. Wir  können  einmarschieren  –  «  Er  dachte  schnell.  Es  gab  nicht  genug Zeit  für  ein gutes Training, und die Männer  zu  lange  ohne Kampf  festzuhalten, wäre  für  die Moral  verheerend.  –  »in sechs Zehn‐Tagen.«  »Erntezeit!« schrie Drumold. »Nun weiß ich ganz genau, daß  du  verrückt  bist.  Zur  Erntezeit  beraubst  du  das  Land  der  Bauern!«  »Du  sagtest  selbst, daß  es  eine  schlechte Ernte  gibt«,  sagte , Rick.  »Laß sie den Frauen und Kindern.«  »Und was essen wir im Winter?«  »Im Empire wird es ebenfalls Erntezeit sein. Wir nehmen ihr  Getreide. Und sie müssen Kornspeicher haben, sonst könnten  sie  keine  regulären  Truppen  unterhalten.  Wir  werden  uns  auch dieses Getreide nehmen.«  »Und du glaubst wirklich, daß du mit deinen Sternenwaffen  eine Legion schlagen kannst?« sagte Drumold.  Nein.  Ich  kann  es  unmöglich.  Aber  sie  sind  nicht  unbesiegbar  –  oder  sie  wären  es  nicht,  wenn  nicht  jeder  denken würde, daß sie es sind. Es gibt einen Weg, um das zu  beweisen.  »Sicher. Wir  haben  noch  andere Waffen,  die  du  noch nie gesehen hast. Aber Mason und  ich können  es nicht  alleine tun. Wir brauchen eure Burschen, gut trainiert und gut  bewaffnet.«  Jetzt  ist  es  aber Zeit,  dieses  Thema  zu  beenden,  dachte Rick. Zur Hölle damit. »Wenn wir es tun, dann  ist die  späte Erntesaison die beste Zeit.«  »Das ist ein kühner Plan«, sagte Drumold.  Tylaras Bruder hatte  still  zugehört. Nun  stand  er  auf.  »Ich  habe  an  das  Imperium  viele Kameraden  verloren«,  sagte  er.  »Und  ich  persönlich  würde  die  Chance,  es  ihnen  zurückzuzahlen, begrüßen.«  Tylara lächelte glücklich. »Es ist besser, im Feld zu verlieren  und  zu  sterben,  als  in  der  ZEIT  zu  verhungern«,  sagte  sie.  »Aber mit Ricks Hilfe werden wir nicht verlieren.«  »Du  bist  verrückt«,  sagte  Gwen  auf  englisch.  »Dumm,  blutrünstig und verrückt – «  »Ist  es  besser wenn wir  alle  verhungern,  Tamaerthon  und  das  Empire  eingeschlossen?  Hast  du  einen  besseren , Vorschlag?«  »Wir müssen nicht hierbleiben – «  »Nein«, sagte Rick. »Wir müssen nicht. Aber ich laufe dieses  Mal nicht weg. Ich habe das Weglaufen aufgegeben.«      3    Drumold war als MacClallan Muir, Oberhaupt des Clans vor  Garioch, gekleidet. Seine Kilts waren prächtig, seine Rüstung  war mit Silberzeichen geschmückt. Gwen erkannte einige der  Symbole  wieder:  der  gehörnte  Stier  von  Kreta,  der  mit  gespreizten Beinen über einem Tonkrug stand; die antike, mit  Kettengliedern verbundene Spiralform, die an praktisch  jeder  Ausgrabungsstätte der Bronzezeit  in Europa gefunden wurde  und  von  der  Yanulf  sagte,  daß  sie  die wachsende Ordnung  vom uranfänglichen Chaos darstelle; ein Drache. Es gab noch  andere  Bilder,  von  denen  sie  dachte,  daß  es  legendäre  Kreaturen  sein  könnten  –  aber  nach  dem,  was  sie  in  den  Datenbänken  des  Schiffes  gesehen  hatte,  war  sie  sich  nicht  sicher.  Andere Clanführer hatten  sich um Drumhold eingefunden,  alle  waren  sie  in  ihre  prachtvollsten  Gewänder  gekleidet.  Einige  der  schottischen  Tücher  in  den  leuchtenden  Farben  hätten  aus  den  antiken  keltischen  Grabmälern  stammen  können, die man  in Dalmatien  auf der Erde gefunden hatte.  Der Glanz der Oberhäupter stand in strengem Kontrast zu der  eintönigen Kleidung ihrer Krieger und den noch eintönigeren  Roben der verschiedenen Priester.  Gwen  konnte  die  Spur  der  vielen  Eindrücke  nicht , weiterverfolgen. Es waren zu viele Götter, und jeder hatte eine  Reihe  von  Priestern.  Manche,  wie  Yanulf,  waren  vollbeschäftigt  und  geweiht;  den  vielen  geringeren  Göttern  dienten meist Männer und  Frauen, die  eine  andere Aufgabe  innehatten  –  Handwerker,  Grundbestizer,  Frauen  aus  den  Haushalten.  Und  alle  nahmen  an  dieser  Zeremonie  teil.  Ehrfurchtsvoll  öffneten  sie  ein  grabähnliches Gemach, das  in das  granitene  Kliff  gehauen  war,  das  die  Hochwiese  überragte;  ehrfurchtsvoll  hoben  sie  eine  Steinkiste  hervor  und  öffneten  sie  feierlich. Balquhain, Drumholds  ältester  Sohn, nahm  eine  Streitaxt aus der Kiste.  Die  Axt  war  doppelschneidig  und  aus  geschliffenem  Feuerstein gemacht, der wie Bronze aussah. Gwen  fühlte ein  Kribbeln  an  ihrem  Rückgrat.  Diese  Doppelaxt  stammte  vielleicht von der Erde und war viertausend Jahre alt!  Drumold nahm die Axt von seinem Sohn und hielt sie hoch,  damit  alle  sie  sahen.  Dann  ging  er  zu  einem  Altar  aus  Baumstämmen, der mitten im Dorf errichtet war. Dort war ein  Widder angebunden. Drumold tötete ihn mit einem Schlag der  Doppelaxt.  Er tauchte die Axt in das fließende Blut. Zwei Priester kamen  mit Steinschalen mit brennendem Pech nach vorne und hielten  sie über die Schneide der Axt. Drumold schwang die glühende  Axt und sang. Alle Anwesenden nahmen den Schrei auf.  Wo hatte Gwen das schon einmal gesehen? Dann fiel es  ihr  ein.  Ein  schottisches  Gedicht,  als  Roderick  Dhu  den  Clan  einberief.  Roderick  sandte  ein  flammendes  Kreuz  durch  die  Berge,  aber  dies  geschah  in  einem,  dem  Namen  nach,  christlichen  Land.  Hier  nahmen  sie  eine  Steinaxt  mit  zwei , Feuern. Die rituelle schottische Beschreibung mußte älter sein,  als ihm bekannt war.                                              Ein Priester sang einen Fluch, der jeden Clansmann befallen  würde,  der  dem  Symbol  nicht  die  Ehre  erwies,  und  ein  Gefolgsmann  nahm  die  Axt  auf  und  rannte  aus  der  Bergschlucht. Die Garioch‐Clans waren für den Krieg gerüstet.  Der  dritte  Stern  war  für  eine  Stunde  nach  Einbruch  der  Dämmerung zu sehen, und für einige Stunden jede Nacht war , es dunkel. Die zwei Sonnen von Tran näherten sich einander.  Der Sommer ging zu Ende.  »Sind wir fertig, Capt’n?« fragte Mason.  »Nein, aber wir sind so weit, wie wir es je sein werden. Diese  Burschen wollen nicht länger herumstehen.«  Mason nickte. »Yeah, sie mögen nicht gerne den Drill. Aber  sie  sind  nicht  schlecht.  Capt’n,  haben  diese  Schlachten,  von  denen Sie erzählten, wirklich stattgefunden?«  »Die  meisten,  ja.  Ich  habe  sie  ein  bißchen  durcheinandergeworfen. Um die Wahrheit zu sagen, ich kann  mich  nicht  daran  erinnern,  daß  es  jemals  eine  kombinierte  Einheit von Langbögen und Piken gab, aber Pike und Muskete  waren  für Hunderte  von  Jahren  eine  gute Mischung.«  Rick  grinste.  »Abgesehen  davon,  heitern  die  Geschichten  die  Truppen auf.«  Und  sie  konnten  Aufheiterung  gebrauchen.  Selbst  mit  all  diesen Geschichten von Siegen – nach seiner Rechnung führte  er die Hälfte der erfolgreichen Armeen der Geschichte – und  den  Demonstrationen  ihrer  Zauberwaffen,  glaubten  die  meisten der Männer nicht wirklich daran, daß sie eine Legion  des  Empire  besiegen  konnten.  Die  Priester  und  der  dritte  Stern,  um  die Geschichten  der  Priester  zu  bestätigen,  hatten  genug  von  ihnen  verängstigt,  daß  sie  es  wenigstens  versuchten,  aber  nicht  viele  glaubten  wirklich,  daß  sie  gewinnen konnten.  Rick war sich selbst nicht sicher.  Die  Bergschlucht war  seltsam  ruhig. Den  ganzen  Sommer  über war  sie  erfüllt gewesen von den Klängen der Hämmer.  Sie  brachten  ein  Dutzend  Schmiede  herbei  ‐einige mit  dem  Schwert  –,  um  Eisenköpfe  für  die  Piken  zu  schmieden. Die , jungen  Bäume  eines  ganzen Waldes mußten  für  die  Schäfte  der Piken herhalten.  Die Hämmer schwiegen, und ebenso die Schreie und Flüche  der Ausbilder.  Die Drillzeit war vorbei. Nun war es Zeit zu marschieren.    *    Gwen  fühlte  sich  miserabel.  Ihr  Bauch  war  angeschwollen,  und sie wußte, daß sie schlimm aussah. Die Hebammen und  selbst Yanulf hatten  ihr versichert, daß alles ganz normal sei,  aber sie konnten sie nicht beruhigen. Sie hatte eine zu lebhafte  Vorstellungskraft  und wußte  zu  genau, was  selbst  in  einem  modernen Hospital schiefgehen konnte. Auf der Erde hatte sie  Freunde, die von der natürlichen Geburt  schwärmten  –  aber  sie  bezweifelte,  daß  einer  von  ihnen  gerade  diese  Natur  meinte.  Sie konnte die Geräusche der versammelten Armee draußen  hören. Sie waren dabei, in das Empire zu marschieren, und es  gab nichts, was sie dagegen tun konnte.  Sie  konnte  nicht  immer  laufen.  Auf  Ricks  Rat  hin  hatte  Drumold  die  Pässe  mit  bewaffneten  Clansmännern  sichern  lassen. Niemand würde  Tamaerthon  verlassen.  Rick machte  klar, daß dies  speziell  für Gwen Tremain galt. Er war  sicher,  daß sie mehr wußte, als sie ihm erzählte.  Es gab vieles, was sie ihm verraten konnte, aber Les hatte sie  davor  gewarnt.  Er  konnte  doch  nichts  tun.  Wer  konnte  überhaupt  etwas  tun?  Ihr  ursprünglicher  Plan  war,  einen  versteckten Ort zu finden, irgendwo, wo sie leben und warten  konnte ‐ , Aber sie konnte es nicht alleine tun, und wenn sie ehrlich zu  sich selbst war, schämte sie sich, daß sie es wollte. Diese Leute  waren  menschlich,  sie  waren  nicht  nur  Objekte  einer  anthropologischen  Studie. Und  sie  standen dem Verhungern  oder  noch  Schlimmerem  gegenüber. Aber  sie wünschte,  daß  sie so viel Vertrauen in Rick hatte wie Tylara.  An ihrer Tür kratzte es. »Ja?« rief sie.  Caradoc  kam  herein.  »Wir  gehen  jetzt,  Lady.«  Er  stand  nervös an der Tür.  »Hast du sonst niemanden, dem du Lebewohl sagen willst?«  fragte sie.  »Nein, Lady.«  »Ich habe dir schon ein Dutzend Mal gesagt, mein Name ist  Gwen – «  »Aye.« Er zögerte. »Gwen. Ein schöner Name. Willst du mir  Glück wünschen?«  »Natürlich.« Sie war nicht sicher, was sie sagen sollte. Dies  war  nicht  das  erste  Anzeichen,  daß  Caradoc  sich  für  sie  interessierte, mehr als  interessierte. Sie  fragte sich, warum.  In  ihrem  jetzigen  Zustand  war  sie  bestimmt  nicht  sehr  begehrenswert,  und  als  Kapitän  von  einem  der  Bogenschützenregimenter  konnte  er  unter  einem  Dutzend  Mädchen wählen.  Aber er schien von Gwen  fasziniert zu sein und verbrachte  so  viel  Zeit  er  konnte  mit  ihr.  Er  behandelte  sie  wie  eine  Göttin, was  sehr  schmeichelhaft war  –  und  er war  ein  sehr  attraktiver Mann.  Sie wollte die Männer am liebsten hassen. Alle. Aber sie war  einsam, und daß sie jemanden für sich selbst brauchte, war ein  physischer  Schmerz.  »Komm  zurück,  Caradoc«,  sagte  sie. , »Komm zurück zu mir.«  »Ich werde zurückkommen.« Er zögerte, dann kam er näher  zu ihr. »Ich werde zurückkommen.«  Sie machte zwei Schritte vorwärts in seine geöffneten Arme.  Sie ließ sich von ihm halten, aber sie spürte ihren Bauch, wie er  sich  an  ihn  preßte,  und  sie  hatte  Angst,  schon  wieder  jemanden  zu  lieben,  und  sie  haßte  sich  selbst,  weil  sie  es  wollte. ,     TEIL VI    Der Feldherr , 1    Die  meisten  Nebengebäude  und  Sklavenquartiere  brannten,  aber die Villa stand immer noch. Rick war überrascht, daß sie  standhielt. Trotz allem, was er  tun konnte, war es  schwierig,  die  Leute,  die  dem  Heer  folgten,  zu  überzeugen,  daß  ihr  Zweck  die  Beute  war  und  nicht  Plünderung  und  Raub.  Er  hatte  Schwierigkeiten  genug,  die  Armee  selbst  davon  abzuhalten  die  Ordnung  zu  durchbrechen  und  sich  ihnen  anzuschließen,  und  nur  ständige  Drohungen,  sie  innerhalb  von dreißig Meilen der imperialen Grenzen im Stich zu lassen,  hielt sie zurück.  Hundert Kerzen  brannten  in der Villa, und  fast das  ganze  Offizierskorps war in der Haupthalle dabei, sich zu betrinken.  Dafür gab es genug Wein in dem kleineren Raum, in dem Rick  die älteren Kommandanten versammelt hatte.  »Morgen  früh werden  sie  zu  nichts  zu  gebrauchen  sein«,  beklagte sich Rick. »Hört euch das an.«  »Sie werden okay sein«, sagte Drumold. »Das ist ihre Art zu  feiern.«  »Sie sollten sich schämen und nicht feiern«, sagte Rick.  »Wir haben gewonnen«, protestierte Balquhain.  Tylara  sah  ihren  Bruder  verächtlich  an.  »Einen  Kampf  gewonnen, bei dem du nicht hättest dabeisein müssen«, sagte  sie.  »Treibt  das  örtliche Militär  weg,  und  drei  gewappnete  Männer könnten  es  tun. Wurde dir nicht gesagt, daß du  auf  die Armee warten sollst?«  »Ich laufe vor keinem Kampf weg«, protestierte Balquhain.  »Das nächste Mal wirst du es müssen«, sagte Rick. »Oder ich  schicke dich als Eskorte für den Wagentreck zurück.« , »Du wirst es nicht wagen – «  »Er  wird  es  wagen«,  sagte  Drumold.  »Wir  haben  alle  geschworen, nach Ricks Kommando zu kämpfen!«  »Ich werde mit den Scouts morgen früh reiten«, sagte Tylara.  »Wenn  du  nicht  verstehst,  was  Rick  von  dir  will,  ich  versteh’s.«  Beide,  Rick  und  Balquhain,  sprachen  auf  einmal.  »Es  gibt  keinen Grund, um das zu tun – «  »Es  gibt«,  sagte  Tylara.  »Die  Landkarten,  die  heute  zurückgebracht wurden, waren erbärmlich. Ihr werdet bessere  brauchen.«  Sie sah Rick herausfordernd an.  Das  Problem  war,  sie  hatte  recht.  Dutzende  von  mittelalterlichen  Armeen wurden  geschlagen, weil  sie  keine  elementaren Kenntnisse über das Gelände besaßen, in dem sie  operierten. Rick  hatte  verächtlich  gelacht,  als  er  las,  daß  die  Kommandanten der Kreuzfahrer nicht  einmal die  Stellungen  ihrer  eigenen  Kolonnen  kannten,  aber  nun  begann  er,  ihre  Probleme kennenzulernen. Es gab fast keine Landkarten, und  niemand in seiner Armee dachte, daß Karten genauso wichtig  waren wie Waffen.  Niemand  außer Tylara,  sie hatte  in  ihrem westlichen Land  Erfahrungen mit Karten gesammelt, und sie hatte ein Auge für  Entfernungen  und  Details.  Ihre  Männer  würden  ihr  gehorchen, was hieß, daß die Abteilung, die sie befehligte, die  Gegend auch auskundschaftete, anstatt in häufigen Abständen  anzuhalten und nach Beute zu lechzen. Aber verdammt ‐  Es gab anscheinend keine andere Wahl. Sie waren tief in der  imperialen  Provinz,  und wenn  sie weitermarschierten,  ohne  die  lokale  Garnison  auszukundschaften,  würden  sie  alle , getötet werden. »Tylara übernimmt die Scouts morgen«, sagte  Rick.  »Balquhain wird bei der schweren Kavallerie bleiben.«  Balquhain öffnete den Mund um zu widersprechen, aber er  sah den Blick seines Vaters und schwieg.  »Das ist eine wichtige Aufgabe«, sagte Rick. »Sie werden nur  von deinem Vater und dir Befehle annehmen.«  Die schweren Kavalleriemänner waren  ihm ein Greuel, und  er hätte sie besser nach Hause geschickt, aber das stand außer  Frage. Die Schwierigkeit war: Alle gerüsteten Männer waren  Aristrokraten,  und  das  hieß,  daß  sie  solch  blöde  Vorstellungen, wie  »die Verpflichtung  des Adels,  hinaus  an  die Front zu gehen und für die Ehre zu kämpfen«, hatten – das  hieß  aber  auch,  daß  der  größte  Teil  seines Offizierskorps  in  den  ersten  fünf  Minuten  eines  wirklichen  Kampfes  abgeschlachtet  würde,  und  das  wiederum  würde  die  Infanterie  demoralisieren.  Irgendwie  mußte  er  seine  zweihundert  gepanzerten  Reiter  heraushalten,  bis  die  Piken  und Pfeile die Angelegenheit bereinigt hatten. »Drumold,  ich  glaube, du solltest dein Banner deinem Sohn anvertrauen. Wir  werden  den  gepanzerten  Rittern  die  Ehre  überlassen,  es  zu  beschützen.«  Drumold  nickte  ernst,  und  Balquhain  schien  befriedigt.  Tylara  erntete  ein  Grinsen  von  ihrem  Bruder.  Manchmal  dachte Rick, daß sie die einzige in der ganzen Armee war, die  seinen Lektionen in Taktik Aufmerksamkeit schenkte.    *    Sie marschierten in gedeckter Ordnung. Das erste Piken‐ ,                                                            , Regiment, ein Block von tausend, war vorne und zur Rechten.  Hinten  und  links  von  ihnen  befanden  sich  die  Ersten  Bogenschützen, dann die Zweiten Piken, die Hauptmacht und  zweitausend  stark.  Die  Zweiten  Bogenschützen  und  Dritten  Piken, noch  ein Tausend‐Mann‐Block,  folgten auf der Straße.  Rick hielt die schwere Kavallerieeinheit bei sich direkt hinter  den Ersten Piken. Auf diese Weise konnte er ein Auge auf sie  haben. Wenn es  jemandem einfallen sollte, etwas Dummes zu  unternehmen,  so  würden  es  seine  gepanzerten  Eisenköpfe  sein.  Die Wagen von Packpferde kamen zuletzt. Sie wurden von  einem  Schutzschirm  von  bewaffneten  Bogenschützen,  die  unter Masons Kommando als MPs wirkten, eskortiert. Es hatte  einiges  erfordert,  Drumold  und  seine  Unterführer  zu  überzeugen, daß es eine gute Idee sei, die Lebensmittel in das,  Empire  zu  tragen.  Es  gab  Geschrei  und  Geschimpfe.  Rick  machte  gute  Fortschritte, Wut  vorzutäuschen. Er  schauderte,  wenn er an die Alternative dachte; die Armee müßte sich jedes  Mal, wenn sie etwas essen wollten,  in verschiedene Gruppen  auflösen.  Tylaras  Scouts  schwärmten  aus.  Rick wünschte,  er  könnte  mit ihr gehen, aber er wagte es nicht. Die Truppen sahen mehr  wie eine Armee denn wie ein Mob aus, aber sie dachten immer  noch, daß sie seine magischen Sternwaffen brauchten, um sie  zu  beschützen.  Sie  hatten  kein wirkliches Vertrauen  zu  sich  selbst, und das konnte verhängnisvoll sein.    *    Caius  Marius  Marselius,  der  Präfekt  Cäsars  von  den , westlichen Grenzgebieten, war verärgert. Er hatte gehofft, für  die nächsten zwei Jahre jeglichen Ärger vermeiden zu können,  um  sich  danach,  auf  seine  Güter  in  der  Nähe  von  Rom  zurückzuziehen  und  jemand  anderem  die  Provinz  anzuvertrauen.  Als  ein Mann  der  örtlichen Miliz  von  einer  Invasion von Bergbarbaren berichtete, war er nicht überrascht,  aber sichtlich verärgert.     , Aber  er war  auch  vorsichtig.  Der Miliz‐Offizier  hatte  nur  leichte Kavallerie gesehen,  aber  er dachte, daß der Hauptteil  der Barbaren wahrscheinlich  im Schutz der Kavallerie  folgte.  Er war aber nicht in der Lage, hinter sie zu gelangen, um das  herauszufinden.  Dies  war  ungewöhnlich  genug,  so  daß  Marselius  aufmerksam  wurde.  Normalerweise  brachen  diese  Stammesangehörigen herein wie eine Flut, raubten, was sie in  die  Finger  bekamen,  und  rannten.  Sie  verschwendeten  nie  einen Gedanken  an  ihre  Sicherheit. Marselius  fragte  sich,  ob  ein  römischer Offizier  abgefallen war und  nun die Barbaren  führte. Er konnte  es  sich zwar nicht vorstellen, aber möglich  war es.  »Wir müssen  in  die  Berge  und  ihnen  eine  Lehre  erteilen«,  sagte  er zu  seinen Vertrauten. »Seit unserem  letzten Ausflug  hinter die Grenze sind zehn Jahre vergangen. Eine lange Zeit.«  Der  älteste  Legat  sah  ihn  neugierig  an. Marselius  lächelte  schwach.  Er  wußte,  was  der  Mann  dachte.  Bei  Cäsars  Präfekten  war  Eigeninitiative  unerwünscht.  Ein  hervorragender  Offizier  mochte  vielleicht  eine  Rebellion  beabsichtigen.  Cäsar  brauchte  keine  Generale,  denen  die  Legionen größeren Respekt als Cäsar selbst entgegenbrachten.  Und vielleicht hatte der Legat sogar recht. Marselius wußte,  daß  er  für  Cäsar  keine  Bedrohung  war.  Er  wollte  sich  nur  zurückziehen. Aber würde Cäsar das glauben?  Eines  Tages  würde  das  Empire  wegen  dieses  Argwohns  fallen. Davon war Marselius überzeugt. Wenn Präfekten Angst  hatten, ihre einfachsten Pflichten auszuführen ‐  »Ob wir  ihnen  in die Berge  folgen  oder nicht, wir werden  diese  Barbaren  auf  jeden  Fall  vernichten«,  sagte  er.  »Wir , werden sie nicht nur schlagen, sondern wir töten so viele, daß  sie  bei  dem  Gedanken  an  Cäsar  zittern  werden.  Dafür  benötigen  wir  aber  eine  volle  Legion.  Schickt  nach  den  Reservisten, ruft die örtlichen Ritter zusammen, und bringt die  Abteilungen von Malevenutum und Caracorum her. Wenn sie  alle versammelt sind, werden wir angreifen.«  »Dadurch gewinnen die Barbaren Zeit, um Beute zu machen.  Viele  Landbesitzer  werden  ruiniert  und  werden  in  Rom  protestieren«, sagte der älteste Legat.  »Laßt  sie.  In den Grenzbergen gibt  es wenig Patrizier. Um  Gottes  willen,  muß  ich  in  ewiger  Angst  von  Cäsars  Zorn  leben?«  Der Legat antwortete nicht. Er brauchte nicht zu antworten.  Vier Tage später hörte Marselius mit wachsendem Erstaunen  die  Berichte.  Die  Barbaren  hatten  nicht  gehalten,  um  die  Flachländer  auszurauben.  Sie marschierten  geradeaus weiter  in die Provinz.  »Bei  Nachteinbruch  haben  sie  die  Villa  von  Patroclus  Sempronius erreicht«, berichtete der Kommandant der Scouts.  »So weit?« das war der Ruin.  Sempronius war der Cousin  der Kaiserin. Schlimmer noch, die ansehnliche Stadt Sentinius  lag  direkt  dahinter. Cäsar würde  dem  Präfekten,  der  zuließ,  daß  die  Barbaren  eine  römische  Stadt  nahmen,  nie,  niemals  vergeben. Sie mußten aufgehalten werden, und zwar schnell.  »Wie viele haben wir zur Verfügung?« fragte er den Legaten.  »Dreitausend, Präfekt.«  Das  schloß  die  regulären  Soldaten  und  eine  beträchtliche  Zahl  von  Reservisten  unter  ihren  örtlichen  Führern  ein.  Marselius  seufzte  voll Bedauern:  er  konnte  sich  an  eine Zeit  erinnern,  als  volle  viertausend  Reguläre  in  den  Camps , gehalten wurden. Zehn  Jahre des  Friedens  in dieser Provinz  hatten diese Zahl auf die Hälfte reduziert. Cäsar  legte keinen  Wert darauf, Armeen größer als nötig zu halten, aus Angst, sie  könnten rebellieren.  »Dreitausend sollten mehr als genug sein«, sagte Marselius.  Der Legat grinste sein Einverständnis. »Sie sind nur Barbaren.  Sie  haben  keine  Rüstungen  und  nur  wenig  Pferde.  Was  können sie gegen unsere Ritter tun?«  »Was,  in der Tat? Laßt die Trompeten erschallen. Bevor die  wahre Sonne aufgeht, will  ich die Legion zwischen Sentinius  und  diesen  Stammesangehörigen  haben. Wir werden  sie  am  Morgen, wenn man zwei Schatten klar sieht, angreifen.«    *    Rick seufzte vor Erleichterung, als er Tylara an der Spitze ihrer  Kavallerie  zurückkehren  sah.  Er  mochte  immer  noch  nicht,  daß sie zu Patrouillen hinausging, aber er mußte zugeben, daß  sie der beste Scout‐Kommandant war, den er hatte.  Die Villa,  in der er  stand, war ein gutes Beispiel dafür. Sie  war  groß  und  bequem,  und  Tylara  hatte  nicht  nur  auf  die  vorrückenden Wachen  gewartet,  bevor  sie  die  bewaffneten  Gefolgsmänner unschädlich machte, die die Villa verteidigten;  sie  hielt  auch  die  Truppen  davor  zurück,  die  Villa  auszurauben  und  niederzubrennen.  Nun  konnten  sie  systematisch  von  ihren Wertsachen  befreit  werden.  In  dem  Kornspeicher waren über tausend Scheffel Weizen, und in der  Scheune  gab  es  beides,  Wagen  und  Pferde,  um  es  transportieren. Er ging die breiten Stufen hinunter, um sie zu  begrüßen, und half  ihr von  ihrem Pferd herunter. Nicht, daß , sie Hilfe brauchte, aber er mochte es, nahe bei ihr zu sein.  »Ich habe die Legion gesehen«, sagte sie. Sie sprach leise, so  daß es niemand sonst hören konnte.  »Wo?«  »Ungefähr dreißig Stadien entfernt.«  Die  Römer  benutzten Meilen,  die  tausend  Schritten  eines  Legionärs  entsprachen,  aber  Tylaras  Leute  blieben  bei  dem  antiken  griechischen  Maß,  das  ungefähr  einem  Viertelkilometer entsprach. »Was taten Sie?«  »Sie waren  von den  Pferden  gestiegen und  schlugen Zelte  auf. Ich ließ fünf Männer zurück, um sie zu beobachten. Zwei  schlichen  sich  nahe  an das  römische Camp.  Falls die Römer  ihre  Pferde  satteln  sollten,  sagen  sie  uns  unverzüglich  Bescheid.«  Vielleicht habe ich mich gerade in dich verliebt, dachte Rick.  So ist es, wenn ich es nicht schon vor Wochen tat. Er sah auf zu  den  Sonnen.  Noch  ungefähr  eine  Stunde  Tageslicht,  drei  weitere  Stunden Dämmerlicht, und dann  immer noch genug  Licht von dem Feuerstehler.  »Wir werden hier gegen  sie kämpfen«,  sagte er. »Der Platz  ist so gut wie jeder andere.« Es gab einen See – nicht groß, aber  groß  genug,  um  die  schwere  Kavallerie  zu  stoppen  –  fünfhundert  Meter  im  Süden.  Er  würde  als  Anker  für  die  rechte Flanke dienen, und einen Kilometer zur Linken gab es  einen  dicht  bewaldeten  Spielplatz.  Fünfzehnhundert  Meter  waren eine ziemlich lange Strecke, die er mit den Männern, die  er  hatte,  halten  mußte,  aber  in  einem  offenen  Gebiet  zu  versuchen Karrees zu formen, hieß die Hölle herauszufordern.  »Schade,  daß  sie  nicht  die  letzte  Nacht  gekommen  sind«,  sagte  Rick.  »Zwischen  den  Bergen  hatten  wir  eine  bessere , Position. Aber  diese  Stellung  hier  tut  es  auch  sehr  gut. Wir  müssen  die  Männer  in  die  richtigen  Positionen  bringen,  während es noch hell ist.«    *    Die  Vorbereitungen  dauerten  nicht  lange.  Rick  hatte  ihnen  immer  und  immer  wieder  gesagt,  wie  wichtig  es  ist,  in  Schlachtposition zu biwakieren, und anscheinend hatten sie es  sich  eingeprägt.  Er  brauchte  die Regimenterfronten  nicht  zu  begradigen.  Die  Ersten  Piken waren  vorne  und  zur  Linken,  am Rande  der Wälder, in denen sich eine Reihe bewaffneter Zugbegleiter  befanden, die durch  einige Bogenschützen verstärkt wurden.  Die Zweiten Piken,  seine größte Einheit, waren  zweihundert  Meter  hinter und dreihundert Meter  zur Rechten der Ersten  Piken.  Die  Diagonale  dazwischen  war  zu  einem  Graben  ausgehoben, und dazwischen waren Pfähle gesetzt. Die Pfähle  waren  so  in den Boden getrieben, daß  sie  schräg nach vorne  zeigten. Sie waren in einem Karo‐Muster aufgestellt, zwischen  den  Pfählen  drei  Fuß  Abstand,  so  daß  die  Ersten  Bogenschützen  sich  durch  das  Dickicht  bewegen  konnten.  Hinter ihnen befand sich Mason mit seinem Gewehr.  Kurz dahinter und den ganzen Weg zum See entlang stand,  das Dritte Piken‐Regiment. Dadurch  entstand direkt  vor der  Villa  eine  Lücke  von  beinahe  achthundert Metern,  zwischen  dem  rechten  Rand  des  Zweiten  und  dem  linken  Rand  des  Dritten. Rick füllte sie mit den restlichen Bogenschützen, und  vor  ihnen hatte  er die Männer Löcher  ausheben und Wagen  und Büsche heranschleifen lassen, so daß ein zufälliges Muster , von kleinen Löchern entstand, die die Pferde zu Fall bringen  sollten.  »Zwischen diese Hindernisse möchte ich Wege haben«, sagte  er zu dem Festungs‐Offizier. Diese Pfade würden die Feinde  für die Bogenschützen  festhalten, und wären ein Weg  für die  Kavallerie zu einem Gegenangriff, falls es dazu kam.  Die Bauarbeiter waren eine Gruppe von Sklaven, die bei der  Plünderung  der  Höfe  befreit  wurden.  Ihnen  wurden  die  Freiheit  und  ein  Anteil  an  der  Beute  gegen  ihre  Hilfe  versprochen. Ricks Angebot, sie zu bezahlen, hatte die Sklaven  fast ebenso überrascht wie seine eigenen Truppen. Einige von  ihnen  hatten  sich  sogar  als  Soldaten  beworben,  aber  Rick  lehnte ab. Während des Kampfes wurden sie in ihre Baracken  eingeschlossen.  Er  brauchte  keine  untrainierten  und  vertrauensunwürdigen Männer, die  in einem entscheidenden  Moment herumwanderten.  Als es dunkel war, beorderte Rick eine andere Abteilung der  leichten Kavallerie nach vorne, um die Feindbewegungen zu  beobachten.  Den  anderen  Truppen  wurde  erlaubt,  wegzutreten  und  das  Lager  aufzuschlagen;  sie  ließen  ihre  Waffen  an  ihrem  Platz  zurück,  um  ihre  Position  in  der  Kampflinie genau zu markieren.  Er ritt eine Stunde lang um das Lager, manchmal hielt er an,  um mit den Clansmännern zu  reden, die um  ihre Wachfeuer  saßen. Julius Cäsar hatte in der Nacht vor  Pharsalia  einen  Kratzer  benutzt,  um  obszöne  Scherze  aufzuzeichnen. Wie konnte man den moralischen Wert  eines  solchen  Instruments  messen?  Rick  führte  lieber  konventionellere  Gespräche,  bei  denen  er  die Überraschung  der Römer hervorhob, wenn die Sternenwaffen  sie von  ihren , Pferden holen würden.  Schließlich war  es  geschafft, und  er  konnte  in die Villa  zu  seinem Abendessen gehen. Es war fast Mitternacht.  »Ich habe noch einen Befehl«, sagte er zu dem Stabsoffizier.  »Ich mache dich dafür verantwortlich, daß die Köche morgen  früh bei Dämmerung  auf  sind. Bevor die  Sonne  eine  Stunde  hoch  steht,  möchte  ich  für  jeden Mann  der  Truppe  heißen  Haferflockenbrei.«  Der Mann,  der  bis  vor wenigen  Stunden  der  Besitzer  der  Villa war,  saß  an  der  Tafel  und  blickte  finster  auf Rick  und  seine Offiziere.  »Cäsar wird deinen Kopf bekommen«, tobte er.  Rick musterte  ihn  neugierig. Der Mann war  fett,  ungefähr  vierzig  Erdenjahre  nach  Ricks  Schätzung,  und  er  sah  nicht  mehr wie  ein Römer  aus,  als  eine  schwere Kavalleriebrigade  einer  Legion  gleicht.  Rick  fragte  sich,  welche  Gruppe  von  gekidnappten  Erdenmenschen wohl  seine  Vorfahren waren.  Dies war eine Frage, die er besser nicht stellte.  »Wenn Yatar es wünscht«, sagte Rick. »Aber du verlierst den  deinen, bevor Cäsar etwas von unseren Köpfen weiß.«  »Ich bin ein Cousin Cäsars«, protestierte der Mann. »Cäsar  wird mich loskaufen.«  »Wir werden sehen. Im Moment brauche ich Informationen.  Wie  vielen  Truppen  werden  wir  morgen  früh  gegenüberstehen?«  »Ich bin Spurius Patroclus Sempronius, und ich werde Rom  nicht verraten«, sagte der fette Mann.  »Hah!«  Balquhain  stand  auf  und  zog  seinen  Dolch.  »Wir  werden  sehen,  ob  er  es  mag,  wenn  wir  ihn  Stückchen  für  Stückchen an Cäsar schicken.« , Sempronius wurde  leicht grün, aber er preßte seine Lippen  zu einer dünnen Linie aufeinander.  »Nicht nötig«, sagte Rick freundlich. »Alles was ich wirklich  wissen muß, haben mir meine  Scouts berichtet.« Er wendete  sich wieder dem Gefangenen zu. »Sag mir eines: Was hält die  Sklaven von einer Revolte ab? Es waren hier über hundert.«  »Dreihundert. Warum sollten sie revoltieren? Sie werden gut  behandelt. Und Cäsars Legionen würden sie kreuzigen.«  Das oder eine Variante zu diesem Thema war die Antwort  auf  fast alle Fragen. Cäsars Legionen  führten die Befehle aus,  und  Cäsars  Offiziere  zogen  die  Steuern  ein.  Cäsars  freie  Männer  nahmen  den  Postdienst  wahr,  und  Cäsars  Sklaven  hielten die Kanalisation der Städte in Ordnung.  »Gibt es keinen Senat?« fragte Rick.  »Sicher. Ich bin ein Senator von Rom.«  »Merkwürdig. Wann tritt er zusammen?«  »Wenn Cäsar es wünscht natürlich.«  Es stellte sich heraus, daß Cäsar dies alle  fünf  Jahre einmal  wünschte. Die Zusammenkünfte waren kurz und  taten nicht  mehr,  als Cäsars Beschlüsse  zu bestätigen,  oder  einen neuen  Beamten  für  Cäsar  zu  wählen.  Doch  verglichen  mit  den  Versammlungen  war  der  Senat  nahezu  allmächtig:  Die  Versammlung  trat  in  jeder  Regierungsperiode  genau  einmal  zusammen, um öffentlich ihre Zustimmung zu geben, welchen  Cäsar  die  Armee  auch  gewählt  hatte.  Ansonsten  hatten  die  Bürger  keine  Stimme  in  der  Regierung  und  wollten  auch  keine; sie waren froh genug, wenn Cäsar sie in Ruhe ließ. Zum  Tausch  bekamen  sie  Frieden  und Ordnung  und  Schutz  vor  solchen Banditen, wie Rick einer war.  Spätes Empire, beschloß Rick. Das Militär war mehr aus der , Zeit  von  Karl  dem  Großen,  aber  die  Regierung  war  ganz  bestimmt  aus  der  herrschenden  Periode  des  Römischen  Empires.  Die  Armee  hielt  die  Bürger  davon  ab,  Schwierigkeiten  zu machen,  die  prätorianischen  Regimenter  hielten  den  Rest  der  Armee  unter  Kontrolle,  und  Cäsar  verbrachte die meiste Zeit damit, sich Sorgen zu machen, wie  er die prätorianischen Wachen unter Kontrolle halten konnte.  Als  Rick  Sempronius  dazu  gebracht  hatte,  über  Politik  zu  reden,  konnte  er  ein  paar  Informationen  mehr  aus  ihm  herausholen.  Das  wichtigste  war,  daß  es  zwölf  römische  Meilen weiter eine Stadt gab.  Sie hatte einen Kornspeicher, und die Ernte war dieses Jahr  gut  gewesen.  Alles  was  er  zu  tun  hatte,  war  durch  die  römische Legion zu gehen, die ihn bewachte.    *    Tylara drehte sich schnell um, als sie hinter sich auf dem Dach  Fußtritte vernahm.  »Ich  dachte,  ich  hätte  allen  meinen  Offizieren  gesagt,  sie  sollen ins Bett gehen«, sagte Rick.  »Ich könnte nicht schlafen.«  »Ich auch nicht.« Er  stieg über das Geländer, um zu  ihr zu  gelangen. Von dem flachen Dach der Villa hatte man eine gute  Aussicht  auf die Wachfeuer, die über das ganze Grundstück  verteilt  waren.  Edward  III.  benutzte  bei  Crecy  eine  Windmühle  als  Kommandoposten.  Diese  Villa  war  weit  besser.  »Glaubst  du wirklich,  daß wir  gewinnen  können?«  fragte  Tylara. , »Morgen?  Ja.  Es  gibt  keinen  Grund,  warum  wir  es  nicht  können. Wir  haben  mehr  Truppen,  und  wir  haben  bessere  Waffen.«  »Ich weiß, daß du nur noch wenig Blitze  für deine Waffen  hast«, sagte sie.  »Gwen muß es dir erzählt haben«, sagte Rick. Tylara nickte.  »Und  trotzdem kamst du mit uns und hast  es deinem Vater  nicht verraten.«  »Mein ganzes Leben glaubte ich, das Empire habe die besten  Soldaten  der Welt«,  erklärte  sie.  »Aber  nun werden wir  sie  schlagen, und es wird nicht an den Waffen liegen.«  »Waffen, Organisation  –  Tylara,  nichts  ist  im Krieg  sicher,  aber wenn  das  Ergebnis  nicht  ziemlich  klar  für mich wäre,  ständest du nicht hier.«  »Wie willst du mich hier wegbekommen?«  »Wenn  es  nötig wäre,  auf  ein  Pferd  gebunden,  das  allein  nach Hause findet«, sagte Ric.  »So unbeliebt bin ich bei dir?«  »Du weißt es besser, Du mußt es besser wissen«, sagte er. Er  trat näher zu ihr. »Ich mag dich sehr gern.«  »Aber du hast eine Frau – «  »Gwen? Sie ist nicht meine Frau.«  »Ihr Kind, es ist nicht deines?«  »Yatar, nein! Wie kommst du darauf?«  »Niemand wollte fragen«, sagte Tylara. »Dann – gibt es sonst  niemanden? Niemanden, zu dem du zurückkehren möchtest?«  Er  legte  seine  Hände  auf  ihre  Schultern.  »Das  einzige  Mädchen  um  das  ich mich  sorge,  bist  du. Wußtest  du  das  nicht?«  »Ich hoffte  es.«  Sie  zögerte.  »Rick,  ich werde  immer Lamil , lieben, meinen Mann – «  »Und nie jemanden anders?«  »Ich liebe schon jemand anders.«  Der Brauch verlangte eine  längere Trauerzeit, aber wenn es  Rick nichts ausmachte, machte es ihr auch nichts aus. Als er zu  ihr kam, wehrte sie sich nicht.    *    Er wurde  bei Anbruch  der Dämmerung  geweckt, wie  er  es  befohlen  hatte,  aber  die  Kavalleriescouts  meldeten  keine  Zeichen einer Bewegung im römischen Lager. Rick sandte eine  andere Scoutgruppe hinaus und versuchte sich wieder ins Bett  zu  legen; nach  einer  halben  Stunde wußte  er, daß  es  keinen  Zweck  hatte,  und  er  ging  hinaus,  um  zu  sehen,  daß  die  Männer  alle  ein  warmes  Frühstück  bekamen.  Wellington  bestand am Morgen vor Waterloo auf eine heiße Mahlzeit, und  er  glaubte  immer,  daß  die  Biscuits  und  die  »Kraftbreis«  genausoviel mit  seinem Sieg zu  tun hatten wie  irgend  etwas  anderes.  Wenn  die  Römer  früh  angriffen,  schien  die  Sonne  seinen  Bogenschützen  in  die  Augen.  Es  gab  nichts,  was  er  gegen  dieses Problem tun konnte.  Im  Lager  war  alles  ruhig.  Es  war  nicht  die  Stimme  von  Soldaten,  die  in  ihre  Fähigkeiten  vertrauten.  Es  gab  sporadisches Gemurmel, kleine Scherze, die normalerweise zu  einem  Lachen  angeschwollen  wären,  Spekulationen  über  verschiedene  Frauen,  sogar  ein  paar  Versuche,  fröhlich  zu  sein, aber jedes Gespräch erstarb wieder in Stille.  »Sie  sind  ängstlich,  Capt’n«,  sagte  Mason.  »Ich  kann  es , fühlen.«  »Ich auch.«  »Es  ist  das Warten«,  sagte Mason.  Er  schielte  nach Osten.  »Ich wünsche  fast,  sie würden  kommen,  und wir  hätten  es  hinter uns, obwohl es besser ist, wenn die Sonne höher steht.«  »Sie werden  früh genug hier sein. Lauf ein bißchen herum.  Sieh  ganz  normal  aus und  sorge dafür, daß  sie das Gewehr  sehen.«  Mason  grinste.  »Den  Patronengurt  zeige  ich  ihnen  aber  besser nicht.«  »Dies wird nicht unser  einziger Kampf  sein«, warnte Rick.  »Schieß  nicht  zuviel.«  Er  zögerte.  »Falls  irgend  etwas  dazwischenkommt,  werde  ich  versuchen,  Tylara  herauszubringen. Die Römer werden versuchen, uns von der  Straße abzuschneiden, die zurückführt. Wenn ich zu der Villa  durchkomme, die wir  zuerst plünderten, werde  ich  so  lange  auf dich warten, wie ich kann. Du tust das gleiche.«  »Gut. Ich würde mir nicht so viele Sorgen machen, Capt’n.«  »Machst du dir keine?«  »Fürs Sorgenmachen werde  ich nicht bezahlt. Dafür gibt es  Offiziere.«  Die Wahre Sonne stand halb hoch und der Feuerstehler drei  Handbreit über dem Horizont, als der Scoutmelder einritt. Die  Legion näherte sich.  »Kommen sie alle?« fragte Rick. »Wie sind sie formiert?«  »Sie  sind  alle  zusammen«,  berichtete  der  Scout.  »Sie  kommen  in  zwei  großen Gruppen. Die Linke  von  ihnen  aus  geht leicht vor der Rechten.«  »Und wo ist Lady Tylara?«  »Wie Sie befahlen, zieht sie sich von ihnen zurück, behält sie , aber im Auge. Sie schickt Boten, wenn sie ihre Einheit teilen.«  »Ausgezeichnet«,  sagte Rick.  Er wendete  sich  zu Drumold  um. »Laß die Kampfhörner blasen.«  Die  Gebirgsbewohner  Tamaerthons  waren  offensichtlich  keltischen Ursprungs, und Rick vermutete, daß sie Dudelsäcke  hatten;  aber  entweder  stammten  ihre  Vorfahren  von  einer  Gruppe ab, die  sie nicht gebrauchten, oder diese Kunst ging  während  der  Jahrhunderte  auf  Tran  verloren.  Statt  dessen  bliesen sie ein  langes, gedrehtes Horn, das ein wenig an eine  dünne Tuba erinnerte. Auf Drumolds Wink erklangen sie, und  die,  die  dem  Lager  folgten,  begannen  das  Schlagen  von  Trommeln zu imitieren. Die Pikenmänner und Bogenschützen  rannten zu ihren Waffen.  Rick kletterte auf das Dach der Villa. Für die Moral wäre es  besser, wenn  er  in der Kampflinie blieb,  aber  er konnte  sich  keine mutmachenden Gesten leisten. Mehr als ein Kampf war  verloren worden, weil der Kommandant nicht wußte, was mit  seinen  Einheiten  passierte. Die  Stabsoffiziere,  die  er  gewählt  hatte,  mit  ihm  dort  auszuhalten,  mochten  es  ebensowenig,  dort  oben  zu  sein,  aber  er  hatte  die  Wichtigkeit  der  Kommunikation  immer wieder  betont,  bis  schließlich  einige  verstanden,  wie  lebenswichtig  er  Boten  brauchte,  deren  Befehle auch befolgt wurden.  Die Sicht nach Osten wurde  teilweise durch niedrige Berge  verdeckt, aber von der günstigsten Stelle des Daches konnte er  gerade  noch  die  scharlachroten  und  gelben  Wimpel  seiner  leichten Kavallerie sehen. Sie stoppten am Abhang des Berges  und  sahen  auf  etwas  hinunter.  Er  versuchte  Tylara  auszumachen, aber die Entfernung war zu groß. Er fühlte eine  momentane  Panik  in  sich  aufsteigen.  Vielleicht war  sie  von , den Römern gefangengenommen worden. Aber es gab keinen  Grund, sich jetzt darüber Sorgen zu machen.  Die  Ersten  Piken  rückten  glatt  in  ihre  Formation,  ein  Rechteck,  125  Mann  breit  und  8  Mann  tief.  Die  Schweizer  hatten  ihre  Pikenmänner  in  genaue  quadratische  Blocks  eingeteilt,  aber  er  hätte  noch  eine  Front  bilden müssen,  um  diese  zu  schützen. Während  er  beobachtete,  legten  sie  ihre  Waffen nieder, handelten beinahe wie ein Mann. Auf diese Art  waren sie nicht erschöpft, wenn der Kampf begann.  Vor  ihm  tauchte  ein  Wald  von  Piken  auf,  es  waren  die  zweitausend  Männer  der  Zweiten  Piken.  Durch  den  Feldstecher  konnte  er  die  einzelnen  Landsknechte  erkennen.  Sie  sahen  nervös  aus.  Gut,  er  war  es  auch.  Da  kamen  die  Bogenschützen,  um  ihren  Platz  zwischen  den  gespitzten  Pfählen,  die  ihre  Position  markierten,  einzunehmen.  Ihre  Reihen waren nicht so geometrisch wie die der Pikenmänner.  Nun,  das  wurde  auch  nicht  von  ihnen  erwartet. Wenn  die  schweren  Kavalleriemänner  zwischen  die  Bogenschützen  geraten sollten, um Mann gegen Mann zu kämpfen, wäre die  Schlacht vorbei.  Sein Blick glitt zurück zum Horizont. Seine leichte Kavallerie  machte Front zu ihm, und sie ritten wie der Teufel. Er hob den  Feldstecher gerade  rechtzeitig, um den ersten Feind über die  niedrigen  Hügel  ungefähr  zwölfhundert  Meter  entfernt,  kommen zu sehen.    *    Die Römer trabten wie eine gepanzerte Flut auf sie zu. Tylara  hatte  keine  Schwierigkeiten, die  leichte Kavallerie‐Einheit  zu , überzeugen, daß sie Panik simulieren sollten. Eher wäre es ein  Problem gewesen,  sie zu halten, während die Römer  in Trab  fielen. Es sah aus, als könnte nichts diese Stahlflut stoppen.  Sie ritten hart, vorbei an den Ersten und Zweiten Piken, den  freien Weg hinunter, der zur Villa  führte.  Ihre Pferde waren,  noch bevor sie  innerhalb  ihrer eigenen Linien waren, naß vor  Schweiß. Tylara hatte die ganze Zeit bewußt geführt, und als  sie  ihr Pferd nun zügelte, hielten die anderen an. Einige von  ihnen wollten  vielleicht  gar  nicht.  Eine  Kavallerie‐Gruppe  –  Rick nannte sie einen »Zug«, ein fremdes Wort – würde in den  Süden, jenseits der Sklavenbaracken gehen, um sie zu warnen,  falls die Römer versuchten, den Wald einzukreisen um sie von  hinten anzugreifen, aber Rick hatte betont, daß es wichtig sei,  zuerst anzuhalten, um zu demonstrieren, daß sie nicht wirklich  wegliefen.  Wieder einmal wunderte sie sich über die Details, an die er  dachte.  Nichts  schien  für  ihn  unbedeutend.  Jeder  gute  Anführer inspizierte die Clanwaffen, aber Rick sah auch nach  ihren  Stiefeln  und  Schlafdecken. Wer würde  daran  gedacht  haben,  Spaten  mitzubringen?  Oder  Schleifsteine?  Oder  spezielle  Abteilungen  zu  bestimmen,  die  Holz  holten,  um  Feuer zu machen? Ohne ihn wären sie verloren. Er hatte recht,  daß er auf dem Dach der Villa stand anstatt in der vordersten  Front des Clans. Er hatte keine Angst vor dem Kampf, ganz  gleich, was einige der jungen Krieger sagten.  Sie stieg vor den Stufen der Villa ab. Genau vor  ihr saß  ihr  Bruder mit dem Banner ihres Vaters auf seinem Pferd, umringt  von ihren Kavalleriemännern. Tylara grinste in sich hinein, als  sie  die  Stufen  zum  Dach  hinaufschritt.  Diese  jungen  Leute  hatten  mächtig  protestiert,  daß  ihr  Platz  in  der  vordersten , Front  der  Schlacht  sei,  aber  nun,  da  sie  die  Römer  gesehen  hatten, sahen sie nicht mehr so begierig dem Angriff entgegen.  Rick schaute durch seine weitblickenden Gläser. Feldstecher.  Sie mußte dieses Wort behalten. Sie  stieg über das Geländer,  um zu ihm zu gelangen. Sein Lächeln erwärmte sie.  »Wie nahe kamst du ran?« fragte Rick.  »Langbogenschuß.  Sie  trugen Kurzbögen,  und wir wollten  deswegen nicht noch näher ran.«  »Du  lernst  dazu«,  sagte  Rick.  Er murmelte  etwas  zu  sich  selbst, in seiner fremden Sprache, dann sprach er in ihrer, aber  immer  noch  mehr  zu  sich  selbst  als  zu  ihr.  »Lanzen  und  Schwerter. Keine Schilde.«  »Warum haben sie angehalten?«  »Um die Aufstellung zu besprechen«, sagte Rick. »Aber am  ehesten wohl, weil sie hoffen, daß wir aus unserer Formation  brechen  und  sie  verfolgen.«  Er  wendete  sich  einem  Stabsoffizier zu. »Geh hinaus zu  jedem Regiment. Versichere  dich, daß die Kommandanten verstehen, daß die Römer zum  Angriff übergehen und sie in diesem Fall so tun sollen, als ob  sie wegliefen.  Sie wollen, daß wir uns  zerstreuen. Wenn wir  diesen Köder fressen, machen sie uns fertig. Den ersten Mann,  den  ich ohne Befehl aus der Formation brechen sehe, schieße  ich von hier aus nieder.«  »Ich  hätte  diese Meldung  besser  selbst  überbracht«,  sagte  Tylara. »Die Clansmänner werden es nicht gerne hören.«  »Sie  haben  es  schon  vorher  gehört,  und  ich  brauche  dich  hier. Beweg dich, Duhnhaig. Und komm zurück, wenn du es  ihnen gesagt hast.«  Der  siebte  Führer  sah  Tylara merkwürdig  an.  Sie  lächelte  ihm  ihren Dank zu und bedeutete  ihm, sich auf den Weg zu , machen.                                                           ,   »Du sprichst. sehr grob mit wichtigen Anführern«, sagte sie  zu Rick, nachdem Duhnhaig gegangen war.  »Verdammt noch mal – nein. Entschuldigung. Du hast recht.  Aber  es  ist  mein  Fehler,  wenn  wir  verlieren,  ganz  gleich,  warum.  Deshalb  brauche  ich  dich  hier,  bei  mir.  Mit  den  Römern kann ich umgehen – um unsere eigenen Truppen muß  ich mir Gedanken machen.«  Aus den Reihen der Römer war das Schmettern eines Horns  zu  vernehmen.  Sie  hatten  sich  zu  zwei  massiven  Blocks  geformt,  jeder  zehn  Reihen  tief,  Reiter  Knie  an  Knie,  die  Lanzen  mit  ihren  Fahnen  hoch  haltend.  Die  Trompeten  schmetterten wieder, aber es gab keine Bewegung.  Die Antwort kam von dem Trommeln der Clanfrauen und  dem schrilleren Klang der Kriegshörner von Tamaerthon.    *    Präfekt Marselius  fluchte  leise.  Er  hatte  gehofft,  daß  ihn  die  Barbaren  entweder  angreifen  oder  ausbrechen  und  laufen  würden,  aber  sie  taten  nichts dergleichen. Er war  sich mehr  und mehr sicher, daß sie ein römischer Offizier führte. Er hatte  noch nie gehört, daß Bergstämme in einer regulären Formation  standen und auf einen Angriff warteten.  Diese Blöcke von Speermännern sahen auch bemerkenswert  standfest aus. Über  Jahrhunderte hinweg hatte Rom Taktiken  ausgearbeitet,  die  mit  jeder  Situation  fertig  wurden. Wenn  man Speeren gegenüberstand, sah die Standardpraxis so aus,  daß man auf äußerste Bogenreich‐weite vordrang und sie mit  Pfeilen reizte, bis sie angriffen, und dann machte man sie mit , Schwertern nieder.  So  würde  es  aber  hier  nicht  gehen.  Er  konnte  zu  viele  Bogenschützen  sehen, die  hinter diesen Gräben und  Pfählen  formiert  waren,  und  er  hatte  schon  Erfahrungen  mit  den  Langbögen dieser Bergmänner gesammelt. Sie übertrafen alles  an  Reichweite,  was  ein  Pferde‐Bogenschütze  bieten  konnte,  und  ein Kampf der Bogenschützen kostete weit mehr,  als  er  Gewinn brachte.  Die  Standardtaktik  gegen  Bogenschützen  war  ein  Ausfall  mit  Lanzen. Man  ließ  sie  so  schnell  reiten, wie  sie  konnten,  und verlor  einige Männer  zwischen  ihnen;  aber  einmal dort,  und  der  Kampf  wäre  vorbei.  Falls  sie  mit  Speermännern  gemischt waren, wie  sie  es  öfter  taten,  unternahm man  das  gleiche. Wenn  sie  Pfähle  und Hindernisse  aufgebaut  hatten,  mußten  einige  Zenturien  absteigen  und  einen  Pfad  für  den  Rest schlagen.  Die  Taktiker  hatten  die  Situation  von  gemischten  Bogenschützen‐  und  Speerblöcken  nicht  berücksichtigt.  Marselius selbst hatte noch nie von einer derartigen Situation  gehört. Er hatte aber auch noch nie von Barbaren gehört, die so  weit  vorgedrungen  waren  und  auf  einen  Kampf  warteten,  oder  von  Kavalleriescouts,  die  ihn  vom  Lager  bis  zum  Schlachtfeld beobachteten.  »Die Männer werden unruhig«, sagte der älteste Legat.  »Laß  sie. Wir  brauchen  Zeit,  damit  die Angst  bei  unseren  Feinden wächst.«  »Wir ermüden auch die Pferde.«  Wahr genug. Ein Mann in Rüstung war eine schwere Bürde,  sogar  für ein Kriegsroß.  Je  länger sie belastet waren und still  standen,  desto  langsamer  waren  sie  nachher  beim  Angriff. , »Blast  Trompeten«,  befahl Marselius.  »Spielt  falsche  Signale.  Marschmusik.«  Das Horn schmetterte, und vom Lager der Barbaren erfolgte  die Antwort mit  ihren eigenen Hörnern und Trommeln. Das,  endlich,  war  Standard.  Die  Frauen  der  Bergmänner  trommelten  ununterbrochen.  Es  hieß,  daß  dies  eine Art  von  Bitte an ihre barbarischen Götter bedeutete.  Er  überprüfte  noch  einmal  die  Lage,  erwog  noch  einmal  seinen  Entschluß,  keine  seiner  Einheiten weder  um  den  See  noch um den Wald zu schicken, um die Stammeskrieger von  hinten  anzugreifen.  Die  moralische Wirkung  eines  Angriffs  von hinten war oft verheerend, aber  er vermutete, daß diese  Barbaren dadurch nicht erschüttert würden. Wie auch immer,  in diesem Gewirr von Bewässerungsgräben im Süden der Villa  war  seine Kavallerie nahezu kampfunfähig. Es war nicht die  Teilung seiner Legion wert.  Er  könnte  sich  zurückziehen. Die  Stammeskrieger würden  folgen, und er konnte sie auf offenem Gelände abfangen. Die  Legaten würden  es nicht gutheißen  –  es machte Angst. Und  obwohl  die  Barbaren  im  Freien  leichter  zu  besiegen waren,  würden auch mehr von  ihnen dahingehen. Nein. Man mußte  sie lehren, nicht in das Empire einzudringen.  Es  gab  noch  einen  anderen  Faktor.  Die  Villa  war  nicht  niedergebrannt.  Ein  kühner  Streich,  und  sie würde  intakt  in  die Hände von Sempronius’ Familie zurückfallen – vielleicht  konnte  er  den  Patrizier  sogar  noch  lebend  befreien. Anstatt  hierfür gehaßt zu werden, erntete er von Cäsars Verwandten  vielleicht noch Dankbarkeit.  Sie mußten angreifen, solange die Pferde noch frisch waren.  Es  gab  nichts, was’  sie durch Warten  gewinnen  konnten. Er , stellte sich in den Steigbügeln auf. »Blast die Signale für einen  Lanzenangriff«, befahl er.    3    Die  Stahlflut  setzte  sich  in Gang,  dann  fiel  sie  in  Trab. Die  Lanzen  senkten  sich gleichzeitig, und die gepanzerten Reiter  ergossen  sich  über  sie,  spornten  zu  einem  Gegenangriff  an.  Rick  fühlte  einen  letzten  Stich  Angst,  schluckte  hart  und  gewann wieder die Kontrolle über seine Nerven.  Sie kamen  in  einer  einzelnen Welle, vier Reihen  tief,  ritten  fast Knie an Knie,  ihre Linie  erstreckte  sich beinahe von den  Wäldern bis zum See. »Sie wollen uns überrollen«, sagte Rick.  Er  fragte  sich, was  er  tun würde, wenn  er der Kommandant  der Feinde wäre. Ein Angriff auf das Haus? Das wäre  sicher  eine wirksamere Taktik  als  die, die die  Franzosen  bei Crecy  angewendet  hatten,  wo  sie  in  kleinen  Häufchen  von  undisziplinierten,  feudalen  Lords  gekommen  waren.  Diese  Truppen  waren  um  vieles  besser,  als  alles,  was  Philip  an  diesem Augusttag bei sich gehabt hatte.  Sie waren fast in Reichweite der Bogenschützen. Rick konnte  sicher  sein, wo die Linie war, da  er  sie mit Pfählen markiert  hatte. Die  Bogenschützen  erhoben  ihre  Bögen  und  spannten  sie.  Ein  oder  zwei  Pfeile. Rick  hoffte,  daß  die Unteroffiziere  sich  die  Namen  merkten.  Sie  hatten  den  Zeitpunkt  des  Loslassens  sorgfältig  errechnet:  angenommen  die  schwere  Kavallerie ritt 15 Meilen die Stunde, und die Zeit, die ein Pfeil  bei der extremsten Reichweite braucht ‐  »Laßt die Möwen  fliegen!«  schrie  jemand. Die Pfeile  flogen  hoch wie ein Schwärm, beschrieben einen hohen Bogen, und , senkten sich auf die angreifenden Reiter. , Die Wirkung erfolgte im selben Augenblick. Die Reihen vor  den Bogenschützen verloren  ihre geometrische Präzision und  lösten sich  in eine Welle von  im Rücken verwundeter Pferde  auf. Es ertönten laute Schreie, als Pferde und Männer den Stich  der eisenbeschlagenen Pfeile spürten.  Englische Langbogenschützen  konnten  alle  zehn  Sekunden  einen Pfeil  abschießen. Die  tamaerthonischen Bogenschützen  waren  fast  genausogut.  Während  die  römischen  Kavalleriemänner  –  Rick  konnte  sich  immer  noch  nicht  überwinden,  eine  Formation  von  gepanzerten  Kriegern  auf  Pferderücken eine »Legion« zu nennen – die  letzten 250 Yard  zurücklegten,  flogen  die  tamaerthonischen  Möwen  noch  dreimal. Dann  sprangen die Bogenschützen zurück über  ihre  Pfähle und feuerten weiter auf die Reihen der Feinde.  Trotz allem, was die Bogenschützen  trafen, waren sie keine  richtige  Formation.  Die  Reiter  galoppierten  zu  schnell,  um  anzuhalten,  als  sie  die  auf  sie  gerichteten  Pfähle  sahen,  und  versuchten,  ihre  Reittiere  um  sie  herumzuführen,  aber  die  Pferde  liefen den anderen  in den Weg, während verwundete  und reiterlose Tiere ziellos zwischen ihnen herumrasten.  Mittlerweile  hatten  die  Ersten  Piken  ihren  anfänglichen  Schock hinter sich – nur, es war kein richtiger Schock. Die erste  Reihe der Pikenmänner kniete und hielt  ihre Waffen mit der  Spitze nach oben, genau auf die Augen der Pferde gerichtet.  Die nächsten drei Reihen hielten die Waffen hoch, die Spitzen  stießen über die Köpfe der knienden ersten Reihe hinweg. Sie  präsentierten eine Wand von Stahlspitzen, der die Pferde nicht  standhalten würden. Sie wichen  ihr  aus oder blieben  stehen,  einige mit einer Plötzlichkeit, die die Reiter abwarf. Nicht eine  einzige Lanze fand den Weg zwischen die Pikenmänner. , »Das wäre die Zeit für einen Angriff«, murmelte Rick. »Aber  ich  kann  nicht.  Sie  sind  nicht  diszipliniert  genug,  um  in  Formation stehenzubleiben.«  Die  erste  Reihe  der  Römer  stieg  ab,  um  die  Piken  mit  Schwertern  anzugreifen.  Sie  waren mutiger  als  ihre  Pferde,  und  einige  gelangten  unter  die  Pikenmänner,  obwohl  die  meisten durch die  schweren Spitzen niedergestoßen wurden.  Die wenigen,  die  es  geschafft  hatten,  zu  den  Pikenmännern  vorzudringen, metzelten  einige der  ersten Reihe nieder, aber  die hinteren Reihen  stießen vor und  schlugen  sie nieder. Die  Pikenmänner  schrien  ihren  Triumph  hinaus,  und  die  ermutigende Stimmung übertrug sich auf alle.  Alles passierte auf einmal und viel zu schnell, als daß Rick  etwas tun konnte, um den Kampf zu beeinflussen. Der Kampf  auf  Ricks  rechtem  Flügel  war  schon  ziemlich  vorbei,  noch  bevor  die  römischen  Pferde  den  viel  größeren  Block  Bogenschützen  und  Pikenmänner,  der  unterhalb  der  Villa  aufgebaut war, erreichten.  Als die  führende Welle der  römischen Kavallerie die breite  Front  des  Zweiten  Piken‐Regimentes  erreichte,  scheuten  die  Pferde vor der Wand von Spitzen, drängten sich auf ihre linke  Seite,  so daß  sie  vor den Bogenschützen  zusammengedrängt  wurden.  Die Wagen,  die  gefällten  Bäume  und  die  anderen  Hindernisse konzentrierten den Feind immer dichter, da jeder  Reiter  versuchte,  einen  der  freigehaltenen  Pfade  hinunterzueilen.  Die grauen Möwen flogen auf den freien Pfad hinunter und  streckten  Pferde  und  Reiter  nieder.  Die  Angreifer  drangen  tiefer  ein.  Die  Reihe  der  Bogenschützen  war  hier  sehr  viel  dünner als zwischen den Ersten und Zweiten Piken; sie mußte , es auch sein, da die Front hier dreifach zu schützen war. Die  Pfeile  flogen weniger  dicht,  und  die  Sicherheit  dieser  Front,  verglichen mit der massiven Wand von Pikenspitzen, zog die  stahlgerüsteten Römer an wie ein Magnet.  Diejenigen,  die  durch  Gräben  und  Bäume  aufgehalten  wurden,  stiegen  von  ihren Pferden und drangen weiter  vor,  indem sie Kriegsschreie ausstießen.  »Jetzt!« schrie Tylara. »Benutzt eure Sternenwaffen! Jetzt!«  »Nicht  sofort.«  Rick  beobachtete  die  Entwicklung  der  Situation. Die Römer  zu Fuß waren gefährlich.  Ihre Rüstung  schützte  sie  teilweise  vor  den  Pfeilen. Aber  sie waren  auch  sehr  viel  langsamer,  und  die  Bogenschützen  hatten  mehr  Gelegenheit zu schießen. Die römische Welle kam schwerfällig  vorwärts, passierte die Waggons, umging die gefällten Bäume,  übersprang  oder  umging  die  Gräben,  wälzte  sich  auf  die  Bogenschützen  zu,  die  jetzt  keinen  anderen  Schutz  als  ihre  Pfähle  hatten. Die  Bogenschützen  fielen  unfreiwillig  zurück,  und immer weiter zurück ‐  Sie wurden  aufgehalten, da  sie mit dem Rücken gegen die  schwere  Kavallerie  und  Drumolds  Banner  stießen.  Sie  stoppten für einen Moment, um eine weitere Salve von Pfeilen  auf  die Römer  zu  feuern,  die  zwischen  den  Pfählen  gingen,  ihrer letzten Verteidigungslinie.  »Jetzt!«  sagte Rick. Er  rief  einem  berittenen Boten  vor  ihm  etwas zu. »Jetzt!« Er  rannte die Treppe hinunter,  schrie nach  seiner  Ordonnanz  und  seinen  Boten.  Es  war  Zeit,  in  den  Kampf einzugreifen.    *   , Tylara  beobachtete  ohne  Angst  den  Eröffnungsangriff  der  schrecklichen Römer. Zu Rick hatte sie Vertrauen, wenn auch  nicht  in  ihre Clanleute. Als  sie die  römische Welle gegen die  Bogenschützen und Pikenmänner brechen sah, war sie sicher,  daß sie gewonnen hatten.  Aber die Römer drangen weiter vor. Als  sie abstiegen, um  die  Bogenschützen  und  das  Banner  ihres  Vaters  hinter  der  Schützenlinie  anzugreifen,  ergriff  Tylara  wieder  die  Angst.  Verstand Rick nicht, daß die Hälfte der Clanmänner versuchen  würde, sich selbst zu retten, egal auf welche Art, wenn dieses  Banner  fiel?  Warum  tötete  Rick  sie  nicht  mit  seinen  Donnerwaffen?  Es  schien,  als hätte  er vergessen, daß  er bewaffnet war. Er  war weit mehr  damit  beschäftigt,  seinen  Boten Nachrichten  zuzurufen. Nun rannte er zur Treppe. Tylara folgte ihm, fragte  sich, was er vorhatte.  Der  Lärm  des  Kampfes  füllte  ihre  Ohren.  Sie  hörte  Rick  wieder schreien, aber sie konnte ihn nicht verstehen.  Direkt  vor  ihr,  keine  dreißig  Yard  von  der  Villa  entfernt,  tobte  ein  verzweifelter  Kampf,  die  Römer  marschierten  vorwärts  in  den  Pfeilhagel.  Die  Bogenschützen  zogen  sich  zurück,  immer noch  in einer geordneten Reihe, aber hier und  da brach ein Mann aus und rannte.  Die  Römer  mußten  aufgehalten  werden.  Ihre  leichte  Kavallerie‐Eskorte  stand  neben  der  Villa.  Sie  würden  nicht  sehr viel gegen gepanzerte Krieger  ausrichten können,  selbst  nicht  gegen Krieger  zu  Fuß. Aber  die  schwerer  gepanzerten  Männer ihres Bruders könnte man nun vielleicht einschalten –  dort  rannte  Rick,  und  sein  Offizier  hielt  ein  Pferd  für  ihn  bereit. Wollte Rick sie selbst gegen die Römer führen? , Das war Ricks Angelegenheit. Die leichte Kavallerie war die  ihre. Sie rief ihnen zu aufzusitzen und führte sie vorwärts, um  die Rückzugslinie der Bogenschützen zu stärken. Die Schützen  ließen  sie  durch,  und  sie  jagte,  die  Streitaxt  schwingend,  vorwärts. Sie wußte, daß  sie damit nicht geschickt war, aber  der  einzige  Weg,  um  sicherzugehen,  daß  die  anderen  angriffen, war, sie selbst anzuführen.  Ein Römer  stieß mit  einer Lanze  nach  ihr.  Sie parierte mit  der Axt, geriet  in  seine Reichweite,  schwang die Axt herum,  um  ihn zu  töten. Sie schlug  in seinen Helm, drang aber nicht  ganz durch, und während der Mann von dem Schlag taumelte,  rannte ein Bogenschütze zu  ihm und streckte den Römer mit  dem  Holzhammer  nieder,  den  sie  benutzt  hatten,  um  die  Pfähle einzuhauen. Der Römer fiel.  Andere Römer rückten vor. Viele der Bogenschützen hatten  keine  Pfeile mehr,  und  obwohl  einige  ihre  Schwerter  zogen  und mutig  stehenblieben, wichen andere zurück. Sie würden  bald alle rennen.  Die römische Linie stoppte. Es gab Schreie und Rufe, und die  Römer drehten sich um, von Entsetzen erfüllt ‐  Das Dritte  Piken‐Regiment  hatte  sich  nach  links  gewendet  und griff die Römer an. Sie  formten einen unwiderstehlichen  Rammbock aus Stahlspitzen und drangen vorwärts, trafen die  Römer von der Seite und von hinten.  Es gab mehr Schreie. Die rückwärtigen Reihen der Zweiten  Piken hatten ebenfalls in den Kampf eingegriffen, schwenkten,  um einen Block von dreißig Mann im Quadrat zu bilden, und  steuerten hinunter auf die Römer zu.  Nun  dachten  die  Römer  an  nichts  anderes  mehr  als  Rückzug. Die, die immer noch auf Pferden saßen, versuchten, , aus  den  schmalen  Pfaden  zwischen  den  Gräben  herauszukommen, während die zu Fuß gehenden verzweifelt  versuchten,  ihre  Pferde  einzufangen  und  den  Piken  auszuweichen, die von beiden Seiten auf sie eindrangen. Eine  weitere Salve von Pfeilen schlug eine Bresche in die römischen  Reihen.  Sie  waren  aber  immer  noch  gefährlich.  Ein  Römer  griff  Tylara an, und  sie  schwang wild  ihre Axt, verfehlte  ihn, gab  ihm  aber  Grund,  zurückzuweichen.  Dann  kamen  die  Pikenmänner wieder, und der Römer  ließ sein Schwert  fallen  und fiel.  Tylara  wendete  sich  gerade  in  dem  Moment  von  der  Schlacht  ab,  um  nach  Rick  zu  suchen,  als  sie  ihn  zu  ihrer  Rechten die schwere Kavallerie führen sah.    *    Rick  brüllte, während  er  rannte,  laute Befehle.  »Dritte Piken  nach rechts und angreifen.« Er schickte diesen Boten weg und  rief nach einem anderen. »Zweites Batallion der Zweiten Piken  bildet einen Block, schwenkt nach rechts und greift an.« Nun  hoffe  ich  nur  noch  bei  Gott,  daß  der  ganze  Drill,  den  wir  während  des  Sommers  übten,  eine Wirkung  hat. Wir  haben  sie! Bei Gott, wir haben sie.  Es gab einen schwachen Punkt. Während die Dritten Piken  in den Kampf eingriffen, ließen sie zwischen sich und dem See  eine Lücke, während das, was die ganze Zeit  ihre Front war,  nun  zu  ihrer  rechten  Flanke  werden  würde,  die  völlig  bloßgestellt war.  Ein Angriff  hier  oder  in  der  Lücke würde  verheerend sein. , Es  war  aber  nicht  so.  Die  Römer  hatten  keine  Reserve  zurückgehalten. Schlechte Taktik. Es war immer lohnend, sich  eine Reserve zu halten. Ohne Reserve kann man die Fehler des  Feindes nicht ausnutzen, und der Sieg ging gewöhnlich an die  Seite, die die wenigsten Fehler beging ‐  Er  fand  sein Pferd und  schwang  sich  in den Sattel, winkte  dabei den schweren Kavalleriemännern zu,  ihm zu folgen. Er  fluchte,  als  er  sah,  daß Drumold  und  sein  Sohn  führten.  Er  wollte das Banner nicht ausstellen. Aber dann sah er, warum.  Die anderen hatten sich nicht bewegt, nun folgten sie zögernd  ihrem  Führer und Banner. Natürlich.  Sie wollten  am Kampf  teilnehmen,  und  hier  war  Rick,  der  sie  davon  wegführte.  Drumold hatte  ein Wunder vollbracht, da  es  ihm gelang,  sie  die ganze Zeit festzuhalten.  Okay,  das  Banner  kam  auch mit. Nun wagte  er  es  nicht,  diese Reserve einzusetzen, bevor er sicher war, daß sie siegen  würden. Er wünschte,  er  könnte  sehen, was draußen  an der  Front  der  Ersten  Piken  passierte.  Der  Angriff  dort  wurde  niedergeschlagen, und es würde verdammt viel Arbeit kosten,  einen neuen zu arrangieren – aber die Römer hatten gezeigt,  daß  sie  beständig  waren,  und  er  hatte  nicht  das  Recht  anzunehmen, daß ihr Kommandant ein Narr sei.  Sie umgingen die rechte – nun die hintere – Seite der Dritten  Piken,  brüllten  Schlachtrufe,  um  die  Infanterie  nicht  zu  verunsichern. Er wollte nicht, daß sie in Panik gerieten, wenn  sie fremdes Hufgetrampel hinter sich hörten.  Draußen an der Front standen die Dinge für einen Moment  still.  Der  rechte  Flügel  der  römischen  Armee  hatte  sich  zurückgezogen, und die Männer liefen umher. Es würde noch  eine Weile  dauern,  ehe  sie  eine  andere  Formation  für  einen , neuen Angriff gebildet hatten.  Die  ersten  Piken  standen  ungezwungen  da  und  schauten  neugierig zurück zum Hauptkampf. Balquhain hob das Clan‐ Banner hoch. Ein Beifallssturm lief durch die Reihen.  Die Bogenschützen, die sich den Ersten und Zweiten Piken  angeschlossen hatten, waren zu  ihren Pfählen zurückgekehrt,  und  einige von  ihnen  liefen vor den Pfählen umher, um die  toten Körper  auszuplündern,  dabei  gingen  sie  auf Nummer  Sicher, daß das, was  sie ausraubten,  auch Leichen waren. Es  schien keine Möglichkeit zu geben, das zu verhindern.  Innerhalb  des  Kessels  ging  das  Gemetzel  weiter.  Die  Fluchtwege  waren  mit  Leichen  vollgestapelt,  und  mancher  unternehmungslustige  Offizier  der  Zweiten  hatte  auf  jeden  Pfad ein paar Pikenmänner abkommandiert. Die Pikenmänner  standen  hinter  Bergen  von  Leichen  und  hielten  die Villa  im  Auge,  verhinderten,  daß  irgendeiner  floh.  Die  Römer  innerhalb  dieses  Kessels waren  so  dicht  aneinandergepreßt,  daß  sie  ihre  Waffen  nicht  mehr  benutzen  konnten.  Auch  wurden  sie  allmählich  müde.  Das  war  der  Nachteil  der  Rüstungen. Der Schutz, den sie gaben, verlangte einen hohen  Preis.  Ha! Der  rechte  Flügel  der  Römer  hatte  sich  neu  formiert.  Rick  benutzte  seinen  Feldstecher,  um  den  scharlachroten  Umhang  und  die  goldenen Armbänder  des Kommandanten  ausfindig zu machen. Der Mann stand in den Steigbügeln, um  den Kampf  zu  verfolgen. Es war  offensichtlich, daß  er  nicht  wußte, wo er angreifen sollte. Die beste Stelle – die Flanke der  Dritten Piken – wurde durch Ricks schwere Kavalleriemänner  geschützt; und wenn  sie die Dritten Piken  angriffen,  stellten  die  Römer  ihre  Flanke  zu  einem  Kavallerieangriff  bloß. , Mittlerweile hatte der römische Kommandant die Hälfte seiner  Armee in dem Kessel verloren.  Aha.  Er  hatte  vor,  eine  Truppe  zwischen  den  Verbindungspunkt  der  Zweiten  Piken  und  den  Bogenschützen,  die mit  den  Ersten  und  Zweiten  verbunden  waren,  zu  treiben. Wenn  sie  dort  durchkamen,  würden  sie  Ricks  Einheit  in  zwei  Teile  schneiden,  und  sie  hätten  eine  ausgezeichnete  Chance,  seine  Hauptmacht  zusammenzudrücken  und  gleichzeitig  den  Druck  auf  ihre  Truppen, die  in dem Kessel  gefangen waren,  aufzulösen. Es  war  eine  gute  Taktik,  aber  etwas  einfältig.  Wenn  sie  die  Bogenschützen  bei  ihrem  ersten  Angriff  nicht  auseinanderbrechen konnten, warum dachten sie, sie könnten  es jetzt, da ihre Pferde außer Atem waren?  Aber was konnten sie sonst tun? Noch mehr Männer in den  Kessel  zu  schicken,  wäre  noch  schlimmer  als  nutzlos. Was  würde ich tun, wenn ich‐  »Wir  stehen  herum wie  Feiglinge!« Dughuilas,  der  Führer  des größten Unterclans, zog sein Schwert. »Ich will nicht, daß  man  sagt,  ich  hätte  diesem  Kampf  zugesehen,  ohne  daran  teilzunehmen.«  Oh, verdammt noch mal. Das fehlte mir gerade noch. »Halt!«  brüllte  Rick.  Die  Hälfte  der  Kavalleriemänner  hatte  ihre  Waffen gezogen, und  sogar Drumold  sah begierig  aus.  »Wir  schützen  unsere  Männer  hier.  Wenn  wir  diesen  Platz  verlassen, werden die Römer angreifen – «  Nicht gut. Sie hörten nicht zu. Rick zog  seine Mark‐IV‐.45‐ Automatik und zielte dicht an Dughuilas  linkem Ohr vorbei.  Er feuerte.  Der Clan‐Führer zuckte zusammen. Auf vier Fuß war die ,                                                            , Explosion  der  Waffe  genug,  um  ihn  vom  Weggehen  abzuhalten. »Noch ein Schritt vorwärts, und  ich  schieße dich  aus dem  Sattel«, drohte Rick.  »Und  jeden  anderen  auch, der  desertieren will.«  »Desertieren? Wir wollen kämpfen!« schrie jemand.  »Ihr werdet die Chance  zu  kämpfen  noch  bekommen. Ha!  Sie wollen es versuchen.« Er wies nach draußen. Die römische  Linie  stürmte  wieder  vorwärts,  diesmal  in  einer  großen  Kolonne, die wie  ein Pfeil  zwischen die Ersten und Zweiten  Piken gerichtet war.  Und wieder gingen drei Pfeilsalven auf sie nieder, bevor sie  die  Pfähle  erreicht  hatten.  Dieses  Mal  schoben  sie  sich  vorwärts, achteten nicht auf  ihre Verluste,  führten die Pferde  in  das  abgesteckte  Gebiet,  das  nun  von  den  Bogenschützen  hastig geräumt wurde.  Es war die  letzte  römische Reserve. Rick  stürmte vorwärts,  ritt hart auf das Erste Piken‐Regiment zu. Er hatte keine Angst,  daß  die  anderen  ihm  folgen würden,  und  sie  taten  es  auch  nicht; sie machten sich für die Römer fertig. Gut, das war nun  geklärt. Das wichtigste war  nun,  daß  die  Ersten  Piken  nach  rechts schwenkten, um sich den Rücken zu decken, und dann  angriffen. Sie hatten die Römer weit gründlicher fertiggemacht  als diese Eisenköpfe.  Aber  letztendlich  würden  die  Führer  der  Clans  doch  die  Chance zu kämpfen bekommen.  Sie werden kämpfen, und  ich nicht, dachte Rick. Nicht, daß  ich  es  unbedingt möchte. Aber  dieser Kampf  ist  bis  auf  die  Säuberungsaktion  gleich  vorbei,  und  ich  habe  nicht  einen  Schuß abgefeuert.  Dann  grinste  er,  als  ihm  einfiel,  daß  er  doch  einen  Schuß , abgegeben hatte.      4    Die Schlacht war beendet. Wohin Rick auch ging, erhoben die  Männer  Freudenschreie.  Die  Verluste  Tamaerthons  waren  leicht,  und  die Römer waren  total  geschlagen. Der  Triumph  war vollständig.  Aber  dann  fühlte  er  die  gehobene  Stimmung  mit  dem  Adrenalin, das ihn aufrechtgehalten hatte, dahinfließen. In den  Militärbüchern  endet  der  Kampf  mit  dem  Sieg.  Die  Schachfiguren ziehen sich  in  ihre Schachtel zurück, und alles  ist ruhig.  Aber  hier  gab  es  keine  Ruhe.  Hier  waren  die  Schmer‐ zensschreie  von  Männern  und  Pferden,  gemischt  mit  dem  Triumphgesang und der Freude der Sieger. Ein Bogenschütze  saß  stumpfsinnig  da, während  er  das  Blut  beobachtete,  das  von seinem Arm  floß, der oberhalb des Ellbogens abgetrennt  war.  Ein  römischer  Krieger  krümmte  sich  vor  Schmerz,  während die Pikenmänner ihm die Rüstung auszogen und ihn  verfluchten,  da  er  ihnen  ihre  Beute  vollblutete. Und  überall  schrien die Pferde und Centauren und schieden voll von Blut  dahin.  Die Centauren waren das Schlimmste. Manchmal schlimmer  als  die  sterbenden  Menschen  und  weit  schlimmer  als  die  Pferde. Die Tiere versuchten, ihre unvollkommen entwickelten  Hände  zu  benutzen,  um  Pfeile  herauszuziehen  oder  den  Blutfluß zu stoppen. Sie waren nicht intelligent genug, um zu  verstehen,  was  passiert  war  (würden  sie  in  einer  Million , Jahren  richtige  Hände  und  eine  hohe  Intelligenz  entwickelt  haben?),  aber  sie waren  empfindsam  genug, um  zu merken,  daß etwas passiert war. Wie Hunde heulten und wimmerten  sie und baten  ihre menschlichen Herren um Hilfe, die  ihnen  nicht gegeben werden konnte. Gott  sei gedankt, dachte Rick;  Gott sei gedankt, daß die Römer nur wenige davon eingesetzt  hatten.  Und Gott  sei  gedankt, daß das  hier  erledigt  ist. Mit  etwas  Glück werden wir es nicht wieder tun müssen. Ich kann ohne  Krieg  auskommen.  Die  Kämpfe  in  Afrika  waren  nicht  so  schlimm.  Die  Helicopter  kamen  und  brachten  die  Verwundeten weg. Man mußte sich das, was man getan hatte,  nicht ansehen.  Er hatte keine Zeit mehr zum Grübeln. Es gab eine Million  Details, um die man sich kümmern mußte. Das Gemetzel war  zu  stoppen,  und  die  Römer  mußten  sich  ergeben:  Die  aristokratische  Gesinnung  von  Ricks  schweren  Kavalleriemännern  half  dabei.  Es  war  unter  ihrer  Würde,  einen Feind zu töten, der sich nicht verteidigen konnte. Einige  von  ihnen waren  sogar  intelligent  genug  zu  bemerken,  daß  ihre Feinde auch dann noch weiterkämpfen würden, wenn die  Schlacht schon verloren war und sie  in dem Glauben blieben,  daß sie so oder so getötet würden.  Sklaven,  die  von Mason  und  seiner MP  geführt  wurden,  beraubten die Toten und entwaffneten die Gefangenen. Diese  Aufgabe konnte den Clan‐Kriegern nicht  anvertraut werden.  Und  Rick  hatte  die  Führer  und  diese  wieder  die  Bogenschützen  und  Pikenmänner  zu  überzeugen,  daß  die  Beute  fair  geteilt wurde. Die  Idee, daß der Kampf  von  allen  gewonnen worden war und deshalb auch alle die Beute teilen , sollten, war für die Bergmänner neu.  Kavallerietrupps mußten  ausgeschickt werden,  um  zu  den  geflüchteten Römern Kontakt zu halten und um nach frischen  römischen  Einheiten  Ausschau  zu  halten.  Auf  dem  Schlachtfeld  mußten  Pfeile  zusammengesucht  und  wieder  verteilt  werden.  Hebammen  und  Priester  mußten  die  Verwundeten untersuchen. Gefangene mit  tiefen Wunden  in  Brust oder Bauch mußten gnadenvoll getötet werden – es gab  nichts, was man  sonst  für  sie  tun  konnte.  Andere Wunden  wurden  ausgebrannt  oder  ausgewaschen  und  verbunden  –  Gott  sei Dank kamen  sie nicht mit der Wahnsinnstheorie an,  einen verwundeten Mann zur Ader zu lassen.  Und das  ist etwas, was  ich  jetzt  tun kann, dachte Rick.  Ich  kann medizinische  Erkenntnisse  lehren,  die Keimtheorie  der  Krankheit  und  antiseptische  Praktiken,  und  ich  kann  einige  der  Eingeweihten  für  Anatomie  und  Sektion  interessieren.  Aber wie können wir Penicillin entwickeln? Vielleicht können  wir  es  gar  nicht.  Sulfat‐Drogen?  Ich  weiß  nichts  über  sie,  leider.  Keine  Technologie.  Keine  chemische  Theorie,  keine  Experimentatoren, keine wissenschaftlichen Methoden. Keine  Chirurgen,  und  ich  weiß  nicht  genug,  aber  ich  kann  einen  Anfang machen. Ich kann sie lehren, wie man lernt, und eines  Tages wird  ein  entzündeter  Blinddarm  kein  Todesfall mehr  sein.  Stallburschen  und Gaffer mußten  hinausgeschickt werden,  um  die  gefangenen  Pferde  zusammenzutreiben.  Die  Centauren  sollten  hinausgehen, wohin  sie wollten  –  die,  die  nicht tödlich verwundet waren. Die Berg‐Clans waren nicht an  sie  gewöhnt und würden  sie  nicht  behalten. Er mußte mehr  MPs  hinausschicken,  damit  keine  Pferde  gestohlen  wurden , oder mit der Beute wegliefen. Und die Opfer mußten gezählt  werden.  Mittelalterliche Armeen überließen dies den Herolden. Nach  Agincourt hatten die  französischen Herolde das  Schlachtfeld  inspiziert  und  mit  den  englischen  Herolden  zusammengearbeitet,  um  die  Namen  der  Toten  und  Gefangenen  herauszufinden.  Diese  nützliche  Organisation  hatte  sich  auf Tran nicht  entwickelt. Rick hatte versucht, die  Probleme, die der  Sieg mit  sich  brachte,  vorauszusehen und  sie für sie zu organisieren, aber dann hätte er überall zugleich  sein müssen.  Und wo  er  auch hinging, hörten die Männer mit dem  auf,  was  sie  gerade  taten,  und  jubelten  ihm  zu.  Er  könnte  stolz  darauf sein. Er hatte den Kampf gewonnen, und der Sieg hatte  sich gelohnt. Ohne das Getreide waren die Bergleute verloren.  Und auch die Freude war wichtig, wenn er die Kontrolle über  sie behalten wollte. Die Männer wollten einen Kommandanten  bejubeln,  der  für  sie  Siege  errang.  Aber  er  wünschte,  sie  würden die Arbeit erledigen und ihn in die Villa gehen lassen.  Es war  ein  glänzender  Sieg,  aber  er wollte  das  Schlachtfeld  nicht länger sehen.    *    Tylara kam mit einem Gefangenen, den sie führte, in die Villa.  »Ich  habe  den  römischen  Kommandanten  gefunden«,  sagte  sie.  Man hatte ihn seiner Rüstung und der goldenen Armbänder  entledigt, aber seinen  roten Umhang hatten sie  ihm gelassen.  Aber  selbst mit  diesem war  es  für Rick  schwer,  in  ihm  den , stolzen  Offizier  zu  erkennen,  den  er  den  letzten  Angriff  organisieren sah.  Rick  lud  ihn ein, sich hinzusetzen, und schickte nach Wein.  Der  Römer  schien  überrascht.  Er  studierte  sorgfältig  Ricks  Gesicht und  hörte  auf  seine  Sprache, dann  schüttelte  er den  Kopf. »Du bist kein Römer.«  »Natürlich nicht«, sagte Ric.  »Ich  dachte,  diese  Bar…  diese  Bergmänner  müßten  von  einem  Offizier  geführt  werden,  der  in  Rom  ausgebildet  wurde.«  Rick lächelte leicht. Auf eine Art stimmte es sogar, aber nicht  auf  die  Art,  wie  der  Mann  dachte.  »Lord  Rick  Galloway,  Kriegsführer  des  Heeres  von  Tamaerthon«,  sagte  Rick.  Anmaßend, dachte er. Anmaßend, aber notwendig. Vielleicht  konnte  er  diesen Mann  brauchen. Worte  kosten  sehr wenig.  »Ich  habe  Roms  Taktik  lange  bewundert«,  sagte  Rick.  »Ihre  Männer kämpften gut, genau wie Sie.«  »Ah. Ich bin Cajus Marius Marselius, Präfekt der westlichen  Grenzgebiete.«  »Präfekt.  In  dem  Rom,  das  ich  kenne,  ist  ein  Präfekt  militärischer sowie ziviler Gouverneur. Ist das Ihre Aufgabe?«  »Ja.« Ein  Junge brachte Kelche mit Wein, und der römische  Offizier trank durstig. »Danke«, sagte er zu Rick.  Rick studierte den römischen Offizier. Der Kopf blutet, aber  er  geht  nicht  gebeugt,  dachte  Rick.  Ein  stolzer  Mann  hält  seinen Kopf nach der Niederlage hoch. Aber er weiß, daß er  geschlagen ist, und vielleicht ist er vernünftig.  »Sie  können  ein  großes Gemetzel  verhindern«,  sagte  Rick.  »Wir  kamen  wegen  Getreide  und  Beute.  Nun,  da  wir  Ihre  Armee geschlagen haben, hält uns nichts mehr davon ab, die ,                                                            , Stadt Sentinius zu plündern. Ich würde das aber lieber nicht  tun. Wenn  Sie  anordnen, daß die Reichtümer der  Stadt und  der  Inhalt der Kornspeicher  auf Wagen  geladen und  zu mir  gebracht  werden,  betreten  nur  Offiziere  die  Stadt,  um  die  Kornspeicher  zu  inspizieren. Wenn  Sie  es  nicht  tun, werden  wir die Stadt stürmen, und niemand wird die Männer und die  Strauchdiebe kontrollieren.«  Die  Augen  des  Römers  wurden  schmal.  »Du  verlangst  Tribut von Cäsar?«  Verdammt.  Natürlich  betrachtet  er  es  so.  »Nein.  Ich  verlange, was ich erobert habe. Ich will alles Getreide und viel  von den Reichtümern. Das ist sicher. Die einzige Unsicherheit  besteht darin, ob die Leute von Sentinius und die Stadt selbst  dieses  Ereignis  überleben  oder  nicht.  Glauben  Sie  wirklich,  daß die Bürger der Stadt nun, da ich Ihre Legion zerstört habe,  etwas gegen mich ausrichten können?«  Der römische Offizier schürzte gedankenvoll die Lippen. Er  atmete  tief  und  sagte  dann:  »Nein.  Die  Bürger  sollten  auf  keinen Fall getötet werden. Wie soll ich das arrangieren?«  »Sie sind frei und können gehen. Meine Kavallerie wird die  Stadttore überwachen. Wenn morgen früh bei Sonnenaufgang  keine Wagen mit Getreide  bereitstehen, werden wir mit  der  Stadt wie mit Sentinius verfahren.« Rick hielt  inne. Er könnte  die Sache noch schmackhafter machen. »Zusätzlich werde  ich  Ihre  Soldaten  und  alle  Ausrüstung,  die  wir  nicht  tragen  können,  an dem Tag  freilassen,  an dem wir Cäsars Grenzen  überschreiten und in unsere Berge zurückkehren.« Rick zuckte  die Achseln.  »Was  sollten  sie mir  nützen? Wir  sind  nicht  so  töricht,  auf  ein  Lösegeld  zu  warten,  das  dann  von  fünf  Legionen begleitet wird.« , Marselius schien verwirrt. »Nun bin ich sicher, daß Sie kein  Barbar sind«, sagte er. »Wer sind Sie?«  »Damit brauchen Sie sich nicht zu befassen.«  »Vielleicht nicht.  – Welche  Sicherheit habe  ich, daß  Sie die  Stadt  nicht  doch  plündern,  nachdem  wir  taten,  was  Sie  wollten?«  »Sie  haben  das Wort  eines  Lords  von  Tamaerthon«,  sagte  Tylara kühl.  »Ich  habe  gesehen,  daß  Sie  Ihren  Offizieren  zuriefen,  die  Gefangenen  zu  schonen«,  sagte  Marselius.  »Sie  sind  kein  Barbar.« Er schien darüber sehr zufrieden zu sein. »Sehr gut.  Ich  bin  einverstanden.  Aber  darf  ich  fragen,  warum  dieses  Unternehmen  mit  dem  Getreide?  In  der  Vergangenheit  raubten die Bergstämme wegen anderer Güter – «  »Ich  erinnere  Sie  daran,  daß  ich  auch  nach  der  gewöhnlicheren Beute fragte«, sagte Rick. »Kleine Wertsachen,  Schmuckstücke. Kelche. Rocknadeln. Zierereien.  Juwelen.  Ich  bezweifle  nicht,  daß  Ihre  Bürger  ihre  wertvollsten  Sachen  behalten, aber machen Sie  ihnen klar, daß sie genug protzige  Luxusartikel  mit  herausschicken,  damit  meine  Clanmänner  zufrieden  sind.  Warum  wir  so  viel  Wert  auf  das  Getreide  legen, nun, wenn Sie es auf sich nehmen zurückzukehren – als  mein Gast –, wenn die Beute herausgeschafft ist, werde ich es  Ihnen  erzählen.  Es  ist  eine  Geschichte,  die  sich  anzuhören  lohnt.« , Der  letzte  Wagen  rollte  westwärts.  Es  war  ein  beeindruckender  Anblick;  über  tausend Wagen  vollgeladen  mit Weizen und Gerste und Hafer und Körnern, die Rick noch  nie gesehen hatte und die auf einer Pflanze wuchsen, die einer  riesigen  Sonnenblume  glich  und  sehr  dem  Reis  ähnelten.  Andere  Wagen  waren  mit  Zwiebeln,  Spinat  und  anderem  Gemüse  beladen,  das  sie  für  den Winter  brauchten.  Fünfzig  Waggons waren mit  schweren Wertsachen  beladen  – Möbel  und  Kleider  und  Eisengeräte.  Die  leicht  wiegende  Beute  –  Ringe und Zierereien und persönliche Waffen – war unter die  Armee verteilt worden. Die Wagen wurden von Vieh begleitet,  das von den Schlachtenbummlern und freigelassenen Sklaven  angetrieben wurde.  Ein  beeindruckender  Anblick.  Drumold  hatte  nie  etwas  Derartiges  gesehen.  Jeder war  sicher,  daß  es  für  alle  genug  Lebensmittel für zwei Winter gab ‐  Und sie hatten völlig unrecht.    *    Kolonnen von Pikenmännern und Bogenschützen bewachten  den Wagenzug,  und  die  leichten Kavallerietrupps waren  an  den Flanken und vorne, um sie zu warnen, falls die Römer den  Versuch machten,  die  Beute  von  Sentinius  zurückzuerobern.  Rick bezog zwischen Masons Bogenschützen, die den Rücken  deckten, Position.  Er rutschte in dem unbequemen Sattel herum, schenkte aber  dem  Gewicht  der  römischen  Rüstung,  die  er  trug  keine  Beachtung.  Sie  juckte.  Er  hätte  die  Rüstung  lieber  nicht  getragen,  aber  ohne  war  es  unmöglich.  Er  brauchte  die , Rüstung  und  eine  persönliche  Leibwache  als  Zeichen  eines  freien Mannes,  der  keinem Clanführer  zu  gehorchen  hatte  –  und Mason in seinem Rücken, wenn es nur irgendwie möglich  war.  Diese  Vorsichtsmaßnahme  traf  er  nicht,  weil  er  dem  Feind  nicht  traute;  das  Problem war,  daß  ihn  seine  eigenen  Offiziere möglicherweise hinterrücks umbrachten.  Die  Armee  war  treu.  Er  hatte  einen  kompletten  Sieg  mit  geringen  Verlusten  gewonnen:  Ungefähr  zwanzig  Pikenmänner waren  getötet worden,  als  die  Römer mit  der  ersten  Reihe  zusammenstießen,  noch  mal  zwanzig  Bogenschützen  und  Pikenmänner  wurden  in  dem  verzweifelten  Kampf  niedergemäht,  der  den  Tag  beendete,  und  ungefähr  dreißig  schwere  Kavalleriemänner,  die  nicht  genug Verstand hatten, die Pikenmänner und Bogenschützen  ihre Arbeit  tun zu  lassen, und dazwischenritten, um mit den  geschlagenen,  schweren Römern persönlich  zu kämpfen. Die  meisten  der  gepanzerten  Krieger  waren  verwandt,  und  die  Überlebenden gaben Rick die Schuld  für  ihre Verluste; wenn  er  den Angriff  selbst  geführt  hätte,  anstatt wegzureiten  und  die Pikenmänner zu führen, hätten sie keine Söhne und Brüder  verloren…  Sie nahmen es auch übel, daß  sie auf die Gelegenheit, eine  römische Stadt zu plündern, verzichten mußten.  »Laßt  sie«, hatte er zu Tylara und Drumold gesagt. »Wenn  wir  umkehren,  um  diese  Jungen  zu  rächen,  die  wir  bei  Sentinius verloren,  sind  sie  für Zehn‐Tage zu keinem Kampf  zu  gebrauchen.  Wir  wären  gegen  jeden  römischen  Angriff  hilflos.  Vergeßt  nicht,  daß  volle  tausend  Römer weg  sind  –  mehr  als  genug,  um  uns  alle  zu  töten,  wenn  wir  uns  zerstreuen.  Ich  bleibe  lieber  in  einer  starken  Position  stehen , und warte, bis uns die Römer die Beute bringen.«  »Wir  haben  die  römische  Legion  geschlagen«,  sagte  Balquhain.  »Und  eine  andere  kann  erst  die  nächsten  Zehn‐ Tage hier sein. Die Clan‐Führer wissen das, und sie sagen, daß  wir diese Zeit nutzen können, um die Provinz auszuplündern.  Es muß hier viele Reichtümer geben.«  »Zu welchem Zweck?« begehrte Rick auf. »Wir haben mehr  Getreide  und  Beute  genommen,  als  wir  in  den  Waggons  unterbringen können. Es dauert Zehn‐Tage oder mehr, bis wir  das, was wir haben, zurück über die Pässe transportiert haben,  und wir haben Glück, wenn wir alles  im Garioch haben, ehe  der Schnee fällt. Es hilft uns nicht, wenn wir noch mehr raffen,  es  schadet nur den Römern  – und wenn die Dämonensonne  am  nächsten  steht,  werden  wir  sie  vielleicht  als  Freunde  brauchen.«  »Cäsar wird uns niemals behilflich sein«, sagte Drumold.  »Vielleicht  nicht,  aber  nur  ein  Narr  gibt  seinen  Feinden  Grund, ihn zu hassen, und ich bin kein Narr.«  »Niemand sagt, daß du einer bist«, protestierte Balquhain.  »Dann  laßt  sie  auf  meine  Art  handeln,  so  wie  sie  es  geschworen haben.« Und laßt mich zurück in die Berge gehen,  ohne einen nutzlosen Kampf zu führen. Ich glaube nicht, daß  es möglich  ist, den Rest meines Lebens  ohne  einen weiteren  Kampf wie diesen, zu verbringen. Um einen ausgewachsenen  Mann einen Tag zu versorgen, braucht es einen Viertelscheffel  Weizen. Die fünfzigtausend Scheffel, die wir nahmen, bringen  uns  alle  unmöglich  durch  zwei  Winter.  Aber  dieses  Jahr  können wir nichts mehr tun; und dafür bin ich dankbar. Ruhm  ist  ein  Getränk,  das  einem  in  den  Kopf  steigt,  aber  die  Rechnung an der Bar ist verdammt hoch. , Die  Führer  hatten den Beschluß  akzeptiert,  aber  sie  hatten  sich immer noch zu beklagen. Rick hatte die Beute lieber selbst  unter die Soldaten verteilt, als daß er diese Arbeit die Führer  tun  ließ.  Sie  fühlten,  daß  er  versuchte,  ihre  Autorität  zu  untergraben.  Und  sie  hatten  recht.  Er  hatte  die  Loyalität  der  einfachen  Soldaten und Unteroffiziere erkauft, aber gleichzeitig setzte er  sich dem Groll vieler Offiziere aus. Das Ergebnis war, daß er  eine Rüstung  tragen und das  Jucken aushalten mußte. Wenn  er überlegte, was er dafür bekommen hatte, dann dachte Rick,  daß es ein guter Preis war.    *    Die  Kavallerie  begleitete  den  römischen  Präfekten  in  der  dritten Nacht des Marsches in das Camp. Frisch rasiert und in  sauberen Kleidern sah er ganz anders aus als beim letzten Mal,  als  ihn Rick  sah  –  aber  er hatte  es wohlweislich unterlassen,  Juwelen zu tragen. Sein Schwert war  in der Scheide befestigt,  so daß es nicht herausgezogen werden konnte, aber sie hatten  es ihm gelassen.  »Ich dachte nicht, daß ich Sie noch einmal sehe«, sagte Rick.  »Ich  dachte  sogar,  diese  Truppen,  die  Sie  zehn  Meilen  im  Süden stehen haben, planten vielleicht einen Angriff.«  »Wenn  Ihre  Informationen  so  gut  sind,  dann  wissen  Sie  sicher  auch,  daß  ich weniger  als  zweitausend Mann  habe«,  sagte Marselius. »Ich kam, um zu sehen, ob Sie Ihr Wort halten  und  meine  Legionäre  freilassen.  Auch  wünschte  ich,  diese  seltsame Geschichte  zu hören,  von der  Ihr  sagtet, daß  sie  es  wert sei, sie zu erfahren.« ,                                                       »Dann werden Sie nicht enttäuscht sein«, sagte Rick. »Aber  wird  Cäsar  nicht  Ihren  Kopf  verlangen?  Sicher  wird  er  behaupten, daß Sie nicht alles taten, was Sie tun konnten, um , uns für den Überfall auf sein Reich zu bestrafen.«  »Cäsar wird meinen Kopf wollen, ganz gleich, was ich auch  tue«,  sagte  Marselius.  »Er  wird  den  Präfekten,  der  den  Barbaren  –  Entschuldigung,  aber  dafür wird  er  Sie  halten  –  erlaubte, mit der Beute einer römischen Stadt unbeschadet zu  flüchten, nicht zimperlich behandeln.« Er zuckte die Achseln  und hob  einen Kelch mit Wein, um  anzustoßen.  »Aber Rom  wird nicht gut beraten sein, wenn es das Gleichgewicht meiner  Truppen  zerstört.  Ihre  Kavallerie‐Scouts  würden  Sie  von  meiner Ankunft ausführlich vorwarnen, und wenn wir  Ihren  Langbögen  und  Langspeeren  vorher  nicht  die  Stirn  bieten  konnten, wie  könnten wir  es  jetzt?  Ich  habe  noch  nie  solche  Waffen wie diese Speere gesehen. Sie nennen sie Piken?«  »Ja.«  »Eine  interessante Waffe«,  sagte Marselius.  »Ich habe noch  nie von etwas Ähnlichem gelesen. Obwohl es Geschichten von  einer  Zeit  gibt,  in  der  die  Römer  zu  Fuß  kämpften  und  Wurfspeere trugen, aber die Aufzeichnungen sagen nichts von  solchen Piken.« Der römische Gouverneur sah Rick neugierig  an. »Bei unserem ersten Treffen sprachen Sie von  ›dem Rom,  das Sie kennen‹, als ob Sie nicht sicher wären, ob es das gleiche  Rom wie unseres ist. Wissen Sie denn etwas über die römische  Geschichte?«  »Mehr  als  Sie  ahnen«,  sagte  Rick.  »Rom  war  einst  eine  Nation von freien Männern. Seine Bürger waren seine Armee,  und ein römischer Bürger beugte sich vor keinem Mann.«  »Dann sind Sie ein Republikaner?« fragte Marselius.  »Sie wissen von der Republik?« fragte Rick.  »Es gibt  Sagen.  In Büchern meistens. Cäsar  rät den Römer  nicht  gerade,  solche  Bücher  zu  lesen,  aber  ich  habe  Kopien , gesehen. Livius und Claudius Nero Cäsar, und – «  »Die  Geschichte  von  Kaiser  Claudius!  Das Werk  hat  hier  überlebt?«  »Ja – «  »Für eine Kopie würde ich so ziemlich alles bezahlen«, sagte  Rick.  »Es ist in einer fremden Sprache geschrieben, die nur wenige  lesen kön…«  »Ich  habe  einen Offizier,  der  Latein  lesen  kann.«  Ich  habe  vergessen, wo ich bin, dachte Rick. Ein Schatz wie dieser. Auf  der  Erde  waren  die  Geschichten  von  Claudius  schon  seit  Jahrhunderten  verschollen.  Ich  frage  mich,  welche  anderen  vermißten  Dokumente  sie  in  diesem  neuen  Rom  noch  besitzen.  »Wissen  Sie,  daß  der  Kaiser  Claudius  auf  einer  anderen Welt  lebte?«  fragte Rick.  »Und  daß  Ihre  Stadt Rom  nichts anderes als eine Kopie  ist, und die ursprüngliche Stadt  am Tiber auf einer anderen Welt steht, die von einer anderen  Sonne erhellt wird?«  »Wie können Sie davon wissen?«  fragte Marselius erstaunt.  »Ich  habe  es  immer  vermutet,  aber die Priester  sagen,  es  ist  nicht wahr,  daß  Gott  nur  eine Welt  erschuf  und  nur  einen  wahren  König  salbte,  und  dieser  ist  Cäsar  –  «  er  zögerte.  »Christus kam nur einmal, und nur auf eine Welt. Die Priester  sind sich dessen sicher. Aber ich war niemals sicher, daß dies  unsere Welt sein mußte.«  »Sie war es auch nicht«, sagte Rick. Er fragte sich, wieviel er  dem Präfekten erzählen  sollte. Wenn die Römer  sofort damit  begannen,  ihr ganzes Land  intensiv zu bebauen, konnten  sie  genug  Vorräte  lagern,  um  einen  Teil  der  Bevölkerung  zu  retten. Sonst würden fast alle sterben. , Es gab keinen Grund, ihm etwas über Sternenschiffe und die  Shalnuksis zu erzählen. Doch es gab noch einiges zu berichten.  »Ich komme aus einem Land so weit im Süden und so weit im  Westen, daß man ein paar Wochen segeln muß, bevor man es  erreicht«,  sagte Rick.  »Dort haben wir viele  alte Dokumente,  und daher wissen wir, daß die Geschichte der Welten wahr ist.  Wenn Sie ein Zeichen wünschen, so sehen Sie in den Himmel.  Der  Dämonen‐Stern  kommt  näher,  und  bald  werden  Feuer  und Flut und Hungersnot in das Land kommen.«  Die Augen des Römers wurden  schmaler. »Ich habe  solche  Sagen  gehört«,  sagte  er.  »Und  ich  habe  noch  eine  andere  gehört, daß Sie von weiter weg als der anderen Seite der Welt  kommen.«  Nun, wer erzählt hier eigentlich? Rick spreizte seine Hände.  »Die alten Legenden sprechen die Wahrheit«, sagte er. »Was  die andere Geschichte betrifft, so leugne ich sie nicht, aber ich  bestätige  sie  auch  nicht.  Nun  hören  Sie  zu,  und  ich  werde  Ihnen über die Zeiten berichten, die kommen werden. Es sind  Zeiten,  die  einen  rechtschaffenen  Mann  in  Angst  und  Schrecken versetzen.«   ,     TEIL VII    Die Schüler, 1      Der  Schnee  lag  hoch  in  den  Pässen  von  Tamaerthon.  Rick  konnte  die Winde  aus  dem Norden  an  den Wänden  seiner  Unterkunft vorbeiheulen hören.  In Tamaerthon gab  es keine Paläste. Drumolds Wohnhaus,  hundert Fuß lang und halb so breit, mit Wänden aus Erde und  Stein, zehn Fuß dick, war das größte Gebäude, dessen sich das  Bergland rühmen konnte. Als die Armee von dem Raubzug in  das Empire zurückkehrte, bauten die Stammesmänner für Rick  ein kleines Haus  innerhalb der  runden Befestigungsmauer  in  der Nähe von Drumolds Haus. Es war beinahe genausogroß  wie das des Führers, was hieß, daß es ziemlich unmöglich war,  die  große Halle  zu heizen. Rick  verbrachte daher die meiste  Zeit  in dem kleineren Raum, den er als Büro gebaut hatte. Er  hatte  weißgetünchte  Wände,  auf  denen  er  mit  Holzkohle  schreiben konnte.  Er hatte beabsichtigt, hier zu arbeiten, aber er fand das sehr  schwierig.  Es  gab  kein Glas. Das  Beste, was  sie  für  Fenster  hatten, war  dünnes,  gefettetes  Pergament;  es  gab  kein  gutes  Licht,  selbst nicht  am Tage. Er begann  zu verstehen, warum  die nordischen Männer  lange  schliefen und  ihre Abende mit  Trinkgelagen und Gesang verbrachten. Was konnten sie sonst  tun?  Zuerst hatte er gedacht, es wäre  leicht, die Technologie auf  Tran einzuführen. Nun wußte er es besser. Er mußte sich auf  Werkzeuge  konzentrieren;  tatsächlich,  Werkzeuge,  um  Werkzeuge  zu  machen,  und  oft  hieß  das,  zu  den  ersten  Anfängen zurückzugehen. Draht, zum Beispiel. Er wußte, daß , antike  Juweliere  eine  kleine  Anzahl  von  Drähten  durch  sorgfältiges Hämmern hergestellt hatten. Um die Zeit,  in der  das Schießpulver erfunden wurde, entdeckten die Venezianer  die Kunst, Draht durch Löcher einer eisernen Platte zuziehen.  Der  Handwerker  saß  auf  einer  Schwinge,  die  durch  ein  Wasserrad  angetrieben  wurde,  und  packte  den  Draht  mit  Zangen,  indem  er  sein Gewicht auf der Schwinge die Arbeit  unterstützen ließ. Aber wie dick mußte eine Platte sein?    Und wie bohrte man Löcher  in Eisen? Und wo bekam man  das Kupfer her, aus dem man die Drähte herstellen wollte?  Und  Stahl. Zu wissen, daß  Stahl  aus Eisen mit  gerade der  richtigen Menge Karbon besteht,  ist sehr gut, aber wieviel  ist  die  richtige  Menge  Karbon?  Und  wie  soll  man  experimentieren,  wenn  man  noch  nie  in  einer  Schmiede , gearbeitet hat und nicht will, daß die Schmiede denken, man  sei ein Narr?  Es gab  ein Dutzend ähnlicher Probleme, und  sie bereiteten  ihm Kopfschmerzen. Zur Entspannung führte er die englische  Gewohnheit der Teepartys ein. Natürlich hatten sie keinen Tee  hier,  aber  sie hatten  eine Pflanze, deren  gekochte Blätter  ein  Kaffeegetränk  ergaben.  Rick  gewöhnte  sich  langsam  an  den  etwas  bitteren  Geschmack  –  und  die  Teezeit  war  eine  angenehme  Art,  den  Nachmittag  zu  verbringen.  An  den  Abenden war er öfter betrunken, als es ihm recht war.  Manchmal lud er zwanzig oder dreißig Leute ein; manchmal  niemanden  außer Gwen, wenn  sie  es  auf  sich  nahm,  ihn  zu  sehen.  Er  war  nicht  unglücklich,  wenn  sie  lieber  in  ihren  Räumen am anderen Ende der großen Halle gegenüber seinem  »Büro«  blieb.  Je  näher  ihre  Niederkunft  rückte,  desto  launischer  wurde  sie,  und  ihre  Schwermut,  kombiniert  mit  dem  düsteren  Wetter,  war  mehr  als  genug,  um  ihn  zu  deprimieren.  Aber er würde jeden Nachmittag Tee in seiner großen Halle  trinken. Jede Zerstreuung war willkommen.    *    Corporal  Mason  klopfte  den  Schnee  von  seinem  Schaffellmantel und stürzte sich an das Herdfeuer. Er wärmte  dankbar  seine  Hände,  bevor  er  sich  zu  den  anderen  umwendete. »Capt’n, es ist kalt hier draußen«, sagte er.  Tylara  lachte.  »Das  ist  noch  ein  milder  Winter.  Der  Feuerstehler  ist  in die wahre Sonne getaucht, aber das Eis  in  der Mitte der Seen ist kaum dick genug, um darauf zu gehen.« , »Ich danke Gott, daß  ich nicht  in  einem  schlechten Winter  hier war«, sagte Mason.  »Jeder Winter wird  nun milder«,  sagte Gwen.  »Und  jeder  Sommer heißer.« Sie drückte  ihre Teetasse gegen  ihren Bauch  und starrte in das Feuer.  »Aye«,  sagte  Tylara.  »Man  kann  den Dämonen‐Stern  eine  volle Stunde nach Sonnenaufgang sehen, beide Sonnen stehen  dann am Himmel.«  »Ich habe vergessen, wie viele Erdtage wir nun hier  sind«,  sagte Gwen. Sie tätschelte ihren dicken Bauch. »Offensichtlich  ungefähr acht Monate. Wir haben Weihnachten verpaßt.«  »Möglicherweise  ist  für  die  Römer  jetzt  Weihnachtszeit«,  sagte Rick. »Oder nicht?  Ich kann mich nicht erinnern, wann  die  katholische  Kirche  offiziell  den  Winteranfang  als  Weihnachtstag  festlegte.  Egal,  wir  können  unseren  eigenen  Tag festlegen.«  »Wir  werden  teilen  müssen«,  sagte  Gwen.  »Yanulf  trifft  gerade  Vorbereitungen  für  seine  eigene  Zeremonie…  Ich  vermute, um sicherzugehen, daß der Frühling kommen wird.«  »Nein«,  sagte  Tylara.  »Wir  wissen  schon  lange,  daß  der  Frühling  kommen  wird,  ob  wir  nun  den  Feuerstehler  beschwatzen,  aus  der  wahren  Sonne  zu  gehen,  oder  nicht.  Aber sollen wir  für die Zeichen, daß der Winter enden wird,  nicht danken?«  Mason schüttelte sich übertrieben. »Gott weiß, daß das etwas  ist, wofür man dankbar sein muß«, sagte er. Er setzte sich nahe  an das Feuer. »Bin froh, wenn es Frühling ist.«  »Nicht halb  so  froh, wie  ich  es  sein werde«,  sagte Rick. Er  grinste Tylara an.  Ihr Lächeln war warm.  »Wir  feiern  immer die Wiederkehr , des Frühlings. Dieses Jahr wird es doppelt so freudig werden.«  »Sogar für deinen Vater?« hänselte Rick.  Sie  lachte.  »Es  ist  seine Art,  sich  zu  beklagen, daß  ihn die  Mitgift arm macht. Er wird auf unserer Hochzeit  so viel wie  drei trinken.«  Rick  sah  Gwen  neugierig  an.  Caradoc,  der  während  des  Kampfes  unschätzbare  Dienste  geleistet  hatte  und  nun  Kommandant  der  Bogenschützen‐Kompanie  war,  die  Ricks  persönliche  Wache  stellte,  befand  sich  oft  in  Ricks  großer  Halle.  Gewöhnlich  hatte  er  geschäftlich  hier  zu  tun,  aber  manches Mal war das, was er zu besprechen hatte,  trivial. Er  richtete  es  immer  so  ein,  daß  er  ein  paar Worte mit  Gwen  sprechen konnte, bevor er ging.  Würde  bei  der  Frühlingszeremonie  eine  Doppelhochzeit  stattfinden?  Offiziell  war  Gwen  Witwe  eines  Erd‐Soldaten;  diese  Geschichte  lieferte  eine  akzeptable  Erklärung  ihres  Zustandes.  Nur  Bauersfrauen  hatten  uneheliche  Kinder.  Da  niemand  genau  wußte,  wann  Gwens  Mann  nach  örtlicher  Zeitrechnung  »getötet« wurde, wurde  beschlossen,  daß  ihre  Trauerzeit mit der von Tylara endete.  »Bis  zum  Frühling  dauert  es  noch  lange«,  sagte Rick.  »Zu  lange. Laßt uns  jetzt eine altmodische Weihnacht  feiern. Kein  Truthahn hier, aber wir können eine Gans haben – «  Weit entfernt erklang ein Horn.  »Das sind die Burschen  in dem unteren Dorf«, sagte Mason  »Ich schätze, es ist besser, wenn ich nachsehen gehe.«  »Du  brauchst  bei dieser Kälte  nicht  hinauszugehen«,  sagte  Rick. »Das war kein Alarm.«  »Es  ist okay, Capt’n«, sagte Mason. »Ich bin  froh, wenn  ich  etwas  Nützliches  tun  kann.  Sonst  bekomme  ich  noch , Platzangst.«  Er  stand  auf  und  zog  seinen  schweren Mantel  über.  Als  er  hinausging,  blies  der Wind  Schneeböen  in  die  große Halle.    *    Der Brief war auf dickem Pergament geschrieben. Er wurde zu  Rick in sein Büro gebracht.  Der Römer hatte die gleiche Sprache wie Tylara gesprochen,  und sie hatte Rick erzählt, daß es in den fünf Königreichen von  Rustengo eine einheitliche Sprache gab. Aber der Brief war in  Latein abgefaßt – Rick konnte genug davon  lesen, um das zu  erkennen.  Er  schickte  nach  Gwen  und  überreichte  ihr  den  Brief. »Kannst du das lesen?«  »Gerade  noch.  Ich  hatte  in  der  High  School  drei  Jahre  Latein.« Sie setzte sich neben das Feuer und las mühsam.  »Von Cajus Marius Marselius, einst Präfekt des Westens, an  Lord  Rick,  Kriegsführer  der  Stämme  von  Tamaerthon,  viele  Grüße. Friede sei mit Dir und Deinem Haus. Dieser Brief wird  durch die Hand von Lucius, meinem freien Mann und Freund,  überbracht, der Dir auch –  ich glaube, das heißt  ›Geschenke‹  übergibt und, wie  ich hoffe, eine Nachricht – das Verb kenne  ich  nicht.  Auf  jeden  Fall  ist  es  ein  Zukunftswort.  Aus  dem  Zusammenhang  vermute  ich,  daß  es  ›beachtet  wird‹  heißt.  Egal. Er sagt, ›Lucius hat die Vollmacht für mich zu sprechen^  Es  ist mit vielen Schnörkeln unterzeichnet.« Sie gab Rick das  Pergament zurück.  Er sah es neugierig an. »Keine Möglichkeit zu beweisen, daß  es echt  ist. Aber  ich glaube schon. Wer sollte es fälschen?« Er  nickte  seinem  freien Diener  zu,  einem  jungen NCO, der  aus , einer  römischen  Sklavenbaracke  ausgebrochen  und  in  die  Berge  geflüchtet war.  »Schick  ihren  Führer  herein  und  sieh,  daß die anderen zu essen und  trinken und ein warmes Feuer  bekommen. Sie sind meine Gäste.«  »Sir!« Jamiy stampfte ein ›Achtung!‹ und verließ den Raum.  Gwen kicherte. Rick sah sie schief an.  »Nun, es ist alles sehr lustig«, sagte sie.  »Ich  neige  dazu,  dir  zuzustimmen«,  sagte  Rick.  »Masons  Schuld.  Er  ist  derjenige,  der  ihnen  militärische  Manieren  beibringt  –  das  meiste  hat  er  von  britischen  Militärfilmen  gelernt,  glaube  ich.  Es  amüsiert  ihn.« Und,  dachte  er,  es  ist  nicht  wirklich  so  lustig.  Es  ist  ein  Ansatzpunkt  zu  einem  militärischen  Zeremoniell.  Unter  diesen  Umständen  bin  ich  nicht  sicher,  ob  Mason  im  Unrecht  ist.  Wir  werden  möglicherweise noch öfter kämpfen müssen. Selbst wenn  ich  versuche,  uns  herauszuhalten,  brauche  ich  disziplinierte  Truppen.  Der Besucher war  in wollene Kleider gewickelt, so daß nur  seine Augen  und  die Nase  herausschauten.  Erst  als  er  seine  Schals  abnahm  –  drei  davon,  mit  dem,  der  sein  Gesicht  verhüllte  –  und  den  Kapuzenmantel  und  die  dicken  Handschuhe,  sah Rick, daß es ein  schon älterer,  sehr dünner  Mann war. Sein Bart und  sein  langes Haar waren  fast Weiß,  und er hatte beinahe keine Zähne mehr.  Zahnheilkunde,  dachte Rick. Man muß  sie  von Anfang  an  neu  entwickeln.  Gott  sei  Dank,  daß meine  Zähne  in  gutem  Zustand  sind,  aber  ewig wird  das  auch  nicht mehr  dauern.  Wenn  ich  lange  genug  lebe,  fallen  sie  mir  alle  aus.  Die  Zahnheilkunde  ist auch ein Vorteil der Zivilisation, den man  als selbstverständlich hinnimmt, bis es sie nicht mehr gibt. , »Konnten  Sie  den  Brief  meines  Herrn  lesen?«  fragte  der  ältere Mann.  »Ja. Wie lautet deine Nachricht?«  »Haben  Sie  etwas  dagegen  einzuwenden,  wenn  ich  mich  setze?  Meine  Knochen  sind  alt,  und  die  Kälte  macht  sie  spröde.«  »Bitte,  setz  dich.«  Rick  wies  auf  einen  Stuhl  neben  dem  Feuer.  »Die  Sache  muß  dringend  sein,  wenn  sie  Euch  zu  Winteranfang hierherbringt.«  Lucius setzte sich schwerfällig. »So ist es. Aber zuerst – « Er  beugte sich über eine Ledertasche, die er trug, und nahm eine  dicke Rolle Pergament heraus. Er hielt sie an das Feuer, um sie  zu wärmen, bis sie sich  leicht aufrollte, dann hielt er sie Rick  hin. »Marselius dachte, Ihr würdet sie vielleicht gut bezahlen«,  sagte er.  Rick  nahm  sie  neugierig.  Die  Buchstaben  waren  handgedruckt,  in  Blockform  und  leicht  zu  erkennen.  Er  las  langsam. »Ich, Tiberius Claudius Drusus Nero Germanicus – «  er brach ab,  starrte darauf. »Ist es wahrhaftig eine Kopie der  großen Geschichte von Kaiser Claudius?«  »Die beste meines Wissens«, sagte Lucius. »Ich habe keinen  Grund  es  zu  bezweifeln.  Dann  sind  Sie  zufrieden mit  dem  Geschenk?«  »Sicher bin  ich das«,  sagte Rick. Er  runzelte die Stirn. Was  sollte  das  nun  kosten?  »Ich  bin  geschmeichelt,  daß  sich  Marselius an meine Interessen erinnert.«  »Er  hat  jedes Wort,  das  Sie  sprachen,  niedergeschrieben«,  sagte Lucius. »Ich weiß es deshalb, weil er es mir diktierte.«  »Darf ich es sehen?« fragte Gwen.  Rick  sträubte  sich  innerlich,  die  pergamentene  Schriftrolle , aus  der  Hand  zu  geben.  Er  wußte,  daß  es  dumm  war.  Er  konnte es nicht lesen und brauchte ihre Hilfe. Er gab die Rolle  an  Gwen  weiter  und  beobachtete  sie,  damit  sie  es  nicht  beschädigte, aber sie hielt sie so zärtlich, wie sie vielleicht ein  Baby gehalten hätte.  »Es  gibt  noch  andere  Dokumente«,  sagte  Lucius.  »Eines  scheint die Geschichte von einer Soldatengruppe zu sein, die  von einer anderen Welt auf diese hier kam.«  »Wo befinden sich diese Dokumente?« fragte Rick.  »Präfekt  Marselius  hat  sie«,  sagte  Lucius.  »Auch  diese  könnten ihnen zum Geschenk gemacht werden.«  »Dein Freund ist sehr großzügig«, sagte Rick.  »Was will er zum Tausch dafür haben?« fragte Gwen.  Rick sah sie  finster an, aber Lucius schien nicht verwirrt zu  sein. »Ihre Freundschaft«, sagte er. »Und ein Bündnis.«  »Bündnis?«  »Vielleicht sollte ich damit beginnen, was geschah, nachdem  Ihr uns verließet.« Lucius  rutschte  auf  seinem Stuhl hin und  her.  »Jamiy!« rief Rick. »Tee, bitte!«  »Sir.«  »Also, was passierte?« fragte Rick.  »Die Legionen der westlichen Grenzgebiete riefen Marselius  zum Cäsar aus«, sagte Lucius. »Ich sehe, das überrascht Euch  nicht, und  tatsächlich war es unvermeidlich, wenn Marselius  nicht nach Rom zurückgerufen werden wollte, um exekutiert  zu  werden.  Die  Soldaten,  die  Ihr  freiließet,  hatten  keine  angenehmen Aussichten zu erwarten, und Marselius war bei  allen Truppen  sehr beliebt – und  sie konnten den Dämonen‐ Stern  sehen.  Sie  hatten die  Sagen  gehört. Wir  hatten  sie  alle , gehört.  Sie  glaubten Marselius,  als  er  ihnen  erzählte, was  er  von Euch über die Zeiten der Nöte, die kommen sollen, gehört  hatte. Wenige der Provinz, Soldaten oder Bürger, glauben, daß  unser  gegenwärtiger  Cäsar  weiß,  was  zu  tun  ist  –  oder  tatsächlich tut.  Natürlicherweise  sandte  Marselius  zuerst  nach  seiner  Familie.  Sein  Sohn und  seine Enkelkinder  befanden  sich  auf  den  Familiengütern  bei  Rom.  Ich  war  der  Privatlehrer  des  Haushaltes, wie  ich  es  seit dreißig  Jahren bin.  In den  letzten  Jahren  arbeitete  ich  in  den  Bibliotheken  des Marselius  und  seines Sohnes. Der Brief, der den  jungen Publius anwies – ich  nenne ihn den jungen Publius, obwohl er ein älterer Mann ist,  als Ihr es seid, mein Lord – der Brief, der den  jungen Publius  anwies,  zu  seinem Vater  zu  kommen,  instruierte  auch mich,  viele  Dokumente,  eingeschlossen  diese  Geschichte  von  Claudius,  mitzubringen.«  Lucius  seufzte.  »Ich  fürchte,  wir  begingen  viele  Vertrauensbrüche,  aber Marselius  versicherte  mir, daß die Pergamente  für alle, die die kommenden Zeiten  überleben, aufgehoben werden.«  Jamiy brachte eine Kanne Tee und drei Steinschalen herein.  Während er das Tablett abstellte, beobachtete Rick Gwen. Sie  schien von den Nachrichten, die mit den Dokumenten kamen,  nicht gerade  entzückt  zu  sein. Rick wünschte,  er hätte  einen  Grund,  um  sie  hinauszuschicken.  Ich  könnte  sie  einfach  rausschmeißen,  überlegte  er.  Er  brauchte  zu  niemandem  höflich zu sein – gut, ausgenommen Tylara und ihr Vater.  Was verbirgt sie vor mir? »Jamiy.«  »Sir.«  »Sag  Major  Mason,  daß  unsere  neuen  Gäste  wichtige  Dokumente brachten und ich wünsche, daß die Dokumente ,                                                            , niemand außer mir sieht – ganz gleich, wer danach fragt! Hast  du verstanden?«  »Sir.« Jamiy stampfte zum Einverständnis.  »Ausgezeichnet. Du  bist  entlassen.  Lucius,  Ihre Geschichte  ist faszinierend. Aber hat Marselius eine Chance? Wird Cäsar  nicht die anderen Legionen gegen ihn senden?«  »Sicher wird  er  es  versuchen«,  sagte  Lucius.  »Aber weder  der Cäsar noch die Armee mögen Winterlager. Sie werden bis  zum  Frühling warten. Und  im  Frühjahr wird Marselius  eine  Überraschung  für  Cäsar  haben.«  Er  grinste  zahnlos.  »Marselius hat viele Sklaven freigelassen und trainiert sie mit  den langen Speeren, die Ihr Piken nennt. Er hat Ihre Methoden  gut studiert, auch übt er mit den Langbögen, die bis  jetzt nur  die Bergstämme benutzten.«  »In der Tat, eine Überraschung für Cäsar – «  »Eine  Überraschung  für  dich«,  sagte  Gwen.  »Welchen  Vorteil hast du jetzt noch?«  »Ihr  braucht  keinen«,  sagte  Lucius.  »Marselius  bietet  Euch  ein Bündnis an.«  »Eine Falle, um dich wieder  in die Ebene zu  locken«, sagte  Gwen.  Rick schaltete auf englisch, und sagte: »Gwen, bring deiner  Großmutter bei, wie man Eier  auslutscht. Und hör bitte  auf,  uns zu unterbrechen. Ich möchte alles über die Lage erfahren,  und du hilfst mir nicht gerade dabei.«  »Es  tut mir  leid«, sagte sie. »Ich –  ich glaube,  ich bin etwas  ängstlich. Ich möchte es selbst nicht –  ich bin still, Rick. Und,  es tut mir leid.«  »Wir  wissen,  daß  Ihr  keinen  Grund  habt,  Marselius  zu  trauen«, sagte Lucius. »Aber er erwartet nicht von Euch, daß , Ihr Eure Soldaten schickt, um  ihm zu helfen. Er wünscht nur  Eure  Zusicherung,  daß  Ihr  die  westlichen  Provinzen  nicht  plündert. Wir werden Euch  für diesen Gefallen gut bezahlen.  Marselius  beabsichtigt,  viele  der  Parks  und  Spielanlagen  in  Kornfelder  zu  verwandeln.  Er  will  in  den  Hohen  Bergen  Vorratslager anlegen. Wir werden viel behalten, aber es wird  genug  sein,  um  Euch  mehr  zu  geben,  als  Ihr  vom  Empire  rauben könnt.«  »Habt Ihr Höhlen, um es aufzubewahren?« fragte Gwen.  »Wenige,  Lady.«  Lucius  schaute  nachdenklich  auf.  »Die  alten Dokumente betonen alle die Wichtigkeit von Höhlen als  einzig sicheren Platz, wenn das Feuer und die tödlichen Regen  fallen.  In den  nördlichen Bergen  gibt  es Höhlen, und  in  der  Nähe  von  Rom  gibt  es welche.  Vielleicht  können wir  diese  nehmen. Aber wir haben nicht die geringste Chance, wenn wir  auch noch Eure Bergstämme bekämpfen müssen.«  Es könnte klappen, dachte Rick. Und in diesem Fall kann ich  noch  mehr  tun.  Wenn  Marselius  in  einen  Bürgerkrieg  verwickelt  ist, kann  ich  zu  ihm  stoßen. Die Armee wird mir  folgen, und mit Verbündeten  im Empire kann  ich Rom selbst  nehmen.  Eine  zivilisierte  Gegend,  mit  guten  Entwicklungsmöglichkeiten. Wer  kann mich  aufhalten? Und  er schritt erobernd vorwärts und um zu erobern.  William nahm ganz England mit weniger Männern, und die  Engländer waren die besseren. Gut, besser auf lange Sicht. Sie  sahen  es  in  jener Zeit  nicht  auf  diese Weise.  »Ein Mann,  so  stark«,  sagten  die Chroniken  von  ihm.  »So  hart war  er  und  heiß, daß es kein Mann wagte, etwas gegen seinen Willen zu  tun.« Aber selbst seine Feinde sagten, daß ein Mann mit einem  Herz  aus  Gold  England  durchqueren  könnte.  Ich  könnte , besser als Cäsar regieren…                                                    Nein.  Ich  bin  kein  Eroberer,  und  das  Angesicht  einer  Schlacht  ist  kein  lieblicher Anblick.  Ich wäre  eher  ein  guter  Lehrer – und wir brauchten nicht wieder zu kämpfen. »Es  ist  nicht allein meine Entscheidung«, sagte Rick. »Aber ich werde , Drumold den Rat geben, das Angebot anzunehmen. Und ein  anderes Angebot zu machen. Unterhalb unserer Berge gibt es  Land  in  den  Hügeln.  Die  Römer  tun  wenig  damit,  da  sie  besseres haben. Doch bei uns gibt es Kleinbauern ohne Land,  und unser bestes ist nicht besser als diese Hügel. Laßt uns das  Land  in  Frieden  bearbeiten,  und  vielleicht  werden  wir  Geschenke  für  Marselius  haben,  zum  Tausch  für  die  Geschenke, die er uns anbietet.«  »Rick, du kannst den Tribut nicht umkehren«, sagte Gwen in  Englisch.  »Das  beabsichtige  ich  auch  nicht«,  antwortete  Rick.  »Aber  der Handel stabilisiert weit mehr als der Tribut.« Er wendete  sich  wieder  Lucius  zu.  »Es  wird  viele  Einzelheiten  zu  besprechen  geben,  aber  ich  glaube,  wir  können  uns  einig  werden. Mit dem Näherkommen des Dämonensternes wird es  genug  Gemetzel  und  Tod  geben. Wir  brauchen  nicht  noch  mehr dazu beizutragen.«      2    Rick  benutzte Holzkohle, um  eine weitere Gleichung  zu der  Rechnung  auf  der  weißgetünchten Wand  hinzuzufügen.  Er  wünschte,  er  wäre  ein  besserer  Physikstudent  gewesen.  Er  konnte  sich  nicht  mehr  an  die  Grundgleichungen  der  harmonischen  Bewegung  erinnern,  und  er  war  sich  nicht  sicher,  ob  er  sie  richtig  abgeleitet  hatte.  »Newton  war  ein  neunmalkluges Schätzchen«, murmelte  er  in  seinen Bart. Die  Wand war bedeckt mit Gleichungen und Notizen. , Ein  ganzer Abschnitt war  nur mit  einer  Liste  von Dingen  bedeckt, die er brauchte, wie Papier und bessere Lampen und  einen ausreichenden Vorrat an Bleistiften und Tinte – einfach  alles,  was man  brauchen  würde,  so  daß  er  eine  Kopie  der  Logarithmentafel  von  seinem  Taschenrechner  abschreiben  konnte, bevor die Batterien dafür zu Ende gingen. Ein anderer  Abschnitt enthielt die besten Daten über Pflanzenerträge, die  er zusammentragen konnte. Daneben waren Diagramme von  Pflugplänen und Fruchtfolgeschemata von Feldpflanzen.  Es gab endlose Details. Diese Arbeit würde nie enden; aber  sie befriedigte mehr, als es der Aufbau der Armee getan hatte.  Durch  den  Raubzug  hatten  sie  Zeit  gewonnen,  aber  nun  konnte  er  etwas  Dauerhaftes  unternehmen.  Tamaerthon  könnte  ein  Zentrum  des  Lernens werden,  ein  Platz,  dessen  Sicherheit  auf  soliderem  Boden  als  der militärischen Macht  beruhte. Wenn er nur genug Licht hätte, um zu arbeiten…  Als  er  das Klopfen  an  seiner  Tür  vernahm,  drehte  er  sich  erleichtert  um.  Die  Arbeit  war  befriedigend,  aber  eine  Unterhaltung war eine willkommene Abwechslung.  Caradoc  stand unsicher  im Flur.  »Komm herein«,  lud Rick  ein. »In der Flasche auf dem Tisch ist guter Wein.«  »Danke dir.« Caradoc goß  sich  einen Becher Wein  ein und  sah  neugierig  auf  Ricks  Holzkohlegleichungen  und  die  Diagramme des Tran‐Systems. Rick wußte, daß Gwen Caradoc  lesen gelehrt hatte, und der Bogenschützenkommandant hatte  in  der Vergangenheit  viel  Interesse  für Ricks Arbeit  gezeigt.  Heute jedoch sagte er gar nichts.  Rick runzelte die Stirn. »Probleme? Sprich dich aus, Mann.«  »Ich  bin  wegen  Lady  Gwen  bekümmert«,  sagte  Caradoc.  »Sie sitzt und starrt  in das Feuer und möchte niemanden bei , sich haben. Es kann nicht gut sein, daß sie  immer alleine sein  möchte.«  »Laß sie nicht alleine. Bleib bei ihr.«  »Lord,  ich  versuchte  es,  aber  sie  hat  ein  wildes  Temperament.«  »Das hat sie.« In letzter Zeit war sie dazu übergegangen, mit  Dingen  zu werfen. Er  sah  auf  seinen Kreidekalender. Tylara  wurde auch  immer  launischer. Sicher hatte der  lange Winter  viel damit zu tun, aber sie schien über etwas nachzugrübeln –  etwas,  über  das  sie  nicht  diskutieren  wollte.  Ich  bin  von  unglücklichen Frauen umgeben, dachte er. Und ausgerechnet  jetzt, wo sich die Dinge so gut entwickeln.  Was  immer Tylaras Problem  auch  sein mochte,  für Gwens  Launen  gab  es  eine  einfache  Erklärung.  »Ihre  Zeit  kommt«,  sagte  Rick.  »Ich  habe  zwar  keine  persönlichen  Erfahrungen,  aber  es wurde mir  erzählt, daß alle Frauen abscheulich  sind,  wenn  die  Geburt  ihres  Kindes  bevorsteht.  Besonders  ihres  ersten Kindes.«  Und, dachte er, auf Gwen würde das  in besonderem Maße  zutreffen.  Sie  weiß  nicht  einmal,  wann  das  Baby  genau  kommt. Der Tag auf Tran war etwas mehr als 21 Stunden lang,  und die Schwangerschaftszeit schien 290 Tage lang zu sein, im  Gegensatz  zu  270  Tagen  auf  der  Erde;  aber würde  das  auf  Gwen auch zutreffen? Niemand wußte es. Sture Mathematik;  multipliziere  270  mit  24  und  dividiere  durch  21  und  das  Ergebnis  ist  300 Tage. Wieviel der menschlichen Physiologie  reagierte auf die verstrichenen Stunden und auf den Tag‐ und  Nachtrhythmus? Und war  der Mond  der  Erde  auch mit  im  Spiel? Die Menstruationszyklen der Frauen schienen mit Luna  übereinzustimmen,  aber  Trans  Doppelmonde  waren  kleiner , und näher als der der Erde. Hatten sie einen Einfluß?  »Du machst, dir Sorgen um Gwen, oder?« fragte Rick.  »Ja, Lord. Und vor dem Raubzug glaubte ich, sie mache sich  auch Sorgen um mich. Nun weiß ich es nicht mehr.«  »Sie betrauert ihren Mann«, sagte Rick. »Aber du hast recht.  Sie ist zuviel alleine. Ich werde mit ihr darüber sprechen.« ,   »Dein Freund macht sich Sorgen um dich«, sagte Rick.  Gwen saß nahe am Feuer. Sie sah ohne zu lächeln auf. »Oh,  laß mich allein.«  »Um Gottes willen, Gwen, hör auf damit!«  »Warum?«  »Denkst du, deine Probleme sind einmalig?« fragte Rick.  »Ja.«  »Okay, dieses Mal gebe  ich meinen Senf dazu«,  sagte Rick.  »Sieh,  ich habe mit den Hebammen gesprochen. Und Yanulf.  Sie glauben, daß alles normal ist – «  »Die medizinischen Experten«, spottete Gwen.  »Gut,  sie  haben  eine Menge  Babys  auf  die Welt  geholt«,  sagte Rick.  »Sicher. Und  verloren  eine Menge Mütter. Rick, die Angst  bringt mich um den Verstand!«  »Sicher hast du Angst«, sagte Rick. »Macht es dir etwas aus,  wenn ich mich setze?«  »Mach’s dir bequem.«  »Danke.  Sieh,  ich  habe  hier  möglicherweise  eine  Bevölkerungsexplosion  gestartet,  aber  ich  habe  sie  die  Anfänge der Keimtheorie der Krankheiten gelehrt«, sagte Rick.  »Du  konntest  es  nicht«,  sagte  Gwen.  »Ich  habe  es  auch  versucht.«  »Du hast es nicht auf die richtige Art versucht.  Ich erzählte  ihnen,  daß  Krankheiten  von  kleinen,  dünnen  Teufeln  verursacht  werden  und  daß  geweihte  Seife  und  gekochtes,  heißes  Wasser  sie  vertreiben  würden.  Das  können  sie  akzeptieren.«  Er  sah  nachdenklich  aus.  »Du  weißt,  daß  ich  wahrscheinlich recht habe mit der Bevölkerungsexplosion. So , passierte es ungefähr auf der Erde.«  Noch vor dem Ende des neunzehnten  Jahrhunderts starben  Frauen  oft  an  ›Kindbettfieber‹  Aber  dann  kam  Ignatz  Semmelweis mit seiner Theorie, daß das Kindbettfieber durch  die  schmutzigen  Hände  der  Ärzte  verursacht  wurde.  Seine  Kollegen zwangen  ihn, nicht zu  sagen, daß  es  ihr Fehler  sei,  aber  obwohl  er  seine  Tage  in  einem  Irrenhaus  beendete,  glaubten  ihm  anscheinend  doch  genug  von  ihnen  –  danach  überlebten  viel mehr  Frauen,  um  ihre  Kinder  großzuziehen  und noch mehr zu bekommen.  »Es gibt keinen Weg zu überleben, wenn wir die Dinge hier  nicht ändern wollen«, sagte Rick. »Es  ist nicht  leicht, aber  ich  versuche  vorauszusehen.  Vielleicht  können  wir  einige  Probleme, wie wir sie auf der Erde hatten, hier vermeiden.«  »Vielleicht können wir es auch nicht.«  »Sieh, verdammt, hör auf damit«, sagte Rick. »Du machst dir  selbst diese Depressionen. Halt den Kopf hoch, dann wirst du  mich auch verstehen.«  »Es  tut mir  leid«,  sagte  Gwen.  »Ich  versuche  es wirklich.  Aber es scheint alles so nutzlos zu sein.«  »Warum? Weil wir nicht nach Hause können? Wir können  uns hier ein Zuhause schaffen«, sagte Rick. »Und – verdammt,  Gwen, wir sind hier sehr viel nützlicher, als wir es  je auf der  Erde  gewesen wären. Dort  gab  es  keine Chance, daß  irgend  etwas, was wir tun würden, die Geschichte verändern würde,  aber hier können wir es. Die politische Geschichte haben wir  schon verändert. Wir bekamen Frieden mit dem Empire und  Land,  um  es  zu  bebauen.  Selbst  wenn  Marselius  verliert,  können wir diese Grenzhügel  lange  genug  behalten, um die  Ernte  einzubringen.  Und  mit  den  neuen  Pflügen,  die  die , Schmiede  anfertigen,  bestellen  wir  die  Felder.  Wir  haben  diesen Menschen schon geholfen, und es gibt noch viel mehr,  was wir tun können!«  »Sicher,  ich  habe  eine  zweifelhafte  Stellung.  Die  Barden  versuchen,  Balladen  über  den  Raubzug  zu machen,  und  sie  verrennen  sich  in  die  Tatsache,  daß  ich  gegen  niemanden  gekämpft  habe.  Sie  können  nicht  herausfinden,  ob  ich  ein  Kriegsführer oder nur ein Zauberer bin. Aber was  immer  ich  auch bin, jeder möchte von uns lernen.«  »Gwen,  wir  können  eine  Universität  eröffnen!  Gut,  wir  beginnen  mit  der  Grundschule.  Aber  wir  können  ein  Lernzentrum  gründen,  das  diese Welt wirklich  ändern wird.  Sieh,  was  wir  alles  lehren  können!  Nur  die  Idee  der  wissenschaftlichen  Methode  und  der  experimentellen  Wissenschaft  wird  zu  einer  Revolution  führen.  Und  die  Mathematik. Wir  sind  keine  Genies,  aber  wir  wissen  mehr  über Geometrie und Algebra, als auf der Erde durch  fast die  ganze  Geschichte  gewußt  wurde.  Medizin.  Zahnhygiene.  Physik. Sogar Elektrizität.  Ich bin nicht auf Transistoren aus,  aber  ich  kann  Batterien machen,  und Vakuumröhren,  und  –  was, zur Hölle, ist los mit dir? Du siehst aus, als hättest du ein  Gespenst gesehen.«  »Rick,  um  Gottes  willen  –  du  hast  keine  Radios  gebaut,  oder?«  »Noch  nicht.  Ich  habe  noch  Probleme, Draht  herzustellen.  Aber – «  »Nicht!  Bitte,  bitte  nicht.«  Ihre  Stimme  war  wirklich  von  Panik erfüllt.  »Ich  sehe«,  sagte Rick. Er  stand  auf und ging zu  ihr, dann  nahm  er  ihre Hände  in  die  seinen.  »Glaubst  du  nicht,  es  ist , Zeit,  daß  du  mir  darüber  erzählst?«  fragte  er.  »Um  Gottes  willen,  Gwen,  was  –  was  hat  dir  Les  erzählt,  und  warum  kannst du es mir nicht sagen?«  Tränen schossen in ihre Augen. »Jetzt sind wir sicher«, sagte  sie.  »Nur,  verändere  nichts!  Gar  nichts.  Oh,  Rick,  ich  habe  Angst – «  »Ich  weiß,  du  hast  Angst.  Aber  ich  weiß  nicht,  warum.  Gwen, bitte. Bitte, erzähl es mir.«  Sie  verbarg  ihr  Gesicht  in  den  Händen  und  wollte  nicht  mehr sprechen. *  Drei Tage später traf ein Bote aus dem Westen ein. Drumold  versammelte  seine  Berater  in  der  Großen  Halle,  um  die  Nachrichten zu hören.  Der  Bote  war  ein  junger  Clanmann,  der  stolz  auf  seine  Mission war. Er überbrachte Drumold Grüße und sprach dann  zu  Tylara.  »Vor  sechs  Tagen  zogen  ein Dutzend  Lords  und  Ritter von Drantos nach Tar Kartos. Sie reisten  in großer Eile  und konnten nicht weiter. Ein Lord fragte, ob die Lady Tylara  noch  lebte. Alle waren überglücklich,  als  sie  hörten, daß  Ihr  sicher  in  Eures  Vaters  Halle  seid.  Dann  baten  sie  meinen  Herrn,  einen  Boten  zu  Euch  zu  senden,  und  ich  ging  diese  Nacht  noch.  Sie  baten  mich,  Euch  als  die  Große  Lady,  Equetessa von Chelm zu grüßen und Euch zu sagen, daß sie es  bedauern nicht kommen zu können. Sie bitten Euch, zu ihnen  zu kommen.«  »Equetessa  von Chelm? Aber  ich wurde  aus  diesem  Land  vertrieben«, sagte Tylara. »Wer sind sie?«  Als Antwort hielt ihr der Bote einen Siegelring entgegen.  »Camithon?  Aber  ich  sah  ihn  sterben«,  sagte  Tylara.  »Er  wurde von den Zinnen geworfen.« , »Ein  Trick,  um  dich  zu  ihnen  zu  bringen«,  vermutete  Drumold. »Sarakos haßt dich doch.«  Der Bote  sah betroffen aus. »Sagt  Ihr, daß der Clan Ebolos  den Feinden von MacClallan Muir hilft?« fragte er.  »Nein, nein«, protestierte Drumold. »Aber ich verstehe nicht,  was sie von meiner Tochter wollen.«  »Noch verstehe  ich  es«,  sagte der Bote.  »Aber Calad, mein  Herr,  hörte  ihrer  Geschichte  lange  zu.  Dann  befahl  er mir,  diese Worte  zu  lernen:  ›Ich  habe  erfahren, was  von  größter  Wichtigkeit  für  alle Clans von Tamaerthon  ist.  Ich bitte, daß  MacClallan Muir  und  seine  Tochter,  die  Lady  Equetessa,  in  größter Eile nach Tar Kartos kommen.«  »In diesem Winter?«  fragte Drumold.  »Na,  er wird warten  können, bis der Schnee von den Pässen geschmolzen ist.«  »Mein Herr sagt, nein.«  »Vater, du magst warten«, sagte Tylara. »Aber  ich habe nie  gehört, daß Calad leichtfertig Alarm schlägt oder daß er nicht  weiß,  wie  hoch  der  Schnee  in  den  Pässen  liegt. Was  mich  betrifft – kehrst du jetzt zurück?« fragte sie den Boten.  »Sobald Ihr mich entlaßt«, sagte er.  »Dann  sag  deinem  Herrn,  daß  die Witwe  Equetessa  von  Chelm so schnell wie möglich kommt.«  »Tylara, ist das weise?« fragte Rick.  »Was hat Weisheit damit zu tun? Sarakos soll meinetwegen  in meinem  Ratssaal  sitzen,  aber  sie  sind  immer  noch meine  Leute.«  Verdammt,  dachte  Rick.  Natürlich  sollte  sie  gehen.  »Ich  veranlasse  alles«,  sagte  er.  »Wir  können  am  Morgen  aufbrechen.« , »Ich hatte gehofft, daß du mit mir kommen würdest«, sagte  Tylara. Zum ersten Mal wieder lächelte sie ihn an.  Drumold  seufzte.  »Sag  Calad,  deinem  Herrn,  daß  Mac‐ Clallan Muir innerhalb von Zehn‐Tagen bei ihm sein wird und  daß die Lady Equetessa ihn begleiten wird.«    *    Tar  Kartos  lag  an  der  westlichen  Kante  der  gebirgigen  Hochländer,  die  Tamaerthon  umgaben,  und  war  über  die  Jahrhunderte zu einer von  starken Mauern umgebenen Stadt  gebaut worden.  Nach  fünf  Tagesreisen  über  die  gefrorenen  Lochs war Rick froh, als sie die düstere Festung erreichten.  Calad, Oberhaupt des Clans Ebolos, war dem Namen nach  Drumold, als MacClallan Muir, untergeben, aber das war ein  Punkt,  den  niemand  zu  sehr  betonen wollte. Als Drumolds  Gesellschaft  in Calads Ratshalle gebeten wurde, forderte man  Drumold auf, den Platz gegenüber Calad  einzunehmen, und  überließ  die  Frage,  welches  Ende  der  Tafel  nun  Kopf  und  welches Fuß war,  jemand  anderem, der  sich  Sorgen darüber  machen wollte.  Außer  Calad  und  seinen  Ratgebern  waren  ein  halbes  Dutzend  Ritter  und  Bheromänner  von  Drantos  anwesend.  Bevor sie vorgestellt werden konnten, rannte Tylara hinauf zu  ihrem  Führer  –  einem  älteren  Soldaten,  dessen  zerfurchtes  Gesicht  von  einer  schlimmen  Narbe  überzogen  war.  »Camithon!« weinte  sie.  »Ich  konnte  es nicht  glauben,  selbst  als  ich deinen Ring  in der Hand hielt und hörte, wie sie dich  beschrieben. Ich sah, daß du von der Zinne von Schloß Dravan  gestoßen wurdest.« , »Nay,  Lady,  ich wurde  nicht  gestoßen.  Bevor  sie  das  tun  konnten, riß ich mich los und sprang. Wie könnte ich nicht die  Stellen  kennen,  an  denen  der  Wassergraben  nahe  an  die  Mauern reicht? Einmal weg von Dravan erhielt  ich Hilfe von  der Landbevölkerung, bis  ich den Protektor Dorion und den  Jungen  Wanax  treffen  konnte…  Und  dann  müßt  Ihr  noch  wissen: Ich bin Lord‐Protektor von Drantos.«  »Protektor – «  »Aye. Dorion wurde in der Schlacht mit Sarakos getötet. Das  zu sagen, heißt wenig. Er wurde von Donnerwaffen in Fetzen  gerissen. Aye,  an meiner  Seite,  und wir waren  beinahe  eine  Meile von dem Kampf entfernt.«  »Mörser«, sagte Rick.  Camithon sah ihn negierig an.  »Lord  Rick  ist  unser  Heerführer.  Er  weiß  von  diesen  Waffen«, erklärte Drumold.  »Wo befindet sich der Wanax Ganton?« fragte Tylara.  »Den  Burschen  hat  das  Fieber  erwischt«,  sagte Cami‐thon.  »Er ruht sich in diesem Schloß aus.« Der alte Soldat hielt inne.  »Wir  sind  als  Bittende  gekommen«,  sagte  er.  »Wir  erbitten  Tamaerthons Hilfe gegen Sarakos. Doch in Wahrheit kommen  wir nicht nur als Bittsteller. Wir bringen Neuigkeiten, die  Ihr  nicht unwillkommen finden werdet.«  »Es  wird  am  besten  sein,  die  Neuigkeiten  zu  hören«,  brummte  Drumold.  »Ich  bin  beinahe  erfroren.  Welche  Neuigkeiten  bringt  Ihr, daß  sie  nicht darauf warten  können,  bis Ihr zu uns kommt?«  »Laßt  ihn  ausreden«,  sagte  Calad.  »Ich  sandte  nicht  leichtfertig nach Euch. Protektor, erzählt MacClallan Muir von  dem Krieg in Drantos.« ,                                                     »Nachdem  Schloß  Dravan  gefallen  war,  floh  ich  zu  der  Armee  von  Protektor  Dorion«,  sagte  Camithon.  »Wir  erwischten  Sarakos  in  einer  unvorteilhaften  Situation  und  dachten,  ihn  in  einer  großen  Schlacht  zu  zerstören.  Ich weiß , nicht,  wer  an  diesem  Tag  gewonnen  hätte,  aber  plötzlich  wurden unsere Ritter niedergemäht wie der Weizen mit der  Sense.  Sarakos hatte  sich mit den Männern  von den  Sternen  verbündet,  die  über  teuflische  Waffen  verfügten.«  Er  hielt  inne, um Drumolds Gesichtsausdruck zu studieren. »Ihr  sagt  nichts dazu?«  »Wir wissen es schon«, sagte Drumold.  »Seltsam«,  grübelte  Camithon.  »Doch,  das  macht  das  Erzählen  leichter. Nachdem  Sarakos  und  seine Verbündeten  uns geschlagen hatten, flohen wir in die Berge, von wo aus wir  weiterzukämpfen gedachten. Sarakos machte unsere Aufgabe  leichter,  da  seine  Soldaten  das  Land  verwüsteten.  Er  warf  jeden  Bheromann  in  Drantos  hinaus,  um  seinen  Platz  mit  einem seiner Favoriten zu besetzen. Sie versklavten das Volk,  so daß Gemeine und Adlige bereit waren, zu uns zu  stoßen.  Wir kämpften keine großen Schlachten – wir wußten, daß wir  sie  nicht  gewinnen  konnten.  Aber wir  brachten  Unruhe  ins  Land, brannten die Felder ab, töteten die Boten, streckten seine  neuen Ritter nieder und auch die Bheromänner, wenn sie ihre  Dörfer  in  Besitz  nahmen.  Sarakos  kannte  keinen  Frieden  in  Drantos.  Viele  seiner  Pferde  verhungerten  oder  wurden  geschlachtet.  Auch  starben  viele  seiner  Soldaten  an Hunger  und  an  der  Seuche,  und  noch  viel  mehr  flohen.  Vor  dem  Frühjahr  wird  er  noch  mehr  verlieren,  da  der  Schnee  die  Straße zu den Fünf Königreichen versperrt hat, und wir haben  die Ernten in Drantos vernichtet.  Es war, nachdem der Winter gekommen war,  als wir über  Euren großen  Sieg über die Römer  erfuhren.  Ich habe  schon  vorher  einmal  gesehen,  was  die  Bogenschützen  von  Tamaerthon in einem Kampf alles tun können, und ich dachte , mir,  daß  wir  mit  den  Truppen,  die  ich  unterhalte  und  zusammenrufen kann, und mit der Hilfe von einigen Tausend  Eurer Bogenschützen Sarakos aus Drantos vertreiben und die  Lady Tylara  in  ihre Witwenländer zurückführen können. Um  dies zu fragen, bin ich gekommen.«  Drumold  lehnte  sich  weit  vor  zu  Rick.  »Was  denkst  du  darüber?«  »Lord Camithon«,  sagte Rick, »habt  Ihr die Sternenmänner  und ihre Waffen vergessen?«  »Nein«,  sagte Camithon.  »Das  sind die  guten Nachrichten,  die  ich  bringe.  Die  Sternenmänner  haben  sich  geteilt.  Viele  sind  vor  Sarakos  geflohen.  Weniger  als  ein  Dutzend  sind  geblieben.  Sicher  können  Euch  ein  Dutzend  Männer  nicht  erschrecken.«  »Woher wißt  Ihr,  daß  sich  die  Sternenmänner  aufteilten?«  fragte Rick.  Camithon  lächelte  grimmig:  »Ich  habe  ein  Geschenk  für  MacClallan Muir und seine Tochter gebracht.« Er wendete sich  einem Offizier zu. »Bring den Gefangenen herein.«  Der  Offizier  ging  und  kam  einen  Augenblick  später  mit  einem Mann zurück, der wollene, bäuerliche Hosen und eine  dicke  Jacke  trug. Er hatte einen dürren Bart, der seit Wochen  nicht  rasiert  war,  seine  Hände  waren  mit  eisernen  Armbändern gefesselt, die mit einer fußlangen Kette vernietet  waren.  Er stand  finster da, sah  trotzig auf die Ratstafel, bis er Rick  entdeckte.  Er  starrte  ihn  einen Moment  an,  dann  schrie  er,  »Captain! Um Gottes willen, Captain, helfen Sie mir!«  Es war Soldat Warner.   ,                                                            , Trotz des lodernden Feuers war Ricks Unterkunft kalt. Und es  ist nicht nur die eisige Luft, dachte Rick. Er konnte fühlen, wie  die Kälte von dem Platz ausstrahlte, an dem Tylara am Herd  saß.  »Ich dachte, du wärest erfreut«, sagte sie. »Sind deine Feinde  nicht meine  Feinde?  Sarakos  kann  getötet  werden,  und  ich  kann mich von dem brennenden Haß gegen ihn befreien – «  »Wir wissen das nicht«,  sagte Rick.  »Tylara  – Tylara,  jedes  Mal, wenn ich daran denke, was Sarakos dir getan hat, werde  ich krank. Ich hasse ihn genauso wie du. Ich liebe dich!«  »Du tust aber nicht so.«  »Mehr  als  du  denkst«,  sagte  Rick.  »Mein  Wunsch  ist,  Tamaerthon ohne endlosen Krieg stark zu machen. Sollen wir  das alles um der Rache willen riskieren?«  Bevor sie antworten konnte, klopfte es an der Tür. »Kommt  herein«, rief Rick erleichtert.  Warner  war  rasiert,  und  man  hatte  ihm  bessere  Kleider  gegeben.  Er  war  beinahe  rührend  dankbar,  als  Jamiy  ihn  hereinbrachte.  »Ich  danke  Gott,  daß  Sie  hier  sind,  Captain.  Danke Gott – «  »Nimm  Platz«,  lud  Rick  ihn  ein.  »Jamiy,  gieß  ihm  einen  Becher Wein ein.«  Warner  setzte  sich dankbar. Er  stürzte den Wein hinunter,  und  Rick  füllte  seinen  Becher  wieder.  »Nimm’s  nicht  so  schwer«, sagte er. »Bevor du betrunken bist, möchte  ich noch  deine  Geschichte  hören.«  Er  lachte.  »Weißt  du,  es  ist  noch  keine Woche her, da wünschte  ich, du wärst  in meiner Nähe.  Ich versuchte,  ein paar Gleichungen von Newton  abzuleiten.  Glaubst du, du kannst dich an die College‐Physik erinnern?« , »Ja, Sir«, sagte Warner. »Uh – Ballistik?«  »Vielleicht«,  sagte Rick.  »Aber  vorwiegend  nur  allgemeine  Wissenschaft.«  Er  wechselte  zu  dem  örtlichen  Tran‐Dialekt  über. »Warner, dies ist Lady Tylara. Wir möchten beide deine  Geschichte hören.«  »Ja,  Sir. Aber  könnte  ich  zuerst  noch  etwas Wein  haben?«  Warner trank gierig. »Wo soll ich beginnen?«  »Wir wissen, daß Parsons mit Sarakos ein Bündnis einging«,  sagte Rick. »Und daß ihr ihm geholfen habt, den Kampf gegen  die Armee von Drantos zu gewinnen. Was passierte danach?«  »Zuerst war es ganz gut«,  sagte Warner. »Capt’n,  ich kann  das besser in Englisch erzählen.«  »Mach weiter. Ich übersetze für Tylara.«  »Ja, Sir. Gut, wie ich schon sagte, zuerst war es sehr gut. Wir  hatten gewonnen und nahmen das Land in Besitz. Parsons gab  jedem  von  uns  ein  paar  einheimische Mädchen.  Es war  ein  bißchen komisch, seine eigenen Sklaven zu haben, aber so sind  die Dinge nun mal hier. Wir hatten Frauen und  Juwelen und  jede Menge gutes Essen und  sehr guten Wein, und alles war  so, wie Parsons  sagte, daß es werden würde. Wir  lebten wie  Könige.  Selbst  draußen  im  Feld  hatten  wir  Diener.  Wir  übernahmen die besten Häuser als unsere Quartiere, und wir  brauchten  nicht  sehr  viel  zu  kämpfen  nur  wenn  die  Einheimischen  etwas  angefangen  hatten,  mit  dem  sie  nicht  fertig wurden. Dann kamen wir mit den Maschinengewehren  und den Mörsern.  Alles  ging  ein  paar Monate  sehr  gut,  aber  dann  kam  alles  anders.  Guerilla‐Krieg.  Capt’n,  es  war wie  in  Vietnam,  nur  schlimmer,  da  wir  keine  Hubschrauber  oder  LKWs  oder  sonstwas hatten. Wir mußten  auf Pferden  reiten, und  in der , Zeit, in der wir dorthin ritten, waren die Charlies schon in die  Berge  verschwunden.  Außerhalb  des  Schlosses  waren  wir  nirgendwo sicher. Wenn wir durch die Wälder ritten, wußten  wir nie, welcher Pfeil oder Armbrustbolzen einen töten würde.  Es hörte nicht auf, und es sah auch nicht aus, als ob es besser  werden würde. Diese Menschen haßten uns, und wir konnten  sie nicht alle töten. Und es gab eine Art Hungersnot, selbst für  uns – und wir hatten mehr zu essen, als diese armen Bastarde,  die mit  uns waren. Und  Parsons!  Er wurde  so  gemein,  daß  man  nicht  in  seine Nähe  kommen  durfte.  Er  nahm  an,  das  wäre alles unser Fehler – wir waren nicht diszipliniert genug – , aber er hatte es so bestimmt. Und eines Tages hatten es ein  paar von uns satt und liefen weg.«  »Wie viele?« fragte Rick.  »Zweiundzwanzig«,  sagte  Warner,  »Gengrich  und  ich  organisierten  alles.  Wir  gingen  nach  Süden  zu  dem  Stadt‐ Staat‐Gebiet.  Wir  mußten  irgendwie  leben,  und  so  arrangierten wir  es,  daß wir  uns  an  die  Stadt‐Republik  von  Kleistinos vermieteten. Sie gaben uns und unseren Frauen zu  essen  –  die meisten  von  uns  brachten  eines  oder  zwei  der  Mädchen,  mit  denen  wir  gelebt  hatten,  mit  –,  und  wir  brauchten nicht mehr  zu kämpfen. Man verlangte dafür von  uns,  im  kommenden  Frühjahr  eine  große  Karawane  nach  Süden zu begleiten, und diese Arbeit hörte sich leichter an als  die, die wir für Parsons erledigen mußten.«  »Und wie kamst du hierher?«  Warner schaute einfältig. »Ich war betrunken und verlor  in  einer Taverne das Bewußtsein, und als ich aufwachte, hatte ich  diese  Handschellen‐Dinger  an.  Der  örtliche  Tavernenwirt  hatte mich an die Rebellen von Drantos verkauft.« , »Verstehe. Entschuldige,  ich erzähle  jetzt besser Tylara, wie  alles gelaufen ist.« Rick faßte Warners Geschichte zusammen.  »Sie sind keine Rebellen«, sagte Tylara kalt, als Rick zu Ende  gesprochen  hatte.  »Sie  kämpfen  für  ihr  Zuhause  gegen  Banditen.«  »Ja, Lady«, sagte Warner. »Wenn Ihr es so sagt – «  »Sie sagte es so«, meinte Rick. Er wechselte ins Englische, um  zu sagen: »Ich wäre vorsichtig, wenn  ich du wäre. Sie hat ein  hitziges Temperament und einen scharfen Dolch.« Er goß sich  einen  Becher Wein  ein.  »Welche Waffen  trägt  Gengrich mit  sich rum?«  »Einen  von  den  Mörsern«,  sagte Warner.  »Und  natürlich  unsere Gewehre und Pistolen.«  »Also  hat Andre  einen Mörser  und  die Granatwerfer. Wie  viele Mörserbomben?«  »Ich schätze ein Dutzend«, sagte Warner.  »Die  Sternenmänner  sind  ziemlich  geschwächt«,  sagte  Tylara. »Und Sarakos hat viele seiner Krieger verloren.«  »Sie  sind  nicht mehr  so  stark, wie  sie  es waren«,  stimmte  Warner zu. »Captain, planen Sie, gegen sie zu kämpfen?«  »Ich weiß es nicht.«  Tylara sah ihn kalt an.  »Liebling, du verstehst das nicht«,  sagte Rick. »Sie denken,  weil  wir  mit  den  Römern  so  leicht  fertig  geworden  sind,  könnten wir mit Parsons genauso verfahren. Sie wissen es nur  nicht  besser. Wenn  nur  eine Mörserbombe  am  richtigen Ort  hochgeht,  habe  ich  kein  Pikenregiment mehr  sondern  einen  desorganisierten  Mob.  Und  Yatar  weiß,  was  die  Maschinengewehre  mit  meinen  Bogenschützen  machen  werden!« , Tylara  stand  auf  und  ging  zur  Tür.  »Jamiy«,  sagte  sie.  Sie  zeigte auf Warner. »Bring ihn in sein Quartier.«  »Er  soll  gut  behandelt  werden,  aber  er  darf  nicht  entkommen«, sagte Rick. »Warner,  ich bin wirklich froh, dich  zu sehen. Wenn wir alle überleben, wirst du Professor  in der  einzigen Universität von Tran.«  »Gerne«, sagte Warner. »Es ist besser, als ums Überleben zu  kämpfen.«  Rick wartete, bis Warner und  Jamiy gegangen waren, dann  wendete er sich mit einem Seufzer Tylara zu. »Okay, Liebling,  laß uns drüber reden.«      3    Ihr  eben  noch  kalter  Blick  wurde  nun  zu  einem  sehr  unglücklichen. »Ich möchte mich nicht mit dir streiten«, sagte  sie. »Himmel,  ich genieße es auch nicht gerade – «»Bitte,  laß  mich  aussprechen. Den  ganzen Winter warteten mein Vater  und ich, daß du mit ihm offiziell über unsere Zukunft redest.«  »Ich  habe  gewartet,  bis  ich  sicher war,  daß  du mich  auch  willst«,  sagte Rick.  »Und  ich war mir nicht  sicher, wann die  richtige Zeit dafür ist.«  »Ich hoffe, daß du mich willst.«  »Ich will. Gott weiß, daß ich will. Ich liebe dich«, sagte Rick.  »Wie ich dich liebe. Mehr als du ahnst. Unsere Bräuche sind  nicht die deinen. Noch nie in unserer Geschichte heiratete eine  Frau, bevor sie gerächt war, doch – doch ich bin gewillt es zu  tun. Rick, deine Wege sind  fremd. Du bist nicht so, wie mein  Mann war. Du bist ein Krieger, aber du wünschst dir, nicht zu ,                                                            , kämpfen.  Ich  sah,  wie  Männer  dich  beleidigten,  und  doch  tatest du nichts, obwohl schon weniger schlimme Worte Blut  forderten – «  »Ist  es  das, was  du willst?  Soll  ich  Köpfe  sammeln?« Die  Clanmänner  von  Tamaerthon  behielten  schon  länger  nicht  mehr die Köpfe  ihrer Feinde als Trophäen, aber  es gab viele  Legenden von Helden, die es taten.  »Schweig«,  sagte  sie.  »Nein.  Sollst  du  nicht.  Ich  habe  inzwischen  verstanden,  daß  dir  das  Töten  kein  Vergnügen  bereitet, obwohl du kein Schwächling bist. Und ich habe dich  in der großen Schlacht gesehen, und noch einmal, als du von  der Schule sprachst, die du gerne gründen möchtest. Ich weiß,  was dich mehr erfreut. Ich habe dich von den Dingen erzählen  hören, die du gerne lehren möchtest, und wie sie jedem helfen  würden – den Clans von Tamaerthon und  allen anderen auf  dieser Welt. Es gibt viel über dich, was ich nicht verstehe, aber  es gibt auch vieles, das  ich kenne, und  ich kam, um dich zu  lieben. Nicht so, wie  ich Lamil geliebt habe. Das war nahezu  unerträglich – nein,  sieh nicht weg und  sei nicht  traurig.  Ich  war auf meine Hochzeitsnacht mit Lamil nicht begieriger als  darauf, wann du mich besitzen wirst. Zwischen uns  ist mehr,  als  zwischen Lamil und mir  jemals war. Lamil war  stattlich,  aber er war auch leichtsinnig. Er hatte keinen Dämon, der ihn  antrieb, wie du. Noch habe  ich  einen, doch  ich habe gelernt,  was Pflicht ist, und nun reitet mich der Dämon nicht weniger.  Du und ich, wir mögen zueinander gehören, aber wir streben  auch  nach  etwas. Nicht  nach Reichtum,  sondern  nach  etwas  Größerem.«  Er  ging  zu  ihr  und  legte  seine Hände  auf  ihre  Schultern.  »Warum stehen wir dann noch so herum – « , Sie nahm sanft seine Hände herunter und schritt davon. Ihr  Gesicht überzogen Sorge und Trauer. »Bitte. Das mußte gesagt  werden.  Rick,  als  ich  Sarakos  in  Drantos  sicher  glaubte,  schluckte ich meinen Haß gegen ihn hinunter, obwohl er mich  wie  Feuer  verbrannte.  Ich  dachte,  du  müßtest  das  gleiche  fühlen, daß der Mann, der, der  – Götter! daß  ein Mann, der  mir solches antat, leben soll!«  »Du kannst es nicht wissen«, sagte Rick. »Gott, Liebling, du  kannst es nicht wissen.«  »Ich träumte, daß  ich  ihm die Haut abziehen würde«, sagte  Tylara. »Doch, da wir an das glauben, was du für Tamaerthon  –  aye,  für  die  ganze Welt  –  tun  willst,  lebte  ich  mit  dem  Wissen, daß Sarakos niemals bestraft werden würde. Wie auch  mein Vater und mein Bruder. Wir waren einverstanden – du  bist  für Tamaerthon sehr wichtig, und wir können dich nicht  festhalten. Für dich gibt  es keinen Grund,  in Tamaerthon  zu  bleiben  –  außer  dem,  was  ich  hoffe,  was  du  für  mich  empfindest –, doch wir brauchen dich. Und deshalb starb  ich  nicht,  indem  ich versuchte, mich selbst zu rächen. So wie  ich  Sarakos  hasse,  so  wächst  meine  Liebe  zu  dir  immer  mehr.  Einst lebte ich nur, um ihn zu töten, nun habe ich dich.«  »Aber du willst, daß ich Sarakos für dich töte.«  »Nun ist es möglich«, sagte sie.  »Nein. Was hat sich geändert?« fragte Rick. »Andre Parsons  hat weniger Männer, aber er hat  immer noch mehr als genug  Waffen, um uns zu zerstören, und ohne die Pikenmänner  ist  Tamaerthon verdammt. Traust du Marselius? Ich vertraue ihm  so  lange, wie  er  vor meinem  Pikenregiment Angst  hat,  aber  auch  nicht  länger.  Und  vielleicht  müssen  wir  noch  gegen  Cäsar kämpfen.« , »Bist  du  sicher,  daß  sich  nichts  geändert  hat,  mein  zukünftiger Mann?«  fragte  Tylara.  »Die  Sternenmänner  sind  uneins. Sarakos verlor seine halbe Armee. Ist das gar nichts?«  »Ist es genug?«  »Ich weiß  es  nicht. Dies  sind Dinge,  die  du weißt«,  sagte  Tylara. »Aber eines weiß ich, Chelm ist mein. Lamil hinterließ  keinen anderen Erben. Du hast gehört, wie es den Menschen  dort  ergeht.  Sie  sterben.  Dort  herrscht  endloser  Krieg.  Die  ZEIT  nähert  sich.  Habe  ich  ihnen  gegenüber  keine  Verpflichtung? Und hast du nicht eine noch größere?«  »Ich? Ich war noch nie dort.«  »Du  brachtest  die  Sternenmänner  hierher«,  sagte  Tylara.  »Nun  sind  sie  wie  Wölfe  in  dem  Land.  Hast  du  keine  Verantwortung  dafür?«  Tränen  traten  in  ihre Augen.  »Mein  Lieber. Mein  Vater  fühlt,  wie  ich  fühle. Wenn  du  wirklich  glaubst, daß nichts getan werden kann, um dieses Land von  den bösen Männern zu befreien, dann werden wir Camithon  ohne Hilfe auf seinen Weg schicken. Aber ich bitte dich, denk  darüber nach.«  Sie mußte das sagen. Meine Verantwortung.  Ich brachte sie  hierher. Ich wollte es nicht, und ich – was, zur Hölle, soll das  Wortspiel?  Ich  brachte  sie.  Aber  verdammt  –  »meine  Universität  ist  wichtiger,  als  du  ahnst«,  sagte  Rick.  »Wir  können diese Welt ändern. Sollen wir das alles riskieren, nur  um Sarakos zu töten?«  »Mein  Lieber,  ich  weiß,  daß  es  keinen  anderen  wie  dich  gibt«, sagte Tylara. Es war kein Spott  in  ihrer Stimme. »Aber  können nicht die Lady Gwen und der Mann Warner viel von  dem lehren, was du lehren wolltest?«  Da  geht  mein  letztes  Argument  dahin,  dachte  Rick.  Oh, , verdammt. »Ja. Können  sie«,  sagte  er. Gott helfe mir,  sie hat  recht.  Und  niemand  sonst  kann  Sarakos  und  Parsons  aufhalten.  Kann  ich  es?  Sarakos  ist  kein  Problem.  Seine  Truppen  und  seine  schwere  Kavallerie  waren  anscheinend  nicht  wirkungsvoller  als  die  der  Römer,  und  meine  Pikenmänner  haben  inzwischen  seht  viel  mehr  Selbstvertrauen.  Aber  ich  brauche  immer  noch  gesammelte  Formationen, und Parsons hat die Mörser und mindestens ein  Dutzend Schützen, mehr als genug, um die Piken für Sarakos’  schwere Kavallerie zu zerstreuen.  Ein  Scharmützel  mit  den  Bogenschützen  könnte  Parsons  überrumpeln,  wenn  wir  ihn  an  einem  geeigneten  Ort  erwischen. Aber er ist verdammt zu schlau, um sich auf diese  Art fangen zu lassen. Er wird immer genug Kavallerie bei sich  haben, um die Bogenschützen auf Distanz zu halten. Also, wie  konnte  er  die  Erdtruppe  getrennt  vom  Rest  der  Armee  erwischen ‐  »Du hast einen Plan«, sagte sie. »Ich habe diesen Blick schon  mal gesehen.«  »Etwas,  das  Warner  sagte.  Tylara,  selbst  wenn  alles  gut  abläuft, werden eine Menge Menschen getötet – «  »Mehr werden sterben, wenn wir nichts tun!«  »Nein. Nicht annähernd so viele.« Er seufzte und nahm sie  in  die  Arme.  »Ich  hatte  die  Auswahl  unter Hunderten  von  Frauen«,  sagte  er.  »Ich  könnte  hundert  Frauen  haben.  Und,  natürlich, mußte ich mich in dich verlieben.« Er küßte sie. Sie  standen lange Zeit eng aneinandergedrückt.  Dann stieß sie ihn sanft weg. »Im Frühling«, sagte sie. »Und  nun – wir müssen Lebensmittel für Camithons Armee senden,  bevor  er  noch  mehr  Männer  und  Tiere  an  den  Hunger , verliert.«  »Ja.«  Und  tausend  andere  Details.  Die  westlichen  Clanmänner  zusammentrommeln  und  sie  in  neuen  Taktiken  drillen.  Mehr  Piken  und  mehr  Pfeile.  Ausrüstung  ‐und  Getreide‐Wagen.  Politik.  Es  war  hart  genug,  die  Clans  zur  Zusammenarbeit  anzuhalten;  nun  hatten  sie  den  Protektor  Camithon und den jungen König, um den sie sich noch Sorgen  machen mußten.  Und  immer  noch  mehr  Einzelheiten.  Patrouillen,  um  die  Pässe zu  sichern, und die Tatsache, daß  sich Tamaerthon  für  einen Krieg rüstete, so lange wie möglich geheimzuhalten. Ein  zweiter  Schutzwall.  Falls  Spione  unweigerlich  herausfanden,  daß  sich  die  Clans mobilisierten,  so waren  sie  immer  noch  nicht in der Lage zu berichten, daß sie mit Piken drillten. Und  darin lag das größte Geheimnis von allen.  »Warum lächelst du?« fragte Tylara.  »Es würde  lange dauern, das zu erklären«,  sagte Rick. Wie  konnte  er  ihr  erzählen,  daß  er  daran  gedacht  hatte,  seinen  inneren  Kreis  »Das  Manhattan‐Projekt«  zu  nennen?  Aber  natürlich konnte er diesen Namen nicht benutzen. Das würde  Parsons so klar vorwarnen wie ein Bericht, daß in Tamaerthon  jemand Massen von Dünger und Sulfat sammelte.  Sie brauchten ein sicheres Gebiet, um den Salpeter von dem  Dünger zu trennen. Sein Schulwissen war nicht gut genug, um  Sulfat‐Drogen  oder  Penicillin  herzustellen,  aber  etwas  so  Einfaches  würde  kein  Problem  sein.  Salpeter  75  Prozent,  Holzkohle 15 Prozent, Sulfat 10 Prozent:  fünfzehn zu drei zu  zwei,  eine Formel, die über  Jahrhunderte  in den Kesseln des  Krieges  getestet  worden  war.  Und  sie  würden  eine  Mühle  ohne  Metallteile  brauchen,  in  der  sie  das  Zeug  mahlen , konnten.  Und es gab noch  tausend andere Details. Das Geschäft des  Krieges. Sie  sangen Balladen über Helden, aber es waren die  Details, die den Feldzug gewannen.  Oder verloren. ,     Teil VIII    Janitscharen , 1    Gwens Entbindung verlief sehr schwierig. Das Baby war groß,  und  sie  war  klein.  Sie  hatte  viele  Stunden  lang  schwere  Wehen,  und  danach  lag  sie  Wochen  krank  danieder.  Sie  erinnerte sich an wenige Einzelheiten. Aber etwas blieb lebhaft  in ihrem Gedächtnis: der Moment, als Yanulf ihr das Kind an  die Brust legte. Und das konnte nur einige Sekunden nach der  Geburt des Jungen gewesen sein.  Sie  erinnerte  sich nicht mehr daran, daß  sie Yanulf  erzählt  hatte, den  Jungen »Les« zu nennen, aber sie bereute es nicht.  Eines Tages würde sie in der Lage sein, Les von seinem Vater  zu  erzählen und  ihm die Botschaft mitzuteilen, die der Pilot  für sein Kind hinterließ.  Es dauerte eine lange Zeit, bis sie ihre Kraft wiedergewann.  Wochenlang konnte sie ihren Sohn nur einmal am Tag stillen.  Glücklicherweise wurden  zwei  andere  Kinder  kurz  vor  Les  geboren,  beide  von  robusten  Clanfrauen mit  überschüssiger  Milch. Später fragte sich Gwen, ob dies nicht der Ursprung des  antiken  Brauches  der  Pateneltern  war;  ohne  die  Hilfe  der  anderen Frauen wäre Les gestorben.  Allmählich  wurde  sie  sich  wieder  des  Lebens  außerhalb  ihrer Wohnung  bewußt.  Zuerst  empfand  sie  ein Gefühl  der  Bitterkeit,  da  Rick  und  Mason  noch  nicht  von  Tar  Kartos  zurückgekehrt waren und auch Caradoc nicht erlaubt hatten,  zurückzukommen. Sie hatte einen Brief von Rick, der ihr sagte,  daß die Universität  nächsten  Sommer  beginnen  konnte,  falls  der Friede mit Marselius hielt. Sie war erfreut. Alles schien gut  zu verlaufen.  Dann fand sie heraus, daß viele der jungen Männer weg ,                                                 waren.  Alle  Offiziere  und  Unteroffiziere  von  Ricks  neu  gebildeter Armee waren auf Tar Kartos versammelt, wie auch  alle  Schmiede.  Als  sie  herauszufinden  versuchte,  warum,  erfuhr sie nichts. Keine der Frauen wußte, warum ihre Männer  in  die  westlichen  Berge  geschickt  worden  waren.  Einige  dachten, es sollte ein weiterer Raubzug stattfinden, wenn das , Eis  in den Lochs und auf den Pässen geschmolzen war, aber  niemand  war  sich  dessen  sicher.  Es  gab  keinen  Weg,  das  herauszufinden.  Zum  ersten  Mal,  seit  sie  nach  Tran  gekommen war, hatte Gwen Angst, daß sie die Kontrolle über  die Situation verlor.  Die Sonne stand in einem Winkel von dreißig Grad, und der  Schnee  auf  den  niedrigeren  Pässen war  schon  geschmolzen,  als Yanulf  die  Erlaubnis  erhielt,  Tar Kartos  zu  besuchen.  Er  kehrte  zurück  und  berichtete  ihr  unter  dem  Siegel  der  Verschwiegenheit, daß Rick einen Krieg plante, um Chelm für  Tylara zurückzugewinnen.  »Aye, Lady«, sagte er. »Sie sagten mir, daß ich noch vor der  Sommersonnenwende  nach  Schloß  Dravan  zurückkehren  könne. Selbst während wir sprachen, lief die feurige Axt durch  den Garioch.«  Gwen war entsetzt. Das war der Untergang all  ihrer Pläne.  »Aber  –  das  ist  Wahnsinn!  Er  führt  Krieg  gegen  die  Sternenmänner?«  »Aye. Niemand weiß, was  Lord Rick  vorhat,  aber  es wird  gesagt,  er  hat  einen  Plan,  um  beide  zu  vernichten,  die  Sternenmänner und Sarakos. Ich weiß, daß er jeden Karren im  Land gebraucht, um Mist zu einem Platz in der Nähe von Tar  Kartos zu fahren, wo er eine Wassermühle bauen ließ.«  Mist. »Und er sammelt auch Schwefel?«  Yanulf schaute überrascht auf. »Aye. Dünger und Schwefel.  Aber  ich  weiß  nicht,  welchen  Zauber  er  damit  vollbringen  kann.«  »Aber  ich«,  sagte  Gwen.  »Schießpulver.«  Jeder  Karren  im  Land  war  wahrscheinlich  eine  Übertreibung,  aber  dennoch  hieß das, daß Rick eine Menge Schießpulver herstellte. Warum , hatte  er  sich  für  Krieg  entschieden,  Schießpulver  gegen  Maschinengewehre?  »Yanulf,  ich  muß  mit  ihm  sprechen«,  sagte Gwen.  »Das wäre nicht weise«, antwortete der Priester. »Ihr müßt  wieder zu Kräften kommen. Außerdem marschiert die Armee  los,  sobald  die  Clans  Tar  Hastigar  erreichen.  Ihr  kommt  wahrscheinlich nicht an, bevor der Krieg beginnt.«  »Dann muß ich erst recht mit ihm reden.«  »Eure Angst sieht man deutlich«, sagte Yanulf. »Glaubt  Ihr  nicht,  daß  Lord  Rick  in  der  Lage  ist,  die  Sternenmänner  zu  schlagen? Drumold glaubt es – «  »Ich weiß  es  nicht«,  sagte Gwen. Was  plante  Rick?  Er  tat  eigentlich keine  törichten Dinge. Er mußte glauben, daß er es  schaffen konnte. Und wenn er es – »Aber es gibt vieles, das er  wissen muß, bevor er  in diese Schlacht zieht. Wir müssen zu  ihm.«  Yanulf  beobachtete  sie  aufmerksam.  »Es  ist  wichtig  für  Euch.«  »Es ist für  jeden auf dieser Welt wichtig«, sagte Gwen. »Für  diese Welt wie auch für andere Welten.«  »Könnt Ihr ihm nicht eine Nachricht schicken?«  »Keine, der er glauben würde«, sagte Gwen. »Auch wage ich  es nicht,  jedermann zu erzählen, was gesagt werden muß. Es  wäre  sehr  unweise,  es  zu  schreiben.  Nein,  ich  muß  selbst  gehen, und zwar schnell.«  »Ich  glaube  Euch«,  sagte  Yanulf.  »Ich  werde  arrangieren,  was  ich  kann. Aber wir werden  nicht  schnell  reisen, meine  Lady, Ihr würdet eine schnelle Fahrt nicht überleben. Und wir  werden Ammen  für  Euer  Kind  brauchen  und  Soldaten,  die  Euch begleiten. Das wird einige Zeit dauern.« , »Wir haben so wenig Zeit«, sagte Gwen.  »Ich werde tun, was ich kann.«    *    »Es  wäre  besser,  wenn  wir  warten«,  sagte  Camithon.  »Die  Frühjahrsregen  sind  kaum  vorüber,  und  der  Schlamm wird  tief sein. Wir werden nicht schnell reisen können.«  Von der Ratstafel kam zustimmendes Gemurmel. Rick war  erfreut  zu  sehen,  daß  Drumold  und  Balquhain  gar  nichts  sagten, aber darauf warteten, daß Rick sprach. »Noch wird es  Sarakos können«,  sagte Rick. »Aber mehr als das; wir haben  nicht genügend Lebensmittel, um noch  länger zu warten und  noch Vorräte mit  uns  herumzutragen. Mason  hat  die  neuen  Truppen gut trainiert.«  »Ich  hätte  lieber mehr  Zeit  für  sie  gehabt«,  sagte Mason.  »Aber ich glaube, sie sind gut genug.«  »Also  können  wir  durch  eine  Verzögerung  nicht  viel  gewinnen«,  sagte  Rick.  Er  wies  auf  die  Landkarte  auf  der  Ratstafel.  »Übermorgen  am Mittag marschieren wir  los. Wir  nehmen die direkte Route die Straße  entlang. Morgen  in der  Dämmerung  möchte  ich  die  Scouts  vorschicken,  um  sicherzugehen, daß die Nachricht unserer  Reise  nicht  vor  uns  nach  Drantos  gelangte.  Und  nun  die  anderen Details.« Er  rollte verschiedene Pergamente auf und  verneigte sich vor dem Jungen, der am Ende der Tafel saß.  »Majestät,  dies  sind  Ratsbeschlüsse«,  sagte  Rick.  »Der  wichtigste verkündet eine Generalamnestie  für alle Taten vor  diesem Frühjahr und garantiert, daß  jeder Mann seinen Vater  beerbt. Wenn wir die Grenzen von Drantos erreichen, werden ,                                                            , diese Verordnungen  so  schnell wie möglich  im ganzen Land  ausgerufen.«  »Ihr batet mich, den Verrätern, die sich gegen meinen Vater  erhoben, zu vergeben«, sagte der Junge. Seine Stimme erhöhte  sich. »Niemals!«  »Ihr müßt«,  sagte Rick ungeduldig. »Wie  sonst können wir  die  Landbevölkerung  gegen  Sarakos  gewinnen?  Denkt  darüber  nach,  Majestät.  Wollt  Ihr  lieber  auf  Eures  Vaters  Thron sitzen oder Euer Königreich aus dem Exil beobachten?«  »Wenn  jeder Mann  seinen Vater beerbt«,  sagte Calad, »wie  wollt  Ihr  dann  unsere  Clanmänner  und  Verbündeten  belohnen?«  »Sarakos  hat  genug  offene Ämter  geschaffen«,  sagte  Rick.  »Länder  ohne  Erben  für  diejenigen,  die  lieber  Bheromänner  von Drantos als Clanmänner von Tamaerthon werden wollen.  Eines dieser Dokumente gibt MacClallan Muir das Recht, die  besitzlosen  Ländereien  in  zwei  Länder  zu  verteilen.  Ein  anderes Dokument gibt der Lady Tylara das gleiche Recht für  Chelm.«  »Mein Lord«, sagte der  Junge. »Der Preis  für Eure Hilfe  ist  hoch.«  Rick sagte nichts. Einen Augenblick später sagte Camithon:  »Er  ist  nicht  so  hoch,  wie  er  sein  könnte.  Wir  kamen  als  Bittsteller  nach  Tamaerthon,  und  wir  verließen  es  mit  Hoffnungen  auf  den  Sieg.  Unterzeichne,  Bursche.  Du  wirst  keinen besseren Handel abschließen können.«  Rick brachte die Pergamentrollen ans Ende der Tafel. In den  vergangenen Wochen hatte er angefangen, den  jungen König  zu  mögen.  Der  Junge  war  intelligent  genug,  sich  dem  Unvermeidbaren zu fügen. , »Was bedeuten diese anderen Pergamente?« fragte Ganton.  »Eines  ist  ein  Vertrag  über  das  Bündnis  zwischen  Tamaerthon  und  Drantos«,  sagte  Rick.  »Es  enthält  eine  Zusicherung  an  das  römische  Empire,  in  das  Bündnis  einzutreten, falls der Cäsar es wünscht.« Und beide, Camithon  und  Drumold,  dazu  zu  bewegen,  dem  zuzustimmen,  hatte  viele Nächte  des Argumentierens  gekostet; Nächte,  die Rick  lieber  damit  verbracht  hätte,  die  Schlacht  zu  planen.  Schließlich  hatte  sie  der  wachsende  Dämonen‐Stern  mehr  überzeugt  als  jedes  Argument,  das  Rick  anführen  konnte.  Wenn der eindringende Stern näher kam, würden die Länder  im  Süden  zu  heiß  sein,  um  dort  weiterzuleben.  Demnach  hätten sie Horden von Flüchtlingen zu erwarten, einen Zufluß,  den  sie unmöglich akzeptieren konnten. Und die Flüchtlinge  würden bewaffnet kommen – ein Wandern der Stämme, wie  es  in  den  Zeiten  von  Julius  Cäsar  geschah.  Es  würde  ein  starkes  Bündnis  erfordern,  sie  zu  zwingen,  sich  anderswo  anzusiedeln.  »Ein weiteres Dokument bestimmt, daß Ihr in dem Haushalt  von Lady Tylara lebt, bis Ihr volljährig seid«, sagte Rick.  Ganton  lächelte. »Oh, das gefällt mir. Sie  ist nett«, sagte er.  Er  sah  zu  Camithon  auf.  »Wenn  der  Lord‐Protektor  einverstanden ist, willigen wir ein«, sagte er förmlich. Er nahm  den Stift und kritzelte seinen Namen auf jede Pergamentrolle.  Ein Problem weniger, um das  ich mir Sorgen machen muß,  dachte Rick. Wenigstens haben wir einen Anfang gemacht, um  diesen  Wirrwarr  zu  ordnen,  dem  ich  nach  dem  Sieg  gegenüberstehe.  Wenn wir siegen.   , *    Gwen  kam  in  Tar  Kartos  an  und  fand  die  Festung,  bis  auf  Caradoc  und  eine  Kompanie  berittener  Bogenschützen,  leer  vor.  »Lord Rick erhielt die Nachricht, daß Ihr kommen würdet«,  sagte  er.  »Er  konnte  nicht  warten,  aber  er  bat  mich,  hierzubleiben und Euch zu grüßen. Er gab mir das für Euch.«  Der  Kommandant  der  Bogenschützen  überreichte  ihr  ein  Pergament.  Gwen  rollte es auf. »Gwen«, stand da. »Ich habe Camithon  schon  den  Befehl  geschickt,  zu  den  außerhalb  von  Drantos  stehenden Einheiten zu stoßen. Diese Operation erfordert eine  sorgfältige Zeitplanung, und ich muß jetzt gehen, wenn wir sie  noch treffen wollen. Ich kann nicht auf Dich warten.  Wenn Du  es  immer  noch  eilig  hast, mit mir  zu  sprechen,  wird Caradoc Dich begleiten. Nimm deine Chancen wahr. Ich  beabsichtige  den  Kampf  sobald  ich  kann  aufzunehmen,  so  gerätst  du  vielleicht mitten  in  die  Schlacht.  Ich  glaube, wir  gewinnen, aber im Krieg ist nichts sicher.  Ich gebe Dir den Rat, in Tamaerthon zu bleiben. Selbst wenn  wir  verlieren,  können  sie  uns  nicht  vernichten.  Es  werden  genug Einheiten übrigbleiben, die Tamaerthon halten werden,  ganz gleich, was passiert. Die Universität ist wichtiger als der  Krieg.  Ich habe Larry Warner zurück zum Garioch geschickt.  Zum Soldaten  ist er nicht gerade geeignet, aber als Professor  wäre er bestimmt viel besser. Wenn  ich nicht zurückkomme,  sollst du meinen Anteil an dem Raubzug bekommen, und das  sollte  wahrhaftig  genug  sein,  um  eine  Schule  anlaufen  zu  lassen. , Ich  hätte  beinahe den Befehl  gegeben, daß  sie Dich  in Tar  Kartos festhalten sollen, aber ich bin neugierig genug auf das,  was Du weißt, zu dem  ich die Wahl  lieber Dir überlasse.  Ich  hoffe,  Du  bleibst  dort.«  Das  Pergament  war  nicht  unterzeichnet.  Sie sah zu Caradoc auf. »Wie  lange wird es dauern, bis wir  sie einholen?«  »Sie gingen vor neun Tagen«, sagte er. »Und sie beschlossen,  hart zu marschieren. Wir können schneller als sie reisen, aber  ich bezweifle, daß wir sie früher als in Zehn‐Tagen treffen.«  Schon möglich, dachte sie. Ja. Vielleicht kriege ich ihn dazu,  diesen  Krieg  abzublasen,  bevor  es  zu  spät  ist.  Vielleicht  komme  ich  aber  auch  zu  spät.  »Ich werde mit dir  kommen,  sobald ich für die Kindermädchen und mein Baby ein Quartier  gefunden habe«, sagte Gwen. »Wir müssen Rick finden, bevor  er die Sternenmänner bekämpft.«    *    Sieben  Tage  später  erreichten  sie  die  Rückendeckung  von  Ricks  Einheit.  Bis  zur  Front  durchzubrechen,  dauerte  noch  einen Tag. Das Land war bewaldet und bergig, und die einzige  Straße  war  mit  Gepäckkarren  und  Menschen,  die  dem  Heerzug folgten, vollgestopft. Gegen Abend erreichten sie die  Gegend, wo sich das Land öffnete und die Straße durch weite  Felder  lief.  Die  Armee  hatte  sich  über  eine  Front  von  drei  Meilen  Breite  in  Schlachtordnung  verteilt.  Bevor  sie  die  vorderste  Ecke  der  Front  erreichten,  wurden  sie  von  einer  Straßensperre  aufgehalten.  Trotz  Gwens  Schimpfen  und  Caradocs Rang wurden sie zurück zum Hauptquartier geleitet, , einem Pavillon, drei Meilen hinter den Linien.  Das  Hauptquartier  war  mit  der  Ordonnanz  und  Stabsoffizieren  besetzt.  Spione  kamen  und  gingen,  offensichtlich  bereitete  man  sich  auf  die  Hauptschlacht  am  nächsten Tag vor. Niemand schien zu wissen, warum Rick die  leichte Kavallerie und  einige  schwer beladene Waggons drei  Kilometer weiter die  Straße  hinauf  zu dem  einzigen Dorf  in  der Gegend schickte.  Kurz  vor  dem  Abend  hörte  Gwen  Schreie  und  sah  dann  verschiedene  Gruppen  schwerer  Kavalleriemänner  nach  Nordwesten die Straße hochreiten. Die Sonne ging unter, als  sie  sie  zurückkommen  hörte.  Die  berittenen  Bogenschützen  folgten  ihnen  in  vollem Galopp,  und  einige Minuten  später  folgten Rick und seine persönlichen Wachen.  Er hielt an, um Boten mit Befehlen auszusenden, und kam  dann  in  den  Pavillon.  Gwen  hätte  ihn  nicht wiedererkannt,  wenn  sie  ihn  nicht  reden  gehört  hätte.  Er  war  mit  einem  Kettenpanzer und dem scharlachroten Umhang gekleidet, den  Marselius  ihm  als Geschenkgesandt hatte. Sein Helm war  so  geformt, daß er nur die Nase  frei  ließ, wie die der  schweren  Kavalleriemänner, und er trug Stahlschuhe. Als er hereinkam,  half  ihm  Jamiy,  seinen Helm und  seine Schuhe auszuziehen,  aber  den  Rest  der  Rüstung  behielt  er  an.  Er  saß  Gwen  gegenüber  an  der  Tafel.  »Man  sagte mir,  daß  du  hier  bist«,  sagte  er.  »Du  entschuldigst, wenn  ich  dir  das  sage,  aber  du  hättest dir keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können.«  »Warum?«  »Weil  ich eine Schlacht zu planen habe«, sagte er. »Morgen  früh,  noch  vor der Dämmerung, und das  heißt, diese Nacht  gibt es noch eine Million Einzelheiten zu besprechen. Wenn du , etwas  zu  sagen  hast, Gwen,  dann mach  es  bitte  schnell.  Ich  möchte  dich  sicher  auf  dem Weg  nach  Tamaerthon wissen,  bevor die Schlacht beginnt.«                                                       , »Deine Besorgtheit rührt mich.«  »Was soll das nun wieder heißen? Du hättest  in Tar Kartos  bleiben  können.  Ich  wollte,  du  hättest  es  getan.  Ich  beabsichtige  nicht,  morgen  zu  verlieren,  aber  wenn  doch,  zähle  ich  auf  dich,  damit  du  die  Universität  gründest.  Ich  denke  immer  noch,  daß  es  das Wichtigste  ist,  was  wir  für  diesen Planeten tun können.«  »Das  Wichtigste,  was  du  tun  kannst,  ist,  diesen  Krieg  abzublasen«, sagte Gwen.  »Bist du  schließlich doch noch bereit, mir die Wahrheit  zu  erzählen?« fragte Rick. »Das klingt nach einer Feier.« Er drehte  sich zur Tür um. »Jamiy, eine Flasche Wein bitte. Und bitte die  Lady Tylara, zu uns zu kommen, wenn sie eintrifft.«  »Sir. Ich glaube, ich höre ihre Patrouille kommen.«  »Gut. Okay, Gwen, warum ist es so wichtig, und warum hast  du es mir nicht früher erzählt?«  »Es  war  nicht  mein  Geheimnis«,  sagte  Gwen.  »Warum  kannst  du  die Dinge  nicht  ihren  Lauf  nehmen  lassen? Alles  ging so gut. Wir hatten einen Ort, um uns zu verstecken, und  genug zu essen. Parsons wollte diese blöde Droge anbauen – «  »Darüber läßt sich streiten«, sagte Rick.  Sie sah alarmiert auf. »Warum?«  »Parsons und Sarakos haben nicht  sehr viel Halt  in diesem  Land. Sie werden gut daran tun, ihre Armee zu füttern, anstatt  Tausende  von  Morgen  von  diesem  Wahnsinnskraut  anzupflanzen.«  Er  zuckte  mit  den  Achseln.  »Es  ist  egal,  sowieso. Mit  ein wenig Glück werden  Parsons  und  Sarakos  beide morgen früh tot sein.«  »Und wie?«  Rick  grinste  ohne  Humor.  »Ich  habe  diesen  Platz  sehr , sorgfältig  ausgewählt.  Um  gerade  auf  diesem  Fleck  mit  Parsons  zusammenzutreffen, mußte  ich  die Zeit  ganz  genau  auskalkulieren.  Da  draußen  haben  wir  ein  hübsches  schlammiges Feld – besser für meine Infanterie als für Sarakos’  Kavallerie geeignet.  Ideal  für eine Schlacht. Natürlich gibt  es  auch  andere  Plätze  wie  diesen  hier,  aber  der  da  hat  eine  Besonderheit. Es gibt nur ein Dorf ungefähr dreißig Kilometer  die Straße hinauf.«  »Ich verstehe nicht – «  »Sumpfige Felder. Ein Dorf. Wir hielten es letzte Nacht und  heute  fast den ganzen Tag,  aber wir  ließen uns von  Sarakos  heute  nachmittag  von  dort  vertreiben. Wir  mußten  schnell  laufen. Wir hatten keine Chance, es niederzubrennen. Warner  sagt, Parsons und seine Leute mögen es nicht, auf dem Feld zu  schlafen.  Was  glaubst  du,  wo  sie  heute  Nacht  ihr  Hauptquartier aufschlagen – «  »Was planst du?« fragte Gwen.  Rick  sah  auf  seine  Uhr.  »Der  härteste  Teil  war  die  Verschmelzung«,  sagte  er.  »Es  kostete mich Wochen,  bis  ich  ein  Streichholz  hatte,  das  langsam  und  zuverlässig  brannte,  und  ich kann den Zeitpunkt, an dem es zündet,  immer noch  nicht  genau  bestimmen.  Zwölf  Fässer  Schießpulver  herzustellen war gar nicht so schwierig, und es war auch keine  Kunst, sie in dem Dorf zu verstecken. Eine Stunde oder so vor  der Morgendämmerung wird Andre Parsons  eine Hölle  von  Überraschungen erleben.«  »Du willst  sie  also  alle  töten? Und  ihre  ganze Ausrüstung  zerstören?« , »Sicher, das hoffe  ich.  Ich wünschte, es gäbe einen anderen  Weg, aber  ich kann keinen  finden.  Ich kann nicht einmal mit  ihnen verhandeln. Wenn Andre wüßte, daß er gegen mich und  nicht  nur  gegen  Einheimische  kämpft,  wäre  er  viel  argwöhnischer. Wo, zur Hölle, bleibt der Wein?« Er rief nach  seinem Burschen.  »Du siehst nicht gerade angenehm überrascht aus«, sagte er.  »Ich dachte, du lebst in Angst, daß Parsons uns finden und es  den Shalnuksis berichten könnte. Nun brauchst du dir keine  Sorgen mehr zu machen.«  »Oh,  Junge!«  sagte  sie.  »Und  ich  versuchte  vorsichtig  zu  sein. Ich erwarte nicht von dir, daß du gewinnen kannst – «  »Danke für das Vertrauen.«  »Rick,  das  ist  kein  Spiel! Wenn  du  gewinnst  –  wenn  du  gewinnst  –, wirst du  dann  fähig  sein, das  Surinomaz  für die  Fremden anzubauen?«  Was soll das? fragte sich Rick. Er hatte ihre Unruhe bemerkt,  als er ihr erzählte, daß Parsons vielleicht nicht in der Lage sei,  die Pflanzen für die Fremden anzubauen. Und nun das.  Könnte  ich  es  tun?  Wahrscheinlich.  Ich  habe  genug  Verbündete,  und  ich  kann  mit  Camithon  und  dem  König  sprechen,  vorausgesetzt,  wir  können  genug  Getreide  importieren.  Aber  ich  habe  wenigstens  einen  verdammten  Grund, um nicht mit den Fremden handeln zu wollen. Warum  macht  sie  sich  Sorgen  um  Surinomazl Und wie  kann  ich  sie  dazu bringen, mir zu erzählen, was sie weiß?  Er zuckte die Schultern. »Ohne die Ausrüstung, die Parsons  hat?  Nicht  leicht.  Das  ›verrückte  Kraut‹  ist  hier  keine  gewöhnliche  Pflanze,  und  es  zu  kultivieren,  ist  nicht  gerade  einfach,  da man  viel  gutes  Land  braucht,  auf  dem Getreide , wächst. Aber Gwen, ich habe den Legenden zugehört, die über  die  Gefahren  sprechen,  die  der  Handel  mit  den  Himmelsgöttern mit sich bringt.«  Jamiy  kam mit Wein  und  Zinnbechern  herein.  »Die  Lady  Tylara ist sicher zurückgekehrt«, sagte er. »Sie wird kommen,  wenn sie mit ihrem Bruder gesprochen hat.«  Der Bursche zögerte. »Ich glaube nicht, daß sie erfreut war,  als sie hörte, daß die Lady Gwen hier ist.«  Rick lachte. »Ich erwartete nicht, daß sie sich freut«, sagte er.  »Danke.« Er füllte die Becher. »Sieh, wovor hast du Angst?«  »Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.«  »Vielleicht kann ich etwas dazu sagen«, sagte Rick. »Ich habe  mir  auch  ein  paar  Gedanken  darüber  gemacht.  Versuch  es  damit.  Die  fremde  Sonne  kommt  in  Sechs‐hundert‐Jahres‐ Intervallen,  und  das  ist  die  einzige  Zeit,  in  der  sich  die  Shalnuksis  für  diesen  Planeten  interessieren.  Das  war  ungefähr 1400 A. D. 800 A. D. 200 A. D. 400 B. C. 1000 B. C.  und  1600  B. C. Die  Sprachen  sind  Indo‐Europäisch,  und  du  hast mehrere Male Ähnlichkeiten zu dem Mykenäischen und  Griechischen  festgestellt. Das war um  1600 B. C.  oder  etwas  später;  die  Periode  der  fremden  Sonne  ist  nicht  genau  alle  sechshundert Jahre. Okay so weit?«  Sie nickte. »Es  ist die  früheste Periode, derer  ich sicher bin.  Die Archäologen auf der Erde haben wilde Dispute über die  Sprachen der Mittelmeerländer in dieser Zeit – «  »Sie würden bestimmt gerne wissen, was wir wissen«, sagte  Rick.  »Okay. Die  1000  B.  C.‐Expedition  blendete  sich  damit  ein. Vielleicht war  das  zu  dem Zeitpunkt,  als  sie  die Kelten  brachten. Oder um 400 B. C. Um 200 A. D. gibt es keine Fragen  – das  ist das Römische  Imperium um die Zeit von Septimius , Severus, und dafür haben wir Lucius’ Pergamente. Dann, um  die Zeit Karls des Großen  brachten  sie  eine Gruppe hierher,  und dafür gibt es genug Beweise. Karl der Große wurde zum  ganzen  römischen  Eroberer  am  Weihnachtstag  800  A.  D.  gekrönt,  und  sie  müssen  einige  von  diesen  schweren  Kavalleriemännern nicht  lange vorher aufgelesen haben. Das  bringt uns  auf  1400  oder  so. Es  gibt  keine  einzige  Spur  von  diesem Besuch. Warum nicht?«  Gwen  sagte  gar  nichts, Rick  lehnte  sich  vor, um  ein  Stück  Torf auf das kleine Herdfeuer zu legen.  »Wir wissen, daß sie diesen Zeitpunkt nicht übersprangen«,  sagte Rick. »Du sagtest mir, du hättest die Sprachen von Tran  von  vor  sechshundert  Jahren  studiert.  Aber  niemand  weiß  etwas über Langbogen‐Taktiken,  so daß  sie keine Engländer,  Schotten  oder  Waliser  gebracht  haben  konnten.  Vielleicht  Franzosen. Die Franzosen lernten nichts von Crecy, noch hörte  jemand etwas über die Schweizer Piken. Niemand weiß, wie  man Rüstungen aus Blech macht, aber sie wurden um 1400 in  Europa benutzt. Wen brachten  sie also? Es gibt kein Zeichen  von  gemischten  Rassen.  Keine  Orientalen,  Schwarze  oder  Indianer.  Und 1400 liegt schon gut in dem Zeitalter des Schießpulvers,  aber sie haben hier nie davon gehört. Ist das vernünftig? Und  es  sind  nicht  nur  die  Waffen.  Die  Magna  Charta  1215.  Niemand  hat  je  davon  gehört.  Thomas  von  Aquin,  Roger  Bacon, Malatesta, alle dreizehntes Jahrhundert. Um 1400 lebte  ein ganzes Rudel von Genies, und niemand hat  je von  ihnen  gehört. Selbst Lucius nicht, der sein Leben damit verbrachte, in  alten  Dokumenten  zu  stöbern,  oder  Yanulf,  der  über  Heldenpoeme verfügt, so alt, daß selbst eine Version von ,                                                            , Homer dabei ist. Die 1400er Expedition verschwand, ohne eine  Spur zu hinterlassen.  Was passierte, Gwen? Tötete  jemand den größten Teil von  ihnen?«  Sie sah unglücklich auf. »Les dachte es. Wegen dem gleichen  Grund,  den  du  ihnen  nun  gibst.  Warum  gab  es  keine  Entwicklung auf Tran? Du kannst nicht alles auf das unstabile  Klima abschieben«, sagte sie. »Aber er wußte es nicht genau.  In dem Computer gab es keine Daten darüber.«  »Also  deshalb  wolltest  du  keine  Elektrizität.  Oder  etwas  anderes. Du warst gar nicht um Parsons besorgt, es waren die  Shalnuksis, vor denen du Angst hast.«  »Natürlich. Aber wenn Parsons weiß, wo wir sind, wird er es  ihnen sagen.« Sie nahm einen  tiefen Atemzug. »Rick, hast du  alles  geglaubt?  Geheime  Höhlen.  Feuer  vom  Himmel.  Und  diese  Gedichte  über  das  Unglück,  das  der  Handel mit  den  Bösen  Himmelsgöttern  mit  sich  bringt?  Sie  bringen  wunderbare  Geschenke,  aber  sie  holen  sie  wieder  zurück.  Feuer wird vom Himmel fallen, und der einzig sichere Platz ist  in den  tiefen Höhlen. Und  es gibt noch  ein  anderes, das du,  glaube ich, noch nicht kennst – über einen Tabu‐Platz, auf dem  nichts wächst, und ein See mit einem Glasboden – «  Rick  nickte  ernst.  »Sie machen  keine  halben  Sachen,  oder?  Atombomben – «  »Ich weiß es nicht. Aber selbst ohne das Wissen von Yanulfs  Epen dachte Les in dieser Richtung. Deshalb wollte er, daß ich  weglaufe. So weit von Parsons weg wie nur möglich.«  »Und  warum  hast  du  mich  nicht  gewarnt,  daß  Parsons  meutern will?« fragte Rick. »Damit du jemanden hast, der mit  dir geht?« , »Ja, Rick. Es tut mir leid.«  »Sicher. Aber  ich  verstehe  nicht, warum  du mir  das  alles  nicht schon früher erzählt hast.«  »Nun,  ich wußte nicht, was du dann  tun würdest. Rick, es  tut mir leid, daß ich dich im dunkeln tappen ließ, aber nach all  dem  geht  es  uns  ziemlich  gut.  Wir  haben  einen  sicheren  Unterschlupf, genug zu essen, einen Platz für eine Universität  –  ich  dachte  schon  daran,  bevor  du  daran  dachtest,  aber  es  schien besser, es deine  Idee  sein zu  lassen. Alles  lief bestens.  Warum  sollte  ich  die  Dinge  komplizieren,  indem  ich  dir  Probleme vorlegte, an denen du doch nichts ändern könntest?  Und  ich hatte Angst, daß du Parsons warnen könntest. Trotz  allem waren sie einst deine Männer – «  »Wahrscheinlich hätte ich das auch getan. Ich würde es auch  jetzt noch  tun, wenn  ich nicht dabei wäre,  sie  so oder  so  zu  töten.«  Er  leerte  seinen Weinbecher  und  fluchte.  »Wenn  ich  das  alles  vorher  gewußt  hätte,  würde  dieser  Krieg  wahrscheinlich nie stattfinden. Andre kann Sarakos ja nicht so  lieben.«  »Du  verstehst  immer  noch  nicht«,  sagte Gwen.  »Du mußt  ihn  jetzt warnen. Rick, egal wer morgen gewinnt, wir müssen  sichergehen, daß der  Sieger genug Macht hat, um Surinomaz  anzubauen.«  »Die  Hölle  werden  wir  tun.  Du  sagtest  gerade,  daß  der  Handel  mit  den  Shalnuksis  nicht  sehr  angenehm  ist.  Also  verschwinden wir einfach. Wir verstecken uns in den Höhlen,  wenn sie auftauchen. Sollen sie nach ihren Drogen pfeifen.«  »So einfach ist es nicht«, sagte Gwen. »Rick, du sagtest, deine  Universität sei für die Leute von Tran wichtig. Sie scheint dir  sehr am Herzen zu liegen.« , »Sicher. Ich möchte etwas tun, das die Mühe wert ist«, sagte  Rick.  »Diese Surinomaz‐Pflanze ist wichtiger als deine Universität«,  sagte Gwen. »Und  für weit mehr Menschen als die auf Tran.  Sie ist für die ganze menschliche Rasse wichtig.«      2    Rick  füllte  seinen Weinbecher  nach.  »Ich  glaube,  du  solltest  deine letzte Aussage besser erklären«, sagte er vorsichtig. »Du  hast mir schon oft genug gesagt, daß dieses Surinomaz für die  Shalnuksis nicht so viel wert ist. Wie kann das Zeug dann für  die ganze menschliche Rasse wichtig sein?«  »Das ist eine lange Geschichte«, sagte Gwen.  Rick sah auf seine Uhr. »Wir haben noch ungefähr vier oder  fünf  Stunden,  bevor  das  Schießpulver  hochgeht. Das müßte  eigentlich  reichen. Erzähl mir nur dieses  eine Mal die ganze  Geschichte. Ich bin es müde, immer zu versuchen, im dunkeln  zu operieren.«  »Du hast  es nicht  schlecht  gemacht  bis  jetzt«,  sagte Gwen.  »Okay.  Wenn  die  Shalnuksis  ein  Schiff  aussenden  und  herausfinden, daß es keine Ernte gibt und keine mehr geben  wird, werden  sie  kein  Schiff mehr  schicken. Aber wenn  sie  glauben,  daß  es  gute  Ernten  geben  wird,  werden  sie  es  so  einrichten, daß die Schiffe  jedes Jahr, in dem die Pflanzen gut  sind,  kommen.  Möglicherweise  werden  sie  Les  schicken  müssen.«  »Jesus Christus, Gwen, liebst du diesen Kerl immer noch?« , »Ich  weiß  es  nicht.  Manchmal.  Nicht,  daß  es  mir  etwas  ausmacht.« Sie sprach trotzig. »Sieh mich nicht so an. Ich weiß,  was du denkst, und  es  ist  falsch. Rick,  er  schmiß mich nicht  einfach so raus. Ich hätte auch mit ihm gehen können.«  »Und warum gingst du nicht?«  »Weil sie unser Baby nicht am Leben gelassen hätten.«  »Sie? Wer? Und warum nicht?«  »Die  Konföderation.  Sie  züchten  ihre  menschlichen  Bediensteten.  Selbst wenn  sie mein Kind  am Leben  gelassen  hätten,  hätte  ich  es  nicht  aufziehen  dürfen.  Alle  ihre  menschlichen Kinder wachsen in einer Schule auf.«  »Gwen,  über  was,  zur  Hölle,  redest  du?  Züchten  Menschen?«  »Wegen der Treue«, sagte Gwen. »Aber manchmal nehmen  sie ›wilde‹ Menschen von der Erde in ihre Zucht auf, um den  Unternehmungsgeist  anzuregen.  Les  hatte  eine  wilde  Großmutter,  und  sie wollen  nicht  noch mehr wilde Gene  in  dieser Linie erlauben. Rick, ich weiß, das klingt phantastisch.«  »Phantastisch.  Das  ist  ein  gutes  Wort«,  sagte  Rick.  »Wie  lange geht das alles nun schon so?«  »Wenigstens fünftausend Jahre.«  Fünftausend Jahre. »Und du glaubst das?«  »Ja. Alles, was  ich  in  der Datenbank  des  Schiffes  gesehen  habe,  stimmte damit überein. Und  sieh, wie  lange  sie  schon  nach Tran kommen.«  »Aber  fünftausend  Jahre?  Gwen,  die  ganze  Zeit,  und  sie  machten nie  einen offiziellen Besuch bei  einer Regierung auf  der  Erde. Die  ganze  Zeit  handelten  sie mit  uns,  ohne  einen  Vertrag – «  »Sie  können  nicht  und  wollen  nicht«,  sagte  Gwen.  »Sie , dulden keine Barbaren  in  ihrer Konföderation. Sie haben eine  stabile Union  von  beinahe  hundert Rassen. Die meisten  von  ihnen  hatten  nie  Perioden  des  unkontrollierten Wachstums.  Wenn  sie auf eine unstabile, aggressive Rasse  stoßen, gibt es  gewöhnlich  Krieg.  Sie  haben  einige  Rassen,  die  sie  für  hoffnungslos  barbarisch  hielten,  ausgerottet.  Als  Ergebnis  haben  sie  das  erreicht, was menschliche  Philosophen  immer  wollten,  aber  nie  glaubten,  daß wir  es  je  erreichen  könnten:  universaler Friede und Ordnung und Stabilität.«  »Wenn sie so verdammt friedliebend sind, warum berauben  sie dann  immer noch Tran? Warum werfen sie Atombomben  auf ihre letzte Expedition?«  »Die  Shalnuksis  sind  nicht  friedlebend«,  sagte Gwen.  »Bei  dieser  Angelegenheit  haben  sie  nur  keine  andere Wahl.  Sie  sind  eine  langlebige Rasse, und Tran  ist  – Les nannte  es  ein  familiäres  Geschäft.  Die  Shalnuksis  wollen  nicht,  daß  Tran  industrialisiert wird, und die Konföderation weiß nichts von  Tran.«  »Da  war  ein  Polizei‐Inspektor.  Agzaral.  Er  weiß  alles  darüber«, sagte Rick.  »Agzaral und einige andere Menschen wissen es. Sie halten  es vor ihrer Regierung geheim.«  Warum  sollte  es  in  einer Bürokratie, die  fünftausend  Jahre  alt war, keine Korruption geben? »Und dein Freund Les hilft  ihnen, es geheimzuhalten?« .  »Ja.« Gwen kämpfte mit den Tränen. »Rick, es ist nicht, was  du denkst. Es ist so schwer, es zu erklären! Hast du je von den  Janitscharen gehört?«  »Sicher. Sklaven‐Soldaten des Ottomanischen Reiches. Auch  in  der  Verwaltung.  Sie  kämpften  sehr  gut  für  die  Türken , gegen das Reich. Sie wurden  in  ihrer Kindheit als Tribut von  den  christlichen  Untertanen  genommen  und  in  Schulen  aufgezogen,  lebten  in  Baracken,  und  es  wurde  ihnen  nicht  erlaubt zu heiraten – Gott Allmächtiger! Gwen, worauf willst  du hinaus?«  »Auf  das,  was  du  vermutest.  Menschen  sind  keine  Mitglieder der Konföderation, aber menschliche Soldaten und  Polizisten  und Verwalter, wie  Inspektor Agzaral,  führen  die  Politik  der  Konföderation  aus.  Darum  hat  die  Erde  einen  speziellen  Status  –  sie  wird  nicht  in  die  Konföderation  aufgenommen, noch stört sie sie. Sie brauchen ein Geschlecht  von wilden Menschen, um  es mit  ihren zahmen  Janitscharen  zu vermischen.«  »Sklaven‐Soldaten.  Zur  Treue  gezüchtet,  und  in  Kinderhorten großgezogen – Gwen, glaubst du das alles?«  »Ja. Warum sollte Les das erzählen? Warum sollte er sagen,  daß  er  ein  Sklave  ist?«  fragte  sie.  »Er weinte,  als  er mir das  erzählte.  Er  sagte,  er  fühle wie  ein Hund,  der  seinen Herrn  angreift, wie ein Verräter – «  »Wenn  sie  so  treu  sind, warum  verrät  er  sie  dann?  Alles  wegen dir?«  »Nein. Oh, vielleicht zum Teil«,  sagte Gwen. »Aber das  ist  nicht der wirkliche Grund. Rick, er  sagte, es  sei wichtig, daß  die  Konföderation  nie  von  Tran  erfahre  –  er  sagte,  der  regierende Rat der Konföderation ist beunruhigt, jetzt, weil die  Menschen  der  Erde  nun  in  den  Weltraum  gehen.  Manche  Vertreter des Rates wollen die Erde  zurück  ins  Steinzeitalter  versetzen. Agzaral glaubt, daß das schon bald geschieht. Siehst  du nicht, daß die Menschen auseinandergerissen werden? Sie  werden zur Treue gegenüber der Konföderation gezüchtet, ,                                                            , aber  sie  sind  auch Menschen.  Sie wissen  nicht, was  sie  tun  sollen oder wem sie trauen können.«  »Erwartet  dieser  Rat  tatsächlich,  daß  die  menschlichen  Soldaten die Erde bombardieren?« fragte Rick.  »Der  Konföderationsrat  weiß  auch  nicht,  wem  er  trauen  soll«, sagte Gwen. »Aber es gibt Menschen, die beweisen, daß  es das Beste wäre, was man tun könnte. Daß wilden Menschen  nicht einfach erlaubt werden kann, mit  ihrer verrückten  Idee  vom  unkontrollierten  Wachstum  und  ununterbrochenen  Fortschritt  weiterzumachen.  Sie  haben  den  Frieden  für  Tausende  von  Jahren  durchgesetzt,  und  das  ist  für  sie  wichtiger  als  ein  Planet,  auf  dem  sie  noch  nie  gelebt  haben.  Aber andere Menschen wollen die Erde  retten. Der Rat weiß  nicht, was er tun soll, und Agzaral und seine Leute auch nicht.  Einige  der  Janitscharen  –  ich  kann  sie  ebensogut  auch  so  nennen«,  sagte  sie.  »Einige  der  Janitscharen  wollen  die  Konföderation  zwingen,  die  Erde  in  die  Mitgliedschaft  aufzunehmen. Das würde heißen, daß der Konföderationsrat  sich  in  die  Regierung  der  Erde  einmischt.  Die  Menschen  müßten die Politik der Konföderation  akzeptieren.  Stabilität.  Begrenztes  Wachstum.  Das  Ende  von  dem,  was  wir  als  Fortschritt bezeichnen.«  »Ich sehe«, sagte Rick. »Sie nennen es ›Stabilität‹. Aber es ist  ein anderes Wort für eine Gesellschaft, die sich über Tausende  von Jahren nicht geändert hat. Stagniert. Oder dekadent.«  »Das  ist  beinahe das  gleiche, was Les  sagte.  Seine Gruppe  wollte mehr tun, als nur die Erde vor der Zerstörung zu retten.  Sie wollen – Rick, es klingt abgedroschen, aber sie wollen, daß  die Menschheit frei bleibt.«  »Aber wo kommt Tran ins Spiel?« fragte Rick. , »Wenn  sie  die  Erde  bombardieren  oder wenn  sie  aus  der  Erde nur ein anderes dekadentes Mitglied der Konföderation  machen, dann bleiben die Menschen auf Tran immer noch frei.  Mit  etwas  Glück  wird  einer  von  Agzarals  Leuten  –  möglicherweise  Les  selbst  –  hierhergeschickt,  um  die Droge  abzuholen. Nur, dieses Mal wird er nicht wieder so kurzfristig  gehen.  Sie  können Übersetzungen  ihrer  Textbücher  bringen.  Wissenschaftliche Ausrüstungen. Und sie haben den Grad von  Bürokratie  erreicht,  den  du  nach  fünftausend  Jahren  Stagnation erwartet hast. Agzaral glaubt, daß sie vielleicht ein  Schiff  auf  dem  Aufzeichnungsgerät  verlieren  und  hierhersenden können, wenn die Shalnuksis weg sind.«  »Es sei denn, daß die Shalnuksis  ihr Bestes tun werden, um  jeden  zu  töten,  der  Tran  helfen  kann,  sich  aus  der  Eisenzeit  weiterzuentwickeln.«  »Ja. Das werden sie. Sie werden ziemlich sicher die Gruppen  bombardieren,  die  mit  ihnen  handelten.  Aber  vielleicht  vertrauen sie diese Mission Les oder einem seiner Freunde an.  Sie  mögen  keine  langen  Reisen  zu  Orten,  die  vom  Weg  abliegen.  Jedenfalls  ist das eine Chance. Und eine andere  ist,  sich zu verstecken. Sie werden nicht jedermann auf Tran töten.  Sie  können  es  sich  gar  nicht  leisten,  da  sie  in  sechshundert  Jahren wieder Drogenhandel betreiben möchten.«  Rick  schüttelte  den  Kopf.  »Sie  haben  doch  die  Sterne.  Warum handeln sie mit Drogen?«  »Du  verstehst  nicht  den  wirklichen  Grad  der  Dekadenz«,  sagte  Gwen.  »Wer  sind  die  harten  Drogenbenutzer  auf  der  Erde? Es sind nicht die Armen und Unterdrückten, die große  Partys mit Mengen von Kokain feiern.«  »Und  ich  nehme  an,  die  Shalnuksis  machen  viel  –  was? , Geld? Haben sie Geld? Egal, sie profitieren auf  jeden Fall von  dem Drogenhandel.«  »Sie müssen«,  sagte Gwen. »Aber  ich  frage mich, ob  sie  es  nur  des  Profites  wegen  tun.  Es muß  ein  Spiel  für  sie  sein.  Aufregung.« Sie dachte einen Moment nach. »Nimm die Mafia  als  Beispiel.  Sicher  sind  die  High‐Society‐Macker  schon  sagenhaft  reich.  Sie  können  in  den  Ruhestand  treten,  ganz  legal, aber  sie  tun es nicht. So ungefähr muß es auch  für die  Shalnuksis sein.«  »Wenn  wir  also  keine  Drogen  anpflanzen,  haben  deine  Freunde keinen legitimen Grund hierherzukommen.«  »Ja.  Und  das  erste  Schiff  hier  bombardiert  vielleicht  den  Planeten, bevor wir Zeit hatten, uns darauf vorzubereiten.«  »Und deshalb hast du dich versteckt?«  »Ja.  Das  war  alles, woran wir  denken  konnten.  Les  hatte  nicht viel Zeit, um mit mir zu  sprechen. Er hatte Angst, daß  das  Schiff  abgehört  wurde.  Er  mußte  mir  alles  im  Bett  zuflüstern.  Er wollte mich  nicht  hier  zurücklassen,  aber  ich  wollte  seine verdammte Maschine nicht mein Baby abtreiben  lassen, und eine andere Wahl gab es nicht. Er sagte mir, daß  ich weglaufen  und mich weit weg  von  dem Ort  verstecken  soll,  auf  dem  sie  Surinomaz  anbauen.  Als  wir  hörten,  daß  Parsons  eine  Verschwörung  gegen  dich  anzettelte,  dachten  wir, daß ich eine bessere Chance hätte, wenn ich bei dir bliebe.  Les sagte mir sogar, ich solle dich heiraten. Vielleicht hätte ich  das  auch  getan,  wenn  du  nicht  deine  rabenschwarzhaarige  Schönheit getroffen hättest – «  Rick wußte nicht, was er dazu  sagen  sollte. Hätte er Gwen  attraktiv  gefunden, wenn  er  Tylara  nicht  getroffen  hätte?  Es  war schwer, sich das vorzustellen, und es war sowieso zu spät, , um sich darüber Sorgen zu machen.  Es war zu spät, sich überhaupt um etwas Sorgen zu machen.  Er  sah  auf  seine Uhr. Wenigstens  noch  fünf  und  eine  halbe  Stunde. Und  am Morgen  galt  es,  eine  Schlacht  zu  schlagen.  Der Kampf  schien  nun  gar  nicht mehr  so wichtig. Was war  los? Angenommen, was Gwen sagte, war wahr. Was sollte er  daraufhin unternehmen?  »Ich  ‐wünschte,  du  hättest  mir  das  früher  erzählt«,  sagte  Rick.  »Es  macht  –  es  macht  alles,  was  wir  bis  jetzt  taten,  bedeutungslos.«  »Nicht wirklich. Du hast gut gehandelt.«  »Ich habe überlebt.  Sieh, wir brauchen Andres militärische  Ausrüstung  nicht.  Ich  vermute,  du  hast  ein  .Kommunikationsgerät  bekommen.  Du  mußt  eines  haben,  wenn du erwartest, daß Les dich wiederfindet.«  Sie nickte. »Ich habe einen Sender‐Empfänger. Er sagte mir,  wann  ich zuhören  soll, und daß  ich nicht antworten  soll, bis  ich einen sicheren Code gehört habe.«  »So.  Ich glaube,  ich kann die verdammten Pflanzen  für die  Shalnuksis  anbauen.  Vielleicht  können wir  es  so  einrichten,  daß  sie  nicht  zu  viele Leute mit  ihren Bomben  töten. Tylara  sagt,  die Höhlen  unter  Schloß Dravan  seien  sogar  tiefer  als  diese  im  Garioch.  Aber  es  ist  pures  Glück,  was  wir  tun  können,  da  du  mir  nicht  genug  erzählen  willst,  um  einen  intelligenten Plan zu machen.«  »Ich wünschte, ich könnte«, sagte Gwen. »Aber ich vertraue  deinen Fähigkeiten nicht richtig. Wir – Les und ich – dachten,  daß Parsons recht hat: daß du zu unerfahren bist, daß Parsons  sehr viel bessere Chancen hat.  Aber Rick, es war kein blindes Glück. Sicher, alles wofür du ,                                                       gearbeitet hast, war für das Überleben, aber du bist ein Mann  mit ethischen Grundsätzen. Ich glaube nicht, daß es nur Glück  war.  Ethische  Aktionen  sind  vielleicht  die  besten , Überlebenstaktiken  überhaupt.  Ich  wünschte,  ich  hätte  auf  diese  Weise  gehandelt.  Statt  dessen  vertraute  ich  Parsons,  wissend, daß er brutale Taktiken anwendet – und er versagte  total. Ich wünschte, wir hätten dich vor der Meuterei gewarnt  und dir alles erzählt, was wir wußten.«  »Ich auch.«  Er  dachte  über  das  nach,  was  sie  gesagt  hatte.  Hatte  er  ethisch  gehandelt?  Er  hatte  es  versucht,  und  das  hatte  zu  zählen.  Ethik  als  die  beste  Überlebenspolitik,  selbst  ohne  vollständige Informationen? Er war sich nicht sicher, ob er das  als  allgemeinen Lehrsatz  akzeptieren konnte,  obwohl  es hier  und  jetzt  funktioniert  hatte. Was man  jedenfalls  ganz  sicher  behaupten konnte, war, daß, wenn man nach ethischen Regeln  handelte  und  überlebte,  man  leichter  mit  sich  selbst  leben  konnte.  Was,  dachte  er,  einen  anderen  Punkt  ins  Spiel  bringt.  Er  seufzte und drehte sich zur Tür um. »Jamiy.«  »Sir.« Der Bursche kam in den Pavillon.  »Wir  nahmen  heute  nachmittag  einen  von  Sarakos’  Offizieren gefangen«, sagte Rick. »Bring ihn zu mir, und bring  mir Pergament, Feder und Tinte.«  »Ja, Sir.«  »Warum willst du ihn hier haben?« fragte Gwen.  »Ethik.  Du  sagtest,  die  beste  Handlungsweise  sei  die  ethische. Ich bin nicht sicher, daß  ich das glaube, aber  ich bin  sicher, daß  ich kein Geschäft mache, wenn  ich hier sitze und  warte bis eine Bombe auf ein Dutzend Männer fällt, die ich auf  diesen Planeten brachte.«  Ihre Augen weiteten sich. »Was hast du vor?«  »Was ich schon früher hätte tun sollen«, sagte Rick. »Ich bin , dabei,  Andre  Parsons  einen  Brief  zu  senden  und  ihm  anzubieten, mit mir zu verhandeln.«                                                         , 3    »Mann, bist du blöd?« fragte Drumold überrascht. »Wir hätten  gewonnen, und du willst  es  einfach wegwerfen.« Er  sah  auf  Rick. »Ich dachte, du wärest treu – «  »Sie  sind  seine  Landsleute«,  sagte  Tylara.  »Wie  es  auch  Gwen ist. Wir sind es nicht.«  »Du weißt  es  besser«,  sagte  Rick  ärgerlich.  »Aye.  Sie  sind  meine  Landsleute.  Ich  brachte  sie  hierher,  wie  Tylara mich  erinnerte. Und da ich sie brachte, bin ich für die Menschen, die  sie unterdrücken, nicht weniger verantwortlich wie für meine  eigenen Männer, oder?« Und dann, verbittert: »Ihr seid nicht  in Gefahr. Dughuilas wird nie müde zu sagen, daß  ich nie  in  einer Schlacht gekämpft habe. Ihr braucht mich nicht.«  »Wenn du durch Dughuilas Worte verletzt bist, so werde ich  dir  seinen  Kopf  bringen  lassen«,  sagte  Drumold.  »Oh,  wir  reden Unsinn. Du weißt  sehr  gut, welchen Wert du  für uns  hast. Wie wir es auch wissen. Ohne deine Führung kämpfen  wir, wie wir kämpften, bevor du kamst, wie  ein Mob. Es  ist  dein Werk, das die Römer bedrängte. Wenn wir dir nicht oft  genug gesagt haben, daß wir deinen Wert kennen, dann sage  ich  es dir  jetzt. Sei nicht durch voreilige Worte beleidigt, die  unbedacht ausgesprochen wurden. Ich zweifle nicht an deiner  Treue, und ich kann gut verstehen, daß du deine Lands‐Leute  zu retten wünschst. Aber denk an das Risiko!«  »Ich habe daran gedacht«,  sagte Rick.  »Es  ist  zum größten  Teil  mein  Risiko.  Ich  habe  den  Schlachtplan  für  euch  ausgearbeitet. Die Katapulte  und  Schleudern  sind  auf  ihrem  Platz, und  ihre Offiziere wissen genausogut wie  ihr, wie man  sie benutzt. Ihr wißt, welche Waffen Parsons besitzt – wenn sie , überleben. Ich habe ihm nichts von dem Schießpulver erzählt,  das  neben  dem  Dorf  vergraben  ist,  und  er  kehrt  bestimmt  dorthin zurück, wenn unser Gespräch ihn nicht überzeugt.«  »Mir gefällt das alles nicht«, sagte Drumold.  »Noch gefällt  es mir.« Tylara zeigte auf Gwen. »Was  sagte  sie, das dir den Verstand raubte?«  »Ich wollte nicht, daß er das tut!« protestierte Gwen.  »Es würde zu lange dauern, um das zu erklären«, sagte Rick.  »Aber  ich sage euch dies. Wenn  ich heute nacht oder morgen  getötet werde, ist der einzige Weg um die ZEIT zu überleben,  auf Gwen zu hören und zu tun, was sie euch sagt.« Er sah auf  seine Uhr. »Es ist Zeit zu gehen. Ich sagte Parsons, daß ich ihn  und Elliot und noch einen anderen auf der Straße in der Mitte  zwischen den Linien treffen werde. Mason – «  »Nein, Sir.«  »Eh?«  »Ich  sagte, mein,  Sir‹. Das  ist  ein  Freiwilligen‐Job, Capt’n,  und ich bin kein Freiwilliger.«  »Ich  sehe. Vielleicht  ist  das weise  von  dir. Okay,  ich  gehe  alleine.«  »Ich  glaube  nicht,  daß  ich  dir  trotzdem  erlauben  sollte  zu  gehen«, sagte Drumold.  »Ich bezweifle, daß du mich aufhalten kannst«,  sagte Rick.  Er legte seine Hand auf die Pistolentasche mit der Mark IV .45.  »Ich  bezweifle  nicht,  daß  du  mich  töten  kannst,  aber  das  scheint ein seltsamer Weg zu sein, mein Leben zu retten.«  Drumold trat zur Seite.  »Das war’s dann wohl«, sagte Rick. »Ich bin in einer Stunde  zurück.«   , *    Am vordersten Außenposten war alles ruhig. Rick starrte nach  draußen  in  die  Dunkelheit.  Trans  äußerer  Mond  gab  sehr  wenig  Licht,  und  auf  der  Straße  vor  ihm  konnte  er  nichts  sehen. Er hörte Fußtritte hinter  sich und drehte  sich um, um  Mason zu entdecken.  »Ich hätte mich besser gefühlt, wenn du mit mir gekommen  wärst«,  sagte Rick.  »Aber du hast  recht. Du wirst hier mehr  gebraucht.  Wenn  ich  nicht  zurückkomme,  übernimm  die  Ladung  der  Katapulte.  Ein  Dutzend  abgefeuerte  Granaten  sollten  eigentlich  reichen,  um  Parsons  Maschinengewehr  außer Gefecht zu setzen.«  »Yeah. Vielleicht. Capt’n, mir wäre  es  viel  lieber  gewesen,  wenn Sie das nicht tun würden, aber ich weiß, daß Sie es tun  müssen.  Ich  glaube  nicht,  daß  es  Sinn  hat, mit  Parsons  zu  reden, aber ich hoffe, ich bin im Unrecht. Er hat ein paar sehr  gute Männer bei sich. Elliot, McCleve, Campbell – «  »So sehe ich es auch«, sagte Rick. »Okay, ich gehe hier lang.«  Er  wurde  durch  eine  andere  Stimme  hinter  ihm  aufgeschreckt.  »Warte«, sagte Tylara. »Ich komme mit dir.«  Zur Hölle mit dir. Er hielt inne und drehte sich um. »Nein.«  »Ja. Du sagtest, daß keine Gefahr für dich besteht. Wenn es  keine Gefahr für dich gibt, gibt es erst recht keine für mich.«  »Du  könntest  ja  nicht  einmal  verstehen,  worüber  wir  sprechen«,  protestierte  Rick.  »Wir  werden  uns  auf  englisch  unterhalten – «  »Und doch gehe ich mit«, sagte Tylara. »Glaubst du, ich will  zum  zweiten Mal Witwe werden,  noch  bevor  ich  zur  Braut , wurde?«  Sie  lächelte  sanft.  »Und  ich  gebe  dir  die  gleiche  Antwort,  wie  du  sie  meinem  Vater  gabst.  Du  kannst  mich  nicht aufhalten, ohne mich zu töten, und das ist eine seltsame  Art, mein Leben zu beschützen.«  Oh, zur Hölle. Und sie meint auch noch, was sie sagt. »Okay.  Laß uns gehen.«    *    Vor  ihnen auf der Straße waren Schritte zu hören. Rick hielt  an. »Andre?« rief er.  »Ja. Hallo, Rick.«  Diese spöttische Stimme war nicht zu verwechseln. »Wer ist  bei dir?«  »Sergeant Elliot und Corporal Bisso«, sagte Parsons.  »Ich möchte sie hören.«  »Wir  sind  es,  Capt’n!«  rief  Elliots  Stimme  aus  der  Dunkelheit. »Sonst niemand!«  »Und wer ist mit dir?« fragte Parsons.  »Tylara do Tamaerthon«, antwortete Tylara.  Woher  lernte  sie  so viel Englisch, um  zu wissen, wann  sie  antworten soll? wunderte sich Rick. Mason?  »Du hast eine Frau mitgebracht?« fragte Parsons.  »Sicher,  Andre.  Dies  ist  ein Waffenstillstands‐Treffen.  Ich  dachte nkht, daß ich Leibwächter brauchen würde.«  Das  tiefe  Lachen  kam  zurück.  »Immer  noch  naiv,  mein  junger Freund. Gut, dieses Mal bist du korrekt. Ich habe nicht  mehr mitgebracht, als die, die du gehört hast. Bleiben wir nun  stehen und schreien in die Dunkelheit?«  »Nein. Ungefähr  hundert Yard  links  ist  ein  kleiner Hügel. , Die Spitze ist kahl. Wir gehen dorthin und setzen uns. Ich habe  eine Blendlaterne mitgebracht.« ,   »Ich auch. Gut, dann laßt uns dorthin gehen.«  Sie erreichten zusammen die Spitze des kleinen Hügels. Rick  machte  die  Klappe  seiner  Laterne  auf.  Er  konnte  Parsons  grinsen sehen, als er sich hinsetzte.  »Ich  muß  sagen,  ich  bin  vollkommen  überrascht«,  sagte  Parsons. »Ich denke, ich hätte schon etwas vermuten sollen, als  ich  hörte,  daß  die  Bergstämme  einen  großen  Sieg  über  die  Römer errangen, aber  ich  tat es nicht.« Er nahm eine Flasche  von seinem Gürtel. »Wein?«  »Später‐ «  Parsons Lachen hatte  einen  tiefen, höhnischen Klang.  »Ah.  Ich zuerst.« Er kippte die Flasche und  trank. »Bist du  sicher,  daß du keinen mit mir trinken willst?«  »Ich  habe meinen  eigenen«,  sagte Rick.  »Ich wollte  gerade  dir welchen anbieten. Möchtest du probieren?«  »Vielleicht  ist es besser, wenn  jeder seinen eigenen behält«,  sagte  Parsons.  »Auf  diese Weise  gibt  es  keinen  Argwohn.«  Seine  Stimme wurde  härter  und  bekam  eine  ernstere Note.  »Warum wolltest du mich  treffen? Möchtest du deine Armee  übergeben?«  »Nein.  Ich  kam,  um  dir  Dinge  zu  erzählen,  die  du  nicht  weißt.  Erstens:  hast  du  von  den  örtlichen  Legenden  gehört?  Von Höhlen, und Feuer vom Himmel?«  »Nein.«  »Das dachte  ich mir  schon. Aber du weißt, daß  es Höhlen  gibt?«  »Ich weiß, daß es unter den meisten Schlössern welche gibt«,  sagte Parsons. »Sie spielen in der örtlichen Religion eine große  Rolle. Mein Freund Sarakos war sehr unglücklich, da er keinen , Weg wußte, wie er die Höhlen unter  seinem Schloß betreten  konnte.  Er  hätte  zu  gern,  daß  ich  ihm  helfe,  mit  dem  Ammoniak  fertig zu werden, aber  ich habe bessere Dinge zu  tun.«  »Du  würdest  dich  besser’  mit  den  Höhlen  beschäftigen«,  sagte  Rick.  »Das  ist  ein  Grund,  aus  dem  ich  dich  sprechen  wollte, falls ich diese Schlacht morgen verlier – «  Parsons lachte.  »Ich  sagte  falls,  und  ich  meine  falls«,  sagte  Rick.  »Wir  werden  später noch darüber  reden. Aber wenn du gewinnst,  dann wirst du das Wissen über die Höhlen brauchen. Du wirst  sie als Zuflucht für den Kriegsfall brauchen.«  »Ich fürchte, du redest Blödsinn.«  »Hör zu.« Rick erzählte  ihm von  seinen Schlußfolgerungen  über  das  Schicksal  der  1400er‐Expedition  und  über  Gwens  Verdacht. Er achtete darauf, daß Elliot die Geschichte  so gut  wie Parsons hörte.  »Interessant. Ich danke dir«, sagte Parsons.  »Natürlich spielt das  für dich keine Rolle«, sagte Rick. »Ich  verstehe, daß du nicht  in der Lage  sein wirst, das Surinomaz  für die Shalnuksis anzubauen.« Er lachte. »Du sagtest, ich habe  nicht  genug Erfahrung, um diese Mission  auszuführen,  aber  ich scheine eine größere und bessere Armee als du zu haben.  Und da, wo ich lebe, gibt es keinen Guerilla‐Krieg. Wer ist also  so verdammt wirkungsvoll?«  »Das ist rücksichtslos von dir«, sagte Parsons.  »Entschuldige. Aber du  siehst, daß diese Surinomaz‐Pflanze  wichtiger ist, als du ahnst. Viel wichtiger.«  »Woher weißt du das?«  »Gwen. Erinnerst du dich an sie? Die Freundin des Piloten? , Sie  fand  sehr  viel  über  die  Leute  heraus,  die  uns  hierherbrachten.  Da  oben  geht  viel  vor.«  Er  zeigte  auf  die  leuchtenden Sterne und ihre fremde Konstellation.  »Du  hast  mir  nicht  erzählt,  warum  dieses  Surinomaz  so  wichtig ist.«  »Ich weiß  nicht,  ob  ich  dir  so weit  vertrauen  kann«,  sagte  Rick. »Davon hängen viele Menschenleben ab. Einige von der  Erde eingeschlossen. Aber nimm an, daß ich lüge. Es ist immer  noch wichtig für dich. Ohne diese Pflanze bekommst du keine  Handelsgüter  von  den  Shalnuksis.  Wirklich,  Andre,  was  bringst  du  mit  deiner  überlegenen  Geschicklichkeit  und  Erfahrung zustande?«  »Gibt  es  noch  einen Punkt  in dieser Unterhaltung?«  fragte  Parsons.  »Sicher.  Ich hoffe, daß  ich dich überzeugen kann, dich uns  anzuschließen«, sagte Rick.  Parsons lachte.  »Warum nicht?«  fragte Rick. »Zusammen können wir diese  Pflanzen  anbauen  und  mit  den  Shalnuksis  handeln.  Wir  können vielleicht sogar ein Sternenschiff kapern und die Hölle  von  diesem  Planeten  fernhalten!  Wenn  wir  zusammenarbeiten.  Oder wir  können weiterkämpfen,  und  egal, wer  gewinnt,  wir  verlieren  beide. Du  kannst  diese  Pflanze  nicht  anbauen.  Sarakos  kann  nicht  einmal  seine  Armee  ernähren!  Die  Menschen hier werden nicht eher aufhören zu kämpfen, bis er  weg  ist.  Aber  du  mußt  wissen,  daß  wir  als  Befreier  willkommen  sind.  Ich  habe  ein  Bündnis mit  dem  legitimen  König,  und  ich  habe  auch  den  größten  Teil  des  Adels  auf  meiner Seite.  Ich kann die Pflanzen anbauen und ernten. Du , kannst es nicht.  Lauf  auf unsere  Seite über, und du hast  einen  ehrenvollen  Platz.  Reichtum  und  Einfluß,  und  du mußt  nicht  die  ganze  Zeit über kämpfen. Wir gewinnen beide. Bekämpfe mich, und  wir verlieren beide.«  »So«,  sagte  Parsons.  »Du  bist  überzeugend  und  zuversichtlich.  Und  das  wundert  mich.  Ich  habe  darüber  nachgedacht,  seit  ich deinen Brief  erhielt, was  ist  es, was du  tun  kannst?  Schießpulver? Musketen?  Ich  glaube,  du  hattest  nicht  genug  Zeit.  Handgranaten?  Zweifellos,  und  Katapultbomben auch. Sag mir, welche Reichweite haben sie?«  »Genug.  Und  ich  habe  jede  Menge  davon«,  sagte  Rick.  »Andre, um Gottes willen,  laß uns diesen verdammten Krieg  hier und jetzt beenden. Siehst du nicht, daß es besser ist, wenn  wir zusammenarbeiten?«  »Ich  sehe,  daß  du  der  Grund  für  meine  Schwierigkeiten  bist«, sagte Parsons. »Der Guerilla‐Krieg – «  »Das war spontan«, sagte Rick.  »Ich  glaube  dir  nicht.  Ohne  dich  bricht  der  Widerstand  zusammen,  und  morgen  früh  werden  wir  deine  Barbaren‐ Armee zerstören.« Er lächelte dünn. »Wie kommst du darauf,  daß ich die Macht mit dir und deinen Berg‐Clans teilen will?«  »Du teilst mit Sarakos – «  »Im Moment. Ich brauche ihn.«  »Andre, du bist verrückt geworden«, sagte Rick. »Was willst  du eigentlich?«  »Ich  sagte, was  ich will,  bevor wir  den Mond  verließen«,  sagte Parsons. »Ein König sein. Und  ich glaube nicht, daß du  das anzubieten hast. Rick, du bist ein Narr. Ohne dich bricht  deine  Sache  zusammen.  Ich will  deine  ‐‐ Armee  genau wie , meine haben.« Seine Hand stahl sich unter seine Jacke.  Für Rick  schien  sich  alles  in Zeitlupe zu bewegen. Parsons  Hand  erreichte  seine  Pistole,  und  Rick  warf  sich  zur  Seite,  seine Hand grapschte nach seiner eigenen Waffe.  Dann  war  ein  Schrei  zu  hören.  »Nein!  Verdammt,  nein!«  Elliots  Schrei  überraschte  Parsons  dermaßen,  daß  er  seinen  Zug verpaßte, aber Rick war immer noch zu langsam. Er hatte  die  45er  in  der  Hand,  entsichert,  aber  bevor  er  sie  herumschwenken konnte, um sie auf Parsons zu richten, zielte  Andres Waffe auf Ricks Kopf ‐  Es  waren  drei  Schüsse  kurz  hintereinander.  Ricks  Ohren  sangen  unter  dem  Druck  der  Feuerwaffe.  Er  hörte  Schreie,  aber sie waren durch das Klingeln  in seinen Ohren  fast nicht  zu hören. Dankbar realisierte er, daß er noch lebte und daß er  keinen Schock oder Schmerzen verspürte.  Andre  Parsons  fiel  schwer.  Sein  Gesicht  hatte  einen  Ausdruck  der  totalen  Überraschung.  »Meine  Ehrerbietung,  junger Freund – « keuchte er. Was er sonst noch sagen wollte,  kam nie heraus.  »Nehmt es leicht«, sagte Sergeant Elliot in dem Tran‐Dialekt.  »Wir ergeben uns.« Elliot hielt seine  leeren Hände hoch, und  einen Augenblick später tat Bisso das gleiche.  »Was ist passiert?« fragte Rick. »Wer – «  »Ich  versuchte  ihn  aufzuhalten«,  sagte  Elliot.  »Ich  beging  schon  einen  Fehler  gegen  Sie,  Captain.  Ich  wollte  Colonel  Parsons  nicht  noch  einen  machen  lassen.  Aber  er  war  zu  schnell.  Ich  kam  nicht  einmal  zum  Ziehen.  Es  war  eure  Freundin hier.« , Er  zeigte  auf  Tylara.  Sie  saß  bewegungslos,  immer  noch  Masons  Pistole  in  beiden  Händen.  Einer  der  ausgebeulten  Ärmel  ihres  Mantels  war  verkohlt,  und  da,  wo  sie  durchgeschossen hatte, stiegen kleine Rauchfahnen auf.    *    Einen Augenblick später kam Mason den Hügel herauf. »Seid  ihr okay?« fragte er.  »Ja – « In Ricks Ohren klingelte es immer noch. Tylara hatte  nicht mehr als einen Fuß hinter ihm gestanden, als sie feuerte.  Sein Kopf wurde klar, aber es schien eine Ewigkeit zu dauern.  Tylara  schien  genauso  benommen  zu  sein.  Und  nun  war  Mason hier. »Woher bist du gekommen?« fragte Rick.  »Von da draußen«, sagte Mason. »Ich habe mich ein bißchen  umgesehen,  für den Fall, daß Parsons  einen Heckenschützen  mitbrachte. Im Moment ist niemand draußen, aber nach diesen  Schüssen werden  sie kommen. Wir gehen besser. Wie geht’s,  Serge?«  »Was geht bloß vor?« fragte Rick.  »Zur Hölle, Capt’n,  ich wollte  euch nicht  ganz  alleine hier  rausgehen  lassen«,  sagte  Mason.  »Ich  dachte,  ich  könnte  draußen, wo sie mich nicht sehen können, mehr nützen. Nur,  Sie  mußten  einen  Platz  aussuchen,  an  den  ich  nicht  nahe  genug  rankonnte!  Gott  sei  Dank  dachte  Tylara  daran,  sich  meine  Pistole  auszuborgen.  Sie  nimmt  schon  seit  Wochen  Stunden  im  Trocken‐Schießen.  Capt’n,  wir  gehen  jetzt  aber  wirklich besser.«  »Okay.« Er stand auf und  fühlte, wie er schwankte, bis  ihn  Elliot mit einer Hand auf seiner Schulter stützte. »Tylara – « , Sie  stand  langsam  auf.  Sie behielt die Pistole  in der Hand,  aber  sie paßte  auf, daß  sie  auf niemanden  zielte.  »Ich wußte  nicht«,  sagte  sie  sanft. »Ich wollte nicht  ‐schießen –, aber auf  einmal.«  »Sie werden  es  aber  tun«,  sagte Mason.  »Kommt,  ich  höre  aus  beiden Richtungen  Leute  kommen.  Ihr  geht  voran  –  ich  bleibe zurück, um unsere Besucher abzuschrecken.« Er nahm  liebevoll die H & K in die Hand.  »Was nun, Elliot?« fragte Rick.  »Wir akzeptieren Ihr Angebot«, sagte Elliot. »Falls es immer  noch gilt.«  »Es gilt noch«, sagte Rick. »Aber nicht mehr  lange.« Er sah  auf  seine  Uhr.  »Ihr  habt  nicht mehr  als  zwei  Stunden,  um  zurück  zum  Dorf  zu  gehen  und  alle Männer  zu  holen,  die  mitkommen wollen. Bisso wird bei mir bleiben.«  »Ja, Sir«, sagte Elliot. »Zwei Stunden.« Einen Moment stand  er  unbeholfen  da,  offensichtlich  nach Worten  suchend.  »Ich  bin nicht sehr für Entschuldigungen«, sagte er. »Ich dachte, ich  tue das Richtige, als wir damals landeten. Nun – «  »Du  brauchst  dich  nicht  zu  entschuldigen«,  sagte  Rick.  »Komm  nur mit  den Männern  zurück.  Laßt  die Ausrüstung  liegen, wenn es nicht anders geht, aber bring die Männer und  was ihr tragen könnt. Zwei Stunden.«  »Ja, Sir. Zwei Stunden.«  Vierzig Minuten  nachdem  Elliot  ein Dutzend Männer  und  das leichte Maschinengewehr in Ricks Pavillon gebracht hatte,  explodierte das Schießpulver. ,     EPILOG , Tylara  sah  mit  Befriedigung  von  den  Zinnen  von  Schloß  Dravan  hinunter.  Die  letzten  Überreste  von  Sarakos’  Belagerungsarbeiten  waren  beseitigt,  dem  Boden  gleichgemacht.  Sie  waren,  ohne  Spuren  zu  hinterlassen,  gegangen. Dravan war wieder stark.  Es würde  stark  sein müssen. Sarakos war  tot – war es  sein  Körper  in den seidenen Gewändern? Die Schießpulverbombe  hatte sein Gesicht entstellt. Wer es auch war, Sarakos war tot,  und  ohne  einen  König  oder  die  Sternenmänner,  die  sie  führten, hatte  sich  seine Armee bei der Berührung mit Ricks  Pikenmännern und Bogenschützen aufgelöst. Drantos war frei,  aber es gab neue Kriegsgerüchte vom Norden, und mehr als  Gerüchte von Invasionen verdrängter Stämme im Süden.  Der  Dämonenstern  stand  leuchtend  über  dem  Horizont,  selbst am Nachmittag zu  sehen. Sie dachte,  sie könne bereits  seine Wärme fühlen. Die ZEIT kam, und für den Eqeta und die  Eqetassa von Chelm gab  es noch Myriaden von Einzelheiten  zu  erledigen.  Sie wendete  sich  von den Zinnen  ab Rick und  Gwen zu, und  lächelte zaghaft. Rick  schickte Gwen weg. Sie  brauchte nicht länger Angst zu haben, was ihr Mann für diese  Landfrau empfinden mochte.    *    »Sie  können  für  nächstes  Jahr  keine  Ernte mehr  erwarten«,  sagte Gwen. »Der Dämonenstern wird nicht hell genug  sein.  Bist du sicher, daß du mich hier nicht mehr brauchst?«  Rick  schüttelte  den  Kopf.  »Ich  werde  schon  klarkommen.  Tylara mag dich nicht immer um uns haben – «  »Ich habe es bemerkt.« , »Aber das wichtigste ist, die Universität so bald wie möglich  zu  eröffnen.  Du  wirst  Warner  und  Campbell  haben,  und  sobald  McCleve  mit  seinen  Arbeiten  an  den  Tetanus‐ Impfungen fertig ist, werde ich ihn dir auch schicken.«  Der  Sergeant  hatte  bereits  ein  Serum  gegen  Syphilis  entwickelt und lehrte einige von Yanulfs Leuten die Anatomie.  Das Wissen würde sich bald so weit verbreiten, daß es selbst  mit  den  Atombomben  der  Shalnuksis  nicht  mehr  gelöscht  werden konnte.  »Ich wünschte, du müßtest nicht hierbleiben«,  sagte Gwen.  »Nicht – Tylara braucht auf nichts eifersüchtig zu sein. Aber es  gibt so viel zu tun dort.«  »Ich komme  zu Besuchen vorbei«,  sagte Rick.  »Ich möchte  Marselius  im Auge behalten. Man kann nie wissen.  Ich gebe  zu, daß ich dich beneide. Ein ruhiges Universitätsleben ist sehr  angenehm, im Vergleich zu dem, was wir hier zu tun haben.«  Mehr Details. Felder, die für das Surinomaz gepflügt werden  mußten.  Sorgfältiges  Planen  des  Anbaugebietes,  so  daß  die  Bevölkerung schnell in den Höhlen Schutz suchen konnte. Die  Höhlen mußten mit Vorräten gefüllt werden, und noch mehr  Felder mußten mit  den  neu  entworfenen  Pflügen  bearbeitet  werden. Und immer die Bedrohung durch die Kriege ‐  Tylara kam zu  ihnen. Rick nahm  ihre Hand und  trat neben  sie. Mit ihr zu leben war wie ein Dutzend Frauen zu haben: In  einem Augenblick konnte sie Armeen kommandieren, und im  nächsten  Augenblick  war  sie  scheu  und  schien  hilflos.  Im  Moment  trug  sie  eine  Rüstung  und  sah  einem  Ritter  sehr  ähnlich.  Sie waren seit zwei Monaten verheiratet, und er verstand sie  jetzt weniger als damals, als sie sich zum ersten Mal trafen. ,                                                            , Nur eines stand fest: Er konnte sich nicht vorstellen, ohne sie  zu leben.  Gut,  eine  andere  Sicherheit. Daß Gwen  ging,  konnte  nicht  schaden. Das  chinesische  Schriftzeichen  für  »Ärger« war  ein  Strich, der auf zwei Frauen unter einem Dach zeigte, und der  letzte Monat hatte die Wahrheit dieses Schriftzeichens gezeigt.  »Bevor  du  gehst,  gibt  es  noch  etwas,  das  ich  dich  fragen  wollte«,  sagte Rick  zu Gwen.  »Du möchtest  es mir vielleicht  nicht sagen. Einmal hast du erwähnt, daß Les eine Nachricht  für sein Kind hat. Ich möchte diese Botschaft gerne hören.«  »Okay«, sagte Gwen. »Sie ist nicht lang. Er sagte, er will, daß  sein Kind folgendes wissen sollte: Daß sein Vater glaubte, daß  die  menschliche  Rasse  eine  größere  Bestimmung  habe,  als  Sklavensoldaten  einer  sogenannten  Zivilisation  zu  sein,  die  sich  etwas  darauf  einbildet,  daß  sie  sich  seit  fünftausend  Jahren  nicht  geändert  hat.«  Sie  sah  hinauf  zu  dem  Dämonenstern. »Ich hoffe, daß er recht hat.«  »Verdammt recht hat er«, sagte Rick. »Selbst wenn Les nicht  mit seinen Textbüchern und einem Schiff zurückkommt. Alles,  was wir  brauchen,  ist Zeit,  und  die  haben wir. Wir werden  sechshundert  Jahre  haben.  Die  Erde  brauchte  nicht  halb  solange von der Dampfmaschine bis zum Weltraumschiff. Wir  können  es  in  einer  Generation  schaffen,  da  wir  mit  mehr  beginnen.«  Gwen nickte zustimmend. »Sehr viel mehr. Und wir wissen,  daß Sternenschiffe möglich sind.«  »Ja, das hilft. Du gehst und  startest deine Universität, und  ich handle mit den Shalnuksis. Ob so oder so, dein Kind wird  die Sterne erben.«  »Unsere Kinder«, sagte Tylara. ]
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