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Buch: Beim alten Adel von Ankh-Morpork wächst die Fremdenfeindlichkeit. Man ist der Ansicht, dass zu viele Trolle, Zwerge und Untote in der Stadt sind, und im Patrizier sieht man den Schuldigen. Zum Zweck seiner Enthebung wird die »Neue Firma« in Gestalt der zwei skrupello- sen Gangster Nadel und Tulpe engagiert: Sie sollen Lord Vetinari mit Hilfe eines Doppelgängers in Misskredit bringen. Unterdessen haben William de Worde und einige Zwerge (unter ihnen ein gewisser Guten- hügel) die erste Zeitung der Scheibenwelt auf die Beine gestellt. Willi- am, Herausgeber der Ankh-Morpork-Times und Aufde...
Autor Anonym
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Buch: Beim alten Adel von Ankh-Morpork wächst die Fremdenfeindlichkeit. Man ist der Ansicht, dass zu viele Trolle, Zwerge und Untote in der Stadt sind, und im Patrizier sieht man den Schuldigen. Zum Zweck seiner Enthebung wird die »Neue Firma« in Gestalt der zwei skrupello- sen Gangster Nadel und Tulpe engagiert: Sie sollen Lord Vetinari mit Hilfe eines Doppelgängers in Misskredit bringen. Unterdessen haben William de Worde und einige Zwerge (unter ihnen ein gewisser Guten- hügel) die erste Zeitung der Scheibenwelt auf die Beine gestellt. Willi- am, Herausgeber der Ankh-Morpork-Times und Aufdecker übler Ma- chenschaften in einer Person, hat sich von seiner Familie losgesagt, für die Wahrheit immer nur Mittel zum Zweck war. Für ihn dagegen hat Wahrheit einen absoluten Wert, auch wenn er schon bald erfahren muss, dass sie bei einer Zeitung nur wenige Tage Bestand hat. Die rasch aus dem Boden sprießenden Konkurrenzblätter schreiben vor allem über Leute, die von silbernen Scheiben entführt wurden, welche plötz- lich vom Himmel kamen. Doch als die Stadtwache Lord Vetinari ver- haftet, schlägt die Stunde der Aufklärung. William kommt bei seinen Recherchen über das Verbrechen, das dem Patrizier zur Last gelegt wird, der Verschwörung um die Neue Firma auf die Spur. Und obwohl das öffentliche Interesse kaum mit dem Interesse der Öffentlichkeit in Einklang zu bringen ist, treibt William die Geschichte unerbittlich vor- an, um die immer hungrige Druckerpresse mit Wörtern zu füttern und der Wahrheit – wenigstens für kurze Zeit – zum Sieg zu verhelfen. Autor: Terry Pratchett, geboren 1948, fand im zarten Alter von 13 Jahren den ersten Käufer für eine seiner Geschichten. Heute ist er einer der erfolg- reichsten Autoren der Welt. Seit 1983 schreibt er Scheibenwelt- Romane. Inzwischen widmet sich der Mann mit dem Hut ganz seiner Schöpfung, und seine Gemeinde wird täglich größer. Er wohnt mit seiner Frau Lyn und Tochter Rhianna in der englischen Graftschaft Wiltshire., Terry Pratchett

Die volle Wahrheit

25. Scheibenwelt-Roman Ins Deutsche übertragen von Andreas Brandhorst

MANHATTAN

, Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Truth« 2000 by Transworld Publishers, London Umwelthinweis: Dieses Buches wurde auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt. Die Ein- schrumpffolie (zum Schutz vor Verschmutzung) besteht aus umweltschonen- der und recyclingfähiger PE-Folie. 1. Auflage Copyright © 2000 by Terry und Lyn Pratchett Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2001 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin Druck: GGP Media, Pößneck Printed in Germany www.manhattan-verlag.de ebook by Monty P. ISBN 3-442-54518-8, HINWEIS DES AUTORS Manchmal muss ein Autor betonen, wie seltsam die Realität sein kann. Die Methode, mit der Ankh-Morpork seine Überflutungsprobleme be- wältigte (siehe ab Seite 297), hat auch die Stadt Seattle im US-Staat Washington angewandt. Im Ernst. Sehen Sie es sich selbst an. Und probieren Sie die Muschelsuppe, während Sie dort sind.,

Das Gerücht breitete sich wie ein Lauffeuer in der Stadt aus (und

Lauffeuer hatten sich oft in Ankh-Morpork ausgebreitet, seit die Be- wohner die Bedeutung des Begriffs »Versicherung« kannten). Die Zwerge können Blei in Gold verwandeln… Es summte durch die übel riechende Luft des Alchimistenviertels, wo man dieses seit Jahrhunderten zu bewerkstelligen versuchte und sicher war, es bis morgen schaffen zu können, oder zumindest bis zum nächs- ten Dienstag, aber ganz sicher bis zum Ende des Monats. Es ließ die Zauberer der Unsichtbaren Universität spekulieren. Sie wussten, dass man ein Element in ein anderes verwandeln konnte, vor- ausgesetzt man hatte nichts dagegen, dass es sich am nächsten Tag wie- der zurückverwandelte, und so etwas konnte wohl kaum sinnvoll sein. Es brannte sich in die vernarbten, angeschwollenen und manchmal ganz fehlenden Ohren der Diebesgilde, wo man damit begann, die Brecheisen zu schleifen. Wen kümmerte es, woher das Gold kam? Die Zwerge können Blei in Gold verwandeln… Das Gerücht erreichte die kalten, aber sehr aufmerksamen Ohren des Patriziers, und zwar ziemlich schnell – man bleibt nicht lange Herrscher von Ankh-Morpork, wenn man Neuigkeiten nicht sofort hört. Er seufzte, schrieb eine Notiz und legte sie auf den Stapel der anderen. Die Zwerge können Blei in Gold verwandeln… Schließlich gelangte es auch an die spitzen Ohren der Zwerge. »Können wir das wirklich?« »Will verdammt sein, wenn ich das wüsste. Ich kann’s nicht.« »Ja, aber wenn du es könntest, würdest du es nicht zugeben. Ich mei- ne, ich würd’s nicht sagen, wenn ich es könnte.« »Kannst du’s?« »Nein!« »Ah-ha!« Das Gerücht erreichte auch die Ohren der Nachtwache beim Tor- dienst, um zehn Uhr an einem frostigen Abend. Der Tordienst in, Ankh-Morpork war nicht besonders anstrengend. Er bestand haupt- sächlich darin, alles durchzuwinken, was das Tor passieren wollte, und im dunklen, eiskalten Nebel herrschte kaum Verkehr. Mit hoch gezogenen Schultern standen die Wächter im Schutz des Torbogens und rauchten eine feuchte Zigarette. »Man kann nicht etwas in etwas anderes verwandeln«, sagte Korporal Nobbs. »Die Alchimisten versuchen das schon seit Jahren.« »Sie sind imstande, ein Haus in ein Loch im Boden zu verwandeln«, erwiderte Feldwebel Colon. »Das meine ich ja«, sagte Korporal Nobbs. »Es ist einfach nicht mög- lich. Es liegt an den… Elementen. Das weiß ich von einem Alchimis- ten. Alles besteht aus Elementen, klar? Erde, Wasser, Luft, Feuer und… Dingsbums. Ist allgemein bekannt. Alles hat sie in sich ver- mischt.« Er stampfte mit den Füßen, um sie ein wenig zu wärmen. »Wenn man Blei wirklich in Gold verwandeln könnte, wären alle da- mit beschäftigt«, sagte er. »Zauberer können es«, meinte Feldwebel Colon. »Oh, na ja, Magie.« Nobby winkte ab. Ein großer Karren rumpelte aus den gelbgrauen Schwaden, passierte das Tor und bespritzte Colon, als er durch eine der Pfützen rollte, die zu den typischen Merkmalen der Straßen von Ankh-Morpork gehörten. »Blöde Zwerge«, sagte er, als der Karren den Weg in die Stadt fort- setzte. Aber Colon sprach dabei nicht zu laut. »Es waren ziemlich viele, die den Karren schoben«, meinte Korporal Nobbs nachdenklich. Der große Wagen wackelte um eine Ecke und geriet außer Sicht. »Wahrscheinlich liegt’s an all dem Gold«, sagte Colon. »Ha! Ja. Das dürfte die Erklärung sein.« Und das Gerücht erreichte die Ohren von William de Worde. In gewis- ser Weise blieb es dort, denn er schrieb es pflichtbewusst nieder., Das war seine Aufgabe. Lady Margolotta von Überwald schickte ihm dafür fünf Ankh-Morpork-Dollar pro Monat. Ebenso die Herzogin- witwe von Quirm. Und auch König Verence von Lancre sowie einige andere prominente Persönlichkeiten in den Spitzhornbergen. Der Serif von Al-Khali bezahlte ihn zweimal im Jahr mit einer halben Wagenla- dung Feigen. Im Großen und Ganzen glaubte William, dass er auf eine gute Sache gestoßen war. Er brauchte nur einen Brief zu schreiben, ganz sorgfältig, und ihn dann auf ein Stück Buchsbaumholz zu übertragen, das er sich von Herrn Kratzgut besorgte, dem Graveur und Holzschneider in der Straße Schlauer Kunsthandwerker. Anschließend bezahlte er Herrn Kratzgut zwanzig Dollar dafür, vorsichtig all das Holz zu entfernen, das nicht für die Buchstaben gebraucht wurde, und dann fertigte er fünf Drucke auf Papier an. Natürlich musste er dabei an alles denken, zum Beispiel daran, hinter »An meinen ehrenwerten Kunden« und ähnlichen Bemerkungen freie Stellen zu lassen, um diese später auszufüllen. Aber selbst nach Abzug der Kosten blieben fast dreißig Dollar für kaum mehr als einen Tag Arbeit im Monat übrig. Ein junger Mann ohne große Verantwortung konnte mit dreißig oder vierzig Dollar im Monat ein bescheidenes Leben in Ankh-Morpork führen. Die Feigen verkaufte William de Worde stets. Zwar war es möglich, allein von Feigen zu leben, aber man wünschte sich doch bald, nicht darauf angewiesen zu sein. Außerdem bot die Welt der Buchstaben gute Möglichkeiten, hier und dort etwas hinzuzuverdienen. Für viele Bewohner von Ankh-Morpork bestand sie nur aus geheimnisvollen Papierobjekten, aber wenn sie ein- mal Schriftliches benötigten, gingen sie die knarrende Treppe hoch, vorbei an dem Schild »William de Worde: Geschriebene Dinge«. Zum Beispiel die Zwerge. Immer wieder kamen Zwerge auf der Su- che nach Arbeit in die Stadt, und als Erstes schickten sie einen Brief nach Hause, in dem es hieß, wie gut es ihnen ging; selbst dann, wenn der betreffende Zwerg so sehr in Not geraten war, dass er den eigenen Helm verspeisen musste. William hatte dies zum Anlass genommen, Herrn Kratzgut mit der Herstellung einiger Dutzend allgemeiner Briefe, zu beauftragen, bei denen er nur einige wenige leere Stellen ausfüllen musste, um sie zu vervollständigen und individuell wirken zu lassen. Überall in den Bergen freuten sich stolze Zwergeneltern über Briefe, die etwa so aussahen: Liebe/r [Mutter und Fater] Nun, ich binne gut angekommen, und meine Adresse lautet: [Unbe- sonnenheitsstraße 9, Schatten, Ankh-Morpork]. Alles isset gut. Ich habe einen guten Dschob und arbeite für [Herrn T. M. S. I. D. R. Schnapper, wagemutiger Geschäftsmann], und sicher dauert es nicht mehr lange, bis ich einen Haufen Gelt verdiene. Ich erinnere mich an alle eurige guten Ratschläge und trinke nicht und treibe mich auch nicht in Kneipen herum und pflegige keinen Umgang mit Trollen. Nun das wär’s auch schon, ich musse jetzt Schluss machen, freue mich sehr darauf, dich und [Emilia] baldigst wiederzusehen, euer euch liebender Sohn. [Thomas Bruchbraue] … der für gewöhnlich schwankte, wenn er diesen Brief diktierte. Es waren leicht verdiente zwanzig Ankh-Morpork-Cent. Als zusätzliche Dienstleistung passte William die Schreibweise dem Auftraggeber an und ermöglichte es seinen Kunden, selbst über die Interpunktion zu entscheiden. An diesem besonderen Abend, während draußen Schneeregen in den Abflussrohren gluckerte, saß William in seinem kleinen Büro über der Gilde der Beschwörer und schrieb sorgfältig. Mit halbem Ohr lauschte er dem hoffnungslosen, aber sehr gewissenhaften Katechismus der Gil- denschüler, die ein Zimmer weiter unten am Abendunterricht teilnah- men. »Achtung, aufgepasst. Seid ihr soweit? Na schön. Ei. Glas…« »Ei. Glas«, wiederholte die Klasse lustlos. »… Glas. Ei…« »Glas. Ei…«, »… Magisches Wort…« »Magisches Wort…« »Fazamm. Einfach so. Ahahahahaha…« »Faz-amm. Einfach so. Aha-ha-ha-ha-ha…« William griff nach einem weiteren Blatt Papier, spitzte einen neuen Federkiel, blickte einige Sekunden lang an die Wand und schrieb dies: »Und schließlich noch ein amüsanter Hinweis. Es heißt, die Zwerge könnten Blei in Gold verwandeln, doch kennt niemand den Ur- sprung dieses Gerüchts, und Zwergen, die in der Stadt ihren recht- mäßigen Angelegenheiten nachgehen, ruft man Bemerkungen zu wie: ›Holla, Knirps, zeig uns mal, wie du etwas in Gold verwandelst!‹ Allerdings lassen sich nur Neuankömmlinge dazu hinreißen, denn in dieser Stadt wissen alle, was passiert, wenn man einen Zwerg ›Knirps‹ nennt. Dein ergebener Diener, William de Worde«. Er legte immer Wert darauf, seine Briefe mit einem vergnüglichen Hinweis zu beenden. William griff nach einem Stück Buchsbaumholz, zündete eine weitere Kerze an und legte den Brief mit der Vorderseite nach unten auf das Holz. Rasches Reiben mit der Rückseite eines Löffels übertrug die Tin- te – dreißig Dollar und genug Feigen, um es einem richtig schlecht wer- den zu lassen, waren bereits so gut wie auf der Bank. Noch an diesem Abend wollte er das Buchsbaumholz zu Herrn Kratzgut bringen und die Drucke morgen nach einem großzügigen Mittagessen abholen. Mit ein wenig Glück hatte er bis zur Mitte der Woche alle Briefe abgeschickt. William streifte den Mantel über, wickelte das Holzstück vorsichtig in Wachspapier und trat in die kalte Nacht hinaus. Die Welt besteht aus vier Elementen: Erde, Luft, Feuer und Wasser. Das ist allgemein bekannt, und selbst Korporal Nobbs weiß darüber, Bescheid. Aber es stimmt nicht. Es gibt auch noch ein fünftes Element – meistens nennt man es Überraschung. Zum Beispiel konnten die Zwerge tatsächlich Blei in Gold verwan- deln, allerdings auf die schwierige Weise. Der Unterschied zwischen der leichten und schwierigen Methode besteht darin, dass die schwierige funktioniert. Die Zwerge schoben ihren überladenen, knarrenden Karren über die Straße und spähten durch den Nebel. Eis formte sich am Wagen und an Bärten. Jetzt fehlte nur noch eine zugefrorene Pfütze. Der gute alte Zufall. Auf ihn kann man sich verlassen. Der Nebel wurde dichter, verwandelte jedes Licht in ein mattes Glühen und dämpfte alle Geräusche. Feldwebel Colon und Korporal Nobbs zweifelten kaum daran, dass es keine barbarischen Horden gab, deren Reisepläne in dieser Nacht die Eroberung von Ankh-Morpork vorsa- hen. Die Wächter konnten es ihnen nicht verdenken. Sie schlossen das Tor. Das war keineswegs eine bedrohliche oder gar verhängnisvolle Aktivität, denn der Schlüssel war schon vor langer Zeit verloren gegangen. Wer zu spät kam, warf einfach kleine Steine an die Fenster der Häuser auf dem Wall, bis er einen Freund fand, der den Riegel hob. Man ging davon aus, dass feindliche Eroberer nicht wuss- ten, an welche Fenster sie kleine Steine werfen mussten. Anschließend stapften Colon und Nobbs durch den Schneematsch zum Wassertor, das dem Fluss Ankh Gelegenheit gab, die Stadt zu er- reichen. Das Wasser blieb im Dunkeln verborgen, aber dann und wann zeichneten sich unter der Brüstung die geisterhaften Konturen einer Eisscholle ab. »Warte mal«, sagte Nobby, als sie nach der Winde des Fallgatters grif- fen. »Da unten ist jemand.« »Im Fluss?«, fragte Colon. Er lauschte. Tief unten knarrte ein Ruder., Feldwebel Colon wölbte die Hände trichterförmig vor dem Mund und hob die Stimme zum traditionellen Polizistenruf: »He! Du!« Einige Sekunden lang hörte man nur das Seufzen des Winds und plät- scherndes Wasser. Schließlich erwiderte eine Stimme: »Ja?« »Willst du die Stadt erobern, oder was?« Wieder folgte kurze Stille. Dann: »Was?« »Was was?«, erhöhte Colon den Einsatz. »Wie lauten die anderen Möglichkeiten?« »Versuch nicht, mich an der Nase herumzuführen. Willst du, dort un- ten im Boot, diese Stadt erobern?« »Nein.« »Gut«, sagte Colon. In einer solchen Nacht war er durchaus bereit, sich auf das Wort eines Unbekannten zu verlassen. »Dann beeil dich, wir wollen nämlich das Gatter herablassen.« Kurze Zeit später ertönte wieder das Platschen der Ruder und ver- schwand flussabwärts. »Glaubst du wirklich, es genügt, einfach zu fragen?«, ließ sich Nobby vernehmen. »Die Fremden sollten doch wissen, was sie wollen, oder?«, erwiderte Colon. »Ja, aber…« »Es war nur ein kleines Ruderboot, Nobby. Wenn du all die eisver- krusteten Stufen an der Landungsbrücke hinuntergehen willst…« »Nein, Feldwebel.« »Dann lass uns zum Wachhaus zurückkehren.« William klappte den Kragen hoch, als er zum Graveur Kratzgut eilte. Die normalerweise verkehrsreichen Straßen waren leer; wer sich jetzt draußen aufhielt, musste irgendwelche dringenden Dinge erledigen. Alles deutete darauf hin, dass ein ziemlich scheußlicher Winter bevor-, stand, ein Gazpacho aus kaltem Nebel, Schnee und dem für Ankh- Morpork typischen, überall präsenten Smog. Bei der Uhrmachergilde bemerkte William einen matten Lichtschein. Eine kleine Gestalt mit hochgezogenen Schultern zeichnete sich in dem Glühen ab. Er trat näher. »Heißes Würstchen?«, erklang eine hoffnungslose Stimme. »Mit Bröt- chen?« »Herr Schnapper?«, fragte William. Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper, Ankh-Morporks unter- nehmungslustigster und erfolglosester Geschäftsmann, blickte über seinen Bauchladen hinweg. Schneeflocken fielen zischend in gerinnen- des Öl. William seufzte. »Du bist noch spät auf den Beinen, Herr Schnapper«, sagte er. »Ach, Herr Worde, die Zeiten sind schlecht im Würstchengeschäft«, klagte Schnapper. »Du läufst Gefahr, vom Fleisch zu fallen, wie?«, fragte William. Selbst für hundert Dollar und eine Schiffsladung Feigen hätte er nicht auf diese Bemerkung verzichtet. »Der Lebensmittelmarkt ist in eine Krise geraten«, sagte Schnapper und nahm die Anspielung nicht zur Kenntnis. »Heutzutage scheint niemand mehr Interesse an einem heißen Würstchen zu haben.« William sah auf den Bauchladen hinab. Wenn Treibe-mich-selbst-in- den-Ruin Schnapper heiße Würstchen verkaufte, so war das ein sicheres Zeichen dafür, dass eins seiner ehrgeizigeren Unternehmen zu einem Fiasko geführt hatte. Der Verkauf von heißen Würstchen stellte gewis- sermaßen Schnappers ökonomische Basis dar, die er immer wieder zu verlassen versuchte – und zu der er zurückkehrte, sobald er mit seinem neuesten geschäftlichen Wagnis scheiterte. Eins musste man Schnapper lassen: Er verstand es ausgezeichnet, heiße Würstchen zu verkaufen. Bei der Art seiner Würstchen brauchte er großes Verkaufstalent. »Wenn ich doch nur eine richtige Bildung hätte, so wie du«, sagte Schnapper niedergeschlagen. »Eine angenehme Arbeit daheim, ohne, schwere Dinge heben zu müssen. Mit einer guten Bildung hätte ich bestimmt eine Nitsche für mich gefunden.« »Nitsche?« »Ein Zauberer hat mir davon erzählt«, erklärte Schnapper. »Jeder hat eine Nitsche. Du weißt schon, einen eigenen Platz. Eine Bestimmung.« William nickte. Mit Worten kannte er sich aus. »Nische?«, fragte er. »Was in der Art, ja.« Schnapper seufzte. »Das mit den Semaphoren habe ich verpasst. Hab’s einfach nicht kommen sehen. Plötzlich hatte jeder eine eigene Nachrichtengesellschaft. Alle wollten ordentlich Geld scheffeln, und da blieb für unsereins nicht mehr viel übrig. Mit dem Fäng Schui hätte ich erfolgreich sein können. War reines Pech, dass es nicht geklappt hat.« »Ich habe mich mit dem Stuhl an einer anderen Stelle wirklich besser gefühlt«, sagte William. Dieser Rat hatte ihn zwei Dollar gekostet, zu- sammen mit der Anweisung, den Deckel auf dem Abort zu lassen, da- mit der Drache der Traurigkeit ihm nicht in den Hintern flog. »Du warst mein erster Kunde, und dafür danke ich dir«, sagte Schnapper. »Es war alles vorbereitet, die Schnapper-Windspiele, die Schnapper-Spiegel und so weiter. Es hätte überhaupt keine Probleme geben dürfen, denn alle Dinge waren so positioniert, dass sie maximale Harmonie zum Ausdruck brachten. Und dann… paff! Schon wieder fällt ein übles Karma auf mich herab.« »Es dauerte eine Woche, bis Herr Nochmehrdavon wieder gehen konnte«, sagte William. Der Fall von Schnappers zweitem Kunden war für die Nachrichtenbriefe sehr nützlich gewesen und damit die zwei Dollar durchaus wert. »Ich wusste gar nicht, dass es tatsächlich einen Drachen der Traurigkeit gibt«, meinte Schnapper. »Vielleicht gab es auch gar keinen – bis du ihn davon überzeugt hast, dass einer existiert«, entgegnete William. Schnappers Miene erhellte sich ein wenig. »Ah, ja, du kannst sagen, was du willst: Ich habe es immer gut verstanden, Ideen und Vorstellun- gen zu verkaufen. Kann ich dich vielleicht davon überzeugen, dass du ein heißes Würstchen essen möchtest?«, »Oh, ich muss weiter, um dies hier…« William unterbrach sich. »Hat da gerade jemand geschrien?« »Irgendwo habe ich auch noch ein Stück Schweinefleischpastete«, sag- te Schnapper und suchte in seinem Bauchladen. »Ich biete es dir zum Sonderpreis an…« »Ich bin ganz sicher, dass ich etwas gehört habe«, sagte William. Schnapper spitzte die Ohren. »Eine Art Rumpeln?«, fragte er. »Ja.« Sie starrten in die träge wogenden Nebelschwaden des Breiten Weges. Die sich plötzlich in einen großen, von einer Plane bedeckten Karren verwandelten, der sich unaufhaltsam und schnell näherte… Bevor etwas aus der Nacht herangeflogen kam, ihn zwischen den Au- gen traf und alles schwarz werden ließ, hörte William noch, wie jemand rief: »Haltet die Presse an!« Das Gerücht – Williams Federkiel hatte es so ans Papier geheftet wie einen Schmetterling an Kork – kam einigen Leuten nicht zu Ohren, weil sie mit anderen, dunkleren Dingen beschäftigt waren. Ihr Ruderboot glitt durch das zischende Wasser des Ankh. Dahinter schlossen sich die Fluten langsam wieder. Zwei Männer hielten Ruder in den Händen. Ein dritter Mann saß am spitzen Ende des Bootes, gelegentlich sprach er. Er sagte Dinge wie: »Mir juckt die Nase.« »Du wirst dich gedulden müssen, bis wir unser Ziel erreicht haben«, erwiderte einer der beiden Ruderer. »Ihr könntet mich noch einmal losbinden. Das Jucken ist ziemlich unangenehm.« »Wir banden dich los, als wir eine Pause zum Abendessen einlegten.« »Da juckte mir die Nase nicht.« Der zweite Ruderer fragte: »Soll ich ihm noch einmal mit dem …ten Ruder auf den …ten Kopf schlagen, Herr Nadel?« »Gute Idee, Herr Tulpe.«, Es pochte dumpf in der Dunkelheit. »Au.« »Mach kein Theater mehr, Freund, sonst verliert Herr Tulpe die Ge- duld.« »Da hast du …t Recht.« Das folgende Geräusch klang nach einer Hochleistungspumpe. »He, sei vorsichtig mit dem Zeug!« »Hat mich …t noch nicht umgebracht, Herr Nadel.« Das Boot wurde langsamer und blieb neben einem kleinen, nur selten benutzten Landesteg im Wasser stecken. Die hoch gewachsene Gestalt, die zuvor Herrn Nadels Aufmerksamkeit beansprucht hatte, wurde an Land gehoben und dann durch eine Gasse gezerrt. Kurze Zeit später rollte eine Kutsche durch die Nacht davon. Man sollte meinen, in einer so dunklen, kalten und nebligen Nacht gebe es keine Zeugen für diese Szene. Aber es gab jemanden. Das Universum verlangt einen Beobachter für alle Ereignisse, denn anderenfalls würden sie gar nicht stattfinden. Eine Gestalt löste sich aus den Schatten einer nahen Gasse. Eine klei- nere Gestalt wackelte unsicher an ihrer Seite. Beide sahen der Kutsche nach, als sie hinter einem Vorhang aus Schnee verschwand. Die kleinere Gestalt sagte: »Na so was. Ein gefesselter Mann. Den Kopf unter einer Kapuze verborgen. Interessant, nicht wahr?« Die größere Gestalt nickte. Sie trug einen alten, mehrere Nummern zu großen Paletot und einen Filzhut, dem Alter und Wetter ein kegel- förmiges Erscheinungsbild gegeben hatten. Der Mantel reichte ein gan- zes Stück über die Ohren hinweg. »Mistundverflucht«, sagte sie. »Hafer und Hose, gar der grauslich Mann. Ich hab’s ihm gesagt. Ich hab’s ihm gesagt. Jahrtausendhand und Krevetten. Verdammich.« Die größere Gestalt zögerte kurz, griff dann in die Hosentasche, holte eine Wurst hervor und zerbrach sie in zwei Hälften. Eine Hälfte ver- schwand unterm Hut, die andere wurde der kleineren Gestalt zugewor-, fen, die den größten Teil des Sprechens erledigte. Besser gesagt: Die meisten Worte, die einen Sinn ergaben, kamen von ihr. »Sieht mir ganz nach einem Verbrechen aus«, sagte die kleinere Ges- talt, die vier Beine hatte. Die Wurst wurde in aller Stille verspeist. Dann wanderte das Paar wei- ter durch die Nacht. So wie eine Taube nicht gehen kann, ohne mit dem Kopf zu wippen, schien die größere Gestalt unfähig zu sein, ohne beständiges Murmeln einen Fuß vor den anderen zu setzen. »Ich hab’s ihnen gesagt. Ich hab’s ihnen gesagt. Jahrtausendhand und Krevetten. Ich hab’s gesagt, ich hab’s gesagt, ich hab’s gesagt. O nein. Aber sie liefen nur hinaus. Ich hab’s ihnen gesagt. Mistkerle. Türstufen. Gesagt hab ich’s ihnen, gesagt, gesagt. Zähne. Dingsbums und Alter. Gesagt hab ich’s ihnen, es ist nicht meine Schuld, Tatsache, Tatsache, ist doch ganz klar…« Das Gerücht erreichte die Ohren dieser Gestalt erst später, und zu dem Zeitpunkt war sie bereits Teil davon. Was Herrn Nadel und Herrn Tulpe betrifft… Derzeit genügt es, Fol- gendes über sie zu wissen: Sie gehören zu den Leuten, die einen »Freund« nennen, und solche Leute sind alles andere als freundlich. William öffnete die Augen. Ich bin erblindet, dachte er. Dann strich er die Decke beiseite. Eine halbe Sekunde später schlug der Schmerz zu. Es war ein stechender und sehr beharrlicher Schmerz, der seinen Ur- sprung direkt über den Augen hatte. Vorsichtig tastete er nach der ent- sprechenden Stelle und fühlte etwas, das eine Mulde im Fleisch oder gar im Knochen zu sein schien. William setzte sich auf. Er befand sich in einem Raum mit niedriger Decke. Schmutziger Schnee hatte sich an einem kleinen Fenster ange- sammelt. Abgesehen von dem Bett, das nur aus Matratze und Decke bestand, gab es in dem Raum keine Einrichtungsgegenstände., Dumpfes Donnern ließ das Gebäude erzittern. Staub rieselte von der Decke herab. William stand auf, presste sich die Hand an den Kopf und wankte zur Tür. Dahinter erstreckte sich ein größerer Raum, besser gesagt: eine Werkstatt. Das dumpfe Donnern ließ Williams Zähne klappern. Er versuchte, Einzelheiten zu erkennen. Der Raum war voller Zwerge, die an zwei langen Tischen arbeiteten. Auf der gegenüberliegenden Seite standen einige an einem Apparat, der nach einem komplexen Webstuhl aussah. Es donnerte erneut. William rieb sich den Kopf. »Was ist passiert?«, fragte er. Der am nächsten stehende Zwerg sah zu ihm auf und stieß einen Kollegen an. Der Stups wurde am Tisch entlang weitergegeben, und es dauerte nicht lange, bis im Raum vorsichtige Stille herrschte. Mehr als zehn Zwerge richteten intensive Blicke auf William. Niemand kann intensiver blicken als ein Zwerg; vielleicht weil es nur wenig Gesicht zwischen dem obligatorischen Eisenhelm und dem Bart gibt. Bei einem Zwerg ist der Gesichtsausdruck konzentrierter. »Äh«, sagte William. »Hallo?« Einer der Zwerge vor der großen Maschine bewegte sich als Erster. »Setzt die Arbeit fort, Jungs«, sagte er, trat näher und richtete einen strengen Blick auf Williams Unterleib. »Ist alles in Ordnung mit dir, Euer Lordschaft?« William schnitt eine Grimasse. »Äh… was ist passiert?«, fragte er. »Ich erinnere mich, dass ich einen Karren gesehen habe und dann traf mich etwas…« »Das Ding ist fortgerollt«, sagte der Zwerg. »Und die Ladung geriet ins Rutschen. Tut mir Leid.« »Was ist mit Herrn Schnapper?« Der Zwerg neigte den Kopf zur Seite. »Meinst du den dürren Mann mit den Würstchen?« »Ja. Wurde er verletzt?«, »Ich glaube nicht«, erwiderte der Zwerg nach kurzem Zögern. »Eins steht fest: Er hat dem jungen Donneraxt ein heißes Würstchen ver- kauft.« William dachte darüber nach. In Ankh-Morpork gab es viele Fallen für einen unachtsamen Neuankömmling. »Nun, ist mit Herrn Donneraxt alles in Ordnung?«, fragte er. »Wahrscheinlich. Eben gerade rief er unter der Tür durch, dass er sich viel besser fühlt, aber noch einige Zeit auf dem Abort bleiben möchte.« Der Zwerg griff unter den Tisch und reichte William ein rechteckiges, in fleckiges Wachspapier gehülltes Objekt. »Das gehört dir, glaube ich.« William wickelte das Stück Buchsbaumholz aus. Ein Wagenrad war darüber hinweggerollt und hatte es splittern lassen. Darüber hinaus konnte man die Buchstaben kaum mehr als solche erkennen. William seufzte. »Entschuldige bitte«, sagte der Zwerg. »Was hat es mit diesem Ge- genstand auf sich?« »Er war für einen Holzschnitt vorbereitet«, antwortete William und fragte sich, wie er dieses Konzept einem Zwerg erklären sollte, der sich erst seit kurzer Zeit in der Stadt aufhielt. »Du weißt schon. Gravuren und so. Eine… fast magische Methode, um viele Kopien eines Schrift- stücks herzustellen. Ich fürchte, jetzt muss ich eine neue Vorlage anfer- tigen.« Der Zwerg bedachte ihn mit einem seltsamen Blick, nahm dann das Stück Buchsbaumholz und drehte es hin und her. »Weißt du«, sagte William, »der Graveur schneidet einen Teil des Hol- zes weg und…« »Hast du noch das Original?«, fragte der Zwerg. »Wie bitte?« »Das Original«, wiederholte der Zwerg geduldig. »Oh, ja.« William griff in die Innentasche seiner Jacke und holte es hervor. »Kann ich es mir kurz ausleihen?«, »Nun, meinetwegen, aber ich brauche es, um…« Der Zwerg überflog den Brief, drehte sich dann um und schlug auf den Helm des nächsten Zwergs. Es machte laut Boing. »Zehn Punkt, Durchschuss drei«, sagte er. Der andere Zwerg nickte. Seine rechte Hand huschte über ein Gestell mit kleinen Schachteln und wählte Dinge aus. »Ich sollte besser heimkehren, um…«, begann William. »Es wird nicht lange dauern«, sagte der oberste Zwerg. »Komm mit. Dies dürfte einen Literaten wie dich interessieren.« William folgte ihm an fleißigen Zwergen vorbei zu der Maschine, die immer wieder dumpf donnerte. »Oh«, sagte er fast enttäuscht. »Eine Gravurpresse.« »Diese Presse ist ein wenig anders«, erwiderte der Zwerg. »Wir haben sie… modifiziert.« Er nahm einen großen Bogen Papier von einem Stapel neben der Presse und reichte ihn William, der las:

GUNILLA GUTENHÜGEL & CO

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WORTSCHMIEDE

Eine Methode zur Herstellung vieler Abdrucke Wie man sie biser nicht kannte. Vernünftige Preise. Bei der Taverne ›Eimer‹, Ecke Schimmerstraße/Sirupminenstraße, Ankh-Morpork »Was hältst du davon?«, fragte der Zwerg schüchtern. »Bist du Gunilla Gutenhügel?« »Ja. Wie findest du es?« »Nuuun… ich muss sagen, die Buchstaben sind alle recht hübsch und regelmäßig«, meinte William. »Aber ich weiß nicht, was daran neu sein, soll. Und ›bisher‹ ist falsch geschrieben. Es fehlt ein ›h‹ nach dem ›s‹. Wenn die Leute nicht lachen sollen, müsst ihr alles noch einmal aus dem Holz schneiden.« »Glaubst du?«, fragte Gutenhügel. Er stieß einen seiner Mitarbeiter an. »Gib mir ein kleines h, sechsundneunzig Punkt. Herzlichen Dank, Caslong.« Gutenhügel beugte sich über die Presse, griff nach einem Schrauben- schlüssel und hantierte irgendwo in mechanischer Düsternis. »Für so saubere Buchstaben braucht man eine ruhige Hand«, sagte William. Er bedauerte ein wenig, auf den Fehler hingewiesen zu haben. Vermutlich hätte ihn niemand bemerkt. Die Bewohner von Ankh- Morpork hielten die Rechtschreibung für ein optionales Extra. Sie glaubten auf die gleiche Weise daran wie an die Zeichensetzung: Es spielte keine Rolle, wo man sie unterbrachte, solange sie nur da war. Der Zwerg beendete seine geheimnisvolle Aktivität, betupfte im In- nern des Apparates etwas mit einem Stempelkissen und richtete sich dann auf. »Das mit der Rechtschreibung…« Bumm »… ist bestimmt nicht so wichtig«, sagte William. Gutenhügel öffnete die Presse und reichte William einen feuchten Bogen Papier. Er las. Das zusätzliche ›h‹ befand sich genau an der richtigen Stelle. »Wie…?«, begann er. »Dies ist eine fast magische Methode, um schnell viele Kopien eines Schriftstücks herzustellen«, sagte Gutenhügel. Ein anderer Zwerg er- schien an seiner Seite und hielt ein großes Rechteck. Es enthielt viele verkehrt herum aufgereihte Buchstaben aus Metall. Gutenhügel nahm es entgegen, sah William an und lächelte. »Möchtest du noch irgendetwas verändern, bevor wir in Druck ge- hen?«, fragte er. »Es wäre kein Problem. Genügen dir zwei Dutzend Exemplare?«, »Meine Güte«, sagte William. »Dies ist Drucken, nicht wahr?« Der Eimer war eine Art Taverne. Dort war es nicht besonders voll. Seit dem Niedergang des Viertels verirrte sich kaum mehr jemand hierher. Nur wenige Geschäfte säumten die Straße, dafür um so mehr Hinterhö- fe und Lagerhäuser. Niemand erinnerte sich daran, warum die Straße »Schimmerstraße« hieß – sie hatte nichts Glänzendes. Die Idee, eine Taverne ausgerechnet »Eimer« zu nennen, stand wohl kaum auf der Liste besonders guter Marketing-Entscheidungen. Eigen- tümer und Wirt war Herr Käse, ein hagerer, ausgetrocknet wirkender Bursche, der nur dann lächelte, wenn er von besonders scheußlichen Mordfällen hörte. Früher hatte er immer zu knapp ausgeschenkt und als Ausgleich dafür zu wenig Wechselgeld gegeben. Doch inzwischen war der Eimer zur inoffiziellen Stammkneipe der Stadtwache geworden. Polizisten trinken am liebsten dort, wo sie ungestört sind und nicht daran erinnert werden, dass sie Polizisten sind. Daraus ergaben sich gewisse Vorteile. Selbst lizensierte Diebe ver- zichteten darauf, den Eimer auszurauben. Polizisten wollten ihre Ruhe haben, wenn sie tranken. Andererseits kannte Herr Käse keinen größe- ren Haufen von Kriminellen als jene Leute, die sich ihm in den Uni- formen von Wächtern präsentierten. Schon während des ersten Monats sah er mehr falsche Dollar und sonderbare fremde Währungen als in den zehn Jahren zuvor. So etwas konnte sehr deprimierend sein. Aber einige Mordbeschreibungen waren sehr lustig. Einen Teil seines Lebensunterhalts verdiente er mit der Vermietung einiger alter Schuppen und Keller, die an seine Taverne grenzten. Für recht kurze Zeit konnte man dort die Art von begeisterten Produzenten antreffen, die glaubte, mit der Herstellung aufblasbarer Dartscheiben viel Geld verdienen zu können. Jetzt hatten sich erstaunlich viele Leute vor dem Eimer eingefunden und lasen ein Plakat, das Gutenhügel an die Tür geheftet hatte – noch mit dem Schreibfehler. Der Zwerg folgte William nach draußen und ersetzte das Plakat durch die korrigierte Version., »Das mit deinem Kopf tut mir Leid«, sagte er. »Offenbar haben wir einen ziemlichen Eindruck bei dir hinterlassen. Dafür bekommst du das hier gratis.« William schlich nach Hause und hielt sich dabei in den Schatten, um eine Begegnung mit Herrn Kratzgut zu vermeiden. Er schob die ge- druckten Briefe in ihre Umschläge, brachte sie zum Mittwärtigen Tor und gab sie dort den Boten, einige Tage früher als sonst. Die bedachten ihn mit sehr sonderbaren Blicken. Er kehrte zu seiner Unterkunft zurück und betrachtete sich dort im Spiegel über dem Waschbecken. Ein R, gedruckt in den Farben eines Blutergusses, beanspruchte einen großen Teil seiner Stirn. Er versteckte es hinter einem Verband. Ihm blieben noch achtzehn Exemplare seines Nachrichtenbriefes. Er überlegte und kam sich recht wagemutig vor, als er in seinen Unterlagen nach den Adressen von achtzehn prominenten Bürgern suchte, die es sich leisten konnten, für Nachrichten zu bezahlen. In einem kurzen Begleitbrief bot er seine Dienste an, und zwar für… Er dachte gründ- lich darüber nach und schrieb dann sorgfältig »5 $«. Anschließend falte- te er die achtzehn Blätter und steckte sie in achtzehn Umschläge. Na- türlich konnte er Herrn Kratzgut bitten, weitere Kopien anzufertigen, aber so etwas hatte er nie für richtig gehalten. Der alte Knabe verbrachte den ganzen Tag damit, die Worte aus dem Holz zu schnitzen, und es gehörte sich einfach nicht, seine Kunst mit der Bitte zu beflecken, Dut- zende von Duplikaten anzufertigen. Das hielt William für respektlos. Aber Metallklumpen und Maschinen brauchte man nicht zu respektie- ren. Maschinen lebten nicht. Genau an dieser Stelle begannen die Probleme. Und es würde Prob- leme geben. Erstaunlicherweise waren die Zwerge völlig unbekümmert geblieben, als William sie darauf hingewiesen hatte, wie viel Ärger fol- gen konnte. Die Kutsche erreichte ein großes Haus in der Stadt. Eine Tür wurde geöffnet. Eine Tür wurde geschlossen. Es klopfte an einer anderen Tür,, die ebenfalls geöffnet und wieder geschlossen wurde. Die Kutsche roll- te fort. In einem Zimmer im Erdgeschoss waren die Vorhänge zugezogen, sodass kaum mehr Licht durch die Fenster nach draußen drang. Es ertönten auch kaum Geräusche, doch ein aufmerksamer Lauscher hätte jetzt gehört, wie das Murmeln einer leisen Konversation verklang. We- nige Sekunden später wurde ein Stuhl umgestoßen, und dann riefen mehrere Stimmen gleichzeitig. »Das ist er!« »Es ist ein Trick… nicht wahr?« »Mich trifft der Schlag!« »Uns alle wird der Schlag treffen, wenn er es wirklich ist!« Es kehrte wieder Ruhe ein, und kurze Zeit später begann jemand zu sprechen. »Gut. Gut. Bringt ihn fort, meine Herren. Sorgt dafür, dass er es im Keller gemütlich hat.« Schritte. Eine Tür wurde geöffnet und geschlossen. Eine nörgelnde Stimme sagte: »Wir könnten ihn einfach ersetzen…« »Nein, das können wir nicht. Unser Gast ist glücklicherweise nicht mit viel Intelligenz gesegnet.« Die Stimme des ersten Sprechers zeichnete sich durch eine besondere Qualität aus. Sie klang so, als sei es nicht nur undenkbar, sondern geradezu unmöglich, eine andere Auffassung zu vertreten. Sie war an die Gesellschaft von Zuhörern gewöhnt. »Aber er ist ihm zum Verwechseln ähnlich…« »Ja. Bemerkenswert, nicht wahr? Nun, wir sollten vermeiden, dass al- les noch komplizierter wird. Wir sind eine Leibwache der Lügen, meine Herren. Nur wir stehen zwischen der Stadt und der Vergessenheit, des- halb müssen wir diese Chance nutzen. Vetinari mag bereit sein, die Menschen in dieser Stadt zu einer Minderheit werden zu lassen, aber um ganz ehrlich zu sein: Es wäre… bedauerlich, wenn er einem Mord- anschlag zum Opfer fiele. Chaos würde seinem Tod folgen, und Chaos lässt sich nur schwer steuern. Außerdem wissen wir, dass es Leute gibt, die sich für gewisse Dinge interessieren. Nein. Es gibt einen dritten Weg. Ein langsames Dahingleiten vom einen Zustand in den anderen.«, »Und was wird mit unserem neuen Freund geschehen?« »Oh, unsere Angestellten sind sehr einfallsreich. Sie wissen sicher, wie man mit jemandem verfährt, dessen Gesicht nicht mehr gebraucht wird.« Gelächter folgte diesen Worten. Die Atmosphäre in der Unsichtbaren Universität war ein wenig ge- spannt. Die Zauberer eilten von Gebäude zu Gebäude, blickten dabei immer wieder zum Himmel empor. Das Problem waren die Frösche. Nicht etwa die Froschregen, die Ankh-Morpork nicht mehr so häufig heimsuchten, sondern ganz spe- zielle Baumfrösche aus den Regenwäldern von Klatsch. Die kleinen, bunten, fröhlichen Geschöpfe sonderten eins der scheußlichsten Gifte auf der ganzen Scheibenwelt ab. Deshalb kümmerten sich Studenten im ersten Semester um das Vivarium, in dem die Frösche glücklich ihre Tage verbrachten – so wurde nicht zu viel Bildung vergeudet, wenn etwas schief ging. Hin und wieder nahm man einen Frosch aus dem Vivarium und setz- te ihn in ein kleines Glas, wo er für kurze Zeit zu einem sehr glückli- chen Frosch wurde, um dann einzuschlafen und im großen Himmels- dschungel zu erwachen. Auf diese Weise gewann man eine Substanz, die man zu Tabletten verarbeitete. Und diese Tabletten bekam der Quästor, um seine geistige Gesundheit zu erhalten. Besser gesagt: Sie sorgten dafür, dass er schein- bar zurechnungsfähig blieb, denn nichts war so einfach in der guten alten Unsichtbaren Universität. Der Quästor hatte den Verstand unwie- derbringlich verloren und halluzinierte praktisch die ganze Zeit über, doch in einem erstaunlichen Anflug von lateralem Denken hatten sich die anderen Zauberer Folgendes überlegt: Das Problem konnte aus der Welt geschafft werden, wenn sie ihn irgendwie dazu brachten, dass er sich einbildete, geistig völlig gesund zu sein.* * Das ist eine weit verbreitete Halluzination bei vielen Personen., Im Großen und Ganzen funktionierte es gut, von einigen Anfangs- schwierigkeiten abgesehen – so hatte sich der Quästor einmal stunden- lang eingebildet, ein Bücherschrank zu sein. Inzwischen hielt er sich permanent für einen Quästor, und es gab nur eine unangenehme Ne- benwirkung: Er war auch davon überzeugt, fliegen zu können. Viele Leute im Universum haben törichterweise geglaubt, die Gravita- tion einfach ignorieren zu können, vor allem nach der Einnahme des lokalen Äquivalents von getrockneten Froschpillen. Dies führte dazu, dass die elementare Physik zusätzliche Arbeit leisten musste und es unten auf der Straße zu einem Verkehrsstau kam. Wenn sich ein Zaube- rer einbildet, fliegen zu können, sieht die Sache ein wenig anders aus. »Quäästor! Komm sofort runter!«, rief Erzkanzler Mustrum Ridcully durch ein Megaphon. »Du weißt doch, dass du nicht bis über die Mau- ern aufsteigen sollst!« Der Quästor schwebte dem Rasen entgegen. »Du wolltest mich spre- chen, Erzkanzler?« Ridcully winkte mit einem Blatt Papier. »Neulich hast du mich darauf hingewiesen, dass wir einen Haufen Geld für die Graveure ausgeben«, donnerte er. Der Quästor brachte seinen Verstand auf annähernd die richtige Ge- schwindigkeit. »Habe ich das?«, erwiderte er. »Du hast in diesem Zusammenhang von einer starken Belastung un- seres Budgets gesprochen. Ich erinnere mich genau daran.« Im mentalen Getriebe des Quästors griffen einige Zahnräder ineinan- der. »Oh. Ja. Ja. Stimmt«, sagte er. Ein weiteres Zahnrad drehte sich. »Es kostet uns jedes Jahr ein Vermögen. Die Graveursgilde…« »Der Bursche hier behauptet…« Der Erzkanzler sah auf das Papier. »Angeblich ist er imstande, zehn Kopien von jeweils tausend Worten für einen Dollar zu liefern. Ist das billig?« »Ich glaube, äh, da muss jemand falsch geschnitzt haben, Erzkanzler«, sagte der Quästor und fand schließlich zu dem ruhigen, beschwichti- genden Tonfall, der sich besonders gut für Gespräche mit Ridcully eig- nete. »Das Geld würde nicht einmal für das nötige Buchsbaumholz ausreichen.«, »Hier steht…« Papier knisterte. »Bis zu einer Größe von zehn Punkt«, sagte Ridcully. Der Quästor verlor die Kontrolle über sich. »Lächerlich!« »Was?« »Entschuldige bitte, Erzkanzler. Ich meine, das kann unmöglich stimmen. Selbst wenn jemand so gute Schnitzarbeit leisten könnte… Das Holz würde nach einigen wenigen Abdrucken zerbröckeln.« »Du kennst dich mit solchen Dingen aus, wie?« »Nun, mein Großonkel war Graveur, Erzkanzler. Und die Druck- rechnung gehört zu unseren wichtigsten Kostenpunkten. Nicht ohne gewissen Stolz möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es mir mit großem Verhandlungsgeschick gelungen ist, bei der Gilde einen Sonderrabatt durchzusetzen…« »Sie lädt dich zu ihrer jährlichen Schlemmerei ein.« »Nun, als ein wichtiger Kunde wird die Universität zum offiziellen Essen der Gilde eingeladen, und da ich für diese Sache zuständig bin, nehme ich meine Verantwortung wahr und…« »Fünfzehn Gänge, wie ich hörte.« »… und außerdem besteht unsere Politik darin, freundschaftliche Be- ziehungen zu den Gilden zu unterhalten…« »Nüsse und Kaffee nicht eingeschlossen.« Der Quästor zögerte. Der Erzkanzler neigte dazu, sture Dummheit mit Besorgnis erregendem Scharfsinn zu vereinen. »Das Problem, Erzkanzler«, sagte er langsam, »besteht darin, dass wir immer sehr gegen die Verwendung von Drucktypen für magische Zwe- cke waren, weil…« »Ja, ja, darüber weiß ich Bescheid«, brummte Ridcully. »Aber es gibt da noch den anderen Kram, der jeden Tag mehr wird. Formulare und Dia- gramme und was weiß ich. Nun, ich habe mir immer ein papierloses Büro gewünscht…« »Ja, Erzkanzler, deshalb versteckst du den ganzen Kram in Schränken und wirfst ihn nachts aus dem Fenster.«, »Sauberer Schreibtisch, klarer Verstand«, sagte der Erzkanzler. Er drückte das Werbeblatt dem Quästor in die Hand. »Geh einfach mal hin und stell fest, ob wirklich etwas daran ist. Und ich meine gehen, nicht fliegen.« Am nächsten Tag gab William seiner Neugier nach und kehrte zu den Schuppen hinterm Eimer zurück. Er hatte nichts zu tun, abgesehen von allem anderen, und es gefiel ihm nicht, untätig zu sein. Es heißt, es gebe zwei Kategorien von Leuten auf der Welt. Wenn man den einen ein Glas zeigt, das genau halb voll ist, so sagen sie: Die- ses Glas ist halb voll. Die anderen hingegen meinen, das Glas sei halb leer. Allerdings gehört die Welt jenen, die das Glas ansehen und sagen: »Was ist mit diesem Glas? Entschuldigung! Dies ist mein Glas? Nein, das glau- be ich nicht. Mein Glas war voll! Und es war größer!« Und am anderen Ende der Bar ist die Welt voller Leute, die ein zer- brochenes Glas haben, oder deren Glas achtlos umgestoßen wurde (meistens von Personen, die ein größeres Glas verlangen), oder die ü- berhaupt kein Glas haben, weil sie ganz hinten stehen und noch nicht die Aufmerksamkeit des Wirts erringen konnten. William war einer der Glaslosen. Obwohl er zu einer Familie zählte, die nicht nur über ein großes Glas verfügte, sondern sich auch noch Personen leisten konnte, die diskret mit Flaschen in der Nähe standen und das Glas immer wieder auffüllten. Es war eine selbst auferlegte Glaslosigkeit, die schon recht früh be- gonnen hatte, damals, als man ihn zur Schule fortschickte. Williams älterer Bruder war zur Assassinenschule in Ankh-Morpork gegangen – sie galt als die beste auf der ganzen Welt für die Volles- Glas-Klasse. Als weniger wichtiger Sohn wurde William nach Hug- gelstein geschickt, einem so trostlosen und spartanischen Internat, dass nur die Obergläser auf den Gedanken kamen, ihre Söhne dorthin zu schicken. Huggelstein war ein Granitgebäude in einem regennassen Moor, und sein ausdrücklicher Zweck bestand darin, Jungen zu Männern zu ma-, chen. Bei der Methode, nach Williams Erinnerungen bestand sie vor allem aus sehr einfachen und gewaltsamen Spielen im gesunden Schneeregen, gab es eine gewisse Verlustquote. Die Kleinen, Langsa- men, Dicken und einfach nur Unbeliebten wurden niedergemäht, wie von der Natur geplant. Doch die natürliche Auslese geschah auf unter- schiedliche Weise, und William stellte fest, dass er über ein bemerkens- wertes Überlebenspotential verfügte. Auf den Sportplätzen von Hug- gelstein konnte man gut überleben, indem man sehr schnell lief, laut rief und auf unerklärliche Weise immer weit vom Ball entfernt war. Seltsamerweise kam er dadurch bald in den Ruf, eifrig zu sein, und Ei- fer wusste man in Huggelstein sehr zu schätzen, wenn auch nur des- halb, weil tatsächliche Leistung so selten war. Die Lehrer von Hug- gelstein glaubten, eine ausreichende Menge von Eifer könnte weniger wichtige Attribute wie Intelligenz, Weitblick und Ausbildung ersetzen. Echten Eifer hatte William bei allen Dingen gezeigt, die Worte betra- fen. In Huggelstein bedeutete das nicht viel, denn von den meisten Schulabgängern wurde in dieser Hinsicht kaum mehr erwartet, als dass sie mit ihrem Namen unterschreiben konnten (eine Fertigkeit, die fast alle Schüler innerhalb von drei oder vier Jahren erlernten). William ver- brachte lange, friedliche Vormittage, indem er alles las, was ihm interes- sant erschien, während um ihn herum die massigen Stürmer der ersten Reihe (die eines Tages maßgeblich über die Geschicke des Landes ent- scheiden würden) lernten, Stifte oder Federkiele in den Händen zu hal- ten, ohne sie zu zerbrechen. William verließ Huggelstein mit einem guten Zeugnis, was oft der Fall ist bei Schülern, an die sich die Lehrer kaum erinnern. Anschließend fragte sich sein Vater, was er mit ihm anstellen sollte. Er war der jüngere Sohn, und nach der Familientradition wurden jün- gere Söhne in irgendeine Kirche geschickt, wo sie keinen physischen Schaden anrichten konnten. Aber das viele Lesen hatte Spuren hinter- lassen. William hielt Gebete inzwischen für eine verfeinerte Methode, mit Gewittern zu reden. Eine Arbeit bei der Landverwaltung schien durchaus akzeptabel zu sein, doch Williams Ansicht nach kam das Land auch gut allein zurecht., Er mochte die freie Natur, solange sie sich auf der anderen Seite eines Fensters erstreckte. Eine militärische Laufbahn kam kaum in Frage. Alles in William sträubte sich dagegen, fremde Leute zu töten. Es bereitete ihm Freude, zu lesen und zu schreiben. Worte gefielen ihm. Worte schrien nicht und verursachten auch keine anderen lauten Geräusche, wie der Rest der Familie. Sie verlangten nicht, dass man sich draußen in der Kälte schmutzig machte. Sie jagten auch keine harmlo- sen Tiere. Sie fügten sich seinem Willen, gehorchten ihm. Er wollte schreiben, hatte er damals gesagt. Sein Vater war regelrecht explodiert. In seiner persönlichen Welt be- kleidete ein Schriftgelehrter nur einen geringfügig höheren Platz als ein Lehrer. Bei allen Göttern, sie ritten nicht einmal auf einem Pferd! Es gab eine Auseinandersetzung. Mit dem Ergebnis, dass William nach Ankh-Morpork reiste, dem üb- lichen Bestimmungsort für alle Ziellosen. Dort bestritt er mit Worten seinen Lebensunterhalt, auf eine ruhige Art und Weise. Er glaubte, es besser zu haben als sein Bruder Rupert, der groß und gutmütig war und sich ohne das Hindernis seiner Geburt bestens für Huggelstein geeignet hätte. Und dann kam es zum Krieg gegen Klatsch. Es war ein unwichtiger Krieg, der zu Ende ging, bevor er richtig ange- fangen hatte. Doch zu den Ereignissen während der wenigen verflixten Tage des Durcheinanders gehörte der Tod von Rupert de Worde. Er war für seine Überzeugungen gestorben, unter anderem für den sehr huggelsteinianischen Glauben, dass Mut eine Rüstung ersetzen konnte, und dass Klatschianer wegliefen, wenn man laut genug schrie. Bei ihrer letzten Begegnung hatte Williams Vater von den stolzen und ehrenwerten Traditionen der de Wordes gesprochen. Sie betrafen vor allem einen unangenehmen Tod, meistens den von Fremden; doch Wil- liam gewann den Eindruck, dass es die de Wordes immer für einen gu- ten zweiten Preis gehalten hatten, selbst zu sterben. Ein de Worde stand immer in vorderster Front, wenn es darum ging, die Stadt zu ver- teidigen. Dafür existierten sie. Lautete das Familienmotto nicht Le Mot Juste? Das richtige Wort am richtigen Platz, meinte Lord de Worde. Er, konnte einfach nicht verstehen, warum William diese wundervolle Tra- dition ablehnte. Schließlich fand er die für Leute wie ihn typische Lö- sung des Problems: Er ignorierte es einfach. Frostige Stille hatte sich inzwischen auf die de Wordes herabgesenkt. Im Vergleich dazu wirkte Winterkälte wie eine Sauna. In einer solchen Stimmung konnte es sehr aufmunternd wirken, den Druckraum zu betreten und dort den Quästor anzutreffen, der die Theorie der Worte mit Gutenhügel diskutierte. »Einen Augenblick, einen Augenblick«, sagte der Quästor. »Ja, in der Tat, im übertragenen Sinne bestehen Worte aus einzelnen Buchstaben, aber sie haben nur eine…« Er winkte würdevoll mit seinen langen Fin- gern. »… theoretische Existenz, wenn ich es so ausdrücken darf. Sie sind Worte partis in potentia, und ich fürchte, es ist außerordentlich naiv an- zunehmen, sie hätten eine echte Existenz unis et separato. In der Tat, allein die Vorstellung von Buchstaben mit einer eigenen physischen Existenz ist in philosophischer Hinsicht sehr beunruhigend. Es wäre in der Tat so, als würden Nasen und Finger ganz allein in der Welt umher- laufen…« Dreimal »in der Tat«, dachte William, der solche Dinge bemerkte. Wenn jemand in wenigen Sätzen dreimal den Ausdruck »in der Tat« verwendete, so war das ein sicheres Zeichen dafür, dass eine innere Feder zu brechen drohte. »Wir haben ganze Kästen voller Buchstaben«, erwiderte Gutenhügel kategorisch. »Wir können jedes beliebige Wort formen.« »Genau da liegt das Problem«, sagte der Quästor. »Angenommen, das Metall erinnert sich an die Worte, die es gedruckt hat? Graveure schmelzen wenigstens ihre Platten ein, und der reinigende Effekt des Feuers…« »Entschuldige bitte, Hochwürden«, sagte Gutenhügel. Einer der Zwerge hatte auf seine Schulter geklopft und reichte ihm ein Blatt Pa- pier. Er nahm es entgegen und gab es dem Quästor. »Der junge Caslong meint, du möchtest das hier vielleicht als Souve- nir«, sagte er. »Er hat alles auf den Stein gesetzt, während du gespro- chen hast. Er ist ziemlich flink.«, Der Quästor versuchte, den jungen Zwerg streng von Kopf bis Fuß zu mustern. Doch diese Einschüchterungstaktik funktionierte nicht besonders gut, da zwischen Kopf und Fuß nur wenig war, das man streng mustern konnte. »Im Ernst?«, fragte er. »Wie interessant…« Er warf einen Blick auf das Papier. Und riss die Augen auf. »Aber das sind…«, brachte der Quästor hervor. »Als ich sagte… Ich habe doch nur gesagt… Woher wusstest du, was ich sagen würde… Ich meine, es sind genau die richtigen Worte!« »Natürlich sind sie nicht richtig justiert«, sagte Gutenhügel. »He, was soll das denn heißen?«, empörte sich der Quästor. William wandte sich von ihnen ab. Das mit dem Stein erschien ihm nicht weiter seltsam – selbst die Graveure benutzten einen großen fla- chen Stein als Werkbank. Und er hatte gesehen, wie die Zwerge Papier- bögen von den metallenen Buchstaben zogen, also ergab auch das einen Sinn. Im Gegensatz zu den Worten des Quästors. Metall hatte gewiss keine Seele. Er blickte über den Kopf eines Zwergs, der Drucktypen in einer me- tallenen Tragmulde sammelte. Die kleinen, dicken Finger huschten zwi- schen der Mulde und dem großen Kasten vor dem Zwerg hin und her. Oben enthielt das Gestell Großbuchstaben, die kleinen befanden sich darunter. Man konnte eine Vorstellung davon bekommen, wie der Text lauten sollte, wenn man die Bewegungen der Hände beobachtete. »V-e-r-d-i-e-n-e-v-i-e-l-G-e-l-d-i-n-d-e-i-n-e-r-f-r-e-i-i-g-e-n-Z-e-i- t…«, murmelte er. Eine Gewissheit formte sich. William betrachtete die schmutzigen Zettel neben dem Kasten. Sie zeigten eine gedrängt wirkende, steile Handschrift, die auf eine a- nal-retentive Person hinwies, mit der Tendenz, den Stift verkrampft in der Hand zu halten. Offenbar witterte Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper wieder ein großes Geschäft., William dachte gar nicht bewusst darüber nach, als er sein Notizbuch hervorholte, die Spitze des Stifts befeuchtete und in seiner ganz persön- lichen Kurzschrift notierte: »Es kam zu erst. Sz. im Zsh. M. d. Einr. einer Druckmaschine b. d. Tav. Eimer, Inh. G. Gutenhügel, Zwg. überall ist gr. Int. gew. Auch b. d. Wirtsch.« Er zögerte. Das Gespräch am anderen Ende des Raums klang jetzt versöhnlicher. »Wie viel tausend?«, fragte der Quästor. »Bei größeren Aufträgen wäre ein Mengenrabatt möglich«, sagte Gu- tenhügel. »Auch wenige Drucksachen sind kein Problem.« Im Gesicht des Quästors lag jener warme Glanz, den man bei Leuten beobachten kann, die mit Zahlen zu tun haben und sich vorstellen, wie eine unangenehm große Zahl in naher Zukunft schrumpft. Unter sol- chen Umständen hat Philosophie kaum eine Chance. Der sichtbare Teil von Gutenhügels Gesicht offenbarte die Zufriedenheit eines Zwergs, der herausgefunden hat, wie man Blei in noch mehr Gold verwandelt. »Nun, ein so wichtiger Vertrag muss natürlich vom Erzkanzler unter- zeichnet werden«, sagte der Quästor. »Aber ich versichere dir, dass er immer sehr aufmerksam auf das hört, was ich ihm sage.« »Zweifellos, Euer Lordschaft«, erwiderte Gutenhügel fröhlich. »Äh, da fällt mir ein…«, sagte der Quästor. »Gibt es bei euch auch ein Jahresessen?« »Oh, ja, natürlich«, meinte der Zwerg. »Wann findet es statt?« »Wann soll es stattfinden?« William schrieb: »Offenb. stehen gr. Gesch. mit einem gew. Bildungs- institut unm. bev.« Und weil er sehr ehrlich war, fügte er hinzu: »So h. ich geh.« Nun, es lief alles bestens. Einen wichtigen Brief hatte er bereits ver- schickt, und es gab bereits Notizen für einen zweiten – den seine Kun- den allerdings erst im nächsten Monat erwarteten. William ahnte, dass bis dahin niemand mehr echtes Interesse an dieser Sache hatte. Anderer-, seits… Wenn er diese Angelegenheit unerwähnt ließ, würde sich be- stimmt jemand beschweren. Ganz deutlich erinnerte er sich an die Scherereien wegen des Hunderegens in der Sirupminenstraße im ver- gangenen Jahr, und der hatte nicht einmal stattgefunden. Aber selbst wenn er die Zwerge bat, besonders große Buchstaben zu wählen: Eine Nachricht allein genügte nicht. Mist. Er musste ein bisschen herumstöbern und weitere interessante Dinge finden. Einer plötzlichen Eingebung folgend, ging er zum Quästor. »Entschuldige bitte«, sagte er. Der vergnügte Quästor wölbte gut gelaunt eine Braue. »Hmm?«, erwiderte er. »Mr. de Worde, nicht wahr?« »Ja, Herr. Ich…« »Ich fürchte, das Schreiben in der Universität erledigen wir selbst«, sagte der Quästor. »Äh, ich wollte dich nur fragen, was du von Herrn Gutenhügels neuer Druckmaschine hältst, Herr«, erklärte William. »Warum willst du mich das fragen?« »Äh… weil ich es wissen möchte. Und ich möchte es für die Leser meiner Nachrichtenbriefe aufschreiben. Du weißt schon. Die Meinung eines wichtigen Repräsentanten von Ankh-Morporks thaumaturgischer Institution.« »Oh?« Der Quästor zögerte. »Meinst du die Briefe, die du der Herzo- gin von Quirm, dem Herzog von Sto Helit und ähnlichen Leuten schickst?« »Ja, Herr«, sagte William. Zauberer waren unglaubliche Snobs. »Äh. Nun, wenn das so ist… Du kannst mich mit folgenden Worten zitieren. Es… ist ein Schritt in die richtige Richtung. Hier beginnt eine Entwicklung, die von allen fortschrittlich denkenden Leuten begrüßt wird und die Stadt schreiend und heulend ins Jahrhundert des Flug- hunds zerren wird.« Mit großer Aufmerksamkeit beobachtete der Quästor, wie William alles aufschrieb. »Und mein Name lautet A. A., Dinwiddie, Dr. M. (Z), Dr. Thau. B. Okk. M. Koll. B. E. Dinwiddie mit einem o.« »Ja, Dr. Dinwiddie. Äh… das Jahrhundert des Flughunds ist fast vor- über, Herr. Soll es heißen, dass die Stadt schreiend und heulend aus dem Jahrhundert des Flughunds gezerrt wird?« »In der Tat.« William schrieb es auf und fragte sich dabei, warum die Dinge immer schrien und heulten, wenn man sie irgendwohin zerrte. Niemand schien bereit zu sein, sie sanft fortzuführen. »Natürlich wirst du mir eine Kopie schicken, wenn der Nachrichten- brief fertig ist«, sagte der Quästor. »Ja, Dr. Dinwiddie.« »Und wenn du noch etwas wissen möchtest, wann auch immer… zö- gere nicht zu fragen.« »Danke, Herr. Nun, ich dachte immer, die Universität sei gegen die Verwendung von Drucktypen.« »Oh, ich finde, wir sollten uns den aufregenden Herausforderungen stellen, die uns das Jahrhundert des Flughunds beschert«, sagte der Quästor. »Äh… du sprichst von dem Jahrhundert, das bald zu Ende geht.« »Dann wird es höchste Zeit, dass wir uns seinen Herausforderungen stellen.« »Guter Hinweis, Herr.« »Und jetzt muss ich flugs zur Universität zurück«, sagte der Quästor. »Allerdings darf ich nicht fliegen.« Lord Vetinari, der Patrizier von Ankh-Morpork, stocherte im Tinten- fass. Es enthielt auch ein wenig Eis. »Hast du hier nicht einmal ein anständiges Feuer?«, fragte Hughnon Ridcully, Hohepriester des Blinden Io und inoffizieller Sprecher des religiösen Establishments der Stadt. »Ich meine, ich halte nichts von stickigen Zimmern, aber hier drin ist es lausig kalt!«, »Es dürfte ein wenig frisch sein, ja«, erwiderte Lord Vetinari. »Wie seltsam: Das Eis ist nicht so dunkel wie die flüssige Tinte. Woran liegt das?« »Vermutlich an der Wissenschaft«, sagte Hughnon gleichgültig. Wie sein Zaubererbruder Mustrum hielt er sich nicht gern mit Fragen auf, die ihm dumm erschienen. Sowohl Götter als auch Magie erforderten solide, vernünftige Männer, und was ihre Solidität betraf, konnte man die Gebrüder Ridcully mit Felsen vergleichen. In mancher Hinsicht waren sie auch ebenso vernünftig. »Nun, wie dem auch sei… Was hast du eben gesagt?« »Du musst dieser Sache ein Ende bereiten, Havelock. Du kennst ja die… Übereinkunft.« Vetinari schien von dem Tintenfass fasziniert zu sein. »Ich ›muss‹, Hochwürden?«, fragte er ruhig, ohne aufzusehen. »Du weißt doch, warum wir gegen Drucktypen sind!« »Erinnere mich noch einmal daran… Sieh nur, es wippt auf und ab…« Hughnon seufzte. »Worte sind zu wichtig, um sie Maschinen zu über- lassen. Gegen das Gravieren haben wir nichts, das weißt du ja. Wir er- heben keine Einwände gegen Worte, die richtig festgenagelt werden. Aber Worte, die man auseinander nehmen kann, um aus ihren Einzel- teilen neue Worte zu formen… So etwas ist gefährlich. Ich dachte, du wärst ebenfalls dagegen.« »Im Großen und Ganzen, ja«, sagte der Patrizier. »Aber ich regiere diese Stadt jetzt seit vielen Jahren, Hochwürden, und daher weiß ich, dass man einen Vulkan nicht bremsen kann. Manchmal ist es besser, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Für gewöhnlich kehrt nach einer Wei- le wieder Ruhe ein.« »Du hast nicht immer eine so lockere Einstellung vertreten, Have- lock«, meinte Hughnon. Der Patrizier bedachte ihn mit einem langen kühlen Blick. »Flexibilität und Verständnis sind immer mein Motto gewesen«, sagte er. »Mein Gott, tatsächlich?«, »Ja. Jetzt möchte ich, dass du, Hochwürden, und dein Bruder Folgen- des auf eine flexible Weise versteht: Zwerge haben das neue Unterneh- men gegründet. Und weißt du, wo die größte Zwergenstadt liegt, Hochwürden?« »Was? Oh… mal sehen… Es gibt da einen Ort in…« »Ja, das sagen die meisten Leute. Aber die richtige Antwort lautet: Ankh-Morpork. Inzwischen leben hier mehr als fünfzigtausend Zwer- ge.« »Das muss ein Irrtum sein.« »Nein, es ist die Wahrheit. Derzeit unterhalten wir sehr gute Bezie- hungen zu den Zwergengemeinschaften in Kupferkopf und Überwald. Gegenüber den Zwergen ist Ankh-Morporks Hand der Freundschaft ständig ausgestreckt, und zwar ein wenig nach unten. Und angesichts des jüngsten Kälteeinbruchs sind bestimmt alle froh darüber, dass jeden Tag Frachtkähne mit Kohle und Lampenöl von den Zwergenminen kommen. Dir dürfte klar sein, worauf ich hinauswill, oder?« Hughnon sah zum Kamin. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit glühte dort ein einzelnes Kohlestück. »Außerdem lässt sich diese neue Art des Druckens kaum mehr igno- rieren«, fuhr der Patrizier fort. »Immerhin gibt es im Achatenen Reich große Druckereien, ebenso in Omnien, wie du sicher weißt. Und zwei- fellos bist du auch darüber informiert, dass die Omnianer ihr heiliges Buch Om in großer Zahl exportieren, von ihren vielen Broschüren ganz zu schweigen.« »Evangelikaler Unsinn«, kommentierte Hughnon. »Du hättest ihn schon vor einer ganzen Weile verbieten sollen.« Erneut folgte ein langer durchdringender Blick. »Eine Religion verbieten, Hochwürden?« »Nun, als ich von verbieten sprach, meinte ich…« »Ich bin sicher, dass mich niemand als Despot bezeichnen kann, Hochwürden«, sagte Lord Vetinari streng. Highnon Ridcully schätzte die Situation falsch ein und versuchte, die Stimmung zu verbessern. »Zumindest nicht zweimal, ahaha.«, »Wie bitte?« »Ich sagte… Zumindest nicht zweimal… ahaha.« »Entschuldige bitte, aber ich glaube, ich verstehe dich nicht ganz.« »Ich, äh, habe mir nur einen Scherz erlaubt, Have… Herr.« »Oh. Ja. Ahah«, sagte Vetinari, und die Worte zerfaserten in der Luft. »Nein, ich fürchte, den Omnianern steht es völlig frei, ihre guten Nach- richten über Om zu verbreiten. Aber sei guten Mutes! Bestimmt hast du auch eine frohe Botschaft, bezüglich Io.« »Was? Oh. Ja, natürlich. Im letzten Monat hat er sich erkältet, aber in- zwischen ist er wieder wohlauf.« »Prächtig. Das sind gute Neuigkeiten. Die Drucker wären sicher bereit, sie für dich zu verbreiten, und zwar genau so, wie du es dir wünschst.« »Und das sind deine Gründe, Herr?« »Glaubst du, ich hätte noch andere?«, erwiderte Lord Vetinari. »Meine Motive sind wie immer völlig transparent.« Hughnon dachte darüber nach. »Völlig transparent« bedeutete, dass man entweder geradewegs hindurchsehen oder sie überhaupt nicht er- kennen konnte. Der Patrizier blätterte in einigen Unterlagen. »Im letzten Jahr hat die Graveursgilde ihre Gebühren gleich dreimal erhöht.« »Oh, ich verstehe«, sagte Hughnon. »Eine Zivilisation basiert auf Worten, Hochwürden. Worte sind Zivili- sation. Und sie sollten nicht zu teuer sein. Die Welt dreht sich, Hoch- würden, und wir müssen uns mit ihr drehen.« Lord Vetinari lächelte. »Früher kämpften die Nationen wie grunzende Tiere in einem Sumpf gegeneinander. Die Stadt Ankh-Morpork beherrschte einen großen Teil jenes Sumpfes, weil sie die besseren Krallen hatte. Heutzutage nimmt Gold den Platz von Stahl ein, und der Ankh-Morpork-Dollar scheint die von allen bevorzugte Währung zu sein. Vielleicht sind morgen Wor- te die einzigen Waffen. Die meisten Worte, die schnellsten, die letzten. Blick aus dem Fenster und sag mir, was du siehst.« »Nebel«, sagte der Hohepriester., Vetinari seufzte. Manchmal hatte das Wetter kein Gespür für narrati- ve Zweckdienlichkeit. »Bei gutem Wetter«, sagte er scharf, »könntest du den großen Nachrich- tenturm auf der anderen Seite des Flusses sehen. Worte fliegen hin und her, erreichen uns von allen Ecken des Kontinents. Vor nicht allzu lan- ger Zeit nahm ein ganz gewöhnlicher Briefwechsel mit Gennua fast einen Monat in Anspruch. Heute kann ich schon am nächsten Tag mit einer Antwort rechnen. Gewisse Dinge werden leichter, aber auf eine andere Weise werden sie dadurch auch schwieriger. Wir müssen um- denken und mit der Zeit gehen. Hast du vom T-Commerce gehört?« »Mit dem kommerziellen Kram kenne ich mich aus. Die vielen Tee- sorten…« »Ich meine, heute kann man eine Nachricht nach Gennua schicken und ein Glas… Krabben bestellen, wenn man möchte. Ist das nicht erstaunlich?« »Sie wären ziemlich verdorben, wenn sie hier einträfen, Herr.« »Ja. Es war nur ein Beispiel. Aber stell dir eine Krabbe mal als An- sammlung von Informationen vor!« Es funkelte in den Augen des Pat- riziers. »Willst du andeuten, dass Krabben per Semaphor reisen könnten?«, fragte der Hohepriester. »Nun, vielleicht ließe es sich irgendwie bewerk- stelligen, sie von einem Turm zum nächsten zu werfen…« »Ich wollte darauf hinweisen, dass Informationen ebenfalls ge- und verkauft werden«, sagte Lord Vetinari. »Und dass Dinge, die früher als unmöglich galten, heute kaum mehr ein Problem darstellen. Könige und Lords kommen und gehen, hinterlassen nichts weiter als Statuen in der Wüste, während zwei junge Männer, die in einer Werkstatt basteln, die ganze Welt verändern.« Er trat zu einem Tisch, auf dem eine Karte der Scheibenwelt lag. Es handelte sich um eine Arbeitskarte, was bedeutete: Sie wurde oft zu Rate gezogen. Überall war sie mit Anmerkungen und Markierungen versehen. »Wir haben immer jenseits der Stadtmauern nach Eroberern Aus- schau gehalten«, sagte der Patrizier. »Wir haben immer geglaubt, die, Veränderungen kämen von außen, für gewöhnlich von Schwertern be- gleitet. Und dann sehen wir uns um und stellen fest, dass der Wandel im Kopf einer Person beginnt, die man auf der Straße kaum bemerken würde. Unter gewissen Umständen mag es nützlich sein, den betreffen- den Kopf zu entfernen, aber seit einiger Zeit gibt es immer mehr da- von.« Er deutete auf die Karte. »Vor tausend Jahren haben wir die Welt für eine Schüssel gehalten«, fuhr Lord Vetinari fort. »Vor fünfhundert Jahren wussten wir, dass sie eine Kugel ist. Heute hingegen wissen wir: Die Welt ist flach und rund und wird auf dem Rücken einer Schildkröte durchs All getragen.« Er drehte sich um und bedachte den Hohepriester mit einem weiteren Lächeln. »Fragst du dich nicht, welche Form sie morgen haben könn- te?« Doch eine Eigenschaft der Ridcullys bestand darin, einen Faden erst dann loszulassen, wenn das ganze Kleidungsstück aufgezogen war. »Außerdem haben sie kleine Zangen, damit würden sie sich bestimmt festhalten…« »Wer hat kleine Zangen?« »Die Krabben. Damit würden sie sich festhalten und…« »Du nimmst meine Ausführungen zu wörtlich, Hochwürden«, sagte Vetinari scharf. »Oh.« »Ich wollte nun Folgendes betonen: Wenn wir die Ereignisse nicht am Kragen fassen, packen sie uns an der Kehle.« »Das könnte Ärger geben, Herr«, erwiderte Ridcully. Er hatte festge- stellt, dass sich diese Bemerkung für jede Debatte eignete. Außerdem bewahrheitete sie sich oft. Lord Vetinari seufzte. »Nach meinen Erfahrungen bringt praktisch al- les Ärger. Das liegt in der Natur der Dinge. Wir können nur mitsingen.« Er wandte sich von der Karte ab. »Wie dem auch sei… Ich werde den fraglichen Zwergen einen Besuch abstatten.«, Er kehrte zu seinem Schreibtisch zurück, streckte die Hand nach der kleinen Glocke aus, zögerte dann und griff stattdessen nach einem Rohr aus Messing und Leder. Das Mundstück hatte die Form eines Drachen. Vetinari pfiff hinein und fragte dann: »Herr Drumknott? Ich brauche die Kutsche.« Ridcully richtete einen argwöhnischen Blick auf das neue Sprachrohr. »Bilde ich es mir nur ein, oder riecht es hier ziemlich streng?« Lord Vetinari musterte ihn verwundert und sah dann nach unten. Ein Korb stand unter dem Schreibtisch, darin schien ein toter Hund zu liegen – Erscheinungsbild und Geruch vermittelten diesen Eindruck. Alle vier Beine wiesen nach oben. Nur gelegentlich abgehende Blähun- gen ließen den Schluss zu, dass vitale Prozesse stattfanden. »Es liegt an seinen Zähnen«, sagte der Patrizier kühl. Der Hund na- mens Wuffel drehte sich auf die Seite und sah mit einem schwarzen, unheilvollen Auge zu dem Priester auf. »Für einen Hund in seinem Alter geht es ihm gut«, sagte Hughnon in dem verzweifelten Versuch, an einem sich plötzlich stark neigenden Hang emporzuklettern. »Äh, wie alt ist er jetzt?« »Sechzehn«, sagte der Patrizier. »In Menschenjahren sind das mehr als hundert.« Wuffel richtete sich halb auf und knurrte. Ein sehr unangenehmer Geruch kam aus den Tiefen des Korbs. »Er ist sehr gesund«, sagte Hughnon und versuchte, nicht zu atmen. »Für sein Alter, meine ich. Ich schätze, man gewöhnt sich an den Ge- ruch.« »An welchen Geruch?«, fragte Lord Vetinari. »Ah. Ja, natürlich«, sagte Hughnon. Lord Vetinaris Kutsche rumpelte durch den Schneeregen in Richtung Schimmerstraße. Ihren Insassen hätte es überrascht zu erfahren, dass nicht weit entfernt in einem Keller jemand an die Wand gekettet war, der große Ähnlichkeit mit ihm hatte., Die Kette war recht lang und ermöglichte es dem Mann, Tisch, Stuhl, ein Bett und ein Loch im Boden zu erreichen. Derzeit saß er am Tisch. Ihm gegenüber hatte Herr Nadel Platz ge- nommen. Herr Tulpe lehnte drohend an der Mauer. Jede einigermaßen erfahrene Person hätte sofort das Guter-Polizist-böser-Polizist-Szenario erkannt, mit dem Nachteil allerdings, dass es keine Polizisten waren. Dafür gab es einen schier unerschöpflichen Vorrat an Herrn Tulpe. »Nun… Charlie«, sagte Herr Nadel. »Was hältst du davon?« »Es ist doch nicht illegal, oder?«, fragte der Mann namens Charlie. Herr Nadel breitete die Arme aus. »Was ist Legalität, Charlie? Nur Worte auf Papier. Aber du stellst nichts Falsches an.« Charlie nickte unsicher. »Aber zehntausend Dollar… Normalerweise bekommt man nicht so viel Geld für etwas Richtiges. Zumindest nicht dafür, nur ein paar Worte zu sagen.« »Herr Tulpe hat einmal noch mehr Geld dafür bekommen, nur einige wenige Worte zu sprechen, Charlie«, sagte Herr Nadel besänftigend. »Ja, die Worte lauteten: ›Gib mir das …te Geld, wenn die Kleine nicht dran glauben soll‹«, warf Herr Tulpe ein. »War das richtig?«, fragte Charlie mit einem nach Herrn Nadels Mei- nung sehr ausgeprägten Todeswunsch. »Absolut richtig, unter den gegebenen Umständen«, sagte Herr Nadel. »Ja, aber es geschieht nicht oft, dass man so viel Geld verdient«, mein- te der selbstmörderische Charlie. Er sah immer wieder zum überaus kräftig gebauten Herrn Tulpe, der in der einen Hand eine Tüte hielt und in der anderen einen Löffel. Mit diesem Löffel schaufelte er weißes Pulver zur Nase, zum Mund und einmal sogar – wenn Charlie seinen Augen trauen konnte – zum Ohr. »Nun, du bist ein besonderer Mann, Charlie«, sagte Herr Nadel. »Und anschließend lässt du dich für lange Zeit nicht blicken.« »Ja«, brummte Herr Tulpe, das Gesicht halb hinter einer weißen Pul- verwolke verborgen. Es roch plötzlich nach Mottenkugeln., »Na schön, aber warum habt ihr mich dann entführt? Im einen Au- genblick schloss ich für die Nacht ab, und im nächsten – Bamm! Und ihr habt mich an die Wand gekettet.« Herr Nadel beschloss, die Taktik zu ändern. Charlie stellte zu viele Fragen für jemanden, der das Zimmer mit Herrn Tulpe teilte, noch dazu mit einem Herrn Tulpe, der sich halb durch eine Tüte voller Mot- tenkugeln gearbeitet hatte. Er schenkte ihm ein breites, freundliches Lächeln. »Lassen wir die Vergangenheit ruhen, mein Freund«, sagte er. »Kon- zentrieren wir uns lieber aufs Geschäftliche. Wir möchten nur einige Tage deiner Zeit, und anschließend hast du nicht nur ein Vermögen, sondern kannst es auch – und ich glaube, dies ist wichtig – ein Leben lang genießen.« Charlie erwies sich als sehr dumm. »Aber woher wollt ihr wissen, dass ich niemandem davon erzähle?«, fragte er. Herr Nadel seufzte. »Wir vertrauen dir, Charlie.« Der Mann hatte ein Bekleidungsgeschäft in Pseudopolis. Kleine La- deninhaber mussten clever sein. Normalerweise waren sie ungewöhn- lich schlau, wenn es darum ging, genau die richtige Menge an Wechsel- geld einzubehalten. So viel zur Physiognomie, dachte Herr Nadel. Selbst im Licht hätte man diesen Mann für den Patrizier halten können. Aber während Lord Vetinari bereits über alle unangenehmen Möglich- keiten nachgedacht hätte, die sich in naher Zukunft für ihn ergeben mochten, glaubte Charlie tatsächlich, dass er diese Sache überleben und Herrn Nadel überlisten konnte. Er versuchte doch tatsächlich, gerissen zu sein! Er saß nur wenige Meter von Herrn Tulpe entfernt, einem Mann, der sich bemühte, Mottenkugeln zu schnupfen, und er hielt sich für einen Schlaukopf. Dafür verdiente er fast Bewunderung. »Am Freitag muss ich zurück sein«, sagte Charlie. »Bis Freitag ist doch alles vorbei, oder?« Der von den Zwergen gemietete Schuppen war in seinem wackeligen Leben nicht nur eine Schmiede und eine Wäscherei gewesen, sondern, hatte auch ein Dutzend anderer Unternehmen beherbergt, darunter eine Schaukelpferdfabrik, gegründet von jemandem, der Schaukelpferde für die Kommende Große Sache hielt – obwohl sie unmittelbar davor standen, zur Letzten Großen Sache zu werden. An einer Wand reichten Stapel halb fertiger Schaukelpferde, die Herr Käse nicht für die ausstehende Miete hatte verkaufen können, bis zur Decke empor. Farbdosen rosteten in einem Regal. Pinsel klebten in Gläsern fest. Die Druckerpresse stand in der Mitte des Raumes, und mehrere Zwerge waren bei der Arbeit. William kannte Pressen. Graveure be- nutzten sie. Doch diese Presse hatte eine organische Qualität. Mit ihrer Modifizierung verbrachten die Zwerge ebenso viel Zeit wie mit ihrem Gebrauch. Zusätzliche Walzen erschienen, und weitere Riemen ver- schwanden im geheimnisvollen Innern des Apparats. Mit jeder verstrei- chenden Stunde wuchs die Presse. Gutenhügel arbeitete an mehreren großen, schrägen Kästen, die in ei- nige Dutzend Fächer unterteilt waren. William beobachtete, wie die Hände des Zwergs über die kleinen Fä- cher mit den Buchstaben huschten. »Warum ist das Fach für die Es größer?« »Weil das der Buchstabe ist, den wir am meisten verwenden.« »Liegt es deshalb in der Mitte des Kastens?« »Ja. Erst Es, dann Ts und As…« »Ich meine, die Leute würden glauben, dass das A in die Mitte ge- hört.« »Wir haben sie aber für die Es reserviert.« »Aber ihr habt mehr Ns als Us. Und U ist ein Vokal.« »Das N wird öfter gebraucht, als du glaubst.« Auf der anderen Seite des Raums tanzten Caslongs dicke Zwergenfin- ger über einen eigenen Kasten mit Typen. »Man kann fast lesen, woran er arbeitet…«, begann William. Gutenhügel sah auf und kniff kurz die Augen zusammen., »›Verdiene… noch… mehr… Geld… in… deiner… freiigen… Zeit‹«, sagte er. »Offenbar haben wir einen neuen Auftrag von Herrn Schnap- per erhalten.« William blickte erneut auf den Kasten mit den Buchstaben. Potentiell enthielt ein Federkiel alles, was man damit schrieb. Mit solch einer Vor- stellung konnte er sich anfreunden. Aber er enthielt die zu schreibenden Worte auf eine theoretische und sichere Art. Diese grauen Blöcke hingegen wirkten bedrohlich. William verstand, warum sie die Leute beunruhig- ten. Setzt uns auf die richtige Weise zusammen, schienen sie zu flüstern, wir können alles sein, was ihr wollt. Wir könnten sogar zu etwas wer- den, das ihr nicht wollt. Wir können jedes Wort bilden, auch das Wort »Ärger«. Die Ächtung von Drucktypen war nicht unbedingt ein Gesetz. Aber William wusste, dass die Graveure nichts davon hielten, weil ihre Welt wunschgemäß funktionierte. Es hieß, Lord Vetinari sei dagegen, weil zu viele Worte die Leute unruhig machten. Und die Zauberer und Priester sprachen sich dagegen aus, weil Worte wichtig waren. Eine gravierte Seite war eine gravierte Seite, komplett und einzigartig. Aber wenn man die bleiernen Drucktypen nahm, die vorher dazu ge- dient hatten, die Worte eines Gottes zu Papier zu bringen, wenn man sie nahm, um ein Kochbuch zu setzen… Was wurde dann aus der heili- gen Weisheit? Und welche Konsequenzen ergaben sich für die Pastete? Wenn man ein Buch mit Zauberformeln druckte und dann die gleichen Typen für ein Buch über Navigation verwendete… Es ließ sich nicht vorhersehen, wo die Reise enden würde. Als hätte jemand das Stichwort gegeben – die Geschichte mag eine gewisse Eleganz –, hörte William, wie eine Kutsche vor dem Schuppen hielt. Wenige Sekunden später kam Lord Vetinari herein, blieb stehen, stützte sich auf seinen Spazierstock und ließ einen Blick umherwandern, der mildes Interesse zum Ausdruck brachte. »Oh, Lord de Worde«, sagte er überrascht. »Ich wusste nicht, dass du an diesem Unternehmen beteiligt bist…« William errötete, als er zum Herrscher von Ankh-Morpork eilte. »Es heißt Herr de Worde, Euer Exzellenz.«, »Ah, ja. Natürlich. In der Tat.« Lord Vetinaris Blick glitt erneut durch den düsteren Raum, verharrte kurz bei einem Stapel wie irre grinsender Schaukelpferde und kehrte dann zu den arbeitenden Zwergen zurück. »Ja. Natürlich. Bist du für all das hier verantwortlich?« »Es gibt keinen Chef, Euer Exzellenz«, sagte William. »Aber Herr Gu- tenhügel dort drüben besorgt das meiste Reden.« »Und was machst du hier?« »Äh…« William zögerte, was beim Patrizier sicher keine gute Taktik war. »Um ganz ehrlich zu sein, Herr… Hier ist es warm, bei mir zu Hause ist es kalt und… Nun, ich finde es faszinierend. Ich weiß natür- lich, dass es nicht…« Lord Vetinari nickte und hob die Hand. »Sei so gut und bitte Herrn Gutenhügel, zu mir zu kommen.« William versuchte, dem Zwerg einige Ratschläge ins Ohr zu flüstern, als er ihn zur hoch gewachsenen Gestalt des Patriziers führte. »Ah, gut«, sagte Lord Vetinari. »Ich möchte dir die eine oder andere Frage stellen, wenn du gestattest.« Gutenhügel nickte. »Zuerst einmal: Hat Herr Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper irgendeinen geschäftlichen oder verwaltungstechnischen Einfluss auf dieses Unternehmen?« »Was?«, fragte William. Das hatte er nicht erwartet. »Zwielichtiger Bursche, verkauft heiße Würstchen…« »Oh, den meinst du. Nein. Diese Sache betrifft nur Zwerge.« »Ich verstehe. Steht dieses Gebäude auf einem Riss in der Raum-Zeit?« »Was?«, fragte Gunilla. Der Patrizier seufzte. »Wenn man diese Stadt so lange regiert hat wie ich«, sagte er, »weiß man mit trauriger Gewissheit: Wann immer eine wohlmeinende Seele ein neues Unternehmen gründet, wählt sie dafür unweigerlich einen Ort, wo es im Gefüge der Realität maximalen Scha- den anrichtet. Erinnerst du dich an das Fiasko mit den Beweglichen Bildern vor einigen Jahren? Kurze Zeit später kam die Musik mit Stei- nen drin auf, eine Sache, der wir noch immer nicht ganz auf den Grund, gegangen sind. Und die Zauberer durchbrechen die Wand zu den Ker- kerdimensionen so oft, dass sie genauso gut eine Drehtür einbauen könnten. Und ich brauche euch sicher nicht daran zu erinnern, was mit Herrn Hong passierte, als er beschloss, seinen Dreimal Glücklichen Fischimbiss während einer Mondfinsternis in der Drachenstraße zu eröffnen. Also, meine Herren, es wäre schön zu wissen, dass irgendwo in dieser Stadt jemand mit einer einfachen Angelegenheit beschäftigt ist, die nicht dazu führen wird, dass mit Tentakeln ausgestattete Ungeheuer und andere grässliche Erscheinungen in den Straßen auftauchen, um Leute zu fressen. Nun…?« »Was?«, fragte Gutenhügel. »Uns sind keine Risse aufgefallen«, sagte William. »Ah, aber vielleicht hat genau an diesem Ort ein seltsamer Kult einst un- heimliche Rituale durchgeführt, deren verhängnisvolle Essenz die Nachbarschaft durchdrungen hat und nur auf eine Gelegenheit wartet, sich erneut zu erheben und Leute zu verschlingen?« »Was?«, fragte Gunilla. Er richtete einen hilflosen Blick auf William, der nur hinzufügen konnte: »Hier wurden früher Schaukelpferde hergestellt.« »Im Ernst? Ich war immer der Meinung, dass Schaukelpferde etwas Unheilvolles an sich haben«, meinte Lord Vetinari, aber er wirkte ein wenig enttäuscht. Dann erhellte sich seine Miene, und er deutete auf den großen Stein mit den Drucktypen. »Aha«, sagte er. »Voller Unschuld aus den überwucherten Ruinen ei- nes megalithischen Steinkreises entwendet, nicht wahr? Bestimmt ist das Blut Tausender darüber hinweggeflossen, und zweifellos werden die Opfer früher oder später furchtbare Rache nehmen. So was passiert immer wieder.« »Er wurde speziell für meinen Bruder aus dem Fels gehauen«, sagte Gunilla. »Und ich brauche mir solche Bemerkungen nicht gefallen zu lassen. Für wen hältst du dich, dass du hierher kommst und so einen Unsinn redest?« William trat mit einem Bruchteil der Entsetzensgeschwindigkeit vor., »Darf ich Herrn Gutenhügel beiseite nehmen, um ihm ein oder zwei Dinge zu erklären?«, fragte er rasch. Das freundliche, neugierige Lächeln des Patriziers blieb völlig unver- ändert. »Welch eine gute Idee«, sagte er, als William den Zwerg in eine Ecke führte. »Später wird er dir sicher dafür danken.« Lord Vetinari stützte sich weiter auf seinen Spazierstock und richtete einen Blick, der von wohlwollendem Interesse kündete, auf die Presse. Hinter ihm erläuterte William de Worde die politische Realität von Ankh-Morpork, besonders jene Aspekte davon, die plötzlichen Tod betrafen. Er untermalte seine Ausführungen mit unmissverständlichen Gesten. Nach dreißig Sekunden kehrte Gutenhügel zum Patrizier zurück, blieb vor ihm stehen und hakte die Daumen hinter den Gürtel. »Ich rede so, wie es mir passt«, sagte er. »So war es immer, und so wird’s immer sein…« »Du willst also kein Blatt vor den Mund nehmen?«, fragte Lord Veti- nari. »Warum sollte ich irgendwelche Blätter vor den Mund nehmen?«, er- widerte Gutenhügel verwirrt. »Wir legen sie in die Presse, um sie zu bedrucken.« »Ja«, sagte Lord Vetinari. »Ja, das dachte ich mir.« »Der junge William hier hat dich als einen erbarmungslosen Despoten bezeichnet, der dem Drucken sehr kritisch gegenübersteht. Aber ich halte dich für einen gerechten Mann, der einen ehrlichen Zwerg be- stimmt nicht daran hindern möchte, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.« Auch diesmal blieb Lord Vetinaris Lächeln unverändert. »Wenn du einen Moment Zeit für mich hättest, Herr de Worde…« Der Patrizier legte William freundschaftlich den Arm um die Schul- tern und führte ihn langsam fort von den zuschauenden Zwergen. »Ich habe nur darauf hingewiesen, dass dich manche Leute…«, begann William., »Nun«, sagte der Patrizier und winkte Williams Worte beiseite, »viel- leicht könnte ich mich ungeachtet meiner Erfahrungen davon überzeu- gen lassen, dass wir es hier mit Bestrebungen zu tun haben, die nicht unbedingt zu okkultem Unfug in den Straßen der Stadt führen. In Ankh-Morpork kann man sich so etwas kaum vorstellen, aber ich bin bereit, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Deshalb glaube ich, dass man die Frage des ›Druckens‹ einer natürlichen Prüfung unterziehen sollte.« »Glaubst du das wirklich?« »Ja. Was bedeutet, dass ich deinen Freunden erlaube, mit ihrer Tor- heit fortzufahren.« »Äh, es sind nicht direkt…«, begann William. »Natürlich sollte ich hinzufügen, dass ich dich persönlich zur Verant- wortung ziehen werde, wenn sich irgendwelche Tentakelprobleme er- geben.« »Mich? Aber ich…« »Ah. Glaubst du, dass ich ungerecht bin, vielleicht auch erbarmungs- los despotisch?« »Nun, ich, äh…« »Die Zwerge sind, abgesehen von allem anderen, eine hart arbeitende und sehr nützliche ethnische Gruppe in dieser Stadt«, sagte der Patri- zier. »Angesichts der ungeklärten Situation in Überwald und der ganzen Muntab-Frage möchte ich derzeit selbst geringe Probleme mit ihnen vermeiden.« »Wo ist Muntab?«, fragte William. »Genau. Übrigens, wie geht es Lord de Worde? Du solltest ihm öfter schreiben.« William schwieg. »Ich finde es immer sehr schade, wenn Familien auseinander bre- chen«, sagte Lord Vetinari. »Es gibt einfach zu viel dummen Groll auf der Welt.« Er gab William einen kameradschaftlichen Klaps auf die Schulter. »Du sorgst dafür, dass die Druckerei ständig im Bereich des Umsichtigen, Besonnenen und Durchschaubaren bleibt. Hast du mich verstanden?«, »Aber ich habe doch gar keine Kontrolle über…« »Hmm?« »Ja, Lord Vetinari«, sagte William. »Gut. Gut!« Der Patrizier straffte die Gestalt, drehte sich um und be- dachte die Zwerge mit einem strahlenden Lächeln. »Prima«, sagte er. »Meine Güte. Viele kleine Buchstaben, dicht neben- einander gesetzt. Vermutlich war die Zeit reif für eine solche Idee. Viel- leicht habe ich gelegentlich den einen oder anderen Auftrag für euch.« William stand hinter dem Patrizier und winkte Gunilla verzweifelt zu. »Für Regierungsaufträge haben wir Sonderpreise«, brummte der Zwerg. »Oh, ich würde nicht davon träumen, weniger zu bezahlen als andere Kunden«, sagte der Patrizier. »Es lag keineswegs in meiner Absicht, dir weniger in Rechnung zu stellen…« »Nun, ich bin sicher, dein Besuch hat uns alle sehr gefreut, Euer Ex- zellenz«, warf William hastig ein und drehte den Patrizier in Richtung Tür. »Wir können es gar nicht abwarten, dich zu unseren Kunden zu zählen.« »Bist du ganz sicher, dass Herr Schnapper nichts mit dieser Sache zu tun hat?« »Er lässt nur einige Dinge drucken«, antwortete William. »Erstaunlich, erstaunlich«, sagte Lord Vetinari und stieg in seine Kut- sche. »Ich hoffe, er ist nicht krank.« Von einem Dach auf der anderen Straßenseite beobachteten zwei Per- sonen das Geschehen. Eine von ihnen sagte ganz, ganz leise: »…!« »Hast du in diesem Zusammenhang eine Meinung, Herr Tulpe?« »Und er ist der Mann, der diese Stadt regiert?« »Ja.« »Und wo sind seine …ten Leibwächter?«, »Was hätten ihm zum Beispiel vier Leibwächter genützt, wenn es un- sere Absicht gewesen wäre, ihn hier abzumurksen?« »So wenig wie ein …ter Kessel aus Schokolade, Herr Nadel.« »Na bitte.« »Aber ich hätte ihn von hier aus mit einem …ten Ziegelstein erledi- gen können!« »Ich schätze, es gibt viele Organisationen, die dazu etwas sagen könn- ten, Herr Tulpe. Angeblich gedeiht dieser Müllhaufen prächtig. Der Mann an der Spitze hat viele Freunde, wenn alles gut läuft. Dir gingen bald die Ziegelsteine aus.« Herr Tulpe blickte auf die davonrollende Kutsche hinab. »Soweit ich gehört habe, verbringt er die meiste …te Zeit damit, überhaupt nichts zu tun!«, klagte er. »Ja«, erwiderte Herr Nadel glatt. »Und dies richtig zu machen, ist in der Politik besonders schwierig.« Herr Tulpe und Herr Nadel brachten verschiedene Dinge in ihre Partnerschaft ein, und in diesem Fall kam von Herrn Nadel politischer Grips. Herr Tulpe respektierte das, auch wenn er es nicht verstand. »Es wäre einfacher, ihn …t zu töten!«, brummte er nur. »Oh, in einer …t einfachen Welt«, sagte Herr Nadel. »Leg endlich das Zeug beiseite. Es ist für Trolle bestimmt und noch schlimmer als Platte. Sie verschneiden es mit zermahlenem Glas.« »Es ist chemisch«, erwiderte Herr Tulpe. Herr Nadel seufzte. »Soll ich es dir noch einmal erklären?«, fragte er. »Bitte hör gut zu. Drogen sind chemischer Natur, aber, und dies ist der wichtige Teil, chemische Dinge müssen nicht unbedingt Drogen sein. Erinnerst du dich an den Ärger mit dem Kalziumkarbonat? Für das du fünf Dollar bezahlt hast?« »Hab mich dadurch gut gefühlt«, murmelte Herr Tulpe. »Mit Kalziumkarbonat hast du dich gut gefühlt?«, fragte Herr Nadel. »Ich meine, selbst für jemanden wie dich… Lieber Himmel, du hast so viel Kalk geschnupft, dass dir jemand den Kopf abschneiden und mit deinem Hals an eine Tafel schreiben könnte.«, Das war die größte Schwierigkeit mit Herrn Tulpe, dachte Herr Na- del, als sie vom Dach herunterkletterten. Er hatte kein Drogenproblem, aber er wollte eins haben. Sein eigentliches Problem war Dummheit, die sich immer dann bemerkbar machte, wenn er etwas entdeckte, das in kleinen Beuteln verkauft wurde. Er versuchte, mit Mehl, Salz, Backpul- ver und Schinkenbrötchen high zu werden. Wenn verstohlene Leute auf einer Straße Pot, Schnee, Eisscholle, Nieselregen, Koks, Brikett, Maria Johanna, Gras, Stoff, Doppelt Stoff, Gustav Josef, Gehängte Jungfrau und Zweimal Gehängte Jungfrau verkauften, so fand Herr Tulpe mit dem für ihn typischen Gespür jenen Mann, der Curry-Pulver für sechshundert Dollar das Pfund anbot. Es war so …t peinlich. Derzeit experimentierte er mit den angeblich Freude bringenden Chemikalien, die der Troll-Bevölkerung von Ankh-Morpork zur Verfü- gung standen, unter anderem auch deshalb, weil Herr Tulpe unter Trol- len die Chance hatte, ein wenig intelligenter zu sein. Rein theoretisch sollten Platte und Tüt-Tüt keine Wirkung auf das menschliche Gehirn haben, abgesehen davon, es weich zu klopfen. Aber Herr Tulpe gab nicht auf. Er hatte es einmal mit Normalität versucht und keinen Gefal- len daran gefunden. Herr Nadel seufzte erneut. »Komm«, sagte er. »Bringen wir dem Blödmann was zu essen.« In Ankh-Morpork ist es sehr schwer zu beobachten, ohne beobachtet zu werden. Tatsächlich blieben die beiden heimlichen Beobachter nicht unbemerkt. Ein kleiner Hund behielt sie im Auge. Sein Fell hatte mehrere Farben, wobei ein rostiges Grau dominierte. Gelegentlich kratzte er sich, und dabei erklang ein Geräusch, als versuchte jemand, eine Drahtbürste zu rasieren. Eine Schnur war ihm um den Hals gebunden und mit einer anderen Schnur verknotet. Besser gesagt: mit einer Schnur, die aus mehreren ungeschickt miteinander verknüpften Schnüren bestand. Diese improvisierte Leine hielt ein Mann in der Hand. Das ließ sich zumindest vermuten, weil ihr Ende in der gleichen schmutzigen Tasche verschwand wie ein Ärmel, in dem sich vermutlich ein Arm befand, der über eine Hand verfügte., Es war ein seltsamer Mantel. Er reichte vom Boden bis fast zur Krempe eines Huts, der wie ein Zuckerhut geformt war. Wo sich Man- tel und Hut trafen, deutete etwas auf graues Haar hin. Ein Arm suchte in den verdächtigen Tiefen einer Tasche und holte ein kaltes Würstchen hervor. »Zwei Männer, die den Patrizier beobachten«, sagte der Hund. »Wie interessant.« »Mistundverflucht«, sagte der Stinkende Alte Ron und brach das Würstchen in zwei demokratische Hälften. William schrieb einen kurzen Abschnitt über den Besuch des Patriziers in der Druckerei und blätterte dann in seinem Notizbuch. Erstaunlich. An nur einem Tag hatte er nicht weniger als ein Dutzend Dinge für seinen nächsten Nachrichtenbrief entdeckt. Es war verblüf- fend, was die Leute sagten, wenn man sie fragte. Einer der goldenen Reißzähne der Statue des Krokodilgottes Offler war gestohlen worden. Er hatte Feldwebel Colon einen Drink für diese Information versprochen und glaubte, einen Teil der Schuld zu beglei- chen, indem er der Notiz hinzufügte: »Die Wache stellt energische Er- mittlungen an und ist davon überzeugt, den Übeltäter bald verhaften zu können.« William war sich bei diesen Worten nicht ganz sicher, aber Colon hat- te bei ihrer Formulierung einen sehr aufrichtigen Eindruck erweckt. Die Natur der Wahrheit beunruhigte William. Er war dazu erzogen worden, immer die Wahrheit zu sagen beziehungsweise »es zuzugeben«, und manche Angewohnheiten sind schwer zu überwinden, wenn ihnen mit genug Prügel Nachdruck verliehen wurde. Lord de Worde glaubte an das alte Sprichwort »jung gewohnt, alt getan«. Doch an bestimmte Dinge hatte sich William nie gewöhnen können. Lord de Worde selbst war nicht gewalttätig gewesen, hatte aber auf die Dienste entsprechen- der Personen zurückgegriffen. Soweit sich William erinnern konnte, hatte Lord de Worde nie große Begeisterung für Dinge gezeigt, bei de- nen man andere Leute berühren musste., Wie dem auch sei: William hielt sich für untalentiert, wenn es darum ging, etwas zu erfinden. Wenn er etwas sagte, das nicht der Wahrheit entsprach, kam es früher oder später immer ans Licht, meistens früher. Selbst kleine Notlügen in der Art von »Am Ende der Woche habe ich das Geld ganz bestimmt« führten immer zu Ärger. So etwas war »Ge- schichten erzählen«, eine Sünde im De-Worde-Kompendium, etwas, das schlimmer war als Lügen: der Versuch, Lügen interessant zu machen. Deshalb sagte William de Worde die Wahrheit, aus einer Art kosmi- scher Notwehr heraus. Er hatte festgestellt, dass eine schwierige Wahr- heit weniger schwer war als eine leichte Lüge. In der »Geflickten Trommel« hatte ein recht interessanter Kampf stattgefunden, und Williams Beschreibung – mit der er recht zufrieden war – lautete: »Woraufhin Brezock der Barbar einen Tisch hob und Moltin dem Räuber einen Schlag versetzte, der seinerseits nach dem Kronleuchter griff, sich daran hin und her schwang und rief: ›Nimm das, du verdammter B*st*rd, der du bist!!!‹ Diese Bemerkung führte zu einem Krawall, bei dem 5 oder 6 Personen verletzt wurden.« Er nahm den Text mit zum Eimer. Gunilla las ihn interessiert. Innerhalb kurzer Zeit wählten die Zwerge die richtigen Drucktypen aus und setzten sie zusammen. Wie seltsam… Als der Text gedruckt war, als er fein säuberlich und mit regelmäßigen Lettern auf dem Papier stand… da schien alles realer zu sein. Boddony – in der Druckerhierarchie schien er an zweiter Stelle zu kommen – blickte über Gutenhügels Schulter hinweg auf die Textspal- ten. »Hmm«, sagte er. »Was hältst du davon?«, fragte William. »Sieht ein bisschen… langweilig aus«, meinte der Zwerg. »All die Buchstaben auf einem Haufen. Wie in einem Buch.« »Nun, das ist doch richtig, oder?«, fragte William. Es schien alles in Ordnung zu sein, wenn etwas wie ein Buch aussah. »Vielleicht wäre es besser, die Worte mehr zu spationieren?«, fragte Gunilla., William sah auf die gedruckte Seite. Eine Idee wuchs in ihm, schien direkt von der Seite zu kommen. »Wie wär’s, wenn wir jedem Abschnitt eine kleine Überschrift geben?« Er griff nach einem Zettel und kritzelte: 5/6 bei Krawall in Taverne verletzt. Boddony las die Worte. »Ja«, sagte er schließlich. »Das klingt… ganz gut.« Er reichte das Blatt über den Tisch. »Wie nennst du deinen Nachrichtenbrief?«, fragte er. »Oh, er hat keinen Namen«, erwiderte William. »Du solltest ihn irgendwie benennen«, sagte Boddony. »Was schreibst du ganz oben hin?« »Meistens etwas in der Art von ›An meine ehrenwerten Kunden…‹«, begann William. Boddony schüttelte den Kopf. »Das taugt nichts«, sagte er. »Ich rate dir zu einem allgemeinen Titel, der sich dem Leser sofort einprägt.« »Wie wäre es mit ›Ankh-Morpork Neuigkeiten und Item‹?«, meinte William. »Tut mir Leid, aber mit Namen bin ich nicht besonders gut.« Gunilla zog seine kleine Tragmulde aus der Schürze und wählte einige Typen aus den Kästen auf dem Tisch. Er schraubte sie zusammen, be- feuchtete sie mit Tinte und rollte ein Blatt Papier über sie hinweg. William las: Ankh-Morpork tImes und Neuigkeiten. »Oh, das ist durcheinander geraten«, brummte Gunilla. »Hab nicht richtig aufgepasst.« Er griff nach den Drucktypen, um den Fehler zu korrigieren. William zog die Hand des Zwergs zurück. »Ich weiß nicht«, sagte er und fühlte eine neuerliche Inspiration. »Äh. Lass ›und Neuigkeiten‹ weg und mach aus dem großen I ein kleines und aus dem kleinen t ein großes.« »Das wär’s«, sagte Gunilla. »Alles fertig. Wie viele Kopien möchtest du?« »Äh… zwanzig? Dreißig?« »Was hältst du von zweihundert?« Gunilla nickte den Zwergen zu, die sich sofort an die Arbeit machten. »Es lohnt sich kaum, die Presse für weniger Exemplare zu benutzen.«, »Meine Güte! Bestimmt gibt es in der Stadt nicht so viele Leute, die fünf Dollar dafür bezahlen würden!« »Na schön, dann verlang einen halben Dollar. Das wären fünfzig Dol- lar für uns und fünfzig für dich.« »Lieber Himmel! Im Ernst?« William starrte den strahlenden Zwerg an. »Aber ich muss die einzelnen Exemplare verkaufen. Sie sind keine Plätzchen in einer Konditorei. Ich meine, es ist bestimmt nicht ein- fach…« Er schnupperte. Seine Augen begannen zu tränen. »Auch das noch«, ächzte er. »Wir bekommen erneut Besuch. Ich ken- ne diesen Geruch.« »Welchen Geruch?«, fragte der Zwerg. Die Tür öffnete sich knarrend. Über den Geruch des Stinkenden Alten Ron lässt sich Folgendes sa- gen: Er war so intensiv, dass er eine eigene Persönlichkeit gewonnen hatte. Nach dem ersten Schock gaben die Geruchsorgane einfach auf und stellten den Dienst ein, weil sie den Geruch ebenso wenig verste- hen konnten wie eine Auster den Ozean. Nach einigen Minuten in sei- ner Gegenwart lief den Leuten das Schmalz aus den Ohren, und Haare begannen zu bleichen. Der Geruch hatte sich so weit entwickelt, dass er inzwischen ein fast unabhängiges Leben führte, gelegentlich das Theater besuchte und klei- ne Gedichtbände las. Ron wurde von seinem eigenen Geruch in den Schatten gestellt. Der Stinkende Alte Ron hatte die Hände tief in die Taschen gescho- ben, und aus einer dieser Taschen ragte eine Leine hervor, besser ge- sagt: eine Schnur, die aus mehreren ungeschickt miteinander verknote- ten Schnüren bestand. Das andere Ende war am Hals eines kleinen, gräulichen Hunds befestigt. Vermutlich handelte es sich um einen Ter- rier. Er hinkte, bewegte sich gleichzeitig auf eine indirekte Art und Wei- se, als wollte er möglichst unbemerkt durch die Welt wandeln. Er ging wie ein Hund, der vor langer Zeit gelernt hat, dass die Welt mehr ge- worfene Stiefel als leckere Knochen bereithält. Er ging wie ein Hund, der jederzeit zum Spurt bereit war., Aus verkrusteten Augen sah er zu William auf und sagte: »Wuff.« William fühlte sich verpflichtet, für die Menschheit einzutreten. »Bitte entschuldige den Geruch«, sagte er und blickte dann auf den Hund hinab. »Was ist mit dem Geruch, den du immer wieder erwähnst?«, fragte Gunilla. Die Nieten an seinem Helm wurden stumpf. »Er, äh, gehört Herrn… äh… Ron«, erwiderte William und richtete noch immer einen misstrauischen Blick auf den Hund. »Die Leute mei- nen, es läge an den Drüsen.« Er war sicher, den Hund schon einmal gesehen zu haben. Er hockte immer in einer Ecke des Bilds, trippelte durch die Straßen oder saß irgendwo und beobachtete, wie die Welt an ihm vorbeistrich. »Was will er?«, fragte Gunilla. »Glaubst du, er hat einen Auftrag für uns?« »Das bezweifle ich«, sagte William. »Er ist eine Art Bettler. Allerdings wollen sie ihn nicht mehr in der Bettlergilde.« »Er sagt gar nichts.« »Nun, meistens steht er einfach nur da, bis ihm die Leute etwas ge- ben, damit er weggeht. Äh… kennst du Traditionen wie den Begrü- ßungswagen, mit dem Nachbarn und Händler Neuankömmlinge in einem Viertel empfangen?« »Ja.« »Dies ist das Gegenteil davon.« Der Stinkende Alte Ron nickte und streckte die Hand aus. »Stimmt haargenau, Herr Schubser. Versucht’s bloß nicht mit Schmusgequat- sche, ihr Trottel, ich hab’s ihnen gesagt, nein, ich beschimpfe nicht, was Rang und Namen hat, Mistundverflucht. Jahrtausendhand und Krevet- ten. Verflixt.« »Wuff.« William starrte erneut auf den Hund hinab. »Knurr«, machte das Tier. Gunilla kratzte sich irgendwo in den unergründlichen Tiefen seines Barts., »Eins ist mir an dieser Stadt aufgefallen«, sagte er. »Die Leute kaufen einfach alles von einem Mann auf der Straße.« Er griff nach einigen noch druckfeuchten Nachrichtenblättern. »Verstehst du mich?«, fragte er den Stinkenden Alten Ron. »Mistundverflucht.« Gunilla gab William einen Stoß in die Rippen. »Was bedeutet das dei- ner Meinung nach? Ja oder nein?« »Wahrscheinlich ja.« »Na schön. Äh, hör mal, wenn du das hier für zwanzig Cent pro Stück verkaufst, so bekommst du…« »He, du kannst sie nicht so billig verkaufen!«, entfuhr es William. »Warum nicht?« »Warum? Weil… weil… weil dann alle in der Lage wären, die Nach- richten zu lesen, darum!« »Gut, dann sind sicher auch alle bereit, zwanzig Cent zu bezahlen«, erwiderte Gunilla ruhig. »Es gibt viel mehr arme Leute als reiche, und von ihnen bekommt man leichter Geld.« Er sah den Stinkenden Alten Ron und schnitt eine Grimasse. »Die Frage mag dir seltsam erscheinen, aber… Hast du irgendwelche Freunde?« »Ich hab’s ihnen gesagt! Ich hab’s ihnen gesagt! Mistundverflucht!« »Vermutlich hat er tatsächlich welche«, sagte William. »Er treibt sich mit einigen… Unglücklichen herum, die unter einer der Brücken woh- nen. Vielleicht sollte ich in diesem Zusammenhang nicht von Herum- treiben reden, sondern von Herumhängen.« »Nun…« Gunilla wandte sich erneut Ron zu und winkte mit einer Ausgabe der Times. »Richte deinen Freunden aus: Wenn ihr diese Nach- richtenblätter für zwanzig Cent pro Stück verkauft, dürft ihr jeweils einen hübschen Cent für euch behalten.« »Ach, tatsächlich? Steck dir deinen hübschen Cent dorthin, wo die Sonne nicht scheint«, sagte Ron. »Oh, du kannst also…«, begann Gunilla. William legte ihm die Hand auf den Arm. »Moment mal… Was hast du gerade gesagt, Ron?«, fragte er., »Mistundverflucht«, erwiderte der Stinkende Alte Ron. Es hatte wie Rons Stimme geklungen, und sie schien auch aus der Richtung von Rons Gesicht gekommen zu sein. Aber die Worte verrie- ten eine Kohärenz, die man bei Ron nicht erwartete. »Du verlangst mehr als einen Cent?«, fragte William behutsam. »Es sollten wenigstens fünf Cent pro Stück für uns drin sein«, sagte Ron. Mehr oder weniger. Aus irgendeinem Grund sah William erneut zu dem kleinen grauen Hund. Das Tier erwiderte den Blick freundlich und fragte: »Wuff?« William sah wieder auf. »Ist alles in Ordnung mit dir, Stinkender Alter Ron?« »Glasche Gier, Glasche Gier«, entgegnete der Stinkende Alte Ron ge- heimnisvoll. »Na schön… zwei Cent«, sagte Gunilla. »Vier«, schien Ron zu erwidern. »Aber lass uns nicht feilschen. Einen Dollar pro dreißig verkaufte Exemplare?« »Abgemacht.« Gutenhügel spuckte auf seine Hand und wollte sie aus- strecken, um die Vereinbarung mit Ron zu besiegeln. William griff has- tig danach. »Davon rate ich dir ab.« »Warum?« William seufzte. »Hast du irgendwelche schrecklich entstellenden Krankheiten?« »Nein!« »Möchtest du welche?« »Oh.« Gunilla ließ die Hand sinken. »Sag deinen Freunden, sie sollen sofort hierher kommen.« Er wandte sich an William. »Sie sind doch vertrauenswürdig, oder?« »Nun… in gewisser Weise«, meinte William. »Es dürfte keine gute I- dee sein, irgendwo Farbverdünner herumstehen zu lassen.«, Draußen wankten der Stinkende Alte Ron und sein Hund über die Straße. Seltsamerweise fand ein Gespräch statt, obwohl rein theoretisch nur eine Person zugegen war. »Na bitte. Ich hab’s dir ja gesagt. Überlass das Reden einfach mir, in Ordnung?« »Mistundverflucht.« »Genau. Bleib bei mir, und du verirrst dich nicht sehr weit.« »Mistundverflucht.« »Im Ernst? Nun, ich schätze, das muss genügen. Bell, bell.« Zwölf Personen wohnten unter der Schlechten Brücke und führten ein Leben in Luxus. Luxus ist nicht schwer zu erreichen, wenn man sich damit begnügt, einmal am Tag etwas zu essen – und wenn man außer- dem »etwas« noch sehr großzügig definiert. Im Grunde waren es Bett- ler, obgleich sie nur selten betteln mussten. Vielleicht waren es Diebe, obwohl sie nur nahmen, was weggeworfen wurde, meistens von Leuten, die es sehr eilig hatten, sich von ihnen zu entfernen. Außenstehende hielten Henry Husten für den Anführer der Gruppe – bei einem entsprechenden Wettbewerb wäre er der Meister des Aus- wurfs gewesen. Doch in der Gruppe herrschte die wahre Demokratie der Stimmlosen. Arnold Seitwärts hatte keine Beine, was ihm bei einem Tavernenkampf einen Vorteil bot: Ein Mann mit guten Zähnen und direktem Zugang zur Leistengegend kann ein sehr unangenehmer Geg- ner sein. Ohne die Ente auf dem Kopf hätte der Entenmann vermut- lich als kultiviert, intelligent und geistig so gesund wie der Mann neben ihm gegolten. Unglücklicherweise war der Mann neben ihm der Stin- kende Alte Ron. Insgesamt Ingobert verkörperte die anderen acht Personen. Wenn er während einer Ruhephase mit keinen besonderen Problemen konfron- tiert wurde, wies nur ein gelegentliches Zucken auf seine multiple Per- sönlichkeit hin. Die Kontrolle über seine Gesichtszüge wechselte dann zwischen Jossi, Lady Hermione, dem kleinen Sidney, Herrn Widdel, Kraus, dem Richter und dem Stromer hin und her. Es gab auch noch Burke, aber die Gruppe hatte ihn nur einmal gesehen und wollte diese, Erfahrung nicht noch einmal machen. Deshalb begruben ihn die ande- ren sieben Persönlichkeiten unter sich. Niemand in seinem Körper hieß Ingobert. Nach der Ansicht des Entenmannes – er schien am ehesten in der Lage zu sein, in einer geraden Linie zu denken – war Ingobert einst eine unschuldige, gastfreundliche Person gewesen, die über ein gewisses mentales Potential verfügt hatte, das andere Seelen zur Kolo- nisierung einlud. Nur in der sanften Gruppe unter der Brücke konnte eine Konsens- Person wie Ingobert einen einigermaßen bequemen Platz finden. Henry Husten und die anderen hatten ihn – oder sie – an ihrem rauchenden Feuer willkommen geheißen. Jemand, der nicht länger als fünf Minuten die gleiche Person blieb, gewöhnte sich hier schnell ein. Es gab noch etwas anderes, das die Gruppe vereinte (obgleich ver- mutlich nichts existierte, das Insgesamt Ingobert einen konnte): die Bereitschaft, an sprechende Hunde zu glauben. Die am glimmenden Feuer Sitzenden glaubten, dass sie viele Dinge sprechen gehört hatten, unter anderem auch Wände. Unter solchen Umständen erschien ein sprechender Hund nicht ungewöhnlich. Außerdem respektierten sie die Tatsache, dass Gaspode den schärfsten Verstand von ihnen allen hatte und nie etwas trank, das den Behälter korrodieren ließ. »Versuchen wir es noch einmal«, sagte er. »Wenn ihr dreißig von den Dingern verkauft, bekommt ihr einen Dollar. Einen ganzen Dollar. Kapiert?« »Mistundverflucht.« »Quak.« »Haaaargghhh… gak!« »Wie viel ist das in alten Stiefeln?« Gaspode seufzte. »Nein, Arnold. Mit dem Geld kannst du dir so viele alte Stiefel kaufen, wie du willst…« Dumpfes Grollen kam aus der Richtung von Insgesamt Ingobert, und der Rest der Gruppe schwieg. Wenn Insgesamt Ingobert eine Zeit lang still blieb, wusste man nie, wer er sein würde. Es bestand immer die Gefahr, dass sich Burke zeigte., »Darf ich etwas fragen?«, erkundigte sich Insgesamt Ingobert mit ei- ner Stimme, die nach einem heiseren Sopran klang. Die Gruppe entspannte sich. Das hörte sich nach Lady Hermione an. Sie machte keine Probleme. »Ja… Euer Ladyschaft?«, erwiderte Gaspode. »Dies ist doch keine… Arbeit, oder?« Dieses eine Wort bescherte den restlichen Mitgliedern der Gruppe jä- he Anspannung und einen Hauch Panik. »Haaaruk… gak!« »Mistundverflucht!« »Quak!« »Nein, nein, nein«, sagte Gaspode rasch. »Von Arbeit kann kaum die Rede sein. Einfach nur Dinge zu verteilen und dafür Geld zu nehmen? Meiner Ansicht nach klingt das nicht nach Arbeit.« »Ich arbeite nicht!«, rief Henry Husten. »Ich bin sozial inadäquat, wenn es darum geht, irgendetwas zu leisten.« »Wir arbeiten nie«, stellte Arnold Seitwärts fest. »Wir sind Herren der Muh-se.« »Ähem«, ließ sich Lady Hermione vernehmen. »Herren und Damen der Muh-se«, verbesserte sich Arnold. »Dies ist ein ziemlich scheußlicher Winter«, sagte der Entenmann. »Zusätzliches Geld käme uns sehr gelegen.« »Wofür?«, fragte Arnold. »Mit einem Dollar pro Tag könnten wir wie Könige leben, Arnold.« »Was, du meinst, jemand würde uns den Kopf abhacken?« »Nein, ich…« »Jemand könnte mit einem rot glühenden Schürhaken im Abort nach oben klettern und…« »Nein! Ich meine…« »Jemand würde uns in einem Weinfass ertränken?« »Nein, so sterben Könige, Arnold.«, »Ich kann mir kaum ein Weinfass vorstellen, das so groß ist, dass man beim Austrinken ertrinkt«, brummte Gaspode. »Was ist nun, meine Herren? Und Damen. Soll ich… Soll Ron dem Burschen sagen, dass wir einverstanden sind?« »In Ordnung.« »Na schön.« »Gawwark… pt!« »Mistundverflucht!« Insgesamt Ingoberts Lippen zuckten, und sein Gesichtsausdruck ver- änderte sich. Dann hob er fünf demokratische Finger. »Die Mehrheit ist dafür«, sagte Gaspode. Herr Nadel zündete sich eine Zigarre an. Rauchen war sein einziges Laster. Zumindest das einzige Laster, das er für ein Laster hielt. Alles andere fiel in die Kategorie »berufliche Fertigkeiten«. Herrn Tulpes Laster waren ebenfalls grenzenlos, doch er gestand nur billiges Rasierwasser, denn ein Mann musste irgendetwas trinken. Die Drogen zählten nicht, weil er nur einmal richtige genommen hatte: zwei große Pillen, die sie entdeckten, als sie einen Viehdoktor ausraubten. Herr Tulpe hatte sie geschluckt, mit dem Ergebnis, dass alle Venen seines Körpers wie purpurne Schlauchleitungen hervortraten. Herr Nadel und Herr Tulpe waren keine Schläger. So sahen sie sich nicht. Sie waren auch keine Diebe. Zumindest hatten sie sich nie als Diebe vorgestellt. Sie hielten sich auch nicht für Assassinen. Assassinen waren vornehm und beachteten die Vorschriften. Nadel und Tulpe – die Neue Firma, wie Herr Nadel sich selbst und seinen Partner nannte – kannten keine Regeln. Sie sahen sich als Vermittler. Sie waren Männer, die dafür sorgten, dass Dinge geschahen. Und dabei kamen sie herum. Hinter solchen Einschätzungen steckten bewusste Überlegungen, und die betrafen nicht beide Partner, sondern vor allem Herrn Nadel. Herr Tulpe benutzte seinen Kopf die ganze Zeit über, aus einer Entfernung von etwa zwanzig Zentimetern, aber abgesehen von ein oder zwei un- erwarteten Bereichen neigte er nicht dazu, sein Gehirn zu benutzen. Im, Großen und Ganzen überließ er Herrn Nadel das mehrsilbige Nach- denken. Herr Nadel hingegen verstand sich nicht besonders gut auf anhalten- de, sinnlose Gewalt und wusste zu schätzen, dass Herr Tulpe über ei- nen unerschöpflichen Vorrat davon verfügte. Bei ihrer ersten Begeg- nung hatten sie erkannt, dass ihre Fähigkeiten ihre Partnerschaft größer machten als die Summe der Teile. Herr Nadel bemerkte sofort, dass Herr Tulpe keineswegs der Idiot war, für den ihn die restliche Welt hielt. Gewisse negative Eigenschaften können eine Perfektion errei- chen, die ihre Natur verändert, und Herr Tulpe hatte den Zorn in eine Kunst verwandelt. Es war kein Zorn auf etwas. Es war vielmehr reiner, platonischer Zorn aus den verborgenen Reptilientiefen der Seele, aus einem Quell unendlichen, glühend heißen Grolls. Herr Tulpe lebte sein Leben auf jener dünnen Linie, auf der viele Leute schwanken, kurz bevor sie los- stürmen und jemandem mit einem stumpfen Gegenstand den Schädel einschlagen. Für Herrn Tulpe war es normal, zornig zu sein. Herr Nadel fragte sich gelegentlich, was mit demjenigen passiert war, der solchen Zorn in ihm geweckt hatte, doch für Herrn Tulpe war die Vergangen- heit ein fremdes Land mit außerordentlich gut bewachten Grenzen. Manchmal hörte Herr Nadel, wie er nachts schrie. Es war ziemlich schwierig, die Dienste von Herrn Tulpe und Herrn Nadel in Anspruch zu nehmen. Man musste die richtigen Leute kennen. Besser gesagt: Man musste die falschen Leute kennen. Und man musste sie kennen lernen, indem man in gewissen Kneipen herumhing und überlebte, was eine Art erster Test war. Die falschen Leute kannten Herrn Tulpe und Herrn Nadel natürlich nicht. Aber sie kannten jeman- den. Und dieser Jemand brachte auf sehr allgemeine Weise die vorsich- tige Meinung zum Ausdruck, dass er vielleicht wusste, wie sich Kontak- te mit Männern herstellen ließen, die sich durch nadelartige Veranla- gung oder tulpolitische Tendenzen auszeichneten. An mehr konnte sich Jemand derzeit nicht erinnern, weil er an akuter Gedächtnisschwäche litt, verursacht von Geldmangel. Nach erfolgter Heilung mochte er im- stande sein, eine andere Adresse zu nennen, wo man in einer dunklen Ecke einem weiteren Jemand begegnen konnte, der ausdrücklich darauf hinwies, nie etwas von Leuten namens Tulpe oder Nadel gehört zu, haben. Außerdem fragte er, wo man sich um, sagen wir, neun Uhr a- bends aufhalten würde. Und dann traf man Herrn Tulpe und Herrn Nadel. Sie wussten, dass man Geld hatte. Sie wussten auch, dass man etwas erledigen lassen wollte. Und wenn man sich sehr dumm angestellt hatte, wussten sie außerdem, wo man wohnte. Der letzte Kunde hingegen hatte sich direkt, ohne irgendwelche Um- wege, an die Neue Firma gewandt, was eine ziemliche Überraschung war. Herr Nadel hielt das für ebenso beunruhigend wie den Umstand, dass besagter Kunde tot war. Für gewöhnlich hatte die Neue Firma keine Probleme mit Leichen, solange sie schwiegen. Herr Schräg hüstelte, was eine kleine Staubwolke erzeugte, wie Herr Nadel feststellte. Herr Schräg war ein Zombie. »Ich möchte noch einmal darauf hinweisen«, sagte Herr Schräg, »dass ich in dieser Angelegenheit nur ein Vermittler bin…« »So wie wir«, meinte Herr Tulpe. Herr Schrägs Blick gab zu verstehen, dass er nie, nicht einmal in tau- send Jahren, wie Herr Tulpe sein würde, doch er sagte: »Ja, in der Tat. Meine Klienten äußerten den Wunsch, auf die Hilfe von… Experten zurückzugreifen. Ich habe Kontakt mit euch aufgenommen. Ihr habt versiegelte Anweisungen von mir bekommen. Ihr habt den Auftrag angenommen. Und soweit ich weiß, habt ihr auf dieser Grundlage ge- wisse… Vorbereitungen getroffen. Über die Art dieser Vorbereitungen weiß ich nicht Bescheid, und ich werde auch in Zukunft nicht darüber Bescheid wissen. Meine Beziehung zu euch ist die des langen Fingers, wie es so schön heißt.« »Was für ein …ter Finger ist das?«, fragte Herr Tulpe. Die Präsenz des toten Anwalts machte ihn nervös. »Wir sehen uns nur, wenn es notwendig ist, und wir sagen so wenig wie möglich.« »Ich hasse …te Zombies«, sagte Herr Tulpe. An diesem Morgen hatte er es mit etwas unter dem Waschbecken versucht. Wenn es Rohrleitun- gen säuberte, so seine Überlegung, musste es chemischer Natur sein. Jetzt empfing er seltsame Nachrichten von seinem Dickdarm., »Ich bin sicher, das Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit«, sagte Herr Schräg. »Ich verstehe, was du meinst«, sagte Herr Nadel. »Es läuft auf Fol- gendes hinaus: Wenn irgendetwas schief geht, hast du uns nie in deinem Leben gesehen…« »Ähem…« Herr Schräg hüstelte. »In deinem Leben nach dem Tod«, verbesserte sich Herr Nadel. »Na schön. Was ist mit dem Geld?« »Dem bereits vereinbarten Honorar werden dreißigtausend Dollar für besondere Spesen hinzugefügt.« »Nicht in bar, sondern in Edelsteinen.« »Natürlich. Meine Klienten würden wohl kaum einen Scheck für euch ausstellen. Die Bezahlung erfolgt heute Abend. Nun, vielleicht sollte ich noch eine andere Angelegenheit erwähnen.« Die trockenen Finger des Anwalts blätterten in den trockenen Unterlagen einer trockenen Akten- tasche. Er reichte Herrn Nadel eine dünne Mappe. Herr Nadel begann zu lesen. Sein Blick huschte über mehrere Seiten. »Du kannst es deinem Gorilla zeigen«, sagte Herr Schräg. Herr Nadel hielt Herrn Tulpes Arm fest, bevor dessen Faust den Kopf des Zombies erreichte. Herr Schräg zuckte nicht einmal mit der Wimper. »Er kennt unsere Lebensgeschichte, Herr Tulpe!« »Ach? Ich kann ihm trotzdem den …ten aufgenähten Kopf von den Schultern reißen!« »Nein, das kannst du nicht«, widersprach Herr Schräg. »Dein Kollege wird dir den Grund dafür nennen.« »Unser Anwaltsfreund hier hat sicher viele Kopien davon angefertigt, nicht wahr, Herr Schräg? Und bestimmt hat er sie an unterschiedlichen Orten untergebracht, für den Fall, dass er ums Leben… äh…« »Für den Fall, dass es zu Zwischenfällen kommt«, sagte Herr Schräg glatt. »Bravo. Ihr habt bereits eine sehr interessante berufliche Lauf- bahn hinter euch, meine Herren. Ihr seid noch jung. Euer Talent hat euch innerhalb kurzer Zeit weit gebracht, und ihr habt in eurem Beruf, eine erstaunliche Reputation erworben. Ich weiß natürlich nicht, wel- chen Aufgaben ihr derzeit nachgeht – davon habe ich nicht die gerings- te Ahnung, wie ich ausdrücklich betonen möchte –, aber ich bin sicher, ihr werdet uns alle sehr beeindrucken.« »Weiß er von dem Auftrag in Quirm?«, fragte Herr Tulpe. »Ja«, antwortete Herr Nadel. »Und von der Sache mit dem Drahtnetz und den Krabben und dem …ten Bankier?« »Ja.« »Und der Angelegenheit mit den kleinen Hunden und dem Kind?« »Davon hat er jetzt erfahren«, sagte Herr Nadel. »Er weiß fast alles. Sehr clever. Du glaubst zu wissen, wo die Leichen begraben sind, Herr Schräg?« »Ich habe mit der einen oder anderen gesprochen«, meinte der Zom- bie. »Aber es deutet alles darauf hin, dass ihr nie ein Verbrechen in Ankh-Morpork begangen habt, denn sonst könnte ich natürlich nicht mit euch sprechen.« »Wer behauptet, wir hätten nie ein …tes Verbrechen in Ankh- Morpork begangen?«, fragte Herr Tulpe beleidigt. »Ihr seid nie zuvor in dieser Stadt gewesen, soweit ich weiß.« »Na und? Wir hatten den ganzen …ten Tag Zeit!« »Hat man euch erwischt?« »Nein!« »Dann habt ihr kein Verbrechen begangen. Darf ich der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass eure hiesige Tätigkeit nicht in kriminelle Akti- vitäten irgendeiner Art ausartet?« »Natürlich darfst du das«, sagte Herr Nadel. »Die Stadtwache kann in bestimmten Dingen ziemlich hartnäckig sein. Und die verschiedenen Gilden wachen eifersüchtig über ihre Ter- ritorien.« »Wir haben eine hohe Meinung von der Polizei«, sagte Herr Nadel. »Wir wissen ihre Arbeit sehr zu schätzen.«, »Wir lieben die …te Polizei«, fügte Herr Tulpe hinzu. »Wenn es einen Polizistenball gäbe, wären wir die Ersten, die eine Eintrittskarte kaufen«, meinte Herr Nadel. »Vor allem, wenn er auf einem Sockel oder einem Podest läge«, sagte Herr Tulpe. »Wir mögen schöne Dinge.« »Ich wollte nur sichergehen, dass wir uns verstehen.« Herr Schräg schloss den Aktenkoffer, stand auf, nickte steif und verließ den Raum. »Was für ein…«, begann Herr Tulpe, doch Herr Nadel hob den Zei- gefinger an die Lippen. Lautlos durchquerte er das Zimmer und öffnete die Tür. Der Anwalt war verschwunden. »Er weiß, warum wir hier sind«, flüsterte Herr Tulpe mit zornigem Nachdruck. »Warum behauptet er, keine …te Ahnung zu haben?« »Weil er Anwalt ist«, erwiderte Herr Nadel. »Hübscher Ort«, fügte er ein wenig zu laut hinzu. Herr Tulpe sah sich um. »Nein«, sagte er und winkte ab. »Zuerst habe ich das ebenfalls gedacht, aber es ist nur eine Kopie des …ten Barock aus dem späten achtzehnten Jahrhundert. Die Abmessungen stimmen nicht. Hast du die Säulen im Saal gesehen? Hast du sie gesehen? Eine …te Mischung aus ephebianischen Kreuzblumen des sechsten Jahr- hunderts und …ten djelibebischen Blätterknäufen aus dem Zweiten Reich! Ich hätte fast laut gelacht!« »Ja«, sagte Herr Nadel. »Ich habe schon mehrmals darauf hingewie- sen, Herr Tulpe: In dir stecken viele Überraschungen.« Herr Tulpe trat zu einem verhüllten Bild und zog das Tuch beiseite. »Na, da soll mich doch… Es ist ein …ter da Quirm«, sagte er. »Ich habe eine Kopie davon gesehen. Frau mit Frettchen. Er malte das Bild, kurz nachdem er Gennua verließ und unter den Einfluss des …ten Ca- ravati geriet. Sieh dir nur die Pinselführung an. Und merkst du, wie die Wölbung der Hand den Blick des Betrachters einfängt? Und dann das Licht über der Landschaft, die man durch das …te Fenster dort sieht. Und die Schnauze des Frettchens scheint einem zu folgen, wenn man durchs Zimmer geht. Das ist echtes …tes Genie. Wenn ich jetzt allein wäre, würde ich in Tränen ausbrechen.« »Es ist sehr hübsch.«, »Hübsch?«, wiederholte Herr Tulpe und schien angesichts des Ge- schmacks seines Kollegen fast in Verzweiflung zu geraten. Er näherte sich einer Statue neben der Tür, betrachtete sie eine Zeit lang und strich dann mit den Fingerkuppen über den Marmor. »Dachte ich mir! Dies ist ein …ter Scolpini! Darauf würde ich alles wetten. Aber ich habe diese Statue nie in einem Katalog gesehen. Und sie steht in einem …ten leeren Haus, wo einfach jemand kommen und sie klauen könnte!« »Dieser Ort ist gut geschützt. Du hast die Siegel an der Tür gesehen.« »Gilden? Das sind doch alles …te Amateure. Wir kämen hier ebenso mühelos voran wie ein heißes Messer in weichem Wachs. Amateure und Felsen und Rasenschmuck und wandelnde Tote… Wir könnten die ganze …te Stadt auf den Kopf stellen.« Herr Nadel antwortete nicht. Ihm war eine ähnliche Idee gekommen, aber im Gegensatz zu seinem Kollegen wurde er nicht sofort aktiv, wenn ihm etwas durch den Kopf ging. Bisher war die Neue Firma noch nicht in Ankh-Morpork tätig gewor- den. Herr Nadel hatte sich zurückgehalten, weil es genug andere Städte gab und sein Überlebensinstinkt ihn darauf hinwies, dass die Große Wahoonie* noch ein wenig warten sollte. Er hatte einen Plan, seit der ersten Begegnung mit Herrn Tulpe und der Erkenntnis, dass sein eige- ner Einfallsreichtum und der unablässige Zorn Herrn Tulpes eine er- folgreiche Karriere versprachen. Er hatte ihr Geschäft in Gennua, Pseudopolis und Quirm entwickelt – kleinere Städte als Ankh-Morpork, in denen man leichter den Überblick behielt. Allerdings hatte es in letz- ter Zeit den Anschein, dass die anderen Städte Ankh-Morpork immer ähnlicher wurden. Herr Nadel wusste: Sie kamen deshalb so gut zurecht, weil die Leute früher oder später bequem wurden. Zum Beispiel die Trolle. Als die Nachschubwege für Tüt-Tüt und Platte bis nach Überwald reichten * Das seltenste und am übelsten riechende Gemüse auf der Scheibenwelt, weshalb es von Kennern (die sich nur selten für Billiges und Gewöhnliches interessieren) hoch geschätzt wird. Gleichzeitig ein umgangssprachlicher Name für Ankh-Morpork, obwohl die Stadt nicht ganz so grässlich riecht., und alle rivalisierenden Clans ausgeschaltet waren, wurden die Trolle bequem. Die Narren verhielten sich plötzlich wie feine Leute. Ähnli- ches spielte sich auch woanders ab. Die großen alten Banden oder Fa- milien erzielten eine Art Gleichgewicht mit der Gesellschaft, lehnten sich zurück und wurden zu spezialisierten Geschäftsleuten. Sie entlie- ßen Schläger und stellten stattdessen Butler ein. Und wenn sie dann in Schwierigkeiten gerieten, wenn sie Muskeln brauchten, die denken konnten… Für solche Fälle gab es die Neue Firma, zu allem bereit. Sie wartete. Irgendwann kam die Zeit für eine neue Generation, dachte Herr Na- del. Sie würde die Dinge auf eine neue Weise erledigen, ohne sich von den Fesseln der Tradition zurückhalten zu lassen. Leute, die Dinge ge- schehen ließen. Herr Tulpe, zum Beispiel, ließ immer wieder etwas ge- schehen. »He, sieh dir das an!«, brachte Herr Tulpe heraus, der gerade das Tuch von einem weiteren Bild gezogen hatte. »Von Gogli signiert. Aber es ist eine …te Fälschung. Siehst du, wie hier das Licht einfällt? Und die Blät- ter an diesem Baum? Wenn Gogli dieses …te Bild gemalt hat, dann mit seinem …ten Fuß. Wahrscheinlich stammt es von einem …ten Schü- ler…« Während sie in der Stadt gewartet hatten, war Herr Nadel Herrn Tul- pe gefolgt, der eine deutliche Spur aus Scheuerpulver und für Hunde bestimmte Wurmtabletten hinterließ. Sein Kollege hatte voller Hingabe eine Kunstgalerie nach der anderen besucht. Es war sehr aufschluss- reich gewesen, insbesondere für die einzelnen Lagen der Signaturen. In Hinsicht auf Kunst verfügte Herr Tulpe über jenen Instinkt, der ihm bei Chemie fehlte. Er schnupfte Puderzucker und Fußpulver, wäh- rend er in privaten Galerien aus blutunterlaufenen Augen Tabletts mit kleinen Marmorfiguren betrachtete. Herr Nadel hatte seinen Kollegen stumm bewundert, als Herr Tulpe sehr anschaulich und ausführlich die Unterschiede verdeutlichte zwi- schen der alten Art, Elfenbein zu fälschen (mit Knochen), und der …ten neuen, die von den …ten Zwergen entwickelt worden war und bei der man raffiniertes Öl, Kreide und …ten Nacle-Geist verwendete., Er wankte zum Wandteppich und ließ sich wortreich über die hohe Kunst des Webens aus. Vor einer grünen Szene schluchzte er und meinte dann, dass die angeblich aus dem dreizehnten Jahrhundert stammende Sto-Lat-Tapisserie nicht mehr als hundert Jahre alt sein konnte, und zwar wegen des …ten Purpurs hier, einen solchen …ten Farbstoff gab’s damals noch nicht. »Und dann… siehst du das hier? Ein achatener Balsamiertopf aus der P’gi-Su-Dynastie? Da hat dich jemand in die Pfanne gehauen, Teuerster. Die Glasur taugt nichts.« Herr Nadel war so sehr erstaunt gewesen, dass er ganz vergessen hat- te, das eine oder andere wertvolle Stück in seiner Tasche verschwinden zu lassen. Aber eigentlich begegnete er diesem Phänomen nicht zum ersten Mal. Wenn sie gelegentlich eine Villa niederbrennen mussten, legte Herr Tulpe großen Wert darauf, zuvor alle unersetzlichen Gegens- tände in Sicherheit zu bringen, auch wenn das bedeutete, dass sie Zeit verloren und die Bewohner an ihre Betten fesseln mussten. Irgendwo unter dem selbst geschaffenen Narbengewebe und im Zentrum des brodelnden Zorns wohnte die Seele eines wahren Kenners mit einem unfehlbaren Instinkt für Schönheit. Das war sehr ungewöhnlich für einen Mann, der Badesalz fixte. Die beiden Flügel der großen Tür am anderen Ende des Raums schwangen auf. Dahinter erstreckte sich Dunkelheit. »Herr Tulpe?«, fragte Herr Nadel. Tulpe unterbrach die sehr sorgfältige Begutachtung eines Tisches, der vermutlich von Tapasi stammte und mit wundervollen Einlegearbeiten versehen war, bestehend aus mehreren …ten Furnieren. »Hm?« »Es wird Zeit, noch einmal den Bossen gegenüberzutreten.« William wollte gerade sein Büro verlassen, als jemand an die Tür klopf- te. Er öffnete sie vorsichtig, und sie wurde sofort ganz aufgestoßen. »Du völlig, völlig… undankbare Person!«, Es war nicht angenehm, so genannt zu werden, erst recht nicht von einer jungen Frau. Bei ihr klang das Wort »undankbar« wie ein Aus- druck, der bei Herrn Tulpe drei Punkte und mindestens ein t erforderte. William kannte Sacharissa Kratzgut; für gewöhnlich half sie ihrem Großvater in seiner kleinen Werkstatt. Er hatte ihr nie große Aufmerk- samkeit geschenkt. Sie sah nicht besonders gut, aber auch nicht beson- ders schlecht aus. Sie war einfach eine junge Frau, die eine Schürze trug und im Hintergrund elegante Dinge verrichtete: Zum Beispiel wischte sie vorsichtig Staub oder rückte Blumen zurecht. Wenn er sich tatsäch- lich eine Meinung über sie gebildet hatte, so glaubte William, dass Sa- charissa an deplatzierter Freundlichkeit litt und Etikette mit Vornehm- heit verwechselte. Sie hielt Manieriertheit irrigerweise für gute Manie- ren. Jetzt bekam er Gelegenheit, sie viel deutlicher zu sehen, hauptsächlich deshalb, weil sie ihn durchs Zimmer verfolgte. In der benebelten Art von Leuten, die sich dem Tode nahe glauben, wurde ihm klar, dass Sa- charissa eigentlich ganz gut aussah – vorausgesetzt, man dachte in ei- nem Zeitrahmen von mehreren Jahrhunderten. Die Konzepte der Schön- heit verändern sich im Lauf der Zeit, und vor zweihundert Jahren hät- ten Sacharissas Augen den großen Maler Caravati veranlasst, seinen Pinsel zu zerbeißen. Vor dreihundert Jahren hätte der Bildhauer Mau- vaise einen Blick auf ihr Kinn geworfen und sich den Meißel auf den Fuß fallen lassen. Vor tausend Jahren wären die ephebianischen Dichter der Ansicht gewesen, dass ihre Nase mindestens vierzig Schiffe in See stechen lassen konnte. Und sie hatte gute mittelalterliche Ohren. Ihre Hand allerdings war ziemlich modern und versetzte William eine schallende Ohrfeige. »Die zwanzig Dollar im Monat waren fast alles, was wir hatten!« »Tut mir Leid. Wie bitte?« »Na schön, er ist nicht sehr schnell, aber immerhin gilt er als einer der besten Graveure weit und breit!« »Oh… ja. Äh…« Plötzliche Schuldgefühle regten sich in William. »Und du hast sie weggenommen, einfach so!« »Ich wollte es nicht! Die Zwerge… Es passierte irgendwie!«, »Du arbeitest für sie?« »In gewisser Weise… mit ihnen…«, sagte William. »Während wir verhungern.« Sacharissa blieb stehen und schnaufte. Sie verfügte über einen gut ge- formten Vorrat an anderen Merkmalen, die nie aus der Mode gerieten und sich in jedem Jahrhundert wohl fühlten. Ganz offensichtlich glaub- te sie, dass strenge, altmodische Kleider einen dämpfenden Kontrast bewirkten, aber da irrte sie. »Ich hänge bei ihnen fest«, sagte William und versuchte, nicht zu star- ren. »Bei den Zwergen, meine ich. Lord Vetinari hat keinen Zweifel daran gelassen. Und plötzlich ist alles sehr kompliziert geworden…« »Die Graveursgilde dürfte sehr ungehalten sein«, meinte Sacharissa. »Äh… ja.« Eine jähe Idee schlug zu, noch heftiger als Sacharissas Hand. »Da hast du bestimmt Recht. Was hältst du davon, als ihre offi- zielle Sprecherin aufzutreten? In der Art von: ›Wir sind ungehalten‹, sagte ein Sprecher, äh, eine Sprecherin der Graveursgilde.« »Warum?«, fragte Sacharissa argwöhnisch. »Ich suche nach Neuigkeiten für meine nächste Ausgabe«, erwiderte William verzweifelt. »Kannst du mir helfen? Ich gebe dir… oh, zwanzig Cent pro Nachricht, und ich kann mindestens fünf pro Tag gebrau- chen.« Die junge Frau öffnete den Mund für eine scharfe Antwort, aber dann begann sie zu rechnen. »Ein Dollar pro Tag?«, vergewisserte sie sich. »Noch mehr, wenn die Meldungen hübsch und lang sind«, sagte Willi- am drauflos. »Für deinen Nachrichtenbrief?« »Ja.« »Ein Dollar?« »Ja.« Sacharissa musterte William misstrauisch. »Das kannst du dir doch gar nicht leisten. Ich dachte, du bekommst selbst nur dreißig Dollar. Das hast du Großvater gesagt.«, »Inzwischen sind die Dinge ein wenig in Bewegung geraten. Ich bin selbst ziemlich überrascht, um ganz ehrlich zu sein.« Sacharissas Blick blieb skeptisch, aber das natürliche Ankh-Morpork- Interesse an der Möglichkeit, Geld zu verdienen, gewann die Oberhand. »Nun, ich höre das eine oder andere«, begann sie. »Und… Dinge auf- zuschreiben… Ich schätze, solch eine Arbeit eignet sich für eine Dame. Es ist praktisch kulturell.« »Äh… fast, denke ich.« »Ich möchte mich nicht mit Dingen befassen, die sich… nicht gehö- ren.« »Oh, mit dieser Sache ist bestimmt alles in Ordnung.« »Und die Gilde kann doch keine Einwände dagegen erheben, oder? Schließlich schreibst du seit Jahren Nachrichtenbriefe…« »Ich bin nur ich«, entgegnete William. »Wenn die Gilde was dagegen hat, muss sie sich an den Patrizier wenden.« »Nun, also gut… wenn du ganz sicher bist, dass sich diese Aufgabe für eine junge Dame eignet…« »Komm morgen zur Druckerei«, sagte William. »Wir können inner- halb von wenigen Tagen eine weitere Ausgabe herausbringen.« Der Ballsaal war in feudales Rot und Gold getaucht, aber ein modriger Geruch durchzog das Halbdunkel, und die verhüllten Kronleuchter wirkten gespenstisch. Das Kerzenlicht in der Mitte wurde matt von Spiegeln an den Wänden reflektiert. Früher einmal mochten sie den Saal hell erleuchtet haben, doch im Laufe der Jahre waren sie auf eine selt- same Weise angelaufen. Das reflektierte Kerzenlicht wirkte wie ein trü- bes Glühen, das unter Wasser durch einen Tangwald drang. Herr Nadel hatte den Raum halb durchquert, als ihm klar wurde, dass er nur das Geräusch seiner eigenen Schritte hörte. Herr Tulpe hatte in der Düsternis einen anderen Kurs eingeschlagen und zog das Tuch von einem an der Wand stehenden Objekt., »Na, da soll mich doch…«, begann er. »Das ist ein …ter Schatz! Ich dachte es mir! Ein echter …ter Intaglio Ernesto. Siehst du hier die Perl- muttarbeiten?« »Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt, Herr Tulpe…« »Er hat nur sechs davon gebaut. O nein, es ist nicht einmal mehr rich- tig gestimmt!« »Bei den Göttern, wir wollten hier als Profis auftreten…« »Vielleicht möchte dein… Kollege diesen Gegenstand als Ge- schenk?«, erklang eine Stimme aus der Mitte des Raums. Sechs Sessel standen am Rand des Kerzenscheins. Sie waren von der altmodischen Art: Die Rückenlehnen wölbten sich nach außen und oben, formten einen tiefen, ledrigen Bogen, der einst dazu gedient hat- te, Zugluft fern zu halten. Jetzt ermöglichten sie den Sitzenden, im Schatten verborgen zu bleiben. Herr Nadel hatte sich schon einmal an diesem Ort aufgehalten und bewunderte die Anordnung. Wer im Schein der Kerzen stand, sah nicht, wer in den Sesseln saß, war aber gleichzeitig selbst deutlich zu erkennen. Jetzt bemerkte Herr Nadel einen weiteren Aspekt: Die Sitzenden konnten sich gegenseitig nicht sehen. Herr Nadel war eine Ratte. Gegen diese Beschreibung hatte er nichts einzuwenden. Ratten verfügten seiner Ansicht nach über viele lobens- werte Eigenschaften. Und dieser Ort war von jemandem geplant wor- den, der in den gleichen Bahnen dachte wie er. Einer der Sessel sagte: »Dein Freund Narzisse…« »Tulpe«, sagte Herr Nadel. »Dein Freund Herr Tulpe möchte das Cembalo vielleicht als Teil der Bezahlung?«, fragte der Sessel. »Es ist kein …tes Cembalo, sondern ein …tes Tafelklavier«, knurrte Herr Tulpe. »Eine Saite pro Note anstatt zwei! Seinen Namen erhielt es, weil es ein Instrument für …te junge Damen war!« »Meine Güte, im Ernst?«, erwiderte einer der Sessel. »Ich hab’s für ei- ne Art frühes Klavier gehalten!«, »Junge Damen sollten darauf spielen«, sagte Herr Nadel glatt. »Und Herr Tulpe sammelt keine Kunstgegenstände. Er weiß sie nur zu… schätzen. Unsere Bezahlung erfolgt wie vereinbart in Edelsteinen.« »Wie du wünschst. Bitte tretet in den Kreis der Kerzen…« »…tes Cembalo«, brummte Herr Tulpe. Die Neue Firma trat in den Kreis der Kerzen und setzte sich den ab- schätzenden Blicken der Sitzenden aus. Die Sessel sahen Folgendes: Herr Nadel war klein, dünn und, wie sein Namensvetter, am Kopf ein wenig dicker. Wenn man ein zweites Wort benötigte, um ihn zu be- schreiben, so eignete sich »gediegen«. Er trank wenig, er achtete darauf, was er aß, und er hielt seinen leicht missgebildeten Körper für einen Tempel. Außerdem benutzte er zu viel Öl für sein Haar und trug einen vor zwanzig Jahren aus der Mode gekommenen Mittelscheitel. Sein schwarzer Anzug wirkte ein wenig schmierig, und seine kleinen Augen waren ständig in Bewegung, beobachteten alles. Herr Tulpes Augen waren kaum zu erkennen, was an einer gewissen Verschwollenheit lag, die auf zu viel Begeisterung für Dinge in Tüten zurückging.* Der Inhalt dieser Tüten war vermutlich auch für die Fle- cken auf der Stirn sowie mehrere deutlich hervortretenden Adern ver- antwortlich. Abgesehen davon gehörte Herr Tulpe zu den überaus kräf- tig gebauten Leuten, die den Eindruck erwecken, jeden Augenblick aus ihrer Kleidung herauszuplatzen. Trotz seiner künstlerischen Neigungen hätte man ihn für jemanden halten können, der sich sehr bemühen musste, um den Intelligenztest für Wrestler zu bestehen. Wenn sein Körper ein Tempel war, dann eine der Kultstätten, wo man im Keller seltsame Dinge mit Tieren anstellte. Wenn er darauf achtete, was er aß, so wollte er nur beobachten, wie sich die Mahlzeit hin und her wand. Zweifel suchte einige der Sessel heim. Sie fragten sich nicht etwa, ob sie sich für die richtigen Maßnahmen entschieden hatten – daran konn- * Ein von Drogen verkleistertes Gehirn bietet einen schrecklichen Anblick, aber Herr Tulpe war ein lebender Beweis dafür, dass ein Cocktail aus für Pferde bestimmten Einreibemitteln, Brausepulver und zerriebenen Harnpillen ein Gehirn ebenfalls ziemlich scheußlich aussehen lassen konnte., te kein Zweifel bestehen –, sondern ob sich diese Leute dafür eigneten. Immerhin war Herr Tulpe ein Mann, den man nicht zu nahe neben einer ungeschützten Flamme stehen sehen wollte. »Wann seid ihr soweit?«, fragte ein Sessel. »Wie geht es eurem… Pro- tegé heute?« »Wir halten Dienstagmorgen für einen geeigneten Zeitpunkt«, antwor- tete Herr Nadel. »Bis dahin dürfte er so gut vorbereitet sein, wie es möglich ist.« »Und es wird keine Todesfälle geben«, sagte ein Sessel. »Das ist wich- tig.« »Herr Tulpe wird so sanft sein wie ein Lamm«, versprach Herr Nadel. Unsichtbare Augen musterten Herrn Tulpe, der genau diesen Mo- ment wählte, um sich eine große Menge Platte in die Nase zu saugen. »Äh, ja«, sagte ein Sessel. »Seine Exzellenz darf nicht mehr verletzt werden, als unbedingt erforderlich ist. Ein toter Vetinari wäre noch gefährlicher als ein lebender.« »Und es darf auf keinen Fall Probleme mit der Wache geben.« »Ja, über die Wache wissen wir Bescheid«, sagte Herr Nadel. »Herr Schräg hat uns darauf hingewiesen.« »Kommandeur Mumms Wache ist sehr… effizient.« »Kein Problem«, sagte Herr Nadel. »Unter den Wächtern befindet sich auch ein Werwolf.« Weißes Pulver spritzte in die Luft. Herr Nadel musste seinem Kolle- gen auf den Rücken klopfen. »Ein …ter Werwolf? Seid ihr übergeschnappt, …t nochmal?« »Äh… warum sagt dein Kollege immer wieder ›…t‹, Herr Nadel?«, fragte ein Sessel. »Ein Sprachfehler«, erklärte Herr Nadel. »Zu den Wächtern gehört auch ein Werwolf? Danke für den Hinweis. Werwölfe sind schlimmer als Vampire, wenn sie Witterung aufgenommen haben und jemanden verfolgen!« »Ihr seid uns als einfallsreiche Männer empfohlen worden.« »Als teure einfallsreiche Männer«, betonte Herr Nadel., Ein Sessel seufzte. »Es gibt kaum andere. Na schön, na schön. Herr Schräg wird darüber mit euch reden.« »Ja, aber Werwölfe haben einen unglaublichen Geruchssinn«, beharrte Herr Tulpe. »Und mit Geld kann man nichts anfangen, wenn man …t tot ist.« »Gibt es noch andere Überraschungen?«, fragte Herr Nadel. »Die Wächter verstehen ihr Handwerk, und einer von ihnen ist ein Werwolf. Zählen auch Trolle zu Mumms Truppe?« »Oh, ja. Mehrere. Und Zwerge. Und Zombies.« »In einer Wache? Was für eine Stadt regiert ihr hier?« »Wir regieren die Stadt nicht«, sagte ein Sessel. »Aber wir achten dar- auf, in welche Richtung sie sich entwickelt«, meinte ein anderer. »Ah«, sagte Herr Nadel. »Ja. Ich erinnere mich. Ihr seid besorgte Bür- ger.« Über besorgte Bürger wusste er Bescheid. Wo auch immer sie sich aufhielten: Sie sprachen immer die gleiche private Sprache, in der »tradi- tionelle Werte« und ähnliche Ausdrücke auf »jemanden lynchen« hi- nausliefen. Dagegen hatte er nichts einzuwenden, aber es schadete nie, die Motive des Auftraggebers zu verstehen. »Ihr könntet auf die Hilfe von jemand anderem zurückgreifen«, sagte Herr Nadel. »Immerhin gibt es hier eine Assassinengilde.« Ein Sessel zischte leise. Ein anderer räusperte sich. »Derzeit haben wir das Problem, dass ei- nige ansonsten intelligente Leute den gegenwärtigen Status quo der Stadt günstig finden, obgleich er zweifellos zum Ruin von Ankh- Morpork führen wird.« »Ah«, sagte Herr Nadel. »Es gibt also auch unbesorgte Bürger.« »So ist es.« »Und das sind ziemlich viele?« Die Sessel verzichteten auf eine Antwort. »Wir freuen uns darauf, euch wiederzusehen«, tönte es aus der Dun- kelheit. »Morgen Abend. Und bestimmt könnt ihr dann Bereitschaft melden. Auf Wiedersehen.«, Der Sesselkreis schwieg, als die Neue Firma den Raum verließ. Nach einer Weile kam eine in Schwarz gekleidete Gestalt durch die große Tür herein, näherte sich dem Kerzenlicht, nickte und eilte wieder fort. »Sie sind bereits ein ganzes Stück vom Gebäude entfernt«, sagte ein Sessel. »Was für grässliche Leute.« »Wir hätten uns an die Assassinengilde wenden sollen.« »Ha! Die kann sich wohl kaum über Vetinari beklagen. Außerdem wol- len wir ihn nicht tot. Wie dem auch sei… Vielleicht haben wir nachher einen Auftrag für die Gilde.« »In der Tat. Wenn unsere Freunde die Stadt verlassen haben… Um diese Jahreszeit können die Straßen sehr gefährlich sein.« »Nein, meine Herren. Wir ändern unseren Plan nicht. Der Mann na- mens Charlie bleibt einsatzbereit, bis alles erledigt ist. Und wenn wir ganz sicher sind, dass wir ihn nicht mehr brauchen… dann bringen ihn die beiden Herren weit fort, damit er sein, haha, Honorar empfangen kann. Vielleicht wenden wir uns später an die Assassinen, falls Herr Nadel auf dumme Gedanken kommt.« »Guter Hinweis. Allerdings scheint es eine Verschwendung zu sein. Wenn ich daran denke, was wir mit Charlie anstellen könnten…« »Wie ich schon sagte: Es würde nicht klappen. Der Mann ist ein Narr.« »Vermutlich hast du Recht. Eine einmalige Lösung dürfte besser sein.« »Dann verstehen wir uns also. Und nun… Hiermit ist diese Sitzung des Komitees für die Abwahl des Patriziers geschlossen. Sie hat über- haupt nicht stattgefunden.« Lord Vetinari hatte die Angewohnheit, so früh aufzustehen, dass er eigentlich nur zu Bett ging, um die Kleidung zu wechseln. Er mochte die Zeit vor dem Sonnenaufgang im Winter. Meistens war es neblig, wodurch man die Stadt kaum sehen konnte, und einige Stun-, den lang blieb alles still, abgesehen von einem gelegentlichen kurzen Schrei. Doch an diesem Morgen ertönte eine laute Stimme vor dem Palasttor. »Heuermeuer!« Der Patrizier trat zum Fenster. »Und Affenschreck!« Lord Vetinari kehrte zum Schreibtisch zurück, läutete mit der Glocke und beauftragte Drumknott, vor dem Palast zu ermitteln. »Es ist der Bettler namens Stinkender Alter Ron«, berichtete Drumknott fünf Minuten später. »Er verkauft dies hier… eine Art Bro- schüre.« Er hielt sie zwischen zwei Fingern, als könnte sie explodieren. Lord Vetinari nahm sie entgegen und las. Dann las er noch einmal. »Na so was«, sagte er. »Die Ankh-Morpork-Times. Hat sonst noch je- mand die… Broschüren gekauft?« »Ziemlich viele Personen, Herr. Arbeiter der Nachtschicht. Marktleu- te und so weiter.« »Hier wird nirgends Heuermeuer oder Und Affenschreck erwähnt.« »In der Tat, Herr.« »Wie seltsam.« Lord Vetinari las erneut. »Hm-hm. Sag für heute Mor- gen alle Termine ab. Ich empfange die Gilde der Ausrufer um neun Uhr und die Graveursgilde um zehn.« »Ich wusste gar nicht, dass sie Termine haben.« »Bestimmt bitten sie darum«, sagte Lord Vetinari. »Wenn sie das hier sehen, möchten sie zweifellos mit mir reden. Nun… hier steht, dass sechsundfünfzig Personen bei einem Krawall in einer Taverne verletzt wurden.« »Scheint ein ziemlich großer Krawall gewesen zu sein, Herr.« »Aber es muss wahr sein, Drumknott«, sagte der Patrizier. »Immerhin steht es hier geschrieben. Oh, und schick dem netten Herrn de Worde eine Nachricht. Ich empfange ihn um halb zehn.« Er blickte noch einmal auf die graue Schrift hinab. »Und gib bekannt, dass Herrn de Worde kein Leid geschehen soll.«, Normalerweise verstand Drumknott sofort, was der Patrizier von ihm wollte, aber diesmal zögerte er. »Möchtest du, dass Herrn de Worde kein Leid geschieht, Euer Exzel- lenz, oder entspricht es deinem Wunsch, dass Herrn de Worde auf keinen Fall ein Leid geschieht?« »Hast du gezwinkert, Drumknott?« »Nein, Herr!« »Drumknott, es ist das Recht eines jeden Bürgers von Ankh-Morpork, unbelästigt durch die Straßen zu gehen.« »Meine Güte, Herr! Tatsächlich?« »Ja.« »Aber ich dachte, du bist gegen Drucktypen, Herr. Du hast gesagt, das Drucken würde dadurch zu billig, und die Leute…« »Potzblitz und lieber Himmel!«, rief der Zeitungsverkäufer am Tor. »Bist du bereit für das aufregende neue Jahrhundert, das vor uns liegt, Drumknott? Bist du bereit, die Zukunft mit entschlossener Hand zu ergreifen?« »Ich weiß nicht, Euer Exzellenz. Ist dafür besondere Kleidung erfor- derlich?« Die anderen Mieter saßen bereits am Tisch, als William die Treppe hi- nunterlief. Er beeilte sich, weil Frau Arkanum über Personen, die zu spät zum Essen kamen, Ansichten hatte. Frau Arkanum, Inhaberin von Frau Eukrasia Arkanums Pension für respektable arbeitende Leute, war genau das, was Sacharissa unbewusst zu sein versuchte. Sie beschränkte sich nicht darauf, respektabel zu tun; sie war respektabel. Es war ihre persönliche Mischung aus Lebensstil, Religion und Hobby. Sie mochte respektable Leute, die sauber und an- ständig waren – sie benutzte diese beiden Worte, als gehörten sie unbe- dingt zusammen. Sie hatte respektable Betten und kochte billige, aber respektable Mahlzeiten für respektable Mieter, die – abgesehen von William – in mittleren Jahren, unverheiratet und extrem nüchtern wa- ren. In den meisten Fällen handelte es sich um Handwerker oder Ver-, treter. Fast alle waren kräftig gebaut und gut gewaschen, trugen ordent- liche Stiefel und versuchten am Tisch auf unbeholfene Weise, höflich zu sein. Seltsamerweise – zumindest entgegen Williams Vorstellungen von Leuten wie Frau Arkanum – hatte sie nichts gegen Zwerge und Trolle. Zumindest nichts gegen die sauberen und anständigen. Anständigkeit war für Frau Arkanum wichtiger als Abstammung. »Hier heißt es, dass sechsundfünfzig Personen bei einem Krawall in einer Taverne verletzt wurden«, sagte Herr Schmitzenmacher. Als längster Mieter der Pension führte er am Tisch gewissermaßen den Vorsitz. Er hatte eine Ausgabe der Times gekauft, als er von der Bäcke- rei zurückkehrte, wo er als Vorarbeiter der Nachtschicht tätig war. »Komisch«, bemerkte Frau Arkanum. »Ich glaube, es sind fünf oder sechs gemeint«, sagte William. »Hier steht sechsundfünfzig«, sagte Herr Schmitzenmacher streng. »Schwarz auf weiß.« »Es muss stimmen«, meinte Frau Arkanum, und ihre Worte stießen auf allgemeine Zustimmung. »Andernfalls stünde es dort nicht ge- schrieben.« »Ich frage mich, wer dafür verantwortlich ist«, überlegte Herr Flach laut. Er reiste als Grossist für Stiefel und Schuhe. »Oh, bestimmt ganz besondere Leute«, erwiderte Herr Schmitzenma- cher. »Wirklich?«, fragte William. »Oh, ja«, sagte Herr Schmitzenmacher. Er gehörte zu den beeindru- ckenden Männern, die sofort zu Fachleuten wurden. »Man würde be- stimmt nicht zulassen, dass irgendjemand solche Dinge schreibt. Ist doch ganz klar.« William kehrte nachdenklich zum Schuppen hinterm Eimer zurück. Gutenhügel sah von dem Stein auf, wo er mit großer Sorgfalt den Text eines Theaterplakats setzte. »Dort drüben liegt Geld für dich«, sagte er und nickte in Richtung ei- ner Werkbank., Es waren größtenteils Kupfermünzen, fast dreißig Dollar. William starrte darauf hinab. »Das kann nicht richtig sein«, hauchte er. »Herr Ron und seine Freunde kamen mehrmals zurück, um noch mehr Ausgaben zu holen«, sagte Gutenhügel. »Aber… aber es waren doch nur ganz gewöhnliche Nachrichten«, brachte William hervor. »Eigentlich spielten sie gar keine große Rolle. Es… waren einfach nur Dinge, die passiert sind.« »Nun, die Leute möchten wissen, was passiert ist«, erwiderte Guten- hügel. »Und bestimmt können wir morgen dreimal so viele Exemplare verkaufen, wenn wir den Preis halbieren.« »Den Preis halbieren?« »Die Leute sind gern im Bild. War nur so ein Gedanke.« Der Zwerg lächelte. »Im Hinterzimmer wartet eine junge Frau auf dich.« Als der Schuppen eine Wäscherei gewesen war – vor der Schaukel- pferd-Ära –, hatte man einen Teil mit billiger Holzvertäfelung in Hüft- höhe abgetrennt, für die Angestellten und die spezielle Person, die den Kunden erklären musste, was aus ihren Socken geworden war. Sacha- rissa saß sittsam auf einem Stuhl, drückte die Handtasche an sich und presste die Ellenbogen an die Seiten, um möglichst wenig von sich selbst dem Schmutz auszusetzen. Sie nickte William zu. Er überlegte, warum er sie hierher gebeten hatte. Ja… Sie war ver- nünftig, mehr oder weniger, führte die Bücher für ihren Großvater. Offen gesagt: William begegnete nicht vielen gebildeten Leuten. Dafür kannte er umso mehr Personen, die einen Schreibstift für eine überaus komplizierte Maschine hielten. Wenn Sacharissa über die Bedeutung eines Apostrophs informiert war, wollte William über den Umstand hinwegsehen, dass sie sich so verhielt, als lebte sie im vergangenen Jahrhundert. »Ist dies jetzt dein Büro?«, flüsterte sie. »Ich denke schon.« »Du hast mir nichts von den Zwergen gesagt!« »Stören sie dich?«, »Oh, nein. Zwerge sind meiner Erfahrung nach gesetzestreu und re- spektabel.« William begriff plötzlich, dass er mit einer jungen Frau sprach, die sich nie in bestimmten Straßen aufgehalten hatte, wenn die Kneipen schlossen. »Ich habe schon zwei gute Nachrichten für dich«, fuhr Sacharissa fort, als vertraute sie ihm ein Staatsgeheimnis an. »Äh… ja?« »Mein Großvater meint, dies sei der längste und kälteste Winter, an den er sich erinnern kann.« »Ja?« »Nun, er ist achtzig. Das sind ziemlich viele Jahre.« »Oh.« »Und der Jährliche Wettbewerb des Backen- und Blumen-Kreises der Tollen Schwestern fand gestern Abend ein vorzeitiges Ende, als der Tisch umgestürzt wurde. Ich hab’s von der Sekretärin erfahren und alles fein säuberlich aufgeschrieben.« »Äh. Hältst du das wirklich für interessant?« Sacharissa reichte William ein Blatt aus einem billigen Schreibheft. Er las: »Der Jährliche Wettbewerb des Backen- und Blumen-Kreises der Tollen Schwestern fand im Lesezimmer der Tollen Schwestern am Hohen Schlag statt. Frau H. Strömig führte den Vorsitz. Sie hieß alle Mitglieder willkommen und lobte die großzügigen Gaben. Folgende Preise wurden verliehen…« Williams Blick glitt über eine lange Liste von Namen und Preisen. »›Exemplar in einem Glas?‹« fragte er. »Das war der Wettbewerb mit den Dahlien«, erklärte Sacharissa. William schrieb »Dahlie« hinter »Exemplar« und las weiter. »›Ein erlesenes Sortiment aus Bezügen für Stühle?‹« »Ja?« »Oh, nichts.« William schrieb »Stuhlbezüge«, was kaum besser war, und setzte die Lektüre mit der Aufmerksamkeit eines Dschungelfor-, schers fort, der jeden Augenblick damit rechnete, dass irgendwelche exotischen Tiere aus dem Gestrüpp sprangen. Der Artikel endete: »Allerdings litt die gute Stimmung, als ein von der Wache verfolgter nackter Mann durchs Fenster sprang, den Raum durchquerte und die Törtchen in Unordnung brachte, bevor er beim Obstdessert gefasst wurde. Die Sitzung endete um 21.00 Uhr. Frau Strömig dankte allen Mitgliedern.« »Was hältst du davon?«, fragte Sacharissa mit einem Hauch Nervosi- tät. »Nun«, sagte William, und seine Stimme schien dabei aus der Ferne zu kommen, »ich glaube, dieser Artikel lässt sich kaum mehr verbessern. Äh… was war deiner Meinung nach das wichtigste Ereignis des Abends?« Sacharissa hob erschrocken die Hand zum Mund. »Oh, ja! Ich habe ganz vergessen, darauf hinzuweisen! Frau Schmeichel gewann den ers- ten Preis für ihren Rührkuchen! Sechs Jahre lang musste sie sich mit dem zweiten Platz begnügen…« William blickte an die Wand. »Bravo«, sagte er. »Das muss unbedingt hinzugefügt werden. Aber wie wär’s, wenn du beim Wachhaus der Tol- len Schwestern vorbeigehst und dich nach dem nackten Mann erkun- digst…?« »Kommt nicht in Frage! Respektable Frauen haben nichts mit der Wache zu tun!« »Ich meine, frag einfach, warum der Mann verfolgt wurde.« »Warum sollte ich?« William versuchte, eine vage Idee in Worte zu kleiden. »Die Leute wollen vielleicht darüber Bescheid wissen.« »Aber hat die Wache nichts dagegen, wenn ich Fragen stelle?« »Nun, es ist unsere Wache. Warum sollte sie etwas dagegen haben? Und ich schlage vor, du suchst einige wirklich alte Leute und fragst sie nach dem Wetter. Wer ist der älteste Bewohner der Stadt?« »Keine Ahnung! Einer der Zauberer, nehme ich an.« »Könntest du zur Universität gehen und ihn fragen, ob er sich daran erinnert, dass es jemals so kalt gewesen ist?«, »Ist dies der Ort, wo man Dinge in die Zeitung bringt?«, sagte eine Stimme von der Tür her. Sie gehörte einem kleinen Mann mit glühend rotem Gesicht. Er zählte zu den glücklichen Leuten, die immer so aussehen, als hätten sie gerade einen ziemlich kecken Witz gehört. »Ich pflanze Karotten an«, fuhr er fort, »und dieses Exemplar ist zu einer interessanten Form herangewachsen. Eh? Was haltet ihr davon, eh? Wirklich komisch, eh? Ich habe sie in der Taverne gezeigt, und alle kugelten sich vor Lachen! Sie meinten, es gehört in die Zeitung!« Er hielt die Karotte hoch. Sie hatte tatsächlich eine interessante Form. Und Williams Gesicht bekam eine interessante Farbe. »Das ist eine sehr seltsame Karotte«, sagte Sacharissa und betrachtete sie kritisch. »Was meinst du, Herr de Worde?« »Äh… äh… du wolltest doch zur Universität gehen. Und ich kümme- re mich um diesen Herrn«, brachte William hervor, als er glaubte, wie- der sprechen zu können. »Meine Frau wollte gar nicht aufhören zu lachen!« »Da kannst du von Glück sagen«, erwiderte William würdevoll. »Wirklich schade, dass du in der Zeitung keine Bilder bringen kannst, eh?« »Ja, aber ich habe bereits genug Schwierigkeiten«, sagte William und öffnete sein Notizbuch. Als der Mann mit seiner lustigen Karotte gegangen war, verließ Willi- am den abgetrennten Bereich und kehrte in die Druckerei zurück. Die Zwerge drängten sich an einer Falltür im Boden zusammen. »Die Pumpe ist schon wieder gefroren«, sagte Gutenhügel. »Wir kön- nen keine Tinte mehr mischen. Der alte Mann namens Käse meint, hier gab’s mal einen Brunnen…« Unten erklang eine Stimme. Zwei Zwerge kletterten die Leiter hinab. »Herr Gutenhügel, fällt dir irgendein Grund ein, warum ich das hier in der Zeitung bringen sollte?«, fragte William und reichte ihm Sacharissas Bericht von dem Blumen-und-Backen-Wettbewerb. »Es ist ein biss- chen… langweilig…«, Der Zwerg las. »Es gibt dreiundsiebzig Gründe«, sagte er. »Weil hier dreiundsiebzig Namen stehen. Ich schätze, es gefällt den Leuten, ihren Namen in der Zeitung zu lesen.« »Aber was ist mit dem nackten Mann?« »Ja… Schade, dass sie seinen Namen nicht kennt.« Unten ertönte ein weiterer Ruf. »Sollen wir uns die Sache mal ansehen?«, fragte Gutenhügel. Es überraschte William keineswegs, dass der Keller unter dem Schup- pen weitaus besser gebaut war als der Schuppen selbst. Praktisch überall in Ankh-Morpork gab es Keller, die einst der erste, zweite oder dritte Stock von älteren Gebäuden gewesen waren – sie stammten aus einem der Königreiche, als die Bewohner der Stadt geglaubt hatten, die Zu- kunft dauere ewig. Und dann stieg der Fluss über die Ufer und brachte viel Schlamm, und die Mauern wuchsen nach oben, und inzwischen stand Ankh-Morpork zum größten Teil auf Ankh-Morpork. Die Leute meinten: Wer über einen guten Orientierungssinn und eine Spitzhacke verfügt, kann die Stadt unterirdisch durchqueren, indem er Löcher in Wände schlägt. Rostige Dosen und bis zur Konsistenz von Seidenpapier verrottetes Holz stapelten sich an einer Wand. In der Mitte einer anderen Wand war eine zugemauerte Tür. Die neueren Ziegelsteine wirkten bereits verwittert und schäbig im Vergleich zu dem alten Mauerwerk. »Was ist auf der anderen Seite?«, fragte Boddony. »Vermutlich die alte Straße«, sagte William. »Die Straße hat einen Keller? Was bewahrt sie hier auf?« »Oh, wenn Teile der Stadt überflutet werden, bauen die Leute einfach nach oben«, erklärte William. »Ich nehme an, dies war einst ein Raum im Erdgeschoss. Man hat Türen und Fenster zugemauert und dann ein Stockwerk draufgesetzt. Es heißt, in manchen Teilen der Stadt gibt es sechs oder sieben unterirdische Etagen. Die meisten davon voller Schlamm. Und das ist sehr sorgfältig ausgedrückt…« »Ich suche nach Herrn William de Worde«, grollte eine Stimme über ihnen., Ein riesiger Troll hatte sich vor die Falltür geschoben und schirmte das Licht ab. »Das bin ich«, sagte William. »Der Patrizier dich jetzt empfangen wird«, verkündete der Troll. »Ich habe doch gar keinen Termin mit Lord Vetinari vereinbart!« »Oh, du dich wundern würdest, wie viele Leute haben heute Termin beim Patrizier, ohne etwas davon zu wissen«, erwiderte der Troll. »Du dich besser beeilen solltest. Ich mich beeilen würde, an deiner Stelle.« Das einzige Geräusch war das Ticken der Uhr. William beobachtete besorgt, wie Lord Vetinari noch einmal die Times las und ihn dabei ganz zu vergessen schien. »Welch ein interessantes… Dokument«, sagte der Patrizier plötzlich und legte die Zeitung beiseite. »Aber ich möchte fragen… Warum?« »Es ist nur mein Nachrichtenbrief«, sagte William. »Allerdings ein we- nig größer. Äh… die Leute möchten Bescheid wissen.« »Welche Leute?« »Nun… eigentlich alle.« »Tatsächlich? Haben sie dich darauf hingewiesen?« William schluckte. »Äh… nein. Aber du weißt ja, dass ich meinen Nachrichtenbrief schon seit einer ganzen Weile schreibe…« »Er ist für verschiedene ausländische Persönlichkeiten und andere wichtige Leute bestimmt.« Lord Vetinari nickte. »Solche Personen müs- sen Bescheid wissen. Das gehört zu ihren Aufgaben. Aber du verkaufst dies an jeden auf der Straße, oder?« »Ich denke schon, Herr.« »Interessant. Nun, stell dir den Staat einmal als eine Art Galeere vor. Ich meine ein Schiff mit Ruderern unter Deck und einem Steuermann oben. Es dürfte im Interesse aller Beteiligten liegen, dass das Schiff nicht untergeht, aber ich frage dich: Die Ruderer müssen doch nicht unbedingt von allen Untiefen erfahren, denen die Galeere im letzten Augenblick ausgewichen ist, und auch nicht von den Kollisionen, die es fast gegeben hätte. Solche Hinweise würden die Ruderer nur beunruhi-, gen und sie aus dem Rhythmus bringen. Nur eins müssen sie wissen: wie man rudert. Hmm?« »Und dass Verlass auf den Steuermann ist«, sagte William. Er konnte den Satz einfach nicht zurückhalten. Er sprach sich praktisch selbst und blieb in der Luft hängen. Lord Vetinari bedachte William mit einem durchdringenden Blick, der etwas länger dauerte als nötig. Dann zeigte sein Gesicht ganz plötzlich ein Lächeln. »Natürlich. Das sollten die Ruderer tatsächlich erfahren. Nun, dies ist das Zeitalter der Worte. Sechsundfünfzig Verletzte bei einem Krawall in einer Taverne. Erstaunlich. Welche Neuigkeiten hast du sonst noch für uns?« »Nun…, äh… es ist sehr kalt…« »Wirklich? Es ist sehr kalt? Meine Güte!« Auf dem Schreibtisch stieß ein kleiner Eisberg an die Seite von Lord Vetinaris Tintenfass. »Ja, und gestern Abend gab es… einen Aufruhr bei einer Kochkunst- Versammlung.« »Einen Aufruhr?« »Nun, vermutlich mehr eine Art Gepolter.* Und jemand hat in seinem Gemüsegarten eine komisch gewachsene Karotte gefunden.« »Das nenne ich eine Neuigkeit. In welcher Hinsicht ist sie komisch gewachsen?« »Äh… sie hat eine besondere Form, Euer Exzellenz.« »Darf ich dir einen kleinen Rat geben, Herr de Worde?« »Ich bitte darum.« * Bei Worten gibt es, genau wie bei Fischen einige spezialisierte Exemplare, die nur in bestimmten Riffen überleben können, wo sie aufgrund ihrer besonderen Gestalt und individuellen Gepflogenheiten vor dem Durcheinander des offenen Meeres geschützt sind. Worte wie »Aufruhr« und »Gepolter« finden sich nur in bestimmten Zeitungen (so wie es »Getränke« nur auf gewissen Speisekarten gibt). Bei einem normalen Gespräch verwendet man sie nie., »Sei vorsichtig. Die Leute wollen vor allem das hören, was sie bereits kennen. Denk daran. Es verunsichert sie, wenn man ihnen von neuen Dingen erzählt. Damit rechnen sie nicht. Sie möchten zum Beispiel wissen, dass Hunde Menschen beißen. So was kommt immer wieder vor. Sie wollen nicht hören, dass jemand einen Hund beißt, weil das in einer normalen Welt nicht geschehen sollte. Kurz gesagt: Die Leute glauben, dass sie Neues hören wollen, doch in Wirklichkeit wünschen sie sich Altes. Wie ich sehe, hast du das bereits erkannt.« »Ja, Herr«, sagte William. Er wusste nicht, ob er alles verstand, aber eins stand fest: Der Teil, den er verstanden hatte, gefiel ihm nicht be- sonders. »Ich glaube, die Graveursgilde möchte das eine oder andere mit Herrn Gutenhügel besprechen, William; aber ich war immer der Ansicht, dass wir in die Zukunft schreiten sollten.« »Ja, Herr. Es ist ziemlich schwer, eine andere Richtung einzuschla- gen.« Wieder richtete Lord Vetinari einen ziemlich langen Blick auf William, dann lösten sich seine Gesichtszüge ruckartig aus der Starre. »In der Tat. Ich wünsche dir einen guten Tag, Herr de Worde. Oh… und sei auf der Hut. Du möchtest sicher nicht zu einer Zeitungsmel- dung werden.« Als er zur Schimmerstraße zurückkehrte, dachte William über die Wor- te des Patriziers nach, und es ist nicht klug, zu sehr in Gedanken versunken zu sein, wenn man durch die Straßen von Ankh-Morpork wandert. Nur mit einem knappen Nicken ging er an Treibe-mich-selbst-in-den- Ruin Schnapper vorbei, aber Schnapper war ohnehin beschäftigt. Er hatte zwei Kunden. Zwei gleichzeitig – das war sehr selten, wenn es sich nicht um eine Mutprobe handelte. Doch diese beiden Leute beun- ruhigten Schnapper, denn sie inspizierten sein Angebot. T.m.s.i.d.R. Schnapper verkaufte seine heißen Würstchen überall in der Stadt, sogar vor der Assassinengilde. Er konnte andere Personen gut beurteilen, vor allem dann, wenn es eventuell erforderlich war, um, eine Ecke zu huschen und dann möglichst schnell wegzulaufen. Inzwi- schen hielt er es für ausgesprochenes Pech, dass er sich an diesem Ort aufgehalten hatte, und obendrein war es zu spät, die Flucht zu ergreifen. Killern begegnete er nicht oft. Mördern ja, aber für gewöhnlich hatten Mörder irgendeinen Anlass, jemanden umzubringen, in den meisten Fällen Freunde oder Verwandte des Opfers. Außerdem kannte Schnap- per viele Assassinen, die ihrer Arbeit mit Stil nachgingen und dabei bestimmte Regeln beachteten. Diese Männer waren Killer. Der Große mit den weißen Pulverspuren an der Jacke und dem Mottenkugelgeruch war einfach nur ein skrupel- loser Schurke, kein Problem; aber der kleine Bursche mit den strähni- gen Haaren roch nach gewaltsamem und gehässigem Tod. Man sah nicht oft jemandem in die Augen, der einfach nur deshalb tötete, weil er es zum betreffenden Zeitpunkt für eine gute Idee hielt. Schnapper bewegte seine Hände ganz vorsichtig, als er den besonderen Teil seines Bauchladens öffnete: das Luxusfach mit den Würstchen, die 1) aus Fleisch von 2) einem bekannten vierbeinigen Geschöpf stamm- ten, das 3) vielleicht sogar einheimisch war. »Ich möchte das hier empfehlen, meine Herren«, sagte er, und weil er sich nur schwer von alten Angewohnheiten befreien konnte, fügte er hinzu: »Bestes Schweinefleisch.« »Und schmecken sie?« »Du wirst nie ein anderes Würstchen essen wollen, Herr.« Der zweite Mann fragte: »Was ist mit der anderen Sorte?« »Bitte um Verzeihung?« »Hufe und Schweineschnauzen und Ratten und was gerade in den …ten Fleischwolf fiel.« »Was Herr Tulpe meint«, sagte Herr Nadel, »sind organischere Würst- chen.« »Ja«, bestätigte Herr Tulpe. »Ich bin …t umweltbewusst.« »Seid ihr sicher? Oh, schon gut, schon gut!« Schnapper hob die Hand. Das Gebaren der beiden Männer hatte sich geändert. Sie schienen in jeder Hinsicht sicher zu sein. »Nu-un, du möchtest also ein schlechte- res… äh…, ein weniger gutes Würstchen, stimmt’s?«, »Mit …ten Fingernägeln drin«, sagte Herr Tulpe. »Nun, ich… vielleicht… ich meine…« Schnapper gab auf. Er war Verkäufer. Und ein guter Verkäufer verkaufte das, was die Kunden wollten. »Nun, lasst mich euch diese Würstchen empfehlen«, fuhr er fort und schaltete seinen inneren Motor in den Rückwärtsgang. »Als sich jemand im Schlachthof den Finger abhackte, hat man den Fleisch- wolf nicht angehalten. Vermutlich findet ihr kein Rattenfleisch darin, weil sich Ratten von diesem Ort fern halten. In diesem Fleisch hier sind Tiere vertreten, die… Ihr wisst doch, dass das Leben in einer Art gro- ßer Suppe begann. Ähnlich verhält es sich mit diesen Würstchen. Wenn ihr schlechte Würstchen möchtet, so bekommt ihr keine besseren.« »Du hast sie für besondere Kunden reserviert, nicht wahr?«, fragte Herr Nadel. »Für mich ist jeder Kunde etwas Besonderes.« »Und hast du Senf?« »Die Leute nennen ihn Senf«, begann Schnapper und übertrieb es nun, »aber ich nenne ihn…« »Ich mag …ten Senf«, ließ sich Herr Tulpe vernehmen. »… wirklich großartigen Senf«, sagte Schnapper, ohne auch nur eine halbe Sekunde zu zögern. »Wir nehmen zwei«, meinte Herr Nadel. Er griff nicht nach seiner Brieftasche. »Auf Rechnung des Hauses!«, sagte Schnapper. Er betäubte zwei Würstchen, stopfte sie in Brötchen und hielt sie den Männern entgegen. Herr Tulpe nahm beide und auch den Topf mit dem Senf. »Weißt du, wie man heiße Würstchen in Brötchen in Quirm nennt?«, fragte Herr Nadel, als sie fortgingen. »Nein!«, erwiderte Herr Tulpe. »Sie heißen dort ›Le heiße Würstchen in le Brötchen‹.« »Was, in einer …ten fremden Sprache? Das soll wohl ein …ter Scherz sein.« »Ich bin kein …ter Scherzbold, Herr Tulpe.«, »Ich meine, der Name sollte… äh… ›Würstchen dans la derrière‹ oder dergleichen lauten«, sagte Herr Tulpe. Er biss von Schnappers ganz besonderem Würstchen ab. »He, genau danach schmeckt das …te Ding«, fügte er mit vollem Mund hinzu. »In einem Brötchen, Herr Tulpe. Weißt du, was man alles ›Brötchen‹ nennt?« »Ja. Dies ist ein schreckliches …tes Würstchen.« Schnapper sah ihnen nach. Man hörte nicht oft solche Worte in Ankh-Morpork. Die meisten Leute sprachen, ohne Lücken in den Sät- zen zu lassen. Er fragte sich, was die drei Punkte bedeuteten. Vor einem großen Gebäude in Willkommenseife hatte sich eine Menge eingefunden, und der Karrenverkehr staute sich bereits bis zum Breiten Weg. Und wo sich eine große Menge einfindet, dachte William, sollte jemand zugegen sein, der alles aufschreibt. In diesem Fall war der Grund klar. Ein Mann stand auf der schmalen Brüstung vor einem Fenster des vierten Stocks. Den Rücken hatte er gegen die Mauer gepresst, und mit erstarrter Miene blickte er in die Tiefe. Unten versuchten die Leute zu helfen. Es entsprach nicht dem robus- ten Wesen von Ankh-Morpork, jemandem seine Selbstmordabsichten auszureden. Immerhin war dies eine freie Stadt. Und Ratschläge wurden häufig gratis verteilt. »Du solltest es besser bei der Diebesgilde versuchen!«, rief ein Mann. »Das Gebäude hat sechs Stockwerke, und davor liegt festes Kopfstein- pflaster! Dein Kopf würde schon beim ersten Versuch platzen!« »Beim Palast gibt es Steinplatten«, meinte ein anderer Mann. »Ja, stimmt«, pflichtete ihm sein Nachbar bei. »Aber der Patrizier würde ihn umbringen, wenn er versucht, von dort in die Tiefe zu sprin- gen.« »Und?« »Nun, es ist eine Frage des Stils.«, »Der Kunstturm wäre bestens geeignet«, sagte eine Frau voller Zuver- sicht. »Er ist fast dreihundert Meter hoch. Und er bietet einen guten Ausblick.« »Zugegeben, zugegeben. Aber man hat auch viel Zeit, um darüber nachzudenken. Auf dem Weg nach unten, meine ich. Das ist meiner Ansicht nach nicht unbedingt der geeignete Zeitpunkt, um introspektiv zu werden.« »Hört mal, ich habe hier eine Wagenladung Krabben, und wenn ich noch länger aufgehalten werde, gehen die Biester nach Hause«, stöhnte ein Fuhrmann. »Warum springt er nicht endlich?« »Er denkt darüber nach. Ist immerhin ein wichtiger Schritt.« Der Mann auf dem Vorsprung drehte den Kopf, als er ein kratzendes Geräusch hörte. William schob sich über den Sims und gab sich alle Mühe, nicht nach unten zu blicken. »Morgen. Du bist bestimmt gekommen, um es mir auszureden.« »Ich… ich…« William versuchte, nicht in die Tiefe zu starren. Von un- ten hatte der Sims breiter ausgesehen. Inzwischen bedauerte er die gan- ze Angelegenheit. »Das käme mir nicht in den Sinn…« »Ich bin immer gern bereit, es mir ausreden zu lassen.« »Ja, ja… äh… würdest du mir bitte deinen Namen und deine Adresse nennen?«, fragte William. Ein völlig unerwarteter und ziemlich unange- nehmer Wind wehte hier oben, schickte gemeine Böen über die Dächer und ließ die Seite des Notizbuchs flattern. »Warum?« »Äh… aus dieser Höhe und auf hartem Boden kann es recht schwie- rig sein, dies später herauszufinden«, sagte William und bemühte sich, nicht zu stark auszuatmen. »Wenn ich das hier in der Zeitung bringen will, muss ich deinen Namen nennen können.« »Welche Zeitung meinst du?« William zog eine Ausgabe der Times aus der Tasche. Der Wind wollte sie ihm aus der Hand reißen, als er sie dem Mann reichte. Der Unbekannte setzte sich und las, wobei sich seine Lippen beweg- ten. Seine Beine baumelten über der Leere., »Das sind also Dinge, die geschehen sind?«, fragte er. »Wie ein Ausru- fer, nur niedergeschrieben?« »Ja. Also, wie lautete dein Name?« »Was soll das heißen, wie er lautete?« »Äh, du weißt schon… ich meine…« William deutete in die Tiefe und verlor fast das Gleichgewicht. »Wenn du…« »Arthur Spinner.« »Und wo hast du gewohnt, Arthur?« »In der Plappergasse.« »Und was war deine Arbeit?« »Du sprichst schon wieder in der Vergangenheit. Die Wache bietet mir für gewöhnlich eine Tasse Tee an.« In Williams Kopf läutete eine warnende Glocke. »Du… springst häu- fig, nicht wahr?« »Ich erledige nur die schwierigen Dinge.« »Und woraus bestehen die schwierigen Dinge?« »Aus dem Klettern. Das eigentliche Springen lasse ich aus. Das erfor- dert keine Facharbeit. Ich konzentriere mich mehr auf den ›Um-Hilfe- schreien-Aspekt‹.« William suchte an einer glatten Mauer nach Halt. »Und du erhoffst dir welche Art von Hilfe…?« »Wie wär’s mit zwanzig Dollar?« »Oder du springst?« »Nun, ich springe nicht in dem Sinne. Ich meine, ich bringe nicht den ganzen Sprung hinter mich. Nicht unbedingt. Aber ich drohe weiterhin damit, in die Tiefe zu springen, wenn du verstehst, was ich meine.« Das Gebäude erschien William jetzt viel höher als auf dem Weg über die Treppe nach oben. Die Leute unten waren viel kleiner. Er erkannte einzelne nach oben blickende Gesichter. Der Stinkende Alte Ron be- fand sich unter den Schaulustigen, zusammen mit seinem räudigen Hund und dem Rest der Gruppe – improvisiertes Straßentheater übte eine geradezu unheimliche Anziehungskraft auf sie aus. William sah, sogar Henry Hustens »Drohe für Nahrungsmittel«-Schild. Und er sah die langen Kolonnen aus Kutschen und Karren, die inzwischen halb Ankh-Morpork lahmlegten. Er fühlte, wie ihm die Knie weich wur- den… Arthur hielt ihn fest. »He, dies ist meine Stelle«, sagte er. »Such dir ei- ne andere.« »Du meintest eben, das Springen sei keine Facharbeit«, sagte William und versuchte, sich auf die Notizen zu konzentrieren, während die Welt um ihn herum langsam rotierte. »Was war deine Arbeit, Herr Spinner?« »Ich bin Turmarbeiter.« »Arthur Spinner, komm sofort da runter!« Arthur blickte nach unten. »Meine Güte, jemand hat meine Ehefrau geholt«, sagte er. »Obergefreiter Fiddyment hier meint…« Das ferne rosarote Gesicht von Frau Spinner zögerte und hörte dem neben ihr stehenden Wächter zu. »… du störst das merkan-tile Wohlergehen der Stadt, du alter Narr!« »Meine Frau duldet keine Widerrede«, sagte Arthur und richtete einen verlegenen Blick auf William. »Muss ich dir noch einmal das Fell über die Ohren ziehen, du törichter alter Mann? Komm sofort runter, oder du erlebst was!« »Drei glückliche Ehejahre«, sagte Arthur fröhlich und winkte der fer- nen Gestalt zu. »Die restlichen zweiunddreißig waren auch nicht direkt schlecht. Aber sie kriegt einfach kein schmackhaftes Kohlgericht hin.« »Wirklich nicht?«, erwiderte William und neigte sich verträumt nach vorn. Als er erwachte, lag er auf dem Boden, was ihn nicht überraschte. A- ber sein Körper hatte noch immer eine dreidimensionale Form, und das erstaunte ihn. Er begriff, dass er nicht tot war. Zu dieser Erkenntnis verhalf ihm unter anderem der auf ihn herabblickende Wächter Korpo- ral Nobbs. William glaubte, dass er ein relativ untadeliges Leben geführt hatte, deshalb rechnete er nicht damit, nach dem Tod ein Gesicht wie das von Korporal Nobbs zu sehen. Es galt als das Schlimmste, das je- mals einer Uniform zugestoßen war, abgesehen von Möwen., »Ah, du bist wieder bei Bewusstsein«, sagte Nobbs und wirkte ein wenig enttäuscht. »Ich fühle mich… schwach«, murmelte William. »Ich könnte es mit Mund-zu-Mund-Beatmung versuchen, wenn du willst«, schlug Nobbs vor. Völlig unabhängig von Williams Willen verkrampften sich mehrere Muskeln und brachten ihn so plötzlich nach oben, dass seine Füße kurz den Bodenkontakt verloren. »Es geht mir schon viel besser!«, rief er. »Wir haben es im Wachhaus gelernt, und bisher hatte ich noch keine Gelegenheit zu üben…« »Bin kerngesund!«, heulte William. »Ich hab’s an meiner eigenen Hand ausprobiert und so…« »Hab mich nie besser gefühlt!« »Der alte Arthur Spinner versucht’s immer wieder«, sagte der Wäch- ter. »Um sich Geld für Tabak zu besorgen. Wie dem auch sei. Alle ha- ben geklatscht, als er dich nach unten getragen hat. Es ist erstaunlich, dass er noch immer so an Abflussrohren klettern kann.« »Bin ich wirklich…«, begann William unsicher. Er fühlte sich sonder- bar leer. »Es war großartig, als du dich übergeben hast. Ich meine, in der Höhe von vier Stockwerken sah’s sehr interessant aus. Schade, dass niemand ein Bild aufgenommen hat…« »Muss jetzt weg!«, stieß William hervor. Offenbar verliere ich den Verstand, dachte er, als er in Richtung Schimmerstraße eilte. Auf was habe ich mich da nur eingelassen? Ich meine, solche Dinge gehen mich doch gar nichts an. Aber vielleicht hat sich das inzwischen geändert… Herr Tulpe rülpste. »Was machen wir jetzt?«, fragte er. Herr Nadel hatte eine Karte der Stadt gekauft und betrachtete sie aufmerksam., »Wir sind keine altmodischen Schläger, Herr Tulpe. Wir sind denken- de Männer. Wir lernen. Und wir lernen schnell.« »Was machen wir jetzt?«, wiederholte Herr Tulpe. Früher oder später würde er den Anschluss finden. »Wir werden uns jetzt eine kleine Versicherung kaufen, das machen wir jetzt. Es gefällt mir gar nicht, dass der Anwalt all den Kram über uns weiß. Ah… da sind wir. Die andere Seite der Universität.« »Kaufen wir Magie?«, fragte Herr Tulpe. »Nicht direkt Magie.« »Du hast diese Stadt doch ein …tes Kinderspiel genannt.« »Sie hat auch ihre guten Seiten, Herr Tulpe.« Herr Tulpe lächelte. »Da hast du …t Recht. Ich möchte zum Museum der Antiquitäten zurück.« »Ich bitte dich, Herr Tulpe. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«, sagte Herr Nadel. »Ich möchte alle …ten Museen besuchen!« »Später. Später. Kannst du zwanzig Minuten warten, ohne zu explo- dieren?« Die Karte führte sie zum Thaumatologischen Park, mittwärts der Un- sichtbaren Universität. Der Park war noch immer so neu, dass die mo- dernen, mit flachen Dächern ausgestatteten Gebäude, Gewinner meh- rerer Preise der Architektengilde, noch nicht einmal damit begonnen hat- ten, Regenwasser hereinzulassen und bei etwas stärkerem Wind Fens- terscheiben zu verlieren. Man hatte versucht, die angrenzenden Bereiche mit Rasenflächen und Bäumen zu verschönern, was jedoch nicht wie geplant funktionierte, da die Häuser auf dem als »Mobilien« bekannten Gelände errichtet waren. Seit Tausenden von Jahren diente es der Universität als Müllkippe. Der Boden enthielt viel mehr als nur alte Hammelknochen, und Magie strahlte. Auf einer Karte thaumischer Verschmutzung wären die Mobi- lien der Mittelpunkt extrem konzentrischer Kreise. Das Gras wies bereits mehrere Farben auf, und einige Bäume waren fortgegangen., Trotzdem florierten hier mehrere Unternehmen, das Ergebnis von etwas, das der Erzkanzler beziehungsweise sein Redenschreiber eine »Heirat« nannte, und zwar: »zwischen Magie und modernem Geschäft. Immerhin braucht die moderne Welt nicht sehr viele magische Ringe und Schwerter, wohl aber eine Möglichkeit, Termine zu verwalten. Ei- gentlich ein Haufen Unsinn, aber ich schätze, es macht alle glücklicher. Ist es jetzt Zeit zum Mittagessen?« Ein Produkt dieser wundervollen Vereinigung lag nun vor Herrn Na- del auf dem Tresen. »Das ist der Mk II«, sagte der Zauberer und war froh darüber, dass sich ein Tresen zwischen ihm und Herrn Tulpe befand. »Technik vom letzten Schliff.« »Gut«, lobte Herr Tulpe. »Wir mögen Dinge, die einen …ten letzten Schliff bekommen haben.« »Wie funktioniert er?«, fragte Herr Nadel. »Er verfügt über kontextuelle Hilfe«, sagte der Zauberer. »Man braucht nur den, äh, Deckel zu öffnen.« Zum Entsetzen des Zauberers erschien plötzlich wie durch Magie ein sehr kleines Messer in der Hand des Kunden und diente dazu, den Ver- schluss zu lösen. Der Deckel sprang auf. Sofort erhob sich ein kleiner grüner Kobold. »Bimm-bimm-bimmel…« Die winzige Gestalt erstarrte. Selbst eine Kreation aus biothaumi- schen Partikeln zögert, wenn man ihr eine spitze Klinge an die Kehle hält. »Was ist das denn?«, fragte Herr Nadel. »Ich wollte etwas, das lauscht!« »Er lauscht, er lauscht!«, versicherte der Zauberer hastig. »Aber er kann auch Dinge sagen!« »Was denn? Zum Beispiel ›Bimm-bimm‹?« Der Kobold lachte nervös. »Herzlichen Glückwunsch!«, quiekte er. »Du hast klugerweise den Disorganizer Mk II erworben. Er zeichnet sich nicht nur durch das neueste biothaumaturgische Design aus, son- dern hat auch viele nützliche Funktionen und ist überhaupt nicht mit, dem Mk I zu vergleichen, den du vielleicht unabsichtlich zerstört hast, indem du mehrmals mit dem Fuß darauf getreten bist!«, sagte der Ko- bold und fügte hinzu: »Dieses Gerät wird ohne jede Garantie hinsicht- lich Zuverlässigkeit, Präzision, Existenz, Nichtexistenz oder Eignung für irgendeinen bestimmten Zweck geliefert, und Bioalchimistische Produkte übernimmt keine Gewährleistung oder Garantie irgendeiner Art in Bezug auf die Verwendbarkeit für bestimmte Aufgaben und kann darüber hinaus nicht haftbar gemacht oder auf andere Weise in Hin- sicht auf den Käufer oder andere Personen, Entitäten und Götter zur Rechenschaft gezogen werden, wenn es zu Verlusten oder Schäden kommt, die von diesem Gerät oder Objekt angerichtet wurden, weil jemand es an die Wand hämmerte, in eine tiefe Schlucht warf oder auf eine andere Weise versuchte, es zu zerstören; und außerdem geht Bioal- chimistische Produkte davon aus, dass der Käufer diese Vereinbarung ebenso akzeptiert wie alle neuen Vereinbarungen, die den Platz der alten einnehmen, sobald er sich dem Produkt bis auf fünf Meilen nä- hert, wenn er es durch ein großes Teleskop betrachtet oder irgendeine andere Methode benutzt, denn du bist ein leicht einzuschüchternder Idiot, der bei viel zu teurem Unfug sofort bereit ist, arrogante und ein- seitige Bedingungen hinzunehmen, gegen die er bei einer Tüte mit Hundekuchen laut protestieren würde, und die Verwendung geschieht auf eigene Gefahr.« Der Kobold holte tief Luft. »Darf ich dich mit dem Rest meines brei- ten Spektrums aus interessanten und amüsanten Geräuschen vertraut machen, hier Namen einfügen?« Herr Nadel sah Herrn Tulpe an. »Na schön.« »Was haltet ihr von einem hübschen ›Tra-la‹?« »Nicht viel.« »Wie wär’s mit einem heiteren Hornsignal?« »Nein.« »›Ding‹?« »Nein.« »Man kann mich auch anweisen, drollige und lustige Kommentare ab- zugeben, wenn ich unterschiedliche Funktionen ausübe.«, »Warum?« »Äh…Manche Leute mögen es, wenn wir Dinge sagen wie ›Ich stehe wieder zur Verfügung, wenn du den Deckel öffnest‹ oder etwas in der Art…« »Warum machst du Geräusche?«, fragte Herr Nadel. »Die Leute mögen Geräusche.« »Wir nicht«, sagte Herr Nadel. »Wir verabscheuen …te Geräusche«, sagte Herr Tulpe. »Um so besser! Ich habe jede Menge Stille-Versionen parat«, meinte der Kobold. Eine selbstmörderische Programmierung ließ ihn hinzufü- gen: »Möchtet ihr vielleicht ein anderes Farbmuster?« »Was?« »Welche Farbe ist euch für mich am liebsten?« Eins der großen Ohren des Kobolds wurde langsam purpurn, und die Nase nahm ein beunru- higend wirkendes Blau an. »Wir wollen keine Farben«, sagte Herr Nadel. »Wir wollen keine Ge- räusche. Wir wollen keine Fröhlichkeit. Wir wollen nur, dass du dich an deine Anweisungen hältst.« »Vielleicht möchtet ihr diese Gelegenheit nutzen, um die Registrie- rungskarte auszufüllen?«, fragte der Kobold verzweifelt und hob die Karte hoch. Ein mit Schlangengeschwindigkeit geworfenes Messer riss die Karte aus der Hand des Kobolds und nagelte sie an den Tresen. »Aber vielleicht wollt ihr das lieber zu einem späteren Zeitpunkt nachholen…« »Der Verkäufer…«, sagte Herr Nadel. »Wohin ist er verschwunden?« Herr Tulpe griff hinter den Tresen und zog den Zauberer hoch. »Der Verkäufer behauptet, dass du einer von den Kobolden bist, die alles wiederholen können, was sie hören«, sagte Herr Nadel. »Ja, hier Namen einfügen, Herr«, erwiderte der Kobold. »Und du erfindest nicht einfach etwas?«, »Dazu sind die Kobolde gar nicht fähig«, schnaufte der Zauberer. »Es fehlt ihnen an Phantasie.« »Wenn es also jemand hören würde, so wüsste er, dass es der Wahr- heit entspricht?« »Ja.« »Genau so etwas haben wir gesucht«, sagte Herr Nadel. »Und wie wollt ihr bezahlen?«, fragte der Zauberer. Herr Nadel schnippte mit den Fingern. Herr Tulpe richtete sich zu seiner vollen Größe auf, straffte die Schultern und ließ Fingerknöchel knacken, die wie Beutel mit rosaroten Walnüssen aussahen. »Bevor wir über die …te Bezahlung sprechen«, sagte Herr Tulpe, »möchten wir mit dem Burschen reden, der die …te Garantie geschrie- ben hat.« Was William inzwischen für sein Büro hielt, hatte sich erheblich verän- dert. Die Installationen der alten Wäscherei, halb fertige Schaukelpferde und der übrige Kram waren wie durch ein Wunder verschwunden. Zwei Schreibtische standen mit dem Rücken aneinander in der Mitte des Raums. Sie waren uralt und wirkten ziemlich mitgenommen. Entgegen aller Vernunft benötigten sie Pappstücke unter allen vier Beinen, um nicht zu wackeln. »Ich habe sie aus dem Gebrauchtwarenladen an der Straße besorgt«, sagte Sacharissa nervös. »Sie waren nicht sehr teuer.« »Ja. Das sehe ich. Äh… Fräulein Kratzgut… Ich habe nachgedacht… Dein Großvater kann doch ein Bild gravieren, oder?« »Ja, natürlich. Warum bist du so schmutzig?« »Und wenn wir uns einen Ikonographen beschaffen und lernen, wie man damit umgeht…«, sagte William, ohne auf Sacharissas Frage ein- zugehen. »Könnte dein Großvater das vom Kobold gemalte Bild gra- vieren?« »Ich denke schon.« »Und weißt du, wo es gute Ikonographen gibt?«, »Nein. Aber ich werde mich umhören. Was ist mit dir passiert?« »Oh, in Willkommenseife drohte jemand damit, Selbstmord zu bege- hen.« »Hat sich was daraus ergeben?« Sacharissa erschrak, als sie ihre eige- nen Worte hörte. »Ich meine, ich möchte natürlich nicht, dass jemand stirbt, aber wir haben noch ziemlich viel Platz in der Zeitung…« »Vielleicht kann ich etwas daraus machen. Er, äh, hat das Leben des Mannes gerettet, der hinaufkletterte, um mit ihm zu reden.« »Wie tapfer. Hast du den Namen des Mannes, der zu ihm emporklet- terte?« »Äh, nein«, sagte William. »Er, äh, war ein Geheimnisvoller.« »Na, das ist immerhin etwas«, erwiderte Sacharissa. »Übrigens, drau- ßen warten einige Leute auf dich.« Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Notizen. »Ein Mann, der seine Uhr verloren hat. Ein Zombie, der… nun, ich weiß nicht genau, was er will. Ein Troll auf der Suche nach Arbeit. Und jemand, dem die Geschichte über den Krawall in der Ta- verne nicht gefallen hat und der dir den Kopf abschlagen will.« »Meine Güte. Na schön, einer nach dem anderen…« Der Mann mit der verlorenen Uhr stellte kein Problem dar. »Es war eine der neuen Uhren, und sie stammt von meinem Vater«, sagte er. »Eine Woche lang habe ich sie vergeblich gesucht!« »Ich weiß nicht, wie wir…« »Wenn du in der Zeitung schreibst, dass ich die Uhr verloren habe – vielleicht hat sie jemand gefunden und gibt sie mir zurück«, sagte der Mann mit ungerechtfertigter Hoffnung. »Ich bezahle dir zehn Cent dafür.« Zehn Cent waren zehn Cent. William kritzelte eine kurze Notiz. Der Zombie war nicht ganz so einfach. Er war an manchen Stellen grünlich verfärbt und er roch stark nach Hyazinthen-Aftershave. Einige Zombies hatten inzwischen begriffen, dass sie in ihrem neuen Leben leichter Freunde fanden, wenn sie nach Blumen rochen, anstatt einfach nur zu riechen., »Die lebenden Leute möchten sicher mehr über tote Leute erfahren«, behauptete der Zombie. Er hieß Herr Krumm, und die Aussprache wies deutlich darauf hin, dass das »Herr« zum Namen gehörte. »Tatsächlich?« »Ja«, bestätigte Herr Krumm mit Nachdruck. »Tote Leute können sehr interessant sein. Die lebenden Leute wären sicher daran interes- siert, über tote Leute zu lesen.« »Meinst du Todesanzeigen oder Nachrufe?« »Nun, äh, ja, in gewisser Weise. Ich könnte sie auf interessante Art schreiben.« »Na schön. Zwanzig Cent pro Artikel.« Herr Krumm nickte – er wäre sicher auch bereit gewesen, seine Dienste ohne Honorar anzubieten. Er reichte William ein Bündel aus gelbem, knisterndem Papier. »Hier ist eine interessante Geschichte für den Anfang«, sagte er. »Ach? Und um wen geht es dabei?« »Um mich. Es ist wirklich sehr interessant. Vor allem die Stelle, an der ich sterbe.« Der nächste Besucher war eindeutig ein Troll, aber zumindest mit ei- nem ungewöhnlichen Aspekt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Trollen, die gerade genug Kleidungsstücke benutzten, um den mensch- lichen Normen des Anstands zu genügen, trug dieser einen Anzug. Zumindest verhüllten Stoffröhren den größten Teil seines Körpers, und für so etwas kam eigentlich nur der Ausdruck »Anzug« in Frage. »Ich Rocky bin«, murmelte er und blickte nach unten. »Ich jede Arbeit annehme, Boss.« »Was war dein letzter Job?«, fragte William. »Ich Boxer gewesen bin, Boss. Aber nicht damit zufrieden war. Man mich immer wieder niedergeschlagen hat.« »Kannst du schreiben oder Bilder malen?«, erkundigte sich William und schnitt eine Grimasse. »Nein, Boss. Aber ich schwere Dinge heben kann. Und ich kann Me- lodien pfeifen, Boss.«, »Das ist… ein gutes Talent, aber ich bezweifle, ob wir…« Die Tür flog auf, und ein breitschultriger, in Leder gekleideter Mann stürmte herein. Er hob eine Axt. »Du hattest kein Recht, das in der Zeitung über mich zu schreiben!«, donnerte er und fuchtelte mit der Klinge vor Williams Nase. »Wer bist du?« »Ich bin Brezock der Barbar, und ich…« Das Gehirn arbeitet ziemlich schnell, wenn es befürchtet, in Stücke geschnitten zu werden. »Oh, du hast eine Beschwerde, die musst du dem Redakteur für Be- schwerden, Enthauptungen und Auspeitschungen vortragen«, sagte William. »Damit meine ich Herrn Rocky hier.« »Das ich bin«, donnerte Rocky fröhlich und legte dem Mann die Hand auf die Schulter. Sie bot nur für drei Finger Platz. Brezock seufzte entmutigt. »Ich… wollte nur… darauf hinweisen…«, begann Brezock vorsichtig, »dass du geschrieben hast, ich hätte jemanden mit einem Tisch geschla- gen. Aber das stimmt nicht. Was sollen die Leute von mir denken, wenn sie hören, dass ich irgendwen mit einem Tisch geschlagen habe? So etwas schadet meinem guten Ruf.« »Ich verstehe.« »Ich habe ihn niedergestochen. Tische sind Waffen für Weichlinge.« »Wir bringen eine Berichtigung«, sagte William und griff nach seinem Stift. »Könntest du vielleicht hinzufügen, dass ich Kehlenschlitzer Kunibert das eine Ohr abgebissen habe? Mit den Zähnen? Ohren sind ziemlich schwer.« Als alle gegangen waren und Rocky draußen auf einem Stuhl saß, sa- hen sich William und Sacharissa an. »Ein sehr seltsamer Morgen«, sagte William. »Ich habe mehr über den Winter herausgefunden«, meinte Sacharissa. »Und es gab einen nicht lizensierten Diebstahl bei einem Juwelier in der, Straße Schlauer Kunsthandwerker. Der Dieb hat ziemlich viel Silber erbeutet.« »Woher weißt du das?« »Einer der Juweliersgesellen hat’s mir gesagt.« Sacharissa hüstelte. »Äh, wenn er mich vorbeigehen sieht, kommt er immer nach draußen, um ein wenig mit mir zu plaudern.« »Im Ernst? Gut!« »Und während ich auf dich gewartet habe, kam mir eine Idee. Gunilla hat dies hier für mich gesetzt.« Sacharissa schob schüchtern ein Blatt Papier über den Schreibtisch. »Ganz oben auf der Seite wirkt es sehr beeindruckend«, sagte sie. »Was hältst du davon?« »Was hat es mit dem Fruchtsalat und den Blättern und den anderen Dingen auf sich?«, fragte William. Sacharissa errötete. »Dafür bin ich verantwortlich. Ein bisschen inof- fizielles Gravieren. Ich dachte, dadurch sieht alles… erlesener und so aus. Äh… gefällt es dir?« »Oh, es sieht wirklich gut aus«, sagte William rasch. »Sehr hübsche… äh… Kirschen…« »… Weintrauben…« »Ja, natürlich, ich meinte Weintrauben. Woher stammt das Zitat? Es ist sehr bedeutungsvoll, ohne, äh, zu viel zu bedeuten.« »Ich glaube, es ist einfach nur ein Zitat«, sagte Sacharissa., Herr Nadel zündete sich eine Zigarette an und blies Rauch in die noch immer feuchte Luft des Weinkellers. »Nun, ich glaube, wir haben es hier mit einem Kommunikationsprob- lem zu tun«, sagte er. »Ich meine, wir bitten dich nicht darum, ein Buch oder so auswendig zu lernen. Du brauchst einfach nur Herrn Tulpe hier anzusehen. Ist das so schwer? Viele Leute schaffen das ohne besondere Ausbildung.« »Ich habe nur ein wenig die… die Nerven verloren«, sagte Charlie und versuchte, nicht zu zittern. »Herr Tulpe ist kein Mann, vor dem man Angst haben muss«, sagte Herr Nadel, obwohl die aktuelle Realität anders aussah. Herr Tulpe hatte angeblichen Teufelsstaub gekauft, aber Herr Nadel vermutete, dass es sich in Wirklichkeit um Kupfersulfat handelte. Es reagierte mit den Chemikalien der Platte, aus der Herr Tulpes Nachmittagssnack bestanden hatte, und als Ergebnis produzierte die Stirnhöhle Elektrizi- tät. Das rechte Auge drehte sich langsam, und Funken schimmerten an den Nasenhaaren. »Ich meine, sieht er vielleicht so aus, als müsste man Angst vor ihm haben?«, fuhr Herr Nadel fort. »Denk daran, dass du Lord Vetinari bist. Verstanden? Von irgendeinem Wächter lässt du dir nichts gefallen. Wenn er etwas sagt, siehst du ihn einfach nur an.« »Etwa so«, sagte Herr Tulpe. Die eine Hälfte seines Gesichts blinkte mehrmals. Charlie sprang zurück. »Nun, nicht unbedingt so«, sagte Herr Nadel. »Aber fast.« »Ich habe genug von dieser Sache!«, jammerte Charlie. »Zehntausend Dollar, Charlie«, sagte Herr Nadel. »Das ist viel Geld.« »Ich habe von diesem Vetinari gehört«, meinte Charlie. »Wenn etwas schief geht, lässt er mich in die Skorpiongrube werfen!« Herr Nadel breitete die Arme aus. »Nun, die Skorpiongrube ist nicht so schlimm, wie man immer behauptet.« »Sie ist ein …tes Picknick im Vergleich mit mir«, brummte Herr Tul- pe, dessen Nase zu leuchten begann., Charlies Augen suchten nach einem Ausweg. Unglücklicherweise glaubte er, dass Schläue einer war. Herr Nadel verabscheute es, wenn Charlie versuchte, clever zu sein. Genauso gut hätte ein Hund versu- chen können, auf einer Posaune zu spielen. »Ich mache es nicht für zehntausend Dollar«, sagte Charlie. »Ich mei- ne… ihr braucht mich…« Er ließ die Worte in der Luft hängen, und Herr Nadel zog in Erwä- gung, mit Charlie auf die gleiche Weise zu verfahren. »Wir haben eine Vereinbarung«, sagte er sanft. »Ja, aber ich schätze, jetzt ist noch mehr Geld drin«, sagte Charlie. »Was meinst du, Herr Tulpe?« Tulpe öffnete den Mund, um zu antworten, doch stattdessen nieste er. Ein kleiner Blitz traf Charlies Kette. »Vielleicht könnten wir bis auf fünfzehntausend gehen«, sagte Herr Nadel. »Aber das zusätzliche Geld kommt aus unserem Anteil.« »Ja, gut…«, erwiderte Charlie. Er wahrte einen möglichst großen Ab- stand zu Herrn Tulpe, denn sein trockenes Haar hatte sich aufgerichtet. »Aber dafür erwarten wir, dass du dich mehr anstrengst«, meinte Herr Nadel. »Und zwar ab sofort. Du brauchst nur zu sagen… Was sollst du sagen?« »›Du bist deines Postens enthoben, guter Mann. Geh fort‹«, prokla- mierte Charlie. »Aber nicht auf diese Weise, Charlie«, betonte Herr Nadel. »Du er- teilst einen Befehl. Du bist der Boss. Und du musst einen hochmütigen Blick auf ihn richten. Wie soll ich es dir erklären? Nun, du bist ein La- denbesitzer. Angenommen, jemand möchte bei dir anschreiben las- sen…« Es war sechs Uhr morgens. Kalter Nebel hielt die Stadt im Griff. Durch die grauen Schwaden kamen sie, betraten die Druckerei hinter dem Eimer und verschwanden wieder im Nebel, auf unterschiedlichen Beinen, mit Krücken und Rädern. »Morpikarieh-tis!«, Lord Vetinari hörte den Ruf und schickte den Bediensteten der Nachtschicht zum Tor. Er bemerkte den Namen. Er nahm das Motto mit einem Lächeln zur Kenntnis. Er las die Worte: ES IST DER KÄLTESTE WINTER SEIT MENSCHENGEDENKEN. UND DAS IST AMTLICH. Dr. Fettel Befindmichgut (132) von der Un- fichtbaren Universität sagte gegenüber der Times: »Es ist so kalt, wie ich mich zurücker- innern kann. Meine Güte, heute sind die Winter nicht mehr das, was sie in meiner Ju- gend ^waren.« An hohen Dachrinnen hat man ellenbogen- lange Eiszapfen gesehen, und viele Brunnen sind zugefroren. Dr. Befindmichgut (132) meint, dieser Win- ter sei noch schlimmer als der von 1902, als Wölfe in die Statt kamen. Er fügte hinzu: »Und wir waren froh darüber, denn schon seit zwei Wochen hatten wir kein frisches Fleisch mehr.« … Herr Josia Wintler (45), Streitaxtstraße 12b, hat %eine lustig geformte Karotte, die er Neugierigen gegen ein kleines Entgelt zeigt. Sie ist sehr drollig. … Herr Klärens Harri (39) möchte der Öffent- lichkeit mitteilen, dass er seine wertvolle Uhr, verloren hat, vermutlich unweit der Tollen Schwestern. Belohnung für den Finder. Bitte im Büro der Times melden. … Diese Zeitung suchd einen Ikonographen miet eigener Ausrüstung. Anfragen im Büro der Times, bei der Taverne ›Eimer‹. … Ein Bösewichd stahl gestern Nachmittag beim Juwelier H. Klunker und Sohn, Nichtsostraße, Silber im Wert von mehr als 200 $. Herr Klunker (32), der mit einem Messer bedroht wurde, sagte der Times: »Ich würde den Mann bestimmt wiedererkennen, wenn ich ihn sähe, denn nicht viele Leute haben sich einen Sdrumpf über den Kopf gezogen.« Und Lord Vetinari lächelte. Und jemand klopfte leise an die Tür. Und er sah auf. »Herein«, sagte er. Nichts geschah. Nach einigen Sekunden wiederholte sich das leise Klopfen. »Herein!« Und wieder folgte bedeutungsvolle Stille. Und Lord Vetinari berührte eine ganz normal wirkende Stelle seines Schreibtischs. Und eine lange Schublade schob sich aus vermeintlich massivem Nussbaumholz, so geräuschlos, als glitte sie über Öl. Sie beinhaltete einige dünne Gegenstände, die auf schwarzem Samt lagen. Ihre Be- schreibung hätte sicher das Wort »scharf« enthalten., Und er wählte ein Objekt und hielt es ruhig in der Hand, als er lautlos den Raum durchquerte, den Knauf der Tür drehte und rasch zur Seite sprang, falls sie aufgestoßen werden sollte. Nichts dergleichen geschah. Aufgrund einer Unregelmäßigkeit der Angeln schwang die Tür lang- sam nach innen. Herr Schmitzenmacher glättete die Zeitung. Die Personen am Früh- stückstisch hatten sich bereits damit abgefunden, dass ihm die Zeitung nicht nur gehörte, weil er sie kaufte, sondern dass er auch ihr Priester war, der ihren Inhalt den Massen verkündete. »Hier steht, dass jemand in der Streitaxtstraße eine lustig geformte Karotte hat«, sagte er. »Die würde ich gern sehen«, ließ sich Frau Arkanum vernehmen. Et- was weiter unten am Tisch ertönten erstickte Geräusche. »Ist alles in Ordnung, Herr de Worde?«, fragte sie, als Herr Flach diesem auf den Rücken klopfte. »Ja, ja, alles bestens«, keuchte William. »Entschuldigung. Hab mich am Tee verschluckt.« »In dem Teil der Stadt ist der Boden recht gut«, meinte Herr Wagen- bauer, Vertreter für Saatgut. William konzentrierte sich verzweifelt auf sein Brötchen, während über ihn hinweg alle Neuigkeiten mit der Sorgfalt und Verehrung für gesegnete Reliquien präsentiert wurden. »Jemand bedrohte einen Ladeninhaber mit einem Messer«, fuhr Herr Schmitzenmacher fort. »Bald ist man in seinem eigenen Bett nicht mehr sicher«, kommentier- te Frau Arkanum. »Ich glaube nicht, dass dies der kälteste Winter seit hundert Jahren ist«, sagte Herr Wagenbauer. »Der vor zehn Jahren war noch schlim- mer, da bin ich ganz sicher. Er wirkte sich katastrophal auf mein Ge- schäft aus.«, »Es steht in der Zeitung«, betonte Herr Schmitzenmacher im ruhigen Tonfall eines Mannes, der einen Trumpf ausspielt. »Du hast da eben einen seltsamen Nachruf vorgelesen«, meinte Frau Arkanum. William nickte stumm, während er sein gekochtes Ei aß. »Es ist sicher alles andere als üblich, von den Dingen zu sprechen, mit de- nen jemand seit seinem Tod beschäftigt gewesen ist.« Herr Langschacht, Zwerg und in der Schmuckbranche tätig, griff nach einer weiteren Scheibe Brot. »Es gibt so’ne und solche«, sagte er ruhig. »Es wird langsam eng in der Stadt«, sagte Herr Windling, der unbe- kannten klerikalen Aufgaben nachging. »Nun, Zombies sind wenigstens Menschen. Womit ich natürlich niemanden beleidigen möchte.« Herr Langschacht lächelte vage, als er Butter auf die Scheibe Brot strich. William fragte sich, warum er Leute unsympathisch fand, die »womit ich natürlich niemanden beleidigen möchte« sagten. Vielleicht lag es daran, dass sie es leichter fanden, solche Worte zu benutzen, als tatsächlich niemanden zu beleidigen. »Nun, ich schätze, wir müssen mit der Zeit gehen«, sagte Frau Arka- num. »Und ich hoffe, dass der arme Mann seine Uhr wieder findet.« Herr Harri wartete bereits, als William den Schuppen erreichte. Er griff nach Williams Hand und schüttelte sie. »Es ist erstaunlich, wirklich erstaunlich!«, sagte er. »Wie hast du das nur geschafft? Bestimmt steckt Magie dahinter! Du bringst die Meldung in der Zeitung, und als ich nach Hause zurückkehre… Meine Güte, da steckt die Uhr in der anderen Jacke! Die Götter mögen deine Zeitung segnen!« Im Innern des Schuppens nahm William die Neuigkeiten entgegen. An diesem Tag waren bisher achthundert Exemplare der Times verkauft worden. Bei einem Preis von fünf Cent betrug Williams Anteil rund sechzehn Dollar. »Das ist Wahnsinn«, sagte William. »Wir schreiben doch nur Dinge auf!«, »Es gibt da ein Problem, Junge«, erwiderte Gutenhügel. »Willst du morgen wieder eine Ausgabe herausbringen?« »Meine Güte, ich hoffe nicht!« »Nun, ich habe da eine Geschichte für dich«, sagte der Zwerg be- drückt. »Wie ich hörte, richtet die Graveursgilde eine eigene Drucker- presse ein. Bei ihr steckt viel Geld dahinter. Beim allgemeinen Drucken könnte sie uns aus dem Geschäft drängen.« »Wäre das wirklich möglich?« »Ja. Die Gilde verwendet ohnehin Pressen. Drucktypen sind nicht schwer herzustellen, wenn man viele Graveure hat. Sie können sehr gute Arbeit leisten. Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe nicht erwartet, dass sie so schnell reagieren würden.« »Ich bin verblüfft!« »Nun, die jüngeren Mitglieder der Gilde kennen die Druckwerke aus Omnien und dem Achatenen Reich. Sie haben nur auf eine solche Chance gewartet. Wie ich hörte, hat gestern Abend eine besondere Ver- sammlung stattgefunden. Dabei wurden einige Posten neu besetzt.« »Das muss sehr interessant gewesen sein.« »Wenn du also deine Zeitung weiterhin herausbringen könntest…«, sagte der Zwerg. »Ich will nicht so viel Geld!«, klagte William. »Geld verursacht Prob- leme.« »Wir könnten die Times billiger verkaufen«, schlug Sacharissa vor und bedachte ihn mit einem seltsamen Blick. »Dann würden wir noch mehr Geld verdienen«, erwiderte William nie- dergeschlagen. »Und wenn wir… den Straßenverkäufern mehr bezahlen?«, fragte Sa- charissa. »Riskant«, meinte Gutenhügel. »Ein Körper verträgt nur eine be- stimmte Menge Terpentin.« »Aber wir könnten zumindest dafür sorgen, dass sie ein ordentliches Frühstück bekommen«, sagte Sacharissa. »Zum Beispiel Eintopf mit Fleisch, das von bekannten Tieren stammt.«, »Aber ich weiß nicht einmal, ob es genug Nachrichten gibt, um jeden Tag…« William unterbrach sich. So funktionierte es nicht. Wenn es in der Zeitung stand, dann war es eine Nachricht. Wenn es eine Nachricht gab, so kam sie in die Zeitung, und wenn sie in der Zeitung stand, war es eine Nachricht. Und sie entsprach der Wahrheit. Er erinnerte sich an den Frühstückstisch. »Man« würde bestimmt nicht zulassen, dass »sie« Dinge in der Zeitung bringen, die nicht wahr sind. William war nicht sehr politisch, aber er benutzte unvertraute mentale Muskeln, als er über »sie« nachdachte. Einige von ihnen hatten mit Er- innerungen zu tun. »Wir könnten weitere Leute einstellen, um Nachrichten zu beschaf- fen«, sagte Sacharissa. »Und was ist mit Neuigkeiten von anderen Or- ten, Pseudopolis oder Quirm? Wir brauchen nur mit den Passagieren zu reden, wenn sie die Kutschen verlassen…« »Die Zwerge würden sicher gern hören, was in Überwald oder Kup- ferkopf geschieht«, sagte Gutenhügel und strich sich über den Bart. »Von dort aus ist eine Kutsche fast eine Woche bis nach Ankh- Morpork unterwegs!«, entfuhr es William. »Na und? Es wären trotzdem Neuigkeiten.« »Könnten wir nicht die Nachrichtentürme benutzen?«, fragte Sacha- rissa. »Die Semaphoren?«, vergewisserte sich William. »Bist du verrückt? Die sind viel zu teuer!« »Na und? Eben hast du noch beklagt, dass wir zu viel Geld verdie- nen!« Es blitzte. William drehte sich um. Ein… Etwas stand in der Tür. Er bemerkte ein Stativ. Dahinter zeig- ten sich zwei dünne schwarze Beine, darauf ein großer schwarzer Kas- ten. Ein in schwarzen Stoff gehüllter Arm kam hinter dem Kasten her- vor und hielt eine Art kleine rauchende Tragmulde. »Hübsch«, erklang eine Stimme hinter dem Kasten. »Das Licht rreflektierrte so gut vom Helm des Zwerrgs, dass ich nicht widerrstehen konnte? Ihrr sucht einen Ikonogrraphen? Ich bin Otto Chrriek.«, »Oh. Ja?«, erwiderte Sacharissa. »Leistest du gute Arbeit?« »Ich bin ein Zauberrerr in der Dunkelkammerr«, sagte Otto Chriek. »Ich experrimentierre die ganze Zeit überr. Außerrdem habe ich meine eigene Ausrrüstung und eine interressierrte, positive Einstellung.« »Sacharissa!«, flüsterte William mit Nachdruck. »Nun, ich nehme an, du könntest für einen Dollar pro Tag begin- nen…« »Sacharissa!« »Ja? Was ist denn?« »Er ist ein Vampir!« »Da muss ich enerrgisch widerrsprrechen«, sagte der verborgene Ot- to. »Man nimmt immerr soforrt an, dass jemand mit einem Überrwald- Akzent ein Vampirr ist. Aberr in Überrwald gibt es Tausende von Perr- sonen, die keine Vampirre sind!« William winkte hilflos und versuchte, die Verlegenheit abzuschütteln. »Tut mir Leid, ich…« »Zufälligerweise bin ich ein Vampirr«, fuhr Otto fort. »Aberr wenn ich mit dem Akzent eines Gnoms gesprrochen hätte – für wen würrdet ihrr mich dann halten?« »Etwa für einen Gnom?«, fragte William skeptisch. »In derr Zeitung stand, dass ihrr einen Ikonengrraphen sucht, und ich bin einerr«, stellte Otto fest. »Außerrdem habe ich das hierr…« Eine schmale, von blauen Adern durchzogene Hand kam nach oben und hielt ein kleines schwarzes Band. »Oh? Du hast die Verpflichtung unterzeichnet?«, fragte Sacharissa. »Im Verrsammlungsrraum am Schlachthofweg«, erwiderte Otto tri- umphierend. »Jede Woche nehme ich dorrt am Gesang und am Teetrrinken teil. Wirr führren gesunde Gesprräche derr positiven Verrstärrkung, und es ist strrengstens verrboten, das Thema von Körr- perrflüssigkeiten irrgendeinerr Arrt zu berrührren. Ich bin kein dum- merr Saugerr mehrr!« »Was meinst du, Herr Gutenhügel?«, fragte William., Der Zwerg kratzte sich an der Nase. »Es liegt bei dir«, sagte er. »Wenn er irgendetwas bei meinen Jungs versucht, wird er bald nach seinen Beinen Ausschau halten. Worum geht es bei dieser Verpflich- tung?« »Das ist eine Erfindung der Enthaltsamkeitsbewegung von Über- wald«, erklärte Sacharissa. »Ein Vampir wird Mitglied, indem er menschlichem Blut abschwört…« Otto schauderte. »Wirr sprrechen in diesem Zusammenhang vom B- Worrt«, sagte er. »Indem er dem B-Wort abschwört«, korrigierte sich Sacharissa. »Die Bewegung ist inzwischen sehr populär geworden. Die Vampire wissen, dass es ihre einzige Chance ist.« »Nun… meinetwegen.« William begegnete Vampiren noch immer mit Unbehagen, aber Otto jetzt zurückzuweisen… Genauso gut konnte man junge Hunde treten. »Hast du was dagegen, deine Sachen im Keller unterzubringen?« »Hierr gibt’s einen Kellerr?«, fragte Otto. »Spitze!« Zuerst waren die Zwerge gekommen, dachte William, als er an seinen Schreibtisch zurückkehrte. Man hatte sie wegen ihres Fleißes und ihrer geringen Größe beleidigt, aber sie hielten den Kopf unten*, arbeiteten und brachten es zu etwas. Anschließend trafen die Trolle ein, und sie kamen etwas besser zurecht, weil die Leute nicht so viele Steine nach Geschöpfen werfen, die mehr als zwei Meter groß sind und Felsen zu- rückwerfen können. Dann stiegen die Zombies aus ihren Särgen. Ein oder zwei Werwölfe krochen unter der Tür durch. Trotz eines schwieri- gen Anfangs fanden die Gnome schnell einen Platz, denn sie waren zäh, und wenn man sie verärgerte, reagierten sie noch unangenehmer als Trolle – ein Troll kann einem wenigstens nicht am Hosenbein em- porlaufen. Es blieben kaum andere Spezies übrig. Die Vampire schafften es nie. Sie waren nicht gesellig, nicht einmal unter sich. Sie dachten nicht als ein Volk. Sie wirkten auf unangenehme * Was ihnen auch nicht schwer fiel, wie unfreundliche Leute bemerkten., Weise seltsam, und natürlich hatten sie keine eigenen Lebensmittellä- den. Einigen intelligenteren von ihnen dämmerte inzwischen, dass sie von anderen Leuten nur dann als Vampire akzeptiert wurden, wenn sie auf- hörten, Vampire zu sein. Das war ein hoher Preis für gesellschaftliche Akzeptanz. Aber es gab einen noch höheren, und bei diesem schlug man Vampiren den Kopf ab und streute ihre Asche in den Fluss. Ein Leben auf der Grundlage von Steak tartare war gar nicht so übel, vergli- chen mit dem Tod durch einen Pflock au naturel.* »Äh, ich glaube, wir würden gern sehen, wen wir einstellen«, sagte William laut. Otto trat langsam und nervös hinter dem Ikonographen hervor. Er war dünn, blass und trug eine dunkle Brille mit kleinen ovalen Gläsern. Das kleine schwarze Band hielt er noch immer so, als sei es ein Talis- man, was vermutlich auch stimmte. »Du brauchst keine Angst zu haben, wir beißen dich nicht«, sagte Sa- charissa. »Und eine Hand wäscht die andere, nicht wahr?«, meinte Gutenhügel. »Das war geschmacklos, Herr Gutenhügel«, sagte Sacharissa. »Na und!« Der Zwerg wandte sich wieder dem Stein zu. »Die Leute sollen ruhig wissen, welchen Standpunkt ich vertrete.« »Ihrr werrdet es nicht berreuen«, sagte Otto. »Ich habe überrhaupt nichts mehrr mit dem B-Worrt zu tun, das verrsicherre ich euch. Wo- von soll ich Bilderr aufnehmen?« »Von Nachrichten«, antwortete William. »Was sind Nachrrichten?« »Nachrichten sind…« William überlegte kurz. »Nachrichten sind das, was wir in der Zeitung bringen…« »Was haltet ihr hiervon, eh?«, ertönte eine fröhliche Stimme. * Wer rohes Steak aus einem Schlachthaus von Ankh-Morpork verspeiste, begann damit ein von Gefahren und Aufregung geprägtes Leben, das selbst die abenteuerlichste Seele zufrieden stellte., William drehte sich um. Ein schrecklich vertrautes Gesicht sah ihn über einen Karton hinweg an. »Hallo, Herr Wintler«, sagte er. »Äh, Sacharissa, vielleicht solltest du jetzt besser gehen und…« Er war nicht schnell genug. Herr Wintler gehörte zu den besonderen Leuten, die ein Quietschkissen für lustig halten, und allein von einem frostigen Empfang ließ er sich nicht entmutigen. »Heute Morgen habe ich in meinem Garten gegraben und dabei diese Pastinake gefunden, und ich dachte: Der junge Mann von der Zeitung lacht sich dumm und dösig, wenn er das sieht. Meine Frau konnte nicht ernst bleiben, und…« Zu Williams Entsetzen griff der Mann bereits in den Karton. »Herr Wintler, ich glaube, du solltest besser…« Im Karton kratzte etwas, als die Hand nach oben kam. »Ich wette, die junge Frau hier lacht gern, eh?« William schloss die Augen. Er hörte, wie Sacharissa nach Luft schnappte. Dann sagte sie: »Meine Güte, das ist geradezu verblüffend lebensecht!« William öffnete die Augen. »Oh, es ist eine Nase«, sagte er. »Eine Pastinake mit einem knubbeligen Gesicht und einer großen Nase!« »Soll ich ein Bild davon anferrtigen?«, fragte Otto. »Ja!«, erwiderte William voller Erleichterung. »Nimm ein Bild von Herrn Wintler und seiner wundervollen Nasen-Pastinake auf, Otto! Dein erster Auftrag! Ja, nur zu!« Herr Wintler strahlte. »Soll ich schnell die Karotte holen?« »Nein!«, sagten William und Gutenhügel wie aus einem Mund. »Möchtet ihrr das Bild jetzt soforrt?«, fragte Otto. »Und ob!«, entgegnete William. »Je schneller wir unseren Herrn Wint- ler nach Hause schicken können, desto eher bekommt er Gelegenheit, noch ein lustig geformtes Stück Gemüse zu finden. Was steht uns als Nächstes bevor? Eine Bohne mit Ohren? Eine Rübe in der Form einer Kartoffel? Vielleicht ein Rosenkohl mit einer großen haarigen Zunge?« »Ihrr möchtet, dass ich das Bild jetzt soforrt anferrtige, hierr auf derr Stelle?«, fragte Otto. Besorgnis haftete an jeder Silbe., »Ja, jetzt sofort!« »Nun, es gibt da eine Kohlrübe, in die ich große Hoffnungen set- ze…«, begann Herr Wintler. »Na schön… wenn du bitte hierrherr sehen würrdest, Herrr Wint- lerr«, sagte Otto. Er beugte sich hinter den Ikonographen und nahm die Abdeckung von der Linse. William beobachtete, wie der Kobold im Kasten nach seinem Pinsel griff und durch die Öffnung blickte. Mit der freien Hand hob Otto langsam eine Stange mit einem Käfig, in dem ein dicker Salamander döste. Ein Finger verharrte auf dem Auslöser, der einen kleinen Hammer auf den Kopf des Tiers herabfallen ließ, gerade fest genug, um es zu verärgern. »Bitte rrecht frreundlich!« »Moment mal«, sagte Sacharissa. »Sollte ein Vampir…« Klick. Der Salamander leuchtete auf. Das Zimmer verwandelte sich in ein Muster aus grellem weißen Licht und schwarzen Schatten. Otto schrie, fiel zu Boden und griff sich mit beiden Händen an die Kehle. Er sprang wieder auf, verdrehte die Augen, keuchte, taumelte mit gummiweichen Beinen durch den Raum, kam torkelnd zurück und sank hinter einen Schreibtisch. Eine heftig zitternde Hand verstreute Zettel und Blätter. »Aarrghaarrghaarrgh…« Es folgte schockierte Stille. Otto erhob sich, rückte seine Krawatte zurecht und klopfte Staub von seinem Anzug. Dann sah er auf und bemerkte die erschrockenen Ge- sichter. »Nun?«, sagte er streng. »Was starrt ihrr so? Es ist eine norrmale Rreaktion, weiterr nichts. Ich arrbeite darran. Licht in allen Forrmen ist meine Leidenschaft. Licht ist meine Leinwand, und Schatten sind mein Pinsel.« »Aber intensives Licht bereitet dir Schmerzen!«, erwiderte Sacharissa. »Es verletzt Vampire!«, »Ja, da hast du leiderr Rrecht. Eine ziemlich ärrgerrliche Angelegen- heit.« »Und, äh, das passiert jedes Mal, wenn du ein Bild aufnimmst?«, fragte William. »Nein, manchmal ist es viel schlimmerr.« »Schlimmer?« »Es kommt vorr, dass ich zu Staub zerrfalle. Aberr was uns nicht umbrringt, macht uns starrk.« »Starrk?« »Ja!« William bemerkte Sacharissas Blick. Ihre stumme Botschaft lautete: Wir haben ihn eingestellt. Bringen wir es jetzt übers Herz, ihn zu entlas- sen? Und mach dich nur dann über seinen Akzent lustig, wenn dein Überwaldisch wirklich gut ist, verstanden? Otto bereitete den Ikonographen vor und schob ein neues Blatt hin- ein. »Verrsuchen wirr es noch einmal«, sagte er fröhlich. »Und diesmal – alle lächeln!« Post traf ein. An eine gewisse Menge war William gewöhnt, meistens von den Lesern seiner Nachrichtenbriefe, die darüber klagten, dass er nichts über die doppelköpfigen Riesen, Seuchen und Regen aus Haustieren verlauten ließ – Phänomene, von denen sie gehört hatten und die in Ankh-Morpork an der Tagesordnung zu sein schienen. In einem Punkt hatte sein Vater Recht: Lügen konnten tatsächlich über die ganze Welt laufen, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hatte. Und es war erstaunlich, wie sehr die Leute an so etwas glauben wollten. Diese Post hingegen… Nun, William kam sich vor, als hätte er einen Baum geschüttelt, woraufhin alle Nüsse herabfielen. Einige Briefe wie- sen darauf hin, dass es viel kältere Winter als diesen gegeben hatte, aber bezüglich der Frage des Wann gingen die Meinungen weit auseinander. In einem anderen Brief hieß es, heute sei das Gemüse nicht mehr annä- hernd so lustig wie früher, was vor allem für Porree galt. Ein weiterer Briefautor fragte, was die Diebesgilde in Hinsicht auf nicht lizensierten, Diebstahl in der Stadt zu unternehmen gedachte. Noch jemand anders behauptete, all die Raubüberfälle gingen auf Zwerge zurück, die man nicht in der Stadt dulden sollte, weil sie den ehrlichen Leuten die Arbeit wegnähmen. »Richte eine Rubrik namens ›Leserpost‹ ein und bring die Briefe dort«, sagte William. »Bis auf den über die Zwerge. Er klingt nach Herrn Windling. Und auch nach meinem Vater. Aber der weiß wenigstens, wie man ›unerwünscht‹ schreibt, und außerdem verwendet er keine Bunt- stifte.« »Warum nicht den Brief über die Zwerge?« »Weil er beleidigend ist.« »Manche Leute halten das für wahr«, sagte Sacharissa. »Es hat eine Menge Ärger gegeben.« »Ja, aber wir sollten so etwas nicht drucken.« William zeigte den Brief Gutenhügel. Der Zwerg las. »Bringt ihn ruhig«, sagte er. »Er füllt einige Zentimeter.« »Aber die Leute werden protestieren«, wandte William ein. »Gut. Bringt auch ihre Briefe.« Sacharissa seufzte. »Wahrscheinlich brauchen wir sie. William, mein Großvater meint, niemand in der Gilde sei bereit, die Ikonographien für uns zu gravieren.« »Warum denn nicht? Wir können sie bezahlen.« »Wir sind keine Gildenmitglieder. Es ist alles sehr unangenehm. Sprichst du mit Otto?« William seufzte und ging zur Leiter. Die Zwerge nutzten den Keller als Schlafzimmer, denn sie hatten gern einen Boden über dem Kopf. Sie waren bereit gewesen, Otto eine feuchte Ecke zur Verfügung zu stellen. Ein altes Laken, aufgehängt an einem Seil, sorgte dort für ein wenig Privatsphäre. »Oh, hallo, Herrr William«, sagte Otto und schüttete eine scharf rie- chende Flüssigkeit aus einer Flasche in eine andere. »Ich fürchte, wir haben niemanden, der deine Bilder gravieren kann«, sagte William., Der Vampir blieb ungerührt. »Ja, ich habe darrüber nachgedacht.« »Es tut mir Leid, aber…« »Kein Prroblem, Herrr William. Es gibt immerr eine Möglichkeit.« »Welche denn? Du kannst nicht gravieren, oder?« »Nein, aberr… es wirrd doch alles schwarrz oderr weiß gedrruckt, nicht wahrr? Und das Papierr ist weiß, was bedeutet, dass eigentlich nurr schwarrz gedrruckt wirrd. Ich habe gesehen, wie die Zwerrge vorr- gehen. Sie setzen Metallstücke zusammen und so… Wusstest du, dass die Grraveurre Metall mit Säurre grravierren können?« »Ja?« »Ich brrauche den Kobolden also nurr beizubrringen, mit Säurre zu malen. Damit ist das Prroblem gelöst. Etwas längerr musste ich überr die Frrage nachdenken, wie sich grraue Töne bewerrkstelligen lassen, aberr ich glaube…« »Du meinst, du kannst die Kobolde dazu bringen, das Bild direkt in eine Platte zu kratzen?« »Ja. Es ist eine derr Ideen, die einem offensichtlich errscheinen, wenn man darrüber nachdenkt.« Otto wirkte plötzlich sehnsüchtig. »Und ich denke überrs Licht nach, die ganze Zeit überr…« William erinnerte sich vage daran, dass einmal jemand gesagt hatte: Schlimmer als ein nach Blut gierender Vampir ist ein Vampir, der von einer anderen Sache besessen ist. All die akribische Zielstrebigkeit, die normalerweise der Suche nach jungen Frauen in Schlafzimmern mit offenen Fenstern galt, wurde dann von einem anderen Interesse in An- spruch genommen, mit gnadenloser und überaus gewissenhafter Effi- zienz. »Äh, warum arbeitest du in, äh, einer dunklen Ecke?«, fragte William. »Für die Kobolde ist das doch nicht nötig, oder?« »Ah, wegen meines Experriments«, antwortete Otto stolz. »Weißt du, dass ein anderrerr Ausdrruck fürr Ikonogrraph ›Photogrraph‹ lauten würrde? Err geht auf das alte Worrt photus im Latatianischen zurrück und bedeutet…« »›Wie ein Irrer zu tanzen und die Leute so herumzukommandieren, als gehörte einem alles‹«, sagte William., »Ah, du weißt darrüber Bescheid!« William nickte. Die Bedeutung dieses Wortes war ihm immer rätsel- haft erschienen. »Nun, ich arrbeite an einem Obskurrogrraphen.« William runzelte die Stirn. Dieser Tag erwies sich als besonders an- strengend. »Du willst Bilder mit Dunkelheit anfertigen?«, fragte er. »Mit wahrrerr Dunkelheit, um ganz genau zu sein«, sagte Otto. In sei- ner Stimme lag jetzt Aufregung. »Es geht dabei nicht nurr um die Ab- wesenheit von Licht. Das Licht auf derr anderren Seite derr Dunkelheit. Man könnte es… lebende Dunkelheit nennen. Wirr sehen sie nicht, im Gegensatz zu den Kobolden. Wusstest du, dass derr in tiefen Höhlen lebende überrwaldianische Landaal Blitze aus dunklem Licht aussendet, wenn man ihn errschrreckt?« William betrachtete ein großes Glas auf der Werkbank. Darin waren zwei hässliche Geschöpfe zusammengerollt. »Und es funktioniert?«, fragte er. »Ich glaube schon. Warrte einen Augenblick.« »Eigentlich muss ich jetzt zurück…« Vorsichtig nahm Otto einen Landaal aus dem Glas und legte ihn in eine der Tragmulden, die normalerweise für einen Salamander bestimmt waren. Dann richtete er einen seiner Ikonographen auf William und nickte. »Eins… zwei… drrei… BUH!« Es kam zu… … einer geräuschlosen Implosion, die ein seltsames Empfinden be- wirkte. William glaubte zu spüren, wie die Welt zusammengeknüllt wurde, um anschließend zu zerbrechen und Myriaden von winzigen Nadeln zu bilden, die jemand durch jede einzelne Zelle in seinem Leib bohrte.* Dann kehrte die Düsternis des Kellers zurück. »Das war… sehr sonderbar«, sagte William und blinzelte. »Ich fühlte mich… von etwas sehr Kaltem durchdrungen.« * William de Worde hatte in vielerlei Hinsicht eine sehr lebhafte Phantasie., »Wirr können jetzt viel mehrr überr das dunkle Licht herrausfinden, da wirr unserre abscheuliche Verrgangenheit hinterr uns gelassen haben und ins helle Licht einerr strrahlenden Zukunft getrreten sind, wo wirr überrhaupt nicht mehrr über das B-Worrt nachdenken«, sagte Otto und hantierte am Ikonographen. Einige Sekunden betrachtete er das vom Kobold gemalte Bild und sah dann William an. »Oh, ich fürrchte, da muss ich noch einmal von vorrn beginnen.« »Darf ich mal sehen?« »Es wärre mirr sehrr peinlich«, sagte Otto und legte das Stück Pappe auf die improvisierte Werkbank. »Dauerrnd unterrlaufen mirr irrgend- welche Fehlerr.« »Oh, aber ich…« »Herr de Worde, da etwas passiert ist!« Die laute Stimme gehörte Rocky, der die Falltür verfinsterte. »Was denn?« »Etwas beim Palast. Jemand getötet worden ist!« William sprang die Leiter hoch. Sacharissa saß an ihrem Schreibtisch und war sehr blass. »Hat jemand Vetinari ermordet?«, fragte William. »Äh, nein«, antwortete Sacharissa. »Nicht… direkt.« Unten im Keller griff Otto Chriek noch einmal nach der Dunkellicht- Ikonographie. Mit einem langen, blassen Finger kratzte er darauf, als wollte er etwas entfernen. »Seltsam…«, sagte er. Der Kobold hatte es sich nicht eingebildet, daran bestand kein Zwei- fel. Kobolden fehlte jede Phantasie. Sie konnten nicht lügen. Argwöhnisch sah er sich im leeren Keller um. »Ist hierr jemand?«, fragte er. »Spielt jemand Dummerr Dussel mit mirr?« Dunkles Licht. Meine Güte. Es gab viele Theorien über dunkles Licht… »Otto!«, Er sah auf und steckte das Bild in die Tasche. »Ja, Herrr William?« »Nimm deine Sachen und komm mit! Lord Vetinari hat jemanden ermordet! Äh, angeblich«, fügte William hinzu. »Und es kann unmög- lich wahr sein.« Manchmal glaubte William, dass die Bevölkerung von Ankh-Morpork ständig darauf wartete, zu einer großen Menge zu werden. Die meiste Zeit über war sie dünn über die ganze Stadt verteilt, wie eine Art Rie- senamöbe. Doch wenn irgendwo etwas geschah, zog sie sich an der betreffenden Stelle zusammen, wie eine Zelle an einem Nahrungsstück. Dann füllten sich die Straßen mit Leuten. Die Menge wuchs am Haupttor des Palasts. Wie durch Zufall fand sie sich dort ein. Eine Ansammlung von Personen lockte weitere Personen an, wodurch eine größere Ansammlung entstand. Karren und Sänften verharrten, um herauszufinden, was vor sich ging. Die Menge schwoll immer mehr an. Am Tor standen keine Palastgardisten, sondern Angehörige der Wa- che. Das ergab ein Problem. Die Anfrage »Lasst mich durch, ich bin neugierig« hatte kaum Aussichten auf Erfolg. Es mangelte ihr an Auto- rität. »Warrum halten wirr an?«, fragte Otto. »Feldwebel Detritus steht am Tor«, sagte William. »Ah. Ein Trroll. Sehrr dumm«, meinte Otto. »Aber nur schwer zu überlisten. Ich fürchte, wir müssen es mit der Wahrheit versuchen.« »Wieso?« »Er ist Polizist. Die Wahrheit verwirrt sie meistens. Weil sie nicht dar- an gewöhnt sind, sie zu hören.« Der große Troll beobachtete reglos, wie sie sich näherten. Er zeigte den typischen Polizistenblick, der nichts preisgab und verkündete: Ich sehe dich und warte darauf, dass du gegen irgendein Gesetz verstößt. »Guten Morgen, Feldwebel«, sagte William., Das Nicken des Trolls wies auf Folgendes hin: Das vorhandene Be- weismaterial ließ vermuten, dass es Morgen war, und unter gewissen Umständen mochte es für manche Personen ein guter sein. »Ich muss dringend Kommandeur Mumm sprechen.« »Oh, ja?« »Ja, tatsächlich.« »Und er dich ebenfalls dringend sprechen müssen?« Der Troll beugte sich etwas näher. »Du Herr de Worde bist, nicht wahr?« »Ja. Ich arbeite für die Times.« »Ich das nicht lese«, sagte der Troll. »Wirklich nicht? Wir bringen dir eine extra groß gedruckte Ausgabe«, bot William an. »Das sehr lustig war«, erwiderte Detritus. »Aber so dumm ich auch sein mögen: Ich auf dieser Seite des Tors stehe und dir sage, dass du auf der anderen bleibst… He, was der Vampir da macht?« »Bitte nicht bewegen«, sagte Otto. WOOMPF. »Verrdammtverrdammtverrdammt…« Detritus beobachtete, wie Otto auf dem Kopfsteinpflaster hin und her rollte. »Was das zu bedeuten hat?«, fragte er nach einer Weile. »Er hat ein Bild von dir aufgenommen«, erklärte William. »Es zeigt, wie du mich nicht in den Palast lässt.« Detritus war über der Schneegrenze eines fernen Bergs geboren und hatte den ersten Menschen erst als Fünfjähriger gesehen. Aber er war auch Polizist, bis in die rissigen, oft über den Boden kratzenden Finger, und er reagierte entsprechend. »Das er nicht darf«, sagte er. William holte sein Notizbuch hervor und hielt den Stift bereit. »Könntest du meinen Lesern mitteilen, warum er das nicht darf?«, frag- te er. Detritus sah sich um und wirkte ein wenig besorgt. »Wo sie sind?«, »Nein, ich meine, ich schreibe auf, was du sagst.« Elementares Polizistendenken eilte Detritus erneut zu Hilfe. »Das du nicht darfst«, sagte er. »Darf ich aufschreiben, warum ich nichts aufschreiben darf?«, fragte William und lächelte strahlend. Detritus griff nach oben und legte einen kleinen Hebel an der Seite seines Helms um. Ein leises, kaum hörbares Summen wurde etwas lau- ter. Der Helm des Trolls war mit einem aufziehbaren Ventilator ausges- tattet, um das Siliziumgehirn zu kühlen, wenn Überhitzung seine Leis- tungsfähigkeit beeinträchtigte. Offenbar brauchte Detritus derzeit einen kühleren Kopf. »Ah«, sagte er. »Dies so etwas wie Politik ist, nicht wahr?« »Äh, vielleicht. Tut mir Leid.« Otto war inzwischen aufgestanden und hantierte wieder am Iko- nographen. Detritus traf eine Entscheidung und nickte einem Obergefreiten zu. »Du diese… zwei zu Herrn Mumm bringen, Fiddyment. Sie unter- wegs nicht von irgendwelchen Treppenstufen fallen sollen oder was in der Art.« Herr Mumm, dachte William, als sie dem Obergefreiten folgten. So nannten ihn alle Wächter. Früher ein Ritter, jetzt Herzog und Kom- mandeur – aber die Wächter nannten ihn »Herr«. Es war nicht einfach ein Wort, das man vor einen Namen setzte. Es war vielmehr jene Art von »Herr«, die Respekt zum Ausdruck brachte und darauf hinwies, dass die betreffende Person nicht nur Achtung verdiente, sondern auch Befehle erteilen konnte, die sofort ausgeführt werden mussten. William war nicht dazu erzogen worden, die Wache zu respektieren. Die Wächter »sind keine Leute wie wir«, hatte er immer wieder gehört. Zugegeben, sie waren nützlich, so wie Hütehunde; immerhin musste es jemanden geben, der für Ordnung sorgte, aber nur ein Narr wäre auf die Idee gekommen, Hütehunde im Salon schlafen zu lassen. Anders ausgedrückt: Die Wache bildete eine leider notwendige Teilmenge der kriminellen Klassen und gehörte damit zu jenem Teil der Bevölkerung,, dem Lord de Worde alle Personen mit einem Einkommen von weniger als tausend Dollar pro Jahr zuordnete. Williams Familie sowie alle ihre Freunde und Bekannten verfügten über eine mentale Karte der Stadt, aufgeteilt in Bereiche für rechtschaf- fene Bürger und andere, die den Kriminellen vorbehalten blieben. Es war ein Schock gewesen, als die de Wordes herausfanden… Nein, ver- besserte sich William in Gedanken, sie hatten es als einen Affront emp- funden zu erfahren, dass Mumm auf der Grundlage einer anderen Kar- te agierte. Offenbar hatte er seine Leute angewiesen, stets den Vorderein- gang zu benutzen, selbst am helllichten Tag, obwohl der gesunde Men- schenverstand verlangte, dass sie den Hintereingang nahmen, wie alle anderen Bediensteten.* Diesem Mann fehlte jedes Gefühl für Anstand. Dass Vetinari ihn zum Herzog ernannt hatte, war nur ein weiterer Beweis dafür, wie wenig der Patrizier die Situation unter Kontrolle hat- te. William neigte dazu, Mumm zu mögen, wenn auch nur wegen der Feinde, die sich der Kommandeur zulegte. Alle anderen Aspekte des Mannes ließen erheblich zu wünschen übrig. Er hatte einen schlechten Ruf und eine mangelhafte Bildung. Außerdem sagte man ihm nach, dass er früher zu viel getrunken hatte. Fiddyment blieb im großen Saal des Palastes stehen. »Bleibt hier und wartet, ohne irgendetwas zu tun«, sagte er. »Ich gehe und hole…« Aber Mumm kam bereits die breite Treppe herunter, begleitet von ei- nem hünenhaften Mann, den William kannte: Hauptmann Karotte. Mumm war auch schlecht gekleidet. Was nicht etwa daran lag, dass er Kleidung von geringer Qualität trug. Er schien vielmehr eine Art Ver- gammelungsfeld zu erzeugen, das selbst einen Helm zerknittert ausse- hen ließ. Fiddyment trat ihm auf halbem Weg entgegen. Bei dem folgenden lei- sen Gespräch formulierte Mumms Stimme die unmissverständlichen * Williams Klasse vertrat die Ansicht, dass es sich mit Gerechtigkeit ähnlich verhielt wie mit Kohlen oder Kartoffeln. Man bestellte sie, wenn man sie brauchte., Worte »Er hat was?«. Er bedachte William mit einem finsteren Blick, und sein Gesichtsausdruck vermittelte folgende Botschaft: Bisher ist es ein mieser Tag gewesen, und jetzt kommst du. Mumm brachte den Rest der Treppe hinter sich und musterte William von Kopf bis Fuß. »Was willst du?«, fragte er. »Ich möchte wissen, was hier passiert ist, bitte«, erwiderte William. »Warum?« »Weil die Leute darüber Bescheid wissen wollen.« »Ha! Sie werden bald erfahren, was sich hier zugetragen hat.« »Ja, aber von wem, Herr?« Mumm ging so um William herum, als würde er ein seltsames neues Objekt von allen Seiten betrachten. »Du bist der Sohn von Lord de Worde, nicht wahr?« »Ja, Euer Gnaden.« »Kommandeur genügt«, sagte Mumm scharf. »Und du schreibst das Klatschblatt?« »Allgemein gesprochen, ja.« »Was hast du mit Feldwebel Detritus angestellt?« »Ich habe nur aufgeschrieben, was er sagte, Herr.« »Aha, du hast ihn mit dem Stift bedroht.« »Herr?« »Aufschreiben, was die Leute sagen? Ts, ts… so etwas führt nur zu Problemen.« Mumm blieb stehen und bedachte William aus einer Entfernung von nur einem knappen halben Meter mit einem durchdringenden Blick. »Bisher war der heutige Tag nicht besonders angenehm«, sagte Mumm. »Und mit ziemlicher Sicherheit wird alles noch schlimmer. Wa- rum sollte ich Zeit vergeuden, indem ich mit dir rede?« »Ich kann dir einen guten Grund nennen«, entgegnete William. »Ich höre.«, »Du solltest mit mir reden, damit ich alles aufschreibe, Herr. Fein säuberlich, genau so, wie du es gesagt hast. Deine Worte, direkt aufs Papier. Und du kennst mich. Und du weißt, wo du mich finden kannst, wenn ich nicht die richtigen Worte schreibe.« »Ach? Soll das heißen, wenn ich mache, was du willst, dann machst du, was du willst?« »Ich möchte nur Folgendes sagen: Eine Lüge kann über die ganze Welt laufen, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat.« »Ha! Hast du dir das gerade einfallen lassen?« »Nein, Herr. Aber du weißt, dass es stimmt.« Mumm zog an seiner Zigarre. »Und du zeigst mir, was du geschrieben hast?« »Natürlich. Ich lasse dir eins der ersten gedruckten Exemplare der Zeitung zukommen, Herr.« »Ich meinte vor dem Druck.« »Um ganz ehrlich zu sein: Nein, ich halte das nicht für eine gute I- dee.« »Ich bin der Kommandeur der Wache, Junge.« »Ja, Herr. Und ich bin es nicht. Ich glaube, genau darum geht es, ob- wohl ich noch etwas gründlicher darüber nachdenken muss.« Mumm musterte ihn ein wenig zu lange und sagte dann mit veränder- ter Stimme: »Drei Putzfrauen des Dienstpersonals – ausnahmslos respektable Frauen – haben Lord Vetinari gesehen, nachdem um sieben Uhr mor- gens das Bellen des Hunds Seiner Exzellenz ihre Aufmerksamkeit weckte. Er sagte…« Mumm zog sein eigenes Notizbuch zu Rate. »… ›Ich habe ihn getötet, ich habe ihn getötet, es tut mir Leid.‹ Sie bemerk- ten etwas auf dem Boden, das ganz nach einer Leiche aussah. Lord Ve- tinari hielt ein Messer in der Hand. Die Putzfrauen eilten die Treppe hinunter, um jemanden zu holen. Bei ihrer Rückkehr war Seine Exzel- lenz verschwunden. Die auf dem Boden liegende Person erwies sich als Rufus Drumknott, persönlicher Sekretär des Patriziers. Er war nieder- gestochen und schwer verletzt worden. Bei einer Durchsuchung des Gebäudes entdeckte man Lord Vetinari in den Ställen. Er lag bewusst-, los auf dem Boden. Ein Pferd war gesattelt. Die Satteltaschen enthiel- ten… siebzigtausend Dollar… Hauptmann, dies ist dumm, verdammt und zugenäht!« »Ich weiß, Herr«, sagte Karotte. »Es sind die Fakten, Herr.« »Aber es sind nicht die richtigen Fakten! Es sind dumme Fakten!« »Ich weiß, Herr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Seine Exzellenz versuchen würde, jemanden umzubringen.« »Bist du übergeschnappt?«, erwiderte Mumm. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihm Leid tut!« Der Kommandeur drehte sich um und starrte William an, als über- raschte es ihn, dass dieser noch immer in der Nähe weilte. »Ja?«, fragte er. »Warum war Seine Exzellenz bewusstlos, Herr?« Mumm zuckte mit den Schultern. »Allem Anschein nach hat er ver- sucht, auf das Pferd zu steigen. Er hat ein lahmes Bein. Vielleicht verlor er das Gleichgewicht und fiel… Ich kann nicht glauben, dass ich so etwas sage. Das ist alles, verstanden?« »Ich würde gern eine Ikonographie von dir anfertigen, wenn du ges- tattest«, sagte William. »Warum?« William überlegte schnell. »Es wird die Bürger sicher beruhigen zu wissen, dass du dich persönlich um diesen Fall kümmerst, Komman- deur. Der Ikonograph wartet dort drüben… Otto!« »Meine Güte, ein verdammter Vampir…«, begann Mumm. »Er hat das Schwarze Band, Herr«, flüsterte Karotte. Mumm rollte mit den Augen. »Guten Morrgen«, sagte Otto. »Bitte bewegt euch nicht. Das Musterr aus Licht und Schatten ist rrecht interressant.« Er stellte das Stativ auf, blickte in den Ikonographen und hob einen Käfig, der einen Salaman- der enthielt. »Bitte hierrherr sehen…« Klick. WOOMPF., »Oh, Mist…« Staub rieselte zu Boden, gefolgt von einem schwarzen Band. Einige Sekunden herrschte schockierte Stille. Dann fragte Mumm: »Lieber Himmel, was ist da gerade passiert?« »Zu viel Blitzlicht, nehme ich an«, erwiderte William. Er bückte sich und zog mit zitternder Hand einen Zettel aus dem kleinen grauen Kegel des verstorbenen Otto Chriek. »SEI UNBESORGT«, las er. »Der Besitzer dieses Zettels hat einen kleinen Unfall erlitten. Du brauchst einen Tropfen Blut von irgendeiner Spezies, eine Kehrschaufel und eine Bürste.« »Nun, die Küche ist dort drüben«, sagte Mumm. »Kümmere dich um ihn. Ich möchte nicht, dass ihn meine Leute mit ihren Stiefeln im gan- zen Gebäude verteilen.« »Noch eine letzte Sache, Herr«, meinte William. »Soll ich die Leute bitten, sich an dich zu wenden, wenn sie etwas Verdächtiges bemerkt haben?« »In dieser Stadt? Wir würden alle Wächter brauchen, um die Schlange unter Kontrolle zu halten. Gib nur auf das Acht, was du schreibst, das ist alles.« Die beiden Wächter schritten fort. Karotte bedachte William mit ei- nem matten Lächeln, als er an ihm vorbeiging. William riss zwei Blätter aus seinem Notizbuch, kratzte Otto vorsich- tig zusammen und verstaute den Staub in der Tasche, die der Vampir für den Transport seiner Ausrüstung benutzte. Dann begriff er plötzlich, dass er allein war – Otto zählte derzeit vermutlich nicht. Allein im Palast, und mit Mumms Erlaubnis, sich an diesem Ort aufzuhalten. Falls »Die Küche ist dort drüben« als Erlaubnis interpretiert werden durfte. Und William konnte gut mit Worten umge- hen. Die Wahrheit war das, was er sagte und schrieb. Ehrlichkeit hatte nicht unbedingt etwas damit zu tun. Er nahm die Tasche, ging zur rückwärtigen Treppe und näherte sich der Küche, aus der ein Stimmengewirr kam. Bedienstete wanderten mit der Verwirrung von Personen umher, die nichts zu tun hatten, aber noch immer dafür bezahlt wurden. William, näherte sich einer jungen Frau, die in ein schmutziges Taschentuch schluchzte. »Entschuldige bitte, aber könnte ich wohl einen Tropfen Blut be- kommen… Ja. Vielleicht ist dies nicht der geeignete Augenblick«, fügte er hinzu, als die Frau kreischend flüchtete. »He, was hast du zu unserer René gesagt?«, fragte ein untersetzter Mann und stellte ein Tablett mit heißen Brotlaiben ab. »Bist du der Bäcker?«, erkundigte sich William. Der Mann warf ihm einen durchdringenden Blick zu. »Wonach sieht’s aus?« »Ich sehe, wonach es aussieht«, erwiderte William. Diese Worte brach- ten ihm einen zweiten durchdringenden Blick ein, der allerdings etwas respektvoller war. »Hiermit wiederhole ich die Frage.« »Zufälligerweise bin ich der Fleischer«, sagte der Mann. »Gratuliere. Der Bäcker ist krank. Und wer bist du, wenn ich fragen darf?« »Kommandeur Mumm hat mich hierher geschickt«, sagte William. Es entsetzte ihn geradezu, wie mühelos sich die Wahrheit in etwas verwan- delte, das an eine Lüge grenzte, nur weil die Worte in einen neuen Zu- sammenhang rückten. Er öffnete sein Notizbuch. »Ich bin von der Ti- mes. Hast du…« »Was, von der Zeitung?«, fragte der Fleischer. »Ja. Hast…« »Ha! Das mit dem Winter ist völliger Unsinn. Den kältesten hatten wir im Jahr der Ameise. Du hättest mich fragen sollen – ich hätte dich vor einem Fehler bewahren können.« »Und du bist…?« »Sidney Klänsi und Sohn, Alter neununddreißig, Lange Schweine- fleischstraße Nummer elf. Unser Motto: Wir liefern der feinen Gesell- schaft das beste Fleisch für Katzen und Hunde… Warum schreibst du das nicht auf?« »Lord Vetinari isst Nahrung für Tiere?« »Er isst von nichts sehr viel, wie ich gehört habe. Nein, meine Liefe- rungen sind für den Hund bestimmt. Erlesene Delikatessen. Wir ver-, kaufen nur das Beste in der Langen Schweinefleischstraße Nummer elf, geöffnet von sechs Uhr morgens bis…« »Oh, sein Hund, ja, natürlich«, sagte William. »Äh.« Er sah sich um – in der Küche herrschte noch immer reger Betrieb. Einige der Anwe- senden hätten ihm sicher nützliche Informationen geben können, doch er sprach mit einem Lieferanten von Hundefutter. Andererseits… »Hättest du ein kleines Stück Fleisch für mich?«, fragte er. »Willst du es in der Zeitung bringen?« »Ja. In gewisser Weise.« William zog sich in eine Nische abseits der allgemeinen Aufregung zu- rück und ließ dort vorsichtig einen Tropfen Blut aus dem Stück Fleisch auf den grauen Haufen fallen. Der Staub wuchs nach oben, wurde erst zu einer Ansammlung bunter Flecken und dann zu Otto Chriek. »Was ist denn los?«, entfuhr es ihm. »Oh…« »Ich schätze, du hast verstanden, was geschehen ist«, sagte William. »Äh, deine Jacke…« Ein Teil des Ärmels hatte nun die Farbe und Struktur des Teppichs, der die Treppenstufen im großen Saal bedeckte. Ein verblasstes Muster aus Rot und Blau. »Ich schätze, es ist etwas Teppichstaub hineingerraten«, sagte Otto. »Keine Sorrge. So was passierrt immerr wiederr.« Er schnupperte am Ärmel. »Ausgewähltes Steak? Danke!« »Es war Hundefutter«, sagte William der Wahrheitstreue. »Hundefutterr?« »Ja. Nimm deine Sachen und komm mit.« »Hundefutterr?« »Lord Vetinari behandelt seinen Hund gut. Hör mal, beschwer dich nicht bei mir. Wenn so etwas häufiger passiert, solltest du ein Fläsch- chen mit Blut für den Notfall dabei haben! Andernfalls sind die Leute gezwungen zu improvisieren!«, »Nun, ja, trrotzdem besten Dank«, murmelte der Vampir und folgte William. »Hundefutterr, Hundefutterr, meine Güte… Wohin gehen wirr jetzt?« »Zum rechteckigen Büro, um uns den Tatort anzusehen«, sagte Willi- am. »Ich hoffe nur, dass wir dort nicht einen der intelligenteren Wäch- ter antreffen.« »Bestimmt gerraten wirr in grroße Schwierrigkeiten.« »Warum?«, fragte William. Ihm gingen ähnliche Gedanken durch den Kopf, aber: warum? Der Palast gehörte der Stadt, mehr oder weniger. Es würde der Wache vermutlich nicht gefallen, dass er das Rechteckige Büro aufsuchte, doch William spürte in den Knochen, dass man eine Stadt nicht auf Grund von Vorlieben der Wache regieren konnte. Wenn es nach der Wache gegangen wäre, säßen die Leute vermutlich die gan- ze Zeit über zu Hause, mit den Händen auf dem Tisch, wo man sie ganz deutlich sehen konnte. Die Tür des Rechteckigen Büros stand offen. Bewacht wurde es von Korporal Nobbs, wenn man in diesem Zusammenhang von einer Be- wachung reden konnte: Er lehnte an der einen Wand, starrte zur ande- ren und rauchte eine heimliche Zigarette. »Ah, genau der Mann, nach dem ich gesucht habe!«, sagte William. Das stimmte – Nobby war mehr, als er sich erhofft hatte. Die Zigarette verschwand wie durch Magie. »Bin ich das?«, schnaufte Nobbs. Rauch kräuselte aus seinen Ohren. »Ja. Ich habe mit Kommandeur Mumm gesprochen, und jetzt möchte ich den Raum sehen, in dem das Verbrechen verübt wurde.« William setzte große Hoffnung in diesen Satz. Er schien die Worte »und er hat mir die Erlaubnis gegeben« zu enthalten, obwohl sie in Wirklichkeit fehlten. Korporal Nobbs wirkte unsicher, bemerkte dann aber das Notizbuch. Und Otto. Die Zigarette erschien wieder zwischen seinen Lippen. »Äh, bist du von der Zeitung?« »Ja«, bestätigte William. »Die Leute sind bestimmt daran interessiert zu erfahren, wie unsere tapfere Wache in einer solchen Situation vor- geht.«, Korporal Nobbs’ schmale Brust schwoll sichtlich an. »Korporal Nobby Nobbs, wahrscheinlich vierunddreißig, trage eine Uniform, seit ich etwa zehn gewesen bin, als Junge und Mann.« William schrieb alles mit besonders großer Sorgfalt auf. »Wahrscheinlich vierunddreißig?« »Mit Zahlen war unsere Mama nie besonders gut. Solchen Details hat sie nie große Aufmerksamkeit geschenkt.« »Und…« William sah sich den Korporal genauer an. Man musste da- von ausgehen, dass er ein Mensch war, denn er hatte ungefähr die rich- tige Gestalt, konnte sprechen und trug keinen Pelz. »Junge, Mann und…?«, hörte er sich fragen. »Nur Junge und Mann«, sagte Korporal Nobbs vorwurfsvoll. »Nur Junge und Mann.« »Und du hast den Tatort als Erster erreicht, Korporal?« »Als Letzter.« »Und was ist deine wichtige Aufgabe?« »Ich soll verhindern, dass jemand durch diese Tür geht«, sagte Korpo- ral Nobbs und versuchte, Williams Notizen verkehrt herum zu lesen. »Man schreibt ›Nobbs‹ ohne ›K‹. Es ist erstaunlich, wie vielen Leuten dieser Fehler unterläuft. Was macht er da mit dem Kasten?« »Er möchte einen der besten Repräsentanten der Wache von Ankh- Morpork ikonographieren«, sagte William und schob sich in Richtung Tür. Das war natürlich eine Lüge, allerdings eine so offensichtliche, dass sie nicht zählte. Ebenso gut hätte er behaupten können, der Himmel sei grün. Die hebende Kraft des Stolzes ließ Korporal Nobbs den Bodenkon- takt inzwischen verlieren. »Könnte ich ein Exemplar für meine Mama bekommen?«, fragte er. »Bitte lächeln…«, sagte Otto. »Ich lächle…« »Bitte aufhörren zu lächeln.« Klick. WOOMPF., »Aarrghaarrghaarrgh…« Ein schreiender Vampir ist stets das Zentrum der Aufmerksamkeit. William trat ins Rechteckige Büro. Dicht hinter der Tür zeigte sich ein mit bunter Kreide gezeichneter Umriss auf dem Boden. Offenbar war Korporal Nobbs dafür verant- wortlich, denn niemand sonst würde auch eine Pfeife, Blumen und ei- nige Wolken malen. Es roch nach Pfefferminz. Ein Stuhl war umgekippt. In einer Ecke des Zimmers lag ein Korb mit der oberen Seite nach unten. Ein kurzer, unheilvoll wirkender Metallpfeil steckte schräg im Boden. Eine Markierung wies darauf hin, dass er von der Stadtwache stammte. Ein Zwerg hielt sich im Büro auf. Er… Nein, berichtigte sich Willi- am, als er den Rock aus dickem Leder und die etwas höheren Absätze der eisenbeschlagenen Stiefel bemerkte, sie lag auf dem Bauch und un- tersuchte etwas mit einer Pinzette. Ihr Interesse schien einem zerbro- chenen Krug zu gelten. Sie sah auf. »Bist du neu?«, fragte sie. »Wo ist deine Uniform?« »Nun, äh, ich, äh…« Sie kniff die Augen zusammen. »Du bist kein Wächter, oder? Weiß Herr Mumm, dass du hier bist?« Einem Wahrheitsliebenden ergeht es manchmal wie jemandem, der mit einer Unterhose aus Sandpapier an einem Radrennen teilnimmt. William versuchte, an einer unbestreitbaren Tatsache festzuhalten. »Ich habe eben mit ihm gesprochen«, sagte er. Aber diese Zwergin ließ sich nicht mit Feldwebel Detritus oder gar Korporal Nobbs vergleichen. »Und hat er dir erlaubt, dieses Zimmer zu betreten?«, fragte sie. »Nun, er hat es nicht direkt erlaubt…« Die Zwergin erhob sich, schritt durch den Raum und öffnete die Tür. »Dann verschw…«, »Oh, ein wunderrvollerr Rrahmeneffekt!«, freute sich Otto auf der anderen Seite der Tür. Klick. William schloss die Augen. WOOMPF. »Oh, Mistmist…« Diesmal fing William den Zettel auf, bevor er zu Boden fiel. Die Zwergin stand mit offenem Mund da. Nach einigen Sekunden klappte sie den Mund zu. Und öffnete ihn wieder, um zu fragen: »Was in aller Welt ist gerade passiert?« »Ich schätze, man könnte von einer Art Arbeitsunfall sprechen«, ant- wortete William. »Nun, ich glaube, es ist noch ein Stück Hundefutter übrig. Meine Güte, es muss doch eine bessere Möglichkeit geben…« Er wickelte ein kleines Stück Fleisch aus schmutzigem Zeitungspapier und ließ es auf den grauen Haufen fallen. Die Asche geriet in Bewegung, und Otto kehrte ins Diesseits zurück. Er blinzelte. »Alles klarr? Noch ein Bild? Diesmal mit dem Obskurrogrraphen?« Er griff bereits nach seiner Tasche. »Verschwindet von hier, auf der Stelle!«, sagte die Zwergin scharf. »Oh, bitte…« William sah auf die Schulter der Zwergin. »… Korporal, lass ihn seine Arbeit erledigen. Gib ihm eine Chance, einverstanden? Immerhin hat er das Schwarze Band…« Hinter der Wächterin nahm Otto ein hässliches, molchartiges Wesen aus einem Glas. »Soll ich euch beide verhaften? Ihr stört die Ermittlungen bei einem Verbrechen!« »Um was für eine Art von Verbrechen handelt es sich deiner Meinung nach?«, fragte William und öffnete sein Notizbuch. »Hinaus mit euch, ihr…« »Buh«, sagte Otto leise. Der Landaal musste bereits ziemlich unruhig gewesen sein. Jahrtau- sende der Evolution in einer von Magie geprägten Umwelt bewirkten,, dass sich genug Dunkelheit für eine ganze Nacht entlud. Einen Augen- blick füllte sie den Raum mit reinem, massivem Schwarz, durchsetzt mit Blau und Violett. Erneut glaubte William zu spüren, wie ihn die Fins- ternis durchdrang. Dann strömte das Licht zurück, wie kaltes Wasser, nachdem jemand einen Kieselstein in einen See geworfen hatte. Die Zwergin starrte Otto an. »Das war dunkles Licht, nicht wahr?« »Oh, du kommst ebenfalls aus Überrwald…«, begann Otto erfreut. »Ja, und ich habe nicht erwartet, so etwas hier zu sehen! Hinaus!« Sie eilten am verblüfften Korporal Nobbs vorbei, die Treppe hinunter und auf den kalten Hof. »Gibt es da etwas, das du mir sagen solltest, Otto?«, fragte William. »Sie schien sehr verärgert, als du das zweite Bild aufgenommen hast.« »Nun, es lässt sich nurr schwerr errklärren«, erwiderte der Vampir voller Unbehagen. »Es ist doch nicht schädlich, oder?« »Oh, nein, es gibt überrhaupt keine physischen Nebenwirrkungen…« »Was ist mit psychischen?«, fragte William, der zu oft Wortgeflechte ge- sponnen hatte, um eine irreführende Bemerkung zu übersehen. »Dies ist vielleicht nicht derr geeignete Zeitpunkt…« »Stimmt. Erzähl mir später davon. Bevor du den Obskurographen noch einmal benutzt.« Williams Gedanken rasten, als er durch die Filigranstraße hastete. Vor einer knappen Stunde hatte er sich gefragt, welche dummen Leserbriefe er in der Zeitung bringen sollte. Zu dem Zeitpunkt war die Welt noch einigermaßen normal gewesen. Jetzt herrschte plötzlich heilloses Durcheinander. Lord Vetinari hatte angeblich versucht, jemanden um- zubringen, und das ergab überhaupt keinen Sinn, schon allein deshalb nicht, weil die betreffende Person noch lebte. Es fiel William nicht schwer sich vorzustellen, dass jemand Geld veruntreute und jemanden niederstach – aber wenn er diesem Bild den Patrizier hinzufügte, so fiel alles auseinander. Und dann der intensive Pfefferminzgeruch., Es gab noch viele andere Fragen. Das Glitzern in den Augen der Zwergin, die sie verjagt hatte, deutete nach Williams Meinung darauf hin, dass er von der Wache keine Antworten mehr erwarten durfte. Vor seinem inneren Auge zeichneten sich die Konturen der Drucker- presse ab. Jemand musste den ganzen Kram zu einer Geschichte zu- sammenfassen, die einen Sinn ergab, und zwar möglichst schnell… Als er den Druckraum betrat, begrüßte ihn dort die fröhliche Miene von Herrn Wintler. »Was hältst du von diesem komischen Kürbis, eh, Herr de Worde?« »Von mir aus kannst du ihn dir an den Hut stecken«, sagte William und schob sich an ihm vorbei. »Erstaunlich, genau das hat auch meine Frau vorgeschlagen.« »Tut mir Leid, aber er wollte unbedingt auf dich warten«, flüsterte Sa- charissa, als sich William setzte. »Was geht vor?« »Ich weiß es nicht genau…« William blickte auf seine Notizen hinab. »Wer ist getötet worden?« »Äh, niemand… glaube ich…« »Da können wir wohl von Glück sagen.« Sacharissa sah auf die Papie- re, die ihren Schreibtisch bedeckten. »Wir hatten Besuch von fünf anderen Personen mit komisch geform- tem Gemüse«, sagte sie. »Oh.« »Ja. Um ganz ehrlich zu sein: Es war gar nicht komisch.« »Oh.« »Nein, das meiste davon sah aus wie… äh… du weißt schon.« »Oh…was?« »Du weißt schon«, sagte Sacharissa und errötete. »Wie eines Mannes… äh… du weißt schon.« »OH.« »Eigentlich hatte es gar keine sehr große Ähnlichkeit mit, äh, du weißt schon. Ich meine, es sah dem, äh, du weißt schon, nur ähnlich, wenn, man… äh… du weißt schon was… darin erkennen wollte, wenn du ver- stehst, was ich meine.« William hoffte, dass niemand Notizen von diesem Gespräch anfertig- te. »Oh«, sagte er. »Aber ich habe die Namen und Adressen aufgeschrieben, nur für den Fall«, fügte Sacharissa hinzu. »Wir könnten darauf zurückkommen, wenn interessante Nachrichten knapp werden.« »So knapp werden sie nie«, sagte William rasch. »Glaubst du?« »Da bin ich sicher.« »Vielleicht hast du Recht.« Sacharissa betrachtete erneut das Durch- einander auf ihrem Schreibtisch. »Hier war ziemlich viel los, während du unterwegs gewesen bist. Die Leute standen Schlange mit allen Arten von Neuigkeiten. Ereignisse, die erst noch geschehen müssen, verlorene Hunde, Dinge, die zum Verkauf angeboten werden…« »Das sind Anzeigen«, sagte William und versuchte, sich auf seine No- tizen zu konzentrieren. »Die Leute müssen dafür bezahlen, wenn wir sie in der Zeitung bringen sollen.« »Ich weiß nicht, ob diese Entscheidung uns zusteht…« William schlug auf den Schreibtisch, was ihn selbst erstaunte und Sa- charissa schockierte. »Etwas passiert, verstehst du? Da draußen passiert etwas, und es ist real! Es hat keine lustige Form! Es handelt sich vielmehr um eine sehr ernste Angelegenheit! Und ich muss so schnell wie möglich darüber schreiben! Könntest du mir bitte die Gelegenheit dazu geben?« William merkte plötzlich, dass Sacharissas Blick nicht ihm galt, son- dern seiner Faust. Er sah darauf hinab. »Oh, nein… Was ist das denn?« Ein langer, spitzer Nagel ragte weit aus dem Schreibtisch, nur zwei Zentimeter von der Faust entfernt. Er musste mindestens fünfzehn Zentimeter lang sein. Zettel waren darauf aufgespießt. William berührte ihn, aber der Nagel fiel nicht um. Jemand hatte ihn durch einen Holz- block gehämmert., »Das ist ein Dorn«, erklärte Sacharissa. »Ich, äh, habe ihn mitgebracht, um unsere Papiere in Ordnung zu halten. M-mein Großvater benutzt immer einen, so wie alle anderen Graveure. Es… es ist eine Art Mi- schung aus Aktenschrank und Papierkorb. Ich dachte, das könnte nütz- lich sein. So brauchst du nicht den Boden zu benutzen.« »Äh, ja, gute Idee«, sagte William und sah in ein erneut errötendes Gesicht. »Äh…« Er konnte nicht mehr klar denken. »Herr Gutenhügel?«, rief er. Der Zwerg sah von einem Theaterprogramm auf, das er gerade setzte. »Kannst du die Drucktypen vorbereiten, während ich diktiere?« »Ja.« »Sacharissa, bitte geh zu Ron und seinen… Freunden. Ich möchte so bald wie möglich eine kleine Zeitung herausbringen. Nicht morgen früh, sondern jetzt sofort. Bitte?« Sie wollte Einwände erheben und sah dann den Glanz in seinen Au- gen. »Bist du sicher, dass du die Erlaubnis dazu hast?«, fragte sie. »Nein! Das bin ich nicht! Ich weiß es erst, nachdem die Sonderausga- be der Zeitung erschienen ist! Deshalb muss sie ja erscheinen! Damit ich anschließend Bescheid weiß! Und es tut mir Leid, dass ich schreie!« William schob seinen Stuhl beiseite und ging zu Gutenhügel, der ge- duldig an einem Fach mit Typen stand. »Na schön… Wir brauchen eine Überschrift…« William schloss die Augen und zwickte sich den Nasenrücken, während er überlegte. »Äh… ›Erstaunliche Szenen in Ankh-Morpork‹… Hast du das? In gro- ßen Buchstaben. Und in kleinerer Schrift darunter… ›Patrizier greift Sekretär mit Messer an‹… Äh…« Es klang nicht richtig. Es war gram- matikalisch ungenau. Der Patrizier hatte das Messer in der Hand gehal- ten, nicht der Sekretär. »Das klären wir später… äh… Und in kleinerer Schrift darunter… ›Geheimnisvolle Ereignisse im Stall‹… Und einen Schriftgrad kleiner… ›Wache verwirrt‹. In Ordnung? Und jetzt begin- nen wir mit der Geschichte…« »Wir beginnen damit?«, fragte Gutenhügel, während seine Hand über das Fach mit den Drucktypen huschte. »Ist sie nicht schon fast zu En- de?«, William blätterte durch seine Notizen. Wie sollte er anfangen? ›Eine interessante Begebenheit…‹ Nein, ›Erstaunliches ereignete sich…‹, ›Er- staunliche Dinge…‹. Nein, nein… Die Geschichte selbst hätte kaum erstaunlicher und seltsamer sein können… »›Verdächtige Umstände begleiten den Angriff‹… Nein, daraus ma- chen wir besser ›den angeblichen Angriff‹…« »Du hast doch gesagt, er hätte es zugegeben«, meinte Sacharissa und be- tupfte sich die Augen mit einem Taschentuch. »Ich weiß, ich weiß, es ist nur… Ich muss immer wieder an Folgendes denken: Wenn Lord Vetinari wirklich beabsichtigt hätte, jemanden um- zubringen, so wäre der Betreffende kaum mit dem Leben davonge- kommen. Sieh mal in Twurps Adelsverzeichnis nach. Ich bin ziemlich si- cher, dass er in der Assassinengilde ausgebildet wurde…« »Angeblich oder nicht?«, fragte Gutenhügel. Seine Hand schwebte über den As. »Du brauchst es nur zu sagen.« »Wir ändern den Text so: ›den mutmaßlichen Angriff Lord Vetinaris auf seinen Sekretär Rufus Drumknott heute im Palast‹«, sagte William. »Äh… äh… ›Die Bediensteten des Palastes hörten…‹« »Soll ich an dieser Sache arbeiten oder die Bettler holen?«, erkundigte sich Sacharissa. »Beides zur gleichen Zeit ist nicht möglich.« Einige Sekunden musterte William sie verwirrt. Dann nickte er. »Rocky?« Der Troll an der Tür erwachte mit einem Schnaufen. »Ja, Herr?« »Such den Stinkenden Alten Ron und die anderen. Sie sollen so schnell wie möglich hierher kommen. Stell ihnen eine Zulage in Aus- sicht. Nun, wo bin ich stehen geblieben?« »›Die Bediensteten des Palastes hörten…‹«, sagte Gutenhügel. »›… wie Seine Exzellenz…‹« »… der die Abschlussprüfung der Assassinengilde im Jahr 1968 mit Auszeichnung bestand…!«, rief Sacharissa. »Füg das hinzu«, sagte William mit Nachdruck. »Und dann fahren wir fort mit ›sagte: Ich habe ihn getötet, ich habe ihn getötet, es tut mir, Leid…‹ Meine Güte, Mumm hat Recht. Dies ist doch verrückt. Der Patrizier müsste völlig übergeschnappt sein, so etwas zu sagen.« »Herr de Worde, nicht wahr?«, ertönte eine Stimme. »Meine Güte, wer ist es denn diesmal?« William drehte sich um. Die Trolle sah er zuerst, denn selbst wenn vier Trolle hinter einer Gruppe stehen, bilden sie immer den Vorder- grund eines Bilds. Die beiden Menschen vor ihnen stellten nur ein De- tail dar, und außerdem war einer der beiden nur in traditioneller Hin- sicht ein Mensch. Er hatte die graue Blässe eines Zombies, und seinem Gesichtsausdruck war dies zu entnehmen: Zwar wollte er nicht direkt unerfreulich sein, trotzdem bescherte er anderen Leuten viele unerfreu- liche Dinge. »Herr de Worde? Ich glaube, du kennst mich. Ich bin Herr Schräg von der Anwaltsgilde«, sagte Herr Schräg und verbeugte sich steif. »Dies hier…« Er deutete auf den hageren jungen Mann an seiner Seite. »… ist Herr Ronald Schmeichler, neues Oberhaupt der Gilde der Gra- veure und Drucker. Die vier Herren hinter mir gehören zu keiner Gil- de, soweit ich weiß…« »Graveure und Drucker?«, wiederholte Gutenhügel. »Ja«, bestätigte Schmeichler. »Wir haben unsere Satzung erweitert. Die Mitgliedschaft in der Gilde kostet zweihundert Dollar pro Jahr…« »Ich habe nicht die Ab…«, begann William, aber Gutenhügel legte ihm die Hand auf den Arm. »Es ist eine Gaunerei, aber sie könnte viel schlimmer sein«, flüsterte er. »Wir haben nicht genug Zeit, um zu protestieren, und wenn wir wei- terhin so gut verdienen, haben wir die Kosten in ein paar Tagen heraus. Und die Mitgliedschaft in der Gilde löst viele Probleme.« »Allerdings«, sagte Herr Schräg mit seiner speziellen Anwaltsstimme, die mit jeder Pore Geld saugte, »gibt es in diesem Fall angesichts der besonderen Umstände eine einmalige Aufnahmegebühr von, sagen wir, zweitausend Dollar.« Die Zwerge erstarrten für einige Sekunden. Dann ertönte ein kurzes metallenes Konzert, als jeder Zwerg Drucktypen beiseite legte, unter den Stein griff und eine Streitaxt hervorholte., »Ihr seid sicher einverstanden«, sagte Herr Schräg und trat zur Seite. Die Trolle richteten sich auf. Trolle und Zwerge brauchten keinen gro- ßen Vorwand, um gegeneinander zu kämpfen. Manchmal genügte es ihnen, auf der gleichen Welt zu leben. Diesmal hielt William Gutenhügel zurück. »Immer mit der Ruhe«, sagte er leise. »Bestimmt ist es gesetzlich verboten, Rechtsanwälte um- zubringen.« »Bist du sicher?« »Es gibt noch immer einige. Außerdem ist er ein Zombie. Wenn du ihn in der Mitte durchschneidest, verklagen dich beide Hälften.« Willi- am hob die Stimme. »So viel können wir nicht bezahlen, Herr Schräg.« »In dem Fall bin ich auf der Grundlage des anerkannten Rechts be- fugt…« »Ich möchte die Satzung sehen!«, sagte Sacharissa scharf. »Ich kenne dich, seit wir Kinder waren, Ronald Schmeichler, und du warst immer auf irgendetwas aus.« »Guten Tag, Fräulein Kratzgut«, sagte Herr Schräg. »Wir haben die Satzung mitgebracht, für den Fall, dass jemand danach fragt. Ich hoffe, wir sind alle gesetzestreue Bürger.« Sacharissa griff nach der beeindruckend aussehenden Schriftrolle mit dem großen, baumelnden Siegel. Sie starrte darauf hinab, als versuchte sie, die Worte allein mit der Reibungshitze ihres Blickes vom Pergament zu brennen. »Oh«, sagte sie. »Es… scheint alles in Ordnung zu sein.« »In der Tat.« »Abgesehen davon, dass die Unterschrift des Patriziers fehlt«, fügte Sacharissa hinzu und gab die Schriftrolle zurück. »Das ist nur eine Formalität, meine Liebe.« »Ich bin nicht deine Liebe, und die Unterschrift fehlt, ob sie nun eine Formalität ist oder nicht. Die Satzung kann also kaum rechtskräftig sein.«, Herr Schräg zögerte. »Es ist doch völlig klar, dass wir keine Unter- schrift von einem Mann bekommen können, der im Gefängnis sitzt, weil man ihm ein sehr schweres Verbrechen zur Last legt.« Er versucht, uns etwas vorzumachen, fuhr es William durch den Sinn. Wenn jemand »völlig klar« sagte, so gab es einen breiten Riss in seinen Argumenten, und der Betreffende wusste ganz genau, dass keineswegs alles völlig klar war. »Wer regiert dann die Stadt?«, fragte er. »Ich weiß es nicht«, erwiderte Herr Schräg. »Es geht mich auch nichts an. Ich…« »Herr Gutenhügel«, sagte William. »Bitte in großer Schrift.« »Ich bin soweit«, sagte der Zwerg. Seine Hand schwebte über einem weiteren Kasten mit Typen. »In Großbuchstaben, ganze Breite, ›WER REGIERT ANKH- MORPORK?‹«, sagte William. »In Grundschrift, Groß- und Kleinbuch- staben, über zwei Spalten: ›Wer regiert die Stadt, während Lord Vetinari im Gefängnis sitzt? Als man ihn heute nach seiner Meinung fragte, sag- te ein bekannter Anwalt, er wisse es nicht und es ginge ihn auch nichts an. Herr Schräg von der Anwaltsgilde fügte hinzu ›…‹.« »Das darfst du nicht in deiner Zeitung bringen!«, bellte Herr Schräg. »Bitte zitiere ihn wörtlich, Herr Gutenhügel.« »Ist bereits im Satz«, erwiderte der Zwerg, während bleierne Typen klickten. Aus dem Augenwinkel sah William, wie Otto aus dem Keller kam; die Geräusche hatten ihn ganz offensichtlich verwirrt. »›Herr Schräg sagte weiterhin…‹« William sah den Anwalt an. »Es dürfte euch sehr schwer fallen, das alles ohne die verdammte Presse zu drucken!«, sagte Herr Schmeichler, ohne den verzweifelten Gesten des Anwalts Beachtung zu schenken. »…›lautete die Ansicht von Herrn Schmeichler, dem Oberhaupt der Graveursgilde‹ – Schmeichler wie schmeicheln –, ›der zuvor versuchte, die Times mit einem illegalen Dokument aus dem Geschäft zu drän- gen.‹« Williams Mund schien voller Säure zu sein, trotzdem fand er gro- ßen Gefallen an dieser Sache. »›Als man Herrn Schräg nach seiner Mei-, nung zu diesem eklatanten Verstoß gegen die Gesetze der Stadt fragte, sagte er…‹« »HÖR ENDLICH DAMIT AUF, ALLES AUFZUSCHREIBEN, WAS WIR SAGEN!«, heulte Herr Schräg. »Bitte den ganzen Satz in Großbuchstaben setzen, Herr Gutenhügel.« Die Trolle und Zwerge starrten William und den Anwalt an. Sie beg- riffen, dass ein Kampf stattfand, aber sie sahen kein Blut. »Falls du soweit bist, Otto…«, sagte William und drehte sich um. »Wenn die Zwerrge so frreundlich wärren, ein wenig zusammenzur- rücken«, meinte Otto und blickte in den Ikonographen. »Oh, das ist gut, das Licht glüht auf den Äxten… Wenn die Trrolle bitte ihrre Fäuste schwingen würrden, ja herrvorrragend. Und jetzt bitte alle lächeln…« Es ist erstaunlich, wie sehr die Leute bereit sind, jemandem zu gehor- chen, der ein Objektiv auf sie richtet. In der nächsten Sekunde kommen sie wieder zur Vernunft, aber mehr Zeit ist auch nicht nötig. Klick. WOOMPF. »… aaarrghaaarrghaaarrghaaaaagh…« William erreichte den fallenden Ikonographen unmittelbar vor Herrn Schräg, der für einen Mann ohne sichtbare Knie ziemlich schnell war. »Das gehört uns«, sagte William und hielt den Ikonographen fest, während um sie herum der Staub von Otto Chriek zu Boden sank. »Was hast du mit dem Bild vor?« »Ich brauche dir keine Auskunft zu geben. Dies ist unser Schuppen. Wir haben dich nicht gebeten, hierher zu kommen.« »Ich bin aus rechtlichen Gründen hier!« »Dann kann es sicher nicht falsch sein, ein Bild aufzunehmen, oder?«, fragte William. »Aber wenn du einen anderen Standpunkt vertrittst, bin ich gern bereit, dich zu zitieren.« Schräg warf ihm einen bitterbösen Blick zu und kehrte dann zur Gruppe an der Tür zurück. William hörte, wie er sagte: »Es ist meine ernsthafte juristische Meinung, dass wir diesen Ort jetzt besser verlas- sen sollten.«, »Aber du hast doch gesagt, du könntest…«, begann Schmeichler und starrte zu William. »Es ist meine sehr ernsthafte Meinung«, betonte Herr Schräg, »dass wir jetzt gehen, und zwar schweigend.« »Aber du hast gesagt…« »Wir sind still!« Sie gingen. Die Zwerge seufzten und verstauten ihre Streitäxte wieder unterm Stein. »Willst du das wirklich in der Zeitung bringen?«, fragte Gutenhügel. »Das gibt bestimmt Ärger«, ließ sich Sacharissa vernehmen. »Ja, aber wie viel Ärger haben wir bereits?«, fragte William. »Auf einer Skala von eins bis zehn?« »Im Augenblick… etwa acht«, sagte Sacharissa. »Aber wenn die nächste Ausgabe in den Straßen verkauft wird…« Sie schloss kurz die Augen, und ihre Lippen bewegten sich, als sie rechnete. »Etwa zweitau- senddreihundertsiebzehn?« »Wir bringen alles«, entschied William. Gutenhügel wandte sich an die Arbeiter. »Verliert eure Äxte nicht aus den Augen, Jungs.« »Hört mal, ich möchte nicht, dass jemand anders in Schwierigkeiten gerät«, sagte William. »Ich bin auch bereit, den ganzen Kram selbst zu setzen und anschließend einige Ausgaben zu drucken.« »Es sind mindestens drei Personen erforderlich, um die Presse zu be- dienen, und selbst dann lässt die Geschwindigkeit zu wünschen übrig«, erwiderte Gutenhügel. Er bemerkte Williams Gesichtsausdruck, lächelte und klopfte ihm so weit oben auf den Rücken, wie es einem Zwerg möglich war. »Keine Sorge, Junge. Wir möchten unsere Investition schützen.« »Und ich gehe nicht«, sagte Sacharissa. »Ich brauche den Dollar.« »Zwei Dollar«, entgegnete William geistesabwesend. »Wird Zeit für eine Erhöhung. Was ist mit dir, Ott… Oh, könnte jemand Otto zu- sammenfegen?«, Kurze Zeit später trat der wieder auferstandene Vampir zum Stativ und zog mit zitternden Fingern eine Kupferplatte aus dem Kasten. »Und was passierrt jetzt?« »Bleibst du bei uns? Es könnte gefährlich sein«, fügte William hinzu. Eine halbe Sekunde später wurde ihm klar, dass er diese Worte an einen Vampir richtete, der fast bei jedem Bild, das er anfertigte, zu Staub zer- fiel. »Welche Arrt von Gefahrr meinst du?«, fragte Otto und neigte die Platte hin und her, während er sie betrachtete. »Nun, es könnten sich juristische Probleme ergeben.« »Hat jemand Knoblauch errwähnt?« »Nein.« »Kann ich hunderrtachtzig Dollarr fürr den neuen Ikonogrraphen A- kina TRR-10 bekommen, ausgestattet mit zwei Kobolden, Teleskopsitz und einem grroßen, glänzenden Hebel?« »Äh… noch nicht.« »Na schön«, sagte Otto gleichmütig. »Dann bitte ich um fünf Dollarr für Rreparraturren und Verrbesserrungen. Inzwischen ist mirr klarr, dass dies eine anderre Arrt von Arrbeit ist.« »In Ordnung. Einverstanden.« William blickte sich in der Druckerei um. Alle schwiegen und sahen ihn an. Vor einigen Tagen hätte er an diesem Tag mit… Langeweile gerech- net. Es war fast immer langweilig, wenn er den Nachrichtenbrief ge- schrieben und verschickt hatte. Für gewöhnlich verbrachte er die Zeit damit, durch die Stadt zu wandern oder in seinem kleinen Büro zu le- sen, während er auf den nächsten Kunden wartete, der einen Brief dik- tieren oder sich vorlesen lassen wollte. Sowohl mit dem einen als auch mit dem anderen waren Probleme verbunden. Wer seine Briefe einer Person anvertraute, die zuverlässig wirkte und zufälligerweise in der richtigen Richtung unterwegs war, hatte für gewöhnlich wichtige Dinge mitzuteilen. Aber um welche Probleme es dabei auch ging: Sie betrafen nicht ihn. Nicht er richtete, einen letzten dringenden Appell an den Patrizier oder empfing die schreckliche Nachricht vom Einsturz des Schachtes Nummer drei. Er hatte natürlich versucht, es für seine Kunden leichter zu machen, im Großen und Ganzen mit Erfolg. Wenn Stress ein Nahrungsmittel dar- stellte, so war es ihm gelungen, sein Leben in Haferbrei zu verwandeln. Die Presse wartete. Sie wirkte jetzt wie ein großes Tier. Bald würde er sie mit vielen Worten füttern, doch bestimmt wartete sie in einigen Stunden erneut mit großem Appetit. Man konnte sie noch so vollstop- fen – sie bekam nie genug. William schauderte. In welche Lage hatte er sich und die anderen ge- bracht? Aber er spürte auch, wie es in ihm brannte. Irgendwo gab es eine Wahrheit, und er hatte sie noch nicht gefunden. Er musste sie entde- cken, denn eins stand fest: Sobald die neue Ausgabe der Times in den Straßen der Stadt verkauft wurde… »Mistundverflucht!« »Hawrrak… pwit!« »Quak!« William musterte die Neuankömmlinge. Nun, die Wahrheit verbarg sich an unwahrscheinlichen Orten und hatte seltsame Diener. »Beginnen wir mit dem Druck«, sagte er. Eine Stunde später. Die Verkäufer kehrten bereits zurück, um Nach- schub zu holen. Das Donnern der Presse ließ das Dach erzittern. Bei jedem Pochen sprang der Hügel aus Kupfer vor Gutenhügel nach o- ben. William betrachtete sein Spiegelbild in einem glänzenden Messingteil. Irgendwie hatte er es fertig gebracht, sich überall mit Tinte zu be- schmutzen. Er holte sein Taschentuch hervor und versuchte, die schwarzen Flecken wegzuwischen. Er hatte Insgesamt Ingobert beauftragt, die Times am Pseudopo- lisplatz zu verkaufen, denn er hielt ihn für den vernünftigsten Repräsen- tanten der Gruppe. Zumindest mit fünf Persönlichkeiten in ihm ließ sich ein kohärentes Gespräch führen., Inzwischen hatten die Wächter sicher Gelegenheit gehabt, die Zeitung zu lesen, selbst wenn sie bei den längeren Worten jemanden um Hilfe bitten mussten. William spürte einen Blick auf sich ruhen. Er drehte sich um und sah zu Sacharissa, die mit gesenktem Kopf in ihren Unterlagen blätterte. Hinter ihm kicherte jemand. Es weilte niemand in der Nähe, der ihm irgendeine Art von Beach- tung schenkte. Es gab eine verbale Auseinandersetzung, an der drei Personen teilnahmen und bei der es um irgendeine unwichtige Angele- genheit ging. Gutenhügel stritt mit dem Stinkenden Alten Ron und dem Stinkenden Alten Ron – Ron war durchaus imstande, mit sich selbst zu streiten. Die Zwerge arbeiteten hart an der Presse. Otto hatte sich in seine dunkle Ecke im Keller zurückgezogen, wo er ebenfalls harte – und geheimnisvolle – Arbeit leistete. Nur Rons Hund beobachtete ihn. Für einen Hund, so fand William, hatte er einen sehr unverschämten und wissenden Blick. Vor einigen Monaten war William zum dritten Mal in diesem Jahr je- mandem begegnet, der ihm die Geschichte von einem sprechenden Hund in der Stadt erzählte. Er hatte erwidert, dass es sich dabei um einen urbanen Mythos handelte. Immer war es der Freund eines Freun- des, der den Hund sprechen gehört hatte, und nie gab es einen Augen- zeugen. Der Hund vor William sah nicht so aus, als könnte er sprechen, aber er schien sehr wohl in der Lage zu sein zu fluchen. Solche Geschichten fanden offenbar nie ein Ende. Die Leute schwo- ren, dass es einen Erben des alten Throns von Ankh gab, der unerkannt in der Stadt lebte. Es fiel William nicht weiter schwer, Wunschdenken als solches zu erkennen. Dann gab es da die alte Kamelle über einen Werwolf, der angeblich zur Wache gehörte. Bis vor kurzer Zeit hatte er solche Berichte für Unsinn gehalten, aber jetzt begann er zu zweifeln. Immerhin arbeitete ein Vampir für die Times… Er blickte ins Leere und klopfte mit dem Stift an seine Zähne. »Ich statte Kommandeur Mumm einen Besuch ab«, sagte William. »Das ist besser, als sich zu verkriechen.«, »Wir bekommen alle Arten von Einladungen«, meinte Sacharissa und sah von ihren Papieren auf. »Nun, wenn ich von Einladungen spreche… Lady Selachii hat uns befohlen, an ihrem Ball nächste Woche Donnerstag teilzunehmen. Wir sollen mindestens fünfhundert Worte darüber schrei- ben und ihr natürlich den Artikel zeigen, bevor er in Druck geht.« »Gute Idee!«, rief Gutenhügel über die Schulter hinweg. »Bei Bällen sind viele Personen zugegen, und…« »… Namen verkaufen Zeitungen«, sagte William. »Ja, ich weiß. Möch- test du hingehen?« »Ich?«, erwiderte Sacharissa. »Ich habe doch gar nichts anzuziehen! Ein angemessenes Kleid würde mich mindestens vierzig Dollar kosten, und wir können es uns nicht leisten, so viel Geld zu vergeuden.« William zögerte. »Bitte steh auf und dreh dich im Kreis«, sagte er dann. Sacharissa errötete. »Warum?« »Ich möchte feststellen, welche Größe du hast, ganz allgemein.« Die junge Frau stand auf und drehte sich nervös. Ron und seine Ge- fährten pfiffen. Außerdem ergaben sich einige unübersetzbare Kom- mentare auf Zwergisch. »Es könnte klappen«, sagte William. »Wenn ich dir ein wirklich gutes Kleid besorge… Kennst du jemanden, der es ändern kann? Vielleicht muss es ein wenig weiter gemacht werden, zum Beispiel, äh, oben, du weißt schon…« »Von was für einer Art von Kleid sprichst du?«, fragte Sacharissa misstrauisch. »Meine Schwester hat Hunderte von Abendkleidern und verbringt ihre ganze Zeit auf unserem Landsitz«, erklärte William. »In letzter Zeit kommt die Familie nie in die Stadt zurück. Heute Abend gebe ich dir den Schlüssel des Stadthauses, dann kannst du dir ein Kleid aussuchen.« »Hat deine Schwester nichts dagegen?« »Vermutlich merkt sie überhaupt nichts davon. Außerdem würde es sie sicher schockieren zu erfahren, dass jemand nur vierzig Dollar für ein Kleid ausgibt.«, »Stadthaus? Landsitz?«, wiederholte Sacharissa und offenbarte damit die unangenehme journalistische Eigenschaft, genau jene Worte auszu- wählen, von denen man hoffte, dass sie unbemerkt blieben. »Meine Familie ist ziemlich reich«, sagte William. »Ich bin es nicht.« Als er nach draußen trat, sah er zum Dach auf der anderen Straßen- seite, weil sich dort etwas verändert zu haben schien. Vor dem Hinter- grund des Nachmittaghimmels zeichnete sich ein spitzer Kopf ab. Ein Wasserspeier. William hatte sich daran gewöhnt, sie überall in der Stadt zu sehen. Manchmal rührten sie sich über Monate hinweg nicht von der Stelle. Man bekam nur selten die Chance zu beobachten, wie sie von einem Dach zum anderen wechselten. Und noch seltener ge- schah es, dass sie sich in einem solchen Viertel zeigten. Wasserspeier bevorzugten hohe Steingebäude mit vielen Dachrinnen und einer kniff- ligen Architektur, die Tauben anlockte. Selbst Wasserspeier brauchten Nahrung. Etwas weiter die Straße hinunter geschah etwas. Mehrere große Kar- ren standen vor einem alten Lagerhaus. Kisten wurden dort hineinge- tragen. Auf dem Weg über die Brücke zum Pseudopolisplatz bemerkte Willi- am weitere Wasserspeier. Jeder von ihnen drehte den Kopf, um ihn zu beobachten. Feldwebel Detritus war als wachhabender Polizist im Dienst und richte- te einen überraschten Blick auf William. »Meine Güte, das schnell war«, sagte er. »Du gelaufen bist den ganzen Weg?« »Wovon redest du da?« »Herr Mumm erst vor einigen Minuten nach dir geschickt hat«, ant- wortete Detritus. »Geh nach oben, ich dir rate. Und keine Sorge, er nicht mehr schreit.« Er bedachte William mit einem Zum-Glück-bist- du-dran-und-nicht-ich-Blick. »Aber er nicht gerade in bester Stimmung ist.« »Er gehört wohl nicht zu den Leuten, die morgens mit einem fröhli- chen Lächeln auf den Lippen erwachen.«, »Nein, sicher nicht«, bestätigte Detritus mit unheilverkündendem Grinsen. William ging die Treppe hoch und klopfte an. Die Tür schwang nach innen auf. Kommandeur Mumm sah von seinem Schreibtisch auf und kniff die Augen zusammen. »Na, das war schnell«, sagte er. »Bist den ganzen Weg gelaufen, wie?« »Nein, Herr. Ich bin aus eigenem Antrieb gekommen, in der Hoff- nung, dir einige Fragen stellen zu können.« »Wie nett von dir«, kommentierte Mumm. William gewann folgenden Eindruck: Zwar herrschte derzeit Frieden im kleinen Dorf – Frauen hängten Wäsche auf, Katzen schliefen in der Sonne –, aber bald würde der Vulkan ausbrechen und Hunderte unter heißer Asche begraben. »Nun…«, begann William. »Warum hast du das geschrieben?«, fragte Mumm. William bemerkte die Times auf dem Schreibtisch, direkt vor dem Kommandeur. Ganz deutlich sah er die Schlagzeilen:, »Ich bin also verwirrt«, brummte Mumm. »Wenn du es nicht bist, Kommandeur, bringe ich in der nächsten Ausgabe gern einen Hinweis darauf…« »Lass das Notizbuch zu!« William hob überrascht den Kopf. Sein Notizbuch gehörte zur be- sonders billigen Art und bestand aus so oft recyceltem Papier, dass man es als Handtuch benutzen konnte, aber erneut blickte jemand so darauf hinab, als wäre es eine Waffe. »Ich möchte vermeiden, dass es mir ebenso ergeht wie Herrn Schräg«, sagte Mumm. »Jedes Wort dieser Geschichte ist wahr, Herr.« »Darauf wette ich. Klingt ganz nach seinem Stil.« »Wenn mit meiner Berichterstattung irgendetwas nicht stimmt, Kommandeur… Sag es mir ganz offen.« Mumm lehnte sich zurück und winkte. »Willst du alles drucken, was du hörst?«, fragte er. »Willst du in meiner Stadt herumlaufen wie eine außer Kontrolle geratene… Belagerungs- waffe? Du sitzt dort, umklammerst deine kostbare Integrität wie einen Teddybär und hast keine Ahnung – das stimmt doch, oder? –, hast nicht die geringste Ahnung, wie schwer du mir meine Arbeit machen kannst.« »Es verstößt nicht gegen das Gesetz…« »Ach, tatsächlich nicht? Bist du sicher? Wir sind hier in Ankh- Morpork. Meiner Ansicht nach deutet alles auf ein Verhalten-das- wahrscheinlich-den-Frieden-gefährdet hin!« »Manche Leute sind vielleicht verärgert, aber es ist wichtig…« »Und ich frage mich, was du als Nächstes schreiben wirst.« »Ich habe nicht geschrieben, dass du einen Werwolf in der Wache zu- gelassen hast«, sagte William. Er bedauerte seine Worte sofort, aber Mumm ging ihm auf die Nerven. »Wo hast du das gehört?«, ertönte eine Stimme hinter ihm. Er drehte sich halb auf dem Stuhl um und sah eine blonde Frau. Sie trug die Uni-, form der Wache, lehnte an der Wand und schien die ganze Zeit über im Zimmer gewesen zu sein. »Das ist Feldwebel Angua«, sagte Mumm. »Du kannst in ihrer Ge- genwart frei sprechen.« »Ich habe… Gerüchte gehört«, sagte William. Er hatte diese Wächte- rin des Öfteren in den Straßen der Stadt gesehen, und dabei war ihm aufgefallen, dass sie die Leute zu scharf ansah. »Und?« »Nun, ich verstehe deine Besorgnis«, sagte William. »Deshalb möchte ich dir versichern, dass Korporal Nobbs’ Geheimnis bei mir gut aufge- hoben ist.« William gratulierte sich selbst. Es war ein Schuss ins Blaue gewesen, doch Anguas Gesichtsausdruck wies darauf hin, dass er einen Treffer erzielt hatte. Ihre Miene war förmlich erstarrt. »Wir sprechen nicht oft über die Spezies von Korporal Nobbs«, sagte Mumm nach einer Weile. »Ich wüsste es zu schätzen, wenn du dir ein Beispiel daran nehmen könntest.« »Ja, Herr. Darf ich fragen, warum du mich beobachten lässt?« »Ich lasse dich beobachten?« »Die Wasserspeier. Es ist allgemein bekannt, dass inzwischen viele von ihnen für die Wache arbeiten.« »Es geht uns nicht darum, dich zu beobachten«, sagte Angua. »Wir möchten nur feststellen, was mit dir passiert.« »Und zwar wegen dieser Sache.« Mumm klopfte auf die Zeitung. »Aber ich lasse mir doch nichts zuschulden kommen«, sagte William. »Ich räume ein, dass deine Aktivitäten nicht direkt illegal sind«, erwi- derte Mumm. »Obwohl du dich hart an der Grenze bewegst. Wie dem auch sei: Andere Leute teilen meine freundliche und verständnisvolle Einstellung dir gegenüber vielleicht nicht. Ich bitte dich nur darum, dein Blut nicht überall in den Straßen zu verschmieren.« »Ich werde mich bemühen.« »Und schreib das nicht auf.« »In Ordnung.«, »Und schreib auch nicht auf, dass ich gesagt habe, du sollst es nicht aufschreiben.« »Na schön. Darf ich aufschreiben, dass du gesagt hast, ich soll nicht aufschreiben, dass du gesagt hast…« William unterbrach sich. Der Vul- kan grollte. »War nur ein Scherz.« »Haha. Und versuch nicht, die Wächter zu bestechen, um Informati- onen von ihnen zu bekommen.« »Und biete Korporal Nobbs keinen Hundekuchen an«, sagte Feldwe- bel Angua. Sie trat hinter Mumm und sah ihm über die Schulter. »›Die Wahrheit macht dich frech‹?« »Ein Druckfehler«, entgegnete William knapp. »Gibt es sonst noch etwas, das ich nicht tun sollte, Kommandeur?« »Komm uns nicht in die Quere.« »Wenn es sich vermeiden lässt…« William zögerte. »Nun, falls du mir diese Frage gestattest: Was ist dabei für mich drin?« »Ich bin der Kommandeur der Wache, und ich bitte dich höflich.« »Das ist alles?« »Ich könnte dich auch unhöflich bitten, Herr de Worde.« Mumm seufzte. »Versuch doch einmal, die Dinge aus meiner Perspektive zu sehen. Ein Verbrechen wurde verübt. Die Gilden sind in Aufruhr. Zu viele Köche verderben den Brei. Derzeit haben wir Hunderte. Haupt- mann Karotte und viele andere Leute, die ich kaum entbehren kann, bewachen das Rechteckige Büro und die Bediensteten, was bedeutet: Überall sonst sind wir zu knapp besetzt. Mit all diesen Dingen muss ich mich befassen, und außerdem versuche ich, nicht zu… verwirrt zu sein. Vetinari befindet sich im Gefängnis, ebenso Drumknott…« »Aber er ist doch das Opfer.« »Einer meiner Leute kümmert sich um ihn.« »Kein Arzt aus der Stadt?« Mumms Blick klebte am Notizbuch fest. »Die Ärzte dieser Stadt ver- dienen höchsten Respekt, und ich möchte auf keinen Fall, dass ein Wort gegen sie geschrieben wird«, sagte er ruhig. »Allerdings gibt es da, einen Angehörigen der Wache, der über… besondere Fähigkeiten ver- fügt.« »Soll das heißen, der Betreffende kann einen Hintern von einem El- lenbogen unterscheiden?« Mumm lernte schnell, sein Gesicht verriet nichts. »Darf ich noch etwas fragen?«, erkundigte sich William. »Du lässt dich sicher nicht daran hindern.« »Habt ihr Lord Vetinaris Hund gefunden?« Wieder völlige Ausdruckslosigkeit. Aber diesmal hatte William den Eindruck, dass sich dahinter mehrere mentale Zahnräder drehten. »Hund?«, wiederholte Mumm. »Ich glaube, er heißt Wuffel«, sagte William. Der Kommandeur musterte ihn stumm. »Ein Terrier, soweit ich weiß«, fügte William hinzu. Mumms Miene blieb völlig unbewegt. »Warum steckte ein Armbrustbolzen im Boden?«, fragte William. »Das ergibt doch gar keinen Sinn. Es sei denn, es befand sich noch jemand im Raum. Das Ding hatte sich ziemlich tief ins Holz gebohrt. Von einem Querschläger kann gewiss nicht die Rede sein. Jemand hat auf etwas auf dem Boden geschossen. Vielleicht auf einen Hund?« In Mumms Gesicht rührte sich auch weiter nichts. »Und dann der Pfefferminzgeruch«, fuhr William fort. »Ein echtes Rätsel. Ich meine, warum Pfefferminz? Und dann dachte ich mir: Viel- leicht wollte jemand vermeiden, eine Geruchsspur zu hinterlassen. Je- mand, der ebenfalls von dem Werwolf in der Wache gehört hat. Warf er einige Gläser mit Pfefferminzöl ins Büro, um eine empfindliche Nase zu täuschen?« Mumms Blick glitt kurz zu den vor ihm liegenden Unterlagen. Lotto, dachte William.* Wie ein Orakel, das nur einmal im Jahr spricht, sagte der Komman- deur schließlich: »Ich traue dir nicht, Herr de Worde. Und mir ist gera- * Zu diesem Zeitpunkt wurde in Ankh-Morpork noch kein Bingo gespielt., de der Grund dafür klar geworden. Es liegt nicht daran, dass du Unruhe stiftest. Es gehört zu meinen Aufgaben, mit solchen Dingen fertig zu werden. Dafür werde ich bezahlt und bekomme sogar eine Zulage für die Rüstung. Aber wem bist du verantwortlich? Ich muss alle meine Entscheidungen rechtfertigen, auch wenn ich nicht weiß, an wen ich mich derzeit wenden soll. Aber du? Für mich hat es den Anschein, dass du tun und lassen kannst, was du willst.« »Ich schätze, ich bin der Wahrheit gegenüber verantwortlich.« »Ach, tatsächlich? Und auf welche Weise?« »Wie bitte?« »Wenn du lügst… kommt dann die Wahrheit und gibt dir eine Ohr- feige? Ich bin beeindruckt. Gewöhnliche Leute wie ich sind anderen Leuten gegenüber verantwortlich. Selbst Vetinari behielt – behält – immer die Gilden im Auge. Aber du… Deine Verantwortung liegt bei der Wahrheit. Erstaunlich. Wie lautet ihre Adresse? Liest sie die Zei- tung?« »Es gibt eine Göttin der Wahrheit, soweit ich weiß«, warf Feldwebel Angua ein. »In Ankh-Morpork hat sie nicht viele Anhänger«, kommentierte Mumm. »Abgesehen von unserem Freund hier.« Er musterte William. Erneut drehten sich die mentalen Zahnräder. »Angenommen… nur einmal angenommen… du bekämst eine Zeichnung, die einen Hund zeigt«, sagte der Kommandeur. »Könntest du das Bild in der Zeitung bringen?« »Wir sprechen hier über Wuffel, oder?«, fragte William. »Könntest du?« »Ja, kein Problem.« »Wir würden gern wissen, warum er gebellt hat, bevor… bevor das al- les passiert ist.« »Und wenn ihr ihn findet, könnte Korporal Nobbs in der Hundespra- che mit ihm reden, nicht wahr?«, spekulierte William. Mumms Gesichtsausdruck fror einmal mehr ein. »Wir könnten dir die Zeichnung des Hunds innerhalb einer Stunde besorgen«, sagte er., »Danke. Wer regiert derzeit die Stadt, Kommandeur?« »Ich bin nur ein Polizist«, erwiderte Mumm. »Mir teilt man solche Dinge nicht mit. Aber ich nehme an, man wird einen neuen Patrizier wählen. Es steht in den Statuten der Stadt.« »Wer kann mir mehr darüber erzählen?«, fragte William und fügte in Gedanken hinzu: Nur ein Polizist, von wegen! »Da solltest du dich an Herrn Schräg wenden«, antwortete Mumm. »Er ist immer sehr hilfsbereit. Guten Tag, Herr de Worde. Feldwebel, bitte zeig Herrn de Worde den Weg nach draußen.« »Ich möchte Lord Vetinari besuchen«, sagte William. »Du möchtest was?« »Es ist ein durchaus vernünftiges Anliegen.« »Nein. Erstens ist er noch immer bewusstlos, und zweitens ist er mein Gefangener.« »Lässt du nicht einmal einen Anwalt zu ihm?« »Ich glaube, Seine Exzellenz hat auch so schon genug Schwierigkei- ten.« »Und Drumknott? Er ist doch kein Gefangener, oder?« Mumm sah zu Feldwebel Angua, die mit den Schultern zuckte. »Na schön«, sagte Mumm. »Es ist nicht verboten, und wir sollten vermeiden, dass die Leute ihn für tot halten.« Er löste ein Sprechrohr von einer Vorrichtung aus Messing und Leder, doch dann zögerte er. »Ist dieses Problem inzwischen gelöst, Feldwebel?«, fragte er und schenkte William keine Beachtung mehr. »Ja, Herr. Das pneumatische Nachrichtensystem und die Sprechrohre sind jetzt vollkommen voneinander getrennt.« »Bist du sicher? Du weißt doch, dass Obergefreiter Eifer gestern alle seine Zähne verloren hat.« »Man hat mir versichert, dass sich so etwas nicht wiederholen kann.« »Natürlich kann es sich nicht wiederholen. Immerhin hat er jetzt kei- ne Zähne mehr. Na schön…« Mumm hob das Sprechrohr, hielt es ein oder zwei Sekunden auf sicherer Distanz und sprach dann hinein., »Bitte verbinde mich mit den Zellen.« »Wsn? Wipwipwip?« »Wie bitte?« »Sniedel Flippsickel?« »Hier spricht Mumm!« »Schittskritt?« Mumm legte das Sprechrohr auf die Gabel zurück und sah Feldwebel Angua an. »Man arbeitet noch immer daran, Herr«, sagte sie. »Angeblich haben Ratten an den Rohren geknabbert.« »Ratten?« »Ich fürchte ja, Herr.« Mumm stöhnte und wandte sich wieder an William. »Feldwebel An- gua bringt dich zu den Zellen.« Und dann war William auf der anderen Seite der Tür. »Komm«, sagte Angua. »Wie bin ich zurechtgekommen?«, fragte William. »Besser als viele andere vor dir.« »Verzeih, dass ich Korporal Nobbs erwähnt habe, aber…« »Oh, sei unbesorgt«, sagte Feldwebel Angua. »Deine Beobachtungs- gabe wird das Tagesgespräch der Wache sein. Nun, er ist freundlich zu dir, weil er noch nicht genau weiß, was du bist, verstehst du? Ich rate dir, vorsichtig zu sein.« »Und, hast du herausgefunden, was ich bin, ja?« »Sagen wir einfach mal, ich verlasse mich nicht auf erste Eindrücke. Vorsicht, Stufe.« Angua führte William die Treppe hinunter zu den Zellen. Er stellte fest, dass unten zwei Uniformierte Wache hielten, verzichtete aber dar- auf, diese Tatsache niederzuschreiben. »Sind hier normalerweise Wächter postiert?«, fragte er. »Ich meine, die Zellentüren lassen sich doch abschließen.« »Wie ich hörte, arbeitet ein Vampir für dich«, sagte Feldwebel Angua., »Otto? Oh, ja. Nun, wir haben keine Vorurteile…« Angua antwortete nicht, öffnete stattdessen die Tür des Hauptkorri- dors und rief: »Besucher für die Patienten, Igor!« »In Ordnung, Feldwebel.« Unheimliches, flackerndes blaues Licht erhellte den Raum. In dem Regal an der einen Wand standen Dutzende von Gläsern, und in man- chen davon bewegten sich sehr sonderbare Dinge. Andere Objekte schwammen einfach. In einer Ecke gleißten blaue Funken auf einer komplexen Maschine, die zum größten Teil aus Kupferkugeln und Glasstangen bestand. Doch Williams Aufmerksamkeit galt vor allem dem riesigen Auge. Bevor er schreien konnte, kam eine Hand nach oben, und was Willi- am für ein gewaltiges Auge gehalten hatte, erwies sich als enorm großes Vergrößerungsglas – es ließ sich an einem Metallarm drehen, der an einer Stirn befestigt war. Für das den Gaumen trocknende Entsetzen war das Gesicht der betreffenden Person unglücklicherweise keine Ver- besserung. Die Augen lagen nicht auf einer Höhe. Ein Ohr war größer als das andere. Ein Netzwerk aus Narben durchzog das Gesicht. Noch schlimmer erschien William die Frisur: Igors öliges schwarzes Haar war nach vorn gekämmt und bildete eine weit überhängende Tolle, in der Art der besonders lauten jungen Musiker von Ankh-Morpork. Sie war lang genug, einem unschuldigen Fußgänger die Augen auszustechen. Allerdings deutete das… organische Erscheinungsbild von Igors Arbeits- bereich darauf hin, dass er beschädigte Augen durch neue ersetzen konnte. Auf einer Werkbank stand ein Aquarium mit blubberndem Wasser, in dem einige Kartoffeln hin und her schwammen. »Der junge Igor gehört zu unserer forensischen Abteilung«, sagte Feldwebel Angua. »Igor, das ist Herr de Worde. Er möchte deine Pati- enten besuchen.« William bemerkte den Blick, den Igor Angua zuwarf. »Herr Mumm hat’s erlaubt.«, »Na schön, hier entlang«, sagte Igor und humpelte an William vorbei durch den Korridor. »Es ist immer schön, hier unten Besucher zu emp- fangen, Herr de Worde. Du wirst feststellen, daff wir hier Wert auf eine entspannte Atmosphäre legen. Ich hole nur schnell die Schlüffel.« »Warum lispelt er nur gelegentlich und nicht bei jedem S?«, fragte Wil- liam, als Igor zu einem Schrank wankte. »Er versucht, modern zu sein. Bist du noch nie zuvor einem Igor be- gegnet?« »Einem solchen nicht. Er hat zwei Daumen an der rechten Hand!« »Er stammt aus Überwald«, erläuterte Feldwebel Angua. »Igors sind sehr daran interessiert, sich selbst zu verbessern. Ausgezeichnete Chi- rurgen. Aber du solltest ihnen während eines Gewitters nicht die Hand schütteln…« »Da bin ich wieder«, sagte Igor und humpelte zurück. »Wer zuerst?« »Lord Vetinari?«, fragte William. »Er schläft noch«, sagte Igor. »Was, nach all der Zeit?« »Kein Wunder. Er hat einen ziemlich heftigen Schlag gegen den Kopf bekommen…« Feldwebel Angua hustete laut. »Ich dachte, er ist von einem Pferd gefallen«, sagte William. »Nun, ja… Und er bekam einen Schlag gegen den Kopf, alf er auf den Boden prallte, kein Zweifel«, erwiderte Igor und warf Angua erneut einen kurzen Blick zu. Dann drehte er den Schlüssel im Schloss. Lord Vetinari lag auf einem schmalen Bett. Er war ein wenig blass und schien friedlich zu schlafen. »Er ist nicht ein einziges Mal aufgewacht?«, fragte William. »Nein. Alle fünfzehn Minuten oder fo faue ich nach ihm. So etwas kommt durchaus vor. Manchmal sagt der Körper einfach nur: schlaf.« »Wie ich hörte, hat er sonst kaum geschlafen«, meinte William., »Vielleicht nutzt er die gute Gelegenheit«, sagte Igor und schloss leise die Tür. Er schloss die nächste Zelle auf. Drumknott saß auf seinem Bett, den Kopf verbunden. Er löffelte Suppe, und vor Schreck hätte er fast etwas davon verschüttet. »Wie geht es uns?«, fragte Igor so fröhlich, wie es für ein Gesicht vol- ler Nähte möglich ist. »Oh, mir geht es besser…« Der junge Mann musterte sie unsicher. »Herr de Worde hier würde gern mit dir reden«, sagte Feldwebel An- gua. »Ich gehe und helfe Igor, seine Augen zu sortieren.« William blieb in einer unbehaglichen Stille zurück. Drumknott gehör- te zu den Leuten mit keinem erkennbaren Charakter. »Du bist der Sohn von Lord de Worde, nicht wahr?«, fragte er. »Du gibst die Zeitung heraus.« »Ja«, sagte William. Offenbar war er dazu verurteilt, für immer Vaters Sohn zu sein. »Äh. Es heißt, Lord Vetinari hätte dich niedergestochen.« »So heißt es«, erwiderte der Sekretär. »Du warst dabei und musst es wissen.« »Ich klopfte an die Tür, um ihm die Zeitung zu bringen, was seinem Wunsch entsprach. Seine Exzellenz öffnete, ich betrat den Raum… Und dann erwachte ich hier, in Gesellschaft von Herrn Igor, der auf mich herabsah.« »Das dürfte ein ziemlicher Schock gewesen sein«, sagte William. Er empfand kurzen Stolz angesichts der Tatsache, dass die Times bei dieser Angelegenheit eine kleine Rolle gespielt hatte. »Angeblich hätte ich diesen Arm nicht mehr bewegen können, wenn Igor nicht so gut mit der Nadel umgehen könnte«, sagte Drumknott ernst. »Aber dein Kopf ist ebenfalls verbunden«, stellte William fest. »Offenbar bin ich gefallen, als… als das passierte, was passiert ist«, sagte Drumknott. Meine Güte, dachte William. Er ist verlegen., »Ich bin ganz sicher, dass ein Irrtum vorliegt«, fügte Drumknott hin- zu. »Ist Seine Exzellenz in letzter Zeit mit Dingen beschäftigt gewesen?« »Seine Exzellenz ist immer mit irgendwelchen Dingen beschäftigt«, sagte der Sekretär. »Daraus besteht seine Arbeit.« »Drei Personen haben gehört, wie er sagte, er hätte dich getötet. Wusstest du das?« »Ich kann es mir nicht erklären. Es muss sich um einen Irrtum han- deln.« Die Worte klangen immer schärfer. Gleich ist es soweit, dachte Willi- am. »Warum glaubst du…«, begann er, und dann bestätigte sich seine Befürchtung. »Ich glaube, dass ich nicht mit dir reden muss«, sagte Drumknott. »O- der?« »Nein, aber…« »Feldwebel!«, rief Drumknott. Leise Schritte näherten sich, und die Zellentür wurde geöffnet. »Ja?«, fragte Feldwebel Angua. »Ich habe mein Gespräch mit diesem Herrn beendet«, sagte Drumknott. »Und ich bin müde.« William seufzte und steckte sein Notizbuch ein. »Danke«, sagte er. »Du warst sehr… hilfreich.« Als sie durch den Korridor gingen, meinte er: »Drumknott will nicht glauben, dass Seine Exzellenz ihn angegriffen haben könnte.« »Wirklich nicht?«, erwiderte Angua. »Er scheint einen ziemlich heftigen Schlag gegen den Kopf bekom- men zu haben«, fuhr William fort. »Tatsächlich?« »Meine Güte, selbst ich kann erkennen, dass an dieser Sache irgend- etwas faul ist.« »Kannst du das?«, »Ich verstehe«, sagte William. »Du hast Herrn Mumms Kommunikati- onsschule besucht.« »Habe ich das?«, fragte Feldwebel Angua. »Loyalität ist eine wundervolle Sache.« »Ist sie das? Nach draußen geht es hier entlang…« Nachdem sie William auf die Straße geführt hatte, kehrte Angua in Mumms Büro zurück und schloss leise die Tür hinter sich. »Er hat nur die Wasserspeier bemerkt?«, fragte Mumm. Er stand am Fenster und sah William nach. »Offenbar. Aber ich würde ihn nicht unterschätzen, Herr. Er lag ganz richtig mit seiner Vermutung hinsichtlich der Pfefferminzbombe. Und wie viele Wächter hätten bemerkt, wie tief der Bolzen im Boden steck- te?« »Das ist leider wahr.« »Und ihm ist Igors zweiter Daumen aufgefallen. Und kaum jemand schenkt den schwimmenden Kartoffeln Beachtung.« »Hat Igor sie noch immer nicht weggeworfen?« »Nein, Herr. Er glaubt, nur noch eine Generation trennt ihn von fer- tigen Fish and Chips.« Mumm seufzte. »Na schön, Feldwebel. Vergessen wir die Kartoffeln. Wie stehen die Chancen?« »Herr?« »Ich weiß, was unten im Wachraum geschieht. Bestimmt werden Wet- ten abgeschlossen.« »In Hinsicht auf William de Worde?« »Ja.« »Nun… Für sechs Dollar bekommt man zehn, wenn er bis nächsten Montag tot ist, Herr.« »Du könntest verlauten lassen, dass mir so etwas nicht gefällt.« »Ja, Herr.«, »Finde heraus, wer das Wettbuch führt – und dann nimm es Nobby weg.« »Ja, Herr. Und William de Worde?« Mumm blickte an die Decke. »Wie viele Wächter beobachten ihn?«, fragte er. »Zwei.« »Normalerweise schätzt Nobby die Chancen immer recht gut ein. Glaubst du, dass zwei Wächter genügen?« »Nein.« »Ich auch nicht. Aber wir können nicht mehr Leute entbehren. Er muss auf die harte Art und Weise lernen zu überleben. Und die harte Art und Weise bedeutet, dass man nur eine Lektion bekommt.« Herr Tulpe kam aus einer Gasse, wo er ein sehr kleines Päckchen ge- kauft hatte. Wie sich bald herausstellen würde, enthielt es mit Wasch- pulver verschnittenes Rattengift. Herr Nadel las ein großes Stück Papier. »Was ist das?«, fragte Herr Tulpe. »Ich schätze, es ist Ärger«, erwiderte Herr Nadel, faltete das Papier zusammen und steckte es in die Tasche. »Ja, da bin ich sogar ziemlich sicher.« »Diese Stadt geht mir auf die …ten Nerven«, sagte Herr Tulpe, als sie die Straße hinuntergingen. »Ich habe …te Kopfschmerzen. Und mir tut das Bein weh.« »Ach? Mich hat er ebenfalls gebissen. Mit dem Hund ist dir ein großer Fehler unterlaufen.« »Soll das heißen, ich hätte nicht auf ihn schießen sollen?« »Nein. Es wäre besser gewesen, wenn du ihn getroffen hättest. Er ist entkommen.« »Es ist nur ein Hund«, murrte Herr Tulpe. »Ein Hund kann doch kei- ne Probleme verursachen. Ein Hund ist kein glaubwürdiger …ter Zeu- ge. Man hat uns nicht auf den …ten Hund hingewiesen.« In seinem Fußknöchel breitete sich jene unheilvolle Hitze aus, die darauf hindeu-, tete, dass sich jemand in der letzten Zeit nicht die Zähne geputzt hatte. »Versuch mal, jemanden zu tragen, während ein …ter Hund nach dei- nen Beinen schnappt! Und warum hat der …te Zombie nicht erwähnt, wie… schnell der Bursche ist? Er hätte mich erwischt, wenn er nicht von dem …ten Idioten abgelenkt gewesen wäre!« Herr Nadel zuckte mit den Schultern, war jedoch nicht bereit, diese Dinge aus seinem Gedächtnis zu streichen. Herr Schräg hatte der Neu- en Firma gewisse Dinge verschwiegen, darunter auch Lord Vetinaris Fähigkeit, sich wie eine Schlange zu bewegen. Das würde den Anwalt eine Menge Geld kosten. Herr Nadel hätte fast eine Schnittwunde davongetragen. Aber er war stolz darauf, dass er den Sekretär niedergestochen und Charlie auf den Treppenabsatz geschoben hatte, damit er den Bediens- teten gegenüber einige dumme Wort stotterte. Deren Anwesenheit hat- te der Plan nicht vorgesehen. Doch solche Dienstleistungen konnte man von der Neuen Firma erwarten. Ja! Sie konnten reagieren, improvi- sieren, kreativ sein… »Entschuldigung, die Herren…« Jemand trat aus einer Gasse, ein Messer in jeder Hand. »Diebesgilde«, sagte der Fremde. »Bitte um Verzeihung. Dies ist ein offizieller Überfall.« Zur großen Überraschung des Diebes wirkten Herr Nadel und Herr Tulpe weder verblüfft noch verängstigt, trotz der Größe der Messer. Sie sahen eher aus wie zwei Lepidopterologen, die auf eine ganz neue Schmetterlingsart gestoßen waren und nun beobachteten, wie ein Ex- emplar mit einem kleinen Netz winkte. »Offizieller Überfall?«, wiederholte Herr Tulpe langsam. »Ah, ihr seid Besucher in unserer schönen Stadt?«, fragte der Dieb. »Dann ist heute euer Glückstag, ihr… Herren. Ein Diebstahl von fünf- undzwanzig Dollar gibt euch das Recht, für einen Zeitraum von sechs Monaten von Überfällen aller Art unbehelligt zu bleiben, und in dieser Woche könnt ihr außerdem wählen zwischen dieser hübschen Schach- tel mit Kristall-Weingläsern oder einem nützlichen Sortiment von Grillwerkzeugen, um die euch eure Freunde beneiden werden.«, »Soll das heißen, du bist… legal?«, fragte Herr Nadel. »Was für …te Freunde?«, brummte Herr Tulpe. »Ja, Herr. Lord Vetinari vertritt folgenden Standpunkt: Da Kriminali- tät in einer Stadt unvermeidlich ist, sollte sie organisiert sein.« Herr Tulpe und Herr Nadel wechselten einen Blick. »Nun, die Legalität liegt mir im Blut«, sagte Herr Nadel. Erneut hob und senkte er die Schultern. »Du bist dran, Herr Tulpe.« »Und da ihr neu in der Stadt seid, biete ich euch einen Diebstahl zum Einführungspreis von hundert Dollar an, wodurch ihr nicht nur Immu- nität für volle sechsundzwanzig Monate bekommt, sondern auch diese Broschüre mit Hinweisen auf günstige Restaurants in Ankh-Morpork und Gutscheine im Wert von fünfundzwanzig Dollar für Mietkutschen, Kleidung und Unterhaltung. Eure Nachbarn werden…« Herr Tulpes Arm bewegte sich schemenhaft. Eine Hand so groß wie ein Bananenbüschel packte den Dieb am Nacken und schmetterte sei- nen Kopf gegen die Mauer. »Unglücklicherweise liegt es Herrn Tulpe im Blut, ein Mistkerl zu sein«, sagte Herr Nadel und zündete sich eine Zigarette an. Hinter ihm erklangen weiterhin die fleischigen Geräusche des permanenten Zorns seines Kollegen, als er nach den Weingläsern griff und sie kritisch be- trachtete. »Ts, billiges Glas, von wegen Kristall«, sagte er. »Heutzutage kann man niemandem mehr trauen. Es ist zum Verzweifeln.« Der Dieb sank zu Boden. »Ich glaube, ich nehme das …te Grillsortiment«, sagte Herr Tulpe und trat näher. »Wie ich sehe, enthält es einige sehr nützliche Spieße und Gabeln, die dem fröhlichen Al-Fresco-Grillen auf der Terrasse eine ganz neue Dimension der Freude verleihen.« Er riss die Schachtel auf und zog eine blauweiße Schürze daraus her- vor. »›Tötet den Koch!!!‹«, las er und streifte das Ding über den Kopf. »He, das ist klassischer Kram. Ich muss mir unbedingt einige …te Freunde zulegen, damit sie mich beim Grillen mit Al Fresco beneiden können. Was ist mit den …ten Gutscheinen?«, »Die taugen nie was«, erwiderte Herr Nadel. »Damit soll nur Kram an den Mann gebracht werden, den niemand will. Sieh nur, hier… ›25% Preisnachlass für alle Speisen, die nach Mitternacht in Furbis Kohlkas- tell bestellt werden.‹« Er warf die Broschüre beiseite. »Aber die Schürze ist nicht schlecht«, sagte Herr Tulpe. »Und außer- dem hatte der …te Dieb zwanzig Dollar bei sich. Das ist immerhin etwas.« »Ich kann es gar nicht abwarten, diese Stadt zu verlassen«, sagte Herr Nadel. »Sie ist viel zu seltsam. Wir machen dem Toten ein wenig Angst, und dann verschwinden wir.« »Interessaaaant und nooooi!« Der Schrei des Zeitungsverkäufers hallte über den Platz im Zwielicht, als William in Richtung Schimmerstraße eilte. Offenbar verkauften sie noch immer recht gut. Nur durch Zufall, als ein Bürger an ihm vorbeischritt, sah er die Schlagzeile:

FRAU BRINGT KOBRA ZUR WELT

Sacharissa hatte doch nicht etwa auf eigene Faust eine neue Ausgabe herausgebracht. William lief zum Verkäufer. Es handelte sich nicht um die Times. Der Titel war mit Drucktypen gesetzt, die ein eindrucksvolleres Ergebnis erzielten als die Presse der Zwerge., »Was hat das zu bedeuten?«, fragte er den Verkäufer, der gesellschaft- lich einige Schmutzschichten über Rons Gruppe stand. »Was meinst du?« »Dies hier!« Das dumme Gespräch mit Drumknott hatte William sehr verärgert. »Frag mich nicht, Kumpel. Ich bekomme einen Cent für jedes ver- kaufte Exemplar, und mehr weiß ich nicht.« »›Suppenregen in Gennua‹? ›Im Sturm legt Henne dreimal das gleiche Ei‹? Woher kommt das?« »Hör mal, Kumpel, wenn ich belesen wäre, würde ich wohl kaum Zei- tungen verkaufen.« »Jemand anders bringt eine Zeitung heraus!«, entfuhr es William. Er las das Kleingedruckte ganz unten auf dem einzelnen Blatt, und bei dieser Zeitung war selbst das Kleingedruckte recht groß. »In der Schim- merstraße?« Er erinnerte sich an die Arbeiter vor dem alten Lagerhaus. Wie war so etwas möglich? Nun, die Graveursgilde war dazu durchaus fähig. Sie verfügte bereits über Pressen und zweifellos auch über das nötige Geld. Zwei Cent waren ein lächerlicher Preis, selbst für dieses eine Blatt vol- ler… Unsinn. Wenn der Verkäufer einen davon bekam – wie sollten die Drucker dann noch verdienen? Eine Sekunde später begriff William: Es ging nicht um den Verdienst, sondern darum, die Times aus dem Geschäft zu drängen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Eimers wies ein rotwei- ßes Schild auf den Kurier hin. Weitere Karren standen dort. Einer von Gutenhügels Zwergen spähte hinter der Mauer hervor. »Es befinden sich schon drei Pressen in dem Gebäude«, sagte er. »Hast du gesehen, was sie geschafft haben? Sie haben nur eine halbe Stunde gebraucht, um ihre Zeitung herauszubringen!« »Ja, aber sie bestand nur aus einem Blatt und erfundenen Nachrich- ten.« »Bist du sicher? Auch das mit der Kobra stimmt nicht?«, »Ich wette tausend Dollar darauf.« William entsann sich, dass die klei- nere Schrift behauptet hatte, es sei in Lancre geschehen, daraufhin ü- berprüfte er noch einmal seine Risikobereitschaft. »Das heißt… ich wette mindestens hundert Dollar.« »Das ist noch nicht das Schlimmste«, sagte der Zwerg. »Komm besser herein.« Im Innern des Schuppens knarrte und quietschte die Druckerpresse, aber die meisten Zwerge waren untätig. »Soll ich dir die Schlagzeilen nennen?«, fragte Sacharissa, als William das Büro betrat. »Ich bin ganz Ohr«, sagte er und nahm am Schreibtisch Platz, auf dem ein Chaos aus Zetteln herrschte. »›Graveure bieten Zwergen tausend Dollar für Druckerpresse an.‹« »O nein…« »›Vampir-Ikonograph und hart arbeitende Journalistin mit 500- Dollar-Gehaltsangebot in Versuchung geführt‹«, fuhr Sacharissa fort. »Meine Güte…« »›Zwerge stecken in Papierklemme.‹« »Was?« »Das ist ein direktes Zitat von Herrn Gutenhügel«, erklärte Sacharissa. »Ich weiß nicht genau, was es bedeutet, aber allem Anschein nach ha- ben wir nur noch genug Papier für eine weitere Ausgabe.« »Und wenn wir mehr wollen, müssen wir fünfmal so viel bezahlen wie vorher«, sagte Gutenhügel und kam näher. »Die Graveursgilde kauft alles auf. Angebot und Nachfrage, meinte König.« »König?« William runzelte die Stirn. »Meinst du Herrn König?« »Ja, den König des Goldenen Flusses«, sagte der Zwerg. »Und ja, wir könnten solch einen Preis bezahlen; aber wenn die Burschen auf der anderen Straßenseite ihr Blatt für zwei Cent verkaufen, arbeiten wir praktisch gratis.« »Otto hat dem Mann von der Gilde gesagt, er würde seinen Eid bre- chen, wenn er noch einmal hier auftaucht«, sagte Sacharissa. »Er war, sehr wütend, weil der Mann mehr über druckbare Ikonographien he- rausfinden wollte.« »Was ist mit dir?« »Ich bleibe. Ich traue den Leuten nicht, erst recht nicht, wenn sie so gerissen sind. Sie scheinen ein… geringes Niveau zu haben«, meinte Sa- charissa. »Aber was machen wir jetzt?« William kaute an seinem Daumennagel und starrte auf den Schreib- tisch. Als er den Fuß bewegte, stieß er gegen die Geldtruhe. Das dump- fe Pochen klang beruhigend. »Wir könnten den Umfang der Times reduzieren«, schlug Gutenhügel vor. »Ja, aber dann kaufen die Leute sie nicht mehr«, erwiderte Sacharissa. »Und sie sollten unsere Zeitung kaufen, weil richtige Nachrichten darin stehen.« »Ich muss zugeben, dass die Nachrichten des Kuriers interessanter wirken«, sagte Gutenhügel. »Weil sie völlig ohne Fakten auskommen!«, kommentierte Sacharissa scharf. »Nun, mir macht es nichts aus, wieder für einen Dollar pro Tag zu arbeiten, und Otto würde sich sogar mit einem halben Dollar be- gnügen, wenn er weiterhin im Keller wohnen darf.« William blickte ins Leere. »Abgesehen von der Wahrheit…«, sagte er mit einer Stimme, die aus weiter Ferne zu kommen schien. »Was haben wir, was die Gilde nicht hat? Können wir schneller drucken?« »Eine Presse gegen drei?« Gutenhügel schüttelte den Kopf. »Nein. Aber bestimmt können wir schneller setzen.« »Und das bedeutet…?« »Es sollte uns gelingen, morgens vor der Konkurrenz zu erscheinen.« »Na schön. Das könnte tatsächlich ein Vorteil sein. Sacharissa, kennst du jemanden, der Arbeit sucht?« »Ob ich jemanden kenne? Hast du dir die Briefe nicht angesehen?« »Nein, nicht direkt…« »Viele Leute suchen Arbeit! Wir sind hier in Ankh-Morpork!«, »In Ordnung. Wähl die drei Briefe mit den wenigsten Rechtschreib- fehlern aus und beauftrage Rocky, ihre Autoren einzustellen.« »Einer von ihnen ist Herr Krumm«, warnte Sacharissa. »Er möchte mehr Arbeit. Es sterben nur wenige interessante Leute. Wusstest du, dass er aus Spaß an Versammlungen teilnimmt und die Gespräche auf- schreibt?« »Hält er alles genau fest?« »Da bin ich ziemlich sicher. Es passt zu ihm. Aber ich bezweifle, ob wir Platz genug haben…« »Morgen früh erweitern wir die Times auf vier Seiten. Mach nicht so ein Gesicht. Ich habe weitere Informationen über Lord Vetinari, und uns bleiben, äh, zwölf Stunden, um Papier zu besorgen.« »Ich habe dir doch gesagt, dass König uns kein Papier mehr zu einem vernünftigen Preis verkauft«, sagte Gutenhügel. »Das können wir in der Zeitung bringen«, erwiderte William. »Ich meine…« »Ja, ich weiß. Ich muss das eine oder andere schreiben, und dann stat- ten wir König einen Besuch ab. Oh, und schick jemanden zu den Se- maphoren. Ich möchte dem König von Lancre eine Mitteilung schi- cken. Ich glaube, ich bin ihm einmal begegnet.« »Die Übertragung von Semaphor-Botschaften kostet Geld. Viel Geld.« »Trotzdem. Wir treiben das nötige Geld irgendwie auf.« William beug- te sich zur Leiter vor, die in den Keller hinabführte. »Otto?« Der Vampir erschien bis zur Taille. Er hielt einen halb demontierten Ikonographen in der Hand. »Was kann ich fürr dich tun?« »Hast du eine Idee, wie sich noch mehr Zeitungen verkaufen lassen?« »Was willst du denn jetzt? Bilderr, die aus derr Zeitung sprringen? Die sprrechen? Derren Blick dirr durrchs Zimmerr folgt?« »Du brauchst nicht gleich einzuschnappen«, sagte William. »Immerhin habe ich dich nicht um Farbe oder dergleichen gebeten…«, »Farrbe?«, wiederholte der Vampir. »Das ist alles? Farrbe lässt sich leicht bewerkstelligen. Wann möchtest du sie?« »Unmöglich«, sagte Gutenhügel mit Nachdruck. »Ach, glaubst du? Gibt es hierr jemanden, derr buntes Glas herrstellt?« »Ja, ich kenne den Zwerg, der den Buntglasladen in der Fleißigen Straße betreibt«, entgegnete Gutenhügel. »Dort bieten sie Hunderte von Tönungen an, aber…« »Ich möchte soforrt Musterr sehen. Auch von Tinte. Könnt ihrr bun- te Tinte besorrgen?« »Das ist leicht«, sagte Gutenhügel. »Aber wir brauchen verdammt vie- le Sorten davon.« »Nein, nicht unbedingt. Ich stelle eine Liste derr nötigen Dinge zu- sammen. Ich kann keine Burrlich-und-Starrkimarrm-Qualität schon bei derr errsten Katze aus dem Sack verrsprrechen. Ich meine, verrlangt kein subtiles Licht auf Herrbstblätterrn von mirr. Aberr starrke Kontrraste sollten möglich sein.« »Das wäre phantastisch.« »Danke.« William wandte sich an Gutenhügel. »Und jetzt besuchen wir den König des Goldenen Flusses.« »Ich habe mich immer gefragt, warum man ihn so nennt«, sagte Sa- charissa. »Ich meine, hier gibt es doch gar keinen Goldenen Fluss, o- der?« »Meine Herren…« Herr Schräg wartete im Flur des unbewohnten Hauses. Er stand auf und griff nach seiner Aktentasche, als die Neue Firma hereinkam. Sein Gesichtsausdruck verriet besonders schlechte Laune. »Wo seid ihr gewesen?« »Wir haben etwas gegessen, Herr Schräg. Du bist heute Morgen nicht gekommen, und Herr Tulpe bekam Appetit.« »Ich habe euch aufgefordert, Zurückhaltung zu üben.«, »Herr Tulpe ist darin nicht besonders gut. Außerdem lief alles glatt über die Bühne. Du hast bestimmt davon gehört. Oh, wir wären fast getötet worden, weil du auf einige wichtige Dinge nicht hingewiesen hast, aber wer schert sich schon um uns? Wo liegt das Problem?« Herr Schräg richtete einen durchdringenden Blick auf sie. »Meine Zeit ist kostbar, Herr Nadel. Deshalb komme ich sofort zum Kern der Sa- che. Was habt ihr mit dem Hund angestellt?« »Niemand hat uns etwas von einem Hund gesagt«, erwiderte Herr Tulpe, und Herr Nadel wusste, dass der Tonfall falsch war. »Ah, ihr seid ihm also begegnet«, stellte Herr Schräg fest. »Wo ist er?« »Fort. Er lief davon. Biss uns ins Bein und lief weg, der …te Köter.« Herr Schräg seufzte wie ein Windhauch aus einer Gruft. »Ich habe euch darauf hingewiesen, dass ein Werwolf zur Wache ge- hört«, sagte er. »Na und?«, fragte Herr Nadel. »Ein Werwolf beherrscht die Hundesprache.« »Was?«, brachte Herr Nadel hervor. »Willst du behaupten, dass die Leute auf einen Hund hören?« »Leider ja«, bestätigte Herr Schräg. »Ein Hund verfügt über Persön- lichkeit. Und Persönlichkeit bedeutet viel. Und es gibt eindeutige Prä- zedenzfälle. Diese Stadt blickt auf eine interessante juristische Ge- schichte zurück, meine Herren. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten wur- den sieben Schweine, eine ziemlich große Rattenfamilie, vier Pferde, ein Floh und ein Bienenschwarm vor Gericht gestellt. Im vergangenen Jahr gestattete man einem Papagei, als Belastungszeuge bei einem wichtigen Mordprozess auszusagen. Dies erforderte ganz besondere Zeugen- schutz-Maßnahmen. Soweit ich weiß, ist er jetzt ziemlich weit entfernt und gibt vor, ein Wellensittich zu sein.« Herr Schräg schüttelte den Kopf. »Unglücklicherweise haben Tiere einen anerkannten Platz vor Gericht. Natürlich kann man Einwände dagegen erheben, aber der ei- gentlich wichtige Punkt, Herr Nadel, ist dieser: Kommandeur Mumm wird auf jeden Fall Ermittlungen einleiten und Fragen stellen. Er weiß bereits, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, aber er muss sich innerhalb des Rahmens von Beweisen und Indizien bewegen, und ihm, fehlt beides. Wenn er den Hund findet, bekommt er einen Ansatz- punkt.« »Biete ihm ein paar tausend Dollar an«, sagte Herr Nadel. »Das funk- tioniert immer bei Wächtern.« »Die letzte Person, die Mumm zu bestechen versucht hat, kann noch immer nicht richtig ihre Finger bewegen«, erwiderte Herr Schräg. »Wir haben uns genau an deine …ten Anweisungen gehalten!«, rief Herr Tulpe und richtete einen wurstdicken Finger auf den Anwalt. Herr Schräg musterte ihn, als sähe er ihn jetzt zum ersten Mal. »›Tötet den Koch!!!‹«, sagte er. »Wie amüsant. Bisher dachte ich, wir hätten die Dienste von Profis in Anspruch genommen.« Für Herrn Nadel kamen diese Worte nicht unerwartet, was ihn in die Lage versetzte, rechtzeitig zu reagieren. Er hielt Herrn Tulpes Faust fest, bevor sie das Gesicht des Zombies erreichte, und verlor dadurch für einige Sekunden den Boden unter den Füßen. »Die Umschläge, Herr Tulpe«, sagte er. »Dieser Mann weiß über gewis- se Dinge Bescheid…« »Und wenn schon«, grollte Herr Tulpe. »Wer tot ist, weiß …t nichts mehr.« »Ganz im Gegenteil«, widersprach Herr Schräg. »Dann kann man kla- rer denken, als jemals zuvor.« Er stand auf, und Herr Nadel erkannte, wie dieser Vorgang bei einem Zombie ablief. Der Anwalt benutzte ab- wechselnd verschiedene Muskeln, er schien nicht in dem Sinne aufzu- stehen, sondern sich nach oben zu entfalten. »Der… andere Assistent ist nach wie vor in Sicherheit?«, fragte Herr Schräg. »Er sitzt wieder im Keller und leert dort eine Flasche nach der ande- ren«, antwortete Herr Nadel. »Ich verstehe nicht, warum wir ihn nicht einfach abmurksen. Er wäre fast weggelaufen, als er Vetinari sah. Wenn sein Erscheinungsbild den Patrizier nicht so sehr verblüfft hätte, wären wir in große Schwierigkeiten geraten. Wer würde eine Leiche mehr in dieser Stadt bemerken?« »Die Wache, Herr Nadel. Wie oft muss ich das noch betonen? Die Wächter verstehen sich ausgezeichnet darauf, Dinge zu bemerken.«, »Herr Tulpe würde kaum etwas übrig lassen, das man bemerken könnte…« Herr Nadel unterbrach sich. »Du hast wirklich Angst vor der Wache, nicht wahr?« »Dies ist Ankh-Morpork«, sagte der Anwalt scharf. »Wir sind hier in einer sehr kosmopolitischen Stadt. In Ankh-Morpork tot zu sein, ist manchmal nur eine Unannehmlichkeit, verstehst du? Wir haben Zaube- rer und Medien aller Art. Außerdem neigen Leichen dazu, zum unpas- sendsten Zeitpunkt irgendwo zu erscheinen. Wir möchten unbedingt vermeiden, dass die Wache irgendeinen Hinweis bekommt, verstanden?« »Sie würde einem …ten Toten zuhören?«, fragte Herr Tulpe. »Warum denn nicht?«, erwiderte der Zombie. »Immerhin tut ihr das auch.« Er entspannte sich ein wenig. »Wie dem auch sei: Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir noch Verwendung für euren… Kollegen ha- ben. Vielleicht ist ein weiterer kleiner Ausflug nötig, um die Skeptiker zu überzeugen. Er hat einen zu großen Wert für uns, um sich schon jetzt… in den Ruhestand zurückzuziehen.« »Na schön, einverstanden. Wir halten ihn einsatzbereit. Aber für den Hund verlangen wir eine Zulage«, sagte Herr Nadel. »Es ist nur ein Hund, Herr Nadel«, sagte Schräg und hob die Brauen. »Ich schätze, selbst Herr Tulpe könnte einen Hund überlisten.« »Aber zuerst müssen wir ihn finden«, meinte Herr Nadel und trat vor seinen Partner. »Es gibt viele Hunde in dieser Stadt.« Der Zombie seufzte erneut. »Ich kann eurem Honorar weitere fünf- tausend Dollar in Edelsteinen hinzufügen«, sagte er und hob die Hand. »Und bitte beleidige uns nicht, indem du automatisch ›zehntausend‹ sagst. Die Aufgabe ist nicht weiter schwer. In dieser Stadt schließen sich vermisste Hunde entweder einem der wilden Rudel an, oder sie begin- nen als ein Paar Handschuhe ein neues Leben.« »Ich möchte wissen, von wem diese Anweisungen stammen«, sagte Herr Nadel und spürte das Gewicht des Disorganizers in der Tasche. Herr Schrägt wirkte überrascht. »Von mir, Herr Nadel.« »Ich meine deine Auftraggeber.« »Oh, ich bitte dich!«, »Diese Angelegenheit bekommt einen politischen Aspekt«, sagte Herr Nadel. »Gegen Politik kann man nicht ankämpfen. Ich möchte wissen, wie weit wir weglaufen müssen, wenn die Leute herausfinden, was ge- schehen ist. Und wer uns schützt, falls wir gefasst werden.« »In dieser Stadt sind die Fakten nie das, was sie zu sein scheinen, mei- ne Herren«, sagte der Anwalt. »Kümmert euch um den Hund. Andere Personen werden sich… um euch kümmern. Pläne werden bald umge- setzt. Wer kann schon sagen, was wirklich passiert ist? Die Leute lassen sich leicht verwirren, und jetzt spreche ich als jemand, der Jahrhunderte im Gerichtssaal verbracht hat. Es heißt, eine Lüge kann über die ganze Welt laufen, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat. Eine wider- liche Behauptung, nicht wahr? Nun… Macht euch keine Sorgen, denn alles ist in bester Ordnung. Und seid auch nicht dumm. Meine… Klien- ten haben ein sehr gutes Gedächtnis und tiefe Taschen. Sie könnten auf den Gedanken kommen, sich an andere Killer zu wenden. Habt ihr verstanden?« Er schloss den Aktenkoffer. »Ich wünsche euch noch einen guten Tag.« Hinter ihm schwang die Tür zu. Es klapperte, als Herr Tulpe sein Grill-Sortiment auspackte. »Was hast du vor?«, fragte Herr Nadel. »Der …te Zombie wird an zwei praktischen und vielseitigen Kebab- Spießen enden«, sagte Herr Tulpe. »Und dann bekommt er diese …te Gabel zu spüren. Und dann… dann werde ich mittelalterlich, was seinen …ten Hintern betrifft.« Es gab zwar dringendere Angelegenheiten, die Herrn Nadels Auf- merksamkeit erforderten, dennoch fragte er: »Wie meinst du das?« »Ich habe an einen Maibaum gedacht«, antwortete Herr Tulpe nach- denklich. »Volksmusik und Tanz, Land nach dem Drei-Felder-System bestellen, mehrere Seuchen, wenn meine …te Hand nicht zu müde geworden ist.« »Klingt gut«, sagte Herr Nadel. »Lass uns nun den verdammten Hund suchen.« »Wie gehen wir dabei vor?«, »Auf die intelligente Art und Weise«, meinte Herr Nadel. »Ich verabscheue die …te intelligente Art und Weise.« Man nannte ihn König des Goldenen Flusses, in Anerkennung seines Reichtums, seiner Leistungen und auch der Ursache seines Erfolgs. Der Name bezog sich nicht auf den klassischen goldenen Fluss, war aber eine erhebliche Verbesserung zu seinem früheren Spitznamen, der Pis- se-Paul lautete. Paul König verdankte sein Vermögen der sorgfältigen Anwendung eines alten Sprichworts: Dreck und Geld liegen nahe beisammen. Man konnte mit den Dingen verdienen, die andere Leute wegwarfen. Beson- ders mit den sehr menschlichen Dingen. Die Grundlage für seinen Reichtum schuf er, als er damit begann, lee- re Eimer bei verschiedenen Gasthäusern im Stadtzentrum aufzustellen, vor allem bei denen, die mehr als nur einige Meter vom Fluss trennten. Er verlangte nur eine geringe Gebühr dafür, die Eimer fortzubringen, wenn sie voll waren. Es wurde Teil des Lebens eines jeden Wirts: Mit- ten in der Nacht hörten sie leises Klappern und drehten sich auf die Seite, zufrieden darüber, dass einer von Pisse-Pauls Männern die Welt in einen etwas besser riechenden Ort verwandelte. Sie fragten sich nicht, was mit den vollen Eimern geschah, doch Pis- se-Paul hatte etwas herausgefunden, das großen Reichtum in Aussicht stellt: Selbst die abscheulichsten Dinge finden irgendwo Verwendung. So gibt es zum Beispiel Leute, die große Mengen Ammoniak und Salpe- ter brauchen. Wenn man es nicht den Alchimisten verkaufen kann, sind vielleicht einige Bauern daran interessiert. Und wenn die Bauern es nicht wollen… Es gibt praktisch nichts, das man nicht an die Gerber verkaufen kann, so grässlich es auch sein mag. Paul fühlte sich wie der einzige Mann in einem Schürflager, der wuss- te, wie Gold aussah. Er übernahm ganze Straßen, erweiterte außerdem sein Geschäft. In den besseren Stadtvierteln bezahlten ihn die Haus- und Wohnungsinha- ber dafür, Abtrittsdünger, die inzwischen schon bekannten Eimer, Pferdedung, Müll und sogar Hundekot fortzubringen. Offenbar hatten, die Leute überhaupt keine Ahnung, wie viel die Gerber für guten wei- ßen Hundekot bezahlten. Es war, als würde er weiche Diamanten weg- schaffen. Paul König gewann den Eindruck, dass die Welt ganz versessen dar- auf war, ihm Geld zu geben. Irgendwo gab es jemanden, der für ein totes Pferd bezahlte, oder für zwei Tonnen Garnelen, die ihr Verfallsda- tum so weit hinter sich gelassen hatten, dass man es nicht einmal mehr mit einem Teleskop sehen konnte. Und das Schönste war: Jemand hatte ihn bereits dafür bezahlt, das Pferd und die Garnelen wegzuschaffen. Wenn sich absolut kein Käufer finden ließ – wenn nicht einmal die Katzenfutter- Leute, Gerber oder Herr Schnapper Interesse zeigten –, so gab es im- mer noch die großen Komposthaufen weiter unten am Fluss, wo die vulkanische Hitze der Fäulnis fruchtbaren Boden produzierte (»10 Cent pro Beutel, bringt den Beutel mit…«), und zwar aus allen möglichen Dingen, Gerüchten zufolge auch aus einigen zwielichtigen Konkurren- ten, die bei einem Übernahmeversuch gescheitert waren (»… und die Dahlien gedeihen prächtig«). Das Geschäft mit dem Holzschliff und den Lumpen betrieb er nicht weit von zu Hause entfernt, was auch für die großen Bottiche galt, die das goldene Fundament seines Vermögens enthielten. Einer der Grün- de dafür war, dass seine Effie nur bereit war, über diesen Teil seiner Unternehmungen zu reden. Angeblich hatte sie veranlasst, dass das alte Schild am Zugang zum Hof entfernt worden war. Die Aufschrift hatte gelautet: »P König – Ich hole die Pisse seit 1961 ab.« Das neue Schild verkündete: »P. König – Wir recyceln die reiche Fülle der Natur.« Eine kleine Tür in dem großen Tor wurde von einem Troll geöffnet. Paul König vertrat einen sehr modernen Standpunkt, was die Beschäfti- gung von Leuten anging, die nicht zur menschlichen Spezies zählten. Als einer der ersten Bürger von Ankh-Morpork hatte er einen Troll eingestellt. Bei organischen Substanzen fehlte Trollen jeder Geruchs- sinn. »Ja?« »Ich würde gern mit Herrn König sprechen.« »Worüber?«, »Ich möchte eine beträchtliche Menge Papier von ihm kaufen. Sag ihm, dass ich William de Worde bin.« »In Ordnung.« Die Tür schloss sich wieder. Sie warteten. Nach einigen Minuten wurde die Tür erneut geöffnet. »Der König euch nun empfangen wird«, verkündete der Troll. Und so führte er William und Gutenhügel auf den Hof eines Mannes, von dem die Leute sagten, dass er gebrauchte Papiertaschentücher la- gerte – für den Fall, dass irgendwann jemand eine Möglichkeit entdeck- te, Silber aus Popeln zu gewinnen. Auf der anderen Seite des Tors richteten sich große schwarze Rott- weiler bellend am Gitter ihrer Tageskäfige auf. Alle wussten, dass Paul sie nachts frei auf dem Hof herumlaufen ließ. Er sorgte dafür, dass es alle wussten. Nächtliche Bösewichter mussten sehr gut mit Hunden umge- hen können, wenn sie nicht als einige Pfund Gerberbeize Güteklasse 1 (Weiß) enden wollten. Der König des Goldenen Flusses hatte sein Büro in einem zwei Stockwerke hohen Schuppen, der einen guten Blick auf die dampfen- den Haufen und Zisternen seines Reiches bot. Selbst halb verborgen hinter dem großen Schreibtisch erwies sich Paul König als enormer Mann. Sein rosarotes Gesicht glänzte, und eini- ge Haarsträhnen reichten über den Kopf hinweg. Man konnte sich ihn kaum ohne Hemdsärmel und Hosenträger vorstellen, selbst wenn er sie nicht trug, und ständig hatte er eine dicke Zigarre im Mund. Vielleicht diente sie als Schild gegenüber den Gerüchen, die gewissermaßen sein Handwerkszeug darstellten. »N’ Abend, Jungs«, sagte er freundlich. »Was kann ich für euch tun? Als wenn ich es nicht schon wüsste.« »Erinnerst du dich an mich, Herr König?«, fragte William. Paul nickte. »Du bist Lord de Wordes Sohn, nicht wahr? Im letzten Jahr hast du in deinem Nachrichtenbrief über uns geschrieben, als unse- re Daphne geheiratet hat. Meine Effie war sehr beeindruckt. All die vornehmen Leute, die von unserer Daphne lasen…« »Inzwischen ist der Nachrichtenbrief sehr viel größer, Herr König.«, »Ja, davon habe ich gehört«, sagte der dicke Mann. »Einige davon tau- chen bereits in unseren Sammlungen auf. Nützliches Zeug. Ich lasse es gesondert lagern.« Die Zigarre wechselte von einem Mundwinkel in den anderen. Paul konnte weder lesen noch schreiben, was ihn aber nie daran gehindert hatte, wesentlich gebildetere Leute zu übertreffen. Hunderte von Arbei- tern durchsuchten in seinem Auftrag den Müll, und es war vergleichs- weise billig, einige weitere Personen zu beschäftigen, die Worte für ihn sortierten. »Herr König…«, begann William. »Ich bin nicht dumm, Jungs«, sagte Paul. »Ich weiß, warum ihr hier seid. Aber Geschäft ist Geschäft. Ihr wisst ja, wie das ist.« »Ohne Papier sind wir aus dem Geschäft!«, entfuhr es Gutenhügel. Die Zigarre wechselte erneut den Mundwinkel. »Und du bist…?« »Das ist Herr Gutenhügel«, sagte William. »Mein Drucker.« »Ein Zwerg, wie?«, brummte Paul und musterte Gutenhügel von Kopf bis Fuß. »Ich habe nichts gegen Zwerge, aber ihr seid keine guten Sortierer. Gnolle kosten nicht viel, doch die schmutzigen kleinen Bur- schen fressen die Hälfte der Abfälle. Mit Trollen ist soweit alles in Ord- nung. Sie arbeiten für mich, weil ich sie gut bezahle. Am Besten sind die Golems. Sie sortieren Tag und Nacht. Sind ihr Gewicht in Gold wert, und inzwischen verlangen sie fast so viel.« Die Zigarre begann eine wei- tere Reise durch den Mund. »Tut mir Leid, Jungs. Abgemacht ist abge- macht. Ich wünschte, ich könnte euch helfen. Aber leider habe ich das ganze Papier verkauft.« »Du willst uns einfach so zurückweisen und dem Ruin preisgeben?«, fragte Gutenhügel. Paul musterte ihn durch die Rauchschwaden. »Du redest von Zurückweisen und Ruin?«, brummte er. »Ihr wisst si- cher nicht, was eine Klimperkugel ist, oder?« Der Zwerg zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es«, sagte William. »Es gibt mehrere Bedeutungen, aber vermutlich meinst du einen Ball aus Schlamm und Münzen. Man findet, ihn manchmal in alten Abflussrohren, wenn sich bei Rissen ein Was- serwirbel formt. Er kann recht wertvoll sein.« »Was? Du hast Hände wie ein Mädchen.« Paul König war so über- rascht, dass sich die Zigarre für mehrere Sekunden nach unten neigte. »Wieso weißt du darüber Bescheid?« »Ich mag Worte, Herr König.« »Ich habe im Alter von drei Jahren als Schmutzwühler begonnen«, sagte Paul und schob seinen Sessel zurück. »Am Tag eins habe ich mei- ne erste Klimperkugel gefunden. Einer der größeren Jungen hat sie mir natürlich sofort abgenommen. Oh, ich habe früh erfahren, was Zu- rückweisungen und Ruin bedeuten. Aber schon damals hatte ich den richtigen Riecher…« Sie saßen da und hörten zu, William ein wenig aufmerksamer als Gu- tenhügel. Es war faszinierend, die Dinge aus einer bestimmten Perspek- tive zu sehen, auch wenn William zumindest einen Teil der Geschichte kannte. Paul König erzählte sie bei jeder Gelegenheit. Der junge Paul war ein Schmutzwühler mit einer Vision gewesen. An den Flussufern und selbst auf dem Ankh hatte er nach verlorenen Mün- zen, Metallstücken, Kohleklumpen und anderen Dingen gesucht, die irgendwo verkauft werden konnten. Als Achtjähriger beschäftigte er be- reits andere Kinder. Ganze Bereiche des Flusses gehörten zu seinem Territorium. Andere Banden hielten sich fern oder wurden übernom- men. Paul war kein schlechter Kämpfer und konnte es sich leisten, die- jenigen einzustellen, die besser kämpften als er. So erfolgte der Aufstieg des Königs, über Pferdedung, eimerweise verkauft (»Garantiert gut festgetreten«), Lumpen, Knochen, Schrott, Hausmüll und die berühmten Eimer, in denen die Zukunft tatsächlich golden war. Es war eine Geschichte der Zivilisation, allerdings von un- ten nach oben. »Du bist kein Gildemitglied, nicht wahr?«, fragte William, als Paul König eine kurze Pause einlegte, um Luft zu holen. Die Zigarre wechselte schneller als sonst den Mundwinkel, ein siche- res Zeichen dafür, dass William einen wunden Punkt berührt hatte., »Verdammte Gilden«, sagte ihr Eigentümer. »Sie meinten, ich sollte Mitglied der Bettlergilde werden! Ich! Hab nie in meinem Leben um irgendetwas gebettelt! So eine Frechheit! Aber ich habe die Burschen fortgeschickt, sie alle. Ich will nichts mit den Gilden zu tun haben. Ich bezahle meine Jungs ordentlich, und sie halten zu mir.« »Es sind die Gilden, die jetzt versuchen, uns zu ruinieren, Herr Kö- nig. Das weißt du. Man sagt, dass du über alles informiert bist. Wenn du uns kein Papier verkaufst, sind wir erledigt.« »Ich kann mich nicht einfach über eine Abmachung hinwegsetzen«, erwiderte Paul König. »Dies ist meine Klimperkugel, Herr König«, sagte William. »Und die anderen Jungs, die sie mir wegnehmen wollen, sind wirklich groß.« Paul schwieg eine Zeit lang, stand dann auf und trat zum großen Fenster. »Kommt und seht euch das an«, meinte er. Am Ende des Hofes stand eine große Tretmühle, in der zwei Golems unermüdlich stapften. Sie trieb ein endloses Band an, das über den größten Teil des Hofes reichte. Am anderen Ende standen mehrere Trolle und schaufelten Müll auf das Band. Die Haufen neben ihnen wurden nie wesentlich kleiner, denn immer wieder brachten Karren Nachschub. An dem Band arbeiteten Golems, Trolle und hier und dort auch Men- schen. Im flackernden Fackelschein betrachteten sie die dahingleiten- den Abfälle. Gelegentlich griff eine Hand nach einem Gegenstand und warf ihn in einen der Behälter hinter den Arbeitern. »Fischköpfe, Knochen, Lumpen Papier… Inzwischen haben wir sie- benundzwanzig verschiedene Behälter, darunter einen für Gold und Silber – ihr würdet staunen, was die Leute alles wegwerfen. Klimper, klimper, kleines Ding, bald folgt dir der Hochzeitsring… Das habe ich meinen Töchtern vorgesungen, als sie klein waren. Kram wie eure Zei- tung kommt in Behälter sechs, Papierabfälle geringer Qualität. Das meiste davon verkaufe ich Werner Weichwisch in Fünf-und-Sieben- Hof.«, »Was fängt er damit an?«, fragte William. Das mit der geringen Quali- tät war seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen. »Er stampft alles ein und macht Toilettenpapier daraus«, sagte Paul König. »Meine Frau schwört darauf. Was mich betrifft… Ich ziehe den Rohstoff vor.« Er seufzte und schien die plötzliche Verringerung von Williams Selbstachtung nicht zu bemerken. »Wenn ich hier manchmal am Abend stehe und das Band knarrt und das Licht der untergehenden Sonne spiegelt sich auf den Behältern… Ich schäme mich nicht zu- zugeben, dass mir dann gelegentlich Tränen kommen.« »Um ganz ehrlich zu sein: Mir geht’s ebenso!«, sagte William. »Nun, Junge… Als man mir die erste Klimperkugel abnahm, bin ich nicht rumgelaufen, um mich irgendwo auszuweinen. Ich wusste, dass ich weitere finden würde, und so war es auch. An meinem achten Ge- burtstag bezahlte ich zwei Trolle und beauftragte sie, den Burschen durch die Mangel zu drehen, der mir die erste Klimperkugel wegge- nommen hatte. Wusstest du das?« »Nein, Herr König.« Paul König musterte William durch den Zigarrenrauch. William spür- te, dass er wie ein Objekt im Müll hin und her gedreht und sorgfältig untersucht wurde. »Meine jüngste Tochter Hermione… Sie heiratet Ende nächster Wo- che«, sagte Paul. »Eine große Sache. Im Tempel von Offler. Mit Chor- gesang und so. Ich lade alle feinen Pinkel ein. Effie besteht darauf. Aber sie kommen natürlich nicht. Nicht zu Pisse-Paul.« »Die Times wäre dabei, um Bericht zu erstatten«, sagte William. »Mit farbigen Bildern. Allerdings sind wir ab morgen aus dem Geschäft.« »Farbige Bilder? Ihr habt jemanden gefunden, der sie malt?« »Nein, wir… verfügen über eine besondere Methode«, erwiderte Wil- liam und hoffte inständig, dass Otto nicht zu viel versprochen hatte. Er setzte alles auf eine Karte, und die war kein Ass, sondern ein Vampir. »Das wäre sicher ein interessanter Anblick«, sagte Paul. Er nahm die Zigarre aus dem Mund, betrachtete ihr Ende nachdenklich und schob sie sich wieder zwischen die Lippen. Dann blickte er erneut durch den Rauch und musterte William., William spürte das ausgeprägte Unbehagen eines gebildeten Mannes, der sich mit der Tatsache abfinden muss, dass der Ungebildete ihm gegenüber viel schlauer ist. »Wir brauchen das Papier, Herr König«, sagte er. »Du hast etwas an dir, Herr de Worde«, entgegnete der König. »Ich nehme die Dienste von Schreibern in Anspruch, wenn ich sie brauche, aber du scheinst mir kein gewöhnlicher Schreiber zu sein. Ich halte dich für jemanden, der durch eine Tonne Scheiße kriechen würde, nur um einen Groschen zu finden, und ich frage mich, was der Grund dafür sein mag.« »Würdest du uns bitte Papier zum alten Preis verkaufen, Herr Kö- nig?«, fragte William. »Das geht nicht. Ich hab’s euch bereits erklärt. Abgemacht ist abge- macht. Die Graveure haben mich bereits bezahlt.« William setzte zu einer Antwort an, aber Gutenhügel legte ihm die Hand auf den Arm. Der König schien einen ganz bestimmten Gedan- kengang zu Ende zu führen. Erneut trat er zum Fenster und richtete einen stummen Blick auf den Hof mit den dampfenden Haufen. Dann… »Na, ist das zu fassen?«, brummte er und wich wie verblüfft einen Schritt zurück. »Seht ihr den Karren beim anderen Tor dort drüben?« Sie sahen den Karren. »Ich hab’s den Jungs bestimmt hundert Mal gesagt: Lasst keine bela- denen Karren am offenen Tor stehen. Jemand könnte ihn stehlen, hab ich gesagt.« William fragte sich, wer ausgerechnet dem König des Goldenen Flus- ses etwas stehlen würde, jenem Mann mit den vielen rot glühenden Komposthaufen. »Das ist das letzte Viertel der Lieferung für die Graveure«, teilte Paul der Welt mit. »Ich müsste ihnen das Geld zurückgeben, wenn sich je- mand den Karren auf meinem Hof unter den Nagel reißt. Vielleicht sollte ich den Vorarbeiter noch einmal daran erinnern. Neuerdings ist er recht vergesslich.«, »Wir gehen jetzt besser, William«, sagte Gutenhügel und griff nach Williams Arm. »Was? Aber wir…« »Wie können wir dir nur danken, Herr König?«, fragte der Zwerg und zog William zur Tür. »Die Brautjungfern werden Oh-de-Nill tragen, was immer das auch sein mag«, sagte der König des Goldenen Flusses. »Oh, und wenn ich bis zum Ende des Monats keine achtzig Dollar von euch bekommen habe, steckt ihr Jungs tief in…« Die Zigarre glitt von rechts nach links und dann wieder zurück. »… Schwierigkeiten. Mit dem Kopf nach un- ten.« Zwei Minuten später rumpelte der Karren vom Hof, begleitet von den sonderbar desinteressierten Blicken des Troll-Vorarbeiters. »Nein, es ist kein Diebstahl«, sagte Gutenhügel mit Nachdruck und schüttelte die Zügel. »Der König gibt den Mistkerlen das Geld zurück, und wir bezahlen ihm den alten Preis. Auf diese Weise sind alle glück- lich, abgesehen vom Kurier, aber wer schert sich schon um den?« »Das mit den tief in (lange Pause) Schwierigkeiten gibt mir zu den- ken«, meinte William. »Noch dazu mit dem Kopf nach unten.« »Ich bin kleiner als du, deshalb schneide ich bei solchen Dingen im- mer schlechter ab«, erwiderte Gutenhügel. Der König sah dem Karren nach, lief dann die Treppe hinunter und beauftragte einen seiner Schreiber, eine Ausgabe der Times aus Behälter sechs zu holen. Er saß völlig reglos, während ihm die fleckige und zer- knitterte Zeitung vorgelesen wurde. Nur die Zigarre bewegte sich zwi- schen den beiden Mundwinkeln hin und her. Nach einer Weile wuchs sein Lächeln in die Breite, und er bat den Schreiber, ihm einige Stellen noch einmal vorzulesen. »Ah«, sagte er schließlich. »Ich schätze, das war’s. Der Junge ist ein geborener Schmutzwühler. Schade für ihn, dass er zu weit von echtem Schmutz entfernt geboren wurde.« »Soll ich eine Gutschrift für die Graveure vorbereiten, Herr König?« »Ja.«, »Glaubst du, du bekommst dein Geld zurück, Herr König?« Normalerweise duldete Paul König so etwas von seinen Schreibern nicht. Ihre Aufgabe bestand darin, die Bücher zu führen, nicht über Geschäftspolitik zu diskutieren. Andererseits hatte Paul ein Vermögen mit seiner Fähigkeit verdient, das Funkeln im Schmutz zu sehen, und manchmal musste man Sachverstand anerkennen, wenn man ihm be- gegnete. »Welche Farbe hat Oh-de-Nill?«, fragte er. »Oh, eine der schwierigen, Herr König. Eine Art Hellblau mit einem Hauch Grün.« »Könntest du entsprechende Tinte besorgen?« »Ich könnte es zumindest versuchen. Aber bestimmt ist sie sehr teu- er.« Einmal mehr wanderte die Zigarre von einem Mundwinkel zum ande- ren. Man sagte Paul König nach, dass er seine Töchter abgöttisch liebte. Er glaubte, dass sie an einem Vater gelitten hatten, der zwei Bäder nehmen musste, um nur schmutzig zu werden. »Wir sollten unseren kleinen Zeitungsschreiber im Auge behalten«, sagte er. »Gib den Jungs einen Tipp. Ich möchte nicht, dass unsere Ef- fie enttäuscht wird.« Die Zwerge arbeiteten wieder an der Presse, stellte Sacharissa fest. Die behielt nur selten zwei Stunden lang die gleiche Form. Ständig wurde sie von den Zwergen verändert und erweitert. Sacharissa gewann den Eindruck, dass ein Zwerg nur zwei Werkzeuge brauchte: seine Axt und etwas, um Feuer zu machen. Auf diese Weise bekam er die Möglichkeit, sich früher oder später eine Schmiede einzu- richten, in der er einfache Werkzeuge herstellen konnte, womit er wie- derum komplexere Werkzeuge produzierte, und wenn einem Zwerg komplexe Werkzeuge zur Verfügung standen, waren ihm überhaupt kei- ne Grenzen mehr gesetzt. Einige von ihnen kramten in den Industrieabfällen, die sich an der ei- nen Wand angesammelt hatten. Zwei metallene Wäscherollen waren bereits eingeschmolzen worden, um Eisen daraus zu gewinnen, und das, Holz der Schaukelpferde diente dazu, Blei zu schmelzen. Mehrere Zwerge hatten den Schuppen verlassen, um geheimnisvollen Aufgaben nachzugehen. Sie waren mit kleinen Beuteln und heimlichtuerischen Mienen zurückgekehrt. Zwerge verstehen es ebenfalls gut, Dinge zu benutzen, die andere Leute weggeworfen haben, selbst wenn sie noch gar nicht weggeworfen worden sind. Sacharissa widmete ihre Aufmerksamkeit einem Bericht über die Jah- resversammlung der Fröhlichen Kumpel vom Schlummerhügel, als es im Keller plötzlich laut krachte. Sie eilte zur Falltür, während unten Flüche auf Überwaldisch erklangen – Überwaldisch war eine gute Spra- che zum Fluchen. »Bodrozwachski zahltziet! Oh, entschuldige bitte, Frräulein Sacharrissa! Es gibt da ein kleines Schlagloch in derr Strraße des Forrtschrritts.« Sacharissa kletterte die Leiter hinab. Otto hantierte an seiner improvisierten Werkbank. Kästen mit Dä- monen hingen an der Wand. Mehrere Salamander dösten in ihren Käfi- gen. Landaale glitten in einem großen dunklen Glas umher. Das Glas daneben war zerbrochen… »Ich bin ungeschickt gewesen und habe es umgestoßen«, sagte Otto und wirkte verlegen. »Und jetzt steckt derr dumme Aal hinterr derr Werrkbank.« »Beißt er?« »Oh, nein, es sind ganz zahme Schlingel…« »Woran hast du hier gearbeitet, Otto?«, fragte Sacharissa und beugte sich vor, um etwas auf der Werkbank aus der Nähe zu betrachten. Der Vampir versuchte, ihr den Blick zu versperren. »Oh, es ist alles sehrr experrimentell…« »Meinst du die Herstellung farbiger Platten?« »Ja, aberr bisherr ist es noch eine rrecht prrimitive Vorrrichtung…« Aus dem Augenwinkel bemerkte Sacharissa eine Bewegung. Der ent- kommene Landaal langweilte sich hinter der Werkbank und brach träge zu neuen Horizonten auf, wo ein Aal stolz und horizontal schlängeln konnte., »Bitte nicht…«, begann Otto. »Oh, schon gut, ich bin nicht so zimperlich…« Sacharissas Hand tastete nach dem Aal. Sie kam wieder zu sich, als ihr Otto mit einem schwarzen Taschen- tuch verzweifelt Luft zufächelte. »Meine Güte…«, sagte sie und versuchte, sich aufzusetzen. In Ottos Gesicht stand derartiges Entsetzen, dass Sacharissa ihre ste- chenden Kopfschmerzen vorübergehend vergaß. »Was ist denn mit dir los?«, fragte sie. »Du siehst schrecklich aus.« Otto zuckte zurück, versuchte aufzustehen, brach an der Werkbank halb zusammen und presste sich die Hand auf die Brust. »Käse!«, stöhnte er. »Bitte hol mirr ein Stück Käse! Oderr einen grro- ßen Apfel! Etwas, in das ich beißen kann! Biiiitte!« »Hier unten gibt es nichts dergleichen…« »Halte dich von mirr ferrn!«, heulte Otto. »Und atme nicht auf diese Weise!« »Auf welche Weise?« »Dein Busen hebt und senkt sich, auf und ab! Ich bin ein Vampirr! Eine in Ohnmacht fallende junge Frau, ihrr Keuchen, das Wogen ihrres Busens… Das alles berrührrt etwas Grrässliches in mirr…« Mit einem Ruck richtete er sich auf und holte sein Schwarzes Band hervor. »Aberr ich werrde starrk sein!«, kreischte er. »Ich werrde niemanden enttäuschen!« Er nahm Haltung an und stand ganz steif. Allerdings wirkte er dabei ein wenig verschwommen, weil er von Kopf bis Fuß vibrierte. Mit zitt- riger Stimme sang er: »Oh, komm nurr zurr Mission, komm nurr, komm nurr, dorrt erwarrten dich eine Tasse Tee und Kuchen…« An der Leiter wimmelte es plötzlich von Zwergen. »Ist alles in Ordnung mit dir, Fräulein?«, fragte Boddony und eilte mit seiner Axt herbei. »Hat er irgendetwas versucht?« »Nein, nein! Er…«, »… die Flüssigkeit in derr lebenden Aderr, es steht mirr nicht zu, sie zu trrin- ken…« Schweiß strömte Otto übers Gesicht. Er stand noch immer ker- zengerade, die eine Hand auf dem Herz. »So ist es richtig, Otto!«, rief Sacharissa. »Kämpf dagegen an! Kämpf dagegen an!« Sie wandte sich an die Zwerge. »Hat jemand von euch rohes Fleisch?« »… fürr ein neues Leben und auch Mäßigung sei gegeben, und nie rreines kaltes Wasserr wirr verrfluchen…« Adern pulsierten an Ottos bleichem Kopf. »Ich habe oben frisches Rattenfilet«, murmelte einer der Zwerge. »Hat mich zwanzig Cent gekostet…« »Hol es sofort, Gowdie«, sagte Boddony scharf. »Dies sieht schlimm aus!« »… oh, wirr können Brrandy trrinken und auch Gin, selbst hierr drrin, und wirr dürrfen Whisky schlürrfen und auch Rrum, ohne gleich zu werrden krrumm, doch das Getrränk, das wirr hassen und nicht mehrr anfassen, ist die Flüssigkeit in…« »Zwanzig Cent sind zwanzig Cent.« »Seht nur, er beginnt zu zucken!«, stellte Sacharissa fest. »Und er kann nicht singen«, sagte Gowdie. »Na schön, na schön, ich gehe ja schon, ich gehe ja schon…« Sacharissa klopfte auf Ottos feuchte Hand. »Du kannst es schaffen!«, sagte sie mit Nachdruck. »Wir alle sind bei dir! Das sind wir doch, nicht wahr? Nicht wahr?« Ihr unheilvoller Blick ließ die Zwerge mit einem halbherzigen »Ja« antworten. Boddonys Ge- sichtsausdruck wies allerdings darauf hin, dass er sich fragte, warum Otto bei ihnen war. Gowdie kehrte mit einem kleinen Paket zurück. Sacharissa riss es ihm aus der Hand und reichte es Otto, der erschrocken versuchte, sicheren Abstand zu ihr zu wahren. »Nein, es ist nur Rattenfleisch!«, sagte Sacharissa. »Dagegen gibt es nichts einzuwenden. Rattenfleisch ist dir doch erlaubt, oder?« Otto zögerte kurz und griff dann nach dem Paket. Er biss hinein., In der plötzlichen Stille glaubte Sacharissa ein leises Geräusch zu hö- ren. Es klang nach einem Strohhalm ganz unten im Becher. Nach einigen Sekunden öffnete Otto die Augen, blickte verstohlen zu den Zwergen und ließ das Paket fallen. »Oh, was fürr eine Schande! Wo kann ich mein Gesicht verrstecken? Oh, was müsst ihrr jetzt von mirr denken…« Sacharissa klatschte mit verzweifeltem Enthusiasmus in die Hände. »Nein, nein! Wir sind alle sehr beeindruckt! Das sind wir doch, nicht wahr?« Außerhalb von Ottos Blickfeld winkte sie den Zwergen zu, die widerstrebend bestätigten, tatsächlich beeindruckt zu sein. »Ich bin jetzt seit mehrr als drrei Monaten trrocken«, fuhr Otto fort. »Es ist schrrecklich, ausgerrechnet jetzt einen Zusammenbrruch zu errleiden und…« »Oh, rohes Fleisch bedeutet nichts«, sagte Sacharissa. »Ja, aberr ich hätte fast…« »Aber eben nur fast«, warf Sacharissa rasch ein. »Das ist der wichtige Punkt. Du hast dem Drang in dir standgehalten.« Sie wandte sich an die Zwerge. »Ihr könnt jetzt an eure Arbeit zurückkehren. Otto geht es wieder gut.« »Bist du sicher…«, begann Boddony und nickte dann. Derzeit hätte er sich lieber mit einem wilden Vampir als mit Sacharissa auf ein Streitge- spräch eingelassen. »Wie du meinst.« Die Zwerge verließen den Keller. Otto nahm Platz und wischte sich Schweiß von der Stirn. Sacharissa klopfte ihm auf die Hand. »Möchtest du etwas trinken?« »Oh!« »Ich meine Wasser, Otto«, fügte Sacharissa hinzu. »Nein, danke, es ist alles in Orrdnung, glaube ich. Meine Güte. Es tut mirr so Leid. Man glaubt, es überrwunden zu haben, und dann ist es ganz plötzlich wiederr da. Was fürr ein Tag…« »Otto?« »Ja, Frräulein?« »Was ist passiert, als ich den Aal berührt habe, Otto?«, Der Vampir verzog das Gesicht. »Ich glaube, dies ist nicht derr rrich- tige Zeitpunkt…« »Ich habe Dinge gesehen, Otto. Zum Beispiel… Flammen. Und Leute. Und ich habe Geräusche gehört. Nur für einen Augenblick. Es fühlte sich an, als verginge ein ganzer Tag in nur einer Sekunde! Was ist gesche- hen?« »Nun«, antwortete Otto zögernd, »du weißt, dass Salamanderr Licht absorrbierren?« »Ja, natürlich.« »Die Landaale absorrbierren dunkles Licht. Nicht dirrekt Dunkelheit, sondern das Licht in derr Finsterrnis. Dunkles Licht… Weißt du, dunk- les Licht… Nun, es ist noch nicht rrichtig unterrsucht worrden. Es ist schwerrerr als norrmales Licht. Deshalb befindet sich das meiste davon am Meerresgrrund oderr in den tiefen Höhlen von Überrwald. Aberr selbst norrmale Dunkelheit enthält ein wenig dunkles Licht. Es ist alles sehrr faszinierrend…« »Also handelt es sich um eine Art magisches Licht. Na schön. Könn- test du bitte zum Kern der Sache kommen?« »Es heißt, dunkles Licht sei das urrsprrüngliche Licht, aus dem alle an- derren Arrten von Licht entstanden…« »Otto!« Er hob eine blasse Hand. »Ich muss dirr diese Dinge erklärren! Hast du von derr Theorrie gehörrt, dass es garr keine Gegenwarrt gibt? Wenn sie trrennbarr ist, kann es nicht die Gegenwarrt sein, und wenn sie nicht trrennbarr ist, kann sie wederr einen Anfang haben, derr mit derr Verrgangenheit verrbunden ist, noch ein Ende, das mit derr Zukunft in Verrbindung steht. Derr Philosoph Heidehollen bezeichnet das Uni- verrsum als eine kalte Suppe aus Zeit. Die ganze Zeit ist darrin verr- mischt, und was wirr als verrgehende Zeit empfinden, sind nurr Quanten- fluktuationen im Gefüge derr Rraum-Zeit.« »In Überwald sind die Winterabende ziemlich lang.« »Die Existenz des dunklen Lichts gilt als Beweis dafürr«, fuhr Otto fort und überhörte Sacharissas Sarkasmus. »Es ist Licht ohne Zeit. Was es errhellt, muss nicht unbedingt… jetzt existierren.«, Er legte eine kurze Pause ein und schien auf etwas zu warten. »Soll das heißen, es zeigt Bilder der Vergangenheit?«, fragte Sacharissa. »Oderr derr Zukunft. Oderr etwas anderres. In derr Rrealität gibt es natürrlich keinen Unterrschied.« »Und so etwas richtest du auf den Kopf von Personen?« Otto wirkte besorgt. »Nun, es gibt seltsame Nebenwirrkungen. Oh, die Zwerrge meinen, dunkles Licht hätte sonderrbarre Effekte, aberr sie sind sehrr aberrgläubisch, deshalb nehme ich solche Einwände nicht errnst. Anderrerrseits…« Er suchte im Durcheinander auf der Werkbank und fand eine Iko- nographie. »Es ist sehrr komplizierrt«, sagte der Vampir. »Weißt du, derr Philo- soph Kling lehrrt, derr Geist habe eine dunkle und eine helle Seite, und dunkles Licht… wirrd von den dunklen Augen des Geistes wahrrge- nommen…« »Ja?«, fragte Sacharissa höflich. »Ich habe auf das Donnerrgrrrollen gewarrtet«, sagte Otto. »Aberr leiderr sind wirr hierr nicht in Überrwald.« »Das verstehe ich nicht ganz«, meinte Sacharissa. »Nun, wenn ich etwas Gewichtiges wie ›die dunklen Augen des Geis- tes‹ sagte, so errtönte daheim in Überrwald ein plötzliches Don- nerrgrrollen«, erklärte Otto. »Stell dirr vorr, ich deute auf ein Schloss, dessen Mauerrn unheilvoll auf einem hohen Felsen emporragen, und dann sage ich: ›Das ist… das Schloss.‹ In Überrwald könnte ich sicherr sein, dass dann ein Wolf heult.« Der Vampir seufzte. »Im alten Land ist die Landschaft psychotrropisch und weiß, was man von ihrr errwarrtet. Ach, hierr sehen einen die Leute nurr komisch an.« »Na schön, es ist magisches Licht, das gespenstische Bilder zeigt«, sagte Sacharissa. »So könnte man es in… in einerr Zeitung ausdrrücken«, erwiderte Otto höflich und zeigte ihr die Ikonographie. »Sieh dirr das an. Ich wollte ein Bild von einem Zwerrg, derr im Bürro des Patrrizierrs arrbeitet, und bekommen habe ich dies.«, Das Bild zeigte Schemen und Schatten sowie die vagen Konturen eines Zwergs, der auf dem Boden lag und etwas untersuchte. Doch als Über- lagerung vor diesem Bild war Lord Vetinari zu sehen, und zwar gleich in zweifacher Ausfertigung. Die beiden Patrizier starrten sich an. »Nun, es ist sein Büro, und er hält sich oft darin auf«, sagte Sacharissa. »Hat das… magische Licht ihn deshalb zweimal abgebildet?« »Vielleicht«, erwiderte Otto. »Aberr wirr wissen auch: Was physisch da ist, muss nicht immerr wirrklich da sein. Sieh dirr dies hierr an.« Er reichte der jungen Frau eine weitere Ikonographie. »Oh, das ist ein gutes Bild von William«, sagte Sacharissa. »Im Keller. Und… hinter ihm steht Lord de Worde.« »Ah, ich kenne den Mann nicht«, sagte Otto. »Ich weiß nurr, dass err sich nicht im Kellerr aufhielt, als ich das Bild aufnahm. Wie dem auch sei… Man brraucht nurr etwas längerr mit Herrrn William zu rreden, um festzustellen, dass ihm sein Vater prraktisch immerr überr die Schulterr blickt.« »Das ist unheimlich.« Sacharissa sah sich im Keller um. Die Mauern waren alt und fleckig, aber zweifellos nicht rußgeschwärzt. »Ich habe… Leute gesehen. Kämpfende Männer. Flammen. Und… silbernen Regen. Wie kann es unterirdischen Regen geben?« »Ich weiß es nicht. Deshalb unterrsuche ich das dunkle Licht.« Die Geräusche von oben deuteten darauf hin, dass William und Gu- tenhügel zurückgekehrt waren. »An deiner Stelle würde ich mit niemandem sonst darüber reden«, sagte Sacharissa und ging zur Leiter. »Wir haben bereits genug Proble- me. Dies ist unheimlich.« Vor der Taverne hing kein Schild mit einem Namen, doch wer sie kannte, wusste auch, dass dies überhaupt nicht nötig war. Im Großen und Ganzen durften die Untoten in Ankh-Morpork als gesetzestreu bezeichnet werden, wenn auch nur deshalb, weil sie wussten, dass ihnen das Gesetz besondere Beachtung schenkte. Doch wenn man in einer, dunklen Nacht ein als »Bahre« bekanntes Lokal betrat, ohne dass man dort etwas zu suchen hatte… Wer würde je davon erfahren? Vampire* konnten hier ordentlich beißen. Werwölfe durften aus sich herausgehen, ohne befürchten zu müssen, dass die Dinge zu haarig wurden. Schwarze Männer bekamen in der Bahre Gelegenheit, aus ih- rem Schrank zu kommen. Den Ghulen bot die Kneipe eine anständige Mahlzeit aus Fleischpastete und Pommes frites. Alle Augen – was etwas anderes bedeutete als die Anzahl der Köpfe mit zwei multipliziert – blickten zur Tür, als diese sich knarrend öffnete. Die Neuankömmlinge wurden aus dunklen Ecken gemustert. Sie trugen schwarze Kleidung, aber das wollte nicht viel heißen. Jeder konnte schwarze Kleidung tragen. Sie traten zur Theke, und Herr Nadel klopfte auf fleckiges Holz. Der Wirt nickte. Seiner Ansicht nach kam es vor allem darauf an, dass gewöhnliche Leute ihre Getränke sofort bezahlten. Anschreiben war nicht gut fürs Geschäft. Es verriet ungerechtfertigten Optimismus im Hinblick auf die Zukunft. »Was kann ich…«, begann er, bevor Herr Tulpes Hand ihn am Na- cken packte und seinen Kopf auf die Theke schmetterte. »Ich habe keinen sehr angenehmen Tag hinter mir«, wandte sich Herr Nadel an die Welt im Allgemeinen. »Und mein Begleiter Herr Tulpe leidet an ungelösten Persönlichkeitskonflikten. Hat jemand irgendwel- che Fragen?« Eine undeutlich zu erkennende Hand hob sich in der Düsternis. »Welcher Koch?«, fragte eine Stimme. Herr Nadel öffnete den Mund, um zu antworten, und sah dann sei- nen Kollegen an, der seinen Blick über die angebotenen Getränke schweifen ließ. Alle Cocktails sind klebrig; die in der Bahre neigten dazu, noch klebriger zu sein. »Da steht ›Tötet den Koch!!!‹«, sagte die Stimme. * Abgesehen von denen, die sich in der Mäßigungsmission am Harmonium versammelt hatten und nervös Lieder darüber sangen, wie sehr sie Kakao mochten., Herr Tulpe rammte zwei lange Kebab-Spieße in die Theke. Sie blie- ben zitternd im Holz stecken. »Welche Köche habt ihr?«, grollte er. »Das ist eine gute Schürze«, sagte die Stimme aus dem Dunklen. »Alle meine …ten Freunde beneiden mich darum«, knurrte Herr Tul- pe. In der Stille hörte Herr Nadel, wie die unsichtbaren Gäste die mögliche Anzahl der Freunde von Herrn Tulpe berechneten. Es war keine Be- rechnung, die einfache Denker dazu veranlasste, ihre Schuhe auszuzie- hen. »Ah, gut«, meinte jemand. »Nun, wir wollen keinen Ärger mit euch«, sagte Herr Nadel. »Zumin- dest nicht direkt. Wir möchten nur mit einem Werwolf reden.« »Warum?«, ertönte eine andere Stimme in der Düsternis. »Wir haben einen Job für ihn«, erklärte Herr Nadel. Leises Lachen erklang in der Dunkelheit, und eine Gestalt schlurfte näher. Sie war etwa so groß wie Herr Nadel, hatte spitz zulaufende Oh- ren und eine Frisur, die keinen Zweifel daran ließ, dass sie sich unter der zerlumpten Kleidung bis zu den Fußknöcheln fortsetzte. Einzelne Haarbüschel ragten aus Löchern im Hemd und wuchsen auch auf den Handrücken. »Ich bin ein halber Werwolf«, sagte die Gestalt. »Welche Hälfte von dir meinst du?« »Das ist ein sehr komischer Witz.« »Kannst du mit Hunden sprechen?« Der angeblich halbe Werwolf sah zum verborgenen Publikum, und zum ersten Mal spürte Herr Nadel so etwas wie Unruhe. Der Anblick von Herrn Tulpes sich langsam drehendem Auge und seiner pulsieren- den Stirn hatte hier nicht den üblichen Effekt. Es raschelte in der Dun- kelheit. Irgendwo kicherte jemand. »Ja«, sagte der Werwolf. Ach, was soll’s?, dachte Herr Nadel. Mit einer fließenden Bewegung holte er die kleine Pistolenarmbrust hervor und hielt sie nur einen Zoll entfernt vor das Gesicht des Werwolfs., »Der Bolzen hat eine silberne Spitze«, sagte er. Die Gestalt vor ihm reagierte mit einer Schnelligkeit, die ihn verblüff- te. Plötzlich spürte er eine Hand am Nacken, und fünf krallenartige Fingernägel bohrten sich in seine Haut. »Diese nicht«, sagte der Werwolf. »Mal sehen, welche Finger sich als Erste bewegen…« »Ja, in Ordnung«, sagte Herr Tulpe, der etwas in der Hand hielt. »Das ist nur eine Grillgabel«, meinte der Werwolf nach einem flüchti- gen Blick. »Möchtest du feststellen, wie schnell ich die …te Gabel werfen kann?«, fragte Herr Tulpe. Herr Nadel versuchte zu schlucken, aber es gelang ihm nicht ganz. Tote, so wusste er, konnten ihre Finger kaum mehr bewegen. Aber es waren mindestens zehn Schritte bis zur Tür, und die Entfernung schien mit jedem Herzschlag zu wachsen. »He«, sagte er. »Das ist nicht nötig, in Ordnung? Ich schlage vor, wir entspannen uns ein wenig. Und es würde mir leichter fallen, mit dir in deiner wahren Gestalt zu reden.« »Kein Problem, mein Freund.« Der Werwolf zuckte und schüttelte sich, ohne Herrn Nadels Nacken loszulassen. Sein Gesicht wurde zu einer Grimasse, in der die einzelnen Züge miteinander verschmolzen. Unter anderen Umständen fand Herr Nadel durchaus Gefallen an solchen Dingen, aber diesmal musste er den Blick abwenden. Dadurch sah er den Schatten an der Wand. Erstaunlicherweise wurde er größer, was auch für die Ohren galt. »Irgendwelche Fragen?«, erkundigte sich der Werwolf. Die Zähne wa- ren ihm jetzt beim Sprechen im Weg, und sein Atem roch noch schlimmer als Herr Tulpes Anzug. »Äh…«, sagte Herr Nadel, der nun auf den Zehenspitzen stand. »Ich glaube, wir sind hier am falschen Ort.« »Das glaube ich auch«, knurrte der Werwolf. Herr Tulpe biss bedeutungsvoll eine Flasche auf., Erneut herrschte die laute Stille von Berechnungen und der persönli- chen Mathematik von Gewinn und Verlust. Herr Tulpe zerbrach die Flasche an seiner Stirn. Inzwischen schien er dem Raum kaum mehr Beachtung zu schenken. Zufälligerweise hatte er eine Flasche in der Hand gehalten, für die er keine Verwendung sah. Sie auf die Theke zu stellen, hätte mentale Energie für die notwendige Hand-und-Augen-Koordination verschwendet. Die Anwesenden überlegten. »Ist er ein Mensch?«, fragte der Werwolf. »Nun, ›Mensch‹ ist natürlich nur ein Wort«, erwiderte Herr Nadel. Er fühlte, wie das auf seinen Zehen lastende Gewicht zunahm, als man ihn herabließ. »Ich glaube, wir gehen jetzt besser«, sagte er vorsichtig. »In Ordnung«, entgegnete der Werwolf. Herr Tulpe hatte ein Glas mit eingelegten Gurken aufgeschlagen – zumindest enthielt es lange, dicke und grüne Objekte – und versuchte gerade, sich eine in die Nase zu schieben. »Wenn wir hier bleiben wollten, ließen wir uns nicht daran hindern«, sagte Herr Nadel. »Natürlich. Aber du willst gehen. Ebenso wie dein… Freund«, meinte der Werwolf. Herr Nadel wich in Richtung Tür zurück. »Herr Tulpe, wir haben wo- anders zu tun«, sagte er. »Meine Güte, nimm die verdammte Gurke aus der Nase! Profis benehmen sich anders!« »Das ist keine Gurke«, erklang eine Stimme aus dem Dunkeln. Herr Nadel empfand für ihn untypische Dankbarkeit, als die Tür hin- ter ihnen ins Schloss fiel. Überrascht hörte er, wie Riegel vorgeschoben wurden. »Nun, das hätte besser laufen können.« Er klopfte sich Staub und Haare von der Jacke. »Was jetzt?«, fragte Herr Tulpe. »Es wird Zeit für Plan B«, antwortete Herr Nadel., »Warum schlagen wir die …ten Leute nicht, bis uns jemand sagt, wo der Hund steckt?«, brummte Herr Tulpe. »Ein verlockender Gedanke«, sagte Herr Nadel. »Aber das sparen wir uns für Plan C auf…« »Mistundverflucht.« Sie drehten sich beide um. »Krumme Sirupkanten, ich hab’s ihnen gesagt«, verkündete der Stin- kende Alte Ron. Er schlurfte über die Straße, ein Times-Bündel unter dem Arm und eine Hundeleine in der anderen Hand. Schließlich be- merkte er die Neue Firma. »Hargelgarljurp?«, fragte er. »LajarrrBnip! Wollt ihr eine Zeitung?« Herr Nadel hatte den Eindruck, dass der letzte Satz zwar von der gleichen Stimme formuliert wurde, aber irgendwie irreal klang. Außer- dem ergab er einen Sinn. »Hast du Kleingeld?«, wandte er sich an Herrn Tulpe und klopfte auf seine Hosentaschen. »Du willst eine …te Zeitung kaufen?«, erwiderte sein Partner. »Alles zu seiner Zeit, Herr Tulpe, alles zu seiner Zeit.« Er reichte dem Stinkenden Alten Ron eine Münze. »Jahrtausendhand und Krevetten, Mistundverflucht«, sagte Ron. Er fügte hinzu: »Besten Dank, die Herren.« Herr Nadel schlug die Times auf. »Dieses Ding hat…« Er unterbrach sich und sah genauer hin. »›Wer hat diesen Hund gesehen?‹«, las er. »Meine Güte…« Er starrte Ron an. »Verkaufst du viele Zeitungen?«, fragte er. »Schlagt den Schmalz, hab ich ihnen gesagt. Ja, Hunderte.« Erneut gab es subtile Andeutungen von zwei Stimmen. »Hunderte«, wiederholte Herr Nadel und blickte auf den Hund des Verkäufers hinab. Der sah fast genauso aus wie der in der Zeitung, aber alle Terrier ähnelten sich sehr. Außerdem trug dieser eine Leine. »Hun- derte«, murmelte er und las den kurzen Artikel noch einmal., Er wölbte die Brauen. »Ich glaube, wir haben einen Plan B«, sagte er. Der Hund des Zeitungsverkäufers sah den beiden Männern nach, als sie fortgingen. »Das war eine ziemlich unangenehme Begegnung«, sagte er, als sie hinter einer Ecke verschwanden. Der Stinkende Alte Ron legte das Zeitungsbündel in eine Pfütze und holte ein kaltes Würstchen aus seinem weiten Mantel. Er brach es in drei gleich große Stücke. William hatte hin und her überlegt, aber das von der Wache gelieferte Bild war ausgezeichnet, und inzwischen hielt er eine freundliche Geste in diese Richtung für eine gute Idee. Wenn er sich in tiefen Schwierig- keiten wiederfand, noch dazu mit dem Kopf nach unten, brauchte er jemanden, der ihn herauszog. Außerdem hatte er die Geschichte über den Patrizier umgeschrieben und all die Dinge hinzugefügt, die er für Fakten hielt. Allerdings waren es nicht besonders viele; er musste zugeben, dass ihm die Sache immer rätselhafter erschien. Sacharissa hatte eine Meldung über den Kurier geschrieben, und auch in diesem Punkt war William zunächst skeptisch gewesen. Aber es war eine Nachricht, die Beachtung verdiente und außerdem leeren Platz füllte., Darüber hinaus gefiel ihm der erste Satz des Artikels: »Ein Möchte- gern-Rivale für die gut eingeführte Zeitung von Ankh-Morpork, die Times, erscheint seit kurzer Zeit in der Schimmerstraße…« »Du machst deine Arbeit immer besser«, sagte William und blickte über den Schreibtisch. »Ja«, erwiderte Sacharissa. »Inzwischen weiß ich: Wenn ich einen nackten Mann sehe, lasse ich mir seinen Namen geben, weil…« William stimmte in den Chor mit ein. »… weil sich mit Namen mehr Zeitungen verkaufen.« Er lehnte sich zurück und trank den grässlichen Tee der Zwerge. Ei- nige Sekunden gab er sich dem seltenen Gefühl von Glückseligkeit hin. Ein seltsames Wort, dachte er. Eine Verbindung aus Glück und Selig- keit, als sei Glück allein nicht genug. Es war eins von jenen Worten, die kein Geräusch beschrieben; aber wenn Glückseligkeit ein Geräusch verursachen könnte, würde es vermutlich nach leiser, angenehmer Hin- tergrundmusik klingen. Hier und jetzt genoss er Freiheit. Die Zeitung wurde zu Bett gebracht und zugedeckt, nachdem sie ihrem Gebet gelauscht hatten. Sie war fer- tig. Ron und die anderen kehrten bereits zurück, um fluchend und spu- ckend weitere Ausgaben zu holen. Sie hatten sich einige kleine Karren und Kinderwagen besorgt, um die Bündel durch die Straßen zu rollen. In einer Stunde würde das Maul der Presse wieder hungrig sein, und dann musste William erneut den Felsen über den Hang nach oben rol- len, wie der arme Kerl in der Mythologie… Wie hieß er noch? »Wer war der Held, der einen Felsen einen Berghang hinauf rollen musste – nur um auf dem Gipfel zu beobachten, wie das verdammte Ding wieder nach unten rollte?«, fragte William. Sacharissa sah nicht auf. »Jemand, der eine Schubkarre brauchte?«, erwiderte sie und spießte mit Nachdruck einen Zettel auf. William erkannte die Stimme einer Person, die noch immer lästige Arbeit zu erledigen hat. »Woran arbeitest du?«, fragte er. »An einem Bericht über den Verein der genesenden Akkordeonspieler von Ankh-Morpork«, sagte sie und schrieb schnell., »Stimmt was nicht damit?« »Die Interpunktion fehlt, und zwar völlig. Ich glaube, wir brauchen einen zusätzlichen Kasten mit Kommas.« »Warum befasst du dich überhaupt damit?« »Weil sechsundzwanzig Personen namentlich genannt werden.« »Als Akkordeonspieler?« »Ja.« »Werden sie sich nicht beklagen?« »Sie müssen nicht Akkordeon spielen. Oh, und es gab einen großen Unfall auf dem Breiten Weg. Ein Karren kippte um, und mehrere Ton- nen Mehl verteilten sich auf der Straße. Deshalb bäumten sich zwei Pferde auf, wodurch der Wagen hinter ihnen seine Ladung von Eiern verlor, und dadurch fielen bei einem anderen Karren dreißig Milchkan- nen um… Was hältst du von dieser Schlagzeile?« Sacharissa hob ein Blatt Papier, auf das sie geschrieben hatte: GRÖSSTER KUCHENTEICH DER STADT!! William betrachtete die Worte. Eigentlich klang es ganz gut. Die zaghaf- te Annäherung an Humor war genau richtig. Gerade solche Dinge sorg- ten an Frau Arkanums Tisch für Heiterkeit. »Lass das zweite Ausrufezeichen weg«, sagte William. »Ansonsten ist alles in Ordnung. Wie hast du davon erfahren?« »Oh, Obergefreiter Fiddyment kam vorbei und erzählte mir davon«, erwiderte Sacharissa. Sie senkte den Blick und schob die Papiere auf ihrem Schreibtisch hin und her. »Um ganz ehrlich zu sein: Ich glaube, er hat sich in mich verguckt.« Ein kleiner, bisher unbeachtet gebliebener Teil von Williams Ego er- starrte. Ziemlich viele junge Männer schienen bestrebt zu sein, Sacha- rissa irgendwelche Dinge zu erzählen. Er hörte sich sagen: »Mumm will nicht, dass die Wächter mit uns reden.«, »Ja, aber es zählt doch nicht, wenn er mir von einigen zerbrochenen Eiern berichtet.« »Mag sein, aber…« »Außerdem ist es nicht meine Schuld, wenn junge Männer mir etwas erzählen wollen.« »Vermutlich nicht, aber…« »Und außerdem wär’s das für heute Abend.« Sacharissa gähnte. »Ich gehe jetzt heim.« William stand so schnell auf, dass er mit den Knien gegen die Schreib- tischkante stieß. »Ich bringe dich nach Hause«, sagte er. »Lieber Himmel, es ist fast Viertel vor acht«, meinte Sacharissa und streifte den Mantel über. »Warum haben wir so lange gearbeitet?« »Weil die Presse nicht schläft«, antwortete William. Als sie auf die stille Straße traten, fragte er sich, ob Lord Vetinari in Bezug auf die Presse Recht hatte. Ihr haftete etwas… Zwingendes an. Sie war wie ein Hund, der einen anstarrte, bis man ihn fütterte. Ein Hund, der gefährlich werden konnte. Hund beißt Mensch, dachte William. Aber das sind keine Neuigkeiten. So etwas ist bekannt. Sacharissa ließ sich bis zum Ende der Straße begleiten und blieb dort stehen. »Es bringt Großvater in Verlegenheit, wenn man dich mit mir sieht«, sagte sie. »Ich weiß, es ist dumm, aber… Die Nachbarn, weißt du? Und der ganze Gildenkram…« »Ich weiß. Äh.« Die Luft schien schwerer zu werden, als sie sich ansahen. »Äh, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll«, begann William und begriff, dass er es früher oder später aussprechen musste. »Ich möchte betonen, dass du zwar sehr attraktiv, aber nicht mein Typ bist.« Sacharissa musterte ihn mit dem ältesten Blick, den er je gesehen hatte, und erwiderte dann: »Es ist dir sicher nicht leicht gefallen, das zu sagen, und ich danke dir dafür.« »Ich dachte nur, da wir die ganze Zeit zusammen arbeiten…«, »Oh, ich bin froh, dass du es gesagt hast«, erwiderte Sacharissa. »Und angesichts so schmeichlerischer Bemerkungen stehen die Mädchen sicher bei dir Schlange. Bis morgen.« William lief ziemlich schnell und erreichte die Pension gerade spät ge- nug, um einen Blick von Frau Arkanum zu ernten – aber nicht so spät, um wegen Unhöflichkeit vom Tisch verbannt zu werden. Ernstes Zuspätkommen bedeutete, dass man das Abendessen in der Küche einnehmen musste. Diesmal gab’s ein Curry-Gericht. Einer der seltsamen Aspekte von Frau Arkanums Mahlzeiten bestand darin, dass es weitaus mehr Mahl- zeiten gab, die sich aus den vorsichtig verwendeten Resten früherer Speisen zusammensetzten, als Mahlzeiten, von denen die Reste stam- men konnten. Das Curry-Gericht erwies sich als besonders seltsam, denn Frau Ar- kanum hielt alle Dinge, die aus dem Ausland kamen, für verdächtig. Deshalb fügte sie das sonderbare gelbe Pulver mit einem sehr kleinen Löffel hinzu – um zu vermeiden, dass sich die Leute plötzlich ihre Kleidung vom Leib rissen und ausländische Dinge anstellten. Die Hauptingredienzen schienen Kohlrüben und sandige, nach Regenwas- ser schmeckende Sultaninen zu sein. Dazu kamen Reste von kaltem Hammelfleisch, obwohl sich William nicht daran erinnern konnte, wann es zum letzten Mal Hammel gegeben hatte, ungeachtet der Tem- peratur. Für die anderen Mieter war das kein Problem. Frau Arkanum verteilte große Portionen, und die Männer am Tisch maßen kulinarische Leis- tungen an der Menge auf ihrem Teller. Es mochte nicht besonders gut schmecken, aber wenigstens ging man mit vollem Magen zu Bett. Derzeit wurden die Neuigkeiten des Tages diskutiert. In seiner Rolle als Hüter des Feuers der Kommunikation hatte Herr Schmitzenmacher sowohl den Kurier als auch beide Ausgaben der Times gekauft. Ganz allgemein hielt man die Nachrichten des Kuriers für interessan- ter, doch Frau Arkanum entschied, dass es sich nicht gehörte, beim Essen über Schlangen und dergleichen zu sprechen. Ihrer Meinung nach sollte man die Leute nicht mit derartigen Themen beunruhigen., Regen aus Insekten und Ähnliches bestätigten die Vorstellungen der Anwesenden von fernen Ländern. Bekanntes, dachte William, während er eine Sultanine forensisch se- zierte. Seine Exzellenz hat Recht. Keine Neuigkeit, sondern Altigkeiten. Man sage den Leuten das, was sie bereits zu wissen glauben… Der Patrizier, so fanden die Speisenden, verdiente es, als gerissen und durchtrieben bezeichnet zu werden. Die Versammlung einigte sich auf das Urteil, dass letztendlich alle gleich waren. Herr Windling sprach von einem heillosen Durcheinander in der Stadt und meinte, es müsste Ver- änderungen geben. Herr Langschacht betonte, er könnte nicht für die Stadt sprechen, aber nach dem, was er in der letzten Zeit gehört hätte, gingen die Edelsteingeschäfte sehr gut. Herr Flach äußerte die Ansicht, die Wache könnte nicht einmal mit beiden Händen ihren eigenen Hin- tern finden – eine Bemerkung, die fast zu seiner Verbannung in die Küche führte. Man gelangte zu dem Schluss, dass Vetinari das Verbre- chen tatsächlich verübt hatte und dafür büßen sollte. Der Hauptgang vertagte sich auf 20.45 Uhr, und ihm folgten auseinander fallende Pflaumen in dünner Vanillesoße. Als wortlosen Tadel bekam Herr Flach weniger Pflaumen als die anderen. William zog sich früh in sein Zimmer zurück. Er hatte sich an Frau Arkanums Küche gewöhnt, aber nur umfangreiche Operationen hätten ihn veranlassen können, ihren Kaffee zu mögen. Im Dunkeln streckte er sich auf dem schmalen Bett aus (Frau Arka- num stellte pro Woche eine Kerze zur Verfügung, und er hatte verges- sen, welche zu kaufen) und versuchte nachzudenken. Herr Schräg schritt über den Holzboden des leeren Ballsaals, und das Geräusch seiner Schritte hallte von den Wänden wider. Er blieb im Kreis der Kerzen stehen und fühlte sich von Unruhe er- fasst. Als Zombie machte ihn die Nähe von Feuer immer nervös. Er hüstelte. »Nun?«, fragte ein Sessel. »Sie haben den Hund nicht erwischt«, sagte Herr Schräg. »Ich möchte betonen, dass sie in jeder anderen Hinsicht gute Arbeit geleistet haben.«, »Wie schlimm könnte es sein, wenn die Wache den Hund findet?« »Soweit ich weiß, ist das fragliche Tier recht alt«, antwortete Herr Schräg und blickte ins Licht der Kerzen. »Ich habe Herrn Nadel ange- wiesen, nach ihm zu suchen, aber es dürfte ihm recht schwer fallen, Zugang zum Hunde-Untergrund der Stadt zu bekommen.« »Es gibt noch andere Werwölfe in Ankh-Morpork, nicht wahr?« »Ja«, sagte Herr Schräg sofort. »Aber sie werden ihm nicht helfen. Es sind nur wenige, und Feldwebel Angua von der Wache spielt eine wichti- ge Rolle in der Werwolfsgemeinschaft. Sie helfen Fremden deshalb nicht, weil sie es herausfinden würde.« »Fürchten sie die Wache?« »Ich glaube, ihre Sorge gilt in erster Linie Angua«, erwiderte Schräg. »Vermutlich ist der Köter längst im Kochtopf irgendeines Zwergs ge- landet«, sagte ein Sessel. Diesen Worten folgte allgemeines Gelächter. »Wenn irgendetwas… schief geht«, ließ sich ein Sessel vernehmen. »Wen kennen diese Männer?« »Sie kennen mich«, sagte Herr Schräg. »Macht euch keine unnötigen Sorgen. Mumm hält sich an die Regeln.« »Ich habe ihn immer für einen sehr gewalttätigen und gemeinen Mann gehalten«, meinte ein Sessel. »In der Tat. Und weil Mumm weiß, dass er gewalttätig und gemein ist, hält er sich an die Regeln. Wie dem auch sei: Morgen versammeln sich die Gilden.« »Wer wird der neue Patrizier sein?«, fragte ein Sessel. »Das hängt von ausgiebigen Diskussionen und der Berücksichtigung aller unterschiedlichen Meinungen ab«, sagte Herr Schräg. Mit seiner Stimme hätte man Uhren ölen können. »Herr Schräg?«, fragte ein Sessel. »Ja?« »Komm uns nicht so. Es wird Herr Pirsch sein, oder?« »Herr Pirsch genießt zweifellos hohes Ansehen bei den führenden Persönlichkeiten der Stadt«, erwiderte der Anwalt., »Gut.« Ein lautloses Gespräch hing in der muffigen Luft. Absolut niemand brauchte zu sagen: Viele der mächtigsten Männer in der Stadt verdanken ihre Position Lord Vetinari. Und niemand antwortete: Gewiss. Aber für Männer, die in erster Li- nie nach Macht streben, spielt Dankbarkeit nur eine untergeordnete Rolle. Nach Macht strebende Männer befassen sich immer mit der aktu- ellen Situation. Sie würden nie versuchen, Vetinari abzusetzen, aber ohne ihn als Patrizier wären sie sicher bereit, praktisch zu denken. Niemand fragte: Gibt es denn niemanden, der für Lord Vetinari spre- chen würde? Stille antwortete: Oh, alle würden für ihn sprechen und Dinge sagen wie: »Armer Kerl, bestimmt lag es an dem Stress, den sein Amt mit sich brachte.« Und: »Gerade die Stillen schnappen früher oder später über.« Und: »Ja, das stimmt. Wir sollten ihn an einem sicheren Ort unterbrin- gen, wo er weder sich selbst noch anderen schaden kann, meint ihr nicht?« Und: »Vielleicht wäre ein kleines Denkmal angebracht.« Und: »Wir könnten wenigstens die Wache zurückpfeifen; zumindest so viel sind wir ihm schuldig.« Und: »Wir müssen in die Zukunft blicken.« Und so ändern sich die Dinge, ganz leise. Ohne Aufsehen. Ohne große Auf- regung. Niemand sagte: Persönlichkeitsmord. Eine wundervolle Idee. Ge- wöhnlicher Mord funktioniert nur einmal, aber solch ein Mord lässt sich jeden Tag wiederholen. Ein Sessel sagte: »Ich frage mich, ob Lord Witwenmacher oder auch Herr Boggis…« Ein anderer Sessel sagte: »Ach, ich bitte dich! Warum sollten wir sie bemühen? Auf diese Weise ist es viel besser.« »Ja, stimmt. Herr Pirsch bringt alle notwendigen Eigenschaften mit.« »Er soll ein guter Familienvater sein.« »Er hört auf die Stimme des gemeinen Volkes.« »Aber hoffentlich nicht nur darauf.«, »O nein. Er nimmt gern Ratschläge entgegen. Besonders von gut in- formierten… Fokusgruppen.« »Sicher braucht er viele Ratschläge.« Niemand sagte: Er ist ein nützlicher Idiot. »Wie dem auch sei… Die Wache muss an die Kandare genommen werden.« »Mumm wird sich an die Anweisungen halten. Das muss er. Pirsch als Patrizier ist genauso legitim wie Vetinari. Mumm gehört zu den Leuten, die einen Boss brauchen, weil sie dadurch legitimiert werden.« Herr Schräg hustete. »Ist das alles, meine Herren?«, fragte er. »Was ist mit der Ankh-Morpork-Times?«, erkundigte sich ein Sessel. »Entwickelt sich da ein Problem?« »Die Leute finden sie amüsant«, erklärte Herr Schräg. »Und niemand nimmt sie ernst. Der Kurier verkauft bereits doppelt so viele Exemplare, nach nur einem Tag. Und die Times ist unterfinanziert. Und sie hat Probleme mit, äh, dem Papiernachschub.« »Eine interessante Geschichte im Kurier, über die Frau und die Schlange«, sagte ein Sessel. »Tatsächlich?«, erwiderte Herr Schräg. Der Sessel, der zuvor die Times erwähnt hatte, schien noch immer be- sorgt zu sein. »Mir wäre es lieber, wenn einige Jungs entschieden, die Druckerpresse zu zertrümmern«, ließ er sich vernehmen. »Das würde Aufmerksamkeit erregen«, wandte ein anderer Sessel ein. »Die Times möchte Aufmerksamkeit. Der… Autor sehnt sich danach, zur Kenntnis genommen zu werden.« »Na schön, wenn du darauf bestehst…« »Es käme mir nie in den Sinn, darauf zu bestehen. Aber die Times wird scheitern«, sagte der Sessel, auf den alle anderen hörten. »Der junge Mann ist auch Idealist. Er muss noch herausfinden, dass die Dinge, die im öffentlichen Interesse sind, nicht unbedingt mit den Dingen über- einstimmen, für die sich die Öffentlichkeit interessiert.« »Könntest du das wiederholen?«, »Ich meine Folgendes: Die Leute glauben vermutlich, dass er gute Arbeit leistet, aber sie kaufen den Kurier. Weil der interessantere Nach- richten bringt. Habe ich jemals erwähnt, Herr Schräg, dass eine Lüge über die ganze Welt laufen kann, bevor die Wahrheit ihre Stiefel ange- zogen hat?« »Ziemlich oft, Herr«, erwiderte Schräg und ließ es dabei ein wenig an seiner üblichen Diplomatie mangeln. Er merkte das sofort und fügte hinzu: »Eine sehr bedeutsame Erkenntnis.« »Gut.« Der wichtigste Sessel schniefte. »Behalt unsere… Handwerker im Auge, Herr Schräg.« Es war Mitternacht im Tempel von Om in der Straße der Geringen Götter. Ein Licht glühte in der Sakristei. Es kam von einer Kerze in einem schweren, verzierten Kerzenhalter, und in gewisser Weise schick- te sie ein Gebet gen Himmel. Das Gebet stammte aus dem Evangelium der Schurken und lautete: Lass niemanden herausfinden, dass wir die- sen Kram klauen. Herr Nadel suchte in einem Schrank. »Ich finde nichts in deiner Größe«, sagte er. »Es sieht so aus, als… Meine Güte, Weihrauch dient dazu, verbrannt zu werden.« Herr Tulpe nieste, und Sandelholzsplitter klatschten an die gegenü- berliegende Wand. »Das hättest du mir …t gleich sagen sollen«, brummte er. »Ich hab Papier dabei.« »Hast du erneut den Ofenreiniger probiert?«, fragte Herr Nadel in vorwurfsvollem Tonfall. »Ich möchte, dass du einen klaren Kopf be- hältst, verstanden?« Die Tür öffnete sich knarrend, und ein älterer Priester betrat den Raum. Herr Nadel griff instinktiv nach dem Kerzenhalter. »Hallo?«, fragte der Alte und blinzelte im Licht. »Seid ihr wegen des Mitternachtsgottesdienstes gekommen?« Herr Tulpe hielt Herrn Nadels Arm fest, als dieser den Kerzenhalter heben wollte., »Bist du verrückt?«, knurrte er. »Was bist du nur für eine Person?« »Wie bitte? Wir können ihn doch nicht…« Herr Tulpe nahm seinem Partner den silbernen Kerzenhalter aus der Hand. »Ich meine, sieh dir das …te Ding nur an«, sagte Herr Tulpe und schenkte dem verwirrten Priester keine Beachtung. »Das ist ein echter Sellini! Fünfhundert Jahre alt! Beachte die Ziselierungen am Kerzenlö- scher! Meine Güte, für dich ist dies nichts weiter als ein fünf Pfund schwerer Gegenstand aus Silber.« »Eigentlich ist es ein, ähm, Fälschmich«, sagte der alte Priester, der immer noch nicht auf volle geistige Geschwindigkeit beschleunigt hatte. »Was, der Schüler?«, fragte Herr Tulpe, und vor lauter Überraschung drehten sich seine Augen nicht mehr. Er betrachtete den Sockel des Kerzenhalters. »He, das stimmt! Hier ist Sellinis Zeichen, aber man hat ihm ein kleines f hinzugefügt. Zum ersten Mal sehe ich etwas von sei- nen …ten frühen Werken. Er war ein …t besserer Silberschmied. Nur schade, dass er einen so …t blöden Namen hatte. Weißt du, für wel- chen Preis sich dieses Ding verkaufen ließe, Herr Pfarrer?« »Wir dachten an ungefähr siebzig Dollar«, erwiderte der Priester hoff- nungsvoll. »Wir haben den Kerzenhalter bei einigen Möbeln gefunden, die eine alte Frau der Kirche hinterlassen hat. Eigentlich haben wir ihn nur behalten, weil er einen Liebhaberwert für uns hat…« »Habt ihr noch seinen Kasten?«, fragte Herr Tulpe. Er drehte den Kerzenhalter hin und her. »Er hat wundervolle …te Geschenkkästen hergestellt. Aus Kirschbaumholz.« »Äh… nein, ich glaube nicht…« »…t schade.« »Äh… ist er noch immer etwas wert? Ich glaube, irgendwo haben wir noch einen zweiten.« »Ein Sammler würde viertausend …te Dollar dafür bezahlen«, sagte Herr Tulpe. »Aber ich schätze, mit einem …ten Paar ließen sich bis zu zwölftausend erzielen. Fälschmich ist derzeit bei den Sammlern sehr beliebt.«, »Zwölftausend«, brachte der Priester hervor. In seinen Augen glühte eine Todsünde. »Vielleicht sogar noch mehr.« Herr Tulpe nickte. »Es ist ein …t prächtiges Stück. Dass ich es betrachten durfte… Ich fühle mich privi- legiert.« Er richtete einen bösen Blick auf Herrn Nadel. »Und du woll- test ihn als stumpfen Gegenstand verwenden.« Voller Ehrfurcht stellte er den Kerzenhalter auf den Tisch der Sakris- tei und wischte ihn behutsam mit dem Ärmel ab. Dann drehte er sich um und rammte dem Priester die Faust an den Kopf. Der Alte faltete sich mit einem leisen Seufzen zusammen. »Und sie haben ihn in einem …ten Schrank aufbewahrt«, sagte er. »Meine Güte, ich könnte …t spucken!« »Möchtest du ihn mitnehmen?«, fragte Herr Nadel und stopfte Klei- dung in einen Beutel. »Nein«, entgegnete Herr Tulpe. »Die Hehler in dieser Stadt würden ihn wahrscheinlich wegen des Silbers einschmelzen. Damit möchte ich mein …tes Gewissen nicht belasten. Lass uns die Suche nach dem …ten Hund fortsetzen und dieses Dreckloch anschließend verlassen. Hier könnte ich verzagen.« William drehte sich auf den Rücken, erwachte und starrte aus weit auf- gerissenen Augen an die Decke. Zwei Minuten später kam Frau Arkanum die Treppe herunter und betrat die Küche, bewaffnet mit einer Lampe, einem Schürhaken und vor allem ihren Lockenwicklern. Ein Einbrecher, der bei einem solchen Anblick nicht sofort die Fluch ergriff, musste über eine ganz besondere Widerstandskraft verfügen. »Herr de Worde! Was machst du da? Es ist Mitternacht!« William sah kurz auf und setzte dann die Suche in den offenen Kü- chenschränken fort. »Entschuldige bitte, dass ich die Pfannen umgesto- ßen habe, Frau Arkanum. Ich komme für alle Schäden auf. Wo ist die Waage?« »Die Waage?« »Die Waage! Die Küchenwaage! Wo steckt sie?«, »Herr de Worde, ich…« »Wo ist die verdammte Küchenwaage, Frau Arkanum?«, fragte Willi- am verzweifelt. »Herr de Worde! Du solltest dich was schämen!« »Die Zukunft der ganzen Stadt hängt davon ab, Frau Arkanum!« Verwirrung nahm den Platz der Empörung ein. »Was, von meiner Waage?« »Ja! Ja! Das könnte durchaus sein!« »Nun… äh… Sie steht in der Speisekammer beim Beutel mit dem Mehl. Die ganze Stadt, meinst du?« »Es ist nicht auszuschließen!« William füllte seine Taschen mit großen Messinggewichten und fühlte, wie sie seine Jacke nach unten zerrten. »Du kannst den alten Kartoffelsack benutzen«, sagte Frau Arkanum, die inzwischen nervös geworden war. William nahm den Sack, stopfte alles hinein und lief zur Tür. »Die Universität und der Fluss und der ganze Rest?«, fragte die Hauswirtin besorgt. »Ja! Ja!« Frau Arkanum schob das Kinn vor. »Anschließend wäschst du sie gründ- lich ab, verstanden?«, rief sie dem davoneilenden jungen Mann nach. Am Ende der Straße wurde William langsamer. Eine große Küchen- waage aus Eisen und ein vollständiges Sortiment an Gewichten ließen sich nicht einfach tragen. Aber genau darum ging es. Gewicht! Er lief und ging und zerrte den Sack durch die kalte, neblige Nacht, bis er schließlich die Schimmer- straße erreichte. Im Gebäude des Kuriers brannte noch immer Licht. Wie lange muss man aufbleiben, wenn man die Nachrichten einfach erfinden kann?, fragte sich William. Aber dies ist real. Und schwer. Er klopfte so lange an die Tür des Times-Schuppens, bis ein Zwerg öffnete. Überrascht beobachtete die kleine Gestalt, wie William de Worde an ihr vorbeihastete und den alten Kartoffelsack auf seinem Schreibtisch entleerte. Waage und Gewichte klapperten., »Bitte weck Herrn Gutenhügel. Wir müssen eine weitere Ausgabe he- rausbringen! Und kann ich bitte zehn Dollar haben?« Als Gutenhügel aus dem Keller kam, trug er zwar ein Nachthemd, aber auch seinen Helm. Verwundert versuchte er, einen Eindruck von der Situation zu gewinnen. »Nein, zehn Dollar«, sagte William zu den verwirrten Zwergen. »Zehn Dollar-Münzen. Kein Geld im Wert von zehn Dollar.« »Warum?« »Ich möchte feststellen, wie viel siebzigtausend Dollar wiegen!« »Wir haben keine siebzigtausend Dollar!« »Selbst eine Dollar-Münze würde genügen«, sagte William geduldig. »Aber zehn ermöglichen ein genaueres Ergebnis.« Die Zwerge besorgten zehn Dollar-Münzen, die sorgfältig gewogen wurden. Anschließend wandte sich William einer leeren Seite in seinem Notizbuch zu und begann zu rechnen. Die Zwerge beobachteten ihn so interessiert, als führte er ein alchimistisches Experiment durch. Schließ- lich sah William auf, und in seinen Augen glühte das Licht der Offenba- rung. »Es sind mehr als dreihundert Kilogramm«, sagte er. »So viel wiegen siebzigtausend Dollar-Münzen. Ich schätze, ein gutes Pferd könnte eine solche Last und einen Reiter tragen, aber… Vetinari geht mit einem Stock. Ihr habt ihn gesehen. Er hätte eine Ewigkeit gebraucht, um das Pferd zu beladen, und selbst wenn es ihm gelungen wäre, die Stadt zu verlassen… Er wäre nur sehr langsam vorangekommen. Mumm muss das ebenfalls erkannt haben, denn er sprach von dummen Fakten!« Gutenhügel stand vor den Kästen mit den Drucktypen. »Von mir aus kann’s losgehen«, sagte er. »Na schön…« William zögerte. Er kannte die Fakten, aber welches Bild beschrieben sie? »Äh… die Überschrift lautet: ›Wer hat Lord Vetinari hereingelegt?‹ Und dann beginnt die Geschichte… äh…« William sah, wie Gutenhügels Hand nach den notwendigen Druckty- pen griff. »Äh… ›Die Stadtwache von Ankh-Morpork glaubt, dass min- destens eine weitere Person an… an dem…‹«, »Aufruhr?«, schlug Gutenhügel vor. »Nein.« »Gepolter?« »›… an dem Angriff im Palast am Dienstagmorgen beteiligt war.‹« William wartete, bis der Zwerg alles gesetzt hatte. Es fiel ihm immer leichter, die Worte zu lesen, die sich in Gutenhügels Händen formten, während die Finger von Kasten zu Kasten tanzten: s-o-r-g-e-n-… »Du hast dort ein ›m‹ mit einem ›s‹ verwechselt«, sagte er. »Oh, ja. Entschuldige. Und weiter?« »Äh… ›Bestimmte Anzeichen deuten darauf hin, dass Lord Vetinari vielleicht gar nicht seinen Sekretär niedergestochen hat, sondern Zeuge eines Verbrechens wurde.‹« Die Hand flog über die Typen hinweg… V-e-r-b-r-e-c-h-e-n-s-leer-w- u-r-d-e… Die Hand verharrte. »Bist du sicher?«, fragte Gutenhügel. »Nein, aber eine Theorie ist so gut wie jede andere«, erwiderte Willi- am. »Das Pferd wurde nicht beladen, um zu entkommen. Es wurde beladen, um entdeckt zu werden. Jemand hatte einen Plan, und er ging schief. Zumindest in dieser Hinsicht bin ich sicher. Also gut… Neuer Absatz. ›Ein Pferd im Stall war mit mehr als dreihundert Kilogramm Münzen beladen, aber in seinem gegenwärtigen Gesundheitszustand kann der Patrizier unmöglich…‹« Einer der Zwerge hatte den Ofen angezündet. Ein anderer nahm die Satzformen der letzten Times auseinander. Das Leben kehrte in den Raum zurück. »Es sind ungefähr acht Zoll plus die Überschrift«, sagte Gutenhügel, als William fertig war. »Ich schätze, es wird ein ziemlicher Schock für die Leute. Möchtest du noch etwas hinzufügen? Fräulein Sacharissa hat etwas über Lady Selachiis Ball, dazu kommen einige kleinere Texte.« William gähnte. In letzter Zeit schien er kaum Schlaf zu bekommen. »Bring sie ebenfalls«, sagte er., »Und dann wäre da noch diese Semaphor-Mitteilung aus Lancre«, meinte der Zwerg. »Sie traf ein, als du nach Hause gegangen bist. Der Kurier kostet uns zusätzliche fünfzig Cent. Erinnerst du dich, dass du heute Nachmittag eine Nachricht geschickt hast? Über Schlangen?«, fügte Gutenhügel hinzu, als er Williams verdutzten Gesichtsausdruck sah. William nahm den Zettel entgegen und las. Geschrieben war die Mit- teilung in der sorgfältig-säuberlichen Handschrift des diensthabenden Semaphoristen. Vermutlich handelte es sich um die seltsamste Nach- richt, die jemals mit Hilfe der Signaltürme übertragen worden war. König Verence von Lancre hatte seine Botschaft der Tatsache ange- passt, dass Semaphor-Nachrichten pro Wort bezahlt wurden. FRAUEN VON LANCRE BRINGEN KEINE WIEDERH KEINE SCHLANGEN ZUR WELT STOP IN DIESEM MONAT GEBO- RENE KINDER WILLIAM WEBER KONSTANZE DACHDE- CKER KATASTROPHE FUHRMANN ALLE MIT ARMEN UND BEINEN OHNE SCHUPPEN UND GIFTZÄHNE »Ha!«, freute sich William. »Damit wischen wir dem Kurier eins aus. Gib mir fünf Minuten, um einen kurzen Artikel zu schreiben. Bald wird sich herausstellen, ob das Schwert der Wahrheit den Drachen der Lügen besiegen kann.« Boddony bedachte ihn mit einem sanften Blick. »Hast du nicht gesagt, dass eine Lüge über die ganze Welt laufen kann, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat?«, fragte er. »Aber dies ist die Wahrheit.« »Ach? Und wo sind ihre Stiefel?« Gutenhügel nickte den anderen Zwergen zu, die gähnten. »Legt euch schlafen, Jungs. Ich setze alles.« Er beobachtete, wie sie über die Leiter in den Keller zurückkehrten. Dann setzte er sich, holte eine kleine silberne Tabatiere hervor und öffnete sie., »Möchtest du?« Er bot die Tabatiere William an. »Das Beste, was die Menschen je erfunden haben. Ruberts Rote Röstmischung. Schafft so- fort einen klaren Kopf. Nein?« William lehnte ab. »Warum tust du dies alles, Herr de Worde?«, fragte Gutenhügel. Er schnupfte mit beiden Nasenlöchern jeweils eine enorme Menge. »Was meinst du?« »Ich will keineswegs behaupten, dass wir es nicht zu schätzen wissen, ganz im Gegenteil«, sagte Gutenhügel. »Immerhin verdienen wir Geld damit. Die Akzidenzdrucke werden immer weniger. Offenbar haben alle Graveure in der Stadt nur darauf gewartet, endlich drucken zu kön- nen. Wir haben den jungen Burschen nur einen Vorwand geboten. Früher oder später drängen sie uns ganz aus dem Geschäft. Sie haben ganz einfach eine bessere finanzielle Basis. Um ganz ehrlich zu sein: Einige von uns spielen bereits mit dem Gedanken, alles zu verkaufen und zu den Bleiminen zurückzukehren.« »Das könnt ihr nicht!« »Nun«, erwiderte Gutenhügel, »du meinst sicher, das möchtest du nicht, was ich durchaus verstehe. Wir haben Geld auf die hohe Kante gelegt, es sollte also keine Probleme geben. Vermutlich können wir die Presse jemandem verkaufen, was bedeutet: Wir kehren gewiss nicht mit leeren Taschen heim. Darum ging es uns von Anfang an. Ums Geld. Und worum geht es dir?« »Mir? Ich…« William zögerte. Die Wahrheit lautete, dass er nie eine bewusste Entscheidung getroffen hatte. Eins führte zum anderen, und die Presse wollte gefüttert werden. Sie wartete auch jetzt. Man arbeitete hart und fütterte sie, und eine Stunde später war sie wieder hungrig, während draußen in der Welt das Ergebnis der Bemühungen in Rich- tung Behälter sechs auf Pisse-Pauls Hof unterwegs war – womit die unangenehme Reise erst begann. Plötzlich hatte er einen richtigen Job mit einer Arbeitszeit, doch das Resultat seiner Anstrengungen war nicht realer als eine Sandburg auf einem Strand, der jederzeit von der Flut überspült werden konnte., »Ich weiß nicht«, gestand er. »Vielleicht schreibe ich, weil ich mich nur damit auskenne. Und weil ich mir nicht vorstellen kann, einer ande- ren Arbeit nachzugehen.« »Aber ich habe gehört, dass du aus einer sehr reichen Familie stammst.« »Ich bin zu nichts nütze, Herr Gutenhügel. Ich wurde dazu erzogen, zu nichts nütze zu sein. Von Leuten wie mir hat man immer nur ver- langt, dass sie warten, bis es irgendwo zu einem Krieg kommt – um dann ein Beispiel für unglaublich dumme Tapferkeit zu bieten und zu sterben. Unsere Hauptbeschäftigung bestand darin, an Dingen festzu- halten. Vor allem an Ideen.« »Du scheinst davon nicht viel zu halten.« »Mir liegt nicht unbedingt etwas daran, mein Herz auszuschütten, ver- stehst du? Mein Vater ist nicht besonders nett. Muss ich dir Einzelhei- ten nennen? Er mag mich nicht besonders, und ich mag ihn nicht be- sonders. Es scheint überhaupt kaum jemanden zu geben, den er mag. Zwerge und Trolle verabscheut er mehr als alle anderen.« »Es ist nicht gesetzlich vorgeschrieben, Zwerge und Trolle zu mö- gen«, sagte Gutenhügel. »Ja, aber es sollte gesetzlich verboten sein, ihnen die Art von Abnei- gung entgegenzubringen, wie es mein Vater tut.« »Ah, du hast gerade ein Bild für mich gemalt.« »Ist dir jemals der Begriff ›minderwertige Rassen‹ zu Ohren gekom- men?« »Und jetzt hast du dem Bild Farbe hinzugefügt.« »Inzwischen lehnt er es sogar ab, in Ankh-Morpork zu wohnen. Er meint, die Stadt sei verschmutzt.« »Wie aufmerksam von ihm.« »Nein, damit meint er…« »Ich weiß, was er meint«, sagte Gutenhügel. »Ich habe Menschen wie ihn kennen gelernt.« »Du hast eben gesagt, euch sei es von Anfang an ums Geld gegangen. Stimmt das?«, fragte William., Der Zwerg nickte in Richtung der Bleibarren, die neben der Presse aufgestapelt waren. »Wir wollten Blei in Gold verwandeln«, sagte er. »Wir haben viel Blei. Aber wir brauchen Gold.« William seufzte. »Mein Vater behauptete immer wieder, dass Zwerge nur an Gold denken.« »Nun, wir denken ziemlich oft daran.« Gutenhügel schnupfte erneut. »Aber in einem Punkt irren sich die Leute… Wenn ein Mensch nur an Gold denkt, so ist er ein Gierhals. Aber wenn ein Zwerg an Gold denkt, ist er nur ein Zwerg. Siehst du den Unterschied? Wie nennst du die schwarzen Menschen, die in Wiewunderland leben?« »Ich weiß, wie mein Vater sie nennt«, sagte William. »Ich nenne sie ›Menschen, die in Wiewunderland leben‹.« »Tatsächlich? Offenbar gibt es einen Stamm, in dem Folgendes üblich ist: Bevor ein Mann heiraten kann, muss er einen Leoparden töten und das Fell der Frau schenken. Bei uns verhält es sich ähnlich. Ein Zwerg braucht Gold, um zu heiraten.« »Was, wie eine… Aussteuer? Aber ich dachte, Zwerge unterscheiden nicht zwischen…« »Nein, nein, die beiden heiratenden Zwerge kaufen sich gegenseitig den Eltern ab.« »Wie bitte?«, entfuhr es William. »Wie kann man Personen abkaufen?« »Siehst du? Hier liegt erneut ein kulturelles Missverständnis vor. Es kostet viel Geld, einen jungen Zwerg bis zum heiratsfähigen Alter großzuziehen. Essen, Kleidung, Kettenhemden… Im Lauf der Jahre kommt eine stattliche Summe zusammen. Sie muss erstattet werden. Immerhin bekommt der andere Zwerg eine wertvolle Ware. Und es muss in Gold bezahlt werden. So verlangt es die Tradition. Edelsteine werden ebenfalls akzeptiert. Der Ausdruck ›sein Gewicht in Gold wert‹ ist dir sicher bekannt. Wenn ein Zwerg für seine Eltern gearbeitet hat, wird das natürlich berücksichtigt. Ein Zwerg, der erst spät heiratet, kann vermutlich einen hohen Lohnanspruch vorweisen… Du siehst mich noch immer seltsam an…« »Weißt du, bei uns ist das ganz anders…«, murmelte William., Gutenhügel bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick. »Tatsäch- lich? Und wie geht ihr vor?« »Äh… mit Dankbarkeit, nehme ich an«, sagte William. Er wollte das Gespräch beenden, und zwar sofort. Es führte ihn auf dünnes Eis. »Und wie wird sie berechnet?« »Nun… eigentlich berechnet man sie gar nicht…« »Verursacht das keine Probleme?« »Manchmal schon.« »Ah. Nun, auch wir kennen Dankbarkeit. Aber durch unsere Methode beginnt ein Paar sein Leben in einem Zustand, den wir… g’daraka nen- nen. Sie sind, äh, frei und unbelastet, können ihr gemeinsames Leben als neue Zwerge führen. Anschließend entscheiden die Eltern vielleicht, ihnen ein Hochzeitsgeschenk zu machen, das viel größer ist als eine Mitgift. Aber dies geschieht von Zwerg zu Zwerg, aus Liebe und Re- spekt, nicht zwischen Schuldner und Gläubiger – wobei ich darauf hin- weisen muss, dass menschliche Worte ungeeignet sind, diese Sache zu beschreiben. Bei uns funktioniert es, und zwar seit Tausenden von Jah- ren.« »Ich glaube, für Menschen klingt das ein wenig… kalt«, sagte William. Gutenhügel richtete einen weiteren nachdenklichen Blick auf ihn. »Du meinst, im Vergleich mit den warmen und wundervollen Metho- den der Menschen?«, fragte er. »Diese Frage brauchst du nicht zu be- antworten. Wie dem auch sei: Boddony und ich möchten gemeinsam ein Bergwerk einrichten, und wir sind teure Zwerge. Wir wissen, wie man mit Blei umgeht, und deshalb dachten wir, hier in ein oder zwei Jahren genug verdienen zu können.« »Ihr wollt heiraten?« »Das ist unsere Absicht«, bestätigte Gutenhügel. »Oh… nun, herzlichen Glückwunsch.« Er hatte sich gut genug unter Kontrolle, um nicht darauf hinzuweisen, dass beide Zwerge wie kleine, barbarische Krieger mit langen Bärten aussahen. Das war bei allen tra- ditionellen Zwergen der Fall.* Gutenhügel lächelte. »Mach dir keine zu großen Sorgen wegen deines Vaters, Junge. Die Leute ändern sich. Meine Großmutter hielt Men- schen für haarlose Bären. Inzwischen ist das nicht mehr so.« »Was hat ihre Meinung geändert?« »Vermutlich ihr Tod.« Gutenhügel erhob sich und klopfte William auf die Schulter. »Komm, lass uns die Zeitung fertig stellen. Wir beginnen mit dem Druck, wenn die anderen aufwachen.« Das Frühstück stand auf dem Tisch, als William zurückkehrte, und Frau Arkanum wartete auf ihn. In ihrem Gesicht zeigte sich die Entschlos- senheit einer Person, die sich auf der Spur von unrespektablem Verhal- ten glaubt. »Ich verlange eine Erklärung für die Ereignisse der vergangenen Nacht«, sagte sie und trat William im Flur gegenüber. »Und ich kündige dir hiermit für die nächste Woche.« William war zu erschöpft, um zu lügen. »Ich wollte feststellen, wie viel siebzigtausend Dollar wiegen«, sagte er. Muskeln bewegten sich in verschiedenen Bereichen von Frau Arka- nums Gesicht. Sie kannte Williams Hintergrund – sie gehörte zu den Frauen, die solche Dinge schnell herausfanden –, und das Zucken ver- riet einen inneren Konflikt, der sich um die unbestreitbare Tatsache drehte, dass siebzigtausend Dollar eine respektable Summe waren. * Von den meisten Zwergen sprach man als »er«, selbst wenn sie heirateten. Man ging ganz allgemein von der Annahme aus, dass irgendwo unter all den Kettenhemden einer von ihnen weiblichen Geschlechts war und dass beide wussten, um wen es sich dabei handelte. Traditionell denkende Zwerge sprachen nicht über die Frage des Geschlechts, vielleicht aus Scham, vielleicht auch deshalb, weil sie sich kaum dafür interessierten. Und natürlich, weil sie die Ansicht vertraten: Was zwei Zwerge miteinander anstellten, ging nur sie beide etwas an., »Vielleicht hatte ich es ein wenig zu eilig«, erwiderte sie schließlich. »Hast du herausgefunden, wie viel das Geld wiegt?« »Ja, danke.« »Möchtest du die Waage noch einige Tage lang behalten, um noch mehr Geld zu wiegen?« »Ich glaube, ich bin mit dem Wiegen fertig, Frau Arkanum, trotzdem besten Dank.« »Das Frühstück hat bereits begonnen, Herr de Worde, aber ich glau- be, in diesem besonderen Fall kann ich ein Auge zudrücken.« Er bekam ein zweites gekochtes Ei, was ein sehr seltener Gunstbe- weis war. Am Tisch diskutierten sie über die letzten Nachrichten. »Ich bin wirklich erstaunt«, sagte Herr Wagenbauer. »Es ist mir ein Rätsel, wie sie solche Dinge herausfinden.« »Da fragt man sich, wie viele Dinge uns nicht mitgeteilt werden«, meinte Herr Windling. William hörte eine Zeit lang zu und konnte sich dann nicht länger ge- dulden. »Steht was Interessantes in der Zeitung?«, fragte er unschuldig. »Eine Frau in der Kickelburstraße behauptet, ihr Mann sei von Elfen entführt worden«, sagte Herr Schmitzenmacher und hob den Kurier. Die Überschrift ließ keinen Zweifel: ELFEN ENTFÜHRTEN MEINEN MANN! »Das ist erfunden!«, sagte William. »Unmöglich«, widersprach Herr Schmitzenmacher. »Hier sind Namen und Adresse der betreffenden Frau angegeben. Das würde man wohl kaum in die Zeitung setzen, wenn’s gelogen wäre.« William las Namen und Adresse. »Die Frau kenne ich«, sagte er. »Na bitte.«, »Im vergangenen Monat hat sie gesagt, ihr Mann sei von einer großen silbernen Scheibe entführt worden, die vom Himmel kam«, sagte Willi- am, der ein gutes Gedächtnis für solche Dinge hatte. Er hätte fast in seinem Nachrichtenbrief darüber berichtet, in der Rubrik ›Amüsantes‹, hatte es sich dann aber anders überlegt. »Und du, Herr Flach, hast bei dieser Gelegenheit gesagt, es sei allgemein bekannt, dass er sich mit einer Frau namens Flo aus dem Staub gemacht hat, die als Kellnerin in Hargas Rippenstube arbeitete.« Frau Arkanum bedachte William mit einem Blick, der deutlich mach- te, dass das Thema des nächtlichen Diebstahls von Küchenutensilien jederzeit wieder aktuell werden konnte, ob zusätzliches Ei oder nicht. »Ich mag es nicht, wenn bei Tisch über solche Dinge gesprochen wird«, sagte sie kühl. »Nun, ist doch ganz klar«, ließ sich Herr Wagenbauer vernehmen. »Er muss zurückgekehrt sein.« »Von der silbernen Scheibe oder von Flo?«, fragte William. »Herr de Worde!« »Ich habe nur gefragt«, sagte William. »Ah, wie ich sehe, nennt der Kurier den Namen des Mannes, der neulich beim Juwelier eingebrochen hat. Wie schade, dass es der Schuldige Schuft ist, armer Kerl.« »Scheint ein notorischer Krimineller zu sein«, meinte Herr Windling. »Ich finde es empörend, dass die Wache ihn nicht verhaftet.« »Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass er sich jeden Tag an sie wendet«, erwiderte William. »Warum?« »Um eine warme Mahlzeit und ein Bett für die Nacht zu bekommen«, sagte William. »Der Schuldige Schuft gesteht jedes Verbrechen. Die Erb- sünde, Morde, Diebstähle – einfach alles. Wenn er verzweifelt ist, stellt er sich der Wache, um eine Belohnung zu kassieren.« »Sie sollte etwas gegen ihn unternehmen«, sagte Frau Arkanum. »Ich glaube, normalerweise gibt sie ihm einen Becher Tee«, sagte Wil- liam. Er zögerte kurz und fragte dann: »Und die andere Zeitung?«, »Oh, sie behaupten noch immer, dass Vetinari gar kein Verbrechen verübt hat«, entgegnete Herr Schmitzenmacher. »Und der König von Lancre meint, dass die Frauen in Lancre keine Schlangen gebären.« »Nun, kein Wunder, dass er das sagt«, warf Frau Arkanum ein. »Vetinari muss schuldig sein«, sagte Herr Windling. »Warum hilft er der Wache sonst bei ihren Ermittlungen? So verhält sich kein unschul- diger Mann, meiner bescheidenen Meinung nach.«* »Ich glaube, es gibt viele Anhaltspunkte, die seine Schuld fraglich er- scheinen lassen«, sagte William. »Ach, tatsächlich?«, fragte Herr Windling, und sein Tonfall machte deutlich, dass Williams Meinung erheblich bescheidener war als seine eigene. »Soweit ich weiß, treffen sich heute die Oberhäupter der Gil- den.« Er schniefte. »Es wird Zeit für eine Veränderung. Offen gesagt: Wir könnten einen neuen Patrizier gebrauchen, der mehr Interesse an den Ansichten der gewöhnlichen Leute zeigt.« William sah zum Zwerg Langschacht, der friedlich Toastbrot in kleine Häppchen zerschnitt. Vielleicht hatte er gar nichts bemerkt. Vielleicht gab es gar nichts zu bemerken, und William war zu empfindlich. Doch er hatte sich jahrelang Lord de Wordes Meinungen angehört und dabei * Herr Windling lässt sich am besten folgendermaßen beschreiben: Sie sind bei einer Versammlung und möchten früh nach Hause, wie auch alle anderen. Eigentlich gibt es nicht viel zu besprechen. Und als »Verschiedenes« über den Horizont kommt und alle damit beginnen, ihre Unterlagen zu verstauen, erklingt plötzlich eine Stimme und sagt: »Wenn ich bitte eine kleine Angelegenheit zur Sprache bringen dürfte, Herr Vorsitzender…« Und mit einem schrecklich flauen Gefühl in der Magengrube wissen Sie plötzlich, dass die Versammlung doppelt so lange dauern und die bevorstehende Diskussion immer wieder Bezug auf frühere Sitzungen nehmen wird. Der Mann, von dem diese Worte stammen und dessen Gesicht nun selbstgefälliges Engagement zur Schau trägt, ist Herrn Windling so ähnlich, dass es praktisch keinen Unterschied gibt. Ein gemeinsames Merkmal der Windlinge im Universum ist der Ausdruck »meiner bescheidenen Meinung nach«, den sie ständig verwenden und dass er ihren Worten Gewicht verleiht. In Wirklichkeit sagen sie damit: »Dies sind die dummen Ansichten von jemandem mit der gesellschaftlichen Eleganz einer Brennnessel.«, die Fähigkeit entwickelt, ihre konkrete Bedeutung zu erfassen. Worte wie »Ansichten gewöhnlicher Leute« mochten für sich genommen un- schuldig sein, aber wer sie benutzte, meinte häufig, dass jemand ausge- peitscht werden sollte. »Wie meinst du das?«, fragte er. »Die… Stadt wird zu groß«, sagte Herr Windling. »Früher wurden die Tore geschlossen und standen nicht für alle offen. Und man brauchte keine Türen abzuschließen.« »Wir besaßen kaum etwas, das zu stehlen lohnte«, sagte Herr Wagen- bauer. »Stimmt«, pflichtete ihm Herr Flach bei. »Heute gibt es mehr Geld.« »Aber es bleibt nicht hier«, sagte Herr Windling. Zumindest in diesem Punkt hatte er Recht. Geld nach Hause schicken war eine der größten Exporttätigkeiten der Stadt, und Zwerge erwiesen sich dabei als beson- ders aktiv. William wusste auch, dass ein großer Teil des Geldes zu- rückkehrte, denn Zwerge kauften bei den besten Zwergen- Handwerkern, und heutzutage arbeiteten die besten Zwergen- Handwerker vor allem in Ankh-Morpork. Und sie schickten ebenfalls Geld nach Hause. Ein Strom aus Gold floss hin und her und wurde kaum noch kalt. Doch die Windlinge in der Stadt nahmen Anstoß dar- an. Herr Langschacht griff stumm nach seinem gekochten Ei und legte es in den Eierbecher. »Es leben einfach zu viele Leute in der Stadt«, betonte Herr Windling. »Ich habe nichts gegen… Fremde, weiß der Himmel, aber Vetinari hat es übertrieben. Alle wissen, dass wir jemanden brauchen, der einen fes- teren Standpunkt vertritt.« Ein metallenes Geräusch erklang. Herr Langschacht blickte noch im- mer auf sein Ei und hatte eine kleine, aber sehr beeindruckende axtartige Axt aus der Tasche geholt. Er behielt das Ei im Auge, als könnte es weglaufen, lehnte sich langsam zurück, zögerte kurz und ließ die Klinge dann in einem silbernen Bogen herumschwingen. Der obere Teil des Eis löste sich fast geräuschlos, drehte sich einen halben Meter überm Teller und landete neben dem Eierbecher., Herr Langschacht nickte sich selbst zu und musterte dann die erstarr- ten Mienen der anderen. »Wie bitte?«, fragte er. »Ich habe nicht zugehört.« Und damit endete die Versammlung, wie es Sacharissa ausgedrückt hätte. Auf dem Weg zur Schimmerstraße kaufte William den Kurier und fragte sich nicht zum ersten Mal, wer den ganzen Kram schrieb. Eins stand fest: Sie kamen damit besser zurecht als er. Er hatte einmal mit dem Gedanken gespielt, den einen oder anderen Artikel zu erfinden, wenn in der Stadt nichts Besonderes zu geschehen schien, doch es fiel ihm erstaunlich schwer. So sehr er sich auch dagegen sträubte: Immer wieder setzten sich bei ihm gesunder Menschenverstand und Intelligenz durch. Außerdem war es falsch zu lügen. Niedergeschlagen stellte William fest, dass der Kurier die Sache mit dem sprechenden Hund aufgegriffen hatte. Und dazu etwas, von dem er jetzt zum ersten Mal hörte: In der Nacht hatte man bei den Dächern der Unsichtbaren Universität eine seltsame fliegende Gestalt gesehen, HALB MENSCH, HALB MOTTE? Wohl eher halb erfunden und halb ausgedacht. Doch wenn es nach den Geschworenen am Frühstückstisch ging, wurde der Beweis für die Wahrheit einer Geschichte erbracht, wenn man erläuterte, dass sie unmöglich wahr sein konnte. Denn wer machte sich die Mühe, etwas zu bestreiten, das gar nicht existierte? Er nahm die Abkürzung durch die Ställe in der Buchtgasse. Wie die Schimmerstraße führte die Buchtgasse an der Rückseite von Gebäuden vorbei. Dieser Bereich der Stadt schien nur als ein Ort zu existieren, den man passierte, um interessantere Viertel zu erreichen. Lagerhäuser mit hohen Fenstern und abbruchreife Schuppen säumten die Gasse. Aber hier stand auch Hobsons Mietstall. Er war riesig, denn Hobson hatte begriffen, dass man mehrere Stockwerke nutzen konnte. Willie Hobson war ein weiterer Geschäftsmann von der Art des Kö- nigs vom Goldenen Fluss. Er hatte eine Nische gefunden, sie besetzt und so weit geöffnet, dass viel Geld hineinfiel. Viele Leute in der Stadt, brauchten gelegentlich ein Pferd, und kaum jemand hatte genug Platz dafür. Man benötigte einen Stall, einen Stallburschen, einen Heubo- den… Doch um ein Pferd von Willie zu mieten, benötigte man nur einige Dollar. Viele Bürger brachten hier auch ihre eigenen Pferde unter. Ständig kamen und gingen Leute. Die krummbeinigen, koboldartigen kleinen Männer, die sich hier um alles kümmerten, hielten nie jemanden an – es sei denn, sie glaubten, jemand hätte ein Pferd in seiner Hosentasche versteckt. William sah sich um, als eine Stimme aus den dunklen Boxen kam. »Entschuldige, Freund.« Er spähte in die Schatten. Einige Pferde beobachteten ihn. Etwas wei- ter entfernt wurden andere Pferde hin und her geführt. Männer riefen, und es herrschte der übliche rege Stallbetrieb. Die Stimme hingegen kam aus einem Bereich ominöser Stille. »Meine letzte Quittung verliert ihre Gültigkeit erst in zwei Monaten«, teilte William der Dunkelheit mit. »Und ich möchte darauf hinweisen, dass die Messer und Gabeln des Gratis-Bestecks keineswegs aus rost- freiem Edelstahl waren. Es schien vielmehr eine Mischung aus Blei und Pferdedung zu sein.« »Ich bin kein Dieb, Freund«, sagten die Schatten. »Wer bist du dann?« »Weißt du, was gut für dich ist?« »Äh… ja. Körperliche Ertüchtigung, regelmäßige Mahlzeiten und er- holsamer Schlaf.« Williams Blick reichte über die lange Boxenreihe hinweg. »Ich schätze, du wolltest fragen, ob ich weiß, was schlecht für mich ist – im Kontext von stumpfen Gegenständen und scharfen Schneiden.« »Im Großen und Ganzen. Nein, beweg dich nicht. Bleib dort stehen, wo ich dich sehen kann. Dann passiert dir nichts.« William analysierte diese Worte. »Ja, aber wenn ich dort stehe, wo du mich nicht siehst, kann mir ebenfalls nichts passieren.« Jemand seufzte. »Wenn du mir bitte auf halbem Wege entgegenkom- men könntest… Nein! Beweg dich nicht!«, »Aber du hast doch gesagt…« »Bleib da stehen und sei still, hör mir zu, in Ordnung?« »Meinetwegen.« »Wie ich hörte, gibt es da einen gewissen Hund, der gesucht wird«, sagte die geheimnisvolle Stimme. »Ah. Ja. Die Wache sucht ihn, ja. Und…?« William glaubte, in der Finsternis die Konturen einer dunklen Gestalt zu erkennen. Und ein bestimmter Gestank berührte seine Nase und überlagerte sogar den ziemlich starken Geruch der Pferde. »Ron?«, fragte er. »Klinge ich vielleicht wie Ron?«, erwiderte die Stimme. »Nicht… unbedingt. Mit wem rede ich?« »Nenn mich… Tiefer Knochen.« »Tiefer Knochen?« »Hast du irgendetwas dagegen einzuwenden?« »Nein. Nun, was hast du für ein Anliegen, Herr Knochen?« »Angenommen, jemand weiß, wo sich der Hund aufhält, möchte aber nichts mit der Wache zu tun bekommen«, sagte Tiefer Knochen aus dem Dunklen. »Warum nicht?« »Sagen wir, die Wache könnte einer bestimmten Art von Person Är- ger bereiten. Das ist ein Grund.« »Na schön.« »Nehmen wir weiterhin an, gewisse Leute wollen verhindern, dass der Hund ausplaudert, was er weiß. Die Wache gewährt ihm vielleicht nicht genug Schutz. Die Wächter sind recht achtlos, was Hunde angeht.« »Tatsächlich?« »O ja. Die Wächter glauben, ein Hund hätte keine Menschenrechte. Das ist ein zweiter Grund.« »Gibt es auch einen dritten?« »Ja. Ich habe in der Zeitung von einer Belohnung gelesen.« »Ah. Ja?«, »Allerdings war ein Druckfehler dabei. Es hieß fünfundzwanzig Dol- lar anstatt hundert.« »Oh, ich verstehe. Aber hundert Dollar sind viel Geld für einen Hund, Herr Knochen.« »Nicht für diesen Hund, wenn du verstehst, was ich meine«, erwider- ten die Schatten. »Dieser Hund hat eine Geschichte zu erzählen.« »Ach, ja? Handelt es sich um den berühmten sprechenden Hund von Ankh-Morpork?« Tiefer Knochen knurrte. »Hunde können nicht sprechen. Das ist all- gemein bekannt. Aber gewisse Leute verstehen die Hundesprache. Muss ich noch deutlicher werden?« »Meinst du Werwölfe?« »Vielleicht meine ich solche Burschen, ja.« »Aber der einzige Werwolf, von dem ich weiß, gehört zur Wache«, sagte William. »Soll ich dir etwa hundert Dollar bezahlen, damit ich Wuffel der Wache ausliefern kann?« »Dann hättest du beim alten Mumm sicher einen Stein im Brett«, ent- gegnete Tiefer Knochen. »Aber eben hast du gesagt, dass du der Wache nicht traust, Herr Knochen. Ich höre, was die Leute sagen, weißt du.« Tiefer Knochen schwieg eine Zeit lang. Dann sagte er: »Na schön, den Hund und einen Dolmetscher für hundertfünfzig Dollar.« »Und die Geschichte, die der Hund zu erzählen hat, betrifft das Ge- schehen im Palast vor einigen Tagen?« »Vielleicht. Es wäre durchaus möglich. Ja, vielleicht geht es genau dar- um.« »Ich möchte sehen, mit wem ich rede«, sagte William. »Ausgeschlossen.« »Oh, gut«, erwiderte William. »Wie beruhigend. Ich besorge hundert- fünfzig Dollar, kehre hierher zurück und gebe dir das Geld, einfach so?«, »Gute Idee.« »Kommt nicht in Frage.« »Oh, du traust mir also nicht«, bemerkte Tiefer Knochen. »Du hast es erfasst.« »Äh… angenommen, ich gebe dir eine kleine Gratis-Information, völ- lig umsonst. Eine Kostprobe, sozusagen.« »Ich bin ganz Ohr…« »Es war nicht Vetinari, der den anderen Mann niedergestochen hat. Es steckt ein anderer Mann dahinter.« William schrieb es auf und betrachtete die Worte. »Wie hilfreich soll dieser Hinweis sein?«, fragte er. »Das ist eine gute Nachricht. Kaum jemand weiß darüber Bescheid.« »Aber sie genügt nicht. Es fehlen Einzelheiten. Gibt es eine Beschrei- bung?« »Der Mann hat einen Hundebiss am Fußknöchel«, sagte Tiefer Kno- chen. »Dadurch ist er auf der Straße sicher leicht zu finden. Was erwartest du von mir? Soll ich den Leuten heimlich die Hosenbeine hochziehen?« »An der Nachricht gibt es nichts auszusetzen.« Tiefer Knochen klang verletzt. »Gewisse Leute wären beunruhigt, wenn du sie in deiner Zei- tung bringst.« »Ja, sie würden glauben, ich hätte den Verstand verloren! Ich brauche etwas Besseres von dir. Kannst du mir keine Beschreibung geben?« Tiefer Knochen blieb einige Sekunden still, und als er erneut sprach, klang er unsicher. »Du meinst, wie der Mann aussah?« »Ja!« »Ah… Nun, bei Hunden sieht die Sache ein wenig anders aus. Eigent- lich sehen w… Ich meine, der durchschnittliche Hund blickt vor allem auf. Menschen sind für ihn nur eine Wand mit zwei Nasenlöchern ganz oben.« »Das hilft mir nicht viel weiter«, sagte William. »Tut mir Leid, ich fürchte, wir kommen nicht ins Geschä…«, »Aber wie er riecht… das ist etwas ganz anderes«, ertönte die jetzt has- tig klingende Stimme von Tiefer Knochen. »Na schön. Sag mir, wie der Mann riecht.« »Sehe ich einen Haufen Geld vor mir liegen? Ich glaube nicht.« »Nun, Herr Knochen, ich denke nicht einmal daran, so viel Geld auf- zutreiben, bevor ich einen Beweis dafür habe, dass du etwas weißt.« »Na schön«, kam es nach einer Weile aus den Schatten. »Weißt du, dass es ein Komitee für die Abwahl des Patriziers gibt? Na, ist das eine Neuigkeit?« »Was soll daran neu sein? Seit Jahren verschwören sich irgendwelche Leute gegen ihn.« Wieder folgte Stille. »Weißt du«, sagte Tiefer Knochen schließlich, »wir würden uns viel Mühe ersparen, wenn du mir einfach das Geld gibst und ich dir sage, was ich weiß.« »Bisher hast du mir überhaupt nichts gesagt. Erzähl mir die Geschich- te, und anschließend bezahle ich dich, wenn sie der Wahrheit ent- spricht.« »Oh, ja, willst du mich an der Schnauze herumführen?« »Auf diese Weise kommen wir wirklich nicht ins Geschäft«, sagte Wil- liam und steckte das Notizbuch ein. »Warte, warte… Dies müsste klappen: Frag Mumm, womit Vetinari vor dem Angriff beschäftigt war.« »Wieso? Womit war er beschäftigt?« »Versuch es herauszufinden.« »Damit lässt sich nicht viel anfangen.« Keine Antwort. William glaubte, ein leises Schlurfen zu hören. »Hallo?« Er wartete ein oder zwei Sekunden lang, trat dann sehr vorsichtig ei- nen Schritt vor. In der Düsternis wandten sich ihm einige Pferde zu. Von dem un- sichtbaren Informanten fehlte jede Spur., Hinter Williams Stirn drängelten sich viele Gedanken, als er nach draußen zurückkehrte, und erstaunlicherweise gelang es einem kleinen und theoretisch unwichtigen, auf der mentalen Bühne ins Licht zu tre- ten. Was für ein Ausdruck war: »Willst du mich an der Schnauze he- rumführen«? Es sollte doch »Nase« heißen. Hatte der Unbekannte von einer Schnauze gesprochen, weil er gar keine Nase hatte? Eine mögliche Erklärung fiel ihm ein. Vermutlich war Tiefer Knochen ein Fremder. Das ergab durchaus ei- nen Sinn. Wie zum Beispiel Otto. Er sprach ausgezeichnet Morporkia- nisch, aber mit den umgangssprachlichen Ausdrücken kam er noch nicht zurecht. William kritzelte eine entsprechende Notiz. Er nahm den Rauchgeruch im gleichen Augenblick wahr, als er das tönerne Pochen von Golemfüßen hörte. Vier große Gestalten donner- ten mit einer langen Leiter an ihm vorbei. William schloss sich ihnen sofort an, und ganz automatisch schlug er das Notizbuch bei einer lee- ren Seite auf. Feuer war immer sehr gefürchtet, besonders in den Teilen der Stadt, wo Holz und Stroh vorherrschten. Gerade aus diesem Grund hatte man nie eine Feuerwehr gegründet. Aufgrund der gnadenlosen Logik von Ankh-Morpork durfte man Folgendes annehmen: Wenn Feuerwehrleu- te dafür bezahlt wurden, Feuer zu löschen, so würden sie bestimmt dafür sorgen, dass sie genug Arbeit hatten. Bei Golems lag der Fall anders. Sie waren geduldig, arbeiteten hart, dachten sehr geradlinig und galten als fast unzerstörbar. Und sie boten ihre Dienste freiwillig an. Alle wussten, dass Golems niemandem ein Leid zufügen konnten. Die Entstehung der Golem-Feuerwehr bleibt rätselhaft. Manche Leu- ten meinten, die ursprüngliche Idee sei von der Wache gekommen, aber nach der allgemeinen Theorie wollten Golems die Verletzung von Per- sonen und die Zerstörung von Eigentum einfach nicht zulassen. Mit gespenstischer Disziplin und ohne erkennbare Kommunikation kamen sie von allen Seiten, wenn irgendwo ein Feuer ausbrach. Dann retteten sie in brennenden Wohnungen gefangene Menschen, stapelten sorgfäl- tig alle mobilen Besitztümer auf, formten eine Eimerkette, bei der sich die Eimer so schnell bewegten, dass sie nur noch schemenhaft zu er-, kennen waren, traten die letzte Glut aus – und kehrten danach schnell zu ihren Aufgaben zurück. Diese vier Golems eilten zu einem Feuer in der Sirupminenstraße. Flammenzungen leckten aus Fenstern im ersten Stock. »Bist du von der Zeitung?«, fragte ein Mann in der Menge. »Ja«, bestätigte William. »Nun, ich schätze, dies ist ein weiterer Fall eines geheimnisvollen spontanen Feuers, wie das, von dem ihr gestern berichtet habt«, sagte der Mann und reckte den Hals, um zu sehen, ob William alles mit- schrieb. William stöhnte. Sacharissa hatte sehr sachlich von einem Feuer am Hohen Schlag berichtet, bei dem ein armer Kerl gestorben war. Der Kurier hingegen hatte in diesem Zusammenhang von einem »Geheim- nisvollen Feuer« gesprochen. »Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Feuer wirklich so geheimnisvoll war«, sagte William. »Der alte Herr Hardi zündete sich eine Zigarre an und vergaß dabei, dass er seine Füße in Terpentin badete.« Offenbar hatte ihm jemand gesagt, das sei ein gutes Mittel gegen Fußpilz. In ge- wisser Weise stimmte das auch. »So heißt es jedenfalls«, erwiderte der Mann und klopfte sich an die Nase. »Aber es gibt viele Dinge, die man uns verschweigt.« »Das stimmt«, meinte William. »Gestern habe ich gehört, dass jede Woche gewaltige Felsbrocken mit einem Durchmesser von mehreren hundert Meilen vom Himmel fallen, aber der Patrizier vertuscht alles.« »Na bitte«, sagte der Mann. »Es ist erstaunlich. Man behandelt uns wie Dummköpfe.« »Ja, mich verblüfft das ebenfalls«, kommentierte William. »Platz da, Platz da, bitte!« Otto bahnte sich einen Weg durch die Menge und wankte unter dem Gewicht eines Objektes, dessen Größe und Form an ein Akkordeon erinnerten. Immer wieder stieß er mit den Ellenbogen zu, stellte sein Stativ auf, befestigte das akkordeonartige Ding daran und richtete es auf einen Golem, der mit einem kleinen Kind aus einem qualmenden Fens- ter kletterte., »Na schön, Jungs, das wirrd ein Superrbild!« Er hob den Blitzkäfig. »Eins, zwei, drrei… aarrghaarrghaarrghaarrgh…« Der Vampir verwandelte sich in eine Wolke aus Staub, die langsam zu Boden sank. Für einen Augenblick schwebte etwas in der Luft. Es sah wie ein kleines Glas an einem Bindfaden aus. Dann fiel es zu Boden und zerbrach auf dem Kopfsteinpflaster. Der Staub wuchs nach oben, gewann Konturen… und Otto stand da, blinzelte und betastete seinen Leib, um sich zu vergewissern, dass nichts fehlte. Er bemerkte William und schenkte ihm jenes große, breite Lächeln, zu dem nur Vampire imstande sind. »Herrr William! Deine Idee… Sie funktionierrt!« »Äh… welche meinst du?«, fragte William. Ein dünner, gelber Rauch- faden kroch unter dem Deckel des Ikonographen hervor. »Du meintest, ich sollte einen kleinen Vorrrat an B-Worrt bei mirr trragen, fürr den Notfall«, antwortete Otto. »Ich dachte mirr: Wenn ich es in einerr kleinen Flasche um den Hals trrage, und wenn ich dann zu Staub zerrfalle – hoppla! Die Flasche zerrbricht, und schon bin ich wie- derr da!« Er hob den Deckel des Ikonographen und fächelte den Rauch beisei- te. In dem Apparat schien jemand ganz leise zu husten. »Und wenn ich mich nicht sehrr irrre, haben wirr hierr ein errfolgrreich geätztes Bild. Ein weiterrerr Beweis dafürr, was man alles errreichen kann, wenn man sich nicht von Gedanken an offene Fensterr und nackte Hälse ablenken lässt, aberr an so etwas denke ich jetzt garr nicht mehrr, denn ich bin völlig geheilt.« Otto hatte einige Veränderungen an seiner Kleidung vorgenommen. Er trug jetzt nicht mehr den von seiner Spezies bevorzugten schwarzen Abendanzug, sondern eine armlose Weste mit mehr Taschen, als Willi- am jemals an einem Kleidungsstück gesehen hatte. In vielen davon steckten Tüten mit Koboldnahrung, Farbtuben, geheimnisvolle Werk- zeuge und andere wichtige Instrumente der Ikonographenkunst. Aus Respekt vor der Tradition hatte Otto schwarzen Stoff gewählt, mit Futter aus roter Seide und Schößen., Durch vorsichtiges Nachfragen bei einer Familie, die traurig beobach- tete, wie sich der Rauch des Feuers in Dampf verwandelte, fand Willi- am heraus: Der Brand war auf geheimnisvolle Weise durch ein geheim- nisvolles spontanes Feuer in einer geheimnisvollen Pfanne mit sieden- dem Öl verursacht worden. Als William ging, begann die Familie in den verkohlten Überresten ih- res Heims herumzusuchen. »Und es ist nur eine Geschichte«, sagte er und steckte das Notizbuch ein. »Ich komme mir dabei fast vor wie ein Vampir… Oh, entschuldige bitte.« »Schon gut«, sagte Otto. »Ich verrstehe. Und ich möchte dirr dafürr danken, dass du mirr diese Arrbeit gegeben hast. Sie bedeutet viel fürr mich, auch deshalb, weil ich sehe, wie nerrvös du bist. Was natürrlich verrständlich ist.« »Ich bin nicht nervös!«, erwiderte William sofort. »Ich fühle mich durchaus wohl in der Gesellschaft anderer Spezies!« Ottos Gesicht blieb freundlich, aber sein Blick war so durchdringend, wie es nur der Blick eines Vampirs sein konnte. »Ja, ich habe bemerrkt, wie nett du zu den Zwerrgen und auch zu mirr bist. Du gibst dirr wirrklich Mühe, und das ist sehrr anerrken- nenswerrt…« William öffnete den Mund, um zu protestieren, gab es dann aber auf. »Na schön. Weißt du, es liegt an meiner Erziehung. Mein Vater stand sehr auf Seiten der… Menschheit, äh, womit ich nicht unbedingt die Menschheit in dem Sinne meine, eher… Ich meine, er war vor allem gegen…« »Ja, ja, ich verrstehe.« »Und das ist es auch schon. Wir alle können selbst entscheiden, wer wir sein wollen!« »Ja, natürrlich. Und wenn du einen Rrat in Bezug auf Frrauen brrauchst, so kannst du dich jederrzeit an mich wenden.« »Warum sollte ich in dieser Beziehung einen Rat brauchen?« »Oh, bestimmt bbrauchst du keinen«, erwiderte Otto unschuldig. »Nicht einen einzigen.«, »Außerdem bist du ein Vampir. Welchen Rat in Bezug auf Frauen könnte mir ein Vampir geben?« »Meine Güte, wach auf und rrieche Knoblauch! Oh, die Geschichten, die ich dirr errzählen könnte.« Otto zögerte. »Aberr ich errzähle sie nicht, weil ich mich nicht mehrr mit solchen Dingen befasse, seit ich das helle Licht des Tages gesehen habe.« Er stieß William an, dessen Wangen vor Verlegenheit rot glühten. »Ich möchte nur sagen, dass sie nicht immerr schrreien.« »Das ist ein bisschen geschmacklos, findest du nicht?« »Oh, das warr damals, in derr alten Zeit«, erwiderte Otto rasch. »Heu- te mag ich nichts lieberr als eine Tasse Kakao und ein hübsches Lied am Harrmonium, das versicherre ich dirr. Ja, das stimmt.« Es erwies sich als Problem, ins Büro zu gelangen, um die Geschichte zu schreiben. Es war bereits schwierig genug, die Schimmerstraße zu erreichen. Otto trat etwas näher an William heran, als er stehen blieb und die Augen aufriss. »Nun, ich schätze, wirr wollten es so!«, rief er. »Fünfundzwanzig Dol- larr sind viel Geld!« »Was?«, erwiderte William. »ICH SAGTE, FÜNFUNDZWANZIG DOLLARR SIND VIEL GELD, WILLIAM!« »WAS?« Mehrere Personen eilten an ihnen vorbei. Sie trugen Hunde. Jeder in der Schimmerstraße trug einen Hund, oder führte einen an der Leine oder wurde von einem fortgezerrt oder vom Hund eines anderen Hun- dehalters angegriffen. Das Bellen ging bereits über reine Lautstärke hinaus und wurde zu einer spürbaren Kraft. Mit der Wucht eines Or- kans aus Schrott traf sie auf die Trommelfelle. William zog den Vampir in einen Hauseingang, wo der Lärm nur un- erträglich war. »Kannst du etwas dagegen unternehmen?«, fragte er. »Sonst kommen wir da nie durch!«, »Zum Beispiel?« »Nun, du weißt schon. Die Sache mit den Kindern der Nacht und so…« »Ach, das«, erwiderte Otto. Er wirkte bedrückt. »Das ist wirrklich sehrr klischeehaft. Warrum bittest du mich nicht, zu einerr Flederrmaus zu werrden, da wirr schon einmal dabei sind? Ich habe dirr doch gesagt, dass ich mit diesen Dingen nichts mehrr zu tun habe!« »Hast du eine bessere Idee?« Einige Meter entfernt versuchte ein Rottweiler, einen Spaniel zu fres- sen. »Oh, na schön.« Otto winkte kurz. Sofort hörte das Bellen auf. Alle Hunde setzten sich auf die Hinter- läufe und jaulten. »Das ist keine große Verbesserung, aber wenigstens kämpfen sie nicht mehr«, sagte William und eilte los. »Es tut mirr Leid«, sagte Otto. »Schlag mirr einen Pflock ins Herrz, wenn du willst. Bei derr nächsten Verrsammlung stehen mirr fünf sehrr peinliche Minuten bevorr, wenn ich dies errklärren muss. Ich habe nie- manden gebissen, ich weiß, aberr so wie die Sache aussieht…« Sie kletterten über einen verwitterten Zaun und betraten den Schup- pen durch den Hintereingang. Personen und Hunde drängten durch die vordere Tür und wurden zurückgehalten von einer Barrikade aus Schreibtischen und von Sacha- rissa. Die junge Frau wirkte ziemlich abgespannt, als sie in das Durch- einander aus Gesichtern und Schnauzen blickte. Es gelang ihrer Stim- me, das akustische Chaos zu übertönen. »… nein, das ist ein Pudel. Er hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Hund, den wir suchen…« »… nein, das ist er nicht. Woher ich das weiß? Weil es eine Katze ist. Na schön, und warum putzt sie sich? Nein, tut mir Leid, Hunde ma- chen so etwas nicht…« »… nein, Fräulein, das ist eine Bulldogge…«, »… nein, das ist er auch nicht. Ich bin deshalb so sicher, weil es ein Papagei ist. Du hast ihm das Bellen beigebracht und ›HunD‹ auf die Seite gemalt, aber es bleibt ein Papagei…« Sacharissa strich sich das Haar aus den Augen und bemerkte William. »Na, wer ist hier oberschlau gewesen?«, fragte sie. »Ob’schlau g’esen?«, fragte der HunD. »Wie viele davon sind noch draußen?« »Hunderte, fürchte ich«, sagte William. »Ich habe die unangenehmste halbe Stunde meines Lebens hinter mir… Das ist ein Huhn! Es ist ein Huhn, du dumme Frau, es hat gerade ein Ei gelegt!… meines Lebens hinter mir, und ich möchte dir sehr dafür danken. Du errätst nie, was passiert ist. Nein, das ist ein Schnauswitzer! Und weißt du was, William?« »Was?«, fragte William. »Irgendein Vollidiot hat eine Belohnung in Aussicht gestellt! In Ankh- Morpork! Ist das zu fassen? Die Leute standen bereits Schlange, als ich hier eintraf, jeweils zu dritt nebeneinander! Ich meine, wie hirnrissig muss man sein, eine Belohnung anzubieten? Jemand kam mit einer Kuh. Mit einer Kuh! Ich musste ein längeres Gespräch über Tierphysiogno- mie führen, bevor Rocky dem Mann auf den Kopf schlug! Der arme Troll ist jetzt da draußen und versucht, Ordnung zu schaffen! Das da drüben sind Frettchen!« »Hör mal, es tut mir Leid…« »Können wir irgendwie, äh, behilflich sein?« Sie drehten sich um. Die Worte stammten von einem Priester, der die schwarze, schmuck- lose und wenig schmeichelhafte Kleidung der Omnianer trug. Dazu einen flachen Hut mit breiter Krempe, das omnianische Schildkröten- symbol an einer Halskette und ein Gesicht, in dem sich unheilbares Wohlwollen zeigte. »Ähm, ich bin Bruder Auf-dem-die-Engel-tanzen-Nadel«, sagte der Priester, trat zur Seite und gab den Blick frei auf einen schwarzen Berg. »Das ist Schwester Jennifer, die ein Schweigegelübde abgelegt hat.«, Sie betrachteten die Erscheinung von Schwester Jennifer, während Bruder Nadel fortfuhr: »Was bedeutet, dass sie nicht, ähm, spricht. Sie gibt nicht einen Ton von sich. Unter gar keinen Umständen.« »Meine Güte«, brachte Sacharissa hervor. Ein Auge von Schwester Jennifer drehte sich in einem Gesicht, das wie eine Backsteinmauer wirkte. »Ja, ähm, wir kamen mit Bischof Horns Tiermission nach Ankh- Morpork und hörten, dass ihr einen kleinen Hund sucht, der in Schwie- rigkeiten ist«, sagte Bruder Nadel. »Wie ich sehe, seid ihr hier gewisser- maßen, ähm, überwältigt, und vielleicht können wir helfen. Es wäre unsere Pflicht.« »Wir suchen einen Terrier«, erwiderte Sacharissa. »Aber ihr würdet staunen, was die Leute so alles bringen…« »Na so was«, sagte Bruder Nadel. »Nun, Schwester Jennifer kommt gut mit solchen Dingen zurecht…« Schwester Jennifer trat zum vorderen Schreibtisch. Ein Mann hob etwas hoch, das ganz offensichtlich ein Dachs war. »Er ist ein wenig krank gewesen…« Schwester Jennifers Faust senkte sich auf den Kopf des Mannes her- ab. William schnitt eine Grimasse. »Schwester Jennifers Orden glaubt an harte Liebe«, sagte Bruder Na- del. »Eine kleine Korrektur zum richtigen Zeitpunkt kann eine verlore- ne Seele davor bewahren, den falschen Weg einzuschlagen.« »Zu welchem Orrden gehörrt sie, bitte?«, fragte Otto, als die verlorene Seele mit ihrem Dachs nach draußen wankte. Ihre Beine versuchten dabei, mehrere Schritte gleichzeitig zu gehen. Bruder Nadel lächelte dünn. »Zu den Kleinen Blumen Ewigen Är- gers«, sagte er. »Tatsächlich? Von einem solchen Orrden hörre ich jetzt zum errsten Mal. Sehrr interressant. Nun, ich sehe nach, ob die Kobolde gute Arr- beit geleistet haben…«, Draußen schrumpfte die Menge rasch, was am Anblick der vorrü- ckenden Schwester Jennifer lag. Es verschwanden vor allem die Leute, deren Hunde schnurrten oder Sonnenblumenkerne fraßen. Viele der Personen, die tatsächlich Hunde mitgebracht hatten, wurden ebenfalls nervös. Unbehagen erfasste William. Er wusste, dass Teile der omnianischen Kirche noch immer glaubten, eine Seele würde nur dann in den Him- mel kommen, wenn ihr Körper die Hölle erlebte. Und man konnte Schwester Jennifer wohl kaum ihr Aussehen oder die Größe ihrer Hän- de vorwerfen. Und selbst wenn die Handrücken recht haarig waren… Solche Dinge kamen in den ländlichen Gegenden eben vor. »Was genau macht sie da?«, fragte er. Rufe und Schreie erklangen, als Hunde gepackt, angestarrt und mit erheblichem Nachdruck zurückge- stoßen wurden. »Wir versuchen, den kleinen Hund zu finden«, sagte Bruder Nadel. »Vielleicht braucht er unsere Hilfe.« »Aber… der Drahthaarterrier dort drüben hat große Ähnlichkeit mit dem Bild«, meinte Sacharissa. »Und sie schenkt ihm überhaupt keine Beachtung.« »Schwester Jennifer ist sehr sensibel, was diese Dinge angeht«, erwi- derte Bruder Nadel. »Na schön, die nächste Ausgabe stellt sich nicht von allein zusam- men«, sagte Sacharissa und kehrte zu ihrem Schreibtisch zurück. »Es würde vermutlich helfen, wenn wir farbig drucken könnten«, sag- te William, als er mit Bruder Nadel allein war. »Vielleicht«, entgegnete der Priester. »Er war graubraun.« William glaubte plötzlich, so gut wie tot zu sein. Es war nur noch eine Frage der Zeit. »Du weißt, nach welcher Farbe ihr suchen müsst«, sagte er leise. »Fahr du ruhig damit fort, Worte zu sortieren, Schreiberjunge«, sagte Bruder Nadel allein für Williams Ohren. Er öffnete die Jacke seines Gehrocks gerade weit genug, um die in Futteralen steckenden Messer vorzuzeigen und schloss sie dann wieder. »Dies hat nichts mit dir zu tun, verstehst du? Wenn du schreist, wird jemand getötet. Wenn du, versuchst, ein Held zu sein, wird jemand getötet. Wenn du dich plötz- lich bewegst, wird jemand getötet. Vielleicht töten wir ohnehin jemanden, um Zeit zu sparen. Hast du davon gehört, dass die Feder mächtiger sein soll als das Schwert?« »Ja«, antwortete William heiser. »Willst du es ausprobieren?« »Nein.« William spürte Gutenhügels Blick auf sich ruhen. »Was macht der Zwerg da?«, fragte Bruder Nadel. »Er setzt die Drucktypen, Herr«, antwortete William. Es war immer klug, Messern gegenüber höflich zu sein. »Sag ihm, er soll seine Arbeit fortsetzen«, murmelte Nadel. »Äh… bitte sei so gut und setz deine Arbeit fort, Herr Gutenhügel«, sagte William und hob die Stimme, um das Knurren und Jaulen zu ü- bertönen. »Es ist alles in Ordnung.« Gutenhügel nickte und kehrte ihm den Rücken zu. Demonstrativ hob er die eine Hand und begann zu setzen. Ist[leer]er[leer]ferkleidet? Gutenhügel verwechselte das v mit einem f, aber an der Bedeutung seiner Frage bestand kein Zweifel. »Ja, stimmt«, sagte William. Nadel bedachte ihn mit einem scharfen Blick. »Was stimmt?« »Oh, äh, es sind nur die Nerven«, sagte William. »Ich werde immer nervös, wenn Schwerter in der Nähe sind.« Nadel sah zu den Zwergen. Sie alle wandten ihm den Rücken zu. Gutenhügels Hand bewegte sich erneut und nahm Typen aus den Kästen. Bewaffnet?[leer]Huste[leer]für[leer]ja »Ist was mit deinem Hals nicht in Ordnung?«, fragte Nadel, nachdem William gehustet hatte. »Erneut die Nerven… Herr.« OK[leer]hole[leer]Otto, »O nein«, murmelte William. »Wohin geht der Zwerg?«, fragte Nadel. Seine Hand tastete unter die Jacke. »In den Keller, Herr. Um… Tinte zu holen.« »Warum? Hier oben scheint es genug Tinte zu geben.« »Äh, er braucht weiße Tinte, Herr. Für die Spatien. Und für die Mitte der Os.« William beugte sich zu Herrn Nadel vor und schauderte, als die Hand erneut unter die Jacke glitt. »Die Zwerge sind alle bewaffnet. Mit Äxten. Und sie geraten leicht in Aufregung. Ich bin die einzige Per- son in deiner Nähe, die keine Waffe hat. Bitte! Ich möchte noch nicht sterben. Bringt das zu Ende, weshalb ihr gekommen seid, und geht dann wieder.« Es war eine recht gute Darstellung eines erbärmlichen Feiglings, fand William. Vor allem deshalb, weil er tatsächlich überleben wollte. Nadel blickte zur Seite. »Wie steht’s, Schwester Jennifer?«, fragte er. Schwester Jennifer hob einen zuckenden Beutel. »Ich habe alle …ten Terrier«, erwiderte er. Bruder Nadel schüttelte heftig den Kopf. »Ich habe alle …ten Terrier!«, flötete Schwester Jennifer mit wesentlich höherer Stimme. »Und es stehen einige …te Wächter am Ende der Straße!« Aus dem Augenwinkel sah William, wie Sacharissa plötzlich kerzenge- rade saß. Der Tod schien jetzt wirklich auf dem Programm zu stehen. Otto kam unbesorgt die Leiter hoch. Ein Ikonograph baumelte an seiner Schulter. Er nickte William zu. Hinter ihm schob Sacharissa ihren Stuhl zurück. Vor den Kästen mit den Drucktypen setzte Gutenhügel fieberhaft: Bedeckt[leer]die[leer]Augen Herr Nadel wandte sich an William. »Was soll das heißen, weiße Tinte für die Spatien?« Sacharissa wirkte zornig und entschlossen, wie Frau Arkanum nach einer unerhörten Bemerkung. Der Vampir hob den Kasten., In der Tragmulde darüber bemerkte William mehrere überwaldische Landaale. Herr Nadel öffnete die Jacke. William sprang der näher kommenden jungen Frau entgegen und stieg dabei so in die Luft auf wie ein Frosch durch Sirup. Mit Äxten in den Händen setzten die Zwerge über die niedrige Bar- riere zwischen Druckraum und Büro hinweg. Und… »Buh«, sagte Otto. Die Zeit hielt an. William spürte, wie sich das Universum entfaltete. Die kleine Kugel aus Wänden und Decke blätterte ab wie die Schale einer Orange, und übrig blieb eine kalte, strömende Dunkelheit, gefüllt mit Nadeln aus Eis. Stimmen ertönten und verklangen abrupt. Sinnlose Geräusche zogen hin und her. Erneut fühlte sich Williams Körper sub- stanzlos an wie ein Schatten. Dann landete er auf Sacharissa, schlang die Arme um sie und rollte mit ihr hinter den willkommenen Schutz der beiden Schreibtische. Hunde heulten. Leute fluchten. Zwerge riefen. Möbel zerbrachen. William blieb reglos liegen, bis das Krachen um ihn herum Stöhnen und Fluchen wich. Das Fluchen war ein positiver Hinweis. Es stammte von Zwergen und bedeutete, dass die Fluchenden nicht nur lebten, sondern auch wütend waren. Vorsichtig hob William den Kopf. Die vordere Tür des Schuppens stand offen. Die Warteschlange war ebenso verschwunden wie die Hunde, aber von der Straße kam das Geräusch eiliger Schritte und zorniges Bellen. Die Hintertür schwang in ihren Angeln hin und her. William wurde sich der pneumatischen Wärme von Sacharissa in sei- nen Armen bewusst. In seinem bisherigen Leben, das vor allem der Aufgabe gewidmet war, Worte in eine angenehme Reihenfolge zu brin- gen, hatte er sich eine solche Erfahrung nicht erträumt. Nun, geträumt hatte er davon schon, korrigierte sein innerer Lektor, es sollte wohl besser »nicht erwartet« heißen., »Es tut mir schrecklich Leid«, sagte er. Das ist eine Notlüge, teilte ihm sein Lektor mit. Als würdest du behaupten, dich über die Taschentü- cher zu freuen, die dir deine Tante zum Geburtstag schenkt. William wich behutsam zurück und stand unsicher auf. Die Zwerge erhoben sich ebenfalls. Ein oder zwei übergaben sich recht laut. Otto Chriek lag auf dem Boden. Vor seiner Abreise war Bruder Nadel ein Schnitt in Höhe des Halses gelungen. »Meine Güte«, sagte William. »Wie grässlich…« »Geköpft zu werden, meinst du?«, fragte Boddony, der den Vampir nie gemocht hatte. »Ja, ich schätze, man könnte es so nennen.« »Wir… sollten irgendetwas für ihn tun…« »Glaubst du?« »Ja! Wenn er nicht die Aale benutzt hätte, wäre ich jetzt tot!« »Entschuldigung? Entschuldigung, bitte!« Die halb singende Stimme drang unter der Druckbank hervor. Gu- tenhügel ging in die Hocke. »O nein…«, brachte er hervor. »Was ist?«, fragte William. »Da liegt, äh, Otto.« »Entschuldigung, bitte. Könnte mich jemand herrvorrholen?« Gutenhügel verzog das Gesicht und tastete mit der einen Hand unter die Druckbank, während die Stimme fortfuhr: »Oh, herrje, hierr liegt eine tote Rratte. Offenbarr hat jemand sein Es- sen fallen gelassen, wie eklig… Bitte nicht am Ohrr, bitte nicht am Ohrr… am Haarr…« Die Hand des Zwergs kam wieder zum Vorschein und hielt Ottos Kopf wunschgemäß am Haar. Die Augen drehten sich hin und her. »Ist jemand verrletzt?«, fragte der Vampir. »Da haben wirr noch ein- mal Glück gehabt, wie?« »Ist, äh, alles in Ordnung mit dir, Otto?«, fragte William und begriff, dass er mit dieser Frage Aussicht hatte, den Wettbewerb Für Wirklich Dumme Bemerkungen zu gewinnen., »Was? Oh, ja. Ich glaube schon. Kann mich nicht beklagen. Ja, es geht mirr gut. Allerrdings hat mirr jemand den Kopf abgeschnitten, was we- nigerr errfrreulich ist…« »Das kann unmöglich Otto sein«, sagte Sacharissa. Sie zitterte. »Natürlich ist er das«, erwiderte William. »Ich meine, wer sonst…« »Otto ist größer«, sagte Sacharissa und begann zu lachen. Die Zwerge folgten ihrem Beispiel, wenn auch nur deshalb, weil sie in der gegen- wärtigen Situation über alles gelacht hätten. Otto stimmte mit ein, aber es klang nicht sehr begeistert. »Oh, ja. Ho ho ho«, sagte er. »Ankh-Morrporrks berrühmter Sinn fürr Humorr. Sehrr komisch. Selten so gelacht. Macht euch nurr keine Sorr- gen um mich.« Sacharissa schnappte nach Luft. William hielt sie so sanft wie möglich fest, denn es handelte sich um die Art von Lachen, an der man sterben konnte. Und dann weinte die junge Frau so hingebungsvoll, dass sie am ganzen Leib bebte. »Ich möchte tot sein«, schluchzte sie. »Du solltest es mal verrsuchen«, sagte Otto. »Herrr Gutenhügel, bitte trrag mich zu meinem Körrperr. Err liegt hierr irrgendwo.« »Sollen wir… ist es notwendig…« Der Zwerg suchte nach den richti- gen Worten. »Müssen wir deinen Kopf annähen?« »Nein«, antwortete Otto. »Wirr heilen leicht und schnell. Ah, da ist err ja. Wenn du mich bitte daneben legen und dich dann umdrrehen würr- dest? Dies ist ein bisschen, äh, peinlich. Wie das Wasserrlassen.« Die Zwerge litten noch immer an den Nachwirkungen des dunklen Lichts, kamen der Aufforderung des Vampirs aber nach. Nach einigen Sekunden hörten sie: »In Orrdnung, alles vorrbei.« Otto, wieder in einem Stück, setzte sich auf und betupfte seinen Hals mit einem Taschentuch. »Errforrderlich ist außerrdem ein Pflock durrchs Herrz«, sagte er, als alle ihn anstarrten. »Und nun… Was ist überrhaupt passierrt? Derr Zwerrg sprrach von derr Notwendigkeit eines Ablenkungsmanö- verrs…«, »Wir wussten nicht, dass du dunkles Licht verwenden würdest!«, ent- gegnete Gutenhügel scharf. »Entschuldigung! Ich hatte nurr die Landaale zurr Hand, und du meintest, es sei drringend! Was hast du von mirr errwarrtet? Ich habe den Vampirrdingen abgeschworren!« »Das dunkle Licht bringt Unglück«, meinte ein Zwerg, von dem Willi- am wusste, dass sein Name Dösig lautete. »Ach, glaubst du?«, erwiderte Otto. »Zufälligerrweise bin ich derrjeni- ge, dem derr Kopf abgeschnitten wurrde!« William gab sich alle Mühe, Sacharissa zu beruhigen, die noch immer zitterte. »Was waren das für Leute?«, fragte sie. »Ich… bin mir nicht sicher. Aber eins steht fest: Sie hatten es auf Lord Vetinaris Hund abgesehen…« »Ich bin sicher, dass sie keine richtige Jungfrau war.« William beschränkte seine Antwort auf: »Schwester Jennifer sah tat- sächlich recht seltsam aus.« Sacharissa schnaubte. »O nein«, sagte sie. »An unserer Schule gab es schlimmere Lehrerinnen als sie. Schwester Credenza konnte durch eine Tür beißen… Nein, ich meine ihre Ausdrucksweise. Ich bin sicher, dass …t ein schlimmes Wort ist. Sie gebrauchte es jedenfalls wie eins. Ich meine, man merkte, dass es ein schlimmes Wort ist. Und der Priester hatte ein Messer!« Hinter ihnen geriet Otto in Schwierigkeiten. »Du benutzt es, um Bilder aufzunehmen?«, fragte Gutenhügel. »Nun, ja.« Mehrere Zwerge schlugen sich auf die Oberschenkel, eine Geste, mit der Leute darauf hinweisen, dass sie die Dummheit anderer Leute un- glaublich finden. »Du weißt doch, dass es gefährlich ist«, sagte Gutenhügel. »Noch mehrr Aberrglauben«, kommentierte Otto. »Es passierrt nurr Folgendes: Die morrphische Strrukturr eines Objekts rrichtet ihrre Rre- sonen oderr Ding-Parrtikel im Phasenrraum nach derr Temporralen, Rrelevanztheorrie aus, was zurr Entstehung von multiplen rrichtungslo- sen Fensterrn führrt, die sich mit derr Illusion von derr Gegenwarrt schneiden und metaphorrische Bilderr schaffen, und zwarr auf der Grrundlage quasihistorrischerr Extrrapolation. Verrstehst du? Darran ist überrhaupt nichts Geheimnisvolles!« »Es hat den beiden… Besuchern einen erheblichen Schrecken einge- jagt«, sagte William. »Dafür waren die Äxte verantwortlich«, betonte Gutenhügel. »Nein, es war das Gefühl, dass einem etwas den Kopf öffnete und Eiszapfen ins Gehirn bohrte«, meinte William. Gutenhügel blinzelte. »Ja, das auch«, räumte er ein und wischte sich Schweiß von der Stirn. »Ich muss sagen, dass du wirklich mit Worten umgehen kannst…« Ein Schatten erschien in der Tür. Gutenhügel griff nach seiner Axt. William stöhnte. Es war Mumm. Und schlimmer noch: Er lächelte auf die für ihn typische aggressive Weise. »Ah, Herr de Worde«, sagte er und trat ein. »Derzeit stürmen mehrere tausend Hunde durch die Stadt. Das ist eine interessante Tatsache, nicht wahr?« Er lehnte sich an die Wand und holte eine Zigarre hervor. »Nun, wenn ich von Hunden spreche…« Er entzündete ein Streichholz an Gu- tenhügels Helm. »…so meine ich größtenteils Hunde. Es sind auch einige Katzen dabei. Inzwischen dürften es mehr geworden sein, denn eine Art Flutwelle aus jaulenden, beißenden und miteinander kämpfenden Hunden kann, wie soll ich es ausdrücken, Bewegung in eine Stadt brin- gen. Besonders am Boden, denn die Hunde sind ziemlich nervös. Ach, und habe ich das Vieh erwähnt?«, fuhr Mumm im Plauderton fort. »Du weißt ja, wie das ist, Markttag und so. Die Leute treiben ihre Kühe zum Marktplatz, und plötzlich – meine Güte! – kommt ihnen eine gewaltige Woge aus heulenden Hunden entgegen… Ach, die Schafe habe ich ganz vergessen. Und auch die Hühner. Obwohl von denen jetzt nicht mehr viel übrig sein dürfte…« Er sah William an. »Gibt es da irgendetwas, das du mir mitteilen möchtest?«, fragte er., »Äh… wir hatten ein kleines Problem…« »Im Ernst? Bei den Göttern! Erzähl mir davon!« »Die Hunde erschraken, als Herr Chriek ein Bild von ihnen anfertig- te«, sagte William. Das stimmte durchaus. Dunkles Licht war schon dann erschreckend genug, wenn man wusste, was passieren würde. Mumm starrte Otto an, der unglücklich zu Boden sah. »Nun«, sagte Mumm, »soll ich euch was verraten? Heute wird ein neuer Patrizier gewählt…« »Wer?«, fragte William. »Ich weiß es nicht«, erwiderte Mumm. Sacharissa putzte sich die Nase. »Es wird Herr Pirsch sein, von den Schuhmachern und Lederarbeitern.« Mumm richtete einen argwöhnischen Blick auf William. »Woher weißt du das?« »Alle wissen es«, antwortete Sacharissa. »Das hat mir heute Morgen der junge Mann in der Bäckerei gesagt.« »Oh, was würden wir nur ohne Gerüchte anfangen?«, fragte Mumm. »Nun, Herr de Worde, heute ist kein geeigneter Tag dafür, dass irgend- welche Dinge schief gehen. Meine Männer reden mit einigen Personen, die Hunde hierher brachten. Nicht mit vielen von ihnen, das muss ich zugeben. Die meisten wollen nicht mit der Wache sprechen. Der Grund dafür ist mir ein Rätsel; immerhin sind wir gute Zuhörer. Gibt es jetzt etwas, das du mir mitteilen möchtest?« Mumm sah sich im Raum um und richtete den Blick dann wieder auf William. »Alle sehen dich an, wie ich feststelle.« »Die Times braucht keine Hilfe von der Wache«, sagte William. »Ich hatte dabei nicht an Hilfe gedacht.« »Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen.« »Darüber befinde ich.« »Ach? Das ist ein interessanter Standpunkt.« Mumm senkte den Blick – William hatte sein Notizbuch hervorge- holt. »Oh«, sagte er. »Ich verstehe.« Er griff nach seinem Gürtel und zog einen Gegenstand aus Holz dahinter hervor., »Weißt du, was das ist?«, fragte er. »Ein Schlagstock«, erwiderte William. »Ein Knüppel.« »Immer das letzte Mittel«, fuhr Mumm ruhig fort. »Rosenholz und Silber aus Llamedos, eine ausgezeichnete Arbeit. Und auf diesem klei- nen Schild steht, dass ich den Frieden bewahren soll, und du, Herr de Worde, wirst dabei immer mehr zu einem Problem.« Ihre Blicke trafen sich. »Womit war Lord Vetinari kurz vor dem… Zwischenfall beschäf- tigt?«, fragte William so leise, dass wahrscheinlich nur Mumm ihn hörte. Der Kommandeur blinzelte nicht einmal. Nach einigen Sekunden leg- te er den Schlagstock auf den Schreibtisch. Das Klacken schien unna- türlich laut zu sein. »Steck dein Notizbuch ein, Junge«, sagte er und senkte die Stimme. »Nur wir beide – ohne irgendwelche Buchstaben, die für weitere Unru- he sorgen.« Diesmal erkannte William den Pfad der Klugheit ganz deutlich. Er steckte sein Notizbuch ein. »In Ordnung«, sagte Mumm. »Und jetzt ziehen wir beide uns in die Ecke dort zurück, während deine Freunde aufräumen. Es ist erstaun- lich, wie viele Möbel zertrümmert werden können, weil jemand ein Bild aufnimmt.« Er ging einige Schritte und nahm auf der umgedrehten Waschwanne Platz. William musste sich mit einem Schaukelpferd begnügen. »Na schön, Herr de Worde, gehen wir auf deine Weise vor«, sagte Mumm. »Ich wusste gar nicht, dass ich eine habe.« »Du willst mir nicht sagen, was du weißt?« »Ich bin mir nicht sicher, was ich weiß«, erwiderte William. »Aber ich… glaube… Lord Vetinari befasste sich kurz vor dem Verbrechen mit einer wichtigen Sache.« Mumm holte sein eigenes Notizbuch hervor und blätterte darin. »Er erreichte den Palast vom Stall her, vor sieben Uhr, und schickte den Wächter fort«, sagte der Kommandeur., »War er die ganze Nacht unterwegs?« Mumm zuckte mit den Schultern. »Seine Exzellenz kommt und geht. Die Wächter erwarten keine Erklärungen von ihm. Haben sie mit dir gesprochen?« Diese Frage überraschte William keineswegs, aber er hatte keine Ant- wort. Die ihm bekannten Angehörigen der Palastwache zeichneten sich nicht unbedingt durch Einfallsreichtum oder Flair aus. Sie wurden vielmehr wegen einer speziellen Art von obstruktiver Loyalität ausge- wählt, was kein Indiz für einen potentiellen Tiefen Knochen war. »Ich glaube nicht«, sagte William. »Oh, du glaubst es nicht?« Augenblick… Tiefer Knochen hatte behauptet, den Hund Wuffel zu kennen, und ein Hund sollte wissen, wann sich sein Herrchen seltsam benahm. Hunde mochten Routine… »Ich halte es für sehr ungewöhnlich, dass sich seine Exzellenz zu die- sem Zeitpunkt außerhalb des Palastes aufgehalten hat«, sagte William vorsichtig. »Das ist nicht Teil der üblichen… Routine.« »Es dürfte auch nicht üblich sein, den Sekretär niederzustechen und zu versuchen, mit einem sehr schweren Geldsack zu entkommen«, sagte Mumm. »Ja, wir haben es ebenfalls bemerkt. Wir sind nicht dumm. Wir sehen nur dumm aus. Oh… und der Wächter meinte, Lord Vetinaris Atem hätte nach Alkohol gerochen.« »Trinkt der Patrizier?« »Nicht dass ich wüsste.« »Er hat einen Getränkeschrank in seinem Büro.« Mumm lächelte. »Das ist dir aufgefallen? Er sieht gern dabei zu, wie andere Leute trinken.« »Vielleicht hat er sich Mut angetrunken, um…«, begann William und unterbrach sich. »Nein, so etwas ist nicht typisch für Vetinari. Er gehört nicht zu dieser Sorte.« »Nein, er gehört tatsächlich nicht dazu«, sagte Mumm und lehnte sich zurück. »Vielleicht solltest du… noch einmal nachdenken, Herr de Wor-, de. Vielleicht… findest du jemanden, der dir dabei hilft, besser nachzu- denken.« Etwas in seinem Gebaren deutete darauf hin, dass der inoffizielle Teil des Gesprächs vorüber war. »Was weißt du über Herrn Pirsch?«, fragte William. »Tuttel Pirsch? Sohn des alten Tuskin Pirsch«, sagte Mumm. »Seit sie- ben Jahren Oberhaupt der Gilde der Schuster und Lederarbeiter. Fami- lienvater. Ein alteingesessener Laden in der Winkelzuggasse.« »Das ist alles?« »Herr de Worde, das ist alles, was die Wache über Herrn Pirsch weiß. Verstehst du? Du möchtest sicher nicht von einigen Leuten erfahren, über die wir viel mehr wissen.« »Ah.« William runzelte die Stirn. »Aber in der Winkelzuggasse gibt es kein Schuhgeschäft.« »Ich habe nie Schuhe erwähnt.« »Der einzige Laden, der dort irgendetwas mit Leder zu tun hat…« »Genau der«, sagte Mumm. »Aber dort verkaufen sie…« »Es lässt sich der Kategorie Lederwaren zuordnen«, meinte Mumm und griff nach dem Schlagstock. »Nun, ja… und Dinge aus Gummi und… Federn… und Peitschen… und… kleine wackelnde Dinge«, sagte William und errötete. »Aber…« »Ich bin selbst nie in dem Laden gewesen, aber ich glaube, Korporal Nobbs bekommt den Katalog«, meinte Mumm. »Soweit ich weiß, gibt es keine Gilde für die Hersteller kleiner wackelnder Dinge, aber es ist eine interessante Vorstellung. Wie dem auch sei: Mit Herrn Pirsch ist alles in bester Ordnung, Herr de Worde. Nette alte Familienatmosphä- re, wie ich hörte. Macht den Erwerb von… diesem und jenem und kleinen wackelnden Dingen… so angenehm wie den Kauf eines Pfunds Humbug. Und die Gerüchte teilen mir mit, dass die erste Amtshandlung von Herrn Pirsch darin bestehen wird, Lord Vetinari zu begnadigen.« »Was? Ohne Verfahren?«, »Sehr zuvorkommend, nicht wahr?«, erwiderte Mumm mit schreckli- cher Fröhlichkeit. »Ein guter Anfang der neuen Regierungszeit. Ein sauberer Beginn, unbelastet von allen Unerfreulichkeiten. Armer Kerl. Ständiger Stress. Musste früher oder später überschnappen. Kam nicht oft genug an die frische Luft. Und so weiter. Bringt ihn an einem hüb- schen, stillen Ort unter, dann vergessen wir diese ganze unerquickliche Angelegenheit. Ist eine Erleichterung für alle.« »Aber du weißt doch, dass er…« »Weiß ich das?«, fragte Mumm. »Dies ist ein offizieller Schlagstock, Herr de Worde. Wenn wir ihn für einen Knüppel mit einem Nagel drin hielten, wäre dies eine andere Stadt. Ich gehe jetzt. Du hast gesagt, dass du nachgedacht hast. Vielleicht solltest du noch etwas mehr nachden- ken.« William sah dem Kommandeur nach, als dieser den Schuppen verließ. Sacharissa hatte sich inzwischen wieder in der Gewalt, möglicherweise deshalb, weil niemand mehr versuchte, sie zu trösten. »Was unternehmen wir jetzt?«, fragte sie. »Keine Ahnung. Ich schätze, wir bringen die Zeitung heraus. Das ist unser Job.« »Aber was passiert, wenn die beiden schrecklichen Männer zurück- kommen?« »Ich bezweifle, dass sie sich noch einmal hier blicken lassen. Dieser Ort wird jetzt überwacht.« Sacharissa begann, Blätter und Zettel vom Boden aufzuheben. »Ich fühle mich bestimmt besser, wenn ich etwas zu tun habe…« »Das ist die richtige Einstellung.« »Wenn du einen kurzen Artikel über das Feuer schreibst…« »Otto hat ein gutes Bild aufgenommen«, sagte William. »Das stimmt doch, Otto?« »Oh, ja. Ein gutes Bild, ja. Aberr…« Der Vampir starrte auf einen zerbrochenen Ikonographen. »Oh, tut mir Leid«, sagte William., »Ich habe noch anderre.« Otto seufzte. »Weißt du, ich habe gedacht, in derr grroßen Stadt wärre es einfacherr«, fuhr er fort. »Ich dachte, hierr wärre alles zivilisierrterr. Ich hörrte, dass sich hierr keine grroßen Menschenmengen einfinden, um mit Heugabeln überr einen Vampirr herrzufallen, so wie im überrwaldischen Schüschien. Ich meine, ich gebe mirr Mühe. Die Götterr wissen, dass ich mirr Mühe gebe. Drrei Monate, vierr Tage und sieben Stunden bin ich jetzt abstinent. Ich habe alles aufgegeben und überrwunden! Selbst die blassen Frrauen mit den Spitzenkleiderrn und den kleinen, ihrr wisst schon, hochhackigen Stie- feln. Und das fiel mirr sehrr schwerr, ich geb’s gerrn zu…« Kummer- voll schüttelte er den Kopf und blickte auf sein ruiniertes Hemd. »Und Dinge sind zerrbrrochen, und jetzt ist mein bestes Hemd mit… Blut… bedeckt. Die Flecken… sie bestehen aus rrotem… rrotem Blut… aus rrotem, leckerrem Blut… Blut… Blutflecken… viele Flecken aus Blut…« »Schnell!«, stieß Sacharissa hervor und schob sich an William vorbei. »Halt seine Arme fest, Herr Gutenhügel!« Sie winkte den Zwergen zu. »Ich habe das kommen sehen! Zwei von euch halten seine Beine! Dö- sig, in der Schublade meines Schreibtisches liegt eine große Blutwurst!« »… Lasst mich im Sonnenschein gehen, auf dass nie wiederr finstrre Dinge ich muss sehen…«, sang Otto. »Meine Güte, seine Augen glühen rot!«, sagte William. »Was sollen wir jetzt machen?« »Wie wär’s, wenn wir ihm noch einmal den Kopf abschneiden?«, schlug Boddony vor. »Das war ein armseliger Witz!«, erwiderte Sacharissa scharf. »Witz? Habe ich vielleicht gelächelt?« Otto stand auf, und fluchende Zwerge hingen an seinem dürren Leib. »In schrrecklicherr Nacht und bei wilden Gewitterrn, wirr kämpfen gegen des Bö- sen Macht, damit niemand muss mehrr zitterrn…« »Er ist so stark wie ein Ochse!«, ächzte Gutenhügel. »Vielleicht hilft es, wenn wir mitsingen!« Sacharissa kramte in ihrer Handtasche und holte eine dünne blaue Broschüre hervor. »Das habe ich mir heute Morgen bei der Mission am Schlachthofweg besorgt. Es ist ihr Liederbuch! Und…« Sie begann wieder zu schniefen., »Und es ist so traurig, der Titel lautet ›Im Sonnenschein gehen‹, und es…« »Wir sollen singen?«, fragte Gutenhügel, als ihn der zitternde Otto hochhob. »Um ihm moralische Unterstützung zu geben!« Sacharissa betupfte sich die Augen mit einem Taschentuch. »Ihr seht ja, wie sehr er sich bemüht! Und er hat sein Leben für uns geopfert!« »Um anschließend sofort mit einem neuen zu beginnen!« William bückte sich und zog etwas aus den Überbleibseln des Iko- nographen. Der Kobold war entkommen, doch das von ihm gemalte Bild war zu erkennen. Vielleicht zeigte es… Es war keine besonders gute Aufnahme des Mannes namens Bruder Nadel: Das Gesicht war nur ein weißer Fleck im grellen Licht, das Men- schen nicht sehen konnten. Doch die Schatten hinter ihm… William sah genauer hin. »Bei den Göttern…« Die Schatten hinter Bruder Nadel lebten. Bruder Nadel und Schwester Tulpe glitten und rutschten durch den Schneeregen. Pfiffe erklangen in der Düsternis hinter ihnen. »Komm!«, rief Nadel. »Diese …ten Säcke sind schwer!« Jetzt kamen auch Pfiffe von der einen Seite. An so etwas war Herr Nadel nicht gewöhnt. Wächter sollten weder eifrig noch organisiert sein. Er wurde nicht zum ersten Mal verfolgt – manchmal funktionier- ten die Pläne nicht richtig. Wenn das passierte, bestand die Aufgabe der Wächter darin, an der zweiten Ecke außer Atem zu geraten und auf- zugeben. Zorn quoll in ihm empor. Diese Wächter machten es falsch. Er bemerkte einen offenen Bereich neben sich, voller feuchter, da- hinwirbelnder Flocken. Von weiter unten kam eine Art phlegmatisches Saugen; es klang nach einer sehr schlechten Verdauung. »Dies ist eine Brücke!«, rief Herr Nadel. »Wirf sie in den Fluss!« »Ich dachte, wir wollten den Hund finden und…«, »Es spielt keine Rolle mehr! Wir werden sie alle los! Jetzt sofort! Da- mit wäre das Problem gelöst!« Schwester Tulpe brummte eine Antwort und stoppte am Geländer. Die beiden heulenden und jaulenden Säcke verschwanden in der Tiefe. »Klang das etwa wie ein …tes Platschen?«, fragte Schwester Tulpe und starrte durch den Schneeregen. »Wen kümmert’s? Lauf jetzt!« Herrn Nadel schauderte es, als er weiterlief. Er wusste nicht, was im Schuppen geschehen war, aber er hatte das Gefühl, über sein eigenes Grab gewandert zu sein. Er glaubte sich nicht nur von Wächtern verfolgt und beschleunigte. In widerstrebender, aber wundervoller Harmonie – niemand konnte besser singen als eine Gruppe von Zwergen, selbst wenn das Lied »Darf ich reines Wasser saugen?«* hieß – bemühten sich Gutenhügel und die anderen, Otto zu beruhigen. Inzwischen war die grässliche Notfall-Blutwurst geholt worden. Für einen Vampir war sie wie eine Zigarette aus Pappe für einen hoffnungs- los Nikotinsüchtigen, aber wenigstens war sie etwas, in das Otto hin- einbeißen konnte. Als William schließlich den Blick vom Grauen der Schatten abwandte, wischte Sacharissa Otto die Stirn ab. »Oh, errneut schäme ich mich so sehrr, wo kann ich mich verrste- cken…« William hob das Bild. »Was hat dies zu bedeuten, Otto?« In den Schatten zeigten sich schreiende Münder und weit aufgerissene Augen. Sie bewegten sich nicht, während man sie beobachtete, aber wenn man erneut auf das Bild sah, schien es, als befänden sich die Münder und Augen nicht an der gleichen Stelle wie zuvor. Otto zitterte. »Oh, ich habe alle Landaale, eingesetzt«, sagte er. »Und?« * Unter anderen Umständen wäre dies ebenso wahrscheinlich gewesen wie Kühe, die ›Ich möchte mit köstlicher Bratensoße bedeckt werden‹ singen., »Das sieht schrecklich aus«, hauchte Sacharissa und wandte sich von den gequälten Schatten ab. »Ich fühle mich so errbärrmlich«, sagte Otto. »Offenbarr warren sie zu starrk…« »Heraus damit, Otto!« »Nun… derr Ikonogrraph lügt nicht, das weißt du doch?« »Natürlich.« »Nun… bei starrkem dunklen Licht lügt das Bild wirrklich nicht. Dunkles Licht zeigt den dunklen Augen des Geistes die Wahrrheit…« Er zögerte und seufzte. »Oh, und wiederr kein unheilvolles Don- nerrgrrrollen, wie schade. Aber ihrr könntet wenigstens besorrgt in die Schatten sehen.« Die Blicke aller Anwesenden wandten sich den Schatten zu, in den Ecken des Schuppens und unterm Dach. Dort gab es nichts Gespensti- scheres als Staub und Spinnen. »Aber da gibt es doch nur Staub und…«, begann Sacharissa. Otto hob die Hand. »Liebe Dame… Ich habe gerrade darrauf hinge- wiesen. Philosophisch betrrachtet kann die Wahrrheit das sein, was metaphorrisch existierrt…« William betrachtete das Bild erneut. »Ich hoffte, mit Filterrn die unerrwünschten Nebenwirrkungen elimi- nierren zu können«, sagte Otto hinter ihm. »Aberr bisherr ist es mirr nicht gelungen…« »Dies wird immer schlimmer«, ließ sich Sacharissa vernehmen. »Die Sache gefällt mir noch weniger als das komische Gemüse.« Gutenhügel schüttelte den Kopf. »Dies ist unheiliger Kram«, sagte er. »Hör auf, damit herumzuspielen, verstanden?« »Ich dachte, Zwerge sind nicht religiös«, meinte William. »Das sind wir auch nicht«, erwiderte Gutenhügel. »Aber wir können Unheiliges erkennen, wenn wir es sehen. Dieses… Drucken der Dun- kelheit muss aufhören!« William schnitt eine Grimasse. Es zeigt die Wahrheit, dachte er. Aber wie sollen wir die Wahrheit deuten, wenn wir sie sehen? Die ephebiani-, schen Philosophen glauben, dass ein Hase nicht schneller ist als eine Schildkröte, und sie können es sogar beweisen. Ist das die Wahrheit? Ein Zauberer sagte einmal, alles bestünde aus kleinen Zahlen, die so schnell hin und her sausen, dass sie zu Dingen werden. Stimmt das? Ich glaube, viele Ereignisse der vergangenen Tage sind nicht das, was sie zu sein scheinen, und ich weiß nicht, warum ich das glaube, aber ich glaube, es entspricht nicht der Wahrheit… »Ja, Schluss mit diesen Dingen, Otto«, sagte er. »Da hast du verdammt Recht«, sagte Gutenhügel. »Ich schlage vor, wir kehren zur Normalität zurück und bringen eine Zeitung heraus.« »Meinst du die Normalität, in der irre Priester Hunde einsammeln, oder die andere, in der Vampire mit bösen Schatten herumpfuschen?«, fragte Gowdie. »Ich meine die Normalität davor«, sagte William. »Oh, ich verstehe. Du meinst, wie damals«, entgegnete Gowdie. Nach einer Weile wurde es still im Raum, bis auf ein gelegentliches Schniefen vom anderen Schreibtisch. William schrieb eine Geschichte über das Feuer. Das war leicht. An- schließend versuchte er, eine vernünftig klingende Geschichte über die jüngsten Ereignisse zu schreiben, doch dabei kam er nicht über das erste Wort hinaus. Auf dem Papier stand »Die«. Ein eindeutiger Artikel. Das Problem bestand darin, dass alle anderen eindeutigen Dinge ziem- lich übel waren. Er hatte was beabsichtigt? Es ging ihm darum, die Leute zu informie- ren, und bei gewissen Informationen ließ es sich nicht vermeiden, ge- wisse Leute zu verärgern. Doch gar nichts zu bewirken… Damit hatte William nicht gerechnet. Die Zeitung erschien, und es spielte keine Rolle. Die Leute akzeptierten einfach alles. Wo lag der Sinn darin, eine weitere Geschichte über den Vetinari-Fall zu schreiben? Nun, es ging dabei um viele Hunde, und Geschichten über Tiere brachten Menschen immer großes Interesse entgegen. »Was hast du erwartet?«, fragte Sacharissa. Sie schien seine Gedanken zu erraten. »Hast du etwa geglaubt, die Bewohner der Stadt würden, durch die Straßen marschieren? Soweit ich gehört habe, erfreut sich Vetinari keiner großen Beliebtheit. Viele sind der Ansicht, dass er es verdient, hinter Schloss und Riegel zu sitzen.« »Willst du etwa behaupten, die Leute seien nicht an der Wahrheit inte- ressiert?« »Weißt du, für die meisten Leute ist es wahr, dass sie Geld brauchen, um am Ende des Monats ihre Miete zu bezahlen. Nimm nur Ron und seine Freunde. Was bedeutet ihnen die Wahrheit? Sie wohnen unter einer Brücke!« Sie hob ein Blatt liniertes Papier, bis zum Rand gefüllt mit der sorgfäl- tigen Handschrift einer Person, für die es ungewohnt war, einen Stift in der Hand zu halten. »Dies ist der Bericht von der Jahreshauptversammlung des Vereins für die Käfigvögel in Ankh-Morpork«, sagte Sacharissa. »Er betrifft ganz gewöhnliche Leute, deren Hobby es ist, Kanarienvögel und so zu züchten. Der Vorsitzende wohnt direkt neben mir, deshalb hat er mir das hier gegeben. Diese Dinge sind ihm wichtig! Aber es ist alles furchtbar langweilig. Es geht um die besten Zuchtergebnisse und um einige Änderungen der Ausstellungsregeln für Papageien, die zwei Stunden lang diskutiert wurden. Doch die Diskussionsteilnehmer sind Leute, die den größten Teil des Tages damit verbringen, Fleisch zu ha- cken oder Holz zu sägen. Leute, deren unbedeutendes Dasein von an- deren Personen bestimmt wird. Sie haben keinen Einfluss darauf, wer die Stadt regiert, aber sie können festlegen, dass Kakadus nicht mit Pa- pageien zusammen gezeigt werden. Es ist nicht ihre Schuld. So sind die Dinge nun einmal. Warum sitzt du so da und starrst mich mit offenem Mund an?« William schloss den Mund. »Na, schön, ich verstehe…« »Nein, das bezweifle ich«, erwiderte Sacharissa scharf. »Ich habe in Twurps Adelsverzeichnis nachgesehen. Deine Familie brauchte sich nie wegen der kleinen Dinge Sorgen zu machen. Einige deiner Verwandten gehören zu den Leuten, welche die eigentlich wichtigen Entscheidun- gen treffen. Die Zeitung… Sie ist nur ein Hobby für dich. Oh, du glaubst daran, ja, aber wenn alles schief geht, hast du trotzdem Geld., Ich nicht. Ich bin bereit, sie mit Altigkeiten zu füllen, wie du es abfällig nennst, wenn wir sie dadurch weiterhin verkaufen können.« »Ich habe kein Geld! Ich muss mir meinen Lebensunterhalt verdie- nen!« »Ja, aber du konntest wählen! Außerdem sehen es Aristokraten nicht gern, wenn andere feine Pinkel Hunger leiden. Sie besorgen ihnen ir- gendeinen dummen Job und bezahlen ihnen ein hohes Gehalt…« Sacharissa unterbrach sich, schnappte nach Luft und strich sich die Haare aus den Augen. Dann beobachtete sie ihn wie jemand, der die Lunte angezündet hat und sich fragt, wie laut der Knall sein mag. William öffnete den Mund, formte ein Wort und zögerte. Er versuch- te es erneut. Schließlich brachte er heiser hervor: »Du hast mehr oder weniger Recht…« »Das nächste Wort ist bestimmt ein ›aber‹, da bin ich ganz sicher«, sagte Sacharissa. William merkte, dass ihn die Drucker beobachteten. »Ja, das stimmt…« »Aha!« »Aber es ist ein großes Aber. Ich meine es ernst. Es ist wichtig! Jemand muss sich um die… große Wahrheit kümmern. Vetinaris Tätigkeit be- stand vor allem darin, nicht viel Unheil anzurichten. Es gab andere Herr- scher, die vollkommen verrückt waren und sehr scheußliche Dinge an- stellten. Und das liegt noch gar nicht so lange zurück. Vetinari mag nicht sehr beliebt sein, aber heute Morgen habe ich mit jemandem ge- frühstückt, der weitaus schlimmer wäre, wenn er die Stadt regieren könnte. Und was geschieht, ist falsch. Und was die verdammten Papa- geienfreunde betrifft… Wenn sie sich nur um irgendwelche Vögel in Käfigen kümmern, wird irgendwann jemand an die Macht kommen, der sie an ihren Wellensittichen ersticken lässt. Möchtest du das? Wenn wir uns nicht bemühen, bekommen die Leute nur dumme Geschichten über sprechende Hunde und ›Elfen haben meinen Hamster verspeist‹ und dergleichen – und deshalb bitte ich dich, mir keine Vorträge dar- über zu halten, was wichtig ist und was nicht, verstanden?« Sie starrten sich gegenseitig an., »Sprich nicht in einem solchen Ton mit mir.« »Sprich du nicht in einem solchen Ton mit mir.« »Wir haben nicht genug Anzeigen«, sagte Sacharissa. »Der Kurier bringt große Inserate von allen wichtigen Gilden. Damit kommen wir weiter. Nicht mit Artikeln darüber, wie viel Gold wiegt.« »Was erwartest du in diesem Punkt von mir?« »Sorg dafür, dass wir mehr Anzeigen bekommen!« »Das ist nicht mein Job!«, rief William. »Aber du könntest deinen Job damit retten! Wir bekommen nur Kleinanzeigen für einen Cent pro Zeile, von Leuten, die Prothesen und Heilmittel für Rückenschmerzen verkaufen wollen!« »Na und? Viele Cents ergeben Dollars.« »Möchtest du, dass wir bekannt werden als die Zeitung, die für ortho- pädische Schuhe wirbt?« »Äh… entschuldigt bitte, aber bringen wir eine Ausgabe heraus?«, fragte Gutenhügel. »Ich will nicht behaupten, dass wir keinen Gefallen an dieser Sache finden, aber die Farbe braucht mehr Zeit.« William und Sacharissa sahen sich um. Sie waren das Zentrum der all- gemeinen Aufmerksamkeit. »Ich weiß, dass es dir viel bedeutet«, sagte Sacharissa und senkte dabei die Stimme. »Ich meine den politischen Kram und so. Aber für diese Angelegenheit ist die Wache zuständig, nicht wir. Das wollte ich nur sagen.« »Sie kommt mit ihren Ermittlungen nicht weiter. Ich glaube, darauf wollte mich Mumm hinweisen.« Sacharissa sah in Williams erstarrte Miene. Zu seiner großen Überra- schung beugte sie sich vor und klopfte ihm auf die Hand. »Vielleicht hast du doch etwas bewirkt.« »Ha!« »Nun, vielleicht wird Vetinari begnadigt, weil man sich Sorgen um dich macht.« »Ha! Und überhaupt: Wen meinst du mit ›man‹?«, »Nun, du weißt schon… Sie. Die Leute ganz oben. Sie bemerken Din- ge. Vermutlich lesen sie die Zeitung.« William lächelte matt. »Morgen besorgen wir uns jemanden, der An- zeigen einholt«, sagte er. »Es kann sicher nicht schaden, wenn wir Hilfe bekommen. Äh… ich vertrete mir jetzt ein wenig die Beine«, fügte er hinzu. »Und ich hole dir den Schlüssel.« »Welchen Schlüssel?« »Möchtest du ein Kleid für den Ball?« »Oh. Ja. Danke.« »Und ich glaube nicht, dass diese Männer zurückkommen«, sagte Wil- liam. »Und dann kehre ich heim, um dir den Schlüssel zu holen, und dann… spreche ich mit jemandem über einen Hund.« Die Neue Firma stürmte durch die Tür der leeren Villa und verriegelte sie hinter sich. Herr Tulpe riss sich die Braut-der-Unschuld-Verkleidung vom Leib und warf sie zu Boden. »Ich habe dir gesagt, dass …te intelligente Pläne nicht funktionieren!«, stieß er hervor. »Ein Vampir«, sagte Herr Nadel. »Dies ist eine kranke Stadt.« »Was hat der …te Bursche mit uns angestellt?« »Er hat eine Art Bild aufgenommen«, antwortete Herr Nadel. Er schloss für einige Sekunden die Augen; sein Kopf schmerzte. »Nun, ich war verkleidet«, sagte Herr Tulpe. Herr Nadel zuckte mit den Schultern. Selbst mit einem Eimer über dem Kopf, der vermutlich nach einigen Sekunden korrodieren würde, hätte man Herrn Tulpe wieder erkannt. »Ich glaube, das nützt dir nicht viel«, sagte er. »Ich hasse …te Bilder«, knurrte Herr Tulpe. »Erinnerst du dich an Mouldawien? An die Plakate? Es ist schlecht für die Gesundheit, wenn man die eigene …te Visage überall an der Wand sieht und darunter die Worte ›Tot oder lebendig‹, als könnten sie sich nicht entscheiden…«, Herr Tulpe holte einen kleinen Beutel hervor, der angeblich erstklas- siges Schmuddel enthielt. In Wirklichkeit war es Zucker und zerriebe- ner Taubenkot. »Wie dem auch sei: Bestimmt haben wir den …ten Hund erledigt«, brummte er. »Wir können nicht sicher sein«, sagte Herr Nadel. Er verzog das Ge- sicht – die Kopfschmerzen wurden immer schlimmer. »Hör mal, wir haben unsere Arbeit erledigt«, sagte Herr Tulpe. »Ich erinnere mich nicht daran, dass uns jemand auf …te Werwölfe und Vampire hingewiesen hat. Das ist ihr …tes Problem! Ich schlage vor, wir murksen den Narren ab, nehmen das Geld und verschwinden nach Pseudopolis oder sonstwohin!« »Du meinst, du willst aus dem Kontrakt aussteigen?« »Ja, wenn er …tes Kleingedrucktes enthält, das man überhaupt nicht sehen kann!« »Jemand wird Charlie erkennen. Hier scheint es den Toten schwer zu fallen, tot zu bleiben.« »Überlass das mir«, bot sich Tulpe an. Herr Nadel kaute auf seiner Lippe. Er wusste besser als Herr Tulpe, dass man in ihrem Geschäft einen gewissen… Ruf brauchte. Man schrieb keine Dinge auf, aber sie sprachen sich herum. Die Neue Firma bekam es manchmal mit sehr ernsten Spielern zu tun, und es gab Leute, die sehr darauf achteten, was sich herumsprach… Aber Herr Tulpe hatte nicht ganz Unrecht. Diese Stadt forderte seine Sensibilität heraus. Vampire und Werwölfe… Damit konfrontiert zu werden, widersprach den Spielregeln. Es war praktisch Mogeln. Ja… Es gab mehr als nur eine Möglichkeit, einen guten Ruf zu wahren… »Ich glaube, wir sollten dem Anwalt die eine oder andere Sache erklä- ren«, sagte er langsam. »Ja!«, pflichtete ihm Herr Tulpe bei. »Und dann reiße ich ihm den Kopf ab.« »Damit tötest du keinen Zombie!«, »Gut. Dann kann er wenigstens sehen, wohin ich ihm das… Ding stecke.« »Und anschließend… statten wir der Zeitung einen weiteren Besuch ab. Wenn’s dunkel ist.« Um das Bild zu holen, dachte er. Das war ein guter Grund. Einen sol- chen Grund konnte man der Welt mitteilen. Aber es gab noch einen anderen. Die… jähe Flut aus Dunkelheit hatte Herrn Nadel bis in seine verschrumpelte Seele entsetzt. Viele Erinnerungen waren zurückge- kehrt. Alle zusammen. Herr Nadel hatte sich viele Feinde gemacht, doch bisher war er des- wegen nicht besorgt gewesen, denn sie weilten alle im Jenseits. Aber das dunkle Licht hatte seltsamen Zweifel in seinem Selbst gesät. Plötzlich fragte er sich, ob seine Feinde wirklich ganz aus diesem Universum verschwunden waren. Hatten sie sich vielleicht nur in weite Ferne zu- rückgezogen, an einen Ort, von dem aus sie ihn beobachteten? Und möglicherweise war dieser Ort nur aus seiner Perspektive gesehen weit entfernt, während sie sich nur ein wenig vorbeugen mussten, um ihn zu berühren. Was er nicht aussprach, was er nicht einmal Herrn Tulpe sagte, ließ sich mit folgenden Worten zum Ausdruck bringen: Sie brauchten das ganze Geld dieses Jobs, denn die Dunkelheit hatte ihm gezeigt, dass es Zeit wurde, sich in den Ruhestand zurückzuziehen. Mit Theologie kannte sich Herr Nadel nicht besonders gut aus, ob- gleich er zusammen mit Herrn Tulpe einige der besser ausgestatteten Tempel und Kapellen besucht hatte – bei einer Gelegenheit waren sie mit dem Auftrag gekommen, einen Hohepriester umzubringen, der so dumm gewesen war, Frank »Spinner« Nimmschnell hereinzulegen. Die wenigen Dinge, die sich dabei in ihm festgesetzt hatten, ließen es ihm nun angeraten erscheinen, diesem Thema mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Er dachte daran, den Hinterbliebenen ein wenig Geld zu schicken oder einige der gestohlenen Objekte zurückzugeben. Vielleicht begann er sogar damit, Dienstags kein Fleisch zu essen, oder was auch immer man tun beziehungsweise nicht tun musste. Möglicherweise fühlte sich sein Kopf dann nicht mehr so an, als wäre er hinten aufge- schraubt., Herr Nadel wusste auch, dass er dies alles auf später verschieben musste. Derzeit ließ ihnen der besondere Ehrenkodex nur zwei Mög- lichkeiten: Sie konnten Schrägs Anweisungen buchstäblich befolgen, was bedeutete, dass sie sich ihren Ruf von Tüchtigkeit und Effizienz bewahrten; oder sie murksten Schräg ab, vielleicht auch noch einige andere, und legten anschließend beim Verlassen der Stadt hier und dort Feuer. Auch solche Dinge sprachen sich herum. Die Leute würden er- kennen, wie sauer sie gewesen waren. »Aber zuerst…« Herr Nadel unterbrach sich und fügte mit erstickter Stimme hinzu: »Steht jemand hinter mir?« »Nein«, sagte Herr Tulpe. »Ich dachte, ich hätte… Schritte gehört.« »Außer uns ist niemand hier.« »Gut.« Herr Nadel schauderte, strich dann seine Jacke glatt und mus- terte Herrn Tulpe von Kopf bis Fuß. »Du solltest ein wenig mehr auf Sauberkeit achten. Meine Güte, du hinterlässt praktisch eine Spur aus Staub!« »Ich werde schon damit fertig«, erwiderte Herr Tulpe. »Dieses Zeug macht mich wachsam und immer bereit.« Nadel seufzte. Herr Tulpe setzte erstaunliches Vertrauen in den Inhalt der nächsten Tüte, woraus auch immer er bestehen mochte. Vermutlich handelte es sich um Katzenflohpulver, verschnitten mit Schuppen. »Gewalt funktioniert bei Schräg nicht«, sagte er. Herr Tulpe ließ die Fingerknöchel knacken. »Gewalt funktioniert im- mer«, entgegnete er. »Nein. Jemand wie er ist sehr stark, in jeder Hinsicht.« Nadel klopfte auf seine Jacke. »Es wird Zeit, dass Herr Schräg meinen kleinen Freund kennen lernt.« Ein Brett knallte auf die verkrustete Oberfläche des Ankh. Arnold Seitwärts verlagerte vorsichtig sein Gewicht, biss fest ins Seil und ließ sich auf die Planke hinab. Sie sank ein wenig tiefer in die breiige Masse,, schwamm aber weiterhin – wenn man in diesem Zusammenhang wirk- lich von »schwimmen« reden konnte. Etwa anderthalb Meter entfernt hatte der erste in den Fluss geworfe- ne Sack eine Mulde hinterlassen, die sich allmählich mit Wasser füllte – falls man wirklich von »Wasser« reden konnte. Seitwärts erreichte er das Ende des Bretts, und es gelang ihm, auch den zweiten Sack mit dem Lasso einzufangen. Er bewegte sich. »Er hat ihn!«, rief der Entenmann, der unter der Brücke stand und al- les beobachtete. »Jetzt alle ziehen!« Mit einem saugenden Geräusch löste sich der Sack aus dem Schlick, und Arnold nahm darauf Platz, als er ans Ufer gezogen wurde. »Gut gemacht, Arnold«, sagte der Entenmann, zog Seitwärts vom Sack herunter und setzte ihn in seinen Rollwagen. »Ich habe wirklich daran gezweifelt, dass dich die Oberfläche beim gegenwärtigen Stand der Gezeiten tragen würde!« »Was für ein Glück, dass mir vor all den Jahren der Karren über die Beine gefahren ist«, erwiderte Arnold Seitwärts. »Andernfalls wäre ich eben ertrunken!« Henry Husten schnitt den Sack auf, und die zweite Gruppe aus klei- nen Terriern rutschte hustend und niesend zu Boden. »Ein oder zwei der kleinen Kerle sehen ziemlich mitgenommen aus«, sagte er. »Soll ich es mit Mund-zu-Mund-Beatmung versuchen?« »Natürlich nicht, Henry«, erwiderte der Entenmann. »Hast du denn gar keine Vorstellung von Hygiene?« »Hü-was?« »Du darfst keine Hunde küssen«, sagte der Entenmann. »Sie könnten sich dadurch eine schreckliche Krankheit holen!« Die Gruppe beobachtete, wie sich die Hunde am Feuer zusammen- drängten. Arnold und die anderen fragten sich nicht, wie die Terrier in – beziehungsweise auf – den Fluss gelangt waren. Alle Arten von Din- gen landeten im Fluss. So etwas geschah ständig. Die Gruppe brachte schwimmenden Objekten großes Interesse entgegen. Aber nur selten bekam sie so viele auf einmal., »Vielleicht hat es Hunde geregnet«, spekulierte Insgesamt Ingobert, der derzeit von einer Person namens Kraus gesteuert wurde. Die Gruppe mochte Kraus. Mit ihm kam man gut zurecht. »Neulich hab ich gehört, dass dies in letzter Zeit häufig geschieht.« »Wisst ihr was?«, fragte Arnold Seitwärts. »Wir sollten… Kram su- chen, Holz und so, und daraus ein Boot bauen. Mit einem Boot könn- ten wir noch mehr Dinge sammeln.« »Ah, ja«, sagte der Entenmann. »Als Junge habe ich mal auf einem Schiff gewohnt.« »Ich habe mal in eine Wohung geschifft«, meinte Arnold. »Läuft aufs Gleiche hinaus.« »Nicht… unbedingt«, erwiderte der Entenmann. Er sah zu den damp- fenden und würgenden Hunden. »Wenn doch nur Gaspode hier wäre«, sagte er. »Er weiß, wie man ü- ber solche Dinge nachdenkt.« »Ein Glas«, sagte der Apotheker vorsichtig. »Mit Wachs versiegelt«, wiederholte William. »Und du möchtest jeweils eine Unze…« »Anisöl, Glockenblumenöl und Riechstarköl«, sagte William. »Die ersten beiden sind kein Problem«, meinte der Apotheker und sah auf die Liste, die er bekommen hatte. »Aber in der ganzen Stadt gibt es nicht eine Unze Riechstarköl. Fünfzehn Dollar kostet eine Dosis, die gerade ausreicht, um einen Stecknadelkopf zu bedecken. Wir haben genug, um einen kleinen Löffel zu füllen, und diesen Vorrat müssen wir in einem verlöteten Bleikasten aufbewahren, noch dazu unter Wasser.« »Ich nehme die Stecknadelkopf-Dosis.« »Du kannst es dir nie von den Händen waschen. Das Öl ist nicht be- stimmt für…« »In einer Flasche«, sagte William geduldig. »Mit Wachs versiegelt.« »Du wirst nicht einmal die anderen Öle riechen können! Was hast du nur damit vor?«, »Es soll eine Art Versicherung sein«, erwiderte William. »Oh, und wasch die Flasche mit Äther ab, nachdem du sie versiegelt hast. Und wasch dann auch den Äther ab.« »Willst du etwa irgendetwas Illegales damit anstellen?«, fragte der A- potheker. Er bemerkte Williams Gesichtsausdruck. »War nur eine Fra- ge«, fügte er rasch hinzu. Als er ging, um alles vorzubereiten, suchte William einige andere Ge- schäfte auf und kaufte ein Paar dicke Handschuhe. Als er zurückkam, brachte der Apotheker die Öle gerade zum Tresen. In der rechten Hand hielt er eine mit Flüssigkeit gefüllte Flasche, in der eine kleinere Phiole schwamm. »Die Flüssigkeit ist Wasser«, sagte er und zog sich Stöpsel aus der Na- se. »Bitte nimm sie ganz vorsichtig entgegen. Wenn du sie fallen lässt, können wir uns von unseren Nasennebenhöhlen verabschieden.« »Wonach riecht es?«, fragte William. »Nun, Kohl vermittelt eine ungefähre Vorstellung«, antwortete der Apotheker. »Aber das ist längst nicht alles.« Anschließend kehrte William zu seiner Unterkunft zurück. Frau Ar- kanum sah es gar nicht gern, wenn die Mieter tagsüber ihre Zimmer aufsuchten, aber William schien sich derzeit außerhalb ihres Bezugssys- tems zu befinden, und sie nickte nur, als er nach oben ging. Die Schlüssel lagen in der alten Truhe am Fußende des Bettes. Die Truhe erinnerte ihn an Huggelstein, und er hatte sie behalten, um ihr gelegentlich einen Tritt zu versetzen. Auch das Scheckbuch lag darin, und er steckte es ebenfalls ein. Das Schwert klapperte, als er es berührte. Der Schwertkampf in Huggelstein hatte ihm gefallen. Es war stets trocken, man durfte Schutzkleidung tragen, und niemand versuchte, einem das Gesicht in den Schlamm zu treten. William hatte es tatsäch- lich geschafft, zum besten Schwertkämpfer des Internats zu werden, was allerdings nicht an seinen besonderen Leistungen lag, sondern dar- an, dass sich die anderen Schüler so dumm anstellten. Bei diesem Sport verhielten sie sich so wie bei jedem anderen: Sie stürmten schreiend los und benutzten das Schwert wie eine Keule. Für William bedeutete das:, Wenn er dem ersten wilden Hieb ausweichen konnte, hatte er praktisch schon gewonnen. Er ließ das Schwert in der Truhe. Nach kurzem Nachdenken nahm er eine alte Socke und stopfte die Flasche des Apothekers hinein. Es gehörte nicht zu seinem Plan, je- manden mit Glassplittern zu verletzen. Pfefferminz! Keine schlechte Wahl, aber sie hatten nicht gewusst, was sonst noch zur Verfügung stand. Frau Arkanum glaubte sehr an den Nutzen von Tüllgardinen, denn durch sie konnte man nach draußen blicken, ohne dass jemand herein- sehen konnte. William lauerte eine Zeit lang hinter der Gardine in sei- nem Zimmer, bis er sicher sein konnte, dass der undeutliche Schemen auf den Dächern der anderen Straßenseite ein Wasserspeier war. Normalerweise gab es hier keine Wasserspeier, ebenso wenig wie in der Schimmerstraße. Er verließ seinen Platz am Fenster, ging die Treppe hinunter und dachte dabei daran, dass Wasserspeier keine Langeweile kannten. Es machte ihnen überhaupt nichts aus, tagelang an einem Ort zu verweilen und irgendetwas zu beobachten. Andererseits bewegten sie sich zwar schneller, als viele Menschen glaubten, aber sie waren nicht schneller als Menschen. William lief so schnell durch die Küche, dass er nur hörte, wie Frau Arkanum nach Luft schnappte. Dann verließ er das Haus durch den rückwärtigen Ausgang, schwang sich über die Mauer und sprintete durch die dahinter liegende Gasse. Jemand fegte dort. Für einen Augenblick fragte er sich, ob er es mit einem verkleideten Wächter zu tun hatte, vielleicht sogar mit der ge- tarnten Schwester Jennifer, aber vermutlich würde sich niemand als Gnoll verkleiden. Dazu hätte man sich zum Beispiel einen Kompost- haufen auf den Rücken schnallen müssen. Was Gnolle nicht aßen, sammelten sie wie besessen. Bisher hatte sich niemand mit diesem Phä- nomen befasst, um es zu erklären. Vielleicht war eine sorgfältig angeleg- te Sammlung aus halb verfaultem Kohl ein Indiz für den Status in der Gnoll-Gesellschaft., »‘ar’tn’n, H’rr W’rd«, krächzte das Wesen und stützte sich auf den Be- sen. »Äh… hallo… äh…« »S’n’g’k.« »Ah? Ja. Danke. Auf Wiedersehen.« Er eilte durch eine andere Gasse, überquerte die Straße und setzte den Weg durch eine weitere Gasse fort. Er wusste nicht, wie viele Wasser- speier ihn beobachteten, aber sie brauchten Zeit, um auf die andere Straßenseite zu gelangen… Woher hatte der Gnoll seinen Namen gekannt? Sie waren sich wohl kaum bei einer Party oder dergleichen begegnet. Außerdem arbeiteten die Gnolle alle für… Paul König… Nun, die Leute sagten, dass der König des Goldenen Flusses nie je- manden vergaß, der ihm Geld schuldete… William hastete weiter und nutzte dabei das Labyrinth aus schmalen Durchgängen, kleinen Höfen und dunklen Passagen so gut wie möglich aus. Eine normale Person war bestimmt nicht imstande, ihn zu verfol- gen, aber die Anwesenheit einer normalen Person hätte ihn in diesem Zusammenhang sehr überrascht. Mumm hielt sich für einen einfachen Polizisten, so wie sich Paul König für eine Art Rohdiamant hielt. Willi- am vermutete, dass die Welt übersät war mit Leuten, die sie beim Wort genommen hatten. Er wurde langsamer, stieg eine Treppe hinauf und wartete. Du bist ein Narr, sagte sein innerer Lektor. Jemand hat versucht, dich umzubringen. Du verbirgst Informationen vor der Wache. Du lässt dich mit sonderbaren Leuten ein. Was du jetzt vorhast, wird Mumm so sehr in die Nase steigen, dass es ihm den Helm hebt. Und warum? Wegen der Aufregung, dachte er. Und weil ich mich nicht benutzen lassen will. Von niemandem. Ein leises Geräusch kam vom Ende der Gasse. William hörte es nur deshalb, weil er damit gerechnet hatte. Es klang nach einem Geschöpf, das schnupperte. Er spähte durchs Halbdunkel und sah eine vierbeinige Gestalt, die zu laufen begann und die Schnauze dabei dicht an den Boden hielt., William schätzte vorsichtig die Entfernung. Die eigene Unabhängig- keit zu erklären, war eine Sache. Der Angriff auf einen Angehörigen der Wache war etwas ganz anderes. Er warf die Flasche so, dass sie etwa sechs Meter vor dem Werwolf landete. Dann sprang er von der Treppe auf eine Mauer und von dort auf das Dach eines Aborts, als das Glas in der Socke mit einem leisen »Poff!« zerbrach. Jemand jaulte. Krallen kratzten übers Kopfsteinpflaster. Vom Dach des Aborts sprang William auf eine andere Mauer, folgte mit kurzen, behutsamen Schritten ihrem Verlauf, kletterte in eine Gasse hinab und lief weiter. Er versuchte, in den Schatten zu bleiben, nahm Abkürzungen durch Gebäude und brauchte fünf Minuten, um den Mietstall zu erreichen. In dem geschäftigen Treiben dort fiel er niemandem auf. Er war nur ein weiterer Mann, der kam, um sein Pferd zu holen. In der Box, die zuvor Tiefer Knochen als Versteck gedient hatte, stand nun ein Pferd. Es starrte William über seine Schnauze hinweg an. »Dreh dich nicht um, Herr Zeitungsmann«, sagte eine Stimme hinter ihm. William betrachtete ein Erinnerungsbild, um festzustellen, was sich hinter ihm befand. Der Aufzug fürs Heu. Und Säcke mit Stroh. Genug Platz zum Verstecken. »In Ordnung«, sagte er. »Hört, hört, wie die Hunde bellen«, sagte Tiefer Knochen. »Bist du übergeschnappt?« »Ich bin auf der richtigen Spur«, erwiderte William. »Ich glaube, ich habe…« »Bist du sicher, dass dir niemand gefolgt ist?« »Korporal Nobbs war mir auf den Fersen«, sagte William. »Aber ich habe ihn abgeschüttelt.« »Ha! Bei Nobby Nobbs genügt es, um die nächste Straßenecke zu biegen!«, »Oh, nein, er folgte mir die ganze Zeit über. Ich wusste, dass mich Mumm beschatten lassen würde«, fügte William stolz hinzu. »Von Nobbs?« »Ja. Natürlich in seiner… Gestalt als Werwolf…« Na bitte. Er hatte es laut ausgesprochen. Doch heute war ein Tag für Schatten und Geheim- nisse. »In seiner Gestalt als Werwolf«, wiederholte Tiefer Knochen. »Ja. Bitte behalt es für dich.« »Korporal Nobbs«, sagte Tiefer Knochen mit der gleichen monoto- nen Stimme. »Ja. Weißt du, Mumm hat mir gesagt…« »Mumm hat dir gesagt, dass Nobby Nobbs ein Werwolf ist?« »Nun… nicht direkt. Ich habe es selbst herausgefunden, und Mumm hat mich aufgefordert, es niemandem zu verraten.« »Du sollst niemandem verraten, dass Korporal Nobbs ein Werwolf ist?« »Ja.« »Korporal Nobbs ist kein Werwolf, mein Freund. Ganz gleich, in welcher Gestalt. Ob er ein Mensch ist, steht auf einem anderen Blatt, aber er ist ganz gewiss kein Lykr… Lynko… Lykan… verdammter Werwolf, das steht fest!« »Wem habe ich dann eine Geruchsbombe vor die Nase geworfen?«, fragte William triumphierend. Es wurde still. Dann hörte William ein leises Plätschern, wie von ei- nem kleinen Rinnsal. »Herr Knochen?«, fragte er. »Was für eine Art von Geruchsbombe?« Die Stimme hinter William klang jetzt angespannt. »Ich schätze, Riechstarköl war die wirkungsvollste Komponente.« »Und du hast sie dem Werwolf direkt vor die Nase geworfen?« »Mehr oder weniger, ja.«, »Herr Mumm wird außer sich geraten«, verkündete Tiefer Knochen. »Er wird vollkommen ausrasten und ganz neue Arten des Zorns erfin- den, nur um sie an dir abzureagieren…« »Dann sollte ich Lord Vetinaris Hund so schnell wie möglich finden.« William holte das Scheckbuch hervor. »Ich biete dir einen Scheck über fünfzig Dollar an. Mehr kann ich mir nicht leisten.« »Was ist ein Scheck?« »Eine Art Schuldschein.« »Oh, großartig«, sagte Tiefer Knochen. »Damit kann ich nicht viel an- fangen, wenn du hinter Gittern sitzt.« »Derzeit haben es zwei sehr unangenehme Burschen auf alle Terrier in der Stadt abgesehen. Herr Knochen…« »Terrier?«, fragte Tiefer Knochen. »Auf alle Terrier?« »Ja. Zwar erwarte ich nicht von dir…« »Nur auf… reinrassige Terrier, oder auch auf Leute, die nur ein wenig wie Terrier aussehen?« »Die beiden Männer erweckten nicht den Eindruck, sich mit dem Studium von Stammbäumen aufhalten zu wollen. Außerdem, was meinst du mit ›Leute‹, die wie Terrier aussehen?« Tiefer Knochen schwieg erneut. »Fünfzig Dollar, Herr Knochen«, sagte William. Schließlich erwiderten die Strohsäcke: »Na schön. Heute Abend. An der Schlechten Brücke. Nur du. Äh… ich werde nicht selbst dort sein, aber… jemanden schicken.« »Auf welchen Namen soll ich den Scheck ausstellen?«, fragte William. Keine Antwort. Er wartete eine Zeit lang und brachte sich dann in ei- ne Position, die es ihm erlaubte, hinter die Säcke zu sehen. Leises Ra- scheln kam aus ihrer Richtung. Vermutlich Mäuse, dachte William. Keiner der Säcke war groß genug, um einen Menschen darin zu verber- gen. Tiefer Knochen schien ein gerissener Bursche zu sein., Nachdem William gegangen war – nicht ohne argwöhnische Blicke in die Schatten zu werfen –, kam ein Stallbursche mit einem Karren und lud die Strohsäcke auf. Einer von ihnen sagte: »Lass mich runter.« Der Mann ließ den Sack zu Boden sinken und öffnete ihn vorsichtig. Ein kleiner Hund, der gewisse Ähnlichkeit mit einem Terrier hatte, kam zum Vorschein und schüttelte sich Stroh aus dem Fell. Herr Hobson legte keinen Wert auf selbstständiges Denken und einen Forschergeist. Für fünfzig Cent pro Tag und so viel Hafer, wie man stehlen konnte, bekam er weder das eine noch das andere. Der Stallbur- sche starrte eulenhaft auf den Hund hinab. »Hast du das eben gesagt?«, fragte er. »Natürlich nicht«, antwortete der Hund. »Hunde sprechen nicht. Bist du blöd, oder was? Jemand spielt dir einen Streich. Glasche Gier, Gla- sche Gier, Humperdumper.« »Einen Streich? Meinst du vielleicht eine projizirierte Stimme? Beim Varieté habe ich einmal einen Mann gesehen, der das konnte.« »Genau. Das ist die Erklärung. Du hast es erfasst.« Der Stallbursche sah sich um. »Steckst du dahinter, Tom?« »Ja, stimmt, ich bin’s, Tom«, sagte der Hund. »Ich habe den Trick aus einem Buch. Ich projiziere, ich meine, ich projiziriere meine Stimme in diesen kleinen Hund, der überhaupt nicht sprechen kann.« »Was? Ich wusste gar nicht, dass du Lesen gelernt hast!« »Das Buch enthielt viele Bilder«, erwiderte der Hund schnell. »Zungen und Zähne und so. Ganz leicht zu verstehen. Oh, und jetzt trippelt das Hündchen fort…« Der Hund näherte sich der Tür. »Meine Güte«, schien er zu sagen. »Zwei Daumen, und sie halten sich für die Herren der Schöpfung…« Dann lief er los., »Wie funktioniert das?«, fragte Sacharissa und versuchte, intelligent aus- zusehen. Es war besser, sich auf diese Angelegenheit zu konzentrieren, als an seltsame Männer zu denken, die vielleicht Vorbereitungen für einen zweiten Angriff trafen. »Es funktioniert langsam«, brummte Gutenhügel und hantierte an der Presse. »Dir ist doch klar, dass wir jetzt für den Druck der Zeitung viel mehr Zeit brauchen.« »Ihrr habt Farrbe verrlangt, und die habe ich euch gegeben«, erwiderte Otto. »Ihrr habt nie gesagt, dass es schnell gehen muss.« Sacharissa betrachtete den experimentellen Ikonographen. Die meis- ten Bilder wurden inzwischen farbig gemalt. Nur sehr billige Kobolde malten in Schwarzweiß, obgleich Otto monochromes Ikonographieren als »ganz besonderre Kunstforrm« bezeichnete. Aber farbig zu dru- cken… Vier Kobolde saßen am Rand des Ikonographen, reichten eine sehr kleine Zigarette von Hand zu Hand und beobachteten interessiert die Arbeit an der Presse. Drei von ihnen trugen Brillen mit farbigen Glä- sern: Rot, Blau und Gelb. »Aber kein Grün…«, sagte Sacharissa. »Nun, wenn etwas grün ist – habe ich das richtig vertstanden? –, sieht Guttrich das Blaue darin und malt es auf die Platte…« Einer der Kobolde winkte. »Und Anton sieht das Gelbe im Grün und malt das, und dann wird es durch die Presse gedreht…« »Langsam, ganz langsam…«, murmelte Gutenhügel. »Es ginge schnel- ler, die Leser der Zeitung daheim zu besuchen und ihnen die Nachrich- ten zu erzählen.« Sacharissa betrachtete einige Testdrucke, die das Bild vom Feuer zeig- ten. Es handelte sich zweifellos um ein Feuer, mit roten, gelben und orangefarbenen Flammen; und außerdem blauer Himmel, und die Go- lems zeigten ein hübsches rötliches Braun, aber die fleischfarbenen Töne… »Fleischfarben« in Ankh-Morpork bedeutete, dass eine ganze Menge Farben in Frage kamen, mit Ausnahme vielleicht von Hellblau. Doch die Gesichter der vielen Zuschauer deuteten an, dass die Stadt von einer besonders virulenten Seuche heimgesucht worden war. Ver- mutlich vom Bunten Tod, dachte Sacharissa., »Dies ist nurr derr Anfang«, sagte Otto. »Wirr werrden das Verrfahr- ren verrbesserrn.« »Verbesserungen der Darstellung sind vielleicht möglich, aber schnel- ler geht’s nicht«, erwiderte Gutenhügel. »Wir schaffen etwa zweihundert pro Stunde. Vielleicht auch zweihundertfünfzig. Und wenn dieser Tag zu Ende ist, werden die Kurbeldreher nach ihren Fingern suchen. Tut mir Leid, aber wir geben uns alle Mühe. Wenn wir einen Tag Zeit hät- ten, die Druckerpresse umzubauen…« »Druckt ein paar hundert farbige Exemplare und den Rest in Schwarzweiß.« Sacharissa seufzte. »Es dürfte zumindest Aufmerksam- keit erregen.« »Wenn die Leute vom Kurrierr dies sehen, werrden sie bald herraus- finden, wie man farrbig drruckt«, sagte Otto. »Dann gehen wir wenigstens bunt unter«, meinte Sacharissa. Sie schüttelte den Kopf, als Staub von der Decke rieselte. »Meine Güte«, sagte Boddony, »merkt ihr, wie der Boden zittert? Das sind die großen Pressen des Kuriers.« »Sie unterminieren uns überall«, sagte Sacharissa. »Und wir haben so hart gearbeitet. Es ist unfair.« »Es erstaunt mich, dass der Boden die Erschütterungen aushält«, meinte Gutenhügel. »Von festem Untergrund kann man hier wohl kaum sprechen.« »Sie unterminieren uns?«, fragte Boddony. Einige Zwerge sahen auf, als er diese Worte sprach. Boddony fügte etwas auf Zwergisch hinzu. Gutenhügel gab eine scharfe Antwort. Zwei oder drei andere Zwerge sagten ebenfalls etwas. »Entschuldigung«, ließ sich Sacharissa vernehmen. »Die Jungs haben über die Möglichkeit gesprochen, der Konkur- renz… einen Besuch abzustatten«, sagte Gutenhügel. »Ich wollte das Gebäude neulich betreten«, meinte Sacharissa. »Aber der Troll an der Tür war sehr unhöflich.« »Zwerge gehen dabei… anders vor«, sagte Gutenhügel., Sacharissa bemerkte eine Bewegung – Boddony holte eine Axt unter der Werkbank hervor. Es war eine traditionelle Zwergenaxt: auf der einen Seite eine Spitzhacke, um interessante Mineralien aus dem Boden zu lösen, und auf der anderen eine Axt – weil die Besitzer des Landes mit den interessanten Mineralien manchmal unvernünftig sein können. »Wollt ihr etwa jemanden angreifen?«, fragte Sacharissa schockiert. »Nun, jemand hat gesagt, dass man tief graben muss, um eine gute Geschichte zu finden«, sagte Boddony. »Wir machen jetzt einen kleinen Spaziergang.« »Im Keller?«, brachte Sacharissa erstaunt hervor, als die Zwerge zur Leiter gingen. »Ja, ein Spaziergang im Dunkeln«, erwiderte Boddony. Gutenhügel seufzte. »Wir anderen setzen die Arbeit an der Zeitung fort, in Ordnung?« Kurze Zeit später erklang unten das Geräusch von Axtschlägen, und dann fluchte jemand ziemlich laut auf Zwergisch. »Ich sehe nach, was sie anstellen«, sagte Sacharissa, als sie ihrer Neu- gier keinen Widerstand mehr leisten konnte. Sie kletterte in den Keller hinab. Als sie unten ankam, lagen die Ziegelsteine der zugemauerten Tür be- reits auf dem Boden. Da die Backsteine von Ankh-Morpork über Ge- nerationen hinweg recycelt wurden, hatte niemand es für sinnvoll gehal- ten, guten Mörtel herzustellen, erst recht nicht zu dem Zweck, einen alten Zugang zu blockieren. Man vertrat die Ansicht, dass Sand, Dreck, Wasser und Schleim völlig ausreichten. Schließlich war das bisher im- mer der Fall gewesen. Die Zwerge spähten in die Dunkelheit jenseits der Tür. Jeder von ih- nen trug eine Kerze auf dem Helm. »Dein Mann hat doch gesagt, die alte Straße wäre zugeschüttet«, sagte Boddony. »Er ist nicht mein Mann«, entgegnete Sacharissa gelassen. »Was seht ihr dort?« Einer der Zwerge trat mit einer Laterne in die Finsternis., »Hier gibt es… Tunnel«, sagte er. »Die alten Gehsteige«, meinte Sacharissa. »Ich schätze, hier sieht es überall so aus. Nach den großen Überflutungen brachte man an den Seiten der Straßen Verstärkungen aus Holz an und erhöhte ihr Niveau; doch bei den Gehsteigen zu beiden Seiten unternahm man nichts, denn nicht alle Häuser waren umgebaut worden, und ihre Eigentümer protes- tierten.« »Was?« Boddony starrte sie an. »Soll das heißen, die Straßen waren höher als die Gehsteige?« »Ja«, bestätigte Sacharissa und trat ebenfalls durch das Loch in der Wand. »Was geschah, wenn ein Pferd piss… wenn ein Pferd auf der Straße Wasser ließ?« »Ich bin sicher, das weiß ich nicht«, sagte Sacharissa und schniefte. »Wie überquerte man die Straße?« »Mit Hilfe von Leitern.« »Oh, ich bitte dich!« »Im Ernst, man benutzte Leitern. Und einige Tunnel. Es sollte ja nicht für sehr lange Zeit sein. Und später war es einfacher, schwere Platten über die alten Gehsteige zu legen. So entstanden diese… nun, vergessenen Tunnel.« »Hier gibt’s Ratten«, sagte Dösig und ging los. »Meine Güte!«, entfuhr es Boddony. »Hat jemand Messer und Gabel mitgebracht? War nur ein Scherz, Fräulein. He, was haben wir denn hier…?« Er schlug mit der Axt auf einige Bretter ein, die sofort nachgaben und zerbröckelten. »Jemand wollte keine Leiter benutzen«, sagte er und blickte durch ein weiteres Loch. »Dort geht’s unter der Straße durch?«, fragte Sacharissa. »Danach sieht’s aus. Offenbar war jemand gegen Pferde allergisch.« »Und… äh… du findest dich hier zurecht?«, »Ich bin ein Zwerg. Wir befinden uns unter der Erde. Zwerge. Unter der Erde. Wie lautete deine Frage?« »Ihr habt doch nicht etwa vor, euch einen Weg in den Keller des Ku- riers zu hacken?«, fragte Sacharissa. »Wer? Wir?« »Das ist doch nicht eure Absicht, oder?« »So etwas käme uns nie in den Sinn.« »Mag sein, aber es ist eure Absicht.« »Das wäre doch Einbruch.« »Ja, und genau das habt ihr vor.« Boddony lächelte. »Nun… ein bisschen. Wir wollen uns nur ein wenig umsehen. Du weißt schon.« »Gut.« »Was? Du hast nichts dagegen?« »Ihr wollt doch niemanden töten, oder?« »Ich bitte dich, so etwas kommt überhaupt nicht in Frage!« Sacharissa wirkte ein wenig enttäuscht. Für eine gewisse Zeit war sie eine respektable junge Frau gewesen. Was bei manchen Leuten bedeu- tet, dass sich eine große Menge an Gemeinheit angesammelt hat und nach einem Ventil sucht. »Nun… vielleicht könnten wir dafür sorgen, dass die Leute vom Ku- rier ein wenig Reue empfinden.« »Ja, das könnten wir vielleicht.« Die Zwerge schlichen bereits durch den Tunnel auf der anderen Seite der alten Straße. Im Licht der Kerzen und Laternen sah Sacharissa Häuserfronten, zugemauerte Türen und mit Schutt gefüllte Fenster. »Dies dürfte die richtige Stelle sein«, sagte Boddony und deutete auf ein Rechteck mit weiteren Ziegelsteinen geringer Qualität. »Wir brechen einfach so durch?«, fragte Sacharissa. »Wir behaupten, wir hätten uns verirrt«, sagte Boddony. »Unter der Erde? Zwerge?«, »Na schön, dann sagen wir eben, wir wären betrunken. Das glaubt man uns bestimmt. Also los, Jungs…« Die alten Steine fielen zusammen. Licht strömte in den Tunnel. Im Keller hinter der Öffnung sah jemand erstaunt von seinem Schreibtisch auf. Sacharissa blickte durch den Staub. »Du?«, fragte sie verblüfft. »Oh, du bist’s, Fräulein«, sagte Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper. »Hallo, Jungs. Freut mich, euch zu sehen…« Die Gruppe brach gerade auf, als Gaspode herangaloppierte. Er sah kurz zu den anderen Hunden, die sich am Feuer zusammendrängten, kroch dann unter Rons schrecklichen Mantel und jaulte. Die Gruppe brauchte eine Weile, um zu verstehen, was passiert war. Immerhin handelte es sich um Personen, die sich wegen eines einfa- chen »Guten Morgen« durch einen dreistündigen Streit diskutieren, spucken, husten und kreativ missverstehen konnten. Schließlich verstand der Entenmann die Botschaft. »Die Männer ha- ben es auf Terrier abgesehen?«, fragte er. »Ja! Wegen der verdammten Zeitung! Man kann keinen verdammten Leuten trauen, die in verdammten Zeitungen schreiben!« »Sie haben die Hunde in den Fluss geworfen?« »Ja!«, sagte Gaspode. »Die Burschen kennen überhaupt kein Erbar- men!« »Wir können dich schützen.« »Ja, aber ich muss unterwegs sein und mich zeigen! Ich bin jemand in der Stadt! Ich kann mich nicht einfach irgendwo verkriechen! Außer- dem stehen fünfzig Dollar in Aussicht, kapiert? Ihr braucht mich, um sie zu bekommen!« Die Gruppe war beeindruckt. In ihrer bargeldlosen Ökonomie stellten fünfzig Dollar ein Vermögen dar. »Mistundverflucht«, sagte der Stinkende Alte Ron. »Ein Hund ist ein Hund«, sagte Arnold Seitwärts. »Weil man ihn ›Hund‹ nennt.«, »Gaarck!«, krähte Henry Husten. »Stimmt«, sagte der Entenmann. »Ein falscher Bart funktioniert hier nicht.« »Nun, eure großen Gehirne sollten sich etwas einfallen lassen, so lange bleibe ich hier«, sagte Gaspode. »Ich habe die Männer gesehen. Sie sind alles andere als nett.« Ein Grollen kam von Insgesamt Ingobert. In seinem Gesicht zuckte es, als sich die verschiedenen Persönlichkeiten sortierten. Dann wurden die wächsernen Wölbungen von Lady Hermione sichtbar. »Wir könnten ihn verkleiden«, sagte sie. »Als was sollten wir einen Hund verkleiden?«, fragte der Entenmann. »Als Katze?« »Ein Hund ist nicht einfach nur ein Hund«, sagte Lady Hermione. »Hich glaube, hich habe da eine Idee…« Die Zwerge drängten sich zusammen, als William zurückkehrte. Im Mittelpunkt des Gedränges befand sich Herr Schnapper, der eine ziem- lich anstrengende Strafpredigt hinter sich zu haben schien. William deu- tete gewisse Hinweise in seinem Gesicht und vermutete, dass Sacharissa etwa zwanzig Minuten lang auf ihn eingeredet hatte. »Gibt es ein Problem?«, fragte er. »Hallo, Herr Schnapper…« »Sag mir, William…« Sacharissa kam langsam um Schnappers Stuhl herum. »Wenn Geschichten Nahrungsmittel wären… womit könnte man dann ›Goldfisch frisst Katze‹ vergleichen?« »Was?« William starrte Schnapper an, und allmählich dämmerte es ihm. »Vermutlich mit einem langen, dünnen Ding«, sagte er. »Gefüllt mit irgendwelchem Zeug, von dem man nicht weiß, woher es kommt?« »He, ich halte es nicht für angebracht, dass ihr in einem solchen Ton- fall über…«, begann Schnapper und unterbrach sich, als Sacharissas Blick ihn durchbohrte., »Ja, aber das grässliche Zeug hat eine sonderbare Art von Attraktivi- tät«, sagte William. »Man isst es immer wieder, obwohl man es eigent- lich gar nicht will. Was geht hier vor?« »Eigentlich war es gar nicht meine Absicht«, protestierte Schnapper. »Was war nicht deine Absicht?«, fragte William. »Herr Schnapper hat die Geschichten für den Kurier geschrieben«, sag- te Sacharissa. »Ich meine, die Leute glauben doch nicht, was sie in der Zeitung lesen«, meinte Schnapper. William zog sich einen Stuhl heran, nahm falsch herum darauf Platz und stützte die Arme auf die Rückenlehne. »Nun, Herr Schnapper… Wann hast du damit begonnen, in den Brunnen der Wahrheit zu pissen?« »William!«, sagte Sacharissa scharf. »Nun, meine Geschäfte gingen nicht besonders gut«, sagte Schnapper. »Und die Sache mit den Nachrichten… Die Leute hören gern Dinge von weit entfernten Orten, du weißt schon, wie im Alamanach…« »›Herscheba von Riesenwieseln heimgesucht‹?«, fragte William. »Etwas in der Art. Ich dachte… es spielt keine Rolle, ob die Ge- schichten stimmen oder nicht. Ich meine…« Williams glasiges Lächeln weckte Unbehagen in Schnapper. »Ich meine… sie sind fast wahr. Jeder weiß, dass solche Dinge passieren…« »Du bist nicht zu mir gekommen«, stellte William fest. »Natürlich nicht. Es ist allgemein bekannt, dass du in dieser Hinsicht ein wenig… phantasielos bist.« »Du meinst, ich möchte lieber von den Dingen erfahren, die wirklich passiert sind?« »Ja, genau. Herr Schmeichler sagte, die Leute würden den Unterschied ohnehin nicht bemerken. Er mag dich nicht sehr, Herr de Worde.« »Er hat umhertastende Hände«, sagte Sacharissa. »Einem solchen Mann kann man nicht trauen.« William griff nach der letzten Ausgabe des Kuriers., »›Mann von Dämonen entführt‹«, las er. »Das bezieht sich auf einen gewissen Ronnie ›Vertrau mir‹ Reißaus, der dem Troll Chrysopras mehr als zweitausend Dollar schuldet und zum letzten Mal gesehen wurde, als er ein sehr schnelles Pferd kaufte.« »Und?« »Wo kommen hier Dämonen ins Spiel?« »Nun, es wäre doch möglich, dass er von Dämonen entführt wurde«, sagte Schnapper. »So was kann jedem passieren.« »Du behauptest also, es gäbe keine Beweise dafür, dass er nicht von Dämonen entführt wurde?« »So können die Leute selbst entscheiden«, erwiderte Schnapper. »Dar- auf weist Herr Schmeichler immer wieder hin. Er meint, die Leute soll- ten selbst entscheiden können.« »Darüber, was wahr ist?« »Außerdem putzt er sich nicht richtig die Zähne«, warf Sacharissa ein. »Ich gehöre keineswegs zu den Leuten, für die Sauberkeit gleich nach Frömmigkeit kommt, aber es gibt Grenzen.«* Schnapper schüttelte traurig den Kopf. »Ich bin nicht mehr ich selbst. Für jemand anderen zu arbeiten… Ich muss verrückt geworden sein. Vermutlich liegt’s am kalten Wetter. Ich bekomme… Lohn.« Er schau- derte bei diesem Wort. »Und ich hielt das sogar für eine gute Idee…« Mit entsetzter Stimme fügte er hinzu: »Wisst ihr, dass er mir ›Anwei- sungen‹ erteilt hat? Wenn sich das nächste Mal solche Gefühle in mir regen, lege ich mich hin und warte, bis sie verschwunden sind.« »Du bist ein unmoralischer Opportunist, Herr Schnapper«, sagte Wil- liam. »Bisher bin ich gut damit zurechtgekommen.« »Kannst du uns Anzeigen besorgen?«, fragte Sacharissa. »Ich bin nicht mehr bereit, für jemanden zu ar…« * Eigentlich kam Sauberkeit nie gleich nach Frömmigkeit, höchstens vielleicht in stark gekürzten Wörterbüchern. – Ein schmutziges Lendentuch, hoffnungslos verfilztes Haar gelten weithin als Markenzeichen von Propheten, deren Neigung, alles Weltliche abzulehnen, bei Seife beginnt., »Auf Provisionsbasis«, sagte Sacharissa rasch. »Was?«, brachte William hervor. »Du willst ihn einstellen?« »Warum nicht?«, entgegnete Sacharissa. »In der Werbung kann man nach Herzenslust lügen. Es ist erlaubt. Wir brauchen das Geld.« »Auf Provisionsbasis?«, erwiderte Schnapper und rieb sich das unra- sierte Kinn. »Zum Beispiel… fünfzig Prozent für euch beide und fünf- zig für mich?« »Das sollten wir besprechen«, sagte Gutenhügel und klopfte ihm auf die Schulter. Schnapper zuckte zusammen. Bei Verhandlungen konnten Zwerge so hart sein wie Diamanten. »Habe ich eine Wahl?«, murmelte er. Gutenhügel beugte sich vor. Sein Bart schien zu knistern. Derzeit hielt er keine Waffe in der Hand, aber Schnapper sah ganz deutlich die große Axt, die der Zwerg nicht in der Hand hielt. »Natürlich«, sagte Gutenhügel. »Oh«, erwiderte Schnapper. »Äh… und was soll ich verkaufen?« »Leeren Platz«, antwortete Sacharissa. Schnappers Miene erhellte sich deutlich. »Leeren Platz? Nichts? Oh, kein Problem. Nichts kann ich jederzeit verkaufen.« Erneut schüttelte er traurig den Kopf. »Die Schwierigkeiten beginnen, wenn ich versuche, etwas an den Mann zu bringen.« »Wieso bist du eigentlich hier, Herr Schnapper?«, fragte William. Die Antwort erfreute ihn nicht. »So etwas könnte uns auch passieren«, sagte er. »Man darf sich nicht einfach in die Keller anderer Leute graben!« Er richtete einen strengen Blick auf die Zwerge. »Herr Boddony, ich möchte, dass die Öffnung sofort blockiert wird, verstanden?« »Wir haben doch nur…« »Ja, ja, an euren guten Absichten zweifle ich nicht. Und jetzt mauert das Loch zu. Es muss aussehen, als hätte es nie existiert. Ich möchte vermeiden, dass jemand die Leiter emporkommt, ohne dass er zuvor hinabgeklettert ist. Bitte macht euch sofort an die Arbeit!, Ich glaube, ich bin auf etwas Wichtiges gestoßen«, fuhr William fort, als die verstimmten Zwerge den Keller aufsuchten. »Ich glaube, mir steht eine Begegnung mit Wuffel bevor. Ich…« Als er das Notizbuch hervorholte, fiel ein Gegenstand zu Boden. »Oh, ja, der Schlüssel unseres Stadthauses«, sagte William. »Du wolltest ein Kleid…« »Es ist ein bisschen spät«, sagte Sacharissa. »Ich hab’s ganz vergessen, um ehrlich zu sein.« »Warum siehst du dir nicht die Sachen meiner Schwester an, während alle anderen beschäftigt sind? Du kannst Rocky mitnehmen. Du weißt schon… nur für den Fall. Wie dem auch sei: Das Haus ist leer. Wenn mein Vater in die Stadt kommt, wohnt er im Klub. Na los. Das Leben besteht nicht nur aus Korrekturlesen.« Sacharissa betrachtete unsicher den Schlüssel in ihrer Hand. »Meine Schwester hat viele Kleider«, betonte William. »Du möchtest doch zum Ball?« »Ich schätze, Frau Heißbett könnte es für mich ändern, wenn ich es morgen früh zu ihr bringe«, sagte Sacharissa. Ihr Tonfall brachte so etwas wie verärgertes Widerstreben zum Ausdruck, während ihre Kör- persprache die Bereitschaft zeigte, sich überreden zu lassen. »Na bitte«, erwiderte William. »Und bestimmt findest du jemanden, der dein Haar in Ordnung bringt.« Sacharissa kniff die Augen zusammen. »Du kannst wirklich gut mit Worten umgehen«, sagte sie. »Was hast du vor?« »Ich beabsichtige, einen Hund zu treffen und mit ihm über einen Mann zu reden.« Durch den Dampf, der von der Schüssel vor ihr aufstieg, sah Feldwebel Angua zu Mumm. »Es tut mir Leid, Herr«, sagte sie. »Der Bursche kann was erleben«, brummte Mumm. »Du darfst ihn nicht verhaften, Herr«, meinte Karotte und legte An- gua ein frisches Handtuch auf den Kopf., »Ach? Er hat einen Wächter angegriffen, und ich darf ihn nicht ver- haften?« »Nun, genau da wird’s ein wenig schwierig«, bemerkte Angua. »Du bist ein Wächter. Deine jeweilige Gestalt spielt dabei keine Rol- le.« »Ja, aber… wir haben es immer für besser gehalten, dass die Sache mit dem Werwolf ein Gerücht bleibt, Herr«, sagte Karotte. »Dabei soll- te es auch bleiben, findest du nicht? Herr de Worde schreibt Dinge auf. Angua und ich sind nicht gerade versessen darauf. Wer Bescheid wissen muss, weiß Bescheid.« »Ich werde dafür sorgen, dass er nicht darüber schreibt!« »Wie denn, Herr?« Mumm wirkte ein wenig hilflos. »Als Polizeichef dieser Stadt sollte ich doch in der Lage sein, einen kleinen… Idioten daran zu hindern, ganz nach Belieben irgendwelche Dinge zu schreiben!« »Oh, dazu bist du sicher imstande, Herr«, erwiderte Karotte. »Aber vielleicht kannst du ihn nicht davon abhalten zu schreiben, dass du ihn am Schreiben hinderst.« »Ich bin erstaunt, wirklich erstaunt! Sie ist deine… deine…« »Freundin«, sagte Angua und atmete den Dampf tief ein. »Karotte hat Recht, Herr Mumm. Ich möchte nicht, dass noch mehr Leute davon erfahren. Es war meine Schuld – ich habe ihn unterschätzt. Dadurch hab ich’s geradezu herausgefordert. In ein oder zwei Stunden bin ich wieder in Ordnung.« »Ich habe gesehen, in welchem Zustand du bei deiner Rückkehr warst«, sagte Mumm. »Er hätte kaum schlimmer sein können.« »Es war ein Schock. Die Nase gab einfach ihren Dienst auf. Stell dir vor, du gehst um die Ecke und stößt gegen den Stinkenden Alten Ron.« »Bei den Göttern! So schlimm war’s?« »Vielleicht nicht ganz. Lass die Sache ruhen, Herr. Bitte.« »Er lernt schnell, unser William de Worde«, sagte Mumm und nahm an seinem Schreibtisch Platz. »Er hat einen Stift und eine Druckerpres- se, und alle verhalten sich so, als gehörte er plötzlich zu den wichtigen, Leuten. Nun, er muss noch ein bisschen mehr lernen. Er möchte nicht, dass wir ihn beobachten? Na schön, wir ziehen unsere Leute ab. Soll er eine Zeit lang ernten, was er gesät hat. Der Himmel weiß, dass es genug andere Dinge gibt, die unsere Aufmerksamkeit erfordern.« »Aber eigentlich ist er…« »Siehst du das Schild hier auf meinem Schreibtisch, Hauptmann? Siehst du es, Feldwebel? Darauf steht ›Kommandeur Mumm‹. Der Schwarze Peter wird von hier aus weitergegeben. Ihr habt gerade einen Befehl bekommen. Was gibt es sonst noch?« Karotte nickte. »Nichts Gutes, Herr. Niemand hat den Hund gefun- den. Die Gilden machen dicht. Herr Pirsch bekommt seit einiger Zeit viel Besuch. Oh, und der Hohepriester Ridcully teilt allen Leuten mit, dass er glaubt, Lord Vetinari sei übergeschnappt. Angeblich hat ihm der Patrizier am Tag vor dem Verbrechen von seinem Plan erzählt, Hum- mer durch die Luft fliegen zu lassen.« »Hummer durch die Luft fliegen zu lassen«, wiederholte Mumm mo- noton. »Außerdem wollte er Schiffe über die Nachrichtentürme weiterleiten.« »Meine Güte. Und was sagt Herr Pirsch?« »Offenbar freut er sich über den Beginn einer neuen Ära in unserer Geschichte. Er will Ankh-Morpork auf den Pfad verantwortlichen Bür- gertums zurückführen, Herr.« »Läuft das auf die gleiche Sache wie mit den Hummern hinaus?« »Es ist politisch, Herr. Allem Anschein nach beabsichtigt Herr Pirsch, zu den Werten und Traditionen zurückzukehren, die diese Stadt groß gemacht haben.« »Weiß er, woraus die betreffenden Werte und Traditionen bestan- den?«, fragte Mumm erschrocken. »Ich denke schon, Herr«, sagte Karotte und blieb ernst. »Lieber Himmel. Ich würde lieber das Risiko mit den Hummern ein- gehen.«, Erneut gab es Schneeregen, und die kalte Nässe fiel von einem dunkler werdenden Himmel herab. Die Schlechte Brücke war mehr oder weni- ger leer. William wartete im Schatten, den Hut über die Augen gezogen. Schließlich ertönte eine Stimme aus dem Nichts. »Äh… hast du das Stück Papier mitgebracht?« »Tiefer Knochen?«, fragte William und erwachte aus seinen Träume- reien. »Ich schicke dir… jemanden, dem du folgen sollst«, sagte der verbor- gene Informant. »Er heißt… äh… Fiffiliebling. Folge ihm, und alles wird gut. Bist du soweit?« »Ja.« Tiefer Knochen beobachtet mich, dachte William. Er muss ganz in der Nähe sein. Fiffiliebling kam aus den Schatten. Er war ein Pudel. Mehr oder weniger. Die Stylisten und Coiffeurs von Le Poil du Chien, dem Schönheitssa- lon für Hunde, hatten sich alle Mühe gegeben. Solche Leute gaben sich immer alle Mühe, wenn dies bedeutete, dass der Stinkende Alte Ron den Laden dadurch schneller verließ. Sie hatten geschnitten, gewaschen, noch einmal gewaschen, getrocknet, gewellt, geschniegelt und gefärbt, während sich die Maniküre auf der Toilette einschloss und es hartnä- ckig ablehnte, sie wieder zu verlassen. Das Ergebnis war… rosarot. Das Rosarot stellte nur einen Aspekt der ganzen Angelegenheit dar, doch es war ein so intensives Rosarot, dass es alles andere dominierte, selbst den Schwanz, der an einen sorgfältig beschnittenen Formbaum erinnerte und in einem flauschigen, kugel- förmigen Büschel endete. Der vordere Bereich des Hunds sah aus, als hätte man ihn halb durch einen großen rosaroten Ball gestoßen. Und dann das große, glitzernde Halsband. Es glitzerte zu sehr – manchmal glänzt Glas auffälliger als Diamanten, weil es mehr beweisen muss. Letztendlich sah das Geschöpf nicht nach einem Pudel aus, sondern nach entstellter Pudeligkeit. Alles an dem Tier deutete auf »Pudel« hin, doch der Gesamteindruck forderte den Beobachter auf, sich rasch ab- zuwenden., »Jipp«, machte der Hund, und auch damit war etwas nicht in Ord- nung. William wusste, dass solche Tiere Geräusche von sich gaben, die nach »Jipp« klangen, aber dieser Hund hatte Jipp gesagt. »Braver…« Er zögerte. »… Hund?« »Jipp, jipp, Himmel, jipp«, sagte der Hund und trippelte davon. William fragte sich, ob er wirklich »Himmel« gehört hatte. Vermutlich ein Fall von akustischer Täuschung. Der Hund lief durch den Schneeregen und verschwand in einer Gas- se. Wenige Sekunden später schob sich eine Schnauze um die Ecke. »Jipp? Jaul?« »Oh, ja, entschuldige«, sagte William. Fiffiliebling sprang die schmierigen Stufen einer Treppe hinunter, die zum alten Pfad neben dem Fluss führte. Abfall hatte sich hier ange- sammelt, und was in Ankh-Morpork längere Zeit liegen blieb, war wirk- lich Abfall. Selbst an einem schönen Tag fand der Sonnenschein nur selten zu diesem Ort. Die Schatten brachten es fertig, eiskalt zu sein und gleichzeitig fließendes Wasser zu beherbergen. Trotzdem brannte ein Feuer unter dem dunklen Holz der Brücke. Williams Nase protestierte, und er begriff: Er schickte sich an, das La- ger der Grässlichen Gruppe zu besuchen. Der alte Treidelpfad war verlassen gewesen, und der Stinkende Alte Ron und seine Freunde sorgten dafür, dass er es blieb. Bei ihnen gab es nichts zu stehlen. Sie besaßen kaum etwas, das zu besitzen lohnte. Ge- legentlich dachte die Bettlergilde daran, sie aus der Stadt zu verbannen, aber solche Überlegungen wurden nicht in die Tat umgesetzt. Selbst Bettler brauchen jemanden, auf den sie hinabsehen können, und die Gruppe befand sich so tief unten, dass sie manchmal den Eindruck erweckte, ganz oben zu sein. Niemand konnte wie Henry Husten spu- cken und würgen. Niemand konnte beinloser sein als Arnold Seitwärts. Und nichts in der Welt konnte so schrecklich riechen wie der Stinkende Alte Ron. Er hätte Riechstarköl als Deodorant verwenden können. Und er wusste, wo Wuffel steckte, dachte William plötzlich., Fiffilieblings lächerlicher rosaroter Schwanz verschwand in dem Durcheinander aus Kartons und Pappe, das für die Gruppe »Was?«, »Mistundverflucht«, »Ptooi!« und ein Zuhause war. Williams Augen tränten bereits. Hier unten gab es kaum Wind. Vor- sichtig näherte er sich dem Feuer. »Oh… guten Abend, die Herren«, brachte er hervor und nickte den Sitzenden zu. In den Flammen, so bemerkte er, zeigte sich ein grünli- ches Schimmern. »Lass die Farbe deines Papierstücks sehen«, tönte die Stimme von Tiefer Knochen aus den Schatten. »Es ist, äh, grauweiß«, sagte William und entfaltete den Scheck. Der Entenmann griff danach und prüfte ihn sorgfältig. Nach der Kontrolle war das Stück Papier noch weniger weiß als vorher. »Damit scheint alles in Ordnung zu sein«, sagte der Entenmann. »Fünfzig Dollar, unterschrieben. Ich habe meinen Begleitern das Kon- zept erklärt, Herr de Worde. Was alles andere als einfach war, darf ich dir versichern.« »Ja, und wenn du nicht bezahlst, besuchen wir dich zu Hause!«, droh- te Henry Husten. »Äh… und was macht ihr dann?«, fragte William. »Wir bleiben draußen vor der Tür stehen, für lange, lange Zeit!«, ant- wortete Arnold Seitwärts. »Und sehen die Leute komisch an«, fügte der Entenmann hinzu. »Und spucken ihnen auf die Schuhe!«, sagte Henry Husten. William versuchte, nicht an Frau Arkanum zu denken. »Kann ich jetzt den Hund sehen?« »Zeig ihn, Ron«, sagte die Stimme von Tiefer Knochen. Rons schwerer Mantel öffnete sich, und Wuffel wurde sichtbar. Er blinzelte im Schein des Feuers. »Du hattest ihn?«, fragte William. »Mehr steckte nicht dahinter?« »Mistundverflucht!« »Wer würde den Stinkenden Alten Ron durchsuchen?«, meinte Tiefer Knochen., »Guter Hinweis«, sagte William. »Ja, guter Hinweis. So viel Mut brächte niemand auf.« »Nun, du solltest berücksichtigen, dass er ziemlich alt ist«, fuhr Tiefer Knochen fort. »Und auch früher war er nicht unbedingt Herr Genie. Was sprechende Hunde betrifft… Ich meine, wir sprechen hier über Hunde«, fügte die Stimme rasch hinzu. »Ich meine… Du solltest nicht unbedingt einen tiefgründigen philosophischen Vortrag von ihm erwar- ten.« Wuffel machte altersschwach Männchen, als er Williams Blick be- merkte. »Wie kam er zu dir?«, fragte William, als Wuffel an seiner Hand schnupperte. »Er verließ den Palast und kroch sofort unter Rons Mantel«, sagte Tiefer Knochen. »Und du hast bereits darauf hingewiesen, dass dort niemand nach ihm suchen würde.« »Das kannst du mir glauben.« »Nicht einmal ein Werwolf wäre imstande, ihn dort zu finden.« Willi- am holte sein Notizbuch hervor, schlug es an einer leeren Seite auf und schrieb: »Wuffel.« Er sah auf. »Wie alt ist er?« Wuffel bellte. »Sechzehn«, sagte Tiefer Knochen. »Ist das wichtig?« »Es gehört zum Zeitungskram«, erklärte William und schrieb: »Wuffel (16), früher wohnhaft im Palast des Patriziers, Ankh-Morpork.« Ich interviewe einen Hund, dachte er. Mann interviewt Hund. Das sind fast Nachrichten. »Nun… äh, Wuffel, was geschah, bevor du aus dem Palast geflohen bist?«, fragte er. Tiefer Knochen knurrte und jaulte in seinem Versteck. Wuffel neigte den Kopf zur Seite, lauschte und antwortete bellend. »Er erwachte und erlebte einen Moment schrecklicher philosophi- scher Ungewissheit«, sagte Tiefer Knochen. »Eben hast du gesagt…«, »Ich übersetze, klar? Die philosophische Ungewissheit bezieht sich auf die Tatsache, dass plötzlich zwei Götter im Zimmer weilten. Damit sind zwei Lord Vetinaris gemeint – Wuffel ist ein eher altmodischer Hund. Aber er wusste, dass einer von ihnen falsch war, denn er roch nicht richtig. Und außerdem weilten noch zwei andere Männer in der Nähe. Und dann…« William schrieb eifrig. Zwanzig Sekunden später biss Wuffel ihn in den Fußknöchel. Der Sekretär in Herrn Schrägs Vorzimmer sah von seinem hohen Pult auf die beiden Besucher hinab, schniefte und ließ dann wieder den Fe- derkiel übers Pergament kratzen. Er hielt sich nicht damit auf, über Kundendienst und dergleichen nachzudenken. Das Gesetz ließ sich nicht zur Eile antreiben… Einen Augenblick später wurde sein Kopf aufs Pult gestoßen und dort von einem enormen Gewicht festgehalten. Herr Nadels Gesicht erschien im stark eingeschränkten Blickfeld des Sekretärs. »Ich habe gesagt, dass Herr Schräg uns empfangen möchte…«, beton- te er. »Sngh«, erwiderte der Sekretär. Herr Nadel nickte, daraufhin ließ der Druck ein wenig nach. »Wie bitte? Was hast du gesagt?« Herr Nadel beobachtete, wie die ei- ne Hand des Mannes an der Schreibtischkante entlangkroch. »Er… empfängt… niemanden…« Die Worte endeten in einem er- stickten Schrei. Herr Nadel beugte sich vor. »Das mit den Fingern bedaure ich«, sagte er. »Aber wir können den unartigen kleinen Dingern doch nicht erlau- ben, den Hebel dort zu erreichen. Wer weiß, was geschehen würde, wenn du ihn umlegst? Und nun… Wo ist Herr Schrägs Büro?« »Zweite… Tür… links…«, ächzte der Sekretär. »Siehst du? Es ist alles viel angenehmer, wenn wir nett sind. In ein oder höchstens zwei Wochen kannst du wieder einen Federkiel in der, Hand halten.« Herr Nadel nickte Herrn Tulpe zu, der den Mann losließ. Er rutschte zu Boden. »Soll ich den …ten Kerl abmurksen?« »Nein«, erwiderte Herr Nadel. »Ich glaube, heute bin ich nett zu den Leuten.« Eins musste er Herrn Schräg lassen: Als die Neue Firma sein Büro betrat, sah der Anwalt auf, ohne mit der Wimper zu zucken. »Meine Herren?«, fragte er. »Rühr …t nichts an«, sagte Herr Tulpe. »Es gibt da etwas, das du wissen solltest.« Herr Nadel holte einen kleinen Kasten aus der Jackentasche. »Und das wäre?«, fragte Herr Schräg. Herr Nadel öffnete den Verschluss an der einen Seite des Kastens. »Hören wir uns an, was du gestern gesagt hast«, sagte er. Der Kobold blinzelte. »… nyip… nyapnyip… nyapdit… nyip…«, sagte er. »Er sucht in der Aufzeichnung nach der richtigen Stelle«, erklärte Herr Nadel. »Was hat das zu bedeuten?«, fragte der Anwalt. »… nyapnyip… sipnyap… sgn… ist kostbar, Herr Nadel. Deshalb komme ich sofort zum Kern der Sache. Was habt ihr mit dem Hund angestellt?« Herr Nadel zog einen kleinen Hebel. »… wiedelwiedelwie… Meine… Klienten haben ein sehr gutes Gedächtnis und tiefe Taschen. Sie könnten auf den Gedanken kom- men, sich an andere Killer zu wenden. Habt ihr verstanden?« Ein leises »Autsch!« erklang, als der Aus-Hebel den Kopf des Ko- bolds traf. Herr Schräg stand auf und trat zu einer uralten Vitrine. »Möchtest du etwas zu trinken, Herr Nadel? Leider kann ich dir nur Balsamieröl anbieten…« »Nein, noch nicht, Herr Schräg.« »… und ich glaube, irgendwo habe ich eine Banane…«, Herr Schräg drehte sich um und lächelte selig, als Herr Nadel den Arm seines Partners festhielt. »Ich habe dir ja gesagt, dass ich den …ten Kerl umbringen werde…« »Ich fürchte, da kommst du zu spät«, sagte der Anwalt und setzte sich wieder. »Nun gut, Herr Nadel. Es geht um Geld, nicht wahr?« »Das uns zustehende Honorar, plus weitere fünfzigtausend.« »Aber ihr habt den Hund nicht gefunden.« »Ebenso wenig wie die Wache. Und die hat einen Werwolf. Alle su- chen den Hund. Der Köter ist verschwunden. Aber er spielt auch gar keine Rolle mehr. Jetzt kommt es nur noch auf diesen Kasten an.« »Als Beweismaterial taugt das nicht viel…« »Glaubst du? Du fragst uns nach dem Hund und sprichst von Killern. Ich wette, Mumm könnte eine ganze Menge damit anfangen. Er scheint kein Mann zu sein, der solche Dinge ignoriert.« Herr Nadel lächelte humorlos. »Du weißt das eine oder andere über meinen Partner und mich. Unter uns gesagt…« Er beugte sich vor. »Einige unserer Aktivitä- ten könnten als, nun, Verbrechen bezeichnet werden…« »Zum Beispiel all die …ten Morde«, warf Herr Tulpe ein und nickte. »Und da wir Kriminelle sind, könnte man in diesem Zusammenhang von typischem Verhalten sprechen«, fuhr Herr Nadel fort. »Wohinge- gen du ein respektabler Bürger bist. Es sieht nicht gut aus, wenn re- spektable Bürger in solche Dinge verwickelt werden. Dadurch kommen sie ins Gerede.« Herr Schräg räusperte sich. »Um… Missverständnissen vorzubeugen, gebe ich dir einen Wechsel über…« »Edelsteine«, sagte Herr Nadel. »Wir mögen Edelsteine«, fügte Herr Tulpe hinzu. »Habt ihr… Kopien davon angefertigt?«, fragte Herr Schräg. »Darauf gebe ich keine Antwort«, sagte Herr Nadel, der keine Kopien angefertigt hatte und auch gar nicht wusste, ob und wie sich so etwas bewerkstelligen ließ. Aber er glaubte, dass Herr Schräg angesichts der besonderen Situation vorsichtig sein musste, und der Anwalt schien diesen Standpunkt zu teilen., »Ich frage mich, ob ich dir trauen kann«, sagte Herr Schräg wie zu sich selbst. »Weißt du, die Sache sieht folgendermaßen aus«, erwiderte Herr Na- del so geduldig wie möglich. Seine Kopfschmerzen wurden immer schlimmer. »Es wäre nicht besonders gut, wenn sich herumspräche, dass wir einen Klienten verpfiffen haben. Man würde sagen: Solchen Leuten kann man nicht trauen. Sie wissen nicht, was sich gehört. Aber wenn die Leute, mit denen wir Umgang pflegen, davon hören, dass wir einen Klienten umgelegt haben, weil er nicht fair war… Dann werden sie sagen: Das sind Geschäftsleute. Sie sind tüchtig. Sie nehmen ihre Geschäfte ernst…« Er unterbrach sich und sah zu den Schatten in den Ecken des Zim- mers. »Und?«, fragte Herr Schräg. »Und… und… ach, lassen wir diesen Kram«, sagte Herr Nadel und blinzelte. »Gib uns die Edelsteine, Schräg, oder ich überlasse dich Tul- pe. Wir verlassen diese elende Stadt mit den Zwergen, Vampiren, Trol- len und umherlaufenden Toten. Ankh-Morpork wird mir immer un- heimlicher! Also her mit den verdammten Diamanten! Jetzt sofort!« »Na schön«, sagte Herr Schräg. »Und der Kobold?« »Er begleitet uns. Wenn wir gefasst werden, erwischt es auch ihn. Wenn wir auf geheimnisvolle Weise ums Leben kommen… dann wer- den gewisse Dinge bekannt. Wenn wir in Sicherheit sind… Du bist wohl kaum in der Situation, irgendwelche Forderungen zu stellen, Schräg.« Herr Nadel erschauderte. »Ich fühle mich heute nicht beson- ders wohl!« Herr Schräg zog eine Schublade auf und legte drei kleine Samtbeutel auf den Schreibtisch. Herr Nadel wischte sich mit einem Taschentuch die Stirn ab. »Sieh sie dir an, Herr Tulpe.« Es wurde still, als beide Männer beobachteten, wie Herr Tulpe die Edelsteine auf eine riesenhafte Hand rollen ließ. Er betrachtete mehrere davon durch eine Lupe. Er beschnupperte sie. Vorsichtig beleckte er den einen oder anderen., Dann nahm er vier Steine und warf sie dem Anwalt zu. »Hältst du mich für einen …ten Idioten?«, fragte er. »Denk nicht einmal daran, irgendetwas abzustreiten«, sagte Herr Na- del. »Vielleicht ist dem Juwelier ein Fehler unterlaufen«, spekulierte Herr Schräg. »Ach, tatsächlich?« Herr Nadel griff erneut in die Jackentasche, und als seine Hand diesmal wieder zum Vorschein kam, hielt sie eine Waffe. Herr Schräg blickte in die Mündung eines federbetriebenen Gfährs. In technischer und rechtlicher Hinsicht handelte es sich um eine Arm- brust, denn menschliche Kraft war notwendig, um die Feder zu span- nen. Aber geduldige Technik hatte die Waffe so weiterentwickelt und miniaturisiert, bis sie nur noch aus einem Rohr mit Griff und Abzug bestand. Es hieß: Wenn die Assassinengilde jemanden fand, der eine solche Waffe bei sich trug, so würde sie gründlich alle Möglichkeiten untersuchen, sie am menschlichen Körper zu verstecken. Und wer sie gegen einen Wächter einsetzen wollte, musste damit rechnen, schon kurze Zeit später den Boden unter den Füßen zu verlieren und im Wind hin und her zu baumeln. Offenbar war unter dem Schreibtisch ein Schalter verborgen, denn eine Tür öffnete sich, und zwei Männer sprangen ins Zimmer. Einer von ihnen war mit zwei langen Messern bewaffnet, der andere mit einer Armbrust. Herr Tulpe stellte Schreckliches mit ihnen an. In gewisser Weise war dies ein Talent. Wenn ein Bewaffneter in ein Zimmer stürmt und weiß, dass ihn dort Ärger erwartet, so braucht er wenigstens einen Sekundenbruchteil, um sich zu orientieren, die Lage einzuschätzen, zu denken. Herr Tulpe benötigte keine Zeit. Er dachte nicht. Seine Hände bewegten sich wie von allein. Selbst für die aufmerksam beobachtenden Augen von Herrn Schräg war eine Art geistiger Wiederholung erforderlich, und sogar in der Zeit- lupe des Entsetzens fiel es schwer, Einzelheiten zu erkennen. Herr Tul- pe packte den nächsten Stuhl und schwang ihn herum. Am Ende der schemenhaften Bewegung lagen zwei Männer bewusstlos auf dem Bo-, den, einer mit einem seltsam verdrehten Arm, und in der Decke steckte ein Messer. Herr Nadel hatte sich nicht umgedreht. Er hielt das Gfähr weiterhin auf Herrn Schräg gerichtet. Aus einer anderen Tasche seiner Jacke holte er einen Zigarettenanzünder in Form eines kleinen Drachens hervor, und dann sah Herr Schräg – Herr Schräg, der beim Gehen knisterte und nach Staub roch – einen Stofffetzen an dem Bolzen, der aus dem Lauf der Waffe ragte. Herr Nadel wandte den Blick nicht von dem Anwalt ab, als er den Fetzen anzündete. Er fing sofort Feuer. Und Herr Schräg war sehr tro- cken. »Ich habe etwas Schlimmes vor«, sagte Herr Nadel wie hypnotisiert. »Aber ich habe so viele schlimme Dinge angestellt, dass dies kaum eine Rolle spielt. Weißt du, ein Mord ist eine große Sache, aber ein weiterer bedeutet nur noch die Hälfte davon. Verstehst du? Wenn man zwan- zigmal getötet hat, so ist es im Durchschnitt gesehen kaum mehr der Re- de wert. Heute ist ein schöner Tag, die Vögel zwitschern, es gibt Dinge wie… Kätzchen und so, und der Sonnenschein glänzt auf dem Schnee und verheißt den Frühling mit Blumen und grünem Gras und noch mehr Kätzchen und warmen Sommertagen und erfrischendem Regen und wundervoll sauberen Dingen, die du nie wieder sehen wirst, wenn du uns nicht gibst, was sich in der Schublade befindet, denn du wirst brennen wie eine Fa- ckel, du mieser, betrügerischer, hinterhältiger und vertrockneter Mistkerl!« Herr Schräg tastete in der Schublade herum und legte einen weiteren Samtbeutel auf den Schreibtisch. Herr Tulpe warf seinem Partner einen nervösen Blick zu – Herr Nadel hatte nie zuvor Kätzchen erwähnt, außer in Sätzen, die auch das Wort »Wassertonne« enthielten –, bevor er nach dem Beutel griff und den Inhalt untersuchte. »Rubine«, sagte er. »Und …t gute.« »Geht jetzt«, brachte Herr Schräg hervor. »Unverzüglich. Und kehrt nie zurück. Ich kenne euch nicht. Ich bin euch nie begegnet.« Er starrte auf die flackernde Flamme. Während der letzten Jahrhunderte hatte Herr Schräg viele unange- nehme Dinge gesehen, aber derzeit wirkte nichts bedrohlicher als Herr, Nadel. Oder irrer. Der Mann schwankte, und sein Blick huschte immer wieder in die dunklen Ecken des Raums. Herr Tulpe berührte seinen Partner an der Schulter. »Wir murksen ihn ab und gehen?«, fragte er. Nadel blinzelte. »Na schön«, sagte er und schien in den eigenen Kopf zurückzukehren. »Na schön.« Er sah den Zombie an. »Für heute lasse ich dich am Leben«, sagte er und pustete die Flamme aus. »Morgen… wer weiß?« Es war keine schlechte Drohung, aber irgendwie kam sie nicht von Herzen. Und dann war die Neue Firma fort. Herr Schräg setzte sich und starrte zur geschlossenen Tür. Als Toter hatte er in dieser Hinsicht reichlich Erfahrung, und deshalb wusste er: Für seine beiden bewaffneten Sekretäre, Veteranen vieler juristischer Schlachten, kam jede Hilfe zu spät. Er nahm ein Blatt Papier aus der Schublade, schrieb einige Worte in Blockschrift, versiegelte das Blatt in einem Umschlag und ließ einen weiteren Sekretär kommen. »Kümmere dich darum«, sagte er, als der Mann zu seinen beiden Kol- legen sah. »Und dann bring das hier zu de Worde.« »Welchen meinst du, Herr?« Die Frage erzeugte kurze Verwirrung, aber Herr Schräg fasste sich so- fort. »Lord de Worde«, sagte er. »Ganz gewiss nicht den anderen.« William de Worde blätterte zu einer neuen Seite in seinem Notizbuch und schrieb weiter. Die Grässliche Gruppe beobachtete ihn wie jeman- den, der öffentliche Unterhaltung bot. »Das ist eine bemerkenswerte Gabe«, sagte Arnold Seitwärts. »Es er- freut das Herz zu sehen, wie der Stift wackelt. Ich wünschte, ich könnte ihn ebenso wackeln lassen, aber leider lassen meine mechanischen Fä- higkeiten zu wünschen übrig.« »Möchtest du eine Tasse Tee?«, fragte der Entenmann., »Ihr trinkt hier unten Tee?« »Natürlich. Warum nicht? Für wen hältst du uns?« Der Entenmann hob eine rußgeschwärzte Teekanne sowie einen rostigen Becher und lächelte einladend. William hielt es für besser, höflich zu sein. Außerdem war das Wasser abgekocht, oder? »Aber ohne Milch«, sagte er rasch. Er konnte sich die Milch vorstel- len. »Ah, ich wusste ja, dass du ein feiner Herr bist«, meinte der Enten- mann und füllte den Becher mit einer teerigen braunen Flüssigkeit. »Milch im Tee ist einfach scheußlich.« Mit einer eleganten Geste griff er nach einem Teller und einer Zange. »Zitronenscheibe gefällig?« »Eine Zitronenscheibe? Ihr habt hier Zitronen?« »Oh, selbst Herr Ron würde sich eher die Achseln waschen, als seinen Tee ohne Zitronenscheibe zu trinken«, sagte der Entenmann und ließ eine Scheibe in Williams Becher fallen. »Und vier Zuckerwürfel«, fügte Arnold Seitwärts hinzu. William probierte den Tee. Er war recht zähflüssig, aber auch heiß und süß. Und er schmeckte ein wenig nach Zitrone. Alles in allem hätte es weitaus schlimmer sein können. »Ja, mit den Zitronenscheiben haben wir wirklich Glück«, sagte der Entenmann, während er mit den Tee-Utensilien hantierte. »Nur an ei- nem sehr schlechten Tag finden wir keine zwei oder drei Scheiben im Fluss.« William starrte an die Flussmauer. Spucken oder schlucken, dachte er. Das ist hier die Frage. »Fühlst du dich nicht gut, Herr de Worde?« »Mmf.« »Zu viel Zucker?« »Mmf.« »Zu heiß?« William spuckte den Tee dankbar in Richtung Fluss., »Ah!«, sagte er. »Ja! Zu heiß! Genau! Wundervoller Tee, aber zu heiß! Ich stelle den Becher hier ab, damit er ein wenig abkühlen kann.« Er griff wieder nach Stift und Notizbuch. »Nun… äh… Wuffel, welchen Mann hast du ins Bein gebissen?« Wuffel bellte. »Er hat sie alle gebissen«, erklang die Stimme von Tiefer Knochen. »Sobald man begonnen hat zu beißen… Warum damit aufhören?« »Würdest du sie wiedererkennen, wenn du sie noch einmal beißt?« »Er meint ja. Der große Bursche schmeckte angeblich nach… du weißt schon…« Tiefer Knochen zögerte. »Wie ein Dingsbums… wie eine große, große Schüssel mit heißem Wasser und Seife drin.« »Ein Bad?« Wuffel knurrte. »Das ist… der richtige Ausdruck«, sagte Tiefer Knochen. »Und der andere roch nach billigem Haaröl. Und derjenige, der wie G… wie Lord Vetinari aussah, roch nach Wein.« »Wein?« »Ja. Wuffel möchte sich außerdem dafür entschuldigen, dass er dich gebissen hat. Er wurde von seinen Erinnerungen überwältigt. Bei uns… Ich meine, bei Hunden haben Erinnerungen einen ausgeprägten physi- schen Aspekt, wenn du verstehst, was ich meine.« William nickte und rieb sich den Fußknöchel. Die Ereignisse im Rechteckigen Büro waren jaulend, bellend und knurrend beschrieben worden. Wuffel hatte sich dabei im Kreis gedreht und nach seinem eigenen Schwanz geschnappt, bis er an Williams Bein gestoßen war. »Und seit diesem Zeitpunkt trägt ihn Ron unter seinem Mantel?« »Niemand durchsucht den Stinkenden Alten Ron«, sagte Tiefer Kno- chen. »Das glaube ich gern«, erwiderte William. Er nickte Wuffel zu. »Ich möchte ihn ikonographieren«, sagte er. »Dies ist eine… erstaun- liche Geschichte. Aber wir brauchen ein Bild, um zu beweisen, dass ich wirklich mit Wuffel gesprochen habe. Äh, natürlich mit Hilfe eines Dolmetschers. Die Leute sollen nicht glauben, dass es eine dieser, dummen Sprechender-Hund-Geschichten ist, wie sie der Kurier bringt…« Die Angehörigen der Grässlichen Gruppe brummten leise. Williams Anliegen stieß auf nur wenig Gegenliebe. »Dies ist ein exklusiver Ort«, sagte der Entenmann. »Wir erlauben nicht allen Leuten, hierher zu kommen.« »Aber es führt ein Weg unter die Brücke!«, wandte William ein. »Jeder könnte diesen Ort aufsuchen!« »Nun, ja«, räumte Henry Husten ein. »Die Leute könnten hierher kommen.« Er hustete und spuckte mit großem Geschick ins Feuer. »Aber sie verzichten darauf.« »Mistundverflucht«, erklärte der Stinkende Alte Ron. »Einen Kessel- flicker erwürgen? Verdammich. Ich hab’s ihnen gesagt. Jahrtausendhand und Krevetten!« »Dann solltest du mich besser zu meinem Büro begleiten«, sagte Wil- liam. »Immerhin steckte Wuffel auch unter deinem Mantel, während du Zeitungen verkauft hast.« »Jetzt ist es zu gefährlich, unterwegs zu sein«, entgegnete Tiefer Kno- chen. »Wäre es weniger gefährlich, wenn ich euch weitere fünfzig Dollar anbiete?«, fragte William. »Weitere fünfzig Dollar?«, vergewisserte sich Arnold Seitwärts. »Dann sind es insgesamt fünfzehn!« »Nein, hundert«, sagte William müde. »Euch ist doch wohl klar, dass dies im öffentlichen Interesse liegt.« Der Entenmann und die anderen reckten den Hals. »Es sieht niemand zu«, meinte Henry Husten. William trat vor und stieß dabei rein zufällig den Teebecher um. »Gehen wir«, sagte er. Herr Tulpe machte sich allmählich Sorgen, was sehr ungewöhnlich war. Normalerweise war er der Verursacher von Sorgen, nicht der Empfän- ger. Aber Herr Nadel verhielt sich nicht richtig, und da Herr Nadel das, Denken erledigte, gab es allen Grund für Herrn Tulpe, beunruhigt zu sein. Er selbst verstand sich gut darauf, in Bruchteilen von Sekunden zu denken, und wenn es darum ging, Kunst zu erkennen und zu würdigen, konnte er auch in Jahrhunderten denken. Doch mit den mittleren Dis- tanzen kam er nicht gut zurecht. Dafür brauchte er Herrn Nadel. Doch Herr Nadel sprach mit sich selbst und starrte immer wieder in die Schatten. »Verlassen wir jetzt die Stadt?«, fragte Herr Tulpe in der Hoffnung, dass die Dinge den gewünschten Lauf nahmen. »Wir haben das …te Honorar und außerdem einen ordentlichen …ten Bonus bekommen. Es gibt also keinen …ten Grund, noch länger hier zu bleiben.« Ihn besorgte auch Herrn Nadels Gebaren dem …ten Anwalt gegen- über. Es war gar nicht typisch für ihn, eine Waffe auf jemanden zu rich- ten und sie dann nicht einzusetzen. Die Neue Firma lief nicht herum und drohte den Leuten. Sie war die Drohung. Der …te »Für heute lasse ich dich am Leben«-Unsinn… So was kam nur für Amateure in Frage. »Ich habe gefragt, ob wir die Stadt jetzt…« »Was geschieht deiner Meinung nach mit Leuten, wenn sie tot sind, Herr Tulpe?« Herr Tulpe erschrak. »Was ist das für eine …te Frage? Du weißt doch, was mit ihnen passiert.« »Weiß ich das?« »Natürlich. Erinnerst du dich, als wir den Burschen in der …ten Scheune lassen mussten und erst nach einer Woche Gelegenheit hatten, ihn zu begraben? Weißt du noch, wie der Körper…« »Ich meine nicht den Körper!« »Ah. Es geht dir um Religiöses, wie?« »Ja!« »Über den …ten Kram habe ich nie nachgedacht.« »Nie?« »Hab nicht einen einzigen Gedanken daran vergeudet. Ich vertraue meiner Kartoffel.«, Wenige Sekunden später stellte Herr Tulpe fest, dass er einige Meter allein zurückgelegt hatte, denn Herr Nadel war ganz plötzlich stehen geblieben. »Kartoffel?« »Ja. Ich trage sie an einem Bindfaden um den Hals.« Herr Tulpe klopfte sich auf die breite Brust. »Und das ist religiös?« »Kann schon sein. Wenn man im Augenblick des Todes seine Kartof- fel hat, wird alles gut.« »Was für eine Art von Religion ist das?« »Keine Ahnung. Außerhalb unseres Dorfes bin ich ihr nie begegnet. Ich war damals noch ein Kind. Ich meine, es ist wie mit den Göttern. Wenn man ein Kind ist, heißt es ›Das ist Gott‹ und so. Dann wird man erwachsen und stellt fest, dass es Millionen von Göttern gibt. Ähnlich verhält es sich mit der Religion.« »Und es ist alles in bester Ordnung, wenn man im Augenblick des Todes eine Kartoffel hat?« »Ja. Dann darf man zurückkehren und ein weiteres Leben führen.« »Selbst wenn…« Herr Nadel schluckte, denn er befand sich jetzt auf einem Territorium, das in seinem inneren Atlas bisher nicht existiert hatte. »Selbst wenn man Dinge angestellt hat, die manche Leute für schlimm halten?« »Wie zum Beispiel Leute in …te Stücke zu schneiden oder sie von hohen Klippen zu stürzen?« »Ja, etwas in der Art…« Herr Tulpe schniefte, wodurch seine Nase blinkte. »Nun, damit ist al- les in Ordnung, wenn es einem …t Leid tut.« Herr Nadel staunte, und gleichzeitig regte sich Argwohn in ihm. Aber er spürte, wie… gewisse Dinge zu ihm aufschlossen. Gesichter verbar- gen sich im Dunkeln, und Stimmen flüsterten. Er wagte es nicht, den Kopf zu drehen, aus Furcht davor, etwas hinter sich zu sehen. Für einen Dollar konnte man einen Sack Kartoffeln kaufen. »Und es funktioniert?«, fragte er., »Klar. Bei mir zu Hause tragen die Leute seit …ten Jahrhunderten Kartoffeln mit sich herum. Das würden sie wohl kaum machen, wenn es nicht funktioniert.« »Woher stammst du?« Herr Tulpe versuchte, sich auf diese Frage zu konzentrieren, aber sei- ne Erinnerungen enthielten zu viel Schorf. »Bei mir zu Hause gab es… Wälder«, sagte er. »Und… brennende Kerzen«, murmelte er. »Und… Geheimnisse«, fügte er hinzu und starrte ins Nichts. »Und Kartoffeln?« Herr Tulpe kehrte ins Hier und Heute zurück. »Ja«, sagte er. »Immer gab’s jede Menge Kartoffeln. Wenn man seine Kartoffel hat, wird alles gut.« »Aber… ich dachte, man müsste in Wüsten beten, jeden Tag einen Tempel besuchen, Lieder singen, Armen etwas schenken…« »Oh, dagegen gibt es nichts einzuwenden«, erwiderte Herr Tulpe. »A- ber wichtig ist vor allem, dass man eine …te Kartoffel dabei hat.« »Dann kehrt man lebendig zurück?«, fragte Herr Nadel, der noch immer nach dem Kleingedruckten suchte. »Ja. Es hat ja keinen Sinn, tot zurückzukehren. Wer würde den …ten Unterschied bemerken?« Herr Nadel öffnete den Mund für eine Antwort, und Herr Tulpe be- obachtete, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte. »Jemand hat mir die Hand auf die Schulter gelegt!«, hauchte Herr Na- del. »Fühlst du dich nicht gut?« »Siehst du niemanden?« »Nein.« Herr Nadel ballte die Fäuste und drehte sich um. Ziemlich viele Leute waren auf der Straße unterwegs, aber niemand schenkte ihnen mehr als nur beiläufige Aufmerksamkeit., Sein Selbst verwandelte sich immer mehr in ein Puzzle, und er ver- suchte, die einzelnen Teile wieder zusammenzufügen. »Na schön, na schön«, sagte er. »Wir kehren jetzt zum Haus zurück, holen dort die restlichen Diamanten, schicken Charlie ins Jenseits und, und… suchen einen Gemüseladen… Muss es eine ganz bestimmte Kartoffel sein?« »Nein.« »Gut. Aber zuerst…« Herr Nadel blieb stehen, und sein mentales Ohr hörte einen Sekundenbruchteil später das Geräusch von Schritten hin- ter ihm verklingen. Der verdammte Vampir hatte irgendetwas mit ihm angestellt, so viel stand fest. Die Dunkelheit war wie ein Tunnel gewe- sen, und in der Finsternis lauerten Dinge… Herr Nadel glaubte an Drohungen und Gewalt, und in Zeiten wie dieser glaubte er auch an Rache. Eine innere Stimme, die man gerade noch als »Vernunft« bezeichnen konnte, brachte einen Einwand hervor, wurde jedoch von einer einfachen und primitiven und automatischeren Antwort überstimmt. »Der dreimal verfluchte Vampir ist schuld daran«, sagte er. »Und ei- nen Vampir zu töten… He, das ist praktisch lobenswert!« Seine Miene erhellte sich. Gute Taten stellten Heil in Aussicht. »Es ist allgemein bekannt, dass Vampire über böse okkulte Macht verfügen. Einen von ihnen abzumurksen… Das wäre gewissermaßen ein Punkt zu unseren Gunsten.« »Ja, aber… wen kümmert’s?« »Mich.« »In Ordnung.« Selbst Herr Tulpe wagte es nicht, Einwände zu erhe- ben, wenn er diesen Tonfall hörte. Herr Nadel konnte auf sehr einfalls- reiche Weise unangenehm werden. Außerdem gehörte es zum Ehren- kodex, keine Beleidigung ungesühnt zu lassen. Das war allgemein be- kannt. Nervosität drang nach und nach durch die von Badesalz und Wurm- pulver zerfressenen Kanäle in Herrn Tulpes Hirn. Er hatte immer be- wundert, dass sich Herr Nadel von schwierigen Dingen wie langen Sät- zen nicht einschüchtern ließ., »Was verwenden wir?«, fragte er. »Einen Pflock?« »Nein«, sagte Herr Nadel. »Bei diesem Vampir möchte ich ganz sicher sein.« Er zündete eine Zigarette an, mit einer Hand, die nur ein wenig zitter- te, und betrachtete dann das brennende Streichholz. »Ah«, brummte Herr Tulpe. »Na gut.« »Also los«, sagte Herr Nadel. Falten bildeten sich auf Rockys Stirn, als er die Hinweise betrachtete, die jemand an die Tür des Stadthauses der de Wordes genagelt hatte. »Was das bedeuten?«, fragte er. »Die Schilder weisen darauf hin, dass sich die Gilden jeden vorknöp- fen, der hier einbricht«, erklärte Sacharissa und holte den Schlüssel her- vor. »Es ist eine Art Fluch. Aber er funktioniert.« »Das von den Assassinen kommt?« Der Troll deutete auf einen einfa- chen Schild, der einen Mantel mit Dolch und zwei Kreuze zeigte. »Ja. Die Botschaft lautet: Es gibt einen automatischen Kontrakt für jeden, der sich hier unbefugterweise Zugang verschafft.« »Möchte nicht, dass sich Assassinen interessieren für mich. Du zum Glück Schlüssel hast…« Es klickte im Schloss. Sacharissa öffnete die Tür. Sie hatte viele der großen Häuser in der Stadt besucht, wenn ihre Ei- gentümer einen Teil davon der Öffentlichkeit zugänglich machten, um einen Beitrag für eine der besseren Wohltätigkeitsaktionen zu leisten. Jetzt merkte sie plötzlich, wie sehr sich solche Gebäude veränderten, wenn niemand mehr in ihnen wohnte. Die Maßstäbe schienen sich ver- schoben zu haben. Die Türen waren zu groß, die Decke zu hoch. Die muffige Leere senkte sich wie ein ganz besonderer Kopfschmerz auf Sacharissa herab. Hinter ihr zündete Rocky zwei Laternen an, doch selbst in ihrem Licht blieb Sacharissa von Schatten umgeben. Die Haupttreppe war nicht schwer zu finden, und Williams Beschrei- bungen führten die junge Frau in eine Zimmerflucht, die größer war als, ihr Haus. Die Garderobe erwies sich als ein ganzer Raum voller Stangen und Kleiderbügel. Dinge glitzerten im Halbdunkel. Die Kleider rochen stark nach Mot- tenkugeln. »Das interessant ist«, sagte Rocky hinter Sacharissa. »Oh, sie dienen dazu, Motten fern zu halten«, sagte sie. »Ich die vielen Fußabdrücke meinen«, erwiderte der Troll. »Es sie gab auch im Flur.« Sacharissa wandte den Blick von den Kleidern ab und richtete ihn auf den Boden. Im Staub waren tatsächlich Spuren zu sehen. »Äh… vielleicht stammen sie von der Putzfrau«, vermutete sie. »Be- stimmt kommt jemand hierher, um die Dinge im Auge zu behalten.« »Sie den Staub nicht wegwischt, sondern ihn tritt zu Tode?« »Ich bin ganz sicher, dass gelegentlich ein Hausmeister oder so hierher kommt«, sagte Sacharissa unsicher. Ein blaues Kleid flüsterte ihr zu: Trag mich. Ich bin genau richtig für dich. Sieh mich schimmern. Rocky stieß einige Mottenkugeln an, die über die Frisierkommode in den Staub gerollt waren. »Offenbar die Motten ganz verrückt sind nach diesen Dingern«, mein- te er. »Glaubst du, ein solches Kleid ist zu… gewagt?«, fragte Sacharissa und hielt das Gewand an ihren Leib. Besorgnis erfasste Rocky. Man hatte ihn nicht wegen seines modi- schen Sachverstands eingestellt, und schon gar nicht wegen seiner Kenntnisse der Umgangssprache des Mittelstands. »Ich glaube nicht, dass es darstellt zu großes Risiko«, antwortete er vorsichtig. »Ich meine, sähe ich darin aus wie ein leichtes Mädchen?« »Oh«, erwiderte Rocky und glaubte zu verstehen. »Nein, ganz be- stimmt nicht.« »Bist du sicher?« »Ja. Du eigentlich gar nicht bist so leicht.«, Sacharissa gab auf. »Ich schätze, Frau Heißbett könnte es oben herum ein wenig weiten«, sagte sie nachdenklich. Sie fühlte sich versucht, län- ger zu bleiben und andere Regionen der Garderobe zu erforschen, aber sie kam sich zu sehr wie ein Eindringling vor. Außerdem glaubte sie, dass eine Frau mit Hunderten von Kleidern ein fehlendes Kleid eher bemerkte als eine andere, die nur ein Dutzend besaß. Und abgesehen davon ging ihr die leere Dunkelheit immer mehr auf die Nerven. Sie steckte voller Geister. »Lass uns wieder gehen.« Auf halbem Weg durch den Flur hörten sie, wie jemand zu singen be- gann. Die Worte waren ohne Zusammenhang, und die Melodie wurde von Alkohol bestimmt, aber es handelte sich um eine Art Gesang, und er erklang unter ihnen. Rocky zuckte mit den Schultern, als Sacharissa ihn ansah. »Vielleicht all die Motten veranstalten ein Fest?«, vermutete er. »Es gibt hier anscheinend doch einen Hausmeister. Vielleicht sollten wir ihm mitteilen, dass wir hier gewesen sind«, brachte Sacharissa fast verzweifelt hervor. »Es dürfte wohl kaum höflich sein, einfach irgend- welche Dinge zu nehmen und wieder zu verschwinden.« Sie näherte sich einer grünen Tür neben der Treppe und öffnete sie. Der Gesang wurde zunächst lauter – und verstummte abrupt, als Sacha- rissa »Entschuldigung?« in die Dunkelheit sagte. »Hallo!«, ertönte es nach einer kurzen Pause. »Wie geht es dir? Mir geht es gut!« »Äh, ich bin es nur! William meinte, es sei alles in Ordnung?« Sie sprach die Worte wie eine Frage aus, im Tonfall einer Person, die sich beim Einbrecher dafür entschuldigt, dass sie ihn entdeckt hat. »Herr Mottenkugel Nase? Huch!«, erwiderte die Stimme aus den Schatten am Ende der Treppe. »Äh… fühlst du dich nicht gut?« »Kann nicht… wegen… hahaha… wegen der Ketten… hahaha…« »Bist du… krank?« »Nein, bin nicht krank, es geht mir gut, ich hatte nur zu viel…«, »Zu viel was?«, fragte Sacharissa auf der Grundlage einer behüteten Kindheit. »… Dingsbums… Dinge, in denen man Trinkbares unterbringt… Fässer?« »Du bist betrunken?« »Ja, genau! Das ist das richtige Wort! Ich bin so voll wie… Dings- bums… Dingsda… ahahaha…« Glas klirrte. Im matten Schein der Laterne war etwas zu erkennen, das ein Wein- keller zu sein schien. Ein Mann saß dort auf einer Bank an der Wand, und von seinem Bein reichte eine Kette zu einem Ring im Boden. »Du bist… gefangen?«, fragte Sacharissa. »Ahahaha…« »Wie lange bist du schon hier unten?« Sie schritt die Treppe hinab. »Jahre…« »Seit Jahren?« »Hier gibt’s jede Menge Jahre…« Der Mann griff nach einer Flasche und sah auf das Etikett. »Jahr des Ergänzenden Kamels… einver- dammtguter Jahrgang… Und dieser hier… Jahr der Übersetzten Rat- te… noch einverdammtguter Jahrgang… Sind alles verdammtgute Jahrgänge. Allerdings könnte ich einen Keks gebrauchen.« Sacharissas Weinkenntnisse beschränkten sich auf das Wissen, dass Chateau Maison ein sehr beliebter Wein war. Aber man musste nicht angekettet sein, um Wein zu trinken, nicht einmal bei dem Zeug aus Ephebe, das die Gläser am Tisch fest kleben ließ. Sie schob sich ein wenig näher, und das Licht fiel auf das Gesicht des Mannes. Es zeigte das Lächeln ernsthafter Trunkenheit und wirkte gleichzeitig sehr vertraut. Sacharissa sah es jeden Tag auf Münzen. »Äh… Rocky«, sagte sie. »Würdest du bitte hierher kommen?« Die Tür sprang auf, und der Troll kam ziemlich schnell die Treppe herunter. Allerdings verdankte er seine hohe Geschwindigkeit der Tat- sache, dass er rollte., Herr Tulpe erschien am oberen Ende der Treppe und rieb sich die Faust. »Hallo, Herr Nieser!«, rief Charlie und hob die Flasche. »Jetzt sind alle da! Juchhe!« Rocky stand auf und schwankte ein wenig. Herr Tulpe schlenderte die Treppe herunter und riss wie beiläufig den Türpfosten aus der Einfas- sung. Der Troll hob die Fäuste und nahm die klassische Haltung eines Boxers ein. Doch Herr Tulpe hielt sich nicht mit irgendwelchen Fein- heiten auf und schlug mit dem langen Holzstück zu. Rocky stürzte wie ein gefällter Baum. Erst dann versuchte der riesenhafte Mann, den Blick der sich drehen- den Augen auf Sacharissa zu richten. »Wer bist du denn …t?« »Wag es nicht, in meiner Anwesenheit zu fluchen!«, erwiderte Sacha- rissa. »Wie kannst du es wagen, in Gegenwart einer Dame zu fluchen?« Das verblüffte Herrn Tulpe. »Es kam doch gar kein …ter Fluch über meine Lippen!« »He, ich habe dich schon einmal gesehen, du bist… Ich wusste, dass du keine richtige Jungfrau bist!«, sagte Sacharissa triumphierend. Eine Armbrust klickte. Manche leisen Geräusche sind noch weit ent- fernt zu hören und können trotz ihrer geringen Lautstärke eine erstaun- lich große Wirkung entfalten. »Manche Gedanken sind zu schrecklich, um sie weiter zu verfolgen«, sagte der dürre Mann, der ganz oben auf der Treppe stand und mit ei- ner Pistolen-Armbrust auf Sacharissa zielte. »Was machst du hier, Ver- ehrteste?« »Und du bist Bruder Nadel! Ihr habt kein Recht, euch an diesem Ort aufzuhalten! Ich habe den Schlüssel!« Diejenigen Bereiche von Sacharis- sas Bewusstsein, die sich mit Tod und Grauen befassten, winkten nun und versuchten, sich Gehör zu verschaffen. Aber da sie nun einmal Teil von ihr waren, gingen sie dabei sehr damenhaft vor, deshalb schenkte der Rest diesen Stimmen keine Beachtung. »Du hast einen Schlüssel?«, fragte Bruder Nadel und kam die Treppe herab. Die kleine Armbrust blieb weiterhin auf Sacharissa gerichtet., Selbst in seinem gegenwärtigen Zustand verstand es Herr Nadel, gut zu zielen. »Wer hat ihn dir gegeben?« »Komm nicht näher! Wag es bloß nicht, noch näher zu kommen! Wenn du noch näher kommst… dann schreibe ich alles auf!« »Ach? Nun, ich weiß, dass Worte nicht wehtun«, sagte Herr Nadel. »Ich habe…« Er unterbrach sich und schnitt eine Grimasse. Ein oder zwei Sekun- den erweckte er den Eindruck, auf die Knie sinken zu wollen. Dann straffte er die Gestalt und sah Sacharissa erneut an. »Du kommst mit uns«, entschied er. »Und sag jetzt nicht, dass du schreien wirst, denn wir sind hier allein, und ich habe… viele… Schreie… gehört…« Erneut schien er dem Zusammenbruch nahe zu sein, und wieder er- holte er sich. Sacharissa starrte entsetzt auf die zitternde Armbrust. Die Teile ihres Gehirns, die Stille als Überlebenshilfe vorschlugen, hatten sich schließlich doch noch Gehör verschafft. »Was ist mit diesen beiden?«, fragte Herr Tulpe. »Murksen wir sie jetzt ab?« »Kette sie an. Wir lassen sie hier.« »Aber wir haben noch nie…« »Wir lassen sie hier!« »Fühlst du dich nicht gut?«, fragte Herr Tulpe. »Nein! Ich fühle mich tatsächlich nicht besonders gut! Wir lassen sie hier, klar? Wir haben nicht genug Zeit!« »Wir haben jede Menge…« »Ich nicht!« Herr Nadel trat zu Sacharissa. »Wer hat dir den Schlüssel gegeben?« »Ich werde auf keinen Fall…« »Soll ich Herrn Tulpe auffordern, unsere beiden Freunde dort für immer zu verabschieden?« Herr Nadel hatte nur vage Vorstellungen vom Universum der Moral, außerdem summte es zwischen seinen Schläfen – aber er glaubte, dass damit soweit alles in Ordnung war. Immerhin würden die Schatten Herrn Tulpe verfolgen, nicht ihn…, »Dieses Haus gehört Lord de Worde, und den Schlüssel habe ich von seinem Sohn!«, stieß Sacharissa triumphierend hervor. »Ich meine den jungen Mann, dem du im Büro der Zeitung begegnet bist! Jetzt wird dir sicher klar, auf was du dich eingelassen hast.« Herr Nadel starrte sie an. Schließlich sagte er: »Ich werde es bald herausfinden. Renne nicht. Und ich rate dir dringend davon ab zu schreien. Geh ganz normal, und alles…« Er zögerte. »Ich wollte gerade sagen ›und alles wird gut‹, aber das wäre eine ziemlich dumme Bemerkung, nicht wahr?« Mit der Grässlichen Gruppe kam man nur langsam voran. Für sie war die Welt eine Mischung aus Theater, Kunstgalerie, Konzertsaal, Restau- rant und Spucknapf – alles ständig geöffnet. Außerdem lehnten es alle Gruppenmitglieder strikt ab, irgendeinen Ort in einer geraden Linie aufzusuchen. Der Pudel Fiffiliebling begleitete sie und versuchte die ganze Zeit, im Zentrum der Gruppe zu bleiben. Nichts deutete auf die Anwesenheit von Tiefer Knochen hin. William hatte angeboten, Wuffel zu tragen, denn in gewisser Weise glaubte er, dass der Hund ihm gehörte. Zumin- dest gehörte ihm so viel, wie sich für hundert Dollar kaufen ließ. Er besaß diese hundert Dollar nicht, aber die morgige Ausgabe der Zei- tung würde sich bestimmt gut verkaufen. Und wer auch immer es auf Wuffel abgesehen hatte… Mitten auf der Straße und am helllichten Tag würde er bestimmt nichts unternehmen. Allerdings verdunkelte der Tag sich rasch. Wolken füllten den Himmel wie alte Daunendecken, und die dichter werdenden Nebelschwaden vereinten sich mit dem Dunst, der vom Fluss kam. Überall strömte das Licht davon. William versuchte, eine Schlagzeile zu formulieren. In dieser Hinsicht hatte er den Dreh noch nicht ganz raus. Es gab so viel zu erzählen, und er verstand sich nicht besonders gut darauf, die Komplexität der Welt in weniger als sechs Worten auszudrücken. Sacharissa kam damit besser zurecht, denn sie behandelte Worte wie Ansammlungen von Buchsta- ben, die beliebig neu zusammengesetzt werden konnten. Ihre bisher beste Überschrift betraf eine gildeninterne Auseinandersetzung, und sie lautete:,

WILDES CHAOS BEI GILDEN- AUFRUHR

William brachte es einfach noch nicht fertig, Worte allein aufgrund ih- rer Länge auszuwählen, während sich Sacharissa innerhalb von zwei Tagen daran gewöhnte. Er hatte sie bereits daran hindern müssen, Lord Vetinari »STADTBOSS« zu nennen. Wenn man genug Zeit mit einem Thesaurus verbrachte, fand man vielleicht tatsächlich solch einen Begriff; außerdem passte er in eine Spalte, aber der Anblick dieses Wortes hatte William profundes Unbehagen beschert. Zusammen mit der Grässlichen Gruppe betrat er den Schuppen und war noch immer so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ihm zunächst gar nichts Ungewöhnliches auffiel. Erst die Mienen der Zwerge stießen ihn darauf, dass etwas nicht stimmte. »Ah, unser Schreiberling«, sagte Herr Nadel und trat vor. »Schließ die Tür, Herr Tulpe.« Herr Tulpe knallte die Tür mit einer Hand zu. Die andere blieb auf Sacharissas Mund gepresst. Sie sah William an und rollte mit den Au- gen. »Und du hast das Hündchen mitgebracht«, sagte Herr Nadel. Wuffel begann zu knurren, als er sich näherte. William wich zurück. »Die Wache wird bald hier sein«, sagte er. Wuffel knurrte noch im- mer, ein wenig lauter und schriller. »Und wenn schon«, erwiderte Herr Nadel. »Ich habe keine Angst vor ihr. Immerhin weiß ich etwas. Und ich kenne jemanden. Wo steckt der ver- dammte Vampir?« »Keine Ahnung!«, antwortete William scharf. »Er ist nicht immer bei uns!«, »Ach, tatsächlich?« Nur wenige Zentimeter trennten Herrn Nadels Pistolen-Armbrust von Williams Gesicht. »In dem Fall möchte ich dich auf Folgendes hinweisen: Wenn er nicht in zwei Minuten hier ist…« Wuffel sprang aus Williams Armen. Sein Bellen war das rasende »Waurwaurwaur« eines Hundes außer sich vor Zorn. Nadel neigte den Oberkörper nach hinten und hob einen Arm schützend vors Gesicht. Aus einem Reflex heraus zog er den Auslöser der Armbrust. Ihr Bolzen traf eine der Lampen über der Druckerpresse. Die Lampe platzte aus- einander. Brennendes Öl regnete auf Drucktypen, alte Schaukelpferde und Zwerge. Herr Tulpe ließ Sacharissa los, um seinem Partner zu helfen. Im lang- samen Tanz sich überstürzender Ereignisse schwang Sacharissa herum und rammte ein Knie in eine Stelle, die eine Pastinake sehr komisch aussehen ließ. William sprang durch den Schuppen, packte Sacharissa und schob sie nach draußen in die Kälte. Auf dem Rückweg begegnete er der fliehen- den Grässlichen Gruppe, die auf Feuer ebenso instinktiv reagierte wie auf Wasser und Seife. Im Druckraum herrschte loderndes Chaos. Zwerge versuchten, das Feuer in den Abfällen zu löschen und die Flammen in ihren Bärten zu ersticken. Mehrere von ihnen näherten sich Herrn Tulpe, der auf Hände und Knie gesunken war und sich ü- bergab. Herr Nadel drehte sich immer wieder um die eigene Achse, vergeblich bemüht, sich von dem wütenden Wuffel zu befreien, der ihm die Zähne knochentief in den Arm gebohrt hatte und es dabei noch fertig brachte zu knurren. William wölbte die Hände trichterförmig vor dem Mund. »Verlasst den Schuppen!«, rief er. »Die Büchsen!« Einige Zwerge hörten ihn und blickten zu den Regalen mit den alten Farbdosen. Der Deckel der ersten flog davon. Die Büchsen waren sehr alt und bestanden eigentlich nur noch aus Rost, der von chemischem Schlamm zusammengehalten wurde. Einige andere begannen zu brennen., Herr Nadel tanzte hin und her. Er versuchte weiter, den zornigen Hund von seinem Arm zu schütteln. »Hilf mir, den Mistköter loszuwerden!«, heulte er. »Vergiss den …ten Hund!«, rief Herr Tulpe und klopfte auf seinen Ärmel. »Mein …ter Anzug brennt!« Eine Dose mit Emaillelack flog durch die Flammen, drehte sich mit einem Geräusch, das wie »Wzipwzip« klang, und explodierte an der Presse. William packte Gutenhügel an der Schulter. »Wir müssen den Schup- pen verlassen!« »Die Druckerpresse brennt!« »Besser sie als wir! Komm!« Man sagte den Zwergen nach, dass ihnen Dinge wie Eisen und Gold wichtiger waren als Leute, weil es nur eine begrenzte Menge an Eisen und Gold in der Welt gab, während es immer mehr Leute zu geben schien. Solche Behauptungen stammten meistens von Personen wie Herrn Windling. Dinge waren ihnen tatsächlich wichtig. Ohne Dinge stellten Leute kaum mehr dar als Tiere. Die Drucker drängten sich an der Tür zusammen und hielten ihre Äx- te bereit. Dichter Rauch quoll aus dem Schuppen. Flammen tasteten nach den Dachvorsprüngen. Hier und dort gaben Wellblechteile nach und stürzten zu Boden. Ein qualmender Ball raste durch die Tür. Drei Zwerge schlugen da- nach und hätten sich fast gegenseitig getroffen. Es war Wuffel. An manchen Stellen rauchte sein Fell noch, aber seine Augen glänzten, und er jaulte und knurrte nach wie vor. Er ließ sich von William hochheben, neigte die Ohren nach vorn und richtete einen triumphierenden Blick auf den brennenden Eingang. »Das wär’s dann wohl«, sagte Sacharissa., »Vielleicht sind sie durch die Hintertür entkommen«, meinte Guten- hügel. »Boddony, nimm dir ein paar Jungs und sieh dort nach dem Rechten.« »Ein tapferer Hund«, sagte William. »›Mutig‹ passt besser«, erwiderte Sacharissa nachdenklich. »Das Wort hat nur fünf Buchstaben. In einer einzelnen Spalte wirkt es besser. Nein… ›Tapfer‹ geht durchaus, denn dann hätten wir:

TAPFERER HUND BEISST SCHURKEN

Das sähe ganz gut aus, findest du nicht?« »Ich wünschte, ich könnte in Schlagzeilen denken«, sagte William und erschauderte. Im Keller war es kühl und feucht. Herr Nadel wich in eine Ecke zurück und klopfte auf die brennenden Stellen seines Anzugs. »Hier sitzen wir in der …ten Falle«, stöhnte Herr Tulpe. »Glaubst du?«, erwiderte Nadel. »Dies ist Stein. Steinerner Boden, steinerne Wände, steinerne Decke! Stein brennt nicht, klar? Wir brau- chen hier nur abzuwarten, bis das Feuer dort oben erloschen ist.« Herr Tulpe lauschte dem Prasseln und Zischen über ihnen. Rotes und gelbes Licht huschte über den Boden unter der Kellerluke. »Die …te Sache gefällt mir nicht«, sagte er. »Wir haben Schlimmeres erlebt.« »Die …te Sache gefällt mir nicht!« »Bleib ruhig. Wir kommen hier raus. Ich bin nicht geboren, um hier und jetzt zu braten!«, Die Flammen loderten bei der Presse. Einige späte Büchsen flogen umher und versprühten brennende Tröpfchen. In ihrem Herzen brannte das Feuer gelb und weiß. Es knisterte nun an den metallenen Gestellen mit den Drucktypen. Mehrere Tropfen erschienen an den bleiernen, tintenverschmierten Regletten. Einige Sekunden schwammen Worte auf dem schmelzenden Metall, unschuldige Worte wie »die«, »Wahrheit« und »macht dich froh«, um dann zu verschwinden. Erste dünne Rinnsale kamen unter der rot glühenden Presse hervor, auch zwischen den Kisten und den vielen Gestellen mit Drucktypen. Sie trafen sich, verschmolzen miteinander und setzten den Weg fort. Innerhalb kurzer Zeit verwandelte sich der Boden in einen glänzenden, fließenden Spiegel, der die orangefarbenen und gelben Flammen verkehrt herum zeigte. Auf Ottos Werkbank bemerkten die Salamander die Wärme. Sie mochten Wärme; ihre Vorfahren hatten sich in Vulkanen entwickelt. Sie erwach- ten und begannen zu schnurren. Herr Tulpe stapfte wie ein gefangenes Tier im Keller umher, griff nach einem der Käfige und betrachtete die Geschöpfe darin. »Was sind das für …te Biester?«, fragte er und stellte den Käfig wie- der auf die Werkbank. Eine Sekunde später bemerkte er das Glas daneben. »Und warum ist dieses …te Ding mit dem Hinweis ›Vorrsich- tig behandeln‹ markiert?« Die Aale waren bereits ziemlich nervös. Sie spürten die Wärme eben- falls, und im Gegensatz zu den Salamandern lebten sie in tiefen Höhlen und unterirdischen, eiskalten Bächen. Dunkelheit blitzte, als sie protestierten. Der größte Teil davon sauste geradewegs durch Herrn Tulpes Gehirn, beziehungsweise durch das, was nach den diversen Drogenexperimen- ten davon übrig war. Doch Herr Tulpe benutzte es ohnehin nur selten, weil es zu sehr schmerzte. Er erinnerte sich kurz an Schnee, Tannenwälder, brennende Gebäude und die Kirche. Dort hatten sie Zuflucht gesucht. Als er klein gewesen, war. Er entsann sich an große, glänzende Bilder und mehr Farben, als er jemals zuvor gesehen hatte… Herr Tulpe blinzelte und ließ das Glas fallen. Es zerbrach auf dem Boden, und wieder strahlte dunkles Licht von den Aalen. Erschrocken wanden sie sich aus dem Durcheinander der Glassplitter, glitten an der Wand entlang und krochen in die Ritzen zwischen den Steinen. Herr Tulpe drehte sich, als er ein Geräusch hörte. Sein Partner war auf die Knie gesunken und presste sich die Hände an den Kopf. »Ist alles in Ordnung mit dir?« »Sie sind direkt hinter mir!«, flüsterte Herr Nadel. »Nein, nur wir beide sind hier unten, alter Freund.« Herr Tulpe klopfte Herrn Nadel auf die Schulter. Die Adern in seinen Schläfen schwollen an, als er zu denken versuchte und sich fragte, was es nun zu unternehmen galt. Die Erinnerungen waren verschwunden. Der junge Tulpe hatte gelernt, Reminiszenzen zu redigieren. Was Herr Nadel jetzt brauchte, so glaubte er, waren Erinnerungen an die guten Zeiten. »He, weißt du noch, als Gerhardt der Stiefel und seine Burschen uns in dem …ten Keller in Quirm in die Enge trieben?«, fragte er. »Weißt du noch, was wir später mit ihnen gemacht haben?« »Ja«, sagte Herr Nadel und starrte an die Wand. »Ja, ich erinnere mich.« »Und dann der …te alte Mann in dem Haus in Gennua«, fuhr Herr Tulpe fort. »Wir wussten nichts von ihm, nagelten die Tür zu und…« »Sei still! Sei still!« »Ich wollte dich nur ein wenig aufmuntern.« »Es war falsch, all die Leute umzubringen«, sagte Herr Nadel leise wie zu sich selbst. »Warum denn?«, fragte Herr Tulpe. Herr Nadels Nervosität ließ ihn ebenfalls unruhig werden. Er zog an dem Bindfaden an seinem Hals und spürte den daran hängenden Klumpen – in schweren Zeiten kann eine Kartoffel eine große Hilfe sein., Ein Platschen veranlasste ihn, sich erneut umzudrehen. Seine Miene erhellte sich. »Oh, jetzt wird alles …t gut«, sagte er. »Sieh nur, es regnet.« Silberne Tropfen fielen von der Kellerluke herab. »Das ist kein Wasser!«, heulte Nadel und stand auf. Die Tropfen vereinten sich und wurden zu einem beständigen Strom. Er gluckerte sonderbar und sammelte sich unter der Luke, wo er zu einem kleinen Hügel erstarrte. Aber von oben kam immer mehr Nach- schub, weshalb der silberne Hügel nicht nur höher wurde, sondern auch breiter. Nadel und Tulpe wichen an die Wand zurück. »Das ist heißes Blei«, sagte Nadel. »Die Zeitung wird damit gedruckt!« »Und wie viel davon kommt in den …ten Keller?« »Oh, hier am Rand kann das flüssige Blei höchstens bis auf fünf oder sechs Zentimeter steigen, denke ich.« Auf der anderen Seite des Kellers begann Ottos Werkbank zu schwe- len, als die silberne Flut sie erreichte. »Wir brauchen etwas, auf dem wir stehen können«, sagte Nadel. »Während das Zeug abkühlt! Was hier unten in der Kälte sicher nicht lange dauert!« »Ja, aber hier gibt es nur uns! Wir sitzen in der …ten Falle!« Herr Nadel hob die Hand vor die Augen und atmete tief durch. Der silberne Regen hatte die Luft schon erheblich erwärmt. Er ließ die Hand wieder sinken. Herr Tulpe beobachtete ihn gehor- sam. Herr Nadel war der Denker. »Ich habe einen… Plan«, sagte er. »Ja, in Ordnung.« »Meine Pläne sind immer ziemlich gut, nicht wahr?« »Ja, gelegentlich hast du …te Wunder vollbracht, habe ich immer ge- sagt. Zum Beispiel damals, als wir auf deinen Vorschlag hin…« »Und ich denke immer an das Wohl der Firma.« »Ja, natürlich.«, »Nun… dieser Plan… Es ist kein perfekter Plan, aber… Ach, was soll’s, gib mir einfach deine Kartoffel.« »Was?« Herr Nadel streckte plötzlich den Arm. Nur wenige Zentimeter blie- ben zwischen Herrn Tulpes Hals und der Pistolen-Armbrust. »Keine Widerrede! Gib mir die verdammte Kartoffel! Dies ist nicht der geeignete Zeitpunkt für dich, mit dem Denken zu beginnen!« Herr Tulpe vertraute weiterhin den besonderen Überlebensfähigkei- ten von Herrn Nadel, als er sich die Schnur mit der Kartoffel über den Kopf zog und sie seinem Partner reichte. »Nun«, sagte Herr Nadel, und die eine Seite seines Gesichts zuckte, »so wie ich die Sache sehe…« »Beeil dich!«, drängte Herr Tulpe. »Das …te Zeug kommt immer nä- her!« »…so wie ich die Sache sehe… Ich bin klein, Herr Tulpe. Du könntest nicht auf mir stehen. Ich wäre keine Hilfe für dich. Du hingegen bist ziemlich groß, Herr Tulpe. Und ich möchte nicht, dass du leidest.« Er zog den Abzug. Es war ein guter Schuss. »Entschuldige«, flüsterte er, als das Blei platschte. »Es tut mir Leid. Es tut mir sehr Leid. Aber ich bin nicht geboren, um hier zu braten…« Herr Tulpe öffnete die Augen. Dunkelheit umgab ihn, aber etwas deutete auf Sterne jenseits eines bedeckten Himmels hin. Die Luft war unbewegt, doch in der Ferne rauschte es, wie Wind in toten Bäumen. Er wartete eine Zeitlang, um festzustellen, ob irgendetwas geschah. Dann fragte er: »Bin ich ganz allein an diesem …ten Ort?« ICH BIN BEI DIR, HERR TULPE. Ein Teil der Dunkelheit öffnete seine Augen. Ein doppeltes blaues Glühen blickte auf ihn herab. »Der …te Mistkerl hat mir die Kartoffel gestohlen. Bist du der …te Tod?«, TOD ALLEIN GENÜGT, DENKE ICH. WAS HAST DU ER- WARTET? »Erwartet?« WELCHE ART VON PARADIES ODER HÖLLE HAST DU DIR VORGESTELLT? »Oh, ich weiß nicht. Hab …t nie darüber nachgedacht…« HAST DU NIE SPEKULIERT? »Ich weiß nur, dass alles gut wird, wenn man seine Kartoffel hat.« Herr Tulpe wiederholte den Satz, ohne nachzudenken, aber die absolu- te Erinnerung der Toten brachte nun alles zurück, aus einer Perspektive etwa sechzig Zentimeter über dem Boden und einem Alter von drei Jahren. Die murmelnden Stimmen alter Männer. Das Schluchzen alter Frauen. Licht, das durch Kirchenfenster fiel. Wind jenseits der Tür. Und alle lauschten, um die Soldaten zu hören. Unsere oder ihre – sol- che Dinge spielten kaum mehr eine Rolle, wenn ein Krieg so lange dau- erte… Tod richtete einen langen, kühlen Blick auf den Schatten von Herrn Tulpe. UND DAS IST ALLES? »Ja.« GLAUBST DU NICHT, DASS IRGENDETWAS DEINER AUF- MERKSAMKEIT ENTGANGEN IST? … das Geräusch des Windes jenseits der Tür, der Geruch von Öl- lampen, der frische, scharfe Geruch von Schnee, der hereingeweht wurde… »Und… wenn mir alles Leid tut…«, murmelte Herr Tulpe. Er war verloren in einer Welt der Finsternis, ohne Hoffnung in Form einer Kartoffel. … Kerzenhalter… aus Gold und Hunderte von Jahren alt… Immer gab es nur Kartoffeln zu essen, die man unterm Schnee aus dem Boden graben musste, aber die Kerzenhalter bestanden aus Gold… Und eine Alte hatte gesagt: »Es wird alles gut, wenn man eine Kartoffel hat…«, WURDEN IRGENDWANN EINMAL GÖTTER ODER DER- GLEICHEN ERWÄHNT? »Nein…« VERDAMMT. ICH WÜNSCHTE, ICH MÜSSTE MICH NICHT MIT SOLCHEN DINGEN BEFASSEN. Tod seufzte. DU GLAUBST, ABER DU GLAUBST AN NICHTS. Herr Tulpe stand mit gesenktem Kopf da. Weitere Erinnerungen tröpfelten zurück, quollen wie Blut hervor. Und der Knauf bewegte sich, und das Schloss gab nach… Tod nickte ihm zu. WENIGSTENS HAST DU NOCH DEINE KARTOFFEL, WIE ICH SEHE. Herr Tulpes Hand zuckte zu seinem Hals. Seine Finger ertasteten et- was Verschrumpeltes und Hartes an einem Bindfaden. Ein geisterhaftes Schimmern umhüllte das Objekt. »Ich dachte, er hätte sie genommen!«, stieß Herr Tulpe hervor, und Hoffnung leuchtete in seinem Gesicht. NUN, ES IST ERSTAUNLICH, WO ÜBERALL KARTOFFELN ERSCHEINEN. »Also wird alles gut?« WAS GLAUBST DU? Herr Tulpe schluckte. Lügen überlebten hier nicht lange. Und weitere, jüngere Erinnerungen krochen jetzt unter der Tür durch, blutig und rachsüchtig. »Ich glaube, es ist mehr nötig als nur eine Kartoffel«, sagte er. TUT DIR ALLES LEID? Weitere unbenutzte Teile von Herrn Tulpes Gehirn, die sich vor lan- ger Zeit abgeschaltet hatten oder nie eingeschaltet worden waren, ent- falteten Aktivität. »Woher soll ich das wissen?« Tod hob die Hand und winkte damit. Entlang des Bogens, den die knöchernen Finger beschrieben, erschienen Stundengläser., SOWEIT ICH WEISS, BIST DU EIN KENNER, HERR TULPE. IN GEWISSER WEISE BIN ICH DAS EBENFALLS. Tod wählte ein Glas und hielt es hoch. Bilder formten sich darum, hell und bunt, aber so substanzlos wie ein Schatten. »Was ist das?«, fragte Herr Tulpe. DIES SIND LEBEN, HERR TULPE. NUR LEBEN. GANZ OF- FENSICHTLICH SIND ES KEINE MEISTERWERKE. MANCH- MAL SIND SIE RECHT NAIV BEIM GEBRAUCH VON EMO- TION UND BEWEGUNG, TROTZDEM STECKEN SIE VOLLER INTERESSE UND ÜBERRASCHUNGEN. JEDES EINZELNE IST AUF SEINE EIGENE ART UND WEISE DAS WERK EINES GENIES. ZWEIFELLOS HABEN SIE… SAMMLERWERT. Tod nahm ein anderes Stundenglas, als Herr Tulpe versuchte zurückzuwei- chen. JA. JEMAND HAT DIESE LEBEN »GESAMMELT«, UND DESHALB SIND VIELE VON IHNEN RECHT KURZ GERA- TEN, HERR TULPE. Tod wählte eine weitere Sanduhr. AH. NUGGA VELSKI. BE- STIMMT ERINNERST DU DICH NICHT AN IHN. ER WAR EINFACH NUR EIN MANN, DER SEINE RECHT PRIMITIVE HÜTTE ZUR FALSCHEN ZEIT BETRAT, UND DU HAST VIEL ZU TUN, MAN KANN NICHT VON DIR ERWARTEN, DASS DU DICH AN JEDEN ERINNERST. BEACHTE DEN BRILLAN- TEN INTELLEKT. UNTER ANDEREN UMSTÄNDEN HÄTTE ER DIE WELT VERÄNDERN KÖNNEN, DOCH DAS SCHICK- SAL VERURTEILTE IHN DAZU, IN EINER ZEIT UND AN EI- NEM ORT GEBOREN ZU WERDEN, WO DAS LEBEN NUR AUF TÄGLICHE, HOFFNUNGSLOSE MÜHSAL HINAUS- LÄUFT. ALS ER DICH BEIM STEHLEN SEINES MANTELS Ü- BERRASCHTE, VERSUCHTE ER IN SEINEM KLEINEN DORF… Herr Tulpe hob eine zitternde Hand. »Ist dies die Stelle, an der mein ganzes Leben vor meinen Augen vorbeizieht?«, fragte er. NEIN, DAS HAST DU GERADE HINTER DIR. »Tatsächlich?«, JA, bestätigte Tod. DEIN GANZES LEBEN IST ZWISCHEN DEINER GEBURT UND DEM TOD VERSTRICHEN. JETZT, HERR TULPE, SIEHST DU DEIN LEBEN SO, WIE ES VOR DEN AUGEN ANDERER PERSONEN VORBEIGEZOGEN IST… Als die Golems eintrafen, war alles vorbei. Das Feuer war heftig, aber kurz gewesen. Es fand ein Ende, weil es nichts Brennbares mehr gab. Die Menge, die sich immer einfand, wenn irgendwo ein Feuer ausbrach, ging auseinander. Die Zuschauer stuften diesen Brand als nicht beson- ders interessant ein; immerhin war niemand gestorben. Die Wände standen noch. Die Hälfte des Wellblechdachs war einge- stürzt. Schneeregen fiel in den Schuppen und verdampfte auf heißem Stein, als William vorsichtig durch die Trümmer schritt. Die Presse stand im Licht der wenigen Flammen, die hier und dort noch züngelten. William hörte, wie sie im Schneeregen zischte. »Kann sie repariert werden?«, fragte er Gutenhügel, der ihm gefolgt war. »Unmöglich. Das Gestell lässt sich vielleicht weiterverwenden. Wir versuchen, so viel wie möglich zu retten.« »Es tut mir sehr Leid…« »Es ist nicht deine Schuld«, sagte der Zwerg und trat nach einer qual- menden Büchse. »Und wenn wir’s von der positiven Seite betrachten… Wir schulden Paul König noch immer viel Geld.« »Erinnere mich nicht daran…« »Das brauche ich gar nicht. Er wird sich an dich erinnern. An uns, um ganz genau zu sein.« William wickelte sich die Jacke um den Ärmel und stieß ein Stück Dach beiseite. »Die Schreibtische stehen noch da!« »Feuer kann manchmal sehr seltsam sein«, sagte Gutenhügel be- drückt. »Und das Dach hat den größten Teil davon ferngehalten.« »Ich meine, sie sind nur teilweise verkohlt und noch brauchbar!«, »Oh, da können wir wirklich von Glück sagen«, erwiderte der Zwerg, dessen Stimmung sich keineswegs verbesserte und nun in Richtung niedergeschlagen tendierte. »Wann möchtest du die nächste Ausgabe herausbringen?« »Ich meine, sieh nur den Dorn… Manche der aufgespießten Zettel sind gar nicht verbrannt!« »Das Leben steckt voller unerwarteter Schätze«, kommentierte Gu- tenhügel. »Ich glaube nicht, dass du hierher kommen solltest, Fräulein.« Gemeint war Sacharissa, die langsam durch das schwelende Chaos trat. »Ich arbeite hier«, erwiderte sie. »Kannst du die Presse reparieren?« »Nein! Sie ist… hin! Schrott! Wir haben keine Presse und keine Drucktypen und kein Metall! Habt ihr mich beide verstanden?« »Na schön, wir müssen uns also eine andere Presse besorgen«, sagte Sacharissa ruhig. »Selbst eine alte, gebrauchte Presse würde mindestens tausend Dollar kosten!«, entfuhr es Gutenhügel. »Findet euch damit ab: Es ist vorbei! Wir können nicht mehr drucken!« »Ich habe einige Ersparnisse«, sagte Sacharissa und strich Asche von ihrem Schreibtisch. »Vielleicht reichen sie, um eine kleine Handpresse zu kaufen, für den Anfang.« »Ich habe Schulden«, meinte William. »Aber vielleicht finde ich eine Möglichkeit, sie um mehrere hundert Dollar zu erhöhen.« »Glaubst du, wir könnten hier mit einer Plane über dem Dach arbei- ten?«, fragte Sacharissa. »Oder sollten wir uns nach einem anderen Schuppen umsehen?« »Ich möchte nicht umziehen«, sagte William. »Einige Tage Arbeit dürften genügen, um hier wieder Ordnung zu schaffen.« Gutenhügel wölbte die Hände vor dem Mund. »Hal-looo! Dies ist die Stimme der Vernunft! Wir haben kein Geld!« »Allerdings gibt es hier nur wenig Platz für Erweiterungen«, wandte Sacharissa ein. »Was meinst du damit?«, »Zeitschriften«, sagte Sacharissa, während sich Schneeflocken in ih- rem Haar sammelten. Um sie herum begannen die übrigen Zwerge mit einer hoffnungslosen Bergungsaktion. »Ja, ich weiß, die Zeitung ist wichtig, aber die meiste Zeit über steht die Presse ungenutzt da, und ich bin sicher, es gibt einen Markt für, äh, Frauenzeitschriften…« »Die Presse steht ungenutzt da?«, wiederholte Gutenhügel. »Die Pres- se ist Schrott!« »Und was soll darin stehen?«, fragte William. Er schenkte dem Zwerg überhaupt keine Beachtung. »Mode. Ich dachte an Bilder von Frauen in neuen Kleidern. Artikel übers Stricken und so. Und sag jetzt bloß nicht, das sei zu langweilig. Bestimmt lässt sich so was gut verkaufen.« »Kleider? Stricken?« »Die Leute interessieren sich dafür.« »Die Idee gefällt mir nicht sehr«, sagte William. »Genauso gut könn- test du eine Zeitschrift nur für Männer vorschlagen.« »Warum nicht? Was würdest du darin bringen?« »Oh, ich weiß nicht, Artikel über Getränke. Bilder von Frauen, die keine… Wie dem auch sei: Wir würden mehr Leute brauchen, die dafür schreiben.« »Entschuldigung?«, warf Gutenhügel ein. »Es gibt viele Leute, die für Zeitschriften gut genug schreiben«, sagte Sacharissa. »Wenn’s schwer wäre, kämen wir sicher nicht damit zu- recht.« »Stimmt.« »Und es gibt noch eine Zeitschrift, die sich gut verkaufen würde«, meinte Sacharissa. Hinter ihr fiel ein Teil der Presse zu Boden. »Hallo? Hallo? Ich weiß, dass sich mein Mund öffnet und schließt«, sagte Gutenhügel. »Kommen irgendwelche Geräusche heraus?« »Über Katzen«, fuhr Sacharissa fort. »Viele Leute mögen Katzen. Bil- der von Katzen. Geschichten über Katzen. Ich habe darüber nachge- dacht. Der Titel könnte Alles über Katzen lauten.«, »Und wie willst du die anderen Zeitschriften nennen? Alles über Frau- en? Alles über Männer? Alles übers Stricken? Alles über Kuchen?« »Ich dachte dabei an Der Hausfrauen-Freund«, sagte Sacharissa. »Aber ich muss sagen, dass deine Titel recht gut klingen. Da fällt mir ein… Denk nur an die vielen Zwerge in der Stadt. Wir könnten auch für sie eine Zeitschrift herausbringen. Ich meine… was trägt der moderne Zwerg in dieser Saison?« »Kettenhemd und Leder«, sagte Gutenhügel verwirrt. »Wovon redest du da? Wir tragen immer Kettenhemd und Leder!« Sacharissa hörte nicht auf ihn. Sie und William weilten in einer eige- nen Welt, begriff Gutenhügel. In einer Welt, die mit der Realität nichts mehr zu tun hatte. »Es scheint mir ein wenig wie Verschwendung«, sagte William. »Eine Verschwendung von Worten, meine ich.« »Warum? An Worten herrscht nie Mangel.« Sacharissa klopfte ihm behutsam auf die Wange. »Glaubst du etwa, Worte zu schreiben, die ewig währen? So funktioniert das nicht. Was die Zeitung betrifft… Sie enthält Worte für einen Tag. Vielleicht auch für eine Woche.« »Und dann wirft man sie weg«, sagte William. »Möglicherweise haben einige länger Bestand. In den Köpfen der Leute.« »Aber das ist nicht der Ort, wo das Papier endet«, meinte William. »Ganz im Gegenteil.« »Was hast du erwartet? Dies sind keine Bücher, sondern Worte, die… kommen und gehen. Kopf hoch.« »Es gibt da ein Problem«, sagte William. »Ja?« »Wir haben nicht genug Geld für eine neue Presse. Unser Schuppen ist niedergebrannt. Wir sind ruiniert. Verstehst du?« Sacharissa blickte zu Boden. »Ja«, erwiderte sie leise. »Ich hatte ge- hofft, dass du nicht zu dieser Erkenntnis kommst.« »Und wir hätten es fast geschafft. Fast.« William holte sein Notizbuch hervor. »Ein echter Knüller. Ich habe nahezu alles herausgefunden., Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als diesen Kram Mumm zu ge- ben…« »Wo ist das Blei?« William blickte über die Trümmer hinweg. Boddony kniete vor der dampfenden Presse und versuchte, unter sie zu blicken. »Das Blei ist verschwunden!«, brachte er hervor. »Es muss irgendwo sein«, erwiderte Gutenhügel. »Ich habe noch nie er- lebt, dass zwanzig Tonnen Blei einfach aufstehen und weggehen.« »Vermutlich ist es geschmolzen«, sagte Boddony. »Hier liegen einige Tropfen auf dem Boden…« »Der Keller«, sagte Gutenhügel und griff nach einem halb verbrann- ten Balken. »Ich helfe dir.« William kam um den angesengten Schreibtisch herum. »Derzeit habe ich ohnehin nichts Besseres zu tun…« Er griff nach dem Durcheinander aus verkohltem Holz, zog… Herr Nadel kam wie ein Dämonenkönig aus der Tiefe empor. Rauch strömte von ihm, und er gab einen langen, schrillen Schrei von sich. Er stieg noch weiter auf, stieß Gutenhügel mit einem Schwinger beiseite und schloss dann beide Hände um Williams Hals, während ihn sein Sprung noch weiter nach oben trug. William kippte nach hinten, fiel auf den Schreibtisch und spürte ste- chenden Schmerz, als sich ihm etwas in den Arm bohrte. Doch dies war nicht der geeignete Zeitpunkt, um über Schmerz nachzudenken, den er bereits empfunden hatte. Weitaus größere Bedeutung hatte die Pein, die ihm unmittelbar bevorstand. Das Gesicht des Wesens war nur wenige Zentimeter von ihm entfernt: Weit aufgerissene Augen starrten durch William hindurch und sahen etwas Schreckliches, während sich die Hände noch fester um seinen Hals schlossen. Es wäre William nicht im Traum eingefallen, einen so abgedrosche- nen Ausdruck wie »fest wie ein Schraubstock« zu verwenden, doch als sich sein Bewusstein in einen Tunnel mit roten Wänden verwandelte, sagte sein innerer Lektor: Ja, so würde es sich anfühlen, der starke me- chanische Druck…, Herr Nadel verdrehte die Augen. Sein Schrei verklang. Er wankte zur Seite und krümmte sich dabei zusammen. William hob den Kopf und sah, wie Sacharissa zurückwich. Der innere Lektor beobachtete das Geschehen interessiert. Sie hat den Mann getreten, sagte er. Und zwar in die… du weißt schon. Äh. Vermutlich liegt es an all dem komisch geformten Gemüse. William begriff, dass er die Geschichte vervollständigen musste. Er stand auf und winkte den Zwergen zu, die mit einsatzbereiten Äx- ten näher kamen. »Wartet! Wartet! Hör mal… Bruder Nadel…« Der Schmerz in seinem Arm wurde stärker. William verzog das Gesicht, senkte den Blick und stellte erschrocken fest, dass sich der grässliche Dorn durch seinen Är- mel gebohrt hatte. Herr Nadel versuchte, sich auf den jungen Mann zu konzentrieren, der an seinem Arm herumtastete, aber die Schatten erlaubten es ihm nicht. Er war nicht sicher, ob er noch lebte. Das konnte die Erklärung sein! Er musste tot sein! All der Rauch, die schreienden Leute, die Stim- men, die in seinen Ohren flüsterten… Zweifellos befand er sich in einer besonderen Art von Hölle, aber Nadel erinnerte sich triumphierend daran, dass er eine Rückfahrkarte hatte… Irgendwie gelang es ihm, sich wieder aufzurichten. Er holte die Kar- toffel des verstorbenen Herrn Tulpe unter dem Hemd hervor und hielt sie hoch. »Hab d’ ‘toffel«, verkündete er stolz. »‘s wird alles gut, nicht wahr?« William blickte in das rußgeschwärzte Gesicht mit den blutunterlau- fenen Augen, in ein Gesicht, das schrecklichen Triumph zeigte, und betrachtete dann die verschrumpelte Kartoffel am Bindfaden. Derzeit war sein Verständnis der Realität fast ebenso schlecht wie das von Herrn Nadel, und wenn ihm jemand eine Kartoffel zeigte, so konnte das nur eins bedeuten. »Äh… sie sieht nicht sehr komisch aus«, bemerkte er und schnitt eine Grimasse, als er an dem Dorn zog. Hinter Herrn Nadels Stirn verflüchtigte sich der letzte Rest von Rati- onalität. Er ließ die Kartoffel los, und mit einer Bewegung, die nichts, mit Gedanken, aber alles mit Instinkt zu tun hatte, holte er einen langen Dolch unter der Jacke hervor. Die Gestalt vor ihm verblasste zu einem Schatten unter vielen; er wollte sie nicht entkommen lassen und sprang. William löste den Dorn aus dem Ärmel, hob schützend die Hand vors Gesicht… Es war eine ziemliche Überraschung für Herrn Nadel – und gleichzei- tig die letzte seines Lebens. Der Schneeregen zischte in der Glut. William sah in das verwirrte Gesicht des Angreifers und beobachtete, wie das Licht in dessen Augen erlosch. Langsam sank Herr Nadel zu Boden, die eine Hand noch immer hoffnungsvoll nach der Kartoffel ausgestreckt. »Oh«, ertönte Sacharissas Stimme aus der Ferne. »Du hast ihn mit dem Dorn erledigt…« Blut tropfte von Williams Ärmel. »Ich… äh… ich glaube, ich könnte einen Verband vertragen«, sagte er. Eis sollte nicht heiß sein, glaubte er zu wissen, aber der Schock füllte ihm die Adern mit brennendem Frost. Er schwitzte Eis. Sacharissa eilte zu ihm und zerrte am Ärmel ihrer Bluse. »Es ist bestimmt nicht schlimm«, sagte William und versuchte zurück- zuweichen. »Vermutlich ist es nur eine jener… enthusiastischen Wun- den.« »Was ist hierr passierrt?« William sah von dem Blut an seiner Hand zu Otto, der auf einem Schutthaufen stand, mit Verblüffung im Gesicht und zwei Schachteln in den Händen. »Ich bin nurr kurrz weggegangen, um Säurre zu holen, und plötzlich verrwandelt sich derr Schuppen in… Meine Güte… meine Güte…« Gutenhügel zog eine Stimmgabel aus der Tasche und klopfte damit an seinen Helm. »Schnell, Jungs!« Er winkte mit der Gabel. »›Oh, komm nur zur Missi- on…‹« Otto winkte sanft ab, als die Zwerge zu singen begannen., »Nein, ich habe es gut unterr Kontrrolle, besten Dank«, sagte er. »Ich kann mirr denken, was hierr passierrt ist. Der Mob steckt dahinterr, nicht wahrr? Frrüher oderr späterr kommt immerr derr Mob. Mein Frreund Borris ist einem zum Opferr gefallen. Err zeigte den Leuten sein Schwarrzes Band, aberr sie lachten nurr und…« »Ich glaube, sie hatten es auf uns alle abgesehen«, sagte William. »Wie dem auch sei: Ich bedaure sehr, dass ich ihm keine Fragen stellen konn- te…« »In der Art von ›Ist dies das erste Mal, dass du jemanden erwürgst?‹«, fragte Boddony. »Oder ›Wie alt bist du, Herr Mörder?‹« Jemand hustete. Offenbar kam das Geräusch aus der Jackentasche des Toten. William sah zu den Zwergen und suchte in ihren überraschten Ge- sichtern nach einem Hinweis darauf, was er jetzt unternehmen sollte. Dann bückte er sich, klopfte widerstrebend auf den schmierigen Anzug und holte einen schmalen, glänzenden Kasten hervor. Er öffnete ihn. Ein kleiner, grüner Kobold sah aus seinem Schlitz. »‘m?«, fragte er. »Was?«, brachte William hervor. »Ein persönlicher Disorganizer? Ein Mörder mit einem persönlichen Disorganizer?« »Die Rubrik ›Aufgaben‹ dürfte recht interessant sein«, sagte Boddony. Der Kobold blinzelte. »Möchtest du, dass ich antworte oder nicht?«, fragte er. »Hier Namen einfügen verlangte Stille, trotz meines breiten Angebots an Geräuschen für alle Stimmungslagen und Gelegenheiten.« »Äh… dein früherer Besitzer… äh… braucht dich nicht mehr«, sagte William und blickte auf Herrn Nadel. »Bist du ein neuer Anwender?«, fragte der Kobold. »Äh… vielleicht.« »Herzlichen Glückwunsch!«, sagte der Kobold. »Der Garantiean- spruch verfällt, wenn besagter Apparat verkauft, vermietet, verlegt, ver- schenkt oder gestohlen wird, es sei denn, er befindet sich noch in seiner Originalverpackung, die überhaupt keine Rolle spielt und die du sicher längst weggeworfen hast, und außerdem muss der zweite Teil der Ga-, rantiekarte, die du verloren hast, ausgefüllt und an Thttv ggj, thhtfjhsssjk in Lappalien geschickt worden sein, zusammen mit der Reparaturnummer, die du natürlich nicht notiert hast. Möchtest du, dass ich mein Gedächtnis lösche?« Der Kobold holte eine Baumwoll- knospe hervor und machte Anstalten, sie in sein großes Ohr zu stecken. »Gedächtnis löschen J/N?« »Du meinst dein… Gedächtnis?« »Ja. Gedächtnis löschen J/N?« »N!«, erwiderte William. »Und jetzt sag mir, an was du dich erinnerst«, fügte er hinzu. »Du musst den Erinnern-Knopf drücken«, sagte der Kobold unge- duldig. »Und was geschieht dann?« »Ein kleiner Hammer schlägt mir auf den Kopf, und ich sehe nach, welchen Knopf du gedrückt hast.« »Warum, äh, erinnerst du dich nicht einfach?« »Hör mal, die Regeln stammen nicht von mir. Drück den Knopf. Es steht im Handbuch…« William drehte den Kasten vorsichtig auf die Seite. Die Tasche des Toten enthielt auch mehrere Samtbeutel, die er ebenfalls auf den Schreibtisch legte. Einige Zwerge waren über die eiserne Treppe in den Keller geklettert. Boddony kehrte zurück und wirkte recht nachdenklich. »Da unten liegt ein Mann«, sagte er. »Im… Blei.« »Ist er tot?«, fragte William und betrachtete die Beutel. »Das hoffe ich. Das hoffe ich sogar sehr. Er hat einen ziemlichen Eindruck hinterlassen, könnte man sagen. Und er ist gar. Und es steckt ein Armbrustbolzen in seinem Kopf.« »Ist dir eigentlich klar, dass du eine Leiche ausraubst, William?«, fragte Sacharissa. »Gut«, erwiderte William. »Eine Leiche kann sich wenigstens nicht dagegen wehren.« Er drehte einen Beutel um – Edelsteine rollten über das verkohlte Holz und funkelten., Ein halb erstickt klingendes Geräusch kam von Gutenhügel. Zwerge liebten Gold, was sie aber nicht daran hinderte, mit Edelsteinen ein Verhältnis einzugehen. William leerte die anderen Beutel. »Wie viel ist das wohl wert?«, fragte er, als auch der letzte schimmern- de Brocken zur Ruhe kam. Gutenhügel hatte bereits eine Lupe hervorgeholt und untersuchte ei- nige der größeren Steine. »Was? Wie? Oh, Zigtausende von Dollar. Vielleicht sogar hunderttausend. Oder noch viel mehr. Ich schätze, allein dieser Stein ist eintausendfünfhundert wert, und es gibt noch bes- sere.« »Bestimmt hat er sie gestohlen!«, vermutete Sacharissa. »Nein«, erwiderte William ruhig. »Von einem solchen Diebstahl hät- ten wir gehört. Ich meine, wir erfahren diese Dinge. Zweifellos hätte dir irgendein junger Mann davon erzählt. Sieh mal nach, ob er eine Briefta- sche hat…« »So etwas käme mir nie in den Sinn! Ich…« »Such die verdammte Brieftasche«, sagte William scharf. »Dies sind Nachrichten. Ich überprüfe die Beine, und ich versichere dir, dass ich mir angenehmere Dinge vorstellen kann. Wir haben hier eine Story. Lass uns hysterische Anfälle auf später verschieben, einverstanden? Also los.« In einem Bein zeigte sich eine halb verheilte Bisswunde. William hob das eigene Hosenbein zum Vergleich, während Sacharissa mit abge- wandtem Blick eine Brieftasche aus der Jackentasche des Toten zog. »Gibt es irgendeinen Hinweis darauf, wer er ist beziehungsweise war?«, fragte William und vermaß die Abdrücke der Hundezähne mit Hilfe seines Stifts. Er fragte sich, ob er überhaupt dachte. Alles erschien ihm wie ein Traum in einer anderen Welt. »Es sind Buchstaben in das Leder gebrannt«, sagte Sacharissa. »Ergeben sie einen Namen?« »Nein. Ihre Botschaft lautet: ›Ganz und gar keine nette Person‹. Ich frage mich, wer solche Worte in das Leder seiner Brieftasche brennen lässt.«, »Vielleicht eine ganz und gar keine nette Person«, entgegnete William. »Sonst noch etwas?« »Hier ist ein Zettel mit einer Adresse«, sagte Sacharissa. »Äh… bisher hatte ich kaum Zeit, dir davon zu erzählen, William. Äh…« »Was steht auf dem Zettel?« »Nichtsostraße Nummer fünfzig. Äh. Dort haben mich die beiden Männer erwischt. Sie hatten einen Schlüssel. Äh… es ist das Haus deiner Familie, nicht wahr?« »Was soll ich mit diesen Edelsteinen machen?«, fragte Gutenhügel. »Ich meine, du hast mir einen Schlüssel gegeben«, sagte Sacharissa nervös. »Aber es hielt sich ein Mann im Keller auf, ein sehr betrunkener Mann, und er sah genauso aus wie Lord Vetinari, und dann kamen die beiden anderen Männer und schlugen Rocky nieder und…« »Es liegt mir fern, irgendwelche Vorschläge zu unterbreiten«, meinte Gutenhügel. »Aber wenn diese Edelsteine nicht gestohlen sind, so ken- ne ich gleich mehrere Orte, wo wir selbst um diese Zeit in der Nacht einen hervorragenden Preis dafür erzielen würden…« »… und natürlich waren sie sehr unhöflich, aber ich musste mich ih- nen fügen…« »… wir könnten ein wenig Bargeld gebrauchen, wenn ich darauf hin- weisen darf…« Die junge Frau und der Zwerg bemerkten, dass William gar nicht mehr zuhörte. Mit ausdrucksloser Miene schien er in einer Blase aus Stille gefangen zu sein. Langsam zog er den Disorganizer zu sich heran und drückte den Er- innern-Knopf. Ein leises »Autsch« erklang. »… nyip-nyap mapnyap nyieh-wiedelwiedelwie…« »Was ist das für ein Geräusch?«, fragte Sacharissa. »Auf diese Weise erinnern sich Kobolde«, erwiderte William geistes- abwesend. »Er… kehrt gewissermaßen zu einem früheren Zeitpunkt in seinem Leben zurück. Ich hatte eine einfachere Version dieses Appa- rats«, fügte er hinzu., Das Geräusch verklang. »Was ist damit passiert?«, fragte der Kobold besorgt. »Ich habe ihn zum Laden zurückgebracht, weil er nicht richtig funkti- onierte«, antwortete William. »Das erleichtert mich sehr«, sagte der Kobold. »Die Leute haben die schrecklichsten Dinge mit dem MK I angestellt. Was war mit deinem Apparat nicht in Ordnung?« »Er flog im dritten Stock aus dem Fenster«, erwiderte William. »Weil er sich als wenig hilfreich herausstellte.« Dieser Kobold war intelligenter als viele seiner Artgenossen. Er salu- tierte zackig. »… wiedelwiedelwiedel nyap-nyark… Test, Test… scheint alles in Ordnung zu sein…« »Das ist Bruder Nadel!«, entfuhr es Sacharissa. »… sag was, Herr Tulpe.« Die Stimme wurde zum tiefen Knurren von Schwester Jennifer. »Was soll ich denn sagen? Es ist nicht natürlich, in einen …ten Kasten zu sprechen. Dieser Kasten, Herr Tulpe, ist unser Schlüssel für eine bessere Zukunft. Ich dachte, wir holen uns das …te Geld. Ja, und dies hier hilft uns dabei, es zu behalten… nyip-nyip…« »Ein bisschen weiter nach vorn«, sagte William. »…wiewie…nyip Hund hat Persönlichkeit. Persönlichkeit bedeutet viel. Und die Präzedenzfälle…« »Das ist Schräg!« sagte Bodoni. »Der Anwalt.« »Was soll ich mit den Juwelen machen?« fragte Gutenhügel. »… wiedelwiedelwie… Ich kann eurem Honorar weitere fünftausend Dollar in Edelsteinen hinzufügen… nyip… Ich möchte wissen, von wem diese Anweisungen stammen… nyip… Und seid auch nicht dumm. Meine… Klienten haben ein sehr gutes Gedächtnis und tiefe Taschen…« Der Kobold war so nervös, dass er Dinge übersprang. William drückte den Pause-Knopf. »Schräg hat ihm das Geld gegeben«, sagte er. »Schräg hat ihn bezahlt. Habt ihr gehört, dass er Klienten erwähnt hat? Versteht ihr? Dies ist, einer der Männer, die hinter dem Angriff auf Vetinari stecken! Und sie hatten einen Schlüssel für unser Haus!« »Aber wir können das Geld doch nicht einfach behalten!«, protestierte Sacharissa. William drückte wieder den Erinnern-Knopf. »… nyip… dass eine Lüge über die ganze Welt laufen kann, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat…« »Wir sollten…«, begann Sacharissa. William drückte den Knopf. »Wiedelwiedelwiedel eine Lüge über die ganze Welt laufen kann, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat.« Er drückte den Knopf noch einmal. »Wiedelwiedelwiedel Lüge über die ganze Welt laufen kann, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat.« »Wiedelwiedelwiedel über die ganze Welt laufen kann, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat.« »Wiedelwiedelwiedel Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat.« »Ist alles in Ordnung mit dir, William?«, fragte Sacharissa, als er wie erstarrt dastand. »Verspäteter Schock«, hauchte Gutenhügel. »Manche Leute reagieren so.« »Herr Gutenhügel«, sagte William scharf und kehrte ihnen noch im- mer den Rücken zu, »hast du vorhin erwähnt, dass du mir eine neue Presse besorgen kannst?« »Ich habe nur gesagt, wie viel sie kostet, und zwar…« »Vielleicht eine Hand voll Rubine?« Gutenhügel öffnete die Hand. »Sind es unsere Edelsteine?« »Ja!« »Nun, morgen früh könnte ich ein Dutzend Pressen kaufen, aber es ist nicht unbedingt so, als ginge man Brötchen holen…« »Ich möchte in einer halben Stunde in Druck gehen«, sagte William. »Otto, ich brauche Bilder von Bruder Nadels Bein. Und ich benötige, Zitate von allen Beteiligten, auch vom Stinkenden Alten Ron. Und ein Bild von Wuffel, Otto. Und ich brauche eine Druckerpresse!« »Wo sollen wir um diese Zeit in der Nacht eine Presse auftr…« Der Boden erzitterte. Schutt geriet in Bewegung. Alle Blicke glitten zu den erleuchteten Fenstern des Kuriers. Sacharissa hatte William aus weit aufgerissenen Augen beobachtet und seufzte so schwer, dass Otto stöhnte, sich abwandte und hastig zu summen begann. »Da ist deine Presse!«, rief sie. »Du brauchst sie dir nur zu nehmen!« »Ja, aber eine Presse zu stehlen…«, gab der Zwerg zu bedenken. »Wir leihen sie uns aus«, betonte William. »Und die Hälfte der Edel- steine gehört dir.« Gutenhügel atmete tief durch. »Also…«, begann er laut, unterbrach sich und fragte leiser: »Die Hälfte, hast du gesagt?« »Ja!« »Also los, Jungs!« Einer der Aufseher des Kuriers klopfte höflich an Herrn Schmeichlers Tür. »Ja, Kausig?«, fragte der Eigentümer des Kuriers. »Ist Schnapper zu- rückgekehrt?« »Nein, Herr, aber eine junge Dame möchte dich sprechen. Fräulein Kratzgut«, sagte der Aufseher und wischte sich die Hände an einem Lappen ab. Schmeichlers Miene erhellte sich. »Tatsächlich?« »Ja, Herr. Sie scheint einiges hinter sich zu haben. Und der junge de Worde begleitet sie.« Schmeichlers Lächeln verblasste ein wenig. Mit großer Genugtuung hatte er das Feuer von seinem Fenster aus beobachtet und war intelli- gent genug gewesen, nicht auf die Straße zu gehen. Die Zwerge konn- ten ziemlich gemein sein, soweit er wusste, und bestimmt neigten sie dazu, die Schuld ihm zu geben. Er hatte nicht die geringste Ahnung,, was den Brand verursacht haben mochte, aber unerwartet war er be- stimmt nicht gekommen. »Vermutlich sind sie hier, um klein beizugeben«, sagte Schmeichler mehr zu sich selbst. »Glaubst du, Herr?« »Schick sie zu mir.« Er lehnte sich zurück und betrachtete die Papiere auf seinem Schreib- tisch. Verdammter Schnapper! Erstaunlicherweise ließen sich die Ge- schichten, die er schrieb, mit den grässlichen Würstchen vergleichen, die er verkaufte – man wusste, wie sie beschaffen waren, aber man hielt bis zum Ende durch, und später verlangte es einen sogar nach mehr. Und Dinge zu erfinden… das war gar nicht so einfach, wie es zunächst den Anschein hatte. In dieser Hinsicht verfügte Schnapper über echtes Talent. So hatte er zum Beispiel ein großes Ungeheuer erfunden, das sich angeblich im See des Hide Park verbarg, und fünf Leser schworen, es gesehen zu haben. Ganz gewöhnliche Leute, von denen man einen Laib Brot und dergleichen kaufte. Wie brachte er das nur fertig? Schmeichlers eigene, fehlgeschlagene Versuche bedeckten den Schreib- tisch. Man brauchte spezielle Phantasie, um… »Oh, Sacharissa«, sagte er und stand auf, als sie hereingeschlichen kam. »Bitte nimm Platz. Leider habe ich keinen Stuhl für deinen… Freund.« Er nickte William zu. »Bitte erlaube mir, mein Bedauern über den Brand zum Ausdruck zu bringen.« »Es ist dein Büro«, erwiderte William kühl. »Hier kannst du sagen, was dir gefällt.« Durch das Fenster sah er die Fackeln der Wächter, die den niedergebrannten Schuppen erreichten. Er trat einen Schritt zurück. »Sei nicht so giftig, William«, sagte Sacharissa. »Weißt du, Ronnie, deshalb sind wir zu dir gekommen.« »Tatsächlich?« Schmeichler lächelte. »Du bist da ein wenig dumm ge- wesen, nicht wahr?« »Ja… äh… Nun, unser ganzes Geld…« Sacharissa schniefte. »Um ganz ehrlich zu sein… Jetzt stehen wir mit leeren Händen da. Wir… haben hart gearbeitet, so hart, und jetzt ist alles weg…« Sie begann zu schluchzen., Ronnie Schmeichler beugte sich über den Schreibtisch und klopfte ihr auf die Hand. »Kann ich dir irgendwie helfen?«, fragte er. »Nun, ich habe gehofft… und mich gefragt… Ich meine, würdest du es uns gestatten, heute Nacht eine deiner Pressen zu benutzen?« Schmeichler lehnte sich ruckartig zurück. »Was? Bist du überge- schnappt?« Sacharissa putzte sich die Nase. »Ja, mit einer solchen Antwort habe ich gerechnet«, sagte sie traurig. Ein wenig besänftigt beugte sich Schmeichler wieder vor. »Ich erinne- re mich daran, dass wir als Kinder zusammen gespielt haben…« »Ich glaube nicht, dass man das wirklich ›spielen‹ nennen kann«, erwi- derte Sacharissa und kramte in ihrer Handtasche. »Du bist immer hinter mir hergelaufen, und ich habe dir eine Holzkuh auf den Kopf geschla- gen. Ah, hier ist das Ding…« Sie ließ die Tasche fallen, stand auf und richtete die Pistolen-Armbrust des verstorbenen Herrn Nadel auf den Herausgeber. »Entweder lässt du uns eine deiner ›ten‹ Pressen benutzen, oder ich schieße dir den ›ten‹ Kopf von den ›ten‹ Schultern!«, rief Sacharissa. »Ich glaube, so drückt man sich dabei aus, oder?« »Du wagst es nicht, den Abzug zu ziehen!«, erwiderte Schmeichler und versuchte, in seinem Sessel so klein wie möglich zu werden. »Es war eine hübsche Kuh, und eines Tages habe ich sie dir so fest auf den Kopf geschlagen, dass ein Bein abgebrochen ist«, sagte Sacha- rissa verträumt. Schmeichler richtete einen flehentlichen Blick auf William. »Kannst du sie nicht zur Vernunft bringen?«, fragte er. »Wir müssen uns eine deiner Pressen ausleihen, nur für eine Stunde«, sagte William, während Sacharissa auf die Nase des Mannes zielte. Ihre Lippen formten ein seltsames Lächeln. »Anschließend verschwinden wir.« »Was habt ihr vor?«, fragte Schmeichler mit rauer Stimme. »Nun, zuerst fesseln wir dich«, antwortete William., »Nein! Ich rufe die Aufseher!« »Ich glaube, sie sind derzeit… beschäftigt«, sagte Sacharissa. Schmeichler lauschte. Unten war es ungewöhnlich still. Er ließ die Schultern hängen. Die Drucker des Kuriers bildeten einen Kreis um Gutenhügel. »Na schön, Jungs«, sagte der Zwerg. »Die Sache sieht so aus: Jeder Mann, der heute Nacht früh nach Hause geht, weil er an Kopfschmer- zen leidet, bekommt hundert Dollar, kapiert? Das ist ein alter klatschia- nischer Brauch.« »Und was passiert, wenn wir nicht gehen?«, fragte der Vorarbeiter und hob einen großen Holzhammer. »Nun«, erklang eine Stimme an seinem Ohr, »dann bekommt ihrr die Kopfschmerrzen.« Ein Blitz flackerte, und Donner grollte. Otto hob triumphierend die Faust. »Ja!«, rief er, als die Drucker zur Tür stürmten. »Es ist da, wenn man es wirrklich brraucht! Verrsuchen wirr es noch einmal… Schloss!« Es donnerte erneut. Der Vampir sprang aufgeregt umher, und die Schöße seiner Weste flatterten. »Hurrra! So ist es rrichtig! Noch einmal mit Ge- fühl! Was fürr ein grroßes… Schloss…« Diesmal war das Donnergrollen lauter. Otto tanzte voller Freude, und Tränen strömten ihm über das graue Gesicht. »Das ist Musik mit Steinen drrin!«, rief er. In der Stille nach dem Donnergrollen holte William einen Samtbeutel hervor und entleerte ihn auf dem Tintenlöscher des Schreibtischs. Schmeichler starrte kulleräugig auf die Edelsteine. »Die sind zweitausend Dollar wert«, sagte William. »Mindestens. Un- sere Aufnahme in die Gilde. Ich lasse die Steine einfach da liegen, in Ordnung? Eine Quittung brauchen wir nicht. Wir vertrauen dir.«, Schmeichler schwieg, und zwar wegen des Knebels. Er war an seinen Sessel gefesselt. Sacharissa zog den Auslöser. Nichts geschah. »Offenbar habe ich vergessen, das Ding mit dem Pfeilding zu laden«, sagte sie, als Schmeichler in Ohnmacht fiel. »Was bin ich doch für ein dummes Mädchen. ›t‹. Ich fühle mich viel besser, wenn ich das sage, weißt du? ›t‹ Und. ›te‹. Und ›tes‹. Und ›ten‹. Was das wohl bedeutet?« Gunilla Gutenhügel richtete einen erwartungsvollen Blick auf William, der schwankte und nachzudenken versuchte. »Na schön«, sagte er, schloss die Augen und zwickte sich den Nasen- rücken. »Dreifache Überschrift, so breit wie möglich. Erste Zeile: ›Ver- schwörung aufgedeckt!‹ Hast du das? Nächste Zeile: ›Lord Vetinari ist unschuldig!‹« Er zögerte, ließ es dann aber dabei bewenden. Später konnten sich die Leute darüber streiten, ob dies ganz allgemein der Wahrheit entsprach. Derzeit ging es um wichtigere Dinge. »Ja?«, fragte Gutenhügel. »Und die nächste Zeile?« »Ich habe es aufgeschrieben«, sagte William und reichte ihm ein Blatt aus seinem Notizbuch. »In Großbuchstaben. In großen Großbuchsta- ben. So groß wie möglich. Ich meine Buchstaben, wie sie der Kurier für Elfen und explodierende Menschen verwendet.« »Diese hier?«, erwiderte der Zwerg und griff nach einem Kasten mit besonders großen Typen. »Sind dies Nachrichten?« »Jetzt ja«, sagte William und blätterte in seinem Notizbuch. »Willst du den Artikel erst schreiben?«, fragte Gutenhügel. »Keine Zeit. Bist du soweit? ›Eine Verschwörung mit dem Ziel, die Macht über Ankh-Morpork zu erringen, wurde gestern Abend nach langen Tagen geduldiger Ermittlungsarbeit von der Wache aufgedeckt.‹ Absatz. ›Nach den der Times vorliegenden Informationen erhielten zwei von außerhalb stammende und inzwischen tote Assassinen den Auftrag, Lord Vetinari in Verruf zu bringen, um ihn als Patrizier abzusetzen.‹ Absatz. ›Mit Hilfe eines Unschuldigen, der Lord Vetinari verblüffend ähnlich sieht, verschafften sie sich Zugang zum Palast. Dort…‹«, »Augenblick«, warf Gutenhügel ein. »Die Wache hat doch gar nichts aufgedeckt. Du hast dies alles herausgefunden!« »Ich habe nur darauf hingewiesen, dass sie seit Tagen ermittelt«, sagte William. »Das stimmt. Ich brauche nicht zu betonen, dass die Untersu- chungen keine Ergebnisse erzielt haben.« Er bemerkte den Ge- sichtsausdruck des Zwergs und fügte hinzu: »Weißt du, schon sehr bald werde ich mehr unangenehme Feinde haben, als irgendjemand gebrau- chen kann. Dann soll sich Mumm darüber ärgern, dass ich ihn gut und nicht schlecht dargestellt habe, verstehst du?« »Trotzdem…« »Widersprich mir nicht!« Das wagte Gutenhügel gar nicht. Er sah das besondere Licht in den Augen des jungen Mannes. William war erstarrt, als er dem Kobold des Kastens gelauscht hatte, und anschließend schien er sich in jemand an- deren verwandelt zu haben. In jemanden, der leichter reizbar und weniger geduldig war. Er schien an einem seltsamen Fieber zu leiden. »Äh… wo bin ich stehen geblieben?« »›… verschafften sie sich Zugang zum Palast. Dort…‹«, sagte der Zwerg. »Ah, ja. ›Dort…‹ Nein, es sollte besser heißen: ›Soweit die Times weiß, war Lord Vetinari…‹ Sacharissa, sah der Mann im Keller wirklich wie Vetinari aus?« »Ja. Der gleiche Haarschnitt und alles.« »Na schön. ›Soweit die Times weiß, war Lord Vetinari geradezu über- wältigt, als er sah, wie er selbst sein Büro betrat…‹« »Wissen wir das?«, fragte Sacharissa. »Ja. Es ergibt durchaus einen Sinn. Wer könnte Anstoß daran neh- men? Wo bin ich stehen geblieben? ›Lord Vetinaris Hund Wuffel (16) vereitelte den Plan, indem er die beiden Männer angriff.‹ Absatz. ›Der Lärm erregte die Aufmerksamkeit von Lord Vetinaris Sekretär Rufus Drumknott…‹ Mist, ich habe ihn nicht nach seinem Alter gefragt… ›… der niedergeschlagen wurde.‹ Absatz. ›Die Eindringlinge versuchten, diesen Zwischenfall für ihren…‹ Wie heißt der richtige Ausdruck? ›…, niederträchtigen Plan zu nutzen. Sie verletzten Drumknott mit einem von Lord Vetinaris Messern, um den Eindruck zu erwecken, der Patri- zier sei übergeschnappt und hätte versucht, seinen eigenen Sekretär umzubringen.‹ Absatz. ›Mit boshafter Gerissenheit…‹« »Du wirst immer besser«, sagte Sacharissa. »Unterbrich ihn nicht!«, zischte Boddony. »Ich möchte wissen, was die beiden boshaften Gerissenen als Nächstes anstellen!« »›… zwangen sie den falschen Lord Vetinari…‹« »Na so was, na so was«, brummte Gutenhügel, während er eifrig setz- te. »Bist du ganz sicher, was das ›zwangen‹ angeht?«, fragte Sacharissa. »Solche Männer neigen nicht dazu, höflich zu bitten«, erwiderte Willi- am brüsk. »Äh… ›Mit boshafter Gerissenheit zwangen sie den falschen Lord Vetinari, in der Gegenwart von einigen herbeigeeilten Bedienste- ten ein vermeintliches Geständnis abzulegen. Anschließend gingen die drei Männer die Treppe zum Stall hinunter, wobei sie den bewusstlosen Lord Vetinari trugen und vom Hund Wuffel (16) bedrängt wurden.‹ Absatz. ›Es war alles so vorbereitet, um den Eindruck zu erwecken, Lord Vetinari hätte die Stadt mit viel Geld verlassen wollen. Die Times hat bereits darüber berichtet…‹« »Exklusiv darüber berichtet«, meinte Sacharissa. »Ja. ›Die Times hat bereits exklusiv darüber berichtet.‹ Absatz. ›Doch der Hund Wuffel entkam, und überall in der Stadt suchten Wächter und Verbrecher nach ihm. Gefunden wurde er schließlich von einer Gruppe gemeinsinniger Bürger, die…‹« Gutenhügel ließ eine Drucktype fallen. »Meinst du den Stinkenden Alten Ron und die anderen?« »›…gemeinsinniger Bürger…‹«, wiederholte William und nickte nach- drücklich, »›die ihn versteckten, bis…‹« Kalten Winterstürmen stand die ganze weite Sto-Ebene zur Verfügung, um richtig Anlauf zu nehmen. Wenn sie Ankh-Morpork erreichten, waren sie schnell und schwer und steckten voller Bosheit., Diesmal nahmen sie die Gestalt von Hagel an. Faustgroße Eisbälle knallten auf Schindeln, verstopften Dachrinnen und füllten die Straßen mit Schrapnell. Sie hämmerten aufs Dach des Lagerhauses in der Schimmerstraße. Ein oder zwei Fenster zerbrachen. William ging auf und ab. Er rief die Worte, um das Heulen des Sturms zu übertönen, und blätterte gelegentlich in seinem Notizbuch. Otto kam und reichte den Zwergen mehrere Ikonographenplatten. Die Angehörigen der Grässlichen Gruppe trafen hinkend und rutschend ein, bereit für die nächste Ausgabe der Times. Schließlich verstummte William. Die letzten Drucktypen fanden kli- ckend ihren Platz. »Sehen wir uns die Sache mal an«, sagte William. Gutenhügel färbte die Typen ein, legte ein Blatt Papier auf den Artikel und presste es mit einer Handrolle gegen das Blei. Wortlos reichte er das Ergebnis Sacharissa. »Bist du wirklich ganz sicher, dass dies alles stimmt?«, fragte sie. »Ja.« »Ich meine, einige Punkte… Entspricht es tatsächlich der Wahrheit?« »Es handelt sich zweifellos um Journalismus«, sagte William. »Was soll das denn heißen?« »Es bedeutet, derzeit ist es wahr genug.« »Aber kennst du die Namen dieser Leute?« William zögerte. Dann sagte er: »Herr Gutenhügel, kannst du an einer beliebigen Stelle einen zusätzli- chen Abschnitt einfügen?« »Das ist kein Problem.« »Gut. Dann setz dies: ›Die Times enthüllt hiermit, dass die Assassinen ihren Auftrag von einigen prominenten Bürgern erhielten. Das Ober- haupt dieser Gruppe…‹« Er atmete tief durch. »Wir fangen noch einmal von vorn an. ›Die Verschwörer, so kann die Times enthüllen, bilden eine Gruppe unter der Leitung von…‹ Äh. ›Aufgrund des vorliegenden Be-, weismaterials kann die Times enthüllen…‹ ›Die Times enthüllt hiermit… enthüllt hiermit…‹« Seine Stimme verklang. »Wird dies ein langer Abschnitt?«, fragte Gutenhügel. William starrte kummervoll auf das feuchte Beweismaterial. »Nein«, sagte er bedrückt. »Ich glaube, das wär’s. Lassen wir es dabei. Füg noch hinzu, dass die Times der Wache bei ihren Ermittlungen hilft.« »Warum denn?«, erwiderte Gutenhügel. »Wir haben doch kein Verbrechen begangen, oder?« »Füg einfach eine solche Zeile hinzu, in Ordnung?« William zerknüllte den Korrekturausdruck zu einem Ball, warf ihn auf die Werkbank und ging in Richtung Presse davon. Sacharissa fand ihn einige Minuten später. Ein Druckraum enthält viele kleine Ecken für die Leute, zu deren Pflichten es gehört, gelegent- lich eine kleine Rauchpause einzulegen. William saß auf einem Stapel Papier und starrte ins Leere. »Möchtest du über irgendetwas reden?«, fragte Sacharissa. »Nein.« »Weißt du, wer die Verschwörer sind?« »Nein.« »Entspräche es der Wahrheit zu sagen, dass du ahnst, wer die Ver- schwörer sind?« Er richtete einen verärgerten Blick auf sie. »Probierst du jetzt Journa- lismus an mir aus?« »Man erwartet von mir, ihn an allen anderen Leuten auszuprobieren. Nur an dir nicht, wie?« Sacharissa nahm neben William Platz. Geistesabwesend drückte er einen Knopf des Disorganizers. »Wiedelwiedel Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat.« »Du kommst mit deinem Vater nicht besonders gut zurecht, od…«, begann Sacharissa. »Was soll ich nur machen?«, fragte William. »Es ist sein Lieblings- spruch. Er meint, es sei ein Beweis dafür, wie leichtgläubig die Leute, sind. Unser Haus stand diesen Männern zur Verfügung. Er steckt bis zum Hals mit drin!« »Ja, aber vielleicht wollte er nur jemandem einen Gefallen erwei- sen…« »Wenn mein Vater sich auf irgendetwas einlässt, so kommt für ihn nur die Rolle des Anführers in Frage«, sagte William kategorisch. »Wenn du daran zweifelst, kennst du die de Wordes nicht. Wir schlie- ßen uns nur dann einer Mannschaft an, wenn wir der Mannschaftskapi- tän sein können.« »Aber es wäre doch dumm, den Assassinen das eigene Haus zur Ver- fügung zu stellen…« »Nein, das ist nur sehr, sehr arrogant«, sagte William. »Wir waren im- mer privilegiert. Privileg bedeutet schlicht ›privates Gesetz‹. Genau dar- auf läuft es hinaus. Mein Vater glaubt, das gewöhnliche Gesetz hätte keine Gültigkeit für ihn. Er glaubt nicht, dass die Wache ihm etwas anhaben kann, und wenn sie es doch versuchen sollte, schreit er einfach laut genug, bis sie wieder verschwindet. Das ist die Tradition der de Wordes, und wir verstehen uns prächtig darauf. Schrei die Leute an, setz dich durch, schenk den Regeln keine Beachtung. Das ist die Natur der de Wordes. Ich bin die einzige Ausnahme.« Sacharissa achtete darauf, dass ihr Gesichtsausdruck unverändert blieb. »Damit habe ich nicht gerechnet«, murmelte William. Er drehte den Disorganizer hin und her. »Du hast gesagt, du wolltest die Wahrheit herausfinden.« »Ja, aber nicht diese! Bestimmt habe ich irgendetwas… falsch ver- standen. Ja, ganz bestimmt. Selbst mein Vater kann nicht so… dumm sein. Ich muss feststellen, was wirklich passiert ist.« »Du willst doch nicht zu ihm, oder?«, fragte Sacharissa. »Doch. Inzwischen dürfte er wissen, dass alles vorbei ist.« »Du solltest jemanden mitnehmen!« »Nein!«, erwiderte William scharf. »Du weißt nicht, wie die Freunde meines Vaters sind. Für die ist es selbstverständlich, Befehle zu erteilen. Sie wissen, dass sie auf der richtigen Seite stehen, denn wenn sie dort, stehen, muss es per definitionem die richtige Seite sein. Wenn sie sich bedroht fühlen, kämpfen sie mit bloßen Fäusten, und zwar ohne ihre Handschuhe abzustreifen. Sie sind skrupellose, brutale Schufte. Es gibt keine schlimmeren brutalen Schufte, denn sie sind nicht feige: Wenn man versucht, Widerstand zu leisten, schlagen sie nur noch fester zu. Die Welt, in der sie auf gewachsen sind… Dort können sie Leute, die ihnen Ärger machen, einfach verschwinden lassen. Du hältst die Schatten für einen gefährlichen Ort? Dann weißt du nicht, was im Parkweg pas- siert! Und mein Vater ist der Schlimmste von allen. Aber ich gehöre zur Familie. Und die Familie… liegt uns am Herzen. Deshalb brauche ich nichts zu befürchten. Du bleibst hier und hilfst den anderen, die Zei- tung herauszubringen. Die halbe Wahrheit ist besser als gar nichts«, fügte er bitter hinzu. »Was ist denn mit ihm los?«, fragte Otto, als William den Raum ver- ließ. »Oh, er… will seinem Vater einen Besuch abstatten«, antwortete Sa- charissa noch immer betroffen. »Er scheint kein sehr netter Mann zu sein. Als William von ihm sprach, klang er ziemlich… erregt.« »Entschuldigung«, sagte eine Stimme. Die junge Frau sah sich um, doch es stand niemand hinter ihr. Die Stimme seufzte. »Nein, hier unten«, sagte sie. Sacharissa senkte den Kopf, und ihr Blick fiel auf den sonderbaren rosaroten Pudel. »Lasst uns die Dinge nicht durcheinander bringen, in Ordnung?«, meinte er. »Ja, ja, Hunde können nicht sprechen. Völlig klar. Vielleicht hört ihr mich, weil ihr über besondere geistige Fähigkeiten verfügt oder so. Gut, ich bin froh, dass wir diesen Punkt geklärt haben. Zufälliger- weise hab ich alles mitbekommen, was natürlich daran liegt, dass ich gelauscht habe. Der Junge ist in Schwierigkeiten. Ich kann Schwierigkei- ten riechen…« »Bist du eine Arrt Werrwolf?«, fragte Otto. »Ja, genau, bei jedem Vollmond werde ich sehr haarig«, sagte der Hund beiläufig. »Stellt euch nur vor, wie schädlich sich das auf mein, gesellschaftliches Leben auswirkt. Nun, ich möchte darauf hinwei- sen…« »Aber Hunde sprechen doch nicht…«, begann Sacharissa. »Meine Güte, meine Güte«, sagte Gaspode. »Habe ich etwa behaup- tet, ich könnte sprechen?« »Nicht direkt…« »Na bitte. Tolle Sache, die Phänomenologie. Wisst ihr, ich habe gera- de beobachtet, wie hundert Dollar nach draußen gegangen sind, und ich würde gerne sehen, wie sie zurückkommen. Es gibt kaum einen scheuß- licheren Burschen in der Stadt als Lord de Worde.« »Du kennst dich mit dem Adel aus?«, fragte Sacharissa. »Eine Katze darf den Kaiser ansehen, nicht wahr? Das ist erlaubt.« »Nun, ja…« »Für Hunde gilt das ebenfalls. Was irgendwelchen blöden Miezen er- laubt ist, darf für Hunde nicht verboten sein. Ich kenne sie alle, jawohl. Lord de Worde beauftragte seinen Butler, vergiftetes Fleisch an die Straßenhunde zu verteilen.« »Aber er würde William doch kein Leid zufügen, oder?« »Ich wette eigentlich nicht«, entgegnete Gaspode. »Aber wenn dem Jungen doch etwas zustoßen sollte… dann bekommen wir doch trotz- dem die hundert Dollar?« »Wirr können nicht einfach tatenlos zusehen«, sagte Otto. »Ich mag William. Err wuchs nicht auf eine sehrr nette Weise herran, aberr err verrsucht, nett zu sein, selbst ohne Kakao und ein Lied. Es ist sehrr schwerr, sich gegen die eigene Naturr durrchzusetzen. Wirr müssen… ihm helfen.« Tod stellte das letzte Stundenglas in die leere Luft zurück, wo es ver- schwand. NA, WAR DAS NICHT INTERESSANT?, fragte er. WAS NUN, HERR TULPE? BIST DU BEREIT, DIE REISE ANZUTRETEN? Der Mann saß im kalten Sand und starrte ins Nichts., HERR TULPE?, wiederholte Tod. Der Wind zog an seinem schwar- zen Umhang, verwandelte ihn in einen langen Streifen aus Dunkelheit. »Ich… muss es wirklich bedauern…?« JA. ES IST EIN EINFACHES WORT. ABER HIER… HAT ES BEDEUTUNG. HIER HAT ES SUBSTANZ. »Ja, ich weiß.« Herr Tulpe sah auf. Seine Augen waren blutunterlaufen und verquollen. »Ich schätze… um es so sehr zu bedauern… muss man sich wirklich Mühe geben.« JA. »Wie viel Zeit habe ich?« DIE GANZE ZEIT DER WELT. »Ja… das ist vielleicht Zeit genug. Aber anschließend gibt es gar keine …te Welt mehr, zu der ich zurückkehren könnte.« ICH GLAUBE, SO FUNKTIONIERT DAS NICHT. SOWEIT ICH WEISS, KANN ES IRGENDWO IN DER ZEIT ZUR REIN- KARNATION KOMMEN. WER SAGT, DASS LEBEN SERIELL SIND? »Du meinst… ich könnte leben, bevor ich geboren wurde?« JA. »Vielleicht kann ich mich selbst finden und töten«, sagte Herr Tulpe und sah auf den Sand hinab. NEIN, DU WIRST DICH NICHT ERINNERN. UND VIEL- LEICHT FÜHRST DU EIN GANZ ANDERES LEBEN. »Gut…« Tod klopfte Herrn Tulpe auf die Schulter. Sie zuckte bei der Berüh- rung. ICH GEHE JETZT… »Du hast da eine gute Sense«, sagte Herr Tulpe langsam und umständ- lich. »Das Silber ist sehr kunstvoll gearbeitet.« DANKE, sagte Tod. JETZT MUSS ICH WIRKLICH LOS. ABER ICH WERDE GELEGENTLICH HIERHER ZURÜCKKEHREN. MEINE TÜR, fügte er hinzu, STEHT IMMER OFFEN., Er schritt davon. Hinter ihm verschwand der am Boden sitzende Mann in der Finsternis, aber kurz darauf erschien eine zweite Gestalt und lief so schnell sie konnte über den sandähnlichen Grund. Der kleine, dürre Mann hielt eine Kartoffel an einem Bindfaden. Er blieb stehen, als er Tod sah, und blickte dann zu Tods großem Erstau- nen in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Dies geschah zum ersten Mal. Die meisten Leute, die Tod begegneten, machten sich keine Sorgen mehr um irgendetwas hinter ihnen. »Werde ich verfolgt? Siehst du jemanden?« ÄH… NEIN. HAST DU JEMANDEN ERWARTET? »Du siehst also niemanden. Gut!« Herr Nadel straffte die Schultern. »Hervorragend! Ha! Hier, sieh nur, ich habe eine Kartoffel!« Tod blinzelte und holte dann ein Stundenglas unter seinem Umhang hervor. HERR NADEL? AH. DER ANDERE. ICH HABE DICH ER- WARTET. »Ja, das bin ich! Und ich habe eine Kartoffel, hier, sieh nur, und alles tut mir sehr Leid!« Herr Nadel fühlte, wie die Ruhe in ihn zurückkehrte. Im Gebirge des Wahnsinns gibt es kleine Plateaus der Vernunft. Tod betrachtete das wie irre grinsende Gesicht. ES TUT DIR SEHR LEID? »Oh, ja!« ALLES? »Ja!« HIER? AN DIESEM ORT? DU ERKLÄRST, DASS ES DIR LEID TUT? »Genau. Du hast es erfasst. Bist wirklich intelligent. Wenn du mir jetzt den Weg zurück zeigen könntest…« DU MÖCHTEST ES DIR NICHT NOCH EINMAL ÜBERLE- GEN? »Keine Widerrede, ich verlange, was mir zusteht«, sagte Herr Nadel. »Immerhin habe ich eine Kartoffel. Siehst du sie?«, JA, ICH SEHE SIE. UND ICH VERSTEHE. Tod griff unter seinen Umhang und holte etwas hervor, das Herr Nadel zuerst für ein kleines Modell des Sensenmannes hielt. Dann bemerkte er den Rattenschädel unter der kleinen Kapuze. Tod lächelte. BEGRÜSSE MEINEN KLEINEN FREUND, sagte er. Der Rattentod streckte die Pfote aus und griff nach dem Bindfaden. »He…« DU SOLLTEST NICHT DEIN GANZES VERTRAUEN IN WURZELGEMÜSE SETZEN. DIE DINGE SIND NICHT IMMER DAS, WAS SIE ZU SEIN SCHEINEN, sagte Tod. ABER NIE- MAND SOLL VON MIR BEHAUPTEN, DASS ICH DAS GESETZ MISSACHTE. Er schnippte mit den Fingern. KEHRE ALSO AN DEN ORT ZURÜCK, DER DIR GEBÜHRT… Blaues Licht umflackerte den erstaunten Herrn Nadel, dann ver- schwand er. Tod seufzte und schüttelte den Kopf. DER ANDERE… HATTE ETWAS IN SEINEM INNERN, DAS BESSER WERDEN KANN, sagte er. ABER DIESER… Er seufzte tief. WER WEISS, WELCHES UNHEIL IM HERZEN DER MEN- SCHEN LAUERT? Der Rattentod sah von der leckeren Kartoffel auf. QUIEK, sagte er. Tod winkte ab. NUN, MIR IST ES NATÜRLICH BEKANNT, er- widerte er. ABER ICH FRAGE MICH, OB SONST NOCH JE- MAND DARÜBER BESCHEID WEISS. William huschte von Tür zu Tür und begriff, dass er einen Umweg machte. Otto hätte das vermutlich als Zeichen gedeutet, dass er das Ziel gar nicht erreichen wollte. Das Unwetter war nicht mehr ganz so schlimm, obwohl noch immer Hagel von Williams Hut abprallte. Die viel größeren Körner, die der Himmel zu Beginn auf die Stadt hinabgeschleudert hatte, füllten die, Dachrinnen und bildeten eine weiße Schicht auf den Straßen. Fußgän- ger hielten sich an Mauern fest. Trotz des Feuers in seinem Kopf holte William das Notizbuch hervor und schrieb: Hglkner grö als Golfblle? Er nahm sich vor, die Hagelkörner direkt mit einem Golfball zu vergleichen, nur für den Fall. Ein Teil von ihm verstand: Die Leser mochten in Bezug auf die Schuld von Politi- kern einen toleranten Standpunkt vertreten, aber Dinge wie die Größe des Wetters nahmen sie überaus ernst. Auf der Messingbrücke verharrte er im Windschatten eines großen Nilpferds. Hagelkörner fielen auf die Oberfläche des Flusses und verur- sachten tausendfaches leises Saugen. Der Zorn kühlte allmählich ab. Während des größten Teils von Williams Leben war Lord de Worde eine ferne Gestalt gewesen, die aus dem Fenster des Arbeitszimmers blickte, eines Raums mit Hunderten von Büchern, die nie gelesen wur- den. William stand bei diesen Gelegenheiten geduldig auf dem großen und teuren, aber abgelaufenen Teppich, während sein Vater lange Vor- träge hielt. Sie bestanden fast ausschließlich aus Gehässigkeiten: die Meinungen eines Herrn Windling, mit besser klingenden Worten zum Ausdruck gebracht. Das Schlimmste war, dass sich Lord de Worde nie irrte. Diese Position war in seiner Geographie nicht vorgesehen. Leute, die eine andere Mei- nung vertraten, waren verrückt, gefährlich oder vielleicht gar keine rich- tigen Leute. Mit Lord de Worde konnte man nicht diskutieren. Zumin- dest nicht im üblichen Sinn. Eine Diskussion bedeutete, verschiedene Standpunkte wenigstens rein theoretisch zuzulassen und zu versuchen, dem Gesprächspartner mit Vernunft die eigene Ansicht zu erläutern. Mit Williams Vater konnte man nur streiten, und das ziemlich gut. Eiskaltes Wasser tropfte von der Nilpferdstatue und rann an Williams Nacken herab. Der Tonfall und die Lautstärke, mit der Lord de Worde Worte be- nutzte, verwandelte sie fast in Fäuste, aber er hatte nie zum Mittel phy- sischer Gewalt gegriffen. Das überließ er anderen., Ein weiterer Tropfen getauter Hagel traf William am Nacken. Sein Vater konnte doch nicht so dumm sein, oder? Er fragte sich, ob er umkehren und alles der Wache übergeben sollte. Aber ganz gleich, was man über Mumm sagte: Letztendlich hatte er nur eine Hand voll Männer und viele einflussreiche Feinde, deren Stamm- bäume Tausende von Jahren weit in die Vergangenheit reichten und die das gleiche Maß an Ehre offenbarten wie kämpfende Hunde. Nein. Er gehörte zur Familie de Worde. Die Wache war für andere Leute bestimmt, die ihre Probleme nicht selbst lösen konnten. Und was konnte ihm schon passieren? So viele Dinge, dachte William und setzte den Weg fort, dass es schwer sein würde zu entscheiden, was das Schlimmste war. Myriaden Kerzen brannten in der Mitte des großen Raums. In den kor- rodierten Spiegeln an den Wänden sahen sie aus wie die Lichter eines Schwarms von Tiefseefischen. William schritt an umgekippten Sesseln vorbei. Einer stand aufrecht, hinter den Kerzen. Er blieb stehen. »Ah… William«, sagte der Sessel. Dann entfaltete Lord de Worde langsam seine schlaksige Gestalt aus dem Leder, stand auf und trat ins Licht. »Vater«, sagte William. »Ich habe damit gerechnet, dass du hierher kommst. Auch deine Mut- ter mochte diesen Ort. Natürlich war damals alles… anders.« William schwieg. Damals war tatsächlich alles anders gewesen. »Ich glaube, der Unsinn sollte jetzt aufhören, findest du nicht?«, fragte Lord de Worde. »Ich glaube, er hat bereits aufgehört, Vater.« »Aber du meinst vermutlich nicht das, was ich meine«, sagte Lord de Worde. »Eigentlich weiß ich gar nicht, was du meinst«, sagte William. »Ich möchte nur die Wahrheit von dir hören.«, Lord de Worde seufzte. »Die Wahrheit? Ich habe an das Wohl der Stadt gedacht. Das wirst du eines Tages verstehen. Vetinari ruiniert Ankh-Morpork.« »Tja, an dieser Stelle wird’s schwierig«, entgegnete William. Es er- staunte ihn, dass seine Stimme noch immer nicht zitterte. »Ich meine, alle behaupten so etwas. ›Ich wollte nur das Beste‹ und ›Der Zweck hei- ligt die Mittel‹ – die gleichen Worte, jedes Mal.« »Bist du nicht auch der Meinung, dass wir einen Regenten brauchen, der auf die Leute hört?« »Vielleicht. An welche Leute dachtest du dabei?« Lord de Wordes sanfter Gesichtsausdruck veränderte sich. Es über- raschte William, dass die sanfte Miene so lange überlebt hatte. »Du willst in dem Schmutzblatt, in deiner Zeitung darüber schreiben, nicht wahr?« William schwieg. »Du kannst nichts beweisen. Und das weißt du.« William kam etwas näher, daraufhin bemerkte Lord de Worde das Notizbuch. »Ich kann genug beweisen. Und nur darauf kommt es an. Der Rest bleibt… Ermittlungen überlassen. Weißt du, dass man Mumm ›Vetina- ris Terrier‹ nennt? Terrier graben und graben und lassen nie los.« Lord de Worde legte die Hand auf den Schwertknauf. Und William hörte sich denken: Danke. Bis eben konnte ich es nicht glau- ben… »Du hast überhaupt keine Ehre«, bemerkte sein Vater mit jener Art von Ruhe, die einen zur Raserei bringen konnte. »Nun, veröffentliche alles und sei dafür verdammt. Genauso wie die Wache. Wir haben nicht den Befehl…« »Oh, natürlich nicht«, entgegnete William. »Du hast wahrscheinlich nur ›Kümmert euch darum‹ gesagt und die Details Leuten wie Nadel und Tulpe überlassen. Blutige Hände auf Armeslänge.« »Als dein Vater befehle ich dir, sofort mit diesem… mit diesem Un- sinn aufzuhören!«, »Früher hast du mir befohlen, die Wahrheit zu sagen«, meinte Willi- am. Lord de Worde straffte die Gestalt. »Ach, William. Sei doch nicht so naiv.« William schloss das Notizbuch. Das Sprechen fiel ihm jetzt leichter. Er war vom Dach des Gebäudes gesprungen und stellte fest, dass er fliegen konnte. »Und um welche Wahrheit handelt es sich in diesem Fall?«, fragte er. »Um eine so kostbare Wahrheit, dass sie von einer Leibwache aus Lü- gen geschützt werden muss? Um eine Wahrheit, die seltsamer ist als Erfundenes? Oder um die Wahrheit, die noch ihre Stiefel anzieht, wäh- rend eine Lüge bereits über die ganze Welt läuft?« William trat noch einen Schritt vor. »Dieser Spruch gefällt dir doch so sehr. Nun, es spielt keine Rolle mehr. Ich glaube, Herr Nadel wollte versuchen, dich zu erpressen, und weißt du: Ich bin naiv genug, die gleiche Absicht zu ha- ben. Du wirst die Stadt verlassen, jetzt sofort. Das dürfte dir eigentlich nicht zu schwer fallen. Und du solltest hoffen, dass mir nichts zustößt, oder jemandem, mit dem ich zusammenarbeite, oder den ich kenne.« »Ach?« »Jetzt sofort!«, schrie William so laut, dass Lord de Worde unwillkür- lich zurückwich. »Bist du nicht nur übergeschnappt, sondern auch taub? Du wirst die Stadt auf der Stelle verlassen und nie zurückkehren. Wenn du es wagst, dich hier noch einmal blicken zu lassen, findest du in der Zeitung jedes Wort wieder, das du gerade gesagt hast!« William holte den Disorganizer hervor. »Jedes verdammte Wort! Hast du verstanden? Und dann ist nicht einmal Herr Schräg imstande, deine Weste mit ir- gendwelchen Tricks rein zu waschen! Du bist sogar so arrogant gewe- sen, so verdammt arrogant, ihnen unser Haus zur Verfügung zu stellen! Ist das zu fassen? Verschwinde aus der Stadt! Und entweder ziehst du jetzt das Schwert, oder… du… nimmst… die… Hand… vom… Knauf!« Er verstummte. Seine Wangen glühten, und er schnappte nach Luft. »Die Wahrheit hat ihre Stiefel angezogen«, sagte William. »Und jetzt tritt sie zu.« Er kniff die Augen zusammen. »Du sollst die Hand vom Schwertknauf nehmen!«, »Wie dumm, wie dumm. Und ich habe dich für meinen Sohn gehal- ten…« »Ah, ja. Das hätte ich fast vergessen.« Das Feuer der Wut brannte weiter in William. »Kennst du die Traditionen der Zwerge? Nein, natür- lich nicht, denn du hältst sie ja nicht für ›richtige‹ Leute. Nun, mir ist da ein ganz bestimmter Brauch bekannt…« Er zog einen Samtbeutel aus der Hosentasche und warf ihn vor seinem Vater auf den Boden. »Und das ist…?«, fragte Lord de Worde. »Der Beutel enthält Edelsteine, die nach der groben Schätzung von Fachleuten etwa zwanzigtausend Dollar wert sind«, sagte William. »Ich hatte nicht viel Zeit, um alles genau zu berechnen, und ich wollte ver- meiden, dass du mich für unfair hältst. Deshalb war ich sehr großzügig. Dadurch müssten alle von mir im Laufe der Jahre verursachten Kosten abgedeckt sein. Schule, Kleidung, alles. Ich muss zugeben, dass du bei meiner Erziehung keine besonders gute Arbeit geleistet hast, denn im- merhin bin ich das Ergebnis. Ich kaufe mich von dir frei, verstehst du?« »Oh. Eine dramatische Geste. Glaubst du wirklich, die Familie sei ei- ne Frage des Geldes?«, fragte Lord de Worde. »Ja, denn darauf deutet die Geschichte unserer Familie hin«, erwiderte William. »Geld, Land und Titel. Es ist erstaunlich, wie oft es uns nicht gelang, eine Person zu heiraten, die nicht wenigstens über zwei der drei genannten Dinge verfügte.« »Dumme Spöttelei. Du weißt, was ich meine.« »Oh, da bin ich mir nicht so sicher«, sagte William. »Aber ich weiß, dass ich diese Edelsteine vor einigen Stunden von einem Mann bekam, der versuchte, mich zu töten.« »Der dich zu töten versuchte?« Zum ersten Mal lag Unsicherheit in der Stimme von Lord de Worde. »Ja«, bestätigte William. »Überrascht dich das? Wenn man etwas in die Luft wirft… sollte man daran denken, wo es aufprallen könnte.« »Ja, das sollte man«, sagte Lord de Worde. Er seufzte und winkte dann kurz mit der Hand. William beobachtete, wie sich Schatten aus tieferen Schatten lösten. Und er erinnerte sich daran, dass man Hilfe brauchte, um die Besitztümer der de Wordes zu verwalten, und zwar in, allen Sparten des Lebens. Entschlossene Männer mit kleinen runden Hüten, die räumten, beschlagnahmten, Fallen stellten… »Du bist ganz offensichtlich überarbeitet«, sagte Lord de Worde, als die Männer näher kamen. »Ich glaube, du solltest… verreisen, ja. Eine lange Reise übers Meer. Wie wär’s mit den Nebelinseln oder mit Vie- ricks? Oder mit Bhangbhangduc? Dort kann man ein Vermögen ma- chen, soweit ich weiß. Das gilt zumindest für junge Männer, die nicht vor schmutzigen Händen zurückschrecken. Hier gibt es nichts für dich. Jedenfalls nichts Gutes.« William erkannte vier Gestalten. Er hatte sie gelegentlich auf dem Anwesen der Familie gesehen. Solche Leute hatten meistens nur einen Namen, wie Jenks oder Klamper, und ihnen fehlte eine Vergangenheit. Einer von ihnen sagte: »Wenn du ein wenig vernünftig bist, Herr Wil- liam, so können wir dies in aller Ruhe hinter uns bringen…« »Du wirst in regelmäßigen Abständen kleine Summen erhalten«, meinte Lord de Worde. »Das Geld wird es dir ermöglichen, mit einem gewissen Stil zu leben, der…« Mehrere kleine Staubflocken sanken spiralförmig von der dunklen Decke herab und drehten sich wie Ahornblätter. Sie blieben neben dem Samtbeutel liegen. Ein verhüllter Kerzenleuchter klirrte leise. William sah auf. »Oh, nein«, sagte er. »Bitte… töte niemanden!« »Was?«, fragte Lord de Worde. Otto Chriek landete auf dem Boden und hob die Hände wie Klauen. »Guten Abend!«, grüßte er einen verblüfften Gutsverwalter. Er sah auf seine Hände. »Meine Güte, was habe ich mirr nurr dabei gedacht!« Er ballte die Fäuste und tanzte von einem Bein aufs andere. »Diese Gelegenheit errforrderrt den trraditionellen Faustkampf von Ankh- Morrporrk.« »Faustkampf?«, wiederholte der Mann und hob einen Knüppel. »Von wegen!« Eine kurze Gerade Ottos riss ihn von den Beinen. Er landete auf dem Rücken, drehte sich und rutschte über den polierten Boden. Otto wir-, belte so schnell herum, dass er zu einem Schemen wurde, und nach einem dumpfen Klatschen ging ein zweiter Mann zu Boden. »Was soll das bedeuten? Ja, was nurr? Ich mache Gebrrauch von eur- rem zivilisierrten Faustkampf, und ihrr wollt garr nicht kämpfen?«, frag- te Otto und sprang dabei wie ein Amateurboxer vor und zurück. »Ah, vielleicht möchtest du kämpfen…« Seine Fäuste wurden so schnell, dass keine Einzelheiten mehr zu erkennen waren, als sie auf den Mann wie auf einen Sandsack eintrommelten. Otto richtete sich auf, als sein Gegner fiel, schwang eine Faust wie beiläufig zur Seite und traf den angreifenden vierten Mann am Kinn. Der Bursche drehte sich in der Luft. Dies alles geschah innerhalb weniger Sekunden. Und dann fasste sich William genug, um eine Warnung zu rufen. Zu spät. Otto blickte auf das Schwert hinab, das sich ihm in die Brust gebohrt hatte. »Nun sieh sich das einerr an«, sagte er. »Ist euch eigentlich klarr, dass in meinem Dschob ein Hemd keine zwei Tage lang hält?« Er wandte sich an den zurückweichenden Lord de Worde und ließ die Fingerknöchel knacken. »Halt es von mir fern!«, rief seine Lordschaft. William schüttelte den Kopf. »Ach, du hältst mich also fürr ein es«, erwiderte Otto. »Es – wie für Tierr oder Biester. Nun, dann will ich mich auch so verrhalten.« Er griff nach Lord de Wordes Jacke und hob ihn mit einer Hand auf Armeslänge hoch. »In meinerr Heimat gibt es Leute wie dich«, sagte er. »Sie sagen dem Mob, was err tun soll. Ich bin nach Ankh-Morrporrk gekommen, weil hierr angeblich alles anderrs ist, aberr eigentlich stimmt das garr nicht. Immerr und überrall gibt es Leute wie dich! Und was soll ich jetzt mit dirr machen?« Mit der freien Hand holte Otto das Schwarze Band hervor und warf es weg. »Ich habe den verrdammten Kakao nie gemocht«, sagte er., »Otto!« Der Vampir drehte sich um. »Ja, William? Was möchtest du?« »Dies geht zu weit.« Lord de Worde war erblasst. Nie zuvor hatte Wil- liam so deutliche Furcht in seinem Gesicht gesehen. »Ach, tatsächlich? Soll ich ihn beißen, William? Soll ich dich beißen, Euerr Lorrdschaft? Nun, vielleicht nicht, denn William hält mich fürr eine gute Perrson.« Er zog Lord de Worde näher, bis nur noch wenige Zentimeter ihre Gesichter voneinander trennten. »Aberr vielleicht muss ich mich jetzt frragen, wie gut ich bin? Oderr sollte ich frragen: Bin ich besserr als du?« Er zögerte ein oder zwei Sekunden und riss den Mann dann ganz zu sich heran. Er gab Lord de Worde einen sanften Kuss auf die Stirn, setzte den zitternden Mann ab und tätschelte ihm kurz den Kopf. »Nun, eigentlich ist derr Kakao nicht so übel, und die junge Frrau am Harrmonium zwinkerrt mirr manchmal zu«, sagte Otto und trat zur Seite. Lord de Worde öffnete die Augen und sah William an. »Wie kannst du es wagen…« »Sei still«, sagte William. »Folgendes wird geschehen: Ich verzichte darauf, Namen zu nennen. Das ist meine Entscheidung. Weißt du, ich möchte nicht, dass meine Mutter mit einem Verräter verheiratet gewe- sen ist. Außerdem geht es mir um Rupert. Und um meine Schwestern. Und um mich selbst. Ich schütze unseren Namen. Wahrscheinlich ist das falsch, aber ich mache es trotzdem. Und noch einmal werde ich dir nicht gehorchen. Indem ich nicht die Wahrheit sage. Zumindest nicht die ganze. Und was die Leute betrifft, die den Dingen auf den Grund gehen wollen… Ich bin ziemlich sicher, dass sie früher oder später alles herausfinden. Und bestimmt regeln sie alles, ohne Aufsehen zu erregen. Du weißt schon… auf deine Art und Weise.« »Verräter«, hauchte Lord de Worde. »Das würden die Leute sagen.« Lord de Worde nickte wie jemand, der in einem unangenehmen Traum gefangen war., »Die Edelsteine kann ich unmöglich nehmen«, sagte er. »Ich wünsche dir viel Vergnügen, mein Sohn. Denn… du bist zweifellos ein de Worde. Guten Tag.« Er drehte sich um und ging fort. Nach einigen Sekunden öffnete sich knarrend eine ferne Tür und schloss sich leise. William wankte zu einer Säule. Er zitterte. In Gedanken wiederholte er noch einmal alles und stellte fest: Sein Gehirn hatte nicht ein einziges Mal den Boden berührt. »Ist alles in Orrdnung mit dirr, William?«, fragte Otto. »Ich fühle mich elend, aber abgesehen davon… Ja, es ist alles in Ord- nung. So viel hartnäckige Sturheit und egoistische Arroganz…« »Du gleichst es mit anderren Eigenschaften aus«, sagte Otto. »Ich spreche von meinem Vater.« »Oh.« »Er ist absolut sicher, dass er immer Recht hat…« »Entschuldigung, aberr meinst du noch immerr deinen Vaterr?« »Soll das heißen, ich bin wie er?« »Oh, nein. Du bist anderrs. Völlig anderrs. Es gibt überrhaupt keine Ähnlichkeit.« »Du musst nicht gleich übertreiben.« William zögerte. »Habe ich mich bei dir bedankt?« »Nein.« »Meine Güte.« »Aberr dirr ist aufgefallen, dass du dich nicht bedankt hast, und deshalb gibt es nichts darran auszusetzen«, erwiderte Otto. »Mit jedem Tag bes- serrn wirr uns ein wenig. Da fällt mirr ein… Würrde es dir etwas aus- machen, mirr das Schwerrt aus derr Brrust zu ziehen? Wie dumm, ein Schwerrt in einen Vampirr zu stoßen. Das brringt nurr die Wäsche in Unorrdnung.« »Ich helfe dir…« William zog vorsichtig die Klinge aus Ottos Brust. »Kann ich das Hemd auf die Spesenrrechnung setzen?« »Ja, ich denke schon.«, »Gut. Jetzt ist alles vorrbei, und es wirrd Zeit fürr Belohnung und Medaillen«, sagte der Vampir fröhlich und rückte seine Jacke zurecht. »Warrum bist du so niederrgeschlagen?« »Ich fürchte, meine Probleme beginnen gerade erst«, entgegnete Wil- liam. »Vermutlich dauert es keine Stunde, bis ich das Innere des Wach- hauses sehe.« Dreiundvierzig Minuten später half William der Wache bei ihren Er- mittlungen, wie es so schön hieß. Auf der anderen Seite des Schreibtischs las Kommandeur Mumm noch einmal die Times. William wusste, warum er sich dabei mehr Zeit ließ als notwendig: Um ihn nervös zu machen. »Ich kann dir bei den langen Worten helfen, die du nicht kennst«, bot er sich an. Mumm ging nicht darauf ein. »Ein guter Artikel. Aber ich muss noch mehr wissen. Ich brauche die Namen. Und ich glaube, du kennst sie. Wo trafen sich die Verschwörer? Und so weiter. Ich muss darüber Bescheid wissen.« »Manche Dinge sind mir ein Rätsel«, sagte William. »Wie dem auch sei: Du weißt jetzt genug, um Lord Vetinari auf freien Fuß zu setzen.« »Ich muss noch mehr erfahren.« »Aber nicht von mir.« »Ich bitte dich, Herr de Worde. Wir sind auf der gleiche Seite!« »Nein. Wir stehen auf zwei verschiedenen Seiten, die nur rein zufällig Seite an Seite liegen.« »Herr de Worde, vor einer Weile hast du einen meiner Wächter ange- griffen. Ist dir eigentlich klar, in welchen Schwierigkeiten du steckst?« »Ich hätte etwas Besseres von dir erwartet, Herr Mumm«, sagte Willi- am. »Willst du etwa behaupten, ich hätte einen Wächter in Uniform angegriffen? Einen Wächter, der sich mir gegenüber identifiziert hat?« »Sei vorsichtig, Herr de Worde.«, »Ein Werwolf hat mich verfolgt, Kommandeur. Ich habe ihm… Un- annehmlichkeiten bereitet, um zu entkommen. Möchtest du in aller Öffentlichkeit darüber reden?« Ich spiele einen arroganten, verlogenen, hochnäsigen Mistkerl, dachte William. Und ich spiele ihn verdammt gut. »Du lässt mir keine andere Wahl, als dich zu verhaften, weil…« »Ich verlange einen Anwalt«, sagte William. »Ach? Und an wen hast du mitten in der Nacht gedacht?« »An Herrn Schräg.« »Schräg? Und du glaubst, er kommt wegen dir hierher?« »Ich glaube es nicht, ich weiß es.« »Und weshalb bist du da so sicher?« »Ich bin es einfach. Vertrau mir.« »Komm schon«, sagte Mumm und lächelte. »Dies ist doch gar nicht nötig. Es ist die Pflicht eines jeden Bürgers, der Wache zu helfen.« »Ich weiß nicht«, erwiderte William. »Ich weiß nur, dass die Wache das glaubt. Ich habe es nie irgendwo niedergeschrieben gesehen. Übri- gens wusste ich gar nicht, dass die Wache befugt ist, unschuldige Leute zu bespitzeln.« Mumms Lächeln erstarrte. »Es geschah zu deinem eigenen Besten«, knurrte der Kommandeur. »Ich wusste gar nicht, dass dir Entscheidungen darüber zustehen, was zu meinem Besten ist.« Diesmal gewann Mumm einen kleinen Preis. »Ich lasse mich ebenfalls nicht manipulieren«, sagte er. »Aber ich habe Grund zu der Annahme, dass du Informationen über ein schweres Verbrechen zurückhältst, und das ist ein Vergehen. Ein solches Verhalten verstößt gegen das Gesetz.« »Herrn Schräg fällt dazu bestimmt etwas ein. Ich wette, es gibt Präze- denzfälle. Er wird irgendeine Sache finden, die Hunderte von Jahren alt ist. Die Patrizier haben immer viel von Präzedenzfällen gehalten. Herr Schräg wird suchen und suchen. Jahrelang, wenn es nötig sein sollte. Dadurch wurde er zu dem, was er heute ist. Indem er nie aufgab.«, Mumm beugte sich vor. »Unter uns und ohne dein Notizbuch«, murmelte er. »Herr Schräg ist ein verschlagener toter Mistkerl, der mit dem Gesetz macht, was er will.« »Ja«, bestätigte William. »Und er ist mein Anwalt. Das garantiere ich.« »Warum sollte sich Herr Schräg für dich einsetzen?«, fragte Mumm und musterte William aufmerksam. »Weil ihm die Gerechtigkeit am Herzen liegt. Schickst du nun jeman- den, um ihn zu holen? Wenn nicht, musst du mich gehen lassen.« Mumm wandte den Blick nicht von William ab, als er das Sprachrohr vom Haken an der Seite des Schreibtischs löste. Er pfiff hinein und hob es ans Ohr. Ein seltsames Geräusch ertönte. Es klang nach einer Maus, die am anderen Ende eines Abflussrohrs um Gnade winselte. »Jata wippsie poitl swup?« Mumm hielt sich das Sprachrohr vor den Mund. »Jemand soll Herrn de Worde zu den Zellen bringen«, sagte er. »Swiddel jumjumpwipwip?« Mumm seufzte und hängte das Sprachrohr wieder an den Haken. Dann stand er auf und öffnete die Tür. »Fred, lass Herrn de Worde von jemandem zu den Zellen bringen«, rief er. »Ich nehme dich zunächst einmal in Schutzhaft«, fügte er an Williams Adresse gerichtet hinzu. »Und vor wem soll mich die Haft schützen?« »Nun, ich persönlich spüre das dringende Verlangen, dir einen Satz warme Ohren zu verpassen«, sagte Mumm. »Und vermutlich gibt es andere Leute, die nicht über meine Selbstbeherrschung verfügen.« Ruhe und Frieden erwarteten William in seiner Zelle. Das Bett war echt bequem. Graffiti bedeckten die Wände, und er vertrieb sich die Zeit damit, die Rechtschreibfehler zu korrigieren. Nach einer Weile wurde die Tür wieder aufgeschlossen. Ein Wächter eskortierte William mit steinerner Miene zurück zu Mumms Büro. Herr Schräg befand sich dort und nickte William gelassen zu. Kom- mandeur Mumm saß vor einem kleinen, aber sehr bedeutsamen Papier- stapel und wirkte wie ein geschlagener Mann., »Ich glaube, Herr de Worde kann jetzt gehen«, sagte Herr Schräg. Mumm zuckte mit den Schultern. »Es erstaunt mich nur, dass du nicht von mir verlangst, ihm eine goldene Medaille zu verleihen. Und vielleicht auch noch ein offizielles Dokument, in dem die Wache ihren Dank zum Ausdruck bringt. Wie dem auch sei: Ich setze die Kaution auf eintau…« »Ah?« Herr Schräg hob einen grauen Zeigefinger. Mumm schnitt eine finstere Miene. »Einhun…« »Ah?« Mumm brummte, griff in die Tasche und warf William einen Dollar zu. »Hier«, sagte er mit unüberhörbarem Sarkasmus. »Wenn du morgen früh um zehn Uhr nicht beim Patrizier bist, musst du mir den Dollar zurückgeben. Zufrieden?«, fragte er Schräg. »Welchen Patrizier meinst du?«, erkundigte sich William. »Danke für die neunmalkluge Antwort«, sagte Mumm. »Sei einfach zur Stelle.« Herr Schräg schwieg, als er zusammen mit seinem neuen Klienten nach draußen in die Nacht trat, aber nach einer Weile sagte er: »Ich habe eine Verfügung von exeo carco cum nihil pretii auf der Basis von olfa- cere violarum und sini plenis piscis erwirkt. Morgen werde ich für dich auf ab hamo plädieren, falls das nicht klappt…« »›Nach Veilchen riechen‹?«, fragte William, der inzwischen übersetzt hatte. »Und ›Taschen voller Fische‹?« »Das geht auf einen Fall vor gut sechshundert Jahren zurück, als der Beklagte erfolgreich Folgendes geltend machte: Er hatte den Kläger tatsächlich in den Teich gestoßen, aber der Mann kehrte mit den Ta- schen voller Fische an Land zurück und erzielte somit einen klaren Net- togewinn«, sagte Herr Schräg glatt. »Außerdem werde ich darauf hin- weisen, dass alle Bürger der Stadt schuldig sind, wenn es wirklich ein Verbrechen sein soll, Informationen vor der Wache zurückzuhalten.« »Ich möchte nicht erwähnen müssen, wie und woher ich meine In- formationen bekommen habe, Herr Schräg«, sagte William. »Wenn man mich dazu zwingt, müsste ich alles preisgeben.«, Das Licht der fernen blauen Lampe über dem Eingang des Wachhau- ses fiel auf Schrägs Gesicht. Er wirkte krank. »Glaubst du wirklich, dass diese beiden Männer… Komplizen hat- ten?«, fragte er. »Da bin ich sicher«, erwiderte William. »Es gibt gewisse… Anhalts- punkte. Es ist erstaunlich, wozu Kobolde imstande sind, findest du nicht?« An dieser Stelle tat ihm der Anwalt fast Leid. Aber nur fast. »Es läge nicht im öffentlichen Interesse, wenn bestimmte Dinge be- kannt werden«, sagte Herr Schräg langsam. »Dies sollte die Zeit der… Versöhnung sein.« »Da bin ich ganz deiner Meinung. Also sorgst du bestimmt dafür, dass ich es Mumm nicht ermöglichen muss, einem gewissen Kobold zuzuhören.« »Erstaunlicherweise gibt es da einen Präzedenzfall. Im Jahr 1497 ge- lang es einer Katze…« »Gut. Und du wirst ein vernünftiges Gespräch mit der Graveursgilde führen. Du bist gut, wenn es um vernünftige Gespräche geht.« »Nun, ich werde mir natürlich Mühe geben. Aber die Rechnung…« »…existiert überhaupt nicht.« Herr Schrägs pergamentenes Gesicht wirkte noch zerknitterter, als er eine schmerzerfüllte Grimasse schnitt. »Pro bono publico?«, krächzte er. »Oh, ja«, sagte William. »Du arbeitest ganz gewiss für das öffentliche Wohl. Und was der Öffentlichkeit nützt, ist auch gut für dich. Ist das nicht schön?« »Andererseits«, sagte Herr Schräg, »wäre es vielleicht besser für alle, diese bedauerliche Angelegenheit zu vergessen. Es wird mir eine, äh, Ehre sein, meine Dienste kostenlos zur Verfügung zu stellen.« »Danke. Herr Pirsch ist jetzt Lo… ist jetzt der Patrizier?« »Ja.« »Die Gilden haben abgestimmt?«, »Ja, natürlich.« »War es eine einstimmige Wahl?« »Ich bin nicht verpflichtet, dir Antwort zu geben…« William hob den Zeigefinger. »Ah?« Herr Schräg wand sich hin und her. »Die Bettler und Näherinnen stimmten dafür, die Sitzung zu vertagen«, sagte er. »Ebenso die Wä- scherinnen und die Gilde der exotischen Tänzerinnen.« »Mit anderen Worten… Königin Molly, Frau Palm, Frau Krippe und Frau Dixie Wumm«, sagte William. »Offenbar hat Lord Vetinari ein interessantes Leben geführt.« »Kein Kommentar.« »Würdest du sagen, dass sich Herr Pirsch bereits auf die vielen Prob- leme freut, die das Regieren über Ankh-Morpork mit sich bringt?« Herr Schräg dachte über die Frage nach. »Ich glaube, das könnte tat- sächlich der Fall sein«, räumte er ein. »Wozu zum Beispiel die Tatsache gehört, dass Lord Vetinari völlig unschuldig ist. Was ein ziemlich großes Fragezeichen hinter Pirschs Ernennung zum Patrizier setzt. Würdest du ihm raten, seinen Dienst mit einigen zusätzlichen Unterhosen anzutreten, nur für den Fall? Schon gut, diese Frage brauchst du nicht zu beantworten.« »Es ist nicht meine Aufgabe, die Gildenversammlung aufzufordern, eine legitime Entscheidung zu revidieren, selbst wenn sie auf der Grundlage von… falschen Informationen erfolgt ist. Es steht mir auch nicht zu, Herrn Pirsch Ratschläge bezüglich seiner Unterwäsche zu erteilen.« »Wir sehen uns morgen, Herr Schräg«, sagte William. Es blieb William gerade Zeit genug, sich auszuziehen und hinzulegen, bevor er aufstehen musste. Er wusch sich so gut wie möglich, streifte ein frisches Hemd über und ging vorsichtig zum Frühstück hinunter. Diesmal erreichte er den Tisch als Erster. Es herrschte die übliche Stille, als die anderen eintrafen. Die meisten von Frau Arkanums Mietern sprachen nur dann, wenn sie etwas zu, sagen hatten. Schließlich nahm auch Herr Schmitzenmacher Platz und holte die neueste Ausgabe der Times hervor. »Ich konnte die Zeitung heute Morgen nicht bekommen«, sagte er und schlug die Times auf. »Deshalb habe ich die andere besorgt.« William hüstelte. »Steht was Interessantes drin?«, fragte er. Ganz deut- lich sah er die Schlagzeile in großen, fett gesetzten Versalien:

HUND BEISST MANN!

Er hatte eine Nachricht daraus gemacht! »Oh… Lord Vetinari ist noch einmal davongekommen«, sagte Herr Schmitzenmacher. »Nun, das wundert mich nicht«, kommentierte Herr Flach. »Schlauer Bursche, was auch immer die Leute sagen.« »Und sein Hund ist wohlauf«, sagte Herr Schmitzenmacher. William hätte ihn am liebsten geschüttelt, weil er so langsam las. »Das freut mich«, sagte Frau Arkanum und schenkte Tee ein. »Ist das alles?«, fragte William. »Oh, hier steht viel politischer Kram«, meinte Herr Schmitzenmacher. »Erscheint mir alles ziemlich weit hergeholt.« »Ist von irgendwelchem Gemüse die Rede?«, erkundigte sich Herr Wagenbauer. Herr Schmitzenmacher untersuchte sorgfältig die anderen Seiten. »Nein«, sagte er. »Meine Firma möchte sich mit diesem Mann in Verbindung setzen und ihn fragen, ob wir das Saatgut für ihn verkaufen können«, fuhr Herr Wagenbauer fort. »Die Leute mögen so etwas.« Er bemerkte Frau Arkanums Blick. »Ich meine natürlich nur das für die ganze Familie geeignete komische Gemüse«, fügte er rasch hinzu. »Ja, es tut gut zu lachen«, meinte Herr Schmitzenmacher ernst. William fragte sich, ob Herr Wintler auch komisch geformte Erbsen wachsen lassen konnte. Vermutlich war er wirklich dazu fähig., »Ich hätte gedacht, dass so etwas ziemlich wichtig ist«, sagte er. »Ich meine Lord Vetinaris Unschuld.« »Oh, sicher, kein Zweifel, zumindest für die Leute, die sich mit sol- chen Dingen befassen«, erwiderte Herr Schmitzenmacher. »Allerdings weiß ich nicht recht, wo es uns betrifft.« »Aber…«, begann William. Frau Arkanum hob beide Hände und überprüfte ihre Frisur. »Ich ha- be Lord Vetinari immer für einen sehr attraktiven Mann gehalten«, sag- te sie und wirkte ein wenig verlegen, als alle am Tisch sie anstarrten. »Ich meine, es wundert mich ein wenig, dass es keine Frau Vetinari gibt. Äh.« »Oh, du weißt ja, was die Leute sagen«, erklang die Stimme von Herrn Windling. Zwei Arme schossen über den Tisch, packten den überraschten Mann am Kragen und zerrten ihn hoch, bis sich sein Gesicht dicht vor dem Williams befand. »Ich weiß nicht, was die Leute sagen, Herr Windling!«, rief er. »Aber du weißt, was sie sagen, Herr Windling! Warum sagst du uns nicht, was die Leute sagen, Herr Windling! Und warum verrätst du uns nicht, wer es dir gesagt hat, Herr Windling?« »Ich bitte dich, Herr de Worde!«, empörte sich Frau Arkanum. Herr Flach zog das Brot beiseite. »Es tut mir sehr Leid, Frau Arkanum«, sagte William und hielt den zappelnden Mann weiterhin fest, »aber ich möchte wissen, was die Leu- te sagen, und außerdem möchte ich wissen, woher die Leute wissen, was sie sagen. Herr Windling?« »Nun, die Leute sagen, Lord Vetinari hätte eine alte Freundin, die eine wichtige Rolle in Überwald spielt«, brachte Herr Windling hervor. »Und ich wäre dir dankbar, wenn du mich jetzt loslassen würdest.« »Und das ist alles? Was soll so unheilvoll daran sein? Überwald ist ein freundliches Land!« »Ja, aber, ja, aber die Leute sagen…« William ließ los. Windling fiel auf seinen Stuhl zurück. Aber William blieb stehen und atmete schwer., »Ich habe den Artikel in der Times geschrieben!«, sagte er scharf. »Dar- in steht, was ich sage! Weil ich Dinge herausgefunden und überprüft habe, weil Leute, die ›t‹ und ›te‹ und ›ten‹ sagten, mich umbringen woll- ten! Ich bin nicht der Mann, der der Bruder des Mannes ist, den du in irgendeiner Taverne getroffen hast! Ich bin kein dummes Gerücht, das jemand in die Welt gesetzt hat, um Unruhe zu stiften! Daran solltest du denken, bevor du mir mit dem Die-Leute-sagen-Unfug, und dem Es- ist-allgemein-bekannt-Quatsch kommst! Und in einer Stunde oder so muss ich zum Palast, um dort mit Kommandeur Mumm und dem der- zeitigen Patrizier und vielen anderen zu sprechen und alles aufzuklären! Und es ist keine sehr angenehme Sache, und ich muss es hinter mich bringen, weil ich dir und allen anderen von Dingen berichten wollte, die wichtig sind! Das mit der Teekanne tut mir Leid, Frau Arkanum, ich bin sicher, sie kann wieder in Ordnung gebracht werden.« In der Stille, die diesen Worten folgte, griff Herr Flach nach der Zei- tung. »Du hast dies geschrieben?« »Ja!« »Ich… äh… ich dachte, dafür gäbe es spezielle Personen…« Alle Blicke richteten sich auf William. »Die speziellen Personen sind eine junge Frau und ich. Wir schreiben die Artikel.« »Aber… wer sagt dir, was du schreiben sollst?« Wieder wandten sich die Köpfe William zu. »Wir… entscheiden einfach.« »Äh… stimmt es, dass es große silberne Scheiben gibt, die Leute ent- führen?« »Nein!« Zu Williams Überraschung hob Herr Wagenbauer tatsächlich die Hand. »Ja, Herr Wagenbauer?« »Ich habe eine ziemlich wichtige Frage, Herr de Worde. Da du über all diese Dinge Bescheid weißt…« »Ja?«, »Hast du die Adresse des Mannes mit dem komischen Gemüse?« William und Otto erreichten den Palast um fünf Minuten vor zehn. Am Tor hatte sich eine kleine Menge eingefunden. Kommandeur Mumm stand auf dem Hof, sprach dort mit Schräg und den Oberhäuptern einiger Gilden. Er lächelte humorlos, als er William sah. »Du bist spät dran, Herr de Worde«, sagte er. »Ich bin zu früh!« »Ich meine, es ist etwas geschehen.« Herr Schräg räusperte sich. »Herr Pirsch hat eine Mitteilung ge- schickt«, sagte er. »Offenbar ist er krank.« William holte sein Notizbuch hervor. Es fing sofort die Aufmerksamkeit der Gildenrepräsentanten ein. Wil- liam zögerte. Und dann löste sich die Unsicherheit plötzlich auf. Ich bin ein de Worde, dachte er. Wagt es bloß nicht, auf mich herabzublicken. Sonst zahle ich es euch mit der Times heim. Los geht’s… »Hat seine Mutter unterschrieben?«, fragte er. »Ich weiß nicht, was du meinst«, sagte der Anwalt, aber einige Gil- denoberhäupter drehten den Kopf zur Seite. »Was geschieht jetzt?«, fragte William. »Gibt es niemanden, der die Stadt regiert?« »Glücklicherweise«, sagte Schräg wie jemand in einer ganz privaten Hölle, »geht es Lord Vetinari viel besser. Er rechnet damit, seine Pflich- ten ab morgen wieder wahrnehmen zu können.« »Entschuldigung, hat er die Erlaubnis, das einfach so aufzuschrei- ben?«, fragte Lord Witwenmacher, Chef der Assassinengilde, als sich William Notizen machte. »Wem seine Erlaubnis?«, fragte Mumm. »Wessen«, murmelte William., »Nun, er kann doch nicht einfach alles aufschreiben«, sagte Lord Witwenmacher. »Angenommen, er schreibt etwas auf, von dem wir gar nicht wollen, dass er es aufschreibt?« Mumm sah William fest in die Augen. »Es gibt kein Gesetz dagegen«, sagte er. »Lord Vetinari wird also nicht vor Gericht gestellt, Lord Witwenma- cher?«, fragte William und erwiderte Mumms Blick ein oder zwei Se- kunden lang. Witwenmacher wandte sich verwirrt an Schräg. »Kann er mich das fragen? Darf er mir einfach so eine Frage stellen?« »Ja, Exzellenz.« »Muss ich antworten?« »Unter den gegebenen Umständen ist es eine vernünftige Frage, aber du musst keine Antwort geben, Exzellenz.« »Hast du eine Botschaft für die Bürger von Ankh-Morpork?«, fragte William zuckersüß. »Haben wir eine, Herr Schräg?«, fragte Lord Witwenmacher. Herr Schräg seufzte. »Vielleicht wäre es durchaus ratsam, Euer Exzel- lenz.« »Na schön, wenn das so ist… Nein, es wird natürlich keinen Prozess geben.« »Und Lord Vetinari wird auch nicht begnadigt?«, fragte William. Lord Witwenmacher sah Herrn Schräg an, der erneut leise seufzte. »Exzellenz, auch in diesem Fall…« »Na schön, na schön… Nein, Lord Vetinari wird nicht begnadigt, da er ganz offensichtlich unschuldig ist«, sagte Lord Witwenmacher ge- reizt. »Würdest du sagen, dass sich seine Unschuld aufgrund der ausge- zeichneten Ermittlungsarbeit von Kommandeur Mumm und seiner tüchtigen Mitarbeiter erwiesen hat?«, fragte William. »Ich meine Ermitt- lungen, bei denen die Times einen kleinen Beitrag geleistet hat?«, Verwunderung zeigte sich in Lord Witwenmachers Miene. »Würde ich das sagen?« »Ja, Exzellenz, das halte ich für möglich«, sagte Schräg. Seine Stim- mung verschlechterte sich immer mehr. »Oh. Gut, ja, dann würde ich das tatsächlich sagen.« Witwenmacher reckte den Hals, um festzustellen, ob William alles richtig aufschrieb. Aus dem Augenwinkel sah William Mumms Gesichtsausdruck. Die Miene des Kommandeurs zeigte eine sonderbare Mischung aus Erheite- rung und Ärger. »Und würdest du als Vertreter des Gildenrates ein offizielles Lob für Kommandeur Mumm aussprechen?«, fragte William. »Augenblick mal…«, begann Mumm. »Ich glaube, das würde ich, ja.« »Ihr habt vermutlich die Absicht, den Kommandeur mit einer Medail- le oder einer Auszeichnung zu belohnen.« »Jetzt hör mal…«, brummte Mumm. »Ja, das ist sehr wahrscheinlich der Fall«, sagte Lord Witwenmacher, vom Wind der Veränderung hin und her geworfen. William schrieb auch das sorgfältig auf und schloss dann sein Notiz- buch, zur großen Erleichterung der übrigen Anwesenden. »Vielen Dank, Exzellenz, meine Damen und Herren«, sagte er mun- ter. »Oh, Herr Mumm… Haben wir irgendetwas zu besprechen?« »Derzeit nicht«, knurrte Mumm. »Oh, gut. Dann gehe ich jetzt und schreibe den Artikel. Noch einmal besten Dank…« »Du wirst uns den… Artikel natürlich zeigen, bevor du ihn in der Zei- tung bringst«, sagte Witwenmacher und erholte sich ein wenig. William trug seinen Hochmut wie einen Mantel. »Äh, nein. Ich glau- be, ich werde ihn dir nicht vorher zeigen, Exzellenz. Immerhin ist es meine Zeitung.« »Kann er…?«, »Ja, Exzellenz, er kann«, sagte Herr Schräg. »Ich fürchte, das kann er tatsächlich. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist eine alte Traditi- on von Ankh-Morpork.« »Gütiger Himmel, im Ernst?« »Ja, Exzellenz.« »Wie hat sie bis heute überdauert?« »Keine Ahnung, Exzellenz«, sagte Herr Schräg. Er sah William an. »Aber ich halte Herrn de Worde für einen jungen Mann, der bestimmt keine Unruhe in die Stadt bringen möchte.« William lächelte höflich, nickte den anderen zu und kehrte über den Hof auf die Straße zurück. Als er weit genug entfernt war, lachte er schallend. Eine Woche verging und fiel durch die Dinge auf, die nicht geschahen. Es kam kein Protest von Herrn Schmeichler und der Graveursgilde. William fragte sich, ob man ihn in der In-Ruhe-lassen-Akte abgelegt hatte. Vielleicht glaubten die Leute, dass Vetinari der Times einen Gefal- len schuldete, und niemand wollte dieser Gefallen sein. Auch die Wache ließ sich nicht blicken. Es zeigten sich mehr Straßenkehrer als sonst, aber nachdem William Paul König hundert Dollar und seiner Frau ei- nen Blumenstrauß geschickt hatte, wurde die Schimmerstraße wieder schmutzig. Sie zogen in einen anderen Schuppen um, während der alte wieder aufgebaut wurde. Was Herrn Käse betraf, hatten sich keine Probleme ergeben. Er wollte nur Geld. Der Umgang mit Leuten, die nur Geld wollten, fiel nicht weiter schwer, wenn die eigene Brieftasche dick ge- nug war. Die Redaktion hatte sich eine neue Druckerpresse beschafft, und auch in diesem Fall ließ Geld die Mühe praktisch mühelos werden. Die Zwerge waren bereits dabei, die Presse umzubauen und zu erweitern. Der neue Schuppen bot nicht so viel Platz wie der alte, aber Sacharis- sa hatte es trotzdem geschafft, einen kleinen Teil für das Büro abzu- trennen und dort auch eine Topfpflanze und einen Kleiderständer un- terzubringen. Aufgeregt sprach sie von dem Platz, den sie haben wür-, den, sobald das neue Gebäude fertig gestellt war, aber William ahnte: Wie groß es auch sein mochte – mit Ordnung war bestimmt nicht zu rechnen. Zeitungsleute hielten den Boden für eine Art flachen Akten- schrank. Er hatte jetzt einen neuen Schreibtisch. Er war sogar noch besser als neu: eine echte Antiquität aus Nussbaumholz mit Einlegearbeiten aus Leder, zwei eingelassenen Tintenfässern, vielen Schubladen und authen- tischen Holzwürmern. An einem solchen Schreibtisch konnte man schreiben. Den Dorn hatten sie nicht mitgebracht. William las einen Brief von der Anstandsliga Ankh-Morporks, als er den Eindruck gewann, dass jemand neben ihm stand. Er sah auf. Sacharissa hatte einige Personen hereingeführt, und unter ihnen er- kannte William den verstorbenen Herrn Krumm. »Du hast doch gesagt, dass wir mehr Leute brauchen, die schreiben«, meinte Sacharissa. »Herrn Krumm kennst du ja, und dies ist Frau Til- ly…« Eine kleine, weißhaarige Frau machte einen Knicks vor William. »… die Katzen und besonders scheußliche Morde mag. Herr O’Keks…« Ein langgliedriger junger Mann. »… ist den ganzen weiten Weg von Viericks hierher gekommen und sucht einen Job, bevor er zurückkehrt.« »Tatsächlich? Was hast du in Viericks gemacht, Herr O’Keks?« »Ich habe dort die Verdammte Universität besucht, Kumpel.« »Bist du ein Zauberer?« »Nein, Kumpel. Man hat mich rausgeworfen, wegen der Dinge, die ich in der Studentenzeitung geschrieben habe.« »Was hast du geschrieben?« »Einfach alles.« »Oh. Und… Frau Tilly, von dir stammt der wundervoll orthogra- phisch und grammatikalisch korrekte Brief mit dem Vorschlag, alle Per- sonen unter achtzehn Jahren sollten einmal pro Woche verprügelt wer- den, weil sie so laut sind?«, »Einmal pro Tag, Herr de Worde«, erwiderte Frau Tilly. »Um ihnen wegen ihrer Jugend eine Lektion zu erteilen!« William zögerte. Aber die Druckerpresse wollte gefüttert werden, und Sacharissa und er brauchten freie Zeit. Rocky brachte inzwischen einige Sportnachrichten. Zwar blieben sie unleserlich für William, aber er brachte sie mit der Annahme, dass übermäßig an Sport interessierte Leute ohnehin nicht lesen konnten. Die Redaktion brauchte weitere Mitarbeiter, und dies war einen Versuch wert. »Na schön«, sagte er. »Wir gewähren euch allen eine Probezeit, die jetzt… Oh.« Er stand auf. Alle drehten sich um und hielten nach dem Grund dafür Ausschau. »Bitte lasst euch nicht stören«, sagte Lord Vetinari von der Tür her. »Dies ist ein inoffizieller Besuch. Ihr stellt neue Leute ein, wie ich sehe.« Der Patrizier kam näher, gefolgt von Drumknott. »Äh, ja«, bestätigte William. »Ist alles in Ordnung mit dir, Herr?« »Oh, ja. Natürlich habe ich viel zu tun. So muss ich zum Beispiel eine ganze Menge lesen. Aber ich hielt es für angebracht, hierher zu kom- men und mir die ›freie Presse‹ anzusehen, von der mir Kommandeur Mumm sehr ausführlich berichtet hat.« Mit dem Gehstock klopfte er an eine der eisernen Säulen der Presse. »Allerdings scheint sie fest mit dem Boden verbunden zu sein.« »Äh, nein, Herr«, sagte William. »›Frei‹ ist das, was gedruckt wird.« »Bedeutet das, niemand muss dafür bezahlen?« »Äh, nein, aber…« »Oh, ich verstehe. Du meinst, du solltest frei sein und all das drucken dürfen, was dir gefällt.« William saß in der Falle. »Nun… im Großen und Ganzen, Herr.« »Weil es im… Wie heißt der interessante Ausdruck? Weil es im öf- fentlichen Interesse liegt?« Lord Vetinari griff nach einer Drucktype und untersuchte sie sorgfältig. »Ich denke schon, Herr.«, »Meinst du die Geschichten über Menschen fressende Goldfische und irgendwelche Ehemänner, die von großen silbernen Scheiben entführt werden?« »Nein, Herr. Das sind die Dinge, an denen die Öffentlichkeit interes- siert ist. Wir kümmern uns um den anderen Kram, Herr.« »Um komisch geformtes Gemüse?« »Nun, manchmal, Herr. Sacharissa meint, solche Geschichten treffen das menschliche Interesse.« »Geschichten über Gemüse und Tiere?« »Ja, Herr. Aber wenigstens betreffen sie echtes Gemüse und echte Tiere.« »Nun, wir haben also Dinge, an denen die Leute interessiert sind, und Geschichten, die das menschliche Interesse treffen. Hinzu kommt das öffentliche Interesse, an dem niemand Interesse zeigt.« »Abgesehen von der Öffentlichkeit, Herr«, warf William ein und ver- suchte, nicht den Überblick zu verlieren. »Was nicht das Gleiche bedeutet wie Leute und Menschen?« »Ich glaube, es ist ein wenig komplizierter, Herr.« »Offenbar. Glaubst du, die Öffentlichkeit unterscheidet sich von den Leuten, die du draußen siehst? Die Öffentlichkeit denkt große, vernünf- tige Gedanken, während die Leute herumlaufen und Dummes anstel- len?« »Ich glaube ja. Vielleicht sollte ich noch etwas gründlicher über diese Vorstellung nachdenken, Herr.« »Hmm. Interessant. Mir ist aufgefallen, dass Gruppen intelligenter und vernünftiger Leute auf sehr dumme Ideen kommen können«, sagte Lord Vetinari. Er warf William einen Blick zu, der ihm mitteilte: »Ich kann deine Gedanken lesen, selbst das Kleingedruckte.« Dann sah er sich im Druckraum um. »Zweifellos hast du eine ereignisreiche Zukunft vor dir, und ich möchte sie dir nicht schwerer machen, als sie es ganz offensichtlich sein wird. Nun, wie ich sehe, habt ihr zu tun…«, »Wir richten einen Semaphor-Posten ein«, sagte Sacharissa stolz. »Dann können wir Nachrichten direkt vom großen Stadtturm empfan- gen. Und wir eröffnen Büros in Sto Lat und Pseudopolis!« Lord Vetinari hob die Brauen. »Na so was«, erwiderte er. »Dann gibt es bestimmt bald weitere Beispiele von komisch geformtem Gemüse. Ich bin sehr neugierig darauf.« William entschied, dazu keinen Kommentar abzugeben. »Es erstaunt mich, wie gut eure Nachrichten in die Zeitung passen«, fuhr Lord Vetinari fort und betrachtete die Seite, an der Boddony arbei- tete. »Nirgends gibt es Lücken. Und jeden Tag passiert etwas, das wich- tig genug ist, um ganz oben auf der ersten Seite zu stehen. Wie selt- sam… Oh, bei ›empfangen‹ kommt ein p vor dem f…« Boddony sah auf. Lord Vetinaris Gehstock schwang mit einem leisen Zischen herum und verharrte mitten in der eng gesetzten Spalte. Der Zwerg sah genauer hin, nickte und holte ein kleines Werkzeug hervor. Für ihn stehen die Typen auf dem Kopf, und die Worte sind verkehrt herum gesetzt, dachte William. Außerdem steckt der Fehler mitten im Text. Aber er hat ihn trotzdem bemerkt. »Dinge, die verkehrt herum sind, kann man manchmal besser begrei- fen, wenn sie auch auf dem Kopf stehen«, sagte Lord Vetinari und klopfte sich wie geistesabwesend mit dem silbernen Knauf des Geh- stocks ans Kinn. »Im Leben ebenso wie in der Politik.« »Was hast du mit Charlie gemacht?«, fragte William. Das Gesicht des Patriziers zeigte unschuldige Überraschung. »Oh, nichts. Hätte ich etwas Besonderes mit ihm anstellen sollen?« »Hast du ihn in irgendeinem tiefen Keller eingesperrt?«, fragte Sacha- rissa argwöhnisch. »Muss er dort die ganze Zeit über eine Maske tra- gen? Und lässt du ihm die Mahlzeiten von einem taubstummen Wärter bringen?« »Äh… nein, ich glaube nicht«, sagte Lord Vetinari und lächelte. »Ob- gleich dies der richtige Stoff für eine gute Geschichte wäre. Nein, so- weit ich weiß, ist er Mitglied der Schauspielergilde geworden, obwohl es sicher Leute gibt, die ein dunkles Verlies einem solchen Schicksal vor-, ziehen würden. Wie dem auch sei: Ihm steht bestimmt eine fröhliche Karriere bevor. Kindergeburtstage und so.« »Und dort spielt er… dich?« »Ja. Sehr lustig.« »Und wenn du irgendwelche langweiligen Pflichten zu erledigen hast oder für ein Ölgemälde sitzen musst, so könntest du auf seine Hilfe zurückgreifen?«, fragte William. »Hmm?«, erwiderte Vetinari. William hatte Mumms Miene für aus- druckslos gehalten, aber im Vergleich mit der Leere im Gesicht des Patriziers war sie ein einziges Lächeln gewesen. »Hast du noch irgend- welche Fragen, Herr de Worde?« »Bestimmt ergeben sich weitere«, sagte William und riss sich zusam- men. »Die Times wird die Angelegenheiten der Stadt aufmerksam im Auge behalten.« »Wie lobenswert«, sagte der Patrizier. »Du kannst mit meinem Sekre- tär Drumknott einen Termin vereinbaren, wenn du möchtest. Ich finde bestimmt Zeit für ein Interview.« Das richtige Wort an der richtigen Stelle, dachte William. So unange- nehm das Wissen auch sein mochte: Seine Vorfahren hatten immer zu den Ersten gehört, die sich bei einem Konflikt dem Gegner stellten. Bei jeder Belagerung, bei jedem Hinterhalt, bei jedem tollkühnen Angriff auf befestigte Stellungen war ein de Worde losgeritten, um Ruhm zu erringen oder zu sterben – in manchen Fällen war ihm beides gelungen. Für einen de Worde war kein Feind zu stark, keine Wunde zu tief und kein Schwert zu schwer. Es war auch kein Grab zu tief. Während der Instinkt mit seiner Zunge rang, spürte William, wie ihn seine Vorfahren nach vorn in den Kampf schoben. Vetinari spielte viel zu offensichtlich mit ihm. Na schön, sterben wir wenigstens für etwas Anständiges… Ruhm oder Tod, oder beides! »Wenn du ein Interview wünschst, Exzellenz, so ist die Times bereit, dir eins zu gewähren«, sagte er. »Vorausgesetzt wir haben genug Platz in der Zeitung.«, Das Ausmaß der Hintergrundgeräusche wurde ihm erst klar, als diese verstummten. Drumknott schloss die Augen. Sacharissa blickte starr geradeaus. Die Zwerge standen wie Statuen. Schließlich beendete Lord Vetinari die Stille. »Die Times? Damit meinst du dich selbst und die junge Frau hier?«, fragte er und wölbte die Brauen. »Oh, ich verstehe. Es ist wie mit der Öffentlichkeit. Nun, wenn ich der Times irgendwie helfen kann…« »Wir lassen uns auch nicht bestechen«, sagte William. Er wusste, dass er damit zwischen zugespitzten Pfählen ritt, aber er wollte sich auf kei- nen Fall von oben herab behandeln lassen. »Bestechen?«, wiederholte Vetinari. »Nachdem ich gesehen habe, wo- zu du ohne Entgelt fähig bist, vermeide ich es lieber, dir auch nur einen Cent in die Hand zu drücken, lieber Herr de Worde. Nein, ich biete dir nur Dankbarkeit an, die allerdings für ihre Kurzlebigkeit bekannt ist. Ah, da fällt mir ein. Am kommenden Samstag gebe ich ein kleines Es- sen. Einige Gildenoberhäupter und Botschafter werden zugegen sein… Eine recht langweilige Angelegenheit, aber vielleicht möchtest du daran teilnehmen, und natürlich auch die so kühne junge Dame… Ich bitte um Verzeihung: Ich meine die Times.« »Ich glaube nicht, dass wir…«, begann William und unterbrach sich, weil ihn ein Schuh am Schienbein traf. »Die Times wäre entzückt«, sagte Sacharissa. »Ausgezeichnet. In dem Fall…« »Wenn ich dich um einen Gefallen bitten dürfte…«, warf William ein. Vetinari lächelte. »Natürlich. Wenn ich der Times irgendwie hel…« »Wirst du am Sonntag der Trauung von Paul Königs Tochter bei- wohnen?« William ließ sich seine Genugtuung nicht anmerken: Diesmal blieb Vetinaris Miene leer, weil er sie mit nichts füllen konnte. Drumknott beugte sich zu ihm vor und flüsterte. »Ah«, entgegnete der Patrizier. »Paul König. Ah, ja. Ein gutes Beispiel für den Unternehmungsgeist, der unsere Stadt zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Habe ich das nicht immer gesagt, Drumknott?«, »Ja, Herr.« »Ich werde natürlich anwesend sein. Vermutlich kommen auch viele andere Würdenträger?« Die Frage hing zart in der Luft. »So viele wie möglich«, sagte William. »Prächtige Kutschen, Diademe, elegante Kleider?«, fragte Lord Veti- nari und betrachtete dabei den Knauf seines Gehstocks. »Jede Menge.« »Ja, ich bin sicher, dass es nicht daran mangeln wird«, sagte Lord Ve- tinari, und William wusste: Paul König würde seine Tochter an mehr feinen Leuten vorbeiführen, als er zählen konnte. Und mit Zahlen kannte er sich aus, obwohl es in seiner Welt für Buchstaben kaum Platz gab. Frau König standen glückliche hysterische Anfälle bevor, allein aus passivem Snobismus. »Als Gegenleistung möchte ich dich bitten, Kommandeur Mumm nicht zu verärgern«, sagte der Patrizier. »Beziehungsweise nicht mehr als unbedingt erforderlich.« »Ich bin sicher, wir können an einem Strang ziehen.« Lord Vetinari hob erneut die Brauen. »Oh, ich hoffe nicht, nein, wirk- lich nicht. An einem Strang ziehen – das ist das Ziel von Despotie und Tyrannei. Freie Menschen ziehen in unterschiedliche Richtungen.« Er lächelte. »Nur so lässt sich Fortschritt erzielen. Und man muss natürlich mit der Zeit gehen. Um nicht zu sagen: mit der Times. Ich wünsche euch einen guten Tag.« Der Patrizier nickte den Anwesenden zu und verließ das Gebäude. »Warum seid ihr alle noch hier?«, fragte William, als der Bann schließ- lich brach. »Äh… wir wissen nicht, was wir tun sollen«, erwiderte Frau Tilly hoffnungslos. »Geht und sucht nach Dingen, von denen die Leute in der Zeitung le- sen möchten«, sagte Sacharissa. »Und Dinge, die sie nicht in der Zeitung sehen wollen«, fügte William hinzu., »Und interessante Dinge«, sagte Sacharissa. »Wie zum Beispiel der Hunderegen von vor zwei Monaten?«, fragte Herr O’Keks. »Vor zwei Monaten hat es keine Hunde geregnet!«, entgegnete William scharf. »Aber…« »Ein Hündchen ist kein Regen. Es fiel aus einem Fenster. Wir sind nicht an Niederschlägen aus Tieren, spontanem Feuer oder Entführun- gen interessiert, bei denen silberne Scheiben eine maßgebliche Rolle spielen…« »Es sei denn natürlich, so was passiert tatsächlich«, bemerkte Sacha- rissa. »Ja, natürlich, das ist klar«, sagte William. »Aber solange es nicht wirk- lich geschieht, haben wir kein Interesse daran. Verstanden? Nachrichten bestehen aus ungewöhnlichen Dingen, die geschehen…« »Und aus gewöhnlichen Dingen, die geschehen«, meinte Sacharissa und zerknüllte einen Bericht von einer Sitzung des Vereins für komi- sches Gemüse. »Und aus gewöhnlichen Dingen, ja«, sagte William. »Aber Nachrich- ten sind hauptsächlich Dinge, von denen irgendwo irgendjemand möchte, dass wir sie nicht in der Zeitung bringen…« »Aber manchmal möchte irgendwo irgendjemand, dass wir sie brin- gen«, warf Sacharissa ein. »Nachrichten sind…« William unterbrach sich. Die anderen muster- ten ihn höflich, während er mit offenem Mund und erhobenem Zeige- finger dastand. »Nachrichten«, sagte er schließlich, »hängen von den Umständen ab. Ihr werdet sie erkennen, wenn ihr sie seht. Alles klar? Gut. Geht jetzt und sucht welche.« »Das war ein wenig schroff«, tadelte Sacharissa, als die neuen Mitar- beiter gegangen waren. »Nun, ich habe nachgedacht«, sagte William. »Ich meine, wir haben einiges erlebt, eins hat zum anderen geführt…«, »… zwei Männer versuchten, uns zu töten; man hat dich ins Gefäng- nis gesteckt; es gab eine Hundeplage; der Schuppen ist abgebrannt, du warst frech zu Lord Vetinari…«, sagte Sacharissa. »Ja, nun… und deshalb… ich finde, du und ich… wir sollten uns den Nachmittag freinehmen. Ich meine«, fügte er verzweifelt hinzu, »nir- gends steht geschrieben, dass wir die Zeitung jeden Tag herausbringen müssen.« »Abgesehen von der Stelle ganz oben auf der ersten Seite«, sagte Sa- charissa. »Ja, aber man darf doch nicht alles glauben, was man in der Zeitung liest.« »Nun… meinetwegen. Ich schreibe nur noch diesen Bericht zu En- de…« »Mitteilungen für dich, Herr William«, sagte einer der Zwerge und leg- te einen Papierstapel auf den Schreibtisch. William stöhnte leise und ging die Unterlagen durch. Der Stapel enthielt einige Test-Botschaften aus Lancre und Sto Lat. Schon jetzt konnte er erkennen, dass er bald aufs Land musste, um richtige Reporter auszubilden; die gut gemeinten Sendungen von Lebensmittelhändlern und Gastwirten, die einen Cent pro Zeile bekamen, boten nur eine begrenzte Zukunft. Es gab auch einige Brieftauben-Nachrichten von Leuten, die sich noch nicht an die neue Technik gewöhnt hatten. »Bei den Göttern«, sagte William leise. »Der Bürgermeister von Quirm ist schon wieder von einem Meteoriten getroffen worden.« »Kann das passieren?«, fragte Sacharissa. »Offenbar ja. Diese Mitteilung stammt von Herrn Punkel, der dem Stadtrat von Quirm angehört. Ein vernünftiger Bursche, ohne viel Phantasie. Er meint, diesmal hätte es den Bürgermeister in einer Gasse erwischt.« »Wirklich? Die Frau, die sich um unsere Wäsche kümmert, hat einen Sohn, der Dozent für Rachsüchtige Astronomie an der Universität ist.« »Wäre er bereit, eine Stellungnahme abzugeben?« »Er lächelt, wenn er mich im Laden sieht«, sagte Sacharissa. »Also dürfte er dazu bereit sein.«, »Na schön. Wenn du…« »Hallo, Leute!« Herr Wintler stand am Tresen, und zwar mit einem Karton. »Lieber Himmel…«, ächzte William. »Seht euch mal dieses Ding an«, sagte Herr Wintler, der einen Wink mit dem Zaunpfahl nicht einmal dann bemerkte, wenn er mehrmals davon getroffen wurde. »Ich glaube, wir haben bereits genug komisches Ge…«, begann Willi- am. Er unterbrach sich. Der Mann mit dem roten Gesicht holte eine große Kartoffel aus dem Karton. Sie war knubbelig, und William sah knubbelige Kartoffeln nicht zum ersten Mal. Sie konnten Gesichtern ähneln, wenn man das amü- sant fand. Doch bei dieser brauchte man sich das Gesicht nicht vorzu- stellen. Sie hatte eins. Es gab Dellen, Knubbel und Kartoffelaugen, und alles zusammen sah genauso aus wie das Gesicht jenes Mannes, der vor kurzer Zeit einen irren Blick auf William gerichtet und versucht hatte, ihn umzubringen. Er erinnerte sich gut daran, denn gelegentlich er- wachte er gegen drei Uhr nachts und sah es deutlich vor sich. »Es ist… nicht… direkt… komisch«, sagte Sacharissa und blickte zu William. »Erstaunlich, nicht wahr?«, meinte Herr Wintler. »Normalerweise hät- te ich sie euch nicht gezeigt, aber ihr seid immer so sehr daran interes- siert gewesen.« »Ein Tag ohne eine gegabelte Pastinake ist wie ein Tag ohne Sonnen- schein«, behauptete Sacharissa. »Hm?« William musste sich fast zwingen, den Blick von dem Kartof- felkopf abzuwenden. »Bilde ich es mir nur ein, oder wirkt das Gesicht überrascht?« »Das scheint tatsächlich der Fall zu sein«, sagte Sacharissa. »Hast du sie gerade erst ausgegraben?«, fragte William. »Oh, nein«, antwortete Herr Wintler. »Sie lag schon seit Monaten in einem Sack.«, Dieser Hinweis unterbrach einen okkulten Gedankengang, der sich hinter Williams Stirn gebildet hatte. Aber… das Universum war ein sonderbarer Ort. Ursache und Wirkung, Wirkung und Ursache… Al- lerdings hätte er sich lieber den rechten Arm abgehackt, als so etwas zu schreiben. »Was hast du damit vor?«, fragte er. »Willst du sie kochen?« »Meine Güte, nein. Diese Sorte ist viel zu mehlig. Nein, daraus wer- den Pommes frites gemacht.« »Pommes frites?«, erwiderte William. Sonderbarerweise schien das ge- nau richtig zu sein. »Ja, das ist eine gute Idee. Eine solche Kartoffel sollte braten.« Es verstrich noch mehr Zeit. Einer der Reporter kehrte zurück und berichtete, das Gebäude der Alchimistengilde sei explodiert – galt dies als Nachricht? Otto wurde aus seiner Gruft geholt und beauftragt, ein Bild zu machen. William been- dete den Artikel über die Ereignisse des vergangenen Tages und gab ihn den Zwergen. Jemand kam und meldete, auf dem Hiergibt’salles-Platz habe sich eine große Menge eingefunden, weil der Quästor, 71, verwirrt auf dem Dach eines mehrstöckigen Gebäudes saß. Sacharissa machte sorgfältig Gebrauch von ihrem Stift und strich alle Adjektive aus einem Bericht über den Verein für Blumenarrangements, wodurch der ur- sprüngliche Umfang auf die Hälfte schrumpfte. William machte sich auf den Weg, um mehr über den Quästor, 71, herauszufinden, und anschließend schrieb er einige Absätze. Zauberer, die Seltsames anstellten, waren kaum der Rede wert. Zauberer, die Selt- sames anstellten, waren Zauberer. Er legte den entsprechenden Zettel in die Ablage für Ausgänge und sah zur Presse. Sie war schwarz und groß und komplex. Ohne Augen, ohne ein Ge- sicht, ohne Leben… Und doch erwiderte sie seinen Blick. William dachte: Man braucht keine alten Opfersteine. In dieser Hin- sicht hat sich Lord Vetinari geirrt. Er hob die Hand an die Stirn. Der Fleck existierte längst nicht mehr. Du hast mir deinen Stempel aufgedrückt. Nun, ich kenne dich., »Gehen wir«, sagte er. Sacharissa war noch immer beschäftigt und sah auf. »Was?« »Lass uns gehen«, sagte William. »Nach draußen. Jetzt sofort. Ein Spaziergang. Oder wir trinken eine Tasse Tee. Oder wir sehen uns ir- gendwelche Geschäfte an. Verlassen wir diesen Ort. Bitte widersprich mir nicht. Zieh die Jacke an. Schnell. Bevor sie Verdacht schöpft. Bevor sie eine Möglichkeit findet, uns aufzuhalten.« »Wovon redest du?« Er nahm Sacharissas Jacke vom Kleiderständer und griff nach ihrem Arm. »Ich habe keine Zeit, es dir zu erklären!« Die junge Frau ließ sich auf die Straße ziehen, wo William tief durch- atmete und sich entspannte. »Könntest du mir jetzt erklären, was das alles zu bedeuten hat?«, frag- te Sacharissa. »Da drin wartet ein Haufen Arbeit auf mich.« »Ich weiß. Komm. Wahrscheinlich sind wir noch nicht weit genug entfernt. In der Ulmenstraße gibt es ein neues Nudel-Restaurant. Es soll sehr gut sein. Was hältst du davon?« »Aber es gibt noch so viel Arbeit!« »Na und? Die ist morgen auch noch da.« Sacharissa zögerte. »Nun, ein oder zwei Stunden schaden vermutlich nicht«, räumte sie ein. »Gut. Gehen wir.« Sie erreichten die Kreuzung Sirupminenstraße und Ulmenstraße, als der Journalismus zu ihnen aufholte. Weiter vorn auf der Straße erklangen Schreie. William drehte den Kopf und beobachtete, wie der von vier Pferden gezogene Rollwagen der Brauerei außer Kontrolle geriet. Leute sprangen beiseite. William sah, wie suppentellergroße Hufe Matsch und Eis aufwirbelten. Er sah das Messing am Geschirr, den Glanz, den Dampf… Er drehte den Kopf in die andere Richtung und sah die Alte. Mit zwei Gehstöcken überquerte sie die Straße und ahnte nichts vom heranra- senden Tod. Er sah den Schal, das weiße Haar…, Ein Schemen sauste an ihm vorbei. Der Mann drehte sich in der Luft, landete mit den Schultern mitten auf der Straße, rollte herum, kam auf die Beine, ergriff die Alte und sprang mit ihr zur Seite… Der Wagen donnerte in einem Durcheinander aus Dampf und Dreck vorbei. An der Kreuzung versuchten die Pferde, die Richtung zu wech- seln, während der Wagen hinter ihnen den Weg geradeaus fortsetzen wollte. Ein Gewirr aus Hufen, Pferden, Rädern, Schneematsch und Schreien wirbelte weiter und zertrümmerte die Schaufensterscheiben mehrerer Läden, bevor der Wagen an eine steinerne Säule prallte und abrupt stoppte. Die Ladung gehorchte den Gesetzen der Physik und Narration, in- dem sie in Bewegung blieb. Seile rissen. Fässer lösten sich, fielen auf die Straße und rollten davon. Einige zerbrachen und füllten die Rinnsteine mit Schaum. Die anderen donnerten weiter und weckten die Aufmerk- samkeit aller aufrechten Bürger: Sie sahen Hunderte von Litern Bier, die plötzlich keinen Eigentümer mehr hatten und in Freiheit unterwegs waren. William und Sacharissa wechselten einen Blick. »In Ordnung – ich schreibe alles auf, und du holst Otto!« Sie sagten es gleichzeitig und starrten sich herausfordernd an. »Na schön, na schön«, sagte William. »Gib irgendeinem Jungen ein paar Cent und beauftrage ihn, Otto zu holen. Ich spreche mit dem Tap- feren Wächter, dessen Tollkühner Sprung die Alte Dame gerettet hat, und du kümmerst dich um das Große Krachen, einverstanden?« »Ich schicke einen Jungen zu Otto«, sagte Sacharissa und holte ein ei- genes Notizbuch hervor. »Aber du kümmerst dich um den Unfall und das Große Bierfass-Rollen, während ich mit der Weißhaarigen Oma rede. Menschliches Interesse, verstehst du?« »Na gut!«, gab William nach. »Der Retter ist übrigens Hauptmann Ka- rotte. Sorg dafür, dass Otto ein Bild von ihm anfertigt. Und frag ihn nach seinem Alter!« »Natürlich!« William näherte sich der Menge, die sich beim verunglückten Wagen eingefunden hatte. Andere Leute verfolgten die Bierfässer, und gele-, gentliche Schreie wiesen auf Folgendes hin: Durstige Personen begrei- fen nur selten, wie schwer vierhundert Liter Bier in einem rollenden Eichenfass aufzuhalten sind. Pflichtbewusst notierte er den Namen an der Seite des Wagens. Zwei Männer halfen den Pferden auf die Beine, aber mit dem Biertransport schienen sie nichts zu tun zu haben. Sie sahen vielmehr wie Männer aus, die einfach nur verlorenen Pferden helfen und sie nach Hause bringen wollten, damit sie sich besser fühlten. Dazu schien es nötig zu sein, ihnen das Fell zu färben und zu schwören, sie seit mindestens zwei Jahren zu besitzen. William näherte sich jemandem, der nicht mit irgendwelchen krimi- nellen Aktivitäten beschäftigt war. »Entsch…«, begann er, aber die Augen des Bürgers hatten das Notiz- buch entdeckt. »Ich habe alles gesehen«, sagte er. »Tatsächlich?« »Es war ein schreck-licher Anblick«, sagte der Mann mit Diktierge- schwindigkeit. »Aber der Wäch-ter machte einen todes-verachtenden Sprung, um die Alte zu ret-ten, und er ver-dient eine Me-daille.« »Wirklich?«, fragte William und schrieb schnell. »Und du bist…« »Sa-muel Arblaster, 43, Steinmetz, Rennerei Nummer elf«, sagte der Mann. »Ich hab’s ebenfalls gesehen«, sagte eine neben dem Mann stehende Frau mit Nachdruck. »Frau Florrie Perry, Mutter von drei Kindern, Tolle Schwestern. Es war ein wüstes Durch-einander.« William riskierte einen Blick auf seinen Stift. Er war eine Art Zauber- stab. »Wo ist der Ikonograph?«, fragte Frau Perry und sah sich hoffnungs- voll um. »Äh… noch nicht hier«, sagte William. »Oh.« Sie wirkte enttäuscht. »Schade um die arme Frau mit der Schlange. Ich vermute, er fertigt Bilder von ihr an.« »Äh… ich hoffe nicht«, sagte William., Es war ein langer Nachmittag. Ein Fass war in einen Friseurladen ge- rollt und dort geplatzt. Einige Leute von der Brauerei erschienen, und es kam zu Auseinandersetzungen mit den neuen Besitzern der Fässer, die Bergungslohn beanspruchten. Ein unternehmungslustiger Mann hatte ein Fass am Straßenrand angezapft und eine Kneipe improvisiert. Otto traf ein. Er machte Bilder von den Bierfass-Rettern. Er machte Bilder vom Kampf. Er machte Bilder von den Wächtern, als sie alle verhafteten, die noch auf den Beinen standen. Er machte Bilder von der weißhaarigen Alten, dem stolzen Hauptmann Karotte und in seiner Aufregung auch vom eigenen Daumen. Es war eine ziemlich gute Geschichte, und William hatte seinen Teil davon im Büro der Times zur Hälfte niedergeschrieben, als ihm plötzlich etwas einfiel. Er hatte beobachtet, wie alles geschah. Und er hatte sein Notizbuch her- vorgeholt. Das sei besorgniserregend, teilte er Sacharissa mit. »Warum denn?«, fragte sie von ihrer Seite des Schreibtischs. »Mit wie vielen ls schreibt man ›galant‹?« »Eins genügt«, sagte William. »Ich meine, ich habe nicht einmal ver- sucht, in das Geschehen einzugreifen. Ich dachte nur: Dies müssen wir in der Zeitung bringen.« »Ja«, meinte Sacharissa und beugte sich über ihren Text. »Wir sind auf ganz besondere Art unter Druck geraten.« »Aber…« »Sieh die Sache einmal so«, sagte Sacharissa und begann mit einer neuen Seite. »Manche Leute sind Helden. Andere schreiben Dinge auf.« »Ja, aber das ist nicht sehr…« Sacharissa hob den Kopf, sah William an und lächelte. »Manchmal handelt es sich um die gleiche Person.« Diesmal senkte William bescheiden den Blick. »Hältst du das wirklich für wahr?«, fragte er. Sacharissa zuckte mit den Schultern. »Ob ich es wirklich für wahr hal- te? Wer weiß? Dies ist eine Zeitung. Es braucht nur bis morgen wahr zu sein.«, William glaubte zu spüren, wie es wärmer wurde. Sacharissas Lächeln war sehr attraktiv. »Bist du… sicher?« »Oh, ja. Wahr bis morgen – das genügt mir.« Und hinter ihr wartete der große schwarze Vampir der Druckerpresse darauf, gefüttert zu werden. In finsterer Nacht wollte sie zum Leben erweckt werden, für das Licht des Morgens. Sie zerhackte die Komple- xitäten der Welt in kleine Geschichten, und sie war immer hungrig. Und sie brauchte einen zweispaltigen Artikel für die zweite Seite, er- innerte sich William. Und einige Zentimeter unter seiner Hand fraß sich ein Holzwurm zufrieden durch das alte Holz. Die Reinkarnation findet an einem Scherz ebenso großen Gefallen wie die nächste philosophische Hypothese. Beim Kauen dachte der Holz- wurm: »Dies ist …t gutes Holz!« Denn nichts muss für immer wahr sein. Nur lange genug, um die Wahrheit zu erzählen.]
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