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Buch: Ein neues Land taucht aus dem Meer der Scheibenwelt auf, und jeder will es haben – auch wenn keiner so genau weiß, warum. Samuel Mumm, vielgeplagter Kommandant der Wache von Ankh-Morpork, sieht sich plötzlich mit einem Verbrechen konfrontiert, das so groß ist, daß es kein Gesetz dagegen gibt: Krieg! Der verschlagenste Politiker der Scheiben- welt und ihr scharfsinnigster Erfinder sind schon unterwegs zum Schlachtfeld – mit äußerst brisantem Handgepäck… FLIEGENDE FETZEN – ein neuer Geniestreich von Terry Pratchett, dem Superstar der etwas anderen Fantasy Der Autor: Terry Pratchett, gebore...
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Buch: Ein neues Land taucht aus dem Meer der Scheibenwelt auf, und jeder will es haben – auch wenn keiner so genau weiß, warum. Samuel Mumm, vielgeplagter Kommandant der Wache von Ankh-Morpork, sieht sich plötzlich mit einem Verbrechen konfrontiert, das so groß ist, daß es kein Gesetz dagegen gibt: Krieg! Der verschlagenste Politiker der Scheiben- welt und ihr scharfsinnigster Erfinder sind schon unterwegs zum Schlachtfeld – mit äußerst brisantem Handgepäck… FLIEGENDE FETZEN – ein neuer Geniestreich von Terry Pratchett, dem Superstar der etwas anderen Fantasy Der Autor: Terry Pratchett, geboren 1948, verkaufte seine erste Geschichte im zar- ten Alter von dreizehn Jahren und ist heute einer der erfolgreichsten Fantasy-Autoren überhaupt. Neben Douglas Adams und Tom Sharpe gilt er als Großbritanniens scharfsinnigster und pointensicherster Ko- mik-Spezialist. Time Out schrieb über ihn: »Terry Pratchett wird mit je- dem Buch besser und besser. Er ist auf dem Höhepunkt seines Schaf- fens, und es gibt heute keinen einzigen Humoristen, der es auch nur an- nähernd mit ihm aufnehmen kann.«,

Terry Pratchett Fliegende Fetzen

21. Roman von der bizarren Scheibenwelt Ins Deutsche übertragen von Andreas Brandhorst

GOLDMANN

, Die englische Originalausgabe erschien 1997 unter dem Titel »Jingo« bei Victor Gollancz Ltd. London Der Goldmann Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann Deutsche Erstveröffentlichung 4/99 Copyright © Terry and Lyn Pratchett 1997 First published by Victor Gollancz Ltd. London Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1999 by Wilhelm Goldmann Verlag, München Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagillustration: Agt. Schlück / Josh Kirby Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin Druck: Graphischer Großbetrieb Pößneck GmbH Verlagsnummer: 41625 VB – Redaktion: Michael Ballauff Herstellung: Peter Papenbrok Made in Germany ebook by Monty P. ISBN 3-442-41625-6, Es war eine mondlose Nacht, bestens geeignet für die Zwecke von Fe- ster Fanggut. Er fischte Neugierige Tintenfische. Man nannte sie so, weil sie nicht nur Tintenfische waren, sondern auch neugierig. Ihre Neugier konnte bemerkenswerte Ausmaße annehmen. Zuerst wurden die Tintenfische auf die Laterne neugierig, die Fester Fanggut am Heck des Bootes aufhängte. Kurz darauf galt ihre Neugier der Tatsache, daß manche Artgenossen plötzlich mit einem Platschen himmelwärts verschwanden. Einige von ihnen wurden für sehr kurze Zeit auf das spitze Ding mit Widerhaken neugierig, das sich ihnen schnell näherte. Die Neugierigen Tintenfische waren extrem neugierig. Leider verstan- den sie es nicht, die Dinge richtig miteinander in Verbindung zu bringen. Es dauerte recht lange, um das weit entfernte Fanggebiet zu erreichen, aber für Fester Fanggut lohnte sich die Reise. Die Neugierigen Tintenfi- sche waren klein, harmlos und schwer zu finden. Kenner behaupteten, auf der ganzen Scheibenwelt gäbe es keine Geschöpfe, die schlechter schmeckten. Das machte sie zu sehr begehrten Spezialitäten in bestimm- ten Restaurants, deren hochbegabte Chefköche mit großer Mühe Speisen kreierten, die überhaupt keine Neugierigen Tintenfische enthielten. In dieser mondlosen Nacht hatte Fester Fanggut ein Problem. Wäh- rend der Laichzeit waren die Neugierigen Tintenfische besonders neugie- rig, aber diesmal schienen die Chefköche im Meer am Werk gewesen zu sein. Weit und breit gab es keine neugierig blickenden Augen. Auch die üb- rigen Bewohner des Ozeans glänzten durch Abwesenheit, obwohl sich immer einige vom Licht anlocken ließen. Fester sah nur einen einzigen Fisch schnurgerade durchs Wasser schwimmen, und zwar ziemlich schnell. Er legte den Dreizack beiseite und trat zum anderen Ende des Bootes. Dort blickte sein Sohn Les aufmerksam über das vom Laternenschein erhellte Meer. »Seit einer halben Stunde zeigt sich gar nichts mehr«, sagte Fester. »Bist du ganz sicher, daß wir hier an der richtigen Stelle sind, Vater?«, Fester sah zum Horizont. Ein vages Glühen am Himmel wies auf die Stadt Al-Khali an der klatschianischen Küste hin. Er drehte sich um. Der Horizont auf der anderen Seite zeigte ein ähnliches Glühen, das von Ankh-Morpork stammte. Das Boot befand sich auf halbem Weg zwi- schen den beiden Metropolen. »Natürlich bin ich mir sicher«, erwiderte Fester, aber die Gewißheit floh aus seiner Stimme. Eine sonderbare Stille herrschte. Irgend etwas stimmte nicht. Das Boot schwankte ein wenig, aber das lag an den Bewegungen der beiden Insas- sen. Es fühlte sich an, als stünde ein Unwetter bevor. Doch am Himmel funkelten die Sterne, und nirgends waren Wolken zu sehen. Die Sterne funkelten auch auf dem Wasser. Nun, das sah man nicht alle Tage. »Ich schätze, wir sollten besser von hier verschwinden«, sagte Fester. Les deutete auf das schlaffe Segel. »Und woher nehmen wir den Wind, Vater?« In diesem Augenblick hörten sie das Platschen von Rudern. Fester Fanggut spähte übers Meer und erkannte die Umrisse eines an- deren Bootes, das sich ihnen näherte. Er griff nach dem Bootshaken. »Ich weiß, daß du das bist, du diebischer ausländischer Mistkerl!« Die Ruder verharrten. Eine Stimme rief übers Wasser. »Mögen dich tausend Dämonen verschlingen, du Elender!« Das andere Boot glitt näher. Mit den aufgemalten Augen am Bug sah es sehr fremdartig aus. »Hast du sie alle weggefischt, was? Ich durchbohre dich mit meinem Dreizack, du hinterhältiger Dreckskerl!« »Mein krummes Schwert sollst du am Hals spüren, du unreiner Sohn einer noch viel unreineren Frau!« Les blickte über den Rand des Bootes. Kleine Luftblasen stiegen em- por und zerplatzten an der Meeresoberfläche. »Vater?« sagte er., »Das ist der Schmierige Arif da draußen!« donnerte Fester. »Sieh ihn dir gut an! Seit Jahren kommt er hierher und stiehlt unsere Tintenfische, der verlogene kleine Teufel!« »Vater, das Meer…« »Nimm du die Ruder, und ich schlage ihm die schwarzen Zähne aus!« Les hörte eine Stimme von dem anderen Boot. »… siehst du, mein Sohn, wie der niederträchtige Fischdieb…« »Ruder!« rief Fester. »An die Ruder!« rief jemand im anderen Boot. »Wem gehören die Tintenfische, Vater?« fragte Les. »Uns!« »Was, bevor wir sie gefangen haben?« »Sei still und ruder!« »Ich kann das Boot nicht bewegen, Vater. Wir sitzen an irgend etwas fest!« »Hier ist das Meer hundert Faden tief, Junge! Woran sollten wir festsit- zen?« Les versuchte, ein Ruder aus dem Etwas zu ziehen, das sich aus dem sprudelnden Meer erhob. »Sieht wie ein… Huhn aus, Vater!« Unterhalb der Meeresoberfläche hörten sie ein Geräusch. Es klang nach einem Gong oder einer Glocke, die langsam hin und her schwang. »Hühner können nicht schwimmen!« »Dieses Huhn besteht aus Eisen, Vater!« Fester eilte zum Heck des Bootes. Es schien tatsächlich ein Huhn aus Eisen zu sein. Es trug einen Mantel aus Tang und Muscheln. Wasser tropfte herab, als sich das Ding den Sternen entgegenreckte. Das Gebilde hockte auf einer kreuzförmigen Hühnerstange. Buchstaben bildeten die vier Enden des Kreuzes. Fester hielt die Laterne etwas näher., »Was zum…« Hastig zog er das Ruder frei und setzte sich neben seinen Sohn. »Ruder, was das Zeug hält, Les!« »Was ist denn los, Vater?« »Sei still und ruder! Wir müssen so schnell wie möglich fort von hier!« »Kommt ein Ungeheuer aus dem Meer, Vater?« »Etwas viel Schlimmeres als ein Ungeheuer!« rief Fester, als die Ruder durchs Wasser pflügten. Das Objekt hatte inzwischen eine eindrucksvolle Höhe erreicht. Of- fenbar stand es auf einer Art Turm… »Was ist es, Vater? Was ist es?« »Ein verdammter Wetterhahn!« Im großen und ganzen hielt sich die geologische Aufregung in Grenzen. Das Versinken von Kontinenten geht für gewöhnlich einher mit Vulkan- ausbrüchen, Erdbeben und ganzen Flotten von kleinen Booten, mit de- nen alte Männer aufbrechen, um Pyramiden und mystische Steinkreise in irgendeinem neuen Land zu bauen, wo die Verwalter von uralter okkul- ter Weisheit darauf hoffen dürfen, daß sie auf junge Frauen attraktiv wirken. Doch das Aufsteigen dieser Landmasse verursachte kaum Stö- rungen in der allgemeinen Struktur. Sie schlich an ihren alten Platz zu- rück, wie eine Katze, die einige Tage fort gewesen ist und weiß, daß man sich wegen ihr Sorgen gemacht hat. An den Küsten des Runden Meers schlug eine große Welle auf – als diese das Ufer erreichte, war sie nur noch etwas mehr als anderthalb Me- ter hoch –, die ein wenig Aufsehen erregte. In manchen sehr tief gelege- nen Sumpfregionen wurden einige Dörfer überschwemmt, aber dort wohnten ohnehin nur Leute, um die sich niemand scherte. Rein geolo- gisch gesehen, geschah nicht sehr viel. Rein geologisch gesehen. »Es ist eine Stadt, Vater! Sieh nur all die Fenster und…« »Du sollst still sein und rudern!«, Meerwasser floß über die Straßen. Auf beiden Seiten stiegen große, al- genverkrustete Gebäude aus den brodelnden Fluten. Vater und Sohn versuchten, das Boot zu stabilisieren, als es von den Fluten mitgerissen wurde. Unglücklicherweise blickten sie beim Rudern in die falsche Richtung, weshalb sie das andere Boot zu spät bemerkten. »Irrer!« »Dummkopf!« »Rühr das Gebäude nicht an! Dieses Land gehört Ankh-Morpork!« Die beiden Boote drehten sich auf einem kurzlebigen Strudel. »Im Namen des Serifen von Al-Khali erhebe ich Anspruch auf dieses Land!« »Wir haben es zuerst gesehen! Les, sag ihm, daß wir es zuerst gesehen haben!« »Wir haben es zuerst gesehen, bevor ihr es zuerst gesehen habt!« »Les, du bist Zeuge, er hat versucht, mich mit dem Ruder zu schlagen!« »Aber Vater, so wie du den Dreizack schwingst…« »Sieh nur die alles andere als vertrauenswürdige Art, in der er uns an- greift, Akhan!« Unter dem Kiel der beiden Boote knirschte es. Sie neigten sich zur Sei- te und sanken dabei in den Schlamm des einstigen Meeresgrunds. »Da drüben steht eine interessante Statue, Vater…« »Er hat seinen Fuß auf klatschianischen Boden gesetzt! Der Tinten- fischdieb!« »Nimm die schmutzigen Sandalen vom Territorium Ankh-Morporks!« »Oh, Vater!« Die beiden Fischer schrien sich nicht mehr an, hauptsächlich deshalb, weil sie Luft holen mußten. Krabben krabbelten davon. Wasser floß von Tangfladen und schuf Rinnen im grauen Schlick. »Da drüben gibt es bunte Fliesen…« »Es gehört mir!« »Nein, mir!«, Les sah Akhan an. Sie wechselten einen sehr kurzen Blick, der trotz- dem viele Informationen übermittelte, vor allem die enorme Verlegen- heit darüber, einen Vater zu haben. »Vater, es ist nicht nötig, daß wir…«, begann Les. »Sei still, Junge! Es geht um deine Zukunft…« »Ja, aber was spielt es für eine Rolle, wer dieses Land zuerst gesehen hat, Vater? Wir sind beide mehrere hundert Meilen von der Heimat ent- fernt! Ich meine, wer weiß denn von dieser Sache?« Die beiden Fischer starrten sich an. Um sie herum ragten tropfnasse Gebäude empor. Sie hatten Löcher, die einst Türen gewesen sein mochten, und glaslose Öffnungen, die viel- leicht einmal als Fenster gedient hatten. Doch in ihrem Innern blieb es finster. Les glaubte, dann und wann Geräusche zu hören, die auf etwas Rutschendes oder Kriechendes hindeuteten. Fester Fanggut hüstelte. »Der Junge hat recht«, brummte er. »Wie dumm, uns zu streiten. Wir sind hier doch nur zu viert.« »Ja«, bestätigte Arif. Sie wichen zurück, wobei jeder Mann den anderen genau im Auge be- hielt. Und dann riefen beide fast gleichzeitig: »Schnappen wir uns das Boot!« Nach einigen Sekunden des Durcheinanders liefen und rutschten zwei Paare durch die schlammigen Straßen, jeweils mit einem Boot über den Köpfen. Kurz darauf kehrten sie zurück, um ihre richtigen Söhne zu holen, und man hörte ein zweistimmiges: »Ein Entführer obendrein, wie?« Wie alle Fachleute von Forschungsreisen und Entdeckungen wissen: Den Preis bekommt nicht etwa der Forscher, der als erster seinen Fuß auf jungfräulichen Boden setzt, sondern derjenige, der eben diesen Fuß als erster nach Hause bringt. Er kann von Glück sagen, wenn der Fuß dann noch am Bein befestigt ist. Die Wetterhähne von Ankh-Morpork drehten sich knarrend in den Wind., Nur wenige von ihnen repräsentierten die Gattung Avis domestica. Es gab Darstellungen von Drachen, Fischen und anderen Tieren. Auf dem Dach der Assassinengilde quietschte ein Mitglied mit Dolch und Mantel in eine neue Position. Bei der Bettlergilde streckte ein Blechbettler dem Wind die Hand entgegen und bat um eine Münze. Bei der Fleischergilde schnüffelte ein kupfernes Schwein. Auf dem Dach der Diebesgilde dreh- te sich ein echter, wenn auch ziemlich toter, nicht lizensierter Dieb, was beweist, wozu man fähig sein kann, wenn man sich wirklich Mühe gibt – oder wenn man ohne Lizenz zu stehlen versucht. Der Wetterhahn auf dem kuppelförmigen Dach der Universitätsbiblio- thek ging nach und würde die Veränderung erst in einer halben Stunde anzeigen. Der Geruch des Meeres trieb über die Stadt. Auf dem Hiergibt’salles-Platz fanden Volksredner immer wieder ein in- teressiertes Publikum, vielleicht deshalb, weil die »Volksreden« in den meisten Fällen auf Schimpfkanonaden und Haßtiraden hinausliefen. Manchmal war es auch das selbstvergessene Murmeln von Leuten, die hier und dort wie verträumt durch die Menge wandelten. Aber sie bilde- ten die Ausnahme. Der Tradition zufolge entwickelte die Rhetorik der Volksredner maximale Lautstärke: Die betreffenden Personen schrien aus vollem Hals. Es hieß, daß der Patrizier diesem Brauch wohlwollend gegenüberstand. Er fand ihn so wichtig, daß seine Beauftragten aufmerk- sam zuhörten und sich Notizen machten. Auch die Wache ließ es nicht an Aufmerksamkeit mangeln. Von Herumspionieren konnte in diesem Zusammenhang keine Rede sein, sagte sich Kommandeur Mumm. Man spionierte herum, wenn man an Mauern entlangschlich und heimlich durch Fenster blickte. In diesem Fall mußte man zurückweichen, um nicht taub zu werden. Ohne hinzusehen, streckte er die Hand aus und entzündete ein Streichholz an Feldwebel Detritus. »Das ich gewesen bin«, sagte der Troll vorwurfsvoll. »Entschuldigung, Feldwebel«, erwiderte Mumm und hob das brennen- de Streichholz an die Zigarre. »Es kein Problem sein.«, Ihre Blicke kehrten zu den Rednern zurück. Es ist der Wind, dachte Mumm. Er bringt etwas Neues… Normalerweise faselten die Redner von vielen verschiedenen Dingen, wobei sich die meisten Themen am Rand des Wahnsinns aufhielten oder in den friedlichen Tälern jenseits davon wurzelten. Doch jetzt schienen sie alle von einer fixen Idee besessen zu sein. »… wird es Zeit, daß wir ihnen eine Lektion erteilen!« heulte der näch- ste Redner. »Warum hören unsere sogenannten Herren nicht auf die Stimme des Volkes? Ankh-Morpork hat genug von den angeberischen Banditen! Sie stehlen unseren Fisch, sie stören unseren Handel, und jetzt nehmen sie uns auch noch das Land weg!« Es wäre besser gewesen, wenn die Leute gejubelt hätten, fand Mumm. Das Publikum jubelte fast immer, ganz gleich, worum es ging – es mach- te einfach mehr Spaß, wenn man die Redner anfeuerte. Doch in diesem Fall blieben die Zuhörer stumm und nickten. Sie schienen tatsächlich über die Worte des Redners nachzudenken… »Sie haben meine Waren gestohlen!« rief ein anderer Redner. »Es ist ein verdammtes Piratenreich! Sie haben mein Schiff geentert! In den Gewäs- sern von Ankh-Morpork!« Die Antwort war ein allgemeines selbstgerechtes Murmeln. »Was haben sie dir gestohlen, Herr Jenkins?« fragte jemand aus der Menge. »Eine Ladung erlesener Seide!« Die Zuhörer schnappten empört nach Luft. »Ach? Keine getrockneten Fischinnereien und für den Verzehr unge- eignetes Fleisch? Das ist doch deine normale Fracht, oder?« Herr Jenkins reckte den Hals, um zu sehen, von wem diese Worte stammten. »Erlesene Seide!« wiederholte er. »Und schert sich die Stadt darum? Nein!« »Eine Schande!« tönte es hier und dort. »Wurde das Verbrechen der Stadt mitgeteilt?« fragte jemand., Nicht nur Herr Jenkins reckte den Hals, sondern auch einige der Zu- hörer. Und dann wichen die Leute beiseite, als sie Kommandeur Mumm von der Stadtwache erkannten. »Nun, ich…«, begann Jenkins. »Äh… ich…« »Ich schere mich um so etwas«, betonte Mumm. »Es dürfte eigentlich nicht weiter schwierig sein, eine Ladung erlesene Seide zu finden, die nach Fischinnereien stinkt.« Gelächter erklang. Die Bürger von Ankh- Morpork mochten Abwechslung bei ihrem Straßentheater. Mumm wandte sich an Feldwebel Detritus, während sein Blick auf Jenkins gerichtet blieb. »Detritus, bitte begleite Herrn Jenkins. Sein Schiff ist die Milka, glaube ich. Er wird dir Frachtbriefe, Rechnungen und Empfangsbescheinigungen und dergleichen zeigen. Es dauert bestimmt nicht lange, dieser Sache auf den Grund zu gehen.« Mit einem lauten Klong stieß Detritus’ Hand an den Helm. »Jawohl, Herr Kommandeur!« »Äh… äh… das geht nicht«, brachte Jenkins hervor. »Sie, äh… haben auch die Frachtpapiere und alle anderen Unterlagen gestohlen…« »Wirklich? Damit sie das Zeug im Laden umtauschen können, wenn es nicht paßt?« »Äh… und außerdem ist das Schiff wieder in See gestochen. Ja, genau! Ich muß versuchen, die erlittenen Verluste auszugleichen!« »Das Schiff ist ohne seinen Kapitän aufgebrochen?« erkundigte sich Mumm. »Vermutlich steht es unter dem Befehl des Ersten Offiziers Skoplett?« »Ja, ja…« »Na so was!« Mumm schnippte übertrieben mit den Fingern. »Der Mann, den wir in der vergangenen Nacht wegen frecher Betrunkenheit eingesperrt haben… Ich schätze, wir müssen ihm auch noch zur Last legen, daß er einen falschen Namen benutzt hat. Das bedeutet mehr ver- dammten Papierkram für uns. Die Aktenberge werden immer höher…« Jenkins versuchte, sich vom Kommandeur abzuwenden, aber Mumm hielt seinen Blick fest. Das Zittern seiner Lippen deutete darauf hin, daß er eine scharfe Antwort vorbereitete, doch er gelangte noch rechtzeitig zu folgender Erkenntnis: Mumms Grinsen war ebenso humorvoll wie, jenes, das sich einem Ertrinkenden ziemlich schnell nähert und oben mit einer Flosse ausgestattet ist. Jenkins traf die kluge Entscheidung, seine Rede zu beenden. »Ich… äh… ich gehe jetzt besser und… äh… ja, ich gehe jetzt und kümmere ich mich um… äh…« Er bahnte sich einen Weg durch die Menge und verschwand. Das Publikum blieb noch ein wenig, in der Hoffnung, daß sich weitere interessante Dinge zutrugen. Als nichts geschah, machten sich die Leute enttäuscht auf die Suche nach anderer Unterhaltung. »Du möchtest, daß ich mir ansehe das Boot?« fragte Detritus. »Nein, Feldwebel. Es gibt weder Seide noch Frachtpapiere an Bord, nur den allgegenwärtigen Geruch von Fischinnereien.« »Meine Güte. Die verdammten Klatschianer alles stehlen, was nicht festgenagelt ist, wie?« Mumm schüttelte den Kopf und schlenderte weiter. »Es gibt keine Trolle in Klatsch, oder?« »Nein. Es liegen an der Hitze. Troll-Gehirne in Hitze nicht funktionie- ren. Wenn ich nach Klatsch ginge«, sagte Detritus, und seine Fingerknö- chel strichen mit einem leisen Plock-plock übers Kopfsteinpflaster, »ich richtig dumm wäre.« »Detritus?« »Ja, Herr Kommandeur?« »Geh nie nach Klatsch.« »Nein, Herr Kommandeur.« Ein anderer Redner hatte ein wesentlich größeres Publikum angelockt. Er stand vor einem großen Spruchband, das verkündete: DREKIGE AUSLENDISCHE FINGER WEG VON LESHP. »Leshp«, sagte Detritus. »Das ein Name sein, der sich sofort festbei- ßen.« »So heißt das Land, das aus dem Meer aufgestiegen ist«, erklärte Mumm niedergeschlagen. Sie hörten zu, als der Redner von Ankh-Morporks Pflicht sprach, die Blutsverwandten auf dem neuen Land zu schützen. Detritus wirkte ver- wirrt., »Wie es sein kann, daß es gibt dort Blutsverwandte, obwohl das Land gerade erst kam aus dem Meer?« brummte er. »Gute Frage«, erwiderte Mumm. »Haben sie angehalten den Atem?« »Das bezweifle ich.« Es liegt mehr in der Luft als nur das Salz des Meeres, dachte Mumm. Etwas bahnte sich an. Er spürte es ganz deutlich. Es gab ein neues Pro- blem, und es hieß Klatsch. Seit fast einem Jahrhundert herrschte Frieden – oder zumindest ein Zustand des Nichtkrieges – zwischen Ankh-Morpork und Klatsch. Im- merhin war es ein benachbartes Land. Nachbarn – ha! Was bedeutete das? Die Wache konnte das eine oder andere über Nachbarn erzählen. Genauso die Rechtsanwälte, insbeson- dere die Reichen unter ihnen: Für sie war ein »Nachbar« jemand, der nicht davor zurückschreckte, für einen fünf Zentimeter breiten Garten- streifen zwanzig Jahre lang zu prozessieren. Die Leute lebten viele Jahre lang friedlich nebeneinander und nickten sich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit zu. Und dann geschah irgend etwas Banales, mit dem Ergebnis, daß sich jemand eine Mistgabel aus dem Ohr entfernen lassen mußte. Jetzt war irgendein verdammter Felsen aus dem Meer aufgestiegen, und alle verhielten sich so, als hätten Klatsches Hunde die ganze Nacht gebellt. »Aagragaah«, sagte Detritus kummervoll. »Nimm keine Rücksicht auf mich«, sagte Mumm. »Spuck mir nur nicht auf die Stiefel.« »Ich meine…« Detritus hob seine große Hand und gestikulierte. »Ich meine, es sein wie bei den Dingen, wo eins und eins…« Er zögerte und blickte auf die Finger, während sich seine Lippen bewegten. »… zwei ergeben. Aagragaah. Wortwörtlich damit gemeint sein die Zeit, wenn man sieht kleine Kieselsteine und weiß, gleich es kommen zu einem Erd- rutsch, und man nicht mehr kann rechtzeitig weglaufen. Einen solchen Moment man nennt Aagragaah.«, Mumms Lippen bewegten sich ebenfalls. »Meinst du vielleicht Vorah- nung?« »Ja, genau das ich meine.« »Woher stammt das Wort?« Detritus zuckte mit den Schultern. »Vielleicht es zurückgeht auf das Geräusch, das man von sich gibt, wenn man wird begraben unter tau- send Tonnen Fels.« »Vorahnung…« Mumm rieb sich das Kinn. »Ja. Nun, ich habe jede Menge Vorahnungen…« Erdrutsche und Lawinen, dachte er. Schneeflocken fallen, jede von ih- nen leicht wie eine Feder. Aber dann gerät plötzlich ein ganzer Berghang in Bewegung… Detritus richtete einen schlauen Blick auf Mumm. »Ich wissen, daß die Leute sagen: ›Wenn Dummheit weh täte, müßte Detritus den ganzen Tag schreien.‹ Aber mir bekannt sein, aus welcher Richtung weht der Wind.« Mumm musterte den Troll mit neuem Respekt. »Du weißt wirklich Bescheid, nicht wahr?« Detritus klopfte sich mit einem wissenden Finger an den Helm. »Es ist doch ganz klar«, sagte er. »Du kennen auf den Dächern die klei- nen Hähne und Drachen und so? Und den armen Teufel auf dem Dach der Diebesgilde? Man sie nur gut beobachten muß. Sie wissen Bescheid. Ich mich fragen, wieso sie immer in die richtigen Richtung zeigen.« Mumm entspannte sich ein wenig. Wenn man die Maßstäbe von Trol- len anlegte, gab es an Detritus’ Intelligenz nichts auszusetzen: Sie ran- gierte irgendwo zwischen der eines Kuttelfisches und eines Drahtseil- akrobaten. Wenigstens durfte man darauf vertrauen, daß er sich davon nicht belasten ließ. Detritus zwinkerte. »Und ich mich erinnern an Zeit, als man sich such- te einen großen Knüppel und Großvater zuhörte, der erzählte davon, über die Zwerge herzufallen«, fügte er hinzu. »Etwas in der Luft, nicht wahr?« »Äh… ja…«, bestätigte Mumm. Über ihm flatterte etwas. Er seufzte. Eine Nachricht traf ein., Mit einer Taube. Sie hatten alles andere ausprobiert. Sumpfdrachen neigten dazu, in der Luft zu explodieren. Kobolde verspeisten die Mitteilungen. Und Signal- helme verursachten Probleme, besonders bei starkem Wind. Und dann hatte Korporal Kleinpo darauf hingewiesen, daß die Tauben von Ankh- Morpork intelligenter waren als andere Tauben, und zwar aufgrund einer natürlichen Auslese, wofür die Wasserspeier in der Stadt verantwortlich waren. Mumm fiel es nicht schwer, sich Dinge vorzustellen, die intelli- genter waren als durchschnittliche Tauben; das traf seiner Meinung nach selbst auf den Schimmel auf feuchtem Brot zu. Er holte eine Handvoll Körner aus der Tasche. Die Taube gehorchte den Geboten ihrer sorgfältigen Ausbildung und landete auf Mumms Schulter. Eine Sekunde später gab sie einem inneren Druck nach und entleerte ihren Darm. »Wir sollten uns etwas Besseres einfallen lassen«, sagte der Komman- deur und entrollte die Mitteilung. »Wenn wir dem Obergefreiten Abfluß eine Nachricht schicken, frißt er jedesmal den Boten.« »Weil er ein Wasserspeier sein«, erwiderte Detritus. »Er glauben, daß kommt eine leckere Mahlzeit.« »Oh«, sagte Mumm. »Seine Exzellenz wünscht mich zu sprechen. Wie nett.« Lord Vetinari wirkte sehr aufmerksam. Schon vor langer Zeit hatte er herausgefunden, daß konzentriertes Zuhören andere Leute verunsicher- te. Bei Begegnungen mit den Würdenträgern der Stadt hörte er immer be- sonders konzentriert zu, weil die Besucher ihm das sagten, was er hören sollte. Ein großer Teil seiner Aufmerksamkeit galt allerdings den Berei- chen außerhalb der Worte. Dort verbargen sich die Dinge, von denen er hoffentlich nichts wußte und über die er auch nichts herausfinden sollte. Derzeit galt seine Aufmerksamkeit Lord Witwenmacher von der As- sassinengilde und den Dingen, die er in seiner langatmigen Darlegung über das hohe Ausbildungsniveau der Gilde sowie ihre Bedeutung für die, Stadt zu erwähnen vergaß. Vetinaris aggressives Zuhören ließ Witwen- machers Stimme schließlich verstummen. »Danke, Lord Witwenmacher«, sagte er. »Ich bin sicher, daß wir alle wesentlich unruhiger schlafen werden, nachdem wir dies erfahren haben. Nur eine kleine Sache… Ich glaube, das Wort ›Assassine‹ stammt aus dem Klatschianischen, nicht wahr?« »Äh… ja…« »Und wenn ich mich nicht sehr irre, kommen viele Schüler der Gilde aus Klatsch und benachbarten Regionen.« »Die einzigartige Qualität unserer Ausbildung…« »In der Tat. Es läuft also auf folgendes hinaus: Die klatschianischen Assassinen haben größere Berufserfahrung, kennen sich in unserer Stadt gut aus und lassen sich von dir zu Meistern ihres Faches ausbilden.« »Äh…« Der Patrizier wandte sich jemand anderem zu. »Bestimmt haben wir überlegene Waffen, nicht wahr, Herr Burlich?« »O ja«, erwiderte der Präsident der Waffenschmiedgilde. »Über Zwerge kann man sagen, was man will, aber in letzter Zeit haben wir einige prächtige Dinge hergestellt.« »Ah. Das ist wenigstens ein Trost.« »Ja«, sagte Burlich. Er schien sich nicht besonders wohl in seiner Haut zu fühlen. »Allerdings… nun, ein wichtiger Aspekt des Waffenge- schäfts… ich meine, der springende Punkt dabei…« »Du möchtest vermutlich darauf hinweisen, daß der springende Punkt des Waffengeschäfts darin besteht, mit Waffen Geschäfte zu machen«, sagte der Patrizier. Burlich wirkte wie jemand, dem man gerade die Schlinge vom Kopf gezogen hatte – und der dann spürte, wie sich eine zweite noch enger um den Hals schloß. »Äh… ja…« »Mit anderen Worten: Ihr stellt Waffen her, um sie zu verkaufen.« »Äh… das stimmt…«, »An jeden, der bereit ist, dafür zu bezahlen.« »Äh… ja…« »Ungeachtet des Verwendungszwecks?« Der Gildenpräsident schien beleidigt zu sein. »Wie bitte? Natürlich. Immerhin sind es Waffen.« »Und ich nehme doch an, daß Klatsch in den letzten Jahren ein sehr lukrativer Markt gewesen ist.« »Nun, ja. Der Serif braucht Waffen, um die entlegenen Regionen seines Reiches zu befrieden…« Der Patrizier hob die Hand. Sein Sekretär namens Drumknott reichte ihm ein Dokument. »Der ›Große Gleichmacher‹, ein auf einem Karren montiertes Arm- brustgeschütz mit zehn Abschußvorrichtungen und einer Kapazität von fünfhundert Pfund«, las er. »Und dann noch der… ›Meteor‹, eine auto- matisierte Wurfsternschleuder, die auf eine Entfernung von zwanzig Schritten enthauptet. Und zwar unter Garantie. Wenn nicht, wird das Geld zurückerstattet.« »Hast du jemals von den D’regs gehört, Euer Exzellenz?« fragte Bur- lich. »Es heißt, diese Burschen lassen sich nur befrieden, wenn man mehrmals mit einer Axt auf sie einschlägt und das, was dann übrigbleibt, unter einem Felsen vergräbt – unter einem möglichst schweren.« Der Patrizier betrachtete eine Zeichnung des »Derwischs«: Dargestellt waren Bolas vom Typ III – sie bestanden aus extra scharfem Schneide- draht. Unangenehme Stille herrschte. Burlich versuchte, die Lücke im Ge- spräch zu füllen, was stets ein schlimmer Fehler ist. »Außerdem schaffen wir dringend benötigte Arbeitsplätze in Ankh- Morpork«, murmelte er. »Indem ihr solche Waffen in andere Länder exportiert«, sagte Lord Ve- tinari. Er gab das Dokument seinem Sekretär zurück und bedachte Bur- lich mit einem freundlichen Lächeln. »Es freut mich, daß es der hiesigen Industrie gut geht«, meinte er. »Das werde ich mir merken.«, Er preßte sanft die Fingerspitzen gegeneinander. »Die Situation ist ernst, meine Herren.« »Wessen Situation?« fragte Burlich. »Verzeihung?« »Was? Oh… Ich dachte an etwas anderes, Euer Exzellenz.« »Ich dachte an den Umstand, daß einige Bürger unserer Stadt zu dieser Insel aufgebrochen sind. Soweit ich weiß, hat sich eine Gruppe von Klatschianern auf den Weg gemacht.« »Was haben unsere Landsleute dort draußen vor?« fragte Boggis von der Diebesgilde. »Sie zeichnen sich durch großen Pioniergeist aus… und die Absicht, in einem neuen Land neue Reichtümer zu finden«, erklärte Lord Vetinari. »Und die Klatschianer?« fragte Lord Witwenmacher. »Oh, sie sind ein Haufen von prinzipienlosen Opportunisten, die nie zögern, sich irgend etwas zu schnappen«, sagte der Patrizier. »Eine ausgezeichnete Beschreibung, wenn du mir diese Bemerkung ge- stattest«, kommentierte Burlich, der glaubte, verlorenen Boden wieder gutmachen zu müssen. Lord Vetinari sah noch einmal auf seine Notizen. »Oh, offenbar habe ich die beiden Sätze in der falschen Reihenfolge vorgelesen… Möchtest du etwas dazu sagen, Herr Schräg?« Der Präsident der Anwaltsgilde räusperte sich. Es klang nach einem Todesröcheln, und eigentlich täuschte dieser Eindruck nicht: Herr Schräg war schon seit mehreren Jahrhunderten ein Zombie. Allerdings deuteten historische Unterlagen darauf hin, daß ihm der Tod gegenüber dem Leben nur einen Unterschied bescherte: Er begann auch während der Mittagspausen zu arbeiten. »Ja«, sagte Herr Schräg und öffnete einen großen Aktenordner. »Die Geschichte von Leshp und des umliegenden Geländes ist nicht ganz klar. Fast tausend Jahre lang befand sich die Stadt oberhalb des Meeresspie- gels, und aus den Aufzeichnungen geht hervor, daß man damals die Meinung vertrat, Leshp gehöre zum Reich von Ankh-Morpork…«, »Um was für Aufzeichnungen handelt es sich, und weisen sie darauf hin, wer solche Meinungen vertrat?« fragte der Patrizier. Die Tür öffnete sich, und Mumm kam herein. »Ah, Kommandeur, bitte setz dich. Ich bin ganz Ohr, Herr Schräg.« Der Zombie mochte es gar nicht, unterbrochen zu werden. Er räusper- te sich erneut. »Die Aufzeichnungen über das verlorene Land reichen einige hundert Jahre zurück, Euer Exzellenz. Und natürlich sind es unsere Aufzeichnungen.« »Nur unsere?« »Ich sehe keinen Grund, warum irgendwelche anderen notwendig sein sollten«, erwiderte Herr Schräg streng. »Wie wär’s zum Beispiel mit klatschianischen?« warf Mumm ein, der am anderen Ende des Tisches saß. »In der klatschianischen Sprache gibt es nicht einmal ein Wort für An- walt, Sir Samuel«, sagte Herr Schräg. »Wirklich nicht?« fragte Mumm. »Wie schön für die Klatschianer.« Herr Schräg drehte seinen Stuhl so, daß er den Kommandeur nicht an- sehen mußte, als er fortfuhr: »Meiner Ansicht nach gehört das neue Land uns, und zwar aufgrund des Enteignungsrechts des Staates, Exterritoriali- tät und vor allem Acquiris Quodcumque Rapis. Soweit ich weiß, war es einer unserer Fischer, der die Insel als erster betrat.« »Die Klatschianer behaupten, es sei einer ihrer Fischer gewesen«, sagte Vetinari. Am Ende des Tisches bewegten sich Mumms Lippen. Mal sehen, Ac- quiris… »›Man bekommt, was man sich greift‹?« übersetzte er laut. »Wir vertrauen doch nicht etwa auf das Wort der Klatschianer, oder?« fragte Herr Schräg und schenkte dem Kommandeur keine Beachtung. »Entschuldigung, Euer Exzellenz, aber ich kann mir einfach nicht vor- stellen, daß sich die stolze Stadt Ankh-Morpork von einigen Dieben mit Handtüchern auf dem Kopf Vorschriften machen läßt.« »Das finde ich auch!« ließ sich Lord Selachii vernehmen. »Es wird Zeit, den Klatschianern eine Lektion zu erteilen. Erinnert ihr euch an die Sa- che mit dem Kohl im letzten Jahr? Zehn Schiffsladungen wurden zu- rückgewiesen!«, »Obwohl doch allgemein bekannt ist, daß Raupen den Geschmack verbessern«, sagte Mumm mehr oder weniger zu sich selbst. Der Patrizier warf ihm einen Blick zu. »Das stimmt!« bekräftigte Selachii. »Gutes, ordentliches Protein! Und dann die Probleme, die Kapitän Jenkins mit seiner Fracht aus Hammel- fleisch bekam. Man wollte ihn einsperren! In einem klatschianischen Gefäng- nis!« »Einfach unerhört«, sagte Mumm. »Hammelfleisch ist erst dann be- sonders gut, wenn es grün wird.« »Unter all dem Curry bemerkt man überhaupt keinen Unterschied im Geschmack«, behauptete Burlich. »Ich habe einmal an einem offiziellen Essen in der klatschianischen Botschaft teilgenommen, und wißt ihr, was man mir dort vorsetzte? Von einem Schaf stammendes…« »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Mumm und stand auf. »Es gibt einige dringende Angelegenheiten, um die ich mich kümmern muß.« Er nickte dem Patrizier zu und eilte hinaus. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, holte er tief Luft und genoß die frische Luft – unter den gegebenen Umständen hätte er selbst in einer Gerberei tief durchge- atmet. Korporal Kleinpo stand auf und sah ihn erwartungsvoll an. Sie hatte neben einer Schachtel gesessen, die immer wieder gurrte. »Etwas bahnt sich an«, sagte Mumm. »Lauf zur… Ich meine, schick ei- ne Taube zur Wache.« »Ja, Herr Kommandeur?« »Urlaub ist bis auf weiteres gestrichen. Ich möchte alle Angehörigen der Wache – und ich meine alle – um, sagen wir, sechs Uhr im Wachhaus sehen.« »In Ordnung, Herr Kommandeur. Das bedeutet eine zusätzliche Tau- be, wenn ich nicht klein genug schreiben kann.« Kleinpo eilte fort. Mumm sah aus dem Fenster. Außerhalb des Palastes herrschte immer reges Treiben, aber heute… Es hatte sich keine Menge in dem Sinne, eingefunden, doch draußen standen mehr Leute als sonst und schienen auf etwas zu warten. Klatsch! Alle wußten es. Der alte Detritus hat recht, dachte Mumm. Man hört, wie die ersten Kieselsteine in Bewegung geraten. Es geht nicht nur um einige Fischer und ihren Streit. Es geht um Jahrhunderte von… nun, wie zwei große Männer, die in einem kleinen Zimmer beisammen sind und versuchen, höflich zu sein. Aber irgendwann muß sich einer von ihnen strecken, und dann dauert’s nicht mehr lange, bis das Mobiliar zertrümmert wird. Aber es konnte doch nicht wirklich geschehen, oder? Der derzeitige Serif galt als ein fähiger Mann, der vor allem versuchte, die fernen, unru- higen Regionen seines Reiches zu befrieden. Und es lebten Klatschianer in Ankh-Morpork, bei den Göttern! Es gab Klatschianer, die in Ankh- Morpork geboren waren. Man traf jemanden, in dessen Gesicht Kamele geschrieben standen, und dann klappte der Bursche den Mund auf und sprach mit typisch ankhianischem Akzent. Oh, sicher, man erzählte sich Witze über komisches Essen und Ausländer, aber… Nun, eigentlich waren die Witze nicht besonders komisch, wenn man genauer darüber nachdachte. Wenn man den Knall hört, hat es keinen Sinn mehr, sich zu fragen, wie lange die Zündschnur gebrannt hat. Laute Stimmen schlugen Mumm entgegen, als er in die Rattenkammer zurückkehrte. »Dies sind eben nicht die alten Zeiten, Lord Selachii«, sagte der Patrizier gerade. »Es gilt nicht mehr als… nett, ein Kriegsschiff loszuschicken, um die ›dummen Ausländer‹, wie du sie nennst, auf ihre Fehler hinzuweisen. Zunächst einmal: Wir haben gar keine Kriegsschiffe mehr, seit die Mary- Jane vor vierhundert Jahren gesunken ist. Und außerdem haben sich die Zeiten geändert. Heutzutage sieht die ganze Welt zu. Verehrter Lord, man kann nicht mehr ›Was starrst du mich so an?‹ fragen und dem Star- renden anschließend eins aufs Auge hauen.« Er lehnte sich zurück. »Denkt an Chimära und Khanli, an Ephebe und Tsort. Und auch an Muntab. Und an Omnien. Einige der genannten Nationen sind sehr, mächtig, meine Herren. Viele von ihnen halten nichts von den derzeiti- gen expansionistischen Bestrebungen der Klatschianer, aber uns mögen sie ebensowenig.« »Warum denn?« fragte Lord Selachii. »Weil wir während unserer Geschichte Kriege gegen die Länder ge- führt haben, die wir nicht sofort besetzen konnten«, erläutert Lord Veti- nari. »Aus irgendeinem Grund behalten es die Leute im Gedächtnis, wenn man Tausende niedermetzelt.« »Ach, Geschichte«, sagte Lord Selachii. »Das ist alles Vergangenheit.« »Ein guter Platz für die Geschichte«, erwiderte der Patrizier ernst. »Ich meine: Warum mögen sie uns heute nicht? Schulden wir ihnen Geld?« »Nein. In den meisten Fällen sind wir die Gläubiger. Ein Grund mehr, uns nicht zu mögen.« »Was ist mit Sto Lat und Pseudopolis und den anderen Städten?« fragte Lord Witwenmacher. »Auch dort sind wir nicht sehr beliebt.« »Warum denn nicht?« wunderte sich Lord Selachii. »Wir haben doch ein gemeinsames Erbe.« »In der Tat, aber dieses gemeinsame Erbe besteht zum größten Teil darin, daß wir Kriege gegeneinander geführt haben«, sagte der Patrizier. »Nein, ich glaube, aus dieser Richtung dürfen wir nicht auf Unterstüt- zung hoffen. Was um so bedauerlicher ist, da wir keine eigenen Streit- kräfte haben. Nun, ich bin kein Fachmann fürs Militärische, aber ich glaube, man braucht eine Art Heer, um einen Krieg zu führen, nicht wahr?« Er sah sich am Tisch um. »Tatsache ist, daß man in Ankh-Morpork immer strikt gegen ein ste- hendes Heer war«, fügte er hinzu. »Wir alle wissen, warum die Leute einem Heer mißtrauen«, sagte Lord Witwenmacher. »Viele Bewaffnete, die herumstehen und nichts zu tun haben… Sie könnten auf dumme Gedanken kommen…«, Mumm beobachtete, wie sich Köpfe drehten und Blicke auf ihn richte- ten. »Meine Güte«, sagte er munter. »Ist das vielleicht ein Hinweis auf ›Altes Steingesicht‹ Mumm, der die Stadtmiliz bei der Revolte gegen einen ty- rannischen Monarchen anführte, um der Stadt etwas mehr Freiheit und Gerechtigkeit zu bringen? O ja, ich glaube schon! Und war er damals Kommandeur der Wache? Lieber Himmel, ja, das war er tatsächlich! Wurde er gehängt, zerstückelt und an fünf verschiedenen Stellen beer- digt? Und gilt er als ferner Vorfahr des jetzigen Kommandeurs? Meine Güte, so viele Zufälle auf einmal…« Die übertriebene Fröhlichkeit seiner Stimme verwandelte sich in ein Knurren. »Na schön! Das hätten wir also. Und nun… Hat jemand von euch etwas zu sagen?« Die Würdenträger rutschten auf ihren Stühlen hin und her. Gleichzeitig erklang ein kollektives Seufzen. »Was ist mit Söldnern?« fragte Burlich. »Das Problem bei Söldnern besteht darin, daß sie bezahlt werden müs- sen, damit sie kämpfen«, sagte der Patrizier. »Und wenn man nicht sehr viel Glück hat, muß man ihnen noch mehr Geld geben, damit sie wieder aufhören.« Selachii klopfte auf den Tisch. »Und wenn schon«, knurrte er. »Hauptsache, sie zeigen den Klatschia- nern, daß man mit uns nicht spaßen kann!« »Offenbar muß ich mich klarer ausdrücken«, erwiderte der Patrizier. »Wir können uns keine Söldner leisten. Weil wir kein Geld haben.« »Wie ist das möglich?« fragte Lord Witwenmacher. »Wir bezahlen doch unsere Steuern.« »Ach, ich dachte mir schon, daß wir auf diesen Punkt zu sprechen kommen«, sagte Lord Vetinari. Er hob die Hand, und erneut reichte ihm sein Sekretär ein Dokument. »Mal sehen… Oh, hier haben wir’s ja. Assassinengilde… Bruttoein- nahmen im vergangenen Jahr: 13.207.048 Ankh-Morpork-Dollar. Im letzten Jahr gezahlte Steuern: siebenundvierzig Dollar und zweiund- zwanzig Cent. Hinzu kommt eine Münze, die sich bei genauerer Kon-, trolle als ein halber herschebianischer Dong erwies, nur den achten Teil eines Cents wert.« »Das ist alles vollkommen legal! Die Gilde der Buchhalter und Steuer- berater…« »Ah ja, die Gilde der Buchhalter und Steuerberater. Bruttoeinkommen 7.999.011 Ankh-Morpork-Dollar. Gezahlte Steuern: keine. Statt dessen wurde eine Rückerstattung von zweihunderttausend Ankh-Morpork- Dollar beantragt.« »Was wir bekamen, enthielt übrigens auch einen halben herschebiani- schen Dong«, sagte Herr Frostich von der Buchhaltergilde. »Es ist mir völlig unerklärlich, wie so etwas geschehen konnte«, ent- gegnete Lord Vetinari ruhig. Er legte das Dokument beiseite. »Man könnte die Besteuerung mit der Milchviehhaltung vergleichen. Es geht darum, ein Maximum an Milch mit einem Minimum an Muhen zu erzielen. Ich fürchte allerdings, daß ich in letzter Zeit nur Muhen bekomme.« »Soll das heißen, Ankh-Morpork ist bankrott?« fragte Witwenmacher. »Ja. Und gleichzeitig gibt es viele reiche Leute in der Stadt. Hoffentlich haben sie einen Teil ihres Reichtums in Schwerter investiert.« »Und du hast diese allgemeine Weigerung, Steuern zu bezahlen, den Leuten einfach so durchgehen lassen?« fragte Lord Selachii. »Niemand hat sich geweigert, Steuern zu zahlen«, sagte der Patrizier. »Man kann nicht einmal von Steuerhinterziehung reden. Die Steuern wurden nur nicht bezahlt.« »Das ist abscheulich!« Der Patrizier hob die Brauen. »Kommandeur Mumm?« »Ja, Herr?« »Bitte stell eine Gruppe aus deinen erfahrensten Männern zusammen. Gemeinsam mit den Steuereintreibern soll sie dafür sorgen, daß wieder Geld in die städtischen Kassen kommt. Mein Sekretär gibt dir eine Liste mit den Namen der wichtigsten säumigen Zahler.« »In Ordnung, Herr«, sagte Mumm. »Und wenn die Betreffenden Wi- derstand leisten, Herr?«, »Oh, wie könnten sie das wagen? Immerhin entsprechen unsere Maß- nahmen dem Willen der wichtigsten Würdenträger dieser Stadt.« Er nahm einen Zettel von Drumknott entgegen. »Nun, ganz oben auf der Liste…« Lord Selachii hüstelte. »Für solchen Unsinn ist es jetzt viel zu spät«, sagte er rasch. »Wasser, das den Bach hinuntergeflossen ist«, sagte Lord Witwenma- cher. »Tot und begraben«, fügte Herr Schräg hinzu. »Ich habe meine Steuern bezahlt«, betonte Mumm. »Laßt mich rekapitulieren«, sagte Vetinari. »Ich schätze, niemand möchte, daß sich zwei erwachsene Nationen um einen Steinhaufen strei- ten. Wir wollen nicht kämpfen, aber…« »Aber so wahr ich hier sitze: Wir zeigen’s ihnen, wenn wir zum Kampf gezwungen werden!« platzte es aus Lord Selachii heraus. »Wir haben keine Schiffe. Wir haben keine Krieger. Und wir haben auch kein Geld«, sagte Vetinari. »Allerdings steht uns die Kunst der Di- plomatie offen. Es ist erstaunlich, was man mit den richtigen Worten erreichen kann.« »Leider stoßen die richtigen Worte auf weitaus mehr Aufmerksamkeit, wenn man einen spitzen Stock in der Hand hält«, meinte Lord Witwen- macher. Lord Selachii klopfte erneut auf den Tisch. »Es hat doch keinen Sinn, mit den verdammten Klatschianern zu reden! Meine Herren… Unsere Aufgabe besteht darin, wieder Regimenter zu bilden!« »Ach, sprichst du da von privaten Streitkräften?« fragte Mumm. »Unter dem Kommando von jemandem, dessen Führungsqualitäten sich darauf beschränken, den Sold für tausend Helme bezahlen zu können?« An der Mitte des Tisches beugte sich jemand vor, der bis dahin den Eindruck erweckt hatte, friedlich zu schlummern. Als Lord Rust sprach, klang seine Stimme wie ein Gähnen. »Wir sprechen von Führungsqualitäten, die sich während einer tau- sendjährigen Familiengeschichte angesammelt haben, Herr Mumm«, verkündete er., Das Herr prickelte in Mumms Brust. Er wußte, daß er ein »Herr Mumm« war, ein gewöhnlicher Bürger, wie er gewöhnlicher kaum sein konnte. Doch er bestand darauf, für jemanden, der »Jahre« wie »Hjahre« aussprach, Sir Samuel zu sein. »Oh, Familiengeschichte«, sagte er. »Nein, da muß ich passen. Wenn man das braucht, um die eigenen Leute mit Inkompetenz und Unfähig- keit in den Tod zu schicken…« »Meine Herren, bitte.« Der Patrizier schüttelte den Kopf. »Wir wollen uns nicht streiten. Immerhin ist dies ein Kriegsrat. Was die Bildung neu- er Regimenter betrifft… Nun, das ist natürlich euer gutes Recht. Die Entsendung von Bewaffneten in Zeiten der Not gehört zu den Pflichten ehrenwerter Bürger. Die Geschichte ist auf eurer Seite. Es gibt eindeuti- ge Präzedenzfälle, die ich akzeptieren muß. Laßt mich nur noch einmal darauf hinweisen, daß sich die Stadt keine Streitmacht leisten kann.« »Diese Leute sollen wirklich mit den Säbeln rasseln dürfen?« brachte Mumm ungläubig hervor. »Ach, Kommandeur Mumm«, sagte Burlich und lächelte. »Als Soldat müßtest du eigentlich…« Manchmal erregen Leute Aufmerksamkeit, indem sie schreien. Oder sie schlagen mit der Faust auf den Tisch oder rammen sie jemandem ins Gesicht. Mumm erzielte die gleiche Wirkung, indem er zu absoluter Pas- sivität erstarrte. Kälte ging von ihm aus. Die Falten in seinem Gesicht wirkten wie in Marmor gemeißelt. »Ich bin kein Soldat.« Und dann machte Burlich den Fehler, entwaffnend zu lächeln. »Nun, Kommandeur, der Helm und die Rüstung und so… Es läuft doch aufs gleiche hinaus, oder?« »Nein.« »Meine Herren…« Lord Vetinari legte die Hände flach auf den Tisch, sicheres Zeichen dafür, daß die Besprechung zu Ende war. »Morgen werde ich diese Angelegenheit mit Prinz Khufurah erörtern…« »Ich habe Gutes über ihn gehört«, sagte Lord Rust. »Streng, aber ge- recht. Man kann nur bewundern, was er in einigen fernen Regionen des Reiches auf die Beine stellt. Er…«, »Nein«, unterbrach Vetinari den Lord. »Du meinst Prinz Cadram. Khu- furah ist sein jüngerer Bruder. Er trifft morgen ein, als Gesandter seines Bruders.« »Ach, jetzt erinnere ich mich. Der Kerl ist ein Lümmel, Betrüger und Lügner! Es heißt, daß er sich bestech…« »Herzlichen Dank für deine diplomatischen Informationen, Lord Rust«, sagte der Patrizier. »Wir müssen die Tatsachen so akzeptieren, wie sie sich uns darbieten. Es eröffnen sich immer Möglichkeiten. Unsere beiden Nationen teilen viele Interessen. Außerdem deutet alles darauf hin, daß Cadram diese Sache sehr ernst nimmt – immerhin schickt er seinen eigenen Bruder, um mit uns zu verhandeln. Damit gibt er der internationalen Gemeinschaft ein Zeichen.« »Ein klatschianisches hohes Tier kommt hierher?« fragte Mumm. »Da- von hat mir niemand etwas gesagt!« »So seltsam es dir auch erscheinen mag, Sir Samuel: Gelegentlich bin ich durchaus imstande, diese Stadt einige Minuten zu regieren, ohne dei- nen Rat einzuholen.« »Ich meine, in der Stadt gibt es derzeit ziemlich stark ausgeprägte an- tiklatschianische Gefühle…« »Ein echt mieser Bursche«, teilte Lord Rust Boggis in jenem besonderen aristokratischen Flüstern mit, das bis zum Dachgebälk reichte. »Es ist ein Affront, uns eine solche Person zu schicken!« »Du wirst bestimmt sicherstellen, daß in den Straßen keine Gefahren drohen, Mumm«, sagte der Patrizier scharf. »Ich weiß, daß du auf solche Dinge sehr stolz bist. Offiziell kommt Khufurah hierher, weil ihn die Zauberer zu ihrem großen Fest eingeladen haben. Er soll einen Ehren- doktortitel bekommen, etwas in der Art. Und anschließend steht ein Es- sen auf dem Programm. Ich verhandle gern mit Leuten, die in der Un- sichtbaren Universität an einem Festessen der Fakultät teilgenommen haben. Normalerweise bewegen sie sich nicht sehr viel und sind bereit, praktisch allem zuzustimmen, wenn die Aussicht besteht, dafür Magen- pulver und ein kleines Glas Wasser zu bekommen. Und nun, meine Her- ren… wenn ihr mich bitte entschuldigen würdet…«, Die Würdenträger verließen den Raum und schritten einzeln oder zu zweit durch den Flur. Der Patrizier legte seine Papiere zusammen und strich mit einem dün- nen Finger über den Rand des Stapels. Dann sah er auf. »Du scheinst noch immer hier zu sein, Kommandeur.« »Du willst doch nicht wirklich erlauben, daß sie Regimenter bilden, oder?« fragte Mumm. »Kein Gesetz verbietet so etwas, Mumm. Und es wird sie beschäftigt halten. Alle Würdenträger der Stadt sind berechtigt – sogar verpflichtet, wenn ich mich recht entsinne –, in Zeiten der Not Streitkräfte zur Ver- fügung zu stellen. Und natürlich haben alle Bürger das Recht, Waffen zu tragen. Bitte denk daran.« »Waffen sind eine Sache. Aber damit Soldat zu spielen… Das ist etwas ganz anderes.« Mumm stützte sich mit den Fingerknöcheln auf dem Tisch ab. »Weißt du«, fuhr er fort, »ich werde das Gefühl nicht los, daß sich drü- ben in Klatsch eine Gruppe von Idioten ähnlich verhält. Die Narren wenden sich an den Serif und sagen: ›Es wird Zeit, daß wir den Teufeln in Ankh-Morpork eine Lektion erteilen, Offendi.‹ Und wenn viele Leute herumlaufen, Waffen schwingen und dummes Zeug reden… Unter sol- chen Umständen gibt es leicht Zwischenfälle. Bist du jemals in einer Ta- verne gewesen, in der alle bewaffnet sind? Oh, zunächst geht’s ganz zivil zu, aber dann trinkt irgendein Blödmann aus dem falschen Krug oder nimmt aus Versehen das Wechselgeld eines anderen Mannes, und fünf Minuten später liegen überall abgehackte Gliedmaßen herum…« Der Patrizier blickte so lange auf die Fingerknöchel hinab, bis Mumm die Hände wegzog. »Morgen wirst du beim Convivium der Zauberer zugegen sein«, sagte Vetinari. »Ich habe dir eine entsprechende Mitteilung geschickt.« »Aber ich…« Ein verräterisches Bild entstand vor Mumms innerem Auge und zeigte ihm hohe Papierstapel auf seinem Schreibtisch. »Oh«, sagte er. »Der Kommandeur der Wache führt die Prozession in voller Parade- uniform an. Das ist ein alter Brauch.«, »Was? Ich soll vor allen Leuten marschieren?« »Ja. Das ist sehr… staatsbürgerlich. Du weißt bestimmt, worauf es da- bei ankommt. Ein solches Auftreten demonstriert die freundliche Allianz zwischen der Universität einerseits und der Regierung von Ankh- Morpork andererseits. Diese Allianz besteht im Versprechen der Zaube- rer, allen unseren Bitten nachzukommen, vorausgesetzt, daß wir sie nie um etwas bitten. Wie dem auch sei: Es ist eine Pflicht, der du dich nicht entziehen kannst. Die Tradition verlangt es. Und Lady Sybil hat mir ver- sichert, daß du morgen mit strahlender Miene zur Stelle sein wirst.« Mumm holte tief Luft: »Du hast mit meiner Frau darüber gesprochen?« »Ja. Sie ist sehr stolz auf dich und glaubt, daß du zu erhabenen Dingen fähig bist, Mumm. Sie ist dir sicher ein großer Trost.« »Nun, ich… Ich meine, ich… ja…« »Gut. Oh, da wäre noch etwas, Mumm. Zwar habe ich bereits das Ein- verständnis der Assassinen- und Diebesgilde eingeholt, aber wir sollten kein Risiko eingehen… Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du gewährlei- sten könntest, daß niemand mit Eiern oder so nach dem Prinzen wirft. So etwas verursacht stets viel Ärger.« Die beiden Seiten beobachteten sich aufmerksam. Sie waren alte Feinde. Schon oft hatten sie ihre Kräfte gemessen, im Kampf um Territorium Siege errungen und Niederlagen erlitten. Diesmal ging es um alles oder nichts. Knöchel traten weiß hervor. Stiefel scharrten ungeduldig. Hauptmann Karotte ließ den Ball einige Male hüpfen. »Also gut, Jungs. Versuchen wir’s noch einmal. Und diesmal keine Bal- gereien. William, was kaust du da?« Der geschickte Rippenstoßer schnitt eine finstere Miene. Niemand kannte seinen Namen. Kinder, mit denen er aufgewachsen war, kannten ihn nicht. Vermutlich wußte nicht einmal seine Mutter – wenn er ihr jemals begegnete –, wie er hieß. Aber Karotte war es irgendwie gelungen, seinen Namen herauszufinden. Wenn jemand anders so dumm gewesen wäre, ihn »William« zu nennen, hätte der Betreffende nach seinem Ohr suchen müssen. Und zwar in seinem eigenen Mund., »Ein Kaugummi, Herr Karotte.« »Hast du genug für alle mitgebracht?« »Nein, Herr Karotte.« »Dann sei bitte so nett und nimm es aus dem Mund. Und nun… Ga- vin, was steckt da in deinem Ärmel?« Schleimbeutel Gav versuchte gar nicht erst, die Wahrheit zu verbergen. »Ein Messer, Herr Karotte.« »Und ich wette, du hast genug Messer für alle mitgebracht, stimmt’s?« »Genau, Herr Karotte.« Schleimbeutel grinste. Er war zehn Jahre alt. »Leg’s zu den anderen auf den Haufen…« Obergefreiter Schuh blickte entsetzt über die Mauer. Etwa fünfzig Ju- gendliche standen in der breiten Gasse. Das Durchschnittsalter in Jahren betrug elf. Das Durchschnittsalter in Zynismus und gemeiner Bosheit belief sich auf 163. Zwar gibt es beim Fußball von Ankh-Morpork keine Tore im üblichen Sinne, aber in diesem Fall waren trotzdem zwei Tor- pfosten aus gestapelten Gegenständen errichtet worden – die überall im Multiversum gebräuchliche Methode. Ein Stapel aus Messern, der andere aus stumpfen Gegenständen. Die Jungen trugen die Farben der scheußlichsten Straßenbanden, und mitten unter ihnen stand Hauptmann Karotte. In der einen Hand hielt er eine stark angeschwollene Schweinsblase, die als Ball diente. Obergefreiter Schuh fragte sich, ob er Hilfe holen sollte. Aber Karotte wirkte erstaunlich ruhig und entspannt. »Äh… Hauptmann?« fragte er vorsichtig. »Oh, hallo, Reg. Wir veranstalten gerade ein freundschaftliches Fuß- ballspiel. Jungs, das ist Obergefreiter Schuh.« Fünfzig Augenpaare sprachen: Wir merken uns dein Gesicht, Bulle. Reg schob sich an der Mauer entlang, und die Augen sahen den Pfeil, der den Brustharnisch durchbohrt hatte und aus dem Rücken ragte. »Es hat sich ein Problem ergeben, Hauptmann«, sagte Reg. »Ich hielt es für besser, dir Bescheid zu geben. Vielleicht solltest du dich um die Sa- che kümmern. Es geht um eine Geiselnahme…«, »Ich komme sofort. Tja, ich bedaure sehr, Jungs. Spielt allein, in Ord- nung? Wir sehen uns dann am nächsten Dienstag beim fröhlichen Singen mit anschließender Würstchenbrutzelei.« »Ja, Herr Karotte«, sagte der Geschickte Rippenstoßer. »Und Korporal Angua zeigt euch vielleicht, wie man am Lagerfeuer richtig heult.« »Wir freuen uns schon, Harr Karotte«, brummte Schleimbeutel. »Und was machen wir, bevor wir auseinandergehen?« fragte Karotte. Die Krieger der Skats und Mohocks wechselten verlegene Blicke. Normalerweise waren sie nie nervös – wer Furcht zeigte, konnte versto- ßen werden. Doch als die Bandenregeln festgelegt worden waren, hatte niemand die Existenz einer Person wie Karotte berücksichtigt. In den Mienen der Jungen stand Ich-bringe-dich-um-wenn-du- jemandem-davon-erzählst, als sie die Zeigefinger beider Hände bis auf Ohrhöhe hoben und riefen: »Wib wib wib!« »Wob wob wob!« antwortete Karotte herzlich. »Also gut, Reg. Wir können gehen.« »Wie hast du das fertiggebracht?« fragte Obergefreiter Schuh, als die beiden Wächter forteilten. »Oh, man hebt die Finger auf diese Weise«, erklärte Karotte. »Aber bitte verrate es niemandem. Es ist nämlich ein geheimes Zeichen…« »Es sind Halunken, Hauptmann! Man kann sich kaum schlimmere Schurken vorstellen!« »Oh, sie sind ein wenig frech. Aber unter der rauhen Schale verbirgt sich ein freundlicher Kern, wenn man ein wenig Geduld hat und ver- sucht, sie zu verstehen…« »Wie ich hörte, geben sie einem nie genug Zeit, sie zu verstehen! Weiß Herr Mumm von dieser Sache?« »In gewisser Weise, ja. Ich habe ihm von meiner Absicht erzählt, einen Klub für die Straßenkinder zu gründen, und er meinte, damit sei alles in Ordnung, vorausgesetzt, ich ließe sie ihr Lager am Rand einer sehr ho- hen Klippe bei möglichst starkem Wind aufschlagen. Aber so etwas sagt er immer. Nun, was ist mit der Geiselnahme?«, »Sie hat bei Vortin stattgefunden. Aber… äh… es ist keine gewöhnli- che Geiselnahme, sondern noch schlimmer…« Hinter ihnen musterten sich die Skats und Mohocks gegenseitig. Dann nahmen sie ihre Waffen und wichen vorsichtig voreinander zurück. Es ist keineswegs so, daß wir nicht kämpfen wollen, teilte ihre Körperspra- che mit. Doch zufälligerweise haben wir derzeit Besseres zu tun, und wir gehen jetzt, um herauszufinden, was dies ist. Erstaunlicherweise herrschte bei den Docks kein lautes Stimmengewirr. Die Leute waren zu sehr damit beschäftigt, an Geld zu denken. Feldwebel Colon und Korporal Nobbs lehnten an einem Holzstapel und beobachteten, wie jemand mit großer Sorgfalt den Namen Stolz von Ankh-Morpork an den Bug eines Schiffes malte. Früher oder später würde er bemerken, daß er das »z« vergessen hatte, und auf diesen kleinen Spaß freuten sich die beiden Wächter. »Bist du jemals zur See gefahren?« fragte Nobby. »Ha, nein, ich nicht!« erwiderte Colon. »Ich gebe dir einen guten Rat: Komm nie auf die Idee, den Klabautermann zu suchen.« »Keine Sorge«, sagte Nobby. »Ich weiß gar nicht, wo ich nach ihm su- chen sollte. Und selbst wenn ich ihn fände: Worüber sollte ich mit ihm reden?« »Gut.« »Ich meine, ich kenne ihn doch gar nicht.« »Du hast überhaupt keine Ahnung, was es mit dem Klabautermann auf sich hat, oder?« »Nein, Feldwebel.« »Treibt sich irgendwo auf dem Ozean herum, der Bursche. Durch ihn wird die Seefahrt zu einer riskanten Angelegenheit. So ist das eben mit dem Meer – man kann ihm nicht trauen. Da fällt mir ein… Als ich klein war, habe ich ein Buch über einen Jungen gelesen, der sich in eine Nixe verwandelte, sozusagen, und er lebte unten auf dem Meeresgrund…« »… beim Klabautermann…«, »Ja, und dort war alles ganz hübsch. Es gab sprechende Fische und ro- sarote Muscheln und so. Und dann eines Tages verbrachte ich die Ferien in Quirm, und bei der Gelegenheit sah ich das Meer und dachte: Na so was. Und wenn meine Mutter nicht schnell genug reagiert hätte, tja, wer weiß, was damals geschehen wäre, ich meine, der Junge im Buch konnte unter Wasser atmen, woher sollte ich es besser wissen? Man erzählt sich so viele Lügen übers Meer. In Wirklichkeit ist alles nur Igitt mit Hum- mern drin.« »Der Onkel meiner Mutter war Seemann«, sagte Nobby. »Aber nach der großen Seuche bekam er es mit Anwerbern der besonderen Art zu tun. Eine Gruppe von Bauern machte ihn betrunken, und am nächsten Morgen erwachte er an einen Pflug gefesselt.« Die beiden Wächter warteten und beobachteten. »Offenbar steht ein Kampf bevor, Feldwebel«, sagte Nobby, als der Maler überaus sorgfältig das abschließende »k« malte. »Dauert bestimmt nicht lange«, erwiderte Colon. »Sind alles nur Feig- linge, die Klatschianer. Sie wetzen über den heißen Sand davon, kaum daß sie kalten Stahl zu spüren bekommen.« Feldwebel Colon hatte eine umfassende Ausbildung hinter sich. Zuerst war er auf die Schule »Mein Vater hat immer gesagt« gegangen, um an- schließend die Universität »Ist doch logisch« zu besuchen. Derzeit absol- vierte er das Aufbaustudium »Was mir jemand in der Taverne erzählt hat«. »Es dürfte also nicht weiter schwer sein, damit klarzukommen, oder?« fragte Nobby. »Und sie haben nicht mal die gleiche Hautfarbe wie wir«, sagte Colon. »Äh… wie ich«, fügte er hinzu, als er an die unterschiedlichen Schattie- rungen von Korporal Nobbs dachte. »Obergefreiter Besuch ist ziemlich braun«, meinte Nobby. »Ich habe nie gesehen, daß er weggelaufen ist. Wenn er die Chance wittert, jeman- dem eine religiöse Broschüre anzudrehen, läßt der alte Waschtopf nicht locker.« »Ach, die Omnianer unterscheiden sich eigentlich nicht sehr von uns«, behauptete Colon. »Manchmal verhalten sie sich seltsam, aber im Grun-, de sind wir aus dem gleichen Holz geschnitzt, mehr oder weniger. Ein Klatschianer hingegen verrät sich schon dadurch, daß er viele Wörter benutzt, die mit ›al‹ beginnen. Daran kann man die Klatschianer sofort erkennen. Sie haben alle Wörter erfunden, die mit ›al‹ anfangen. Wie zum Beispiel Al-kohol.« »Die Klatschianer haben das Bier erfunden?« »Ja.« »Verdammt schlau von ihnen.« »Ich würde es nicht schlau nennen«, sagte Feldwebel Colon und begriff zu spät, daß er einen taktischen Fehler begangen hatte. »Es dürfte eher ein glücklicher Zufall sein.« »Und was haben die Klatschianer sonst noch erfunden?« »Nun… « Colon strengte sein Gehirn an. »Al-gebra. Das sind Summen mit Buchstaben und so. Für Leute, die für Zahlen nicht intelligent genug sind.« »Tatsächlich?« »Ja«, bestätigte Colon. Er glaubte sich nun auf sicherem Terrain und fuhr selbstbewußter fort: »Ich hab mal gehört, wie ein Zauberer von der Universität sagte, die Klatschianer hätten nichts erfunden. Angeblich ist das ihr großer Beitrag zur Mathematik. ›Was?‹ fragte ich, und der Zaube- rer meinte, die Null stamme aus Klatsch.« »Klingt nicht sehr intelligent«, kommentierte Nobby. »Jeder kann nichts erfinden. Ich zum Beispiel. Hab überhaupt noch nichts erfunden.« »Eben«, bekräftigte Colon. »Ich habe dem Zauberer gesagt, die Erfin- der von Zahlen wie vier und, und…« »… sieben…« »… ja, seien die wahren Genies. Nichts brauchte nicht extra erfunden zu werden. Es war bereits da. Bestimmt haben es die Klatschianer ein- fach nur so entdeckt, rein zufällig.« »Es liegt an der Wüste«, sagte Nobby. »Genau! Guter Hinweis. Die Wüste. Wie jeder weiß, besteht eine Wü- ste größtenteils aus nichts. Für die Klatschianer ist das Nichts gewisser- maßen ein wichtiger Rohstoff. Ist doch logisch. Wir aber sind zivilisier-, ter, ich meine, bei uns gibt’s mehr Dinge, und deshalb haben wir die Zahlen erfunden, um sie alle zu zählen. Ich meine… Es heißt, die Klat- schianer hätten die Astronomie erfunden…« »Al-tronomie«, warf Nobby ein. »Nein, nein… Nein, Nobby, ich schätze, zu der Zeit hatten sie bereits das ›s‹ erfunden. Ich meine, es würde mich gar nicht wundern, wenn sie es uns geklaut hätten. Wie dem auch sei: Die Klatschianer haben die Astronomie erfunden, weil sie gar nichts anderes zu tun hatten, als die Sterne zu beobachten. Jeder kann zu den Sternen hochsehen und ihnen Namen geben, ich meine, mit Erfinden hat das doch gar nichts zu tun. Wir laufen nicht herum und behaupten, irgend etwas erfunden zu haben, nur weil wir einen kurzen Blick darauf geworfen haben.« »Die Klatschianer sollen viele seltsame Götter haben«, sagte Nobby. »Ja, und verrückte Priester«, sagte Colon. »Viele von ihnen mit Schaum vorm Mund. Glauben an die sonderbarsten Dinge.« Einige Sekunden sahen sie dem Maler stumm zu. Colon wartete voller Sorge auf die nächste Frage. »Worin genau liegt eigentlich der Unterschied zu uns?« erkundigte sich Nobby. »Ich meine, einige von unseren Priestern sind…« »Ich hoffe, du wirst jetzt nicht unpatriotisch«, sagte Colon streng. »Nein, natürlich nicht. Ich war nur neugierig. Ich meine, mir ist natür- lich klar, daß die klatschianischen Priester viel schlimmer sein müssen als andere. Immerhin sind es Ausländer und so.« »Und natürlich sind sie alle ganz wild auf den Kampf«, sagte Colon. »Bösartige Burschen, mit ihren krummen Schwertern.« »Soll das heißen, sie… greifen bösartig an, während sie gleichzeitig fei- ge fortlaufen, sobald sie kalten Stahl zu spüren bekommen?« fragte Nobby, der ein verräterisch gutes Gedächtnis für Details haben konnte. »Man kann den Burschen nicht trauen, das ist meine Meinung. Und nach den Mahlzeiten rülpsen sie immer.« »Das machst du auch, Feldwebel.« »Ja, aber ich tue nicht so, als wäre das höflich.«, »Nun, wir können von Glück sagen, daß du hier bist, um die Dinge zu erklären, Feldwebel«, sagte Nobby. »Es ist erstaunlich, was du alles weißt.« »Manchmal bin ich selbst überrascht«, erwiderte Colon bescheiden. Der Maler lehnte sich zurück, um sein Werk zu bewundern. Die beiden Wächter hörten, wie er aus tiefem Herzen stöhnte, und daraufhin nickten sie zufrieden. Die Verhandlungen bei einer Geiselnahme waren immer heikel, wie Ka- rotte aus Erfahrung wußte. Man durfte die Dinge nicht überstürzen und wartete besser ab, bis die Geiselnehmer ein Gespräch wünschten. Karotte saß hinter einem umgekippten Karren, der als Schild diente und vor gelegentlichen Pfeilen schützte. Er nutzte die Zeit, um seinen Eltern einen Brief zu schreiben, wobei er immer wieder die Stirn runzel- te, am Ende des Stiftes kaute und eine Methode anwandte, die Kom- mandeur Mumm als ballistische Annäherung an Rechtschreibung und Interpunktion bezeichnete. Liebe Mutter und lieber Fater, ich hoffe es gehet euch gut so wie auch ich wohlauf binne. Danke für das großige Paket mit dem Zwergenbrot drin das ihr mir geschicket hat, ich habe es gegessen zusammen mit den anderen Zwergen der Wache und sie, meinten es seiet sogar noch besser als das von Eisenkruste (»Dieses Brot wird weder stumpf noch schal«), au- serdem kann man den Geschmack eines daheime gebackenen Brotes einfach nicht schlagen, und deshalb gut gemacht Mama. Alles gehet gut mit dem Wolfsrudel von dem ich euch erzähligt habe aber Kmdr. Mumm ist gar nicht glücklich, ich habe ihm gesagt das es brave Jungs sind tief im Grunde ihres Herzens und bestimmt hilft es ihnen mehr von Natuhr und Wildnis zu erfahren, und er antwortete ha darüber wissen sie bereits bestens Bescheid das ißt ja das Problem. Aber er gabet mir 5 Ankh-Morpork-Dollar für einen Fusball was beweist das er doch Anteil nimmt. Es gibt wieder einige neuige Gesichter in der Wache was kanne bestimmt nicht schaden wegen der Probleme mit Klatsch, alles scheinet sehr Ernst zu sein, ich fühle es wie die ersten Windstöße vor dem Orkan, ja so deutlich ist es., Ich muß jetzt Schlus machigen weil einige Einbrecher in Vortins Diamantenlager eingebrochen sind und Korporal Angua als Geisel genommigen haben. Es könnte zu einem schrecklichen Blutvergießen kommen. Ich bleibe Euer euch liebender Sohne Karotte Eisengießersohn (Hauptmann) PS Morgen schreibe ich wieder Karotte faltete den Brief sorgfältig zusammen und schob ihn unter sei- nen Brustharnisch. »Ich glaube, die Geiselnehmer hatten jetzt Zeit genug, um über den letzten Punkt nachzudenken. Was steht als nächstes auf der Liste?« Obergefreiter Schuh blätterte in einigen schmierigen Papieren und hol- te einen Zettel hervor. »Jetzt sind wir bei blinden Bettlern, die Anzeige erstattet haben, weil man ihnen einige Cent gestohlen hat«, sagte er. »Oh, nein, hier ist noch eine wichtige Sache…« Karotte griff nach Zettel und Megaphon, erhob sich dann vorsichtig und spähte über den Karren hinweg. »Erneut einen guten Morgen!« sagte er fröhlich. »Wir haben noch et- was entdeckt. Diebstahl von Schmuck bei…« »Ja! Ja!« erklang es aus dem Gebäude. »Dafür sind wir ebenfalls ver- antwortlich!« »Tatsächlich?« erwiderte Karotte. »Ich habe noch nicht einmal gesagt, wann das Verbrechen verübt worden ist.« »Spielt keine Rolle! Wir waren es! Dürfen wir jetzt bitte nach draußen?« Im Hintergrund erklang ein Geräusch: ein dumpfes, beständiges Knur- ren. »Ihr solltet uns sagen, was ihr gestohlen habt«, meinte Karotte. »Äh… Ringe? Goldene Ringe?« »Tut mir leid. Ringe werden nicht erwähnt.« »Perlenketten? Ja, genau, wir haben…«, »Leider nein. Aber es wird schon etwas wärmer.« »Ohrringe?« »Ja, jetzt kommen wir der Sache näher«, sagte Karotte in aufmuntern- dem Tonfall. »Eine Krone? Vielleicht ein Krönchen?« Karotte beugte sich zum Obergefreiten hinab. »Hier ist von einem Diadem die Rede, Reg? Können wir…?« Er richtete sich wieder auf. »Wir sind bereit, ›Krönchen‹ zu akzeptieren. Gut gemacht!« Er sah erneut zum Obergefreiten Schuh. »Es ist doch alles in Ordnung, nicht wahr, Reg? Ich meine, sie sind ein- gebrochen, sie haben eine Geisel genommen…« »Ich schätze, da hast du recht…« »Bitte! Nein! Sei brav! Runter!« »Das wär’s«, sagte Reg Schuh und blickte am Karren vorbei. »Sie haben alles gestanden, bis auf den Fall von Exhibitionismus im Hide Park…« »Das waren wir!« rief jemand. »… und dahinter steckte eine Frau…« »Wir waren es!« Diesmal klang die Stimme ein ganzes Stück schriller. »Dürfen wir das Gebäude jetzt bitte verlassen?« Karotte stand auf und hob das Megaphon vor die Lippen. »Wenn die Herren so gütig wären, mit erhobenen Händen nach draußen zu kom- men…« »Soll das ein Witz sein?« wimmerte jemand, während das Knurren im Hintergrund kurz lauter wurde. »Na schön, dann haltet die Hände so, daß ich sie sehen kann.« »In Ordnung!« Vier Männer wankten auf die Straße. Ihre zerrissene Kleidung flatterte im Wind. Der Anführer deutete mit einem anklagenden Zeigefinger zur Tür, als sich Karotte näherte. »Den Besitzer des Lagers sollte man vor Gericht stellen!« brachte er hervor. »Ein wildes Tier in dem Raum zu halten… Das ist skandalös!, Wir sind ganz friedlich eingebrochen, und das Biest hat uns völlig grund- los angegriffen!« »Ihr habt auf den Obergefreiten Schuh geschossen«, erwiderte Karotte. »Aber wir wollten ihn nicht treffen! Nein, das wollten wir nicht!« Obergefreiter Schuh deutete auf den Pfeil in seinem Brustharnisch. »Seht euch das an!« jammerte er. »Das ist Arbeit für den Schweißer, und wir müssen die Reparaturen unserer Ausrüstung selbst bezahlen, und es bleibt immer etwas zurück, ganz gleich, welche Mühe man sich gibt – man sieht, daß der Harnisch repariert worden ist.« Die entsetzten Blicke der vier Männer galten den Nähten an Schuhs Hals und Händen. Ihnen dämmerte die Erkenntnis, daß man bei Men- schen zwar viele verschiedene Hautfarben beobachten konnte, es aller- dings kaum Lebende gab, deren Haut grünlich-grau schimmerte. »Du bist ein Zombie!« »Hast du vielleicht was gegen Tote?« fragte Obergefreiter Schuh scharf. »Und ihr habt Korporal Angua als Geisel genommen. Eine Dame«, fuhr Karotte fort. Er sprach noch immer in ruhigem, freundlichem Tonfall, aber etwas in seiner Stimme wies darauf hin, daß irgendwo eine Zünd- schnur brannte und man besser nicht auf den Knall wartete. »Ja… in gewisser Weise… aber offenbar ist sie entkommen, als das Biest erschien…« »Habt ihr sie im Lager gelassen?« fragte Karotte. Er schien die Gelas- senheit selbst zu sein. Die vier Männer sanken auf die Knie. Der Anführer hob beschwörend den Kopf. »Bitte! Wir sind nur Räuber und Diebe! Wir führen nichts Böses im Schilde!« Karotte nickte Schuh zu. »Bring sie zur Wache, Obergefreiter.« »Sofort!« erwiderte Schuh. In seinen Augen blitzte es, als er die Arm- brust schußbereit machte. »Die Reparatur des Brustharnischs kostet mich zehn Dollar. Ich bin auch so schon ziemlich sauer, und deshalb rate ich euch, keinen Fluchtversuch zu unternehmen.«, »O nein, wir fliehen nicht, auf keinen Fall! Wir kämen nicht einmal auf den Gedanken.« Karotte betrat das Gebäude. In offenen Türen zeigten sich besorgte Gesichter, und der Hauptmann lächelte beruhigend, als er sich dem La- gerraum näherte. Korporal Angua rückte gerade ihre Uniform zurecht. »Bevor du danach fragst: Ich habe niemanden gebissen«, sagte sie, als Karotte im Eingang erschien. »Nicht einmal Fleischwunden. Ich habe nur ihre Hosen zerrissen. Und das war kein Zuckerschlecken, kann ich dir versichern.« Ein weiteres besorgtes Gesicht erschien. »Ah, Herr Vortin«, sagte Karotte. »Du wirst feststellen, daß nichts fehlt. Die Einbrecher haben alles liegen gelassen.« Der Diamantenhändler wirkte verblüfft. »Ich habe gehört, daß sie eine Geisel genommen haben…« »Sie haben ihren Fehler eingesehen«, erwiderte Karotte. »Und… man hörte ein Knurren… Es klang nach einem Wolf…« »Ah ja«, sagte Karotte. »Nun, du weißt ja, wenn sich Einbrecher erge- ben…« Das war keine Erklärung, aber Karottes Tonfall deutete darauf hin, daß es doch eine war. Als Karotte und Angua gegangen waren, gab sich Vortin ganze fünf Minuten lang damit zufrieden. »Nun, dieser Tag beginnt recht angenehm«, sagte Karotte. »Herzlichen Dank, nein, ich bin nicht verletzt«, entgegnete Angua. »Dadurch lohnt sich die Mühe.« »Nur mein Haar ist durcheinander, und eine weitere Bluse ist ruiniert.« »Gute Arbeit.« »Manchmal habe ich das Gefühl, daß du mir überhaupt nicht zuhörst«, sagte Angua. »Freut mich, das zu hören«, erwiderte Karotte. Die ganze Wache war angetreten. Mumms Blick glitt über das Meer aus Gesichtern., Meine Güte, dachte er. Wie viele sind es inzwischen? Vor einigen Jah- ren konnte man die Angehörigen der Wache an den Fingern der Hand eines blinden Metzgers abzählen, und jetzt… Es kamen noch mehr herein. Mumm beugte sich zu Karotte. »Wer sind all diese Leute?« »Wächter, Herr Kommandeur. Du hast sie dazu ernannt.« »Was? Einige von ihnen sehe ich heute zum ersten Mal!« »Du hast die Papiere unterschrieben, Herr Kommandeur. Und jeden Monat unterzeichnest du die Soldscheine – nach einer Weile.« Bei den letzten Worten lag ein Hauch von Kritik in Karottes Stimme. Mumms Einstellung der Schreibarbeit gegenüber ließ sich folgenderma- ßen beschreiben: Kümmere dich erst darum, wenn jemand schreit – dann kannst du wenigstens Hilfe erwarten. »Aber wie sind diese Leute zu Wächtern geworden?« »Auf die übliche Weise, Herr Kommandeur. Nach der Vereidigung be- kam jeder von ihnen einen Helm…« »He, da steht Reg Schuh! Er ist ein Zombie! Ihm fallen dauernd ir- gendwelche Körperteile ab!« »Er genießt hohes Ansehen in der Gemeinschaft der Untoten, Herr Kommandeur«, sagte Karotte. »Wieso gehört er zu uns?« »Er beklagte sich in der letzten Woche, daß die Wache einige Schwarze Männer belästigte. Er legte seinen Standpunkt mit… äh… großer Vehe- menz dar. Ich überzeugte ihn davon, daß die Wache mehr Sachkenntnis benötigt, daraufhin ließ er sich rekrutieren.« »Jetzt gibt es keine Beschwerden mehr, nehme ich an.« »Oh, sogar doppelt so viele wie vorher, Herr Kommandeur. Alle kommen von den Untoten und richten sich gegen den Obergefreiten Schuh. Ich frage mich, was der Grund dafür sein mag.« Mumm musterte Karotte neugierig. »Er fühlt sich deshalb sehr verletzt, Herr Kommandeur. Er meint, die Untoten verstünden einfach nicht die Probleme des Polizeidienstes in einer multivitalen Gesellschaft, Herr Kommandeur.«, Bei den Göttern, dachte Mumm. Das hätte ich tun können. Ich ergreife solche Maßnahmen, weil ich keinen Wert darauf lege, nett zu sein. Aber Karotte ist die Nettigkeit in Person. Wenn es eine Goldmedaille dafür gäbe, nett zu sein, hätte man sie ihm schon verliehen. Er kann doch nicht… Mumm begriff, daß er nie Gewißheit erlangen würde. Nur eins war ihm klar: Irgendwo hinter Karottes unschuldigem Blick war eine Stahltür verborgen. »Du hast ihn in die Wache aufgenommen, stimmt’s?« »Nein, Herr Kommandeur. Dieses Verdienst gebührt dir. Du hast nicht nur die Aufnahmepapiere unterschrieben, sondern auch den Aus- rüstungsschein und die aktuelle Einsatzorder.« An Mumms innerem Auge zogen zahllose Dokumente vorbei, unter die er in aller Eile seinen Namen gekritzelt hatte. Es ließ sich nicht leug- nen: Durch seine Unterschrift waren Reg Schuh und die anderen zu Wächtern geworden. Es stimmte auch, daß sie neue Leute brauchten, aber trotzdem regte sich Unbehagen in ihm, und er dachte: Früher bin ich es gewesen, der… »Außerdem darf jeder rekrutieren, der mindestens den Rang eines Feldwebels bekleidet«, fügte Karotte hinzu, als könnte er die Gedanken des Kommandeurs lesen. »So steht es in der Dienstvorschrift. Auf Seite zweiundzwanzig, direkt unter dem Teefleck.« »Und… wie viele neue Wächter hast du rekrutiert?« »Nur ein paar. Wir sind noch immer unterbesetzt.« »Offenbar brauchen wir so dringend Leute, daß wir sogar auf Tote zu- rückgreifen.« »Auf Untote, Herr Kommandeur. Möchtest du jetzt zu den Wächtern sprechen?« Erneut glitt Mumms Blick über die versammelte… Menge. Es genügte einfach nicht, von »vielen« zu sprechen, fand er. Die Beschreibung »Menge« traf den Kern der Sache ziemlich genau, denn dieses Wort ließ auch ausreichend Platz für Unterschiede. Mumm sah große und kleine Wächter, dicke und dünne. Er sah Trolle mit Flechten auf den steinernen Schultern, bärtige Zwerge, den tönernen, Golem namens Dorfl, mehrere Untote… Noch immer wußte er nicht genau, ob er auch Korporal Angua zu ihnen zählen sollte. Sie war eine intelligente junge Frau und konnte zu einem Wolf werden, wenn die Umstände es erforderten. Leute, die woanders keinen Platz fanden, hatte Colon einmal gesagt. In der Tat: Nur aus solchen Außenseitern und Heimatlosen konnten Polizisten werden. Im Grunde trugen sie alle Uniform, allerdings von sehr individueller Art. Jeder von ihnen war zum Arsenal geschickt worden, um sich dort mit passenden Dingen ausrüsten zu lassen. Das Ergebnis war eine wan- delnde historische Ausstellung: »Komisch gekleidete Soldaten aus allen Epochen«. »Äh… meine Damen und Herren…«, begann Mumm. »Bitte seid still und hört Kommandeur Mumm zu!« donnerte Karotte. Mumm begegnete dem Blick von Angua, die an der Wand lehnte. Sie rollte hilflos mit den Augen. »Ja, ja, danke, Hauptmann Karotte«, sagte er und wandte sich wieder an die versammelte Wache von Ankh-Morpork. Er öffnete den Mund. Und erstarrte. Dann schloß er den Mund wieder, bis auf einen kleinen Teil im Winkel. Aus diesem Winkel fragte er: »Was hat der Haufen auf dem Kopf des Obergefreiten Feuerstein zu bedeuten?« »Das ist Obergefreiter Knuddel Winzig, Herr Kommandeur. Er mag eine gute Aussicht.« »Er ist ein Gnom!« »Stimmt haargenau, Herr Kommandeur.« »Noch einer von deinen Leuten?« »Von unseren, Herr Kommandeur«, erwiderte Karotte jetzt wieder in dem ein wenig vorwurfsvoll klingenden Tonfall. »Ja, Herr Kommandeur. Seit letzter Woche gehört er zum Personal der Wache in der Kröselstra- ße.« »Meine Güte…«, ächzte Mumm. Knuddel Winzig bemerkte seinen Blick und salutierte. Er war etwa dreizehn Zentimeter groß., Mumm versuchte, sein geistiges Gleichgewicht wiederzufinden. Dick und dünn, klein und groß… Außenseiter und Heimatlose. Leute, die woanders keinen Platz finden, fuhr es ihm durch den Sinn. Wir alle. »Ich will nicht viele Worte verlieren«, sagte er. »Ihr kennt mich. Besser gesagt: Die meisten von euch kennen mich«, korrigierte er sich und sah dabei kurz zu Karotte. »Ich halte keine langen Reden. Sicher habt ihr bemerkt, daß die Leshp-Angelegenheit erhebliche Unruhe in der Stadt ausgelöst hat. Man munkelt von Krieg und dergleichen. Nun, der Krieg geht uns nichts an. Für den Krieg sind Soldaten zuständig. Unsere Aufga- be besteht darin, den Frieden zu wahren. Ich möchte euch etwas zei- gen…« Er trat zurück und holte mit einer eleganten Geste etwas aus der Ta- sche. Das war zumindest seine Absicht. Doch das Objekt leistete uner- warteten Widerstand, woraufhin Mumm mit etwas mehr Nachdruck zog… Leinen gab nach und riß. Etwas löste sich aus dem Stoff. »Verdammter Mist…« Mumm hob einen Gegenstand aus glänzendem schwarzem Holz hoch. Am einen Ende befand sich ein silberner Knauf. Die Wächter reckten den Hals. »Dies… äh… dies…« Der Kommandeur suchte nach den richtigen Worten. »Vor ein paar Wochen kreuzte ein alter Knabe aus dem Palast auf und gab mir dieses verdammte Ding. Daran klebte ein Etikett mit der Aufschrift Insignien des Kommandeurs der Wache, Ankh-Morpork. Wißt ihr, im Palast geht nichts verloren; dort wird nie etwas weggeworfen.« Er winkte mit dem Objekt. Das Holz war erstaunlich schwer. »Der Knauf ist mit einem Wappen geschmückt, seht nur.« Dreißig Wächter versuchten, das Wappen zu erkennen. »Und ich dachte… Ich dachte, lieber Himmel, das soll ich tragen? Und ich dachte darüber nach, und dann dachte ich, nein, es ist richtig, dieses eine Mal haben sie’s richtig hingekriegt. Es ist nicht einmal eine Waffe, nur ein Ding. Man benutzt es nicht, man hat es einfach nur dabei. Genau darum geht es. Ähnlich verhält es sich mit Uniformen. Wißt ihr, ein Sol- dat wird durch seine Uniform zum kleinen Teil einer Menge aus vielen, anderen Teilen, die alle die gleiche Uniform tragen, aber bei einem Poli- zisten dient die Uniform…« Mumm unterbrach sich. Die verwirrten Mienen der Zuhörer verrieten ihm, daß er auf bestem Wege war, ein komplexes Kartenhaus auf einem Fundament zu weniger Karten zu errichten. Er hüstelte. »Wie dem auch sei«, fuhr er fort und machte mit einem finsteren Blick deutlich, daß die Wache besser vergaß, was er in den vergangenen zwan- zig Sekunden gesagt hatte. »Unsere Aufgabe besteht darin zu verhindern, daß die Leute gegeneinander kämpfen. Auf den Straßen passiert ziemlich viel. Wahrscheinlich habt ihr gehört, daß wieder Regimenter gebildet werden. Nun, von mir aus sollen die Würdenträger der Stadt nach Her- zenslust rekrutieren, aber eins steht fest: Ich lasse keinen Mob zu. Es herrscht eine ziemlich scheußliche Stimmung. Ich weiß nicht, was ge- schehen wird, aber wir müssen bereit sein, wenn es soweit ist.« Mumm sah sich im Raum um. »Und noch etwas. Morgen trifft ein klatschiani- scher Gesandter ein. Ich bezweifle, daß die Assassinengilde in dieser Hinsicht irgend etwas plant, aber heute nacht überprüfen wir den Weg, den die Prozession der Zauberer morgen nehmen wird. Ein hübscher kleiner Auftrag für die Nachtschicht. Und in diesem besonderen Fall sind wir alle für die Nachtschicht eingeteilt.« Die Wache stöhnte. »Wie mein alter Feldwebel zu sagen pflegte: Wenn ihr keinen Spaß ver- tragen könnt, hättet ihr nicht Wächter werden sollen«, fügte Mumm hin- zu. »Ich dachte da an eine freundliche Tür-zu-Tür-Inspektion. Klinken- putzen. Ein wenig frische Luft an die Uniform lassen und so weiter. Ir- gendwelche Fragen? Gut. Vielen Dank.« Füße scharrten, und die Wächter entspannten sich, als sie begriffen, daß sie wegtreten durften. Karotte begann zu klatschen. Es war nicht jene Art von Klatschen, mit der Mittlinge Unterlinge ver- anlaßten, Oberlingen zu applaudieren.* Hinter diesem Klatschen steckte * Dabei hält man die Hände im rechten Winkel zueinander und klatscht nicht mit ihnen, sondern läßt sie rhythmisch gegeneinanderprallen, während ein starrer, echte Begeisterung, und das machte alles nur noch schlimmer. Einige der noch leicht zu beeindruckenden neuen Wächter klatschten ebenfalls, wie Kieselsteine, die den Erdrutsch ankündigen. Wenige Sekunden später ließ donnernder Applaus die Wände des Raums erzittern. Mumm schnitt eine Grimasse. »Sehr inspirierend, Herr Kommandeur!« rief Karotte, als das Klatschen noch lauter wurde. Regen strömte auf Ankh-Morpork herab. Er füllte die Dachrinnen und Gossen, floß über ihre Ränder und wurde vom Wind fortgetragen. Nach Salz schmeckte er. Die Wasserspeier hatten ihre schattigen Tagesplätze verlassen und hockten nun auf Türmen und Vorsprüngen, streckten Ohren und Flügel aus, um alles Eßbare aus den Fluten zu filtern. Es war bemerkenswert, was auf Ankh-Morpork herabfallen konnte. Niemand verlor ein Wort darüber, wenn es kleine Fische und Frösche regnete, aber Bettgestelle erregten doch Aufmerksamkeit. Aus einer schadhaften Regenrinne spritzte der Regen am Fenster von Ostie Brunt vorbei, der auf dem Bett saß, weil es im Zimmer weder Stühle noch andere Einrichtungsgegenstände gab. Derzeit machte ihm das nichts aus. In ein oder zwei Minuten ärgerte er sich vielleicht darüber – oder vielleicht auch nicht. Ostie war keineswegs verrückt. Freunde hätten ihn als ruhigen Bur- schen bezeichnet, der gern allein blieb, aber solche Beschreibungen blie- ben aus, da er keine Freunde hatte. Nun, es gab einige Männer, die am Dienstagabend den Schießstand aufsuchten, um sich im Umgang mit Pfeil und Bogen zu üben, und manchmal begleitete er sie anschließend in eine Taverne und hörte dort ihren Gesprächen zu. Einmal hatte er ge- spart, um eine Runde zu spendieren, obwohl sie sich vermutlich nicht daran erinnerten, oder sie würden vielleicht sagen: »Oh… ja… Ostie.« Auf diese Weise sprachen die Leute von ihm. Sie neigten dazu, ihm ebensowenig Beachtung zu schenken wie leerem Raum. Blick dem Publikum mitteilt: »Entweder bekommen wir einen ordentlichen Ap- plaus, oder die ganze Schule muß nachsitzen.«, Er war nicht dumm. Er dachte ein wenig über die Dinge nach. Manchmal saß er stundenlang da und starrte an die gegenüberliegende Wand, wo sich in feuchten Nächten Regenflecken zeigten. Bei solchen Gelegenheiten zeichnete er in Gedanken Karten von Klatsch. Jemand hämmerte an die Tür. »Herr Brunt? Kann ich hereinkommen?« »Derzeit habe ich zu tun, Frau Geifer«, erwiderte er. Hastig schob er den Bogen und die Zeitschriften unters Bett. »Es geht um die Miete!« »Ja, Frau Geifer?« »Du kennst meine Regeln!« »Ich bezahle morgen, Frau Geifer«, sagte Ostie und sah zum Fenster. »Bis Mittag, bar auf die Hand. Sonst sitzt du auf der Straße!« »Ja, Frau Geifer.« Er hörte, wie sie die Treppe hinunterstapfte. Ganz langsam zählte er bis fünfzig, griff dann unters Bett und holte den Bogen wieder hervor. Angua war mit Nobby auf Streife. Von einer idealen Einteilung konnte man in diesem Zusammenhang nicht sprechen, aber Karotte mußte sich um andere Aufgaben kümmern, und in solchen Nächten hatte der für den Dienstplan verantwortliche Fred Colon das geradezu unheimliche Glück, für die Büroarbeit eingeteilt zu sein. »Wenn ich über eine persönliche Angelegenheit mit dir reden dürf- te…«, fragte Nobby, als sie Türklinken ausprobierten und mit ihren La- ternen in dunkle Gassen leuchteten. »Ja, Nobby?« »Es geht um eine sehr persönliche Angelegenheit.« »Oh.« »Ich würde Fred fragen, aber ich fürchte, er würde das nicht verstehen, im Gegensatz zu dir. Ich meine, immerhin bist du eine Frau und so. Zumindest die meiste Zeit über.« »Worum geht’s, Nobby?«, »Um meine… äh… sexuelle Natur.« Angua schwieg. Regen prasselte auf Nobbys schlecht sitzenden Helm. »Es wird Zeit, daß ich der Sache ganz offen in die Augen sehe.« Angua verfluchte ihr gutes Vorstellungsvermögen. »Und… äh… wie willst du das anstellen, Nobby?« »Ich meine, ich habe mir das eine oder andere bestellt. Zum Beispiel Cremes.« »Cremes«, wiederholte Angua. »Zum Einreiben«, erklärte Nobby. »Einreiben.« »Und ein Ding, mit dem man übt…« »Bei den Göttern…« »Verzeihung?« »Was? Oh… mir ist nur gerade etwas eingefallen. Ich bin ganz Ohr. Übungen?« »Ja. Um den Bizeps zu entwickeln und so.« »Ach, Übungen. Im Ernst?« Nobby schien überhaupt keinen nennens- werten Bizeps zu haben. Eigentlich gab es kaum etwas, woran diese Muskeln sitzen konnten. Irgendwo mußten Arme existieren, denn die Hände waren an den Schultern befestigt, aber mehr konnte man beim besten Willen nicht sagen. Entsetztes Interesse übernahm die Kontrolle von Anguas Mund. »Warum, Nobby?« Er senkte verlegen den Blick. »Nun… ich meine… du weißt schon… Frauen und so…« Angua beobachtete erstaunt, wie Nobby errötete. »Soll das heißen…«, begann sie. »Du… du suchst nach einer…« »Oh, ich will nicht nur… Ich meine, ich will alles richtig machen, wie es sich gehört… Ich meine, nein.« Nobby unterbrach sich und holte Luft. »Ich meine folgendes: Wenn man älter wird, denkt man darüber nach, sich zur Ruhe zu setzen und jemanden zu finden, mit dem man, Hand in Hand die holprige Landstraße des Lebens wandern kann… Warum steht dein Mund offen?« Angua klappte ihn wieder zu. »Aber es gelingt mir einfach nicht, Frauen kennenzulernen«, fügte Nobby hinzu. »Nun, ich meine, ich begegne ihnen – und dann laufen sie weg.« »Trotz der Creme.« »Ja.« »Und der Übungen.« »Ja.« »Nun, du hast es mit allen Mitteln versucht, das sehe ich«, sagte Angua. »Es ist mir ein Rätsel, wieso du bisher noch keinen Erfolg hattest.« Sie seufzte. »Was ist mit Stamina Klimper in der Ulmenstraße?« »Sie hat ein Holzbein.« »Oder wie wär’s mit… Wilma Schubwagen? Sie hat den Muschel- Imbißstand in der Rauhreifstraße.« »Meinst du ›Hammerhai‹? Die stinkt die ganze Zeit nach Fisch. Und außerdem schielt sie.« »Aber sie hat ihr eigenes Geschäft. Und sie macht eine ausgezeichnete Fischsuppe.« »Aber sie schielt.« »Eigentlich nicht richtig, Nobby.« »Ja, aber du weißt, was ich meine.« Angua mußte zugeben, daß sie es tatsächlich wußte. Wilma Schubwa- gen schielte nicht in dem Sinne; eher im Gegenteil: Beide Augen schie- nen bestrebt zu sein, einen Blick ins angrenzende Ohr zu werfen. Wenn man mit ihr sprach, hatte man den Eindruck, daß sie in zwei verschiede- ne Richtungen fortgehen wollte. Aber niemand konnte Fische besser ausnehmen als sie. Angua seufzte erneut. Sie kannte das Syndrom. Die Männer behaupteten, daß sie nach einer Seelenfreundin und Gefährtin suchten, aber früher oder später standen auf der Wunschliste auch seidene Haut und große, feste Brüste., Karotte bildete die einzige Ausnahme. Das war ein Aspekt seines We- sens, über den man sich fast… ärgern konnte. Angua vermutete, daß er nicht einmal enttäuscht gewesen wäre, wenn sie sich das Haar abschnitt oder einen Bart wachsen ließ. Er nahm solche Dinge durchaus zur Kenntnis, aber sie schienen ihm gleichgültig zu sein, und eine solche Ein- stellung fand Angua aus irgendeinem Grund entnervend. »Ich kann dir nur einen Tip geben«, sagte sie. »Frauen fühlen sich oft zu Männern hingezogen, die sie zum Lachen bringen.« Nobbys Miene erhellte sich. »Wirklich? Damit sollte ich keine Proble- me haben.« »Gut.« »Die Leute lachen dauernd über mich.« Weit oben achtete Ostie Brunt nicht auf den Regen, der ihn bereits bis auf die Haut durchnäßt hatte. Er prüfte das Ölzeug, das den Bogen schützte, und bereitete sich dann auf das lange Warten vor. Regen war der Freund von Polizisten. In dieser Nacht fanden alle Verbrechen zu Hause statt. Mumm stand im Windschatten eines Springbrunnens auf dem Hier- gibt’salles-Platz. Schon seit Jahren funktionierte die Fontäne nicht mehr, aber er wurde trotzdem so naß, als wäre sie in voller Aktion. Nie zuvor hatte er echten horizontalen Regen erlebt. Weit und breit war niemand zu sehen. Der Regen marschierte wie… eine Armee über den Hiergibt’salles-Platz… Dieses Bild stammte aus seiner Kindheit. Seltsam, wie solche Dinge plötzlich aus den dunklen Ecken des Gehirns hervorsprangen. Regentropfen, die auf Wasser fielen… Ah ja… Als Junge hatte er sich vorgestellt, das Prasseln in den Rinn- steinen würde von Soldaten hervorgerufen. Von Millionen Soldaten. Und die vorbeischwimmenden Blasen waren Reiter. Mumm erinnerte sich nicht daran, womit er damals den gelegentlich vorbeitreibenden toten Hund verglichen hatte. Vielleicht mit einer Bela- gerungswaffe., Wasser gurgelte an seinen Stiefeln vorbei und tropfte von seinem Um- hang. Als er versuchte, sich eine Zigarre anzuzünden, blies der Wind das Streichholz aus, und der vom Helm herabströmende Regen durchnäßte die Zigarre. Mumm lächelte. Er wurde – vorübergehend – zu einem glücklichen Mann. Er war al- lein, Kälte und Nässe ausgesetzt, um drei Uhr in einer stürmischen Nacht. Einige der besten Nächte seines Lebens hatte er auf diese Weise verbracht. Bei solchen Gelegenheiten konnte man die Schultern so hoch- ziehen und den Kopf so nach vorn beugen, um zu einer kleinen Insel der Wärme und des Friedens zu werden, während der Regen auf den Helm prasselte und die Gedanken dahintrieben, die Welt zu enträtseln versuch- ten… So war es damals gewesen, als sich niemand um die Wache scherte und Wächter eigentlich nur versuchten, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Damals hatte es nicht viel zu tun gegeben. Das stimmt nicht, widersprach eine innere Stimme. Damals gab es ebensoviel zu tun wie heute. Ihr habt euch nur nicht darum gekümmert. Mumm spürte das Gewicht des offiziellen Schlagstocks in der beson- deren Tasche, die Sybil seiner Hose hinzugefügt hatte. Warum ist es nur ein Stück Holz? hatte er sich gefragt, als er das Objekt zum erstenmal sah. Warum kann es nicht ein Schwert sein? Das Schwert symbolisiert Macht… Und dann begriff er, warum es kein Schwert sein konnte. »Heda, braver Bürger! Darf ich fragen, was dich in dieser ungemütli- chen Nacht hierher führt?« Mumm seufzte. Das Licht einer Laterne erschien in der Dunkelheit, umgeben von einem Heiligenschein aus Wasser. Heda, braver Bürger… Es gab nur eine Person in der Stadt, die solche Worte benutzte und sie auch ernst meinte. »Ich bin’s, Hauptmann.« Das Licht kam näher und erhellte das feuchte Gesicht von Hauptmann Karotte. Der junge Mann salutierte so zackig, daß selbst der kritischste Ausbilder begeistert gewesen wäre. Um drei Uhr nachts, dachte Mumm., »Was machst du hier, Herr Kommandeur?« »Ich wollte nur… einige Dinge überprüfen«, antwortete Mumm. »Das hättest du mir überlassen können«, sagte Karotte. »Delegieren ist der Schlüssel zur erfolgreichen Kommandoführung.« »Tatsächlich?« erwiderte Mumm verdrießlich. »Meine Güte, man lernt nie aus.« Und du lernst ziemlich schnell, dachte Mumm im stillen Käm- merlein seines Kopfes. Gleichzeitig war er fast davon überzeugt, un- gerecht und dumm zu sein. »Wir sind so gut wie fertig, Herr Kommandeur. Alle leeren Gebäude haben wir kontrolliert. Eine Sondereinheit bewacht die Route, und die Wasserspeier klettern so hoch wie möglich. Du weißt ja, wie gut sie beo- bachten können.« »Die Wasserspeier? Ich dachte, wir hätten nur den Obergefreiten Ab- fluß…« »Und jetzt auch den Obergefreiten Fenstergiebel, Herr Kommandeur.« »Einer von deinen Leuten?« »Einer von unseren, Herr Kommandeur. Du hast die Aufnahmepapie- re unterschrieben.« »Oh. Ja, natürlich. Das habe ich bestimmt. Verdammt!« Wasser strömte aus einer Rinne, die nicht noch mehr Regen aufneh- men konnte. Ein Windstoß griff danach und ließ die Nässe in Mumms Kragen verschwinden. »Es heißt, die neue Insel bringt alle Luftströmungen durcheinander«, meinte Karotte. »Nicht nur die Luft«, erwiderte Mumm. »Wenn du mich fragst: Es herrscht ziemlich viel Aufregung wegen einiger Quadratkilometer Schlamm und Ruinen! Wen kümmert so etwas?« »Angeblich ist die Insel strategisch sehr wichtig«, sagte Karotte. Die beiden Männer setzten sich in Bewegung und gingen nebeneinander her. »Strategisch wichtig wofür? Derzeit führen wir gegen niemanden Krieg. Ha! Aber vielleicht ziehen wir wegen einer blöden Insel in den Krieg, die nur im Falle eines Krieges Bedeutung hat.«, »Oh, der Patrizier wird das Problem heute lösen«, verkündete Karotte fröhlich. »Wenn sich vernünftige Leute mit gutem Willen an einen Tisch setzen, lassen sich alle Meinungsverschiedenheiten überwinden.« Davon ist er wirklich überzeugt, dachte Mumm niedergeschlagen. »Weißt du viel über Klatsch?« fragte er. »Ich habe ein wenig darüber gelesen, Herr Kommandeur.« »Dort soll es sehr sandig sein.« »Ja, Herr Kommandeur. Davon habe ich gehört.« Irgendwo krachte etwas, und ein Schrei erklang. Wächter wurden schon nach kurzer Zeit zu Spezialisten für Schreie. Für einen wahren Kenner gab es erhebliche Unterschiede zwischen »Ich bin betrunken, habe mir gerade selbst auf die Finger getreten und kann nicht aufstehen« und »Achtung, er hat ein Messer«. Mumm und Karotte liefen los. Licht kam aus einer schmalen Seitenstraße. Hastige Schritte entfernten sich und verschwanden in der Nacht. Flackernder Schein fiel durch ein zertrümmertes Fenster. Mumm wankte durch die Tür, streifte den nassen Umhang ab und warf ihn auf das Feuer, das mitten im Zimmer brannte. Es zischte, dann roch es nach heißem Leder. Mumm trat zurück und versuchte festzustellen, wo er sich befand. Leute starrten ihn an. Ein Teil von ihm sammelte ganz automatisch Hinweise: Turban, Bart, die Frau, ihr Schmuck… »Woher kam er? Wer ist dieser Mann?« »Äh… guten Morgen?« sagte Mumm. »Hier scheint es einen Zwischen- fall gegeben zu haben.« Vorsichtig hob er den Umhang. Darunter kamen eine zerbrochene Flasche und siedendes Öl zum Vor- schein. Mumm sah zu dem zertrümmerten Fenster. »Oh…« Es befanden sich noch zwei weitere Personen in der Nähe: ein Junge, fast ebenso groß wie sein Vater, und ein kleines Mädchen, das sich hinter der Mutter zu verstecken versuchte., Mumm spürte, wie sich in seinem Innern etwas versteifte. Karotte erschien in der Tür. »Ich habe sie aus den Augen verloren«, schnaufte er. »Es waren drei, glaube ich. In dem Regen erkennt man kaum etwas… Oh, du bist’s, Herr Goriff. Was ist passiert?« »Hauptmann Karotte! Jemand hat eine Flasche mit brennendem Öl durchs Fenster geworfen und dann ist dieser Bettler gekommen und hat das Feuer gelöscht!« »Was hat er gesagt?« fragte Mumm. Und: »Was hast du gesagt? Du sprichst Klatschianisch?« »Nicht sehr gut«, erwiderte Karotte bescheiden. »Die Kehllaute be- komme ich nicht richtig hin, und…« »Aber… du kannst ihn verstehen, nicht wahr?« »Ja. Übrigens: Er hat dir seinen Dank ausgesprochen. Es ist alles in Ord- nung, Herr Goriff. Er gehört zur Wache.« »Aber du sprichst…« Karotte ging in die Hocke und betrachtete die Flasche. »Oh, du weißt ja, wie das ist. Man kommt während der Nachtschicht ab und zu hierher, um frisches Kümmelbrot zu essen, und dabei plaudert man miteinander, schnappt das eine oder andere Wort auf…« »Das eine oder andere Wort? Nun, ›Vindaloo‹ vielleicht, aber… du sprichst fließend…« »Dies ist eine Brandbombe, Herr Kommandeur.« »Ich weiß, Hauptmann.« »Eine schlimme Sache. Wer könnte zu so etwas fähig sein?« »Derzeit?« erwiderte Mumm. »Ich glaube, die halbe Stadt.« Er richtete einen hilflosen Blick auf Goriff. Der Mann erschien ihm vage vertraut. Viele Klatschianer in Ankh-Morpork waren… Gesichter am anderen Ende von Armen, die Curry-Spezialitäten anboten. Dieser Laden öffnete sehr früh am Morgen und spät am Abend, wenn die Stra- ßen den Bäckern, Dieben und Wächtern gehörten., Das Lokal hieß Banale Mahlzeiten. Von Nobby Nobbs wußte Mumm, daß Goriff nach einem Wort gesucht hatte, das soviel bedeutete wie »ganz gewöhnlich« und »normal«. Seine Wahl fiel schließlich auf banal, weil ihm der Klang dieses Wortes gefiel. »Äh… sag ihm… sag ihm, daß du hierbleibst«, wandte sich Mumm an Karotte. »Ich kehre zur Wache zurück und schicke jemanden, der dich ablösen soll.« »Danke«, sagte Goriff. »Oh, du verste…« Mumm kam sich wie ein Narr vor. »Natürlich ver- stehst du unsere Sprache. Immerhin bist du schon seit fünf oder sechs Jahren in der Stadt, nicht wahr?« »Es sind schon zehn Jahre.« »Tatsächlich?« Mumm fühlte sich immer mehr in die Enge getrieben. »So lange bist du schon hier? Im Ernst? Meine Güte… Äh… ich gehe jetzt besser… Einen guten Morgen euch allen…« Er eilte in den Regen hinaus. Seit Jahren gehe ich in dem Lokal ein und aus, dachte Mumm, als er durch die Dunkelheit platschte. Trotzdem fällt es mir selbst heute noch schwer, die Namen der Speisen richtig auszusprechen. Aber Karotte spricht fließend Klatschianisch. Meine Güte, ich kann einigermaßen Zwergisch und kann auf Trollisch wenigstens »Leg den Felsen hin, du bist verhaftet« sagen, aber Klatschia- nisch… Er betrat das Wachhaus, und Regenwasser strömte an ihm herab. Fred Colon döste friedlich an seinem Schreibtisch. Aus Respekt vor der Tat- sache, daß er Fred schon seit vielen Jahren kannte, nahm Mumm den nach Öl riechenden Umhang möglichst geräuschvoll ab. Als er sich offiziell umdrehte, saß der Feldwebel kerzengerade. »Ich wußte gar nicht, daß du heute nacht hierherkommen wolltest, Herr Mumm…« »Es ist ein inoffizieller Besuch, Fred«, erwiderte der Kommandeur. Bei manchen Leuten hatte er nichts gegen ein »Herr« einzuwenden. In ge- wisser Weise verdienten sie es, ihn so nennen zu dürfen. »Schick jeman-, den zum Banale Mahlzeiten in der Skandalgasse. Dort gab es einen Zwi- schenfall.« Er ging zur Treppe. »Bleibst du hier?« fragte Fred. »Ja«, erwiderte Mumm grimmig. »Ich muß mich um den verdammten Schreibkram kümmern.« Auf Leshp regnete es so heftig, daß es für die Insel kaum einen Unter- schied machte, daß sie aus dem Meer aufgestiegen war. Die meisten Forscher schliefen jetzt in ihren Booten. Es gab Gebäude auf dem neuen Land, aber… Irgend etwas ging in ihnen nicht mit rechten Dingen zu. Fester Fanggut spähte unter der Plane hervor, die er über dem Deck gespannt hatte. Dunst stieg vom nassen Boden auf, und gelegentliche Blitze ließen ihn erglühen. In diesem unsteten, flackernden Schein wirkte die Stadt… unheilvoll. Manche der Dinge konnte Fanggut erkennen – Säulen, Stufen, Torbögen –, aber einige andere ließen ihn schaudern. Es sah aus, als hätte jemand versucht, uralten Gebäuden einen menschlichen Aspekt hinzuzufügen. Es war Fester Fangguts Sohn zu verdanken, daß jetzt alle in ihren Boo- ten blieben. Am vergangenen Morgen hatten eine Gruppe von Fischern aus Ankh- Morpork die Insel aufgesucht, um dort nach jenen Schätzen Ausschau zu halten, von denen es – wie alle wußten – auf dem Meeresgrund geradezu wimmelte. Sie entdeckten einen vom Regen aus dem Schlick gewasche- nen Fliesenboden. Hübsche blaue und weiße Quadrate bildeten ein Mu- ster, das Wellen, Muscheln und, in der Mitte, einen Tintenfisch zeigte. »Der sieht ziemlich groß aus«, hatte Les gesagt. Daraufhin sahen sich alle Anwesenden in dem von Tang bedeckten Gebäude um und teilten den Gedanken, der unausgesprochen blieb und aus vielen kleinen Gedanken bestand. Gedanken an Tümpel, deren Was- seroberfläche sich plötzlich kräuselte, oder an ein jähes Plätschern, das aus dunklen, überfluteten Kellern kam und Vorstellungen von Klauen, weckte, die durch finstere Tiefen strichen. Die Fischer erinnerten sich an das, was gelegentlich ans Ufer geschwemmt wurde oder in ihren Netzen hängenblieb – manchmal holten sie Dinge aus dem Ozean, die einem für immer den Appetit auf Meeresfrüchte verderben konnten. Auf einmal war niemand mehr an Forschungsausflügen interessiert, denn sie alle befürchteten, dabei etwas zu entdecken. Fester Fanggut zog den Kopf unter die Plane zurück. »Warum kehren wir nicht heim?« fragte sein Sohn. »Du hast doch ge- sagt, daß dir dieser Ort unheimlich ist.« »Ja, aber es ist ankh-morporkianische Unheimlichkeit, und kein Aus- länder hat das Recht, sie anzurühren.« »Vater?« »Ja?« »Wer war Herr Hong?« »Woher soll ich das wissen?« »Ich meine, als wir zu den Booten zurückkehrten, sagte einer der ande- ren Männer: ›Wir wissen ja, was mit Herrn Hong geschah, als er in der Drachenstraße sein Restaurant Dreimal Glücklicher Fischimbiß öffnete, bei Vollmond und genau dort, wo früher der Tempel eines sonderbaren Fischgottes stand…‹ Nun, ich weiß nicht, was mit ihm. geschah.« »Äh…« Fester Fanggut zögerte. Nun, inzwischen war Les ein großer Junge… »Er… schloß sein Lokal und brach auf, Sohn. Er hatte es so eilig, daß er einige Dinge zurückließ.« »Was denn?« »Wenn du’s unbedingt wissen willst: ein halbes Ohrloch und eine Nie- re.« »Cool!« Das Boot erbebte, und Holz splitterte. Fanggut stieß die Plane nach oben. Wasser spritzte über ihn hinweg. Irgendwo in der nassen Dunkel- heit rief jemand: »Warum hast du keine Positionslampe gesetzt, du Vet- ter eines Schakals?« Fanggut holte eine Laterne hervor und hob sie hoch., »Was machst du in den Gewässern von Ankh-Morpork, du kamelfres- sender Teufel?« »Diese Gewässer gehören uns!« »Wir waren zuerst hier!« »Ach? Wir waren zuerst hier!« »Wir waren bereits hier, bevor ihr zuerst hier wart!« »Du hast mein Boot beschädigt! Das ist Piraterie!« Um sie herum ertönten weitere Stimmen – in der Finsternis waren die beiden kleinen Flotten miteinander kollidiert. Bugspriete zerrissen Take- lagen. Schiffskörper donnerten gegeneinander. Die kontrollierte Panik der normalen Seefahrt verwandelte sich in jene Art von verzweifelter Panik, die durch Dunkelheit, sprühende Gischt und zuviel zerreißende Takelage entsteht. In einer solchen Situation sollte man sich auf die alten Traditionen be- sinnen, die alle Seefahrer veranlassen, ihre Kräfte im Kampf gegen den gemeinsamen Feind zu vereinen: den hungrigen und erbarmungslosen Ozean. Doch genau zu diesem Zeitpunkt holte Herr Arif mit einem Ruder aus und traf Herrn Fanggut am Kopf. »Hnh? Wsn?« Mumm öffnete das einzige Auge, das bereit war, ihm zu gehorchen. Ein schrecklicher Anblick bot sich ihm dar. Ich laß ihm seine Rechte vor woraufhin er meinet, du kannst mich mal Bulle. Fwbl. Detritus gemahnigte ihn zur Vorsicht woraufhin er sagte, autsch… Es gibt viele Dinge, mit denen ich nicht besonders gut zurechtkomme, dachte Mumm. Aber wenigstens weiß ich, daß man Rechtschreibung und Interpunktion nicht solche Gewalt antun darf… Er rollte den Kopf fort von Karottes gräßlicher Grammatik. Der Pa- pierstapel unter ihm bewegte sich. Jemand hüstelte höflich. Erneut drehte Mumm den Kopf und sah das große, rosarote Gesicht von Willikins, Lady Sybils Diener. Eigentlich war, er auch sein Diener, aber Mumm dachte nicht gern auf diese Weise von ihm. »Ich glaube, wir sollten uns besser beeilen, Sir Samuel. Ich habe die Pa- radeuniform mitgebracht, und das Rasierzeug liegt am Waschbecken bereit.« »Was? Was?« »In einer halben Stunde erwartet man dich bei der Universität. Lady Sybil hatte die Güte, mich auf folgendes hinzuweisen: Wenn du nicht pünktlich zur Stelle bist, will sie deine Gedärme als Strumpfwaren- Zubehör verkaufen.« »Hat sie bei diesen Worten gelächelt?« fragte Mumm, stand auf und wankte zum dampfenden Becken. »Nur ein wenig, Herr.« »Bei den Göttern…« »Ja, Herr.« Mumm versuchte, sich zu rasieren, während Willikins hinter ihm die Paradeuniform vorbereitete. Draußen begannen die Uhren der Stadt zehn zu schlagen. Es muß fast vier gewesen sein, als ich am Schreibtisch Platz nahm, dachte Mumm. Ich habe den Wachwechsel um acht gehört und dann versucht, Nobbys Spesen auszurechnen, was an höhere Mathematik grenzt… Er versuchte, zu gähnen und sich gleichzeitig zu rasieren, was nie eine gute Idee ist. »Verdammt!« »Ich hole sofort etwas Seidenpapier, Herr«, sagte Willikins, ohne sich umzudrehen. Als Mumm sein Kinn betupfte, fuhr der Diener fort: »Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um eine Angelegenheit von gewisser Bedeutung zur Sprache zu bringen, Herr…« »Ja?« Mumm starrte auf die rote Strumpfhose hinab, die ein wichtiger Bestandteil der Paradeuniform zu sein schien. »Bedauerlicherweise muß ich um Sonderurlaub bitten, der mit meiner Nachricht beginnt, Herr. Ich möchte zur Fahne.«, »Zu welcher Fahne, Willikins?« fragte Mumm und hob ein Hemd mit Puffärmeln hoch. Dann gelang es seinem Gehirn, die Botschaft der Oh- ren zu verarbeiten. »Du willst Soldat werden?« »Es heißt, wir müßten Klatsch eine Lektion erteilen, Herr. Ein Willi- kins ist immer zur Stelle, wenn seine Heimat ruft. Ich glaube, Lord Ven- turiis Schwere Infanterie eignet sich für mich. Dort trägt man eine be- sonders attraktive rotweiße Uniform, Herr. Mit goldenen Rangabzei- chen.« Mumm zog die Stiefel an. »Hast du militärische Erfahrung?« »O nein, Herr. Aber ich lerne schnell, und ich kann gut mit dem Tran- chiermesser umgehen.« Patriotischer Eifer zeigte sich im Gesicht des Dieners. »Du hast mit gebratenen Truthähnen und so geübt«, sagte Mumm. »Ja, Herr«, bestätigte Willikins und polierte den Zeremonienhelm. »Und du möchtest gegen die heulenden Horden von Klatsch in den Kampf ziehen?« »Wenn es nötig ist, Herr«, entgegnete Willikins. »Ich glaube, der Helm glänzt jetzt auf angemessene Weise, Herr.« »Ein ziemlich sandiger Ort, heißt es. Klatsch, meine ich.« »In der Tat, Herr.« Willikins zog den Riemen des Helms unter Mumms Kinn stramm. »Und felsig. Ja, es soll dort viele Felsen geben. Und jede Menge Staub.« »Ein teilweise recht trockenes Land, Herr. Ich glaube, da hast du ganz recht.« »Und in dieses sandfarbene Land mit sandfarbenen Felsen und sand- farbenem Sand willst du ziehen, Willikins, mit deinen Besteck- Erfahrungen und in einer rotweißen Uniform?« »Mit goldenen Rangabzeichen, Herr.« Willikins schob das Kinn vor. »Ja, Herr. Falls es notwendig werden sollte.« »Kommt dir eine solche Vorstellung überhaupt nicht seltsam vor?« »Herr?« »Oh, schon gut.« Mumm gähnte. »Nun, wir werden dich vermissen, Willikins.« Zittert, ihr Klatschianer, fügte er in Gedanken hinzu., »Lord Venturii meinte, bis Silvester sei alles vorbei, Herr.« »Ach? Ich wußte gar nicht, daß es schon angefangen hat.« Mumm eilte die Treppe hinunter. Der Geruch von Curry wehte ihm entgegen. »Wir haben etwas für dich aufgespart, Herr Kommandeur«, sagte Feldwebel Colon. »Du hast geschlafen, als der Junge es brachte.« »Er meint Goriffs Jungen«, erklärte Nobby und versuchte, ein Reiskorn auf seinem Blechteller einzufangen. »Genug für die halbe Schicht.« »Der Lohn der Pflicht«, kommentierte Mumm und hastete zur Tür. »Brot und eingelegte Mangos und so weiter«, schwärmte Colon. »Ich habe immer gesagt, daß der alte Goriff gar nicht so übel ist, für einen Handtuchkopf, meine ich.« Eine Lache aus siedendem Öl… Mumm verharrte an der Tür. Die Familie, dicht zusammengedrängt… Er holte die Uhr hervor. Zwanzig nach zehn. Wenn er lief… »Würdest du mich bitte in mein Büro begleiten, Fred?« fragte er. »Es dauert nicht lange.« »Bin schon unterwegs.« Mumm führte den Feldwebel nach oben und schloß die Tür. Nobby und die anderen Wächter spitzten die Ohren, hörten jedoch nur ein unverständliches Murmeln, das eine Zeitlang dauerte. Die Tür öffnete sich wieder. Mumm kam die Treppe herunter. »Nobby, bitte komm in fünf Minuten zur Universität, in Ordnung? Ich möchte in Kontakt bleiben und habe keine Lust, diese Uniform von ei- ner Taube bekleckern zu lassen.« »In Ordnung, Herr Kommandeur.« Mumm verließ die Wache. Einige Sekunden später kehrte Feldwebel Colon mit langsamen Schrit- ten in den Wachraum zurück. Sein Blick schien nach innen gekehrt zu sein, und er trat mit einer Lässigkeit zum Schreibtisch, die nur extrem, besorgte Personen erzielen können. Eine Zeitlang drehte er die Zettel auf dem Tisch hin und her. »Dir ist es doch gleich, wie dich die Leute nennen, nicht wahr, Nobby?« fragte er schließlich. »Wenn’s mir nicht gleich wäre, müßte ich die ganze Zeit besorgt sein«, erwiderte Korporal Nobbs fröhlich. »Ja. Ja! Und für mich spielt es ebenfalls keine Rolle, was die Leute über mich sagen.« Colon kratzte sich am Kopf. »Eigentlich ergibt es über- haupt keinen Sinn. Ich schätze, der Kommandeur hat einfach zuwenig geschlafen.« »Er ist ein sehr beschäftigter Mann, Fred.« »Weil er versucht, alles selbst zu erledigen. Übrigens, Nobby…« »Ja?« »Es heißt ›Feldwebel Colon‹, herzlichen Dank.« Es gab Sherry. Bei solchen Gelegenheiten gab es immer Sherry. Sam Mumm geriet dabei nicht in Versuchung – schon seit einer ganzen Weile trank er nur noch Fruchtsaft. Er hatte gehört, daß man Sherry herstellte, indem man Wein schlecht werden ließ. Er sah einfach keinen Sinn darin. »Und du wirst versuchen, würdevoll auszusehen, nicht wahr?« fragte Lady Sybil und rückte seinen Umhang zurecht. »Ja, Schatz.« »Was wirst du versuchen?« »Würdevoll auszusehen.« »Und bitte sei diplomatisch.« »Ja, Schatz.« »Was wirst du sein?« »Diplomatisch, Schatz.« »Du sprichst wieder im Tonfall eines Ehemannes, der unter dem Pan- toffel steht, Sam.« »Ja, Schatz.« »Du weißt, daß das nicht fair ist.«, »Nein, Schatz.« Mumm hob die Hand zu einer kapitulierenden Geste. »Na schön, na schön. Es ist wegen der Federn. Und wegen der Strumpf- hose.« Er schnitt eine Grimasse und versuchte, gewisse Dinge möglichst unauffällig zurechtzurücken, um keinen Buckel in der Leistengegend zu bekommen. »Ich meine, stell dir nur vor, mich sieht jemand…« »Du sollst gesehen werden, Sam. Immerhin führst du die Prozession an. Und ich bin sehr stolz auf dich.« Sie strich ihm Fusseln von der Schulter.* Federn am Hut, dachte Mumm bedrückt. Und eine viel zu knapp sit- zende Strumpfhose. Und ein glänzender Brustharnisch. Ein Brusthar- nisch sollte nicht glänzen, sondern stumpf und verbeult sein. Und di- plomatisches Gerede. Woher soll ich wissen, wie man diplomatisch re- det? »Und jetzt muß ich gehen und mit Lady Selachii sprechen«, verkündete Lady Sybil. »Es ist doch alles in Ordnung mit dir, oder? Du gähnst dau- ernd.« »Oh, keine Sorge. Ich hab in der letzten Nacht nur wenig geschlafen, das ist alles.« »Versprichst du mir, nicht wegzulaufen?« »Ich? Ich bin nie…« »Du bist vor der großen Abendgesellschaft weggerannt, die zu Ehren des gennuanischen Botschafters gegeben wurde. Alle haben es gesehen.« »Ich bekam die Nachricht, daß die De Bris-Bande Vortins Diamanten- lager ausräumen wollte!« »Es ist nicht nötig, daß du selbst jeden Verbrecher verfolgst, Sam. Da- für gibt es jetzt andere Leute.« »Wir haben die Burschen erwischt«, stellte Mumm zufrieden fest. Er lächelte verträumt, als er an den Einsatz zurückdachte. Nicht nur wegen der Verfolgungsjagd, die er als sehr erfrischend empfunden hatte, mit dem samtenen Umhang in einem Baum und dem Hut in irgendeiner Pfütze. Dazu kam das Wissen: Während er auf diese Weise beschäftigt war, mußte er keine dummen Appetithäppchen essen und noch dümme- * Das machen Frauen immer., re Gespräche führen. Richtige Polizeiarbeit leistete man Mumms Ansicht nach erst dann, wenn man auf eine Weise aktiv wurde, die gewisse Leute mit wachsender Besorgnis erfüllte. Als Sybil in der Menge verschwunden war, suchte sich Mumm eine halbdunkle Ecke und verbarg sich dort. Von dort konnte er fast den ganzen Großen Saal der Universität überblicken. Er mochte die Zauberer. Sie verübten keine Verbrechen. Zumindest nicht die Art von Verbrechen, um die sich Mumm kümmerte. Das Ok- kulte fiel nicht in seinen Zuständigkeitsbereich. Die Zauberer mochten das Gefüge von Zeit und Raum durcheinanderbringen, aber sie verur- sachten keine Schreibarbeit, und diesen Umstand begrüßte Mumm. Viele von ihnen befanden sich nun im Saal, in all ihrer Pracht. Es gab nichts Eindrucksvolleres als feierlich gekleidete Zauberer – es sei denn, jemand fände einen Weg, einen Paradiesvogel aufzupumpen, unter Ver- wendung von Gas und eines Gummibands. Doch heute bekamen die Zauberer Konkurrenz: Ihre Gäste waren entweder Adlige oder Gilden- oberhäupter – oder beides –, und das Convivium weckte den Pfau in ihnen allen. Mumms Blick glitt über die Gesichter der Plaudernden, und er fragte sich, was sie verbrochen haben mochten.* Auch einige Botschafter waren zugegen. Es fiel dem Kommandeur nicht schwer, sie zu erkennen, denn sie trugen die traditionelle Kleidung ihrer Heimat. Allerdings wirkten sie darin fehl am Platz. Seide und Fe- dern schmückten die Körper, doch in Gedanken trugen die Betreffenden weiterhin Anzüge. Sie bildeten kleine Gruppen und unterhielten sich. Ein oder zwei nick- ten Mumm einen Gruß zu, als sie an ihm vorbeikamen. Die Welt beobachtet uns, dachte der Kommandeur. Wenn etwas schief- ging und es durch die Leshp-Angelegenheit zu einem Krieg kam, so be- stand die Aufgabe dieser Männer darin, Vereinbarungen mit dem Sieger zu treffen, wer auch immer das sein mochte. Dann spielte es keine Rolle, wer mit den Feindseligkeiten begonnen hatte und auf welche Weise ge- * Die Möglichkeit, daß sie völlig unschuldig waren, kam ihm überhaupt nicht in den Sinn., kämpft worden war – wichtig war einzig und allein die Frage, wie es wei- tergehen sollte. Sie repräsentierten das, was man »internationale Gemein- schaft« nannte. Und wie bei allen Begriffen, die das Wort »Gemein- schaft« enthielten, konnte man nie ganz sicher sein, wer dazugehörte. Mumm zuckte mit den Schultern. Es war nicht seine Welt, den Göt- tern sei Dank. Er schob sich an Korporal Nobbs heran, der krumm und schief am Haupteingang stand – ein lebender Nobbs konnte einfach nicht besser Haltung annehmen. »Alles ruhig, Nobby?« »Ja, Herr Kommandeur.« »Ist überhaupt nichts los?« »Nein, Herr Kommandeur. Nirgends rührt sich was.« »Wirklich nirgends?« »Nein, Herr Kommandeur.« »Gestern gab’s überall Probleme!« »Ja, Herr Kommandeur!« »Du hast Fred doch gesagt, daß er eine Taube schicken soll, wenn sich was tut?« »Ja, Herr Kommandeur.« »Was ist mit den Schatten? In ihnen geht es nie friedlich zu…« »Derzeit herrscht dort völlige Ruhe.« »Verdammt!« Mumm schüttelte den Kopf angesichts der Unzuverlässigkeit des Verbrechens in Ankh-Morpork. »Du könntest nicht zufällig einen Ziegel nehmen und…« »Lady Sybil hat sich sehr präzisisch ausgedrückt, als sie meinte, daß du hierbleiben solltest«, sagte Nobby und blickte starr geradeaus. »Präzisisch?« »Ja, Herr Kommandeur. Sie kam und sprach mit mir. Gab mir einen Dollar«, fügte Nobby hinzu., »Ah, Sir Samuel!« erklang eine laute Stimme hinter dem Kommandeur. »Ich glaube, du hast den Prinzen Khufurah noch nicht kennengelernt, oder?« Mumm drehte sich um. Erzkanzler Ridcully hielt geradewegs auf ihn zu, zwei dunkelhäutige Männer im Schlepptau. Hastig setzte er seine offizielle Miene auf. »Das ist Kommandeur Mumm, meine Herren. Sam… nein, das ist die falsche Reihenfolge, kriege das mit dem Protokoll einfach nicht richtig hin – es muß noch viel geklärt werden, und der Quästor hat sich wieder im Tresor eingeschlossen, wir wissen gar nicht, wie es ihm gelingt, dabei den Schlüssel zu behalten, ich meine, an der Innenseite hat die Tür nicht einmal ein Schlüsselloch…« Der erste Mann streckte die Hand aus, als Ridcully davonstapfte. »Prinz Khufurah«, sagte er. »Mein Teppich ist erst vor zwei Stunden ein- getroffen.« »Teppich? Oh… ja… du bist geflogen…« »Ja. Ziemlich kühl und windig. Und man bekommt keine anständige Mahlzeit. Und du? Hast du den Mann erwischt?« »Was? Wie bitte?« »Wenn ich mich recht entsinne, sprach unser Botschafter davon, daß du den Empfang in der vergangenen Woche ganz plötzlich verlassen mußtest…« Der hochgewachsene Prinz schien einmal recht sportlich gewesen zu sein, bis ihn die häufigen Festessen hatten zunehmen lassen. Außerdem hatte er einen Bart. Alle Klatschianer hatten einen Bart. Bei diesem Klatschianer kamen intelligente Augen hinzu. Sie schienen auf geradezu beunruhigende Weise intelligent zu sein. Wenn man in sie hi- neinsah, wurde der Blick von mehreren Schichten Persönlichkeit erwi- dert. »Was? Oh. Ja. Ja, wir haben sie alle erwischt«, sagte Mumm. »Gute Arbeit. Offenbar hat er sich zur Wehr gesetzt.« Mumm musterte den Prinzen verwirrt. Khufurah hob den Zeigefinger und klopfte sich damit nachdenklich gegen den Unterkiefer. Mumms Hand fuhr nach oben und ertastete einen Rest Seidenpapier. »Oh… äh… ja.«, »Niemand entgeht Kommandeur Mumm«, sagte der Prinz. »Nun, das würde ich nicht unbedingt sagen…« »Vetinaris Terrier«, fuhr der Prinz fort. »So nennt man dich, habe ich gehört. Ist immer bereit, die Verfolgung aufzunehmen. Und läßt nie lok- ker.« Mumm begegnete einem ruhigen, wissenden Blick. »Ich schätze, am Ende des Tages wird jeder von uns zum Hund eines anderen«, erwiderte er unsicher. »Es ist ein glücklicher Zufall, daß ich dir ausgerechnet jetzt begegnet bin, Kommandeur.« »Tatsächlich?« »Ich habe mich gefragt, was das Wort bedeutet, das man mir auf dem Weg hierher zugerufen hat. Vielleicht kannst du es mir erklären.« »Nun… äh… ich…« »Ich glaube, es lautete… ja, jetzt fällt es mir wieder ein… Handtuch- kopf.« Der Blick des Prinzen klebte an Mumms Gesicht fest. Der Kommandeur spürte, wie seine Gedanken immer schneller wur- den und dabei eine eigene Entscheidung zu treffen schienen. Wir erklä- ren es später, sagten sie. Du bist viel zu müde für Erklärungen. Derzeit und diesem Mann gegenüber ist es viel besser, ehrlich zu sein… »Es… bezieht sich auf deinen Kopfschmuck«, sagte er. »Oh. Ist es ein hintergründiger Scherz?« Er weiß natürlich Bescheid, fuhr es Mumm durch den Sinn. Und er weiß auch, daß ich es weiß… »Nein«, erwiderte er. »Es ist eine Beleidigung.« »Ach? Nun, wir können natürlich nicht für das dumme Gerede von Idioten zur Verantwortung gezogen werden, Kommandeur.« Der Prinz lächelte. »Übrigens gratuliere ich dir.« »Wieso?«, »Du weißt mehr als deine Mitbürger. Ich habe diese Frage heute morgen mehr als zehn Personen gestellt, und niemand konnte sie beantworten. Außerdem litten die Betreffenden plötzlich an einem seltsamen Husten.« Eine diplomatische Pause folgte, und jemand nutzte sie für ein Ki- chern. Mumms Blick glitt zu dem anderen Mann, der ihm nicht vorgestellt worden war. Er war kleiner und dünner als der Prinz, und unter dem schwarzen Turban zeigte sich ein Gesicht, in dem es überhaupt keinen Platz mehr zu geben schien. Ein komplexes Netzwerk aus Narben um- gab eine Nase, die wie der Schnabel eines Adlers wirkte. Auch diese Per- son trug einen Bart, aber die Narben hatten das Wachstum der Haare so beeinflußt, daß sie größere und kleinere Büschel bildeten, die in sonder- baren Winkeln aus der Haut ragten. Der Mann sah aus, als wäre ihm ein Igel gegen den Mund geprallt. Sein Alter ließ sich kaum feststellen. Einige der Narben schienen frisch zu sein. Der Mann hatte genau jene Art von Gesicht, die jeden Polizisten sofort veranlassen würde, ihn zu verhaften. Es war schlicht und einfach un- möglich, daß eine solche Person unschuldig sein konnte. Der Bursche bemerkte die Miene des Kommandeurs, grinste und zeig- te dabei mehr Gold, als Mumm jemals in einem Mund – oder an einem anderen Ort – gesehen hatte. Mumm merkte plötzlich, daß er wortlos starrte, obwohl man diploma- tische Konversation von ihm erwartete. »Na schön«, brummte er. »Sollen wir uns wegen der Leshp- Angelegenheit in die Wolle geraten oder nicht?« Der Prinz zuckte mit den Schultern. »Pfui«, sagte er. »Einige wenige Quadratmeilen unbewohnten fruchtba- ren Bodens, hervorragend gelegen in einer unvergleichlich guten strategi- schen Position? Wie dumm für zivilisierte Leute, sich über so etwas zu streiten.« Erneut fühlte Mumm den Blick des Prinzen auf sich ruhen und von ihm durchdrungen. Ach, zum Teufel damit. »Entschuldigung, aber mit der Diplomatie komme ich nicht besonders gut zurecht. Meinst du, was du gerade gesagt hast?«, Es kicherte erneut. Mumm drehte den Kopf und sah wieder in das grinsende Narbengesicht. Er bemerkte jetzt auch einen Geruch, der fast Gestank gleichkam – es roch nach Gewürznelken. Lieber Himmel, er kaut die gräßlichen Dinger… »Ah«, sagte der Prinz, »darf ich dir 71-Stunden-Ahmed vorstellen?« Ahmed grinste erneut und verbeugte sich. »Offendi«, sagte er mit einer Stimme, die wie ein Kiesweg klang. Und damit hatte es sich. Es hieß nicht »Dies ist 71-Stunden-Ahmed, Kulturattache«, oder »71-Stunden-Ahmed, mein Leibwächter«, oder gar »71-Stunden-Ahmed, wandelnder Tresor und Mottenkiller«. Alles deute- te darauf hin, daß jetzt wieder Mumm am Zug war. »Das ist ein… äh… ungewöhnlicher Name«, kommentierte er. »Ganz und gar nicht«, entgegnete der Prinz glatt. »In meiner Heimat gibt es viele Leute, die Ahmed heißen.« Er beugte sich ein wenig vor. Mumm interpretierte das als Hinweis darauf, daß die nächsten Worte vertrauliche Bedeutung hatten. »Übri- gens: Die schöne Dame, die ich vorhin sah… Ist sie deine erste Frau?« »Äh, meine erste und einzige«, antwortete Mumm. »Ich meine…« »Darf ich dir zwanzig Kamele für sie anbieten?« Mumm sah einige Sekunden in die dunklen Augen, betrachtete dann wieder Ahmeds 24-Karat-Lächeln und fragte: »Dies ist wieder ein Test, nicht wahr?« Der Prinz straffte die Gestalt und wirkte zufrieden. »Ausgezeichnet, Sir Samuel. In diesen Dingen bist du gut. Weißt du, daß Herr Boggis von der Diebesgilde sich mit fünfzehn Kamelen abfin- den wollte?« »Für Frau Boggis?« Mumm winkte ab. »Nein, höchstens vier Kamele, oder vier und eine Ziege. Vorausgesetzt, Frau Boggis hat sich vorher rasiert.« Die umherschlendernden Gäste drehten sich um, als sie das schallende Gelächter des Prinzen hörten. »Hervorragend! Wirklich gut! Ich fürchte, einige deiner Mitbürger hal- ten uns Klatschianer für Barbaren, nur weil wir die Mathematik und das, Rund-um-die-Uhr-Campen erfunden haben. Kaum sehen sie einen Tur- ban, glauben sie auch schon, jemand wollte ihre Frauen kaufen. Nun, es überrascht mich, daß man mir hier einen Ehrendoktortitel verleihen will – immerhin bin ich doch so schrecklich primitiv.« »Um was für einen Titel handelt es sich?« fragte Mumm. Kein Wunder, daß dieser Mann zum Diplomaten geworden war. Man konnte ihm nicht einen Zentimeter weit trauen. Er dachte in Schleifen und wirkte trotz- dem sympathisch. Der Prinz holte einen Brief unter seinem Umhang hervor. »Er heißt Doctorum Purgamenti madidi… Stimmt was nicht, Sir Samuel?« Es gelang Mumm, ein verräterisches Lachen in einen Hustenanfall zu verwandeln. »Nein, nein, es ist alles in Ordnung«, brachte er hervor. Er wünschte sich verzweifelt, das Thema wechseln zu können. Glück- licherweise sah er etwas, das ihm Gelegenheit dazu bot. »Warum trägt Herr Ahmed ein so großes krummes Schwert auf dem Rücken?« fragte er. »Ah, du bist Polizist und bemerkst solche Dinge…« »Es ist wohl kaum eine verborgene Waffe. Das Ding ist fast größer als er. Man könnte ihn als halb verborgenen Eigentümer bezeichnen.« »Das Schwert hat zeremonielle Bedeutung«, sagte der Prinz. »Und Ahmed wird immer sehr unruhig, wenn er es zurücklassen muß.« »Und worin genau besteht seine…« »Ah, da seid ihr ja«, erklang Ridcullys Stimme. »Ich glaube, wir sind jetzt soweit. Du gehst ganz vorn, Sam…« »Ja, ich weiß«, sagte Mumm. »Ich habe Seine Hoheit gerade gefragt…« »… und wenn Seine Hoheit und du, Herr… meine Güte, was für ein großes Schwert, bitte komm mit und gesell dich den Ehrengästen hinzu, es geht gleich los…« So ist das eben, wenn man die ganze Zeit wie ein Polizist denkt, dachte Mumm, als Zauberer und Gäste versuchten, eine würdevolle und ordent- liche Reihe hinter ihm zu bilden. Wenn sich jemand von seiner sympa- thischen Seite zeigt, schöpft man sofort Verdacht. Man glaubt, daß etwas dahintersteckt, wenn sich jemand Mühe gibt, sympathisch zu sein. Nun,, er ist ein Diplomat, aber trotzdem… Ich hoffe nur, daß er sich nie mit den alten Sprachen befaßt hat. Jemand klopfte Mumm auf die Schulter. Er drehte sich um und blickte geradewegs in das Grinsen von 71-Stunden-Ahmed. »Wenn hdu ändern deine Meinung, offendi, ich hdir geben fünfund- zwanzig Kamele, kein Problem«, sagte er und zog eine Gewürznelke zwischen den Zähnen hervor. »Mögen hdeine Lenden Früchte tragen.« Er zwinkerte. Es war die anzüglichste Geste, die Mumm jemals beo- bachtet hatte. »Ist das schon wieder ein Te…«, begann er, doch Narben- gesicht war bereits in der Menge verschwunden. »Meine Lenden sollen Früchte tragen?« wiederholte er leise. »Lieber Himmel!« 71-Stunden-Ahmed erschien an seinem anderen Ellenbogen, umgeben von einer dichten Wolke aus Gewürznelkenaroma. »Ich gehe, ich hkehre zurück«, knurrte er fröhlich. »Der Prinz meint, hder Titel lautet ›Doktor von Nichts‹. Hdie Zauberer einen Scherz sich erlauben. Oh, hwie sehr wir lachen.« Und dann war er fort. Das Convivium war ein großes Ereignis für die Unsichtbare Universität. Ursprünglich hatte das Fest dazu gedient, akademische Grade zu verlei- hen, doch im Lauf der Zeit ging es immer mehr darum, die freundschaft- lichen Beziehungen zwischen Universität und Stadt herauszustellen, und man durfte sich darüber freuen, daß heutzutage kaum mehr jemand be- fürchten mußte, in eine Venusmuschel oder dergleichen verwandelt zu werden. Da es in Ankh-Morpork weder einen Festzug des Bürgermei- sters noch eine feierliche Eröffnung des Parlaments gab, bot das Convi- vium den gewöhnlichen Bürgern der Stadt eine der wenigen Gelegenhei- ten, den sozial Höherstehenden zuzujubeln beziehungsweise über Leute zu lachen, die Strumpfhosen und lächerliche Kostüme trugen. Die Feier hatte solche Ausmaße gewonnen, daß sie im Opernhaus stattfand. Argwöhnische Leute – Personen mit der Tendenz, die Dinge aus Mumms Perspektive zu sehen – vermuteten hingegen, daß man das, Opernhaus gewählt hatte, weil man dadurch Gelegenheit zu einer Pro- zession bekam. Es wirkte sehr eindrucksvoll, wenn die Zauberer der Universität würdevoll durch die Stadt schritten, um Freundschaft zu demonstrieren und die nachdenklicheren Beobachter daran zu erinnern, daß es nicht immer so gewesen war. Seht uns an, schienen die Zauberer zu sagen. Einst herrschten wir über die Stadt. Seht nur unsere großen Stäbe mit dem Knauf am Ende. In den falschen Händen könnten sie ziemlich viel Schaden anrichten, und deshalb ist es doch sehr erfreulich, daß sie sich derzeit in den richtigen Händen befinden. Wie schön, daß wir alle so gut miteinander auskommen. Irgendwann hatte jemand beschlossen, daß der Kommandeur der Wa- che die Prozession anführen sollte, aus symbolischen Gründen. Über viele Jahre hinweg war das nicht weiter wichtig gewesen, weil es gar kei- nen Kommandeur gegeben hatte. Aber jetzt existierte einer, und er hieß Samuel Mumm. Er trug ein rotes Hemd mit Puffärmeln, dazu eine rote Strumpfhose und eine kurze Hose, die wie aufgeblasen wirkte – diese Kleidung schien bereits zur Faustkeilära aus der Mode gewesen zu sein. Hinzu kamen ein kleiner glänzender Brustharnisch und ein Helm mit Federn. Und Mumm war müde. Und er mußte den Schlagstock tragen. Er hielt den Blick darauf gerichtet, als er durchs Haupttor der Universi- tät schritt. Der Regen der vergangenen Nacht hatte die Wolken vom Himmel vertrieben. Die Stadt dampfte. Wenn er auf den Schlagstock starrte, bemerkte er nicht, wer alles über ihn kicherte. Der Nachteil war nur, daß er den Schlagstock sah. Auf einem kleinen, angelaufenen Schild, das erst gründlich gereinigt werden mußte, bevor es seine Botschaft offenbarte, stand geschrieben: Beschützer des Königs Friedens. Das hatte die Stimmung ein wenig verbessert. Federn und Antiquitäten, Goldabzeichen und Pelz… Vielleicht lag es an der Müdigkeit oder daran, daß er versuchte, dem Rest der Welt möglichst wenig Beachtung zu schenken. Mumm wurde, langsamer, schlenderte in der typischen Gangart eines Wächters und ließ die Gedanken treiben. Es war fast ein Pawlowscher Reflex.* Die Beine schwangen, die Füße berührten den Boden, der Kopf entwickelte ein bestimmtes Denkmuster. Es war nicht in dem Sinne ein traumartiger Zustand. Ohren, Nase und Augen verbanden sich mit dem uralten Du-verdächtiger-Mistkerl- Knoten im Gehirn, wodurch sich die restliche Hirnmasse mit anderen Dingen befassen konnte. Pelz und Strumpfhosen… Gehörte es sich für einen anständigen Wächter, solche Kleidung zu tragen? Nein. Die angemessene Kleidung ei- nes Wächters bestand aus einem zerbeulten Brustharnisch, einer Hose aus schmierigem Leder und einem schmuddeligen Hemd mit Flecken vom Blut einer anderen Person. Ja, so war es richtig… Das Kopfstein- pflaster unter den Stiefelsohlen bot ein vertrautes Gefühl, wirklich ange- nehm… Hinter ihm wurde die Prozession von Verwirrung erfaßt, als Zauberer und Ehrengäste versuchten, sich dem veränderten Tempo anzupassen. Ha, Beschützer des Königs Teils… Und wie lautete die Frage, die er an den Mann gerichtet hatte, der ihm den Schlagstock brachte? »Welches Teil ist damit gemeint?« Doch diese Worte stießen natürlich auf taube Ohren… Eigentlich ein absurdes Ding: ein kurzes Holzstück mit einem Klumpen Silber am Ende… Selbst ein gewöhnlicher Obergefreiter bekam ein or- dentliches Schwert, was sollte er damit anstellen, etwa den Leuten zuwin- ken? Bei den Göttern, es war Monate her, seit er zum letzten Mal durch die Stadt gewandert war… Heute schienen ziemlich viele Leute unter- wegs zu sein, vielleicht fand eine Art Parade oder so statt… »Meine Güte«, sagte Hauptmann Karotte in der Menge. »Was macht er jetzt?« * Dieser Begriff ging auf den Zauberer Deneffe Stiefel** zurück, der folgendes herausgefunden hatte: Mit einem System aus Belohnung und Strafe konnte man einen Hund dazu bringen, beim Ertönen einer Glocke unverzüglich ein Erdbeer- törtchen zu fressen. ** Seine Eltern waren einfache Leute vom Lande und hatten sich ein Mädchen gewünscht, das sie Denichte nennen wollten., Neben ihm stand ein Tourist aus dem Achatenen Reich und zog im- mer wieder den Hebel seines Ikonographen. Kommandeur Mumm blieb stehen und blickte verträumt in die Ferne, als er sich den Schlagstock unter den Arm klemmte und nach seinem Helm griff. Der Tourist sah zu Karotte auf und zupfte höflich an seinem Ärmel. »Bitte, was macht er jetzt?« fragte er. »Äh… er… holt etwas hervor…« »O nein«, ließ sich Angua vernehmen. »Ja, er holt sein zeremonielles Zigarrenetui aus dem Helm«, erklärte Karotte. »Oh… und jetzt zündet er eine an…« Der Hebel des Ikonographen klickte mehrmals unter dem fleißigen Finger des Touristen. »Eine sehr historische Tradition, nicht wahr?« vergewisserte er sich. »Ausgesprochen denkwürdig«, kommentierte Angua. Die Menge schwieg. Niemand wollte Mumms Konzentration stören. Erwartungsvolle Stille herrschte, als tausend und mehr Personen den Atem anhielten. »Was macht er jetzt?« fragte Karotte. »Kannst du’s nicht sehen?« erwiderte Angua. »Ich halte mir die Augen zu. Ach, der arme Mann…« »Er… er bläst Rauchringe…« »Typisch für ihn, die erste Zigarre des Tages…« »Und jetzt geht er weiter. Und jetzt wirft er den Schlagstock hoch und fängt ihn wieder auf. Genau das macht er auch mit seinem Schwert, wenn er nachdenklich ist… Er scheint recht glücklich zu sein…« »Er sollte den Moment des Glücks genießen, denn ich fürchte, er dau- ert nicht lange«, sagte Karotte. Dann erhob sich ein Murmeln. Die Prozession hatte hinter Mumm an- gehalten. Einige der leichter zu beeindruckenden Leute, die nicht wuß- ten, wie sie sich verhalten sollten – und jene, die den recht guten Sherry der Unsichtbaren Universität zu ausgiebig probiert hatten –, suchten in, ihren Taschen nach Gegenständen, die sich in die Höhe werfen und auf- fangen ließen. Immerhin handelte es sich um eine traditionelle Zeremonie. Wenn man auf gewisse Dinge verzichten wollte, nur weil man sie für lächerlich hielt, hätte man ebensogut nach Hause gehen können. »Er ist müde, daran liegt’s«, sagte Karotte. »Seit Tagen beaufsichtigt er alles. Während der Nacht- und der Tagschicht. Du weißt ja, daß er die Zügel gern fest in der Hand hält.« »Wollen wir hoffen, daß ihm der Patrizier weiterhin die Chance dazu gibt.« »Oh, Seine Exzellenz würde auf keinen Fall… Ich meine, das wäre doch völlig ausgeschlossen, oder?« Gelächter erklang. Mumm hatte damit begonnen, den Schlagstock mit der einen Hand hochzuwerfen und mit der anderen aufzufangen. »Er kann das Schwert dreimal in der Luft drehen lassen und es dann wieder am Heft fangen…« Mumm drehte den Kopf. Er sah nach oben. Der Schlagstock fiel aufs Kopfsteinpflaster und rollte in eine Pfütze, ohne daß ihm der Komman- deur Beachtung schenkte. Dann lief Mumm los. Karotte sah ihm nach und versuchte zu erkennen, was seine Aufmerk- samkeit geweckt hatte. »Auf dem Vorwerk«, sagte er. »Das Fenster dort oben… Steht dort nicht jemand? Entschuldigung, Entschuldigung, bitte um Verzeihung, Entschuldigung…« Er bahnte sich einen Weg durch die Menge. Mumm war bereits zu einer kleinen Gestalt in der Ferne geschrumpft. Sein roter Umhang wehte wie eine Fahne hinter ihm. »Na und?« fragte Angua. »Viele Leute beobachten die Parade von gu- ten Aussichtspunkten. Was ist so besonders daran?« »Dort oben sollte niemand sein!« Karotte lief los, als sich ihm keine Hindernisse in Form von Publikum mehr in den Weg stellten. »Weil die Fenster dort vernagelt sind!« Angua sah sich um. Alle Gesichter waren dem Straßentheater zuge- wandt, und ein Karren stand in der Nähe. Sie seufzte, trat hinter den, Wagen und setzte dabei einen Gesichtsausdruck mißtrauischer Unbe- kümmertheit auf. Ein Keuchen erklang, gefolgt von einem leisen, organi- schen Geräusch, einem leisen Knurren und dem Klappern zu Boden fallender Rüstungsteile. Mumm wußte nicht, warum er lief. Ein sechster Sinn veranlaßte ihn da- zu. Sein Gehirn hatte aus dem Äther den Hinweis erhalten, daß etwas Schlimmes passieren würde. Doch es blieb nicht genug Zeit, um nach einer rationalen Erklärung zu suchen, und deshalb übernahm das Hirn einfach die Kontrolle übers Rückgrat, ohne Zeit mit irgendwelchen be- wußten Gedanken zu vergeuden. Niemand konnte aufs Vorwerk gelangen. Damals, als Ankh-Morpork ein angreifendes Heer noch nicht für einen vielversprechenden Wirt- schaftsfaktor gehalten hatte, war das Vorwerk ein befestigter Zugang zur Stadt gewesen. Einige Bestandteile wurden noch benutzt, doch die Hauptmasse war eine sechs oder sieben Etagen hohe Ruine, ohne Trep- pen, denen ein vernünftiger Mensch Vertrauen schenken würde. Jahre- lang war das Vorwerk als inoffizielle Nachschubquelle für Mauerwerk benutzt worden. In windigen Nächten lösten sich hier und dort Steine. Selbst die Wasserspeier mieden das Gebäude. Mumm merkte, wie sich das Geräusch der Menge hinter ihm in Ge- schrei verwandelte. Er drehte sich nicht um. Was auch immer dort ge- schah: Karotte wurde bestimmt damit fertig. Etwas überholte ihn. Der Schemen sah wie ein Wolf aus, zu dessen Vorfahren klatschianische Jagdhunde mit langem Fell gehörten. Es war eins jener anmutigen Geschöpfe, die nur aus Schnauze und Haaren zu bestehen schienen. Es lief voraus und sprang durch den Eingang des Vorwerks. Von dem Wolf war nichts mehr zu sehen, als Mumm eintraf. Doch diese Abwesenheit erschien ihm weniger wichtig als die Präsenz einer Leiche, die mitten im Durcheinander aus halb zerbröckelten Steinen lag. Eins der Dinge, auf die Mumm häufig hinwies – beziehungsweise eins der Dinge, von denen er behauptete, daß er oft auf sie hinwies, und nie- mand widerspricht einem vorgesetzten Offizier –, betraf winzige Details., Manchmal packt etwas, das man unter normalen Umständen überhaupt nicht bemerken würde, die Sinne an der Kehle und ruft: »Sieh mich!« Ein seltsamer Geruch lag in der Luft, und in einer schmalen Lücke zwischen zwei Pflastersteinen lag eine kleine Gewürznelke. Es war fünf Uhr nachmittags. Mumm und Karotte saßen im Vorzimmer des Patriziers. Es war still, abgesehen vom unregelmäßigen Ticken der Uhr. Nach einer Weile sagte Mumm: »Laß es mich noch einmal sehen.« Karotte holte gehorsam ein kleines Papierquadrat hervor. Mumm blickte darauf hinab. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, was es zeig- te. Er ließ das Papierquadrat in seiner eigenen Tasche verschwinden. »Äh… warum möchtest du es behalten, Herr Kommandeur?« »Was denn?« fragte Mumm. »Das Ikonographenbild, das ich mir von dem Touristen ausgeliehen habe.« »Ich weiß gar nicht, wovon du redest«, erwiderte Mumm. »Aber du…« »Du bringst es sicher nicht weit in der Wache, Hauptmann, wenn du Dinge siehst, die überhaupt nicht existieren.« »Oh.« Die Uhr schien etwas lauter zu ticken. »Du denkst etwas, nicht wahr, Herr Kommandeur?« »Manchmal verwende ich mein Gehirn für einen solchen Zweck, Hauptmann. So seltsam es dir auch erscheinen mag.« »Was denkst du, Herr Kommandeur?« »Was sie wollen, daß ich denke«, antwortete Mumm. »Wer sind sie?« »Das weiß ich noch nicht. Eins nach dem anderen.« Eine Glocke klingelte., Mumm stand auf. »Du weißt ja, was ich immer sage«, meinte er. Karotte nahm den Helm ab und polierte ihn mit dem Ärmel. »Ja, Herr Kommandeur. ›Alle sind schuldig, besonders die Unschuldigen.‹« »Nein, das andere…« »Äh… ›Vergeßt nie die Möglichkeit, daß ihr mit euren Vermutungen total daneben liegt‹?« »Nein, das auch nicht.« »Äh… ›Wie kommt es, daß Nobby zum Wächter geworden ist?‹ Das sagst du ziemlich oft, Herr Kommandeur.« »Nein! Ich meine, ›Stell dich dumm‹, Karotte.« »Oh, in Ordnung, Herr Kommandeur. Von jetzt an werde ich mich daran erinnern, daß du das immer sagst.« Sie klemmten die Helme unter die Arme. Mumm klopfte an die Tür. »Herein«, sagte eine Stimme. Der Patrizier stand am Fenster. Lord Rust und die anderen Würdenträger waren zugegen. Mumm hatte noch immer nicht ganz verstanden, auf welche Weise jemand zu einem Würdenträger wurde. Offenbar erschienen sie einfach, wie Reißzwecken an der Schuhsohle. »Ah, Mumm«, sagte Vetinari. »Herr…« »Ich schlage vor, wir reden nicht um den heißen Brei herum, Mumm. Wie konnte der Mann aufs Vorwerk gelangen, obwohl deine Leute in der vergangenen Nacht alles so gründlich kontrolliert haben? Vielleicht durch Magie?« »Ich weiß es nicht, Herr.« Der starr geradeaus blickende Karotte blinzelte. »Deine Leute haben das Vorwerk doch untersucht, oder?« »Nein, Herr.« »Sie haben darauf verzichtet?« »Nein, Herr. Ich habe die Kontrolle selbst vorgenommen.«, »Du hast das Gebäude höchstpersönlich überprüft, Mumm?« fragte Boggis von der Diebesgilde. An dieser Stelle konnte Hauptmann Karotte Mumms Gedanken regel- recht fühlen. »Das stimmt… Boggis«, sagte der Kommandeur, ohne den Kopf zu drehen. »Aber… wir glauben, daß jemand dort ins Vorwerk eingedrun- gen ist, wo die Fenster vernagelt sind, und anschließend die Bretter wie- der befestigt hat. Es waren Spuren im Staub…« »Und du hast nichts davon bemerkt, Mumm?« Mumm seufzte. »Selbst bei Tageslicht wäre es schwierig, die gelösten und danach wieder festgenagelten Bretter zu entdecken, geschweige denn mitten in der Nacht.« Wir haben sie auch gar nicht in dem Sinne ent- deckt, dachte er. Angua hat den daran haftenden Geruch bemerkt. Lord Vetinari nahm an seinem Schreibtisch Platz. »Die Situation ist ernst, Mumm.« »Ja, Herr?« »Seine Hoheit wurde schwer verletzt. Und soweit wir wissen, ist Prinz Cadram außer sich vor Zorn.« »Die Klatschianer bestanden darauf, Cadrams Bruder in der Botschaft zu behalten«, warf Lord Rust ein. »Das ist ein ganz bewußter Affront. Als wenn wir keine guten Ärzte in der Stadt hätten…« »Ja, natürlich«, bestätigte Mumm. »Viele von ihnen wären sogar dazu fähig, den Prinzen zu rasieren und ihm die Haare zu schneiden.« »Verspottest du mich, Mumm?« »Das käme mir nie in den Sinn. Meiner bescheidenen Ansicht nach ha- ben keine anderen Ärzte so sauberes Sägemehl auf dem Boden wie unse- re.« Rust bedachte Mumm mit einem finsteren Blick. Der Patrizier hüstelte. »Hast du den Attentäter identifiziert?« fragte er. Karotte rechnete damit, daß Mumm vom »mutmaßlichen Attentäter« sprach, aber statt dessen sagte er:, »Ja. Er heißt… ich meine, er hieß Ostie Brunt. Von einem anderen Namen wissen wir nichts. Er wohnte in der Marktstraße und verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten. Ein Einzelgänger. Verwandte oder Freunde haben wir bisher nicht gefunden. Die Ermitt- lungen dauern an.« »Und mehr wißt ihr nicht?« fragte Lord Witwenmacher. »Wir haben eine Weile gebraucht, um den Toten zu identifizieren«, sag- te Mumm ruhig. »Ach? Und warum?« »Nun, ich möchte dich nicht mit Einzelheiten langweilen. Nur soviel: Ich hatte den Eindruck, daß man in diesem Fall keinen Sarg brauchte – man hätte die Leiche zwischen zwei Holzplatten unterbringen können.« »Hat er den Anschlag verübt?« »Wir haben nur eine Leiche gefunden. Und ziemlich viel Mauerwerk, das vor kurzer Zeit heruntergefallen ist. Woraus wir den Schluß zo- gen…« »Ich meine, gehörte er zu einer Organisation? Gibt es Hinweise auf an- tiklatschianische Einstellungen?« »Abgesehen davon, daß er versucht hat, einen Klatschianer umzubrin- gen? Wir ermitteln noch.« »Nimmst du diese Sache ernst, Mumm?« »Ich habe meine besten Leute mit Nachforschungen beauftragt.« Wer sieht besorgt aus? »Feldwebel Colon und Korporal Nobbs.« Wer wirkt erleich- tert? »Sehr erfahrene Männer. Die Grundpfeiler der Wache.« »Colon und Nobbs?« wiederholte der Patrizier. »Tatsächlich?« »Ja, Herr.« Ihre Blicke trafen sich kurz. »Das klingt alles sehr seltsam, Mumm«, sagte Vetinari. »Was soll ich sagen, Herr? Ich sah jemanden auf dem Vorwerk und lief los. Jemand schoß einen Pfeil auf den Prinzen, und dann fand ich einen Mann am Turm, einen ziemlich toten Mann, um ganz genau zu sein. Er lag inmitten von Steinen, die erst kürzlich heruntergefallen waren, und außerdem entdeckten wir einen zerbrochenen Bogen in unmittelbarer, Nähe. Ich schätze, das Unwetter in der vergangenen Nacht hat einen Teil des Mauerwerks gelockert. Ich kann keine Fakten erfinden, die nicht existieren, Herr.« Karotte beobachtete die Gesichter am Tisch. Offenbar herrschte all- gemeine Erleichterung. »Ein einzelner Bogenschütze«, sagte Vetinari. »Ein Narr, der irgendei- nen irren Groll hegte. Und der bei dem Versuch starb, einen Mord zu begehen. Nun, das kühne Vorgehen unserer Wächter verhinderte zu- mindest einen sofort tödlichen Schuß.« »Kühnes Vorgehen?« wiederholte Witwenmacher. »Hauptmann Karot- te eilte zu den Ehrengästen, und Mumm lief zum Turm. Aber ehrlich gesagt, Mumm, dein seltsames Verhalten kurz vorher…« »Das ist jetzt nebensächlich«, sagte Lord Vetinari. Mit distanzierter Stimme, so als erstattete er jemandem Bericht, fuhr er fort: »Wenn Kommandeur Mumm nicht dafür gesorgt hätte, daß die Prozession lang- samer vorankam, hätte der Attentäter vermutlich besser zielen können. Aber die besonderen Umstände ließen ihn in Panik geraten. Ja… der Prinz dürfte bereit sein, sich mit dieser Erklärung abzufinden.« »Der Prinz?« fragte Mumm. »Aber der arme Kerl…« »Sein Bruder«, sagte der Patrizier. »Ah. Der Nette?« »Danke, Kommandeur«, fügte Lord Vetinari hinzu. »Ich danke euch allen, meine Herren. Ich möchte euch jetzt nicht länger aufhalten. Oh, Mumm, wenn du noch einige Minuten erübrigen könntest… Du kannst gehen, Hauptmann Karotte. Bestimmt wird irgendwo ein Verbrechen verübt.« Mumm starrte an die gegenüberliegende Wand, während sich um ihn herum das Zimmer leerte. Vetinari stand auf und trat erneut ans Fenster. »Es sind seltsame Zeiten, Kommandeur«, sagte er. »Herr.« »Zum Beispiel erfuhr ich, daß Hauptmann Karotte heute nachmittag auf dem Dach des Opernhauses herumkletterte und Pfeile in Richtung Schießstand schoß.«, »Ein sehr aufmerksamer junger Mann, Herr.« »Es könnte durchaus sein, daß die Entfernung zwischen dem Dach des Opernhauses und den Zielscheiben des Schießstandes ebenso groß ist wie die zwischen dem Vorwerk und der Stelle, an der Prinz Khufurah getroffen wurde.« »Ein sonderbarer Zufall, Herr.« Vetinari seufzte. »Und warum war Karotte in der Richtung aktiv?« »Nun, es ist komisch, Herr, aber neulich sprach er davon, jeder Bürger der Stadt sei verpflichtet, sich eine Stunde pro Tag im Bogenschießen zu üben. Der Gesetz stammt aus dem Jahr 1356 und wurde nie außer…« »Weißt du, warum ich Hauptmann Karotte eben fortgeschickt habe, Mumm?« »Ich habe keine Ahnung.« »Weil er sehr ehrlich ist, Mumm.« »Ja, Herr.« »Und weißt du auch, daß er zusammenzuckt, wenn er dich lügen hört?« »Wirklich, Herr?« Verdammt. »Ich ertrage es einfach nicht zu beobachten, wie der arme Junge dau- ernd das Gesicht verzieht, Mumm.« »Das ist sehr rücksichtsvoll von dir, Herr.« »Wo befand sich der zweite Bogenschütze, Mumm?« Verdammt! »Der zweite Bogenschütze, Herr?« »Hast du jemals den Wunsch verspürt, zur Bühne zu gehen, Mumm?« Im Augenblick wäre ich zu allem bereit, nur um dieses Zimmer zu ver- lassen, dachte Mumm. »Nein, Herr.« »Schade. Ich glaube, du bist ein großer Verlust für die Schauspielkunst. Wenn ich mich recht entsinne, hast du erwähnt, das Fenster sei wieder geschlossen worden.« »Ja, Herr.« »Indem man es mit Brettern vernagelt hat?« Mist. »Ja, Herr.«, »Von außen?« Mist! »Ja, Herr.« »Ein sehr geschickter einzelner Bogenschütze.« Mumm verzichtete auf einen Kommentar. Vetinari setzte sich wieder an den Schreibtisch, preßte die Fingerspitzen gegeneinander, hob sie an die Lippen und musterte den Kommandeur. »Colon und Nobbs kümmern sich um den Fall? Im Ernst?« »Ja, Herr.« »Wenn ich beschlösse, dich nach dem Grund zu fragen… Würdest du dann vorgeben, mich nicht zu verstehen?« Echte Verwunderungsfalten bildeten sich auf Mumms Stirn. »Herr?« »Wenn du noch einmal in einem so dämlichen Tonfall ›Herr‹ sagst, be- kommst du Schwierigkeiten, das verspreche ich dir.« »Es sind gute Wächter, Herr.« »Allerdings gäbe es durchaus Grund, sie als einfallslos und stumpfsin- nig zu bezeichnen. Außerdem neigen sie dazu – wie soll ich es ausdrük- ken? –, die erste sich bietende Erklärung zu akzeptieren und dann ir- gendeine stille Ecke aufzusuchen, um in aller Ruhe zu qualmen. Es man- gelt ihnen an Vorstellungskraft, und sie haben die Tendenz, sich nur die absolut notwendige Mühe zu geben, wenn möglich, weniger. Nun, bei solchen Leuten muß man mit voreiligen Schlüssen rechnen.« »Ich hoffe, du erhebst keine Vorwürfe gegen meine Männer, Herr.« »Man braucht gar keine Vorwürfe gegen Feldwebel Colon und Korpo- ral Nobbs zu erheben, Mumm – sie sind ein einziger Vorwurf.« »Herr?« »Und doch… Komplikationen können wir uns derzeit nicht leisten, Mumm. Ein dummer, naiver Einzeltäter, ganz offensichtlich überge- schnappt. Nun, es gibt viele Verrückte. Die ganze Sache ist ein bedauer- licher Zwischenfall.« »Ja, Herr.« Der Patrizier wirkte abgespannt, und Mumm sah Platz ge- nug für einen Hauch Anteilnahme. »Auch Fred und Nobby mögen keine Komplikationen, Herr.«, »Wir brauchen einfache Antworten, Mumm.« »Herr. Fred und Nobby sind die Richtigen für Einfaches.« Der Patrizier wandte sich ab und blickte über die Stadt. »Ah«, sagte er leiser und ruhiger. »Einfache Männer, um die einfache Wahrheit zu sehen.« »So ist es, Herr.« »Du lernst schnell, Mumm.« »Ich weiß nicht, Herr.« »Und wenn sie die einfache Wahrheit gefunden haben, Mumm?« »Gegen die Wahrheit kann man nichts ausrichten, Herr.« »Ich habe die Erfahrung gemacht, daß man gegen alles etwas ausrich- ten kann, Mumm.« Als Mumm gegangen war, saß Lord Vetinari eine Zeitlang an seinem Schreibtisch und starrte ins Leere. Dann zog er eine Schublade auf, ent- nahm ihr einen Schlüssel, ging zur Wand und drückte dort auf eine ganz bestimmte Stelle. Ein Gegengewicht rasselte, und ein Teil der Wand öffnete sich. Der Patrizier ging mit langen, leichten Schritten durch den Geheim- gang. Hier und dort glühte etwas Licht am Rand jener kleinen Tafeln, die man beiseite schieben konnte, um durch die Augen eines Gemäldes zu blicken. Sie waren das Erbe eines früheren Herrschers. Vetinari benutzte sie nie. Es kam nicht darauf an, aus den Augen anderer Leute zu sehen. Der Weg führte über dunkle Treppen und durch muffige Korridore. Gelegentlich vollführte der Patrizier Bewegungen, die keinen unmittelba- ren Sinn zu haben schienen. Im Vorbeigehen berührte er hier und dort die Wand und schien dabei überhaupt keinen bewußten Gedanken daran zu vergeuden. In einer mit steinernen Fliesen ausgelegten Passage – dort drang Licht durch ein kleines Fenster, das bis auf die optimistischen Fliegen alle vergessen hatten – schien er Himmel-und-Hölle zu spielen. Sein schwarzer Umhang wogte, und gelegentlich blitzten dünne weiße Waden auf, als er von einer Fliese zur nächsten hüpfte., Diese Aktivitäten schienen überhaupt nichts zu bewirken, denn spek- takuläre Ereignisse blieben aus. Schließlich erreichte er eine Tür, die er nicht ohne gewisse Vorsicht aufschloß. Beißender Rauch trieb durch die Luft hinter der Tür, und ein beständi- ges Pop-pop, das er schon im Gang gehört hatte, wurde jetzt lauter. Es verklang kurz, und dann knallte es. Ein Stück heißes Metall flog am Ohr des Patriziers vorbei und bohrte sich in die Wand. »Meine Güte«, ertönte eine Stimme im Qualm. Sie klang nicht in dem Sinne betrübt oder unglücklich. Eine solche Stimme paßte zu einem einschmeichelnd lieben Hündchen, das trotz der besten Bemühungen seines Herrn neben einem langsam größer werden- den feuchten Fleck auf dem Teppich saß. Als sich die Rauchwolken langsam auflösten, wurde eine Gestalt sicht- bar, die matt lächelte und sagte: »Diesmal waren es fünfzehn Sekunden, Exzellenz! Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß das Prinzip richtig ist.« Das war eine der Angewohnheiten des Leonard von Quirm: Er begann Gespräche nicht am Anfang, sondern in der Mitte. Er hielt jeden für einen interessierten Freund und ging davon aus, daß seine Besucher ebenso intelligent waren wie er selbst. Vetinari blickte auf einen kleinen Haufen aus verbogenem und ver- drehtem Metall. »Was war das, Leonard?« fragte er. »Eine experimentelle Vorrichtung für die Umwandlung chemischer Energie in Rotation«, erklärte Leonard von Quirm. »Das Problem be- steht darin, die kleinen Schießpulverkugeln mit genau der richtigen Ge- schwindigkeit in die Verbrennungskammer zu bringen, und zwar jeweils nur eine. Wenn zwei gleichzeitig zünden, bekommen wir einen externen Verbrennungsmotor.« »Und… äh… was ist der Zweck eines solchen Apparats?« fragte der Patrizier. »Ich glaube, er könnte das Pferd ersetzen«, erwiderte Leonard stolz. Beide starrten auf das deformierte Ding hinab., Nach einigem Nachdenken sagte Vetinari: »Einer der Vorteile von Pferden, auf den immer wieder hingewiesen wird, besteht darin, daß sie nur selten explodieren. Fast nie, meiner Erfahrung nach – sieht man einmal von dem bedauerlichen Zwischenfall während des heißen Som- mers vor einigen Jahren ab.« Er streckte die Hand aus, und mit behutsa- men Fingern zog er etwas aus dem Durcheinander: zwei Würfel, die aus weichem weißen Pelz bestanden und mit einem Faden verbunden waren. Punkte waren darauf. »Spielwürfel?« fragte Vetinari. Leonard lächelte verlegen. »Ja. Ich weiß nicht genau, warum ich sie dem Apparat hinzugefügt habe. Aus irgendeinem Grund habe ich ge- hofft, daß er dadurch besser funktioniert. Es war nur so eine Idee. Du weißt ja, wie das ist.« Lord Vetinari nickte. Er wußte es tatsächlich. Er wußte es sogar noch viel besser als Leonard von Quirm. Deshalb gab es nur einen Schlüssel für die Tür, und der befand sich in der Tasche des Patriziers. Der Mann war keineswegs ein Gefangener, es sei denn, man legte dumme, langwei- lige Maßstäbe an. Er schien sich gern in dieser hellen, luftigen Mansarde aufzuhalten: Immerhin bekam er so viel Holz, Papier, Holzkohlestifte und Farbe, wie er wollte, ohne für Kost und Logis bezahlen zu müssen. Außerdem konnte man jemanden wie Leonard von Quirm überhaupt nicht richtig einsperren. Es war höchstens möglich, seinen Körper hinter Schloß und Riegel unterzubringen. Allein die Götter wußten, wohin sei- ne Gedanken reisten. Zwar war er so intelligent, daß gelegentlich Klug- heit aus ihm tropfte, aber er konnte nicht einmal dann feststellen, woher der politische Wind wehte, wenn man ihn mit Segeln ausstattete. In Leonards unglaublichem Gehirn brodelte es die ganze Zeit wie in einer prall gefüllten Fritteuse auf der heißen Herdplatte des Lebens. Es ließ sich einfach nicht feststellen, was ihm gleich durch den Kopf gehen würde, denn er wurde ständig vom ganzen Universum neu program- miert. Der Anblick eines Wasserfalls oder eines dahinsegelnden Vogels veranlaßte ihn, über einen neuen Pfad praktischer Spekulation zu eilen, der unweigerlich in einem Haufen aus Draht und Federn sowie dem Ruf »Jetzt weiß ich, wo der Fehler liegt!« endete. Er war Schüler der meisten Handwerksgilden in der Stadt gewesen, war jedoch verstoßen worden,, weil er bei den Prüfungen unerhört hohe Punktzahlen erreicht oder in manchen Fällen die Fragen korrigiert hatte. Es hieß, er hätte unabsicht- lich das Laborgebäude der Alchimistengilde in die Luft gejagt – mit ei- nem Glas Wasser, einem Löffel Säure, zwei Drähten und einem Tisch- tennisball. Ein vernünftiger Herrscher hätte Leonard längst umbringen lassen, und Lord Vetinari war sehr vernünftig. Manchmal dachte er über die Fra- ge nach, warum er sich dagegen entschieden hatte. Vielleicht lag es dar- an, daß sich im kostbaren, wissensdurstigen Bernstein von Leonards Bewußtsein und unter seinem unermüdlichen Genie eine Unschuld verbarg, die man bei geringeren Personen für Dummheit hätte halten können. Dort wohnte die Seele jener Kraft, die über Jahrtausende hin- weg Menschen dazu veranlaßt hatte, ihre Finger in die Steckdose des Universums zu bohren und anschließend mit dem Schalter zu spielen, um festzustellen, was passierte – in den meisten Fällen waren sie sehr überrascht, weil tatsächlich etwas geschah. Mit anderen Worten: Leonard war etwas Nützliches. Und eins konnte man gewiß vom Patrizier behaupten: Er war das politische Äquivalent einer alten Dame, die Teile von Bindfäden aufbewahrte, weil sie irgend- wann einmal zu verwenden waren. Man konnte nicht für jede Eventualität planen, denn dazu mußte man wissen, was geschehen würde. Und wenn man wußte, was geschehen würde, so konnte man vermutlich dafür sorgen, daß es nicht geschah – oder daß es jemand anderen zustieß. Deshalb plante der Patrizier nicht. Pläne waren oft nur im Weg. Außerdem ließ er Leonard am Leben, weil er ihn für einen angeneh- men Gesprächspartner hielt. Er verstand nie, wovon Lord Vetinari sprach, und sein Weltbild mochte in etwa so komplex sein wie das eines Entenkükens mit Gehirnerschütterung. Eigentlich achtete er nie wirklich darauf, worum es ging, und das machte ihn zu einem hervorragenden Vertrauten. Wenn man bei jemandem Rat sucht, so erwartet man eigent- lich gar nicht, daß man auch Rat bekommt. Man möchte nur Gesell- schaft haben, während man mit sich selbst redet. »Ich habe gerade Tee aufgesetzt«, sagte Leonard. »Möchtest du eine Tasse?«, Leonard folgte dem Blick des Patriziers zu einem braunen Fleck, der an einer Wand emporreichte und oben in einen Stern aus geschmolze- nem Metall mündete. »Ich fürchte, das mit der automatischen Teemaschine hat nicht richtig geklappt«, sagte er. »Mir bleibt nichts anderes übrig, als die manuelle Me- thode zu benutzen.« »Sehr freundlich«, erwiderte Lord Vetinari. Er nahm inmitten der Staffeleien Platz und blätterte durch die letzten Skizzen, während Leonard am Kamin tätig wurde. Leonard von Quirm skizzierte so, wie andere Leute kritzelten. Geniales – Geniales von einer gewissen Art – fiel wie Schuppen von ihm ab. Lord Vetinari sah das Bild eines Mannes, der malte: Die Linien stellten die Gestalt so gut dar, daß sie eine dritte Dimension gewann und aus dem Papier herauszuragen schien. Leonard vergeudete niemals Platz, weshalb andere Skizzen den gezeichneten Maler umgaben. Ein Daumen. Eine Vase mit Blumen. Ein Apparat, der von Wasserkraft angetrieben wurde und offenbar dazu diente, Bleistifte anzuspitzen… Vetinari fand, was er suchte, in der unteren linken Ecke der Seite, ein- geklemmt zwischen einem Entwurf für eine Art von Schraube und ei- nem Werkzeug, um Austern zu öffnen. So etwas, oder zumindest etwas ähnliches, war immer irgendwo dazwischen. Leonard war deshalb so kostbar – und mußte hinter Schloß und Riegel gehalten werden –, weil er keinen Unterschied sah zwischen dem Dau- men, den Blumen, dem Bleistiftanspitzer und diesem Ding. »Oh, das Selbstporträt«, sagte Leonard, als er mit zwei Tassen zurück- kehrte. »In der Tat«, entgegnete Vetinari. »Allerdings galt meine Aufmerksam- keit mehr der kleinen Skizze hier. Diese Kriegsmaschine…« »Ach das? Ist nicht weiter wichtig. Hast du jemals bemerkt, welche Muster der Tau auf Rosenblättern…« »Das Ding hier…«, beharrte Vetinari und deutete auf eine bestimmte Stelle. »Wozu dient es?« »Oh, das ist ein Wurfarm, der Kugeln aus halb geschmolzenem Schwe- fel fortschleudert«, erklärte Leonard und griff nach einem Tablett mit, Gebäckstücken. »Ich habe berechnet, daß er eine Reichweite von etwa einer halben Meile erzielen könnte, wenn man den Riemen von den An- triebsrädern löst und die Winde von Ochsen drehen läßt.« »Tatsächlich?« Vetinari betrachtete die numerierten Teile. »Und ein sol- cher Apparat könnte wirklich gebaut werden?« »Was? Oh, ja. Eine Makrone? Ja, rein theoretisch.« »Rein theoretisch?« »Niemand käme auf den Gedanken, ein solches Projekt zu realisieren. Wer könnte Interesse daran haben, unlöschbares Feuer auf seine Mit- menschen herabregnen zu lassen? Ha!« Leonard verstreute Makronen- krümel. »Man würde nie einen Handwerker finden, der so ein Ding baut, oder einen Soldaten, der den Hebel zieht – damit meine ich Teil 3 (b) auf dem Plan, hier…« »Ah ja«, sagte Vetinari. »Nun, wie dem auch sei… Ich glaube, diese langen… Arme hier können den großen Belastungen kaum gewachsen sein…« »Gut abgelagertes Eschen- und Eibenholz, geschichtet und von spezi- ellen Stahlbolzen zusammengehalten«, sagte Leonard sofort. »Ich habe einige Berechnungen vorgenommen, direkt unter der Skizze, die Licht auf einem Regentropfen zeigt. Natürlich nur als intellektuelle Übung.« Vetinari sah auf einige Zeilen von Leonards spinnenartiger Schrift hin- ab. »Oh, ja«, sagte er leise und legte das Papier beiseite. »Habe ich dir schon erzählt, daß die klatschianische Situation außeror- dentlich politisch ist? Prinz Cadram versucht, innerhalb sehr kurzer Zeit viel zu erreichen. Er muß seine Position konsolidieren, und dabei hängt er von unzuverlässiger Unterstützung ab. Wie ich hörte, haben sich viele Leute gegen ihn verschworen.« »Im Ernst? Tja, so was kommt immer wieder vor«, sagte Leonard. »Übrigens, ich habe mich kürzlich mit Spinnweben befaßt und dabei etwas Interessantes herausgefunden. In Relation zu ihrem Gewicht sind sie weitaus fester als unsere besten Stahlseile. Ist das nicht faszinierend?« »Bei welcher Art von Waffe willst du sie verwenden?« fragte der Patri- zier., »Wie bitte?« »Oh, nichts. Ich habe nur laut gedacht.« »Und du hast deinen Tee überhaupt nicht angerührt«, sagte Leonard. Vetinari sah sich in dem Raum um. Er steckte voller… Dinge. Rohre und seltsame Papierdrachen und Geräte, die wie Skelette prähistorischer Tiere aussahen. Aus dem Blickwinkel des Patriziers gesehen, bestand einer der großen Vorzüge Leonards in seiner sehr wechselhaften Auf- merksamkeit. Man konnte nicht behaupten, daß ihn die Dinge schon nach kurzer Zeit langweilten. Nichts schien ihn zu langweilen. Aber da er sich die ganze Zeit über für alles im Universum interessierte, konnte sich ein Apparat, der anderen Leuten auf eine Entfernung von hundert Me- tern den Bauch aufschlitzte, in einen automatisierten Webstuhl verwan- deln, um kurze Zeit später zu einem Apparat zu mutieren, der das spezi- fische Gewicht von Käse maß. Er ließ sich ebenso leicht ablenken wie eine kleine Katze. Zum Beispiel die Sache mit der Flugmaschine. Noch immer hingen große Fledermaus- flügel an der Decke. Der Patrizier hatte Leonard nur zu gern die Mög- lichkeit gegeben, Zeit mit dieser Idee zu vergeuden – für ihn stand von Anfang an fest, daß kein Mensch in der Lage sein konnte, kräftig genug mit solchen Flügeln zu schlagen. Er hätte sich überhaupt keine Sorgen machen müssen. Leonard lenkte sich selbst ab. Er verbrachte eine halbe Ewigkeit damit, ein spezielles Tablett zu erfinden, das es Flugreisenden ermöglichen sollte, Mahlzeiten in der Luft einzunehmen. Ein wahrhaft unschuldiger Mann. Und doch… Ein kleiner Teil von ihm zeichnete immer wieder verführerische Maschinen, mit Rauchwol- ken darüber und sorgfältig numerierten Bauteilen… »Was ist das?« fragte Vetinari und deutete auf eine weitere Skizze. Sie zeigte jemanden, der eine große Metallkugel trug. »Das? Oh, eigentlich nur ein Spielzeug. Die Vorrichtung basiert auf den seltsamen Eigenschaften ansonsten nutzloser Metalle. Es gefällt ih- nen nicht, zusammengedrückt zu werden. Wenn so etwas geschieht, streben sie mit großen Eifer auseinander, und dabei gibt es einen ziemlich lauten Knall.«, »Noch eine Waffe…« »Natürlich nicht, Exzellenz! Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie man einen solchen Apparat als Waffe verwenden sollte. Vielleicht könnte er sich im Bergbau als nützlich erweisen.« »Ach?« »Wenn zum Beispiel ein ganzer Berg aus dem Weg geräumt werden muß.« »Sag mal…« Vetinari nahm auch dieses Papier beiseite. »Du hast nicht zufällig Verwandte in Klatsch, oder?« »Ich glaube nicht. Meine Familie lebte über viele Generationen hinweg in Quirm.« »Oh. Gut. Aber… helle Köpfe, die Klatschianer, nicht wahr?« »Und ob. In vielen Bereichen haben sie die Grundlagen gelegt. Zum Beispiel bei Metallarbeit.« »Metallarbeit…« Der Patrizier seufzte. »Und natürlich Alchimie. Affir Al-chemas Principia Explosia ist seit hundert Jahren das wichtigste Werk dieses Themenbereichs.« »Alchimie«, sagte der Patrizier bedrückt. »Schwefel und so weiter.« »Ja.« »Aber so, wie du es ausdrückst… Es klingt so, als seien diese Leistun- gen vor langer Zeit erbracht worden.« Lord Vetinari klang wie jemand, der versuchte, Licht am Ende des Tunnels zu erkennen. »Ja, und es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn die Klatschia- ner inzwischen erhebliche Fortschritte erzielt haben«, erwiderte Leonard munter. »Ach?« Der Patrizier sank noch etwas tiefer in den Sessel. Wie sich ge- rade herausgestellt hatte, stand das Ende des Tunnels in Flammen. »Hervorragende Leute mit vielen lobenswerten Eigenschaften«, fügte Leonard hinzu. »Ich vermute, es liegt an der Wüste. Sie stimuliert den Gedanken und führt einem vor Augen, wie kurz das Leben ist.« Der Patrizier betrachtete ein anderes Blatt. Zwischen der Skizze eines Vogelflügels und der genauen Darstellung eines Kugellagers sah er ein, Ding, dessen Räder mit Stahlspitzen und Klingen ausgestattet waren. Und dann das Gerät, mit dem sich Berge aus dem Weg räumen ließen… »Eine Wüste ist keine Vorbedingung«, sagte er, seufzte erneut und schob die Blätter beiseite. »Hast du vom versunkenen Kontinent Leshp gehört?« »O ja«, erwiderte Leonard. »Vor einigen Jahren habe ich dort die eine oder andere Skizze angefertigt. Ein Land mit interessanten Aspekten, wenn ich mich recht entsinne. Noch etwas Tee? Ich fürchte, der in dei- ner Tasse ist inzwischen kalt. Da fällt mir ein: Bist du aus einem anderen Grund gekommen?« Der Patrizier rieb sich den Nasenrücken. »Ich weiß nicht genau. Ein kleines Problem entwickelt sich. Ich dachte, du könntest vielleicht helfen.« Er blickte erneut auf die Zeichnungen. »Leider glaube ich, daß du tatsächlich dazu imstande bist.« Er stand auf, strich den Umhang glatt und lächelte schief. »Hast du alles, was du brauchst?« »Etwas mehr Draht wäre nicht schlecht«, sagte Leonard. »Und mir ist die gebrannte Umbra ausgegangen.« »Ich lasse dir sofort neue bringen«, versprach Vetinari. »Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest…« Er verließ das Zimmer. Leonard nickte zufrieden, als er die Tassen wegräumte. Die Reste des explodierenden Verbrennungsmotors kehrte er auf den Metallhaufen neben dem kleinen Schmelzofen. Anschließend nahm er eine Leiter und zog den Kolben aus der Decke. Er hatte gerade die Staffelei geöffnet, um mit einem neuen Bild zu be- ginnen, als er ein fernes Klopfen hörte. Es hörte sich an, als würde je- mand laufen, gelegentlich verharren und auf einem Bein zur Seite sprin- gen. Kurze Stille deutete darauf hin, daß jemand seine Kleidung zurecht- rückte und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Die Tür öffnete sich, und der Patrizier kehrte zurück. Er setzte sich und maß Leonard mit einem sehr aufmerksamen Blick. »Du hast was gemacht?« fragte er., Mumm drehte die Gewürznelke unter dem Vergrößerungsglas hin und her. »Ich sehe Abdrücke von Zähnen«, sagte er. »Ja, Herr Kommandeur«, bestätigte Kleinpo. Sie verkörperte die ge- samte Abteilung Spurensicherung der Wache. »Offenbar hat jemand daran gekaut, so wie an einem Zahnstocher.« Mumm lehnte sich auf dem Stuhl zurück. »Ich würde sagen, dieses Ding wurde zum letztenmal von einem dunkelhäutigen Mann angerührt, der etwa so groß ist wie ich. Er hat mehrere Goldzähne. Und einen Bart. Und auf einem Auge schielt er leicht. Viele Narben im Gesicht. Ein gro- ßes Schwert auf dem Rücken. Krumm. Und auf dem Kopf trägt er et- was, das man Turban nennen muß, da es sich für einen Dachs nicht schnell genug bewegt.« Grinsi Kleinpo war beeindruckt. »Ermittlungen sind wie Glücksspiel«, sagte Mumm und legte die Ge- würznelke auf den Tisch. »Der Trick besteht darin, schon im voraus Be- scheid zu wissen. Danke, Korporal. Notiere die Beschreibung und sorge dafür, daß alle Wächter sie bekommen. Übrigens heißt der Bursche 71- Stunden-Ahmed, weiß der Himmel, warum. Und dann geh und ruh dich aus.« Mumm wandte sich an Karotte und Angua, die sich ebenfalls in den kleinen Raum gezwängt hatten. Er nickte der jungen Frau zu. »Ich bin dem Nelkengeruch bis zu den Docks gefolgt«, sagte sie. »Und dann?« »Dann habe ich die Spur verloren.« Angua wirkte verlegen. »Beim Fischmarkt gab es keine Probleme. Auch nicht im Schlachthausviertel. Aber auf dem Gewürzmarkt…« »Oh, ich verstehe. Dort verschwand die Spur?« »In gewisser Weise, Herr Kommandeur. Anschließend führte sie in fünfzig verschiedene Richtungen.« »Da kann man nichts machen. Karotte?«, »Ich habe mich genau an deine Anweisungen gehalten, Herr Kom- mandeur. Die Entfernung vom Dach des Opernhauses bis zum Schieß- stand ist ungefähr richtig. Ich habe den gleichen Bogen benutzt, wie der Attentäter ihn verwendet hat…« Mumm hob den Zeigefinger. Karotte zögerte kurz und sagte dann langsam:»… wie der, den wir neben dem mutmaßlichen Attentäter fan- den…« »Ja. Und?« »Es handelt sich um einen ›Treffsicher Modell Fünf‹ von Burlich-und- Starkimarm, Herr Kommandeur. Ein Bogen für den Experten. Ich bin kein besonders guter Bogenschütze, aber ich konnte das Ziel zumindest treffen…« »Einen Augenblick mal«, sagte Mumm. »Du bist sehr kräftig, Karotte. Aber der verstorbene Ostie hatte Arme wie Nobby. Ich hätte meine Hand ganz um den kaum vorhandenen Bizeps schließen können.« »Ja, Herr Kommandeur. Die Zugkraft beträgt hundert Pfund. Ich be- zweifle, daß Ostie Brunt in der Lage war, die Sehne mehr als nur einen Zoll weit nach hinten zu ziehen.« »Ich wage es mir nicht einmal vorzustellen. Meine Güte… Mit einem solchen Bogen hätte er höchstens seinen eigenen Fuß treffen können. Übrigens: Glaubst du, daß dich jemand gesehen hat?« »Nein, Herr Kommandeur. Ich habe die ganze Zeit darauf geachtet, mich zwischen den Schornsteinen und Belüftungsschächten verborgen zu halten.« Mumm seufzte. »Nun, selbst wenn du die Versuche um Mitternacht in einem Keller durchgeführt hättest… Ich schätze, am nächsten Morgen hätte der Patrizier trotzdem gefragt: ›War’s nicht ziemlich dunkel da un- ten?‹« Er holte das inzwischen ziemlich zerknitterte Bild hervor. Es zeigte Karotte – beziehungsweise Arm und Ohr des Hauptmanns –, als er in Richtung Prozession eilte. Und dort, zwischen den vielen Leuten in der Parade, war das Gesicht des Prinzen zu sehen. Von 71-Stunden-Ahmed fehlte jede Spur. Bei der Abendgesellschaft war er noch zugegen gewe- sen. Aber bei dem Durcheinander… hin und her schlendernde Gäste,, Männer und Frauen, die möglichst unauffällig verschwanden, um dem Abort einen raschen Besuch abzustatten… Ahmed hätte den Empfang leicht verlassen können, ohne daß ihn jemand bemerkte, und anschlie- ßend jeden beliebigen Ort aufsuchen können. »Der Prinz fiel, als du ihn erreichtest? Mit einem Pfeil im Rücken? Und er war dir dabei noch immer zugewandt?« »Ja, Herr Kommandeur. Da bin ich ganz sicher. Alle anderen liefen umher…« »Er bekam also einen Pfeil in den Rücken, und der Schütze befand sich vor ihm und war nicht einmal imstande, die Sehne weit genug durchzu- ziehen, um den Pfeil weiter fliegen zu lassen als bis zu seinem eigenen Fuß…« Jemand klopfte ans Fenster. »Das dürfte Abfluß sein«, sagte Mumm, ohne sich umzudrehen. »Ich habe ihm einen speziellen Auftrag erteilt…« Obergefreiter Abfluß hatte nie einen richtigen Platz in der Gemein- schaft der Wache gefunden. Dies lag keineswegs daran, daß er nicht mit anderen Personen zurechtkam. Das Problem bestand vielmehr darin, daß es ihm an sozialen Kontakten mangelte, denn er konnte anderen Leuten nur ab dem zweiten oder dritten Stock aufwärts begegnen. Er fühlte sich auf Dächern zu Hause. Bei der letzten Silvesterfeier der Wache war er heruntergekommen und hatte sich Bratensaft ins Ohr geschüttet, um guten Willen zu zeigen. Doch auf dem Boden, noch dazu von Zimmer- wänden umgeben, werden Wasserspeier schnell nervös. Es dauerte nicht lange, bis Abfluß durch den Kamin davonkroch. Die ganze Nacht er- klang von den schneebedeckten Dächern das melancholisch klingende Piepsen seiner kleinen Papiertröte. Wasserspeier waren gute Beobachter und vergaßen nichts. Außerdem hatten sie jede Menge Geduld. Mumm öffnete das Fenster. Mit ruckartigen Bewegungen kam Abfluß herein und kroch rasch zu einer Ecke von Mumms Schreibtisch – viel- leicht gewährte ihm die dortige Perspektive ein wenig Trost. Angua und Karotte betrachteten den Pfeil, den Abfluß in der einen Hand hielt., »Ah, gute Arbeit«, lobte Mumm noch immer im gleichen ruhigen Ton- fall. »Wo hast du ihn gefunden, Abfluß?« Der Wasserspeier stotterte einige kehlig klingende Silben, die nur je- mand bilden konnte, dessen Mund aus einem Rohr bestand. »In einer Wand des zweiten Stocks eines Bekleidungsgeschäfts am Platz der Gebrochenen Monde«, übersetzte Karotte. »Schk«, sagte Abfluß. »Das ist nicht auf halbem Weg zum Hiergibt’salles-Platz, Herr Kom- mandeur.« »Ja«, sagte Mumm. »Ein schwächlicher Mann, der versucht, die Sehne eines schweren Bogens nach hinten zu ziehen, wobei der Pfeil immer stärker wackelt… vielen Dank, Abfluß. In dieser Woche bekommst du eine zusätzliche Taube.« »Nke«, erwiderte Obergefreiter Abfluß und kletterte wieder aus dem Fenster. »Wenn du gestattest, Herr Kommandeur…« Angua nahm den Pfeil von Mumm entgegen, schloß die Augen und schnupperte vorsichtig dar- an. »Ja«, sagte sie. »Er riecht ganz deutlich nach Ostie…« »Danke, Korporal. Es gibt also nicht den geringsten Zweifel.« Karotte griff nach dem Pfeil und betrachtete ihn. »Hm. Pfauenfedern und eine versilberte Spitze. So etwas kaufen Amateure, um ihre Treffsi- cherheit durch Magie zu verbessern. Wie dumm.« »Ja«, sagte Mumm. »Du, Karotte, und du, Angua… ihr kümmert euch um diesen Fall.« »Ich verstehe nicht, Herr Kommandeur«, entgegnete Karotte. »Du hast doch Fred und Nobby mit den Ermittlungen beauftragt, oder?« »Ja«, bestätigte Mumm. »Aber…« »Feldwebel Colon und Korporal Nobbs gehen der Frage nach, warum der verstorbene Ostie versucht hat, den Prinzen umzubringen. Und wißt ihr, was? Bestimmt finden sie viele Spuren. Da bin ich mir ganz sicher. Ich fühle es.«, »Aber wir wissen doch, daß Ostie unmöglich…«, begann Karotte. »Ist das nicht komisch?« unterbrach Mumm den Hauptmann. »Ihr soll- tet vermeiden, Fred irgendwie in die Quere zu kommen. Fragt ein wenig herum. Versucht es beim Schuldigen Schuft oder bei Sidney Schief, ha, der hält die Ohren offen. Oder sprecht mit den Schmerzlichen Schwe- stern oder mit Lilly Habspaß. Oder mit Herrn Rutschig… hab ihn schon seit einer ganzen Weile nicht mehr gesehen…« »Er ist tot, Herr Kommandeur«, sagte Karotte. »Was, Riecher Rutschig? Seit wann?« »Seit letzten Monat, Herr Kommandeur. Er wurde von einem herabfal- lenden Bettgestell erschlagen. Ein sehr seltsamer Unfall.« »Warum hat mir niemand etwas davon gesagt?« »Du bist sehr beschäftigt gewesen, Herr Kommandeur. Aber du hast Geld in den Umschlag gesteckt, mit dem Fred gesammelt hat. Zehn Dol- lar. Fred fand das sehr großzügig.« Mumm seufzte. Oh, ja, die Umschläge. Seit einiger Zeit schien Fred dauernd mit dem einen oder anderen Umschlag unterwegs zu sein. Im- mer wieder geschah es, daß jemand die Wache verließ, oder ein Freund der Wache geriet in Schwierigkeiten, oder es gab eine Verlosung, oder die Teekasse war wieder leer. Manchmal schienen die Erklärungen recht kompliziert zu sein. Mumm beschränkte sich darauf, einfach Geld in den jeweiligen Umschlag zu stecken, ohne irgendwelche Fragen zu stellen. So war es am einfachsten. Der alte Riecher Rutschig… »Ihr hättet mich darauf hinweisen sollen«, sagte er in vorwurfsvollem Tonfall. »Du hast hart gearbeitet, Herr Kommandeur.« »Gibt es sonst noch Neuigkeiten von der Straße, über die ich Bescheid wissen sollte, Hauptmann?« »Nein, ich glaube nicht, Herr Kommandeur.« »Na schön. Stellt fest, aus welcher Richtung der Wind weht. Seid vor- sichtig. Und… vertraut niemandem.« Karotte wirkte besorgt., »Äh… ich kann doch Angua vertrauen, oder?« fragte er. »Natürlich kannst du das…« »Und auch dir, nehme ich an.« »Mir? Ja. Das ist doch selbstverständlich…« »Und Korporal Kleinpo? Sie kann sehr hilfreich sein…« »Grinsi, ja, sie hat Vertrauen verdient…« »Und Feldwebel Detritus? Ich habe ihn immer für sehr vertrauenswür- dig gehalten…« »Detritus? Oh, ja, er…« »Was ist mit Nobby? Kann ich ihm…« »Ich verstehe, was er meint, Karotte«, sagte Angua und zog an seinem Arm. Karotte ließ niedergeschlagen die Schultern hängen. »So was gefällt mir nicht«, murmelte er. »Ich meine… heimliche Dinge.« »Ich möchte keine schriftlichen Berichte«, sagte Mumm und war dank- bar für diese kleine Gnade. »Es ist eine… inoffizielle Angelegenheit. Ei- ne offizielle inoffizielle Angelegenheit, versteht ihr?« Angua nickte, während Karotte ziemlich betrübt aussah. Sie ist ein Werwolf, dachte Mumm. Natürlich versteht sie. Und ein Mann, der im Grunde genommen ein Zwerg ist, sollte eigentlich wissen, was es mit List und dergleichen auf sich hat. »Lauscht den Straßen«, sagte Mumm. »Die Straßen wissen alles. Sprecht mit… dem Blinden Hugh…« »Ich fürchte, er ist letzten Monat verstorben«, erwiderte Karotte. »Tatsächlich? Und warum erfahre ich das erst jetzt?« »Ich bin ziemlich sicher, daß ich dir eine Mitteilung geschickt habe, Herr Kommandeur.« Mumm blickte schuldbewußt zu seinem Schreibtisch, auf dem Papier hohe Stapel bildete, und zuckte dann mit den Schultern. »Seht euch aufmerksam um. Geht den Dingen auf den Grund. Und vertraut nie… Vertraut praktisch niemandem. Alles klar? Vertraut nur vertrauenswürdigen Leuten.«, »Na los, aufmachen! Hier ist die Wache!« Korporal Nobbs zog an Feldwebel Colons Ärmel und flüsterte ihm etwas ins Ohr. »Hier ist nicht die Wache!« rief er und klopfte erneut an die Tür. »Wir haben überhaupt nichts mit der Wache zu tun! Wir sind Zivilisten, klar?« Die Tür öffnete sich einen Spalt. »Ja?« fragte eine Stimme, die ihr Wechselgeld zählte. »Wir müssen dir einige Fragen stellen, Gnäfrau.« »Seid ihr von der Wache?« erwiderte die Stimme. »Nein! Darauf habe ich doch gerade in aller Deutlichkeit hingewie- sen…« »Verschwinde, Bulle!« Die Tür schloß sich wieder. »Bist du sicher, daß wir hier richtig sind, Feldwebel?« »Harry Kastanie meinte, er hätte gesehen, wie Ostie dieses Gebäude betrat. He, aufmachen!« »Alle beobachten uns, Feldwebel«, sagte Nobby. Zu beiden Seiten der Straße hatten sich Fenster und Türen geöffnet. »Und nenn mich nicht Feldwebel, solange wir zivile Kleidung tragen!« »In Ordnung, Fred.« »Und…« Colon zögerte in einer regelrechten Statusagonie. »Für dich heißt es Frederick, Nobby.« »Und die Leute kichern, Fred… äh…rick.« »Wir dürfen bei dieser Sache keinen Mist bauen, Nobby.« »Wie du meinst, Frederick. Und für dich bin ich Cecil, herzlichen Dank.« »Cecil?« »So lautet mein Name«, verkündete Nobby kühl. »Wie du willst«, sagte Colon. »Vergiß nur nicht, wer hier der vorgesetz- te Zivilist ist, klar?«, Er hämmerte an die Tür. »Wir haben gehört, daß du ein Zimmer zu vermieten hast, Gnäfrau!« rief er. »Hervorragend, Frederick«, sagte Nobby. »Das war einfach hervorra- gend!« »Nun, schließlich bin ich Feldwebel«, flüsterte Colon. »Nein.« »Äh… ja… genau… Vergiß es nur nicht, hast du verstanden?« Die Tür öffnete sich. Die Frau dahinter hatte eins jener Gesichter, die sich im Lauf der Jahre gesetzt haben – es sah aus, als hätte man es aus Butter angefertigt und dann der Sonne überlassen. Das Haar war vom zunehmenden Alter weitgehend unbeeinflußt geblieben: Es leuchtete in grellem Rot und er- innerte in seiner gegenwärtigen Form an eine über dem Kopf schweben- de, drohende Gewitterwolke. »Zimmer?« wiederholte sie. »Das hättest du gleich sagen sollen. Zwei Ankh-Morpork-Dollar pro Woche, keine Haustiere, kein Kochen, keine Frauen nach sechs Uhr morgens, es gibt tausend andere Interessenten, übrigens, gehört ihr zum Zirkus? Ihr seht wie Zirkusleute aus.«* »Wir sind…«, begann Nobby und unterbrach sich. Zweifellos gab es viele andere Dinge, die man sein konnte, wenn man nicht gerade Polizist war, aber ihm fielen einfach keine ein. »… Schauspieler«, warf Nobby ein. »Gezahlt wird eine Woche im voraus«, sagte die Frau. »Und ich dulde keine schmutzigen ausländischen Angewohnheiten. Ich führe ein respek- * Das Problem war die zivile Kleidung. Beide Männer hatten ihr ganzes Leben lang Uniform getragen. Feldwebel Colons einzigen Anzug hatte jemand gekauft, der fast fünfzehn Kilo leichter und zehn Jahre jünger gewesen war, weshalb die Knöpfe jetzt erheblichen Belastungen standhalten mußten. Nobbys Vorstellung von ziviler Kleidung entsprach dem mit Streifen und Glöckchen geschmückten Kostüm, das er als führendes Mitglied des Tanz- und Volksliedklubs von Ankh- Morpork trug. Kleine Kinder waren ihnen durch die Straßen gefolgt, in der Hoffnung, daß es eine Vorstellung gab., tables Haus«, fügte sie hinzu, obwohl die Indizien das Gegenteil behaup- teten. »Zuerst möchten wir uns die Unterkünfte ansehen«, sagte Colon. »Oh, ihr seid von der wählerischen Sorte, wie?« Die Frau führte sie nach oben. Das von Ostie auf so endgültige Weise geräumte Zimmer erwies sich als klein und ziemlich leer. Einige Kleidungsstücke hingen an Nägeln, die jemand in die Wand geschlagen hatte. Ein Haufen aus Verpackungsma- terial und schmuddeligen Tüten zeigte, daß Ostie Brunt sich gewisser- maßen von der Straße ernährt hatte. »Wem gehört der Kram?« fragte Feldwebel Colon. »Oh, er ist jetzt weg. Hab ihm gedroht, ihn auf die Straße zu setzen, wenn er die Miete nicht bezahlt. Ich werfe das Zeug weg, bevor ihr ein- zieht.« »Wir kümmern uns darum«, sagte Feldwebel Colon. Er griff in die Ta- sche und holte zwei Dollar hervor. »Hier, Fräulein…?« »Frau Geifer«, erwiderte Frau Geifer. Sie musterte ihn kritisch. »Wollt ihr beide hier wohnen?« »Nein, ich bin nur als seine Anstandsdame mitgekommen«, erklärte Colon und lächelte freundlich. »Die Frauen fallen praktisch über ihn her, sobald sie seinen sexuellen Magnetismus spüren.« Frau Geifer bedachte den schockierten Nobby mit einem scharfen Blick und rauschte hinaus. »Warum hast du das getan?« fragte Nobby. »Um sie loszuwerden.« »Du hast mich auf die Schippe genommen, streite es nur nicht ab! Nur deshalb, weil ich derzeit ein emotionales Dingsbums durchmache…« »Es war ein Scherz, Nobby. Ein harmloser Scherz.« Nobby spähte unter das schmale Bett. »Donnerwetter!« brachte er hervor und vergaß alle emotionalen Dings- bumse. »Was ist? Was ist?« fragte Colon., »Das sieht nach einer kompletten Ausgabe von Bögen und Bolzen aus! Und…« Nobby zog einen weiteren Stapel recht mitgenommen wirken- der Zeitschriften ins Licht. »Das hier sind Ausgaben von Söldner und Praktische Belagerungswaffen…« Colon blätterte in einem Heft und sah gleich aussehende Leute, die mit gleich aussehenden persönlichen Zerstörungsapparaten hantierten. »Man muß ein wenig seltsam sein, wenn man den ganzen Tag in einem leeren Zimmer hockt und so was liest«, sagte er. »Ja«, bestätigte Nobby. »Hier, leg dieses Heft beiseite, es ist die Ausga- be vom letzten August, die fehlt mir. Warte mal, da hinten steht noch eine Schatulle.« Er kroch damit unter dem Bett hervor. Die Schatulle war verschlossen, aber das billige Metall gab sofort nach, als er versuchte, den Deckel nach oben zu hebeln. Silbermünzen glänzten. Es waren ziemlich viele. »Meine Güte«, ächzte Nobby. »Jetzt sind wir in Schwierigkeiten.« »Das ist klatschianisches Geld, jawohl!« entfuhr es Colon. »Manchmal findet man solche Münzen in seinem Wechselgeld, anstelle eines halben Dollars. Sieh nur die schnörkelige Schrift darauf.« »Jetzt sind wir in großen Schwierigkeiten«, kommentierte Nobby. »Nein, nein, das ist eine Spur, die wir mit sorgfältigen und sehr geduldi- gen Ermittlungen gefunden haben«, sagte Feldwebel Colon. »Bestimmt bekommen wir Federn für unsere Helme, wenn Herr Mumm davon er- fährt, jawohl!« »Wieviel ist das deiner Meinung nach?« »Das müssen Hunderte von Dollar sein«, spekulierte Colon. »Für einen Klatschianer ist das viel Geld. Selbst mit nur einem Dollar kann man in Klatsch ein Jahr lang wie ein König leben.« »Eigentlich waren unsere Ermittlungen nicht sehr geduldig«, sagte Nobby nachdenklich. »Ich hab doch nur unters Bett gesehen.« »Ja, weil du dafür ausgebildet bist«, erwiderte Colon. »Dem normalen Zi- vilisten käme so etwas überhaupt nicht in den Sinn. Hm, allmählich ergibt die Sache einen Sinn!«, »Wirklich?« Nobby klang skeptisch. »Warum sollten die Klatschianer Ostie Geld geben, damit er auf einen Klatschianer schießt?« Colon klopfte sich an den Nasenflügel. »Politik«, erklärte er. »Ah, Politik«, sagte Nobby. »Oh, nun, Politik. Ich verstehe. Politik. Alles klar. Also – warum?« »Aha«, sagte Colon und klopfte an seinen anderen Nasenflügel. »Warum bohrst du in der Nase, Feldwebel?« »Ich bohre nicht in der Nase, sondern klopfe daran«, sagte Colon streng. »Um zu zeigen, daß ich Bescheid weiß.« »Weil du den richtigen Riecher hattest«, fügte Nobby fröhlich hinzu. »Eine solche hinterhältige Schlauheit ist typisch für die Klatschianer«, sagte Colon. »Meinst du damit die Tatsache, daß sie uns bezahlen, um sie umzu- bringen?« fragte Nobby. »Ach, weißt du, wenn hier bei uns irgendein hohes Tier aus Klatsch um- gebracht wird, so können uns die Klatschianer eine pampige Mitteilung schicken, in der Art von: ›Ihr habt unser hohes Tier umgebracht, ihr aus- ländischen Neffen von Hunden, das bedeutet Krieg!‹ Verstehst du? Ein perfekter Vorwand.« »Braucht man einen Vorwand, um Krieg zu führen?« erkundigte sich Nobby. »Ich meine, zu welchem Zweck? Warum sagt man nicht einfach: ›He, ihr habt eine Menge Geld und Land, aber wir haben die besseren Schwerter, und deshalb solltet ihr mit uns teilen, andernfalls gibt’s Ge- hacktes.‹ Das würde ich sagen«, fügte der Militärstratege Korporal Nobbs hinzu. »Und zwar erst nach dem Angriff.« »Ja, weil du nichts von Politik verstehst«, sagte Colon. »So kann man sich heute nicht mehr verhalten. Glaub mir, dieser Fall ist eindeutig poli- tischer Natur. Deshalb hat der alte Mumm mich darauf angesetzt, völlig klar. Politik. Der junge Karotte leistet gute Dienste, aber bei einer delika- ten politischen Situation braucht man einen erfahrenen Mann von Welt.« »Das mit dem Nasenklopfen hast du jedenfalls gut raus«, meinte Nob- by. »Ich haue meistens daneben.«, Aber auch er spürte Unheil, wenn nicht in der Nase, so doch in dem kleinen Organ, das Blut durch seinen Körper pumpte. Diese Sache fühlte sich einfach nicht richtig an. In Nobbys Leben hatten sich die meisten Dinge nicht richtig angefühlt, und deshalb wußte er genau, was dieses Gefühl bedeutete. Er sah an den kahlen Wänden hoch und blickte dann auf die schlichten Dielen hinab. »Da liegt Sand auf dem Boden«, stellte er fest. »Eine weitere Spur«, konstatierte Colon zufrieden. »Hier hat sich ein Klatschianer aufgehalten. Immerhin wimmelt’s in Klatsch von Sand, und er hatte noch immer was davon in den Sandalen.« Nobby öffnete das Fenster. Dahinter neigte sich sanft ein Dach. Man konnte ganz einfach nach draußen klettern und durch den Irrgarten aus Schornsteinen entkommen. »Er könnte durchs Fenster hereingekommen und anschließend wieder nach draußen geklettert sein, Feldwebel«, sagte er. »Guter Hinweis, Nobby. Schreib’s auf. Anzeichen für heimliches Um- schleichen und Verschwörung mit einem Klatschianer.« Nobby senkte den Blick. »He, da liegt Glas, Fred…« Feldwebel Colon trat ebenfalls zum Fenster, in dem eine Scheibe fehl- te. Die Splitter lagen draußen auf den Schindeln. »Könnte das eine Spur sein?« fragte Nobby hoffnungsvoll. »Ja, ich denke schon«, antwortete Feldwebel Colon. »Hast du bemerkt, daß die Glassplitter draußen liegen? Jeder weiß, daß Scherben dorthin fallen, wohin man blickt. Ich schätze, der Bursche probierte seinen Bo- gen aus, und dabei ging ein Schuß los.« »Das ist wirklich clever, Feldwebel«, sagte Nobby. »So was ist Ermittlungsarbeit«, betonte Colon. »Es reicht nicht, die Dinge nur zu sehen, Nobby. Man muß auch klar denken, sozusagen in ge- raden Linien.« »Cecil, Feldwebel.« »Und es heißt Frederick, Cecil. Komm, ich glaube, wir haben diesen Fall gelöst. Und der alte Mumm wollte den Bericht so schnell wie möglich.«, Nobby blickte noch einmal aus dem Fenster. Das Dach grenzte an die Mauer eines ziemlich großen Lagergebäudes. Einige Sekunden spürte er, wie er in krummen Linien zu denken begann, doch er vermutete, daß ein Korporal auf diese Weise dachte und daß die Gedanken eines Korporals nicht so wichtig sein konnten wie die eines Feldwebels. Deshalb behielt er sie für sich. Als sie die Treppe hinuntergingen, beobachtete sie Frau Geifer durch eine nur wenige Zentimeter geöffnete Tür am anderen Ende des Flurs. Sie schien bereit zu sein, die Tür beim ersten Anzeichen von sexuellem Magnetismus sofort zu schließen. »Ich weiß überhaupt nicht, wo ich mir einen sexuellen Magneten besor- gen könnte«, brummte Nobby. »Und sie hat nicht einmal gelacht.« Außerdem haben wir die Bogenläden in der Straße Schlauer Kunsthandwerker be- sucht und dem Manne bei Burlich-und-Starkimarm das Ikonographenbild gezeigt, er versicherte, daß er es ist, mit anderen Worten, er identifizierte den Verstorbenen… »Meine Güte…« Mumms Lippen bewegten sich, als sein Blick zu dem Text zurückkehrte. … außerdem wies nicht nur das klatschianische Geld darauf hin, daß ein Klat- schianer zugegen gewesen sein muß, weil, es lag auch Sand auf dem Boden… »Der Kerl hatte noch Sand in den Sandalen?« murmelte Mumm. »Güti- ger Himmel!« »Sam?« Mumm sah von der Lektüre auf. »Deine Suppe wird kalt«, erklang Lady Sybils Stimme vom fernen Ende des Tisches. »Nach der Uhr zu urteilen, hältst du den Löffel schon seit fünf Minuten in der Luft.« »Tut mir leid, Schatz.« »Was liest du da?« »Oh, nur ein kleines Meisterwerk«, sagte Mumm und schob Fred Co- lons Bericht beiseite. »Scheint interessant zu sein«, bemerkte Lady Sybil mit einem Hauch von Verdrießlichkeit in der Stimme., »Praktisch unvergleichlich«, erwiderte Mumm. »Die einzigen unent- deckten Dinge waren die Datteln und das Kamel, vermutlich unter dem Kopfkissen versteckt.« Zu spät nahm sein Eheradar eine gewisse Kühle auf der anderen Seite des Gewürzständers wahr. »Äh… stimmt was nicht?« fragte er. »Erinnerst du dich daran, wann wir zum letztenmal zusammen gespeist haben, Sam?« »Dienstag, nicht wahr?« »An diesem Tag fand das jährliche Festessen der Kaufmannsgilde statt, Sam.« Mumm runzelte die Stirn. »Aber du warst ebenfalls dort, oder?« Eine weitere subtile Veränderung im Drachenhausquotienten wies ihn darauf hin, daß er keine besonders kluge Antwort gegeben hatte. »Und dann bist du davongelaufen, wegen der Sache mit dem Friseur in der Schimmerstraße.« »Rudi Schneidfix?« fragte Mumm. »Nun, er brachte Leute um. Zu sei- ner Entlastung läßt sich höchstens vorbringen, daß keine Absicht dahin- tersteckte. Er konnte nur nicht gut rasieren…« »Aber ich bin sicher, daß du dich nicht selbst um den Fall kümmern mußtest.« »Polizist zu sein… das ist ein Vierundzwanzig-Stunden-Job.« »Nur für dich! Die anderen Mitglieder der Wache bringen ihre zehn Stunden Dienst hinter sich, und damit hat es sich. Aber du arbeitest im- mer. Das ist nicht gut für dich. Tagsüber bist du ständig unterwegs, und wenn ich mitten in der Nacht aufwache, ist der Platz neben mir immer kalt und leer…« Die drei Punkte hingen mitten in der Luft, wie die Phantome von un- ausgesprochenen Worten. Kleine Dinge, dachte Mumm. Auf diese Weise beginnen Kriege. »Es gibt viel zu tun, Sybil«, sagte er so geduldig wie möglich. »Es gab immer viel zu tun. Und je größer die Wache wird, desto mehr Arbeit gibt es. Ist dir das schon aufgefallen?«, Mumm nickte. Das stimmte. Dienstpläne, Quittungen, Notizbücher, Berichte… Ob die Wache nun für mehr Sicherheit in der Stadt sorgte oder nicht: Den Bäumen jagte sie einen ziemlichen Schrecken ein. »Du solltest mehr delegieren«, sagte Lady Sybil. »Das meint er ebenfalls«, murmelte Mumm. »Wie bitte?« »Hab nur laut gedacht, Schatz.« Mumm schob den Bericht noch etwas weiter fort. »Was hältst du davon, wenn wir… den Abend daheim verbringen? Im Salon brennt ein hübsches Feuer…« »Äh… nein, Sam, da brennt kein Feuer.« »Hat der junge Unverblüm es noch nicht angezündet?« Unverblüm war der »Bursche«, und Mumm hatte sich erst an die Vorstellung gewöhnen müssen, daß damit auch ein Diener gemeint sein konnte. Unverblümt Aufgabe bestand darin, das Feuer im Kamin anzuzünden, die Aborte zu reinigen, dem Gärtner zu helfen und gelegentlich die Schuld auf sich zu nehmen. »Er ist fortgegangen, um Trommler im Regiment des Herzogs von Eorle zu werden«, sagte Lady Sybil. »Auch der Bursche? Er schien ein recht heller Kopf zu sein. Ist er nicht zu jung?« »Bei den Fragen nach seinem Alter wollte er lügen.« »Hoffentlich lügt er auch, wenn es um seine musikalischen Fähigkeiten geht. Ich habe ihn pfeifen gehört.« Mumm schüttelte den Kopf. »Was hat ihn nur dazu gebracht, eine so dumme Entscheidung zu treffen?« »Er glaubt, mit der Uniform Mädchen beeindrucken zu können.« Sybil lächelte sanft. Die Vorstellung, den Abend daheim zu verbringen, erschien plötzlich sehr verlockend. »Nun, man braucht sicher kein Genie zu sein, um den Holzschuppen zu finden«, sagte Mumm. »Und dann verriegeln wir die Türe und…« Eine der gerade erwähnten Türen erzitterte, als jemand heftig anklopf- te. Mumm bemerkte Sybils Blick. »Na los, geh nur«, sagte sie, seufzte und nahm wieder Platz., Mumm öffnete und sah Korporal Grinsi Kleinpo, die völlig außer Atem war. »Du… mußt schnell mitkommen… Herr Kommandeur. Diesmal… ist es… Mord!« Mumm sah hilflos zu seiner Frau. »Natürlich mußt du gehen«, sagte sie. Angua kämmte sich ihr Haar vor dem Spiegel. »Mir gefällt das nicht«, sagte Karotte. »Es ist kein richtiges Benehmen.« Sie klopfte ihm auf die Schulter. »Keine Sorge«, erwiderte sie. »Mumm hat alles erklärt. Du verhältst dich so, als ließen wir uns etwas zuschulden kommen.« »Ich bin gern Wächter«, sagte Karotte und hielt an seinem Kummer fest. »Und ein ordentlicher Wächter trägt Uniform. Wenn man keine Uniform trägt… könnte man genausogut herumspionieren. Er weiß, daß ich so denke.« Angua betrachtete sein kurzes rotes Haar und die ehrlichen Ohren. »Ich habe ihm viel Arbeit abgenommen«, fuhr Karotte fort. »Er braucht überhaupt nicht mehr auf Streife zu gehen, aber er versucht noch immer, alles selbst zu erledigen.« »Vielleicht möchte er gar nicht, daß du so sehr hilfst«, sagte Angua so taktvoll wie möglich. »Außerdem wird er nicht jünger. Ich habe versucht, ihn darauf hinzu- weisen.« »Sehr freundlich von dir.« »Und ich habe nie zivile Kleidung getragen.« »Bei dir sieht selbst zivile Kleidung wie eine Uniform aus«, sagte Angua und streifte den Mantel über. Sie empfand es als große Erleichterung, keine Rüstungsteile mehr tragen zu müssen. Was Karotte betraf… bei ihm mußten alle Verkleidungsbemühungen scheitern. Seine Größe, die Ohren, das rote Haar, der allgemeine Eindruck von überaus athletischer Gutmütigkeit… »Ich schätze, ein Werwolf ist dauernd in Zivil«, meinte Karotte., »Danke. Da hast du natürlich recht.« »Ich fühle mich nur nicht wohl dabei, auf diese Weise zu lügen.« »Du solltest mal ein paar Kilometer weit mit diesen Pfoten laufen.« »Wie bitte?« »Schon gut.« Zorn brodelte in Goriffs Sohn Janil. Den Grund dafür kannte er nicht. Es gab viele Ursachen für den Zorn, und die Brandbombe am vergange- nen Abend spielte eine große Rolle dabei. Das galt auch für gewisse Be- merkungen, die er in den Straßen hörte. Er hatte sogar mit seinem Vater gestritten, weil er der Wache das Essen geschickt hatte. Die Wächter waren ein offizieller Teil der Stadt. Sie trugen dumme Dienstmarken bei sich. Sie schritten in Uniform umher. Janils Zorn galt vielen Dingen, auch der Tatsache, daß er erst dreizehn war. Als sein Vater um neun Uhr abends Brot backte, die Tür aufsprang und ein Mann hereingelaufen kam… da holte Janil die alte Armbrust seines Vaters unter dem Tresen hervor, zielte auf die Stelle, an der er das Herz vermutete, und zog den Auslöser. Karotte stampfte mehrmals mit dem Fuß auf und blickte sich um. »Hier«, sagte er. »Ich stand hier. Und der Prinz befand sich… dort.« Angua wanderte über den Platz. Mehrere Leute drehten sich um und bedachten Karotte mit neugierigen Blicken. »Gut so… halt… nein, noch ein bißchen… halt… dreh dich ein wenig nach links… ich meine, links von mir aus gesehen… ein oder zwei Schritte zurück… und jetzt heb die Arme…« Karotte näherte sich Angua und folgte ihrem Blick. »Man hat von der Universität aus auf ihn geschossen?« »Der Schütze scheint sich im Bibliotheksgebäude aufgehalten zu ha- ben«, sagte Angua. »Aber ein Zauberer kommt gewiß nicht als Täter in Frage. Aus solchen Dingen halten sie sich heraus.«, »Oh, es ist nicht weiter schwer, auf das Gelände der Universität zu ge- langen, selbst wenn das Tor geschlossen ist«, meinte Karotte. »Ich schla- ge vor, wir nehmen den inoffiziellen Weg, einverstanden?« »In Ordnung. Karotte?« »Ja?« »Der falsche Schnurrbart… Er paßt einfach nicht zu dir. Und die Nase ist zu rot.« »Sehe ich dadurch nicht unauffällig aus?« »Nein. Und der Hut… Ich würde ihn abnehmen. Ich meine, es ist ein guter Hut«, fügte Angua rasch hinzu. »Aber eine braune Melone… Das ist einfach nicht dein Stil.« »Genau!« erwiderte Karotte. »Wenn so etwas mein Stil wäre, wüßten die Leute sofort, daß ich es bin, oder?« »Du siehst damit wie ein Narr aus, Karotte.« »Sehe ich normalerweise wie ein Narr aus?« »Nein…« »Aha!« Karotte griff in die Tasche seines langen braunen Mantels. »Dieses Verkleidungsbuch habe ich aus dem Scherzartikelladen in der Fleißigen Straße. Komisch, auch Nobby hat dort Dinge gekauft. Ich fragte ihn nach dem Grund dafür, und er erwähnte ›verzweifelte Maß- nahmen‹. Was kann er damit wohl gemeint haben?« »Keine Ahnung«, sagte Angua. »In dem Laden gibt es die erstaunlichsten Sachen. Falsches Haar, fal- sche Nasen, falsche Bärte, sogar falsche…« Er zögerte und errötete. »So- gar falsche… äh… Brüste. Für Frauen. Kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum Frauen den Wunsch verspüren sollten, sich da- mit zu verkleiden.« Vermutlich kann er das wirklich nicht, dachte Angua. Sie nahm das kleine Buch von Karotte entgegen und blätterte darin. »Solche Verkleidungen sind für eine Kartoffel bestimmt, Karotte.« »Tatsächlich?« »Ja. Sieh dir nur diese Bilder an.«, »Ich dachte, die sollen nur den Text ein wenig auflockern.« »Und hier steht’s: ›Herr Kartoffel‹.« Verwirrung kroch in das Gesicht über dem großen schwarzen Schnurrbart. »Warum sollte sich eine Kartoffel verkleiden wollen?« fragte Karotte. Sie erreichten eine kleine Gasse neben der Universität. Über Jahrhun- derte hinweg war sie inoffiziell als »Gelehrteneingang« bekannt gewesen, und inzwischen hing ein entsprechendes Namensschild am einen Ende. Zwei Universitätsstudenten kamen Karotte und Angua entgegen. Traditionell wußten nur die Studenten vom inoffiziellen Eingang der Universität. Allerdings vergaßen die meisten von ihnen, daß die älteren Angehörigen der Fakultät ebenfalls einmal Studenten gewesen waren und nach dem offiziellen Torschluß ebenfalls nicht auf Ausflüge in die Stadt verzichten wollten. Dieser Umstand führte an dunklen Abenden zu einer gewissen Quantität an Verlegenheit und Diplomatie. Karotte und Angua warteten geduldig, als einige weitere Studenten über die Mauer kletterten, gefolgt vom Dekan. »Guten Abend«, grüßte Karotte höflich. »Guten Abend, Kartoffel«, sagte der Dekan und wankte weiter. »Na bitte.« »Aber er hat mich nicht Karotte genannt«, sagte Karotte. »Das Prinzip ist soweit in Ordnung.« Sie sprangen auf den Rasen der Akademie hinab und gingen in Rich- tung Bibliothek. »Sie ist bestimmt geschlossen«, sagte Angua. »Denk daran, daß sich einer unserer Leute in der Bibliothek befindet«, sagte Karotte und klopfte an. Die Tür öffnete sich einen Spalt. »Ugh?« Karotte hob seinen gräßlichen braunen Hut. »Guten Abend, Herr Bibliothekar. Dürfen wir hereinkommen? Es handelt sich um eine Angelegenheit der Wache.« »Ugh iiek ugh?«, »Äh…« »Was hat er gesagt?« fragte Angua. »Wenn du’s unbedingt wissen willst: ›Meine Güte, eine wandelnde Kar- toffel!‹«, antwortete Karotte. Der Bibliothekar wandte sich Angua zu und rümpfte die Nase – der Werwolfgeruch gefiel ihm nicht sonderlich. Trotzdem winkte er sie beide herein und ließ sie dann warten, als er zum Schreibtisch watschelte, wo- bei er sich immer wieder mit den Fingerknöcheln abstützte. Er zog eine Schublade auf, entnahm ihr eine Dienstmarke, die an einem Bindfaden baumelte, und hängte sich das Ding dorthin, wo man normalerweise den Hals vermutete. Dann versuchte er, Haltung anzunehmen, wobei sich die Anatomie eines Orang-Utans als erhebliches Problem erwies. Die zentra- len Bereiche des Affenkörpers wußten, worum es ging, aber die periphe- ren Regionen reagierten eher träge. »Ugh ugh!« »Ich schätze, das hieß ›Wie kann ich zu Diensten sein, Hauptmann Kartoffel?‹«, spekulierte Angua. »Wir möchten uns im fünften Stock umsehen, und zwar dort, von wo aus man über den Platz blicken kann«, sagte Karotte mit etwas kühlerer Stimme als sonst. »Ugh uugh – ugh.« »Er meint, dort gibt es nur alte Lagerräume«, übersetzte Karotte. »Und das letzte ›ugh‹?« fragte Angua. »›Herr Schrecklichhut‹«, sagte Karotte. »Er hat noch immer nicht herausgefunden, wer du bist«, meinte Angua. In den muffigen Zimmern des fünften Stocks roch es auf traurige Wei- se nach alten, unerwünschten Büchern. Sie standen nicht in Regalen, sondern lagen zusammengebunden in breiten Gestellen. Sie wirkten recht mitgenommen, und vielen von ihnen fehlte der Einband. Die Reste deuteten darauf hin, daß es sich um Lehrbücher handelte, mit denen nicht einmal der leidenschaftlichste Bibliophile etwas anzufangen wußte. Karotte griff nach einer halb zerrissenen Ausgabe von Wuddels Okkul- te Fibel. Einige lose Seiten fielen heraus. Angua hob sie auf., »›Kapitel fünfzehn, elementare Nekromantie‹«, las sie laut. »›Lektion Eins: Der richtige Gebrauch der Schaufel…‹« Sie legte die Blätter beiseite und schnupperte. Die Präsenz des Biblio- thekars füllte ihren nasalen Kosmos wie ein Elefant eine Streichholz- schachtel, aber… »Jemand anders war hier«, sagte sie. »Während der letzten beiden Tage. Könntest du uns bitte allein lassen?« wandte sie sich an den Bibliothekar. »Du bist ziemlich… äh… geruchsintensiv…« »Ugh?« Der Bibliothekar nickte Karotte zu, zuckte Angua gegenüber mit den Schultern und wankte hinaus. Langsam schob sie sich nach vorn. Die Ohren teilten ihr mit, daß der Bibliothekar durch den Flur ging, denn sie hörte das Knarren der Dielen. Aber die Nase behauptete, daß er nach wie vor in unmittelbarer Nähe weilte. Der Geruch war nicht mehr ganz so stark wie vorher, aber… »Ich muß die Gestalt wechseln«, sagte Angua. »Nur so bekomme ich eine klare Vorstellung. Es ist zu seltsam.« Karotte schloß gehorsam die Augen. Sie hatte ihm verboten, ihr zuzu- sehen, wenn sie sich von einem Menschen in einen Werwolf verwandel- te, denn die Übergangsphasen boten keinen angenehmen Anblick. Da- heim in Überwald änderten die Leute ihre Gestalt mit der gleichen Un- bekümmertheit, mit der gewöhnliche Menschen die Kleidung wechsel- ten. Aber es galt als höflich, vorher hinter einen Busch zu treten. Als Karotte die Augen wieder öffnete, kroch Angua nach vorn und konzentrierte die ganze Wahrnehmung auf ihre Schnauze. Die geruchliche Präsenz des Bibliothekars bildete eine komplexe Struktur: Pur- purne Schemen schwebten dort, wo er in Bewegung gewesen war, und sie gewannen fast feste Substanz, wo er gestanden hatte. Hände, Gesicht, Lippen… Innerhalb der nächsten Stunden würde eine sich immer mehr ausdehnende Wolke daraus entstehen, aber derzeit konnte Angua noch alle Einzelheiten riechen. Hier gab es fast überhaupt keine Luftströmungen. Nicht einmal Fliegen schwirrten durch die tote Luft; nichts rief irgendwelche Strömungsmuster hervor., Behutsam näherte sich Angua dem Fenster. Die visuellen Eindrücke blieben vage wie eine grobe Schwarzweißzeichnung des Zimmers, der die Nase schillernde Farben hinzufügte. Am Fenster… am Fenster… Ja! Ein Mann hatte hier gestanden, und der Geruch deutete darauf hin, daß er lan- ge Zeit völlig reglos gewesen war. Die fremde Präsenz hing dort, am Rand ihres Wahrnehmungsvermögens. Etwas deutete darauf hin, daß das Fenster geöffnet worden war. Und hatte der Mann den Arm ausgestreckt? Angua schnupperte und schnüffelte, versuchte die einzelnen Geruchsfragmente, die wie dünne Rauchschwaden im Zimmer schwebten, zur ursprünglichen Gestalt zu- sammenzusetzen… Nach einer Weile kehrte Angua zu ihrer Kleidung zurück und hüstelte höflich, als sie die Stiefel anzog. »Es stand ein Mann am Fenster«, sagte sie. »Langes Haar, ein bißchen trocken, roch nach teurem Shampoo. Der Mann, der die Bretter wieder vors Fenster genagelt hat, nachdem Ostie ins Vorwerk gelangt war.« »Bist du sicher?« »Hat sich diese Nase jemals geirrt?« »Entschuldige. Und weiter?« »Ich würde sagen, daß er untersetzt ist, zu schwer für seine Größe. Er wäscht sich nicht oft, aber wenn, benutzt er billige Windspieß-Seife. An- dererseits verwendet er teures Shampoo, was mir seltsam erscheint. Und er trug neue Stiefel. Und einen grünen Mantel.« »Kannst du Farben riechen?« »Nein, aber das Färbungsmittel. Es stammt aus Sto Lat, glaube ich. Und… ich vermute, daß er einen Bogen benutzt hat. Einen teuren Bogen. Es lag ein Hauch von Seidengeruch in der Luft, und die stärksten Bogen- sehnen bestehen doch aus Seide, oder? Damit stattet man sicher keinen billigen Bogen aus.« Karotte stand am Fenster. »Von hier aus hat man einen guten Blick.« Er blickte auf den Boden, auf die Fensterbank, zu den Gestellen mit den Büchern. »Wie lange war er hier?«, »Zwei oder drei Stunden, denke ich.« »Er hat sich nicht viel bewegt.« »Nein.« »Rauchte und spuckte auch nicht. Stand einfach nur da und wartete. Ein Profi. Herr Mumm hat recht.« »Ein Profi, der weitaus professioneller war als Ostie«, sagte Angua. »Mit einem grünen Mantel…« Karotte schien laut zu denken. »Grüner Mantel, grüner Mantel…« »Oh, und noch etwas.« Angua richtete sich auf. »Er hatte Schuppen.« »Schneetreiben Schuppert?« entfuhr es Karotte. »Wie?« »Könnte man von einem sehr krassen Schuppen-Fall sprechen?« »Oh, ja…« »Deshalb hat man ihm den Spitznamen ›Schneetreiben‹ gegeben«, sagte Karotte. »Dunnelgurt Schuppert, der Mann mit dem verstärkten Kamm. Aber er soll nach Sto Lat umgezogen sein…« »Dort gibt es das grüne Färbungsmittel«, sagten sie beide gleichzeitig. »Kann er gut mit einem Bogen umgehen?« fragte Angua. »Sogar sehr gut. Er versteht sich auch darauf, Leute umzubringen, die er nie zuvor gesehen hat.« »Ein Assassine, wie?« »O nein. Er bringt Leute einfach nur wegen Geld um. Ohne Stil. Kann weder lesen noch schreiben.« Karotte kratzte sich voller Anteilnahme am Kopf. »Er sieht sich nicht einmal komplizierte Bilder an. Letztes Jahr haben wir ihn erwischt, aber er schüttelte ganz plötzlich den Kopf und entkam, während wir versuch- ten, Nobby auszugraben. Na so was. Wo er sich jetzt wohl aufhält?« »Bitte mich nur nicht, ihm durch die Straßen zu folgen. Inzwischen sind Tausende über seine Fährte hinwegmarschiert.« »Oh, es gibt Leute, die Bescheid wissen. Bestimmte Personen sehen al- les, was in dieser Stadt passiert.«, HERR SCHUPPERT? Schneetreiben Schuppert betastete vorsichtig seinen Hals beziehungs- weise den Hals seiner Seele. Die menschliche Seele neigt dazu, nach dem Tod eine Zeitlang die Gestalt des ursprünglichen Körpers zu bewahren. Angewohnheit kann eine wundervolle Sache sein. »Potzblitz, wer war das?« fragte er. KANNTEST DU IHN NICHT? erwiderte Tod. »Nein! Ich kenne nicht viele Leute, die mir den Kopf abschlagen!« Schneetreiben Schupperts Körper war beim Fallen gegen den Tisch ge- stoßen. Aus mehreren Flaschen mit medizinisch behandeltem Shampoo floß und tropfte es nun auf bestimmte andere Flüssigkeiten herab, die aus der Leiche quollen. »Das Zeug mit dem speziellen Öl hat mich fast vier Dollar gekostet«, sagte Schneetreiben. Doch aus irgendeinem Grund schien dieser Um- stand immer mehr an Bedeutung zu verlieren. Der Tod stieß anderen Leuten zu. In diesem Fall war die andere Person er selbst. Besser gesagt: der Mann, der dort auf dem Boden lag. Nicht derjenige, der jetzt auf ihn hinabstarrte. Zu seinen Lebzeiten war Schneetreiben nicht imstande ge- wesen, das Wort »metaphysisch« zu buchstabieren, aber er begann be- reits, das Leben auf eine andere Weise zu sehen. Von außerhalb, zum Beispiel. »Vier Dollar«, wiederholte er. »Und ich hatte nicht einmal Gelegenheit, es auszuprobieren!« ES HÄTTE NICHT GEWIRKT, sagte Tod und klopfte ihm auf eine verblassende Schulter. WENN ICH DIR VORSCHLAGEN DARF, DIE SACHE VON DER POSITIVEN SEITE ZU BETRACHTEN… IN ZUKUNFT KANNST DU AUF SHAMPOO VERZICHTEN. »Keine Schuppen mehr?« fragte Schneetreiben. Er war inzwischen transparent und löste sich immer mehr auf. NIE WIEDER, sagte Tod. VERTRAU MIR. Kommandeur Mumm lief durch dunkle Straßen und versuchte gleichzei- tig, seinen Brustharnisch festzuschnallen., »Also gut, Grinsi, was ist passiert?« »Es heißt, ein Klatschianer hätte jemanden umgebracht, Herr Kom- mandeur. In der Skandalgasse hat sich eine aufgebrachte Menge gebildet, und die Sache sieht ziemlich übel aus. Ich hatte Schreibtischdienst in der Wache und hielt es für besser, dich zu benachrichtigen.« »Gut!« »Und außerdem konnte ich Hauptmann Karotte nirgends finden, Herr Kommandeur.« Säurehaltige Tinte schrieb einen kleinen, subtilen Eintrag in das Proto- kollbuch von Mumms Seele. »Bei den Göttern… Und wer kümmert sich um den Fall?« »Feldwebel Detritus, Herr Kommandeur.« Grinsi Kleinpo hatte plötzlich das Gefühl, völlig still zu stehen, denn Kommandeur Mumm sauste davon und schrumpfte zu einem kleinen Punkt in der Ferne. Mit der ruhigen Miene einer Person, die ihre Pflicht methodisch erfüllt, griff Detritus nach einem Mann, um andere Männer damit zu schlagen. Als er einen freien Bereich geschaffen hatte, in dessen Mitte er stand und in dem einige Randalierer lagen, kletterte er auf den stöhnenden Haufen und wölbte die Hände trichterförmig vor dem Mund. »Ihr mir zuhören, Leute!« Wenn ein Troll aus vollem Halse schreit, fällt es ihm nicht weiter schwer, jeden Aufruhr zu übertönen. Als Detritus glaubte, die Aufmerk- samkeit der Menge errungen zu haben, zog er eine Schriftrolle unter sei- nem Brustharnisch hervor und hob sie hoch über den Kopf. »Dies der Aufruhrakte ist«, verkündete er. »Ihr wißt, was bedeutet das? Es bedeuten, wenn ich vorlese das Ding und ihr nicht… äh… geht weg, dann die Wache kann einsetzen tödliche Gewalt, ihr das verstanden habt?« »Was hast du denn gerade benutzt?« stöhnte jemand unter ihm. »Du nur ein wenig der Wache geholfen hast«, erwiderte Detritus und verlagerte das Gewicht., Er entrollte die Rolle. Zwar fanden in einigen Straßen Raufereien statt, und Schreie erklangen aus einer nahen Straße, aber diese Gasse wurde nun zum Mittelpunkt einer sich schnell ausdehnenden Zone der Stille. Die Fähigkeit der Bür- ger von Ankh-Morpork, Unterhaltungsmöglichkeiten zu erkennen, war fast ein genetisches Merkmal. Detritus hielt das Dokument erst auf Armeslänge und zog es dann immer näher heran, bis der Abstand zwischen Augen und Aufruhrakte nur noch wenige Zentimeter betrug. Anschließend drehte er das Perga- ment mehrmals. Seine Lippen bewegten sich unsicher. Schließlich bückte er sich und zeigte die Rolle dem Obergefreiten Be- such. »Wie dieses Wort heißt?« »Es lautet ›wonach‹, Feldwebel.« »Ich das gewußt.« Detritus richtete sich wieder auf. »›Wonach… zur…‹« Auf Detritus’ Stirn bildete sich das Troll- Äquivalent von Schweißperlen. »›Wonach… zur… Kennt…‹« »Zur Kenntnis gebracht wird«, flüsterte Obergefreiter Besuch. »Ich das gewußt.« Detritus starrte wieder auf das Dokument und gab sich geschlagen. »Ihr nicht wollen den ganzen Tag hier herumstehen und mir zuhören!« donnerte er. »Dies die Aufruhrakte ist, und ihr sie alle le- sen müßt, klar? Reicht herum sie.« »Und wenn wir sie nicht lesen?« fragte jemand. »Ihr sie lesen müßt. Das gesetzlich ist.« »Und was passiert dann?« »Dann ich schieße auf dich«, sagte Detritus. »Das ist nicht erlaubt!« erklang eine andere Stimme. »Erst mußt du ru- fen: ›Stehenbleiben, bewaffneter Wächter!‹« »Meinetwegen«, grollte Detritus. Er hob eine breite Schulter, wodurch die Armbrust unter seinen Arm geriet. Es war eine Belagerungswaffe, die, eigentlich auf einem Karren montiert sein sollte. Der Bolzen war hun- dertachtzig Zentimeter lang. »Es viel schwerer sein zu treffen bewegliche Ziele.« Er löste den Sicherungsbügel. »Schon jemand damit fertig ist, der Aufruhrakte zu lesen?« »Feldwebel!« Mumm bahnte sich einen Weg durch die Menge. Und inzwischen war es eine Menge. Die Bürger von Ankh-Morpork bildeten immer ein gutes Publikum. Es schepperte, als Detritus salutierte. »Hattest du vor, diese Leute kaltblütig zu erschießen, Feldwebel?« »Nein, Herr Kommandeur. Ich nur dachte an einen Warnschuß in den Kopf.« »Ach? Nun, gib mir vorher Gelegenheit, einige Worte an diese Schar zu richten.« Mumm sah zum nächsten Mann: In der einen Hand hielt er eine Fak- kel, in der anderen eine lange Latte. Er erwiderte den Blick des Kom- mandeurs und wirkte so nervös wie jemand, der spürte, wie sich der Bo- den unter ihm bewegte. Mumm zog die Fackel ein wenig näher und zündete seine Zigarre mit ihr an. »Was ist hier los, Freund?« »Die Klatschianer bringen Leute um, Herr Mumm! Es war ein völlig unprovozierter Angriff!« »Tatsächlich?« »Es gab Opfer!« »Wo?« »Nun… ich meine… ich denke… Es ist allgemein bekannt, daß es Op- fer gab!« Die mentalen Füße des Mannes fanden stabileres Terrain. »Wo- für halten die sich eigentlich, daß sie hier herkommen und…« »Das genügt«, sagte Mumm. Er trat zurück und hob die Stimme. »Ich kenne viele von euch«, begann er. »Und daher weiß ich auch, daß man zu Hause auf euch wartet. Seht ihr das hier?« Er holte das Zeichen, seines Amtes hervor, den Schlagstock. »Dieses Objekt weist darauf hin, daß ich die öffentliche Ordnung aufrechterhalten muß. In zehn Sekun- den gehe ich und suche mir einen Ort, an dem ich die öffentliche Ord- nung aufrechterhalten kann, aber Detritus bleibt hier. Und ich hoffe, er unternimmt nichts, das Schande auf unsere Uniform bringt. Oder gar Blut.« Ironie gehörte nicht zu den Dingen, mit denen Ankh-Morporks Bürger vertraut waren, aber einige der intelligenteren Zuhörer begriffen, was Mumms Gesichtsausdruck bedeutete – so sah ein Mann aus, der sich mit den Zähnen an der Geduld festhielt. Die Menge ging auseinander und löste sich vom Rand her auf, als die Leute durch Seitengassen davoneilten, ihre improvisierten Waffen weg- warfen und dann wieder auf der Straße erschienen, um den aufrechten Gang von ehrbaren Bürgern zu üben. »Na schön, was ist hier geschehen?« wandte sich Mumm an den Troll. »Wir gehört haben, daß der Junge geschossen auf einen Mann«, erklärte Detritus. »Wir hier eintrafen, und dann plötzlich kamen viele schreiende Leute wie aus dem Nichts.« »Er schmetterte ihn hernieder, so wie Hudrun die Fleischtöpfe von Ur zerschmetterte«, sagte Obergefreiter Besuch.* »Er hat etwas zerschmettert?« fragte Mumm verwirrt. »Wurde jemand getötet?« * Obergefreiter Besuch-die-Ungläubigen-mit-erläuternden-Broschüren war ein guter Polizist, wie Mumm immer wieder betonte, und das war sein höchstes Lob. Er kam aus Omnien und teilte das nahezu pathologische Interesse seiner Lands- leute an bekehrungsfreudiger Frömmigkeit. Er gab seinen ganzen Sold für Bro- schüren aus und hatte sich sogar eine eigene Druckerpresse angeschafft. Ihre Produkte bot er allen Interessierten an, und den Uninteressierten ebenfalls. Selbst Detritus konnte eine Menge kaum schneller versprengen als Obergefreiter Be- such, meinte Mumm. An seinen freien Tagen ging er mit seinem Kollegen Fege- den-Widerstand-des-Ungläubigen-mit-schlauen-Argumenten-hinweg durch die Straßen. Bisher konnten sie nicht einen einzigen Fall von Bekehrung vorweisen. Mumm glaubte, daß sich unter Besuchs ziemlich dicker religiöser Schale ein net- ter Kern verbarg, aber aus irgendeinem Grund brachte er es nie fertig, danach zu suchen., »Für einen Toten er erstaunlich laut und hingebungsvoll fluchte«, erwi- derte Detritus. »Er getroffen wurde am Arm. Seine Freunde ihn brachten zur Wache, wo er sich beklagte. Er als Bäcker in der Nachtschicht arbei- ten. Meinen, er spät dran gewesen und gelaufen kam ins Lokal, um ab- zuholen sein Essen, und dann er lag plötzlich auf dem Boden.« Mumm schritt über die Straße und griff nach der Klinke. Die Tür öff- nete sich einige Zentimeter und stieß dann gegen etwas, das eine Barri- kade zu sein schien. Auch vor dem Fenster waren Möbelstücke überein- andergestapelt worden. »Wie viele Leute waren hier draußen, Obergefreiter?« »Ganze Heerscharen, fürwahr, Herr Kommandeur.« Und vier Personen hier drin, dachte Mumm. Eine Familie. Die Tür öffnete sich noch etwas weiter, und Mumm duckte sich, bevor die Arm- brust sichtbar wurde. Das Doing einer Sehne erklang. Der Bolzen sauste nicht etwa vorbei, sondern taumelte eher durch die Luft, trudelte in einem korkenzieherarti- gen Kurs durch die Gasse. Er flog fast seitwärts, als er gegen die gegenü- berliegende Wand schlug. »Hört mal…« Mumm blieb in geduckter Haltung, hob jedoch die Stimme. »Wenn es gelang, damit jemanden zu treffen, so kommt als Täter nur der Zufall in Frage. Hier spricht die Wache. Öffnet die Tür. Sonst macht Detritus sie auf. Und wenn er eine Tür öffnet, bleibt sie offen. Versteht ihr, was ich meine?« Keine Antwort. »Na schön. Detritus, bitte komm hierher…« Im Lokal flüsterten Stimmen, gefolgt von einem Kratzen, als Möbel- stücke beiseite gerückt wurden. Mumm versuchte es erneut mit der Tür – diesmal schwang sie nach in- nen auf. Die Familie stand auf der anderen Seite des Zimmers. Mumm fühlte die Blicke von acht Augen auf sich ruhen. Es herrschte eine heiße, be- sorgte Atmosphäre, gewürzt mit dem Geruch von angebrannten Speisen. Herr Goriff hielt die Armbrust in schlaffen Händen, und der Ge- sichtsausdruck seines Sohnes verriet Mumm alles, was er wissen mußte., »In Ordnung«, sagte er. »Jetzt hört mir mal gut zu. Derzeit beabsichtige ich nicht, jemanden zu verhaften, ist das klar? Dies scheint eine von je- nen Angelegenheiten sein, die den Patrizier gähnen lassen. Aber ihr soll- tet den Rest der Nacht besser in der Wache verbringen. Derzeit kann ich keine Wächter erübrigen, um euch hier beschützen zu lassen. Versteht ihr? Ich könnte euch verhaften. Statt dessen richte ich nur eine Bitte an euch.« Herr Goriff räusperte sich. »Der Mann, auf den ich geschossen hab…«, begann er und ließ die Frage in der Luft hängen. Mumm mußte sich zwingen, nicht den Jungen anzusehen. »Er ist nicht schwer verletzt.« »Er… kam ganz plötzlich hereingelaufen«, erklärte Herr Goriff. »Und nach dem Zwischenfall mit der Brandbombe…« »Du hast einen weiteren Anschlag befürchtet und nach der Armbrust gegriffen?« »Ja«, sagte der Junge trotzig, bevor sein Vater antworten konnte. Nach einem kurzen Streitgespräch auf Klatschianisch fragte Herr Go- riff: »Wir müssen das Haus verlassen?« »Zu eurem eigenen Besten. Vielleicht finden wir jemanden, der es wäh- rend eurer Abwesenheit bewacht. Packt jetzt einige Sachen zusammen und begleitet Detritus. Und gib mir die Armbrust.« Goriff reichte sie dem Kommandeur und schien erleichtert zu sein. Es handelte sich um ein typisches Modell Samstagabend-Spezial, das sich durch schlechte Qualität und Unzuverlässigkeit auszeichnete. Wenn man sie abfeuerte, war der einzige sichere Platz direkt dahinter, und selbst dort ging man ein Risiko ein. Niemand hatte ihren Eigentümer darauf hingewiesen, daß er sie besser nicht mit gespannter Sehne unter dem Tresen eines Ladens aufbewahrte, in dem hohe Luftfeuchtigkeit herrsch- te und ein dauernder Regen aus Fett niederging. Die Sehne hatte den größten Teil ihrer Spannkraft eingebüßt. Wenn man mit dieser Armbrust jemanden verletzen wollte, mußte man sie ihm auf den Kopf schlagen., Mumm wartete, bis die Familie den Raum verlassen hatte, und sah sich dann noch einmal um. Das Zimmer war nicht sehr groß. In der Küche hinterm Tresen kochte etwas Scharfes in einem großen Topf. Nachdem sich der Kommandeur mehrmals die Finger verbrannt hatte, schaffte er es, den Inhalt des Topfes aufs Feuer zu gießen und es dadurch zu lö- schen. Anschließend stellte er den Topf unter die Pumpe, damit die Kru- sten darin einweichen konnten – er erinnerte sich vage daran, daß er seine Mutter bei dieser Tätigkeit beobachtet hatte. Danach sicherte er die Fenster, so gut es ging, ging nach draußen und schloß die Tür. Ein diskret auffälliges Messingschild von der Diebesgilde über dem Eingang wies darauf hin, daß Herr Goriff seine jährliche Ge- bühr pünktlich bezahlt hatte.* Doch die Welt kannte viele weniger förm- liche Gefahren, weshalb Mumm ein Stück Kreide hervorholte und an die Tür schrieb: UNTER DEM SCHUTZ DER WACHE Er überlegte kurz und fügte als Unterschrift hinzu: FwbL DetriTus Für die weniger an Recht und Ordnung interessierten Bewohner der Stadt hatte die majestätische Erhabenheit des Gesetzes weitaus weniger Bedeutung als die Furcht vor Detritus. Die Aufruhrakte! Lieber Himmel, wo hatte er die nur aufgetrieben? Vermutlich steckte Karotte dahinter. Soweit Mumm sich zurückerinnern konnte, war sie nie benutzt worden. Eigentlich kein Wunder, wenn man bedachte, was sie anrichten konnte. Selbst Vetinari würde zögern, davon * Das bedeutete, daß es bei ihm keine offiziellen Einbrüche geben würde. In Ankh-Morpork hatte man sehr direkte Vorstellungen vom Konzept der Versi- cherung. Es war nicht nur eine Redewendung, wenn man davon sprach, den Zwischenhändler auszuschalten., Gebrauch zu machen. Derzeit waren es nur Worte, weiter nichts. Den Göttern sei Dank für das Analphabetentum der Trolle… Als Mumm zurücktrat, um sein Werk zu betrachten, bemerkte er das Glühen am Himmel über dem Parkweg. Fast gleichzeitig hörte er das Klappern eisenbeschlagener Stiefelsohlen auf dem Kopfsteinpflaster. »Oh, hallo, Kleinpo«, sagte er. »Was ist denn jetzt? Laß mich raten – jemand hat die klatschianische Botschaft in Brand gesetzt.« »Ja, Herr Kommandeur«, erwiderte die Zwergin. Unsicher blieb sie mitten in der Gasse stehen und wirkte sehr besorgt. »Nun?« fragte Mumm. »Äh, du hast gerade gesagt…« Ein flaues Gefühl keimte in Mumms Magengrube, als er sich an die Neigung der Zwerge erinnerte, alles wörtlich zu verstehen. »Die klatschianische Botschaft steht tatsächlich in Flammen?« »Ja, Herr Kommandeur!« Frau Geifer öffnete die Tür einen Spalt. »Ja?« »Ich bin ein Freund von…« Karotte zögerte und fragte sich, ob Fred seinen wahren Namen genannt hatte. »Äh… ein großer, dicker Mann, dessen Anzug nicht richtig paßt…« »Meinst du den Burschen, der mit dem Sexualirren herumläuft?« »Wie bitte?« »Ein dürrer kleiner Narr, wie ein Clown gekleidet?« »Sie sagten, du hättest ein freies Zimmer«, meinte Karotte verzweifelt. »Es ist an die beiden Burschen vermietet«, erwiderte Frau Geifer und versuchte, die Tür zu schließen. »Sie sagten auch, ich könnte…« »Keine Untermieter!« »Sie sagten, ich solle dir zwei Dollar bezahlen!« Der Druck auf die Tür ließ ein wenig nach., »Zusätzlich zu dem Geld, das ich bereits bekommen habe?« fragte Frau Geifer. »Ja.« »Nun…« Sie musterte Karotte von Kopf bis Fuß und schniefte. »Na schön. Zu welcher Schicht gehörst du?« »Bitte?« »Du bist ein Wächter, nicht wahr?« »Äh…« Karotte zögerte erneut und hob dann die Stimme. »Nein, ich bin kein Wächter. Haha, du hältst mich für einen Wächter? Sehe ich etwa wie ein Wächter aus?« »Ja, du siehst tatsächlich wie ein Wächter aus«, sagte Frau Geifer. »Du bist Hauptmann Karotte. Ich habe dich in der Stadt auf Streife gesehen. Nun, ich nehme an, selbst Polizisten müssen irgendwo schlafen.« Auf dem Dach rollte Angua mit den Augen. »Keine Frauen, kein Kochen, keine Musik, keine Haustiere«, sagte Frau Geifer, als sie Karotte über eine knarrende Treppe nach oben führte. Angua wartete in der Dunkelheit, bis sie hörte, wie sich ein Fenster öffnete. »Sie ist fort«, flüsterte Karotte. »Hier draußen liegen Glassplitter auf den Schindeln, so wie es in Freds Bericht stand«, sagte Angua, als sie hereinkletterte. Im Zimmer schloß sie die Augen und atmete tief durch. Zuerst mußte sie den Geruch von Karotte vergessen: Angstschweiß, Seife, Spuren eines Poliermittels, das an den Brustharnisch erinnerte… … und Fred Colon, ganz Schweiß mit einer Andeutung von Bier, und dann die seltsame Salbe, mit der Nobby sein Hauptproblem zu lösen versuchte, und der Ge- ruch von Füßen, Körpern, Kleidung, Reinigungsmitteln, Fingernägeln… Nach einer Stunde konnte das Auge der Nase sehen, wie jemand durchs Zimmer ging – der Geruch fror Personen in der Zeit fest. Doch nach einigen Tagen überlagerten sich diese Spuren und verhedderten sich. Man mußte die eine von der anderen trennen, vertraute Fragmente beiseite nehmen. Was danach übrigblieb… »Es ist ein solches Durcheinander!«, »Schon gut, schon gut«, sagte Karotte in tröstendem Tonfall. »Mindestens drei Personen! Aber ich glaube, eine von ihnen ist Ostie… Am Bett ist der Geruch stärker, und…« Angua öffnete die Augen und blickte auf den Boden. »Hier irgendwo!« »Was? Was meinst du?« Angua bückte sich, bis nur noch wenige Zentimeter ihre Nase vom Boden trennten. »Ich rieche es, kann es aber nicht sehen!« Ein Messer erschien vor ihr. Karotte kniete sich hin und kratzte mit der Klinge durch den staubigen Spalt zwischen den Dielen. Etwas Splittriges und Braunes kam zum Vorschein. Das Objekt war schmutzig und hatte ganz offensichtlich bessere Zeiten erlebt, aber jetzt nahm selbst Karotte das unverkennbare Aroma einer Gewürznelke wahr. »Glaubst du, Ostie hat oft Apfelkuchen gebacken?« fragte er leise. »Kochen verboten, erinnerst du dich?« erwiderte Angua und lächelte. »Da ist noch etwas…« Karotte hebelte noch mehr Schmutz und Staub nach oben. Etwas glit- zerte darin. »In Freds Bericht hieß es, die Glassplitter hätten draußen gelegen, nicht wahr?« »Ja.« »Nun, angenommen, jemand hat nicht alle Splitter aufgesammelt, nachdem er die Fensterscheibe eingeschlagen hatte und ins Zimmer ge- langt war?« »Für jemanden, der nicht lügt, kannst du ziemlich schlau sein, Karotte.« »Es ist nur logisch. Es liegen Glassplitter vor dem Fenster. Doch das bedeutet nur, daß Glassplitter vor dem Fenster liegen. Kommandeur Mumm sagt immer, daß es eigentlich gar keine Spuren gibt. Es kommt nur darauf an, aus welchem Blickwinkel man die Dinge betrachtet.« »Du glaubst, hier ist jemand eingebrochen, hat dann die Glassplitter eingesammelt und sie draußen vors Fenster gelegt?« »Das wäre möglich.« »Karotte? Warum flüstern wir?«, »Keine Frauen, erinnerst du dich?« »Und keine Haustiere«, fügte Angua hinzu. »Hier bin ich doppelt un- erwünscht. Schau nicht so betreten drein«, fügte sie hinzu, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte. »Es ist nur unverschämt, wenn es jemand anders sagt. Mir sind solche Bemerkungen gestattet.« Karotte schabte noch einige weitere Glassplitter aus der Ritze zwischen den Dielen. Angua sah unters Bett und holte die Zeitschriften hervor. »Bei den Göttern, es gibt tatsächlich Leute, die so etwas lesen?« Sie blätterte in Bögen und Bolzen. »›Test des Locksli Reflex Nummer 7: Ein toller Bogen‹. Und: ›Wunde Füße! Wir haben die zehn besten Fußangeln getestet…‹ Und wie heißt diese Zeitschrift? Söldner?« »Irgendwo wird immer Krieg geführt«, sagte Karotte und zog die Scha- tulle mit dem Geld unterm Bett hervor. »Sieh nur, wie groß diese Axt ist! ›Verschaffe dir den entscheidenden Vorteil! Mit der Streitaxt Straßenkehrer von Burlich-and-Starkimarm bist du deinen Gegnern um eine Kopflänge voraus!‹ Nun, vermutlich stimmt es, was man von Männern behauptet, die große Waffen lieben…« »Was behauptet man von ihnen?« sagte Karotte und hob den Deckel der Schatulle. Angua sah auf ihn hinab. Wie immer strahlte Karotte Unschuld aus wie eine Sonne Licht. Aber er… Sie hatten… Er sollte eigentlich wissen… »Es heißt, sie… äh… seien recht klein«, sagte Angua. »Oh, das stimmt.« Karotte griff nach den klatschianischen Münzen. »Nimm nur die Zwerge. Sie sind am glücklichsten, wenn sie eine Axt schwingen können, die mindestens ebenso groß ist wie sie. Und Nobby. Er ist fasziniert von Waffen und könnte von der Größe her ein Zwerg sein.« »Äh…« Angua war sicher, daß sie Karotte besser kannte als sonst jemand. Au- ßerdem zweifelte sie kaum daran, daß sie ihm viel bedeutete. Er sprach nur selten darüber, nahm einfach an, daß sie Bescheid wußte. Sie hatte andere Männer gekannt, obwohl der Umstand, daß sie einmal im Monat zum Wolf wurde, auf gewöhnliche Männer nicht besonders attraktiv wirkte – im Gegenteil. Sie wußte auch, daß Männer bestimmte Dinge, die sie, gewissermaßen in der Hitze des Augenblicks von sich gaben, anschlie- ßend schnell vergaßen. Aber wenn Karotte etwas sagte… dann schien er davon überzeugt zu sein, daß bis auf weiteres alles geklärt und geregelt war. Wenn Angua ihn darauf angesprochen hätte, wäre er sicher über- rascht gewesen, daß sie sich nicht mehr an seine Worte erinnerte – die er anschließend noch einmal für sie zitierte, mit genauen Angaben von Zeit und Ort. Und doch hatte Angua manchmal den Eindruck, daß der größere Teil von ihm sich in seinem Innern verbarg und aufmerksam Ausschau hielt. Niemand konnte so schlicht sein, auf so kreative Art und Weise naiv, ohne gleichzeitig über eine sehr hohe Intelligenz zu verfügen. Es war wie Schauspielern. Nur ein sehr guter Schauspieler konnte einen schlechten Schauspieler überzeugend darstellen. »Ist ziemlich einsam, unser Nobby«, sagte Karotte. »Nun, ja…« »Aber ich bin sicher, früher oder später findet er die richtige Person«, fügte Karotte munter hinzu. Wahrscheinlich in einer Flasche, dachte Angua und erinnerte sich an das Gespräch mit ihm. Es war schrecklich, so zu denken, aber… in ihr regte sich Unbehagen bei der Vorstellung, daß man Nobby gestattete, sich dem Genpool hinzuzugesellen, wenn auch nur am seichten Ende. »Diese Münzen sind seltsam«, sagte Karotte. »Wie meinst du das?« fragte Angua, dankbar für die Ablenkung. »Warum sollte man Ostie in klatschianischen Wol bezahlen? Hier hätte er nichts damit kaufen können, und die Geldwechsler bieten keinen be- sonders guten Kurs an.« Karotte warf eine Münze in die Luft und fing sie wieder auf. »Als wir aufbrachen, sagte Herr Mumm zu mir: ›Versucht, die Datteln und das Kamel unter dem Kopfkissen zu finden.‹ Ich glaube, ich weiß, was er meinte.« »Sand auf dem Boden«, sagte Angua. »Gibt es eine deutlichere Spur? Man weiß sofort, daß nur ein Klatschianer in Frage kommt.« »Aber die Gewürznelke.« Karotte befingerte das braune Etwas. »Nicht einmal bei den Klatschianern ist es üblich, solche Dinge mit sich herum- zutragen. Das ist keine deutliche Spur, oder?«, »Sie riecht nicht so alt«, stellte Angua fest. »Ich schätze, er war in der vergangenen Nacht hier.« »Nach Osties Tod?« »Ja.« »Warum?« »Woher soll ich das wissen?« erwiderte Angua. »Und überhaupt: Was ist 71-Stunden-Ahmed für ein Name?« Karotte zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich glaube, Herr Mumm glaubt, jemand in Ankh-Morpork will uns zu der Annahme verlei- ten, die Klatschianer hätten für den Anschlag auf den Prinzen bezahlt. Das klingt… scheußlich, aber logisch. Allerdings verstehe ich nicht, war- um ein echter Klatschianer an dieser Sache beteiligt ist…« Ihre Blicke trafen sich. »Politik?« sagten sie beide gleichzeitig. »Für genug Geld wären viele Leute zu allem bereit«, meinte Angua. Plötzlich klopfte es mit ziemlichem Nachdruck an der Tür. »Hast du jemanden dort drin?« fragte Frau Geifer. »Durchs Fenster!« flüsterte Karotte. »Warum zerfetze ich ihr nicht einfach die Kehle?« entgegnete Angua. »Schon gut, es war nur ein Scherz.« Sie seufzte und kletterte nach drau- ßen. In Ankh-Morpork gab es keine Feuerwehr mehr. Manchmal dachten die Bürger der Stadt sehr direkt, und es dauerte nicht lange, bis sie einsahen: Es konnte falsch sein, eine Gruppe von Männern für die Anzahl der Brände zu bezahlen, die sie löschten. Kurz nach dem Holzkohlendiens- tag war der Groschen endgültig gefallen. Seitdem verließ man sich in Ankh-Morpork auf das gute alte Prinzip des eigenen Interesses. Wer in der Nähe eines brennenden Gebäudes wohnte, zögerte nicht, etwas gegen das Feuer zu unternehmen. Immer- hin konnte das Strohdach, das so gerettet wurde, durchaus das eigene sein., Doch die Menge vor der brennenden Botschaft beobachtete das Feuer so, als loderte es auf einem fernen Kontinent. Die Leute wichen automatisch beiseite, als Mumm sich mit den Ellen- bogen einen Weg zum Tor bahnte. Flammen leckten bereits aus allen Fenstern im Erdgeschoß; hin und her laufende Gestalten zeichneten sich in ihrem flackernden Schein ab. Er wandte sich der Menge zu. »Was ist los mit euch? Bildet eine Ei- merkette!« »Es ist ihre verdammte Botschaft«, sagte jemand. »Ja. Klatschianisches Territorium.« »Und klatschianisches Territorium darf man nicht einfach so betreten.« »Das wäre eine Invasion.« »Sie erlauben es gar nicht«, sagte ein kleiner Junge mit einem Eimer in der Hand. Mumm sah zum Tor der Botschaft. Zwei Wächter standen dort. Ihre besorgten Blicke glitten zwischen dem Feuer hinter ihnen und der Men- ge vor ihnen hin und her. Sie waren nervös. Aber was noch schlimmer war: Sie waren nervös und mit Schwertern bewaffnet. Der Kommandeur näherte sich ihnen vorsichtig, lächelte und hob sei- ne Dienstmarke wie einen Schild. Er wünschte sich plötzlich, sie wäre ein ganzes Stück größer. »Ich bin Kommandeur Mumm von Ankh-Morporks Stadtwache«, sag- te er und versuchte, möglichst freundlich und hilfsbereit zu klingen. Einer der beiden Wächter winkte ihn fort. »Hinweg mit dir!« »Äh…«, sagte Mumm. Er sah aufs Kopfsteinpflaster, hob dann den Kopf und richtete seinen Blick wieder auf den Wächter. Irgendwo in den Flammen schrie jemand. »Du! Komm her! Siehst du das?« rief er dem Wächter zu und deutete zu Boden. Der Mann trat einen Schritt vor. »Dies ist das Territorium von Ankh-Morpork, mein Freund«, sagte Mumm. »Und du stehst darauf und behinderst mich bei der Ausübung meiner…« Er rammte dem Wächter seine Faust so fest wie möglich in den Magen.»… Pflicht!«, Als der zweite Wächter heransprang, trat er zu und traf ihn am Knie. Etwas knackte, und es fühlte sich nach Mumms eigenem Fußknöchel an. Er fluchte und hinkte ein wenig, als er in die Botschaft eilte und einen vorbeihastenden Mann am Umhang festhielt. »Hält sich hier noch jemand auf? Sind weitere Personen im Gebäude?« Der Mann bedachte Mumm mit einem panikerfüllten Blick. Die Unter- lagen, die er in beiden Armen getragen hatte, fielen zu Boden. Jemand anders griff nach der Schulter des Kommandeurs. »Kannst du klettern, Herr Mumm?« »Wer…« Der Neuankömmling wandte sich dem Dokumententräger zu und schlug ihm ins Gesicht. »Retter von Papier!« Der Mann fiel zurück, wobei ihm der Turban vom Kopf gerissen wur- de. »Hier entlang!« Der Fremde lief durch den Qualm. Mumm folgte ihm, bis sie eine Wand erreichten. Ein Abflußrohr führte daran entlang. »Wie…« »Nach oben! Nach oben!« Mumm stützte den einen Fuß auf die gewölbten Hände des Mannes, erreichte mit dem anderen eine Halterung und schob sich nach oben. »Schneller!« In einer Mischung aus Klettern und Ziehen gelangte Mumm nach oben. Kleine Feuerwerke aus Schmerz explodierten in seinem Bein, als er schließlich eine Brüstung erreichte und sich darüber zog. Der andere Mann stieg hinter ihm auf, als wäre er die Wand emporgelaufen. Ein Tuch verbarg die untere Gesichtshälfte des Fremden, und er reich- te Mumm einen ähnlichen Stoffetzen. »Mund und Nase damit bedecken!« befahl er. »Schützt vor dem Rauch!« Dichte Qualmwolken wogten über das Dach. Neben Mumm leckte ei- ne Flammenzunge aus dem Schornstein. Der Rest des entrollten Turbans wurde ihm in die Hand gedrückt., »Du nimmst diese Seite und ich die andere«, sagte die Erscheinung und eilte durch den Rauch davon. »Aber w…« Mumm spürte die Hitze durch die Stiefelsohlen. Er hinkte übers Dach und hörte laute Stimmen von unten. Als er sich über den Dachrand beugte, bemerkte er ein Fenster, aus dem ein winkender Arm ragte. Die Menge vor dem Gebäude war inzwischen noch weiter gewachsen. Inmitten des Durcheinanders sah Mumm die große Gestalt des Oberge- freiten Dorfl – als Golem brauchte er das Feuer nicht zu fürchten. Aller- dings hatte Dorfl immer wieder Probleme mit Treppen: Es gab nicht viele, die sein Gewicht aushielten. Der Arm im Rauch winkte nicht mehr. »Kannst du fliegen, Herr Mumm?« Er blickte zum Schornstein, der noch immer Feuer in den Himmel spie. Er betrachtete den entrollten Turban. Ein großer Teil von Mumms Gehirn hatte die Arbeit eingestellt, ob- wohl die für den Schmerz in seinem Bein zuständigen Stellen noch im- mer einwandfrei funktionierten. Tief im Kern seines Selbst regten sich nach wie vor einige Gedanken, die ihm folgende Botschaft vermittelten: Der Turbanstoff sieht recht fest aus… Er blickte erneut zum Schornstein, der recht stabil wirkte. Knapp zwei Meter trennten ihn vom Fenster mit der zerschlagenen Scheibe. Mumm bewegte sich ganz automatisch. Nun, wenn man – rein theoretisch – das eine Ende des entrollten Tur- bans um den Schornstein wickelte, zum Beispiel so, und wenn man den langen Stoffstreifen dann so ablaufen ließ, und wenn man sich so über die Brüstung schwang, und wenn man sich so mit den Füßen an der Wand abstieß, und wenn man dadurch genug Schwung bekam, um auch die anderen Scheiben des Fensters zu zertrümmern und ins Innere des Ge- bäudes gelangte, etwa so…, Ein Karren quietschte über die feuchte Straße. Er kam auf recht unre- gelmäßige Art und Weise voran, denn alle Räder waren von unterschied- licher Größe. Das Ding ruckelte und wankte und rutschte übers Pflaster. Vermutlich kostete es so viel Kraft, dieses Gebilde zu ziehen, daß der Nutzen in keinem Verhältnis zum Aufwand stand, zumal der Inhalt aus Müll zu bestehen schien. Der Besitzer des Karrens sah nicht viel besser aus. Er war etwa so groß wie ein durchschnittlicher Mann, ging aber so weit vornübergebeugt, daß er kleiner wirkte. Fell oder Lumpen bedeckten ihn, vielleicht auch beides. Das haarige Durcheinander war so verfilzt, daß kleine Pflanzen darin wuchsen. Wäre die Gestalt stehengeblieben, um sich auf dem Boden zusammenzukauern, hätte man sie für einen lange vernachlässigten Komposthaufen halten können. Sie schnüffelte, wäh- rend sie ging. Ein Fuß streckte sich, um das Geschöpf anzuhalten. »Guten Abend, Krummi«, sagte Karotte, als der Karren zum Stehen kam. Die gebeugte Gestalt verharrte. Ein Teil von ihr neigte sich nach oben. »Ver’winde«, erklang es irgendwo in dem Haufen. »Oh, ich bitte dich, Krummi, wir wollen uns doch gegenseitig helfen, nicht wahr? Du hilfst mir, und ich helfe dir.« »Ver’winde, ‘ptm’nn.« »Du beantwortest meine Fragen«, erklärte Karotte. »Und ich verzichte darauf, deinen Karren zu durchsuchen.« »Ich verabscheue Gnolle«, sagte Angua. »Sie riechen scheußlich.« »Oh, jetzt bist du ungerecht. Ohne dich und deinesgleichen wären die Straßen viel schmutziger, nicht wahr, Krummi?« Karotte sprach noch immer in sehr freundlichem Ton. »Du hebst dies auf und hebst das auf, schlägst es manchmal gegen die nächste Wand, bis es zu zappeln auf- hört…« »‘s ist d’ völl’g falsche Wahr’eit«, erwiderte der Gnoll. Es folgte ein Blubbern, das leises Lachen sein mochte., »Wie ich hörte, weißt du vielleicht, wo sich Schneetreiben Schuppert aufhält«, sagte Karotte. »K’ne Ahn’ng.« »Gut.« Karotte holte eine Mistgabel mit drei Zinken hervor und wan- derte um den tropfenden Karren herum. »Hab k’ne Ahn’ng v’n d’m Süßwa’nlad’n im Geldf’nweg.« »Meinst du den Laden mit dem Schild ›Zimmer zu vermieten‹?« »G’nau.« »Ausgezeichnet. Danke, daß du ein so hilfsbereiter Bürger gewesen bist«, sagte Karotte. »Übrigens: Auf dem Weg hierher haben wir eine tote Möwe gesehen. Sie liegt in der Brauerstraße. Wenn du dich beeilst, er- reichst du sie vielleicht, bevor der Andrang zu groß wird.« Der Gnoll schnaufte etwas Unverständliches und beugte sich wieder nach vorn. Der Karren wankte los und verschwand kurz darauf hinter einer Straßenecke. »Im Grunde ihres Wesens sind es gute Burschen«, sagte Karotte. »Es spricht für die Toleranz in dieser Stadt, daß selbst Gnolle in Ankh- Morpork eine Heimat finden können.« »Wenn ich sie sehe und rieche, dreht sich mir der Magen um«, erwiderte Angua. »Auf diesem wuchsen sogar Pflanzen!« »Herr Mumm sagt, wir sollten etwas für sie tun«, ließ sich Karotte ver- nehmen. »Er meint es wirklich gut.« »Mit einem Flammenwerfer, sagt er.« »Das würde nichts nützen. Sie sind zu feucht. Hat man jemals heraus- gefunden, wovon sie sich ernähren?« »Man sollte sich die Gnolle besser als Leute vorstellen, die… sauber- machen. Heutzutage sieht man nicht mehr so viel Müll und tote Tiere auf den Straßen wie früher.« »Ja, aber hast du jemals beobachtet, daß ein Gnoll mit Bürste und Schaufel arbeitet?«, »Nun, so ist das eben mit der Gesellschaft«, sagte Karotte. »Alles wird auf die Leute weiter unten abgeladen, bis man jemand findet, der bereit ist, es zu essen. Das sagt jedenfalls Herr Mumm.« »Ja«, erwiderte Angua. Eine Zeitlang gingen sie schweigend, dann frag- te sie: »Für dich ist sehr wichtig, was Herr Mumm sagt, nicht wahr?« »Er ist ein guter Polizist und ein Beispiel für uns alle.« »Und… du hast nie in Erwägung gezogen, dir zum Beispiel in Quirm eine neue Arbeit zu suchen? Die anderen Städte machen Wächtern aus Ankh-Morpork gute Angebote.« »Was, Ankh-Morpork verlassen?« Sein Tonfall war Antwort genug. Angua seufzte. »Nein, natürlich nicht.« »Außerdem weiß ich gar nicht, wie Herr Mumm ohne mich zurecht- kommen sollte.« »Das ist ein Standpunkt«, kommentierte Angua. Es war nicht weit bis zum Geldfallenweg. Er gehörte zu einem Stadt- viertel, dessen Bewohner Lord Rust vermutlich als »geschickte Hand- werker« bezeichnet hätte. Die Betreffenden standen auf der sozialen Lei- ter zu tief, um Dinge zu erschüttern, aber gleichzeitig hoch genug, um sich nicht so leicht erschüttern zu lassen. Viele von ihnen arbeiteten als Schleifer und Polierer. Es waren Leute, die nicht viel besaßen und sehr stolz auf das Wenige waren. Es gab kleine Hinweise darauf, zum Beispiel glänzende Hausnummernschilder. Und an den Wänden der Häuser, die nach Jahrhunderten des Bauens und Erweiterns eine lange Reihe bilde- ten, markierten unterschiedliche Farben Eigentumsgrenzen: Bis auf den Millimeter genau hatten die Bewohner ihren Teil der langen Hausreihe gestrichen. Karottes Meinung nach drückte solch ein Verhalten die in- stinktive Erkenntnis der Leute aus, daß Zivilisation auf dem gegenseiti- gen Respekt von Besitz basiert. Angua hingegen hielt diese Personen für kleingeistige Mistkerle, die fähig waren, einem die Uhrzeit zu verkaufen. Karotte ging geräuschvoll durch die Gasse neben dem Süßwarenladen. Eine einfach gestaltete Holztreppe führte zum ersten Stock hinauf, und er deutete auf den Müllhaufen darunter. Er schien zum größten Teil aus Flaschen zu bestehen. »Trinkt er viel?« hauchte Angua. Karotte schüttelte den Kopf., Sie bückte sich, um einen Blick auf die Etiketten zu werfen, doch ihre Nase gab ihr bereits Auskunft. Schnappers homöopathisches Shampoo. Mihr und Stechmaus’ Kräuterpackung – mit Kräutern! Superspezielles Kopfhauttonikum – mit zusätzlichen Kräutern! Dutzende von Shampoo-Sorten. Kräuter, dachte Angua. Gib einige Pflanzen in einen Topf und gieß Wasser hinzu – schon hast du eine Kräuterbrühe. Karotte wollte die Treppe hinaufgehen, als Angua ihm die Hand auf die Schulter legte. Sie nahm noch einen weiteren Geruch wahr – wie ein Speer durchstieß er die übrigen Gerüche auf der Straße. Und die Nase eines Werwolfs reagierte besonders empfindlich darauf. Karotte nickte und ging mit leisen Schritten zur Tür. Dort deutete er nach unten. Ein Fleck zierte die Schwelle. Der Hauptmann zog sein Schwert und stieß die Tür auf. Dunnelgurt Schuppert hatte sein besonderes Leiden nicht auf die leich- te Schulter genommen. Flaschen aller Größen und Formen standen auf jeder einigermaßen horizontalen Fläche, wiesen sowohl auf die Kunst der Alchimisten hin als auch auf den menschlichen Optimismus. Eine Schüssel auf dem Tisch enthielt noch immer das Seifenwasser des letzten Experiments, und die Leiche am Boden trug ein Handtuch um den Hals. Karotte sah auf den Toten hinab. Schneetreiben war gestor- ben, als er sich die Haare waschen wollte – das Schicksal konnte wirklich grausam sein. »Ich glaube, wir können den Tod feststellen«, sagte Karotte. »Bäh«, brachte Angua hervor. Sie griff nach der offenen Shampoofla- sche und schnupperte daran. Der eklige Geruch marinierter Kräuter stieg ihr in die Nase, doch alles war besser als der süßliche, verlockende Duft des Blutes. »Ich frage mich, was mit seinem Kopf geschehen ist?« fragte Karotte in entschlossen sachlichem Tonfall. »Oh, er ist nach dort drüben gerollt… Was riecht hier so gräßlich?« »Dies!« Angua hob das Shampoo. »Vier Dollar die Flasche. Igitt!« Angua roch noch einmal an dem Kräuterschleim, um den Geruch des Blutes zu verdrängen., »Es scheint nichts gestohlen zu sein«, sagte Karotte. »Es sei denn, der Täter ging sehr vorsichtig zu Werke… Was ist los mit dir?« »Frag bloß nicht!« Angua öffnete ein Fenster und füllte ihre Lungen mit vergleichsweise sauberer Luft, während Karotte die Taschen der Leiche durchsuchte. »Äh… kannst du feststellen, ob hier irgendwelche Gewürznelken he- rumliegen?« fragte er. »Karotte! Bitte! Wir sind in einem Zimmer mit Blut auf dem Boden! Weißt du nicht, was das für mich bedeutet? Entschuldigung…« Sie eilte hinaus und die Treppenstufen hinunter. In der Gasse herrschte ganz normaler Gassengeruch, vermischt mit den besonderen Aromen von Ankh-Morpork. Aber wenigstens weckte der Gestank in Angua nicht das Verlangen, sich in einen Werwolf zu verwandeln. Sie lehnte sich an die Mauer und versuchte, sich wieder ganz unter Kontrolle zu bringen. Shampoo… Mit nur einem Biß hätte sie dafür sorgen können, daß Schneetreiben viel Geld sparte. Dann wäre ihm klar geworden, was ein echtes Haarproblem war… Karotte verließ das Zimmer einige Minuten später und schloß die Tür hinter sich ab. »Fühlst du dich besser?« »Ein wenig…« »Da war noch etwas anderes«, sagte Karotte nachdenklich. »Ich glaube, Schneetreiben hat etwas geschrieben, bevor er starb. Die Sache ist sehr seltsam.« Er zeigte Angua etwas, das nach einem billigen Notizblock aussah. »Dies hier muß genau untersucht werden.« Er schüttelte den Kopf. »Armer alter Schneetreiben.« »Er war ein Mörder!« »Ja, aber es ist scheußlich, so zu sterben.« »Enthauptung? Durch ein ziemlich scharfes Schwert, so wie’s aussah. Ich kann mir Schlimmeres vorstellen.« »Mag sein. Aber ich muß dauernd daran denken, daß er vielleicht ein ganz anderes Leben geführt hätte, wenn er bessere Haare gehabt oder schon frühzeitig das richtige Shampoo gefunden hätte…«, »Wenigstens braucht er sich jetzt über Schuppen keine Sorgen mehr zu machen.« »Das war ein wenig taktlos.« »Entschuldige, aber du weißt ja, daß mich der Geruch von Blut nervös macht.« »Dein Haar sieht immer prächtig aus«, sagte Karotte und wechselte das Thema – mit ungewöhnlich viel Takt, fand Angua. »Ich weiß nicht, was du benutzt, aber es ist schade, daß Schneetreiben nie Gelegenheit hatte, es einmal damit zu probieren.« »Ich bezweifle, daß er jemals den richtigen Laden betreten hat«, meinte Angua. »Auf der Flasche des Shampoos, das ich verwende, steht ›Für ein glänzendes Fell‹… Was ist los?« »Riechst du Rauch?« fragte Karotte. »Meine Güte, es dauert sicher noch fünf Minuten, bis ich etwas ande- res riechen kann als nur Blut…« Karotte sah an ihr vorbei zu dem großen roten Glühen am Himmel. Mumm hustete. Und hustete noch etwas mehr. Schließlich öffnete er die tränenden Augen in der sicheren Überzeugung, seine eigenen Lungen zu sehen. »Ein Glas Wasser, Herr Mumm?« Durch den Tränenschleier bemerkte er die schemenhafte Gestalt von Fred Colon. »Danke, Fred. Wo kommt dieser schreckliche Brandgeruch her?« »Von dir selbst, Herr Kommandeur.« Mumm saß auf einer niedrigen Mauer außerhalb der Botschaftsreste. Kühle Luft strömte an ihm vorbei. Er fühlte sich wie ein nicht durchge- bratenes Steak. Hitze strahlte regelrecht von ihm aus. »Du bist eine Zeitlang bewußtlos gewesen, Herr Kommandeur«, sagte Feldwebel Colon. »Aber vorher hast du dich durchs Fenster ins Gebäude geschwungen. Und du hast die Frau nach draußen geworfen, damit De- tritus sie auffängt! Damit hast du dir bestimmt eine Feder für deinen Helm verdient, Herr Kommandeur, kein Zweifel! Ich wette, für die Ar-, beit an diesem Abend verleihen dir die Handtuchkö… die Klatschianer den Orden des Kamels, oder was weiß ich!« Colon strahlte und war allein deshalb stolz, weil er wie Mumm zur Wache gehörte. »Eine Feder für meinen Helm«, murmelte Mumm. Er nahm den Helm ab und stellte mit müder Genugtuung fest, daß die bunten Federn ver- brannt waren. Nur noch kleine, rußige Stummel erinnerten an sie. Er blinzelte langsam. »Was ist mit dem Mann, Fred? Konnte er das Gebäude verlassen?« »Welcher Mann?« »Ich bin jemandem begegnet…« Mumm blinzelte erneut. Verschiedene Teile seines Körpers erinnerten sich daran, daß er nicht die notwendige Rücksicht auf sie genommen hatte, weshalb sie nun heftig protestierten. Er erinnerte sich daran, daß er einen… Mann gesehen hatte. Mumm landete auf einem Bett oder etwas in der Art, und eine Frau klammerte sich an ihm fest, und er zertrümmerte den Rest des Fensters, und unten sah er die langen und vor allem starken Arme des Trolls Detritus, und er warf ihm die Frau so sanft zu, wie es die Umstände erlaubten. Dann kam der Mann vom Dach erneut aus dem Rauch, mit einer Gestalt über der Schulter, und er rief etwas, forderte ihn mit einem Wink auf, ihm zu folgen… … und dann gab der Boden nach… »Es waren… noch zwei andere Personen im Haus«, sagte Mumm und hustete erneut. »Sie haben es nicht durch die Vordertür verlassen«, meinte Colon. »Wie bin ich nach draußen gekommen?« fragte Mumm. »Oh, Dorfl versuchte unten, das Feuer auszutreten, Herr Komman- deur. Kann sehr nützlich sein, ein keramischer Obergefreiter. Du bist direkt auf ihm gelandet, und er trug dich natürlich sofort nach draußen. Morgen früh gratuliert man dir bestimmt, Herr Kommandeur!« Derzeit gratulierte ihm niemand, stellte Mumm fest. Es weilten noch immer viele Leute in der Nähe: Sie trugen Bündel, traten kleinere Feuer aus und stritten miteinander… Aber dort, wo eigentlich die Gratulieren- wir-dem-Helden-Zeremonie stattfinden sollte, herrschte auffallende Lee- re., »Oh, nach einer solchen Sache sind die Leute immer sehr beschäftigt, Herr Kommandeur«, fügte Colon hinzu, als hätte er Mumms Gedanken gelesen. »Ich könnte jetzt ein angenehm kaltes Bad gebrauchen«, teilte Mumm der Welt mit. »Und etwas Schlaf. Sybil hat herrliche Salben gegen Haut- verbrennungen… Oh, hallo, ihr beiden.« »Wir haben das Feuer gesehen…«, begann Karotte und stoppte ab. »Ist alles vorbei?« »Herr Mumm hat eine Heldentat vollbracht!« verkündete Feldwebel Colon aufgeregt. »Ist ins brennende Gebäude geeilt und hat alle gerettet, in der besten Tradition der Wache!« »Fred?« ächzte Mumm. »Ja, Herr Kommandeur?« »Fred, die beste Tradition der Wache ist die, um drei Uhr mitten in der Nacht in irgendeiner windstillen Ecke zu stehen und zu rauchen. Wir wollen doch nicht übertreiben.« Colon wirkte betroffen. »Nun…«, begann er. Mumm stand mühsam auf und klopfte dem Feldwebel auf den Rük- ken. »Na schön, machen wir eine Tradition daraus«, sagte er. »Die nächste heldenhafte Rettung übernimmst du, Fred. Und jetzt…« Er versuchte, die Schultern zu straffen. »Ich gehe zur Wache und schreibe meinen Be- richt.« »Du bist ganz mit Ruß bedeckt und kannst dich kaum auf den Beinen halten«, sagte Karotte. »Du solltest besser nach Hause gehen.« »O nein«, widersprach Mumm. »Zuerst muß ich den Papierkram erle- digen. Weiß jemand, wie spät es ist?« »Bimmel-bimmel-bamm!« ertönte eine fröhliche Stimme aus seiner Ta- sche. »Verdammt!« fluchte Mumm, aber es war bereits zu spät. »Es ist… etwa so um neun«, erklärte eine quiekende, freundliche Stimme, deren Tonfall darum bat, erdrosselt zu werden. »Etwa so um neun?«, »Ja. Haargenau etwa so um neun.« Mumm rollte mit den Augen. »Haargenau etwa so um neun?« fragte er. Er zog ein kleines Objekt aus der Tasche und hob den Deckel. Der Dä- mon darin bedachte ihn mit einem zornigen Blick. »Gestern«, verkündete er, »hast du folgendes gesagt, und ich zitiere: ›Wenn du nicht mit dem Acht-Uhr-sechsundfünfzig-und-sechs- Sekunden-Präzisions-Unsinn aufhörst, wirst du bald die Unterseite eines Hammers betrachten.‹ Woraufhin ich erwiderte: ›Dadurch wird die Ga- rantie hinfällig. Hier Namen einfügen.‹ Woraufhin du gesagt hast: ›Nimm die Garantie und steck sie dir…‹« »Ich dachte, du hättest das Ding verloren«, meinte Karotte. »Ha!« erwiderte der Disorganizer. »Mich verloren? Das dachtest du wirklich? Ich nenne es nicht verlieren, wenn man etwas in die Tasche steckt, kurz bevor die Hose gewaschen wird.« »Reiner Zufall, weiter nichts«, brummte Mumm. »Ach? Vermutlich war es auch Zufall, als du mich in den Futternapf des Drachen fallengelassen hast, wie?« Der Dämon grummelte leise vor sich hin und fügte dann hinzu: »Wie dem auch sei… Möchtest du deine Termine für heute erfahren?« Mumm blickte zu den qualmenden Resten der Botschaft. »Ich bin ganz Ohr«, sagte er. »Du hast keine«, erwiderte der Dämon verdrießlich. »Zumindest hast du mir keine genannt.« »Na bitte«, erwiderte Mumm. »Genau das geht mir so auf die Nerven! Warum sollte ich dir irgendwelche Termine nennen? Deine Aufgabe ist es doch, mir Bescheid zu geben. Warum hast du mir nicht gesagt: ›Etwa gegen acht – einen Aufruhr bei Banale Mahlzeiten beenden und Detritus daran hindern, Leute zu erschießen.‹?« »Du hast mich nicht darauf hingewiesen, daß ich dich darauf hinweisen sollte!« »Weil ich zunächst gar nichts davon wußte! So ist das im Leben. Wie soll ich dich auffordern, mich vor Dingen zu warnen, von denen niemand weiß, daß sie geschehen werden? Du hättest nur dann einen echten Nut- zen, wenn du das erledigen würdest.«, »Er kritzelt ins Handbuch«, sagte der Dämon vorwurfsvoll. »Wißt ihr was? Er kritzelt ins Handbuch.« »Nun, ja, ich mache mir Notizen…« »Er versucht sogar, sein Tagebuch im Handbuch zu führen«, fuhr der Dämon fort. »Auf diese Weise will er vor seiner Frau verbergen, daß er sich überhaupt nicht die Mühe macht, den Umgang mit mir zu lernen.« »Und was ist mit dem Mumm-Handbuch?« entgegnete Mumm scharf. »Ich muß feststellen, daß du dir nie die Mühe gemacht hast, den Umgang mit mir zu lernen.« Der Dämon zögerte. »Es gibt Handbücher für Menschen?« fragte er. »Es wäre eine verdammt gute Idee!« stieß Mumm hervor. »Das stimmt«, murmelte Angua. »Darin könnte zum Beispiel stehen: ›Kapitel 1 – Bimmel-bimmel- bamm und andere dumme Dinge, mit denen man Menschen um sechs Uhr morgens nervt‹«, sagte Mumm. In seinen Augen blitzte es. »Und ›Probleme – Mein Besitzer will mich in den Abort werfen; was mache ich falsch?‹ Und…« Karotte klopfte ihm auf den Rücken. »Du solltest jetzt Feierabend ma- chen, Herr Kommandeur«, sagte er sanft. »Es liegen einige sehr arbeits- reiche Tage hinter dir.« Mumm rieb sich die Stirn. »Ich könnte wirklich Ruhe gebrauchen. Kommt, hier gibt es ohnehin nichts mehr zu sehen. Kehren wir heim.« »Ich dachte, du wolltest nicht…«, begann Karotte. Mumm kam ihm zuvor. »Ich meine natürlich die Wache«, sagte er. »Nach Hause gehe ich später.« Der Schein einer Lampe glitt durch die Käsedick-Bibliothek und strich über Regale mit dicken, in Leder gebundenen Büchern. Sybil wußte, daß viele davon nie gelesen worden waren. Diverse Vor- fahren hatten sie bei den Graveuren bestellt und sie dann in die Regale gestellt, weil man einfach eine Bibliothek haben mußte, istdochganzklar. Sie gehörte ebenso dazu wie ein Gestüt, die Dienerschaft und irgendein landschaftsgestalterischer Fehler des Absolut Bekloppten Johnson. Was, den letzten Punkt betraf: Sybils Großvater hatte Johnson erschossen, bevor er echten Schaden anrichten konnte. Sie hielt die Lampe ein wenig höher. Käsedicks blickten aus zahlreichen Gemälderahmen auf sie herab, durch den bräunlichen Firnis der Jahrhunderte. Auch die Porträts waren aus zügelloser Angewohnheit gesammelt worden. Die meisten von ihnen stellten Männer dar, immer in Rüstungen ge- kleidet und auf Pferden sitzend. Jeder von ihnen hatte gegen die Tod- feinde von Ankh-Morpork gekämpft. In der jüngeren Vergangenheit war das manchmal recht schwierig ge- wesen. Zum Beispiel Sybils Großvater. Er hatte eine Expedition bis zum Wiewunderland führen müssen, um Todfeinde zu finden. Allerdings gab es einen angemessen großen Vorrat davon, als er das ferne Land wieder verließ, begleitet von hingebungsvollen Flüchen. Früher war alles viel leichter gewesen. Käsedick-Regimenter hatten überall in der Sto-Ebene gegen die Feinde der Stadt gekämpft und heldenhafte Verluste verur- sacht, ziemlich oft bei den gegnerischen Streitkräften.* Einige wenige Bilder zeigten Frauen, doch keine von ihnen durfte et- was Schwereres tragen als einen Handschuh oder einen kleinen Sumpf- drachen. Ihre Aufgabe hatte vor allem darin bestanden, Verbände vor- zubereiten und auf die Rückkehr der Ehemänner zu warten, mit Geduld, viel innerer Kraft und in der Hoffnung, daß der jeweilige Gatte mit mög- lichst vielen Körperteilen heimkehrte. Niemand schien nachzudenken. Es gab einen Krieg, und schon brachen die Männer auf. Wenn es keinen Krieg gab, suchten sie nach einem. Sie gebrauchten nicht einmal Ausdrücke wie »Pflicht«. Die Sache schien regelrecht eingebaut zu sein, auf der Ebene der Knochen. Sybil seufzte. Heutzutage war alles so schwer. Lady Sybil stammte aus einer Gesellschaftsschicht, die bisher keine Gelegenheit gefunden hatte, sich an Schwierigkeiten zu gewöhnen. Damit waren vor allem jene Pro- bleme gemeint, die sich nicht lösen ließen, indem man einen Bedienste- * In militärischen Kreisen gibt es eine beliebte Tradition, die von gewissen Strate- gen fortgesetzt wird. Ihrer Meinung nach kommt es vor allem auf große Verluste an. Wenn sie die andere Seite betreffen, ist das ein willkommener Bonus., ten anschrie. Vor fünfhundert Jahren hatte einer ihrer Vorfahren einem Klatschianer den Kopf abgeschlagen und den Schädel an einem Pfahl mit nach Hause gebracht. Damals nahm niemand Anstoß daran, denn alle wußten, daß der Klatschianer ebenso gehandelt hätte, wenn er dazu imstande gewesen wäre. Alles schien ganz klar zu sein. Man kämpfte gegen den Feind, und der Feind kämpfte ebenfalls. Alle kannten die Re- geln. Und wenn man auf dem Schlachtfeld im wahrsten Sinne des Wor- tes den Kopf verlor, beklagte man sich später nicht darüber. Heutzutage war es natürlich besser. Aber dadurch ergaben sich… Schwierigkeiten. Damals blieben einige Ehemänner monate- oder gar jahrelang fort. Für sie hatten Ehefrauen und Familien eine ähnliche Bedeutung wie die Bi- bliothek, das Gestüt und Johnsons Explodierende Pagode. Man regelte alles, und anschließend verschwendete man kaum mehr einen Gedanken daran. Sam war wenigstens jeden Tag zu Hause. Nun, an den meisten Tagen. Zumindest jede Nacht. Nun… wenigstens verbrachte er einen Teil jeder Nacht daheim. Wenigstens leistete er ihr bei den Mahlzeiten Gesellschaft. Bei den meisten, zumindest. In den meisten Fällen begannen sie die Mahlzeiten zusammen. Wenigstens wußte Sybil, daß er nie sehr weit weg war. Er hielt sich nur an Orten auf, wo er alles selbst zu erledigen versuchte, immer wieder schnell rannte und mit Leuten fertig werden mußte, die ihn umbringen wollten. Eigentlich konnte sie von Glück sagen. Mumm starrte Karotte an, der vor seinem Schreibtisch stand. »Worauf läuft das alles hinaus?« fragte er. »Der Mann, von dem wir wissen, daß er den Prinzen nicht getroffen hat, ist tot. Und der Mann, dessen Pfeil das Ziel erreichte, hat ebenfalls das Zeitliche gesegnet. Je- mand wollte auf sehr ungeschickte Weise den Eindruck erwecken, die Klatschianer hätten Ostie bezahlt. Mir ist klar, warum das jemand tun würde. Dahinter steckt etwas, das Fred Politik nennt. Jemand beauftragt Schneetreiben, sich um die Sache zu kümmern, und er hilft dem armen, dummen Ostie, der nur dazu bestimmt ist, den Sündenbock zu spielen, und dann beweist die Wache, daß Ostie in den Diensten der Klatschianer stand, und das ist noch ein Grund mehr, gegen Klatsch in den Kampf zu ziehen. Und Schneetreiben stirbt. Jemand hat für ihn das Schuppenpro- blem gelöst.« »Nachdem er etwas geschrieben hat, Herr Kommandeur«, sagte Karotte. »Äh… ja.« Mumm betrachtete den Notizblock aus Schneetreibens Zimmer, ein einfaches Ding aus billigem Papier, das die Graveure für wenig Geld verkauften. Er schnupperte daran. »Seife an den Rändern«, sagte er. »Schneetreibens neues Shampoo«, erklärte Karotte. »Er benutzte es zum erstenmal.« »Woher weißt du das?« »Wir haben uns die Flaschen im Müllhaufen angesehen, Herr Kom- mandeur.« »Hm. Das sieht nach frischem Blut aus, hier, wo die einzelnen Blätter zusammengenäht sind.« »Es stammt von Schneetreiben«, sagte Angua. Mumm nickte. Wenn es um Blut ging, durfte man Anguas Auskünften vorbehaltlos vertrauen. »Doch auf den einzelnen Seiten ist kein Blut«, stellte Mumm fest. »Was recht seltsam ist. Enthauptungen laufen nicht besonders sauber ab. Die Leute… spritzen dabei. Was bedeutet, daß das oberste Blatt…« »… entfernt wurde, Herr Kommandeur.« Karotte lächelte und nickte. »Aber das ist nicht das Seltsame. Versuch es zu erraten, Herr Komman- deur!« Mumm bedachte ihn mit einem durchdringende Blick und rückte die Lampe etwas näher. »Ich sehe… ganz schwache Abdrücke auf der ersten Seite«, murmelte er. »Wie von Schrift. Leider kann ich keine Buchstaben erkennen…«, »Wir konnten es auch nicht, Herr Kommandeur. Wir wissen, daß Schneetreiben mit einem Stift geschrieben hat – es lag einer auf dem Tisch.« »Ganz schwache Abdrücke«, betonte Mumm. »Burschen wie Schnee- treiben schreiben so, als müßten sie jedes Wort in Stein meißeln.« Er blätterte. »Jemand hat nicht nur das erste Blatt abgerissen, sondern auch einige andere.« »Schlau, nicht wahr? Jeder weiß…« »… daß man eine verdächtige Mitteilung lesen kann, indem man sich die Abdrücke auf der Seite darunter ansieht.« Mumm legte den Notiz- block beiseite. »Hm. Wir haben es mit einer Botschaft zu tun, ja…« »Vielleicht hat er seinen Mörder erpreßt«, spekulierte Angua. »Das war nicht sein Stil«, erwiderte Mumm. »Nein, ich meine…« Es klopfte an der Tür, und Fred Colon kam herein. »Ich bringe dir einen Becher Kaffee«, sagte er. »Und außerdem warten unten einige Handtuchkö… einige Klatschianer auf dich, Herr Mumm. Sie sind wahrscheinlich gekommen, um dir einen Orden zu verleihen und in ihrer Sprache zu plappern. Und wenn du Appetit hast: Frau Go- riff hat Ziegenfleisch mit ausländischer Soße vorbereitet.« »Ich sollte besser nach unten gehen und mit den Besuchern reden«, sagte Mumm. »Aber ich hatte noch nicht einmal Zeit, mich zu wa- schen…« »Das heißt, du trägst den Beweis für deine Heldentaten«, verkündete Colon. »Oh, na schön.« Das Unbehagen begann auf halbem Weg die Treppe hinunter. Mumm war nie zuvor einer Gruppe von Bürgern gegenübergetreten, die ihm einen Orden verleihen wollten, deshalb fehlte es ihm in dieser Hinsicht an Erfahrung. Trotzdem spürte er sofort, daß die Gruppe am Schreib- tisch des Feldwebels nicht beabsichtigte, ihn zu bejubeln. Es waren tatsächlich Klatschianer. Zumindest trugen sie fremdartig wirkende Kleidung, und die braune Haut einiger von ihnen deutete auf mehr Sonnenschein hin, als man in Ankh-Morpork erwarten durfte. In Mumm regte sich die vage Erkenntnis, daß Klatsch ein ziemlich großes, Land war, groß genug, um Ankh-Morpork und die Sto-Ebene gleich mehrmals aufzunehmen. Es bot Platz genug für viele verschiedene Völ- ker, auch für diesen kleinen, vor Empörung zitternden Burschen mit dem roten Fes. »Bist du der Mann namens Mumm?« fragte Roter Fes. »Äh… ich bin Kommandeur Mumm…« »Wir verlangen die Freilassung der Familie Goriff! Und komm uns bloß nicht mit irgendwelchen Ausreden!« Mumm blinzelte. »Freilassung?« »Du hast sie eingesperrt! Und ihr Lokal beschlagnahmt!« Mumm starrte den Mann groß an und wandte sich dann an Detritus. »Wo hast du die Familie untergebracht, Feldwebel?« Detritus salutierte. »In den Zellen, Herr Kommandeur.« »Aha!« entfuhr es Roter Fes. »Ihr gebt es zu!« »Entschuldige bitte, wer bist du?« fragte Mumm und blinzelte erneut, diesmal vor Müdigkeit. »Das brauche ich dir nicht zu sagen, und du kannst es auch nicht aus mir herausprügeln!« erwiderte der Mann und schob die Brust vor. »Oh, danke für den Hinweis«, sagte Mumm. »Ich verabscheue es, wenn ich mich vergeblich bemühen muß.« »Oh, hallo, Herr Wazir«, grüßte Karotte, der hinter Mumm erschien. »Hast du die Mitteilung über das Buch bekommen?« Es folgte eine jener Pausen, die immer dann entstehen, wenn alle An- wesenden ihre Gesichter neu programmieren müssen. Schließlich fragte Mumm: »Was?« »Herr Wazir verkauft Bücher in der Schlingestraße«, erklärte Karotte. »Ich habe ihn um einige Bücher über Klatsch gebeten, und er gab mir unter anderem eins mit dem Titel Die parfümierte Zuwendung oder: Garten der Freuden. Ich dachte mir nichts dabei, immerhin haben die Klatschianer den Garten erfunden, deshalb erwartete ich interessante kulturelle Ein- blicke. Ich hoffte darauf, die klatschianische Denkweise besser zu ver- stehen. Einblicke bekam ich tatsächlich, aber nicht in Gärten, son- dern…äh…« Er errötete., »Ja, ja, schon gut, du kannst das Buch zurückbringen, wann du möch- test«, sagte Herr Wazir, der ein wenig die Orientierung verloren zu haben schien. »Ich dachte nur, daß du Bescheid wissen solltest, für den Fall, daß du… ich meine… für den Fall, daß du das eine oder andere Exemplar verkauft hast. So ein Buch könnte leicht zu beeindruckende Leute… äh… schockieren…« »Ja, gut…« »Korporal Angua war so schockiert, daß sie gar nicht mehr zu lachen aufhören wollte«, fügte Karotte hinzu. »Ich sorge dafür, daß dir so schnell wie möglich der Kaufpreis erstattet wird«, sagte Herr Wazir. Der Ärger kehrte in seine Miene zurück, und er zielte damit auf Mumm. »Derzeit sind Bücher unwichtig! Wir verlangen die unverzügliche Frei- lassung unserer Landsleute!« »Er vielleicht meint jemand anders?« fragte Detritus. »Die Tür der Go- riffs nicht abgeschlossen ist, und sie haben saubere Decken.« »Du hast es gehört«, wandte sich Mumm an Wazir. »Sie sind unsere Gäste.« »In den Zellen!« ereiferte sich Herr Wazir und genoß das letzte Wort. »Sie können jederzeit gehen«, sagte Mumm. »Das dürfte jetzt der Fall sein.« Wazir war offenbar davon überzeugt, daß nur sein mutiges Eingreifen offiziell sanktioniertes Blutvergießen verhindert hatte. »Du kannst sicher sein, daß der Patrizier von dieser Sache erfahren wird!« »Er erfährt ohnehin alles«, entgegnete Mumm. »Aber wenn uns die Goriffs jetzt verlassen… wer beschützt sie dann?« »Wir! Ihre Landsleute!« »Und wie?« Wazir nahm fast Haltung an. »Mit Waffengewalt, wenn das notwendig werden sollte.« »Oh, gut«, sagte Mumm. »Dann gibt es in der Stadt bald zwei Mobs…« »Bimmel-bimmel-bamm!«, »Verdammt!« Mumm klopfte auf seine Tasche. »Ich will nicht wissen, daß ich keine Termine habe!« »Du hast einen um elf Uhr abends«, sagte der Disorganizer. »In der Rattenkammer des Palastes.« »Du hast sie ja nicht mehr alle.« »Gleichfalls.« »Und sei still.« »Ich wollte nur hilfsbereit sein.« »Halt die Klappe.« Mumm richtete seinen Blick wieder auf den klat- schianischen Buchhändler. »Wenn die Goriffs dich begleiten möchten, Herr Wazir – wir werden sie nicht aufhalten.« »Aha! Wag es bloß nicht!« Mumm sagte sich, daß auch ein Klatschianer ein aufgeblasener Unru- hestifter sein konnte. Aber er fühlte sich beklommen bei dieser Erkennt- nis, wie jemand, der dicht am Rand eines tiefen Abgrunds entlangging. »Feldwebel Colon?« »Ja, Herr Kommandeur?« »Bitte kümmere dich darum.« »Ja, Herr Kommandeur.« »Auf diplomatische Weise.« »In Ordnung, Herr Kommandeur.« Colon klopfte sich an den Nasen- flügel. »Ist dies Politik, Herr Kommandeur?« »Äh… geh jetzt und hol die Goriffs. Sie können…« Mumm hob die Hand und winkte vage. »Sie können gehen, wohin es ihnen beliebt.« Er drehte sich um und ging die Treppe hinauf. »Jemand muß die Rechte meiner Landsleute verteidigen!« rief Wazir. Die anderen hörten, wie Mumm auf halbem Weg nach oben stehen- blieb. Ein oder zwei Sekunden knarrte eine hölzerne Stufe unter seinem Gewicht. Dann setzte er seinen Weg fort, und die anwesenden Wächter ließen langsam den angehaltenen Atem entweichen. Mumm schloß die Tür seines Büros hinter sich., Politik! Er nahm Platz und kramte in den Papieren. Er hielt es für viel einfacher, über Verbrechen nachzudenken. Ein gutes, ehrliches Verbre- chen war ihm jederzeit lieber. Er versuchte, sich vom Rest der Welt zu trennen. Jemand hatte Schneetreiben Schuppert enthauptet. Das war Tatsache. Ein Unfall beim Rasieren kam als Erklärung ebensowenig in Frage wie ein ungewöhnlich stark wirkendes Shampoo. Und Schneetreiben hatte versucht, den Prinzen zu töten. Das galt auch für Ostie. Aber Ostie hatte nur geglaubt, ein Mörder zu sein. Alle anderen hielten ihn für einen sonderbaren Narren, für Ein- drücke ebenso empfänglich wie weicher Ton. Eigentlich eine tolle Idee. Man griff auf die Dienste eines echten Mör- ders zurück, eines ruhigen, geschickten Profis, und dann sorgte man da- für, daß jemand anders den Sündenbock spielte. Wenn der arme Kerl nicht vom Vorwerk gefallen wäre… Vermutlich hätte er wirklich ge- glaubt, daß sein Pfeil den Prinzen getroffen hätte. Und die Wache sollte von einer klatschianischen Verschwörung ausge- hen. Sand in den Sandalen… So eine Unverschämtheit! Hielten sie ihn, Mumm, vielleicht für einen Idioten? Er wünschte sich, Fred hätte den Sand sorgfältig aufgesammelt, denn er war fest entschlossen, den Ver- antwortlichen zu finden und ihn zu zwingen, das verdammte Zeug zu verspeisen. Jemand wollte Mumm veranlassen, Klatschianern nachzustellen. Der Mann auf dem brennenden Dach. Wie paßte der ins Bild? Mußte er überhaupt ins Bild passen? Ein Mann in einem Umhang, das Gesicht hinter einem Tuch verborgen. Und eine Stimme, die nicht nur daran gewöhnt war, Anweisungen zu erteilen – das galt auch für Mumm –, sondern auch daran, daß man ihren Anweisungen gehorchte. Angehörige der Wache hingegen reagierten auf Befehle wie auf Vorschläge. Einige Dinge mußten nicht unbedingt zusammenpassen. Genau an dieser Stelle ließen einen die »Spuren« im Stich. Und dann der Notiz- block, bisher die seltsamste Sache. Jemand war also umsichtig genug ge- wesen, mehrere Blätter abzureißen, damit niemand lesen konnte, was, Schneetreiben geschrieben hatte. Jemand, der schlau genug war, um zu wissen, daß auf den anderen Seiten Abdrücke zurückblieben. Aber warum hatte er nicht einfach den ganzen Block verschwinden las- sen? Es war alles sehr kompliziert. Aber irgendwo verbarg sich etwas, durch das alles einfach wurde und einen Sinn ergab… Mumm ließ den Stift fallen, stand auf und öffnete die Tür. »Was ist das für ein Lärm?« rief er. Feldwebel Colon war auf halbem Weg die Treppe herauf. »Herr Goriff und Herr Wazir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit, Herr Kommandeur. Offenbar setzte vor zweihundert Jahren der eine die Heimat des anderen in Brand. Das meinte jedenfalls Karotte.« »Und sie streiten sich jetzt über etwas, das vor zweihundert Jahren ge- schah?« »Für mich ist das alles Klatschianisch, Herr Kommandeur. Wie dem auch sei: Wazir ist ziemlich eingeschnappt abgezogen.« »Er stammt aus Smale«, sagte Karotte. »Und Herr Goriff kommt aus Elharib. Der Krieg zwischen beiden Ländern hat erst vor zehn Jahren geendet. Es ging dabei um religiöse Differenzen.« »Gingen ihnen die Waffen aus?« fragte Mumm. »Die Steine, Herr Kommandeur. Die Waffen gingen ihnen schon im vergangenen Jahrhundert aus.« Mumm schüttelte den Kopf. »Ich glaube, das verstehe ich nie«, brummte er. »Da kämpfen Völker gegeneinander, nur weil sich ihre Göt- ter zanken…« »Oh, die Bewohner von Smale und Elharib haben den gleichen Gott, Herr Kommandeur. Der Streit betraf ein Wort in ihrem heiligen Buch. Die Elharibianer übersetzen es mit ›Gott‹, doch bei den Smalenern heißt es ›Mensch‹.« »Wie kann man so etwas durcheinanderbringen?« »Nun, beim geschriebenen Wort besteht der Unterschied aus einem kleinen Punkt. Und manche Leute meinen, es sei nur ein bißchen Flie- gendreck.«, »Sie haben jahrhundertelang Krieg geführt, nur weil sich eine Fliege an der falschen Stelle erleichterte?« »Es hätte schlimmer sein können«, sagte Karotte. »Ein wenig mehr nach links, und das Wort hätte mit ›Lakritze‹ übersetzt werden müssen.« Mumm schüttelte erneut den Kopf. Karotte verstand sich darauf, sol- che Informationen zu sammeln. Und ich verstehe mich gut darauf, be- stimmte Fragen zu stellen, dachte Mumm. So habe ich mich zum Bei- spiel nach der Bedeutung von Vindaloo erkundigt. Und was hat sich dabei herausgestellt? Übersetzt lautet diese klatschianische Bezeichnung etwa »heißer, den Mund verbrennender Knorpel für ausländische Ma- cho-Idioten«. »Wenn ich doch nur mehr über Klatsch wüßte«, sagte er. Feldwebel Colon klopfte sich verschwörerisch an den Nasenflügel. »Du wünschst dir, den Feind besser zu kennen, nicht wahr?« fragte er. »Oh, den Feind kenne ich«, erwiderte Mumm. »Aber ich würde gern mehr über die Klatschianer herausfinden.« »Kommandeur Mumm?« Die Wächter drehten sich um. Mumm kniff die Augen zusammen. »Du bist einer von Rusts Männern, nicht wahr?« »Leutnant Hornett, Herr Kommandeur.« Er zögerte. »Äh… Seine Lordschaft schickt mich, um zu fragen, ob du und deine Offiziere so freundlich wären, den Palast aufzusuchen, falls ihr Gelegenheit dazu habt.« »Im Ernst? Das waren seine Worte?« Der Leutnant beschloß, ehrlich zu sein. »Eigentlich sagte er: ›Hol Mumm und seinen Haufen sofort hierher‹.« »Ach, tatsächlich?« fragte der Kommandeur. »Bimmel-bimmel-bamm!« quiekte eine triumphierende Stimme aus Mumms Hosentasche. »Es ist genau elf Uhr abends!« Die Tür öffnete sich, bevor Nobby anklopfte, und eine kleine, füllige Frau starrte ihn an., »Ja, das bin ich!« sagte sie scharf. Nobby hatte die Hand noch immer erhoben. »Äh… bist du Frau Ku- chen?« fragte er. »Ja, aber ich mache es nur, um Geld zu verdienen.« Nobbys Hand blieb unbewegt. »Äh… du kannst die Zukunft voraussagen, nicht wahr?« erkundigte er sich. Sie musterten sich gegenseitig. Dann klopfte sich Frau Kuchen mehr- mals ans Ohr und blinzelte. »Verflixt! Ich habe die Präkognition wieder nicht ausgeschaltet.« Ihr Blick ging ins Leere, als sie das kurze Gespräch in Gedanken noch ein- mal wiederholte. »Ich glaube, es ist soweit alles klar«, sagte sie, sah Nobby an und schniefte. »Komm herein. Bitte gib auf den Teppich acht, er ist vor kur- zer Zeit gereinigt worden. Und ich kann höchstens zehn Minuten für dich erübrigen, denn ich koche gerade Kohl.« Sie führte Korporal Nobbs in das kleine Vorzimmer. Dort nahm ein runder Tisch, bedeckt von einer grünen Tischdecke, den größten Platz ein. Darauf ruhte eine Kristallkugel, zum Teil bedeckt von einer Woll- puppe, die einen Reif rock trug. »Ein Bursche in der Taverne hat mir von dir erzählt«, brummte Nobby. »Er meinte, du verstündest dich auf die Wahrsagerei und so.« »Vielleicht solltest du mir dein Problem nennen«, sagte Frau Kuchen. Sie richtete den Blick erneut auf Nobby, und mit einer Gewißheit, die nichts mit Präkognition und viel mit Beobachtung zu tun hatte, fügte sie hinzu: »Ich meine, über welches deiner Probleme möchtest du mehr erfahren?« Nobby hüstelte. »Äh… es ist ein bißchen… äh… intim, sozusagen. Ei- ne Angelegenheit des Herzens, gewissermaßen.« »Geht es dabei um Frauen?« fragte Frau Kuchen vorsichtig. »Äh… das hoffe ich. Könnte sonst noch jemand an diesen Dingen be- teiligt sein?« Frau Kuchen entspannte sich sichtlich., »Ich möchte nur wissen, ob ich welche kennenlerne«, fügte Nobby hinzu. »Frauen, meine ich.« »Ich verstehe.« Frau Kuchen gelang eine Art mimisches Achselzucken. Es stand ihr nicht zu, den Leuten mitzuteilen, auf welche Weise sie ihr Geld vergeuden sollten. »Nun, es gibt die Zukunft für zehn Cent. Sie betrifft das, was man sieht. Und dann gibt es die Zukunft für zehn Dol- lar. Sie beinhaltet das, was man bekommt.« »Zehn Dollar! Das ist mehr als ein Wochenlohn! Ich nehme besser die Zehn-Cent-Zukunft.« »Eine kluge Entscheidung«, sagte Frau Kuchen. »Gib mir deine Pfote.« »Hand«, sagte Nobby. »Das meine ich ja.« Frau Kuchen betrachtete Nobbys ausgestreckte Hand, darauf bedacht, sie nicht zu berühren. »Fängst du jetzt gleich an zu stöhnen und mit den Augen zu rollen?« fragte Nobby, der entschlossen war, für seine zehn Cent möglichst viel zu bekommen. »Ich brauche mir keine Frechheiten gefallen zu lassen«, erwiderte Frau Kuchen und betrachtete weiter die Hand. »Solche Dinge…« Sie sah genauer hin und bedachte Nobby mit einem durchdringenden Blick. »Hast du mit dieser Hand irgend etwas angestellt?« »Wie bitte?« Frau Kuchen nahm die Wollpuppe von der Kristallkugel und sah in die gläsernen Tiefen. Nach einer Weile schüttelte sie den Kopf. »Ich weiß nicht, ich bin mir nicht sicher… nun, was soll’s.« Sie räusper- te sich und fuhr in geheimnisvollem Tonfall fort: »Herr Nobbs, ich sehe dich umringt von dunkelhäutigen Frauen an einem heißen Ort. Vieles erweckt einen ausländischen Eindruck. Die Damen lachen und plaudern mit dir. Eine von ihnen reicht dir gerade etwas zu trinken…« »Keine von ihnen schreit oder so?« fragte Nobby erstaunt. »Danach sieht’s nicht aus«, entgegnete die ebenfalls faszinierte Frau Kuchen. »Die Damen scheinen recht zufrieden und fröhlich zu sein.«, »Erkennst du irgendwelche… Magneten?« »Was meinst du damit?« »Keine Ahnung«, gestand Nobby. »Ich dachte, du würdest sie erken- nen, wenn du sie siehst.« Trotz einer gewissen charakterlichen Striktheit bemerkte Frau Kuchen eine vage Tendenz in Nobbys Äußerungen. »Einige der Frauen scheinen bereit für die… Mariage zu sein«, deutete sie an. »Ah«, sagte Nobby, ohne daß sich sein Gesichtsausdruck veränderte. »Wenn du verstehst, was ich meine…« »Ja. Mariage. Alles klar.« Frau Kuchen gab auf. Nobby zählte zehn Cent ab. »Und es passiert bald?« vergewisserte er sich. »O ja. Für zehn Cent sehe ich nicht sehr weit in die Zukunft.« »Fröhliche junge Frauen…«, überlegte Nobby laut. »Außerdem bereit für die Mariage. Zweifellos eine interessante Sache.« Nachdem er gegangen war, wandte sich Frau Kuchen noch einmal der Kristallkugel zu und warf einen Zehn-Dollar-Blick in die Zukunft, um ihre eigene Neugier zu befriedigen. Anschließend lachte sie den ganzen Nachmittag lang. Mumm war nur wenig überrascht, als sich die Tür der Rattenkammer öffnete und er Lord Rust am oberen Ende des Tisches sitzen sah. Der Patrizier gehörte nicht zu den Anwesenden. Er war nur ein wenig überrascht. Ein Teil von ihm dachte: Wie seltsam, ich habe immer angenommen, er gäbe nicht einmal dann einen Finger- breit nach, wenn ein Rammbock gegen ihn stieße. Doch unter diesem Bereich, in einer Region seines Bewußtseins, die nur selten vom Sonnen- schein erhellt wurde, dachte er: Natürlich. In solchen Zeiten steigen Leute wie Rust auf. Es ist, als rühre man mit einem Stock im Sumpf. Plötzlich steigen ganz dicke Blasen nach oben, und überall stinkt es. Mumm salutierte trotzdem und sagte:, »Lord Vetinari macht Urlaub, nehme ich an.« »Lord Vetinari ist heute abend von seinem Amt zurückgetreten, Mumm«, erwiderte Lord Rust. »Natürlich nur vorübergehend. Für die Dauer der derzeitigen Krise.« »Tatsächlich?« fragte Mumm. »Ja. Und ich möchte darauf hinweisen, daß er einen gewissen… Zy- nismus deinerseits erwartet hat, Kommandeur. Deshalb bat er mich, dir diesen Brief zu geben. Du wirst feststellen, daß er sein Siegel trägt.« Mumm betrachtete den Umschlag. Im Wachs erkannte er wirklich das offizielle Siegel, aber… Er begegnete Lord Rusts Blick, und der Argwohn wich. Nein, zu ei- nem solchen Trick würde Rust nicht greifen. Leute wie er hielten an ei- nem bestimmten Moralkodex fest, nach dem einige Dinge einfach nicht ehrenhaft waren. Man konnte der Eigentümer eines Elendsviertels sein, in dem die Menschen wie Kakerlaken lebten und die Kakerlaken wie Köni- ge, und daran gab es überhaupt nichts auszusetzen. Doch Rust wäre vermutlich lieber gestorben, als irgend etwas zu fälschen. »Ich verstehe«, sagte Mumm. »Du hast mich hierherbestellt?« »Kommandeur Mumm, ich fordere dich hiermit auf, die klatschiani- schen Bewohner dieser Stadt in Gewahrsam zu nehmen.« »Aufgrund welcher Anklage, Herr?« »Wir stehen kurz vor einem Krieg mit Klatsch, Kommandeur. Du ver- stehst sicher, oder?« »Nein, Herr.« »Wir reden hier von Spionage, Kommandeur«, sagte Lord Rust. »Und von Sabotage. Um ganz offen zu sein… Die Stadt wird unter Kriegs- recht gestellt.« »Tatsächlich, Herr?« Mumm blickte starr geradeaus. »Und was für eine Art von Recht ist das, Herr?« »Das weißt du genau, Mumm.« »Meinst du das Recht, bei dem man ›Halt!‹ ruft, bevor man schießt? Oder greift man zuerst zu den Waffen, um später Fragen zu stellen, wenn überhaupt?«, »Ach. Ich verstehe.« Lord Rust stand auf und beugte sich vor. »Lord Vetinari gegenüber bist du recht häufig… frech gewesen, und aus irgendeinem Grund ließ er dich gewähren«, sagte Rust. »Aber ich kenne deinen Typ.« »Meinen Typ?« »Mir scheint, die Straßen sind voller Verbrechen, Kommandeur. Nicht lizensiertes Betteln, öffentliche Ärgernisse und so weiter. Aber du achtest nicht darauf und glaubst offenbar, dich um wichtigere Dinge kümmern zu müssen. Doch das ist gar nicht nötig, Kommandeur. Du sollst Diebe fangen, und damit hat es sich. Rollst du mit den Augen, Mumm?« »Ich versuche immer, auf alle Verbrechen zu achten, Herr.« »Du scheinst das Gesetz für ein großes Licht am Himmel zu halten, das keiner Kontrolle unterliegt, Mumm. Aber da irrst du dich. Das Ge- setz ist so beschaffen, wie wir es für richtig halten. Ich weiß, daß du das verstehst. Es liegt mir fern, mich auf eine Diskussion mit dir einzulassen. Querköpfe erkenne ich auf den ersten Blick.« »Querköpfe?« fragte Mumm. »Kommandeur Mumm«, fuhr Lord Rust fort, »ich hatte gehofft, dies vermeiden zu können, aber während der letzten Tage hast du dir leider einen Fehler nach dem anderen geleistet. Man hat auf den Prinzen Khu- furah geschossen, und du warst offensichtlich nicht in der Lage, das zu verhindern oder den Verantwortlichen zu finden. Immer wieder gibt es Unruhen in der Stadt, und niemand scheint etwas dagegen zu unterneh- men. Wie ich hörte, hat ein Feldwebel der Wache damit gedroht, Un- schuldige in den Kopf zu schießen, und gerade haben wir erfahren, daß du einen Geschäftsmann, der sich nichts zuschulden kommen ließ, ein- fach so eingesperrt hast.« Mumm hörte, wie Colon nach Luft schnappte, doch dieses Geräusch schien aus weiter Ferne zu kommen. Er glaubte zu spüren, wie um ihn herum alles zusammenbrach, aber es schien kaum eine Rolle zu spielen: Sein Selbst flog unter einem rosaroten Himmel, wo solche Dinge über- haupt keine Bedeutung hatten., »Oh, ich weiß nicht, Herr«, erwiderte er. »Immerhin ist er schuldig, Klatschianer zu sein. Und eben hast du selbst gesagt, daß ich alle Klat- schianer verhaften soll.« »Und als ob das noch nicht genug wäre«, betonte Lord Rust, »gab es einen weiteren Zwischenfall. Er erscheint mir unglaublich, obwohl jemand wie du daran beteiligt ist, Mumm. Man teilte mir mit, daß du heute abend zwei klatschianische Wächter angegriffen hast, ohne daß sie dich in ir- gendeiner Form provoziert hätten. Anschließend bist du auf klatschiani- sches Territorium vorgedrungen, hast ein Frauenquartier betreten, zwei Klatschianer aus ihren Betten entführt, die Zerstörung von klatschiani- schem Eigentum angeordnet und… Nun, im großen und ganzen hast du dich auf eine Weise verhalten, die man nur als schändlich bezeichnen kann.« Hat der Versuch, vernünftig mit ihm zu reden, überhaupt einen Sinn? dachte Mumm. Warum mit Karten spielen, die er gezinkt hat? Und doch… »Zwei Klatschianer, Herr?« »Prinz Khufurah scheint entführt worden zu sein, Mumm. Es fällt mir schwer zu glauben, daß selbst du dich auf so etwas einlassen würdest, aber nach den Aussagen der Klatschianer deutet alles darauf hin. Du hast das Gebäude betreten, obwohl du überhaupt kein Recht dazu hattest. Und du hast eine hilflose Frau aus ihrem Bett gezerrt. Wie willst du das rechtfertigen?« »Zum Tatzeitpunkt stand das Bett in Flammen, Herr.« Leutnant Hornett trat vor und flüsterte etwas, woraufhin Lord Rusts Empörung ein wenig nachließ. »Na schön. Na gut. Es gibt mildernde Umstände, aber in politischer Hinsicht war dein Vorgehen höchst unklug, Mumm. Was auch immer mit dem Prinzen geschehen sein mag: Dir scheint es immenses Vergnü- gen zu bereiten, alles noch schlimmer zu machen.« Kannst du klettern, Herr Mumm? Der Kommandeur schwieg und erinner- te sich vage daran, daß der andere Mann ein großes, bündelartiges Etwas auf der Schulter getragen hatte., »Du bist hiermit vom Dienst suspendiert, Kommandeur. Ab sofort steht die Wache unter dem direkten Befehl dieses Rates. Ist das klar?« Rust wandte sich an Karotte. »Hauptmann Karotte, viele von uns ha- ben… Gutes über dich gehört. Ich berufe mich hiermit auf meine neuen Befugnisse und ernenne dich zum Kommandeur der Wache…« Mumm schloß die Augen. Karotte salutierte zackig. »Nein! Herr!« Mumm riß die Augen auf. »Wie bitte?« Rust starrte Karotte verwirrt an und zuckte dann mit den Schultern. »Oh, na schön. Loyalität ist eine feine Sache. Feldwebel Colon?« »Herr!« »Unter den gegebenen Umständen, und da du der erfahrenste Unterof- fizier bist und immer ein gutes Bei… und auch beim Militär gedient hast… Für die Dauer der Krise bekommst du den Befehl über die Wa- che.« »Nein, Herr!« »Ich habe dir gerade eine Anweisung erteilt, Feldwebel.« Schweißperlen bildeten sich auf Colons Stirn. »Nein, Herr!« »Feldwebel!« »Du kannst dir meine Dienstmarke dorthin stecken, wo die Sonne nie scheint!« brachte Colon verzweifelt hervor. Mumm sah Rust in die milchigblauen Augen. Er wirkte nicht über- rascht. Und da er wußte, daß ein Feldwebel es auf keinen Fall wagen würde, ihm einen derart unverschämten Vorschlag zu unterbreiten, ver- bannte er Colon aus dem Universum seiner Wahrnehmung. Rusts Blick glitt kurz zu Detritus. Er hat keine Ahnung, wie man mit einem Troll spricht, dachte Mumm. Erneut beeindruckte es ihn, wie Rust mit Problemen fertig wurde: Er löste sie, indem er sie einfach ignorierte. »Wer ist der dienstälteste Korporal in der Wache, Sir Samuel?« »Das dürfte Korporal Nobbs sein.«, Die Ratsmitglieder drängten sich zusammen und flüsterten. Mumm hörte mehrmals Bemerkungen wie: »Aber der Kerl ist doch ein Vollidi- ot!« Schließlich sah Rust wieder auf. »Und wer ist nach Korporal Nobbs das dienstälteste Mitglied der Wa- che?« »Mal sehen… Korporal Starkimarm, denke ich«, sagte Mumm. Er fühl- te sich auf seltsame Weise schwindelig. »Vielleicht ist er bereit, unsere Befehle zu befolgen.« »Er ist ein Zwerg, du Narr!« In Rusts Gesicht veränderte sich nichts. Es klapperte leise, als Mumm seine Dienstmarke auf den Tisch legte. »Ich schätze, das brauche ich jetzt nicht mehr«, sagte er ruhig. »Oh, du bist also lieber Zivilist, wie?« »Die Angehörigen der Wache sind Zivilisten, du durch Inzucht ent- standener Haufen Scheiße!« Rusts Gehirn tilgte die Geräusche, die seine Ohren gar nicht gehört haben konnten. »Und die Schlüssel des Arsenals, Sir Samuel«, sagte er. Sie rasselten und klirrten, als sie auf dem Tisch landeten. »Und wenn die anderen diese Gelegenheit zu irgendwelchen leeren Gesten nutzen möchten…«, meinte Lord Rust. Feldwebel Colon holte seine schmutzige Dienstmarke hervor und war ein wenig enttäuscht, daß sie nicht mit einem angemessen trotzigen Klimpern auf den Tisch fiel. Statt dessen prallte sie ab und zertrümmerte den Wasserkrug. »Bei mir die Dienstmarke in den Arm geritzt ist«, grollte Detritus. »Je- mand gern versuchen kann, sie abzukratzen.« Karotte legte seine Dienstmarke ganz vorsichtig auf den Tisch. Rust wölbte die Brauen. »Du auch, Hauptmann?« »Ja, Herr.« »Ich hätte gedacht, daß wenigstens du…«, Er brach ab und drehte verärgert den Kopf, als sich die Tür öffnete. Zwei Palastwächter kamen herein, gefolgt von einigen Klatschianern. Die Ratsmitglieder erhoben sich rasch. Mumm erkannte den Klatschianer in der Mitte der Gruppe. Er hatte ihn bei offiziellen Anlässen gesehen, und wenn er kein Klatschianer ge- wesen wäre, hätte er ihn für einen verdächtigen kleinen Halunken gehal- ten. »Wer ist das?« flüsterte er Karotte zu. »Prinz Kalif, der stellvertretende Botschafter.« »Noch ein Prinz?« Der Mann blieb vor dem Tisch stehen und sah kurz zu Mumm, verriet jedoch nicht, ob er ihn erkannte. Dann wandte er sich an Rust und deu- tete eine Verbeugung an. »Prinz Kalif…«, sagte Lord Rust. »Du kommst unangemeldet, aber…« »Ich bringe schlechte Nachrichten, Lord.« Mumm war noch immer halb betäubt, doch ein Teil von ihm stellte den Unterschied in der Stimme fest. Khufurah hatte seine zweite Spra- che auf der Straße gelernt, doch dieser Klatschianer war von Lehrern unterrichtet worden. »Ich fürchte, derzeit gibt es überhaupt keine guten Nachrichten«, erwi- derte Rust. »Es gab gewisse Ereignisse auf dem neuen Land; bedauerliche Zwi- schenfälle. Und auch hier in Ankh-Morpork.« Erneut blickte Kalif kurz zu Mumm. »Obwohl ich gestehen muß, daß mir widersprüchliche Be- richte vorliegen. Ich sehe mich gezwungen, dir folgendes mitzuteilen, Lord Rust: Wir befinden uns im Krieg, genaugenommen.« »Genaugenommen?« wiederholte Mumm. »Die Ereignisse haben eine gewisse Eigendynamik entwickelt«, fügte Kalif hinzu. »Die Situation ist sehr… problematisch.« Sie wissen, daß sie in den Kampf ziehen werden, dachte Mumm. Dies ist wie der Beginn eines Tanzes, bei dem man zunächst Abstand wahrt und sich den Partner ansieht…, »Ich muß dich auffordern, innerhalb von zwölf Stunden alle deine Bürger von Leshp abzuziehen«, sagte Kalif. »Wenn das geschieht, muß die gegenwärtige Krise nicht sofort zu einem Konflikt führen.« »Unsere Antwort lautet: Wir geben euch zwölf Stunden Zeit, um Leshp zu verlassen«, erwiderte Rust. »Wenn ihr euch weigert, bleibt uns leider nichts anderes übrig, als gewisse… Maßnahmen zu ergreifen.« Kalif verbeugte sich kurz. »Wir verstehen uns. Man wird dir in Kürze ein offizielles Dokument bringen, und bestimmt bekommen wir auch eins von dir.« »In der Tat.« »He, Augenblick mal, ihr könnt doch nicht einfach…«, begann Mumm. »Sir Samuel, du bist nicht mehr Kommandeur der Wache und hast da- her kein Recht, hier zugegen zu sein«, sagte Lord Rust scharf. Er wandte sich wieder an den Prinzen. »Ich bedauere sehr, daß es hierzu kommen mußte«, sagte er steif. »Ich ebenfalls. Aber leider ist irgendwann der Zeitpunkt erreicht, an dem Worte nicht mehr genügen.« »Da stimme ich dir zu. Wenn dieser Zeitpunkt erreicht ist, bleibt einem nichts anderes übrig, als die Kräfte zu messen.« Mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen wechselte Mumms Blick zwischen den beiden Gesichtern hin und her. »Natürlich geben wir euch Zeit genug, eure Botschaft zu schließen. Be- ziehungsweise das, was von ihr übrig ist.« »Sehr freundlich. Die gleiche Möglichkeit bieten wir euch.« Kalif ver- beugte sich erneut. Rust folgte seinem Beispiel. »Zwar befinden sich unsere Länder im Krieg, aber das ist noch lange kein Grund, warum wir beide uns nicht als Freunde respektieren sollten«, sagte er. »Was? Und ob das ein Grund ist!« entfuhr es Mumm. »Ich fasse es ein- fach nicht! Ihr könnt doch nicht einfach dastehen und… Meine Güte, was ist mit der Diplomatie passiert?«, »Der Krieg, Mumm, ist die Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln«, verkündete Lord Rust. »Darüber wüßtest du Bescheid, wenn du ein Gentleman wärst.« »Und ihr Klatschianer seid genauso schlimm«, fügte Mumm hinzu. »Vermutlich liegt’s an dem grünen, schimmeligen Hammelfleisch, das Jenkins euch verkauft. Ihr leidet an Schafswahnsinn. Bei den Göttern, ihr könnt doch nicht…« »Sir Samuel, du bist inzwischen Zivilist, worauf du selbst deutlich ge- nug hinweist«, erwiderte Rust. »Als solcher hast du hier nichts zu su- chen!« Mumm salutierte nicht, drehte sich einfach um und verließ den Raum. Die übrigen Wächter folgten ihm stumm zum Pseudopolisplatz. »Ich habe ihm gesagt, er könne sich meine Dienstmarke dorthin stek- ken, wo die Sonne nie scheint«, sagte Feldwebel Colon, als sie über die Messingbrücke schritten. »Ja«, brummte Mumm. »Gut gemacht.« »Ich hab’s ihm direkt ins Gesicht gesagt. ›Dorthin, wo die Sonne nie scheint.‹ Das waren meine Worte.« Colons Tonfall ließ die Frage offen, ob er Stolz empfand oder erschrocken war. »Ich fürchte, das Recht ist auf der Seite von Lord Rust«, sagte Karotte. »Ach?« »Ja, Herr Mumm. Die Sicherheit der Stadt kommt an erster Stelle. Deshalb übernimmt das Militär die Macht, wenn Krieg herrscht.« »Ha!« »Wo die Sonne nie scheint«, wiederholte Colon. »Das habe ich ihm ge- sagt. Mitten ins Gesicht.« »Ich kehre heim«, kündigte Mumm an. »Wir sind fast da«, sagte Karotte. »Nach Hause, meine ich. Ich brauche Schlaf.« »Ja, Herr Mumm. Was soll ich den anderen sagen?« »Was du willst.«, »Ich habe ihm in die Augen gesehen und gesagt, daß er sich meine Dienstmarke dorthin stecken kann, wo die Sonne nie scheint…«, über- legte Colon laut. »Du möchtest vielleicht, daß ich hole einige der Jungs und mich später kümmere um Rust?« fragte Detritus. »Er bestimmt schuldig ist, auf die andere oder eine Weise, kein Problem.« »Nein!« Mumm fühlte sich sonderbar leicht. Er glaubte, so hoch zu schweben, daß er den Boden nicht einmal mit einem Seil berühren konnte. Vor dem Wachhaus am Pseudopolisplatz ließ er die anderen zurück, neigte den Kopf nach vorn und ließ sich von ihm den Hügel hinaufziehen, um die Ecke herum und ins Haus, vorbei an seiner erstaunten Frau, die Treppe hoch und ins Schlafzimmer, wo er der Länge nach aufs Bett fiel und eingeschlafen war, noch bevor er die Matratze berührte. Um neun Uhr am nächsten Morgen marschierten die ersten Rekruten von Lord Venturiis Schwerer Infanterie über den Breiten Weg. Die Wächter gingen nach draußen und sahen zu. Mehr gab es für sie ohnehin nicht zu tun. »Ist das nicht Herrn Mumms Diener?« fragte Angua und deutete auf Willikins, der steifbeinig in der ersten Reihe marschierte. »Ja, und der Küchenjunge schlägt die Trommel«, sagte Nobby. »Du bist… beim Militär gewesen, nicht wahr, Fred?« erkundigte sich Karotte, als die Truppen vorbeiparadierten. »Ja, Herr Hauptmann. Hab bei der Schweren Infanterie des Herzogs von Eorle gedient. Den Fasanrupfern.« »Wie bitte?« entfuhr es Angua. »So lautete der Spitzname des Regiments. Schon seit langer, langer Zeit. Damals schlugen die Leute ihr Lager in der Nähe eines Anwesens auf, fanden einen Pferch mit Fasanen und… Nun, sie mußten gewisser- maßen vom Land leben und so. Tja, und deshalb trugen wir immer eine Fasanenfeder am Helm. Tradition nennt man so was.«, In Freds Gesicht erschien die Melancholie eines ehemaligen Soldaten, der sich nicht mehr an die heranstürmenden Horden erinnerte, nur noch an die romantischen Lagerfeuerabende. »Wir hatten sogar ein Marschlied«, fuhr er fort. »Und man mußte sich sehr bemühen, um es richtig zu singen. Ich… Stimmt was nicht?« »Oh, schon gut, Feldwebel«, sagte Angua. »Es passiert mir oft, daß ich einfach so zu lachen beginne.« Fred Colon blickte erneut verträumt ins Nichts. »Vorher gehörte ich zur Mittelschweren Infanterie des Herzogs von Quirm. War viel los, damals.« »Daran zweifle ich nicht«, erwiderte Karotte, während Angua zyni- schen Gedanken nachhing und sich fragte, wie groß der Abstand gewe- sen sein mochte, aus dem Fred Colon die damaligen Ereignisse beobach- tet hatte. »Du scheinst viele angenehme Erinnerungen mit deiner langen militärischen Laufbahn zu verbinden.« »Den Frauen gefiel die Uniform«, sagte Fred Colon mit dem unausge- sprochenen Hinweis, daß ein heranwachsender Bursche jede Hilfe brauchte, die er bekommen konnte. »Und außerdem… äh…« »Ja, Feldwebel?« Colon wirkte verlegen, als bildete die gesammelte Unterwäsche der Vergangenheit plötzlich einen dicken Klumpen im Schritt der Erinne- rung. »Damals war es… einfacher, Herr Hauptmann. Ein Wächter zu sein, meine ich. Beziehungsweise ein Soldat. Man stand hier, und die anderen Burschen dort drüben waren der Feind. Man marschiert irgendwo auf, an einem Ort, wo genug Platz ist. Anschließend bezieht die Truppe Auf- stellung in Form von Rechtecken, und dann gibt jemand mit bunten Federn am Helm den Angriffsbefehl, woraufhin aus den Rechtecken große Pfeile werden, und dann…« »Bei den Göttern, geschieht so etwas tatsächlich? Ich dachte immer, so zeichnet man Schlachtpläne!« »Nun, der alte Herzog ging immer wie nach dem Lehrbuch vor… Wie dem auch sei: Letztendlich geht es darum, sich den Rücken freizuhalten und auf jeden Burschen einzudreschen, der die falsche Uniform trägt., Aber…« Colon verzog gequält das Gesicht. »Wenn man Polizist ist… dann fällt es manchmal sehr schwer, die Guten von den Bösen zu unter- scheiden, jawohl.« »Es gibt doch auch militärische Gesetze, oder?« fragte Angua. »Nun, ja. Doch wenn’s in Strömen regnet und man bis zu den Ei… bis zur Hüfte in toten Pferden steckt und wenn man unter solchen Umstän- den einen Befehl bekommt… dann kann man nicht in irgendeinem Re- gelbuch nachsehen, Verehrteste. Außerdem geht es in den meisten mili- tärischen Gesetzen darum, wann es erlaubt ist, erschossen oder erschla- gen zu werden.« »Oh, ich bin sicher, daß noch mehr dahintersteckt, Feldwebel.« »Da hast du vermutlich recht«, räumte Colon diplomatisch ein. »Bestimmt geht es bei den betreffenden Gesetzen auch darum, keine feindlichen Soldaten zu töten, die sich ergeben haben.« »Oh, ja, natürlich, das stimmt, Herr Hauptmann. Aber es kann natür- lich nicht verboten sein, sie ein wenig hart ranzunehmen und ihnen et- was zu geben, an das sie sich später erinnern.« »Du meinst doch nicht etwa Folter?« fragte Angua. »Oh, nein. Aber…« Für Fred Colon führte die Straße der angenehmen Erinnerungen jetzt durch ein dunkles Tal. »Ich meine, wenn der beste Kumpel gerade einen Pfeil ins Auge bekommen hat und wenn überall um einen herum Pferde wiehern und Männer schreien und wenn man die Hosen voll hat vor Angst, ich meine, wenn man wirklich voller Angst steckt und dann auf den Feind stößt… Unter solchen Umständen ver- spürt man manchmal den Wunsch, ihm einen… kleinen Stups zu geben, sozusagen. Damit er in zwanzig Jahren an kalten Tagen ein dumpfes Prickeln im Bein spürt und sich an das erinnert, was er angestellt hat.« Colon kramte in der Tasche, holte ein ziemlich kleines Buch hervor und hob es hoch. »Dies gehörte meinem Urgroßvater«, sagte er. »Er nahm an dem klei- nen Streit teil, den wir mit Pseudopolis hatten. Und meine Urgroßmutter gab ihm dieses Gebetbuch für Soldaten, weil ein Soldat alle Gebete ge- brauchen kann, die es gibt, glaubt mir, und er steckte es in die oberste Tasche seiner Jacke – einen Brustharnisch konnte er sich nicht leisten –,, und am nächsten Tag beim Kampf… Plötzlich kam ein Pfeil aus dem Nichts – zack! –, bohrte sich ins Buch und hielt erst an der letzten Seite. Das Loch ist ganz deutlich zu erkennen.« »Eine Art Wunder«, kommentierte Karotte. »Ja, ich glaube, so kann man es nennen«, pflichtete ihm Colon bei. Er blickte kummervoll auf das kleine Buch hinab. »Bei den anderen sieb- zehn Pfeilen hatte mein Urgroßvater nicht soviel Glück.« Das Trommeln verklang in der Ferne. Die Wächter vermieden es, sich anzusehen. Dann ertönte eine gebieterische Stimme: »Warum trägst du keine Uni- form, junger Mann?« Nobby drehte sich um. Die Worte stammten von einer älteren Frau, deren Gesicht an einen Truthahn erinnerte. Ihr strenger Blick schien bereit zu sein, die Todesstrafe zu verhängen. »Meinst du mich? Ich habe bereits eine.« Nobby deutete auf seinen verbeulten Helm. »Eine richtige Uniform«, sagte die Frau scharf und reichte ihm eine wei- ße Feder. »Was willst du unternehmen, wenn die Klatschianer kommen und uns in unseren Betten schänden?« Sie bedachte den Rest der Wache mit einem finsteren Blick und eilte weiter. Angua bemerkte einige weitere Frauen ihrer Art unter den Zu- schauern. Hier und dort blitzte es weiß. »In einem solchen Fall wäre ich bereit, die Klatschianer für sehr mutig zu halten«, sagte Karotte. »Übrigens, Nobby: Die weiße Feder soll dich beschämen und dazu bringen, ebenfalls Soldat zu werden.« »Oh, wenn nicht mehr dahintersteckt…«, erwiderte Nobby, der sich von Natur aus nicht schämen konnte. »Was soll ich damit anfangen?« »Da fällt mir ein…«, hub Feldwebel Colon aufgeregt an. »Habe ich euch schon erzählt, welche Worte Lord Rust von mir zu hören bekam?« »Schon siebzehnmal«, erwiderte Angua und beobachtete die Frau mit den Federn. Wie im Selbstgespräch fügte sie hinzu: »›Kehr mit deinem Schild oder darauf zurück.‹«, »Ob die Frau wohl bereit ist, mir noch mehr Federn zu geben?« fragte Nobby. »Wie war das?« fragte Karotte. »Diese Federn«, erklärte Nobby. »Offenbar sind’s echte Gänsefedern. Die könnten recht nützlich sein, wenn ich noch mehr davon bekäme…« »Nein, ich meine, was hat Angua gerade gesagt?« fragte Karotte erneut. »Was? Oh… damit verabschiedeten Frauen ihre Männer, wenn sie in den Krieg zogen. Kehr mit deinem Schild oder darauf zurück.« »Auf dem Schild?« wiederholte Nobby. »Du meinst… ihn als Schlitten oder so benutzen?« »Nein, ich meine ›tot‹«, sagte Angua. »Es bedeutet: Kehre als Sieger oder gar nicht zurück.« »Nun, ich bin immer mit meinem Schild heimgekehrt«, sagte Nobby. »Kein Problem.« Colon seufzte. »Du bist nicht nur mit deinem Schild heimgekehrt, son- dern auch mit den Schilden aller anderen, einem Beutel voller Zähne und fünfzehn Paar noch warmer Stiefel. In einem Karren.« »Nun, es hat doch nur dann Sinn, in den Krieg zu ziehen, wenn man weiß, daß man auf der Gewinnerseite steht«, entgegnete Nobby und steckte sich die weiße Feder an den Helm. »Du bist immer auf der Gewinnerseite, Nobby. Weil du dich am Rand des Schlachtfelds herumtreibst und beobachtest, wer den Sieg erringt. Und dann befreist du irgendeinen armen Gefallenen von der richtigen Uniform und ziehst sie an. Angeblich lassen die Generäle beobachten, welche Uniform du trägst – um auf diese Weise zu erfahren, welchen Verlauf die Schlacht nimmt.« »Viele Soldaten haben in vielen verschiedenen Regimentern gedient«, sagte Nobby. »Ja, das stimmt«, räumte Colon ein. »Aber nicht während der gleichen Schlacht.« Sie betraten das Wachhaus. Die meisten anderen Wächter der aktuellen Schicht hatten sich den Tag freigenommen. Niemand von ihnen wußte, wer die Einsatzbefehle erteilte, und ohne diese Anweisungen gab es, nichts zu tun. Die einzigen noch anwesenden Angehörigen der Wache waren diejenigen, die sich immer im Dienst glaubten – und die neuen Rekruten, die noch voller Enthusiasmus steckten. »Herrn Mumm fällt bestimmt etwas ein«, sagte Karotte. »Nun, ich be- gleite die Goriffs zurück zu ihrem Lokal. Herr Goriff meinte, daß er packen und die Stadt verlassen will. Viele Klatschianer machen sich auf den Weg. Verdenken kann man’s ihnen nicht.« Träume stiegen wie Blasen auf, als Mumm aus den schwarzen Tiefen des Schlafs zurückkehrte. Normalerweise wußte er den Augenblick des Erwachens sehr zu schät- zen. Dann sah er die Lösungen für seine Probleme. Teile seines Gehirns schienen auch nachts die Arbeit fortzusetzen, um ihm das Ergebnis ihrer Bemühungen zu präsentieren, sobald er die Augen öffnete. Doch jetzt kamen nur Erinnerungen. Mumm verzog das Gesicht. Er entsann sich an etwas anderes und stöhnte. Wieder hörte er ein bestimm- tes Geräusch, verursacht von seiner Dienstmarke auf dem Tisch in der Rattenkammer. Er fluchte leise. Er schlug die Decke zurück und streckte die Hand nach dem Nacht- schränkchen aus. »Bimmel-bimmel-bamm!« »O nein… Na schön, wie spät ist es?« »Ein Uhr mittags! Hallo, hier Namen einfügen!« Mumm starrte verschlafen zum Disorganizer. Eines Tages, so wußte er, würde ihm tatsächlich nichts anderes übrigbleiben, als zu versuchen, das Handbuch des verdammten Dings zu verstehen. Entweder das, oder er würde es von einer hohen Klippe werfen.* »Was…«, begann er und stöhnte erneut. Er erinnerte sich gerade an ein dumpfes Knirschen, das vom Stoff des entrollten Turbans ausging, als er ihn mit seinem Gewicht belastete. * Eine der allgemeinen Regeln des Glücks lautet: Hüte dich vor angeblich nützli- chen Gegenständen, die weniger wiegen als ihr Handbuch., »Sam?« Die Schlafzimmertür öffnete sich, und Sybil kam mit einer Tas- se herein. »Ja, Schatz?« »Wie fühlst du dich?« »Ich habe blaue Flecken auf den blauen Fle…« Noch eine Erinnerung kletterte aus der Grube der Schuld. »Lieber Himmel, habe ich ihn wirk- lich einen Haufen Sch… genannt?« »Ja«, bestätigte seine Frau. »Fred Colon kam heute morgen vorbei und hat mir alles erzählt. Seine Beschreibungen waren sehr anschaulich. Ich bin mal mit Ronnie Rust ausgegangen. Gehört zur kühlen Sorte.« Noch eine Erinnerung platzte wie eine Blase Sumpfgas in Mumms Kopf. »Hat Fred dir erzählt, daß er Rust aufgefordert hat, sich seine Dienst- marke dorthin zu stecken, wo die Sonne nie scheint?« »Ja. Dreimal. Diese Tatsache schien einen großen Teil seiner Aufmerk- samkeit zu beanspruchen. Nun, wie ich Ronnie kenne, braucht er einen Hammer dazu.« Mumm hatte sich schon vor einer ganzen Weile daran gewöhnt, daß sich die Angehörigen der Aristokratie gegenseitig beim Vornamen nann- ten. »Und hat dir Fred sonst noch etwas gesagt?« fragte er zaghaft. »Ja. Er erzählte auch vom Lokal, dem Feuer und so weiter. Ich bin stolz auf dich.« Sybil gab ihm einen Kuß. »Was mache ich jetzt?« brachte Mumm hervor. »Trink erst einmal deinen Tee. Anschließend wäschst und rasierst du dich.« »Ich sollte zum Wachhaus gehen und…« »Waschen und Rasieren! Im Krug ist warmes Wasser.« Als Sybil gegangen war, stand Mumm auf und wankte ins Badezimmer. Auf dem marmornen Becken stand tatsächlich ein großer Krug mit warmem Wasser., Er betrachtete das Gesicht im Spiegel. Unglücklicherweise gehörte es ihm. Wenn er sich zuerst rasierte… dann konnte er jene Teile wegspülen, die übrigblieben. Fragmente der vergangenen Nacht zogen immer wieder an seinem in- neren Auge vorbei. Das mit dem klatschianischen Wächter tat ihm leid, aber manchmal konnte man sich nicht genug Zeit nehmen, die Dinge zu erklären… Er bedauerte jetzt, daß er sich einfach so von seiner Dienstmarke ge- trennt hatte. Die Zeiten hatten sich geändert. Er trug jetzt Verantwortung. Er hätte im Amt bleiben und dafür sorgen sollen, daß alles etwas weniger schlimm wurde… Nein. So etwas funktionierte nie. Er schaffte es, den Seifenschaum im Gesicht zu verteilen. Die Auf- ruhrakte! Bei den Göttern… Vorsichtig ließ er die Rasierklinge über die Wange gleiten. Rusts trübe Augen blickten aus seinen Erinnerungen. Mistkerl! Männer wie er hielten die Wache tatsächlich für eine Art Schä- ferhund, dessen Gebell den Schafen den richtigen Weg zeigte und der es auf keinen Fall wagte, den Schäfer zu beißen… O ja. Mumm wußte ganz genau, wo der Feind steckte. Aber… Ohne seine Dienstmarke war er kein Wächter mehr und konnte nichts ausrichten… Noch eine Erinnerung regte sich, etwas später als die anderen. Seifenschaum tropfte auf Mumms Hemd, als er Vetinaris versiegelten Brief hervorholte und ihn mit dem Rasiermesser öffnete. Im Innern befand sich ein leeres Blatt Papier. Er drehte es hin und her – weder auf der einen noch auf der anderen Seite stand etwas geschrie- ben. Verwundert betrachtete Mumm den Umschlag. Sir Samuel Mumm, Ritter. Nett von dem Patrizier, so genau zu sein, dachte er. Aber welchen Sinn hatte es, eine Mitteilung zu schicken, die überhaupt nichts mitteilte? An- dere Leute hätten vielleicht geistesabwesend ein leeres Blatt in den Um- schlag gesteckt, aber Lord Vetinari sicher nicht. Warum schickte er einen, Brief, in dem er Mumm daran erinnerte, daß er ein Ritter war? Diese peinliche Tatsache war ihm durchaus bewußt… Eine weitere Erinnerungsblase zerplatzte, nicht lauter als bei einer Maus, die während eines Orkans Luft aus ihrem Darm entweichen ließ. Wer hatte davon gesprochen? Jeder Gentleman… Mumm starrte ins Nichts. Er hatte doch den Status eines Gentlemans, oder? Es war offiziell. Er gab keinen Schrei von sich, und er lief nicht los. Statt dessen beende- te er die Rasur, wusch sich und wechselte in aller Ruhe die Unterwäsche. Unten hatte Sybil eine Mahlzeit für ihn vorbereitet. Sie war keine be- sonders gute Köchin, doch für Mumm gab es daran nichts auszusetzen, denn er war auch kein besonders guter Esser. Nachdem er sich ein Le- ben lang auf und manchmal auch von der Straße ernährt hatte, bevor- zugte sein Magen kleine, knusprige und braune Dinge, die Nahrungs- gruppe der Götter. Und bei Sybil konnte er sich darauf verlassen, daß sie die Pfanne immer zu lange auf dem Drachen ließ. Sie musterte ihn aufmerksam, als er angebranntes Rührei aß und dabei ins Leere blickte. Sie verhielt sich wie eine Person, die ein tragbares Si- cherheitsnetz bei sich hatte und einem Drahtseilakrobaten zusah. Nach einer Weile nahm sich Mumm das Würstchen vor und fragte: »Haben wir Bücher übers Rittertum, Schatz?« »Hunderte, Sam.« »Gibt es auch eins, in dem steht, was es damit auf sich hat? Ich meine, was man als Ritter tun muß, zum Beispiel? Welche Verantwortung man trägt und so weiter?« »Ich schätze, die meisten geben darüber Auskunft.« »Gut. Ich glaube, ich lese ein wenig.« Mumm bohrte die Gabel in den Schinken, der mit einem angemessenen Knirschen splitterte. Nach dem Essen begab er sich in die Bibliothek. Zwanzig Minuten später kehrte er zurück, um einen Stift und Papier zu holen. Zehn Minuten danach brachte ihm Lady Sybil eine Tasse Kaffee. Mumm saß halb verborgen hinter einem großen Stapel Bücher und schien ganz in Das Leben der Ritter vertieft zu sein. Stumm verließ sie das, Zimmer und suchte ihr Arbeitszimmer auf, um dort die Unterlagen der Drachenzucht auf den neuesten Stand zu bringen. Eine Stunde später hörte sie, wie ihr Mann in den Flur trat. Er summte leise, und sein verträumter Gesichtsausdruck wies darauf hin, daß ihm die Idee gekommen war, die nun den größten Teil seiner zerebralen Kapazität beanspruchte. Darüber hinaus offenbarte er wieder jene Aura zorniger Unschuld, die einen integralen Bestandteil seiner Mummhaftigkeit darstellte. »Gehst du in die Stadt, Sam?« »Ja. Und ich habe vor, gewissen Leuten ordentlich in den Hintern zu treten.« »Oh, gut. Gib nur acht, daß du warm angezogen bist.« Die Goriffs folgten Karotte stumm. »Ich bedaure das mit deinem Lokal, Herr Goriff«, sagte Karotte. Der Klatschianer schwankte unter der schweren Last, die er trug. »Wir können woanders ein neues einrichten«, erwiderte er. »Wir behalten es im Auge, das verspreche ich dir«, meinte Karotte. »Und… du kannst zurückkehren, wenn alles vorbei ist.« »Danke.« Goriffs Sohn sagte etwas auf Klatschianisch, dem ein kurzer Familien- streit folgte. »Ich verstehe eure Gefühle«, sagte Karotte und lief rot an. »Obwohl die Ausdrucksweise etwas… deftig ist.« »Meinem Sohn tut es leid«, entgegnete Goriff sofort. »Er vergaß, daß du Klatschianisch sprichst…« »Nein, es tut mir nicht leid!« widersprach der Junge. »Warum laufen wir weg? Wir wohnen hier! Ich bin nie in Klatsch gewesen!« »Dann dürfte der dortige Aufenthalt für dich besonders interessant sein«, sagte Karotte. »Wie ich hörte, gibt es in Klatsch viele interessan- te…«, »Bist du dumm?« fragte Janil. Er schüttelte die Hand seines Vaters ab und wandte sich an Karotte. »Es ist mir gleich! Komm mir bloß nicht mit Unsinn in der Art von ›Der Mond geht über den Bergen der Sonne auf‹ und so. Das habe ich oft genug gehört. Ich bin hier zu Hause!« »Nun, du solltest besser auf deine Eltern hören…« »Warum? Mein Vater hat immerzu gearbeitet, und jetzt verjagt man ihn! Das ist nicht richtig! Wir sollten bleiben und verteidigen, was uns gehört!« »Äh… es ist falsch, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen…« »Warum denn?« »Dazu sind wir da…« »Aber ihr Wächter laßt zu, daß alles immer ungerechter wird!« Ein Schwall klatschianischer Worte kam aus Herrn Goriffs Mund. »Mein Vater meint, daß ich mich entschuldigen muß«, sagte Janil ver- drießlich. »Es tut mir leid.« »Mir auch«, erwiderte Karotte. Herr Goriff zuckte mit den Schultern, und zwar auf jene recht kompli- zierte Art, mit der Erwachsene auf Probleme reagieren, die Heranwach- sende betreffen. »Ihr kehrt zurück, da bin ich ganz sicher«, sagte Karotte. »Wir werden sehen.« Die Familie ging hinunter zum Kai und näherte sich dort einem war- tenden klatschianischen Schiff. An der Reling standen Menschen, die aus der Stadt flohen, mit so vielen Dingen, wie sie tragen konnten. Sie woll- ten nicht warten, bis sie nur noch mit dem fliehen mußten, was sie am Leib trugen. Die Wächter empfingen feindselige Blicke. »Rust vertreibt die Klatschianer doch nicht aus ihren Häusern, oder?« fragte Angua. »Wir wissen, aus welcher Richtung der Wind weht«, erwiderte Goriff ruhig. Karotte schnupperte in der salzigen Luft. »Er weht von Klatsch«, stell- te er fest., »Für dich vielleicht«, sagte Goriff. Hinter ihnen knallte eine Peitsche, und sie traten beiseite, als eine Kut- sche übers Pflaster klapperte. Eine Gardine am Fenster wurde kurz bei- seite gezogen, und zum Vorschein kam ein Gesicht, das aus Bart, Gold- zähnen und Narben bestand. Eine Sekunde später verwehrte die Gardine wieder den Blick ins Innere der Kutsche. »Das ist er, nicht wahr?« Angua brummte. Sie hatte die Augen geschlossen, wie immer, wenn sie versuchte, allein mit der Nase zu sehen… »Gewürznelken«, murmelte sie und griff nach Karottes Arm. »Lauf nicht hinterher! Es sind Bewaffnete an Bord. Wie würden sie wohl reagieren, wenn sie einen Soldaten sähen, der auf sie zuläuft?« »Ich bin kein Soldat!« »Wieviel Zeit nähmen sich die Klatschianer, um den Unterschied he- rauszufinden?« Die Kutsche bahnte sich einen Weg durch die Menge der Wartenden am Dock. Hinter ihr schloß sich die entstandene Schneise wieder. »Kisten werden entladen. Leider kann ich keine Einzelheiten erken- nen.« Karotte hielt sich die Hand über die Augen. »Die Leute würden es bestimmt verstehen, wenn…« 71-Stunden-Ahmed betrat den Kai und sah zu den Wächtern zurück. Es schimmerte kurz, als er lächelte. Sie beobachteten, wie er die Hand zur Schulter hob und nach dem großen krummen Schwert griff. »Ich kann ihn nicht einfach so entkommen lassen«, sagte Karotte. »Er ist ein Verdächtiger! Und jetzt lacht er über uns!« »Er genießt diplomatische Immunität«, erwiderte Angua. »Und er weiß viele Bewaffnete in der Nähe.« »Ich verfüge über die Kraft von zehn, weil ich reinen Herzens bin«, verkündete Karotte. »Tatsächlich? Das dort unten sind elf.« 71-Stunden-Ahmed warf das Schwert hoch in die Luft. Es drehte sich zweimal mit einem Geräusch, das nach Wumm-wumm klang. Dann streck- te er die Hand aus und fing das herabfallende Schwert am Heft auf., »Genau das hat Herr Mumm gemacht«, brachte Karotte zwischen zu- sammengebissenen Zähnen hervor. »Er verspottet uns…« »Wenn du das Schiff betrittst, bist du so gut wie tot«, sagte der hinter ihnen stehende Herr Goriff. »Ich kenne den Mann.« »Tatsächlich? Woher?« »Man fürchtet ihn in ganz Klatsch. Das ist 71-Stunden-Ahmed!« »Ja, aber warum…« »Du hast noch nichts von ihm gehört? Außerdem ist er ein D’reg!« Frau Goriff zupfte am Ärmel ihres Mannes. »D’reg?« wiederholte Angua. »Ein kriegerischer Wüstenstamm«, sagte Karotte. »Sehr gefährlich. Legt großen Wert auf Ehre. Es heißt, wenn man einen D’reg zum Freund hat, so hat man ihn für den Rest des Lebens zum Freund.« »Und wenn er kein Freund ist?« »Ein solcher Zustand währt höchstens fünf Sekunden.« Karotte zog sein Schwert. »Trotzdem«, beharrte er. »Wir dürfen ihn nicht entkommen lassen…« »Ich habe bereits zuviel gesagt«, meinte Herr Goriff. »Wir müssen jetzt gehen.« Die Familie griff nach ihren Bündeln. »Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit, mehr über ihn herauszufin- den.« Angua deutete zur Kutsche. Zwei geschmeidige, langhaarige und ausgesprochen anmutig wirkende Hunde zerrten an ihren Leinen, als man sie über den Landungssteg führ- te. »Klatschianische Jagdhunde«, sagte Angua. »Beim klatschianischen Adel sehr beliebt, soweit ich weiß.« »Sie sehen fast aus wie…« Karotte unterbrach sich, als der Groschen fiel. »Nein, ich kann nicht zulassen, daß du allein an Bord gehst. Wenn es dort einen Zwischenfall gibt…« »Meine Chancen wären weitaus größer als deine, glaub mir«, erwiderte Angua rasch. »Wie dem auch sei: Bestimmt läuft das Schiff erst mit der Flut aus.«, »Es ist zu gefährlich.« »Nun, angeblich sind es unsere Feinde.« »Ich meine für dich!« »Wieso?« fragte Angua. »Ich habe nie von Werwölfen in Klatsch ge- hört. Die Klatschianer wissen wahrscheinlich gar nicht, was uns in Schwierigkeiten bringen könnte.« Sie löste das Lederhalsband, an dem ihre Dienstmarke baumelte, und reichte es Karotte. »Sei unbesorgt«, fügte sie hinzu. »Wenn es zum Schlimmsten kommt, springe ich einfach über Bord.« »In den Fluß?« »Selbst der Ankh kann keinen Werwolf umbringen.« Angua blickte in das trübe Wasser. »Hoffe ich jedenfalls.« Feldwebel Colon und Korporal Nobbs waren auf Streife. Sie wußten nicht genau, warum sie Streife gingen und was sie unternehmen sollten, wenn sie ein Verbrechen wahrnahmen – glücklicherweise waren sie durch jahrelange Erfahrung in der Lage, selbst große Verbrechen zu übersehen. Es war reine Angewohnheit: Sie waren Wächter, und deshalb gingen sie Streife. Ein bestimmtes Ziel gab es dabei nicht. Es war gewis- sermaßen die Essenz des Streifegehens. Nobby wurde dabei von einem ziemlich großen, in Leder gebundenen Buch behindert, das er in beiden Armen trug. »Ein Krieg kann der Stadt bestimmt nicht schaden«, sagte Feldwebel Colon nach einer Weile. »Das gibt den Leuten wieder mehr Rückgrat. Heutzutage ist alles vor die Hunde gekommen.« »Nicht so wie damals, als wir Kinder waren, Feldwebel.« »Da hast du ganz recht, Nobby. Nicht so wie damals, als wir Kinder waren.« »Damals vertrauten sich die Leute gegenseitig, stimmt’s, Feldwebel?« »Ja, die Leute begegneten sich mit Vertrauen, Nobby.« »Und sie brauchten ihre Türen nicht abzuschließen, habe ich recht?«, »Das stimmt, Nobby. Und die Leute waren immer bereit, Hilfe zu lei- sten. Sie gingen in den Häusern anderer Leute ein und aus.« »Ja, Feldwebel«, sagte Nobby mit Nachdruck. »Ich weiß, daß in unserer Straße niemand die Tür abschloß.« »Genau das meine ich. Darum geht’s.« »Weil die verdammten Mistkerle sogar die Schlösser klauten.« Colon dachte darüber nach. »Ja, aber wenigstens beklauten sie sich gegenseitig. Ich meine, es waren keine Ausländer, die stahlen.« »Ja.« Sie schlenderten weiter, und eine Zeitlang hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. »Feldwebel?« »Ja, Nobby?« »Was bedeutet ›Mariage‹?« »Mariage?« »Ich schätze, es ist ein Ort. Ein ziemlich warmer noch dazu, glaube ich.« »Oh, Mariage«, sagte Colon und ließ seiner Phantasie freien Lauf. »Ja. Natürlich. So nennt man einen Ort in Klatsch. Dort gibt es jede Menge Sand. Und Berge. Wichtigster Exportartikel sind Datteln. Wieso fragst du?« »Oh… nur so.« »Nobby?« »Ja, Feldwebel?« »Warum schleppst du das große Buch mit dir herum?« »Ha, tolle Idee, Feldwebel. Ich hab gehört, was du über das Buch dei- nes Urgroßvaters erzählt hast, und deshalb habe ich beschlossen, mir das hier vom alten Waschtopf auszuleihen – für den Fall, daß es zum Kampf kommt. Das Buch Om. So heißt es. Und es ist fast fünfzehn Zentimeter dick.«, »Für die Brusttasche einer Uniformjacke scheint es mir ein wenig zu groß zu sein. Ehrlich gesagt: Es ist sogar zu groß für einen Karren.« »Ich will ein Gestell bauen, um es zu tragen. Selbst wenn jemand mit einem Langbogen auf mich schießt – ich wette, der Pfeil käme höchstens bis zu den Apokryphen.« Die beiden Wächter sahen auf, als sie ein vertrautes Knarren hörten. Der Kopf eines Klatschianers schwang im Wind hin und her. »Was hältst du von einem Bier?« fragte Feldwebel Colon. »Der Große Anjie braut eins, das es in sich hat.« »Darauf sollten wir besser verzichten, Feldwebel. Herrn Mumms Stimmung ist derzeit ziemlich mies.« Colon seufzte. »Ja, du hast recht.« Nobby blickte erneut zu dem Kopf empor. Er bestand aus Holz. Im Lauf der Jahrhunderte war er immer wieder neu bemalt worden. Der Klatschianer lächelte sehr fröhlich für jemanden, der sich nie wieder ein Hemd kaufen mußte. »Zum klatschianischen Kopf«, sagte Colon. »Mein Großvater erzählte mir, daß sich sein Großvater noch an eine Zeit erinnerte, als ein echter Kopf über der Tür hing. War damals natürlich längst auf die Größe eine Wal- nuß geschrumpft.« »Eigentlich ein bißchen scheußlich«, sagte Nobby. »Ich meine, einen Kopf aufzuspießen und ihn über den Eingang einer Taverne zu hängen.« »Nein, Nobby. Kriegsbeute, verstehst du? Jemand kehrte aus einem der damaligen Kriege mit einem Souvenir heim, befestigte es an einem Pfahl und eröffnete eine Taverne. Zum klatschianischen Kopf. Sollte ihnen eine Lehre sein.« »Ich bekam schon Schwierigkeiten damit, nur weil ich ein paar Stiefel mitgehen ließ«, meinte Nobby. »Damals konnte man sich mehr erlauben«, erklärte Colon. »Die Zeiten waren… robuster.« »Bist du jemals einem Klatschianer begegnet, Feldwebel?« fragte Nob- by, als sie durch die stille Straße schritten. »Ich meine, einem wilden.«, »Äh… nein… Aber weißt du, was? Jeder von ihnen darf drei Frauen haben! Das ist kriminell, jawohl!« »Da bin ich ganz deiner Meinung«, sagte Nobby. »Immerhin habe ich überhaupt keine.« »Und sie essen komisches Zeugs. Mit Curry und so.« Nobby dachte darüber nach. »So wie wir, wenn wir spät abends noch unterwegs sind?« »Nun… äh… ja, aber die Klatschianer kochen das Zeug nicht rich- tig…« »Du meinst, bei ihnen ist es nicht ohrschmalzgelb, und es enthält auch keine Erbsen und Rosinen, so wie bei deiner Mutter?« »Genau! In klatschianischem Curry kann man so lange herumstochern, wie man will – man findet kein einziges Kohlrübenstück.« »Außerdem habe ich gehört, daß sie Schafsaugen essen«, meinte Nob- by, der internationale Gastro-Gnom. »Stimmt.« »Und sie rühren keine ganz gewöhnlichen Dinge an wie zum Beispiel Schafshoden oder Bries?« »Äh… nein.« Colon hatte den Eindruck, daß er irgendwie auf den Arm genommen wurde. »Hör mal, Nobby: Letztendlich läuft es darauf hinaus, daß die Klat- schianer nicht die richtige Hautfarbe haben, und damit hat es sich.« »Gut, daß du das herausgefunden hast, Fred!« Nobby klang so erfreut, daß Colon fast glaubte, er könnte es tatsächlich ernst meinen. »Nun, ist doch ganz klar«, erwiderte er. »Äh… und was ist die richtige Hautfarbe?« fragte Nobby. »Weiß natürlich!« »Nicht Ziegelsteinrot? Dein Gesicht…« »Willst du mich vielleicht aufziehen, Korporal Nobbs?« »Käme mir nie in den Sinn, Feldwebel. Äh… welche Hautfarbe habe ich?«, Feldwebel Colon betrachtete ihn eingehend. An Korporal Nobbs konnte man Farben finden, die für alle Klimazonen der Scheibenwelt geeignet waren. Einige weitere wurden nur in medizinischen Fachbü- chern erwähnt. »Bei der weißen Hautfarbe geht es in erster Linie um… um… eine in- nere Einstellung«, behauptete Colon. »So wie… einer ordentlichen Ar- beit nachgehen und ein anständiges Leben führen. Und sich regelmäßig waschen.« »Nicht auf der faulen Haut liegen und so.« »Genau.« »Oder… rund um die Uhr schuften, so wie Goriff.« »Nobby…« »Und seine Kinder sieht man nie mit schmutziger Kleidung…« »Versuchst du etwa, dich über mich lustig zu machen, Nobby? Du weißt doch, daß wir besser sind als die Klatschianer. Ich meine, was hätte es sonst für einen Sinn, gegen sie zu kämpfen? Und außerdem: Wenn es tatsächlich zum Krieg kommt, könntest du für solch verräterisches Ge- rede verhaftet werden.« »Willst du gegen die Klatschianer kämpfen, Fred?« Fred Colon kratzte sich am Kinn. »Nun, als jemand, der über umfas- sende militärische Erfahrung verfügt, bleibt mir wohl gar nichts anderes übrig…« »Was hast du vor? Willst du dich einem Regiment anschließen und an die Front ziehen?« »Nun… ich dachte eher daran, meine umfassenden militärischen Er- fahrungen für die Ausbildung zu nutzen. Ja, ich sollte besser hierbleiben und aus disziplinlosen Rekruten gute Soldaten machen.« »Du möchtest also gegen die Klatschianer kämpfen, indem du hier in der Stadt bleibst, wo nicht gekämpft wird?« »Jeder von uns muß seine Pflicht erfüllen, Nobby. Wenn es nach mir ginge, würde ich mit den Truppen nach Klatsch reisen und die Hand- tuchköpfe kalten Stahl schmecken lassen.«, »Hättest du überhaupt keine Angst vor ihren rasiermesserscharfen Schwertern?« »Ich würde verächtlich über sie lachen, Nobby.« »Aber angenommen, die Klatschianer greifen Ankh-Morpork an. Dann wäre die Front hier, wo du dich befindest. Und dann wäre es dort ruhig, wo eigentlich die Front sein müßte.« »Vielleicht sollte ich mich um einen Posten in der Mitte bewerben…« »Meinst du die Mitte der Front oder…« »Meine Herren?« Die beiden Wächter drehten sich um und stellten fest, daß ihnen je- mand gefolgt war: ein mittelgroßer Mann mit erstaunlichem Kopf. Er war nicht etwa kahl. Im Gegenteil: Das lange, lockige Haar reichte dem Fremden bis auf die Schulter, und sein Bart bot Platz genug, um eine ganze Kükenschar darin zu verbergen. Doch sein Kopf stieg durch die Mähne auf wie eine Kuppel, die immer weiter nach oben anschwoll. Er lächelte freundlich. »Stehe ich zufälligerweise dem heldenhaften Feldwebel Colon und dem…« Der Mann musterte Nobby, und der Ausdruck in seinem heite- ren Gesicht brachte innerhalb von zwei oder drei Sekunden das ganze Spektrum von Erstaunen über Abscheu und Interesse bis zu Anteilnah- me hinter sich. »Und dem Korporal Nobbs gegenüber?« beendete er den Satz. »Das sind wir, Bürger«, bestätigte Colon. »Ah, gut. Ich habe extra nach euch gesucht. Wißt ihr, es ist wirklich bemerkenswert. Niemand ist jemals ins Bootshaus eingebrochen, obwohl ich zugeben muß, daß ich die Schlösser gut konzipiert habe. Und ich mußte nur die Ledersachen an den Verbindungsstellen zurechtrücken und alles ölen und… Oh, entschuldigt bitte, ich hab’s schon wieder zu eilig. Nun, wie lautete die Nachricht, die ich euch überbringen sollte…? Worum ging es dabei? Ich glaube, um eure Hände oder so…« Er griff in den großen Leinenbeutel zu seinen Füßen und holte ein langes Rohr hervor, das er Nobby reichte. »Ich bitte um Verzeihung«, fuhr er fort, zog ein kleineres Rohr aus dem Beutel und gab es Colon. »Ich muß mich sehr beeilen, es war einfach, nicht genug Zeit, um das Projekt auf angemessene Weise abzuschließen, und ehrlich gesagt: Das Material ließ zu wünschen übrig…« Colon betrachtete das Rohr. Am einen Ende lief es spitz zu. »Das ist eine Feuerwerksrakete«, sagte er. »Sieh nur, hier steht ›Ein prächtiges Durcheinander aus bunten Kugeln und Sternen‹…« »Ja, ich bitte vielmals um Entschuldigung«, sagte der Mann und zog ei- nen komplexen Apparat aus Holz und Metall aus dem Beutel. »Wenn ich das Rohr bitte zurückhaben könnte, Korporal…« Er nahm es entgegen und schraubte den Apparat an das eine Ende. »Danke… ich fürchte, ohne meine Drehbank und die Esse mußte ich ein wenig improvisieren und mit dem zurechtkommen, was gewissermaßen herumlag. Wenn ich jetzt bitte auch die Rakete zurückhaben könnte… Herzlichen Dank.« »Ohne einen Stock funktioniert sie nicht richtig«, sagte Nobby. »Oh, doch, es geht auch ohne«, erwiderte der Mann. »Dann sind sie nur nicht ganz so präzise.« Er hob das Rohr an die Schulter und blickte durch ein kleines Draht- gitter. »Ich glaube, das genügt«, sagte er. »Außerdem sollte man in Deckung gehen, nachdem man die Lunte an- gezündet hat«, fügte Nobby hinzu. »Man kann kaum kontrollieren, wo- hin die Dinger fliegen.« »Oh, das ist sehr wohl möglich«, widersprach Leonard von Quirm und wandte sich den beiden Wächtern zu. Colon sah die Spitze der Rakete in den Tiefen des Rohrs. Seine Phan- tasie zeigte ihm jähe Bilder von bunten Sternen und Kugeln. »Nun, offenbar sollt ihr beide diese Gasse hier betreten und mich be- gleiten«, sagte Leonard. »Es tut mir sehr leid, aber Seine Exzellenz hat mir in allen Einzelheiten erklärt, warum die Bedürfnisse einer Gesell- schaft manchmal wichtiger sind als die Rechte einzelner Personen. Oh, und jetzt erinnere ich mich wieder: Ihr sollt die Hände heben.« Sand bedeckte den großen Tisch in der Rattenkammer., Lord Rust empfand fast so etwas wie Wohlbehagen, als er darauf hin- abblickte. Kleine Quadrate symbolisierten Städte und Siedlungen; aus Holz geschnitzte Palmen symbolisierten die bekannten Oasigen. Zwar fühlte Lord Rust ein wenig Unbehagen bei dem Wort »Oasigen«, aber er betrachtete die Darstellung und sah, daß sie gut war. Immerhin handelte es sich um eine Karte von Klatsch, und alle wußten, daß Klatsch zum größten Teil aus Sand bestand, was der ganzen Sache einen besonders befriedigenden Aspekt verlieh, und zwar auf existentielle Art und Weise. Obwohl der Sand vom Haufen hinter der Töpferei des Trolls Kreidig stammte und nicht nur Zigarettenstummel enthielt, sondern auch Kat- zendreck, der in einer echten Wüste vermutlich nicht vorhanden war, zumindest nicht in dieser Größenordnung, wenn man den Maßstab be- rücksichtigte. »Dies wäre eine gute Stelle, um die Truppen an Land zu bringen«, sagte Lord Rust und zeigte mit dem Stock darauf. Sein persönlicher Adjutant versuchte sich nützlich zu machen. »Die Halbinsel El Kinte«, sagte er. »Dort ist der Abstand zwischen Ankh- Morpork und Klatsch am geringsten.« »Genau! Was für uns bedeutet, daß die Überfahrt nicht so lange dau- ert.« »Ausgezeichnet, Herr«, sagte Leutnant Hornett. »Aber… meinst du nicht, daß uns der Feind dort erwartet? Immerhin ist es ein offensichtli- cher Landungsplatz.« »Für den geübten militärischen Denker ist er keineswegs offensicht- lich!« entgegnete Lord Rust. »Der Feind wird uns nicht dort erwarten, weil es so offensichtlich ist, daß er uns dort erwarten sollte, verstehst du?« »Soll das heißen… die Klatschianer glauben, nur ein Vollidiot wäre fä- hig, seine Truppen ausgerechnet dort an Land gehen zu lassen?« »Genau! Und die Klatschianer wissen natürlich, daß wir keine Idioten sind, und deshalb rechnen sie bestimmt nicht damit, daß wir dort an Land gehen. Vermutlich erwarten sie uns…« Rusts Stock bohrte sich in den Sand,»… hier.« Hornett sah genauer hin. Draußen auf der Straße begann jemand zu trommeln., »Oh, du meinst Eritor«, sagte er. »Dort gibt es einen gut verborgenen Bereich zur Landung, und nach einem zweitägigen Gewaltmarsch durch geschütztes Gelände wäre unsere Streitmacht im Herzen des gegneri- schen Reiches, Herr.« »Genau!« »Eine Landung bei El Kinte hingegen würde einen dreitägigen Marsch über Sanddünen und vorbei an der befestigten Stadt Gebra bedeuten…« »Genau. Weite, offene Bereiche, in denen wir die Kunst des Krieges praktizieren können.« Lord Rust sprach lauter, um das Trommeln zu übertönen. »So regelt man diese Dinge. Eine entscheidende Schlacht. Wir auf der einen Seite, die Klatschianer auf der anderen. SO GEHT MAN VOR, UM…« Er warf den Zeigestock beiseite. »Welcher Narr macht einen derartigen Lärm?« Der Adjutant ging zum Fenster und sah hinaus. »Es ist jemand, der Rekruten anwirbt, Herr.« »Aber wir sind doch alle hier!« Der Adjutant zögerte wie jemand, der jähzornigen Männern schlechte Nachrichten bringen muß. »Es ist Mumm, Herr…« »Er rekrutiert für die Wache?« »Äh… nein, Herr. Für ein Regiment. Auf der Fahne steht: ›Sir Samuel Mumms Erste Infanterie‹.« »So eine Unverschämtheit. Geh und… nein, ich kümmere mich selbst darum!« Draußen auf der Straße hatten sich inzwischen ziemlich viele Leute eingefunden. In der Mitte dieser Menge ragte die große Gestalt des Obergefreiten Dorfl auf. Wenn ein Golem zu trommeln begann, so wag- te es niemand, zu ihm zu gehen und ihn zu bitten, damit aufzuhören. Lord Rust bildete die einzige Ausnahme. Er trat an Dorfl heran und riß ihm die Trommelstöcke aus den tönernen Händen. »Ja, in der Ersten Infanterie ihr könnt führen ein ganz neues Leben!« donnerte Detritus, der nicht zur Kenntnis nahm, was sich hinter ihm, abspielte. »Ihr einen Beruf lernt! Und ihr auch lernt Selbstachtung! Ihr bekommt hübsche Uniform und außerdem so viel Stiefel, wie ihr könnt essen… Hier, das meine Fahne ist!« »Was hat das zu bedeuten?« fragte Rust, nahm die in Heimarbeit gefer- tigte Fahne und warf sie zu Boden. »Jetzt gehst du zu weit, Mumm!« Von der Mauer löste sich eine Gestalt, die das Geschehen bisher inter- essiert beobachtet hatte. »Das glaube ich eigentlich nicht«, sagte Mumm. Er reichte Rust einen Zettel. »Ich habe alles notiert. Mit Zitaten von den höchsten Stellen, falls du irgendwelche Zweifel hast.« »Mit Zitaten von…« »Es geht um die Rolle eines Ritters, Herr. Eigentlich sogar um die rit- terlichen Pflichten. Vieles davon ist ziemlich dumm, zum Beispiel das He- rumreiten auf einem Pferd mit Gardinen, aber es heißt auch, daß ein Ritter in Zeiten der Not – du wirst lachen, wenn du das hörst – eine Streitmacht zusammenstellen und unterhalten muß. Ich versichere dir: Niemand kann überraschter gewesen sein als ich selbst! Offenbar bleibt mir keine andere Wahl, als mich nach geeigneten Leuten für ein Re- giment umzusehen. Nun, die meisten Angehörigen der Wache haben sich rekrutieren lassen. Kein Wunder, du weißt ja, wie das ist, diszipli- nierte Jungs, die es gar nicht abwarten können, ihre Pflicht zu erfüllen. Dadurch ist mir viel Mühe erspart geblieben. Nur Nobby Nobbs konnte sich noch nicht entscheiden, Soldat der Ersten Infanterie zu werden. Er meinte, wenn er damit bis Donnerstag wartet, hat er genug weiße Federn für eine Matratze zusammen.« Rusts Gesichtsausdruck hätte Fleisch für ein Jahr konservieren können. »Das ist doch Unfug«, erwiderte er. »Du bist überhaupt kein Ritter, Mumm. Nur ein König kann…« »Eine ganze Reihe von Leuten in der Stadt sind vom Patrizier in den Adelsstand erhoben worden«, sagte Mumm. »Zum Beispiel dein Freund Lord Witwenmacher. Was wolltest du gerade sagen?« »Wenn du darauf bestehst, solche Spielchen zu treiben… Bevor ein Ritter zum Ritter wird, muß er eine Nacht über seine Rüstung wa- chen…«, »Hab praktisch jede Nacht meines Lebens auf diese Weise verbracht«, meinte Mumm. »Wer hier nachts nicht auf seine Rüstung achtet, hat am nächsten Morgen keine mehr.« »Außerdem hat er dabei zu beten…«, sagte Rust scharf. »Klingt ganz wie eine Beschreibung von mir«, erwiderte Mumm. »Es verging praktisch keine Nacht, in der ich nicht dachte: ›Oh, ihr Götter, bitte laßt mich dies lebend überstehen.‹« »… und er muß sich auf dem Schlachtfeld bewiesen haben. Im Kampf gegen andere aufrechte Männer, Mumm. Damit ist kein schäbiges Ha- lunkenpack gemeint.« Mumm begann, den Riemen seines Helms zu lösen. »Nun, ich könnte mir bessere Umstände vorstellen, Herr, aber wenn jemand bereit wäre, deinen Mantel fünf Minuten zu halten…« In Mumms Augen erkannte Rust den feurigen Glanz brennender Schiffe. »Ich weiß, was du vorhast, und ich gehe nicht darauf ein«, sagte er und trat einen Schritt zurück. »Außerdem bist du im Umgang mit Waffen überhaupt nicht richtig ausgebildet.« »Das stimmt«, gab Mumm zu. »In diesem Punkt kann ich nicht wider- sprechen. Niemand hat mich den Umgang mit Waffen gelehrt. Da kann ich von Glück sagen.« Er beugte sich vor und senkte die Stimme, so daß die vielen Zuschauer ihn nicht hören konnten. »Ich weiß, was du mit ›im Umgang mit Waffen ausgebildet‹ meinst, Ronald. Seit einer halben Ewigkeit hat kein richtiger Krieg mehr stattgefunden, und deshalb übt man mit gepolsterten Jacken und Schwertern, an deren Spitzen kleine Kugeln stecken… damit niemand verletzt wird. Aber auch in den Schat- ten wurde niemand für den Umgang mit Waffen ausgebildet. Dort könn- te niemand einen Degen von einem Säbel unterscheiden. Dafür gibt es dort Leute, die sehr wohl wissen, was man mit einer zerbrochenen Fla- sche in der einen und einem Knüppel in der anderen Hand anfangen kann. Wenn man es mit solchen Burschen zu tun bekommt, Ronnie, dann steht keine vergnügliche Übungsstunde bevor, an die sich ein Be- such in der nächsten feinen Taverne anschließt. Diesen Leuten geht es nämlich darum, dich zu töten. Verstehst du, Ron? Sie wollen dich umbrin-, gen. Und wenn du mit deinem hübsch glänzenden Breitschwert ausholst, haben sie dir bereits Name und Adresse in den Bauch geschnitten. Unter solchen Umständen habe ich den Umgang mit Waffen gelernt. Bei mei- ner ›Ausbildung‹ ging es hauptsächlich darum, was man mit Fäusten, Knien, Zähnen und Ellenbogen anstellen kann.« »Du bist kein Gentleman«, sagte Rust. »Ich wußte, daß es an mir etwas gibt, das ich mag.« »Ist dir nicht einmal klar, daß man keine Zwerge und Trolle in ein Re- giment von Ankh-Morpork aufnehmen darf?« »In den Vorschriften ist nur von ›Bewaffneten‹ die Rede, und Zwerge bringen ihre eigenen Äxte mit. Dadurch spart man eine Menge. Und wenn man sie im Kampf gesehen hat, wünscht man sich, immer auf ihrer Seite zu stehen.« »Mumm…« »Sir Samuel, Herr.« Rust dachte kurz nach. »Na schön«, sagte er. »Du und dein… Regiment… Ihr steht unter mei- nem Kommando.« »Da muß ich dich leider enttäuschen«, erwiderte Mumm. »Das Kom- mando könnte nur der König oder ein von ihm selbst bestimmter Stell- vertreter übernehmen – nachzulesen in Scavones ›Ritterliche Gesetze und Gepflogenheiten‹. Einen solchen Stellvertreter gibt es nicht, seit irgendein Mistkerl den letzten König einen Kopf kürzer gemacht hat. Oh, die Stadt wurde von verschiedenen Personen regiert, aber nach der ritterlichen Tradition…« Rust hörte erneut auf zu denken. Er wirkte wie ein Rasenmäher, kurz nachdem das Gras ein Arbeitskollektiv gebildet hat. In seinem Gesicht deutete etwas auf folgendes hin: Tief in seinem Innern wußte er, daß sich die derzeitigen Ereignisse überhaupt nicht zutragen konnten – es konnte nicht geschehen, weil so etwas nicht geschehen durfte. Alle gegenteiligen Indizien wurden ignoriert. Allerdings mußte er trotzdem gewisse Dinge pro forma erledigen., »Du wirst sicher feststellen, daß dein Standpunkt in rechtlicher Hin- sicht…«, begann er. Seine Augen traten kurz aus den Höhlen, als Mumm ihn fröhlich unterbrach. »Oh, vielleicht gibt es das eine oder andere Problem, zugegeben. Aber wenn du Herrn Schräg fragst, so antwortet er vermutlich: ›Ein interes- santer Fall.‹ Und du weißt ja, was das in der Anwaltssprache bedeutet: ›Tausend Ankh-Morpork-Dollar pro Tag plus Spesen, und vermutlich nimmt der Fall Monate in Anspruch.‹ Ich überlasse es dir, rechtliche Schritte einzuleiten, weil ich nämlich viele andere Dinge zu erledigen habe. Inzwischen dürften die Textilmuster der neuen Uniformen in mei- nem Büro eingetroffen sein, es ist ja wichtig, auf dem Schlachtfeld gut auszusehen, nicht wahr?« Rust durchbohrte Mumm mit einem letzten Blick und ging davon. Detritus nahm neben Mumm Haltung an, und sein Helm schepperte laut, als er salutierte. »Was wir jetzt machen sollen, Herr?« »Ich schätze, wir können unsere Sachen packen und diesen Ort verlas- sen. Haben alle Angehörigen der Wache beschlossen, sich uns anzu- schließen?« »Ja, Herr!« »Hast du sie darauf hingewiesen, daß es nicht obligatorisch ist?« »Ja, Herr! Ich ihnen gesagt habe: Es nicht obliga’risch sein, aber ihr müßt.« »Ich wollte Freiwillige, Detritus.« »Ja, Herr. Alle sich freiwillig gemeldet haben. Ich dafür gesorgt.« Mumm seufzte, als er in Richtung Wachhaus schritt. Vermutlich droh- te keine Gefahr. Er war ziemlich sicher, daß man ihm in rechtlicher Hin- sicht nichts anhaben konnte, und wenn er Rust richtig einschätzte, re- spektierte der Lord die Buchstaben des Gesetzes. Leute wie er zeichne- ten sich durch diesen ganz besonderen Starrsinn aus. Und wenn man berücksichtigte, was in Bewegung geraten war, spielten dreißig Wächter kaum eine Rolle. Eigentlich brauchte Rust ihnen überhaupt keine Beach- tung zu schenken., Plötzlich steht ein Krieg bevor, dachte Mumm, und alles kehrt zurück. Die normale Ordnung wird auf den Kopf gestellt, weil es Regeln gibt. Und Leute wie Rust finden sich ganz oben auf dem Haufen wieder. Jah- relang faulenzen die Aristokraten, und auf einmal wird die alte Rüstung abgestaubt und das Schwert von seinem Platz über dem Kamin genom- men. Sie glauben, daß der Krieg unvermeidlich ist, und ihnen fällt nur ein, daß man ihn entweder gewinnen oder verlieren kann… Jemand steckt dahinter. Jemand möchte, daß es zu einem Krieg kommt. Jemand hat dafür bezahlt, Ostie und Schneetreiben umbringen zu lassen. Jemand wollte den Tod des Prinzen. Das darf ich nicht verges- sen. Dies ist kein Krieg, sondern ein Verbrechen. Und dann merkte er, daß er sich fragte, ob es dieselben Leute waren, die auch den Anschlag auf Goriffs Laden verübt hatten, und ob diese Leute auchdie Botschaft in Brand gesteckt hatten. Und dann begriff er, warum er auf diese Weise dachte. Weil er an die Existenz von Verschwörern glauben wollte. Es war viel einfacher, sich Männer in irgendeinem verrauchten Zimmer vorzustellen, von Privilegien und Macht um den Verstand gebrachte Personen, die voller Zynismus steckten und beim Brandy Intrigen spannen. An einem solchen Vorstellungsbild klammerte er sich fest. Sonst mußte er sich der unangenehmen Tatsache stellen, daß schlimme Dinge passierten, weil ganz gewöhnliche Leute – Menschen, die den Hund bürsteten und ihren Kindern Gutenachtgeschichten erzählten – fähig waren, auf die Straße zu gehen und Schreckliches mit anderen ganz gewöhnlichen Leuten anzu- stellen. Ja, es war viel einfacher, Verschwörern die Schuld zu geben. Wie deprimierend, in diesem Zusammenhang »Wir« zu denken. Wenn Sie dahinterstecken… dann trifft uns überhaupt keine Schuld. Aber wenn das Wir der Wahrheit entspricht… Was bedeutet das für das Ich? Im- merhin gehöre ich zu den Wir. Es käme mir nie in den Sinn, mich für einen von Ihnen zu halten. Niemand glaubt, einer von Ihnen zu sein. Je- der von Uns ist ein Teil des Wir. Für die schlimmen Dinge sind Sie ver- antwortlich. Früher hätte Mumm etwa an dieser Stelle eine Flasche geöffnet und keinen Gedanken an ihren Inhalt verschwendet, solange die Flüssigkeit bewirkte, daß Lack Blasen warf…, »Ugh?« »Oh, hallo. Was kann ich für dich… Oh, ja, ich habe um Bücher über Klatsch gebeten. Das ist alles?« Der Bibliothekar hob verlegen ein kleines, recht mitgenommenes grü- nes Buch in die Höhe. Mumm hatte etwas Größeres erwartet, aber er nahm es trotzdem entgegen. Es zahlte sich aus, einen Blick in jedes Buch zu werfen, das man vom Bibliothekar bekam. Er schien genau zu wissen, welche Lektüre zu einem paßte. Mumm vermutete, daß es ein spezielles berufliches Geschick war, so wie die Fähigkeit eines Leichenbestatters, Größen genau abzuschätzen. Auf dem Rücken des Buches bildeten verblichene goldene Buchstaben die Worte: »VENI VIDI VICI. Ein Soldatenleben von Gen. A. Taktikus«. Nobby und Feldwebel Colon schoben sich durch die Gasse. »Ich habe ihn erkannt!« flüsterte Colon. »Das ist Leonard von Quirm, jawohl! Er verschwand vor fünf Jahren!« »Er heißt also Leonard und stammt aus Quirm«, erwiderte Nobby. »Na und?« »Er ist ein geniales Genie!« »Er ist irre.« »Ja, mag sein. Es heißt, vom Genie zum Wahnsinn sei es nur ein klei- ner Schritt…« »Diesen Schritt hat er hinter sich gebracht.« Hinter ihnen erklang erneut Leonards Stimme: »Meine Güte, es hat keinen Zweck…? Ich muß gestehen, daß du recht hast, bei mittleren und größeren Entfernungen läßt die Präzision sehr zu wünschen übrig. Wenn ihr euch dazu entschließen könntet, kurz stehenzubleiben…« Die beiden Wächter drehten sich um. Leonard hatte bereits damit be- gonnen, das Rohr zu demontieren. »Bitte halt dies fest, Korporal… Und du, Feldwebel, wenn du das hier halten könntest… Man müßte Stabilisierungsflächen hinzufügen, dann sollte es eigentlich klappen. Ich bin sicher, daß ich irgendwo ein passen- des Stück Holz habe…« Leonard klopfte auf seine Taschen., Die Wächter stellten sich einer sonderbaren Erkenntnis: Der Mann, der sie gewissermaßen entführt hatte, gestaltete nun seine Waffe neu. Und er ließ sich von ihnen helfen, während er nach einem Schraubenzie- her suchte. So etwas geschah nicht sehr oft. Nobby nahm stumm die Rakete von Colon entgegen und schob sie ins Rohr. »Wozu dient das hier?« fragte er. Leonard klopfte noch immer auf seine Taschen und sah kurz auf. »Oh, das ist der Auslöser«, sagte er. »Er reibt den Feuerstein, hier, und…« »Gut.« Eine Flamme leckte aus dem einen Ende des Rohrs, gefolgt von schwarzem Qualm. »Meine Güte«, sagte Leonard. Die Wächter drehten sich um wie zwei Männer, die damit rechneten, keine besonders angenehmen Dinge zu sehen. Die Rakete war nicht nur durch die Gasse gerast, sondern auch durchs Fenster eines Hauses. »Äh«, sagte Leonard. »Die Rakete sollte besser den Hinweis ›Hier vor- ne‹ tragen. Dadurch wäre das Gerät ein gutes Stück sicherer. Wo habe ich denn mein Notizbuch…?« »Ich glaube, wir sollten diesen Ort verlassen«, sagte Colon und wich zurück. »So schnell wie möglich.« Im Innern des Hauses explodierten bunte Kugeln und Sterne, die ei- gentlich dazu dienen sollten, jung und alt zu erfreuen. Doch der Troll, der gerade die Tür geöffnet hatte, schien nicht sehr begeistert zu sein. »Ach, tatsächlich«, erwiderte Leonard. »Nun, wenn hohe Geschwindig- keit erforderlich ist… Ich habe da ein interessantes Konzept entwickelt. Dabei geht es um ein mit zwei Rädern ausgestattetes…« Die beiden Wächter agierten in stillschweigendem Einvernehmen: Zu beiden Seiten schoben sie eine Hand unter Leonards Schulter, hoben ihn hoch und liefen los., »Meine Güte«, sagte Leonard, als er eine nach hinten gerichtete Be- schleunigung erfuhr. Die Wächter sprangen in eine Seitenstraße und eilten von dort aus rou- tiniert durch mehrere Gassen. Schließlich lehnten sie Leonard an eine Mauer und spähten um die nächste Ecke. »Alles klar«, sagte Nobby. »Sie haben den anderen Weg genommen.« »Gut«, erwiderte Colon. »Und was machen wir jetzt? Ich meine, viel- leicht bist du tatsächlich ein Genie, Herr da Quirm, aber wenn es darum geht, andere Leute zu bedrohen, bist du ebenso schlau wie ein aufblasba- res Pfeilbrett.« »Offenbar bin ich ein ziemlicher Trottel gewesen, nicht wahr?« meinte Leonard. »Wie dem auch sei: Ich bitte euch inständig, mich zu begleiten. Ich dachte nur, ihr würdet die Sprache der Gewalt besser verstehen, denn immerhin seid ihr Krieger…« »Nun… äh… ja, wir sind tatsächlich Krieger«, sagte Feldwebel Colon. »Aber…« »He, hast du noch eine Rakete?« fragte Nobby und hob das Rohr wie- der zur Schulter. In seinen Augen zeigte sich der Glanz eines sehr klei- nen Mannes, der plötzlich eine sehr große Waffe in den Händen hält. »Ja, vielleicht«, entgegnete Leonard. In seinen Augen zeigte sich das Fun- keln eines Mannes, der von Natur aus unschuldig ist und versucht, hin- terhältig zu sein. »Ich schlage vor, wir sehen nach. Wißt ihr, man hat mich beauftragt, euch mit allen Mitteln zu holen.« »Bestechung klingt nicht schlecht«, sagte Nobby. Er blickte durchs Vi- sier des Rohrs und gab Geräusche von sich, die nach Wusch klangen. »Wer hat dich aufgefordert, uns zu holen?« fragte Colon. »Lord Vetinari.« »Der Patrizier will mit uns reden?« »Ich glaube, seine Absichten beschränken sich nicht nur auf ein Ge- spräch. Er meinte, ihr verfügt über besondere Fähigkeiten. Kommt, wir müssen uns beeilen.« »Sollen wir den Palast aufsuchen? Ich dachte, Lord Vetinari hätte sich aus dem Staub gemacht.«, »O nein. Und er erwartet uns nicht im Palast, sondern bei den… bei den… Docks…« »Besondere Fähigkeiten, wie?« wiederholte Colon. »Äh… Feldwebel…«, begann Korporal Nobbs. »Tja, Nobby«, sagte Colon, »es wird höchste Zeit, daß uns Anerken- nung gezollt wird. Erfahrene Offiziere wie wir sind das Rückgrat der Truppe. Wenn du mich fragst«, fuhr er fort, »wenn du mich fragst, ist dies ein typischer Fall von ›der rechte Mann zur rechten Zeit‹.« »Wer ist denn der rechte Mann?« »Ich rede von uns. Von Männern mit besonderen Fähigkeiten.« Nobby nickte, aber nicht ohne gewisses Widerstreben. In vielerlei Hin- sicht dachte er wesentlich klarer als sein Vorgesetzter, und er machte sich Sorgen über die »besonderen Fähigkeiten«. Wenn man wegen »besonde- rer Fähigkeiten« ausgewählt wurde, so deutete alles auf einen besonderen Einsatz hin, mit dem besondere Gefahren verbunden sein konnten. Was war überhaupt so Besonderes an »besonderen Fähigkeiten«? Selbst Napf- schnecken besaßen besondere Fähigkeiten. »Geht es um eine geheime Mission?« fragte Colon. »Müssen wir uns wieder unter die Zivilisten mischen?« Leonard blinzelte. »Nun… in der Angelegenheit gibt es einen stark ausgeprägten Unter-Aspekt. Das läßt sich nicht leugnen.« »Feldwebel…« »Sei still, Korporal.« Colon zog Nobby etwas näher. »Geheime Missio- nen bedeuten, daß man nicht aufs Schlachtfeld muß, um sich dort erste- chen und erschießen zu lassen«, flüsterte er. »Und was ist die wichtigste Sache, die ein Berufssoldat vermeiden sollte?« »Er sollte es vermeiden, sich erstechen oder erschießen zu lassen«, antwortete Nobby automatisch. »Genau! Gehen wir, Herr Quirm! Wir folgen dem Ruf der Pflicht!« »Bravo!« sagte Leonard. »Sag mal, Feldwebel, hast du dich jemals für das Nautische interessiert?« Colon salutierte. »Nein, Herr! Bin glücklich verheiratet!« »Ich meine, hast du nie die Wellen des Ozeans gepflügt?«, Colon bedachte ihn mit einem argwöhnischen Blick. »Oh, darauf falle ich nicht herein, Herr«, sagte er. »Jeder weiß, daß die Pferde versinken würden.« Leonard zögerte kurz und justierte sein Gehirn wieder auf die Fre- quenz von Radio Colon. »Bist du irgendwann einmal auf dem Meer unterwegs gewesen, mit ei- nem Schiff oder einem Boot?« »Ich, Herr? Nein. Es liegt am Auf und Ab der Wellen, Herr. Kann den Anblick nicht ertragen.« »Ach?« erwiderte Leonard. »Nun, das wird glücklicherweise kein Pro- blem sein.« Also gut, noch einmal von vorn… Fakten zusammenfügen, bis sie ein einheitliches Bild ergaben. Darauf kam es an. Die Welt sah zu. Jemand wollte, daß die Wache herausfand, hinter dem Attentat stecke eine klatschianische Verschwörung. Wer? Jemand hatte Schneetreiben Schuppert enthauptet und ihn toter zu- rückgelassen als sechs Eimer Fischköder. Vor Mumms innerem Auge entstand das Bild eines großen Krumm- schwerts. Es gehörte 71-Stunden-Ahmed. Na schön. Stellen wir uns Ahmed als Khufurahs Diener oder Leib- wächter vor. Angenommen, er hat etwas herausgefunden… Nein, wie sollte das möglich sein? Wer könnte ihm einen Hinweis ge- geben haben? Nun, nehmen wir an, er fand es irgendwie heraus, was bedeutet, daß er auch wußte, wer den Mann bezahlt hatte… Mumm lehnte sich zurück. Das Rätsel blieb ein Rätsel, aber er war fest entschlossen, es zu lösen, auf welche Weise auch immer. Er würde die Fakten zusammenfügen, sie vorurteilsfrei von allen Seiten betrachten und herausfinden, wie Lord Rust alles organisiert hatte. Querkopf! Das brauchte er nicht einfach hinzunehmen, nicht von ei- nem Mann, der »Haus« auf »Mäuse« reimte., Sein Blick fiel auf das alte Buch. General Taktikus? Jedes Kind kannte seinen Namen. Ihm war es zu verdanken, daß Ankh-Morpork einst über ein riesiges Reich geherrscht hatte, ein großer Teil davon in Klatsch gele- gen. Doch seltsamerweise hatte man sich nie bei ihm bedankt. Aus ir- gendeinem Grund, den Mumm nicht verstand, schien man sich in der Stadt des Generals zu schämen. Vielleicht deshalb, weil er schließlich gegen Ankh-Morpork gekämpft hatte. Der Stadt Gennua gingen damals die Könige aus – durch lange Inzucht bestand der einzige übriggebliebene Repräsentant des König- tums hauptsächlich aus Zähnen. Was die ranghöchsten Höflinge zum Anlaß nahmen, Ankh-Morpork einen Brief zu schicken und um Hilfe zu bitten. Mumm hatte erstaunt festgestellt, daß so etwas damals überhaupt nicht außergewöhnlich gewesen war. Die kleinen Königreiche der Sto-Ebene jagten sich immer wieder gegenseitig Mitglieder des königlichen Ge- schlechts ab. Der König schickte Taktikus aus reiner Verzweiflung los. Es ist schwierig, ein Reich richtig zu regieren, wenn man dauernd blutbe- fleckte Briefe bekommt, in denen es heißt: Lieber Gebieter, hiermit teile ich dir mit, daß wir Betrek, Smale und Uschistan erobert haben. Erbitte eine Nachzah- lung von 20000 AM$. Der Mann wußte einfach nicht, wo es aufzuhören galt. Deshalb wurde er hastig zum Herzog ernannt und nach Gennua geschickt, wo seine erste Aktivität darin bestand, den größten Feind der Stadt zu identifizieren. Nachdem ihm das gelungen war, erklärte er Ankh-Morpork den Krieg. Aber was hätte man sonst von ihm erwarten sollen? Er erfüllte seine Pflicht. Er brachte damals jede Menge Beute, viele Gefangene und, im Gegensatz zu anderen Heerführern Ankh-Morporks, den größten Teil seiner Männer zurück. Mumm vermutete, daß die historische Mißbilli- gung auf dem zuletzt genannten Punkt basierte. Die Tatsache, daß so viele seiner Soldaten überlebten, schien nahezulegen, daß er nicht fair kämpfte. Veni, vidi, vici. Diese Worte sollte Taktikus ausgesprochen haben, als er… wo einen Sieg errungen hatte? Über Pseudopolis? Oder über Al- Khali? Über Quirm? Oder vielleicht über Sto Lat? Zu jener Zeit griff man andere Städte allein aus Prinzip an und kehrte anschließend heim –, um erneut anzugreifen, falls der Gegner sich von seiner Niederlage zu erholen schien. Damals scherte man sich nicht darum, ob die Welt zusah oder nicht. Man wollte sogar, daß sie zusah und ihre Lektion lernte. Veni, vidi, vici. Ich kam, ich sah, ich siegte. Als Kommentar erschienen Mumm diese Worte viel zu glatt. So etwas fiel einem nicht auf Anhieb ein. Es klang vielmehr sorgfältig überlegt. Wahrscheinlich hatte Taktikus lange Abende in seinem Zelt in Wörter- büchern nach kurzen Ausdrücken gesucht, die mit V begannen. Mumm stellte sich vor, wie der General sie nacheinander ausprobierte… Veni, vermini, vomui. Ich kam, es gab Würmer, ich übergab mich. Visi, veneri, vamoosi. Ich besuchte, ich holte mir eine peinliche Krankheit, ich lief weg. Sicher war Taktikus damals sehr erleichtert gewesen, als er drei passende und angemessen kurze Worte gefunden hatte. Vermutlich hatte er sie erst notiert und sich danach aufgemacht, irgendwo ein Land zu erobern. Mumm öffnete das Buch an einer beliebigen Stelle. »Es ist immer nützlich, einem Feind gegenüberzustehen, der die Bereitschaft mit- bringt, für sein Land zu sterben«, las er. »Es bedeutet, daß der Feind das gleiche Ziel hat wie man selbst.« »Ha!« »Bimmel-bimmel-b…« Mumms Hand klatschte auf die Schachtel. »Ja? Was ist?« »Drei Uhr fünf nachmittags, Besprechung mit Korporal Kleinpo be- treffend das Verschwinden von Feldwebel Colon«, sagte der Dämon verdrießlich. »Einen solchen Termin habe ich überhaupt nicht vereinbart. Wer hat dir gesagt… Soll das heißen, ich habe eine Verabredung, von der ich nichts weiß?« »Ja.« »Und woher weißt du davon?« »Du hast mir gesagt, daß ich über solche Dinge Bescheid wissen soll«, erwiderte der Dämon. »Gestern abend.«, »Du kannst mich wirklich auf Termine hinweisen, von denen ich nichts weiß?« fragte Mumm. »Es gibt gewissermaßen Termine, die nur darauf warten, daß man ei- nen Zeitpunkt für sie festsetzt«, erklärte der Dämon. »Sie existieren im sogenannten Terminphasenraum.« »Wovon redest du da?« »Nun«, entgegnete der Dämon geduldig, »du kannst jederzeit einen Termin haben, nicht wahr? Also existieren alle Termine in potentia…« »Wo ist das?« »Jeder spezielle Termin läßt die Wellenform kollabieren«, fuhr der Dä- mon fort. »Ich wähle nur den wahrscheinlichsten aus der projizierten Matrix.« »Du erfindest das alles«, sagte Mumm. »Wenn du recht hättest, müßte jetzt jeden Augenblick…« Jemand klopfte an die Tür, auf zögernde, zurückhaltende Art. Mumm wandte den Blick nicht von dem grinsenden Dämon ab. »Bist du das, Korporal Kleinpo?« fragte er. »Ja, Herr. Feldwebel Colon hat eine Taube geschickt. Du solltest dir die Nachricht ansehen, Herr.« »Herein!« Kleinpo reichte ihm eine kleine Rolle aus dünnem Papier. Die Mittei- lung lautete: Nehme an einer Mission von Größter Wichtigkeit teil. Nobby ist ebenfalls hier. Wenn wir triumphierend zurückkehren, setzt man uns vielleicht ein Denkmal. PS. Jemand, dessen Namen ich nicht nennen darf, weist darauf hin, daß sich diese Mitteilung in fünf Sekunden selbst zerstört. Er meint auch, es täte ihm leid, da er nicht die richtigen Chemikalien zur Hand hat, um es besser zu machen… Das Papier begann, sich am Rand zu wellen. Dann löste es sich in einer nicht sehr angenehm riechenden Rauchwolke auf. Mumm starrte auf die übriggebliebene Asche., »Ich schätze, wir können von Glück sagen, daß die Taube nicht explo- dierte, Herr«, sagte Grinsi Kleinpo. »Auf was haben sich Colon und Nobbs nur eingelassen? Nun, ich kann mich jetzt nicht um sie kümmern. Danke, Grinsi.« Die Zwergin salutierte und ging. »Reiner Zufall«, meinte Mumm. »Na schön.« Der Dämon holte tief Luft. »Bimmel-bimmel-bamm! Drei Uhr fünfzehn nachmittags, dringende Beratung mit Hauptmann Karot- te.« Das Ding war zylinderförmig und lief vorn und hinten spitz zu. An ei- nem Ende hatte die Spitze eine recht komplexe Struktur. Offenbar be- stand sie aus einer Anordnung von Ringen, die immer kleiner wurden und sich gegenseitig überlappten, bis sie in eine Art Fischschwanz über- gingen. Ölig glänzendes Leder steckte in den Lücken zwischen den Me- tallteilen. Am anderen Ende ragte ein langes Schraubengewinde aus dem Zylin- der wie das Horn eines Einhorns. Das Gebilde ruhte auf einer Art Lore, die wiederum auf zwei eisernen Schienen stand. Auf der gegenüberliegenden Seite des Bootshauses führ- ten die Gleise ins schwarze Wasser. »Sieht wie ein riesiger Fisch aus«, sagte Colon. »Aus Metall.« »Mit ‘nem Horn«, fügte Nobby hinzu. »Das Ding schwimmt nie«, meinte Colon. »Bei der Konstruktion ist dir ein Fehler unterlaufen. Jeder weiß, daß Metall im Wasser versinkt.« »Das stimmt nicht unbedingt«, widersprach Leonard höflich. »Wie dem auch sei: Dieses Boot soll im Wasser versinken.« »Was?« »Der Antrieb war ein Problem und bereitete mir einiges Kopfzerbre- chen«, sagte Leonard und kletterte eine Trittleiter hoch. »Zuerst dachte ich an Paddel und Ruder, sogar an eine Art Schraube, und dann fiel es mir ein: Delphine – dort liegt die Lösung. Sie können sehr schnell sein und strengen sich dabei kaum an. Dabei meine ich natürlich das offene, Meer. Hier im Mündungsbereich kommt nur der Delphin mit schaufel- förmiger Nase vor. Die Verbindungsstangen sind ein wenig kompliziert geraten, aber sie ermöglichen eine recht hohe Geschwindigkeit. Die Ar- beit mit den Pedalen kann sehr ermüdend sein, doch immerhin sind wir zu dritt, was uns ein zufriedenstellendes Beschleunigungsmoment geben sollte. Es ist wirklich erstaunlich, was man durch Imitation der Natur erreichen kann. Wenn meine Flugexperimente doch nur… Oh, wohin seid ihr verschwunden?« Es ließ sich kaum feststellen, welchen Teil der Natur, die zufriedenstel- lende Beschleunigungen ermöglichte, die beiden Wächter zu imitieren versuchten, aber offenbar handelte es sich dabei um eine Komponente, für die Türen unüberwindliche Hindernisse waren. Die beiden Wächter verharrten zunächst und wichen dann langsam zu- rück. »Ah, Feldwebel«, sagte Lord Vetinari, der vor ihnen den Raum betrat. »Und Korporal Nobbs. Hat Leonard euch alles erklärt?« »Du kannst nicht von uns verlangen, in das Ding zu klettern, Herr!« entfuhr es Colon. »Das wäre Selbstmord!« Der Patrizier preßte die Hände gegeneinander und hob sie an die Lip- pen, als würde er beten. Er seufzte nachdenklich. »Nein. Nein, ich glaube, da irrst du dich«, sagte er schließlich, als hätte er gerade ein schwieriges mathematisches Rätsel gelöst. »Ich glaube viel- mehr, es wäre sehr tapfer, sich dem Apparat anzuvertrauen. Laßt mich hinzufügen, daß ich eine Tapferkeit meine, die belohnt zu werden ver- dient. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, daß es durchaus an Selbstmord grenzen könnte, nicht hineinzuklettern. Aber das ist natürlich meine ganz persönliche Meinung, und es würde mich interessieren, eure zu hören.« Lord Vetinari war kein kräftig gebauter Mann, und seit einiger Zeit be- nutzte er einen schwarzen Gehstock. Niemand hatte jemals beobachtet, wie er eine Waffe benutzte, und in einem jähen Anflug von Vernunft dachte Colon, daß diese Erkenntnis keineswegs beruhigend war. Es hieß, der Patrizier sei bei der Assassinengilde zur Schule gegangen, doch nie- mand wußte, mit welchen Waffen er sich auskannte. Er hatte Sprachen, studiert, aber Colon vermutete, daß Lord Vetinari nicht nur mit Worten umzugehen verstand. Der Feldwebel salutierte, wie immer bei einem Notfall. »Korporal Nobbs!« rief er. »Wieso bist du noch nicht in dem… in dem versinken- den Metallfischding?« »Feldwebel?« »Die Leiter hoch, Korporal, hopp, hopp, hopp!« Nobby sauste die Leiter hoch und verschwand im Innern der Kon- struktion. Colon salutierte erneut. Für gewöhnlich konnte man daran den Grad seiner Nervosität ablesen – diesmal hätte niemand zackiger salutie- ren können als er. »Wir sind bereit, Herr!« rief er. »Ausgezeichnet, Feldwebel«, sagte Vetinari. »Du beweist genau die be- sonderen Fähigkeiten, nach denen ich suche…« »He, Feldwebel«, erklang eine metallene Stimme aus dem Bauch des Fi- sches. »Hier wimmelt es von Ketten und Zahnrädern. Wozu dient das hier}« Der große Bohrer am einen Ende drehte sich mit einem leisen Quietschen. Leonard trat hinter dem Fisch hervor. »Wir sollten jetzt alle an Bord gehen«, sagte er. »Ich habe die Kerze an- gezündet: Ihre Flamme wird den Strick durchtrennen, an dem das Ge- wicht hängt, das die Bremsklötze beiseite ziehen soll.« »Äh… wie heißt das Ding?« fragte Colon, als er dem Patrizier die Lei- ter hinauf folgte. »Nun, da es unter der Oberfläche des Meeres unterwegs sein wird, sollte es eigentlich Sicher-unter-der-Meeresoberfläche-reisen-Gerät heißen«, sagte Leonards Stimme hinter dem Feldwebel.* »Aber bisher habe ich es immer nur ›das Boot‹ genannt.« Er schloß die Luke. Wenige Sekunden später konnte man im Bootshaus dumpfes Pochen hören, als sich Bolzen lösten. * Seltsamerweise versagte Leonard von Quirms Genie, wenn es darum ging, sich gute Namen einfallen zu lassen., Die Kerze brannte noch etwas weiter herunter, und ihre Flamme durchtrennte einen Strick. Dadurch geriet ein Gewicht in Bewegung, und daran befestigte Seile zogen die Bremsklötze beiseite. Die Lore mit dem Boot rollte los, zuerst ganz langsam. Kurze Zeit später erreichte der me- tallene Fisch das dunkle Wasser und verschwand mit einem Glupp darin. Niemand achtete auf Angua, als sie über den Laufsteg lief. Sie wußte, worauf es ankam: Sie mußte den Eindruck erwecken, wie zu Hause zu sein. Ein großer Hund, der mit angemessener Zielstrebigkeit unterwegs war, erweckte kein Mißtrauen. An Bord des Schiffes verhielten sich die meisten Leute wie typische Landratten: Sie wußten nicht genau, was sie tun sollten, und sie fragten sich, wie sie vermeiden konnten, es zu tun. Einige der stoischer veranlag- ten Passagiere hatten sich kleine Lager geschaffen und mit Kleidungs- bündeln und Stoffstreifen private Bereiche abgegrenzt. Sie erinnerten Angua an zweifarbige Abflußrohre und mikroskopisch genau festgelegte Hausbesitzgrenzen im Geldfallenweg. Solche »Linien im Sand« vermittel- ten folgende Botschaft: Dies ist meins, und das ist deins. Und wenn du anrührst, was mir gehört, kriegst du die Hucke voll. Zwei Wächter standen rechts und links neben der Tür, die zu den Ka- binen führte. Man hatte ihnen nicht befohlen, Hunde aufzuhalten. Am Ende des schmalen Ganges stand eine weitere Tür einen Spalt of- fen. Angua stieß sie mit der Schnauze etwas weiter auf und sah sich um. Eine große Kabine lag vor ihr, und sie bemerkte die beiden Hunde, die auf einem Läufer lagen. Andere Hunde hätten vielleicht gebellt, aber diese drehten nur ihre anmutigen Köpfe und musterten Angua aufmerk- sam. Ein schmales Bett war fast hinter seidenen Vorhängen verborgen. 71- Stunden-Ahmed stand dort und wandte sich um, als Angua hereinkam. Er bedachte die Hunde mit einem verwirrten Blick. Anschließend er- staunte er sie, indem er auf dem Boden vor ihr Platz nahm. »Und wem gehörst du?« fragte er in perfektem Morporkianisch. Angua wedelte mit dem Schwanz. Jemand lag im Bett, aber wer auch immer das sein mochte: Die Person stellte kein Problem dar. In den mei-, sten Situationen konnte man entspannt bleiben, wenn man über Kiefer- muskeln verfügte, die mühelos ein Genick zermalmen konnten. Ahmed klopfte ihr auf den Kopf. Nur sehr wenige Leute haben sich so einem Werwolf gegenüber verhalten, ohne daß sie später jemanden brauchten, der ihnen die Mahlzeiten in kleine Stücke schnitt. Doch An- gua hatte Selbstbeherrschung gelernt. Dann stand Ahmed wieder auf und ging zur Tür. Sie hörte, wie er draußen einige Worte an jemanden richtete; wenige Sekunden später betrat er wieder die Kabine und lächelte. »Ich gehe, ich kehre zurück…« Er öffnete einen kleinen Schrank und nahm ein edelsteinbesetztes Hundehalsband hervor. »Du sollst ein Halsband bekommen. Oh, und falls du Hunger hast…« Ein Diener brachte mehrere Schüsseln. »›Nippes und Kutteln dazu, gib dem Hund einen Knochen im Nu.‹ In Ankh- Morpork habe ich Kinder immer wieder diesen Reim singen hören. Aber Nippes ist keine angemessene Nahrung für einen stolzen Hund, und wer weiß, was sich in den Kutteln verbirgt…« Ein großer Napf erschien vor Angua. Die beiden anderen Hunde be- wegten sich, aber Ahmed zischte ein Wort, und daraufhin verharrten sie wieder. In dem Napf lag… Hundefutter. Nach den Maßstäben von Ankh- Morpork bedeutet das: Es handelte sich um etwas, das nicht einmal für Würstchen verwendet wurde. Und es gibt nur wenige Dinge, die jemand mit einem ausreichend großen Fleischwolf nicht in Würstchen unterbrin- gen kann. Der menschliche Aspekt Anguas war entsetzt, doch der Werwolf sab- berte beim Anblick von röhrenförmigen Dingen und schwabbelndem Fett. Der Napf bestand aus Silber. Sie hob den Kopf. Ahmed beobachtete sie aufmerksam. Die anderen Hunde wurden natürlich wie Könige behandelt, trugen mit Diamanten besetzte Halsbänder und so. Es mußte nicht unbedingt bedeuten, daß er Bescheid wußte…, »Hast du keinen Appetit?« fragte Ahmed. »Deine Schnauze behauptet etwas anderes.« Als sie herumwirbelte, um zuzubeißen, schloß sich etwas um ihren Hals. Ihre Zähne bohrten sich in schmierigen Stoff, aber das war nicht so schlimm wie der Schmerz. »Seine Hoheit hat immer großen Wert darauf gelegt, Hunde mit hüb- schen Halsbändern auszustatten«, erklang die Stimme von 71-Stunden- Ahmed durch roten Dunst. »Rubine, Smaragde und Diamanten, teuerste Angua.« Er beugte sich zu ihr herab. »In Silber eingefaßt.« »… habe ich herausgefunden, daß der wichtigste Faktor NICHT in der Größe der eigenen Streitkräfte besteht. Es kommt vielmehr darauf an, wo man seine Truppen in Stellung bringt und wie man die Reserven einsetzt…« Mumm versuchte, sich auf Taktikus zu konzentrieren, aber zwei Dinge lenkten ihn ab. Erstens: Aus jeder Zeile schien ihm 71-Stunden-Ahmed entgegenzublicken und zuzulächeln. Zweitens: seine Uhr, die er an den Disorganizer gelehnt hatte. Darin steckte ein echtes Uhrwerk, und sie funktionierte mit weitaus größerer Zuverlässigkeit. Außerdem brauchte man sie nicht zu füttern. Ruhig tickte sie vor sich hin. Wenn es nach ihm ging… Er brauchte niemanden, der ihn an irgendwelche Termine erin- nerte. Der Sekundenzeiger neigte sich der vollen Minute entgegen, als jemand die Treppe heraufkam. »Komm herein, Hauptmann«, sagte Mumm. Spöttisches Kichern drang aus der Schachtel des Disorganizers. Die rosarote Tönung von Karottes Gesicht war diesmal besonders ausgeprägt. »Angua ist etwas zugestoßen«, sagte Mumm. Karotte erbleichte. »Woher weißt du das?« Mumm versuchte, das Kichern des Dämons zu überhören. »Nennen wir es Intuition, in Ordnung? Nun, habe ich recht?« »Ja, Herr! Sie ging an Bord eines klatschianischen Schiffes, das gerade in See gestochen ist! Und sie befindet sich noch immer an Bord!«, »Was hat sie überhaupt dazu veranlaßt, das Schiff zu betreten?« »Sie verfolgte Ahmed, Herr! Offenbar hat er jemanden mitgenommen, eine Person, die krank zu sein scheint, Herr!« »Er hat die Stadt verlassen? Aber die Diplomaten sind doch noch…« Mumm unterbrach sich. Wenn man Karotte nicht kannte, mußte man zu dem Schluß gelangen, daß mit der Situation etwas nicht stimmte. Ein anderer Mann, dessen Freundin von einem fremden Schiff fortgetragen worden wäre, hätte sicher nicht gezögert, in den Ankh zu springen – oder zumindest über die Kruste des Flusses zu laufen –, an Bord des Seglers zu klettern und den dortigen Leuten auf demokratische Weise einzuheizen. Natürlich mußte man ein solches Verhalten als dumm be- zeichnen, wenn man die Umstände berücksichtigte. Viel vernünftiger war es, die Nachricht zunächst weiterzugeben und Hilfe zu holen, aber trotz- dem… Karotte glaubte tatsächlich, daß »persönliche Dinge« nicht unbedingt mit »wichtig« gleichzusetzen waren. Mumm vertrat natürlich den glei- chen Standpunkt, doch er konnte nur hoffen, daß er sich richtig verhielt, wenn es darauf ankam. Jemand, der nicht nur an dieses Prinzip glaubte, sondern sein ganzes Leben danach gestaltete, hatte etwas Unheimliches. Er erweckte in einem das gleiche seltsame Unbehagen wie die Begeg- nung mit einem wirklich armen Priester. In diesem Fall mußte man natürlich berücksichtigen: Wenn jemand Angua gefangen hatte, mußte man mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die Entführte, sondern die Entführer retten. Dennoch… Die Götter allein mochten wissen, was geschehen würde, wenn er, Mumm, die Stadt ausgerechnet jetzt verließ. Der Kriegswahn breitete sich in Ankh-Morpork immer mehr aus. Große Ereignisse bahnten sich an. In einer solchen Zeit drängte jede einzelne Zelle in seinem Körper darauf, daß der Kommandeur der Wache seine Verantwortung wahr- nehmen mußte… Er trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch. In der gegenwärti- gen Situation war es besonders wichtig, die richtige Entscheidung zu treffen. Dafür wurde er bezahlt. Verantwortung…, Er sollte in der Stadt bleiben und sein Bestes geben. Doch… die Geschichte war voller Knochen von Männern, die sich schlechten Anweisungen in der Hoffnung gefügt hatten, den Schlag ein wenig abmildern zu können. Oh, ja, es gab schlimmere Dinge, aber die meisten von ihnen begannen sofort nach dem Beschluß, den schlechten Anweisungen zu gehorchen. Mumms Blick glitt von Karotte zum Disorganizer und dann zu den Papierbergen auf seinem Schreibtisch. Ach, zum Henker! Im Grunde seines Herzens war er immer ein Die- besfänger gewesen! Warum es leugnen? »Ich will verdammt sein, wenn ich Ahmed nach Klatsch entkommen lasse!« brummte er und stand auf. »Ein schnelles Schiff, nehme ich an?« »Ja. Aber es lag ziemlich tief im Wasser.« »Dann können wir es vielleicht einholen.« Als Mumm loslief, hatte er das sonderbare Gefühl, doppelt zu existie- ren, was tatsächlich der Fall war. Für den Bruchteil einer Sekunde gab es zwei Männer namens Samuel Mumm. Für die Geschichte sind Entscheidungen wie Richtungsangaben. Die Hose der Zeit öffnete sich, und Mumm flog durch ein Bein. Der andere Mumm, der eine andere Entscheidung getroffen hatte, fiel einer anderen Zukunft entgegen. Beide kehrten zurück, um nach ihren Disorganizern zu greifen. Ein be- sonders frecher Zufall, der zufälliger überhaupt nicht sein konnte, sorgte dafür, daß jeder von ihnen die falsche Schachtel erwischte. Manchmal hängt die Lawine von einer einzigen Schneeflocke ab. Manchmal bekommt ein Kieselstein Gelegenheit herauszufinden, was hätte geschehen können – wenn er in eine andere Richtung gefallen wä- re. Die Zauberer von Ankh-Morpork hatten über das Drucken sehr harte Ansichten. In Ankh-Morpork sollte so etwas nicht passieren. Ange- nommen, führten sie aus, angenommen, jemand druckte ein Buch über Magie und verwendete die Typen anschließend für etwas anderes, zum, Beispiel für ein kulinarisches Nachschlagewerk. Das Metall würde sich erinnern. Zauberformeln sind mehr als nur die Worte, aus denen sie be- stehen. Wir bekämen es vielleicht mit sprechenden Souffles zu tun. Au- ßerdem käme möglicherweise jemand auf den Gedanken, Tausende von den verdammten Dingern zu drucken, und einige Exemplare könnten von ungeeigneten Leuten gelesen werden. Die Graveurgilde war ebenfalls gegen das Drucken. Ihre Mitglieder meinten, eine gravierte Textseite zeichnete sich durch besondere Rein- heit aus. Die Graveure leisteten sehr gute Arbeit für ein sehr angemesse- nes Honorar. Gewöhnlichen Leuten zu erlauben, irgendwelche Typen zusammenzuhämmern… Darin kam Respektlosigkeit den Worten ge- genüber zum Ausdruck, was bestimmt zu nichts Gutem führte. Der einzige Versuch, in Ankh-Morpork eine Druckerpresse einzurich- ten, endete in einem mysteriösen Brand und dem Selbstmord des un- glücklichen Druckers. Alle wußten, daß es sich um einen Selbstmord handelte, denn er hinterließ einen Abschiedsbrief. Die Tatsache, daß die Worte auf einen Stecknadelkopf graviert waren, hielt man für ein un- wichtiges Detail. Auch der Patrizier war gegen das Drucken. Er wollte es der Bevölke- rung ersparen, die schwere Last des Wissens tragen zu müssen. Deshalb blieben die Leute auf mündliche Überlieferungen angewiesen. Diese Methode der Nachrichtenübermittlung funktionierte in Ankh- Morpork aufgrund der geringen Entfernung zwischen den Mündern recht gut. Viele von ihnen befanden sich unter den Nasen der Mitglieder der Bettlergilde*, von Bürgern also, die in dem Ruf standen, allgemein gut informiert zu sein. Einige von ihnen genossen aufgrund ihrer Sport- berichterstattung hohes Ansehen. Lord Rust richtete einen nachdenklichen Blick auf den Gebeugten Mi- chael, einen Brummler zweiten Grades. »Und was geschah dann?« * Mit Ausnahme von Sidney Schief, dem die Stadt zwei Dollar pro Tag dafür bezahlte, daß er einen Sack über dem Kopf trug. Er war nicht etwa auf eine be- sonders gräßliche Weise verunstaltet. Wenn man ihn sah, hatte man nur für den Rest des Tages das Gefühl kopfzustehen., Der Gebeugte Michael kratzte sich am Handgelenk. Den zweiten Grad hatte er vor kurzer Zeit erhalten, weil es ihm gelungen war, sich eine zwar harmlose, aber schlimm aussehende Hautkrankheit zuzulegen. »Herr Karotte blieb etwa zwei Minuten drinnen, Herr. Dann kamen sie nach draußen un’ rannten un’…« »Wen meinst du mit sie?« fragte Rust. Nur mit Mühe widerstand er der Versuchung, sich ebenfalls zu kratzen. »Karotte un’ Mumm un’ ein Zwerg un’ ein Zombie un’ all die anderen, Herr. Zu den Docks liefen sie, un’ dort sah Mumm den Kapitän Jenkins, un’ er sagte…« »Ah, Kapitän Jenkins! Heute ist dein Glückstag!« Der Kapitän sah von einem Seil auf, das er gerade zusammenrollte. Die Leute hören nicht gern, daß heute ihr Glückstag ist. Das bedeutet nichts Gutes. »Tatsächlich?« erwiderte er. »Ja, weil du nämlich die einzigartige Möglichkeit hast, bei den Kriegs- bemühungen zu helfen!« »Ach?« »Außerdem kannst du deinen Patriotismus beweisen«, fügte Karotte hinzu. »Kann ich das?« »Wir müssen uns dein Schiff ausleihen«, sagte Mumm. »Verschwinde!« »Ich nehme an, das ist ein deftiger nautischer Ausdruck für ›Oh, natür- lich‹«, sagte Mumm. »Hauptmann Karotte?« »Herr Kommandeur?« »Nimm Detritus mit und sieh hinter der falschen Wand im Frachtraum nach«, ordnete Mumm an. »Sofort, Herr Kommandeur.« Karotte schritt zur Leiter. »Es gibt keine falsche Wand im Frachtraum!« erwiderte Jenkins scharf. »Und ich kenne das Gesetz, und deshalb weiß ich…«, Aus dem Bauch des Schiffes drang das unverkennbare Geräusch von splitterndem Holz. »Wenn das keine falsche Wand war, hat Karotte gerade ein Loch in den Rumpf deines Schiffes geschlagen«, sagte Mumm ruhig und musterte den Kapitän. »Äh…« »Auch ich kenne das Gesetz«, fuhr Mumm fort. Er zog sein Schwert. »Siehst du das hier?« fragte er und hob die Klinge. »Das ist das Kriegs- recht. Und die militärischen Gesetze des Kriegsrechts basieren auf dem Schwert. Es ist kein zweischneidiges Schwert. Dieses hat nur eine Schneide, und sie zeigt auf dich. Hast du was gefunden, Karotte?« Der Hauptmann erschien auf dem Deck des Schiffes, mit einer Arm- brust in der Hand. »Na so was«, sagte Mumm. »Das scheint eine ›Viper‹ MK3 von Bur- lich-und-Starkimarm zu sein. Sie tötet Personen, läßt Gebäude jedoch intakt.« »Hinter der falschen Trennwand sind viele Kisten gestapelt«, meinte Karotte. »Weißt du, ich glaube, es gibt tatsächlich Gesetze, die es verbieten, dem Feind während des Krieges Waffen zu verkaufen«, sagte Mumm. »Oder vielleicht auch nicht.« Fröhlich fügte er hinzu: »Was hältst du davon, wenn wir jetzt zum Hiergibt’salles-Platz gehen? Um diese Zeit wimmelt’s dort von Leuten, die von dem bevorstehenden Krieg begeistert sind und unsere tapferen Soldaten bejubeln… Vielleicht sollten wir es ihnen über- lassen, eine Entscheidung zu treffen. Man hat mir mehrmals den Rat gegeben, auf die Stimme des Volkes zu hören. Eigentlich seltsam… Man begegnet den Leuten, und sie sind anständig. Sie verfügen über ein eini- germaßen funktionierendes Gehirn. Und dann kommen solche Leute in größerer Zahl zusammen, und plötzlich hört man die Stimme des Volkes. Und sie knurrt.« »Das ist die Herrschaft des Pöbels!« »O nein, da irrst du dich bestimmt«, erwiderte Mumm. »Man nennt es demokratische Gerechtigkeit.« »Ein Mann, ein Stein«, ließ sich Detritus vernehmen., Jenkins sah aus wie jemand, der nicht nur den Boden unter den Füßen verlor, sondern die ganze Welt. Er starrte Mumm an, sah dann zu Karot- te und mußte feststellen, daß er von dort keine Hilfe erwarten durfte. »Natürlich hast du von uns nichts zu befürchten«, meinte Mumm. »Du könntest höchstens auf der Treppe stolpern, die zu den Zellen hinunter- führt.« »Im Zellentrakt des Wachhauses gibt es gar keine Treppe!« »Es läßt sich schnell eine einbauen.« »Bitte, Herr Jenkins«, sagte Karotte, der gute Polizist. »Ich wollte… die Waffen… nicht nach… Klatsch bringen«, brachte Jenkins so langsam hervor, als läse er die Worte mit großer Mühe von einem inneren Zettel. »Ich habe… sie gekauft, um sie… unseren Re- gimentern…« »Ja? Ja?« drängte Mumm. »…zu schenken«, sagte Jenkins. »Ausgezeichnet«, lobte Karotte. »Das ist die richtige Einstellung.« »Und du bist gern bereit…?« soufflierte Mumm. »Und ich… bin gern bereit… euch mein Boot zu leihen, um die Kriegsbemühungen zu unterstützen«, sagte Jenkins. Er schwitzte. »Ein wahrer Patriot«, kommentierte Mumm. Jenkins schnitt eine Grimasse. »Wer hat euch von der falschen Trennwand im Frachtraum erzählt?« fragte er. »Ihr wußtet gar nichts davon, oder? Ihr habt nur geraten, stimmt’s?« »Ja«, bestätigte Mumm. »Aha! Ich wußte, daß ihr nur geraten habt!« »Ein schlauer Patriot noch dazu«, sagte Mumm. »Und nun… Wie schnell kann dieses Schiff sein?« Lord Rust klopfte mit den Fingern auf den Tisch. »Was hat er mit dem Schiff vor?«, »Keine Ahnung, Herr«, sagte der Gebeugte Michael und kratzte sich am Kopf. »Verdammt! Hat ihn sonst noch jemand gesehen?« »Oh, es befanden sich nicht viele Leute in der Nähe, Herr.« »Wenigstens etwas.« »Nur ich und der Stinkende Alte Ron und der Entenmann und der Blinde Hugh und Ringo Braue und Nirgends Jose und Sidney Schief und der Mistkerl Krummi und der Pfeifende Richard und noch einige andere, Herr.« Rust ließ die Schultern hängen und hob eine blasse Hand vor sein Ge- sicht. In Ankh-Morpork hatte die Nacht tausend Augen, ebenso der Tag. Hinzu kamen fünfhundert Münder und neunhundertneunundneunzig Ohren.* »Dann haben die Klatschianer bestimmt davon erfahren«, sagte er. »Eine Gruppe von Ankh-Morpork-Soldaten bricht mit einem Schiff nach Klatsch auf. Eine Invasionsstreitmacht ist unterwegs.« »Oh, ich würde in diesem Zusammenhang kaum von einer Inva…«, begann Leutnant Hornett. »So werden es die Klatschianer nennen«, sagte Rust. »Außerdem ist auch der Troll Detritus an Bord.« Ein kummervoller Schatten senkte sich auf Hornetts Miene. Detritus allein war schon eine Invasionsstreitmacht. »Wie viele Schiffe haben wir inzwischen requiriert?« fragte Rust. »Mehr als zwanzig, wenn man auch die Unzerstörbar, Trägheit und…« Leutnant Hornett sah noch einmal auf seine Liste, »… und die Stol von Ankh-Morpork berücksichtigt, Herr.« »Die Stol?« »So steht es hier, Herr.« »Wir sollten also mit tausend Männern und zweihundert Pferden auf- brechen können.« * Wegen Sidney Schief., »Warum lassen wir Mumm nicht einfach ziehen?« fragte Lord Selachii. »Sollen die Klatschianer ihn erledigen. Dann sind wir ihn endlich los.« »Aber dann hätten die Klatschianer einen Sieg über die Streitkräfte von Ankh-Morpork errungen – so würden sie es sehen. Verflucht sei der Mann. Er zwingt uns, schon jetzt aktiv zu werden. Nun, vielleicht ist es sogar besser so. Wir müssen ebenfalls aufbrechen.« »Sind wir schon bereit, Herr?« fragte Leutnant Hornett in jenem be- sonderen Tonfall, der bedeutet: »Wir sind noch nicht bereit, Herr!« »Wir sollten es besser sein. Ruhm wartet auf uns, Gentlemen. Um mit General Taktikus zu sprechen: Packen wir die Geschichte am Hoden- sack. Nun, er war natürlich kein sehr ehrenhafter Kämpfer.« Weißer Sonnenschein erzeugte in Prinz Cadrams Palast besonders krasse Unterschiede zwischen Licht und Schatten. Auch Cadram hatte eine Karte von Klatsch, die aus vielen kleinen Mosaiksteinen im Boden be- stand. Nachdenklich betrachtete er sie. »Nur ein Schiff?« fragte er. Der Erste Berater General Ashal nickte. »Unsere Kristalldeuter können angesichts der großen Entfernung keine Einzelheiten erkennen, aber wir glauben, einer der Männer an Bord ist Mumm. Du erinnerst dich gewiß an den Namen, Gebieter.« »Ah, der nützliche Kommandeur Mumm.« Prinz Cadram lächelte. »Ja. Und inzwischen herrscht an den Docks reger Betrieb. Alles deutet auf ein baldiges Aufbrechen des Expeditionskorps hin.« »Ich dachte, uns bliebe noch mindestens eine Woche Zeit, Ashal.« »Es ist sehr verwirrend. Sie können unmöglich alle Vorbereitungen ab- geschlossen haben, Gebieter. Offenbar ist irgend etwas geschehen.« Cadram seufzte. »Na schön. Beschreiten wir den Weg, den uns das Schicksal zeigt. Wo wird der Angriff stattfinden?« »Bei Gebra, Gebieter. Da bin ich ganz sicher.« »Bei unserer am stärksten befestigten Stadt? Das kann ich mir kaum vorstellen. Nur ein Idiot würde ausgerechnet dort angreifen.«, »Ich habe mich eingehend mit Lord Rust befaßt, Gebieter. Er rechnet gar nicht damit, daß wir kämpfen, und deshalb macht ihm die Größe unserer Streitkräfte überhaupt keine Sorgen.« Der General lächelte ein zufriedenes, dünnes Lächeln. »Und indem er uns angreift, fügt er einer Schändlichkeit eine andere hinzu. Das wird den anderen Küstenstaaten nicht entgehen.« »Also eine Änderung des Plans«, sagte Cadram. »Ankh-Morpork kann warten.« »Eine weise Entscheidung, Gebieter. Wie üblich.« »Irgendwelche Neuigkeiten über meinen armen Bruder?« »Leider nein, Gebieter.« »Unsere Gesandten müssen noch aufmerksamer suchen. Die Welt sieht zu, Ashal.« »Ja, Gebieter.« »Feldwebel?« »Ja, Nobby?« »Erzähl mir noch einmal von unseren besonderen Fähigkeiten.« »Sei still und tritt in die Pedale, Nobby.« »Zu Befehl, Feldwebel.« Es war ziemlich dunkel an Bord. Eine Kerze schwang hin und her – sie steckte in einem Halter, der von der Decke herabhing. Unter ihr saß Leonard von Quirm und steuerte mit Hilfe von zwei Hebeln. Überall rasselten Ketten und knarrten die Seile von kleinen Flaschenzügen. Nobbs hatte das Gefühl, im Innern einer Nähmaschine zu hocken; noch dazu in einer feuchten. Kondenswasser tropfte unablässig von der Dek- ke. Seit zehn Minuten traten sie in die Pedale. Leonard hatte den größten Teil dieser Zeit damit verbracht, aufgeregt zu reden. Nobby hatte den Eindruck, daß er nicht oft unter Leute kam. Er sprach praktisch über alles. Zum Beispiel über die Lufttanks. Nobby konnte sich halbwegs an die Vorstellung gewöhnen, daß sich Luft irgendwie zusammenpressen und, in kleinen, knirschenden Fässern unterbringen ließ, die mit Metallbän- dern verstärkt und an den Wänden befestigt waren. Doch die Verwen- dung der Luft verblüffte ihn. »Blasen!« sagte Leonard. »Die Delphine, erinnert ihr euch? Sie schwimmen nicht durchs Wasser, sondern fliegen durch eine Wolke aus Blasen. Was natürlich viel einfacher ist. Ich habe ein wenig Seife hinzu- gefügt, was den Effekt noch verbessern dürfte.« »Er glaubt, daß Delphine fliegen«, flüsterte Nobby. »Tritt nur weiter in die Pedale.« Feldwebel Colon wagte einen Blick über die Schulter. Lord Vetinari saß auf einer umgedrehten Kiste inmitten der klickenden Ketten und betrachtete einige von Leonards Skizzen, die auf seinen Knien lagen. »Weitermachen, Feldwebel«, sagte der Patrizier. »Ja, Herr.« Das Boot wurde schneller, als sie sich von der Stadt entfernten. Durch die kleinen Glasfenster fiel sogar ein wenig brackiges Licht. »Herr Leonard?« fragte Nobby. »Ja?« »Wohin sind wir unterwegs?« »Seine Exzellenz möchte nach Leshp.« »Etwas in der Art dachte ich mir«, sagte Nobby. »Ich dachte: ›Wohin will ich auf keinen Fall reisen?‹ Darauf fiel mir sofort die Antwort ein, einfach so. Allerdings glaube ich, daß wir Leshp nie erreichen, weil mir nämlich gleich die Knie abfallen…« »Oh, meine Güte, ihr braucht natürlich nicht die ganze Zeit trampeln«, erwiderte Leonard. »Wozu ist deiner Meinung nach wohl das große Ge- winde am Bug da?« »Ach, das hornartige Ding?« entgegnete Nobby. »Ich dachte, es dient dazu, ein ganzes Stück unter der Wasserlinie in den Rumpf feindlicher Schiffe gebohrt zu werden…« »Was?« Leonard drehte sich entsetzt um., »Schiffe versenken? Schiffe versenken? Schiffe mit Menschen drauf?« »Äh, ja…« »Korporal Nobbs, ich glaube, du bist ein sehr törichter junger… Mann«, sagte Leonard steif. »Das Boot nutzen, um Schiffe zu versenken? Das wäre schrecklich! Keinem Seefahrer käme es jemals in den Sinn, etwas so Unehrenhaftes zu tun!« »Entschuldigung…« »Der Bohrer, so möchte ich betonen, dient dazu, uns an vorbeikom- menden Schiffen zu befestigen, in der Art eines Schiffshalters – damit meine ich einen Fisch, der sich am Leib von Haien festsaugt. Einige we- nige Drehungen genügen, um eine ausreichend stabile Verbindung her- zustellen.« »Der Bohrer kann also gar nicht den Rumpf durchdringen?« »Das könnte nur passieren, wenn man ausgesprochen achtlos und un- aufmerksam zu Werke geht!« Die Wellen des Ozeans konnten vielleicht nicht gepflügt werden, aber die Kruste des Flusses Ankh war stromabwärts von Ankh-Morpork fest genug, daß während des Sommers kleine Büsche darauf wachsen konn- ten. Die Milka glitt langsam dahin und hinterließ eine Furche. »Können wir nicht schneller vorankommen?« fragte Mumm. »Oh, sicher«, erwiderte Jenkins spöttisch. »Wo sollen wir den zusätzli- chen Mast aufstellen?« »Das Schiff ist kaum mehr als ein kleiner Fleck«, stellte Karotte fest. »Warum holen wir nicht auf?« »Weil es ein größeres Schiff ist und über etwas verfügt, das man mehr Segelfläche nennt«, erklärte Jenkins. »Außerdem haben klatschianische Schiffe einen besonders geschmeidigen Rumpf. Und unser Frachtraum steckt voller…« Er unterbrach sich, aber es war bereits zu spät. »Hauptmann Karotte?« sagte Mumm. »Herr Kommandeur?« »Wirf alles über Bord.«, »Nicht die Armbrüste! Sie kosten mehr als hundert Dollar pro St…« Jenkins unterbrach sich erneut. Mumms Gesichtsausdruck deutete ganz klar darauf hin, daß es viele Dinge gab, die über Bord geworfen werden konnten, und es war sicher eine gute Idee, nicht zu ihnen zu ge- hören. »Geh jetzt und zieh irgendwo an irgendwelchen Seilen«, sagte Mumm. Er sah dem davonstampfenden Kapitän nach. Kurze Zeit später platschte es. Mumm beugte sich über die Reling und sah die Kiste, die sich im braunen Wasser kurz hin und her neigte, bevor sie versank. Er verspürte eine gewisse Genugtuung. Diebesfänger hatte ihn Rust ge- nannt. Es sollte eine Beleidigung sein, aber Mumm sah die Sache ganz anders. Diebstahl war das einzige Verbrechen, ob es dabei nun um Gold, Unschuld oder das Leben ging. Und für den Diebesfänger gab es die Jagd… Das Platschen wiederholte sich mehrmals. Mumm stellte sich vor, wie das leichtere Schiff schneller wurde. Die Jagd… die Jagd war einfacher als das Fangen. Sobald man jeman- den gefangen hatte, wurde die Sache kompliziert. Die Jagd hingegen blieb rein und frei. Sie brachte mehr Erfüllung als die Untersuchung so- genannter Spuren und das wiederholte Lesen von Notizbüchern. Er flieht, ich verfolge ihn. Ganz einfach. Vetinaris Terrier, wie? »Bimmel-bimmel-bamm!« tönte es aus seiner Tasche. »Laß mich raten«, sagte Mumm. »Der Termin lautet: ›Fünf Uhr nach- mittags, auf dem Meer.‹ Stimmt’s?« »Äh… nein«, erwiderte der Disorganizer. »Bei mir heißt es: ›Heftige Auseinandersetzungen mit Lord Rust‹. Hier Namen einfügen.« »Sollst du mir nicht mitteilen, was mir bevorsteht?« fragte Mumm und öffnete die Schachtel. »Äh… was dir bevorstehen sollte«, erwiderte der Dämon und wirkte sehr besorgt. »Was dir bevorstehen sollte. Mir ist das ein Rätsel… Offen- bar stimmt hier etwas nicht…«, Angua stellte den Versuch ein, das Halsband an der Wand abzustreifen. Auf diese Weise hatte es keinen Zweck. Das an ihre Haut gepreßte Silber wollte sie gleichzeitig vor Kälte erstarren lassen und verbrennen. Abgesehen davon – und für einen Werwolf war ein silbernes Halsband ein ziemlich großes Abgesehen davon – war sie gut behandelt worden. Man hatte einen Napf mit Nahrung zurückgelassen, einen hölzernen Napf; der Wolf in ihr fraß daraus, während der menschliche Teil die Augen schloß und sich die Nase zuhielt. Ein zweiter Napf enthielt Wasser, das nach den Maßstäben von Ankh-Morpork recht sauber zu sein schien. Zumin- dest konnte sie bis auf den Grund sehen. In der Gestalt des Wolfes fiel es Angua sehr schwer, konzentriert zu überlegen. Es war, als würde sie versuchen, völlig betrunken eine Tür aufzuschließen. Sie konnte es durchaus bewerkstelligen, aber sie mußte sich dabei auf jede einzelne Bewegung konzentrieren. Ein Geräusch erklang. Anguas Ohren drehten sich wie Antennen. Etwas klopfte ein- oder zweimal gegen den Rumpf. Sie hoffte, daß das Pochen von einem Riff verursacht wurde – vielleicht ein Hinweis auf die Nähe von Land. Mit ein wenig Glück konnte sie ans Ufer schwimmen… Etwas klirrte. Sie hatte die Kette vergessen. Eigentlich war sie gar nicht notwendig. Angua fühlte sich so schwach wie ein Kätzchen. Kurz darauf vernahm sie ein anderes, rhythmisches Geräusch. Es klang, als bohrte sich etwas durch Holz. Eine winzige Spitze aus Metall wuchs direkt vor Anguas Schnauze etwa zweieinhalb Zentimeter aus der Wand, bevor sie verharrte. Und dann sprach jemand. Mehr als nur eine Person. Die Stimmen schienen aus weiter Ferne zu kommen und waren verzerrt – vielleicht konnten sie nur von den Ohren eines Werwolfs wahrgenommen werden. Worte ertönten irgendwo unter ihren Pfoten. »Du brauchst jetzt nicht mehr in die Pedale zu treten, Korporal Nobbs.« »Ich bin total geschafft, Feldwebel. Gibt es hier irgend etwas zu essen?« »Es ist noch ein bißchen Knoblauchsuppe übrig. Oder probier den Käse. Oder die Bohnen.«, »Wir sitzen in einer Blechbüchse ohne Luft, und ich soll den Käse probieren? Von den Bohnen ganz zu schweigen.« »Ich bin untröstlich, meine Herren. Es mußte alles sehr schnell gehen, und ich brauchte Nahrungsmittel, die etwas länger halten.« »Hier drin wird’s inzwischen ein wenig… stickig, wenn du verstehst, was ich mei- ne.« »Sobald es dunkel geworden ist, lasse ich das Seil ablaufen. Dann können wir auf- tauchen und frische Luft schnappen.« »Mir genügt’s, wenn wir die alte Luft loswerden, herzlichen Dank.« Angua runzelte die Stirn, als sie versuchte, die Worte zu verstehen. Die Stimmen mochten verzerrt sein, aber sie klangen vertraut, ebenso ihr Tonfall. Ein vages Empfinden kroch durch den Nebel des animalischen Intellekts: Freunde. Und der kleine, unveränderliche Kern ihres Selbst dachte: Meine Güte, demnächst lasse ich mich auch noch dazu hinreißen, Hände abzulecken. Sie senkte den Kopf in unmittelbarer Nähe der metallenen Spitze. »… verstehe ich überhaupt nicht, wie du auf so etwas kommst, junger Mann! Schif- fe versenken? Nein, ich begreife wirklich nicht, was jemand davon haben sollte!« Namen. Einige der Stimmen hatten… Namen. Das Denken wurde noch schwieriger – wegen des Silbers. Wenn sie damit aufhörte und der Mattigkeit nachgab… dann vergaß sie vielleicht, wie man dachte. Ihr Blick klebte an der Spitze fest. Sie bestand aus Metall und hatte scharfe Kanten. Der winzige menschliche Teil ihres Ichs verfluchte die Dummheit des Wolfs und versuchte, ihn darauf hinzuweisen, was es nun zu unterneh- men galt. Es war nach Mitternacht. Der Mann aus dem Ausguck kniete vor 71-Stunden-Ahmed auf dem Deck und zitterte., »Ich weiß, was ich gesehen habe, Wali«, stöhnte er. »Und die anderen haben es ebenfalls gesehen! Etwas stieg hinter dem Schiff auf und ver- folgte uns! Ein Ungeheuer!« Ahmed blickte zum Kapitän, der mit den Schultern zuckte. »Wer weiß, was sich in den Tiefen des Ozeans verbirgt, Wali?« »Und dann der Odem des Monstrums!« ächzte der Seemann. »Fau- chend ließ es den Atem entweichen, und es stank wie von tausend Abor- ten! Und dann sprach es!« »Tatsächlich?« erwiderte Ahmed. »Das ist ungewöhnlich. Was sagte es?« »Ich habe es nicht verstanden!« Das Gesicht des Mannes verzerrte sich, als er versuchte, völlig unvertraute Silben aneinanderzufügen. »Es klang wie…« Er schluckte und fuhr fort: »Bei den Göttern, Feldwebel, bin froh, daß wir das losgeworden sind!« Ahmed starrte ihn an. »Und was bedeutet das deiner Meinung nach?« »Ich weiß es nicht, Wali!« »Du hast nicht viel Zeit in Ankh-Morpork verbracht, oder?« »Nein, Wali!« »Kehr auf deinen Posten zurück.« Der Mann wankte fort. »Wir sind langsamer geworden, Wali«, sagte der Kapitän. »Vielleicht deshalb, weil sich ein Seeungeheuer an unserem Kiel fest- hält?« »Du beliebst zu scherzen, Herr. Aber wer weiß, was durch den Auf- stieg des neuen Lands geweckt worden ist?« »Ich sehe mir die Sache selbst an«, sagte 71-Stunden-Ahmed. Er ging zum Heck des Schiffes. Dunkle Fluten plätscherten und gur- gelten; ein phosphoreszierendes Glühen zog sich am Rand des Kielwas- sers entlang. Er hielt lange Zeit Ausschau. In der Wüste hatten Leute, die schlecht beobachteten, eine geringe Lebenserwartung – ein Schatten im Mond- schein konnte tatsächlich nur ein Schatten sein, oder auch jemand, der, einem helfen wollte, den Weg zum Paradies abzukürzen. Die D’regs be- kamen es oft mit der zweiten Schattenkategorie zu tun. Der Name »D’reg« stammte nicht von ihnen selbst, obwohl sie ihn vol- ler Stolz trugen. Das Wort bedeutete »Feind«. Feind aller anderen. Und wenn alle anderen nicht zugegen waren, begnügten sie sich damit, unter- einander Feinde zu sein. Wenn man genau Ausschau hielt… konnte man den Eindruck gewin- nen, daß ein dunkler Schemen dicht unter der schwarzen Wasseroberflä- che dem Schiff in einem Abstand von etwa hundert Metern folgte. Wel- len brachen dort, wo sie eigentlich gar nicht brechen sollten. Ein Riff schien hinter dem Segler zu schwimmen. Na so was… 71-Stunden-Ahmed war nicht abergläubisch, sondern dochgläubisch, weshalb er zu einer kleinen Minderheit bei den Menschen zählte. Er glaubte nicht an Dinge, an die zwar alle anderen glaubten, die dadurch aber keinen Platz in der Realität bekamen. Statt dessen glaubte er an die Dinge, an die niemand sonst glaubte – und die tatsächlich existierten. Das dochgläubische Spektrum reichte von »Es wird besser, wenn du nicht daran heranfummelst« bis zu »Manchmal passieren Dinge einfach«. Derzeit neigte er nicht dazu, an Seeungeheuer zu glauben, erst recht nicht an welche, die die Sprache von Ankh-Morpork sprachen. Anderer- seits glaubte er fest daran, daß es auf der Welt viele Dinge gab, von de- nen er nichts wußte. In der Ferne sah er die Lichter eines Schiffes. Es schien nicht zu ihnen aufzuholen. Diese Sache war weitaus besorgniserregender. In der Dunkelheit hob 71-Stunden-Ahmed die Hand zur Schulter und zog sein Schwert. Über ihm knarrte das Hauptsegel im Wind. Feldwebel Colon wußte, daß er einen der gefährlichsten Augenblicke seiner beruflichen Laufbahn erreicht hatte. Er mußte es hinter sich bringen. Ihm blieb nichts anderes übrig., »Äh… wenn ich dieses M und dieses E und dieses D und dieses E und dieses N dem I hinzufüge«, sagte er, »dann kann ich mit dem bereits vorhandenen I das Wort ›meiden‹ formen. Dadurch bekomme ich…äh… wie nennt man diese blauen Quadrate, Len?« »Du bekommst einen Dreimal-den-Wert-deiner-Buchstaben-Bonus«, erklärte Leonard von Quirm. »Ausgezeichnet, Feldwebel«, sagte Lord Vetinari. »Ich glaube, damit gehst du in Führung.« »Äh… das glaube ich ebenfalls, Herr«, quiekte Feldwebel Colon. »Allerdings stelle ich fest, daß du mir die Verwendung von U, N und F, Ä, H, I, G überlassen hast«, sagte der Patrizier. »Was mich zum Dreimal- das-ganze-Wort-Feld führt. Wenn ich mich nicht sehr irre, gewinne ich dadurch.« Feldwebel Colon seufzte erleichtert. »Ein interessantes Spiel, Leonard«, meinte Vetinari. »Wie heißt es noch?« »Ich nenne es Man-setze-Wörter-aus-durcheinander-liegenden- Buchstaben-zusammen-Spiel, Euer Exzellenz.« »Ah ja. Ein angemessen beschreibender Name.« »Ha, und ich habe nur drei Punkte«, beklagte sich Nobby. »Weil du meine Wörter nicht zugelassen hast, Feldwebel. Dabei gab es überhaupt nichts an ihnen auszusetzen.« »Ich bin sicher, daß diese Herren nicht wissen möchten, welche Wörter du meinst«, sagte Colon streng. »Für das X hätte ich zehn Punkte bekommen.« Leonard sah auf. »Seltsam. Offenbar bewegen wir uns nicht mehr…« Er griff nach oben und öffnete die Luke. Feuchte Nachtluft strömte herein, und Stimmen erklangen. Sie schienen recht nahe zu sein und hall- ten laut übers Wasser. »Heidnisches klatschianisches Kauderwelsch«, sagte Colon. »Worüber reden sie?«, »›Welcher Neffe eines Kamels hat im Tauwerk herumgeschnitten‹«, übersetzte Lord Vetinari, ohne aufzusehen. »›Und nicht nur die Seile. Seht euch nur dieses Segel an. He du, hilf mir…‹« »Ich wußte gar nicht, daß du Klatschianisch sprichst, Exzellenz.« »Kein einziges Wort«, sagte Lord Vetinari. »Aber du…« »Nein«, stellte der Patrizier ruhig fest. »Äh… wie du meinst…« »Wo sind wir, Leonard?« »Nun…äh… meine Sternkarten sind natürlich längst veraltet, aber wenn du bereit wärst, bis zum Sonnenaufgang zu warten; ich habe da einen Apparat erfunden, mit dem man seine Position mit Hilfe des Son- nenstandes bestimmen kann, außerdem eine ziemlich genau gehende Uhr, die…« »Wo sind wir jetzt, Leonard?« »Äh… in der Mitte des Runden Meers, nehme ich an.« »In der Mitte?« »In unmittelbarer Nähe der Mitte, ja, da bin ich ziemlich sicher. Wenn ich die Windgeschwindigkeit messen könnte…« »Also müßte Leshp in der Nähe sein?« »Oh, ja, ich denke schon…« »Gut. Löse uns jetzt von dem anscheinend in Not geratenen Schiff, während wir noch den Schutz der Dunkelheit genießen. Morgen früh möchte ich mir das neue Land ansehen. Ich schlage vor, wir nutzen den Rest der Zeit, um ein wenig zu schlafen.« Feldwebel Colon bekam nicht viel Schlaf, weil er mehrmals von sägen- den und klopfenden Geräuschen geweckt wurde, die vom Bug des Boo- tes kamen. Außerdem tropfte immer mehr Wasser auf ihn herab. Haupt- sächlich aber fand er deshalb keine Ruhe, weil er aufgrund des allgemei- nen Nachlassens der Aktivität Gelegenheit bekam, über seine Situation nachzudenken. Manchmal sah er, wie sich der Patrizier über Leonards Skizzen beugte, eine schmale Silhouette im Kerzenlicht. Er las, machte sich Notizen…, Colon begriff, daß er sich in der Gesellschaft eines Mannes befand, vor dem sich selbst die Assassinengilde fürchtete, und eines anderen Mannes, der die ganze Nacht über aufblieb, um einen Wecker zu finden, von dem er sich morgens wecken lassen konnte. Hinzu kam ein dritter Mann, von dem er nicht wußte, ob er jemals seine Unterwäsche gewechselt hatte. Und er befand sich auf hoher See. Er versuchte, die Sache von der positiven Seite zu sehen. Weshalb ver- abscheute er Boote und Schiffe? Weil sie sanken. Aber bei diesem Boot war das Versinken von Anfang an eingebaut. Und man brauchte nicht die dahinrollenden Wellen zu beobachten, weil sie über einem dahinroll- ten. Diese Überlegungen waren vollkommen logisch. Aber sie beruhigten nicht. Als er einmal mehr erwachte, hörte er leise Stimmen vom anderen En- de des Bootes. »… verstehe ich das nicht ganz, Euer Exzellenz. Warum ausgerechnet sie?« »Sie tun, was man ihnen sagt. Sie glauben an die letzten Dinge, die sie gehört ha- ben. Sie sind nicht klug genug, um Fragen zu stellen. Und sie verfügen über jene Art von unerschütterlicher Loyalität, die von zuviel Intelligenz unbelastet bleibt.« »Vielleicht hast du recht, Exzellenz.« »Solche Männer sind sehr nützlich, glaub mir.« Feldwebel Colon drehte sich auf die Seite und versuchte, eine mög- lichst bequeme Position zu finden. Bin froh, daß ich nicht zu den armen Mistkerlen gehöre, dachte er, als er in der Tiefe des Meeres zum Schlaf zurückfand. Ich bin ein Mann mit besonderen Fähigkeiten. Mumm schüttelte den Kopf. Das Hecklicht des klatschianischen Schiffes war in der Finsternis kaum zu erkennen. »Holen wir auf?« fragte er. Kapitän Jenkins nickte. »Vielleicht. Es erstreckt sich ziemlich viel Was- ser zwischen uns.« »Haben wir wirklich alle schweren Dinge über Bord geworfen?« »Ja! Soll ich mir auch noch den Bart abrasieren?«, Karottes Gesicht erschien am Rand des Frachtraums. »Alle haben sich hingelegt, Herr Kommandeur.« »Gut.« »Ich gehe jetzt ebenfalls schlafen, falls du nichts dagegen hast.« »Wie bitte?« »Ich horche ein wenig an der Matratze, Herr Kommandeur.« »Aber… aber…« Mumm deutete vage zum dunklen Horizont. »Wir verfolgen deine Freundin. Unter anderem, meine ich«, fügte er hinzu. »Ja, Herr Kommandeur.« »Bist du nicht… Ich meine, du kannst es doch sicher kaum abwarten… Hast du wirklich vor, nach unten zu gehen und ein Nickerchen zu machen, Hauptmann?« »Um frisch und ausgeruht zu sein, wenn wir das Schiff erreichen. Ja, Herr Kommandeur. Wenn ich die ganze Nacht damit verbringe, übers Meer zu starren und besorgt zu sein, bin ich sicher sehr müde, wenn es schließlich ernst wird. Und dann kann ich kaum etwas gegen Anguas Entführer ausrichten.« Es ergab durchaus einen Sinn. Es ergab sogar viel Sinn. Und eine sol- che Einstellung war ausgesprochen vernünftig. Das konnte Mumm ganz deutlich erkennen. Karotte hatte sich wirklich hingesetzt, einen klaren Kopf behalten und in aller Ruhe nachgedacht. »Und glaubst du wirklich, daß du einschlafen kannst?« fragte Mumm. »Ja. Das bin ich Angua schuldig.« »Oh. Nun… gute Nacht.« Karotte verschwand wieder im Frachtraum. »Lieber Himmel«, sagte Jenkins. »Ist er echt?« »Ja«, bestätigte Mumm. »Ich meine… würdest du dich hinlegen und schlummern, wenn je- mand deine Liebste verschleppt hätte?« Mumm schwieg. Jenkins kicherte. »Nun, mit Lady Sybil an Bord läge das klatschianische Schiff noch tiefer im Wasser.«, »Paß nur auf… aufs Meer, meine ich. Wir sollten vermeiden, mit Wa- len oder so zusammenzustoßen.« Mumm ging zum spitzen Ende des Schiffes. Karotte, dachte er. Wer ihn nicht kennt, würde es kaum glauben… »Die Klatschianer werden langsamer, Herr Mumm!« rief Jenkins. »Was?« »Das andere Schiff wird langsamer!« »Gut.« »Was hast du vor, wenn wir es erreichen?« »Äh…« Darüber hatte Mumm bisher noch nicht sehr gründlich nach- gedacht. Er erinnerte sich an einen Holzschnitt in einem Buch über Pira- ten. »Wir schwingen uns an Bord, mit dem Entermesser zwischen den Zähnen«, schlug er vor. »Im Ernst?« erwiderte Jenkins. »Gut. Seit Jahren habe ich so etwas nicht mehr beobachtet. Eigentlich hab ich’s nur ein einziges Mal gese- hen.« »Ach?« »Ja. Der Bursche hatte die Idee aus einem Buch. Schwang sich in die Takelage des anderen Schiffes, mit dem Entermesser zwischen den Zäh- nen.« »Und?« »›Oben ohne Harry‹ haben wir auf seinen Sarg geschrieben.« »Oh.« »Hast du jemals ein weichgekochtes Ei gesehen, nachdem jemand ein Messer genommen und…« »Schon gut, ich verstehe. Was schlägst du vor?« »Enterhaken. Sind ausgesprochen praktisch, Enterhaken. Man wirft sie auf das andere Schiff, und anschließend zieht man einfach.« »Hast du solche Haken an Bord?« »Oh, ja. Erst vor kurzer Zeit habe ich sie noch gesehen.« »Gut. Dann…«, »Wenn ich mich recht entsinne«, fuhr Jenkins erbarmungslos fort, »hat Feldwebel Detritus bei dieser Gelegenheit diverse Objekte über Bord geworfen, und er fragte: ›Was wir machen sollen mit den krummen Ha- kendingern?‹ und jemand, an dessen Namen ich mich derzeit nicht erin- nere, antwortete: ›Es ist alles nur Totgewicht, über Bord damit.‹« »Warum hast du nichts gesagt?« »Oh, ich wollte dich nicht stören«, entgegnete Jenkins. »Du schienst dich so sehr zu amüsieren…« »Mach dich nicht über mich lustig, Kapitän. Ich könnte dich in Eisen legen lassen.« »Nein, das könntest du nicht, und ich nenne dir auch den Grund dafür. Erstens: Als Hauptmann Karotte fragte: ›Was sollen wir mit diesen Ket- ten machen, Herr Kommandeur?‹, hast du geantwortet…« »Jetzt hör mal…« »… und zweitens: Ich schätze, über Schiffe weißt du wirklich gut Be- scheid, nicht wahr? Wir legen die Leute nicht in Eisen, sondern in Ket- ten. Kannst du die Großbrasse vom Kiel unterscheiden? Ich hab diesbe- züglich nicht die geringste Ahnung. Der ganze Johoho-Kram ist nur für Landratten. Besser gesagt: Er wäre für Landratten, wenn wir Ausdrücke wie ›Landratten‹ verwendeten. Kennst du den Unterschied zwischen Backbord und Steuerbord? Ich nicht. Meine Güte, ich bin froh, hinten und vorn auseinanderhalten zu können. Beim Klabauterburschen!« »Sollte es nicht ›Klabautermann‹ heißen?« »Vielleicht muß er noch ein wenig wachsen.« Kapitän Jenkins drehte das Steuerrad. »Dies ist ein launischer Wind, und meine Leute und ich wissen, wie man an den Stricken zieht, damit die großen Tücher dort oben richtig funktionieren. Wenn deine Begleiter damit umzugehen ver- suchten, würden sie bald herausfinden, wie weit es bis zum nächsten Land ist.« »Wie weit ist es bis zum nächsten Land?« »In diesem Bereich beträgt die Entfernung etwa dreißig Faden.« Das Licht war inzwischen ein ganzes Stück näher gekommen. »Bimmel-bimmel-bamm!«, »Bei den Göttern, was ist denn jetzt?« fragte Mumm. »Acht Uhr abends. Äh… knappes Entkommen beim Mordanschlag ei- nes klatschianischen Spions?« Mumm spürte jähe Kälte. »Wo?« fragte er und drehte den Kopf von einer Seite zur anderen. »Ecke Brauerstraße und Breiter Weg«, verkündete die melodisch quie- kende Stimme. »Aber ich bin doch gar nicht in Ankh-Morpork!« »Was hat es dann für einen Sinn, dort einen Termin zu haben? Warum gebe ich mir solche Mühe? Du hast mich aufgefordert, dich darüber zu informieren, was dir bevorsteht…« »Niemand schreibt die Begegnung mit einem Attentäter in seinen Ter- minkalender!« Der Dämon schwieg einige Sekunden und fragte dann: »Du meinst, dieser Eintrag gehört in die Aufgabenliste?« Seine Stimme vibrierte nun. »In der Art von ›Zu erledigen: Sterben‹?« »Du brauchst deinen Ärger nicht an mir auszulassen, nur weil du dich in der falschen Zeitlinie befindest!« »Was soll das denn bedeuten?« »Aha, ich wußte, daß du das Handbuch nicht gelesen hast! Kapitel XVII-2 (c) weist deutlich darauf hin, wie wichtig es ist, in einer Realität zu bleiben. Andernfalls wirkt die Unschärferelation und…« »Vergiß meine Frage, in Ordnung?« Mumm sah erst Jenkins an und blickte dann zum fernen Schiff. »Wir erledigen das auf meine Weise, wo auch immer wir sind.« Er schritt zum Frachtraum und zog die Luke auf. »Detritus?« Die klatschianischen Seeleute rangen mit dem Segelleinen, während ihr Kapitän sie anschrie. 71-Stunden-Ahmed schrie nicht. Er stand einfach nur mit dem Schwert in der Hand und wartete., Der Kapitän eilte zu ihm, zitterte vor Furcht und hielt ein Stück Seil in der Hand. »Sieh nur, Wali«, sagte er. »Durchgeschnitten!« »Wer steckt dahinter?« fragte 71-Stunden-Ahmed ruhig. »Ich weiß es nicht. Aber wenn ich den Verantwortlichen erwische…« »Die Hunde haben uns fast erreicht«, sagte Ahmed. »Du und deine Männer – ihr werdet schneller arbeiten.« »Wer könnte so etwas getan haben?« fragte der Kapitän. »Ich meine, du bist an Bord. Wer…« Sein Blick glitt vom durchgeschnittenen Seil zum Schwert. »Wolltest du noch etwas sagen?« fragte Ahmed. Der Kapitän war in seinem Leben nicht aufgrund von Dummheit so weit gekommen. Er drehte sich um. »Setzt das Segel, ihr elenden Söhne von Nattern!« rief er. »Gut«, sagte 71-Stunden-Ahmed. Detritus’ Armbrust war eigentlich eine Belagerungswaffe, die von drei Personen bedient wurde. Die Winde hatte er entfernt, weil er sie nicht benötigte. Er brauchte keine mechanische Hilfe, um die Waffe einsatzbe- reit zu machen. Selbst die hartnäckigsten Widersacher gaben auf, wenn sie sahen, wie Detritus die Sehne mit dem Daumen zurückzog. Skeptisch blickte der Troll zum fernen Licht. »Es ist eine Chance von eins zu einer Million«, sagte er. »Wir noch et- was näher heran müssen.« »Ziel auf eine Stelle unterhalb der Wasserlinie, damit sie das Seil nicht durchschneiden können«, sagte Mumm. »Äh… ja.« »Gibt es irgendein Problem, Feldwebel?« »Wir uns nähern Klatsch, nicht wahr?« »Auf diesem Kurs sind wir unterwegs, ja.« »In Klatsch ich werde richtig dumm«, sagte Detritus. »Wegen der Hit- ze.«, »Ich hoffe, daß wir das Schiff aufhalten können, bevor wir Klatsch er- reichen.« »Ich nicht versessen darauf bin, zu werden dumm. Ich weiß, daß sagen die Leute: ›Detritus, er dümmer sein als…‹« »Als ein Stück Holz«, sagte Mumm geistesabwesend. »Ja. Aber ich gehört habe, daß es in der Wüste wird richtig heiß…« Der Troll wirkte so kummervoll, daß sich Mumm verpflichtet fühlte, ihm einen kameradschaftlichen Klaps auf den Rücken zu geben. »Dann sollten wir den Leuten dort drüben keine Gelegenheit geben, nach Klatsch zu gelangen«, erwiderte er und schüttelte seine Hand, um den stechenden Schmerz zu vertreiben. Das andere Schiff war jetzt so nahe, daß sie Seeleute sahen, die fieber- haft auf dem Deck arbeiteten. Das Hauptsegel blähte sich im Wind auf. Detritus hob die Armbrust. Eine Kugel aus blaugrünem Licht glühte an der Spitze des langen Bol- zens. Der Troll starrte darauf hinab. Grünes Feuer huschte über die Masten. Als es das Deck erreichte, ent- standen zehn oder mehr Kugeln, die zischend und knisternd über die Planken rollten. »Das Magie ist?« fragte Detritus. Eine grüne Flamme leckte über seinen Helm. »Was bedeutet das, Jenkins?« fragte Mumm. »Das ist keine Magie, sondern viel schlimmer.« Der Kapitän eilte nach vorn. »Also los, Jungs – holt die Segel ein!« »Die Segel bleiben, wo sie sind!« rief Mumm. »Weißt du, was dies bedeutet?« »Es sich nicht einmal warm anfühlt«, sagte Detritus und tastete nach der Kugel an seiner Armbrust. »Rühr es nicht an! Rühr es nicht an! Das ist St.-Ungulants-Feuer, ja- wohl. Und es bedeutet, daß wir alle in einem schrecklichen Sturm um- kommen!«, Mumm sah auf. Wolken rasten über den… nein, sie strömten in den Himmel und blähten sich dabei schnell auf wie Tinte, die sich in klarem Wasser ausbreitet. Blaues Licht flackerte irgendwo in ihnen. Das Schiff erzitterte. »Wir müssen wenigstens einige der Segel einholen!« drängte Jenkins. »Das ist die einzige Möglichkeit, um…« »Niemand rührt etwas an!« rief Mumm. Das grüne Feuer tanzte jetzt auch auf den Wellen. »Detritus, verhafte jeden, der etwas anrührt!« »In Ordnung.« »Immerhin wollen wir schnell vorankommen«, fügte Mumm hinzu, während es zischte und Donner in der Ferne grollte. Jenkins glotzte ihn an, als sich das Deck unter ihnen hob und senkte. »Du bist verrückt! Hast du denn gar keine Ahnung, was mit einem Schiff passiert, das versucht… Du weißt es wirklich nicht, oder? Dies ist kein normales Wetter! Man muß dabei sehr vorsichtig sein! Einem sol- chen Sturm kann man nicht entkommen, indem man sich mit vollen Segeln vom Wind treiben läßt!« Etwas Glitschiges landete auf Detritus’ Kopf und fiel von dort aufs Deck, wo es zappelte und davonrutschte. »Und jetzt regnet’s Fische!« stöhnte Jenkins. Die Wolken bildeten nun eine gelbbraune Masse, in der unablässig Blitze zuckten. Und es war warm. Was Mumm besonders seltsam er- schien. Der Wind heulte wie ein Sack voller Katzen, und die Wellen ver- wandelten sich auf beiden Seiten des Schiffes in hohe Wände, doch die Luft schien geradewegs aus einem Backofen zu kommen. »Sieh nur, selbst die Klatschianer holen ihre Segel ein!« rief Jenkins in einem Schauer aus Garnelen. »Gut. Dann erreichen wir sie.« »Du bist ja wahnsinnig! Autsch!« Etwas prallte an seinem Kopf ab, schlug an die Reling und blieb vor Mumm liegen. Ein Messingknauf., »O nein«, stöhnte Jenkins und hob die Arme über den Kopf. »Jetzt reg- net’s wieder verdammte Bettgestelle!« Der Kapitän des klatschianischen Schiffes war kein streitsüchtiger Mann, wenn sich 71-Stunden-Ahmed in der Nähe aufhielt. Er sah zu den knar- renden Segeln empor und überlegte, wie groß seine Chance war, ins Pa- radies zu gelangen. »Vielleicht hat uns der Hund, der das Seil durchgeschnitten hat, einen Gefallen erwiesen!« rief er im Tosen des Windes. Ahmed schwieg. Immer wieder sah er zurück. Im unsteten Licht der Blitze zeichneten sich die Konturen des anderen Schiffes ab. Grünes Feuer glühte dort. Er hob den Kopf und beobachtete, wie das kalte Feuer über ihre eige- nen Masten kroch. »Siehst du das Licht am Rande der Flammen?« fragte er. »Wie bitte?« »Kannst du es erkennen?« »Äh… nein…« »Natürlich nicht! Aber du siehst, wo kein Licht ist, oder?« Der Kapitän starrte ihn groß an und sah dann in entsetztem Gehorsam auf. Wenige Sekunden später bemerkte er tatsächlich die Stellen, wo Licht fehlte. Als die zischenden grünen Flammenzungen im Wind hin und her wogten, beobachtete er an ihren Rändern eine sonderbare… Dunkelheit. Schwärze vielleicht, oder ein bewegliches Loch im Raum. »Das ist Oktarin!« rief Ahmed, als eine weitere Welle übers Deck flute- te. »Nur Zauberer können diese Farbe erkennen! Es steckt Magie im Sturm! Deshalb ist das Wetter so schlecht!« Überall im Schiff knirschte und knackte es, als es in das aufgewühlte Meer zurückfiel. »Wir liegen kaum noch im Wasser!« jammerte Jenkins. »Eigentlich springen wir nur noch von Wellenkamm zu Wellenkamm!«, »Gut!« erwiderte Mumm. »Dann hört das Schaukeln vielleicht bald auf. Außerdem müßten wir jetzt wieder schneller werden, nachdem wir die Bettgestelle über Bord geworfen haben. Regnet’s hier oft solche Dinge?« »Was glaubst du?« »Ich bin kein Fachmann fürs Nautische!« »Nein, es regnet hier nicht jeden Tag Bettgestelle! Auch keine Kohlen- eimer!« fügte er hinzu, als etwas Schwarzes gegen die Reling schepperte und jenseits davon verschwand. »Für gewöhnlich fällt hier nur das nor- male Zeug runter. Du weißt schon: Regen! Graupel! Fische!« Eine weitere Bö fauchte übers Deck, und auf den Planken glänzte es silbrig. »Zurück zum Fischregen!« rief Mumm. »Das ist besser, nicht wahr?« »Nein! Es ist schlimmer!« »Warum?« Jenkins hob eine Büchse. »Das sind Sardinen!« Das Schiff bohrte sich in eine weitere Welle, ächzte und setzte zu ei- nem neuen Flug an. Das kalte grüne Feuer war überall. Es wuchs aus jedem Nagel, tastete über alle Seile und Leitern. Mumm hatte den seltsamen Eindruck, daß es das Schiff zusammen- hielt. Er war ganz und gar nicht mehr sicher, daß es sich nur um Licht handelte. Es bewegte sich zu zielstrebig. Es knisterte, verbrannte jedoch nicht. Es schien sich zu amüsieren… Das Schiff landete. Wasser spritzte über Mumm hinweg. »Kapitän Jenkins!« »Ja?« »Warum hantieren wir an dem Steuerrad herum? Die meiste Zeit be- findet sich das Ruder doch gar nicht im Wasser!« Sie ließen das Rad los. Für ein oder zwei Sekunden verwandelten sich die Speichen in Schemen – und verharrten dann, als die grünen Flammen Zugriffen und das Steuerrad festhielten., Kurz darauf regnete es Kuchen. Die Wächter hatten versucht, es sich im Frachtraum so bequem wie möglich zu machen, aber dabei ergaben sich gewisse Schwierigkeiten. Zum Beispiel gab es keinen Bereich des Bodens, der innerhalb von zehn Sekunden nicht wenigstens einmal zur Wand wurde. Trotzdem schnarchte jemand. »Wie kann hier jemand schlafen?« fragte Reg Schuh. »Hauptmann Karotte fällt so etwas überhaupt nicht schwer«, erwiderte Grinsi. Sie hackte mit ihrer Axt auf etwas ein. Karotte hatte sich in eine Ecke gezwängt. Manchmal murmelte er et- was und drehte sich auf die andere Seite. »Wie ein kleines Kind«, sagte Reg Schuh. »Ist mir ein Rätsel, wie er das fertigbringt. Ich meine, das Schiff könnte praktisch jeden Augenblick auseinanderbrechen.« »Ja, aber das für dich nicht sein besonders schlimm«, warf Detritus ein. »Weil du ja bist schon tot.« »Ach, glaubst du? Aber ist es etwa angenehm, auf dem Meeresgrund knietief in Walkot zu landen? Und dann steht mir ein langer Marsch in der Dunkelheit bevor. Ganz zu schweigen von den Problemen, die ent- stehen, wenn Haie Appetit auf mich verspüren.« »Ich fürchte mich nicht«, sagte Obergefreiter Besuch. »Nach dem Te- stament von Mezerek verbrachte der Fischer Nonpo vier Tage im Bauch eines Riesenfisches.« In der nachfolgenden Stille schien das Grollen des Donners besonders laut zu sein. »War das so etwas wie ein Wunder, Waschtopf?« fragte Reg nach einer Weile. »Oder hatte der Fisch ein besonders langsam arbeitendes Verdau- ungssystem?« »Du solltest besser über das Schicksal deiner unsterblichen Seele nach- denken, anstatt die Zeit mit dummen Witzen zu vergeuden«, sagte Ober- gefreiter Besuch streng., »Ich mache mir vor allem Sorgen um das Schicksal meines unsterbli- chen Körpers«, erwiderte Reg. »Zufälligerweise habe ich hier eine interessante Broschüre«, sagte Reg. »Sie kann dir dabei helfen…« »Ist sie groß genug, daß wir sie zu einem Boot falten können, das uns allen Platz bietet?« Obergefreiter Besuch glaubte, eine gute Gelegenheit zu erkennen. »Aha, ja, in metaphorischer Hinsicht ist das tatsächlich der Fall…« »Hat dieses Schiff kein Rettungsboot?« fragte Grinsi rasch. »Ich glaube, ich habe eins gesehen, als ich an Bord kam.« »Ja, Rettungsboot«, brummte Detritus. »Möchte jemand eine Sardine?« fügte Grinsi hinzu. »Ich habe gerade eine Dose geöffnet.« »Rettungsboot«, wiederholte Detritus. Er klang wie jemand, der einer unangenehmen Wahrheit auf den Grund ging. »Ein… großes, schweres Ding, mit dem langsamer wir vorangekommen wären…?« »Ja, ich hab’s ebenfalls gesehen«, sagte Reg. »Es tatsächlich eins gab«, fuhr Detritus fort. »Das ein Rettungsboot war, ja?« »Wir sollten eigentlich in der Lage sein, einen geschützten Ort zu errei- chen und dort vor Anker zu gehen.« »Ja, Anker…«, überlegte Detritus. »Das ein großes Ding mit Haken dran?« »Genau.« »Sehr schwer?« »Natürlich.« »Ja. Äh… wenn er über Bord geworfen wurde vor einer Weile, weil wir vorankommen mußten schneller… das nicht gut für uns wäre jetzt?« »Wohl kaum.« Reg Schuh blickte durch die Luke. Der Himmel war ei- ne schmutzige gelbe Decke, in der Blitze komplexe Zackenmuster bilde- ten. Immer wieder donnerte es. »Wie weit das Barometer wohl gesunken sein mag?« fragte Reg., »Bis ganz nach unten«, erwiderte Detritus. »Glaub mir.« Es lag in der Natur eines D’reg, Türen ganz vorsichtig zu öffnen. Früher oder später stand ein Feind auf der anderen Seite. Er sah das Halsband auf dem Boden, direkt vor dem kleinen Loch im Rumpf, aus dem Wasser tropfte. 71-Stunden-Ahmed fluchte leise. Er zögerte nur kurz und stieß die Tür dann auf. Mit einem lauten Po- chen knallte sie gegen die Wand. »Ich will dir nichts zuleide tun«, teilte er der Düsternis mir. »Wenn das in meiner Absicht läge, wärst du längst…« Angua bedauerte es plötzlich, daß sie sich nicht für die Gestalt des Wolfes entschieden hatte. Für den Wolf hätten sich überhaupt keine Probleme ergeben. Aber genau das war das Problem. Sie hätte einen leichten Sieg errungen und wäre anschließend nervös und unruhig gewe- sen. Ein Mensch konnte solche Empfindungen unter Kontrolle halten, doch bei einem Wolf sah die Sache anders aus. Ein Wolf geriet vielleicht in Panik und ließ sich dann zu tierischen Dingen hinreißen. Sie hatte über der Tür gewartet, ließ sich nun fallen, gab dem Mann ei- nen Stoß, machte einen Salto rückwärts, schlug die Tür zu und drehte den Schlüssel um. Das Schwert schnitt mühelos durch das Holz wie ein heißes Messer durch weiche Butter. Neben Angua schnappte jemand nach Luft. Sie wirbelte um die eigene Achse und sah zwei Männer mit einem Netz – sie hatten den Wolf damit fangen wollen. Der Anblick einer nackten Frau überraschte sie. Das Er- scheinen einer nackten Frau bringt Männer immer dazu, ihre Absichten und Pläne zu überdenken. Angua trat zweimal kräftig zu, lief in die entgegengesetzte Richtung, öffnete eine beliebige Tür und warf sie hinter sich wieder zu. Sie stand in der Kabine mit den Hunden. Sie sprangen auf, öffneten das Maul – und sanken langsam wieder zu Boden. Ein Werwolf kann bemerkenswerte Macht über andere Tiere haben, ganz gleich, in welcher, Gestalt er sich ihnen zeigt. Es war vor allem die Macht, anderen Ge- schöpfen einen Schrecken einzujagen und selbst ungenießbar zu wirken. Sie. eilte an den Hunden vorbei und strich einen seidenen Vorhang vor der Koje beiseite. Der Mann auf dem schmalen Bett öffnete die Augen. Er war Klat- schianer, doch seine Haut wirkte sonderbar blaß. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen. »Ah«, sagte er. »Mir scheint, ich bin gestorben und jetzt im Paradies. Du bist eine Huri?« »Solche Frechheiten brauche ich mir nicht gefallen zu lassen«, erwider- te Angua und zerriß die Seide mit geübter Hand. Sie wußte, daß sie als weiblicher Werwolf ihren männlichen Kollegen gegenüber im Vorteil war, denn nackte Frauen waren kein Anlaß zur Beschwerde. Der Nachteil bestand darin, daß sie mehr Einladungen be- kamen, manchmal von sehr aufdringlicher Art. Angua begriff, daß sie ihre Blöße bedecken mußte, nicht nur aus Anstand, sondern auch, um unangenehm hüpfende Bewegungen im Bereich des Oberkörpers zu unterbinden. Die Fähigkeit, praktisch aus allen Dingen Kleider improvi- sieren zu können, gehörte zu den weniger bekannten Werwolftalenten. Angua verharrte. Nun, für das ungeübte Auge sahen alle Klatschianer gleich aus, aber für einen Werwolf sahen alle Menschen gleich aus, und zwar sehr lecker. Sie hatte schon vor einer ganzen Weile gelernt, Unter- schiede zu erkennen. »Bist du Prinz Khufurah?« »Ja. Und du bist…?« Jemand trat die Tür auf. Angua sprang zum Fenster und riß den Riegel zur Seite, der die Läden geschlossen hielt. Wasser spritzte ihr entgegen und in die Kabine. Sie schenkte der Nässe keine Beachtung und kletterte rasch nach draußen. »Ich nehme an, du kommst zufällig vorbei?« murmelte der Prinz. 71-Stunden-Ahmed schritt zum Fenster und sah hinaus. Grünblaue Wellen, umschmiegt von kaltem Feuer, türmten sich auf, während das Schiff schlingerte. In einer so aufgewühlten See konnte niemand überle- ben., Er drehte den Kopf, blickte am Rumpf entlang und stellte fest, daß sich Angua an einem Seil festhielt. Er zwinkerte ihr zu. Dann drehte er sich um, und sie hörte ihn sagen: »Bestimmt ist sie ertrunken. Zurück auf eure Posten!« Kurze Zeit später schloß sich auf dem Deck eine Luke. Die Sonne glitt an einem wolkenlosen Himmel empor. Einem Beobachter – wenn es einen gegeben hätte – wäre sicher aufge- fallen, daß sich die Wellen an dieser kleinen Stelle des Meeres anders bewegten. Vielleicht hätte er sich auch über das krumme Rohr gewundert, das sich mit leisem Quietschen drehte. Wäre der Beobachter imstande gewesen, das Ohr an das Rohr zu pres- sen, hätte er folgendes Gespräch hören können: »… kam mir diese Idee, als ich ein wenig döste. Ein Rohr, zwei in ei- nem Winkel zueinander angebrachte Spiegel – die Lösung für alle unsere Steuerungs- und Luft-Probleme!« »Faszinierend. Ein Rohr-durch-das-man-sehen-und-atmen-kann.« »Woher wußtest du, daß es so heißt, Exzellenz?« »Ich hab nur geraten.« »He, jemand hat meinen Sitz an den Pedalen verändert, jetzt ist er so- gar bequem…« »Ah ja, Korporal, während du geschlafen hast, habe ich einige Messun- gen vorgenommen, um den Sitz deiner anatomischen Konfiguration anzupassen…« »Du hast gemessen?« »Ja, ich…« »Und die Messungen betrafen meine… rückwärtigen Bereiche?« »Oh, du brauchst dir deshalb keine Sorgen zu machen. Die Anatomie ist eine meiner Leidenschaften.« »Ach, tatsächlich? Ist sie das? Nun, ich schlage vor, du bringst meiner Anatomie etwas weniger Leidenschaft entgegen…«, »He, ich sehe eine Art Insel!« Das Rohr quietschte und drehte sich. »Ah, Leshp. Und ich sehe auch Leute. In die Pedale treten, meine Her- ren. Erforschen wir den Grund des Meeres…« »Ich fürchte, das passiert wirklich. So wie er steuert…« »Sei still, Nobby.« Das Rohr verschwand im Wasser. Luftblasen stiegen auf, und Stimmen stritten darüber, wer dafür zuständig war, die Öffnung mit dem Korken zu verschließen. Dann wurde diese leere Stelle des Meeres noch etwas leerer. Es gab keine Fische. Unter den gegenwärtigen Umständen wäre Fester Fanggut sogar dazu fähig gewesen, einen Neugierigen Tintenfisch zu verspeisen. Doch das Meer enthielt nur noch Wasser. Und es roch verkehrt. Hier und dort zischte und blubberte es. Fester beobachtete, wie Blasen an der Wasseroberfläche zerplatzten – es roch nach Schwefel und faulen Eiern. Er vermutete, daß der Aufstieg des neuen Lands eine Menge Schlamm aufgewirbelt hatte. Am Grund eines Tümpels war es schon schlimm ge- nug; dort wimmelte es von Fröschen und anderen Viechern. Am Grund des Meeres war für Abscheulichkeiten aller Art noch viel mehr Platz. Fester Fanggut versuchte, den letzten Gedanken sofort zu verbannen, aber er entwickelte ein sonderbares Eigenleben und kehrte immer wieder zurück, stieg aus den dunklen Tiefen des Bewußtseins auf wie… wie… Warum gab es keine Fische? Sicher, in der vergangenen Nacht hatte es ein Unwetter gegeben, aber für gewöhnlich traf man nach einem Sturm in diesen Gewässern noch mehr Fische an, denn der hohe Seegang ließ Dinge… aufsteigen… Das Floß erbebte. Fester Fanggut hielt es allmählich für eine gute Idee, nach Hause zu- rückzukehren. Doch das bedeutete, den Klatschianern das Land zu über- lassen, und er wollte eher sterben, als ihnen einen solchen Triumph zu vergönnen., Eine verräterische innere Stimme flüsterte: Seltsamerweise hat man nie Hongs Leiche gefunden. Zumindest nicht die wichtigeren Teile davon. »Ich glaube, ich glaube, ich glaube, wir gehen jetzt wieder an Land«, teilte er seinem Sohn mit. »Ach, Vater«, sagte Les. »Erwartet uns eine weitere Mahlzeit aus Napf- schnecken und Tang?« »An Tang gibt es überhaupt nichts auszusetzen«, erwiderte Fanggut. »Steckt voller Nährstoffe. Enthält viel Eisen. Eisen ist gut für dich.« »Warum kochen wir dann nicht den Anker?« »Werd nicht frech, Sohn.« »Die Klatschianer haben Brot«, sagte Les. »Sie haben Mehl mitge- bracht. Außerdem auch Feuerholz.« Damit sprach er einen wunden Punkt an. Fangguts Versuche, Tang zu verbrennen, waren gescheitert. »Ja, aber ihr Brot würde dir überhaupt nicht gefallen«, meinte er. »Es ist ganz flach und hat keine richtige Kruste…« Der Wind trug ihnen den Duft von gebackenem Brot entgegen. Es roch auch nach Gewürzen. »Sie backen Brot! Auf unserem Land!« »Nun, die Klatschianer behaupten, es sei ihr…« Fanggut griff nach der gebrochenen Planke, die er als Paddel verwen- dete. Er begann, hektisch damit zu rudern, und sein Ziel war ganz offen- sichtlich das Ufer. Doch das Floß kam ihm nicht näher; es drehte sich nur, was Fanggut noch zorniger stimmte. »Sie lassen sich direkt neben uns nieder, und was bekommen wir von ihnen? Nur den Gestank ihres ausländischen Essens…« »Warum schluckst du immer wieder, Vater? Läuft dir etwa das Wasser im Mund zusammen?« »Und woher haben sie Holz, wenn ich fragen darf?« »Ich glaube, die Strömung bringt das Treibholz auf ihre Seite der Insel, Vater…« »Na bitte! Sie stehlen unser Treibholz! Unser verdammtes Treibholz! Ha! Aber wir zeigen’s ihnen…«, »Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, daß jener Teil der Insel ih- nen gehört und…« Fanggut erinnerte sich wieder daran, wie man ein Floß mit nur einem Paddel steuert. »Das ist keine Vereinbarung«, sagte er. Schaum bildete sich dort, wo er das Paddel immer wieder durchs Wasser zog. »Man könnte es höchstens eine… einstweilige Übereinkunft nennen. Die Klatschianer haben das Treibholz nicht geschaffen. Es erschien einfach bei ihnen. Es muß eine Art geographischer Zufall sein. Holz ist eine natürliche Ressource und gehört niemandem…« Das Floß stieß gegen ein Hindernis, wobei ein metallisches Geräusch erklang. Die Entfernung zum felsigen Ufer betrug noch etwa hundert Meter. Etwas stieg mit leisem Quietschen auf. Ein krummes Rohr drehte sich und zeigte auf Fester Fanggut. »Entschuldigung«, erklang eine blecherne Stimme. »Dies ist doch Leshp, oder?« Fanggut stöhnte leise. »Weißt du«, fuhr das Ding fort, »das Wasser ist recht trüb, und ich ha- be befürchtet, daß wir während der letzten zwanzig Minuten in der fal- schen Richtung unterwegs waren.« »Leshp!« brachte Fanggut mit fast schriller Stimme hervor. »Ah, gut. Vielen Dank. Einen schönen Tag noch.« Das Rohr sank langsam ins Meer zurück. Einige letzte Geräusche drangen mit einigen Luftblasen an die Wasseroberfläche. »… vergiß nicht den Korken. – Du hast schon wieder den Korken ver…« Es stiegen keine weiteren Blasen mehr auf. Nach einer Weile fragte Les: »Was war das, Vater?« »Überhaupt nichts!« erwiderte Fester Fanggut scharf. »Solche Dinge passieren gar nicht!« Das Floß sauste dem Ufer entgegen, schnell genug, um dahinter Was- serski zu laufen., Als sie ins blaue Zwielicht unter der Wasseroberfläche zurücksanken, dachte Feldwebel Colon kummervoll an einen weiteren Aspekt des Boo- tes: Hier konnte man nicht die Bilge lenzen, weil sie mittendrin saßen. Er trat nicht nur in die Pedale, sondern auch ins Wasser, litt außerdem gleichzeitig an Klaustrophobie und Agoraphobie. Er fürchtete sich vor allem hier drin und vor allen Dingen dort draußen. Wenn er aus den Fen- stern blickte, sah er Unangenehmes. Das Boot glitt an einer Felswand hinab. Fühler tasteten hin und her. Die Umrisse von Klauen zeichneten sich in der Finsternis ab. Schattenhafte Wesen huschten davon, um sich in träge wogenden Algenfladen zu verbergen. Riesige Venusmuscheln beobachteten Feldwebel Colon mit ihren Lippen. Das Boot knarrte. »Feldwebel?« ließ sich Nobby vernehmen, als sie die Wunder der Tiefe betrachteten. »Ja, Nobby?« »Es heißt doch, daß jeder winzige Teil des Körpers alle sieben Jahre er- setzt wird, nicht wahr?« »Das ist allgemein bekannt«, erwiderte Feldwebel Colon. »Ja. Aber… wieso habe ich noch immer die Tätowierung am rechten Arm? Sie ist jetzt acht Jahre alt und müßte längst verschwunden sein.« Lange Tangbüschel schwangen im Halbdunkel hin und her. »Interessanter Hinweis«, brachte Colon mit zittriger Stimme hervor. »Äh…« »Ich meine, ist doch ganz klar, wenn auch die Haut ersetzt wird, müßte inzwischen alles rosarot und ganz neu sein.« Ein Fisch schwamm vorbei – seine Nase sah aus wie eine Säge. Mitten in einer Wolke aus Furcht versuchte Colon, möglichst schnell zu denken. »Es liegt daran«, sagte er schließlich, »daß die blauen Teile der Haut durch andere blaue Teile ersetzt werden. Und die stammen von… von den Tätowierungen anderer Leute.« »Es ist also gar nicht mehr meine Tätowierung, sondern die einer ande- ren Person?«, »Äh… ja.« »Erstaunlich. Sie sieht genauso aus wie meine: zwei gekreuzte Dolche und darunter ›WAMA‹.« »Wama?« »Es sollte eigentlich ›Mama‹ heißen, aber ich schlief ein, und die Nadel Ned bemerkte nicht, daß ich im wahrsten Sinne des Wortes umgekippt war.« »So etwas sollte einem eigentlich auffallen…« »Er war ebenso stockbesoffen wie ich. Du weißt ja, wie das mit richtigen Tätowierungen ist: Sie sind nur dann authentisch, wenn man sich kaum daran erinnern kann, wie man sie erhalten hat.« Leonard und der Patrizier betrachteten die maritime Landschaft. »Wonach halten sie Ausschau?« fragte Colon. »Leonard hat mehrmals Hieroglyphen erwähnt«, sagte Nobby. »Was meint er damit, Feldwebel?« Colon zögerte, aber nur kurz. »Eine bestimmte Art von Weichtieren, Korporal.« »Donnerwetter, was du alles weißt«, sagte Nobby in bewunderndem Tonfall. »Das hat es also mit Hieroglyphen auf sich. Und wenn wir tiefer kommen, heißen sie Dortoglyphen?« Nobbys Lächeln wirkte irgendwie seltsam. Feldwebel Colon beschloß, kein Risiko einzugehen. »Sei nicht dumm, Nobby. ›Dortoglyphen‹, weil sie sich ›dort‹ befin- den… Ich bitte dich.« »Entschuldige, Feldwebel.« »Außerdem ist allgemein bekannt, daß es in diesen Gewässern keine Dortoglyphen gibt.« Zwei Neugierige Tintenfische sahen neugierig ins Boot. Jenkins’ Schiff kam einem schwimmenden Wrack gleich., Von einigen Segeln waren nur noch Fetzen übrig. Auf dem Deck lagen Seile, deren nautische Namen Mumm nicht lernen wollte. Ein Teil der Takelage hing über die Reling ins Wasser. Die wenigen heil gebliebenen Segel fingen den frischen Morgenwind ein und ließen das Schiff Fahrt aufnehmen. Weit oben wölbte der Ausguck die Hände trichterförmig vor dem Mund und rief: »Land ahoi!« »Man sieht es selbst von hier aus«, sagte Mumm. »Warum muß er so schreien?« »Es bringt Glück.« Jenkins spähte in den Dunst. »Gebra scheint nicht das Ziel deines Freundes zu sein. Ich frage mich, wohin er unterwegs ist.« Mumm blickte zu der gelben Masse am Horizont und sah dann zu Ka- rotte auf. »Wir holen sie zurück, keine Sorge«, unterbrach er. »Oh, ich bin nicht besorgt, nur ein wenig beunruhigt«, erwiderte Karot- te. »Äh… gut…« Mumm gestikulierte vage. »Sind alle gesund und munter? Und außerdem guten Mutes?« »Es wäre der Moral sicher dienlich, wenn du einige Worte sprechen würdest, Herr Kommandeur.« Das monströse Wächterregiment hatte auf Deck Aufstellung bezogen und blinzelte im Sonnenschein. Meine Güte, dachte Mumm, als er die üblichen unüblichen Personen sah. Ein Zwerg, ein Mensch, der als Zwerg aufgewachsen war und wie ein Handbuch der Etikette dachte, ein Zombie, ein Troll, ich selbst, den religiösen Fanatiker nicht zu verges- sen… Obergefreiter Besuch salutierte. »Bitte um Erlaubnis, sprechen zu dür- fen, Herr Kommandeur.« »Nur zu«, brummte Mumm. »Es freut mich, darauf hinweisen zu dürfen, daß unsere Mission ganz offensichtlich göttliches Wohlwollen genießt, Herr Kommandeur. Ich, beziehe mich dabei auf den Sardinenregen, der uns Nahrung in der Not gebracht hat.« »Nun, wir konnten eine kleine Stärkung vertragen, aber deshalb gleich von ›Not‹ zu reden…« »Mit allem Respekt, Herr Kommandeur«, sagte Obergefreiter Besuch fest. »Es war ein traditionelles Zeichen. Daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen. Als die Sykooliten von den offlerianischen Mitoliten in die Wildnis vertrieben wurden, erhielten sie Nahrung in Form von himmlischen Keksen, Herr Kommandeur. Schokoladenkekse, um ganz genau zu sein.« »Ein ganz normales natürliches Phänomen«, kommentierte Obergefrei- ter Schuh. »Vermutlich wurden sie von einem Wirbelwind mitgerissen, der am Laden eines Bäckers vorbeikam…« Besuch warf ihm einen strengen Blick zu und fuhr fort: »Und als die Murmurianer von den Miskmik-Stämmen in die Berge vertrieben wur- den, hätten sie kaum überlebt, wenn nicht ein magischer Regen aus Ele- fanten niedergegangen wäre, Herr Kommandeur.« »Elefanten?« »Nun, eigentlich war es nur einer«, gestand Besuch. »Aber er platzte.« »Ein ganz normales natürliches Phänomen«, sagte Obergefreiter Schuh. »Vermutlich kam irgendwo ein Tornado an einem Elefanten…« »Und als die vier Stämme von Khanli in der Wüste durstig wurden, Herr Kommandeur, bekamen sie Hilfe durch einen plötzlichen übernatürli- chen Regen aus Regen.« »Ein Regen aus Regen?« wiederholte Mumm wie hypnotisiert von Be- suchs unerschütterlicher Überzeugung. »Ein ganz normales natürliches Phänomen«, warf Reg Schuh ein. »Wahrscheinlich verdunstete Meerwasser und wurde schließlich vom Wind über den Himmel getrieben. Die Feuchtigkeit kondensierte an Staubteilchen, als sie auf kältere Luftmassen stieß, und dadurch fiel Re- gen…« Er unterbrach sich und fügte verärgert hinzu: »Außerdem glaube ich nicht an einen solchen Unsinn.« »Welche Gottheit steht auf unserer Seite?« fragte Mumm hoffnungs- voll., »Ich gebe dir Bescheid, sobald ich es herausgefunden habe, Herr Kommandeur.« »Äh… ausgezeichnet, Obergefreiter.« Mumm trat einen Schritt zurück. »Ich behaupte nicht, daß unsere Auf- gabe leicht ist, Männer«, sagte er. »Wir sind hier, um Angua zu befreien, Ahmed zu erwischen und die Wahrheit aus ihm herauszuschütteln. Was leider bedeutet, daß wir ihm durch sein Heimatland folgen müssen, mit dem wir uns im Krieg befinden. Deshalb sollten wir auf unserem Weg mit dem einen oder anderen Hindernis rechnen. Lassen wir uns von der Aussicht, zu Tode gefoltert zu werden, nicht betrüben.« »Das Glück ist mit den Tapferen, Herr Kommandeur«, verkündete Ka- rotte fröhlich. »Gut. Gut. Freut mich, das zu hören. Äh… was sagt das Glück über einen schwer bewaffneten, gut vorbereiteten und sehr zahlreichen Geg- ner?« »Oh, ich habe nie davon gehört, daß das Glück diese Leute begleitet, Herr Kommandeur.« »Nach General Taktikus liegt es daran, daß solche Streitkräfte über- haupt kein Glück benötigen«, sagte Mumm. Er öffnete das ziemlich ab- gegriffene Buch. Viele Zettel und Bindfäden dienten als Lesezeichen. »Um eine Niederlage zu vermeiden, wenn man es mit einem zahlenmäßig überlegenen Feind zu tun hat, der über bessere Waffen und Stellungen verfügt, schlägt General Taktikus folgendes vor.« Mumm blätterte. »›Man lasse sich nicht auf einen Kampf ein.‹« »Klingt nach einem klugen Mann«, sagte Jenkins. Er deutete zum gel- ben Horizont. »Siehst du den ganzen Kram dort in der Luft?« fragte er. »Für was hältst du das?« »Dunst?« vermutete Mumm. »Ha, ja. Klatschianischer Dunst! Das ist ein Sandsturm! Kommt recht häufig vor. Scheußliches Zeug, der Sand. Wenn du dein Schwert schär- fen möchtest, brauchst du es bei einem Sandsturm nur in den Wind zu halten.« »Oh.«, »Und eigentlich solltest du für den Sandsturm dankbar sein, denn ohne ihn könntest du den Berg Gebra sehen. Am Fuß dieses Berges liegt et- was, das die Klatschianer ›Gebras Faust‹ nennen. Es ist eine Stadt, und außerdem steht dort eine Festung mit fast zehn Meter dicken Mauern. Sie ist fast eine eigene Stadt und bietet Platz für Tausende von Soldaten, Kriegselefanten, Kampfkamelen und so weiter. Wenn du das gesehen hast, verspürst du nur noch den Wunsch, so schnell wie möglich heim- zukehren. Nun, was sagt dein berühmter General dazu, hm?« »Ich glaube, ich habe in diesem Zusammenhang irgendwo etwas gele- sen…« Mumm blätterte erneut. »Ah ja, hier steht: ›Nach der ersten Schlacht von Sto hat habe ich ein Prinzip formuliert, das mir auch bei anderen Kämpfen gute Dienste leistete: Wenn der Feind über eine uneinnehmbare Festung verfügt, so sorge dafür, daß er dort bleibt.‹« »Das ist dir sicher eine große Hilfe«, sagte Jenkins. Mumm steckte das Buch ein. »Es ist also ein Gott auf unserer Seite, Obergefreiter Besuch?« »Kein Zweifel, Herr Kommandeur.« »Aber vermutlich dürfen auch die Klatschianer mit göttlichem Beistand rechnen, oder?« »Das halte ich für sehr wahrscheinlich, Herr Kommandeur. Es steht ein Gott auf jeder Seite.« »Hoffen wir, daß sie sich gegenseitig ausgleichen.« Das klatschianische Boot berührte die Wellen so sanft, daß man kaum ein Platschen hörte. 71-Stunden-Ahmed stand an der Winde und hielt sein Schwert bereit – deshalb ließen die Männer das Boot mit besonderer Vorsicht zu Wasser. »Du kannst den Hafen von Gebra ansteuern, wenn wir fort sind«, wandte sich Ahmed an den Kapitän. Der Kapitän zitterte. »Und was soll ich den Leuten sagen, Wali?« »Die Wahrheit – nach einer Weile. Der Garnisonskommandant ist ein Mann mit schlechten Manieren und wird dich zunächst ein wenig foltern., Spar dir die Wahrheit auf, bis du sie brauchst. Dann ist er zufrieden. Es hilft dir sicher, wenn du betonst, ich hätte dich gezwungen.« »Oh, das werde ich. Ich meine, ich werde… zu dieser Lüge greifen«, fügte der Kapitän rasch hinzu. Ahmed nickte, glitt an einem Seil hinab ins Boot und brach damit auf. Der Kapitän und seine Mannschaft beobachteten, wie er durch die Brandung ruderte. Dies war kein hübscher, ruhiger Strand, sondern ein Küstenabschnitt, der Schiffen immer wieder zum Verhängnis wurde. Alte Wrackteile lagen zwischen den Felsen. Knochen, Treibholz und von der heißen Sonne gebleichter Tang hatten sich an der Flutlinie angesammelt. Jenseits davon erhoben sich die Dünen der Wüste. Selbst hier, noch auf dem Meer, be- kam man den Sand zu spüren. Er brannte in den Augen und knirschte zwischen den Zähnen. »An diesem Ufer droht jäher Tod«, sagte der Erste Maat. Er sah über die Reling und blinzelte immer wieder, als ihm Sand in die Augen geriet. »Ja«, bestätigte der Kapitän. »Er hat das Boot gerade verlassen.« Die Gestalt am Ufer zog eine zweite, liegende Gestalt aus dem Boot und brachte sie aus der Reichweite der Wellen. Der Maat hob seinen Bogen. »Ich möchte ihn von hier aus töten, Herr. Du brauchst mir nur den Be- fehl zu geben.« »Wie sicher bist du dir? Du solltest besser völlig sicher sein. Wenn du ihn verfehlst, bist du tot. Und wenn du ihn triffst, bist du ebenfalls tot. Sieh nur dort oben.« Hoch oben auf den fernen Dünen zeichneten sich Reiter dunkel vor dem mit Sand gefüllten Himmel ab. Der Maat ließ den Bogen sinken. »Woher wußten sie, daß wir hier sind?« »Oh, sie beobachten das Meer«, sagte der Kapitän. »Über ein gutes Schiffswrack freuen sich D’regs genauso wie andere Leute. Vielleicht sogar noch mehr.« Als sie sich von der Reling abwandten, sprang etwas vom Rumpf und verschwand fast lautlos im Wasser., Detritus versuchte, im Schatten zu bleiben, aber davon gab es nicht viel. Die Wüste vor ihnen strahlte Hitze aus wie eine Lötlampe. »Ich immer dümmer werden«, klagte er. Der Ausguck rief etwas. »Er meint, jemand klettert die Dünen hoch«, sagte Karotte. »Jemand, der jemand anders trägt.« »Äh… eine Frau?« »Ich kenne Angua, Herr Kommandeur. Sie gehört nicht zum hilflosen Typ. Sie steht nicht einfach da und schreit. Andere Leute verhalten sich ihr gegenüber so.« »Nun, wie du meinst…« Mumm wandte sich an Jenkins. »Wir geben die Verfolgung des anderen Schiffes auf. Statt dessen setzen wir die Fahrt in Richtung Küste fort.« »Das gefällt mir ganz und gar nicht. Es ist eine verdammt gefährliche Küste: Dort hat man den Wind immer gegen sich und außerdem einige scheußliche Strömungen. So mancher unvorsichtige Seefahrer hat seine Knochen an diesem Ufer zurückgelassen. Nein, wir bleiben in sicherer Entfernung, und du kannst das Ruderboot… Ich meine, du könntest das Ruderboot benutzen, wenn wir es nicht über Bord geworfen hätten. Na schön, wir gehen vor Anker und… Oh, Verzeihung, der Anker gehörte ja zu den schweren Gegenständen, die wir…« »Wir fahren…, äh… schwimmen weiter«, sagte Mumm. »Zur Küste.« »Bestimmt kommen wir alle ums Leben.« »Ich schlage vor, du wählst das geringere von zwei Übeln.« »Worin besteht das andere?« Mumm zog sein Schwert. »Aus mir.« Das Boot quietschte durch die geheimnisvollen Tiefen des Meeres. Leo- nard verbrachte viel Zeit damit, aus den kleinen Fenstern zu blicken. Sein besonderes Interesse galt Tangstreifen, die nach Feldwebel Colons Meinung wie ganz gewöhnliche Tangstreifen aussahen., »Sieh nur diese prächtigen Exemplare von Dropliehs Etioliertem Bla- sentang«, sagte Leonard. »Damit meine ich die braunen Dinger. Ein höchst interessantes Gewächs, das uns unter den gegebenen Umständen einen wichtigen Hinweis liefert.« »Ich schlage vor, wir gehen einmal davon aus, daß ich in den vergange- nen Jahren meine Studien der maritimen Pflanzen ein wenig vernachläs- sigt habe«, erwiderte der Patrizier. »Ach, tatsächlich? Da hast du eine Menge versäumt. Normalerweise wächst der Etiolierte Blasentang nicht oberhalb einer Tiefe von minde- stens dreißig Faden, und derzeit befinden wir uns nur zehn Faden unter- halb der Wasseroberfläche.« »Ah.« Der Patrizier blätterte in einigen von Leonards Zeichnungen. »Und die Hieroglyphen – ein Alphabet aus Zeichen und Farben. Farben als Sprache… eine faszinierende Idee.« »Sie dienen gewissermaßen als emotionale Verstärker«, erklärte Leo- nard. »Auch wir verwenden so etwas. Rot für Gefahr und so weiter. Be- dauerlicherweise konnte ich sie nie übersetzen.« »Farben als Sprache…«, murmelte Lord Vetinari. Feldwebel Colon räusperte sich. »Ich weiß etwas über Seetang, Herr.« »Ja, Feldwebel?« »Herr! Wenn er feucht ist, kann man bald mit Regen rechnen, Herr.« »Ausgezeichnet, Feldwebel«, erwiderte Lord Vetinari, ohne den Kopf zu drehen. »Ich halte es für möglich, daß ich diesen Hinweis nie verges- sen werde.« Feldwebel Colon strahlte. Er hatte einen Beitrag geleistet. Nobby gab ihm einen Stoß. »Was machen wir hier unten, Feldwebel? Ich meine, was hat dies alles zu bedeuten? Wir tauchen, betrachten selt- same Zeichen an Felsen, sehen uns in Höhlen um… und dann der Ge- ruch…« »Mich trifft keine Schuld«, sagte Feldwebel Colon. »Riecht wie… Schwefel…« Kleine Blasen glitten am Fenster vorbei. »Auch oben hat es gestunken«, fuhr Nobby fort., »Wir sind fast fertig, meine Herren«, sagte Lord Vetinari und legte die Blätter beiseite. »Noch ein letztes Wagnis, dann können wir auftauchen. Also gut, Leonard – bring uns darunter.« »Aber… äh… wir sind doch schon unten, Herr«, warf Colon ein. »Nur unter der Meeresoberfläche, Feldwebel.« »Oh. Ja.« Colon dachte darüber nach. »Gibt es hier sonst noch etwas, unter dem wir sein könnten, Herr?« »Ja, Feldwebel. Wir tauchen jetzt unter das Land.« Inzwischen war die Küste viel näher. Den Wächtern fiel auf, daß die Seeleute alle zum stumpfen Ende des Schiffes eilten. Dort banden sie kleine, leichte und vor allem schwimmfähige Gegenstände an sich fest. »Das scheint mir nah genug zu sein«, sagte Mumm. »Halt hier an.« »Ich soll hier anhalten? Wie?« »Woher soll ich das wissen? Ich bin doch kein Seemann. Gibt es keine Bremse oder etwas in der Art?« Jenkins starrte ihn fassungslos an. »Du… du Landratte!« »Ich dachte, solche Ausdrücke benutzt du nie.« »Jemandem wie dir bin ich nie zuvor begegnet! Du glaubst sogar, daß wir den Bug ›spitzes Ende‹ nennen…« Später gelangte die Mannschaft zu dem Schluß, daß es sich um eine der seltsamsten Landungen in der Geschichte der schlechten Seefahrt han- delte. Offenbar waren Uferbereich und Wasserstand genau richtig, denn das Schiff prallte nicht etwa auf den Strand, sondern stieg aus dem Was- ser, wobei der Kiel seine Last aus Entenmuscheln abstreifte. Schließlich trafen sich Bewegungsmoment und Reibung von Wind und Wasser an einer Stelle, die mit »langsam zur Seite kippen« markiert war. Die Milka blieb liegen und verdiente sich den Titel »Lächerlichstes Schiffswrack der Welt«. »Es hätte schlimmer kommen können«, sagte Mumm, als kein Holz mehr splitterte. Er kroch aus einem Durcheinander aus Segelleinen, stand auf und rückte sich möglichst würdevoll den Helm zurecht., Ein Stöhnen kam aus dem jetzt sehr schiefen Frachtraum. »Du das bist, Grinsi?« »Ja, Detritus.« »Ich dies bin?« »Nein!« »Entschuldigung.« Karotte ging vorsichtig über das geneigte Deck, sprang in den Sand und salutierte. »Alle anwesend und ein wenig mitgenommen, Herr Kommandeur. Sol- len wir einen Brückenkopf bilden?« »Einen was?« »Wir müssen uns eingraben, Herr Kommandeur.« Mumm blickte in beide Richtungen über den Strand – falls man einen solchen Ruhe und Erholung versprechenden Ausdruck verwenden durf- te. Eigentlich war es nur ein Saum der Wüste. Nichts regte sich, abgese- hen vom Flirren der Hitze und zwei Aasvögeln, die einige Dutzend Me- ter entfernt auf einem Felsen hockten. »Weshalb?« fragte er. »Um eine leichter zu verteidigende Stellung zu schaffen. Ein typisches Verhaltensmuster von Soldaten, Herr Kommandeur.« Mumm sah zu den Vögeln. Sie näherten sich mit vorsichtigen, seitli- chen Hüpfern und schienen über alles herfallen zu wollen, was seit eini- gen Tagen tot war. Er blätterte im Buch von Taktikus, bis er das Wort »Brückenkopf« fand. »Hier steht: ›Wenn du möchtest, daß deine Männer viel Zeit im Umgang mit der Schaufel verbringen, hättest du Bauern aus ihnen machen sollen‹«, sagte er. »Ich schlage vor, wir setzen den Weg fort. Er kann nicht weit gekommen sein. Sobald wir ihn geschnappt haben, kehren wir zurück.« Jenkins watete aus dem Wasser. Er wirkte nicht zornig. Er war ein Mann, der die Flammen des Zorns durchschritten und die friedliche Bucht hinter ihnen erreicht hatte. Mit zitterndem Zeigefinger deutete er auf das Schiff und sagte: »Muh…?«, »Eigentlich ist es erstaunlich heil geblieben, wenn man die Umstände berücksichtigt«, meinte Mumm. »Muh?« »Zusammen mit deiner Mannschaft kriegst du es bestimmt wieder flott.« »Muh…« Jenkins und die watenden Besatzungsmitglieder beobachteten, wie die Wächter über den nächsten Dünenhang kletterten und rutschten. Nach einer Weile traten die Seeleute zusammen, um Lose zu ziehen. Der Koch, der bei Glücksspielen dieser Art immer Pech hatte, näherte sich schließlich dem Kapitän. »Keine Sorge, Käpt’n«, sagte er. »In all diesem Treibholz finden wir be- stimmt geeignetes Material, und einige Tage Arbeit mit dem Flaschen- zug…« »Muh.« »Allerdings sollten wir sofort beginnen, denn er meinte ja, daß sie bald zurückkehren…« »Sie kehren nicht zurück!« erwiderte der Kapitän. »Das wenige Wasser, das sie bei sich haben, reicht in der Wüste nicht einmal für einen Tag! Ihnen fehlt die richtige Ausrüstung! Und bestimmt verirren sie sich, so- bald sie außer Sichtweite des Meeres geraten!« »Gut!« Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie den Gipfel der Düne erreichten. Sie fanden Abdrücke im Sand, aber während Mumm sie noch betrachtete, griff der Wind nach den Sandkörnern und setzte fleißig sein Bemühen fort, die Spuren zu verwischen. »Kamelspuren«, stellte er fest. »Nun, Kamele sind nicht sehr schnell. Wir…« »Ich glaube, Detritus hat ziemliche Probleme«, ließ sich Karotte ver- nehmen., Der Troll stand mit den Fingerknöcheln auf den Boden gestützt. Der Motor seines Kühlhelms ächzte einige Sekunden und setzte dann ganz aus, als Sand in den Mechanismus geriet. »Fühle mich dumm«, brummte Detritus. »Gehirn tut weh.« »Halt ihm den Schild über den Kopf«, sagte Mumm. »Er braucht Schatten.« »Er schafft es bestimmt nicht, Herr Kommandeur«, erwiderte Karotte. »Wir sollten ihn zum Boot zurückschicken.« »Wir brauchen ihn! Grinsi, fächle ihm mit deiner Axt Luft zu!« Genau in diesem Augenblick stand der Sand auf und zog hundert Schwerter. »Bimmel-bimmel-bamm!« erklang eine fröhliche, wenn auch gedämpfte Stimme. »Elf Uhr morgens, Haare schneiden… äh… das stimmt doch, oder?« Der Zufall hatte die Mauern eines Gebäudes so einstürzen lassen, daß sie eine Art Zisterne formten. Regenwasser füllte das Gefäß zur Hälfte. Fester Fanggut klopfte seinem Sohn auf den Rücken. »Süßwasser!« sagte er. »Na endlich. Gut gemacht, Junge.« »Weißt du, ich habe mir die seltsamen Darstellungen angesehen, Vater, und dabei…« »Ja, ja, Bilder von Kraken, sehr hübsch«, meinte Fanggut. »Ha! Jetzt ist der Ball auf dem anderen Fuß, jawohl! Wir haben Wasser auf unserer Seite der Insel, sollen die schmierigen Kerle nur nichts anderes behaupten. Sollen sie sich über ihr verdammtes Treibholz freuen und Wasser aus Fischen saugen.« »Ja, Vater«, sagte Les. »Und wir können etwas von unserem Wasser ge- gen Holz und Mehl tauschen, nicht wahr?« Der Vater des Jungen machte eine Geste, die zur Vorsicht gemahnte. »Vielleicht«, erwiderte er. »Wir sollten nichts überstürzen. Bestimmt dau- ert es nicht mehr lange, bis wir brennbaren Tang finden. Ich meine, was ist hier unser langfristiges Ziel?« »Wir möchten Mahlzeiten kochen können und es warm haben?« fragte Les hoffnungsfroh., »Nun, das steht am Anfang«, entgegnete Fanggut. »Ganz klar. Aber wie heißt es so schön, Junge? ›Gib einem Mann Feuer, und er hat es einen Tag lang warm. Steck ihn in Brand, und er hat es warm für den Rest sei- nes Lebens.‹ Verstehst du?« »Ich glaube nicht, daß es so heißt…« »Ich meine, von Wasser und rohem Fisch können wir… praktisch un- begrenzte Zeit leben. Aber sie halten es nicht lange ohne Süßwasser aus. Ist doch klar. Früher oder später bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als uns um Wasser zu bitten. Und dann können wir Bedingungen stel- len.« Er legte den Arm um die widerstrebenden Schultern seines Sohns und deutete auf die Landschaft. »Ich meine, ich habe mit nichts begonnen, Sohn, abgesehen von dem Boot, das mir dein Großvater überließ, aber…« »…du hast dich abgerackert…«, sagte Les müde. »… ich habe mich abgerackert…« »… und deinen Kopf immer über Wasser gehalten…« »… und meinen Kopf immer über Wasser gehalten, ja…« »Und du hast mir immer etwas hinterlassen wollen, das… Au!« »Hör auf, dich über deinen Vater lustig zu machen!« sagte Fanggut. »Sonst bekommst du noch eine Ohrfeige auf die andere Seite. Sieh dir nur dieses Land an. Siehst du es?« »Ich sehe es, Vater.« »Es ist ein Land der Möglichkeiten.« »Aber es gibt hier keine Quellen, und der Boden steckt voller Salz, und außerdem stinkt es!« »Das ist der Geruch der Freiheit.« »Riecht eher so, als hätte hier jemand ordentlich einen fahrenlassen, Vater. Au!« »Manchmal ähneln sich solche Gerüche! Und ich denke dabei an deine Zukunft, Junge!« Les blickte über ein weites, von verfaulendem Tang bedecktes Land., Er lernte, ein Fischer wie sein Vater zu sein, weil die männlichen An- gehörigen seiner Familie immer Fischer gewesen waren und er aufgrund seiner gutmütigen Natur nicht zu widersprechen wagte – obwohl er viel lieber Maler gewesen wäre, wie vor ihm noch niemand in seiner Familie. Er bemerkte gewisse Dinge, und sie beunruhigten ihn, auch wenn ihm der Grund dafür verborgen blieb. Mit den Gebäuden schien etwas nicht in Ordnung zu sein. Hier und dort gab es eindeutig Teile von Architektur, wie zum Beispiel morpor- kianische Säulen und Reste von klatschianischen Bögen. Doch sie kleb- ten an Bauwerken, die aussahen, als wären sie von eher ungeschickten Leuten errichtet worden, die einfach Felsen aufeinandergehäuft hatten. An anderen Stellen erhoben sich Steinplatten auf alten Mauern aus Zie- gelsteinen und Mosaikböden. Les wußte nicht, von wem die Mosaike stammten, aber die Leute, die sie angefertigt hatten, mußten eine beson- dere Vorliebe für Tintenfischbilder gehabt haben. In dem Jungen verdichtete sich der Eindruck, daß Morporkianer und Klatschianer ihre Zeit vergeudeten, wenn sie darüber stritten, wem dieser frühere Teil des Meeresbodens gehörte. »Äh… auch ich denke an meine Zukunft, Vater«, sagte er. »Ja, ich den- ke wirklich daran.« Weit unter den Füßen von Fester Fanggut tauchte das Boot auf. Feldwe- bel Colon griff ganz automatisch nach den Schrauben der Luken. »Nicht öffnen!« rief Leonard und erhob sich aus seinem Sitz. »Die Luft hier drin ist ziemlich verbraucht…« »Draußen dürfte es noch schlimmer sein.« »Schlimmer als hier drin?« »Da bin ich ziemlich sicher.« »Aber wir sind aufgetaucht!« »Wir sind aufgetaucht, ja, aber wir befinden uns noch immer unter der Meeresoberfläche«, sagte Lord Vetinari. Neben ihm zog Nobby den Korken aus dem Sehrohr und blickte hindurch. »Sind wir in einer Höhle?« fragte Colon., »Äh…, Feldwebel…«, begann Nobby. »Großartig, gut überlegt!« entfuhr es dem Patrizier. »Ja. Eine Höhle. In gewisser Weise.« »Äh… Feldwebel?« fragte Nobby erneut und stieß Colon an. »Dies ist keine Höhle, Feldwebel! Dieses Ding erscheint mir wesentlich größer!« »Meinst du vielleicht eine… Kaverne?« »Es ist noch größer!« »Größer aus eine Kaverne? Vielleicht eine…große Kaverne?« »Ja, ich schätze, das könnte es sein«, sagte Nobby und wandte sich vom Sehrohr ab. »Sieh’s dir selbst an, Feldwebel.« Feldwebel Colon blickte ins Rohr. Er rechnete halb mit Dunkelheit, statt dessen sah er die Oberfläche ei- nes Sees, die blubberte wie das Wasser in einem Kochtopf. Grüne und gelbe Flammen züngelten. Ihr Licht huschte über eine so weit entfernte Wand, daß man sie für den Horizont halten konnte… Das Rohr drehte sich quietschend. Wenn dies wirklich eine Höhle war, so durchmaß sie mindestens zwei Meilen. »Wie lange, glaubst du?« erklang Lord Vetinaris Stimme hinter Colon. »Nun, die Felsen bestehen zu einem großen Teil aus Tuff und Bims- stein, sind also sehr leicht«, antwortete Leonard. »Nach dem Aufstieg entweicht das Gas wegen des Seegangs recht schnell. Noch eine Woche, schätze ich. Und anschließend dauert es ziemlich lange, bis sich wieder eine ausreichend große Blase bildet, daß sich der Aufstieg wiederholen kann…« »Worüber reden sie, Feldwebel?« fragte Nobby. »Dieser Ort schwimmt?« »Ein sehr ungewöhnliches natürliches Phänomen«, fuhr Leonard fort. »Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, würde ich es für eine Legende halten.« »Natürlich schwimmt dies hier nicht«, erwiderte Feldwebel Colon. »Wirklich, Nobby, wie willst du jemals etwas dazulernen, wenn du so absolut dämliche Fragen stellst? Land ist schwerer als Wasser, oder? Deshalb befindet es sich am Meeresgrund.«, »Ja, aber sie haben Bimsstein erwähnt, und mein Großvater hatte einen Bimsstein, mit dem man sich beim Baden in der Wanne die feste Haut an den Füßen abreiben konnte, und das Ding schwamm…« »So was passiert vielleicht in Badewannen«, sagte Colon. »Aber nicht im wirklichen Leben. Dies ist nur ein Phänomen. In der Realität gibt es für so etwas keinen Platz. Demnächst behauptest du noch, es gäbe Felsen am Himmel.« »Ja, aber…« »Ich bin Feldwebel, Nobby.« »Ja, Feldwebel.« »Es erinnert mich an die nautischen Geschichten über riesige Schild- kröten, die schlafend an der Meeresoberfläche schwimmen und Seefah- rer glauben machen, sie hätten eine Insel erreicht«, sagte Leonard. »Na- türlich gibt es keine so kleinen Riesenschildkröten.« »He, Herr Quirm, dieses Boot ist wirklich toll«, meinte Nobby. »Danke.« »Vermutlich könnte man damit auch Schiffe versenken, wenn man wollte.« Peinliches Schweigen schloß sich an. »Eine insgesamt sehr interessante Erfahrung«, kommentierte Lord Ve- tinari, während er sich Notizen machte. »Und nun, meine Herren – vor- wärts und nach unten, wenn ich bitten darf…« Die Wächter zogen ihre Waffen. »Das sind D’regs, Herr Kommandeur«, sagte Karotte. »Aber etwas stimmt nicht…« »Was meinst du?« »Wir sind noch nicht tot.« Sie beobachten uns, wie Katzen Mäuse beobachten, dachte Mumm. Wir können weder weglaufen noch einen Kampf gewinnen. Sie sind neugierig darauf, wie wir uns unter diesen Umständen verhalten., »Was hat General Taktikus über eine solche Situation zu sagen, Herr Kommandeur?« fragte Karotte. Es sind hundert, dachte Mumm. Und wir sind nur sechs. Allerdings ist Detritus kaum mehr bei sich, und niemand weiß, welchen himmlischen Geboten Obergefreiter Besuch derzeit gehorcht, und Regs Arme fallen ab, wenn er sich zu sehr aufregt… »Ich weiß es nicht«, erwiderte er. »Vermutlich etwas in der Art von ›Laß so etwas nie geschehen‹.« »Warum siehst du nicht nach, Herr Kommandeur?« fragte Karotte, ohne den Blick von den sie immer noch stumm beobachtenden D’regs abzuwenden. »Wie bitte?« »Warum siehst du nicht im Buch nach, Herr Kommandeur?« »Jetzt?« »Es könnte einen Versuch wert sein.« »Das ist doch verrückt, Hauptmann.« »Ja, Herr Kommandeur. Die D’regs haben seltsame Vorstellungen von verrückten Leuten, Herr Kommandeur.« Mumm holte das abgegriffene Buch hervor. Der ihm am nächsten ste- hende D’reg offenbarte ein Grinsen, das fast so breit und krumm war wie sein Schwert. Seine wichtigtuerische Aura wies ihn als Anführer aus. Auf dem Rücken trug er eine große Armbrust. »Heda!« rief Mumm. »Können wir im allgemeinen Geschehen eine kleine Pause einlegen?« Er trat auf den Mann zu, der sehr überrascht wirkte, und winkte mit dem Buch. »General Taktikus hat das hier ge- schrieben, ich weiß nicht, ob du ihn kennst, hat sich einst viel in dieser Gegend herumgetrieben und vielleicht deinen Ururururgroßvater getötet, und ich möchte nur kurz nachsehen, was er über eine derartige Situation zu sagen hat. Wenn du gestattest…?« Der Mann bedachte Mumm mit einem verwirrten Blick. »Es könnte eine Weile dauern, da das Buch leider kein Stichwortver- zeichnis hat, aber ich glaube, ich habe da eine Stelle gesehen…«, Der Anführer trat einen Schritt zurück und sah zum nächsten Krieger, der mit den Schultern zuckte. »Wenn du mir bei diesem Wort hier helfen könntest?« Mumm blieb neben dem Mann stehen und hielt ihm das Buch unter die Nase. Dann bewegte sich Mumm auf eine Weise, die in den Gassen von Ankh-Morpork als »Freundliches Händeschütteln« bekannt war. Er rammte dem Klatschianer den Ellenbogen in die Magengrube, hob das Knie dem herabkommenden Kinn des Mannes entgegen und biß die Zähne zusammen, als Schmerz in Knie und Fußknöcheln entflammte. Anschließend zog er sein Schwert und hielt es dem D’reg an die Kehle, noch bevor der sich wieder aufrichten konnte. »Und nun, Hauptmann Karotte…«, sagte Mumm. »Bitte teil den Klat- schianern laut und klar mit, daß dieser Mann in erhebliche Schwierigkei- ten gerät, wenn sie nicht sofort zurückweichen.« »Herr Mumm, ich glaube…« »Los!« Der D’reg sah ihn an, als Karotte mit lauter Stimme die gewünschte Botschaft verkündete. Erstaunlicherweise grinste er noch immer. Mumm wagte nicht, den Blick von ihm abzuwenden, aber er spürte Erstaunen und Verwunderung bei den übrigen Klatschianern. Dann griffen sie alle auf einmal an. Ein klatschianisches Fischerboot, dessen Kapitän wußte, aus welcher Richtung der Wind wehte, kehrte zum Hafen von Al-Khali zurück. Der Kapitän hatte dabei den Eindruck, daß sie trotz des günstigen Winds langsamer vorankamen, als es eigentlich der Fall sein sollte. Er schrieb es den Entenmuscheln am Rumpf zu. Mumm erwachte mit einem Gefühl, als hätte er ein Kamel in der Nase. Es gibt schlimmere Arten des Erwachens, aber nicht sehr viele. Er drehte den Kopf, was ihn nicht unbeträchtliche Mühe kostete, und stellte fest: Das Kamel saß. Nach den Geräuschen zu urteilen, verdaute es Sprengstoff., Mumm fragte sich, wie er in eine solche Lage geraten war. Eine Sekun- de später fluchte er. Aber es hätte klappen können… Immerhin war es eine klassische Taktik. Man drohte damit, den Kopf abzuschneiden, woraufhin der Rest des Körpers gehorchte. So reagierten alle. Man konnte sagen, daß die ganze Zivilisation auf diesem Prinzip basierte… Vielleicht lag es an den kulturellen Unterschieden. Andererseits… Er war nicht tot. Karotte hatte auf folgendes hingewie- sen: Wenn man die D’regs fünf Minuten kannte und noch lebte, bedeu- tete das, daß sie einen sehr mochten. Allerdings galt es in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen, daß er, Mumm, den Anführer mit dem Freundlichen Händeschütteln vertraut ge- macht hatte, was der betreffende Klatschianer vielleicht gar nicht für sehr freundlich hielt. Mumm sah keinen sonderlichen Sinn darin, quer über einem Sattel zu liegen, an Händen und Füßen gefesselt, und sich einen Sonnenstich zu holen. Es wurde höchste Zeit, wieder als Oberhaupt seiner Leute aufzu- treten, und damit wollte er beginnen, sobald er das Kamel aus Mund und Nase bekam. »Bimmel-bimmel-bamm?« »Ja?« fragte Mumm und zerrte an seinen Fesseln. »Möchtest du erfahren, welche Termine du versäumt hast?« »Nein! Ich versuche gerade, diese verdammten Stricke zu lösen!« »Soll ich das deiner Aufgabenliste hinzufügen?« »Oh, du bist wach, Herr Kommandeur!« Es klang nach Karottes Stimme; außerdem konnte man solch eine Be- merkung von ihm erwarten. Mumm versuchte, den Kopf zu drehen. Ein weißes Tuch erstreckte sich in seinem Blickfeld. Und dann er- schien Karottes Gesicht, verkehrt herum. »Die D’regs fragten, ob sie dich losbinden sollten, aber ich wies darauf hin, daß du während der letzten Tage kaum Ruhe gefunden hast«, erklär- te Karotte., »Meine Arme und Beine sind eingeschlafen, Hauptmann«, klagte Mumm. »Oh, gut! Das ist wenigstens ein Anfang.« »Karotte?« »Ja, Herr Kommandeur?« »Ich möchte, daß du sehr aufmerksam zuhörst, weil ich dir jetzt einen Befehl geben werde.« »Gewiß, Herr Kommandeur.« »Es ist kein Vorschlag oder etwa eine Anregung.« »Wie du meinst, Herr Kommandeur.« »Ich habe die Angehörigen der Wache immer dazu ermutigt, selbstän- dig zu denken und mir nicht blind zu gehorchen. Aber manchmal wird es in jeder Organisation notwendig, einen Befehl buchstabengetreu und ohne zu zögern auszuführen.« »Ja, Herr Kommandeur.« »Binde mich sofort los, oder du wirst es bitter bereuen, daß du mich nicht sofort losgebunden hast!« »Äh… Herr Kommandeur, ich fürchte, deine Worte enthalten einen ungewollten Widerspruch, der…« »Karotte!« »Jawohl, Herr Kommandeur!« Die Stricke wurden durchgeschnitten, und Mumm rutschte in den Sand. Das Kamel drehte den Kopf, sah ihn mit seinen Nasenlöchern an und wandte sich dann wieder ab. Es gelang Mumm, sich aufzusetzen, während Karotte die übrigen Fes- seln löste. »Warum trägst du ein weißes Tuch, Hauptmann?« »Das ist ein Burnus, Herr Kommandeur. Sehr praktisch in der Wüste. Wir haben diese Kleidung von den D’regs erhalten.« »Wir?« »Der Rest von uns, Herr Kommandeur.« »Sind alle wohlauf?«, »Ja.« »Aber die D’regs haben doch angegriffen…« »Ja, Herr Kommandeur. Sie wollten uns nur gefangennehmen. Einer von ihnen schnitt Reg unabsichtlich den Kopf ab, und nachher half er ihm dabei, ihn wieder anzunähen. Es wurde also kein dauerhafter Scha- den angerichtet.« »Ich dachte, die D’regs machen keine Gefangenen…« »Auch ich bin sehr überrascht, Herr Kommandeur. Wie dem auch sei: Sie meinten, wenn wir zu fliehen versuchen, hacken sie uns die Füße ab, und Reg hat nicht genug Garn für uns alle.« Mumm rieb sich den Kopf. Jemand hatte ihm einen so wuchtigen Schlag versetzt, daß der Helm eine Beule aufwies. »Was ist schiefgegangen?« fragte er. »Ich hatte den Anführer überwäl- tigt!« »Wenn ich es richtig verstehe, Herr Kommandeur, vertreten die D’regs folgenden Standpunkt: Es ist sinnlos, von einem Anführer Befehle ent- gegenzunehmen, der sich einfach überwältigen läßt. Es scheint eine ty- pisch klatschianische Denkweise zu sein.« Mumm versuchte sich einzureden, daß Karottes Stimme keinen Hauch von Sarkasmus enthielt, als er fortfuhr: »Um ganz ehrlich zu sein, Herr Kommandeur: Die D’regs sind nicht sehr an Anführern interessiert. Sie sehen in ihnen nur eine Art Ornament, jemanden, dessen Aufgabe darin besteht, ›Zum Angriff‹ zu rufen.« »Ein Anführer muß sich auch um andere Dinge kümmern, Karotte.« »Die D’regs glauben offenbar, daß mit ›Zum Angriff!‹ alles erledigt ist, Herr Kommandeur.« Mumm stand auf. Seltsame Muskeln schmerzten in seinen Beinen. »Ich stütze dich«, bot sich Karotte an und bewahrte Mumm vor einem Sturz. Die Sonne ging unter. Einfache Zelte standen am Fuß einer Düne, und Lagerfeuer brannten. Irgendwo lachte jemand. Es sah nicht nach einem Gefängnis aus. Aber vermutlich war die Wüste besser als vergitterte Tü-, ren und Fenster. Mumm wußte nicht einmal, in welche Richtung er flie- hen sollte, ob mit Füßen oder ohne. »Die D’regs sind wie alle Klatschianer sehr gastfreundlich«, sagte Ka- rotte. Es klang, als hätte er es auswendig gelernt. »Sie nehmen die Gast- freundschaft sehr, sehr ernst.« Die Krieger saßen am Feuer. Ebenso die Wächter. Offenbar hatte man sie dazu überredet, sich angemessener zu kleiden. Grinsi sah aus wie ein Mädchen im Kleid ihrer Mutter, abgesehen von ihrem Helm, und Reg Schuh schien sich in eine Mumie verwandelt zu haben. Detritus wirkte wie ein kleiner schneebedeckter Berg. »Die Hitze hat ihn fast völlig um den…äh… Verstand gebracht«, flü- sterte Karotte. »Und da drüben diskutiert Obergefreiter Besuch über Religion. Auf dem klatschianischen Kontinent gibt es sechshundertdrei- undfünfzig Religionen.« »Da hat er bestimmt viel Spaß.« »Und dies ist Jabbar«, fügte Karotte hinzu. Beweisstück A – eine etwas ältere Version von 71-Stunden-Ahmed – stand auf, wandte sich an Mumm und salamte. »Offendi«, sagte er. »Er ist der…«, begann Karotte und zögerte kurz. »Nun, man könnte ihn als den offiziellen Weisen bezeichnen.« »Er ist also nicht derjenige, der die anderen zum Angriff auffordert?« fragte Mumm. In der Hitze brummte ihm der Schädel. »Nein«, erwiderte Karotte. »Dafür ist der Anführer zuständig. Wenn es einen gibt.« »Sagt Jabbar den anderen, wann ein Angriff klug ist?« erkundigte sich Mumm. »Ein Angriff ist immer klug, Offendi«, sagte Jabbar. Er verbeugte sich erneut. »Mein Zelt ist dein Zelt«, verkündete er. »Ist es das?« entgegnete Mumm. »Meine Frauen sind deine Frauen…« Mumm riß erschrocken die Augen auf. »Sind sie das? Wirklich?« »Mein Essen ist dein Essen…«, fuhr Jabbar fort., Mumm sah zu den Tellern am Feuer. Der Hauptgang schien aus dem Fleisch eines Schafs oder einer Ziege bestanden zu haben. Jabbar bückte sich, griff nach etwas und bot es ihm an. Samuel Mumm betrachtete das Essen. Es erwiderte seinen Blick. »Ein echter Leckerbissen«, sagte Jabbar und gab sehr anschauliche sau- gende Geräusche von sich. Er fügte etwas auf Klatschianisch hinzu, und die anderen Männer am Feuer lachten leise. »Sieht nach einem Schafsauge aus«, sagte Mumm skeptisch. »Ja, Herr«, bestätigte Karotte. »Es wäre unklug, das Angebot…« »Weißt du, was?« fuhr Mumm fort. »Ich glaube, dies ist ein kleines Spiel namens ›Mal sehen, was der Offendi zu essen bereit ist‹. Und dies hier esse ich nicht, mein Freund.« Jabbar bedachte ihn mit einem anerkennenden Blick. Das Kichern verstummte. »Es ist also wahr, daß du weiter sehen kannst als andere«, stellte er fest. »Was auch für diesen ›Leckerbissen‹ gilt«, sagte Mumm. »Mein Vater hat mich aufgefordert, nie etwas zu essen, das zwinkern kann.« Es folgte ein Alles-hängt-an-einem-seidenen-Faden-Augenblick – schallendes Gelächter war ebenso möglich wie plötzlicher Tod. Dann klopfte Jabbar Mumm auf den Rücken. Das Auge flog aus seiner Hand und verschwand in den Schatten. »Ausgezeichnet! Wirklich gut! Zum erstenmal seit zwanzig Jahren hat es nicht funktioniert! Setz dich jetzt und genieß eine Mahlzeit aus Reis und Schafsfleisch, so wie bei Muttern!« Die Anspannung verflüchtigte sich, und eine Hand zog Mumm nach unten. Hinterteile rückten beiseite, um Platz für ein weiteres zu schaffen. Wenige Sekunden später reichte man Mumm einen Teller, auf dem ein großes Stück Brot mit Fleisch lag. Er untersuchte das Durcheinander so höflich, wie er konnte, und erinnerte sich dann an das Prinzip: Wenn man die Hälfte erkennen kann, dürfte es in Ordnung gehen, auch den Rest zu essen. »Wir sind also eure Gefangenen, Jabbar?« »Ihr seid Ehrengäste! Mein Zelt ist…«, »Aber… wie soll ich es ausdrücken? Ihr möchtet, daß wir eure Gast- freundschaft eine Zeitlang genießen?« »Wir haben Tradition«, sagte Jabbar. »Ein Mann, der Gast ist in deinem Zelt, selbst wenn es sich um den schlimmsten Feind handelt – man ver- schuldet ihm drei Tage lang Gastfreundschaft.« »Verschuldet, wie?« fragte Mumm. »Ich habe Sprache gelernt auf…« Jabbar winkte vage. »Du weißt schon, Ding aus Holz, Kamel fürs Meer…« »Schiff?« »Ja! Aber zu viel Wasser!« Er klopfte Mumm erneut auf den Rücken, so heftig, daß ihm heißes Fett auf den Schoß spritzte. »Auf jeder Straße viel gesprochen wird Morporkianisch heutzutage, Offendi. Es ist… Kauf- mannssprache.« Er betonte das letzte Wort so, als sei es ein Synonym für »Gewürm«. »Du weißt also, wie man zum Beispiel fragt: ›Seid ihr bereit, uns euer Geld zu geben?‹«, meinte Mumm. »Warum solche Fragen stellen?« erwiderte Jabbar. »Wir nehmen es ein- fach. Aber jetzt…« Er spuckte erstaunlich zielsicher ins Feuer. »Es heißt, wir müssen aufhören. Weil es falsch ist. Aber welchen Schaden richten wir an?« »Abgesehen davon, Leute zu töten und sie zu berauben?« warf Mumm ein. Jabbar lachte. »Wali dich bezeichnete als großen Diplomaten! Aber wir bringen keine Kaufleute um. Warum wir Kaufmannsleute umbringen sollten? Was hat das für einen Sinn? Wie dumm, das Pferd zu töten, das goldene Eier legt!« »Man könnte eine Menge Geld damit verdienen, ein solches Geschöpf den Leuten zu zeigen«, sagte Mumm. »Wenn wir Kaufleute töten oder sie zu sehr berauben… dann sie keh- ren nie zurück. So etwas ist dumm. Wir lassen sie gehen, und dadurch sie Gelegenheit bekommen, wieder reich zu werden. Dann unsere Söhne sie können berauben. So etwas ist weise.« »Ah, ich verstehe«, sagte Mumm. »Eine Art Landwirtschaft.«, »Ja! Aber wenn man Kaufleute pflanzt, wachsen sie nicht so gut.« Mumm spürte, daß es kühler wurde, als die Sonne unterging. Es wurde nicht nur kühler, sondern kälter. Er rückte näher ans Feuer. »Warum heißt er 71-Stunden-Ahmed?« fragte er. Das Murmeln der Gespräche verklang. Alle Augen blickten zu Jabbar, abgesehen von dem einen, das in den Schatten verschwunden war. »Das ist nicht sehr diplomatisch«, kommentierte Jabbar. »Wir haben ihn hierher verfolgt, und plötzlich werden wir von euch angegriffen. Mir scheint…« »Ich weiß nichts«, sagte Jabbar. »Warum denn nicht?« fragte Mumm. »Äh… Herr Kommandeur…« Karottes Stimme klang drängend. »Es wäre unklug, auf einer Erörterung dieses Themas zu bestehen. Ich habe mich mit Jabbar unterhalten, während du… dich ausgeruht hast. Ich fürchte, es handelt sich um eine politische Sache.« »Seit einiger Zeit scheint alles Politik zu sein.« »Weißt du, Prinz Cadram versucht, ganz Klatsch zu vereinen.« »Er will das Land selbst dann ins Jahrhundert des Flughunds bringen, wenn es schreit und um sich tritt?« »Nun… äh… ja, Herr Kommandeur. Woher wußtest du…« »Oh, ich hab nur geraten. Fahre fort.« »Aber Cadram ist auf Schwierigkeiten gestoßen«, sagte Karotte. »Was meinst du damit?« fragte Mumm. »Uns«, erklärte Jabbar stolz. »Die Stämme halten nicht viel von der Idee, Herr Kommandeur«, führ- te Karotte aus. »Sie haben sich immer gegenseitig bekämpft, und jetzt kämpfen die meisten von ihnen gegen den Prinzen. Historisch gesehen ist Klatsch kein Reich, sondern ein langer Streit.« »Er sagt, ihr müßt gebildet sein«, sagte Jabbar. »Ihr müßt lernen, Steu- ern zu bezahlen. Wir möchten nicht für Steuern gebildet sein.« »Ihr glaubt also, für eure Freiheit zu kämpfen?« fragte Mumm., Jabbar zögerte und sah Karotte an. Nach einem kurzen Wortwechsel auf Klatschianisch sagte Karotte: »Das ist eine ziemlich schwierige Frage für einen D’reg, Herr Kommandeur. Sie verwenden für ›Freiheit‹ und ›Kampf‹ das gleiche Wort.« »Offenbar muß ihre Sprache viel Arbeit leisten.« In der Kühle fühlte sich Mumm besser. Er holte ein zerknittertes und feuchtes Päckchen mit Zigarren hervor, zog eine Kohle aus dem Feuer, zündete die Zigarre daran an und nahm einen tiefen Zug. »Nun, Prinz Nett hat also viele Probleme daheim, wie? Weiß Vetinari davon?« »Läßt ein Kamel in der Wüste Kot fallen, Herr Kommandeur?« »Du scheinst selbst die feinsten Nuancen des Klatschianischen zu ver- stehen, Hauptmann«, sagte Mumm. Jabbar murmelte etwas, und die anderen D’regs am Feuer lachten. »Äh… Jabbar sagt, daß ein Kamel tatsächlich Kot in der Wüste fallen läßt, Herr Kommandeur. Andernfalls gäbe es nichts, womit du deine Zigarre anzünden könntest.« Mumm hatte erneut das Gefühl, aufmerksam beobachtet zu werden. Diplomatisch sein. Dazu hatte ihn Vetinari aufgefordert. Er nahm noch einen tiefen Zug. »Verbessert den Geschmack«, sagte er. »Erinnere mich daran, daß ich etwas von dem Zeug mitnehme.« In Jabbars Augen hoben mindestens zwei Preisrichter widerstrebend eine 8. »Ein Mann auf einem Pferd kam und meinte, wir müßten gegen die ausländischen Hunde kämpfen…« »Damit sind wir gemeint«, erläuterte Karotte. »… weil ihr eine Insel gestohlen habt, die sich unter dem Meer befand. Aber was betrifft das uns? Wir nichts haben gegen euch ausländische Teufel, und wir verabscheuen Männer, die ihre Bärte in Al-Khali ölen. Deshalb wir haben den Reiter zurückgeschickt.« »In einem Stück?« fragte Mumm. »Wir sind keine Barbaren. Ganz offensichtlich er war verrückt. Aber wir haben sein Pferd behalten.«, »Und 71-Stunden-Ahmed hat euch aufgefordert, uns zu behalten, stimmt’s?« »Niemand gibt den D’regs Befehle! Es ist unser Wunsch, euch bei uns zu behalten!« »Und wann ist es euer Wunsch, uns gehen zu lassen? Wenn ihr einen entsprechenden Hinweis von Ahmed bekommt?« Jabbar starrte ins Feuer. »Ich will nicht über ihn sprechen. Er ist hin- terhältig und durch und durch verschlagen. Man kann ihm nicht trauen.« »Aber ihr seid ebenfalls D’regs.« »Ja!« Jabbar klopfte Mumm einmal mehr auf den Rücken. »Wir wissen, wovon wir reden!« Nur noch ein oder zwei Meilen trennten das klatschianische Fischerboot vom Hafen, als der Kapitän den Eindruck gewann, daß es schneller wur- de. Vielleicht sind die Entenmuscheln abgefallen, dachte er. Als sich sein Boot im Dunst des Abends verlor, kam ein krummes Rohr aus dem Wasser und drehte sich quietschend, bis es zur Küste zeig- te. Eine ferne, blecherne Stimme sagte: »O nein…« Und eine andere blecherne Stimme fragte: »Was ist denn, Feldwebel?« »Sieh’s dir selbst an!« »Na schön.« Einige Sekunden war es still. Dann sagte die zweite blecherne Stimme: »Verdammter Mist…« Vor der Stadt Al-Khali lag keine gewöhnliche Flotte vor Anker. Es handelte sich vielmehr um eine Flotte, die aus mehreren Flotten bestand. Die Masten sahen aus wie ein schwimmender Wald. Im Boot blickte auch Lord Vetinari durch das Sehrohr. »So viele Schiffe«, sagte er. »Und in so kurzer Zeit. Sie sind gut organi- siert. Ja, sie sind gut organisiert. Man könnte sogar sagen, daß sie erstaun- lich gut organisiert sind. Wie heißt es so schön? ›Wenn man den Krieg will, sollte man sich auf den Krieg vorbereiten.‹«, »Ich glaube, es heißt: ›Wer den Frieden will, sollte für den Krieg bereit sein‹, Exzellenz«, sagte Leonard. Vetinari neigte den Kopf zur Seite, und seine Lippen bewegten sich, als er die Worte lautlos wiederholte. »Nein«, sagte er schließlich. »Nein, ich glaube, das ergibt keinen Sinn.« Er nahm wieder Platz. »Laßt uns die Fahrt vorsichtig fortsetzen«, sagte er. »Wir können im Schutz der Dunkelheit an Land gehen.« »Äh… wie wär’s, wenn wir im Schutz von etwas, das schützt, an Land gehen?« schlug Feldwebel Colon vor. »Eigentlich erleichtern die vielen Schiffe die Ausführung unseres Plans«, meinte der Patrizier, ohne dem Feldwebel Beachtung zu schen- ken. »Unseres Plans?« wiederholte Colon. »Es leben viele verschiedene Völker in der klatschianischen Hegemo- nie.« Vetinari sah zu Nobby. »Es sind praktisch alle erdenklichen Formen und Farben vertreten. Unser Erscheinen auf den Straßen sollte also keine besondere Aufmerksamkeit erregen.« Sein Blick kehrte zu Nobby zu- rück. »Zumindest keine übermäßige.« »Aber wir sind in Uniform, Herr«, wandte Feldwebel Colon ein. »Und wir können wohl kaum behaupten, daß wir zu einem Kostümfest unter- wegs sind.« »Meine Uniform ziehe ich nicht aus«, sagte Nobby fest. »Ich laufe auf keinen Fall in der Unterhose herum. Nicht in einem Hafen. Seeleute sind lange Zeit auf dem Meer unterwegs. Man hört Geschichten.« »Ohne Uniform wäre alles noch schlimmer«, sagte Colon und vergeudete keine Zeit mit der Frage, wie lange Seeleute auf dem Meer unterwegs sein mußten, bevor sie einen Nobby in Unterhose für etwas anderes hiel- ten als ein Ziel. »Weil man uns dann für Spione hielte. Und du weißt ja, was man mit Spionen anstellt.« »Nein, ich weiß es nicht, Feldwebel«, erwiderte Nobby. »Ich bitte um Entschuldigung, Euer Exzellenz«, sagte Colon und hob dabei die Stimme. Der Patrizier sah von seinem Gespräch mit Leonard auf., »Ja, Feldwebel?« »Was macht man in Klatsch mit Spionen, Herr?« »Äh… mal sehen…«, sagte Leonard. »Ah, ja… Ich glaube, man über- gibt sie den Frauen.« Nobbys Miene erhellte sich. »Oh, das klingt gar nicht so übel…« »… ich habe nämlich die Bilder in dem Buch Die parfümierte Zuwendung gesehen, das Korporal Angua gelesen hat, und…« »Nein, jetzt hör mal, Nobby, das hast du falsch verstanden…« »… ich meine, lieber Himmel, ich wußte gar nicht, was…« »Hör mir zu, Nobby…« »… und ein anderes Bild zeigte die Frauen, wie sie…« »Korporal Nobbs!« rief Colon. »Ja, Feldwebel?« Colon beugte sich vor und flüsterte Nobby etwas ins Ohr. Der Ge- sichtsausdruck des Korporals veränderte sich langsam. »Die Frauen…« »Ja, Nobby.« »Ich meine, so was passiert wirklich?« »Ja, Nobby.« »Zu Hause nicht.« »Wir sind nicht zu Hause, Nobby. Leider.« »Obwohl man den Schmerzlichen Schwestern manche Dinge nachsagt, Feldwebel.« »Meine Herren…«, ließ sich Lord Vetinari vernehmen. »Ich glaube, Leonard hat da ein wenig übertrieben. Vielleicht trifft es auf einige Berg- stämme zu, aber Klatsch ist eine alte Zivilisation, und solche Dinge fin- den nicht offiziell statt. Vermutlich gibt man einem Spion eine Zigaret- te.« »Eine Zigarette?« fragte Colon. »Ja, Feldwebel. Und eine hübsche sonnige Mauer, vor der er stehen kann.«, Colon dachte darüber nach. »Eine Zigarette und eine Mauer, an der man lehnen kann?« vergewisserte er sich. »Den Klatschianern dürfte es lieber sein, wenn man gerade davor steht, Feldwebel.« »Verstehe. Man braucht nicht gleich schlampig zu werden, nur weil man ein Gefangener ist. Na schön. Unter solchen Bedingungen bin ich bereit, ein Risiko einzugehen.« »Ausgezeichnet«, lobte der Patrizier. »Sag mal, Feldwebel… ist wäh- rend deiner militärischen Laufbahn niemand auf den Gedanken gekom- men, dich zum Offizier zu befördern?« »Nein, Herr!« »Ich frage mich, was der Grund dafür sein mag.« Nacht strömte über die Wüste. Sie kam ganz plötzlich, in Purpur. In der klaren Luft schienen sich die Sterne aus dem Himmel zu bohren, was den nachdenklichen Beobachter daran erinnerte, daß Religionen in Wü- sten und an hohen Orten entstanden. Wenn Menschen nichts als gren- zenlose Leere über sich sehen, verspüren sie den dringenden Wunsch, das Nichts zu füllen. Leben kroch aus Ritzen und Spalten. Innerhalb kurzer Zeit wich die Stille der Wüste dem Summen, Klicken und Kreischen von Geschöpfen, denen es an der überlegenen Intelligenz des Menschen mangelte. Sie suchten niemanden, dem sie die Schuld geben konnten, hielten lieber nach jemandem Ausschau, der sich fressen ließ. Etwa um drei Uhr in der Nacht trat Mumm vor das Zelt, um zu rau- chen. Es war eiskalt. Das durfte in Wüsten doch eigentlich nicht passie- ren, oder? Mit Wüsten verband man Hitze und Kamele und… und… Mumm rang mit dem Unbekannten wie jemand, dessen geographisches Wissen ausgesprochen lückenhaft wurde, sobald er die gepflasterte Stra- ße verließ. Kamele und… ja, Datteln. Und vielleicht auch Bananen und Kokosnüsse. Aber hier war es so kalt, daß der Atem kondensierte. Er winkte mit dem Zigarrenpäckchen theatralisch dem D’reg zu, der unweit des Zeltes saß. Der Krieger zuckte mit den Schultern., Vom Feuer war nur noch ein grauer Haufen übrig. Mumm stocherte darin herum, in der Hoffung, einen letzten Rest glühender Asche zu fin- den. Er staunte über das Ausmaß des in ihm brodelnden Zorns. Ahmed war der Schlüssel – das wußte er. Und jetzt saßen sie hier in der Wüste fest, und niemand wußte, wo Ahmed steckte, und sie befanden sich in der Gewalt von… eigentlich ganz netten Leuten, zugegeben. Es mochten Räuber und Banditen sein, das Äquivalent von Piraten auf dem trocke- nen Land. Doch Karotte hätte sie bestimmt als sympathische Burschen bezeichnet. Wenn sie sich damit zufriedengaben, ihre Gäste zu sein, war alles in Butter, oder in Schafsaugen mit Sirup, oder was auch immer… Etwas bewegte sich im Mondschein. Ein Schatten huschte über den Hang einer Düne. Etwas heulte in der Wüstennacht. Mumm spürte, wie sich seine Haare an Nacken und Rücken aufrichte- ten, so wie es auch bei seinen Vorfahren der Fall gewesen war. Die Nacht ist immer alt. Er war zu oft zu später Stunde durch die dunklen Straßen gewandert und hatte dabei gespürt, wie sich die Nacht um ihn herum dehnte. In seinem Blut wußte er: Tage, Könige und Rei- che kommen und gehen, doch die Nacht ist immer gleich, äonentief. Schrecken entfaltete sich in samtener Schwärze – die Art der Krallen mag sich ändern, die Art des Geschöpfes aber nicht. Mumm stand lautlos auf und griff nach seinem Schwert. Es war nicht da. Die Klatschianer hatten es ihm weggenommen. Sie… »Eine angenehme Nacht«, erklang eine Stimme neben ihm. Jabbar stand an seiner Seite. »Wer ist dort draußen?« flüsterte Mumm. »Ein Feind.« »Welcher?« Weiße Zähne glänzten kurz in der Dunkelheit. »Das finden wir bald heraus, Offendi.« »Warum sollte jetzt jemand angreifen?«, »Vielleicht glaubt der Feind, wir hätten etwas, das er haben will, Offen- di.« Mehr Schatten glitten durch die Wüste. Einer ragte hinter Jabbar auf, griff nach unten und hob ihn hoch. Eine große graue Hand nahm ihm das Schwert ab. »Was soll ich mit ihm machen, Herr Mumm?« »Detritus?« Der Troll salutierte mit der Hand, die den D’reg hielt. »Gesund und munter, Herr!« »Aber…« Plötzlich verstand Mumm. »Es ist kalt! Dein Gehirn funktio- niert wieder?« »Besser als vorher, Herr.« »Ist das ein Dschinn?« fragte Jabbar. »Ich weiß nicht, aber ich könnte jetzt einen vertragen«, erwiderte Mumm. Er fand endlich ein Streichholz in seiner Hosentasche. »Setz ihn ab, Feldwebel«, sagte er und zündete sich eine Zigarre an. »Jabbar, das ist Feldwebel Detritus. Er könnte dir jeden Knochen im Leib brechen, auch die kleinen in den Fingern, die normalerweise…« Es zischte in der Dunkelheit, und etwas sauste dicht an Mumms Nak- ken vorbei. Einen Sekundenbruchteil später prallte Jabbar gegen ihn und stieß ihn zu Boden. »Sie schießen auf das Licht!« »Mwwf?« Mumm hob vorsichtig den Kopf, spuckte Sand und Tabakreste. »Herr Mumm?« Nur Karotte flüsterte auf diese Weise. Er verband Flüstern mit Heim- lichkeit und Lüge, und sein Kompromiß bestand darin, laut zu flüstern. Mumm beobachtete entsetzt, wie der Hauptmann mit einer kleinen Lampe hinter einem Zelt hervortrat. »Stell das verdammte Ding…« Er hatte keine Gelegenheit, den Satz zu beenden. Irgendwo in der Nacht schrie ein Mann. Es war ein schriller Schrei, der abrupt abbrach., »Ah«, sagte Karotte, ging neben Mumm in die Hocke und blies die Lampe aus. »Das dürfte Angua gewesen sein.« »Aber es klang… Oh. Ja, ich verstehe, was du meinst«, erwiderte Mumm voller Unbehagen. »Sie ist also dort draußen.« »Ich habe sie schon vor einer ganzen Weile gehört. Wahrscheinlich hat sie viel Spaß. In Ankh-Morpork hat sie nicht viele Chancen, sich richtig auszutoben.« »Äh… nein…« Mumm dachte an einen Werwolf, der sich austobte. Aber Angua würde doch nicht… »Ihr beiden…äh… kommt ihr gut miteinander zurecht?« fragte Mumm und versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. »Oh, ja. Bestens.« Es beunruhigt dich also nicht, daß sich Angua immer wieder in einen Wolf ver- wandelt? Mumm brachte es nicht fertig, diese Frage zu stellen. »Es gibt überhaupt keine… Probleme?« »Nein, eigentlich nicht, Herr Kommandeur. Angua kauft ihren eigenen Hundekuchen, und sie hat ihre Klappe in der Tür. Bei Vollmond werde ich kaum an den Ereignissen beteiligt.« Laute Stimmen erklangen in der Nacht, und dann raste eine Gestalt aus der Dunkelheit heran. Sie jagte an Mumm vorbei und verschwand in einem Zelt, ohne nach einem Eingang zu suchen. Sie prallte mit voller Geschwindigkeit auf das Tuch und setzte den Weg fort, bis das ganze Zelt um sie herum einstürzte. »Und was war das?« fragte Jabbar. »Die Erklärung könnte recht lange dauern«, sagte Mumm und stand auf. Karotte und Detritus zogen bereits an den Planen des Zelts. »Wir sind D’regs«, sagte Jabbar vorwurfsvoll. »Die Tradition verlangt von uns, daß wir unsere Zelte leise abbauen, nicht auf eine solche Wei- se…« Der Mond schien hell genug. Angua setzte sich auf und zog Karotte ein Stück Zelt aus der Hand., »Herzlichen Dank«, sagte sie und hüllte sich in den Fetzen. »Bevor je- mand fragt: Ich habe ihn nur in den Hintern gebissen. Ziemlich fest. Und das war keineswegs angenehm, glaubt mir.« Jabbar spähte in die Wüste und blickte dann auf Angua hinab. Mumm sah, wie er nachdachte, und er legte ihm einen brüderlichen Arm um die Schultern. »Ich sollte dir besser erklären…«, begann er. »Dort draußen befinden sich zweihundert Soldaten!« stieß Angua her- vor. »Verschieben wir die Erklärungen auf später«, sagte Mumm. »Sie gehen überall um dieses Lager herum in Stellung! Und sie sehen nicht sehr freundlich aus! Hat jemand passende Kleidung für mich? Und etwas zu essen? Und etwas zu trinken? Hier gibt es überhaupt kein Was- ser!« »Bestimmt wagen sie es nicht, vor dem Morgengrauen anzugreifen«, meinte Jabbar. »Was hast du vor?« fragte Karotte. »Wir greifen bei Morgengrauen an!« »Ah. Nun… äh… wenn ich dir vielleicht eine Alternative vorschlagen dürfte…« »Eine Alternative? Es ist richtig, bei Morgengrauen anzugreifen! Das Morgengrauen ist praktisch für den Angriff geschaffen!« Karotte wandte sich an Mumm und salutierte. »Ich habe das Buch ge- lesen, Herr Kommandeur. Während du… geschlafen hast. Taktikus geht ziemlich ausführlich auf Situationen ein, in denen eine kleine Streitmacht einer viel größeren gegenübersteht. Wir könnten jetzt angreifen.« »Aber es ist dunkel.« »Für den Feind ebenfalls, Herr Kommandeur.« »Ich meine, es ist zappenduster! Man kann nicht einmal sehen, gegen wen man kämpft! Die meiste Zeit würde man auf die eigenen Leute ein- schlagen!« »Wir nicht, Herr Kommandeur. Weil wir nur wenige sind. Wir brau- chen uns nur zum Feind zu schleichen und dort ein wenig Radau zu ma-, chen. Anschließend überlassen wir ihn sich selbst. Taktikus meint, in der Nacht seien alle Heere gleich groß.« »Da hat er gar nicht mal so unrecht«, sagte Angua. »Die Leute kriechen einzeln oder zu zweit umher, und sie sind ebenso gekleidet wie…« Sie deutete auf Jabbar. »Das ist Jabbar«, stellte Karotte vor. »Er ist gewissermaßen nicht der Anführer.« Jabbar lächelte nervös. »Geschieht es oft in eurer Heimat, daß sich Hunde verwandeln in nackte Frauen?« »Manchmal vergehen Tage, ohne daß so etwas passiert«, erwiderte An- gua scharf. »Wenn mir jetzt bitte jemand Kleidung geben würde… und ein Schwert, falls es zum Kampf kommt.« »Äh… ich glaube, Klatschianer haben sehr besondere Vorstellungen, was kämpfende Frauen angeht…«, begann Karotte. »Ja!« sagte Jabbar. »Wir erwarten von ihnen, daß sie gut zu kämpfen verstehen, Blauauge! Wir sind D’regs!« Das Boot tauchte im schmutzigen Wasser unter einem Pier auf. Langsam öffnete sich die Luke. »Hier riecht’s wie zu Hause«, sagte Nobby. »Man kann dem Wasser nicht trauen«, erwiderte Feldwebel Colon. »Ich traue dem Wasser daheim nicht, Feldwebel.« Es gelang Fred Colon, an dem schmierigen Holz Halt zu finden. Rein theoretisch begann nun ein sehr heldenhaftes Unternehmen. Er und Nobby Nobbs, die kühnen Krieger, stießen wagemutig ins Territorium des Feindes vor. Leider wußte Colon, daß sie sich nur deshalb auf so etwas einließen, weil Lord Vetinari im Boot saß und auf sehr eindeutige Weise die Brauen heben würde, wenn sie sich weigerten. Colon hatte immer angenommen, daß Helden über einen besonderen inneren Antrieb verfügten, der sie kühn aufbrechen ließ, um für Gott, Vaterland und Apfelkuchen – beziehungsweise für eine andere Speziali- tät aus dem kulinarischen Repertoire der Mutter – zu sterben. Ihm wäre, nie in den Sinn gekommen, daß sich Helden so verhielten, weil man sie ausschimpfte, wenn sie Furcht zeigten. Colon griff nach unten. »Komm hoch, Nobby«, sagte er. »Und denk daran: Wir tun dies für die Götter, Ankh-Morpork und…« Colon war der Ansicht, daß eine leckere Spezialität durchaus dazugehörte. »Und für das berühmte Hachsenbröt- chen meiner Mutter!« »Meine Mutter hat uns nie Hachsenbrötchen probieren lassen«, erwi- derte Nobby, als er sich auf die Planken zog. »Aber du würdest staunen, was sie mit einem Stück Käse anstellen konnte…« »Ja, mag sein, aber das eignet sich nicht unbedingt für einen Schlacht- ruf. ›Für die Götter, Ankh-Morpork und ein erstaunliches Etwas, das Nobbys Mutter mit einem Stück Käse anstellen konnte‹? O ja, damit säen wir Furcht in den Herzen unserer Feinde!« sagte Colon. »Nun, wenn es darum geht, Furcht zu verbreiten…«, entgegnete Nob- by. »Dafür wäre der ›Verzweifelte Pudding‹ meiner Mutter bestens geeig- net. Mit Vanillesoße.« »War er so schlimm?« »Noch schlimmer, Feldwebel.« Die Docks von Al-Khali sahen wie beliebige Docks aus, und zwar aus gutem Grund. Ganz gleich, wo solche Hafenanlagen errichtet werden: Sie dienen überall dem gleichen Zweck. Schiffe müssen be- und entladen werden, und es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Methoden, dies zu bewerkstelligen. Deshalb sehen alle Docks gleich aus. Manche sind hei- ßer, andere feuchter, aber überall liegen Haufen von Dingen, die einen halb vergessenen Eindruck erwecken. In der Ferne glühten die Lichter der Stadt, die nichts von der Invasion feindlicher Streitkräfte ahnte. »›Besorgt uns Kleidung, mit der wir nicht auffallen‹«, brummte Colon. »Leicht gesagt.« »Es ist nicht nur leicht gesagt, sondern auch leicht getan«, behauptete Nobby. »Ein Kinderspiel. Jeder weiß, wie man dabei vorgeht. Man ver- steckt sich in einer dunklen Gasse und wartet auf zwei geeignete Bur-, schen, die man dann näher lockt, um ihnen eins über die Rübe zu geben, ja, und kurze Zeit später trägt man ihre Sachen.« »Und das funktioniert?« »Es klappt immer, Feldwebel«, sagte Nobby voller Zuversicht. Im Mondschein wirkte die Wüste wie Schnee. Mit der Taktikus-Methode des Kämpfens kam Mumm gut zurecht. Auf diese Weise gingen Polizisten vor. Ein richtiger Polizist bezog nicht zu- sammen mit anderen Polizisten Aufstellung, um dann anzugreifen. Ein richtiger Polizist ging auf leisen Sohlen, lauerte im Schatten und wartete auf den richtigen Zeitpunkt. Anders ausgedrückt: Er geduldete sich, bis der Verbrecher das Verbrechen begangen hatte und die Beute wegschlepp- te. Welchen Sinn hatte es, früher aktiv zu werden? Man mußte realistisch bleiben. »Wir haben den Täter« klang weitaus besser als »Wir haben den Burschen, der die Tat verüben wollte« – erst recht dann, wenn jemand Beweise verlangte. Irgendwo auf der linken Seite schrie jemand in der Ferne. Nur die Kleidung weckte ein wenig Unbehagen in Mumm. Er hatte das Gefühl, mit einem Nachthemd in den Kampf zu ziehen. Er war ganz und gar nicht sicher, ob er jemanden töten konnte, der nicht seinerseits versuchte, ihn umzubringen. Eigentlich mußte er davon ausgehen, daß ihm jeder bewaffnete Klatschianer nach dem Leben trach- tete. So war das eben im Krieg. Aber… Er hob den Kopf über den Rand einer Düne. Ein Klatschianer blickte in die andere Richtung. Mumm kroch… »Bimmel-bimmel-bamm! Dies ist der auf sieben Uhr morgens pro- grammierte Weckruf. Hier Namen einfügen! Ich hoffe…« »Häh?« »Verdammt!« Mumm reagierte zuerst und hieb dem anderen Mann die Faust auf die Nase. Er sah keinen Sinn darin, zu warten und festzustellen, welche Wir- kung er damit erzielte. Von einem Augenblick zum anderen stürzte er, sich auf den Gegner, und beide rollten auf die andere Seite der Düne über einen kalten Hang und schlugen dabei auf sich ein. »… scheinen meine Echtzeitfunktionen ein wenig in Unordnung gera- ten zu sein…« Der Klatschianer war kleiner als Mumm. Und auch jünger. Unglückli- cherweise – für ihn – schien er zu jung zu sein, um die gemeinen Tricks gelernt zu haben, die man in den Gassen von Ankh-Morpork fürs Über- leben brauchte. Mumm hingegen war bereit, alles mit allem zu schlagen. Es kam nur darauf an, den Gegner daran zu hindern, wieder auf die Bei- ne zu kommen. Der Rest war Dekoration. Am Fuß der Düne blieben sie liegen. Mumm fand sich oben wieder und hörte, wie der Klatschianer stöhnte. »Aktuelle Aufgaben«, sagte der Disorganizer. »Schmerzen haben.« Und dann… Vermutlich war es jetzt an der Zeit, eine Kehle durchzu- schneiden. Daheim hätte Mumm den Burschen zum nächsten Wachhaus geschleift und in einer Zelle untergebracht, in der sicheren Überzeugung, daß am nächsten Morgen alles viel besser aussah. Doch in der Wüste gab es diese Möglichkeit nicht. Nein, er konnte nicht einfach so töten. Den Kerl bewußtlos schla- gen… Das erfüllte den gleichen Zweck, für eine gewisse Zeit wenigstens. »Vindaloo! Vindaloo!« Mumms Faust blieb hoch erhoben. »Wie bitte?« »Das bist du, nicht wahr? Herr Mumm? Vindaloo!« Mumm zog der Gestalt einen breiten Stoffstreifen vom Gesicht. »Bist du Goriffs Junge?« »Ich wollte gar nicht hier sein, Herr Mumm!« Es klang verzweifelt. »Schon gut, schon gut. Von mir hast du nichts zu befürchten.« Mumm ließ die erhobene Faust sinken, stand auf und zog den Jungen hoch. »Wir reden später«, brummte er. »Komm mit!« »Nein, jeder weiß, daß die D’regs keine Gefangenen machen!«, »Nun, ich bin ihr Gefangener, und du genießt jetzt den gleichen Status. Solange du besonders amüsantes Essen meidest, müßte eigentlich alles in Ordnung sein.« Jemand pfiff in der Dunkelheit. »Komm, Junge!« zischte Mumm. »Dir droht keine Gefahr! Das heißt, wenn du mitkommst, droht dir weniger Gefahr, als wenn du hierbleibst. Verstehst du?« Er gab dem Jungen keine Gelegenheit zum Widerspruch und zerrte ihn einfach mit sich. Als er zum Lager der D’regs stapfte, rutschten Gestal- ten über die Hänge der nahen Dünen. Einer von ihnen fehlte ein Arm, und ein Schwert hatte ihre Brust durchbohrt. »Was ist geschehen, Reg?« fragte Mumm. »Es war ein wenig seltsam, Herr Kommandeur. Der erste Gegner schlug mir den Arm ab und bestand darauf, mir auch noch einen Dolch in den Leib zu bohren. Anschließend schienen mich die anderen zu mei- den. Man könnte meinen, sie hätten noch nie gesehen, wie jemand ersto- chen wurde.« »Hast du den Arm wiedergefunden?« Reg winkte damit. »Auch das ist sonderbar«, fügte er hinzu. »Ich schlug damit nach den Klatschianern, und sie liefen schreiend davon.« »Deine Art des unbewaffneten Kampfes«, sagte Mumm. »Es dauert ei- ne Weile, bis man sich daran gewöhnt.« »Hast du jemanden gefangengenommen?« »In gewisser Weise.« Mumm sah sich um. »Er scheint in Ohnmacht ge- fallen zu sein. Warum wohl, frage ich mich.« Reg beugte sich etwas näher. »Diese Ausländer sind eigenartig«, sagte er. »Reg?« »Ja?« »Dein Ohr hängt nach unten.«, »Tatsächlich? Verfluchtes Ding. Man sollte meinen, daß ein Nagel es halten würde.« Feldwebel Colon sah zu den Sternen hinauf. Sie blickten zu ihm herab. Und vielleicht lächelten sie anzüglich. Neben ihm stöhnte Korporal Nobbs. Wenigstens hatten ihm die An- greifer seine Unterhose gelassen. In einige Bereiche wagen sich nicht einmal die Kühnsten vor, und bei Nobby war das die Zone oberhalb der Knie und unterhalb des Nabels. Colon stellte sie sich als Angreifer vor. Obwohl sie sich eigentlich ver- teidigt hatten, mußte er einräumen. Auf sehr aggressive Weise. »Könntest du bitte noch einmal wiederholen, wie wir vorgehen soll- ten?« fragte er. »Nach zwei Burschen mit passender Größe und Gewicht Ausschau halten…« »Wir haben Ausschau gehalten, ja.« »Und sie in diese Gasse locken…« »Wir haben sie in die Gasse gelockt.« »Ich hole mit diesem Brett aus und treffe rein zufällig dich, und die Burschen werden zornig, enttarnen sich als Diebe und nehmen uns die Kleidung ab.« »So sollte es eigentlich nicht ablaufen.« »Nun, es hat grundsätzlich geklappt«, sagte Nobby. Es gelang ihm, auf die Knie zu kommen. »Wir könnten es noch einmal versuchen.« »Nobby, wir sind hier im Hafenviertel einer fremden Stadt, und du trägst allein dein Unaussprechliches, wenn du mir diesen sehr angemes- senen Ausdruck gestattest. Unter solchen Umständen sollten wir besser darauf verzichten, irgendwelche Leute in dunkle Gassen zu locken. An- dernfalls könnten wir ins Gerede kommen.« »Angua hat mehrmals betont, daß Nacktheit überall das Nationalko- stüm ist, Feldwebel.« »Sie meinte dabei sich selbst, Nobby«, sagte Colon und schlich seit- wärts durch die Schatten. »Bei dir liegt der Fall anders.«, Er blickte um die Ecke am Ende der Gasse. Lärm und Stimmen kamen aus einem Gebäude, das auf der anderen Straßenseite einen Teil der Wand formte. Zwei beladene Esel warteten geduldig davor. »Schnapp dir eins der Packtiere und bring es hierher, in Ordnung?« »Warum ich?« »Weil du der Korporal bist und ich der Feldwebel. Und weil du mehr anhast als ich.« Nobby grummelte leise, als er sich auf die schmale Straße wagte und die Leine eines Esels so schnell löste, wie er konnte. Das Tier folgte ihm gehorsam. Feldwebel Colon zerrte an der Last des Esels. »Wenn’s zum Schlimm- sten kommt, tragen wir die Säcke«, sagte er. »He, was ist das denn?« Er hob einen roten Gegenstand hoch. »Ein Blumentopf?« spekulierte Nobby. »Das ist ein Fes! Klatschianer tragen so etwas. Da können wir wirklich von Glück sagen. Und hier ist noch einer. Probier ihn auf, Nobby. Und… dies sieht nach einem Nachthemd aus. Und da ist noch eins von der gleichen Sorte. Unser Problem wäre gelöst, Nobby.« »Die Dinger sind ein bißchen kurz, Feldwebel.« »Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul«, sagte Colon und zwängte sich in das Kostüm. »Na los, setz den Fes auf.« »Damit sehe ich aus wie ein Narr, Feldwebel.« »Sieh mal, ich setze meinen auf.« »So werden aus einem Narren zwei.« Feldwebel Colon bedachte den Korporal mit einem strengen Blick. »Diese Worte hast du dir vorher zurechtgelegt, stimmt’s?« »Nein, Feldwebel. Sie sind mir gerade eben eingefallen. Einfach so.« »Und nenn mich nicht Feldwebel. Das klingt nicht besonders klat- schianisch.« »Das gilt auch für ›Nobby‹, Fel… Entschuldigung.« »Oh, ich weiß nicht, du könntest dich… Knobi nennen, oder Nhobi, oder Gnobbee… Klingt alles sehr klatschianisch.«, »Und was wäre ein guter klatschianischer Name für dich?« fragte Nob- by. »Mir fällt überhaupt keiner ein.« Feldwebel Colon antwortete nicht. Er spähte erneut um die Ecke. »Seine Exzellenz meinte, wir sollten keine Zeit vertrödeln«, brummte er. »Ja, aber im Innern der Büchse ist die Luft ziemlich verbraucht, wenn du verstehst, was ich meine. Was gäbe ich jetzt für…« Hinter ihnen donnerte es. Sie drehten sich um. Und sahen drei klatschianische Soldaten. Oder vielleicht Wächter. Die Blicke von Nobby und Feldwebel Colon reichten kaum über ihre Schwerter hinaus. Der Anführer knurrte eine Frage. »Was hat er gesagt?« brachte Nobby mit vibrierender Stimme hervor. »Keine Ahnung!« »Woher kommt ihr?« fragte der Anführer auf Morporkianisch. »Was? Oh… äh…« Colon zögerte und wartete auf den stählernen Tod. »Ha, ja. « Der Wächter ließ sein Schwert sinken und deutete mit dem Daumen in Richtung Docks. »Kehrt zu eurer Gruppe zurück!« »In Ordnung!« sagte Nobby. »Wie heißt du?« fragte einer der Wächter. »Nhobi«, sagte Nobby. Damit schien er keinen Verdacht zu erregen. »Und du, Dicker?« Von einem Augenblick zum anderen geriet Colon in Panik. Verzweifelt suchte er nach einem Namen, der klatschianisch klang. Er fand nur ei- nen, der unzweifelhaft klatschianischer Natur war. »Al«, erwiderte er, und ihm zitterten die Knie. »Kehrt sofort zurück, wenn ihr keine Schwierigkeiten bekommen wollt!« Nobby und Colon liefen los und zogen dabei den Esel hinter sich her. Sie blieben erst stehen, als sie den schmierigen Landungssteg erreichten, der sich fast wie zu Hause anfühlte., »Was hatte das zu bedeuten, Fel… Al?« fragte Nobby. »Die Burschen wollten uns nur ein wenig herumkommandieren! Typisches Verhalten von Wächtern«, fügte er hinzu. »Natürlich nicht von unseren.« »Ich schätze, wir hatten die richtigen Sachen an…« »Du hast ihnen nicht einmal gesagt, woher wir kommen! Und sie spra- chen unsere Sprache!« »Nun, sie… Ich meine, jeder sollte eigentlich Morporkianisch spre- chen«, sagte Colon und fand allmählich sein geistiges Gleichgewicht wie- der. »Selbst kleine Kinder sprechen unsere Sprache. Ich schätze, nach- dem man etwas so Kompliziertes wie Klatschianisch gelernt hat, fällt einem Morporkianisch ganz leicht.« »Was machen wir mit dem Esel, Al?« »Glaubst du, daß er in die Pedale treten kann?« »Das bezweifle ich.« »Dann laß ihn laufen.« »Bestimmt klaut ihn jemand, Al.« »Ach, die Klatschianer klauen alles.« »Ganz im Gegensatz zu uns, nicht wahr, Al?« Nobby blickte zu dem Mastenwald, der die ganze Bucht füllte. »Es scheinen noch mehr geworden zu sein«, sagte er. »Man könnte über eine ganze Meile hinweg von Schiff zu Schiff gehen. Was bedeutet das?« »Das ist doch ganz klar, Nobby. Sie sollen Leute nach Ankh-Morpork bringen!« »Warum denn? Wir essen doch gar nicht so viel Curry…« »Eine Invasion, Nobby! Wir sind im Krieg, erinnerst du dich?« Sie sahen erneut zu den Schiffen. Ankerlichter spiegelten sich auf dem Wasser. Der Teil des Meeres, der sich direkt unter ihnen befand, blubberte kurz, und dann tauchte das Boot einige Zentimeter auf. Die Luke öffnete sich, und Leonards besorgtes Gesicht erschien. »Ah, da seid ihr ja«, sagte er. »Wir haben uns schon Sorgen gemacht…«, Die beiden Wächter kletterten ins stinkende Innere des Bootes. Lord Vetinari saß mit einem Bündel Papier auf den Knien und schrieb sorgfältig. Er sah kurz auf. »Bericht.« Nobby zappelte nervös, als Feldwebel Colon einen mehr oder weniger genauen Bericht erstattete. Er fügte dem kurzen Gespräch mit den klat- schianischen Wächtern einige schlagfertige Antworten hinzu, an die sich der Korporal nicht erinnerte. Vetinari sah nicht noch einmal auf und schrieb weiter. »Feldwebel, Ur ist ein altes Land randwärts vom Königreich Djelibeby, und seine Be- wohner gelten als Musterbeispiel für bukolische Dummheit. Aus irgend- einem mir völlig unerfindlichen Grund scheinen die Wächter angenom- men zu haben, daß ihr von dort stammt. Was das Morporkianische be- trifft… Das ist selbst im klatschianischen Reich eine Art Lingua franca. Wenn jemand aus Herscheba mit jemandem aus Istanzia Geschäfte ma- chen möchte, feilschen sie auf Morporkianisch. Das gereicht uns natür- lich zum Vorteil. Die große Streitmacht, die hier zusammengestellt wird, bedeutet folgendes: Praktisch jeder Mann ist für den nächsten ein Frem- der mit sonderbaren Angewohnheiten. Wir sollten also nicht auffallen, solange wir uns nicht zu fremdartig verhalten. Damit meine ich, daß wir weder Curry mit Steckrüben und Rosinen noch Winkels Besonders Altes Bier bestellen sollten, habe ich mich klar genug ausgedrückt?« »Äh… was hast du vor, Exzellenz?« »Zuerst erkunden wir die Lage.« »Und dann suchen wir das klatschianische Oberkommando. Dort möchte ich mit Leonards Hilfe ein kleines… Paket abliefern, von dem ich hoffe, daß es den Krieg sehr schnell beendet.« Feldwebel Colon sah den Patrizier groß an. Seit einigen Sekunden führ- te das Gespräch in eine für ihn sehr verwirrende Richtung. »Bitte um Entschuldigung, Exzellenz… Du hast gerade das Ober- kommando erwähnt.« »Ja, Feldwebel.«, »Meinst du damit die… Lametta- beziehungsweise Turbanträger, die hohen Tiere, umgeben von den Elitetruppen? Sie umgeben sich immer mit Elitetruppen, die hohen Tiere.« »Damit rechne ich auch in diesem Fall, ja. Ich hoffe es sogar.« Feldwebel Colon versuchte erneut, mit der Konversation Schritt zu halten. »Ah. Gut. Und wir brechen auf und suchen nach dem Oberkomman- do, Herr?« »Ich kann es wohl kaum bitten, zu uns zu kommen, Feldwebel.« »Oh, natürlich nicht, Herr. Ich meine, dann würde es hier viel zu eng.« Schließlich hob Lord Vetinari doch noch den Kopf. »Gibt es irgendein Problem, Feldwebel?« Feldwebel Colon erfuhr ein weiteres Geheimnis der Tapferkeit. Eigent- lich handelte es sich dabei um verstärkte Feigheit: Man wußte, daß der Tod vielleicht auf einen wartete, wenn man vorrückte; aber das war nichts im Vergleich zu der sicheren Hölle, die einen nach dem Rückzug empfan- gen würde. »Äh… nein, eigentlich nicht, Herr«, sagte er. »Gut.« Vetinari legte das Papierbündel beiseite. »Wenn der Sack noch mehr geeignete Kleidung enthält, ziehe ich mich jetzt um, und dann se- hen wir uns Al-Khali an.« »Lieber Himmel…« »Wie bitte, Feldwebel?« »Ich meine, ich freue mich schon, Herr.« »Gut.« Vetinari zog gewisse Gegenstände aus dem Sack: die Keulen ei- nes Jongleurs, einen Beutel mit bunten Kugeln und dann ein Plakat von der Art, wie man es an der Seite der Bühne während der Vorstellung eines Artisten erwarten durfte. »›Gulli, Gulli und Beti‹«, las er. »›Exotische Kunststücke und Tänze.‹ Hm«, fügte er hinzu, »offenbar gehörte auch eine Dame zu den Eigen- tümern dieses Sacks.« Die Wächter betrachteten den hauchdünnen Stoff, der als nächster auf- tauchte. Nobby bekam Stielaugen., »Was ist das denn?« »Ich glaube, so etwas bezeichnet man als Haremhose, Korporal.« »Sie ist ziemlich…« »Die Kleidung der Bajadere oder exotischen Tänzerin dient nicht in er- ster Linie dazu, etwas zu enthüllen, sondern soll vielmehr auf eine bevor- stehende Enthüllung hinweisen«, erklärte der Patrizier. Nobby blickte auf das Kostüm hinab, sah dann zu Feldwebel Al-Colon in seinem Kostüm und sagte fröhlich: »Nun, ich weiß nicht, ob dir so et- was stehen wird, Herr.« Er bereute seine Worte sofort. »Ich hatte nicht vor, mich damit zu verkleiden«, erwiderte der Patrizier ruhig. »Bitte gib mir deinen Fes, Korporal Beti.« Das subtile und trügerische Licht vor dem eigentlichen Morgengrauen kroch über die Wüste. Der Kommandant des klatschianischen Kontin- gents freute sich keineswegs darüber. Die D’regs griffen immer bei Morgengrauen an. Es spielte keine Rolle, wie viele sie waren und wie groß die Anzahl der Feinde sein mochte. Der ganze Stamm griff an, nicht nur die Männer, Frauen und Kinder, son- dern auch Kamele, Ziegen, Schafe und Hühner. Man konnte natürlich Vorbereitungen treffen und den Gegner mit Bögen dezimieren, aber… sie erschienen immer ganz plötzlich, wie von der Wüste ausgespuckt. Wenn man zu lange wartete und zu spät reagierte… mußte man damit rechnen, von Schwertern, Schnäbeln, Hufen und Kamelspucke attackiert zu werden. Die Soldaten lagen bereit. Wenn man sie überhaupt Soldaten nennen konnte. Er hatte ganz deutlich darauf hingewiesen, daß es an erfahrenen Leuten mangelte… Nun, er hatte nicht in dem Sinne darauf hingewiesen – dadurch konnte man in Schwierigkeiten geraten –, es aber wenigstens in aller Deutlichkeit gedacht. Die Hälfte der Truppe bestand aus jungen Burschen, die glaubten, daß man nur schreien und mit dem Schwert winken mußte, um dem Feind einen Schrecken einzujagen und ihn in die Flucht zu schlagen. Sie hatten es nie mit einem D’reg-Huhn zu tun be- kommen, das in Augenhöhe heransauste., Was den Rest anging… Während der Nacht hatten sich die Soldaten gegenseitig aufgelauert, deshalb waren sie jetzt so unruhig wie Erbsen auf einer Trommel. Einer hatte sein Schwert verloren und behauptete, daß er es in der Brust eines Fremden gesehen hatte, der einfach damit fortging. Außerdem sollte ein Felsen aufgestanden sein, um nach Leuten zu grei- fen und damit andere Leute zu schlagen. Jetzt stand die Sonne schon ein ganzes Stück über dem Horizont. »Das Warten ist das Schlimmste«, sagte der neben dem Kommandan- ten stehende Feldwebel. »Vielleicht«, erwiderte der Kommandant vorsichtig. »Doch vielleicht ist es das Schlimmste, wenn die D’regs plötzlich erscheinen und dich mit ihren Schwertern in Stücke schneiden.« Kummervoll blickte er über den trügerisch leeren Sand. »Fast ebenso schlimm könnte es sein, wenn ein wahnsinnig gewordenes Schaf versucht, einem die Nase abzubeißen. Wenn man an all die Dinge denkt, die passieren können, wenn man es mit einer Horde heulender D’regs zu tun hat… dann bedauert man si- cher, daß das Warten auf sie nicht ein wenig länger gedauert hat.« Der Feldwebel war auf so etwas nicht vorbereitet. Deshalb sagte er schlicht: »Sie sind spät dran.« »Gut. Je später, desto besser.« »Die Sonne ist längst aufgegangen.« Der Kommandant betrachtete seinen Schatten. Es war Tag, und glück- licherweise machte der Sand bisher keine Anstalten, sein Blut aufzusau- gen. Er hatte lange genug verschiedene aufsässige Regionen von Klatsch befriedet und fragte sich jetzt, warum er immer gegen irgendwelche Leu- te kämpfen mußte, um ihnen Frieden zu bringen. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, auf Bemerkungen wie »Die Sache gefällt mir nicht; es ist zu ruhig« zu verzichten. Seiner Ansicht nach konnte es nicht zu ruhig sein. »Vielleicht haben sie ihr Lager in der Nacht abgebrochen, Herr«, spe- kulierte der Feldwebel. »Das sähe den D’regs gar nicht ähnlich. Sie laufen nie davon. Außer- dem sehe ich ihre Zelte.« »Warum greifen wir sie nicht an?« »Du hast noch nie gegen D’regs gekämpft, oder?«, »Nein, Herr. Allerdings habe ich die Zornigen Savataren in Uhistan be- friedet, und sie…« »Die D’regs sind schlimmer, Feldwebel. Sie befrieden direkt zurück.« »Ich habe noch nicht erwähnt, wie zornig die Zornigen Savataren wa- ren, Herr.« »Im Vergleich zu den D’regs können sie höchstens ein wenig verärgert gewesen sein.« Der Feldwebel sah seine Reputation in Zweifel gezogen. »Soll ich mit einigen Männern aufbrechen und kundschaften, Herr?« Der Kommandant sah erneut zur Sonne. Die Luft schien bereits zu kochen. »Na schön. Gehen wir.« Die Klatschianer rückten in Richtung Lager vor. Ihre Blicke fixierten die Zelte und die kalte Asche von Lagerfeuern. Von Kamelen und Pfer- den war weit und breit nichts zu sehen. Eine Spur aus Abdrücken im Sand verschwand zwischen den Dünen. Die Moral der Truppe hob sich. Einen gefährlichen Feind anzugreifen, der nicht da ist, gehört zu den attraktivsten Formen der Kriegsführung. Immer mutiger betonten die Soldaten, daß die D’regs von Glück sagen konnten, rechtzeitig geflohen zu sein. Sehr phantasievoll ließen sich die Klatschianer darüber aus, was sie mit den D’regs angestellt hätten, wenn ihnen der Gegner in die Hände gefallen wäre… »Wer ist das?« fragte der Feldwebel. Eine Gestalt erschien zwischen den Dünen: ein Mann, der mit wehen- dem weißem Umhang auf einem Kamel ritt. Er stieg ab, als er die Klatschianer erreichte, und winkte ihnen zu. »Guten Morgen, meine Herren! Darf ich euch vorschlagen zu kapitu- lieren?« »Wer bist du?« »Hauptmann Karotte, Herr. Wenn ihr nun so freundlich wärt, eure Waffen niederzulegen… Dann kommt niemand zu Schaden.« Die Landschaft veränderte sich. Punkte erschienen auf den Dünen, und nach einer Weile erkannte der Kommandeur sie als Köpfe., »Das sind… D’regs, Herr!« stieß der Feldwebel hervor. »Nein. D’regs würden angreifen.« »Oh, Entschuldigung«, sagte Karotte. »Soll ich sie zum Angriff auffor- dern? Wäre euch das lieber?« Überall auf den Dünen standen D’regs. Das Licht der höher klettern- den Sonne ließ scharfe Klingen blitzen. »Soll das heißen, du kannst die D’regs dazu bringen, nicht anzugreifen?« fragte der Kommandant. »Es war nicht einfach, aber schließlich haben sie sich an die Vorstel- lung gewöhnt«, erwiderte Karotte. Der Kommandant dachte über seine Lage nach. Die D’regs befanden sich praktisch auf allen Seiten, und seine Truppe drängte sich zusammen. Und dieser rothaarige, blauäugige Mann lächelte. »Was denken sie über die gnädige Behandlung von Gefangenen?« frag- te er. »Ich glaube, sie könnten sich selbst daran gewöhnen. Wenn ich darauf bestehe.« Der Kommandant sah erneut zu den stummen D’regs. »Warum?« brachte er hervor. »Warum greifen sie nicht an?« »Mein Vorgesetzter möchte unnötiges Blutvergießen vermeiden«, er- klärte Karotte. »Damit meine ich Kommandeur Mumm. Er sitzt auf der Düne dort drüben.« »Du kannst bewaffnete D’regs dazu bringen, nicht anzugreifen, und du hast einen Vorgesetzten?« »Ja, Herr. Er meint, dies sei eine Polizeiaktion.« Der Kommandant schluckte. »Wir ergeben uns«, sagte er. »Was, einfach so?« entfuhr es dem Feldwebel. »Ohne Kampf?« »Ja, Feldwebel. Ohne Kampf. Dieser Mann kann dafür sorgen, daß Wasser bergauf fließt, und er hat einen Vorgesetzten. Mir gefällt die Idee, kampflos aufzugeben. Ich habe zehn Jahre gekämpft und mir immer gewünscht, mich einmal ohne Kampf zu ergeben.«, Wasser tropfte von der metallenen Decke des Bootes auf das Papier von Leonard von Quirm. Er wischte es fort. Andere Personen hätten es viel- leicht als langweilig empfunden, allein in einer Blechbüchse unter einem namenlosen Landungssteg zu warten, aber in Leonards Vorstellungswelt gab es für Langeweile keinen Platz. Geistesabwesend skizzierte er ein verbessertes Belüftungssystem. Er beobachtete seine eigene Hand. Sie entwickelte ein seltsames Eigen- leben und bezog ihre Anweisungen aus einem anderen Teil des Kopfes, als sie das Schnittdiagramm eines viel größeren Bootes für Fahrten unter Wasser zeichnete. Hier, und hier, und hier… keine Pedale, sondern eine Bank aus hundert Rudern – Leonards Stift strich übers Papier –, jedes bedient von einem muskulösen und nur knapp bekleideten jungen Krie- ger. Ein Boot, das unentdeckt unter Schiffen dahinglitt, Truppen dorthin brachte, wo sie gebraucht wurden. Und hier eine große Säge, um den Rumpf feindlicher Schiffe aufzureißen, wenn das Boot mit ausreichend hoher Geschwindigkeit fuhr. Und hier und hier Röhren… Leonard verharrte und betrachtete die Zeichnung eine Zeitlang. Dann seufzte er und zerriß das Blatt. Mumm beobachtete das Geschehen von der Düne aus. Er hörte kaum etwas, aber darauf kam es nicht an. Angua setzte sich neben ihn. »Es klappt, nicht wahr?« fragte sie. »Ja.« »Was hat er vor?« »Oh, vermutlich nimmt er ihre Waffen und läßt sie dann gehen.« »Warum gehorchen ihm die Leute?« fragte Angua. »Nun, du bist seine Freundin, und deshalb…« »Das ist etwas anderes. Ich liebe ihn, weil er freundlich ist, ohne dar- über nachzudenken. Er achtet nicht auf seine eigenen Gedanken, so wie andere Leute. Wenn er etwas Gutes tut, so geht es ihm nicht darum, etwas auszugleichen. Er ist so einfach. Wie dem auch sei: Ich bin ein Wolf, der unter Menschen lebt, und es gibt einen Namen für Wölfe, die unter Menschen leben. Er braucht nur nach mir zu pfeifen – ich würde sofort zu ihm laufen.«, Mumm versuchte, seine Verlegenheit zu verbergen. Angua lächelte. »Keine Sorge, Herr Mumm. Du hast es selbst gesagt: Früher oder später sind wir alle jemandes Hund.« »Es ist wie Hypnose«, sagte Mumm rasch. »Die Leute folgen ihm, um festzustellen, was als nächstes passiert. Sie sagen sich, daß sie nur für eine Weile mitgehen und jederzeit damit aufhören können – aber sie wollen es gar nicht. Es ist Magie.« »Nein. Hast du ihn jemals aufmerksam beobachtet? Ich wette, er wußte alles über Jabbar, nachdem er zehn Minuten lang mit ihm gesprochen hatte. Bestimmt kennt er den Namen aller Kamele. Und er vergißt nichts. Normalerweise zeigen die Leute kein großes Interesse an anderen Leuten.« Anguas Finger hinterließen bedeutungslose Muster im Sand. »Er gibt anderen Personen das Gefühl, daß sie wichtig sind.« »So wie Politiker…«, warf Mumm ein. »Nein, bei Politikern sieht die Sache ganz anders aus, glaub mir. Ich schätze, Lord Vetinari erinnert sich an persönliche Dinge…« »Oh, da kannst du sicher sein!« »Aber Karotte zeigt Interesse. Er denkt nicht einmal darüber nach. Er schafft in seinem Kopf Platz für andere Personen. Er zeigt Interesse, und deshalb glauben die Leute, daß sie interessant sind. Sie fühlen sich… besser, wenn er zugegen ist.« Mumm senkte den Blick und beobachtete, wie Anguas Finger weitere Muster in den Sand malten. Wir alle verändern uns in der Wüste, dachte er. Hier ist es nicht wie in der Stadt, die Gedanken umschließt und ein- engt. Hier spürt man, wie sich das eigene Bewußtsein bis zum Horizont erweitert. Kein Wunder, daß an solchen Orten Religionen entstehen. Und plötzlich bin ich hier, obwohl ich hier eigentlich gar nichts zu su- chen habe, und versuche, meine Pflicht zu erfüllen. Warum? Weil ich so verdammt dumm bin. Weil ich mir nicht die Zeit nehme, gründlich nachzudenken, bevor ich jemanden verfolge. Das ist der Grund. Selbst Karotte weiß es besser. Ich wäre Ahmeds Schiff einfach hinterhergejagt, ohne an die Konsequenzen zu denken, aber er war klug genug, zuerst zu mir zu kommen und Bericht zu erstatten. Er verhielt sich so, wie sich jemand verhalten sollte, der Verantwortung trägt. Ich hingegen…, »Vetinaris Terrier«, sagte Mumm laut. »Zuerst verfolgen und später darüber nachdenken…« Er blickte zur fernen Stadt Gebra. Dort wartete ein klatschianisches Heer, und weiter dort drüben standen die Regimenter von Ankh-Morpork, und er hatte nur eine Handvoll Leute und keinen Plan, weil er so dumm gewesen war, sofort die Verfolgung aufzunehmen… »Mir blieb keine Wahl«, sagte er. »Kein Polizist hätte einen Verdächti- gen wie Ahmed entkommen lassen…« Erneut hatte er den Eindruck, daß er einem Problem gegenüberstand, das im Grunde genommen gar kein Problem war. Es war so offensicht- lich. Er selbst stellte das Problem dar. Weil er nicht richtig dachte. Eigentlich hatte er überhaupt nicht gedacht. Er sah zum klatschianischen Kontingent hinunter. Die Soldaten waren inzwischen bis auf den Lendenschurz entkleidet und zeigten die typische Verlegenheit von Männern, die nur noch ihre Unterhosen tragen. Karottes weißer Umhang flatterte weiter in der Brise. Er ist kaum einen Tag hier, dachte Mumm. Und schon trägt er die Wüste wie ein Paar San- dalen. »Äh… Bimmel-bimmel-bamm?« »Ist das dein dämonischer Kalender?« fragte Angua. Mumm rollte mit den Augen. »Ja. Obwohl er seit einer Weile die Ter- mine einer anderen Person nennt.« »Äh… drei Uhr nachmittags«, murmelte der Dämon langsam. »Keine dringenden Termine… Verteidigungsanlagen der Mauern überprüfen…« »Na bitte! Das Ding glaubt, ich wäre in Ankh-Morpork! Sybil hat drei- hundert Dollar dafür ausgegeben, und es weiß nicht einmal, wo ich mich befinde.« Mumm schnippte den Zigarrenstummel weg und stand auf. »Ich sollte jetzt besser nach unten gehen«, sagte er. »Immerhin bin ich der Boß.« Er rutschte über den Hang der Düne und schlenderte hinüber zu Ka- rotte, der ihn mit einem Salam begrüßte. »Normales Salutieren reicht völlig aus, Hauptmann, besten Dank.«, »Entschuldigung, Herr Kommandeur. Es soll nicht wieder vorkom- men.« »Warum hast du veranlaßt, daß sich die Klatschianer ausziehen?« »So wirken sie ziemlich lächerlich, wenn sie heimkehren, Herr Kom- mandeur. Das versetzt ihrem Stolz einen harten Schlag.« Er beugte sich etwas näher und flüsterte: »Dem Kommandanten habe ich erlaubt, seine Kleidung anzubehalten. Es zahlt sich nicht aus, Offiziere zu blamieren.« »Tatsächlich nicht?« erwiderte Mumm. »Und einige von ihnen möchten sich uns anschließen, Herr Komman- deur. Zum Beispiel Goriffs Sohn und einige andere. Man hat sie erst gestern zwangsrekrutiert. Ich habe ihnen gesagt, das sei in Ordnung.« Mumm nahm den Hauptmann beiseite. »Äh… ich erinnere mich nicht daran, daß ich vorgeschlagen habe, einige der Gefangenen in unsere Gruppe aufzunehmen«, sagte er leise. »Nun, unsere Invasionsstreitmacht trifft bald ein, Herr Kommandeur, und da viele dieser jungen Leute aus fernen Teilen des Reiches kommen und die Klatschianer ebensowenig mögen wie wir… Ich dachte mir, eine Kompanie aus Guerillakämpfern hinter den feindlichen Linien…« »Wir sind keine Soldaten!« »Äh… ich dachte, wir sind als Soldaten hierhergekommen…« »Ja gut, in gewisser Weise… Aber wir sind auch hier vor allem Wächter und Polizisten. Wir töten niemanden, es sei denn…« Ahmed? Alle sind nervös, wenn er in der Nähe ist. Er beunruhigt die Leute. Er erhält von überall Informationen. Er kommt und geht, wie es ihm beliebt, und er ist immer zur Stelle, wenn irgendwo ein Durcheinan- der entsteht… Verdammt, verdammt, verdammt… Mumm eilte durch die Menge, bis er Jabbar fand. Der D’reg beobach- tete Karotte mit einem verwirrten Lächeln, das der Hauptmann oft bei unschuldigen Beobachtern hervorrief. »Drei Tage«, sagte Mumm. »Drei Tage. Das sind zweiundsiebzig Stun- den!« »Ja, Offendi?« erwiderte Jabbar wie jemand, der Morgen, Mittag und Abend kannte – und der dazwischen alles seinen Lauf nehmen ließ., »Warum heißt er 71-Stunden-Ahmed? Was ist so Besonderes an der zusätzlichen Stunde?« Jabbar grinste nervös. »Stellt er nach einundsiebzig Stunden irgend etwas an?« fragte Mumm. Jabbar verschränkte die Arme. »Ich sage nichts.« »Er hat dich aufgefordert, uns bei euch zu behalten, nicht wahr?« »Ja.« »Aber ihr sollt uns nicht töten.« »Oh, es käme mir nie in den Sinn, meinen Freund Sir Sam…« »Und komm mir bloß nicht mit dem Schafsaugen-Unsinn oder etwas in der Art«, fuhr Mumm fort. »Er wollte Zeit gewinnen, um einen be- stimmten Ort zu erreichen und dort etwas zu erledigen, habe ich recht?« »Ich sage nichts.« »Das brauchst du auch gar nicht«, brummte Mumm. »Wir verlassen euch jetzt. Und wenn du versuchst, uns zu töten… Nun, ich schätze, es würde nicht nur bei einem Versuch bleiben. Aber dann wäre 71-Stunden- Ahmed ziemlich sauer auf euch.« Jabbar wirkte wie jemand, der eine schwierige Entscheidung treffen muß. »Er kommt zurück«, sagte er. »Morgen! Kein Problem!« »Ich habe keine Lust, auf ihn zu warten! Und ich glaube nicht, daß er mich tot will, Jabbar. Nein, er will mich lebend. Karotte?« Der Hauptmann kam näher. »Ja, Herr Kommandeur?« Mumm spürte, daß Jabbar einen erschrockenen Blick auf ihn richtete. »Wir haben Ahmeds Spur verloren«, sagte er. »Der hin und her wehen- de Sand hindert selbst Angua daran, seine Fährte aufzunehmen. Es ist sinnlos, noch länger an diesem Ort zu bleiben. Hier werden wir nicht gebraucht.« »Vielleicht doch, Herr Kommandeur«, erwiderte Karotte. »Wir könnten den Wüstenstämmen helfen…« »Oh, du möchtest, daß wir bleiben und kämpfen?« fragte Mumm. »Ge- gen die Klatschianer?«, »Gegen die bösen Klatschianer, Herr Kommandeur.« »Oh, darum geht es. Aber wenn einer von ihnen kreischend und mit hoch erhobenem Schwert heranstürzt – wie willst du dann Moral und Charakter beurteilen? Nun, du kannst von mir aus hierbleiben und für den guten Namen von Ankh-Morpork kämpfen – bestimmt dauert der Kampf nicht lange. Ich mache mich jetzt auf den Weg. Jenkins hatte sicher noch nicht genug Zeit, sein Schiff zu reparieren. Hast du irgend- welche Einwände, Jabbar?« Der D’reg starrte auf den Sand zwischen seinen Füßen. »Du weißt, wo er sich aufhält, stimmt’s?« fragte Mumm. »Ja.« »Sag es mir.« »Nein. Ich habe geschworen.« »Aber D’regs brechen ihren Eid oft. Das ist allgemein bekannt.« Jabbar lächelte. »Oh, Eide und Schwüre. Dumme Dinge. Ich habe ge- geben mein Wort.« »Das bricht er auf keinen Fall, Herr Kommandeur«, warf Karotte ein. »In dieser Hinsicht sind die D’regs sehr strikt. Sie brechen nur dann ei- nen Eid, wenn sie bei den Göttern schwören und so.« »Ich sage dir nicht, wo er ist«, meinte Jabbar. »Aber…« Seine Lippen formten ein neuerliches, diesmal humorloses Lächeln. »Wie mutig bist du, Herr Mumm?« »Hör auf, dich dauernd zu beklagen, Nobby.« »Ich beklage mich doch gar nicht. Ich weise nur darauf hin, daß diese Hose ziemlich luftig ist.« »Sie steht dir gut.« »Und wozu dienen diese beiden Blechschüsseln?« »Sie sollen Teile schützen, die du nicht hast, Nobby.« »So wie’s bei mir zieht… Ich könnte ein wenig Schutz für die Teile ge- brauchen, die ich habe.«, »Versuch nur, dich etwas damenhafter zu benehmen, in Ordnung, Nobby?« Damit waren gewisse Schwierigkeiten verbunden, wie Feldwebel Colon zugeben mußte. Das Kostüm schien für eine Dame bestimmt zu sein, die Nobby um ein ganzes Stück überragte und an strategischen Stellen auch mit erheblich mehr Masse ausgestattet war. Korporal Nobbs hingegen konnte sich ohne seine Uniform hinter einem kurzen Stock verstecken, wenn man am oberen Drittel einen Toastständer befestigte. Er sah aus wie ein schleierumhülltes Akkordeon mit viel Schmuck. Rein theoretisch sollte sein Kostüm viel zeigen, aber bei Nobby wünschte sich jeder Be- obachter, es würde weitaus mehr verhüllen. Angesichts der vielen Falten und aufgebauschten Stellen ließ sich nur eins mit Sicherheit sagen: Er steckte irgendwo dort drin. Er führte den Esel, der ihn zu mögen schien. Tiere mochte Nobby. Weil er nicht falsch roch. »Und die Stiefel sind verkehrt«, fuhr Feldwebel Colon fort. »Warum denn? Du hast deine auch angelassen!« »Ja, aber ich soll auch keine Blume der Wüste sein, oder? Das Juwel des Entzückens sollte keine Funken schlagen, wenn es geht.« »Die Stiefel gehörten meiner Oma, und ich lasse sie nicht zurück, auf daß sie jemand klaut, und ich will überhaupt kein Juwel des Entzückens sein«, erwiderte Nobby verdrießlich. Lord Vetinari ging weiter vorn. Die Straßen füllten sich bereits. Offen- bar zogen es die Bewohner von Al-Khali vor, ihr Tagewerk in der Kühle der Morgendämmerung zu beginnen, bevor die Sonne einen Flammen- werfer auf das ganze Land richtete. Niemand schenkte den Neuan- kömmlingen Beachtung; allerdings drehten sich einige Passanten nach Korporal Nobbs um. Ziegen und Hühner wichen langsam zur Seite, als sie durch die Stadt schritten. »Hüte dich vor Leuten, die dir Postkarten mit schmutzigen Bildern verkaufen wollen, Nobby«, sagte Colon. »Mein Onkel war mal hier und meinte, jemand hätte versucht, ihm ein Bündel schmutziger Postkarten für fünf Dollar anzudrehen. Abscheulich, nicht wahr?« »Ja, denn in den Schatten kosten sie nur zwei Dollar«, erwiderte Nob- by., »Genau das hat mein Onkel auch gesagt. Außerdem stammten die Postkarten aus Ankh-Morpork. Uns unsere eigenen Postkarten ver- scherbeln… Ich finde das empörend.« »Guten Morgen, Sultan!« rief eine fröhliche und irgendwie vertraute Stimme. »Neu in der Stadt, nicht wahr?« Lord Vetinari und seine beiden Begleiter drehten sich zu einer Gestalt um, die wie durch Magie im Zugang einer Gasse erschienen war. »Ja, das stimmt«, sagte der Patrizier. »Das habe ich auf den ersten Blick gesehen! Heutzutage sind alle neu in der Stadt. Und dies ist dein Glückstag, Schah! Ich bin hier, um zu helfen. Was auch immer du brauchst… Ich habe es!« Feldwebel Colon starrte den Fremden groß an, und seine Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen, als er fragte: »Dein Name lautet nicht zufällig… Al-Schnappler oder so?« »Hast du von mir gehört?« erwiderte der Händler jovial. »In gewisser Weise«, erwiderte Colon langsam. »Du erscheinst bemer- kenswert… vertraut.« Lord Vetinari schob ihn beiseite. »Wir sind wandernde Unterhalter«, sagte er. »Wir hoffen, die Erlaubnis für einen Auftritt im Palast des Prin- zen zu bekommen. Vielleicht kannst du uns dabei helfen?« Der Mann rieb sich nachdenklich den Bart, wodurch diverse Partikel in die kleinen Schüsseln seines Bauchladens fielen. »Nun, ich weiß nicht…«, murmelte er. »Was macht ihr?« »Wir treten als Jongleure und Feuerschlucker und dergleichen auf«, antwortete Lord Vetinari. »Tatsächlich?« fragte Colon. Al-Schnappler deutete auf Nobby. »Was macht…« »… sie…«, half Lord Vetinari. »… sie?« »Sie tanzt exotische Tänze«, sagte Vetinari. Nobby schnitt eine finstere Miene. »Bestimmt sind es sehr exotische Tänze«, vermutete Al-Schnappler., »Du würdest staunen.« Zwei Bewaffnete schlenderten näher. Feldwebel Colon fühlte sich von jäher Unruhe heimgesucht. In den bärtigen Gesichtern erkannte er sich selbst und Nobby wieder – daheim in Ankh-Morpork nutzten sie jede Gelegenheit, sich interessante Dinge auf der Straße aus der Nähe anzu- schauen. »Ihr seid Jongleure, nicht wahr?« fragte einer von ihnen. »Zeigt mal, wie ihr jonglieren könnt.« Lord Vetinari maß sie mit einem kurzen Blick und sah dann zu Al- Schnapplers Bauchladen. Neben einigen kaum zu identifizierenden Spei- sen lagen mehrere grüne Melonen. »Nun gut«, sagte der Patrizier und nahm drei zur Hand. Feldwebel Colon schloß die Augen. Nach einigen Sekunden öffnete er sie wieder, als einer der beiden Wächter sagte: »Na schön, mit drei Gegenständen ist es nicht weiter schwer.« »Vielleicht ist Herr Al-Schnappler so nett, mir einige weitere zuzuwer- fen?« erwiderte der Patrizier, während die Melonen in seinen Händen landeten und sofort wieder aufstiegen. Feldwebel Colon schloß erneut die Augen. Nach einer Weile sagte jemand: »Sieben – das ist recht gut. Aber es sind nur Melonen.« Colon öffnete die Augen. Der klatschianische Wächter strich seinen Umhang beiseite und ent- blößte sechs Wurfmesser. Ihre Klingen blitzten wie die Zähne des Man- nes. Lord Vetinari nickte. Zu Colons großem Erstaunen schien er den auf und ab fliegenden Melonen überhaupt keine Beachtung zu schenken. »Vier Melonen und drei Messer«, sagte er. »Wenn du die Messer freundlicherweise meiner bezaubernden Assistentin Beti geben wür- dest…« »Wem?« fragte Nobby. »Ach? Warum nicht gleich sieben Messer?«, »Oh, ihr Herren, das wäre zu einfach«, erwiderte Lord Vetinari.* »Ich bin nur ein bescheidener Jongleur. Bitte gebt mir Gelegenheit, meine Kunst zu zeigen.« »Beti?« wiederholte Nobby und verzog das Gesicht hinter dem Schleier. Drei Früchte verließen den tanzenden Reigen und landeten auf Al- Schnapplers Bauchladen. Colon bemerkte, wie die beiden Wächter einen argwöhnischen und auch nervösen Blick auf den verkleideten Korporal richteten. »Sie wird doch nicht tanzen, oder?« fragte einer von ihnen. »Nein!« erwiderte Beti scharf. »Versprochen?«** Nobby griff nach drei Messern und zog sie hinter dem Gürtel des Mannes hervor. »Ich gebe sie Seiner Ex… ihm, einverstanden, Beti?« sagte Colon. Er zweifelte nicht daran, daß es jetzt nur noch darauf ankam, den Patrizier am Leben zu erhalten. Der Feldwebel sah darin die einzige Möglichkeit, einer kurzen Zigarette im Sonnenschein zu entgehen. In diesem Fall rang das Gesetz mit den Tatsachen namens Korporal Nobby Nobbs und gab auf. Weitere Passanten kamen näher, um sich unterhalten zu lassen. »Hierher, bitte… Al«, sagte der Patrizier und nickte. * Jongleure betonen immer wieder, das Jonglieren mit gleichen Gegenständen sei einfacher als mit Objekten von unterschiedlicher Form und Größe. Das gilt sogar für Kettensägen, mit folgender Ausnahme: Wenn der Jongleur bei der ersten Kettensäge danebengreift, fangen seine Probleme erst an. Die nächsten folgen schnell. ** Korporal Nobbs' Erscheinungsbild könnte am besten folgendermaßen be- schrieben werden: Eins der weniger wichtigen Gesetze des narrativen Univer- sums besagt, daß ein reizloser Mann, der sich aus irgendeinem Grund als Frau verkleidet, das Interesse eines anderen, ansonsten völlig gesunden Mannes weckt, mit »urkomischen Resultaten«, wie es in den uralten Schriftrollen heißt., Colon warf ihm die Messer zu, langsam und vorsichtig. Lord Vetinari will die Wächter erstechen, dachte er dabei. Es ist ein Trick. Und an- schließend werden wir von den übrigen Leuten in Stücke gerissen. Scharfer Stahl schimmerte in der Luft und schien einen Kreis zu for- men. Die Zuschauer murmelten anerkennend. »Und doch ist es ein wenig langweilig«, sagte der Patrizier. Seine Hände bewegten sich in einem komplexen Muster, was eigentlich nur möglich sein konnte, wenn das rechte Handgelenk mindestens zweimal zum linken wurde. In der Luft entstand ein wildes Durcheinander aus Früchten und Mes- sern. Dann fielen drei Melonen auf den Boden, jeweils fein säuberlich in zwei Hälften geschnitten. Drei Messer bohrten sich dicht vor den Sandalen ihres Eigentümers in den Staub. Feldwebel Colon sah auf und bemerkte etwas Grünes, das sich ihm rasch näherte… Die Melone platzte, und das lachende Publikum applaudierte. Colon konnte die Begeisterung der Zuschauer nicht ganz teilen, als er sich über- reifes Fruchtfleisch aus den Ohren kratzte. Sein Überlebensinstinkt erwachte erneut. Stolpere nach hinten, sagte er. Und so stolperte er nach hinten und hob dabei die Beine möglichst hoch. Laß dich plump fallen. Und so fiel er plump, wobei er fast ein Huhn zerquetscht hätte. Verliere deine Würde, fuhr der Überlebensin- stinkt fort. Von allen Dingen, die du besitzt, kannst du die Würde am besten entbehren. Lord Vetinari half ihm auf. »Unser Leben hängt davon ab, daß du wie ein dicker Idiot wirkst«, flüsterte er und setzte Colon den Fes auf den Kopf. »Ich bin kein besonders guter Schauspieler, Herr…« »Gut!« »Ja, Herr!«, Der Patrizier griff nach drei Melonenhälften und sprang zu einem Ver- kaufsstand, den eine Frau gerade errichtet hatte. Er nahm ein Ei, als er an dem Stand vorbeihuschte… Feldwebel Colon blinzelte. Dies konnte unmöglich die Realität sein. Der Patrizier verhielt sich nicht auf solche Weise. »Meine Damen und Herren! Ihr seht – ein Ei! Und hier haben wir eine Melonenschale! Ei, Melone! Melone, Ei! Ich stülpe die Melonenschale über das Ei!« Lord Vetinaris Hände zuckten mit verwirrender Ge- schwindigkeit über die drei Hälften. Sie rutschten von einer Seite zur anderen, immer wieder. »Und nun… Wo ist das Ei? Willst du es einmal versuchen, Schah?« Al-Schnappler lächelte. »Es befindet sich unter der linken Schale«, sagte er. »Das ist immer so.« Lord Vetinari hob die entsprechende Melonenhälfte an. Es lag kein Ei darunter. »Und du, ehrenwerter Wächter?« »Es liegt unter der mittleren«, antwortete der Klatschianer. »Oh, sicher hast du recht… Na so was, da ist es auch nicht…« Die Zuschauer blickten zur letzten Melone. Es waren Leute von der Straße. Sie kannten sich mit solchen Dingen aus. Wenn ein Objekt unter einem von drei Objekten liegen konnte, und wenn sich bereits herausge- stellt hatte, daß es nicht unter den ersten beiden Gegenständen lag… dann auch bestimmt nicht unter dem dritten. Nur leichtgläubige Narren gingen von dieser Annahme aus. Natürlich gab es bei dieser Sache einen Trick. Es gab immer einen Trick. Trotzdem sahen alle genau hin, um ei- nen guten Trick zu beobachten. Lord Vetinari hob die dritte Melonenschale, und das Publikum nickte zufrieden. Das Ei war nicht dort, wie erwartet. Es wäre ein ziemlich jämmerlicher Tag für die Straßenunterhaltung gewesen, wenn sich die Dinge plötzlich dort befanden, wo man sie vermutete. Feldwebel Colon wußte, was jetzt passieren würde. Er wußte es des- halb, weil seit etwa einer Minute etwas gegen seinen Kopf pickte. Er hielt den richtigen Augenblick für gekommen und hob seinen Fes, unter dem ein kleines und sehr flauschiges Huhn hockte., »Wenn mir jemand einen Lappen geben könnte… Ich fürchte, das Tier hat meinen Kopf als Toilette benutzt.« Gelächter erklang, hier und dort auch Applaus und – zu Colons Er- staunen – das Klirren von Münzen zu seinen Füßen. »Und jetzt zeigt uns die schöne Beti einen exotischen Tanz«, sagte der Patrizier. Plötzlich herrschte Stille unter den Zuschauern. Jemand weiter hinten fragte: »Wieviel müssen wir bezahlen, damit sie nicht tanzt?« »Oh, jetzt reicht’s mir!« Mit wehendem Schleier, klimpernden Armrei- fen, spitzen Ellenbogen und Stiefeln, die Funken stieben ließen, trat die schöne Beti ins Publikum. »Wer hat das gesagt?« Die Leute wichen vor ihr zurück. Ganze Heere hätten sich zurückgezo- gen. Und dort, wie ein Qualle, die das abfließende Wasser auf dem Land vergessen hatte, stand ein kleiner Mann, der nun im heißen Zorn des vor ihm aufragenden Nobby briet. »Ich wollte dich nicht beleidigen, o rehäugige Schönheit…« »Ach? Du glaubst also, ich hätte ein haariges Gesicht?« Dutzende von Armreifen schepperten, als Nobby den Arm ausstreckte und den Mann zu Boden stieß. »Du mußt noch viel über Frauen lernen, junger Mann!« Und da Nobby nie der Versuchung widerstehen konnte, einem vor ihm liegenden Opfer den Rest zu geben, hob er den eisenbeschlagenen Stiefel und… »Beti!« sagte der Patrizier scharf. »Oh, na schön, na schön«, brummte Nobby mit verhüllter Verachtung. »Jeder kann mir sagen, was ich tun und lassen soll. Nur weil ich zufälli- gerweise eine Frau bin, muß ich mich damit abfinden.« »Nein, du sollst ihm nur nicht in die Weichteile treten«, flüsterte Colon und zog den Korporal von dem Mann weg. »Das gehört sich nicht.« Er bemerkte, daß einige Frauen im Publikum enttäuscht zu sein schienen, weil die Vorstellung an einer besonders interessanten Stelle endete. »Und es gibt viele sonderbare Geschichten, die wir euch erzählen kön- nen!« rief der Patrizier., »Beti wäre dazu bestimmt in der Lage«, murmelte Colon und erntete dafür einen Tritt gegen sein Schienbein. »Und wir können euch die ungewöhnlichsten Dinge zeigen!« »Beti wäre dazu be… Aargh!« »Doch jetzt ziehen wir uns in den Schatten der dortigen Karawanserei zurück…« »Was machen wir?« »Wir besuchen eine Taverne.« Die Zuschauer gingen auseinander. Einige von ihnen sahen dem Trio amüsiert nach. Einer der Wächter nickte Colon zu. »Gute Vorstellung«, sagte er. »Be- sonders die Stelle, an der die Dame darauf verzichtet hat, ihren Schleier zu heben…« Er ging hinter seinem Kollegen in Deckung, als Nobby wie ein Racheengel herumwirbelte. »Feldwebel«, raunte der Patrizier. »Es ist sehr wichtig, daß wir den ge- genwärtigen Aufenthaltsort von Prinz Cadram in Erfahrung bringen, verstehst du? In Tavernen reden die Leute. Halten wir die Ohren offen.« Die »Karawanserei« entsprach nicht Colons Vorstellung von einer Ta- verne. Der größte Teil von ihr trug kein Dach. Mit Rundbögen ausge- stattete Wände umgaben einen Innenhof. Ein Weinstock wuchs aus einer großen, geborstenen Urne und hatte sich oben an einem Spalier ausge- breitet. Wasser plätscherte leise, und dieses Geräusch stammte nicht vom Abort, wie bei der Geflickten Trommel in Ankh-Morpork, sondern kam aus einem kleinen Springbrunnen in der Mitte. Es war angenehm kühl, viel kühler als auf der Straße, obwohl die Blätter der Reben kein lückenloses Dach bildeten. »Ich wußte gar nicht, daß du jonglieren kannst, Herr«, flüsterte Colon Lord Vetinari zu. »Soll das heißen, du kannst es nicht, Feldwebel?« »Nein, Herr!« »Seltsam. Eigentlich ist gar nicht viel dabei. Man weiß, wo sich die Ob- jekte befinden und wohin sie fliegen. Man muß nur dafür sorgen, daß sie die richtigen Positionen in Raum und Zeit einnehmen.«, »Darin bist du ziemlich gut. Bestimmt übst du viel, Herr.« »Bis heute habe ich es nie versucht.« Lord Vetinari sah die Verblüffung in Colons Gesicht. »Glaub mir, Feldwebel: Im Vergleich zu Ankh- Morpork ist es kaum der Rede wert, einige fliegende Gegenstände unter Kontrolle zu halten.« »Ich bin erstaunt, Herr.« »Und in der Politik, Feldwebel, ist es immer wichtig zu wissen, wo sich das Huhn befindet.« Colon hob seinen Fes. »Hockt es noch immer auf meinem Kopf?« »Es scheint eingeschlafen zu sein. An deiner Stelle würde ich es nicht stören.« »He, Jongleur… Für sie ist der Aufenthalt hier nicht gestattet.« Sie sahen auf. Jemand, dessen Gesicht und Schürze in siebenhundert Sprachen »Wirt« verkündet, hatte sich ihnen genähert. In jeder Hand trug er einen Krug Wein. »Frauen sind hier nicht erlaubt«, sagte er. »Warum nicht?« fragte Nobby. »Frauen dürfen hier auch keine Fragen stellen.« »Warum nicht?« »Es steht irgendwo geschrieben, deshalb.« »Und wohin soll ich gehen?« Der Wirt zuckte mit den Schultern. »Wer weiß, wohin Frauen gehen?« »Fort mit dir, Beti«, sagte der Patrizier. »Und… hör dich um!« Nobby griff nach Colons Weinbecher und leerte ihn in einem Zug. »Ich weiß nicht«, stöhnte er. »Ich bin erst seit zehn Minuten eine Frau, und schon verabscheue ich euch männliche Mistkerle!« »Keine Ahnung, was in ihn gefahren ist, Herr«, sagte Colon leise, als Nobby fortstapfte. »Normalerweise verhält er sich anders. Außerdem dachte ich, klatschianische Frauen gehorchen ohne Widerrede.« »Gehorcht deine Frau ohne Widerrede, Feldwebel?« »Nun…äh… ein Mann sollte der Herr in seinem Haus sein, so lautet mein Standpunkt…«, »Warum räumst du dann in der Küche immer das Geschirr ab?« fragte Lord Vetinari. »Wie ich hörte, erledigst du auch den Abwasch.« »Nun, ein wenig im Haushalt zu helfen…« »In der klatschianischen Geschichte gibt es viele Beispiele dafür, daß die Frauen mit ihren Männern in den Krieg zogen«, sagte der Patrizier. »Was, auf der gleichen Seite?« »Prinz Arkvens Frau Tistam ritt mit ihrem Mann in die Schlacht, und die Legende behauptet, daß sie zehntausend mal tausend Feinde getötet hat.« »Das sind ziemlich viele.« »Was Zahlen angeht, zeichnen sich Legenden häufig durch eine hohe Inflation aus. Allerdings gibt es historische Hinweise dafür, daß Königin Sowawondra von Sumtri während ihrer Herrschaft dreißigtausend Per- sonen hinrichten ließ. Es heißt, sie sei leicht reizbar gewesen.« »Du solltest meine Frau hören, wenn ich die Teller nicht abräume«, sagte Feldwebel Colon kummervoll. »Inzwischen erregen wir keine besondere Aufmerksamkeit mehr«, meinte der Patrizier. »Wir müssen die Gelegenheit nutzen, um herauszu- finden, was hier geschieht. Zwar ist ganz offensichtlich eine Invasion geplant, aber ich glaube, Prinz Cadram hält irgendwo Truppen in Reser- ve, für den Fall, daß Landstreitkräfte angreifen. Wenn wir in Erfahrung bringen, wo sie stationiert sind, wissen wir auch, wo sich der Prinz be- findet.« »In Ordnung.« »Glaubst du, daß du mit einer solchen Aufgabe zurechtkommst?« »Ja, Herr. Ich kenne die Klatschianer. Sei unbesorgt.« »Hier ist etwas Geld. Spendiere den Leuten etwas zu trinken. Verwickle sie in Gespräche, um dabei Informationen zu sammeln.« »Alles klar.« »Nicht zu viele Getränke. Aber möglichst viele Informationen.« »Keine Sorge, Herr. Ich bin sehr geschickt, wenn es darum geht, In- formationen zu sammeln.« »Dann mach dich an die Arbeit.«, »Herr?« »Ja?« »Ich bin ein wenig beunruhigt. Wegen… Beti, meine ich. Ganz allein unterwegs… Wer weiß, was ihm… was ihr zustoßen könnte?« Die letz- ten Worte sprach Colon langsam aus, denn er mußte einräumen: Eigent- lich gab es nicht viel, was Korporal Nobby zustoßen konnte. »Wenn es Probleme gibt, hören wir bestimmt davon«, erwiderte der Patrizier. »Da hast du sicher recht, Herr.« Colon schlenderte zu einer Gruppe von Männern, die im Kreis auf dem Boden saßen, leise miteinander sprachen und dabei aus einer großen Schüssel in der Mitte aßen. Er setzte sich. Die rechts und links von ihm sitzenden Männer rückten bereitwillig zur Seite, um genug Platz zu schaffen. Und nun… Wie sollte er vorgehen? Ach, kein Problem. Jeder wußte, wie Klatschianer redeten… »Gruß euch, Brüder der Wüste«, sagte er. »Ich weiß nicht, wie’s euch geht, aber ich könnte jetzt eine doppelte Portion Schafsaugen vertragen. Ich wette, ihr freut euch schon darauf, zu euren Kamelen zurückzukeh- ren. Ich spucke auf die räudigen Hunde aus Ankh-Morpork. Hatte je- mand von euch Bakschisch in der letzten Zeit? Nennt mich Al.« »Entschuldige bitte, bist du die Jongleursfrau?« Korporal Nobbs war bisher mißmutig durch die Gassen gestapft und sah nun auf. Vor ihm stand eine freundlich wirkende junge Dame. Allein die Tatsache, daß ihn eine Frau aus freiem Willen ansprach, war neu für Nobby. Daß sie dabei auch noch lächelte, kam einem Wunder gleich. »Äh… ja. Genau. Das bin ich.« Er schluckte. »Beti.« »Ich heiße Bana. Möchtest du mitkommen und mit uns sprechen?« Nobby sah an ihr vorbei. Mehrere Frauen unterschiedlichen Alters saßen an einem großen Brunnen. Eine von ihnen winkte scheu., Er blinzelte. Dies war unbekanntes Territorium. Nobby blickte an sei- ner Kleidung hinab, die bereits abgetragen wirkte. Seine Sachen wirkten immer abgetragen, selbst wenn er sie erst seit fünf Minuten trug. »Oh, keine Sorge«, sagte die junge Frau. »Wir wissen, wie es ist. Du hast so einsam und allein ausgesehen. Und vielleicht kannst du uns hel- fen…« Sie erreichten die Gruppe aus Frauen aller zugelassenen Formen und Größen. Bisher hatte niemand von ihnen »Bäh!« gesagt, was für Nobby eine völlig neue Erfahrung war. Ein seltsames, völlig unvertrautes Emp- finden regte sich in ihm: Korporal Nobbs hatte das Gefühl, das Paradies zu betreten, und es war nur ein unwichtiges Detail, daß er dabei die fal- sche Tür benutzte. »Wir versuchen, Netal zu trösten«, sagte die junge Frau. »Ihr Verlobter wird sie nicht heiraten.« »So ein Schwein«, sagte Nobby. Eine der anderen Frauen sah abrupt auf. Ihre Augen waren vom Wei- nen gerötet. »Er wollte mich heiraten«, schluchzte sie. »Aber man hat ihn fortge- bracht, damit er in Gebra kämpft! Und alles nur wegen einer Insel, von der noch nie jemand etwas gehört hat! Und meine ganze Familie ist hier!« »Wer hat ihn fortgebracht?« »Er hat sich selbst fortgebracht«, schnappte eine ältere Frau. Sie wirkte auf sonderbare Weise vertraut, abgesehen von ihrer ungewohnten Klei- dung. Nobby glaubte fast, das Schild mit der Aufschrift »Schwiegermut- ter« zu sehen. »Ach, Frau Atbar«, sagte Netal, »er meinte doch, es sei seine Pflicht. Außerdem mußte alle anderen auch gehen.« »Männer!« stieß Nobby hervor und rollte mit den Augen. »Du kennst dich vermutlich bestens mit den Dingen aus, die Männern Vergnügen bereiten, wie?« fragte Schwiegermutter spöttisch. »Mutter!« »Wer, ich?« erwiderte Nobby und vergaß seine Rolle für einige Sekun- den. »Oh, sicher.«, »Ach, wirklich?« »Na klar«, sagte Nobby. »Männer mögen Bier. Und eine gute Zigarre, wenn sie kostenlos ist.« »Ha!« Schwiegermutter hob einen Korb mit Wäsche und stolzierte da- von, gefolgt von den meisten anderen älteren Frauen. Die übrigen lach- ten. Selbst die traurige Netal lächelte. »Ich glaube, sie hat etwas anderes gemeint«, sagte Bana. Begleitet von allgemeinem Kichern beugte sie sich vor, um Nobby etwas ins Ohr zu flüstern. Sein Gesichtsausdruck blieb unverändert, schien sich jedoch ein wenig zu erhärten. »Oh, das«-, sagte er. Einige Erfahrungswelten hatte Nobby nur auf Karten betrachtet, doch er wußte, worum es ging. Früher war er in gewissen Straßen der Schatten auf Streife gegangen – Straßen, in denen junge Frauen nicht viel zu tun hatten und sich vermutlich eine Erkältung holten. Doch um diese Berei- che der Polizeiarbeit, die normalerweise in den Zuständigkeitsbereich der Sittenpolizei fielen, kümmerte sich heute die Gilde der Näherinnen. Wer sich nicht an die… Nun von Gesetzen konnte kaum die Rede sein, eher von ungeschriebenen Regeln. Also, wer sich nicht an diese ungeschriebenen Regeln hielt, die Frau Palm und ihr Komitee aus sehr erfahrenen Damen* aufstellten, forderte die Aufmerksamkeit der Schmerzlichen Schwestern Dutzie und Putzie heraus. Manchmal sah man die betreffenden Personen wieder, manchmal nicht. »Oh, ja«, murmelte Nobby und starrte noch immer auf eine innere Leinwand. Natürlich wußte er, worum es dabei ging… »Oh, das«, wiederholte er. »Nun, ich habe das eine oder andere gese- hen.« Hauptsächlich auf Postkarten, mußte er einräumen. * Und Herr Harrich vom Klub der Blauen Katzen. Viele Gildenmitglieder prote- stierten gegen seine Zulassung, denn sie erkannten Konkurrenz auf den ersten Blick. Den vielen Einwänden begegnete Frau Palm mit dem Hinweis, in ihrer Branche sei Unnatürliches vollkommen natürlich., »Bestimmt ist es wundervoll, so viel Freiheit zu genießen«, sagte Bana. »Äh…« Netal brach erneut in Tränen aus. Sofort wurde sie von ihren Freun- dinnen umringt. »Ich verstehe gar nicht, warum die Männer unbedingt fort müssen«, sagte Bana. »Mein Verlobter ist ebenfalls aufgebrochen.« Eine alte Frau am Brunnen lachte gackernd. »Ich kenne den Grund, Teuerste. Sie brechen auf, weil es besser ist, als den ganzen Tag über Melonen anzubauen. Sie finden daran sogar mehr Gefallen als an Frauen.« »Männer haben mehr Spaß am Krieg als an Frauen?« »Weil der Krieg immer frisch und jung ist. Und weil sie erreichen kön- nen, daß ein guter Kampf den ganzen Tag dauert.« »Aber im Krieg stirbt man!« »Es ist besser, im Krieg zu sterben als im Bett – so heißt es jedenfalls.« Auf wiederholtes gackerndes Lachen folgte ein zahnloses Grinsen. »Aber Männer haben einige gute Möglichkeiten, im Bett zu sterben, nicht wahr, Beti?« Nobby hoffte, daß sich seine glühenden Ohren nicht durch den Schlei- er brannten. Er hatte plötzlich den Eindruck, daß er seine Zukunft ein- geholt hatte. Zumindest den Teil der Zukunft, der ihn zehn Cent geko- stet hatte. »Tschuldigung«, sagte er. »Stammt jemand von euch aus Mariage?« »Mariage?« entgegnete Bana. »Was soll das denn sein?« »Ein Land, das sich irgendwo in der Nähe befindet«, sagte Nobby. Hoffnungsvoll fügte er hinzu: »Das stimmt doch, oder?« Die Gesichter teilten ihm etwas anderes mit. Nobby seufzte. Aus einem Reflex heraus hob er die Hand zum Ohr, um nach einem Zigarettenstummel zu greifen. Doch als die Hand nach unten sank, war sie leer. »Ich sag euch was, Mädchen«, murmelte er niedergeschlagen. »Jetzt be- daure ich, daß ich mich nicht für die Zehn-Dollar-Version entschieden, habe. Verspürt ihr manchmal den Wunsch, euch irgendwo hinzusetzen und zu heulen?« »Du siehst noch trauriger aus als Netal«, meinte Bana. »Wie können wir dich aufheitern?« Nobby starrte sie einige Sekunden an und begann dann zu schluchzen. Alle sahen Colon groß an, die Hände voll Reis auf halbem Weg zum Mund. »Hat er das wirklich gesagt, Faifal? Warum sollte ich zu irgendeinem Kamel zu- rückkehren wollen? Ich bin Klempner!« »Er ist der Clown des Jongleurs. Ich schätze, der Oase seines Geistes fehlen einige Palmen.« »Ich meine, die verdammten Biester spucken, und außerdem weigern sie sich, einem die Werkzeugtasche die Treppe hochzutragen…« »Wir sollten nicht so streng mit ihm sein. Schließlich kann er nichts dafür.« Der Klatschianer räusperte sich. »Guten Morgen, Freund«, sagte er. »Dürfen wir dich dazu einladen, den Kuskus mit uns zu teilen?« Feldwebel Colon blickte auf die große Schüssel, bohrte einen Finger in die Masse und leckte ihn ab. »He, das ist Weizengrieß! Ihr habt Weizengrieß! Es ist ganz gewöhnlicher Weizengr…« Er unterbrach sich und hüstelte. »Ja, gut. Hat jemand Erd- beermarmelade?« Die Klatschianer sahen sich an und zuckten mit den Schultern. »Wir kennen die Erdbeermarmelade nicht, von der du sprichst«, sagte je- mand. »Wir essen unseren Kuskus mit Lammfleisch.« Er reichte Colon einen langen Holzspieß. »Oh, wenn ihr keine Erdbeermarmelade kennt, habt ihr wirklich was verpaßt«, sagte Colon, der sich erneut vergaß. »Als Kinder rührten wir sie in den Weizengrieß und… und…« Er sah in die Gesichter seiner Zuhö- rer. »Das war natürlich drüben in Ur«, fügte er hinzu. Die Männer nickten sich zu. Plötzlich war alles klar., Colon rülpste laut. Erstaunte Blicke teilten ihm mit, daß er der einzige war, der von diesem allgemeinen klatschianischen Brauch wußte. »Nun«, sagte er, »wo steht das Heer denn heute, so ungefähr?« »Warum fragst du, o Voller-Gas-steckender-Mann?« »Nun, wir wollen uns mit einigen Vorstellungen bei der Truppe ein wenig Geld verdienen«, erklärte Colon. Er war sehr stolz auf diese Idee. »Ihr wißt schon… ein Lächeln, ein Lied, keine exotischen Tänze. Aller- dings müssen wir dazu den Ort aufsuchen, wo sich die Soldaten befin- den.« »Entschuldige Dicker, aber verstehst du, was ich sage?« Colon ging das Risiko ein. »Ja, es ist sehr lecker«, erwiderte er. »Dachte ich mir. Er ist also ein Spion. Aber woher kommt er?« »Ich weiß nicht… Wer wäre so dumm, einen solchen Narren als Spion zu schik- ken?« »Ankh-Morpork?« »Oh, ich bitte dich! Vielleicht gibt er vor, ein Spion aus Ankh-Morpork zu sein, aber die Bewohner dieser Stadt sind schlau…« »Glaubst du? Du hältst Leute, die Curry aus etwas herstellen, das sie Currypulver nennen, für schlau?« »Vermutlich kommt er aus Muntab. Dort wollen sie immer wissen, was hier bei uns los ist.« »Und er gibt vor, aus Ankh-Morpork zu kommen?« »Nun, wenn man als dummer Morporkianer auftritt, der vorgibt, ein Klatschianer zu sein – dann sieht man ungefähr so aus, nicht wahr?« »Aber warum sollte er vorgeben, aus Ankh-Morpork zu stammen?« »Oh… Politik.« »Also gut. Rufen wir die Wache.« »Bist du übergeschnappt? Wir haben mit ihm gesprochen! Die Wächter wären si- cher… neugierig.«, »Guter Hinweis. Nun…« Faifal sah Colon an und lächelte. »Wie ich hörte, sind die Soldaten nach En al Sams la Laisa marschiert«, sagte er. »Aber verrate es niemandem.« »Ach, dorthin sind sie marschiert?« Colon sah zu den anderen Män- nern, deren Mienen seltsam unbewegt waren. »Der Name klingt nach einem sehr… massiven Ort«, sagte er. »Oh, er ist gewaltig«, erwiderte der neben ihm sitzende Klatschianer. Jemand gab ein Geräusch von sich, das ein mühsam unterdrücktes Ki- chern sein konnte. »Es ist ein weiter Weg, nicht wahr?« »Nein, der Ort ist sehr nahe. Du sitzt praktisch darauf.« Faifal stieß je- manden mit dem Ellenbogen an, dessen Schultern bebten. »Oh, gut. Und das Heer… Es ist ziemlich groß, stimmt’s?« »Ja, das könnte tatsächlich sein.« »Gut, gut«, sagte Colon. »Äh… hat jemand etwas zu schreiben? Ich hätte schwören können, daß ich einen Stift bei mir habe…« Ein Geräusch ertönte außerhalb der Taverne; das Geräusch von meh- reren Frauen, die lachten. Die meisten Männer finden das sehr beunruhi- gend.* Einige Gäste spähten argwöhnisch durch Lücken zwischen den Wein- blättern. Colon und die anderen blickten an einer Urne vorbei zum Brunnen. Eine alte Frau lag dort auf dem Boden und rollte hin und her, während sie lachte. Einige jüngere Frauen stützten sich gegenseitig. Eine von ihnen fragte: »Was hat er gesagt?« »Er sagte: ›Komisch, das ist nie passiert, wenn ich es versucht habe!‹« »Ja, das stimmt!« brachte eine ältere Frau hervor und prustete. »Es pas- siert nie!« * Weil sie glauben, daß der Witz sie selbst betrifft., »›Komisch, das ist nie passiert, wenn ich es versucht habe!‹« wiederholte Nobby. Colon stöhnte. Das waren Stimme und Tonfall eines Korporal Nobbs im Geschichtenerzähler-Modus – dabei ging es so heiß her, daß Holz noch auf eine Entfernung von zehn Metern Feuer fangen konnte. »Entschuldigung«, sagte der Feldwebel und bahnte sich einen Weg durch die Menge der Zuhörer. »Kennt ihr den über den Kö… über den Sultan, der befürchtete, daß ihm seine Frau… eine seiner Frauen… untreu sein könnte, wenn er un- terwegs war?« »Wir haben nie zuvor solche Geschichten gehört, Beti!« erwiderte Bana atemlos und schnappte nach Luft. »Wirklich nicht? Oh, davon habe ich tausendundeine auf Lager. Wie dem auch sei: Der… Sultan bat einen weisen alten Schmied um Rat, und der sagte…« »Du solltest hier keine solchen Geschichten erzählen, Kor… Beti«, schnaufte Colon und blieb stehen. Nobby bemerkte eine Veränderung in der Gruppe: Er war nun von Frauen umringt, denen ein Mann Gesellschaft leistete – beziehungsweise jemand, vom dem alle wußten, daß er ein Mann war. Einige Frauen erröteten. Vorher hatten sie sich köstlich amüsiert. »Warum nicht?« fragte Beti herausfordernd. »Weil du damit Anstoß erregst«, erwiderte Colon unsicher. »Bei uns hat er keinen Anstoß erregt, Herr«, erwiderte Bana mit demü- tig klingender Stimme. »Wir halten Betis Geschichten für sehr… lehr- reich. Besonders die über den Mann, der in Begleitung eines sehr kleinen Musikers eine Taverne besuchte.« »Und die war sehr schwer zu übersetzen«, meinte Nobby. »Weil hier in Klatsch niemand weiß, was ein Klavier ist. Dafür gibt es hier ein Saiten- instrument, das…« »Aufschlußreich war auch die Geschichte von dem Mann, der Arme und Beine in Gips hatte«, sagte Netal., »Ja, und sie haben gelacht, obwohl es hier ganz andere Türklingeln gibt«, fügte Nobby hinzu. »He, bleibt doch noch…« Doch die Gruppe am Brunnen löste sich auf. Hände griffen nach Was- serkrügen und trugen sie fort. Besorgte Geschäftigkeit erfaßte die Frau- en. Bana nickte Beti zu. »Äh… danke. Ich fand alles sehr… interessant. Wir müssen jetzt gehen. Es war sehr freundlich von dir, mit uns zu spre- chen.« »Äh… nein, bitte verweilt noch etwas…« Ein vager Hauch von Parfüm verblieb in der Luft. Beti richtete einen verärgerten Blick auf Colon. »Manchmal möchte ich dir wirklich ein Ding verpassen«, knurrte sie. »Meine erste verdammte Chance seit Jahren, und du…« Sie unterbrach sich. Hinter Colon tauchten zahlreiche verwirrte und mißbilligend blickende Mienen auf. An dieser Stelle hätten die Ereignisse vielleicht einen anderen Verlauf genommen – wäre nicht der Schrei eines Esels erklungen. Er kam von oben. Der gestohlene Esel – eigentlich eine Eselin – hatte Nobbys unerfah- rene Obhut verlassen, um nach Nahrung zu suchen. Freßbares war für sie mit der Tür ihres Stalls verbunden, was sie dazu veranlaßte, durch die nächste offene Tür zu wandern. Die führte zu einer schmalen Wendeltreppe. Auch ihr Stall war schmal, und Treppen stellten für einen an die Straßen von Al-Khali gewöhnten Esel kein Problem dar. Die große Enttäuschung kam, als es am Ende der Treppe noch immer kein Heu gab. »O nein«, sagte jemand hinter Colon. »Es ist schon wieder ein Esel oben im Minarett.« Die Leute stöhnten. »Na und?« erwiderte Colon. »Was nach oben klettert, kommt auch wieder herunter.«, »Du weißt nichts davon?« fragte ein Klatschianer aus der Schüsselrun- de. »Gibt es keine Minarette in Ur?« »Äh…«, sagte Colon. »Wir haben viele Esel«, warf Lord Vetinari ein. Gelächter erklang, und der größte Teil davon meinte Colon. Einer der Männer deutete ins dunkle Innere des Turms. »Sieh nur…« »Eine sehr schmale Wendeltreppe«, sagte der Patrizier. »Und…?« »Oben hat der Esel nicht genug Platz, um sich umzudrehen. Jeder Narr kann einen Esel über die Wendeltreppe eines Minaretts nach oben füh- ren. Aber hast du schon einmal versucht, den Esel dazu zu bringen, rückwärts über eine schmale Treppe zu gehen, noch dazu im Dunkeln? Das ist unmöglich.« »Solche Treppen haben irgend etwas an sich«, meinte jemand anders. »Esel fühlen sich von ihnen angezogen. Sie glauben, oben etwas zu fin- den.« »Den letzten mußten wir übers Geländer schieben, wißt ihr noch?« sag- te einer der Wächter. »Ja«, bestätigte der andere Wächter. »Es platschte, als er aufs Pflaster fiel.« »Niemand schiebt Valerie über irgend etwas«, knurrte Beti. »Wenn je- mand von euch das versucht, bei den Göttern, dann kriegt er es mit…« Nobby unterbrach sich, und ein böses Lächeln wuchs hinter seinem Schleier in die Breite. »Ich meine, der Betreffende bekommt von mir einen dicken, feuchten Kuß.« Die ganz hinten stehenden Männer drehten sich um und flohen. »Es gibt keinen Grund, so gemein zu werden«, sagte ein Wächter. »Ich meine es ernst!« Beti trat einen drohenden Schritt vor. Der Wächter wich zurück. »Könnt ihr Herren sie nicht irgendwie… äh… bändigen?« »Wir?« fragte Lord Vetinari. »Ich fürchte, dazu sind wir nicht fähig. Meine Güte… vielleicht spielt sich hier das gleiche ab wie in Djelibeby, Al.«, »Meine Güte.« Colon stöhnte gehorsam. Das Publikum – beziehungs- weise der Teil des Publikums, der sich in sicherer Entfernung von Beti wähnte – lächelte, als es Straßentheater erkannte. »Wer weiß, ob es ihnen gelungen ist, den Mann von der Fahnenstange zu holen«, fuhr Vetinari fort. »Oh, vielleicht den größten Teil von ihm«, fügte Colon hinzu. »Da fällt mir ein, da fällt mir ein…«, sagte der Wächter hastig. »Wie wär’s, wenn wir ein Seil um den Esel binden…« »… um sie…«, knurrte Beti. »Ja, um sie, und dann…« »Dazu wären mindestens drei Männer erforderlich, und dort oben ist einfach nicht genug Platz!« »Ich habe eine Idee«, flüsterte der zweite Wächter dem ersten zu. »Beeil dich«, sagte Colon. »Niemand kann Beti aufhalten, wenn sie richtig losgelegt hat.« Die Wächter flüsterten miteinander. »Wir kommen in Schwierigkeiten, wenn wir uns auf so etwas einlassen! Du weißt doch, was man uns über die Notwendigkeiten des Krieges erzählt hat… Deshalb sind sie alle beschlagnahmt worden.« »Wenn wir uns einen für fünf Minuten ausleihen, wird ihn niemand vermissen!« »Ja, aber möchtest du dem Prinzen mitteilen, daß einer verlorengegangen ist?« »Na schön. Aber willst du ihr das erklären?« Sie sahen beide zu Beti. »Und sie sind ganz leicht zu steuern«, flüsterte einer von ihnen. »Valerie?« fragte Feldwebel Colon. »Gibt es irgendein Problem?« erwiderte Beti. »Nein! Nein. Es ist ein hübscher Name für einen Esel, N… Beti.« »Niemand unternimmt etwas«, sagte einer der beiden Wächter. »Wir sind gleich wieder da.« »Was hatte das alles zu bedeuten?« Colon sah den Klatschianern nach., »Oh, vermutlich holen sie jetzt einen Teppich«, sagte jemand. »Sehr nett von ihnen«, entgegnete Beti. »Allerdings weiß ich nicht, wie uns das helfen sollte.« »Einen fliegenden Teppich.« »Oh, natürlich.« Colon nickte. »Sie haben einen in der Universität…« »In Ur gibt es eine Universität?« »Natürlich«, erwiderte der Patrizier. »Wo sollte Al sonst gelernt haben, wie ein Esel aussieht?« Erneut vertrieb Gelächter den Zweifel. Colon lächelte unsicher. »Inzwischen habe ich den dummen Idioten ganz gut drauf, nicht wahr?« sagte er. »Ich muß mich dabei nicht einmal anstrengen.« »Bemerkenswert«, kommentierte der Patrizier. Der Esel schrie erneut, und es klang recht zornig. »Allerdings hat man sie alle weggebracht, weil sie für den Krieg benö- tigt werden«, erklang erneut eine Stimme. Ein Lehmziegel zerplatzte nicht weit entfernt auf dem Boden. »So unruhig, wie der Esel dort oben ist… Vermutlich dauert es gar nicht mehr lange, bis er herunterfällt.« »Vielleicht könnte ich die Eselin dazu bringen, wieder herunterzu- kommen«, sagte der Patrizier. »Ausgeschlossen, Offendi. Auf der Treppe kommst du nicht an dem Tier vorbei. Du kannst es nicht umdrehen, und es weigert sich bestimmt, rückwärts die Treppe hinunterzugehen.« »Ich werde über die Situation nachdenken«, sagte Lord Vetinari. Er suchte noch einmal die Taverne auf, und kurze Zeit später kehrte er zurück. Die anderen beobachteten, wie er den Turm betrat und die schmale Treppe hinaufging. »Es hat keinen Zweck«, sagte ein Mann hinter Colon. Nach einer Weile verstummte der Esel. »Das Tier kann sich nicht umdrehen«, fuhr der Experte für Esel-in- Minaretten fort. »Dazu reicht der Platz nicht aus. Und kein Esel geht im Dunkeln rückwärts eine Treppe hinunter. Das ist allgemein bekannt.«, »Es gibt überall einen Alleswisser, nicht wahr, Beti?« fragte Colon. »Ja, überall.« Stille dehnte sich im Turm aus. Die Zuschauer warteten gespannt. »Ich meine, wenn es drei oder vier Männer bis ganz nach oben schaf- fen würden, und das geht nicht, weil ihnen der Esel den Weg versperrt, und wenn jeder von ihnen ein Bein des Tiers nähme, ohne sich darum zu scheren, getreten und gebissen zu werden…« »Also gut, bitte weicht vom Turm zurück.« Die Wächter näherten sich, und einer von ihnen trug einen zusammen- gerollten Teppich. »Na los, macht Platz, wir brauchen mehr Platz…« »Ich höre das Pochen von Hufen«, sagte jemand. »Oh, ja, du glaubst wohl, daß der Mann mit dem Fes den Esel herun- terführt, wie?« »Ich höre es ebenfalls«, ließ sich Colon vernehmen. Alle Blicke richteten sich auf die Tür. Lord Vetinari kam zum Vorschein, in der einen Hand eine Leine. »Na schön, es ist also eine Leine«, ertönte die kritische Stimme hinter Colon. »Und was das Pochen betrifft… Vermutlich hat er mit zwei Ko- kosnüssen geklopft.« »Die er zufälligerweise im Turm gefunden hat?« »Er hatte sie natürlich dabei.« »Ach, er läuft also dauernd mit irgendwelchen Kokosnüssen herum?« »Der Esel läßt sich nicht drehen, weil… Na schön, das ist also ein aus- gestopfter Eselskopf…« »Die Ohren bewegen sich!« »Weil er an Fäden zieht, an Fäden… Na schön, es ist also ein Esel, zu- gegeben, aber es ist nicht der gleiche Esel. Er hatte ihn in einer verbor- genen Tasche… Du brauchst mich gar nicht so anzustarren. Ich habe solche Tricks mit Tauben gesehen…« Dann schwieg selbst der Ungläubige. »Esel, Minarett«, sagte Lord Vetinari. »Minarett, Esel.«, »Einfach so?« fragte ein Wächter. »Es war ein Trick, nicht wahr?« »Natürlich«, erwiderte der Patrizier. »Ich wußte, daß es ein Trick war.« »Ja, ein Trick, da hast du völlig recht«, bestätigte Lord Vetinari. »Na schön. Und wie hast du es angestellt?« »Du durchschaust den Trick also nicht?« »Äh… du hattest einen aufblasbaren Esel dabei…« »Kannst du mir einen Grund dafür nennen, warum ich einen aufblas- baren Esel mit mir tragen sollte?« »Nun, du…« »Und zwar einen Grund, den du deiner Mutter erklären könntest, ohne dabei zu erröten?« »Wenn du es so ausdrückst…« »Ist doch ganz einfach«, sagte Al-Schnappler. »In einer Wand des Turms ist eine Art Geheimfach.« »Ihr seht das völlig falsch. Es ist nur das Trugbild eines Esels. Zugege- ben, das Trugbild wirkt ziemlich echt, aber…« Die Hälfte der Leute umringte den Esel, die andere Hälfte drängte sich im Eingang des Turms zusammen, um die dortigen Wände nach einem Geheimfach abzusuchen. »Ich glaube, wir sollten jetzt gehen, Al und Beti«, sagte Lord Vetinari hinter Colon. »Durch diese kleine Gasse hier. Und wenn wir die nächste Ecke hinter uns gebracht haben, rennen wir los.« »Warum denn rennen?« fragte Beti. »Weil ich gerade den fliegenden Teppich gestohlen habe.« Mumm hatte bereits die Orientierung verloren. Die Sonne schien natür- lich, aber sie wies nur die Richtung. Er spürte ihr Brennen auf einer Ge- sichtshälfte. Und das Kamel schwankte von einer Seite zur anderen. Es gab keine Möglichkeit, die Entfernung zu messen – es sei denn, man nahm Hä- morrhoiden zu Hilfe., Ich trage eine Augenbinde und sitze auf einem Kamel, das ein D’reg reitet, ein Angehöriger des Volkes, das angeblich überhaupt kein Ver- trauen verdient. Aber ich bin fast sicher, daß er mich nicht umbringen wird. »Jetzt kannst du es mir ruhig sagen«, brummte Mumm, als er sich er- neut von einer Seite zur anderen neigte. »Warum heißt er 71-Stunden- Ahmed?« »Er hat einen Mann getötet«, sagte Jabbar. »Und dagegen haben D’regs etwas einzuwenden?« »Im Zelt des Mannes! Nachdem er fast drei Tage lang sein Gast gewe- sen war! Wenn er nur eine weitere Stunde gewartet hätte…« »Oh, ich verstehe. Schlechte Manieren, ganz klar. Hatte das Opfer ir- gendeine Schuld auf sich geladen, daß es sich so etwas verdient hatte?« »Nein! Obwohl…« »Ja?« »Er hat El-Ysa umgebracht.« Der Tonfall des D’reg wies darauf hin, daß das kaum mildernde Umstände waren. Vermutlich erwähnte er es allein der Vollständigkeit halber. »Wer war sie?« »El-Ysa war ein Dorf. Der Mann vergiftete einen Brunnen. Es gab ei- nen Streit über Religion«, fuhr Jabbar fort. »Eins führte zum anderen. Aber trotzdem: So gegen die Tradition zu verstoßen…« »Ja, mir ist klar, wie schrecklich das ist. Fast… unhöflich.« »Die Stunde hatte große Bedeutung. Einige Dinge sind unentschuld- bar.« »In diesem Punkt hast du zweifellos recht.« Am späten Nachmittag durfte Mumm die Augenbinde abnehmen. Schwarze Felsen ragten aus dem Sand; der Wind hatte ihnen seltsame Formen verliehen. Mumm glaubte, nie einen trostloseren Ort gesehen zu haben. »Einst soll es hier grün gewesen sein«, sagte Jabbar. »Damals, als es ge- nug Wasser gab.« »Was geschah dann?«, »Der Wind wehte aus einer anderen Richtung.« Bei Sonnenuntergang erreichten sie ein Wadi zwischen weiteren vom Wind abgescheuerten Felsen. Die Schatten wurden länger, was den Mul- den und Kerben im Gestein mehr Tiefe gab – sie erweckten den Ein- druck, uralt zu sein. »Das sind Gebäude, nicht wahr?« fragte Mumm. »Einst gab es hier eine Stadt, vor langer Zeit. Wußtest du das?« »Woher sollte ich das wissen?« »Leute aus deinem Volk haben sie gebaut. Und ihr Name lautete Takti- kum. Nach einem eurer Krieger.« Mumm sah zu den eingestürzten Mauern und geborstenen Säulen. »Eine Stadt wurde nach ihm benannt…«, murmelte er wie im Selbstge- spräch. Jabbar gab ihm einen Stoß. »Ahmed beobachtet dich«, sagte er. »Ich sehe ihn nirgends.« »Natürlich nicht. Steig ab. Ich hoffe, wir sehen uns wieder. Vielleicht in deinem Paradies – wie auch immer es beschaffen sein mag.« »Ja, ja…« Jabbar drehte sein Kamel und verschwand in der Wüste. Sein Kamel schien dabei schneller zu laufen als vorher. Eine Zeitlang saß Mumm auf einem Felsen, hörte nur das leise Zischen des Winds und das Krächzen eines Vogels in der Ferne. Er glaubte, das Pochen seines eigenen Herzens zu vernehmen. »Bimmel… bimmel… bamm…« Der Disorganizer klang besorgt und unsicher. Mumm seufzte. »Ja? Begegnung mit 71-Stunden-Ahmed?« »Äh… nein«, erwiderte der Dämon. »Äh… klatschianische Flotte ge- sichtet… äh…« »Schiffe der Wüste, wie?« »Äh… piep… Fehlernummer 746, divergierende temporale Instabili- tät…«, Mumm schüttelte den Kasten. »Stimmt was nicht mit dir?« fragte er. »Nennst mir noch immer die Termine von jemand anderem, du dummes Ding!« »Äh… die Termine betreffen einen gewissen Kommandeur Samuel Mumm…« »Das bin ich!« »Welcher von euch beiden bist du?« fragte der Dämon. »Wie bitte?« »… piep…« Der Disorganizer lehnte es ab, weitere Auskünfte zu geben. Mumm spielte mit dem Gedanken, ihn einfach wegzuwerfen, aber Sybil wäre sicher verletzt gewesen, wenn sie es herausgefunden hätte. Er verstaute ihn wieder in der Tasche und versuchte, sich erneut auf die Umgebung zu konzentrieren. Er saß auf etwas, das einst Teil einer Säule gewesen sein mochte. Ähn- lich beschaffene Felsbrocken lagen einige Meter entfernt, und wenige Sekunden später stellte er fest: Was er bisher für einen in die Länge ge- zogenen Geröllhaufen gehalten hatte, war in Wirklichkeit der Rest einer Mauer. Er ging in die entsprechende Richtung, und das Geräusch seiner Schritte hallte dumpf wider. Ihm wurde klar, daß er zwischen alten Ge- bäuden wanderte beziehungsweise dort, wo sich vor vielen Jahren Ge- bäude erhoben hatten. Hier fielen ihm die Überreste einer Treppe auf, dort der Stumpf einer Säule. Einer dieser Stümpfe ragte etwas weiter empor als die anderen. Mumm zog sich nach oben und entdeckte dort zwei große Füße – hier mußte eine Statue gestanden haben, wahrscheinlich in würdevoller Haltung. Jetzt gab es nur noch die Füße; der Rest war dicht über den Fußknö- cheln abgebrochen. Besonders würdevoll wirkten sie nicht. Als er wieder nach unten kletterte, bemerkte er an der windgeschützten Seite tief in den Sockel gemeißelte Buchstaben. Er versuchte, die Worte im verblassenden Licht zu entziffern: AB HOC POSSUM VIDERE DOMUM TUUM, Nun, »domum tuum« bedeutete »dein Haus«. Und »videre« konnte mit »sehen« übersetzt werden… »Was?« fragte Mumm laut. »›Von hier aus kann ich dein Haus sehen‹? Und das soll eine noble Botschaft sein?« »Ich glaube, es ist eine Mischung aus Prahlerei und Drohung, Sir Sa- muel«, sagte 71-Stunden-Ahmed. »Ich dachte immer, das sei typisch für Ankh-Morpork.« Mumm stand ganz still. Die Stimme hatte sich direkt hinter ihm erho- ben. Und sie gehörte Ahmed. Doch jetzt fehlten die Hinweise auf Ka- melspucke und Sand, die er in Ankh-Morpork gehört hatte. Ahmed sprach nun wie ein gebildeter Mann. »Es liegt an den Echos«, fuhr der Klatschianer fort. »Ich könnte überall sein. Und vielleicht habe ich eine Armbrust auf dich gerichtet.« »Selbst wenn das der Fall ist… Du schießt bestimmt nicht. Für uns beide steht zuviel auf dem Spiel.« »Oh, es gibt so etwas wie Ehre unter Dieben, nicht wahr?« »Keine Ahnung«, erwiderte Mumm. Dies war der geeignete Zeitpunkt, um festzustellen, ob seine Annahmen richtig waren. »Aber gibt es eine Ehre unter Polizisten?« Feldwebel Colon bekam große Augen. »Ich soll mein Gewicht auf die Seite verlagern, Herr?« fragte er. »So steuert man fliegende Teppiche«, erwiderte Lord Vetinari ruhig. »Ja, aber angenommen, ich verlagere mein Gewicht zu weit, zum Bei- spiel über den Rand hinaus?« »Dann haben wir mehr Platz«, sagte Beti ungerührt. »Na los, Feldwe- bel, jetzt kannst du die Pfunde auf deinen Rippen endlich mal zu einem guten Zweck nutzen.« »Ich möchte, daß die Pfunde auf meinen Rippen bleiben«, entgegnete Colon fest. Er lag der Länge nach auf dem Teppich und klammerte sich mit beiden Händen fest. »Es ist einfach nicht natürlich. Ich meine, nur ein wenig Stoff zwischen mir und einem fatalen Platschen…«, Der Patrizier sah in die Tiefe. »Wir fliegen nicht überm Wasser, Feld- webel.« »Trotzdem würde es platschen, Herr. Da bin ich ganz sicher.« »Könnten wir etwas langsamer fliegen?« fragte Beti. »Der Fahrtwind berührt mich an sehr empfindlichen Stellen.« Lord Vetinari seufzte. »Wir fliegen nicht einmal sehr schnell. Ich schät- ze, dieser Teppich ist schon etwas älter.« »Hier ist eine ausgefranste Stelle«, sagte Beti. »Sei still«, ächzte Colon. »Sieh nur, ich kann den Finger durchbohren…« »Sei still.« »Und merkst du, wie der Teppich immer wieder wackelt?« »Meine Güte, von hier aus gesehen, wirken die Palmen da unten ziem- lich klein.« »Nobby, du leidest an Höhenangst«, sagte Colon. »Ich weiß, daß du an Höhenangst leidest.« »Jetzt greifst du in die Mottenkiste sexueller Klischees!« »Greife ich nicht!« »Greifst du doch! Demnächst erwartest du sicher, daß ich mir den Fuß verstauche und immerzu schreie! Aber ich werde dir beweisen, daß eine Frau durchaus ihren Mann stehen kann!« »Du warst zu lange in der Sonne, Nobby. Ja, das ist der Grund. Du bist doch gar keine Frau!« Beti schniefte. »Solche sexistischen Bemerkungen habe ich von dir er- wartet.« »Du bist männlichen Geschlechts!« »Hier geht es ums Prinzip.« »Wenigstens haben wir jetzt ein Transportmittel«, sagte Lord Vetinari, und sein Tonfall wies darauf hin, daß die Vorstellung beendet war. »Lei- der konnte ich nicht herausfinden, wo das Heer stationiert ist.« »Oh, da kann ich dir helfen, Herr!« Colon versuchte zu salutieren und hielt sich dann wieder krampfhaft am Teppich fest. »Mit einigen schlauen, Fragen ist es mir gelungen, die benötigten Informationen zu bekom- men!« »Tatsächlich?« »Ja, Herr! Der Ort heißt…äh… En al Sams la Laisa, Herr.« Einige Sekunden lang herrschte Stille auf dem fliegenden Teppich. »›Der Ort, wo die Sonne nie scheinet‹?« übersetzte der Patrizier. Wieder war es still. Colon versuchte, niemanden anzusehen. »Gibt es einen Ort namens Gebra?« fragte Nobby verdrießlich. »Ja, Be… Korporal. Einen solchen Ort gibt es wirklich.« »Die Soldaten sind dort. Natürlich habt ihr dafür nur das Wort einer Frau.« »Gute Arbeit, Korporal. Wir fliegen an der Küste entlang.« Lord Vetinari entspannte sich. In seinem sehr ereignisreichen Leben hatte er nie Personen wie Nobby und Colon kennengelernt. Sie redeten die ganze Zeit, und doch haftete ihnen fast etwas… Ruhiges an. Aufmerksam beobachtete er den staubigen Horizont, während der Teppich dem Verlauf der Küste folgte. Unter dem Arm des Patriziers steckte der metallene Zylinder, den Leonard für ihn angefertigt hatte. Drastische Zeiten erforderten drastische Maßnahmen. »Herr?« fragte Colon. Der Teppich dämpfte seine Stimme. »Ja, Feldwebel?« »Ich muß es wissen… Wie…äh… wie ist es dir gelungen, den Esel nach unten zu bekommen?« »Mit Überredungskunst, Feldwebel.« »Was, allein mit Worten?« »Und mit einem Stock.« »Oh, ich wußte es…« »Um einen Esel von einem Minarett zu holen«, erklärte der Patrizier und blickte dabei über die klatschianische Wüste, »muß man den Teil des Esels finden, der unbedingt nach unten will.«, Der Wind ließ nach, und in der Ferne verklang das Krächzen des Vogels. Mumm hörte nur noch ein leises Zischen und Knistern von den nächtli- chen Bewohnern der Wüste. »Ich bin sehr beeindruckt, Sir Samuel«, ertönte Ahmeds Stimme. Mumm atmete tief durch. »Du hast mich wirklich getäuscht«, sagte er. »›Mögen deine Lenden Früchte tragen.‹ Nicht übel. Ich hielt dich tatsäch- lich für…« Er unterbrach sich. »Für einen Kameltreiber mit einem Handtuch auf dem Kopf?« beende- te Ahmed den Satz. »Meine Güte. Und dabei hast du bisher gute Arbeit geleistet, Sir Samuel. Auch der Prinz war beeindruckt.« »Oh, ich bitte dich. Deine mehrdeutigen Bemerkungen über Melonen… Konnte ich sie anders deuten?« »Sei unbesorgt, Sir Samuel. Ich fühle mich von all dem geehrt. Übri- gens kannst du dich jetzt umdrehen. Es käme mir nicht in den Sinn, dir ein Leid zuzufügen. Es sei denn, du stellst etwas… Törichtes an.« Mumm drehte sich um und erkannte eine schemenhafte Gestalt. »Du hast diesen Ort bewundert«, sagte Ahmed. »Taktikus’ Männer er- bauten die Stadt, als er versuchte, Klatsch zu erobern. Nach heutigen Maßstäben wäre es natürlich keine ›Stadt‹. Sie war eine Botschaft: ›Hier sind wir, und hier bleiben wir.‹ Und dann wehte der Wind aus einer an- deren Richtung.« »Du hast Schneetreiben Schuppert umgebracht, nicht wahr?« »Es war eine Hinrichtung. Ich kann dir das Geständnis zeigen, das er vorher unterschrieben hat.« »Aus freiem Willen?« »Mehr oder weniger.« »Wie bitte?« »Nun, ich erklärte ihm, welche Alternativen es statt der Unterzeich- nung des Geständnisses gab. Freundlicherweise habe ich den Notizblock für dich zurückgelassen. Um dein Interesse wachzuhalten. Und sieh mich nicht so an, Sir Samuel. Ich brauchte dich.« »Woher willst du wissen, auf welche Weise ich dich ansehe?«, »Ich kann es mir vorstellen. Wie dem auch sei: Die Assassinengilde hat- te einen Vertrag für ihn. Und zufälligerweise bin ich Gildenmitglied.« »Du?« Das Wort verließ Mumms Mund, bevor er es zurückhalten konnte. Und dann dachte er: Warum nicht? Man schickte Jungen tausend Meilen weit, damit sie die Schule der Assassinengilde besuchten… »Oh, ja. Die besten Jahre meines Lebens. So heißt es jedenfalls. Ich wohnte im Viper-Haus. Zur Schule! Zur Schule! Zur Schule!« Ahmed seufzte wie ein Prinz und spuckte wie ein Kameltreiber. »Wenn ich die Augen schließe… dann kann ich mich an die besondere Vanillesoße er- innern, die wir montags bekamen. Meine Güte, es regen sich auch andere Erinnerungen… Ganz deutlich sehe ich die nassen Straßen vor mir. Ver- kauft Herr Schnapper in der Sirupminenstraße noch immer seine gräßli- chen Würstchen?« »Ja.« »Es ist der gleiche alte Schnapper, wie?« »Und es sind die gleichen Würstchen.« »Einmal probiert, nie vergessen.« »Stimmt.« »Beweg dich nicht so schnell, Sir Samuel. Sonst wäre ich gezwungen, dich von deinem Kopf zu trennen. Du vertraust mir nicht, und ich ver- traue dir nicht.« »Warum hast du mich hierhergezerrt?« »Gezerrt? Ich mußte mein eigenes Schiff sabotieren, um dir zu ermög- lichen, mich einzuholen!« »Ja, aber du… weißt, wie ich reagiere.« Kummer breitete sich in Mumm aus. Alle wußten, wie er reagierte. »Ja. Möchtest du eine Zigarette, Sir Samuel?« »Ich dachte, du kaust lieber Gewürznelken.« »In Ankh-Morpork, ja. Ganz gleich, wo man sich aufhält: Es ist immer gut, sich ein wenig… ausländisch zu verhalten, denn alle wissen, daß Ausländer dumm sind. Außerdem sind diese Zigaretten ziemlich gut.« »Frisch aus der Wüste?«, »Ha! Es ist allgemein bekannt, daß klatschianische Zigaretten aus Ka- meldung bestehen.« Ein Streichholz flammte in der Dunkelheit auf, und Mumm sah eine krumme Nase, als sich Ahmed die Zigarette anzündete. »Nun, ich muß gestehen, daß zumindest in diesem Fall die Vorurteile nicht weit von der Wahrheit entfernt sind. Wie dem auch sei: Diese Ziga- retten stammen von Sumtri. Es heißt, die Frauen dieser Insel hätten kei- ne Seelen. Ich persönlich bezweifle das.« Mumm erkannte eine Hand und darin ein Päckchen. Ein oder zwei Se- kunden fragte er sich, ob er Ahmed packen konnte… »Wie steht es mit deinem Glück?« fragte der Klatschianer. »Nicht besonders gut, nehme ich an.« »In der Tat. Ein Mann sollte wissen, wie sehr er sein Glück beanspru- chen kann. Soll ich dir sagen, woher ich weiß, daß du ein guter Mann bist, Sir Samuel?« Im Licht des aufgehenden Mondes beobachtete Mumm, wie Ahmed eine Zigarettenspitze hervorholte und die bereits angezündete Zigarette hineinschob. »Ich bin ganz Ohr.« »Nach dem Attentat auf den Prinzen verdächtigte ich jeden. Aber dein Argwohn galt nur den Angehörigen deines eigenen Volkes. Du brachtest es einfach nicht fertig, in Erwägung zu ziehen, daß Klatschianer dahin- terstecken. Du hast befürchtet, dich durch solche Überlegungen auf eine Stufe mit Feldwebel Colon und den anderen Klatschianische-Zigaretten- bestehen-aus-Kameldung-Idioten zu stellen.« »Wessen Polizist bist du?« »Drücken wir es so aus: Ich bekomme mein Geld als Wali von Prinz Cadram.« »Derzeit dürfte er nicht sehr zufrieden mit dir sein. Immerhin solltest du seinen Bruder beschützen.« Ich hatte die gleiche Aufgabe, fügte Mumm in Gedanken hinzu. Und wenn schon… »Ja. Und wir dachten auf die gleiche Weise. Du hast geglaubt, der Täter stamme aus Ankh-Morpork, und ich war sicher, daß er aus Klatsch kam. Der Unterschied zwischen uns beiden besteht darin, daß ich recht be- hielt. Der Anschlag auf Khufurah wurde in Klatsch geplant.« »Ach, tatsächlich? Das sollte die Wache glauben…«, »Nein, Sir Samuel. Der eigentlich wichtige Aspekt dieser Angelegenheit ist, was jemand dich glauben lassen wollte.« »Wirklich? Nun, da irrst du dich. Die Sache mit dem Glas und dem Sand auf dem Boden… Ich habe es… sofort… durchschaut…« Seine Stimme verklang. Nach einer Weile sagte Ahmed fast mitfühlend: »Ja, das hast du.« »Verdammt.« »Oh, in gewisser Weise hattest du recht. Ostie wurde ursprünglich in Ankh-Morpork-Dollar bezahlt. Später dann brach jemand bei ihm ein, vertauschte das Geld und sorgte dafür, daß die meisten Glassplitter draußen lagen. Bei der Gelegenheit ließ er den Sand zurück. Nun, ich muß sagen: Das mit dem Sand fand ich übertrieben. Niemand wäre so dumm. Aber es sollte sichergestellt werden, daß alles nach einem ver- pfuschten Versuch aussah.« »Wer war es?« fragte Mumm. »Oh, ein kleiner Dieb. Herribert Hartjojo. Er wußte nicht einmal, war- um er den Auftrag erhielt – es genügte ihm, daß er dafür bezahlt wurde. Ich gratuliere dir zu deiner Stadt, Herr Mumm. In Ankh-Morpork findet man immer jemanden, der für genug Geld zu allem bereit ist.« »Jemand muß ihn bezahlt haben.« »Ein Mann, dem er in einer Taverne begegnete.« Mumm nickte bedrückt. Er fand es immer wieder erstaunlich, wie viele Leute bereit waren, sich auf Geschäfte mit jemandem einzulassen, dem sie in einer Taverne begegneten. »Ja, das klingt plausibel«, sagte er. »Wenn der respektable Kommandeur Mumm, führenden Klatschia- nern als ein durch und durch ehrlicher Mann bekannt, dem es nur ein wenig an Intelligenz mangelt… Wenn Mumm also zu dem Schluß ge- langt, daß jemand aus Ankh-Morpork hinter der Tat steckt… Nun, die Welt sieht zu. Und die Welt sollte die ›Wahrheit‹ erfahren. Einen Krieg wegen irgendeines Felsens beginnen? Das erzeugt Unbehagen in anderen Ländern, vor deren Küste es ebenfalls Felsen gibt. Aber einen Krieg beginnen, weil irgendein ausländischer Mistkerl jemanden getötet hat, der, in einer Mission des Friedens unterwegs war… Ich glaube, das würde die Welt verstehen.« »Mangel an Intelligenz?« brummte Mumm. »Ach, sei nicht zu betrübt, Kommandeur. Die Sache mit dem Feuer in der Botschaft. Das war eine dumme Heldentat.« »Es war der reinste Wahnsinn!« »Nun, der Unterschied ist ohnehin nicht besonders groß. Wie dem auch sei: Damit hatte ich nicht gerechnet.« Auf dem Billardtisch hinter Mumms Stirn rollte die schwarze Kugel in ein Loch. »Aber mit dem Feuer hast du gerechnet?« »Das Gebäude hätte praktisch leer sein sollen…« Mumm bewegte sich. Ahmed verlor den Boden unter den Füßen und wurde an eine Säule gepreßt, Mumms Hände am Hals. »Eine Frau saß dort in der Falle!« »Es… war… notwendig!« brachte Ahmed heiser hervor. »Ein… Ab- lenkungsmanöver. Sein… Leben war… in Gefahr. Ich sah keine… ande- re Möglichkeit, als… ihn fortzubringen. Von… der Frau… erfuhr ich erst… als es schon… zu spät war. Ich… gebe dir mein Wort…« Durch den roten Schleier des Zorns spürte Mumm etwas in der Ma- gengegend. Er blickte nach unten und sah ein Messer, das wie durch Magie in Ahmeds Hand erschienen war. »Hör mir… zu«, krächzte der Klatschianer. »Prinz Cadram wollte sei- nen Bruder umbringen lassen… Die Welt sollte erfahren, wie… heim- tückisch die Würstchenfresser sind… daß sie einen Friedensboten um- bringen…« »Sein eigener Bruder? Und das soll ich dir glauben?« »Mitteilungen wurden der… Botschaft übermittelt… verschlüsselt…« »Mitteilungen für den alten Botschafter? Nein, das glaube ich gewiß nicht.« Ahmed blieb einige Sekunden unbewegt., »Nein, natürlich nicht«, erwiderte er. »Sei großzügig, Sir Samuel. Be- handle wirklich alle Menschen gleich. Gib Klatschianern das Recht, eben- so verschlagen und gemein zu sein wie die Bürger von Ankh-Morpork. Der Botschafter ist nur ein aufgeblasener Idiot. Deine Stadt hat kein Monopol auf solche Leute. Aber sein Stellvertreter sieht die Mitteilungen zuerst. Er ist… ein junger Mann mit viel Ehrgeiz…« Mumm lockerte seinen Griff. »Der stellvertretende Botschafter? Hab ihn sofort für einen zwielichtigen Burschen gehalten, als ich ihn zum erstenmal sah!« »Aber gleichzeitig hast du einen Klatschianer in ihm gesehen, und des- halb fiel es dir schwer, ihn ganz zu durchschauen.« Mumm ging nicht darauf ein. »Und du konntest die verschlüsselten Mitteilungen lesen?« »Oh, ich bitte dich. Wenn du vor dem Schreibtisch des Patriziers stehst… liest du dann nicht seine Dokumente, obwohl sie falsch herum liegen? Außerdem bin ich Prinz Cadrams Polizist…« »Er ist also dein Boß?« »Wer ist dein Boß, Sir Samuel? Wenn es darauf ankommt?« Die beiden Männer sahen sich an. Ahmed schnaufte leise. Mumm trat zurück. »Die Mitteilungen… Hast du sie?« »Ja. Mit seinem Siegel.« Ahmed rieb sich den Hals. »Meine Güte. Die Originale? Ich hätte gedacht, daß sie hinter Schloß und Riegel liegen.« »Dem war auch so. In der Botschaft. Doch bei dem Brand wurden vie- le Hände gebraucht, um wichtige Dokumente in Sicherheit zu bringen. Es war ein sehr… nützliches Feuer.« »Ein Hinrichtungsbefehl für den eigenen Bruder… So etwas läßt sich vor Gericht kaum rechtfertigen…« »Vor welchem Gericht? Der König ist das Gesetz.« Ahmed setzte sich. »Wir sind nicht wie ihr. Ihr bringt Könige um.« »Wir befreien das Volk von ihnen«, sagte Mumm. »Außerdem ist dies erst einmal geschehen, und zwar vor langer Zeit. Hast du mich deshalb, hierhergebracht? Warum soviel Aufhebens? Wir hätten dieses Gespräch auch in Ankh-Morpork führen können.« »Du bist ein mißtrauischer Mann, Kommandeur Mumm. Hättest du mir geglaubt? Außerdem mußte ich Prinz Khufurah fortbringen, bevor er, ahah, ›seinen Verletzungen erlag‹.« »Wo ist der Prinz jetzt?« »In der Nähe. Und in Sicherheit. In der Wüste droht ihm weniger Ge- fahr als in Ankh-Morpork, glaub mir.« »Wie geht es ihm?« »Er erholt sich allmählich. Eine Alte, der ich vertraue, kümmert sich um ihn.« »Deine Mutter?« »Bei den Göttern, nein! Meine Mutter ist eine D’reg! Sie wäre sehr ent- täuscht, wenn ich ihr vertrauen würde. Dann müßte sie glauben, daß sie mich falsch erzogen hat.« Diesmal konnte er Mumms Gesichtsausdruck erkennen. »Du hältst mich für einen gebildeten Barbaren, nicht wahr?« »Nun, ich hätte mich damit begnügt, Schneetreiben Schuppert aus Ankh-Morpork zu verjagen.« »Tatsächlich? Sieh dich um, Sir Samuel. Dein… Revier… ist eine Stadt, die man in einer halben Stunde zu Fuß durchqueren kann. Meins besteht aus zwei Millionen Quadratmeilen Wüste und Bergen. Meine Gefährten sind ein Schwert und ein Kamel, und ehrlich gesagt: Als Gesprächspart- ner lassen beide zu wünschen übrig. In den Ortschaften gibt es natürlich Wächter, sozusagen. Sie denken in einfachen, unkomplizierten Bahnen. Meine Aufgabe besteht darin, Banditen und Mördern in Regionen nach- zustellen, wo mich fünfhundert Meilen von Hilfe trennen. Deshalb brau- che ich die Furcht als Verbündete. Und ich muß sofort zuschlagen, weil ich keine zweite Chance bekomme. Ich halte mich für einen ehrlichen Mann, zumindest in gewisser Weise. In Ankh-Morpork habe ich sieben Jahre in einer Privatschule überlebt, und während dieser Zeit wurde ich von den Söhnen der feinen Leute immer herablassend behandelt. Ich versichere dir: Im Vergleich damit hat das Leben bei den D’regs über-, haupt keinen Schrecken. Ich sorge für Gerechtigkeit, schnell und gründ- lich.« »Ich habe gehört, wodurch du deinen Namen bekommen hast…« Ahmed zuckte mit den Schultern. »Der Mann hatte das Wasser vergif- tet. Dadurch starben fünf Männer, sieben Frauen, dreizehn Kinder und einunddreißig Kamele. Und einige der Kamele waren sehr wertvoll, möchte ich betonen. Ich bekam eindeutige Hinweise von dem Mann, der ihm das Gift verkauft hatte, außerdem von einem vertrauenswürdigen Zeugen, der ihn in der fraglichen Nacht beim Brunnen gesehen hatte. Warum hätte ich unter solchen Umständen noch eine weitere Stunde warten sollen?« »Gelegentlich findet bei uns etwas statt, das wir Gerichtsverfahren nennen«, sagte Mumm munter. »Ja. Dabei entscheidet euer Lord Vetinari. Aber mitten im Nichts bin ich das Gesetz.« Ahmed winkte mit einer Hand. »Oh, der Mann hätte bestimmt mildernde Umstände vorgebracht, eine unglückliche Kindheit oder ein besonderes Leiden namens Krankhafter-Drang-Brunnen-zu- vergiften. Nun, ich habe den krankhaften Drang, feige Mörder zu köp- fen.« Mumm gab auf. Er konnte Ahmeds Standpunkt verstehen. Sogar sehr gut. »Ich schätze, unterschiedliche Kulturen erfordern unterschiedliche Maßnahmen«, sagte er. »Nach meinen Erfahrungen sind diese Maßnahmen besonders dann er- folgreich, wenn man dabei scharfen Stahl einsetzt«, erwiderte Ahmed. »Verzieh nicht gleich das Gesicht, es war nur ein Scherz. Ich wußte von den Plänen des Prinzen, und ich dachte: Das ist nicht richtig. Wenn er irgendeinen Lord aus Ankh-Morpork umgebracht hätte, so wäre das alles nur Politik gewesen. Aber dies… Und ich dachte: Warum verfolge ich Verbrecher in den Bergen, wenn ich selbst Teil eines großen Verbre- chens bin? Der Prinz will ganz Klatsch vereinen. Ich persönlich mag die vielen kleinen Stämme und Länder, selbst ihre kleinen Kriege. Ich finde es auch nicht weiter schlimm, wenn sie gegen Ankh-Morpork kämpfen, weil sie das wollen, weil sie eure gräßlichen Angewohnheiten nicht aus-, stehen können oder weil sie genug haben von eurer gedankenlosen Ar- roganz. Doch eine Lüge sollte nicht der Grund dafür sein.« »Ich weiß, was du meinst«, sagte Mumm. »Aber was kann ich allein ausrichten? Soll ich vielleicht den Prinzen verhaften? Ich bin sein Polizist, so wie du der Vetinaris bist.« »Nein. Ich gehorche nicht Vetinari, sondern dem Gesetz.« »Ich meine nur, es sollte selbst für Könige Polizisten geben.« Mumm sah nachdenklich über die vom Mondschein erhellte Wüste. Irgendwo dort draußen stand das Heer von Ankh-Morpork, wenn man es überhaupt als »Heer« bezeichnen durfte. Und irgendwo dort draußen wartete die klatschianische Streitmacht. Tausende von Männern, die viel- leicht Freunde geworden wären, würden bald übereinander herfallen und sich gegenseitig umbringen. Und nach dem ersten Waffengang gab es Gründe genug, weitere folgen zu lassen. Mumm erinnerte sich daran, daß er als Kind gehört hatte, wie drei Alte über den Krieg sprachen. Er kannte den Krieg nicht aus eigener Erfah- rung. Zu seinen Lebzeiten versuchten die Stadtstaaten der Sto-Ebene nur, sich gegenseitig in den wirtschaftlichen Ruin zu treiben, oder die Assassinengilde löste die Konflikte auf einer persönlichen Basis. Die meiste Zeit zankten die Leute einfach nur. Das erzeugte Ärger genug, aber es war weitaus besser als ein Schwert in der Leber. Die Alten hatten von großen Pfützen aus Blut und umherfliegenden Gliedmaßen erzählt, doch einen ganz besonderen Eindruck auf den jun- gen Mumm hatte ein Hinweis am Schluß der Erlebnisberichte gemacht: »Und wenn man mit dem Fuß an etwas hängenblieb, so sah man besser nicht hin, wenn man die letzte Mahlzeit im Magen behalten wollte.« Die- sen Worten hatten sie keine Erklärung hinzugefügt. Die beiden anderen Alten schienen genau zu wissen, was damit gemeint war. Doch nichts konnte schlimmer sein als die Erklärungen, die sich Mumm selbst aus- malte. Er erinnerte sich an noch etwas. Die Alten, die den größten Teil des Tages damit verbrachten, auf einer Bank in der Sonne zu sitzen, hat- ten zusammen fünf Arme, fünf Augen, viereinhalb Beine und zweidrei- viertel Gesichter. Hinzu kamen siebzehn Ohren – der Irre Winston zeig-, te seine Sammlung gern einem braven Jungen, der angemessen furchter- füllt wirkte. »Er will einen Krieg führen…« Mumm mußte den Mund öffnen, sonst wäre in seinem Kopf nicht genug Platz für eine derart absurde Vorstel- lung gewesen. Der Prinz, den alle für ehrlich, ehrenwert und gut hielten, wollte einen Krieg. »Oh, natürlich«, sagte Ahmed. »Nichts eint ein Volk besser als ein hüb- scher kleiner Krieg.« Wie sollte man gegen jemanden vorgehen, der auf diese Weise dachte? fragte sich Mumm. Wenn es um einen gewöhnlichen Mörder ging… dann gab es mehrere Möglichkeiten. Mit einem gewöhnlichen Mörder konnte man mit gewöhnlichen Mitteln fertig werden. Es gab Verbrecher, und es gab Polizisten; zwischen ihnen bestand ein sonderbares Gleich- gewicht. Aber ein Mann, der sich hinsetzte und beschloß, einen Krieg zu beginnen… Bei den sieben Höllen, womit sollte man ihn ausgleichen? Dazu brauchte man einen Polizisten von der Größe eines Landes. Den Soldaten konnte man nichts vorwerfen. Sie warteten nur darauf, daß man ihnen die Richtung zeigte. Etwas klackte an eine der umgestürzten Säulen. Mumm blickte nach unten und zog den Schlagstock aus der Tasche. Er glänzte im Mond- schein. Was nützte so ein Ding? Es zeigte nur, daß es ihm erlaubt war, kleine Verbrecher zu jagen, die kleine Verbrechen begingen. Damit konnte er nichts gegen Verbrecher unternehmen, die so groß waren, daß man sie überhaupt nicht sah. Man lebte in ihnen. Bleib bei den kleinen Verbre- chen, Sam Mumm. Das ist sicherer. »ALSO GUT, JUNGS! SPIESST SIE AUF UND HAUT SIE IN STÜCKE!« Gestalten sprangen über die geborstenen Säulen. Es surrte leise, als Ahmed sein Schwert aus der Scheide zog. Mumm sah, wie sich ihm eine Hellebarde näherte – eine Hellebarde aus Ankh-Morpork! –, und er reagierte mit den Reflexen, die ihn die Straßen der Stadt gelehrt hatten. Er verlor keine Zeit, über jemanden zu lachen, der dumm genug war, eine Pike gegen einen Fußsoldaten zu ver-, wenden. Statt dessen wich er der Klinge aus, griff nach dem Schaft und zog so fest daran, daß der Hellebardier nach vorn stolperte, seinem er- hobenen Stiefel entgegen. Eine halbe Sekunde später sprang Mumm zur Seite und versuchte, sein Schwert unter dem Umhang hervorzuziehen. Er wich einer weiteren Klinge aus und stieß mit dem Ellenbogen an etwas, das hart genug war, um Schmerz zu verursachen. Als er den Kopf drehte, sah er ins Gesicht eines Mannes, der sein Schwert erhoben hatte… Ein seidenes Geräusch erklang… Der Mann taumelte zurück, und sein Gesicht zeigte Überraschung, als der Schädel herunterfiel. Mumm riß sich den Turban vom Kopf. »Ich bin aus Ankh-Morpork, ihr verdammten Idioten!« Eine große Gestalt ragte vor ihm auf, mit einem Schwert in jeder Hand. »ICH SCHNEIDE DIR DIE WEICHTEILE AB, DU SCHMIERIGER… Oh, bist du das, Sir Samuel?« »Wie bitte? Willikins?« »Ja, ich bin es wirklich, Herr.« Der Diener straffte seine Gestalt. »Willikins?« »Bitte entschuldige mich einen Augenblick, Herr – HÖRT AUF, IHR DREIMAL VERFLUCHTEN HURENSÖHNE – ich wußte nicht, daß du hier bist, Herr!« »Dieser hier wehrt sich, Feldwebel!« Ahmed stand mit dem Rücken an einer Säule. Ein Mann lag bereits vor ihm auf dem Boden, und drei weitere versuchten, näher an den Wali heranzukommen und dabei gleichzeitig eine sichere Distanz zu der sur- renden Barriere seines hin und her zuckenden Schwertes zu wahren. »Ahmed!« rief Mumm. »Diese Leute sind auf unserer Seite!« »Ach, tatsächlich? Oh, Entschuldigung.«, Ahmed ließ sein Schwert sinken und nahm die Zigarettenspitze aus dem Mund. Er nickte einem der Soldaten zu, die ihn hatten angreifen wollen. »Guten Abend.« »Bist du auch einer von uns?« »Nein, ich bin…« »Er gehört zu mir«, sagte Mumm scharf. »Wie kommst du hierher, Wil- likins? Feldwebel Willikins, wie ich sehe.« »Wir waren auf Patrouille, und plötzlich griffen einige klatschianische Gentlemen an. Nach den daraus resultierenden Unerfreulichkeiten…« »Du hättest es sehen sollen, Herr«, brummte ein Soldat. »Einem der Burschen hat er glatt die Nase abgebissen, jawohl!« »Es stimmt, daß ich versucht habe, den guten Namen von Ankh- Morpork in Ehren zu halten, Herr. Nun, nachdem wir…« »Und einem anderen stach er in…« »Ich bitte dich, Gefreiter Burk«, sagte Willikins. »Ich versuche gerade, Sir Samuel einen Überblick über die jüngsten Ereignisse zu geben.« »Der Feldwebel sollte eine Medaille bekommen!« »Die wenigen Überlebenden unserer Gruppe versuchten zurückzukeh- ren, Herr, aber wir mußten uns vor anderen Patrouillen verbergen und erwogen gerade, die Nacht in diesen Ruinen zu verbringen, als wir dich und diesen Gentleman erblickten.« Ahmed starrte ihn mit offenem Mund an. »Aus wie vielen Kriegern bestand die klatschianische Patrouille, Feld- webel?« fragte Mumm. »Es waren insgesamt neunzehn, Herr.« »Da habt ihr trotz der Dunkelheit ziemlich genau gezählt.« »Wir haben nachher gezählt, Herr.« »Soll das heißen, sie wurden alle getötet?« »Ja, Herr«, bestätigte Willikins ruhig. »Wir selbst haben fünf Männer verloren, Herr. Die Gefreiten Hoppla und Wippich nicht mitgezählt, Herr – unglücklicherweise haben sie aufgrund unseres sehr bedauerli-, chen Mißverständnisses das Leben verloren. Mit deiner Erlaubnis, Herr, schaffe ich sie fort.« »Arme Teufel«, sagte Mumm. Er spürte, daß diese Worte nicht genüg- ten, aber andere hätten ebenfalls nicht ausgereicht. »So ist das eben im Krieg, Herr. Gefreiter Hoppla, von seinen Freun- den Hoppel genannt, war neunzehn und wohnte in der Ättermützenstra- ße, wo er bis vor kurzer Zeit Schnürsenkel herstellte.« Willikins griff nach den Armen des Toten und zog. »Er warb um die Gunst einer jun- gen Dame namens Grace, von der er mir gestern abend freundlicherwei- se ein Bild zeigte. Soweit ich weiß, handelt es sich um eine Magd in den Diensten von Lady Venturii. Wenn du mir bitte seinen Kopf reichen könntest, Herr, dann erledige ich auch den Rest – SCHMUDDEL WER HAT DIR GESAGT DASS DU DICH HINSETZEN SOLLST STEH SOFORT AUF HOL DEINE SCHAUFEL UND NIMM DEN HELM AB ZEIG GEFÄLLIGST ETWAS RESPEKT!« Rauch trieb an Mumms Ohr vorbei. »Ich weiß, was du jetzt denkst«, sagte Ahmed. »Aber dies ist Krieg, Sir Samuel. Wach auf und nimm den Geruch des Blutes wahr.« »Aber… eben haben sie noch gelebt…« »Dein Freund hier weiß, wie es um diese Dinge bestellt ist. Du hast keine Ahnung.« »Aber er ist… ich meine, er war mein Diener!« »Na und? Auch für Diener heißt es: töten oder getötet werden. Du bist kein geborener Krieger, Sir Samuel.« Mumm hielt ihm den Schlagstock vor die krumme Nase. »Ich bin kein geborener Killer! Siehst du das hier? Kannst du die Auf- schrift entziffern? Meine Aufgabe besteht darin, den Frieden zu wahren! Wenn ich dazu Personen umbringen muß, habe ich das falsche Hand- buch gelesen!« Willikins kehrte zurück, um die zweite Leiche zu holen. »Leider hatte ich nicht das Privileg, viel über diesen Mann zu erfahren«, sagte er, als er den Toten hinter einen Felsen trug. »Wir nannten ihn Spinne, Herr«, fuhr er fort und richtete sich wieder auf. »Er spielte ziemlich schlecht Mund- harmonika und sprach sehnsüchtig von zu Hause. Möchtest du eine Tas-, se Tee, Herr? Gefreiter Schmied kocht welchen. Äh…« Der Diener hü- stelte verlegen. »Ja, Willikins?« »Ich spreche dieses Thema nur ungern an, Herr…« »Heraus damit, Mann!« »Hast du vielleicht Kekse dabei, Herr? Es widerstrebt mir, Tee ohne Kekse anzubieten, und wir haben seit zwei Tagen nichts gegessen.« »Aber ihr wart doch auf Patrouille!« »Mit dem Auftrag, Proviant zu beschaffen.« Willikins wirkte beschämt. Mumm musterte ihn verwirrt. »Soll das heißen, Lord Rust hat nicht einmal lange genug gewartet, um Verpflegung mitzunehmen?« »Oh, doch, Herr. Aber wie sich herausstellte…« »Wir wußten, daß etwas nicht mit rechten Dingen zuging, als die ersten Tonnen mit Hammelfleisch explodierten«, brummte Gefreiter Burk. »Auch die Kekse erwiesen sich als ziemlich lebendig. Ganz offensichtlich hat der blöde Rust jede Menge Zeugs gekauft, das nicht einmal Hand- tuchköpfe anrühren würden…« »Und wir essen alles«, sagte 71-Stunden-Ahmed ernst. »GEFREITER BURK DAS IST UNERHÖRT WIE KANNST DU SO VON DEINEM OBERBEFEHLSHABER SPRECHEN DAFÜR WIRST DU EINE DISZIPLINARSTRAFE BEKOMMEN – bitte ent- schuldige, Herr, aber wir fühlen uns alle ein wenig schwach.« »Die letzte Nase liegt schon eine ganze Weile zurück, wie?« fragte 71- Stunden-Ahmed. »Ahahaha, Herr«, erwiderte Willikins. Mumm seufzte. »Wenn ihr fertig seid, Willikins… dann möchte ich, daß du mich mit deinen Männern begleitest.« »In Ordnung, Herr.« Mumm nickte Ahmed zu. »Das gilt auch für dich«, sagte er. »Es kommt jetzt darauf an.«, Fahnen wehten im heißen Wind. Die Speere reflektierten den Sonnen- schein. Lord Rust beobachtete sein Heer und sah, daß es gut war, wenn auch ein wenig klein. Er beugte sich zu seinem Adjutanten vor. »Wir sollten nicht vergessen, daß selbst General Taktikus zahlenmäßig unterlegen war, als er den Paß von Al-Ibi eroberte«, sagte er. »Ja, Herr«, bestätigte Leutnant Hornett. »Allerdings glaube ich, daß sei- ne Männer damals auf Elefanten saßen. Und sie waren gut mit Proviant versorgt«, fügte er bedeutungsvoll hinzu. »Schon möglich, schon möglich. Doch Lord Nadelwehs Kavallerie griff einst das große Heer von Pseudopolis an, um sich in Liedern und Geschichten zu verewigen.« »Aber sie kamen alle ums Leben, Herr.« »Ja, ja, aber es war trotzdem ein berühmter Angriff. Und jedes Kind kennt die Geschichte von den hundert Ephebianern, die die ganze Streitmacht von Tsort besiegten. Ein grandioser Sieg, stimmt’s?« »Ja, Herr«, entgegnete der Adjutant bedrückt. »Du gibst es also zu?« »Ja, Sir. Einige Kommentatoren meinen allerdings, daß auch das Erd- beben eine gewisse Rolle spielte.« »Aber du kannst nicht leugnen, daß die sieben Helden von Hergen das Großfußvolk besiegten, obwohl sie hundert zu eins in der Minderzahl waren!« »Ja, Herr. Es ist eine Geschichte, die man Kindern erzählt, Herr. In Wirklichkeit hat sich so etwas nie zugetragen.« »Nennst du mich etwa einen Lügner, Junge?« »Nein, Herr«, antwortete Leutnant Hornett hastig. »Dann mußt du zugeben, daß Baron Mimbeldrohn ganz allein die Heere des Plumpuddinglands besiegte und die dortige Sultanin verspeiste?« »Ich beneide ihn, Herr.« Der Leutnant sah wieder zu den Soldaten. Die Männer waren sehr hungrig, obgleich Rust sie sicher als rank und schlank bezeichnet hätte. Die Situation wäre noch viel ernster gewesen, wenn es unterwegs keine gekochten Austern geregnet hätte. »Äh… da, wir ein wenig Zeit haben, Herr, sollten wir vielleicht über die Aufstellung der Truppe sprechen.« »Sie stehen doch schon. Warten nur auf den Befehl zum Angriff.« »Ja, Herr. Ich… äh… dachte dabei eher an die Position…« »Ist doch alles in Ordnung damit, Mann. In Reih und Glied, wie es sich gehört. Ha! Eine Wand aus Stahl, bereit, ins schwarze Herz des klat- schianischen Aggressors zu stoßen!« »Ja, Herr. Aber… äh… die Wahrscheinlichkeit dafür ist natürlich sehr gering, Herr, aber während wir ins Herz des klatschianischen Aggressors vorstoßen…« »… ins schwarze Herz…«, berichtigte Lord Rust. »Während wir ins schwarze Herz des klatschianischen Aggressors vor- stoßen, Herr, könnten die hier und hier stationierten Kompanien des klat- schianischen Aggressors auf die Idee kommen, uns mit einem klassi- schen Zangenmanöver zu umschließen.« »Die ins Herz des Feindes vorstoßende Wand aus Stahl hat uns beim zweiten Krieg gegen Quirm gute Dienste geleistet!« »Wir haben ihn verloren, Herr.« »Aber wir hätten ihn fast gewonnen.« »Trotzdem endete er mit einer Niederlage.« »Womit warst du als Zivilist beschäftigt, Leutnant?« »Ich habe als Landvermesser gearbeitet, Herr, und ich verstehe die klatschianische Schriftsprache. Deshalb hast du mich zum Offizier er- nannt.« »Du weißt also nicht, wie man kämpft?« »Dafür kann ich gut zählen, Herr.« »Pah! Zeig ein bißchen mehr Mut, Mann. Obwohl das vermutlich gar nicht nötig ist. Der gewöhnliche Klatschianer neigt zur Feigheit. Be- stimmt fliehen die Handtuchköpfe, sobald sie unseren kalten Stahl zu schmecken bekommen!« »Ich höre deine Worte, Herr«, erwiderte der Adjutant, der die klat- schianischen Truppen beobachtet und sich eine eigene Meinung gebildet hatte., Er ging von folgenden Überlegungen aus: In den vergangenen Jahren hatte das klatschianische Heer gegen viele verschiedene Feinde ge- kämpft. Also mußten die aktuellen Truppen des Gegners aus Soldaten bestehen, die dazu neigten, am Ende einer Schlacht noch am Leben zu sein. Darüber hinaus verfügten sie über jede Menge Erfahrung – die dummen und ungeschickten Krieger waren längst tot. Das gegenwärtige Heer von Ankh-Morpork hingegen hatte noch nie zuvor gegen einen Feind gekämpft, obwohl die alltäglichen Erfahrungen in der Stadt – vor allem in den unangenehmeren Vierteln – einen gewis- sen Ausgleich schufen. Wie General Taktikus glaubte auch Leutnant Hornett, daß Mut, Tapferkeit und unerschütterliche Entschlossenheit zwar begrüßenswerte Eigenschaften waren, jedoch an Bedeutung verlo- ren, wenn man ihnen die Kombination aus Mut, Tapferkeit, Determination und zahlenmäßiger Überlegenheit gegenüberstellte. In Ankh-Morpork hatte alles ganz einfach geklungen, dachte Hornett. Wir segeln nach Klatsch, und bis zum Nachmittag nehmen wir Al-Khali ein. Anschließend trinken wir im Rhoxie Brause mit freundlichen jungen Damen. Die Klatschianer werfen nur einen Blick auf unsere Waffen und ergreifen die Flucht. An diesem Morgen hatten die Klatschianer ausreichend Gelegenheit bekommen, sich die Waffen des Gegners anzusehen. Doch niemand von ihnen machte Anstalten zu fliehen. Statt dessen kicherten sie viel. Mumm rollte mit den Augen. Es klappte. Aber warum? Er hatte viel von guten Rednern gehört, und Karotte gehörte sicher nicht zu ihnen. Er zögerte, verlor den Faden, wiederholte sich und brachte alles durcheinander. Und doch… Mumm beobachtete die Gesichter der Leute, die Karotte beobachte- ten. Er sah D’regs, einige Klatschianer, die zurückgeblieben waren, Willi- kins und seine geschrumpfte Truppe. Alle hörten wie gebannt zu. Es schien eine Art Magie zu sein. Karotte teilte den Zuhörern mit, sie seien im Grunde ihres Herzens brave Jungs. Sie wußten natürlich, daß sie keine braven Jungs waren, aber irgend etwas in seiner Stimme veranlaßte, sie dazu, ihm wenigstens vorübergehend zu glauben. Er hielt andere Per- sonen für anständig und ehrenvoll, und aus irgendeinem Grund war es undenkbar, ihn zu enttäuschen. Er war ein rhetorischer Spiegel und re- flektierte das, was man hören wollte. Und er meinte alles ernst. Trotzdem sahen einige Männer gelegentlich zu Mumm und Ahmed, und der Kommandeur erriet ihre Gedanken. Sie dachten: »Es dürfte alles in Ordnung sein, wenn sie dabei sind.« Beschämt mußte Mumm einge- stehen, daß dies ein Vorteil von Heeren war: Die Leute hielten nach je- mandem Ausschau, der ihnen Anweisungen erteilte. »Ist das ein Trick?« fragte Ahmed. »Nein«, erwiderte Angua. »Er wendet keine Tricks an. Nie. Oh, oh…« Es gab Unruhe in den Reihen. Karotte trat vor und griff nach unten, hob den Gefreiten Burk und ei- nen D’reg hoch. Er hielt sie beide mit einer großen Faust am Kragen. »Was ist los mit euch?« »Er hat mich ›Bruder eines Schweins‹ genannt, Herr!« »Lügner! Du hast mich einen schmierigen Tischtuchkopf genannt!« Karotte schüttelte den Kopf. »Und wir kamen doch so gut miteinander zurecht«, sagte er betrübt. »Solch ein Verhalten ist wirklich nicht nett. Hashel und Vincent, ich möchte, daß ihr euch die Hand gebt. Entschul- digt euch. Wir alle haben eine anstrengende Zeit hinter uns, aber ich weiß, daß ihr im Grunde eures Herzens brave Jungs seid…« Mumm hörte, wie Ahmed murmelte: »Oh, jetzt ist es vorbei…« »… wenn ihr euch jetzt die Hände reicht, vergessen wir den unerfreuli- chen Zwischenfall.« Mumm sah zu 71-Stunden-Ahmed, dessen Gesicht eine Art wächser- nes Grinsen angenommen hatte. Gefreiter Burk und der D’reg streckten so vorsichtig die Hände aus, als befürchteten sie, daß ein Funke die Lücke zwischen ihnen übersprang. »Und nun, Vincent: Entschuldige dich bei Herrn Hashel…« Ein widerstrebendes »‘digung« erklang. »Und was tut uns leid?« fragte Karotte. »… tut mir leid, daß ich ihn einen schmierigen Tischtuchkopf genannt habe…«, »Ausgezeichnet. Und jetzt du, Hashel. Entschuldige dich beim Gefrei- ten Burk.« Die Augen des D’regs drehten sich in den Höhlen hin und her, suchten nach einem Ausweg, der es auch dem Rest des Körpers ermöglichte zu entkommen. Schließlich gab der Mann auf. »‘digung.« »Und dir tut leid, daß du…?« »… daß ich ihn ›Bruder eines Schweins‹ genannt habe…« Karotte ließ beide Männer auf den Boden sinken. »Gut! Ich bin sicher, ihr kommt bestens miteinander aus, sobald ihr euch näher kennt…« »Habe ich das wirklich gesehen?« fragte Ahmed. »Hat er gerade wie ein Schullehrer zu Hashel gesprochen, der einmal einen Mann so hart schlug, daß dessen Nase im einen Ohr steckte?« »Ja, du hast es tatsächlich gesehen«, bestätigte Angua. »Und beobachte die beiden jetzt.« Als die allgemeine Aufmerksamkeit zu Karotte zurückkehrte, muster- ten sich Hashel und Burk wie zwei Männer, die die gleiche Taufe aus feuriger Verlegenheit hinter sich gebracht hatten. Gefreiter Burk bot Hashel vorsichtig eine Zigarette an. »Es funktioniert nur, wenn Karotte in der Nähe ist«, sagte Angua. »Aber dann funktioniert es.« Hoffentlich funktioniert es auch weiterhin, dachte Mumm. Karotte schritt zu einem knienden Kamel und stieg auf. »Das ist ›Gemeiner Schwager eines Schakals‹«, sagte Ahmed. »Jabbars Kamel! Es beißt jeden, der sich auf seinen Rücken schwingen will!« »Ja, aber das ist Karotte.« »Es beißt sogar Jabbar!« »Und hast du bemerkt, daß er genau weiß, wie man auf ein Kamel steigt?« fragte Mumm. »Und er trägt den Burnus wie ein Einheimischer. Ganz gleich, wo er sich befindet: Er kommt sofort zurecht. Er ist bei Zwergen aufgewachsen, und nach nur einem Monat kannte er meine eigene verdammte Stadt besser als ich.«, Das Kamel stand auf. Und jetzt die Fahne, dachte Mumm. Gib ihm die Fahne. Wenn man in den Krieg zieht, braucht man eine Fahne. Obergefreiter Schuh reichte Karotte einen Speer mit einem zusam- mengerollten Tuch daran. Schuh wirkte sehr stolz. Er hatte das Ding unter größter Geheimhaltung vor einer halben Stunde zusammengenäht. Bei einem Zombie konnte man erwarten, daß er immer Nadel und Faden dabeihatte. Aber entroll sie nicht, dachte Mumm. Die anderen sollen sie nicht se- hen. Es genügt ihnen zu wissen, daß sie unter einer Fahne marschieren. Karotte hob den Speer. »Und ich verspreche euch dies!« rief er. »Wenn wir Erfolg haben, wird sich niemand daran erinnern. Und wenn wir versagen, wird es niemand vergessen!« Vermutlich war es einer der schlimmsten Schlachtrufe seit General Pittlichs »Zum Angriff, Jungs, auf daß man uns allen die Kehle durch- schneidet!«. Aber die Reaktion war tosender Jubel. Erneut dachte Mumm daran, daß hier eine ganz besondere Magie wirkte. Die Leute folgten Karotte aus Neugier. »Na schön, du hast also eine Streitmacht«, sagte Ahmed. »Und was jetzt?« »Ich bin Polizist. Und du ebenfalls. Es wird ein Verbrechen verübt. In den Sattel, Ahmed.« 71-Stunden-Ahmed salamte. »Es freut mich, die Befehle eines weißen Offiziers befolgen zu dürfen, Offendi.« »Ich wollte nicht…« »Hast du jemals ein Kamel geritten, Sir Samuel?« »Nein!« »Ach?« Ahmed lächelte dünn. »Nun, ein Klaps mit dem Stock, und es setzt sich in Bewegung. Und wenn man anhalten will… schlägt man fe- ster zu und ruft ›Huthuthut!‹« »Man schlägt mit dem Stock, damit es anhält?« »Kennst du eine andere Möglichkeit?« fragte 71-Stunden-Ahmed. Sein Kamel sah Mumm an und spuckte ihm ins Auge., Prinz Cadram und seine Generäle beobachteten von Pferderücken aus den fernen Feind. Die einzelnen klatschianischen Truppenteile hatten vor Gebra Aufstellung bezogen. Im Vergleich wirkten die Regimenter aus Ankh-Morpork wie eine Touristengruppe, die ihre Kutsche verpaßt hatte. »Das ist alles?« fragte Cadram. »Ja, Gebieter«, bestätigte General Ashal. »Weißt du, der Gegner glaubt, das Glück sei auf der Seite des Tapferen.« »Und deshalb will er mit einer so lächerlich kleinen Streitmacht gegen uns antreten?« »Außerdem ist er davon überzeugt, daß wir sofort die Flucht ergreifen, sobald wir kalten Stahl zu schmecken bekommen.« Der Prinz sah zu den fernen Fahnen. »Warum?« »Keine Ahnung, Gebieter. Offenbar ist es ein Glaubensprinzip.« »Seltsam.« Der Prinz nickte einem seiner Leibwächter zu. »Holt mir kalten Stahl.« Es gab eine leise, hastig geführte Diskussion, dann hob jemand mit großer Vorsicht ein Schwert, um es Cadram mit dem Heft voran darzu- bieten. Der Prinz betrachtete die Waffe, hob sie zum Mund und leckte daran. Die Soldaten beobachteten ihn dabei und lachten. »Nein«, sagte er schließlich. »Nein, ich kann nicht behaupten, daß die- ser Geschmack Furcht in mir weckt. Ist es wirklich authentischer kalter Stahl?« »Ich nehme an, Lord Rust meinte seine Worte im übertragenen Sinne, Gebieter.« »Ah. Ja, ich glaube, damit kann man bei ihm rechnen. Nun, reiten wir zu ihm. Immerhin sollten wir uns zivilisiert verhalten.« Cadram trieb sein Pferd an. Die Generäle folgten ihm. Nach einer Weile wandte sich der Prinz erneut an General Ashal. »Warum sollen wir ihm gegenübertreten, bevor die Schlacht beginnt?«, »Es ist eine Geste des… guten Willens, Gebieter. Krieger erweisen sich gegenseitig die Ehre.« »Aber der Mann ist doch absolut unfähig!« »Ja, Gebieter.« »Und unsere kampferprobten Krieger sollen gegen seine unerfahrenen Soldaten kämpfen?« »Ja, Gebieter.« »Und was will mir der Irre mitteilen? Möchte er vielleicht darauf hin- weisen, daß er mir nichts übelnimmt?« »Ganz im allgemeinen gesprochen… Ja, Gebieter. Ich glaube, sein Motto lautet: ›Es kommt nicht auf Sieg oder Niederlage an. Hauptsache, wir sind dabeigewesen.‹« Die Lippen des Prinzen bewegten sich, als er die Worte lautlos wieder- holte und sie zu verstehen versuchte. Schließlich erwiderte er: »Und die Soldaten nehmen Befehle von ihm entgegen, obwohl sie dieses Motto kennen?« »So scheint es, Gebieter.« Prinz Cadram schüttelte den Kopf. Wir können von Ankh-Morpork lernen, hatte sein Vater gesagt. Manchmal können wir lernen, was wir besser nicht tun sollten. Und so begann Cadram zu lernen. Er erfuhr, daß Ankh-Morpork einst über einen recht großen Teil von Klatsch geherrscht hatte. Der Prinz erinnerte sich, daß er die Ruinen einer Kolonie gesehen hatte, und dort erfuhr er auch den Namen des Mannes, der damals als Eroberer so erfolgreich gewesen war. Anschlie- ßend schickte er Agenten nach Ankh-Morpork, um so viel wie möglich über den Betreffenden herauszufinden. General Taktikus lautete sein Name. Prinz Cadram hatte viel gelesen und erinnerte sich an alles. Die »Taktik« wurde zu einem wichtigen Werkzeug bei der Erweiterung des Reiches. Natürlich gab es auch Nachteile. Irgendwo verlief eine Grenze, und über diese Grenze ka- men… Räuber. Also schickte man eine Streitmacht aus, um weitere Überfälle zu verhindern. Und um den Räubern das Handwerk zu legen, mußte man ihr Land besetzen, was dazu führte, daß man sich schon bald, um die Verwaltung eines weiteren unruhigen Vasallenstaates kümmern mußte. Der hatte ebenfalls eine Grenze, und jenseits davon, so sicher wie der nächste Sonnenaufgang, gab es andere Leute, die auf eine günstige Gelegenheit für Überfälle warteten. Die neuen Steuerzahler verlangten Schutz vor den anderen Räubern. Manchmal »vergaßen« sie vielleicht, einen Teil der Steuern abzuführen, und gelegentlich gingen sie selbst auf den einen oder anderen Raubzug, um ihr Einkommen ein wenig aufzu- bessern. Also blieb einem nichts anderes übrig, als erneut eine Streit- macht zusammenzustellen, ob man wollte oder nicht… Cadram seufzte. Für den ernsthaften Erbauer eines Reiches gab es kei- ne letzte Grenze. Für ihn ergaben sich immer neue Probleme. Wenn die Leute das doch endlich verstehen würden… Es existierte auch kein Spiel namens Krieg. General Taktikus hatte das gewußt. Bringe die Größe der gegnerischen Truppen in Erfahrung, und respektiere auch die Fähigkeiten des Feindes, sofern er welche hat. Aber gehe nie davon aus, daß du dich anschließend bei einem gemütlichen Gläschen treffen kannst, um die Einzelheiten der Schlacht noch einmal Revue passieren zu lassen. »Vielleicht ist er verrückt, Gebieter«, sagte General Ashal. »Oh, gut.« »Allerdings habe ich gehört, daß er unlängst die Klatschianer als die be- sten Soldaten auf der ganzen Welt bezeichnet hat, Gebieter.« »Ach?« »Er fügte hinzu: ›Wenn sie ihre Anweisungen von weißen Offizieren bekommen‹, Gebieter.« »Oh?« »Wir bieten ihm ein Frühstück an, Gebieter. Es wäre sehr unhöflich von ihm, ein solches Angebot abzulehnen.« »Eine gute Idee. Haben wir genug Schafsaugen?« »Ich habe mir erlaubt, die Köche anzuweisen, einen ausreichenden Vorrat für diese Gelegenheit anzulegen, Gebieter.« »Dann soll er sie so bald wie möglich bekommen. Immerhin ist er un- ser Ehrengast. Wir sollten auf angemessene Weise vorgehen. Bitte ver-, such den Eindruck zu erwecken, daß du den Geschmack von kaltem Stahl verabscheust.« Auf dem Sand zwischen den beiden Heeren hatten die Klatschianer ein Zelt mit offenen Seiten errichtet. Ein niedriger Tisch stand dort im Schatten. Daran saßen Lord Rust und seine Begleiter – sie warteten be- reits seit einer guten halben Stunde. Als Prinz Cadram hereinkam, standen sie auf und verbeugten sich steif. Die im Zelt anwesenden Ehrenwachen aus Klatsch und Ankh-Morpork wechselten argwöhnische Blicke und hielten gegenseitig nach schwachen Punkten Ausschau. »Und nun… spricht einer der Herren Klatschianisch?« fragte Cadram nach einer recht langen Vorstellungszeremonie. Lord Rusts Lächeln erstarrte auf seinen Lippen. »Hornett?« zischte er. »Ich bin mir nicht ganz sicher, was er gesagt hat, Herr«, erwiderte der Leutnant nervös. »Ich dachte, du kannst Klatschianisch!« »Ich kann Klatschianisch lesen, Herr. Das ist etwas anderes…« »Oh, keine Sorge«, warf der Prinz ein. »Wie man bei uns sagt: Dieser Narr führt ein Heer?« Die klatschianischen Generäle im Zelt setzten plötzlich Pokermienen auf. »Hornett?« »Etwas über… besitzen oder kontrollieren, Herr…« Cadram sah Lord Rust an und lächelte. »Mit diesem Brauch bin ich nicht sehr vertraut«, sagte er. »Trittst du deinen Feinden immer vor einer Schlacht gegenüber?« »Es gilt als ehrenvoll«, erklärte Lord Rust. »Um nur ein Beispiel zu nennen: Am Abend vor der berühmten Schlacht von Pseudopolis trafen sich Offiziere von beiden Seiten auf einem Ball bei Lady Selachii.« Cadram sah zu General Ashal, der nickte. »Wirklich? Offenbar müssen wir noch viel lernen. Wie der Prophet Mosheda sagte: Dieser Mann ist unglaublich.«, »Ah, ja«, sagte Lord Rust. »Klatschianisch ist eine sehr poetische Spra- che.« »Ich bitte um Entschuldigung, Herr«, ließ sich Leutnant Hornett ver- nehmen. »Was ist denn, Mann?« »Es…äh… geht etwas vor…« Eine Staubwolke erhob sich in der Ferne. Jemand näherte sich ziemlich schnell. »Einen Augenblick«, sagte General Ashal. Als er wenige Sekunden später vom Sattel seines Kamels zurückkehrte, hielt er ein mit verschnörkelten klatschianischen Schriftzeichen verziertes Metallrohr in den Händen. Er richtete es auf die Staubwolke und blickte durch das eine Ende. »Reiter«, sagte er »Kamele und Pferde.« »Das ist ein Macht-Dinge-größer-Apparat, nicht wahr?« fragte Lord Rust. »Meine Güte, ihr seid modern. Man hat sie erst im letzten Jahr er- funden.« »Ich habe dies nicht gekauft, sondern von meinem Großvater geerbt, Lord.« Der General blickte erneut durchs Fernrohr. »Etwa vierzig Män- ner, würde ich sagen.« »Meine Güte«, murmelte Prinz Cadram. »Verstärkung, Lord Rust?« »Der… Reiter ganz vorn… trägt eine Fahne, glaube ich. Sie ist noch zusammengerollt…« »Unerhört!« entfuhr es Lord Rust. Hinter ihm seufzte Lord Selachii. »Ah, jetzt entrollt er sie. Es… es ist eine… weiße Fahne, Gebieter.« »Jemand möchte sich ergeben?« Der General ließ das Fernrohr sinken. »Ich weiß nicht, Gebieter… Wer auch immer die Fremden sind: Sie scheinen es sehr eilig zu haben.« »Schick ihnen eine Gruppe entgegen, mit dem Befehl, sie zu ergreifen«, sagte Prinz Cadram. »Wir schicken ebenfalls eine Gruppe«, stieß Lord Rust hastig hervor und nickte dem Leutnant zu., »Oh, eine gemeinsame Aktion«, kommentierte der Prinz. Kurze Zeit später verließen Männer die beiden Heere und ritten auf Abfangkurs los. Alle sahen, wie es in der näher kommenden Wolke aufblitzte – dort wurden Waffen gezogen. »Mit der Kapitulationsfahne in den Kampf ziehen?« Lord Rust konnte es kaum fassen. »Das ist… unmoralisch!« »Es dürfte zumindest neu sein«, meinte der Prinz. Die drei Gruppen wären sich begegnet, wenn nicht auch Experten Probleme gehabt hätten, die Geschwindigkeit eines galoppierenden Ka- mels richtig einzuschätzen. Als die Anführer der beiden ausgeschickten Gruppen begriffen, daß sie den Kurs ändern mußten, hätten sie den Kurs bereits geändert haben müssen. »Offenbar haben deine Leute die Dinge falsch beurteilt, Prinz«, sagte Lord Rust. »Ich wußte, daß es besser gewesen wäre, sie von weißen Offizieren füh- ren zu lassen«, erwiderte Cadram. »Allerdings… Deine Leute scheinen ebenfalls Pech zu haben…« Er unterbrach sich. Es entstand Verwirrung. Die beiden Gruppen wa- ren mit klaren Anweisungen aufgebrochen, doch niemand hatte ihnen gesagt, wie sie sich verhalten sollten, wenn sie der jeweils anderen Grup- pe begegneten – die immerhin aus kampfbereiten Männern bestand, aus heimtückischen Handtuchköpfen und hinterhältigen Würstchenfressern. Und sie befanden sich auf einem Schlachtfeld. Und alle fürchteten sich, was Zorn in ihnen weckte. Und alle waren bewaffnet. Sam Mumm hörte die Schreie hinter sich, aber derzeit galt seine Auf- merksamkeit anderen Dingen. Es ist unmöglich, auf dem Rücken eines schnell laufenden Kamels zu hocken, ohne sich dabei auf Leber und Nieren zu konzentrieren und zu hoffen, daß sie nicht aus dem Körper herausgeschleudert werden. Mumm war sicher, daß sich die Beine des Tiers nicht auf die richtige Weise bewegten. Nichts auf normalen Beinen konnte ihn so durchschüt- teln. Der Horizont sauste vor und zurück und gleichzeitig nach oben und unten., Was hatte Ahmed gesagt? Mumm schlug fest mit dem Stock zu und rief: »Huthuthut!« Das Kamel beschleunigte. Die einzelnen Erschütterungen flossen in- einander, und das Ergebnis war eine Art permanenter Ruck. Mumm schlug erneut zu und versuchte, »Huthuthut!« zu rufen, doch es klang eher nach »Hnghnghng!« Das Kamel schien irgendwo zusätzliche Knie zu finden. Noch mehr Schreie ertönten hinter ihm. Er drehte den Kopf so weit, wie er es wagte, und stellte fest, daß einige D’regs zurückfielen. Mumm glaubte, auch Karottes Stimme zu hören, aber er war nicht ganz sicher, weil sein eigenes Schreien in seinen Ohren widerhallte. »Bleib stehen, du Mistvieh!« heulte er. Das Zelt raste ihm entgegen. Mumm schlug mit dem Stock und zerrte an den Zügeln. Das Kamel schien einen besonderen Sinn für Momente zu haben, die dem Reiter ein Maximum an Verlegenheit bescherten – einen solchen Augenblick sah es nun gekommen und blieb stehen. Mumm glitt nach vorn und schlang die Arme um einen Hals, der sich anfühlte, als bestünde er aus alten Türmatten. In einer Mischung aus Fallen und Rutschen landete er schließlich im Sand. Um ihn herum kamen andere Kamele zum Stehen. Karotte griff nach Mumms Arm und half ihm auf die Beine. »Ist alles in Ordnung mit dir, Herr Kommandeur? Das war bemer- kenswert! Du hast die D’regs mit deinen Schreien sehr beeindruckt! Und du hast das Kamel noch immer angetrieben, als es längst schon galop- pierte!« »Gngn?« Die Wächter am Zelt zögerten, aber bestimmt nicht mehr lange. Der Wind ließ die weiße Fahne an Karottes Speer flattern. »Es ist doch alles in Ordnung, Herr Kommandeur? Ich meine, norma- lerweise dient eine weiße Fahne dazu…« »Wir sollten ruhig zeigen, wofür wir kämpfen, oder?« »Ich denke schon, Herr Kommandeur.«, D’regs umringten das Zelt. Die Luft war voller Staub und lauter Stim- men. »Was ist dort drüben passiert?« »Es gab ein kleines Durcheinander, Herr Kommandeur. Unsere…« Karotte zögerte und korrigierte sich. »Soldaten aus Ankh-Morpork und Klatschianer kämpften gegeneinander, Herr Kommandeur. Und die D’regs fielen über beide Seiten her.« »Was, vor dem offiziellen Beginn der Schlacht? Kann man dafür nicht disqualifiziert werden?« Mumm sah zu den Wächtern und deutete dann auf die Fahne. »Wißt ihr, was diese Fahne bedeutet?« fragte er. »Nun, ich möchte, daß ihr…« »Bist du nicht Herr Mumm?« fragte einer der Morporkianer. »Und das ist doch Hauptmann Karotte, oder?« »Oh, hallo, Herr Kleinbrett«, erwiderte Karotte. »Geht es dir gut?« »Ja, Herr!« Mumm rollte mit den Augen. Typisch Karotte – er kannte jeden. Und der Mann hatte ihn »Herr« genannt. »Wir müssen diese Sache hier erledigen«, sagte Karotte. »Es dauert nicht lange.« »Nun, Herr, die Handtu…« Kleinbrett zögerte. Manche Ausdrücke kommen einem nicht leicht über die Lippen, wenn die Personen, auf die sie sich beziehen, in der Nähe sind und recht eindrucksvoll wirken. »Die Klatschianer stehen hier ebenfalls Wache, Herr, und…« Eine dünne blaue Rauchwolke strich an Mumms Ohr vorbei. »Guten Morgen, meine Herren«, sagte 71-Stunden-Ahmed. Er hielt ei- ne D’reg-Armbrust in jeder Hand. »Es dürfte eurer Aufmerksamkeit nicht entgehen, daß auch die Soldaten hinter mir gut bewaffnet sind. Nun, ich bin 71-Stunden-Ahmed. Ich erschieße den Mann, der seine Waffe als letzter fallen läßt. Darauf gebe ich euch mein Wort.« Die Morporkianer wirkten verwirrt. Die Klatschianer flüsterten nervös miteinander. »Weg damit, Jungs«, sagte Mumm., Die Morporkianer trennten sich rasch von ihren Schwertern. Die Klat- schianer hielten ihre etwas länger fest. »Unentschieden zwischen dem Herrn auf der linken Seite und dem großen Schieler dort drüben«, sagte 71-Stunden-Ahmed und hob beide Armbrüste. »He«, warf Mumm ein, »du kannst doch nicht…« Die Sehnen der Armbrüste surrten. Beide Männer gingen zu Boden und schrien schmerzerfüllt. »Aber mit Rücksicht auf Kommandeur Mumms Zartgefühl«, sagte Ahmed, reichte die Armbrüste einem D’reg hinter ihm und nahm gleich- zeitig eine geladene entgegen, »gebe ich mich mit Schüssen in Ober- schenkel und Fuß zufrieden. Immerhin ist dies eine Friedensmission.« Er wandte sich an Mumm. »Tut mir leid, Sir Samuel, aber die Leute sollen wissen, wo sie mit mir stehen.« »Die beiden Burschen stehen nicht mehr«, erwiderte Mumm. »Aber sie leben.« Mumm schob sich etwas näher an den Wali heran. »Huthuthut?« flüsterte er. »Du hast behauptet, damit hält man an…« »Ich dachte, daß du allen ein gutes Beispiel gibst, wenn du an der Spit- ze reitest«, entgegnete Ahmed ebenso leise. »Die D’regs folgen stets ei- nem Mann, der es nicht abwarten kann, sich in den Kampf zu stürzen.« Lord Rust trat in den Sonnenschein und warf Mumm einen finsteren Blick zu. »Mumm? Was hat das zu bedeuten?« »Es bedeutet, daß ich meinen Pflichten gerecht werde, Lord.« Mumm trat an ihm vorbei in den Schatten des Zelts. Prinz Cadram saß noch immer am Tisch. Und es waren viele Bewaffnete anwesend. Sie wirkten nicht wie gewöhnliche Soldaten, stellte Mumm fest. Sie sahen gefährlicher aus, wie treu ergebene Leibwächter. »Du kommst bewaffnet und mit der Fahne des Friedens?« fragte Ca- dram. »Bist du Prinz Cadram?« erwiderte Mumm., Der Prinz schenkte ihm keine Beachtung. »Und du ebenfalls, Ahmed?« Ahmed nickte und schwieg. Nein, nicht jetzt, dachte Mumm. Zäh wie Leder und gemein wie eine Wespe. Doch jetzt befindet er sich in der Gegenwart seines Königs… »Du bist verhaftet«, sagte er. Der Prinz gab ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen Husten und Lachen lag. »Ich bin was?« »Ich verhafte dich wegen eines Mordkomplotts, das zum Tod deines Bruders führen sollte. Und vielleicht füge ich weitere Anklagen hinzu.« Der Prinz hob die Hände vors Gesicht und ließ sie dann langsam zum Kinn sinken – die Geste eines müden Mannes, der sich bemühte, mit einer anstrengenden Situation fertig zu werden. »Herr…?«, begann er. »Sir Samuel Mumm von der Stadtwache Ankh-Morporks«, sagte Mumm. »Nun, Herr Mumm, wenn ich die Hand hebe, schneiden dich die Män- ner hinter mir in…« »Ich töte den ersten, der sich rührt«, warf Ahmed ein. »Und der zweite wird dich töten, Verräter!« rief der Prinz. »Dann muß er sehr schnell sein«, sagte Karotte und zog sein Schwert. »Möchte jemand der dritte Mann sein?« fragte Mumm. »Nun?« General Ashal bewegte sich, aber ganz vorsichtig – sein Hand kroch in die Höhe. Die Leibwächter entspannten sich ein wenig. »Was bedeutet die… Lüge hinsichtlich des Mordkomplotts?« fragte er. »Bist du übergeschnappt, Ashal?« entfuhr es dem Prinzen. »Bevor ich solchen bösartigen Lügen keinen Glauben schenken kann, Gebieter, muß ich erst einmal wissen, worum es dabei geht.« »Du hast wohl den Verstand verloren, Mumm?« ereiferte sich Lord Rust. »Du kannst doch nicht den Oberbefehlshaber eines Heeres verhaf- ten!«, »Ich glaube, dazu sind wir durchaus berechtigt, Herr Mumm«, sagte Karotte. »Übrigens können wir nicht nur den Oberbefehlshaber verhaf- ten, sondern auch sein Heer. Warum eigentlich nicht? Wir werfen den Leuten zum Beispiel ein Verhalten vor, das den Frieden gefährdet, Herr Kommandeur. Ich meine, immerhin stellt der Krieg eine erhebliche Ge- fahr für den Frieden dar.« Ein irres Grinsen dehnte sich in Mumms Gesicht aus. »Das gefällt mir.« »Aber um fair zu bleiben: Auch unsere Streitmacht, ich meine, die Sol- daten aus Ankh-Morpork…« »Wir verhaften sie ebenfalls«, sagte Mumm. »Wir verhaften alle. Kom- plott mit der Absicht, Krawalle zu schaffen.« Er zählte die einzelnen Punkte an den Fingern ab. »Tragen von Ausrüstung, die dazu dient, ein Verbrechen zu begehen. Behinderung. Bedrohliches Gebaren. Vorsätzli- ches Herumlungern. Unerlaubtes Zelten in der Wüste. Reisen mit dem Ziel, ein Verbrechen zu verüben. Arglistige Herumtreiberei. Tragen von versteckten Waffen.« »Nun, der letzte Punkt…«, begann Karotte skeptisch. »Ich kann sie nicht sehen«, sagte Mumm. »Ich befehle dir, unverzüglich Vernunft anzunehmen, Mumm!« donnerte Lord Rust. »Bist du zu lange in der Sonne gewesen?« »Bei Seiner Lordschaft kommt als Anklagepunkt aggressives Verhalten mit Beleidigungsabsicht hinzu«, teilte Mumm Karotte mit. Der Blick des Prinzen galt noch immer dem Kommandeur der Wache. »Glaubst du wirklich, daß du ein Heer verhaften kannst?« fragte er. »Hast du vielleicht ein größeres Heer?« »Oh, das brauche ich gar nicht«, sagte Mumm. »Macht an einem Punkt – darauf hat Taktikus hingewiesen. Und derzeit befindet sich dieser Punkt am vorderen Ende von Ahmeds Armbrust. D’regs würden sich davon kaum beeindrucken lassen, aber du… Ich schätze, du denkst nicht wie sie. Sag deinen Kriegern, daß sie die Waffen niederlegen sollen. Ich möchte, daß du sofort entsprechende Anweisungen erteilst.« »Selbst Ahmed würde seinen Prinzen nicht kaltblütig erschießen«, sagte Prinz Cadram., Mumm griff nach der Armbrust. »Das verlange ich auch gar nicht von ihm!« Er zielte. »Gib den Befehl!« Cadram starrte ihn an. »Ich zähle bis drei!« rief Mumm. General Ashal beugte sich zum Prinzen vor und flüsterte etwas. Ca- drams Züge verhärteten sich, als sein Blick zum Kommandeur der Wa- che zurückkehrte. »Ganz recht«, bestätigte Mumm. »Es liegt in der Familie.« »Es wäre Mord!« »Tatsächlich? Im Krieg? Ich komme aus Ankh-Morpork. Du müßtest also mein Feind sein. Wer im Krieg tötet, macht sich nicht des Mordes schuldig. Ich schätze, das steht irgendwo geschrieben.« Erneut beugte sich der General vor und flüsterte. »Eins«, sagte Mumm. Der leise Wortwechsel wurde schneller. »Zwei.« »Meinprinzmöchtedirmitteilen…«, begann der General. »Du kannst ruhig langsamer sprechen«, sagte Mumm. »Ich lasse den Befehl überbringen, falls es dich glücklich macht«, mein- te der General. »Wenn du gestattest, daß die Kuriere aufbrechen…« Mumm nickte und ließ die Armbrust sinken. Der Prinz rutschte voller Unbehagen zur Seite. »Die Regimenter aus Ankh-Morpork werden ebenfalls entwaffnet.« »Verdammt, Mumm, du bist auf unserer Seite…«, protestierte Rust. »Bei den Göttern, ich erschieße heute noch jemanden, und vielleicht entscheide ich mich für dich, Rust«, knurrte Mumm. »Herr?« Leutnant Hornett zupfte an Lord Rusts Jacke. »Wenn ich dich kurz sprechen könnte…« Lord und Leutnant flüsterten kurz miteinander. Dann brach der jünge- re Mann auf. »Na schön, wir sind alle entwaffnet und verhaftet«, sagte Rust. »Und was nun?«, »Ich sollte ihnen ihre Rechte vorlesen, Herr Kommandeur«, meinte Karotte. »Wovon redest du da?« fragte Mumm. »Von den Männern dort draußen, Herr Kommandeur.« »Oh, ja. In Ordnung. Meinetwegen.« Lieber Himmel, ich habe ein ganzes Schlachtfeld verhaftet, dachte Mumm. So etwas ist unmöglich. Aber ich habe es trotzdem fertiggebracht. Und im Wachhaus haben wir nur sechs Zellen, und in einer davon bewahren wir die Kohlen auf. Es ist unmöglich… War dies das Heer, das deine Heimat überfallen hat, Gnäfrau? Nein, ich glaube, es war etwas größer… Und dies hier? Ich bin mir nicht sicher… Könnten die Soldaten ein wenig auf und ab marschieren? Draußen ertönte Karottes gedämpft klingende Stimme. »Und nun… Könnt ihr mich alle hören? Auch die Herren ganz hinten? Wer mich nicht hören kann, soll bitte die Hand heben…Na schön, hat jemand ein Sprachrohr? Oder ein Stück Pappe, das ich zusammenrollen kann? Nun, dann muß ich eben besonders laut sprechen…« »Was jetzt?« fragte der Prinz. »Ich bringe dich nach Ankh-Morpork…« »Das glaube ich nicht. Das käme einer Kriegserklärung gleich.« »Du machst alles zu einer Farce, Mumm!« hielt Lord Rust dem Kom- mandeur vor. »Dann bin ich ja auf dem richtigen Weg.« Mumm nickte Ahmed zu. »Du wirst dich hier für deine Verbrechen verantworten müssen, Gebie- ter.« »Vor welchem Gericht?« fragte der Prinz. Ahmed beugte sich zu Mumm. »Was sieht dein Plan von dieser Stelle an vor?« flüsterte er. »So weit bin ich mit der Planung überhaupt nicht gekommen!« »Ah. Nun… es war zumindest recht interessant, Sir Samuel.«, Prinz Cadram sah Mumm an und lächelte. »Möchtest du etwas Kaffee, während du über deine nächsten Schritte nachdenkst?« Seine einladende Geste galt einer verzierten silbernen Kanne auf dem Tisch. »Wir haben Beweise«, sagte Mumm. Gleichzeitig spürte er, wie die Welt unter ihm schrumpfte und sich aufzulösen drohte. Es mag durch- aus einen Sinn haben, alle Brücken hinter sich abzubrechen, aber dabei sollte man besser nicht auf ihnen stehen. »Tatsächlich? Faszinierend. Und wem willst du die Beweise zeigen, Sir Samuel?« »Wir müssen ein Gericht finden.« »Interessant. Vielleicht ein Gericht in Ankh-Morpork? Oder eines hier?« »Jemand hat mich darauf hingewiesen, daß die Welt zusieht«, sagte Mumm. Es war still, abgesehen von Karottes dumpfer Stimme und dem gele- gentlichen Summen einer Fliege. »… Bimmel-bimmel-bamm…« In der Stimme des Disorganizers ließ sich jetzt kein munteres Quieken mehr vernehmen. Sie klang müde und verwirrt. Köpfe drehten sich. »Sieben Uhr morgens… Verteidigung am Flußtor organisieren… Sie- ben Uhr fünfundzwanzig… Nahkampf in der Pfirsichblütenstraße… Sieben Uhr achtundvierzig… undvierzig… undvierzig… Überlebende auf dem Hiergibt’salles-Platz versammeln… Heutige Aufgaben: Barrika- den bauen bauen bauen…« Mumm fühlte Bewegung hinter sich, und kurz darauf nahm er leichten Druck wahr. Ahmed stand Rücken an Rücken mit ihm. »Worüber redet das Ding da?« »Keine Ahnung. Klingt nach einer anderen Welt.« Er spürte, wie die Ereignisse einer fernen Mauer entgegenrasten. Schweiß brannte ihm in den Augen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er zum letztenmal richtig geschlafen hatte. In seinen Beinen zuckte, es. Seine Arme schmerzten, und das Gewicht der schweren Armbrust drückte sie nach unten. »… bimmel… Acht Uhr zwei, Tod von Korporal Kleinpopo… Acht Uhr drei… Tod von Feldwebel Detritus… Acht Uhr dreidreidrei und sieben Sekunden… Tod von Obergefreiter Besuch… Acht Uhr drei und neunneunneun Sekunden… Tod von Tod von Tod von…« »Es heißt, einer deiner Vorfahren hätte in Ankh-Morpork einen König getötet«, sagte der Prinz. »Und auch mit ihm nahm es kein gutes Ende.« Mumm hörte gar nicht zu. »… Tod von Obergefreiter Dorfl… Acht Uhr drei und vierzehnzehn- zehn Sekunden…« Die Gestalt auf dem Thron schien sich zu dehnen und die ganze Welt zu füllen. »… Tod von Hauptmann Karotte Eisengießersohn… bimmel…« Und Mumm dachte: Fast hätte ich mich nicht auf den Weg gemacht. Fast wäre ich in Ankh-Morpork geblieben. Er hatte sich immer gefragt, was Altes Steingesicht an jenem kalten Morgen empfunden haben mochte, als er die Axt nahm, die ohne den Segen der Justiz blieb, weil der König nicht einmal dann ein Gericht an- erkannt hätte, wenn irgendein Richter bereit gewesen wäre, seinen Fall zu verhandeln. Welche Gefühle regten sich an jenem kalten Morgen in Altes Steingesicht Mumm, als er sich anschickte, das zu durchtrennen, was viele Leute für eine Verbindung zwischen Menschen und dem Gött- lichen hielten…? »… bimmel… Aufgaben heute Aufgaben heute: Sterben…« Die Empfindung floß ihm wie warmes Blut durch die Adern. Solche Gefühle stellten sich ein, wenn einem die Gesetze ausgingen, wenn man in das spöttische Gesicht jenseits davon blickte und den Eindruck ge- wann, unmöglich weiterleben zu können, wenn man nicht über die Linie trat und erledigte, was erledigt werden mußte… Stimmen erklangen draußen. Mumm blinzelte den Schweiß fort. »Ah… Kommandeur Mumm…«, sagte jemand, den er an diesem Ort gewiß nicht erwartet hätte., Er blickte weiterhin den Prinzen an. »Ja?« Eine Hand zuckte vor und nach unten und nahm den Bolzen aus der Rille. Mumm blinzelte erneut, und sein Zeigefinger zog ganz automatisch den Auslöser. Die Sehne der Armbrust surrte. Und der Gesichtsausdruck des Prinzen, so wußte Mumm, würde ihm in kalten Nächten Wärme spenden. Falls es jemals wieder kalte Nächte für ihn gab. Er hatte gehört, wie sie alle starben. Aber sie waren nicht tot. Doch das verdammte Ding hatte jeweils den genauen Zeitpunkt genannt… Lord Vetinari ließ den Bolzen fallen, wie etwas, das ihn mit Abscheu erfüllte. So verhielten sich Damen der Gesellschaft, wenn sie mit etwas Klebrigem fertig werden mußten. »Gute Arbeit, Mumm. Wie ich sehe, hast du den Esel bis zur Spitze des Minaretts geführt. Guten Morgen, meine Herren.« Der Patrizier bedach- te die Anwesenden mit einem freundlichen Lächeln. »Allem Anschein nach bin ich nicht zu spät dran.« »Vetinari?« brachte Rust hervor und schien zu erwachen. »Was machst du hier? Dies ist ein Schlachtfeld…« »Wirklich?« Der Patrizier gönnte ihm ein eigenes kurzes Lächeln. »Draußen sitzen Leute herum. Viele von ihnen scheinen damit beschäf- tigt zu sein, Tee oder Kaffee zu kochen. Und Hauptmann Karotte orga- nisiert ein Fußballspiel.« »Er organisiert was?« brachte Mumm hervor und ließ die Armbrust sin- ken. Plötzlich gewann die Welt die Realität zurück. Wenn Karotte so aktiv wurde, war wieder alles normal. »Ich fürchte, bisher hat es ziemlich viele Fouls gegeben. Aber von ei- nem Schlachtfeld würde ich deshalb nicht sprechen.« »Wer führt?« »Ankh-Morpork, glaube ich. Mit zwei gebrochenen Schienbeinen und einer blutigen Nase.« Zum erstenmal seit langer Zeit verspürte Mumm so etwas wie Patrio- tismus. Alles andere mochte seinen Platz im Abort haben, aber wenn es darum ging, ordentlich zuzutreten… dann wußte er, auf welche Seite er gehörte., »Außerdem scheint mir, daß ziemlich viele Leute verhaftet worden sind«, fuhr der Patrizier fort. »Ganz offensichtlich herrscht kein Kriegs- zustand; es läßt sich höchstens ein Fußballzustand feststellen. Deshalb halte ich es für angebracht, wieder die Regierungsverantwortung zu übernehmen. Entschuldigt bitte, aber es dauert nicht lange.« Er hob den Metallzylinder und begann das eine Ende abzuschrauben. Aus irgendeinem Grund fühlte sich Mumm versucht, einige Schritte zurückzuweichen. »Was ist das?« »Ich dachte mir, daß ich es vielleicht brauche«, sagte Vetinari. »Die Vorbereitungen haben einige Zeit gedauert, aber es dürfte die Mühe wert sein. Hoffentlich ist noch alles gut lesbar. Wir haben versucht, es vor Feuchtigkeit zu schützen.« Eine dicke Papierrolle rutschte aus dem Zylinder und fiel zu Boden. »Gibt es nichts für dich zu tun, Kommandeur?« fragte der Patrizier. »Vielleicht braucht man dich draußen als Schiedsrichter.« Mumm hob die Rolle auf und las die ersten Zeilen. »In Anbetracht der Tatsache… beigefügte Dokumente und so weiter… Stadt Ankh-Morpork… Kapitulation?« »Was?« entfuhr es Rust und dem Prinzen gleichzeitig. »Ja, Kapitulation«, sagte Vetinari fröhlich. »Ein kleines Stück Papier, und die Sache ist vorbei. Ihr werdet feststellen, daß alles in Ordnung ist.« »Du kannst nicht…«, begann Rust. »Du kannst nicht…«, sagte der Prinz. »Bedingungslos?« fragte General Ashal scharf. »Ja, ich denke schon«, erwiderte Vetinari. »Wir erheben keinen An- spruch mehr auf Leshp. Wir ziehen alle unsere Truppen aus Klatsch zurück und sorgen außerdem dafür, daß unsere Zivilisten die Insel ver- lassen. Was Reparationen betrifft… Sollen wir uns auf zweihundertfünf- zigtausend Ankh-Morpork-Dollar einigen? Zusätzlich besondere Han- delsvereinbarungen, wie zum Beispiel die Meistbegünstigungsklausel und so weiter und so fort. Es ist alles niedergeschrieben. Ihr könnt es in Ruhe lesen.«, Er reichte das Dokument über den Kopf des Prinzen hinweg dem Ge- neral, der es entgegennahm und mit großem Interesse darin blätterte. »Aber wir haben doch gar nicht soviel…«, begann Mumm. Vielleicht bin ich tot und weile jetzt im Jenseits, dachte er. Oder ich habe einen ziemlich harten Schlag auf den Kopf bekommen, weshalb mir die Phan- tasie bestimmte Dinge vorgaukelt… »Ein Trick!« brachte der Prinz hervor. »Das Dokument ist gefälscht!« »Nun, dieser Mann scheint Lord Vetinari zu sein, und ich sehe hier das offizielle Siegel von Ankh-Morpork«, erwiderte der General. »›In Anbe- tracht… Hiermit wird erklärt… Ohne irgendwelche Bedingungen… Ratifizierung innerhalb von vier Tagen… Handelsvereinbarungen…‹ Ja, alles macht einen sehr authentischen Eindruck.« »Ich lehne es strikt ab!« »Ich verstehe, Gebieter. Allerdings sind in dem Dokument alle Punkte enthalten, von denen du in der letzten Woche gesprochen hast, Gebie- ter…« »Ich bin ganz und gar nicht bereit, eine solche Vereinbarung zu treffen!« rief Rust. Sein Zeigefinger zielte auf die Nase des Patriziers. »Dafür wirst du verbannt!« Wir haben nicht so viel Geld, wiederholte Mumm in Gedanken. Wir sind eine reiche Stadt, was aber nicht heißt, daß wir über Geld verfügen. Der Reichtum von Ankh-Morpork besteht aus den Bürgern. Und die Bürger klammern sich an ihren Vermögen fest. Er spürte, wie der Wind aus einer anderen Richtung wehte. Vetinari beobachtete ihn. Und in den Augen von General Ashal stand eine gewisse Sehnsucht… »Ich schließe mich Lord Rusts Standpunkt an«, sagte Mumm. »Da- durch wird der gute Name von Ankh-Morpork in den Schmutz gezo- gen.« Zu seiner großen Überraschung schaffte er es, diese Worte auszu- sprechen, ohne dabei zu lächeln. »Wir verlieren nichts, Gebieter«, betonte General Ashal. »Der Gegner zieht sich aus Klatsch und von Leshp zurück…« »Kommt überhaupt nicht in Frage!« heulte Lord Rust., »Ganz meiner Meinung«, sagte Mumm. »Soll etwa die ganze Welt er- fahren, daß wir besiegt worden sind? Daß man uns überlistet hat?« Er beobachtete den Prinzen, dessen Blick von Gesicht zu Gesicht glitt. Gelegentlich starrte er ins Leere und schien dabei etwas tief in seinem Innern zu betrachten. »Zweihundertfünfzigtausend genügen nicht«, sagte der Prinz. Lord Vetinari zuckte mit den Schultern. »Wir können darüber verhan- deln.« »Es gibt viele Dinge, die ich kaufen muß.« »Vermutlich Dinge, die zu einem großen Teil aus scharfem Metall be- stehen«, entgegnete Vetinari. »Nun, wenn wir nicht von Geld sprechen, sondern von Warenlieferungen… Da ist durchaus Raum für eine gewis- se… Flexibilität…« Bald bekommt er Waffen von uns, dachte Mumm. »In einer Woche jagen wir dich aus der Stadt!« rief Rust. Mumm glaubte zu sehen, wie der General kurz lächelte. Ankh- Morpork ohne Vetinari, von Leuten wie Rust regiert… Er freute sich auf eine glänzende Zukunft. »Natürlich muß das Kapitulationsdokument in der Anwesenheit von Zeugen ratifiziert werden«, sagte Ashal. »Darf ich Ankh-Morpork vorschlagen?« meinte Lord Vetinari. »Neutrales Territorium wäre geeigneter«, erwiderte der General. »Aber wo gibt es einen solchen Ort, zwischen Klatsch und Ankh- Morpork?« fragte Vetinari. »Nun, wie wäre es mit Leshp?« gab Ashal nachdenklich zurück. »Eine ausgezeichnete Idee«, lobte der Patrizier. »Darauf wäre ich nicht gekommen.« »Die Insel gehört uns ohnehin!« sagte der Prinz scharf. »Sie wird uns gehören, Gebieter, sie wird uns gehören«, wandte sich der General in beruhigendem Tonfall an ihn. »Wir nehmen sie in Besitz. Auf ganz legale Art und Weise. Während die Welt zusieht.«, »Und damit hat es sich?« warf Mumm ein. »Was ist mit den Verhaftun- gen? Ich…« »Dies sind Staatsangelegenheiten«, sagte Vetinari. »Und außerdem gibt es… diplomatische Erwägungen. Ich fürchte, bei der Neugestaltung der internationalen Ordnung können wir keine Rücksicht darauf nehmen, wie du das Verhalten eines einzelnen Mannes beurteilst.« Erneut hatte Mumm das Gefühl, daß es einen Unterschied gab zwi- schen den Worten, die er hörte, und denen, die tatsächlich ausgespro- chen wurden. »Ich werde nicht zulassen…«, begann er. »Es geht hier um wichtigere Dinge.« »Aber…« »Trotzdem hast du erstklassige Arbeit geleistet.« »Es gibt große und kleine Verbrechen, nicht wahr?« fragte Mumm. »Warum gönnst du dir nicht ein wenig Ruhe, Sir Samuel?« Lord Veti- nari zeigte eins seiner blitzschnellen Lächeln. »Du bist ein Mann der Tat, daran gewöhnt, Verbrecher zu verfolgen, mit Schwertern und Fakten umzugehen. Doch für diese Angelegenheit sind Männer des Wortes zu- ständig, die sich auf den Umgang mit Versprechen, Mißtrauen und Mei- nungen verstehen. Für dich ist der Krieg vorbei. Genieß den Sonnen- schein. Bald kehren wir alle heim. Du solltest noch ein wenig bleiben, Lord Rust…« Mumm begriff, daß ihn der Patrizier fortgeschickt hatte. Ruckartig drehte er sich um und verließ das Zelt. Ahmed folgte ihm. »Das ist dein Herr, nicht wahr?« »Nein! Er ist nur der Mann, der mich bezahlt!« »Es ist oft sehr schwer, den Unterschied auszumachen«, sagte Ahmed voller Anteilnahme. Mumm setzte sich in den Sand. Er wußte gar nicht, wie er sich bisher auf den Beinen gehalten hatte. Es gab jetzt eine gewisse Zukunft. Er wußte nicht, was sie ihm und allen anderen bescheren mochte, aber es gab eine. Noch vor fünf Minuten hatte die Sache ganz anders ausgesehen. Er verspürte den Wunsch, mit jemandem zu reden – damit er nicht über, die Todesbotschaften des Disorganizers nachdenken mußte. So genaue Angaben… »Was wird mit dir geschehen?« fragte er, um den letzten Gedanken zu vertreiben. »Wenn dies vorbei ist, meine ich. Dein Boß ist bestimmt nicht sehr zufrieden mit dir.« »Oh, die Wüste kann mich verschlucken.« »Bestimmt läßt er dich verfolgen. Er scheint mir ganz der Typ zu sein.« »Die Wüste wird auch alle Verfolger verschlucken.« »Ohne zu kauen?« »Glaub mir.« »So sollte es nicht laufen!« rief Mumm und blickte gen Himmel. »Weißt du, manchmal träume ich davon, daß wir uns auch um die großen Verbrechen kümmern können, daß es für Länder ebenfalls Gesetze gibt, nicht nur für Personen. Dann würde man Leute wie ihn…« Ahmed klopfte ihm auf die Schulter. »Ich weiß, wie es ist«, sagte er. »Ich träume ebenfalls.« »Tatsächlich?« »Ja. Meistens von Fischen.« Die Menge jubelte. »Offenbar ist jemandem ein überzeugendes Foul gelungen«, sagte Mumm. Sie rutschten und wankten den Hang einer Düne hinauf, um Ausschau zu halten. Jemand löste sich aus dem Gewirr von Spielern, stieß mit den Ellenbo- gen zu, trat um sich und näherte sich dem klatschianischen Tor. »Ist das nicht dein Diener?« fragte Ahmed. »Ja.« »Einer deiner Soldaten meinte, er hätte jemandem die Nase abgebis- sen.« Mumm hob und senkte die Schultern. »Ich weiß nur eins: Er wirkt ziemlich pikiert, wenn ich den Würfelzucker mit der Hand nehme, an- statt die Zange zu benutzen.«, Eine in Weiß gekleidete Gestalt marschierte, von Autorität begleitet, übers Spielfeld und blies in eine Pfeife. »Und der Mann ist euer König, nicht wahr?« »Nein.« »Wirklich nicht? Dann bin ich Königin Punjitrum von Sumtri.« »Karotte ist ebenso Polizist wie ich.« »Ein solcher Mann könnte mit einer Handvoll müder Krieger ein gan- zes Land erobern.« »Meinetwegen. An seinem freien Tag kann er tun und lassen, was er will.« »Und er nimmt Befehle von dir entgegen? Du bist ein erstaunlicher Mann, Sir Samuel. Aber ich glaube, du hättest den Prinzen nicht getötet.« »Nein. Ich nehme an, du hättest mich umgebracht, wenn ich wirklich bereit gewesen wäre, Cadram zu erschießen.« »Oh, natürlich. Mord vor Zeugen. Darauf muß ein Polizist reagieren.« Sie erreichten die Kamele. Eines drehte sich um, als Ahmed aufsteigen wollte, bemerkte ein besseres Ziel und spuckte nach Mumm. Mit großer Treffsicherheit. Ahmed sah noch einmal zu den Fußballspielern. »Oben in Klatschistan kennen die Nomaden ein ähnliches Spiel«, sagte er. »Allerdings sitzen sie dabei auf Pferden und versuchen, ein Objekt ins Tor zu treiben.« »Ein Objekt?« »Es ist besser, bei dem Begriff ›Objekt‹ zu bleiben, Sir Samuel. Und nun… Ich sollte jetzt losreiten. Es gibt Diebe in den Bergen. Und die Luft ist dort sehr klar. Für Polizisten gibt es immer Arbeit, wie du weißt.« »Denkst du daran, irgendwann einmal nach Ankh-Morpork zurückzu- kehren?« »Möchtest du mich wiedersehen, Sir Samuel?« »Die Stadt steht allen Besuchern offen. Melde dich im Wachhaus am Pseudopolisplatz, wenn du eintriffst.« »Damit wir über die alten Zeiten sprechen können?«, »Nein. Damit du mir dein Schwert geben kannst. Natürlich erhältst du eine Quittung und bekommst es zurück, wenn du die Stadt wieder ver- läßt.« »Das erfordert ein hohes Maß an Überredungskunst, Sir Samuel.« »Oh, ich glaube, ich würde dich nur einmal auffordern.« Ahmed lachte, nickte Mumm zu und ritt fort. Einige Minuten lang war er eine Gestalt am Fuß einer Staubsäule, dann wurde er zu einem zitternden Fleck im Hitzedunst. Schließlich ver- schluckte ihn die Wüste. Der Tag ging weiter. Klatschianische Offiziere und mehrere Repräsen- tanten der Regimenter von Ankh-Morpork wurden zum Zelt bestellt. Mumm näherte sich einige Male und hörte Stimmen verhandeln und streiten. Unterdessen richteten sich die Heere ein. Jemand hatte bereits einen Wegweiser aufgestellt, dessen Arme zur Heimat einiger Soldaten wiesen. Da praktisch alle aus Ankh-Morpork kamen, zeigten die Arme alle in die gleiche Richtung. Die meisten Wächter saßen auf der windabgewandten Seite einer Düne und leisteten dort einer verhutzelten Klatschianerin Gesellschaft, die über einem kleinen Feuer eine komplizierte Mahlzeit zubereitete. Alle schienen vollkommen lebendig zu sein, mit der Ausnahme von Reg Schuh. »Wo bist du gewesen, Feldwebel Colon?« fragte Mumm. »Kann ich leider nicht sagen, Herr Kommandeur. Seine Exzellenz hat mich zur Verschwiegenheit verpflichtet.« »Na schön.« Mumm ließ es dabei bewenden. Informationen von Colon zu bekommen… ähnelte dem Bemühen, die Feuchtigkeit aus einem Waschlappen zu entfernen. Es konnte warten. »Und Nobby?« »Hier, Herr Kommandeur!« Die verhutzelte Klatschianerin salutierte. Armreifen klirrten. »Du bist das?«, »Ja, Herr Kommandeur! Ich erledige die schmutzige Arbeit, wie es die Rolle der Frau im Leben verlangt. Obwohl Wächter zugegen sind, die einen niedrigeren Rang bekleiden, Herr!« »Ich bitte dich, Nobby«, sagte Colon. »Grinsi kann nicht kochen. Reg kommt nicht in Frage, weil wir damit rechnen müssen, daß Teile von ihm in die Pfanne fallen. Und Angua…« »… kocht nicht«, beendete Angua den Satz. Sie lag mit geschlossenen Augen auf einem Felsen, der sich als Detritus erwies. »Außerdem hast du mit dem Kochen begonnen, als fühltest du dich dafür zuständig«, meinte Colon. »Kebab, Herr?« fragte Nobby. »Es ist genug da.« »Wo hast du den Proviant aufgetrieben?« fragte Mumm erstaunt. »Beim klatschianischen Quartiermeister, Herr«, erwiderte Nobby und lächelte hinterm Schleier. »Ich habe meinen ganzen sexuellen Charme eingesetzt, Herr.« Mumms Kebab verharrte auf halbem Weg zum Mund, und Lammfett tropfte ihm auf die Beine. Er sah, wie Angua die Augen aufriß und ent- setzt gen Himmel starrte. »Ich habe gedroht, mich auszuziehen und zu schreien, wenn er nicht was Eßbares herausrückt, Herr.« »Damit hast du ihm zweifellos einen großen Schrecken eingejagt«, sagte Mumm. Angua wagte es, den angehaltenen Atem wieder entweichen zu lassen. »Ja, ich schätze, wenn ich richtig vorgehe, könnte ich zu einer von die- sen fatalen Frauen werden«, sagte Nobby. »Ich brauche einem Mann nur zuzuwinken, und schon rennt er weg. Könnte sehr nützlich sein.« »Ich habe ihn aufgefordert, die Uniform wieder anzuziehen, aber er meinte, er fühle sich in seiner gegenwärtigen Kleidung ganz wohl«, flü- sterte Colon Mumm zu. »Um ganz ehrlich zu sein, Herr: Allmählich ma- che ich mir Sorgen.« Damit komme ich nicht klar, dachte Mumm. Dafür gibt es keine Re- geln, die man in irgendeinem Buch nachschlagen kann. »Äh… wie soll ich es erklären…«, begann er., »Bitte erspart mir irgendwelche Hinweise darauf, was sich angeblich gehört und was nicht«, sagte Nobby. »Ich meine nur: Es kann manchmal ganz lehrreich sein, in andere Schuhe zu schlüpfen.« »Nun, solange sich die Sache auf Schuhe beschränkt…« »Ich habe einfach die sensible Seite meines Selbst kennengelernt«, fuhr Nobby fort. »Kann es etwa schaden, wenn man versucht, die Dinge aus dem Blickwinkel des anderen Mannes zu sehen – auch wenn der ›andere Mann‹ eine Frau ist?« Nobby blickte in die verschiedenen Gesichter und machte eine vage Geste. »Schon gut, schon gut. Ich ziehe meine Uniform an, sobald ich das Lager aufgeräumt habe. Seid ihr jetzt zufrieden?« »Hier duftet es gut!« Karotte näherte sich und ließ den Fußball dabei auf und ab hüpfen. Schweiß glänzte an seinem nackten Oberkörper. Die Pfeife baumelte an einer Schnur, die er um den Hals trug. »Es ist Halbzeit«, sagte er und nahm Platz. »Ich habe einige Männer mit dem Auftrag nach Gebra geschickt, viertausend Orangen zu holen. Die einzelnen Kapellen der Regimenter von Ankh-Morpork bilden in- zwischen ein Orchester, werden bald einen zackigen Rückmarsch hinle- gen und dabei allseits beliebte militärische Melodien erklingen lassen.« »Hat das… äh… Orchester den Rückmarsch geprobt?« fragte Angua. »Nein, ich glaube nicht.« »Dann dürfte die Vorstellung recht interessant werden.« »Ich möchte nicht zu neugierig erscheinen, Karotte«, sagte Mumm, »aber wo hast du mitten in der Wüste einen Fußball aufgetrieben?« Ir- gendwo tief in ihm flüsterte eine Stimme: Du hast gehört, wie er starb. Du hast gehört, wie sie alle starben… irgendwo anders. »Oh, ich habe immer einen dabei, der nur aufgepumpt werden muß, Herr Kommandeur. Ein Fußball eignet sich gut dazu, Frieden zu stiften. Äh… stimmt etwas nicht, Herr Kommandeur?« »Wie? Was? Oh. Ja. Bin nur ein wenig… müde. Nun, wer liegt in Füh- rung?« Mumm klopfte auf seine Taschen und entdeckte eine letzte Zigar- re., »Im großen und ganzen steht es noch Unentschieden. Ich mußte vier- hundertdreiundsiebzig Männer vom Platz verweisen. Und ich fürchte, Klatsch führt bei den Fouls, Herr Kommandeur.« »Sport als Ersatz für den Krieg, wie?« fragte Mumm. Er stocherte in der Asche von Nobbys Feuer und entdeckte eine halb verbrannte… Nun, es half, sich das Ding als eine Art Wüstenkohle vorzustellen. Karotte bedachte ihn mit einem ernsten Blick. »Ja, Herr Kommandeur. Niemand setzt Waffen ein. Und hast du bemerkt, daß das klatschianische Heer kleiner wird? Die Oberhäupter ferner Stämme führen ihre Leute fort. Sie meinen, es hätte keinen Sinn, noch länger an diesem Ort zu verweilen, wenn es nicht zu einem Kampf kommt. Ich glaube, sie woll- ten gar nicht hier sein. Und ich bezweifle, daß sie bereit wären, hierher zurückzukehren…« Laute Stimmen erklangen hinter ihnen. Männer kamen aus dem Zelt und stritten miteinander, unter ihnen auch Lord Rust. Er blickte sich um und sprach mit seinen Begleitern. Dann entdeckte er Mumm und raste ihm entgegen. »Mumm!« Der Kommandeur sah auf, eine Hand auf halbem Weg zur Zigarre. »Wir hätten gesiegt«, knurrte Rust. »Ja, wir hätten gesiegt! Aber man hat uns dicht vor dem Triumph verraten!« Mumm starrte ihn groß an. »Und es ist deine Schuld, Mumm! In Klatsch lacht man über uns! Du weißt ja, wie wichtig es für diese Leute ist, das Gesicht zu wahren – wir haben es verloren! Vetinari ist erledigt, und das gilt auch für dich! Und für die ganze verdammte feige Wache! Na, was sagst du dazu, Mumm? Nun?« Die Wächter saßen wie erstarrt und warteten darauf, daß Mumm ant- wortete. Oder sich von der Stelle rührte. »Mumm?« Rust schnüffelte. »Was ist das für ein Geruch?« Mumm senkte langsam den Blick und sah auf seine Finger hinab. Rauch löste sich von ihnen. Etwas zischte leise. Er stand auf und hob die Hand vor Rusts Gesicht., »Nimm das«, sagte er. »Das ist… nur ein Trick…« »Nimm es«, wiederholte Mumm. Wie hypnotisiert leckte sich Rust die Finger und nahm die Kohle ent- gegen. »Es tut überhaupt nicht weh…« »O doch«, widersprach Mumm. »Ich spüre nur… Aargh!« Rust sprang zurück, ließ die Kohle fallen und hob die verbrannten Fin- ger zum Mund. »Der Trick besteht darin, dem Schmerz einfach keine Beachtung zu schenken«, sagte Mumm. »Geh jetzt.« »Du bist nicht mehr lange Kommandeur der Wache«, stieß Rust zornig hervor. »Warte nur, bis wir wieder in der Stadt sind. Warte nur. « Er stol- zierte davon und hielt sich dabei die schmerzende Hand. Mumm kehrte zur Feuerstelle zurück und nahm wieder Platz. Nach ei- ner Weile fragte er: »Wo ist er jetzt?« »Bei seinen Soldaten, Herr Kommandeur. Ich glaube, er gibt ihnen den Befehl heimzukehren.« »Kann er uns sehen?« »Nein.« »Bist du sicher?« »Es stehen viele Leute zwischen ihm und uns, Herr Kommandeur.« »Gut.« Mumm steckte sich die Finger in den Mund. Schweiß strömte ihm übers Gesicht. »Verdammt, verdammt, verdammt! Hat jemand kal- tes Wasser?« Es war Kapitän Jenkins gelungen, sein Schiff zu reparieren und ins Meer zurückzubringen. Die Besatzungsmitglieder hatten viel graben und an- schließend sorgfältige Arbeit mit Stützbalken leisten müssen. Wertvolle Hilfe kam von einem klatschianischen Kapitän, der sich von seinem Pa- triotismus nicht davon abhalten ließ, Geld zu verdienen., Jenkins und seine Leute ruhten sich am Ufer aus, als in der Ferne eine Stimme erklang. Der Käpt’n blinzelte in die Sonne. Die Seefahrer erstarrten. »Laßt uns an Bord gehen, und zwar sofort!« Eine Gestalt kam die Düne herab. Sie bewegte sich ziemlich schnell, viel schneller, als es jemandem im lockeren Sand möglich sein konnte. Außerdem rutschte sie im Zickzack hin und her. Als sie näher kam, er- kannten sie einen Mann auf einem Schild. Schild und Mann verharrten dicht vor dem verblüfften Jenkins. »Wie freundlich von dir, daß du auf uns gewartet hast, Kapitän«, sagte Karotte. »Herzlichen Dank! Die anderen kommen gleich.« Jenkins sah zur Düne. An ihrem Hang zeichneten sich nun weitere Ge- stalten ab. »Das sind D’regs!« entfuhr es ihm. »O ja. Nette Leute. Bist du ihnen schon einmal begegnet?« Jenkins starrte Karotte groß an. »Ihr habt gewonnen?« brachte er hervor. »Ja. Durch Elfmeterschießen.« Grünblaues Licht glühte durch die kleinen Fenster des Bootes. Lord Vetinari zog die Steuerungshebel, bis er einigermaßen sicher war, daß sie sich einem geeigneten Schiff näherten. »Was rieche ich da, Feldwebel Colon?« fragte er. »Es ist Be… Nobby, Herr«, sagte Colon und trat kräftig in die Pedale. »Korporal Nobbs?« Nobby errötete fast. »Ich habe eine kleine Duftflasche gekauft, Herr. Für meine junge Dame.« Lord Vetinari hüstelte. »Wen meinst du mit ›meine junge Dame‹?« frag- te er. »Äh… wenn ich eine habe«, sagte Nobby. »Oh.« Diesmal klang selbst Lord Vetinari erleichtert., »Weil, bestimmt bekomme ich bald eine, ich meine, immerhin habe ich jetzt meine sexuelle Natur gründlich erforscht und bin mit mir in Ein- klang, sozusagen«, erklärte Nobby. »Du fühlst dich in Einklang mit dir selbst?« »Ja, Herr!« bestätigte Nobby zufrieden. »Und wenn du die glückliche Dame gefunden hast, gibst du ihr die kleine Flasche mit…« »Das Parfüm heißt ›Kasbanächte‹, Herr.« »Interessant. Ziemlich intensiver… Blütenduft, nicht wahr?« »Ja, Herr. Weil Jasmin drin ist. Und viele seltene Kräuter.« »Ein erstaunlich… durchdringender Geruch.« Nobby lächelte. »Da habe ich wirklich etwas für mein Geld bekom- men, Herr. Man braucht nur wenig zu nehmen, und es hält lange.« »Vielleicht zu lange?« Nobbys Begeisterung blieb unerschütterlich. »Ich hab’s aus dem glei- chen Laden, in dem der Feldwebel den Höcker gekauft hat.« »Ah… ja.« Das Boot bot nicht viel Platz, und den größten Teil davon beanspruch- ten Feldwebel Colons Souvenirs. Vetinari hatte ihm eine kurze Einkaufs- tour gestattet, »um etwas mit nach Hause zu bringen, Herr, denn sonst kriege ich jahrelang Vorwürfe von meiner Frau zu hören«. »Frau Colon findet bestimmt großen Gefallen an einem ausgestopften Kamelhöcker, nicht wahr, Feldwebel?« meinte der Patrizier skeptisch. »Ja, Herr. Sie kann Dinge darauf abstellen, Herr.« »Und der Satz Messingtische, die ineinander passen?« »Bestens geeignet, um Dinge darauf abzustellen, Herr.« »Und das hier?« Es klapperte. »Einige Ziegenglocken, eine verzierte Kaffeekanne, ein kleiner Kamelsattel und… und ein seltsames Glasrohr mit Streifen aus unterschiedlich gefärbtem Sand? Wozu dienen diese Objekte?« »Es sind Gesprächsgegenstände, Herr.«, »Du rechnest vermutlich damit, daß Besucher Fragen stellen wie ›Was hat es mit diesen Dingen auf sich‹?« »Siehst du, Herr? Wir sprechen bereits darüber.« »Bemerkenswert.« Feldwebel Colon hustete demonstrativ und nickte zu Leonard, der im Heck hockte und seinen Kopf mit beiden Händen stützte. »Er ist ziemlich still, Herr«, sagte Colon leise. »Hat schon seit einer ganzen Weile keinen Ton mehr von sich gegeben.« »Ihm geht viel durch den Kopf«, erwiderte der Patrizier. Eine Zeitlang traten die Männer schweigend in die Pedale, doch die Stille dauerte nicht sehr lange. In der Enge des Bootes zusammenzusit- zen… schuf eine Atmosphäre der Vertrautheit, die an Land unmöglich gewesen wäre. »Es tut mir leid, daß man dir den Laufpaß geben will, Herr«, sagte Co- lon. »Schon gut«, erwiderte Lord Vetinari. »Ich würde dich wählen. Wenn es zu einer Wahl käme, meine ich.« »Prächtig.« »Ich bin der Ansicht, das Volk will die Daumenschrauben einer stren- gen Regierung.« »Gut.« »Dein Vorgänger, Lord Schnappüber… Bei ihm saß wirklich eine Schraube locker. Aber wie ich immer sage: Die Leute wissen, wo sie mit Lord Vetinari stehen…« »Ausgezeichnet.« »Allerdings… Einigen Leuten gefällt es vielleicht nicht, wo sie mit dir stehen, Herr…« Lord Vetinari sah auf. Sie befanden sich jetzt unter einem Schiff, das in der richtigen Richtung unterwegs zu sein schien. Er steuerte das Boot näher heran, bis er ein dumpfes Pochen hörte, als Rumpf an Rumpf stieß. Dann drehte er das Gewinde einige Male., »Man will mir also den Laufpaß geben?« fragte er und setzte sich wie- der. »Nun…äh… du hast Lord Rust gehört. Wenn du das Dokument rat… rati…« »Man spricht in diesem Zusammenhang von Ratifizierung«, erklärte Lord Vetinari. »Nun, wenn die Ratifizierung des Kapitulationsdokuments in der näch- sten Woche stattfindet, sollst du aus der Stadt verbannt werden, Herr.« »In der Politik kann eine Woche sehr lang dauern, Feldwebel.« In Colons Gesicht erschien etwas, das er für ein wissendes Lächeln hielt. Er klopfte sich an den Nasenflügel. »Ah, Politik. Warum hast du das nicht gleich gesagt?« »Wer zuletzt lacht, lacht am besten, wie?« warf Nobby ein. »Bestimmt hast du einen geheimen Plan«, vermutete Colon. »Du weißt, wo sich das Huhn versteckt, jawohl.« »Offenbar beobachtet ihr den Karneval des Lebens sehr genau, so daß ich euch nichts vormachen kann«, sagte Lord Vetinari. »Ja, ich habe tat- sächlich etwas vor.« Er rückte den vermeintlichen Kamelhöcker zurecht, der nach Ziege roch und aus dem bereits Sand rieselte, und streckte sich dann aus. »Ich habe vor, überhaupt nichts zu tun. Weckt mich, wenn etwas In- teressantes passiert.« Nautische Dinge geschahen. Der Wind drehte sich so oft, daß man mit einem Wetterhahn hätte Korn mahlen können. Einmal regnete es Sardel- len. Kommandeur Mumm versuchte zu schlafen. Jenkins hatte ihm eine Hängematte gezeigt, und Mumm erkannte darin ein weiteres Schafsauge: In einem solchen Ding konnte niemand schlafen. Die Seeleute hängten sie vermutlich nur zur Schau auf und hatten irgendwo versteckt richtige Betten aufgestellt., Er machte es sich im Frachtraum einigermaßen bequem und döste dort, während die anderen in einer Ecke miteinander sprachen. Sie be- mühten sich, leise zu sein. »… hat Seine Exzellenz doch nicht wirklich vor, die Insel einfach so aufzugeben, oder? Wofür haben wir dann gekämpft?« »Eins steht fest: Nach dieser Sache dürfte es ihm ziemlich schwer fal- len, weiterhin im Amt zu bleiben. Wie Herr Mumm sagte: Der gute Na- me von Ankh-Morpork wird in den Schmutz gezogen.« »Ankh-Morpork ist an Schmutz gewöhnt«, warf Angua ein. »Davon hat die Stadt jede Menge.« »Wenigstens alle noch atmen können.« Diese Worte stammten eindeu- tig von Detritus. »Das ist eine vitalisierende Bemerkung…« »Entschuldigung, Reg. Warum du dich so kratzt?« »Ich fürchte, ich habe mir irgendeine abscheuliche ausländische Krankheit geholt.« »Wie bitte?« fragte Angua. »Woran kann ein Zombie denn erkranken?« »So etwas solltest du nicht sagen…« »Du sprichst mit einer Person, die jedes Flohpulver kennt, das in Ankh-Morpork verkauft wird, Reg.« »Nun, wenn du es unbedingt wissen willst… Es sind Mäuse. Sie brin- gen mich in große Verlegenheit. Ich achte sehr auf Sauberkeit, aber die Biester finden immer wieder einen Weg…« »Hast du alles versucht?« »Ja, nur keine Frettchen eingesetzt.« »Wenn Lord Vetinari die Stadt verläßt… Wer tritt dann seine Nachfol- ge an?« fragte Grinsi Kleinpo. »Etwa Lord Rust?« »Er könnte die Stadt höchstens fünf Minuten lang regieren.« »Vielleicht schließen sich die Gilden zusammen und…« »Sie würden übereinander herfallen wie…« »… Frettchen«, sagte Reg. »Manchmal ist das Heilmittel schlimmer als die Krankheit.«, »Kopf hoch, die Wache wird es weiterhin geben«, warf Karotte ein. »Ja, aber Herr Mumm fliegt raus. Wegen der Politik.« Mumm hielt die Augen geschlossen. Eine stumme Menge wartete am Kai. Die Leute beobachteten, wie Mumm und seine Begleiter über den Landungssteg schritten. Hier und dort erklang verlegenes Hüsteln, und dann rief jemand: »Bitte sag, daß es nicht stimmt, Herr Mumm!« Am Ende des Landungsstegs salutierte Dorfl. »Lord Rusts Schiff Ist Heute Morgen Eingetroffen, Herr«, sagte der Golem. »Hat jemand Vetinari gesehen?« »Nein, Herr.« »Hat wahrscheinlich Angst, sich in der Stadt zu zeigen!« rief jemand. »Lord Rust Meinte, Daß Du Deine Pflicht Erfüllen Sollst Verdammt Noch Mal«, sagte Dorfl. Golems neigten dazu, alles wortwörtlich zu wiederholen. Er reichte Mumm ein Blatt Papier. Der Kommandeur las die ersten Zeilen. »›Notstandsrat‹? Was soll denn das bedeuten? Und was steht hier? Ver- rat? Gegen Vetinari? Ich weigere mich, solchen Anweisungen zu gehor- chen!« »Darf ich mal sehen, Herr Kommandeur?« fragte Karotte. Angua bemerkte die Welle, während alle anderen nur den Haftbefehl sahen. Die Ohren eines Werwolfs sind sehr empfindlich. Sie kehrte zum Kai zurück und blickte flußabwärts. Eine mehr als fünfzig Zentimeter hohe Mauer aus schäumendem Was- ser bewegte sich ziemlich schnell flußaufwärts und hob unterwegs die Boote an. Die Welle rauschte an Angua vorbei, saugte am Kai und ließ Jenkins’ Schiff schaukeln. Irgendwo an Bord schepperte Geschirr., Das Wasser beruhigte sich wieder, als die weiße Front den Weg zur nächsten Brücke fortsetzte. Einige Sekunden roch es nicht wie sonst nach dem Eau de latrine des Ankh, sondern nach Seewind und Salz. Jenkins trat an Deck und blickte über die Reling. »Was war das?« rief Angua nach oben. »Wechselnde Gezeiten?« »Wir sind mit der Flut gekommen«, erwiderte Jenkins. »Seltsame Sache. Eins von diesen Phänomenen, nehme ich an.« Angua kehrte zur Gruppe zurück. Mumms Gesicht war bereits rot an- gelaufen. »Das Dokument ist von den offiziellen Repräsentanten der wichtigsten Gilden unterschrieben, Herr Kommandeur«, sagte Karotte gerade. »Alle sind vertreten, bis auf die Gilde der Bettler und Näherinnen.« »Tatsächlich? Und wenn schon! Wie können sie sich erdreisten, mir ei- ne solche Anweisung zu erteilen?« Angua beobachtete, wie ein Schatten von Schmerz über Karottes Mie- ne huschte. »Äh… jemand muß solche Befehle herausgeben, Herr Kommandeur. Es steht uns nicht zu, in diesem Punkt eigene Entscheidungen zu treffen. Dieser Aspekt hat… äh… zentrale Bedeutung.« »Ja, aber… derartige Anweisungen…« »Außerdem nehme ich an, daß darin der Wille des Volkes zum Aus- druck kommt…« »Des Volkes? Komm mir bloß nicht mit dem Unsinn! Man hätte uns alle niedergemetzelt, wenn es zu einem Kampf gekommen wäre! Dann gäbe es jetzt niemanden mehr, der irgendwen verhaften könnte…« »Rechtlich gesehen scheint hiermit alles in Ordnung zu sein, Herr Kommandeur.« »Das ist doch… lächerlich!« »Es ist keineswegs so, daß wir irgendwelche Vorwürfe gegen ihn erhe- ben, Herr Kommandeur. Wir müssen nur dafür sorgen, daß er in der Rattenkammer erscheint. Nun, Herr Kommandeur, du hast eine sehr anstrengende Zeit hinter dir…« »Aber… Vetinari verhaften? Ich kann nicht…«, Mumm verharrte, denn plötzlich verstand er. Darum ging es ja gerade. Wenn man jeden verhaften konnte, so blieb einem nichts anderes übrig, als tatsächlich jeden zu verhaften. Man konnte nicht sagen, »aber ihn nicht«. Ahmed hätte jetzt sicher gekichert, dachte Mumm. Und Altes Steingesicht drehte sich vielleicht in seinen fünf Gräbern um. »Ich kann doch, oder?« brachte er kummervoll hervor. »Oh, na schön. Gib einen Steckbrief heraus, Dorfl.« »Das Ist Nicht Nötig, Herr Kommandeur.« Die Menge wich beiseite, als Lord Vetinari den Kai entlangging, gefolgt von Nobby und Colon. Besser gesagt: Wenn es nicht Colon war, mußte es ein sonderbar deformiertes Kamel sein. »Ich glaube, ich habe die wichtigsten Dinge gehört, Kommandeur«, sagte der Patrizier. »Bitte walte deines Amtes.« »Du brauchst nur den Palast aufzusuchen, Herr. Ich schlage vor, wir…« »Willst du mir keine Handschellen anlegen?« Mumms Kinnlade klappte nach unten. »Warum sollte ich das?« »Verrat ist ein sehr schlimmes Verbrechen, Sir Samuel. Ich glaube, ich sollte Handschellen verlangen.« »Na schön, wenn du darauf bestehst.« Mumm nickte Dorfl zu. »Leg ihm Handschellen an.« »Du hast nicht zufällig Ketten dabei?« fragte der Patrizier, als Dorfl der Aufforderung des Kommandeurs nachkam. »Wir sollten nach der Tradi- tion vorgehen…« »Nein. Wir haben keine Ketten.« »Ich wollte behilflich sein, Sir Samuel. Gehen wir jetzt?« Die Menge jubelte nicht. Die Leute warteten einfach, wie ein Publi- kum, das beobachten wollte, wie der Trick funktionierte. Sie wichen bei- seite, als Lord Vetinari in Richtung Stadtmitte ging. Nach einigen Schritten blieb er stehen und drehte sich um. »Wie war das andere noch… Ah, ja. Ich werde nicht an eine Hürde ge- bunden und durch die Stadt gezogen?«, »Das ist nur bei einer Hinrichtung nötig, Herr«, erwiderte Karotte munter. »Traditionell werden Verräter tatsächlich an eine Hürde gebun- den und daran zum Exekutionsort geschleift. Anschließend werden sie gehängt, gestreckt und gevierteilt.« Karotte zögerte kurz. »Eigentlich braucht sich der Verurteilte nur vor dem Hängen zu fürchten. Den Rest spürt er nicht mehr.« »Das beruhigt mich sehr«, erwiderte Lord Vetinari. »Habt ihr eine Hürde?« »Nein!« schnappte Mumm. »Ach? Nun, ich glaube, in der Glatten Gasse gibt es ein Sportgeschäft. Nur für den Fall, Sir Samuel.« Eine Gestalt trat durch den Sand in der Nähe von Gebra und blieb ste- hen, als dicht über dem Boden eine hoffnungsvolle Stimme erklang. »Bimmel-bimmel-bamm?« Der Disorganizer spürte, wie er aufgehoben wurde. WAS BIST DU FÜR EIN DING? »Ich bin der Disorganizer Mk II, mit vielen nützlichen und schwer zu benutzenden Funktionsmerkmalen. Hier Name Einfügen.« ZUM BEISPIEL? Selbst im kleinen Selbst des Disorganizers keimte ein wenig Unbeha- gen. Die Stimme, mit der er sprach, klang irgendwie nicht richtig. »Ich weiß, wie spät es überall ist«, erwiderte der Apparat versuchsweise. ICH EBENFALLS. »Äh… ich kann ein Adressenverzeichnis führen und immer aktuell hal- ten…« Der Disorganizer spürte Bewegungen, die darauf hindeuteten, daß sich sein neuer Besitzer auf den Rücken eines Pferds geschwungen hatte. TATSÄCHLICH? ICH KENNE VIELE ADRESSEN. »Na bitte«, sagte der Dämon und versuchte, an seinem schnell schwin- denen Enthusiasmus festzuhalten. »Ich kann Erinnerungsnotizen für Adressen anfertigen, und wenn du dich noch einmal mit den betreffen- den Personen in Verbindung setzen mußt…«, DAS IST IN DEN MEISSTEN FÄLLEN NICHT NOTWENDIG. FAST IMMER GENÜGT ES, WENN ICH IHNEN EINEN EINZIGEN BESUCH ABSTATTE. »Nun… hast du Termine?« Der Dämon hörte das Pochen von Hufen, danach nur noch das Rauschen des Winds. MEHR ALS DU DIR VORSTELLEN KANNST. NEIN, ICH GLAUBE, DEINE BESONDEREN TALENTE SIND WOANDERS NÜTZLICHER… Nach stärkerem Rauschen platschte es. Die Rattenkammer war überfüllt. Die Oberhäupter von Gilden hatten ein Recht darauf, anwesend zu sein, und dazu kamen viele andere, die sich eine interessante Vorstellung erhofften. Zu den Anwesenden gehör- ten sogar einige hochrangige Zauberer. Alle wollten ihren Enkeln mittei- len können: »Ich war dabei.«* »Ich bin ziemlich sicher, daß ich auch Ketten tragen sollte«, sagte Veti- nari, als sie in der Tür stehenblieben und zur Menge der Versammelten sahen. »Nimmst du diese Sache ernst, Herr?« fragte Mumm. »Sogar sehr ernst, Kommandeur, das versichere ich dir. Sollte ich zufäl- ligerweise überleben, beauftrage ich dich hiermit, Ketten zu kaufen. Bei diesen Dingen sollte man alles richtig machen.« »Ich werde dafür sorgen, daß in Zukunft welche bereitliegen.« »Gut.« Der Patrizier nickte Lord Rust zu, der zwischen Herrn Boggis und Lord Witwenmacher stand. »Guten Morgen«, sagte er. »Können wir diese Angelegenheit schnell er- ledigen? Ein langer und arbeitsreicher Tag wartet auf uns alle.« »Offenbar findest du Gefallen daran, Ankh-Morpork auch weiterhin der Lächerlichkeit preiszugeben«, erwiderte Rust. Er sah kurz zu Mumm * Den Zauberern ist das natürlich nicht erlaubt, denn sie sollten eigent- lich gar keine Enkel haben., und entfernte ihn dann aus seinem Wahrnehmungsuniversum. »Dies ist keine formelle Verhandlung, Lord Vetinari. Es handelt sich vielmehr um eine Anklageerhebung – alle sollen wissen, was man dir zur Last legt. Von Herrn Schräg habe ich erfahren, daß es noch einige Wochen dauern wird, bis der Prozeß stattfinden kann.« »Vermutlich recht teure Wochen«, sagte Vetinari. »Laßt uns beginnen.« »Herr Schräg verliest gleich die Anklageschrift«, kündigte Rust an. »Aber im großen und ganzen läuft es auf Verrat hinaus, Havelock – wie wir alle wissen. Du hast auf höchst unwürdige Weise kapituliert…« »Habe ich nicht.« »… und außerdem ohne jede Befugnis auf unsere Souveränität über das Land namens Leshp verzichtet…« »Diesen Ort gibt es gar nicht.« Lord Rust zögerte. »Bist du übergeschnappt?« »Das Kapitulationsdokument sollte auf der Insel Leshp unterzeichnet werden, Lord Rust. Doch eine solche Insel existiert nicht.« »Auf dem Weg hierher sind wir an ihr vorbeigesegelt, Mann!« »Hat das jemand in letzter Zeit überprüft?« Angua berührte Mumm an der Schulter. »Kurz nach unserer Ankunft ist eine seltsame Welle flußaufwärts ge- rollt…« Die Zauberer flüsterten aufgeregt miteinander, und schließlich stand Erzkanzler Ridcully auf. »Hier scheint es ein kleines Problem zu geben, Eure Lordschaften. Der Dekan meint, daß die Insel tatsächlich nicht mehr da ist.« »Wir reden hier von einer Insel. Willst du etwa andeuten, jemand hätte sie gestohlen? Weißt du überhaupt, wo sie liegt?« »Wir wissen, wo sie lag, und jetzt ist sie nicht mehr da«, sagte der De- kan kühl. »Dafür schwimmt an jenem Ort viel Tang und Treibholz.« Er stand auf und hob eine kleine Kristallkugel. »Wir haben sie fast jeden Abend beobachtet. Wegen der Kämpfe und so. Aufgrund der großen Entfernung läßt die Qualität des Bildes leider zu wünschen übrig…«, Rust starrte ihn groß an. Der Dekan hatte zuviel Masse, als daß er sich einfach ignorieren ließ. »Aber eine Insel kann doch nicht einfach verschwinden«, sagte Rust. »Rein theoretisch können Inseln auch nicht einfach so erscheinen, Lord. Doch bei dieser ist das geschehen.« »Vielleicht ist sie wieder im Meer versunken«, spekulierte Karotte. Rust bedachte Vetinari mit einem durchdringenden Blick. »Hast du davon gewußt?« fragte er. »Wie kann ich das im voraus gewußt haben?« erwiderte der Patrizier. Mumms Blick glitt über die verschiedenen Gesichter. »Du hast etwas davon gewußt!« stieß Rust hervor. Er sah zu Herrn Schräg, der eilig in einem ziemlich dicken Buch blätterte. »Ich weiß nur eins, Lord: Prinz Cadram hat zu einem in politischer Hinsicht für ihn sehr kritischen Zeitpunkt einen wichtigen militärischen Vorteil für eine Insel aufgegeben, die allem Anschein nach im Meer versunken ist«, sagte Lord Vetinari. »Die Klatschianer sind sehr stolz. Was sie wohl davon halten?« Vor seinem inneren Auge sah Mumm General Ashal, der neben dem Thron des Prinzen stand. Klatschianer mögen erfolgreiche Herrscher, dachte er. Ich frage mich, was mit den nicht so erfolgreichen passiert. Nun, ich weiß, was wir unternehmen, wenn wir glauben… Jemand gab ihm einen Stoß. »Wir sind’s«, sagte Nobby. »Es gibt keine Hürden im Sportgeschäft, aber dafür bietet man dort einen Pingpongtisch für nur zehn Dollar an. Wir haben ein kleines Trampolin entdeckt, auf dem man ihn ziehen könnte, aber der Feldwebel meinte, das sähe lächerlich aus.« Mumm verließ den Raum, zog Nobby hinter sich her und drückte ihn an die Wand. »Wo seid ihr mit Vetinari gewesen, Korporal? Und denk daran: Ich kann erkennen, wenn du lügst. Dann bewegen sich deine Lippen.« »Wir… wir… wir begaben uns auf eine kleine Reise, Herr Komman- deur. Er meinte, wir sollten dir nicht sagen, daß wir unter der Insel gewe- sen sind!«, »Ihr seid also… was, unter Leshp?« »Nein, Herr Kommandeur! Wir sind nicht dort unten gewesen! Hat viel zu sehr gestunken! Nach faulen Eiern! Und die Höhle war so groß wie eine Stadt, glaub mir!« »Du bist bestimmt froh, daß du nicht dort drinnen gewesen bist.« Nobby nickte erleichtert. »Ja, das bin ich wirklich, Herr Kommandeur.« Mumm schnupperte. »Benutzt du ein Rasierwa…« Er unterbrach sich. »Ich meine, benutzt du etwas anstelle eines Rasierwassers, Nobby?« »Nein, Herr Kommandeur?« »Hier riecht’s nach vergammelten Blumen.« »Oh, es ist nur ein Souvenir aus dem Ausland. Äh… die Wirkung hält ziemlich lange an.« Mumm zuckte mit den Schultern und kehrte in die Rattenkammer zu- rück. »… weise ich ganz entschieden den Vorwurf zurück, ich hätte mit Sei- ner Hoheit verhandelt, obgleich ich wußte… Ah, Sir Samuel. Den Schlüssel für die Handschellen, bitte.« »Du wußtest es!« rief Rust. »Du wußtest es die ganze Zeit!« »Erhebt jemand Anklage gegen Lord Vetinari?« fragte Mumm. »Nein, ich glaube nicht…«, antwortete Herr Schräg widerstrebend. »Aber man wird Anklage gegen ihn erheben!« stellte Lord Rust in Aus- sicht. »Nun, gib mir Bescheid, wenn es soweit ist, damit ich ihn verhaften kann«, sagte Mumm und löste die Handschellen. Draußen erklang Jubel – in Ankh-Morpork blieb nichts lange geheim. Die verdammte Insel existierte nicht mehr. Und irgendwie hatte alles ein gutes Ende genommen. Er sah Vetinari an. »Da kannst du von Glück sagen«, sagte er. »Oh, es gibt immer ein Huhn, Sir Samuel. Man muß nur schauen.« Der Tag erwies sich als fast so anstrengend wie ein Krieg. Mindestens ein fliegender Teppich traf von Klatsch ein, und es wurden permanent, Nachrichten zwischen Palast und Botschaft ausgetauscht. Vor dem Pa- last wartete noch immer eine Menschenmenge. Die Leute wollten alles beobachten, für den Fall, daß sich Geschichte ereignete. Mumm ging nach Hause. Zu seiner großen Überraschung wurde die Tür von Willikins geöffnet. Er hatte die Ärmel hochgerollt und trug eine grüne Schürze. »Du?« brachte Mumm hervor. »Wie bist du so schnell zurückgekehrt? Oh, entschuldige, ich wollte nicht unhöflich sein…« »Ich war so frei, mich im allgemeinen Durcheinander an Bord von Lord Rusts Schiff zu begeben, Herr. Ich wollte vermeiden, daß hier das Chaos Einzug hält. Das Tafelsilber befindet sich in einem entsetzlichen Zustand, Herr. Der Gärtner weiß einfach nicht, wie man richtig damit umgeht. Ich möchte mich schon jetzt für das Besteck entschuldigen.« »Vor ein paar Tagen hast du anderen Leuten die Nase abgebissen!« »Oh, du solltest den Schilderungen des Gefreiten Burk mit angemesse- nem Zweifel begegnen, Herr«, erwiderte der Diener, als Mumm das Haus betrat. »Es war nur eine Nase.« »Und jetzt bist du zurückgekehrt, um das Tafelsilber zu putzen?« »Man muß ein gewisses Niveau wahren, Herr.« Willikins blieb stehen. »Herr?« »Ja?« »Haben wir den Sieg errungen?« Mumm blickte in das runde, rosarote Gesicht. »Äh… wir haben keine Niederlage erlitten«, erwiderte er. »Wir konnten doch nicht zulassen, daß ein ausländischer Despot die Hand gegen Ankh-Morpork erhob, oder?« fragte der Diener. »Nein, ich schätze, das konnten wir nicht…« »Also haben wir uns richtig verhalten?« »Ich denke schon…« »Der Gärtner meinte, Lord Vetinari hätte die Klatschianer ausge- trickst.« »Nicht nur die Klatschianer, sondern auch alle anderen.«, »Freut mich sehr, Herr. Lady Sybil hält sich im Leicht Rosaroten Salon auf, Herr.« Sie strickte dort ungeschickt. Als Mumm hereinkam, stand sie auf und gab ihm einen Kuß. »Ich habe die Neuigkeiten gehört«, sagte Sybil. »Ausgezeichnet.« Sie musterte ihren Mann von Kopf bis Fuß. Soweit sie das erkennen konnte, schien er in einem Stück zu sein. »Ich bin mir nicht sicher, ob wir gewonnen haben…« »Daß du lebend zurückgekehrt bist, zählt als Sieg, Sam. Obwohl ich das im Beisein von Lady Selachii nicht sagen würde.« Sybil winkte mit dem Strickzeug. »Sie hat ein Komitee organisiert, das Socken für die tap- feren Soldaten an der Front strickt. Doch jetzt bist du zurück, und ich habe noch nicht einmal herausgefunden, wie man die Ferse hinkriegt. Lady Selachii dürfte sehr verärgert sein.« »Äh… für wie lang hältst du meine Beine?« »Oh.« Sybil betrachtete das Ergebnis ihrer Strickbemühungen. »Kannst du einen Schal gebrauchen?« Mumm hauchte ihr einen Kuß auf die Wange. »Ich nehme jetzt ein Bad, und anschließend würde ich gern etwas es- sen«, sagte er. Das Wasser war nur lauwarm. Mumm glaubte, den Grund dafür zu kennen. Wahrscheinlich ging Sybil von der Annahme aus, daß ein heißes Bad zu sehr entspannte, während ein Krieg stattfand. Er lag mit der Nase dicht über der Wasseroberfläche, als er ferne Stimmen vernahm. Kurz darauf öffnete sich die Tür. »Fred ist da«, sagte Sybil. »Vetinari möchte dich sprechen.« »Schon? Wir haben noch nicht einmal mit dem Essen begonnen.« »Wir gehen zusammen, Sam. Er muß endlich damit aufhören, dich zu jeder beliebigen Zeit zu sich zu rufen.« Mumm versuchte, so ernst und würdevoll zu wirken, wie es mit einem Schwamm in der Hand möglich ist., »Sybil, ich bin der Kommandeur der Wache, und er regiert diese Stadt. Er ist kein Lehrer, bei dem du dich darüber beschweren kannst, daß ich in Geographie keine guten Leistungen bringe…« »Wir gehen zusammen, Sam.« Das Boot glitt über die Gleise und verschwand im Wasser. Leonard seufzte. Er hatte mit voller Absicht darauf verzichtet, den Korken in die Öffnung zu stopfen. Die Strömung konnte das Boot überallhin tragen. Bis zur tiefsten Stelle des Ozeans, hoffte Leonard. Unerkannt wanderte er durch die Stadt und erreichte den Palast. Kurze Zeit später betrat er den Geheimgang und wich mühelos den verschie- denen Fallen aus – immerhin hatte er sie selbst entwickelt. Vor der Tür des luftigen Zimmers blieb er stehen und schloß auf. Als er auf der anderen Seite stand, schloß er wieder ab und schob den Schlüssel unter der Tür durch. Und dann seufzte er erneut. So ging es also in der Welt zu. Es war ganz offensichtlich ein verrück- ter Ort, bewohnt von vielen Verrückten. Manche Menschen neigten of- fenbar dazu, alles in eine Waffe zu verwandeln. Er kochte sich Tee, und dieser Vorgang nahm etwas mehr Zeit in An- spruch als sonst, weil er einen kleinen Apparat konzipierte, der den Fluß von kochendem Wasser verbessern sollte. Dann lehnte er sich in seinem speziellen Sessel zurück und zog einen Hebel. Gegengewichte sanken. Irgendwo strömte Wasser von einem Tank in einen anderen. Teile des Sessels knarrten, veränderten ihre Posi- tion und wurden dadurch bequemer. Nachdenklich blickte Leonard aus dem Dachfenster. Einige Seevögel schwebten vor dem Hintergrund des blauen Himmels; sie flogen, ob- wohl sie kaum die Flügel bewegten… Nach einer Weile begann Leonard zu zeichnen. »Lady Sybil? Das ist eine Überraschung«, sagte Lord Vetinari. »Guten Abend, Sir Samuel. Du trägst einen hübschen Schal. Hauptmann Karot- te… Bitte nehmt Platz. Wir haben viel zu besprechen.«, Sie setzten sich. »Zunächst einmal…« fuhr der Patrizier fort. »Ich habe eine Proklama- tion für die Ausrufer vorbereitet. Es sind gute Neuigkeiten.« »Der Krieg ist offiziell zu Ende?« fragte Karotte. »Der Krieg, Hauptmann, hat nie stattgefunden. Es war alles ein… Mißverständnis.« »Er hat nie stattgefunden?« wiederholte Mumm. »Es sind Menschen ums Leben gekommen!« »In der Tat«, bestätigte Lord Vetinari. »Und deshalb sollten wir versu- chen, uns so gut wie möglich zu verstehen.« »Was ist mit dem Prinzen?« »Oh, bestimmt können wir Vereinbarungen mit ihm treffen, Mumm!« »Das bezweifle ich!« »Du bist doch ganz gut mit Prinz Khufurah zurechtgekommen.« »Wie bitte? Was ist mit dem anderen Prinzen passiert?« »Offenbar hat er eine lange Reise durchs Land angetreten«, sagte der Patrizier. »Und zwar ganz plötzlich.« »Meinst du jene Art von Reise, bei der man sich nicht einmal Zeit nimmt, die Koffer zu packen?« »Ja, genau die Art meine ich. Allem Anschein nach hat er die Leute verärgert.« »Wissen wir, welches Land er… äh… bereist?« fragte Mumm. »Klatschistan, glaube ich. Entschuldige bitte, habe ich etwas Lustiges gesagt?« »Oh, nein. Nein. Mir ist nur gerade etwas eingefallen, das ist alles.« Vetinari lehnte sich zurück. »Und so breitet sich erneut die ruhige Decke des Friedens aus.« »Vermutlich sind die Klatschianer nicht sehr glücklich.« »Es liegt in der Natur der Völker, sich gegen Herrscher zu wenden, die kein Glück mehr haben«, sagte Vetinari. »Oh, zweifellos ergeben sich Probleme. Wir müssen sie eben… diskutieren. Prinz Khufurah ist ein umgänglicher Mann. In dieser Hinsicht ähnelt er vielen seiner Vorfahren., Eine Flasche Wein, ein Laib Brot, eine Menge Geld… dann interessiert er sich nicht zu sehr für Politik.« »Die Klatschianer sind ebenso schlau wie wir«, warf Mumm ein. »In dem Fall sollten wir ihnen immer ein Stück voraus sein«, erwiderte Vetinari. »Eine Art Wettlauf mit dem Verstand«, sagte Mumm. »Das ist besser, als die Waffen sprechen zu lassen«, meinte der Patri- zier. »Außerdem auch viel billiger.« Er blätterte in den vor ihm liegenden Papieren. »Was wollte ich jetzt noch ansprechen…? Oh, ja, die Sache mit dem Verkehr.« »Verkehr?« wiederholte Mumm und versuchte, seinen geistigen Kurs um hundertachtzig Grad zu ändern. »Ja. In den alten Straßen unserer Stadt gibt es immer wieder Verkehrs- staus. Ich habe von einem Fuhrmann in der Königsstraße gehört, der eine Familie gründete, während er in einem Stau steckte. Die Straßen freizuhalten… Das ist eine der ältesten Pflichten der Wache.« »Mag sein, Herr, aber heutzutage…« »Du wirst also eine entsprechende Abteilung gründen, die sich um alle diesbezüglichen Dinge kümmert, Mumm. Damit meine ich nicht nur den Verkehr, sondern auch gestohlene Karren und dergleichen. Du wirst sicherstellen, daß es auf den wichtigsten Durchgangsstraßen nicht mehr zu Staus kommt. Deine Leute könnten zum Beispiel nach Fuhrleuten Ausschau halten, die zu lange parken und dadurch den Verkehrsfluß behindern. Ich glaube, Feldwebel Colon und Korporal Nobby wären bestens für diese Aufgabe geeignet, die sich übrigens selbst finanzieren sollte. Was meinst du dazu?« Die Chance, sich »selbst zu finanzieren«, ohne daß jemand auf einen schießt, dachte Mumm. Colon und Nobby glauben bestimmt, im Para- dies zu sein. »Ist das eine Art Belohnung für sie, Herr?« »Drücken wir es folgendermaßen aus, Mumm: Wenn man einen ecki- gen Pflock hat, sollte man nach einer eckigen Öffnung suchen.« »Das dürfte in Ordnung gehen, Herr. Es bedeutet natürlich, daß ich jemanden befördern muß…«, »Die Details kann ich sicher dir überlassen. Übrigens halte ich einen kleinen Bonus für durchaus angemessen. Sagen wir zehn Dollar für jeden Angehörigen der Wache. Oh, da ist noch etwas, Mumm. Und ich bin froh, daß Lady Sybil anwesend ist; so kann sie es direkt von mir erfahren. Man hat mir nahegelegt, den Titel deines Amtes zu ändern.« »Ach?« »›Kommandeur‹ ist ein ziemlich langes Wort. Jemand hat mich daran erinnert, daß es ein kürzeres Wort mit ähnlicher Bedeutung gibt. Es lau- tet ›Dux‹.« »Dux Mumm?« fragte Mumm. Er hörte, wie Sybil durchatmete. Er spürte abwartende Stille um sich herum. »Herzog?« fragte er schließlich. »O nein… Sybil, könntest du bitte drau- ßen warten?« »Warum, Sam?« »Ich muß Seine Exzellenz sehr persönlich sprechen.« »Du meinst, du willst mit ihm streiten?« »Ich dachte an eine… Diskussion.« Lady Sybil seufzte. »Na schön. Es liegt bei dir, Sam. Das weißt du.« »Es gibt einige… Dinge, die damit in Zusammenhang stehen«, sagte Lord Vetinari, als sich die Tür hinter Sybil geschlossen hatte. »Nein!« »Vielleicht solltest du zunächst zuhören.« »Nein! Du hast das schon einmal mit mir gemacht. Die Wache ist jetzt viel größer als früher. Der Witwen- und Waisen-Fonds hat solche Aus- maße erreicht, daß die Männer für gefährliche Einsätze Schlange stechen. Und unser Pfeilbrett ist fast neu! Diesmal kannst du mich nicht beste- chen! Es gibt nichts, das ich mir wünsche!« »Ich habe Steingesicht Mumm immer für einen oft verleumdeten Mann gehalten«, sagte Vetinari. »Ich bin auf keinen Fall bereit… Was?« Verwirrung verdrängte einen großen Teil von Mumms Ärger. »Da bin ich ganz deiner Meinung«, sagte Karotte loyal., Vetinari stand auf, trat zum Fenster und blickte zum Breiten Weg. »Mir ist der Gedanke gekommen, daß es vielleicht Zeit wird, alte Vor- urteile beiseite zu schieben«, meinte der Patrizier. Die Bedeutung umhüllte Mumm wie kalter Dunst. »Du bietest mir an, die Geschichte zu verändern?« fragte er. »Läuft es darauf hinaus?« »Oh, die Geschichte verändert sich dauernd, Mumm. Sie wird immer wieder neu geprüft und neu bewertet – wie sollten wir sonst die vielen Historiker beschäftigt halten? Ihr Verstand funktioniert auf eine beson- dere Weise, und wir können nicht zulassen, daß solche Leute zuviel freie Zeit haben. Der Vorsitzende der Historikergilde vertritt wie ich den Standpunkt, daß die zentrale Rolle deines Vorfahren in der städtischen Geschichte neu… analysiert werden sollte.« »Du hast mit ihm darüber gesprochen?« fragte Mumm. »Nein, noch nicht.« Mumms Mund öffnete und schloß sich mehrmals. Der Patrizier kehrte zu seinem Schreibtisch zurück und nahm ein Blatt Papier. »Natürlich müssen noch einige andere Dinge berücksichtigt werden«, sagte er. »Zum Beispiel?« krächzte Mumm. »Das Mumm-Wappen bekommt seine alte Gültigkeit zurück. Das ist völlig klar. Lady Sybil war geradezu außer sich, als sie erfuhr, daß du kei- nen Anspruch auf ein Wappen hast. Außerdem erhältst du eine Krone mit kleinen Buckeln…« »Von mir aus kannst du die bucklige Krone nehmen und sie…« »… von der ich hoffe, daß du sie bei offiziellen Anlässen trägst, zum Beispiel bei der Enthüllung der Statue, die der Stadt durch ihre Abwe- senheit zu lange Schande bereitet hat.« Diesmal gelang es Mumm, dem Gespräch ein wenig vorauszueilen. »Es geht wieder um Altes Steingesicht, nicht wahr?« fragte er. »Das meinst du doch, oder? Eine Statue des Alten Steingesicht.« »Da hast du völlig recht«, bestätigte der Patrizier. »Es kann kein Denkmal sein, das dich darstellt. Ich meine, eine Statue für jemanden zu, errichten, der einen Krieg verhindern wollte… Das ist nicht besonders… äh… statuenhaft. Wenn du andererseits fünfhundert deiner Männer mit arroganter Fahrlässigkeit umgebracht hättest, so wären wir bereits damit beschäftigt, die Bronze zu gießen. Nein. Ich dachte dabei an den ersten Mumm, der versuchte, eine bessere Zukunft zu schaffen und statt dessen nur in die Geschichte einging. Vielleicht könnten wir die Statue in der Pfirsichblütenstraße aufstellen…« Mumm und der Patrizier sahen sich an wie zwei Katzen. »Am Ende des breiten Weges«, brachte Mumm heiser hervor. »Direkt vor dem Palast.« Lord Vetinari sah aus dem Fenster. »Einverstanden. Der Anblick wird mir bestimmt gefallen.« »Und dicht vor der Mauer. Vor dem Wind geschützt.« »In Ordnung.« Ein oder zwei Sekunden wirkte Mumm verdutzt. »Wir haben Männer verloren…« »Insgesamt siebzehn«, sagte der Patrizier. »Sie kamen bei dem einen oder anderen Scharmützel ums Leben.« »Ich möchte…« »Es sind bereits finanzielle Vorkehrungen für die Witwen und Hinter- bliebenen getroffen.« Mumm gab auf. »Ausgezeichnet, Herr!« sagte Karotte. Der neue Herzog rieb sich das Kinn. »Aber das bedeutet, ich muß mit einer Herzogin verheiratet sein«, sagte er. »Das ist ein großes, dickes Wort, Herzogin. An solchen Dingen ist Sybil nie sehr interessiert gewesen.« »Ich verneige mich vor deinem Wissen über die weibliche Psyche«, sag- te Vetinari. »Eben habe ich ihr Gesicht gesehen. Wenn sie das nächste Mal Tee mit ihren Freundinnen trinkt, zu denen auch die Herzogin von Quirm und Lady Selachii gehören, so wird sie völlig ungerührt und über- haupt nicht selbstgefällig sein.«, Mumm zögerte. Sybil war eine bemerkenswert ausgeglichene Frau, und diese Sache… Sie hatte alles ihm überlassen, oder? Bei einer solchen Angelegenheit würde sie bestimmt nicht… Sie würde natürlich nicht protzen, nein, das nicht. Aber bestimmt genoß sie das Gefühl, daß ihre Freunde wußten, daß sie wußte, daß sie wußten… »Na schön«, sagte er. »Aber ich dachte immer, nur ein König sei im- stande, jemanden zum Herzog zu ernennen. Es ist nicht wie mit Rittern und Baronen und so. Ich meine, da hat eigentlich alles nur politische Bedeutung. Aber wenn es um einen Herzog geht…« Er sah Vetinari an. Und dann Karotte. Wie lauteten die Worte des Pa- triziers? Jemand hat mich daran erinnert… »Wenn es jemals wieder einen König in Ankh-Morpork gibt, so wird er meine Entscheidung bestimmt bestätigen«, sagte Vetinari glatt. »Und wenn es nie wieder einen König gibt… nun, dann erübrigen sich solche Überlegungen.« »Und damit bin auch ich ausgetrickst, nicht wahr?« fragte Mumm und schüttelte den Kopf. »Ganz und gar nicht«, erwiderte Vetinari. »Du hast uns alle ausgetrickst. Selbst Rust. Und die armen Teufel, die aufbrachen, um sich umbringen zu lassen. Wir sind nur Figuren auf ei- nem Spielbrett, die man nach Belieben hin und her schieben kann.« Vetinari stand plötzlich vor Mumm. »Glaubst du? Viele Männer brachen auf, Mumm. Und viele Männer kehrten zurück. Wie ruhmreich wären die Schlachten gewesen, bei denen sie nicht kämpfen mußten!« Der Patrizier legte eine kurze Pause ein und zuckte mit den Schultern. »Du sprichst von Tricks? Nun, vielleicht hast du recht. Aber sie haben es Tausenden ermöglicht zu überleben.« Ein kurzes Lächeln huschte über Lord Vetinaris Lippen und wies auf folgen- des hin: Etwas, das eigentlich nicht sehr komisch war, hatte ihn amüsiert. »Veni, vici… Vetinari.« Tang trieb in ziellosen Strömungen. Abgesehen von Treibholz, wies nichts auf die frühere Existenz von Leshp hin., Möwen kreisten am Himmel, aber ihr Krächzen wurde von einem Streit dicht über dem Meeresspiegel übertönt. »Das ist einzig und allein unser Holz, du flüchtige Bekanntschaft eines Hundes!« »Ach? Wirklich? Und glaubst du etwa, daß wir uns hier auf eurer Seite der Insel befinden? Ich glaube es nicht!« »Das Zeug ist plötzlich aufgetaucht!« »Und woher wollt ihr wissen, daß wir auf unserer Seite der Insel kein Treibholz hatten? Ganz abgesehen davon: Wir haben noch immer ein Faß mit Trinkwasser, Kamelatem!« »Na schön! Teilen wir! Ihr könnt die Hälfte des Floßes haben!« »Aha! Aha! Jetzt wollt ihr plötzlich verhandeln! Wir haben euch mit dem Trinkwasser festgenagelt!« »Können wir uns nicht endlich einigen, Vater? Ich hab’s satt, dauernd Wasser zu treten!« »Und ihr müßt euch am Paddeln beteiligen.« »Natürlich.« Die Möwen zogen weiterhin ihre Kreise, wie weißes Gekritzel am kla- ren blauen Himmel. »Nach Ankh-Morpork!« »Nach Klatsch!« Tief unten, wo der versunkene Berg Leshp zu seinem alten Platz auf dem Meeresgrund zurückfand, schwammen die Neugierigen Tintenfi- sche wieder über sonderbare Straßen. Sie wußten nicht, warum die Stadt in großen Abständen gen Himmel verschwand, aber sie blieb nie sehr lange fort. Ein Hai schwamm vorbei. Wäre jemand risikofreudig genug gewesen, ein Ohr an seinen Leib zu pressen, hätte er folgendes gehört: »Bimmel- bimmel-bamm! Drei Uhr nachmittags… Fressen, Hunger, Schwimmen. Aufgaben: Schwimmen, Hunger, Fressen. Drei Uhr und fünf Minuten: wilde Fresserei…«, Erstaunlicherweise hatte sich Feldwebel Colon selbst für den Streifen- dienst eingeteilt. Es war gut, wieder an die frische Luft zu kommen. Au- ßerdem hatte sich herumgesprochen, daß man die Wache irgendwie mit etwas in Verbindung brachte, das eine Art Sieg zu sein schien. Wer die Uniform der Wache trug, durfte damit rechnen, in der einen oder ande- ren Taverne das eine oder andere Gratisbier trinken zu können. Colon ging mit Korporal Nobbs auf Streife. Sie wanderten mit dem si- cheren Schritt von Männern, die viel gesehen und erlebt hatten. Ihr untrüglicher Instinkt führte sie an einem Lokal namens Banale Mahlzeiten vorbei. Herr Goriff putzte gerade das Fenster. Als er die bei- den Wächter sah, verharrte er kurz und verschwand im Innern des Ge- bäudes. »Das nenne ich Dankbarkeit«, schniefte Colon. Kurz darauf kam Goriff wieder zum Vorschein und eilte mit zwei gro- ßen Paketen herbei. »Das hat meine Frau extra für euch gekocht«, sagte er. »Angeblich wußte sie, daß ihr vorbeikommt«, fügte er hinzu. Colon öffnete eins der Pakete. »Potzblitz«, sagte er. »Eine klatschianische Ankh-Morpork-Spezialität«, sagte Herr Goriff. »Be- stehend aus gelbem Currypulver, großen Kohlrübenstücken, grünen Erbsen und weichen Sultaninen, so groß wie…« »… so groß wie Eier!« entfuhr es Nobby. »Herzlichen Dank«, erwiderte Colon. »Wie geht es deinem Sohn, Herr Goriff?« »Er meint, ihr hättet ihm ein Beispiel gegeben. Er will ebenfalls Wäch- ter werden, wenn er groß ist.« »Oh, gut«, entgegnete Colon fröhlich. »Das wird Herrn Mumm freuen. Sag ihm…« »In Al-Khali«, fuhr Goriff fort. »Er wohnt dort bei meinem Bruder.« »Oh. Na schön. Äh… danke für das Essen.« »Was für ein Beispiel meinte er wohl?« fragte Nobby, als sie weitergin- gen., »Ein gutes, natürlich«, antwortete Colon und kaute ein mäßig gewürz- tes Kohlrübenstück. »Oh, ja.« Sie genossen die Mahlzeit, wanderten noch etwas langsamer und näher- ten sich den Docks. »Ich schreibe Bana einen Brief«, sagte Korporal Nobby nach einer Weile. »Ja, aber… sie hat dich für eine Frau gehalten, Nobby.« »Stimmt. Sie… äh…hat mein inneres Selbst gesehen, frei von…« Nobbys Lippen bewegten sich lautlos, als er nach den richtigen Worten suchte. »Frei von allen Äußerlichkeiten. Das meinte Angua. Wie dem auch sei: Ich dachte, daß jetzt ihr Verlobter heimkehrt, und deshalb möchte ich großzügig sein und sie ihm überlassen.« »Weil er sich als großer, ziemlich kräftig gebauter Bursche herausstellen könnte, nicht wahr?« fragte Feldwebel Colon. »Das kam mir dabei nie in den Sinn«, behauptete Nobby. Eine Zeitlang gingen sie schweigend. »Eine so gute Tat habe ich nie zuvor vollbracht«, sagte Nobby. »Ja«, erwiderte Feldwebel Colon. Nach einigen Sekunden besinnlicher Stille fügte er hinzu: »Natürlich ist das nicht besonders schwer.« »Ich habe noch immer das Taschentuch, das sie mir gegeben hat.« »Sehr hübsch, Nobby.« »Aus echter klatschianischer Seide.« »Ja, sieht wirklich gut aus.« »Ich werd’s nie waschen, Feldwebel.« »Du sentimentaler alter Knabe«, sagte Fred Colon. Er beobachtete, wie sich Korporal Nobby die Nase putzte. »Ich nehme an, von jetzt an benutzt du es nicht mehr«, bemerkte er skeptisch. »Man kann’s noch immer biegen, sieh nur.« Nobby zeigte es ihm. »Oh, ja. Wie dumm von mir, so etwas zu fragen.«, »Durch diese Erfahrung habe ich viel über Frauen gelernt«, sagte Nob- by. Der verheiratete Colon schwieg. »Heute nachmittag bin ich bei Wilma Schubwagen gewesen«, fuhr Nobby fort. »Ich sagte zu ihr, wie wär’s, wenn wir heute abend ausgehen, und dein Schielen stört mich überhaupt nicht, und ich habe hier dieses exotische Parfüm, das vollkommen über deinen Geruch hinwegtäuscht, und sie meinte, hau ab, und außerdem hat sie mir einen Aal hinterherge- worfen.« »Das klingt nicht sehr vielversprechend«, kommentierte Colon. »Oh, ich weiß nicht, Feldwebel. Früher fluchte sie nur, wenn sie mich sah. Und ich habe einen Aal bekommen, der mindestens für eine Mahl- zeit gut ist, und deshalb kann ich mich eigentlich nicht beklagen.« »Wie du meinst. Du solltest nur versuchen, das Parfüm möglichst schnell loszuwerden, in Ordnung? Selbst die Leute auf der anderen Stra- ßenseite beschweren sich.« Ihre Füße steuerten geradewegs das Hafenviertel an. Dort sahen sie zum aufgespießten Kopf des Klatschianers auf. »Der ist nur aus Holz«, sagte Colon. Nobby schwieg. »Und er ist Teil unseres Erbes an Traditionen, gewissermaßen«, fuhr Colon fort. Aber er zögerte dabei, als widerstrebte es ihm, seiner eigenen Stimme zu glauben. Nobby putzte sich erneut die Nase, was angesichts vieler Arpeggios und Trompetenstöße einige Zeit dauerte. Der Feldwebel gab nach. Einige Dinge waren nicht mehr so wie vor- her, das mußte er zugeben. »Eigentlich hat’s mir hier nie richtig gefallen. Gehen wir zur Weintraube, einverstanden?« Nobby nickte. »Außerdem schmeckt hier das Bier nicht«, fügte Colon hinzu. Lady Sybil trat vor ihren Mann und hob das Taschentuch. »Spuck!« befahl sie., Dann entfernte sie mit großer Sorgfalt einen winzigen Schmutzfleck von Mumms Wange. »So. Jetzt siehst du…« »… herzogisch aus«, sagte Mumm verdrießlich. »Ich dachte, wir hätten das schon hinter uns gebracht…« »Nach dem ganzen Durcheinander hat man vergessen, das Convivium abzuhalten«, sagte Lady Sybil und entfernte mikroskopische Fusseln von Mumms Wams. »Es wird jetzt nachgeholt.« »Man sollte meinen, daß ich als Herzog nicht dieses dämliche Kostüm tragen müßte, oder?« »Nun, ich habe deinen Auftritt in der Paradeuniform des Herzogs vor- geschlagen, Schatz.« »Ja, und es genügte mir, einen Blick darauf zu werfen. Weiße Seiden- strümpfe passen einfach nicht zu mir.« »Du hast genau die richtigen Waden dafür…« »Ich glaube, ich bleibe besser beim Kostüm des Kommandeurs«, sagte Mumm rasch. Erzkanzler Ridcully eilte herbei. »Wir sind jetzt soweit, Lord Mu…« »Nenn mich Sir Samuel«, sagte Mumm. »Daran bin ich einigermaßen gewöhnt.« »Nun, wir haben den Quästor in einer der Dachkammern gefunden – dem Beginn der Zeremonie steht also nichts mehr im Wege. Wenn du nun so freundlich wärst, deinen Platz einzunehmen…« Mumm schritt zur Spitze der Prozession, fühlte dabei alle Blicke auf sich ruhen und hörte flüsternde Stimmen. Konnte man aus dem Adel verstoßen werden? Er beschloß, bei nächster Gelegenheit in den Bü- chern nachzusehen. Doch wenn man daran dachte, was Lords in der Vergangenheit angestellt hatten… Vermutlich mußte man sich etwas sehr Schlimmes zuschulden kommen lassen, um wieder zu einem ge- wöhnlichen Bürger zu werden. Die ersten Entwürfe der Statue sahen recht gut aus. Und Mumm wuß- te inzwischen auch, was demnächst in den Geschichtsbüchern stehen würde. Wie sich herausstellte, war es ganz einfach, Einfluß auf die Ge-, schichte zu nehmen: Man mußte nur die richtigen Worte niederschrei- ben. Darauf lief alles hinaus: auf Worte in Büchern. »Also gut!« rief Ridcully, um das vielstimmige Murmeln zu übertönen. »Wenn wir jetzt alle munter marschieren und Lord… Komman… Sir Samuel folgen, sollten wir spätestens bis halb zwei zum Mittagessen zu- rück sein. Ist der Chor bereit? Niemand tritt jemand anderem auf den Saum des Umhangs? Dann los!« Mumm ging mit den obligatorischen langsamen Schritten und hörte, wie sich die Prozession hinter ihm in Bewegung setzte. Bestimmt gab es Probleme, wie immer bei solchen Anlässen; normalerweise hervorgeru- fen durch Alte und Taube sowie Junge und Dumme. Vermutlich waren einige Leute bereits in die falsche Richtung unterwegs. Als er den Hiergibt’salles-Platz erreichte, ertönten Geräusche, die Spott und Blähungen ausdrückten – die übliche akustische Kulisse bei einer ausreichend großen Menschenmenge. Hinzu kamen traditionelle Bemer- kungen wie »He, der Bursche sieht wie ein Idiot aus«. Doch hier und dort erklangen auch einige jubelnde Stimmen. Mumm versuchte, starr geradeaus zu blicken. Seidenstrümpfe. Mit Strumpfbändern. Nein, ausgeschlossen. Für Sybil war er zu vielem bereit, aber wenn es in ihrer Beziehung jemals Strumpf- bänder geben sollte, dann auf jeden Fall nicht bei ihm. Außerdem hatte man ihn immer wieder darauf hingewiesen, daß er einen purpurnen Man- tel mit Gezieferpelz tragen sollte. Auch das kam nicht in Frage. Mumm hatte eine verzweifelte Stunde in der Bibliothek verbracht und über goldene Knöpfe, Seidenstrümpfe und ähnlichen Unsinn gelesen. Tradition? Er würde den Leuten zeigen, worin wahre Tradition bestand. So wie er die Sache sah, hatten die ersten und ursprünglichen Herzöge or- dentliche Kettenhemden mit Blut daran getragen, vorzugsweise das ihrer Gegner… Jemand schrie in der Menge. Mumm drehte den Kopf und bemerkte eine füllige Frau, die auf dem Boden saß und mit beiden Armen winkte. »Er hat mir die Handtasche gestohlen! Ohne das Abzeichen der Die- besgilde zu zeigen!«, Die Prozession hielt an, als Mumm einer Gestalt nachsah, die über den Hiergibt’salles-Platz rannte. »Bleib stehen, Sidney Greifzu!« rief er und stürmte los. Nur wenige Leute wissen, was es mit der Tradition wirklich auf sich hat. Ihre innere Natur zeichnet sich durch eine gewisse geheimnisvolle Lä- cherlichkeit aus. Einst gab es einen Grund dafür, am Seelenkuchendiens- tag einen kleinen Strauß Schlüsselblumen zu tragen, aber heute macht man das nur noch, weil… weil es sich so gehört. Außerdem ist die Intel- ligenz des Wesens namens »Menschenmenge« nicht höher als die Qua- dratwurzel der Anzahl aller Personen. Mumm lief, und der Universitätschor folgte ihm eilig. Die Leute hinter dem Chor beobachteten eine rasch breiter werdende Lücke und versuch- ten, sie zu schließen. Und dann liefen auch alle anderen, weil alle anderen liefen. Ein gelegentliches Wimmern stammte von denen, deren Herzen, Lun- gen oder Beine solchen Belastungen nicht gewachsen waren. Außerdem ertönte eine Art donnerndes Schnaufen: Der Erzkanzler hatte versuchte, dem Ansturm standzuhalten, und nun mußte er erleben, wie sein Kopf immer wieder aufs Kopfsteinpflaster getreten wurde. Sidney Greifzu, Lehrling in der Diebesgilde, rannte noch schneller, weil er einen Blick über die Schulter geworfen und festgestellt hatte, daß ihn die ganze Gesellschaft von Ankh-Morpork verfolgte – so etwas hinter- läßt einen ziemlich nachhaltigen Eindruck auf einen Heranwachsenden. Und Sam Mumm rannte. Er streifte den Umhang ab, warf den mit Fe- dern ausgestatteten Helm fort und rannte und rannte. Später mochten sich Probleme ergeben. Die Leute würden Fragen stel- len. Aber das kam später. Jetzt gab es nur eins: Herrlich unkompliziert und wundervoll sauber, hoffentlich ohne Ende und unter einem blauen Himmel, in einer makellosen Welt, war er auf der Jagd.]
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