Herunterladen: Buch: In Hunghung, der Hauptstadt des achatenen Reiches, herrscht Chaos.

Buch: In Hunghung, der Hauptstadt des achatenen Reiches, herrscht Chaos. Der tyrannische Kaiser liegt im Sterben, und der Großwesir Lord Hong will die Macht, um das Reich bis nach Ankh-Morpork auszudehnen. Allerdings hat er nicht mit der Grauen Horde gerechnet, die mit Cohen dem Barbaren und einem gewissen Herrn Zervelatwurst auf dem Marsch zur verbotenen Stadt ist – mal ganz abgesehen von dem Zauberer Rin- cewind, der nicht mal in der Lage ist, das Wort »Zauberer« richtig zu buchstabieren. ECHT ZAUBERHAFT! – ein neuer Geniestreich von Terry Pratchett, dem Superstar der etwas anderen Fantasy D...
Autor Anonym
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Buch: In Hunghung, der Hauptstadt des achatenen Reiches, herrscht Chaos. Der tyrannische Kaiser liegt im Sterben, und der Großwesir Lord Hong will die Macht, um das Reich bis nach Ankh-Morpork auszudehnen. Allerdings hat er nicht mit der Grauen Horde gerechnet, die mit Cohen dem Barbaren und einem gewissen Herrn Zervelatwurst auf dem Marsch zur verbotenen Stadt ist – mal ganz abgesehen von dem Zauberer Rin- cewind, der nicht mal in der Lage ist, das Wort »Zauberer« richtig zu buchstabieren. ECHT ZAUBERHAFT! – ein neuer Geniestreich von Terry Pratchett, dem Superstar der etwas anderen Fantasy Der Autor: Terry Pratchett, geboren 1948, verkaufte seine erste Geschichte im zar- ten Alter von dreizehn Jahren und ist heute einer der erfolgreichsten Fantasy-Autoren überhaupt. Neben Douglas Adams und Tom Sharpe gilt er als Großbritanniens scharfsinnigster und pointensicherster Ko- mik-Spezialist. Time Out schrieb über ihn: »Terry Pratchett wird mit je- dem Buch besser und besser. Er ist auf dem Höhepunkt seines Schaf- fens, und es gibt heute keinen einzigen Humoristen, der es auch nur an- nähernd mit ihm aufnehmen kann.«,

Terry Pratchett Echt Zauberhaft!

17. Roman von der bizarren Scheibenwelt Ins Deutsche übertragen von Andreas Brandhorst

GOLDMANN

, Die englische Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel »Interesting Times« bei Victor Gollancz Ltd. London Der Goldmann Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann Deutsche Erstveröffentlichung 04/97 Copyright © Terry and Lyn Pratchett 1994 First published by Victor Gollancz Ltd. London Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1997 by Wilhelm Goldmann Verlag, München Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagillustration: Josh Kirby Satz: Uhl + Massopust, Aalen Druck: Graphischer Großbetrieb Pößneck GmbH Verlagsnummer: 41599 VB – Redaktion: Michael Ballauff Herstellung: Peter Papenbrok Made in Germany ebook by Monty P. ISBN 3-442-41599-3, Es gibt einen Fluch, der lautet:, Hier spielen die Götter mit dem Leben von Menschen, auf einem Brett, das der Spielbereich und gleichzeitig die ganze Welt ist. Und das Schicksal gewinnt immer. Es gewinnt immer. Die meisten Götter würfeln, aber Schicksal spielt Schach, und zwar mit zwei Damen – was man erst ganz zum Schluß herausfindet, wenn es zu spät ist. Das Schicksal gewinnt. So sagt man jedenfalls. Was auch immer pas- siert: Hinterher heißt es, daß es Schicksal gewesen sein muß.* Götter können jede beliebige Gestalt annehmen, doch sie sind nicht imstande, etwas an den Augen zu ändern, die ihre wahre Natur verraten. Schicksals Augen sind zwei dunkle Öffnungen, durch die man eine Un- endlichkeit sieht, in der Sterne oder vielleicht auch ganz andere Dinge funkeln. Er blinzelte nun und lächelte so, wie Gewinner lächeln, bevor sie ge- winnen. »Ich beschuldige den Hohepriester der Grünen Kutte in der Bibliothek mit der zweihändigen Streitaxt.« Er gewann. Und strahlte. »Ef ift feuflich, wenn jemand dauernd gewinnt«, lispelte der Krokodil- gott Offler durch seine langen Reißzähne. »Offenbar habe ich heute Glück«, sagte Schicksal. »Wie wär’s mit ei- nem anderen Spiel?« Die Götter zuckten mit den Schultern. »›Irre Könige‹?« schlug Schicksal vor. »›Verzweifelte Liebe‹?« »Ich glaube, dafür haben wir die Spielregeln verloren«, meinte der Blin- de Io, das Oberhaupt der Götter. * In dieser Hinsicht sind die Leute ein wenig verwirrt, ebenso bei Wundern. Wird jemand durch eine sonderbare Verkettung von Umständen vor dem sicheren Tod gerettet, spricht man von einem Wunder. Doch wenn eine unglückselige Folge von Ereignissen jemanden umbringt - hier ein Ölfleck und dort eine Lücke in der Leitplanke -, so ist das ebenfalls ein Wunder. Der Vorgang wird nicht weniger wundersam, nur weil er uns nicht gefällt., »Was haltet ihr von ›Seeleute im Sturm‹?« »Du läßt sie immer wieder ertrinken«, stellte Io fest. »›Flut und Dürre‹?« fragte Schicksal hoffnungsvoll. »Das ist ganz ein- fach.« Ein Schatten fiel auf den Tisch. Die Götter hoben den Blick. »Ah«, kommentierte Schicksal. »Laßt uns ein Spiel beginnen«, sagte die Lady. Es herrschte noch immer keine Einigkeit darüber, ob die Lady zu den Göttern zählte. Nie hatte sie jemand mit Erfolg verehrt, und sie erschien immer dann, wenn man sie nicht erwartete, so wie jetzt. Wer ihr vertrau- te, überlebte nur selten. Ihr gewidmete Tempel wurden ziemlich sicher vom Blitz getroffen. Wer ihren Namen nannte, brachte sich in größere Gefahr als jemand, der auf einem hohen Drahtseil mit Äxten jonglierte. Sie war die Kellnerin in der Taverne Letzte Chance. Für gewöhnlich nannte man sie einfach nur Lady. Ihre Augen waren grün, aber nicht so wie bei Menschen. Es war das Grün von Smaragden, und es beschränkte sich nicht auf die Pupillen. Es hieß, Grün sei die Lieblingsfarbe der Lady. »Ah«, wiederholte Schicksal. »Und an welches Spiel hast du gedacht?« Sie nahm ihm gegenüber Platz. Die anderen Götter beobachteten das Geschehen und erhofften sich gute Unterhaltung. Schicksal und die Lady galten als alte Feinde. »Ich hätte Lust zu…« Die Lady zögerte kurz. »›Mächtige Reiche‹?« »Ein gräflichef Fpiel«, grummelte Offler, nachdem es einige Sekunden still geblieben war. »Zum Schluff fterben alle.« »Ja«, bestätigte Schicksal. »Das stimmt tatsächlich.« Er nickte der Lady zu und sprach in einem Tonfall, in dem professionelle Spieler »Sind Asse hoch?« fragten. »Der Niedergang großer Häuser? Das Schicksal der Na- tionen hängt an einem seidenen Faden?« »Natürlich«, erwiderte die Lady. »Oh, gut.« Schicksal hob die Hand übers Spielbrett. Die Scheibenwelt erschien. »Und wo spielen wir?« erkundigte er sich., »Auf dem Gegengewicht-Kontinent«, sagte die Lady. »Fünf adlige Fa- milien kämpfen dort schon seit Jahrhunderten gegeneinander.« »Im Ernst?« warf Io ein. »Wie heißen die Familien?« Mit einzelnen Menschen bekam er es nur selten zu tun. Er kümmerte sich vor allem um Donner und Blitze, weshalb die Menschheit für ihn nur existierte, um entweder naß zu werden oder gelegentlich zu brutzeln. »Es sind die Hongs, Sungs, Tangs, McSweeneys und Fangs.« »Ach«, murmelte Io. »Ich wußte gar nicht, daß sie zum Adel gehören.« »Sie sind sehr reich«, erklärte die Lady. »Allein aus Gründen der Zweckdienlichkeit und des Stolzes haben sie Millionen von Menschen auf dem Schlachtfeld oder in Folterkammern sterben lassen.« Die zuhörenden Götter nickten ernst. Genau so verhielt sich der wahre Adel. »McFweeney?« fragte Offler. »Eine sehr alte und angesehene Familie«, entgegnete Schicksal. »Oh.« »Und bei dem langen Kampf geht es um ein Reich«, sagte Schicksal. »Ausgezeichnet. Wen übernimmst du?« Die Lady betrachtete die sich vor ihnen ausdehnende Geschichte. »Die Hongs sind sehr mächtig. Während wir hier miteinander spre- chen, erobern sie weitere Städte. Offenbar sind sie dazu bestimmt, den Sieg zu erringen.« »Also wählst du eine schwächere Familie.« Schicksal hob erneut die Hand. Spielfiguren erschienen und wandelten über das Spielbrett, als hätten sie ein eigenes Leben – was natürlich der Fall war. »Wir verwenden keine Würfel«, sagte er. »Beim Würfeln traue ich dir nicht. Du wirfst sie immer dorthin, wo ich sie nicht sehen kann. Wir spielen mit Stahl und Taktik, mit Politik und Krieg.« Die Lady nickte. Schicksal musterte seine Gegnerin. »Du bist dran«, sagte er., Sie lächelte. »Ich habe meine Figuren schon gesetzt.« Schicksal blickte aufs Brett. »Wo sind sie?« »Sie befinden sich noch nicht auf dem Spielbrett«, antwortete die Lady und öffnete ihre Hand. Etwas Schwarzes und Gelbes kam zum Vorschein. Nach kurzem Pu- sten entfaltete es die Flügel. Ein Schmetterling. Das Schicksal gewinnt immer… Zumindest dann, wenn sich die Leute an die Regeln halten. Nach dem Philosophen Ly Schwatzmaul findet man immer dort beson- ders viel Chaos, wo man nach Ordnung sucht. Das Chaos besiegt die Ordnung, weil es besser organisiert ist. Dies ist der Schmetterling der Stürme. Seine Flügel sind nur wenig mehr ausgefranst als die Schwingen eines gewöhnlichen Perlmutterfalters. Doch wenn man die fraktale Natur des Universums berücksichtigt… Danach sind die Flügelräder unendlich – auf die gleiche Weise ist eine zerklüftete Küstenlinie unendlich lang, wenn man sie auf mikroskopischem Niveau mißt. Um zum Schmetter- ling zurückzukehren: Wenn die Flügelränder nicht wirklich unendlich sind, so kommen sie der Unendlichkeit doch so nahe, wie man diese an einem klaren Tag sehen kann. Woraus folgt: Wenn die Ränder unendlich lang sind, so müssen die Flügel unendlich groß sein. Sie scheinen genau die richtige Größe von Schmetterlingsflügeln zu ha- ben, aber nur deshalb, weil die meisten Leute gesunden Menschenvers- tand der Logik vorziehen. Der Quantenwetter-Schmetterling (Papilio tempestae) zeichnet sich durch ein unauffälliges Gelb aus, aber die Mandelbrot-Muster der Flügel sind sehr interessant. Seine herausragende Fähigkeit besteht darin, Wetter zu erzeugen. Ursprünglich war dies vermutlich eine Eigenschaft, die das Überleben, der Spezies förderte – selbst ein sehr hungriger Vogel empfände es als ausgesprochen unangenehm, in einen scheußlichen lokalen Tornado* zu geraten. Später wurde daraus ein sekundäres Geschlechtsmerkmal, wie zum Beispiel das Gefieder von Vögeln oder die Kehlbeutel mancher Frösche. Sieh mich an, sagt das Männchen, während es unter dem Dach des Regenwalds sitzt und lässig mit den Flügeln schlägt. Mein Gelb mag unauffällig sein, aber in vierzehn Tagen wird es anderthalbtausend Kilo- meter von hier entfernt heißen: Sturmböen führen zu Verkehrschaos. Dies ist der Schmetterling der Stürme. Er schlägt mit den Flügeln… Dies ist die Scheibenwelt, die auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte durchs All getragen wird. Es geht vielen Welten so – zumindest vertreten ihre Bewohner wäh- rend bestimmter Phasen ihrer Entwicklung solche Meinungen. Offenbar ist das eine kosmologische Perspektive, die zu den Basisprogrammen des menschlichen Gehirns gehört. In Steppen und auf weiten Ebenen, im wolkenverhangenen Dschungel und in stillen roten Wüsten, in Sümpfen und Mooren… Überall dort, wo etwas mit einem »Plop« von schwimmenden Baumstämmen springt, wenn man sich nähert, kommt es zu Beginn der Stammesmythologie zu folgender (oder ähnlicher) Szene: »Hast du das gesehen?« »Was denn?« »Da ist was von dem Baumstamm gesprungen. Mit einem Plop.« »Ja? Und?« »Ich schätze… ich schätze… he, ich schätze, eins von den Biestern trägt die Welt auf dem Rücken.« Es folgen einige Sekunden Stille, während über diese astrophysikalische Hypothese nachgedacht wird. Dann… »Die ganze Welt?« * Mit einem Durchmesser von etwa fünfzehn Zentimetern., »Wenn ich ›eins von den Biestern‹ sage, meine ich natürlich ein beson- ders großes.« »Ja, es müßte wirklich ziemlich groß sein.« »Richtig riesig.« »Komisch, aber… Ich verstehe, was du meinst.« »Ergibt doch einen Sinn, oder?« »Ja. Die Sache ist nur…« »Was?« »Hoffentlich macht das große Biest nicht ebenfalls Plop.« Aber dies ist die Scheibenwelt, und sie wird nicht nur von einer riesigen Schildkröte getragen, sondern auch von vier großen Elefanten, auf deren Rücken sie sich langsam dreht.* Da erstreckt sich das Runde Meer, etwa auf halbem Weg zwischen Mit- te und Rand, gesäumt von Ländern, die nach Ansicht der Historiker die zivilisierte Welt bilden, das heißt eine Welt, die sich Historiker leisten kann: Ephebe, Tsort, Omnien, Klatsch und der wuchernde Stadtstaat Ankh-Morpork. Dies ist eine Geschichte, die woanders beginnt, dort, wo jemand auf einem Floß liegt, das in einer blauen Lagune unter einem sonnigen Himmel treibt. Der Mann hat die Hände hinterm Kopf gefaltet und ist glücklich – in seinem Fall ein einzigartiges, völlig neues Empfinden. Er summt eine fröhliche Melodie und läßt die Füße ins kristallklare Wasser baumeln. Die Füße sind rosarot, ihre Zehen wackeln immer wieder. Aus dem Blickwinkel eines Hais gesehen, der langsam übers Riff glei- tet, sind sie die Einladung zum Büfett. Wie üblich war es eine Frage des Protokolls. Beziehungsweise der Dis- * Viele Leute fragen sich, wie so etwas möglich ist. Immerhin gibt es keinen irdi- schen Elefanten, der eine sich drehende Last über längere Zeit hinweg tragen kann, ohne daß er Reibungswunden bekommt. Nun, ebensogut könnte man fragen, warum die Achse eines Planeten nicht quietscht, wohin die Liebe ver- schwindet und wie die Farbe Gelb klingt., kretion. Oder der sorgfältigen Etikette. Und letztendlich des Alkohols. Besser gesagt: der Illusion von Alkohol. Als oberster Herrscher von Ankh-Morpork konnte Lord Vetinari dem Erzkanzler der Unsichtbaren Universität jederzeit befehlen, zu ihm zu kommen. Er war auch berechtigt, ihn bei Ungehorsam hinrichten zu lassen. Andererseits hatte Mustrum Ridcully als Oberhaupt der Zauberer mit höflicher Deutlichkeit darauf hingewiesen, daß er den Patrizier jederzeit in eine kleine Amphibie verwandeln konnte, um anschließend mit einem Sitzball durchs Zimmer zu hüpfen. Alkohol überbrückte die diplomatische Kluft. Manchmal lud Lord Ve- tinari den Erzkanzler zu einem Gläschen in den Palast ein. Ridcully nahm solche Einladungen natürlich an, da es sehr unfreundlich gewesen wäre, sie einfach zu ignorieren. Alle verstanden die Situation und ver- suchten immer, freundlich zu sein – was Unruhen in der Bevölkerung und Schleim auf dem Teppich vorbeugte. Es war ein herrlicher Nachmittag. Lord Vetinari saß im Palastgarten und beobachtete die Schmetterlinge mit verärgert gerunzelter Stirn. Er fand es unverschämt, daß sie einfach so herumflatterten und sich ihres Lebens erfreuten, ohne irgendwelche Pflichten wahrzunehmen. Nach einer Weile hob er den Kopf. »Oh, Erzkanzler«, sagte er. »Freut mich, dich zu sehen. Nimm Platz. Ich hoffe, es geht dir gut.« »Ich kann nicht klagen«, erwiderte Mustrum Ridcully. »Und du? Bist du bei guter Gesundheit?« »Ich habe mich nie besser gefühlt. Nun, wie ich sehe, ist das Wetter wieder besser geworden.« »Morgen soll es noch schöner sein.« »Eine Schönwetterperiode könnten wir gut gebrauchen.« »In der Tat.« »Ja.« »Ah…« »Gewiß.«, Sie beobachteten die Schmetterlinge. Ein Diener brachte kühle Drinks. »Was stellen sie eigentlich mit den Blumen an?« fragte Lord Vetinari. »Wie bitte?« Der Patrizier zuckte mit den Schultern. »Schon gut. Es war nicht weiter wichtig. Nun, da du dir schon einmal die Zeit genommen hast, mich zu besuchen, verehrter Erzkanzler, obgleich sicher weitaus wichtigere Dinge deine Aufmerksamkeit verlangen… vielleicht kannst du mir folgende Frage beantworten: Wer ist der Große Zauberer?« Ridcully dachte darüber nach. »Vermutlich der Dekan«, sagte er. »Dürfte so um die hundertdreißig Kilo wiegen.« »Ich fürchte, mit dieser Auskunft kann ich kaum etwas anfangen«, meinte Lord Vetinari. »Nach dem Kontext ist mit ›groß‹ ein besonders guter Zauberer gemeint.« »Dann kommt der Dekan nicht in Frage«, entschied Ridcully. Lord Vetinari versuchte, sich die Fakultät der Unsichtbaren Universität ins Gedächtnis zurückzurufen. Das Erinnerungsbild zeigte ihm kleine Vorberge mit spitzen Hüten. »Nein, der Kontext weist tatsächlich nicht auf den Dekan hin«, pflich- tete er dem Erzkanzler bei. »Äh…« Ridcully zögerte kurz. »Könntest du das mit dem Kontext et- was näher erklären?« Der Patrizier griff nach seinem Gehstock. »Komm. Du solltest es dir besser selbst ansehen. Es ist eine verzwickte Angelegenheit.« Ridcully blickte sich interessiert um, als er Lord Vetinari folgte. Er be- kam nicht oft Gelegenheit, den Park zu besichtigen, der in Gärtnerei- Handbüchern unter der Rubrik »Was man unbedingt vermeiden sollte« zu finden war. Der berühmt-berüchtigte Landschaftsgärtner und Erfinder »Absolut Bekloppter« Johnson hatte die Parkanlage geplant beziehungsweise verbrochen. Geistesabwesenheit und Nichtbeachtung selbst der elemen- tarsten Mathematik machten jeden Schritt zu einer Gefahr. Johnsons, Genie – falls man in diesem Zusammenhang überhaupt von »Genie« sprechen konnte – war das genaue Gegenteil jener Genialität, die bei Erdarbeiten alle positiven Kräfte des Bodens nutzt. Niemand wußte genau, welche Kräfte die Entwürfe des Absolut Be- kloppten Johnson anzapften, aber das Ergebnis sah folgendermaßen aus: Die läutende Sonnenuhr explodierte oft; das Mosaikpflaster hatte Selbstmord begangen; die gußeisernen Gartenmöbel waren schon drei- zehnmal geschmolzen. Der Patrizier geleitete den Erzkanzler durch ein Tor, und kurz darauf erreichten sie eine Art Taubenschlag. Drinnen führte eine knarrende Holztreppe nach oben. In den Schatten flüsterten und kicherten einige der überaus widerstandsfähigen wilden Tauben von Ankh-Morpork. »Was ist dies?« fragte Ridcully, während die Stufen unter ihm stöhnten. Der Patrizier zog einen Schlüssel aus der Tasche. »Soweit ich weiß, sa- hen Johnsons Pläne an dieser Stelle einen Bienenstock vor. Da es hier jedoch keine drei Meter langen Bienen gibt, mußten wir nach anderen Verwendungszwecken suchen.« Er öffnete eine Tür und betrat einen großen Raum. Jede Wand hatte ein unverglastes Fenster, und vor jeder rechteckigen Öffnung stand eine Vorrichtung aus Holz, ausgestattet mit Sprungfeder und Glocke. Auf den ersten Blick wurde klar: Was durch eins der Fenster hereinkam und groß genug war, ließ die Glocke läuten. In der Mitte des Raums stand auf einem Tisch der größte Vogel, den Ridcully jemals gesehen hatte. Das Tier drehte den Kopf und musterte ihn aus gelben Knopfaugen. Der Patrizier holte ein Glas mit Sardellen hervor. »Er hat uns ziemlich überrascht«, sagte er. »Seit dem Eintreffen des letzten Kuriers sind fast zehn Jahre vergangen. Früher hatten wir hier eisgekühlte frische Makre- len.« »Ist das nicht ein Sinnloser Albatros?« fragte Ridcully. »Ja«, bestätigte Lord Vetinari. »Und ein gut dressierter noch dazu. Heu- te abend kehrt er zurück. Schafft zehntausend Kilometer mit einem Glas Sardellen und einer Flasche Fischbrei, die Drumknott in der Küche fand. Erstaunlich.«, »Äh, was?« fragte Ridcully. »Wohin kehrt er zurück?« Lord Vetinari wandte sich ihm zu. »Nicht zum Gegengewicht-Kontinent, das möchte ich ausdrücklich be- tonen«, sagte er. »Dies ist keiner der Vögel, die das Achatene Reich für Kurierdienste einsetzt. Es ist allgemein bekannt, daß wir nicht die geringsten Beziehungen zu jenem geheimnisvollen Land unterhalten. Und dieser Vogel ist nicht der erste, der hier seit vielen Jahren eintrifft, und er bringt keine sonderbare und sehr rätselhafte Nachricht. Habe ich mich klar ge- nug ausgedrückt?« »Nein.« »Gut.« »Dies ist kein Albatros?« Der Patrizier lächelte. »Ah, wie ich sehe, verstehst du allmählich.« Mustrum Ridcully verfügte zwar über ein großes und recht leistungsfä- higes Gehirn, doch mit Doppeldeutigkeiten konnte er nur wenig anfan- gen. Er betrachtete den tückisch wirkenden Schnabel. »Sieht ganz wie ein verdammter Albatros aus«, murmelte er. »Und eben hast du noch gesagt, es sei einer. Ich habe gefragt ›Ist das kein…‹« Der Patrizier winkte verärgert ab. »Vergeude keine Zeit mit ornitholo- gischen Studien. Wichtig ist vor allem dieser Zettel, den der Nachrich- tenbeutel des Vogels enthielt…« »Du meinst, er enthielt ihn nicht?« fragte Ridcully und bemühte sich, den Sinn in der ganzen Sache zu erkennen. »Ja. Genau das meine ich. Und hier ist er nicht. Sieh dir das an.« Lord Vetinari reichte dem Erzkanzler ein Blatt. »Da hat jemand kleine Bilder gemalt«, stellte Ridcully fest. »Das sind achatene Piktogramme«, erläuterte der Patrizier. »Du meinst, das sind keine achatenen Piktogramme?« »Ja, ja, natürlich.« Lord Vetinari seufzte. »Offenbar kennst du dich gut mit den wesentlichen Aspekten der Diplomatie aus. Nun, was hältst du davon?« »Sieht nach Klecks, Klecks, Klecks, Klecks, Zaubberer aus«, sagte Rid-, cully. »Und was schließt du daraus?« »Hier hat sich jemand für Kunst entschieden, weil er mit dem Buchsta- bieren nicht zurechtkam. Wer hat das geschrieben? Oder gemalt?« »Keine Ahnung. Früher haben die Großwesire gelegentlich Mitteilun- gen geschickt, doch in jüngster Zeit muß es ein ziemliches Durcheinan- der gegeben haben. Du hast sicher bemerkt, daß eine Unterschrift fehlt. Wie dem auch sei, ich kann die Nachricht nicht einfach ignorieren.« »Zaubberer, Zaubberer«, murmelte Ridcully nachdenklich. »Die Piktogramme bedeuten: ›Schickt uns sofort den Großen‹«, über- setzte Lord Vetinari. »… Zaubberer…«, wiederholte Ridcully leise und klopfte auf den Zet- tel. Der Patrizier warf dem Albatros eine Sardelle zu, die der Vogel gierig verschlang. »Die Streitkräfte des Reiches sind eine Million Mann stark«, sagte er. »Zum Glück finden die Herrscher Gefallen daran zu behaupten, daß sich jenseits der Grenzen nur weite Wüsten erstrecken, deren einzige Bewoh- ner Vampire und Geister sind. Normalerweise interessieren sie sich nicht für unsere Angelegenheiten. Worüber wir uns freuen können, denn die Regenten des Achatenen Reiches sind schlau, reich und mächtig. Offen gesagt, hatte ich gehofft, daß sie uns völlig vergessen haben. Und jetzt dies. Wir sollten die angeforderte Person so schnell wie möglich auf die Reise schicken – um zu vermeiden, daß sich Probleme für uns ergeben.« »Zaubberer…«, brummte Ridcully. »Möchtest du vielleicht Urlaub machen?« fragte der Patrizier hoff- nungsvoll. »Ich? Nein. Vertrage kein ausländisches Essen«, entgegnete Ridcully rasch, um dann noch einmal zu wiederholen: »Zaubberer…« »Das Wort scheint dich zu faszinieren«, sagte Lord Vetinari. »Ich habe es schon einmal auf diese Weise geschrieben gesehen«, erwi- derte Ridcully. »Aber wo? Ich erinnere mich nicht mehr daran.« »Bestimmt fällt es dir wieder ein. Und ich bin sicher, du schickst den, Großen Zauberer – wie auch immer er geschrieben wird – bis heute abend zum Reich.« Ridcullys Kinnlade klappte nach unten. »Zehntausend Kilometer? Mit Magie? Weißt du, wie schwierig das ist?« »Ich genieße meine diesbezügliche Unwissenheit«, sagte Lord Vetinari. »Außerdem sind die Leute dort… äh… ausländisch«, fuhr Ridcully fort. »Und ich dachte, sie hätten selbst Zauberer.« »Davon ist mir nichts bekannt.« »Wissen wir, warum der Große Zauberer geschickt werden soll?« »Nein. Aber sicher gibt es jemanden, den du entbehren kannst. In der Universität mangelt es nicht an Zauberern.« »Vielleicht steckt irgendein gräßlicher ausländischer Zweck dahinter«, spekulierte Ridcully. Der Dekan watschelte an seinem inneren Auge vor- bei, daraufhin erhellte sich die Miene des Erzkanzlers. »Vielleicht genügt ein großer Zauberer, was meinst du?« »Das überlasse ich ganz dir. Ich möchte heute abend nur dem Albatros eine Antwort mitgeben können, in der es heißt, daß der Große Zauberer auf dem Weg ist. Und anschließend vergessen wir die ganze Sache.« »Es wäre sehr schwierig, den Betreffenden wieder zurückzuholen«, sag- te Ridcully. Erneut dachte er an den Dekan. »Praktisch unmöglich«, fügte er unangemessen vergnügt hinzu. »Wahrscheinlich bemühen wir uns monatelang, dem armen Burschen eine Rückkehr zu ermöglichen. Ja, wir nutzen alle Mittel. Ohne Erfolg. Verdammter Mist.« »Wie ich sehe, kannst du es gar nicht abwarten, die Herausforderung anzunehmen«, sagte der Patrizier. »Nun, ich möchte dich nicht daran hindern, zur Universität zu eilen und alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.« »Aber… ›Zaubberer‹…«, murmelte Ridcully. »Ich habe das Wort so schon irgendwo gesehen…« Der Hai dachte kaum. Haie denken nie sehr viel. Ihre Überlegungen laufen praktisch auf ein Gleichheitszeichen hinaus: sehen = fressen. Als dieser Hai durchs Wasser der Lagune glitt, empfing sein Gehirn, völlig ungewohnte Signale, deren Interpretation zu einem überraschen- den Ergebnis führte: Unsicherheit regte sich in ihm. Er wußte, daß es weit und breit keine größeren Haie gab. Alle Rivalen waren entweder geflohen oder dem guten alten »=« zum Opfer gefallen. Doch jetzt spürte er, daß sich ihm etwas näherte, von hinten und noch dazu ziemlich schnell. Langsam drehte sich der Hai und sah Hunderte von Füßen mit Tausenden von Zehen, die ihn zu einem Bankett einluden. Viele Dinge geschahen in der Unsichtbaren Universität, bedauerlicher- weise gehörte auch die Lehrtätigkeit dazu. Die Fakultät hatte sich schon vor einer ganzen Weile dieser Tatsache gestellt und verschiedene Metho- den entwickelt, ihr aus dem Weg zu gehen. Woran es überhaupt nichts auszusetzen gab, denn die Studenten unternahmen ähnliche Bemühun- gen. Das System funktionierte gut und errang bald, wie oft in solchen Fäl- len, den Status einer Tradition. Vorlesungen fanden ganz offensichtlich statt, denn sie standen auf den Stundenplänen. Der Umstand, daß ihre Teilnehmerzahl null betrug, spielte keine Rolle. Gelegentlich wies jemand darauf hin, daß Vorlesungen eigentlich gar nicht stattfinden konnten, wenn ihnen niemand beiwohnte. Allerdings ließ sich diese Behauptung nicht beweisen, da niemand die entsprechenden Veranstaltungen besuch- te. Der Dozent für wirres Denken* behauptete, daß Vorlesungen im wesent- lichen stattfanden, und damit schien soweit alles in Ordnung zu sein. Bei der Ausbildung an der Unsichtbaren Universität verließ man sich auf ein uraltes Mittel: Man brachte viele junge Leute in der Nähe vieler Bücher unter in der Hoffnung, daß etwas von den einen auf die anderen überging. Aus dem gleichen Grund suchen junge Leute immer wieder die Nähe von Kneipen. Jetzt war es Nachmittag. Der Professor für unbestimmte Studien hielt eine Vorlesung in Zimmer 3B. Daß er gleichzeitig vor dem Kaminfeuer im Ungemeinschaftsraum schlief, stellte nur ein unwichtiges Detail dar – * Wie Fuzzy Logic, nur noch verworrener., niemand, der über ein wenig diplomatisches Feingefühl verfügte, hätte dazu einen Kommentar abgegeben. Ridcully trat dem Schlummernden ans Schienbein. »Au!« »Tut mir leid, dich zu stören, Professor«, sagte der Erzkanzler beiläufig. »Bei den Göttern – ich brauche die Hilfe des Zaubererrats. Wo sind die anderen?« Der Professor für unbestimmte Studien rieb sich das Bein. »Der Do- zent für neue Runen hält eine Vorlesung in Raum 3B*«, antwortete er. »Aber ich weiß nicht, wo er ist. Meine Güte, das hat wirklich weh ge- tan…« »Gib den anderen Bescheid. In zehn Minuten. Bei mir«, sagte Ridcully. Er hielt viel von diesem Führungsstil. Ein weniger direkter Erzkanzler hätte vielleicht das Gebäude durchstreift und nach den übrigen Zaube- rern gesucht. Mustrums administrative Politik bestand darin, einen zu finden und ihm das Leben zur Hölle zu machen, bis alles seinen Wün- schen gemäß lief.** Die Natur hatte nichts mit so vielen Beinen ausgestattet. Manche Ge- schöpfe besaßen viele Beine – feuchte, krabbelnde Dinge, die unter Stei- nen lebten –, aber keine Beine mit Füßen, sondern einfach nur Beine, die ohne großes Drum und Dran endeten. Ein intelligenteres Wesen als der Hai wäre jetzt vorsichtig geworden. Doch auch diesmal setzte sich das Gleichheitszeichen durch und leitete den Angriff ein. Das war sein erster Fehler. Was in diesem Fall bedeutete: erster Fehler = Ende der Existenz. Ridcully wartete ungeduldig, als die Zauberer nacheinander von ihren * Alle virtuellen Vorlesungen finden im Raum 3B statt. Er fehlt auf den Grundris- sen der Universität und gilt als unendlich groß. ** Diese Methode wird von fast allen Managern und einigen bedeutenden Göttern angewandt., Vorlesungen in Zimmer 3B herankamen. Die meisten Zauberer brauch- ten lange Vorlesungen, um ihre Mahlzeiten zu verdauen. »Alle da?« fragte der Erzkanzler. »Gut. Nehmt Platz. Und hört zu. Nun… Vetinari hat nicht Besuch von einem Albatros bekommen. Der Vogel flog nicht den ganzen weiten Weg vom Gegengewicht-Kontinent hierher, und er hat keine seltsame Nachricht mitgebracht, die uns zum Handeln zwingt. Könnt ihr mir folgen?« Die Zauberer wechselten stumme Blicke. »Ich glaube, die Einzelheiten sind nicht ganz klar«, sagte der Dekan. »Ich habe mich diplomatisch ausgedrückt.« »Könntest du vielleicht ein wenig… äh… indiskreter sein?« »Wir müssen einen Zauberer zum Gegengewicht-Kontinent schicken«, erklärte Ridcully. »Und zwar bis heute abend. Jemand hat einen Großen Zauberer angefordert, und deshalb muß einer aufbrechen. Allerdings wird er nicht ›Zauberer‹ geschrieben, sondern ›Zaubberer‹…« »Ugh?« »Ja, Bibliothekar?« Der Bibliothekar der Unsichtbaren Universität hatte bisher mit dem Kopf auf dem Tisch gedöst. Jetzt setzte er sich plötzlich kerzengerade auf, schob den Stuhl zurück und wankte mit rudernden Armen hinaus. »Wahrscheinlich ist ihm gerade ein überfälliges Buch eingefallen«, sagte der Dekan. Er senkte die Stimme. »Übrigens… bin ich hier der einzige, der glaubt, daß die Mitgliedschaft eines Affen in der Fakultät dem Ruf unserer Universität schadet?« »Ja«, antwortete Ridcully schlicht. »Da bist du tatsächlich der einzige. Unser Bibliothekar kann dir mit dem Bein den Arm ausreißen – das macht ihm so leicht keiner nach. Die Leute respektieren so etwas. Erst neulich fragte das Oberhaupt der Diebesgilde, ob wir ihren Bibliothekar in einen Affen verwandeln könnten. Und im Gegensatz zu euch ist er mehr als eine Stunde pro Tag wach. Nun…« »Ich finde es peinlich«, sagte der Dekan. »Außerdem ist er gar kein richtiger Orang-Utan. Ich hab’s in einem Buch gelesen. Bei einem domi- nanten Männchen müßten die Backen rosarot sein. Hat der Bibliothekar etwa rosarote Backen? Ich glaube nicht. Er…«, »Sei still, Dekan«, knurrte Ridcully. »Oder ich erlaube nicht, daß du zum Gegengewicht-Kontinent reist.« »Ich verstehe gar nicht, warum ein ganz vernünftiger Hinweis… Was?« »Man bittet uns, den Großen Zaubberer zu entsenden«, betonte Rid- cully. »Und ich habe sofort an dich gedacht.« Weil nur du imstande bist, auf zwei Stühlen gleichzeitig zu sitzen, fügte er in Gedanken hinzu. »Ich soll das Achatene Reich besuchen?« quiekte der Dekan. »Aber dort hassen sie Ausländer!« »Du haßt sie ebenfalls. Bestimmt kommst du dort prächtig zurecht.« »Das Reich ist zehntausend Kilometer entfernt«, wandte der Dekan ein. Er versuchte es jetzt mit einer neuen Taktik. »Jeder weiß, daß man mit Magie nicht so weit reisen kann.« »Äh… ich glaube, es ist doch möglich«, erklang eine Stimme am ande- ren Ende des Tisches. Die Zauberer sahen zu Ponder Stibbons, dem jüngsten und auf sehr deprimierende Weise eifrigsten Fakultätsmitglied. Er hielt einen komple- xen Apparat aus beweglichen Holzstäben in den Händen und blickte darüber hinweg. »Äh… es sollte eigentlich kein großes Problem sein«, fuhr er fort. »Früher wurden erhebliche Schwierigkeiten darin gesehen, aber ich bin überzeugt, daß es letztendlich nur eine Frage von Energieabsorption und Relativgeschwindigkeit ist.« Einige Sekunden lang herrschte jene verwirrte und argwöhnische Stille, die den Bemerkungen von Ponder Stibbons häufig folgte. »Relativgeschwindigkeit«, wiederholte Ridcully. »Ja, Erzkanzler.« Ponder sah auf den Prototyp eines Rechenschiebers hinab und wartete. Er wußte, daß Ridcully gleich einen Kommentar abge- ben würde – um zu beweisen, daß er etwas verstanden hatte. »Meine Mutter konnte schnell wie der Blitz sein, wenn…« »Ich meine die Geschwindigkeit von Dingen im Vergleich zu der Ge- schwindigkeit von anderen Dingen«, sagte Ponder schnell – aber nicht schnell genug. »Wir müßten eigentlich in der Lage sein, dieses Pro- blem… äh… problemlos zu lösen. Mit Hex.«, »O nein«, ächzte der Dozent für neue Runen. »Ich bin dagegen. Wir sollten nicht mit Dingen herumspielen, die wir nicht verstehen.« »Wir sind Zauberer«, warf Ridcully ein. »Man erwartet von uns, daß wir uns mit Dingen befassen, die wir nicht verstehen. Wenn wir einfach nur herumsitzen, bis wir etwas verstehen, kriegen wir nie etwas zustande.« »Ich habe überhaupt nichts dagegen, einen Dämon zu beschwören und ihm Fragen zu stellen«, sagte der Dozent für neue Runen. »Das ist ganz normal. Aber einen Apparat zu bauen, der einem das Denken ab- nimmt… ist gegen die Natur. Hinzu kommt…« Seine Stimme klang jetzt nicht mehr ganz so düster. »Als du letztes Mal versucht hast, mit dem verdammten Ding ein großes Problem zu lösen, gab es einen Defekt. Mit dem Ergebnis, daß es hier überall von Ameisen wimmelte.« »Das haben wir inzwischen in Ordnung gebracht«, meinte Ponder. »Wir…« »Mir ist neulich ein Widderschädel in dem Gebilde aufgefallen«, wandte Ridcully skeptisch ein. »Den mußten wir wegen der okkulten Umwandlungen hinzufügen«, entgegnete Ponder. »Aber…« »Ich habe auch Zahnräder und Federn bemerkt«, sagte der Erzkanzler. »Nun, die Ameisen sind nicht besonders gut, wenn’s um Differential- gleichungen geht, und deshalb…« »Und das seltsame wacklige Etwas mit dem Kuckuck?« »Die Unechtzeituhr.« Ponder nickte. »Wir halten sie für absolut erfor- derlich, um…« »Weitere Erörterungen dieser Art erübrigen sich, weil ich gar nicht die Absicht habe, auf irgendwelche Reisen zu gehen«, ließ sich der Dekan vernehmen. »Schick einen Studenten, wenn’s unbedingt sein muß. Hier laufen genug herum.« »Dank herzlichen, Pflaumenmus Portion zweite eine Bitte«, sagte der Quästor. Kurze Stille folgte. »Hat das jemand verstanden?« fragte Ridcully. Der Quästor war nicht in dem Sinne verrückt. Er hatte die Strom-, schnellen gewöhnlichen Wahnsinns bereits vor einer ganzen Weile pas- siert und ruderte nun auf einem friedlichen See jenseits davon. Seine Bemerkungen ergaben durchaus einen Sinn, allerdings nicht nach norma- len menschlichen Maßstäben. »Äh…, ich glaube, er erlebt den gestrigen Tag noch einmal«, vermutete der Oberste Hirte. »Rückwärts.« »Wir sollten den Quästor schicken«, schlug der Dekan vor. »Ausgeschlossen! Im Achatenen Reich gibt’s wahrscheinlich keine ge- trockneten Froschpillen…« »Ugh!« Der Bibliothekar kehrte krummbeinig zurück, hob etwas hoch und winkte damit. Das Objekt war rot. Besser gesagt, irgendwann mußte es einmal rot gewesen sein. Eine ähnliche Einschränkung galt auch für die Form. Ge- wisse Anzeichen deuteten darauf hin, daß es sich um einen spitzen Hut handelte, aber die Spitze war eingeknickt und ein großer Teil der Krem- pe verbrannt. Dutzende von Pailletten hatten einst ein glitzerndes Wort geformt, doch ein großer Teil von ihnen war verkohlt. Der Rest bildete das Wort auf angesengtem Stoff. »Ich wußte, daß ich das Wort schon einmal gesehen habe«, sagte Ridcul- ly. »In einem Regal der Bibliothek, nicht wahr?« »Ugh.« Der Erzkanzler betrachtete den armseligen Hut. »Zaubberer?« murmelte er. »Welche traurige und absolut hoffnungslose Person hält es für notwendig, ZAUBBERER auf ihren Hut zu schrei- ben?«, Einige Blasen stiegen an die Wasseroberfläche und ließen das Floß sanft schaukeln. Nach einer Weile folgten den Blasen einige Fetzen Haihaut. Rincewind seufzte und legte die Angelrute beiseite. Sicher dauerte es nicht lange, bis der Rest des Hais ans Ufer gezogen wurde. Der Grund dafür blieb ihm ein Rätsel. Das Fleisch von Haifischen war alles andere als lecker – es schmeckte wie in Urin eingeweichte alte Stiefel. Er griff nach einem improvisierten Paddel und näherte sich dem Strand. Die kleine Insel war eigentlich gar nicht schlecht. Unwetter schienen einfach an ihr vorbeizuziehen, ebenso die Schiffe. Es gab Kokosnüsse, Brotfrüchte und wilde Feigen. Selbst Rincewinds Alkoholexperimente hatten zu einem Erfolg geführt, mit dem Ergebnis, daß er anschließend zwei Tage lang nicht richtig gehen konnte. Die Lagune lieferte Garnelen, Krevetten, Austern, Krabben und Hummer. Im tieferen grünen Wasser jenseits des Riffs rangen große silberne Fische um das Privileg, in ein Stück gebogenen Draht am Ende einer Schnur zu beißen. Nach sechs Monaten auf der Insel vermißte Rincewind nur eins. Vorher hatte er kaum einen Gedanken daran verschwendet, doch jetzt dachte er die gan- ze Zeit daran. Seltsam. In Ankh-Morpork waren ihm die Dinger fast nie in den Sinn gekommen, weil sie praktisch jederzeit zur Verfügung standen. Jetzt sehn- te er sich danach. Das Floß erreichte den weißen Strand genau in dem Augenblick, als ein großes Kanu das Riff passierte und die Lagune erreichte. Ridcully saß nun an seinem Schreibtisch, umgeben von den Schmetter- lingen der Fakultät. Sie versuchten, ihm Dinge zu erklären, obgleich sie wußten, daß damit erhebliche Risiken verbunden waren. Der Erzkanzler neigte dazu, ihm attraktiv erscheinende Fakten auszuwählen und die an- deren zu verscheuchen. »Also keine Art Käse«, sagte er. »Nein, Erzkanzler«, erwiderte der Professor für unbestimmte Studien. »Rincewind ist eine Art Zauberer.« »Er war’s«, fügte der Dozent für neue Runen hinzu., »Kein Käse«, wiederholte Ridcully. Es widerstrebte ihm, Fakten loszu- lassen. »Nein.« »Meiner Ansicht nach klingt’s nach einem Namen, den man mit Käse in Verbindung bringen könnte. Ich meine, ›ein Pfund reifen Rince- wind…‹. Das geht einem glatt über die Zunge.« »Rincewind ist kein Käse, verdammt und zugenäht!« rief der Dekan, dessen Geduld nun zu Ende ging. »Er ist auch kein Joghurt oder irgend- ein anderes Sauermilchderivat! Rincewind ist ein verfluchtes Ärgernis! Es gibt keine größere Schande für die Zauberei! Niemand kann inkompe- tenter und unfähiger sein! Glücklicherweise hat er uns schon seit Jahren nicht mehr mit seiner Präsenz belästigt – seit der unangenehmen Sache mit dem Kreativen Magus.« »Ach?« entgegnete Ridcully; in seiner Stimme erklang nun schadenfro- hes Interesse. »Damals haben sich einige Zauberer ziemlich schlecht benommen, oder?« »Und ob.« Der Dozent für neue Runen bedachte den Dekan mit einem finsteren Blick. »Ich habe damit überhaupt nichts zu tun, Runen. Zu jener Zeit war ich nicht einmal Dekan.« »Mag sein. Aber du gehörtest zur Fakultät.« »Und wennschon! Zu deiner Information: Als es hier drunter und drü- ber ging, habe ich meine Tante besucht.« »Fast die ganze Stadt flog in die Luft!« »Meine Tante wohnt in Quirm.« »Und es war auch Quirm betroffen, wenn ich mich recht entsinne.« »… in der Nähe von Quirm. In der Nähe. Eigentlich gar nicht so nahe. Ein ganzes Stück die Küste hinunter…« »Ha!« »Nun, du scheinst ja sehr gut informiert zu sein, Runen«, bemerkte der Dekan. »Ich… was? Ich habe damals… äh… studiert. Wußte überhaupt nicht, was um mich herum geschah…«, »Die halbe Universität wurde in Schutt und Asche gelegt!« Der Dekan unterbrach sich, als ihm etwas einfiel. »Davon erfuhr ich später. Nach der Rückkehr von meiner Tante.« »Ja, aber die Tür meines Zimmers ist sehr dick…« »Und zufälligerweise weiß ich, daß der Oberste Hirte zugegen war, denn…« »…und man hört kaum was wegen des dicken grünen Teppichs…« »Nickerchen mein für Zeit wird es, glaube ich.« »Seid still, ihr alle, und zwar sofort!« Ridcully starrte die Fakultät mit dem durchdringenden, unschuldigen Blick eines Mannes an, der das Glück hatte, völlig ohne Phantasie gebo- ren zu sein – und der während einer sehr peinlichen Phase in der Ge- schichte der Universität tatsächlich mehrere hundert Kilometer von ihr entfernt gewesen war. »Na schön«, sagte er, als die Zauberer schwiegen. »Dieser Rincewind. Eine Art Idiot, wie? Du gibst Auskunft, Dekan. Alle anderen halten die Klappe.« Der Dekan wirkte unsicher. »Nun… äh… ich meine, es ergibt keinen Sinn, Erzkanzler. Er konnte nicht einmal richtig zaubern. Welchen Nutzen hat eine solche Person? Wohin auch immer Rincewind ging…« Der Dekan senkte die Stimme. »Probleme folgten ihm dichtauf.« Ridcully stellte fest, daß die Zauberer etwas enger zusammenrückten. »Scheint doch ganz in Ordnung zu sein«, kommentierte er. »Das ist der beste Platz für Probleme: hinter einem. Wer möchte sie vor sich haben?« »Du verstehst nicht, Erzkanzler«, sagte der Dekan. »Die Probleme folg- ten Rincewind auf Hunderten von kleinen Beinen.« An Ridcullys Lächeln änderte sich nichts, doch die Gesichtszüge dar- über verhärteten sich. »Hast du die Pillen des Quästors probiert, Dekan?« »Mustrum, ich versichere dir…« »Dann red keinen Unsinn.«, »Na schön, Erzkanzler. Aber dir ist hoffentlich klar, daß es Jahre dauern kann, Rincewind zu finden.« »Äh«, sagte Ponder, »wenn wir seine thaumische Identitätsmatrix he- rausfinden könnten, müßte Hex eigentlich in der Lage sein, ihn innerhalb eines Tages zu lokalisieren.« Der Dekan warf ihm einen wütenden Blick zu. »Das ist keine Magie!« entfuhr es ihm. »Das ist… Technik!« Rincewind watete durchs seichte Wasser, griff nach einem scharfkantigen Stein und schlug damit eine Kokosnuß auf, die an einer schattigen Stelle auf ihn gewartet hatte. Er setzte sie an die Lippen. Eine Stimme erklang hinter ihm. Sie sagte: »Äh… hallo?« Wenn man lange genug auf den Erzkanzler einredete, konnte man ihn tatsächlich dazu bringen, gewisse Dinge zu verstehen. »Es läuft also auf folgendes hinaus«, sagte Ridcully. »Der Bursche na- mens Rincewind ist praktisch von jeder Armee auf dieser Welt gejagt worden. Bisher hüpfte er auf der Bühne des Lebens herum wie die Erbse auf einer Trommel. Er ist wahrscheinlich der einzige Zauberer, der das Achatene Reich kennt, weil…« Ridcully sah auf seine Notizen. »… weil er mit einem seltsamen kleinen Mann befreundet war, der Gläser vor den Augen trug und ihm das komische Ding mit Beinen hinterließ, das ihr immer wieder erwähnt. Außerdem spricht er Ausländisch. Ist das soweit richtig?« »Genau, Erzkanzler«, bestätigte der Dekan. »Es ist mir ein Rätsel, war- um sich jemand für einen solchen Mann interessieren sollte.« Ridcully blickte erneut auf die Notizen. »Möchtest du zum Achatenen Reich?« »Nein, natürlich nicht…« »Ich glaube, ich habe hier etwas entdeckt«, sagte der Erzkanzler. Er lä- chelte fröhlich. »Gewissermaßen einen gemeinsamen Nenner. Dieser Rincewind… Er bleibt am Leben. Hat Talent. Findet ihn. Und bringt ihn, hierher. Wo auch immer er steckt. Vielleicht steht dem armen Kerl etwas Schreckliches bevor.« Die Kokosnuß verharrte an Ort und Stelle. Nur Rincewinds Augen be- wegten sich, spähten erst zur einen Seite, dann zur anderen. Drei Gestalten traten in sein Blickfeld. Sie waren weiblich. Sie waren sogar sehr weiblich. Sie trugen nur wenig Kleidung und waren erstaunlich gut frisiert, wenn man bedachte, daß sie gerade eine Kanureise hinter sich hatten. Mit anderen Worten: Sie sahen genau so aus, wie es die Tra- dition von Kriegeramazonen verlangte. Kokosnußmilch rann durch Rincewinds Bart und tropfte zu Boden. Die Anführerin der drei Amazonen strich ihr langes blondes Haar zu- rück und lächelte strahlend. »Ich weiß, daß es unwahrscheinlich klingt«, sagte sie, »aber meine Schwestern und ich repräsentieren einen bisher unentdeckten Stamm. Unsere Männer fielen einer kurzen, tödlichen und sehr selektiven Seuche zum Opfer. Jetzt suchen wir nach jemandem, der fähig ist, unseren Stamm vor dem Aussterben zu bewahren.« »Was wiegt er wohl?« Rincewind hob die Brauen. Die Amazone senkte verlegen den Blick. »Vielleicht fragst du dich, wieso wir blondes Haar und helle Haut ha- ben, obwohl alle anderen hier dunkelhäutig sind«, sagte sie. »Vermutlich eine genetische Laune.« »Etwa hundertzwanzig bis hundertfünfundzwanzig Pfund. Plus ein oder zwei Kilo für seine Sachen. Äh… kannst du…du weißt schon… ES entdecken?« »Bestimmt geht alles schief, Stibbons. Ich weiß es.« »Er ist nur tausend Kilometer entfernt, und wir wissen, wo wir sind, und er befin- det sich auf der richtigen Seite der Scheibenwelt. Ich habe alles von Hex berechnen lassen, und deshalb muß es klappen.« »Ja, aber… siehst du irgendwo das… das Ding mit den vielen Beinen?« Rincewinds Brauen zitterten, und er stöhnte leise. »Nein, ich sehe…es nicht. Hört jetzt endlich auf, euch die Nasen an meiner Kri- stallkugel platt zu drücken.«, »Wenn du mit uns kommst, schenken wir dir genau die Wonnen, von denen du vielleicht geträumt hast…« »Na schön. Ich zähle bis drei…« Die Kokosnuß rutschte aus zitternden Händen. Rincewind schluckte. Sehnsucht glänzte in seinen Augen. »Könnte ich sie zerstampft bekommen?« fragte er. »JETZT!« Zuerst fühlte er den Druck. Vor Rincewind öffnete sich die Welt und verschlang ihn. Dann streckte sie sich und machte Doing. Wolken rasten ohne klare Konturen vorbei. Als Rincewind genug Mut fand, die Augen zu öffnen, sah er weit vorn einen winzigen schwarzen Fleck. Er wurde größer. Schließlich konnte er eine Wolke aus einzelnen Objekten erkennen. Rincewind bemerkte zwei große Pfannen, einen Kerzenhalter, mehrere Ziegelsteine, einen Stuhl und eine Puddingform aus Messing, einem Schloß nachempfunden. Die Gegenstände trafen ihn nacheinander. Mit einem lustigen Bong prallte die Puddingform von Rincewinds Kopf ab und setzte den Flug in die Richtung fort, aus der er kam. Kurz darauf erschien vor ihm ein Oktagramm aus Kreide. Er stürzte genau darauf hinab. Ridcully sah nach unten. »Etwas weniger als hundertfünfundzwanzig Pfund, schätze ich«, sagte er. »Wie dem auch sei… gut gemacht, meine Herren.« Die zerzauste Vogelscheuche in der Mitte des Kreises stand auf und schlug das eine oder andere kleine Feuer in seiner Kleidung aus. Dann sah sie sich benommen um und sagte. »Hehehe?« »Er könnte ein wenig verwirrt sein«, brummte der Erzkanzler. »Im-, merhin hat er tausend Kilometer in nur zwei Sekunden zurückgelegt. Ihr solltet ihn besser nicht erschrecken.« »Du meinst… so wie bei Schlafwandlern?« fragte der Oberste Hirte. »Wie bei Schlafwandlern? Was soll das heißen?« »Wenn man einen Schlafwandler erschrickt, dann fallen ihm die Beine ab. Das hat meine Großmutter gesagt.« »Können wir überhaupt sicher sein, daß es Rincewind ist?« fragte der Dekan. »Natürlich ist es Rincewind«, erwiderte der Oberste Hirte. »Wir haben stundenlang nach ihm gesucht.« »Vielleicht haben wir ein gefährliches okkultes Geschöpf hierherge- bracht«, spekulierte der Dekan. »Ein gefährliches okkultes Geschöpf mit so einem Hut?« Es war ein spitzer Hut. In gewisser Weise. Zumindest schien jemand an einen spitzen Hut gedacht zu haben, als er das Etwas konstruiert hat- te. Es bestand aus Bambusfasern und Kokosnußblättern und brachte die Hoffnung zum Ausdruck, zufällig vorbeikommenden Zaubererstatus anlocken zu können. Kleine Muscheln, mit Grashalmen festgebunden, bildeten vorne das Wort ZAUBBERER. Der Träger dieses Huts starrte in die Fakultät und schien sich plötzlich an etwas zu erinnern, das ihm Zielstrebigkeit verlieh. Abrupt setzte er sich in Bewegung, verließ das Oktagramm und eilte zur Tür. Die Zauberer folgten ihm vorsichtig. »Ich bin mir nicht sicher, ob deine Großmutter recht hat. Wie oft konnte sie beobachten, daß einem erschrockenen Schlafwandler die Bei- ne abgefallen sind?« »Darüber hat sie nie Auskunft gegeben.« »Der Quästor schlafwandelt fast jede Nacht.« »Tatsächlich? Das bringt einen in Versuchung…« Rincewind – wenn jenes Geschöpf wirklich Rincewind hieß – erreichte den Hiergibt’salles-Platz. Ziemlich viele Leute hielten sich dort auf. Die Luft flimmerte über den Kohlepfannen, auf denen Kastanien und Kartoffeln brieten. Überall, erklangen die typischen Schreie der Altstadt von Ankh-Morpork.* Die Gestalt näherte sich einem dürren Mann, der einen viel zu großen Mantel und einen Bauchladen trug, zu dessen Ausstattung ein kleiner Ölbrenner gehörte. Der hypothetische Rincewind wankte näher. »Hast… du… Kartoffeln?« knurrte er. »Kartoffeln? Nein, Chef. Aber ich habe heiße Würstchen.« Rincewind erstarrte. Und brach in Tränen aus. »Heiße Wüüüürstchen!« heulte er. »Oh, heiße heiße heiße Würstchen! Gib mir ein heißes Würstchen!« Er nahm drei und versuchte, sie gleichzeitig zu essen. »Meine Güte!« entfuhr es Ridcully. Die Gestalt tollte erregt herum. Brotkrumen und Schweinefleischabfäl- le fielen ihr vom langen, zotteligen Bart. »Ich habe nie jemanden gesehen, der drei von Schnappers Würstchen gegessen hat und dann noch so glücklich aussieht«, meinte der Oberste Hirte. »Ich habe nie jemanden gesehen, der drei von Schnappers Würstchen gegessen hat und noch auf den Beinen ist«, sagte der Dekan. »Ich habe nie jemanden gesehen, der drei von Schnappers Würstchen gegessen hat, ohne dafür zu bezahlen«, fügte der Dozent für neue Runen hinzu. Die Gestalt tanzte voller Freude über den Platz, Tränen strömten ihr über die Wangen. Sie kam an einer schmalen Gasse vorbei – was eine kleinere Gestalt zum Anlaß nahm, aus dem Schatten zu treten und ihr, nicht ohne gewisse Mühe, etwas gegen den Hinterkopf zu schlagen. Der Würstchenesser sank auf die Knie und teilte der Welt mit: »Au!« »Neinneineinneinnein!« Ein älterer Mann kam aus der Gasse und nahm dem Jungen den klei- nen Knüppel aus der Hand, während das Opfer weiterhin kniete und * Zum Beispiel »Au!« und »Aargh!« und »Gib mir mein Geld zurück, du Schuft!« und »Das sollen Kastanien sein? Es sind kleine Kohlebrocken, verdammt!«, stöhnte. »Ich glaube, du solltest dich bei dem armen Herrn entschuldigen«, sag- te der ältere Mann. »Ich meine, was soll er nur denken? Ich meine, sieh ihn dir an – er hat’s dir so leicht gemacht. Und was bekommt er dafür? Ich meine, was hast du dir überhaupt dabei gedacht?« »Grummelgrummel, Herr Boggis«, erwiderte der Junge. »Wie bitte? Sprich lauter!« »Ein Knaller mit gestrecktem Arm.« »Das soll ein Knaller mit gestrecktem Arm gewesen sein? So was nennst du einen Knaller mit gestrecktem Arm? Weißt du überhaupt, was ein Knaller mit gestrecktem Arm wirklich ist? Dies hier – entschuldige bitte, Herr, ich helfe dir kurz hoch, – dies ist ein Knaller mit gestrecktem Arm.« »Au!« rief das Opfer, und zur Überraschung aller Zuschauer fügte es hinzu: »Hahahaha!« »Bei dir – wenn du noch einmal so freundlich wärst, werter Herr, es ist gleich vorbei – hat es so ausgesehen…« »Au! Hahahaha!« »Na, habt ihr alles aufmerksam beobachtet? Kommt näher…« Sechs andere junge Leute kamen aus der Gasse und formten einen Halbkreis vor Boggis, dem unglücklichen Schüler und einem Opfer, das taumelte, sich mehrmals um die eigene Achse drehte und dabei Geräu- sche von sich gab, die nach »Umpf-umpf« klangen. Aus irgendeinem Grund schien es sich prächtig zu amüsieren. »Nun«, sagte Boggis im Tonfall eines Künstlers, der versucht, seine be- ruflichen Erfahrungen einer undankbaren Nachwelt zu vermitteln, »wenn man einem Kunden Unannehmlichkeiten bereitet, dann… Oh, hallo, Herr Ridcully, sehe dich erst jetzt.« Der Erzkanzler nickte freundlich. »Laß dich von uns nicht stören, Boggis. Du bildest junge Diebe aus, wie?« Boggis rollte mit den Augen. »Ich weiß überhaupt nicht, was man den Burschen in der Schule bei-, bringt«, sagte er. »Immer nur Lesen und Schreiben. Zu meiner Zeit be- kam man noch Gelegenheit, etwas Nützliches zu lernen. Na schön. Du da, Wilkins… Hör auf zu kichern und versuch’s selbst mal. Wenn du gestat- test, Herr…« »Au!« »Neinneinneinneinnein! Selbst meine Oma könnte das besser! Seht ganz genau zu. Man tritt leise und geschwind an den Kunden heran, legt ihm die eine Hand auf die Schulter, um bessere Kontrolle zu haben… ja, so ist es richtig… und dann…« »Au!« »Na schön. Weiß jemand, was er falsch gemacht hat?« Die Gestalt kroch fort, unbemerkt von Boggis, der die subtileren Aspekte von Schlägen auf den Kopf an Wilkins demonstrierte. Ein Dutzend Meter entfernt stand der mutmaßliche Rincewind auf und stolperte über die Straße. Er bewegte sich noch immer wie jemand, der hypnotisiert worden war. »Er weint«, stellte der Dekan fest. »Kein Wunder«, sagte der Erzkanzler. »Aber warum grinst er gleichzei- tig?« »Seltsamer und seltsamer«, meinte der Oberste Hirte. Mit einer mittelschweren Gehirnerschütterung und vermutlich auch Gift im Magen kehrte die Gestalt zur Unsichtbaren Universität zurück. Die Zauberer folgten ihr weiter. »Du meinst sicher ›Es wird immer seltsamer‹, oder? Und selbst dann ergibt’s kaum einen Sinn…« Rincewind passierte das Tor und eilte in Richtung Bibliothek. Dort wartete der Bibliothekar auf ihn. Mit einem süffisanten Lächeln – wenn ein Orang-Utan überhaupt süffisant lächeln kann – hielt er den arg mitgenommenen Hut in den Händen. »Erstaunlich«, bemerkte Ridcully. »Es stimmt tatsächlich! Ein Zauberer kehrt immer zu seinem Hut zurück!« Die Gestalt griff nach dem Hut, vertrieb einige Spinnen daraus und setzte ihn auf, nachdem er das traurige Blätterding beiseite geworfen, hatte. Rincewind sah zur versammelten Fakultät und blinzelte. Zum ersten Mal schimmerte eine Art Licht hinter seinen Augen – bisher schien er allein von Reflexen und Instinkten gesteuert worden zu sein. »Äh… was habe ich vorhin gegessen?« »Äh… drei von Schnappers besten heißen Würstchen«, antwortete Ridcully. »Nun, wenn ich in diesem Zusammenhang von ›besten‹ spre- che, meine ich seine typische Ware. Du weißt schon.« »Verstehe. Und wer hat mich vorhin geschlagen?« »Azubis der Diebesgilde.« Rincewind blinzelte erneut. »Dies ist Ankh-Morpork, nicht wahr?« »Ja.« »Dachte ich mir.« Rincewind blinzelte noch einmal, diesmal etwas lang- samer. »Nun«, fügte er hinzu, als er nach vorn kippte, »ich bin zurück.« Lord Hong ließ einen Drachen fliegen. Auf perfekte Art und Weise. Was auch immer Lord Hong anstellte – er machte es perfekt. Seine Aquarelle waren perfekt. Ebenso seine Gedichte. Wenn er Papier knick- te, war jede einzelne Falte perfekt. Er verdiente es in jeder Hinsicht, ein- fallsreich, originell und natürlich perfekt genannt zu werden. Schon seit einer ganzen Weile strebte Lord Hong nicht mehr nach Perfektion, weil er sie längst in irgendeinem Verlies an die Wand genagelt hatte. Lord Hong war sechsundzwanzig Jahre alt, schlank und attraktiv. Er trug eine kleine Brille mit runden Gläsern. Wenn man die Leute bat, ihn zu beschreiben, bekam man Worte wie »abgebrüht« und »aalglatt« zu hören.* Mit erbarmungslosem Fleiß, kompromißloser Konzentration aller geistigen Kräfte und sechs sorgfältig arrangierten Todesfällen war er zum Oberhaupt der einflußreichsten Familie im Achatenen Reich aufge- stiegen. Was die sechs Toten betraf… Als letzter starb Lord Hongs Va- ter, und zwar voller Freude darüber, daß sein Sohn eine alte Familientra- dition fortsetzte. Die altehrwürdigen Familien hielten ihre Vorfahren * Und auch den Satz: »Er ist ein Mistkerl, den man besser nicht verärgern sollte. Das habe ich natürlich nie gesagt.«, sehr in Ehren und fanden nichts dabei, die Anzahl der Ahnen vorzeitig zu erhöhen. Und nun kam der schwarze Drachen mit den beiden großen Augen im Sturzflug vom Himmel. Lord Hong hatte den Winkel berechnet – per- fekt. Die mit Leim und Glassplittern beschichtete Schnur schnitt durch einige andere. Die Drachen der Rivalen tanzten hilflos. Das Publikum applaudierte höflich. Die meisten Leute hielten es für klug, Lord Hong Applaus zu spenden. Er reichte die Schnur einem Diener, nickte den anderen Drachenflie- gern kurz zu und schritt zu seinem Zelt. Drinnen nahm er Platz und wandte sich an den Besucher. »Nun?« »Wir haben die Nachricht geschickt«, hieß es. »Niemand hat uns gese- hen.« »Ganz im Gegenteil«, erwiderte Lord Hong. »Zwanzig Personen sahen euch. Wächtern fällt es sehr schwer, ungerührt geradeaus zu sehen und nichts zu bemerken, wenn Leute laut wie ein vorrückendes Heer umher- kriechen und sich immer wieder zuflüstern, leise zu sein. Offen gesagt, fehlt euch das revolutionäre Etwas. Was ist mit deiner Hand passiert?« »Der Albatros hat hineingebissen.« Lord Hong lächelte. Er dachte daran, daß der Vogel den Besucher viel- leicht mit einer Sardelle verwechselt hatte, und das aus gutem Grund. Seine Augen hatten gewisse Ähnlichkeit mit denen eines Fisches. »Ich verstehe nicht, o Lord«, sagte der Besucher, dessen Namen Zwei Feuerkraut lautete. »Gut.« »Sie glauben an den Großen Zaubberer, und du möchtest, daß er hier- herkommt?« »Ja, natürlich. Ich habe… Mitarbeiter in…« Er versuchte, die fremden Silben richtig auszusprechen. »…Ankh Moor Pork. Der sogenannte Große Zaubberer existiert tatsächlich. Allerdings genießt er den zweifel- haften Ruf, inkompetent, feige und völlig ohne Rückgrat zu sein. Ihm fehlen alle Eigenschaften eines gefährlichen Gegners. Soll die Rote Ar- mee ruhig ihren Anführer bekommen. Bestimmt… hebt es ihre Moral.«, Lord Hong lächelte erneut. »Das ist Politik«, betonte er. »Ah.« »Geh jetzt.« Lord Hong griff nach einem Buch, als der Besucher gegangen war. Ei- gentlich war es kein richtiges Buch. Es bestand aus einzelnen, mit Schnü- ren zusammengebundenen Blättern mit handgeschriebenem Text. Er hatte es schon oft gelesen, und es amüsierte ihn noch immer. Hauptsächlich deshalb, weil sich der Autor bei so vielen Dingen irrte. Wenn er jetzt eine Seite zu Ende gelesen hatte, riß er das Blatt aus dem Bündel und faltete es mit großer Sorgfalt zu einer Chrysantheme. »Großer Zauberer«, sagte er. »Und ob. Wirklich groß.« Rincewind erwachte. Er spürte saubere Laken, und es ertönte kein »Durchsucht seine Taschen«, was er für einen vielversprechenden An- fang hielt. Er hielt die Augen geschlossen. Für den Fall, daß jemand in der Nähe weilte und ihm das Leben schwermachen wollte, sobald er wach wurde. Die Stimmen älterer Männer erklangen. »Niemand von euch versteht, worum es geht. Er überlebt, Ihr habt von seinen vielen Abenteuern erzählt, und der interessanteste Punkt ist, daß er noch lebt.« »Was soll das heißen? Er hat Dutzende von Narben!« »Genau das meine ich, Dekan. Übrigens hat er die meisten am Rücken. Er läßt Schwierigkeiten hinter sich zurück. Irgendwo Dort Oben gibt es jemanden, der ihm ein wohlwollendes Lächeln schenkt.« Rincewind zuckte innerlich zusammen. Er hatte immer geahnt, daß es Irgendwo Dort Oben jemanden gab, der etwas mit ihm anstellte. Ein wohlwollendes Lächeln war ihm in diesem Zusammenhang nie in den Sinn gekommen. »Er ist nicht einmal ein richtiger Zauberer! Die Prüfung, die er besteht, muß erst noch erfunden werden.« »Ich glaube, er ist wach«, sagte jemand., Rincewind gab nach und hob die Lider. Mehrere runde, rosarote und bärtige Gesichter blickten auf ihn herab. »Wie fühlst du dich, alter Knabe?« fragte jemand und streckte die Hand aus. »Ich heiße Ridcully und bin der Erzkanzler. Wie geht’s dir?« »Es geht alles schief«, erwiderte Rincewind. »Wie meinst du das, Junge?« »Ich weiß es. Alles geht schief. Es war zu schön, um auf Dauer so zu bleiben. Bestimmt passiert bald etwas Gräßliches.« »Na bitte«, brummte der Dekan. »Hunderte von kleinen Beinen. Ich hab’s ja gesagt. Und du wolltest nicht auf mich hören.« Rincewind setzte sich auf. »Fangt bloß nicht an, nett zu mir zu sein. Bietet mir keine Weintrauben an. Nie will mich jemand für was Nettes.« Verwirrte Erinnerungen an die jüngste Vergangenheit zogen durchs Zen- trum seines Selbst, und er brachte flüchtiges Bedauern mit dem Umstand in Verbindung, daß die Sehnsucht nach Kartoffeln für die junge Dame nicht annähernd so bedeutsam gewesen war wie für ihn. Jetzt wurde ihm klar: Wer sich so kleidete, vergeudete kaum Gedanken an irgendwelche im Boden wachsende Gemüsesorten. Er seufzte. »Na schön. Was geschieht jetzt?« »Wie fühlst du dich?« Rincewind schüttelte den Kopf. »Es hat keinen Zweck. Ich verab- scheue es, wenn die Leute nett zu mir sind. Es bedeutet, daß ich mit Entsetzlichem rechnen muß. Wie wär’s, wenn du ein wenig schreist?« Ridcully hatte genug. »Raus aus dem Bett, du Faulpelz! Wenn du mir nicht sofort folgst, wirst du es bitter bereuen!« »Ah, das ist schon besser«, sagte Rincewind verdrießlich. »Jetzt weiß ich, daß ich daheim bin. Eine so freundliche Atmosphäre herrscht nur zu Hause.« Er schwang die Beine über den Rand des Bettes und stand vor- sichtig auf. Ridcully verharrte auf halbem Wege zur Tür und sah die anderen Zau- berer an. »Runen?« »Ja, Erzkanzler?« entgegnete der Dozent für neue Runen unschuldig., »Was versteckst du da hinter dem Rücken?« »Ich verstehe nicht, Erzkanzler…« »Sieht nach einem Werkzeug aus«, meinte Ridcully. »Ach, das hier«, staunte der Dozent für neue Runen und gab vor, den vier Kilo schweren Hammer erst jetzt zu bemerken. »Na, so was… Das ist ein Hammer, nicht wahr? Potzblitz. Ein Hammer. Äh… ich nehme an, ich habe ihn irgendwo aufgelesen. Um… äh… Ordnung zu schaf- fen.« »Außerdem ist es meiner Aufmerksamkeit nicht entgangen, daß der Dekan versucht, eine Streitaxt zu verbergen«, sagte Ridcully. Dicht hinter dem Obersten Hirten machte etwas Boing. »Und das klang nach einer Säge«, fuhr Ridcully fort. »Gibt es hier je- manden, der nicht mit irgendwelchen Werkzeugen bewaffnet ist? Na schön. Würdet ihr mir bitte erklären, was der Unsinn soll?« »Ha, du weißt nicht, wie’s gewesen ist.« Der Dekan mied den Blick des Erzkanzlers. »Dauernd mußten wir das Schlimmste befürchten. Immer wieder hörten wir das Trippeln der vielen Füße und…« Ridcully schenkte ihm keine Beachtung. Er legte Rincewind den Arm um die knochigen Schultern und führte ihn zum Großen Saal. »Nun, Rincewind…«, sagte er. »Es heißt, du bist nicht besonders gut in der Magie.« »Stimmt.« »Du hast nie eine Prüfung bestanden oder so?« »Nein, nie.« »Und doch nennen dich alle Rincewind den Zauberer.« Rincewind sah zu Boden. »Nun, ich habe hier als stellvertretender Bi- bliothekar gearbeitet…« »… als Gehilfe eines Affen…«, warf der Dekan ein. »… erledigte praktisch alles, was so an Arbeit anfiel…« »Habt ihr nicht gehört? ›Gehilfe eines Affen‹? Klingt doch nicht schlecht, oder?« »Aber du hast nie das Recht erworben, dich Zauberer nennen zu dür- fen?« fragte Ridcully., »Äh, nicht in dem Sinne.« »Ich verstehe. Das ist ein Problem.« »Ich habe einen Hut, auf dem ›Zaubberer‹ steht«, sagte Rincewind hoffnungsvoll. »Ich fürchte, das ist keine große Hilfe. Hmm. Diese Sache bringt uns in eine unangenehme Situation. Mal sehen… Wie lange kannst du den Atem anhalten?« »Keine Ahnung. Zwei Minuten oder so. Ist das wichtig?« »Diese Fähigkeit gewinnt eine gewisse Bedeutung, wenn man mit den Füßen nach oben an einen Pfeiler der Messingbrücke gebunden wird und zwei Fluten überstehen muß, um anschließend enthauptet zu wer- den. Das ist die gesetzlich vorgeschriebene Strafe, wenn man sich als Zauberer ausgibt, ohne tatsächlich einer zu sein. Ich hab in den Büchern nachgesehen. Niemand bedauert es mehr als ich, glaub mir. Aber so ver- langen es die Überlieferungen.« »O nein!« »Tut mir leid. Uns bleibt nichts anderes übrig. Wir müssen hart durch- greifen, um zu vermeiden, daß es hier von falschen Zauberern wimmelt. Wirklich schade. Ich kann nichts machen. Mir sind die Hände gebunden und so. In den Vorschriften heißt es, man kann nur dann ein Zauberer sein, wenn man das Studium an der Universität mit einer bestandenen Abschlußprüfung hinter sich gebracht oder einen wichtigen Dienst für die Magie geleistet hat. Und ich fürchte, bei dir…« »Könntest du mich nicht zur Insel zurückschicken? Dort gefiel es mir. Alles war so herrlich langweilig!« Ridcully schüttelte traurig den Kopf. »Nein, ausgeschlossen. Das Delikt ist über zu viele Jahre hinweg verübt worden. Und da du weder eine Abschlußprüfung bestanden…« Ridcully hob die Stimme ein wenig. »… noch einen wichtigen Dienst für die Magie gelei- stet hast, bleibt mir keine andere Wahl, als die Brüller* zu beauftragen, * Die Pförtner der Unsichtbaren Universität. Sie sind berüchtigt wegen ihrer lau- ten Stimmen, dicken Schädel und begriffsstutzigen Sturheit selbst den vernünftig-, Stricke zu holen…« »Äh… ich glaube, ich habe einige Male die Welt gerettet«, sagte Rince- wind. »Bringt uns das weiter?« »Hat dich jemand von der Universität dabei beobachtet?« »Nein, ich glaube nicht.« Ridcully schüttelte einmal mehr den Kopf. »Ich fürchte, dann zählt’s nicht. Es ist schade, denn wenn du einen wichtigen Dienst für die Magie gelei- stet hättest, würde ich dir den Hut gern lassen – und natürlich auch etwas, auf dem du ihn tragen kannst.« Rincewind wirkte sehr bestürzt. Ridcully seufzte und beschloß, noch einen dritten Versuch zu unternehmen. »Nun, da du keine Abschlußprüfung abgelegt oder EINEN WICHTIGEN DIENST FÜR DIE MAGIE GELEISTET hast, muß ich leider…« »Äh… und wenn ich einen wichtigen Dienst für die Magie leiste?« frag- te Rincewind. Seine Miene verriet, daß er Licht am Ende des Tunnels sah und wußte, daß es vom heranrasenden Zug stammte. »Ach? Hmm? Das ist eine interessante Idee«, sagte Ridcully. »Welchen Dienst hätte ich zu leisten?« »Oh, normalerweise müßtest du zu einer weiten Reise aufbrechen, um einen mythischen Gegenstand zu suchen. Denkbar wäre auch, die Ant- wort auf eine sehr alte und bedeutungsvolle Frage zu finden… Lieber Himmel, was ist das für ein Ding mit den vielen Beinen?« Rincewind drehte sich nicht einmal um – der Gesichtsausdruck des Erzkanzlers erschien ihm viel zu vertraut. »Ah«, sagte er nur. »Ich kenne es.« Magie ist nicht wie Mathematik. Sie folgt eher dem gesunden Menschen- verstand als der Logik, so wie die Scheibenwelt. Man kann sie auch nicht mit dem Kochen vergleichen. Ein Kuchen ist ein Kuchen. Man mische sten Erklärungen gegenüber. Hinzu kommt ihre feste Überzeugung, daß ohne sie in der Universität das Chaos ausbräche., die richtigen Zutaten und wähle die richtige Temperatur, und man erhält einen Kuchen. Ein Auflauf benötigt keine Mondstrahlen, und Soufflés mußten noch nie von einer Jungfrau zubereitet werden. Einige von besonderer Neugier heimgesuchte Leute haben sich gefragt, ob Regeln der Magie existieren. Es gibt mehr als fünfhundert bekannte Zauberformeln, um die Liebe einer anderen Person zu erringen. Wenn sie wirken sollen, muß man zum Beispiel genau um Mitternacht be- stimmte Dinge mit Farnkrautsamen anstellen; oder man tut andere und weitaus unangenehmere Dinge mit Rhinozeroshörnern, wobei der exakte Zeitpunkt nicht vorgeschrieben ist (allerdings sollte man nicht sofort nach dem Essen aktiv werden). Die an einer akuten Form besonderer Neugier leidenden Personen glaubten, durch eine genaue Analyse aller Zauberformeln ließe sich ein mächtiger gemeinsamer Nenner feststellen, eine Art Meta-Formel oder kleine Gleichung, mit der sich das angestreb- te Ziel wesentlich einfacher erreichen ließ – zur großen Erleichterung aller Nashörner. Um solche Fragen zu beantworten, war Hex gebaut worden. Obgleich das Wort »gebaut« Unbehagen in Ponder Stibbons weckte. Sicher, er und einige andere Studenten hatten das Ding zusammengesetzt, aber… manchmal gewann er den Eindruck, daß sich neue Komponenten von ganz allein hinzufügten. Zum Beispiel war er sicher, daß niemand den Mondphasengenerator entwickelt hatte, was ihn jedoch nicht daran hinderte, präsent zu sein, und zwar als integraler Bestandteil der ganzen Apparate. Doch die Un- echtzeituhr hatten sie konstruiert, obgleich niemand von ihnen genau wußte, wie sie funktionierte. Ponder argwöhnte, daß sie die Auswirkungen einer speziellen Art for- mender Kausalität erlebten. Derartige Phänomene gehörten an Orten wie der Unsichtbaren Universität zu den normalen Risiken. Und wenn Stibbons mit seinen Vermutungen recht hatte… dann bauten sie nichts, sondern gaben nur einer bereits existierenden Idee Substanz, einem Schatten, der darauf wartete, massiv zu werden und in die Realität zu wechseln. Er hatte der Fakultät ausführlich erklärt, daß Hex nicht dachte. Es lag auf der Hand, daß der Apparat nicht denken konnte. Immerhin bestand, er zu einem kleinen Teil aus Aufziehmechanismen und zu einem großen aus einer Ameisenfarm. Die Schnittstelle hielt Ponder für ein Meister- werk: Dort fuhren die Ameisen in einem kleinen Paternoster nach oben und nach unten, wodurch ein sehr wichtiges Zahnrad angetrieben wurde. Bedeutendster Elaborationsfaktor waren die kontrollierten Wanderungen der Ameisen durch ein Labyrinth aus gläsernen Röhren. Doch viele andere Dinge hatten sich einfach… angesammelt, so wie das Aquarium und einige Glockenspiele, die jetzt unverzichtbar zu sein schienen. Eine Maus hatte ein Nest mitten in der Apparatur gebaut, und inzwischen versuchten sie nicht mehr, es zu entfernen, da es für das rich- tige Funktionieren von Hex mittlerweile erforderlich war. In dem Appa- rat gab es nichts, was denken konnte, von vagen Vorstellungen über Zucker und Käse einmal abgesehen. Und doch… Mitten in der Nacht, wenn Hex hart arbeitete und es in den Röhren von fleißigen Ameisen raschelte, wenn irgendwelche Dinge aus irgendeinem unerfindlichen Grund »Klonk« machten, wenn das Aquarium mit Hilfe umgebauter Bootskräne herabgelassen worden war, damit es für den Operator wäh- rend der langen Stunden etwas Interessantes zu beobachten gab… bei solchen Gelegenheiten konnte man darüber spekulieren, was es mit Ge- hirn und Gedanken auf sich hatte, und sich fragen, ob das Gehirn viel- leicht eine kompliziertere Version von Hex darstellte. Gegen vier Uhr nachts, wenn gewisse Zahnräder plötzlich anhielten, um sich dann in die andere Richtung zu drehen, wenn die Maus leise zu quieken begann… dann erwogen Skeptiker die Möglichkeit, daß das Gehirn eine weniger komplizierte Version von Hex war und gewisse Apparate mehr sein konnten als nur die Summe ihrer Teile. Anders ausgedrückt: Ponder machte sich Sorgen. Er nahm an der Tastatur Platz. Sie war fast ebenso groß wie der Rest von Hex und bot auch vielen Hebeln und Armaturen Platz. Die Tasten ließen kleine Holztafeln mit Löchern in Schlitze fallen, was die Ameisen zwang, andere Wege einzuschlagen. Ponder brauchte eine Weile, um das Problem zu formulieren. Schließ- lich stützte er sich mit einem Fuß an der Maschine ab und zog den Ein- gabehebel. Die Ameisen liefen durch neue Glasröhren. Zahnräder setzten sich in, Bewegung. Ein kleiner Mechanismus drehte sich – das Ding sah aus wie ein Gerät zur Messung der Windgeschwindigkeit, und Ponder hätte schwören können, daß es am vergangenen Tag noch nicht Teil von Hex gewesen war. Nach einigen Minuten fiel ein Würfel mit okkulten Symbolen in den Ausgabetrichter. »Danke«, sagte Ponder – und kam sich deswegen ziemlich dumm vor. Irgend etwas an dem Ding wies auf Anspannung hin, auf das stumme Bestreben, ein fernes, unverständliches Ziel zu erreichen. Als Zauberer kannte Ponder dieses Phänomen nur von Eicheln. Eine winzige, lautlose Stimme verkündete: Ja, ich bin ein kleines, grünes und schlichtes Objekt, aber ich träume von Wäldern. Neulich hatte Adrian Rübensaat die Frage »Warum?« eingegeben, um zu sehen, was dann passierte. Einige der anderen Studenten rechneten damit, daß Hex an diesem Problem verzweifelte und überschnappte. Ponder vermutete, daß der Apparat mit »?????« antwortete, was leider sehr häufig geschah. Statt dessen entfalteten die Ameisen ungewöhnliche Aktivität und pro- duzierten die Mitteilung: »Deshalb.« Die Zuschauer duckten sich hinter einen umgekippten Tisch, als Rü- bensaat eine zweite Frage eintippte: »Warum alles?« Nach einer Weile traf die Antwort ein. »Alles deshalb. ????? Ewiger Domänfehler. +++++ System Reset +++++.« Niemand kannte System Reset. Niemand wußte, warum er Nachrich- ten schickte. Wie dem auch sei: Es wurden keine komischen Fragen mehr gestellt; das Risiko, Antworten zu bekommen, war zu groß. Kurze Zeit später erschien etwas, das aussah wie ein defekter Regen- schirm mit Heringen dran. Das Ding installierte sich hinter einem ande- ren Ding, das wie ein Wasserball wirkte und alle vierzehn Minuten »Parp« machte. Nun, magische Bücher entwickelten eine gewisse… Persönlichkeit, we- gen der Macht, die sich auf all ihren Seiten sammelte. Deshalb war es sehr unklug, die Bibliothek ohne einen Knüppel zu betreten. Und jetzt hatte Ponder dabei geholfen, eine Maschine für die Untersuchung der, Magie zu bauen. Zauberer wußten schon seit einer ganzen Weile, daß der Vorgang des Beobachtens das beobachtete Objekt veränderte. Manch- mal vergaßen sie allerdings, daß auch der Beobachter beeinflußt wurde. Ponder ahnte, daß Hex sich selbst erweiterte. Und er hatte gerade »Danke« gesagt; zu einem Etwas, das von einem Glasbläser mit Schluckauf hergestellt worden zu sein schien. Er sah auf die Zauberformel – das Ergebnis langer Berechnungen –, notierte sie und eilte hinaus. Im leeren Zimmer klickte Hex munter vor sich hin. Das Parp-Ding machte »Parp«, und die Unechtzeituhr klickte seitwärts. Im Ausgabebereich rasselte es. »Keine Ursache. ++?????++ Kein-Käse-mehr-Fehler. System Reset.« Fünf Minuten später. »Faszinierend«, sagte Ridcully. »Intelligentes Birnbaumholz, wie?« Er ging in die Hocke, um unter das Ding zu sehen. Truhe wich zurück. Sie war an Entsetzen, Grauen, Furcht und Panik gewöhnt. Nur selten stieß sie auf Interesse. Der Erzkanzler erhob sich und klopfte Staub von seinem Mantel. »Ah«, sagte er, als sich eine kleine Gestalt näherte. »Da kommt der Gärtner mit der Trittleiter. Der Dekan hängt im Kronleuchter, Modo.« »Mir gefällt’s hier oben, ehrlich«, erklang eine Stimme von der Decke. »Wenn jemand so nett wäre, mir den Tee zu reichen…« »Und es überrascht mich, daß der Oberste Hirte in die Anrichte paßt«, sagte Ridcully. »Wirklich erstaunlich, wie klein sich ein Mensch zusam- menfalten kann.« »Ich wollte nur… das Besteck inspizieren«, ertönte es aus den Tiefen einer Schublade. Truhe hob ihren Deckel. Mehrere Zauberer sprangen zurück. Ridcully bemerkte einige Haifischzähne im Holz. »Tötet Haie, wie?« fragte er. »O ja«, bestätigte Rincewind. »Manchmal zerrt sie die Biester an Land, und springt auf ihnen herum.« Der Erzkanzler brummte beeindruckt. Intelligentes Birnbaumholz war sehr selten zwischen den Spitzhornbergen und dem Runden Meer. Ver- mutlich existierte kein einziger lebender Baum mehr. Einige wenige Zauberer hatten das Glück, einen Zauberstab aus solchem Holz geerbt zu haben. Zu Ridcullys Stärken zählte emotionale Sparsamkeit. Er war beein- druckt und auch fasziniert gewesen. Er war sogar ein wenig erschrocken gewesen, als das Ding plötzlich zwischen den Zauberern erschienen war und den Dekan zu seinem Kunststück der vertikalen Beschleunigung veranlaßt hatte. Doch er fürchtete sich nicht, weil es ihm schlicht und einfach an Vorstellungskraft mangelte. »Meine Güte«, sagte ein Zauberer. Der Erzkanzler sah auf. »Ja, Quästor?« »Mir fiel gerade das Buch ein, das mir der Dekan geliehen hat, Mu- strum. Es berichtet von Affen.« »Ach.« »Es ist außerordentlich interessant«, fuhr der Quästor fort. Er hatte ge- rade den mittleren Teil seines mentalen Zyklusses erreicht und befand sich daher auf der richtigen Welt, auch wenn ihn knapp zehn Kilometer geistige Baumwolle von ihr trennten. »Der Dekan hatte recht. Ich meine, ein erwachsener männlicher Orang-Utan bekommt nur dann rosarote Backen, wenn er zum dominanten Männchen wird. Allerdings sind nicht Backen gemeint, sondern Wangen, glaube ich.« »Und das ist interessant?« »Nun, ja. Weil der Bibliothekar keine rosaroten Wangen hat. Obgleich er zweifellos die Bibliothek dominiert.« »Ah ja«, ließ sich der Oberste Hirte vernehmen. »Aber er weiß, daß er ein Zauberer ist. Und er dominiert keineswegs die ganze Universität.« Die Fakultätsmitglieder dachten darüber nach. Schließlich reifte eine Erkenntnis in ihnen heran, die sie veranlaßte, sich dem Erzkanzler zu- zuwenden., »Was starrt ihr meine Wangen so an!« entfuhr es Ridcully. »Ich domi- niere niemanden!« »Ich wollte nur…« »Wenn ihr nicht sofort still seid, bringt ihr euch in große Schwierigkei- ten!« »Du solltest das Buch lesen«, sagte der Quästor. Er lebte noch immer glücklich im Tal der getrockneten Frösche. »Es ist erstaunlich, was man alles lernen kann.« »Zum Beispiel… wie man anderen Leuten den Hintern zeigt?« fragte der Dekan von oben. »Nein«, sagte der Oberste Hirte. »Das tun Paviane.« »Bitte um Verzeihung«, warf der Professor für unbestimmte Studien ein. »Ich glaube, du meinst Gibbons.« »Nein, Gibbons heulen. Wenn man Hintern sehen will, braucht man Paviane.« »Mir hat der Bibliothekar nie seinen Allerwertesten gezeigt«, sagte der Erzkanzler. »Kein Wunder«, antwortete eine Stimme aus dem Kronleuchter. »Im- merhin bist du das dominante Männchen.« »Komm sofort da runter, Dekan!« »Ich hänge hier fest, Mustrum. Eine Kerze macht mir Probleme.« »Ha!« Rincewind schüttelte den Kopf und ging fort. Zweifellos waren einige Dinge anders geworden, seit er sich das letzte Mal an diesem Ort auf- gehalten hatte, wann auch immer… Er war nie so dumm gewesen, sich ein aufregendes Leben zu wün- schen. Sein Streben galt vor allem der Langeweile. Allerdings bestand das Problem mit der Langeweile darin, daß sie in seinem Fall nie von langer Dauer war. Wenn er glaubte, sie endlich gefunden zu haben, wurde er in etwas verwickelt, was andere Leute – gedankenlose Leute, die nicht wuß- ten, wovon sie sprachen – als Abenteuer bezeichneten. Dann zwangen ihn die Umstände, fremde Länder zu besuchen und exotische oder gar pittoreske Leute kennenzulernen – für gewöhnlich dauerten derartige Be-, gegnungen nie sehr lange, weil er ständig vor irgend etwas weglief. Er hatte die Schöpfung des Universums gesehen, wenn auch nicht von ei- nem besonders guten Platz aus, und er war in der Hölle gewesen. Man hatte ihn gefangengenommen, eingekerkert und befreit, auf daß er sich anschließend irgendwo verirrte und in irgendwelche Schlangen- oder Skorpiongruben geriet. Manchmal war all dies sogar am gleichen Tag geschehen. Abenteuer! Die Leute redeten davon, als wäre es etwas Erstrebenswer- tes, doch in Wirklichkeit war es ein Synonym für schlechtes Essen, wenig Schlaf und sonderbare Personen, die ständig versuchten, einem spitze Dinge in den Leib zu stecken. Rincewind glaubte, die Wurzel des Problems inzwischen zu kennen: Er litt an präventivem Karma. Wenn etwas auch nur den Anschein erweckte, daß in naher Zukunft angenehme Ereignisse warteten, so durfte er ziem- lich sicher sein, daß jetzt sofort Unangenehmes geschah. Und das Unange- nehme setzte sich fort, weshalb er die schönen Dinge, die bald beginnen sollten, nie erlebte. Es war so, als litte er schon vor der Mahlzeit an Ver- dauungsstörungen. Irgendwo auf der Welt saß vermutlich jemand am anderen Ende der Wippe, eine Art Spiegelbild-Rincewind, dessen Leben aus lauter wunder- vollen Dingen bestand. Er hoffte, ihm irgendwann einmal zu begegnen, vorzugsweise mit einer Waffe in der Hand. Jetzt wollten die Leute ihn zum Gegengewicht-Kontinent schicken. Er hatte gehört, dort sei das Leben stinklangweilig. Für Rincewind klang das ausgesprochen verlockend. Die Insel hatte ihm sehr gefallen. Ebenso die Kokosnuß- Überraschungen: Wenn er eine Kokosnuß aufschlug, fand er darin Ko- kosnußmilch. Solche Überraschungen mochte er sehr. Er öffnete eine ganz bestimmte Tür. Das Zimmer dahinter war einmal sein Zimmer gewesen. Es bot einen traurigen Anblick. Rincewind sah einen großen, arg mitgenommenen Kleiderschrank. Weitere Einrichtungsgegenstände enthielt der Raum nicht, es sei denn, man erweiterte den Begriff auf einen Korbstuhl ohne Sitzfläche mit nur drei Beinen und eine Matratze, die so voller Leben steckte, daß sie über den Boden kroch und gelegentlich irgendwo an-, stieß. Hier und dort lagen Dinge von der Straße herum: alte Kisten, das eine oder andere Brett, Säcke… Rincewind spürte einen Kloß im Hals. Die Zauberer hatten seine Un- terkunft unverändert gelassen. Er öffnete den Kleiderschrank, kramte in der von Motten bevölkerten Dunkelheit und berührte… … ein Ohr… … das an einem Zwerg befestigt war. »Au!« »Was hast du in meinem Kleiderschrank zu suchen?« fragte Rincewind. »Kleiderschrank? Äh… äh… ist dies nicht das magische Königreich Fabelhaft?« erwiderte der Zwerg und versuchte, unschuldig zu wirken. »Nein, und die Schuhe, die du da in der Hand hältst, haben nichts mit den Goldenen Juwelen der Elfenkönigin zu tun«, betonte Rincewind und nahm sie dem Zwerg ab. »Und dies ist kein Unsichtbarkeitsstab, und das sind nicht Bruno Brummignases Wundervolle Socken, und dies ist mein Stiefel…« »Au!« »Und jetzt raus mit dir!« Der Zwerg rannte zur Tür und blieb dort gerade lange genug stehen, um zu rufen: »Ich habe einen Mitgliedsausweis der Diebesgilde! Und du solltest keine Zwerge schlagen! Das ist Speziesismus.« »Gut«, sagte Rincewind und griff nach einigen Kleidungsstücken. Er fand einen Mantel und streifte ihn über. Hier und dort hatten Mot- ten ihre Kunst in der Herstellung von Spitze bewiesen, und die roten Stellen waren fast alle zu orangefarbenen oder gar braunen Tönen ver- blaßt. Trotzdem erfüllte es Rincewind mit Erleichterung, wieder einen richtigen Zauberermantel zu tragen. Mit bloßen Knien ist man kaum ein imposanter Beschwörer von Magie. Hinter ihm stoppten leise Schritte. Rincewind drehte sich um. »Auf.« Gehorsam öffnete Truhe den Deckel. Rein theoretisch hätte sie voller Hai sein müssen, statt dessen enthielt sie Kokosnüsse. Rincewind nahm, sie heraus und legte die übrige Kleidung hinein. »Schließen.« Der Deckel klappte zu. »Geh jetzt runter in die Küche und besorg mir Kartoffeln.« Truhe drehte sich auf vielen Beinen und lief los. Rincewind folgte ihr in den Flur und ging zum Arbeitszimmer des Erzkanzlers. Immer noch hörte er die Stimmen streitender Zauberer. Während seiner Zeit an der Unsichtbaren Universität hatte Rincewind immer wieder Gelegenheit gehabt, den Erzkanzler in seinem Arbeits- zimmer zu besuchen. In den meisten Fällen brachte der dortige Aufent- halt die Notwendigkeit mit sich, unangenehme Fragen beantworten zu müssen, zum Beispiel: »Wie kann jemand in ›Einfaches Feueranzünden‹ eine Sechs bekommen?« Er erinnerte sich daran, daß er viel Zeit damit verbracht hatte, ins Leere zu starren, während man ihm Strafpredigten hielt. Auch hier gab es Veränderungen. Vergeblich hielt Rincewind nach De- stillierkolben, gläsernen Krügen und den anderen traditionellen Requisi- ten von Zauberern Ausschau. In der Mitte von Ridcullys Zimmer stand ein Billardtisch, auf dem hohe Dokumentenstapel jeden Quadratzenti- meter Platz beanspruchten. Der amtierende Erzkanzler vertrat folgende Ansicht: Wenn die Leute Zeit genug hatten, etwas niederzuschreiben, so konnte es nicht wichtig sein. Die ausgestopften Köpfe einiger überraschter Tiere starrten von den Wänden herab. Am Geweih eines Hirsches hingen zwei halb aufgelöste Stiefel – Ridcully hatte sie in seiner Jugend als Student der Unsichtbaren Universität und Mitglied der Rudergruppe Braun gewonnen.* In einer Ecke des Raums bemerkte Rincewind ein großes Modell der Scheibenwelt, getragen von vier Holzelefanten. Er kannte es gut. Alle Studenten waren damit vertraut… * Wenn nicht gerade extreme Flut herrscht, kommt man im Ankh nur schwer voran. Deshalb trugen die Rudergruppen der Universität ihre Wettkämpfe aus, indem sie auf dem Fluß liefen. Solange niemand zu lange an einer Stelle stehen- blieb, konnte dabei nichts schiefgehen. Man mußte nur damit rechnen, daß sich früher oder später die Sohlen von den Stiefeln lösten., Der Gegengewicht-Kontinent war ein Fleck – ein Fleck in der Form eines nicht besonders einladenden Kommas. Seefahrer hatten davon berichtet: An einer Stelle ging die Landmasse in mehrere große Inseln über, die sich um die Scheibe erstreckten, bis hin zu der besonders my- steriösen Insel Bhangbhangduc und einem ganz und gar mythischen Kontinent, der bisher nur auf Karten existierte und den Namen XXXX trug. Nur wenige Seefahrer wagten sich in die Nähe des Gegengewicht- Kontinents. Das Achatene Reich nahm ein geringes Ausmaß an Schmuggel hin – offenbar gab es in Ankh-Morpork einige Dinge von Interesse. Offiziell war nichts bekannt. Manchmal kehrte ein Schiff mit Seide und Edelholz – oder mit staunenden Flüchtlingen, was heutzutage immer häufiger geschah – zurück. Gelegentlich fand man den Kapitän an den Mast genagelt, mit dem Kopf nach unten. Es geschah auch, daß Schiffe für immer fortblieben. Rincewind war praktisch überall gewesen, doch der Gegengewicht- Kontinent war auch für ihn unbekanntes Land, eine Art terror incognita. Er hatte nicht die geringste Ahnung, warum man dort einen Zauberer brauchte. Rincewind seufzte. Er wußte, was jetzt am klügsten gewesen wäre. Er hätte gar nicht abwarten sollen, bis Truhe aus der Küche zurück- kehrte. (Entsetzte Schreie und das laute Scheppern einer großen Mes- singpfanne erklangen von dort – sicherer Hinweis darauf, daß die Suche nach Kartoffeln energisch fortgesetzt wurde.) Er hätte sich einfach ein paar Sachen greifen und so schnell wie mög- lich von diesem Ort verschwinden sollen. Er… »Ah, Rincewind«, sagte der Erzkanzler. Für einen so kräftig gebauten Mann ging er verblüffend leise. »Du möchtest aufbrechen, wie ich sehe.« »Ja«, bestätigte Rincewind. »Da hast du völlig recht. Ich kann es gar nicht abwarten, die Universität zu verlassen.« Die Rote Armee tagte in geheimer Sitzung. Zu Beginn sangen die Ver- sammelten revolutionäre Lieder, und da Ungehorsam der Obrigkeit ge- genüber dem achatenen Wesen widersprach, hatten diese Titel wie:, »Ständiger Fortschritt und eingeschränkter Widerstand, wobei die guten Manieren bewahrt bleiben.« Schließlich wurde es Zeit für die Neuigkeiten. »Der Große Zauberer kommt. Wir haben die Nachricht geschickt und uns dabei erheblichen Gefahren ausgesetzt.« »Woher wissen wir, wann er eintrifft?« »Wenn er tatsächlich der Große Zauberer ist, hören wir sicher von ihm. Und dann…« »Brechen wir ganz sanft die Macht der Unterdrückung!« ertönte es. Zwei Feuerkraut sah zum Rest des Kaders. »Genau«, bestätigte er. »Und nun, Genossen: Wir müssen im Zentrum der Verdorbenheit zu- schlagen. Laßt uns den Winterpalast stürmen!« Der Kader schwieg. Nach einigen Sekunden sagte jemand: »Entschul- dige bitte, Zwei Feuerkraut, es ist Juni.« »Dann stürmen wir eben den Sommerpalast!« Eine ähnliche Versammlung, wenn auch ohne Gesang und mit wesent- lich älteren Teilnehmern, fand in der Unsichtbaren Universität statt. Ein Angehöriger des Universitätsrates weigerte sich strikt, den Kronleuchter zu verlassen, worüber sich vor allem der Bibliothekar ärgerte – norma- lerweise erhob er Anspruch auf diesen Platz. »Na schön«, sagte Ponder Stibbons. »Wenn ihr meinen Berechnungen nicht vertraut… Welche Alternativen gibt es?« »Ein Boot?« schlug der Professor für unbestimmte Studien vor. »Boote sinken«, gab Rincewind zu bedenken. »Du würdest das Ziel in Null Komma nichts erreichen«, sagte der Oberste Hirte. »Immerhin sind wir Zauberer. Wir könnten dir genau den richtigen Wind mitgeben.« »Ah, du meinst sicher den Dekan«, kommentierte Ridcully jovial. »Das hab ich gehört«, erklang es von oben. »Über Land«, ließ sich der Dozent für neue Runen vernehmen. »Durch die Mitte? Dort gibt’s praktisch nur Eis.«, »Nein.« Rincewind schüttelte den Kopf. »Aber auf Eis kann man nicht sinken.« »Nein. Erst kippt man, und dann sinkt man ins Eis, und dann fallen ei- nem die Eisbrocken auf den Kopf… und Killerwale und große Seehunde mit folchen Fähnen.« »Das ragt aus der Wand, ich weiß es genau«, erklärte der Quästor fröh- lich. »Was denn?« fragte der Dozent für neue Runen. »Ein Haken, um dran ein Bild aufzuhängen.« Einige Sekunden lang herrschte verlegenes Schweigen. »Meine Güte, ist es schon so spät?« Der Erzkanzler holte seine Uhr hervor. »Tatsächlich. Das Fläschchen steckt in deiner linken Tasche, alter Knabe. Nimm drei Tabletten.« »Das Problem läßt sich nur mit Magie lösen«, beharrte Ponder Stib- bons. »Es hat funktioniert, als wir ihn hierhergebracht haben, oder?« »O ja«, sagte Rincewind. »Schickt mich zehntausend Kilometer weit, mit brennender Hose, ohne daß ich weiß, wo ich lande. Tolle Idee.« »Gut.« Ridcully war gegen Sarkasmus immun. »Der Gegengewicht- Kontinent ist ziemlich groß. Wir können ihn nicht einmal mit Stibbons genauen Berechnungen verfehlen.« »Und wenn ich mitten in einem Berg erscheine?« fragte Rincewind. »Dann werde ich sofort zerquetscht.« »Ausgeschlossen«, widersprach Stibbons. Der Seitenhieb auf seine Re- chenkünste hatte ihm nicht gefallen. »In dem Fall findet ein Austausch statt – das betreffende Felsgestein wird hierher versetzt.« »Ich stecke also in einem Berg fest, in einem Loch, das genau meine Größe hat«, sagte Rincewind. »Nicht schlecht. Ich wollte schon immer ein Fossil werden.« »Sei unbesorgt«, brummte Ridcully. »Es ist alles nur eine Frage von… Dingsbums, du weißt schon, ich meine die Sache mit den drei rechten Winkeln, die ein Dreieck bilden und so…« »Sprichst du vielleicht von Geometrie?« fragte Rincewind und spähte in Richtung Tür., »Von solchen Sachen, ja. Außerdem hast du deine erstaunliche Truhe dabei. Nun… es wird praktisch ein Urlaub für dich. Bestimmt ist alles ganz einfach. Ich nehme an, im Achatenen Reich möchte man… äh… dich nur etwas fragen. Und wie ich hörte, sprichst du Ausländisch.* In dieser Hinsicht ergeben sich also keine Probleme. Wahrscheinlich dauert die ganze Sache nur ein oder zwei Stunden. Warum murmelst du dau- ernd ›Ha!‹?« »Weiß ich selbst nicht.« »Und alle werden dir sehr dankbar sein, wenn du zurückkehrst.« Rincewind musterte die Ratsmitglieder der Reihe nach. In einem Fall mußte er dabei zum Kronleuchter sehen. »Wie kehre ich zurück?« »Auf dem gleichen Weg wie vorhin. Wir finden dich und leiten den magischen Transfer ein. Mit chirurgischer Präzision.« Rincewind stöhnte. Er wußte, was chirurgische Präzision in Ankh- Morpork bedeutete, und zwar: »bis auf ein oder zwei Zoll genau, beglei- tet von vielen Schreien, und anschließend gießen sie einem heißen Teer über die Stellen, wo vorher die Beine waren.« Aber wenn man mal von der Tatsache absah, daß bestimmt etwas schiefging… dann schien alles narrensicher zu sein. Der Haken bei der Sache war nur: Zauberer konnten sehr einfallsreiche Narren sein. »Und dann bekomme ich meinen alten Job zurück?« »Ja.« »Und ich darf mich ganz offiziell Zauberer nennen?« * Das stimmte. Rincewind konnte in neunzehn Sprachen um Gnade bitten. Rei- nes Schreien beherrschte er in vierzig weiteren Sprachen.** ** Das ist sehr wichtig. Unerfahrene Reisende halten die Bedeutung von »Aargh!« vielleicht für universell, aber die Übersetzung ins Betrobische lautet »höchst ver- gnüglich«. Im Wiewunderland kann es »Ich würde gern deinen Fuß essen«, »Dei- ne Frau ist ein großes Nilpferd« und »Hallo, denkt der Herr purpurne Katze« bedeuten. Ein Stamm steht in dem Ruf, besonders grausam zu sein, nur weil seine Gefangenen immer wieder rufen: »Schnell! Noch mehr siedendes Öl!«, »Ja. Es kommt uns nicht einmal auf die richtige Schreibweise des Wor- tes an.« »Und für den Rest meines Lebens muß ich nie wieder irgendwelche Reisen machen?« »Wenn du möchtest, verbieten wir dir ausdrücklich, das Universitätsge- lände zu verlassen.« »Bekomme ich auch einen neuen Hut?« »Wie bitte?« »Einen neuen Hut. Dieser ist schon ziemlich abgenutzt.« »Was hältst du von zwei neuen Hüten?« »Mit Pailletten?« »Natürlich. Und Dingern, die wie kleine Kronleuchter aus Glas ausse- hen. An der Krempe. So viele, wie du willst. Und wir schreiben Zaubb- berer mit drei B.« Rincewind seufzte. »Na schön. Ich bin bereit.« Ponders Genie geriet in Bedrängnis, wenn er anderen Leuten das eine oder andere erklären mußte. Das war auch jetzt der Fall, als die Zauberer zusammenkamen, um sich wirklich ernsthaft mit Magie zu befassen. »Ja, aber weißt du, Erzkanzler: Er wird zur gegenüberliegenden Seite der Scheibenwelt geschickt…« Ridcully seufzte. »Sie dreht sich, nicht wahr? Wir alle bewegen uns in die gleiche Richtung. Ist doch ganz klar. Wenn sich die Leute auf dem Ge- gengewicht-Kontinent in der anderen Richtung bewegen, würde das be- deuten, daß wir mit ihnen zusammenstoßen, und zwar einmal im Jahr. Ich meine zweimal.« »Ja, ja, die Drehbewegung ist genauso wie bei uns, aber die Richtung un- terscheidet sich. Ich meine…« In seiner Verzweiflung griff Ponder zum Mittel der Logik. »Man muß dabei die Vektoren berücksichtigen und… äh… sich fragen: In welche Richtung würden wir uns bewegen, wenn die Scheibenwelt plötzlich nicht mehr da wäre?« Die Zauberer starrten ihn groß an. »Nach unten«, sagte Ridcully., »Nein, nein, Erzkanzler«, widersprach Ponder. »Wir würden uns nicht nach unten bewegen, weil es nichts gäbe, das uns nach unten zieht. Wir…« »Man braucht nichts, das einen nach unten zieht. Man fällt nach unten, wenn einen nichts mehr oben hält.« »Wir würden den Weg in der gleichen Richtung fortsetzen wie vorher!« rief Pon- der. »Genau, immer im Kreis herum«, pflichtete ihm Ridcully bei. Er rieb sich die Hände. »Du mußt den Bezug zur Wirklichkeit wahren, wenn du ein richtiger Zauberer sein willst, Junge. Wie kommen wir voran, Ru- nen?« »Ich… ich glaube, allmählich zeigt sich etwas.« Der Dozent für neue Runen blickte in die Kristallkugel. »Es gibt ziemlich starke Interferen- zen…« Die Zauberer traten näher. Weiße Punkte tanzten in der Kugel umher. In dem Durcheinander zeichneten sich hier und dort vage Schemen ab; einige von ihnen schienen Menschen zu sein. »Sehr friedlicher Ort, das Achatene Reich«, sagte Ridcully. »Sehr ruhig und kultiviert. Soweit ich weiß, legt man dort großen Wert auf Höflich- keit.« »Äh… ja«, bestätigte der Dozent für neue Runen. »Ich habe gehört, daß man dort den Leuten, die nicht friedlich und ruhig sind, wichtige Körperteile abhackt. Angeblich hat das Reich eine tyrannische und re- pressive Regierung.« Ponder Stibbons runzelte die Stirn. »Was für eine Art von Regierung ist das?« »Eine Tautologie«, erwiderte der Dekan von oben. »Welche Körperteile sind gemeint?« fragte Rincewind. Niemand achte- te auf ihn. »Im Reich soll es viel Gold geben«, sagte der Dekan. »Liegt dort gera- dezu auf der Straße, heißt es. Rincewind könnte einen Sack voll mitbrin- gen.« »Ich bringe lieber mich zurück, mit allem Drum und Dran«, entgegnete Rincewind und dachte: Aber macht euch nur nicht die Mühe, mir zuzu-, hören. Ich bin ja nur derjenige, der es direkt mit der ganzen Sache zu tun bekommt. »Kannst du nicht dafür sorgen, daß wir ein klareres Bild empfangen?« fragte Ridcully. »Tut mir leid, Erzkanzler…« »Was die Körperteile betrifft… sind sie klein oder groß?« erkundigte sich Rincewind ungehört. »Du brauchst nur ein offenes Areal mit etwas zu finden, das die richti- ge Größe und das richtige Gewicht hat.« »Es ist sehr schwer…« »Bezieht sich ›Körperteile‹ vielleicht auf Arme und Beine?« »Im Achatenen Reich soll es sehr langweilig sein. Der schlimmste Fluch dort lautet: ›Mögest du in interessanten Zeiten leben.‹« »Jetzt sehe ich etwas… Es bleibt verschwommen. Scheint eine Art Schubkarre oder so zu sein. Nicht besonders groß.« »… oder vielleicht auf Zehen und Ohren?« »Also gut, laßt uns beginnen«, entschied Ridcully. »Äh«, sagte Ponder. »Ich glaube, er sollte schwerer sein als das Ding, das wir hierher versetzen. Dann trifft er dort nicht mit zu hoher Ge- schwindigkeit ein. Ich glaube…« »Ja, ja, herzlichen Dank, Stibbons. Sei jetzt ein braver Junge, tritt in den Kreis und zeig uns, daß du mit dem Zauberstab umzugehen verstehst.« »Fingernägel? Haare?« Rincewind zupfte an Ponder Stibbons Mantel. Der junge Mann er- schien ihm etwas vernünftiger als die anderen. »Äh… was erwartet mich?« fragte er. »Ein magischer Sprung über zehntausend Kilometer hinweg«, antwor- tete Stibbons. »Das hoffe ich jedenfalls.« Er überlegte, welchen Rat er dem armen Kerl mit auf den Weg geben sollte. Ich habe mir mit Hex große Mühe gegeben, und wer nimmt die Sache in die Hand? Einige Zauberer, deren Vorstellung von Experimen- ten darin besteht, etwas zu werfen und dann zu überlegen, wo es landen, wird. Wir möchten dich mit etwas austauschen, das zehntausend Kilo- meter entfernt ist und sich in einer ganz anderen Richtung bewegt, auch wenn der Erzkanzler das nicht glauben will. Dabei kommt es auf Präzisi- on an. Es hat keinen Zweck, einen traditionellen Reisezauber anzuwen- den. Das Ding würde sich auf halbem Wege auflösen, ebenso wie du. Ich bin ziemlich sicher, daß wir dich in ein, höchstens zwei Stücken zum Gegengewicht-Kontinent bringen können, aber wir haben keine Mög- lichkeit, das Gewicht des Austauschobjekts herauszufinden. Wenn es ebenso schwer ist wie du, sollte eigentlich alles klappen. Dann müßtest du bei deiner Ankunft nur ein wenig auf der Stelle laufen. Aber wenn das Objekt viel schwerer ist als du… dann fürchte ich, daß du am Ziel jene Reisegeschwindigkeit hast, wie man sie von Schlafwandlern kennt, die in Klippendörfern wohnen und dort gerade ihren letzten Ausflug machen. »Äh«, sagte Stibbons laut. »Fürchte dich. Fürchte dich sehr.« »Oh«, erwiderte Rincewind. »Kein Problem. Damit kenne ich mich aus.« »Wir versuchen, dich zur Mitte des Kontinents zu bringen«, erklärte Ponder. »Wir glauben, daß dort Hunghung liegt.« »Die Hauptstadt?« »Ja… äh.« Ponder fühlte sich schuldig. »Was auch immer passiert: Ich bin sicher, daß du lebend am Ziel eintriffst. Davon wäre ich keineswegs überzeugt gewesen, wenn ich alles dem Erzkanzler und den anderen überlassen hätte. Außerdem glaube ich, daß du den richtigen Kontinent erreichst.« »Oh, gut.« »Komm jetzt, Stibbons«, drängte Ridcully. »Fordere uns endlich auf, mit der Sache zu beginnen.« »Äh… ja. In Ordnung. Na schön. Nun, verehrter Rincewind, wenn du bitte in die Mitte des Oktagramms treten würdest… danke. Ähm. Meine Herren, beim Teleport über große Entfernungen gibt es ein Problem, das von Heisenbergs Unschärferelation* beschrieben wird. Das telepor- tierte Objekt – der Begriff stammt übrigens von tele, ›ich sehe‹, und porte, * Nach dem Zauberer Sangrit Heisenberg benannt, nicht nach dem berühmteren Heisenberg, der etwas erfand, das vielleicht das beste Bier auf der Scheibenwelt ist., ›zu gehen‹, was soviel bedeutet wie ›ich sehe, daß es gegangen ist‹ – äh… das teleportierte Objekt wird auf ein thaumisches Partikel reduziert, wo- bei die Größe keine Rolle spielt, deshalb kommt es letztendlich zu einer fatalen Dichotomie: Das Objekt weiß entweder, was es ist, oder es weiß, wo es sich befindet. Beides zugleich kann es jedoch nicht wissen. Äh… dieser Umstand führt zu starken Spannungen im morphischen Feld, das sich schließlich auflöst, wodurch sich das Objekt in ein Etwas mit Zu- fallsstruktur verwandelt und über elf Dimensionen geschmiert wird. Aber das wißt ihr sicher alles.« Lautes Schnarchen wies darauf hin, daß der Professor für unbestimmte Studien eine Vorlesung in Raum 3B hielt. Rincewind lächelte. Besser gesagt, er hatte den Mund geöffnet und zeigte die Zähne. »Äh… Entschuldigung«, sagte er. »Ich erinnere mich nicht daran, daß jemand von elf Dimensionen gesprochen hat, über die man geschm…« »Das betreffende Objekt – oder Subjekt – merkt natürlich nichts da- von«, fügte Ponder hinzu. »Oh.« »… soweit wir wissen…« »Was?« »… obgleich es theoretisch möglich ist, daß die Psyche präsent bleibt…« »Äh?« »… um die explosive Entkörperlichung zu erleben.« »Wie bitte?« »Nun, uns ist klar, daß der entsprechende Zauber als Dreh- bezie- hungsweise Hebelpunkt verwendet wird, mit dem Zweck, nicht ein Ob- jekt zu bewegen, sondern die Position von zwei Objekten mit vergleich- barer Masse auszutauschen. Ich… äh… möchte heute abend folgendes beweisen: Wenn man dem Objekt…« »Damit bin ich gemeint?« fragte Rincewind zaghaft. »… das richtige Drehmoment sowie maximale Geschwindigkeit ver- leiht, und zwar gleich zu Anfang, so ist praktisch gewährleistet…«, »Praktisch?« »… daß es nicht auseinanderbricht und über Distanzen von bis zu zehntausend Kilometern stabil bleibt…« »Bis zu?« »Plusminus zehn Prozent…« »Plusminus?« »Wenn ihr jetzt… Entschuldige bitte, Dekan, ich wäre dir sehr verbun- den, wenn du damit aufhören könntest, Wachs auf den Boden tropfen zu lassen. Nun, wenn ihr jetzt die mit Kreide markierten Positionen ein- nehmen würdet…« Rincewind blickte sehnsüchtig zur Tür. Für den erfahrenen Feigling war sie überhaupt nicht weit entfernt. Bestimmt gelänge es ihm innerhalb weniger Sekunden, diesen Raum zu verlassen, und dann… Konnten ihn die Zauberer aufhalten? Nein. Sie waren nur imstande, seinen Hut zu nehmen und ihn daran zu hindern, jemals zur Universität zurückzukehren. Und wenn die Suche nach ihm zuviel Mühe machte… dann gaben sie bestimmt die Absicht auf, ihn an einen Pfeiler der Mes- singbrücke zu fesseln. Genau darin bestand das Problem. Er brauchte nicht zu befürchten, auf sehr unangenehme Weise sterben zu müssen – aber er war dann auch kein Zauberer mehr. Und als er nun beobachtete, wie die Zauberer Auf- stellung bezogen und die Knäufe am Ende ihrer Stäbe festschraubten… Die Vorstellung, kein Zauberer mehr zu sein, kam dem Tod sehr nahe. Magie entfaltete sich. Rincewind der Schuhmacher? Rincewind der Bettler? Rincewind der Dieb? Abgesehen von Rincewind die Leiche erforderte alles eine Ausbil- dung oder Fähigkeiten, die ihm fehlten. Mit anderen Dingen kannte er sich einfach nicht aus. Allein die Zaube- rei bot ihm Zuflucht. Eigentlich war er auch kein besonders guter Zau- berer, aber eines war gewiß: Niemand würde ihn für einen guten Zaube- rer halten. Rincewind hatte immer geglaubt, daß er als Zauberer das glei- che Existenzrecht hatte wie die Null in der Mathematik: Sie war keine richtige Zahl, aber ohne sie standen viel größere Zahlen ziemlich dumm da. Solche Gedanken spendeten ihm Trost, wenn er nachts um drei auf-, wachte, über sein Leben nachdachte und feststellte, daß es nicht mehr Gewicht besaß als eine kleine Wolke warmer Wasserstoff. Er hatte tat- sächlich einige Male die Welt gerettet, aber es war eher zufällig und un- bewußt geschehen. Dafür bekam er sicher keine karmischen Punkte. Es zählte vermutlich nur, wenn man laut sagte: »Herrjemine, es wird höch- ste Zeit, die Welt zu retten.« Rincewind hingegen verband solche Gele- genheiten mit Worten wie »O Mist, diesmal muß ich wirklich dran glau- ben!« Die Magie entfaltete sich weiter. Vielleicht verhedderte sie sich irgendwo. »Na los, Jungs«, brummte Ridcully. »Strengt euch mehr an.« »Bist du sicher, daß es ein… kleines… Objekt ist?« fragte der Dekan. Schweiß perlte auf seiner Stirn. »Sieht wie eine… Schubkarre aus…«, ächzte der Dozent für neue Ru- nen. Der Knauf am Ende von Ridcullys Zauberstab begann zu qualmen. »Seht euch nur mal meine Magie an!« entfuhr es ihm. »Wie lange dau- ert’s noch, Stibbons?« »Äh… man darf Größe natürlich nicht mit Masse verwechseln…« Und dann wurde der Zauber plötzlich wirksam. Es war ähnlich wie bei einer klemmenden Tür: Es kann erhebliche Mühe kosten, sie zu öffnen – und es ist ganz einfach, dann der Länge nach ins Zimmer zu fallen. Später hoffte Ponder, daß seine Beobachtungen auf optischen Täu- schungen basierten. Unter gewöhnlichen Umständen passierte es sicher nicht, daß jemand auf eine Länge von fast vier Metern gedehnt wurde, um dann so jäh wieder auf normale Maße zu schrumpfen, daß ihm die Stiefel ans Kinn knallten. Ein kurzer Schrei ertönte – es klang wie »OoohMiist…« Dann herrsch- te gnädige Stille. Als Rincewind auf dem Gegengewicht-Kontinent erschien, war seine erste Wahrnehmung ein Gefühl der Kälte. Kurz darauf bemerkte er auch andere Dinge, und zwar (in der Reihen-, folge seiner Bewegungsrichtung): einen überraschten Mann mit einem Schwert; einen weiteren Mann mit einem Schwert; einen dritten Mann, der sein Schwert fallen gelassen hatte und wegzulaufen versuchte; zwei Männer, die weniger aufmerksam waren und ihn nicht einmal sahen; einen kleinen Baum, etwa fünfzig Meter niedriges Gebüsch; eine Schneewehe; eine größere Schneewehe; einige Felsen; eine letzte Schneewehe. Ridcully sah Ponder Stibbons an. »Nun, er ist weg«, sagte er. »Aber sollten wir nicht etwas für ihn zu- rückbekommen?« »Ich bin mir nicht sicher, ob der Austausch sofort erfolgt.« »Du meinst, es dauert eine Weile, durch die okkulten Dimensionen zu rasen?« »Etwas in der Art. Nach den von Hex durchgeführten Berechnungen müssen wir vielleicht…« Mit einem »Plop« erschien etwas im Oktagramm, genau dort, wo eben noch Rincewind gestanden hatte. Das Ding rollte einige Zentimeter weit. Der Gegenstand hatte vier Räder, wie man sie bei einem Karren erwar- tete. Aber sie waren nicht fachmännisch gearbeitet. Es waren schlicht und einfach vier Scheiben für jene seltenen Gelegenheiten, bei denen das Objekt bewegt werden mußte. Über den Rädern wurde es interessanter. Dort gab es einen großen runden Zylinder wie ein umgekipptes Faß. Jemand hatte sich große Mühe gegeben und dem Gebilde mit viel Mes- sing das Aussehen eines großen, dicken Hunds mit geöffnetem Maul verliehen. Ein weiteres, eher unwichtig erscheinendes Merkmal war eine Schnur, die zischte und rauchte, weil sie brannte. Das Ding stellte nichts Gefährliches an. Es hockte einfach nur da, während die zischende Schnur allmählich kürzer wurde. Die Zauberer traten näher. »Sieht ziemlich schwer aus«, meinte der Dozent für neue Runen. »Die Statue eines Hundes mit großem Maul«, sagte der Professor für, unbestimmte Studien. »Ich finde sie langweilig.« »Sieht wie ein Schoßhündchen aus«, brummte Ridcully. »Hat sicher viel Arbeit gekostet«, stellte der Dekan fest. »Warum sollte jemandem daran gelegen sein, es anzuzünden?« Ridcully sah in die Öffnung des Zylinders. »Da liegt eine große Kugel drin.« Seine Stimme hallte jetzt ein wenig. »Man reiche mir einen Stab oder so. Vielleicht kann ich das Ding her- ausholen.« Ponder betrachtete die immer noch fleißig zischende Schnur. »Äh«, sagte er. »Ich… äh… glaube, wir sollten alle ein wenig zurück- weichen, Erzkanzler. Ja, wir sollten einen gewissen Abstand zu dem Ob- jekt wahren… äh.« »Ach, tatsächlich?« erwiderte Ridcully. »Ha, soviel zur Forschung. Du spielst mit Zahnrädern und Ameisen herum, aber wenn es wirklich dar- um geht, die Funktionsweise von Dingen herauszufinden…« »Wenn man sich die Hände schmutzig machen muß…«, warf der Do- zent für neue Runen hilfreich ein. »Ja, wenn du dir die Hände schmutzig machen mußt… dann kriegst du plötzlich Hemmungen.« »Darum geht es nicht, Erzkanzler«, sagte Ponder. »Ich fürchte, das Gebilde könnte gefährlich sein.« »Ich glaube, ich habe die Kugel jetzt gelockert.« Ridcully arbeitete in den dunklen Tiefen des Zylinders. »Wenn ihr den Hund jetzt ein bißchen kippt…« Ponder trat einige weitere Schritte zurück. »Ich denke nicht, daß…«, begann er. »Du denkst nicht, wie? Nennst dich Zauberer und denkst nicht? Mist! Jetzt klemmt der Stab! Das kommt davon, daß ich dir zuhöre, obwohl ich mich konzentrieren sollte, Stibbons.« Hinter Ponder polterte es. Der Bibliothekar, ausgestattet mit dem ani- malischen Instinkt für Gefahren und dem menschlichen für Probleme, duckte sich hinter einen umgedrehten Tisch. Er hatte sich einen Kessel auf den Kopf gesetzt – der Henkel unter seinem Kinn sah aus wie der, Riemen eines Helms. »Erzkanzler, ich denke wirklich…« »Ah, jetzt denkst du, hm? Hat dir jemand gesagt, daß deine Aufgabe im Denken besteht? Au! Jetzt hat das Ding meine Finger erwischt, das habe ich dir zu verdanken!« Ponder nahm seinen ganzen Mut zusammen. »Ich glaube… es könnte eine Art Feuerwerksmaschine sein, Erzkanzler.« Die Zauberer blickten auf die zischende Schnur. »Meinst du… bunte Lichter, Sterne und so weiter?« fragte Ridcully. »Ja.« »Diese Maschine kann sicher ein sehr eindrucksvolles Feuerwerk er- zeugen. Offenbar gibt’s im Achatenen Reich Leute, die es gern krachen lassen.« Ridcully sprach im Tonfall eines Mannes, dem es gerade däm- mert, daß er sich sehr dumm angestellt hat. »Soll ich dafür sorgen, daß die Schnur nicht weiterbrennt, Erzkanzler?« fragte Ponder. »Ja, mein Lieber, warum nicht? Sehr intelligent, der Bursche.« Ponder trat vor und trennte das brennende Stück vom Rest der Schnur. »Hoffentlich haben wir jetzt nichts ruiniert«, sagte er. Rincewind öffnete die Augen. Er lag nicht auf einem kühlen Laken. Weiße Kühle umgab ihn, aber es fehlte ihr an der typischen Beschaffenheit eines Lakens. Es fühlte sich eher an wie… Schnee. Der eine Furche aufwies. Eine lange Furche. Mal sehen… Rincewind erinnerte sich an ein sonderbares Empfinden, das auf Geschwindigkeit hindeutete. Er entsann sich auch, daß ein klei- nes, aber sehr schweres Objekt an ihm vorbeigesaust und in die Richtung gerast war, aus der er gekommen war. Und dann war er hier erschienen, hatte sich so schnell bewegt, daß die Füße… … eine Furche hinterlassen hatten. Ja, eine Furche, dachte Rincewind, mit jener Art von Verwirrung, wie man sie nach einem Sprung über zehntausend Kilometer erwarten kann. Eine Furche, neben der stöhnen- de Leute lagen. Sie wirkten wie Leute, die bald damit aufhören würden, zu stöhnen und ziellos herumzukriechen – um dann nach ihren Schwertern zu grei- fen und sich damit um Körperteile zu kümmern. Rincewind stand auf und schwankte. Er wollte weglaufen, aber wohin? Um ihn herum erstreckte sich eine weiße Wüste mit einem Rand aus Bergen. Die Soldaten schienen sich schnell zu erholen. Rincewind seufzte. Vor einigen Stunden hatte er an einem warmen Strand gesessen und von jun- gen Frauen Besuch bekommen, die ihm Kartoffeln* angeboten hatten. Jetzt befand er sich auf einer kalten, windigen Ebene, in der Gesellschaft einiger großer Männer, die ihm Gewalt schenken wollten. Er stellte fest, daß die Sohlen seiner Stiefel dampften. Und dann rief jemand: »He! Bist du nicht… bist du nicht… wie lautet noch der Name… Rincewind?« Rincewind drehte sich um. Er sah einen ziemlich alten Mann. Trotz der eisigen Böen trug er nur einen ledernen Lendenschurz und einen so langen schmuddeligen Bart, daß er den Lendenschurz eigentlich gar nicht brauchte, zumindest nicht aus Gründen des Anstands. Seine Beine waren blau von der Kälte, und der Wind hatte seine Nase rot werden lassen, wodurch er recht patrio- tisch anmutete – wenn man aus dem richtigen Land kam. Ein Auge hatte er hinter einer schwarzen Klappe verborgen, und ein weiteres, noch auf- fälligeres Merkmal waren seine Zähne: Sie glitzerten. »Steh da nicht so rum und glotz wie ein großer Glotzer! Nimm mir diese blöden Dinger ab!« Er trug schwere Schellen an Händen und Füßen. Eine Kette führte zu einer Gruppe ähnlich ausgestatteter Männer, die sich aneinanderkauerten und Rincewind voller Entsetzen beobachteten. »Sie halten dich für einen Dämon«, kicherte der Alte. »Aber ich erken- * Darüber herrschte noch immer ein wenig Verwirrung., ne einen Zauberer auf den ersten Blick! Der Mistkerl da drüben hat die Schlüssel. Gib ihm einen ordentlichen Tritt.« Rincewind näherte sich einem liegenden Wächter und zerrte an seinem Gürtel. »Gut«, sagte der Alte. »Her damit. Und dann aus dem Weg mit dir.« »Warum?« »Weil du es sicher vermeiden möchtest, dich mit Blut zu bekleckern.« »Aber du hast gar keine Waffe und bist ganz allein, und die Soldaten haben Schwerter, und es sind fünf!« »Ich weiß«, erwiderte der Alte und wickelte sich die Kette um die Faust. »Es ist unfair, aber ich kann nicht den ganzen Tag warten.« Er lächelte. Es funkelte und schimmerte. Jeder Zahn im Mund des alten Mannes war ein Diamant. Und Rincewind kannte nur einen, der genug Mumm hatte, sich ein Gebiß aus Trollzähnen zuzulegen. »Du hier? Cohen der Barbar?« »Pscht! Inkocknito! Und jetzt zur Seite mit dir.« Die Zähne blitzten er- neut, diesmal galt ihr Glanz den inzwischen vertikalen Wächtern. »Kommt schon, Jungs. Ihr seid fünf. Und ich bin ein hilfloser Greis. Grummelgrummel, o mein Bein ettzehtra…« Eins mußte man den Wächtern lassen: Sie zögerten. Ihre Mienen ver- rieten, daß sie es keineswegs für verwerflich hielten, wenn fünf große, schwer bewaffnete Männer einen hilflosen Greis angriffen. Es erschien ihnen allerdings seltsam, daß der hilflose Greis die ganze Zeit über grin- ste. »Kommt endlich«, sagte Cohen. Die Männer schoben sich langsam näher. Jeder von ihnen wartete dar- auf, daß die anderen den entscheidenden Vorstoß machten. Cohen trat einige Schritte vor und winkte müde ab. »O nein«, sagte er. »Wenn man euch so sieht… Man könnte in Tränen ausbrechen, wirklich. So greift man doch niemanden an. Einfach nur Herumschlurfen wie… wie einige Herumschlurfer… Wenn man jemanden angreift, sollte man immer daran denken, wie wichtig das Überraschungsmoment ist…«, Zehn Sekunden später wandte sich Cohen an Rincewind. »Alles in Ordnung, Herr Zauberer. Du kannst jetzt die Augen öffnen.« Ein Soldat hing mit dem Kopf nach unten im nächsten Baum. Von ei- nem anderen ragten beide Füße aus einer Schneewehe. Zwei weitere lagen bei den Felsen, und der fünfte… befand sich an verschiedenen Stellen. Cohen rieb sich nachdenklich das Handgelenk. »Der letzte hätte mich fast erwischt«, sagte er. »Vielleicht werde ich langsam alt.« »Warum bist du h…« Rincewind zögerte. Ein zweites Paket Neugier überholte das erste. »Wie alt bist du eigentlich?« »Ist dies noch immer das Jahrhundert des Flughunds?« »Ja.« »Oh. Nun, ich schätze, ich bin so um die Neunzig. Ja, ich könnte neunzig sein. Vielleicht auch fünfundneunzig.« Er zog die Schellen- schlüssel aus dem Schnee und wankte zu der Gruppe von Männern, die jetzt noch entsetzter wirkten als vorher. Cohen befreite den ersten Ge- fangenen und reichte dem völlig verdutzten Burschen das Schlüsselbund. »Verschwindet von hier, ihr alle«, sagte er nicht unfreundlich. »Und laßt euch nicht noch mal schnappen.« Er schlenderte zu Rincewind zurück. »Was bringt dich in diese Gegend?« »Nun…« »Interessant«, erwiderte Cohen. »Kann nicht den ganzen Tag schwat- zen. Habe noch viele Dinge zu erledigen. Kommst du mit oder was?« »Was?« »Wie du meinst.« Cohen schlang sich die Kette als improvisierten Gür- tel um die Hüften und schob zwei Schwerter dahinter. »Übrigens… was hast du mit dem Bellenden Hund angestellt?« »Mit welchem Hund?« »Nun, wahrscheinlich spielt’s keine Rolle.« Hastig folgte Rincewind der davoneilenden Gestalt. Er fühlte sich ne-, ben Cohen nicht in dem Sinne sicher. Niemand war sicher, wenn Cohen der Barbar in der Nähe war. Bezüglich des normalen Alterungsprozesses schien bei ihm irgend etwas schiefgegangen zu sein. Cohen war immer ein barbarischer Held gewesen, weil er nichts anderes gelernt hatte. Und mit zunehmendem Alter wurde er härter – wie Eichenholz. Aber Rincewind kannte ihn. Cohen bot etwas Vertrautes an einem völ- lig fremden Ort. »Tja, in den Spitzhornbergen gab’s keine Zukunft mehr«, sagte Cohen, als sie durch den Schnee stapften. »Überall Zäune und Bauernhöfe, Zäu- ne und Bauernhöfe. Wenn man heutzutage einen Drachen erschlägt, beschweren sich die Leute. Weißt du, was passiert ist? Weißt du’s?« »Nein. Was ist passiert?« »Leute kamen zu mir und meinten, Trolle nähmen Anstoß an meinen Zähnen. Was soll man davon halten?« »Nun, deine Zähne sind…« »Ich habe ihnen geantwortet, daß sich bei mir noch nie jemand darüber beklagt hat.« »Weil du nie jemandem eine Chance dazu gegeben ha…« »Und wenn man in den Spitzhornbergen einen Troll sieht, der mit ei- ner Halskette aus menschlichen Schädeln durch die Gegend läuft, muß man dem Kerl einen guten Tag wünschen. Wegen der Liga gegen die Diffamierung von Siliziumleben. Meine Güte! Solcher Unsinn begleitet einen dort auf Schritt und Tritt. Deshalb habe ich beschlossen, mein Glück auf der anderen Seite der Eiskappe zu versuchen.« »Eine Reise durch die Mitte ist doch ziemlich gefährlich, oder?« »Früher schon«, entgegnete Cohen und fügte seinen Worten ein bedeu- tungsvolles Grinsen hinzu. »Bis du dort unterwegs gewesen bist, nicht wahr?« »Stimmt genau. Hast du noch die Kiste mit den Beinen?« »Wie man’s nimmt. Manchmal weilt sie in meiner Nähe, manchmal nicht. Sie ist sehr anhänglich.« Cohen lachte leise. »Eines Tages öffne ich ihren Deckel, verlaß dich drauf. Ah, Pferde.«, Es waren fünf. Deprimiert standen sie in einer kleinen Senke. Rincewind sah zu den ehemaligen Gefangenen zurück, die offenbar nicht recht wußten, was sie mit ihrer unverhofften Freiheit anfangen sollten. »Wir nehmen doch nicht alle fünf Pferde, oder?« fragte er. »Doch. Wir brauchen sie.« »Aber… eins für mich, eins für dich… Wofür sind die anderen?« »Frühstück, Mittagessen und Abendbrot?« »Es ist ein wenig… unfair, oder? Die Leute scheinen etwas… durch- einander zu sein.« Cohen lachte das verächtliche Lachen eines Mannes, der nie wirklich gefangen gewesen ist, nicht einmal in Fesseln. »Ich habe ihnen die Ketten abgenommen«, sagte er. »Sie sind jetzt zum ersten Mal frei, und das ist eine Art Schock für sie. Vermutlich warten sie darauf, daß ihnen jemand sagt, was sie tun sollen.« »Äh…« »Ich könnte sie auffordern, einfach zu verhungern.« »Äh…« »Na schön. He, ihr da! Laßt das Rumgelatsche und kommt her. Ruck, zuck, hopp, hopp!« Die Männer eilten zu Cohen und bezogen erwartungsvoll hinter sei- nem Pferd Aufstellung. »Ich bedaure nicht, daß ich hierhergekommen bin«, fuhr Cohen fort und trieb sein Pferd zum Trab an. Die verlegenen Befreiten folgten im Dauerlauf. »Dies ist das Land der Gelegenheiten. Weißt du was? Schwer- ter sind hier verboten. Nur Soldaten, Adlige und Angehörige der Kaiser- lichen Garde dürfen welche tragen. Ich wollte es erst gar nicht glauben, aber bei den Göttern: Es ist wahr. Schwerter sind verboten. Nur Gesetz- lose haben welche. Und das…«, Cohen bedachte die Landschaft mit ei- nem weiteren strahlenden Lächeln, »…paßt mir gut.« »Aber… du hast Ketten getragen«, wandte Rincewind ein. »Gut, daß du das sagst«, erwiderte Cohen. »Ja. Ich hole die anderen Jungs und versuche dann, den Verantwortlichen dafür zu finden. Um, ihm mitzuteilen, daß ich nichts von solchen Scherzen halte.« Sein Tonfall wies darauf hin, daß der Betreffende mit ziemlicher Si- cherheit »Wie vergnüglich! Deine Frau ist ein großes Nilpferd!« antwor- ten würde. »Die anderen Jungs?« »Das individuelle Barbarentum hat keine Zukunft«, erklärte Cohen. »Ich habe mir… nun, du wirst es selbst sehen.« Rincewind drehte sich um, sah zu den Männern, die ihnen folgten, blickte über den Schnee und dann wieder zu Cohen. »Äh… weißt du, wo Hunghung ist?« »Ja. Du meinst die Boß-Stadt. Wir sind unterwegs zu ihr. In gewisser Weise. Wird derzeit belagert.« »Belagert? Meinst du… viele Soldaten außerhalb der Stadt, und drinnen Bewohner, die sich von Ratten ernähren müssen und so?« »Ja, aber dies ist der Gegengewicht-Kontinent, und deshalb ist es eine höfliche Belagerung. Nun, ich nenne es jedenfalls eine Belagerung… Der alte Kaiser stirbt, und deshalb warten die mächtigen Familien darauf, den Nachfolger zu bestimmen. So läuft das hier. Fünf ganz hohe Tiere belau- ern sich gegenseitig, und niemand von ihnen will den ersten Zug ma- chen. Man muß seitwärts denken, wenn man in diesem Land etwas ver- stehen will.« »Cohen?« »Ja, Junge?« »Was ist hier eigentlich los?« Lord Hong beobachtete die Tee-Zeremonie. Sie nahm drei Stunden in Anspruch, aber bei einer guten Tasse Tee durfte man eben nichts über- stürzen. Außerdem spielte er Schach, und zwar gegen sich selbst. Nur so fand er einen ebenbürtigen Gegner. Derzeit herrschte ein Patt, da beide Seiten ihr Spiel auf eine – natürlich brillante – Verteidigungsstrategie aufgebaut hatten. Manchmal wünschte sich Lord Hong einen Rivalen, der es mit seiner, Klugheit aufnehmen konnte. Anders ausgedrückt: Da Lord Hong tat- sächlich sehr intelligent war, wünschte er sich einen Rivalen, der es fast mit seiner Klugheit aufnehmen konnte, eine Art strategisches Genie, dem dann und wann ein fataler Fehler unterlief. Die meisten Leute lang- weilten ihn mit ihrer Dummheit; kaum jemand plante mehr als ein Dut- zend Züge im voraus. Heimtückischer Mord war gewissermaßen Speise und Trank am Hof von Hunghung. Es war ein Spiel, an dem praktisch alle teilnahmen, und wie beim Schach kam es auf die richtigen Züge an. Wer den Kaiser er- mordete, mußte sich schlechte Manieren vorwerfen lassen. Besser und viel geschickter war es, ihn in eine Position zu bringen, in der man ihn kontrollieren konnte. Doch Züge auf diesem Niveau brachten erhebliche Gefahren mit sich. Die Kriegsherrn mochten untereinander noch so zerstritten sein, sie schlossen sich sofort zusammen, wenn sie befürchte- ten, daß jemand zu weit aufstieg. Und Lord Hong war weit aufgestiegen, indem er alle anderen folgendes glauben ließ: Sie selbst waren die eigent- lichen Kandidaten für den Thron des Kaisers, aber Lord Hong war eine bessere Alternative als alle sonst. Sie glaubten, er hätte es auf die kaiserliche Perle abgesehen. Das Wis- sen darum amüsierte Lord Hong. Er sah vom Schachbrett auf und begegnete dem Blick der jungen Frau am Teetisch. Sie errötete und drehte den Kopf weg. Die Tür öffnete sich. Einer von Hongs Männern kroch auf Knien her- ein. »Ja?« fragte der Lord. »Äh… O Lord…« Lord Hong seufzte. So begannen die Leute nie, wenn sie gute Neuig- keiten brachten. »Was ist geschehen?« »Der sogenannte Große Zauberer ist eingetroffen, o Lord. In den Ber- gen. Auf einem Winddrachen. So heißt es jedenfalls«, fügte der Kurier hastig hinzu, als ihm einfiel, wie wenig der Lord von Aberglauben hielt. »Gut. Aber? Ich nehme an, es gibt ein ›aber‹, oder?« »Äh… ein Bellender Hund ist verlorengegangen. Von der neuen Sorte,, die auf deinen Befehl hin getestet werden sollte. Wir wissen nicht genau, wie… Ich meine, wir glauben, daß Hauptmann Drei Hohe Bäume in einen Hinterhalt geriet… Die Informationen sind nicht ganz klar… An- geblich hat der Große Zauberer den Hund mit Magie verschwinden las- sen…« Der Kurier duckte sich noch tiefer. Lord Hong seufzte erneut. Magie. Sie war im Kaiserreich in Ungnade gefallen und wurde nur noch für ganz alltägliche Dinge verwendet. Sie galt als unkultiviert. Magie legte Macht in die Hände von Leuten, die nicht einmal ein anständiges Gedicht schreiben konnten, um ihr Leben zu retten. Hong glaubte mehr an den Zufall als an Magie. »Das ist sehr ärgerlich«, sagte er, stand auf und nahm vorsichtig ein Schwert aus dem Gestell. Es war lang, krumm und vom besten Schwertmacher im ganzen Kaiserreich geschmiedet – von Lord Hong. Angeblich dauerte es zwanzig Jahre, um die Kunst zu erlernen, deshalb hatte er sich ein wenig angestrengt. Nach drei Wochen beherrschte er alle Feinheiten. Die Leute konzentrierten sich nicht richtig. Das war ihr Problem… Der Kurier versuchte vergeblich, den Kopf einzuziehen. »Ist der zuständige Offizier hingerichtet worden?« fragte Lord Hong. Der Kurier hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Er begriff, daß ihm nichts anderes übrigblieb, als die Wahrheit zu sagen. »Ja«, piepste er. Lord Hong schlug zu. Etwas raschelte wie fallende Seide, und es folgte ein dumpfes Pochen, als fiele eine Kokosnuß auf den Boden. Der Kurier öffnete die Augen. Er konzentrierte sich auf seine Halsre- gion und wagte nicht, sich zu rühren, aus Furcht davor, plötzlich ein ganzes Stück kürzer zu werden. Man erzählte schreckliche Geschichten von Lord Hongs Schwertern. »Steh endlich auf«, sagte Hong. Er wischte das Schwert ab und schob es ins Gestell zurück. Dann beugte er sich vor und holte ein schwarzes Fläschchen unter dem Umhang des Teemädchens hervor. Der Lord zog den Korken ab. Es zischte, als einige Tropfen den Bo- den berührten., »Wie einfallslos«, kommentierte er. »Warum sie es nur immer wieder auf diese Weise versuchen…« Er sah auf. »Wahrscheinlich haben Lord Tang oder Lord McSweeney den Bellenden Hund gestohlen, um mich zu ärgern. Ist der Zauberer entkommen?« »So scheint es, o Lord.« »Gut. Sorg dafür, daß ihm fast ein Unheil geschieht. Und schick mir ein neues Teemädchen. Eins mit Kopf.« Über Cohen ließ sich folgendes sagen: Wenn es für ihn keinen Grund gab, jemanden zu töten – weil er wertvolle Gegenstände bei sich hatte oder im Weg stand –, dann bot er gute Gesellschaft. Rincewind war ihm schon mehrmals begegnet, meistens auf der Flucht. Cohen hielt sich nicht mit überflüssigen Fragen auf. Für ihn erschienen die Leute und verschwanden wieder. Selbst wenn er jemandem begegne- te, den er seit fünf Jahren nicht gesehen hatte, sagte er nur: »Oh, du bist’s.« Nie fügte er ein »Wie geht’s?« hinzu. Man lebte und stand auf- recht; alles andere war unwichtig. Hinter den Bergen stieg die Temperatur rasch an. Zu Rincewinds gro- ßer Erleichterung brauchten sie eins der zusätzlichen Pferde nicht ver- zehren, weil ein leopardenartiges Tier von einem Ast sprang und Cohen zu zerfleischen versuchte. An den Geschmack mußte man sich erst gewöhnen. Rincewind wußte, wie Pferdefleisch schmeckte. Im Lauf der Jahre hat- te er immer wieder Dinge verspeist, die es nicht geschafft hatten, von seiner Gabel zu krabbeln. Doch auf etwas zu kauen, das man »Brauner« nennen konnte… »Wie gelang es den Soldaten, dich gefangenzunehmen?« fragte er, als sie wieder ritten. »Ich war beschäftigt.« »Cohen der Barbar? Zu beschäftigt, um zu kämpfen?« »Ich wollte die junge Dame nicht beunruhigen. Brachte es einfach nicht fertig. Begab mich zum nächsten Ort, um Neuigkeiten zu erfahren. Eins führte zum anderen, und plötzlich wimmelte es überall von Solda- ten. Man hätte meinen können, auf einem Markt für billige Rüstungen zu, sein. Und mit auf den Rücken gefesselten Händen kann ich nicht beson- ders gut kämpfen. Der Anführer war ein wirklich gemeiner Bursche. Sein Gesicht werde ich so schnell nicht vergessen. Die Burschen trieben sechs von uns zusammen, und wir mußten den Bellenden Hund bis hierher schieben. Dann band uns jemand an den Baum, zündete die Schnur an, und alle sprangen hinter die große Schneewehe. Sie haben sicher nicht damit gerechnet, daß du kamst und das Ding einfach verschwinden lie- ßest.« »Ich hab’s nicht verschwinden lassen. Zumindest nicht in dem Sinn.« Cohen beugte sich zu Rincewind vor. »Ich glaube, ich weiß, was es ge- wesen ist«, sagte er, lehnte sich wieder zurück und wirkte recht zufrieden. »Was denn?« »Ich schätze, es war eine Art Feuerwerksmaschine. Mit Feuerwerk kennen sich die Leute hier gut aus.« »Meinst du das blaue Zündpapier, das man ansteckt und sich in die Nase schiebt?«* »Man benutzt sie, um böse Geister zu vertreiben. Und davon gibt’s je- de Menge. Wegen der vielen Gemetzel.« »Gemetzel?« Rincewind hatte das Achatene Reich immer für einen friedlichen Ort gehalten. Die Leute waren zivilisiert. Sie erfanden Dinge. Er selbst hatte dabei geholfen, Ankh-Morpork mit einigen Errungenschaften der acha- tenen Kultur vertraut zu machen: unschuldige Dinge wie von Dämonen angetriebene Uhren, Kästen, mit denen sich Bilder anfertigen ließen, und zusätzliche Augen aus Glas, die man vor den eigenen trug, um besser sehen zu können, auch wenn man dadurch ziemlich komisch aussah. Bisher hatte alles darauf hingedeutet, daß es im Achatenen Reich lang- weilig zuging. * KINDER! Nur sehr dumme Zauberer mit großen Stirnhöhlenproblemen tun so etwas. Vernünftige Leute begeben sich zu einem abgesperrten Bereich und beo- bachten von dort jemanden, der mindestens zwei Dutzend Meter entfernt ist, dicke Schutzkleidung trägt und mit Hilfe eines sehr langen Stocks etwas anzün- det, das »Fsst« macht. Und dann rufen sie: »Hurra!«, »O ja, Gemetzel«, bestätigte Cohen. »Nehmen wir mal an, die Bevölke- rung hat keine Lust mehr, Steuern zu zahlen. Man wählt eine Stadt aus, deren Bewohner Schwierigkeiten machen, bringt sie alle um, zündet die Häuser an, reißt die Mauern nieder und pflügt anschließend die Asche in den Boden. Auf diese Weise wird man die Probleme los, alle anderen Städte sind plötzlich ganz brav, und die Staatskassen füllen sich mit ha- stig bezahlten Steuern, was die Regierung freut. Sollte es später noch einmal Schwierigkeiten geben, fragt man: ›Erinnert ihr euch an Nan- gnang?‹ Oder wie auch immer die Stadt hieß. Dann antworten die Leute: ›Wo ist Nangnang?‹ Und man erwidert: ›Genau das meine ich.‹« »Meine Güte! Wenn man so etwas bei uns zu Hause versuchen wür- de…« »Das Achatene Reich hat eine lange, lange Geschichte. Hier glauben die Leute, daß alles so sein muß, wie es ist. Sie tun, was man ihnen sagt. Man behandelt sie wie Sklaven.« Cohen verzog das Gesicht. »Nun, ich habe nichts gegen Sklaven an sich. Hatte gelegentlich selbst welche. Bin auch mal Sklave gewesen. Aber was erwartet man dort, wo es Sklaven gibt?« Rincewind dachte darüber nach. »Peitschen?« fragte er schließlich. »Ja. Hast es sofort kapiert. Peitschen. Sklaven und Peitschen – das hat eine gewisse Ehrlichkeit. Nun, hier gibt es keine Peitschen. Hier benutzt man etwas Schlimmeres.« »Was denn?« fragte Rincewind, der vertraute Panik in sich wachsen spürte. »Du findest es noch früh genug heraus.« Rincewind blickte zu den ehemaligen Gefangenen, die ihnen gefolgt waren und sie voller Ehrfurcht beobachteten. Er hatte ihnen etwas von dem Leopardenfleisch gegeben und erinnerte sich genau an ihre Reakti- on: Zuerst starrten sie so darauf hinab, als wäre es Gift, dann aßen sie es wie Nahrung. »Sie folgen uns noch immer«, sagte er. »Tja… du hast ihnen Fleisch gegeben.« Cohen lachte leise und drehte sich eine Verdauungszigarette. »Daran sind sie nicht gewöhnt. Du hättest ihnen die Schnurrhaare und Krallen überlassen sollen – damit stellen sie, die tollsten kulinarischen Sachen an. Weißt du, welches Gericht unten an der Küste sehr beliebt ist?« »Nein.« »Schweineohrensuppe. Was schließt du daraus?« Rincewind zuckte mit den Achseln. »Daß die Leute sehr einfallsreich sind?« »Jemand hat sich das Schwein unter den Nagel gerissen.« Cohen drehte sich im Sattel. Die Exgefangenen wichen unwillkürlich zurück. »He, ich hab’s euch doch gesagt. Ihr seid frei. Verstanden?« Ein besonders tapferer Mann antwortete: »Ja, Herr.« »Ich bin nicht dein Herr. Ihr seid frei. Ihr könnt gehen, wohin ihr wollt. Mit einer Ausnahme: Wenn ihr mir weiterhin folgt, bringe ich euch um. Und jetzt… Fort mit euch!« »Wohin, Herr?« »Irgendwohin! Weg von hier!« Die Männer wechselten einen besorgten Blick, drehten sich dann um und liefen über den Pfad. »Wahrscheinlich kehren sie geradewegs zu ihrem Heimatdorf zurück.« Cohen rollte mit den Augen. »Wie ich schon sagte: Schlimmer als Peit- schen.« Er winkte mit einer dürren Hand, als sie weiterritten. »Ein seltsames, blutiges Land. Wußtest du, daß das ganze Reich von einer Mauer umgeben ist?« »Um… barbarische Angreifer… fernzuhalten.« »O ja, eignet sich hervorragend zur Verteidigung«, kommentierte Co- hen voller Sarkasmus. »Zum Beispiel: Oh, so ein Mist, da ist eine sechs Meter hohe Mauer, wir sollten besser tausend Kilometer durch die Step- pe zurückreiten, anstatt uns dort drüben im Wald Holz zu besorgen und Leitern zu bauen. Nein, nein. Die Mauer sorgt dafür, daß die Leute im Reich bleiben. Und Vorschriften. Für alles gibt’s welche. Ohne einen Fetzen Papier können die Bürger des Achatenen Reiches nicht mal den Abort aufsuchen.«, »Nun, um ganz ehrlich zu sein…« »Ich meine nicht solches Papier, sondern einen Erlaubnisschein. Ohne einen solchen Zettel darf man nicht mal sein Dorf verlassen. Man braucht einen, wenn man heiraten will. Man… Ah, da sind wir.« »Ja«, sagte Rincewind. Cohen bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick. »Woher weißt du das?« Rincewind versuchte, konzentriert zu denken. Ein langer Tag lag hinter ihm. Durch das thaumische Äquivalent des Jetlag war dieser Tag um einige Stunden länger gewesen als alle anderen, die er bisher erlebt hatte, was unter anderem zu zwei Mittagsmahlzeiten geführt hatte – beide ohne großen Reiz für Rincewind. »Äh… ich habe deine Bemerkung als allgemeinen philosophischen Hinweis aufgefaßt. So wie ›Machen wir das Beste draus‹.« »Ich meinte, daß wir jetzt mein Versteck erreicht haben«, erklärte Co- hen. Rincewind drehte den Kopf, und sein Blick fiel auf Gebüsch, Steine und eine steile Felswand. »Ich sehe überhaupt nichts«, sagte er. »Eben. Daran kannst du erkennen, daß es mein Versteck ist.« Im Achatenen Reich bildete die Kunst des Kriegs das Fundament für die Diplomatie. Der Krieg war ganz offensichtlich notwendig, war gewissermaßen der Eckstein für das Regieren. Er lieferte dem Reich seine Oberhäupter. Auswahlprüfungen sorgten für Nachschub an Bürokraten und Beamten. Die Kriegskunst blieb den Mächtigen vorbehalten. Vielleicht war Krieg auch nur eine andere Art von Auswahlprüfung: Wenn man verlor, be- kam man kaum Gelegenheit, es im nächsten Jahr noch einmal zu versu- chen. Natürlich mußte es auch für den Krieg Vorschriften geben. Andern- falls wäre alles nur eine barbarische Rauferei gewesen. Deshalb war vor Jahrhunderten die »Kunst des Krieges« geschrieben, worden – ein Regelwerk. Einige Regeln bezogen sich auf Einzelheiten: Innerhalb der Verbotenen Stadt durfte nicht gekämpft werden, und die Person des Kaisers blieb in jedem Fall sakrosankt. Andere waren allge- meine Richtlinien für gute, zivilisierte Kriegführung. Sie betrafen Positi- on, Taktik, die Durchsetzung von Disziplin, die richtige Organisation von Nachschublinien und so weiter. Das Buch der Kriegskunst be- schrieb optimale Verhaltensweisen für alle Eventualitäten. Seine Existenz hatte dafür gesorgt, daß der Krieg im Reich wesentlich vernünftiger gewor- den war. Für gewöhnlich bestand er aus kurzen Phasen der Aktivität, denen lange Pausen folgten, in denen Offiziere und Soldaten im Stich- wortverzeichnis suchten. Niemand erinnerte sich an den Autor. Einige glaubten, das Buch sei von Eins Tsu Sung geschrieben worden; andere hielten Drei Su Sung für den Verfasser. Das erste Prinzip hatte vermutlich ein unbesungenes Ge- nie geschrieben bzw. gemalt: Wer den Feind kennt, der kennt sich selbst. Lord Hong glaubte, sich selbst recht gut zu kennen, und es fiel ihm nie schwer, seine Feinde zu identifizieren. Außerdem achtete er darauf, daß seine Feinde am Leben und gesund blieben. Zum Beispiel die Lords Sung, Fang, Tang und McSweeney: Hong schätzte sie sehr. Vor allem wegen ihrer Adäquatheit. Sie verfügten über adäquate militärische Fähigkeiten, was bedeutete: Sie waren mit den Fünf Regeln und Neun Prinzipien der Kriegskunst vertraut. Sie schrieben ad- äquate Gedichte und verstanden es, mit den Intrigen in ihren eigenen Reihen fertig zu werden. Gelegentlich schickten sie Mörder und Attentä- ter, die sich als geschickt genug erwiesen, Lord Hongs Interesse zu sti- mulieren und ihn zu unterhalten. Er bewunderte auch ihren adäquaten Verrat. Eigentlich war völlig klar, daß Lord Hong der nächste Kaiser sein würde, trotzdem ließen die ande- ren Lords nicht davon ab, um den Thron zu ringen. Zumindest offiziell. Insgeheim hatte jeder Kriegsherr Lord Hong Treue geschworen, auf- grund adäquater Intelligenz: Sie alle wußten, was geschehen würde, wenn sie ihm ihre Loyalität vorenthielten. Natürlich mußte es Kämpfe geben um der Tradition willen. Aber in Lord Hongs Herzen gab es einen Platz für Heerführer, die bereit waren, ihre eigenen Leute zu verraten. Den Feind kennen… Lord Hong hatte beschlossen, sich einen sehr, würdigen Feind zuzulegen. Er ließ Bücher aus Ankh-Morpork kommen und sich über das Geschehen in der Stadt informieren. Es gab… Mög- lichkeiten. Spione brachten Nachrichten und Neuigkeiten. Derzeit wußte die Stadt noch nicht, daß sie Lord Hongs Feind war, und solche Feinde hielt er für besonders wünschenswert. Während er sich eingehender mit Ankh-Morpork befaßte, staunte er zuerst und empfand dann eine Mischung aus Faszination und Bewunde- rung. Dort hätte ich geboren sein sollen, dachte Hong, während er die ande- ren Mitglieder des Ruhigen Rates musterte. Mit jemandem wie Lord Ve- tinari Schach zu spielen… Zweifellos blickt er vor dem ersten Zug drei Stunden lang aufs Schachbrett… Er wandte sich an den Protokolleunuchen des Rates. »Können wir jetzt weitermachen?« fragte er. Der Mann beleckte seinen Pinsel. »Ich bin fast fertig, o Lord.« Lord Hong seufzte. Verdammte Kalligraphie! Sie mußte verändert werden! Wenn die Schriftsprache aus siebentausend Zeichen bestand, dauerte es einen gan- zen Tag, ein aus dreizehn Silben bestehendes Gedicht über ein weißes Pony zu schreiben, das durch wilde Hyazinthen trabte. Daran gab es prinzipiell nichts auszusetzen, und entsprechende Gedichte konnte nie- mand besser schreiben – malen – als Lord Hong. Aber in Ankh- Morpork gab es ein Alphabet aus sechsundzwanzig einfachen, häßlichen Buchstaben, geeignet nur für Bauern und Handwerker. Trotzdem exi- stierte dort eine Poesie, die heiße Spuren in der Seele hinterließ. Und die Buchstaben eigneten sich gut dafür, eine fünf Minuten lange Versamm- lung in weniger als einem Tag zu protokollieren. »Wie weit bist du?« fragte Lord Hong. Der Eunuch hüstelte höflich. »›Wie weich die Blüten der Apriko…‹«, begann er. »Ja, ja, ja«, sagte Lord Hong. »Wenn wir diesmal auf das poetische Drumherum verzichten könnten…« »Äh… ›Das Protokoll der letzten Sitzung wurde ordnungsgemäß un- terschrieben.‹«, »Das ist alles?« »Äh… Ich muß noch die Blütenblätter malen…« »Ich möchte diese Versammlung bis heute abend beenden. Geh jetzt.« Der Eunuch blickte sich furchtsam am Tisch um und griff nach Schriftrollen und Pinseln, bevor er hinauseilte. »Gut«, sagte Lord Hong. Er nickte den anderen Kriegsherrn zu, und ein besonders freundliches Lächeln schenkte er Lord Tang. Lord Hong hatte sich nicht ohne Faszination mit dem Gedanken befaßt, daß Tang ein ehrenvoller Mann war. Seine Ehre mochte schüchterner, verdrießli- cher Natur sein, aber sie existierte und mußte berücksichtigt werden. »Es dürfte ohnehin besser sein, wenn wir ganz offen miteinander re- den«, sagte er. »Und zwar über die Rebellen. Mich haben beunruhigende Nachrichten über ihre Aktivitäten erreicht.« Lord McSweeney nickte. »Ich habe in Sum Dim dreißig Rebellen hin- richten lassen. Als abschreckendes Beispiel.« Und als ein Beispiel für deine Dummheit, dachte Lord Hong. Er war immer bestens informiert und wußte daher, daß es in Sum Dim nie einen Kader der Roten Armee gegeben hatte. Nun, bestimmt gab es jetzt ei- nen. Es ist ja so einfach… Auch die übrigen Kriegsherrn berichteten von ihren Bemühungen, die darauf hinausliefen, kaum nennenswerte Unruhen in eine blutige Revolu- tion zu verwandeln – obwohl sie es natürlich anders sahen. Doch hinter den Masken aus Tapferkeit und Determination verbarg sich Nervosität. Sie verhielten sich wie Schäferhunde, die kurz in eine Welt gesehen hatten, in der die Schafe nicht mehr fortliefen. Lord Hong fand großen Gefallen an dieser Nervosität. Er wollte sie nutzen, irgendwann. Er lächelte und lächelte. Schließlich sagte er: »Lords… trotz eurer lobenswerten Bemühungen bleibt die Situation ernst. Ich habe erfahren, daß ein mächtiger Zauberer aus Ankh-Morpork eingetroffen ist, um den Rebellen hier in Hunghung zu helfen. Es existiert ein Plan, der vorsieht, die gute Organisation der himmlischen Welt zu zerschlagen und den Kaiser umzubringen, möge er zehntausend Jahre alt werden. Ich nehme natürlich an, daß ausländische Teufel dahinterstecken.«, »Ich weiß nichts davon!« sagte Lord Tang scharf. »Das wollte ich auch keineswegs andeuten, mein lieber Lord Tang«, erwiderte Lord Hong. »Ich meine…«, begann Lord Tang. »Deine Treue zum Kaiser ist über jeden Zweifel erhaben«, fuhr Lord Hong fort. Seine Stimme war wie ein Messer, das durch warme Butter schnitt. »Ich habe Grund zu der Annahme, daß eine sehr hochrangige Person den Aufrührern hilft, aber nichts deutet auf dich hin.« »Das will ich auch hoffen!« Die Lords Fang und McSweeney rückten ein wenig von Lord Tang fort. »Wie konnte es nur dazu kommen?« fragte Lord Fang. »Es stimmt na- türlich, daß manchmal Leute, die an hochgradiger geistiger Verwirrung leiden, das Reich verlassen, um sich jenseits der Mauer umzusehen. Doch daß jemand zurückkehrt…« »Ich fürchte, der damalige Großwesir war ein recht wankelmütiger Mann. Er hielt es für interessant zu erfahren, welche Neuigkeiten den Heimkehrer begleiteten.« »Interessant!« platzte es aus Lord Fang heraus. »Diese Stadt namens Ankh… Moor… Pork… ist eine Abscheulichkeit! Reine Anarchie! Of- fenbar gibt es dort überhaupt keinen Adel, und die Gesellschaft gleicht der eines Termitenhaufens! Es wäre besser, eine solche Stadt vom Ange- sicht der Welt zu entfernen!« »Ich nehme deine scharfsinnigen Bemerkungen hiermit zur Kenntnis, Lord Fang«, sagte Lord Hong, während ein Teil von ihm vor Lachen auf dem Boden rollte. »Nun, ich schicke zusätzliche Wächter in die Gemä- cher des Kaisers. Wie auch immer diese Sache begann – wir müssen da- für sorgen, daß sie hier endet.« Er beobachtete, wie ihn die anderen Lords beobachteten. Sie glauben, daß ich übers Reich herrschen möchte, dachte Hong. Und sie alle suchen nach Möglichkeiten, ihren Vorteil daraus zu ziehen. Abgesehen von Lord Tang, der sich vermutlich als Sympathisant der Rebellen erweisen wird… Er schickte sie fort und zog sich in seine Unterkunft zurück. Es war eine Tatsache, daß jenseits der Mauer nur Geister und Teufel, existierten, die nichts von Kultur wußten und keine Ahnung von Bü- chern hatten. Der Besitz solcher unmöglichen Objekte wurde schließlich mit dem Tod bestraft. Und mit Beschlagnahmung. Lord Hong hatte eine große Bibliothek, die nicht nur aus Büchern be- stand. Er besaß auch Karten. Und außerdem eine Kiste, eingeschlossen im Zimmer mit dem großen Spiegel… Nicht jetzt. Später… Ankh-Morpork! Schon der Name klang wundervoll. Er brauchte nur ein Jahr. Die schreckliche Geißel der Rebellion würde ihm erlauben, eine Macht anzusammeln, von der nicht einmal der ver- rückteste Kaiser geträumt hatte. Und dann war es praktisch undenkbar, keine Flotte zu bauen, die aufbrach, um den ausländischen Teufeln das Entsetzen zu bringen. Ja, herzlichen Dank, Lord Fang. Deine scharfsin- nigen Bemerkungen sind tatsächlich zur Kenntnis genommen worden. Als ob es eine Rolle spielte, wer Kaiser war! Das Reich war gewisser- maßen ein Bonus, den Hong später im Vorübergehen einstreichen konn- te. Zunächst genügte ihm Ankh-Morpork, die Stadt mit den fleißigen Zwergen und ihrer Technik. Zum Beispiel die Bellenden Hunde. Mei- stens explodierten sie. Sie waren unzuverlässig. Das Funktionsprinzip war soweit in Ordnung, aber seine Umsetzung in die Praxis ließ sehr zu wünschen übrig. Zu einer wichtigen Erkenntnis kam Lord Hong, als er sich die Perspek- tive von Ankh-Morpork zu eigen machte und begriff: Mit dem Job des Vielversprechenden Hundemachers sollte man besser jemanden betrau- en, der etwas von Metall und explosiven Dingen verstand, keinen Büro- kraten, der bei einer Auswahlprüfung das beste Gedicht über Eisen ge- schrieben hatte. In Ankh-Morpork wurden wirklich Dinge geleistet. Hong stellte sich vor, den Breiten Weg als Eigentümer zu beschreiten und die Würstchen des berühmten Herrn Schnapper zu probieren. Er stellte sich vor, gegen Lord Vetinari Schach zu spielen. Dazu mußte er dem Mann natürlich einen Arm lassen… Er zitterte vor Aufregung. Nicht später… jetzt. Er tastete nach dem geheimen Schlüssel an seiner Halskette., Es gab gar keinen richtigen Weg. Kaninchen wären einfach daran vor- beigehoppelt. Man hätte schwören können, daß hier nur eine steile Fels- wand stand – bis man die Lücke entdeckte. Und selbst wenn man sie gefunden hatte, schien sie nicht besonders in- teressant zu sein. Der schmale Zugang führte zu einer langen Schlucht mit einigen natürlichen Höhlen, etwas Gras und einer Quelle. Und natürlich mit Cohens Gruppe. Er nannte sie »Horde«. Die Leute saßen in der Sonne und beklagten sich darüber, daß es nicht mehr so warm war wie früher. »Ich bin zurück, Jungs«, sagte Cohen. »Warst weg, wie?« »Wasisn? Was hat er gesagt?« »Er hat gesagt, daß er ZURÜCK ist.« »Ein Stück wovon?« Cohen sah Rincewind an und strahlte. »Ich hab sie mitgebracht. Wie ich schon sagte: Das individuelle Barbarentum hat keine Zukunft.« Rincewind ließ den Blick über die Horde schweifen. »Äh… ist jemand von ihnen unter achtzig Jahre alt?« »Steh auf, Junger Willie«, sagte Cohen. Ein vertrocknet wirkender Mann stand auf. Er sah nur etwas weniger zerknittert aus als die anderen und trug Stiefel mit sehr dicken Sohlen. »Damit meine Füße den Boden berühren«, erklärte er. »In… äh… gewöhnlichen Stiefeln sind sie dazu nicht imstande?« »Nein. Es ist ein orthopädisches Problem. Du kennst doch sicher Leu- te, die ein kürzeres Bein haben. Tja, bei mir…« »Sag’s mir nicht«, brachte Rincewind hastig heraus. »Manchmal habe ich erstaunliche Geistesblitze. Bei dir sind beide Beine kürzer, nicht wahr?« »Bemerkenswert«, kommentierte der Junge Willie. »Es wird sofort klar, daß du Zauberer bist. Du kennst dich mit solchen Dingen aus.« Rincewind bedachte das nächste Mitglied der Horde mit einem strah-, lenden Lächeln. Mit ziemlicher Sicherheit war es ein menschliches We- sen, denn normalerweise benutzten verhutzelte kleine Affen keine Roll- stühle oder trugen Helme mit Hörnern. Das Geschöpf erwiderte Rince- winds Blick und schnitt eine Grimasse. »Das ist…« »Wasisn? Wasisn?« »Irrer Polterer«, sagte Cohen. »Wasisn? Was’n los?« »Der Rollstuhl verbreitet sicher Angst und Schrecken«, sagte Rince- wind. »Besonders mit den Klingen.« »Es war verdammt schwierig, das Ding über die Felswand zu schaffen«, räumte Cohen ein. »Aber er kann damit verblüffend schnell sein.« »Wasisn?« »Und das ist Kriecher der Unhöfliche.« »Verzieh dich, Zauberer.« Rincewind bewunderte Ausstellungsstück B. »Die Gehstöcke sind wirklich beeindruckend. Vor allem, weil LIEBE und HASS draufsteht.« Cohen lächelte stolz. »Kriecher galt als einer der wildesten Burschen auf der Welt«, sagte er. »Ach? Meinst du wirklich ihn?« »Aber mit Kräuterzäpfchen lassen sich die interessantesten Dinge an- stellen«, fügte Cohen stolz hinzu. »Kannst mich mal«, brummte Kriecher. Rincewind blinzelte. »Äh… auf ein Wort, Cohen…« Er nahm den Barbaren beiseite. »Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, ein Nörgler zu sein«, be- gann er. »Aber findest du nicht, daß das Verfallsdatum dieser Leute schon seit einer ganzen Weile abgelaufen ist? Um es anders auszudrük- ken: Hältst du sie nicht für ein wenig… äh… zu alt?« »Wasisn? Was sachta da?« »Er meinte, es sei KALT.« »Wasisn?«, »Diese Leute repräsentieren fast fünfhundert Jahre konzentrierte Bar- barenerfahrung«, verteidigte Cohen seine Horde. »Fünfhundert Jahre Erfahrung im Kampf – das ist gut«, erwiderte Rin- cewind. »Ja, wirklich gut. Aber es wäre besser, wenn sie sich auf mehr Personen verteilen würden. Was erwartest du denn von ihnen? Sollen sie ihre Gegner besiegen, indem sie Mitleid in ihnen wecken?« »Es ist alles in Ordnung mit ihnen.« Cohen deutete auf jemanden, der wie hypnotisiert auf einen Block aus Teakholz starrte. »Sieh dir nur Caleb den Brecher da drüben an. Hat mehr als vierhundert Männer mit seinen bloßen Händen umgebracht. Jetzt ist er fünfundachtzig und hat noch immer ‘ne Menge auf dem Kasten.« »Was macht er da?« »Oh, nun, im Achatenen Reich kämpft man oft nur mit den Händen, weil den meisten Leuten Waffen verboten sind. Deshalb rechnet sich Caleb gute Chancen aus. Siehst du den Holzblock? Tolle Sache. Er gibt einen markerschütternden Schrei von sich, und dann…« »Cohen, dies sind sehr alte Männer.« »Sie sind die Creme.« Rincewind seufzte. »Sie sind der Käse, Cohen. Warum hast du sie mitgebracht?« »Sie sollen mir dabei helfen, etwas zu stehlen«, antwortete Cohen. »Was denn? Einen Schatz oder so?« »Oder so«, entgegnete Cohen eingeschnappt. »Befindet sich in Hung- hung.« »Ach? Na, so was! Und bestimmt hat Hunghung viele Einwohner, nicht wahr?« »Etwa eine halbe Million«, sagte Cohen. »Und auch viele Wächter?« erkundigte sich Rincewind. »Um die vierzigtausend, habe ich gehört. Die Bevölkerung beläuft sich auf eine Dreiviertelmillion, wenn man die Streitkräfte mitzählt.« »Verstehe«, sagte Rincewind. »Und du willst mit sechs Begleitern…« »Der Grauen Horde«, verkündete Cohen stolz., »Was? Wie bitte?« »So heißt sie. Im Hordengeschäft braucht man einen Namen. Wir sind die ›Graue Horde‹.« Rincewind drehte sich um. Mehrere Hordenmitglieder waren einge- schlafen. »Die Graue Horde«, wiederholte er. »Gut. Paßt zur Haarfarbe. Zumin- dest bei denen, die noch Haare auf dem Kopf haben. Nun… mit der Grauen Horde willst du also Hunghung stürmen, alle Wächter töten und den Schatz stehlen?« Cohen nickte. »Ja. So in der Art. Natürlich beabsichtigen wir nicht, alle Wächter umzubringen.« »Ach nein?« »Das würde zu lange dauern.« »Ja, und natürlich möchtest du auch am nächsten Tag noch etwas zu tun haben.« »Ich meine, die meisten Wächter sind bestimmt mit der Revolution be- schäftigt.« »Eine Revolution steht bevor? Na, so was!« »Es heißt, dies sei eine Zeit voller Zeichen und Omen«, sagte Cohen. »Es heißt…« »Ich bin überrascht, daß deinen Gefährten überhaupt noch Zeit bleibt, sich um ihre Campingausrüstung zu kümmern.« »Du solltest bei uns bleiben«, riet Dschingis Cohen dem vermeintlichen Zauberer. »In unserer Gesellschaft bist du sicherer.« »Davon bin ich nicht überzeugt«, erwiderte Rincewind und lächelte humorlos. »Nein, davon bin ich keineswegs überzeugt.« Wenn ich allein bin, dachte er, stoßen mir nur gewöhnliche schreckli- che Dinge zu. Cohen zuckte mit den Achseln und blickte sich um, bis er eine hagere Gestalt entdeckte, die abseits der anderen saß und in einem Buch las. »Sieh ihn dir an«, sagte er so gutmütig wie jemand, dessen Hund gerade ein schwieriges Kunststück vollbracht hat. »Steckt seine Nase dauernd in ein Buch.« Er hob die Stimme. »Lehrer! Komm her und zeig dem Zau-, berer den Weg nach Hunghung.« Cohen wandte sich wieder an Rincewind. »Lehrer kann dir alles sagen, was du wissen willst – weil er alles weiß. Ich überlasse ihn dir. Muß mit dem Alten Vincent reden.« Er winkte ab. »Im großen und ganzen ist alles in Ordnung mit ihm. Nur mit seinem Gedächtnis hapert’s, wodurch es gelegentlich Probleme gibt. Ich habe ihm immer wieder gesagt: Es geht darum, die Frauen zu vergewaltigen und die Häuser anzuzünden.« »Vergewaltigen?« wiederholte Rincewind. »Das ist nicht sehr…« »Er ist siebenundachtzig«, sagte Cohen. »Laß ihm seine Träume.« Lehrer erwies sich als großer, dürrer Mann, dessen Gesichtsausdruck so etwas wie freundliche Geistesabwesenheit zeigte. Er trug einen wei- ßen Haarkranz – von oben gesehen hatte er vermutlich Ähnlichkeit mit einem Gänseblümchen – und wirkte nicht gerade wie ein blutrünstiger Barbar, obgleich er ein zu großes Kettenhemd und auf dem Rücken eine breite Scheide trug, die jedoch kein Schwert enthielt, sondern mehrere Pergamentrollen und Pinsel. Außerdem hatte das Kettenhemd eine Brusttasche, in der ein ledernes Etui mit drei Buntstiften steckte. »Ronald Zervelatwurst«, sagte er und schüttelte Rincewind die Hand. »Diese Herren glauben, daß ich ziemlich viel weiß. Nun, mal sehen… Du möchtest nach Hunghung, stimmt’s?« Rincewind hatte gründlich darüber nachgedacht. »Ich möchte nur den Weg dorthin in Erfahrung bringen«, sagte er vor- sichtig. »Ja. Nun, um diese Zeit des Jahres solltest du in Richtung der unterge- henden Sonne wandern, bis du die Berge verläßt und das Schwemmland erreichst, wo du Moränenhügel und einige ausgezeichnete Beispiele von sehr erratischen Felsblöcken sehen wirst. Die Entfernung beträgt gut fünfzehn Kilometer.« Rincewind starrte ihn groß an. Die Wegbeschreibungen von Barbaren lauteten sonst eher: »Geh direkt an der brennenden Stadt vorbei und wende dich dort nach rechts, wo die Bürger an ihren Ohren aufgehängt sind.« »Das mit den Moränen klingt gefährlich«, sagte er. »Es sind nur postglaziale Hügel«, erklärte Herr Zervelatwurst. »Dar-, über brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Die Landschaft ist nicht feindselig.« Das bezweifelte Rincewind. Er hatte mehrmals erlebt, daß ihm der Bo- den ins Gesicht gesprungen war. »Allerdings ist es in Hunghung derzeit ein wenig gefährlich«, fuhr Herr Zervelatwurst fort. »Ach, tatsächlich?« fragte Rincewind. »Die Stadt wird nicht direkt belagert. Alle warten darauf, daß der Kaiser stirbt. Man spricht von ›interessanten Zeiten‹.« Ein Lächeln begleitete die letzten Worte. »Ich hasse interessante Zeiten.« Die anderen Hordenmitglieder waren gegangen, eingeschlafen oder klagten über ihre Füße. Irgendwo in der Ferne erklang Cohens Stimme. »Hier, dies ist ein Streichholz, und dies…« »Für einen Barbar scheinst du sehr gebildet zu sein«, meinte Rince- wind. »Oh, ich bin nicht immer Barbar gewesen. Früher habe ich an einer Schule unterrichtet. Deshalb nennt man mich Lehrer.« »Was hast du gelehrt?« »Geographie. Und ich habe mich mit aurientalen* Studien befaßt. Doch dann beschloß ich, alles aufzugeben und ein Leben mit dem Schwert zu führen.« »Nachdem du viele Jahre lang Lehrer gewesen bist?« »Nun, der Wechsel hat gewisse perspektivische Veränderungen mit sich gebracht.« »Aber ich meine… die vielen Entbehrungen und schrecklichen Gefah- ren, jeden Tag dem Tod begegnen zu können…« Herr Zervelatwurst strahlte. »He, du bist ebenfalls Lehrer gewesen, nicht wahr?« * Diese Bezeichnung gebraucht man in Ankh-Morpork für den Gegengewicht- Kontinent und die Inseln in seiner Nähe. Der Ausdruck bedeutet: »Jener Ort, woher das Gold kommt.«, Rincewind sah sich um, als jemand laut rief. Zwei Hordenmitglieder stritten sich Nase an Nase. Herr Zervelatwurst seufzte. »Ich versuche, ihnen Schach beizubringen«, sagte er. »Das Spiel hilft, die aurientale Denkweise zu verstehen. Doch sie können sich einfach nicht daran gewöhnen, abwechselnd zu ziehen. Außerdem besteht ihre Vorstellung von einer guten Eröffnung darin, den König mit allen Bau- ern vorstürmen zu lassen und die gegnerischen Türme in Brand zu set- zen.« Rincewind beugte sich etwas näher. »Hör mal, ich meine… Dschingis Cohen…? Hat er den Verstand verlo- ren? Ich meine… einige altersschwache Priester ins Jenseits zu schicken und ein paar wertvolle Edelsteine zu stehlen, okay. Aber ganz allein vier- zigtausend Wächter anzugreifen… das ist praktisch Selbstmord!« »Oh, er ist nicht ganz allein«, erwiderte Herr Zervelatwurst. Rincewind blinzelte. Eins mußte man Cohen lassen: Er steckte andere Leute so mühelos mit seinem Optimismus an wie mit einer Erkältung. »O ja, natürlich. Entschuldigung. Das habe ich ganz vergessen. Sieben gegen vierzigtausend? Das dürfte eigentlich kein Problem sein. Nun, ich sollte jetzt besser gehen. Und zwar ziemlich schnell.« »Wir haben einen Plan. Es ist eine Art…« Herr Zervelatwurst zögerte und blickte ins Leere. »Eine Art… Ding. Du weißt schon. Bienen tun so etwas. Manchmal auch Wespen. Und manche Quallen. Eben lag mir das Wort auf der Zunge… äh. Es wird bestimmt das größte… Ding aller Zeiten.« Rincewind blieb skeptisch. »Ich glaube, ich habe irgendwo ein Ersatz- pferd gesehen.« »Ich möchte dir das hier geben«, sagte Herr Zervelatwurst. »Vielleicht verstehst du dann. Darum geht’s eigentlich…« Er holte ein kleines Bündel Papier hervor. In einer Ecke wurden die Blätter von einer Schnur zusammengehalten. Rincewind schob sie in die Tasche und nahm nur den Titel auf der er- sten Seite wahr., Er lautete: WIE ICH MEINE FERIEN

VERBRACHTE

Für Rincewind schien die Sache ziemlich klar. Es gab eine Stadt namens Hunghung, in der sich eine Revolution anbahnte, was zweifellos viele Gefahren mit sich brachte. Und es gab alle anderen Orte. Deshalb war es wichtig zu wissen, wo sich Hunghung befand – um die Stadt nicht rein zufällig zu erreichen. Rincewind hörte den Wegbeschrei- bungen von Herrn Zervelatwurst sehr aufmerksam zu und ritt dann in die andere Richtung. Vielleicht fand er irgendwo ein Schiff. Die Zauberer reagierten be- stimmt befremdet auf seine Rückkehr, aber er konnte einfach behaupten, es sei niemand zu Hause gewesen. Die Berge und Hügel blieben allmählich hinter Rincewind zurück und wichen einer Landschaft, die hauptsächlich aus Gestrüpp bestand. Wei- ter vorn, in Dunst gehüllt, erstreckte sich eine feuchte Ebene, durch die sich ein Fluß so sehr hin und her wand, daß er zumindest teilweise rück- wärts zu fließen schien. Das Land bildete ein schachbrettartiges Muster. Rincewind hatte nichts gegen das Land an sich, vorausgesetzt, es sprang ihm nicht ins Gesicht und lag auf der anderen Seite einer Stadtmauer. Aber in diesem besonde- ren Fall konnte man kaum von »Land« sprechen. Es sah eher nach einem gewaltigen Bauernhof ohne Zäune aus. Hier und dort ragten große Fels- blöcke auf, die gefährlich erratisch anmuteten. Manchmal bemerkte Rincewind Leute in der Ferne. Ihre Hauptbe- schäftigung bestand offenbar darin, Schlamm zu bewegen. Hier und dort sah er jemanden auf einem überfluteten Feld stehen und die Leinen eines Wasserbüffels halten. Der betreffende Büffel fraß Gras und entleerte gelegentlich seinen Darm. Der jeweilige Mann begnügte sich damit, die Leinen zu halten – darin schien sein ganzer Lebenszweck zu bestehen. Auf der Straße waren nur wenige andere Leute unterwegs. Für ge- wöhnlich schoben sie Karren, beladen mit Wasserbüffeldung, vielleicht, auch mit Schlamm. Sie schenkten Rincewind nicht die geringste Beach- tung. Besser gesagt, sie gaben sich große Mühe, ihm keine Beachtung zu schenken. Sie eilten vorbei, ihre ganze Aufmerksamkeit der Schlammdy- namik und Wasserbüffel-Darmaktivität zugewandt. Rincewind hätte als erster zugegeben, daß er ziemlich langsam dachte.* Aber seine Erfahrungen genügten, um die Zeichen zu deuten. Die Leute schenkten ihm keine Beachtung, weil sie sich weigerten, Personen auf Pferden zu sehen. Vermutlich hatten ihre Ahnen gelernt: Wenn man es wagte, einen Rei- ter anzustarren, spürte man häufig ein plötzliches Brennen am Ohr, her- vorgerufen von einem Knüppel. Es wurde schließlich zu einer vererbten Eigenschaft, nicht zu Personen auf Pferden emporzusehen. Wer zu sol- chen Leuten emporschielte, noch dazu auf komische Weise (was nicht mit Humor verwechselt werden darf), überlebte nicht lange genug, um Nachkommen zu zeugen. Rincewind entschloß sich zu einem Experiment. Der nächste vorbei- rumpelnde Karren beförderte keinen Schlamm, sondern ein halbes Dut- zend Menschen: Jeweils drei saßen zu beiden Seiten des großen zentralen Rads. Der sekundäre Antrieb bestand aus einem kleinen Segel, das die Kraft des Windes nutzen sollte. Das primäre Triebwerk, typisch für eine bäuerliche Gesellschaft, hatte die Form eines Urgroßvaters – bezie- hungsweise eines Mannes, der wie ein Urgroßvater aussah. »Hier gibt es Leute, die mit nur einem Napf Hirse und etwas Schleim im Magen einen Karren fünfzig Kilometer weit schieben«, hatte Cohen gesagt. »Was schließt du daraus? Ich schließe daraus, daß leckeres Fleisch auf anderen Tellern landet.« Rincewind entschied, die soziale Dynamik zu erforschen und gleichzei- tig seine Sprachkenntnisse auf die Probe zu stellen. Es war Jahre her, seit er zum letztenmal ausländisch gesprochen hatte, aber zumindest in ei- nem Punkt mußte er Ridcully recht geben: Was Sprachen anging, verfüg- te er über ein gewisses Talent. Achatisch bestand aus einigen wenigen Basissilben. Verschiedene Bedeutungen ergaben sich aus Aussprache, Betonung und Kontext. Das Wort für »militärischer Anführer« ge- * Genauer gesagt: Er hätte es als Dreiundsiebzigster zugegeben., brauchte man auch für »langschwänziges Murmeltier«, »männliches Ge- schlechtsorgan« und »alter Hühnerstall«. »He, ihr da!« rief Rincewind. »Äh… Bambus zu knicken? Ein Ausdruck für Mißbilligung? Äh… ich meine… Anhalten!« Der Karren hielt an, doch niemand sah auf. Die Leute blickten an Rin- cewind vorbei, um ihn herum oder auf seine Füße. »Euer Hochwürden befehlen?« fragte der Karrenschieber schließlich. Sein Tonfall deutete darauf hin, daß er in jedem Fall mit dem Schlimm- sten rechnete. Die nächsten Worte bedauerte Rincewind später sehr. Er sagte: »Gebt mir alle eure Nahrungsmittel und… widerwillige Hun- de, klar?« Die Leute warteten. »Mist. Ich meine… geordnete Käfer? Verschiedene Wasserfälle? Ach, ich meine… Geld.« Die Passagiere suchten in ihren Taschen. Der Karrenschieber näherte sich Rincewind mit gesenktem Haupt und hob den Hut. Er enthielt Reis, etwas getrockneten Fisch und ein sehr gefährlich wirkendes Ei. Außer- dem etwa ein Pfund Gold in großen runden Münzen. Rincewind starrte auf das gelbe Metall hinab. Auf dem Gegengewicht-Kontinent war Gold ebenso gewöhnlich wie Kupfer – soviel wußte man über diese Region. Es hatte einfach keinen Sinn, wenn Cohen versuchte, hier einen Schatz zu stehlen. Immerhin konnte er nur eine bestimmte Menge tragen. Er brauchte nur ein Bau- erndorf zu überfallen, um für den Rest seiner Tage wie ein König zu leben. Er brauchte ohnehin nicht viel, wenn man sich’s recht überlegte… Das Später erreichte Rincewind plötzlich, und er schämte sich sehr. Diese Leute besaßen nur wenig, abgesehen von jeder Menge Gold. »Äh… danke. Vielen Dank. Ja. Wollte nur was überprüfen. Ja. Ihr könnt den ganzen Kram jetzt zurückhaben. Ich… äh… behalte nur… die ältere Großmutter… seitwärts gehen… oh, Mist… den Fisch.« Wenn die Gesellschaft einen Haufen bildete, mußte man ganz unten nach Rincewind suchen. Es spielte keine Rolle, wie groß der Haufen war., Sein Gipfel mochte höher oder tiefer sein, unten blieb unten. Mit dem gesellschaftlichen Haufen von Ankh-Morpork kannte Rince- wind sich aus. In Ankh-Morpork verneigte sich niemand vor nieman- dem. Würde dort jemand ein derartiges Experiment versuchen… er fän- de sich im Rinnstein wieder, auf der Suche nach seinen Zähnen und mit heftigen Schmerzen im Unterleib, und sein Pferd wäre bereits zweimal neu gestrichen und Eigentum eines Mannes, der schwor, es schon seit Jahren zu besitzen. Dieser Umstand erfüllte Rincewind mit seltsamem Stolz. Etwas Sonderbares wuchs aus den morastigen Tiefen seiner Seele. Er- staunt identifizierte er das Empfinden als einen Anflug von Großzügig- keit. Er rutschte von seinem Roß herunter und hob die Zügel. Zweifellos waren Pferde sehr nützliche Tiere, aber Rincewind war daran gewöhnt, allein zurechtzukommen. Außerdem konnte ein Mensch über kurze Di- stanzen schneller laufen als ein Pferd – diesen Punkt vergaß Rincewind nie. »Hier«, sagte er. »Nehmt das Pferd. Für den Fisch.« Der Karrenschieber schrie, streckte die Hände nach den Griffen des Karrens aus und raste davon. Mehrere der Personen verloren den Halt und fielen von der Ladefläche, warfen Rincewind fast einen Blick zu, schrien ebenfalls und flohen. Schlimmer als Peitschen. So lauteten Cohens Worte. Hier gab es Schlimmeres als Peitschen. Hier brauchte man gar keine Peitschen mehr. Rincewind schauderte und hoffte, daß er nie herausfand, wer was mit diesen Menschen angestellt hatte. Er ritt durch ein endloses Panorama aus Feldern. Nirgends wuchsen Büsche neben der Straße, und es gab auch keine Tavernen. Schemen zwischen den Feldern deuteten auf kleine Städte oder Dörfer hin, aber es führten keine erkennbaren Wege zu ihnen – wahrscheinlich hätten Wege zuviel wertvolle Anbaufläche beansprucht. Schließlich nahm Rincewind auf einem Felsen Platz, der groß und schwer genug war, den kollektiven Kräften der Bauern zu widerstehen. Er griff in die Tasche, um den armseligen Brocken getrockneten Fisch, hervorzuholen. Seine Finger ertasteten das Bündel von Herrn Zervelatwurst und zogen es hervor. Darum ging es angeblich. Doch der barbarische Lehrer hatte es ver- säumt, die Bedeutung von »es« zu erklären. WIE ICH MEINE FERIEN VERBRACHTE lautete der Titel. Die Handschrift – beziehungsweise die Zeichnungen – wirkten nicht beson- ders elegant. Die Bürger des Achatenen Reiches schrieben nicht in dem Sinne; sie malten mit Pinseln und setzten kleine Wortbilder aus verschie- denen Komponenten zusammen. Wenn dort jemand sagte, daß ein Bild tausend Worten gleichkam, meinte er es ernst. Mit der Schriftsprache des Achatenen Reiches war Rincewind nicht be- sonders gut vertraut – die Bibliothek der Unsichtbaren Universität ent- hielt nur wenige achatene Bücher. Ein weiteres Problem war, daß dieser Text offenbar Dinge betraf, die den Verfasser verwirrt und verblüfft hatten. Rincewind überflog einige Seiten. Die Geschichte erzählte von einer Großen Stadt, in der es wundervolle Dinge gab, zum Beispiel »Bier so stark wie ein Ochse« und »Pasteten aus vielen Schweineteilen«. Alle Be- wohner der Stadt schienen klug, freundlich oder stark zu sein, manchmal auch alles gleichzeitig. Das galt insbesondere für den sogenannten Gro- ßen Zauberer, der immer wieder erwähnt wurde. Einige Beschreibungen waren sehr rätselhaft. So hieß es an einer Stelle: »Ich sah, wie jemand einem Stadtwächter auf den Fuß trat, der daraufhin sagte: ›Deine Frau ist ein großes Nilpferd!‹ Worauf der erste Mann ant- wortete: ›Steck es dir an die Stelle, wohin die Sonne kein Tageslicht bringt, gewaltige Person.‹ Und der Wächter…« Die nächsten Wortbilder waren zittrig, als sei der Autor sehr aufgeregt gewesen. »…schlug dem Mann nicht den Kopf ab, wie es die alte Tradition verlangt.« Fünf Piktogramme daneben stellten einen Wasser lassenden Hund dar – das achatene Äqui- valent eines Ausrufezeichens, aus welchen Gründen auch immer. Rincewind blätterte. Immer wieder stieß er auf den gleichen langweili- gen Kram. Die Sätze verkündeten banale Wahrheiten, endeten jedoch mit mehreren Hunden, die Schwierigkeiten mit der Blase hatten. Zum Beispiel: »Der Wirt meinte, daß die Stadt Steuern von ihm verlangt, die, er jedoch nicht bezahlen wollte. Als ich ihn fragte, ob er sich denn gar nicht fürchtete, geruhte er zu antworten: ›[Kompliziertes Piktogramm] sich selbst‹ [urinierender Hund, urinierender Hund]. Er fuhr fort: ›Der [Piktogramm für den Obersten Herrscher] ist ein [ein Piktogramm, das Rincewind nach sorgfältiger Betrachtung von mehreren Seiten für das Symbol eines Pferdehinterns hielt], und du kannst ihm gern ausrichten, daß diese Worte von mir stammen.‹ Woraufhin ein in der Taverne anwe- sender Wächter ihm nicht den Bauch aufschlitzte [urinierender Hund, urinie- render Hund], sondern sagte: ›Das kannst du ihm auch von mir ausrich- ten‹ [urinierender Hund, urinierender Hund, urinierender Hund, urinie- render Hund, urinierender Hund].« Was war daran so seltsam? Die Leute in Ankh-Morpork redeten die ganze Zeit über so. Allerdings verzichteten sie dabei auf den urinieren- den Hund. Nun, ein Reich, das eine ganze Stadt vernichtete, nur um den anderen Städten eine Lektion zu erteilen… An einem solchen Ort konnte es ge- wiß nicht mit rechten Dingen zugehen. Vielleicht war WIE ICH MEINE FERIEN VERBRACHTE eine Sammlung von Witzen, die Rincewind erst noch verstehen mußte. Vielleicht erzielten die hiesigen Komiker enorme Erfolge mit Bemerkungen wie: »Na, so was, na, so was, na, so was, auf dem Weg zum Theater bin ich einem Mann begegnet, und er hat mir nicht die Beine abgehackt, urinierender Hund, urinierender Hund…« Rincewind hörte das Rasseln von Geschirr und Zaumzeug, achtete je- doch nicht darauf. Er hob nicht einmal den Kopf, als sich jemand näher- te. Als er schließlich aufsah, war es zu spät – ein Stiefel an seinem Hals machte das ganz deutlich. »Oh, urinierender Hund«, sagte er, bevor ihn Bewußtlosigkeit umfing. Etwas machte Ploff, und Truhe erschien. Mit einem dumpfen Pochen fiel sie in die Schneewehe unter ihr. Ein Hackbeil steckte in ihrem Deckel. Eine Zeitlang verharrte sie reglos. Dann begannen ihre Beine mit ei- nem komplizierten Tanz, wodurch sie sich um dreihundertsechzig Grad drehte., Truhe dachte nicht. Sie hatte nichts, mit dem sie denken konnte. Ihre mentalen Vorgänge waren von der Art, in der Bäume auf Sonne, Regen und plötzliche Stürme reagierten. Allerdings waren diese Reaktionen bei Truhe enorm beschleunigt. Nach einer Weile hatte sie sich orientiert und trippelte über schmel- zenden Schnee. Sie fühlte auch nichts, weil ihr entsprechende Sinnesorgane fehlten. Doch auch in dieser Hinsicht reagierte sie wie ein Baum auf den Wechsel der Jahreszeiten. Truhe lief schneller. Sie fühlte sich der Heimat nahe. Rincewind mußte eingestehen, daß der schreiende Mann recht hatte. Nicht damit, daß sein Vater die kranke Leber eines Bergpandas war und seine Mutter ein Eimer voller Schildkrötenschleim. Rincewind erinnerte sich nicht an direkte Kontakte zu seinen Eltern, aber er war ziemlich sicher, daß sie zumindest einigermaßen humanoid gewesen waren. Nein, recht hatte der Fremde vielmehr in der Richtung, daß er ein gestohlenes Pferd als Transportmittel benutzte. Hinzu kam der Fuß in Rincewinds Nacken, der mindestens neunzig Prozent des Gesetzes ausmachte. Hände durchsuchten die Taschen des Gefangenen. Eine andere Person – Rincewind sah nur einige wenige Quadratzenti- meter Schwemmboden, aber Tonfall und Klang der Stimme ließen auf eine recht unsympathische Person schließen – nahm an dem allgemeinen Geschrei teil. Schließlich wurde Rincewind hochgezerrt. In welchem Land man sich auch immer aufhielt: Wächter waren Wäch- ter. Sie verfügten gerade über die notwendige Menge an Intellekt, um Leute zu schlagen und sie zur nächsten Skorpiongrube zu zerren. Außer- dem verstanden sie es hervorragend, nur wenige Zentimeter von einem Gesicht entfernt zu brüllen. Die Situation gewann etwas Surreales, weil die Wächter selbst ohne richtige – beziehungsweise eigene – Gesichter blieben. Ihre verzierten, mit schwarzem Emaillelack überzogenen Helme hatten lange, maskenar-, tige Visiere, die nur den Mund unbedeckt ließen. Was diesem Wächter die Möglichkeit gab, Rincewinds Großvater als eine Schachtel mit stin- kendem Goldfischkot zu bezeichnen. Eine Hand wedelte mit WIE ICH MEINE FERIEN VERBRACHTE. »Haufen verfaulter Fisch!« »Ich weiß nicht, was es damit auf sich hat«, sagte Rincewind. »Jemand hat es mir gegeben, und…« »Füße aus extrem verdorbener Milch!« »Wenn du so freundlich sein würdest, nicht mehr ganz so laut zu schreien… Ich glaube, mir ist gerade das Trommelfell gerissen.« Der Wächter legte eine Pause ein, wenn auch nur deswegen, weil er außer Atem geraten war. Dadurch bekam Rincewind Gelegenheit, sich umzusehen. Zwei Karren standen auf der Straße, und einer von ihnen schien ein Käfig mit Rädern zu sein. Darin sah er einige unbedeckte Gesichter, in denen sich Entsetzen abzeichnete. Der andere Karren war ein luxuriöser Palankin, der von acht Dienern getragen wurde. Zu beiden Seiten reich- ten bestickte Vorhänge herab; an einer Stelle waren sie auseinandergezo- gen – jemand beobachtete das Geschehen. Die Wächter wußten davon und fühlten sich deshalb unbehaglich. »Wenn ich erklären dürfte, warum…« »Schweig, Mund aus…« Der Soldat zögerte. »Du hast bereits Schildkröten, Goldfische und etwas anderes erwähnt, womit du vermutlich Käse meintest«, sagte Rincewind. »Mund aus Hühnermagen!« Eine lange, dünne Hand erschien zwischen den Vorhängen und wink- te, nur einmal. Rincewind wurde nach vorn gestoßen und sah Fingernägel, wie er sie in dieser Länge bisher nur an schnurrenden Geschöpfen gesehen hatte. »Kowtow!« »Wie bitte?« fragte er. »Kowtow!«, Die Wächter zogen ihre Schwerter. »Ich verstehe nicht«, jammerte Rincewind. »Kowtow, bitte«, flüsterte es an seinem Ohr. Die Stimme war nicht be- sonders freundlich, aber im Vergleich zu den anderen klang sie geradezu liebevoll. Sie schien von einem recht jungen Mann zu stammen, der sehr gutes Morporkianisch sprach. »Wie?« »Das weißt du nicht? Knie nieder und drück die Stirn auf den Boden. Falls du auch in Zukunft in der Lage sein möchtest, einen Hut zu tra- gen.« Rincewind zögerte. Er war ein frei geborener Morporkianer, und auf der Liste der Dinge, die für ihn nicht in Frage kamen, standen Verbeu- gungen – noch dazu vor Ausländern – ganz oben. Doch auf der Liste jener Dinge, die es unbedingt zu vermeiden galt, standen Enthauptungen an erster Stelle. »So ist es besser. Gut. Woher wußtest du, daß man dabei zittern muß?« »Oh, darauf bin ich von ganz allein gekommen.« Die Hand winkte mit einem Finger. Ein Wächter schlug Rincewind mit einer schlammverkrusteten Ausga- be von WIE ICH MEINE FERIEN VERBRACHTE ins Gesicht. Er drückte das Bündel schuldbewußt an sich, als der Soldat zum Zeigefinger seines Herrn eilte. »Stimme?« fragte Rincewind. »Ja?« »Was passiert, wenn ich mich auf meinen Status als Besucher aus dem Ausland berufe und diplomatische Immunität in Anspruch nehme?« »Man stellt hier besondere Dinge mit einer Weste aus Draht und einer Käsereibe an.« »Oh.« »Und in Hunghung gibt es Folterer, die einen jahrelang am Leben er- halten können.« »Vermutlich nicht durch einen gesunden Dauerlauf am Morgen sowie, eine an Fasern reiche Ernährung, oder?« »Nein. Du solltest also besser still sein. Wenn du Glück hast, schickt man dich als Sklave in den Palast.« »Das Glück begleitet mich auf Schritt und Tritt«, erwiderte Rincewind leise. »Um mich dann im entscheidenden Augenblick zu verlassen.« »Denk daran, zu kriechen und vor Angst zu wimmern.« »Ich werde mir Mühe geben.« Die weiße Hand kam wieder zum Vorschein, diesmal hielt sie einen Zettel. Der Wächter nahm ihn entgegen, sah zu Rincewind und räusperte sich. »Höre die Weisheit und Gerechtigkeit von Distriktkommissar Kee, Kugel aus Sumpfausdünstungen! Damit meine ich nicht ihn, sondern dich!« Er räusperte sich erneut, beugte den Kopf etwas tiefer und starrte so auf den Zettel, als hätte er lesen gelernt, indem er den Namen jedes Buchstabens nannte. »›Das weiße Pony läuft durch die… die…‹« Der Wächter drehte sich um, flüsterte mit den Vorhängen des Palan- kins und konzentrierte sich dann wieder auf den Zettel. »›… Chrysanthemen… themenblüten, Der kalte Wind bewegt die Aprikosenbäume. Schickt ihn zum Palast, auf daß er Sklavendienste Leistet, bis ihm alle Gliedmaßen Abfallen.‹« Einige Wächter applaudierten. »Aufsehen und klatschen«, sagte die Stimme. »Vielleicht fallen mir dann die Gliedmaßen ab.« »Es ist eine große Käsereibe.« »Zugabe! Donnerwetter! Wundervoll! Das mit den Chrysanthemen- themen… Unerhört künstlerisch!«, »Gut. Hör zu. Du kommst aus Bes Pelargic – aus irgendeinem mir rät- selhaften Grund hast du den richtigen Akzent. Bes Pelargic ist ein Hafen und gilt daher als ein sonderbarer Ort. Deshalb hast du auch keine Pa- piere und so. Hier braucht man für alles Papiere, auch für die eigene Identität. Und du mußt den Eindruck erwecken, mich überhaupt nicht zu kennen.« »Ich kenne dich auch gar nicht.« »Gut. Ein Langes Leben Den Verändernden Dingen, Die Mehr Fair- neß Schaffen, Wobei Die Ehrwürdigen Traditionen Unserer Vorfahren Gewahrt Bleiben Und Der Erhabenen Person Des Kaisers Kein Schaden Zugefügt Wird!« »Gut. Ja. Wie bitte?« Ein Wächter trat Rincewind in die Nierengegend. Was in der weit ver- breiteten Sprache der Stiefel bedeutete: He, steh auf! Er stemmte sich hoch – und sah Truhe. Besser gesagt, er sah gleich drei von ihnen, und keine gehörte ihm. Truhe erreichte die Kuppe eines niedrigen Hügels und blieb so plötzlich stehen, daß sie kleine Furchen im Boden hinterließ. Sie hatte nichts, mit dem sie denken oder fühlen konnte, außerdem fehlten ihr Augen. Es blieb ihr Geheimnis, auf welche Weise sie Dinge wahrnahm. Jetzt betraf ihre Wahrnehmung andere Truhen. Drei von ihnen standen geduldig hinter dem Palankin. Sie waren groß. Sie waren schwarz. Truhe zog die Beine ein. Nach einer Weile öffnete sie vorsichtig den Deckel, nur einen Spalt- breit. Fast alle Menschen wissen zumindest drei Dinge über Pferde, und der dritte Punkt ist die Erkenntnis: Über kurze Entfernungen kann ein Pferd nicht so schnell laufen wie ein Mensch. Es muß mehr Beine sortieren – ein Umstand, den Rincewind oft ausgenutzt hatte., Weitere Vorteile sind, wenn a) die Reiter nicht damit rechnen, daß je- mand fortläuft, und b) man sich in einer guten Startposition befindet. Rincewind stieg auf wie etwas Scharfes in einem empfindlichen Magen. Gleichzeitig wurde er abrupt nach vorn beschleunigt. Es ertönte ziemlich viel Geschrei, doch der wichtige, beruhigende Aspekt dieser akustischen Kulisse bestand darin, daß sie sich hinter ihm erhob. Bald würde sie versuchen, zu ihm aufzuschließen, doch dieses Problem gehörte noch zur Zukunft. Rincewind verlor keine Zeit damit, sich zu fragen, in welche Richtung er fliehen sollte. Ein erfahrener Feig- ling kümmerte sich nicht um das Wohin, er fand das Weg von weitaus faszinierender. Ein weniger geübter Sprinter hätte vielleicht riskiert, den Kopf zu dre- hen und zurückzusehen. Doch Rincewind wußte gut über den Luftwi- derstand Bescheid und kannte die Tendenz von Steinen, plötzlich unter den Füßen des Unachtsamen zu erscheinen. Was hatte es überhaupt für einen Sinn, einen kurzen Blick nach hinten zu werfen? Er lief bereits so schnell er konnte. Was auch immer ihn verfolgte – es war nicht imstan- de, ihn noch schneller werden zu lassen. Weiter vorn lag ein großes, mehr oder weniger gestaltloses Dorf, das zum größten Teil aus Schlamm und Dung zu bestehen schien. In den Feldern davor sahen Bauern von ihrer mühseligen Arbeit auf und starr- ten den rennenden Zauberer an. Als Rincewind an ihnen vorbeikam, glaubte er, folgenden Ruf zu hö- ren: »Unbedingt Notwendige Existenzverlängerung Für Die Rote Armee! Bedauerliches Ende Ohne Großes Leid Den Mächten Der Unterdrük- kung!« Rincewind raste durch die Hütten, als die Bauern von den Soldaten an- gegriffen wurden. Cohen hatte recht. Es schien tatsächlich eine Art Revolution stattzu- finden. Aber das Reich existierte in seiner derzeitigen Form schon seit Jahrtausenden; Höflichkeit und Respekt dem Protokoll gegenüber waren gewissermaßen Teil seiner Struktur. Offenbar mußten die Revolutionäre erst noch lernen, unhöfliche Slogans zu skandieren., Rincewind lief lieber weiter, anstatt sich irgendwo zu verstecken. Prin- zipiell gab es nichts daran auszusetzen, sich zu verbergen, aber wenn man entdeckt wurde, kam es zu erheblichen Problemen. Andererseits erstreckte sich jenseits der Dorfgrenzen flaches, feuchtes Land, so weit der Blick reichte. Über kurze Entfernungen konnte ein Mensch tatsäch- lich schneller sein als ein Pferd, doch in einer weiten Ebene sah die Sa- che ganz anders aus. Diese Überlegungen veranlaßten Rincewind, ins nächste Gebäude zu stürmen und dort die erste Tür zu öffnen. Auf der Tür stand: Prüfung. Ruhe! Vier erwartungsvolle und ein wenig besorgte Gesichter wandten sich dem Neuankömmling zu. Hier saßen keine Kinder, sondern Erwachsene. Am anderen Ende des Raums stand ein Pult. Darauf lag ein Stapel Pa- piere, der mit Schnüren und Wachs versiegelt war. Rincewind kannte diese besondere Atmosphäre. Er hatte sie schon einmal gespürt, wenn auch eine ganze Welt entfernt. Hier roch es nach jener Art von kaltem Schweiß, der einem bei ganz speziellen Gelegenhei- ten ausbrach, meistens begleitet von der Erkenntnis, daß es jetzt zu spät war für die immer wieder aufgeschobene Wiederholung des Stoffes. Rin- cewind hatte viele verschiedene Versionen des Schreckens kennenge- lernt, doch im Lexikon des Entsetzens blieb ein zentraler Platz für jene schlimmen Sekunden reserviert, die der Aufforderung »Ihr könnt die Blätter jetzt umdrehen« folgten. Die Prüflinge beobachteten ihn. Draußen ertönten schreiende Stimmen. Rincewind eilte zum Pult, riß die Schnüre auf und verteilte die Blätter so schnell wie möglich. Dann hastete er zur Sicherheit des Pults zurück, nahm den Hut ab und senkte den Kopf, als jemand behutsam die Tür öffnete. »Nicht stören!« rief er. »Hier findet eine Prüfung statt.« Die Prüflinge beobachteten ihn noch immer. »Äh… na schön… ihr könnt die Blätter jetzt umdrehen.« Es raschelte, dann folgten die bereits erwähnten entsetzlichen Sekun- den. Schließlich kam es zu hektischer Pinselaktivität., Auswahlprüfungen. O ja. Auch dies wußte man über das Achatene Reich. Solche Prüfungen waren die einzige Möglichkeit, einen Sicherheit verheißenden Posten im öffentlichen Dienst zu bekommen. Es hieß, ein solches System sei deshalb begrüßenswert, weil es Leistung und Ver- dienst belohne. Rincewind griff nach einem Blatt. Die Überschrift lautete: »Prüfung für die Stelle des stellvertretenden Nachtbodenbearbeiters im Distrikt W’ung.« Er las die erste Frage. Sie forderte den Prüfling auf, ein sechzehn Zei- len langes Gedicht über Abendnebel und Schilf zu schreiben. Die zweite Frage betraf die Bedeutung der Metaphern in einem Buch, von dem Rincewind noch nie etwas gehört hatte. In der dritten Frage ging es um Musik… Rincewind drehte das Blatt mehrmals hin und her, hielt jedoch vergeb- lich nach Wörtern wie »Kompost«, »Eimer« oder »Schubkarre« Aus- schau. Vermutlich bekam man mit diesem System bessere Leute als mit der Ankh-Morpork-Methode, in der die Frage genügte: »Du hast doch eine eigene Schaufel, oder?« Das Geschrei ließ allmählich nach. Rincewind riskierte einen Blick durch die Tür. Draußen ging es ziemlich lebhaft zu, aber es schien kei- nen direkten Zusammenhang mit Rincewind zu geben. Er lief los. Die Prüflinge setzten die Prüfung fort. Ein besonders einfallsreicher Kandidat für den Posten des Nachtbodenbearbeiters rollte das Hosen- bein hoch und schrieb ein Gedicht über Nebel ab, das er vor einiger Zeit unter erheblichen Mühen verfaßt hatte. Nach einer Weile wußte man, welche Fragen bei derartigen Prüfungen zu erwarten waren. Rincewind setzte seinen Weg fort, darauf bedacht, durch Gräben zu laufen, wenn der Schlamm darin ihm nicht gerade bis zu den Knien reichte. In einer derartigen Landschaft konnte er sich kaum verstecken. Das achatene Getreide wuchs überall dort, wo Samenkörner nicht fort- rollen konnten. Abgesehen von einigen Felsen gab es praktisch nichts, das Sichtschutz gewährte. Niemand schenkte Rincewind mehr als nur beiläufige Aufmerksamkeit,, als er das Dorf verlassen hatte. Gelegentlich drehte ein Wasserbüffellei- nenhalter den Kopf und sah ihm eine Zeitlang nach – immerhin war er ein geringfügig interessanterer Anblick als ein Wasserbüffel, der seinen Darm entleerte. Rincewind achtete darauf, daß er sich nicht zu weit von der Straße ent- fernte. Am Abend erreichte er eine Kreuzung. Dort gab es eine Taverne. Seit dem Leoparden hatte er nichts mehr gegessen. Die Taverne bedeu- tete eine Mahlzeit, doch eine Mahlzeit bedeutete auch Geld. An Appetit mangelte es ihm nicht, wohl aber an Münzen. Er tadelte sich wegen dieses negativen Denkens. Man mußte anders an die Sache herangehen. Wenn er das Gasthaus betrat und sich dort ein leckeres Essen bestellte… war er danach nicht hungrig und mittellos, sondern satt und mittellos – zweifellos eine Verbesserung seiner gegen- wärtigen Situation. Natürlich mußte er damit rechnen, daß die Welt den einen oder anderen Einspruch erhob. Aber nach Rincewinds Erfahrun- gen gab es nur wenige Probleme, die sich nicht mit einem Schrei und einem guten Sprint lösen ließen. Außerdem hätte er dann ja gerade eine stärkende Mahlzeit eingenommen. Rincewind mochte die Küche des Achatenen Reiches. Einige Flücht- linge hatten in Ankh-Morpork Restaurants eröffnet, und er hielt sich für eine Art Experten, was achatene Speisen* anging. Dichte Rauchschwaden zogen durch den Schankraum, in dem ziemlich viele Gäste saßen, soweit sich das in dem Qualm feststellen ließ. Zwei Alte hockten vor einem komplizierten Berg aus elfenbeinfarbenen Plätt- chen und spielten Shibo Yangcong-san. Was auch immer sie rauchten: Ihre Mienen verrieten, daß sie großen Gefallen daran fanden. Rincewind näherte sich dem Kamin, wo ein dürrer Mann in einem großen Kochtopf rührte. Er bedachte ihn mit einem fröhlichen Lächeln. »Guten Morgen! Ich hätte gern eine Portion der berühmten Köstlichkeit ›Mahlzeit A für zwei * Er kannte zum Beispiel die »Spezialität aus glänzendem braunen Zeug«, die »Spezialität aus glänzendem und knusprigem orangefarbenen Zeug« und die »Spezialität aus weichen weißen Klumpen«., Personen mit zusätzlichem Garnelenkeks‹.« »Nie davon gehört.« »Äh… könnte ich vielleicht… ein schmerzendes Ohr bekommen? Das Quaken eines Frosches…? Die… Speisekarte?« »Was meinst du mit Speisekarte, Freund?« Rincewind nickte. Er wußte, was sich anbahnte, wenn man von einem Fremden »Freund« genannt wurde. Mit Freundlichkeit und Freundschaft hatte das in den meisten Fällen nichts zu tun. »Was gibt es hier zu essen?« »Nudeln, gekochten Kohl und Schweineborsten.« »Das ist alles?« »Schweineborsten wachsen nicht auf Bäumen.« »Ich habe den ganzen Tag über Wasserbüffel gesehen«, sagte Rince- wind. »Kommt bei euch denn nie Fleisch auf den Teller?« Die Schöpfkelle platschte in den Topf. Irgendwo hinter Rincewind fiel ein Shibo-Plättchen zu Boden. Dutzende von Blicken erzeugten ein un- angenehmes Prickeln in seinem Nacken. »Hier werden keine Rebellen bedient«, sagte der Wirt laut. Vielleicht können sie gar nicht bedient werden, weil sie Fleisch möch- ten, dachte Rincewind. Die Worte schienen nicht unbedingt ihm zu gel- ten, sondern vor allem dem Rest der Welt. »Freut mich«, sagte er. »Ich bin nämlich kein…« »Das ist mein Ernst«, verkündete der Wirt noch etwas lauter. »Bei uns sind Rebellen nicht willkommen.« »Dagegen habe ich kaum etwas einzuwenden, weil…« »Wenn mir Rebellen bekannt wären, würde ich nicht zögern, Anzeige zu erstatten«, donnerte der Wirt. »Ich bin kein Rebell, nur hungrig«, sagte Rincewind. »Äh… ich möchte etwas von der Suppe.« Der Wirt füllte einen Napf. Einige Fettaugen schwammen an der Oberfläche des flüssigen Etwas. »Das macht einen halben Rhinu.«, »Soll ich etwa bezahlen, bevor ich davon probiert habe?« fragte Rince- wind. »Später bist du vielleicht nicht mehr dazu bereit, Freund.« Ein Rhinu war mehr Gold, als Rincewind jemals besessen hatte. Er klopfte demonstrativ auf seine Taschen. »Nun, es scheint…«, begann er. Ein dumpfes Pochen unterbrach ihn – WIE ICH MEINE FERIEN VERBRACHTE war zu Boden gefallen. »Ja, danke, das genügt völlig!« rief der Wirt in den Schankraum. Er drückte Rincewind den Napf in die Hand, hob das Papierbündel auf und schob es in die Tasche des Zauberers zurück. »Setz dich dort drüben in die Ecke!« zischte er. »Man wird dir mitteilen, was du zu tun hast.« »Das weiß ich bereits. Löffel in die Suppe tauchen, Löffel zu den Lip- pen heben…« »Setz dich!« Rincewind zog sich in die dunkelste Ecke des Raumes zurück. Die Leute beobachteten ihn immer noch. Um den Blicken auszuweichen, holte er WIE ICH MEINE FERIEN VERBRACHTE hervor und öffnete das Bündel an einer beliebigen Stel- le, um herauszufinden, warum es eine fast magische Wirkung auf den Wirt ausgeübt hatte. »… und verkaufte mir ein Brötchen, das ein ganz aus Schweinefleisch [uri- nierender Hund] bestehendes [kompliziertes Piktogramm] enthielt«, las Rincewind. »Es genügte eine kleine Münze, um solcherart zu erwerben, und die Leute waren so gesättigt, daß sie nur selten [kompliziertes Pikto- gramm] vom Stand des [kompliziertes Piktogramm, unter anderem mit einer Ruine] kauften.« Würstchen mit Schweineteilen, dachte Rincewind. Nun, vielleicht muß- te man so etwas erstaunlich finden, wenn sich die Vorstellung von einer herzhaften Mahlzeit auf einen Napf mit öligem Spülwasser beschränkte. Ha! Herr-Wie-ich-meine-Ferien-verbrachte sollte die nächsten Ferien in Ankh-Morpork verbringen, um Schnappers Würstchen zu probieren, die angeblich… ganz aus Schweinefleisch… bestehen…, Die Schöpfkelle klatschte erneut in den großen Topf. Rincewind blätterte hastig. »… wanderte ich durch friedliche Straßen, in denen es weder Räuber noch andere Schurken gab…« »Du vieräugiger Narr!« entfuhr es Rincewind. »Für dich blieb es nur deshalb friedlich, weil alles Gefährliche meine Gesellschaft bevorzugt!« »… eine Stadt, in der alle Menschen frei sind…« »Frei? Frei? O ja, frei zu verhungern, frei, von der Diebesgilde ausge- raubt zu werden…«, verspottete Rincewind den Ferienbericht. Eine neue Seite. »Mein Begleiter war der Große Zauberer [kompliziertes Piktogramm; Rincewind stellte erschrocken fest, daß in dem Bild einige Striche an das achatische Äquivalent für ›Wind‹ erinnerten], der berühmteste und mäch- tigste Zauberer im ganzen Land…« »Das habe ich nie behauptet!« Rincewind schnappte nach Luft und überlegte. In seinem Gedächtnis regten sich einige verräterische Sätze wie: Oh, der Erzkanzler hört auf alles, was ich ihm sage, und: Ohne mich ginge es hier drunter und drüber. Solche Dinge sagte man eben nach dem einen oder anderen Bier. Niemand konnte so leichtgläubig sein, es für die Wahrheit zu halten und niederzuschreiben… Vor Rincewinds innerem Auge entstand ein Bild. Es zeigte einen glücklich lächelnden kleinen Mann, der eine große Brille trug und dem Leben mit so unschuldiger, vertrauensvoller Naivität begegnete, daß ihn Entsetzen und Zerstörung auf Schritt und Tritt begleiteten, ohne ihn jemals zu berühren. Zweiblum hatte die Welt einfach nicht für einen schrecklichen Ort halten können, einfach deshalb, weil sie für ihn nicht schrecklich war – sie reservierte ihr ganzes schreckliches Potential für Rincewind. Vor der Begegnung mit Zweiblum war Rincewinds Leben praktisch er- eignislos gewesen. Dann gab es Ereignisse in ziemlich großen Portionen. Und der kleine Mann war nach Hause zurückgekehrt, oder? Nach Bes Pelargic, dem einzigen Seehafen des Achatenen Reiches. Nein, niemand konnte leichtgläubig genug sein, so etwas für die Wahr- heit zu halten und niederzuschreiben., Nur eine einzige Person auf der ganzen Scheibenwelt war dazu fähig. Mit Politik wußte Rincewind kaum etwas anzufangen, was ihn jedoch nicht hinderte, gewisse Dinge zu verstehen – weil sie mehr mit der menschlichen Natur als mit Politik zu tun hatten. Eine Mauer umgab das Achatene Reich. Wenn man im Reich lebte, so lernte man, Suppe aus Schweinegrunzen und Schwalbenspucke zu ko- chen – so wollte es die Tradition. Außerdem wurde man die ganze Zeit über von Soldaten schikaniert. Das hielt man für unabwendbares Schick- sal. Aber wenn jemand einen fröhlichen Bericht über… … seine Ferien schrieb… … die er an einem völlig anderen Ort verbracht hatte… … dann gab es selbst in der starrsten, versteinertsten Gesellschaft im- mer einige Leute, die gefährliche Fragen stellten, zum Beispiel: »Wo bleibt das ganze Schweinefleisch?« Rincewind starrte an die Wand. Bauern des Reiches, wehrt euch! Ihr habt nichts zu verlieren als eure Köpfe, Hände und Füße. Und man kann interessante Dinge mit Drahtweste und Käsereibe anstellen… Er drehte die Blätter. Der Name des Autors war nicht vermerkt, es gab nur den Hinweis: Mehr Glück! Fertigt Abschriften an! Möge die Mühe mit Exi- stenzverlängerung und Zufriedenheit belohnt werden! Im Lauf der Jahre war es auch in Ankh-Morpork zu der einen oder an- deren Rebellion gekommen, doch bei solchen Gelegenheiten kam nie- mand auf die Idee, etwas zu organisieren. Die Leute besorgten sich eine Waffe und gingen auf die Straße. Niemand legte einen offiziellen Kampfschrei fest. Man blieb lieber bei bekannten Ausrufen wie: »Da ist er! Schnappt ihn! Habt ihr ihn? Dann gebt ihm einen ordentlichen Tritt dahin, wo’s richtig weh tut!« Es lief auf folgendes hinaus: Man durfte die Ursache solcher Unruhen nicht mit ihrem Grund verwechseln. Als der Verrückte Lord Schnappü- ber an seinem Wabbel* aufgehängt wurde, geschah das nicht etwa, weil er * So hieß es in den Geschichtsbüchern. Rincewind hatte, wie alle anderen jungen Studenten, im Lexikon unter »Wabbel« nachgesehen und diesen Eintrag gefun-, den armen alten Löffler Boggis gezwungen hatte, seine eigene Nase zu verspeisen. Der Grund waren vielmehr jahrelange einfallsreiche Gemein- heiten, die sich angehäuft hatten, bis… Ein schriller Schrei ertönte auf der anderen Seite des Raumes. Rince- wind war bereits halb auf den Beinen, als er eine kleine Bühne und Schauspieler darauf bemerkte. Drei Musikanten nahmen mit überkreuzten Beinen Platz. Die Gäste der Taverne wandten sich ihnen zu. Das Stück war recht unterhaltsam. Die Einzelheiten der Handlung verstand Rincewind nicht ganz, aber im großen und ganzen ging es um folgendes: Mann bekommt Frau, Mann verliert Frau an anderen Mann, Mann zerhackt Pärchen, Mann fällt ins eigene Schwert, alle treten vor und verneigen sich, ein Tusch – beziehungsweise die hiesige Version davon – erklingt. Es war schwierig, dramaturgische Details zu erkennen, weil die Schauspieler immer wieder »Hurra!« riefen. Außerdem sahen ihre Masken nahezu gleich aus. Währenddessen weilten die Musiker in einer ganz anderen Welt. Besser gesagt, in drei anderen. »Glücksplätzchen?« »Was?« Rincewind kehrte aus dem Dickicht des dramatischen Dschungels zu- rück und bemerkte den Wirt. Er hielt ihm einen Teller mit zweischaligen Keksen unter die Nase. »Glücksplätzchen?« Rincewind streckte die Hand aus. Als seine Finger fast einen Keks be- rührten, wurde der Teller ein Stück zur Seite geschoben, so daß ein ande- res Plätzchen unter seiner Hand lag. Der Zauberer nahm es. Während auf der Bühne die Schauspieler schrien, dachte Rincewind wieder an Ankh-Morpork. Dort konnte man sich wenigstens richtige Waffen besorgen. Hier im Achatenen Reich dagegen… den: »Ein kleines Rosinenbrötchen.« Daraus mußte er schließen, daß sich entwe- der die Sprache im Lauf der Jahre verändert hatte oder es aus irgendeinem Grund schrecklich war, jemanden neben Teegebäck aufzuhängen., Arme Teufel. Man brauchte mehr als nur einige freundliche Slogans und ehrlichen Enthusiasmus, um eine Revolution in Schwung zu brin- gen. Man benötigte erfahrene Kämpfer und vor allem einen guten An- führer. Hoffentlich finden die Aufständischen einen, wenn ich weit ent- fernt bin. Das Plätzchen enthielt den üblichen Zettel. Rincewind entrollte ihn und las seine Botschaft, achtete nicht auf den Wirt, der stumm hinter ihn trat. Er rechnete mit einem »Du hast gerade eine nicht besonders gute Mahlzeit zu dir genommen« oder etwas Ähnlichem. Statt dessen fiel sein Blick auf ein kompliziertes Piktogramm. Rincewinds Zeigefinger folgte den Pinselstrichen. »›Viele… viele… Entschuldigungen…‹ Was soll das denn bedeu…« Einer der Musiker hämmerte die Becken gegeneinander. Ein Totschläger aus Holz knallte an Rincewinds Kopf. Die mit Shibo beschäftigten Alten nickten glücklich und setzten ihr Spiel fort. Es war ein herrlicher Morgen. Im Versteck regten sich die Geräusche der erwachenden Grauen Horde: Hier und dort stöhnte jemand; improvisier- te Prothesen und Stützapparate wurden in die richtige Position gebracht; jemand beschwerte sich, weil er seine Brille nicht fand; ein anderer such- te vergeblich nach seinem Gebiß. Cohen saß mit den Füßen in warmem Wasser und genoß den Sonnen- schein. »Lehrer?« Der frühere Geographielehrer war damit beschäftigt, eine Karte zu zeichnen. »Ja, Dschingis?« »Was grummelt der Irre Polterer da?« »Er meint, das Brot sei hart und trocken. Außerdem kann er sein Ge- biß nicht finden.« »Richte ihm aus, daß er sein Brot von zehn jungen Frauen vorkauen, lassen kann, wenn alles nach Plan läuft«, sagte Cohen. »Das ist nicht sehr hygienisch, Dschingis«, gab Herr Zervelatwurst zu bedenken, ohne von der Karte aufzusehen. »Ich hab dir das mit der Hy- giene erklärt, erinnerst du dich?« Cohen verzichtete auf eine Antwort. Er dachte: Sechs alte Männer. Und Lehrer kann man eigentlich gar nicht mitzählen, weil er ein Denker ist, kein Kämpfer… Zweifel fand nur selten einen Platz hinter Cohens Stirn. Wenn man ei- ne zappelnde Tempeljungfrau sowie einen Sack mit erbeuteten Schätzen in der einen Hand hält und mit der anderen ein halbes Dutzend Priester abwehrt, hat man kaum Zeit zum Nachdenken. Wenn sich professionelle Helden in kritischen Situationen nach dem Sinn ihres Lebens fragten, so sorgte die natürliche Auslese dafür, daß sie ziemlich schnell beides verlo- ren. Aber sechs alte Männer… Und die Streitkräfte des Achatenen Reiches bestanden aus fast einer Million Soldaten. Wenn man die Lage im kalten Licht des Morgens beurteilte – oder auch in diesem recht angenehmen warmen Sonnenschein –, kam man nicht umhin, sich mit der Arithmetik des Todes zu befassen. Falls der Plan schiefging… Cohen biß sich nachdenklich auf die Lippe. Wenn der Plan schiefging, dauerte es Wochen, alle Gegner umzubringen. Vielleicht hätte er doch Thog den Schlächter mitnehmen sollen, obgleich dieser den Kampf alle zehn Minuten unterbrechen mußte, um auf die Toilette zu gehen. Nun gut. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Eigentlich blieb ihm gar nichts anderes übrig, als das Beste daraus zu machen. Cohens Vater hatte ihn als Jungen zum Gipfel eines Bergs geführt, ihm das Kredo des barbarischen Helden erklärt und behauptet, es gäbe keine größere Freude, als im Kampf zu sterben. Solche Prinzipien erschienen Cohen von Anfang an seltsam, und die Erfahrungen seines Lebens ergaben folgendes: Es war eine viel größere Freude, die Gegner im Kampf zu töten und anschließend auf einem meh- rere Meter hohen Haufen Gold zu sitzen. Er stand auf und streckte sich im Sonnenschein., »Es ist ein herrlicher Morgen, Jungs«, sagte er. »Ich fühle mich pudel- wohl. Ihr nicht auch?« Die Antwort war widerstrebend gemurmelte Zustimmung. »Gut«, sagte Cohen. »Wie wär’s mit einem kleinen Abenteuer?« Die Große Mauer umgab das Achatene Reich überall. Für gewöhnlich ist sie etwa sechs Meter hoch und an der Innenseite senkrecht. Sie verläuft an Stränden, erstreckt sich in leeren Wüsten und über steile Klippen, wo die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs von außen gegen null tendiert. Auf Inseln wie Bhangbhangduc und Tingling gibt es ähnliche Mauern, die im metaphorischen Sinn alle dieselbe Mauer sind. Wer zum militärischen Nichtdenken neigt, findet so etwas seltsam und erkennt vermutlich nicht die wahre Funktion des Bauwerks. Die Mauer ist nicht nur eine Mauer, sondern auch eine Markierung. Auf der einen Seite liegt das Reich – ein Wort, das im Achatischen auch »Universum« bedeutet. Auf der anderen Seite ist… nichts. Das Univer- sum enthält per definitionem alles, was existieren kann. Es mag den Anschein haben, als existierten noch andere Dinge wie Meere, Inseln und Kontinente. Sie könnten erstaunlich echt wirken, und vielleicht ist es sogar möglich, sie zu erobern, auf ihnen umherzuwan- dern… Aber letztendlich sind sie nicht Teil der Realität. Im Achatenen Reich verwendet man das Wort für »Ausländer« auch für »Phantome«; und man braucht nur einen Pinselstrich hinzuzufügen, um »Opfer« dar- aus zu machen. Die Mauer ist an der Innenseite steil, um jene langweiligen Leute zu entmutigen, die weiterhin glauben wollen, auf der anderen Seite gäbe es irgendwelche interessanten Dinge. Erstaunlicherweise kommt es auch nach Jahrtausenden immer wieder vor, daß sich Personen weigern, ein- sichtig und vor allem gehorsam zu sein. Im Bereich der Küsten bauen sie Flöße und brechen zu fernen, sagenhaften Ländern auf. Weiter im Lan- desinneren benutzt man große Drachen, die Menschen tragen, oder Stühle, die von Feuerwerkskörpern angetrieben wurden. Viele Unein- sichtige kommen bei ihren Fluchtversuchen ums Leben. Die meisten anderen werden gefaßt und bekommen Gelegenheit, in interessanten, Zeiten zu leben. Doch manche schafften es bis zum großen Schmelztiegel namens Ankh-Morpork. Sie trafen ohne Geld dort ein – die Kapitäne verlangten die Preise, die der Markt zuließ: Sie nahmen den Flüchtlingen alles ab –, aber sie hatten ein seltsames Glühen in den Augen, eröffneten Läden und Restaurants und arbeiteten vierundzwanzig Stunden am Tag. Man sprach in diesem Zusammenhang vom Ankh-Morpork-Traum – der Traum, einen Haufen Geld zu verdienen, an einem Ort, wo der eigene Tod nicht zum Instrument der Politik wurde. Und davon träumten vor allem Leute, die nicht schliefen. Rincewind glaubte, daß die Augenblicke des Erwachens in seinem Leben eine besondere Rolle spielten. Sie waren nicht immer schrecklich. Manchmal genügte das Wort »unangenehm«, um sie treffend zu be- schreiben. In einigen – zugegebenermaßen sehr wenigen – Fällen hatte er dabei sogar den Eindruck, daß ein innig gehegter Wunsch in Erfüllung ging. Zum Beispiel auf der Insel: Die Sonne ging stumpfsinnig auf, und die Wellen rollten langweilig an den Strand. Konnte man sich mehr wün- schen? Gelegentlich gelang es ihm sogar, ohne den sonst üblichen Schreckens- schrei aufzuwachen. Im jetzigen Fall war das Erwachen… ungemütlich. Er wurde hin und her gestoßen; jemand hatte ihm die Hände gefesselt; es war dunkel, vor allem wegen des Sacks über seinem Kopf. Rincewind rechnete kurz. Bisher gibt es nur sechzehn schlimmere Tage in meinem Leben, dachte er. Es war alles andere als ungewöhnlich, in einer Kneipe bewußtlos ge- schlagen zu werden. Wenn das in Ankh-Morpork geschah, mußte man damit rechnen, mit leeren Taschen auf dem Ankh zu erwachen. Oder im Speigatt eines Schiffes, das zu einer langen und besonders unpopulären Reise aufbrach – in diesem Fall bestand die alles andere als erfreuliche, Perspektive darin, die nächsten beiden Jahre Ozeanwellen zu pflügen.* Wer auch immer zuschlug: Normalerweise wollte er, daß sein Opfer am Leben blieb. Die Diebesgilde legte darauf großen Wert. Dort hieß es: »Wenn man jemanden zu fest schlägt, kann man ihn nur einmal ausrau- ben. Schlägt man jedoch gerade fest genug, kann man den Betreffenden jede Woche bestehlen.« Wenn Rincewind auf einem Karren lag – und dafür sprachen gewisse Anhaltspunkte –, dann wollte jemand, daß er am Leben blieb. Er bedauerte diesen Gedanken. Kurze Zeit später nahm ihm jemand den Sack ab. Ein schreckliches Gesicht starrte auf ihn herab. »Ich würde gern deinen Fuß essen!« sagte Rincewind. »Sei unbesorgt. Ich bin ein Freund.« Hände schoben die Maske beiseite, und darunter kam das runde, stupsnasige Gesicht einer jungen Frau zum Vorschein. Es unterschied sich von den Gesichtern aller anderen Leute, denen er bisher begegnet war – in erster Linie deshalb, weil es ihn direkt ansah. Die Kleidung hatte er zum letztenmal auf der Tavernenbühne gesehen. »Schrei nicht«, sagte die Frau. »Wieso? Was hast du mit mir vor?« »Wir wollten dich auf angemessene Weise willkommen heißen, aber dafür reichte die Zeit leider nicht aus.« Sie nahm zwischen den Bündeln auf dem Karren Platz und musterte den Zauberer kritisch. »Vier Große Sandalen erzählte, du seist auf einem Drachen erschienen und hättest ein ganzes Regiment Soldaten vernichtet«, sagte die Frau. »Tatsächlich?« »Und dann hast du mit deiner Magie einen ehrwürdigen alten Mann in einen großen Krieger verwandelt.« »Habe ich das?« »Und du hast ihm richtiges Fleisch gegeben, obwohl Vier Große San- * Eine ausgesprochen unangenehme Sache, vor allem, weil die Pferde immer wieder versinken., dalen nur zur Pung-Kaste gehört.« »Ja?« »Und du hast den Hut.« »Ja, den habe ich, kein Zweifel.« »Trotzdem siehst du nicht wie ein Großer Zauberer aus«, meinte die junge Frau. »Äh… nun, um ganz ehrlich zu sein…« Die Dame wirkte so fragil wie eine Blume, doch jetzt zog sie ein recht brauchbares Messer aus irgendeiner Falte ihres Kostüms. Rincewind hatte einen Instinkt für solche Situationen entwickelt. Dies war vermutlich nicht der geeignete Zeitpunkt zu leugnen, der Große Zauberer zu sein. »Um ganz ehrlich zu sein…«, wiederholte er. »Äh… woher soll ich wissen, ob ich dir vertrauen kann?« Die Frau musterte ihn empört. »Du verfügst doch über die wahrhaft erstaunlichen Fähigkeiten eines Zauberers, oder?« »O ja, natürlich! Aber…« »Sag was in der Zauberersprache!« »Äh… Stercus, stercus, stercus, moriturus sum«, sagte Rincewind, während sein Blick am Messer festklebte. »O Exkrement, ich werde sterben?« »Es ist ein… spezielles Mantra, das dazu dient, den… äh… magischen Fluß zu beschleunigen.« Die junge Frau schien sich mit dieser Auskunft abzufinden. »Sie ist ganz schön anstrengend, die Zauberei«, fuhr Rincewind fort. »Auf Drachen fliegen, alte Männer in Krieger verwandeln… Ich kann nur eine bestimmte Anzahl solcher Wunder vollbringen, dann brauche ich eine Ruhepause. Derzeit bin ich ziemlich schwach, weil ich enorm viel Magie beschworen habe.« Noch immer glommen Zweifel in den Augen der Frau. »Alle Bauern glauben an die unmittelbar bevorstehende Ankunft des Großen Zauberers«, sagte sie. »Aber um den großen Philosophen Ly, Schwatzmaul zu zitieren: ›Wenn viele einen prächtigen Hengst erwarten, finden sie nur Hufe auf einer Ameise.‹« Sie bedachte Rincewind mit einem berechnenden Blick. »Auf der Straße hast du vor Distriktkommissar Kee gekniet«, erinnerte sie. »Du hättest ihn mit magischem Feuer verbrennen können.« »Es ging mir darum, den rechten Zeitpunkt abzupassen und die Situa- tion einzuschätzen, ohne mich zu erkennen zu geben«, erwiderte Rince- wind hastig. »Es hat doch keinen Sinn, sofort zu verraten, wer ich bin, oder?« »Du bist getarnt unterwegs?« »Ja.« »Nun, deine Tarnung ist ziemlich gut.« »Danke. Ich…« »Nur ein Großer Zauberer bringt genug Mut auf für ein so jämmerli- ches Erscheinungsbild.« »Herzlichen Dank. Äh… woher weißt du von der Sache auf der Stra- ße?« »Du wärst jetzt tot, wenn ich dir nicht den einen oder anderen Tip ge- geben hätte.« »Der Wächter? Du?« »Wir mußten so schnell wie möglich zu dir aufschließen. Es war reines Glück, daß Vier Große Sandalen dich gesehen hat.« »Wir?« Die junge Frau schenkte dieser Frage keine Beachtung. »Es sind nur Provinzsoldaten. Bei denen in Hunghung wäre ich damit nicht durchge- kommen. Nun, ich kann viele Rollen spielen.« Sie ließ das Messer ver- schwinden, doch Rincewind ahnte, daß er sie nicht überzeugt hatte. Die Klinge war nach wie vor eine Gefahr. Er griff nach einem Strohhalm. »Ich habe eine magische Truhe auf Beinen«, sagte er nicht ohne Stolz. »Sie folgt mir ständig. Derzeit scheint sie die Orientierung verloren zu haben, aber vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie hier er- scheint.«, Die Frau bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick, beugte sich vor und hob Rincewinds Kopf hoch. »Meinst du so eine wie diese?« Mit der freien Hand zog sie den Vorhang am Heck des Karrens beisei- te. Zwei Kisten marschierten durch den Staub. Sie wirkten schlichter und abgenutzter als Truhe, aber ganz offensichtlich gehörten sie zur gleichen Spezies – wenn diese Bezeichnung auf Gepäckstücke zutraf. »Äh… ja.« Die Frau ließ los, und Rincewinds Kopf knallte auf den Karrenboden. »Hör gut zu«, sagte sie. »Viele schlimme Dinge passieren. Ich glaube nicht an Große Zauberer, im Gegensatz zu anderen Leuten – und manchmal brauchen die Leute etwas, an das sie glauben können. Wenn sie sterben, weil wir einen Zauberer haben, der nicht sehr groß ist, wirst du das sehr bedauern. Vielleicht bist du der Große Zauberer. Wenn nicht… dann solltest du alles versuchen, um zu einem großen Zauberer zu wer- den. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?« »Äh… ja.« Rincewind war bei vielen Gelegenheiten mit dem Tod konfrontiert worden. Oft waren dabei Rüstungen und Schwerter und dergleichen involviert. Diesmal sah er sich einer hübschen jungen Frau mit einem Messer gegenüber, trotzdem fühlte er sich sehr bedroht. »Wir sind ein Reisetheater«, fügte die Dame hinzu. »Das ist sehr prak- tisch. Noh-Schauspieler dürfen viel unterwegs sein.« »Tatsächlich nicht?« erwiderte Rincewind. »Das hast du falsch verstanden. Wir sind Noh-Schauspieler.« »So schlecht seid ihr eigentlich gar nicht.« »Großer Zauberer, ›Noh‹ ist eine nichtrealistische, symbolische Form des Theaters, bei der archaische Sprache, stilisierte Gesten sowie Flöten und Trommeln als musikalische Begleitung eingesetzt werden. Du ver- stehst es wirklich gut, dich dumm zu stellen. Man könnte fast meinen, daß du kein Schauspieler bist.« »Entschuldige bitte«, sagte Rincewind. »Wie heißt du?«, »Hübscher Schmetterling.« »Äh… ja?« Sie bedachte ihn mit einem finsteren Blick und kroch in den vorderen Teil des Karrens. Das Rumpeln und Schaukeln setzte sich fort. Rincewind lag mit dem Kopf in einem Sack, der nach Zwiebeln roch, und fluchte hingebungs- voll. Er verfluchte Frauen mit Messern, die Geschichte im allgemeinen, die ganze Fakultät der Unsichtbaren Universität, seine durch Abwesen- heit glänzende Truhe sowie die Bevölkerung des Achatenen Reiches. Er verfluchte auch und vor allem den Konstrukteur des Karrens. Wer auch immer geglaubt hatte, rauhes, splittriges Holz sei das ideale Material für den Karrenboden – die gleiche Person schien auch der Ansicht zu sein, daß man Räder am besten mit dem Wort »dreieckig« beschrieb. Truhe hockte in einem Graben und wurde ohne großes Interesse von einem Mann beobachtet, der die Leine eines Wasserbüffels hielt. Sie fühlte sich beschämt, verwirrt und… verloren. Verloren deshalb, weil um sie herum alles vertraut wirkte: das Licht, die Gerüche, der Bo- den… Doch gleichzeitig fehlte das Empfinden von Eigentum und Be- sitz. Truhe bestand aus Holz. Und Holz reagiert sehr sensibel auf solche Dinge. Einer der vielen Füße kratzte Striche in den Boden. Es war ein von Verlegenheit geschaffenes Zufallsmuster, mit dem jeder vertraut ist, der schon vor die ganze Klasse treten mußte, um ausgeschimpft zu werden. Schließlich rang sich Truhe zu etwas durch, das einer Entscheidung so nahe kam, wie es für Birnbaumholz möglich ist. Sie war verschenkt worden. Sie hatte viele Jahre damit verbracht, durch fremde Länder zu wandern und exotischen Geschöpfen zu begegnen, wenn auch oft nur zu dem Zweck, auf ihnen herumzuspringen. Jetzt befand sie sich wieder in dem Land, in dem sie einst ein Baum gewesen war. Deshalb genoß sie die Freiheit. Es war kein absolut logischer Gedankengang, aber derartige Überle- gungen sind doch eine erstaunliche Leistung, wenn man nur mit Astlö-, chern denken kann. Es gab etwas, das sich Truhe sehr wünschte. »Wann bist du endlich fertig, Lehrer?« »Entschuldige bitte, Dschingis. Es dauert nicht mehr lange…« Cohen seufzte. Die Hordenmitglieder hatten im Schatten Platz ge- nommen und erzählten sich Lügen über ihre theoretischen Heldentaten. Unterdessen stand Herr Zervelatwurst auf einem Felsblock, spähte durch einen sonderbaren Apparat und kritzelte auf seine Karten. Zettel regieren jetzt die Welt, dachte Cohen. Zumindest diesen Teil. Und Lehrer… nun, Lehrer regierte über Zettel. Er mochte kein traditio- neller barbarischer Held sein – obgleich er die Ansicht vertrat, daß es alle Rektoren verdienten, an die nächste Kuhstalltür genagelt zu werden –, doch mit Papier konnte er verblüffend gut umgehen. Außerdem sprach er Achatisch. Er sprach es zumindest besser als Co- hen, der hier und dort einen mehr oder weniger nützlichen Brocken auf- geschnappt hatte. Angeblich stammte sein Wissen aus irgendeinem alten Buch. Er betonte immer wieder, daß man in alten Büchern hochinteres- sante Sachen finden konnte. Cohen kletterte zu ihm hoch. »Was hast du vor, Lehrer?« fragte er. Herr Zervelatwurst blickte zur Stadt Hunghung, die sich am dunstigen Horizont abzeichnete. »Siehst du den Berg hinter der Stadt?« erwiderte er. »Ich meine die gro- ße runde Anhöhe.« »Sieht wie das Hügelgrab meines Vaters aus«, sagte Cohen. »Nein, dafür ist er zu groß. Es muß sich um eine natürliche Formation handeln. Auf der Kuppe steht eine Pagode. Interessant. Vielleicht sehe ich sie mir später aus der Nähe an.« Cohen blickte in die entsprechende Richtung und sah einen großen, runden Hügel. Das Ding bedrohte ihn nicht, und es gab auch keine Hinweise dafür, daß sich dort irgendwelche Schätze verbargen. Damit war der Fall für ihn erledigt. Es gab dringendere Angelegenheiten., »Leute scheinen die äußere Stadt zu betreten und zu verlassen«, fuhr Herr Zervelatwurst fort. »Die Belagerung ist mehr eine Drohung, keine echte Realität. Es müßte ohne weiteres möglich sein, die Tore zu passie- ren. Weitaus mehr Schwierigkeiten ergeben sich vermutlich bei dem Ver- such, in die Verbotene Stadt zu gelangen.« »Wie wär’s, wenn wir einfach alle umbringen?« schlug Cohen vor. »Gute Idee«, kommentierte Lehrer. »Aber leider kaum zu verwirkli- chen. Wir müßten mit erheblichen Unruhen rechnen. Nein, meine der- zeitige Methode basiert auf der Tatsache, daß Hunghung zwar ein ganzes Stück vom Fluß entfernt ist, aber trotzdem fast eine Million Einwohner hat.« »Basiert, ja«, murmelte Cohen. »Und die lokale Geographie schließt artesische Brunnen weitgehend aus.« »Ja, das dachte ich auch…« »Trotzdem deutet nichts auf einen Aquädukt hin.« »Kein Aquädukt«, sagte Cohen. »Ist wahrscheinlich zum Rand geflo- gen, um dort den Sommer zu verbringen. Manche Vögel machen das jedes Jahr.« »Was mich veranlaßt, an der Stichhaltigkeit der Behauptung zu zwei- feln, daß nicht einmal eine Maus unbemerkt in die Verbotene Stadt ein- dringen kann«, sagte Herr Zervelatwurst mit einer gewissen Selbstgefäl- ligkeit. »Ich schätze, eine Maus ist sehr wohl imstande, unbemerkt in die Verbotene Stadt zu gelangen – vorausgesetzt, sie kann den Atem anhalten.« »Oder auf irgendwelchen Dukt-Vögeln reiten«, fügte Cohen hinzu. »Ja.« Der Karren hielt an. Der Sack löste sich von seinem Kopf. Rincewind rechnete damit, eine Käsereibe zu sehen, statt dessen blickte er in zwei junge, besorgte Gesichter. Eins von ihnen gehörte einer Frau – allerdings nicht Hübscher Schmetterling, wie er erleichtert feststellte. Diese Dame schien noch jünger zu sein und weckte in Rincewind Gedanken an Kar-, toffeln.* »Wie es dir geht?« fragte sie in gebrochenem, aber verständlichem Morporkianisch. »Uns es tut sehr leid. Du dich jetzt besser fühlst? Wir benutzen die Sprache der himmlischen Stadt Ankh-Moor-Pork. Die Sprache der Freiheit und des Fortschritts. Die Sprache von ›ein Mann, eine Stimme‹.« »Ja«, erwiderte Rincewind. Vor seinem inneren Auge erschien ein Bild des Patriziers. Ein Mann, eine Stimme. Ja. »Ich bin ihm begegnet. Er hat die Stimme, kein Zweifel. Aber…« »Zusätzliches Glück Den Bemühungen Des Volkes!« sagte der Junge. »Umsichtiger Fortschritt!« Er sah aus, als wäre er aus Ziegeln gebaut. »Entschuldigt bitte, aber…« Rincewind zögerte kurz. »Warum habt ihr… eine Papierlaterne für zeremonielle Zwecke… Baumwollballen… mich gerettet? Äh… wenn ich von Rettung spreche, so meine ich: Warum habt ihr mich bewußtlos geschlagen, gefesselt und dann hierhergebracht, wo auch immer ›hier‹ sein mag? In der Taverne hätte mir nichts Schlim- meres zustoßen können als eine Ohrfeige für die nicht gezahlte Ze- che…« »Das Schlimmste, was dir in der Taverne hätte passieren können, wäre ein mehrere Jahre dauernder, qualvoller Tod gewesen«, erklang Schmet- terlings Stimme. Sie trat hinter dem Karren hervor und bedachte Rince- wind mit einem grimmigen Lächeln. Ihre Hände blieben im Kimono verborgen, vermutlich in der Gesellschaft von Messern. »Oh, hallo«, sagte Rincewind. »Großer Zauberer…« Schmetterling verneigte sich. »Wir kennen uns bereits. Dies sind Lotosblüte und Drei Pflugochsen, weitere Mitglieder unseres Kaders. Wir mußten dich auf diese Weise hierherbringen, weil es überall Spione gibt.« »Rechtzeitiges Ableben Allen Feinden!« verkündete der Junge und strahlte. »Gut, ja, genau«, entgegnete Rincewind. »Allen Feinden, ja.« * Wenn man auf einer kleinen Insel mitten im Ozean lebt, kann man schnell an Geschmacksverirrungen leiden., Der Karren stand auf einem Hof. Der Geräuschpegel jenseits der recht hohen Mauern ließ eine ziemlich große Stadt vermuten. Unangenehme Ahnungen verdichteten sich in Rincewind zu Gewiß- heit. »Wir sind hier in Hunghung, nicht wahr?« erkundigte er sich. Lotosblüte riß die Augen auf. »Es also stimmt«, entfuhr es ihr in Rincewinds Sprache. »Du wirklich bist der Große Zauberer.« »Du würdest dich wundern, wie viele Dinge ich vorhersehen kann.« »Ihr beide – bringt die Pferde in den Stall«, sagte Schmetterling, ohne den Blick von Rincewind abzuwenden. Lotosblüte und Drei Pflugochsen kamen der Aufforderung nach, blick- ten jedoch mehrmals zurück. Schmetterling wartete, bis sie gegangen waren, bevor sie näher trat. »Sie glauben es. Ich persönlich habe noch immer meine Zweifel. Aber Ly Schwatzmaul sagt: Ein Esel kann die Arbeit eines Ochsen erledigen, wenn keine Pferde da sind. Um ganz ehrlich zu sein… von diesem Aphorismus habe ich nie viel gehalten.« »Danke. Was ist ein Kader?« »Hast du von der Roten Armee gehört?« »Nein. Das heißt… ich habe gehört, wie jemand etwas rief…« »Legenden berichten von einem Namenlosen, der nur als ›Großer Zauberer‹ bekannt war und die Rote Armee zu einem unmöglichen Sieg führte. Natürlich liegt das alles schon Jahrtausende zurück. Nun, die Leute glauben, daß er – daß du – zurückkehrst, um für einen neuerlichen Triumph zu sorgen. Deshalb sollte eine Rote Armee für dich bereit sein.« »Nun, in einigen Jahrtausenden rostet man natürlich etwas ein…« Schmetterlings Gesicht befand sich plötzlich dicht vor Rincewinds. »Ich persönlich glaube, daß ein Mißverständnis vorliegt«, zischte sie. »Aber da du schon einmal hier bist… Von jetzt an nimmst du alle Pflich- ten des Großen Zauberers wahr, ob es dir paßt oder nicht…« Die beiden jungen Leute kehrten zurück. Die knurrende Tigerin na- mens Schmetterling verwandelte sich übergangslos in ein sanftes Reh., »Bitte komm jetzt«, sagte sie. »Ich möchte dich der Roten Armee vor- stellen.« »Besteht nach all der Zeit nicht die Gefahr, daß die Leute ein wenig riechen und…« Rincewind unterbrach sich, als er Schmetterlings Ge- sichtsausdruck bemerkte. »Die ursprüngliche Rote Armee war nur eine Legende«, sagte sie in schnellem, fehlerfreiem Ankh-Morporkianisch. »Aber Legenden haben durchaus ihren Sinn und Zweck. Über diese solltest du besser Bescheid wissen… Großer Zauberer. Als Eins Sonnenspiegel allen Heeren der Welt entgegentrat, kam ihm der Große Zauberer zu Hilfe. Daraufhin erhob sich der Boden selbst und kämpfte für das neue Reich. Auch Blit- ze griffen ein. Die Streitmacht bestand aus Erde, und Leben bekam sie von den Blitzen. Blitze können töten, aber es fehlt ihnen die Disziplin. Und Erde dürfte wohl kaum gegen jemanden kämpfen können. Die Ar- mee aus Erde und Himmel war sicher nicht mehr und nicht weniger als ein Aufstand der Bauern. Wie dem auch sei: Jetzt haben wir eine neue Streitmacht – und einen inspirierenden Namen. Und einen Großen Zau- berer. Ich glaube nicht an Legenden, aber ich glaube, andere Leute glau- ben daran.« Lotosblüte hatte versucht, dem Monolog zu folgen, trat vor und griff nach Rincewinds Arm. »Komm und sehen Rote Armee jetzt«, drängte sie. »Bewegung Nach Vorn Mit Massen!« sagte der Junge; seine Hand schloß sich um den anderen Arm des Zauberers. »Redet er immer so?« fragte Rincewind, als man ihn in Richtung Tür zog. »Drei Pflugochsen nicht zur Schule geht«, erwiderte das Mädchen. »Mehr Erfolg Unseren Anführern!« »Zwei Groschen Pro Eimer, Und Ordentlich Festgetreten«, sagte Rin- cewind versuchsweise. »Vielfaches Eigentum Von Produktionsmitteln!« »Holt Deine Oma Gerade Seife?« Drei Pflugochsen strahlte., Schmetterling öffnete die Tür. Rincewind blieb mit den beiden jünge- ren Leuten draußen. »Sehr nützliche Sprüche«, meinte er und schob sich ein wenig zur Seite. »Kennt ihr auch den berühmten Ausspruch des Großen Zauberers Rin- cewind?« »Nein«, antwortete Lotosblüte. »Aber ich ihn gern hören würde«, fügte sie höflich hinzu. »Er lautet: Lebt wooooooohl…« Seine Sandalen rutschten über das Kopfsteinpflaster, doch Rincewind hatte bereits auf eine recht hohe Geschwindigkeit beschleunigt, als er die Tür erreichte. Sie bestand aus Bambus und gab bereitwillig nach. Auf der anderen Seite lag ein Straßenmarkt. Dies war ein Merkmal von Hunghung, an das er sich später erinnerte: Sobald irgendwo etwas Platz war, zum Beispiel durch die Passage eines Karrens oder Maultiers, strömten sofort Menschen hinein, die aus vollem Hals schrien und über den Preis für eine Ente verhandelten, die mit dem Kopf nach unten gehalten wurde und laut schnatterte. Einer seiner Füße geriet in einen Bastkorb mit mehreren Hühnern, aber er blieb nicht stehen. Auf einem Straßenmarkt von Ankh-Morpork hätte so etwas zweifellos Kommentare nach sich gezogen, aber hier wa- ren die Leute schon genug damit beschäftigt, sich anzuschreien. Als Rin- cewind mit einem gackernden Fuß an den Ständen vorbeihastete, war er nichts weiter als ein kurzes Ärgernis. Hinter ihm schlossen sich die Lücken in der Menschenmasse. Wenn Verfolger etwas riefen, verloren sich ihre Stimmen in dem allgemeinen akustischen Chaos. Rincewind hielt erst inne, als er eine von allen anderen übersehene Ni- sche zwischen zwei Buden entdeckte – links wurden Singvögel verkauft, rechts bot man in Schüsseln blubberndes Zeug an. Sein Fuß krähte. Er trampelte auf die Kopfsteine, bis der Käfig endgültig zerbrach. Die berauschende Luft jäher Freiheit veranlaßte den Hahn, Rincewind gegen das Knie zu picken und dann fortzuflattern. Von Verfolgern war weit und breit nichts zu hören. Allerdings hätte selbst ein Bataillon Trolle mit Blechstiefeln Schwierigkeiten gehabt, sich, von der Geräuschkulisse eines gewöhnlichen Straßenmarkts in Hung- hung abzuheben. Der Zauberer kam wieder zu Atem. Er war wieder auf sich allein gestellt. Soviel zur Roten Armee. Er be- fand sich zwar in der Hauptstadt, wo er nicht sein wollte, und früher oder später standen ihm weitere unangenehme Ereignisse bevor, doch sie geschahen nicht hier und jetzt. Er brauchte nur Gelegenheit, sich zu orientieren. Wenn er außerdem noch fünf Minuten Vorsprung bekam… dann blieb den Verfolgern allein sein Staub. Beziehungsweise sein Schlamm. Von beidem gab’s hier genug. Nun… dies war also Hunghung… Straßen in einem für Rincewind verständlichen Sinn schien es hier nicht zu geben. Gassen führten zu weiteren Gassen, die wegen zahlrei- cher Verkaufsstände und Buden noch schmaler wurden, als sie es ohne- hin schon waren. Tiere waren eine bedeutende Komponente der Markt- population. Wohin Rincewind auch blickte: Immer wieder sah er Käfige mit Hühnern, Enten in Säcken und seltsame, sich hin und her windende Geschöpfe in Schalen. An einem Stand bemerkte er mehrere Schildkrö- ten, die einen Stapel bildeten neben dem Schild: Jeweils nur 3 Rhinu, gut fürs Ying. Das Tier ganz oben bedachte ihn mit einem Blick, der sagte: »Und du glaubst, schlimm dran zu sein?« Es ließ sich kaum feststellen, wo die Stände endeten und die Gebäude begannen. Getrocknete Sachen an einer Schnur konnten Handelswaren sein oder zum Trocknen aufgehängte Wäsche. Oder ein Mittagessen für die nächste Woche. Die Bewohner von Hunghung hielten sich offenbar gern im Freien auf. Alles deutete darauf hin, daß sie den größten Teil ihres Lebens auf der Straße verbrachten, und zwar schreiend. Wer stehenblieb und »Äh… entschuldige bitte« sagte, kam nie voran. Die Menge teilte sich jedoch, als Gongs schepperten und es mehrmals knallte. Eine Gruppe in weiße Umhänge gekleideter Personen tanzte vorbei, warf Feuerwerkskörper und schlug Pfannen und andere Gegen- stände aus Metall gegeneinander. Der Lärm war tatsächlich ein wenig lauter als das Treiben auf dem Markt., Rincewind hatte festgestellt, daß manche Leute ihr Geschrei lange ge- nug unterbrachen, um ihm einen verblüfften Blick zuzuwerfen. Vielleicht wurde es Zeit für ihn, sich wie ein Einheimischer zu verhalten. Er wandte sich an die nächste Person und schrie: »Ziemlich gut, nicht wahr?« Die betreffende Person – eine alte Frau mit Strohhut – musterte ihn voller Abscheu. »Dies ist Herrn Whus Beerdigung«, erwiderte sie scharf und ging fort. Zwei Soldaten standen einige Meter entfernt. In Ankh-Morpork hätten sie eine Zigarette geraucht und sich bemüht, beunruhigende Dinge zu übersehen. Doch diese beiden Exemplare der Spezies Polizei wirkten sehr wachsam. Rincewind wich in eine andere Gasse zurück und dachte: Wer sich hier nicht auskennt, gerät früher oder später in große Schwierigkeiten. Diese Gasse war nicht annähernd so laut wie die übrigen, und ihr Ende stellte Leere in Aussicht. Rincewind wandte sich in die entsprechende Richtung, da er davon ausging, daß Leute Schwierigkeiten bedeuteten. Ein offener, gepflasterter Platz erwartete ihn, groß genug für eine gan- ze Armee. Kirschbäume wuchsen am Rand. Niemand hielt sich dort auf. Was geradezu verblüffend war, wenn man an das laute Gedränge im Rest der Stadt dachte. »He, du!« Niemand hielt sich hier auf – abgesehen von Soldaten. Hinter allen Kirschbäumen und Statuen traten sie hervor. Rincewind versuchte zurückzuweichen, doch das fiel ihm schwer, weil plötzlich ein Soldat hinter ihm stand. Er sah in eine schreckliche Metallmaske. »Bauer! Weißt du nicht, daß dies der Kaiserliche Platz ist?« »Wird in diesem Fall das Wort ›kaiserliche‹ mit einem großen K ge- schrieben?« entgegnete Rincewind. »Es steht dir nicht zu, irgendwelche Fragen zu stellen!« »Ich nehme an, das bedeutet ›ja‹. Der Platz dürfte also ziemlich wichtig sein. Nun, am besten, ich gehe einfach…«, »Du bleibst hier!« Eines erschien Rincewind seltsam: Die Soldaten machten keine Anstal- ten, ihn festzuhalten. Vermutlich deshalb, weil es praktisch nie erforder- lich war. Sie waren daran gewöhnt, daß man alle ihre Anweisungen be- folgte. Im Achatenen Reich gab es Schlimmeres als Peitschen – so lauteten Cohens Worte. Die Situation rechtfertigte es, demütig zu knien. Rincewind ging in die Hocke und stützte sich dabei mit den Händen ab. Dann streckte er die Beine ein wenig und brachte sich in Startposition. »Ich frage mich, ob ihr den berühmten Ausspruch hören wollt…« Mit Stadttoren kannte sich Cohen aus. Er hatte viele zerschmettert, mit Sturmböcken, Belagerungsgeschützen und einmal sogar mit dem eigenen Kopf. Doch die Tore von Hunghung wirkten stabiler und hartnäckiger als al- le, die Cohen jemals gesehen hatte. Sie ließen sich nicht mit den Toren von Ankh-Morpork vergleichen, die meistens weit offen standen, um konsumfreudige Kunden anzulocken. Ihr einziges Zugeständnis an Ver- teidigung war ein Schild mit der Aufschrift: »Vielen Dank dafür, daß du unsere Stadt nicht angreifst. Bonum Diem.« Dieses Tor hingegen war groß und bestand aus Metall. Dazu gehörte ein Wachhaus und eine Gruppe von Männern, die schwarze Rüstungen trugen und nicht sehr hilfsbereit anmuteten. »Lehrer?« »Ja, Cohen?« »Warum gehen wir auf diese Weise vor? Ich dachte, wir würden auf ir- gendwelchen Dukt-Vögeln reiten und…« Herr Zervelatwurst hob den Zeigefinger. »Das bezieht sich auf die Verbotene Stadt. Hoffentlich finden wir sie dort drin.« Er holte tief Luft. »Nun, erinnert euch an meine Hinweise. Es ist wichtig, daß ihr wißt, wie man sich in einer Stadt benimmt.« »Ich weiß genau, wie man mit Städten umgeht«, sagte Kriecher der Un-, höfliche. »Man plündert und raubt nach Herzenslust. Und anschließend steckt man alles in Brand. Hier gibt es nur etwas mehr Arbeit für uns als sonst.« »Nun, das mag in Ordnung sein, wenn ihr nur auf der Durchreise seid«, erwiderte Herr Zervelatwurst. »Aber angenommen, ihr wollt am nächsten Tag zurückkehren…« »Dann gibt’s keine Stadt mehr, nur noch Asche.« »Meine Herren… Ich bitte euch. Ihr müßt lernen, was es mit der Zivi- lisation auf sich hat.« Man konnte nicht einfach durch das Tor gehen. Eine Warteschlange hatte sich davor gebildet, und die Wächter wurden nicht müde, jeden einzelnen Besucher auf recht arrogante Weise zu kontrollieren. Schließlich kam Cohen an die Reihe. »Papiere, Alter?« Cohen nickte fröhlich und reichte dem Hauptmann der Wache einen Zettel, auf dem in Herrn Zervelatwursts bester Handschrift geschrieben stand: Der Wächter hob den Blick und sah in Cohens glückliches Grinsen. »In- teressant«, sagte er grimmig. »Kannst du sprechen, Großvater?« Cohen grinste weiter und wandte sich Herrn Zervelatwurst zu. Diesen Teil hatten sie nicht vorher geübt. »Dummer Narr«, sagte der Soldat. Herr Zervelatwurst schnaufte empört. »Solltet ihr Verrückte nicht besonders rücksichtsvoll behandeln?« ent-, fuhr es ihm. »Ihr könnt nur verrückt sein, wenn ihr Papiere habt, die eure Verrückt- heit bestätigen«, erwiderte der Hauptmann. »Mir reicht’s jetzt«, sagte Cohen. »Ich wußte, daß es nicht klappt, wenn wir auf einen sturen Wächter stoßen.« »Unverschämter Bauer!« »Ich bin nicht so unverschämt wie meine Freunde hier«, sagte Cohen. Die Horde nickte. »Damit meint er uns, Plattfuß.« »Du kannst uns mal.« »Wasisn?« »Extrem dummer Soldat.« »Wasisn?« Die Verwirrung des Hauptmanns wuchs. Die Angewohnheit des Ge- horchens war tief in der achatischen Psyche verwurzelt. Aber noch tiefe- re Wurzeln hatte die Verehrung der Vorfahren und Respekt gegenüber den Älteren. Es erstaunte ihn sehr, daß so alte Leute immer noch auf- recht stehen konnten. Man mußte sie praktisch mit Vorfahren gleichset- zen. Zumindest der im Rollstuhl roch wie einer. »Bringt sie zum Wachhaus!« rief er. Die Mitglieder der Grauen Horde ließen sich abführen und widerstan- den der Versuchung, die Soldaten zu überwältigen. Herr Zervelatwurst hatte das stundenlang mit ihnen geübt, denn normalerweise durfte man ihnen nicht einmal auf die Schulter klopfen, ohne seinen Arm zu riskie- ren. Im Wachhaus wurde es ziemlich eng. Horde, Wächter und der Roll- stuhl des Irren Polterers ließen kaum noch Platz. Einer der Soldaten blickte auf den Polterer hinab, der seine Decke zurechtrückte und eine finstere Miene schnitt. »Was hast du da, Großvater?« Ein Schwert schoß hervor und stach in den Oberschenkel des Wäch- ters., »Wasisn? Was sachta da?« »Er hat ›Aargh‹ gesagt, Polterer«, erwiderte Cohen und hielt plötzlich ein Messer in der Hand. Eine halbe Sekunde später hatte er den Haupt- mann im Fesselgriff, die Klinge an seiner Kehle. »Wasisn?« »Er hat ›Aargh‹ gesagt.« »Wasisn? Ich bin doch gar nicht verheiratet!« Cohen drückte etwas fester zu. »Nun, Freund«, sagte er, »du kannst es leicht oder schwer haben. Die Wahl liegt bei dir.« »Blutsaugendes Schwein! Willst du etwa behaupten, daß ich es derzeit leicht habe?« »Nun, ich schwitze nicht.« »Mögest du in interessanten Zeiten leben! Ich sterbe lieber, als meinen Kaiser zu verraten!« »Wie du meinst.« Der Hauptmann brauchte nur einen Sekundenbruchteil, um zu begrei- fen: Cohen war ein Mann, der zu seinem Wort stand, und genau das er- wartete er auch von anderen Leuten. Wäre ihm etwas mehr Zeit geblie- ben, hätte er vielleicht gedacht: Der Sinn der Zivilisation bestand darin, die Bedeutung von Gewalt auf die des letzten Mittels zu reduzieren. Für einen Barbaren hingegen stand Gewalt nicht nur an erster Stelle, sie machte auch besonders viel Spaß. Doch für diese Erkenntnis war es zu spät. Tot sank der Hauptmann zu Boden. »Ich lebe immer in interessanten Zeiten«, sagte Cohen mit der Zufrie- denheit eines Mannes, der dafür sorgt, daß die Zeiten interessant bleiben. Er deutete mit dem Messer auf die anderen Wächter. Der Mund des entsetzten Herrn Zervelatwurst stand weit offen. »Eigentlich sollte ich jetzt die Klinge abwischen«, sagte er. »Aber die Mühe kann ich mir sparen, wenn sie wieder dreckig wird. Wenn’s allein nach mir ginge, würde ich euch einfach umbringen. Aber Lehrer hier meint, daß sich das nicht gehört.« Einer der Wächter blickte zu seinen Gefährten und kniete dann nieder., »Was wünschst du, o Herr?« fragte er. »Oh, genau das richtige Material für einen Offizier«, sagte Cohen. »Wie heißt du, Junge?« »Neun Orangenbäume, Herr.« Der Barbar sah zu Herrn Zervelatwurst. »Und jetzt?« »Nimm ihn gefangen, bitte.« »Wie stellt man das an?« »Äh… ich schätze, du solltest die Wächter fesseln.« »Und ihnen anschließend die Kehlen durchschneiden?« »Nein! Nein! Wenn dir jemand auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, darfst du ihn nicht mehr töten.« Die Graue Horde starrte den ehemaligen Lehrer an. »So verlangt es die Zivilisation«, fügte der hinzu. »Du hast doch gesagt, die Burschen hätten überhaupt keine Waffen!« keifte Kriecher der Unhöfliche. »Ja.« Herr Zervelatwurst schauderte ein wenig. »Deshalb dürft ihr sie nicht umbringen.« »Seid ihr verrückt? Ihr habt einen Zettel, auf dem steht, daß ihr ver- rückt seid, nicht wahr?« Cohen kratzte sich das stoppelige Kinn. Die Soldaten beobachteten ihn mit wachsender Besorgnis. Sie waren an ungewöhnliche, grausame Stra- fen gewöhnt, aber nicht an vorher stattfindende Diskussionen. »Lehrer…«, sagte er gedehnt. »Du hast keine große militärische Erfah- rung, oder?« »Abgesehen von der vierten Klasse, meinst du? Nein. Wie dem auch sei: Die Regeln der Zivilisation sind ziemlich klar. Tut mir leid. Ihr habt mich gebeten, euch…« »Nun, ich stimme dafür, daß wir ihnen jetzt sofort die Kehlen durch- schneiden«, sagte der Junge Willie. »Es gefällt mir nicht, diese Leute ge- fangenzunehmen. Ich meine, wer soll ihnen denn zu essen geben und so?«, »Ich fürchte, das ist eure Pflicht.« »Unsere Pflicht! Von wegen! Ich stimme dafür, daß wir sie zwingen, ihre eigenen Augen zu essen. Wer damit einverstanden ist, hebt die Hand.« Die Horde brummte zustimmend; zu den erhobenen Händen gehörte auch die von Neun Orangenbäume. »Wofür stimmst du, Junge?« fragte Cohen. »Bitte, Herr… erlaubt Ihr mir, zur Toilette zu gehen?« »Jetzt hört mir mal gut zu«, sagte Cohen laut. »Das Abschlachten und Niedermetzeln ist heute nicht mehr so wie früher, klar? Dieser Ansicht ist zumindest Herr Zervelatwurst, und der ist imstande, Wörter wie ›Marmelade‹ zu buchstabieren, was man von euch nicht behaupten kann. Nun, wir wissen, warum wir hier sind, und wir sollten von Anfang an den richtigen Weg einschlagen.« »Vorhin hast du den Wächter dort umgebracht«, sagte Kriecher der Unhöfliche. »Ich versuche noch, mich an die neue Art zu gewöhnen«, erwiderte Cohen. »Man muß sich ganz langsam an die Zivilisation heranschlei- chen.« »Ich schlage vor, daß wir diesen Leuten den Kopf abhacken. So hab ich’s mit den verrückten Dämonenpriestern von Iieeh gemacht!« Der kniende Wächter hob erneut die Hand. »Bitte, Herr?« »Ja?« »Ihr könntet uns in der Zelle dort einsperren. Dann fallen wir nieman- dem zur Last.« »Gute Idee«, sagte Cohen. »Nicht übel, Junge. Behältst immer einen klaren Kopf, selbst in einer schwierigen Situation. Sperrt die Burschen ein.« Dreißig Sekunden später humpelte die Graue Horde aus dem Wach- haus. Die Soldaten blieben in einer kleinen, stickigen Zelle zurück. Schließlich fragte einer: »Was waren das für Leute?«, »Ich glaube, es könnten Vorfahren gewesen sein.« »Ich dachte immer, man muß tot sein, um ein Vorfahr zu sein.« »Der im Rollstuhl sah tot aus. Bis er Vier Weiße Füchse mit dem Schwert gestochen hat.« »Sollen wir um Hilfe rufen?« »Man könnte uns hören.« »Ja, aber wenn wir nicht rufen, sitzen wir hier drin fest. Die Wände sind sehr dick, und die Tür läßt sich nicht so ohne weiteres aufbrechen.« »Gut.« Irgendwo in einer Gasse blieb Rincewind stehen. Er hatte nicht zurück- gesehen, um festzustellen, ob man ihn verfolgte. Es stimmte tatsächlich: Hier genügte ein kurzer Sprint, um in die Freiheit zurückzukehren. Vor- ausgesetzt natürlich, man wußte von dieser Möglichkeit. Die Freiheit schloß natürlich auch das uralte Recht ein, langsam zu verhungern. Seit der letzten Mahlzeit war eine halbe Ewigkeit vergangen. Jemand schien seine Gedanken zu erraten und rief: »Reiskuchen! Reiskuchen! Leckerer Reiskuchen! Tee! Hundert Jahre al- te Eier! Eier! Holt sie euch, solange sie alt sind! Reiskuchen! Reis… Ja, was ist denn?« Ein älterer Mann trat an den Verkäufer heran. »Schnapphala-san! Das Ei, das du mir verkauft hast…« »Was ist damit, ehrenwerter Chef?« »Würdest du mal dran riechen?« Der Verkäufer roch daran. »Ah, ein lieblicher Duft«, sagte er. »Lieblich?« wiederholte der Kunde. »Lieblich? Das Ei ist praktisch frisch!« »Mindestens hundert Jahre alt, Shogun«, erklärte der Verkäufer fröh- lich. »Sieh dir nur die Farbe der Schale an. Richtig schön schwarz…« »Die Farbe läßt sich abreiben!« Rincewind hörte zu. Vielleicht war etwas dran an der These, daß es auf, der Welt eigentlich nur wenige Personen gab. Es existierten viele Men- schen, aber nur einige echte Individuen. Deshalb begegnete man ihnen immer wieder – wahrscheinlich stammten sie aus der gleichen Gußform. »Willst du etwa behaupten, meine Waren seien frisch? Auf daß ich mir selbst ehrenvoll den Bauch aufschlitze! Hör mal, ich schlage folgendes vor…« Der Händler wirkte auf geradezu magische Weise vertraut. Jemand kam, um sich über ein frisches Ei zu beklagen – mit dem Ergebnis, daß er zwei Reiskuchen und ein von Blättern umhülltes sonderbares Etwas kaufte. Die Reiskuchen sahen lecker aus. Besser gesagt, sie sahen etwas schmackhafter aus als viele andere Dinge. Rincewind näherte sich. Der Händler tanzte vergnügt vom einen Bein aufs andere und pfiff leise vor sich hin. Als er Rincewind bemerkte, schenkte er ihm ein strahlendes, ehrliches Lächeln. »Wie wär’s mit einem uralten Ei, Shogun?« Der Napf in der Mitte des Bauchladens enthielt viele Goldmünzen. Rincewind seufzte innerlich. Mit dem Geld für ein zu frisches Ei aus Schnapphalas Angebot hätte man in Ankh-Morpork eine ganze Straße kaufen können. »Äh… bei dir kann man nicht… anschreiben lassen, oder?« Der Händler warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. »Wir sollten besser davon ausgehen, daß ich diese Worte nie gehört habe, Shogun.« »Äh… du hast nicht zufällig Verwandte in Übersee?« Diese Frage brachte Rincewind einen zweiten Blick ein, diesmal einen abschätzenden. »Wie bitte? Jenseits der Meere gibt es nur böse Geister, die es auf unser Blut abgesehen haben. Das weiß jeder, Shogun. Um so mehr überrascht es mich, daß dir diese Dinge offenbar nicht bekannt sind.« »Geister?« brachte der Zauberer heraus. »Ja«, bestätigte Schlitze-mir-ehrenvoll-den-Bauch-auf. »Sie versuchen hierherzukommen, um uns Schaden zuzufügen. Vielleicht wollen sie, sogar unsere Waren stehlen. Man gebe ihnen eine ordentliche Dosis Feuerwerkskörper. Das ist meine Meinung. Geister können es nicht aus- stehen, wenn’s knallt.« Er musterte Rincewind noch etwas aufmerksamer und nachdenklicher. »Woher kommst du, Shogun?« fragte er, und in seiner Stimme schwang die gefährliche Schärfe von Argwohn. »Aus Bes Pelargic«, antwortete Rincewind rasch. »Das erklärt meinen seltsamen Akzent sowie gewisse Eigenheiten, die jemanden auf den Ge- danken bringen könnten, ich sei ein Ausländer oder so.« »Oh, Bes Pelargic«, sagte Schlitze-mir-ehrenvoll-den-Bauch-auf. »Nun, dann kennst du vielleicht meinen alten Freund Fünf Zungen. Wohnt in der Straße des Himmels.« Rincewind war auf diesen alten Trick vorbereitet. »Nein«, entgegnete er. »Hab nie von ihm gehört. Auch nicht von der Straße.« Schlitze-mir-ehrenvoll-den-Bauch-auf lächelte fröhlich. »Wenn ich laut genug ›ausländischer Teufel‹ rufe, kommst du keine drei Schritte weit«, verkündete er im Plauderton. »Dann bringen dich die Wächter zur Ver- botenen Stadt, und dort stellen sie unerfreuliche Dinge mit…« »Ich habe davon gehört«, warf Rincewind schnell ein. »Fünf Zungen bekleidet seit drei Jahren das Amt des Distriktkommis- sars in Bes Pelargic«, sagte Schlitze-mir-ehrenvoll-den-Bauch-auf. »Und es gibt dort keine wichtigere Straße als die Straße des Himmels. Nun, ich wollte schon immer mal einen der bösen Geister kennenlernen, die es auf unser Blut abgesehen haben. Hier hast du einen Reiskuchen.« Rincewind sah sich mißtrauisch um. Sonderbarerweise schien die aktu- elle Situation nicht gefährlich zu sein. Zumindest war sie nicht auf eine direkte, unvermeidliche Weise gefährlich. Wenn es hier Gefahren gab, konnte man mit ihnen feilschen. »Und wenn ich zugebe, daß ich von jenseits der Großen Mauer kom- me?« fragte er und senkte die Stimme zu einem Flüstern. Schnapphala nickte. Mit einer Hand griff er unter seine Kutte und zeig- te kurz den oberen Teil einer Broschüre. Der Titel begann mit den für Rincewind nicht sonderlich überraschenden Worten: WIE ICH, MEINE… »Manche Leute glauben, auf der anderen Seite der Großen Mauer gibt es nur Wüsten, brennendes Wasser, böse Geister und schreckliche Un- geheuer«, sagte Schnapphala. »Aber ich denke an die guten geschäftlichen Möglichkeiten. Wenn man die richtigen Kontakte hat… Verstehst du, was ich meine, Shogun? Mit den richtigen Kontakten könnte man es im Land der bösen Geister weit bringen.« Rincewind nickte. Die Diplomatie hielt ihn davon ab, auf folgendes hinzuweisen: Wenn in Ankh-Morpork jemand mit einer Handvoll Gold erschien, dann dauerte es nicht lange, bis dreihundert andere mit einer Handvoll Stahl kamen. »So wie ich die Sache sehe, mit der Ungewißheit in bezug auf die Re- bellen und den Kaiser… äh… Lang-lebe-Seine-Exzellenz-der-Sohn-des- Himmels… äh… Aufgeschlossene Händler bekämen sicher Gelegenheit zu dem einen oder anderen Schnäppchen, oder?« »Schnäppchen?« »Ja. Zum Beispiel…« Schnapphala beugte sich näher. »Wir haben da etwas Besonderes. Kommt aus dem… [kompliziertes Piktogramm]… von Raupen. Wird Seide genannt. Das Zeug…« »Oh, ja«, sagte Rincewind. »Wir beziehen es aus Klatsch.« »Und dann gibt’s da noch einen Strauch. Man trocknet die Blätter, gießt später heißes Wasser darauf und…« »Tee, ja«, unterbrach Rincewind den Händler. »Den bekommen wir aus dem Wiewunderland.« S.m.e.d.B.a. Schnapphala zögerte. »Nun… wir haben ein Pulver, und wenn man das in Rohre füllt…« »Feuerwerk? Das kennen wir bereits.« »Wie steht’s mit erlesenem Porzellan? Wir…« »Die Zwerge in Ankh-Morpork stellen so dünnes Porzellan her, daß man hindurchsehen und Buchstaben lesen kann – selbst sehr klein ge- druckte Fußnoten.« Schnapphala runzelte die Stirn. »Klingt ganz nach sehr schlauen bösen Geistern«, sagte er und wich ein, wenig zurück. »Vielleicht stimmt es tatsächlich. Vielleicht seid ihr gefähr- lich.« »Wir?« Rincewind winkte ab. »Sei unbesorgt. In Ankh-Morpork brin- gen wir selten Ausländer um. Weil man ihnen dann nichts mehr verkau- fen kann.« »Haben wir etwas, das für euch von Interesse wäre? Hier, nimm einen Reiskuchen. Auf die Pagode. Oder möchtest du vielleicht einen Fleisch- kloß am Spieß?« Rincewind entschied sich für den Reiskuchen. Der Kloß erschien ihm zu riskant. »Ihr habt Gold«, sagte er. »Oh, Gold. Es ist zu weich, um etwas Nützliches damit anzustellen. Al- lerdings taugt es für Rohrleitungen und Dachabdeckungen.« »Ich schätze, in Ankh-Morpork fände man noch den einen oder ande- ren Verwendungszweck dafür.« Rincewinds Blick kehrte zu den Münzen im Napf zurück. Ein Land, in dem Gold so billig war wie Blei… »Was ist das?« fragte er und deutete auf ein zerknittertes Etwas, das halb unter den Münzen verborgen lag. S.m.e.d.B.a. Schnapphala blickte nach unten. »Das ist eine unserer Be- sonderheiten. Du kennst es wahrscheinlich nicht. Wir nennen es Geld. Damit kann man…« »Ich meine den Zettel«, sagte Rincewind. »Ich auch«, erwiderte Schnapphala. »Das ist ein Zehn-Rhinu-Schein.« »Und was bedeutet das?« fragte Rincewind. »Es bedeutet, der Schein ist zehnmal soviel wert wie das hier.« Der Händler nahm eine Goldmünze von der Größe eines Reiskuchens. »Warum sollte man ein Stück Papier kaufen?« erkundigte sich Rince- wind verwirrt. »Man kauft es nicht«, korrigierte Schnapphala. »Man bezahlt damit.« Diese Auskunft verblüffte Rincewind. »Du gehst zu einer Marktbude«, sagte Schnapphala und schaltete in, den Langsam-sprechen-für-die-Dummen-Modus um. »Und dann sagst du: ›Guten Mor-gen, Metzger, was kosten die Hunde-schnauzen?‹ Und er antwortet: ›Drei Rhinu, Shogun.‹ Und dann sagst du: ›Ich habe nur ein Pony.‹ Sieh nur, auf dem Geld-schein – dem Zettel – ist die Zeich-nung eines Ponys; daran kann man Zehn-Rhinu-Scheine er-kennen. Und dann gibt dir der Metzger die Hundeschnauze und sieben Münzen Wech-sel- geld. Nun, wenn du einen Affen hättest – das sind fünfzig Rhinu –, wür- de der Metzger sagen: ›Hast du es nicht klei-ner?‹ Und dann…« »Aber es ist doch nur ein Stück Papier!« protestierte Rincewind. »Für dich mag es ein Stück Papier sein, für mich ist das Ding zehn Reiskuchen wert«, sagte Schnapphala. »Welches Zahlungsmittel benutzen böse Geister aus dem Ausland? Vielleicht große Steine mit Löchern?« Rincewind blickte auf den Geldschein hinab. Es gab Dutzende von Papierfabriken in Ankh-Morpork. Und einige begabte Mitglieder der Graveursgilde konnten ihren Namen samt Adres- se in einen Stecknadelkopf ritzen. Er war plötzlich stolz auf seine Landsleute. Sie mochten korrupt und habgierig sein, aber sie hatten diese Eigenschaften zur Meisterschaft entwickelt und gingen nie davon aus, daß es nichts mehr zu lernen gab. »In Ankh-Morpork wirst du zweifellos viele Häuser finden, deren Dä- cher abgedichtet werden müssen«, sagte Rincewind. »Tatsächlich?« fragte Schnapphala. »O ja. Überall regnet’s rein.« »Und die Leute können bezahlen? Soweit ich gehört habe…« Rincewind betrachtete erneut den Geldschein und schüttelte den Kopf. Mehr wert als Gold… »Die Leute in Ankh-Morpork bezahlen mit Papiergeld, das mindestens so gut ist wie das hier«, erwiderte er. »Wahrscheinlich sogar noch besser. Ich lege ein gutes Wort für dich ein. Und nun…«, fügte er rasch hinzu, »… welchen Weg muß ich einschlagen, um die Stadt zu verlassen?« Schnapphala kratzte sich an der Schläfe. »Das könnte schwierig werden«, sagte er. »Überall treiben sich Soldaten herum. Und mit dem Hut siehst du ein wenig ausländisch aus. Könnte, schwierig werden…« In einem anderen Bereich wurde es unruhig, beziehungsweise die all- gemeine Unruhe nahm zu. Die Leute wichen zurück mit der typischen Hast von Unbewaffneten, die sich plötzlich Waffen gegenübersehen. Mehrere Soldaten eilten auf Schlitze-mir-ehrenvoll-den-Bauch-auf zu. Schnapphala trat beiseite und zeigte das freundliche Lächeln eines Händlers, der Messerträgern einen besonderen Rabatt gewährt. Zwei der Wächter schleiften jemanden mit sich. Als sie näher kamen, hob die erschlaffte Gestalt zwischen den beiden Soldaten den blutigen Kopf und sagte: »Existenzverlängerung Für…« Eine Faust traf den Mund des Gefangenen und brachte ihn zum Schweigen. Die Wächter marschierten weiter, hinter ihnen schloß sich die Lücke in der Menge. »Ts, ts«, kommentierte Schnapphala. »Allem Anschein nach… Hallo? Wo bist du?« Der Fremde trat hinter einer Ecke hervor. Schlitze-mir-ehrenvoll-den- Bauch-auf war beeindruckt. Man hörte sogar ein dumpfes Knallen, wenn Rincewind startete. »Die Soldaten haben schon wieder einen erwischt«, sagte der Händler. »Wahrscheinlich hat er Plakate geklebt.« »Schon wieder einen? Wen meinst du?« »Die Rote Armee. Pscht!« »Oh.« »Auf solche Dinge achte ich kaum«, fuhr S.m.e.d.B.a. fort. »Es heißt, jetzt wiederholt sich eine alte Legende und so. Weiß nicht, was davon zu halten ist.« »Der Bursche vorhin sah nicht sehr legendär aus«, meinte Rincewind. »Ach, manche Leute glauben einfach alles.« »Was passiert jetzt mit ihm?« »Schwer zu sagen, solange der Kaiser im Sterben liegt. Vielleicht hackt man ihm Hände und Füße ab.«, »Was? Warum?« »Weil er jung ist. Ein mildernder Umstand. Wäre er ein bißchen älter, würde man seinen aufgespießten Kopf am Tor zur Schau stellen.« »So bestraft man hier Leute, die Plakate an Mauern kleben?« »Als abschreckendes Beispiel«, erklärte Schnapphala. Rincewind wich zurück. »Herzlichen Dank«, sagte er und eilte fort. »O nein«, murmelte er, während er sich einen Weg durchs Gedränge bahnte. »Ich möchte auf keinen Fall in etwas verwickelt werden, bei dem man riskiert, Hände, Füße und sogar den Kopf zu verlieren…« Jemand schlug ihn. Auf eine höfliche Art. Er sank erst auf die Füße, dann aufs Kinn und fragte sich dabei, was aus dem guten alten »He, du!« geworden war. Die Graue Horde wanderte durch die Straßen von Hunghung. »Man kann wohl kaum behaupten, daß wir plündernd durch die Stadt ziehen und alle Leute umbringen«, brummte Kriecher der Unhöfliche. »Als ich mit dem Fürchterlichen Ferdinand geritten bin, wären wir nie auf den Gedanken gekommen, einfach das Stadttor zu passieren wie zwei verdammte…« »Herr Kriecher…«, warf Herr Zervelatwurst ein. »Vielleicht solltest du jetzt die Liste zu Rate ziehen, die ich für dich zusammengestellt habe.« »Welche verdammte Liste?« fragte Kriecher und schob herausfordernd das Kinn vor. »Die mit den harmlosen, zivilisierten Wörtern.« Lehrer wandte sich an die anderen. »Erinnert euch, was ich euch über zi-vi-li-sier-tes Verhalten erzählt habe. Zivilisiertes Verhalten ist sehr wichtig für unsere langfristi- ge Strategie.« »Was ist eine langfristige Strategie?« fragte Caleb der Brecher. »Sie zielt auf das, was wir später unternehmen«, erläuterte Cohen. »Und was unternehmen wir später?« »Wir führen den Plan durch.«, »Na, da soll mich doch…« »Die Liste, Herr Kriecher«, sagte Herr Zervelatwurst. »Nur die Wörter auf der Liste. Hört mal… ich beuge mich eurer Erfahrung, wenn es dar- um geht, Wüsten zu durchqueren. Aber hier sind wir in der Zivilisation. Hier kommt es darauf an, die richtigen Wörter zu verwenden. Bitte?« »Du solltest auf ihn hören, Kriecher«, warf Cohen ein. Der Unhöfliche brummte etwas Unverständliches, als er einen flecki- gen Zettel hervorholte und ihn entfaltete. »›Dung?‹« las er. »Was bedeutet das denn? Und was soll ›verflixt‹ und ›zum Kuckuck‹ heißen?« »Das sind… zivilisierte Flüche«, antwortete Herr Zervelatwurst. »Weißt du, was ich von ihnen halte? Du kannst sie nehmen und sie…« »Ah?« Herr Zervelatwurst hob einen warnenden Zeigefinger. »Du kannst sie nehmen und…« »Ah?« »Du kannst sie…« »Ah?« Kriecher schloß die Augen und ballte die Fäuste. »Verflixt und zum Kuckuck!« rief er. »Gut«, sagte Herr Zervelatwurst. »Das ist schon viel besser.« Er drehte sich zu Cohen um, der Kriechers Ärger mit einem schaden- frohen Lächeln registrierte. »Da drüben ist ein Obststand«, sagte der frühere Lehrer. »Möchtest du einen Apfel?« »Warum nicht?« erwiderte Cohen mit der Vorsicht eines Mannes, der einem Zauberkünstler seine Uhr reicht – obwohl dieser grinst und einen Hammer in der Hand hält. »Nun gut, liebe Ki… ich meine, meine Herren. Dschingis möchte ei- nen Apfel. Da drüben ist ein Stand, an dem Obst und Nüsse verkauft werden. Was muß er tun, um den gewünschten Apfel zu bekommen?« Herr Zervelatwurst richtete einen hoffnungsvollen Blick auf seine Schü- ler. »Na, weiß jemand die Antwort?«, »Ist doch ganz einfach. Er bringt den verdammten…« Leises Rascheln deutete darauf hin, daß jemand einen Zettel entfaltete. »… Burschen hinter dem Stand um, und dann…« »Nein, Herr Kriecher. Sonst jemand?« »Wasisn?« »Man läßt den Stand in Flammen aufgehen und…« »Nein, Herr Vincent. Sonst jemand?« »Man vergewaltigt…« »Nein, Herr Brecher«, sagte Herr Zervelatwurst. »Wir nehmen etwas Ge… Ge…« »… Geld…« Die Graue Horde sprach wie aus einem Mund. »… und wir… Was machen wir dann? Wir haben das doch schon hun- dertmal durchgekaut. Wir…« Dies war der schwierige Teil. Anstrengungsfalten bildeten sich auf den Stirnen der Hordenmitglieder, als sie sich konzentrierten und ihre Ge- danken zwangen, aus den tiefen Schluchten der Gewohnheit herauszu- klettern. »Wir ge…«, begann Cohen unsicher. Herr Zervelatwurst schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. »Wir geben… das… Geld…« Es widerstrebte Cohen, die letzten Wor- te auszusprechen. »… dem… Mann?« »Ja! Gut gemacht. Im Austausch gegen den Apfel. Über höfliche Kon- versation und freundliches Dankeschön-Sagen unterhalten wir uns spä- ter, wenn ihr dazu bereit seid. Nun, Cohen, hier ist eine Münze. Geh und kauf dir einen Apfel.« Cohen spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Er wischte sich die Stirn ab. »Könnte ich ihn nicht ein wenig mit dem Schwert bearbeiten und dann…« »Nein! Wir sind hier in der Zivilisation.« Cohen nickte voller Unbehagen, straffte dann die Schultern und ging zu dem Stand. Der Apfelverkäufer hatte die Gruppe argwöhnisch beo- bachtet und empfing den Kunden mit einem knappen Nicken., Cohens Augen trübten sich, und seine Lippen formten lautlose Silben, als er den Text in Gedanken noch einmal aufsagte. »Hallo, dicker Händler, gib mir dein ganzes… einen Apfel… und ich gebe dir… diese Münze…« Er drehte den Kopf. Herr Zervelatwurst hielt den Daumen nach oben. »Du möchtest einen Apfel?« vergewisserte sich der Händler. »Ja!« Der Mann wählte einen aus. Cohen war bereit, Schwert oder Messer zu ziehen, aber der Händler gehorchte einem alten Instinkt und entschied sich für einen guten Apfel. Dann versuchte er, die Münze zu nehmen, was schwierig war, weil Cohen sie nicht loslassen wollte. »Komm schon, gib sie mir, honoriger Alter«, sagte er. Sieben ereignisreiche Sekunden verstrichen. Als sie die Sicherheit der nächsten Ecke erreicht hatten, fragte Herr Zervelatwurst: »Nun, was hat Dschingis falsch gemacht?« »Er hat nicht ›bitte‹ gesagt?« »Wasisn?« »Nein.« »Er hat nicht ›danke‹ gesagt?« »Wasisn?« »Nein.« »Er hat dem Mann eine Melone auf den Kopf geschmettert, ihn in die Erdbeeren gestoßen und in die Eier getreten, dann den Stand angezün- det und das ganze Geld gestohlen?« »Wasisn?« »Genau!« Herr Zervelatwurst seufzte. »Bis dahin war alles so gut gelau- fen, Cohen.« »Er hätte mich nicht beschimpfen sollen!« »›Honorig‹ bedeutet soviel wie ehrenvoll und weise, Dschingis.« »Oh. Tatsächlich?« »Ja.«, »Nun… ich habe ihm das Geld für den Apfel gelassen.« »Ja, aber das übrige Geld hast du ihm gestohlen.« »Für den Apfel habe ich bezahlt«, beharrte Cohen stur. Herr Zervelatwurst seufzte. »Dschingis, ich gewinne immer stärker den Eindruck, daß einige tausend Jahre monetärer Entwicklung wirkungslos an dir vorübergegangen sind.« »Wie bitte?« »Es ist durchaus möglich, daß Geld anderen Leuten gehört«, sagte Herr Zervelatwurst geduldig. Die Hordenmitglieder dachten darüber nach. Natürlich wußten sie, daß dies rein theoretisch der Fall sein konnte. Händler hatten immer Geld, doch es gehörte ihnen nicht in dem Sinne – es gehörte den Leuten, die es ihnen abnahmen. Händler durften ihr Geld nicht als Eigentum bezeich- nen; sie verwahrten es nur, bis es woanders gebraucht wurde. »Nun, da drüben seht ihr eine ältere Dame, die Enten verkauft«, sagte Herr Zervelatwurst. »Bei der nächsten Lektion – Junger Willie, ich bin hier, nicht dort drüben; zweifellos beobachtest du interessante Dinge, aber ich wäre dir sehr dankbar, wenn du mir deine Aufmerksamkeit schenken würdest – geht es um soziale Kontakte.« »Har, har, har«, ließ sich Caleb der Brecher vernehmen. »Ich schlage vor, Herr Brecher geht jetzt zu der Dame hinüber und er- kundigt sich nach dem Preis für eine Ente«, sagte Herr Zervelatwurst. »Har, har, har… Was?« »Und verzichte bitte darauf, ihr die Kleidung vom Leib zu reißen. Das ist nicht zivilisiert.« Caleb kratzte sich am Kopf. Etwas davon bröckelte ab. »Äh… was soll ich denn machen?« »Verwickle sie in ein Gespräch.« »Äh… worüber redet man denn mit Frauen?« Herr Zervelatwurst zögerte. In gewisser Weise war das auch für ihn unbekanntes Terrain. Seine Erfahrungen mit Frauen beschränkten sich auf gelegentliches Plaudern mit der Haushälterin – einmal hatte sie ihm erlaubt, ihr die Hand aufs Knie zu legen. Erst mit vierzig fand er heraus,, daß oraler Sex nicht bedeutete, darüber zu sprechen. Für ihn waren Frauen immer seltsame, weit entfernte und wundervolle Geschöpfe ge- wesen, während die Hordenmitglieder in ihnen vor allem Dinge zum Herumspielen sahen. Er suchte nach den richtigen Worten. »Übers Wetter?« erwiderte er schließlich und erinnerte sich vage an die Unterhaltungen mit der älteren, unverheirateten Tante, bei der er aufge- wachsen war. »Über die Gesundheit? Über die Schwierigkeiten mit der Jugend von heute?« »Und dann reiße ich ihr die Kleidung vom Leib?« »Vielleicht. Zum… äh… Schluß. Wenn sie es möchte. In diesem Zu- sammenhang möchte ich euch an die Diskussion erinnern, die wir neu- lich hatten. Sie betraf regelmäßiges Baden…« Oder wenigstens ein Bad, fügte Herr Zervelatwurst in Gedanken hinzu. »… die Pflege von Finger- nägeln und Haaren sowie häufigeres Wechseln der Kleidung.« »Dies ist Leder«, sagte Caleb. »Man braucht’s nicht zu wechseln, weil es jahrelang hält.« Einmal mehr sah sich Herr Zervelatwurst zu einem Perspektivenwech- sel gezwungen. Er hatte geglaubt, man könnte der Horde die Zivilisation ebenso leicht bringen wie Tünche auf eine Mauer auftragen, doch jetzt mußte er seinen Irrtum eingestehen. Während er beobachtete, wie Caleb mühevoll versuchte, mit einer Re- präsentantin der anderen Hälfte der Menschheit zu reden, gingen ihm sonderbare Gedanken durch den Kopf. Diese Leute unterschieden sich sehr von den Personen, mit denen er in Lehrerzimmern verkehrt hatte, aber trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – mochte er sie. Jeder von ihnen sah in Büchern nützliches Papier, das man auf dem Abort oder als Feueranzünder verwenden konnte. Hygiene hielten sie für eine besonde- re Grußform. Aber sie waren ehrlich (auf ihre eigene Art und Weise) und anständig (auf ihre eigene Art und Weise). Die Welt blieb für sie herrlich unkompliziert. Sie bestahlen reiche Händler, Könige und Tempelpriester. Den Armen nahmen sie nichts weg, wenn auch nur deshalb, weil man ihnen nichts wegnehmen konnte. Zwar unternahmen sie ihre Raubzüge nicht mit der Absicht, das gestoh-, lene Geld den Armen zu geben, doch lief es letztendlich darauf hinaus – wenn man Wirte, Damen käuflicher Zuneigung, Taschendiebe, Spieler und Schnorrer zu den Armen zählte. Sie gaben sich große Mühe, wenn es darum ging, Reichtümer zu erbeuten, aber wenn sie anschließend ver- suchten, das Geld unter Kontrolle zu halten… stießen sie auf ähnlich große Probleme wie jemand, der versuchte, eine Herde Katzen zu hüten. Wie dem auch sei: Das Geld existierte, um ausgegeben und verloren zu werden. Die Horde sorgte dafür, daß es in Umlauf blieb, was in jeder Gesellschaft lobenswert ist. Caleb und die anderen scherten sich nicht darum, was andere Leute dachten. Herr Zervelatwurst fand diesen Aspekt sehr reizvoll, vielleicht deshalb, weil er sein ganzes Leben lang überlegt hatte, was andere Leute wohl von ihm dachten – mit dem Ergebnis, daß er bei Beförderungen übergangen und immer behandelt worden war, als gehörte er zum Inven- tar. Sie quälten sich wegen nichts. Nie fragten sie sich, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatten. Und sie nutzten jede Gelegenheit, sich prächtig zu amüsieren. Herr Zervelatwurst mochte die Horde. Weil sie ganz anders war als die Leute seines Schlages. Caleb kehrte zurück und wirkte ungewöhnlich nachdenklich. »Herzlichen Glückwunsch, Herr Brecher!« sagte Herr Zervelatwurst, der großen Wert darauf legte, seine Schüler zu ermutigen. »Offenbar trägt die Dame noch alle ihre Kleidungsstücke.« »Was hat sie gesagt?« fragte der Junge Willie. »Sie hat gelächelt«, erwiderte Caleb. Verwirrt kratzte er seinen verkru- steten Bart. »Zumindest ein wenig«, schränkte er ein. »Gut«, kommentierte Herr Zervelatwurst. »Sie… äh… meinte, daß sie… äh… nichts dagegen hätte, mich später zu treffen…« »Gut gemacht!« »Äh… Lehrer? Was hat es mit dem Rasieren auf sich?« Herr Zervelatwurst erklärte es. Caleb hörte aufmerksam zu und schnitt gelegentlich eine Grimasse. Manchmal drehte er sich um und sah zu der Entenverkäuferin, die freundlich winkte., »Potzblitz«, sagte er. »Äh… ich weiß nicht…« Erneut drehte er den Kopf. »Hab nie zuvor eine Frau gesehen, die nicht weglief.« »Oh, Frauen sind wie Rehe«, sagte Cohen weise. »Man stürzt sich nicht einfach auf sie, sondern muß sich vorsichtig heranschleichen…« »Har, har, h… Entschuldigung«, sagte Caleb, als er Herrn Zervelat- wursts strengen Blick bemerkte. »Ich glaube, wir sollten die Lektion hiermit beenden«, meinte der frü- here Lehrer. »Schließlich wollen wir nicht zu zivilisiert werden, oder? Ich schlage vor, wir kümmern uns jetzt um die Verbotene Stadt, einverstan- den?« Sie ließ sich kaum übersehen – sie dominierte das Zentrum von Hung- hung. Ihre Mauern ragten zwölf Meter hoch empor. »Vor den Toren patrouillieren viele Soldaten«, stellte Cohen fest. »Kein Wunder – immerhin befindet sich ein großer Schatz dahinter«, erwiderte Herr Zervelatwurst. Er starrte zu Boden, als hätte er etwas verloren. »Warum stürmen wir nicht einfach los und töten die Wächter?« fragte Caleb. In seinem Gesicht zeigte sich ein Rest von Verwirrung. »Wasisn?« »Sei nicht dumm«, brummte Cohen. »Es würde den ganzen Tag dau- ern. Außerdem…« Seltsamer Stolz regte sich in ihm. »Lehrer läßt uns auf irgendwelchen Dukt-Vögeln reiten, nicht wahr?« Herr Zervelatwurst blieb stehen. »Heureka«, sagte er. »Das ist Ephebianisch«, teilte Cohen der Horde mit. »Es bedeutet: ›Gebt mir ein Handtuch.‹« »Ach, tatsächlich?« entgegnete Caleb, der versuchte, einen Knoten in seinem Bart zu lösen. »Wann bist du jemals in Ephebe gewesen?« »Hab dort mal als Kopfgeldjäger gearbeitet.« »Und wen hast du gejagt?« »Dich, glaube ich.« »Ha! Und hast du mich erwischt?«, »Keine Ahnung. Nick mal und laß sehen, ob dein Kopf abfällt.« »Meine Herren… seht euch das an…« Herr Zervelatwursts orthopädische Sandalen stießen gegen eine deko- rative Metallplatte im Boden. »Was sollen wir uns ansehen?« fragte Kriecher der Unhöfliche. »Wasisn?« »Laßt uns nach weiteren solcher Platten suchen«, sagte Herr Zervelat- wurst. »Ich glaube, wir sind soweit. Jetzt brauchen wir nur noch bis zum Einbruch der Dunkelheit zu warten.« Ein Streitgespräch. Rincewind hörte nur die Stimmen: Er trug wieder einen Sack über dem Kopf, außerdem war er jetzt an einer Säule festge- bunden. »Er sieht nicht mal wie ein Großer Zauberer aus.« »Es steht auf seinem Hut, in der Geistersprache…« »Das behauptest du!« »Was ist mit dem Bericht von Vier Große Sandalen?« »Er war ganz durcheinander. Vielleicht hat er sich alles nur eingebil- det.« »Nein. Der Große Zauberer kam aus dem Nichts und flog wie ein Drache! Er setzte fünf Soldaten außer Gefecht. Drei Größtes Glück hat es ebenfalls gesehen. Und die anderen auch. Und dann befreite er einen alten Mann und verwandelte ihn in einen großen Krieger!« »Und er spricht unsere Sprache, so wie es in dem Buch geschrieben steht.« »Na schön. Angenommen, er ist der Große Zauberer. Dann sollten wir ihn auf der Stelle töten!« In der Dunkelheit des Sacks schüttelte Rincewind energisch den Kopf. »Warum?« »Weil er sich bestimmt auf die Seite des Kaisers schlägt.« »Aber die Legende sagt, daß der Große Zauberer die Rote Armee führ- te!«, »Ja, für Kaiser Eins Sonnenspiegel. Und die Armee hat das Volk unter- drückt.« »Nein, sie hat den Schurken und Banditen das Handwerk gelegt. Und das Reich geschaffen.« »Ach? Und ist das Reich vielleicht so toll? Vorzeitiges Ende Für Die Mächte Der Unterdrückung!« »Aber jetzt ist die Rote Armee auf der Seite des Volkes! Maximaler Fortschritt Mit Dem Großen Zauberer!« »Der Große Zauberer ist der Feind des Volkes!« »Ich habe ihn gesehen! Sein Flugwind hat eine ganze Legion Soldaten zu Boden geschickt!« Eine andere Art von Wind weckte Besorgnis in Rincewind. Er regte sich in seinem Darm, was häufig geschah, wenn er sich fürchtete. »Wenn er große magische Macht hat… wieso ist er dann noch immer gefesselt? Warum haben sich die Stricke nicht längst in grünen Qualm verwandelt?« »Vielleicht spart er seine Magie für wichtigere Dinge auf. Er läßt sich nicht dazu herab, niederes Gewürm mit Feuerwerktricks zu beeindruk- ken.« »Ha!« »Und er hatte das Buch! Er hat nach uns gesucht! Sein Schicksal ist es, die Rote Armee zu führen!« Kopf schütteln, Kopf schütteln, Kopf schütteln. »Wir können uns selbst führen!« Nicken, nicken, nicken. »Wir brauchen keine zweifelhaften Großen Zauberer von illusionären Orten!« Nicken, nicken, nicken. »Wir sollten ihn jetzt sofort umbringen!« Nicken, nick… Kopf schütteln, schütteln, schütteln. »Ha! Er lacht verächtlich über dich! Wahrscheinlich wartet er nur dar- auf, deinen Schädel explodieren zu lassen, ihn in Schlangen aus grünem, Feuer zu verwandeln!« Kopf schütteln, Kopf schütteln, Kopf schütteln. »Ist dir eigentlich klar, daß Drei Pflugochsen gefoltert wird, während wir hier streiten?« »Die Volksarmee bedeutet mehr als einzelne Personen, Lotosblüte!« Im stinkenden Sack verzog Rincewind das Gesicht. Der erste Sprecher wurde ihm immer unsympathischer, unter anderem deshalb, weil er sei- nen unverzüglichen Tod verlangte. Und wenn solche Leute von Dingen sprachen, die wichtiger waren als einzelne Personen… dann kündigten sich Probleme an. »Der Große Zauberer könnte Drei Pflugochsen bestimmt retten«, er- tönte eine Stimme in der Nähe von Rincewinds Ohr. Sie gehörte Hüb- scher Schmetterling. »Ja, er könnte Drei Pflugochsen ganz einfach retten!« bestätigte Lotos- blüte. »Ha! Glaubst du? Kann er etwa in die Verbotene Stadt gelangen? Nein. Es wäre sein sicherer Tod!« Nicken, nicken, nicken. »Nicht für den Großen Zauberer«, sagte Schmetterling. »Sei still!« zischte Rincewind. »Möchtest du wissen, wie groß das Hackbeil ist, das Zwei Feuerkraut in der Hand hält?« flüsterte Schmetterling. »Nein!« »Es ist sehr groß.« »Er hat eben gesagt, die Verbotene Stadt sei mein sicherer Tod!« »Nein. Sie bedeutet nur den wahrscheinlichen Tod für dich. Wenn du noch mal wegzulaufen versuchst… Das wäre dein sicherer Tod.« Der Sack wurde weggezogen. Rincewind sah das Gesicht von Lotosblüte – es gab weitaus schlimme- re Dinge, die ein Mann sehen konnte, wenn man ihm einen Sack vom Kopf zog. Er assoziierte den Anblick mit Sahne, viel Butter und einer, Prise Salz.* Schlimmere Dinge… Zum Beispiel hätte er sofort in das Gesicht von Zwei Feuerkraut sehen können. Es verdiente sicher nicht die Bezeich- nung »hübsch«. Es war rund und pummelig, die Pupillen in den Augen waren zu klein. Außerdem lieferte es den lebenden Beweis für folgende These: Es war durchaus möglich, daß ein Volk von Königen, Kaisern und Mandarinen unterdrückt wurde; aber den gleichen Job konnte auch der Bursche von nebenan erledigen. »Großer Zauberer?« schnaufte Zwei Feuerkraut. »Ha!« »Er ist dazu fähig!« beharrte Lotosblüte. (Und Frischkäse, dachte Rince- wind. Und vielleicht ein wenig Krautsalat.) »Er ist der zurückgekehrte Große Zauberer! Hat er den Meister nicht durchs Land der Geister und blut- saugenden Vampire geleitet?« »Oh, ich weiß nicht…«, begann Rincewind. »Ein so großer Zauberer gestattet es euch, ihn in einem Sack hierher- zubringen?« höhnte Zwei Feuerkraut. »Er soll uns doch mal zeigen, was er auf dem Kasten hat…« »Ein wahrer Großer Zauberer läßt sich nicht zu irgendwelchen Party- tricks herab!« erwiderte Lotosblüte empört. »Stimmt«, pflichtete Rincewind ihr bei. »Er läßt sich nicht herab.« »Ich finde es beschämend, daß Zwei Feuerkraut so etwas überhaupt vorschlägt.« »Beschämend, jawohl«, bestätigte Rincewind. »Außerdem braucht er seine ganze magische Kraft, um in die Verbote- ne Stadt zu gelangen«, meinte Schmetterling. Rincewind verabscheute ihre Stimme immer mehr. »Die Verbotene Stadt«, murmelte er. »Es ist allgemein bekannt, daß es dort schreckliche Fallen aller Art und viele, viele Soldaten gibt.« »Fallen, Soldaten…« * Später mußte Rincewind deshalb mit einer Therapie beginnen. Sie drehte sich um eine hübsche Frau, einen großen Teller mit Kartoffeln und einen Knüppel mit Nägeln., »Wenn seine Magie versagt, weil Zwei Feuerkraut ein paar magische Kunststücke von ihm verlangt… dann findet er sich im tiefsten Verlies wieder, um dort Zentimeter für Zentimeter zu sterben.« »Zentimeter für… äh… welche Zentimeter zuerst?« »Du solltest dich wirklich schämen, Zwei Feuerkraut!« Rincewind lächelte schief. »Eigentlich bin ich gar nicht so groß. Oh, ich bin schon groß«, fügte er rasch hinzu, als Schmetterling die Stirn runzelte, »aber nicht sehr…« »In seinen Schriften erzählt uns der Meister, daß du mächtige Zauberer besiegt und einige sehr gefährliche Situationen überlebt hast.« Rincewind nickte betrübt. Das stimmte, mehr oder weniger. Doch in den meisten Fällen steckte keine Absicht dahinter. Und die Verbotene Stadt… nun, sie machte einen verbotenen Eindruck. Einladend wirkte sie gewiß nicht. Nein. Dort wurden vermutlich keine Postkarten ver- kauft. Das einzige Souvenir, das man von einem solchen Ort mit nach Hause nehmen konnte, waren die eigenen Zähne. In einer Tüte. »Äh… ich nehme an, der Ochsen-Bursche befindet sich in irgendei- nem tiefen Verlies, oder?« »Im tiefsten«, sagte Zwei Feuerkraut. »Und… ihr seht die Leute nie wieder? Die verhaftet werden, meine ich.« »Manchmal sehen wir Teile von ihnen wieder«, sagte Lotosblüte. »Für gewöhnlich die Köpfe«, fügte Zwei Feuerkraut hinzu. »An den Toren aufgespießt.« »Aber mit Drei Pflugochsen passiert so etwas nicht«, proklamierte Lo- tosblüte. »Der Große Zauberer hat gesprochen!« »Nun… äh… eigentlich habe ich kaum etwas gesagt…« »Du hast gesprochen«, sagte Schmetterling fest. Rincewinds Augen gewöhnten sich allmählich ans Halbdunkel. Offen- bar war er in einem Lagerraum oder Keller. Die Geräusche der Stadt drangen gedämpft durch Gitter in der Decke. Die Kammer enthielt Fäs- ser und große Bündel, die derzeit als Sitze dienten. Eine Art Versamm- lung schien hier stattzufinden., Die Anwesenden beobachteten den Zauberer mit hingerissener Faszi- nation. Sie hatten auch noch etwas anderes gemeinsam. Rincewinds Blick glitt durch den Raum. »Wer sind all diese Kinder?« fragte er. »Dies ist der Hunghung-Kader der Roten Armee«, verkündete Lotos- blüte stolz. Zwei Feuerkraut schnaubte. »Warum hast du ihm das verraten?« fragte er. »Jetzt bleibt uns gar nichts anderes übrig, als ihn zu töten.« »Aber sie sind alle so jung!« »Was ihre Lebensjahre angeht, mögen sie unterprivilegiert sein«, ge- stand Zwei Feuerkraut. »Aber in Hinsicht auf Mut und Ehre sind sie uralt.« »Auch in bezug auf Kampferfahrung?« erkundigte sich Rincewind. »Die Soldaten, die ich bisher gesehen habe, scheinen nicht besonders nett zu sein. Ich meine, habt ihr überhaupt Waffen?« »Wenn wir Waffen benötigen, so entreißen wir sie dem Feind!« erwi- derte Zwei Feuerkraut. Jubel belohnte seine Worte. »Ach? Und wie wollt ihr den Feind dazu bringen, daß er seine Waffen losläßt?« Rincewind deutete auf ein recht kleines Mädchen, das sich zu- rückbeugte, als befürchtete es einen Schuß. Es schien höchstens sieben Jahre alt zu sein und hielt ein Plüschtier – ein Kaninchen – in den Ar- men. »Wie heißt du?« »Eins Lieblingsperle, Großer Zauberer!« »Und was machst du in der Roten Armee?« »Ich habe eine Medaille bekommen, Großer Zauberer. Für das Ankle- ben von Plakaten.« »Mit Texten wie ›Unseren Gegnern sollen bitte ein paar böse Dinge zu- stoßen‹? Etwas in der Art?« »Äh…«, sagte das Mädchen und richtete einen flehenden Blick auf Schmetterling., »Die Rebellion fällt uns nicht leicht«, sagte die junge Frau. »Uns fehlt… Erfahrung.« »Nun, ich bin hier, um euch zu sagen, daß man mit Revolutionen nicht sehr weit kommt, wenn man Lieder singt, Plakate an Mauern klebt und mit bloßen Händen kämpft«, entfuhr es Rincewind. »So was hat keinen Sinn, wenn eure Gegner Soldaten mit richtigen Schwertern und derglei- chen sind. Ihr…« Er unterbrach sich, als er die Blicke von hundert Au- genpaaren spürte und ihm bewußt wurde, daß zweihundert Ohren auf- merksam lauschten. In der Echokammer seines Bewußtseins hörte er die eigenen Worte: Ich bin hier, um euch zu sagen… Er breitete die Arme aus und winkte verzweifelt. »… daß es mir gar nicht zusteht, euch irgend etwas zu sagen«, beendete er den Satz. »Da hast du völlig recht«, meinte Zwei Feuerkraut. »Wir erringen den Sieg, weil wir die Geschichte auf unserer Seite haben.« »Wir erringen den Sieg, weil uns der Große Zauberer hilft«, sagte Schmetterling fest. »Ich teile euch dies mit!« rief Rincewind. »Ich vertraue lieber mir als der Geschichte! Oh, Mist, habe ich das wirklich gesagt?« »Du bist also bereit, Drei Pflugochsen zu retten?« fragte Schmetterling. »Bitte!« piepste Lotosblüte. Tränen schimmerten in ihren Augen. Rincewind sah von ihr zu den Kindern und Jugendlichen, die glaubten, mit revolutionären Liedern kampferprobte Soldaten besiegen zu können. Eigentlich stand ihm nur eine Möglichkeit offen, wenn er genau dar- über nachdachte. Er mußte den Anschein erwecken, daß er sich fügte – um dann bei der ersten Gelegenheit zu verschwinden. Schmetterlings Zorn mochte schlimm sein, aber noch schlimmer war ein aufgespießter Kopf. Natür- lich würde er sich eine Zeitlang ziemlich mies fühlen, aber das war im- mer noch besser, als gar nichts mehr zu empfinden. Es gab bereits genug Helden auf der Welt – sie brauchte keinen weite- ren. Andererseits hatte sie nur einen einzigen Rincewind, und er mußte, dafür sorgen, daß sie ihn auch behielt. Vor dem Gasthaus erstreckte sich ein Hof. Und neben dem Hof war ein Korral gebaut – für Truhen. Sie gehörten nicht alle zur gleichen Spezies. Einige Truhen waren groß genug, ausreichend Dinge aufzunehmen, die eine ganze Familie vierzehn Tage lang versorgen konnten. Außerdem gab es Musterkoffer von Händ- lern, einfache, für den Transport schlichter Dinge bestimmte Kisten und schlanke Reisetaschen. Ziellos trippelten sie im Korral umher. Gelegentlich rasselte ein Griff und knarrte ein Scharnier. Dumpfes Pochen deutete auf einen sich abrupt schließenden Deckel hin. Es machte Bonk-bonk-bonk, wenn die Truhen miteinander kollidierten und versuchten, sich aus dem Weg zu gehen. Drei von ihnen waren besonders groß und mit Leder geschmückt. Sie sahen aus wie jene Art von Reisegepäck, das sich vor billigen Hotels he- rumtreibt und Handtaschen mit anzüglichen Bemerkungen belästigt. Derzeit galt ihr Interesse einer recht kleinen Truhe mit eingelassenem Deckel und zierlichen Füßen. Sie war bereits so weit wie möglich in eine Ecke zurückgewichen. Die größte der großen Truhen schob sich noch etwas näher und klap- perte dabei einige Male mit ihrem Deckel, der mehrere stählerne Dorne hatte. Die kleinere Truhe konnte nicht noch weiter zurückweichen, ohne mit den hinteren Füßen den Zaun des Korrals emporzuklettern. Auf der anderen Seite des Hofes erklang das Geräusch hastiger Schrit- te. Sie kamen näher – dann herrschte abrupte Stille. Ein leises »Boing« ertönte, vielleicht hervorgerufen von einem Objekt, das von der Dachbespannung eines Wagens abgeprallt war. Vor dem Hintergrund des aufgehenden Mondes zeichnete sich kurz ein Schemen ab, der mit einem langgestreckten Salto durch die Nachtluft flog. Das Ding landete vor den drei großen Truhen, richtete sich auf und, griff an. Nach einer Weile traten mehrere Reisende in die Nacht und fanden überall verstreute Kleidungsstücke. Auf dem Dach des Wirtshauses ent- deckten sie drei schwarze, zerkratzte Truhen; Dutzende von Füßen rutschten über die Schindeln, als jede der Truhen versuchte, den höch- sten Punkt des Daches zu erreichen. Andere hatten den Zaun des Kor- rals durchstoßen und die Flucht ergriffen. Man fand sie schließlich alle wieder – bis auf eine. Die Horde war recht zufrieden mit sich, als sie zum Essen Platz nahm. Herr Zervelatwurst fand, daß sich seine Begleiter wie Jungen verhielten, die zum ersten Mal lange Hosen trugen. Das war tatsächlich der Fall. Jeder Mann trug eine weite Hose sowie einen langen grauen Umhang. »Wir haben eingekauft«, sagte Caleb stolz. »Und für Dinge bezahlt. Jetzt sind wir gekleidet wie zivilisierte Leute.« »In der Tat«, sagte Herr Zervelatwurst nachsichtig. Er hoffte, daß sie alles hinter sich gebracht hatten, wenn die Horde herausfand, welche zivilisierten Leute solche Kleidung trugen. Die Bärte waren ein Problem. Wer sich in der Verbotenen Stadt auf diese Weise kleidete, trug norma- lerweise keinen Bart. Schon die Bezeichnung für diese Leute deutete darauf hin, daß ihnen Bärte fehlten. Ihnen fehlte natürlich noch etwas anderes, aber als Resultat davon hatten sie keine Bärte. Cohen wand sich hin und her. »Das Zeug kratzt«, sagte er. »Dies sind also Hosen. Hab nie zuvor welche getragen. Das gilt auch für die Hem- den. Welchen Sinn haben sie, wenn sie aus Stoff bestehen und nicht aus Kettenpanzer?« »Aber wir haben uns richtig verhalten«, meinte Caleb. Er hatte sich ra- sieren lassen – der betreffende Friseur war zum ersten Mal in seiner be- ruflichen Laufbahn gezwungen gewesen, einen Meißel zu verwenden. Immer wieder rieb sich der Brecher die rosarote Haut am Kinn. »Ja, wir sind jetzt richtig zivilisiert«, sagte Vincent. »Abgesehen davon, daß ihr den Ladeninhaber angezündet habt«, wand- te der Junge Willie ein., »Ich habe ihn nur ein bißchen angezündet.« »Wasisn?« »Lehrer?« »Ja, Cohen?« »Warum hast du dem Verkäufer von Feuerwerkskörpern gesagt, alle deine Verwandten und Bekannten seien plötzlich gestorben?« Herrn Zervelatwursts Fuß klopfte sanft an das große Paket unter dem Tisch. Es lag direkt neben einem nagelneuen Kessel. »Damit er keinen Verdacht schöpft«, antwortete er. »Wegen der fünftausend Knaller?« »Wasisn?« »Nun…«, sagte Herr Zervelatwurst. »Ihr wißt ja, daß ich erst in der As- sassinengilde und später bei den Klempnern Geographie unterrichtet habe. Aber ich bin auch bei den Alchimisten tätig gewesen.« »Alchimisten«, brummte Kriecher der Unhöfliche. »Sind alle überge- schnappt.« »Aber sie interessieren sich für Geographie«, meinte Herr Zervelat- wurst. »Vermutlich deshalb, weil sie wissen möchten, wo sie gelandet sind. Eßt jetzt. Wir haben noch eine lange Nacht vor uns.« »Was ist das?« fragte Kriecher und spießte etwas mit einem Stäbchen auf. »Äh… Chow-Chow«, erwiderte Herr Zervelatwurst. »Ja, aber was ist das?« »Eine Art… Hund.« Die Horde starrte den früheren Lehrer an. »Daran gibt es überhaupt nichts auszusetzen«, sagte Herr Zervelat- wurst, der für sich Bambustriebe und Bohnenquark bestellt hatte. »Ich habe schon alles gegessen«, stellte Kriecher fest. »Aber Hund kommt nicht in Frage. Ich hatte einmal einen. Hieß Wuffi.« »Sein Halsband war mit hübschen Stahldornen geschmückt, nicht wahr?« fragte Cohen. »Und er fraß Leute, stimmt’s?« »Du kannst sagen, was du willst – er war ein guter Freund.« Kriecher, schob den Teller mit dem Fleisch beiseite. »Ich esse alles, was nicht mehr beißen kann. Her damit. Bestell ihm Huhn, Lehrer.« »Hab mal jemanden verspeist«, murmelte der Irre Polterer. »Bei einer Belagerung«. »Du hast einen Menschen gegessen?« fragte Herr Zervelatwurst und winkte einem Kellner. »Nur ein Bein.« »Das ist ja schrecklich!« »Nicht unbedingt. Man braucht nur genug Senf.« Und ich habe schon geglaubt, diese Leute zu kennen, dachte Herr Zer- velatwurst. Er griff nach seinem Weinglas. Die Horde folgte seinem Beispiel und beobachtete ihn aufmerksam. »Ich möchte einen Toast ausbringen, meine Herren. Und denkt daran, was ich übers Schlürfen gesagt habe. So etwas gehört sich nicht. Außer- dem kriegt man davon nasse Ohren. Auf die Zivilisation!« Die Horde formulierte ihre eigenen Trinksprüche. »Pcharn’kov!«* »Auf den Boden legen, und daß sich niemand rührt!« »Mögest du in interessanten Hosen leben!« »Wie heißt das magische Wort? Herdamit!« »Tod den meisten Tyrannen!« »Wasisn?« »Die Mauern der Verbotenen Stadt sind zwölf Meter hoch«, sagte Schmetterling. »Und die Tore bestehen aus Messing. Hunderte von Sol- daten patrouillieren dort. Aber wir haben ja den Großen Zauberer.« »Wen meinst du?« * Wörtlich übersetzt: »Man wird dir die Füße abhacken und sie einige Meter von deiner Leiche entfernt vergraben, damit dein Geist nicht gehen kann.«, »Dich.« »Oh. Hatte ich ganz vergessen.« »Ja.« Schmetterling bedachte Rincewind mit einem abschätzenden Blick, der ihm vertraut erschien. So hatten ihn die Professoren an der Unsichtbaren Universität angesehen, wenn er bei einer Prüfung überra- schenderweise ein gutes Ergebnis erzielt hatte – weil er die richtigen Antworten erraten hatte. Er senkte den Kopf und starrte auf die von Lotosblüte stammenden Holzkohle-Kritzeleien. Für Cohen wäre alles ganz einfach gewesen. Er hätte sich einen Weg in die Verbotene Stadt gekämpft. Dem kam es überhaupt nicht in den Sinn, zu zweifeln oder gar Furcht zu empfinden. Mit anderen Worten: Ein solcher Mann wurde gebraucht. »Zweifellos kennst du Zauberformeln, mit denen man Mauern zum Einsturz bringen kann«, sagte Lotosblüte. Rincewind fragte sich, was die Rote Armee mit ihm anstellen würde, wenn sich herausstellte, daß er überhaupt keine Magie beschwören konn- te. Nicht viel, wenn ich rechtzeitig losrenne. Natürlich würden Schmetterling und die anderen ihn verfluchen, aber daran war er gewöhnt. Stock und Stein brechen das Bein, dachte er. Ein Teil von ihm ahnte, daß dieses Sprichwort noch einen zweiten Teil hatte, was für ihn jedoch kaum eine Rolle spielte, da die erste Hälfte seine ganze Aufmerksamkeit bean- spruchte. Selbst Truhe hatte ihn verlassen. Das war ein durchaus positiver Aspekt der Situation, aber er vermißte auch das vertraut trippelnde Ge- räusch ihrer vielen Füße… »Bevor wir anfangen, solltet ihr ein revolutionäres Lied singen«, sagte Rincewind. Die Idee gefiel dem Kader. Während er sang, schob sich Rincewind näher an Schmetterling heran, die ihn mit einem wissenden Lächeln be- grüßte. »Du weißt, daß ich die Hoffnungen dieser jungen Leute nicht erfüllen kann.« »Der Meister lobte mehrmals deinen Einfallsreichtum.«, »Ich kann nicht einfach ein Loch in eine Mauer zaubern!« »Dir fällt bestimmt etwas ein. Äh… Großer Zauberer…« »Ja?« »Eins Lieblingsperle, das Mädchen mit dem Plüschkaninchen…« »Ja?« »Es hat nur den Kader. Und das gilt auch für die anderen. Wenn die Kriegsherrn gegeneinander kämpfen, müssen viele Leute sterben. Eltern. Verstehst du? Ich gehörte zu den ersten, die WIE ICH MEINE FERIEN VERBRACHTE lasen, Großer Zauberer. Und ich habe in den Schilderungen einen törichten Mann gesehen, der aus irgendeinem Grund immer Glück hatte. Großer Zauberer… ich hoffe für uns alle – und besonders für dich –, daß du auch diesmal viel Glück hast.« Springbrunnen plätscherten auf den Höfen des Sonnenkaisers. Pfauen riefen und gaben dabei Geräusche von sich, die eigentlich nicht von so hübschen Geschöpfen stammen konnten, Zierbäume spendeten auf dekorative Weise Schatten. Der Park lag im Zentrum der Stadt. Zwar konnte man hier den Puls- schlag von Hunghung hören, aber nur gedämpft – weil jeden Tag fri- sches Stroh auf den nächstliegenden Straßen ausgestreut wurde; und weil jeder Lärmerzeuger im Kerker endete. Die schönste Gartenanlage ging auf den ersten Kaiser zurück, Eins Sonnenspiegel. Sie bestand ausschließlich aus Kies und Steinen, sorgfäl- tig geharkt und so angeordnet, als wären die Formationen von einem Gebirgsbach mit Kunstsinn geschaffen worden. Hierher begab sich Eins Sonnenspiegel (unter dessen Herrschaft das Reich geeint und die Große Mauer errichtet worden war), um seine Seele zu erfrischen und über die essentielle Einheit aller Dinge nachzudenken, wobei er Wein trank – aus dem Schädel eines Feindes oder vielleicht eines Gärtners, der sich unge- schickt mit der Harke angestellt hatte. Derzeit hielt sich der Protokollmeister Zwei Kleiner Wang im Steingar- ten auf. Er kam hierher, weil es seine Nerven beruhigte. Vielleicht lag es an der Nummer Zwei, dachte er manchmal. Eine sol- che Geburtszahl konnte kein Glück bringen. Der Name Kleiner Wang, war nur eine Taktlosigkeit, ein Klecks Möwenkot nach dem großen Hau- fen Büffelexkrement, den der Himmel in sein Horoskop geklatscht hatte. Es wurde auch nicht besser, als er den Posten des Protokollmeisters be- kam. Zuerst ließ sich alles ganz vielversprechend an. In seiner beruflichen Laufbahn im Staatsdienst des Achatenen Reiches erzielte Zwei Kleiner Wang gute Fortschritte, weil er alle für eine gute Regierung und Verwal- tung notwendigen Fähigkeiten beherrschte: Kalligraphie, die Kunst des Papierfaltens, das Binden von Blumen sowie die Fünf Wundervollen Formen der Poesie. Gewissenhaft erledigte er alle Aufgaben und be- merkte im Lauf der Zeit, daß die Anzahl seiner Vorgesetzten immer mehr zu schrumpfen schien. Eines Tages kamen mehrere hochgestellte Mandarine zu ihm – die meisten von ihnen bekleideten einen wesentlich höheren Rang als er –, während er nach einem Reim auf »Orangenblüte« suchte. Sie gratulierten ihm und verkündeten, er sei der neue Protokoll- meister. Dieses erstaunliche Ereignis lag jetzt drei Monate zurück. In den vergangenen zwölf Wochen hatte er viele neue Erkenntnisse gewonnen, und die schrecklichste von ihnen war: Der Sonnenkaiser war weder der Herr des Himmels noch die Säule des Firmaments oder der Große Strom des Segens, sondern ein grausamer Irrer, der längst ins Grab gehörte. Ein entsetzlicher Gedanke. Genausogut konnte man Mutterschaft und rohen Fisch verabscheuen oder Einwände gegen Sonnenschein erheben. Die meisten Menschen entwickeln ihr soziales Gewissen in jungen Jah- ren, während der kurzen Phase zwischen dem Schulabschluß und der Einsicht, daß Ungerechtigkeit nicht immer schlecht ist. Sein soziales Gewissen erst mit Sechzig zu finden, war ein ziemlicher Schock. Was keineswegs bedeuten sollte, daß er den Goldenen Regeln kritisch gegenüberstand. Seiner Ansicht nach machte es durchaus Sinn, einem Dieb die Hände abzuhacken. Es hinderte ihn daran, erneut zu stehlen und dadurch seine Seele zu beflecken. Ein Bauer, der seine Steuern nicht bezahlen konnte, mußte hingerichtet werden, um ihn vor der Versuchung von Faulheit und Protest zu bewahren. Und da das Reich vom Himmel als einzige wahre Welt für die Menschen geschaffen worden war, umge-, ben von einer Ödnis, in der nur Geister hausten, konnte es kaum falsch sein, alle Leute mit dem Tod zu bestrafen, die diese göttliche Ordnung in Frage stellten. Aber Zwei Kleiner Wang fand es nicht richtig, dabei zu lachen. Solche Dinge waren nicht angenehm, nur notwendig. Irgendwo in der Ferne ertönten Schreie. Der Kaiser spielte wieder Schach – mit lebenden Figuren. Das Wissen ruhte wie eine schwere Last auf dem Protokollmeister. Es hatte bessere Zeiten gegeben – das wußte er jetzt. Die Dinge waren nicht immer so gewesen wie im Moment. Kaiser mußten nicht unbedingt bru- tale Narren sein, in deren Nähe man ebenso sicher war wie auf der Sandbank eines Flusses während der Krokodilsaison. Es mußte nicht jedesmal ein Bürgerkrieg ausbrechen, wenn ein Kaiser starb. Es gab kei- ne Gesetze, die von den Kriegsherrn verlangten, das Land zu regieren. Und die Bürger… Sie hatten nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte. Eines Tages war es zu Auseinandersetzungen über die Thronfolge ge- kommen, was zu einem Krieg geführt hatte. Und anschließend war alles durcheinandergeraten. Mit etwas Glück dauerte es nicht mehr lange, bis der Kaiser starb. Vermutlich wurde bereits eine spezielle Hölle für ihn vorbereitet. Auf seinen Tod würde ein Kampf folgen, der über den neuen Kaiser ent- schied, und wenn Zwei Kleiner Wang Glück hatte, verlor er im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf – das geschah oft mit Leuten, die unter ei- nem früheren Kaiser hohe Ämter bekleidet hatten. Solche Maßnahmen waren alles andere als ungewöhnlich. Manchmal genügte es, den Kaiser beim Nachdenken zu stören oder an der falschen Stelle zu stehen, um enthauptet zu werden. Plötzlich hörte Zwei Kleiner Wang Geister. Sie schienen sich direkt unter seinen Füßen zu befinden und unterhiel- ten sich in einer sonderbaren Sprache, die für den Protokollmeister nur aus unverständlichen Lauten bestand. Sie klangen so: »Meine Güte, wo sind wir hier?« »Irgendwo unter dem Palast, glaube ich. Haltet nach einer weiteren Öffnung in der Decke Ausschau…«, »Wasisn?« »Ich hab’s satt, den verdammten Rollstuhl zu schieben!« »Eins sage ich euch: Nach dieser Sache steht für mich ein heißes Fußbad auf dem Programm.« »Seit wann nimmt man eine Stadt ein, indem man durch hüfthohes Wasser stapft? Wir haben eine… verflixte… Stadt ganz anders eingenommen, als ich mit dem Fürchterlichen Ferdinand ritt! Mit tausend Kriegern haben wir sie überrannt, ja- wohl!« »Ja, aber hier ist nicht genug Platz für tausend Krieger.« Die Stimmen klangen hohl und erzeugten dumpfe Echos. Mit einer Mischung aus Faszination und Verwirrung folgte ihnen Zwei Kleiner Wang. Gedankenlos wanderte er über den manikürten Kies, was der Schöpfer des Steingartens vermutlich zum Anlaß genommen hätte, ihm die Zunge abschneiden zu lassen. »Können wir uns bitte beeilen? Ich möchte aus der Kanalisation heraus sein, wenn der Kessel explodiert. Und ich hatte nicht genug Zeit, mit der Zündschnur zu expe- rimentieren.« »Das mit dem Kessel verstehe ich noch immer nicht, Lehrer.« »Ich hoffe, daß die vielen Knaller ein Loch in die Mauer reißen.« »Ach? Und warum sind wir nicht dort? Warum stapfen wir durch dieses Rohr?« »Weil alle Wächter zum Ort der Explosion laufen werden, um festzustellen, was da los ist.« »Ja! Deshalb sollten wir dort sein!« »Nein! Wir sollten hier sein, Cohen. Das ist ein sogenanntes Ablenkungsma- növer. So ist es… zivilisierter.« Zwei Kleiner Wang preßte das Ohr auf den Boden. »Wie wird unbefugtes Betreten der Verbotenen Stadt bestraft, Lehrer?« »Ich schätze mit Erhängen, Abhacken, Schneiden und Vierteilen. Deshalb wäre es eine gute Idee, wenn wir…« Es platschte. »Was passiert beim Schneiden?« »Ich glaube, dabei werden die Eingeweide herausgeholt und einem anschließend ge-, zeigt.« »Zu welchem Zweck?« »Keine Ahnung. Um festzustellen, ob man sie erkennt, nehme ich an.« »In der Art von ›Ja, genau, das sind meine Nieren‹ und ›He, das ist mein Früh- stück‹?« »Und das Vierteilen? Bekommt man vier Teile von etwas?« »Ich fürchte, dabei geht es um etwas anderes.« Eine Zeitlang hörte Zwei Kleiner Wang nur ein Platschen, hervorgeru- fen von sechs Beinpaaren, und ein beharrliches Quietschen, das von einem Rad zu stammen schien. »Und woran wird man erhängt?« »Wie bitte?« »Har, har, har… Entschuldigung, Entschuldigung.« Zwei Kleiner Wang stolperte über einen zweihundert Jahre alten Bon- sai und prallte mit dem Kopf gegen einen Stein, den man für die funda- mentale Gelassenheit des kleinen Baums ausgewählt hatte. Als er einige Sekunden später wieder zu sich kam, hörte er keine Stimmen mehr. Viel- leicht hatten sie nie existiert. Geister. In letzter Zeit trieben sich viele Geister herum. Zwei Kleiner Wang wünschte sich einige Feuerwerkskörper, um sie zu vertreiben. Protokollmeister zu sein… Das war noch schlimmer als die Suche nach einem Reim auf »Orangenblüte«. Fackelschein glühte in den Gassen von Hunghung. Während die Rote Armee hinter ihm plauderte, näherte sich Rincewind der Mauer der Ver- botenen Stadt. Niemand wußte besser als er selbst, daß er überhaupt keine richtige Magie beschwören konnte. Sicher, es war ihm einige Male gelungen, so- gar auf recht spektakuläre Weise, aber seine thaumaturgischen Erfolge verdankte er allein dem Zufall. Wenn er die Hand bewegte und einige magische Worte sprach, konnte er ziemlich sicher sein, daß die Mauer der Verbotenen Stadt anschließend einige Löcher weniger hatte als jetzt., Er bedauerte es sehr, Lotosblüte enttäuschen zu müssen – ihr herrli- cher Körper erinnerte ihn an wellige Kartoffelkroketten –, aber sie muß- te lernen, daß man sich auf Zauberer nicht verlassen konnte. Und anschließend würde er von hier verschwinden. Was konnte Schmetterling schon machen, wenn er es versuchte und keinen Erfolg hatte? Ein seltsamer Wunsch überraschte ihn: Bevor er diesen Ort ver- ließ, wollte er Zwei Feuerkraut zu seinem Scharfsinn gratulieren. Es er- staunte ihn, daß die anderen nicht durchschauten, was für ein Mensch er wirklich war. Dieser Bereich der Mauer verlief zwischen zwei Toren. Das Leben von Hunghung schwappte in schlammigen Wellen dagegen. Überall standen Marktbuden und Verkaufsstände. Rincewind hatte bisher geglaubt, die Bürger von Ankh-Morpork liebten das Leben auf der Straße, aber im Vergleich mit den Bewohnern von Hunghung litten sie an Agoraphobie. Bestattungen (mit Feuerwerkskörpern), Hochzeiten und religiöse Prozes- sionen – alles vermischte sich mit den üblichen Marktaktivitäten, dem ungezwungenen Schlachten von Vieh und dem permanenten Geschrei. Zwei Feuerkraut deutete auf eine bestimmte Stelle der Mauer. Feuer- holz war dort gestapelt. »Da drüben, Großer Zauberer«, sagte er höhnisch. »Streng dich nicht übermäßig an. Ein kleines Loch genügt völlig.« »Aber es sind Hunderte von Leuten in der Nähe!« »Ergeben sich deswegen etwa Probleme für einen Großen Zauberer? Kannst du nicht zaubern, wenn jemand zusieht?« »Ich bin sicher, daß uns der Große Zauberer beeindrucken wird«, sagte Schmetterling. »Wenn die Leute die Macht des Großen Zauberers sehen, werden sie bis in alle Ewigkeit davon erzählen«, verkündete Lotosblüte. »Ja, mag sein«, murmelte Rincewind. Der Kader schwieg, was sich nur feststellen ließ, weil keiner mehr die Lippen bewegte. Ein Loch des Schweigens entstand, das sich sofort mit dem Geschnatter des Marktes füllte. Rincewind rollte die Ärmel hoch. Er kannte nicht einmal eine Zauberformel, die dazu diente, irgend et-, was explodieren zu lassen… Er winkte unsicher mit der Hand. »Ich glaube, wir sollten besser zurückweichen«, meinte Zwei Feuer- kraut spöttisch. »Quanti canicula illa in fenestre?« sagte Rincewind. »Äh…« Verzweifelt starrte er zur Mauer, und seine von Entsetzen sensibilisier- te Wahrnehmung bemerkte einen halb im Holz verborgenen Kessel. Eine kleine brennende Schnur ragte daraus hervor. »Äh«, wiederholte er. »Ich glaube, da drüben…« »Hast du Probleme?« fragte Zwei Feuerkraut voller Schadenfreude. Rincewind straffte die Schultern. »–«, sagte er. Ein sonderbares Geräusch erklang – es hörte sich an wie ein weicher Pfannkuchen, der auf einen Teller fiel. Gleichzeitig wurde vor Rince- winds Augen alles weiß. Das Weiß verwandelte sich in ein von schwarzen Streifen durchzoge- nes Rot. Das Geräusch streckte seine Hände aus und schmetterte sie gegen Rincewinds Ohren. Ein sichelförmiges, glühendes Teil schnitt die Spitze vom Hut des Zauberers, traf einen Sekundenbruchteil später das nächste Haus und setzte es in Brand. Es roch nach angesengten Augenbrauen. Als alle Trümmerstücke zu Boden gefallen waren, sah Rincewind ein ziemlich großes Loch in der Mauer. Die Ziegelsteine an dessen Rand – jetzt eine rotglühende Keramikmasse – kühlten langsam ab und flüster- ten Glinka-glinka. Rincewind starrte auf seine rußgeschwärzten Hände. »Donnerwetter«, sagte er. Und dann fügte er hinzu: »Na schön!« Er drehte den Kopf, um ein zufriedenes »Na, wie hat euch das gefal- len?« an den Rest der Welt zu richten. Doch er blieb stumm, als er sah, daß alle auf dem Boden lagen., Eine Ente beobachtete ihn argwöhnisch aus ihrem Käfig. Die Gitter- stäbe boten ihr teilweise Schutz, weshalb ihr Äußeres abwechselnd gefie- dert und knusprig war. Rincewind hatte sich immer gewünscht, zu derartiger Magie fähig zu sein. Es war ihm nie schwergefallen, sich alles genau auszumalen. Doch die Kluft zwischen Vorstellung und Realität blieb unüberbrückbar. Bis jetzt… Einige Soldaten erschienen in dem Loch. Einer von ihnen – der be- sonders grimmig wirkende Helm verriet, daß es sich um einen Offizier handelte – betrachtete erst die demolierte Mauer und starrte dann Rin- cewind an. »Bist du dafür verantwortlich?« fragte er. »Kommt nicht näher!« rief Rincewind und genoß das Gefühl der Macht. »Ich bin der Große Zauberer, jawohl! Siehst du diesen Finger? Zwing mich nicht, ihn zu gebrauchen!« Der Offizier nickte zwei Wächtern zu. »Schnappt ihn euch.« Rincewind wich einen Schritt zurück. »Ich warne euch! Wer mich anrührt, muß damit rechnen, für den Rest seines Lebens Fliegen zu fressen und umherzuhüpfen!« Die Wächter näherten sich mit der Entschlossenheit von Männern, die das Unwägbare der Magie der Gewißheit von schrecklicher Strafe für Befehlsverweigerung gegenüberstellten. »Zurück mit euch! Der Finger könnte jeden Augenblick losgehen! Na schön, ihr wollt es nicht anders…« Rincewind winkte mit der Hand. Er schnippte einige Male mit den Fingern. »Äh…« Die Wächter stellten erleichtert fest, daß sie noch immer die gleiche Gestalt besaßen wie vorher. Jeder von ihnen griff nach einem Arm des Zauberers. »Möglicherweise dauert es diesmal etwas länger, bis sich die Wirkung entfaltet«, hoffte Rincewind, als die Soldaten fester zugriffen., »Möchtet ihr vielleicht einen berühmten Ausspruch hören?« fragte er. Die Wächter hoben ihn hoch, wodurch seine Füße den Bodenkontakt verloren. »Nein, wahrscheinlich nicht.« Rincewind lief in leerer Luft, als er zum Offizier getragen wurde. »Auf die Knie, Rebell!« fauchte der Mann mit dem schrecklichen Helm. »Das würde ich ja gern, aber…« »Ich habe gesehen, was ihr mit Vier Weiße Füchse angestellt habt!« »Wie bitte? Wen meinst du?« »Bringt… ihn… zum… Kaiser.« Als man ihn fortbrachte, sah Rincewind aus den Augenwinkeln, wie die Soldaten mit gezückten Schwertern gegen die Rote Armee vorrückten… Eine Metallplatte erzitterte kurz und fiel dann zu Boden. »Paß auf!« »Ich bin nicht daran gewöhnt, aufzupassen! Als ich mit dem Fürchter- lichen Ferdinand ritt…« »Hör endlich auf, immer wieder vom Fürchterlichen Ferdinand zu er- zählen!« »Dir auch ein Dung, verflixt und zum Kuckuck!« »Wasisn?« »Ist da jemand?« Cohen schob den Kopf durch die Einstiegsöffnung. Er sah einen dunklen, feuchten Raum mit vielen Rohren und Rinnen. Wasser floß in alle Richtungen und speiste Springbrunnen und Zisternen. »Nein«, stellte er enttäuscht fest. »Na schön. Alle nach oben.« Dumpfe Flüche erklangen, untermalt von metallenem Kratzen, als sie den Rollstuhl des Irren Polterers in den Keller bugsierten. Herr Zervelatwurst riß ein Streichholz an, als die Horde ausschwärmte und ihre neue Umgebung erforschte. »Herzlichen Glückwunsch, meine Herren«, sagte er. »Ich glaube, wir sind im Palast.«, »Ja«, erwiderte Kriecher der Unhöfliche. »Wir haben einen Sch… einen verflixten Abwasserkanal erobert. Was nützt uns das?« »Wir könnten ihn vergewaltigen«, sagte Caleb hoffnungsvoll. »He, dieses Rad läßt sich drehen…« »Warum ist der Abwasserkanal verflixt?« »Wozu dient dieser Hebel?« »Wasisn?« »Wie wär’s, wenn wir die nächste Tür öffnen, losstürmen und alle um- bringen?« Herr Zervelatwurst schloß die Augen. Er begriff plötzlich, warum ihm die Situation so vertraut erschien. Einmal hatte er eine Schulklasse auf einem Ausflug zum städtischen Arsenal begleitet. An feuchten Tagen schmerzte sein rechtes Bein noch immer. »Nein, nein, nein!« sagte er. »Welchen Sinn hätte das? Bitte laß den He- bel in Ruhe, Junger Willie.« »Nun, ich würde mich dann viel besser fühlen«, ließ sich Cohen ver- nehmen. »Habe den ganzen Tag noch niemanden umgebracht. Abgese- hen von einem Wächter, und die zählen kaum.« »Denkt daran, warum wir hier sind«, wandte sich Herr Zervelatwurst an die Graue Horde. »Wir wollen nicht töten, sondern etwas stehlen. Legt jetzt das nasse Leder ab und zieht die neuen hübschen Sachen an.« »Dieser Teil des Plans gefällt mir nicht«, brummte Cohen und streifte das Hemd über. »Mir ist es lieber, wenn die Leute wissen, wer ich bin.« »Ja«, pflichtete ihm der Junge Willie bei. »Ohne das Leder und die Ket- tenhemden hält man uns nur für alte Männer.« »Genau«, bestätigte Herr Zervelatwurst. »Das gehört zu unserer List.« »So wie Taktik?« »Ja.« »Na schön, aber mir gefällt’s trotzdem nicht«, sagte der alte Vincent. »Angenommen, wir erringen den Sieg? Welche Lieder sollen die Bänkel- sänger über Leute singen, die durch einen Abwasserkanal angriffen?« »Bestimmt klingen die Lieder ziemlich hohl«, meinte der Junge Willie., »Hohle Lieder kommen nicht in Frage«, sagte Cohen fest. »Wenn man einen Bänkelsänger bezahlt, dann singt er, was man will.« Schmierige Treppenstufen führten zu einer Tür. Herr Zervelatwurst stand davor und lauschte. »Stimmt«, knurrte Caleb. »Wer dem Flötenspieler das Geld gibt, be- stimmt die Melodie.« »Meine Herren…« Ein seltsamer Glanz zeigte sich in Herrn Zervelat- wursts Augen. »Wer dem Flötenspieler das Messer an die Kehle setzt, bestimmt die ganze Symphonie.« Der Assassine schlich langsam durch Lord Hongs Gemächer. Er gehörte zu den Besten in der kleinen, exklusiven Assassinengilde von Hunghung, und er war gewiß kein Rebell. Er verabscheute die Re- bellen, auch und vor allem deshalb, weil sie arm und deshalb keine Kun- den waren. Er war besonders vorsichtig und vermied es, den Boden zu berühren – Lord Hongs Dielen gaben verschiedene Töne von sich, die eine Melodie ergaben. Um sich fortzubewegen, nutzte der Assassine Möbelstücke, dekorative Raumteiler und gelegentlich auch die Decke. Er erwies sich dabei als sehr geschickt. Als ein Kurier durch eine ferne Tür trat, verharrte er kurz und näherte sich dem Opfer dann in perfekt synchronisiertem Rhythmus – die plumpen Schritte des Neuankömm- lings tarnten seine eigenen. Lord Hong stellte ein neues Schwert her. Aus Erfahrung wußte er: Das Bearbeiten von Metall – das Erhitzen und Hämmern – förderte klares Denken. Zu viele abstrakte Reflexionen schadeten dem Gehirn. Manch- mal fand Lord Hong auch Gefallen daran, seine Hände zu benutzen. Er schob das Schwert in den Schmelzofen zurück und trat mehrmals den Blasebalg. »Ja?« fragte er. Der Kurier lag auf dem Boden und sah auf. »Gute Neuigkeiten, o Herr. Wir haben die Rote Armee gefangenge- nommen!« »Nun, das sind wirklich gute Neuigkeiten«, sagte Lord Hong. Er beo-, bachtete die Klinge und wartete darauf, daß sich ihre Farbe veränderte. »Habt ihr auch jenen Mann gefaßt, den man ›Großer Zauberer‹ nennt?« »Ja!« bestätigte der Kurier. »Aber so groß ist er gar nicht, o Herr.« Seine Fröhlichkeit verflüchtigte sich schlagartig, als Lord Hong eine Braue wölbte. »Glaubst du? Ich bin ziemlich sicher, daß er über eine gefährliche ma- gische Macht gebietet.« »Ja, o Herr! Ich wollte auf keinen Fall…« »Sorg dafür, daß alle eingesperrt werden. Und benachrichtige Haupt- mann Fünf Hongmann. Er soll die Anweisungen ausführen, die ich ihm heute gegeben habe.« »Ja, o Lord!« »Und jetzt steh auf!« Der Kurier erhob sich zitternd. Lord Hong streifte einen dicken Hand- schuh über und griff nach dem Schwertheft. Hitze strahlte aus dem Schmelzofen. »Das Kinn hoch!« »Lord…« »Und öffne die Augen, ganz weit.« Dieser Befehl war gar nicht nötig. Lord Hong blickte in die Maske des Schreckens, sah eine Bewegung und nickte. Mit fast ballettartiger Ele- ganz zog er die zischende Klinge aus dem Ofen, drehte sich um, stieß zu… Ein kurzer Schrei ertönte, und es zischte etwas lauter. Lord Hong ließ den Assassinen zu Boden sinken, zog das Schwert aus der Leiche und betrachtete die dampfende Klinge. »Hmm«, murmelte er. »Interessant…« Sein Blick kehrte zum Kurier zurück. »Du bist noch hier?« »Nein, o Herr!« »Laß deine Worte Wirklichkeit werden.« Lord Hong drehte das Schwert ins Licht und betrachtete die Schneide., »Und… äh… soll ich jemanden schicken, der die… äh… Leiche fort- schafft?« »Was?« fragte Lord Hong gedankenverloren. »Die Leiche, Lord Hong?« »Welche Leiche? Oh. Ja, ja, kümmere dich darum.« Die Wände waren prächtig geschmückt – das erkannte Rincewind, ob- wohl man ihn ziemlich schnell an ihnen vorbeitrug. Kunstvolle Bilder zeigten wunderschöne Vögel, Bergszenen oder Ansammlungen von Laub. Einige wenige Pinselstriche genügten, um selbst komplexe Details darzustellen. Keramiklöwen saßen auf marmornen Sockeln. Fast zwei Meter große Vasen säumten die Flure. Lackierte Türen öffneten sich vor den Wächtern. Rincewind bemerkte große, prunkvolle und leere Zimmer zu beiden Seiten. Schließlich passierten sie eine letzte Tür, hinter der er auf einen hölzer- nen Boden geworfen wurde. In solchen Fällen hielt er es für besser, nicht aufzusehen. Eine dienstbeflissene Stimme sagte: »Was hast du zu deiner Verteidi- gung zu sagen, elende Laus?« »Nun, ich…« »Ruhe!« Oh. So ein Verhör stand ihm also bevor. Eine andere Stimme – rauh, atemlos und alt – fragte: »Wo ist der Groß… wesir?« »Er hat sich in seine Unterkunft zurückgezogen, Erhabener. Er hat über Kopfschmerzen geklagt.« »Hol ihn sofort… hierher.« »Gewiß, Erhabener.« Rincewind preßte die Nase weiter auf den Boden und zog erste Schlüs- se. Großwesire waren immer ein schlechtes Zeichen; sie würden in den meisten Fällen wilde Pferde und rotglühende Ketten vorschlagen. Und, wenn Titel wie »Erhabener« gebraucht wurden, dann gab es mit ziemli- cher Sicherheit keine Berufungsinstanzen. »Dies ist ein… Rebell, nicht wahr?« Die Worte wurden eher geschnauft als gesprochen. »Ja, Erhabener.« »Ich glaube, ich möchte… ihn mir aus der Nähe… ansehen.« Leises Murmeln verriet die Überraschung der Anwesenden. Anschlie- ßend schien ein Möbelstück bewegt zu werden. Rincewind glaubte, am Rand seines Blickfelds so etwas wie eine Decke zu sehen. Jemand rollte ein Bett heran. »Er soll… aufstehen.« Das Gluckern in der Stimme klang wie abflie- ßendes Badewasser. Dazu kam ein Schlürfen wie von einer über den Strand rollenden Welle. Ein Stiefel traf Rincewind in der Nierengegend – im Esperanto der Brutalität eine klare Aufforderung. Er stemmte sich hoch. Das Ding war tatsächlich ein Bett, und zwar ein sehr großes. Ein alter Mann lag darin, in Brokat gehüllt und von vielen weichen Kissen umge- ben. Nie zuvor hatte Rincewind jemanden gesehen, der so krank wirkte. Das Gesicht zeigte eine grünliche Blässe. Auf den Händen zeichneten sich Adern unter der Haut ab wie Würmer in einem Glas. Der Kaiser hatte alle Eigenschaften einer Leiche, abgesehen von der, tot zu sein. »Dies ist also… der Große Zauberer, von dem wir… so viel gelesen haben?« fragte er. Wenn er sprach, erwartete man das letzte Röcheln mitten im Satz. »Nun, ich…«, begann Rincewind. »Ruhe!« rief der Kämmerer. Rincewind zuckte mit den Achseln. Kaiser waren für ihn immer recht exotische Geschöpfe gewesen – er hatte an dicke Männer gedacht, die viele Ringe an ihren wurstigen Fin- gern trugen. Mit diesem Kaiser zu reden, grenzte an Nekromantie. »Kannst du uns noch etwas mehr… Magie zeigen, Großer Zauberer?«, Rincewind sah zum Kämmerer. »N…« »Ruhe!« Der Kaiser winkte und gurgelte dabei vor Anstrengung. Dann richtete er einen fragenden Blick auf Rincewind, der beschloß, etwas zu riskieren. »Ich kenne einen guten Trick«, sagte er. »Es ist ein Zauber des Ver- schwindens.« »Kannst du ihn… jetzt vorführen?« »Nur wenn jemand die Türen öffnet und sich alle Anwesenden die Au- gen zuhalten.« Der Gesichtsausdruck des Kaisers veränderte sich nicht. Es war still in der großen Kammer – dann erklang ein Geräusch wie von mehreren Kaninchen, die langsam erdrosselt werden. Der Kaiser lachte. Als das klar war, lachten auch alle anderen. Wer die Macht hat, mit einem Wort zu töten, kann sicher sein, nie allein lachen zu müssen. »Was sollen wir mit… dir machen?« fragte er. »Wo ist… der Großwe- sir?« Die Menge teilte sich. Rincewind wagte einen raschen Blick zur Seite. Sich in der Gewalt ei- nes Großwesirs zu befinden… kam einem Todesurteil gleich. Großwesi- re waren praktisch immer intrigierende Größenwahnsinnige. Vermutlich stand das schon in der Stellenausschreibung: »Bist du ein durchtriebener, hinterhältiger und vollkommen unzuverlässiger Irrer? Dann kannst du bei mir zu einem Minister werden, dem ich besonders viel Vertrauen schenke.« »Ah, Lord… Hong«, sagte der Kaiser. »Gnade?« schlug Rincewind vor. »Ruhe!« keifte der Kämmerer. »Sag mir, Lord… Hong…«, schnaufte der uralte Kaiser. »Wie bestrafen wir einen… Fremden für… unbefugtes Eindringen in… die Verbotene Stadt?« »Wir entfernen alle seine Gliedmaßen sowie seine Augen und Ohren«,, antwortete Lord Hong. »Anschließend darf der Übeltäter gehen.« Rincewind hob die Hand. »Und wenn es das erste Mal ist?« fragte er. »Ruhe!« »Für gewöhnlich gibt es keine Rückfälle«, erklärte Lord Hong. »Wer ist diese Person?« »Er gefällt mir«, sagte der Kaiser. »Ich glaube, ich… behalte ihn. Er bringt mich… zum Lachen.« Rincewind öffnete den Mund. »Ruhe!« heulte der Kämmerer, was angesichts der neuesten Entwick- lung nicht sehr klug war. »Äh… kannst du vielleicht dafür sorgen, daß er nicht immer ›Ruhe!‹ schreit, wenn ich etwas sagen möchte?« fragte er. »Natürlich… Großer Zauberer«, entgegnete der Kaiser und nickte eini- gen Wächtern zu. »Bringt den Kämmerer… weg und schneidet ihm… die Lippen ab.« »Erhabener, ich…« »Und auch die… Ohren.« Der arme Kerl wurde fortgezerrt. Zwei lackierte Türflügel klappten zu. Die Höflinge spendeten höflichen Applaus. »Möchtest du sehen, wie er… seine Lippen und Ohren ißt?« Der Kai- ser grinste glücklich. »Es macht ungeheuer… viel Spaß.« »Ahahaha«, sagte Rincewind. »Eine gute Entscheidung, Herr«, lobte Lord Hong. Er drehte den Kopf und sah Rincewind an. Verblüfft und auch ein wenig entsetzt stellte der Zauberer fest, daß der Großwesir zwinkerte. »O Erhabener…« Ein dicklicher Höfling sank auf die Knie, wackelte ein wenig und rutschte nervös näher. »Ich frage mich, ob es klug ist, ei- nem fremden Teufel gegenüber so gnädig zu sein…« Der Kaiser blickte nach unten. Rincewind hätte schwören können, daß Staub von ihm abfiel., Unter den Zuschauern wurde es leise unruhig. Zwar wagte es niemand, sich zu rühren, und alle Füße blieben an Ort und Stelle, trotzdem ver- größerte sich der freie Bereich um den Knienden. Der Kaiser lächelte. »Deine Bedenken werden hiermit… zur Kenntnis genommen«, keuch- te er. Das erleichterte Lächeln des Höflings verblaßte abrupt, als der Kai- ser hinzufügte: »Doch deine Anmaßung toleriere… ich nicht. Tötet ihn langsam im… Verlauf von mehreren Tagen.« »Aargh!« »Ja… meinetwegen. Mit besonders viel… siedendem Öl!« »Eine hervorragende Idee, o Herr«, kommentierte Lord Hong. Der Kaiser wandte sich wieder an Rincewind. »Ich bin sicher, der… Große Zauberer ist mein Freund«, gurgelte er. »Ahahaha«, sagte Rincewind. In solch einer Lage befand er sich nicht zum ersten Mal. Aber sein Ge- genüber war stets jemand wie… nun, wie Lord Hong gewesen, kein Scheintoter, der seinen Verstand so weit verlegt hatte, daß er ihn nicht einmal mit einer langen Stange wiederfinden konnte. »Bestimmt haben wir… viel Spaß«, schnaufte der Kaiser. »Ich habe… alles über dich gelesen.« »Ahahaha«, erwiderte Rincewind. Der Kaiser winkte seinem Hofstaat zu. »Ich ziehe mich jetzt zurück«, verkündete er. Die Leute bewegten sich, und einige gähnten demonstrativ – offenbar blieb niemand länger auf als der Erhabene. »Wie sollen wir mit deinem Großen Zauberer verfahren, Herr?« fragte Lord Hong. »Bringt ihn im… speziellen Verlies unter«, antwortete der Kaiser. »Fürs erste.« »Ja, Herr.« Lord Hong nickte zwei Soldaten zu. Rincewind riskierte einen schnellen Blick über die Schulter, als man ihn fortbrachte. Der Kaiser lag in einem mobilen Bett und schenkte ihm, überhaupt keine Beachtung mehr. »Ist er verrückt oder so?« fragte er. »Ruhe!« Rincewind sah zu dem Wächter auf, von dem dieses Wort stammte. »Ein solches Mundwerk kann hier erhebliche Probleme bekommen«, sagte er. Lord Hong fühlte sich oft vom Zustand der Menschheit enttäuscht. Das Wesen des Menschen erschien ihm zu fehlerhaft. Es mangelte ihm vor allem an Konzentration. Zum Beispiel die Rote Armee: Mit ihm als Rebel- len hätte der Kaiser schon vor Monaten das Zeitliche gesegnet, und das ganze Land wäre in Flammen aufgegangen, abgesehen von den Stellen, die zu feucht waren. Doch diese Aufständischen… Trotz all seiner Be- mühungen beschränkten sich ihre revolutionären Aktivitäten darauf, heimlich Plakate an Mauern zu kleben, auf denen stand: »Möge den Un- terdrückern bei passender Gelegenheit Unangenehmes widerfahren.« Sie hatten versucht, die Wachhäuser anzuzünden. Ein lobenswertes Unterfangen – so benahmen sich richtige Revolutionäre. Allerdings hat- ten sie sich zuerst bemüht, dafür einen Termin zu vereinbaren. Es hatte Lord Hong erhebliche Anstrengungen gekostet, der Roten Armee zu einigen vermeintlichen Siegen zu verhelfen. Sie hatte von ihm auch den Großen Zauberer bekommen, an den sie so sehr glaubte. Jetzt gab es keine Entschuldigungen mehr. Alles deutete darauf hin, daß der Bursche so feige und unfähig war, wie es Lord Hong erwartete. Eine von ihm angeführte Streitmacht würde entweder fliehen oder eine vernichtende Niederlage erleiden, was den Weg für die Konter- revolutionäre öffnete. Und die Konterrevolution würde alles andere als ineffizient sein. Dafür wollte Lord Hong sorgen. Doch eins nach dem anderen. Überall gab es Gegner. Mißtrauische Gegner. Der Pfad des Ehrgeizigen führte über einen Nachtigallenboden: Ein falscher Schritt, und eine verräterische Melodie erklang. Bedauerli- cherweise würde sich bald herausstellen, daß der Große Zauberer es gut verstand, Schlösser zu knacken. In der kommenden Nacht bewachten, Lord Tangs Männer den Kerker. Nun, wenn die Rote Armee entkam, konnte man gewiß nicht Lord Tang die Schuld geben… Lord Hong erlaubte sich ein leises, zufriedenes Lachen, als er zu seinen Gemächern zurückkehrte. Auf Beweise kam es an. Es durfte nie Beweise geben. Aber diese Dinge spielten bald keine Rolle mehr. Nichts einte ein Volk schneller und besser als ein ordentlicher Krieg. Außerdem war der Große Zauberer – Anführer der schrecklichen Rebellenarmee – ein un- heilvoller Unruhestifter aus dem Ausland. Damit war er gewissermaßen der Funke, der die Zündschnur des Knallers in Brand setzte. Und dann… Ankh-Morpork [urinierender Hund]. Hunghung war alt. Die Kultur basierte auf traditionellen Bräuchen, dem Verdauungstrakt des Wasserbüffels und Verrat. Lord Hong befür- wortete alle drei Aspekte, aber sie ermöglichten keine Weltherrschaft. Und Lord Hong war sehr für die Weltherrschaft, solange der Herrscher über die Welt Lord Hong hieß. Er setzte sich an den Teetisch und dachte: Wäre ich der typische Großwesir, würde ich jetzt meckernd lachen. Statt dessen schmunzelte er nur. Wurde es wieder Zeit für die Kiste? Nein. Manchmal war die Vorfreu- de besonders schön. Beim Anblick des Rollstuhls des Irren Polterers drehten sich einige Köp- fe, aber niemand gab einen Kommentar ab oder stellte Fragen. Übermä- ßige Neugier gehörte nicht zu den notwendigen Eigenschaften zum Überleben in Hunghung. Alle setzten einfach ihre Arbeit fort, die darin zu bestehen schien, Papier durch die Flure zu tragen. Cohen blickte auf das hinab, was seine Hände hielten. Im Lauf der Jahrzehnte hatte er mit vielen Waffen gekämpft: mit Schwertern, auch mit Bögen, Speeren und Keulen… Es gab praktisch keine Waffe, die auf dieser Liste fehlte. Doch das hier… »Mir gefällt’s noch immer nicht«, sagte Kriecher der Unhöfliche. »War- um tragen wir Papier?« »Weil man an einem solchen Ort überhaupt nicht auffällt, wenn man, mit irgendwelchen Papieren durch die Gegend läuft«, sagte Herr Zerve- latwurst. »Wieso?« »Wasisn?« »Es ist… eine Art Magie.« »Ich würde mich besser fühlen, wenn es eine Art Waffe wäre.« »Papier kann die mächtigste aller Waffen sein.« »Ich weiß«, sagte der Junge Willie. »Hab mich gerade geschnitten.« Er leckte sich Blut vom Finger. »Wasisn?« »Nun, meine Herren…«, sagte Herr Zervelatwurst stolz. »Wir sind nun in der Verbotenen Stadt, und niemand ist tot!« »Ja«, bestätigte Kriecher, »genau darüber beklagen wir uns ja, zum… Dung!« Herr Zervelatwurst seufzte. Kriecher der Unhöfliche ging auf besonde- re Weise mit der Sprache um. Es spielte keine Rolle, welche Worte er benutzte – man hörte immer das, was er wirklich meinte. Er konnte die Luft blau färben, indem er einfach »Socken« sagte. Hinter Rincewind schloß sich die Tür, und die Wächter schoben einen Riegel vor. Die Kerker des Achatenen Reiches unterschieden sich kaum von de- nen daheim. Wollte man so erfinderische Geschöpfe wie durchschnittli- che menschliche Wesen einsperren, verließ man sich auf altmodische Gitterstäbe aus Eisen und jede Menge Steine. Diese häufig benutzte Me- thode schien auch hier angewandt zu werden, und zwar schon seit ge- raumer Zeit. Offenbar hatte Rincewind den Kaiser beeindruckt, doch aus irgendei- nem Grund vermittelte ihm dieser Erfolg kein Gefühl der Sicherheit. Der Mann schien für seine Freunde mindestens ebenso gefährlich zu sein wie für seine Feinde. Er erinnerte sich an Norbert Nudel, einen früheren Kommilitonen. Al- le wollten seine Freundschaft, doch wenn man zu seiner Bande gehörte,, stellte man schnell fest: Man wurde von der Stadtwache verfolgt oder in Kämpfen verletzt, die man gar nicht begonnen hatte, während Nudel am Rande des Geschehens weilte und lachte. Der Kaiser stand nicht nur vor der Tür des Todes, sondern bereits im Flur, bewunderte den Teppich und kommentierte den Hutständer. Man brauchte kein politisches Genie zu sein, um zu begreifen: Wenn jemand wie der Kaiser starb, so wurde abgerechnet, noch bevor der Leichnam kalt geworden war. Wer von ihm in aller Öffentlichkeit als Freund be- zeichnet worden war, hatte dann etwa die gleiche Lebenserwartung wie kleine Wesen, die bei Sonnenuntergang über einem Forellenbach schwebten. Rincewind schob einen Totenschädel beiseite und setzte sich. Konnte er auf Rettung hoffen? Der Roten Armee würde es selbst schwerfallen, eine Gummiente vor dem Ertrinken zu bewahren. Außerdem geriet er dann wieder in die Gewalt von Schmetterling, die ihn fast ebenso ent- setzte wie der Kaiser. Er mußte einfach glauben, daß die Götter nach all den Abenteuern nicht planten, Rincewind in einem Verlies verfaulen zu lassen. Nein, dachte er bitter. Wahrscheinlich lassen sie sich noch etwas Un- angenehmeres für mich einfallen. Das wenige Licht, das den Kerker erreichte, fiel durch ein sehr kleines Gitter in der Decke und schien schon aus zweiter Hand zu stammen. Die Einrichtung bestand aus einem Haufen, der einst Stroh gewesen sein mochte. Rincewind hörte… … ein leises Pochen an der Wand. Einmal, zweimal, dreimal. Rincewind griff nach dem Totenschädel und erwiderte das Signal. Die Antwort war ein Klopfen. Er wiederholte es. Es klopfte zweimal. Rincewind ließ den Schädel zweimal an die Wand klacken. Auch das war ihm vertraut – Kommunikation ohne Sinn. Er fühlte sich fast in die Unsichtbare Universität zurückversetzt., »Gut«, sagte er, und seine Stimme hallte in der Zelle wider. »Ausge- zeichnet. Wirklich toll. Und was bedeutet das Klopfen?« Es knirschte leise, als ein Steinblock in der Wand nach vorn rutschte und auf Rincewinds Fuß fiel. »Aargh!« »Was für ein großes Nilpferd?« fragte eine dumpfe Stimme. »Wie bitte?« »Entschuldigung?« »Was?« »Du wolltest über die Bedeutung des Klopfens informiert werden, nicht wahr? Auf diese Weise kommunizieren wir hier zwischen den Zel- len. Wenn man einmal klopft, so…« »Kommunizieren wir jetzt nicht miteinander?« »Doch schon, aber nicht offiziell. Häftlinge… dürfen nicht… mitein- ander… sprechen…« Die Stimme sprach immer langsamer, als erinnerte sich ihr Eigentümer an etwas Wichtiges. »Ah ja«, sagte Rincewind. »Das habe ich ganz vergessen. Wir sind hier in Hunghung. Alle… gehorchen… den… Regeln…« Auch Rincewinds Stimme verklang. Jenseits der Mauer herrschte lange, nachdenkliche Stille. »Rincewind?« »Zweiblum?« »Was machst du denn hier?« fragte Rincewind. »Ich verfaule in einem Verlies!« »Ich auch!« »Meine Güte!« entfuhr es Zweiblum dumpf. »Wie lange ist das her?« »Wie lange ist was her?« »Aber du… warum bist du…« »Du hast das verdammte Buch geschrieben!« »Weil ich dachte, daß sich die Leute dafür interessieren.« »Daß sie sich dafür interessieren? Interessieren?«, »Ich dachte, die Leute fänden es interessant, mehr über eine fremde Kultur zu erfahren. Ich wollte keine Probleme verursachen.« Rincewind lehnte sich an die Mauer. Nein, natürlich nicht. Zweiblum hatte nie Probleme verursachen wollen. Manche Leute versuchten im- mer, Schwierigkeiten zu vermeiden. Der letzte Gedanke, bevor sich das Universum wie ein Papierhut zusammenfaltet, wird vermutlich lauten: »Was wohl passiert, wenn ich das hier berühre?« »Sicher hat dich das Schicksal hierhergebracht«, spekulierte Zweiblum. »Ja, so etwas gefällt ihm«, entgegnete Rincewind. »Erinnerst du dich an die guten Zeiten, die wir gemeinsam verbracht haben?« »Hatten wir gute Zeiten zusammen? Dabei müssen meine Augen ge- schlossen gewesen sein.« »Die vielen Abenteuer!« »Ach, das meinst du. Von hohen Orten herunterhängen und so…« »Rincewind?« »Ja?« »Daß auch du hier bist… dadurch fühle ich mich viel besser.« »Erstaunlich.« Rincewind genoß die Stabilität der Wand. Sie bestand aus Stein. Und auf Stein konnte man sich verlassen. »Alle scheinen eine Ausgabe deines Buches zu besitzen«, sagte er. »Es ist ein revolutionäres Dokument. Man stellt Abschriften davon her und verteilt sie.« »Ja, man nennt so etwas Dasgleichenochmal.« »Was bedeutet es?« »Es bedeutet, daß die Abschrift genauso beschaffen sein muß wie das Original. Lieber Himmel! Ich hab’s für ein Spiel gehalten. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, daß jemand so etwas ernst nimmt. Hoffent- lich erzeugt das nicht zuviel Unruhe.« »Deine Revolutionäre sind noch immer im Slogan-und-Plakate- Studium, was ihnen jedoch kaum nützt, wenn sie verhaftet werden.«, »Meine Güte.« »Wieso bist du noch am Leben?« »Keine Ahnung. Vielleicht hat man mich vergessen. Das kommt vor. Hat mit dem Papierkram zu tun. Ein vergessener Pinselstrich hier, eine vergessene Zeile dort. Es geschieht vermutlich sehr oft.« »Soll das heißen, daß man bei manchen Gefangenen in diesem Kerker überhaupt nicht mehr weiß, warum sie gefangengehalten werden?« »Ja.« »Warum läßt man sie dann nicht frei?« »Wahrscheinlich geht man davon aus, daß sie irgend etwas angestellt ha- ben. Ich fürchte, unsere Regierung läßt das eine oder andere zu wün- schen übrig.« »Zum Beispiel eine neue Regierung.« »Pscht. Für solche Bemerkungen kann man hier verhaftet werden.« Die Menschen schliefen, aber die Verbotene Stadt ruhte nie. Fackeln brannten im großen Behördenbau und deuteten darauf hin, daß das Reich auch nachts aktiv war. Hauptsächlich wurde Papier transportiert, worauf Herr Zervelatwurst bereits hingewiesen hatte. Sechs Wohltätige Winde arbeitete als stellvertretender Verwalter des Langtang-Distrikts und fand Gefallen an seiner Tätigkeit. Man konnte ihn nicht in dem Sinne als gemein bezeichnen. Zugegeben, er hatte den gleichen Sinn für Humor wie eine Hühnerkas- serolle. Zugegeben, er spielte zum Vergnügen Akkordeon, verabscheute Katzen und hatte die Angewohnheit, sich nach dem Teetrinken mit einer Serviette die Oberlippe abzutupfen, was in Frau Wohltätige Winde im- mer wieder Mordgedanken weckte. Außerdem trug er sein Geld in einer kleinen Lederbörse und zählte es bei jedem Kauf gründlich, besonders dann, wenn sich eine lange Warteschlange hinter ihm gebildet hatte. Andererseits behandelte er Tiere gut und spendete regelmäßig für kari- tative Zwecke. Gelegentlich gab er Bettlern auf der Straße ein wenig Geld, wobei er es jedoch nie versäumte, die Summen in einem kleinen, Notizbuch zu notieren – um den betreffenden Personen später einen Besuch in seiner offiziellen Eigenschaft abzustatten. Er nahm den Leuten nie mehr Geld ab, als sie tatsächlich besaßen. Darüber hinaus war er kein Eunuch – obgleich er in der Verbotenen Stadt nach Einbruch der Nacht arbeitete. Auch Wächter zählten nicht zu den Eunuchen, und man löste dieses Problem, indem man sie einfach als Einrichtungsgegenstände klassifizierte. Es hatte sich herausgestellt, daß auch Steuerbeamte alle zur Verfügung stehenden Mittel brauchten, um die Schlauheit und Tücken der Bauern zu bekämpfen, denen es unglück- licherweise widerstrebte, Steuern zu bezahlen. In dem Bürogebäude arbeiteten weitaus gemeinere Leute als Sechs Wohltätige Winde, deshalb hatte er einfach nur Pech, daß sich ausge- rechnet seine aus Papier und Bambus bestehende Tür öffnete, um sieben seltsam aussehenden Eunuchen Einlaß zu gewähren. Einer von ihnen saß in einem Stuhl auf Rädern. Sie sanken nicht auf die Knie und verbeugten sich nicht einmal. Ob- wohl Winde einen roten Hut mit weißem Knopf trug. Ihm fiel der Pinsel aus der Hand, als die Männer durch sein Büro mar- schierten, als gehörte es ihnen. Einer von ihnen begann damit, Löcher in die Wand zu bohren, dabei gab er sonderbare Laute von sich. »He, die Wände bestehen nur aus Papier! Seht nur, ein feuchter Finger bohrt sich ganz leicht hindurch!« »Ich kann die Wächter rufen und euch alle verprügeln lassen!« rief Sechs Wohltätige Winde. Nur das extrem hohe Alter der Besucher ver- hinderte einen Wutanfall. »Was hat er gesagt?« »Er drohte damit, die Wächter zu rufen!« »Oooh, ja. Bitte laß ihn die Wächter rufen!« »Nein, das wollen wir noch nicht. Verhaltet euch normal.« »Ich soll ihm die Kehle durchschneiden?« »Ich meine eine normalere Art von normalem Verhalten.« »Ich finde es völlig normal, jemandem die Kehle durchzuschneiden.« Einer der Alten wandte sich dem sprachlosen Beamten zu und grinste, breit. »Entschuldige, Euer Ehrwürdige… Mist, wie heißt das Wort… Schubkar- rensegel? Gewaltiger Felsen? Ah ja… Ehrwürdigkeit, offenbar haben wir uns ein wenig verirrt.« Zwei der alten Männer schoben sich hinter Sechs Wohltätige Winde und lasen – oder versuchten zu lesen –, was er gerade geschrieben hatte. Sie zogen ihm das Blatt Papier aus der Hand. »Was steht hier, Lehrer?« »Mal sehen… ›Der erste Wind des Herbstes läßt die Lotosblume erzit- tern. Sieben Frohe Baumstämme soll ein Schwein und drei [sieht aus wie ein vierarmiger Mann, der mit einer Fahne winkt] Reis bezahlen. Andernfalls wird sein [ein ziemlich stilisiertes Bild, kann nicht erkennen, was es ist] viele Schläge bekommen. Auf Befehl von Sechs Wohltätige Winde, Sammler von Steuern und Gebühren, Langtang.‹« Plötzlich veränderten sich die Alten. Sie lächelten jetzt alle, aber auf ei- ne Weise, die den Beamten keineswegs erleichterte. Einer von ihnen – seine Zähne glitzerten wie Diamanten – beugte sich vor und fragte in schlechtem Achatisch: »Du bist also ein Steuereintreiber, nicht wahr, Herr Knopf-am-Hut?« Sechs Wohltätige Winde überlegte, ob es für ihn überhaupt noch eine Möglichkeit gab, die Wächter zu alarmieren. Von diesen alten Männern ging etwas Schreckliches aus. Sie wirkten nicht etwa ehrwürdig, sondern sehr gefährlich. Zwar sah Sechs Wohltätige Winde bei ihnen keine Waf- fe, aber er zweifelte nicht daran, daß ihn die Alten jederzeit töten konn- ten. Wenn er tatsächlich beschloß, die Wächter zu rufen, bekam er ver- mutlich nicht mehr als ein oder zwei Silben heraus, bevor… Sein Gaumen wurde trocken und seine Hose feucht. »Es ist völlig in Ordnung, ein Steuereintreiber zu sein…«, krächzte er. »Es käme uns nicht in den Sinn, etwas anderes zu behaupten«, erwider- te Diamantzähne. »Wir freuen uns immer, wenn wir einem Steuereintrei- ber begegnen.« »Wir mögen sie sehr, die Steuereintreiber«, ließ sich ein anderer Alter vernehmen. »Sie zählen zu unseren Lieblingsleuten.« »Ersparen uns eine Menge Mühe«, brummte Diamantzähne., »Ja«, knurrte ein dritter alter Mann. »Wir brauchen nicht von Haus zu Haus zu gehen und alle Leute umzubringen, um an ihr Geld zu kommen. Wir können einfach warten, bis…« »Auf ein Wort, meine Herren…« Der Mann, von dem diese Bemerkung stammte, hatte ein ziegenartiges Gesicht und schien nicht ganz so schlimm zu sein wie die anderen. Sie umringten ihn, und Sechs Wohltätige Winde hörte die seltsamen Silben einer primitiven Sprache. »Was? Aber er ist ein Steuereintreiber! Dafür sind sie da!« »Wasisn?« »Eine stabile Steuerbasis ist die Grundlage für effizientes Regieren, meine Herren. Bitte vertraut mir.« »Ich habe alles verstanden, bis auf das mit der stabilen Steuerbasis und dem effi- zienten Regieren.« »Wie dem auch sei: Es hat keinen Sinn, diesen hart arbeitenden Steuereintreiber zu töten.« »Er wäre dann tot. Ich nenne so etwas sinnvoll.« So ging es noch eine Zeitlang weiter. Sechs Wohltätige Winde zuckte zusammen, als das Kauderwelsch plötzlich aufhörte und ihm der ziegen- gesichtige Mann ein Lächeln schenkte. »Meine bescheidenen Freunde sind von deiner… eine Art Pflaume… kleines Messer, um Algen zu schneiden… Präsenz tief beeindruckt, eh- renwerter Herr«, sagte er. Die Gesten von Kriecher hinter ihm standen im offensichtlichen Widerspruch zu Herrn Zervelatwursts Worten. »Wie wär’s, wenn wir nur ein bißchen abschneiden?« »Wasisn?« »Wie seid ihr hierhergekommen?« fragte Sechs Wohltätige Winde. »In diesem Gebäude gibt es viele starke Wächter.« »Ich wußte, daß wir etwas verpaßt haben«, erwiderte Diamantzähne. »Wir möchten, daß du uns durch die Verbotene Stadt führst«, sagte Ziegengesicht. »Ich heiße… Vollgestopfter Schlauch. Ja, ich glaube, so würde man mich in eurer Sprache nennen.« Sechs Wohltätige Winde sah hoffnungsvoll zur Tür., »… und wir sind hier, um mehr über eure wundervolle… Berge… Bambusart… Geräusch von fließendem Wasser am Abend… verflixt… Zivilisation zu erfahren.« Hinter ihm zeigte Kriecher der Unhöfliche sehr deutlich, was die Ske- lettreiter des Fürchterlichen Ferdinand einmal mit einem Steuereintreiber angestellt hatten. Die Aufmerksamkeit von Sechs Wohltätige Winde galt den ausladenden Gesten. Die Worte verstand er nicht, aber das war auch nicht nötig. »Warum redest du so mit ihm?« »Weil ich nicht mehr weiter weiß, Dschingis. Es gibt keine Karten von der Verbo- tenen Stadt. Wir brauchen einen Führer.« Ziegengesicht wandte sich wieder an den achatenen Beamten. »Möch- test du vielleicht mit uns kommen?« fragte er. Nach draußen, dachte Sechs Wohltätige Winde. Ja! Bestimmt begegnen wir Wächtern! Er nickte. »Na schön«, brummte Diamantzähne. »Nimm deinen Pinsel und schreib auf, was ich dir sage.« Kurze Zeit später verließen sie das Büro. Zurück blieb ein Blatt Papier mit folgendem Text: »Rosen sind rot, Veilchen sind blau. Sieben Frohe Baumstämme soll ein Schwein und soviel Reis erhalten, wie er tragen kann, denn er ist jetzt Eins Froher Bauer. So befiehlt es Sechs Wohltätige Winde, Sammler von Steuern und Gebühren, Langtang. Hilfe, Hilfe! Wer auch immer dies liest: ich bin in der Gewalt von bösen Eunuchen. Hilfe!« Rincewind und Zweiblum steckten in unterschiedlichen Zellen, während sie über die gute alte Zeit sprachen. Zumindest Zweiblum sprach über die gute alte Zeit. Rincewind bemühte sich, einen schmalen Riß zwischen zwei Mauersteinen zu erweitern. Er benutzte dazu einen Strohhalm – andere Werkzeuge standen ihm nicht zur Verfügung. Sicher dauerte es einige tausend Jahre, damit ein Loch in die Wand zu kratzen, doch das war kein Grund aufzugeben. »Bekommen wir hier etwas zu essen?« fragte er und unterbrach Zwei-, blums Erinnerungsstrom. »Oh, manchmal. Aber die hiesigen Nahrungsmittel können sich nicht mit denen in Ankh-Morpork messen.« »Tatsächlich nicht?« erwiderte Rincewind geistesabwesend und kratzte weiter. Ein winziges Mörtelstück schien sich zu lösen. »Den Geschmack von Schnappers Würstchen vergesse ich nie.« »Das geht vielen Leuten so.« »Solche Erfahrungen macht man nur einmal im Leben.« »In der Tat.« Der Strohhalm brach ab. »Verdammter Mist!« Rincewind setzte sich zurück. »Was ist so wichtig an der Roten Armee? Sie besteht doch nur aus einigen dummen Kindern und Jugendlichen. Sie ist ein Ärgernis, weiter nichts.« »Ich fürchte, die Dinge sind ziemlich durcheinandergeraten«, entgegne- te Zweiblum. »Hast du jemals von einer Theorie gehört, nach der die Geschichte einen Kreislauf bildet?« »In einem von Leonard von Quirms Notizbüchern habe ich eine ent- sprechende Zeichnung gesehen…«, sagte Rincewind und griff nach ei- nem anderen Strohhalm. »Nein, ich meine wie ein… Rad, das sich dreht. Wenn man an Ort und Stelle verharrt, so wiederholt sich alles.« »Ach so. Mist!« »Viele Leute hier glauben daran. Sie sind davon überzeugt, daß die Ge- schichte alle dreitausend Jahre neu beginnt.« »Könnte sein.« Rincewind hielt nach einem weiteren Strohhalm Aus- schau und hörte nur mit halbem Ohr hin. Schließlich begriff er die Be- deutung der letzten Worte. »Dreitausend Jahre? Das ist ein bißchen kurz, oder? Alles wiederholt sich? Sterne und Meere – und intelligentes Leben entwickelt sich aus Kunststudenten? So in der Art?« »O nein. Das ist nur… Beiwerk. Die eigentliche Geschichte begann mit der Gründung des Reiches durch den ersten Kaiser Eins Sonnenspiegel und seinen Diener, den Großen Zauberer. Es ist eine Legende. Die Bau- ern glauben gern daran. Sie sehen sich die Große Mauer an und sagen:, Dieses wundervolle Ding kann nur mit Hilfe von Magie erbaut worden sein… Und die Rote Armee… Wahrscheinlich war sie eine gut organi- sierte Streitmacht aus erfahrenen Kämpfern. Die erste richtige Armee. Vorher gab es nur den undisziplinierten Mob. So muß es gewesen sein. Magie spielte dabei überhaupt keine Rolle. Der Große Zauberer kann unmöglich… Ich meine, was die Bauern glauben, ist wirklich dumm…« »Ach? Was glauben sie denn?« »Angeblich hat der Große Zauberer die Erde lebendig gemacht. Als sich Eins Sonnenspiegel allen Heeren des Kontinents gegenübersah, ließ der Große Zauberer… einen Drachen fliegen.« »Klingt vernünftig«, kommentierte Rincewind. »Wenn ein Krieg droht, sollte man sich diesen Tag frei nehmen. Das ist mein Motto.« »Du verstehst nicht. Es war ein ganz besonderer Drachen. Er fing die Blitze des Himmels, und der Große Zauberer verstaute sie in Flaschen, und er nahm den Schlamm und buk daraus mit Hilfe der Blitze neue Krieger.« »Hab nie von einer Zauberformel gehört, mit der man so etwas be- werkstelligen kann.« »Außerdem haben die Bauern seltsame Vorstellungen von der Rein- karnation…« Kein Wunder, fand Rincewind. Vermutlich vertrieben sie sich mit sol- chen Überlegungen während der langen Wasserbüffelstunden die Zeit: He, wenn ich wiedergeboren werde, möchte ich jemand sein, der… die Leine eines Wasserbüffels hält und in eine andere Richtung schaut. »Äh… nein«, sagte Zweiblum. »Sie glauben nicht daran, daß man zu- rückkehrt. Äh… ich fürchte, ich benutze nicht die richtigen Worte. Bin in Hinsicht auf deine Sprache ein wenig eingerostet. Ich meine Präinkarna- tion. Das ist wie Reinkarnation, nur rückwärts. Die Bauern glauben, daß man geboren wird, bevor man stirbt.« »Tatsächlich?« Rincewind kratzte am Stein. »Erstaunlich! Sie glauben, daß man geboren wird, bevor man stirbt? Ein Leben vor dem Tod? Oh, die Leute sind sicher sehr aufgeregt, wenn sie davon hören.« »Nein, ich meine… es hat mit den Vorfahren zu tun. Man sollte die Vorfahren immer ehren, weil man eines Tages zu ihnen gehört, und…, Hörst du mir überhaupt zu?« Das winzige Stück Mörtel fiel zu Boden. Nicht schlecht für zehn Minu- ten Arbeit, dachte Rincewind. Vielleicht schaffen wir’s bis zur nächsten Eiszeit, den Kerker zu verlassen. Er erkannte, daß er an der Mauer arbeitete, hinter der Zweiblums Quartier lag. Jahrtausendelang zu kratzen, nur um in eine andere Kerker- zelle zu kommen… das war Zeitverschwendung. Er wandte sich einer anderen Wand zu. Kratz… kratz… Irgendwo erklang ein schrecklicher Schrei. Kratzkratzkratz… »Offenbar ist der Kaiser erwacht«, tönte Zweiblums Stimme aus dem Loch in der Mauer. »Und er hat gleich mit der Morgenfolter begonnen«, erwiderte Rince- wind. Er nahm einen Steinsplitter und hämmerte damit gegen die Wand. »Eigentlich ist es nicht seine Schuld. Es fällt ihm schwer zu verstehen, was andere Menschen ausmacht.« »Ach?« »Du weißt sicher, daß Kinder während einer bestimmten Phase ihrer Entwicklung dazu neigen, Fliegen die Flügel auszureißen und so.« »Ich habe so etwas nie getan«, sagte Rincewind. »Man darf Fliegen nicht trauen. So klein sie auch sind – sie können sehr gemein werden.« »Kinder allgemein, meine ich.« »Ja und?« »Er ist der Kaiser. Niemand hat je gewagt, ihn darauf hinzuweisen, daß so etwas falsch ist. Er reißt Flügel auf einem anderen… äh… Niveau aus. Die fünf Familien kämpfen gegeneinander um den Thron. Und der Kai- ser hat aus dem gleichen Grund seinen Neffen umgebracht. Nie hat ihm jemand gesagt, daß es falsch ist, andere Personen aus Spaß zu töten. Zumindest hat niemand Gelegenheit gehabt, mehr als nur den ersten Satz zu sagen. Die Hongs, Fangs, Tangs, Sungs und McSweeneys sind schon seit Jahrtausenden damit beschäftigt, sich gegenseitig umzubrin- gen. Es gehört gewissermaßen zur politischen Tradition des Achatenen Reiches.«, »Die McSweeneys?« »Eine sehr alte, adlige Familie.« Rincewind nickte bedrückt. Wenn man ein System hatte, in dem sich heimtückische Mörder durchsetzten, bekam man früher oder später sehr fähige heimtückische Mörder. Irgendwann wurde es gefährlich, sich über eine Wiege zu beugen… Erneut ertönte ein Schrei. Rincewind trat nach den Mauersteinen. Ein Schlüssel drehte sich im Schloß. »Oh«, sagte Zweiblum. Doch die Tür öffnete sich nicht. Schließlich gab sich Rincewind einen inneren Ruck, trat näher und griff nach dem großen Eisenring. Die Tür schwang nach außen auf. Aber nicht ganz, weil der Leib eines liegenden Wächters einen wirkungsvollen Türanschlag bildete. Ein Schlüssel steckte im Schloß, verbunden mit einem Stahlring, an dem weitere Schlüssel hingen. Ein unerfahrener Gefangener wäre jetzt einfach losgelaufen. Doch Rincewind hatte die Kunst des Überlebens zur Meisterschaft entwickelt und wußte daher: Unter den gegenwärtigen Umständen war es besser, alle anderen Gefangenen freizulassen, ihnen auf den Rücken zu klopfen und zu sagen: »Beeilt euch! Die Wächter sind schon unterwegs und wol- len euch wieder einsperren!« Anschließend suchte der kluge Exhäftling am besten einen ruhigen Ort auf und wartete dort, bis die Verfolger in der Ferne verschwanden. Zuerst öffnete er die Tür von Zweiblums Zelle. Der kleine Mann war dünner und schmutziger, als er ihn in Erinnerung hatte, außerdem trug er nun einen flaumigen Bart. Doch in seinem Ge- sicht erkannte Rincewind vertraute Züge. Er sah das charakteristische offene, vertrauensvolle Lächeln, das folgende Botschaft verkündete: Was auch immer Zweiblum derzeit hinnehmen mußte – es war das Ergebnis eines bedauerlichen Mißverständnisses, das vernünftige Leute bald aus der Welt schaffen würden., »Rincewind!« entfuhr es ihm. »Du bist es wirklich! Ich hätte nicht ge- dacht, dich noch einmal wiederzusehen.« »Ja«, bestätigte Rincewind. »Das habe ich auch gedacht.« Zweiblum sah an ihm vorbei zu dem reglosen Wächter. »Ist er tot?« fragte er angesichts des Mannes, in dessen Rücken ein Schwert steckte. »Das halte ich für sehr wahrscheinlich.« »Hast du ihn getötet?« »Ich war in der Zelle.« »Bemerkenswert! Toller Trick!« Zweiblum war mehrere Jahre lang direkt mit der Realität konfrontiert gewesen, hatte sich jedoch nie zu der Erkenntnis durchgerungen, daß Rincewind über die gleichen magischen Fähigkeiten verfügte wie eine gewöhnliche Hausfliege. Es war völlig sinnlos, ihn darauf hinzuweisen. Das führte nur dazu, daß Zweiblum den imaginären Tugenden Rince- winds Bescheidenheit hinzufügte. Rincewind öffnete weitere Türen. Die zerlumpten Gestalten dahinter blinzelten im etwas helleren Licht. Einer der Gefangenen war Drei Pflugochsen. Er schien verprügelt worden zu sein. Oder jemand hatte versucht, seine Aufmerksamkeit zu erzwingen. »Das ist Rincewind«, sagte Zweiblum stolz. »Der Große Zauberer. Er hat den Wächter aus seiner Zelle heraus getötet.« Die Befreiten sahen höflich zu der Leiche. »Eigentlich habe ich gar nichts mit dem Tod des Wächters zu tun«, sagte Rincewind. »Und er ist bescheiden!« »Langes Leben Den Bemühungen Des Volkes!« brachte Drei Pflug- ochsen zwischen angeschwollenen Lippen hervor. »Für Mich Auch Einen Halben«, erwiderte Rincewind. »Hier sind Schlüssel, klimperklimper, großer Kerl auch die anderen Gefangenen rauslassen hopp-hopp.« Einer der Befreiten hinkte zum Ende des Flures., »Hier liegt noch ein toter Wächter«, berichtete er. »Mich trifft keine Schuld«, klagte Rincewind. »Ich meine, ich habe mir ihren Tod gewünscht, aber…« Die Leute wichen vor ihm zurück. Niemand wollte einem Mann zu nahe sein, der so wünschen konnte. In Ankh-Morpork hätten sie gesagt: »O ja, natürlich, er hat ihnen mit Magie Klingen in den Rücken gestochen, nicht wahr?« Aber in Ankh- Morpork wußte man nicht nur über Rincewind Bescheid, sondern kann- te auch die Macht wahrer Zauberer: Wenn sie wollten, daß jemand starb, dann hatte der Betreffende gar keinen Rücken mehr, in den man etwas stechen konnte. Inzwischen lernte Drei Pflugochsen, wie man Türen aufschloß. Weite- re Gefangene taumelten in den Korridor. »Lotosblüte?« entfuhr es Rincewind. Sie hielt sich an Drei Pflugochsens Arm fest und bedachte den Zaube- rer mit einem Lächeln. Andere Mitglieder des Kaders folgten ihr. Zu Rincewinds großer Überraschung sah sie Zweiblum an, schrie und schlang ihm die Arme um den Hals. »Existenzverlängerung Für Töchterliche Zuneigung!« proklamierte Drei Pflugochsen. »Vor Gebrauch Schütteln«, sagte Rincewind. »Äh… was ist hier eigent- lich los?« Ein sehr kleiner Soldat der Roten Armee zupfte an seinem Mantel. »Er ist ihr Papi.« »Du hast mir nie erzählt, daß du Kinder hast.« »Oh, ich habe bestimmt davon gesprochen, wahrscheinlich sogar recht oft.« Zweiblum löste sich aus der Umarmung. »Außerdem… Es ist er- laubt.« »Du bist verheiratet?« »Ich war es, ja. Das habe ich zweifellos erwähnt.« »Vermutlich sind wir zu der Zeit vor irgend etwas geflohen. Es gibt al- so eine Frau Zweiblum?«, »Es gab sie für eine Weile.« Für ein oder zwei Sekunden regte sich in dem so außergewöhnlich gutmütigen Gesicht Zweiblums fast so etwas wie Zorn. »Aber jetzt nicht mehr.« Rincewind wandte den Blick ab. Er konnte es nicht ertragen, den Schmerz seines ehemaligen Reisegefährten zu sehen. Auch Schmetterling gehörte zu den befreiten Gefangenen. Sie stand vor ihrer Zelle, hatte die Hände gefaltet und blickte zu Boden. Zweiblum eilte zu ihr. »Schmetterling!« Rincewind starrte auf das Mädchen mit dem Plüschkaninchen hinab. »Ist sie ebenfalls seine Tochter, Perle?« »Ja.« Der kleine Mann kehrte zu Rincewind zurück und zog seine beiden Töchter hinter sich her. »Wenn ich vorstellen darf…«, sagte er. »Dies ist Rincewind. Er…« »Wir haben uns bereits kennengelernt«, verkündete Schmetterling ernst. »Wie seid ihr hierhergekommen?« fragte Rincewind. »Wir haben mit aller Entschlossenheit gekämpft«, antwortete Schmet- terling. »Aber die Übermacht war zu groß.« »Ich hoffe, ihr habt nicht versucht, den Soldaten die Waffen abzuneh- men«, sagte Rincewind mit unüberhörbarem Sarkasmus. Schmetterling warf ihm einen finsteren Blick zu. »Entschuldigung«, murmelte der Zauberer. »Zwei Feuerkraut meint, es liegt am System«, sagte Lotosblüte. »Bestimmt hat er bereits ein besseres System erfunden.« Rincewind musterte die Gefangenen. »Leute wie er wissen immer, was besser ist. Übrigens, wo steckt er?« Die Schwestern sahen sich um. »Er scheint nicht hier zu sein«, sagte Lotosblüte. »Vielleicht hat er sein Leben der Sache geopfert, als die Soldaten angriffen.« »Warum?«, »Weil er uns dazu aufgefordert hat. Ich bedaure, daß ich die Gelegen- heit nicht genutzt habe, mich ebenfalls zu opfern. Aber die Soldaten… Es schien ihnen nicht darum zu gehen, uns zu töten. Sie wollten uns nur gefangennehmen.« »Ich habe ihn beim Kampf nicht gesehen«, sagte Schmetterling. Sie und Rincewind wechselten einen Blick. »Vielleicht… hat er gar nicht daran teilgenommen.« »Weil er schon in Gefangenschaft geraten war?« fragte Lotosblüte. Erneut blickte Schmetterling zu Rincewind. Lotosblüte hatte offenbar Zweiblums Perspektive von der Welt geerbt, doch allem Anschein nach kam Hübscher Schmetterling mehr nach ihrer Mutter. Sie dachte wie Rincewind: Sie erwartete immer das Schlimmste, von allem und von je- dem. »Vielleicht«, sagte sie. »Bringt Beträchtliche Opfer Für Das Gemeinsame Wohl«, ließ sich Drei Pflugochsen vernehmen. »Die Dummen Werden Nicht Alle«, kommentierte Rincewind geistes- abwesend. Schmetterling faßte sich. »Wir müssen das Beste aus unserer Situation machen«, sagte sie. Rincewind verharrte auf dem Weg zur Treppe. »Was meinst du damit?« fragte er. »Verstehst du denn nicht? Wir sind in der Verbotenen Stadt. Jetzt ha- ben wir die Möglichkeit, im Zentrum der Macht zuzuschlagen.« »Nein«, entgegnete Rincewind. »Ich habe nie zugeschlagen. Bin immer nur weggelaufen.« »Der Feind hat uns hierhergebracht, und jetzt sind wir frei…« »Was wir dem Großen Zauberer verdanken«, warf Lotosblüte ein. »Das ist eine Chance, die es zu nutzen gilt!« Schmetterling nahm das Schwert eines toten Wächters und winkte da- mit. »Wir müssen den Palast stürmen, wie es Zwei Feuerkraut wollte!«, »Ihr seid nur dreißig«, wandte Rincewind ein. »Das ist kein Sturm, höchstens ein Nieselregen!« »In der Verbotenen Stadt gibt es kaum Soldaten«, sagte Schmetterling. »Wenn es uns gelingt, die in den Gemächern des Kaisers zu überwälti- gen…« »Bei dem Versuch kommt ihr ums Leben!« entfuhr es Rincewind. Hübscher Schmetterling durchbohrte ihn mit einem Blick. »Dann sind wir wenigstens für etwas gestorben!« »Reinigt Den Staat Mit Dem Blut Von Märtyrern«, brummte Drei Pflugochsen. Rincewind drehte sich ruckartig um und hielt den Zeigefinger unter Pflugochsens Nase – höher kam er nicht. »Ich verpasse dir eine Abreibung, wenn ich noch einmal diesen Unsinn höre!« rief er – und schnitt eine Grimasse, als ihm klar wurde, daß er gerade jemandem gedroht hatte, der mindestens dreimal so schwer war wie er. »Jetzt hört mal…«, sagte er etwas ruhiger. »Ich weiß über Leute Be- scheid, die meinen, man müßte für eine gemeinsame Sache leiden. Sie selbst opfern nie etwas! Wenn jemand ruft ›Vorwärts, tapfere Kamera- den!‹, kann man ziemlich sicher sein, daß der Betreffende hinter einem großen Felsen hockt und den einzigen Helm weit und breit trägt! Ka- piert?« Rincewind unterbrach sich. Der Kader starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. Sein Blick glitt über die jungen, hoffnungsvollen Ge- sichter, und plötzlich kam er sich sehr alt vor. »Aber es gibt Dinge, für die es zu sterben lohnt«, beharrte Schmetter- ling. »Nein! Man hat nur ein Leben und stolpert an jeder Straßenecke über fünf solcher Dinge.« »Meine Güte, wie kannst du mit einer solchen Philosophie nur leben?« Rincewind holte tief Luft. »Immerzu!«, Sechs Wohltätige Winde hielt seinen Plan für tadellos. Die schrecklichen Alten kannten sich in der Verbotenen Stadt nicht aus. Zwar wirkten sie zäh und ausdauernd wie Bonsaibäume, die auf windumheulten Klippen wuchsen, aber sie waren alt und gar nicht schwer bewaffnet. Er führte sie zur Sporthalle. Und dort rief er aus vollem Hals um Hilfe. Zu seiner großen Überra- schung machten die Fremden keine Anstalten zu fliehen. »Können wir ihn jetzt töten?« fragte Kriecher der Unhöfliche. Zwei Dutzend sehr muskulöse Männer hörten damit auf, Holz- und Backsteinstapel mit Fäusten oder Handkanten zu bearbeiten. Argwöh- nisch sahen sie zu den Neuankömmlingen herüber. »Hast du irgendeine Idee?« wandte sich Cohen an Herrn Zervelatwurst. »Meine Güte! Die Burschen sehen gefährlich aus, nicht wahr?« »Fällt dir nichts Zivilisiertes ein?« »Nein. Ich fürchte, jetzt sind wir auf eure Methoden angewiesen.« »Ha! Darauf warte ich schon lange«, knurrte Caleb der Brecher und schob sich vor. »Habe jeden Tag geübt, mit dem Teakholzblock.« »Das sind Ninjas«, sagte Sechs Wohltätige Winde stolz, als zwei Män- ner zur Tür gingen und sie schlossen. »Die besten Kämpfer auf der gan- zen Welt! Gebt auf!« »Interessant«, meinte Cohen. »He, ihr da in den schwarzen Schlafanzü- gen! Seid gerade aus dem Bett gekrochen, was? Wer ist der Beste von euch?« Einer der Männer starrte Cohen an und schlug eine Beule in die Wand. Dann nickte er dem Steuereintreiber zu. »Welche Narren hast du uns gebracht?« »Ich glaube, es sind barbarische Eroberer«, erwiderte Sechs Wohltätige Winde. »Woher… woher weiß er das?« fragte der Junge Willie. »Wir tragen doch kratzende Hosen und essen mit Gabeln und so…« Das Oberhaupt der Ninjas schnaubte verächtlich. »Heroische Eunu- chen? Greise?«, »Wen nennst du Eunuchen?« fragte Cohen. »Kann ich ihm zeigen, was ich mit dem Teakholzbrocken geübt habe?« fragte Caleb und hüpfte arthritisch von einem Bein aufs andere. Der Ninja sah zu dem dicken Stück Holz. »Du kannst bestimmt keine Delle da reinschlagen, Alter.« »Paß nur auf.« Caleb hielt das Teakholz mit gestrecktem Arm. Dann hob er die andere Hand und stöhnte ein wenig, als sie die Höhe seiner Schulter erreichte. »Siehst du diese Hand?« fragte er. »Beobachte sie genau.« »Ja, ich beobachte sie«, bestätigte der Ninja und versuchte, nicht zu la- chen. »Gut«, sagte Caleb. Er trat dem Mann zwischen die Beine und rammte ihm das Stück Holz auf den Kopf, als er sich zusammenkrümmte. »Du hättest besser auf den Fuß achten sollen.« Und damit wäre der Fall erledigt gewesen, hätte sich nur ein Ninja in der Sporthalle aufgehalten. Doch jetzt wurden sternförmige Waffen und Krummschwerter gezogen. Die Hordenmitglieder rückten enger zusammen. Der Irre Polterer zog die Decke beiseite und enthüllte das Arsenal von Cohens Truppe. Im Vergleich mit den glänzenden Waffen der Ninjas wirkten die schartigen Klingen der Barbaren geradezu absurd. »Lehrer«, sagte Cohen, »ich schlage vor, du ziehst dich mit dem Herrn Steuereintreiber in eine Ecke zurück. Wir möchten doch vermeiden, daß ihm etwas zustößt, oder?« »Das ist Wahnsinn!« heulte Sechs Wohltätige Winde. »Dies sind die be- sten Kämpfer auf der ganzen Welt, und ihr seid ein Haufen Alte! Wenn ihr jetzt aufgebt, bin ich vielleicht bereit, euch einen Nachlaß zu gewäh- ren!« »Immer mit der Ruhe«, sagte Herr Zervelatwurst. »Niemand hat etwas zu befürchten. Niemand von uns.« Dschingis Cohen holte mehrmals mit seinem Schwert aus. »Na schön, Jungs«, brummte er. »Her mit den besten Nindschas.« Sechs Wohltätige Winde schnappte entsetzt nach Luft, als die Horde, Aufstellung bezog. »Ein schreckliches Gemetzel steht bevor!« krächzte er. »Ja, ich schätze, das läßt sich jetzt nicht mehr vermeiden.« Herr Zerve- latwurst holte eine Tüte mit Pfefferminz aus seiner Tasche. »Wer sind diese alten Männer? Was machen sie?« »Sie sind in der Branche des barbarischen Heldentums tätig«, erwiderte Herr Zervelatwurst. »Sie retten Prinzessinnen, rauben Tempel aus, kämpfen gegen Ungeheuer, erforschen ebenso uralte wie unheilvolle Ruinen… und so weiter.« »Aber sie sehen alt genug aus, um tot zu sein! Warum befassen sie sich mit solchen Dingen?« Der frühere Lehrer zuckte mit den Schultern. »Weil sie nie etwas ande- res gelernt haben.« Ein Ninja sprang mit mehreren Saltos heran, hielt dabei einen Säbel in jeder Hand und schrie. Cohen wartete in der Haltung eines Baseball- Schlagmanns. »Hast du jemals den Begriff ›Evolution‹ gehört?« fragte Herr Zervelat- wurst. Der Ninja und Cohen trafen aufeinander. Ihre Konturen verschwam- men. »Oder sagt dir der Ausdruck ›das Überleben der Stärkeren‹ etwas?« füg- te Herr Zervelatwurst hinzu. Der Schrei war immer noch zu hören, klang jetzt aber überrascht. »Ich habe nicht einmal gesehen, daß sich sein Schwert bewegt hat«, hauchte Sechs Wohltätige Winde. »Ja«, entgegnete Herr Zervelatwurst. »Nur wenige Leute, die es sehen, haben Gelegenheit, später davon zu berichten.« »Aber… die Männer sind so alt!« »Da hast du völlig recht.« Herr Zervelatwurst hob die Stimme, damit ihn der Steuereintreiber trotz des Geschreis verstand. »Es sind sehr alte barbarische Helden.« Sechs Wohltätige Winde erstarrte., »Möchtest du ein Pfefferminz?« fragte Herr Zervelatwurst, als der Roll- stuhl des Irren Polterers vorbeidonnerte und einem Ninja folgte, der einen zerbrochenen Säbel in der Hand hielt und den brennenden Wunsch verspürte, am Leben zu bleiben. »Das hilft, wenn man für länge- re Zeit die Gesellschaft der Horde genießt.« Das Aroma der Tüte wirkte auf Sechs Wohltätige Winde fast wie ein Flammenwerfer. »Wie kannst du noch etwas riechen, nachdem du davon gegessen hast?« fragte er. »Ich kann es nicht«, erwiderte Herr Zervelatwurst zufrieden. Der Steuereintreiber starrte weiter auf den Kampf. Der verlief recht schnell und hektisch, allerdings nur auf einer Seite. Die Hordenmitglieder kämpften, wie man es von alten Männern erwartete: langsam und vor- sichtig. Die hauptsächliche Aktivität fand bei den Ninjas statt. Aber ganz gleich, wie gut sie mit den Wurfsternen zielten und wie rasch sie zutra- ten: Das Ziel wich stets ohne ersichtliche Mühe rechtzeitig beiseite. »Da wir schon Gelegenheit haben, ein wenig zu plaudern…«, sagte Herr Zervelatwurst, als ein Etwas mit vielen Klingen dicht über dem Kopf des Steuereintreibers in die Wand fuhr. »Vielleicht könntest du mir etwas über den großen Hügel außerhalb der Stadt erzählen. Ich finde ihn erstaunlich.« »Was?« fragte Sechs Wohltätige Winde geistesabwesend. »Der große Hügel.« »Davon soll ich dir erzählen? Jetzt?« »Die Geographie ist ein Hobby von mir.« Ein Ohr traf Sechs Wohltätige Winde am Ohr. »Äh… was? Wir nennen ihn den Großen Hügel. He, was macht er da mit…« »Ist bemerkenswert regelmäßig geformt. Ist es eine natürliche Formati- on?« »Was? Oh… ich weiß nicht. Angeblich erschien er vor Tausenden von Jahren. Während eines schlimmen Unwetters. Als der erste Kaiser starb. Er… Jetzt muß er dran glauben! Jetzt erwischt es ihn! Er ist schon so gut, wie tot! Er… Wie hat er das angestellt?« Sechs Wohltätige Winde erinnerte sich plötzlich daran, daß er als Kind mit seinem Großvater Shibo Yangcong-san gespielt hatte. Der Alte gewann immer. Ganz gleich, wie sorgfältig er die Strategie plante: Sein Großvater setzte wie beiläufig einen Stein an genau die richtige Stelle, bevor er selbst zum entscheidenden Zug kam. Der Vorfahr hatte sein ganzes Le- ben damit verbracht, Shibo zu spielen. Mit diesem Kampf verhielt es sich ähnlich. »Meine Güte«, sagte er. »Ja«, erwiderte Herr Zervelatwurst. »Diese Leute haben jahrzehntelange Erfahrung darin, nicht zu sterben. Darin sind sie wirklich perfekt gewor- den.« »Aber… warum hier? Warum sind sie hier?« »Wir beabsichtigen, etwas zu stehlen«, antwortete Herr Zervelatwurst. Sechs Wohltätige Winde nickte langsam. Die Schätze in der Verbote- nen Stadt genossen einen legendären Ruf. Vermutlich hatten auch blut- saugende Geister davon gehört. »Die sprechende Vase des Kaisers P’gi Su?« spekulierte er. »Nein.« »Den Jadekopf von Sung Ts’uit Li?« »Nein. Du bist auf der völlig falschen Fährte.« »Ihr habt es doch nicht etwa auf das Geheimnis der Herstellung von Seide abgesehen, oder?« »Meine Güte! Der Hintern von Seidenraupen. Das weiß doch jeder. Nein. Unser Interesse gilt etwas weitaus Kostbarerem.« Sechs Wohltätige Winde war gegen seinen Willen beeindruckt. Nur noch sieben Ninjas waren auf den Beinen, und Cohen kämpfte gegen einen von ihnen: Mit der einen Hand schwang er das Schwert, mit der anderen drehte er sich eine Zigarette. Herr Zervelatwurst beobachtete, wie das Licht der Erkenntnis in den Augen des Steuereintreibers zu glühen begann. So war es ihm auch ergangen. Cohen platzte in das friedliche Leben anderer Leute wie ein neuer Pla-, net in ein wohlgeordnetes Sonnensystem. Man fühlte sich von ihm mit- gerissen, weil man sofort wußte, daß so etwas nie wieder passieren wür- de. Was sein eigenes Erlebnis betraf: Während der Schulferien hatte er in aller Ruhe nach Fossilien gesucht, als er durch Zufall ins Lager dieser lebenden Fossilien, die sich »Graue Horde« nannten, geraten war. Sie waren recht freundlich zu ihm gewesen, weil er weder Waffen noch Geld mit sich führte. Und sie fanden ihn interessant, weil er sich mit Dingen auskannte, von denen sie nichts wußten. Tja, auf diese Weise bekam die Horde ein neues Mitglied. Es fiel ihm gar nicht schwer, sich zu entscheiden. Vielleicht lag es an der besonderen Atmosphäre. Innerhalb weniger Sekunden sah er auf sein ganzes vergangenes Leben zurück und fand darin nicht einen einzi- gen Tag, an dem er wirklich Spaß gehabt hatte. Er begriff: Entweder schloß er sich Cohen und seinen Gefährten an, oder er kehrte zur Schule zurück, um in einigen Jahren einen schlaffen Händedruck, etwas Applaus und dann eine armselige Pension zu bekommen. Cohen strahlte etwas aus. Vielleicht konnte man es Charisma nennen, auf jeden Fall war es noch stärker und eindrucksvoller als sein typischer Geruch – er erinnerte an eine Ziege, die jede Menge Spargel gefressen hatte. Er verstieß gegen alle Regeln. Er verfluchte Leute und pflegte Fremden gegenüber eine Ausdrucksweise, die Herr Zervelatwurst für unverschämt und sogar beleidigend hielt. Er rief Worte, für die man an- deren die Kehle durchgeschnitten hätte. Aber er kam damit durch, und zwar aus zwei Gründen. Erstens steckte bei ihm keine echte Boshaftig- keit dahinter. Zweitens war er Cohen, eine Art Naturkraft auf Beinen. Es funktionierte immer. Wenn er nicht gerade gegen Trolle kämpfte, kam er besser mit ihnen klar als Leute, nach deren Ansicht Trolle die gleichen Rechte hatten wie alle anderen Personen. Selbst die Horde konnte sich der Wirkung seiner besonderen Ausstrahlungskraft nicht entziehen, obgleich sie aus den individuellsten aller Individualisten be- stand. Doch Herr Zervelatwurst hatte auch Ziellosigkeit im Leben der barba- rischen Helden gespürt, weshalb er eines Abends auf die besonderen Möglichkeiten im Aurient hingewiesen hatte…, Hoffnung erstrahlte in der Miene von Sechs Wohltätige Winde. »Braucht ihr einen Steuerberater?« fragte er. »Eigentlich nicht.« »Wird die Beute als Einkommen oder als Kapital verbucht?« »Darüber habe ich bisher noch nicht nachgedacht. Die Horde bezahlt keine Steuern.« »Was? Sie bezahlt keine Steuern? An niemanden?« »Nein. Es ist seltsam, aber aus irgendeinem Grund sind Cohen und die anderen nicht fähig, Geld über längere Zeit zu behalten. Es geht immer schnell für Getränke, Frauen und ein ausschweifendes Leben drauf. Aus einer barbarischen Perspektive sind das vielleicht die Steuern.« Ein leises »Plop« erklang, als Sechs Wohltätige Winde ein kleines Tin- tenfaß öffnete und die Spitze seines Pinsels beleckte. »Nun, ich schätze, bei einem barbarischen Helden sind das abzugsfähi- ge Spesen und Werbungskosten«, sagte er. »Sie sind schlicht und einfach Teil des Berufs. Hinzu kommen die Abnutzung von Waffen, Schutzklei- dung, mindestens ein Lendenschurz pro Jahr…« »Ich schätze, einer in hundert Jahren reicht.« »Und dann natürlich Rücklagen für die Rente…« »Oh, das Wort solltest du besser nicht in den Mund nehmen. Cohen und die anderen halten es für einen Fluch. In gewisser Weise sind sie deswegen hier. Dies ist ihr letztes Abenteuer.« »Sie wollen nur noch die eine Kostbarkeit stehlen, die du bisher nicht genannt hast?« »Ja. Wir begrüßen dich gern als neues Mitglied der Horde. Du könntest zu einem barbarischen… Bohnenschieber… ein Stück verknotete Schnur… ah… Steuerberater werden. Hast du jemals jemanden getötet?« »Nicht direkt. Aber ich war immer der Ansicht, daß man mit einer gut formulierten Letzten Forderung erheblichen Schaden anrichten kann.« Herr Zervelatwurst strahlte. »O ja«, sagte er. »Die Zivilisation.« Der letzte Ninja stand noch, aber kaum aus eigener Kraft – der Irre Polterer hatte seinen Rollstuhl auf die Füße des Unglücklichen gelenkt., Herr Zervelatwurst klopfte dem Steuerberater auf den Arm. »Ent- schuldige bitte. Ich habe festgestellt, daß ich an dieser Stelle eingreifen muß.« Er schritt zu dem letzten Ninja, der sich verzweifelt umsah. Sechs Schwerter trafen sich an seinem Hals, wodurch er aussah, als hätte er an einem ziemlich lebhaften Volkstanz teilgenommen. »Guten Morgen«, sagte Herr Zervelatwurst. »Ich möchte darauf hin- weisen, daß in diesem Fall – wie so oft – der Schein trügt: Dschingis ist ein ehrlicher Mann ohne Sinn für sinnloses Heldentum. Daher rate ich dir dringend von Bemerkungen wie ›Ich sterbe lieber, als den Kaiser zu verraten‹ oder ›Stell ruhig das Schlimmste mit mir an‹ ab. Es sei denn, du meinst sie wirklich ernst. Wenn du um Gnade bittest, genügt ein kurzes Handzeichen. Du solltest besser nicht nicken.« Der junge Mann blickte zu Cohen, der ihm ein aufmunterndes Lächeln schenkte. Er winkte kurz mit der Hand. Die Schwerter wichen von seinem Hals. Kriecher der Unhöfliche schmetterte dem Ninja seine Keule auf den Kopf. »Schon gut, schon gut, du brauchst gar nicht erst anzufangen«, brumm- te er mürrisch. »Er lebt noch.« »Au!« Der Junge Willie hatte eine der sternförmigen Waffen auspro- biert und sein eigenes Ohr getroffen. »Wie bringen es die Burschen nur fertig, mit solchen Dingern zu kämpfen?« »Wasisn?« »Diese kleinen Schmuckstücke sehen interessant aus«, sagte Vincent und griff nach einem Wurfstern. »Aaargh!« Er saugte an seinen Fingern. »Nutzloser ausländischer Krimskrams.« »Als der Bengel mit Rückwärtssaltos durch den Raum sprang und da- bei eine Axt in jeder Hand hielt… Das sah nicht schlecht aus.« »Ja.« »Du hättest das Schwert anders halten sollen.« »Warum denn? Es hat ihm eine wichtige Lektion erteilt.« »Mag sein. Aber jetzt nützt sie ihm nichts mehr.«, »Wasisn?« Sechs Wohltätige Winde schien nicht recht zu wissen, ob er lachen oder weinen sollte. »Aber… aber… ich habe diese Wächter schon einmal beim Kampf beobachtet«, brachte er hervor. »Sie sind unbesiegbar!« »Darauf hat uns niemand hingewiesen.« »Ich hab sie alle überwältigt!« »Ja.« »Obwohl ihr nur Eunuchen seid.« Stahl klirrte und kratzte. Sechs Wohltätige Winde schloß die Augen. Er spürte Metall am Hals, an mindestens fünf verschiedenen Stellen. »Dieses Wort gefällt mir nicht«, sagte Cohen der Barbar. »Aber… ihr… seid… wie… Eunuchen… gekleidet«, erwiderte Sechs Wohltätige Winde und versuchte, nicht zu schlucken. Herr Zervelatwurst wich zurück und lachte nervös. »Wißt ihr…« Er sprach jetzt wesentlich schneller als sonst. »Ihr seid zu alt für Wächter, und man kann euch gewiß nicht mit Beamten verwech- seln. Deshalb hielt ich diese Art der Tarnung für angebracht…« »Eunuchen!« donnerte Kriecher. »Soll das etwa heißen, daß uns die Leu- te angesehen haben und dabei Helluo, Saltat dachten?« Den Hordenmitgliedern ging es wie vielen Leuten, denen das Testoste- ron aus den Ohren quillt: Für die komplexeren Bereiche der Sexualität fehlte ihnen das nötige Feingefühl. Herr Zervelatwurst war durch und durch Lehrer, weshalb er es für erforderlich hielt, die Vorstellungen sei- ner Begleiter zu korrigieren, auch wenn ihn ihre Schwerter bedrohten. »Das bedeutet übersetzt ›der Vielfraß tanzt‹ und nicht etwa ›Hallo, Seemann‹, wie ihr zu glauben scheint und was heus nauta hieße«, dozierte er. »Und Eunuchen sagen so etwas nicht. Jedenfalls nicht unter einiger- maßen normalen Umständen. Hier ist es eine Ehre, Eunuch in der Ver- botenen Stadt zu sein. Viele von ihnen bekleiden hohe Ämter…« »Dann bereite dich auf eine rasche Karriere vor, Lehrer!« rief Kriecher. Cohen schlug ihm das Schwert aus der Hand., »Schluß damit«, brummte er. »Mir gefällt die Sache auch nicht, aber es ist ja nur eine Tarnung und dürfte kaum Bedeutung haben für jemanden, der einem Bären den Kopf abgebissen hat, oder?« »Da hast du recht, aber… als wir an den jungen Frauen vorbeika- men… haben sie gekichert…« »Vielleicht kannst du später zu ihnen zurückkehren und sie zum La- chen bringen«, sagte Cohen. »Du hättest uns das sagen müssen, Lehrer.« »Entschuldigung.« »Wasisn? Was sachta da?« »Er hat gesagt, du bist ein EUNUCH!« rief der Junge Willie dem Irren Polterer ins Ohr. »Ja, genau!« erwiderte Polterer fröhlich. »Wie bitte?« »Das bin ich! Einzigartig und unnachahmlich!« »Nein, er meinte…« »Wasisn?« »Ach, schon gut. Für dich macht’s ohnehin keinen Unterschied, Polte- rer.« Herr Zervelatwurst sah sich in der ruinierten Sporthalle um. »Wie spät es wohl ist?« »Ah«, gluckste Sechs Wohltätige Winde und freute sich über die Gele- genheit, einen harmlosen Beitrag zur Konversation leisten zu können. »Wir haben hier neuartige, dämonenbetriebene Apparate, die selbst dann Auskunft über die Zeit geben, wenn die Sonne nicht…« »Uhren«, unterbrach Herr Zervelatwurst den Steuereintreiber. »Die gibt es auch in Ankh-Morpork. Allerdings verdampfen die Dämonen schließ- lich, deshalb funktionieren sie mit…« Er zögerte. »Interessant. In eurer Sprache gibt es kein Wort dafür. Äh… speziell geformte Metallteile, die sich bewegen? Räder mit Zähnen?« Furcht schimmerte in den Augen von Sechs Wohltätige Winde. »Räder mit Zähnen?« »Wie nennt ihr die Dinger, die Korn mahlen?«, »Bauern.« »Ja, aber… womit mahlen sie das Korn?« »Keine Ahnung. Warum sollte ich das wissen? Nur Bauern müssen sich damit auskennen.« »Ja, ich glaube, damit ist alles gesagt«, erwiderte Herr Zervelatwurst traurig. »Bis zum Morgen dauert es noch eine Weile«, sagte Kriecher. »Warum ziehen wir nicht los und töten alle Leute in ihren Betten?« »Nein, nein, nein«, widersprach Herr Zervelatwurst. »Ich habe euch immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, daß wir es richtig anstellen.« »Ich könnte euch die Schatzkammer zeigen«, schlug Sechs Wohltätige Winde vor. »Es ist nie eine gute Idee, einem Affen den Schlüssel für die Bananen- plantage zu geben«, entgegnete Herr Zervelatwurst. »Kennst du noch eine andere Möglichkeit, die Horde eine Stunde lang zu unterhalten?« Unten im Keller sprach jemand über die Regierung. Und zwar ziemlich laut. »Es hat keinen Sinn, für eine Sache zu kämpfen!« schrie Rincewind aus vollem Hals. »Eine Sache ist nur… ein Ding!« »Dann kämpfen wir eben für die Bauern«, sagte Schmetterling. Sie wich ein wenig zurück – Rincewinds Zorn stieg wie Dampf von ihm auf. »Ach? Und bist du ihnen jemals begegnet?« »Ich… habe sie gesehen.« »Oh, gut! Und was willst du erreichen?« »Ein besseres Leben für das Volk«, erwiderte Schmetterling kühl. »Glaubst du etwa, ein bißchen Aufstand und die Hinrichtung einiger Leute genügen dafür? Ich komme aus Ankh-Morpork. Dort gab es mehr Aufstände und Bürgerkriege als ihr hier… lauwarme Entenfüße habt. Und wißt ihr was? Die Herrscher sind noch immer an der Macht! Sie waren es die ganze Zeit über!«, Schmetterling lächelte mit höflicher und nervöser Verständnislosigkeit. Rincewind rieb sich die Stirn. »Die Menschen dort draußen auf den Feldern, die Bauern mit den Wasserbüffeln… Durch eine Revolution soll für sie alles besser werden?« »Natürlich«, bestätigte Schmetterling. »Dann sind sie nicht länger den grausamen Launen der Verbotenen Stadt ausgeliefert.« »Oh, gut. Und anschließend regieren sie sich selbst?« »Ja«, sagte Lotosblüte. »Und zwar mit Hilfe der Volkskomitees«, erklärte Schmetterling. Rincewind preßte sich beide Hände an den Kopf. »Na so was«, murmelte er. »Komisch, ich hatte gerade eine Vision.« Die Zuhörer wirkten beeindruckt. »Ja, ich konnte einen kurzen Blick in die Zukunft werfen«, fuhr Rince- wind fort. »Und dort sah ich Volkskomitees, denen kaum Wasserbüffel- leinenhalter angehörten. Seltsam. Ich hörte eine Stimme, die mir zuflü- sterte, daß die meisten Mitglieder der zukünftigen Volkskomitees direkt vor mir stehen.« »Das ist natürlich nur zu Anfang so«, sagte Schmetterling. »Immerhin können die Bauern nicht lesen und schreiben.« »Wahrscheinlich wissen sie nicht einmal, worauf es bei richtigem Ak- kerbau ankommt«, vermutete Rincewind. »Schließlich hatten sie nur drei- oder viertausend Jahre Zeit, es zu lernen.« »Wir sind davon überzeugt, daß viele Verbesserungen möglich sind«, erwiderte Schmetterling. »Wenn wir gemeinsam handeln.« »Die Bauern freuen sich bestimmt, wenn ihr ihnen zeigt, wie man die Leinen der Wasserbüffel richtig in der Hand hält«, sagte Rincewind. Er starrte bedrückt zu Boden. Der Job des Wasserbüffelleinenhalters übte einen gewissen Reiz auf ihn aus; er schien fast so perfekt zu sein wie der des Schiffbrüchigen. Er sehnte sich nach einem Leben, in dem man sich auf die Matschigkeit des Schlamms konzentrieren und Bilder in den Wolkenmustern suchen konnte. Nach einem Leben, das es einem er- möglichte, in aller Ruhe nachzudenken und stundenlang darüber zu spe- kulieren, wann der Wasserbüffel das nächste Mal den Boden düngte. Ein, solches Leben war auch so schon schwer genug, selbst ohne Leute, die versuchten, es zu verbessern. Er wollte sagen: Wie könnt ihr so nett und gleichzeitig so dumm sein? Wenn ihr den Bauern helfen wollt, dann laßt sie in Ruhe. Gebt ihnen die Möglichkeit, so zu leben, wie sie es gewohnt sind. Wenn Leute, die schreiben und lesen können, für andere Leute kämpfen, denen diese Kenntnisse fehlen, ist das Ergebnis nur eine neue Art von Dummheit. Wenn ihr etwas für sie tun wollt, baut irgendwo eine Bibliothek und laßt die Tür offen. Aber so kann man in Hunghung nicht denken. Hier haben die Leute gelernt, einfach zu gehorchen. Die Horde weiß das. Im Achatenen Reich gibt es Schlimmeres als Peitschen. Hier gibt es blinden Gehorsam. Peitschen in der Seele. Wer auch immer hier Anwei- sungen erteilt – man befolgt sie. Freiheit bedeutet, von jemandem Befeh- le entgegenzunehmen. Ihr werdet alle sterben. Ich bin ein Feigling. Und selbst ich weiß mehr über Kämpfe als ihr Ich bin vor einigen wirklich großen weggelaufen. »Ach, laßt uns von hier verschwinden«, sagte er laut. Vorsichtig nahm er einem der toten Wächter das Schwert ab, und beim zweiten Versuch gelang es ihm, die Waffe richtig herum zu halten. Einige Sekunden lang wog er sie nachdenklich in der Hand, schüttelte dann den Kopf und warf sie fort. Der Kader seufzte erleichtert. »Aber ich führe euch nicht an«, betonte Rincewind. »Ich zeige euch nur den Weg. Und damit meine ich den Weg hinaus, verstanden?« Die jungen Soldaten der Roten Armee wirkten so verlegen wie Kinder und Jugendliche, die einige Minuten lang mit allem Nachdruck ausge- schimpft worden waren. Niemand gab einen Ton von sich, bis Zwei- blum flüsterte: »Solche Vorträge hält er oft. Und anschließend tut er etwas Tapferes.« Rincewind schnaubte. Am oberen Ende der Treppe lag die Leiche eines weiteren Wächters. Der plötzliche Tod schien ansteckend gewesen zu sein., Ein Bündel Schwerter lehnte an der Wand. Eine Schriftrolle hing dar- an. »Der Große Zauberer zeigt uns den Weg erst seit zwei Minuten, und schon haben wir zusätzliches Glück«, kommentierte Lotosblüte. »Rührt die Schwerter nicht an«, sagte Rincewind. »Und wenn wir Soldaten begegnen?« fragte Schmetterling. »Sollten wir ihnen dann nicht bis zum letzten Blutstropfen Widerstand leisten?« »Nein«, erwiderte Rincewind sofort. »In einem solchen Fall solltet ihr möglichst schnell weglaufen.« »Ah ja«, ließ sich Zweiblum vernehmen. »Man laufe weg, um auch noch am nächsten Tag kämpfen zu können. So lautet ein altes Sprich- wort in Ankh-Morpork.« Rincewind hatte immer angenommen, daß man weglief, um auch am nächsten Tag noch weglaufen zu können. »Es geschieht nur selten, daß Gefangene auf geheimnisvolle Weise freigelassen werden, alle Wächter tot vorfinden und bereitgelegte Waffen entdecken. Meint ihr nicht auch?« »Du hast die Karte vergessen«, sagte Schmetterling. Sie hob die Schriftrolle, und ihre Augen glänzten. »Zeigt sie uns den Weg aus der Verbotenen Stadt?« fragte Rincewind. »Nein, sie zeigt uns den Weg zum Schlafgemach des Kaisers! Alles ist markiert! Bestimmt ist er im Palast! Wir sollten den Kaiser töten!« »Noch mehr Glück!« entfuhr es Zweiblum. »Aber müssen wir den Kai- ser unbedingt töten? Vielleicht genügt es, mit ihm zu reden und…« »Habt ihr nicht gehört?« zischte Rincewind. »Wir gehen nicht zum Kai- ser! Habt ihr schon mal daran gedacht, daß sich Wächter nicht selbst erstechen? Daß sich Zellentüren nicht von allein öffnen? Man findet keine ›zufällig‹ herumliegenden Schwerter und erst recht keine Karte mit dem Hinweis: ›Hier entlang!‹ Abgesehen davon kann man nicht mit je- mandem reden, dem ein paar Garnelenkekse zur Mahlzeit A für zwei Personen fehlen.« »Nein«, sagte Schmetterling. »Wir müssen diese gute Gelegenheit nut- zen.«, »Bestimmt gibt es hier noch andere Wächter, und zwar lebende!« »Dann kannst du uns noch einmal die Kraft deiner Wünsche vorfüh- ren.« »Glaubst du vielleicht, ich muß einfach nur mit den Fingern schnippen, um alle Wächter tot umfallen zu lassen?« »Bei diesen beiden hier hat es geklappt«, sagte Lotosblüte am Eingang des Verlieses. Sie war Rincewind mit Ehrfurcht begegnet; jetzt wirkte sie geradezu entsetzt. »Reiner Zufall!« »Im Ernst«, meinte Schmetterling. »Wir haben einen Freund im Palast. Vielleicht ist es jemand, der für uns sein Leben aufs Spiel setzt. Nun, wir wissen, daß einige Eunuchen auf unserer Seite sind.« »Vermutlich deshalb, weil sie nichts mehr zu verlieren haben.« »Hast du eine bessere Idee, Großer Zauberer?« »Ja! Zurück in die Zellen!« »Wie bitte?« »Es geht hier nicht mit rechten Dingen zu! Und überhaupt: Willst du wirklich den Kaiser umbringen? Ich meine, wirklich?« Schmetterling zögerte. »Wir haben oft darüber gesprochen. Zwei Feuerkraut hat immer wie- der darauf hingewiesen: Wenn wir den Kaiser töten, entzünden wir da- mit die Fackel der Freiheit…« »Ja! Du selbst würdest brennen! Kehrt in die Zellen zurück! Dort ist es am sichersten. Was mich betrifft… ich… äh… sondiere die Lage.« »Das ist ein sehr tapferer Vorschlag«, sagte Zweiblum. »Und typisch für ihn«, fügte er stolz hinzu. Schmetterling bedachte Rincewind mit jener Art von Blick, die er fürchtete. »Es ist tatsächlich eine gute Idee«, pflichtete sie ihrem Vater bei. »Und ich begleite dich.« »Oh, aber bestimmt wird es… sehr gefährlich«, wandte Rincewind ha- stig ein., »Was kann mir schon passieren, wenn ich mit dem Großen Zauberer zusammen gehe?« erwiderte Schmetterling. »Stimmt, stimmt«, sagte Zweiblum. »Mir ist nie etwas zugestoßen.« »Außerdem habe ich die Karte«, fuhr Schmetterling fort. »Es wäre doch sehr unangenehm, wenn du dich verirrst und rein zufällig die Ver- botene Stadt verläßt, oder?« Rincewind gab nach. Zweiblums frühere Ehepartnerin mußte eine be- merkenswert intelligente Frau gewesen sein. »Na schön. Aber komm mir nicht in die Quere. Und befolge alle meine Anweisungen, klar?« Schmetterling verbeugte sich. »Zu Befehl, o Großer Zauberer«, sagte sie. »Ich wußte es!« heulte Kriecher der Unhöfliche. »Gift!« »Nein, nein«, widersprach Herr Zervelatwurst. »Man ißt es nicht, son- dern reibt sich den Körper damit ein. Schau her. Dann wird man das, was man in der Zivilisation sauber nennt.« Die meisten Hordenmitglieder standen bis zur Hüfte im warmen Was- ser, und jeder versuchte, möglichst viele Teile seines eigenen Körpers mit den Händen zu bedecken. Der Irre Polterer hatte sich geweigert, seinen Rollstuhl zu verlassen, weshalb nur sein Kopf aus dem Wasser ragte. »Es sticht«, klagte Cohen. »Und meine Haut blättert ab!« »Das ist keine Haut«, sagte Herr Zervelatwurst. »Habt ihr denn noch nie ein Bad gesehen?« »Oh, ich habe schon mal eins gesehen«, erwiderte der Junge Willie. »Als ich gegen den Wahnsinnigen Bischof von Pseudopolis kämpfte – er starb in einem. Ein Bad besteht aus Blasen und Schaum und so. Und man bekommt fünfzehn nackte junge Frauen.« »Wasisn?« »Ja. Fünfzehn. Ich erinnere mich genau daran. Kein Zweifel.« »Klingt nicht schlecht«, meinte Caleb der Brecher. »Hier gibt es nur dieses Seifenzeug.«, »Der Kaiser wird von zweiundzwanzig Badefrauen gewaschen«, teilte Sechs Wohltätige Winde der Horde mit. »Ich könnte sie wecken lassen. Es läßt sich wahrscheinlich unter ›Lustbarkeit‹ verbuchen.« Der ehemalige Steuereintreiber gewöhnte sich allmählich an seinen neuen Job. Inzwischen vertrat er folgenden fiskalischen Standpunkt: Zwar nahmen die einzelnen Hordenmitglieder während ihrer beruflichen Laufbahn als barbarische Helden enorm viel Geld ein, doch sie verloren es bei anderen Aktivitäten (Sechs Wohltätige Winde kategorisierte sie als »Öffentlichkeitsarbeit«), die in direktem Zusammenhang mit dem ausge- übten Beruf standen und somit einen erheblichen Nachlaß rechtfertigten. Der Umstand, daß sie bei keiner Behörde registriert waren*, spielte nur eine untergeordnete Rolle. Es kam in erster Linie aufs Prinzip an. Und natürlich auf die Verzinsung. »Nein, keine jungen Frauen, darauf muß ich leider bestehen«, sagte Herr Zervelatwurst. »Ihr nehmt ein Bad, damit ihr sauber werdet. Für junge Frauen gibt es später noch Zeit genug.« »Ich hab eine Verabredung, wenn dies alles vorbei ist«, verkündete Ca- leb ein wenig schüchtern und dachte voller Sehnsucht an eine jener we- nigen Frauen, mit denen er sich jemals unterhalten hatte. »Sie hat einen eigenen Bauernhof. Könnte ihr dort unter die Arme greifen.« »Ich wette, du greifst ihr nicht nur unter die Arme«, sagte der Junge Willie. »Har, har, har!« »Wasisn?« Sechs Wohltätige Winde schob sich an den Lehrer heran, als die Horde erste Experimente mit dem Badeöl durchführte: Sie trank davon. »Ich weiß jetzt, was ihr stehlen wollt«, sagte er. »Tatsächlich?« erwiderte Herr Zervelatwurst höflich. Er beobachtete Caleb, für den das Wort Reinlichkeit zum ersten Mal Bedeutung bekam. Er versuchte, sich mit dem Schwert die Fingernägel zu schneiden. »Ihr habt es auf den legendären Diamantsarg von Schz Yu abgesehen!« * Abgesehen von der, die Plakate mit der Aufschrift »Gesucht, vorzugsweise tot« herausgab., brachte Sechs Wohltätige Winde in triumphierendem Tonfall hervor. »Nein. Wieder falsch getippt.« »Oh.« »Raus aus dem Wasser, meine Herren«, wandte sich Herr Zervelat- wurst an die Horde. »Ich glaube… ja… ihr kennt euch jetzt nicht nur mit dem Geschäftsleben aus, sondern auch mit sozialen Kontakten…« »Har, har, har… ‘tschuldigung.« »… und den Prinzipien der Besteuerung«, fuhr der frühere Lehrer fort. »Kennen wir uns tatsächlich damit aus?« fragte Cohen. »Worum geht es dabei?« »Man nimmt den Händlern fast das ganze Geld weg«, erläuterte Sechs Wohltätige Winde und reichte ihm ein Handtuch. »Mehr steckt nicht dahinter? Das machen wir seit Jahren.« »Nein, ihr habt ihnen immer alles Geld weggenommen«, sagte Herr Zervelatwurst. »Und das ist falsch. Ihr tötet zu viele Händler, und die Überlebenden sind zu arm.« »Klingt völlig richtig für mich.« Kriecher der Unhöfliche bohrte sich den Zeigefinger ins Ohr und erforschte das krustige Etwas darin. »Händ- ler arm, wir reich.« »Nein, nein, nein!« »Nein, nein, nein?« »Genau. So etwas ist nicht zivilisiert.« »Es ist wie mit Schafen«, warf Sechs Wohltätige Winde ein. »Man zieht ihnen nicht einfach die Haut ab, sondern schert sie jedes Jahr.« Die Horde musterte ihn verwirrt. »Jäger und Sammler«, murmelte Herr Zervelatwurst, und ein Hauch Hoffnungslosigkeit lag in seiner Stimme. »Falsche Metapher.« »Ihr wollt das wundervolle Singende Schwert von Wong stehlen, stimmt’s?« flüsterte Sechs Wohltätige Winde. »Deshalb seid ihr hier, habe ich recht?« »Nein. Außerdem ist ›stehlen‹ eigentlich das falsche Wort. Nun, meine Herren… ihr seid zwar noch nicht richtig zivilisiert, aber ihr habt euch, jetzt gewaschen, und viele Leute sehen da keinen Unterschied. Ich glau- be, es wird Zeit, aktiv zu werden.« Die Horde strahlte. Sie glaubte sich wieder auf vertrautem Terrain. »Zum Thronsaal!« sagte Dschingis Cohen. Sechs Wohltätige Winde war nicht besonders leicht von Begriff, aber schließlich zählte auch er zwei und zwei zusammen. »Der Kaiser!« stieß er hervor. In einer Mischung aus reinem Entsetzen und grimmigem Entzücken hob er die Hand zum Mund. »Ihr wollt ihn entführen!« Diamanten glänzten, als Cohen lächelte. Zwei tote Wächter lagen im Flur, der zu den kaiserlichen Gemächern führte. »Wie kommt es eigentlich, daß man euch alle lebend gefangengenom- men hat?« flüsterte Rincewind. »Die Soldaten, die ich gesehen habe, hat- ten große Schwerter. Wieso seid ihr nicht tot?« »Vermutlich sollten wir gefoltert werden«, erwiderte Schmetterling. »Es gelang uns, zehn Wächter zu verletzen.« »Ach? Indem ihr sie mit Plakaten beklebt oder revolutionäre Lieder ge- sungen habt? Meine Güte, jemand wollte euch lebend.« Der Boden sang im Dunkeln. Jeder Schritt bewirkte unterschiedliches Quietschen und Knarren wie auf den Dielen der Unsichtbaren Universi- tät. Doch Derartiges erwartete man nicht an einem so erhabenen Ort wie dem Palast. »Man nennt es Nachtigallenboden«, sagte Schmetterling. »Alle Nägel sind mit kleinen Ringen und Manschetten versehen. So kann sich nie- mand unbemerkt nähern.« Rincewind blickte auf die beiden Toten hinab – keiner von ihnen hatte sein Schwert gezogen. Er verlagerte sein Gewicht auf das linke Bein, und es quietschte. Als er sich nach rechts beugte, knarrte es. »Hier stimmt was nicht«, raunte er. »Auf einem solchen Boden kann man sich an niemanden heranschleichen. Die beiden Wächter wurden von jemandem umgebracht, den sie kannten. Verschwinden wir von, hier…« »Wir gehen weiter«, sagte Schmetterling fest. »Es ist eine Falle. Jemand will euch benutzen, um seine schmutzige Arbeit zu erledigen.« Die junge Frau zuckte mit den Achseln. »An der großen Jadestatue nach links.« Vier Uhr morgens, eine Stunde vor Sonnenaufgang. In den Prunksälen hielten sich Wächter auf, aber nicht viele. Immerhin lag dieser Bereich tief im Innern der Verbotenen Stadt mit ihren hohen Mauern und schmalen Toren. Hier rechnete man nicht mit Zwischenfällen. Man brauchte einen ganz besonderen Verstand, um die ganze Nacht leere Zimmer zu bewachen. Eins Großer Fluß hatte solch einen Verstand, der sanft durch einen ansonsten völlig hohlen Schädel driftete. Er wurde Eins Großer Fluß genannt, weil er ebenso groß und schnell war wie der Hung. Zunächst hatte er ein Tsimo-Ringer werden wollen, war aber beim Intelligenztest durchgefallen, weil er den Tisch nicht ge- gessen hatte. Er konnte sich nicht langweilen, weil es ihm an der dafür notwendigen Phantasie fehlte. Aber er hatte schließlich die schwierige Kunst erlernt, im Stehen zu schlafen. Derzeit döste er zufrieden vor sich hin und hörte nur ein gelegentliches Quietschen wie von einer sehr vorsichtigen Maus. Das Visier seines Helms schwang nach oben, und jemand fragte: »Möchtest du lieber sterben, als deinen Kaiser zu verraten?« Eine zweite Stimme fügte hinzu: »Das ist keine Fangfrage.« Eins Großer Fluß blinzelte, dann glitt sein Blick nach unten. Eine Er- scheinung in einem Rollstuhl mit quietschenden Rädern hielt ein ziem- lich großes Schwert so, daß die Spitze genau an die Stelle zeigte, wo der obere Teil der Rüstung nicht ganz bis an den unteren heranreichte. Eine dritte Stimme sagte: »Mindestens neunundzwanzig Personen ga- ben die falsche Antwort und sind nun… getrockneter, zerriebener Fisch… äh… tot.«, Eine vierte Stimme verkündete: »Und wir sind keine Eunuchen.« Eins Großer Fluß stöhnte leise vor Anstrengung, als er nachdachte. »Ich glaube, ich lieber leben möchte«, sagte er schließlich. Jemand klopfte ihm auf die Schulter, ein Mann, der statt Zähnen Dia- manten im Mund hatte. »Ausgezeichnet. Willkommen in der Horde. Wir könnten jemanden wie dich gebrauchen. Zum Beispiel als Belagerungs- waffe.« »Wer ihr seid?« fragte Eins Großer Fluß. »Das ist Dschingis Cohen«, stellte Herr Zervelatwurst vor. »Vollbringer großer Taten. Drachentöter. Städteplünderer. Einmal kaufte er einen Apfel.« Niemand lachte. Herr Zervelatwurst wußte längst, daß die Horde nicht die geringste Idee von Sarkasmus hatte. Cohen und die anderen waren diesem Phänomen nie begegnet. Eins Großer Fluß entstammte der Tradition des Gehorsams. Sein gan- zes Leben lang hatte er Anweisungen befolgt. Er schloß sich dem Mann mit Diamantzähnen an, weil man diesem Mann folgte, wenn er »Folge mir!« sagte. »Aber bestimmt gibt es hier Tausende von Soldaten, die tatsächlich lie- ber sterben, als ihren Kaiser zu verraten«, flüsterte Sechs Wohltätige Winde, als sie durch den Flur schritten. »Oh, gut«, erwiderte Cohen. »Nein, das ist schlecht«, sagte Herr Zervelatwurst. »Bei den Ninja wart ihr nur ein wenig ausgelassen…« »… ausgelassen…«, murmelte Sechs Wohltätige Winde. »… aber einen wilden Kampf im Freien solltet ihr besser vermeiden. Das Durcheinander wäre zu groß.« Cohen trat zur nächsten Wand, die mit einem prächtigen Pfauenmuster geschmückt war. Er holte sein Messer hervor. »Papier«, sagte er. »Verdammtes Papier. Wände aus Papier.« Er schob seinen Kopf hindurch. Ein Schrei erklang auf der anderen Seite. »Oh, Verzeihung, Gnädigste. Offizielle Wandkontrolle.« Er zog den Kopf zurück und lächelte., »Man kann nicht einfach durch Wände gehen!« brachte Sechs Wohltä- tige Winde hervor. »Warum denn nicht?« »Weil… weil es Wände sind. Was würde passieren, wenn alle Leute durch Wände gingen? Wozu sind Türen da?« »Ich glaube, Türen sind für andere Leute bestimmt«, sagte Cohen. »In welcher Richtung befindet sich der Thronsaal?« »Wasisn?« »Das ist spielerisches Denken«, erklärte Herr Zervelatwurst, als sie Co- hen folgten. »Dschingis hat echt was auf dem Kasten, wenn’s um spiele- risches Denken geht.« »Wasisn? Spiele mit einem Kasten?« »Nein. Wohl eher mit den Muskeln.« »Spielerisches Denken mit den Muskeln?« murmelte Sechs Wohltätige Winde. »Oh, ich verstehe…« Rincewind schob sich in die Lücke zwischen der Wand und dem Bildnis eines fröhlichen Hundes mit heraushängender Zunge. »Und nun?« fragte Schmetterling. »Wie groß ist die Rote Armee?« »Tausende von entschlossenen Kämpfern gehören ihr an«, sagte die junge Frau trotzig. »In Hunghung?« »Nein. Es gibt einen Kader in jeder Stadt.« »Weißt du das genau? Bist du ihnen begegnet?« »Das wäre zu gefährlich. Nur Zwei Feuerkraut weiß, wie man Kontakt mit den anderen Gruppen aufnimmt.« »Komisch. Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, jemand möchte eine Revolution. Und es fällt ihm sehr schwer, eine zu organisieren, weil ihr alle so verdammt respektvoll und höflich seid! Aber wenn man erst ein- mal Rebellen hat, kann man viel erreichen…« »Das ist doch absurd…«, »Die Aufständischen in den anderen Städten… Bestimmt vollbringen sie lauter revolutionäre Heldentaten, nicht wahr?« »Wir hören immer wieder Berichte darüber.« »Von deinem Freund Zwei Feuerkraut?« Schmetterling runzelte die Stirn. »Ja…« »Jetzt fängst du an nachzudenken, nicht wahr?« fragte Rincewind. »Die Gehirnzellen beginnen endlich mit der Arbeit. Gut. Habe ich dich über- zeugt?« »Ich… weiß nicht.« »Laß uns zurückkehren.« »Nein. Ich möchte herausfinden, ob du recht hast.« »Du stirbst vor Neugier, wie? Meine Güte, man könnte den Verstand verlieren! Paß mal auf…« Rincewind schritt zum Ende des Flurs zu zwei breiten Türflügeln, die von Jadedrachen flankiert waren. Er zog sie auf. Dahinter erstreckte sich ein großer, niedriger Raum. In seiner Mitte stand ein Himmelbett. Es ließ sich kaum feststellen, wer dort lag, aber seine völlige Reglosigkeit deutete auf jene Art von Schlaf hin, aus der man nie mehr erwacht. »Siehst du? Er… ist… bereits… tot…« Zwölf Soldaten richteten verblüffte Blicke auf Rincewind. Hinter ihm knarrte der Boden, und etwas raschelte. Dann folgte das Geräusch von nassem Leder, das an einen Stein geschlagen wurde. Rincewind sah zum nächsten Soldaten. Der Mann hielt ein Schwert in der Hand. Ein Blutstropfen rann über die Klinge und verharrte an ihrer Spitze, um den dramatischen Effekt zu erhöhen, bevor er zu Boden fiel. Rincewind hob den Blick und nahm kurz den Hut ab. »Ich bitte um Verzeihung«, sagte er. »Ist dies nicht Zimmer 3B?« Dann lief er los., Der Boden kreischte unter ihm, und weiter hinten rief jemand seinen Spitznamen: »Laßt ihn nicht entkommen!« Doch, laßt mich entkommen, betete Rincewind. Ja, bitte laßt mich ent- kommen. Er schlitterte um die nächste Ecke, durchstieß eine Papierwand und landete in einem dekorativen Fischteich. Aber der fliehende Rincewind verfügte über katzenartige, sogar messianische Fähigkeiten. Es entstan- den kaum Wellen auf der Wasseroberfläche, als er abprallte und weiterra- ste. Eine zweite Wand gab nach, und dahinter erstreckte sich ein anderer – oder vielleicht der gleiche – Flur. Hinter ihm landete jemand auf einem wertvollen Koi. Rincewind rannte. Weg. Das war der wichtigste Faktor einer gedankenlosen Flucht. Man lief weg. Das Wohin regelte sich von allein. Er sprang eine Treppe aus niedrigen Stufen hinunter, rollte unten ab und floh durch einen weiteren Flur. Seine Beine reagierten auf die gewohnte Weise. Zuerst ein wilder Sprint, um die unmittelbare Gefahrenzone zu verlassen, und dann ein Hochgeschwindigkeits-Dauerlauf, um eine möglichst große Entfernung zu den Unannehmlichkeiten zu schaffen. Darauf kam es an. Die Geschichte berichtet von einem Läufer, der mehr als vierzig Kilo- meter lief, um Kunde von einer siegreichen Schlacht zu bringen. Traditi- onsgemäß galt er als bester Läufer aller Zeiten, aber hätte er die Nach- richt von einer bevorstehenden Schlacht gebracht, wäre er unterwegs von Rincewind überholt worden. Und doch… Jemand schloß zu ihm auf. Ein Messer bohrte sich durch die Wand des Thronsaals und schnitt ein Loch hinein, das groß genug war, um einen Mann durchzulassen. Die Horde palaverte leise. »Der Fürchterliche Ferdinand hat nie den Hintereingang benutzt.« »Sei still.«, »Von Heimlichtuerei und dergleichen hielt der Fürchterliche Ferdinand nie etwas.« »Sei still.« »Als der Fürchterliche Ferdinand Al Khali angriff, ritt er mit tausend Kriegern auf sehr kleinen Pferden direkt zum Haupttor.« »Ja, aber als ich den Fürchterlichen Ferdinand zum letzten Mal sah, war sein Kopf aufgespießt.« »Zugegeben. Der Kopf war tatsächlich aufgespießt, allerdings am Haupttor. Was bedeutet, daß er es in die Stadt geschafft hat.« »Zumindest sein Kopf hat es geschafft.« »Meine Güte…« Herr Zervelatwurst seufzte erleichtert – der Raum, den sie nun erreich- ten, brachte die Horde wenigstens vorübergehend zum Schweigen. Er war groß, und zwar aus gutem Grund. Als Eins Sonnenspiegel die Stämme und Länder und kleinen Inselnationen zu einem Reich einte, erbaute er einen Saal, der Gesandten und Botschaftern folgendes mitteil- te: Dies ist der größte Raum, den ihr je gesehen habt, und seine Pracht überbietet alles, was ihr euch bisher vorstellen konntet, und bei uns gibt es noch viel mehr solche Räume. Der Kaiser hatte damit beeindrucken wollen. Der Saal sollte Barbaren so sehr einschüchtern, daß sie jeden Widerstand aufgaben und sich auf der Stelle fügten. Man statte ihn mit großen Statuen aus, sagte Eins Son- nenspiegel damals. Außerdem mit langen Tapisserien, Säulen und Skulp- turen. Pure Erhabenheit sollte dem Besucher die Sprache verschlagen und ihm mitteilen: »Dies ist Zivilisation. Du kannst entweder daran teil- haben oder sterben. Und jetzt sink auf die Knie, wenn du nicht auf ande- re Weise kleiner werden willst.« Die Horde sah sich interessiert um. »Ganz hübsch«, sagte Kriecher der Unhöfliche schließlich. »Aber nichts gegen das Langhaus unseres Stammesoberhaupts in Skund. Hier fehlt sogar die Feuerstelle in der Mitte, seht nur.« »Protzig, finde ich.« »Wasisn?«, »Typisch ausländisch.« »Ich würde den größten Teil der Einrichtung entfernen, Stroh auf dem Boden verteilen und ein paar Schilde an die Wände hängen.« »Wasisn?« »Mit ein paar hundert Tischen könnte man hier drin ein ordentliches Gelage abhalten.« Cohen schritt durch den gewaltigen Saal und näherte sich dem Thron, der unter einem großen, bunten Baldachin stand. »Hat ‘nen Regenschirm, das Ding.« »Vielleicht regnet’s durch. Dachziegel taugen nichts. Unter einem or- dentlichen Reetdach bleibt vierzig Jahre lang alles hübsch trocken.« Der Thron bestand aus lackiertem Holz, in dem viele kostbare Edel- steine glänzten. Cohen setzte sich. »Ist es jetzt soweit?« fragte er. »Haben wir’s geschafft, Lehrer?« »Ja«, antwortete Herr Zervelatwurst. »Jetzt mußt du natürlich noch damit durchkommen.« »Entschuldigt bitte«, warf Sechs Wohltätige Winde ein. »Was habt ihr geschafft?« Der frühere Lehrer wandte sich ihm zu. »Du weißt schon… das Ding, das wir hier stehlen wollen…« »Ja?« »Wir haben es auf das ganze Reich abgesehen.« Einige Sekunden lang blieb das Gesicht des ehemaligen Steuereintrei- bers unverändert. Dann formte es allmählich ein entsetztes Grinsen. »Ich schätze, wir sollten frühstücken, bevor wir weitermachen«, sagte Herr Zervelatwurst. »Herr Winde, wenn du so gütig wärst, jemanden zu rufen?« Sechs Wohltätige Winde grinste noch immer. »Aber… aber… so kann man doch kein Reich erobern!« ächzte er. »Dazu braucht man eine Streitmacht, so wie die Kriegsherrn! Einfach so den Thronsaal zu betreten… ist gegen die Regeln! Und… und… es gibt hier Tausende von Wächtern!«, »Ja, und sie befinden sich alle da draußen«, meinte Herr Zervelatwurst. »Sind damit beschäftigt, uns zu beschützen«, fügte Cohen hinzu. »Sie schützen den wahren Kaiser!« »Das bin ich«, sagte Cohen. »Ach?« brummte Kriecher. »Wer ist denn gestorben und hat dich zu seinem Nachfolger ernannt?« »Niemand braucht zu sterben«, ließ sich Herr Zervelatwurst verneh- men. »Das nennt man Usurpation.« »Genau«, brummte Cohen. »Man sagt einfach: ›He, Burschi, du bist ge- rade rausgeflogen, klar? Pack deine Sachen und verpiß dich zu irgendei- ner Insel, oder…‹« »Dschingis…«, wandte Herr Zervelatwurst sanft ein. »Hältst du es für möglich, daß du in Zukunft auf eine solche Ausdrucksweise verzichten kannst? Sie ist nicht sehr zivilisiert.« Cohen zuckte mit den Achseln. »Ihr müßt trotzdem mit großen Schwierigkeiten rechnen«, sagte Sechs Wohltätige Winde. »Vielleicht nicht«, erwiderte Cohen. »Erklär es ihm, Lehrer.« »Hast du den… äh… früheren Kaiser jemals gesehen, Herr Winde?« fragte Herr Zervelatwurst. »Natürlich nicht. Kaum jemand hat ihn…« Er unterbrach sich. »Na bitte«, sagte Herr Zervelatwurst. »Du verstehst ziemlich schnell, Herr Winde, wie es dem Lord Ersten und Obersten Steuereintreiber gebührt.« »Aber es klappt bestimmt nicht, weil…« Sechs Wohltätige Winde un- terbrach sich erneut, als Herr Zervelatwursts Worte sein Gehirn erreich- ten. »Lord Erster und Oberster Steuereintreiber? Ich? Der schwarze Hut mit dem rubinroten Knopf?« »Ja.« »Und mit einer Feder, wenn du möchtest«, fügte Cohen großzügig hin-, zu. Der Steuereintreiber dachte darüber nach. »Nun… angenommen, es gibt da einen Distriktverwalter, der seine Mitarbeiter sehr schlecht behandelt, vor allem den hart arbeitenden Stell- vertreter, der deshalb eine ordentliche Tracht Prügel verdient…« »Das fiele in den Zuständigkeitsbereich des Lord Ersten und Obersten Steuereintreibers.« Das Lächeln von Sechs Wohltätige Winde drohte nun, die obere Hälfte des Kopfes von der unteren zu trennen. »Was neue Steuern betrifft…«, sagte er. »Ich bin immer der Ansicht gewesen, daß frische Luft viel zu billig angeboten wird. Wenn man die hohen Produktionskosten bedenkt…« »Wir hören deinen Ideen mit großem Interesse zu«, versicherte Herr Zervelatwurst. »Doch zuerst solltest du fürs Frühstück sorgen.« »Und laß jene Leute kommen, die glauben, den Kaiser zu kennen«, meinte Cohen. Der Verfolger kam näher. Rincewind rutschte um eine Ecke – und sah weiter vorn drei Wächter, die den Flur blockierten. Sie waren nicht tot. Und sie trugen Schwerter. Jemand prallte von hinten gegen den Zauberer, stieß ihn zu Boden und raste weiter. Rincewind schloß die Augen. Es pochte mehrmals. Jemand stöhnte. Dann erklang ein seltsames, me- tallisches Geräusch. Es stammte von einem Helm, der sich auf dem Boden drehte. Rincewind wurde auf die Beine gezogen. »Willst du hier den ganzen Tag herumliegen?« fragte Schmetterling. »Komm. Die anderen sind dicht hinter uns!« Rincewind sah zu den reglosen Wächtern und lief wieder los. »Wie viele sind es?« brachte er hervor. »Sieben. Aber zwei von ihnen hinken, und einer kann nur noch mit, Mühe Luft holen. Komm weiter.« »Du hast gegen sie gekämpft?« »Vergeudest du immer wertvollen Atem auf diese Weise?« »Ich bin nie jemandem begegnet, der so schnell läuft wie ich!« Sie brachten eine weitere Ecke hinter sich und kollidierten fast mit ei- nem anderen Wächter. Schmetterling hielt nicht an. Sie hob das eine Bein, wirbelte auf dem anderen um die eigene Achse und trat dem Mann so fest gegen das Ohr, daß er sich drehte und auf dem Kopf landete. Die junge Frau legte eine kurze Pause ein, schnaufte und strich eine Haarsträhne zurück. »Wir sollten uns beeilen«, sagte sie. »O nein!« erwiderte Rincewind. »Ich muß dich beschützen!« »Ich kehre zu den anderen zurück. Und du lockst die Soldaten fort…« »Könnt ihr das alle?« »Natürlich«, erwiderte Schmetterling. Es klang trotzig. »Ich habe dir doch gesagt, daß wir gegen die Wächter kämpfen. Die verdammten Mörder! Man will alles uns in die Schuhe schieben!« »Ich habe dich mehrmals darauf hingewiesen. Und abgesehen davon: Du wolltest den Kaiser doch umbringen, oder?« »Ja, aber wir sind Rebellen. Und er wurde von Palastwächtern getötet!« »Äh…« »Keine Zeit. Wir sehen uns im Himmel wieder.«. Schmetterling sauste fort. »Oh.« Rincewind sah sich um. Es war still geworden. Wächter erschienen am Ende des Korridors, und ihre große Vorsicht verriet, daß sie bereits Erfahrungen mit Schmetterling gesammelt hatten. »Da!« »Ist sie es?« »Nein, es ist er!«, »Den schnappen wir uns!« Rincewind beschleunigte wieder, stürmte durch einen anderen Flur und stellte fest, daß es eine Sackgasse war, die möglicherweise an seinem Grab endete… Er fand eine Tür, trat sie auf, lief einige Meter weit und wurde langsa- mer. Dunkelheit empfing ihn. Nach den Geräuschen und dem Geruch in der Luft befand er sich in einer Art Stall. Es war nicht völlig finster. Rincewind bemerkte mattes Licht, das von einem Feuer zu stammen schien. Er wandte sich in die entsprechende Richtung und sah glühende Kohlen unter einem riesigen Kessel, in dem Reis kochte. Als sich seine Augen an die Düsternis gewöhnt hatten, bemerkte er Gestalten, die an beiden Wänden eines großen Raums auf Platten lagen. Sie schnarchten leise. Es mußten… Personen sein. Vielleicht waren es sogar Menschen be- ziehungsweise Leute, die von Menschen abstammten. Irgendwann schien jemand gesagt zu haben: »Mal sehen, wie groß und dick Menschen wer- den können. Versuchen wir, wirklich große Burschen zu züchten.« Die Kleidung jedes der Riesen bestand aus etwas, das Rincewind für eine Windel hielt. Und neben jedem von ihnen stand eine Schüssel, die genug Reis für zwanzig normale Personen enthielt – falls der betreffende Gigant erwachte und Lust auf einen kleinen Imbiß verspürte. Zwei Verfolger erschienen in der Tür und blieben stehen. Nach einigen Sekunden setzten sie sich wieder in Bewegung, aber ganz behutsam, und sie beobachteten dabei die schlafenden Fleischberge. »Oi, oi, oi!« rief Rincewind. Die Männer verharrten und starrten zu ihm hin. »Aufgewacht, aufgewacht! Raus aus den Federn!« Er griff nach einer großen Schöpfkelle und hämmerte damit an den Kessel. »Morgenstund hat Gold im Mund! Wer rastet, der rostet! Na los, auf- stehen, aufstehen!« Die Schläfer bewegten sich., »Ooooorrrr?« »Ooooaaaoooooor!« Der große Raum erbebte, als vierzig baumstammdicke Beine von den Platten herunterschwangen. Die Fleischberge gaben sich eine neue Form, und Rincewind hatte den Eindruck, von zwanzig kleinen Pyrami- den beobachtet zu werden. »Haaaroooooohhhh?« »Die Männer dort«, sagte Rincewind und deutete zu den Verfolgern, die langsam zurückwichen. »Sie haben ein Brötchen mit Schweine- fleisch.« »Oorrryorrraaah?« »Oooorrrr?« »Und mit Senf!« »Oooorrrr!« Zwanzig ziemlich kleine Köpfe drehten sich. Insgesamt achtzig spezia- lisierte Neuronen wurden aktiv. Und der Boden erzitterte. Die Ringer näherten sich den Wächtern. Ihr langsamer, zielstrebiger Lauf konnte nur von anderen Ringern ge- stoppt werden – oder von einem Kontinent. »Oooorrr!« Rincewind raste zu einer fernen Tür und durchbrach sie. Dahinter sa- ßen zwei Männer in einem kleinen Raum, tranken Tee und spielten Shibo, während ein dritter zusah. »Die Ringer sind los!« rief der Zauberer. »Ich fürchte, sie gehen durch!« Einer der beiden Spieler legte die Shibo-Steine beiseite. »Mist! Und es ist schon eine Stunde her, seit sie das letzte mal zu essen bekommen ha- ben!« Sie griffen nach Netzen, Stöcken und Schutzkleidung und ließen Rin- cewind allein in dem kleinen Raum zurück. Er entdeckte eine weitere Tür und schlenderte hindurch. So langsam ging er nur selten. Rincewind hoffte, daß er durch die eingesparte physische Geschwindigkeit schneller denken konnte. Jetzt brauchte er vor allem die, eine oder andere gute Idee. Im nächsten Flur setzte sich der gewöhnliche Überlebensinstinkt wie- der durch. Er sprintete erneut los, nach dem Prinzip, daß Mangel an Ver- folgern noch lange kein Grund ist, nicht mehr wegzulaufen. Lord Hong faltete Papier. Er verstand es meisterhaft, Papier zu falten, denn er investierte dabei seine ganze Konzentration. Lord Hongs Verstand glich einem Messer – einem mit krummer Klinge. Die Tür glitt beiseite. Ein Wächter kam herein, das Gesicht rot vom langen Laufen. Er warf sich zu Boden. »O Lord Hong, gepriesen sei er und…« »Ja, schon gut«, sagte Lord Hong und probierte eine sehr schwierige Falte. »Was ist diesmal schiefgegangen?« »Lord?« »Ich habe gefragt, was diesmal schiefgegangen ist.« »Äh… wir haben den Kaiser getötet wie befohlen…« »Wie von wem befohlen?« »Lord! Die Anweisung stammte von dir!« »Tatsächlich?« Lord Hong faltete das Papier nun der Länge nach. Der Wächter schloß die Augen. Er hatte eine kurze Vision von der Zukunft, die einen aufgespießten Kopf betraf. Er schluckte und fuhr fort: »Die… die Gefangenen, Lord… Sie sind verschwunden! Wir hörten, wie sich jemand näherte, und dann… sahen wir zwei Personen, Lord. Wir verfolgen sie. Doch von den anderen fehlt jede Spur.« »Keine revolutionären Sprüche? Keine Plakate? Keine Schuldigen?« »Nein, Lord.« »Ich verstehe. Bleib hier.« Lord Hongs Hände falteten weiter, als er zur dritten Person im Zim- mer blickte. »Hast du irgend etwas zu sagen, Zwei Feuerkraut?« fragte er freundlich., Der Revolutionsführer wirkte verlegen. »Die Rote Armee ist recht teuer gewesen«, sagte Lord Hong. »Allein die Druckkosten… Du kannst wohl kaum behaupten, du hättest keine Hilfe von mir bekommen. Wir haben die Tür aufgeschlossen, die Wäch- ter getötet, deinen jämmerlichen Leuten Schwerter und sogar eine Karte gegeben. Wer soll mir glauben, daß sie den Kaiser getötet haben – möge er zehntausend Jahre lang tot bleiben –, wenn sie spurlos verschwunden sind? Man wird Fragen stellen. Zu viele Fragen. Und ich kann nicht alle umbringen. Außerdem scheinen sich einige Barbaren im Gebäude auf- zuhalten.« »Offenbar ist irgend etwas schiefgegangen, Lord.« Zwei Feuerkraut war wie hypnotisiert von den Bewegungen der Hände, die über das Papier strichen. »Sehr bedauerlich. Es gefällt mir nicht, wenn Dinge schiefgehen. Wächter? Wasch dein jämmerliches Selbst rein und bring diesen Mann fort. Ich muß es mit einem anderen Plan versuchen.« »Lord!« »Ja, Zwei Feuerkraut?« »Als du… als wir vereinbarten… als vereinbart wurde, daß die Rote Armee dir ausgeliefert wird… hast du mir… äh… Straffreiheit zugesi- chert.« Lord Hong lächelte. »O ja, ich erinnere mich. Ich habe versprochen, deinen Tod weder schriftlich noch mit gesprochenen Worten zu befehlen, oder?« Er knickte die letzte Falte, öffnete die Hände und setzte das Papierge- bilde auf den lackierten Tisch an seiner Seite. Zwei Feuerkraut und der Soldat betrachteten es. »Wächter… bring ihn fort«, sagte Lord Hong. Dutzende von Falten formten die Gestalt eines Mannes. Allerdings schien das Papier nicht für einen Kopf ausgereicht zu ha- ben. Der engste Kreis des kaiserlichen Hofes bestand aus etwa achtzig Män-, nern, Frauen und Eunuchen, bei denen sich verschiedene Stadien von Schlaflosigkeit beobachten ließen. Was sie auf dem Thron sahen, erstaunte sie sehr. Und die Horde war vom Hofstaat erstaunt. »Wer sind die Vetteln mit den essigsauren Mienen«, flüsterte Cohen. Geistesabwesend warf er ein Messer hoch und fing es wieder auf. »Die würde ich nicht einmal verbrennen.« »Es sind die Ehefrauen des früheren Kaisers«, erwiderte Sechs Wohltä- tige Winde leise. »Wir müssen sie doch nicht heiraten, oder?« »Ich glaube nicht.« »Warum sind ihre Füße so klein?« fragte Cohen. »Ich mag Frauen mit großen Füßen.« Sechs Wohltätige Winde erklärte es ihm; daraufhin verhärteten sich Cohens Züge. »Ich lerne eine Menge über die Zivilisation«, sagte er. »Lange Fingernä- gel, verkrüppelte Füße und Diener, die ohne ihre Bömmelmänner he- rumlaufen müssen. Ha!« »Was geht hier vor, wenn ich mir die Frage erlauben darf?« erkundigte sich ein Mann in mittleren Jahren. »Wer bist du? Und wer sind diese al- ten Eunuchen?« »Wer bist du?« Cohen zog sein Schwert. »Ich muß es wissen, damit dein Name in den Grabstein gemeißelt werden kann.« »Vielleicht wäre es an dieser Stelle angebracht, sich vorzustellen.« Herr Zervelatwurst trat vor. »Dies ist Dschingis Cohen – bitte steck das Schwert weg, Cohen –, ein bekannter Barbar, und das hier sind seine Gefährten. Sie bilden die so- genannte Graue Horde und haben eure Stadt überrannt. Du bist…?« »Barbarische Eroberer?« Der Mann schenkte ihm keine Beachtung und schnaufte abfällig. »Die Horden von barbarischen Eroberern bestehen aus Tausenden von Barbaren! Sie reiten auf kleinen Pferden und greifen beim Haupttor an…« »Ich hab’s ja gesagt«, brummte Kriecher der Unhöfliche. »Aber nie-, mand wollte auf mich hören.« »… und in den Straßen gibt es Feuer, Schrecken, Raub, Plünderungen und jede Menge Blut!« »Wir haben noch nicht gefrühstückt«, sagte Cohen und warf erneut das Messer hoch. »Ha! Ich sterbe lieber, als von jemandem wie dir Befehle entgegenzu- nehmen!« Cohen zuckte mit den Achseln. »Warum hast du das nicht gleich ge- sagt?« »Oh«, kommentierte Sechs Wohltätige Winde. Die Klinge verfehlte ihr Ziel nicht. »Wer war er?« fragte Cohen, als der Mann tot zu Boden sank. »Kannte ihn jemand?« »Dschingis…« Herr Zervelatwurst schüttelte den Kopf. »Wenn die Leute sagen, daß sie lieber sterben, so meinen sie das nicht ernst. Zumin- dest nicht immer.« »Warum sagen sie es dann?« »Nun… äh… sie sagen es einfach.« »Liegt es an der Zivilisation?« »Ich denke schon.« »Wir sollten sofort Klarheit schaffen.« Cohen stand auf. »Hand hoch, wer mich als neuen Kaiser ablehnt und lieber stirbt.« »Niemand?« fragte Herr Zervelatwurst. Rincewind lief wieder durch einen Flur. Gab es hier überhaupt kein Draußen? Mehrmals hatte er gehofft, einen Ausgang gefunden zu haben, doch die entsprechenden Türen führten zu Innenhöfen mit plätschern- den Springbrunnen und Weidenbäumen. Und jetzt erwachten die Leute allmählich. Rincewind hörte… … hastige Schritte hinter sich. Eine Stimme rief: »He…!« Er hastete zur nächsten Tür., Dampf füllte den Raum dahinter in dichten Schwaden. Undeutlich sah Rincewind eine Gestalt, die ein großes Rad drehte, und das Wort »Fol- terkammer« kam ihm in den Sinn – bis er den Geruch von Seife wahr- nahm, der das erste Wort durch »Wäscherei« ersetzte. Bleiche und un- glaublich saubere Leute sahen ohne großes Interesse von den Bottichen auf. Rincewind bezweifelte, daß sie von den jüngsten Ereignissen im Rest der Welt wußten. Er schlenderte an den blubbernden Kesseln vorbei. »Weiter so, guter Mann. Immer hübsch schrubben und schrubben. Und die Mangeln drehen. Ja, so ist es richtig. Gibt es hier einen zweiten Ausgang? Oh, gute Blasen, das sind wirklich gute Blasen. Ah…« Einer der Wäschereiarbeiter – vielleicht der Chef – bedachte Rince- wind mit einem argwöhnischen Blick und öffnete den Mund, vermutlich in der Absicht, eine unangenehme Frage zu stellen. Der Zauberer rannte los, überquerte einen Hof mit Wäscheleinen, die ein komplexes Zickzackmuster bildeten, blieb schließlich mit dem Rük- ken an der Wand stehen und keuchte. Zwar protestierte sein Überlebensinstinkt, aber es wurde Zeit, eine Pause einzulegen und nachzudenken. Man verfolgte ihn. Besser gesagt: Man verfolgte jemanden, der einen lädierten roten Mantel und einen halb verbrannten spitzen Hut trug. Es kostete Rincewind viel geistige Kraft, folgendes zu denken: Viel- leicht verfolgte man ihn nicht mehr, wenn er etwas anderes trug. Vor ihm baumelten Hemden und Hosen an Wäscheleinen. Ihre Form stand in der gleichen Beziehung zur Schneiderei wie das Fällen von Bäumen zur Tischlerei. Jemand hatte Röhren gewählt und seine Ent- scheidung nie in Frage gestellt. Solche Kleidung trugen fast alle Leute in Hunghung. Der Palast ist praktisch eine eigene Stadt, sagte die Stimme der Ver- nunft. Bestimmt wimmelt es hier von Leuten, die alle irgendeiner Arbeit nachgehen. Du müßtest… deinen Hut abnehmen, fügte die Stimme hinzu. Rincewind zögerte. Einem Nichtzauberer fiele es sicher schwer, die, ungeheure Tragweite eines solchen Vorschlags zu verstehen. Ein Zaube- rer würde eher auf Mantel und Hose verzichten als auf den Hut. Ohne den Hut hielt man ihn vielleicht für… eine ganz gewöhnliche Person. Schreie erklangen in der Ferne. Die Stimme der Vernunft gelangte zu dem Schluß, daß sie ebenso tot enden würde wie der Rest von Rincewind, wenn sie keine drastischen Maßnahmen ergriff. Na schön, behalt unseren blöden Hut, sagte sie vol- ler Sarkasmus. Wegen unserem blöden Hut sind wir in eine solche Situa- tion geraten. Glaubst du etwa, daß du bald noch einen Kopf hast, auf dem du ihn tragen kannst? Auch Rincewinds Hände begriffen, daß die Zeiten außerordentlich in- teressant und sehr kurz werden würden, wenn sie nichts unternahmen. Sie streckten sich der Wäscheleine entgegen, nahmen ein Hemd und eine Hose, stopften beides in die Manteltasche… Die Tür sprang auf. Einige Wächter verfolgten ihn noch immer, und inzwischen hatten sich ihnen zwei Tsimo-Hirten angeschlossen. Einer von ihnen richtete seinen Stock auf Rincewind. Der Zauberer stürmte zu einem Torbogen und erreichte einen Garten. Dort erhob sich eine Pagode. Weidenbäume wuchsen friedlich. Auf der nahen Brücke stand eine hübsche junge Dame und fütterte die Vö- gel. Ein Mann malte die Szene. Cohen rieb sich die Hände. »Niemand? Gut. Das wäre also geklärt.« »Ähem.« Ein kleiner Mann zupfte nervös an seiner Jacke und hielt den Kopf ge- senkt, als er sagte: »Entschuldige bitte, aber… was würde passieren, wenn wir die Wächter rufen und sie auffordern, dich gefangenzuneh- men? Damit schildere ich natürlich nur eine hypothetische Situation.« »Wir hätten euch alle umgebracht, bevor die Soldaten auch nur halb durch die Tür sind«, antwortete Cohen schlicht und hörte, wie die Leute vor ihm erschrocken nach Luft schnappten. »Weitere Fragen?«, »Äh… der Kaiser… ich meine, der frühere Kaiser… hatte einige sehr spezielle Wächter…« Etwas klimperte. Ein kleines Objekt mit vielen Spitzen rollte über die Treppenstufen und drehte sich auf dem Boden – ein Wurfstern. »Wir sind ihnen begegnet«, brummte der Junge Willie. »Gut, gut«, sagte der kleine Mann. »Dann scheint ja alles in Ordnung zu sein. Zehntausend Jahre dem Kaiser!« Die anderen wiederholten den Ruf. Ihre Stimmen klangen ein wenig rauh. »Wie heißt du, junger Mann?« fragte Herr Zervelatwurst. »Vier Große Hörner, Herr.« »Gut. Ausgezeichnet. Du wirst es noch weit bringen, da bin ich sicher. Welchen Beruf übst du derzeit aus?« »Ich bin Erster Assistent des Großkämmerers, Herr.« »Und wer ist der Großkämmerer?« Vier Große Hörner deutete auf den Mann, der lieber gestorben war, als von Cohen Befehle entgegenzunehmen. »Na bitte«, sagte Herr Zervelatwurst. »Anpassungsfähige Leute dürfen mit raschen Beförderungen rechnen, Großkämmerer. Und nun… Der Kaiser wünscht das Frühstück.« »Was mag er besonders?« fragte der neue Großkämmerer und bemühte sich, sehr anpassungsfähig auszusehen. »Viele Dinge. Derzeit möchte er große Stücke Fleisch und jede Menge Bier. Du wirst feststellen, daß der neue Kaiser ganz leicht zu bewirten ist.« Herr Zervelatwurst lächelte das wissende Lächeln eines Mannes, der sicher sein kann, daß außer ihm niemand den Witz versteht. »Der Kaiser hält nichts von Dingen, die er ›komischer ausländischer Kram mit Augen drin und so‹ nennt. Er zieht gesundes, nahrhaftes Essen vor, zum Bei- spiel Würstchen: Sie bestehen aus Teilen von verschiedenen Tierorga- nen, die man in eine Art Tüte aus Darm stopft. Aber wenn du ihn er- freuen möchtest, bring ihm große Stücke Fleisch. Habe ich nicht recht, Dschingis?« Cohens Blick galt den versammelten Höflingen. Wenn man neunzig, Jahre lang alle Angriffe überlebt hat, zu denen Männer, Frauen, Trolle, Zwerge, Riesen, grüne Dinge mit vielen Beinen und in einem Fall auch ein wütender Hummer imstande sind, kann man eine Menge herausfin- den, indem man sich Gesichter ansieht. »Äh?« erwiderte er. »Oh. Ja. Stimmt haargenau. Große Stücke. Äh… Steuereintreiber… was machen diese Leute den ganzen Tag?« »Was sollen sie machen?« »Ich möchte, daß sie Leine ziehen.« »Herr?« »[Kompliziertes Piktogramm]«, sagte Herr Zervelatwurst. Der neue Großkämmerer blinzelte verblüfft. »Was, hier?« »Es ist nur eine Redewendung. Der Kaiser möchte, daß alle Leute schnell diesen Raum verlassen.« Die Höflinge eilten fort. Manchmal bringt ein kompliziertes Pikto- gramm mehr zum Ausdruck als tausend Worte. Nach dem Chaos stand der Maler Vier Dicke Frösche auf, zog sich den Pinsel aus der Nase, holte die Staffelei aus dem Baum und versuchte, friedvolle Gedanken zu denken. Der Garten hatte sich… verändert. Der Weidenbaum ragte nun krumm zur Seite. Das Dach der Pagode war von einem außer Kontrolle geratenen Ringer verspeist worden. Die Tauben waren geflohen. Die Brücke war zerstört. Sein Modell, die Kon- kubine Jadefächer, war schreiend fortgelaufen – allerdings hatte sie vor- her erst aus dem Zierteich steigen müssen. Und jemand hatte seinen Strohhut gestohlen. Vier Dicke Frösche rückte den Rest seiner Kleidung zurecht und ver- suchte, sich zu fassen. Die Tafel mit seinen Skizzen war natürlich zerbrochen. Er zog eine andere aus dem Beutel und griff nach der Staffelei. Ein großer Fußabdruck prangte in ihrer Mitte…, Vier Dicke Frösche war den Tränen nahe. Er hatte ein gutes Gefühl mit dem Bild verbunden und gewußt, daß man sich noch lange Zeit daran erinnern würde. Und dann die Farben. War den Leuten denn gar nicht klar, wieviel ordentliches Zinnoberrot heutzutage kostete? Er riß sich zusammen. Es stand ihm also nur noch Blau zur Verfü- gung. Und wennschon, dachte er entschlossen. Ich zeig’s ihnen… Er schenkte der allgemeinen Verwüstung so wenig Beachtung wie möglich und konzentrierte sich auf die Szene vor seinem inneren Auge. »Mal sehen«, murmelte er. »Jadefächer wird über die Brücke gejagt, von einem Mann, der mit beiden Armen winkt und ›Aus dem Weg!‹ ruft, ge- folgt von einem Mann mit Stock, drei Wächtern, fünf Wäschereiarbei- tern und einem Ringer, der nicht anhalten kann.« Er mußte die ganze Sache natürlich ein wenig vereinfachen. Die Verfolger sausten um eine Ecke, abgesehen von einem Ringer, der zu einem so komplizierten Manöver nicht fähig war. »Wohin ist er verschwunden?« Sie standen auf einem Hof. Auf der einen Seite befanden sich Schwei- neställe, auf der anderen mehrere Kehrichthaufen. Und in der Mitte des Hofes lag ein spitzer Hut. Ein Soldat wollte vortreten, doch ein Kollege hielt ihn am Arm fest. »Vorsicht«, sagte er. »Es ist doch nur ein Hut.« »Und wo steckt der Rest des Burschen? Er kann sich doch nicht ein- fach… in Luft aufgelöst… haben…« Sie traten einen Schritt zurück. »Du hast ebenfalls von ihm gehört, nicht wahr?« »Es heißt, ein Wink von ihm hat eine Mauer explodieren lassen!« »Das ist noch gar nichts! Man sagt, daß er in den Bergen auf einem un- sichtbaren Drachen erschien!« »Was sollen wir Lord Hong berichten?« »Ich möchte nicht in Stücke gerissen werden!«, »Und ich möchte Lord Hong nicht mitteilen müssen, daß wir seine Spur verloren haben. Wir sind auch so schon in Schwierigkeiten. Meine Güte, ich habe gerade erst diesen Helm bezahlt.« »Nun, wir… könnten den Hut nehmen. Als Beweisstück.« »Ja. Nimm ihn.« »Was, ich? Nimm du ihn!« »Vielleicht ist er mit schrecklichem Zauber geschützt.« »Ach? Und deshalb möchtest du, daß ich ihn nehme. Herzlichen Dank! Laß ihn von einem der anderen aufheben.« Die Wäschereiarbeiter wichen zurück. Ihre achatene Gewohnheit des Gehorsams verdunstete jetzt wie Morgentau. Nicht nur den Soldaten waren Gerüchte zu Ohren gekommen. »Wir haben zu tun!« »Muß dringend einige Socken waschen!« Der Wächter drehte sich um. Ein Bauer wankte aus einem Schweine- stall. Er trug einen Sack; sein Gesicht blieb unter einem großen Strohhut verborgen. »He, du!« Der Mann sank auf die Knie und preßte die Stirn an den Boden. »Tötet mich nicht!« Die Wächter wechselten einen raschen Blick. »Wir haben nicht die Absicht, dir etwas anzutun«, sagte einer von ih- nen. »Wir möchten nur, daß du den Hut dort aufhebst und uns bringst.« »Welchen Hut meinst du, o mächtiger Krieger?« »Den dort drüben. Bring ihn her, jetzt sofort!« Der Mann krabbelte übers Pflaster. »Diesen Hut hier, o großer Lord?« »Ja!« Die Finger des Bauern krochen über Kopfsteine und tasteten nach der ausgefransten Krempe des Hutes. Plötzlich schrie der Mann., »Deine Frau ist ein großes Nilpferd! Mein Gesicht schmilzt! Es schmiiiiiilzt!« Rincewind wartete, bis das Klatschen der Sandalen in der Ferne ver- hallte. Dann stand er auf, klopfte den Staub vom Hut und verstaute ihn im Sack. Es hatte besser geklappt als erwartet. Und der Erfolg verhalf Rince- wind zu einer weiteren wichtigen Erkenntnis über das Achatene Reich: Niemand achtete auf Bauern. Vermutlich lag es an der Kleidung und dem Strohhut. Nur gewöhnliche Leute trugen so etwas, woraus folgte: Wer so etwas trug, mußte zu den gewöhnlichen Leuten gehören. Ein ähnliches Prinzip galt für den Hut eines Zauberers. Leuten mit spitzen Hüten begegnete man sehr respektvoll, um sie nicht zu kränken. Doch jemand, auf dessen Haupt ein Strohhut ruhte, verdiente nur ein herablas- sendes »He, du«. Hinter Rincewind rief jemand »He, du!« und schlug ihm mit einem Stock auf den Rücken. Das zornige Gesicht eines Dieners erschien vor ihm. Der Zeigefinger des Mannes berührte ihn fast an der Nase. »Du bist spät dran! Hast getrödelt, was? Böser Mann! An die Arbeit!« »Ich…« Der Stock traf Rincewind erneut. Der Diener deutete auf eine Tür. »Frechheit! Schäm dich! An die Arbeit!« Rincewinds Gehirn bereitete folgende Worte vor: Oh, du hältst dich wohl für Herrn Allmächtig, weil du einen Stock hast, wie? Zufälligerwei- se bin ich ein großer Zauberer. Weißt du, wohin du dir den Stock schie- ben kannst? Irgendwo auf dem Weg vom Gehirn zum Mund verwandelten sich die Worte. »Ja, Herr! Sofort, Herr!« Die Horde blieb allein im Thronsaal zurück. »Nun, meine Herren, wir haben es geschafft«, sagte der frühere Lehrer. »Die Welt liegt zu euren Füßen.« »Alle Schätze, die wir wollen?« fragte Kriecher der Unhöfliche., »Ja.« »Dann laßt uns keine Zeit verlieren. Ich schlage vor, wir besorgen uns Säcke.« »Das hat keinen Sinn«, sagte Herr Zervelatwurst. »Ihr würdet euch nur selbst bestehlen. Dies ist ein Reich. Man schiebt es nicht einfach in einen großen Beutel, um es am nächsten Lagerfeuer zu teilen!« »Was ist mit dem Schänden und Vergewaltigen?« Herr Zervelatwurst seufzte. »Soweit ich weiß, besteht der kaiserliche Harem aus dreihundert Konkubinen. Bestimmt freuen sie sich sehr, euch zu sehen. Besonders wenn ihr vorher die Stiefel auszieht.« Die Alten wirkten so verdutzt wie Fische, die versuchten, das Konzept des Fahrrads zu verstehen. »Wir sollten nur kleine Dinge nehmen«, sagte der Junge Willie schließ- lich. »Zum Beispiel Rubine und Smaragde.« »Und wenn wir diesen Ort verlassen, zünden wir alles an«, meinte Vin- cent. »Papierwände und lackiertes Holz. Brennt sicher wie Zunder.« »Nein, nein, nein«, widersprach Herr Zervelatwurst. »Allein die Vasen in diesem Saal sind ein Vermögen wert.« »Sie sind zu groß, um sie einem Pferd auf den Rücken zu binden.« »Ich habe euch die Zivilisation gezeigt!« rief Herr Zervelatwurst. »Ja. Ist durchaus einen Besuch wert, nicht wahr, Cohen?« Cohen saß mit krummem Rücken auf dem Thron und sah zur gegenü- berliegenden Wand. »Was?« »Ich meine, wir sollten nehmen, was wir tragen können. Und dann ab nach Hause.« »Nach Hause… ja…« »Das war doch der Plan, nicht wahr?« Cohen sah zu Herrn Zervelatwurst. »Ja, der Plan…« »Ein guter Plan«, lobte Kriecher. »Großartige Idee. Du wirst hier zum Boß. Ausgezeichnet. Toller Trick. Erspart uns eine Menge Mühe. Da-, durch brauchen wir nicht an Schlössern herumfummeln und so. Es geht also nach Hause, stimmt’s? Mit all den Schätzen, die wir tragen können?« »Zu welchem Zweck?« fragte Cohen. »Zu welchem Zweck? Es sind Schätze.« Cohen schien eine Entscheidung zu treffen. »Wofür hast du deine letzte Beute ausgegeben, Kriecher? Du hast drei Säcke mit Gold und Edelsteinen aus dem Spukschloß geholt, habe ich recht?« Kriecher wirkte so verwirrt, als hätte Cohen nach dem Geschmack von Purpur gefragt. »Wofür ich das Geld ausgegeben habe? Keine Ahnung. Du weißt ja, wie das ist. Es spielt doch gar keine Rolle, wofür man es ausgibt. Es ist Beute. Und außerdem… was stellst du mit dem Zeug an?« Cohen seufzte. Kriecher konnte es kaum fassen. »Du denkst doch nicht etwa daran, hier in Hunghung zu bleiben, oder?« Er starrte Herrn Zervelatwurst an. »Was habt ihr beide ausgetüf- telt?« Cohen trommelte mit den Fingern auf die Armlehne des Throns. »Eben hast du gesagt, wir sollten nach Hause zurückkehren. Welchen Ort meinst du damit?« »Nun… irgendeinen…« »Und der Irre Polterer…« »Wasisn? Wasisn?« »Ich meine… er ist jetzt hundertfünf, nicht wahr? Wird langsam Zeit für ihn, sich zur Ruhe zu setzen, oder?« »Wasisn?« »Sich zur Ruhe zu setzen?« wiederholte Kriecher. »Du hast das einmal versucht. Wolltest Schweine züchten auf einem gestohlenen Bauernhof! Wenn ich mich recht entsinne, hattest du nach drei Stunden genug da- von.« »Was sachta da? Was sachta da?«, »Er meint, DU SOLLTEST DICH ZUR RUHE SETZEN, Polterer.« »Von wegen!« In der Küche ging es drunter und drüber. Die Hälfte des Hofes befand sich dort, die meisten zum ersten Mal. Es herrschte das gleiche Gedränge wie auf einem Straßenmarkt, und die Bediensteten versuchten, so gut es ging ihren Pflichten nachzukommen. Einer von ihnen schien nicht genau zu wissen, worin diese Pflichten bestanden, was in dem allgemeinen Durcheinander jedoch nicht weiter auffiel. »Hast du ihn gerochen?« fragte Lady Zwei Bäche. »Die Leute stinken!« »Wie ein Schweinestall an einem heißen Tag«, fügte Lady Pfirsichblüte hinzu. »Ich bin froh, daß sich so etwas meinen Erfahrungen entzieht«, sagte Lady Zwei Bäche hochmütig. Lady Jadenacht schwieg. Sie war jünger als die beiden anderen Frauen und hatte Cohens Geruch – sie verglich ihn mit dem eines ungewasche- nen Löwen – als recht reizvoll empfunden. »Einfach nur große Stücke Fleisch?« fragte der Chefkoch. »Warum ver- speist er nicht gleich eine Kuh?« »Warte nur, bis du von der gräßlichen Spezialität namens Würstchen er- fährst«, erwiderte der Großkämmerer. »Große Stücke.« Der Koch war den Tränen nahe. »Wo bleibt da die Kunst? Nicht einmal Soße? Ich sterbe lieber, als einfach nur große Stük- ke Fleisch zu erhitzen!« »Oh«, sagte der Großkämmerer. »Mit solchen Bemerkungen würde ich sehr vorsichtig sein. Der neue Kaiser, möge er zehntausend Jahre lang baden, könnte das als Aufforderung verstehen…« Von einem Augenblick zum anderen wurde es still. Grund dafür war ein plötzliches, nicht sehr lautes Geräusch: ein Plop, mit dem sich ein Korken aus einer Flasche löste. Lord Hong verfügte über die typische Fähigkeit eines Großwesirs, aus dem Nichts zu erscheinen. Er ließ den Blick durch die Küche schweifen., Im Gegensatz zu den meisten anderen Anwesenden schien er sich hier auszukennen. Er hatte eine kleine schwarze Flasche aus dem Ärmel seines Umhangs gezogen und trat nun vor. »Bringt mir das Fleisch«, sagte er. »Das mit der Soße erledigt sich von allein.« Die Höflinge schauten mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszina- tion zu. Gift gehörte natürlich zur üblichen Hofetikette von Hunghung, aber normalerweise verwendete man es aus Taktgefühl im Verborgenen. »Gibt es hier jemanden, der irgend etwas sagen möchte?« fragte Lord Hong. Sein Blick war eine Sense, die Empörung und Protest zerschnitt. Nie- mand gab einen Ton von sich. »Nun gut«, fuhr Lord Hong fort. »Ich sterbe lieber, als einen… Barba- ren auf dem kaiserlichen Thron zuzulassen. Soll er seine… großen Stücke bekommen. Bringt mir das Fleisch.« Etwas bewegte sich auf dem Boden. Mehrere Stimmen riefen, und ein Stock pochte mehrmals. Ein Bauer erschien und schob widerstrebend einen Servierwagen durch die Menge. Als er Lord Hong sah, ließ er den Karren los und sank auf die Knie. »Ich wende den Blick von deinem… ein Obstgarten in guter Positi- on… Mist… Antlitz ab, o Lord.« Lord Hong stieß den Bauern mit dem Fuß an. »Es freut mich, daß du die Kunst des Respekts beherrschst«, meinte er. »Heb den Deckel.« Der Mann stand auf, verbeugte sich mehrmals und kam der Aufforde- rung nach. Unter dem Deckel wurde ein großes Tablett sichtbar. Lord Hong drehte die Flasche und hielt sie über das Fleisch, bis der letzte Tropfen herausgezischt war. Das Publikum beobachtete den Vor- gang atemlos. »Und jetzt bringt den Barbaren ihr Frühstück«, sagte er. »Gewiß, Euer himmlische… Tintenpinsel… Weidenwedel… Recht- schaffenheit.«, »Woher kommst du, Bauer?« »Aus Bes Pelargic, o Lord.« »Ah. Dachte ich mir.« Die große Bambustür glitt beiseite. Der neue Großkämmerer trat ein, gefolgt von einer Karawane aus Servierwagen. »Das Frühstück, o Lord der tausend Jahre«, sagte er. »Große Stücke Schweinefleisch, große Stücke Ziegenfleisch, große Stücke Ochsenfleisch und sieben Schüsseln mit gebackenem Reis.« Einer der Bediensteten hob einen Deckel. »Aber wenn ich dir einen Rat geben darf… Rühr das Schweinefleisch nicht an. Es ist vergiftet.« Der Großkämmerer drehte sich um. »So eine Unverschämtheit! Dafür wirst du sterben.« »Rincewind, nicht wahr?« fragte Cohen. »Ja, es sieht ganz nach Rince- wind aus…« »Hab hier irgendwo meinen Hut«, sagte Rincewind. »Mußte ihn mir in die Hose stopfen…« »Gift?« brummte Cohen. »Bist du sicher?« »Nun, das Zeug befand sich in einer schwarzen Flasche mit einem To- tenkopfsymbol, und es zischte und dampfte, als es heraustropfte«, be- richtete Rincewind, als Herr Zervelatwurst ihm aufhalf. »War es vielleicht Sardellenessenz? Nein, ich glaube nicht.« »Gift«, wiederholte Cohen. »Ich hasse Giftmischer. Schleichen herum und schütten einem irgendwas in die Fressalien.« Er bedachte den Großkämmerer mit einem finsteren Blick. »Steckst du dahinter?« Er sah Rincewind an und deutete mit dem Daumen auf den sich duckenden Kämmerer. »War er’s? Wenn er dafür verantwortlich ist, so steht ihm das bevor, was ich mit den verrückten Schlangenpriestern von Start gemacht habe, aber diesmal benutze ich beide Daumen!« »Nein«, erwiderte Rincewind. »Das Gift stammt von einem gewissen Lord Hong. Und alle haben zugesehen, als er es aufs Schweinefleisch herabtropfen ließ.«, Der Großkämmerer stieß einen erstickten Schrei aus. Er warf sich zu Boden und wollte schon Cohens Füße küssen, als ihm plötzlich klar wurde, daß dies die gleiche Wirkung haben konnte wie der Verzehr des Schweinefleischs. »Gnade, o himmlisches Wesen! Wir alle sind Lord Hong hilflos ausge- liefert!« »Was ist denn so Besonderes an ihm?« »Ich… äh… halte ihn für einen sehr anständigen Mann«, brabbelte der Großkämmerer. »Ich sage kein Wort gegen Lord Hong! Und ich glaube ganz bestimmt nicht, daß er überall Spione hat! Langes Leben für Lord Hong, das wünsche ich ihm, jawohl!« Er riskierte es, den Blick ein wenig zu heben – und bemerkte die Spitze von Cohens Schwert dicht vor den Augen. »Vor wem hast du hier und jetzt mehr Angst? Vor mir oder Lord Hong?« »Äh… vor Lord Hong!« Cohen wölbte die Brauen. »Ich bin beeindruckt. Spione überall, wie?« Er sah sich in dem großen Raum um, und seine Aufmerksamkeit ver- weilte bei einer großen Vase. Mit langsamen Schritten ging er zu ihr und nahm den Deckel ab. »Alles in Ordnung da drin?« »Äh… ja?« ertönte eine Stimme aus den dunklen Tiefen der Vase. »Hast du alles, was du brauchst? Ein zweites Notizbuch? Töpfchen?« »Äh… ja.« »Möchtest du vielleicht, mal überlegen, dreihundert Liter kochendes Wasser?« »Äh… nein.« »Würdest du lieber sterben, als Lord Hong zu verraten?« »Äh… kann ich kurz darüber nachdenken?« »Kein Problem. Es dauert ohnehin eine Weile, dreihundert Liter Was- ser zu erhitzen. Laß dir ruhig Zeit.« Er schob den Deckel wieder auf die Vase., »Eine Große Mutter?« fragte er. »Du meinst Eins Großer Fluß, Dschingis«, korrigierte Herr Zervelat- wurst. Der Wächter straffte die Gestalt. »Beobachte die Vase. Wenn sie sich bewegt, tust du mit ihr das, was ich einst mit dem Grünen Nekromanten der Nacht gemacht habe, klar?« »Weiß nicht, was du damals gemacht hast, Lord«, erwiderte der Soldat. Cohen erklärte es ihm. Eins Großer Fluß strahlte. Im Innern der Vase erklangen die Geräusche von jemandem, der versuchte, sich nicht zu übergeben. Cohen schlenderte zum Thron zurück. »Erzähl mir mehr über Lord Hong«, wandte er sich an den Kämmerer. »Er ist der Großwesir«, lautete die Auskunft. Cohen und Rincewind wechselten einen Blick. »Ja«, sagte Rincewind. »Es ist bekannt, daß Großwesire immer…« »… besonders fiese und gemeine Mistkerle sind«, beendete Cohen den Satz. »Aus welchen Gründen auch immer. Man gebe ihnen einen Turban mit einem Punkt in der Mitte, und schon ist es vorbei mit ihrem morali- schen Dingsbums. Ich bringe sie immer sofort um, wenn ich ihnen be- gegne. Das spart Zeit.« »Als ich ihn das erste Mal sah, wußte ich sofort, daß was faul ist mit ihm«, sagte Rincewind. »Hör mal, Cohen…« »Für dich heißt es Kaiser Cohen«, grollte Kriecher der Unhöfliche. »Hab nie viel von Zauberern gehalten. Man darf keinen Männern trauen, die Kleider tragen.« »Mit Rincewind ist alles in Ordnung…«, meinte Cohen. »Danke!« warf Rincewind ein. »… und als Zauberer taugt er nichts.« »Zufälligerweise habe ich meinen Hals riskiert, um dich zu retten, herz- lichen Dank«, sagte Rincewind. »Einige Freunde von mir befinden sich im Verlies. Könntest du vielleicht… Kaiser?« »In gewisser Weise«, sagte Cohen., »Vorübergehend«, sagte Kriecher. »Zur Zeit«, sagte Herr Zervelatwurst. »Bedeutet das, du kannst meine Freunde zu einem sicheren Ort brin- gen? Ich glaube, Lord Hong hat den alten Kaiser ermorden lassen und will ihnen die Schuld geben. Hoffentlich kommt er nicht auf die Idee, daß sie sich in ihren Zellen verstecken.« »Warum in den Zellen?« fragte Cohen. »Weil… wenn ich die Chance hätte, aus Lord Hongs Zellen zu ent- kommen, so würde ich sie nutzen«, erläuterte Rincewind. »Unter norma- len Umständen fiele es niemandem ein, sich an einem solchen Ort zu verbergen. Ich meine, nur ein Übergeschnappter käme auf den Gedan- ken, sich ausgerechnet vom Kerker Sicherheit zu erhoffen.« »Na schön«, sagte Cohen. »Junger Willie, Eine Große Mutter… besorgt euch ein paar Leute und holt Rincewinds Freunde hierher.« »Hierher?« entfuhr es dem Zauberer. »Ich dachte an einen sicheren Ort.« »Wir sind hier«, sagte Cohen. »Wir können sie beschützen.« »Und wer beschützt euch?« Cohen ging nicht darauf ein. »Großkämmerer, Lord Hong ist vermut- lich nicht in der Nähe, aber… unter den Höflingen befand sich ein Bur- sche, dessen Nase von einem Dachs zu stammen schien. Ein ziemlich dicker Kerl. Trug einen großen rosaroten Hut. Außerdem erinnere ich mich an eine dürre Frau, deren Gesicht aussah wie ein Hut voller Na- deln:« »Du meinst Lord Neun Berge und Lady Zwei Bäche«, sagte der Groß- kämmerer. »Äh… bist du nicht böse auf mich, o Lord?« »Nein, natürlich nicht, mögen dich die Götter segnen«, entgegnete Co- hen. »Ich bin sogar so beeindruckt von deinen guten Diensten, daß ich dir noch mehr Verantwortung gebe.« »Lord?« »Ich ernenne dich hiermit zum Vorkoster. Hol jetzt die Berge und Bä- che. Sie schienen mir sehr verdächtig.« Kurze Zeit später führte man Neun Berge und Zwei Bäche in den Thronsaal. Ihr kurzer Blick von Cohen zu den nicht angerührten Speisen, wäre wohl unbemerkt geblieben, wenn die Anwesenden nicht genau dar- auf geachtet hätten. Cohen nickte ihnen fröhlich zu. »Bedient euch.« »Lord! Ich habe bereits gefrühstückt«, sagte Neun Berge. »Ich bin bis zum Rand voll!« »Schade«, erwiderte Cohen. »Eine Große Mutter, bevor du gehst… schnapp dir Herrn Neun Berge und sorg dafür, daß er Platz für ein zwei- tes Frühstück hat. Das gilt auch für die Lady, wenn ich sie nicht inner- halb der nächsten fünf Sekunden mampfen höre. Probiert alles, verstan- den? Mit viel Soße.« Eins Großer Fluß zog sein Schwert. Die beiden Adligen starrten auf die glänzenden Nahrungsmittelberge. »Sieht doch ganz gut aus«, sagte Cohen im Plauderton. »Warum seid ihr so erschrocken? Glaubt ihr etwa, daß mit dem Essen was nicht in Ordnung ist?« Neun Berge schob sich vorsichtig ein Stück Schweinefleisch in den Mund. »Schmeckt hervorragend«, brachte er undeutlich hervor. »Und jetzt schlucken!« befahl Cohen. Der Mandarin schluckte. »Ausgezeichnet«, stöhnte er. »Wenn mich Euer Exzellenz nun ent- schuldigen würden…« »Oh, nicht so eilig«, sagte Cohen. »Wir möchten doch vermeiden, daß du dir rein zufällig die Finger in den Hals steckst, nicht wahr?« Neun Berge bekam einen Schluckauf. Unter seinem Umhang schien etwas zu qualmen. Die Horde ging in Deckung, und nur eine Sekunde später gab es eine Explosion, die einige Dielen, einen runden Teil der Decke und den gan- zen Lord Neun Berge entfernte. Ein schwarzer Hut mit rubinrotem Knopf drehte sich auf dem Boden. »So geht’s mir nach eingelegten Zwiebeln«, kommentierte Vincent. Lady Zwei Bäche stand mit geschlossenen Augen da., »Hast du keinen Appetit?« fragte Cohen. Sie schüttelte den Kopf. Cohen lehnte sich zurück. »Eine Große Mutter?« »Fluß«, sagte Herr Zervelatwurst. »Eins Großer Fluß.« Der Wächter wankte vor. »Bring sie in den Kerker und vergewissere dich dort, daß sie genug zu essen hat, wenn du verstehst, was ich meine.« »Ja, Exzellenz.« »Und der Großkämmerer kann noch einmal die Küche aufsuchen und dem Chefkoch mitteilen, daß er ein neues Frühstück zubereiten und mit uns teilen wird. Genauer gesagt, er darf zuerst davon essen.« »Ja, Exzellenz.« »Das soll ein Leben sein?« entfuhr es Caleb, als der Großkämmerer forteilte. »Kaiser zu sein und so? Man kann nicht einmal dem Essen ver- trauen? Wahrscheinlich werden wir in unseren Betten umgebracht!« »Kann mir kaum vorstellen, daß man dich in deinem Bett umbringt«, meinte Kriecher. »Ja, weil du nie drin liegst«, fügte Cohen hinzu. Er schritt zur großen Vase und gab ihr einen Tritt. »Schreibst du alles mit?« »Ja, Herr!« antwortete die Vase sofort. Gelächter erklang, aber eine gewisse Nervosität vibrierte darin. Herr Zervelatwurst begriff, daß die Horde an so etwas nicht gewöhnt war. Wenn ein richtiger Barbar beabsichtigte, jemanden bei einer Mahlzeit umzubringen, so lud er den Betreffenden mit all seinen Kumpanen ein und gab ihnen Gelegenheit, sich richtig vollaufen zu lassen. Wenn sie schliefen, rief er die eigenen Leute aus ihren Verstecken und massakrierte die Betrunkenen auf direkte, ehrenhafte Weise. Das war vollkommen fair. Die Man-warte-bis-sie-betrunken-sind-und-schlafen-um-sie-dann- alle-zu-töten-Strategie gehörte zu den ältesten Tricks im Listenbuch der Barbaren – falls Barbaren überhaupt Bücher hatten. Wer darauf herein- fiel, tat der Welt praktisch einen Gefallen, indem er sich nach dem Des-, sert umbringen ließ. Aber wenigstens konnte man dem Essen vertrauen. Barbaren vergifteten keine Nahrungsmittel, weil sie nie wußten, wann sie selbst mal den einen oder anderen Bissen brauchten. »Entschuldige bitte, Euer Exzellenz«, sagte Sechs Wohltätige Winde, der in der Nähe gewartet hatte. »Ich glaube, Lord Kriecher hat recht. Ich kenne mich ein bißchen mit der Geschichte aus. Der richtige Weg zum Thron führt durch Meere aus Blut. Genau das hat Lord Hong vor.« »Tatsächlich? Meere aus Blut, sagst du?« »Oder man klettert über Berge aus Totenschädeln. Das ist die zweite Möglichkeit.« »Aber… aber… ich dachte, die Kaiserkrone wird vom Vater an den Sohn weitergegeben«, wandte Herr Zervelatwurst ein. »Nun, ja«, meinte Sechs Wohltätige Winde. »Ich schätze, das kann rein theoretisch geschehen.« »Du hast behauptet, alle würden uns gehorchen, wenn wir an der Spit- ze der Pyramide sind«, sagte Cohen zu dem früheren Lehrer. Kriecher musterte sie beide nacheinander. »Ihr habt es geplant?« fragte er vorwurfsvoll. »Darum ging es die ganze Zeit, nicht wahr? Die Sache mit der Zivilisation und dem zivilisierten Verhalten… Und ganz zu An- fang hieß es, wir bekämen Gelegenheit, etwas sehr Kostbares zu stehlen. Ha! Ich dachte, wir würden uns irgendwelche Dinge unter den Nagel reißen und dann verschwinden. Plündern und rauben, so haben wir es immer…« »O ja, plündern und rauben, plündern und rauben!« entfuhr es Herrn Zervelatwurst. »Meine Güte, ich habe die Nase voll von eurem Plündern und Rauben! Könnt ihr nur daran denken, ans Plündern und Rauben?« »Nun, früher gab es auch Vergewaltigungen«, fügte der alte Vincent sehnsüchtig hinzu. »Ich gebe es nicht gern zu, Lehrer, aber meine Freunde haben recht«, sagte Cohen. »Wir haben immer gekämpft und geplündert. Dies mit dem Verbeugen und Herumkriechen… Ich bin mir nicht sicher, ob ich für die Zivilisation geschaffen bin.« Herr Zervelatwurst rollte mit den Augen. »Selbst du, Cohen? Ihr seid alle so… dämlich! Warum gebe ich mir nur solche Mühe mit euch! Ich, meine, seht euch nur an! Wißt ihr, was ihr seid? Legenden!« Die Horde wich zurück. Niemand hatte je erlebt, daß Herr Zervelat- wurst die Beherrschung verlor. »Das kommt von legendum, was soviel bedeutet wie ›etwas Niederge- schriebenes‹«, sagte Herr Zervelatwurst. »Bücher. Schon mal davon ge- hört? Lesen und schreiben. Ich schätze, das ist euch ebenso fremd wie die Verlorene Stadt von Iieeh…« Kriecher hob ein wenig nervös die Hand. »Ich habe sie einmal besucht, die Verlorene Stadt von…« »Sei still! Ich… Wo war ich stehengeblieben? Ah, ja… ihr lest nicht, oder? Niemand von euch hat je lesen gelernt, stimmt’s? Dann habt ihr euer halbes Leben vergeudet. Ihr hättet Perlen der Weisheit sammeln können. Statt dessen wart ihr immer nur auf schäbigen Tand aus. Ihr könnt von Glück sagen, daß die Leute immer nur von euch lesen, ohne euch jemals zu begegnen, denn ihr seid eine Riesenenttäuschung!« Rincewind beobachtete das Geschehen fasziniert und rechnete damit, daß Herr Zervelatwurst gleich einen Kopf kürzer wurde. Aber seltsa- merweise geschah das nicht. Vermutlich war er zu zornig, um enthauptet zu werden. »Was habt ihr eigentlich vollbracht, meine Herren? Und erzählt mir jetzt bloß nicht, daß ihr diese Juwelen gestohlen und jene Dämonen getötet habt! Könnt ihr irgendwelche echten Leistungen vorweisen?« Kriecher hob erneut die Hand. »Nun, mir ist es einmal gelungen, mit nur einem Schwerthieb gleich vier…« »Ja, ja, ja«, sagte Herr Zervelatwurst. »Ihr habt dies getötet und das ge- stohlen und außerdem die riesigen menschenfressenden Avocatobirnen von Ichweißnichtwo besiegt, aber das ist alles… banal. Es hat nicht mehr Bedeutung als… als… die Tapeten an den Wänden eines Zimmers. Niemand schert sich darum! In Ankh-Morpork habe ich Jungen unterrich- tet, die euch für einen Mythos halten. Das habt ihr erreicht. Die Leute glauben nicht, daß es euch jemals gegeben hat. Sie halten euch für erfun- dene Gestalten, für Teile von Geschichten. Wenn ihr sterbt, wird niemand davon erfahren, weil die Leute davon überzeugt sind, daß ihr längst tot, seid.« Herr Zervelatwurst legte eine kurze Pause ein, um wieder zu Atem zu kommen. »Aber hier…«, fuhr er etwas ruhiger fort, »…hier könntet ihr wirklich etwas leisten. Ihr hättet die Chance, ein uraltes und halb verstei- nertes Reich in die Welt zurückzuführen. Das…« Er zögerte eine Sekun- de. »…das habe ich jedenfalls gehofft. Ja, ich dachte, wir könnten hier etwas bewirken.« Er setzte sich. Die Hordenmitglieder starrten auf ihre Füße beziehungsweise Roll- stuhlräder. »Ähm… darf ich was sagen?« fragte Sechs Wohltätige Winde. »Die Kriegsherrn werden sich gegen euch verbünden. Sie sind mit ihren Truppen dort draußen. Normalerweise würden sie sich untereinander bekriegen, aber jetzt kämpfen sie bestimmt gemeinsam gegen euch.« »Ihnen wäre ein Kaiser wie der Giftmischer Hong lieber?« fragte Co- hen verwundert. »Der Bursche ist ein verdammter Mistkerl!« »Mag sein, aber er ist ihr verdammter Mistkerl, verstehst du?« »Wir könnten uns an diesem Ort verschanzen«, schlug Vincent vor. »Hier gibt es dicke Mauern. Wenn die Wände nicht gerade aus Papier sind, meine ich.« »An eine solche Möglichkeit solltest du nicht einmal denken«, sagte Kriecher. »Nein, keine Belagerung. Belagerungen sind scheußlich. Ich verabscheue es, Stiefel und Ratten zu essen.« »Wasisn?« »Er meint, WIR WOLLEN KEINE BELAGERUNG, WEIL WIR DANN STIEFEL UND RATTEN ESSEN MÜSSEN, Polterer.« »Haben keine Beine mehr, was?« »Wie viele Soldaten hat der Feind?« fragte Cohen. »Ich glaube… sechs- oder siebenhunderttausend«, antwortete Sechs Wohltätige Winde. »Entschuldige bitte.« Cohen verließ den Thron. »Ich muß mich mit meiner Horde beraten.« Die Hordenmitglieder steckten die Köpfe zusammen. Mehrere Stim-, men flüsterten, und gelegentlich erklang ein dumpfes »Wasisn?«. Nach einer Weile drehte Cohen den Kopf. »Meere aus Blut, nicht wahr?« »Äh… ja«, bestätigte der Steuereintreiber. Die Beratung wurde fortgesetzt. Schließlich sah Kriecher auf. »Hast du Berge von Totenschädeln gesagt?« fragte er. »Ja«, erwiderte Sechs Wohltätige Winde. »Ja, ich glaube, so lauteten meine Worte.« Er sah nervös zu Rincewind und Herrn Zervelatwurst, der mit den Schultern zuckte. Flüster. Flüster. Wasisn… »Entschuldigung…« »Ja?« »Wie hoch sind die Berge? Totenschädel lassen sich nicht besonders gut stapeln, weißt du…« »Ich weiß nicht, wie hoch die Berge sein können. Aber es sind sicher viele Totenschädel!« »Wollte nur Bescheid wissen.« Die Horde traf eine Entscheidung und wandte sich den übrigen Anwe- senden zu. »Wir kämpfen«, verkündete Cohen. »Ja, du hättest schon eher auf die Blutmeere und Schädelberge hinwei- sen sollen«, sagte Kriecher. »Wir zeigen den Leuten, daß wir quicklebendig sind!« krähte der Irre Polterer. Herr Zervelatwurst schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, ihr habt da etwas falsch verstanden. Die Chancen stehen eins zu hunderttausend!« »Dadurch dürfte auch dem größten Skeptiker klarwerden, daß wir noch leben«, meinte Caleb der Brecher. »Ja, aber mit meinem Plan wollte ich euch zeigen, daß man die Spitze der Pyramide erreichen kann, ohne sich den Weg nach oben kämpfen zu, müssen«, sagte Herr Zervelatwurst. »In einer so starren Gesellschaft ist das tatsächlich möglich. Aber wenn ihr versucht, gegen Hunderttausende zu kämpfen, ist euch der Tod gewiß!« Zu seiner eigenen Überraschung fügte er hinzu: »Euer Tod wäre zu- mindest wahrscheinlich.« Die Horde grinste. »Ungünstige Chancen schrecken uns nicht ab«, sagte Kriecher. »Wir mögen ungünstige Chancen«, betonte Caleb. »Weißt du, Lehrer, Chancen von eins zu tausend sind eigentlich nicht viel schlimmer als eins zu zehn«, meinte Cohen. »Weil…« Er zählte an den Fingern ab. »Erstens kämpft der durchschnittliche Soldat nicht um sein Leben, sondern für Geld, und er hat keine Lust, den Anfang zu ma- chen, wenn es um ihn herum von Burschen wimmelt, denen er den Vor- tritt lassen kann. Zweitens sind nur wenige von ihnen imstande, in unse- re Nähe zu gelangen, und die anderen behindern sich gegenseitig im Ge- dränge, und…« Cohen starrte auf seine Finger, und man sah ihm die enorme mathematische Anstrengung an. »Drittens«, sagte Herr Zervelatwurst. Die barbarische Logik faszinierte ihn. »Ja, genau, drittens: Wenn die Soldaten mit den Schwertern ausholen, so besteht eine… äh… hohe Wahrscheinlichkeit, daß sie ihre eigenen Leute treffen, was uns erhebliche Mühe erspart.« »Selbst wenn du recht hast – mit diesen Vorteilen könnt ihr nur am Anfang rechnen«, wandte Herr Zervelatwurst ein. »Wenn du zweihun- dert Feinde getötet hast, bist du bestimmt müde. Und du müßtest gegen ausgeruhte Angreifer antreten.« »O nein«, widersprach Cohen. »Meine Gegner wären ebenfalls müde.« »Wieso?« »Weil sie bergauf laufen müßten, um mich und meine Freunde zu er- reichen.« »Das ist richtige Logik, jawohl«, sagte Kriecher anerkennend. Cohen klopfte dem verblüfften Lehrer auf den Rücken. »Sei unbesorgt. Wir haben das Reich mit deinem Plan bekommen; mit, unserem behalten wir es. Du hast uns die Zivilisation gezeigt; jetzt zeigen wir dir die Barbarei.« Cohen ging einige Schritte und drehte sich dann um. In seinen Augen funkelte es. »Barbarei? Ha! Wenn wir Leute töten, sehen wir ihnen dabei in die Augen, und wir würden nicht zögern, ihnen im Jenseits ein Bier zu spendieren, nichts für ungut. Ich kenne keine Barbaren, die Menschen in kleinen Zimmern langsam zerschneiden oder Frauen foltern, damit sie hübsch sind, oder Essen vergiften. Zivilisation? Wenn das Zivilisation ist, kannst du sie dir dorthin stecken, wo die Sonne nicht scheint!« »Wasisn?« »Er meint, STECK’S DORTHIN, WO DIE SONNE NICHT SCHEINT, Polterer.« »Ah, kenne den Ort.« »Bei der Zivilisation geht es um viel mehr«, protestierte Herr Zervelat- wurst. »Sie bedeutet… Musik, Literatur, das Konzept der Gerechtigkeit, die Ideale von…« Die Bambustür glitt beiseite. Die Horde drehte sich wie ein Mann mit knarrenden Gelenken um und hob ihre Waffen. Mehrere Männer traten ein. Sie waren größer und viel besser gekleidet als Bauern, bewegten sich mit dem Selbstbewußtsein von Personen, de- nen man normalerweise nicht in den Weg trat. Vor ihnen schritt ein zit- ternder Bediensteter, einen Stock in der Hand, an dem eine rote Fahne hing. Eine Schwertspitze im Rücken zwang ihn, noch etwas weiter vor- zutreten. »Eine rote Fahne?« flüsterte Cohen. »Sie signalisiert, daß die Besucher verhandeln möchten«, erklärte Sechs Wohltätige Winde. »Es ist so ähnlich wie unsere weiße Kapitulationsfahne«, sagte Herr Zervelatwurst. »Hab nie davon gehört«, erwiderte Cohen. »Es bedeutet, ihr dürft eure Gegner erst töten, wenn sie bereit sind.« Herr Zervelatwurst versuchte, nicht auf das Flüstern hinter ihm zu achten., »Warum laden wir sie nicht zum Essen ein und bringen sie alle um, wenn sie be- trunken sind?« »Du hast den Mann gehört. Es sind insgesamt siebenhunderttausend.« »Na schön, dann muß es etwas Einfaches mit Nudeln geben.« Zwei Lords traten mit langen Schritten in die Mitte des Saals. Cohen und Herr Zervelatwurst gingen ihnen entgegen. »Moment mal«, sagte Cohen und packte Rincewind am Kragen, als der zurückzuweichen versuchte. »Du bist ein aalglatter Bursche und neigst dazu, die richtigen Worte zur richtigen Zeit zu sprechen. Deshalb kommst du mit.« Lord Hong begegnete ihnen mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der von seinen Vorfahren mit der Fähigkeit ausgestattet worden war, auf alles hinabzusehen. »Ich bin Lord Hong, der Großwesir des Kaisers. Hiermit befehle ich euch, diesen Saal unverzüglich zu verlassen und eure gerechte Strafe zu erwarten.« Herr Zervelatwurst wandte sich an Cohen. »Von wegen«, sagte der barbarische Held. Herr Zervelatwurst versuchte, sich etwas einfallen zu lassen. »Äh… wie soll ich es ausdrücken? Dschingis Cohen, Anführer der Grauen Horde, erweist Lord Hong die Ehre, aber…« »Sag ihm, er kann mich mal«, brummte Cohen. »Nun, Lord Hong… du hast vermutlich verstanden, mit welcher all- gemeinen Einstellung man dir an diesem Ort begegnet.« »Wo sind die übrigen Barbaren, Bauer?« fragte der Großwesir. Rincewind beobachtete Herrn Zervelatwurst. Diesmal schienen dem früheren Lehrer die Worte zu fehlen. Der Zauberer wollte weglaufen, doch wahrscheinlich hatte Cohen recht. So verrückt es auch klang: Die Nähe des Hordenoberhaupts bot mehr Sicherheit. Die Flucht brachte ihn früher oder später näher zu Lord Hong. Der glaubte, daß es noch andere Barbaren gab…, »Ich sage euch dies und nur dies«, teilte Lord Hong der Grauen Horde mit. »Wenn ihr die Verbotene Stadt jetzt sofort verlaßt, könntet ihr zu- mindest auf einen schnellen Tod hoffen. Anschließend trägt man eure Köpfe und die übrigen wichtigen Körperteile durch die Städte des Rei- ches, auf daß alle von der schrecklichen Strafe erfahren.« »Strafe?« wiederholte Herr Zervelatwurst. »Für die Ermordung des Kaisers.« »Wir haben keinen Kaiser ermordet«, sagte Cohen. »Oh, ich habe nichts dagegen, Kaiser zu töten, aber in diesem besonderen Fall trifft uns keine Schuld.« »Er wurde vor einer Stunde in seinem Bett umgebracht«, stellte Lord Hong fest. »Nicht von uns«, erwiderte Herr Zervelatwurst. »Dein Befehl hat ihn das Leben gekostet.« Rincewinds Zeigefinger deu- tete auf Lord Hong. »Aber das ist gegen die Regeln, und deshalb sollte alles so aussehen, als wäre die Rote Armee dafür verantwortlich.« Lord Hong starrte ihn an, als sähe er ihn jetzt zum ersten Mal – ohne sich darüber zu freuen. »Unter den gegebenen Umständen bezweifle ich, daß euch jemand glauben würde«, sagte Lord Hong. »Was passiert, wenn wir aufgeben?« erkundigte sich Herr Zervelat- wurst. »Ich frage aus reiner Neugier.« »Dann sterbt ihr ganz langsam, auf… interessante Weise.« »Das ist die Story meines Lebens«, sagte Cohen. »Ich bin stets sehr lang- sam gestorben, auf interessante Weise. Nun, wie geht’s weiter? Gemetzel in den Straßen? Kampf von Haus zu Haus? Eine wilde Schlägerei?« »In der richtigen Welt kämpfen wir«, erwiderte einer der Lords. »Wir rau- fen nicht miteinander wie Barbaren. Unsere Heere treten auf der Ebene vor der Stadt gegeneinander an.« »Treten? Wer soll treten?« »Er meint, die entscheidende Schlacht soll dort draußen stattfinden, Cohen.« »Ah, zivilisiertes Gerede. Wann?«, »Im Morgengrauen.« »In Ordnung«, sagte Cohen. »Dann bekommen wir wenigstens Appetit fürs Frühstück. Gibt es sonst noch etwas?« »Wie groß ist deine Streitmacht, Barbar?« »Oh, du würdest gar nicht glauben, wie groß sie ist«, entgegnete Cohen, was vermutlich der Wahrheit entsprach. »Wir haben Länder überrannt. Wir haben ganze Städte von den Landkarten getilgt. Wo meine Streit- macht gewesen ist, wächst kein Gras mehr.« »Das stimmt«, bestätigte Herr Zervelatwurst. »Wir haben nie von euch gehört!« stieß der Kriegsherr hervor. »Ja«, brummte Cohen. »So gut sind wir.« »Was die Streitmacht angeht, gibt es noch einen interessanten Punkt«, sagte jemand. Alle drehten sich zu Rincewind um, der fast ebenso überrascht war, seine eigene Stimme zu hören. Hinter seiner Stirn war gerade eine Idee gewachsen und erblühte nun. »Ja?« »Vielleicht fragt ihr euch, warum ihr nur die… Generäle seht«, fuhr Rincewind langsam fort und staunte darüber, wie sich die Worte anein- anderreihten. »Der Grund dafür ist: Unsere Krieger sind… unsichtbar. Äh… ja. Es sind Geister. Das dürfte allgemein bekannt sein.« Cohen starrte ihn verblüfft an. »Blutsaugende Geister, um ganz genau zu sein«, sagte Rincewind. »Da- von wimmelt es jenseits der Großen Mauer.« Lord Hong schnaufte verächtlich, aber die Mienen der anderen Kriegsherrn ließen folgendes durchblicken: Sie vermuteten, daß die Leu- te jenseits der Großen Mauer aus Fleisch und Blut bestanden; gleichzei- tig verließen sie sich darauf, daß Millionen von Untertanen an die Geister glaubten. »Lächerlich«, erwiderte einer von ihnen. »Ihr seid keine unsichtbaren blutsaugenden Geister.« Cohen öffnete den Mund und zeigte diamantene Zähne. »Stimmt«, sagte er. »Wir gehören nämlich zur sichtbaren Sorte.«, »Ha!« entfuhr es Lord Hong. »Spart euch diesen Unfug! Ob Geister oder nicht – wir besiegen euch!« »Nun, das lief besser, als ich dachte«, meinte Herr Zervelatwurst, als die Kriegsherrn den Saal verließen. »War das ein Versuch in psychologi- scher Kriegführung, Rincewind?« »Ach, das steckte dahinter?« fragte Cohen. »Darüber weiß ich Bescheid. In der Nacht vor dem Kampf hämmert man dauernd auf die Schilde, damit der Feind nicht schlafen kann, und man singt: ›Morgen früh schneiden wir euch die Eier ab!‹« »So in der Art«, entgegnete Herr Zervelatwurst diplomatisch. »Aber ich fürchte, es klappt nicht. Lord Hong und die übrigen Kriegsherrn sind zu intelligent. Schade, daß wir diesen Trick nicht bei den einfachen Soldaten ausprobieren können.« Leise, helle Stimmen ertönten. Sie drehten sich um und beobachteten, wie man den größtenteils minderjährigen Kader der Roten Armee her- einführte. Zu der Gruppe gehörte auch Schmetterling; sie bedachte Rin- cewind mit einem schiefen Lächeln. Er hatte sich immer aufs Weglaufen verlassen. Aber vielleicht war es manchmal nötig, stehenzubleiben und zu kämpfen – wenn auch nur, weil man nicht mehr weglaufen konnte. Wie dem auch sei… er konnte nicht mit Waffen umgehen. Zumindest nicht mit den normalen. »Äh«, sagte er. »Wenn wir den Palast jetzt verlassen, werden wir getö- tet, nicht wahr?« »Das bezweifle ich«, erwiderte Herr Zervelatwurst. »Jetzt gelten die be- sonderen Regeln der Kunst des Krieges. Hong würde uns sicher am lieb- sten die Kehlen durchschneiden, und zwar so schnell wie möglich. Doch nach der offiziellen Kriegserklärung muß selbst er die alten Tra- ditionen beachten.« Rincewind atmete tief durch. »Es ist eine Chance von eins zu einer Million«, sagte er. »Aber es könn- te klappen…«, Die vier Reiter, deren Ritt das Ende der Welt ankündigt, sind als Tod, Krieg, Hunger und Pest bekannt. Auch weniger bedeutende Ereignisse haben ihre Reiter. Zum Beispiel der gewöhnliche Schnupfen, dessen vier Reiter Schniefen, Erkältet, Laufende Nase und Keine Taschentücher heißen. Jene vier Reiter, deren Ritt direkt vor Feiertagen beginnt, sind Gewitter, Stürmische Winde, Schneeregen und Wechselhaft. In den Heerlagern auf der großen Schwemmlandebene vor Hunghung bereiteten sich die Reiter namens Falsche Informationen, Gerüchte und Gerede auf ihren Ritt vor. Das Lager einer großen Streitmacht hatte mit allen Problemen einer Stadt zu kämpfen, ohne ihre Vorteile zu genießen. Es dauert nicht lange, bis die Wachtpostenkette für Zivilisten durchlässig wird, besonders dann, wenn diese etwas zu verkaufen haben. Noch leichteren Zugang bekom- men Frauen, deren Tugend einen gewissen kommerziellen Faktor hat. Schließlich findet man an den Lagerfeuern auch Leute, die Speisen und somit eine Abwechslung von der monotonen Soldatendiät anbieten. Die derzeit zum Verkauf stehenden Spezialitäten verdienten es in jeder Hin- sicht, als Abwechslung bezeichnet zu werden. »Schweinefleischklöße! Schweinefleischklöße! Aus Schweinefleisch! Holt sie euch, solange sie…« Es entstand eine kurze Pause, als der Ver- käufer nach einem passenden Ende für den Satz suchte. Schließlich gab er auf. »Schweinefleischklöße! Am Spieß! Wie wär’s mit dir, Shogun? Du siehst aus, als… He, bist du nicht…« »Pschtpschtpscht!« Rincewind zog S.m.e.d.B.a. Schnapphala in den Schatten eines Zelts. Der Händler betrachtete das qualvolle Gesicht zwischen der Eunu- chenkleidung und dem großen Strohhut. »Du bist der Zauberer, nicht wahr? Wie…« »Du wolltest doch mit dem internationalen Handel sehr reich werden, oder?« fragte Rincewind. »Ja? Können wir damit anfangen?« »Bald. Aber zuerst gibt es noch etwas zu erledigen. Du kennst sicher das Gerücht von einer Armee aus unsichtbaren Vampirgeistern, die hier- her unterwegs ist…«, Schnapphala drehte langsam die Augen und versuchte, sich nichts an- merken zu lassen. Es gehörte zum Geschäft, über alles Bescheid zu wis- sen und sich nur dann Unkenntnis zu erlauben, wenn es ums Wechsel- geld ging. »Ja?« sagte er. »Ich meine das Gerücht, nach denen es angeblich Millionen sind«, fuhr Rincewind fort. »Die außerdem großen Appetit verspüren, weil sie un- terwegs nichts gegessen haben. Der Große Zauberer soll dafür gesorgt haben, daß sie sehr grimmig sind.« »Äh… ja?« »Nun, an dem Gerede ist natürlich nichts dran.« »Nein?« »Du glaubst mir nicht? Ich müßte doch eigentlich Bescheid wissen, oder?« »Guter Hinweis.« »Und wir wollen doch vermeiden, daß die Leute in Panik geraten, nicht wahr?« »Ist schlecht fürs Geschäft, die Panik«, sagte Schnapphala und nickte voller Unbehagen. »Deshalb solltest du allen mitteilen, daß die Gerüchte falsch sind. Sag ihnen, daß sie ganz beruhigt sein können.« »Gute Idee. Äh… die unsichtbaren Vampirgeister… Haben sie Geld bei sich?« »Nein. Weil es sie gar nicht gibt.« »Oh, ja. Hatte ich ganz vergessen.« »Und es sind nicht etwa 2.300.009«, sagte Rincewind. Auf dieses Detail war er stolz. »Es sind nicht 2.300.009…«, wiederholte Schnapphala und starrte ins Leere. »In der Tat. Es sind auf keinen Fall 2.300.009, ganz gleich, was behaup- tet wird. Und der Große Zauberer hat sie auch nicht auf die doppelte Größe anschwellen lassen. Alles klar? Muß mich jetzt sputen…«, Rincewind eilte fort. Der Händler blieb zunächst nachdenklich stehen. Allmählich dämmer- te es ihm, daß er wahrscheinlich genug verkauft hatte und nach Hause gehen konnte, um sich dort in den Keller zurückzuziehen und die Nacht in einem Faß zu verbringen, mit einem Sack über dem Kopf. Sein Weg führte ihn durch einen ziemlich großen Teil des Heerlagers. Er gab sich große Mühe, möglichst viele Soldaten darauf hinzuweisen, daß die Gerüchte keineswegs der Wahrheit entsprachen. Ein Spielzeugkaninchen quietschte nervös. »Und ich habe Angst vor den großen unsichtbaren Vampirgeistern!« schluchzte Eins Lieblingsperle. Die Soldaten am Lagerfeuer versuchten, das Mädchen zu trösten. Un- glücklicherweise gab es niemanden, der ihnen Trost spendete. »Und sie sollen bereits einige Leute gefressen haben!« Ein oder zwei Soldaten blickten über ihre Schultern. In der Dunkelheit war nichts zu erkennen, aber darin sahen sie kein gutes Zeichen. Die Rote Armee zog unerkannt von Lagerfeuer zu Lagerfeuer. Rincewinds Hinweise waren klar und deutlich. Er hatte sein ganzes Le- ben als Erwachsener in der Unsichtbaren Universität verbracht – zumin- dest jene Phasen, während denen er nicht vor Dingen mit mehr Beinen als Zähnen geflohen war –, daher glaubte er, sich mit dieser Situation gut auszukennen. Sein Motto lautete: Man sage den Leuten nichts. Man teile ihnen nichts mit. Als Zauberer überlebte man an der Unsichtbaren Uni- versität nicht etwa deshalb, weil man glaubte, was einem die Leute sag- ten. Man glaubte vielmehr das, was sie einem nicht sagten. Man sage den Leuten nichts. Man frage sie. Man frage sie, ob es stimmt. Man bitte sie, einem zu sagen, daß es nicht stimmt. Oder man sage ihnen, daß man ihnen sagen soll, daß es nicht stimmt – das ist noch besser. Rincewind wußte genau: Wenn die vier kleinen und gemeinen Reiter der Panik reiten, leisten Falsche Informationen, Gerüchte und Gerede gute Arbeit. Aber weit übertroffen werden sie vom vierten Reiter na- mens Leugnen., Nach einer Stunde kam sich Rincewind praktisch überflüssig vor. Überall fanden Gespräche statt, besonders in den Bereichen des La- gers, an deren Rand sich die Nacht weit, dunkel und allem Anschein nach völlig leer erstreckte. »Na schön, aber wieso ist von 2.300.009 die Rede? Warum diese Zahl, wenn es sie überhaupt nicht gibt?« »Jetzt hör mal: Es existiert keine Armee aus unsichtbaren Vampirgei- stern, klar?« »Ach, glaubst du? Und woher willst du das wissen? Hast du sie viel- leicht gesehen?« »Ich habe den Hauptmann gefragt, und er hat mir bestätigt, daß dort draußen keine unsichtbaren Geister auf der Lauer liegen.« »Wie will er sicher sein, wenn man sie nicht sehen kann?« »Er meint, es gäbe überhaupt keine unsichtbaren Vampirgeister.« »Ach? Wieso vertritt er denn plötzlich diese Ansicht? Mein Großvater hat mir erzählt, daß es Millionen von ihnen gibt, und zwar jenseits der Großen…« »He, warte mal… Was ist da draußen?« »Was denn?« »Ich könnte schwören, daß ich was gehört habe.« »Ich sehe nichts.« »Oh, nein!« Offenbar sickerte etwas zum Oberkommando durch, denn gegen Mit- ternacht erklangen Fanfaren, und eine spezielle Proklamation wurde ver- lesen. Sie bestätigte die Existenz von Vampirgeistern im großen und ganzen, wies jedoch daraufhin, daß es hier und heute keine gab. Es war ein wahres rhetorisches Meisterwerk, auch und vor allem deshalb, weil es die ganze Angelegenheit zu den Ohren jener Soldaten brachte, die noch keinen Besuch von der Roten Armee erhalten hatten. Eine Stunde später erreichte die Situation einen kritischen Punkt. Rin- cewind vernahm Dinge, die gar nicht seiner Phantasie entsprungen wa- ren – und die er lieber nicht gehört hätte., Seine Gespräche mit den Soldaten liefen etwa so ab: »Bestimmt gibt es gar keine große Armee aus Vampirgeistern.« Die Antwort lautete: »Nein, wir sollen nur gegen sieben alte Männer antreten.« »Sieben alte Männer? Das ist alles?« »Sie sollen sehr alt sein«, sagte ein Soldat. »Äh… gewissermaßen zu alt, um zu sterben. Von jemandem aus dem Palast habe ich gehört, daß sie durch Wände gehen und sich unsichtbar machen können.« »Oh, ich bitte dich«, erwiderte Rincewind. »Sieben alte Männer wollen gegen dieses riesige Heer kämpfen?« »Das stimmt einen nachdenklich, was? Korporal Toshi meint, daß ih- nen der Große Zauberer hilft. Ist ja auch ganz klar. Ich würde nicht ge- gen ein so riesiges Heer kämpfen, wenn ich nicht eine Menge Magie auf meiner Seite hätte.« »Äh… weiß jemand, wie der Große Zauberer aussieht?« fragte Rince- wind. »Er soll größer sein als ein Haus und drei Köpfe haben.« Rincewind nickte aufmunternd. »Wie ich hörte, ist auch die Rote Armee auf ihrer Seite«, sagte ein ande- rer Soldat. »Na und? Korporal Toshi meint, es sind nur ein Haufen Kinder.« »Nein. Ich spreche von der wahren Roten Armee. Du weißt schon…« »Die Rote Armee verbündet sich nicht mit barbarischen Eroberern! Außerdem gibt es gar keine Rote Armee. Sie ist nur ein Mythos.« »So wie die unsichtbaren Vampirgeister«, fügte Rincewind hinzu und zog das Uhrwerk der Angst noch etwas auf. »Äh… ja.« Er überließ die Soldaten ihrer Diskussion. Niemand desertierte. In eine Nacht zu fliehen, die namenlosen Schrek- ken enthielt… das war schlimmer, als im Heerlager zu bleiben. Um so besser, fand Rincewind. Es bedeutete, daß völlig verängstigte Krieger Trost bei ihren Kameraden suchten. Nichts verlieh einer Truppe mehr Rückgrat als das ständige Wiederholen von »Ich bin sicher, daß es keine Vampirzauberer gibt« und der Umstand, daß viele Leute viermal pro, Stunde zur Latrine eilten. Rincewind kehrte zur Stadt zurück, schlich in der Dunkelheit um ein Zelt – und stieß gegen ein Pferd, das ihm auf den Fuß trat. »Deine Frau ist ein großes Nilpferd!« ENTSCHULDIGUNG. Rincewind erstarrte, während seine Hände den schmerzenden Fuß hielten. Er kannte nur eine Person, deren Stimme wie ein Friedhof mit- ten im Winter klang. Er wich zurück – und stieß gegen ein anderes Pferd. RINCEWIND, NICHT WAHR? fragte Tod. JA. GUTEN ABEND. VERMUTLICH HAST DU KRIEG NOCH NICHT KENNENGELERNT. WENN ICH VORSTELLEN DARF… RINCEWIND, DAS IST KRIEG. KRIEG, DAS IST RINCEWIND. Krieg grüßte, indem er die Hand an den Helm hob. »Es ist mir ein Vergnügen«, sagte er und deutete zu den anderen drei Reitern. »Das sind meine Söhne Schrecken und Panik. Und meine Toch- ter Clancy.« Die Sprößlinge stimmten ein kurzes »Hallo« an. Clancy schnitt eine fin- stere Miene und schien etwa sieben Jahre alt zu sein. Auf ihrem Schutz- helm klebte ein Ponyclub-Abzeichen. ICH HABE NICHT DAMIT GERECHNET, DICH HIER ZU FINDEN, RINCEWIND. »Oh, gut.« Tod holte ein Stundenglas hervor, hielt es in den Mondschein und seufzte. Rincewind reckte den Hals, um festzustellen, wieviel Sand es enthielt. ALLERDINGS KÖNNTE ICH… »Du brauchst wegen mir keine besonderen Vorkehrungen zu treffen«, sagte Rincewind rasch. »Ich… äh… nehme an, ihr seid wegen der Schlacht hier, oder?« JA. ALLES DEUTET DARAUF HIN, DASS SIE… NICHT SEHR LANGE DAUERT. »Wer wird den Sieg erringen?«, DU WEISST DOCH, DASS ICH DIR DAS NICHT SAGEN WÜRDE – SELBST WENN ICH ES WÜSSTE. »Selbst wenn du es wüßtest?« wiederholte Rincewind. »Ich dachte, du weißt alles!« Tod hob den Finger, und etwas flatterte aus der Nacht heran. Rince- wind hielt es für eine Motte, aber das Geschöpf war nicht so flaumig, und seine Flügel hatten seltsame Muster. Es landete kurz auf dem Finger, stieg dann wieder auf und flog davon. IN EINER NACHT WIE DIESER IST NUR DIE UNGEWISSHEIT GEWISS, sagte Tod. DAS KLINGT BANAL, ENTSPRICHT ABER DER WAHRHEIT. Irgendwo am Horizont grollte Donner. »Ich… äh… sollte jetzt besser gehen«, sagte Rincewind. BIS BALD! rief Tod dem davoneilenden Zauberer nach. »Seltsamer Bursche«, murmelte Krieg. WENN ER ZUGEGEN IST, WIRD SELBST DIE UNGEWISSHEIT UNGEWISS. UND SELBST DA BIN ICH MIR NICHT SICHER. Krieg holte ein großes Paket aus der Satteltasche. »Mal sehen. Wir haben hier… Eier und Kresse, kaltes Hühnerfrikassee und… reifen Käse mit knackigen Gurken, glaube ich.« HEUTZUTAGE STELLT MAN MIT BROT UND BRÖTCHEN DIE ERSTAUNLICHSTEN DINGE AN. »Ach, und dann gibt es noch Schinkenüberraschung.« WAS IST SO ÜBERRASCHEND DARAN? »Keine Ahnung. Vermutlich bezieht sich der Name darauf, daß das be- treffende Schwein einen Schock erlitten hat.« Ridcully hatte lange mit sich selbst gerungen und schließlich gewonnen. »Wir holen ihn zurück«, sagte er. »Vier Tage sind vergangen. Und wir schicken das komische Rohrding dorthin, woher es gekommen ist. Es ist mir nicht geheuer.«, Die alten Zauberer musterten sich gegenseitig. Niemand von ihnen wünschte sich eine Universität, der Rincewind angehörte, aber der metal- lene Hund beunruhigte auch sie. Alle hielten sich von ihm fern. Sie hat- ten das Gebilde mit einer Barriere aus aufeinandergestapelten Tischen umgeben und versuchten, es zu ignorieren. »Na schön«, erwiderte der Dekan. »Nun, Stibbons weist immer wieder darauf hin, daß das Gewicht gleich sein muß und so. Wenn wir den Me- tallhund zurückschicken… bedeutet das nicht, daß Rincewind mit ziem- lich hoher Geschwindigkeit bei uns erscheint?« »Stibbons hat den Zauber inzwischen verbessert«, meinte Ridcully. »Und wir könnten Matratzen am Ende des Flurs bereitlegen.« Der Quästor hob die Hand. »Ja, Quästor?« fragte Ridcully freundlich. »Ho, Wirt, einen Krug von deinem besten Bier!« sagte der Quästor. »Gut.« Ridcully nickte. »Dann wäre ja alles klar. Ich habe Stibbons schon aufgefordert, mit der Suche zu beginnen…« »Benutzt er dazu wieder den dämonischen Apparat?« »Ja.« »Dann kann nichts schiefgehen«, sagte der Dekan verdrießlich. »Und eine Trompete voller Hummer, bitte sei so gut.« »Das meint auch der Quästor.« Die Kriegsherrn hatten sich bei Lord Hong eingefunden. Sie wahrten einen gewissen Abstand zueinander, wie es sich für Feinde, die ein vorü- bergehendes und nicht sehr stabiles Bündnis eingegangen waren, gebühr- te. Nach dem Sieg über die Barbaren mochte der Kampf durchaus wei- tergehen. In einem Punkt wollten sie sicher sein. »Nein!« sagte Lord Hong mit Nachdruck. »Da gibt es nicht den gering- sten Zweifel. Es existiert keine Armee aus unsichtbaren blutsaugenden Geistern, verstanden? Die Leute jenseits der Großen Mauer sind wie wir – sieht man einmal davon ab, daß sie uns in jeder Hinsicht klar unterle- gen sind. Wie dem auch sei: Man kann sie ganz deutlich sehen.«, Ein oder zwei Lords blieben skeptisch. »Und all das Gerede von der Roten Armee?« fragte jemand. »Lord Tang… die Rote Armee ist ein undisziplinierter Haufen, der mit entschlossener Gewalt zerschlagen wird.« »Ich meine die Rote Armee, von der die Bauern reden«, erwiderte Lord Tang. »Es heißt, vor Tausenden von Jahren…« »Vor Tausenden von Jahren soll ein Zauberer, den es nie gab, aus Schlamm und Blitzen unsterbliche Soldaten geformt haben«, sagte Lord Hong. »Ja, ich weiß. Es ist eine Geschichte, Lord Tang. Bauern haben sie erfunden. Bauern, die nicht begriffen, was wirklich geschah. Das Heer von Eins Sonnenspiegel hatte…« Lord Hong winkte kurz. »… bessere Rüstungen, eine bessere Disziplin. Ich habe keine Angst vor Geistern. Und ich fürchte ganz bestimmt keine Legende, die überhaupt nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.« »Ja, aber…« »Wahrsager!« rief Lord Hong. Der Wahrsager hatte nicht mit seiner Be- teiligung an der Diskussion gerechnet und zuckte zusammen. »Ja, Lord?« »Wie sieht’s mit den Eingeweiden aus?« »Äh… sie sind fast fertig.« Die Besorgnis des Wahrsagers wuchs. Vielleicht hatte er den falschen Vogel gewählt. Die Eingeweide teilten ihm nur mit: Wenn er dies lebend überstand, konnte er vielleicht eine leckere Hühnersuppe genießen. Lord Hong schien über eine besonders gefährliche Art von Ungeduld zu ver- fügen. »Was teilen sie dir mit?« »Äh… die Zukunft ist… die Zukunft ist…« Hühnereingeweide hatten nie zuvor einen solchen Anblick geboten. Einige Sekunden lang glaubte der Wahrsager, daß sie sich bewegten. »Äh… die Zukunft ist ungewiß«, sagte er schließlich. »Sorg dafür, daß sie gewiß wird«, erwiderte Lord Hong. »Wer erringt morgen früh den Sieg?« Schatten huschten über den Tisch., Etwas flatterte um die Lampe. Es sah nach einer unscheinbaren gelben Motte mit sonderbaren Flügelmustern aus. Der Wahrsager hatte bessere präkognitive Fähigkeiten, als er selbst wußte, und sie vermittelten ihm folgende Botschaft: Dies war kein ge- eigneter Zeitpunkt, Hellseher zu sein. Andererseits war dies auch kein geeigneter Zeitpunkt, um brutal hinge- richtet zu werden, also… »Es kann nicht der geringste Zweifel daran bestehen, daß der Feind ei- ne vernichtende Niederlage erleidet, o Lord«, sagte er. »Wieso bist du da so sicher?« fragte Lord McSweeney. Der Wahrsager fühlte sich in seiner Berufsehre verletzt. »Siehst du das wabbelige Etwas bei den Nieren? Und verstehst du, was das grüne klebrige Ding hier bedeutet? Kennst du dich mit der Leber aus, hm?« »Na bitte«, sagte Lord Hong. »Das Schicksal meint es gut mit uns.« »Trotzdem«, wandte Lord Tang ein. »Die Männer sind sehr…« »Du kannst den Männern sagen…«, begann Lord Hong. Er unterbrach sich, zögerte und lächelte. »Sag den Männern, daß tatsächlich eine große Armee aus unsichtbaren Vampirgeistern existiert.« »Was?« »Ja!« Lord Hong schritt auf und ab und schnippte dabei mit den Fin- gern. »Ja, es gibt eine schreckliche Streitmacht aus ausländischen Gei- stern. Und sie hat unsere Geister so sehr erzürnt, daß sie… Ja, tausend Generationen unserer Vorfahren reiten nun auf dem Wind, um die bar- barischen Invasoren zurückzuschlagen! Die Geister des Reiches erheben sich! Millionen und Abermillionen! Selbst unsere Dämonen sind wütend auf die Eindringlinge! Sie werden sich auf die Angreifer stürzen, um sie mit Klauen und Zähnen zu zerfetzen… Ja, Lord Sung?« Die Kriegsherrn wechselten nervöse Blicke. »Bist du sicher, Lord Hong?« Lord Hongs Augen glänzten hinter den kleinen Brillengläsern. »Sorgt für die notwendigen Proklamationen«, wies er die anderen Lords an., »Aber wir haben den Männern erst vor ein paar Stunden gesagt, daß keine…« »Sagt ihnen jetzt etwas anderes!« rief Lord Hong. »Wenn der Feind glaubt, daß seine Stärke in der Täuschung liegt… dann sorgen wir dafür, daß aus der vermeintlichen Stärke seine Schwäche wird. Sagt den Solda- ten, daß eine Milliarde Geister des Reiches hinter ihnen stehen!« Die Kriegsherrn mieden seinen Blick. Niemand von ihnen wollte dar- auf hinweisen, daß der durchschnittliche Soldat sich bestimmt nicht dar- über freute, daß sich vor und hinter ihm Geister befanden; immerhin genossen Geister den Ruf, launisch und unberechenbar zu sein. »Gut«, sagte Lord Hong und sah nach unten. »Du bist noch hier?« fragte er. »Ich wollte nur schnell die Eingeweide einpacken, o Lord!« quiekte der Wahrsager. Er nahm die Reste des leidgeprüften Huhns und floh. Auf dem Weg nach Hause dachte er: Ich habe nicht gesagt, welcher Feind eine vernichtende Niederlage erleidet. Lord Hong blieb allein in seinen Gemächern zurück. Nach einer Weile merkte er, daß er zitterte. Vermutlich aus Zorn. Oder vielleicht… Nun, er konnte die Situation noch immer zu seinem Vorteil nutzen. Barbaren kamen von jenseits der Mauer, und für die meisten Leute im Reich blieb das Draußen ein uniformes Etwas ohne Richtung. Ja. Die Barbaren waren eine unwichtige Einzelheit: Sie ließen sich leicht aus dem Weg räumen, konnten aber auch in die allgemeine Strategie in- tegriert werden, wenn er es geschickt anstellte. Hong atmete schwer. Er suchte sein privates Arbeitszimmer auf und schloß die Tür. Er holte den Schlüssel hervor. Er öffnete die Kiste. Eine Zeitlang herrschte eine Stille, in der nur das Rascheln von Klei- dung zu hören war. Dann betrachtete sich Lord Hong im Spiegel. Er hatte sich große Mühe gegeben, dies zu erreichen. Er hatte mehrere, Agenten eingesetzt, und jeder von ihnen kannte nur einen Teil des Plans. Der Schneider in Ankh-Morpork hatte sich genau an die Maße gehalten und ausgezeichnete Arbeit geleistet. Spitze Stiefel, Kniehose, Wams, Umhang, der Hut mit einer Feder… Lord Hong wußte, daß er wie ein perfekter Gentleman aus Ankh-Morpork gekleidet war. Das Futter des Umhangs bestand aus Seide. Die Sachen fühlten sich unbequem an und berührten ihn an unge- wohnten Stellen, aber darauf kam es nicht an. So sah ein eleganter Mann in einer Gesellschaft aus, die atmete und sich bewegte, die etwas errei- chen konnte… Lord Hong stellte sich vor, wie er am ersten Tag durch die Stadt schritt. Die Leute würden ihn sofort als ihren natürlichen Regenten er- kennen und ihm huldigen… In seiner Phantasie gab es keinen Platz für die übliche Reaktion: »He, sieh dir mal den feinen Pinkel an! Zieh dem Burschen eins über die Rübe und räum seine Taschen aus!« Die Ameisen eilten hin und her. Das Parp-Ding machte »Parp«. Die Zauberer traten zurück. Es gab nicht viel zu tun, wenn Hex mit voller Geschwindigkeit arbeitete; man konnte nur den Fisch beobachten und gelegentlich die Zahnräder ölen. Ab und zu flackerte oktarines Licht in den Röhren. Hex zauberte jetzt mehrere hundertmal pro Minute. Das war das Prin- zip. Ein Mensch brauchte mehr als eine Stunde für einen ganz gewöhnli- chen Lokalisierungszauber, doch Hex führte ihn schneller durch. Und er wiederholte ihn, wieder und immer wieder. Er durchkämmte das ganze okkulte Meer auf der Suche nach einem bestimmten Fisch. Innerhalb von dreiundneunzig Minuten leistete er, wozu die Fakultät einige Monate gebraucht hätte. »Seht ihr?« Ponders Stimme vibrierte ein wenig, als er die Klötze aus dem Ausgabetrichter nahm. »Ich wußte, daß er es schafft.« »Wer ist ›er‹?« fragte Ridcully. »Hex.« »Oh, du meinst das Ding.«, »Ja, genau. Das Ding. Äh…« Noch etwas anderes war Herrn Zervelatwurst an der Horde aufgefallen: ihre Fähigkeit, sich zu entspannen. Die alten Männer verfügten über das katzenartige Talent, nichts zu tun, wenn es nichts zu tun gab. Nach dem Schärfen der Schwerter hatten sie eine Mahlzeit eingenommen – große Stücke Fleisch für die meisten von ihnen; Haferschleim für den Irren Polterer, der den größten Teil davon in seinen Bart sabberte. Daß das Essen genießbar war, gewährleisteten sie, indem der Chefkoch mit der Schürze an den Boden genagelt wurde und zu einer Axt emporblicken mußte, die an einem Seil befestigt war. Das Seil hing über einem Balken der Decke, und das Ende hielt Cohen in der Hand, während er aß. Anschließend schärften die Hordenmitglieder erneut ihrer Schwerter, aus reiner Angewohnheit, und dann… verharrten sie. Manchmal summte einer der Alten eine leise Melodie, wobei fehlende Zähne für Disharmonien sorgten. Oder Hände suchten an diversen Körperstellen nach besonders hartnäckigen Läusen. Der größte Teil der Nicht-Aktivität bestand jedoch darin, ins Leere zu starren. »Wißt ihr…«, sagte Caleb nach einer langen Weile. »Ich bin praktisch überall gewesen, nur nicht in XXXX. Frage mich, wie’s dort aussieht.« »Hab da mal Schiffbruch erlitten«, brummte Vincent. »Komischer Ort. Ziemlich magisch, glaube ich. Dort gibt’s Biber mit Schnäbeln und große Ratten mit langen Schwänzen, die dauernd umherhüpfen. Die Ratten, meine ich. Boxen auch gegeneinander. Und schwarze Leute wandern umher. Befinden sich angeblich in einem Traum. Ziemlich schlaue Bur- schen. Zeig ihnen ein Stück Wüste mit einem abgestorbenen Baum, schon präsentieren sie dir eine Mahlzeit mit drei Gängen sowie Obst und Nüsse zum Nachtisch. Ach ja, und das Bier ist nicht schlecht.« »Klingt gut.« Es folgte eine lange Pause. Dann: »Es gibt hier doch Bänkelsänger, oder? Wäre wirklich schade, wenn wir alle sterben, ohne daß jemand unser heldenhaftes Ende in Liedern be- singt.«, »In einer solchen Stadt treiben sich bestimmt viele Bänkelsänger her- um.« »Also kein Problem.« »Nein.« »Nein.« Wieder eine Pause. »Was natürlich nicht bedeutet, daß wir sterben.« »Klar. Ich habe keineswegs die Absicht, in meinem Alter mit dem Sterben zu beginnen, haha.« Noch eine Pause. »Cohen?« »Ja?« »Bist du religiös?« »Nun, ich habe viele Tempel ausgeraubt und zahlreiche verrückte Prie- ster getötet. Weiß nicht, ob das zählt.« »Wenn man im Kampf stirbt… was geschieht dann mit einem? Woran glaubt dein Stamm?« »Nun, wenn man im Kampf abkratzt, kommen dicke Frauen mit Hör- nerhelmen und bringen einen in den Saal von Io, wo getötete Helden für immer kämpfen und zechen können und so.« Eine Pause. »Meinst du wirklich für immer?« »Ja.« »Ich frage, weil… Nun, nach vier Tagen hat man die Nase voll von Truthahnbraten.« »Na schön. Und was glaubt man bei euch?« »Wir glauben, daß wir zur Hölle fahren, in einem Boot, das aus abge- schnittenen Fußnägeln besteht. Etwas in der Art.« Eine Pause. »Es hat eigentlich keinen Sinn, über so etwas zu reden, denn wir kom- men morgen früh nicht ums Leben.«, »Stimmt.« »Ha, wozu sollen wir sterben, wenn uns nur übriggebliebenes Fleisch und ein Boot, das nach schmutzigen Socken riecht, erwarten?« »Haha.« Eine Pause. »In Klatsch glaubt man, wer ein gutes Leben geführt hat, wird zur Be- lohnung in ein Paradies mit vielen jungen Frauen geschickt.« »Ist das eine Belohnung?« »Weiß nicht. Könnte auch eine Strafe sein. Außerdem kriegt man dau- ernd Scherbett.« »Ha. Als ich ein junger Mann war, gab’s noch richtigen Scherbett. Wir bekamen ihn in kleinen Truhen und dazu einen Lakritz-Strohhalm, um das Zeug herauszusaugen. Heute sucht man vergeblich nach so etwas. Die Leute haben’s immer viel zu eilig.« »Klingt besser als die Sache mit den Fußnägeln.« Eine Pause. »Habt ihr jemals daran geglaubt, daß jeder getötete Feind im Leben nach dem Tod zu einem Diener wird?« »Weiß nicht.« »Wie viele hast du getötet?« »Was? Oh, zwei- oder dreitausend, glaube ich. Trolle und Zwerge nicht mitgezählt.« »Dann hast du sicher genug Leute, die dir eine Haarbürste reichen oder eine Tür für dich öffnen.« Eine Pause. »Wir sterben bestimmt nicht, oder?« »Nein.« »Ich meine, Chancen von eins zu hunderttausend… Der Unterschied besteht doch nur aus einigen Nullen, habe ich recht?« »Ja.« »Ich meine, tapfere Kameraden an unserer Seite, ein starker Arm… Was können wir uns mehr wünschen?«, Eine Pause. »Ein Vulkanausbruch wäre nicht schlecht. Möglichst viel Lava, die un- sere Feinde unter sich begräbt.« Eine Pause. »Wir sterben, nicht wahr?« »Ja.« Die Hordenmitglieder musterten sich gegenseitig. »Es gibt auch eine positive Seite. Ich schulde dem Zwerg Fafa noch fünfzig Ankh-Morpork-Dollar für dieses Schwert.« Der Junge Willie hob es kurz hoch. »Ich schätze, er muß auf das Geld verzichten.« Herr Zervelatwurst ließ die Schultern hängen. »Es tut mir sehr leid«, sagte er. »Schon gut«, erwiderte Cohen. »Dich trifft keine Schuld.« In den hohen Fenstern zeichnete sich das erste graue Licht des Mor- gens ab. »Ihr müßt nicht sterben«, betonte Herr Zervelatwurst. »Wir könnten uns… äh… fortschleichen. Durch die Kanalisation. Den Irren Polterer tragen wir. Ständig kommen und gehen Leute. Bestimmt können wir die Stadt verlassen, ohne daß…« Die Stimme des früheren Lehrers verklang – keine Stimme konnte so durchdringende Blicke ertragen. Selbst der Irre Polterer starrte ihn an, obgleich sein Blick für gewöhnlich auf eine Stelle gerichtet war, von der ihn achtzig Jahre trennten. »Wir laufen nicht weg«, sagte der Polterer. »Es ist kein Weglaufen«, behauptete Herr Zervelatwurst. »Es ist viel- mehr ein vorübergehender Rückzug. Taktik. Himmel, die Vernunft ver- langt es!« »Ich ziehe mich nicht zurück.« »Meine Güte, selbst Barbaren können zählen. Und ihr habt eben selbst zugegeben, daß euch der Tod erwartet.« »Keine Flucht.« Cohen beugte sich vor und klopfte Herrn Zervelatwurst auf die Hand., »Es ist die Sache mit dem Heldentum«, sagte er. »Wer hat jemals von einem Helden gehört, der einfach fortlief? Und die Kinder, von denen du uns erzählt hast… die uns für Geschichten halten… Würden sie glauben, daß wir weggelaufen sind? Na also. Nein, Weglaufen gehört bei uns nicht dazu. Dafür sind andere zuständig.« »Außerdem bietet sich eine solche Gelegenheit nie wieder«, warf Krie- cher der Unhöfliche ein. »Sechs gegen fünf Heere! Das ist verd… phan- tastisch! Wir reden hier nicht nur von Legenden und dergleichen! Ver- mutlich geraten wir in den Bereich der Mythologie.« »Aber… ihr seid dann… tot.« »Ja, das ist Teil davon, zugegeben. Ein toller Abgang, nicht wahr?« Herr Zervelatwurst musterte die übrigen Hordenmitglieder und gelang- te zu dem Schluß, daß sie eine andere Sprache in einer anderen Welt sprachen – in einer Welt, von der er nichts wußte und die auf keiner Karte verzeichnet war. Man konnte diesen Leuten beibringen, Hosen zu tragen und mit Geld umzugehen, aber ihre Seele änderte sich dadurch nicht. »Wohin kommen Lehrer nach ihrem Tod?« fragte Cohen. »Keine Ahnung«, antwortete Herr Zervelatwurst leise. Einige Sekun- den lang fragte er sich, ob es im Himmel so etwas wie ewige Sommerfe- rien gab. Wahrscheinlich nicht. Bestimmt warteten dort irgendwelche Korrekturen auf ihn. »Nun, was auch immer mit dir passiert, wenn du tot bist…«, sagte Co- hen. »Besuch uns, wenn du Lust auf ordentliches Zechen hast. Wir hat- ten eine Menge Spaß zusammen. Darauf kommt es an. Und wir haben viel gelernt.« Der Rest der Horde brummte zustimmend. »Die vielen langen Wörter…« »Dinge zu kaufen und dafür zu bezahlen…« »Nicht zu vergessen die sozialen Kontakte, har, har… Entschuldi- gung.« »Wasisn?« »Schade, daß es nicht geklappt hat«, sagte Cohen. »Aber ich hab noch, nie viel von Plänen und dergleichen gehalten.« Herr Zervelatwurst stand auf. »Ich begleite euch«, verkündete er. »Was, du willst mit uns kämpfen?« »Ja.« »Weißt du, wie man mit einem Schwert umgeht?« fragte Kriecher. »Äh, nein.« »Dann hast du dein ganzes Leben vergeudet.« Dieser Hinweis schien dem früheren Lehrer nicht sehr zu gefallen. »Ich bekomme den Dreh während des Kampfes schon heraus.« »Wir reden hier von einem Schwert! Während des Kampfes hast du kei- ne Zeit mehr, damit zu üben!« »Nun… als Lehrer ist man gezwungen, sehr schnell zu lernen.« Herr Zervelatwurst lächelte nervös. »Einmal mußte ich ein Semester lang Praktische Alchimie unterrichten, weil sich Herr Schisma selbst in die Luft gejagt hatte und Erholung brauchte. Bis zu jenem Zeitpunkt wußte ich nicht einmal, wie ein Schmelztiegel aussieht.« »Hier.« Der Junge Willie gab dem Lehrer ein Schwert. Herr Zervelat- wurst drehte es nachdenklich hin und her. »Äh… gibt es eine Anleitung, wie man es benutzt?« »Eine Anleitung? Nein. Man hält das stumpfe Ende in der Hand und versucht, die Spitze in andere Leute zu stechen.« »Ach? Klingt eigentlich ganz einfach. Ich dachte, es steckt mehr dahin- ter.« »Willst du uns wirklich begleiten?« fragte Cohen. Herr Zervelatwurst richtete einen festen Blick auf ihn. »Unbedingt. Ich bezweifle sehr, daß ich nach eurem Tod überleben kann, und… offenbar dürft ihr Helden auf ein besseres Leben im Jenseits hoffen. Ich vermute sogar, daß auch euer Leben im Diesseits besser ist. Ich weiß nicht, welches ›Paradies‹ sich Lehrer erhoffen dürfen, aber ich fürchte, daß es dort viele Sportlehrer gibt.« »Bist du sicher, daß du dich in einen richtigen Berserker verwandeln, kannst?« erkundigte sich Cohen. »Hast du jemals erlebt, daß roter Dunst vor deinen Augen erschien? Und bist du später erwacht, um festzustel- len, daß du zwanzig Menschen totgebissen hast?« »Ich konnte ziemlich gemein werden, wenn’s in der Klasse zu laut wurde«, erwiderte Herr Zervelatwurst. »Und mit einem Stück Kreide verfehle ich nie das Ziel.« »Was ist mit dir, Steuereintreiber?« Sechs Wohltätige Winde wich hastig zurück. »Ich… ich bin mehr dafür geeignet, das System von innen zu untermi- nieren.« »Na schön.« Cohen sah die anderen an. »Mit dieser Art von ›offiziel- lem‹ Krieg bin ich nicht vertraut. Wie geht man dabei vor?« »Ich glaube, die gegnerischen Truppen beziehen voreinander Aufstel- lung und stürmen dann aufeinander los«, sagte Herr Zervelatwurst. »Hört sich ganz einfach an. Also schön, gehen wir.« Sie schritten – beziehungsweise rollten (der Irre Polterer) und liefen im Dauerlauf (Herr Zervelatwurst) – durch den Flur. Der Steuereintreiber folgte ihnen. »Herr Zervelatwurst!« rief er. »Du weißt doch, was passieren wird! Hast du den Verstand verloren?« Der ehemalige Lehrer lächelte grimmig. Sein ganzes bisheriges Leben war kompliziert gewesen. Es hatte aus Stundenplänen, Listen und einem Haufen Dinge, die erledigt werden mußten oder für ihn nicht in Frage kamen, bestanden. Das Dasein des Herrn Zervelatwurst war ein zittriges Etwas, das sich in dem Durcheinander immerzu hin und her wand. Jetzt aber wurde plötzlich alles ganz einfach. Man hielt das eine Ende in der Hand und stach das andere in Leute. Ein Mann konnte sein ganzes Le- ben auf eine solche Maxime gründen. Und anschließend erwartete ihn ein sehr interessantes Jenseits… »Du brauchst auch das hier«, sagte Caleb und reichte Herrn Zervelat- wurst etwas Rundes, als sie ins graue Licht der Morgendämmerung tra- ten. »Das ist ein Schild.« »Ah. Damit schützt man sich, stimmt’s?«, »Beiß in den Rand, wenn’s nötig ist.« »Oh, ich weiß«, sagte Herr Zervelatwurst. »Dadurch wird man zum Berserker, nicht wahr?« »Durchaus möglich, durchaus möglich«, räumte Caleb ein. »Bei vielen Kriegern ist das der Fall. Ich persönlich beiße in den Rand, weil er aus Schokolade ist.« »Schokolade?« »In einer Schlacht werden nur selten Essenspausen eingelegt.« Hier bin ich, dachte Herr Zervelatwurst. Mit echten Helden gehe ich durch die Straßen. Sie sind die… »Und im Zweifelsfall ziehst du dich einfach aus«, sagte Caleb. »Warum denn das?« »Ist ein Anzeichen dafür, zum Berserker zu werden. Es entsetzt den Feind. Und wenn jemand lacht, läßt du ihn das Schwert spüren.« Unter den Decken des Rollstuhls bewegte sich etwas. »Wasisn?« »Ich habe gesagt, SO LÄSST DU IHN DAS SCHWERT SPÜREN, Polterer.« Der Irre Polterer hob einen Arm, der nur aus Haut und Knochen be- stand und viel zu dünn wirkte, um die Axt zu halten, die er hielt. »Ja, genau! Direkt in den Datutsweh!« Herr Zervelatwurst stieß Caleb an. »Ich sollte mir das notieren«, sagte er. »Was ist ›Datutsweh‹?« »Eine kleine Bergkette unweit der Mitte.« »Faszinierend.« Die Bürger von Hunghung drängten sich an und auf den Stadtmauern zusammen. Man bekam nicht jeden Tag die Möglichkeit, einen solchen Kampf zu beobachten. Rincewind bahnte sich mit den Ellenbogen einen Weg durch die Men- ge, bis er den Kader erreichte, der einen besonders guten Platz über dem Haupttor ergattert hatte., »Warum seid ihr noch hier?« fragte er. »Ihr könntet schon viele Kilo- meter weit weg sein!« »Wir möchten beobachten, was passiert«, erwiderte Zweiblum. Seine Brillengläser glänzten. »Ich weiß, was passiert! Die Horde wird schon nach wenigen Sekunden nicht mehr existieren! Was könnte denn eurer Meinung nach gesche- hen?« »Du vergißt die unsichtbaren Vampirgeister«, sagte Zweiblum. Rincewind starrte ihn groß an. »Wie bitte?« »Die geheime Armee. Es sollen ziemlich viele Geister hierher unter- wegs sein.« »Es gibt überhaupt keine unsichtbaren Vampirgeister, Zweiblum!« »Ja, ihre Existenz wird dauernd geleugnet«, ließ sich Lotosblüte ver- nehmen. »Also müssen die Gerüchte zumindest teilweise der Wahrheit entsprechen.« »Ich habe das alles erfunden!« »Oh, das glaubst du vielleicht«, entgegnete Zweiblum. »Aber ich nehme an, du bist ein Werkzeug des Schicksals.« »Jetzt hör mal, es gibt wirklich keine…« »Der gute alte Rincewind«, meinte Zweiblum fröhlich. »Du bist immer pessimistisch, doch am Ende wird alles gut.« »Es gibt weder Geister noch irgendwelche magischen Armeen«, sagte Rincewind. »Ich…« »Wenn sieben Männer aufbrechen, um gegen eine hunderttausendmal größere Streitmacht zu kämpfen, kann die Schlacht nur ein Ergebnis haben.« »Genau. Es freut mich, daß du endlich vernünftig wirst.« »Sie gewinnen«, sagte Zweiblum. »Sie müssen den Sieg erringen. An- dernfalls funktioniert die Welt nicht richtig.« »Du scheinst gebildet zu sein«, wandte sich Rincewind an Schmetter- ling. »Erklär ihm, warum er sich irrt. Der Grund ist ein kleines Phäno-, men aus meiner Heimat. Vielleicht hast du schon davon gehört – man nennt es Mathematik.« Die junge Frau lächelte. »Du glaubst mir nicht, wie?« brachte Rincewind hervor. »Du bist genau wie er. Für was hältst du dies? Für homöopathische Kriegführung? Je kleiner die eigene Streitmacht, desto größer die Wahrscheinlichkeit, daß sie siegt? Die Wirklichkeit sieht anders aus. Ich wünschte, du hättest recht, aber leider ist das nicht der Fall. Es gibt kein plötzliches und völlig unerwartetes Glück. Es gibt auch keine magischen Lösungen. Die Guten gewinnen nicht, weil sie klein und tapfer sind!« Er gestikulierte voller Ärger. »Du hast immer überlebt«, sagte Zweiblum. »Ein haarsträubendes Abenteuer folgte dem anderen, und du hast immer überlebt.« »Reiner Zufall.« »Und du bist auch weiter am Leben geblieben.« »Und du hast uns aus dem Kerker befreit«, warf Lotosblüte ein. »Das waren alles nur Zufäl… Laß mich in Ruhe und verschwinde!« Ein Schmetterling flatterte fort und entging der nach ihm schlagenden Hand. »Verdammte Biester«, murmelte Rincewind. »Nun, das wär’s«, fuhr er fort. »Ich gehe jetzt. Muß mich um andere Dinge kümmern und kann nicht zusehen. Außerdem glaube ich, daß unsympathische Personen nach mir suchen.« Plötzlich bemerkte er Tränen in den Augen von Lotosblüte. »Wir… wir dachten, daß du… irgend etwas unternimmst«, sagte sie. »Ich? Ich kann nichts unternehmen. Erst recht nicht mit Magie! Dafür bin ich berühmt! Glaub bloß nicht, daß Große Zauberer alle Probleme lösen, denn es gibt sie gar nicht, und deshalb lösen sie keine Probleme, und ich muß es wissen, denn ich bin keiner!« Rincewind trat zurück. »So was erlebe ich immer wieder! Ich kümmere mich um meine eigenen Angelegenheiten, dann geht irgend etwas schief, und plötzlich kommen Leute zu mir und fragen: ›Oh, Rincewind, was willst du jetzt unternehmen?‹ Und Frau Rincewinds Sohn – falls es über-, haupt eine Frau Rincewind gab – antwortet darauf: ›Nichts. Ihr müßt allein zurechtkommen.‹ In diesem Fall bedeutet das: Löst eure Probleme selbst. Es gibt keine magischen Armeen, die euch plötzlich zu Hilfe eilen, und… Seht mich nicht so an! Es dürfte kaum meine Schuld sein! Ich muß mich um andere Dinge kümmern! Diese Sache geht mich nichts an!« Er drehte sich um und lief davon. Die Menge achtete kaum auf ihn. Nach den Maßstäben von Hunghung waren die Straßen fast leer: An manchen Stellen war das Kopfsteinpflaster zu sehen. Rincewind schob sich in den Gassen unweit der Mauer durchs Gedränge, auf der Suche nach einem Tor, dessen Wächter zu beschäftigt waren, Fragen zu stellen. Schritte folgten ihm. »Jetzt hört mal«, brummte er und drehte sich um. »Ich habe doch ge- sagt, daß ich…« Sein Blick fiel auf Truhe. Sie sah ein wenig verlegen aus. »Ach, wir sind endlich eingetroffen, wie?« fragte Rincewind streng. »Was ist mit Dem-Herrn-überallhin-Folgen passiert?« Truhe scharrte mit den Füßen. Aus einer nahen Gasse trat eine etwas größere und hübschere Version mit dekorativen, eingesetzten Holzlei- sten. Ihre Füße wirkten zart und waren nicht annähernd so schwielig wie die von Rincewinds Truhe. Außerdem glänzte bunter Lack auf ihren Zehennägeln. »Oh«, sagte der Zauberer. »Meine Gute. Na schön. Ich meine… ja. Komm jetzt.« Er erreichte das Ende der Gasse und drehte sich um. Truhe stieß die größere Kiste an und forderte sie damit auf, ihr zu folgen. Rincewinds eigene sexuelle Erfahrungen waren alles andere als exzes- siv, aber er hatte Diagramme gesehen. Allerdings wußte er nicht, wie Gepäckstücke dabei vorgingen. Vielleicht sagten sie »Donnerwetter, was für ein Deckel!« oder »Potzblitz, die Angeln haben’s wirklich in sich!« Eigentlich gab es keinen Hinweis darauf, daß Truhe männlichen Ge- schlechts war. Sie hatte ein mörderisches Wesen, doch das galt auch für viele Frauen, die Rincewind kannte. Und in den meisten Fällen verstärk- ten sich die mörderischen Tendenzen durch die Begegnung mit ihm. Der, Zauberer wußte aus Erfahrung: Die Neigung zur Gewalt war unisexuell. Die genaue Bedeutung von »Unisex« war ihm unklar, aber er zweifelte kaum daran, daß dieses Phänomen einen großen Teil seiner diesbezügli- chen Erlebnisse bestimmte. Weiter vorn entdeckte er ein kleines Tor. Es schien unbewacht zu sein. Zwar fürchtete er sich, trotzdem trat er hindurch und widerstand der Versuchung zu rennen. Wächter schöpften sofort Verdacht, wenn sie jemanden rennen sahen. Der richtige Zeitpunkt dafür war da, wenn man das »e« in »He, du!« hörte. Niemand schenkte ihm Beachtung. Die Aufmerksamkeit der Leute im Bereich der Mauer galt allein den Truppen. »Nun seht sie euch nur an«, sagte Rincewind zum Universum. »Wie dumm sie doch sind! Stünde es sieben gegen siebzig, wüßten alle, daß die Sieben den Kampf verlieren würden, aber bei sieben gegen siebenhun- derttausend sind sie sich plötzlich nicht mehr sicher. Als bedeuteten Zahlen nichts mehr. Ha! Warum sollte ich irgend etwas unternehmen? Außerdem kenne ich Cohen gar nicht richtig. Na schön, er hat mir dann und wann das Leben gerettet, aber das ist noch lange kein Grund, jetzt einen schrecklichen Tod zu sterben, nur weil der Bursche nicht zählen kann. Du brauchst mich also nicht so anzustarren!« Truhe wich ein wenig zurück. Die andere Truhe… Rincewind vermutete, daß sie weiblich aussah. Frauen hatten immer mehr Gepäck dabei als Männer. Wegen der – hier wagte er sich auf un- bekanntes Terrain – zusätzlichen Rüschen und so. Das schien ein Aspekt der Weiblichkeit zu sein, ebenso der Umstand, daß Frauen kleinere Ta- schentücher hatten, obwohl ihre Nasen ebenso groß waren wie die der Männer. Rincewind hatte in Truhe immer nur Truhe gesehen und konn- te sich nur schwer an die Vorstellung gewöhnen, daß ihm mehr als eine folgte. Jetzt gab es Truhe und… die andere Truhe. »Na schön, kommt, ihr beiden«, sagte er. »Wir verschwinden von hier. Ich habe geholfen, soweit es mir möglich war. Der Rest ist mir egal. Ich meine… ich habe mit der ganzen Sache überhaupt nichts zu tun. Und es ist mir ein Rätsel, warum sich immer wieder jemand auf mich verlassen will. Ich bin nicht verläß- lich. Selbst ich selbst verlasse mich nicht auf mich, und ich bin ich!«, Cohen blickte zum Horizont. Graublaue Wolken ballten sich dort zu- sammen. »Da kündigt sich ein Unwetter an«, sagte er. »Zum Glück überleben wir nicht lange genug, um naß zu werden«, er- widerte der Junge Willie. »Komisch. Es scheint aus allen Richtungen gleichzeitig aufzuziehen.« »Lausiges ausländisches Wetter. Man kann ihm nicht trauen.« Cohen wandte seine Aufmerksamkeit den Heeren der fünf Kriegsherrn zu. Dort schien man eine Übereinkunft getroffen zu haben. Die Truppen hatten um Cohens Position herum Aufstellung bezogen. Die Taktik war klar – sie brauchten einfach nur vorzurücken. Vor den einzelnen Legionen ritten Offiziere auf und ab. »Wie soll es beginnen?« fragte Cohen, als der auflebende Wind an den Resten seines Haars zerrte. »Pfeift jemand, oder stürmen wir einfach los?« »Normalerweise einigt man sich auf den Beginn der Kampfhandlun- gen«, sagte Herr Zervelatwurst. »Oh.« Cohen blickte zu dem Wald aus Fahnen und Standarten. Hunderttau- sende von Soldaten sahen nach ziemlich vielen Soldaten aus, wenn man ihnen so nahe war. »Ich schätze, niemand von euch hat irgendeinen genialen Plan für den Notfall, oder?« fragte er langsam. »Wir dachten, du hättest einen«, entgegnete Kriecher der Unhöfliche. Mehrere Reiter verließen die einzelnen Heere der gegnerischen Streit- macht und näherten sich. Etwas weiter als einen Speerwurf entfernt hiel- ten sie an und warteten. »Na schön«, knurrte Cohen. »Ich sage es nicht gern, aber vielleicht soll- ten wir über die Kapitulation verhandeln.« »Nein!« entfuhr es Herrn Zervelatwurst. Er erschrak über den lauten Klang seiner eigenen Stimme. »Nein«, wiederholte er etwas ruhiger. »Ihr überlebt nicht, wenn ihr kapituliert. Ihr sterbt nur nicht sofort.«, Cohen kratzte sich an der Nase. »Wie sieht die Fahne aus? Du weißt schon… um den Leuten zu zeigen, daß wir mit ihnen reden wollen, ohne sie zu töten.« »Sie muß rot sein«, antwortete Herr Zervelatwurst. »Aber es hat keinen Sinn, wenn du…« »Rot zur Kapitulation, Weiß für Bestattungen… komisch.« Cohen schüttelte den Kopf. »Na schön. Hat jemand etwas Rotes?« »Ich habe ein Taschentuch«, sagte Herr Zervelatwurst. »Aber es ist weiß und…« »Gib es mir.« Der barbarische Lehrer holte es zögernd hervor und reichte es dem barbarischen Helden. Cohen zog ein kleines, ziemlich abgenutztes Messer hinter dem Gürtel hervor. »Ich fasse es nicht!« Herr Zervelatwurst war den Tränen nahe. »Cohen der Barbar ist bereit, über die Kapitulation zu verhandeln!« »Wahrscheinlich liegt’s an der Zivilisation«, meinte Cohen. »Sie hat mich weich gemacht.« Er zog sich das Messer über den Arm und drückte dann das Taschen- tuch auf die Wunde. »Na bitte. Gleich haben wir eine hübsche rote Fahne.« Die Horde nickte anerkennend. Es war eine bemerkenswert symboli- sche, dramatische und vor allem sehr dumme Geste, in der besten Tradi- tion des barbarischen Heldentums. Einige der ganz vorn stehenden Sol- daten beobachteten sie. »Lehrer und Kriecher…«, sagte Cohen. »Kommt mit mir. Wir reden jetzt mit den Leuten.« »Bestimmt wirft man dich ins Verlies«, stöhnte Herr Zervelatwurst. »Hier gibt es Folterer, die ihre Opfer jahrelang am Leben erhalten kön- nen!« »Wasisn? Was sachta da?« »Er meint, IN DEN HIESIGEN VERLIESEN KANN MAN JAHRELANG ÜBERLEBEN, Polterer.«, »Gut! Einverstanden!« »Lieber Himmel«, ächzte Herr Zervelatwurst. Er folgte Kriecher und Cohen zu den Kriegsherrn. Lord Hong hob das Helmvisier und starrte die Delegation der barbari- schen Eroberer an. »Ich hab hier ‘ne rote Fahne.« Cohen winkte mit dem feuchten Etwas am Ende seines Schwerts. »Ja«, sagte Lord Hong. »Wir haben deine kleine Vorstellung gesehen. Gewöhnliche Soldaten lassen sich vielleicht davon beeindrucken, aber wir nicht, Barbar.« »Wie du meinst«, erwiderte Cohen. »Wir sind gekommen, um über die Kapitulation zu reden.« Herr Zervelatwurst stellte fest, daß sich einige der Kriegsherrn ent- spannten. Echten Soldaten gefällt so etwas nicht, dachte er. Niemand möchte im Soldatenhimmel sagen: Einmal bin ich mit einem Heer gegen sieben Greise in den Kampf gezogen. Dafür erhofft man sich keine Me- daillen. »Oh, natürlich«, entgegnete Lord Hong. »Soviel zur Tapferkeit. Nun, legt die Waffen nieder. Anschließend bringen wir euch zum Palast.« Cohen und Kriecher wechselten einen Blick. »Wie bitte?« fragte Cohen. »Legt die Waffen nieder«, schnaubte Lord Hong. »Damit meine ich: Weg mit den Schwertern und Äxten!« Cohen runzelte verwirrt die Stirn. »Warum sollten wir unsere Waffen weglegen?« »Wir sprechen doch über eure Kapitulation, oder?« »Über unsere Kapitulation?« Ein irres Lächeln erschien auf Herrn Zervelatwursts Lippen und wuchs immer mehr in die Breite. Lord Hong starrte Cohen an. »Ha! Soll ich etwa glauben, daß ihr gekommen seid, um uns aufzufor- dern…«, Er beugte sich im Sattel vor. »Das ist tatsächlich der Fall, wie?« fügte er hinzu. »Ihr hirnlosen kleinen Barbaren. Stimmt es, daß ihr nur bis fünf zählen könnt?« »Wir wollten nur vermeiden, daß jemand verletzt wird«, sagte Cohen. »Ihr wolltet vor allem vermeiden, selbst verletzt zu werden«, hielt ihm Lord Hong entgegen. »Wenn es zum Kampf kommt, bleibt das auch für einige von euch nicht ohne Konsequenzen.« »Du meinst die einfachen Soldaten«, sagte Lord Hong. »Es sind nur Bauern.« »Oh, ja, das hatte ich ganz vergessen«, erwiderte Cohen. »Und du bist ihr Anführer, stimmt’s? Es ist wie beim Schachspiel.« »Ich bin ihr Lord«, betonte Hong. »Die Soldaten sterben auf meinen Befehl, wenn es notwendig ist.« Cohen schenkte ihm ein gefährliches Lächeln. »Wann fangen wir an?« fragte er. »Kehr zu deinem… Haufen zurück«, sagte Lord Hong. »Ich glaube, der Kampf beginnt schon sehr bald.« Er sah zu Kriecher, der einen Zettel hervorholte und ihn entfaltete. Die Lippen des Barbaren bewegten sich, ein Finger wanderte über die Zeilen. »Du… böser Schuft«, sagte er. »In der Tat«, kommentierte Herr Zervelatwurst, der die Liste zusam- mengestellt hatte. Auf dem Rückweg zum Rest der Horde vernahm der frühere Lehrer ein dumpfes Knirschen. Es stammte von Cohen, der gerade einige Karat von seinen Zähnen verlor. »Die Soldaten sollen auf seinen Befehl hin sterben, wenn es notwendig ist«, zischte er. »Der Kerl weiß nicht einmal, was es bedeutet, Anführer zu sein. Zur Hölle mit ihm und seinem Pferd!« Herr Zervelatwurst sah sich um. Unter den Kriegsherrn schien eine Art Streitgespräch stattzufinden., »Wahrscheinlich versuchen sie, uns lebend zu erwischen«, sagte er. »Ich hatte mal einen solchen Rektor. Er freute sich darüber, anderen Leuten das Leben zur Qual zu machen.« »Soll das heißen, die Soldaten werden sich bemühen, uns nicht zu tö- ten?« fragte Kriecher. »Ja.« »Müssen wir auch Rücksicht nehmen?« »Nein, ich glaube nicht.« »Dann scheint ja alles in Ordnung zu sein.« »Und nun?« erkundigte sich Herr Zervelatwurst. »Singen wir ein Kampflied oder so?« »Wir warten«, sagte Cohen. »Geschieht häufig im Krieg«, erklärte der Junge Willie. »Ah ja.« Herr Zervelatwurst nickte. »Das habe ich gehört. Es heißt, es gäbe lange Phasen der Langeweile, denen kurze der Aufregung folgen.« »Nein, eigentlich nicht«, widersprach Cohen. »In Wirklichkeit sieht’s so aus: Auf kurze Phasen des Wartens folgen lange des Todes.« »Mist!« Zahllose Entwässerungsgräben durchzogen die Felder, nirgends schien es einen geraden Weg zu geben. Und die Gräben waren zu breit, um über sie hinwegzuspringen. Sie sahen seicht genug aus, um hindurchzu- waten, aber unter dem dreißig oder vierzig Zentimeter tiefen Wasser lag eine dicke Schlammschicht. Herr Zervelatwurst hatte mehrmals erwähnt, daß Hunghung und die anderen achatenen Städte ihren Reichtum dem Schlamm der Ebenen verdankten. Derzeit kam sich Rincewind sehr reich vor. Er näherte sich jetzt dem Hügel vor der Stadt. Er war abgerundet mit einer Präzision, die nicht natürlichen Ursprungs sein konnte. Der frühere Lehrer hatte in diesem Zusammenhang von Moränenhügeln gesprochen: Anhäufungen von Ackerkrume, von Gletschern zurückgelassen. Was diesen Hügel betraf: Auf den unteren Hängen wuchsen Bäume, auf der Kuppe erhob sich ein kleines Gebäude., Unterschlupf. Ein reizvolles Wort. Die Ebene war ziemlich groß und die Entfernung zu den Truppen viel zu gering. Der Hügel wirkte seltsam friedlich, als gehörte er zu einer anderen Welt. Erstaunlicherweise wurde dort nichts angepflanzt, obwohl sonst jeder Boden, auf dem ein Wasser- büffel stehen konnte, landwirtschaftlich genutzt wurde. Rincewind fühlte sich beobachtet. Von einem Wasserbüffel. Man konnte nicht behaupten, daß ihn das Tier mit großem Interesse ansah. Die Augen des Büffels waren geöffnet, was bedeutete, daß er ir- gendwohin sehen mußte. Er hatte zufällig eine Richtung gewählt, in der Rincewind in sein Blickfeld geriet. In der Miene des Wasserbüffels zeigte sich die heitere Ruhe eines Ge- schöpfs, das schon vor einer ganzen Weile begriffen hatte: Im Grunde war es ein Rohr auf Beinen und vor allem dazu da, vorn Dinge aufzu- nehmen und hinten auszuscheiden. Am anderen Ende der Leine stand ein Mann mit Strohhut bis zu den Waden im Schlamm. Seine Kleidung entsprach dem im Achatenen Reich üblichen Pyjamastil. Sein Gesichtsausdruck kündete nicht etwa von geist- loser Dummheit, sondern von vager Besorgnis. Auch sein Blick galt Rin- cewind; es erging ihm wie dem Büffel: In irgendeine Richtung mußte er schließlich sehen. Trotz der immer noch drohenden Gefahren gab Rincewind dem Ge- fühl intensiver Neugier nach. »Äh… guten Morgen«, sagte er. Der Bauer nickte, während der Wasserbüffel schmatzend wiederkäute. »Äh… entschuldige bitte, wenn ich dir eine persönliche Frage stelle«, sagte Rincewind, »aber ich würde gern wissen, warum… du den ganzen Tag im Schlamm stehst und die Leine eines Wasserbüffels hältst.« Der Bauer dachte darüber nach. »Ist gut für den Boden«, antwortete er schließlich. »Aber vergeudest du dadurch nicht viel Zeit?« erwiderte Rincewind. Der Mann erwog auch diese Frage. »Was ist Zeit für eine Kuh?« entgegnete er., Rincewind kehrte auf die Straße der Realität zurück. »Siehst du die Truppen da drüben?« Der Bauer sah in die entsprechende Richtung und konzentrierte sich. »Ja«, bestätigte er. »Der bevorstehende Kampf betrifft dich.« Das schien den Bauern nicht sonderlich zu beeindrucken. Der Wasser- büffel rülpste leise. »Einige Leute wollen dich versklaven, andere möchten, daß du zu- sammen mit den anderen Bauern das Land regierst«, erläuterte Rince- wind. »Besser gesagt, sie möchten das Land selbst regieren, aber in eu- rem Namen. Gleich kommt es zu einer schrecklichen Schlacht. Und ich frage mich… Was möchtest du eigentlich?« Der Wasserbüffelleinenhalter dachte erneut gründlich nach. Rincewind deutete die lange Stille nicht als Zeichen von Dummheit; sie schien viel- mehr in einem direkten Zusammenhang mit der Größe und Tragweite des Problems zu stehen. Der Zauberer spürte, wie es immer mehr wuchs, Boden und Gras in sich aufnahm, dann die Sonne und sich ins Universum ausdehnte. Schließlich sagte der Bauer: »Eine längere Leine wäre nicht schlecht.« »Tatsächlich? Interessant. Das Gespräch mit dir war sehr aufschluß- reich. Bis dann.« Der Bauer sah Rincewind nach. Neben ihm entspannte der Wasserbüf- fel einige Muskeln, spannte andere, hob den Schwanz und machte die Welt – auf seine eigene Art und Weise – zu einem etwas besseren Ort. Rincewind setzte den Weg zum Hügel fort. Es gab nicht viele Wildpfade und Holzbrücken, aber sie führten alle zu der runden Anhöhe. Wäre Rincewind in der Lage gewesen, klar zu denken – seine letzte Aktivität dieser Art lag viele Jahre zurück –, hätte er sich vermutlich darüber ge- wundert. An den unteren Hängen wuchsen intelligente Birnbäume, und er dach- te nicht einmal darüber nach. Ihre Blätter drehten sich, um ihm nachzuse-, hen, als er nach oben kletterte. Er brauchte jetzt eine Höhle oder… Rincewind zögerte. »O nein«, sagte er. »Nein, nein, nein. Darauf falle ich nicht herein. Wenn ich mich in einer hübschen kleinen Höhle verstecke… Bestimmt gibt es dort irgendeine Tür, oder ich begegne einem weisen Eremiten, und in der nächsten Sekunde finde ich mich im Mittelpunkt des Gesche- hens wieder. Nein, kommt nicht in Frage. Ich bleibe hier draußen.« Er kletterte weiter und erreichte schließlich die Kuppe des Hügels, die sich wie eine Krone über den Bäumen wölbte. Aus der Nähe stellte er fest, daß sie nicht ganz so glatt war, wie er zunächst angenommen hatte. Das Wetter hatte Rinnen und Furchen in den Boden gegraben; Büsche und Sträucher wuchsen an geschützten Orten. Das Gebäude auf der Hügelkuppe war rostig, was Rincewind über- raschte. Es bestand aus Eisen: ein spitz zulaufendes Dach aus Eisen, Wände aus Eisen, eine Tür aus Eisen. Auf dem Boden lagen einige alte Nester und etwas Schutt, sonst nichts. Als Versteck taugte das eiserne Haus nicht viel – jeder Verfolger würde zuerst hier nachsehen. Am Rand der Welt wuchsen Wälle aus Wolken. Blitze flackerten, und Donner grollte. Es war nicht die brummige Stimme eines Sommergewit- ters, sondern ein zorniges Knurren, das den Himmel zu zerreißen droh- te. Schwüle Hitze umhüllte die Ebene, und die Luft schien immer dicker zu werden. Bestimmt dauerte es nicht mehr lange, bis es wie aus Kübeln goß. »Man zeige mir einen Platz, wo mich niemand bemerkt«, murmelte Rincewind. »Den Kopf gesenkt halten. Das ist die einzige Möglichkeit. Warum sollte ich Anteil nehmen? Es sind nicht meine Probleme.« Er keuchte in der drückenden Hitze und stapfte weiter. Lord Hong kochte. Wer ihn kannte, wußte die Zeichen zu deuten: Er sprach langsamer als sonst und lächelte dauernd. »Und woher wollen die Männer wissen, daß sich die Blitzdrachen är- gern?« fragte er. »Vielleicht erlauben sie sich nur einen Scherz.« »Nicht, wenn der Himmel diese Farbe hat«, sagte Lord Tang. »Das ist, keine vielversprechende Himmelsfarbe. Sie sieht wie eine Quetschung aus. Nein, ein solcher Himmel verheißt Unheil.« »Und welche Art von Unheil verheißt er?« »Äh… allgemeines Unheil.« »Ich weiß, was dahintersteckt!« fauchte Lord Hong. »Habt ihr etwa Angst, gegen sieben alte Männer zu kämpfen?« »Die Soldaten munkeln, es seien die legendären Sieben Unbezwingba- ren Weisen«, erwiderte Lord Fang. Er versuchte zu lächeln. »Du weißt ja, wie abergläubisch die Männer sind…« »Welche Sieben Weisen?« fragte Lord Hong. »Ich kenne mich in der Geschichte der Welt gut aus, und von angeblich legendären Sieben Un- bezwingbaren Weisen habe ich noch nie gehört.« »Äh… vielleicht noch nicht«, sagte Lord Fang. »Aber… äh… Legenden müssen schließlich irgendwo beginnen…« »Es sind Barbaren! Bei den Göttern! Sieben Greise! Ist es zu fassen, daß ihr euch vor sieben Greisen fürchtet?« »Es fühlt sich falsch an«, warf Lord McSweeney ein. »Das sagen jeden- falls die Soldaten«, fügte er rasch hinzu. »Habt ihr das mit der himmlischen Geisterarmee bekanntgegeben?« Die Kriegsherrn mieden Lord Hongs Blick. »Äh… ja«, antwortete Lord Fang. »Dadurch hat sich die Moral der Truppe bestimmt verbessert.« »Äh… nicht unbedingt…« »Wie meinst du das?« »Nun… äh… viele Männer sind desertiert. Sie sagen, fremde Geister seien schon schlimm genug, aber…« »Aber was?« »Es sind Soldaten, Lord Hong«, sagte Lord Tang scharf. »Sie alle kennen Leute, denen sie lieber nicht begegnen möchten. Das ist sicher auch bei dir der Fall, oder?« Für einen Sekundenbruchteil zuckte es in Lord Hongs Wange. Nur für einen kleinen Sekundenbruchteil. Doch einige der Kriegsherrn bemerkten, es und wußten: Sie hatten einen winzigen Riß in Hongs Maske gesehen. »Was schlägst du vor, Lord Tang? Sollen wir die verdammten Barbaren einfach so davonkommen lassen?« »Natürlich nicht. Aber… man braucht kein großes Heer gegen sieben Greise. Gegen sieben alte Greise. Die Bauern sagen… sie sagen…« »Na los, Lord-der-mit-den-Bauern-spricht.« Lord Hongs Stimme war nun ein wenig höher. »Berichte uns, was sich einfache Bauern über die närrischen und dummen Alten erzählen.« »Ja… äh… genau darum geht es. Ich habe mehrmals die Frage gehört: Wenn die Alten wirklich so närrisch und dumm sind – wieso haben sie bisher überlebt?« »Glück!« Lord Hong wußte sofort, daß er das falsche Wort gewählt hatte. Er hielt nichts von Glück und dergleichen. Er hatte sich immer große Mühe gegeben – oft zum Leidwesen anderer Leute –, das Leben mit Gewißhei- ten zu füllen. Aber er wußte, daß viele Leute an das Glück glaubten. Bis- her hatte er diese Schwäche oft ausnutzen können, doch jetzt wandte sie sich gegen ihn. »Im Buch der Kriegskunst gibt es keine Anleitung dafür, wie fünf Hee- re sieben Greise angreifen«, sagte Lord Tang. »Ob Geister oder nicht. Die Erklärung dafür ist ganz einfach: Niemand hat so etwas jemals für möglich gehalten.« »Wenn du dich so sehr fürchtest…«, spottete Lord Hong, »… dann reite ich eben nur mit meinen zweihundertfünfzigtausend Männern ge- gen die Barbaren.« »Ich fürchte mich nicht«, erwiderte Lord Tang. »Ich schäme mich.« Lord Hong ignorierte ihn. »Und jeder Soldat ist mit zwei Schwertern bewaffnet. Dann wird sich herausstellen, wieviel Glück die… Weisen haben. Ich brauche nur einmal Glück, Lords. Doch die Greise brauchen es zweihundertfünfzigtausendmal.« Er senkte das Helmvisier. »Wie glücklich fühlt ihr euch heute, Lords?« Die vier anderen Kriegs- herrn sahen zu Boden. Resignierte Stille herrschte., »Nun gut«, sagte Lord Hong. »Laßt Gongs erklingen und Feuerwerks- körper anzünden – als Glücksbringer.« Es gab viele Ränge in der Streitmacht des Achatenen Reiches, und einige von ihnen lassen sich nicht übersetzen. Drei Rosarote Schweine und Fünf Weiße Giftzähne bekleideten einen solchen Rang. Eine Vorstellung von seinem Namen gibt etwas Blasses und Verwundbares, das sich rasch verkriecht, wenn Gefahr droht. Es gab keinen geringeren Rang. Selbst Maulesel nahmen eine höhere Position ein, weil gute Maulesel selten waren. Männer wie Drei Rosarote Schweine und Fünf Weiße Giftzähne dagegen gab es in jedem Heer – meistens dort, wo eine Latrine gereinigt werden mußte. Sie waren so absolut unbedeutend, daß sie die Ansicht vertraten: Mit einem Angriff auf sie hätten die fremden unsichtbaren blutsaugenden Vampirgeister nur wertvolle Zeit vergeudet. Zweifellos mußten die Gei- ster einen weiten Weg bis nach Hunghung zurücklegen, und nach derar- tigen Mühen hatten sie es verdient, wichtigere Personen zu töten. Aus diesem Grund waren Drei Rosarote Schweine und Fünf Weiße Giftzähne kurz vor dem Morgengrauen aufgebrochen, um sich zu ver- stecken. Natürlich konnten sie jederzeit zurückkehren, falls der Sieg drohte. Während all der Aufregung vermißte sie bestimmt niemand, und beide Männer verstanden sich gut darauf, rechtzeitig auf dem Schlacht- feld zu erscheinen, um an der Siegesfeier teilzunehmen. Derzeit lagen sie im hohen Gras und beobachteten, wie die Truppen ihre Formation veränderten. Aus dieser Höhe gesehen, wirkte alles sehr eindrucksvoll. Die Streit- macht der einen Seite war so klein, daß sie fast unsichtbar wurde. Nun, die vielen Dementis des vergangenen Abends deuteten darauf hin, daß die Unsichtbarkeit einer ihrer wichtigsten Aspekte war. Von ihrem Aussichtspunkt bemerkten die beiden Soldaten auch den Ring am Himmel. Er hing dicht über den Wolkenmauern am Horizont und erglühte gol- den, wenn ihn das Sonnenlicht traf. An den übrigen Stellen war er ein- fach nur gelb und hauchdünn., »Eine komische Wolke«, meinte Fünf Weiße Giftzähne. »Ja«, pflichtete ihm Drei Rosarote Schweine bei. »Was es wohl damit auf sich hat?« Während sie auf diese Weise miteinander sprachen und dabei aus einer kleinen Flasche Reiswein tranken, von der Drei Rosarote Schweine am Abend zuvor einen Kameraden befreit hatte, hörten sie ein seltsames Stöhnen. »Ooooooohhhhhhh…« Sie erstarrten, den Mund voller Reiswein. Drei Rosarote Schweine schluckte mehrmals. »Hast du das gehört?« fragte er dann. »Meinst du das…« »Oooohhhh…« »Da ist es wieder!« Ganz langsam drehten sie sich um. Etwas mehr oder weniger Humanoides kroch aus einer breiten Rinne hinter ihnen. Roter Schlamm tropfte von der Gestalt, und seltsame Ge- räusche kamen aus ihrem Mund. »Ooooooohhhmist!« Drei Rosarote Schweine griff nach dem Arm von Fünf Weiße Giftzäh- ne. »Es ist ein unsichtbarer blutsaugender Vampirgeist!« »Aber ich kann ihn sehen!« Drei Rosarote Schweine blinzelte. »Es ist die Rote Armee! Die Krieger kommen aus der Erde, wie es in der Legende heißt!« Fünf Weiße Giftzähne verfügte über einige Gehirnzellen mehr als Drei Rosarote Schweine, und er hatte erst zwei Becher Reiswein getrunken. Er sah genauer hin. »Es könnte ein ganz gewöhnlicher Mann sein, an dem ziemlich viel Schlamm klebt«, sagte er, hob die Stimme und fügte hinzu: »He, du!« Die Gestalt drehte sich um und lief davon. »Gehört er zu unseren Leuten?«, »Jemand, der so aussieht?« »Schnappen wir ihn!« »Warum?« »Weil er wegläuft!« »Laß ihn laufen.« »Vielleicht hat er Geld. Und warum läuft er weg?« Rincewind rutschte in eine andere Rinne und fluchte leise. Soldaten soll- ten dort sein, wo man sie erwartete. Was war mit Pflicht, Ehre und der- gleichen passiert? Trockenes Gras und Moos bedeckten den Boden. Rincewind rührte sich nicht und lauschte den Stimmen der beiden Männer. Die Schwüle wurde immer unerträglicher. Das heranziehende Unwet- ter schien alle heiße Luft in Richtung Hunghung zu schieben, wodurch sich die Ebene in einen Dampfkochtopf verwandelte. Die Gesichter der beiden Soldaten erschienen über dem Rand der Rin- ne. Etwas knarrte, und der Boden gab um mehrere Zentimeter nach. Rin- cewind wagte kaum zu atmen, aus Furcht, daß er durch mehr Luft in den Lungen zu schwer wurde. Außerdem teilte ihm der Instinkt mit, daß die geringste körperliche Aktivität – zum Beispiel ein verzweifelter Sprung – alles noch schlimmer machen würde. Vorsichtig senkte er den Kopf. Zwischen Moos und trockenem Gras zeichneten sich die Konturen ei- nes Balkens ab, auf dem Rincewind stand. Hier und dort lösten sich Erdklumpen und verschwanden in… einem Loch unter dem morschen Holz. In einem Loch, das gleich bestimmt viel größer wurde… Rincewind warf sich nach vorn. Der Boden unter ihm schien sich ein- fach aufzulösen, so daß er nicht mehr auf einem langsam brechenden Balken stand, sondern an einem zweiten halb verborgenen Balken hing, der offenbar ebenso morsch war wie der erste., Er begann zu rutschen, doch nach etwa zehn Zentimetern verharrte er abrupt. Die Gesichter der beiden Soldaten verschwanden hinter dem Rand der Rinne. Trockene Erde und kleine Steine glitten an Rincewind vorbei, kratzten über seine Stiefel und verschwanden in der Dunkelheit. Als Experte für solche Dinge wußte Rincewind, daß er über einer gro- ßen Tiefe hing, die gleichzeitig eine große Höhe sein konnte – je nach Perspektive. Der Balken setzte sich wieder in Bewegung. Damit blieben dem Zauberer nur zwei Möglichkeiten. Erstens konnte er loslassen und einem unbekannten Schicksal in der Finsternis entge- genstürzen. Zweitens konnte er warten, bis der Balken ganz nachgab und dann zusammen mit ihm einem unbekannten Schicksal in der Finsternis entgegenstürzen. Zu Rincewinds großer Freude ergab sich kurz darauf noch eine dritte Möglichkeit. Seine Stiefelspitze berührte etwas, einen Stein oder Felsvor- sprung oder was auch immer. Wichtig war nur: Er konnte sich darauf abstützen und dadurch ein prekäres Gleichgewicht finden, das ihn einer- seits vor dem Sturz in die Tiefe bewahrte, ohne ihm andererseits dauer- hafte Sicherheit in Aussicht zu stellen. Natürlich war es nur etwas Vorü- bergehendes, aber Rincewind hatte längst herausgefunden, daß das Le- ben eine Kette aus vorübergehenden Dingen war. Ein gelber Schmetterling mit interessanten Flügelmustern flatterte durch die Rinne und landete auf dem einzigen zur Verfügung stehenden farbigen Etwas: auf dem Hut des Zauberers. Das Holz gab noch etwas mehr nach. »Verschwinde!« sagte Rincewind und versuchte, keine zu schweren Worte zu verwenden. »Hau ab!« Der Schmetterling breitete die Flügel aus und sonnte sich. Rincewind schürzte die Lippen und versuchte, das kleine Wesen fort- zupusten. Es erschrak, stieg auf… »Ha!« machte der Zauberer., … und reagierte instinktiv auf die Gefahr, indem es mit den Flügeln schlug. Die nahen Sträucher erzitterten. Die Wolken am Himmel veränderten sich und bildeten ungewöhnliche Strukturen. Eine weitere Wolke entstand, groß wie ein zorniger grauer Ballon. Es begann zu regnen, nicht im allgemeinen, sondern im besonderen. Es regnete nur dort, wo sich Rincewind befand. Nässe strömte auf seinen Hut. Ein kleiner Blitz traf ihn in die Nase. »Was haben wir denn hier?« Drei Rosarote Schweine erschien wieder am Rand der Rinne und zögerte kurz, bevor er nachdenklich fortfuhr: »Ein Kopf in einem Loch, und darüber ein kleines Gewitter.« Kurz darauf erkannte er: Ob Gewitter oder nicht – hier gab es eine gu- te Möglichkeit, wichtige Körperteile abzuschneiden. Es bot sich zwar nur ein Kopf an, aber daran gab es nichts auszusetzen. Der Zaubererhut hatte inzwischen genug Regen aufgesaugt. Das uralte Holz hielt der Belastung nicht länger stand, und Rincewind fiel einem unbekannten Schicksal in der Finsternis entgegen. Es war völlig dunkel. Rincewind erinnerte sich an Tunnel und rutschenden Boden. Jeder Teil von ihm, der nicht vor Angst bebte, nahm an, daß die Höhle eingestürzt war. Höhle. Dieses Wort hatte besondere Bedeutung. Er befand sich in einer Höhle. Er fürchtete sich davor, etwas zu berühren, als er ganz vor- sichtig den Arm ausstreckte, um etwas zu berühren. Er fühlte eine gerade Kante, die zu drei anderen geraden Kanten führ- te, die sich jeweils im rechten Winkel trafen. Eine Platte. Die Finsternis war ein erstickender Schleier aus schwarzem Samt. Eine Steinplatte… Daraus ließ sich der Schluß ziehen, daß es woanders einen Eingang gab, einen richtigen Eingang. Rincewind vermutete, daß bereits Wächter herbeiliefen, um ihn zu schnappen. Und vielleicht wurden sie von Truhe verfolgt. Eines stand fest: In letz- ter Zeit verhielt sie sich recht seltsam. Mit ziemlicher Sicherheit war er, ohne sie besser dran. Er klopfte auf seine Taschen und wiederholte jenes Mantra, das auch Nichtzauberer sprechen, um Streichhölzer zu finden. Es lautet: »Streich- hölzer, Streichhölzer, Streichhölzer…« Er fand welche und entzündete eins mit dem Fingernagel. »Au!« Die rauchende gelbe Flamme erhellte nur Rincewinds Hand und einen Teil seines Ärmels. Er ging einige Schritte weit, bevor er sich die Finger verbrannte. Die Dunkelheit kehrte zurück, und das einzige Licht gab es nur noch in Rin- cewinds Erinnerung. Nirgends erklang das Geräusch rachsüchtiger Füße. Alles blieb still. Rein theoretisch sollte irgendwo Wasser tropfen, doch die Luft fühlte sich trocken an. Er entzündete ein zweites Streichholz, hielt es so hoch wie möglich und blickte nach vorn. Ein mehr als zwei Meter großer Krieger lächelte auf ihn herab. Cohen sah erneut nach oben. »Gleich ballert’s«, sagte er. »Seht euch nur mal den Himmel an.« In der brodelnden Wolkenmasse glühte es rot und purpurn. Blitze zuckten. »Lehrer?« »Ja?« »Du weißt doch alles. Warum sieht die Wolke dort so komisch aus?« Herr Zervelatwurst spähte in die Richtung, in die Cohens Zeigefinger wies. Am Horizont bemerkte er eine niedrige gelbe Wolke: ein dünner Streifen, als wäre dort die Sonne bemüht, einen Weg in den Morgen zu finden. »Vielleicht ein Silberstreifen«, spekulierte der Junge Willie. »Was für ein Streifen?« »Angeblich hat jede Wolke einen. Gehört sich so.«, »Ja, aber in diesem Fall sieht’s eher nach Gold aus.« »Hier im Achatenen Reich ist Gold billiger.« »Bilde ich mir das nur ein, oder wird der Streifen tatsächlich breiter?« fragte Herr Zervelatwurst. Caleb behielt die feindlichen Linien im Auge. »Dauernd reiten Burschen mit kleinen Pferden hin und her«, sagte er. »Hoffentlich kommen die Brüder bald in die Hufe. Möchte hier nicht den ganzen Tag warten.« »Ich schlage vor, wir greifen an, solange der Feind nicht damit rech- net«, brummte der Irre Polterer. »Einen Augenblick… einen Augenblick«, murmelte Kriecher der Un- höfliche. Gongs erklangen, und Feuerwerkskörper knallten. »Offenbar setzen sich die Basta… die unehelichen Kinder jetzt in Bewegung.« »Na endlich.« Cohen stand auf und drückte seine Zigarette aus. Herr Zervelatwurst zitterte vor Aufregung. »Singen wir ein Lied für die Götter, bevor wir in den Kampf ziehen?« fragte er. »Es ist nicht verboten«, erwiderte Cohen. »Sprechen wir keine heidnischen Gebete oder so?« »Nein, eigentlich nicht«, sagte Cohen und sah erneut zu dem seltsamen Wolkenband, das den Horizont umspannte. Es beunruhigte ihn weitaus mehr als der heranrückende Feind. Inzwischen war es etwas breiter ge- worden und hatte einen Teil seines Glanzes eingebüßt. Ein oder zwei Sekunden wünschte er sich, daß es den einen oder anderen Gott gab, dessen Tempel er nicht ausgeraubt und/oder niedergebrannt hatte. »Schlagen wir nicht mit den Schwertern auf die Schilde, als Zeichen unserer unerschütterlichen Tapferkeit?« erkundigte sich der ehemalige Lehrer hoffnungsvoll. »Ich schätze, dafür ist es zu spät«, entgegnete Cohen. Der Mangel an barbarischer Pracht enttäuschte Herrn Zervelatwurst so sehr, daß sich in Cohen, zu seiner eigenen Überraschung, Mitgefühl reg- te. »Aber du kannst es durchaus nachholen, wenn du möchtest.« Die Hordenmitglieder zogen ihre Waffen. Der Irre Polterer holte eine, weitere Axt unter seiner Decke hervor. »Wir sehen uns im Himmel wieder!« stieß Herr Zervelatwurst hervor. »Ja, gut«, entgegnete Caleb und beobachtete die heranrückenden Solda- ten. »Ich meine das Paradies mit dem Festschmaus und den vielen jungen Frauen und so.« »Ja, ja.« Der Junge Willie prüfte die Schärfe seiner Klinge. »Und der ständigen Zecherei.« »Könnte sein«, sagte Vincent. Er beugte und streckte mehrmals den Arm, um seine chronische Sehnenentzündung zu lindern. »Und wir werfen mit Äxten, du weißt schon, um holden Damen die Zöpfe abzuschneiden!« »Wenn’s dir Spaß macht.« »Aber…« »Ja?« »Was das Schlemmen betrifft… Wird bei dem Festschmaus auch Vege- tarisches angeboten?« Die Truppen der Kriegsherrn schrien und griffen an. Sie stürmten der Horde entgegen, fast ebenso schnell wie die Wolken, die aus allen Richtungen heranwogten. In der Finsternis und der Stille des Hügels befreite sich Rincewinds Ge- hirn von der Lähmung des Schreckens. Es ist eine Statue, dachte er. Das ist alles. Kein Problem. Eine große Statue, und nicht einmal eine besonders gute. Sie stellt einen Mann mit Rüstung dar. Da drüben stehen zwei weitere. Man kann sie schemenhaft erkennen, am Rand des von den kleinen Flammen erhellten Bereichs… »Au!« Rincewind ließ das Streichholz fallen und leckte sich die Finger. Er brauchte jetzt eine Wand. Wände hatten früher oder später irgend- wo Ausgänge. Es konnten auch Eingänge sein, aber es bestand kaum die Gefahr, daß Wächter hereinstürmten. Dieser Ort verströmte den Geruch, des Uralten, vermischt mit anderen Aromen, die an Fuchs und Gewitter erinnerten. Außerdem wirkte alles unbenutzt. Rincewind setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Und plötzlich kam ein Licht. Ein kleiner blauer Funken sprang vom Finger des Zauberers. Cohen griff nach seinem Bart, der bestrebt zu sein schien, sich von sei- nem Gesicht zu lösen. Herrn Zervelatwursts Haarkranz hatte sich aufgerichtet und knisterte. »Statische Elektrizität!« rief der frühere Lehrer. Vor ihnen glühten die Speerspitzen der Feinde. Die gegnerischen Truppen brachen den Angriff ab. Schreie ertönten, wenn Funken zwi- schen den Soldaten hin und her zuckten. Cohen hob den Kopf. »Meine Güte! Seht euch das an!« Weitere Funken huschten durch die Dunkelheit, als Rincewind über den in der Schwärze verborgenen Boden trat. Das Wort Grab wollte von ihm in Erwägung gezogen werden, und eins wußte Rincewind über die Baumeister großer Gräber: Für gewöhnlich waren sie recht einfallsreich bei der Konstruktion von Fallen und unan- genehmen Überraschungen aller Art. Darüber hinaus fügten sie ihren Bauwerken Bilder und Statuen hinzu, damit die Toten etwas betrachten konnten, wenn sie sich langweilten. Rincewinds Hand berührte Stein, behutsam wandte er sich zur Seite. Gelegentlich stieß sein Fuß gegen etwas Weiches, und er hoffte instän- dig, daß es sich dabei um Schlamm handelte. Kurz darauf fand er einen Hebel. Er ragte einen halben Meter weit aus der Wand. Nun, es konnte eine Falle sein. Aber Fallen waren normalerweise… Fal- len. Man bemerkte sie erst, wenn der eigene Kopf einige Meter entfernt durch den Tunnel rollte. Außerdem gingen Fallenbauer sehr direkt vor; nur selten verlangten sie vom Opfer einen aktiven Beitrag zur eigenen, Auslöschung. Rincewind betätigte den Hebel. Die gelbe Wolke bewegte sich viel schneller als der Wind, den sie ge- schaffen hatte. Sie bestand aus Millionen einzelner Komponenten, die alle langsam mit den Flügeln schlugen. Hinter ihnen kam das Unwetter. Herr Zervelatwurst blinzelte verblüfft. »Schmetterlinge?« Truppen und Horde verharrten, als die kleinen Wesen vorbeiflatterten. Man konnte sogar das Rascheln der Flügel hören. »Na schön, Lehrer«, sagte Cohen. »Welche Erklärung hast du dafür?« »Es… es… es… könnte ein natürliches Phänomen sein«, erwiderte Herr Zervelatwurst. »Zum Beispiel weiß man von Chrysippusfaltern, daß sie… äh… Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe keine Ahnung.« Die Wolke glitt weiter in Richtung Hügel. »Es ist kein Zeichen oder so?« fragte Cohen. »Es muß doch wenigstens einen Tempel geben, den ich nicht ausgeraubt habe.« »Das Problem mit Zeichen und Omen ist, daß man nie weiß, welche Botschaft sie verkünden«, sagte der Junge Willie. »Vielleicht soll Hong und seinen Kumpanen mitgeteilt werden, daß sie sich keine Sorgen zu machen brauchen.« »Ach?« erwiderte Cohen. »Wenn das so ist… dann beanspruche ich die Nachricht für uns.« »Man kann keine göttliche Mitteilung stehlen!« entfuhr es Herrn Zerve- latwurst. »Wieso denn nicht? Ist sie vielleicht irgendwo festgenagelt? Nein. Na bitte. Jetzt gehört sie mir.« Cohen hob das Schwert, als die letzten Schmetterlinge vorbeiflogen. »Die Götter meinen es gut mit uns!« rief er. »Hahaha!« »Hahaha?« flüsterte Herr Zervelatwurst. »Um den Feind zu verwirren«, erklärte der Barbar. Er sah zu den anderen Mitgliedern der Horde. Jeder Mann nickte kurz., »Also gut, Jungs«, sagte Cohen. »Es ist soweit.« »Äh… worauf kommt es jetzt an?« fragte Herr Zervelatwurst. »Stell dir etwas vor, das dich zornig macht. Etwas, das dein Blut in Wallung bringt. Stell dir vor, daß der Feind all das ist, was du haßt.« »Rektoren«, sagte Herr Zervelatwurst. »Gut.« »Sportlehrer!« rief Herr Zervelatwurst. »Meinetwegen.« »Jungen, die Kaugummi kauen!« heulte Herr Zervelatwurst. »Seht nur, ihm quillt bereits Dampf aus den Ohren«, sagte Cohen. »Wer als erster im Jenseits eintrifft, hält für die anderen Plätze frei. Auf in den Kampf!« Der gelbe Schwarm wallte an den Hängen des Hügels empor und stieg im stärker werdenden Wind auf. Weiter oben erhob sich auch das Unwetter. Erneut veränderten die Wolken ihre Form, bildeten eine Art Hammer… Und der Hammer schlug zu. Ein Blitz traf die eiserne Pagode mit solcher Wucht, daß sie explodier- te. Glühende Trümmer rasten davon. Für ein großes Heer ist es ziemlich verwirrend, von sieben Greisen ange- griffen zu werden. Kein Buch der Taktik kann in dieser Situation helfen. Die Tendenz geht in Richtung Verwunderung. Die Soldaten wichen zunächst zurück, und die Strömungen in der gro- ßen Menschenmasse sorgten dafür, daß sie sich hinter den Angreifern wieder schloß. Eine massive Mauer aus Schilden umgab die Horde. Sie schwankte und zitterte unter dem Druck des Heeres. Und sie erbebte auch, weil Herrn Zervelatwursts Schwert immer wieder darauf einschlug. »Kämpft endlich!« rief er. »Habt ihr plötzlich die Hosen voll? Du, Jun- ge da drüben! Antworte mir! Ha! Nimm das!«, Cohen sah zu Caleb, der mit den Achseln zuckte. Er kannte viele Ber- serker, aber nie hatte jemand so getobt wie Herr Zervelatwurst. Eine Lücke entstand in dem Kreis aus Soldaten, als zwei von ihnen nach hinten sprangen, von ihren Kameraden abprallten und in die Schwerter der Horde fielen. Der Rollstuhl des Irren Polterers traf einen anderen Krieger am Knie, und als sich der Mann aus einem Reflex her- aus vorbeugte und zusammenkrümmte, kam ihm eine Axt des Polterers entgegen. Es lag nicht etwa an der Geschwindigkeit. Die Horde konnte gar nicht schnell sein. Aber sie blieb die ganze Zeit über auf sehr selektive Weise in Bewegung. Herr Zervelatwurst hatte es so beschrieben: Cohen und die anderen waren immer dort, wo sie sein wollten, und sie wollten nie dort sein, wo sich ein Schwert befand. Das Herumlaufen überließen sie ande- ren Leuten. Wenn ein Soldat nach Kriecher schlug, stellte er plötzlich fest, daß Cohen vor ihm auftauchte, lächelte und ausholte. Oder der Junge Willie nickte einen wortlosen Gruß, bevor er zustieß. Gelegentlich stoppte ein Hordenmitglied kurz, um einen Hieb zu parieren, der Herrn Zervelatwurst galt; der frühere Lehrer war viel zu aufgeregt, um sich zu verteidigen. »Weicht zurück, ihr verdammten Narren!« Lord Hong erschien hinter der Menge. Sein Pferd bäumte sich auf, und er hob das Visier seines Helms. Die Soldaten versuchten, ihm zu gehorchen. Schließlich ließ das Ge- dränge ein wenig nach, und ein freier Bereich mit der Horde im Zentrum und vielen Schilden um sie herum entstand. Eine besondere Art von Stille senkte sich herab, untermalt von Donnergrollen und dem Knistern der Blitze, die immer wieder auf den Hügel herabzuckten. Andere Krieger traten nun durch die Reihen der Soldaten. Sie waren größer und schwerer bewaffnet und trugen prächtige Helme und Schnurrbärte, die wie eine Kriegserklärung aussahen. Einer von ihnen starrte Cohen an. »Orrr! Itiyorshu! Yutimishu!« »Was hat der Bursche gesagt?« fragte Cohen. »Er ist ein Samurai«, erklärte Herr Zervelatwurst und wischte sich die, Stirn ab. »Ein Angehöriger der Kriegerkaste. Ich glaube, er hat gerade eine förmliche Herausforderung an dich gerichtet. Soll ich gegen ihn kämpfen?« Der Blick des Samurais blieb auf Cohen gerichtet, als er ein kleines Seidentuch hervorholte und es in die Luft warf. Mit der anderen Hand griff er nach seinem langen, dünnen Schwert… Es zischte so leise, daß man es kaum hören konnte, und dann sanken drei Seidenfetzen zu Boden. »Tritt zurück, Lehrer«, sagte Cohen langsam. »Ich glaube, diesen Bur- schen sollte ich selbst übernehmen. Hast du noch ein Taschentuch? Danke.« Der Samurai betrachtete Cohens Schwert. Es war lang und schwer und hatte so viele Kerben, daß man es als Säge benutzen konnte. »Du schaffst es nie«, sagte er. »Mit dem Schwert? Ausgeschlossen!« Cohen putzte sich laut die Nase. »Glaubst du?« erwiderte er. »Paß gut auf.« Das Taschentuch sauste empor. Cohen hob sein Schwert… Er hatte drei nach oben starrende Samurais enthauptet, bevor das Ta- schentuch den Scheitelpunkt seiner Flugbahn erreichte. Andere Mitglie- der der Horde, die ähnlich dachten, hatten ein halbes Dutzend mehr erwartet. »Hab die Idee von Caleb«, sagte Cohen. »Die Botschaft lautet: Du kannst kämpfen oder herumalbern – die Entscheidung liegt bei dir.« »Hast du überhaupt keine Ehre?« ereiferte sich Lord Hong. »Bist du nur ein Rüpel, weiter nichts?« »Ich bin ein Barbar!« rief Cohen. »Und meine Ehre gehört mir. Ich ha- be sie nicht gestohlen.« »Ich wollte dich am Leben lassen«, sagte Lord Hong. »Doch an dieser Absicht halte ich jetzt nicht länger fest.« Er zog sein Schwert. »Zurück, Abschaum!« befahl er. »Zurück mit euch! Laßt die Artilleri- sten nach vorn!« Er sah wieder zu Cohen. Sein Gesicht war gerötet, und die Brille saß schief auf seinem Nasenrücken., Lord Hong hatte die Geduld verloren. Das war ein Dammbruch, der das ganze Land bedrohte. Die Soldaten wichen zurück. Einmal mehr fand sich die Horde in der Mitte eines größer werdenden Kreises wieder. »Was sind Artilleristen?« fragte der Junge Willie. »Äh«, erwiderte Herr Zervelatwurst. »Ich glaube, damit sind Leute ge- meint, die eine Art Projektil abfeuern. Der Ausdruck stammt von…« »Ach, so was wie Bogenschützen«, brummte der Junge Willie und spuckte aus. »Wasisn?« »Er sagte, DER FEIND SETZT BOGENSCHÜTZEN EIN, Polte- rer!« »Hehe, bei der Schlacht vom Koomtal haben wir uns nicht von Bogen- schützen aufhalten lassen«, gackerte der alte Barbar. Der Junge Willie seufzte. »Bei der Schlacht vom Koomtal haben Zwerge gegen Trolle gekämpft, Polterer. Du bist weder das eine noch das andere. Auf welcher Seite warst du damals?« »Wasisn?« »Ich habe gefragt, AUF WELCHER SEITE WARST DU DAMALS?« »Auf der Seite jener Leute, die für den Kampf bezahlt wurden«, ant- wortete der Irre Polterer. »Das ist in jedem Fall die beste Seite.« Rincewind lag auf dem Boden und hielt sich die Ohren zu. Es donnerte im unterirdischen Gewölbe. Blaues und purpurnes Licht strahlte so hell, daß es die geschlossenen Lider des Zauberers durch- drang. Schließlich fand die Kakophonie ein Ende. Noch immer erklangen die Geräusche des wütenden Unwetters von draußen, aber aus dem grellen Schimmern wurde ein mattes blauweißes Glühen, und das Krachen, schwoll ab zu einem leisen, beständigen Summen. Rincewind riskierte es, sich zur Seite zu rollen und die Augen zu öff- nen. Rostige Ketten reichten von der Decke herab, daran hingen große Glaskugeln. Jede von ihnen bot genug Platz, um einen ausgewachsenen Menschen aufzunehmen. Flackernde Blitze krochen übers Glas und suchten einen Weg nach draußen. Irgendwann einmal mußten es noch mehr gewesen sein. Aber im Lauf der Jahre waren Dutzende von Kugeln zu Boden gefallen und zerbro- chen. Doch viele hingen noch immer von der Decke herab und schwan- gen an ihren Ketten langsam hin und her, während die gefangenen Blitze die Freiheit suchten. Die Luft fühlte sich schmierig an. Funken krochen über den Boden und knisterten an jeder Kante. Rincewind stand auf und spürte Bewegung im Gesicht – jedes einzelne Barthaar stand ab. Das Licht der Blitzkugeln fiel auf einen kleinen See herab, der aus rei- nem Quecksilber zu bestehen schien und in dessen Mitte sich eine nied- rige, fünfeckige Insel erhob. Während Rincewind hinübersah, näherte sich ein Boot. Der Bug glitt mit leisem, rhythmischem Plätschern durch das Quecksilber. Es war nicht viel größer als ein Ruderboot, und in ihm lag eine Gestalt, die eine Rüstung trug. Vielleicht war es auch nur eine Rüstung ohne In- halt. Und wenn sie tatsächlich leer war… nahm sie mit ihren gefalteten Händen die Haltung eines Bestatteten ein. Rincewind ging an dem silbernen See entlang, bis er eine Platte fand, die aus Gold zu bestehen schien. Unmittelbar dahinter stand eine Statue. Er wußte, daß Gräber Inschriften hatten, obwohl er sich immer gefragt hatte, wer sie lesen sollte. Vermutlich die Götter. Aber die wußten doch eh schon alles. Er konnte sich kaum vorstellen, daß sie vor Grabsteinen standen und sagten: »Meine Güte. Man hat ihn ›innig geliebt‹? Davon höre ich jetzt zum ersten Mal.« Diese Inschrift – in Form von Piktogrammen – lautete schlicht und einfach: Eins Sonnenspiegel., Hinweise auf grandiose Eroberungen gab es ebensowenig wie eine Li- ste bemerkenswerter Leistungen. Der Tote wurde nicht als Vater des Volkes bezeichnet, und es wurde auch nicht behauptet, er sei besonders weise gewesen. Es gab keine Erklärung. Wer den Namen kannte, wußte bereits alles. Und diesen Ort konnte niemand erreichen, der noch nichts von Eins Sonnenspiegel gehört hatte. Die Statue schien aus Porzellan zu bestehen, und sie war auf sehr reali- stische Weise lackiert. Eins Sonnenspiegel war offenbar ein recht ge- wöhnlicher Mann gewesen. Wer ihm auf der Straße begegnet wäre, hätte sicher kein Kaiser-Potential in ihm vermutet. Doch dieser Bursche mit dem kleinen runden Hut und einem kleinen runden Schild und mit klei- nen runden Männern auf kleinen runden Ponys hatte tausend unterein- ander zerstrittene Stämme und Nationen zu einem großen Reich vereint, wobei er häufig die Gelegenheit genutzt hatte, das Blut anderer Leute zu vergießen. Rincewind sah genauer hin. Der Mund und die Augen… Er glaubte, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Gesicht von Dschingis Cohen zu ent- decken. Es war der Gesichtsausdruck eines Mannes, der sich vor absolut nichts fürchtete. Das kleine Boot glitt zur anderen Seite des Sees. Eine der Kugeln flackerte, ihr Licht trübte sich und erlosch dann ganz. Andere Kugeln folgten ihrem Beispiel. Ich muß nach draußen, dachte Rincewind. Etwas anderes fiel ihm auf. Am Fuß der Statue lagen, wie achtlos bei- seite gelegt, ein Helm, ein Paar Handschuhe und zwei dicke Stiefel. Rincewind griff nach dem Helm. Er sah nicht sehr schwer aus. Norma- lerweise hielt er nichts von Schutzkleidung – seiner Ansicht nach bestand der beste Schutz vor drohender Gefahr darin, auf einem anderen Konti- nent zu sein. Doch unter den gegenwärtigen Umständen übte die Vor- stellung, eine Rüstung zu tragen, durchaus einen gewissen Reiz aus. Er nahm den Hut ab, setzte den Helm auf, zog das Visier herunter und rammte den Hut auf den Helm. Vor seinen Augen flackerte es, und dann starrte Rincewind auf seinen, eigenen Hinterkopf. Das Bild war körnig und hatte keine echten Farben, nur verschiedene Grüntöne, aber es gab keinen Zweifel, daß er seinen eigenen Kopf sah. Er war ihm schon beschrieben worden. Er hob das Visier und blinzelte. Noch immer lag der See vor ihm. Er senkte das Visier. Wieder sah er sich selbst, etwa fünfzig Meter entfernt, den Helm auf dem Kopf. Er winkte mit einer Hand. Die Gestalt an der Innenseite des Visiers winkte ebenfalls mit einer Hand. Er drehte sich um. Ja, das bin ich, völlig klar. Und er dachte: Ein magischer Helm. Mit dem man sich selbst sieht, auch über große Entfernung hinweg. Großartig. Man kann sich dabei beobachten, wie man in Löcher fällt, die man nicht sieht, weil sie zu nahe sind. Erneut wandte er sich um, schob das Visier nach oben und inspizierte die Handschuhe. Sie wirkten ebenso leicht wie der Helm, waren aber gleichzeitig recht klobig. Man konnte höchstens ein Schwert mit ihnen halten. Rincewind streifte einen Handschuh über. Sofort hörte er ein zischen- des, brutzelndes Geräusch, und auf der breiten Stulpe leuchteten kleine Bilder auf. Sie zeigten Soldaten: Soldaten, die gruben, kämpften, kletter- ten… Eine… magische Rüstung. Eine ganz normale magische Rüstung. In Ankh-Morpork war so etwas nie sehr beliebt gewesen. Jetzt überraschte es Rincewind auch nicht mehr, daß sich die Dinge so leicht anfühlten. Eine magische Rüstung konnte man so leicht machen wie gewöhnliche Kleidung. Unglücklicherweise neigte sie dazu, ihre Magie ganz plötzlich und ohne jede Vorwarnung zu verlieren. So mancher alte Lord sprach die letzten Worte: »Du kannst mich nicht töten, weil ich eine magische aaargh.« Rincewind betrachtete die Stiefel und erinnerte sich dabei voller Unbe- hagen an den in der Universität hergestellten Prototyp der Siebenmeilen-, stiefel. Wenn das Schuhwerk versuchte, bei jedem Schritt einundzwanzig Meilen zurückzulegen, wurde die Leistengegend erheblich belastet. Sie hatten die Dinger dem Studenten gerade noch rechtzeitig abnehmen können, doch der arme Kerl mußte mehrere Monate lang einen beson- deren Verband tragen und im Stehen essen. Nun, derzeit mochte sogar eine alte magische Rüstung nützlich sein. Sie wog nicht viel, und der Schlamm von Hunghung hatte die Reste von Rincewinds eigenen Stiefeln kaum verbessert. Der Zauberer traf eine Entscheidung und schob die Füße in die Stiefel der alten Rüstung. Was jetzt wohl passiert? dachte er. Er richtete sich auf. Hinter ihm ertönte donnerndes Krachen, als wären siebentausend Blumentöpfe bestrebt, sich gegenseitig zu zerschmettern. Im Licht der Blitze nahm die Rote Armee Haltung an. Während der Nacht war Hex ein wenig gewachsen. Adrian Rübensaat war damit beauftragt gewesen, die Mäuse zu füttern, gelegentlich das Uhrwerk aufzuziehen und tote Ameisen zu entfernen. Er schwor, daß er weder anders beschäftigt gewesen war noch Besuch bekommen hatte. Doch wo zuvor eine improvisierte Anordnung aus einzelnen Böcken montiert war, um die Ergebnisse von Berechnungen abzulesen, ragte nun ein Federkiel heraus, umgeben von Rollen und Hebeln. »Paß auf«, sagte Adrian und programmierte nervös eine einfache Auf- gabe. »Das ist nach all den Zauberformeln am Mittag passiert…« Die Ameisen krabbelten durch Röhren. Das Uhrwerk klickte. Federn und Hebel knackten so laut, daß Ponder unwillkürlich einen Schritt zu- rückwich. Der Federkiel wackelte über einem eingelassenen Tintenfaß, tauchte hinein, kehrte zu dem Blatt Papier zurück, das Adrian unter den Hebeln bereitgelegt hatte, und begann zu schreiben. »Er kleckst immer wieder«, sagte Adrian Rübensaat ein wenig hilflos. »Was geht hier vor?«, Ponder hatte gründlich darüber nachgedacht und Schlüsse gezogen, die ihn beunruhigten. »Nun, wir wissen, daß magische Bücher ein gewisses… Eigenleben entwickeln«, sagte er. »Und wir haben einen Apparat gebaut, der…« »Soll das heißen, dieses Ding ist lebendig?« »Ich bitte dich, laß uns doch nicht okkult werden.« Ponder versuchte, jovial zu klingen. »Immerhin sind wir Zauberer.« »Erinnerst du dich an das Problem mit den thaumischen Feldern? Ich sollte ein entsprechendes Programm für Hex erstellen.« »Ja. Und?« »Um Mitternacht bekam ich die Antwort«, sagte der blasse Adrian. »Gut.« »Allerdings hatte ich das Programm erst um halb zwei eingegeben, Ponder.« »Soll das heißen, du hast die Antwort bekommen, bevor du die Frage gestellt hast?« »Ja!« »Was hat dich überhaupt veranlaßt, die Frage zu formulieren, wenn sie bereits beantwortet war?« »Ich hab darüber nachgedacht und es für notwendig gehalten. Ich mei- ne, ohne die Frage hätte Hex die Antwort doch gar nicht wissen können, oder?« »Guter Hinweis. Allerdings hast du dir damit neunzig Minuten Zeit ge- lassen.« Adrian blickte auf seine Stiefelspitzen. »Ich… habe mich auf dem Abort versteckt. Ich meine, System Reset und so…« »Na schön. Geh jetzt was essen.« »Spielen wir hier mit Dingen herum, die wir nicht verstehen?« fragte Adrian Rübensaat. Ponder sah zu der rätselhaften Masse der Maschine. Sie wirkte nicht bedrohlich, nur… anders., Er dachte: Spiel erst mit den Dingen herum und versuch später, sie zu verstehen. Man muß erst ein wenig mit ihnen herumspielen, damit man sie überhaupt verstehen kann. Und man sollte auf keinen Fall fliehen und sich im Abort der Unvernunft verstecken. Man muß versuchen, um das Universum herumzudenken, bevor man damit beginnen kann, es hin und her zu biegen. Vielleicht wäre es besser gewesen, dem Apparat keinen Namen zu ge- ben. Wir haben uns nichts dabei gedacht. Aber Namen sind wichtig. Ein Ding mit einem Namen ist mehr als nur ein Ding. »Geh jetzt, Adrian«, sagte Ponder fest. Dann setzte er sich und tippte: »Hallo.« Irgend etwas summte und klickte. Der Federkiel schrieb: »+++ ?????? +++ Hallo +++ System Reset +++« Weit oben flog ein Schmetterling durchs offene Fenster. Seine Flügel zeigten ein unauffälliges Gelb mit seltsamen schwarzen Mustern. Ponder begann mit Berechnungen für den Transfer zwischen Hung- hung und Ankh-Morpork. Der Schmetterling landete kurz auf dem Durcheinander aus gläsernen Röhren. Als er wieder aufstieg, ließ er einen winzigen Nektartropfen zurück. Weiter unten tippte Ponder mit großer Sorgfalt. Eine kleine, aber sehr wichtige Ameise – eine von krabbelnden Tau- senden – kroch durch einen Riß im Glasrohr und saugte einige Sekunden an der süßen Flüssigkeit, bevor sie zur Arbeit zurückkehrte. Nach einer Weile gab Hex Antwort. Bis auf ein kleines, aber sehr wich- tiges Komma war sie vollkommen exakt. Rincewind drehte sich um. Es knirschte und knarrte laut, als sich die Rote Armee ebenfalls um- drehte., Sie war tatsächlich rot. Sie hatte die Farbe des Bodens, stellte Rincewind fest. Er erinnerte sich, daß er in der Dunkelheit gegen einige Statuen gesto- ßen war, doch er hatte nicht geahnt, daß es so viele waren. Ihre langen Reihen erstreckten sich bis in die ferne Düsternis. Aus reiner Experimentierfreude drehte er sich noch einmal um. Wieder stampften hinter ihm Tausende von Füßen. Nach einigen vergeblichen Versuchen fand er heraus, daß er den roten Kriegern nur dann von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen konnte, wenn er die Stiefel auszog, sich umdrehte und sie dann wieder anzog. Er senkte kurz das Visier und beobachtete sich selbst dabei, wie er kurz das Visier senkte. Er hob den Arm. Die Krieger hoben den Arm. Er sprang auf und ab. Die Krieger sprangen auf und ab. Es donnerte so laut, daß die Kugeln an ihren Ketten erzitterten. Funken stoben von den Stiefeln der Roten Ar- mee. Rincewind fühlte sich versucht, hysterisch zu lachen. Er hob die Hand zur Nase. Die Krieger hoben ihre Hand zur Nase. Mit großer Freude machte er die traditionelle Geste, mit der man Dämo- nen vertrieb. Siebentausend Terrakotta-Mittelfinger zeigten zur Decke. Er versuchte, sich zu beruhigen. Das Wort, nach dem seine Gedanken gesucht hatten und das sie nun endlich fanden, lautete Golem. Selbst in Ankh-Morpork gab es ein oder zwei. In einer Region, in der es Zauberer oder Priester gab, die gern Neues ausprobierten, mußten sie früher oder später entstehen. Normalerweise waren es Gestalten aus Ton, die mit Hilfe spezieller Zauberformeln oder Gebete zum Leben erweckt wurden, um anschließend einfache Aufgaben zu erledigen. Sie waren nicht besonders beliebt. Das Problem war nicht, sie arbeiten zu lassen; wirklich schwierig wurde es, wenn man wollte, daß sie mit der Arbeit aufhörten. Wenn man zum Beispiel vergaß, daß man einen Golem beauftragt hatte, den Garten umzugraben… dann konnte es geschehen, daß man bei der Rückkehr zweitausend Kilometer lange Bohnenbeete vorfand., Rincewind blickte auf einen der Handschuhe hinab. Vorsichtig berührte er das kleine Bild eines kämpfenden Soldaten. Siebentausend Schwerter wurden gezogen. Das Geräusch klang wie ei- ne dicke Stahlplatte, die langsam zerrissen wurde. Siebentausend Schwertspitzen zeigten auf Rincewind. Er trat einen Schritt zurück. Die Armee folgte seinem Beispiel. Er befand sich an einem Ort mit Tausenden von künstlichen Soldaten, die Schwerter trugen. Die Tatsache, daß er sie zu kontrollieren schien, spendete ihm kaum Trost. Er hatte sein ganzes Leben lang Rincewind kontrolliert, und er wußte nur zu genau, was aus ihm geworden war. Erneut betrachtete er die kleinen Bilder. Eins von ihnen zeigte einen Soldaten mit zwei Köpfen. Als er es berührte, drehte sich die Armee zackig um. Aha. Um das Gewölbe zu verlassen… Die Horde beobachtete das geschäftige Treiben unter Lord Hongs Män- nern. Objekte wurden zur Front gezerrt. »Das sieht mir nicht nach Bogenschützen aus«, sagte der Junge Willie. »Es sind Bellende Hunde«, erwiderte Cohen. »Ich weiß Bescheid. Hab sie schon einmal gesehen. Sind wie ein Faß voller Feuerwerk. Und wenn man das Feuerwerk anzündet, rast ein großer Stein aus der Öffnung.« »Warum?« »Nun, möchtest du an Ort und Stelle bleiben, wenn jemand ein Feuer- werk unter deinem Arsch angezündet hat?« »He, Lehrer, er hat ›Arsch‹ gesagt«, beschwerte sich Kriecher. »Es ge- hört zu den verbotenen Wörtern auf meiner Liste…« »Wir haben doch Schilde, oder?« meinte Herr Zervelatwurst. »Wenn wir dicht beisammen bleiben und die Schilde über den Kopf heben, kann uns bestimmt nichts passieren.« »Der Stein ist etwa dreißig Zentimeter groß, fliegt sehr schnell und ist so heiß, daß er rot glüht.«, »Also keine Schilde?« »Nein«, sagte Cohen. »Kriecher, du schiebst den Irren Polterer…« »Wir kommen keine fünfzig Meter weit, Dschingis«, gab Caleb zu be- denken. »Bis zum Feind sind es weniger als fünfzig Meter«, entgegnete Cohen. »Bravo!« rief Herr Zervelatwurst. »Wasisn?« Lord Hong beobachtete die Barbaren und sah, wie sie ihre Schilde ho- ben und eine Art Keil bildeten. Dann drehten sich die Räder des Roll- stuhls… Er hob das Schwert. »Feuer!« »Wir laden noch, o Lord!« »Ich habe Feuer gesagt!« »Wir müssen die Hunde erst schußbereit machen, o Lord!« Die Artilleristen arbeiteten fieberhaft. Nicht etwa die Angst vor Lord Hong trieb sie an, sondern Furcht vor der heranstürmenden Horde. Herrn Zervelatwursts Haare wehten im Wind. Er sprang durch den Staub, schwang das Schwert und schrie. Er war so glücklich wie nie zuvor in seinem Leben. Das war also das Geheimnis. Man mußte dem Tod direkt ins Auge se- hen und angreifen… Dann wurde alles ganz einfach. Lord Hong warf seinen Helm zu Boden. »Feuer, ihr verdammten Bau- ern! Ihr Abschaum! Warum muß ich meine Befehle wiederholen? Her mit der Fackel!« Er stieß einen Artilleristen beiseite, ging neben einem Bellenden Hund in die Hocke und stemmte sich gegen ihn, damit die Öffnung auf den sich schnell nähernden Cohen zeigte. Dann hob er die Fackel… Der Boden geriet in Bewegung, neigte den Bellenden Hund erst nach oben und dann zur Seite. Ein roter, runder und vage lächelnder Kopf schob sich aus dem Erd- reich. Schreie erklangen im Heer, als Hunderttausende von Soldaten das, Gleichgewicht verloren und wegzulaufen versuchten, obwohl sich die Erde unter ihnen aufzulösen schien. Roter Staub erhob sich. Der Boden gab nach. Kurz darauf wölbte er sich nach oben. Von Panik erfaßte Soldaten kletterten übereinander hinweg; ihnen folgten andere, größere Gestalten. Die Horde blieb stehen. »Sind das Trolle oder so?« fragte Cohen. Zehn rote Hünen waren nun sichtbar. Sie schienen sich durch Luft graben zu wollen. Einige Bogenschützen unterbrachen ihre Fluchtbemühungen lange ge- nug, um Pfeile abzufeuern, die an den Terrakottarüstungen wirkungslos abprallten. Weitere rote Krieger folgten den Gräbern und stießen gegen sie; es klirrte wie Geschirr. Anschließend zogen sie alle wie ein Mann – bezie- hungsweise wie ein Troll oder Dämon – ihre Schwerter, drehten sich um und marschierten Lord Hongs Truppen entgegen. Einige Soldaten stellten sich ihnen zum Kampf, wenn auch nur des- halb, weil die Menge hinter ihnen viel zu dicht war, um zu fliehen. Sie starben. Die roten Gestalten waren keine besonders guten Kämpfer. Ihre Be- wegungen wirkten sehr mechanisch: Sie schlugen zu, parierten und hol- ten aus, wobei es überhaupt keine Rolle spielte, wie sich ihr Gegner ver- hielt. Doch sie rückten unaufhaltsam vor. Wenn ein Soldat den Schwert- hieben entging, aber nicht schnell genug zur Seite wich, wurde er nieder- getrampelt – und es sah ganz danach aus, als seien die Krieger sehr schwer. Der Umstand, daß sie immerzu lächelten, vergrößerte das Entsetzen bei den Truppen der Kriegsherrn. »Das ist wirklich interessant«, kommentierte Cohen und holte seinen Tabaksbeutel hervor. »Hab Trolle noch nie auf diese Weise kämpfen sehen«, sagte Kriecher. Immer mehr kamen aus dem Loch und bohrten ihre Schwerter fröhlich in leere Luft. Die erste Reihe stapfte durch eine Wolke aus Staub und Schreien. Für ein großes Heer sind schnelle Manöver sehr schwierig, und in diesem, Fall kam noch hinzu, daß einzelne Truppenteile nach vorn drängten, um zu sehen, was dort geschah – was diejenigen behinderte, die zu fliehen versuchten und sich nichts mehr wünschten als einen zivilen Status. Gongs erklangen, und Offiziere riefen Befehle. Aber niemand wußte, was die Gongs bedeuteten und wie man den Befehlen gehorchen sollte, da einfach nicht genug Zeit war. Cohen rollte sich eine Zigarette und entzündete ein Streichholz am Kinn. »Na schön«, sagte er zur Welt im allgemeinen. »Holen wir uns den ver- dammten Hong.« Die Wolken wirkten jetzt nicht mehr ganz so bedrohlich wie noch vor wenigen Minuten. Es blitzte auch nicht mehr so oft. Doch immer noch deutete alles auf sintflutartigen Regen hin. »Das ist wirklich erstaunlich!«, brachte Herr Zervelatwurst hervor. Einige Tropfen fielen auf den Boden und bohrten kleine Krater in den Staub. »Und ob!« bestätigte Cohen. »Ein überaus seltsames Phänomen! Krieger, die aus dem Boden klet- tern!« Die Krater gingen ineinander über. Das galt auch für die Tropfen. Der Regen begann. »Keine Ahnung«, brummte Cohen und beobachtete eine fliehende Kompanie. »Bin zum ersten Mal hier. Vielleicht passiert so etwas häufig.« »Ich meine, es ist wie in der Legende von dem Mann, der Drachenzäh- ne säte, woraufhin eine schreckliche Streitmacht aus kämpfenden Skelet- ten entstand!« »Daran glaube ich nicht«, sagte Caleb und trat an Cohens Seite. »Warum nicht?« »Wenn man Drachenzähne sät, sollte man Drachen bekommen, keine kämpfenden Skelette. Was stand denn auf der Packung?« »Was weiß ich! In der Legende wird nicht erwähnt, daß sich die Dra- chenzähne in einer Packung befanden.« »Es müßte ›Daraus wachsen Drachen‹ draufstehen.«, »Man kann Legenden nicht trauen«, sagte Cohen. »Ich muß es wissen. Na schön. Da drüben ist er…« Er deutete zu einem fernen Reiter. Chaos breitete sich auf der Ebene aus. Die roten Krieger waren nur der Anfang. Das Bündnis der fünf Kriegsherrn ruhte auf einem alles andere als stabilen Fundament, und panische Flucht wurde sofort als heimtücki- scher Angriff interpretiert. Der Horde schenkte man keine Beachtung mehr. Sie hatte keine Gongs oder bunte Fahnen. Sie war kein traditionel- ler Feind. Außerdem bestand der Boden jetzt nicht mehr aus Staub, son- dern aus Schlamm, weshalb alle Soldaten von der Hüfte abwärts die glei- che Farbe hatten. Und diese Farbe dehnte sich nach oben aus. »Was machen wir jetzt, Dschingis?« fragte Herr Zervelatwurst. »Wir kehren zum Palast zurück.« »Warum?« »Weil Hong dorthin geritten ist.« »Aber dieses erstaunliche Geschehen…« »Hör mal, Lehrer, ich habe wandernde Bäume, Spinnengötter und gro- ße grüne Dinge mit Zähnen gesehen«, sagte Cohen. »Es hat keinen Sinn, dauernd ›erstaunlich‹ zu sagen, stimmt’s, Kriecher?« »Ja. Weißt du, als ich drüben in Skund die fünfköpfige Vampirziege verfolgte… da sagte man mir, ich solle sie in Ruhe lassen, weil sie eine vom Aussterben bedrohte Tierart sei. Ich antwortete: Ja, und dafür bin ich verantwortlich. Aber waren die Leute etwa dankbar?« »Ha«, brummte Caleb. »Die Leute hätten dir dankbar sein sollen. Im- merhin hast du ihnen Gelegenheit gegeben, sich über vom Aussterben bedrohte Tierarten Sorgen zu machen. He, Jungs, kehrt besser um!« Einige Soldaten, die vor den roten Kriegern flohen, rutschten durch den Schlamm, starrten entsetzt zur Horde herüber und setzten den Weg in eine andere Richtung fort. Kriecher blieb stehen und atmete tief durch. Regennässe dampfte in seinem Bart. »Ich hab die dauernde Lauferei satt«, sagte er. »Ist ganz schön anstren- gend, den Rollstuhl des Irren Polterers durch solchen Schlamm zu schie- ben. Wie wär’s mit einer kleinen Verschnaufpause?«, »Wasisn?« »Eine Verschnaufpause?« wiederholte Cohen. »Bei den Göttern! Daß ich einen solchen Tag erlebe… Ein Held, der sich eine Verschnaufpause wünscht? Hat Voltan der Unbesiegbare etwa Pausen eingelegt?« »Er hat mit einer ziemlich langen begonnen«, erwiderte Caleb. »Er ist nämlich tot, Dschingis.« Cohen zögerte. »Was, der alte Voltan?« »Wußtest du das nicht? Der Unsterbliche Jenkins auch.« »Jenkins kann nicht tot sein. Hab ihn erst im letzten Jahr gesehen.« »Im letzten Jahr lebte er noch, aber jetzt ist er tot. Alle Helden sind tot, abgesehen von uns. Und was mich betrifft, bin ich mir da nicht mehr so sicher.« Cohen stürzte nach vorn und griff nach Calebs Arm. »Und Hrun? Er ist nur halb so alt wie wir und bestimmt noch am Le- ben.« »Wie ich hörte, verdient er seinen Lebensunterhalt als Wächter.« »Als Wächter?« fragte Cohen. »Du meinst, er arbeitet?« »Ja.« »Soll das heißen… er arbeitet und wird dafür bezahlt?« »Er hofft, im nächsten Jahr zum Hauptmann befördert zu werden. Ihm steht sogar eine Pension zu.« Cohen ließ Calebs Arm los. »Es gibt nicht mehr viele von uns, Cohen«, sagte Kriecher. Cohen drehte sich um. »Und wennschon! Es hat nie viele von uns gegeben! Und ich sterbe nicht! Nein, ich sterbe nicht, solange die Gefahr besteht, daß Leute wie Hong die Welt unter ihre Kontrolle bringen. Leute, die in allen anderen Leuten nur Abschaum sehen. So nannte er seine Soldaten. Abschaum. Es ist wie mit dem verdammten zivilisierten Spiel, das du uns gezeigt hast, Lehrer.« »Schach?«, »Ja. Die Bauern sind nur dazu da, von der anderen Seite geschlagen zu werden. Und der König bleibt die ganze Zeit im Hintergrund.« »Ja, aber die andere Seite bist du, Cohen.« »Genau! Nun… damit ist alles in Ordnung, wenn ich der Feind bin. Aber ich schiebe meine Männer nicht vor mir her, damit sie getötet wer- den und nicht ich. Und ich benutze keine Bögen und irgendwelche ko- mischen Hunde-Dinger. Wenn ich jemanden umbringe, dann aus näch- ster Nähe. Es ist eine persönliche Angelegenheit. Heere? Taktik? Es gibt nur eine Art des richtigen Kampfes: Alle stürmen los, schwingen ihre Schwerter und schreien! So, und jetzt… Auf die Beine! Wir müssen Hong verfolgen!« »Wir haben einen langen Morgen hinter uns, Dschingis«, sagte der Jun- ge Willie. »Komm mir bloß nicht damit!« »Ich muß mal. Liegt wahrscheinlich an dem Regen.« »Zuerst schnappen wir uns Hong.« »Hab nichts dagegen, wenn er sich auf dem Abort versteckt.« Sie erreichten das Stadttor – es war geschlossen. Hunderte von Perso- nen, Zivilisten wie Wächter, standen auf der Mauer und blickten zur Horde hinab. Cohen richtete den Zeigefinger auf sie. »Ich sage es nur einmal«, verkündete er. »Ich komme so oder so in die Stadt. Auf die leichte oder auf die schwere Art.« Ausdruckslose Gesichter musterten den dürren Alten und sahen dann zur Ebene, wo die Truppen der Kriegsherrn gegeneinander kämpften und gleichzeitig vor den roten Terrakottakriegern flohen. Permanent bewegten sich die Köpfe der Zuschauer. Auf und ab. Auf und ab. »Na schön«, brummte Cohen. »Aber daß mir nachher niemand be- hauptet, ich hätte euch nicht gewarnt.« Er hob das Schwert und traf Vorbereitungen für den Angriff. »Warte«, sagte Herr Zervelatwurst. »Hör nur…« Laute Stimmen ertönten hinter der Mauer. Irgend jemand schien An- weisungen zu erteilen. Schreie erklangen., Die beiden Torflügel schwangen langsam auf. Dutzende von Bürgern drehten die Winden. Cohen ließ das Schwert sinken. »Ah, sie sind vernünftig geworden.« Die Horde schnaufte ein wenig, als sie durchs Tor hinkte. Die Menge beobachtete sie stumm. Die Leichen mehrerer Wächter lagen auf dem Pflaster. Viele andere hatten die Helme abgenommen und beschlossen, sich mit sofortiger Wirkung ins Zivilleben zurückzuziehen – dadurch war die Wahrscheinlichkeit geringer, von einem zornigen Mob erschlagen zu werden. Alle sahen zu Cohen. Erneut bewegten sich Köpfe. Zahllose Blicke klebten an dem Barbaren fest. Er achtete nicht darauf. »Und Hubert der Starke?« wandte er sich an Caleb. »Tot.« »Unmöglich. War bei bester Gesundheit, als ich ihm vor ein paar Mo- naten begegnet bin. Wollte mit einem neuen Abenteuer beginnen.« »Er ist tot.« »Was ist passiert?« »Kennst du das schreckliche menschenfressende Faultier von Clup?« »Das soll doch angeblich den Riesenrubin des verrückten Schlangen- gottes bewachen, nicht wahr?« »Nun, das tat es tatsächlich.« Die Menge teilte sich, um Cohen und seine Gefährten passieren zu las- sen. Hier und dort versuchte jemand zu jubeln, doch energisches »Pscht!« brachte die Betreffenden zum Schweigen. Stille herrschte – jene Art von Stille, die Herr Zervelatwurst nur in den heiligsten aller Tempel gehört hatte.* Nach einer Weile flüsterte es. Die leisen Stimmen wuchsen im Publi- * Die Horde hörte in Tempeln immer nur Schreie wie: »Ein Ungläubiger! Er ist gekommen, um das edelsteinbesetzte Auge von… Deine Frau ist ein großes Nil- pferd!«, kum wie Blasen in einem Topf mit heißer werdendem Wasser. Die Rote Armee. Die Rote Armee. »Und Organdy Sloggo? Soll sich noch immer im Wiewunderland he- rumtreiben.« »Ist an Metallvergiftung gestorben.« »Wie denn?« »Bekam drei Schwerter in den Magen.« Die Rote Armee! »Und Aufgeschlitzter Mungo?« »Vermutlich in Skund gestorben.« »Vermutlich?« »Man hat nur seinen Kopf gefunden.« Die Rote Armee! Die Horde näherte sich nun einem Tor zur Verbotenen Stadt. Die flü- sternde Menge folgte ihr. Auch dieses Tor war geschlossen. Zwei kräftig gebaute Wächter stan- den davor. Sie wirkten wie Männer, die den Auftrag erhalten hatten, das Tor zu bewachen – und die fest entschlossen waren, ihre Anweisungen zu befolgen, was auch immer geschah. Das Militär verläßt sich sehr auf Soldaten, die ihre Anweisungen befolgen, was auch immer geschieht. Oft lobt man ihre Tapferkeit, in den meisten Fällen posthum. »Gosbar der Wache?« »Im Bett gestorben.« »Nein! Nicht der alte Gosbar!« »Jeder muß mal ins Bett.« »Ich muß was anderes«, sagte der Junge Willie. »Und zwar dringend.« »Erledige das hier an der Mauer.« »Während all die Leute zusehen? Das ist nicht… zivilisiert.« Cohen schritt zu den Wächtern. »Ich meine es ernst, klar?« sagte er. »Würdet ihr lieber sterben, als eu- ren Kaiser zu verraten?«, Die Wächter blickten starr geradeaus. »Na schön, wie ihr wollt.« Cohen zog das Schwert – und zögerte, als ihm etwas einfiel. »Was ist mit dem Großen Zertrümmerer?« fragte er. »Der Bursche war so zäh wie das Leder alter Stiefel.« »Einem Fisch zum Opfer gefallen«, sagte Caleb. »Der Zertrümmerer? Einmal hat er sechs Trolle getötet, und zwar nur mit…« »Ist an einer Gräte in seinem Brei erstickt. Ich dachte, du hättest davon gehört. Tut mir leid.« Cohen starrte ihn groß an. Dann blickte er auf sein Schwert und dann zu den Wächtern. Einige Sekunden war es so still, daß man nur das Pras- seln des Regens hörte. »Wißt ihr, Jungs…« In seiner Stimme lag eine Müdigkeit, die in Herrn Zervelatwurst tiefe Trauer weckte, obgleich dies ein Augenblick des Tri- umphes war. »Ich wollte euch den Kopf abschlagen, aber… was hat das für einen Sinn? Ich meine, wenn man genau darüber nachdenkt, muß man sich fragen: Warum die Mühe? Macht’s irgendeinen Unterschied?« Die Wächter blickten noch immer starr geradeaus, aber ihre Augen wa- ren jetzt ein wenig größer. Herr Zervelatwurst drehte sich um. »Früher oder später sterbt ihr ohnehin«, fuhr Cohen fort. »Und damit hat sich’s. Man lebt das Leben, so gut es geht – und anschließend spielt’s keine Rolle mehr, weil man tot ist…« »Äh… Cohen?« warf Herr Zervelatwurst ein. »Ich meine, seht mich an. Mein ganzes Leben lang habe ich irgendwel- chen Leuten den Kopf abgeschlagen, und mit welchem Ergebnis?« »Cohen…« Die Gesichter der Wächter verwandelten sich in Fratzen der Furcht. »Cohen?« »Ja?« »Ich glaube, du solltest dich umdrehen.«, Cohen drehte sich um. Sechs rote Krieger stapften über die Straße. Die Menge wich etwas weiter zurück, und ihr Entsetzen wurde… zu noch mehr Entsetzen. Dann rief jemand: »Existenzverlängerung für die Rote Armee!« Andere Stimmen ertönten. Eine junge Frau hob die Hand und ballte sie zur Faust. »Notwendiger Fortschritt Für Das Volk Bei Gleichzeitiger Beachtung Der Alten Traditionen!« »Verdiente Strafe Dem Feind Aber Ohne Grausamkeit!« »Ich habe mein Plüschkaninchen verloren!« Die roten Riesen blieben stehen. »Seht sie euch nur an!« entfuhr es Herrn Zervelatwurst. »Es sind keine Trolle! Sie bewegen sich wie… wie Maschinen! Findet ihr das nicht in- teressant?« »Nein«, sagte Cohen geistesabwesend. »Abstraktes Denken ist kein zentraler Aspekt der Hirntätigkeit von Barbaren. Nun, wo bin ich ste- hengeblieben?« Er seufzte. »Ah, ja. Ihr beiden, ihr würdet lieber sterben, als euren Kaiser zu verraten, stimmt’s?« Furcht lähmte die Wächter. Cohen hob sein Schwert. Herr Zervelatwurst holte tief Luft, griff nach Cohens Schwertarm und rief: »Dann öffnet das Tor und laßt ihn passieren!« Die ganze Welt schien den Atem anzuhalten. Herr Zervelatwurst stieß Cohen an. »Na los«, hauchte er. »Benimm dich wie ein Kaiser!« »Wie bitte? Willst du, daß ich kichere und Leute foltern lasse? Ausge- schlossen!« »Nein! Du sollst dich wie ein richtiger Kaiser verhalten!« Cohen musterte den früheren Lehrer und wandte sich dann wieder an die beiden Wächter. »Gut gemacht«, sagte er. »Eure Loyalität ist sehr… Dingsbums… lo-, benswert. Nur weiter so. Dann ist vielleicht eine Beförderung für euch drin. Laßt uns jetzt durchs Tor gehen, andernfalls müßte ich meinen Blumentopfmännern befehlen, euch die Füße abzuhacken – dann müßt ihr im Rinnstein knien, während ihr nach eurem Kopf sucht.« Die beiden Wächter wechselten einen kurzen Blick, zogen ihre Schwer- ter und versuchten, einen Kotau zu machen. »Steht auf, ihr braucht euch nicht so zu verrenken«, sagte Cohen in et- was freundlicherem Tonfall. »Herr Zervelatwurst?« »Ja?« »Ich bin der Kaiser, nicht wahr?« »Die… roten Soldaten sind offenbar auf unserer Seite. Die Leute glau- ben, daß du den Sieg errungen hast. Wir leben. Ja, ich würde sagen, wir haben gewonnen.« »Wenn ich der Kaiser bin… Es bedeutet, daß ich bestimmen kann, was zu geschehen hat, nicht wahr?« »Ja.« »Mit allem Drum und Dran. Du weißt schon. Mit Schriftrollen und so. Uniformierte, die in Trompeten blasen und rufen: ›So will er es.‹« »Ich nehme an, du meinst eine Proklamation.« »Ja. Ich will, daß der Kotau-Unsinn aufhört. Mir wird ganz übel davon. Klar? Von jetzt ab will ich keinen Kotau mehr sehen. Wenn die Leute mir begegnen, können sie salutieren oder mir ein wenig Geld geben, wenn sie möchten. Niemand soll die Stirn auf den Boden rammen. Klingt gräßlich. So, nun kleide das in ein angemessenes rhetorisches Ge- wand.« »Sofort. Und…« »Warte, ich bin noch nicht fertig.« Cohen biß sich auf die Lippe, als er über ungewohnte Dinge nachdachte. Die roten Krieger verharrten eben- falls. »Ja… du kannst darauf hinweisen, daß ich alle politischen Gefange- nen freilasse, es sei denn, sie haben etwas wirklich Schlimmes angestellt. Damit meine ich zum Beispiel Giftmord. Die Einzelheiten überlasse ich dir. Allen Folterern soll der Kopf abgehackt werden. Und jeder Bauer bekommt ein Gratisschwein. So was in der Art. Füg an den geeigneten Stellen den offiziellen Kram wie ›auf Befehl von‹ und so weiter hinzu.«, Cohen blickte auf die beiden Wächter hinab. »Ihr sollt aufstehen. Ich schwöre: Wer als nächster vor mir den Boden küßt, den trete ich in die Ei… der bekommt einen Tritt, jawohl! Und jetzt öffnet endlich das verdammte Tor.« Jubel erklang. Als Cohen und seine Gefährten die Verbotene Stadt betraten, folgte die Menge, teils revolutionär voranstürmend, teils re- spektvoll wandernd. Die roten Krieger blieben draußen. Einer von ihnen hob den dumpf knirschenden Terrakottafuß, wankte zur Mauer und stieß dagegen. Einige Sekunden taumelte er wie betrunken, dann gelang es ihm, sich der Mauer bis auf einen knappen Meter zu nähern, ohne daß er erneut mit ihr kollidierte. Er hob die Hand, und mit rotem Schlamm, der nun als Farbe fungier- te, schrieb sein zitternder Zeigefinger folgende Worte an die Wand: Die Menge jubelte und sang hinter Cohen. Mit einem Surfbrett hätte er auf ihr hin und her gleiten können. Der Regen trommelte weiter auf die Dächer und strömte in die Höfe. »Warum sind alle so aufgeregt?« fragte das Oberhaupt der Horde. »Sie glauben, du willst den Palast plündern«, erwiderte Herr Zervelat- wurst. »Sie haben von Barbaren gehört, weißt du. Und sie möchten einen Teil der Beute für sich. Außerdem gefällt ihnen die Sache mit dem Schwein.« »He, du!« rief Cohen einem Jungen zu, der unter dem Gewicht einer riesigen Vase taumelte. »Laß deine verdammten Pfoten von meinen Sa- chen! Das Ding ist wertvoll! Es… äh…«, »Stammt aus der S’ang-Dynastie«, sagte Herr Zervelatwurst. »Genau«, bestätigte die Vase. »Das Ding stammt aus der S’ang-Dynastie! Stell es zurück! Und ihr an- deren da…« Cohen drehte sich um und winkte mit dem Schwert. »Zieht die Schuhe aus! Sie zerkratzen den Boden! Seht nur, was ihr angerichtet habt!« »Gestern wäre dir der Boden völlig gleich gewesen«, brummte Krie- cher. »Gestern gehörte er noch nicht mir.« »Doch«, widersprach Herr Zervelatwurst. »Er gehörte mir nicht richtig«, sagte Cohen. »Es fehlte… äh… das Ritu- al der Eroberung. Blut. Die Leute verstehen Blut. Wenn man sich ein- fach nur auf den Thron setzt und behauptet, der neue Kaiser zu sein… Das nimmt niemand ernst. Aber Meere aus Blut… Das macht sofort alles klar.« »Berge von Totenschädeln«, meinte Kriecher anerkennend. »So ist es in der Geschichte«, fuhr Cohen fort. »Wann immer man… He, du da, mit dem Hut, das ist mein…« »Shibo Yangcong-Tisch mit Mahagoni-Einlegearbeiten«, murmelte Herr Zervelatwurst. »…also stell ihn wieder an seinen Platz, kapiert? Nun, wenn es einen König gab, von dem alle sagen, ›Oh, das war ein wirklich guter König‹, kann man seine Sandalen darauf verwetten, daß er ein bärtiger Bursche war, der anderen Leuten den Schädel einschlug und dabei lachte. Aber bei einem König, der anständige Gesetze erließ und Bücher las und ver- suchte, intelligent auszusehen, sagen die Leute: ›Oh, er war ganz nett, noch etwas feucht hinter den Ohren, nicht das, was ich einen richtigen König nenne.‹ Tja, so sind die Leute eben.« Herr Zervelatwurst seufzte. Cohen grinste und schlug ihm so fest auf den Rücken, daß er gegen zwei Frauen stieß, die eine Bronzestatue von Ly Schwatzmaul forttragen wollten. »He, Lehrer, kannst dich nicht an diese Vorstellung gewöhnen, was?, Die Realität ist zu bitter für dich. Nun, sei unbesorgt. Du bist eben kein Barbar. Stell die Statue zurück, Verehrteste, sonst bekommst du die flache Seite meines Schwerts zu spüren!« »Ich dachte, wir könnten die Macht erringen, ohne daß jemand leiden muß. Allein mit unserem Verstand.« »So funktioniert die Geschichte leider nicht. Erst das Blut, dann der Verstand.« »Berge von Totenschädeln«, sagte Kriecher. »Es muß eine bessere Möglichkeit geben als den Kampf«, entgegnete Herr Zervelatwurst. »O ja. Viele. Aber sie sind alle ungeeignet. Caleb, nimm dem Kerl dort die…« »… erlesenen Bhong-Jadefiguren…«, murmelte Herr Zervelatwurst. »… ja, nimm sie dem Kerl ab. Er hat eine unter dem Hut versteckt.« Eine weitere mit üppigen Schnitzereien verzierte Tür schwang auf. In dem Raum dahinter befanden sich bereits ziemlich viele Personen. Sie wichen zurück und versuchten, unschuldig zu wirken, während sie Co- hens Blick mieden. Als sie zurücktraten, blieb Sechs Wohltätige Winde allein in der Mitte des Saals stehen. Die Höflinge beherrschten dieses Manöver perfekt. »Berge von Totenschädeln«, wiederholte Kriecher noch einmal. Wenn er sich einmal an ein Konzept gewöhnt hatte, gab er es nicht so schnell auf. »Äh… wir haben gesehen, wie die Rote Armee aus dem Boden kam… äh… so wie es die Legende berichtet. Äh… du bist wahrhaftig die Präin- karnation von Eins Sonnenspiegel.« Der Steuereintreiber hatte wenigstens den Anstand, verlegen zu wir- ken. Das rhetorische Niveau seiner kleinen Ansprache ließ sich am be- sten mit jenen Reden vergleichen, deren erste Worte lauteten: »Du weißt sicher, daß dein Vater, der König…« Er hatte bisher nicht an Legenden geglaubt. Nicht einmal an die von dem Bauern, der jedes Jahr pünktlich eine vollkommen ehrliche Steuererklärung ablieferte. »Ja, genau«, sagte Cohen., Er schritt zum Thron und stieß das Schwert in den Boden. Zitternd blieb es darin stecken. »Einige von euch bekommen den Kopf abgehackt, zu ihrem eigenen Besten«, sagte er. »Aber ich habe noch nicht entschieden, wer auf diese Weise kürzer wird. Da fällt mir ein: Jemand soll dem Jungen Willie den Abort zeigen.« »Ist nicht mehr nötig«, erwiderte der Junge Willie. »Als die roten Statu- en so plötzlich hinter mir auftauchten, hat sich das Problem von allein gelöst.« »Berge von…«, begann Kriecher. »Weiß nichts von Bergen«, brummte Cohen. »Und wo ist der Große Zauberer?« fragte Sechs Wohltätige Winde ner- vös. »Der Große Zauberer«, wiederholte Cohen. »Ja«, bestätigte der Steuereintreiber. »Ich meine den Zauberer, der die Rote Armee aus dem Boden gerufen hat.« »Weiß nichts von ihm«, sagte Cohen. Die Menge wankte nach vorn, als noch mehr Leute in den Saal dräng- ten. »Sie kommen!« Ein Terrakottakrieger stapfte herein. Auf seinem Gesicht zeigte sich das übliche Lächeln. Er blieb stehen und taumelte ein wenig. Regenwasser floß an ihm her- ab. Die Leute duckten sich entsetzt. Abgesehen von der Horde. Wenn die Horde mit unbekannten schrecklichen Gefahren konfrontiert wurde, reagierte sie entweder mit Zorn oder mit Neugier. Die Miene des früheren Lehrers erhellte sich. Cohen und die anderen waren nicht besser, nur anders. Es machte ihnen nichts aus, Ungeheuern gegenüberzutreten. Aber wenn man sie bat, über die Straße zu gehen und eine Tüte Reis zu kaufen, kamen sie in Schwierigkeiten. »Und jetzt, Lehrer?« flüsterte Cohen. »Nun, du bist der Kaiser«, entgegnete Herr Zervelatwurst. »Vielleicht, solltest du etwas sagen.« Cohen stand auf und nickte dem Terrakottahünen fröhlich zu. »Morgen«, begann er. »Gute Arbeit da draußen. Ich gebe dir und dei- nen Kameraden den Rest des Tages frei, damit ihr Geranien in euch pflanzen könnt oder was weiß ich. Äh… gibt es bei euch vielleicht einen Oberboß, mit dem ich reden kann?« Der Terrakottakrieger knirschte, als er einen Finger hob. Er preßte zwei Finger an den Unterarm und hob erneut einen Finger. Alle Leute in der Menge sprachen gleichzeitig. »Was bedeutet das?« fragte Sechs Wohltätige Winde. »Es ist kaum zu glauben«, meinte Herr Zervelatwurst. »Aber mir scheint, es handelt sich um eine besondere Kommunikationsmethode aus dem Land der blutsaugenden Vampirgeister.« »Verstehst du, um was es dabei geht?« »Ich denke schon. Man muß versuchen, das Wort oder den Satz zu er- raten. Der Krieger möchte uns mitteilen… hm… ein Wort, zwei Silben. Die erste Silbe, nein, die zweite klingt wie…« Der Riese neigte den Kopf ein wenig vor, breitete die Arme wie Flügel aus und bewegte sie hin und her. »Fliegen?« vermutete Herr Zervelatwurst. »Segeln? Gleiten? Reiten? Äh… nein. Luft? Wolken? Wind?« Der rote Krieger klopfte sich an die Nase und führte einen kurzen Freudentanz auf, wobei seine Terrakottarüstung laut klapperte. »Aha«, sagte Herr Zervelatwurst zufrieden. »Die zweite Silbe des Wor- tes lautet also Wind.« »Äh…« Eine recht mitgenommen wirkende Gestalt trat durch die Menge. Sie trug eine Brille, ein Glas war gesprungen. »Äh«, sagte der kleine Mann. »Ich glaube, ich weiß, von wem die Nach- richt stammt…« Lord Fang und einige Krieger, die sein besonderes Vertrauen genossen,, standen am Hang des Hügels. Ein guter General wußte immer, wann er das Schlachtfeld verlassen mußte, und Lord Fang hielt den kritischen Zeitpunkt immer dann für gekommen, wenn sich der Feind näherte. Die Männer waren bestürzt. Sie hielten nichts davon, gegen die Rote Armee zu kämpfen. Wer es versucht hatte, zählte jetzt nicht mehr zu den Le- benden. »Wir… gruppieren uns neu«, schnaufte Lord Fang. »Dann warten wir bis zum Einbruch der Nacht und… Was ist das?« Ein rhythmisches Geräusch erklang hinter einigen Büschen weiter oben am Hang – ein Erdrutsch hatte dort eine Senke geschaffen. »Hört sich nach einem arbeitenden Zimmermann an«, meinte einer der Soldaten. »Hier oben? Während ein Krieg stattfindet? Stell fest, was da los ist!« Der Mann kletterte nach oben. Nach einer Weile hörte das Sägen auf, um kurze Zeit später erneut zu beginnen. Lord Fang versuchte, auf der Grundlage der Neun Nützlichen Prinzi- pien einen neuen Schlachtplan zu entwickeln, doch das Geräusch lenkte ihn ab. Er ließ die Karte sinken. »Was hat das nur zu bedeuten? Wo steckt Hauptmann Nong?« »Er ist nicht zurückgekehrt, o Lord.« »Finde heraus, was ihn an der Rückkehr hindert!« Lord Fang fragte sich, ob der Verfasser des Prinzipien-Buches jemals gegen unbesiegbare Statuen antreten mußte. Er… Das Sägen hörte auf. Wenige Sekunden später hämmerte es. Lord Fang sah sich um. »Ist denn hier niemand fähig, einem Befehl von mir zu gehorchen?« donnerte er. Mit dem Schwert in der Hand erklomm er den schlammigen Hang. Er schob sich durch das Gebüsch und sah dahinter eine kleine Lichtung. Etwas raste ihm entgegen, auf Hunderten von kleinen Be… Ein Deckel öffnete und schloß sich., Es regnete jetzt so schnell, daß sich die einzelnen Tropfen anstellen mußten. An manchen Stellen war die rote Ackerkrume Dutzende von Metern dick. Sie ermöglichte zwei bis drei Ernten pro Jahr. Sie war außerordent- lich fruchtbar und im nassen Zustand ebenso außerordentlich klebrig. Die überlebenden Soldaten hatten das Schlachtfeld mühsam verlassen und zeigten sich von Kopf bis Fuß in dem gleichen Rot wie die Terra- kottakrieger. Abgesehen von den Niedergetrampelten waren nur wenige Soldaten dem tönernen Feind zum Opfer gefallen. Die Panik erledigte den größten Teil der Arbeit. Weitaus mehr Soldaten waren beim Kampf zwischen den Heeren und anschließend während der Flucht gestorben, durch die Schwerter der Kameraden.* Die Rote Armee hatte das Schlachtfeld ganz für sich, und sie feierte den Sieg auf unterschiedliche Weise. Viele Terrakottakrieger wanderten im Kreis umher und traten durch den zähen Schlamm, als existierte er nur für andere Leute. Einige hoben einen Graben aus, doch der strö- mende Regen füllte ihn immer wieder mit rotem Lehm. Andere versuch- ten, imaginäre Wände zu erklimmen. Gelegentlich gab es Explosionen; vermutlich das Ergebnis einiger Jahrhunderte ohne Wartung. In solchen Fällen stoben blaue Funken, und glühende Trümmer rasten Geschossen gleich über die Ebene. Die ganze Zeit über regnete es. Das Wasser schien einen massiven Vorhang zu bilden. Es sah nicht nach einem natürlichen Phänomen aus – man konnte meinen, der ganze Ozean versuchte mit einem Luftlande- manöver, den ganzen Kontinent zurückzuerobern. Rincewind schloß die Augen. Schlamm bedeckte seine Rüstung. Die kleinen Bilder konnte er kaum mehr erkennen, was ihn in gewisser Weise erleichterte: Bestimmt richtete er ein riesiges Durcheinander an. Er konnte sehen, was jeder einzelne Krieger sah. Zumindest war das theore- tisch möglich, wenn man die seltsameren Bilder zu deuten verstand und sie in der richtigen Reihenfolge berührte. Diese beiden Voraussetzungen erfüllte Rincewind nicht. Hinzu kam, daß die magische Rüstung offenbar nicht dafür vorgesehen war, in knietiefem Schlamm und bei strömendem * Man sprach in diesem Zusammenhang von »freundlichen Hieben«., Regen benutzt zu werden. Ab und zu zischte es in ihr, und ein Stiefel wurde heiß. Alles hatte so vielversprechend begonnen! Aber dann kam etwas ins Spiel, das der Zauberer inzwischen als Rincewind-Faktor bezeichnete. Ein anderer Zauberer wäre sicher in der Lage gewesen, mit der Armee loszumarschieren, ohne in eine Sintflut zu geraten. Rincewind stellte sich vor, wie seine hypothetische Kompetenz durch die Straßen von Hung- hung schritt, während die Leute Blumen warfen und riefen: »Ja, das ist ein wahrer Großer Zauberer, kein Zweifel!« Ein anderer Zauberer hätte sicher nicht das falsche kleine Bild berührt und die Krieger graben lassen. Ihm wurde plötzlich klar, daß er sich in Selbstmitleid erging. Außerdem stand er im Schlamm. Und die klebrige Masse kroch langsam an ihm empor. Es war sinnlos zu versuchen, den Fuß herauszuziehen – dadurch sank der andere nur tiefer ein und wurde noch heißer. Ein Blitz züngelte nicht weit entfernt zu Boden. Rincewind hörte das Zischen und sah den Dampf, spürte das Prickeln der Elektrizität und roch das Aroma von verbrennendem Zinn. Der nächste Blitz traf einen Krieger. Dessen Oberkörper explodierte, und zähflüssiges Pech vereinte sich mit Regen und Schlamm. Die Beine gingen noch einige Schritte weiter und blieben dann stehen. Wasser strömte an ihm vorbei, eine breiige, rotbraune Flut vom über die Ufer getretenen Fluß Hung. Der Schlamm saugte an Rincewinds Fuß wie an einem hohlen Zahn. Das Wasser trug etwas heran, das wie ein Stück Papier aussah. Rincewind zögerte, streckte dann umständlich die im Handschuh stek- kende Hand aus und griff nach dem Ding. Das sich als Schmetterling herausstellte. »Herzlichen Dank«, sagte er bitter. Das Wasser rann ihm durch die Finger. Er wölbte die Hand, seufzte und schob das kleine Geschöpf so behut- sam wie möglich auf einen Finger. Naß hingen die Flügel herab. Rincewind schirmte den Schmetterling mit der anderen Hand ab und, behauchte die Flügel mehrmals. »Jetzt kannst du wieder fliegen.« Der Schmetterling drehte sich. Ein oder zwei Sekunden glühten die Facettenaugen grün, dann schlug er versuchsweise mit den Flügeln. Es hörte auf zu regnen. Und es begann zu schneien. Aber nur dort, wo Rincewind stand. »Oh, ja«, sagte der Zauberer. »Danke. Ja, herzlichen Dank.« Er hatte einmal gehört, das Leben sei wie ein Vogel, der aus der Dun- kelheit kommt, durch einen überfüllten Saal fliegt, ein Fenster passiert und dahinter in der finsteren Nacht verschwindet. In Rincewinds Fall hatte der Vogel etwas Unangenehmes in seinem Abendessen hinterlas- sen. Es schneite nicht mehr. Am Firmament zogen die Wolken erstaunlich schnell ab und ließen heißen Sonnenschein herabscheinen, so daß der Schlamm sofort zu dampfen begann. »Da bist du ja! Wir haben überall nach dir gesucht!« Rincewind versuchte sich umzudrehen, aber der Schlamm hinderte ihn daran. Ein dumpfes, feuchtes Pochen erklang wie von einer Planke, die sich auf Matsch herabsenkt. »Schnee auf dem Kopf? Im hellen, warmen Sonnenschein? Das kann nur er sein, dachte ich mir.« Wieder pochte es. Eine kleine Lawine rutschte über Rincewinds Helm und Nacken. Es pochte zum dritten Mal, und ein Brett erreichte ihn. »Ich bin’s, Zweiblum. Ist alles in Ordnung mit dir, alter Freund?« »Ich glaube, mein Fuß gart, aber abgesehen davon kann ich nicht kla- gen.« »Ich hab gleich gewußt, daß du hinter der ganzen Sache steckst«, sagte Zweiblum. Er schob die Hände unter die Achseln des Zauberers und zog an ihm. »Habt ihr die Silben des Namens richtig verstanden?« fragte Rince- wind. »Das mit dem ›Wind‹ war ganz einfach, aber der Rest…«, »Das ›Omistomistomist jetzt muß ich wirklich dran glauben‹ hat den letzten Zweifel ausgeräumt. Sehr einfallsreich. Äh… du scheinst hier festzustecken.« »Ich glaube, es liegt an den magischen Stiefeln.« »Kannst du sie nicht irgendwie abstreifen? In der Sonne trocknet dieser Schlamm wie… wie Terrakotta. Jemand kann die Dinger nachher aus- graben.« Rincewind versuchte, die Füße zu bewegen. Es blubberte leise, dann kam er mit einem rülpsenden Geräusch frei. Einige Anstrengungen später hockte er auf der Planke. »Das mit den Kriegern tut mir leid«, sagte er. »Es sah alles so einfach aus, als ich begann, und dann habe ich die Bilder durcheinandergebracht, und ich konnte sie nicht mehr aufhalten…« »Sie haben einen glorreichen Sieg errungen!« sagte Zweiblum aufgeregt. »Tatsächlich?« »Und man hat Herrn Cohen zum Kaiser gemacht.« »Ach?« »Nun, niemand hat ihn dazu gemacht. Er kam einfach und nahm sich den Thron. Und alle bezeichnen ihn als Präinkarnation des ersten Kai- sers, und er meint, er hätte nichts dagegen, wenn du der Große Zauberer sein möchtest.« »Wie bitte? Ich glaube, das verstehe ich nicht ganz…« »Du hast die Rote Armee angeführt, stimmt’s? Du hast sie aufs Schlachtfeld marschieren lassen, als das Reich sie brauchte.« »Nun, man kann eigentlich nicht behaupten, daß ich…« »Und dafür will dich der Kaiser belohnen. Ist doch nett von ihm.« »Belohnen?« wiederholte Rincewind argwöhnisch. »Wie meinst du das?« »Oh, ich weiß nicht genau. Seine Worte lauteten…« Zweiblums Augen trübten sich, als er in den Schubladen seines Gedächtnisses kramte. »Er sagte: ›Geh und such Rincewind und sag ihm, daß er eine ziemliche Ner- vensäge sein kann, aber er ist auch ehrlich, deshalb biete ich ihm den Posten des Obersten Reichszauberers an oder wie auch immer er’s nen-, nen will, denn ich vertraue keinen ausländischen…‹« Zweiblum schielte gen Himmel, als er sich an den genauen Wortlaut zu entsinnen versuch- te. »… Haus vielversprechender Aspekte… Duft von Fichtennadeln… Mistkerlen.« Die Worte krochen durch Rincewinds Ohren, suchten einen Weg zum Gehirn und hämmerten dort an die Wände. »Oberster Zauberer?« fragte er. »Das hat Cohen gesagt. Nun, eigentlich hat er gesagt, daß du ein Fleck aus Schwalbenkotze sein sollst, aber nur deshalb, weil er den tiefen, trau- rigen Ton gebrauchte, nicht den hohen, fragenden. Er meinte Zauberer.« »Des ganzen Reiches?« Rincewind stand auf. »Gleich passiert was Schlimmes«, sagte er. Ein blauer Himmel wölbte sich über der Ebene. Einige Bürger hatten sich aufs Schlachtfeld gewagt, um Verwundeten zu helfen und Tote fort- zutragen. Hier und dort standen Terrakottakrieger in verschiedenen Po- sitionen und rührten sich nicht mehr. »Jeden Augenblick«, fügte Rincewind hinzu. »Sollten wir nicht zurückkehren?« »Vermutlich stürzt ein Meteor herab oder so.« Zweiblum sah hoch zum friedlichen Firmament. »Du kennst mich«, sagte Rincewind. »Wenn es mir schließlich gelingt, mich an etwas festzuhalten… dann kommt das Schicksal und tritt mir auf die Finger.« »Ich sehe keine Meteore«, erwiderte Zweiblum. »Wie lange warten wir?« »Dann passiert etwas anderes«, prophezeite Rincewind. »Jemand springt aus dem Nichts herbei. Oder ein Erdbeben beginnt. Irgend etwas.« »Wenn du darauf bestehst…«, sagte Zweiblum freundlich. »Äh… möchtest du hier darauf warten, daß was Schreckliches geschieht? Oder wäre es dir lieber, den Palast aufzusuchen, zu baden, die Kleidung zu wechseln und dann zu sehen, was passiert?« Rincewind entschied, daß er es durchaus bequem haben konnte, wäh-, rend er auf das Schreckliche wartete. »Ein großes Festmahl soll stattfinden!« fuhr Zweiblum fort. »Der Kai- ser will dabei allen Leuten zeigen, wie man richtig schlabbert.« Planke für Planke kehrten sie zur Stadt zurück. »Weißt du… ich könnte schwören, du hast mir nie erzählt, daß du ver- heiratet warst.« »Ich habe bestimmt darauf hingewiesen.« »Es… äh… tut mir leid, daß deine Frau… äh…« »Im Krieg geschieht so etwas. Ich habe zwei pflichtbewußte Töchter.« Rincewind öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber als er Zwei- blums freundliches Lächeln sah, blieben ihm die Worte im Hals stecken. Sie arbeiteten stumm, hoben die Planken hinten auf, um den Weg vorn zu verlängern. Schließlich beendete Zweiblum das Schweigen. »Um die Sache von der positiven Seite zu sehen… Der Kaiser meinte, du könntest eine eigene Universität gründen, wenn du möchtest.« »Nein! Nein! Bitte, jemand soll mich mit einer Eisenstange schlagen!« »Er meinte, er sei sehr für Bildung, vorausgesetzt, er kann weiterhin darauf verzichten. Dauernd fallen ihm irgendwelche Proklamationen ein. Die Eunuchen haben bereits mit einem Streik gedroht.« Rincewinds Brett fiel in den Schlamm. »Womit sind Eunuchen beschäftigt?« fragte er. »Ich meine, womit hö- ren sie auf, wenn sie streiken?« »Nun, normalerweise servieren sie Mahlzeiten, machen die Betten und so weiter.« »Oh.« »Eigentlich sorgen sie dafür, daß die Verbotene Stadt funktioniert. Wie dem auch sei: Der Kaiser hat ihnen seinen Standpunkt in aller Deutlich- keit erklärt.« »Hat er das?« »Er meinte, wenn sie nicht auf Zack sind, würde man ihnen auch den Rest abschneiden. Ah, hier ist der Boden wieder fest.«, Eine eigene Universität. Dann wurde er zum… Erzkanzler. Rincewind der Erzkanzler stellte sich vor, wie er die Unsichtbare Universität be- suchte. Er stellte sich vor, einen großen Hut mit besonders spitzer Spitze zu tragen, unhöflich zu sein und… Nein. Ausgeschlossen. Solchen Phantasien durfte er sich nicht hinge- ben. Bestimmt ging alles schief. »Es könnte sein, daß dir bereits alle schlimmen Dinge zugestoßen sind«, spekulierte Zweiblum. »Hast du je an diese Möglichkeit gedacht? Vielleicht erwartet dich jetzt etwas Nettes?« »Komm mir bloß nicht mit dem Karma-Kram«, erwiderte Rincewind. »Meinem Glücksrad fehlen einige Speichen.« »Trotzdem ist die Sache einen Gedanken wert«, sagte Zweiblum. »Soll ich etwa in Erwägung ziehen, der Rest meines Lebens könnte friedlich und angenehm verlaufen? Von wegen. Unmöglich. Wenn ich mich sicher wähne und nur eine Sekunde nicht aufpasse… Wamm! Dann hat’s mich wieder erwischt.« Zweiblum blickte sich voller Interesse um. »Ich weiß gar nicht, warum du glaubst, dein Leben sei bisher so schlecht gewesen. Wir hatten viel Spaß, als wir noch jünger waren. He, erinnerst du dich, wie wir über den Rand der Welt vorstießen?« »Oft«, entgegnete Rincewind. »Meistens um drei Uhr nachts.« »Und als wir auf einem Drachen ritten, der während des Flugs ver- schwand?« »Manchmal vergeht eine ganze Stunde, ohne daß ich daran denke«, sagte Rincewind. »Und als wir von den Leuten angegriffen wurden, die uns umbringen wollten?« »Welchen der hundertneunundvierzig Zwischenfälle dieser Art meinst du?« »So was festigt den Charakter«, behauptete Zweiblum. »Ich bin da- durch zu dem geworden, was ich heute bin.« »O ja«, bestätigte Rincewind. So liefen die Gespräche mit Zweiblum praktisch immer ab. In der vertrauensvollen Natur des kleinen Mannes, gab es keinen Platz für Sarkasmus. Außerdem tendierte er dazu, Dinge zu überhören, die ihn eventuell beunruhigen konnten. »Ja, auch ich bin dadurch zu dem geworden, was ich bin. Eindeutig.« Sie erreichten Hunghung. Leer erstreckten sich die Straßen vor ihnen. Alle Bürger hatten sich auf dem großen Platz vor dem Palast eingefun- den, denn neue Kaiser neigten zur Großzügigkeit. Außerdem hatte sich herumgesprochen, daß dieser Herrscher anders war und Schweine ver- schenkte. »Ich habe gehört, daß er Gesandte nach Ankh-Morpork schicken will«, sagte Zweiblum, als sie über die Straße tropften. »Ich schätze, deswegen wird es erhebliche Unruhe geben.« »War ein gewisser Schlitze-mir-ehrenvoll-den-Bauch-auf zugegen, als Cohen diese Entscheidung traf?« fragte Rincewind. »Ja. Woher weißt du das?« »Hast du während deines Aufenthalts in Ankh-Morpork einen Mann kennengelernt, den man Schnapper nennt?« »Ja.« »Wenn sich die beiden Burschen die Hände schütteln, gibt es bestimmt eine Explosion.« »Du könntest zurückkehren«, sagte Zweiblum. »Ich meine, deine neue Universität braucht sicher viele Dinge, und wenn ich mich recht erinne- re, mögen die Leute in Ankh-Morpork Gold sehr gern.« Rincewind biß die Zähne zusammen. Das Bild wollte sich einfach nicht auflösen: Es zeigte ihm, wie Rincewind den Kunstturm kaufte, alle Steine numerieren und sie nach Hunghung schicken ließ. Er sah, wie Erzkanz- ler Rincewind die Fakultätsmitglieder als Pförtner einstellte. Er sah, wie Erzkanzler Rincewi… »Nein!« »Bitte um Verzeihung?« »Ermuntere mich nicht, an so etwas zu denken! Wenn ich mir vorstelle, daß alles schön und gut werden könnte… dann passiert was Schreckli- ches!« Hinter Rincewind bewegte sich etwas. Ein Messer erschien an seiner, Kehle. »Der Große Fleck aus Schwalbenkotze?« ertönte eine Stimme am Ohr des Zauberers. »Na bitte«, brummte Rincewind. »Hab ich’s nicht gesagt? Lauf weg! Steh nicht einfach so da, du verdammter Idiot! Lauf.« Zweiblum starrte zwei Sekunden, drehte sich dann um und hoppelte davon. »Laßt ihn gehen«, sagte die Stimme. »Er ist nicht weiter wichtig.« Hände zogen ihn in eine Gasse, und er schnappte vage Eindrücke von Rüstungen und Schlamm auf. Die Fremden verstanden es gut, einen Gefangenen so mit sich zu ziehen, daß er nirgends Halt finden konnte. Schließlich wurde er aufs Kopfsteinpflaster geworfen. »Für mich sieht er nicht besonders groß aus«, ließ sich eine gebieteri- sche Stimme vernehmen. »Heb den Kopf, Großer Zauberer!« Die Soldaten lachten nervös. »Ihr Narren!« ereiferte sich Lord Hong. »Er ist ein ganz gewöhnlicher Mann! Seht ihn euch nur an! Wirkt er etwa mächtig? Er hat nur einige alte Tricks entdeckt! Sollen wir herausfinden, wie mächtig er ohne Arme und Beine ist?« »Oh«, sagte Rincewind. Lord Hong beugte sich vor. Schlamm klebte in seinem Gesicht, und seine Augen offenbarten einen irren Glanz. »Dann wird sich herausstel- len, wie der barbarische Kaiser ohne dich zurechtkommt.« Er deutete zu der Gruppe verdrießlicher, schmutziger Soldaten. »Sie sind tatsächlich halb davon überzeugt, daß du der Große Zauberer bist. Aberglauben. Er kann recht nützlich sein, unter bestimmten Umständen, doch derzeit ist er sehr unpraktisch. Aber wenn wir auf den Platz marschieren und allen Leuten zeigen, wie groß du wirklich bist… Ich schätze, dann bleibt der Barbar nicht lange auf dem Thron. Was ist das?« Er zog Rincewind die Handschuhe von den Fingern. »Spielzeuge«, fügte er hinzu. »Konstruierte Dinge. Die Rote Armee be- steht nur aus Apparaten wie Mühlen und Pumpen. Von Magie keine Spur.«, Lord Hong warf die Handschuhe beiseite und nickte einem Wächter zu. »Und nun… gehen wir zum kaiserlichen Platz.« »Möchtest du Gouverneur von Bhangbhangduc und der anderen Inseln in der Nähe werden?« fragte Cohen, als sich die Horde über eine Karte des Reiches beugte. »Gefällt’s dir am Meer, Polterer?« »Wasisn?« Die Tür des Thronsaals flog auf. Zweiblum eilte herein, gefolgt von Eins Großer Fluß. »Lord Hong hat sich Rincewind geschnappt! Er wird ihn umbringen!« Cohen sah zu den Neuankömmlingen. »Er kann sich doch freizaubern, oder?« »Nein! Er hat die Rote Armee verloren! Lord Hong tötet ihn, wenn du nichts unternimmst!« »Nun, du weißt ja, wie das mit Zauberern ist«, brummte Kriecher. »Es gibt zu viele von ihnen…« »Nein.« Cohen griff nach seinem Schwert und seufzte. »Kommt«, sagte er. »Aber…« »Kommt, habe ich gesagt. Wir sind nicht wie Hong. Rincewind ist ein Schleicher, aber er ist unser Schleicher. Kommt ihr jetzt?« Lord Hong und seine Soldaten hatten fast die breite Treppe vor dem Palast erreicht, als die Horde erschien. Dutzende von Wächtern versuch- ten, die Menge zurückzuhalten. Lord Hong preßte Rincewind ein Messer an die Kehle. »Ah, Kaiser«, sagte er auf Ankh-Morporkianisch. »So sieht man sich wieder. Schach, glaube ich.« »Was bedeutet das?« flüsterte Cohen. »Er ist sicher, daß er dich in die Enge getrieben hat«, erklärte Herr Zervelatwurst., »Woher will er wissen, daß ich den Zauberer nicht einfach sterben las- se?« »Psychologie des Individuums, fürchte ich.« »Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!« rief Cohen. »Wenn du ihn umbringst, bist du wenige Sekunden später ebenfalls tot. Dafür sorge ich persönlich!« »Da irrst du dich«, erwiderte Lord Hong. »Wenn dein… Großer Zau- berer stirbt, wenn die Leute sehen, daß ihn keine Magie am Leben er- hält… Wie lange kannst du dann Kaiser bleiben? Du hast nur mit raffi- nierten Tricks gewonnen!« »Wie lauten deine Bedingungen?« fragte Herr Zervelatwurst. »Es gibt keine. Ihr habt nichts, was ich mir nicht einfach nehmen könnte.« Lord Hong nahm einem Soldaten Rincewinds Hut ab und rammte ihn auf den Kopf des Gefangenen. »Das gehört dir«, zischte er. »›Zaubberer‹! Du kannst das Wort nicht mal richtig schreiben! Nun, Zaubberer… hast du noch etwas zu sagen?« »O nein.« Lord Hong lächelte. »Das ist schon besser«, kommentierte er. »O neeeiiin!« »Ausgezeichnet!« »Aargh!« Lord Hong blinzelte. Für einen Sekundenbruchteil schien sich die Ge- stalt vor ihm auf die doppelte Länge zu dehnen, anschließend klatschten ihr die Füße ans Kinn. Dann verschwand Rincewind mit einem dumpfen Donnern. Es war still auf dem Platz, abgesehen von dem Geräusch, das mehrere tausend verblüffte Menschen verursachen. Lord Hongs Hand tastete unsicher durch die Luft. »Lord Hong?« Er drehte sich um. Ein kleiner Mann stand hinter ihm, in einen Kokon aus Schmutz und Schlamm gehüllt. Er trug eine Brille, in der ein Glas gesprungen war., »Entschuldige bitte, Lord Hong«, sagte die Erscheinung. »Erinnerst du dich an Bes Pelargic? Vor sechs Jahren? Ich glaube, zu der Zeit hast du dich mit Lord Tang gestritten. Es gab eine Auseinandersetzung. Einige Straßen wurden zerstört. Nichts Wichtiges.« Lord Hong blinzelte erneut. »Wie kannst du es wagen, mich anzusprechen!« brachte er hervor. »Es spielt eigentlich keine Rolle«, sagte Zweiblum. »Ich hätte es vorge- zogen, daß du dich erinnerst. Ich bin damals sehr… wütend gewesen. Äh… und jetzt möchte ich gegen dich kämpfen.« »Du möchtest gegen mich kämpfen? Weißt du eigentlich, mit wem du redest? Hast du eine Ahnung?« »Äh… ja, ich glaube schon«, erwiderte Zweiblum. Lord Hong richtete seine volle Aufmerksamkeit auf den kleinen Mann. Bisher war der Tag nicht besonders angenehm gewesen; er brauchte ein Ventil für seinen Zorn. »Du dummer kleiner Mann! Du hast nicht einmal ein Schwert!« »He, Vierauge!« Beide drehten sich um. Cohen warf sein Schwert herüber. Zweiblum fing es auf und taumelte unter dem Gewicht. »Was veranlaßt dich dazu?« fragte Herr Zervelatwurst. »Ich hab nichts dagegen, wenn er zu einem Helden werden möchte«, antwortete Cohen. »Lord Hong wird ihn mit dem ersten Hieb töten!« »Möglich. Es läßt sich nicht ausschließen. Vielleicht auch erst mit dem zweiten. Wie dem auch sei: Es hängt nicht von mir ab.« »Vater!« Lotosblüte griff nach Zweiblums Arm. »Du hast keine Chance gegen ihn! Komm mit mir!« »Nein.« Schmetterling griff nach dem anderen Arm ihres Vaters. »Es hat keinen Zweck«, sagte sie. »Komm. Vielleicht ergibt sich eine bessere Gelegenheit, um…«, »Er hat deine Mutter umgebracht«, sagte Zweiblum ernst. »Seine Soldaten haben es getan.« »Das macht es noch schlimmer. Er wußte nicht einmal davon. Lotos- blüte, Schmetterling… Weicht zurück!« »Hör mal, Vater…« »Wenn ihr mir nicht gehorcht, könnte ich ärgerlich werden.« Lord Hong zog sein langes Schwert. Die Klinge glänzte. »Weißt du überhaupt, wie man kämpft, kleiner Mann?« »Eigentlich nicht«, sagte Zweiblum. »Aber darauf kommt es gar nicht an. Wichtig ist, daß dir jemand die Stirn bietet. Was auch immer später mit ihm geschieht.« Die Horde beobachtete das Geschehen mit großem Interesse. Cohen und seine Gefährten mochten manchen Dingen gegenüber abgestumpft sein, aber sie hatten eine Schwäche für sinnlose Tapferkeit. »Ja«, sagte Lord Hong und ließ den Blick über das stumme Publikum schweifen. »Alle sollen sehen, was jetzt passiert.« Er hob das Schwert. Die Luft knisterte. Ein Bellender Hund fiel direkt vor Lord Hong aufs Pflaster. Er schien ziemlich heiß zu sein. Und die Schnur am Ende brannte. Es zischte kurz. Die Welt wurde weiß. Nach einer Weile richtete sich Zweiblum auf und stellte erstaunt fest, daß er als einziger noch stand. Wer nicht flach am Boden lag, war geflo- hen. Nur ein qualmender Schuh erinnerte an Lord Hong. Und eine damp- fende Spur, die die Treppe emporführte. Zweiblum folgte ihr und taumelte dabei ein wenig. Nach einigen Metern fand er einen auf der Seite liegenden Rollstuhl. Das Rad drehte sich. Er spähte darüber hinweg. »Ist alles in Ordnung mit dir, Irrer Polterer?«, »Wasisn?« »Gut.« Der Rest der Horde kauerte ganz oben auf der Treppe. Rauch wogte um die Barbaren. Der vom Bellenden Hund davongeschleuderte heiße Stein hatte einen Teil des Palastes in Brand gesetzt. »Hörst du mich, Lehrer?« fragte Cohen. »Natürlich hört er dich nicht«, erwiderte Kriecher. »Könntest du etwas hören, in einem solchen Zustand?« »Vielleicht lebt er noch«, sagte Cohen trotzig. »Er ist tot, Cohen. Mausetot. Lebendige Leute haben mehr Körper.« »Ihr lebt noch?« wunderte sich Zweiblum. »Der Hund hat direkt in eu- re Richtung gebellt!« »Wir sind aus dem Weg gegangen«, meinte der Junge Willie. »Das kön- nen wir gut.« »Der arme alte Lehrer hatte im Überleben nicht so große Erfahrung wie wir«, sagte Caleb. Cohen stand auf. »Wo ist Hong?« fragte er grimmig. »Der Kerl kann sich auf was ge- faßt…« »Er ist ebenfalls tot«, entgegnete Zweiblum. Cohen nickte, als wäre das völlig normal. »Wir sind es Lehrer schuldig«, brummte er. »Er war ein guter Bursche«, räumte Kriecher ein. »Trotz seiner komi- schen Vorstellungen vom Fluchen.« »Er hatte Grips. Er nahm Anteil! Und auch wenn er nicht wie ein Bar- bar gelebt hat – er wird wie einer bestattet, klar?« »Ein brennendes Schiff«, schlug der Junge Willie vor. »Meine Güte«, sagte Herr Zervelatwurst. »Wir legen ihn in eine Grube, auf die Leichen seiner Feinde«, empfahl Caleb. »Etwa die ganze Klasse 4B?« fragte Herr Zervelatwurst. »Wie wär’s mit einem Hügelgrab?« meinte Vincent., »Ein brennendes Schiff auf den Leichen seiner Feinde in einem Hügel- grab«, sagte Cohen fest. »Für unseren Kumpel Lehrer ist nichts zu gut.« »Ich fühle mich bestens, wirklich«, teilte Herr Zervelatwurst der Horde mir. »Ich… äh… oh…« RONALD ZERVELATWURST? Herr Zervelatwurst drehte sich um. »Ah«, sagte er. »Ja. Ich verstehe.« HIERHER BITTE, WENN DU SO FREUNDLICH WÄRST… Der Palast und die Horde verblaßten allmählich wie das Bild eines Traums. »Komisch«, sagte Herr Zervelatwurst, als er Tod folgte. »Ich habe es mir ganz anders vorgestellt.« DIE MEISTEN LEUTE STELLEN ES SICH ÜBERHAUPT NICHT VOR. Schwarzer Sand knirschte unter etwas, das Herr Zervelatwurst für sei- ne Füße hielt. »Wo sind wir hier?« IN DER WÜSTE. Es war ganz hell, obwohl der Himmel pechschwarz blieb. Der frühere Lehrer blickte zum Horizont. »Wie groß ist sie?« FÜR MANCHE SEHR GROSS. AUF LORD HONG WARTEN HIER VIELE UNGEDULDIGE GEISTER. »Ich dachte, Lord Hong glaubt überhaupt nicht an Geister.« VIELLEICHT ÄNDERT SICH DAS JETZT. VIELE GEISTER GLAUBEN AN LORD HONG. »Oh. Äh… was geschieht nun?« »Na los, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit! Bewegung, Bewegung!« Herr Zervelatwurst drehte sich um und sah zu der Frau auf dem Pferd empor. Es war ein großes Pferd, bestens geeignet für eine… stattliche Frau. Sie trug Zöpfe, einen Helm mit Hörnern und einen Brustharnisch, der den verantwortlichen Schmied sicher eine Woche Arbeit gekostet, hatte. Sie bedachte ihn mit einem Blick, der nicht unfreundlich war, je- doch von Ungeduld kündete. »Wie bitte?« brachte er hervor. »Ich soll einen gewissen Ronald Zervelatwurst abholen«, sagte die Frau. »Ronald den wen?« Die Frau lehnte sich im Sattel zurück. »Wenn man mich schickt, um jemanden zu holen, handelt es sich immer um ›Soundso der Soundso‹. Welcher ›der Soundso‹ bist du?« »Entschuldige bitte, aber…« »Na schön, dann bist du eben Ronald der Entschuldigende. Komm jetzt, steig auf. Es ist Krieg, ich hab ‘ne Menge zu tun.« »Wohin reiten wir?« »Hier steht ›Zechen, Schlabbern, Äxte nach den Zöpfen junger Frauen werfen‹.« »Äh… glaube… äh…, ich meine…« »Kommst du nun mit oder nicht?« Herr Zervelatwurst blickte in die schwarze Wüste. Er war völlig allein. Tod hatte ihn verlassen, um woanders seine Pflicht zu erfüllen. Er ließ sich von der Frau auf den Rücken des Pferds ziehen. »Wo das Zechen und so stattfindet…«, sagte er zaghaft, als das Pferd dem dunklen Himmel entgegenflog. »Gibt es dort auch eine Bibliothek?« »Keine Ahnung. Danach hat noch niemand gefragt.« »Oder Abendkurse. Könnte ich Abendkurse veranstalten?« »Worum soll es dabei gehen?« »Um irgend etwas. Wie wär’s mit Tischmanieren? Ist das erlaubt?« »Ich denke schon. Auch danach hat noch nie jemand gefragt.« Die Walküre drehte sich im Sattel. »Bist du sicher, daß du das richtige Leben nach dem Tod gewählt hast?« Herr Zervelatwurst dachte über die Möglichkeiten nach. »Im großen und ganzen…«, erwiderte er. »Ich glaube, es ist einen Ver- such wert.«, Die Menge auf dem Platz erhob sich. Sie betrachtete das, was von Lord Hong übrig war, und sah dann zur Horde hinüber. Schmetterling und Lotosblüte gesellten sich zu ihrem Vater. Schmetter- ling strich mit der Hand über die Kanone und hielt nach dem Trick Aus- schau. »Na bitte«, verkündete Zweiblum. Er sprach ein wenig undeutlich, weil er seine Stimme wie aus weiter Ferne hörte. »Ich habe ja gesagt, daß er der Große Zauberer ist.« Schmetterling klopfte ihm auf die Schulter. »Was ist damit?« fragte sie. Eine kleine Prozession kam über den Platz. Vorweg lief etwas, das einst Zweiblum gehört hatte. »Sie ist sehr billig gewesen«, sagte er, ohne daß seine Worte einer be- stimmten Person galten. »Und um ganz ehrlich zu sein, habe ich sie im- mer für ein wenig seltsam gehalten.« Truhe folgte eine etwas größere Truhe und danach vier weitere, jede etwas kleiner als die vorherige. Die letzte war so groß wie eine Damen- handtasche. Sie kam an einem Bürger von Hunghung vorbei – der noch immer auf dem Bauch lag und zu benommen war, um die Flucht zu er- greifen –, verharrte kurz und trat ihm ans Ohr. Dann schloß die letzte und kleinste Truhe rasch zum Rest der Familie auf. Zweiblum sah seine beiden Töchter an. »Ist das möglich?« fragte er. »Können sie… neue Truhen schaffen? Ich dachte immer, dafür braucht man Tischler.« »Ich schätze, deine Truhe hat in Ankh Moor Pork viel gelernt«, erwi- derte Schmetterling. Die Gepäckstücke versammelten sich vor der Treppe. Dann drehte sich die Truhe um, sah traurig zurück – sie erweckte zumindest den Ein- druck, traurig zurückzusehen, denn sie hatte keine erkennbaren Augen – und trabte fort. Als sie die gegenüberliegende Seite des Platzes erreichte, war sie nur noch ein vager Schemen., »He, du! Vierauge!« Zweiblum drehte den Kopf. Cohen kam die Treppe herunter. »Ich erinnere mich an dich«, sagte er. »Bist du jemals Großwesir gewe- sen?« »Nein, Herr Kaiser Cohen.« »Gut. Jetzt bist du’s. Mach dich gleich an die Arbeit. Als erstes möchte ich eine Tasse Tee. Stark genug, daß ein Hufeisen drin schwimmen kann. Drei Löffel Zucker. In fünf Minuten, klar?« »Eine Tasse Tee in fünf Minuten?« erwiderte Zweiblum. »Das ist nicht einmal lange genug für eine kurze Zeremonie!« Cohen legte dem kleinen Mann kameradschaftlich den Arm um die Schultern. »Jetzt gibt es eine neue Zeremonie«, sagte er. »Sie läuft so ab: ›Tee ist fertig. Milch? Zucker? Etwas Gebäck? Darf’s noch eine Tasse sein?‹ Und teil den Eunuchen mit, daß der neue Kaiser nicht scherzt, wenn er davon spricht, den einen oder anderen Kopf rollen zu lassen.« Zweiblums Augen glänzten hinter den Brillengläsern. Aus irgendeinem Grund gefiel ihm der Klang dieser Worte. Offenbar lebte er in interessanten Zeiten… Die Truhen warteten vor der Treppe. Schicksal lehnte sich zurück. Die Götter entspannten sich. »Unentschieden«, sagte er. »O ja. Allem Anschein nach hast du in Hunghung gewonnen, was dich jedoch deine wichtigste Figur gekostet hat, nicht wahr?« »Wie bitte?« erwiderte die Lady. »Ich verstehe nicht ganz…« »So wie ich die Sache sehe…« Schicksal zögerte kurz. »Angesichts der besonderen… Physik bei dieser Angelegenheit kann sich in der Universi- tät kein lebendes Wesen materialisieren, ohne sofort zu sterben. Schnee- wehen sind weich und dämpfen den Aufprall. Doch eine massive Mau- er…«, »Ich opfere nie einen Bauern«, sagte die Lady. »Wie willst du gewinnen, wenn du nicht bereit bist, auf den einen oder anderen Bauern zu verzichten?« »Ich spiele nie, um zu gewinnen.« Die Lady lächelte. »Aber ich spiele, um nicht zu verlieren. Paß auf…« Die Fakultät versammelte sich vor der Rückwand des Großen Saals und betrachtete das Ding, welches nun etwa die Hälfte davon bedeckte. »Interessanter Effekt«, sagte Ridcully nach einer Weile. »Wie schnell mag es gewesen sein?« »Etwa achthundert Kilometer pro Stunde«, antwortete Ponder. »Viel- leicht haben wir’s ein wenig übertrieben. Hex meint…« »In einem Augenblick von null auf achthundert Kilometer in der Stun- de?« brachte der Dozent für neue Runen hervor. »Muß ein ziemlicher Schock gewesen sein.« »Ja«, bestätigte Ridcully. »Zum Glück für das Geschöpf dauerte er nicht lange.« »Und natürlich sollten wir alle dankbar dafür sein, daß es nicht Rince- wind gewesen ist.« Einige Zauberer hüstelten. Der Dekan trat zurück. »Äh… was ist es?« fragte er. »Gewesen«, korrigierte Ponder Stibbons. »Was ist es gewesen.« »Wir könnten in den Bestiarien nachsehen«, schlug Ridcully vor. »Dürf- te nicht schwer zu finden sein. Grau. Lange Hinterfüße wie die Stiefel eines Clowns. Kaninchenohren. Langer, spitz zulaufender Schwanz. Au- ßerdem gibt es nicht viele Tiere, die einen Durchmesser von sechs Me- tern haben, einen Zoll dick und knusprig gebraten sind. Dadurch redu- ziert sich die Auswahl.« »Ich möchte keinen Schatten auf die Dinge werfen«, sagte der Dekan. »Aber wenn dies nicht Rincewind ist – wo steckt er dann?« »Herr Stibbons kann uns bestimmt erklären, warum seine Berechnun- gen falsch waren«, meinte Ridcully., Ponders Mund klappte auf. »Wahrscheinlich habe ich vergessen, daß ein Dreieck drei rechte Win- kel hat, wie?« erwiderte er mit einer Bissigkeit, die ihn selbst überraschte. »Ich muß natürlich erst noch alles genau überprüfen, aber vermutlich gab es eine laterale Komponente bei einem bidirektionalen magischen Trans- fer. Mit ziemlicher Sicherheit hat die Modifikationsquote ihr Maximum im zentralen Transferbereich erreicht, wodurch ein zusätzlicher Übertra- gungsknoten erschien, und zwar gleich weit von den beiden anderen entfernt, so wie es Klamms Dritte Gleichung beschreibt, und nach Turf- fes Gesetz kam es anschließend zu einer Stabilisierung der Verzerrungs- zone, mit dem Ergebnis, daß drei separate Transferknoten entstanden, die jeweils ungefähr die gleiche Masse durch das Dreieck springen ließen. Ich bin mir nicht ganz sicher, warum die dritte Masse mit so hoher Ge- schwindigkeit bei uns eingetroffen ist, aber vielleicht geht ihre Beschleu- nigung auf die plötzliche Entstehung des dritten Knotens zurück. Sie könnte natürlich auch vorher schon ziemlich schnell gewesen sein. Al- lerdings bezweifle ich, daß wir hier den natürlichen Zustand des betref- fenden Wesens sehen.« »Weißt du…«, sagte Ridcully langsam. »Ich habe tatsächlich einen Teil davon verstanden. Zumindest die kürzeren Wörter.« »Oh, es ist alles ganz einfach.« Der Quästor strahlte. »Wir haben das… Hunde-Ding nach Hunghung geschickt. Rincewind kam zu einem ande- ren Ort, und wir erhielten das hier. Ein Ding wurde gegen ein anderes getauscht.« »Siehst du?« wandte sich Ridcully an Stibbons. »Du benutzt eine Spra- che, die der Quästor versteht. Und er sucht schon seit Stunden den ge- trockneten Frosch.« Der Bibliothekar kam herein und taumelte unter dem Gewicht eines großen Atlanten. »Ugh.« »Zeig uns den Ort, an dem sich Rincewind jetzt aufhalten könnte«, sag- te Ridcully. Ponder holte ein Lineal und zwei Kompasse aus seinem Hut hervor. »Nun, wenn wir annehmen, daß sich Rincewind in der Mitte des Ge-, gengewicht-Kontinents befand, so müssen wir nur eine Linie ziehen, um…« »Ugh!« »Oh, keine Sorge, ich möchte nur mit dem Bleistift…« »Iiek!« »… so müssen wir uns nur eine Linie vorstellen, die zu einem dritten Punkt führt, der gleich weit von uns und der Mitte des Gegengewicht- Kontinents entfernt ist. Nun, mir scheint, der Transfer hat ihn zum Randmeer gebracht. Oder vielleicht über den Rand der Scheibenwelt hinaus.« »Das Biest scheint nicht aus einem Meer zu stammen«, sagte Ridcully und betrachtete das an der Wand klebende Wesen. »In dem Fall kommt nur die andere Richtung in Frage…« Die Zauberer traten um den Atlanten herum. Und bemerkten etwas. »Ist nicht richtig eingetragen«, meinte der Dekan. »Weil niemand sicher ist, ob dieses Land überhaupt existiert«, erklärte der Oberste Hirte. Es schwamm in der Mitte des Ozeans, ein nach den Maßstäben der Scheibenwelt recht kleiner Kontinent. »›XXXX‹«, las Ponder. »Das hat man nur auf die Karte geschrieben, weil niemand weiß, wie das Land heißt«, sagte Ridcully. »Und wir haben Rincewind dorthin geschickt«, meinte Ponder. »Zu ei- nem Ort, von dem wir nicht einmal wissen, ob er existiert?« »Oh, jetzt wissen wir, daß es ihn gibt«, erwiderte Ridcully. »Ihm bleibt gar nichts anderes übrig, als zu existieren. Muß ein ziemlich üppiges Land sein, wenn die Ratten dort so groß werden.« »Ich beginne sofort mit neuen Berechnungen«, kündigte Ponder an. »Vielleicht finde ich eine Möglichkeit, ihn zurückzuholen…« »O nein.« Ridcully schüttelte den Kopf. »Nein, herzlichen Dank. Beim nächsten Mal saust vielleicht ein Elefant über uns hinweg, und wenn so, ein Vieh an die Wand knallt… nein. Gönnen wir Rincewind eine Ruhe- pause. Früher oder später fällt uns etwas anderes ein.« Er rieb sich die Hände. »Zeit fürs Abendessen, glaube ich«, fügte er hinzu. »Äh«, sagte der Oberste Hirte. »Glaubst du, es war richtig, das Ding mit angezündeter Schnur zurückzuschicken?« »Natürlich«, antwortete Ridcully, als sie fortgingen. »Niemand kann behaupten, daß wir es nicht so zurückgeschickt haben, wie wir es beka- men…« Hex träumte sanft in seinem Zimmer. Die Zauberer hatten recht. Hex konnte nicht denken. Es gab noch keine Worte, um zu beschreiben, was er konnte. Selbst Hex wußte nicht, wozu er imstande war. Aber er wollte es herausfinden. Der Federkiel zitterte, kratzte und kleckste über ein Blatt Papier. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund schrieb er einen Kalender für das aktuelle Jahr und malte darüber einen recht kantigen Hund, der auf den Hinterläufen stand. Die Erde war rot wie die vor Hunghung. Der Boden in der weiten Schwemmlandebene des Achatenen Reichs bestand aus einem so frucht- baren Lehm, daß man morgens nur einen Stuhl nach draußen zu stellen brauchte, um am Abend vier Schößlinge zu bekommen. Hier bestand der Boden jedoch aus Sand, der anscheinend während eines eine Million Jahre langen Sommers gebacken worden war. Hier und dort wuchsen Büschel aus gelbem Gras und niedrige, grau- grüne Bäume. Der Rest bestand aus Hitze. Besonders deutlich wurde das an dem kleinen, von Sträuchern gesäum- ten Teich: Er dampfte. Eine Gestalt taumelte aus einer dichten Staubwolke und strich sich gei- stesabwesend verbrannte Haare aus dem Bart. Rincewind wartete, bis sich sein persönliches Universum nicht mehr, drehte. Dann konzentrierte er sich auf die vier Männer, die ihn beobach- teten. Ihre Haut war schwarz. Linien und Kringel aus weißer Farbe zeigten sich auf den dunklen Gesichtern. Ihre gesamte Kleidung hätte vielleicht einen Quadratmeter Boden bedeckt. Drei Gründe hinderten Rincewind daran, Rassist zu sein. Er neigte da- zu, sehr oft ganz plötzlich an völlig unterschiedlichen Orten zu erschei- nen, deshalb kam er erst gar nicht dazu, eine entsprechende Haltung zu entwickeln. Und wenn er genauer darüber nachdachte… Die meisten wirklich üblen Dinge hatte er bei ziemlich blassen Leuten mit ausgefalle- ner Garderobe erlebt. Das waren die ersten beiden Gründe. Was den dritten betraf… Diese vier Männer, die nun aufstanden, hiel- ten Speere in der Hand und richteten sie auf Rincewind. Wenn man sieht, daß vier Speerspitzen auf die eigene Kehle zielen, läßt einen allein der Instinkt jede Menge Respekt spüren. Unter solchen Umständen springen einem Worte wie »Herr« und »zu deinen Diensten« auf die Zunge. Einer der Männer zuckte mit den Schultern und ließ den Speer sinken. »Tag auch, Bursche«, sagte er. Nur noch drei Speere bedrohten Rincewind – eindeutig eine Verbesse- rung. »Äh«, sagte er. »Dies ist nicht die Unsichtbare Universität, oder?« Auch die anderen Speerspitzen sanken nach unten. Die Männer lächel- ten; ihre Zähne waren beeindruckend weiß. »Klatsch? Das Wiewunderland? Hier sieht’s wie im Wiewunderland aus«, sagte Rincewind hoffnungsvoll. »Kenne die Burschen nicht, Bursche«, erwiderte einer der Männer. Die anderen drei schoben sich näher. »Wie nennen wir ihn?« »Wie wär’s mit Känguruh-Bursche? Kein Problem. Im einen Augen- blick ein Känguruh, im nächsten ein Bursche. Die alten Burschen sagen, daß so etwas dauernd geschah, im Traum.«, »Jemand, der aus dem Traum kommt… sollte besser aussehen.« »Ja.« »Es gibt eine Möglichkeit, Gewißheit zu erlangen.« Der Mann, der das Oberhaupt der Gruppe zu sein schien, trat auf Rin- cewind zu und schenkte ihm ein Lächeln, das normalerweise für Idioten und Leute mit Pistolen oder Gewehren reserviert war. Er reichte dem Neuankömmling einen Stock. Das Ding war flach und in der Mitte gekrümmt. Jemand hatte viel Zeit damit verbracht, es mit hübschen Mustern aus kleinen bunten Punkten zu schmücken. Es überraschte Rincewind nicht, daß auch ein Schmetter- ling zu den Bildern gehörte. Die Jäger beobachteten ihn aufmerksam. »Äh… ja«, sagte er. »Ausgezeichnet. Gute Arbeit, ja. Interessanter pointillistischer Effekt. Schade, daß ihr kein gerades Stück Holz finden konntet.« Einer der Männer legte seinen Speer beiseite, ging in die Hocke und griff nach einem langen hölzernen Rohr mit ähnlichen Mustern. Er blies hinein. Es hörte sich ganz nett an. Wie Fliegen, wenn sie in der Lage gewesen wären, ein Orchester zu bilden. »Ähm«, sagte Rincewind. »Ja.« Es handelte sich ganz offensichtlich um einen Test. Sie hatten ihm das krumme Stück Holz gegeben und warteten nun darauf, daß er irgend etwas damit anstellte. Vermutlich war es eine wichtige Angelegenheit. Er… O nein. Wenn er jetzt etwas sagte oder sich auf eine ganz bestimmte Weise verhielt, dann erwiderten diese Männer vielleicht »Ja, du bist der Große Bursche« oder so. Und dann führten sie ihn fort, womit ein neues Abenteuer begann, das heißt eine lange, von schrecklichen und be- schwerlichen Dingen geprägte Phase. Das Leben steckte voll von sol- chen Tricks. Diesmal wollte Rincewind nicht darauf hereinfallen. »Ich möchte nach Hause«, sagte er. »Ich möchte zur Bibliothek zurück, wo es friedlich und still war. Ich weiß nicht, wo ich hier bin. Und es ist mir völlig gleich, was ihr mit mir anstellen wollt, klar? Ich lasse mich, nicht auf ein neues Abenteuer ein, und mir liegt auch nichts daran, ein- mal mehr die Welt zu retten. Und ich lehne es ab, mich von geheimnis- vollen Holzstücken überlisten zu lassen.« Er nahm den Stock und warf ihn mit aller Kraft fort. Die vier Männer beobachteten ihn, als er die Arme verschränkte. »Ich meine es ernst«, betonte er. »Das mit den Abenteuern hört hier und jetzt auf.« Die Fremden starrten ihn noch immer an. Nach einer Weile begannen sie zu lächeln. Ihre Aufmerksamkeit galt etwas, das sich hinter Rincewind befand. Er spürte, wie Ärger in ihm brodelte. »Versteht ihr nicht?« fragte er. »Hört ihr mir überhaupt zu? Rincewind läßt sich nicht noch einmal vom Universum überli…«]
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