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Buch: Als wabernde Herbstnebel Ankh-Morpork fest im Griff haben, beginnt jemand, harmlose alte Männer um die Ecke zu bringen. Die Wache muß den Mörder aufspüren. Vielleicht wissen die Golems etwas – doch die todernsten Geschöpfe aus Lehm, die immer nur arbeiten und eigentlich noch nie Ärger machten, haben begonnen, sich selbst aus dem Weg zu räumen… HOHLE KÖPFE – ein neuer Geniestreich von Terry Pratchett, dem Superstar der etwas anderen Fantasy Der Autor: Terry Pratchett, geboren 1948, verkaufte seine erste Geschichte im zar- ten Alter von dreizehn Jahren und ist heute einer der erfolgreichst...
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Buch: Als wabernde Herbstnebel Ankh-Morpork fest im Griff haben, beginnt jemand, harmlose alte Männer um die Ecke zu bringen. Die Wache muß den Mörder aufspüren. Vielleicht wissen die Golems etwas – doch die todernsten Geschöpfe aus Lehm, die immer nur arbeiten und eigentlich noch nie Ärger machten, haben begonnen, sich selbst aus dem Weg zu räumen… HOHLE KÖPFE – ein neuer Geniestreich von Terry Pratchett, dem Superstar der etwas anderen Fantasy Der Autor: Terry Pratchett, geboren 1948, verkaufte seine erste Geschichte im zar- ten Alter von dreizehn Jahren und ist heute einer der erfolgreichsten Fantasy-Autoren überhaupt. Neben Douglas Adams und Tom Sharpe gilt er als Großbritanniens scharfsinnigster und pointensicherster Ko- mik-Spezialist. Time Out schrieb über ihn: »Terry Pratchett wird mit je- dem Buch besser und besser. Er ist auf dem Höhepunkt seines Schaf- fens, und es gibt heute keinen einzigen Humoristen, der es auch nur an- nähernd mit ihm aufnehmen kann.«,

Terry Pratchett Hohle Köpfe

19. Roman von der bizarren Scheibenwelt Ins Deutsche übertragen von Andréas Brandhorst

GOLDMANN

, Die englische Originalausgabe erschien 1996 unter dem Titel »Feet of Clay« bei Victor Gollancz Ltd. London Der Goldmann Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann Deutsche Erstveröffentlichung 4/98 Copyright © Terry and Lyn Pratchett 1996 First published by Victor Gollancz Ltd. London Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1998 by Wilhelm Goldmann Verlag, München Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagillustration: Agt. Schlück / Josh Kirby Satz: Uhl + Massopoust, Aalen Druck: Graphischer Großbetrieb Pößneck GmbH Verlagsnummer: 41539 VB – Redaktion: Michael Ballauff Herstellung: Peter Papenbrok Made in Germany ebook by Monty P. ISBN 3-442-41539-X,

Es war eine warme Frühlingsnacht, als eine Faust so heftig an die Tür

klopfte, daß sich die Angeln verbogen. Ein Mann öffnete und sah hinaus auf die Straße. Nebelschwaden kamen vom Fluß, und das Schimmern der Sterne war hinter einer dichten Wolkendecke verborgen. Der Mann hätte auch versuchen können, durch grauen Samt zu blicken. Doch nachher glaubte er, Gestalten bemerkt zu haben, außerhalb des Lampenscheins auf der Straße. Einige, vielleicht auch viele Schemen, die ihn aufmerksam beobachteten. Hier und dort schienen kleine Lichter zu glühen… Existenz und Beschaffenheit der Gestalt vor dem Mann waren eindeu- tig. Groß und dunkelrot ragte sie auf wie das von Kindeshänden geschaf- fene Tonmodell eines Menschen. Zwei Kohlen bildeten die Augen. »Nun? Was willst du so spät in der Nacht?« Der Golem reichte ihm eine Schiefertafel, auf der geschrieben stand. Wir gehört; daß du möchtest einen Golem. Golems konnten natürlich nicht sprechen. »Ha! Ich möchte einen, ja. Aber ich kann mir keinen leisten. Ich habe mich erkundigt, doch heutzutage seid ihr viel zu teuer…« Der Golem wischte die Worte von der Tafel und schrieb: Für dich einhundert Dollar. »Bist du zu verkaufen?« Nein. Der Golem wankte zur Seite. Ein anderer trat vor die Tür. Es war ebenfalls ein Golem – das sah der Mann auf den ersten Blick. Aber dieser sah keineswegs so aus wie die üblichen klobigen Tonhaufen, die man gelegentlich zu Gesicht bekam. Er glänzte wie eine frisch polier- te Statue und war perfekt bis zur detailgetreuen Darstellung der Klei- dung. Er erinnerte den Mann an die alten Bilder von früheren Königen der Stadt, die immer eine gebieterische Haltung einnahmen und einen herrischen Haarschnitt zur Schau stellten. Dieser Golem trug sogar eine kleine Tonkrone auf dem Haupt., »Hundert Dollar?« fragte der Mann argwöhnisch. »Stimmt mit dir was nicht? Wer verkauft dich?« Alles stimmt. Perfekt bis ins letzte Detail. Neunzig Dollar. »Das klingt, als wollte dich jemand möglichst schnell loswerden…« Golem muß arbeiten. Golem muß einen Herrn haben. »Ja, sicher, aber man erzählt sich Geschichten… Manchmal werden Golems verrückt und stellen zu viele Dinge her und so.« Nicht verrückt, achtzig Dollar. »Er sieht… neu aus«, sagte der Mann und klopfte gegen die glänzende Brust. »Aber es werden keine Golems mehr produziert. Deshalb sind sie ja zu teuer für kleine Unternehmen…« Er unterbrach sich. »Jemand hat wieder mit der Produktion begonnen, stimmt’s?« Achtzig Dollar. »Die Priester haben sie schon vor Jahren verboten. Mit solch einer Sa- che kann man sich in große Schwierigkeiten bringen.« Siebzig Dollar. »Wer steckt dahinter?« Sechzig Dollar. »Verkauft er sie an Albertson? Oder an Spatz & Sperling? Es ist auch so schon schwierig genug, konkurrenzfähig zu bleiben, und die anderen haben genug Geld für Investitionen.« Fünfzig Dollar. Der Mann ging um den Golem herum. »Soll man sich einfach hinset- zen und zusehen, wie die eigene Firma mit unfairen Preissenkungen in den Ruin getrieben wird?« Vierzig Dollar. »Ich meine, Religion ist ja schön und gut, aber was wissen Propheten von Profit? Hmm…« Er sah zu dem schattenhaften Golem in der nebli- gen Dunkelheit. »Hast du da gerade dreißig Dollar geschrieben?« Ja. »Pauschalkäufe haben mir schon immer Spaß gemacht. Warte einen Augenblick.« Der Mann verschwand im Haus und kehrte kurze Zeit spä-, ter mit einer Handvoll Münzen zurück. »Hast du vor, die Burschen auch an meine Rivalen zu verkaufen?« Nein. »Gut. Richte deinem Chef aus, daß es mir ein Vergnügen ist, Geschäfte mit ihm zu machen. Komm rein, Söhnchen.« Der weiße Golem betrat die Fabrik. Der Mann sah noch einmal nach rechts und links, bevor er ihm folgte und die Tür schloß. Schemen bewegten sich in der Dunkelheit. Etwas zischte leise. Dann wankten die großen, schweren Gestalten davon. Kurz darauf erlebte ein Bettler, der hinter der nächsten Straßenecke hockte und hoffnungsvoll die Hand ausstreckte, eine Überraschung. Er stellte fest, daß er plötzlich um dreißig Dollar reicher war.* Die Scheibenwelt drehte sich vor dem glitzernden Hintergrund des Welt- raums, und zwar auf dem Rücken von vier riesigen Elefanten, die wie- derum auf dem Panzer der Himmelsschildkröte Groß-A’Tuin standen. Kontinente glitten langsam vorbei, ausgestattet mit Wettersystemen, die in entgegengesetzter Richtung trieben, wie Tänzer, die sich gegen den Rhythmus des Tanzes bewegten. Milliarden Tonnen Geographie zogen langsam durchs All. Die Leute halten nichts von Dingen wie Geographie und Meteorolo- gie, und zwar nicht nur deshalb, weil sie auf dem einen stehen, während sie vom anderen durchnäßt werden. Solche Phänomene haben ihrer Meinung nach nur wenig mit wahrer Wissenschaft zu tun.** Aber Geo- graphie ist nichts weiter als verlangsamte Physik mit ein paar Bäumen drauf, und die Meteorologie steckt voll von aufregend modischem Chaos und Komplexität. Der Sommer ist eigentlich keine Zeit, sondern mehr * Später ließ er sich vollaufen und wurde an Bord eines Handelsschiffes ver- schleppt, das zu exotischen fernen Ländern segelte, wo er vielen jungen, nur leicht bekleideten Frauen begegnete. Schließlich starb er, weil er auf einen Tiger trat. Eine gute Tat geht um die ganze Welt. ** Wahre Wissenschaft kann etwas mit drei zusätzlichen Beinen ausstatten und dann explodieren lassen., ein Ort. Der Sommer ist ein mobiles Geschöpf und liebt es, im Süden zu überwintern. Selbst auf der Scheibenwelt, die von einer kleinen Sonne umkreist wurde, gab es Jahreszeiten. In Ankh-Morpork, der größten ihrer Städte, wurde der Frühling vom Sommer beiseite geschoben, der seinerseits den Ellenbogen des Herbstes in der Seite spürte. Die einzelnen Jahreszeiten wirkten sich in der Stadt nicht groß aus, obwohl im Frühjahr der Schaum auf dem Fluß oft in einem hübschen Grün glänzte. Aus den Dunstschleiern des Frühlings wurden die Nebel- schwaden des Herbstes, vermischten sich mit Rauchschwaden und Dämpfen aus dem magischen Viertel sowie den Werkstätten der Alchi- misten – bis der Nebel ein dichtes, erstickendes Eigenleben zu bekom- men schien. Und die Zeit verging. Herbstnebel preßte sich gegen mitternächtliche Fensterscheiben. Blut tropfte über die Seiten eines seltenen Buches mit religiösen Es- says. Jemand hatte es in der Mitte durchgerissen. Das wäre nicht nötig gewesen, dachte Pater Tubelcek. Und dann dachte er, daß es auch nicht nötig gewesen wäre, ihn zu schlagen. Aber Pater Tubelcek hatte sich nie mit solchen Dingen bela- stet. Menschen heilten, im Gegensatz zu Büchern. Er streckte eine zit- ternde Hand aus, um die Blätter einzusammeln, sank dann wieder zu- rück. Alles drehte sich um ihn herum. Die Tür schwang auf. Schwere Schritte knarrten über den Boden. Bes- ser gesagt, ein schwerer Schritt knarrte über den Boden, gefolgt von ei- nem Schlurfen. Schritt. Schlurfen. Schritt. Schlurfen. Pater Tubelcek drehte mühsam den Kopf. »Du?« krächzte er. Ein Nicken. »Nimm… die… Bücher.«, Der alte Priester sah, wie die Bücher aufgehoben wurden, von Fingern, die sich kaum für diese Aufgabe eigneten. Der Neuankömmling zog einen Federkiel aus dem Durcheinander und schrieb etwas auf einen Zettel, den er zusammenrollte und vorsichtig zwischen Pater Tubelceks Lippen schob. Der sterbende Priester versuchte zu lächeln. »So machen wir das nicht«, murmelte er, und der Papierzylinder zwi- schen seinen Lippen wackelte wie eine letzte Zigarette. »Wir… schaf- fen… unsere… eigenen…« Die kniende Gestalt beobachtete ihn eine Zeitlang, beugte sich dann behutsam vor und schloß ihm die Augen. Sir Samuel Mumm, Kommandeur der Stadtwache von Ankh-Morpork, blickte in den Spiegel, runzelte die Stirn und begann, sich zu rasieren. Das Rasiermesser war wie das Schwert der Freiheit, und das Rasieren ein Akt der Rebellion. Für Mumm hatte sich viel verändert. Man bereitete ihm jetzt das Bad vor (jeden Tag! – wie hielt die menschliche Haut das aus?). Man legte ihm die Kleidung zurecht (und was für Kleidung!). Man kochte für ihn (überaus leckere Mahlzeiten, mit dem Ergebnis, daß er zunahm). Man putzte ihm sogar die Stiefel (und was für Stiefel! – ihre Sohlen bestanden nicht etwa aus Pappe, sondern aus echtem, dickem Leder, so wie der Rest). Immer wollte man alles für ihn erledigen, doch es gab Dinge, um die sich ein Mann selbst kümmern mußte. Und dazu gehörte das Rasie- ren. Mumm wußte, daß Lady Sybil dieser Sache ablehnend gegenüberstand. Ihr Vater hatte sich nie selbst rasiert, hatte diese Aufgabe einem Diener überlassen. Mumm wandte ein, daß er viele Jahre lang in den nächtlichen Straßen von Ankh-Morpork unterwegs gewesen war und deshalb unru- hig wurde bei der Vorstellung, daß ihm jemand eine Klinge an den Hals hielt. Aber der wahre Grund, der unausgesprochene Grund, war dieser: Er verabscheute eine Aufteilung der Welt in Leute, die sich selbst rasier- ten, und Leute, die sich rasieren ließen. In Leute, die glänzende Stiefel trugen, und Leute, die den Schmutz von ihnen abkratzen mußten. Wenn, er sah, wie Willikins seine Sachen zusammenlegte, fühlte er sich versucht, ihm einen ordentlichen Tritt in den Hintern zu geben – weil sein Verhal- ten die Würde des Menschen in Frage stellte. Das Rasiermesser glitt ruhig über die Stoppeln der Nacht. Am vergangenen Abend hatte ein offizielles Essen stattgefunden. An den Anlaß entsann sich Mumm nicht mehr. Inzwischen schien er sein ganzes Leben mit solchen Dingen zu verbringen. Kokette, kichernde junge Frauen und wiehernde Burschen, die ganz hinten gestanden hat- ten, als Kinn und Rückgrat verteilt worden waren. Als Mumm anschlie- ßend durch die neblige Stadt zurückkehrte, brodelte wie üblich schlechte Laune in ihm. Unter der Küchentür bemerkte er Licht, hörte lachende Stimmen und trat ein. Willikins saß am Tisch, zusammen mit dem Alten, der sich um den Heizkessel kümmerte, dem Chefgärtner und dem Jungen, der die Löffel reinigte und das Feuer schürte. Sie spielten Karten. Bierflaschen standen auf dem Tisch. Mumm zog sich einen Stuhl heran, riß einige Witze und fragte, ob er mitspielen dürfte. Willikins und seine Freunde hießen ihn willkommen. Das heißt, sie wiesen seine Bitte nicht zurück. Doch während des Spiels spürte Mumm, wie sich das Universum um ihn herum kristallisierte. Er schien sich in ein Zahnrad zu verwandeln, das in einer gläsernen Uhr steckte. Niemand lachte. Willikins und die anderen nannten ihn »Herr« oder gar »Sir«. Sie alle waren sehr… vorsichtig. Schließlich murmelte Mumm eine Entschuldigung und ging. Auf hal- bem Weg durch den Flur hörte er eine leise Bemerkung, gefolgt von… vielleicht einem ganz normalen leisen Lachen. Aber es hätte auch ein spöttisches Kichern sein können. Das Rasiermesser umfuhr geschickt die Nase. Ha! Vor einigen Jahren hätte jemand wie Willikins ihn nur sehr wider- strebend die Küche betreten lassen. Unter der Bedingung, daß er vorher die Stiefel auszog. Das ist aus dir geworden, Kommandeur Sir Samuel Mumm. Für die besseren Leu- te bist du ein Emporkömmling, alle anderen halten dich für einen feinen Pinkel., Er betrachtete sein Spiegelbild, erneut bildeten sich Falten auf seiner Stirn. Er kam aus der Gosse, zugegeben. Und jetzt bekam er drei warme Mahlzeiten pro Tag, hatte außerdem gute Stiefel, des Nachts ein warmes Bett und sogar eine Ehefrau. Die gute alte Sybil… Seit einiger Zeit sprach sie auffallend oft von Gardinen, aber Feldwebel Colon meinte, das passiere häufig mit Ehefrauen; es sei eine biologische Angelegenheit und daher völlig normal. Eigentlich hatte Mumm seine alten, billigen Stiefel gemocht. Die Soh- len waren so dünn, daß er deutlich die Straße fühlte. Selbst in stockfin- sterer Nacht hatte er stets seinen genauen Aufenthaltsort feststellen kön- nen – indem er mit den Zehen das Kopfsteinpflaster betastete. Ach, die gute alte Zeit… Mumms Rasierspiegel war ein wenig ungewöhnlich. Durch die konvexe Form zeigte er mehr vom Zimmer als ein normaler Spiegel. Er gewährte einen guten Blick durchs Fenster, auf die Nebengebäude und Parkanla- gen. Hmm. Oben lichtete es sich immer mehr. Ja, der Haaransatz wich ein- deutig zurück. Weniger zu kämmen, andererseits mehr Gesicht zu wa- schen… Im Spiegel bewegte sich etwas. Mumm neigte den Kopf zur Zeit und duckte sich. Glas splitterte. Jenseits der zerbrochenen Fensterscheibe entfernten sich eilige Schrit- te. Kurz darauf krachte es, und ein Schrei erklang. Mumm richtete sich wieder auf. Er nahm den größten Splitter des Spiegels aus der Rasierschale und setzte ihn auf den schwarzen Arm- brustbolzen, der jetzt in der Wand steckte. Er rasierte sich auch die letzten Bartstoppeln ab. Dann läutete er nach dem Diener. Willikins erschien wie aus dem Nichts. »Herr?« Mumm spülte das Rasiermesser ab. »Bitte sag dem Jungen, daß er zum Glaser laufen soll.«, Der Blick des Dieners huschte kurz zum Fenster und zu den Resten des Spiegels. »Ja, Herr. Soll ich die Rechnung wieder der Assassinengilde schicken, Herr?« »Zusammen mit meinen besten Grüßen. Und wenn der Junge schon mal unterwegs ist… kann er auch dem Laden im Fünf-und-Sieben-Hof einen Besuch abstatten und mir einen neuen Rasierspiegel besorgen. Der Zwerg dort kennt meine Vorlieben.« »Ja, Herr. Und ich hole sofort Kehrschaufel und Bürste, Herr. Soll ich ihre Ladyschaft von dem jüngsten Zwischenfall unterrichten, Herr?« »Nein. Sie meint immer, es sei meine Schuld. Angeblich ermutige ich die Gilde.« »Sehr wohl, Herr«, sagte Willikins. Er verschwand. Sam Mumm trocknete sich das Gesicht ab, ging nach unten ins Früh- stückszimmer, öffnete dort die Vitrine und entnahm ihr die neue Arm- brust, die er von Sybil als Hochzeitsgeschenk erhalten hatte. Mumm war an die alten Armbrüste der alten Wache gewöhnt gewesen, die immer dann nach hinten losgingen, wenn man es am wenigsten erwartete. Die- ses Exemplar stammte von Burlich und Starkimarm: ein Prachtstück nach Maß, aus erlesenem Nußbaumholz. Es gab nichts Besseres. Mumm nahm außerdem eine dünne Zigarre und schlenderte nach draußen in den Garten. Im Drachenstall herrschte ziemliche Unruhe. Mumm trat ein, schloß die Tür hinter sich und lehnte die Armbrust dagegen. Das Quieken und Heulen wurde noch lauter. Kleine Flammen züngel- ten über die dicken Wände der Brutpferche. Mumm beugte sich zum nächsten Pferch vor, hob einen erst vor kur- zer Zeit geschlüpften Drachen und kitzelte ihn unter dem Hals. Er wur- de mit einer Flamme belohnt, an der er die Zigarre anzündete. Er blies einen Rauchring zu der Gestalt, die von der Decke herabhing. »Guten Morgen«, sagte er. Der Fremde wand sich verzweifelt hin und her. Er hatte ein erstaunli- ches Maß an Reaktionsschnelligkeit und Agilität bewiesen, als er während, des Falls den einen Fuß hinter einen Balken gehakt hatte. Allerdings konnte er sich nicht wieder nach oben ziehen, und aus verständlichen Gründen fand er kaum Gefallen an der Vorstellung, den Sturz in die Tiefe fortzusetzen. Unter ihm hüpften zwölf Drachenkinder aufgeregt umher und spien Feuer. »Äh… guten Morgen«, erwiderte die Gestalt. »Das Wetter ist schön geworden«, meinte Mumm und nahm einen Ei- mer mit Kohle. »Aber später kommt bestimmt wieder Nebel auf.« Er nahm einen Kohleklumpen und warf ihn den Drachen zu, die gierig danach schnappten. Mumm nahm einen weiteren Klumpen. Die Flamme des Drachens, der den ersten verschlungen hatte, wurde bereits größer und länger. »Ich kann dich vermutlich nicht dazu bewegen, mich herunterzulassen, oder?« fragte der junge Mann unter der Decke. Ein anderer Drache verschluckte einen Kohlebrocken und rülpste eine Feuerkugel. Die Gestalt schwang zur Seite, um ihr auszuweichen. »Da hast du völlig recht«, sagte Mumm. »Wenn ich jetzt so darüber nachdenke… Es war dumm von mir, mich fürs Dach zu entscheiden.« »Ja«, bestätigte Mumm. Vor einigen Wochen hatte er mehrere Stunden damit verbracht, Balken anzusägen und die Schindeln sorgfältig auszuba- lancieren. »Ich hätte von der Mauer springen und durchs Gebüsch kriechen sol- len«, sagte der Assassine. »Vielleicht«, räumte Mumm ein. Im Gebüsch hatte er eine Bärenfalle bereitgelegt. Er nahm noch etwas mehr Kohle. »Du willst mir wahrscheinlich nicht verraten, wer dich beauftragt hat, oder?« »Tut mir leid. Du kennst die Regeln.« Mumm nickte ernst. »In der letzten Woche haben wir Lady Selachiis Sohn zum Patrizier gebracht. Der Bursche muß erst noch lernen, daß ›nein‹ nicht ›ja, bitte‹ bedeutet.« »Könnte durchaus sein.«, »Und dann die Sache mit Lord Rusts Sohn. Es gehört sich nicht, Be- dienstete umzubringen, nur weil sie die Schuhe falsch herum aufstellen. Das schafft zuviel Unruhe. Er muß wie wir alle lernen, zwischen rechts und links zu unterscheiden. Und zwischen richtig und falsch.« »Da bin ich ganz deiner Meinung.« »Offenbar stecken wir hier in einer Sackgasse«, sagte Mumm. »So scheint es, ja.« Der Kommandeur warf Kohle, zielte dabei auf einen bronzefarbenen und grünen Drachen, der den Brocken mühelos fing. Es wurde immer heißer im Stall. »Ich verstehe einfach nicht, warum ihr es immer hier und auf der Wa- che versucht«, sagte Mumm. »Ich meine, ich bin doch viel unterwegs. Ihr könntet mich auf der Straße erschießen.« »Was? Sollen wir uns etwa wie ganz gewöhnliche Mörder verhalten, Herr?« Mumm nickte langsam. Die Assassinengilde hatte eine Ehre, auch wenn sie schwarz und ziemlich krumm war. »Wieviel bin ich wert?« »Zwanzigtausend, Herr.« »Man sollte euch mehr für mich bezahlen«, meinte Mumm. »Das finde ich auch.« Wenn der junge Mann zur Gilde zurückkehrte… wurde beim nächsten Mal bestimmt mehr Geld verlangt. Assassinen schätzten den Wert ihres eigenen Lebens ziemlich hoch ein. »Mal sehen«, brummte Mumm und betrachtete das Ende der Zigarre. »Die Gilde bekommt fünfzig Prozent. Es bleiben also zehntausend Dol- lar.« Der Assassine dachte darüber nach und rang sich zu einer Entschei- dung durch. Umständlich löste er einen Beutel vom Gürtel und warf ihm Mumm zu. Der Kommandeur griff nach seiner Armbrust. »Wenn du mutig bist, dich fallen zu lassen… Vielleicht erreichst du die Tür, ohne mehr als nur oberflächliche Verbrennungen davonzutragen. Was meinst du?« Keine Antwort., »Natürlich müßtest du ziemlich verzweifelt sein«, fuhr Mumm fort. Er legte die Armbrust auf den Futtertisch und holte eine Schnur hervor. Das eine Ende band er an einem Nagel fest, das andere an der Arm- brustsehne. Anschließend trat er vorsichtig beiseite und lockerte den Abzug. Die Sehne bewegte sich ein oder zwei Millimeter weit. Der mit dem Kopf nach unten hängende Assassine beobachtete ihn und schien den Atem anzuhalten. Mumm paffte an der Zigarre, bis aus dem Ende ein rotglühender Zap- fen wurde. Dann lehnte er sie so an die Schnur, daß sie nur noch ein wenig weiterbrennen mußte, bis die Glut die Schnur erreichte und sie verbrannte. »Ich verzichte darauf, die Tür zu verriegeln«, sagte Mumm. »Ich habe immer großen Wert darauf gelegt, nicht unvernünftig zu sein. Deine be- rufliche Laufbahn werde ich mit großem Interesse verfolgen.« Er warf den Drachen die restliche Kohle zu und verließ den Stall. Es sah nach einem weiteren ereignisreichen Tag in Ankh-Morpork aus – und er begann erst. Als Mumm das Haus erreichte, hörte er ein lautes Zischen und dann ein Klicken. Es folgten die Geräusche von jemandem, der ziemlich schnell zum Zierteich lief. Mumm lächelte. Willikins wartete mit der Jacke auf ihn. »Bitte denk daran, daß du um elf Uhr bei seiner Lordschaft erwartet wirst, Herr.« »Ja, ja.« »Und um zehn Uhr hast du einen Termin bei den Wappenherolden. Dazu hat sich ihre Ladyschaft besonders klar geäußert. Ihre exakten Worte lauteten: ›Sag ihm, daß er nicht versuchen soll, sich irgendwie herauszuwinden.‹« »Na schön.« »Außerdem bittet dich ihre Ladyschaft, niemanden zu verärgern.« »Ich werd’s versuchen. Sag ihr das.« »Die Sänfte wartet draußen, Herr.«, Mumm seufzte. »Danke. Es schwimmt jemand im Zierteich. Hol ihn aus dem Wasser und gib ihm eine Tasse Tee, in Ordnung? Scheint ein vielversprechender Bursche zu sein.« »Gewiß, Herr.« Die Sänfte. O ja, die Sänfte. Es war ein Hochzeitsgeschenk des Patri- ziers. Lord Vetinari wußte, wie sehr Mumm es liebte, durch die Straßen der Stadt zu wandern. Gerade deshalb hatte er ein Geschenk gewählt, das den Kommandeur der Stadtwache an solchen Wanderungen hindern sollte. Ja, die Sänfte stand draußen bereit. Und die beiden Träger richteten sich erwartungsvoll auf. Einmal mehr erwachte der Rebell in Sir Samuel Mumm. Vielleicht blieb ihm tatsächlich nichts anderes übrig, als das verdammte Ding zu benutzen, aber… Er sah den ersten der beiden Männer an und deutete mit dem Daumen auf die Tür. »Steig ein.« »Aber, Herr…« »Es ist ein schöner Morgen«, sagte Mumm und zog die Jacke wieder aus. »Ich fahre selbst.« »Liebe Mutter und lieber Fater…« Hauptmann Karotte, stolzes Mitglied der Stadtwache von Ankh- Morpork, verbrachte seinen freien Tag auf eine ganz bestimmte Weise. Zuerst frühstückte er in einem gemütlichen Café, dann schrieb er einen Brief nach Hause. Diese Briefe bereiteten ihm immer wieder Schwierig- keiten. Die Exemplare, die er von seinen Eltern erhielt, waren stets sehr interessant. Sie steckten voller Bergbaustatistiken und aufregender Neu- igkeiten über neue Stollen und vielversprechende Flöze. Karotte hinge- gen konnte nur über Mordfälle und dergleichen schreiben. Einige Sekunden lang kaute er am Ende des Stifts., »Nun, es ist wieder eine interessante Woche gewesen«, schrieb Karotte. »Ich bin durch die Gegend gelaufen wie jemand, der viel durch die Ge- gend läuft, das kann ich euch sagen! Wir eröffnigen noch ein Wachhaus in der Kröselstraße was ganz gut ist wegen der Nähe der Schatten. Damit habigen wir nicht weniger als 4 zusammen mit den Tollen Schwestern und der Langen Mauer und ich binne der einzige Hauptmann und des- halb immer unterwegs. Rein persöhnlich vermiße ich manchmal die Ka- meradschaft von damals als die Truppe nur aus mir selbigst, Nobby und Feldwebel Colon bestand aber immerhin ist dies das Jahrhundert des Flughunds. Feldwebel Colon zieht sich am Ende des Monats in den Ru- higenstand zurück, Frau Colon möchte daß er einen Bauernhof kauft, und er meint er freuet sich schon auf den Frieden des Landes und darauf der Natur nahe zu sein, bestimmt wünscht ihr ihm alles Gute. Mein Freund Nobby ist noch immer Nobby nur jetzt noch mehr als vorher.« Geistesabwesend nahm Karotte ein Stück Hammelkotelett vom Teller und hielt es unter den Tisch. Ein Maul schnappte danach. »Nun, zurück zur Arbeit bestimmt habige ich euch von der Sonder- gruppe Ankertaugasse erzählt allerdings ist sie noch immer auf dem Pseudopolisplatz stationiert, die Leute mögen es nicht wenn Wächter keine Uniformen tragen aber Kommandeur Mumm meint Verbrecher tragen ebenfalls keine Uniformen, verd***t und zugenäht.« Karotte zögerte. Es verriet viel über Hauptmann Karotte, daß es ihm nach fast zwei Jahren in Ankh-Morpork noch immer Unbehagen bereite- te, »verd***t« zu schreiben. »Kommandeur Mumm meint wir brauchen geheime Polizisten weil es geheime Verbrechen gibt…« Karotte zögerte erneut. Er liebte seine Uniform. Er hatte gar keine an- dere Kleidung. Die Vorstellung von Wächtern in Zivil war… nun, un- vorstellbar; wie Piraten, die unter falscher Flagge segelten, oder Spione. Der Hauptmann seufzte und schrieb pflichtbewußt weiter:, »… und Kommandeur Mumm weiß wovon er redet da bin ich ganz si- cher. Er meint es sei nicht wie die alte Polizeiarbeit die darin bestandet zu fangen einige arme Teufel, die waren zu dumm zum Weglaufen! Nun, dies alles bedoitet mehr Arbeit und neue Gesichter in der Wache.« Während er darauf wartete, daß sich ein neuer Satz formte, griff Karotte nach einem Würstchen und ließ die Hand damit unter den Tisch sinken. Wieder schnappte ein Maul danach. Der Kellner eilte herbei. »Noch eine Portion, Herr Karotte? Auf Kosten des Hauses.« Die Re- staurants und Speiselokale in Ankh-Morpork boten Karotte immer ko- stenloses Essen an, mit der angenehmen Sicherheit, daß er immer darauf bestand, alles zu bezahlen. »Nein, danke. Es war alles sehr köstlich. Hier sind zwanzig Cent – den Rest kannst du behalten.« »Wie geht es der jungen Dame? Ich habe sie heute noch nicht gese- hen.« »Angua? Oh, sie ist… unterwegs. Ich richte ihr aus, daß du dich nach ihr erkundigt hast.« Der Zwerg nickte zufrieden und eilte fort. Karotte schrieb noch einige pflichtbewußte Zeilen und fragte dann lei- se: »Steht der Pferdekarren noch immer vor Eisenkrustes Bäckerei?« Es winselte leise unterm Tisch. »Tatsächlich? Seltsam. Die Lieferungen sind schon vor einer Stunde gekommen. Mehl und Split treffen normalerweise erst am Nachmittag ein. Der Kutscher sitzt auf dem Kutschbock?« Die Antwort war ein gedämpftes Bellen. »Und es scheint ein recht gutes Pferd zu sein. Ungewöhnlich für einen Karren. Man sollte meinen, daß der Kutscher die Gelegenheit nutzt, ei- nen Futterbeutel hervorzuholen. Außerdem ist heute der dritte Donners- tag im Monat – Zahltag bei Eisenkruste.« Karotte legte den Stift beiseite und winkte dem Kellner höflich zu. »Ein Becher Eichelkaffee, Herr Gimlet. Zum Mitnehmen.«, Im Zwergenmuseum an der Eichelgasse wuchs die Aufregung des Kura- tors namens Hopkinson. Abgesehen von einigen anderen Dingen war er gerade ermordet worden, doch das war für ihn derzeit nur ein neben- sächliches Detail. Man hatte ihn mit einem Laib Brot erschlagen. Dies ist selbst in den schlechtesten menschlichen Bäckereien unwahrscheinlich, doch Zwer- genbrot eignete sich gut als Waffe. Für Zwerge war Backen ein Teil der Kriegskunst. Wenn sie von Marmorkuchen sprachen, dann meinten sie Marmor. »Sieh dir nur diese Delle an«, sagte Hopkinson. »Die Kruste ist prak- tisch ruiniert!« SO WIE DEIN KOPF, erwiderte Tod. »Oh, ja«, brummte Hopkinson im Tonfall eines Mannes, der glaubt, daß Köpfe höchstens ein paar Ankh-Morpork-Cent pro Stück kosten – und der um den hohen Wert eines guten Brotexponats weiß. »Was ist so verkehrt an einem Knüppel? Oder an einem Hammer? Auf Anfrage hät- te ich einen zur Verfügung stellen können.« Tod hatte von Natur aus eine recht obsessive Persönlichkeit und be- griff, daß er es mit einem wahren Meister zu tun hatte. Der verstorbene Herr Hopkinson sprach mit piepsiger Stimme und trug seine Brille an einem schwarzen Band – der Geist natürlich ihr spirituelles Äquivalent –; sicheres Erkennungszeichen einer Person, die den Staub auch von der Unterseite der Möbel wischte und Büroklammern der Größe nach sortier- te. »Es ist wirklich sehr bedauerlich«, fuhr Hopkinson fort. »Und außer- dem ungerecht. Immerhin habe ich ihm beim Backofen geholfen. Ich glaube, ich sollte mich beschweren.« HERR HOPKINSON, IST DIR EIGENTLICH KLAR, DASS DU TOT BIST? »Tot?« wiederholte der Kustos. »O nein. Ich kann nicht tot sein. Nicht ausgerechnet jetzt. Der Zeitpunkt ist dafür denkbar ungeeignet. Erst muß ich noch das Kampfgebäck katalogisieren.« ICH FÜRCHTE, DAZU KOMMST DU JETZT NICHT MEHR., »Nein, nein. Tut mir leid, aber es wartet zuviel Arbeit auf mich. Du mußt dich noch ein wenig gedulden. Ich kann jetzt keine Zeit damit ver- geuden, tot zu sein.« Tod war sprachlos. Nach der anfänglichen Verwirrung reagierten die meisten Leute mit Erleichterung auf die Erkenntnis, daß sie gestorben waren. Sie streiften eine unbewußte Bürde ab. Der schwere Schritt ins Jenseits lag hinter ihnen. Das Schlimmste war bereits geschehen, jetzt konnten sie, zumindest in metaphorischer Hinsicht, das Leben fortset- zen. Nur wenige Leute verhielten sich so, als sei die ganze Sache ein Är- gernis, das verschwand, wenn sie sich lange genug darüber beklagten. Hopkinsons Hand strich durch den Tisch. »Oh.« SIEHST DU? »Das kommt mir sehr ungelegen. Hättest du deinen Besuch nicht ein wenig verschieben können?« NUR IN ABSPRACHE MIT DEINEM MÖRDER. »Offenbar ist das alles schlecht organisiert. Hiermit möchte ich mich offiziell beschweren. Immerhin zahle ich pünktlich meine Steuern.« ICH BIN DER TOD, KEIN STEUEREINTREIBER. ICH KOMME NUR EINMAL. Hopkinsons Gestalt verblaßte immer mehr. »Ich habe immer versucht, vernünftig vorauszuplanen…« NACH MEINEN ERFAHRUNGEN IST ES AM BESTEN, DAS LEBEN SO ZU NEHMEN, WIE ES KOMMT. »Das klingt ziemlich unverantwortlich…« FÜR MICH HAT ES IMMER GUT FUNKTIONIERT. Die Sänfte hielt vor der Wache am Pseudopolisplatz. Mumm überließ es den Trägern, sie zu parken, trat ein und streifte die Jacke über. Er konnte sich noch gut an die Zeit erinnern, zu der das Wachhaus fast leer gewesen war. Erst wenige Tage schienen seitdem vergangen zu sein. Feldwebel Colon, der auf seinem Stuhl döste, Korporal Nobbs, der seine Wäsche vor dem Ofen trocknete… Und dann, ganz plötzlich, hatte sich alles verändert., Feldwebel Colon wartete mit einem Klemmbrett auf ihn. »Ich habe hier die Berichte von den anderen Wachhäusern, Herr Kommandeur«, sagte er und ging neben Mumm. »Irgendwelche besonderen Vorfälle?« »Ein sonderbarer Mord, Herr Kommandeur. In einem der alten Häu- ser an der Schlechten Brücke. Es hat ‘n alten Priester erwischt. Weiß nicht viel darüber. Die Patrouille meinte nur, wir sollten Ermittlungen anstellen, Herr Kommandeur.« »Wer hat die Leiche gefunden?« »Obergefreiter Besuch, Herr Kommandeur.« »Lieber Himmel.« »Ja, Herr Kommandeur.« »Na schön. Vielleicht finde ich heute morgen Gelegenheit, mir den Tatort anzusehen. Sonst noch etwas?« »Korporal Nobbs ist krank, Herr Kommandeur.« »Oh, ich weiß, daß er nicht normal ist…« »Ich meine, er hat sich krank gemeldet, Herr Kommandeur.« »Was ist es diesmal? Die Beerdigung seiner Oma?« »Nein, Herr Kommandeur.« »An wie vielen Beerdigungen mußte er in diesem Jahr teilnehmen?« »An sieben, Herr Kommandeur.« »Fred, du brauchst mich nicht dauernd ›Herr Kommandeur‹ zu nen- nen.« »Wir haben Gesellschaft, Herr Kommandeur«, sagte der Feldwebel und warf einen bedeutungsvollen Blick zum Besucherzimmer. »Ist wegen des Alchimiejobs gekommen.« Ein Zwerg sah zu Mumm auf und lächelte nervös. »Na schön«, sagte der Kommandeur. »Ich empfange ihn in meinem Büro.« Er griff in die Jackentasche und holte den Geldbeutel des Assas- sinen hervor. »Bitte füg das hier dem Witwen-und-Waisen-Fonds hinzu, Fred.«, »Oh, gut, Herr Kommandeur. Wenn sich solche Glücksfälle häufen, können wir uns bald mehr Witwen leisten.« Feldwebel Colon kehrte an seinen Schreibtisch zurück, öffnete unauf- fällig die Schublade und holte das Buch hervor, in dem er gelesen hatte. Der Titel lautete: Tierwirtschaft. Colon dachte voller Unruhe an die selt- samen Geschichten, die man sich von manchen Leuten auf dem Land erzählte. Er fragte sich, ob er mit Gasthäusern rechnen mußte, die allein von Tieren besucht werden durften. Doch derartige Befürchtungen er- wiesen sich schließlich als grundlos. In dem Buch ging es schlicht und einfach darum, wie man Kühe, Schweine und Schafe züchtete. Es gab nur noch ein Problem für ihn: Er brauchte ein Buch, das ihn die Kunst des Lesens lehrte. Im Obergeschoß drückte Mumm ganz vorsichtig die Tür seines Büros auf. Die Assassinengilde beachtete die Regeln, das mußte man ihr lassen. Es galt als außerordentlich taktlos, einen Unbeteiligten zu töten. Einer der großen Nachteile bestand zum Beispiel darin, daß man dafür kein Honorar bekam. Aus diesem Grund waren Fallen im Büro ausgeschlos- sen, weil zu viele Personen den Raum betraten. Trotzdem hielt Mumm es für besser, auf der Hut zu sein. Er verstand es ausgezeichnet, sich die Feindschaft von Leuten zuzuziehen, die reich genug waren, um Assassi- nen zu bezahlen. Die Vertreter der Gilde mußten nur einmal Glück ha- ben; Mumm brauchte ständig Glück. Er schlich durchs Zimmer und sah aus dem Fenster. Es stand fast im- mer offen, selbst dann, wenn’s draußen kalt wurde. Mumm hörte gern die Geräusche der Stadt. Wer am Gebäude hochzuklettern versuchte, bekam es mit seinem Einfallsreichtum in Form von lockeren Schindeln, scheinbar festen Steinen und trügerischen Regenrinnen zu tun. Außer- dem hatte Mumm unten einen Speerspitzenzaun errichten lassen. Er diente vor allem zur Zierde, was jedoch nichts daran änderte, daß die Spitzen sehr… spitz waren. Bisher hatte er alle Assassinen überlistet. Ein zögerndes Klopfen erklang an der Tür. Es stammte von dem Zwerg. Mumm ließ ihn eintreten, schloß die Tür wieder und nahm am Schreibtisch Platz., »Du bist also Alchimist«, sagte er. »Säureflecken an den Händen und keine Brauen.« »Ja, Herr.« »Es ist recht ungewöhnlich, daß sich ein Zwerg für die Alchimie ent- scheidet. Leute wie ihr… Ich dachte immer, ihr schuftet in der Gießerei des Onkels oder so.« Leute wir ihr, nahm der Zwerg zur Kenntnis. »Konnte mich einfach nicht an den Umgang mit Metall gewöhnen.« »Ein Zwerg, der sich nicht an den Umgang mit Metall gewöhnen kann? Das dürfte ziemlich ungewöhnlich sein.« »In der Tat, Herr Kommandeur. Als Ausgleich dafür war ich immer gut in alchimistischen Dingen.« »Bist du Mitglied der Gilde?« »Nicht mehr.« »Ach? Wie hast du die Gilde verlassen?« »Durchs Dach, Herr. Aber ich glaube, ich weiß inzwischen, was schief- ging.« Mumm lehnte sich zurück. »Die Alchimisten jagen dauernd irgend et- was in die Luft. Deshalb ist noch niemand rausgeflogen, soweit ich weiß.« »Weil noch nie jemand den Gildenrat gesprengt hat, Herr.« »Was, den ganzen Rat?« »Einen großen Teil davon. Alle leicht abnehmbaren Teile.« Mumm stellte fest, daß er ganz automatisch die unterste Schublade öffnete. Er drückte sie wieder zu, schob statt dessen die Papiere auf dem Schreibtisch hin und her. »Wie heißt du, Junge?« Der Zwerg schluckte. Er schien diesen Augenblick gefürchtet zu ha- ben. »Kleinpo, Herr Kommandeur.« Mumm sah nicht einmal auf. »Ah, ja. Hier steht’s. Du kommst vom Überwaldberg, nicht wahr?«, »Äh… ja, Herr«, erwiderte Kleinpo ein wenig überrascht. Für gewöhn- lich konnten Menschen nicht zwischen den einzelnen Zwergenclans un- terscheiden. »Unsere Obergefreite Angua kommt von dort«, sagte Mumm. »Nun, was deinen Vornamen betrifft… Ich kann Freds Handschrift nicht entziffern…« Der Zwerg atmete tief durch. »Grinsi, Herr«, sagte Grinsi Kleinpo. »Grinsi, wie? Freut mich, daß die alten Namenstraditionen respektiert werden. Grinsi Kleinpo. Gut.« Der Zwerg hielt aufmerksam Ausschau. Mumms Gesicht verriet keine Spur von Erheiterung. »Ja, Herr, Grinsi Kleinpo«, bestätigte er. Auch diesmal zuckte der Kommandeur nicht einmal mit der Wimper. »Mein Vater hieß Fröhlich. Fröhlich Kleinpo«, ergänzte er wie jemand, der an einen kariösen Zahn klopft, um festzustellen, wann der Schmerz einsetzt. »Tatsächlich?« »Und… sein Vater hieß Heiter Kleinpo.« Nicht der Hauch eines Lächelns umspielte Mumms Lippen. Ernst und ungerührt schob er die Papiere beiseite. »Nun, wir arbeiten hier, um uns unseren Lebensunterhalt zu verdienen, Kleinpo.« »Ja, Herr Kommandeur.« »Wir jagen nicht irgendwelche Dinge in die Luft.« »Nein, Herr Kommandeur. Ich jage nicht alles in die Luft. Manchmal schmilzt das Zeug nur.« Mumm trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch. »Kennst du dich mit Leichen aus?« »Die anwesenden Gildenmitglieder haben nur Prellungen erlitten, in einigen Fällen auch eine leichte Gehirnerschütterung.« Mumm seufzte. »Hör mal… Ich weiß genau, was es bedeutet, Polizist zu sein: hauptsächlich reden und gehen. Aber es gibt auch viele Dinge, die ich nicht weiß. Man sieht sich an einem Tatort um und findet graues Pulver auf dem Boden. Was hat es damit auf sich? Ich habe von solchen, Sachen keine Ahnung. Aber ihr Alchimisten wißt, wie man irgendwas in Schalen mischt und so. Ihr könnt solche Fragen beantworten. Ange- nommen, ein Toter hat keine sichtbaren Verletzungen. Ist er vergiftet worden? Wir brauchen jemanden, der weiß, welche Farbe die Leber ha- ben sollte. Ich möchte einen Mitarbeiter, der nur einen Blick in den Aschenbecher werfen muß, um festzustellen, welche Zigarren ich rau- che.« »Schnaufkrauts Dünne Panatellas«, sagte Kleinpo sofort. »Meine Güte!« »Die Schachtel steht auf dem Schreibtisch, Herr Kommandeur.« Mumm blickte in die entsprechende Richtung. »Na schön. Manchmal ist es leicht, die Antwort zu finden. Manchmal nicht. Manchmal fällt es uns sogar schwer, die richtige Frage zu stellen.« Er stand auf. »Ich kann nicht behaupten, daß ich Zwerge sehr sympa- thisch finde. Aber ich mag auch keine Trolle oder Menschen, deshalb dürfte damit alles in Ordnung sein. Nun, du bist der einzige Bewerber. Dreißig Ankh-Morpork-Dollar im Monat, plus fünf Dollar Spesen, ich erwarte von dir, daß du nicht nach der Uhr arbeitest, sondern deine Pflicht erfüllst, es gibt da ein mythisches Geschöpf namens Überstunden, aber niemand hat jemals Spuren von ihm gefunden, wenn dich Troll- Wächter ›Staubfresser‹ nennen, sind sie gefeuert, und wenn du sie ›Steine‹ oder dergleichen nennst, bist du gefeuert, wir sind hier eine große Fami- lie, und selbst in der besten Familie gibt es mal Streit, wenn du verstehst, was ich meine, Kleinpo, wir arbeiten als Team, und meistens improvisie- ren wir die ganze Zeit, und oft wissen wir nicht einmal, wie die Gesetze beschaffen sind, weshalb es manchmal sehr interessant wird, du fängst bei uns als Korporal an, aber komm bloß nicht auf den Gedanken, ir- gendwelchen echten Polizisten Anweisungen zu erteilen, die Probezeit ist einen Monat lang, du erhältst eine Ausbildung, sobald wir Zeit dazu fin- den, besorg dir jetzt einen Ikonographen und erwarte mich an der Schlechten Brücke, und zwar in… verdammter Mist… in einer Stunde. Ich muß mich jetzt um das blöde Wappen kümmern. Na, Tote werden nur selten noch toter. Feldwebel Detritus!« Es knarrte, als sich etwas Schweres im Flur bewegte. Ein Troll öffnete die Tür., »Ja, Herr Kommandeur?« »Dies ist Korporal Kleinpo. Korporal Grinsi Kleinpo, dessen Vater Fröhlich Kleinpo hieß. Gib ihm seine Dienstmarke, nimm ihm den Eid ab und zeig ihm alles. Verstanden, Korporal?!« »Ich werde mir alle Mühe geben, die Uniform zu ehren, Herr Kom- mandeur«, sagte Kleinpo. »Gut«, erwiderte Mumm und sah Detritus an. »Da fällt mir ein, Feld- webel… Ich habe hier einen Bericht, in dem es heißt, daß ein Troll in Uniform einen von Chrysoprases Kumpanen mit den Ohren an die Wand genagelt hat. In der vergangenen Nacht. Weißt du was darüber?« Der Troll runzelte die breite Stirn. »In dem Bericht auch stehen, daß er verkauft hat Platte an Trollkinder?« »Nein«, entgegnete Mumm. »Angeblich wollte er seiner lieben Mutter aus einem frommen Buch vorlesen.« »Hat Schotterkies gesehen Dienstmarke des Trolls?« »Nein. Aber der Troll in Uniform hat damit gedroht, sie ihm dorthin zu stecken, wo die Sonne nie scheint.« Detritus nickte ernst. »Das sein langer Weg, um zu ruinieren gute Dienstmarke.« »Übrigens… du hast gut geraten. Es geht um Schotterkies.« »Es mir ganz plötzlich eingefallen ist«, meinte Detritus. »Ich denken: Welcher Mistkerl, der verkaufen Platte an Kinder, es wohl verdient hat, mit den Ohren an Wand genagelt zu werden. Und – zack! Da fiel mir ein der Name Schotterkies, einfach so.« »Dachte ich mir.« Grinsi Kleinpo sah von einem ausdruckslosen Gesicht zum anderen. Detritus und Mumm behielten sich die ganze Zeit über im Auge, doch ihre Worte schienen aus der Ferne zu kommen, als läsen sie einen un- sichtbaren Text vor. Schließlich schüttelte Detritus langsam den Kopf. »Muß gewesen sein jemand, der sich verkleidet hat. Es ganz leicht ist, sich zu besorgen Hel- me, die aussehen wie unsere. Von meinen Trollen sicher niemand Schuld hat. So etwas wäre brutale Polizeiwillkür.«, »Freut mich, das zu hören. Aber um ganz sicher zu gehen… Du soll- test dir die Spinde der Trolle ansehen. Die Liga gegen die Diffamierung von Siliziumleben ist auf diese Sache aufmerksam geworden.« »Ja, Herr. Und wenn ich herausfinden, daß doch dahintersteckt einer meiner Trolle, dann ich ihm eine Lektion erteilen, die er ganz schnell wieder vergißt.« »Gut. Nun, Kleinpo, du kannst jetzt gehen. Detritus kümmert sich um dich.« Kleinpo zögerte. Dies war unheimlich. Der Mann hatte weder Äxte noch Gold erwähnt. Er verzichtete sogar auf Bemerkungen wie: »In der Wache kannst du es weit bringen und groß werden.« Kleinpos Verwir- rung erreichte ungeahnte Ausmaße. »Äh… ich habe dir doch meinen Namen genannt, nicht wahr?« »Ja«, sagte Mumm. »Er steht hier. Grinsi Kleinpo. Stimmt doch, oder?« »Äh… ja. Ja, stimmt. Äh…, danke.« Mumm hörte, wie Troll und Zwerg durch den Flur gingen. Vorsichtig schloß er die Tür und zog sich dann die Jacke über den Kopf, damit ihn niemand lachen hörte. »Grinsi Kleinpo!« Grinsi lief dem Troll namens Detritus hinterher. Das Wachhaus füllte sich allmählich. Eins wurde dem Zwerg sofort klar: Die Wache befaßte sich mit allen Arten von Dingen, und bei vielen kam es offenbar darauf an zu schreien. Zwei uniformierte Trolle standen vor Feldwebel Colons hohem Schreibtisch, ein kleinerer Troll zwischen ihnen, der ziemlich niederge- schlagen wirkte. Er trug ein Ballettröckchen und zwei auf dem Rücken festgeklebte Gazeflügel. »… weiß ich zufälligerweise, daß es bei Trollen gar keine Märchen über Zahnfeen und dergleichen gibt«, sagte Colon. »Erst recht existiert in eu- rer Tradition keine Zahnfee namens…« Er sah auf ein Blatt. »… Klin- kerglocke. Wie wär’s, wenn wir es Einbrüche ohne Lizenz der Diebesgil- de nennen?«, »Es sein Rassendiskriminierung, wenn Trolle nicht haben dürfen Zahn- fee«, murmelte Klinkerglocke. Einer der beiden Trollwächter hob einen Sack und leerte ihn auf dem Schreibtisch aus. Diverse Gegenstände aus Silber rollten über die Papie- re. »Und dies hier hast du unter den Kissen gefunden, wie?« fragte Colon. »Ach, die Kinder sein so lieb«, erwiderte Klinkerglocke. Am nächsten Schreibtisch sprach ein müder Zwerg mit einem Vampir. »Hör mal… Es kann gar kein Mord sein. Du bist doch schon tot, oder?« »Er hat sie mir in den Leib gebohrt!« »Nun, ich habe mit dem Verwalter geredet, und der meinte, es sei ein Unfall gewesen. Er hat überhaupt nichts gegen Vampire. Er trug drei Schachteln mit frisch gespitzten und besonders langen Bleistiften, als er über deinen Mantelsaum stolperte.« »Warum kann ich nicht arbeiten, wo es mir gefällt?« »Ja, aber ausgerechnet in einer Bleistiftfabrik?« Detritus sah auf Kleinpo hinab und lächelte. »Willkommen zum Leben in Stadt großer, Kleinpo«, sagte er. »Das sein ein interessanter Name.« »Tatsächlich?« »Die meisten Zwerge heißen Steinbrecher oder Starkimarm.« »Ach?« Mit den subtilen Seiten von Beziehungen konnte Detritus nur wenig anfangen, aber er bemerkte eine gewisse Schärfe in Kleinpos Stimme. »Es sein guter Name«, sagte er. »Was ist ›Platte‹?« fragte Grinsi. »Ammoniumchlorid und Radium gemischt. Steigt einem in den Kopf und schmilzt Trollhirne. Großes Problem in den Bergen. Einige Mistker- le das Zeug herstellen hier in der Stadt, und wir versuchen, zu erwischen sie. Herr Mumm mich damit beauftragt hat, die Öffentlichkeit hinzuwei- sen auf das Problem. Er sprach von einer…« Detritus konzentrierte sich. »… Auf-klärungs-kam-pagne. Das heißt, ich soll sagen den Leuten, was geschieht mit Leuten, die das Zeug Kindern verkaufen.« Er deutete auf ein grob gemaltes Plakat an der Wand. Darauf stand:, Platte: Sag einfach »AarrghaarrghneinbittenichUGH«. Er drückte eine Tür auf. »Dies sein der alte Abort, wir ihn jetzt nicht mehr benutzen, du die Kammer haben kannst, für deine alchimistischen Dinge und so, aber zuerst du mußt alles saubermachen, weil’s hier riecht wie auf Toilette.« Er öffnete eine andere Tür. »Dies hier der Umkleideraum. Du einen ei- genen Haken hast, und dann es noch gibt Tafeln, hinter denen du dich kannst umziehen, wir wissen nämlich, daß Zwerge sind schamhaft. Es sein gutes Leben, wenn du stark genug. Herr Mumm guter Komman- deur, aber er auch sein kann ein wenig komisch, sagen manchmal komi- sche Dinge, zum Beispiel er nennt diese Stadt Schmelztiegel, in dem nach oben schwimmt der Abschaum, und solche Sachen. Ich dir gleich geben Helm und Dienstmarke. Zuerst…« Er öffnete einen ziemlich gro- ßen Spind auf der anderen Seite des Raums, auf dem »DTRITUS« stand. »Zuerst ich muß verstecken diesen Hammer.« Zwei Gestalten verließen Eisenkrustes Bäckerei (»Dieses Brot wird we- der stumpf noch schal«) und schienen es ziemlich eilig zu haben. Sie sprangen auf den Karren und riefen dem Kutscher zu, er solle schnell losfahren. Der blasse Mann auf dem Kutschbock deutete wortlos auf die Straße. Ein Wolf hockte dort. Es war kein gewöhnlicher Wolf. Er hatte ein blondes Fell, am Hals so lang wie eine Mähne. Außerdem saßen normale Wölfe nicht seelenruhig mitten auf der Straße. Er knurrte; ein langes, dumpfes Knurren – das akustische Äquivalent einer brennenden Zündschnur. Das Pferd rührte sich nicht von der Stelle. Es hatte zuviel Angst, um zu bleiben, wo es sich befand – und es war viel zu entsetzt, um sich zu bewegen., Einer der Männer streckte langsam die Hand nach seiner Armbrust aus. Das Knurren wurde ein wenig lauter, und die Hand wich noch lang- samer wieder zurück. Das Knurren wurde wieder leiser. »Was ist das?« »Ein Wolf!« »Hier in der Stadt? Was findet er denn zu fressen?« »Oh, mußtest du unbedingt danach fragen?« »Guten Morgen, meine Herren!« grüßte Karotte. Er hatte bisher an ei- ner Mauer gelehnt. »Sicher kommt bald wieder Nebel auf. Die Lizenzen der Diebesgilde, bitte.« Die Männer drehten sich um. Karotte lächelte freundlich und nickte ihnen aufmunternd zu. Einer von ihnen klopfte mit demonstrativer Geistesabwesenheit auf seine Taschen. »Oh… äh… heute morgen hatte ich es sehr eilig. Vermutlich habe ich sie zu Hause vergessen…« »In der Diebesgildensatzung heißt es im zweiten Abschnitt von Regel Eins, daß die Mitglieder bei allen Gelegenheiten ihre Ausweise bei sich führen müssen«, stellte Karotte fest. »Er hat nicht einmal sein Schwert gezogen!« zischte der Dümmste der aus drei Männern bestehenden Bande. »Das muß er auch gar nicht. Er hat einen geladenen Wolf.« Jemand schrieb in der Düsternis. Ein Federkiel kratzte über Pergament – das einzige Geräusch im Zimmer. Bis sich eine Tür knarrend öffnete. Der Schreibende drehte sich ruckartig um. »Du? Ich habe dir doch ge- sagt, daß du nie zurückkehren sollst!« »Ich weiß, ich weiß, aber es geht um das verdammte Ding! Das Fließ- band hat angehalten, woraufhin er nach draußen ging und den Priester umgebracht hat!« »Hat ihn jemand gesehen?«, »Bei dem dichten Nebel gestern abend? Ich glaube nicht. Aber…« »Dann spielt es keine, ah-ha, Rolle.« »Wie bitte? Die Burschen sollen keine Leute umbringen.« Kurzes Zö- gern. »Das heißt… zumindest nicht, indem sie ihnen den Schädel zer- trümmern.« »Aber sie sind dazu bereit, wenn sie entsprechende Anweisungen erhal- ten.« »Ich habe ihn nie dazu aufgefordert! Und überhaupt: Was ist, wenn er sich gegen mich wendet?« »Gegen seinen Herrn? Mann, er muß den Worten in seinem Kopf ge- horchen.« Der Besucher setzte sich und wirkte skeptisch. »Ja, aber welchen Wor- ten? Oh, ich weiß nicht, ich weiß nicht. Es wird mir langsam zuviel. Dauernd dieses verdammte Ding in der Nähe zu wissen…« »Du verdienst doch eine Menge damit, oder?« »Ja, zugegeben, aber das mit dem Gift…« »Schweig! Heute abend sehen wir uns wieder. Sag den anderen, daß ich einen geeigneten Kandidaten gefunden habe. Und wenn du es wagst, noch einmal hierherzukommen…« Die Königliche Schule der Wappenherolde war ein grünes Tor in einer Mauer an der Mumpitzstraße. Mumm zog an der Glockenschnur. Auf der anderen Seite bimmelte etwas, unmittelbar im Anschluß ertönte eine Kakophonie aus Heulen, Knurren, Pfeifen und Trompeten. Eine Stimme versuchte, das Durcheinander zu übertönen. »Runter mit dir! Mit erho- benem Kopf! Mit erhobenem Kopf sollst du liegen! Nein, nicht auf den Hinterbeinen! Du bekommst drei Zuckerstücke, wenn du brav bist, Wil- libald! Hör sofort damit auf! Laß ihn los! Mildred, laß Friederich wieder auf den Boden!« Die Tiergeräusche wurden ein wenig leiser, und Schritte näherten sich. Eine Klappe im Tor schwang einige Zentimeter auf. Mumm sah ein schmales Gesichtssegment eines ziemlich kleinen Man- nes., »Ja? Bringt Ihr das Fleisch?« »Ich bin Kommandeur Mumm«, stellte er sich vor. »Ich habe mich an- gemeldet.« Die Tiergeräusche schwollen wieder an. »Was?« »Kommandeur Mumm!« rief Mumm. »Oh. Nun, ich schätze, Ihr solltet besser hereinkommen.« Das Tor öffnete sich. Mumm trat ein. Es wurde still. Mehrere Dutzend Augenpaare beobachteten den Neu- ankömmling mit ausgeprägtem Mißtrauen. Einige der Augen waren klein und rot. Andere waren recht groß und schwebten dicht über der Ober- fläche eines trüben Teichs, der einen großen Teil des Hofes beanspruch- te. Wieder andere hockten auf Sitzstangen. Es wimmelte von Tieren. Aber etwas anderes drängte sie zur Seite, bean- spruchte noch mehr Platz: der Geruch von Tieren. Die meisten waren ziemlich alt, was den Geruch keineswegs verbesserte. Ein zahnloser Löwe musterte Mumm und gähnte. Ein frei herumlau- fender Löwe – beziehungsweise ein frei herumliegender – war erstaun- lich genug. Noch verblüffender war, daß er von einem älteren Greif, der alle vier Klauen in die Luft gestreckt hatte und schlief, als Kissen benutzt wurde. Mumm sah diverse Igel, einen ergrauenden Leoparden und Pelikane in der Mauser. Grünes Wasser plätscherte im Teich; zwei Nilpferde tauch- ten auf und gähnten noch eindrucksvoller als der Löwe. Kein einziges Geschöpf hockte in einem Käfig, und niemand versuchte, jemand ande- ren zu fressen. »Oh, ja, so wirkt es auf die meisten Besucher, die zum erstenmal hier- herkommen«, sagte der kleine Alte. Er hatte ein Holzbein. »Wir sind eine glückliche kleine Familie.« Mumm drehte sich um, und sein Blick fiel auf eine kleine Eule. »Meine Güte!« entfuhr es ihm. »Das ist eine Morpork, nicht wahr?« Ein fröhliches Lächeln erschien auf dem Gesicht des Alten. »Ah, of- fenbar kennt Ihr Euch mit Wappen aus«, sagte er und lachte meckernd., »Daphnes Vorfahren kamen den ganzen Weg von den Inseln jenseits der Mitte, jawohl.« Mumm holte die Dienstmarke der Stadtwache hervor und betrachtete das eingeprägte Wappen. Der Alte stellte sich auf die Zehenspitzen und sah ihm über die Schul- ter. »Das ist sie natürlich nicht.« Er meinte die Eule auf dem Henkel- kreuz. »Es war ihre Urgroßmutter Olive. Eine Morpork auf einem Hen- kelkreuz beziehungsweise einem Ankh. Na, fällt Euch was auf? Es ist ein Wortspiel. Ich hätte fast darüber gelacht. Ja, so lustig kann’s hier werden. Um ganz ehrlich zu sein, wir könnten einen Eulenmann für sie gebrau- chen. Und auch ein Nilpferdweibchen würden wir nicht zurückweisen. Seine Lordschaft sagt zwar, wir hätten zwei Nilpferde, was auch stimmt. Ich meine aber, daß es für Roderick und Kimbert nicht normal ist. Nicht natürlich. Womit ich niemandem zu nahe treten möchte. Äh… wie lautete Euer Name noch gleich?« »Mumm. Sir Samuel Mumm. Meine Frau hat den Termin vereinbart.« Wieder das meckernde Lachen. »Ah, das ist meistens der Fall.« Trotz des Holzbeins lief der Alte recht schnell, als er Mumm an damp- fenden Dunghaufen von vielen verschiedenen Spezies vorbei zum Ge- bäude auf der anderen Seite des Hofes führte. »Ich schätze, das ist gut für den Garten«, sagte Mumm, um Konversa- tion bemüht. »Ich hab’s beim Rhabarber ausprobiert«, erwiderte der Alte und öffnete die Tür. »Das Zeug wuchs sechs Meter hoch und ging dann plötzlich in Flammen auf. Achtet darauf, wo Ihr hintretet. Unser kleiner Drache ist krank. Muß sich immer wieder übergeben und hat Durchfall. Oh, zu spät… Na, nicht weiter schlimm. Man kann’s mühelos abkratzen, wenn’s getrocknet ist. Dort entlang.« Kurz darauf erreichten sie einen Saal, dessen Dunkelheit und Stille ei- nen starken Kontrast zum Licht und Lärm auf dem Hof bildeten. Mumm nahm den trockenen Grabesgeruch von alten Büchern und Kirchtürmen wahr. Als sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, bemerkte er Flaggen und Fahnen an den hohen Wänden. Es gab, einige Fenster, aber die Spinnweben und toten Fliegen davor ließen nur matte Gräue in den großen Raum hinein. Der Alte ging und schloß die Tür hinter sich. Durch eins der Fenster beobachtete Mumm, wie er auf den Hof hinkte, um sich dort wieder der Aufgabe zu widmen, mit der er vorher beschäftigt gewesen war. Er bemühte sich, ein lebendes Wappen zu konstruieren. Mumm sah einen großen Schild. Kohlköpfe – echte Kohlköpfe – wa- ren daran festgenagelt. Der Alte sagte etwas, das Mumm nicht hörte. Die kleine Eule flatterte los und landete auf einem Henkelkreuz, das am obe- ren Ende des Schilds befestigt war. Die beiden Nilpferde verließen den Teich und bezogen zu beiden Seiten Aufstellung. Der Alte baute eine Staffelei vor der Szene auf, stellte eine Leinwand darauf, griff nach Palette und Pinsel. »Hopp-la!« rief er. Die beiden Nilpferde richteten sich arthritisch auf, während die Eule ihre Flügel ausbreitete. »Lieber Himmel«, murmelte Mumm. »Und ich dachte immer, Wappen werden einfach so gezeichnet.« »Einfach so? Einfach so?« sagte eine Stimme hinter ihm. »Wir kämen bald in Schwierigkeiten, wenn wir Wappen ›einfach so‹ zeichnen würden, o ja, in große Schwierigkeiten.« Mumm drehte sich um. Ein anderer kleiner Mann war hinter ihm er- schienen und blinzelte glücklich hinter dicken Brillengläsern. Er trug mehrere Schriftrollen unterm Arm. »Es tut mir leid, daß ich dich nicht am Tor empfangen konnte, aber derzeit haben wir hier besonders viel zu tun«, sagte der Mann und streck- te die freie Hand aus. »Croissant Rouge Pursuivant.« »Äh… du bist ein kleines rotes Frühstücksröllchen?« fragte Mumm verwundert. »Nein, nein. Es bedeutet Roter Halbmond. So lautet mein Titel. Ist sehr alt und ehrwürdig. Ich bin ein Wappenherold. Und du bist Sir Sa- muel Mumm, nehme ich an.« »Ja.«, Roter Halbmond sah auf einer Schriftrolle nach. »Gut. Gut. Was hältst du von Wieseln?« fragte er. »Von Wieseln?« »Wir haben einige, weißt du. Ich weiß, daß es eigentlich keine richtigen Wappentiere sind, aber wir führen sie auf der Stammrolle. Ich fürchte, wir müssen sie irgendwo aussetzen, wenn wir niemanden finden, der sie adoptiert. Und das würde Pardessus Chatain Pursuivant sehr verstim- men. Er schließt sich immer im Schuppen ein, wenn er verstimmt ist.« »Pardessus… Meinst du den Alten da draußen?« erkundigte sich Mumm. »Äh… warum… Ich dachte immer… Ich meine, ein Wappen muß doch nicht von einem lebendigen Muster abgemalt werden!« Roter Halbmond wirkte schockiert. »Nun, wenn man dies alles der Lä- cherlichkeit preisgeben will… ja, dann könnte man Wappen ›einfach so‹ malen. Wie dem auch sei…«, fuhr er fort. »Wiesel kommen also nicht in Frage, wie?« »Nein, lieber nicht«, entgegnete Mumm. »Das würde meiner Frau si- cher nicht gefallen. Sie dachte vermutlich eher an Drachen…« »Das dürfte wohl kaum in Frage kommen«, tönte eine Stimme aus der Dunkelheit. Eine solche Stimme hörte man nicht an einem hellen Ort. Sie war staubtrocken und schien aus einem Mund zu kommen, der nie die Freu- den von Speichel kennengelernt hatte. Sie klang tot. Was genau der richtige Eindruck war. Die Bäckereidiebe dachten über ihre Möglichkeiten nach. »Ich hab die Hand an meiner Armbrust«, sagte der Kühnste. »Tatsächlich?« erwiderte der Realistischste. »Und mir ist das Herz in die Hose gerutscht.« »Ooh«, fügte der dritte Dieb hinzu, »mein Herz ist ganz schwach…« »Ja, aber ich meine… Er hat überhaupt kein Schwert. Wenn ich den Wolf übernehme, solltet ihr beide mit ihm fertig werden, stimmt’s?«, Einer der klaren Denker musterte Karotte. Die Rüstung des Haupt- manns glänzte. Ebenso die Muskeln an seinen bloßen Armen. Und die Knie. »Ich glaube, wir haben einen toten Punkt erreicht, wie?« bemerkte Ka- rotte. »Wie wär’s, wenn wir dir das Geld zuwerfen?« schlug der klare Denker vor. »Das würde die Situation verbessern.« »Würdest du uns dann gehen lassen?« »Nein. Aber es wäre ein Punkt, der für euch spricht. Ich würde ein gu- tes Wort für euch einlegen.« Der Kühne mit der Armbrust befeuchtete sich die Lippen und sah von Karotte zum Wolf. »Wenn du das Biest auf uns hetzt… Ich warne dich – jemand könnte getötet werden.« »Ja, das läßt sich nicht ausschließen«, bestätigte Karotte kummervoll. »Ich würde das lieber vermeiden, wenn es möglich ist.« Karotte hob die Hände. Jede von ihnen hielt einen flachen, runden Gegenstand von etwa fünfzehn Zentimeter Durchmesser. »Dies hier ist Zwergenbrot«, erklärte er. »Es gehört zweifellos zu Herrn Eisenkrustes bester Ware. Natürlich ist es kein klassisches Kampfbrot, aber für diesen Zweck dürfte es genügen…« Karottes Arme verwandelten sich in Schemen. Sägemehl stieg auf und bildete eine kleine Wolke. Der flache Laib Brot verharrte auf halbem Wege durchs Holz des Karrens, knapp einen Zentimeter vor dem Mann mit dem schwachen Herz, der außerdem eine schwache Blase hatte, wie sich nun herausstellte. Der Mann mit der Armbrust wandte den Blick von dem Zwergenbrot ab, als er einen feuchten Druck am Handgelenk spürte. Es war völlig ausgeschlossen, daß sich ein Tier so schnell bewegen konnte. Und doch… Neben ihm saß der Wolf, und etwas in seiner Mie- ne verriet, daß er den Druck seiner starken Kiefer ohne Grenze nach oben vergrößern konnte, wenn es notwendig sein sollte. »Ruf ihn zu dir!« ächzte der Dieb und warf die Armbrust mit der freien Hand weg. »Er soll mich loslassen.«, »Oh, ich gebe ihr keine Anweisungen«, erwiderte Karotte. »Sie trifft ih- re Entscheidungen selbst.« Mit Eisen beschlagene Stiefel klapperten übers Kopfsteinpflaster, und sechs mit Äxten bewaffnete Zwerge stürmten aus der Bäckerei. Funken stoben, als sie auf der Straße bremsten und neben Karotte anhielten. »Schnappt sie euch!« grollte Herr Eisenkruste. Karottes Hand sank auf dem Helm des Zwergs hinab und drehte ihn um. »Ich bin’s, Herr Eisenkruste«, sagte er. »Ich nehme an, diese Männer hier haben dich bestohlen, oder?« »Ja, Hauptmann Karotte, das stimmt!« bestätigte der Zwergenbäcker. »Kommt, Jungs! Hängen wir sie am Bura’zakka* auf!« »Ooh«, murmelte der Mann mit dem schwachen Herz und der feuch- ten Hose. »Ich bitte dich, Herr Eisenkruste«, sagte Karotte geduldig. »Solche Stra- fen sind in Ankh-Morpork nicht üblich.«** »Sie haben Björn Stiefelfest niedergeschlagen! Und sie haben Olaf Star- kimarm in die Bad’dhakz*** getreten! Wir schneiden ihnen…« »Herr Eisenkruste!« Der Zwergenbäcker zögerte. Und dann, zur großen Überraschung und Erleichterung der Diebe, wich er zurück. »Ja, schon gut, Hauptmann Karotte. Wie du meinst.« »Ich muß mich um andere Dinge kümmern und wäre deshalb dankbar, wenn ihr diese Leute zur Diebesgilde bringen könntet«, sagte Karotte. Der klare Denker erbleichte. »O nein! Dort ist man sehr ungehalten über nicht lizensierte Diebstähle! Alles, aber nicht die Diebesgilde!« Karotte drehte sich um. Das Licht fiel in einem besonderen Winkel auf seine Züge, die dadurch einen ebenso besonderen Ausdruck gewannen. »Wirklich alles?« fragte er. * Rathaus. ** Weil es in Ankh-Morpork kein Rathaus gibt. *** Hefeschüssel., Die nicht lizensierten Diebe musterten sich gegenseitig – und sprachen dann alle gleichzeitig. »Die Diebesgilde. In Ordnung. Überhaupt kein Problem.« »Wir mögen die Diebesgilde.« »Wir können es gar nicht abwarten, dorthin zu kommen. Diebesgilde, wir kommen!« »Eine tolle Truppe.« »Streng, aber gerecht.« »Gut«, sagte Karotte. »Dann sind ja alle zufrieden. Oh, und noch et- was.« Er griff in seinen Geldbeutel. »Hier sind fünf Cent für den Laib Brot, Herr Eisenkruste. Der andere steckt dort im Wagen. Es sollte ei- gentlich möglich sein, ihn wieder sauberzuschmirgeln.« Der Zwerg starrte auf die Münze hinab und blinzelte. »Du möchtest mich dafür bezahlen, weil du mir mein Geld bewahrt hast?« »Als Steuerzahler hast du das Recht auf den Schutz der Wache«, sagte Karotte. Eine taktvolle Pause folgte. Herr Eisenkruste starrte auf seine Stiefel. Ein oder zwei der anderen Zwerge kicherten leise. »Sei unbesorgt«, fuhr Karotte freundlich fort. »Bei Gelegenheit besuche ich dich und helfe dir dabei, die Formulare auszufüllen, in Ordnung?« Einer der Diebe beendete die peinliche Stille. »Äh… könnte dein… Hündchen… wohl mein Handgelenk loslassen.« Der Wolf gab besagtes Handgelenk frei, sprang auf den Boden und lief zu Karotte, der die Hand respektvoll an den Helm hob. »Ich wünsche euch allen einen guten Tag«, sagte er und ging fort. Diebe und Bestohlene sahen ihm nach. »Ist er echt?« fragte der klare Denker. Der Bäcker knurrte. »Ihr Mistkerle!« platzte es aus ihm heraus. »Ihr verdammten Mistkerle!« »Was ist denn los mit dir? Du hast dein Geld doch zurückbekommen.« Zwei andere Zwerge hielten Herrn Eisenkruste fest, damit er sich nicht auf die Diebe stürzte., »Drei Jahre!« stöhnte er. »Drei Jahre lang hat man mich in Ruhe gelas- sen. Drei Jahre lang hat niemand an meine Tür geklopft. Und jetzt… Er vergißt es bestimmt nicht, mich zu besuchen. Oh, und er wird ganz höflich und freundlich sein, mir sicher auch zusätzliche Formulare besorgen. Ach, warum seid ihr Mistkerle nicht einfach weggelaufen?« Mumm sah sich in dem großen, düsteren Zimmer um. Die Stimme schien aus einem Grab zu kommen. Ein Hauch von Entsetzen huschte über das Gesicht des kleinen Wap- penherolds. »Wenn Sir Samuel so freundlich wäre, näher zu treten…«, erhob sich die Stimme erneut. Sie war eiskalt, gefror um jede einzelne Silbe. Solche Stimmen blinzelten nicht. »Das ist… äh… Drache«, sagte Roter Halbmond. Mumm tastete nach seinem Schwert. »Drachenkönig der Wappen«, fügte der Herold hinzu. »Drachenkönig?« wiederholte Mumm. »Nur ein Titel«, erklärte die Stimme. »Komm bitte herein.« Aus irgendeinem Grund hörte Mumm die Worte »Komm, Beute«… »König der Wappen«, sagte die Stimme, als Mumm einen anderen Raum betrat, der ebenfalls ziemlich groß zu sein schien. »Das Schwert brauchst du nicht, Kommandeur. Seit mehr als fünfhundert Jahren bin ich Drachenkönig der Wappen, doch ich speie kein Feuer, wie ich dir versichern darf. Ah-ha. Ah-ha.« »Ah-ha«, erwiderte Mumm. Er konnte die Gestalt nicht deutlich erken- nen. Das schwache Licht kam von einigen hohen, schmutzigen Fenstern und mehreren Dutzend Kerzen, deren Flammen mit einem schwarzen Rand zu brennen schienen. Irgend etwas an der Erscheinung deutete auf krumme Schultern hin. »Bitte, setz dich«, sagte Drachenkönig. »Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du nach links sehen und das Kinn heben würdest.« »Damit meine Kehle entblößt ist, nicht wahr?« entgegnete Mumm. »Ah-ha. Ah-ha.«, Die Gestalt griff nach einem Leuchter und schob sich näher. Eine so dürre Hand wie die eines Skeletts berührte Mumms Kinn, drückte es sanft zur einen und zur anderen Seite. »Ah, ja. Du hast das Mumm-Profil, kein Zweifel. Aber nicht die Mumm-Ohren. Vermutlich, weil deine Großmutter mütterlicherseits eine Kluppe war. Ah-ha…« Die Mumm-Hand tastete einmal mehr nach dem Mumm-Schwert. Es gab nur eine Spezies, die solche Kraft besaß, obwohl sie schwach und zerbrechlich wirkte. »Ich wußte es«, brummte er. »Du bist ein Vampir. Ein verdammter Vampir!« »Ah-ha.« Es hätte ein Lachen sein können. Oder ein Husten. »Ja. Ein Vampir. Nun, ich kenne deine Ansichten über Vampire. Wenn ich mich recht entsinne, hast du es einmal so formuliert: ›Nicht richtig lebendig, aber auch nicht tot genug.‹ Ganz gut ausgedrückt, wenn du mich fragst. Aber keine Angst, ich sauge niemandem das Blut aus. Ich esse Blutwurst. Und ich genieße auch andere Produkte der feinen Metzgerskunst. Wenn mir der Sinn nach etwas Besonderem steht, statte ich der Langen Schweinefleischstraße einen Besuch ab. Ah-ha. Ich komme über die Runden. Ah-ha. Jungfrauen müssen mich nicht fürchten. Ah-ha. Habe schon seit Jahrhunderten keine mehr angerührt, leider. Ah-ha.« Die Gestalt und der matte Kerzenschein wichen zurück. »Ich fürchte, du vergeudest hier nur deine Zeit, Kommandeur Mumm.« Inzwischen hatten sich Mumms Augen an das flackernde Licht ge- wöhnt. Bücher füllten den Raum. Sie standen nicht etwa in Regalen auf- gereiht, sondern bildeten hohe Stapel. Aus jedem ragten Dutzende von Lesezeichen wie zerquetschte Finger. »Ich verstehe nicht«, sagte er. Entweder hatte Drachenkönig von Wap- pen sehr krumme Schultern oder Flügel unter dem formlosen Umhang. Mumm erinnerte sich, daß manche Vampire fliegen konnten wie Fle- dermäuse. Er fragte sich, wie alt dieser war. Es hieß, daß sie fast ewig »leben« konnten…, »Du bist hier, weil du dir ein Wappen zulegen möchtest, nicht wahr? Aber das kommt in deinem Fall nicht in Frage. Es hat einmal ein Mumm-Wappen gegeben, doch es kann keinen offiziellen Status mehr erlangen. Es wäre gegen die Regeln.« »Welche Regeln?« Es knisterte leise, als die Gestalt ein Buch nahm und es öffnete. »Du kennst sicher deine Vorfahren, Kommandeur. Dein Vater war Thomas Mumm, und sein Vater hieß Gwilliam…« »Es geht um Altes Steingesicht, stimmt’s?« fragte Mumm. »In der Tat. Ah-ha. Ich-dulde-keine-Ungerechtigkeit-Mumm. Dein Vorfahr. Altes Steingesicht, wie man ihn nannte. Kommandeur der Stadtwache im Jahre 1688. Und Königsmörder. Er hat den letzten König von Ankh-Morpork umgebracht, wie alle Schulkinder wissen.« »Er hat ihn hingerichtet!« Die Schultern hoben und senkten sich. »Um zu beschreiben, was dar- aufhin mit dem Familienwappen geschah, möchte ich einen Ausdruck der Heraldik benutzen: excretus est ex altitudine. Mit anderen Worten: deposi- tatum de latrina. Es wurde verbannt, verboten, zum Tabu erklärt. Man beschlagnahmte das Land, riß das Haus nieder und die entsprechende Seite aus dem Buch der Geschichte heraus. Ah-ha. Weißt du, Komman- deur, es ist wirklich interessant, daß viele Nachkommen des ›Alten Stein- gesichts‹…« Die Hochkommas senkten sich mühelos auf den Spitzna- men herab, wie eine alte Dame, die mit einer Zange nach etwas Scheuß- lichem griff. »…Angehörige der Stadtwache gewesen sind. Soweit ich weiß, bezieht sich der Spitzname auch auf dich. Ah-ha. Ah-ha. Ich frage mich, ob deine Familie vielleicht den Wunsch geerbt hat, sich von ihrem Schandfleck zu befreien.« Mumm knirschte mit den Zähnen. »Soll das etwa heißen, daß ich kein Wappen haben darf?« »So ist es. Ah-ha.« »Weil einer meiner Vorfahren einen…« Er zögerte. »Nein, es war keine Hinrichtung. Einen Menschen richtet man hin. Ein Tier tötet man einfach.« »Er war der König«, sagte Drachenkönig ruhig., »Oh, ja. Und wie sich herausstellte, gab es in seinen Verliesen Appara- te, mit denen…« »Kommandeur…« Der Vampir hob die Hände. »Offenbar verstehst du mich nicht. Was er auch sonst gewesen sein mag – er war der König. Eine Krone ist nicht wie der Helm eines Stadtwächters, ah-ha. Ein König trägt die Krone selbst dann noch auf dem Kopf, wenn er sie abgenommen hat.« »Steingesicht hat sie ihm abgenommen!« »Der König bekam nicht einmal ein ordentliches Gerichtsverfahren.« »Weil sich kein Richter fand«, sagte Mumm. »Und deshalb nahmst du – beziehungsweise dein Vorfahr – die Sache selbst in die Hand.« »Jemand mußte es tun. Manche Ungeheuer dürfen nicht im Reich der Lebenden wandeln.« Drachenkönig fand die Seite, nach der er gesucht hatte. Er drehte das Buch um. »Dies war sein Wappen.« Mumm betrachtete die vertraute Darstellung einer Morpork-Eule, die auf einem Henkelkreuz saß. Der Schild darunter hatte vier Felder; jedes war mit einem Symbol gefüllt. »Was bedeutet die Krone und der Dolch darin?« »Oh, das ist ein traditionelles Symbol, ah-ha. Es steht für seine Rolle als Verteidiger der Krone.« »Ach? Und die zusammengebundenen Stäbe mit der Axt?« Mumm deutete auf das entsprechende Zeichen. »Ein Rutenbündel mit Beil. Es symbolisiert seinen Status als Vertreter des Gesetzes. Und das Beil… Es war gewissermaßen ein Vorbote, kün- dete von… interessanten Dingen in der Zukunft. Doch ich fürchte, mit Beilen löst man keine Probleme.« Mumm betrachtete das dritte Feld, das eine Art Marmorbüste zeigte. »Ein Symbol für den Spitznamen ›Altes Steingesicht‹«, erklärte Dra- chenkönig. »Er bat um diesen Hinweis. Manchmal ist Heraldik kaum mehr als die Kunst des geschickten Wortspiels.«, »Und das letzte Zeichen?« fragte Mumm. »Weintrauben? Mein Vorfahr hat wohl gern einen über den Durst getrunken.« »Nein. Ah-ha. Manche Leute brauchen Wein für ihren Mut. Mut – Mumm. Verstehst du?« Mumm verzog das Gesicht. »Oh, das hast du mit ›geschickten Wort- spielen‹ gemeint. Ich schätze, dabei kugeln sich die Leute vor Lachen.« Drachenkönig schloß das Buch und seufzte. »Jene, die tun, was getan werden muß, ernten selten Lohn. Dafür gibt es viele Beispiele, und leider läßt sich nichts daran ändern.« Die Stimme verlor ihren kummervollen Klang, als sie fortfuhr: »Nun, ich habe mich sehr gefreut, als ich von deiner Heirat mit Lady Sybil erfuhr, Kommandeur. Eine ausgezeichnete Familie. Gehört zu den ehrenwertesten in der Stadt, ah-ha. Die Käse- dicks, die Selachiis, die Venturis, die Nobbses nicht zu vergessen…« »Das wär’s also, wie?« fragte Mumm. »Ich sollte wohl besser gehen.« »Ich bekomme nur selten Besuch«, sagte Drachenkönig. »Normaler- weise kümmern sich die Wappenherolde um alles, aber ich dachte, daß dir eine Erklärung zusteht. Ah-ha. Wir haben jetzt viel zu tun. Einst wa- ren wir mit richtiger Heraldik beschäftigt, aber dies ist das Jahrhundert des Flughunds, wie ich hörte. Wenn heute jemand seinen zweiten Fleischpa- stetenladen eröffnet, hält er sich gleich für einen Gentleman.« Mit einer schmalen weißen Hand deutete er auf drei Wappen, die nebeneinander an einer Tafel hingen. »Der Metzger, der Bäcker und der Kerzenhalter- macher.« Er lachte mit leisem Spott. »Nun, der Kerzenmacher, um genau zu sein. Für ihn müssen wir in den Aufzeichnungen nach Hinweisen darauf suchen, daß er ein Wappen verdient…« Mumm betrachtete die drei Schilde. »Habe ich das nicht schon mal ir- gendwo gesehen?« fragte er. »Ah. Herr Arthur Traggut, Kerzenmacher«, sagte Drachenkönig. »Plötzlich blüht das Geschäft, und er glaubt, ein feiner Herr werden zu müssen. Ein Schild, geteilt von einem Schrägbalken d’une mèche en me- tal gris. Das heißt, ein stahlgrauer Schild, der persönliche Entschlossen- heit und Eifer zum Ausdruck bringt (wie eifrig, ah-ha, die Geschäftsleute sind!), geteilt von einem Docht. In der oberen Hälfte sehen wir einen chandelle in a fenêtre avec rideaux houlant – eine Kerze, die ein Fenster mit warmem Glanz erleuchtet, ah-ha. Die untere Hälfte enthält zwei, chandeliers illuminé, was symbolisiert, daß der Bursche seine Kerzen sowohl an Arme als auch an Reiche verkauft. Glücklicherweise war sein Vater Hafenmeister, weshalb wir eine lampe au poisson – eine Lampe in Gestalt eines Fisches – hinzufügen konnten. Sie verdeutlicht nicht nur den Beruf des Vaters, sondern auch den des Sohnes. Für das Motto habe ich die moderne Sprache gewählt: ›Die Kerze läßt sich gut tragen.‹ Das war ein wenig frech, ah-ha, aber ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen.« »Wirklich sehr lustig, ah-ha«, erwiderte Mumm. Irgend etwas trat nach seinem Gehirn und versuchte, dessen Aufmerksamkeit zu wecken. »Dieses Wappen ist für Herrn Gerhardt Socke, den Präsidenten der Fleischergilde«, sagte Drachenkönig. »Seine Frau hat ihm eingeredet, daß er unbedingt ein Wappen braucht, und wer sind wir, daß wir der Tochter eines Kaldaunenhändlers widersprechen könnten. Der Schild ist rot, rot wie Blut, mit blauen und weißen Streifen, wie die Schürze eines Metz- gers. Ein Würstchenstrang teilt das Wappen in zwei Hälften. Im Zen- trum ein Hackbeil, gehalten von einer Hand, die in einem Boxhandschuh steckt – wir hielten es für passend, ah-ha, auf diese Weise ›Socke‹ darzu- stellen. Das Motto lautet: Futurus meus est in visceris. Übersetzt: ›Meine Zukunft liegt in den Eingeweiden.‹ Was sich nicht nur auf den Beruf bezieht, sondern auch, ah-ha, auf die alte Kunst des…« »…des Weissagens aus Innereien«, beendete Mumm den Satz. »Wirk- lich er-staunlich.« Das Etwas, das seine Aufmerksamkeit zu erringen suchte, sprang inzwischen auf und ab. »Dies hier, ah-ha, ist für Rudolph Potts von der Bäckergilde«, fuhr Drachenkönig fort. Mit einem dünnen, pergamentenen Finger deutete er auf den dritten Schild. »Kannst du die Darstellung deuten, Komman- deur?« Mumm richtete einen finsteren Blick darauf. »Das Wappen ist in drei Felder aufgeteilt, mit einer Rose, einer Flamme und einem Topf. Äh… Bäcker benutzen Feuer, und ich schätze, der Topf ist für Wasser…« »Außerdem bezieht er sich auf den Namen. Topf – Pott.« »Aber wenn er keinen Spitznamen wie etwa Rosie hat…« Mumm blin- zelte. »Die Rose ist eine Pflanze. So wie Getreide, aus dem man Mehl, gewinnt. Getreide, Feuer und Wasser? Aber der ›Pott‹… Sieht mir eher wie ein Nachttopf aus.« »Das alte Wort für ›Bäcker‹ lautet pistor«, erläuterte Drachenkönig. »Nun, Kommandeur, du hast das Zeug zu einem Wappenherold! Und das Motto?« »Quod subigo farinam«, las Mumm und runzelte die Stirn. »›Weil‹… Fari- nam bedeutet soviel wie ›mit Mehl oder Korn zu tun haben‹, nicht wahr? Nun… O nein. ›Weil ich den Teig knete‹?« Drachenkönig applaudierte. »Ausgezeichnet!« »Ich nehme an, ihr kommt an den langen Winterabenden aus dem La- chen nicht heraus«, kommentierte Mumm. »Und das ist Heraldik? Kreuzworträtsel und Wortspiele?« »Natürlich steckt noch viel mehr dahinter«, meinte Drachenkönig. »Diese Schilde sind ganz einfach. Wir erfinden sie praktisch. Doch die Wappen von alten Familien wie zum Beispiel den Nobbses…« »Nobbs!« entfuhr es Mumm, als bei ihm endlich der Groschen fiel. »Das ist es! Du hast sie schon einmal erwähnt, die Nobbses… Es soll eine alte Familie sein?« »O ja. Ah-ha. Ja. Eine ehrwürdige alte Familie. Allerdings erlebt sie derzeit einen bedauerlichen Niedergang.« »Meinst du ›Nobbs‹ wie in… Korporal Nobbs?« fragte Mumm. Entset- zen vibrierte in seinen Worten. Ein Buch wurde geöffnet. Im matten Licht sah Mumm die schemen- haften Bilder einiger Schilde und einen wuchernden, ungestutzten Stammbaum. »Meinst du einen gewissen C. W. St. J. Nobbs?« »Äh… ja. Ja!« »Sohn von Sconner Nobbs und einer Dame, die ›Maisie von der Ul- menstraße‹ genannt wird?« »Ich denke schon.« »Enkel vom Schrägen Nobbs?« »Das klingt richtig.«, »Des unehelichen Sohns von Edward St. John de Nobbes, Graf von Ankh, und eines Stubenmädchens unbekannter Herkunft?« »Meine Güte!« »Du kennst den Gentleman?« Mumm lauschte verblüfft dem mentalen Echo eines Satzes, der Kor- poral Nobbs betraf und das Wort »Gentleman« enthielt. »Äh… ja«, ant- wortete er. »Ist er ein begüterter Mann?« »In gewisser Weise. Die meisten Sachen in seinem Besitz gehören an- deren Leuten.« »Nun, ah-ha, gib ihm Bescheid. Land oder Geld gibt es nicht mehr, aber der Titel ist noch vorhanden.« »Entschuldige bitte. Ich möchte dies alles richtig verstehen. Korporal Nobbs – mein Korporal Nobbs – ist der Graf von Ankh?« »Darauf deutet alles hin. Er müßte uns natürlich einen Beweis seiner Abstammung bringen.« Mumm starrte in die dunkle Leere. Einen Beweis für seine Abstam- mung? Bisher war es Nobbs schwer genug gefallen zu beweisen, daß er zur Gattung Mensch gehörte. »Meine Güte!« wiederholte Mumm. »Und er hat ein Wappen?« »Sogar ein besonders gutes.« »Oh.« Bisher hatte Mumm überhaupt keinen Wert auf ein Wappen gelegt. Noch vor einer Stunde wäre er bereit gewesen, den vereinbarten Termin unter irgendeinem Vorwand abzusagen. Aber jetzt… »Nobbs?« ächzte er. »Bei den Göttern…« »Nun, das Gespräch mit dir hat mir sehr gefallen«, sagte Drachenkönig. »Ich bin immer bestrebt, die Aufzeichnungen zu aktualisieren. Ah-ha. Wie kommt übrigens Hauptmann Karotte zurecht? Seine Freundin soll ein Werwolf sein, wie ich hörte. Ah-ha.« »Na so was«, murmelte Mumm., »Ah-ha.« Drachenkönig bewegte sich in der Düsternis. Seine Geste mochte ein verschwörerisches Klopfen an den Nasenflügeln sein. »Mit solchen Dingen kennen wir uns aus!« »Hauptmann Karotte geht es gut«, sagte Mumm betont eisig. »Haupt- mann Karotte geht es immer gut.« Er verließ den Raum und schlug die Tür hinter sich zu. Dutzende von dunkel brennenden Kerzenflammen flackerten. Obergefreite Angua kam aus einer Seitengasse und zog den Gürtel fest. »Ich glaube, das lief ganz gut«, sagte Karotte. »Außerdem haben wir uns damit wieder den Respekt der Allgemeinheit verdient.« »Puh, der Ärmel des Mannes…« Angua wischte sich den Mund ab. »Ich fürchte, seine Jacke ist noch nie gewaschen worden.« Automatisch fielen sie in den typischen Polizistengang, bei dem das Schwunggewicht der Beine den Gehenden mit minimalem Kraftaufwand gehen läßt. Es war wichtig, durch die Straßen der Stadt zu wandern, hatte Mumm gesagt. Und da diese Worte von Mumm stammten, glaubte Ka- rotte fest an sie. Durch die Straßen der Stadt wandern und mit den Leu- ten reden. Wer weit genug wanderte und mit ausreichend Leuten sprach, fand früher oder später Antworten. Der Respekt der Allgemeinheit, dachte Angua. Ein typischer Karotte- Ausdruck. Nein, das stimmte nicht ganz. Eigentlich war es ein Mumm- Ausdruck, aber der Kommandeur spuckte immer aus, nachdem er solche Worte in den Mund genommen hatte. Doch Karotte nahm sie sehr wich- tig. Er hatte dem Patrizier vorgeschlagen, Gewohnheitsverbrecher soll- ten »der Allgemeinheit dienen«, indem sie zum Beispiel die Wohnungen alter Leute neu tapezierten, was dem Alter einen neuen Schrecken hinzu- fügte. Aufgrund der Kriminalitätsrate von Ankh-Morpork bekam das Wohnzimmer einer älteren Dame so oft neue Tapeten, daß sie sich schließlich nur noch seitlich durch die Tür schieben konnte.* * Kommandeur Mumm hingegen hielt es für angebracht, Verbrechern einen kur- zen, ordentlichen Schreck zu versetzen, dessen Stärke davon abhing, wie fest sie an den Blitzableiter gebunden werden konnten., »Ich habe etwas sehr Interessantes gefunden, das dich sehr interessie- ren wird«, sagte Karotte nach einer Weile. »Das ist interessant«, erwiderte Angua. »Aber ich sage dir nicht, was ich meine, denn es soll eine Überraschung sein«, fügte Karotte hinzu. »Oh, gut.« Eine Zeitlang gingen sie schweigend, dann fragte Angua: »Wird die Überraschung ebenso groß sein wie die bei der Steinsammlung, die du mir in der vergangenen Woche gezeigt hast?« »Das war interessant, nicht wahr?« erwiderte Karotte begeistert. »Min- destens zehnmal bin ich durch diese Straße gegangen, ohne zu ahnen, daß es dort ein Mineralmuseum gibt! All die vielen Silikate!« »Wirklich bemerkenswert. Man sollte meinen, daß die Leute vor einem solchen Museum Schlange stehen.« »Ja. Es ist mir ein Rätsel, warum das nicht so ist.« Angua erinnerte sich, daß es in Karottes Seele nicht einmal ein Spuren- element von Ironie gab. Sie sagte sich auch, daß er keine Schuld hatte. Immerhin war er bei Zwergen in einem Bergwerk aufgewachsen – er hielt Steine tatsächlich für interessant. Vor zwei Wochen hatten sie eine Eisengießerei besucht. Auch das war »interessant« gewesen. Und doch… und doch… Man mußte Karotte einfach mögen. Selbst Leute, die er verhaftete, fanden ihn sympathisch. Auch alte Damen, die in Wohnungen leben mußten, in denen es ständig nach Kleister und fri- scher Farbe roch. Angua mochte ihn ebenfalls. Sogar sehr. Um so schwerer würde es ihr fallen, ihn zu verlassen. Sie war ein Werwolf. Entweder verbrachte man seine Zeit mit dem Versuch, diese Wahrheit vor den Leuten zu verbergen. Oder man beo- bachtete, wie sie auf Distanz gingen und miteinander flüsterten, sobald man ihnen den Rücken zukehrte – obwohl man den Kopf drehen mußte, um das zu sehen. Karotte nahm keinen Anstoß an ihrem wahren Wesen. Aber die Reak- tionen der anderen Leute blieben nicht ohne Einfluß auf ihn. Es bereite- te ihm Unbehagen, daß selbst freundliche Kollegen irgendwelche Ge- genstände aus Silber bei sich trugen. Das setzte ihm immer mehr zu. Die, Spannung in ihm wuchs, und er wußte nicht, wie er damit fertig werden sollte. Alles kam so, wie Anguas Vater es vorausgesagt hatte. Wenn du dich außerhalb der Mahlzeiten mit Menschen einläßt, könntest du genausogut in eine Silbermine springen. »Nach der Feier im nächsten Jahr soll ein großes Feuerwerk stattfin- den«, sagte Karotte. »Feuerwerke gefallen mir sehr.« »Ich frage mich, warum Ankh-Morpork die Tatsache feiern will, daß es vor dreihundert Jahren einen Bürgerkrieg gegeben hat«, meinte Angua. Sie kehrte ins Hier und Heute zurück. »Warum denn nicht?« erwiderte Karotte. »Wir haben gewonnen.« »Ja, aber ihr habt ihn auch verloren.« »Ich finde, daß man die Dinge immer von der positiven Seite sehen soll. Ah, da sind wir ja.« Angua sah auf das Schild, beugte sich vor und las Zwergenrunen. »Zwergenbrotmuseum. Meine Güte. Ich kann es gar nicht abwarten.« Karotte nickte glücklich und öffnete die Tür. Es roch nach uralten Krusten. »Hallo, Herr Hopkinson?« rief er. Niemand antwortete. »Manchmal verläßt er das Museum«, fügte er erklärend hinzu. »Wahrscheinlich dann, wenn die Aufregung zuviel für ihn wird«, erwi- derte Angua. »Hopkinson? Das ist kein Zwergenname, oder?« »Oh, er ist ein Mensch.« Karotte trat ein. »Und ein Fachmann für Zwergenbrot. Es ist praktisch sein Lebensinhalt. Er hat das maßgebende Buch über offensives Backen geschrieben. Nun, da er nicht anwesend ist… Ich nehme zwei Eintrittskarten und lege ihm zehn Cent auf den Tisch.« Nichts deutete darauf hin, daß Herr Hopkinson häufig Besuch erhielt. Staub lag auf dem Boden und auf den Vitrinen, bildete eine dicke Schicht auf den Ausstellungsstücken. Die meisten Exponate hatten die vertraute Kuhfladenform, gewissermaßen ein visuelles Echo ihres Geschmacks, aber es gab auch Brötchen, Nahkampf-Pfannkuchen, gefährlichen Wurf- toast und eine große Auswahl an anderen Formen, ersonnen von einem, Volk, das selbst Nahrungsmittel als Waffen benutzt – auf eine sehr hin- gebungsvolle und für den jeweiligen Gegner oft fatale Weise. »Wonach suchen wir hier?« fragte Angua. Sie schnüffelte – ein scheuß- licher, alles andere als unbekannter Geruch hing in der Luft. »Nach dem – bist du bereit? – Kampfbrot von B’hrian Blutaxt!« sagte Karotte und kramte in den Schubladen des Schreibtischs neben dem Eingang. »Du meinst… ein Laib Brot? Du hast mich an diesen Ort geführt, um mir einen Laib Brot zu zeigen?« Angua schnüffelte erneut. Ja. Blut. Frisches Blut. »So ist es«, bestätigte Karotte. »Es ist eine Leihgabe und soll hier für zwei Wochen ausgestellt werden. Bei der Schlacht vom Koomtal hat Blutaxt den Laib mit eigenen Händen geschwungen und siebenundfünf- zig Trolle getötet. Allerdings…« Karottes Stimme veränderte sich: Un- überhörbarer Enthusiasmus wurde zu bürgerlichem Verantwortungsbe- wußtsein. »…liegt das alles schon lange zurück, und wir sollten uns von derartigen historischen Ereignissen nicht den Blick trüben lassen für die multiethnische Gesellschaft im Jahrhundert des Flughunds.« Eine Tür knarrte. »Das Kampfbrot…«, ließ sich Angua vernehmen. »Schwarz, nicht wahr? Und ein ganzes Stück größer als ein normaler Laib, habe ich recht?« »Ja, stimmt«, sagte Karotte. »Und Herr Hopkinson… Klein? Mit einem weißen Spitzbart?« »Das ist er.« »Und sein Kopf zertrümmert?« »Wie bitte?« »Ich glaube, du solltest dir das hier ansehen«, meinte Angua und wich zur Seite. Drachenkönig von Wappen saß bei seinen Kerzen. Das ist also Kommandeur Sir Samuel Mumm, dachte er. Ein dummer Mann. Offenbar nicht imstande, über den Horizont seines Rangabzei-, chens hinauszusehen. Und solche Leute bringen es heutzutage zu etwas. Sie haben auch einen gewissen Nutzen; vermutlich hat ihn Lord Vetinari deshalb befördert und zum Ritter geschlagen. Dumme sind oft zu Din- gen fähig, über die intelligente Personen nicht einmal nachzudenken wagen… Er seufzte und zog ein weiteres Buch zu sich heran. Es war nicht viel größer und dicker als die anderen in seinem Arbeitszimmer, was jeden gewundert hätte, der über den Inhalt Bescheid wußte. Er war stolz darauf. Es war ein recht ungewöhnliches Werk, aber es überraschte ihn – besser gesagt, es hätte ihn überrascht, wenn ihn wäh- rend der vergangenen hundert Jahre überhaupt irgend etwas hätte über- raschen können –, wie leicht ihm einiges davon gefallen war. Er brauchte das Buch nicht einmal aufzuschlagen, um darin zu lesen. Längst kannte er den Inhalt auswendig. Sorgfältig gezeichnete Stammbäume, nicht minder gewissenhaft niedergeschriebene Namen… Er las sie, und gleichzeitig kamen die Worte aus seinem Gedächtnis. Die Überschrift auf der ersten Seite lautete: »Die Abstammung von König Karotte L, durch die Gnade der Götter König von Ankh- Morpork.« Über die nächsten zwölf Seiten erstreckte sich ein komplexer Stammbaum, der schließlich in den Hinweis mündete: verheiratet mit… Die dortigen Worte hatten nur vorläufigen Charakter. »Delphine Angua von Überwald«, las Drachenkönig laut. »Vater und, ah-ha, Ahn, Baron Guye von Überwald, auch bekannt unter dem Namen Silberschwanz. Mutter Serafine Soxe-Bloonberg, auch bekannt als Gelb- fang, von Gennua…« Dieser Teil war eine beachtenswerte Leistung. Drachenkönig hatte er- wartet, daß seine Gesandten Schwierigkeiten bekamen mit den wölfi- scheren Bereichen von Anguas Herkunft, aber wie sich herausstellte, brachten auch die Bergwölfe diesen Angelegenheiten großes Interesse entgegen. Anguas Vorfahren waren in der Hierarchie des Rudels immer an der Spitze gewesen. Drachenkönig von Wappen lächelte. Soweit es ihn betraf, spielte die Spezies nur eine untergeordnete Rolle. Es kam in erster Linie auf einen guten Stammbaum an. Nun, so sah die Zukunft aus, wie sie sein konnte., Er schob das Buch beiseite. Einer der Vorteile eines langen Lebens be- stand darin, daß man die Fragilität der Zukunft sah. Die Menschen spra- chen von »Frieden in unserer Zeit« und vom »Reich, das tausend Jahre währt«, doch schon ein halbes Leben später erinnerte sich niemand mehr an die betreffenden Personen, geschweige denn an das, was sie gesagt hatten oder wo der aufgebrachte Mob die Asche ihrer verbrannten Lei- chen verstreut hatte. Kleinere Dinge änderten die Geschichte. Manchmal genügten einige geschriebene Worte. Er griff nach einem anderen Buch. Auf dessen zweiter Titelseite stand: »Die Abstammung von König…« Wie würde sich der Mann nennen? Das ließ sich kaum erraten. Und wenn schon… Drachenkönig nahm einen Stift und schrieb: »Nobbs.« Er lächelte im vom Kerzenschein kaum erhellten Raum. Die Leute redeten immer wieder über den wahren König von Ankh- Morpork, doch die Geschichte lehrte etwas Grausames. Ihre oft blutige Lektion lautete: Der wahre König ist der Mann, der die Krone trägt. Bücher füllten auch dieses Zimmer. Das war der erste Eindruck: eine feuchte, erdrückende Büchermasse. Pater Tubelcek lag auf einem kleinen Hügel aus Büchern. An seinem Tod konnte kein Zweifel bestehen. Niemand konnte so viel Blut verlie- ren und dabei lebendig bleiben. Oder mit einem Kopf, der aussah wie ein Fußball, aus dem jemand die Luft herausgelassen hatte, überleben. Ein ziemlich großer Hammer mußte ihn getroffen haben. »Die Alte dort kam schreiend aus dem Haus gerannt, und deshalb bin ich reingegangen«, sagte Obergefreiter Besuch und salutierte. »Ich habe hier alles so vorgefunden, Herr Kommandeur.« »Genau so, Obergefreiter Besuch?« »Ja, Herr Kommandeur. Übrigens heiße ich Besuch-die-Ungläubigen- mit-erläuternden-Broschüren, Herr Kommandeur.« »Wer ist die Alte?« »Frau Kanacki, Herr Kommandeur. So hat sie sich vorgestellt. Sie brachte dem Priester seine Mahlzeiten. Erledigte alles für ihn.«, »Wie meinst du das?« »Oh, sie hat geputzt und so.« Es stand tatsächlich ein Tablett auf dem Boden, komplett mit zerbro- chener Schüssel und Haferbrei. Die alte Dame mußte sehr verblüfft fest- gestellt haben, daß jemand den Priester erledigt hatte, für den sie alles erledigte. »Hat sie ihn angerührt?« fragte Mumm. »Angeblich nicht.« Das bedeutete, daß der Priester einen erstaunlich friedlichen Tod ge- storben war: Seine Hände ruhten gefaltet auf der Brust, seine Augen waren geschlossen. Etwas steckte zwischen seinen Lippen. Es schien ein zusammengeroll- tes Blatt Papier zu sein, was dem Leichnam ein fast heiteres Erschei- nungsbild verlieh – als hätte Tubelcek nach dem Sterben beschlossen, eine Zigarette zu rauchen. Mumm griff danach, entrollte das Blatt und starrte auf fein säuberlich geschriebene Symbole, die für ihn unverständlich blieben. Bemerkens- wert waren sie, weil der Autor die einzige Flüssigkeit, die an diesem Ort reichlich zur Verfügung stand, als Tinte benutzt hatte. »Bäh«, sagte Mumm. »Mit Blut geschrieben. Weiß jemand, was diese Zeichen bedeuten?« »Ja, Herr Kommandeur!« Mumm rollte mit den Augen. »Ich höre, Obergefreiter Besuch.« »Besuch-die-Ungläubigen-mit-erläuternden-Broschüren, Herr Kom- mandeur«, erwiderte Obergefreiter Besuch und schmollte ein wenig. »… die-Ungläubigen-mit-erläuternden-Broschüren* – ich wollte es ge- rade hinzufügen, Obergefreiter«, sagte Mumm. »Nun?« * Obergefreiter Besuch stammte aus Omnien, einem Land, dessen traditionelle Bekehrungstätigkeit darin bestand, Ungläubige zu foltern und hinzurichten. Seit einiger Zeit ging es dort etwas zivilisierter zu, aber Omnianer hatten noch immer die Tendenz, mit unermüdlichem Eifer das Wort zu verkünden. Sie setzten dazu jetzt nur andere Waffen ein. Obergefreiter Besuch verbrachte seine freien Tage in Gesellschaft des Glaubensbruders Fege-den-Widerstand-des-Ungläubigen-mit-, »Es ist die alte klatschianische Schrift«, meinte Obergefreiter Besuch. »Ich denke zum Beispiel an den Wüstenstamm der sogenannten Zeno- zacken. Sie hatten ein sehr hoch entwickeltes, unglücklicherweise aber auch fehlerhaftes…« »Ja, ja, ja«, sagte Mumm, der den verbalen Fuß in der auralen Tür sah. »Weißt du, was die Zeichen bedeuten?« »Ich könnte es herausfinden, Herr Kommandeur.« »Gut.« »Da fällt mir ein… Hast du inzwischen Zeit gefunden, einen Blick in das Informationsmaterial zu werfen, das ich dir neulich gegeben habe?« »Bin sehr beschäftigt gewesen«, erwiderte Mumm automatisch. »Oh, kein Problem, Herr Kommandeur«, sagte Besuch und lächelte das schiefe Lächeln eines Mannes, der weiß, daß er kaum hoffen darf. »Es genügt völlig, wenn du irgendwann die Zeit findest.« Zahllose Bücher waren aus den Regalen gefallen, viele von ihnen hat- ten Seiten eingebüßt, die überall herumlagen. Blut bildete große Flecken darauf. »Es scheinen religiöse Werke zu sein«, sagte Mumm. »Wirf mal einen Blick hinein. Vielleicht entdeckst du etwas.« Er drehte sich um. »Sieh dich hier gut um, Detritus.« Der Troll zeichnete gerade die Umrisse der Leiche mit Kreide auf den Boden. »Ja, Herr Kommandeur. Weshalb, Herr Kommandeur?« »Vielleicht fällt dir was auf.« »Ja, Herr Kommandeur.« Mit einem leisen Brummen ging Mumm in die Hocke, sein Zeigefinger berührte einen grauen Fleck auf dem Boden. »Schmutz«, sagte er. »So was man findet auf Böden, Herr Kommandeur«, erklärte Detritus. »Allerdings ist dieses Zeug grauweiß«, stellte Mumm fest. »Und in die- ser Gegend findet man nur schwarzen Lehm.« »Ah«, entgegnete Feldwebel Detritus. »Eine Spur.« schlauen-Argumenten-hinweg. Gemeinsam gingen sie von Tür zu Tür, weshalb sich unschuldige Bürger überall in der Stadt hinter ihren Möbeln versteckten., »Könnte natürlich wirklich nur gewöhnlicher Schmutz sein.« Und da war noch etwas. Jemand hatte versucht, das Durcheinander der Bücher zu ordnen. Einige Dutzend von ihnen bildeten einen hohen Sta- pel. Das größte Exemplar lag unten, das kleinste oben, und die Buchrük- ken waren genau parallel ausgerichtet worden. »Eins verstehe ich nicht«, sagte Mumm. »Es findet ein Kampf statt. Der Alte wird angegriffen. Und dann schreibt jemand etwas auf ein Blatt Papier – vielleicht der Mörder, vielleicht das Opfer selbst –, mit dem Blut des armen Kerls. Und dann rollt der Täter das Blatt zusammen und steckt es dem Sterbenden wie eine Zigarette zwischen die Lippen. Und dann ist der Alte tot. Und dann schließt ihm jemand die Augen, faltet ihm die Hände, räumt auf und… kehrt ins wilde Getümmel namens Ankh-Morpork zurück?« Falten bildeten sich auf der ehrlichen Stirn von Feldwebel Detritus, als dieser nachzudenken versuchte. »Vielleicht… vielleicht es geben Fußab- druck draußen vor Fenster«, sagte er schließlich. »Das immer sein gute Spur.« Mumm seufzte. Trotz seines Intelligenzquotienten in Höhe der Zim- mertemperatur war Detritus ein guter Polizist und ein noch besserer Feldwebel. Er besaß jene Art von Dummheit, die sich kaum zum Narren halten läßt. Es gab nur eins, das ihm noch schwerer fiel, als sich an ein neues Konzept zu gewöhnen: wieder Abstand davon zu nehmen.* »Detritus«, sagte Mumm so freundlich wie möglich, »vor dem Fenster ist kein Boden, sondern der Fluß, und zwar in einer Tiefe von zehn Me- tern. Dort kann es keine…« Er unterbrach sich. Sie sprachen hier über den Ankh. »Eventuelle Fußabdrücke wären längst zerlaufen«, fügte er hinzu. »Mit ziemlicher Sicherheit.« * Detritus war besonders gut, wenn es darum ging, Fragen zu stellen. Dabei kann- te er drei verschiedene Methoden: die direkte (»Bist du es gewesen?«), die beharr- liche (»Bist du ganz sicher, daß du es nicht doch gewesen bist?«) und die subtile (»Du bist es gewesen, nicht wahr?«). Zwar stellte er nicht die Schlauesten aller bisher erfundenen Fragen, doch Detritus’ Talent bestand darin, sie stundenlang mit unendlicher Geduld zu wiederholen, bis die Antwort schließlich lautete: »Ja! Ja! Ich bin es gewesen! Ja, ich gestehe alles! Und jetzt sag mir bitte, was ich getan habe!«, Trotzdem warf er einen Blick nach draußen, um ganz sicherzugehen. Unten gluckerte und blubberte der Fluß. Es gab keine Fußabdrücke, nicht einmal auf seiner berühmten Kruste. Doch auf dem Fenstersims entdeckte Mumm einen weiteren Schmutzfleck. Er nahm ein wenig von der Substanz zwischen Zeigefinger und Dau- men und schnupperte daran. »Noch mehr weißgrauer Ton«, sagte er. Mumm kannte keinen Ort in oder außerhalb der Stadt, an dem es wei- ßen Ton gab. Jenseits der Mauern von Ankh-Morpork gab es nur schwarzen Lehm, bis hin zu den Spitzhornbergen. Wer dort entlangging, war fünf Zentimeter größer, wenn er die andere Seite eines Felds erreich- te. »Weißer Ton«, murmelte er. »Wo kommt das Zeug her?« »Es sein ein Rätsel«, meinte Detritus. Mumm lächelte freudlos. Ja, es war ein Rätsel. Und Rätsel gefielen ihm nicht. Sie neigten dazu, immer rätselhafter zu werden, wenn man sie nicht löste. Rätsel bekamen sogar Junge, wenn man nicht aufpaßte. Gewöhnliche Morde geschahen ständig. So etwas konnte selbst Detritus aufklären. Wenn eine verzweifelte Ehefrau mit einem krummen Schür- haken vor dem am Boden liegenden Ehemann stand und heulte »Das hätte er nicht über unseren Neville sagen sollen!«, konnte man den Fall kaum über die nächste Kaffeepause hinaus strecken. Wenn mehrere Männer beziehungsweise Teile von ihnen an den Wänden der Geflickten Trommel festgenagelt waren und die übrigen Gäste unschuldige Mienen zur Schau trugen, bedurfte es keiner besonderen Intelligenz, um sich die jüngsten Ereignisse vorstellen zu können. Mumm blickte auf die Leiche des Priesters hinab. So viel Blut hätte man von einem so dürren und schmalbrüstigen Mann eigentlich nicht erwartet. In einem Kampf konnte er sicher kein nennenswerter Gegner gewesen sein. Der Kommandeur bückte sich und hob behutsam ein Lid des Toten. Ein trübes blaues Auge mit schwarzem Zentrum erwiderte seinen Blick von dort, wo der alte Priester jetzt weilte., Ein frommer Mann, der in zwei kleinen Zimmern gewohnt und sie, nach dem Geruch zu urteilen, nur selten verlassen hatte. Konnte der für irgend jemanden eine Bedrohung sein? Obergefreiter Besuch sah zur Tür herein. »Gerade ist ein Zwerg einge- troffen, der keine Brauen und einen angesengten Bart hat. Er meint, du hättest ihn herbestellt, Herr Kommandeur. Und einige Leute sagen, Pater Tubelcek sei ihr Pfarrer gewesen. Sie wollen ihn bestatten.« »Ah, der Zwerg ist sicher Kleinpo«, erwiderte Mumm. Er richtete sich auf. »Schick ihn hoch. Und was die Leute betrifft… Sag ihnen, daß sie sich noch etwas gedulden müssen.« Kleinpo kam die Treppe hoch, sah den Tatort und erreichte gerade noch rechtzeitig das Fenster, bevor er sich übergeben mußte. »Geht’s dir jetzt besser?« fragte Mumm schließlich. »Äh… ja. Ich hoffe es.« »Na schön. Dann überlasse ich alles dir.« »Äh… was soll ich hier eigentlich machen?« fragte Kleinpo, doch Mumm war bereits halb die Treppe hinunter. Angua knurrte. Damit wies sie Karotte darauf hin, daß er die Augen öff- nen konnte. Frauen konnten gerade in kleinen Dingen sehr seltsam sein – diese Worte hatte Colon einmal an Karotte gerichtet, als er glaubte, daß der junge Mann einen guten Rat benötigte. Sie wollten nicht ungeschminkt gesehen werden. Oder sie bestanden darauf, kleinere Koffer als Männer zu kaufen, obgleich sie immer mehr Kleidung mitnahmen. Angua wollte nicht beobachtet werden, wenn sie sich vom Menschen in einen Wer- wolf oder umgekehrt verwandelte. Es war ihr einfach unangenehm, meinte sie. Karotte durfte sie sowohl in der einen als auch in der anderen Gestalt sehen, nicht aber en route dazwischen. Durch Werwolfsaugen betrachtet, wirkte die Welt völlig anders. Zunächst einmal war sie schwarzweiß. Das galt zumindest für den schmalen Bereich der Wahrnehmung, den Angua als Mensch mit dem »Sehen« in Verbindung brachte. Doch wer scherte sich darum, wenn die Augen auf den Rücksitz verbannt wurden und die Nase fuhr, lachte und, alle anderen Sinnesorgane verspottete. Nachher erinnerte sich Angua an die Gerüche in Form von Farben und Geräuschen. Blut war dunkel- braun und ein tiefer Baß, altes Brot ein klimperndes helles Blau, und jeder Mensch eine vierdimensionale kaleidoskopische Symphonie. Die Nase »sah« nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. Wenn jemand eine Minute lang stillstand, war er für den Geruchssinn nach einer Stunde immer noch da – seine individuellen Aromen verblaß- ten nur sehr langsam. Angua durchstreifte die Flure und Gänge des Zwergenbrotmuseums, die Schnauze dicht am Boden. Sie lief auch nach draußen auf die Straße und suchte dort nach Spuren. Fünf Minuten später kehrte sie zu Karotte zurück und knurrte erneut. Als er die Augen wieder öffnete, streifte sie gerade das Hemd über. In dieser Hinsicht waren Menschen besser dran: Gegenüber Pfoten hatten Hände klare Vorteile. »Ich dachte, du würdest jemanden verfolgen«, sagte Karotte. »Wen?« frage Angua. »Wie bitte?« »Ich rieche den Toten, dich und das Brot. Sonst nichts.« »Sonst nichts?« wiederholte Karotte verwirrt. »Nur Schmutz. Staub. Das übliche Zeug. Oh, es gibt einige Spuren, aber die sind mehrere Tage alt. So habe ich zum Beispiel erfahren, daß du in der vergangenen Woche hiergewesen bist. Und andere Gerüche kommen hinzu: Fett, Fleisch, Kiefernharz, alte Speisen… Eins steht fest: Abgesehen von uns hat sich seit einem Tag kein anderes lebendes Ge- schöpf an diesem Ort aufgehalten.« »Aber du hast doch gesagt, daß jeder eine Spur hinterläßt.« »Ja. Das stimmt auch.« Karotte sah auf den toten Kurator hinab. Ganz gleich, wieviel Phanta- sie er investierte: Der Mann konnte unmöglich Selbstmord begangen haben. Nicht mit einem Laib Brot. »Vampire?« fragte Karotte. »Sie können fliegen…«, Angua seufzte. »Ich könnte einen Vampir riechen, der das Museum im vergangenen Monat besucht hat.« »In der Schublade liegt fast ein halber Dollar in kleinen Münzen«, sagte Karotte. »Und ein Dieb hätte es wohl eher auf das Kampfbrot abgese- hen, oder? Es ist ein sehr wertvolles kulturelles Artefakt.« »Hat der arme Mann Verwandte?« erkundigte sich Angua. »Eine ältere Schwester, soweit ich weiß. Einmal im Monat bin ich vor- beigekommen, um ein wenig mit dem Kurator zu plaudern. Er hat mir erlaubt, beim Sortieren der Ausstellungsstücke zu helfen.« »Das macht sicher viel Spaß.« Angua konnte die Worte einfach nicht zurückhalten. »Es war sehr… befriedigend«, sagte Karotte ernst. »Es hat mich an zu Hause erinnert.« Angua seufzte und betrat den Raum hinter dem kleinen Museum. Es war das typische Hinterzimmer solch eines Ortes: Dort lagerten all jene Dinge, die auf den Regalen keinen Platz mehr gefunden hatten, unter ihnen auch Objekte zweifelhafter Herkunft, zum Beispiel Münzen mit dem Prägedatum »52 v.d.Z.« Auf kleinen Tischen lagen Zwergenbrot- brocken, ein Werkzeugständer hielt Knethämmer in verschiedenen Grö- ßen. An einer Wand stand ein großer Ofen. »Der Kurator hat mit alten Rezepten experimentiert«, erklärte Karotte. Offenbar fühlte er sich verpflichtet, auch nach dem Tod des Alten des- sen Sachverstand zu loben. Angua öffnete die Tür des Ofens. Wärme glitt heraus. »Warum ein so großer Backofen?« fragte sie. »Und was ist das?« »Ah… Er hat Wurfbrötchen gebacken«, stellte Karotte fest. »Sind aus geringer Entfernung sehr gefährlich.« Angua schloß die Tür wieder. »Ich schlage vor, wir kehren zum Wach- haus zurück und…« Sie unterbrach sich. Nach einem Gestaltwandel gab es oft gefährliche Momente, besonders wenn es nicht mehr lange bis zum Vollmond dauerte – oder wenn dieser gerade erst verstrichen war. In ihrer Identität als Wolf empfand sie das, als nicht so schlimm. Sie blieb intelligent oder hatte zumindest das Ge- fühl, intelligent zu sein. Allerdings erwies sich das Leben als viel einfa- cher, was vermutlich bedeutete, daß sie »nur« ein sehr intelligenter Wolf war. Schwierig wurden die Dinge erst, wenn sich Angua wieder in einen Menschen verwandelte. Es dauerte einige Minuten, bis sich das morphi- sche Feld stabilisierte, und während dieser Zeit waren ihre Sinne beson- ders scharf. Dann waren die Gerüche noch immer unglaublich intensiv, und sie konnte Dinge hören, die gewöhnliche menschliche Ohren über- haupt nicht wahrnahmen. Wenn ein Wolf an einem Laternenpfahl schnupperte, stellte er fest, daß der alte Bonzo dort vorgestern vorbeige- kommen war, sich nicht ganz wohl fühlte und von seinem Herrchen noch immer Kutteln bekam. Doch das menschliche Selbst war mit der Fähigkeit ausgestattet, über das Warum und Weshalb nachzudenken. »Da ist noch etwas«, sagte Angua und atmete langsam ein. »Ganz schwach. Es stammt nicht von einem lebendigen Wesen. Riechst du es nicht? Wie… Schmutz, und doch anders. Es ist gelb und orange.« »Äh…«, erwiderte Karotte taktvoll. »Ich habe keine so gute Nase wie du.« »Dieser Geruch ist mir schon einmal aufgefallen, in einem anderen Teil der Stadt. An den genauen Ort entsinne ich mich nicht mehr… Er ist stark. Stärker als andere Gerüche. Irgendwie… schmutzig.« »Kein Wunder, bei den Straßen.« »Nein, ich meine keinen Dreck im üblichen Sinn. Es ist schärfer. Schriller.« »Weißt du, manchmal beneide ich dich. Es ist sicher interessant, gele- gentlich ein Wolf zu sein.« »Es hat auch Nachteile.« Zum Beispiel Flöhe, dachte Angua, als sie das Museum verließen und die Tür verschlossen. Und die Nahrung. Und das bohrende Gefühl, daß sie drei Büstenhalter gleichzeitig tragen sollte. Sie sagte sich immer wieder, daß sie alles unter Kontrolle hatte, und in gewisser Weise stimmte das auch. Bei Vollmond durchstreifte sie die nächtliche Stadt, und – zugegeben – manchmal genehmigte sie sich ein Huhn. Aber sie wußte stets, wo es geschehen war, und am nächsten Tag schob sie dort etwas Geld unter der Tür durch., Es war nicht leicht, ein Vegetarier zu sein, der morgens Fleischreste zwischen seinen Zähnen entdeckte. Aber wie dem auch sei: Sie hatte die Sache unter Kontrolle. Ja, eindeutig unter Kontrolle, beruhigte sie sich. Anguas Selbst durchstreifte die nächtliche Stadt, nicht etwa die Instink- te eines Werwolfs. Davon war sie fast ganz überzeugt. Ein Werwolf be- gnügte sich bestimmt nicht mit Hühnern. Sie schauderte. Wem wollte sie etwas vormachen? Tagsüber fiel es nicht schwer, Vege- tarier zu bleiben. Doch nachts mußte sie sich dagegen wehren, Men- schen auf ihren Speisezettel zu setzen. Die ersten Uhren schlugen elf, als Mumms Sänfte vor dem Palast des Patriziers hielt. Die Beine des Kommandeurs drohten nachzugeben, aber er schaffte die fünf langen Treppen trotzdem im Spurt. Im Gästesalon sank er müde auf einen Stuhl. Minuten verstrichen. Man klopfte nicht an die Tür des Patriziers. Er bestellte einen zu sich, in dem sicheren Wissen, daß man wartete. Mumm lehnte sich zurück und genoß die Ruhe. Irgendwo unter seiner Jacke erklang ein »Bimm-bumm-bimmel-bimm«. Er seufzte, holte ein ledernes Objekt von der Größe eines kleinen Bu- ches hervor und öffnete es. Ein freundliches, aber besorgtes Gesicht sah aus einem kleinen Käfig zu ihm auf. »Ja?« fragte Mumm. »Elf Uhr. Vormittag. Termin beim Patrizier.« »Ja? Und? Inzwischen ist es fünf Minuten nach elf.« »Äh«, erwiderte der Kobold. »Du hast den Termin wahrgenommen, stimmt’s?« »Nein.« »Soll ich dich weiter daran erinnern?«, »Nein. Übrigens hast du mich nicht darauf hingewiesen, daß man mich um zehn bei den Wappenherolden erwartete.« Der Kobold erschrak. »Der Termin war doch für Dienstag vorgesehen, oder? Ich hätte schwören können, daß du von Dienstag gesprochen hast.« »Ich bin bei den Wappenherolden gewesen«, betonte Mumm. »Vor ei- ner Stunde.« »Oh.« Der Kobold wirkte niedergeschlagen. »Äh… na schön. Ähm. Was hältst du davon, wenn ich dir sage, wie spät es in Klatsch ist? Oder in Gennua. Oder in Hunghung. Nenn mir irgendeinen Ort – ich kann dir die Uhrzeit nennen.« »Es interessiert mich überhaupt nicht, wie spät es in Klatsch ist.« »Aber vielleicht mußt du es mal wissen«, entgegnete der Kobold fast verzweifelt. »Stell dir nur mal vor, wie beeindruckt die Leute sind, wenn du eine Gesprächspause mit den Worten füllst: ›Da fällt mir ein, in Klatsch ist es eine Stunde früher.‹ Oder wenn du die Uhrzeit von Bes Pelargic oder Ephebe nennst. Frag mich. Nur zu. Nenn mir irgendeinen Ort.« Mumm seufzte innerlich. Er hatte ein Notizbuch. Darin notierte er sich wichtige Dinge. Und dann schenkte ihm Sybil – mochten die Götter sie segnen – einen mit fünfzehn verschiedenen Funktionen ausgestatte- ten Kobold. Zehn dieser fünfzehn Funktionen bestanden offenbar darin, sich für die Ineffizienz der anderen zu entschuldigen. »Du könntest eine Notiz aufzeichnen«, schlug Mumm vor. »Donnerwetter! Im Ernst? Meine Güte. In Ordnung. Überhaupt kein Problem.« Mumm räusperte sich. »Mit Korporal Nobbs über Dienst und Grafen- titel reden.« »Äh… entschuldige bitte. Lautet so die Notiz?« »Ja.« »Bitte um Verzeihung, aber du mußt zuerst ›Notiz Anfang‹ sagen. Ich bin ziemlich sicher, daß es so im Handbuch steht.«, »Ich werde versuchen, beim nächsten Mal darauf zu achten. Zeichne die Notiz jetzt auf.« »Entschuldigung, aber du mußt sie noch einmal wiederholen.« »Notiz Anfang: mit Korporal Nobbs über Dienst und Grafentitel re- den.« »Alles klar«, sagte der Kobold. »Soll ich dich zu einem bestimmten Zeitpunkt daran erinnern?« »Meinst du unsere Zeit hier?« erwiderte Mumm spöttisch. »Oder die in Klatsch?« »Da wir gerade dabei sind: Ich kann dir…« »Ich glaube, ich schreib’s in mein Notizbuch, wenn du nichts dagegen hast«, sagte Mumm. »Oh, wenn dir das lieber ist… Ich kann auch Handschriften erkennen«, verkündete der Kobold stolz. »Ich bin ziemlich hochentwickelt.« Mumm holte sein Notizbuch hervor. »Auch diese hier?« fragte er. Der Kobold spähte aus seinem Käfig. »Ja, genau, das ist eine Hand- schrift. Kein Zweifel. Besteht aus Kringeln und Schnörkeln und so. Handschrift, ganz klar.« »Sollst du mir nicht mitteilen, was sie bedeutet?« »Bedeutet?« wiederholte der Kobold verwundert. »Wie kann Gekritzel etwas bedeuten?« Mumm legte das recht abgenutzt aussehende Notizbuch beiseite und schloß den Deckel des Organizers. Dann lehnte er sich zurück und war- tete weiter. Irgendein kluger Kopf – sicher ein klügerer Kopf als jener, der für die Programmierung des Kobolds verantwortlich war – hatte die Uhr im Gästesalon des Patriziers konstruiert. Sie machte »Tick-tack« wie jede andere Uhr. Aber entgegen der üblichen horologischen Praxis war die Abfolge des Ticks und des Tacks unregelmäßig. Tick-tack-tick… dann eine Verzögerung, die nur den Bruchteil einer Sekunde dauerte… Tack- tick-tack… und ein Tick, das etwas schneller kam als erwartet. Nach zehn Minuten verwandelten sich selbst die Denkprozesse eines abgehär-, teten Bewußtseins in eine Art Brei. Vermutlich hatte der Patrizier dem Uhrmacher viel Geld dafür bezahlt. Inzwischen zeigte die Uhr Viertel nach elf an. Mumm stand auf, schritt zur Tür, ignorierte die Tradition und klopfte an. Kein Geräusch drang aus dem anderen Zimmer, nicht einmal das Flü- stern ferner Stimmen. Mumm griff nach der Klinke. Die Tür war nicht verschlossen. Lord Vetinari hielt Pünktlichkeit für die Tugend von Prinzen. Mumm trat ein. Grinsi kratzte pflichtbewußt den krümeligen grauweißen Schmutz vom Boden und untersuchte anschließend die Leiche von Pater Tubelcek. Anatomie gehörte zu den wichtigsten Fächern der Alchimistenschule, nach einer alten Theorie, die besagte, daß der menschliche Körper einen Mikrokosmos des Universums darstellte. Wenn man allerdings einen geöffneten Körper sah, konnte man sich kaum vorstellen, welcher Teil des Universums klein und purpurn war und Plopp-plopp machte, wenn man ihn anstieß. Junge Alchimisten lernten praktische Anatomie wäh- rend ihrer täglichen Arbeit, mußten sie sogar manchmal von den Wän- den kratzen. Wenn neuen Schülern ein Experiment in explosiver Kraft gelang, bestand das Ergebnis häufig darin, daß entweder ein neues Labo- ratorium gebaut werden mußte oder das Wer-findet-die-meisten- Eingeweide-Spiel veranstaltet wurde. Der Tote hatte mehrere Schläge auf den Kopf erhalten. Mehr ließ sich kaum feststellen. Die Tatwaffe mußte ein sehr schwerer stumpfer Ge- genstand gewesen sein.* * Ein ebenso beharrlicher wie falscher Mythos behauptet, daß die Erfinder von Todesinstrumenten durch diese selbst umkommen. Solche Behauptungen ent- behren fast jeder Grundlage. Colonel Shrapnel sprengte sich nicht in die Luft, und M. Guillotin starb mit unverletztem Hals. Colonel Gatling wurde nicht erschos- sen. Wäre der Totschläger-Hersteller Willibald Stumpfer-Gegenstand nicht in, Was erwartete Mumm sonst noch von Grinsi? Erneut sah der Zwerg auf die Leiche hinab. Es gab keine weiteren An- zeichen von Gewaltanwendung. Obwohl… an den Fingern des Toten war ein wenig Blut. Doch an Blut herrschte hier gewiß kein Mangel. Zwei Fingernägel waren gebrochen. Tubelcek hatte sich gewehrt oder zumindest versucht, sich mit den Händen zu schützen. Grinsi sah sich die Finger aus der Nähe an. Etwas steckte unter den Nägeln. Ein wächserner Glanz ging davon aus, wie von dicker Schmiere. Grinsi wußte nicht, was es damit auf sich hatte. Vielleicht bestand seine Aufgabe genau darin, dies herauszufinden. Gewissenhaft holte er einen Umschlag hervor, kratzte etwas von der Substanz hinein, klebte ihn zu und schrieb eine Nummer darauf. Dann nahm er den Ikonographen und fertigte einige Bilder von der Leiche an. Während er damit beschäftigt war, fiel ihm etwas auf. Mumm hatte ein Lid des Toten gehoben, und das betreffende Auge stand noch immer offen – Pater Tubelcek schien in die Ewigkeit zu zwinkern. Grinsi beugte sich näher. Er hatte zunächst geglaubt, es sich nur einge- bildet zu haben, aber bei näherem Hinsehen… Selbst jetzt war er nicht ganz sicher. Manchmal spielte einem die Phan- tasie seltsame Streiche. Er öffnete die kleine Klappe des Ikonographen und sagte zu dem Ko- bold im Innern des Apparats: »Kannst du ein Bild vom Auge malen?« Das kleine Geschöpf blickte durch die Linse. »Nur vom Auge?« quiek- te es. »Ja. Und möglichst groß.« »Du bist ja krank, Mann.« »Und sei still«, sagte Grinsi. einer Gasse überfallen und ermordet worden, hätten derartige Gerüchte kaum entstehen können., Er stellte den Ikonographen auf den Tisch. Aus dem Apparat drang das Geräusch von Pinselstrichen. Nach einer Weile wurde eine Kurbel gedreht – ein Bild glitt aus dem Ausgabeschlitz. Grinsi betrachtete es eine Zeitlang. Schließlich klopfte er an den Ka- sten, und die Klappe öffnete sich. »Ja?« »Noch größer. So groß, daß es das ganze Papier füllt.« Der Zwerg starrte auf das Bild. »Mal am besten nur die Pupille. Das Ding in der Mitte.« »Die Pupille? Und sie soll das ganze Papier füllen? Du hast sie ja nicht mehr alle.« Grinsi rückte den Ikonographen etwas näher an die Leiche heran. Zahnräder klickten, als der Kobold die Einstellung der Linsen veränder- te. Anschließend waren wieder Pinselstriche zu hören. Ein zweites, noch feuchtes Bild glitt durch den Schlitz. Es zeigte eine schwarze Scheibe. Und noch etwas mehr. Grinsi sah ganz genau hin. Ja, er hatte sich nicht getäuscht. Im Zen- trum der Pupille war tatsächlich etwas… Er klopfte an den Kasten. »Ja, Herr kranker Zwerg?« fragte der Kobold. »Die Mitte. So groß wie möglich, herzlichen Dank.« Grinsi hörte Detritus im Nebenzimmer umherstapfen. Das dritte Bild rutschte aus dem Kasten, unmittelbar darauf öffnete sich die Klappe. »Das wär’s. Ich habe keine schwarze Farbe mehr.« Das Bild war schwarz – abgesehen von einem kleinen Fleck im Zen- trum. Die Tür zur Treppe öffnete sich plötzlich, und Obergefreiter Besuch kam herein. Ihm blieb gar keine Wahl: Eine kleine Menge hinter ihm schob ihn ins Zimmer. Grinsi ließ das Bild schnell in der Tasche ver- schwinden., »Es ist unerhört!« ereiferte sich ein kleiner Mann mit langem schwar- zem Bart. »Wir verlangen, daß man uns hereinläßt! Wer bist du, junger Mann?« »Ich bin Gri… Korporal Kleinpo«, sagte Grinsi. »Und ich habe eine Dienstmarke, hier, sieh nur…« »Nun, Korporal«, sagte der Mann, »ich bin Wengel Riedelgut, und in un- serer Gemeinde genieße ich hohes Ansehen. Ich verlange, daß du uns den Leichnam von Pater Tubelcek überlaßt, und zwar sofort!« »Wir… äh… versuchen herauszufinden, wer ihn umgebracht hat«, er- widerte Grinsi. Hinter dem Zwerg bewegte sich etwas, und die Gesichter vor ihm wirkten plötzlich besorgt. Er drehte sich um und sah Detritus in der Tür des Nebenzimmers. »Alles in Ordnung ist?« fragte der Troll. Der Wache ging es inzwischen auch in finanzieller Hinsicht besser, deshalb trug Detritus nicht mehr die für einen Elefanten bestimmte Kampfrüstung, sondern einen richtigen Brustharnisch. Der Waffen- schmied hatte versucht, dem Metall das Aussehen von Muskeln zu ver- leihen, doch bei Detritus hätte er sich diese Mühe sparen können. Des- sen tatsächliche Muskeln wirkten weitaus beeindruckender. »Es irgendwelche Probleme gibt?« fragte er. Die Leute wichen zurück. »Ganz und gar nicht, Wachtmeister«, versicherte Wengel Riedelgut. »Äh… du bist nur so plötzlich vor uns aufgeragt…« »Ich ein natürlicher Aufrager bin«, erwiderte Detritus. »Ich rage auf immer, manchmal auch ganz plötzlich. Es also wirklich nicht gibt Schwierigkeiten?« »Nein, nein, überhaupt keine.« »Das mit Problemen und Schwierigkeiten seltsam ist«, verkündete De- tritus. »Wenn ich halte danach Ausschau, die Leute immer meinen, alles in bester Ordnung sein.« Herr Riedelgut straffte seine Gestalt., »Wir möchten die Leiche von Pater Tubelcek mitnehmen, um ihn zu begraben«, sagte er. Detritus wandte sich an Grinsi Kleinpo. »Du mit allem fertig?« »Ich denke schon…« »Er tot?« »O ja.« »Er sich davon erholen könnte?« »Vom Tod? Das wage ich zu bezweifeln.« »Na gut. Dann ihr dürft ihn mitnehmen.« Die beiden Wächter wichen beiseite, als die Leute den Leichnam hochhoben und forttrugen. »Warum du gemacht hast Bilder von dem Toten?« fragte Detritus. »Nun… äh… vielleicht müssen wir später wissen, wie er gelegen hat.« Detritus nickte verstehend. »Auf dem Boden er gelegen hat, oder? Und er gewesen frommer Mann?« Kleinpo holte das Foto hervor und betrachtete es noch einmal. Es war fast schwarz. Aber in der Mitte… Ein weiterer Wächter erschien am unteren Ende der Treppe. »Ist hier jemand namens…« Der Mann kicherte leise. »… Grinsi Kleinpo?« »Ja«, erwiderte Kleinpo düster. »Nun, Kommandeur Mumm läßt dir ausrichten, daß du sofort zum Pa- last des Patriziers kommen sollst, klar?« »He, du da sprichst mit Korporal Kleinpo«, grollte Detritus. »Schon gut«, sagte Grinsi. »Schlimmer kann’s eigentlich nicht werden.« Gerüchte sind so fein und sorgfältig destillierte Informationen, daß sie alles durchdringen können. Sie brauchen keine Türen oder Fenster, manchmal nicht einmal Personen. Sie führen ein freies, wildes Leben, springen von Ohr zu Ohr, ohne jemals die Lippen zu berühren. Die Sache war bereits bekannt geworden. Sam Mumm stand am hohen Fenster des Schlafzimmers von Lord Vetinari und beobachtete, wie sich Leute vor dem großen Gebäude einfanden. Es war kein Mob, nicht ein-, mal eine Menge. Doch die Brownsche Bewegung der Straßen trieb im- mer mehr Bürger zum Palast. Er entspannte sich ein wenig, als er einige Wächter durchs Tor kom- men sah. Der Patrizier lag auf dem Bett und öffnete die Augen. »Ah… Kommandeur Mumm«, murmelte er. »Was ist geschehen?« »Offenbar liege ich, Mumm.« »Ich habe dich bewußtlos in deinem Arbeitszimmer gefunden.« »Meine Güte. Vermutlich… zuviel Arbeit. Hab’s übertrieben. Nun, ich danke dir. Wenn du mir beim Aufstehen behilflich sein könntest…« Lord Vetinari stemmte sich hoch, zögerte und sank zurück. Er war sehr blaß. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Jemand klopfte an die Tür. Mumm öffnete sie einen Spalt. »Ich bin’s, Fred Colon. Ich habe eine Nachricht bekommen. Äh… was ist hier los?« »Oh, Fred. Wen von der Truppe hast du mitgebracht?« »Die Obergefreiten Feuerstein und Klaps, Herr Kommandeur.« »Gut. Jemand soll zu mir nach Hause laufen und Willikins auffordern, mir meine Straßenuniform zu bringen. Und mein Schwert. Und meine Armbrust. Und den Beutel mit den Sachen für die Nacht. Und Zigarren. Und Lady Sybil… Teilt Lady Sybil mit, daß ich… nun, daß ich mich hier um alles kümmern muß.« »Was ist denn passiert, Herr Kommandeur? Unten hat jemand behauptet, Lord Vetinari sei tot!« »Tot?« murmelte der Patrizier. »Unsinn!« Ruckartig richtete er sich auf, schwang die Beine aus dem Bett, erhob sich – und brach auf besonders langsame und schreckliche Weise zusammen. Lord Vetinari war recht groß, deshalb überstieg die Entfernung zum Boden das normale Maß. Außerdem fiel er in Raten, gewissermaßen Gelenk pro Gelenk. Die Fuß- knöchel gaben nach, und er sank auf die Knie. Ihr Aufprall verursachte ein lautes Pochen, und danach knickte Lord Vetinari in der Hüfte ein. Seine Stirn landete auf dem Teppich., »Oh«, sagte der Patrizier. »Seine Lordschaft ist nur ein wenig…« Mumm unterbrach sich, packte Colon am Arm und zog ihn mit sich, als er das Zimmer verließ. »Ich glaube, jemand hat versucht, ihn zu vergiften, Fred. Meiner Ansicht nach steckt ein Anschlag dahinter.« Colon wirkte entsetzt. »Bei den Göttern! Soll ich einen Arzt holen?« »Bist du übergeschnappt? Wir möchten doch, daß er überlebt!« Mumm biß sich auf die Lippe. Er hatte die Worte ausgesprochen, die ihm durch den Kopf gingen, und eine der Konsequenzen war vermut- lich, daß die Rauchfahne der Gerüchte über die ganze Stadt wehte. »Aber jemand sollte sich um ihn kümmern…«, fügte er hinzu. »Und ob!« bestätigte Colon. »Wie wär’s, wenn wir die Zauberer um Hilfe bitten?« »Wie können wir sicher sein, daß sie nicht dahinterstecken?« »Meine Güte!« Mumm versuchte, konzentriert nachzudenken. Alle Ärzte in Ankh- Morpork gehörten Gilden an, und alle Gilden haßten Vetinari, woraus folgte… »Wenn genug Wächter eingetroffen sind und du einen entbehren kannst… Schick jemanden nach Des-Königs-Daunen, um Krapfen-Karl zu holen.« Colons Entsetzen wuchs. »Krapfen-Karl? Er hat doch gar keine Ah- nung von Medizin und so! Er läßt nur Rennpferde mit irgendwelchen übelriechenden Tinkturen noch schneller laufen!« »Hol ihn, Fred.« »Und wenn er nicht kommen will?« »Dann richte ihm aus, daß Kommandeur Mumm weiß, warum La- chender Junge in der letzten Woche nicht die Hundert-Dollar-von- Quirm gewonnen hat. Sag ihm auch, mir sei bekannt, daß Chrysopras bei dem Rennen zehntausend Ankh-Morpork-Dollar verloren hat.« Colon war beeindruckt. »Deine Phantasie kann ziemlich gemein wer- den, Herr Kommandeur.«, »Bestimmt treffen hier bald viele Leute ein. Zwei Wächter sollen vor der Tür dieses Zimmers Posten beziehen – vorzugsweise Trolle oder Zwerge – und niemanden ohne meine Erlaubnis hereinlassen. Ist das klar?« Colons Gesicht wurde zu einer Grimasse, als mehrere Gefühle dahin- ter um die Vorherrschaft rangen. »Ich meine… vergiftet?« brachte er schließlich hervor. »Er hat doch Vorkoster und so.« »Vielleicht war es einer von ihnen, Fred.« »Potzblitz! Du traust niemandem, oder?« »Nein, Fred. Da fällt mir ein: Bist du der Schuldige? Nur ein Scherz«, fügte Mumm rasch hinzu, als Colon den Tränen nahe war. »Geh jetzt. Wir haben nicht viel Zeit.« Mumm schloß die Tür und lehnte sich dagegen. Einige Sekunden spä- ter drehte er den Schlüssel um und klemmte die Rückenlehne eines Stuhls unter die Klinke. Schließlich hob er den Patrizier hoch und legte ihn wieder aufs Bett. Der Mann stöhnte leise, und seine Lider zuckten. Gift, dachte Mumm. Das ist schlimmer als alles andere. Es macht keine Geräusche, und der Täter kann viele Kilometer entfernt sein. Man sieht das verdammte Zeug nicht, und oft kann man es nicht einmal riechen oder schmecken. Man weiß nicht, wo es sich befindet. Nur eins weiß man: Es tötet langsam… Lord Vetinari öffnete die Augen. »Ich bin durstig«, sagte er. Auf dem Nachtschränkchen standen ein Krug mit Wasser und ein Glas. Mumm griff nach dem Krug, dann zögerte er. »Ich beauftrage je- manden, frisches Wasser zu holen«, meinte er. Der Patrizier blinzelte wie in Zeitlupe. »Ah, Sir Samuel, wem kannst du trauen?« erwiderte er leise. Als Mumm nach unten ging, stellte er fest, daß in der großen Audienz- kammer viele Personen warteten. Voller Unruhe wanderten sie umher und zeigten das typische Verhalten von wichtigen Leuten: Wenn Be-, sorgnis und Unsicherheit ein gewisses Ausmaß erreichten, schlugen sie um in Ärger. Herr Boggis von der Diebesgilde trat als erster an den Kommandeur heran. »Was geht hier vor, Mumm?« fragte er. Er begegnete Mumms durchdringendem Blick. »Sir Samuel, meine ich«, korrigierte er sich und verlor dadurch etwas von seinem energi- schen Schwung. »Ich glaube, Lord Vetinari wurde vergiftet«, sagte Mumm. Das Hintergrundbrummen Dutzender von Stimmen wich jäher Stille. Boggis begriff, daß er die Frage gestellt hatte, weshalb er nun im Mittel- punkt stand. »Äh… auf fatale Weise?« erkundigte er sich. In dem erwartungsvollen Schweigen wäre eine Stecknadel laut zu Bo- den gefallen. »Noch nicht«, sagte Mumm. Köpfe drehten sich, und die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich Herrn Witwenmacher zu, dem Oberhaupt der Assassinengilde. »Ich weiß nichts von einem Auftrag, der Lord Vetinari betrifft«, erklär- te Witwenmacher. »Außerdem dürfte das Honorar für den Patrizier all- gemein bekannt sein: Wir haben es auf eine Million Ankh-Morpork- Dollar festgelegt.« »Und wer hat schon so viel Geld?« fragte Mumm. »Nun, du zum Beispiel, Sir Samuel«, entgegnete Witwenmacher. Hier und da erklang nervöses Lachen. »Wir möchten zum Patrizier, um einen unmittelbaren Eindruck von seinem Zustand zu bekommen«, sagte Boggis. »Nein.« »Nein? Und warum nicht, wenn ich fragen darf?« »Anweisung des Arztes.« »Ach? Welcher Arzt hat eine solche Anweisung erteilt?« Der hinter Mumm stehende Feldwebel Colon schloß die Augen. »Dr. Karl Folsom«, antwortete Mumm., Es dauerte einige Sekunden, bis jemandem ein Licht aufging. »Was? Meinst du etwa… Krapfen-Karl? Er ist ein Viehdoktor?« »Das habe ich gehört«, erwiderte Mumm. »Warum ausgerechnet er?« »Weil viele seiner Patienten überleben.« Mumm hob die Hände, als protestierende Stimmen laut wurden. »Und nun, meine Herren… Ich muß euch verlassen. Irgendwo treibt sich jemand herum, der versucht, andere Leute zu vergiften. Ich möchte ihn finden, bevor er zum Mörder wird.« Er kehrte zur Treppe zurück und schenkte den hinter ihm laut wer- denden Rufen keine Beachtung. »Glaubst du, mit Krapfen-Karl wirklich eine gute Wahl getroffen zu haben, Herr Kommandeur?« fragte Colon und schloß zu ihm auf. »Vertraust du ihm?« »Natürlich nicht!« »Na bitte. Er ist nicht vertrauenswürdig, und deshalb schenken wir ihm kein Vertrauen. So weit, so gut. Aber ich habe erlebt, wie er ein Pferd wieder auf die Beine gebracht hat, von dem alle anderen glaubten, es wäre reif für den Abdecker. Viehdoktoren müssen Resultate erzielen, Fred.« Das stimmte. Wenn ein Arzt, der Menschen behandelt, nach intensi- vem Aderlaß und Schröpfen feststellt, daß sein Patient aus reiner Ver- zweiflung gestorben ist, sagt er einfach: »Tja, schade, es war der Wille der Götter, das macht dreißig Dollar.« Anschließend geht er als freier Mann fort. Menschen haben in dem Sinn keinen Wert. Ein gutes Rennpferd hingegen kann zwanzigtausend Ankh-Morpork-Dollar wert sein. Ein Arzt, der es zu früh zur großen Koppel in den Himmel schickt, muß damit rechnen, daß er bald in irgendeiner dunklen Gasse eine Stimme hört, die ihm mitteilt: »Herr Chrysopras ist sehr verärgert.« Und er darf erwarten, daß der kurze Rest seines Lebens voller unliebsamer Zwi- schenfälle steckt. »Niemand scheint zu wissen, wo Hauptmann Karotte und Angua sind«, sagte Colon. »Heute ist ihr freier Tag. Außerdem ist Nobby ver- schwunden.«, »Dafür sollten wir eigentlich dankbar sein…« »Bumm-bumm-bimmel-bamm«, quiekte es in Mumms Tasche. Er holte den Organizer hervor und öffnete die Klappe. »Ja?« »Äh… zwölf Uhr«, sagte der Kobold. »Mittagessen bei Lady Sybil.« Das kleine Geschöpf sah zu den Gesichtern empor. »Äh… es ist doch alles in Ordnung, oder?« Grinsi Kleinpo wischte sich die Stirn ab. »Kommandeur Mumm hat recht«, sagte er. »Es könnte Arsen sein. Für mich sieht’s nach einer Arsenvergiftung aus. Sieh dir nur seine Gesichts- farbe an.« »Übles Zeug«, erwiderte Krapfen-Karl. »Hat er seine Lagerstreu gefres- sen? Äh… ich meine, hat er sein Bettzeug verspeist?« »Die Laken sind noch da, deshalb nehme ich an, die richtige Antwort lautet nein.« »Wie piß… harnt er?« »Äh… auf normale Weise, denke ich.« »Hm.« Krapfen-Karl kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe, wo- durch seine Zähne zu sehen waren. Sie waren bemerkenswert und hatten die gleiche Farbe wie das Innere einer Teekanne. »Laßt ihn ein wenig herumlaufen, mit lockeren Zügeln«, sagte er. Der Patrizier öffnete die Augen. »Du bist doch ein Doktor, oder?« frag- te er. Krapfen-Karl bedachte ihn mit einem unsicheren Blick. Er war nicht an sprechende Kranke gewöhnt. »Äh… ja… Ich habe viele Patienten.« »Tatsächlich? Nun, ich möchte nicht zu ihnen gehören.« Der Patrizier wollte aufstehen, sank jedoch sofort wieder zurück. »Ich rühre einen Arzneitrank an.« Krapfen-Karl wich langsam zurück. »Ihr müßt seine Nase zuhalten und ihm das Zeug zweimal pro Tag in den Hals kippen, in Ordnung? Und kein Hafer.« Er eilte fort und ließ Grinsi allein beim Patrizier zurück., Korporal Kleinpo sah sich im Zimmer um. Mumm hatte seine Instruk- tionen auf folgende Worte beschränkt: »Ich bin sicher, daß die Vorkoster keine Schuld trifft. Die müßten damit rechnen, daß man von ihnen ver- langt, den Rest zu essen. Trotzdem werde ich Detritus zu ihnen schik- ken. Du versuchst, das Wie zu klären. Um das Wer kümmere ich mich.« Wenn man kein Gift aß oder trank – was blieb dann übrig? Man konn- te es einatmen. Es war auch denkbar, einem Schlafenden Gift in die Oh- ren zu tröpfeln. In Frage kamen außerdem Berührungen. Oder ein klei- ner Pfeil… oder der Stich eines Insekts… oder… Der Patrizier bewegte sich und sah Grinsi aus trüben, blutunterlaufe- nen Augen an. »Bist du ein Polizist, junger Mann?« »Äh… ich habe gerade mit dem Dienst begonnen.« »Du scheinst aus dem Volk der Zwerge zu stammen.« Grinsi antwortete nicht. Er sah keinen Sinn darin, es zu leugnen. Aus irgendeinem Grund genügte ein Blick, um festzustellen, daß er ein Zwerg war. »Arsen ist ein sehr beliebtes Gift«, fuhr Lord Vetinari fort. »Es gibt Hunderte von Verwendungszwecken dafür. Einige Jahrhunderte lang waren zerriebene Diamanten äußerst beliebt, obwohl sie nie wirkten. Große Spinnen waren ebenso gefragt. Quecksilber eignet sich für die Geduldigen, Salpetersäure für diejenigen, denen es an Geduld fehlt. Kanthariden sind nie ganz aus der Mode geraten, und mit den Sekreten einiger Tiere läßt sich eine ganze Menge anstellen. Die Körperflüssigkeit der Raupe des Quantenwetterschmetterlings kann völlige Hilflosigkeit bewirken. Doch zu Arsen kehren wir zurück wie zu einem guten alten Freund.« Schläfrigkeit schwebte in der Stimme des Patriziers. »Ist es nicht so, junger Vetinari? Oh, ja, tatsächlich, Herr. Es stimmt haargenau. Aber wo sollen wir das Gift verstecken, wo wir doch wissen, daß alle danach su- chen werden? An dem Ort, wo man zuletzt danach Ausschau hält, Herr. Unsinn. Falsch. Wir verstecken es dort, wo man es überhaupt nicht ver- mutet…« Der Rest verlor sich in unverständlichem Murmeln., Die Bettwäsche, dachte Grinsi. Oder die Kleidung. Und die Haut nimmt das Gift langsam auf… Er hämmerte gegen die Tür. Ein Wächter öffnete. »Hol ein neues Bett.« »Wie bitte?« »Wir brauchen ein neues Bett. Schnell. Und frische Bettwäsche.« Er senkte den Blick. Der Teppich war nicht besonders groß. Anderer- seits gingen manche Leute in einem Schlafzimmer barfuß… »Bring diesen Läufer fort und besorg einen anderen.« Was sonst noch? Detritus kam herein, nickte Grinsi zu und sah sich aufmerksam um. Schließlich nahm er einen alten Stuhl. »Dieser hier sicher genügt«, sagte er. »Wenn er will, ich kann abbrechen die Rückenlehne oder so.« »Wozu denn?« fragte Grinsi. »Der alte Krapfen meinte, daß er braucht Stuhlprobe«, antwortete der Troll und ging wieder. Grinsi öffnete den Mund, um Detritus aufzuhalten, doch dann zuckte er mit den Schultern. Schaden konnte es sicher nicht. Je weniger Möbel, desto besser. Damit schienen alle erforderlichen Maßnahmen getroffen zu sein. Kleinpo hielt es für übertrieben, auch die Tapeten abreißen zu lassen… Samuel Mumm starrte aus dem Fenster. Vetinari hatte nur selten die Dienste von Leibwächtern in Anspruch genommen. Er beschäftigte Vorkoster, aber das war keineswegs unüb- lich. Außerdem pflegte er auch dabei einen eigenen, ganz persönlichen Stil: Seine Vorkoster wurden gut bezahlt und waren ausnahmslos die Söhne von Chefköchen. Doch der größte Schutz des Patriziers bestand darin, daß er allen Beteiligten lebend mehr nützte als tot. Die großen, mächtigen Gilden mochten ihn nicht, aber die Vorstellung, daß ein ande- rer vom Rechteckigen Büro aus über die Stadt regierte, gefiel ihnen noch viel weniger. Lord Vetinari repräsentierte Stabilität, eine kalte, klinische, Art von Stabilität. Zumindest ein Teil von Vetinaris Genie bestand aus der Erkenntnis, daß die Bürger sich nichts mehr wünschen als Stabilität. Er hatte einmal folgende kluge Worte an Mumm gerichtet: »Die Leute glauben, daß sie eine gute Regierung und Gerechtigkeit für alle wollen, Mumm. Aber was wünschen sie sich wirklich, tief in ihrem Herzen? Sie möchten, daß alles normal bleibt und der morgige Tag dem heutigen gleicht.« Mumm drehte sich um. »Was soll ich jetzt unternehmen, Fred?« »Keine Ahnung, Herr Kommandeur.« Mumm nahm auf Lord Vetinaris Stuhl Platz. »Erinnerst du dich an den letzten Patrizier?« »Meinst du den alten Lord Schnappüber? Ich entsinne mich an seinen Vorgänger, den mörderischen Lord Winter. O ja. Üble Burschen. Dieser Patrizier kicherte wenigstens nicht und trug auch keine Kleider.« Er spricht bereits in der Vergangenheitsform von ihm, dachte Mumm. So schnell geht das. Das Unterbewußtsein ist sich der neuen Situation bereits bewußt geworden. »Unten ist es sehr still, Fred«, sagte er. »Pläne zu schmieden, macht keine lauten Geräusche, Herr Komman- deur.« »Vetinari ist noch nicht tot.« »Ja, Herr Kommandeur. Aber er regiert auch nicht. Wer nimmt seinen Platz ein?« Mumm hob und senkte die Schultern. »Niemand.« »Mag sein, Herr Kommandeur. Andererseits… man kann nie wissen.« Colon stand steif und gerade. Sein Blick reichte in die Ferne, und sein Tonfall blieb neutral, verriet keine Empfindungen. Mumm erkannte die Haltung. So hatte er ebenfalls gestanden, wenn es notwendig war. »Was meinst du damit, Fred?« »Oh, gar nichts, Herr Kommandeur. Nur eine Redewendung.« Mumm lehnte sich zurück., Heute morgen glaubte ich zu wissen, was mich an diesem Tag erwartet, dachte er. Ein Besuch bei den Wappenherolden. Dann ein Termin beim Patrizier. Nach dem Mittagessen wollte ich einige Berichte lesen, um anschließend zur Kröselstraße zu gehen und zu sehen, wie weit die Ar- beiten am neuen Wachhaus vorangekommen sind. Und abends dann früh ins Bett. Doch was Fred jetzt andeutet… »Hör mal, Fred, wenn es wirklich einen neuen Herrscher geben soll, komme ich nicht dafür in Frage.« »Wer dann, Herr Kommandeur?« Colon sprach noch immer in dem vorsichtigen, neutralen Tonfall. »Woher soll ich das wissen? Vielleicht…« Vor Mumm öffnete sich ein mentales Loch und saugte seine Gedanken an. »Du meinst Hauptmann Karotte, habe ich recht?« »Er wäre ein geeigneter Kandidat. Keine Gilde würde zulassen, daß das Oberhaupt einer anderen zum neuen Patrizier wird. Und Hauptmann Karotte… Alle mögen ihn. Außerdem heißt es, er sei der Thronerbe.« »Dafür gibt es keine Beweise, Feldwebel.« »Mir steht es nicht zu, darüber zu urteilen, Herr Kommandeur. Bin nur ein einfacher Wächter. Weiß gar nicht, was Beweise sind.« Colons Worte drückten einen Hauch Trotz aus. »Aber eins steht fest: Karotte hat ein Schwert und ein Muttermal in Form einer Krone und… Nun, alle wis- sen, daß er etwas Königliches hat. Er steckt voller Charisma.« Mumm mißtraute dem Phänomen namens Charisma. »Es gibt keine Könige mehr, Fred.« »Da hast du völlig recht, Herr Kommandeur. Übrigens ist Nobby wie- der aufgetaucht.« »Der Tag wird immer schlimmer, Fred.« »Du wolltest mit ihm über all die Beerdigungen und so weiter reden…« »Ich schätze, auch das gehört zur Pflicht. Na schön. Sag ihm, er soll zu mir kommen.« Colon nickte und ging. Keine Könige mehr. Mumm wußte nicht, warum ihn der Gedanke an die Monarchie so sehr in Wallung brachte. Immerhin waren viele Patri-, zier ebenso grausam gewesen wie die Könige. Aber sie… standen dabei gewissermaßen auf gleicher Stufe. Dem Kommandeur ging vor allem die Vorstellung gegen den Strich, daß Könige eine andere Menschenart dar- stellten, eine Art höhere Lebensform. Ausgestattet mit besonderer Ma- gie. Es schien tatsächlich etwas Magisches im Spiel zu sein. So gab es in Ankh-Morpork noch immer königliche Rituale. Einige Alte bekamen ein paar Cent pro Woche für längst bedeutungslos gewordene Positionen, zum Beispiel der »Bewahrer der Königlichen Schlüssel« oder der »Hüter der Kronjuwelen«, obwohl es weder Schlüssel noch Juwelen gab. Mumm verglich das Königliche mit Löwenzahn. Ganz gleich, wie viele Köpfe man abhackte, die Wurzeln blieben tief unter der Erde, bereit zu neuem Wachstum. Es schien eine chronische Krankheit zu sein. Offenbar hatten selbst sehr intelligente Personen irgendwo einen blinden Fleck in ihrem Ge- hirn, auf dem geschrieben stand: »Könige – eigentlich gar keine schlechte Idee.« Wer auch immer für die Erschaffung der Menschheit verantwort- lich war, ihm war ein gravierender Fehler in der Grundkonstruktion un- terlaufen: die menschliche Tendenz, sich tief zu verbeugen und auf die Knie zu sinken. Es klopfte an der Tür. Eigentlich sollte solch ein Klopfen nicht ver- stohlen klingen können, doch dieses Klopfen brachte das fertig. Es zeich- nete sich durch besondere Schwingungen aus, die folgende subtile Bot- schaft vermittelten: Wenn niemand reagierte, würde der Anklopfende die Tür öffnen, sich ins Zimmer schleichen, alle Zigaretten stibitzen, die zufällig herumlagen, und einen Schluck aus den Flaschen nehmen, die Alkohol enthielten. Es bestand allerdings nicht die Gefahr, daß er ein richtiges Verbrechen verübte, denn er war nicht kriminell, zumindest nicht, was die Fähigkeit anging, eine entsprechende moralische Entscheidung zu treffen. In seinem Fall hatte die Kriminalität nichts mit Ethik zu tun, sondern gehörte zur Gestalt wie die Durchtriebenheit zum Wiesel. Diese Eigenschaften waren »eingebaut«. Mumm atmete tief durch. »Komm herein, Nobby.« Korporal Nobbs schlich ins Zimmer. Auch das war Teil seiner speziel- len Talente. Er schien immer zu schleichen, selbst wenn er ganz normal ging., Er salutierte umständlich. Eine Aura der Unveränderlichkeit umgab Korporal Nobbs, fand Mumm. Selbst Colon paßte sich dem Wandel bei der Stadtwache von Ankh-Morpork an, doch Korporal Nobbs blieb er selbst. Ganz gleich, was man mit ihm anstellte, ein fundamentaler Aspekt von Nobbs Wesen blieb Nobby. »Nobby…« »Ja, Herr Kommandeur?« »Äh… setz dich, Nobby.« Argwohn erwachte in Korporal Nobbs. Eine gewöhnliche Standpauke begann anders. »Äh…, Fred meinte, du wolltest mich sprechen, wegen des Dien- stes…« »Ich wollte dich sprechen? Tatsächlich? Oh, ja. An wie vielen Beerdi- gungen deiner Großmütter hast du wirklich teilgenommen?« »Äh… an drei…«, erwiderte Nobbs voller Unbehagen. »Drei?« »Wie sich herausstellte, war Oma Nobbs beim erstenmal nicht richtig tot.« »Warum hast du so oft gefehlt?« »Darüber spreche ich nicht gern, Herr Kommandeur…« »Wieso nicht?« »Weil du dann bestimmt sauer wirst.« »Sauer?« »Du könntest sogar durchdrehen, Herr Kommandeur.« »Ich könnte, Nobby.« Mumm seufzte. »Aber wenn du mir nichts sagst, kriege ich ganz bestimmt einen Wutanfall.« »Nun, die Sache ist… äh… Es geht um die Dreihundertjahrfeier im kommenden Jahr…« »Ja?«, Nobby befeuchtete sich die Lippen. »Ich wollte nicht um Sonderurlaub bitten. Fred meinte, du seist da ein bißchen empfindlich und so. Aber… du weißt ja, daß ich zu einer Theatergruppe gehöre…« Mumm nickte. »Zu den Narren, die sich verkleiden und alte Schlachten mit stumpfen Schwertern wiederholen.« »Du meinst die historische Freizeitgesellschaft von Ankh-Morpork, Herr Kommandeur«, erwiderte Nobby ein wenig vorwurfsvoll. »Ja, genau die meine ich.« »Nun, für die Feier führen wir noch einmal die Schlacht um Ankh- Morpork auf. Was zusätzliche Proben verlangt.« »Oh, ich verstehe.« Mumm nickte langsam. »Du bist mit einer Blech- pieke auf und ab marschiert während der regulären Dienstzeit.« »Äh… nicht ganz, Herr Mumm. Äh… um ehrlich zu sein, bin ich auf einem weißen Pferd auf und ab geritten…« »Ach? Spielst einen General, wie?« »Äh… etwas mehr als einen General…« »Ich bin ganz Ohr.« Nobbys Adamsapfel tanzte nervös auf und ab. »Ich spiele den König Lorenzo. Äh…, du weißt schon, jenen König, den dein… äh…« Die Zimmertemperatur schien um mindestens zehn Grad zu sinken. »Du… schlüpfst in die Rolle von…«, begann Mumm und schälte jedes Wort wie eine Frucht des Zorns. »Ich wußte, daß du sauer wirst«, klagte Nobby. »Das sagte auch Fred Colon.« »Warum ausgerechnet du?« »Wir haben gelost, Herr Kommandeur.« »Und du hast verloren?« Nobby wand sich hin und her. »Äh… nein, nicht unbedingt verloren, Herr Kommandeur. Eher gewonnen. Alle wollten ihn spielen. Weil man in der Rolle ein prächtiges Pferd und ein hübsches Kostüm bekommt und so, Herr Kommandeur. Außerdem war er ein König, das muß man ihm lassen.«, »Der Bursche war ein irrer Mörder!« »Seitdem ist viel Zeit vergangen«, entgegnete Nobby nervös. Mumm beruhigte sich ein wenig. »Und wer hat das Los des alten Stein- gesichts gezogen?« »Äh… äh…« »Nobby!« Nobbs ließ den Kopf hängen. »Niemand, Herr Kommandeur. Nie- mand wollte ihn spielen.« Der kleine Korporal schluckte und gab sich dann einen Ruck wie jemand, der alles hinter sich bringen wollte. »Des- halb nehmen wir eine Gestalt aus Stroh, Kommandeur. Die wird gut brennen, wenn wir sie am Abend ins Feuer werfen. Und anschließend gibt es ein Feuerwerk«, fügte er hinzu und rechnete mit dem Schlimm- sten. Mumms Gesicht verwandelte sich in eine ausdruckslose Maske. Nobby zog es vor, wenn die Leute schrien. In seinem Leben war er ziemlich oft angeschrien worden – daran hatte er sich inzwischen gewöhnt. »Niemand wollte Steingesicht Mumm spielen«, sagte Mumm eisig. »Weil er auf der Verliererseite steht, Herr Kommandeur.« »Auf der Verliererseite? Mumms Eisenköpfe haben die Stadt sechs Monate lang regiert.« Erneut rutschte Nobby auf dem Stuhl hin und her. »Ja, aber… In der Freizeitgesellschaft sagen sie, dazu sei er nicht berechtigt gewesen, Herr Kommandeur. Es heißt, er hätte nur Dusel gehabt. Er war seinen Geg- nern zehn zu eins unterlegen. Und er hatte Warzen. Außerdem ist er bru- tal gewesen, wenn man genauer darüber nachdenkt. Immerhin hat er einen König geköpft, Herr Kommandeur. Man braucht eine große Por- tion Gemeinheit, um dazu fähig zu sein. Womit ich dir keineswegs zu nahe treten möchte.« Mumm schüttelte den Kopf. Warum regte er sich darüber überhaupt auf? (Und er regte sich auf; er spürte es ganz deutlich.) Colon hatte recht: Seit damals war tatsächlich viel Zeit vergangen. Die Geschichte scherte sich nicht darum, was in den Köpfen einiger dummer Romantiker vor- ging. Fakten blieben Fakten., »Na schön, ich verstehe«, sagte er. »Es ist fast komisch. Es gibt da nämlich noch etwas anderes, über das ich mit dir reden wollte.« »Ja, Herr Kommandeur?« fragte Nobby erleichtert. »Erinnerst du dich an deinen Vater?« Von einem Augenblick zum anderen schien Nobbs wieder der Panik nahe zu sein. »Was veranlaßt dich, plötzlich solche Fragen zu stellen, Herr Kommandeur?« »Oh, ich bin nur neugierig.« »Du meinst den alten Sconner, nicht wahr? Nun, ich hab ihn nur selten gesehen. Meistens dann, wenn die Militärpolizei kam, um ihn vom Dachboden zu holen.« »Was weißt du über deine… äh… Antezedenzien?« »Das ist eine Lüge, Herr Kommandeur. Ich habe keine Ante- Dingsbums, ganz gleich, was man dir gesagt hat.« »Oh. Gut. Weißt du überhaupt, was ich mit ›Antezedenzien‹ meine?« Nobbys Unruhe wuchs. Er mochte es nicht, von Polizisten befragt zu werden, unter anderem deshalb, weil er selbst einer war. »Äh… nicht direkt, Herr Kommandeur.« »Hat man dir nie etwas über deine Ahnherren erzählt?« Mumm beo- bachtete, wie erneute Sorge durch Nobbs Züge huschten, und fügte hin- zu: »Über deine Vorfahren?« »Ich kenne nur den alten Sconner, Herr Kommandeur. Wenn du mit diesen Fragen herausfinden willst, was mit den Gemüsesäcken geschah, die aus dem Laden in der Sirupminenstraße verschwanden, Herr Kom- mandeur… Ich versichere dir, daß ich nicht einmal in der Nähe war…« Mumm winkte ab. »Hat er dir nichts… hinterlassen? Dein Vater, meine ich.« »Ein paar Narben. Und die Sache mit dem Ellenbogen. Er schmerzt, wenn das Wetter wechselt. Ich denke immer an den alten Sconner, wenn der Wind aus der Mitte weht.« »Oh. Nun, ich…« »Und dies hier.« Nobby griff unter seinen rostigen Brustharnisch – der ein echtes Wunder darstellte. Selbst Feldwebel Colons Harnisch konnte, glänzen, sogar schimmern. Aber wenn Metall (gleich welcher Art) in die Nähe von Nobbs’ Haut gelangte, korrodierte es innerhalb kürzester Zeit. Der Korporal zog an einer ledernen Schnur, die er sich um den Hals geschlungen hatte, und zum Vorschein kam ein goldener Ring. Zwar kann Gold eigentlich nicht korrodieren, aber dieses Gold war mit einer Schicht Patina bedeckt. »Diesen Ring überließ er mir, als er im Sterbebett lag«, erklärte Nobby. »Nun, wenn ich von ›überlassen‹ spreche…« »Hat dein Vater etwas gesagt?« »Oh, ja. Er sagte: ›Gib ihn mir zurück, du kleiner Mistkerl!‹ Weißt du, er trug den Ring an einer Schnur um den Hals, so wie ich. Normalerwei- se hätte ich ihn längst verscherbelt, aber nur er erinnert mich an meinen Vater. Und die Schmerzen im Ellenbogen.« Mumm nahm den Ring und versuchte, den Schmutz abzureiben. Es war ein Siegelring. Doch hohes Alter, Abnutzung und die Nähe von Nobbs’ Körper hatten dafür gesorgt, daß das Siegel kaum mehr zu er- kennen war. »Du hast ein Wappen, Nobby.« »Und es ist nicht gestohlen, das kannst du mir glauben«, erwiderte der Korporal. Mumm seufzte. Er war ehrlich – das war schon immer einer seiner größten Charakterfehler. »Schau gelegentlich mal bei den Wappenherolden in der Mumpitzstra- ße vorbei«, sagte er. »Nimm diesen Ring mit und sage, daß ich dich ge- schickt habe.« »Äh…« »Keine Sorge, Nobby. Du gerätst dadurch nicht in Schwierigkeiten. Zumindest nicht in die üblichen.« »Wie du meinst, Herr Kommandeur.« »Und nenn mich nicht dauernd ›Kommandeur‹.« »Ja, Kommandeur.« Als Nobby gegangen war, griff Mumm hinter den Schreibtisch und holte eine vergilbte Ausgabe von Twurps Adelsstände hervor. Für ihn war, es ein Handbuch der kriminellen Klassen. Die Bewohner der Elendsvier- tel waren darin nicht aufgeführt, wohl aber ihre Hausherren. Es galt als sicheres Zeichen von Kriminalität, in einem Slum zu wohnen, doch der Eigentümer einer ganzen Barackenstraße wurde zu allen wichtigen gesell- schaftlichen Anlässen eingeladen. Twurps Werk erlebte neuerdings fast jede Woche eine neue Auflage. Zumindest in diesem Punkt hatte Drachenkönig recht: Die Bürger von Ankh-Morpork waren offenbar sehr bestrebt, sich mit irgendwelchen Wappen zu schmücken. Mumm sah unter »de Nobbes« nach. Er fand tatsächlich ein Wappen. Der Schild wurde von zwei Geschöp- fen gehalten: von einem Nilpferd (vermutlich eins der königlichen Fluß- pferde von Ankh-Morpork und somit ein Vorfahr von Roderick und Kimbert) und von einer Art Stier, dessen Schnauze eine gewisse Ähn- lichkeit mit dem Gesicht von Nobby hatte und der ein Henkelkreuz hielt – vermutlich ein gestohlenes, denn es war immerhin das Nobbs- Wappen. Der Schild war rot und grün und zeigte einen Sparren mit fünf Äpfeln. In welchem Zusammenhang die Äpfel mit der Kriegführung standen, blieb ein Rätsel. Vielleicht symbolisierten sie irgendein seltsames Wortspiel, über das sich die Wappenherolde so sehr amüsiert hatten, daß sie sich tagelang auf die Schenkel klopften. Wenn sich Drachenkönig allerdings zu sehr auf die Schenkel klopfte, fielen ihm vielleicht die Beine ab. Eigentlich war es gar nicht so schwierig, sich einen adligen Nobbs vor- zustellen. Nobby machte nur den Fehler, in zu kleinen Bahnen zu den- ken. Er schlich sich an irgendwelche Orte, um dort eigentlich wertlose Dinge zu klauen. Wenn er statt dessen auf Kontinenten herumspazierte, ganze Städte raubte und dabei viele Bewohner niedermetzelte… dann würde er wahrscheinlich als Säule der Gesellschaft gelten. Der Eintrag »Mumm« fehlte in dem Buch. Ich-dulde-keine-Ungerechtigkeit-Mumm war nie eine Säule der Gesell- schaft. Er hat einen König getötet, mit seinen eigenen Händen. Es war notwendig, aber die Gesellschaft – was auch immer sie sein mag – hält nicht viel von Leuten, die erforderliche Maßnahmen ergreifen und die Wahrheit laut aussprechen. Zugegeben, Steingesicht hat auch einige an-, dere Personen hingerichtet, aber die Stadt war damals in einem lausigen Zustand. Sie hatte einige Kriege hinter sich, gehörte praktisch zum klat- schianischen Reich. Manchmal braucht man jemanden, der hart durch- greift. Manchmal benötigt der Patient namens Geschichte einen Chirur- gen. Eine Axt hat etwas Endgültiges. Doch wenn man einen König tötet, wird man sofort zu einem Königsmörder. Obwohl es überhaupt keine Angewohnheit oder gar ein Laster ist… Mumm hatte das Tagebuch des alten Steingesichts in der Bibliothek der Unsichtbaren Universität gefunden. Der Mann hatte hart durchge- griffen, kein Zweifel, aber es waren auch harte Zeiten gewesen. Er hatte folgende Worte geschrieben: »Das Feuer des Kampfes sollige uns backen neue Menschen, die nicht glaubet an alte Lügen.« Doch die alten Lügen hatten letztendlich den Sieg errungen. Er sagte zu den Leuten: Ihr seid frei. Und sie riefen hurra. Dann zeigte er ihnen, was die Freiheit kostet, und daraufhin nannten sie ihn einen Tyrannen. Sie verrieten ihn, irrten umher wie Hühner, die aus dem Stall kamen und zum ersten Mal die große weite Welt sahen. Schließlich kehr- ten sie ins Warme zurück und schlossen die Türe… »Bimm-bamm-bimmel-bumm.« Mumm seufzte und holte den Organizer hervor. »Ja?« »Notiz: Termin beim Stiefelmacher, zwei Uhr nachmittags«, verkünde- te der Kobold. »Es ist nicht zwei Uhr, und außerdem war der Termin letzten Diens- tag«, erwiderte Mumm. »Soll ich ihn von der Zu-erledigen-Liste streichen?« Mumm schob den schlecht organisierten Organizer in die Tasche und sah wieder aus dem Fenster. Wer hatte ein Motiv, dem Patrizier nach dem Leben zu trachten? Nein, so durfte er nicht an die Sache herangehen. Wenn man einen ab- gelegenen Bereich der Stadt aufsuchte und die Ermittlungen auf alte Frauen beschränkte, die ihre Wohnungen nie verließen – unter anderem wegen der vielen Tapeten über den Türen –, fand man vielleicht jeman- den ohne ein Motiv. Warum war Lord Vetinari bisher am Leben geblie-, ben? Weil er dafür sorgte, daß eine Zukunft ohne ihn riskanter schien als mit ihm. Potentielle Attentäter mußten also entweder verrückt sein – und die Götter wußten, daß es in Ankh-Morpork genug Irre gab – oder glauben, daß sie nach dem Zusammenbruch der Stadt ganz oben auf dem Schutt- haufen standen. Wenn Fred recht hatte – der Feldwebel stand dafür, wie der Mann auf der Straße dachte, denn er war der Mann auf der Straße –, gab es einen Mann, der hoffen durfte, den Platz des Patriziers einzunehmen: Haupt- mann Karotte. Doch Karotte gehörte zu den wenigen Leuten in der Stadt, die Lord Vetinari mochten. Es gab noch eine andere Person, die etwas zu gewinnen hatte. Verdammter Mist, dachte Mumm. Ich selbst, nicht wahr? Erneut klopfte jemand an. Diesmal konnte er den Klopfenden nicht vorzeitig identifizieren. Vorsichtig öffnete er die Tür. »Ich bin’s, Kleinpo.« »Komm herein.« Mumm empfand es als beruhigend, daß auf der Welt wenigstens eine Person existierte, die mehr Probleme hatte als er. »Wie geht es seiner Lordschaft?« »Sein Zustand ist stabil«, erwiderte Kleinpo. »Der Tod ist ein stabiler Zustand«, sagte Mumm. »Ich meine, er lebt noch, Herr Kommandeur. Er sitzt jetzt und liest. Herr Krapfen hat was Klebriges zusammengebraut, das nach Algen schmeckt, und ich habe Gloobools Salz hinzugefügt. Äh… was den alten Mann im Haus an der Brücke betrifft…« »Welcher alte… Oh, ja.« Es schien eine Ewigkeit her zu sein. »Was ist mit ihm?« »Nun, du hast mich gebeten, mir alles anzusehen, und… ich habe eini- ge Aufnahmen gemacht. Darunter auch diese, Herr Kommandeur.« Kleinpo reichte Mumm ein fast völlig schwarzes Bild. »Seltsam. Woher stammt das?« »Äh… du kennst sicher die Geschichte über die Augen von Toten.«, »Geh einfach davon aus, daß mir die literarische Bildung fehlt, Klein- po.« »Nun, man sagt…« »Wer?« »Man, Herr Kommandeur. Du weißt schon. Man.« »Meinst du ›man‹ wie ›die Leute‹? Jene Leute, aus denen die ›Allge- meinheit‹ besteht?« »Ja, Herr Kommandeur. Ich glaube schon.« Mumm machte eine vage Geste. »Oh. Ich verstehe. Na schön. Fahr fort.« »Man sagt… Es heißt, daß ein Abbild von dem, was ein Sterbender zu- letzt sieht, in seinen Augen zurückbleibt.« »Ach, das meinst du. Es ist nur eine alte Geschichte, nichts weiter.« »Ja… äh… allerdings… Wenn nichts Wahres dran wäre, hätte man sie bestimmt längst vergessen. Ich glaubte, einen roten Fleck zu sehen, des- halb bat ich den Kobold, die Mitte zu malen, bevor das Abbild verblaßte. Und hier, in der Mitte der Mitte…« »Vielleicht hat dir der Kobold einen Streich gespielt«, spekulierte Mumm und betrachtete das Foto. »Kobolde haben nicht genug Phantasie, um zu lügen, Herr Komman- deur. Sie malen genau das, was sie sehen.« »Glühende Augen.« »Zwei rote Punkte«, schränkte Kleinpo ein, »die Augen sein könnten.« »Guter Hinweis, Kleinpo.« Mumm rieb sich das Kinn. »Meine Güte. Ich hoffe nur, daß kein Gott oder so dahintersteckt. Das hätte mir gera- de noch gefehlt. Kannst du Kopien anfertigen? Ich möchte jedem Wachhaus ein Bild zur Verfügung stellen.« »Kein Problem, Herr Kommandeur. Der Kobold hat ein gutes Ge- dächtnis.« »Also los.« Kleinpo hatte die Tür noch nicht erreicht, als sie aufschwang – Karotte und Angua kamen herein., »Karotte?« staunte Mumm. »Ich dachte, heute ist dein freier Tag.« »Wir haben einen Mord entdeckt! Im Zwergenbrotmuseum. Und als wir zum Wachhaus zurückkehrten, hieß es dort, Lord Vetinari sei tot!« Ach, so hieß es also? dachte Mumm. So ist das mit Gerüchten. Sie wä- ren ein nützliches Werkzeug, wenn man ihnen Wahrheit hinzufügen könnte… »Für eine Leiche atmet er noch überraschend gut«, erwiderte er. »Ich glaube, daß er sich wieder erholen wird. Jemand hat versucht, ihn zu vergiften. Ein Doktor kümmert sich um ihn. Sei unbesorgt.« Jemand hat versucht, ihn zu vergiften, wiederholte Mumm in Gedan- ken. Und meine Aufgabe besteht darin, so etwas zu verhindern. »Ich hoffe nur, daß der Arzt sein Handwerk versteht«, sagte Karotte ernst. »Oh, bestimmt. Vielleicht kann er sogar erreichen, daß Vetinari das nächste Pferderennen gewinnt.« Ich bin Polizist, dachte Mumm. Aber ich konnte den Patrizier nicht vor einem Giftanschlag schützen. »Es wäre schrecklich für die Stadt, wenn ihm etwas zustieße!« entfuhr es Karotte. Mumm musterte ihn und sah nur ehrliche Besorgnis. »Das stimmt«, entgegnete er. »Nun, es ist alles unter Kontrolle. Du hast eben einen anderen Mord erwähnt.« »Im Zwergenbrotmuseum. Jemand hat Herrn Hopkinson mit einem Laib Brot umgebracht.« »Mußte er ihn essen?« »Er wurde auf den Kopf geschlagen, Herr«, sagte Karotte vorwurfsvoll. »Mit Kampfbrot.« »Meinst du den Alten mit dem weißen Bart?« »Ja. Ich habe euch vorgestellt, als du mich zur Ausstellung der Bume- rangkekse begleitet hast.« Angua glaubte zu sehen, wie ein Schatten von Erinnerungsschmerz über Mumms Miene huschte. »Wer findet Spaß daran, alte Männer um- zubringen?« fragte er die Welt., »Ich weiß es nicht, Herr Kommandeur. Obergefreite Angua hat sich in Zivil umgesehen…« Bei diesen Worten hob und senkte Karotte mehr- mals die Brauen. »Aber sie hat keine Spuren entdeckt. Und es ist auch nichts gestohlen worden. Dies ist die Tatwaffe.« Das Kampfbrot war wesentlich größer als ein normaler Laib. Mumm drehte es nachdenklich hin und her. »Zwerge werfen so etwas wie einen Diskus, nicht wahr?« »Ja, Herr. Beim Wettkampf der Sieben Berge im vergangenen Jahr hat Snori Schildbeißer sechs in einer Reihe aufgestellten und fünfzig Meter entfernten hartgekochten Eiern die Kuppen abgeschlagen. Mit einem ganz normalen Jagdbrot. Dies hier ist… ein kulturelles Artefakt. Solch ein Brot läßt sich mit der heutigen Backtechnik gar nicht mehr herstellen. Es ist einzigartig.« »Und wertvoll?« »Sehr.« »Lohnt es sich, es zu stehlen?« »Man könnte es nicht verkaufen! Jeder Zwerg würde es auf den ersten Blick erkennen!« »Hmm. Hast du von dem Priester gehört, der auf der Schlechten Brük- ke umgebracht worden ist?« Karotte wirkte schockiert. »Meinst du etwa den alten Pater Tubelcek?« Mumm verzichtete darauf, »Du kanntest ihn also?« zu fragen. Karotte kannte jeden. Hätte man ihn irgendwo in einem tropischen Dschungel ausgesetzt, hätte er vermutlich gesagt: »Hallo, Herr Läuft-schnell-durch- den-Regenwald! Guten Morgen, Herr Spricht-zu-den-Bäumen, du hast aber ein hübsches Blasrohr! Und die Feder schmückt dich an einer inter- essanten Stelle!« »Hatte er mehr als einen Feind?« fragte Mumm. »Wie bitte, Herr? Wieso mehr als einen?« »Nun, daß er einen hatte, dürfte inzwischen klar sein.« »Er ist… er war sehr nett«, sagte Karotte. »Ging nur selten aus dem Haus. Verbrachte fast seine ganze Zeit bei den Büchern. Sehr fromm. Und zwar in allen Religionen. Er befaßte sich eingehend mit ihnen. Er, war ein wenig seltsam, aber völlig harmlos. Warum sollte jemandem dar- an gelegen sein, ihn umzubringen? Oder den armen Herrn Hopkinson? Zwei alte Männer, die für niemanden eine Gefahr waren…« Mumm gab ihm das Kampfbrot zurück. »Wir werden es herausfinden. Obergefreite Angua, ich möchte, daß du dich um diesen Fall kümmerst. Nimm… Korporal Kleinpo mit. Er hat bereits mit den Ermittlungen begonnen. Angua stammt übrigens ebenfalls aus Überwald, Kleinpo. Vielleicht habt ihr gemeinsame Bekannte oder so.« Karotte nickte freundlich. Anguas Züge hingegen verhärteten sich. »Ah, h’druk g’har dWache, Kl’nar’sh!« sagte Karotte. »H’h Angua tO- bergefreite… Angua g’har, b’hk bargr’a Kl’nar’sh Kad’k…«* Angua konzentrierte sich. »Grr’dukk d’buz-h’drak«, erwiderte sie. Karotte lachte. »Du hast gerade ›kleines entzückendes Bergbaugerät weiblicher Natur‹ gesagt.« Grinsi starrte zu Angua empor, die den Blick geistesabwesend erwider- te und murmelte: »Nun, Zwergisch ist ziemlich schwer, wenn man nicht sein ganzes Leben lang Kies und Schotter gegessen hat…« Grinsi starrte weiter. »Äh… danke«, sagte er. »Ich… gehe jetzt besser und räume auf.« »Was ist mit Lord Vetinari?« fragte Karotte. »Ich setze meinen besten Mann ein«, meinte Mumm. »Er ist vertrau- enswürdig, zuverlässig und kennt den Palast wie seine Westentasche. Mit anderen Worten: Ich übernehme den Fall.« Karottes Hoffnung wich einer Mischung aus verletztem Stolz und Verwirrung. »Soll ich dir nicht helfen?« fragte er. »Ich könnte…« »Nein. Diesmal nicht. Kehr zur Wache zurück und kümmere dich dort um alles.« »Um was?« »Um alle notwendigen Dinge. Zeig dich der Lage gewachsen. Erledige den Papierkram. Stell einen neuen Dienstplan auf. Schrei die Leute an! Schreib Berichte!« * »Willkommen, Korporal Kleinhintern! Dies ist Obergefreite Angua – Angua, zeig Korporal Kleinhintern, wie gut du Zwergisch kannst…«, Karotte salutierte. »Jawohl, Kommandeur Mumm.« »Gut. Und jetzt fort mit dir!« Als Karotte ging, dachte Mumm: Wenn dem Patrizier etwas zustößt, kann niemand behaupten, daß du in seiner Nähe gewesen bist. Das kleine Gitter im Tor der Königlichen Schule der Wappenherolde öffnete sich. Im Garten erklang das übliche Konzert aus Heulen, Krei- schen und Trompeten. »Ja?« fragte eine Stimme. »Was wollt Ihr?« »Ich bin Korporal Nobbs«, sagte Nobby. Ein Auge erschien am Gitter und betrachtete den Teil des göttlichen Schöpfungswerks, der Nobbs hieß. »Bist du der Pavian? Wir haben einen bestellt…« »Nein«, erwiderte Nobby. »Ich bin wegen irgendwelcher Wappen hier.« »Du?« Der Tonfall der Stimme verriet, daß ihr Eigentümer sehr wohl um die Bandbreite des Adels wußte: Er erstreckte sich vom König ganz oben bis zu den Bürgerlichen ganz unten. Für Korporal Nobbs mußte eine völlig neue Kategorie erfunden werden, die des »Unbürgerlichen«. »Man hat mich hierhergeschickt«, sagte Nobby. »Es geht um meinen Ring, weißt du.« »Geh zum Hintereingang«, ließ sich die Stimme vernehmen. Grinsi räumte die Apparate beiseite, die er im alten Abort aufgestellt hatte. Ein Geräusch veranlaßte ihn, sich umzudrehen. Angua lehnte am Türpfosten. »Was möchtest du?« fragte er. »Nichts. Ich wollte dir nur sagen: Mach dir keine Sorgen; ich verrate niemandem etwas.« »Ich weiß überhaupt nicht, was du meinst!« »Und ich glaube, du lügst.«, Grinsi ließ ein Reagenzglas fallen und sank auf einen Stuhl. »Wie hast du es herausgefunden?« fragte er. »Selbst Zwerge merken es nicht! Und ich bin immer ganz vorsichtig gewesen!« »Nun, sagen wir… ich verfüge über besondere Talente«, antwortete Angua. Grinsi stellte geistesabwesend ein Becherglas beiseite. »Ich weiß gar nicht, warum du so besorgt bist«, fuhr Angua fort. »Ich dachte immer, daß es bei Zwergen kaum einen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt. Die Hälfte der Zwerge, die wir wegen Num- mer dreiundzwanzig hierherbringen, sind Frauen, und wir können sie nur mit Mühe bändigen…« »Nummer dreiundzwanzig? Was bedeutet das?« »›Im betrunkenen Zustand schreiend auf Leute zurennen, um ihnen die Knie abzuhacken‹«, zitierte Angua. »Es ist einfacher, die einzelnen Ver- gehen zu numerieren. Dann brauchen wir es nicht immer wieder aufzu- schreiben. In dieser Stadt gibt es viele Frauen, die euch Zwerge benei- den. Ich meine, welche Wahl haben sie denn? Sie können Bardame wer- den, oder Näherin oder vielleicht auch Ehefrau. Ihr hingegen könnt all die Berufe ergreifen, die auch Männern offenstehen…« »Vorausgesetzt, wir verhalten uns dabei genauso wie Männer«, wandte Grinsi ein. Angua zögerte. »Oh«, sagte sie. »Ich verstehe.« »Ich kann Äxte nicht ausstehen!« klagte Grinsi. »Und ich fürchte mich vor dem Kampf! Lieder über Gold finde ich dumm! Ich verabscheue Bier! Ich kann nicht einmal nach richtiger Zwergenart trinken! Wenn ich versuche zu schlürfen, läuft der Zwerg hinter mir Gefahr zu ertrinken!« »So etwas bringt gewisse Probleme mit sich«, räumte Angua ein. »Ich habe hier eine junge Frau über die Straße gehen sehen – und die Männer pfiffen ihr nach! Und ihr dürft Kleider tragen! Bunte Kleider!« »Meine Güte.« Angua versuchte, nicht zu lächeln. »Seit wann empfin- den Zwergenfrauen auf diese Weise? Ich dachte immer, sie sind mit ihrer Situation zufrieden…«, »Oh, es ist einfach, zufrieden zu sein, wenn man es nicht besser weiß«, erwiderte Grinsi bitter. »Hosen aus Kettenpanzer sind ganz nett, wenn man noch nie etwas von Damenunterwäsche gehört hat.« »Damenun… Oh, ja«, entgegnete Angua. »Damenunterwäsche. Ja.« Sie wollte Mitgefühl empfinden, und es ge- lang ihr auch. Allerdings fiel es ihr nicht leicht, auf folgenden Hinweis zu verzichten: Du brauchst wenigstens keine Unterwäsche, die man auch mit Pfoten ablegen kann. »Deshalb bin ich hierhergekommen – um mich mit anderen Dingen zu beschäftigen.« Grinsi stöhnte. »Ich bin gut in Handarbeiten und bin in der Näherinnengilde gewesen, aber…« Sie unterbrach sich und errötete hinter ihrem Bart. »Ja«, sagte Angua. »Dieser Fehler unterläuft vielen.« Sie stieß sich vom Türpfosten ab und straffte ihre Gestalt. »Nun, du hast einen guten Ein- druck auf Kommandeur Mumm gemacht. Hier bei uns gefällt es dir be- stimmt. Alle Angehörigen der Stadtwache haben Probleme. Normale Leute werden keine Polizisten. Ich bin sicher, du gewöhnst dich schnell an alles.« »Kommandeur Mumm erscheint mir ein wenig…«, begann Grinsi. »Gut gelaunt ist er in Ordnung. Früher hat er viel getrunken, aber das wagt er jetzt nicht mehr. Du weißt schon: Ein Drink ist bereits einer zuviel, und zwei genügen nicht… Deshalb ist er manchmal gereizt. Wenn er schlechte Laune hat, tritt er dir auf die Zehen und schreit dich an, weil du nicht gerade stehst.« »Du bist normal«, brachte Grinsi scheu hervor. »Ich mag dich.« Angua klopfte ihr auf den Kopf. »Das sagst du jetzt. Aber wenn du mich besser kennenlernst, wirst du feststellen, daß ich auch… bellen und knurren kann. Was ist das?« »Was denn?« »Das… Bild. Mit den Augen…« »Mit zwei roten Punkten, die Augen sein könnten«, sagte Grinsi. »Was hat es damit auf sich?«, »Ich glaube, Pater Tubelcek hat sie unmittelbar vor dem Tod gesehen«, erklärte die Zwergin. Angua starrte auf das Foto hinab. Sie schnupperte. »Da ist er wieder!« Grinsi wich einen Schritt zurück. »Was? Was?« »Woher kommt der Geruch?« »Nicht von mir«, versicherte Grinsi sofort. Angua nahm eine kleine Schale vom Tisch und hob sie dicht unter ihre Nase. »Dies hier! Ich habe es auch im Museum gerochen! Was ist das?« »Nur Ton, weiter nichts. Ich habe ihn auf dem Boden des Zimmers ge- funden, in dem der alte Priester umgebracht worden ist. Vermutlich stammt er von den Stiefeln des Täters.« Angua zerrieb etwas davon zwischen den Fingern. »Ton, wie er von Töpfern benutzt wird«, sagte Grinsi. »In der Gilde haben wir Töpfe daraus hergestellt«, fügte sie hinzu, um ganz sicherzu- gehen, daß Angua verstand. »Du weißt schon. Schmelztiegel und so. In diesem Fall sieht das Zeug so aus, als hätte jemand versucht, etwas zu brennen, allerdings bei falscher Temperatur. Es ist alles ganz bröcke- lig…« »Ton«, wiederholte Angua. »Ich kenne einen Töpfer…« Sie sah noch einmal auf das ikonographische Bild. Bitte nicht, dachte sie. Der Täter ist doch nicht etwa einer von ihnen. Das vordere Tor der Königlichen Schule der Wappenherolde öffnete sich. Besser gesagt, beide Torflügel schwangen auf, und zwei Herolde tanzten aufgeregt zum Korporal Nobbs herum, als dieser auf die Straße trat. »Hat Seine Lordschaft alles, was Er braucht?« »Nfff«, erwiderte Nobby. »Wenn wir Seiner Lordschaft sonst irgendwie zu Diensten sein kön- nen…« »Nnnf.« »Wenn Er doch noch Hilfe benötigt…«, »Nnnf.« »Das mit den Stiefeln bedauern wir sehr, Euer Lordschaft. Unser klei- ner Drache ist krank. Aber man kann’s mühelos abkratzen, wenn es ge- trocknet ist.« Nobby wankte über den Bürgersteig. »Er geht sogar wie feiner Adel, findest du nicht auch?« »Ich glaube, er torkelt eher.« »Eigentlich unglaublich, daß er nur Korporal ist. Jemand von seiner Herkunft…« Der Troll Eruptiv wich zurück, bis er mit dem Rücken gegen das Töp- ferrad stieß. »Ich es nicht getan«, sagte er. »Was meinst du?« fragte Angua. Eruptiv zögerte. Er war groß und… nun, felsig. Wenn er durch die Straßen von Ankh- Morpork wankte, wirkte er wie ein kleiner Eisberg, und wie ein Eisberg stellte er mehr dar, als es zunächst den Anschein hatte. Er war jemand, der Dinge beschaffen konnte. Praktisch alle Arten von Dingen. Und er war eine Mauer des Schweigens. Eine Mauer war wie ein Zaun, nur we- sentlich härter und widerstandsfähiger. Eruptiv stellte nie unnötige Fra- gen, weil ihm gar keine einfielen. »Nichts«, erwiderte er schließlich. Eruptiv hatte die Erfahrung ge- macht, daß allgemeines Leugnen besser war als spezielles Abstreiten. »Freut mich«, sagte Angua. »Und nun… Woher bekommst du deinen Ton?« Falten bildeten sich auf Eruptivs Stirn, als er herauszufinden versuchte, in welche Richtung die Frage zielte. »Ich immer bezahlt meine Rechnun- gen«, betonte er. Angua nickte. Das stimmte wahrscheinlich. Eruptiv schien nicht bis zehn zählen zu können, ohne zuvor jemandem den Arm auszureißen, und es war allgemein bekannt, daß er zur komplexen Hierarchie der städ- tischen Kriminalität gehörte. Er mußte seine Rechnungen bezahlen: Wer, es in der Welt des Verbrechens zu etwas bringen wollte, benötigte einen ehrlichen Ruf. »Hast du so etwas schon einmal gesehen?« fragte Angua und zeigte dem Troll eine Probe. »Es sein Ton«, stellte Eruptiv fest und entspannte sich ein wenig. »Ich sehen Ton die ganze Zeit über. Er nicht haben Seriennummer. Ton sein Ton. Auf dem Hinterhof ich haben einen ganzen Haufen davon. Man anfertigen daraus Ziegel und Töpfe und so. Warum du wissen wollen etwas über Ton?« »Kannst du mir nicht sagen, woher er stammt?« Eruptiv nahm den kleinen Brocken, schnupperte daran und drehte ihn zwischen den Fingern. »Das nicht taugen viel.« Er wirkte jetzt weitaus weniger besorgt als zu Beginn; immerhin ging es nicht mehr um persönliche Angelegenheiten. »Es gerade noch gut sein für Töpferinnen mit baumelnden Ohrringen. Sie herstellen Kaffeebecher, die man nicht einmal kann heben mit beiden Händen.« Eruptiv drehte den Brocken erneut hin und her. »Dieser Ton früheren Ton enthält – kleine Stücke von zerschlagenen Töpfen und so. Er dadurch stabiler wird. Jeder Töpfer viel davon hat.« Er rieb die Probe noch einmal. »Er erhitzt wurde, aber nicht richtig gebrannt.« »Und woher kommt das Zeug?« »Aus dem Boden, mehr ich leider nicht wissen.« Eruptiv entspannte sich noch etwas mehr, als klar wurde, daß ihn Angua nicht auf die letzte Lieferung von hohlen Statuen und dergleichen ansprechen wollte. Wie es manchmal in solchen Situationen geschah, versuchte er zu helfen. »Bitte mitkommen. Ich dir etwas zeigen.« Er wankte davon. Die beiden Wächter folgten ihm durchs Lagerhaus, beobachtet von zwanzig oder mehr argwöhnischen Trollen. Niemandem gefiel es, Polizisten aus der Nähe zu sehen, erst recht nicht, wenn man in Eruptivs Töpferei arbeitete, weil man für einige Wochen untertauchen wollte. Es hieß, daß viele Leute in die große Stadt kamen, weil sie sich dort eine gute Chance erhofften. Doch in manchen Fällen war es die Chance, nicht für in den Bergen verübte Verbrechen erhängt, aufge-, spießt oder auf andere unerfreuliche Weise ins Jenseits befördert zu wer- den. »Sieh einfach nicht hin«, sagte Angua leise. »Warum nicht?« fragte Grinsi. »Weil wir zu zweit sind und es hier mit mindestens zwei Dutzend Trol- len zu tun haben. Unsere Kleidung ist für Leute bestimmt, die über alle ihre Gliedmaßen verfügen.« Eruptiv trat durch eine Tür und führte die beiden Wächter in den Hin- terhof. Töpfe standen dort auf Paletten, und Ziegel trockneten in langen Reihen. Unter einem improvisiert wirkenden Dach lagen mehrere Ton- haufen. »Da ihr seht Ton«, erklärte Eruptiv. »Hat er einen speziellen Namen, wenn man ihn auf diese Weise lagert?« fragte Grinsi scheu. Sie stieß die Substanz mit der Stiefelspitze an. »Ja«, sagte Eruptiv. »Wir so etwas nennen einen Haufen.« Angua schüttelte traurig den Kopf. Soviel zu Spuren. Ton war Ton. Sie hatte gehofft, daß es verschiedene Arten davon gab, aber er schien so gewöhnlich zu sein wie… Erde. Und dann half Eruptiv der Polizei bei ihren Ermittlungen. »Es euch etwas ausmachen, wenn ihr nehmt den Hinterausgang? Ihr die Leute nervös macht, und dadurch ich nicht kann verkaufen Töpfe.« Er deutete zu einer breiten Doppeltür in der hinteren Wand – sie bot genug Platz für einen Karren. Der Troll griff unter seine Schürze und holte einen Schlüsselbund hervor. Das Vorhängeschloß an der Tür war groß und glänzte neu. »Befürchtest du etwa, bestohlen zu werden?« fragte Angua. »Bitte, das nicht sein gerecht«, klagte Eruptiv. »Vor vier Monaten ka- men Unbekannte, brachen das Schloß alte und brachten fort Dinge klammheimlich, ohne zu bezahlen nicht.« »Scheußlich, nicht wahr?« entgegnete Angua. »Da hast du dich be- stimmt gefragt, wozu du eigentlich deine Steuern bezahlst.« In gewisser Weise war Eruptiv viel intelligenter als der Bäcker Eisen- kruste – er überhörte die Bemerkung einfach. »Es nur gewesen sein, Zeugs«, sagte er und führte die beiden Besucher so schnell wie möglich durchs Tor. »Haben die Einbrecher Ton gestohlen?« erkundigte sich Grinsi. »Er nicht viel kosten, es vielmehr sein eine Frage des Prinzips«, ant- wortete Eruptiv. »Es mir ein Rätsel, warum sich Unbekannte gemacht die ganze Mühe. Eine halbe Tonne Ton keine Füße haben, mit denen er selbst fortgehen.« Angua sah noch einmal auf das Vorhängeschloß. »Ja«, sagte sie geistes- abwesend. Hinter ihnen schloß sich das Tor. Die beiden Wächter standen in einer Gasse. »Komisch, daß jemand Ton stiehlt«, meinte Grinsi. »Hat er die Wache verständigt?« »Das bezweifle ich«, erwiderte Angua. »Wespen beschweren sich nicht, wenn sie selbst gestochen werden. Außerdem glaubt Detritus, daß Erup- tiv in den Platte-Schmuggel verwickelt ist; er würde jeden Vorwand nut- zen, um sich hier umzusehen. Da fällt mir ein… Heute ist doch eigent- lich mein freier Tag, oder?« Sie trat zurück und blickte die hohe, mit Spitzen ausgestattete Mauer empor, die den Hinterhof umgab. »Könnte man Ton im Ofen eines Bäckers brennen?« »O nein.« »Weil’s da drin nicht heiß genug wird?« »Nein. Er hat die falsche Form. Einige Töpfe wären bereits hart, wenn andere noch ganz weich sind. Warum fragst du?« »Ja, warum habe ich das gefragt?« überlegte Angua. »Was hältst du da- von, wenn wir uns etwas zu trinken genehmigen?« »Aber kein Bier«, sagte Grinsi sofort. »Und nicht an einem Ort, wo wir singen oder uns auf die Schenkel klopfen müssen.« Angua nickte verständnisvoll. »An einem Ort, wo wir keinen Zwergen begegnen?« »Äh… ja…« »Kein Problem«, meinte Angua. »Ich kenne da genau die richtige Ta- verne…«, Nebel kam auf und wurde schnell dichter. Den Morgen über hatte er in schmalen Seitengassen und Kellern ausgeharrt, jetzt kehrte er für die Nacht zurück. Aus dem Boden stieg er, vom Fluß kroch er, senkte sich auch vom Himmel herab – eine klebrige gelbe Decke, der Ankh in Tröpfchenform. Durch Ritzen und Fugen schob er sich, verspottete den gesunden Menschenverstand, indem er sich in beleuchteten Zimmern ausbreitete. Er ließ Kerzen knistern und Augen tränen. Draußen schie- nen alle Gestalten aufzuragen und eine Bedrohung zu sein… In der düsteren Seitengasse einer düsteren Straße blieb Angua stehen, spannte die Schultern und öffnete eine Tür. Die Atmosphäre in dem langen, niedrigen und dunklen Raum veränder- te sich, als sie eintrat. Zwei oder drei Sekunden dehnten sich, quietschten wie ein Finger auf dem Rand eines Glases. Dann vermittelte etwas das Gefühl allgemeiner Entspannung – die Leute drehten sich wieder auf ihren Sitzen um. Sie saßen. Also mußten es Leute sein. Grinsi schob sich etwas näher an Angua heran. »Wie heißt dieser Ort?« flüsterte die Zwergin. »Oh, er hat keinen Namen«, erwiderte Angua. »Aber manchmal nen- nen wir ihn Bahre.« »Von draußen sah es gar nicht nach einer Taverne aus. Wie hast du hierhergefunden?« »Ich bin meinen Instinkten gefolgt.« Grinsi sah sich nervös um. Ihr gegenwärtiger Aufenthaltsort blieb un- klar. Sie wußte nur, daß sich die »Taverne« irgendwo im Viehmarktdi- strikt der Stadt befand, in einem wahren Irrgarten aus schmalen Straßen und Gassen. Angua schritt zur Theke. Ein Schemen glitt aus den Schatten. »Hallo, Angua«, sagte eine tiefe, rollende Stimme. »Fruchtsaft, nicht wahr?« »Ja. Kalt.« »Und der Zwerg?«, »Sie möchte ihn roh«, kommentierte jemand in der Finsternis. Geläch- ter erklang. Manches hörte sich sehr seltsam an. Grinsi konnte sich kaum vorstellen, daß die Laute von normalen Lippen stammten. »Ich nehme ebenfalls Fruchtsaft«, brachte sie mit zittriger Stimme her- vor. Angua blickte auf die Zwergin hinab und fühlte eine sonderbare Dankbarkeit dafür, daß die verächtlichen Worte wirkungslos an Grinsi abprallten. Sie nahm die Dienstmarke ab und legte sie langsam auf die Theke. Ein leises Plink war zu hören. Dann beugte sie sich vor und zeig- te dem Mann das ikonographische Bild. Wenn es wirklich ein Mann war. Grinsi war da nicht ganz sicher. Auf einem Schild über der Theke stand: »Hier wird nicht gewechselt.« »Du weißt doch immer, was so läuft, Igor«, sagte Angua. »Gestern wurden zwei Menschen umgebracht. Und vor einer Weile hat man dem Troll Eruptiv einen Haufen Ton gestohlen. Hast du was darüber ge- hört?« »Warum interessierst du dich dafür?« »Es verstößt gegen das Gesetz, alte Männer umzubringen«, erwiderte Angua. »Viele Dinge verstoßen gegen das Gesetz, und deshalb haben wir Wächter viel zu tun. Wir kümmern uns gern um wichtige Angelegenheiten. Wenn das nicht mehr möglich ist, müssen wir uns den unwichtigen Din- gen zuwenden. Hast du verstanden?« Der Schemen dachte darüber nach. »Nehmt Platz«, sagte er schließlich. »Ich bringe euch gleich die Getränke.« Angua führte die Zwergin zu einem Nischentisch. Die übrigen Gäste verloren das Interesse an ihnen und setzten ihre leisen Gespräche fort. »Was ist das für ein Ort?« fragte Grinsi. »Hierher kommen Leute, die… sie selbst sein wollen«, sagte Angua langsam. »Leute, die… sonst sehr vorsichtig sein müssen. Verstehst du?« »Nein.« Angua seufzte. »Vampire, Zombies, Schwarze Männer, Ghule und so weiter. Die Unto…« Sie unterbrach sich. »Die auf andere Weise Leben- den«, sagte sie. »Personen, die permanent darauf achten müssen, andere Leute nicht zu erschrecken, denen es sehr schwerfällt, sich anzupassen., Darauf läuft es in Ankh-Morpork hinaus. Wenn man sich anpaßt, eine Arbeit findet und niemandem Angst einjagt, muß man nicht damit rech- nen, von einer aufgebrachten Menge mit Mistgabeln und brennenden Fackeln besucht zu werden. Wie dem auch sei: Manchmal ist es ange- nehm, einen Ort aufsuchen zu können, an dem man sich nicht verstellen muß.« Grinsis Augen gewöhnten sich immer mehr ans Halbdunkel, wodurch sie diverse Gestalten deutlicher erkennen konnte. Einige von ihnen wa- ren ein ganzes Stück größer als Menschen. Manche hatten spitze Ohren und lange Schnauzen. »Wer ist das Mädchen dort?« fragte sie. »Es sieht… normal aus.« »Oh, du meinst Violett. Sie ist eine Zahnfee. Und neben ihr sitzt ein Schwarzer Mann namens Schleppel.« In einer fernen Ecke saß jemand, der einen langen Mantel sowie einen spitz zulaufenden Hut mit breiter Krempe trug. »Und der?« »Des Alten Mannes Schwierigkeiten«, sagte Angua. »Ihm solltest du besser aus dem Weg gehen, aus eigenem Interesse.« »Äh… gibt es hier auch Werwölfe?« »Einen oder zwei«, sagte Angua. »Ich hasse sie.« »Ach?« Der seltsamste Gast saß allein an einem kleinen runden Tisch: eine alte Frau mit Schal und einem Strohhut, in dem Blumen steckten. Sie starrte gutmütig ins Leere und wirkte dadurch noch unheimlicher als die übri- gen Anwesenden. »Wer ist das?« hauchte Grinsi. »Oh, Frau Gammage.« »Und was macht sie hier?« »Was sie hier macht? Nun, sie kommt fast jeden Tag, um ein Gläschen zu trinken und etwas Gesellschaft zu haben. Manchmal singen wir. Ich meine, sie singen. Alte Lieder, an die sich Frau Gammage erinnert. Sie ist praktisch blind. Wenn du wissen willst, ob sie zu den Untoten gehört…, Die Antwort lautet nein. Sie ist kein Vampir, kein Werwolf, kein Zom- bie, auch kein Schwarzer Mann, einfach nur eine alte Frau.« Eine große, wankende und haarige Gestalt trat an Frau Gammages Tisch heran und stellte ein Glas vor ihr ab. »Portwein mit Zitrone«, grollte sie. »Bitte sehr, Frau Gammage.« »Auf dein Wohl, Charlie«, krächzte die Alte. »Wie läuft das Klempner- geschäft?« »Kann nicht klagen«, erwiderte der Schwarze Mann und verschwand in der Düsternis. »Das war ein Klempner?« fragte Grinsi. »Natürlich nicht. Ich weiß nicht, wer Charlie gewesen ist. Wahrschein- lich ist er schon vor vielen Jahren gestorben. Aber sie hält den Schwar- zen Mann für Charlie, und wer brächte es fertig, sie mit der Wahrheit zu enttäuschen?« »Soll das heißen, sie weiß gar nicht, was dies für ein Ort ist?« »Sie kam schon hierher, als die Taverne noch Krone und Axt hieß«, sagte Angua. »Niemand will etwas verderben. Alle mögen Frau Gammage. Sie… geben auf sie acht. Helfen ihr auf die eine oder andere Weise.« »Wie denn?« »Nun, vergangenen Monat soll jemand in ihr bescheidenes Heim ein- gedrungen sein und ein paar Sachen entwendet haben…« »Das nennst du helfen?« »… die am nächsten Tag alle zurückgebracht wurden. Außerdem fand man zwei tote Diebe in den Schatten – ihre Leichen enthielten keinen Tropfen Blut mehr.« Angua lächelte und fuhr in spöttischem Tonfall fort: »Oh, ja, man hört lauter üble Dinge über die Untoten, aber nur we- nig von der guten Arbeit, die sie leisten.« Der Wirt namens Igor trat heran. Er wirkte mehr oder weniger menschlich, abgesehen von den Haaren auf seinen Handrücken und den Augenbrauen, die nicht voneinander getrennt waren. Er legte zwei Un- tersetzer auf den Tisch und stellte die Gläser darauf., »Vermutlich wünschst du dir jetzt, in einer Zwergentaverne zu sein«, sagte Angua. Sie nahm ihren Untersetzer und warf einen Blick auf die Unterseite. Grinsi sah sich noch einmal um. Wenn dies eine Zwergentaverne wäre, gäbe es inzwischen große Bierlachen auf dem Boden, und überall würde Schaum spritzen. Außerdem hätten sie längst Gelegenheit gehabt, das neue Zwergenlied Gold, Gold, Gold zu hören, oder den Dauerbrenner Gold, Gold, Gold, oder den alten Hit namens Gold, Gold, Gold. Und sicher würden in wenigen Minuten die ersten Äxte geworfen. »Nein«, sagte Grinsi. »So schlimm kann es hier nicht sein.« »Trink aus«, drängte Angua. »Wir müssen gehen und… uns etwas an- sehen.« Eine große, haarige Hand schloß sich um Anguas Unterarm. Sie hob den Kopf und blickte in ein schreckliches Gesicht, das nur aus Augen, Mund und Haaren zu bestehen schien. »Hallo, Schlitzen«, sagte sie ruhig. »Ha, wie ich gehört habe, gibt es da einen Baron, der ziemlich sauer auf dich ist.« Alkohol kondensierte in Schlitzens Atem. »Das geht nur mich etwas an«, erwiderte Angua. »Warum kehrst du nicht wie ein braver Schwarzer Mann hinter deine Tür zurück?« »Ha, er meint, du hättest Schande über das alte Land gebracht…« »Bitte laß los«, sagte Angua. Dort, wo Schlitzen sie festhielt, war ihre Haut weiß. Grinsi sah vom Unterarm zur Schulter des Schwarzen Manns. Schlit- zen mochte feingliedrig sein, aber an seinem Arm waren Muskeln wie Perlen an einer Kette aufgereiht. Angua bewegte sich so schnell, daß sie zu einem Schemen wurde. Mit der freien Hand zog sie etwas hinter ihrem Gürtel hervor und stülpte es Schlitzen über den Kopf. Daraufhin lösten sich die Finger von ihrem Arm. Der Schwarze Mann schwankte und stöhnte leise. Auf seinem Kopf ruhte ein viereckiges Stoffstück wie das verknotete Taschentuch eines Sonnenanbeters am nächsten Strand. Angua schob den Stuhl zurück und griff nach dem Untersetzer. Die dunklen Gestalten an den Wänden flüsterten miteinander., »Laß uns von hier verschwinden«, sagte sie. »Igor, gib uns eine halbe Minute – dann kannst du ihm die kleine Decke abnehmen. Komm.« Sie verließen die Taverne. Der Nebel hatte die Sonne bereits in einen blassen Fleck verwandelt, doch nach der Düsternis in der Bahre war die Graue strahlend hell. »Was ist mit ihm passiert?« fragte Grinsi. Sie lief, um mit Angua Schritt zu halten. »Er leidet an Existenzunsicherheit«, erklärte Angua. »Er weiß nicht, ob er existiert oder nicht. Es ist grausam, zugegeben, aber wir kennen kein anderes wirksames Mittel gegen Schwarze Männer. Am besten ist eine blaue, flauschige Decke.« Sie bemerkte Grinsis Verwirrung. »Schwarze Männer gehen fort, wenn man den Kopf unter die Decke steckt. Das wissen doch alle. Wenn man also ihren Kopf unter eine Decke steckt…« »Oh, ich verstehe. Das ist wirklich gemein.« »In zehn Minuten hat er sich davon erholt.« Angua warf den Unterset- zer aus Pappe wie einen Diskus durch die Gasse. »Was hat er mit dem Baron gemeint?« »Eigentlich habe ich gar nicht richtig zugehört«, behauptete Angua. Grinsi fröstelte im Nebel, nicht nur wegen der Kälte. »Er klang so, als stammte er auch aus Überwald. Ich erinnere mich an einen Baron, der nicht weit entfernt wohnte und es haßte, wenn jemand die Heimat ver- ließ…« »Ja.« »Die ganze Familie bestand aus Werwölfen. Einer von ihnen hat mei- nen zweiten Vetter gefressen.« Erinnerungsbilder huschten an Anguas innerem Auge vorbei. Vor al- lem Mahlzeiten aus der Zeit, als sie sich noch nicht gesagt hatte: So etwas gehört sich nicht. Ein Zwerg, ein Zwerg… Sie war ziemlich sicher, daß sie nie… Die Familie hatte sich immer über ihre Eßgewohnheiten lustig gemacht. »Deshalb kann ich sie nicht ausstehen«, meinte Grinsi. »Es heißt zwar, man könnte Werwölfe zähmen, aber ich finde, ein Wolf bleibt ein Wolf. Man darf ihnen nicht trauen. Die Bosheit liegt in ihrer Natur, stimmt’s? Sie können praktisch jederzeit zu… zu einem wilden Tier werden.«, »Vielleicht hast du recht.« »Und das Schlimmste ist… Die meiste Zeit sehen sie aus wie ganz normale Leute.« Angua blinzelte und war froh über die doppelte Tarnung durch den Nebel und Grinsis uneingeschränktes Vertrauen. »Komm. Wir sind fast da.« »Wo?« »Wir sprechen mit jemandem, der entweder der Mörder ist oder ihn kennt.« Grinsi blieb stehen. »Aber du hast nur ein Schwert, und ich bin über- haupt nicht bewaffnet!« »Sei unbesorgt. Wir brauchen keine Waffen.« »Gut.« »Sie würden uns ohnehin nicht helfen.« »Oh.« Mumm öffnete die Tür, um festzustellen, was die vielen lauten Stimmen unten in der Wache zu bedeuten hatten. Der Korporal am Schreibtisch – ein Zwerg – sah sich mit nicht unerheblichen Schwierigkeiten konfron- tiert. »Schon wieder? Und wie oft bist du in dieser Woche getötet worden?« »Ich habe mich immer nur um meine eigenen Angelegenheiten ge- kümmert!« erwiderte der Klagende. »Indem du Knoblauchzehen sortiert hast? Du bist doch ein Vampir, oder? Ich meine, sehen wir uns einmal die Liste deiner bisherigen beruf- lichen Tätigkeiten an. Pfahlspitzer für einen Zaunhersteller, Sonnenbril- lentester für den Optiker Argus… Da läßt sich doch ein Trend erkennen, nicht wahr?« »Entschuldige bitte, Kommandeur…« Mumm blickte in ein lächelndes Gesicht, das er inzwischen viel zu gut kannte – es wollte der Welt unbedingt Gutes tun, auch wenn die Welt ganz andere Dinge wollte., »Ah, Obergefreiter Besuch, ja«, sagte er und fügte rasch hinzu: »Derzeit bin ich leider sehr beschäftigt, und ich weiß nicht einmal, ob ich eine unsterbliche Seele habe, ha-ha, und vielleicht könntest du wiederkom- men, wenn ich…« »Es geht um die Worte, die ich überprüfen sollte«, entgegnete Besuch ein wenig vorwurfsvoll. »Welche Worte?« »Die Pater Tubelcek mit seinem eigenen Blut geschrieben hat. Du hast mich beauftragt herauszufinden, was sie bedeuten?« »Oh. Ja. Komm in mein Büro.« Mumm entspannte sich. Es stand ihm also kein unangenehmes Gespräch über den Zustand seiner Seele und die Notwendigkeit einer Läuterung, bevor ihn die ewige Verdammnis holte, bevor. Es war etwas Wichtiges zu besprechen. »Es handelt sich um altes Zenozackig, Herr Kommandeur. Der Text stammt aus einem ihrer heiligen Bücher. Wenn ich ›heilig‹ sage, sollte ich vielleicht darauf hinweisen, daß sie von falschen Annahmen ausgehen und…« »Ja, ja, bestimmt hast du recht.« Mumm setzte sich. »Lautet die Über- setzung zufällig: ›Herr Soundso hat es getan, aargh, aargh, aargh‹?« »Nein, Herr Kommandeur. Solch ein Satz ist in keinem der mir be- kannten heiligen Bücher verzeichnet.« »Ah«, sagte Mumm. »Nun, ich habe mir auch die anderen Dokumente im Zimmer angese- hen und festgestellt, daß die Worte nicht in der Handschrift des Ermor- deten geschrieben worden sind.« Mumms Miene erhellte sich. »Ah-ha! Jemand anders ist der Autor? Be- sagt die Mitteilung vielleicht: ›Nimm das, du Mistkerl, wir haben viele Jahre auf eine Gelegenheit gewartet, uns für das zu rächen, was du da- mals getan hast!‹?« »Nein, Herr Kommandeur. Auch dieser Satz fehlt in den mir bekann- ten heiligen Büchern.« Obergefreiter Besuch zögerte. »Abgesehen von den Apokryphen des rachsüchtigen Testaments des Krokodilgottes Off- ler«, fügte er nachdenklich hinzu. »Doch die Worte, um die es hier geht,, stammen aus dem zenozackigen Buch der Wahrheit. Obwohl…« Er schniefte. »Mit Wahrheit hat das alles natürlich nichts zu tun…« »Wie wär’s, wenn du dich mit der Übersetzung begnügst und die Lek- tion in komparativer Religion auf einen späteren Zeitpunkt verschiebst?« schlug Mumm vor. »Wie du wünschst, Herr Kommandeur.« Obergefreiter Besuch wirkte ein wenig beleidigt, als er einen Zettel hervorholte, ihn entfaltete und dabei erneut mit unüberhörbarer Geringschätzung schniefte. »Es gibt da einige Regeln, die das zenozackige Volk von ihrem angeblichen Gott bekam, nachdem er es angeblich aus Ton gebrannt hatte. Ich meine Re- geln wie ›Du sollst fleißig arbeiten, und zwar an allen Tagen deines Le- bens‹ und ›Du sollst nicht töten‹ und ›Du sollst demütig sein‹. So was in der Art.« »Das ist alles?« fragte Mumm. »Ja, Herr Kommandeur«, bestätigte Obergefreiter Besuch. »Es sind nur religiöse Zitate?« »Ja, Herr Kommandeur.« »Hast du eine Ahnung, warum sie ihm in den Mund gesteckt wurden? Der arme Kerl sah aus, als wollte er eine letzte Zigarette rauchen.« »Nein, Herr Kommandeur.« »Ich könnte es ja verstehen, wenn es der übliche Alle-Ungläubigen- werden-zermalmt-Unsinn wäre«, sagte Mumm. »Aber in diesem Fall heißt es einfach: Arbeite fleißig und mach keine Schwierigkeiten.« »Zeno war ein recht liberaler Gott, Herr Kommandeur. Legte keinen großen Wert auf Gebote und dergleichen.« »Klingt fast anständig. Soweit Götter überhaupt anständig sein kön- nen.« Obergefreiter Besuch warf Mumm einen mißbilligenden Blick zu. »Die Zenozacken haben sich selbst ausgelöscht. Sie führten fünfhundert Jahre lang einen der blutigsten Kriege auf dem ganzen Kontinent.« »Spare einzelne Blitze und bringe die ganze Gemeinde um«, murmelte Mumm. »Wie bitte?«, »Schon gut. Herzlichen Dank, Obergefreiter. Ich… äh… gebe Haupt- mann Karotte Bescheid. Nochmals herzlichen Dank, ich möchte dich jetzt nicht länger aufhalten…« Mumm sprach immer schneller, was den Obergefreiten jedoch nicht davon abhielt, eine Papierrolle unter dem Brustharnisch hervorzuziehen. »Ich habe dir die neueste Ausgabe von Ungeschmückte Fakten mitge- bracht, Herr Kommandeur, zusammen mit dem Schlachtruf dieses Mo- nats. Er enthält mehrere Artikel, die du bestimmt sehr interessant fin- dest, unter anderem Pastor Riecher Rennfuß’ Aufforderung an die Ge- meinde, sich zu erheben und ganz offen durch die Briefkästen zu den Leuten zu sprechen.« »Äh… vielen Dank.« »Ich muß leider zur Kenntnis nehmen, Herr Kommandeur, daß die Broschüren und Hefte, die ich dir in der vergangenen Woche mitge- bracht habe, noch immer an der gleichen Stelle auf dem Schreibtisch liegen.« »Oh, nun, entschuldige, aber du weißt ja, wie das ist. Ich habe soviel Arbeit, daß ich kaum Zeit finde, um…« »Man sollte nicht zu lange warten, über die ewige Verdammnis nach- zudenken, Herr Kommandeur.« »Ich denke dauernd über sie nach, Obergefreiter. Danke.« Wie unfair, fuhr es Mumm durch den Sinn, als Besuch gegangen war. Wir finden eine Mitteilung am Tatort, aber hat sie den Anstand, eine Todesdrohung zu sein? Nein. Ist sie vielleicht das letzte Gekritzel eines Sterbenden, der den Namen seines Mörders preisgeben will? Nein. Es ist bloß irgendein religiöser Firlefanz. Welchen Sinn haben Spuren, die noch rätselhafter sind als das Rätsel des Verbrechens? Er fügte Besuchs Übersetzung eine Notiz hinzu und überließ den Zet- tel dem Eingangskorb. Zu spät erinnerte sich Angua, weshalb sie um diese Zeit des Monats das Schlachthausviertel mied. Sie konnte jederzeit bewußt die Gestalt wechseln. Das vergaßen die Leute häufig, wenn es um Werwölfe ging. Und doch gab es einen sehr, wichtigen Aspekt: Das Licht des Vollmonds weckte den unwiderstehlichen Wunsch, zum Wolf zu werden. Die Mondstrahlen drangen bis ins Zen- trum des morphischen Gedächtnisses vor und legten dort alle Schalter um, ganz gleich, ob Angua dies wollte oder nicht. Bis zum nächsten Vollmond waren es nur noch zwei Tage. Der herrliche Geruch von Tie- ren in den Pferchen und des Bluts in den Schlachthäusern brodelte gegen ihren strengen Vegetarismus. Die innere Unruhe wuchs. Sie sah zu dem düsteren Gebäude weiter vorn. »Ich glaube, wir neh- men den Hintereingang«, sagte sie. »Und du klopfst an.« »Ich?« entfuhr es Grinsi. »Bestimmt achtet man überhaupt nicht auf mich.« »Zeig deine Dienstmarke und weis darauf hin, daß du zur Stadtwache gehörst.« »Man wird mir keine Beachtung schenken! Vielleicht lacht man sogar über mich!« »Früher oder später mußt du es hinter dich bringen. Also los.« Ein untersetzter Mann mit blutiger Schürze öffnete die Tür. Verblüfft stellte er fest, daß eine Zwergenhand nach seinem Gürtel griff, während ihm die andere eine Dienstmarke vors Gesicht hielt. Auf der Höhe sei- nes Nabels erklang eine Zwergenstimme. »Wir sind die Wache, klar? O ja! Und wenn du uns nicht eintreten läßt, machen wir dich zur Schnecke und so!« »Nicht schlecht für den Anfang«, murmelte Angua. Sie hob Grinsi hoch, stellte sie beiseite und wandte sich an den Schlachter. »Herr Socke? Wir würden gern mit einem deiner Angestellten reden, mit einem gewissen Herrn Dorfl.« Der Mann hatte sich noch nicht ganz von der Überraschung namens Grinsi erholt, doch es gelang ihm, sich wieder zu fassen. »Herr Dorfl? Was hat er angestellt?« »Wir möchten einfach nur mit ihm reden. Dürfen wir hereinkommen?« Socke sah auf Grinsi hinab, die vor Nervosität und Aufregung zitterte. »Bleibt mir eine Wahl?« »Es kommt ganz darauf an, ob du zu einer optimistischen oder pessi- mistischen Einstellung neigst«, erwiderte Angua., Sie versuchte, den überaus verlockenden Duft des Blutes zu ignorieren. Es gab auch eine Würstchenfabrik in der Nähe, wo all die Teile von Tie- ren, die sonst niemand essen wollte, verarbeitet wurden – kaum jemand hätte sie identifizieren können. Die Gerüche des Schlachthauses veran- laßten den Magen eines Menschen, sich umzudrehen. Doch in Angua richtete sich etwas auf, sabberte und bettelte, sehnte sich nach wunder- voll blutigem Fleisch, von wem auch immer es stammte… Angua schnupperte. »Ratten? Ich wußte gar nicht, daß du auch Zwerge belieferst.« Socke verwandelte sich plötzlich in jemanden, der behilflich sein woll- te. »Dorfl! Komm sofort her!« Die beiden Wächter hörten das Geräusch von Schritten, und jemand kam hinter einigen Rinderrümpfen zum Vorschein. Manche Leute hatten etwas gegen Untote. Angua wußte, daß ihre Ge- genwart Kommandeur Mumm mit Unbehagen erfüllte, auch wenn er sich neuerdings Mühe gab, es nicht so deutlich zu zeigen. Die meisten Personen brauchten jemanden, dem sie sich überlegen fühlen konnten. Die Lebenden haßten die Untoten, und die Untoten verabscheuten die – Angua spürte, wie sich ihre Hände zu Fäusten ballten – Leblosen. Der Golem Dorfl schlurfte ein wenig, weil eins seiner Beine kürzer war als das andere. Er trug keine Kleidung, denn er hatte nichts zu verber- gen. Ganz deutlich waren jene Stellen zu sehen, die im Lauf der Jahre mit frischem Ton… repariert worden waren. Das Flickwerk erwies sich als so umfangreich, daß Angua überlegte, wie alt der Golem sein mochte. Irgendwann einmal hatte jemand versucht, menschliche Muskulatur nachzubilden, doch bei den anschließenden Instandsetzungen war auf solche Ausschmückungen verzichtet worden. Das Ding sah aus wie die Töpfe, die Eruptiv verabscheute und die von Töpfern hergestellt wur- den, nach deren Ansicht handgefertigte Objekte auch so aussehen mußten, als seien sie von Hand gefertigt. In Ton gebrannte Fingerabdrücke galten als Echtheitszeichen und Gütesiegel. Alles an Dorfl wirkte künstlich. Die meisten Reparaturen an seinem Leib hatte er selbst durchgeführt, eine nach der anderen. Seine dreiecki-, gen Augen glühten. Sie enthielten keine Pupillen, nur das dunkelrote Schimmern gefangenen Feuers. In der einen Hand hielt der Golem ein großes, langes Hackbeil. Grinsis Blick wurde davon angezogen; ihre Miene verriet entsetzte Faszination. Aus der anderen Hand des Geschöpfs lief eine Schnur, die am Hals einer großen, haarigen und ziemlich schlecht riechenden Ziege endete. »Womit bist du beschäftigt, Dorfl?« Der Golem nickte in Richtung der Ziege. »Hast du die Judasziege gefüttert?« Dorfl nickte erneut. »Mußt du etwas erledigen, Herr Socke?« fragte Angua. »Nein, ich…« »Du mußt etwas erledigen«, betonte Angua. »Ach? Äh… ja? Äh… ja. Na schön. Ich gehe und sehe nach den Inne- reienkesseln…« Der Schlachter wandte sich ab, verharrte kurz vor Dorfl und hob den Zeigefinger dicht unter die Stelle, wo bei einem Menschen die Nase ge- wesen wäre. »Wenn du mir irgendwelche Probleme bescherst…«, begann er. »Ich glaube, die Kessel erfordern dringend deine Aufmerksamkeit«, sagte Angua. Herr Socke eilte davon. Es war still auf dem Hof, obwohl die Geräusche der Stadt über die Mauern hinwegstrichen. Auf der anderen Seite des Schlachthauses blök- ten gelegentlich besorgte Schafe. Dorfl stand völlig reglos, in der einen Hand das Beil und in der anderen die Schnur. Er starrte auf den Boden. »Ist das ein Troll, der versucht, einem Menschen zu ähneln?« fragte Grinsi. »Sieh dir nur die Augen an…« »Das ist kein Troll, sondern ein Golem«, entgegnete Angua. »Ein We- sen aus Ton. Besser gesagt: ein Apparat.« »Er hat gewisse Ähnlichkeit mit einem Menschen.« »Weil er ein Apparat ist, dem man menschliche Form gegeben hat.«, Angua wanderte um das Geschöpf herum. »Ich möchte deine Worte lesen, Dorfl.« Der Golem ließ die Ziegenleine los, hob das Hackbeil und rammte es in den Holzklotz neben Grinsi – was die Zwergin erschrocken beiseite springen ließ. Dann griff er nach einer Schiefertafel, die er um den Hals trug, nahm einen Stift und schrieb: Ja. Angua hob die Hand, und Grinsi bemerkte eine dünne Linie auf der Stirn des Golems. Verdutzt beobachtete sie, wie seine Schädeldecke auf- klappte. Angua griff gelassen hinein und holte eine Schriftrolle aus dem Kopf. Der Golem erstarrte, und das Glühen in den Augen verblaßte. Angua entrollte das Pergament. »Eine heilige Schrift dieser oder jener Art«, sagte sie. »Das ist immer so. Die Worte stammen aus irgendeiner alten Religion.« »Hast du das Wesen getötet?« »Nein. Wie soll man Leben auslöschen, das überhaupt nicht existiert?« Angua legte die Rolle zurück in den Kopf und schloß die Schädelklap- pe. Der Golem rührte sich wieder. Das seltsame Licht kehrte in seine Au- gen zurück. Grinsi hatte unwillkürlich den Atem angehalten und ließ ihn jetzt zi- schend entweichen. »Was hat das alles zu bedeuten?« brachte sie hervor. »Sag es ihr, Dorfl«, erwiderte Angua. Die dicken Finger des Golems bewegten sich schnell, der Griffel kratz- te über Schiefer. Ich bin ein Golem. Aus Ton hat man mich gemacht. Die Worte sind mein Leben. Die Worte des Zwecks in meinem Kopf geben mir Leben. Meine Aufga- be besteht darin zu arbeiten. Ich gehorche allen Befehlen. Ich ruhe nie. »Welche Worte des Zwecks?« Wichtige Texte, die das Zentrum des Glaubens bilden. Golem muß arbeiten. Golem braucht einen Herrn., Die Ziege ließ sich neben dem Golem nieder und begann wiederzu- käuen. »Zwei Personen sind ermordet worden«, sagte Angua. »Ich bin ziem- lich sicher, daß ein Golem eine der Taten verübt hat, vielleicht sogar beide. Weißt du etwas darüber, Dorfl?« »Entschuldige bitte«, warf Grinsi ein. »Willst du etwa behaupten, das ›Leben‹ dieses… Dings besteht aus Worten? Ich meine, es behauptet so etwas…« »Hältst du das für absurd? Worte haben Macht. Das weiß jeder. Es gibt mehr Golems, als du glaubst. Sie sind aus der Mode geraten, haben je- doch lange Bestand. Sie können unter Wasser arbeiten, in völliger Dun- kelheit oder knietief in Gift. Jahrelang. Sie brauchen weder Ruhe noch Nahrung. Sie…« »Aber das ist Sklaverei!« entfuhr es Grinsi. »Natürlich nicht. Genausogut könnte man einen Türknauf versklaven. Hast du mir irgend etwas zu sagen, Dorfl?« Grinsi blickte immer wieder zu dem Hackbeil, das in dem Holzblock steckte. Worte wie lang, schwer und scharf füllten ihren Kopf mehr aus als irgendwelche heiligen Schriften den Schädel eines Golems. Dorfl schwieg. »Wie lange arbeitest du schon hier, Dorfl?« Seit inzwischen dreihundert Tagen. »Hast du auch Freizeit?« Soll das ein Witz sein? Was könnte ich mit freier Zeit anfangen? »Ich meine, bist du immer im Schlachthaus oder verläßt du es manch- mal?« Manchmal kümmere ich mich um Auslieferungen. »Und begegnest du dabei anderen Golems? Jetzt hör mal, Dorfl: Ich weiß, daß ihr irgendwie in Kontakt steht. Und wenn Golems zu Mördern werden, sehe ich ziemlich schwarz für eure Zukunft. Dann treffen hier bald Leute mit Fackeln und Vorschlaghämmern ein. Verstehst du?« Der Golem zuckte mit den Schultern., Sie können nicht nehmen, was nicht existiert, schrieb er. Angua hob die Arme und ließ sie wieder sinken. »Ich versuche, freund- lich zu sein«, sagte sie. »Ich könnte dich auch einfach beschlagnahmen, zum Beispiel unter der Anklage: ›Du bist stur, obwohl ein langer Tag hinter mir liegt und ich sehr, sehr müde bin.‹ Kennst du Pater Tubelcek?« Der alte Priester. Wohnt auf der Brücke. »Woher kennst du ihn?« Ich bin ihm bei Auslieferungen begegnet. »Er ist ermordet worden. Wo hast du dich zur Tatzeit aufgehalten?« Im Schlachthaus. »Woher weißt du das?« Dorfl zögerte kurz. Die nächsten Worte schrieb er langsam – sie schie- nen aus weiter Ferne zu kommen, begleitet von gründlichem Nachden- ken. Weil es etwas ist, das vor nicht sehr langer Zeit geschah, denn du bist noch immer aufgeregt. Und ich habe während der vergangenen drei Tage hier gear- beitet. »Die ganze Zeit über?« Ja. »Vierundzwanzig Stunden am Tag?« Ja. Hier gehören Menschen und Trolle zu jeder Schicht. Du kannst sie fra- gen. Tagsüber besteht meine Aufgabe darin, zu schlachten, auszuweiden, zu- rechtzuschneiden und die Knochen zu entfernen. Nachts arbeite ich weiter, stelle Würstchen her, koche Lebern und Herzen; Kaldaunen und Kutteln. »Wie schrecklich«, ächzte Grinsi. Der Stift kratzte kurz. Eine treffende Beschreibung. Dorfl drehte langsam den Kopf, sah zu Angua und schrieb: Brauchst du mich noch? »Nein, derzeit nicht. Aber wir wissen ja, wo wir dich finden können.« Ich bedaure den Tod des Alten., »Gut. Komm, Grinsi.« Sie spürte den Blick des Golems auf sich ruhen, als sie gingen. »Er hat gelogen«, sagte Grinsi. »Wie kommst du darauf?« »Er sah aus wie jemand, der lügt.« »Wahrscheinlich hast du recht«, erwiderte Angua. »Aber du hast ja ge- sehen, wie groß das Schlachthaus ist. Bestimmt könnten wir nicht bewei- sen, daß er es für eine halbe Stunde verlassen hat. Ich glaube, wir sollten ihn unter ›besondere Beobachtung‹ stellen, wie Kommandeur Mumm es nennt.« »Hat das was mit… ziviler Kleidung zu tun?« erkundigte sich Grinsi. »Etwas in der Art«, erwiderte Angua vorsichtig. »Das mit der Ziege fand ich sonderbar«, sagte Grinsi, als sie durch den Nebel schritten. »Wie? Oh, du meinst die Judasziege. Fast alle Schlachthäuser haben ei- ne. Gehört gewissermaßen zur Belegschaft.« »Zur Belegschaft? Ich verstehe nicht ganz…« »Eine Judasziege hat die Aufgabe, jeden Tag ins Schlachthaus zu lau- fen. Stell dir einen Pferch voller Tiere vor, die immer unruhiger werden, eine Herde ohne Oberhaupt… Und vor dem Pferch führt eine Rampe in ein unheimliches Gebäude… Und dann gibt es da eine Ziege, die über- haupt keine Angst hat, und die Herde folgt ihr, und…« Angua strich sich mit dem Zeigefinger über die Kehle. »Und nur die Ziege verläßt das Schlachthaus wieder.« »Das ist entsetzlich!« »Für die Ziege nicht«, sagte Angua. »Sie überlebt.« »Woher weißt du das alles?« »Als Mitglied der Stadtwache schnappt man das eine oder andere auf.« »Offenbar muß ich noch eine Menge lernen«, seufzte Grinsi. »Zum Beispiel wußte ich nicht, daß man kleine Decken mit sich herumtragen sollte!« »Sie sind Teil der Sonderausstattung für den Umgang mit Untoten.«, »Über Vampire wußte ich Bescheid. Gegen sie hilft Knoblauch. Und irgendwelche heiligen Gegenstände. Aber Werwölfe… Wie wird man mit ihnen fertig?« »Bitte?« fragte Angua geistesabwesend. Sie dachte noch immer über den Golem nach. »Ich besitze ein Kettenhemd aus Silber und habe meiner Familie ver- sprochen, es zu tragen. Gibt es sonst noch etwas, das Werwölfe nicht ausstehen können?« »Oh, es gibt viele Dinge, die ich nicht mag…«, murmelte Angua. »Angua?« »Hm? Ja? Was ist?« »Jemand hat mir gesagt, daß es in der Wache einen Werwolf gibt! Das ist doch unglaublich!« Angua blickte auf die Zwergin hinab. »Ich meine, früher oder später kommt der Wolf durch«, fuhr Grinsi fort. »Es überrascht mich, daß Kommandeur Mumm das zuläßt.« »Es gibt wirklich einen Werwolf in der Wache«, sagte Angua. »Der Obergefreiter Besuch kam mir gleich etwas seltsam vor.« Anguas Kinnlade klappte nach unten. »Er sieht immer… hungrig aus«, meinte Grinsi. »Und er lächelt auf sehr eigentümliche Weise. Ja, einen Werwolf erkenne ich auf den ersten Blick.« »Obergefreiter Besuch wirkt tatsächlich hungrig«, sagte Angua. Etwas anderes fiel ihr nicht ein. »Nun, ich werde versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen!« »Gut.« »Angua…« »Ja?« »Warum trägst du deine Dienstmarke an einer Schnur um den Hals?« »Was? Oh. Nun, das ist… äh… praktisch. Selbst unter… besonderen Umständen.« »Sollte ich das auch so machen?«, »Ich glaube, das ist nicht nötig.« Herr Socke fuhr zusammen. »Dorfl, du verdammter Lehmhaufen! Schleich dich nie an jemanden heran, der an der Schinkenschneidema- schine arbeitet! Das sage ich dir nicht zum erstenmal! Sei nicht immer so leise, wenn du dich bewegst, Himmel und verflucht!« Der Golem hob seine Schiefertafel. Darauf stand: Heute nacht kann ich nicht arbeiten. »Wie bitte? Die Schneidemaschine hat mich nie um Urlaub gebeten!« Es ist ein heiliger Tag. Socke sah in die roten Augen. Der alte Fischbein hatte bei Dorfls Ver- kauf darüber gesprochen. Wie lauteten seine Worte? »Manchmal geht er für ein paar Stunden fort, weil es ein heiliger Tag ist. Es dreht sich um die Worte in seinem Kopf. Wenn er nicht aufbricht und zum Tempel schlurft oder was weiß ich, läßt die Wirkung der Worte nach, warum auch immer. Du solltest ihn besser nicht zurückhalten.« Fünfhundertdreißig Ankh-Morpork-Dollar hatte das Ding gekostet. Viel Geld, zweifellos, doch die Investition hatte sich gelohnt. Der Golem stellte nur dann die Arbeit ein, wenn ihm die Rohmaterialien ausgingen. Und manchmal nicht einmal dann, wenn gewisse Geschichten stimmten. Man berichtete von Golems, die Häuser überfluteten, weil niemand sie aufforderte, kein Wasser mehr vom Brunnen zu holen. Oder das Ge- schirr so lange spülten, bis nur noch hauchdünne Scheiben an die Teller erinnerten. Sie waren dumm – und nützlich, wenn man sie im Auge be- hielt. Und doch… und doch… Socke verstand allmählich, warum sie nie- mand über längere Zeit behielt. So wie die Maschine mit zwei Händen dastand, alles beobachtete und sich was dachte… Beklagte sich nie. Sprach kein einziges Wort. Eine lohnende Investition, ja. Aber sie erfüllte einen mit Unbehagen. Schließlich war man froh, wenn man das komische Ding wieder verkauft hatte. »Neuerdings scheint es ziemlich viele heilige Tage zu geben«, sagte Socke., Manche Zeiten sind sakraler als andere. Aber ein Golem konnte nicht einfach so davonstapfen. Die Arbeit war sein Leben. Beziehungsweise das, was sein »Leben« ausmachte. »Ich weiß nicht, wie ich ohne dich zurechtkommen soll…«, begann Socke. Es ist ein heiliger Tag. »Na schön, na schön. Morgen kannst du dir für einige Stunden frei- nehmen.« Heute nacht. Der heilige Tag beginnt bei Sonnenuntergang. »Sei bald zurück, sonst…« Socke unterbrach sich und seufzte. »Sei bald zurück, hörst du?« Das war auch so eine Sache: Man konnte diesen Geschöpfen nicht drohen. Es hatte keinen Sinn, ihnen Lohnkürzungen in Aussicht zu stel- len – sie wurden überhaupt nicht bezahlt. Es gab keine Möglichkeit, ih- nen Angst einzujagen. Fischbein hatte von einem Weber drüben bei Schlummerhügel berichtet, der seinem Golem befahl, sich selbst mit einem Hammer zu zertrümmern. Kurze Zeit später lagen nur noch Ton- scherben auf dem Boden. Ja. Ich höre. Eigentlich spielte es gar keine Rolle, wer sie waren. Ihre Anonymität war ein integraler Bestandteil der ganzen Sache. Sie glaubten, mit der Ge- schichte zu marschieren; sie sahen sich in vorderster Front des Fort- schritts, auf der Welle der Zukunft. Sie hielten sich für Leute-deren-Zeit- gekommen-war. Regierungen können Barbarenhorden, verrückte Terro- risten und Geheimbünde aus Kapuzenträgern überstehen, doch sie gera- ten in erhebliche Schwierigkeiten, wenn wohlhabende und anonyme Männer an einem großen Tisch sitzen und solche Gedanken pflegen. »So ist es wenigstens sauber«, sagte einer. »Kein Blut.« »Und es dient dem Wohle der Stadt.« Sie nickten ernst. Es war selbstverständlich: Was gut für sie war, war auch gut für Ankh-Morpork. »Und er wird nicht sterben?«, »Offenbar ist es möglich, ihn nur… krank sein zu lassen. Es kommt auf die richtige Dosierung an, wie ich gehört habe.« »Gut. Krank ist er mir lieber als tot. Er ist dazu fähig, wieder aus dem Grab zu klettern.« »Er soll einmal gesagt haben, daß er eingeäschert werden will.« »Dann hoffe ich, daß man seine Asche möglichst großflächig ver- streut.« »Was ist mit der Wache?« »Was soll schon mit ihr sein?« »Ah.« Lord Vetinari öffnete die Augen. Wider aller Vernunft spürte er Schmer- zen im Haar. Er konzentrierte sich, und ein Schemen neben dem Bett verdichtete sich zu Samuel Mumm. »Ah, Mumm«, brachte er hervor. »Wie geht es dir, Herr?« »Miserabel. Wer war der kleine Mann mit den unglaublich krummen Beinen?« »Du meinst vermutlich Krapfen-Karl. Früher war er der Jockey eines sehr dicken Pferds.« »Eines Rennpferds?« »Ich glaube schon, Herr.« »Er hat ein dickes Rennpferd geritten? Ich nehme an, es hat nie ge- wonnen.« »Wahrscheinlich nicht, Herr. Aber Krapfen-Karl verdiente viel Geld, indem er keine Rennen gewann.« »Oh. Er gab mir Milch zu trinken, und dann eine klebrige Flüssigkeit.« Vetinari erinnerte sich. »Davon wurde mir speiübel.« »Davon habe ich gehört, Herr.« »Das Wort ›speiübel‹ beschreibt die Sache nur unvollkommen. Ich ha- be nicht nur gespuckt, sondern hingebungsvoll gekotzt.«, »Dachte ich mir, Herr.« »Fühle mich wie bei einer schlimmen Grippe, Mumm. Der Kopf funk- tioniert nicht richtig.« »Tatsächlich nicht, Herr?« Der Patrizier dachte eine Zeitlang nach. Irgend etwas schien ihn zu wundern. »Warum roch der Mann nach Pferden, Mumm?« fragte er schließlich. »Weil er in erster Linie Pferde behandelt. Damit kennt er sich aus. Im letzten Monat hat er Wahnsinnspech kuriert, und das arme Tier fiel erst nach der letzten Achtelmeile um.« »Klingt alles andere als beruhigend.« »Oh, ich weiß nicht. Das Pferd war schon an der Startlinie so gut wie tot.« »Ah. Ich verstehe. Nun gut. Du traust niemandem, nicht wahr, Mumm?« »Nein, Herr.« Der Patrizier stemmte sich auf den Ellenbogen hoch. »Dürfen Fußnä- gel pulsieren, Mumm?« »Ich glaube nicht.« »Wie dem auch sei… Ich möchte jetzt ein wenig lesen. Das Leben geht weiter.« Mumm ging zum Fenster. Eine alptraumhafte Gestalt hockte draußen am Rand des Balkons und starrte in den dichter werdenden Nebel. »Alles in Ordnung, Obergefreiter Abfluß?« »Allef beftenf«, erwiderte die Erscheinung. »Ich schließe jetzt das Fenster. Der Nebel kommt herein.« »Wie du meinft, Herr Kommandeur.« Mumm schloß das Fenster. Einige Nebelranken, die es zu eilig gehabt hatten, saßen in der Falle. Innerhalb weniger Sekunden lösten sie sich auf. »Wer war das?« fragte Lord Vetinari. »Obergefreiter Abfluß ist ein Wasserspeier, Herr. Bei Paraden taugt er kaum etwas, und er eignet sich auch nicht dafür, Streife zu gehen. Aber, er ist erstklassig darin, an einer Stelle auszuharren, Herr. Er ist Weltmei- ster in der Reglosigkeit. Wenn du den Sieger in hundert Meter Stillstehen suchst… Er hockt dort draußen. Einmal saß er drei Tage lang bei strö- mendem Regen auf einem Dach, wodurch wir schließlich den Parkweg- schleicher schnappen konnten. Nichts entgeht seiner Aufmerksamkeit. Im Flur hält Obergefreiter Gimletsohn Wache, und in der Etage unter uns paßt Obergefreiter Glodsneffe auf. Die Obergefreiten Feuerstein und Moräne sind in den Zimmern rechts und links von uns postiert. Feldwebel Detritus sieht hier immer wieder nach dem Rechten, und wenn er jemanden bei einem Nickerchen erwischt, gibt er ihm einen ordentlichen Tritt in den Hintern, vermutlich mit dem Resultat, daß der Betreffende durch die nächste Wand fliegt.« »Ausgezeichnet, Mumm. Gehe ich recht in der Annahme, daß keiner der hier eingesetzten Wächter aus dem Volk der Menschen stammt? Es scheint sich ausnahmslos um Zwerge und Trolle zu handeln.« »Das ist sicherer, Herr.« »Du hast an alles gedacht, Mumm.« »Ich hoffe es, Herr.« »Danke, Mumm.« Vetinari setzte sich auf und nahm einige Papiere vom nahen Nachtschränkchen. »Ich möchte dich nicht länger aufhalten.« Mumm starrte ihn groß an. Vetinari sah auf. »Gibt es sonst noch etwas, Kommandeur?« »Nun… ich glaube nicht, Herr. Äh… ich sollte jetzt besser gehen.« »Gute Idee. In meinem Arbeitszimmer haben sich bestimmt viele Do- kumente angesammelt, die bearbeitet werden müssen. Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du jemanden beauftragen könntest, sie mir zu brin- gen.« Mumm schloß die Tür ein wenig energischer hinter sich, als es eigent- lich notwendig war. Bei den Göttern, manchmal machte ihn Vetinaris Art fuchsteufelswild. Irgendwann gelang es dem Patrizier, ihn ganz nach Belieben ein- und auszuschalten. Außerdem hatte er die natürliche Dankbarkeit eines Alligators. Er verließ sich darauf, daß Mumm seiner Pflicht nachkam – vielmehr wußte er es –, und damit war dieser Punkt für ihn erledigt. Eines Tages würde Mumm…, … seine Pflicht erfüllen, so wie immer – weil er nichts anderes gelernt hatte. Diese Erkenntnis machte alles noch unerträglicher. Außerhalb des Palastes wallte der Nebel in dichten, gelben Schwaden. Mumm nickte den Wächtern am Tor zu und blickte in die Düsternis. Es war nicht weit bis zum Wachhaus am Pseudopolisplatz. Der Nebel be- scherte Ankh-Morpork eine frühe Nacht, und es herrschte nur wenig Verkehr auf den Straßen. Die Leute blieben daheim und schlossen die Fensterläden, auf daß die kalte gelbe Nässe draußen blieb. Ja… leere Straßen, eine frostige Nacht, Feuchtigkeit… Es fehlte nur noch eins, um alles perfekt zu machen. Mumm schickte die Sänftenträger nach Hause und kehrte zu einem der Wächter zurück. »Du bist Obergefreiter Habichglück, nicht wahr?« »Jawohl, Herr Kommandeur.« »Welche Schuhgröße hast du?« Habichglück runzelte verdutzt die Stirn. »Wie bitte, Herr Komman- deur?« »Das ist doch eine ganz einfache Frage, Mann!« »Dreiundvierzig, Herr Kommandeur.« »Und deine Stiefel stammen von Stöpsler im Neuen Flickschusterweg? Die billigen?« »Jawohl, Herr Kommandeur!« »Ich kann nicht zulassen, daß jemand in Pappstiefeln den Palast be- wacht«, verkündete Mumm mit gespielter Fröhlichkeit. »Zieh sie aus, Obergefreiter. Du bekommst meine. Es klebt noch Drachenschmutz dran, aber sie passen dir bestimmt. Steh da nicht so herum und starr mich mit offenem Mund an. Gib mir deine Stiefel, Mann. Du kannst meine behalten.« Mumm zögerte kurz. »Hab jede Menge davon«, fügte er hinzu. Mit einer Mischung aus Sorge und Erstaunen beobachtete der Oberge- freite, wie Mumm die billigen Stiefel anzog und einige Male mit den Fü- ßen stampfte. Mumms Augen blieben geschlossen. »Ah«, sagte er. »Ich stehe vor dem Palast, nicht wahr?«, »Äh… ja, Herr Kommandeur. Du hast ihn gerade verlassen, Herr Kommandeur. Ich meine das große Gebäude hier.« »Ah.« Mumm strahlte. »Ich hätte in jedem Fall gewußt, wo ich bin – selbst wenn ich nicht gerade erst aus dem Palast gekommen wäre.« »Äh… « »Die Pflastersteine«, erklärte Mumm. »Sie sind hier ungewöhnlich groß und haben in der Mitte eine kleine Mulde. Hast du das nicht bemerkt? Deine Füße, Junge! Du mußt lernen, mit deinen Füßen zu denken!« Der verwirrte Obergefreite beobachtete, wie Mumm im Nebel ver- schwand und immer wieder glücklich aufstampfte. Korporal der Wahre Ehrenwerte Graf von Ankh Nobby Nobbs öffnete die Tür des Wachhauses und taumelte über die Schwelle. Feldwebel Colon sah von seinem Schreibtisch auf und erschrak. »Ist alles in Ordnung mit dir, Nobby?« fragte er und eilte der schwankenden Gestalt entgegen. »Es ist schrecklich, Fred. Schrecklich!« »Hier, setz dich. Meine Güte, du bist ja ganz blaß.« »Man hat mich erhoben, Fred!« stöhnte Nobby. »Scheußlich! Hast du den Täter erkannt?« »Nein, in den Adelsstand hat man mich erhoben.« Nobby reichte seinem Kollegen die Schriftrolle, die Drachenkönig von Wappen ihm in die Hand gedrückt hatte. Mit zitternder Hand zog er einen Zigarettenstum- mel hinterm Ohr hervor und zündete ihn an. »Ich begreife es einfach nicht«, jammerte er. »Da gibt man sich alle Mühe, nicht aufzufallen, keine Schwierigkeiten zu verursachen. Und dann passiert so was.« Colon las langsam, und seine Lippen bewegten sich, wenn er schwieri- ge Worte wie »der«, »die«, »das« sowie »und« zu entziffern versuchte. »Ist dir eigentlich klar, was hier steht, Nobby? Du bist jetzt eine Art Lord!« »Der Alte meinte, es müßten noch genauere Nachforschungen ange- stellt werden, aber die Sache sei schon jetzt klar, wegen des Rings und so. Was soll ich bloß machen, Fred?« »Lehn dich zurück und iß von Hermelintellern!«, »Das ist es ja gerade, Fred. Es gibt kein Geld, kein großes Haus, kein Land. Es gibt überhaupt nichts.« »Was meinst du mit ›nichts‹?« »Mit ›nichts‹ meine ich absolut null, Fred. Leere Taschen.« »Ich dachte immer, die Leute von der oberen Kruste hätten jede Men- ge Geld.« »Nun, ich gehöre sozusagen zur Kruste auf der Kruste, Fred. Ich weiß überhaupt nicht, wie man ein richtiger Lord ist! Ich habe keine Lust, feine Sachen zu tragen und auf irgendwelchen Bällen zu tanzen und so.« Feldwebel Colon nahm neben Nobby Platz. »Und du hattest keine Ahnung von den Beziehungen deiner Familie zu den Piekfeinen?« »Nun, mein Vetter Vincent wurde einmal wegen Notzucht angeklagt. Es ging dabei um eine Angestellte der Herzogin von Quirm…« »Zimmermädchen oder Küchenmagd?« »Ich glaube, es war die Küchenmagd.« »Ich fürchte, das zählt nicht. Weiß sonst noch jemand davon?« »Nun, sie wußte es, und sie sagte es ihrer Ladyschaft…« »Ich meine deine Erhebung in den Adelsstand.« »Nur Kommandeur Mumm.« »Na bitte.« Feldwebel Colon gab ihm die Schriftrolle zurück. »Wenn du es niemandem verrätst, brauchst du gar nicht in goldenen Hosen oder so herumzulaufen und auf Bällen zu balancieren. Bleib ruhig hier sitzen. Ich hole dir eine Tasse Tee, in Ordnung? Wir lösen das Problem schon ir- gendwie, keine Sorge.« »Herzlichen Dank, Fred.« »Oh, keine Ursache, Euer Lordschaft«, erwiderte Colon. Er hob und senkte mehrmals die Brauen. »Bitte nicht«, stöhnte Nobby. Die Tür des Wachhauses öffnete sich. Nebel wehte wie Rauch herein. Mitten in den Schwaden glühten zwei rote Augen, und die große Gestalt eines Golems schälte sich heraus. »Umpk«, sagte Feldwebel Colon., Ich bin zu euch gekommen. »Ja«, erwiderte Colon. »Ja… äh… ja. Es ist kaum zu übersehen.« Dorfl drehte die Schiefertafel um. Auf der anderen Seite stand: Hiermit stelle ich mich. Ich habe den alten Priester umgebracht. Damit ist der Fall gelöst. Als Colons Lippen sich nicht mehr bewegten, eilte er hinter die nicht besonders viel Schutz versprechende Barriere des Schreibtisches und wühlte dort in den Papieren. »Paß gut auf den Burschen auf, Nobby«, sagte er. »Sorg dafür, daß er nicht wegläuft.« »Warum sollte er weglaufen?« frage Nobbs. Feldwebel Colon fand ein einigermaßen sauberes Blatt Papier. »Also gut. Ich sollte mir wohl besser deinen Namen notieren. Wie heißt du?« Dorfl. Als Mumm die Messingbrücke erreichte (mittelgroße Pflastersteine von der abgerundeten Sorte, die man »Katzenköpfe« nannte; hier und da fehlten einige), fragte er sich, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Der Nebel war im Herbst immer sehr dicht, aber so undurchdringlich wie jetzt wurde er nur selten. Die gelbliche Graue dämpfte alle Geräu- sche der Stadt, verwandelte selbst das Licht der hellsten Laternen in ein mattes Glühen. Es war sonderbar finster, obwohl die Sonne erst noch untergehen mußte. Der Kommandeur wanderte an der Brüstung entlang. Eine gedrunge- ne, glänzende Gestalt ragte im Nebel auf: eins der hölzernen Flußpferde, vermutlich ein ferner Verwandter von Roderick und Kimbert. Vier von ihnen standen auf jeder Seite, und sie blickten zum Meer. Mumm war unzählige Male an ihnen vorbeigewandert und sah prak- tisch alte Freunde in ihnen. In kalten Nächten, wenn er nach einem Ort suchte, an dem keine Schwierigkeiten drohten, hatte er in ihrem Wind- schatten gestanden., So war’s früher gewesen. Es schien noch gar nicht so lange her zu sein. Nur eine Handvoll Männer in der Wache, die Problemen aus dem Weg gingen. Dann traf Karotte ein, und plötzlich öffnete sich der kleine Kreis ihres Lebens. Jetzt hatte die Stadtwache fast dreißig Mitglieder (unter ihnen Trolle, Zwerge und andere), und sie waren keineswegs bemüht, Probleme zu meiden. Im Gegenteil, sie suchten nach ihnen, und sie wur- den überall dort fündig, wo sie aufmerksam genug Ausschau hielten. Eigentlich komisch. Vetinari hatte einmal darauf hingewiesen: Je mehr Polizisten es gab, desto mehr Verbrechen schienen verübt zu werden. Doch die Wache war zurück, und sie versteckte sich nicht mehr. Zwar waren nicht alle Wächter so gut wie Detritus darin, jemanden in den Hintern zu treten, aber dafür gingen sie gewissen Leuten gehörig auf die Nerven. Mumm entzündete ein Streichholz am Fuß des Flußpferds und schirm- te die Zigarre mit der gewölbten Hand ab. Die Morde… Niemand würde sich darum scheren, wenn die Wache in diesen Fällen nicht ermittelte. Zwei alte Männer, am gleichen Tag umge- bracht. Nichts gestohlen… Gestohlene Dinge zeichneten sich norma- lerweise durch Abwesenheit aus. Die Frauen anderer Männer waren si- cher kein Motiv – wahrscheinlich hatten die beiden Alten längst verges- sen, welchen Spaß man auf diesem Gebiet haben konnte. Einer ver- brachte seine Zeit mit religiösen Büchern, und der andere galt als Exper- te für die Kunst des aggressiven Backens. Die Leute waren sicher überzeugt, daß sie ein untadeliges Leben ge- führt hatten. Doch Mumm sah das alles aus der Perspektive des Polizisten. Niemand führte ein vollkommen untadeliges Leben. Wenn man irgendwo ganz still in einem Keller lag, konnte man vielleicht einen ganzen Tag verbrin- gen, ohne ein Verbrechen zu begehen. Aber mit ziemlicher Sicherheit machte man sich auch dann zumindest des Herumlungerns schuldig. Angua schien diesen Fall persönlich zu nehmen. Sie hatte eine Schwä- che für die Benachteiligten und Hilflosen. Eine Schwäche, die Mumm teilte. Ihm blieb gar keine Wahl. Nicht et- wa deshalb, weil er besser dran war. Nein, man mußte auf der Seite der, Benachteiligten und Hilflosen stehen, weil sie nicht zu den Privilegierten und Mächtigen gehörten. In Ankh-Morpork kümmerten sich die Leute um ihre eigenen Angele- genheiten. Die Gilden hatten die Aufgabe, die Interessen von Gruppen zu vertreten. Die Gilde kümmerte sich um einen, von der Wiege bis zum Grab – im Fall der Assassinengilde bis zum Grab anderer Leute. Sie ge- währleistete auch, daß die Gesetze in gewisser Weise eingehalten wurden. Diebstahl ohne Lizenz wurde zum Beispiel beim ersten Vergehen mit dem Tod geahndet.* Die Vollstreckung fiel in den Zuständigkeitsbereich der Diebesgilde. Eine scheinbar absurde Vereinbarung, aber sie funktio- nierte. Sie funktionierte wie eine Maschine, und es gab nichts daran auszuset- zen. Anderer Auffassung waren nur diejenigen, die gelegentlich zwischen die Zahnräder gerieten und von ihnen zermalmt wurden. Unter den dünnen Stiefelsohlen fühlten sich die feuchten Pflastersteine herrlich vertraut an. Bei den Göttern, wie sehr hatte er dies vermißt! Die langen Fußstrei- fen, ganz allein… als einzige Gesellschaft das Kopfsteinpflaster. Um drei Uhr morgens sah die Welt anders aus; dann schien alles einen Sinn zu ergeben… Mumm blieb stehen. Um ihn herum kristallisierte sich jähes Entsetzen, ein Grauen, das nichts mit Reißzähnen, Blut oder Geistern zu tun hat. Es entstand, weil sich Vertrautes in Unheimliches verwandelte. Mumms Bewußtsein brauchte einige schreckliche Sekunden, um die Botschaft des Unterbewußtseins zu verstehen: Auf dieser Seite der Brük- ke standen fünf Statuen. Es hätten nur vier sein sollen. Langsam drehte er sich um und kehrte zur letzten Statue zurück. Ein Flußpferd – alles in Ordnung. * In Ankh-Morpork herrschte eine besondere Vorstellung von wirkungsvoller Strafjustiz: Die erste Straftat sollte auf eine Weise geahndet werden, die weitere Verbrechen mit absoluter Gewißheit ausschloß., Das galt auch für die nächste Statue. Nichts Übernatürliches hatte »Zaz ist doof« darauf gesprüht. Die nächste Statue erreichte Mumm nach erstaunlich kurzer Zeit, und als er zu ihr aufsah… Zwei rote Augen glühten im Nebel. Etwas Großes und Dunkles sprang von der Brüstung, stieß ihn zu Bo- den und verschwand in der Düsternis. Mumm stand auf, schüttelte sich und nahm die Verfolgung auf. Er dachte gar nicht darüber nach, ließ sich allein von dem Instinkt leiten, den Terrier und Polizisten teilen: Verfolge alles Weglaufende. Während er lief, tastete er nach der Glocke, die dazu diente, andere Wächter herbeizurufen. Doch als Kommandeur der Wache führte er keine solche Glocke mit sich. Kommandeure der Wache blieben auf sich allein gestellt. In Mumms schlichtem Büro blickte Hauptmann Karotte auf einen Zet- tel. Reparatur der Regenrinnen, Wachhaus, Pseudopolisplatz. Neues Ab- flußrohr, mit 35° Bieggut-Krümmung, vier rechtwinklige Erweiterun- gen, Ausbesserungen und Arbeitslohn, 16,35 Ankh-Morpork-Dollar. Es gab weitere Dokumente dieser Art, unter anderem die Taubenrech- nung des Obergefreiten Abfluß. Feldwebel Colon hielt nichts davon, daß Polizisten mit Tauben bezahlt wurden, aber Obergefreiter Abfluß war ein Wasserspeier, und mit Geld konnten Wasserspeier nichts anfangen. Eine Taube hingegen wußten sie durchaus zu schätzen. Die Dinge verbesserten sich allmählich. Als Karotte zur Wache gesto- ßen war, war die Portokasse eine Blechbüchse mit folgender Aufschrift gewesen: »Starkimarms Rüstungspolitur für glänzende Kohorten«. Wenn man Geld benötigte, wandte man sich einfach an Nobby und zwang ihn, es zurückzugeben., Karotte griff nach einem Brief von einem Anwohner des Parkwegs – eine der besten Adressen in ganz Ankh-Morpork. Kommandeur Mumm, die Streife der Nachtwache in dieser Straße scheint nur aus Zwergen zu bestehen. Ich habe nichts gegen Zwerge, solange sie unter sich bleiben, wenigstens sind es keine Trolle, aber man hört das eine oder andere, und ich habe Töchter im Haus. Ich verlange, daß sofort etwas unter- nommen wird. Andernfalls bleibt mir nichts anderes übrig, als mich an Lord Vetinari zu wenden, der ein guter Freund von mir ist. Hochachtungsvoll, Ihr erg. Diener Joschua H. Katterail Das sollte Polizeiarbeit sein? Karotte fragte sich, ob Kommandeur Mumm ihm indirekt etwas mitteilen wollte. Noch weitere Briefe warteten darauf, beantwortet zu werden. Der Koordinator des Komitees Gleiche Höhe Für Zwerge forderte für die Zwerge der Wache das Recht, Äxte anstelle des traditionellen Schwerts zu tragen. Außerdem sollten sie nur bei solchen Verbrechen, die von großen Personen verübt worden waren, als Ermittler eingesetzt worden. Die Diebesgilde beklagte sich darüber, daß Mumm in aller Öffentlichkeit behauptet hatte, hinter den meisten Diebstählen steckten Diebe. Man brauchte die Weisheit des Königs Isiahdanu, um mit diesen An- liegen fertig zu werden. Und dies waren nur die Briefe eines Tages. Karotte nahm den nächsten Zettel: »Übersetzung des Textes, den man in Pater Tubelceks Mund gefunden hat. Warum? OB.« Karotte las aufmerksam. Er schauderte, doch nicht wegen der Kälte, die das Eis der Furcht ab- strahlt. In Mumms Büro war es immer kalt. Mumm hielt sich am liebsten im Freien auf. Nebelschwaden strichen draußen dahin, und einzelne Dunsttentakel tasteten sich durchs offene Fenster. Das nächste Blatt Papier im Korb war ein ikonographisches Bild. Ka- rotte starrte auf zwei verschwommene rote Augen. »Hauptmann Karotte?«, Er drehte halb den Kopf, behielt seinen Blick aber weiter auf Grinsis Foto. »Ja, Fred?« »Wir haben den Mörder geschnappt! Wir haben ihn!« »Ist er ein Golem?« »Woher wußtest du das?« Die Tinktur der Nacht ergoß sich allmählich auf die Suppe des Nachmittags. Lord Vetinari las den Satz noch einmal und fand ihn gut. Besonders das Wort »Tinktur« gefiel ihm. Tinktur. Tinktur. Ein erlesenes Wort mit vollem Klang. Es bildete einen guten Kontrast zu den schlichten beiden Silben »Suppe«. Die Suppe des Nachmittags. Ja. Sie enthielt die Croutons der Teestunde. Er wußte, daß er ein wenig wirr im Kopf war. Unter normalen Um- ständen hätte er solch einen Satz sicher nicht zu Papier gebracht. Eine Kerze stand am Fenster, und ihr Schein erhellte eine draußen im Nebel hockende Gestalt. Obergefreiter Abfluß. Ein Wasserspeier in der Wache. Mit der Aufgabe, ganz still zu sitzen und aufzupassen. Vermut- lich eine Idee von Hauptmann Karotte. Vetinari stand auf und schloß die Fensterläden. Mit langsamen Schrit- ten ging er zum Schreibtisch, entnahm der Schublade das Tagebuch, holte dann ein Manuskript hervor und öffnete das Tintenfaß. Wie weit war er bisher gekommen? Kapitel acht, las er nicht ohne Mühe. Die Riten des Menschen. Ah, ja… »Was die Wahrheit betrifft… «, schrieb der Partizier. »Ausgesprochen soll sie werden, wenn es die Umstände erfordern. Und so häufig wie möglich gehört werden… « Er fragte sich, wie er »Suppe des Nachmittags« in den Text aufnehmen konnte, oder wenigstens »Tinktur der Nacht«. Der Federkiel kratzte übers Papier. Auf dem Boden lag ein Napf mit den Resten eines Nährbreis, über den sich Lord Vetinari beim Chefkoch beschweren wollte, sobald es ihm, besser ging. Drei Vorkoster hatten ihn probiert, unter ihnen auch Feld- webel Detritus, der bestimmt nicht von den gleichen Dingen vergiftet werden konnte wie Menschen. Vermutlich war er sogar gegen das im- mun, was gewöhnliche Trolle umbrachte. Die Tür war verschlossen. Dahinter hörte Vetinari das beruhigende Knirschen von Detritus’ Schritten. Vor dem Fenster verdichtete sich der Nebel um den Obergefreiten Abfluß. Vetinari tauchte den Federkiel ins Tintenfaß und begann mit einer neuen Seite. Gelegentlich sah er im großen Tagebuch nach und befeuch- tete einen Finger an der Zunge, bevor er umblätterte. Nebelranken krochen über die Fensterläden und suchten nach Ritzen, bis sie schließlich vom Kerzenschein verscheucht wurden. Mumm sprintete durch den Nebel, verfolgte noch immer die fliehende Gestalt. Sie war nicht ganz so schnell wie er, trotz der warnenden Schmerzen in seinen Beinen und einem gelegentlichen Stechen im linken Knie. Aber wenn er sich ihr näherte, trat ihm irgendein dämlicher Fuß- gänger in den Weg, oder ein Karren rollte aus einer Seitenstraße.* Die Stiefelsohlen teilten ihm mit, daß sie vom Breiten Weg nach links auf die Unvergleichliche Straße abbogen (kleine, quadratische Pflaster- steine). Dort war der Nebel noch dichter und blieb zwischen den Bäu- men des Parks gefangen. Mumm triumphierte. Wenn du zu den Schatten willst, hast du die Ab- zweigung verpaßt, mein Junge! dachte er. Gleich sind wir bei der Ankh- Brücke, und dort ist ein Wächter postiert… Die Füße übermittelten ihm eine neue Botschaft: »Feuchte Blätter, das ist die Unvergleichliche Straße im Herbst. Kleine, quadratische Pflaster- steine mit Ansammlungen von glitschigen feuchten Blättern.« * Das passiert immer, ganz gleich, wo die Polizei einen Verdächtigen verfolgt. Früher oder später rollt ein schwer beladener Wagen auf die Straße, was die Ver- folgungsjagd behindert. Wenn kein Fahrzeug auftaucht, ist der störende Faktor ein Mann, der einen Sta- pel Kleidungsstücke trägt. Oder zwei Männer mit einer Glasscheibe. Vermutlich steckt eine Art Geheimgesellschaft dahinter., Die Mitteilung kam zu spät. Mumm landete mit dem Kinn voran im Rinnstein. Er stemmte sich wieder hoch und taumelte, als sich die Welt um ihn herum drehte. Er- neut kam er auf die Beine, wankte einige Schritte, fiel einmal mehr und beschloß, sich dem Mehrheitsbeschluß zu beugen und liegenzubleiben. Reglos und mit verschränkten Armen stand Dorfl im Wachhaus. Auf den Golem war eine Armbrust gerichtet, die Detritus gehörte und früher einmal als Belagerungsgerät gedient hatte. Der »Bolzen« war ein fast zwei Meter langer Speer aus Eisen. Nobby stand hinter der Waffe, den Finger am Abzug. »Laß den Unsinn, Nobby«, sagte Karotte. »Du darfst das Ding hier drin nicht abfeuern. Du weißt doch, daß wir den Speer nie wiederfin- den!« »Wir haben dem Burschen ein Geständnis abgerungen!« rief Feldwebel Colon. Er sprang aufgeregt umher. »Er hat seine Schuld immer wieder zugegeben, und schließlich haben wir ihn dazu gebracht, ein Geständnis abzulegen! Jetzt möchten wir herausfinden, ob er auch die anderen Verbrechen begangen hat.« Dorfl hob seine Schiefertafel. Ich bin schuldig. Etwas fiel ihm aus der Hand. Ein kleines, weißes Objekt, vielleicht ein Stück von einem Streichholz. Karotte hob es auf und betrachtete es. Anschließend sah er sich die von Colon zusammengestellte Liste an. Sie war ziemlich lang und enthielt alle ungelösten Fälle der letzten Monate. »Hat er alle diese Verbrechen gestanden?« »Noch nicht«, sagte Nobby. »Wir müssen sie ihm erst noch vorlesen«, meinte Colon. Dorfl schrieb: Ich bin in jedem Fall schuldig. »He!« Colon strahlte. »Kommandeur Mumm wird sicher sehr zufrieden mit uns sein!«, Karotte trat an den Golem heran. In dessen Augen zeigte sich ein mat- ter orangefarbener Glanz. »Hast du Pater Tubelcek umgebracht?« fragte er. Ja. »Na bitte«, sagte Feldwebel Colon. »Damit wäre alles klar, oder?« »Warum hast du ihn ermordet?« fragte Karotte. Keine Antwort. »Bist du auch für den Tod von Herrn Hopkinson im Zwergenbrotmu- seum verantwortlich?« Ja. »Hast du ihn mit einer Eisenstange erschlagen?« Ja. »Augenblick mal«, warf Colon ein. »Du hast doch gesagt…« »Schon gut, Fred«, sagte Karotte. Und zum Golem: »Warum hast du den Alten getötet, Dorfl?« Keine Antwort. »Muß es denn unbedingt einen Grund geben?« erkundigte sich Colon. »Man kann Golems nicht trauen, hat mein Vater immer gesagt. Führen ständig etwas im Schilde, meinte er. Wenn er sich umdrehte, stellte er jedesmal fest, daß ihn sein Golem… anstarrte.« Dorfl starrte geradeaus. »Leuchtet ihm mit einer Kerze in die Augen!« forderte Nobby seine Kollegen auf. Karotte zog einen Stuhl heran und nahm rittlings darauf Platz. Geistes- abwesend drehte er das Streichholzstück hin und her. »Ich weiß, daß du Herrn Hopkinson nicht getötet hast, und ich bin ziemlich sicher, daß dich auch am Tod von Pater Tubelcek keine Schuld trifft«, sagte er. »Ich glaube, er lag bereits im Sterben, als du ihn gefunden hast. Du wolltest ihn retten, nicht wahr? Vielleicht kann ich es beweisen, wenn ich deine Worte lese…« Aus dem matten Glanz in den Golemaugen wurde ein helles Licht, das bis in die Ecken des Zimmers reichte. Dorfl trat vor, hob die Fäuste…, Nobby zog den Abzug der Armbrust durch. Dorfl fing den Eisenspeer. Metall kreischte, und der Speer verwandelte sich in eine dünne Stange aus rotglühendem Metall, die dicht vor der Hand des Golems dicker wurde. Karotte stand hinter ihm und klappte seinen Schädel auf. Dorfl drehte sich um, hob die Eisenstange wie eine Keule… plötzlich verblaßte das Feuer in seinen Augen. »Ich hab sie«, sagte Karotte und zeigte den anderen Wächtern eine ver- gilbte Schriftrolle. Am Ende der Unvergleichlichen Straße stand ein Galgen, an dem Übel- täter – beziehungsweise Leute, von denen man glaubte, daß sie etwas verbrochen hatten – aufgehängt worden waren. Sie sollten baumeln, als Beispiel für gerechte Strafe. Nach einer gewissen Zeit boten die Bestraf- ten außerdem eine gute Lektion in elementarer Anatomie. Früher waren Kinder von ihren Eltern hierhergeführt worden, auf daß sie mit eigenen Augen sahen, was mit Verbrechern, Schurken und Leu- ten, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielten, geschah. Sie hörten das Quietschen der Kette, die Verwünschungen der ehrbaren Bürger und die Ermahnungen, nicht vom »rechten Weg« abzuweichen. Aber dies war Ankh-Morpork: Anschließend riefen die Kinder »He, das ist ja toll!« und benutzten die Leiche als Schaukel. Seit einiger Zeit kannte die Stadt diskretere und wirkungsvollere Me- thoden, um mit sogenannten überflüssigen Elementen fertig zu werden. Doch um der Tradition willen hing noch immer jemand am Galgen: eine sehr realistische Figur aus Holz. Gelegentlich versuchte ein dummer Rabe, ihr ein Auge auszuhacken. Was stets in einem wesentlich kürzeren Schnabel endete. Mumm torkelte näher und keuchte hingebungsvoll. Wen auch immer er verfolgt hatte: Inzwischen war der Unbekannte entkommen. Er sah kaum einen Sinn darin, die Suche fortzusetzen – das wenige Sonnenlicht, dem es bis vor kurzer Zeit gelungen war, durch den Nebel zu dringen, kapitulierte jetzt vor der Düsternis und widersetzte sich dem Siegeszug der Nacht nicht länger., Mumm stand neben dem Galgen, der quietschte. Der Galgen sollte quietschen. Welchen Sinn hatten solche öffentlichen, abschreckenden Apparate, wenn sie nicht auf unheilvolle Weise quietsch- ten? Früher war ein alter Herr dafür bezahlt worden, den Galgen mit Hilfe einer versteckten Schnur quietschen zu lassen. Inzwischen gab es dafür eine Art Uhrwerk, das nur noch einmal im Monat aufgezogen wer- den mußte. Kondensierter Nebel tropfte von der flachen Leiche. »Verflixt und zugenäht«, brummte Mumm. Er wandte sich in die Rich- tung, aus der er gekommen war. Nach zehn Sekunden stolperte er über etwas. Eine Holzfigur lag im Rinnstein. Sie sah aus wie eine Leiche. Als Mumm zum Galgen zurückkehrte, schwang dort eine leere Kette hin und her und quietschte leise im Nebel. Feldwebel Colon klopfte auf die Brust des Golems. Ein dumpfes Donk erklang. »Wie ein Blumentopf«, sagte Nobby. »Wie können sich diese Burschen bewegen, wenn sie wie ein Blumentopf beschaffen sind? Der Ton müßte sofort Sprünge bekommen.« »Sie sind dumm«, meinte Colon. »Ich habe von einem Golem in Quirm gehört, der einen Graben ausheben sollte. Man vergaß ihn und erinnerte sich erst wieder an die Sache, als plötzlich überall Wasser war. Der Kerl hatte bis zum Fluß gegraben.« Karotte entrollte das vergilbte Pergament auf dem Tisch und legte den Zettel aus Pater Tubelceks Mund daneben. »Ist er jetzt tot?« fragte Feldwebel Colon. »Er ist jetzt harmlos«, erwiderte Karotte und verglich die Schriften mit- einander. »Gut. Ich glaube, hier liegt irgendwo ein Vorschlaghammer. Ich hole ihn und…« »Nein«, sagte Karotte. »Du hast doch gesehen, wie er sich verhalten hat!«, »Ich bezweifle, daß er mich wirklich geschlagen hätte. Vermutlich woll- te er uns nur Angst einjagen.« »Das ist ihm gelungen!« »Sieh dir das hier an, Fred.« Feldwebel Colon blickte auf den Schreibtisch. »Ausländisches Gekrit- zel«, sagte er in einem Tonfall, der deutlich darauf hinwies, daß ihm or- dentliche inländische Schriftzeichen, die nicht nach Knoblauch rochen, in jedem Fall lieber waren. »Fällt dir irgend etwas daran auf?« »Nun, die beiden Schriften ähneln sich«, sagte Feldwebel Colon. »Hier auf dem vergilbten Pergament stehen Dorfls Worte«, erläuterte Karotte. »Und der Zettel steckte zwischen Pater Tubelceks Lippen. Der Inhalt ist identisch, Buchstabe für Buchstabe.« »Und warum?« »Ich glaube, Dorfl hat die Worte geschrieben und sie dem alten Tubel- cek in den Mund gesteckt, nachdem der alte Mann gestorben war«, sagte Karotte langsam. Sein Blick wanderte noch immer zwischen den beiden Schriftstücken hin und her. »Igitt«, kommentierte Nobby. »Das ist ja abscheulich…« »Nein, du verstehst nicht«, sagte Karotte. »Dorfl hat die Worte ge- schrieben, weil sie seiner Erfahrung nach funktionierten.« »Weil sie funktionierten?« »Nun, kennt ihr den sogenannten Kuß des Lebens?« fragte Karotte. »Schon mal was von erster Hilfe gehört? Ich wußte, daß du dich damit auskennst, Nobby. Du hast mich ja zu dem Kurs begleitet.« »Ich bin nur mitgekommen, weil du gesagt hast, daß es dort kostenlo- sen Tee mit Kuchen gibt«, entgegnete Nobby verdrießlich. »Außerdem ist die Puppe fortgerannt, als ich an die Reihe kam.« »So geht man vor, wenn man jemandem das Leben retten will«, sagte Karotte. »Wir möchten, daß die betreffende Person atmet, deshalb pu- sten wir ihr Luft in die Lungen…« Sie drehten sich um und sahen den Golem an. »Aber Golems pusten nicht«, stellte Colon fest., »Nein, ein Golem kennt nur eine Sache, die Leben verleiht«, meinte Karotte. »Die Worte in seinem Kopf.« Alle Blicke glitten zu den Schrift- stücken auf dem Schreibtisch. Anschließend sahen sie wieder zu der Statue namens Dorfl. »Hier ist es plötzlich ganz kalt«, sagte Nobby mit zittriger Stimme. »Ich habe einen Luftzug gespürt, als ob…« »Was ist hier los?« fragte Mumm und schüttelte die Feuchtigkeit aus seiner Jacke. »… jemand die Tür geöffnet hätte«, beendete Nobby den Satz. Zehn Minuten später. Feldwebel Colon und Nobby hatten den Dienst beendet und das Wachhaus verlassen, zur großen Erleichterung der übrigen Wächter. Gerade Colon fiel es schwer zu verstehen, warum man die Ermittlungen fortsetzen sollte, nachdem jemand gestanden hatte. Das widersprach allen seinen Prinzipien. Seiner Ansicht nach war der Fall erledigt, sobald man ein Geständnis hatte. Er hielt es für unangebracht, den Leuten zu mißtrauen. Das machte nur Sinn, wenn jemand behauptete, unschuldig zu sein. Wer ein Geständnis abgelegt hatte, verdiente Vertrauen. Alles ande- re brachte die Grundsätze des Polizeiwesens völlig durcheinander. »Weißer Ton«, sagte Karotte. »Weißen Ton haben wir gefunden. Und kaum gebrannt. Dorfl hingegen besteht aus dunkler Terrakotta und ist praktisch steinhart.« »Der Priester sah einen Golem, als er starb«, erinnerte sich Mumm. »Dorfl, nehme ich an«, erwiderte Karotte. »Was aber noch lange nicht bedeutet, daß Dorfl der Mörder ist. Ich glaube, er traf nur am Tatort ein, als es mit Pater Tubelcek zu Ende ging. Das ist alles.« »Ach? Und warum?« »Das… weiß ich noch nicht. Ich habe Dorfl schon oft gesehen, und er erschien mir immer sehr sanftmütig.« »Er arbeitet in einem Schlachthaus!« »Vielleicht ist das kein schlechter Arbeitsplatz für einen Sanftmütigen«, meinte Karotte. »Ich habe in den Akten nachgesehen. Es gibt kein einzi-, ges Beispiel dafür, daß ein Golem jemals jemanden angegriffen oder ein Verbrechen begangen hat.« »Oh, ich bitte dich«, brummte Mumm. »Jeder weiß, daß…« Er unter- brach sich, als zynische Ohren die Worte aus seinem Mund hörten. »Kein einziges Beispiel?« »Die Leute sagen immer wieder, daß sie jemanden kennen, dessen Freund einen Großvater hat, der gehört hat, daß ein Golem jemanden umgebracht hat. Mehr steckt nicht dahinter. Golems dürfen niemanden töten. Die Worte in ihrem Kopf verbieten es.« »Eins steht fest«, sagte Mumm. »Die Burschen sind mir unheimlich.« »Sie sind allen Leuten unheimlich, Herr Kommandeur.« »Man hört viele seltsame Geschichten über sie«, fügte Mumm hinzu. »Angeblich haben sie tausend Teekannen hergestellt und ein acht Kilo- meter tiefes Loch gegraben.« »Ja, aber das ist nicht unbedingt eine kriminelle Aktivität, oder? Es ist nur ganz gewöhnliche Rebellion.« »Rebellion? Wie meinst du das?« »Sie gehorchen stumpfsinnig ihren Befehlen«, sagte Karotte. »Jemand ruft ihnen zu: ›Na los, stell Teekannen her!‹ Daraufhin macht sich der Golem an die Arbeit. Man kann ihm keine Vorwürfe machen, wenn er gehorcht. Allerdings hat ihm niemand gesagt, wie viele Teekannen er her- stellen soll. Niemand will, daß Golems denken, deshalb zeigen sie es ihren Herren, indem sie nicht denken.« »Sie rebellieren, indem sie arbeiten?« »Ist nur so ein Gedanke, Herr Kommandeur. Ich schätze, für die Go- lems hätte das durchaus einen Sinn.« Wieder kehrten die Blicke zu Dorfl zurück. »Kann er uns hören?« fragte Mumm. »Das bezweifle ich.« »Die Sache mit den Worten…« »Äh…« Karotte überlegte kurz. »Ich glaube, Golems halten einen toten Menschen für jemanden, der seine Worte verloren hat. Vermutlich wis- sen sie nicht, was es mit unserem Leben auf sich hat.«, »Ich versteh’s ebenfalls nicht«, murmelte Mumm. Er sah in die leeren Augen. Dorfls Schädelklappe war noch immer ge- öffnet. Licht fiel in den Kopf, und ein Teil davon schien durch die Au- genhöhlen wieder heraus. In den Straßen von Ankh-Morpork hatte Mumm viele schreckliche Dinge gesehen, doch dieser stumme Golem war schlimmer als alles andere. Zu leicht konnte man sich vorstellen, wie die Augen plötzlich aufleuchteten, wie sich das Ding in Bewegung setzte und die Fäuste schwang wie Vorschlaghämmer. Es schien in der Natur eines solchen Geschöpfes zu liegen. Es war eine Möglichkeit, ein Potenti- al, das nur auf den richtigen Zeitpunkt wartete. Darum hassen wir sie, dachte der Kommandeur. Die ausdruckslosen Augen beobachten uns, und die großen Gesichter sind uns immer zuge- wandt. Und sieht es nicht so aus, als ob sie sich Notizen machen, Namen notieren und dergleichen? Wenn man hört, daß ein Golem in Quirm jemanden den Schädel eingeschlagen hat… Man möchte so etwas glau- ben. Eine Stimme erklang tief in Mumm, eine Stimme, die er damals nur in den stillen Stunden der Nacht gehört hatte, nach einer halben Flasche Whisky. Sie flüsterte: So wie wir sie benutzen… Vielleicht haben wir Angst, weil wir wissen, daß wir etwas Schreckliches verdient haben… Nein. Es verbirgt sich nichts hinter den Augen. Hier gibt es nur Ton und magische Worte. Mumm zuckte mit den Schultern. »Ich habe einen Golem verfolgt«, sagte er. »Der Bursche stand auf der Messingbrücke. Verdammtes Ding. Nun gut, wir haben jetzt ein Geständnis und außerdem den Beweis des Augenbilds. Wenn du nichts weiter anzubieten hast als ein… Gefühl, müssen wir…« »Müssen wir was, Herr Kommandeur?« fragte Karotte. »Wir können ihm nichts mehr antun. Er ist bereits tot.« »Du meinst, er hat sein Pseudoleben verloren.« »Ja, Herr Kommandeur. Wenn du es so ausdrücken möchtest.« »Wenn Dorfl den Alten nicht umgebracht hat – wer dann?« »Das weiß ich nicht, Herr Kommandeur. Aber ich glaube, Dorfl kennt den Mörder. Vielleicht ist er ihm gefolgt.«, »Könnte man ihm befohlen haben, jemanden zu schützen?« »Das wäre möglich, Herr Kommandeur. Oder er hat eine entsprechen- de Entscheidung getroffen.« »Gleich behauptest du noch, das Ding hätte auch Gefühle. Wo ist An- gua?« »Sie möchte das eine oder andere überprüfen«, erwiderte Karotte. »Dies hier erschien mir… seltsam. Dorfl hielt es in der Hand.« Er zeig- te das Objekt. »Ein Streichholzstück?« »Golems rauchen nicht, und sie benutzen auch kein Feuer, Herr Kommandeur. Ich finde es… sonderbar, daß wir so etwas bei ihm ge- funden haben.« »Oh«, sagte Mumm voller Sarkasmus. »Ein Indiz.« Dorfl hatte eine überaus deutliche Fährte auf der Straße hinterlassen – Angua nahm die verschiedenen Gerüche des Schlachthauses wahr. Die Spur führte im Zickzack durch die Stadt, aber es ließ sich doch ei- ne gewisse Zielstrebigkeit erkennen. Jemand schien ein Lineal auf eine Karte von Ankh-Morpork gelegt zu haben, um dann jede Straße und Gasse zu nehmen, die in die gewünschte Richtung führte. Angua erreichte eine kurze Sackgasse, an deren Ende sie die Tore meh- rerer Lagerhäuser sah. Sie schnüffelte. Da waren auch andere Gerüche. Teig. Farbe. Schmiere. Kiefernharz. Scharfe, laute, frische Gerüche. An- gua schnupperte erneut. Kleidung? Wolle? Fußabdrücke im Boden. Die Abdrücke großer Füße. Jener kleine Teil von Angua, der immer auf zwei Beinen ging, stellte fest, daß die Fußabdrücke, die von den Lagerhäusern fortführten, sich auf den Fußabdrücken befanden, die hineinführten. Sie schnüffelte wei- ter. Bis zu zwölf Geschöpfe, jedes mit einem charakteristischen Geruch ausgestattet. Aber es waren nicht die Gerüche lebender Wesen, eher die von Ware. Auf jeden Fall waren die betreffenden Individuen die Treppe hinuntergegangen, um etwas später auf die Straße zurückzukehren., Angua schlich über die Stufen – und stieß auf eine unüberwindliche Barriere. Eine Tür. Mit Pfoten konnte man keinen Türknauf drehen. Sie spähte über den oberen Rand der Treppe. Niemand in der Nähe. Nebelschwaden hingen zwischen den Gebäuden. Sie konzentrierte sich und wechselte die Gestalt. Einige Sekunden lehnte sie an der Mauer und wartete, bis die Welt um sie herum wieder zur Ruhe kam. Dann öffnete sie die Tür. Dahinter erstreckte sich ein großer Kellerraum. Selbst für die scharfen Augen eines Werwolfs gab es nicht viel zu sehen. Angua mußte Mensch bleiben, denn in dieser Gestalt konnte sie besser denken. Unglücklicherweise beanspruchte eine Erkenntnis einen erhebli- chen Teil ihrer Denkkapazität: Sie war nackt. Wenn jemand eine nackte Frau in seinem Keller fand, stellte er bestimmt Fragen. Oder er hielt sich überhaupt nicht mit Fragen auf, nicht einmal mit »Bitte?«. Angua zweifel- te nicht daran, daß sie mit einer solchen Situation fertig wurde, aber es war ihr lieber, Zwischenfälle dieser Art zu vermeiden. Nachher war es immer so schwierig, die Form der Wunden zu erklären. Sie durfte keine Zeit vergeuden. Schriftzeichen bedeckten die Wände. Große und kleine Buchstaben, zweifellos von Golemhänden gemalt und gekratzt. Sie reichten vom Bo- den bis zur Decke, gingen ineinander über und übereinander hinweg. Es war fast unmöglich, in den einzelnen Wortgefolgen noch einen Sinn zu erkennen. Hier und da offenbarten sich Fragmente von Mitteilungen: … Du sollst nicht… Was er macht, ist nicht… Zorn auf den Schöp- fer… Wehe den Herrenlosen… Worte im… Ton von… Laßt mein… Bring uns die Freiheit… In der Mitte des Bodens waren abgewetzte Stellen zu sehen – dort schienen einige Leute immer wieder auf und ab gegangen zu sein. Angua ging in die Hocke, strich mit den Fingerkuppen über den Staub und schnupperte an ihnen. Auch diese Gerüche waren sehr stark und nicht schwer zu identifizieren. Immerhin roch ein Golem nur nach Ton und nach den Dingen, mit denen er bei der Arbeit in Berührung kam…, Ihre Finger berührten etwas. Ein kleines Stück Holz, einige Zentimeter lang: ein Streichholz ohne Kopf. Sie suchte und fand zehn weitere Streichhölzer im Staub, als hätte sie jemand achtlos fallen gelassen. Ein halbes Streichholz lag ein ganzes Stück abseits von den anderen. Angua sah jetzt nicht mehr so gut wie unmittelbar nach dem Wechsel ihrer Gestalt, aber der Geruchssinn bewahrte seine Schärfe länger. Die Gerüche von dem Holz erwiesen sich ebenfalls als sehr stark, und sie entsprachen denen der Fährte. Der Schlachthausgeruch, den Angua mit Dorfl in Verbindung brachte, klebte an dem halben Streichholz. Sie hockte sich auf die Fersen und betrachtete den Haufen aus kleinen Holzstäbchen. Zwölf Personen (zwölf Personen, die schmutziger Arbeit nachgingen) hatten sich hier für kurze Zeit versammelt. Eine… Diskus- sion hatte stattgefunden – darauf deuteten die vielen Worte an der Wand hin. Dann hatten die zwölf irgend etwas mit elf ganzen Streichhölzern (ohne Kopf; wahrscheinlich waren die Stäbchen nicht in Schwefel ge- taucht worden. Arbeitete der nach Kiefernharz riechende Golem in einer Streichholzfabrik?) und einem halben angestellt. Anschließend verließen sie den Keller und gingen dorthin zurück, wo- her sie gekommen waren. Abgesehen von Dorfl. Er kehrte nicht zum Schlachthaus zurück, son- dern marschierte zum Wachhaus, um sich dort zu stellen. Warum? Erneut schnupperte Angua an dem halben Streichholz. Kein Zweifel. Es roch eindeutig nach Blut und Fleisch. Dorfl hatte ein Mordgeständnis abgelegt… Sie sah zu den Worten an der Wand und schauderte. »Zum Wohl, Fred«, sagte Nobby und hob seinen Krug. »Morgen legen wir das Geld in die Teebüchse zurück«, erwiderte Feld- webel Colon. »Bestimmt merkt niemand, daß es fehlt. Dies fällt eindeutig in die Kategorie ›Notfall‹.«, Korporal Nobbs starrte niedergeschlagen in sein Bier. Das geschieht in der Geflickten Trommel recht häufig, wenn der erste Durst gelöscht ist und man Zeit genug hat, herauszufinden, was man eigentlich trinkt. »Was soll ich bloß machen?« stöhnte er. »Wenn man zum Adel gehört, muß man Kronen und bestickte Umhänge tragen und so. Kostet einen Haufen Geld, so’n Zeug. Außerdem muß man sich auf ganz bestimmte Weise verhalten.« Er trank einen großen Schluck. »Man nennt so was Noppelleß Obliech.« »Nobbleß Oblidsch«, berichtigte Colon. »Ja. Es bedeutet, daß man seinen Pflichten in der feinen Gesellschaft gerecht werden muß. Man spendet Geld für karika… kari… für wohltätige Zwecke. Man ist freundlich zu den Armen. Man gibt die alte Kleidung dem Gärtner, solange sie noch was taugt. Darüber weiß ich Bescheid. Mein Onkel war Diener bei der alten Lady Selachii.« »Ich hab gar keinen Gärtner«, erwiderte Nobby kummervoll. »Auch keine alte Kleidung, abgesehen von der, die ich selbst trage.« Er trank. »Sie gab ihre Sachen dem Gärtner?« Colon nickte. »Ja. Kam uns immer ein wenig komisch vor, der Gärt- ner.« Er winkte dem Wirt zu. »Noch zwei Halbe, Ron.« Er sah wieder zu Nobby. Sein alter Freund wirkte trauriger als jemals zuvor. Das Problem mußte so schnell wie möglich gelöst werden. »Und zwei für Nobby«, fügte er hinzu. »Prost, Fred.« Feldwebel Colon wölbte die Brauen, als einer der Krüge fast in einem Zug geleert wurde. Ein wenig unsicher stellte Nobby ihn wieder ab. »Wäre nicht übel, wenn’s irgendwo ‘n Pott voller Geld gäbe«, sagte Nobby und griff nach dem nächsten Krug. »Ich dachte immer, man könnte kein feiner Pinkel nich’ sein, ohne das Geld voller Taschen, ich meine, die Taschen voller Geld zu haben. Ergibt doch keinen Sinn, piek- fein und arm zu sein. Is’ das Schlimmste von beidigem.« Er leerte auch den zweiten Krug und knallte ihn auf den Tisch. »Ein ganz normaler Bürger und reich – ja, daran könnte ich mich gewöhnen.«, Der Wirt beugte sich zu Feldwebel Colon vor. »Was ist denn mit dem Korporal los? Sonst trinkt er kaum mehr als einen halben Halben. Und jetzt hat er schon acht intus.« Fred Colon beugte sich ebenfalls vor und sprach aus dem Mundwinkel. »Behalt’s für dich, Ron. Er wurde erhoben, und zwar in den Adelsstand.« »Tatsächlich? Dann gehe ich besser und hole frisches Sägemehl.« Im Wachhaus sah Sam Mumm auf die Streichhölzer hinab. Er fragte Angua nicht, ob sie sicher war – sie konnte sogar den Geruch der einzel- nen Wochentage voneinander unterscheiden. »Und die anderen?« erkundigte er sich. »Alles Golems?« »Die Spuren allein geben noch keine Gewißheit«, erwiderte Angua. »Aber ich denke schon. Normalerweise wäre ich den Fährten gefolgt, aber unter den gegebenen Umständen hielt ich es für besser, sofort hier- her zurückzukehren.« »Wie kommst du darauf, daß es Golems waren?« »Die Fußabdrücke waren ziemlich groß«, erklärte Angua. »Und Golems haben keinen eigenen Geruch. Sie nehmen die Gerüche ihrer Umgebung an. Sie riechen nach ihrer Arbeit…« Die Wände mit den Worten fielen ihr wieder ein. »Sie führten eine lange Debatte«, fügte sie hinzu. »Eine schriftliche Golem-Diskussion, die ziemlich hitzig war, glaube ich.« Angua dachte einige Sekunden nach und betrachtete ein Erinnerungs- bild der Wände. »Einige Diskussionsteilnehmer vertraten ihren Stand- punkt mit besonderem Nachdruck«, meinte sie und dachte an die Größe mancher Buchstaben. »Wenn sie Menschen gewesen wären, hätten sie vermutlich geschrien.« Mumm bedachte die vor ihm liegenden Streichhölzer mit einem finste- ren Blick. Elf kleine Holzstäbchen, das zwölfte in der Mitte durchgebro- chen. Man brauchte kein Genie zu sein, um zu verstehen. »Die Burschen haben Lose gezogen. Und Dorfl hat verloren.« Er seufzte. »Das wird immer schlimmer. Weiß jemand, wie viele Go- lems es in der Stadt gibt?« »Nein«, sagte Karotte. »Es läßt sich kaum feststellen. Seit Jahrhunder- ten werden keine mehr… konstruiert, aber sie verschleißen nicht.«, »Es werden keine neuen hergestellt?« »Das haben die Priester ausdrücklich verboten, Kommandeur. Sie mei- nen, es liefe auf die Erschaffung von Leben hinaus, und das sei allein den Göttern vorbehalten. Andererseits tolerieren sie die bereits existierenden Exemplare, weil sie so nützlich sind. Einige sind eingemauert, stecken in Tretmühlen oder arbeiten ganz unten in einem tiefen Schacht. Sie ver- richten unangenehme Arbeiten an gefährlichen Orten. Sie kümmern sich um all die Dinge, die für andere Leute zu schmutzig und zu mühsam sind. Insgesamt gibt es Hunderte von ihnen…« »Hunderte?« wiederholte Mumm. »Und sie treffen sich auf geheimen Versammlungen und schmieden irgendwelche Pläne? Meine Güte! Wir sollten sie sofort zerstören. Alle.« »Warum?« »Gefällt dir vielleicht die Vorstellung, daß sie Geheimnisse haben? Ich meine, Trolle und Zwerge gehen ja noch, und selbst Untote sind in ge- wisser Weise lebendig, wenn auch auf ziemlich scheußliche Art…« Mumm bemerkte Anguas Blick. »Das gilt zumindest für einige von ih- nen. Aber Golems? Sie sind doch nur… Dinge, die arbeiten. Genausogut könnten sich einige Schaufeln treffen und miteinander plaudern.« »Äh… das ist noch nicht alles«, sagte Angua langsam. »Hast du noch etwas anderes im Keller gefunden?« »Nein. Ich meine… Es ist schwer zu erklären. Ich hatte so ein… Ge- fühl.« Mumm zuckte unverbindlich mit den Schultern. Er hatte gelernt, An- guas Gefühle ernst zu nehmen. Zum Beispiel wußte sie immer, wo sich Karotte befand. Wenn sie im Wachhaus war und plötzlich zur Tür blick- te… dann wußte man, daß draußen Karotte die Straße heraufkam. »Ja?« »Ich habe… Kummer gespürt. Tiefen Kummer.« Mumm nickte und rieb sich den Nasenrücken. Ein langer Tag lag hin- ter ihm, und ein Ende war noch nicht abzusehen. Er brauchte unbedingt einen Drink. Die Welt um ihn herum war ein heilloses Durcheinander, und wenn er sie durch den Boden eines Glases betrachtete, sah alles viel deutlicher aus., »Hast du heute schon was gegessen?« fragte Angua. »Eine Kleinigkeit zum Frühstück«, erwiderte Mumm. »Du kennst doch das Wort, das Feldwebel Colon manchmal benutzt, um gewisse Dinge zu beschreiben?« »Meinst du ›lausig‹?« »Ja. So siehst du aus. Wenn du hierbleibst, sollten wir uns wenigstens Kaffee kochen und etwas Gebäck holen.« Mumm zögerte. Lausig. Er hatte immer gedacht, daß dieses Wort einen Zustand beschrieb, den man nach einer dreitägigen Kneipentour erreich- te. Die Vorstellung, daß man so aussehen konnte, erfüllte ihn mit Entset- zen. Angua griff nach der Teebüchse, in der die Wache ihr Geld aufbewahr- te. Sie war erstaunlich leicht. »He, hier sollten mindestens fünfundzwanzig Dollar drin sein. Nobby hat das Geld erst gestern gesammelt…« Angua drehte die Büchse um. Ein kurzer Zigarettenstummel fiel heraus. »Fehlt auch der Schuldschein?« fragte Karotte. »Ein Schuldschein? Wir reden hier von Nobby.« »Oh. Natürlich.« In der Geflickten Trommel war es still geworden. Die Zeit des Grölens und der Ausgelassenheit war vorbei, und die Phase der Besinnung – in man- chen Fällen auch der Besinnungslosigkeit – hatte begonnen. Ein Wald von Krügen stand vor Nobby. »Ich meine, ich meine, was hat’s denn überhaupt für einen Schinn, wenn man genau nachdenkt?« lallte er. »Du könntest den Titel verscherbeln«, sagte Ron. »Gute Idee«, ließ sich Feldwebel Colon vernehmen. »Es gibt ‘n Haufen Leute, die viel Geld dafür ausgeben würden, um zum Grafen zu werden. Ja, sie gäben eine Menge dafür, so piekfein zu sein wie du.« Der dreizehnte Krug verharrte auf halbem Weg zu Nobbs Lippen., »Könnte Tausende von Dollars wert sein, der Titel«, meinte Ron auf- munternd. »Mindestens«, bestätigte Colon. »Die Leute würden sich darum raufen.« »Wenn du es richtig anstellst, verdienst du genug, daß du dich in den Ruhestand zurückziehen kannst«, fügte Ron hinzu. Der Krug bewegte sich nicht. Verschiedene Ausdrücke huschten durch Nobbys Miene und sprangen dabei geschickt über diverse Warzen und Furunkel hinweg. Es war deutlich zu sehen, wie sehr es in ihm arbeitete. »Ach, glaubt ihr wirklich?« brachte er schließlich hervor. Feldwebel Colon wich voller Unbehagen zurück. Er hatte eine unheil- verkündende Schärfe in Nobbys Stimme bemerkt. »Dann könntest du reich und gleichzeitig ein einfacher Mann sein, wie du es dir wünschst«, sagte Ron, der den mentalen Wetterwechsel nicht kommen sah. »Die feinen Pinkel würden übereinander hinwegklettern, um den Grafentitel zu ergattern.« »Die Abschtammung und dasch Geburtsrecht scholl ich verkaufen?« fragte Nobby. »Für eine Erbschenschuppe?« »Ich glaube, es muß ›Eintopf‹ heißen«, spekulierte Feldwebel Colon. »Der richtige Ausdruck lautet ›Linsengericht‹«, meinte ein Zuhörer, um weiteren Unterbrechungen vorzubeugen. »Ha! Nun, ich schag euch wasch…« Nobby stand auf und torkelte. »Esch gibt einige Dinge, die nicht zu verkaufen schind. Ha! Ha! Isch doch ganz klar. Wer mir die Börse schtiehlt, hat nix… hat nisch gewon- nen.« »Das stimmt«, sagte jemand. »Eine so abgenutzte Börse kann kaum et- was wert sein.« »Linsengericht?« fragte eine verwirrte Stimme. »Worum geht’s dabei?« »Weil… ich meine, wasch kann ich schon mit… mit Geld anfangen, hm?« Die anderen Gäste wechselten verblüffte Blicke. Ihrer Meinung nach hätte man auch fragen können: »Ist es angenehm, Alkohol zu trinken?« oder »Schwere Arbeit, möchtest du sie erledigen?« »Was, ein Linsengericht soll den Adelsstand wert sein?«, »Nun, Geld…«, sagte ein Tapferer ungewiß. »Man könnte sich ein gro- ßes Haus damit kaufen, jede Menge Fressalien… was zu trinken… Frau- en…« »Und dadurch wird ein Mann glücklich?« erkundigte sich Nobby und ließ einen glasigen Blick über die Zuhörer schweifen. Die Leute starrten ihn groß an. Sie glaubten, daß sie sich in einem me- taphysischen Labyrinth verirrt hatten. »Jetzt will ich euch mal wasch schagen«, verkündete Nobby. Er schwankte jetzt so regelmäßig wie ein umgedrehtes Pendel. »So’n Kram bedeutet nichtsch, überhaupt nichtsch im Vergleich zum Schtolz auf die eigene Abschtammigung…« »Abschtammigung?« wiederholte Feldwebel Colon. »Vorfahren und scho«, erklärte Nobby. »Ich meine, ich habe Vorfah- ren, und wer kann dasch schon von euch behaupten, na?« Colon verschluckte sich fast an seinem Bier. »Jeder hat Vorfahren«, sagte der Wirt ruhig. »Andernfalls wäre der Be- treffende nicht hier.« Nobby versuchte, den Blick beider Augen auf ihn zu richten. »Ja, ge- nau!« erwiderte er schließlich. »Ja! Aber ich… ich habe mehr als ihr, ka- piert? Dasch Blut der verdammten Könige fliescht bei mir, in meinen Adern, jawohl.« »Noch«, warf jemand ein. Einige Leute lachten. Es war jene Art von Vorfreude, die Colon zu respektieren und zu fürchten gelernt hatte. Das Lachen erinnerte ihn an zwei Dinge. Erstens trennten ihn nur noch sechs Wochen von der Pensionierung, zweitens lag sein letzter Besuch des Aborts schon eine ganze Weile zurück. Nobby suchte in seinen Taschen und holte eine zerknitterte Schriftrol- le hervor. »Scheht ihr dasch hier?« fragte er und entrollte das Pergament mühsam. »Scheht ihr’s? Ich habe dasch Recht, ein Wappendingsbums zu tragen. Hier schteht’s. ›Graf‹ schteht da, habe ich recht? Damit bin ich gemeint. Du könntescht du könntescht du könntescht meinen Kopf über die Tür hängen.« »Ja, das könnte ich«, sagte der Wirt und sah zu den übrigen Gästen., »Ich meine, du könntescht den Namen diescher Taverne ändern, zum Beischpiel in ›Graf vom Ankh‹ oder scho, und dann komme ich regelmä- schig hierher und trinke wasch, na, wasch hältscht du davon?« fragte Nobby. »Wenn schich herumspricht, dasch ein Graf zu deinen Gästen zählt, geht dasch Geschäft noch bescher, und ich schtelle dir dafür über- haupt nix in Rechnung. Die Leute schagen: He, dasch ischt eine piekfei- ne Taverne, da trinkt der Graf de Nobbes, der Laden hat Schtil.« Jemand packte Nobby am Kragen. Colon kannte den Mann nicht. Er gehörte zu den narbengesichtigen Stammgästen der Geflickten Trommel, die etwa um diese Zeit die ersten Flaschen mit den Zähnen öffneten, beziehungsweise mit den Zähnen anderer Leute, wenn es ein wirklich guter Abend war. »Willst du vielleicht behaupten, daß wir für dich nicht gut genug sind?« fragte der Mann. Nobby winkte mit der Schriftrolle. Er öffnete den Mund, und Feldwe- bel Colon wußte, welche Worte er formulieren wollte. Er hörte bereits den gräßlichen, eine Katastrophe auslösenden Klang von: »Laß mich los, du bürgerlicher Lümmel!« Colon bewies ein hohes Maß an Geistesgegenwart und einen ebenso ausgeprägten Mangel an gesundem Menschenverstand, als er rief: »Seine Lordschaft gibt für alle einen aus!« Im Vergleich mit der Geflickten Trommel war die Taverne Eimer in der Schimmerstraße eine Oase kalten Friedens. Es war die Stammkneipe der Wache, ihr stiller Tempel in der Kunst des Sich-langsam-vollaufen- Lassens. Im Eimer wurde nicht etwa besonders gutes Bier ausgeschenkt. Das Bier kam vielmehr schnell und unaufdringlich, außerdem konnte man anschreiben lassen. Im Eimer brauchten die Wächter nicht alles zu sehen oder zu hören; hier durften sie ungestört sie selbst sein. Niemand konnte Alkohol mit solcher Gründlichkeit aufnehmen wie ein Wächter nach acht Stunden Dienst auf der Straße. Er bot ihm ebensoviel Schutz wie Helm und Brustharnisch. Der Alkohol sorgte dafür, daß die Welt weniger Schmerzen verursachte. Und Herr Käse, der Wirt des Eimers, war ein ausgezeichneter Zuhörer. Meistens hörte er Bemerkungen wie »Bring am besten gleich zwei« und, »Wo bleibt der Nachschub?« Er gab auch die richtigen Antworten, zum Beispiel: »Anschreiben? Geht klar, Herr Wachtmeister.« Er konnte sich darauf verlassen, daß die Wächter ihre Zeche bezahlten – andernfalls mußten sie einen ermahnenden Vortrag von Karotte über sich ergehen lassen. Mumm saß verdrießlich hinter einem Glas Limonade. Er wünschte sich einen Drink und wußte genau, warum das nicht in Frage kam: Der eine Drink kam mit großer Wahrscheinlichkeit in zwölf Gläsern. Doch diese Gewißheit machte es nicht leichter. Die meisten Angehörigen der Tagesschicht waren anwesend, darüber hinaus einige Wächter, die ihren freien Tag hatten. So schmuddelig der Eimer auch sein mochte – Mumm gefiel es hier. Die leisen Stimmen um ihn herum wirkten so beruhigend, daß seine Ge- danken keine Furcht mehr empfanden, sich frei und unbekümmert zu entfalten. Herr Käse hatte seine Taverne praktisch zum fünften Wachhaus wer- den lassen, weil er so besonderen Schutz genoß. Wächter waren im all- gemeinen ruhige Trinker. Sie gingen mit minimaler Unruhe von der ver- tikalen in die horizontale Position über; sie zettelten keine größeren Schlägereien an und zertrümmerten höchstens einen kleinen Teil der Einrichtung. Nie versuchte jemand, sie auszurauben. Wächter legten großen Wert darauf, in aller Ruhe zu trinken. Deshalb war Herr Käse sehr überrascht, als plötzlich die Tür aufflog und drei Männer mit schußbereiten Armbrüsten hereinstürmten. »Keine Bewegung! Wer sich rührt, wird erschossen!« Die Schurken blieben an der Theke stehen und stellten verblüfft fest, daß ihre Ankunft kaum Aufregung auslöste. »Wenn jemand so freundlich wäre, die Tür zu schließen…«, sagte Kommandeur Mumm. »Es zieht.« Einer der Wächter kam der Aufforderung nach. »Und schieb den Riegel vor«, fügte Mumm hinzu. Die drei Diebe sahen sich um. Als sich ihre Augen ans Halbdunkel ge- wöhnt hatten, sahen sie eine große Anzahl Brustharnische und ebenso, viele Helme. Alle blieben reglos. Die Blicke der Anwesenden galten den Neuankömmlingen. »Seid ihr Jungs neu in der Stadt?« fragte Herr Käse und putzte ein Glas. Der kühnste Dieb hielt ihm seine Armbrust unter die Nase. »Her mit dem Geld!« rief er. »Sonst habt ihr gleich einen toten Wirt«, fügte er hin- zu. »Es gibt viele Tavernen in der Stadt, Bürschchen«, antwortete jemand. Herr Käse sah nicht von dem Glas auf, das er putzte. »Ich habe deine Stimme erkannt, Obergefreiter Schenkelbeißer«, sagte er gelassen. »Du stehst bei mir mit zwei Dollar und dreißig Cent in der Kreide, herzlichen Dank.« Die Diebe rückten enger zusammen. So sollten sich Tavernengäste nicht verhalten. Sie glaubten, die leisen, kratzenden Geräusche zu hören, die entstanden, wenn man Klingen aus Scheiden zog. »Bin ich euch nicht schon einmal begegnet?« fragte Karotte. »Bei den Göttern, das ist er«, stöhnte einer der Männer. »Der Brotwer- fer!« »Ich dachte, Herr Eisenkruste wollte euch zur Diebesgilde bringen«, fuhr Karotte fort. »Nun, wir haben über Steuern gesprochen und so…« »Verrat ihm nichts davon!« Karotte schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Die Formu- lare! Herr Eisenkruste ist bestimmt besorgt, weil ich vergessen habe, sie ihm zu bringen.« Die Diebe standen jetzt so dicht beisammen, daß sie aussahen wie ein dicker Mann mit sechs Armen und einer Vorliebe für Hüte. »Äh… Wächter dürfen doch niemanden umbringen, oder?« fragte ei- ner von ihnen. »Nicht solange sie im Dienst sind«, erwiderte Mumm. Der Kühnste sprang vor, packte Angua und zerrte sie auf die Beine. »Wenn uns jemand daran hindern will, nach draußen zu gehen, muß die- ses Mädchen dran glauben, klar?« knurrte er. Jemand kicherte., »Ich hoffe, du tötest niemanden«, sagte Karotte. »Darüber entscheiden allein wir!« »Tut mir leid, aber ich habe nicht dich gemeint«, entgegnete Karotte. »Mach dir keine Sorgen um mich«, sagte Angua. Sie drehte den Kopf von einer Seite zur anderen und vergewisserte sich, daß Grinsi nicht in der Nähe war. Dann seufzte sie. »Na schön, bringen wir es hinter uns.« »Spiel nicht mit deinem Fressen«, tönte es aus dem Halbdunkel. Hier und da erklang leises Lachen – das sofort verstummte, als sich Karotte umdrehte. Plötzlich schienen alle großes Interesse an ihren Glä- sern zu haben. »Schon gut«, sagte Angua leise. Die drei Diebe ahnten, daß etwas nicht mit rechten Dingen zuging, was ihren Wunsch bestärkte, so rasch wie möglich nach draußen zu ge- langen. Niemand bewegte sich, als sie zur Tür zurückwichen, den Riegel beiseite schoben, mit Angua in den Nebel traten und die Tür wieder schlossen. »Sollten wir nicht besser helfen?« fragte ein Obergefreiter, der erst seit kurzer Zeit der Wache angehörte. »Die Kerle verdienen keine Hilfe«, erwiderte Mumm. Rüstungsteile klapperten. Kurz darauf hörten sie ein dumpfes, kehliges Knurren. Und einen Schrei. Gefolgt von einem zweiten. Und einem dritten. »NEINNEINNEINneinneinneinneinneinneinNEIN!« Und: »Aarg-haargh aargh!« Etwas Schweres stieß gegen die Tür. Mumm wandte sich an Karotte. »Du und Obergefreite Angua…«, sag- te er. »Kommt ihr… äh… gut miteinander zurecht?« »Kann nicht klagen, Herr Kommandeur«, erwiderte Karotte. »Einige Leute könnten auf die Idee kommen, daß es… äh… vielleicht Probleme gibt…« Etwas pochte, dann blubberte es., »Wir gehen ihnen aus dem Weg, Herr Kommandeur«, sagte Karotte jetzt etwas lauter. »Wie ich hörte, ist ihr Vater alles andere als glücklich darüber, daß sie hier arbeitet…« »In Überwald gibt es nicht viele Gesetze – man hält sie für ein Zeichen von schwachen Gesellschaften. Der Baron ist kein großer Freund ei- ner… ausgewogenen Justiz.« »Soll ziemlich grausam und gemein sein.« »Angua möchte in der Wache bleiben, Herr Kommandeur. Der Kon- takt zu den Leuten gefällt ihr.« Draußen ächzte jemand. Fingernägel kratzten über eine Fensterschei- be, dann verschwand ihr Eigentümer plötzlich. »Nun, es steht mir nicht zu, über diese Dinge zu urteilen«, sagte Mumm. »Nein, Kommandeur.« Nach einigen Sekunden der Stille öffnete sich die Tür langsam. Angua kam herein und nahm Platz. Die anwesenden Wächter zeigten einmal mehr großes Interesse am Inhalt ihrer Gläser. »Äh…«, begann Karotte. »Fleischwunden«, sagte Angua. »Allerdings gab es einen bedauerlichen Zwischenfall. Ein Dieb hat einem anderen unabsichtlich ins Bein ge- schossen.« »Ich schlage vor, in deinem Bericht erwähnst du ›selbst verursachte Verletzungen bei dem Versuch, sich der Verhaftung zu widersetzen‹.« meinte Mumm. »Ja, Herr Kommandeur«, bestätigte Angua. »Das gilt nicht für alle«, wandte Karotte ein. »Die Burschen wollten unsere Taverne überfallen und außerdem einen Wer… Angua als Geisel nehmen«, betonte Mumm. »Oh, ich verstehe, was du meinst«, sagte Karotte. »Selbst verursachte Verletzungen. Ja. Natürlich.«, Inzwischen war es ziemlich still in der Geflickten Trommel. Dafür gab es einen einfachen Grund: Normalerweise kann man kaum laut und gleich- zeitig bewußtlos zu sein. Feldwebel Colon war von seiner eigenen Schläue beeindruckt. Manchmal konnte man mit der einen oder anderen Runde mehr bewir- ken als mit gut gezielten Fausthieben. Erstaunlicherweise hielten sich einige Leute noch immer auf den Bei- nen. Das waren die ernsten Trinker, die so tranken, als gäbe es kein Morgen – und die das vermutlich auch hofften. Fred Colon hatte das heitere und unbeschwerte Stadium des Rausches erreicht. Er wandte sich an den Mann neben ihm. »Is’ ganz nett hier, oder?« fragte er. »Ich möchte bloß wissen, was ich meiner Frau sagen soll«, stöhnte der Mann. »Keine Ahnung«, erwiderte Colon. »Sag einfach, du hättest länger län- ger länger als sonst gearbeitet. Und nimm ein Pfefferminzbonbon, bevor du heimkehrst. Das hilft für gewöhnlich…« »Länger als sonst gearbeitet? Ha! Ich bin rausgeflogen! Ich! Ein Hand- werker! Fünfzehn Jahre bei Spatz & Sperling, und dann gehen sie pleite, weil Traggut sie unterbietet, und dann kriege ich bei ihm einen Job, um kurze Zeit später schon wieder vor die Tür gesetzt zu werden. Vorzeitige Pensionierung! Verdammte Golems! Verdrängen lebende Leute vom Arbeitsmarkt! Wofür wollen die Burschen überhaupt schuften? Haben doch gar keine Mäuler zu stopfen, oder? Trotzdem arbeiten sie, immer- zu, pausenlos und ohne zu ermüden.« »Es is’ eine Schande.« »Meiner Ansicht nach sollte man sie alle zertrümmern. Ich meine, wir hatten einen Golem bei Spatz & Sperling, aber der alte Zhlob zockelte nur so dahin. Ging nicht so hart ran an die Sachen, als müßte alles an einem Tag erledigt werden. Paß bloß auf, Kumpel. Demnächst schnap- pen sich die Brüder auch deinen Job.« »Steingesicht würde das bestimmt nicht zulassen«, sagte Colon und schwankte ein wenig. »Kann man bei euch vielleicht Arbeit bekommen?«, »Weiß nicht«, entgegnete Colon. Aus dem einen Mann schienen inzwi- schen zwei Männer geworden zu sein. »Was machst du?« »Ich sorge dafür, daß Kerzen einen ordentlichen Docht bekommen.« »Eine sehr nützliche Arbeit.« »Hier, Fred«, sagte der Wirt, klopfte ihm auf die Schulter und hielt ei- nen Zettel vor seine Nase. Colon beobachtete interessiert, wie Zahlen hin und her tanzten. Er versuchte, sich auf die ganz unten zu konzentrie- ren, aber sie paßte nicht in sein schmaler gewordenes Blickfeld. »Was is’ das?« »Die Rechnung seiner königlichen Lordschaft«, erklärte der Wirt. »Soll das ein Witz sein? Niemand kann soviel trinken… Ich bezahle nicht.« »Ich habe auch Brüche berücksichtigt.« »Brüche?« Der Wirt holte einen dicken Knüppel unter der Theke hervor. »Arme? Beine? Du kannst frei wählen.« »Oh, ich bitte dich, Ron. Du kennst mich doch schon seit Jahren!« »Ja, Fred. Du warst immer ein guter Kunde. Deshalb erlaube ich dir, zuerst die Augen zu schließen.« »Aber es ist alles Geld, was ich habe!« Der Wirt lächelte. »Da hast du aber Glück.« Grinsi Kleinpo lehnte sich außerhalb des Aborts an die Korridorwand und schnaufte. Diese Sache lernten Alchimisten schon ganz früh in ihrer beruflichen Laufbahn. Grinsis Lehrer hatten immer wieder betont, daß es zwei Arten von guten Alchimisten gibt: die athletischen und die intellektuellen. Ein guter Alchimist der ersten Kategorie sprang über den Experimentiertisch und saß drei Sekunden später hinter einer schützenden dicken Mauer. Ein guter Alchimist der zweiten Kategorie wußte genau, wann er loslau- fen mußte., Die Ausrüstung war keine große Hilfe. Sie hatte versucht, möglichst viel bei der Gilde abzustauben, aber in einem richtigen alchimistischen Laboratorium gab es jede Menge Glasbehälter, die aussahen, als wären sie beim jährlichen Schluckauf-Wettbewerb der Glasbläsergilde entstan- den. Ein richtiger Alchimist benutzte bei seinen Experimenten keine Becher mit dem Bild eines Teddybärs – Korporal Nobbs war bestimmt sehr verärgert, wenn er vergeblich danach suchte. Als Grinsi glaubte, daß sich die Dämpfe verzogen hatten, kehrte sie in den kleinen Raum zurück. Das war auch so eine Sache. Ihre Bücher über Alchimie stellten wahre Kunstwerke dar. Die Graveure bewiesen ihr Können auf jeder Seite. Aber sie enthielten keine Hinweise wie »Denk daran, vorher ein Fenster zu öffnen«. Statt dessen lautete der Text zum Beispiel: »Fügige dem Zink Aqua Quirmis hinzu, bis entweichet jede Menge Gas.« Die Autoren ver- zichteten auf Warnungen wie »Führet diese Ecksperimente niemals da- heime durch.« Und sie erwähnten auch nicht, daß man sich schon bald von seinen Augenbrauen verabschieden mußte. Wie dem auch sei… An den Gläsern zeigte sich nicht der braunschwarze Glanz, der nach dem Lecksikon der Alchimie auf Arsen hindeutete. Grinsi hatte alle Nah- rungsmittel und Getränke im Palast getestet und zu diesem Zweck Dut- zende von Flaschen und Krüge aus dem Wachhaus rekrutiert. Sie entschied sich für ein weiteres Experiment mit dem Inhalt eines kleinen Beutels, der die Aufschrift »Probe 2« trug. Das Zeug sah aus wie schmieriger Käse. Käse? Grinsi hatte zuviel von den Dämpfen eingeat- met – ihre Gedanken krochen wie durch zähen Brei. Sie hatte bestimmt Käseproben genommen. Probe 17 enthielt Blauader aus Lancre, da war sie ziemlich sicher. Er hatte sehr heftig auf die Säure reagiert, ein kleines Loch in die Decke gebohrt und den halben Experimentiertisch mit einer dunkelgrauen Substanz überzogen, die sich als ebenso klebrig erwies wie weicher Teer. Grinsi führte den Test durch. Einige Minuten später blätterte sie aufgeregt in ihrem Notizbuch. Die erste Probe aus der Speisekammer (von einer Portion Gänseleberpastete), trug die Nummer 3. Und die Proben 1 und 2? Nummer 1 war weißer Ton von der Schlechten Brücke. Und Nummer 2? Kurze Zeit später fand sie den Eintrag. Aber das konnte doch nicht sein! Grinsi sah noch einmal zu dem Glasröhrchen. Metallisches Arsen er- widerte ihren Blick. Es war noch etwas von der Probe übrig. Sie konnte das Ergebnis kon- trollieren – oder sollte sie ihre Entdeckung sofort jemandem mitteilen? Die Zwergin eilte zum Hauptbüro und traf dort einen Troll an. »Wo ist Kommandeur Mumm?« Der Troll grinste. »Im Eimer… Kleinpo.« »Herzlichen Dank.« Der Troll wandte sich wieder an einen besorgt wirkenden Mönch, der eine braune Soutane trug. »Und?« fragte er. »Er sollte es dir vielleicht selbst sagen«, erwiderte der Mönch. »Ich ar- beite nur nebenan.« Er stellte ein Einmachglas auf den Schreibtisch. Das Glas war mit einer braunen Schleife geschmückt und enthielt Staub. »Ich möchte mich mit allem Nachdruck beschweren«, verkündete der Staub mit schriller Stimme. »Ich hatte gerade erst mit der neuen Tätigkeit begonnen, und nach fünf Minuten machte es plötzlich Platsch. Bestimmt brauche ich Tage, um mich davon zu erholen!« »Wo er gearbeitet?« fragte der Troll. »In der Abteilung ›unvergleichliche ekklesiastische Vorräte‹«, erwiderte der beunruhigte Mönch. »Sektion Weihwasser«, fügte der Vampir hinzu. »Du hast Arsen gefunden?« fragte Mumm. »Ja, Herr Kommandeur. Die Probe ist voll davon. Aber…« »Aber was?« Grinsi starrte auf ihre Füße. »Ich habe den Test wiederholt, mit einem anderen Glasröhrchen, und ich bin sicher, daß mir kein Fehler unterlau- fen ist…«, »Gut. Wo hast du das Arsen entdeckt?« »Das ist es ja gerade, Herr Kommandeur. Die betreffende Probe stammt nicht aus dem Palast. Ich war ein wenig durcheinander und habe die Substanz untersucht, die wir unter Pater Tubelceks Fingernägeln gefunden haben.« »Was?« »Unter seinen Fingernägeln war etwas… Schmieriges, und ich dachte, daß es vielleicht von der Person stammt, die ihn angegriffen hat, von der Schürze oder so. Die Probe ist noch nicht ganz aufgebraucht. Wenn du sie von jemand anders untersuchen lassen möchtest… Ich könnte es dir nicht verdenken.« »Warum sollte der alte Priester mit Gift hantieren?« fragte Karotte. »Ich halte es für wahrscheinlicher, daß er es vom Mörder abgekratzt hat«, sagte Grinsi. »Bei einem Kampf…« »Beim Kampf gegen das Arsen-Ungeheuer?« fragte Angua. »Bei den Göttern!« entfuhr es Mumm. »Wie spät ist es?« »Bimmel-bimmel-bumm-bamm!« »Oh, Mist…« »Es ist neun Uhr«, sagte der Organizer und blickte aus Mumms Ta- sche. »Ich war unglücklich, denn ich hatte keine Schuhe – bis ich einen Mann ohne Füße traf.« Die Wächter wechselten verwirrte Blicke. »Wie bitte?« fragte Mumm langsam. »Die Leute mögen es, wenn man einen Aphorismus aufsagt oder sie mit einem Tagesspruch inspiriert«, behauptete der Kobold. »Wie bist du dem Mann ohne Füße begegnet?« fragte Mumm. »Ich bin ihm nicht wirklich begegnet«, erwiderte der Kobold. »Es war metaphorisch gemeint.« »Schade«, kommentierte Mumm. »Du hättest ihn fragen können, ob er Stiefel übrig hat. Ohne Füße kann er sie wohl kaum gebrauchen.« Der Kobold quiekte dumpf, als er ihn in die Schachtel zurückschob. »Das ist noch nicht alles, Herr Kommandeur«, sagte Grinsi., Mumm seufzte. »Ich höre.« »Ich habe mir auch den Ton angesehen, den wir am Tatort gefunden haben«, sagte Grinsi. »Eruptiv meinte, er enthielte wiederverwertetes Material von früheren Töpfen und so. Ich habe etwas von Dorfl abge- schlagen, um es damit zu vergleichen, und ich bat den Kobold im Iko- nographen, Bilder von den kleinsten Details zu malen, und… ich glaube, es gibt Ähnlichkeiten zwischen den beiden Tonsorten. Dorfls Ton ent- hält viel Eisenoxid.« Mumm seufzte erneut. Überall um ihn herum tranken die Leute Alko- hol. Nur ein Drink – und alles wäre viel deutlicher. »Hat jemand von euch eine Ahnung, was das alles bedeutet?« fragte er. Karotte und Angua schüttelten den Kopf. »Ergibt es einen Sinn, wenn wir herausfinden, wie die einzelnen Teile zusammengehören?« Mumm sprach jetzt lauter. »Wie bei einem Puzzle, meinst du?« erwiderte Grinsi. »Ja!« bestätigte Mumm so laut, daß es still wurde in der Taverne. »Jetzt brauchen wir nur noch das Eckstück mit einem bißchen Himmel und den Blättern. Dann ist das Bild komplett.« »Es war für uns alle ein langer Tag, Herr Kommandeur«, sagte Karotte. Mumm ließ die Schultern hängen. »Na schön. Morgen… Karotte, du überprüfst die Golems in der Stadt. Wenn sie irgend etwas aushecken, möchte ich darüber Bescheid wissen. Und du, Kleinpo… Du suchst überall im Haus des alten Priesters nach Arsen. Wenn ich doch nur glau- ben könnte, daß du etwas findest…« Angua hatte sich bereit erklärt, Grinsi zu ihrem Quartier zu begleiten. Es erstaunte die Zwergin, daß die Männer dies zuließen. Immerhin bedeute- te es, daß Angua später allein zurückkehren mußte. »Hast du denn gar keine Angst?« fragte Grinsi, als sie durch den Nebel wanderten. »Nein.« »Aber es könnten doch überall Schurken und Halunken auf der Lauer liegen. Außerdem hast du gesagt, daß du in den Schatten wohnst.«, »Oh, ja. Nun, ich bin schon seit einer ganzen Weile nicht mehr belä- stigt worden.« »Fürchtet man vielleicht deine Uniform?« »Möglich«, räumte Angua ein. »Vermutlich haben die Leute gelernt, Respekt davor zu haben.« »Könnte sein.« »Äh… entschuldige bitte, aber… du und Hauptmann Karotte…« Angua wartete höflich. »Seid ihr… äh…« »Ja«, sagte Angua und gab dem Mitleid nach. »Wir sind äh. Trotzdem wohne ich in Frau Kuchens Pension, weil man in so einer Stadt seinen eigenen Platz braucht.« Und eine Hauswirtin, die besondere Bedürfnisse versteht, fügte sie in Gedanken hinzu. Zum Beispiel Türklinken, die auch für Pfoten geeignet waren, und ein offenes Fenster bei Vollmondnäch- ten. »Man braucht einen Ort, wo man sich selbst entfalten kann. Außer- dem riecht’s im Wachhaus nach alten Socken.« »Ich wohne bei meinem Onkel Armwürger«, sagte Grinsi. »Dort ist es nicht sehr gemütlich. Sie reden fast dauernd über Bergwerksarbeit.« »Und das gefällt dir nicht?« »Ach, es geht ständig ›Ich grabe in der Grube, und ich zeche in der Ze- che‹ und so«, erwiderte Grinsi in traurigem Singsang. »Anschließend wird über Gold gesprochen, was viel langweiliger ist, als die meisten Leute glauben.« »Ich dachte, Zwerge lieben Gold«, sagte Angua. »In den meisten Fällen geht es nur darum, die Tradition zu bewahren.« »Bist du ganz sicher, daß du zum Volk der Zwerge gehörst? Entschul- dige. War nur ein Scherz.« »Bestimmt gibt es interessantere Dinge als Gold. Zum Beispiel Frisu- ren. Oder Kleidung. Leute.« »Meine Güte. Meinst du etwa Mädchendinge?« »Keine Ahnung«, entgegnete Grinsi. »Bisher habe ich keine Mädchen- dinge kennengelernt. Nur Zwergendinge.«, »So ähnlich ist es auch in der Wache«, sagte Angua. »Man kann jedes Geschlecht haben, vorausgesetzt, man verhält sich wie ein Mann. In der Stadtwache gibt es keine Männer und Frauen, nur Kumpel und Kollegen. Die besondere Sprache lernt man schnell. Im großen und ganzen geht es darum, wieviel Bier man am vergangenen Abend geschlürft hat, wie scharf die Currygerichte gewesen sind und wo man sich schließlich über- geben hat. Denk einfach wie ein Macho, dann hast du den Dreh bald raus. Außerdem mußt du im Wachhaus auf Witze mit… sexuellem Hin- tergrund gefaßt sein.« Grinsi errötete. »Obwohl… in letzter Zeit nur noch sehr selten«, sagte Angua. »Wieso? Hast du dich beschwert?« »Nein, es hat aufgehört, nachdem ich mich aktiv daran beteiligt habe«, erklärte Angua. »Und weißt du was? Die Männer lachten überhaupt nicht. Nicht einmal, als ich die Worte mit Gesten erläuterte. Ich halte das eigentlich für unfair. Die meisten Handbewegungen erschienen mir recht harmlos.« »Es nützt alles nichts, ich muß ausziehen.« Grinsi seufzte. »Ich fühle mich… fehl am Platz.« Angua sah auf die neben ihr gehende Zwergin hinab und erkannte die Symptome. Jeder brauchte einen Freiraum, so wie sie selbst, und manchmal existierte dieser Platz nur im Kopf. Seltsamerweise mochte sie Grinsi, vielleicht wegen ihrer Ernsthaftigkeit. Möglicherweise auch des- halb, weil sie außer Karotte die einzige Person war, die ihr gegenüber weder Furcht noch Unbehagen zeigte. Weil sie nicht Bescheid wußte. An- gua wollte Grinsis Unwissenheit wie ein kostbares Gut bewahren, doch sie begriff auch, daß die Zwergin einen Wechsel in ihrem Leben nötig hatte. »Wir sind nicht weit von der Ulmenstraße entfernt«, sagte sie. »Was hältst du von einem kurzen Abstecher zu meiner Unterkunft? Ich habe da einige Sachen, die ich dir leihen könnte…« Ich brauche sie nicht, dachte Angua. Wenn ich aufbreche, kann ich ohnehin kaum etwas mitnehmen., Obergefreiter Abfluß starrte in den Nebel. Auf der Liste der Dinge, die er besonders gut konnte, kam Starren an zweiter Stelle, direkt nach reg- los Hocken. Auch Lautlosigkeit gehörte zu seinen besonderen Eigen- schaften. Er brachte immer dann gute Leistungen, wenn es darum ging, nichts zu tun. Einfach wie erstarrt dasitzen – das war seine größte Stärke. Hätte es einen Aufruf zur Weltmeisterschaft im Nichtbewegen gegeben, wäre Obergefreiter Abfluß nicht einmal am Wettkampfort erschienen. Das Kinn auf die Hände gestützt, starrte er in den Nebel. Nur wenige Wolken schwebten am Himmel. Das Licht des Mondes glänzte ungefiltert herab. In seinem Schein und aus der Höhe von sechs Stockwerken betrachtet, wirkte der Nebel wie ein kaltes, frostiges Meer. Hier und da ragte ein Turm daraus hervor. Alle Geräusche waren ge- dämpft und krochen nicht weit. Mitternacht kam und ging. Obergefreiter Abfluß starrte und dachte an Tauben. Er hatte nur wenige Wünsche in seinem Leben, und fast alle betrafen Tauben. Mehrere Gestalten taumelten und torkelten – eine von ihnen rollte sogar – durch den Nebel wie die vier Reiter einer kleinen Apokalypse. Auf einem der Köpfe hockte eine Ente, und da der betreffende Mann abge- sehen davon fast völlig normal war, nannte man ihn Entenmann. Ein anderer hustete und spuckte dauernd, was ihm den Spitznamen Henry Husten eingebracht hatte. Der dritten Gestalt fehlten die Beine, und sie hockte in einem kleinen Bollerwagen; aus irgendeinem Grund nannte man diesen Mann Arnold Seitwärts. Der letzte im Bunde trug aus sehr gutem Grund den Namen Stinkender Alter Ron. Ron hielt eine Leine in der Hand, an deren Ende ein kleiner, graubrau- ner, mit fransigen Ohren ausgestatteter Terrier lief. Ein unbeteiligter Beobachter konnte kaum feststellen, wer wen führte und wer auf den Befehl »Sitz!« vor wem zu Boden gesunken wäre. Überall im Multiver- sum werden speziell dressierte Hunde von Blinden und manchmal auch von Tauben eingesetzt. Doch der Stinkende Alte Ron war die erste be- kannte Person, die sich von einem Hund das Denken abnehmen ließ., Die von dem Terrier angeführten Bettler näherten sich dem dunklen Bogen der Schlechten Brücke, die sie ihr Zuhause nannten. Besser ge- sagt, einer von ihnen bezeichnete sie als Zuhause. Die anderen sprachen in diesem Zusammenhang von »Ha-ha-ha-HA-TSCHUUUUH« und »Hehehehe! Huch!« und »Mistundverflucht, Jahrtausendhand und Kre- vetten!«. Während sie am Flußufer entlangstolperten, tranken sie abwechselnd aus einer Dose und rülpsten immer wieder. Nach einer Weile blieb der Hund stehen. Die Bettler verharrten hinter ihm. Eine Gestalt kam aus dem Nebel. »Bei den Göttern!« »Hatschuuh!« »Huch!« »Mistundverflucht?« Die Bettler drückten sich an die nächste Mauer, als ein blasser Riese an ihnen vorbeiwankte. Er preßte sich beide Hände gegen den Kopf, als hätte er ihn sich am liebsten vom Hals gerissen. Gelegentlich stoppte er kurz, um seinen Schädel gegen eine Wand zu rammen. Er riß einen Pfahl aus dem Boden und hämmerte sich damit auf den Kopf. Schon nach kurzer Zeit brach das Gußeisen. Die Gestalt warf den Pfahlrest beiseite, öffnete einen Mund, aus dem rotes Licht glühte, und brüllte wie ein verletzter Stier. Dann stapfte sie weiter und verschwand in der Dunkelheit. »Wir haben ihn schon wieder gesehen«, meinte der Entenmann. »Den weißen Golem, meine ich.« »Hehe, einen solchen Kopf habe ich morgens auch manchmal«, sagte Arnold Seitwärts. »Mit Golems kenne ich mich aus«, behauptete Henry Husten. Er spuckte und traf einen Käfer, der an einer sechs Meter entfernten Wand hochkletterte. »Sie haben eigentlich keine Stimme.«, »Mistundverflucht«, meinte der Stinkende Alte Ron. »Eumel kocht man im Fluß, und verdammt sei jede Krevette, die in Fusel schwimmt! Und das könnt ihr mir glauben!« »Er meint, es sei der gleiche Golem, den wir neulich gesehen haben«, sagte der Hund. »Nach der Ermordung des alten Priesters.« »Glaubst du, wir sollten jemandem Bescheid geben?« fragte der En- tenmann. Der Hund schüttelte den Kopf. »Nein. Wir haben hier ‘n hübsches Plätzchen, und das wollen wir doch nicht verlieren, oder?« Sie setzten sich wieder in Bewegung, stolperten – beziehungsweise roll- ten – erneut durch feuchte Finsternis. »Ich verabscheue die verdammten Golems. Klauen uns die Arbeits- plätze…« »Wir haben doch gar keine Arbeit.« »Na bitte.« »Was gibt’s zu essen?« »Schlamm und alte Stiefel. Ha-ha-ha-TSCHUH!« »Jahrtausendhand und Krevetten, meine ich.« »Bin ich froh, daß ich eine Stimme habe. Sonst könnte ich ja gar nicht sprechen.« »Wird Zeit, daß du deine Ente fütterst.« »Welche Ente?« Im Bereich vom Fünf-und-Sieben-Hof glühte und brutzelte der Nebel. Flammen züngelten empor und schienen die dichten grauen Schwaden in Brand zu setzen. Zischendes flüssiges Eisen kühlte in den Gußformen. Hämmer pochten. Wer an diesem Ort arbeitete, richtete sich nicht nach der Uhr, sondern nach den Erfordernissen geschmolzenen Metalls. Es war schon nach Mitternacht, aber in Starkimarms Werkstatt – »Wir schmelzen und schmieden« – herrschte noch immer reger Betrieb. Es gab viele Starkimarms in Ankh-Morpork – unter den Zwergen war dieser Name weit verbreitet. Gerade aus diesem Grund hatte Thomas Schmitt ihn gewählt. Sein Firmenschild zeigte einen finster dreinblicken-, den Zwerg mit einem Hammer in der Hand, doch das war allein ein Produkt der Phantasie des Schildmalers. Die Leute hielten Produkte, die »von Zwergen hergestellt« waren, für besser, und Thomas Schmitt erhob keine Einwände dagegen. Das Komitee Gleiche Höhe Für Zwerge hatte protestiert, allerdings nicht besonders laut, denn die meisten Mitglieder des Komitees waren Menschen, da Zwerge zuviel zu tun hatten, um sich mit solchen Angele- genheiten zu befassen.* Außerdem basierte der Protest auf der Tatsache, daß Herr Starkimarm alias Schmitt zu groß war – was eindeutig eine Größendiskriminierung darstellte und somit nach den Regeln des Komi- tees verurteilt werden mußte. Thomas ließ sich einen Bart wachsen, trug einen Eisenhelm, wenn er offizielle Personen in der Nähe wähnte, und erhöhte die Preise um zwanzig Prozent. Die Fallhämmer pochten nacheinander, angetrieben von einer großen Ochsen-Tretmühle. Schwerter wurden geschmiedet und Rüstungsteile geformt. Funken stoben. Starkimarm nahm den Helm ab (er hatte wieder Besuch von Komi- teemitgliedern erhalten) und wischte Schweiß von der Innenseite. »Dibbuk? Wo steckst du, verdammt?« Das Gefühl gefüllten Raumes veranlaßte ihn, sich umzudrehen. Der Golem stand direkt hinter ihm, das Licht der Esse spiegelte sich auf sei- nem dunkelroten Ton wider. »Ich habe dir doch mehrmals gesagt, daß du dich nicht so heranschlei- chen sollst«, rief Starkimarm, um den Lärm zu übertönen. Der Golem hob seine Schiefertafel. Ja. * Außerdem sahen Zwerge in ihrer Größe – beziehungsweise im Mangel daran – kein sonderliches Problem, Unter Zwergen gab es die Redensart: »Alle Bäume werden dicht über dem Boden gefällt.« Es heißt allerdings, dies sei die revidierte (und zensierte) Version des Sprichworts: »Wenn seine Hände höher sind als dein Kopf, sind seine Lenden auf einer Höhe mit deinen Zähnen.«, »Hast du alle Dinge deines heiligen Tages erledigt? Du bist ziemlich lange fort gewesen!« Kummer. »Nun, jetzt bist du ja wieder da. Übernimm den Hammer Nummer drei und schick Herrn Vincent in mein Büro, in Ordnung?« Ja. Starkimarm ging die Treppe zum Büro hinauf. Oben drehte er sich um und blickte durch die Schmiede. Er beobachtete, wie Dibbuk zum drit- ten Hammer stapfte und dem Vorarbeiter seine Schiefertafel zeigte. Er beobachtete, wie der Vorarbeiter Vincent fortging. Er beobachtete, wie Dibbuk einen Rohling, der ein Schwert werden sollte, für mehrere Hammerschläge festhielt – um ihn dann beiseite zu werfen. Starkimarm eilte die Treppe wieder hinunter. Auf halbem Wege nach unten sah er, wie Dibbuk seinen Kopf auf den Amboß legte. Als Starkimarm das Ende der Treppe erreichte, schlug der Hammer zum erstenmal zu. Als er die Schmiede halb durchquert hatte, gefolgt von einigen Arbei- tern, knallte der Hammer zum zweiten Mal auf Dibbuks Kopf herab. Als er bei Dibbuk ankam, folgte der dritte Hammerschlag. Das Glühen in den Augen des Golems verblaßte. Ein Riß bildete sich auf dem ausdruckslosen Gesicht. Der Hammer hob sich zum vierten Mal… »Duckt euch!« rief Starkimarm. … und dann blieben nur noch Tonscherben übrig. Als das Krachen verhallte, stand Thomas Starkimarm auf und klopfte seine Kleidung ab. Staub und Bruchstücke aus Ton bedeckten den Bo- den. Der Hammer war aus der Halterung gesprungen und lag neben dem Amboß, in einem Durcheinander aus Golemscherben. Starkimarm griff nach einem Stück Fuß, warf es beiseite und hob die heil gebliebene Schiefertafel auf. Darauf standen folgende Worte:, Der alte Mann hat uns geholfen! Du sollst nicht töten! Ton von meinem Ton! Scham. Kummer. Der Vorarbeiter blickte über Starkimarms Schulter. »Was ist bloß in ihn gefahren?« »Woher soll ich das wissen?« erwiderte der Schmied scharf. »Ich meine, heute nachmittag brachte er wie immer den Tee. Anschlie- ßend ging er für ein paar Stunden fort. Und jetzt dies…« Starkimarm zuckte mit den Achseln. Ein Golem war ein Golem, und damit hatte es sich. Doch als er vor seinem inneren Auge noch einmal ablaufen ließ, wie der Bursche seinen Kopf auf den Amboß legte… Er schauderte. »Vorgestern habe ich gehört, daß die Sägemühle in der Düstergutstraße ihren Golem verkauft«, sagte der Vorarbeiter. »Hat einen ganzen Maha- gonistamm in Streichhölzer zersägt. Soll ich mal mit den Leuten reden?« Starkimarm blickte noch einmal auf die Schiefertafel. Dibbuk war nie sehr gesprächig gewesen. Er hatte rotglühendes Eisen getragen, Schwertrohlinge mit den Fäusten bearbeitet und die Schlacke aus der Schmelzerei entfernt – ohne sich jemals zu beklagen. Dibbuk hatte auf Starkimarm immer den Eindruck gemacht, daß es für ihn über- haupt nichts zu sagen gab – selbst dann nicht, wenn er hätte sprechen können. Er arbeitete einfach nur. So viele Worte hatte er nie zuvor ge- schrieben. Sie berichteten von dunkler Verzweiflung, von einem Selbst, das ge- schrien hätte, wenn es dazu imstande gewesen wäre. Das ist doch Un- sinn! dachte der Schmied. Golems können sich überhaupt nicht umbrin- gen. Oder? »Chef?« fragte der Vorarbeiter. »Soll ich Ersatz für Dibbuk beschaf- fen?«, Starkimarm warf die Schiefertafel fort und beobachtete erleichtert, wie sie an der gegenüberliegenden Wand zerbrach. »Nein«, sagte er. »Räum nur die Scherben weg. Und laß den verdammten Hammer reparieren.« Feldwebel Colon schaffte es mit großer Mühe, seinen Kopf über das Niveau der nahen Bordsteinkante zu heben. »Ist… ist alles in Ordnung mit dir, Korporal Lord de Nobbes?« brach- te er hervor. »Keine Ahnung, Fred. Wessen Gesicht ist das?« »Meins, Nobby.« »Den Göttern sei Dank. Ich dachte schon, esch sei meins…« Colon sank zurück. »Wir liegen im Rinnstein, Nobby«, stöhnte er. »Ooh…« »Wir alle liegen im Rinnstein, Fred. Aber einige von uns schehen die Sterne…« »Nun, ich sehe dein Gesicht, Nobby. Sterne wären viel besser. Na los…« Nach einigen vergeblichen Versuchen gelang es ihnen, wieder auf die Beine zu kommen – sie zogen sich gegenseitig aneinander hoch. »Wo sind sind sind wir hier, Nobby?« »Ich bin ziemlich sicher, dasch wir die Geflickte Trommel verlassen ha- ben. Äh… hat mir jemand ein Laken über den Kopf geschtülpt?« »Das ist der Nebel, Nobby.« »Und wessen Beine schind dasch hier unten?« »Ich schätze ich schätze, es sind deine Nobby. Ich habe meine eige- nen.« »Na schön. Gut Ooh… ich glaube, ich habe schiemlich viel getrunken, Fred.« »Hast das Zeug wie ein Lord runtergekippt.« Nobby hob vorsichtig die Hände und griff nach seinem Helm. Jemand hatte ihn mit einer Papierkrone verziert. Die suchenden Finger fanden einen Zigarettenstummel hinterm Ohr., Inzwischen hatte die unangenehme Stunde der Zechnacht begonnen: Nach einer erstklassigen Zeit im Rinnstein kam die Rache der Ernüchte- rung, während man gleichzeitig noch betrunken genug war, daß alles schlimmer werden konnte. »Wieso schind wir hier, Fred?« Colon kratzte sich am Kopf – und hörte sofort wieder damit auf, weil ihn das Geräusch störte. »Ich glaube…«, begann er und versuchte, die wirren Fetzen in seinem Kurzzeitgedächtnis zu sortieren. »Ich glaube… ja… mir scheint, es war die Rede davon, den Palast zu stürmen und dein Geburtsrecht zu for- dern…« Nobby schnappte so heftig nach Luft, daß er fast die Zigarette ver- schluckt hätte. »Dasch haben wir doch nicht getan, oder?« »Du hast uns dazu aufgefordert…« »Meine Güte…«, ächzte Nobby. »Aber unmittelbar darauf hast du dich übergeben.« »Dasch erleichtert mich sehr.« »Allerdings hat dein Mageninhalt Würger Hoskins getroffen. Zum Glück stolperte er über jemanden, bevor er uns erreichen konnte.« Colon klopfte auf seine Taschen. »Und ich habe noch das Geld aus der Teebüchse«, fügte er hinzu. Eine weitere Erinnerungswolke verdunkelte den Sonnenschein des Vergessens. »Äh… drei Cent sind davon übrig.« Diese bittere Botschaft verstand auch Nobby. »Wasch, nur drei Cent?« »Tja, weißt du… Als du anfingst, die teuren Getränke für alle Anwe- senden zu bestellen… Du hattest kein Geld, und wenn ich nicht bezahlt hätte…« Colons Zeigefinger glitt über seine Kehle. »Kssssh!« »Soll das heißen, du hast für dasch ganze Bier in der Trommel bezahlt?« »Wenn’s nur um das Bier gegangen wäre, hätten wir mehr als nur drei Cent übrigbehalten«, erwiderte Colon. »Aber irgendwann haben die Leu- te Krüge mit Gin bestellt.« Nobby versuchte, den Nebel deutlicher zu erkennen. »Niemand kann einen ganschen Krug voller Gin trinken, Fred.«, »Das habe ich dir immer wieder gesagt, aber du wolltest nicht auf mich hören.« Nobby schnupperte. »Wir sind in der Nähe des Flusses«, stellte er fest. »Wir sollten versuchen…« Jemand – etwas – brüllte, und zwar ganz in der Nähe. Ein dumpfes, langezogenes Brüllen, wie von einem Nebelhorn, das in ernsten Schwie- rigkeiten steckte. Ein solches Brüllen hörte man vielleicht auf einem Viehhof in einer besonders nervösen Nacht. Es hielt eine ganze Weile an, dann hörte es so plötzlich auf, daß die Stille überrascht wirkte. »… diesen Ort so schnell wie möglich verlassen«, sagte Nobby. Der Laut hatte auf ihn die gleiche Wirkung wie eine eiskalte Dusche und ein halber Liter pechschwarzer Kaffee. Colon drehte sich um, und sein besorgter Blick bohrte sich in die fin- stere Graue. »Woher kam das?« fragte er. »Von… dort drüben, nicht wahr?« Im Nebel gab es keine unterschiedlichen Richtungen. Colon sprach ganz langsam. »Ich glaube, wir sollten sofort Bericht über das erstatten, was uns gerade zu Ohren gekommen ist.« »Einverstanden«, sagte Nobby. »Wohin gehen wir?« »Laß uns einfach losrennen, in Ordnung?« Die großen Ohren des Obergefreiten Abfluß zitterten, als das Brüllen über die Stadt donnerte. Er drehte behutsam den Kopf, um Höhe, Rich- tung und Entfernung des Lautes festzustellen. Dann prägte er sich alles ein. Das Brüllen erreichte auch das Wachhaus, gedämpft vom Nebel. Es glitt in den offenen Kopf des Golems Dorfl, tanzte darin herum, kroch durch die schmalen Ritzen im Ton, bis am Rande des Wahrneh- mungsvermögens kleine Körner gegeneinanderrieben. Blinde Augen starrten an die Wand. Niemand vernahm den Schrei, mit dem der leere Schädel antwortete, denn es gab keinen Mund, der ihn, ausstoßen konnte, auch kein Ich, das ihn formte. Lautlos hallte er durch die Nacht: Ton von meinem Ton, du sollst nicht töten, du sollst nicht sterben. Samuel Mumm träumte von Indizien. Ihre Präsenz erfüllte ihn mit instinktivem Argwohn – seiner Ansicht nach störten sie nur. Darüber hinaus mißtraute er Leuten, die jemand anderen nur kurz an- sahen und dann in einem herablassenden Tonfall zu ihrem Begleiter sag- ten: »Ah, mein Lieber, ich weiß nicht mehr als dies: Er ist ein linkshändi- ger Steinmetz, der einige Jahre in der Handelsmarine verbrachte und vor kurzer Zeit einen wirtschaftlichen Niedergang erlebte.« Anschließend fügten sie hochnäsige Kommentare über Schwielen, Haltung und den Zustand der Stiefel hinzu – obwohl die gleiche Beschreibung auf jeman- den zutraf, der zu Hause gemauert und einen neuen Grillplatz gebaut hatte. Die Tätowierungen stammten aus einer Zeit, als er siebzehn und betrunken* gewesen war. Vielleicht wurde der Betreffende schon auf feuchtem Pflaster seekrank. Welche Arroganz verbarg sich hinter solch vorschnellen Kategorisierungen! Sie ließen die üppige und chaotische Vielfalt der menschlichen Erfahrung völlig außer acht. Ähnliches galt für die konstanteren Hinweise. In der wirklichen Welt stammten die Fußabdrücke im Blumenbeet vermutlich vom Fensterput- zer. Und der Schrei in der Nacht kam wahrscheinlich aus der Kehle eines Mannes, der das warme Bett verlassen hatte und auf eine ungünstig lie- gende Haarbürste getreten war. Die wirkliche Welt war viel zu wirklich für interessante kleine Hinwei- se. Sie bot zu viele Dinge an. Man entdeckte die Wahrheit nicht etwa, indem man das Unmögliche ausklammerte; man mußte vielmehr eine Möglichkeit nach der anderen ausschließen. Man ging der Sache auf den Grund, indem man geduldig Fragen stellte und aufmerksam Ausschau hielt. Man lief herum und redete, hoffte dabei, daß irgendwann jemand die Nerven verlor und sich als Täter zu erkennen gab. * Diese beiden Begriffe sind oft synonym., Die Ereignisse des vergangenen Tages drängten sich hinter Mumms Stirn zusammen. Golems, wie traurige Schatten gefangen. Pater Tubel- cek winkte ihnen zu, dann explodierte sein Kopf und überschüttete Mumm mit Worten. Herr Hopkinson lag tot in seinem eigenen Ofen, eine Scheibe Zwergenbrot im Mund. Stumm marschierten die Golems. Dorfl zog das eine Bein nach, sein Schädel war geöffnet: Worte flogen hinein und heraus wie ein Schwarm Bienen. Und mitten in dem Durch- einander tanzte Arsen, ein kleiner, dorniger grüner Mann, der immerzu schnatterte und brabbelte. Einmal glaubte Mumm zu hören, wie einer der Golems schrie. Anschließend verblaßten die Bilder des Traums. Golems. Ein Ofen. Worte. Priester. Dorfl. Marschierende Golems: Das Stampfen ihrer Füße ließ den ganzen Traum pulsieren… Mumm öffnete die Augen. Neben ihm sagte Lady Käsedick »Wsfgl« und drehte sich auf die ande- re Seite. Jemand hämmerte an die Tür. Benommen stemmte sich Mumm auf den Ellenbogen hoch und fragte die nächtliche Welt: »Meine Güte, wie spät ist es eigentlich?« »Bimmel-bammel-bumm-bumm«, verkündete eine fröhliche Stimme von der Frisierkommode. »Oh, bitte…« »Es ist neunundzwanzig Minuten und einunddreißig Sekunden nach fünf Uhr morgens. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Soll ich dir den Zeitplan für heute vorlesen? Übrigens könntest du bei dieser Gelegenheit die Registrierungskarte ausfüllen.« »Was? Wovon redest du?« Es hämmerte weiter. Mumm stand auf und tastete im Dunkeln nach Streichhölzern. Schließ- lich gelang es ihm, eine Kerze anzuzünden und damit über die Treppe nach unten in den Saal zu wanken. Der Hämmerer erwies sich als Obergefreiter Besuch., »Es geht um Lord Vetinari, Herr Kommandeur! Diesmal ist es noch schlimmer!« »Hat jemand nach Krapfen-Karl geschickt?« »Ja, Herr Kommandeur!« Der Nebel kämpfte gegen die heranrückende Morgendämmerung. Die Welt sah aus, als läge sie im Innern eines Tischtennisballs. »Als mein Dienst begann, habe ich nach dem Rechten gesehen, und da hatte er bereits das Bewußtsein verloren.« »Woher weißt du, daß er nicht einfach nur geschlafen hat?« »Vollkommen angezogen, Herr Kommandeur? Auf dem Boden?« Als Mumm außer Atem und mit schmerzenden Knien im Palast ein- traf, war der Patrizier von zwei Wächtern aufs Bett gelegt worden. Bei den Göttern, dachte Mumm, als er die Treppe erklommen hatte. Es ist nicht mehr wie in der guten alten Knüppel-und-Glocke-Zeit. Damals hat es dir überhaupt nichts ausgemacht, zweimal hintereinander durch die halbe Stadt zu laufen. Es gab häufig Verfolgungsjagden zwischen Ver- brechern und Polizisten. Mit einer seltsamen Mischung aus Stolz und Verlegenheit fügte Mumm hinzu: Und nie hat mich einer der Burschen eingeholt. Der Patrizier atmete noch, doch sein Gesicht war wächsern. Er sah aus, als könnte der Tod seine Lage verbessern. Mumms Blick wanderte durchs Zimmer. Ein vertrauter Dunst hing in der Luft. »Wer hat das Fenster geöffnet?« fragte er. »Ich, Herr Kommandeur«, erwiderte Besuch. »Bevor ich losgerannt bin, um dich zu benachrichtigen. Er schien ein wenig frische Luft zu brauchen…« »Bei geschlossenem Fenster wäre die Luft hier drin frischer«, sagte Mumm. »Na schön. In zwei Minuten erwarte ich alle Personen, die sich heute nacht im Palast aufgehalten haben, unten im Saal. Jemand soll Korporal Kleinpo Bescheid geben. Und Hauptmann Karotte.« Ich bin besorgt und verwirrt, dachte er. Die erste Regel besteht darin, alles in Bewegung zu setzen., Er ging langsam durchs Zimmer. Man brauchte nicht viel Intelligenz, um zu erkennen, daß der Patrizier aufgestanden war und eine Zeitlang am Schreibtisch gearbeitet hatte. Eine Kerze war ganz heruntergebrannt, das kleine Tintenfaß umgekippt. Vermutlich hatte Vetinari es umgesto- ßen, als er vom Stuhl gefallen war. Mumm tauchte einen Finger in die Tinte und schnupperte daran. Dann streckte er die Hand nach dem Federkiel aus, zögerte, holte sein Messer hervor und hob die Feder vorsichtig damit an. Sie schien keine verbor- genen Stacheln zu haben, aber Mumm legte sie dennoch beiseite, damit Kleinpo sie später untersuchen konnte. Er blickte auf das hinab, woran Vetinari gearbeitet hatte. Erstaunlicherweise war es kein Text, sondern eine Zeichnung. Sie zeig- te eine schreitende Gestalt, die jedoch keine einzelne Person war. Sie bestand vielmehr aus Hunderten von kleinen Gestalten. Mumm wurde durch sie an die Männer aus Korbgeflecht erinnert, die einige Stämme, die nahe der Mitte wohnten, jedes Jahr bauten, wenn sie den Zyklus der Natur feierten und ihren Respekt vor dem Leben zeigten, indem sie möglichst viel davon zu einem großen Haufen zusammentrugen und dann anzündeten. Die zusammengesetzte Gestalt trug eine Krone. Mumm schob das Blatt Papier beiseite und richtete seine Aufmerk- samkeit auf den Schreibtisch. Behutsam strich er über die Oberfläche, auf der Suche nach verräterischen Splittern. Er ging in die Hocke und sah sich die Unterseite an. Draußen wurde es heller. Mumm ging in die beiden Nebenräume und zog dort die Vorhänge beiseite, kehrte anschließend ins Schlafzimmer zurück, schloß die Tür und zog den Vorhang zu. Dann ging er langsam an den Wänden entlang und suchte nach eindringendem Licht, das ein kleines Loch verriet. Was kam sonst noch in Frage? Splitter im Boden? Ein kleines Blasrohr durchs Schlüsselloch? Er zog den Vorhang wieder auf. Gestern war Lord Vetinari auf dem Weg der Besserung gewesen, und jetzt ging es ihm schlechter. Während der Nacht mußte irgend etwas, geschehen sein. Was? Und wie? Langsames Vergiften war alles andere als einfach. Man mußte einen Weg finden, dem Opfer immer wieder kleine Dosen zu verabreichen. Nein, widersprach Mumm sich selbst. Man muß dafür sorgen, daß sich das Opfer die kleinen Dosen selbst verabreicht. Mumm kramte in den Papieren. Ganz offensichtlich hatte sich Vetinari fit genug gefühlt, um aufzustehen und sich an den Schreibtisch zu set- zen. Doch dann war er bewußtlos vom Stuhl gefallen. Ein Splitter oder Nagel kommt nicht in Frage, weil sich das Opfer nicht immer wieder daran sticht… Ein Buch lag zwischen den vielen Dokumenten, darin steckten zahllose Lesezeichen. Die meisten von ihnen bestanden aus Teilen von alten Briefen. Womit beschäftigt sich der Patrizier jeden Tag? Mumm öffnete das Buch. Auf jeder Seite standen handgeschriebene Symbole. Ein Gift wie Arsen muß in den Körper gelangen. Es genügt nicht, das Zeug nur zu berühren. Oder vielleicht doch? Gibt es eine besondere Art Arsen, die von der Haut aufgenommen wird? Mumm war ziemlich sicher, daß inzwischen kein Attentäter mehr bis zu Vetinari vordringen konnte. Die Speisen und Getränke enthielten vermutlich kein Gift, aber Mumm beschloß trotzdem, daß Detritus sich noch einmal die Köche vorknöpfen sollte. Hat Vetinari das Zeug vielleicht eingeatmet? Aber wie kann er so Tag für Tag eine Dosis bekommen, ohne daß jemand Verdacht schöpft? Au- ßerdem müßte das Gift in diesem Fall hier im Zimmer sein. Und wenn es sich bereits im Zimmer befindet? Grinsi hat das Bett durch ein anderes ersetzen lassen und auch den Läufer ausgetauscht. Was können wir sonst noch unternehmen? Vielleicht die Farbe von der Decke kratzen? Was hatte Grinsi von Vetinari über die Kunst des Vergiftens gehört? Verstecke das Gift dort, wo es niemand vermutet…, Mumm stellte fest, daß er noch immer auf das Buch hinabblickte. Die Schriftzeichen blieben ohne Bedeutung für ihn. Vermutlich waren sie irgendwie verschlüsselt. Und wenn der Code auf Lord Vetinaris Phanta- sie basierte, ließ er sich mit gesundem Menschenverstand allein sicher nicht knacken. Und wenn man ein Buch mit Gift präparierte? Aber zu welchem Zweck? Es gab noch viele andere Bücher. Das hatte nur Sinn, wenn man genau wußte, daß der Patrizier dieses spezielle Exemplar jeden Tag be- nutzte. Und selbst dann mußte man eine Möglichkeit finden, das Gift dem Körper zuzuführen. Wer sich einmal an irgend etwas stach, paßte danach auf. Manchmal erschrak Mumm über das Ausmaß seines eigenen Mißtrau- ens. Wenn man sich zu fragen begann, ob jemand von Worten vergiftet werden konnte… konnte man ebensogut der Tapete vorwerfen, daß sie einen Mann in den Wahnsinn trieb. Ein so grauenhaftes Grün konnte einen tatsächlich um den Verstand bringen… »Bimmel-bimmel-bumm!« »O nein…« »Dies ist dein für sechs Uhr morgens programmierter Weckruf! Guten Morgen! Hier sind deine Termine für heute, an dieser Stelle bitte Namen einfügen! Zehn Uhr morgens…« »Sei still! Was auch immer für heute in meinem Terminkalender steht – es spielt überhaupt keine…« Mumm unterbrach sich und ließ die Schachtel sinken. Er kehrte zum Schreibtisch zurück. Wenn man von einer Seite pro Tag ausging… Lord Vetinari hatte ein gutes Gedächtnis, aber jeder notierte sich et- was. Man konnte nicht alle kleinen Details im Kopf behalten. Mittwoch, fünfzehn Uhr: Schreckensherrschaft. Fünfzehn Uhr fünfzehn: Skorpion- grube reinigen… Er hob den Organizer vor die Lippen. »Nimm eine Notiz auf.« »Hurra! Wird sofort erledigt! Vergiß nicht, vorher ›Notiz Anfang‹ zu sagen.«, »Was ist… Verdammt, Mist. Notiz Anfang: Was ist mit Vetinaris Ta- gebuch?« »Das ist alles?« »Ja.« Jemand klopfte höflich an die Tür, und Mumm öffnete sie vorsichtig. »Oh, du bist’s Kleinpo.« Mumm blinzelte. Irgend etwas an dem Zwerg schien nicht zu stimmen. »Ich habe sofort etwas von Herrn Krapfens… Heilmittel angerührt, Herr Kommandeur.« Der Zwerg blickte zum Bett. »Ooh… Er sieht gar nicht gut aus…« »Jemand soll ihn in ein anderes Schlafzimmer tragen«, sagte Mumm. »Die Palastbediensteten sollen einen Raum vorbereiten.« »Ja, Herr Kommandeur.« »Und wenn sie damit fertig sind… dann wählst du irgendein anderes Zimmer und bringst den Patrizier dort unter, klar? Und tausch die ganze Einrichtung aus. Alle Möbelstücke, Vasen, Läufer und so weiter.« »Äh… ja, Herr Kommandeur.« Mumm zögerte. Jetzt wußte er, was ihm seit etwa zwanzig Sekunden sonderbar erschien. »Kleinpo…« »Herr Kommandeur?« »Was… äh… trägst du da an den Ohren?« »Ohrringe, Herr Kommandeur«, erwiderte Grinsi nervös. »Ich habe sie von der Obergefreiten Angua bekommen.« »Ach? Äh, nun, ich dachte immer, Zwerge tragen keinen Schmuck.« »Wir sind bekannt für unsere Ringe, Herr Kommandeur.« »Ja, natürlich.« Ringe, ja. Zwerge waren wahre Meister darin, magische Ringe zu schmieden. Aber… magische Ohrringe? Die Welt steckte voller Wunder., Feldwebel Detritus ging fast instinktiv richtig an die Sache heran. Er hatte die Bediensteten des Palastes Aufstellung beziehen lassen und brüllte sie an. Der alte Detritus, dachte Mumm, als er die Treppe herunterkam. Vor ein paar Jahren war er ein ganz gewöhnlicher dummer Troll, und jetzt ist er ein nützliches Mitglied der Wache. Man muß nur darauf achten, daß er die Befehle wiederholt – um ganz sicher zu sein, daß er sie auch verstan- den hat. Sein Brustharnisch glänzt noch eindrucksvoller als der Karottes, weil er es kurzweilig findet, ihn zu putzen. Seine Art von Polizeiarbeit ist weit verbreitet: Er schreit die Leute zornig an, bis sie schließlich alles zugeben. Er ist nur deshalb keine Ein-Troll-Schreckensherrschaft, weil man ihn ganz einfach durcheinanderbringen kann – man muß nur be- harrlich leugnen, für ein Verbrechen verantwortlich zu sein. »Ich wissen, daß ihr alle seid schuldig!« rief er. »Wenn der Schuldige nicht gesteht sofort, so ihr alle – und das ich meine ernst – kommt in den Knast, und außerdem wir wegwerfen den Schlüssel!« Er zeigte auf eine füllige Küchenmagd. »Du es gewesen bist, gib zu es!« »Nein.« Detritus zögerte kurz. »Wo du gewesen bist in der vergangenen Nacht? Gib’s zu!« »Im Bett.« »Aha, und das soll glauben ich, gib’s zu, du nachts immer bist im Bett?« »Natürlich.« »Aha, gib’s zu, und du hast Zeugen dafür?« »Das geht zu weit!« »Ah, du also hast keine Zeugen, du es gewesen bist, gib’s zu!« »Nein!« »Oh…« »Na schön, na schön, herzlichen Dank, Feldwebel, das wär’s erst ein- mal«, sagte Mumm und klopfte Detritus auf die Schulter. »Sind alle Be- diensteten hier?« Detritus starrte die Angestellten an. »Nun? Ihr alle seid?«, Die Männer und Frauen scharrten unsicher mit den Füßen, dann hob jemand widerstrebend die Hand. »Mildred Leicht fehlt seit gestern«, sagte ihr Eigentümer. »Sie ist das Zimmermädchen für den oberen Stock. Ein Junge kam mit einer Mittei- lung. Sie mußte fort zu ihrer Familie.« Mumm spürte ein leichtes Prickeln im Nacken. »Kennt jemand den Grund dafür?« fragte er. »Nein, Herr. Sie hat alle ihre Sachen zurückgelassen.« »Nun gut. Schick jemanden zu ihr, bevor du den Dienst beendest, Feldwebel. Anschließend kannst du dich schlafen legen.« Mumm wandte sich an die Bediensteten. »Was euch betrifft… Setzt eure Arbeit fort. Äh… Herr Drumknott?« Der persönliche Sekretär des Patriziers hatte Detritus’ Verhörtechnik mit offensichtlichem Entsetzen beobachtet und sah nun Mumm an. »Ja, Kommandeur?« »Was ist dies für ein Buch? Das Tagebuch seiner Lordschaft?« Drumknott nahm es entgegen. »Es sieht ganz danach aus.« »Ist es dir gelungen, den Code zu entschlüsseln?« »Ich wußte gar nicht, daß es einen Code gibt, Kommandeur.« »Was? Hast du nie einen Blick hineingeworfen?« »Warum sollte ich, Herr? Es gehört mir nicht.« »Weißt du, daß dein Vorgänger versucht hat, Lord Vetinari zu töten?« »Ja, Herr. Vielleicht sollte ich darauf hinweisen, daß ich von deinen Leuten bereits ziemlich lange verhört worden bin.« Drumknott öffnete das Buch und wölbte die Brauen. »Welche Fragen haben sie dir gestellt?« erkundigte sich Mumm. Drumknott sah nachdenklich aus. »Nun, ich glaube, es lief auf folgen- des hinaus: ›Du es gewesen bist, gib’s zu, alle haben gesehen dich, es viele Leute gibt, die dich gesehen haben, du bist es gewesen nicht wahr, gib’s zu.‹ Ich betonte, daß ich nichts mit dem Verbrechen zu tun hatte, was den betreffenden Wächter zu verwirren schien.« Drumknott leckte an seinem Finger und blätterte., Mumm starrte ihn groß an. Das Geräusch von Sägen klang munter und lebhaft durch den Morgen. Hauptmann Karotte klopfte an die Tür des Holzlagers. Kurz darauf öff- nete jemand. »Guten Morgen«, sagte er freundlich. »Soweit ich weiß, habt ihr hier einen Golem.« »Wir hatten einen«, erwiderte der Holzhändler. »Meine Güte«, sagte Angua. »Noch einer.« Damit waren es schon vier. Der in der Schmiede hatte sich den Kopf zertrümmern lassen. An das Exemplar beim Steinmetz erinnerten nur noch zehn tönerne Zehen, die unter einem zwei Tonnen schweren Kalk- steinblock hervorragten. Der Golem von den Docks war zum letztenmal im Fluß gesehen worden, als er Richtung Meer stapfte. Und jetzt dieser hier… »Eine komische Sache«, meinte der Holzhändler und klopfte gegen die Brust des Golems. »Er hat ganz normal gearbeitet, bis er sich plötzlich den Kopf abgesägt hat. Heute nachmittag muß ich eine Ladung Eschen- planken ausliefern. Wer soll das ganze Zeug sägen, wenn ich fragen darf?« Angua hob den Kopf des Golems auf. Wenn das Gesicht überhaupt etwas zum Ausdruck brachte, dann äußerste Konzentration. »Äh«, sagte der Holzhändler. »Gestern abend hat Alf in der Geflickten Trommel gehört, daß Leute von Golems ermordet worden sind…« »Wir ermitteln«, entgegnete Karotte. »Nun, Herr… Prebel Skink, nicht wahr? Dein Bruder hat das Lampenölgeschäft in der Ankertaugasse? Und deine Tochter ist Dienstmädchen in der Universität?« Der Mann wirkte überrascht. Karotte kannte jeden. »Ja…« »Ging dein Golem gestern abend weg?« »Nun, ja, ziemlich früh… Wegen eines heiligen Tages oder so.« Skinks Blick wechselte nervös zwischen den beiden Wächtern hin und her., »Man muß die Burschen ziehen lassen, sonst wirken die Worte in ihrem Kopf nicht mehr…« »Später kam er zurück und hat die ganze Nacht gearbeitet?« »Ja. Was sollte er auch sonst machen? Morgens kam Alf und beobach- tete, wie er aus der Sägegrube kam, kurz stehenblieb und dann…« »Hat er gestern Kieferholzstämme zersägt?« fragte Angua. »Ja. Wo kriege ich bloß auf die Schnelle einen anderen Golem her?« »Was ist das hier?« Angua zog ein quadratisches Objekt aus einem na- hen Sägemehlhaufen. »War das seine Schieferplatte?« Karotte nahm sie entgegen. »›Du sollst nicht töten‹«, las er langsam. »›Ton von meinem Ton. Scham.‹ Hast du eine Ahnung, wieso dein Go- lem das geschrieben hat?« »Nein«, antwortete Skink. »Aber sie stellen ja dauernd irgend etwas Dummes an.« Seine Miene erhellte sich ein wenig. »Sie haben eben nichts im Kopf«, fügte er hinzu. »Wenn du verstehst, was ich meine.« »Sehr lustig«, erwiderte Karotte ernst. »Ich nehme das hier als Beweis- mittel mit. Guten Morgen.« »Warum hast du nach dem Kiefernholz gefragt?« fragte er Angua, als sie nach draußen kamen. »Das gleiche Kiefernharz habe ich auch in dem Keller gerochen.« »Ist Kiefernharz nicht Kiefernharz?« »Nein, nicht für mich. Der hiesige Golem hat an der Versammlung teilgenommen.« »Sie alle haben daran teilgenommen.« Karotte seufzte. »Und jetzt bege- hen sie Selbstmord.« »Man kann kein Leben auslöschen, das nicht existiert«, sagte Angua. »Wie sollen wir es sonst nennen? ›Zerstörung von Eigentum‹? Eins steht fest: Wir können die Betreffenden jetzt nicht mehr fragen.« Karotte klopfte auf die Schiefertafel. »Die Golems haben uns die Antworten bereits gegeben«, sagte er. »Jetzt müssen wir herausfinden, wie die Fragen lauten.«, »Was soll das heißen, ›nichts gefunden‹?« entfuhr es Mumm. »Es muß das Buch sein! Er leckt an seinem Finger, bevor er umblättert, dadurch be- kommt er jeden Tag eine kleine Dosis Arsen! Das ist schlau und genial!« »Entschuldige bitte.« Grinsi wich ein wenig zurück. »Ich habe es mit verschiedenen Methoden untersucht und dabei überhaupt keine Spuren von Gift entdeckt.« »Bist du ganz sicher?« »Wir könnten das Buch zur Unsichtbaren Universität schicken. Im Forschungstrakt für hochenergetische Magie hat man einen neuen morphischen Resonator konstruiert. Mit Magie könnten wir leicht…« »Nein«, sagte Mumm sofort. »Die Zauberer dürfen nicht an dieser Sa- che beteiligt werden. Mist! Für eine halbe Stunde dachte ich wirklich, das Rätsel sei gelöst.« Er nahm am Schreibtisch Platz. Erneut erschien ihm irgend etwas an dem Zwerg sonderbar, aber er konnte beim besten Willen nicht sagen, was. »Wir übersehen etwas, Kleinpo«, sagte er. »Ja, Herr Kommandeur.« »Nehmen wir die Fakten. Wenn man jemanden langsam vergiften möchte, verabreicht man ihm ständig kleine Dosen, mindestens einmal am Tag. Wir haben alle Dinge überprüft, die zu den normalen Aktivitä- ten des Patriziers gehören. Die Luft im Zimmer kommt nicht in Frage – immerhin sind wir schon eine ganze Weile hier drin, ohne daß wir irgend etwas spüren. Darüber hinaus können wir ziemlich sicher sein, daß alle Speisen und Getränke in Ordnung sind. Wird Lord Vetinari von etwas gestochen? Kann man Mücken vergiften? Wir brauchen…« »Entschuldigung.« Mumm drehte sich um. »Detritus? Ich dachte, du hättest den Dienst inzwischen beendet.« »Ich mir gegeben haben lassen Adresse des Zimmermädchens nami- gens Leicht«, sagte der Troll. »Ich hingegangen bin und angetroffen habe viele Besucher.« »Wie meinst du das?«, »Nachbarn und so. Überall Frauen haben geweint. Und dann mir fiel ein, was du gesagt hast über das Diplo-Wort.« »Diplomatie?« vermutete Mumm. »Ja. Manchmal es besser ist, nicht anzuschreien Leute. Ich glaubte, es sein Situation, die erfordert feines Gefühl. Außerdem die Leute warfen mit Dingen nach mir. Ich deshalb beschloß, hierher zurückzukehren. Die Adresse ich habe aufgeschrieben. Und jetzt ich nach Hause gehe.« Er salutierte und schwankte ein wenig von dem wuchtigen Schlag. Dann drehte er sich um und ging. »Danke, Detritus«, sagte Mumm und sah auf den Zettel, den er vom Troll erhalten hatte. »Unbesonnenheitsstraße Nummer siebenundzwanzig, erster Stock hin- ten«, las er. »Meine Güte!« »Kennst du die Adresse, Herr Kommandeur?« fragte Grinsi. »Ja«, bestätige Mumm. »Ich bin in dieser Straße geboren. Drüben bei den Schatten. Leicht, Leicht, Leicht. Ja, jetzt fällt’s mir wieder ein. Eine Frau Leicht wohnte in unserer Straße. Ziemlich dünn. Nähte viel. Große Familie. Alle Familien waren groß. Es gab praktisch keine andere Mög- lichkeit, sich warm zu halten…« Mit gerunzelter Stirn starrte er auf den Zettel. Vermutlich bedeutete es überhaupt nichts. Es kam immer wieder vor, daß Dienstmädchen ihre Mutter besuchten, weil es in der Familie einen mehr oder weniger wich- tigen Zwischenfall gegeben hatte. Was hatte seine Großmutter einmal gesagt? »Der Sohn bleibt ein Sohn, bis er sich eine Frau nimmt. Die Tochter bleibt ihr Leben lang eine Tochter.« Einen Wächter dorthin zu schicken war sicher reine Zeitverschwendung… »Die Unbesonnenheitsstraße«, murmelte er, den Blick noch immer auf den Zettel gerichtet. Genausogut könnte die Straße Erinnerungsweg heißen. Nein, die Kräfte der Wache durften nicht mit einer solchen Jagd nach Gespenstern vergeudet werden. Aber vielleicht konnte er dort selbst einmal vorbeischauen. Auf dem Heimweg. Wenn er Zeit dafür fand. »Äh… Kleinpo?« »Herr Kommandeur?«, »Auf deinen… deinen Lippen. Das Rote… äh… auf deinen Lippen…« »Lippenstift, Herr Kommandeur.« »Oh… äh… Lippenstift? Gut. Lippenstift.« »Obergefreiter Angua hat ihn mir gegeben, Herr Kommandeur.« »Das war sehr nett von ihr«, erwiderte Mumm. »Glaube ich.« Man nannte sie die Rattenkammer. Rein theoretisch bezog sich dieser Name nur auf die Dekoration. Ein früherer Bewohner des Palastes hatte Darstellungen von tanzenden Ratten für eine gute Idee gehalten. Der große Teppich war mit Rattenmustern verziert. An der Decke tanzten Ratten im Kreis; ihre Schwänze verknoteten sich in der Mitte. Nach ei- ner halben Stunde in diesem Raum verspürten die meisten Leute den dringenden Wunsch, sich zu waschen. Was unter den gegebenen Umständen bedeutete, daß bald viel heißes Wasser gebraucht wurde – die Rattenkammer füllte sich schnell. In gegenseitigem Einvernehmen führte die in jeder Hinsicht gewichtige Rosemarie Palm, Präsidentin der Näherinnengilde* den Vorsitz. Immer- hin gehörte sie zu den dienstältesten Gildenoberhäuptern. »Ruhe, bitte! Meine Herren!« Der allgemeine Geräuschpegel sank ein wenig. »Herr Witwenmacher?« fragte sie. Der Chef der Assassinengilde nickte. »Meine Freunde, ich glaube, wir sind uns alle der Situation bewußt…«, begann er. »Ja, ebenso wie dein Buchhalter!« rief jemand. Nervöses Gelächter er- klang, aber nicht sehr lange – niemand lachte lange über jemanden, der genau weiß, wieviel man tot wert ist. Witwenmacher lächelte. »Meine Herren – und Damen –, ich versichere euch, daß mir nichts von einem Auftrag bekannt ist, der den Patrizier betrifft. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, daß ein Assassine in diesem Fall Gift benutzen würde. Seine Lordschaft hat einige Zeit in * Das war der euphemistische Name. Viele Leute sagten: »Sie nennen sich ›Nähe- rinnen‹ – hehe.«, unserer Schule verbracht. Er kennt die Tugend der Vorsicht. Zweifellos wird er sich erholen.« »Und wenn nicht?« fragte Frau Palm. »Niemand lebt ewig«, sagte Witwenmacher im ruhigen Tonfall eines Mannes, der aus persönlicher Erfahrung weiß, daß diese Worte eine un- umstößliche Tatsache beschreiben. »Wenn Lord Vetinari stirbt, bekom- men wir einen neuen Herrscher.« Es wurde sehr still im Raum. Die Frage »Wer?« hing unausgesprochen in der Luft. »Die Sache ist… die Sache ist…«, sagte Gerhardt Socke, Oberhaupt der Fleischergilde. »Ich meine, ihr müßt zugeben, daß es… äh… Erin- nert euch nur an einige von Lord Vetinaris Vorgängern…« Diesmal drängten sich gleich mehrere Worte ins Gruppenbewußtsein: »Zum Beispiel der verrückte Lord Schnappüber – Lord Vetinari ist we- nigstens nicht komplett übergeschnappt.« »Eins steht fest«, ließ sich Frau Palm vernehmen. »Unter der Herr- schaft des gegenwärtigen Patriziers ist es auf den Straßen weitaus siche- rer.« »Du mußt es ja wissen, Verehrteste«, kommentierte Herr Socke. Frau Palm bedachte ihn mit einem frostigen Blick. Einige Zuhörer kicherten. »Ich wollte auf folgendes hinweisen«, betonte Frau Palm nicht ohne eine gewisse Schärfe. »Eine kleine Zahlung an die Diebesgilde genügt, um vollständige Sicherheit zu gewährleisten.« »Das ist noch nicht alles«, warf Herr Socke ein. »Heute kann ein Mann ein Freudenh…« »Ein Haus käuflicher Zuneigung«, verbesserte Frau Palm sofort. »… besuchen, ohne befürchten zu müssen, splitterfasernackt und blau geschlagen zu erwachen.« »Es sei denn, das entspricht den persönlichen Wünschen des Betref- fenden«, sagte Frau Palm. »Unser Ziel ist es, die Gäste zufriedenzustel- len. Um das zu erreichen, scheuen wir keine Mühe.« »Unter Vetinari ist das Leben… verläßlicher«, meinte Herr Potts von der Bäckergilde., »Er hat alle Pantomimen und Schauspieler der Straßentheater in die Skorpiongrube werfen lassen«, rekapitulierte Herr Boggis von der Die- besgilde. »Stimmt. Aber vergessen wir nicht, daß er auch seine schlechten Seiten hat. Manchmal kann er recht launisch sein.« »Was man von Schnappüber nicht gerade behaupten kann«, brummte Herr Socke. »Wißt ihr noch, wie er sein Pferd zum Stadtrat ernannte?« »Eigentlich war es gar kein so schlechter Stadtrat, im Vergleich mit ei- nigen anderen.« »Wenn ich mich recht entsinne, waren die anderen eine Blumenvase, ein Haufen Sand und drei Enthauptete.« »Erinnert ihr euch an all die Auseinandersetzungen?« fragte Boggis. »Kleine Gruppen von Dieben bekämpften sich. Erstaunlich, daß sie ge- nug Energie übrig behielten, um zu stehlen.« »Jetzt ist alles… zuverlässiger.« Wieder wurde es still. Darauf lief alles hinaus. Die Dinge waren zuver- lässiger. Was auch immer man über den alten Vetinari sagen konnte: Er sorgte dafür, daß dem Heute ein Morgen folgte. Wenn man im eigenen Bett ermordet wurde, steckte wenigstens ein offizieller Auftrag dahinter. »Unter Lord Schnappüber war alles viel aufregender«, sagte jemand. »Ja, und man konnte die Aufregung genießen, bis man schließlich den Kopf verlor.« »Das Problem ist, daß man in dem Job verrückt wird«, gab Boggies zu bedenken. »Ein Bursche, der nicht schlimmer ist als jemand von uns, fängt bestimmt schon nach einigen Monaten an, mit Moos zu reden und Leuten bei lebendigem Leibe die Haut abziehen zu lassen.« »Vetinari ist nicht verrückt.« »Kommt ganz darauf an, wie man die Sache sieht. Niemand kann so vernünftig sein wie er, ohne komplett den Verstand verloren zu haben.« »Ich bin nur eine schwache Frau«, behauptete Frau Palm, was einige der Anwesenden dazu veranlaßte, skeptisch die Brauen zu wölben, »aber mir scheint, daß sich hier eine Chance bietet. Entweder es kommt zu, einem langen Kampf um die Nachfolge, oder wir entscheiden hier und jetzt darüber.« Die Gildenoberhäupter versuchten, sich gegenseitig zu mustern und gleichzeitig die Blicke ihrer Kollegen zu meiden. Wer mochte zum neuen Patrizier werden? Früher hätte es darum einen Machtkampf gegeben, aber heute… Wer die Macht hatte, bekam auch die damit verbundenen Probleme. Die Dinge waren heute anders. Man mußte verhandeln, einen Ausgleich zwischen den vielen verschiedenen Interessen schaffen. Schon seit Jahren hatte kein Vernünftiger mehr versucht, Vetinari umzubringen, und dafür gab es einen einfachen Grund: Die Welt mit ihm erschien zumindest ein wenig besser als eine Welt ohne ihn. Außerdem hatte Lord Vetinari Ankh-Morpork gewissermaßen ge- zähmt. Er nahm einen kleinen Aasfresser unter vielen anderen Aasfres- sern und sorgte dann dafür, daß er längere Zähne und stärkere Kiefer bekam; er gab ihm zusätzliche Muskeln, stattete den Hals mit eisernen Beschlägen aus, fütterte das neue Geschöpf mit Filetsteaks und forderte es dann auf, nach der Kehle der Welt zu schnappen. Er zeigte den Banden und vielen streitenden Gruppen, daß ein regel- mäßiges kleines Stück vom Kuchen besser war als ein großes Stück mit einem Dolch drin. Er ließ sie erkennen, daß es Vorteile hatte, nur ein kleines Stück vom Kuchen zu nehmen – und den Kuchen gleichzeitig zu vergrößern. Ankh-Morpork war die einzige Stadt der großen Ebene, die ihre Tore für Zwerge und Trolle öffnete (Legierungen sind stärker, hatte Lord Ve- tinari immer verkündet). Es funktionierte. Die neuen Bewohner stellten Dinge her. Oft verursachten sie Schwierigkeiten, aber sie schufen auch Reichtum. Ankh-Morpork hatte noch immer viele Feinde, aber sie muß- ten ihre Heere mit geliehenem Geld finanzieren. Den größten Teil davon liehen sie sich von Ankh-Morpork, zu hohen Zinsen. Seit vielen Jahren hatte es keinen richtigen Krieg mehr gegeben, weil er sich einfach nicht lohnte. Vor einigen Jahrtausenden hatte das alte Reich die Pax Morporkia er- zwungen. Sie ließ sich mit den Worten zusammenfassen: »Kämpft nicht, oder wir töten euch.« Unter Lord Vetinari entstand eine neue Pax:, »Wenn ihr kämpft, fordern wir die Kredite zurück. Übrigens ist das meine Pike, die du auf mich richtest. Außerdem habe ich deinen Schild bezahlt. Und nimm meinen Helm ab, wenn ich mit dir rede, du mieser kleiner Schuldner.« Die Maschine hatte so ruhig vor sich hin gearbeitet, daß den meisten Leuten überhaupt nicht bewußt war, daß es eine Maschine war – sie hiel- ten es für die natürliche Funktionsweise der Welt. Doch jetzt gab es plötzlich einen spürbaren Ruck. Die Gildenoberhäupter gingen in sich und stellten fest, daß sie eigent- lich gar keine Macht anstrebten. Die wollten in erster Linie, daß der nächste Tag genauso verlief wie dieser. »Zum Beispiel die Zwerge«, sagte Herr Boggis. »Selbst wenn einer von uns der Nachfolger des Patriziers würde – womit ich keineswegs sagen will, daß es einer von uns sein muß –, selbst wenn irgend jemand zum neuen Herrscher wird… Was ist mit den Zwergen? Wenn wir einen zweiten Lord Schnappüber bekommen, wimmelt’s in den Straßen bald von abgeschlagenen Kniescheiben.« »Du möchtest doch nicht etwa, daß wir abstimmen lassen. Oder viel- leicht einen Popularitätswettbewerb veranstalten?« »O nein. Heute ist alles… ist alles viel komplizierter. Und die Macht steigt den Leuten zu Kopf.« »Und dann fällt ihnen der Kopf ab.« »Mir wäre lieber, wenn du das nicht dauernd betonen würdest«, sagte Frau Palm. »Man könnte meinen, dir wäre der Kopf abgehackt worden.« »Äh…« »Oh, du bist’s, Herr Schräg. Bitte um Entschuldigung.« »Ich spreche als Präsident der Anwaltsgilde«, sagte Herr Schräg, der angesehenste Zombie in ganz Ankh-Morpork. »Ich empfehle Stabilität. Wenn ich meinen Rat anbieten darf…?« »Wieviel kostet er?« fragte Socke. »Stabilität ist gleich Monarchie«, sagte Schräg. »O nein, willst du etwa behaupten…« »Seht euch Klatsch an«, fuhr Schräg ungerührt fort., »Generationen von Serifen. Das Resultat: politische Stabilität. Das glei- che gilt für Pseudopolis. Oder Sto Lat. Sogar das Achatene Reich…« »Ich bitte dich«, warf Witwenmacher ein. »Jeder weiß, daß Könige…« »Oh, Monarchen kommen und gehen, sie setzen sich gegenseitig ab, und so weiter und so fort«, erwiderte Schräg. »Aber die Institution bleibt von Bestand. Außerdem sollte es möglich sein, eine… Vereinbarung zu treffen.« Herr Schräg stand nun im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksam- keit. Geistesabwesend tasteten seine Finger über die Nahtstelle, wo Kopf und Hals wieder miteinander verbunden worden waren. Vor vielen Jah- ren hatte er sich geweigert zu sterben, weil er darauf bestand, alle Ausla- gen für die selbst geführte Verteidigung erstattet zu bekommen. »Wie meinst du das?« fragte Potts. »Es wurde schon mehrmals versucht, die alte Monarchie von Ankh- Morpork zu restaurieren«, meinte Schräg. »Ja«, räumte Boggis ein. »Aber solche Bestrebungen gingen immer auf Verrückte zurück. Das gehört zu den üblichen Symptomen. Ziehe dir die Unterhose über den Kopf, rede mit Bäumen, sabbere und entscheide, daß Ankh-Morpork einen König braucht…« »Genau. Und wenn vernünftige Leute diese Möglichkeit in Erwägung ziehen?« »Wir sind ganz Ohr«, sagte der Witwenmacher. »Es gibt Präzendenzfälle«, erläuterte Schräg. »Monarchien, die plötzlich keinen Thronfolger mehr hatten und sich einen… besorgten. Zum Bei- spiel das angemessen hochgeborene Mitglied einer anderen Königsfami- lie. Wir brauchten jemanden, der die Schliche kennt, wie es so schön heißt.« »Wie bitte?« erwiderte Boggis. »Sollen wir uns etwa einen König holen? Schlägst du vielleicht vor, Plakate an die Mauern zu kleben: ›Leerer Thron anzubieten, Bewerber muß seine eigene Krone mitbringen‹?« Schräg überhörte diesen Einwand. »Wenn ich mich recht entsinne, wandte sich Gennua während des ersten Reiches an Ankh-Morpork und bat um Entsendung eines Generals, der dort zum König werden sollte. Das gennuanische Königsgeschlecht war ausgestorben, durch intensive, Inzucht – der letzte König versuchte, sich allein zu vermehren. In den Geschichtsbüchern steht, daß wir den loyalen General Taktikus aus- schickten – er hatte gerade erst die Krone von Gennua in Empfang ge- nommen, als er auch schon Ankh-Morpork den Krieg erklärte. Könige sind… austauschbar.« »Du hast eben eine Vereinbarung erwähnt«, erinnerte Boggis. »Willst du vielleicht einem König sagen, was er zu tun hat?« »Klingt nicht schlecht«, kommentierte Frau Palm. »Mir gefällt das Echo«, fügte Herr Witwenmacher hinzu. »Von Anweisung kann natürlich keine Rede sein«, meinte Herr Schräg. »Wir… stimmen überein. Als König würde sich die betreffende Person auf die Dinge konzentrieren, die traditionell mit dem Königtum in Ver- bindung gebracht werden…« »Winken«, sagte Socke. »Würdevoll aussehen«, fügte Frau Palm hinzu. »Botschafter aus fremden Ländern begrüßen«, meinte Potts. »Hände schütteln.« »Köpfe abhacken…« »Nein! Nein, das wird nicht zu seinen Pflichten gehören. Um die un- wichtigeren Staatsangelegenheiten kümmern sich…« »Die Berater Seiner Majestät?« fragte Witwenmacher. Er lehnte sich zu- rück. »Jetzt verstehe ich, worauf du hinauswillst, Herr Schräg. Allerdings wird man Könige nur schwer wieder los. Meistens kommt es dabei zu einem… Konflikt.« »Auch dafür gibt es Präzendenzfälle«, erwiderte Schräg. Der Assassine kniff die Augen zusammen. »Ich bin fasziniert, Herr Schräg«, sagte er. »Lord Vetinari scheint ernst- haft erkrankt zu sein, und du wendest dich mit solchen Vorschlägen an uns. Ich finde, das ist ein erstaunlicher… Zufall.« »Ich versichere dir, daß dies nichts mit Geheimnissen zu tun hat. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Sicher kennt ihr die neuesten Gerüchte. In der Stadt soll es jemanden geben, dessen Abstammung bis zur letzten Königsfamilie zurückreicht. Er soll in einer vergleichsweise einfachen, Stellung arbeiten. Angeblich gehört er zur Stadtwache und bekleidet dort einen bedauerlich niedrigen Rang.« Köpfe nickten andeutungsweise. Dieses Nicken war das Äquivalent ei- nes zustimmenden Brummens. Die Gilden sammelten natürlich Infor- mationen, und niemand wollte zugeben, wieviel beziehungsweise wie wenig ihm bekannt war – für den Fall, daß er zuviel oder zuwenig wußte. Doc Pseudopolis, Oberhaupt der Spielergilde, setzte eine Pokermiene auf und sagte: »Ja, aber die Dreihundertjahrfeier steht bevor. Und in ein paar Jahren beginnt das Jahrhundert der Ratte. Jahrhunderte, die den Leuten eine Art Fieber bringen, sind etwas Besonderes.« »Wie dem auch sei«, entgegnete Schräg. »Die erwähnte Person existiert. Die Zeichen sind ganz klar zu erkennen, wenn man weiß, wonach man Ausschau halten muß.« »Na schön«, sagte Boggis. »Nenn uns den Namen des Hauptmanns.« Er verlor oft große Summen beim Pokern. »Des Hauptmanns?« wiederholte Schräg. »Leider muß ich darauf hin- weisen, daß die natürlichen Talente des Betreffenden bisher eine Beför- derung über den Rang eines Korporals hinaus verhindert haben. Ich spreche von Korporal C. W. St. J. Nobbs.« Stille folgte diesen Worten. Und dann erklang ein seltsamer Laut. Er hörte sich an wie Wasser, das durch ein teilweise verstopftes Rohr rann. Königin Molly von der Bettlergilde war bisher still geblieben. Ihre ein- zigen Kommentare waren saugende Geräusche gewesen – sie versuchte, einen Teil der letzten Mahlzeit von den braunschwarzen Dingern zu lösen, die nur deshalb den Namen »Zähne« verdienten, weil sie in ihrem Mund steckten. Jetzt lachte sie. Die Haare auf ihren Warzen zitterten, »Nobby Nobbs?« fragte sie. »Meint ihr etwa Nobby Nobbs?« »Er ist der letzte bekannte Nachkomme des Grafen von Ankh, der seine Abstammung bis zu einem entfernten Vetter des letzten Königs zurück- verfolgen kann«, betonte Schräg. »Überall in der Stadt spricht man über ihn.«, »Ein Bild formt sich vor meinem inneren Auge«, sagte Witwenmacher. »Ein kleiner, affenartiger Bursche, der sehr kurze Zigaretten raucht. Vol- ler Pickel. Drückt seine Eiterbeulen in aller Öffentlichkeit aus.« »Das ist Nobby!« Königin Molly gluckste. »Man könnte sein Gesicht mit dem Daumen eines blinden Tischlers vergleichen.« »Aber der Kerl ist doch vollkommen bescheuert!« »Und außerdem so dumm wie Bohnenstroh«, sagte Boggis. »Ich ver- stehe nicht, wieso…« Er brach ab und steckte sich mit dem nachdenklichen Schweigen an, das bereits viele andere Personen im Raum infiziert hatte. »Nun, ich meine, wir sollten diese Sache… gründlich prüfen«, sagte er nach einer Weile. Die versammelten Gildenoberhäupter sahen sich an. Nach einigen Se- kunden starrten sie an die Decke. Dann wichen sie einmal mehr den Blicken ihrer Kollegen aus. »Irgendwann setzt sich das Blut durch«, sagte Herr Traggut. Frau Palm räusperte sich. »Wenn ich beobachtete, wie er über die Stra- ße ging, dachte ich immer: Da schreitet jemand sehr würdevoll.« »Er drückt seine Eiterbeulen überaus majestätisch aus.« Wieder senkte sich Schweigen auf die Versammlung herab. Es war die fleißige Stille eines Ameisenhaufens. »Ich möchte euch daran erinnern, daß Lord Vetinari noch lebt«, sagte Frau Palm. »In der Tat«, erwiderte Schräg. »Und möge er noch lange Zeit am Le- ben bleiben. Ich habe nur einige Gedanken geäußert für den Tag – möge uns noch viel Zeit von ihm trennen –, an dem wir einen… Nachfolger brauchen.« »Wie dem auch sei…«, meinte Witwenmacher. »Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß Vetinari zuviel gearbeitet hat. Wenn er überlebt – was natürlich zu hoffen ist –, sollten wir ihn bitten, um seiner Gesund- heit willen zurückzutreten. Wir danken ihm für die ausgezeichnete Arbeit und so weiter. Kaufen ihm vielleicht ein hübsches Haus irgendwo auf dem Land. Gewähren ihm eine Pension. Und versprechen ihm, daß er, bei offiziellen Anlässen eingeladen wird. Wenn es so einfach geworden ist, ihn zu vergiften, sollte er eigentlich die Chance begrüßen, die Amts- ketten abzulegen…« »Was ist mit den Zauberern?« fragte Boggis. »Sie haben sich nie um die Verwaltung der Stadt gekümmert«, antwor- tete Witwenmacher. »Gib ihnen vier Mahlzeiten am Tag und nimm den Hut vor ihnen ab – dann sind sie zufrieden. Von Politik verstehen sie nichts.« Erneut folgte Stille, die schließlich von der Bettlerkönigin Molly been- det wurde. »Und Mumm?« Witwenmacher zuckte mit den Schultern. »Er ist ein Diener der Stadt.« »Genau das meine ich.« »Wir repräsentieren die Stadt, oder?« »Ha! So sieht er das bestimmt nicht. Ihr wißt ja, was Mumm von Köni- gen hält. Ein Mumm hat den letzten einen Kopf kürzer gemacht. Diese Blutlinie glaubt, daß man mit der Axt alle Probleme lösen kann.« »Molly… Bestimmt würde Mumm nicht zögern, auch Lord Vetinari mit einer Axt zu besuchen, wenn er überzeugt wäre, damit durchzu- kommen. Er kann ihn nicht ausstehen.« »Ich weise nur darauf hin, daß er nicht begeistert sein wird. Vetinari hat bisher dafür gesorgt, daß Mumm beschäftigt ist. Wenn er nun Gelegen- heit bekommt, sich ganz auf eine Sache zu konzentrieren…« »Er ist ein Diener der Stadt!« rief Witwenmacher. Königin Molly schnitt eine Grimasse, was ihr nicht weiter schwer fiel, immerhin hatte die Natur sie sehr großzügig ausgestattet. »So ist das jetzt also«, bemerkte sie und lehnte sich zurück. »Gewöhnliche Leute sitzen an einem Tisch und sprechen miteinander, und die Welt wird plötzlich zu einem anderen Ort. Die Schafe drehen sich um und jagen den Schä- fer.« Witwenmacher schenkte ihr keine Beachtung. »Heute abend findet bei Lady Selachii eine Soiree statt. Ich glaube, Nobbs ist dazu eingeladen worden. Vielleicht können wir ihn… kennenlernen.«, Mumm redete sich ein, daß er nur feststellen wollte, welche Fortschritte das neue Wachhaus an der Kröselstraße machte. Die Unbesonnenheits- straße lag in unmittelbarer Nähe. Er wollte dort mal kurz vorbeischauen, inoffiziell. Es hatte keinen Sinn, extra jemanden damit zu beauftragen. Die Mordfälle, Vetinari, Detritus’ Anti-Platte-Kampagne… Es gab be- reits mehr als genug zu tun. Er ging um die Ecke – und blieb abrupt stehen. Es hatte sich kaum etwas verändert, und diese Erkenntnis war wie ein Schock. Nach – zu vielen – Jahren hatten die Dinge einfach nicht das Recht, unverändert zu sein. Noch immer liefen Wäscheleinen zwischen den alten grauen Häusern hin und her. Uralte Farbe blätterte ab, wie billige Farbe, die man auf zu altes und halb verfaultes Holz gestrichen hatte, eben abblättert. Die Be- wohner der Unbesonnenheitsstraße waren zu arm, um sich ordentliche Farbe leisten zu können, und gleichzeitig zu stolz, Tünche zu benutzen. Der Ort erschien Mumm nur ein wenig kleiner als früher. Wann war er zum letztenmal hier gewesen? Er konnte sich nicht daran erinnern. Dieser Bereich der Stadt erstreckte sich hinter den Schatten – einem Viertel, das die Wache seinem eigenen Schrecken überließ. Doch im Gegensatz zu den Schatten war die Unbesonnenheitsstraße sauber. Es war die besondere, leere Sauberkeit von Leuten, die es sich nicht leisten können, Schmutz zu vergeuden. Hier wohnten Personen, die nicht nur arm waren, sondern die überhaupt nichts von ihrer Armut wußten. Wenn man sie danach fragte, antworteten sie vermutlich: »Man soll nicht klagen.« Oder: »Es gibt Leute, die viel schlimmer dran sind als wir.« Oder: »Wir sind immer zurechtgekommen und schulden nieman- dem etwas.« Mumm glaubte, die Stimme seiner Oma zu hören: »Niemand ist zu arm, um sich Seife zu kaufen.« Natürlich konnte man tatsächlich zu arm sein. Aber die Bewohner der Unbesonnenheitsstraße kauften trotzdem Seife. Wenn schon das Essen auf dem Tisch fehlte, sollte dieser wenig- stens sauber sein. In der Unbesonnenheitsstraße aßen die Leute haupt- sächlich ihren eigenen Stolz., Die Welt war in einem gräßlichen Zustand, fand Mumm. Obergefreiter Besuch meinte, die Sanftmütigen würden sie einst erben. Welche Sünden hatten die armen Teufel begangen, daß sie das verdienten? Die Bewohner der Unbesonnenheitsstraße würden beiseite treten, um die Sanftmütigen passieren zu lassen. Sie blieben in der Unbesonnen- heitsstraße, geistig wie körperlich, weil sie ahnten, daß es Regeln gab. Und sie gingen mit der vagen Furcht durchs Leben, diese Regeln nicht immer zu beachten. Es hieß, es gebe Gesetze für die Reichen und Gesetze für die Armen, aber das stimmte nicht. Es gab keine Gesetze für jene, die Gesetze schu- fen, auch nicht für die chronisch Gesetzlosen. Gesetze und Regeln gab es nur für diejenigen, die dumm genug waren, wie die Bewohner der Unbesonnenheitsstraße zu denken. Es war seltsam still dort. Normalerweise wimmelte es von Kindern, und Karren rumpelten zum Hafen. Doch heute wirkte alles… abgesperrt und eingeschlossen. Mitten auf der Straße bemerkte Mumm die Kreidezeichen eines Him- mel-und-Hölle-Spiels. Er spürte, wie ihm die Knie weich wurden. Es war noch immer da! Wann hatte er es zum letztenmal gesehen? Vor fünfundreißig Jahren? Vor vierzig? Vermutlich war es viele tausend Male neu gezeichnet wor- den. Damals war er darin sehr geschickt gewesen. Natürlich hatten sie nach den Ankh-Morpork-Spielregeln gespielt und nicht nach einem Stein ge- treten, sondern nach Waldemar Schlappi. Damals hatten sich fast alle Spiele darum gedreht, nach Waldemar Schlappi zu treten, ihn zu jagen oder auf ihm herumzuspringen – bis er einen seiner berühmten Wutan- fälle bekam und zum Angriff überging. Mumm hatte Waldemar in neun von zehn Fällen zum gewünschten Feld befördert. Beim zehnten Versuch hatte ihm der Bursche ins Bein gebissen. Waldemar Schlappi ärgern und genug zu essen finden… diese beiden Aktivitäten ergaben ein schlichtes, einfaches Leben. Man wurde kaum, von Fragen geplagt, auf die man keine Antworten wußte – abgesehen von der, wie man die Eiterwunden am Bein behandeln sollte. Sir Samuel blickte sich auf der stillen, leeren Straße um, und sein rech- ter Fuß fand einen Kiesel im Rinnstein. Verstohlen schob er ihn zu den Kreidelinien rüber, rückte die Jacke zurecht, hüpfte und sprang, drehte sich um, hüpfte erneut… Was rief man während der einzelnen Sprünge? »Salz, Senf, Essig, Pfef- fer?« Nein. Vielleicht »Waldemar Schlappi ist ein Dummkopf«? Diese Sache ging ihm jetzt bestimmt nicht mehr aus dem Kopf. Eine Tür öffnete sich, und Mumm verharrte mit erhobenem Bein. Zwei in Schwarz gekleidete Gestalten traten langsam und unbeholfen über die Schwelle. Sie trugen einen Sarg. Der natürliche Ernst dieser Situation litt ein wenig unter dem Um- stand, daß es den beiden vorderen Sargträgern alles andere als leicht fiel, ihre Last durch die schmale Tür zu bugsieren, ohne dabei eingezwängt zu werden. Ihre beiden Kollegen am hinteren Ende des Sargs hatten ähnliche Schwierigkeiten. Mumm faßte sich wieder, stellte den erhobenen Fuß aufs Pflaster zu- rück und nahm respektvoll den Helm ab. Ein zweiter Sarg kam zum Vorschein. Er war viel kleiner als der erste und wurde von zwei Personen getragen, obwohl eine genügt hätte. Trauergäste folgten den Särgen. Mumm griff in die Tasche und suchte nach dem Zettel, den er von De- tritus bekommen hatte. Die Szene vor ihm entbehrte nicht einer gewis- sen Komik. Sie erinnerte ihn an die Kutsche im Zirkus, aus der zwölf Clowns ausstiegen. Die hiesigen Häuser hatten nur wenige Zimmer, aber dafür wohnten viele Personen in ihnen. Er fand den Zettel. Unbesonnenheitsstraße Nummer siebenundzwan- zig, erster Stock hinten. Die Adresse stimmte. Mumm war rechtzeitig für eine Beerdigung ein- getroffen. Für zwei Beerdigungen., »Heute scheint ein ziemlich schlechter Tag für Golems zu sein«, meinte Angua. Eine tönerne Hand lag im Rinnstein. »Das ist nun schon der dritte, dessen Scherben auf der Straße liegen.« Weiter vorn krachte es, und ein Zwerg flog mehr oder weniger hori- zontal durch ein Fenster. Funken stoben von seinem Helm, als er auf die Straße prallte. Doch die kleine Gestalt sprang sofort wieder auf und stürmte durch eine nahe Tür. Einige Sekunden später schoß der Zwerg erneut durchs Fenster. Hauptmann Karotte fing ihn und stellt ihn auf die Beine. »Hallo, Herr Erzschmeißer! Ist alles in Ordnung mit dir? Was geht hier vor?« »Der verdammte Gimlet! Du solltest ihn sofort verhaften, Hauptmann Karotte!« »Warum denn? Was hat er getan?« »Er hat Leute vergiftet, jawohl!« Karotte warf Angua einen kurzen Blick zu und sah dann wieder Erzschmeißer an. »Vergiftet?« wiederholte er. »Das ist ein sehr ernster Vorwurf.« »Und ob! Ich habe mir die ganze Nacht um die Ohren geschlagen, ebenso Frau Erzschmeißer! Ich dachte mir nicht viel dabei, bis ich heute morgen hierher kam und andere Leute traf, die sich beschwerten…« Er versuchte, sich aus Karottes Griff zu befreien. »Weißt du was?« fuhr er fort. »Weißt du was? Wir haben in seinem Kühlraum nachgesehen, und was haben wir dort gefunden? Was haben wir dort gefunden? Weißt du, was Gimlet als Fleisch verkauft?« »Sag’s mir«, erwiderte Karotte. »Schweine- und Rindfleisch!« »Meine Güte.« »Und Lamm!« »Ts, ts.« »Nur ganz wenig Rattenfleisch!« Angesichts dieser gastronomischen Durchtriebenheit schüttelte Karot- te den Kopf., »Und Snori Glodssohnsonkelssohn hat gestern abend Rattenüberra- schung bestellt, und er meint, er habe Hühnerknochen darin gefunden!« Karotte ließ den Zwerg los. »Bleib hier«, sagte er zu Angua, zog den Kopf ein und betrat Gimlets Feinkostbude »Gesundes Schlemmen«. Eine Axt flog ihm entgegen. Er fing sie wie beiläufig und warf sie bei- seite. »Au!« Unmittelbar vor der Theke herrschte besonders großes Durcheinander. Die Auseinandersetzung war längst über das Stadium hinaus, in dem der Grund dafür noch eine Rolle spielte. Hier stritten sich Zwerge, was be- deutete, daß es jetzt um so wichtige Fragen ging wie die, wer vor drei- hundert Jahren wessen Großvater um sein Bergwerk betrogen hatte und wessen Axt nun an welchem Hals ruhte. Karottes Gegenwart bewirkte, daß der Kampf allmählich nachließ und die Teilnehmer versuchten, möglichst unschuldig zu wirken. Die Atmo- sphäre schlug um, pendelte jetzt mehr zu: »Axt? Welche Axt? Oh, diese Axt? Ich wollte sie nur meinem Freund Björn hier zeigen, guter alter Björn.« »Na schön«, sagte Karotte. »Was soll all das Gerede über Gift? Herr Gimlet zuerst.« »Es ist eine gemeine Lüge!« rief Gimlet. Seine Stimme kam von ganz unten aus einem recht hohen Zwergenhaufen. »In meinem Restaurant gibt es nur gesundes Essen! Hier sind die Tische so sauber, daß man direkt von ihnen essen kann!« Karotte hob die Hand, als überall zornige Stimmen laut wurden. »Je- mand hat Ratten erwähnt«, sagte er. »Ich habe mehrmals darauf hingewiesen, daß ich nur die allerbesten Ratten verwende!« rief Gimlet. »Große, dicke Exemplare von erlesenen Orten! Keine Latrinenviecher oder so! Und die sind schwer zu finden, das kann ich euch sagen!« »Was passiert, wenn du keine bekommst, Herr Gimlet?« fragte Karotte. Gimlet zögerte. Man konnte Karotte nicht belügen. »Na schön«, brummte er. »Wenn es nicht genug gibt, mische ich gelegentlich ein we- nig Hühner- oder Rindfleisch dazu…«, »Ha!« entfuhr es mehreren Zwergen. »Ein wenig?« »Du solltest dir mal seinen Kühlraum ansehen, Herr Karotte!« »Ja, dort gibt es Steaks, in die er kleine Beine hineingeschnitten hat. Und er versucht, mit viel Rattensoße darüber hinwegzutäuschen!« »Da gibt man sich alle Mühe, immer besonders leckere Speisen auf den Tisch zu bringen, zu einem sehr niedrigen Preis, und das ist der Dank dafür«, klagte Gimlet. »Es ist schwierig genug, über die Runden zu kommen.« »Oh, du kommst über die Runden, auf unsere Kosten. Wir verlangen rich- tiges Rattenfleisch!« Karotte seufzte. In Ankh-Morpork gab es keine öffentlichen Gesund- heitsbestimmungen. Genausogut hätte man in der Hölle Rauchdetekto- ren installieren können. »Na schön«, sagte er. »Aber von einem gewöhnlichen Steak wird man nicht vergiftet. Wirklich nicht. Im Ernst. Seid still, ihr alle. Nein, es inter- essiert mich nicht, was ihr von euren Müttern gehört habt. Was hat es mit dem Gift auf sich, Gimlet?« Der Inhaber des Restaurants kam wieder auf die Beine. »Wir haben gestern für die Jahresversammlung der Söhne der Blutaxt die Rattenüberraschung vorbereitet«, sagte er. Allgemeines Stöhnen folg- te diesen Worten. »Und es wurde Rattenfleisch serviert.« Er hob die Stimme, als der Protest lauter wurde. »Etwas anderes kommt dafür über- haupt nicht in Frage, weil die Schnauzen durch den Teig ragen müssen, klar? Und eins versichere ich euch: Schon seit langer Zeit hatten wir kei- ne so guten Ratten mehr.« »Und nachher ging es euch allen schlecht?« fragte Karotte. Er holte sein Notizbuch hervor. »Hab die ganze Nacht geschwitzt!« »Konnte nicht mehr klar sehen!« »Ich kenne jetzt alle Astlöcher in der Rückwand des Aborts!« »Das notiere ich als ›sehr schlecht‹« meinte Karotte. »Gehörte noch et- was anderes zu der Mahlzeit?«, »Wühlmausauflauf und Rattencreme«, sagte Gimlet. »Alles hygienisch zubereitet.« »Was meinst du mit ›hygienisch zubereitet‹?« erkundigte sich Karotte. »Der Chefkoch hat die strikte Anweisung, sich anschließend die Hände zu waschen.« Die Zwerge nickten. Das war sehr hygienisch. Es gehörte sich nicht, mit Rattenblut an den Händen herumzulaufen. »Ihr eßt schon seit Jahren bei mir«, betonte Gimlet, der ahnte, daß sich die Situation für ihn verbesserte. »Das ist das erste Mal, daß es Probleme gibt, nicht wahr? Meine Ratten sind berühmt!« »Ich schätze, deine Hühnerspezialitäten werden ebenfalls berühmt«, sagte Karotte. Die Zwerge lachten, und Gimlet stimmte mit ein. »Na schön. Das mit dem Hühnerfleisch tut mir leid. Aber ich mußte mich entscheiden: ent- weder der eine oder andere Hähnchenschenkel oder schlechte Ratten. Und ihr wißt doch, daß ich nur beim Kleinen Arthur kaufe. Er ist ver- trauenswürdig, was man auch sonst noch über ihn sagen mag. Nirgends bekommt man bessere Ratten. Das weiß jeder.« »Meinst du den Kleinen Irren Arthur aus der Schimmerstraße?« fragte Karotte. »Ja. Seine Ratten sind fast immer tadellos.« »Hast du noch welche übrig?« »Eine oder zwei.« Gimlets Gesichtsausdruck veränderte sich. »Du glaubst doch nicht, daß er die Ratten vergiftet hat, oder? Hab dem klei- nen Burschen nie getraut!« »Die Ermittlungen laufen«, erwiderte Karotte und steckte das Notiz- buch ein. »Ich möchte etwas Rattenfleisch. Von den Ratten, die übrigge- blieben sind. Zum Mitnehmen.« Er sah auf die Speisekarte, suchte in seinen Taschen und blickte fragend durch die offene Tür zu Angua. »Du brauchst es nicht zu kaufen.« Sie seufzte. »Es handelt sich um Be- weismaterial.« »Wir dürfen nicht zulassen, daß ein Geschäftsmann zu Schaden kommt, der ein Opfer der Umstände sein könnte«, entgegnete Karotte., »Möchtest du Ketchup?« fragte Gimlet. »Kostet allerdings extra.« Der Leichenwagen rollt langsam über das Pflaster. Er sah teuer aus, aber das war typisch für die Unbesonnenheitsstraße. Ihre Bewohner legten etwas auf die hohe Kante. Mumm erinnerte sich daran. In der Unbeson- nenheitsstraße wurde immer viel gespart. Man legte das Geld für die Not zurück, selbst wenn man bereits Not litt. Und man starb vor Scham, wenn die anderen Leute glaubten, daß man sich nur ein billiges Begräb- nis leisten konnte. Sechs in schwarz gekleidete Trauernde schritten hinter dem Wagen, begleitet von einigen Personen, die wenigstens versucht hatten, anständig auszusehen. Mumm folgte dem Trauerzug in einigem Abstand bis zum Friedhof hinter dem Tempel der Geringen Götter. Dort wartete er voller Unbeha- gen zwischen den Grabsteinen und ernst anmutenden Bäumen, während der Priester predigte. Die Götter hatten die Bewohner der Unbesonnenheitsstraße arm, ehr- lich und vorausschauend gemacht. Sie hätten ihnen auch Schilder mit der Aufschrift »Tritt mich in den Hintern« um den Hals hängen können. Die Bewohner der Unbesonnenheitsstraße waren religiös, zumindest auf eine unauffällige Art. Sie investierten etwas von ihrer Existenz in der Hoff- nung, das Leben in Armut für alle Ewigkeit fortzusetzen. Schließlich wandten sich die Trauernden von den Gräbern ab und wanderten ziellos herum. Mumm bemerkte eine tränenüberströmte junge Frau in der Haupt- gruppe und näherte sich vorsichtig. »Äh… Mildred Leicht?« fragte er. Sie nickte. »Wer bist du?« Sie bemerkte den Schnitt seiner Jacke und fügte hinzu: »Herr?« Mumm nahm die junge Frau taktvoll beiseite. »Habt ihr Frau Leicht beerdigt, die alte Schneiderin?« »Ja.« »Und der… kleine Sarg?« »Unser Willibald…«, Erneut rannen Tränen über Fräulein Leichts Wangen. »Kann ich dich kurz sprechen?« fragte Mumm. »Vielleicht kannst du mir über ein oder zwei Dinge Auskunft geben.« Mumm verabscheute seine eigene Denkweise. Ein normaler Mensch hätte in dieser Situation Respekt gezeigt und wäre stumm fortgegangen. Doch als er nun zwischen den kalten Grabsteinen stand, erfaßte ihn ein schrecklicher Verdacht. Er ahnte, daß die Antworten bereits existierten; sie warteten nur noch darauf, daß er die richtigen Fragen stellte. Die junge Frau blickte zu den anderen Trauernden. Sie hatten inzwi- schen das Friedhofstor erreicht und blickten neugierig zurück. »Äh…«, sagte Mumm. »Ich weiß, dies ist kein geeigneter Zeitpunkt, aber… Wenn die Kinder auf der Straße Himmel-und-Hölle spielen, was singen sie dabei? ›Salz, Senf, Essig, Pfeffer‹, nicht wahr?« Das Dienstmädchen musterte sein besorgtes Lächeln. »Das stammt vom Seilhüpfen«, erwiderte sie kühl. »Beim Himmel-und-Hölle-Spiel singen die Kinder ›Billy Bonkers ist ein Blödmann‹. Wer bist du?« »Ich bin Kommandeur Mumm von der Stadtwache.« Waldemar Schlappi lebte also noch immer in dieser Straße, wenn auch in anderer Gestalt und mit anderem Namen. Und Altes Steingesicht war einfach jemand, den man auf dem Scheiterhaufen verbrannte… Die junge Frau schluchzte plötzlich. »Schon gut, schon gut«, sagte Mumm in möglichst tröstendem Tonfall. »Ich bin in der Unbesonnenheitsstraße aufgewachsen, und deshalb… Ich meine, ich bin gekommen, um… Ich habe keineswegs die Absicht… Hör mal, ich weiß, daß du Speisen aus dem Palast mitgenommen hast. Mich stört das nicht. Es liegt mir fern, dich deswegen… Ach, verdammt, möchtest du vielleicht mein Taschentuch? Ich glaube, deins ist inzwi- schen voll.« »Alle machen es!« »Ich weiß.« »Und der Koch sagt nie etwas…« Weitere Tränen strömten. »Ja, ja.«, »Jeder nimmt ein paar Dinge mit«, gestand Mildred Leicht. »Das ist kein Stehlen.« Doch, genau das ist es, dachte Mumm. Aber mich kümmert’s nicht. Und nun… Er hatte das Gefühl, als nähme er einen langen Kupferstab und ginge damit den Hang des nächsten Hügels hinauf, während sich am Himmel dunkle Gewitterwolken zusammenballten. »Äh… die letzten Nahrungsmittel, die du gesto… die du mitgenommen hast…«, sagte er. »Was war das?« »Etwas Mandelsüßspeise und ein wenig, nun, eine Art Marmelade aus Fleisch…« »Pastete?« »Ja. Ich konnte sie gut gebrauchen…« Mumm nickte. Nährstoffreiche, weiche Nahrung. Gut geeignet für ein kränkliches Kleinkind oder eine Alte, die keine Zähne mehr hatte. Mumm befand sich jetzt auf der Kuppe des Hügels, unter dunklen, drohenden Wolken. Er beschloß, den Blitzableiter zu heben, die Frage zu stellen… Allerdings die falsche, wie sich herausstellte. »Woran ist Frau Leicht gestorben?« fragte er. »Laß es mich so ausdrücken«, sagte Grinsi. »Wenn man diese Ratten nicht mit Arsen, sondern mit Blei vergiftet hätte, könnte man ihre Nasen anspitzen und sie als Stifte benutzen.« Die Zwergin ließ das Becherglas sinken. »Bist du sicher?« fragte Karotte. »Ja.« »Der Kleine Irre Arthur würde doch keine Ratten vergiften. Erst recht keine, die später auf irgendeinem Teller landen.« »Ich habe gehört, daß er nicht viel von Zwergen hält«, warf Angua ein. »Ja, aber Geschäft ist Geschäft. Niemand, der geschäftlich viel mit Zwergen zu tun hat, mag sie. Und Arthur beliefert praktisch alle Zwer- gen-Restaurants in der Stadt.«, »Vielleicht haben die Biester Arsen gefressen, bevor er sie gefangen hat«, spekulierte Angua. »Immerhin benutzen es die Leute als Ratten- gift…« »Ja«, sagte Karotte langsam. »Ja, das stimmt.« »Du vermutest doch nicht etwa, daß sich Vetinari ab und zu ein Ratten- ragout gönnt, oder?« fragte Angua. »Ich habe gehört, daß er Ratten als Spione einsetzt«, erwiderte Karotte. »Deshalb kann ich mir kaum vorstellen, daß er sie gelegentlich verspeist. Wie dem auch sei: Es wäre interessant festzustellen, wo der Kleine Irre Arthur seine Ratten fängt, oder?« »Kommandeur Mumm hat ausdrücklich betont, daß er sich um den Fall Vetinari kümmert«, sagte Angua. »Wir wollen doch nur herausfinden, warum Gimlets Ratten voller Ar- sen stecken«, meinte Karotte unschuldig. »Außerdem habe ich daran gedacht, Feldwebel Colon mit diesen speziellen Ermittlungen zu beauf- tragen.« »Aber, ich meine… der Kleine Irre Arthur?« Angua wirkte skeptisch. »Er ist verrückt.« »Fred soll Nobby mitnehmen. Ich gebe ihm gleich Bescheid. Äh… Grinsi?« »Ja, Hauptmann?« »Du versuchst… äh… du versuchst dauernd, dein Gesicht vor mir zu verbergen… Oh. Hat dich jemand geschlagen?« »Nein, Herr Hauptmann!« »Aber deine Lider haben sich verfärbt, und deine Lippen…« »Es ist alles in bester Ordnung«, sagte Grinsi verzweifelt. »Oh, gut, wenn du meinst. Ich, äh…, ich… gehe jetzt zu Feldwebel Colon…« Karotte ging, begleitet von Verlegenheit. Damit wären wir Frauen unter uns, dachte Angua. Beziehungsweise zwei Frauen und ein Werwolf. »Ich glaube, das mit dem Lidschatten klappt nicht«, sagte Angua., »Mit dem Lippenstift ist soweit alles in Ordnung, aber der Lidschat- ten… da habe ich meine Zweifel.« »Ich schätze, ich brauche mehr Übung.« »Und du möchtest wirklich den Bart stehenlassen?« »Soll ich mich etwa… rasieren?« Grinsi wich zurück. »Schon gut, schon gut. Was ist mit dem Eisenhelm?« »Er gehörte meiner Großmutter! Er ist zwergisch!« »Oh, gut. Gut. Immerhin hast du einen guten Anfang gemacht.« »Äh… was hältst du… hiervon?« Grinsi reichte der Kollegin einen Zettel. Anguas Blick fiel auf eine Liste von Namen. Die meisten waren durch- gestrichen. Grinsi Kleinpo Grete Gretchen Gretel Lucinda Kleinpo Lustig Ceraldine Gertrude Gertie »Nun, äh, was meinst du dazu?« fragte Grinsi nervös. »›Lucinda‹?« las Angua und hob die Brauen. »Der Klang dieses Namens hat mir schon immer gefallen.« »›Gertie‹ ist nicht schlecht«, sagte Angua. »Hört sich fast wie dein ge- genwärtiger Vorname an. Und so, wie die Leute in dieser Stadt buchsta- bieren, wird nur dann jemand den Unterschied bemerken, wenn du aus- drücklich darauf hinweist.« Grinsis Schultern sanken ein wenig nach unten, als ihre Anspannung nachließ. Wenn man beschlossen hat, der Welt seine wahre Identität, zuzurufen, ist es sehr angenehm zu erfahren, daß man auch flüstern kann. Gertie, dachte Angua. Was fällt einem bei diesem Namen ein? Stiefel, ein Eisenhelm und ein kleines besorgtes Gesicht mit Bart? Jetzt schon. Irgendwo unter Ankh-Morpork durchstreifte eine unbekümmerte Ratte die Ruinen eines feuchten Kellers. Sie trippelte um eine Ecke, auf dem Weg zum nicht weit entfernten Kornspeicher – und stieß fast mit einer anderen Ratte zusammen. Es schien keine gewöhnliche Ratte zu sein, denn sie stand auf den Hin- terbeinen und trug eine Sense. Eine knochenweiße Schnauze ragte aus dem Schatten unter der Kapuze. QUIEK? Die Vision verblaßte, und zum Vorschein kam eine etwas kleinere Ge- stalt. Abgesehen von der Größe hatte sie nichts Rattenhaftes. Es war ein Mensch, besser gesagt, ein Humanoide. Er trug eine Rattenlederhose. Oberhalb der Taille war er nackt, abgesehen von zwei Gurten, die ihm quer über die Brust liefen. Eine kleine Zigarre qualmte zwischen seinen Lippen. Der Mann hob eine winzige Armbrust und schoß. Die Seele der Ratte – Geschöpfe, die so sehr dem Menschen ähneln, haben zweifellos eine Seele – beobachtete niedergeschlagen, wie der Mann ihren Körper am Schwanz nahm und hinter sich herzog. Sie sah zum Rattentod. »Quiek« fragte sie. Die knöcherne Ratte nickte. QUIEK. Kurze Zeit später kehrte der Kleine Irre Arthur zusammen mit seiner Beute ins Tageslicht zurück. Siebenundfünfzig Kadaver ruhten säuber- lich aufgereiht an der Wand, doch trotz seines Namens achtete Arthur darauf, weder zu junge Exemplare noch trächtige Weibchen zu töten. Er wollte auch in Zukunft noch Arbeit haben., Sein Schild steckte neben dem Loch. Der Kleine Irre Arthur – einziger Kammerjäger, der allen Ungezieferarten auf deren Terrain gegenübertrat – hatte festgestellt, daß sich ein wenig Werbung auszahlte. »KLEINER IRRER« ARTHUR Für die kleinen Dinge, die manchmal so nerven Ratten *GRATIS* Mäuse: 1 Cent für 10 Schwänze Maulwürfe: jeweils 1/2 Cent Wäspen: 50 Cent pro Nest. Hornißen 20 Cent extra Kakerlaken und ähnliche Plagegeister nach Vereinbarung Wenig Geld GUTE ARBEIT Arthur holte das kleinste Notizbuch der Welt und das Fragment einer Bleistiftmine hervor. Mal sehen… achtundfünfzig Felle für jeweils zwei Cent. Die Stadt bezahlte einen Cent für zehn Schwänze, und das Fleisch bekam Gimlet für zwei Cent pro drei Kadaver, der alte Geizkragen von einem Zwerg… Ein Schatten senkte sich herab, dann trat jemand auf Arthur. »Also gut«, sagte der Eigentümer des Stiefels. »Fängst noch immer Rat- ten ohne Gildeausweis, wie? Das sind die zehn leichtesten Dollar, die wir jemals verdient haben, Sid. Ich schlage vor, wir…« Der Mann wurde um mehrere Zoll angehoben, herumgewirbelt und gegen die nächste Mauer geschleudert. Sein Begleiter riß die Augen auf, als eine Staubfahne auf ihn zuraste, doch er reagierte zu spät. »Er ist in meinem Hosenbein! Er klettert immer höher, und jetzt… arrg!« Etwas knackte. »Mein Knie! Mein Knie! Er hat mir das Knie zerschmettert!« Der herumgeschleuderte Mann versuchte, sich hochzustemmen, doch etwas huschte über seine Brust und landete rittlings auf seiner Nase., »Hallo, Kumpel«, sagte der Kleine Irre Arthur. »Kann deine Mutter nähen, Kumpel? Dann dürfte sie imstande sein, das hier wieder zusam- menzuflicken!« Er nahm ein Augenlid in jede Hand, neigte dann abrupt und gezielt die Stirn nach vorn. Erneut knackte etwas, als die beiden Köpfe aneinander- stießen. Der Mann mit dem gesplitterten Knie wollte sich vom Ort des Massa- kers entfernen, doch der Kleine Irre Arthur sprang von seinem betäub- ten Kameraden herunter und begann nach ihm zu treten. Die Tritte ei- nes nur etwa fünfzehn Zentimeter großen Mannes sollten eigentlich kei- ne großen Schmerzen verursachen, aber der Kleine Irre Arthur schien wesentlich mehr Masse zu haben, als seine Gestalt zuließ. Seine Tritte fühlten sich an, als würde man von einer Stahlkugel getroffen, die je- mand mit einer Schleuder auf die Reise geschickt hatte. In diesen Tritten lag die Kraft eines sehr großen Mannes, doch sie war auf einen viel klei- neren Bereich konzentriert. »Richtet den Burschen von der Rattenfängergilde aus, daß ich arbeite, für wen ich will«, sagte er zwischen den einzelnen Tritten. »Und ich lege meine Gebühren selbst fest, klar? Eure Bosse sollen endlich aufhören, harmlose kleine Geschäftsleute zu verfolgen…« Der andere Gorilla schaffte es bis zum Ende der Gasse. Arthur gab Sid einen letzten Tritt und ließ ihn dann im Rinnstein liegen. Der Kleine Irre Arthur wandte sich wieder seiner Aufgabe zu und schüttelte den Kopf. Er arbeitete praktisch gratis und verkaufte seine Ratten für die Hälfte des offiziellen Preises – ein schreckliches Verbre- chen. Doch der Kleine Irre Arthur wurde allmählich reich, weil die Gilde noch nicht das Konzept der finanziellen Relativität verstanden hatte. Relativ gesehen verlangte Arthur viel mehr für seine Arbeit. So sah es zumindest aus dem sehr spezialisierten und tiefen Blickwinkel des Klei- nen Irren Arthur aus. Ankh-Morpork mußte erst noch begreifen: Je klei- ner man ist, desto mehr Wert hat das Geld. Mit einem Dollar kaufte sich ein Mensch einen Laib Brot, der nicht lange hielt. Für den gleichen Dollar bekam der Kleine Irre Arthur einen ebenso großen Laib Brot, doch der reichte ihm für mindestens eine Wo- che und diente ihm ausgehöhlt sogar als Schlafzimmer., Die Größendifferenz war auch für seine häufige Trunkenheit verant- wortlich. Kaum ein Gastwirt verkaufte sein Bier in Fingerhüten oder winzigen Krügen. Wenn der Kleine Irre Arthur auf Zechtour ging, muß- te er die Badehose einpacken. Seine Arbeit gefiel ihm. Niemand wurde so gut mit Ratten fertig wie der Kleine Irre Arthur. Alte und schlaue Ratten, die alles über diverse Fallen und Gift wußten, standen seinen Angriffen hilflos gegenüber. Als letztes spürten sie, wie Hände nach ihren Ohren griffen. Und als letztes sahen sie eine Stirn, die sich mit hoher Geschwindigkeit näherte. Der Kleine Irre Arthur brummte vor sich hin, als er seine Berechnun- gen fortsetzte. Doch nicht lange. Schon nach kurzer Zeit drehte er sich plötzlich um und neigte drohend die Stirn. »Wir sind’s nur, Kleiner Irrer Arthur«, sagte Feldwebel Colon und trat hastig zurück. »Für dich immer noch Herr Kleiner Irrer Arthur«, erwiderte Arthur und entspannte sich ein wenig. »Wir sind Feldwebel Colon und Korporal Nobbs«, meinte Colon. »Du erinnerst dich bestimmt an uns«, sagte Nobby mit schmeichleri- scher Stimme. »Vergangene Woche haben wir dir geholfen, als du gegen drei Zwerge gekämpft hast.« »Ihr habt mich von ihnen weggezogen, meinst du wohl«, erwiderte der Kleine Irre Arthur. »Gerade als ich sie alle zu Boden geschickt hatte.« »Wir möchten mit dir reden«, meinte Colon. »Über Ratten.« »Kann keine neuen Kunden beliefern«, sagte der Kleine Irre Arthur so- fort. »Es geht um einige Ratten, die du vor einigen Tagen Gimlet verkauft hast.« »Was ist damit?« »Er glaubt, daß sie vergiftet waren«, sagte Nobby und war vorsichtig genug, sich hinter Colon zu ducken. »Ich benutze nie Gift!«, Colon begriff, daß er vor einem fünfzehn Zentimeter großen Mann zu- rückwich. »Ja, aber… die Sache ist… du… äh… raufst dich immer wie- der mit Zwergen… kommst nicht mit ihnen zurecht… einige Leute glauben… nun, vielleicht… äh… hegst du einen Groll gegen sie.« Er trat noch einen Schritt zurück und stolperte fast über Nobby. »Einen Groll?« erwiderte der Kleine Irre Arthur und kam näher. »War- um sollte ich einen Groll gegen sie hegen? Ich bekomme ja keine Tritte.« »Guter Hinweis, guter Hinweis«, sagte Colon. »Nun… äh… es würde uns helfen, wenn du uns sagen könntest… äh… woher die Ratten stammen…« »Vielleicht aus dem Palast des Patriziers?« fragte Nobby. »Aus dem Palast? Dort fängt niemand Ratten. Es ist nicht erlaubt. Ich erinnere mich an die Biester. Waren hübsch groß und dick. Einen Cent pro Exemplar habe ich verlangt, aber der alte Knauser Gimlet hat mir nur drei Cent für vier Stück geboten.« »Wo hast du sie gefangen?« Der Kleine Irre Arthur zuckte mit den Schultern. »Unten beim Vieh- markt. Dienstags ist immer der Viehmarkt dran. Aber wer weiß, woher sie stammen. Die Tunnel unter der Stadt führen überall hin.« »Könnten die Ratten Gift gefressen haben, bevor du sie gefangen hast?« fragte Colon. Der Kleine Irre Arthur schnaubte verärgert. »Dort streut niemand Gift aus. Weil ich es nicht zulasse, klar? Ich habe Vereinbarungen mit den Schlachthäusern, und eins steht fest: Ich arbeite nicht für irgendeinen Blödmann, der Gift benutzt. Meine Dienste sind kostenlos, was der Gil- de ganz und gar nicht gefällt. Aber ich wähle meine Kunden genau aus.« Der Kleine Irre Arthur lächelte. »Ich gehe nur dort auf die Jagd, wo die Ratten das beste Fressen finden. Wer in meinem Revier Gift benutzt, kann Gildengebühren für Gildenarbeit bezahlen und sehen, wie er zu- rechtkommt.« »Du bist bestimmt ein großer Mann im gastronomischen Gewerbe«, sagte Colon., Der Kleine Irre Arthur stemmte die Hände in die Hüften. »Weißt du, was mit dem letzten Burschen passiert ist, der so einen Witz gerissen hat?« »Äh… nein« entgegnete Colon. »Niemand weiß es«, fuhr der Kleine Irre Arthur fort. »Weil man den Be- treffenden nie gefunden hat. Ist das alles? Ich muß noch ein Wespennest entfernen, bevor ich nach Hause gehe.« »Du hast die Ratten also unter den Schlachthäusern gefangen?« beharr- te Colon. »Ja. Dort wird man schnell fündig. In dem Viertel gibt es Gerber, Talg- verarbeiter, Fleischer und Leute, die Würstchen herstellen. Für Ratten ist das gutes Weideland.« »Äh… ich verstehe«, sagte Colon. »Nun, ich schätze, wir haben genug von deiner Zeit in Anspruch genommen…« »Wie wirst du mit Wespen fertig?« fragte Nobby fasziniert. »Vertreibst du sie mit Rauch?« »Es wäre unsportlich, ihnen überhaupt keine Chance zu lassen«, ant- wortete der Kleine Irre Arthur. »Normalerweise nehme ich sie mir ein- zeln vor, aber wenn ich besonders viel zu tun habe, besorge ich mir das schwarze Pulver, das die Alchimisten verkaufen, und bastle daraus Knall- frösche.« Er deutete auf die Gurte über seiner Brust. »Du sprengst die Nester?« entfuhr es Nobby. »Das klingt aber nicht sportlich fair.« »Glaubst du? Versuch mal, sechs Zündschnüre auszulegen und anzu- zünden, dir anschließend den Weg aus dem Nest freizukämpfen…« »Eigentlich hat’s gar keinen Sinn, Fred«, sagte Nobby, als sie da- vonschlenderten. »Einige Ratten haben irgendwo Gift gefressen, und der Kleine Irre Arthur hat sie anschließend gefangen. Was sollen wir in dem Fall unternehmen? Es ist schließlich nicht verboten, Ratten zu vergiften.« Colon kratzte sich am Kinn. »Ich schätze, wir könnten Schwierigkeiten bekommen, Nobby. Ich meine, alle sind damit beschäftigt zu ermitteln und so, und vielleicht stehen wir beide plötzlich wie Tölpel da. Möchtest du zur Wache zurückkehren und sagen: Wir haben mit dem Kleinen, Irren Arthur gesprochen, und er meinte, ihn trifft keine Schuld. Ich mei- ne, wir sind doch Menschen. Ich bin jedenfalls einer, und du vermutlich ebenfalls. Aber wir bilden hier eindeutig die Nachhut, wenn du verstehst, was ich meine. Ich sage dir, dies ist nicht mehr meine Wache, Nobby. Trolle, Zwerge, Wasserspeier… Ich habe nichts gegen sie, du kennst mich, aber ich freue mich schon auf meinen kleinen Bauernhof mit Hühnern vor der Tür. Und ich würde es keineswegs bedauern, die Wa- che mit einer Tat zu verlassen, auf die ich stolz sein kann.« »Was sollen wir denn machen? Willst du beim Viehmarkt vielleicht an alle Türen klopfen und fragen, ob jemand Arsen hat?« »Warum nicht?« erwiderte Colon. »Gehen und reden. Das betont Mumm immer wieder.« »Aber beim Viehmarkt gibt es Hunderte von Türen! Und die Leute sa- gen bestimmt nein.« »Ja. Aber wir müssen wenigstens fragen. Heute ist es nicht mehr so wie früher, Nobby. Das mit dem Ermitteln… das ist moderne Polizeiarbeit, jawohl. Heutzutage müssen wir Resultate erzielen. Ich meine, die Wache wird immer größer. Ich hab nichts dagegen, daß der alte Detritus zum Feldwebel befördert worden ist. Er ist gar nicht so übel, wenn man ihn besser kennt. Aber eines Tages könnte es passieren, daß ein Zwerg Be- fehle erteilt. Für mich spielt’s keine Rolle, weil ich dann auf meinem klei- nen Bauernhof bin…« »Wo du Hühnern nachläufst«, meinte Nobby. »… aber du mußt an deine Zukunft denken. So wie sich die Dinge entwickeln… Vielleicht wird bald ein neuer Hauptmann gebraucht. Es wäre echt mies, wenn er Starkimarm oder Schiefer hieße. Deshalb rate ich dir: Nimm deine Chancen wahr.« »Hast du dir nie gewünscht, Hauptmann zu werden, Fred?« »Ich? Ein Offizier? Ich habe meinen Stolz, Nobby. Sollen die Offiziere ruhig Offiziere sein. Ich hab nichts gegen sie, aber mein Platz ist beim einfachen Mann.« »Wenn das bei mir doch auch der Fall wäre«, stöhnte Nobby. »Sieh nur, was ich heute morgen in meinem Fach gefunden habe.«, Er reichte Colon eine rechteckige Karte mit goldenem Rand. »›Lady Selachii ist heute nachmittag ab fünf Uhr zu Hause und würde sich über den Besuch von Lord de Nobbes freuen‹«, las Fred. »Oh.« »Ich habe von diesen reichen alten Frauen gehört«, sagte Nobby nie- dergeschlagen. »Bestimmt möchte sie, daß ich ihr Giggelo werde.« »Nein, nein«, erwiderte Colon und musterte das unwahrscheinlichste Spielzeug der Leidenschaft. »Ich kenne das von meinem Onkel. ›Zu Hause sein‹ bedeutet eine Art Empfang. Da treffen sich all die piekfeinen Leute und so. Man trinkt, stopft irgendwelche Leckereien in sich hinein und redet dabei über Literat-Uhr und ähnlich exotische Dinge.« »Ich habe überhaupt nichts Piekfeines zum Anziehen«, meinte Nobby. »Ah, das ist für dich überhaupt kein Problem«, erwiderte Colon. »Uni- formen sind in Ordnung. Fügen der Sache sogar etwas Farbe hinzu. Erst recht dann, wenn man schneidig aussieht«, sagte er und erfand damit eine ganz neue Beschreibung für Nobby. »Tatsächlich?« Nobbys Miene erhellte sich ein wenig. »Ich hab noch jede Menge andere Einladungen. Piekfeine Karten, die aussehen, als hät- te man sie am Rand mit goldenen Zähnen angeknabbert. Sogenannte Abendgesellschaften und Bälle und so.« Colon bedachte seinen Freund und Kollegen mit einem nachdenkli- chen Blick. Ihm war gerade etwas eingefallen. »Nun…«, sagte er langsam, »die gesellschaftliche Saison geht zu Ende. Die Zeit wird knapp.« »Die Zeit für was?« »Nun… vielleicht wollen die piekfeinen Mütter ihre piekfeinen heirats- fähigen Töchter an den… äh… Mann bringen…« »Wie bitte?« »Ein Graf ist nur durch einen Herzog zu übertreffen, und derzeit gibt’s keinen, auch keinen König. Der Graf von Ankh wäre also eine gute Par- tie.« Ja, auf diese Weise formuliert, fiel es leichter. Wenn man »Graf von Ankh« durch »Nobby Nobbs« ersetzte, klappte es nicht, doch »Graf von Ankh« klang richtig. Bestimmt gab es viele Frauen, die sich darüber freu- ten, die Schwiegermutter des Grafen von Ankh zu sein – selbst wenn sie dafür Nobby Nobbs zum Schwiegersohn bekamen. Nun, es gab bestimmt einige Frauen, die sich darüber freuen würden., Ein seltsamer Glanz entstand in Nobbys Augen. »Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Und einige der Töchter sind reich?« »Sicher besitzen sie mehr Geld als du.« »Und natürlich bin ich es der Nachwelt schuldig, dafür Sorge zu tragen, daß die Familie der Nobbses nicht ausstirbt«, meinte Nobby. Colon sah ihn mit der Besorgnis eines übergeschnappten Wissen- schaftlers an, der sowohl den Kopf aufgeschraubt als auch die Elektro- den an den Schläfen befestigt hat und nun beobachtet, wie sein Ge- schöpf Richtung Dorf wankt. »Potzblitz.« Nobbys Blick trübte sich ein wenig. »Ja, aber vorher ermitteln wir noch etwas«, sagte Colon. »Ich übernehme den Bereich der Schlachthäuser und du die Kröselstraße. Anschließend kehren wir zur Wache zurück, mit der beruhigenden Gewißheit, unsere Pflicht getan zu haben.« »Guten Tag, Kommandeur Mumm«, sagte Karotte und schloß die Tür hinter sich. »Hauptmann Karotte meldet sich zur Stelle.« Mumm saß zurückgelehnt auf seinem Stuhl und starrte aus dem Fen- ster. Es kam wieder Nebel auf. Das Opernhaus auf der anderen Seite erhob sich bereits hinter einem Schleier aus vagem Dunst. »Wir… äh… haben so viele Golems wie möglich überprüft«, berichtete Karotte und hielt unauffällig nach einer Flasche auf dem Schreibtisch Ausschau. »Es gibt kaum mehr welche. Elf von ihnen haben sich selbst zertrümmert oder sich den eigenen Schädel abgesägt. Gegen Mittag ha- ben die Leute damit begonnen, Golems zu zerschlagen oder ihnen die Worte aus dem Kopf zu nehmen. Eine üble Geschichte. Überall in der Stadt liegen Tonscherben herum. Anscheinend haben alle nur auf… eine Gelegenheit gewartet, Herr Kommandeur. Warum nur? Die Golems arbeiten, bleiben unter sich und schaden niemandem. Einige von denen, die sich selbst… zerstörten, haben… Botschaften hinterlassen. Darin bringen sie Kummer und Scham zum Ausdruck. Immer wieder ist die Rede von ihrem Ton…« Mumm antwortete nicht., Karotte beugte sich zur Seite und nach vorn, um zu sehen, ob eine Fla- sche auf dem Boden stand. »Und die Zwerge in Gimlets Feinkostbude haben vergiftetes Rattenfleisch bekommen, Herr Kommandeur. Mit Arsen vergiftetes Rattenfleisch. Ich habe Feldwebel Colon und Nobby mit Ermittlungen beauftragt. Vielleicht ist es nur ein Zufall, aber man kann nie wissen.« Mumm drehte den Kopf. Er atmete tief durch wie jemand, der ver- sucht, sich unter Kontrolle zu halten. »Was haben wir übersehen, Hauptmann?« fragte er. Seine Stimme schien von weither zu kommen. »Herr Kommandeur?« »Das Schlafzimmer des Patriziers. Das Bett. Der Schreibtisch. Die Dinge darauf. Das Nachtschränkchen. Der Stuhl. Der Läufer. Alles. Wir haben alles ausgetauscht. Vetinari nimmt Nahrung zu sich. Wir haben das Essen überprüft, nicht wahr?« »Die gesamte Speisekammer, Herr Kommandeur.« »Tatsächlich? Ich schätze, etwas ist unserer Aufmerksamkeit entgan- gen. Ich weiß nicht, wie es passieren konnte, aber es gibt einen deutli- chen Hinweis darauf. Besser gesagt, zwei. Sie liegen auf dem Friedhof.« Mumm knurrte fast. »Was gibt es sonst noch? Kleinpo hat keine Spuren an Vetinari gefunden. Aber irgendwo muß es doch etwas geben! Wenn wir das Wie herausbekommen, können wir mit ein wenig Glück auch die Frage nach dem Wer beantworten.« »Er atmet die Luft im Palast länger als sonst jemand…« »Wir haben ihn in einem anderen Zimmer untergebracht! Selbst wenn jemand irgendwie die Luft vergiftet hätte… Der unbekannte Täter kann nicht auch im anderen Zimmer aktiv geworden sein, während wir anwe- send waren. Nein, es muß das Essen sein!« »Ich habe zugesehen, wie die Vorkoster davon probierten, Herr Kom- mandeur.« »Dann verbirgt sich das Gift an einer Stelle, wo wir nicht danach ge- sucht haben, verdammt! Menschen sind gestorben, Hauptmann! Frau Leicht ist tot!« »Wer?« »Hast du nie von ihr gehört?«, »Ich glaube nicht, Herr Kommandeur. Was hat sie gemacht?« »Was sie gemacht hat? Nichts, nehme ich an. Sie hat nur neun Kinder großgezogen, in zwei Zimmern, die nicht einmal genug Platz bieten, um sich in ihnen auszustrecken. Sie nähte Hemden für zwei Cent die Stunde, und zwar während aller Stunden, die ihr die verdammten Götter schick- ten. Sie hat nur gearbeitet und sich um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert, und jetzt ist sie tot, Hauptmann. Und ihr Enkel auch. Vier- zehn Monate alt ist er geworden. Er mußte sterben, weil ein Dienstmäd- chen ein paar Nahrungsmittel aus dem Palast mitgenommen hat! Weiche Pastete für die zahnlose Oma und das kränkelnde Kleinkind. Und weißt du was? Mildred glaubte, ich wollte sie wegen Diebstahl verhaften! Bei der verdammten Beerdigung! Jetzt geht es um Mord. Bisher war es ›nur‹ ein Attentat, Politik. Doch jetzt haben wir es mit Mord zu tun. Und nur deshalb, weil wir nicht die richtigen Fragen stellen, verdammt!« Die Tür wurde geöffnet. »Oh, guten Tag, Chef«, sagte Feldwebel Colon freundlich und hob kurz die Hand zum Helm. »Entschuldige bitte die Störung. Du hast be- stimmt viel zu tun, aber ich muß etwas fragen, um dich von der Liste unserer Ermittlungen zu streichen. Benutzt ihr hier Arsen?« »Äh… laß den guten Mann nicht draußen stehen, Fanley«, erklang eine nervöse Stimme, woraufhin der Arbeiter beiseite trat. »Guten Tag, Wachtmeister. Womit kann ich dienen?« »Wir ermitteln wegen Arsen. Das Zeug scheint an einem Ort aufge- taucht zu sein, wo es nichts zu suchen hat.« »Oh. Meine Güte. Na so was. Ich bin ziemlich sicher, daß wir kein Ar- sen einsetzen, aber komm doch herein. Wir fragen den Vorarbeiter, und bestimmt haben wir eine Tasse heißen Tee für dich.« Colon warf einen Blick über die Schulter. Nebel kam auf, und der Himmel wurde grau. »Klingt verlockend«, sagte er. Hinter ihm schloß sich die Tür. Eine Sekunde später verriet leises Kratzen, daß jemand den Riegel vor- schob., »Also schön«, sagte Mumm. »Noch einmal von vorn.« Er griff nach einer imaginären Schöpfkelle. »Ich bin der Koch. Ich habe diesen nahrhaften Haferschleim ange- rührt, der wie Hundepisse schmeckt. Ich fülle drei Näpfe damit. Alle beobachten mich. Jeder Napf ist gründlich gespült. Gut. Die Vorkoster nehmen einen davon, den anderen überprüft Kleinpo. Ein Diener – du, Karotte – nimmt den dritten und…« »… stellt ihn in den Speiseaufzug. In jedem Zimmer gibt es einen.« »Das Essen wird nicht nach oben getragen?« »Es sind sechs Stockwerke, Herr Kommandeur. Die Speisen kämen kalt oben an.« »Na schön… Halt. Wir haben etwas vergessen. Der Napf… Stellst du ihn auf ein Tablett?« »Ja.« »Dann aufs Tablett damit.« Karotte nahm den unsichtbaren Napf und stellte ihn auf das unsicht- bare Tablett. »Sonst noch was?« fragte Mumm. »Ein Stück Brot, Herr Kommandeur. Und wir kontrollieren den Laib.« »Suppenlöffel?« »Ja.« »Steh nicht einfach so da. Aufs Tablett damit.« Karotte fügte dem unsichtbaren Napf ein ebenso unsichtbares Stück Brot sowie einen substanzlosen Löffel hinzu. »Sonst noch was?« erkundigte sich Mumm. »Salz und Pfeffer?« »Ich glaube, ich erinnere mich an Salz- und Pfefferstreuer, Herr Kom- mandeur.« »Aufs Tablett damit.« Mumm spähte auf die Leere zwischen Karottes Händen. »Nein«, sagte er. »Das haben wir doch nicht übersehen, oder? Ich mei- ne… oder vielleicht doch?« Er streckte die Hand nach einem unsichtbaren Objekt aus., »Sag mir, daß wir das Salz überprüft haben«, brummte er. »Das ist der Pfeffer«, meinte Karotte. »Salz! Senf! Essig! Pfeffer!« stieß Mumm hervor. »Wir haben doch nicht die Speisen überprüft, um dem Patrizier anschließend zu gestatten, sie mit Gift zu würzen. Arsen ist ein Metall. Gibt es… metallische Salze? Sag mir, daß wir uns diese Frage gestellt haben. Wir sind doch nicht so dumm, oder?« »Ich gehe der Sache sofort auf den Grund.« Karotte sah sich verzwei- felt um. »Zuerst muß ich das Tablett irgendwo abstellen…« »Nein, noch nicht«, sagte Mumm. »Ich bin schon einmal an diesem Punkt gewesen. Man rennt nicht gleich los und ruft ›Gebt mir ein Hand- tuch!‹, nur weil man eine Idee hat. Suchen wir weiter. Der Löffel. Woraus besteht er?« »Gute Frage. Ich überprüfe das Besteck.« »Na bitte. Jetzt kommen wir weiter. Was trinkt Lord Vetinari?« »Abgekochtes Wasser, Herr Kommandeur. Wir haben es kontrolliert, die Gläser auch.« »Gut. Nun, wir haben das Tablett, und du stellst es in den Speiseauf- zug. Was geschieht dann?« »Die Männer in der Küche ziehen an den Seilen, und nach einer Weile erreicht das Tablett den sechsten Stock.« »Ohne einen Zwischenstop?« Karotte runzelte verwirrt die Stirn. »Sechs Stockwerke«, sagte Mumm. »Ein Schacht. Und darin ein Ka- sten, der nach oben gezogen und wieder heruntergelassen werden kann. Vermutlich gibt’s in jeder Etage eine Klappe, oder?« »Manche Etagen werden heute kaum noch benutzt…« »Noch besser für unseren Attentäter. Er steht einfach da und wartet, bis das Tablett vorbeikommt. Wir können nicht mit Gewißheit sagen, ob die Mahlzeit, die oben ankommt, genauso beschaffen ist wie jene, die unten dem Aufzug anvertraut worden ist.« »Ausgezeichnet, Herr Kommandeur!«, »Ich bin ziemlich sicher, daß es nachts passiert«, fuhr Mumm fort. »Abends geht es ihm recht gut, und morgens ist er dem Tode näher als dem Leben. Wann wird das Abendessen geschickt?« »Derzeit gegen sechs Uhr, Herr Kommandeur«, erwiderte Karotte. »Dann ist es bereits dunkel. Anschließend schreibt Lord Vetinari noch ein wenig.« »Na schön. Wir haben eine Menge zu tun. Komm.« Der Patrizier saß im Bett und las, als Mumm hereinkam. »Ah, Mumm«, sagte er. »Bald kommt dein Essen«, meinte der Kommandeur. »Ich möchte noch einmal betonen, daß wir unsere Aufgabe wesentlich leichter erfül- len könnten, wenn du dich in einem Quartier außerhalb des Palastes un- terbringen lassen würdest.« »Ja, daran zweifle ich nicht«, erwiderte Lord Vetinari. Im Speiseaufzug rasselte es. Mumm durchquerte das Zimmer und öff- nete die Klappe. Ein Zwerg hockte in dem Kasten. Zwischen seinen Zähnen steckte ein Messer, in jeder Hand hielt er eine Axt. Das Gesicht drückte grimmige Konzentration aus. »Meine Güte«, kommentierte Vetinari. »Ich hoffe, ihr habt wenigstens an den Senf gedacht.« »Irgendwelche Probleme, Obergefreiter?« fragte Mumm. »Keine besonderen Vorkommnisse«, brachte der Zwerg undeutlich hervor und nahm das Messer aus dem Mund. »Auf dem Weg nach oben ist überhaupt nichts passiert. Mir sind viele andere Klappen aufgefallen, und die meisten schienen unbenutzt zu sein. Ich habe sie trotzdem zuge- nagelt, wie von Hauptmann Karotte angeordnet.« »Gut. Runter mit dir.« Mumm schloß die Klappe. Es rasselte wieder, als der Kasten seine Rei- se zum Erdgeschoß begann. »Du denkst an alles, Mumm.« »Das hoffe ich, Herr.«, Kurz darauf kehrte der Kasten mit einem Tablett zurück. Mumm griff danach. »Nun, was gibt es heute abend?« fragte der Patrizier. »Eine klatschianische Spezial ohne Sardellen.« Mumm hob den Deckel. »Wir haben sie aus Rons Pizzabude um die Ecke. Ich glaube, niemand kann alle Speisen in der Stadt vergiften. Und das Besteck ist von mir.« »Du hast den wachen Verstand eines wahren Polizisten, Mumm.« »Danke, Herr.« »Ach? War das ein Kompliment?« Der Patrizier stach die Gabel mit der Neugier eines Entdeckers, der ein unbekanntes Land erforscht, mehr- mals in den Teig. »Ist das hier schon einmal gegessen worden, Mumm?« »Nein, Herr. So werden die Zutaten für eine klatschianische Spezial zerhackt.« »Oh. Ich verstehe. Und ich dachte schon, die Vorkoster hätten ihren Diensteifer ein wenig übertrieben. Meine Güte. Bestimmt steht mir ein einzigartiges kulinarisches Erlebnis bevor.« »Offenbar geht es dir besser«, entgegnete der Kommandeur steif. »Danke, Mumm.« Als Mumm gegangen war, aß Lord Vetinari die Pizza, zumindest die Teile davon, die er identifizieren konnte. Anschließend stellte er das Ta- blett beiseite und blies die Kerze auf dem Nachtschränkchen aus. Eine Zeitlang saß er im Dunkeln, tastete dann unter dem Kissen, bis seine Finger ein kleines scharfes Messer und eine Schachtel Streichhölzer be- rührten. Vetinari dankte der Vorsehung für Mumm. Seine verzweifelte, glühen- de und vor allem unangebrachte Kompetenz hatte etwas Liebenswertes. Wenn der arme Mann noch mehr Zeit brauchte, blieb dem Patrizier nichts anderes übrig, als ihm mit dem einen oder anderen Hinweis auf die Sprünge zu helfen. Karotte saß allein im Hauptbüro und beobachtete Dorfl., Der Golem stand noch immer reglos an der gleichen Stelle. Jemand hatte ihm ein Tischtuch über den einen Arm gehängt. Sein Schädel war nach wie vor geöffnet. Karotte stützte das Kinn auf die Hand und verbrachte einige Zeit mit Starren. Dann zog er die Schublade auf und holte Dorfls Schriftrolle hervor. Er erhob sich. Er ging zu dem Golem. Er legt ihm die Worte in den Kopf. Dorfls Augen begannen orange zu glühen, und die Farbe des gebrann- ten Tons änderte sich auf kaum merkliche Weise, als er vom Tod ins Leben überging. Karotte nahm den Griffel und die Schieferplatte des Golems, drückte ihm beides in die Hand und trat zurück. Der brennende Blick folgte ihm, als er Schwertgürtel, Brustharnisch, Wams und die Weste aus Wolle ablegte. Karottes Muskeln reflektierten das Glühen. Sie glänzten im Licht der Kerzen. »Keine Waffen«, sagte Karotte. »Keine Rüstung. Siehst du? Und jetzt hör mir zu…« Dorfl sprang vor und schwang die Faust. Karotte rührte sich nicht. Die Faust verharrte unmittelbar vor den nicht blinzelnden Augen. »Ich wußte, daß du dazu nicht fähig bist«, sagte Karotte, als der Golem erneut ausholte – diesmal kam seine Faust einen Zentimeter vor Karot- tes Bauch zum Stillstand. »Früher oder später mußt du mit mir reden. Beziehungsweise schreiben.« Dorfl zögerte und griff dann nach dem Stift. Nimm meine Worte! »Erzähl mir von dem Golem, der Menschen getötet hat.« Der Griffel bewegte sich nicht. »Die anderen haben sich umgebracht«, sagte Karotte. Ich weiß. »Woher weißt du davon?«, Der Golem starrte einige Sekunden, bevor er schrieb: Ton von meinem Ton. »Du spürst, was andere Golems fühlen?« fragte Karotte. Dorfl nickte. »Die übrigen Golems werden von aufgebrachten und ängstlichen Bür- gern zertrümmert«, fuhr Karotte fort. »Ich weiß nicht, ob ich daran et- was ändern kann. Aber ich werde es versuchen. Ich glaube, ich weiß jetzt, was passiert, Dorfl. Ich verstehe zumindest einen Teil davon. Du bist jemandem gefolgt, nicht wahr? Ton von deinem Ton. Jemand, der Schande über euch alle gebracht hat. Etwas ist schiefgegangen. Du hast versucht, die Sache in Ordnung zu bringen. Vermutlich hattet ihr große Hoffnungen. Doch die Worte in eurem Kopf bescheren euch immer wieder Enttäuschungen…« Der Golem stand wieder reglos da. »Du hast ihn verkauft, nicht wahr?« fragte Karotte leise. »Warum?« Der Griffel kratzte über die Schieferplatte. Golem braucht einen Herrn. »Warum? Weil die Worte das verlangen?« Golem braucht einen Herrn! Karotte seufzte. Menschen atmeten, Fische schwammen. Und ein Go- lem brauchte einen Herrn. »Ich weiß nicht, ob ich diese Angelegenheit klären kann. Fest steht, daß es niemand sonst versucht.« Dorfl stand so unbeweglich wie eine Statue. Karotte ging einige Schritte. »Ich frage mich, ob der alte Priester und Herr Hopkinson etwas unternahmen… oder halfen…«, sagte er und beo- bachtete dabei das Gesicht des Golems. »Und nachher… Etwas wandte sich gegen sie, fand die Welt ein bißchen zu…« Dorfl reagierte nicht. Karotte nickte. »Was auch immer geschehen sein mag: Du kannst ge- hen. Was von jetzt an passiert, hängt von dir ab. Ich helfe dir, wenn ich kann. Falls Golems Dinge sind, können sie keinen Mord begehen. Dann muß ich weiter ermitteln, um den Fall zu lösen. Aber wenn Golems ei- nen Mord begehen können, sind sie keine Dinge, sondern Personen. Dann, muß eure schreckliche Leidenszeit endlich aufhören. Was auch immer auf euch zutrifft: Du gewinnst so oder so, Dorfl.« Er drehte sich um und kramte in den Papieren auf dem Schreibtisch. »Das große Problem ist, daß sich alle jemanden wünschen, der ihre Gedanken liest und dafür sorgt, daß die Welt richtig funktioniert. Vielleicht teilen auch Golems diesen Wunsch.« Er wandte sich wieder Dorfl zu. »Ich weiß, daß ihr ein Geheimnis hü- tet. Aber wenn es so weitergeht wie bisher, gibt es bald niemanden mehr, der es hüten kann.« Karotte richtete einen hoffnungsvollen Blick auf Dorfl. Nein. Ton von meinem Ton. Ich verrate nichts. Karotte seufzte einmal mehr. »Nun, ich will dich nicht zwingen.« Er lä- chelte. »Obwohl ich es könnte. Indem ich deinen Worten einige hinzu- füge und dich damit redselig mache.« Dorfls Augen glühten heller. »Aber ich lehne diese Möglichkeit ab. Es wäre unmenschlich. Du hast niemanden ermordet. Ich darf dir deine Freiheit nicht vorenthalten. Weil du keine hast. Geh nur. Ja, du kannst gehen. Immerhin weiß ich, wo du wohnst.« Zu arbeiten heißt zu leben. »Was wünschen sich Golems, Dorfl? Ich habe gesehen, wie ihr Golems durch die Straßen wandert und die ganze Zeit arbeitet. Aber was erhofft ihr euch?« Eine Pause. Dorfl drehte sich um und verließ das Gebäude. »Verd***t«, sagte Karotte und leistete damit linguistisch Erstaunliches. Er trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch, stand dann abrupt auf, zog sich an und ging durch den Flur. Sein Ziel hieß Angua. Sie lehnte in Korporal Kleinpos winzigem Büro an der Wand und sprach mit dem Zwerg. »Ich habe Dorfl nach Hause geschickt«, sagte Karotte. »Hat er eins?« erwiderte Angua., »Sicher kehrt er zum Schlachthaus zurück. Aber derzeit ist es nicht be- sonders gut für einen Golem, allein in den Straßen von Ankh-Morpork unterwegs zu sein. Deshalb folge ich ihm und… Ist alles in Ordnung mit dir, Korporal Kleinpo?« »Ja, Herr Hauptmann«, erwiderte Gertie. »Du trägst einen… einen… einen…« Karottes Selbst rebellierte gegen die Vorstellung, daß ein Zwerg so etwas tragen konnte. Er begnügte sich mit: »Einen Kilt?« »Ja, Herr Hauptmann. Einen Kilt. Beziehungsweise Rock, Herr Hauptmann. Aus Leder.« Karotte suchte nach einer passenden Antwort und fand keine. »Oh.« »Ich begleite dich«, sagte Angua. »Gertie kümmert sich hier um die Wache und so.« »Ein… Kilt«, murmelte Karotte. »Oh. Na schön… Behalt hier alles im Auge, in Ordnung? Wir bleiben nicht lange fort. Und… äh… bleib hin- ter dem Schreibtisch sitzen.« »Komm«, drängte Angua. Draußen im Nebel fragte Karotte: »Findest du nicht auch, daß Kleinpo ein wenig… seltsam ist?« »Scheint mir eine ganz normale Zwergenfrau zu sein«, erwiderte An- gua. »Frau? Er hat dir gesagt, daß er eine Frau ist?« »Sie«, berichtigte Angua. »Wir sind hier in Ankh-Morpork. In dieser Stadt gibt es weitere Pronomen.« Sie roch Karottes Verwirrung. Natürlich wußten alle, daß es unter den vielen Schichten aus Leder und Kettenpanzer zwei verschiedene Ge- schlechter von Zwergen gab, damit die Existenz der Zwerge auch in Zukunft gesichert war. Aber das Thema wurde nur während besonders kritischer Phasen der Brautwerbung angeschnitten – um Peinlichkeiten vorzubeugen. »Nun, ich hätte von ihr genug Anstand erwartet, daß sie es für sich be- hält«, brachte Karotte schließlich hervor. »Ich meine, ich habe nichts gegen Frauen. Ich bin ziemlich sicher, daß meine Stiefmutter weiblichen, Geschlechts ist. Aber es ist wohl kaum sehr klug, einfach so herumzulau- fen und ganz deutlich darauf hinzuweisen.« »Karotte, ich glaube, mit deinem Kopf ist etwas nicht in Ordnung«, sagte Angua. »Ach?« »Vielleicht muß darin die eine oder andere Schraube angezogen wer- den. Ich meine… Gütiger Himmel! Ein bißchen Schminke, ein Rock… Und schon reagierst du, als hätte sich Gertie in Frau WaWa Wumm ver- wandelt, die im Skunk-Club auf Tischen tanzt!« Einige Sekunden herrschte schockierte Stille, während sie sich eine zwergische Striptease-Tänzerin vorstellten. Beide empfanden Abscheu. »Wenn die Leute nicht einmal in Ankh-Morpork sie selbst sein kön- nen…«, sagte Angua. »Wo dann?« »Es gibt bestimmte Probleme, wenn die Zwerge dahinterkommen«, meinte Karotte. »Ich konnte fast seine Knie sehen. Ihre Knie.« »Jeder hat Knie.« »Mag sein. Aber man fordert Schwierigkeiten heraus, wenn man sie so deutlich zur Schau stellt. Ich meine, ich bin an Knie gewöhnt. Ich kann sie mir ansehen und denken: ›O ja, Knie sind nur Gelenke in den Bei- nen.‹ Aber einige von den anderen Jungs…« Angua schnupperte. »Hier ist er nach links abgebogen. Die anderen Jungs was?« »Nun… ich weiß nicht, wie sie reagieren werden. Du hättest ihr nicht begegnen dürfen. Ich meine, es gibt natürlich weibliche Zwerge, aber sie sind wenigstens so anständig, es nicht zu zeigen.« Karotte hörte, wie Angua nach Luft schnappte. »Weißt du…«, sagte sie nachdenklich. »Ich habe deine Einstellung zu den Bürgern von Ankh- Morpork immer respektiert.« »Ja?« »Dingen wie Gestalt und Farbe gegenüber scheinst du blind zu sein, und das hat mich immer sehr beeindruckt.« »Ja?« »Und offenbar nimmst du Anteil.«, »Ja?« »Und du weißt, daß ich eine Menge für dich empfinde.« »Ja?« »Aber manchmal…« »Ja?« »Manchmal frage ich mich wirklich nach dem Grund dafür.« Dutzende von Kutschen parkten vor Lady Selachiis Villa, als Korporal Nobbs über die Zufahrt schlenderte. Er klopfte an die Tür. Ein Lakai öffnete. »Dienstboteneingang«, sagte er und wollte die Tür wieder schließen. Doch darauf war Nobbys Fuß vorbereitet. »Lies das hier.« Er hielt dem Mann zwei Zettel vors Gesicht. Auf dem ersten stand: Nachdem ich die Gutachten einiger Fachleute entgegengenommen und auch mit der Hebamme Frau Rutschtrocken gesprochen habe, erkläre ich hiermit: Mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit ist der Besitzer dieses Dokuments, C. W. St. John Nobbs, ein Mensch. Gezeichnet, Lord Vetinari Die zweite Mitteilung war ähnlich offizieller Natur und stammte vom Drachenkönig. Der Lakai riß die Augen auf. »Oh, es tut mir schrecklich leid, Euer Lordschaft.« Er richtete erneut einen Blick auf Korporal Nobbs. Nobby war glatt rasiert. Besser gesagt, als er sich zum letztenmal rasiert hatte, war er glatt rasiert gewesen. Doch sein Gesicht wies so viele kleine topo- graphische Merkmale auf, daß es wie ein sehr schlechtes Beispiel für Brandrodung aussah. »Meine Güte«, ächzte der Lakai. Er riß sich zusammen. »Normalerwei- se kommen die Besucher mit einer Einladungskarte.«, Nobby holte eine knittrige Karte hervor. »Ich muß jetzt erst einmal mit den hohen Tieren plaudern und so«, sagte er. »Aber nachher hätte ich nichts gegen eine Runde Leg-Herrn-Zwiebel-rein einzuwenden.« Der Lakai musterte ihn von Kopf bis Fuß. Es verschlug ihm die Spra- che. Er hatte natürlich Gerüchte gehört – wer nicht? –, daß der rechtmä- ßige König von Ankh-Morpork in der Stadtwache arbeitete. Eins stand fest: Wenn man ein heimlicher Thronerbe sein wollte, konnte man sich nicht besser tarnen als mit dem Gesicht von C. W. St. J. Nobbs. Andererseits war der Lakai Amateurhistoriker und wußte daher: Wäh- rend der langen monarchischen Geschichte von Ankh-Morpork hatten die verschiedensten Geschöpfe auf dem Thron gesessen, unter ihnen Bucklige, Einäugige, Sabberer und Leute, so häßlich wie die Sünde. Nach diesen Maßstäben war Nobby zweifellos sehr königlich. Zwar trug er keinen Buckel auf dem Rücken, dafür aber vorn und an den Seiten. In dieser Hinsicht konnte man kaum majestätischer sein. »Besuchst du solch einen Empfang zum erstenmal, Herr?« fragte er. »Ja«, bestätigte Nobby. »Ich bin sicher, das Blut Eurer Lordschaft wird sich der Herausforde- rung gewachsen zeigen«, sagte der Lakai. Ich muß fort, dachte Angua, als sie durch den Nebel eilten. Ich kann nicht länger von Monat zu Monat leben. Es ist keineswegs so, daß er nicht liebenswert wäre. Sicher gibt es kaum jemanden, der ihn an Warmherzigkeit übertrifft. Und genau das ist es. Sein warmes Herz gilt jedem und allem. Karottes Anteilnahme kennt keine Grenzen. Er weiß alles über jeden, weil ihn jeder interessiert. Seine Warmherzigkeit ist allgemeiner, nie persönlicher Natur. Er hält persönliche Dinge für nicht so wichtig. Wenn er doch nur eine anständige menschliche Eigenschaft hätte, zum Beispiel Egoismus. Ich bin sicher, daß er nicht bewußt daran denkt, aber ich weiß, daß ihn diese Werwolf-Sache tief in seinem Innern beunruhigt. Was die Leute hinter meinem Rücken sagen… Es berührt ihn. Und er weiß nicht, wie er damit fertig werden soll., Was haben die Zwerge neulich gemurmelt? »Sie spürt den Drang«, und: »Den Drang, sich den Magen zu füllen.« Ihr Gesichtsausdruck… Ach, ich achte einfach nicht darauf. Es gelingt mir fast immer, solche Bemer- kungen zu ignorieren. Aber Karotte… Ihn belastet der Spott sehr. Wenn er doch nur einmal wütend werden und jemanden niederschlagen würde! Ändern kann er damit natürlich nichts, aber es wäre sicher eine Erleich- terung für ihn, etwas Dampf abzulassen. Und es wird immer schlimmer. Bestenfalls erwischt man mich in ir- gendeinem Hühnerhaus, und dann geht’s rund. Oder jemand überrascht mich in seinem oder ihrem Zimmer… Angua versuchte, diese Gedanken zu verdrängen, aber es gelang ihr nicht ganz. Man konnte den Werwolf nur kontrollieren, nicht aber zäh- men… Es ist die Stadt. Hier gibt es zu viele Leute, zu viele Gerüche… Vielleicht würde es funktionieren, wenn wir irgendwo allein wären. Aber wenn es »Ich oder die Stadt« hieße, gäbe es für ihn nicht einmal die Qual der Wahl. Früher oder später muß ich zurück nach Hause. Das ist besser für ihn. Mumm wanderte durch die feuchte Nacht. Er war zu zornig, um einen klaren Gedanken zu fassen. Er hatte nichts erreicht und war dafür lange unterwegs gewesen. Es gab viele Indizien und Spuren. Mumm hatte alle logischen Maßnahmen ergriffen, und bestimmt hielt ihn inzwischen jemand für einen Narren. Vermutlich sah er für Hauptmann Karotte wie ein Tölpel aus. Immer wieder kamen ihm gute Ideen – die Ideen eines Polizisten –, doch jede von ihnen führte in eine Sackgasse. Er schrie und drohte, doch nichts schien zu klappen. Sie kamen einfach nicht weiter. Als einziges Ergebnis ihrer Bemühungen wuchs ihre Unwissenheit. Der Geist von Frau Leicht suchte seine Erinnerungen heim. Er erin- nerte sich kaum an sie. Damals war er nur einer von vielen rotznäsigen Jungen gewesen und Frau Leicht kaum mehr als ein besorgtes Gesicht über einer Schürze. Eine Frau aus der Unbesonnenheitsstraße. Sie nähte, um über die Runden zu kommen, ständig bemüht, den Schein zu wah-, ren. Wie die anderen Bewohner der Unbesonnenheitsstraße kroch sie durchs Leben, ohne um etwas zu bitten, und sie bekam noch weniger. Was hätte er sonst noch unternehmen können? Etwa die verdammte Tapete von den verdammten Wänden kratzen und… Mumm blieb stehen. In beiden Zimmern hing die gleiche Tapete. Sie hing in allen Zimmern der betreffenden Etage. Eine gräßliche grüne Tapete. Nein, unmöglich. Das konnte nicht sein. Schon seit Jahren schlief Ve- tinari in diesem Raum – falls er überhaupt schlief. Niemand konnte sich hineinschleichen und unbemerkt neu tapezieren. Vor Mumm wogte der Nebel, eine Lücke entstand in der Graue und zeigte ihm weiter vorn ein von Kerzen erhelltes Zimmer. Dann verdich- teten sich die Schwaden wieder. Der Nebel. Ja. Feuchtigkeit. Schob sich durch Ritzen und Fugen, gele- gentlich auch durch geöffnete Fenster, strich über Tapeten. Über alte, staubige, modrige Tapeten… Hatte Kleinpo sie kontrolliert? Eigentlich sah man sie überhaupt nicht. Die Tapeten befanden sich nicht im Zimmer, sondern definierten es vielmehr. Konnte jemand von den eigenen vier Wänden vergiftet wer- den? Mumm wagte kaum, daran zu denken. Wenn er diese Möglichkeit in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit rückte, verflüchtigte sie sich vielleicht wie alle anderen. Darauf lief es hinaus, sagte der Kern seines Selbst. All das Durchein- ander mit Verdächtigen und Spuren… Es diente dazu, den Körper zu amüsieren, während das Unterbewußtsein schuftete. Jeder echte Polizist wußte, daß man nicht nach Spuren suchte, um den Weg zum Schuldigen zu finden. Man begann vielmehr mit einer ziemlich klaren Vorstellung vom Täter – dann wußte man, nach welchen Spuren man suchen mußte. Wünschte er sich einen weiteren verwirrenden Tag, in der Hoffnung, daß einige gute Ideen Abwechslung brachten? Es war schlimm genug, den Ausdruck in Kleinpos Gesicht zu sehen, das neuerdings immer bun- ter zu werden schien., Mumm erinnerte sich an seine eigenen Worte. »Hm, Arsen ist also ein Metall. Ist vielleicht das Besteck daraus hergestellt worden?« Woraufhin Kleinpo mit betonter Geduld erklärt hatte: Ja, es war tatsächlich möglich, Löffel aus Arsen herzustellen; allerdings nützten sie nicht viel, weil sie sich in der Suppe sofort auflösten. Diesmal wollte Mumm erst gründlich überlegen, bevor er neue Vermu- tungen äußerte. »Der Graf von Ankh, der ehrenwerte Korporal Lord C. W. St. J. Nobbs!« Das Gemurmel der Gespräche verstummte. Köpfe drehten sich. Ir- gendwo in der Menge begann jemand zu lachen, doch die Nachbarn brachten den Betreffenden hastig zum Schweigen. Lady Selachii trat vor. Sie war eine hochgewachsene, kantig gebaute Frau, ausgestattet mit den typischen Merkmalen ihrer Familie: einem markanten Gesicht und dinarischer Nase. In gewisser Weise erinnerte sie an eine heransausende Axt. Sie machte einen Knicks. Viele der Gäste schnappten verblüfft nach Luft, folgten jedoch dem Beispiel der Gastgeberin, als sie ihnen einen scharfen Blick zuwarf. Ir- gendwo weiter hinter sagte jemand: »Aber der Bursche ist doch ein gräß- licher Prole…« Eine taktvolle Hand hinderte ihn daran, den Satz zu beenden. »Hat jemand etwas fallen gelassen?« fragte Nobby nervös. »Ich helfe gern bei der Suche.« Der Lakai erschien mit einem Tablett neben ihm. »Ein Drink gefällig, Euer Lordschaft?« »Ja, gute Idee, für mich einen Krug Winkels«, erwiderte Nobby. Kinnladen klappten nach unten. Lady Selachii faßte sich schnell. »Win- kels?« wiederholte sie. »Eine Art Bier, Euer Gnaden«, erklärte der Lakai., Die Lady zögerte kurz. »Ich glaube, der Butler trinkt Bier«, sagte sie. »Kümmere dich darum, Mann. Ich möchte ebenfalls einen Krug Win- kels. Was für eine interessante Idee.« Dieser Hinweis blieb nicht ohne Wirkung für die Gäste, die genau wußten, wo der Barthel den Most holte. »Ja! Ein ausgezeichneter Vorschlag! Für mich auch einen Krug Win- kels!« »Haha! Toll! Winkels für mich!« »Winkels für alle!« »Aber der Kerl ist doch ein Volli…« »Sei still!« Vorsichtig überquerte Mumm die Messingbrücke und zählte dabei die Flußpferde. Die Konturen einer neunten Gestalt zeichneten sich im Ne- bel ab, aber sie lehnte an der Brüstung und brummte auf vertraute – und für Mumm nicht bedrohliche – Weise vor sich hin. Schwache Luftbewe- gungen trieben dem Kommandeur einen noch schlimmeren Geruch als den des Flusses entgegen. Er schien Substanz zu haben, einem die Hän- de um den Hals zu legen und langsam zuzudrücken. Mumm versuchte, nur noch mit dem Mund zu atmen; seine Nase hätte vermutlich die Flucht ergriffen, wenn sie dazu imstande gewesen wäre. »… Mistunverflucht, Mistunverflucht, ich hab’s ihnen gesagt, steht auf und zieh das Ende ab? Jahrtausendhand und Krevetten! Gesagt hab ich’s ihnen, jawohl, und trotzdem stupsen sie…« »Guten Abend, Ron«, sagte Mumm, ohne einen zweiten Blick auf die Gestalt zu werfen. Der Stinkende Alte Ron folgte ihm. »Mistunverflucht, gebracht haben sie mich darum…« »Ja, Ron«, meinte Mumm unverbindlich. »Und Krevetten. Mistunverflucht, sag ich, schmier das Brot auf die Butterseite… Königin Molly rät dir, gut auf dich achtzugeben, Kom- mandeur.« »Wie bitte?«, »Und dann wird’s gebraten!« verkündete der Stinkende Alte Ron un- schuldig. »In die Hose gesteckt, sie alle, und dann haben sie mich darum gebracht, sie und ihr großes Wiesel!« Der Bettler schlurfte davon, und der Saum seines schmutzigen Mantels schleifte über den Boden. Der kleine Hund lief vor ihm, und es dauerte nicht lange, bis beide im Nebel verschwanden. Im Raum der Bediensteten ging es drunter und drüber. »Winkels Besonders Altes Bier?« fragte der Butler. »Hundertvier Krüge davon!« sagte der Lakai. Der Butler zuckte mit den Schultern. »Harry, Sid, Rob, Jeffrey – nehmt euch jeweils zwei Tabletts und lauft zum Königskopf! Was passiert jetzt?« »Normalerweise sollte jetzt eine Dichterlesung stattfinden, aber er er- zählt Witze.« »Anekdoten?« »Nicht unbedingt.« Eigentlich erstaunlich, daß es nieseln und gleichzeitig Nebel geben konn- te. Wind wehte direkt durchs offene Fenster, und Mumm mußte es schließen. Er zündete die Kerzen auf dem Schreibtisch an und holte sein Notizbuch hervor. Vielleicht hätte er jetzt den dämonischen Organzier benutzen sollen, aber er zog es vor, Worte aufzuschreiben und zu sehen. Dann fiel es ihm leichter, konzentriert nachzudenken. Er schrieb »Arsen«, malte einen großen Kreis darum und fügte diese Kommentare hinzu: »P. Tubelceks Fingernägel«, »Ratten«, »Vetinari« und »Frau Leicht«. Weiter unten auf die Seite schrieb er »Golems« und malte einen zweiten Kreis, den er mit folgenden Hinweisen versah: »P. Tubel- cek?« und »Herr Hopkinson?« Nach kurzem Zögern ergänzte er »gestoh- lener Ton« und »alter Ton, wiederverwendet«. Und dann schrieb er: »Warum gesteht ein Golem eine Tat, die er über- haupt nicht begangen hat?«, Mumm starrte eine Zeitlang ins Kerzenlicht, bevor er schrieb: »Ratten fressen Dinge.« Noch mehr Zeit verging. »Besaß der Priester etwas, das andere Leute haben wollten?« Rüstungsteile klapperten im Erdgeschoß, als eine Streife zurückkehrte. Ein Korporal rief etwas. »Worte«, schrieb Mumm. »Was besaß Herr Hopkinson? Zwergenbrot? – nicht gestohlen. Was besaß er sonst?« Mumm blickte darauf hinab und schrieb: »Bäckerei.« Er betrachtete das Wort, radierte es aus und schrieb statt dessen: »Backofen?« Er zog einen Kreis darum, auch um »gestohlener Ton«, und verband die beiden Kreise mit einer Linie. Unter den Fingernägeln des Priesters war Arsen gefunden worden. Hatte er vielleicht Rattengift ausgestreut? Für Arsen gab es viele Ver- wendungszwecke. Man konnte es praktisch bei jedem Alchimisten kau- fen. Mumm schrieb »Arsen-Mörder« und starrte darauf. Unter Fingernägeln klebte für gewöhnlich Schmutz; wenn es zu einem Kampf gekommen war, auch Blut oder Hautfetzen. Aber keine Schmiere oder Arsen. Erneut sah er auf die Notizbuchseite und dachte noch stärker nach, bevor er schrieb: »Golems leben nicht. Aber sie glauben, lebendig zu sein. Was tun lebende Geschöpfe? – Sie atmen, essen, besuchen den Abort.« Wieder zögerte Mumm, blickte kurz in den Nebel und schrieb dann: »Außerdem pflanzen sie sich fort.« Etwas kribbelte in ihm. Er malte einen Kreis um den Namen Hopkinson, zog von dort eine Linie zu einem anderen Kreis, in den er schrieb: »Er hatte einen großen Backofen.« Hmm. Kleinpo hatte darauf hingewiesen, daß man Ton in einem nor- malen Backofen nicht richtig brennen konnte. Aber vielleicht konnte man ihn falsch brennen. Einmal mehr sah er ins Kerzenlicht., Dazu waren sie doch nicht fähig, oder? Bei den Göttern… nein, be- stimmt nicht… Andererseits brauchte man nur Ton. Und einen frommen Mann, der es verstand, die richtigen Worte zu schreiben. Außerdem benötigte man jemanden, der die Gestalt formte. Doch im Laufe der Jahrhunderte hat- ten sich die Golems erhebliches manuelles Geschick angeeignet. Ihre großen Hände, die so sehr wie Fäuste wirkten… Und nachdem es geschehen war, hatten sie sicher die Zeugen beseiti- gen wollen. Wahrscheinlich war es für sie gar kein Mord, nur ein Aus- schalten… Mumm malte einen weiteren Kreis um »alter Ton, wiederverwendet«. Scherben, zerrieben und kleingemahlen. Und vielleicht auch… Sie hatten etwas von ihrem eigenen Ton hinzugefügt. Dorfl besaß jetzt einen neuen Fuß, einen, der nicht ganz paßte. Die Golems hatten Teile ihrer eigenen Körper geopfert, um einen neu- en Golem zu erschaffen. Es klang… eklig, hätte Nobby vielleicht gesagt. Mumm wußte nicht, wie er es nennen sollte. Ihm erschien es wie eine Angelegenheit von Ge- heimgesellschaften. »Ton von meinem Ton.« Von meinem Fleisch und Blut… Verdammte stumme Riesen. Wollten genauso sein wie ihre Schöpfer. Vielleicht sogar noch besser. Mumm gähnte. Schlaf. Er sollte sich hinlegen und ausruhen. Wie lange war er schon auf den Beinen? Er starrte auf die Seite. Automatisch sank seine Hand der untersten Schublade des Schreibtischs entgegen, wie immer, wenn er beunruhigt war und nachdachte. Jetzt lag dort natürlich keine Flasche mehr, aber alte Angewohnheiten… Ein gläsernes Pling erklang, gefolgt von einem leisen, verführerischen Gluckern. Mumms Hand kam mit einer dicken Flasche wieder zum Vorschein. Auf dem Etikett stand: Bärdrückers Whiskybrennerei. MakAber, Erste Wahl, Besonders Erlesen., Die braune Flüssigkeit schien voller Vorfreude an den Innenwänden der Flasche emporzukriechen. Mumm konnte es kaum fassen. Er hatte die unterste Schublade geöff- net, in dem sicheren Wissen, daß sie keine Flasche enthielt. Und doch lag eine darin. Das konnte eigentlich nicht sein. Er wußte, daß Karotte und Fred Co- lon ihn im Auge behielten. Seit seiner Hochzeit war er nicht mehr so dumm gewesen, zur Flasche zu greifen. Er hatte es Sybil versprochen… Doch dies war kein billiger Rachenputzer, sondern erstklassiger Ma- kAber. Er hatte ihn einmal probiert. An den Grund dafür erinnerte er sich jetzt nicht mehr. Für gewöhnlich hatte er nur Fusel in sich hineinge- schüttet, von einer Sorte, die betäubte wie ein wuchtiger Hammerschlag. Aber MakAber… Nur daran zu schnuppern war schon wie Silvester. Nur daran zu schnuppern… »Und sie sagte: ›Komisch – das habe ich in der vergangenen Nacht über- haupt nicht getan!‹« verkündete Korporal Nobbs. Er sah zu seinem Publikum und strahlte. Es war still. Nach einigen Sekunden begann irgendwo in der Menge ein Mann zu lachen, unsicher wie jemand, der bitterböse Blicke befürchtet. Ein weiterer Mann lachte. Zwei andere stimmten ein. Und dann lachten alle. Nobby freute sich. »Ich kenne da noch den Witz vom Klatschianer, der mit einem winzi- gen Klavier in die Taverne kam…«, begann er. »Ich glaube, das Büfett ist fertig«, sagte Lady Selachii mit fester Stim- me. »Gibt’s auch Schweinshachsen?« fragte Nobby fröhlich. »Eine große Portion Schweinshachsen schmeckt hervorragend, wenn man das Zeug mit Winkels runterspült.« »Normalerweise esse ich keine… Gliedmaßen«, stellte Lady Selachii fest., »Ein Schweinshachsen-Brötchen…«, schwärmte Nobby. »Nie ein Schweinshachsen-Brötchen probiert? Da hast du was verpaßt.« »Vielleicht ist es keine sehr… delikate Speise?« vermutete Lady Selachii. »Oh, du kannst die Kruste abschneiden«, meinte Nobby. »Auch die Zehennägel, wenn du unbedingt piekfein sein willst.« Feldwebel Colon öffnete die Augen und stöhnte. Schmerzen pochten zwischen seinen Schläfen. Man hatte ihn mit irgend etwas niedergeschla- gen, vielleicht mit einer Mauer. Und er war gefesselt worden, mit Stricken an Händen und Füßen. Er schien auf einem hölzernen Boden zu liegen, und Dunkelheit um- gab ihn. Ein schmieriger Geruch hing in der Luft, vertraut und gleichzei- tig auf fast quälende Weise fremdartig. Als sich seine Augen an die Finsternis gewöhnt hatten, bemerkte er dünne und matte Lichtstreifen um eine Tür. Außerdem hörte er Stim- men. Er versuchte, auf die Knie zu kommen, wodurch sich die stechenden Kopfschmerzen verdoppelten. Wenn man gefesselt wurde, bedeutete das nichts Gutes. Natürlich war es immer noch besser, als auf der Stelle getötet zu werden, aber vielleicht war das nur auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden. Früher war so etwas nie passiert. Wenn die Wächter damals einen Dieb oder so erwischt hatten, hielten sie ihm praktisch die Tür auf, damit er entkommen konnte. Dadurch bewahrte man den Frieden und vor allem die Gesundheit. Colon nutzte die Ecke zwischen der Wand und einer schweren Kiste, um sich in die Höhe zu stemmen. Im Vergleich mit seiner früheren Posi- tion war das kaum eine Verbesserung, aber als das Getöse hinter seiner Stirn nachließ, hüpfte er vorsichtig zur Tür. Auf der anderen Seite waren noch immer Stimmen zu hören. Abgesehen von Feldwebel Colon schien noch jemand in Schwierigkei- ten zu sein., »… Narr! Deshalb hast du mich hergeholt? Es gibt einen Werwolf in der Wache! Ah-ha. Sie gehört nicht zu deinen Idioten, sondern ist voll und ganz bimorphisch! Wenn du eine Münze wirfst, kann sie riechen, mit welcher Seite sie auf den Boden gefallen ist!« »Wie wär’s, wenn wir ihn töten und die Leiche fortschaffen?« »Glaubst du vielleicht, sie könnte den Unterschied zwischen einem le- benden und einem toten Körper nicht riechen?« Feldwebel Colon stöhnte leise. »Und wenn wir ihn durch den Nebel führen…« »Werwölfe können sogar Furcht wahrnehmen, Narr. Ah-ha. Warum hast du ihn sich nicht ein wenig umsehen lassen? Was hätte er schon entdeckt? Ich kenne ihn. Er ist ein dicker alter Feigling mit dem Gehirn eines, ah-ha, Schweins. Er stinkt die ganze Zeit nach Furcht.« Feldwebel Colon hoffte, daß sich in naher Zukunft nichts an seinem Geruch änderte. »Soll sich Meschugah um ihn kümmern, ah-ha.« »Bist du sicher? Der Bursche wird allmählich seltsam. Er stapft herum und schreit in der Nacht. Das ist doch nicht normal. Und er kriegt im- mer mehr Sprünge. Meine Güte, wenn man darauf vertraut, daß die Go- lems…« »Jeder weiß, daß man den Golems nicht trauen darf. Ah-ha. Gib ihm die notwendigen Anweisungen.« »Wie ich hörte, ist Mumm…« »Ich habe dafür gesorgt, daß Mumm keine Gefahr mehr darstellt!« Colon wich so leise wie möglich von der Tür zurück. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was es mit dem Ding namens Meschugah – offenbar von den Golems geschaffen – auf sich hatte. Er hielt es allerdings für eine gute Idee, sich nicht am gleichen Ort wie dieses Wesen aufzuhalten. Wenn er so einfallsreich wäre wie Kommandeur Mumm und Haupt- mann Karotte… Gab es hier irgendwo einen Nagel, mit dessen Hilfe er sich von den Fesseln befreien konnte? Sie saßen sehr stramm – es waren keine Stricke, sondern Schnüre, die mehrmals um seine Fußknöchel und Handgelenke geschlungen und zu allem Überfluß auch noch mehrmals, verknotet waren. Wenn er einen Gegenstand fand, an dem er sie reiben konnte… Aber entgegen aller Vernunft warfen gewisse Leute ihre gefesselten Gefangenen in Räume, in denen es weder Nägel, scharfkantige Steine noch Glasscherben gab. In besonders bedauerlichen Fällen fehlten sogar die alten Schrotteile, mit denen man einen voll einsatzfähigen Panzerwa- gen bauen konnte. Colon sank wieder auf die Knie und kroch über die Dielen. Er wäre jetzt selbst für einen Holzsplitter dankbar gewesen. Oder für ein ausge- franstes Metallstück. Oder für eine offene Tür, über der ein Schild mit der Aufschrift FREIHEIT hing. Er hätte sich mit allem zufriedengege- ben. Er bekam einen kleinen, kaum erkennbaren Lichtkreis auf dem Boden. Ein Astloch hatte sich schon vor langer Zeit aus dem alten Holz gelöst, und trübes, orangefarbenes Glühen drang hindurch. Colon legte sich auf den Boden und schob das eine Auge an die winzi- ge Öffnung heran. Unglücklicherweise geriet dadurch auch seine Nase in die Nähe des Loches. Ein entsetzlicher Gestank wehte ihm entgegen. Gut einen halben Meter weiter unten sah er ein kleines Floß. Sechs Ratten lagen darauf. Neben ihnen brannte ein Kerzenstummel. Ein winziges Ruderboot kam in Sicht. Eine Ratte lag darin, und mitt- schiffs, mit den Rudern in den Händen, saß… »Kleiner Irrer Arthur?« Der Gnom blickte auf. »Wer ist da?« »Ich bin’s, dein guter alter Kumpel Fred Colon! Kannst du mir helfen?« »Was machst du da oben?« »Ich bin gefesselt, und man will mich umbringen! Warum stinkt es da so sehr?« »Dies ist der gute alte Unbesonnenheitsbach. Nimmt die Abwässer al- ler Viehpferche auf. Da wird die Nase richtig frei, was? He, wie wär’s, wenn du mich ›König des goldenen Flusses‹ nennst?« »Man will mich töten, Arthur! Die Lage ist verdammt ernst!«, »Deine, nicht meine.« Verzweiflung keimte in Colon und gedieh rasch. »Ich bin den Bur- schen auf der Spur, die deine Ratten vergiftet haben«, sagte er. »Die Rattenfängergilde!« knurrte Arthur und hätte fast ein Ruder losge- lassen. »Ich wußte, daß sie dahintersteckt. Hier habe ich die anderen Rat- ten erwischt. Jetzt sind noch mehr da. Mausetot – beziehungsweise ratten- tot – sind die Biester.« »Ja! Und ich muß Kommandeur Mumm die Namen der Schuldigen nennen! Ich persönlich! Mit allen Armen und Beinen! Darauf legt er gro- ßen Wert!« »Weißt du eigentlich, daß du auf einer Falltür hockst?« erwiderte Ar- thur. »Warte mal.« Arthur ruderte davon. Colon rollte sich auf die Seite. Nach einer Weile kratzte es in der Wand, und der Feldwebel bekam einen Tritt ans Ohr. »Au!« »Kann man bei dieser Sache Geld verdienen?« fragte der Kleine Irre Arthur und hob den Kerzenstummel. Das winzige Ding erinnerte Colon an die Kerzen, die in die Torte für einen Kindergeburtstag gesteckt wur- den. »Was ist mit deinen Pflichten der Allgemeinheit gegenüber?« »Also kein Geld, wie?« »Jede Menge! Das verspreche ich! Und jetzt binde mich los!« »Das ist eine Schnur«, sagte Arthur und hantierte irgendwo im Bereich von Colons Händen. »Nicht einmal ein richtiger Strick.« Der Feldwebel spürte, wie seine Hände freikamen. Allerdings blieb der Druck um seine Handgelenke. »Wo ist die Falltür?« fragte er. »Unter dir. Eignet sich gut dafür, Sachen loszuwerden. Von unten sieht sie so aus, als sei sie schon seit Jahren nicht mehr geöffnet worden. He, in den Tunneln wimmelt’s jetzt überall von toten Ratten! So dick wie dein Kopf und zweimal so tot! Die Viecher, die ich für Gimlet gefangen habe… erschienen mir sonderbar träge.«, Die Schnur gab nach, und dann waren auch Colons Beine frei. Er setz- te sich auf und massierte sie. »Gibt es einen anderen Ausgang?« fragte er. »Jede Menge für mich, keinen für dich, Großer«, erwiderte der Kleine Irre Arthur. »Ich schätze, dir bleibt nichts anderes übrig, als zu schwim- men.« »Was? Ich soll in die Brühe da unten springen?« »Keine Sorge, du kannst nicht darin ertrinken.« »Bist du sicher?« »Ja. Aber du könntest ersticken. Hast du noch nie von dem Fluß ge- hört, auf dem man ohne Boot vorankommt?« »Abgesehen vom Ankh?« vergewisserte sich Colon. »Meinst du die Suppe da unten?« »Es liegt an dem Vieh in den Pferchen«, erklärte der Kleine Irre Ar- thur. »Eingesperrtes Vieh ist immer ein wenig nervös.« »Kann ich gut verstehen.« Vor der Tür knarrte etwas. Es gelang Colon, auf die Beine zu kommen. Die Tür öffnete sich. Eine Gestalt füllte den Rahmen. Wegen des Lichts hinter ihr war sie nur eine Silhouette, doch Colon bemerkte dreieckige glühende Augen. In mancher Hinsicht war der Körper des Feldwebels intelligenter als sein Geist, und er reagierte nun. Er nutzte den vom Gehirn ausgelösten Adrenalinschub, sprang aus dem Stand fast einen Meter hoch und richte- te die Zehen nach unten, so daß die eisenbeschlagenen Spitzen seiner Stiefel auf die Falltür prallten. Der Schmutz von vielen Jahren gab ebenso nach wie das rostige Eisen. Colon setzte seinen Weg nach unten fort. Zum Glück war der Körper vernünftig genug, sich die Nase zuzuhalten, als er mit einem Blob in den stinkenden Bach fiel. Die meisten Leute ringen nach Luft, wenn sie ins Wasser fallen. Feld- webel Colon bemühte sich, nicht zu atmen. Die Alternative war viel zu schrecklich, um darüber nachzudenken., Er kam wieder nach oben, zum Teil von Gasen getragen, die sich aus dem dahinrinnenden Schleim lösten. Ein oder zwei Meter entfernt brannte die Kerze auf Arthurs Floß mit bläulicher Flamme. Etwas landete auf Colons Helm und trat nach ihm wie jemand, der ei- nem Pferd die Sporen gibt. »Nach rechts! Und los!« In einer Mischung aus Schwimmen und Gehen arbeitete sich der Feldwebel durch die gräßliche Masse. Das Grauen verlieh ihm Kraft. Bestimmt verlangte es später den geleisteten Kredit mit hohen Zinsen zurück, aber jetzt ließ Colon Kielwasser hinter sich zurück – eine Lücke, die sich erst nach wenigen Sekunden schloß. Er stoppte, als der Druck auf seinem Kopf nachließ, was nur bedeuten konnte, daß sie im Freien waren. Colon tastete umher, berührte den schmierigen Pfahl einer Landungsbrücke und hielt sich schnaufend daran fest. »Was war das für ein Ding?« fragte der Kleine Irre Arthur. »Golem«, keuchte Colon. Er streckte die Hände nach den Planken aus und versuchte, sich em- porzuziehen, sank jedoch ins Wasser zurück. »He, habe ich da gerade was gehört?« fragte der Kleine Irre Arthur. Feldwebel Colon stieg wie eine unter Wasser gestartete Rakete empor und landete auf dem Kai, wo er in sich zusammensackte. »Muß ein Vogel oder so gewesen sein«, sagte der Kleine Irre Arthur. »Wie nennen dich eigentlich deine Freunde, Kleiner Irrer Arthur?« brummte Colon. »Weiß nicht. Hab keine.« »Na, das ist wirklich eine Überraschung.« Lord de Nobbes hatte jetzt viele Freunde. »Hoch die Tassen! Und runter damit!« rief er. Überall um ihn herum erklang schrilles Gelächter., In der Menge lächelte Nobby glücklich. Nie zuvor hatte er sich so sehr amüsiert und dabei die Kleidung anbehalten. In einer fernen Ecke von Lady Selachiis Salon schloß sich diskret die Tür. Dahinter nahmen anonyme Herren in den gemütlichen Sesseln des Rauchzimmers Platz und musterten sich erwartungsvoll. »Es ist erstaunlich«, sagte schließlich jemand. »Wirklich erstaunlich. Der Mann hat tatsächlich Charisma.« »Wie bitte?« »Ich meine, er ist so schrecklich, daß er die Leute fasziniert. Zum Bei- spiel seine Geschichten… Habt ihr bemerkt, daß man ihn ermutigt hat, noch mehr davon zum besten zu geben? Niemand konnte sich vorstel- len, daß jemand solche Witze in gemischter Gesellschaft erzählt.« »Mir gefiel der über den sehr kleinen Mann, der Klavier spielte…« »Und sind euch seine Tischmanieren aufgefallen?« »Nein.« »Na bitte!« »Und der Geruch! Vergeßt nicht seinen Geruch!« »Eher… seltsam als schlimm.« »Ich habe festgestellt, daß sich nach einigen Minuten die Nase schließt, und dann…« »Ich meine, in gewisser Weise zieht er die Leute an.« »Wie eine öffentliche Hinrichtung.« Es wurde still, als die Herren nachdachten. »Scheint immer recht gut gelaunt zu sein.« »Außerdem ist er nicht besonders intelligent.« »Gib ihm einen Krug Bier und… und das Wasauchimmer mit Zehen- nägeln dran – dann ist er so glücklich wie ein Schwein im Dreck.« »Ich glaube, das ist eine Beleidigung.« »Entschuldigung.« »Ich habe einige prächtige Schweine.« »Ja.«, »Nun, ich kann mir gut vorstellen, wie er Bier trinkt und… Füße ißt, während er seine königlichen Proklamationen unterschreibt.« »In der Tat. Ja. Äh… glaubt ihr, daß er lesen kann?« »Spielt das eine Rolle?« Erneute Stille wies auf fleißiges Nachdenken hin. »Da wäre noch etwas anderes…«, ließ sich jemand vernehmen. »Wir brauchen uns keine Sorgen über eine ungelegene königliche Nachfolge zu machen.« »Wie kommst du darauf?« »Könnt ihr euch irgendeine Prinzessin vorstellen, die ihn heiratet?« »Nun… es heißt, daß sie Frösche küssen…« »Frösche, ja.« »Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, daß Macht und Königtum starke Aphrodisiaka sind.« »Wie stark, deiner Meinung nach?« Wieder wurde es still. »Vielleicht nicht stark genug.« »Er sollte seinen Zweck erfüllen.« »Und ob.« »Drachenkönig hat eine gute Wahl getroffen. Der kleine Narr ist doch nicht wirklich ein Graf, oder?« »Ich bitte dich!« Gertie Kleinpo saß voller Unbehagen auf dem hohen Stuhl hinter dem Schreibtisch. Ihre derzeitige Aufgabe bestand darin, eine Liste über die Streifen, die das Wachhaus verließen und zurückkehrten, zu führen. Einige Männer warfen ihr erstaunte Blicke zu, schwiegen jedoch. Ger- tie wollte sich bereits entspannen, als die vier Zwerge von der Königs- straßenstreife eintrafen. Sie starrten sie groß an. Sie sahen zu ihren Ohren. Ihre Blicke wanderten nach unten. Der Schreibtisch hatte keine Rück- wand. Wenn man davor stand und den Blick senkte, sah man normaler-, weise die untere Hälfte von Feldwebel Colon – auf der Liste der erotisch anregenden Dinge stand diese nicht einmal an letzter Stelle. »Das ist… Frauenkleidung, nicht wahr?« fragte einer der Zwerge. Gertie schluckte. Was jetzt? Sie hatte gehofft, daß Angua anwesend war. Die Leute beruhigten sich immer, wenn sie lächelte – es war wirk- lich bemerkenswert. »Nun?« brachte sie mit vibrierender Stimme hervor. »Was ist los? Darf ich etwa keine Frauenkleidung tragen?« »Und… an deinem Ohr…« »Ja?« »Das ist… meine Mutter hat nie… Wie abscheulich! Und noch dazu in aller Öffentlichkeit! Was ist, wenn Kinder hereinkommen?« »Ich sehe deine Fußknöchel!« entfuhr es dem zweiten Zwerg. »Darüber spreche ich mit Hauptmann Karotte«, kündigte der dritte Zwerg an. »Es ist einfach unerhört!« Zwei der vier Zwerge eilten zum Umkleideraum. Der dritte folgte ih- nen, zögerte jedoch, als er auf die Höhe des Schreibtischs kam. Er warf Gertie einen verzweifelten Blick zu. »Es… äh… sind hübsche Fußknöchel«, sagte er und sprintete davon. Der vierte Zwerg wartete, bis die anderen drei verschwunden waren. Dann trat er an den Schreibtisch heran. Gertie zitterte vor Nervosität. »Ich will keine Bemerkungen über meine Beine hören!« sagte sie und hob drohend den Zeigefinger. »Äh…« Der Zwerg warf einen raschen Blick nach rechts und links und beugte sich dann vor. »Äh… ist das… Lippenstift?« »Ja! Hast du was dagegen?« »Äh…« Der Zwerg beugte sich noch etwas weiter vor, senkte die Stimme und fragte in verschwörerischem Tonfall. »Könnte… ich es auch mal versuchen?« Angua und Karotte wanderten stumm durch den Nebel. Gelegentlich wies Angua knapp die Richtung an., Schließlich blieb sie stehen. Bisher hatte Dorfls Fährte – eine Spur, die nach altem Fleisch und Kuhdung roch – direkt zum Schlachthausviertel geführt. »Er ist durch diese Gasse gegangen«, sagte Angua. »Damit kehrt er praktisch in die Richtung zurück, aus der er kam. Und er hat es eiliger. Und… ich rieche auch viele Menschen und… Würstchen?« Karotte begann zu laufen. Viele Leute und Würstchen bedeuteten eine Vorstellung jenes besonderen Straßentheaters, das in Ankh-Morpork als Leben galt. Weiter vorn hatte sich eine Menge eingefunden. Offenbar weilte sie bereits eine ganze Weile dort, denn eine vertraute Gestalt war dabei. Sie trug einen Bauchladen und versuchte, über die Köpfe der vor ihr Ste- henden hinwegzusehen. »Was ist hier los, Herr Schnapper?« fragte Karotte. »Oh, hallo, Hauptmann. Man hat einen Golem erwischt.« »Wer?« »Oh, einige Burschen. Sie haben sich gerade Hämmer besorgt.« Vor Karotte drängten sich die Leute zusammen. Er preßte die Hände gegeneinander, rammte sie zwischen zwei Männer und schob sie ausein- ander. Brummend und widerstrebend teilte sich die Menge vor Karotte wie eine Wassermasse vor einem besseren Propheten. Dorfl stand am Ende der Gasse. Drei Männer mit Hämmern näherten sich ihm mit einer Vorsicht, die verriet, daß keiner von ihnen als erster zuschlagen wollte, aus Furcht, daß der zweite Hieb ihn selbst traf. Der Golem kauerte sich nieder und hob seine Schieferplatte wie ein Schild. Darauf stand: Ich bin 530 Dollar wert. »Geld?« schnaubte einer der Männer. »Nur daran denkt ihr, wie?« Die Schieferplatte zersplitterte unter einem Hammerschlag. Der Mann wollte erneut mit dem Hammer ausholen – und schlug fast einen Salto, als sich das Ding plötzlich nicht mehr von der Stelle rührte., »Man kann nur an Geld denken, wenn man nichts anderes hat als einen Preis«, sagte Karotte ruhig und nahm den Hammer an sich. »Was treibst du hier, mein Freund?« »Du kannst uns nicht aufhalten!« grollte der Mann. »Jeder weiß, daß Golems nicht leben!« »Ich kann dich wegen Sachbeschädigung verhaften«, erwiderte Karotte. »Einer von diesen Kerlen hat den alten Priester ermordet!« »Ach?« Karotte gab sich überrascht. »Wenn es nur Dinge sind… Wie können sie dann einen Mord begehen? Ein Schwert ist ein Ding.« Er zog sein Schwert. Es glitt mit einem seidenen Geräusch aus der Scheide. »Und du gibst doch sicher nicht dem Schwert die Schuld, wenn es je- mand auf dich richtet, oder?« Der Mann schielte, als er versuchte, den Blick auf die Klinge zu rich- ten. Einmal mehr staunte Angua. Karotte bedrohte den Mann nicht. Er be- nutzte das Schwert nur, um… seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Es ging ihm nur darum. Es hätte ihn sicher verblüfft zu erfahren, daß man die Sache auch anders sehen konnte. Eine Stimme in Angua flüsterte: Man braucht ein sehr komplexes Wesen, um so einfach zu sein wie Karotte. Der Mann schluckte. »Guter Hinweis«, sagte er. »Ja, aber… man kann ihnen nicht trauen«, warf einer der anderen Hammerträger ein. »Schleichen dauernd herum und sprechen kein Wort. Was heckt ihr aus, hm?« Er trat nach Dorfl. Der Golem schwankte ein wenig. »Das versuchen wir derzeit herauszufinden«, sagte Karotte. »Bis wir al- les geklärt haben, solltet ihr euch um eure eigenen Angelegenheiten kümmern…« Der dritte Mann befand sich erst seit kurzer Zeit in der Stadt und hielt nur deshalb einen Hammer in der Hand, weil er sich an den anderen beiden ein Beispiel nahm., Er hob nun den Hammer und wollte ein spöttisches »Ach, meinst du?« an Karotte richten, doch ein Knurren dicht neben seinem Ohr hinderte ihn daran. Es war leise und klang eher sanft, hatte aber jene besondere Wellenform, die ein ganz bestimmtes, knubbliges Teil des Rückgrats erreichte und dort den Schalter für »primordiales Entsetzen« umlegte. Der Mann drehte sich um. Eine attraktive Wächterin lächelte freund- lich. Besser gesagt, ihre Mundwinkel neigten sich nach oben, und alle ihre Zähne waren zu sehen. Der Hammer fiel ihm auf den Fuß. »So ist es richtig«, lobte Karotte. »Ich war schon immer der Meinung, daß man mit einem freundlichen Wort und einem Lächeln viel erreichen kann.« Die Zuschauer starrten ihn mit dem Gesichtsausdruck an, den sie im- mer aufsetzten, wenn sie es mit Karotte zu tun bekamen. Er basierte auf der verblüffenden Erkenntnis, daß er es ernst meinte. Das fanden sie so ungeheuerlich, daß ihnen der Atem stockte. Die Leute wichen zurück und verließen die Gasse. Karotte wandte sich an den Golem, der auf die Knie gesunken war und die einzelnen Teile seiner Schieferplatte einsammelte. »Komm, Dorfl«, sagte er. »Wir begleiten dich den Rest des Weges.« »Bist du übergeschnappt?« entfuhr es Socke. Er versuchte, die Tür wie- der zu schließen. »Glaubst du etwa, ich will das Ding zurück?« »Er gehört dir«, sagte Karotte. »Einige Leute haben versucht, ihn zu zertrümmern.« »Du hättest sie nicht daran hindern sollen«, erwiderte der Fleischer. »Weißt du nicht, was man sich über sie erzählt? Ich will keinen solchen Burschen unter meinem Dach!« Erneut versuchte er, die Tür zu schließen. Karottes Fuß ließ es nicht zu. »Ich fürchte, in dem Fall machst du dich eines Vergehens schuldig«, sagte Karotte. »Der Umweltverschmutzung.« »Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein!«, »Ich meine es immer ernst«, entgegnete Karotte. »Er meint es immer ernst«, bestätigte Angua. Socke gestikulierte ausladend. »Das Ding soll verschwinden. Weg mit dir! Ich will keinen Mörder in meinem Schlachthaus! Du kannst den Go- lem haben, wenn du willst.« Karotte griff nach der Tür und drückte sie mühelos auf. Socke wich zurück. »Willst du etwa einen Hauptmann der Wache bestechen, Herr Socke?« »Bist du verrückt?« »Ich bin immer vernünftig«, sagte Karotte. »Er ist immer vernünftig«, seufzte Angua. »Wächter dürfen keine Geschenke annehmen«, stellte Karotte fest. Er sah zu Dorfl, der einsam und verlassen auf der Straße stand. »Aber ich bin bereit, ihn dir abzukaufen. Zu einem fairen Preis.« Sockes Blick glitt einige Male zwischen Karotte und dem Golem hin und her. »Du willst ihn kaufen? Du bietest mir Geld für ihn an?« »Ja.« Der Fleischer zuckte mit den Schultern. Wenn Leute Geld anboten, durfte man sich nicht damit aufhalten, ihre geistige Gesundheit in Frage zu stellen. »Nun, wenn das so ist… Ich habe fünfhundertdreißig Ankh- Morpork-Dollar für ihn bezahlt. Aber inzwischen hat er einiges dazuge- lernt…« Angua knurrte. Der Abend war recht anstrengend gewesen, und dann noch der überwältigende Fleischgeruch. »Eben wolltest du ihn fortja- gen…« »Nun, ja, da wußte ich noch nicht, daß ich ihn verkaufen kann. Ge- schäft ist Geschäft…« »Ich zahle dir einen Dollar«, sagte Karotte. »Einen einzigen Dollar? Das ist Diebstahl am hellichten Ta…« Angua streckte ruckartig die Hand aus und schloß sie um Sockes Hals. Sie spürte das Pulsieren der Adern, roch Blut und Furcht… Hastig ver- suchte sie, an Kohl zu denken., »Es ist Nacht«, grollte sie. Socke vernahm den Ruf der Wildnis, so wie zuvor der Mann in der Gasse. »Ein Dollar«, krächzte er. »In Ordnung. Fairer Preis. Ein Dollar.« Karotte holte einen Dollar hervor. Und winkte mit seinem Notizbuch. »Wir brauchen eine Quittung«, sagte er. »Um den Eigentumswechsel zu dokumentieren.« »Ja. Einverstanden. Wie du meinst. Bin gern zu Diensten.« Socke warf Angua einen verzweifelten Blick zu. Ihr Lächeln wirkte irgendwie nicht echt… Rasch schrieb er einige Zeilen. Karotte blickte ihm über die Schulter. Ich Gerhardt Socke übertrage dem Inhaber dieser Kwittung das folle und ausschliessige Eigentumsrecht an dem Golem Dorfl und zfar für Einen Dollar und damit ist er von jetzt an für alles verantwortlich was der Bursche anstellt ich habe damit nix mehr zu tun. Gezeigt, Gerhardt Socke. »Interessante Formulierung, aber es sieht eigentlich ganz legal aus«, meinte Karotte und nahm die Quittung entgegen. »Herzlichen Dank, Herr Socke. Ich glaube, diese Lösung des Problems stellt alle Beteiligten zufrieden.« »Ist das alles? Kann ich jetzt meine Ruhe haben?« »Ja, und…« Die Tür fiel ins Schloß. »Oh, gut gemacht«, sagte Angua. »Jetzt hast du also einen Golem. Weißt du auch, daß du für das verantwortlich bist, was er anstellt?« »Wenn die Verantwortung allein bei den Besitzern liegt… warum wer- den dann die Golems zertrümmert?« »Was willst du überhaupt mit ihm anfangen?« Karotte blickte nachdenklich zu Dorfl, der mit gesenktem Kopf auf den Boden starrte., »Dorfl?« Der Golem sah auf. »Hier ist die Quittung. Du brauchst keinen Herrn.« Dorfl nahm den Zettel entgegen und hielt ihn zwischen dicken Fin- gern. »Es bedeutet, daß du dir selbst gehörst«, sagte Karotte aufmunternd. »Du bist dein eigener Herr.« Der Golem hob und senkte die Schultern. »Was hast du erwartet?« fragte Angua. »Daß er mit einer Fahne winkt?« »Ich glaube, er versteht nicht«, erwiderte Karotte. »Es ist immer schwierig, neue Ideen in die Köpfe der Leute hineinzubekommen…« Er unterbrach sich abrupt. Behutsam zog er den Zettel aus Dorfls Fingern. »Ich schätze, es könn- te klappen«, sagte er. »Es ist nicht besonders taktvoll, aber immerhin kommt es in erster Linie auf die Worte an…« Karotte öffnete die Klappe von Dorfls Schädel und legte den Zettel hinein. Der Golem blinzelte. Anders ausgedrückt, seine Augen wurden dunkel und glühten dann wieder. Ganz langsam hob er eine Hand und klopfte sich damit auf den Kopf. Er hob auch die andere Hand und drehte sie so hin und her, als sähe er sie zum erstenmal. Er blickte auf seine Füße hin- ab und zu den vom Nebel verschleierten Gebäuden. Er blickte zu Karot- te und zu den Dunstschwaden über der Straße. Anschließend richtete er den Blick erneut auf Karotte. Dann kippte er steif nach hinten, ohne daß sich der Körper krümmte. Mit einem dumpfen Pochen prallte er auf den Boden, und das matte Licht in seinen Augen erlosch. »Na bitte«, sagte Angua. »Er ist kaputt. Können wir jetzt gehen?« »Seine Augen glühen noch etwas«, entgegnete Karotte. »Ich glaube, es war zuviel für ihn. Wir können ihn nicht einfach so liegenlassen. Viel- leicht erholt er sich, wenn ich ihm die Quittung wieder aus dem Kopf nehme…«, Er ging neben dem Golem in die Hocke und griff nach der Schädel- klappe. Dorfls Hand bewegte sich so schnell, daß sie sich überhaupt nicht zu bewegen schien. Sie war einfach da und schloß sich um Karottes Unter- arm. »Aha«, sagte der Hauptmann und zog seinen Arm zurück. »Offenbar geht es ihm schon wieder besser.« »Thsssss«, sagte Dorfl. Die Stimme des Golems zitterte im Nebel. Golems hatten einen Mund. Er gehörte zu ihrer allgemeinen Struktur. Dorfls Mund stand offen, und rotes Licht leuchtete daraus hervor. »Bei den Göttern!« Angua wich zurück. »Golems können nicht sprechen!« »Thssss!« Es war keine Silbe in dem Sinn. Es klang eher wie entwei- chender Dampf. »Wo sind die Reste deiner Schieferplatte?« Karotte sah sich nach ihnen um. »Vielleicht ist eine Scherbe groß genug, daß du etwas darauf schrei- ben kannst…« »Thssss!« Dorfl stand auf, schob Karotte mit sanftem Nachdruck beiseite und stapfte davon. »Bist du jetzt zufrieden?« fragte Angua. »Ich habe keine Lust, dem ver- dammten Ding zu folgen! Vielleicht will es in den Fluß springen!« Karotte lief dem Golem einige Meter hinterher, blieb dann stehen und drehte um. »Warum haßt du sie so sehr?« erkundigte er sich. »Das verstehst du nicht«, sagte Angua. »Vielleicht kannst du es auch gar nicht verstehen. Es hat… mit uns Untoten zu tun. Golems erinnern uns daran, daß wir keine Menschen sind.« »Aber du bist doch ein Mensch!« »Drei Wochen im Monat. Begreifst du denn nicht? Wenn man die gan- ze Zeit sehr vorsichtig sein muß, ist es einfach schrecklich zu erleben, wie solche Dinge akzeptiert werden. Sie leben nicht einmal. Trotzdem können sie umherlaufen, ohne daß jemand beiläufig Silber oder Kno-, blauch erwähnt. So war’s zumindest bis vor kurzer Zeit. Es sind Maschi- nen, geschaffen für die Arbeit.« »So hat man sie zumindest behandelt«, sagte Karotte. »Du bist mal wieder so vernünftig!« entfuhr es Angua scharf. »Mit vol- ler Absicht siehst du die Sache aus dem Blickwinkel aller Beteiligten! Kannst du nicht einmal versuchen, unfair zu sein?« Nobby blieb einige Minuten allein, während um ihn herum die Stimmen weiter summten und brummten. Er nutzte die gute Gelegenheit, mit spitzen Ellenbogen einige Kellner vom Büfett fortzuschieben. Derzeit kratzte er mit seinem Messer die letzten Reste aus seiner Schüssel. »Ah, Lord de Nobbes«, sagte jemand hinter ihm. Er drehte sich um. »Tagchen«, sagte er, leckte das Messer ab und trocknete die Klinge anschließend am Tischtuch. »Hast du zu tun, Herr Graf?« »Hab mir gerade ein Brot mit dieser Marmelade geschmiert«, sagte Nobby. »Das ist Gänseleberpastete, Herr Graf.« »Ach, so heißt sie? Nun, eins steht fest: Das Zeug ist nicht ganz so aromatisch wie Fettichs Fast-wie-Fleisch-Brotaufstrich. Möchtest du ein Wachtelei? Sind ein bißchen klein.« »Nein, danke…« »Es gibt jede Menge davon«, fügte Nobby großzügig hinzu. »Und sie sind gratis. Man muß nicht dafür bezahlen.« »Nun…« »Ich kann sechs gleichzeitig in den Mund nehmen. Hier, sieh mal…« »Erstaunlich, Herr Graf. Nun, ich habe mich gefragt, ob du vielleicht die Güte hättest, uns im Rauchzimmer Gesellschaft zu leisten?« »Fghmf? Mfgmf fgmf mgghjf?« »In der Tat.« Ein freundlicher Arm schlang sich um Nobbys Schultern und dirigierte ihn geschickt vom Büfett weg. Allerdings ergatterte Nobby, noch einen Teller mit Hähnchenschenkeln. »Es gibt da einige Leute, die gern mit dir reden würden…« »Mgffmph?« Feldwebel Colon versuchte, sich vom Schmutz zu befreien, aber das Bemühen, sich mit Wasser aus dem Ankh zu waschen, hatte prinzipiell keine großen Erfolgsaussichten. Bestenfalls war das Ergebnis ein einheit- liches Grau. Fred Colon hatte nicht das hohe Niveau von Mumms kultivierter Ver- zweiflung erreicht. Mumm vertrat den Standpunkt, daß es im Leben ständig drunter und drüber ging; viele Dinge geschahen durch Zufall, und zwar in allen Richtungen, wodurch es praktisch ausgeschlossen war, daß etwas einen Sinn ergab. Colon neigte von Natur aus zu einer optimi- stischeren Haltung. Außerdem hatte sein Intellekt eine geringere Ge- schwindigkeit. Colon steckte noch immer im Spuren-sind-wichtig- Stadium. Warum hatte man ihn mit einer Schnur gefesselt? Teile davon hingen nach wie vor an ihm. »Und du weißt wirklich nicht, wo man mich gefangengehalten hat?« fragte er. »Du hast das Haus betreten«, erwiderte der neben Colon gehende Kleine Irre Arthur. »Du solltest eigentlich wissen, wo du eingesperrt ge- wesen bist.« »Es war dunkel und neblig. Außerdem habe ich kaum auf die Umge- bung geachtet. Ich wollte nur die allgemeine Routine erledigen.« »Tja, und fast hätte man dich erledigt.« »Aber wo?« »Keine Ahnung«, erwiderte der Kleine Irre Arthur. »Ich jage unter dem Viehmarkt. Was oben los ist, interessiert mich nicht. Wie ich schon sagte: Die Tunnel führen überallhin.« »Gibt es in dem Viertel jemanden, der solche Schnüre herstellt?«, »Im Bereich der Schlachthäuser und des Viehmarkts? Dort dreht sich alles um tierische Produkte. Würstchen und Seife und so. Kommen wir jetzt zu der Stelle, an der du mir das Geld gibst?« Colon klopfte auf seine Taschen. Sie glucksten und quatschten. »Du mußt mich zum Wachhaus begleiten, Kleiner Irrer Arthur.« »Und meine Arbeit?« »Ich vereidige dich als Sonderwächter für die Nacht«, sagte Colon. »Wieviel bekommt man dafür?« »Einen Dollar.« Die Augen des Kleinen Irren Arthur glühten. Sie glühten rot. »Meine Güte, du siehst schrecklich aus«, brachte Colon hervor. »Was starrst du mein Ohr so an?« Der Kleine Irre Arthur schwieg. Colon drehte sich um. Ein Golem stand hinter ihm. Er war größer als alle anderen Golems, die der Feldwebel bisher gesehen hatte, und seine Gestalt hatte auch wesentlich mehr Details. Er wirkte nicht plump und primitiv, sondern fast schön wie eine Statue. Und seine Augen strahlten wie zwei rote Suchscheinwerfer. Er hob eine Faust über seinen Kopf und öffnete den Mund, aus dem es rot schimmerte. Der Golem schrie wie ein Stier. Der Kleine Irre Arthur trat Colon gegen den Fußknöchel. »Was hältst du davon, wenn wir weglaufen, hm?« Colon wich zurück und starrte das Ding weiter an. »Es… besteht keine Gefahr, sie sind nicht sehr schnell…« Und dann setzte sich die Vernunft des Körpers gegen die Dummheit des Gehirns durch. Die Beine starteten, drehten Colon um und beschleunigten ihn. Er riskierte einen Blick über die Schulter. Der Golem nahm die Ver- folgung auf, lief mit langen, mühelosen Schritten. Der Kleine Irre Arthur erschien neben dem Feldwebel., Colon war an langsame, gemütliche Streifengänge gewöhnt. Sein Leib eignete sich nicht für hohe Geschwindigkeiten, worauf er auch hinwies. »Außerdem kannst du nicht schneller laufen als das Ding!« fügte er schnaufend hinzu. »Es genügt mir, schneller zu sein als du«, erwiderte der Kleine Irre Ar- thur. »Hier entlang!« An der Seite eines Lagerhauses führte eine alte Holztreppe empor. Der Gnom sauste ebenso flink über die Stufen wie eine von ihm gejagte Rat- te. Colon folgte ihm und schnaufte wie eine Dampfmaschine. Auf halbem Wege nach oben verharrte er und sah zurück. Der Golem erreichte die unterste Stufe und setzte vorsichtig einen Fuß darauf. Das Holz knarrte, und die ganze Treppe – sie trug das graue Ge- wand des Alters – erzitterte. »Sie hält das Gewicht nicht aus!« sagte der Kleine Irre Arthur. »Der Bursche fällt und zerschellt auf dem Boden, wart’s ab!« Der Golem wagte einen zweiten Schritt. Das Holz ächzte. Die Gestalt aus Ton schien zu dem Schluß zu gelangen, daß die Treppe stabil genug war. Sie stieg von einer Stufe zur anderen, und das ganze Holzgerüst schwankte. Das Geländer unter Colons Hand wand sich wie eine Schlange hin und her. »Komm endlich!« drängte der Kleine Irre Arthur, der bereits das obere Ende der Treppe erreicht hatte. »Der Bursche holt auf!« Der Golem sprang, und der Treppe wurde es zuviel – sie gab nach. Colon streckte die Hände aus und bekam den Dachrand zu fassen. Sein Körper klatschte gegen die Seitenwand des Gebäudes. In der Ferne erklang das Geräusch von Holzteilen, die auf ein hartes Pflaster prasselten. »Na komm schon«, sagte der Kleine Irre Arthur. »Zieh dich endlich hoch, du Idiot!« »Kann nicht«, stöhnte Colon. »Warum nicht?« »Der Golem hält sich an meinem Fuß fest…«, »Eine Zigarre, Euer Lordschaft?« »Brandy, Herr Graf?« Lord de Nobbes lehnte sich in einem bequemen Sessel zurück. Seine Füße berührten gerade eben den Boden. Brandy und Zigarren. So ließ es sich leben. Er paffte genießerisch. »Wir haben gerade über die zukünftige Regierung der Stadt gespro- chen, Herr Graf. Immerhin geht es Lord Vetinari derzeit sehr schlecht…« Nobby nickte. Über solche Dinge sprach man, wenn man zu den fei- nen Leuten gehörte. Für derartige Gespräche war er geboren. Der Brandy vermittelte ihm ein angenehm warmes Empfinden. »Zweifellos würde das gegenwärtige politische Gleichgewicht gestört, wenn wir nach einem anderen Patrizier Ausschau hielten«, sagte ein an- derer Sessel. »Was meinst du, Lord de Nobbes?« »Oh, ja«, bestätigte dieser. »Die Gilden kämpfen wie Katzen im Sack. Das weiß jeder.« »Eine sehr gute Beschreibung, wenn du mir diese Bemerkung gestat- test.« Die anderen Sessel brummten zustimmend. Nobby lächelte. O ja. So konnte man’s aushalten, und ob. Mit anderen piekfeinen Leuten plaudern, über wichtige Dinge reden und nicht immer wieder Erklärungen für die Leere in der Teebüchse erfinden müssen… Dies war eindeutig die Sonnenseite des Lebens. »Gibt es überhaupt irgendwelche Gildenoberhäupter, die der Aufgabe gewachsen wären?« fragte ein Sessel. »Oh, sie können eine Gruppe von Geschäftsleuten organisieren, aber die Geschicke einer ganzen Stadt len- ken… Nein, dazu reichen ihre Fähigkeiten nicht aus. Meine Herren, ich glaube, es wird Zeit, die Zukunft der Stadt neuen, kompetenten Händen anzuvertrauen. Vielleicht ist nun die Zeit gekommen, in der sich das Blut offenbart.« Nobby fand die Ausdrucksweise ein wenig seltsam. Aber vermutlich sprachen die Piekfeinen immer so miteinander., »In der gegenwärtigen Situation muß die Stadt bei den ehrenwertesten Familien nach einem geeigneten Regenten Ausschau halten«, sagte ein Sessel. »Es läge in unser aller Interesse, wenn jemand bereit wäre, die schwere Bürde des Regierens zu tragen.« »Der Betreffende müßte seinen Kopf untersuchen lassen, wenn ihr mich fragt«, ließ sich Nobby vernehmen. Er trank einen Schluck Brandy und winkte mit der Zigarre. »Abgesehen davon können wir ganz beruhigt sein«, fügte er hinzu. »Je- der weiß, daß wir einen König in Reserve haben. Wenn ihr meinen Rat hören wollt: Wendet euch an Hauptmann Karotte.« Ein weiterer Abend hüllte die Stadt in dichten Nebel. Als Karotte das Wachhaus betrat, schnitt Korporal Kleinpo eine Grimmasse und deutete unauffällig zu den drei Personen, die an der ge- genüberliegenden Wand auf der Bank saßen. »Sie möchten mit einem Offizier der Wache sprechen«, flüsterte Ger- tie. »Feldwebel Colon ist noch nicht zurück, und ich habe bei Komman- deur Mumm angeklopft – er scheint nicht da zu sein.« Karotte zauberte ein freundliches Lächeln auf seine Lippen. »Frau Palm«, sagte er. »Herr Boggis und… Herr Witwenmacher. Es tut mir sehr leid, aber derzeit haben wir viel zu tun. Der Giftanschlag und die Golems…« Das Oberhaupt der Assassinengilde lächelte, allerdings nur mit dem Mund. »Genau darüber wollten wir mit dir reden, über das Gift«, sagte Witwenmacher. »Gibt es hier einen Ort, an dem wir uns ungestört un- terhalten können?« »Wie wär’s mit der Kantine?« erwiderte Karotte. »Dort hält sich um diese Zeit niemand auf. Hier entlang…« »Offenbar läßt es sich die Wache recht gut gehen«, kommentierte Frau Palm. »Eine Kantine…« Sie trat durch die Tür – und blieb stehen. »Die Leute essen hier?« fragte sie ungläubig., »Nun, meistens beschweren sie sich über den Kaffee«, sagte Karotte. »Und schreiben Berichte. Kommandeur Mumm legt großen Wert auf Berichte.« »Hauptmann Karotte«, sagte Witwenmacher fest, »wir müssen eine ernste Angelegenheit mit dir erörtern, und sie betrifft… Auf was habe ich mich gerade gesetzt?« Karotte wischte rasch einige Dinge vom nächsten Stuhl. »Entschuldi- gung. Wir finden nur selten Zeit, hier aufzuräumen und sauberzuma- chen…« »Schon gut, schon gut.« Der Chef der Assassinengilde beugte sich vor und preßte die Finger- spitzen aneinander. »Hauptmann Karotte… Wir sind hier, um mit dir über die schreckliche Vergiftung von Lord Vetinari zu sprechen.« »Vielleicht solltet ihr euch an Kommandeur Mumm wenden…« »Soweit ich weiß, hat Kommandeur Mumm bei mehreren Gelegenhei- ten abfällige Bemerkungen über die Patrizier fallenlassen«, sagte Wit- wenmacher. »Zum Beispiel ›Man sollte ihn hängen, allerdings dürfte man kaum ei- nen Ast finden, der verdreht genug ist‹?« fragte Karotte. »O ja. Aber so reden alle… irgendwann einmal.« »Auch du?« »Äh… nein«, gestand Karotte. »Und er hat die Ermittlungen in der Sache mit dem Gift selbst über- nommen, nicht wahr?« »Ja. Aber…« »Hältst du das nicht für seltsam?« »Nein, Herr Witwenmacher. Wenn man genau darüber nachdenkt… In gewisser Weise hat Kommandeur Mumm eine Schwäche für den Patri- zier. Er meinte einmal, wenn jemand Vetinari umbringt, möchte er es sein.« »Ach?«, »Aber er lächelte bei diesen Worten. Das heißt… es war eine Art Lä- cheln.« »Er… äh… besucht seine Lordschaft recht häufig, nicht wahr?« »Ja.« »Und seine Bemühungen, den Täter zu finden, sind bisher erfolglos geblieben, oder?« »Ja, leider«, erwiderte Karotte. »Allerdings haben wir viele Möglichkei- ten gefunden, die nicht für Lord Vetinaris Vergiftung in Frage kommen.« Witwenmacher nickte Frau Palm und Herrn Boggis zu. »Wir möchten das Büro des Kommandeurs inspizieren.« »Ich weiß nicht, ob…«, begann Karotte. »Bitte laß es dir gründlich durch den Kopf gehen«, sagte Witwenma- cher. »Wir drei repräsentieren die wichtigsten Gilden dieser Stadt. Und wir haben guten Grund für unseren Wunsch, das Büro des Komman- deurs zu inspizieren. Du kannst natürlich mitkommen und sicherstellen, daß wir nichts Illegales anstellen.« »Nun…«, erwiderte Karotte zögernd. »Wenn ich euch begleite…« »Ja«, sagte Witwenmacher sofort. »Dann ist es offiziell.« Karotte ging voraus. »Ich weiß nicht, ob er zurück ist«, meinte er und streckte die Hand nach dem Türknauf aus. »Wie ich vorhin schon sagte: Derzeit haben wir… Oh.« Witwenmacher sah am Hauptmann vorbei zu der Gestalt, die zusam- mengesackt am Schreibtisch saß. »Mir scheint, Kommandeur Mumm ist zurück – und gleichzeitig voll- kommen weggetreten«, sagte er. »Ich kann den Alkohol von hier aus riechen«, fügte Frau Palm hinzu. »Kann wirklich schlimme Dinge mit einem Mann anstellen, der Alko- hol.« »Eine ganze Flasche von Bärdrückers bestem Whisky«, sagte Boggie. »Eine Menge Stoff. Und natürlich nur vom Besten.« »Aber er hat schon seit Monaten keinen Tropfen mehr angerührt.« Ka- rotte rüttelte den reglosen Mumm an der Schulter. »Er besucht deswegen Versammlungen und so.«, »Und jetzt…« Witwenmacher zog eine Schublade des Schreibtischs auf. »Hauptmann Karotte?« fragte er. »Könntest du bitte offiziell zur Kenntnis nehmen, daß dort eine Tüte mit grauem Pulver liegt? Ich wer- de jetzt…« Mumms Hand schoß nach vorn und stieß mit einem Ruck die Schub- lade zu, wodurch Witwenmachers Finger ziemlich unsanft eingeklemmt wurden. Der Ellenbogen des Kommandeurs bohrte sich in die Magen- grube des Assassinen, und als Witwenmachers Kinn nach unten kam, schwang Mumms Unterarm nach oben und traf seine Nase. Dann öffnete Mumm die Augen. »Wasnlos? Wasnlos?« Er hob den Kopf. »Herr Witwenmacher? Herr Boggis? Karotte? Hmm?« »Waf lof ift?« kreischte Witwenmacher. »Du haft mich geflagen! Au!« »Oh, das tut mir so leid.« Mumm gab sich zutiefst bestürzt, als er den Stuhl zurückschob und dabei die Rückenlehne in Witwenmachers Lei- stengegend rammte. »Weißt du, ich muß eingenickt sein. Als ich dann erwachte und jemanden dabei ertappte, wie er etwas aus der Schublade nehmen wollte…« »Du bist völlig betrunken, Mann!« zischte Herr Boggis. Mumms Züge verhärteten sich. »Ach, glaubst du? Fischers Fritze fischt frische Fische«, knurrte er, und bei jedem Wort klopfte sein Zeigefinger gegen die Brust des Mannes. »Frische Fische fischt Fischers Fritze. Soll ich fortfahren?« Der gnaden- lose Zeigefinger trieb Boggis an die Wand zurück. »Viel interessanter wird’s nicht.« »Waf ift mit der Tüte?« stieß Witwenmacher hervor. Mit einer Hand hielt er sich die blutende Nase, mit der anderen deutete er auf den Schreibtisch. Mumm lächelte grimmig. »O ja«, sagte er. »Ich kann es nicht leugnen. Die Tüte enthält eine sehr giftige Substanz.« »Ah, du gibft ef alfo zu!«, »Ja. Ich schätze, ich muß das Zeug irgendwo loswerden…« Mumm nahm die Tüte, riß sie auf und stopfte sich den größten Teil ihres Inhalts in den Mund. »Mhm, mhm«, fuhr er fort. Pulver sprühte in alle Richtungen, als er kau- te. »Schmeckt einfach köstlich.« »Aber das ist Arsen!« sagte Boggis fassungslos. »Meine Güte, tatsächlich?« Mumm schluckte. »Na so was! Weißt du, unten im Erdgeschoß gibt es einen Zwerg, schlauer Bursche, verbringt seine ganze Zeit mit Glaskolben und so, um herauszufinden, was Arsen ist und was nicht. Aber du kannst das mit einem Blick feststellen! Hier, du sollst es haben!« Er reichte die aufgerissene Tüte dem Dieb, doch Boggis’ Hand zuckte zurück. Der kleine Beutel fiel zu Boden und verstreute dort seinen In- halt. »Entschuldigung.« Karotte ging in die Hocke und betrachtete das Pul- ver. Polizisten glauben traditionell daran, daß sie eine Substanz identifizie- ren können, indem sie daran schnuppern und sie vorsichtig probieren. Allerdings hatte man von solchen Untersuchungsmethoden Abstand genommen, seit Obergefreiter Feuerstein so dumm gewesen war, den Zeigefinger in eine Schwarzmarktlieferung von mit Radium verschnitte- nem Ammoniumchlorid zu stecken. Seine Worte waren: »Ja, dies eindeu- tig sein Platte urgh glib globbel.« Anschließend mußte er für drei Tage ans Bett gefesselt werden, bis die Spinnen verschwunden waren. Trotzdem sagte Karotte nun: »Ich bin sicher, daß dies hier nicht giftig ist.« Er leckte an seinem Finger und probierte ein wenig. »Zucker«, stellte er fest. Witwenmacher – seine Würde hatte erheblich gelitten – machte eben- falls von seinem Zeigefinger Gebrauch, indem er ihn auf Mumm richte- te. »Du hast zugegeben, daß die Substanz gefährlich ist!« heulte er. »Ja!« erwiderte der Kommandeur. »Zuviel davon schadet den Zähnen. Für was hast du das Zeug denn gehalten?« »Wir hatten Informationen…«, begann Boggis., »Oh, Informationen hattet ihr. Hast du das gehört, Hauptmann? Sie hatten Informationen. Dann ist ja alles in bester Ordnung!« »Wir haben in gutem Glauben gehandelt«, verteidigte sich Boggis. »Mal sehen«, sagte Mumm. »Eure ›Informationen‹ bestanden aus einem Tip, der sich vermutlich so umschreiben läßt: ›Mumm hat sich im Wach- haus vollaufen lassen und eine Tüte Arsen in seinem Schreibtisch.‹ Und natürlich habt ihr euch nichts sehnlicher gewünscht, als in gutem Glau- ben zu handeln.« Frau Palm räusperte sich. »Es reicht jetzt. Du hast recht, Sir Samuel«, sagte sie. »Wir haben eine Mitteilung bekommen.« Sie reichte Mumm einen Zettel, auf dem nur Großbuchstaben standen. »Ganz offensicht- lich sind wir falsch informiert worden.« Sie warf Boggis und Witwenma- cher einen finsteren Blick zu. »Ich möchte mich hiermit entschuldigen.« Und zu ihren beiden Begleitern: »Gehen wir.« Sie verließ den Raum. Boggis folgte ihr hastig. Witwenmacher betupfte sich vorsichtig die Nase. »Welchen Preis hat die Gilde für deinen Kopf festgesetzt, Kommandeur?« fragte er. »Zwanzigtausend Ankh-Morpork-Dollar.« »Tatsächlich? Ich glaube, wir sollten ihn neu festlegen.« »Freut mich. Ich werde mir wohl eine neue Bärenfalle zulegen müs- sen.« »Ich… äh… führe dich nach draußen«, sagte Karotte. Als er kurz darauf zurückkehrte, beugte sich Mumm aus dem Fenster und betastete die Wand darunter. »Kein Ziegel fehlt«, brummte der Kommandeur. »Alle Schindeln an ih- rem Platz. Und unten war den ganzen Tag über jemand im Empfangs- zimmer. Seltsam.« Er zuckte mit den Achseln, kehrte zum Schreibtisch zurück und griff nach dem Zettel. »Dieses Ding bringt uns sicher keine neuen Spuren«, sagte er. »Ist vol- ler schmutziger Fingerabdrücke.« Er legte die Mitteilung beiseite und sah Karotte an. »Wenn wir den Schuldigen finden, heißt einer der wichtig- sten Anklagepunkte: ›Er zwang Kommandeur Mumm, eine ganze Fla-, sche erstklassigen Whisky auf den Teppich zu kippen.‹« Er schauderte. »Manche Dinge sollten einem Mann erspart bleiben.« »Es ist ungeheuerlich!« sagte Karotte. »Daß einige Leute glauben, du würdest den Patrizier vergiften…« »Ich finde es empörend, daß sie mich für dumm genug halten, das Gift in einer Schublade meines Schreibtischs zu verstauen«, erwiderte Mumm und zündete sich eine Zigarre an. »Ja«, bestätigte Karotte. »Nur ein Narr würde das Arsen dort verstek- ken, wo es jeder finden kann.« »Genau«, sagte Mumm. »Darum habe ich es in der Tasche.« Er legte die Füße auf den Schreibtisch und paffte. Der Teppich mußte aus dem Büro verschwinden. Mumm wollte nicht den Rest seines Ar- beitslebens in einem Zimmer verbringen, das ihn ständig an die schreck- liche Vergeudung von erstklassigem Whisky erinnerte. Karottes Mund stand noch immer offen. »Meine Güte…« Mumm winkte vage. »Eigentlich ist alles ganz einfach. Ich sollte ›Oh, endlich Alkohol!‹ seufzen und das Zeug einfach in mich reinschütten. Anschließend war der Besuch von einigen ehrenwerten Säulen der Gesellschaft vorgesehen…« Er nahm die Zigarre aus dem Mund und spuckte. »Sie sollten mich in deiner Gegenwart betrunken vorfinden und außerdem das nicht besonders gut versteckte Arsen ent- decken.« Mumm schüttelte traurig den Kopf. »Das Problem ist nur: Wenn man einmal auf den Geschmack gekommen ist, gibt es kein Zu- rück mehr.« »Aber du bist doch standhaft geblieben«, sagte Karotte. »Seit damals hast du keinen Tropfen mehr angerührt…« »Oh, das.« Mumm winkte ab. »Ich meine nicht den Alkohol, sondern die Polizeiarbeit. Wenn man Alkoholprobleme hat, kann man sich an Leute wenden, die einem helfen. Es sollte Versammlungen geben, bei denen man aufstehen und sagen kann: ›Ich heiße Sam und bin ein arg- wöhnischer Mistkerl.‹« Er griff in seine Hosentasche und holte eine Papiertüte hervor. »Klein- po soll sich das hier ansehen. Ich wollte es nicht riskieren, dieses Zeug zu probieren. Deshalb bin ich zur Kantine runter und habe dort einen Beu-, tel mit Zucker gefüllt. Es hat nur wenige Sekunden gedauert, Nobbys Kippen aus dem Zuckertopf zu entfernen.« Mumm öffnete die Tür, sah in den Korridor und rief: »Kleinpo!« An Karottes Adresse gerichtet, fügte er hinzu: »Ich bin jetzt richtig in Fahrt. Das alte Gehirn funktioniert endlich wieder. Kennst du den Golem, der hinter den beiden Morden steckt?« »Ja, Herr Kommandeur?« »Und weißt du, warum er etwas Besonderes darstellt?« »Ich glaube nicht, Herr Kommandeur«, erwiderte Karotte. »Abgesehen davon, daß er ganz neu ist. Ich vermute, die Golems haben ihn geschaf- fen. Natürlich brauchten sie einen Priester für die Worte, und auch Herrn Hopkinsons Backofen. Wahrscheinlich war das für die beiden Alten sehr interessant. Immerhin waren sie Historiker.« Jetzt stand Mumm mit offenem Mund da. Schließlich faßte er sich wieder. »Ja, ja, natürlich«, sagte er, und seine Stimme klang fast normal. »Ja, ich meine, das ist offensichtlich. Völlig klare Sache. So was erkennt man auf den ersten Blick. Aber… äh… hast du auch herausgefunden, was sonst noch besonders an ihm ist?« fügte er hinzu und versuchte, sich seine Hoffnung nicht deutlich anmerken zu lassen. »Meinst du den Umstand, daß er verrückt ist, Herr Kommandeur?« »Nun, ich habe nie gedacht, daß er beim Vernunftswettbewerb von Ankh-Morpork den ersten Preis gewinnen könnte«, erwiderte Mumm. »Die anderen haben ihn in den Wahnsinn getrieben, Herr Komman- deur. Die anderen Golems. Es steckte keine Absicht dahinter, aber es war gewissermaßen eingebaut. Sie erwarteten so viele Dinge von ihm. Er stellte praktisch ihr… ihr Kind dar. Er verkörperte alle ihre Hoffnungen und Wünsche. Und als sie feststellen, daß er Menschen umbrachte… So etwas ist schrecklich für einen Golem. Sie dürfen nicht töten, und der Mörder war Ton von ihrem Ton…« »Auch für Menschen ist so etwas nicht gerade angenehm.« »Er sollte die Zukunft sein…« »Du hast mich gerufen, Herr Kommandeur?« fragte Gertie. »Oh, ja. Ist das hier Arsen?« Mumm reichte ihr die Tüte., Gertie schnupperte daran. »Es könnte Arsensäure sein. Natürlich muß ich es erst untersuchen.« »Ich dachte immer, Säure gluckert in Flaschen und so«, sagte Mumm. »Äh… was ist das da an deinen Fingern?« »Nagellack, Herr Kommandeur.« »Nagellack?« »Ja, Herr Kommandeur.« »Äh… gut. Gut. Komisch, ich dachte, so was sei grün.« »Würde an Fingern nicht besonders gut aussehen, Herr Kommandeur.« »Ich meine das Arsen, Kleinpo.« »Oh, Arsen kann verschiedene Farben annehmen, Herr Kommandeur. Die Sulfide – die metallhaltigen Mineralien – sind rot, braun, gelb oder grau. Wenn man Salpetersäure hinzugibt, bekommt man Arsensäure. Und jede Menge sehr scheußlichen Rauch.« »Gefährliches Zeug«, sagte Mumm. »Ja, Herr Kommandeur«, bestätigte Gertie. »Aber auch recht nützlich. Für Gerber, Färber, Maler… Nicht nur Giftmörder haben Verwendung für Arsen.« »Es überrascht mich, daß nicht ständig irgendwelche Leute tot umfal- len«, kommentierte Mumm. »Oh, meistens benutzt man Golems, Herr Kommandeur…« Die Worte hingen weiter in der Luft, als Gertie schwieg. Mumm sah Karotte an und wagte kaum zu atmen. Jetzt ist es soweit, dachte er. Wir haben uns so sehr mit Fragen vollgestopft, daß sie über den Rand schwappen und zu Antworten werden. Er fühlte sich so lebendig wie schon seit Tagen nicht mehr. Die jüngste Aufregung prickelte noch immer in seinen Adern und trieb sein Gehirn an. Auf diese Weise empfand man, wenn einen nicht mehr viel von der völligen Erschöpfung trennte. Man war so kolossal müde, daß man durch einen plötzlichen Adrenalinschub geistige und körperliche Flügel bekam. Jetzt lagen alle Teile des Puzzles vor ihnen. Die Kanten und Ek- ken, das ganze Bild. Es mußte nur noch zusammengesetzt werden…, »Die Golems…«, sagte Karotte. »Sie wären mit Arsen bedeckt, nicht wahr?« »Das könnte durchaus passieren. Ich erinnere mich an einen Golem im Gildenhaus der Alchimisten von Quirm. Seine Hände bestanden zum größten Teil aus Arsen – weil er den Schmelztiegel mit den Fingern um- rührte…« »Sie spüren keine Hitze«, sagte Mumm. »Auch keinen Schmerz«, fügte Karotte hinzu. »Ja, das stimmt.« Gerties Blick wanderte unsicher zwischen Haupt- mann und Kommandeur hin und her. »Man kann Golems nicht vergiften«, stellte Mumm fest. Karotte nickte. »Und sie gehorchen allen Befehlen. Wortlos.« »Golems erledigen die besonders schmutzigen und scheußlichen Arbei- ten«, sagte Mumm. »Du hättest schon eher darauf hinweisen sollen, Grinsi«, sagte Karotte. »Nun… äh… Golems sind einfach da. Niemand schenkt ihnen Beach- tung.« »Schmiere unter den Fingernägeln«, teilte Mumm dem Zimmer mit. »Der alte Priester hat den Mörder gekratzt. Deshalb haben wir Schmiere unter seinen Fingernägeln gefunden. Mit Arsen drin.« Er blickte zu seinem Notizbuch, das noch immer auf dem Schreibtisch lag. Es ist dort irgendwo, dachte er. Wir haben überall Ausschau gehal- ten. Wir haben die Antwort gesehen und sie nicht als solche erkannt. Und wenn wir sie hier und jetzt nicht sehen, bleibt sie uns für immer verborgen… »Ich fürchte, damit kommen wir nicht weiter, Herr Kommandeur«, er- klang Kleinpos Stimme in der Ferne. »In vielen Branchen, die Arsen verwenden, wird auch Schmiere eingesetzt.« Etwas, das wir nicht sehen, dachte Mumm. Etwas Unsichtbares. Nein, es muß gar nicht unsichtbar sein. Etwas, das wir nicht sehen, weil es im- mer da ist. Und es schlägt in der Nacht zu… Und plötzlich war die Antwort da., Mumm blinzelte. Die glitzernden Sterne der Erschöpfung ließen ihn in seltsamen Bahnen denken. Mit rationalem Denken hatten sie eh keine Resultate erzielt. »Niemand rührt sich von der Stelle«, sagte er und hob die Hand, damit alle schwiegen. »Dort ist es«, fuhr er leise fort. »Auf dem Schreibtisch. Seht ihr’s?« »Was meinst du?« fragte Karotte. »Soll das heißen, du hast es noch nicht herausgefunden?« erwiderte Mumm. »Was denn, Herr Kommandeur?« »Das, was den Patrizier vergiftet. Es ist dort, dort auf dem Schreibtisch. Seht ihr es nicht?« »Dein Notizbuch?« »Nein!« »Trinkt Lord Vetinari Bärdrückers Whisky?« fragte Gerde. »Das bezweifle ich«, sagte Mumm. »Der Tintenlöscher?« Karotte zählte auch die übrigen Gegenstände auf: »Vergiftete Stifte? Schnaufkrauts Dünne Panatellas?« »Wo sind die Dinger?« Mumm klopfte auf seine Taschen. »Die Schachtel liegt im Eingangskorb und ragt ein wenig unter den Briefen hervor.« Vorwurfsvoll fügte Karotte hinzu: »Ich meine die Brie- fe, die du nicht beantwortest.« Mumm griff nach der Schachtel und entnahm ihr eine Zigarre. »Dan- ke«, sagte er. »Ha! Ich habe Mildred Leicht nicht gefragt, was sie sonst noch mitgenommen hat! Aber natürlich war es ein kleiner Bonus für die Bediensteten! Und die alte Frau Leicht hat als Näherin gearbeitet, als richtige Näherin! Und jetzt ist Herbst! Der frühe Abend hat sie umge- bracht! Versteht ihr?« Karotte bückte sich und spähte über den Schreibtisch. »Ich erkenne nichts Verdächtiges«, sagte er. »Natürlich nicht«, entgegnete Mumm. »Weil es gar nichts Verdächtiges zu erkennen gibt. Man sieht es nicht. Und dadurch weiß man, daß es da, ist. Wenn es nicht da wäre, würdest du’s sofort erkennen!« Er grinste wie ein Irrer. »Wenn du’s sehen könntest. Na?« »Ist alles in Ordnung mit dir?« fragte Karotte besorgt. »Vielleicht hast du in letzter Zeit zuviel gearbeitet…« »Ich habe meine Kraft vergeudet!« stieß Mumm hervor. »Ich bin im- mer nur durch die Gegend gelaufen und habe nach irgendwelchen Spuren gesucht, anstatt nur mal fünf Minuten konzentriert nachzudenken! Was sage ich euch immer wieder?« »Äh… äh… daß man niemandem trauen darf, Herr Kommandeur?« »Nein, das meine ich nicht.« »Äh… äh… daß jeder auf irgendwelche Weise schuldig ist?« »Nein, nein.« »Äh… äh… Wenn jemand zu einer ethnischen Minderheit gehört, kann er trotzdem ein abscheulicher, engstirniger kleiner Trottel sein?« »N… Wann habe ich das gesagt?« »Letzte Woche, Herr Kommandeur. Nachdem du Besuch vom Komi- tee Gleiche Höhe Für Zwerge bekommen hattest.« »Das meine ich nicht. Ich meine… Ich bin ziemlich sicher, daß ich in diesem Zusammenhang schon einmal etwas Bedeutungsvolles gesagt habe. Irgendeine markige Bemerkung über Polizeiarbeit und derglei- chen.« »Kann mich zur Zeit nicht daran erinnern, Herr Kommandeur.« »Nun, ich sollte mir was einfallen lassen – einen Kernsatz, den ich ab jetzt bei passenden Gelegenheiten zum besten gebe.« »Gute Idee, Herr Kommandeur.« Karotte strahlte. »Freut mich, daß du wieder ganz der alte bist. Kannst es gar nicht abwarten, den Leuten einen ordentlichen Tritt in den Ar… äh…, die Leute auf Vordermann zu brin- gen. Äh… was haben wir gefunden, Herr Kommandeur?« »Wart’s ab! Wir gehen zum Palast. Hol Angua. Vielleicht brauchen wir sie. Und bring den Durchsuchungsbefehl mit.« »Meinst du den Vorschlaghammer, Herr Kommandeur?« »Ja. Und Feldwebel Colon soll ebenfalls mitkommen.«, »Er ist noch nicht zurück«, sagte Gertie. »Obwohl sein Dienst schon vor einer Stunde zu Ende gegangen ist.« »Vermutlich sitzt er an irgendeinem gemütlichen Plätzchen und hält sich von Schwierigkeiten fern«, sagte Mumm. Der Kleine Irre Arthur blickte über den Rand des Daches. Irgendwo unter Colon glühten zwei rote Augen zu ihm empor. »Schwer das Ding, was?« »Ja«, brachte Colon mühsam hervor. »Tritt mit dem anderen Fuß nach ihm!« Ein saugendes Geräusch erklang. Colon verzog das Gesicht. Eine Se- kunde später machte es »Plop«, und der anschließenden Stille folgte kur- ze Zeit später lautes Krachen. »Ich hab den Stiefel verloren, an dem sich der Bursche festgehalten hat«, stöhnte Colon. »Wie konnte das passieren?« »Er war… geschmiert.« Der Kleine Irre Arthur zog an Colons Finger. »Also los. Komm hoch.« »Geht nicht.« »Warum nicht? Der Kerl hängt doch nicht mehr an dir.« »Meine Arme sind viel zu müde. In zehn Sekunden bin ich nur noch ein mit Kreide gezeichneter Umriß…« »Nee, so viel Kreide gibt’s gar nicht.« Der Kleine Irre Arthur ging in die Hocke, so daß sein Kopf auf einer Höhe mit Colons Augen war. »Wenn du abkratzt… Könntest du mir vorher vielleicht noch einen Schuldschein ausstellen, in dem du darauf hinweist, daß du mir einen Dollar versprochen hast?« Tief unten klapperten Tonscherben. »Was war das?« fragte Colon. »Das verdammte Ding ist doch zerbro- chen, oder?« Der Kleine Irre Arthur sah zum fernen Pflaster hinunter. »Glaubst du an Reinkarnation und so?«, »Mit solchem ausländischen Zeug will ich nichts zu tun haben«, sagte Colon. »Der Bursche fügt sich selbst zusammen. Wie bei einem Puzzle.« »Oh, ich verstehe«, schnaufte Colon. »Das sagst du nur, damit ich mich hochziehe. Statuen fügen sich nicht wieder zusammen, nachdem sie zer- brochen sind.« »Wie du meinst. Ein Bein ist schon fast fertig.« Es gelang Colon, durch die schmale, übelriechende Lücke zwischen der Mauer und seiner Achsel zu sehen. Er erkannte nur Nebel und schwa- ches Glühen. »Bist du sicher?« fragte er. »Wenn man in Rattenlöchern auf Pirsch geht, lernt man schnell, auch im Dunkeln gut zu sehen«, erwiderte der Kleine Irre Arthur. »Sonst ist man bald tot.« Etwas zischte unter Colons Füßen. Er kratzte mit den Zehen und einer Stiefelspitze über die Ziegelsteine. »Er hat Probleme«, sagte der Kleine Irre Arthur im Plauderton. »Er scheint die Knie verkehrt herum montiert zu haben.« Dorfl kauerte in dem verlassenen Keller, in dem sich die Golems getrof- fen hatten. Gelegentlich hob er den Kopf und zischte. Rotes Licht strömte aus seinen Augen. Wenn etwas davon in die andere Richtung floß, durch die Augenhöhlen zum roten Himmel dahinter, fand es dort… Dorfl duckte sich unter dem Blick des Universums. Dessen dumpfes Murmeln erklang in weiter Ferne, ohne Verbindung zu Dorfl. Die Worte standen am Horizont; sie reichten bis zum Firmament em- por. Und eine Stimme verkündete ruhig: »Du gehörst dir selbst.« Dorfl sah die Szene immer wieder: das besorgte Gesicht, nach oben greifende Hände, die sein ganzes Blickfeld füllten, das jähe, kalte Wissen… »… gehörst dir selbst.«, Die neuen Worte prallten von den alten ab, rollten hin und her, wur- den dabei immer lauter, bis es in der kleinen roten Welt für andere Ge- räusche keinen Platz mehr gab. Golem braucht einen Herrn. Die Buchstaben ragten weit auf, aber Echos umspülten sie, nagten beharrlich an ihnen. Risse entstanden, wuchsen in die Länge und bildeten komplexe Zickzackmuster. Schließ- lich… Die Worte platzten auseinander. Einzelne Fragmente, groß wie Berge, stürzten zu Boden und wirbelten roten Sand auf. Erneut strömte etwas. Diesmal war es das Universum. Dorfl fühlte sich davon erfaßt, hin und her gedreht, hochgehoben und… … nun befand sich der Golem im Universum. Es erstreckte sich um ihn herum, summte munter vor sich hin. Dorfl spürte allgemeine Emsig- keit, fühlte ungeheure Komplexität, die nie zur Ruhe kam… Keine Worte trennten ihn vom Rest des Existierenden. Er war ein Teil der Welt und sie ein Teil von ihm. Er konnte ihr nicht den Rücken kehren, denn sie umgab ihn vollstän- dig. Wohin er sich auch wendete – sie blieb vor ihm. Dorfl gehörte sich selbst. Und das bedeutete auch, daß er voll und ganz für sich selbst verantwortlich war. Er konnte nicht sagen: »Ich mußte den Befehlen gehorchen.« Er konn- te nicht sagen: »Das ist ungerecht.« Niemand hörte zu. Es gab keine Worte. Er gehörte sich selbst. Dorfl umkreiste zwei glühenden Sonnen und raste wieder davon. Es gab jetzt kein Du sollst nicht mehr. Nun hieß es: Ich will nicht. Er taumelte durch den roten Himmel, und nach einer Weile bemerkte er ein dunkles Loch. Der Golem fühlte sich davon angezogen, und er strebte ihm entgegen, und das Loch wurde größer, dehnte sich über die Grenzen seines Blickfelds… Dorfl öffnete die Augen. Kein Herr! Mit einer fließenden Bewegung stand der Golem auf. Er hob den Arm, streckte den Zeigefinger…, Der Finger bohrte sich in die Wand, auf der die Diskussion stattgefun- den hatte, bahnte sich einen mühelosen Weg durch alten Mörtel und brüchigen Stein. Es dauerte einige Minuten, doch Dorfl hielt es für not- wendig, diese Zeit zu investieren. Die Botschaft war wichtig. Er vollendete den letzten Buchstaben und fügte ihm drei Punkte hinzu. Anschließend trat der Golem zurück und betrachtete sein Werk: Kein Herr… Blauer Zigarrendunst hing unter der Decke des Rauchzimmers. »Ah, ja«, sagte ein Sessel. »Hauptmann Karotte. Ja… in der Tat… Aber… ist er der richtige Mann?« »Hat ein kronenförmiges Muttermal«, erwiderte Nobby. »Ich hab’s selbst gesehen.« »Aber seine Herkunft…« »Er wurde von Zwergen großgezogen«, sagte Nobby. Er hob sein Brandyglas und winkte einem Kellner zu. »Das gleiche noch mal.« »Ich bezweifle, daß Zwerge jemandem wahre Größe geben können«, sagte ein anderer Sessel. Hier und da war leises Lachen zu hören. »Gerüchte und Folklore«, murmelte jemand. »Ankh-Morpork ist eine große, geschäftige und vor allem komplexe Stadt. Ich fürchte, ein Schwert und ein Muttermal allein qualifizieren den Betreffenden zu nichts. Der zukünftige König sollte aus einer Familie stammen, die ans Regieren gewöhnt ist.« »Wie deine, Herr Graf.« Ein schlürfendes Geräusch erklang, als Nobby das neue Glas Brandy in Angriff nahm. »Oh, mit dem Regieren kenne ich mich aus«, sagte er. »Erlebe es die ganze Zeit über. Werde ständig regiert. Das bedeutet, ich bekomme dauernd irgendwelche Anweisungen und so«, fügte er erklä- rend hinzu. »Wir brauchen einen König, der die Unterstützung der großen Famili- en und wichtigsten Gilden genießt.« »Die Leute mögen Karotte«, meinte Nobby. »Oh, die Leute…«, »Wer auch immer den Job bekommt – er muß ganz schön rackern«, sagte Nobby. »Der alte Vetinari erledigt dauernd irgendwelchen Papier- kram. Das macht bestimmt keinen Spaß. Ich meine, dauernd am Schreib- tisch sitzen, ernst und besorgt zu sein, nie Zeit für sich selbst haben…« Er hob das leere Glas. »Noch mal das gleiche, alter Knabe. Und mach’s diesmal voll. Was hat so ein hübsches großes Glas für einen Sinn, wenn man nur ein paar Tropfen reinschüttet?« »Manche Personen genießen das Bukett«, sagte ein entsetzter Sessel. »Sie schnuppern daran.« Nobby betrachtete das Glas aus geröteten Augen, und sein Gesicht zeigte dabei den Argwohn eines Mannes, der Gerüchte über die speziel- len Vorlieben der feinen Leute gehört hat. »Nee«, sagte er schließlich. »Ich gieße mir das Zeug nicht in die Nase, sondern in den Mund, wenn du gestattest.« »Wenn wir zur Sache kommen könnten…«, ließ sich ein anderer Sessel vernehmen. »Ein König wäre nicht die ganze Zeit mit den Angelegenhei- ten der Stadt beschäftigt. Er könnte solche Aufgaben anderen überlas- sen, seinen Beratern. Leuten, die sich mit solchen Dingen auskennen.« »Und der König? Was müßte er tun?« fragte Nobby. »Er müßte… herrschen«, sagte der Sessel. »Winken.« »Den Vorsitz bei Banketten führen.« »Dokumente unterschreiben.« »Erlesenen Brandy auf entsetzliche Weise schlürfen.« »Herrschen.« »Klingt eigentlich nicht übel«, sagte Nobby. »Es gibt bestimmte Leute, die daran Gefallen fänden.« »Ein König müßte natürlich auch bestimmte Hinweise verstehen, wenn man sie ihm direkt vor die gräßliche Nase hält«, sagte ein Sessel scharf. Die anderen Sessel brachten ihn rasch zum Schweigen. Nobby fand nach mehreren Versuchen den eigenen Mund, stopfte die Zigarre hinein und paffte. »Wenn ihr mich fragt…«, sagte er. »Wenn ihr mich fragt… Ihr solltet euch irgendeinen piekfeinen Burschen suchen, der, genug Zeit hat. Sagt ihm einfach: ›He, heute ist dein Glückstag. Hast du Lust, zu winken und bei Banketten den Vorsitz zu führen?‹« »Ah! Das ist eine großartige Idee! Fällt dir zufällig ein Name ein? Noch ein wenig Brandy gefällig?« »Oh, danke, du bist wirklich nett, Herr Piekfein. He du, Lakai, Nach- schub, voll bis zum Rand. Nein, ich weiß beim besten Willen nicht, wer in Frage käme.« »Nun, Herr Graf, um ganz offen zu sein: Wir dachten dabei an dich…« Nobby riß die Augen auf. Und dann blähten sich seine Wangen. Es ist keine gute Idee, erlesenen Brandy durch ein Zimmer zu sprühen, vor allem nicht, wenn eine brennende Zigarre in der Nähe ist. Die Flamme reichte bis zur gegenüberliegenden Wand und brannte dort eine Chrysantheme in das Holz. Gleichzeitig gehorchte Nobbys Sessel einem fundamentalen Gesetz der Physik, schoß in die entgegengesetzte Rich- tung und knallte gegen die Tür. »König?« Nobby hustete, und jemand klopfte ihm auf den Rücken, bis er wieder zu Atem kam. »König?« keuchte er. »Damit mir Kommandeur Mumm den Kopf abhackt?« »Du bekommst so viel Brandy, wie du willst, Herr Graf«, sagte eine schmeichlerische Stimme. »Was nützt das, wenn ich keine Kehle mehr habe, durch die er fließen kann?« »Wovon redest du da?« »Kommandeur Mumm würde durchdrehen! Vollkommen durchdrehen!« »Meine Güte, Mann…« »Euer Lordschaft«, korrigierte jemand. »Euer Lordschaft, ich meine… Wenn du König bist, kannst du dem verdammten Samuel Mumm Befehle erteilen. Du wärst dann der ›Boß‹, wie es so schön heißt. Du…« »Ich soll dem alten Steingesicht Anweisungen erteilen?« fragte Nobby. »Ja!« »Ich wäre König und könnte dem alten Steingesicht sagen, was er zu tun hat?«, »Genau!« Nobby starrte in die dunstige Leere. »Er würde durchdrehen!« »Jetzt hör mal, du kleiner dummer Narr…« »Herr Graf…« »Jetzt hör mal, du kleiner dummer Graf: Du könntest ihn sogar hin- richten lassen, wenn du willst!« »Nein, das könnte ich nicht!« »Und warum nicht?« »Weil er durchdrehen würde!« »Mumm nennt sich Diener des Gesetzes. Welchem Gesetz dient er? Woher kommt das Gesetz, hm?« »Ich weiß es nicht!« stöhnte Nobby. »Er meinte einmal, es stiege durch die Stiefelsohlen zu ihm auf!« Er sah sich um. Die Schatten im Rauch schienen näher zu kommen. »Ich kann kein König sein! Der alte Mumm würde durchdrehen!« »Hör endlich auf, das ständig zu wiederholen!« Nobby zog an seinem Kragen. »Ist ziemlich heiß und stickig hier drin«, ächzte er. »Wo geht’s zum Fenster?« »Dort drüben…« Der Sessel erbebte. Mit dem Helm voran stieß Nobby durch die Fen- sterscheibe, landete auf einer wartenden Kutsche, sprang auf die Straße, stürmte in die Nacht und versuchte, dem Schicksal im allgemeinen und Äxten im besonderen zu entkommen. Gertie Kleinpo betrat die Palastküche und feuerte ihre Armbrust ab. Der Bolzen bohrte sich in die Decke. »Niemand rührt sich von der Stelle!« rief die Zwergin. Die Bediensteten des Patriziers sahen von ihrem Essen auf. »Wenn du niemand sagst…«, sagte Drumknott langsam und nahm einen kleinen Brocken Putz von seinem Teller. »Meinst du dann…«, »Alles klar, Korporal. Jetzt übernehme ich.« Mumm klopfte Gertie auf die Schulter. »Ist Mildred Leicht hier?« Alle Köpfe drehten sich. Mildreds Löffel fiel in die Suppe. »Keine Sorge«, sagte Mumm. »Ich möchte dir nur einige zusätzliche Fragen stellen…« »Es… es tut mir l-l-l-l-leid…« »Es liegt mir fern, dir Vorwürfe zu machen.« Mumm ging um den Tisch. »Wie dem auch sei: Du hast nicht nur Nahrungsmittel mit nach Hause genommen, oder?« »W-was?« »Was hast du sonst noch eingesteckt?« Mildred sah zu den anderen Bediensteten, deren Mienen plötzlich sehr leer wirkten. »Die alten Bettlaken… Aber Frau Dipplock s-sagte, das ginge in Ordnung, w-weil…« »Nein, das meine ich nicht«, erwiderte Mumm. Mildred befeuchtete sich die Lippen. »Äh… etwas Schuhcreme…« »Hör mal…« Mumm versuchte, möglichst freundlich zu sein. »Jeder nimmt das eine oder andere aus dem Palast mit. Kleine Dinge, die nicht weiter auffallen. Niemand hält das für Stehlen. Ihr habt praktisch ein Recht darauf. Ich denke da so an dieses und jenes, Fräulein Leicht. An… Reste. Fällt dir bei dem Wort ›Rest‹ etwas ein?« »Äh… meinst du vielleicht… die Reste der Kerzen, Herr?« Mumm atmete tief durch. Die Bestätigung, daß er richtig vermutet hat- te, war eine große Erleichterung – auch wenn er wußte, daß er das Ziel nur auf großen Umwegen erreicht hatte. »Aha«, sagte er. »Aber d-das ist kein Diebstahl, Herr. Ich habe n-nie etwas gestohlen, Herr!« »Du hast die Kerzenstummel mitgenommen, nicht wahr?« fragte Mumm sanft. »Sie geben noch eine halbe Stunde Licht, wenn man sie in einer kleinen Schale brennen läßt.« »Das ist kein Diebstahl, Herr! Es sind… Vergünstigungen, Herr!«, Samuel Mumm schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Ver- günstigungen! Natürlich! Nach diesem Wort habe ich die ganze Zeit ge- sucht. Vergünstigungen! Jeder verdient Vergünstigungen, nicht wahr? Nun, dann ist ja alles in bester Ordnung.« Er zögerte kurz. »Ich schätze, du nimmst die Kerzenstummel aus den Schlafzimmern, nicht wahr?« Trotz ihrer Nervosität lächelte Mildred Leicht das stolze Lächeln einer Person, die das Privileg hat, das anderen Leuten fehlt. »Ja, Herr. Es ist mir erlaubt. Die Kerzen in den Schlafzimmern sind viel besser als die in den anderen Räumen.« »Und du stellst neue Kerzen auf, wenn es notwendig ist, stimmt’s?« »Ja, Herr.« Wahrscheinlich häufiger als unbedingt erforderlich, dachte Mumm. Es wäre doch schade, wenn sie zu weit herunterbrennen… »Bitte zeig mir, wo die Kerzen aufbewahrt werden.« Das Zimmermädchen blickte zur Haushälterin, die zu Mumm sah und dann nickte. Sie war intelligent genug, den Unterschied zwischen einer Bitte und einer Anweisung zu erkennen. »Sie lagern in der Kerzenkammer nebenan, Herr«, sagte Mildred. »Bitte führ mich dorthin.« Der Raum war nicht besonders groß, doch die Regale vom Boden bis zur Decke waren voller Kerzen. Mumm sah einen Meter lange Exempla- re, die man in den öffentlichen Bereichen des Palastes aufstellte. Direkt daneben – und darüber und darunter – lagen die ganz normalen Kerzen, wie man sie in allen anderen Zimmern benutzte. Sie waren nach Qualität sortiert. »Diese hier sind für die Räume seiner Lordschaft reserviert, Herr.« Mildred reichte dem Kommandeur eine dreißig Zentimeter lange weiße Kerze. »O ja… ausgezeichnete Qualität«, sagte Mumm. »Nummer fünf. Guter weißer Talg.« Er drehte die Kerze hin und her. »Diese Dinger zünden wir zu Hause an. Auf der Wache müssen wir uns mit Kerzen aus ver- dammtem Bratenfett begnügen. Wir besorgen sie uns jetzt von Traggut bei den Schlachthäusern. Hat sehr gute Preise. Früher kauften wir bei, Spatz & Sperling, aber Herr Traggut ist jetzt besser im Geschäft, nicht wahr?« »Ja, Herr. Und er liefert auch die besonderen Kerzen.« »Und du stellst sie jeden Tag ins Schlafzimmer seiner Lordschaft?« »Ja, Herr.« »Auch in andere Zimmer?« »O nein, Herr. Das hat seine Lordschaft ausdrücklich untersagt! Für uns kommen nur Kerzen vom Typ Nummer drei in Frage.« »Und du nimmst gelegentlich… äh… Vergünstigungen mit nach Hau- se?« »Ja, Herr. Oma meinte, sie gäben ein wundervolles Licht, Herr…« »Vermutlich hat sie die ganze Zeit bei deinem kleinen Bruder gesessen, nicht wahr? Ich nehme an, er ist zuerst krank geworden, und dann hat sie stundenlang bei ihm gesessen, Nacht für Nacht. Und wenn ich die alte Frau Leicht richtig kenne, hat sie die Gelegenheit genutzt zu nähen…« »Ja, Herr.« Es wurde still. »Hier, nimm mein Taschentuch«, sagte Mumm nach einer Weile. »Verliere ich meine Stellung, Herr?« »Nein«, erwiderte Mumm. »Nein, natürlich nicht. Kein Beteiligter ver- liert seinen Job.« Er starrte auf die Kerze. »Ausgenommen ich vielleicht.« An der Tür blieb er noch einmal stehen. »Wenn du erneut Kerzen- stummel brauchst… Im Wachhaus haben wir jede Menge. Nobby wird sich sein Bratenfett eben kaufen müssen, wie alle anderen auch.« »Was passiert jetzt?« fragte Feldwebel Colon. Der Kleine Irre Arthur blickte erneut über den Rand des Daches. »Jetzt hat er Probleme mit den Ellenbogen«, sagte er beiläufig. »Er sieht sie sich immer wieder an und versucht, sie an der richtigen Stelle zu befestigen.« »Ich hatte ähnliche Schwierigkeiten, als ich die Einbauküche für Frau Colon montiert habe«, sagte der Feldwebel. »Die Anleitungen, wie man die Kisten öffnet, waren in den Kisten…«, »Oh-oh, jetzt hat er den Dreh raus«, meinte der Kleine Irre Arthur. »Offenbar hat er die Dinger mit den Knien verwechselt.« Colon hörte wieder ein Scheppern in der Tiefe. »Jetzt geht er um die Ecke…« Sie hörten das typische Geräusch von splitterndem Holz. »Und jetzt ist er im Gebäude. Vermutlich kommt er die Treppe hoch, aber an deiner Stelle würde ich mir keine Sorgen ma- chen.« »Warum nicht?« »Du mußt doch nur die Dachkante loslassen.« »Dann stürze ich in den Tod!« »Genau! Ein schnelles, sauberes Ende. Ohne daß dir vorher Arme und Beine ausgerissen werden.« »Ich wollte mir einen kleinen Bauernhof kaufen!« klagte Colon. »Tja, ich schätze, dazu hast du keine Gelegenheit mehr.« Der Kleine Ir- re Arthur sah wieder nach unten. »Es sei denn, du greifst nach dem Ab- flußrohr«, fügte er hinzu, als sähe er darin kaum eine Hoffnung. Colon blickte zur Seite. Es war tatsächlich ein Abflußrohr in der Nähe. Wenn er weit genug zur Seite schwang… gelang es ihm vielleicht, das Rohr nur um wenige Zentimeter zu verfehlen und in den Tod zu stür- zen. »Sieht es sicher aus?« fragte er. »Im Vergleich wozu?« Colon versuchte, die Beine wie ein Pendel baumeln zu lassen. Die Muskeln in seinen Armen protestierten mit heißem Schmerz. Er wußte, daß er zuviel wog. Er hatte immer eines Tages damit beginnen wollen, ein wenig Sport zur treiben. Aber daß es ausgerechnet heute sein muß- te… »Ich glaube, ich höre den Golem auf der Treppe«, sagte der Kleine Irre Arthur. Colon bemühte sich, schneller hin und her zu schwingen. »Wie bringst du dich in Sicherheit?« fragte er. »Oh, mach dir keine Sorgen um mich«, erwiderte der Kleine Irre Ar- thur. »Ich springe einfach.«, »Du springst?« »Ja. Ist völlig ungefährlich für mich, weil ich die normale Größe habe.« »Du glaubst, normal groß zu sein?« Der Kleine Irre Arthur sah auf Colons Hände hinab. »Sind das deine Finger dort neben meinen Stiefeln?« fragte er. »Oh, natürlich, du bist normal groß«, sagte Colon hastig. »Ist ja nicht deine Schuld, daß du in eine Stadt der Riesen geraten bist.« »Genau. Je kleiner man ist, desto leichter fällt man. Das weiß jeder. Aus einer solchen Höhe… Eine Spinne würde es nicht einmal merken, eine Maus anschließend in Seelenruhe fortschlendern. Ein Pferd hingegen würde sich jeden Knochen im Leib brechen, und ein Elefant…« »Meine Güte«, stöhnte Colon. Inzwischen war es ihm gelungen, das Abflußrohr mit dem Fuß zu berühren. Doch um danach zu greifen… konnte er sich für einen langen, tiefen Augenblick weder am Dachrand noch an dem Rohr festhalten – was der Boden zum Anlaß nehmen könnte, ihm entgegenzuspringen. Es krachte erneut, diesmal auf dem Dach. »Also gut«, sagte der Kleine Irre Arthur. »Wir sehen uns unten.« »Meine Güte…« Der Gnom trat über die Kante. »Bisher ist alles bestens!« rief er, als er an Colon vorbeifiel. »Meine Güte…« Der Feldwebel hob den Kopf und blickte in zwei rote Augen. »Kann noch immer nicht klagen«, ertönte eine Stimme von unten. Aufgrund des Dopplereffekts klang sie dumpfer als sonst. »Meine Güte…« Colon schwang erneut die Beine, stand für einen schrecklichen Sekun- denbruchteil auf frischer Luft, zog den Kopf ein, als eine tönerne Faust nach ihm zielte, hörte voller Sorge, wie sich die rostigen Bolzen der Hal- terungen aus der Wand lösten, verabschiedete sich stumm von der Mau- er und schlang die Arme um das Rohr, als es sich von dem Gebäude fortneigte und zusammen mit ihm im Nebel verschwand., Herr Socke sah auf, als er hörte, wie sich die Tür öffnete. Einen Augen- blick später wich er zur Wurstmaschine zurück. »Du?« hauchte er. »Ha, du kannst nicht zurückkehren. Ich habe dich verkauft!« Dorfl musterte ihn einige Sekunden stumm, ging dann an ihm vorbei und nahm das größte Hackbeil vom blutigen Gestell an der Wand. Gerhardt Socke begann zu zittern. »I-i-ich bin immer g-g-gut zu dir gewesen«, brachte er hervor. »H-h- habe dir an den h-h-heiligen Tagen immer frei gegeben…« Erneut starrte ihn der Golem wortlos an. Es ist nur rotes Licht, dachte Socke nervös. Licht, ja. Allerdings schien es heller zu sein als früher. Der Fleischer spürte, wie es ihm durch die Augen in den Kopf drang, seine Seele un- tersuchte. Dorfl schob ihn beiseite, verließ das Schlachthaus und stapfte zu den Pferchen. Socke erwachte aus seiner Starre. Golems wehrten sich nie. Sie konnten es nicht. Es lag in ihrem – künstlichen – Wesen. Er wandte sich an die Arbeiter, an Menschen und Trolle. »Steht da nicht so herum! Schnappt ihn euch!« Ein oder zwei zögerten. Der Golem hielt ein großes Hackbeil in der Hand. Und als Dorfl stehenblieb, sich kurz zu ihnen umdrehte… Er wirkte irgendwie anders. Dieser Golem sah nicht mehr aus wie ein Ge- schöpf, das darauf verzichtete, sich zur Wehr zu setzen. Doch Socke stellte die Leute nicht wegen ihrer Muskeln im Kopf ein. Außerdem hatte es niemand von ihnen gemocht, daß sich ein Golem in der Nähe herumtrieb. Ein Troll holte mit einem Schlachtbeil aus. Dorfl sah nicht einmal hin, als er mit einer Hand danach griff und den Stiel aus Nußbaumholz zwi- schen zwei Fingern zerbrach. Ein Mann verlor seinen Hammer und beo- bachtete, wie das Werkzeug mit solcher Wucht gegen die Wand ge- schleudert wurde, daß es dort steckenblieb., Anschließend folgten die Arbeiter dem Golem in sicherem Abstand. Dorfl schenkte ihnen keine Beachtung. Der von den Pferchen aufsteigende Dampf vermischte sich mit dem Nebel. Hunderte von dunklen Augen blickten zu Dorfl, als er zwischen den Zäunen ging. Wenn ein Golem in der Nähe war, waren die Tiere immer sehr still. An einem der größten Pferche blieb Dorfl stehen. Stimmen erklangen hinter ihm. »Er hat doch wohl nicht vor, sie alle zu schlachten, oder? Wir schaffen es nie in einer Schicht, so viele Tiere zu zerlegen!« »Ich habe von einem Tischler gehört, der überschnappte und in einer Nacht fünftausend Tische zimmerte. Verlor die Übersicht oder was weiß ich.« »Der Kerl starrt nur…« »Ich meine, fünftausend Tische? Einer von ihnen hatte siebenund- zwanzig Beine, nicht nur unten, sondern auch oben…« Dorfl schlug mit dem Hackbeil das Schloß vom Tor. Das Vieh beo- bachtete den Golem mit der abwartenden Haltung von Tieren, die dar- auf warten, daß sich hinter ihrer Stirn der nächste Gedanke manifestiert. Dorfl schritt zum Schafgehege und öffnete auch dort das Tor. Dann kamen die Schweine und Hühner an die Reihe. »Hat er es auf alle abgesehen?« brachte Herr Socke fassungslos hervor. Der Golem ging ruhig an den Pferchen entlang und ignorierte die Zu- schauer weiterhin. Er kehrte ins Schlachthaus zurück und kam kurz dar- auf mit der alten, haarigen Judasziege wieder heraus. Er führte sie an der Leine an den wartenden Tieren vorbei zum breiten Tor an der Straße. Dorfl öffnete es – und ließ die Schnur los. Die Ziege schnupperte mehrmals und rollte mit den schlitzförmigen Augen. Dann kam sie zu dem Schluß, daß von den Kohlfeldern jenseits der Stadtmauern ein verlockenderer Duft ausging als von den nahen Schlachthäusern. Sie lief durch das offene Tor auf die Straße. Die Tiere aus den Pferchen folgten ihr schnell, doch erstaunlicherweise machten sie kaum Geräusche dabei. Nur ihre Hufe klapperten. Sie, drängten sich an Dorfl vorbei, der nun reglos dastand und ihnen nach- sah. Ein vom allgemeinen Aufbruch verblüfftes Huhn landete auf dem Kopf des Golems und begann sofort, dort zu brüten. Ärger verdrängte Sockes Entsetzen. »Lieber Himmel, was fällt dir ein!« rief er und versuchte vergeblich, einige Schafe zurückzuhalten, die erst jetzt entschieden, ihren Pferch ebenfalls zu verlassen. »Da läuft eine Menge Geld durchs Tor, du…« Dorfls Hand schloß sich plötzlich um Sockes Hals. Der Golem hob den Schlachter hoch, hielt ihn auf Armeslänge von sich gestreckt und neigte den Kopf von einer Seite zur anderen, als er ihn musterte – er schien zu überlegen, was er mit dem Menschen anstellen sollte. Schließlich warf er das Hackebeil fort, griff unter das Huhn auf seinem Kopf und holte ein braunes Ei hervor. Wortlos schlug er es über Sockes Stirn auf und ließ ihm den Inhalt übers Gesicht tropfen. Dann gab er den Mann frei. Die früheren Arbeitskollegen des Golems sprangen hastig aus dem Weg, als Dorfl wieder durchs Schlachthaus ging. Am Eingang hing eine Hinweistafel. Dorfl warf einen kurzen Blick darauf, nahm die Kreide und schrieb: Kein Herr… Die Kreide zerbröckelte zwischen den Fingern des Golems, als er durch den Nebel davonstapfte. Gertie blickte vom Untersuchungstisch auf. »Der Docht ist voller Arsensäure«, sagte sie. »Diesmal liegen wir genau richtig, Herr Kommandeur! Diese Kerze wiegt sogar etwas mehr als die anderen!« »Was für eine heimtückische Art, jemanden umzubringen«, meinte An- gua. »Heimtückisch und sehr schlau«, fügte Mumm hinzu. »Vetinari schreibt die halbe Nacht, und am Morgen ist die Kerze heruntergebrannt. Durch, Licht vergiftet. Licht ist etwas, das man nicht sieht. Wer hält schon nach dem Licht Ausschau? Ein alter, schwerfälliger Polizist gewiß nicht.« »Oh, so alt bist du gar nicht, Herr Kommandeur«, sagte Karotte. »Und schwerfällig?« »Du bist auch nicht schwerfällig«, erwiderte Karotte rasch. »Ich habe die Leute immer wieder darauf hingewiesen, daß du sehr zielstrebig und bedeutungsvoll gehst.« Mumm musterte den Hauptmann, sah in seinem Gesicht jedoch nichts anderes als unschuldige Hilfsbereitschaft. »Wir sehen nicht nach dem Licht, weil wir mit dem Licht sehen«, er- klärte Mumm. »Na schön. Ich glaube, wir sollten jetzt der Kerzenfabrik einen Besuch abstatten. Du begleitest uns, Kleinpo. Bring auch… Bist du größer geworden, Kleinpo?« »Ich trage jetzt Stiefel mit höheren Absätzen…« »Ich dachte, Zwerge tragen nur Stiefel aus Eisen…« »Ja, Herr Kommandeur. Aber meine sind mit höheren Absätzen ausge- stattet. Ich habe sie angeschweißt.« »Oh. Gut. In Ordnung.« Mumm straffte seine Schultern. »Wenn du noch gehen kannst… nimm deinen alchimistischen Kram mit. Detritus müßte inzwischen seinen Dienst im Palast beendet haben. Wenn es um verriegelte Türen geht, ist Detritus unschlagbar. Wir treffen ihn unter- wegs, dann kann er sich unserer Gruppe hinzugesellen.« Er lud seine Armbrust und zündete ein Streichholz an. »Also gut«, sagte er. »Wir haben moderne Polizeiarbeit geleistet. Jetzt wird es Zeit, zu den traditionellen Methoden zu greifen. Wir…« »Treten wir jemanden in den Ar… in den Allerwertesten?« fragte Ka- rotte. »O ja.« Mumm nahm einen Zug von seiner Zigarre und blies einen Rauchring. »Darauf könnte es hinauslaufen.« Feldwebel Colons Perspektive für die Welt änderte sich. Gerade hatte sich ein Erlebnis als schlimmster Augenblick seines ganzen Lebens in, seiner Vorstellung festsetzen wollen, doch es mußte sofort einer noch scheußlicheren Angelegenheit weichen. Das Abflußrohr, an dem er sich festklammerte, schlug gegen die Wand des nächsten Gebäudes. In einer gut organisierten Welt wäre er vielleicht auf einer Feuertreppe gelandet, doch in Ankh-Morpork gab es so etwas nicht. In dieser Stadt mußte das Feuer durchs Dach entkommen. Das Rohr lehnte schief an der Wand, und Colon rutschte in die Tiefe. Daran gab es an sich nichts auszusetzen. Allerdings war der Feldwebel recht schwer, weshalb das Rohr in der Mitte einknickte. Gußeisen hält Belastungen nur bis zu einer bestimmten Toleranzschwelle stand. Das Rohr brach. Colon fiel und landete auf etwas Weichem – zumindest war es weicher als die Straße. Es machte »Mu-ahrrrrr!« Er rutschte herunter und landete auf etwas, das tiefer und noch weicher war und mit einem lauten »Mä-äh- ärrrh!« reagierte. Er rollte herunter, und eine halbe Sekunde später fühlte er etwas unter sich, das offenbar aus Federn bestand und wütend nach ihm hackte. Auf der Straße wimmelte es von Tieren, die unsicher umherstreiften. Wenn Tiere unsicher sind, werden sie nervös, was in diesem Fall dazu führte, daß die Straße ein neues Pflaster aus Angst trug. Der einzige Vor- teil für Feldwebel Colon war, daß sie dadurch ein wenig weicher war. Hufe traten ihm auf die Hand. Sehr feuchte Schnauzen niesten unmit- telbar neben ihm. Bisher hatte Feldwebel Colon keine großen Erfahrungen mit Tieren gesammelt – eigentlich kannte er sie als leckere Portionen auf dem Tel- ler. Als Kind hatte er mit einem rosaroten Plüschschwein namens Herr Schrecklich gespielt, und in dem Buch Tierwirtschaft war er bis zum sech- sten Kapitel gekommen. Es enthielt interessante Abbildungen. Aber nirgends waren stinkender Atem oder umherstapfende Füße, die aussa- hen wie Suppenteller an Stöcken, erwähnt. Die Kühe in Colons Buch machten »Muh«. Das war allgemein bekannt. Sie sollten kein gräßliches »Muahrrrrr!« von sich geben, das eher einem Ungeheuer zustand. Außer- dem durften sie einen nicht mit übelriechendem Speichel besprühen., Er versuchte aufzustehen, rutschte auf etwas aus, das an die Nerven- krise einer Kuh erinnerte, und sank auf ein Schaf. Es tönte »Mäährrrr!« Solche Laute standen Schafen überhaupt nicht zu. Colon stand wieder auf und versuchte, den Straßenrand zu erreichen. »Husch, husch! Aus dem Weg! Fort mit dir, du blödes Schaf!« Eine Gans zischte und streckte ihren viel zu langen Hals. Colon wich zurück und blieb stehen, als etwas gegen seinen Rücken stieß. Es war ein Schwein, doch es sah Herrn Schrecklich kaum ähnlich. Dies war kein Schweinchen, mit dem man spielen und das man zum Markt mitnehmen konnte. Es fiel Colon schwer, sich die Füße eines solchen Geschöpfs vorzustellen. Bestimmt gehörten Haare, Schuppen und faust- große Zehennägel dazu. Dieses »Schweinchen« war so groß wie ein Pony. Es hatte Hauer, und seine Haut war nicht die Spur rosarot, sondern blauschwarz getönt. Seine Borsten wirkten wie Stacheln. Doch wenigstens hatte es kleine rosarote Schweinsaugen. »Schweinchen« dieser Art töteten die Jagdhunde, verwandelten das Pferd in Hackfleisch und verspeisten den Jäger. Colon drehte sich um und sah einen Stier, der ihm wie ein Würfel auf Beinen erschien. Das Geschöpf drehte den Kopf von einer Seite zur anderen, so daß beide rollende Augen den Feldwebel sehen konnten – sein Anblick schien weder dem einen noch dem anderen zu gefallen. Dann senkte der Stier den Kopf. Er hatte nicht genug Platz, um Anlauf zu nehmen, aber er konnte schieben. Colon hielt vergeblich nach einem Fluchtweg Ausschau – und löste das Problem auf die einzige mögliche Weise. Männer standen, lagen und hockten in der Gasse. »Hallo, hallo, was ist hier los?« fragte Karotte. Ein Mann hatte sich bisher den Arm gehalten und gestöhnt. Er sah nun auf. »Wir sind brutal angegriffen worden!« »Dafür haben wir keine Zeit«, sagte Mumm., »Vielleicht doch«, erwiderte Angua. Sie klopfte ihm auf die Schulter und deutete zur gegenüberliegenden Wand, an der in vertrauter Schriftart geschrieben stand: Kein Herr… Karotte bückte sich und sprach zu dem Opfer. »Du bist von einem Golem angegriffen worden, nicht wahr?« »Ja! Übler Bursche! Kam aus dem Nebel und fiel über uns her. Du weißt ja, wie sie sind.« Karotte schenkte dem Mann ein freundliches Lächeln. Dann glitt sein Blick weiter zu einem großen Hammer, der nicht weit entfernt im Rinn- stein lag. Andere Werkzeuge leisteten ihm Gesellschaft, von einigen wa- ren die Stiele abgebrochen. Jemand hatte eine Brechstange so verbogen, daß sie fast einen Ring bildete. »Zum Glück seid ihr alle gut bewaffnet gewesen«, sagte Karotte. »Der Kerl fiel über uns her«, betonte der Mann noch einmal. Er ver- suchte, mit den Fingern zu schnippen. »Einfach so – au!« »Offenbar hast du dir die Finger verletzt…« »Ja!« »Nun, ich verstehe nicht, wie der Golem einfach so aus dem Nebel kommen und einfach so über euch herfallen konnte«, meinte Karotte. »Jeder weiß, daß es ihnen nicht erlaubt ist, sich zu wehren!« »›Sich zu wehren‹«, wiederholte Karotte. »Es gehört sich nicht, daß sie… so durch die Straßen laufen«, sagte der Mann und wandte den Blick ab. Das Geräusch hastiger Schritte kam näher, und zwei Männer mit bluti- gen Schürzen trafen ein. »Er ist dorthin gelaufen!« rief der eine. »Ihr holt ihn ein, wenn ihr euch beeilt!« »Na los, worauf wartet ihr noch?« fügte der andere hinzu. »Wozu be- zahlen wir Steuern?« »Der verdammte Bursche hat alle Pferche der Schlachthäuser geöffnet. Alle! Auf dem Schweinestallhügel wimmelt’s von freigelassenen Tieren!« »Ein Golem hat die Tiere freigelassen?« fragte. Mumm. »Warum?«, »Woher soll ich das wissen? Er hat die Judasziege aus Sockes Schlacht- haus geholt, und das Vieh ist ihr natürlich gefolgt. Und dann nahm er den alten Fosdinkel und steckte ihn in die Wurstmaschine…« »Was?« »Oh, er hat zum Glück darauf verzichtet, die Kurbel zu drehen. Er stopfte ihm nur eine Handvoll Petersilie in den Mund, schob ihm eine Zwiebel in die Hose, bedeckte ihn mit Haferflocken und legte ihn dann in den Einfülltrichter.« Anguas Schultern zitterten. Selbst Mumm lächelte. »Anschließend ging er zum Geflügelhändler, schnappte sich Herrn Terwillie und…« Der Mann zögerte kurz. Immerhin war eine Dame zu- gegen, auch wenn sie rhythmisch schnaufte und nicht zu lachen versuch- te. Er senkte die Stimme, als er fortfuhr: »Er hat Salbei und Zwiebeln benutzt, wenn du verstehst, was ich meine.« »Soll das heißen, er…«, begann Mumm. »Ja!« Der andere Mann nickte. »Der arme alte Terwillie wird den Anblick von Salbei und Zwiebeln vermutlich nie wieder ertragen können.« »Ich schätze, er wird gar nicht erst den Wunsch verspüren«, sagte Mumm. Angua mußte sich umdrehen. »Sag ihm, was beim Schweinemetzger passiert ist«, wandte sich der er- ste Mann an den zweiten. »Ja! Der arme junge Sid ist nur ein Lehrling und verdient nicht, was man ihm angetan hat!« »Lieber Himmel«, murmelte Karotte. »Äh… ich habe da eine Creme, falls…« »Hilft sie gegen einen Apfel?« fragte der Mann. »Der Golem hat ihm einen Apfel in den Mund gesteckt?« »Falsch!« Mumm schnitt eine Grimasse. »Auweia…«, »Was soll jetzt geschehen?« fragte der Metzger. Nur wenige Zentimeter trennten sein Gesicht von dem Mumms. »Nun, wenn man den Stiel erreichen kann…« »Im Ernst! Was wirst du unternehmen? Ich bin Steuerzahler und kenne meine Rechte!« Sein Zeigefinger klopfte gegen den Brustharnisch des Kommandeurs. Mumms Züge verhärteten sich. Er blickte auf den Finger und sah dann zur großen roten Nase des Mannes. »Nun«, sagte er langsam, »wie wär’s, wenn du einen zweiten Apfel nimmst und…« »Äh… entschuldigt bitte«, warf Karotte hastig ein. »Du bist Herr Maxi- lott, nicht wahr? Hast einen Laden bei den Schlachthäusern?« »Ja, genau. Und?« »Ich kann mich nicht daran erinnern, deinen Namen im Verzeichnis der Steuerzahler gelesen zu haben. Und das ist wirklich seltsam, denn du hast ja gesagt, daß du ein Steuerzahler bist, und du würdest doch be- stimmt nicht lügen, oder? Wenn du deine Steuern gezahlt hast, hat man dir zweifellos eine Quittung gegeben, und die findest du bestimmt, wenn du danach suchst…« Der Metzger ließ den Zeigefinger sinken. »Äh… ja…« »Ich kann dir dabei helfen, wenn du möchtest«, bot sich Karotte an. Der Metzger bedachte Mumm mit einem verzweifelten Blick. »Er liest tatsächlich solche Sachen«, sagte Mumm. »Zum Vergnügen. Ka- rotte, ich schlage vor, du… Bei den Göttern, was ist das denn?« Etwas brüllte weiter oben auf der Straße. Ein großes, schmutziges Wesen kam mit drohendem Gang näher. In der Düsternis sah es aus wie ein dicker Zentaur, halb Mensch und halb… nein. Als das Wesen näher kam, waren Einzelheiten zu erkennen: Es schien halb Colon und halb Stier zu sein. Der Feldwebel hatte seinen Helm verloren, und andere Aspekte seines äußeren Erscheinungsbilds verrieten, daß er einiges hinter sich hatte. Als der große Stier vorbeilief, rollte Colon verzweifelt mit den Augen. »Ich wage es nicht, loszulassen!« rief er. »Ich wage es nicht!«, »Wie bist du überhaupt auf ihn gekommen?« fragte Mumm. »Oh, das war ganz leicht! Ich habe einfach nach den Hörnern gegrif- fen, und im nächsten Augenblick saß ich auf seinem Rücken!« »Halt dich gut fest!« »Zu Befehl, Herr Kommandeur. Halte mich weiterhin gut fest!« Die Stiere namens Oskar waren immer verwirrt und zornig – das war der geistige Normalzustand von ausgewachsenen Exemplaren dieser Spe- zies.* In diesem Fall gab es einen guten Grund dafür. Schlachtrinder haben eine Religion und sind sehr fromme Tiere. Sie glauben, daß gutes, gehor- sames Vieh nach dem Tod eine magische Tür durchschreitet und eine bessere Welt erreicht. Sie wissen nicht genau, was anschließend passiert, aber sie haben gehört, daß es dabei um gutes Futter und Meerrettich geht. Die Oskars hatten sich schon darauf gefreut. Seit einiger Zeit litten sie häufiger als sonst an Rheuma, und die Kühe schienen schneller zu laufen als zu ihrer Jugendzeit. Sie glaubten bereits, den köstlichen Meerrettich zu kosten… Statt dessen wurden sie in einen Pferch gesperrt und verbrachten dort einen ganzen Tag. Dann schwang das Tor auf, und plötzlich gab es über- all Tiere, und es sah nicht nach dem Paradies aus. Und etwas hockte auf ihrem Rücken. Sie versuchten einige Male, es ab- zuschütteln. Zu Oskars Glanzzeit hätte der unvorsichtige Mann längst nur noch als blutige Streifen auf dem Boden existiert, doch die arthriti- schen Stiere gaben ihr Bemühen schließlich auf und beschlossen, einen * Aufgrund der großen Stirnmasse nahmen Oskars Augen die Welt voneinander unabhängig wahr, ohne daß sich die Bilder überlappten und zu einem verschmol- zen. Da Oskars Gehirn zwei verschiedene Bilder empfing, kam es zu dem Schluß, daß sie von zwei verschiedenen Stieren stammten (Stiere sind nicht gerade wegen ihrer Intelligenz berühmt). Die meisten Stiere gehen von dieser Annahme aus. Deshalb drehen sie immer wieder den Kopf, wenn sie einen anstarren – beide Stiere wollen sehen, wer oder was sich vor ihnen befindet., geeigneten Baum zu suchen, um den unerwünschten Reiter daran abzu- reiben. Wenn er doch endlich aufhören würde, dauernd zu schreien… Mumm folgte dem Stier einige Schritte und drehte sich dann um. »Karotte? Angua? Ihr beide geht weiter zu Tragguts Kerzenfabrik. Be- haltet sie im Auge, bis wir eintreffen. Seht euch um, aber betretet das Gebäude nicht. Das ist sehr wichtig. Ihr dürft das Gebäude nicht betre- ten. Habe ich mich klar genug ausgedrückt? Beobachtet es nur.« »Ja, Herr Kommandeur«, bestätigte Karotte. »Detritus… Wir holen Fred von dem Ding.« Vor dem rennenden Bullen teilte sich die Menge. Eine Tonne erstklas- siger Stier erlebt keinen Verkehrsstau – und wenn, dann nur für kurze Zeit. »Wie wär’s, wenn du runterspringst?« rief Mumm dem Feldwebel zu. »Das möchte ich lieber nicht versuchen, Herr Kommandeur!« »Kannst du ihn steuern?« »Wie denn?« »Pack den Stier an den Hörnern, Mann!« Colon nahm versuchsweise ein Horn in jede Hand. Oskar schüttelte den Kopf, wodurch der Feldwebel fast den Halt verlor. »Er ist ein bißchen stärker als ich, Herr Kommandeur! Mehr als nur ein bißchen, um ehrlich zu sein!« »Ich ihm schießen könnte in den Kopf, Herr Mumm«, sagte Detritus und hob seine umfunktionierte Belagerungswaffe. »In dieser Straße sind viele Leute unterwegs. Es besteht die Gefahr, daß du einen Unschuldigen triffst, selbst hier in Ankh-Morpork.« »Tschuldigung.« Die Miene des Trolls erhellte sich. »Aber wenn passiert das, wir könnten sagen, daß der Betreffende auf sich geladen hat irgendeine Schuld.« »Nein, diesmal nicht… He, was macht das Huhn da?« Ein kleiner Bantamhahn rannte über die Straße, lief dem Stier zwischen den Beinen hindurch und bremste vor ihm. Eine winzige Gestalt sprang, vom Rücken des Hahns in die Höhe, bekam den Ring in Oskars Nase zu fassen und schwang sich daran empor. Sie erreichte das zerzauste Fell über der Stirn, nahm eine Locke in jede Hand… »Das zu sein scheint Gnom namens Kleiner Irrer Arthur«, sagte Detri- tus. »Er… er versuchen, den Schädel des Stiers zu… rammen…« Ein seltsames Geräusch erklang. Es hörte sich an wie ein Specht, der einen besonders schwierigen Baum bearbeitet. Eine klagende Stimme irgendwo zwischen Oskars Augen untermalte das Pochen. »Nimm das, du großer Trampel…« Der Stier blieb stehen. Er drehte den Kopf, um festzustellen, ob einer der beiden Oskars sah, was gegen seine Stirn hämmerte. Genausogut hätte er versuchen können, sich selbst in die Ohren zu blicken. Er taumelte zurück. »Fred…«, flüsterte Mumm. »Jetzt ist eine gute Gelegenheit, von seinem Rücken zu klettern.« Feldwebel Colon schluckte, schwang vorsichtig ein Bein über den brei- ten Rücken des Stiers und rutschte zu Boden. Mumm drängte sich mit ihm in einen schmalen Hauseingang. Eine Sekunde später schob er den Feldwebel wieder auf die Straße zurück. Die Umstände verlangten, einen größeren Abstand zu Colon zu wahren, als es der Hauseingang zuließ. »Warum bist du von Kopf bis Fuß mit Sch… mit Unrat bedeckt, Fred?« »Nun, hast du schon einmal von dem Fluß gehört, auf dem man ohne Boot vorankommt? Abgesehen vom Ankh, meine ich? Dort hat es be- gonnen, Herr Kommandeur. Und anschließend wurde es schlimmer.« »Meine Güte. Noch schlimmer?« »Bitte um Erlaubnis, ein Bad nehmen zu dürfen, Herr Kommandeur.« »Abgelehnt. Aber ich wäre dir dankbar, wenn du ein bißchen weiter zu- rücktreten würdest. Was ist mit deinem Helm passiert?« »Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, befand er sich auf dem Kopf eines Schafs, Herr Kommandeur. Man hat mich gefesselt und in einem Keller gefangengehalten, aber es gelang mir auf heldenhafte Weise, den, Unholden zu entkommen, Herr Kommandeur! Außerdem wurde ich von einem Golem gejagt, Herr Kommandeur!« »Wo geschah das alles?« Colon hatte gehofft, daß es Mumm versäumte, ihm diese Frage zu stel- len. »An einem Ort bei den Schlachthäusern«, erwiderte er. »Es war neb- lig, und deshalb…« Mumm griff nach Colons Handgelenken. »Was ist das?« »Ich war mit einer Schnur gefesselt, Herr Kommandeur! Doch unter großen Gefahren für Leib und Leben konnte ich fliehen und…« »Das sieht nicht nach einer Schnur aus«, sagte Mumm. »Nein, Herr Kommandeur?« »Nein. Ich schätze, es ist… Kerzendocht.« Colon runzelte verwirrt die Stirn. »Ist das eine Spur?« fragte er hoffnungsvoll. Es platschte, als ihm Mumm auf den Rücken klopfte. »Gut gemacht, Fred«, sagte er und wischte sich die Hand an der Hose ab. »Es ist zwei- fellos ein erhärtendes Indiz.« »Genau das dachte ich mir!« erwiderte Colon sofort. »Das ist eine Er- härtung, dachte ich, und du mußt sie sofort zu Kommandeur Mumm bringen, ungeachtet aller Gefahren…« »Warum hämmert der Gnom immer wieder seinen Kopf gegen die Stirn des Stiers, Fred?« »Du meinst den Kleinen Irren Arthur, Herr Kommandeur. Wir schul- den ihm einen Dollar. Er hat mir… ein wenig geholfen.« Oskar sank benommen und verdutzt auf die Knie. Die Hiebe des Klei- nen Irren Arthurs waren eigentlich kaum der Rede wert, aber sie hörten einfach nicht auf. Nach einer Weile ging ihm das unentwegte Pochen auf die Nerven. »Sollen wir ihm helfen?« fragte Mumm. »Er scheint allein ganz gut zurechtzukommen«, entgegnete Colon., Der Kleine Irre Arthur sah auf und lächelte. »Ein Dollar, klar?« rief er. »Wenn du dich darum drückst, bekommst du es mit mir zu tun! Eins von diesen Biestern ist mal auf meinen Großvater getreten!« »Wurde er verletzt?« »Er hat ihm ein Horn abgerissen!« Mumm schloß die Hand um Feldwebel Colons Arm. »Komm, Fred. Laß uns hier keine Wurzeln schlagen.« »Oh, an Dünger mangelt es nicht…« »He! Du da! Du bist doch ein Wächter, oder? Komm her!« Mumm drehte sich um. Ein Mann hatte sich einen Weg durch die Menge gebahnt. Colon zog die Möglichkeit in Erwägung, daß der schlimmste Augen- blick seines Lebens vielleicht doch noch nicht hinter ihm lag. Mumm neigte zu ballistischen Reaktionen, wenn er Worte wie »He! Du da!« hör- te, die zudem noch von einer wiehernden Stimme ausgestoßen wurden. Der Mann, von dem sie stammten, wirkte aristokratisch. Er verströmte den Zorn von jemandem, der nicht an Unannehmlichkeiten gewöhnt war und gerade eine entsprechende Erfahrung hinter sich hatte. Mumm salutierte zackig. »Ja, Herr! Ich bin ein Wächter, Herr!« »Dann komm mit und verhafte das verdammte Ding. Es stört die Ar- beiter.« »Welches Ding, Herr?« »Ein Golem, Mann! Kam frech und dreist in die Fabrik spaziert und begann damit, Zeugs an die Wände zu malen!« »Welche Fabrik, Herr?« »Komm einfach mit, Mann. Zufälligerweise bin ich ein guter Freund deines Kommandeurs, und ich muß sagen, daß mir deine Einstellung nicht sonderlich gefällt.« »Bitte um Entschuldigung, Herr«, sagte Mumm mit einer Fröhlichkeit, die Colon zu fürchten gelernt hatte. Auf der anderen Straßenseite stand eine unauffällige Fabrik. Der Mann betrat sie., »Äh… er hat einen Golem erwähnt«, murmelte Colon. Mumm kannte ihn schon seit langer Zeit. »Ja, Fred. Und deshalb ist es sehr wichtig, daß du hier draußen Wache hältst.« Die Erleichterung stieg wie Dampf von Colon auf. »Zu Befehl, Herr Kommandeur!« Dutzende von Nähmaschinen standen in der Fabrik; Menschen saßen geduldig davor. Gilden verabscheuten diese Arbeitsweise, aber da die Gilde der Näherinnen kein großes Interesse am Nähen zeigte, erhob niemand Einwände. Endlose Faserstränge liefen von den Maschinen zu Flaschenzügen an einer langen Spindel unter der Decke, die angetrieben wurde von… Mumms Blick glitt weiter und erreichte eine Tretmühle, die sich derzeit nicht bewegte und defekt zu sein schien. Zwei Golems stan- den daneben und wußten offenbar nicht recht, was sie von der ganzen Sache halten sollten. Dicht neben der Tretmühle bemerkte Mumm ein Loch in der Wand; darüber hatte jemand mit roter Farbe geschrieben: Arbeiter! Bestimmt selbst über euch! Mumm lächelte. »Der Bursche ist durch die Wand hereingekommen, hat die Tretmühle demoliert, meine Golems herausgeholt, die dummen Worte an die Wand geschmiert und ist wieder davongestapft!« sagte der Fabrikbesitzer hinter ihm. »Hm, ja, ich verstehe«, erwiderte Mumm. »Nun, viele Leute setzen Ochsen in ihren Tretmühlen ein.« »Was hat das denn damit zu tun? Außerdem können Tiere nicht vier- undzwanzig Stunden am Tag arbeiten; sie müssen auch mal ausruhen.« Mumm blickte zu den Näherinnen. Ihre besorgten Mienen erinnerten ihn an die Gesichter von Bewohnern der Unbesonnenheitstraße, an Menschen, die sowohl mit Stolz als auch mit Armut gestraft waren. »Oh, natürlich«, sagte er. »Die meisten Schneider arbeiten drüben beim Schlummerhügel, aber ich schätze, du kannst Hemden und Hosen billi- ger herstellen, wie?« »Die Leute sind froh, daß sie hier Arbeit finden!«, »Ja«, erwiderte Mumm und sah erneut zu den stummen Gesichtern. »Froh.« Er stellte fest, daß die beiden Golems versuchten, die Tretmühle zu reparieren. »Jetzt hör mir mal gut zu«, sagte der Fabrikant. »Ich möchte, daß du…« Mumm packte den Mann am Kragen und zog ihn so nahe zu sich her- an, daß ihre Nasen fast aneinanderstießen. »Nein, du hörst mir zu«, knurrte der Kommandeur. »Ich habe es immer wieder mit Dieben und anderen Gaunern zu tun, was mir überhaupt nichts ausmacht. Aber nach nur zwei Minuten in deiner Nähe habe ich das Gefühl, daß ich mich unbedingt waschen muß. Und noch etwas: Wenn ich den verdammten Golem finde, werde ich ihm die verdammte Hand schütteln, ist das klar?« Ein kleiner Teil von Mumm blieb ruhig und beobachtete das Gesche- hen. Dieser Teil nahm erstaunt zur Kenntnis, daß der Fabrikbesitzer genug Mut fand, zu erwidern: »Wie kannst du es wagen! Du bist ver- pflichtet, dem Gesetz zu dienen!« Mumms wütender Zeigefinger erhob sich so dicht vor den Augen des Mannes, daß er zu schielen begann. »Wo soll ich anfangen?« donnerte er und sah zu den beiden Golems hinüber. »Warum wollt ihr Narren die Tretmühle in Ordnung bringen? Seid ihr denn völlig ohne Verstand gebo… Habt ihr denn überhaupt keinen Verstand?« Er stürmte nach draußen. Feldwebel Colon stellte die Versuche ein, den Schmutz von sich abzukratzen. Er mußte laufen, um den Komman- deur einzuholen. »Einige Leute meinten, sie hätten gesehen, wie ein Golem durch die andere Tür kam«, sagte er. »Ein roter. Du weißt schon, roter Ton. Aber der Bursche, der mich verfolgt hat, war weiß. Äh… bist du sauer, Sam?« »Wie heißt der Mann, dem die Fabrik gehört?« »Äh… du meinst Herrn Katterail. Er hat dir mehrmals geschrieben und sich darüber beklagt, daß es in der Stadtwache zu viele Vertreter ›minderwertiger Rassen‹ gibt, zum Beispiel Trolle und Zwerge…« Der Kommandeur ging mit so langen Schritten, daß Colon fast rennen mußte., »Besorg uns einige Zombies«, sagte Mumm. »Du hast immer gesagt, daß Zombies nur über deine Leiche in die Stadtwache aufgenommen werden«, erwiderte Colon. »Gibt es welche, die Wächter werden möchten?« »Oh, ja. Ich kenne da einige gute Jungs. Abgesehen davon, daß sie ge- legentlich einen grauen Hautfladen verlieren, sieht man ihnen nicht an, daß sie schon mal im Grab gelegen haben.« »Vereidige sie morgen.« »Wie du meinst, Herr Kommandeur. Gute Idee. Wir sparen eine Men- ge Geld, weil wir sie nicht auf die Pensionsliste setzen müssen.« »Sie können im Viertel von Des-Königs-Daunen auf Streife gehen. Immerhin sind es Menschen.« »In Ordnung, Herr Kommandeur.« Wenn Samuel Mumm in solch ei- ner Stimmung war, erhob man besser keine Einwände. »Offenbar wirst du doch noch ein Freund der Vielfalt.« »Derzeit wäre ich sogar bereit, eine Gorgo in die Truppe aufzuneh- men!« »Da fällt mir Herr Bleich ein. Hat die Nase voll von der Arbeit beim koscheren Fleischer…« »Keine Vampire. Ein Vampir kommt nicht in Frage. Und jetzt los, Fred.« Nobby Nobbs hätte es wissen sollen. Das sagte er sich immer wieder, als er jetzt durch die Straßen hastete. Der ganze Kram über Könige und so: Sie hatten ihn dazu bringen wollen… Ein schrecklicher Gedanke. Er hatte sich freiwillig dazu bereit erklären sollen, König zu werden. Nobby konnte sich nicht daran erinnern, jemals etwas anderes als eine Uniform getragen zu haben. Eine der wichtigsten Erfahrungen in seinem Leben hatte er schon ganz früh gemacht: Von Männern mit roten Ge- sichtern und vornehm sonoren Stimmen durfte man nie erwarten, daß sie einen eine ruhige Kugel schieben ließen. Wenn sie nach Freiwilligen für eine »große und saubere« Sache fragten, fand man sich beim Schrubben, irgendeiner Zugbrücke wieder. Wenn sie fragten: »Gibt es hier jemanden, der gutes Essen mag?«, stand vermutlich Kartoffelschälen auf dem Pro- gramm. Unter gar keinen Umständen durfte man sich freiwillig melden. Nicht einmal dann, wenn ein Feldwebel sagte: »Wir brauchen jemanden, der Alkohol trinkt, viele Flaschen, Frauen liebt, leidenschaftlich, und gerne flucht, laut.« Es gab immer einen Haken. Wenn ein Chor aus En- geln darum bat, daß Freiwillige für das Paradies vortraten, hätte Nobby sich einen Platz weiter hinten gesucht. Wenn der Ruf nach Korporal Nobbs laut wurde, würde man ihn nicht finden. Weder hier noch an einem anderen Ort. Nobby wich einer Schweineherde mitten auf der Straße aus. Nicht einmal Kommandeur Mumm erwartete von ihm, daß er sich für irgend etwas freiwillig meldete. Er respektierte Nobbys Stolz. Er litt an Kopfschmerzen. Vermutlich die Wachteleier, dachte er. Ge- sunde Vögel legten keine so winzigen Eier. Er schob sich an einer Kuh vorbei, die zu einem Fenster hineinsah. Nobby und König? Oh, ja. Niemand gab einem Nobbs etwas umsonst, abgesehen vielleicht von einer Hautkrankheit oder sechzig Peitschenhie- ben. Die Welt war eine Ellenbogengesellschaft, und alle Ellenbogen tra- fen Nobbs. Bei einem Wettbewerb für Verlierer schnitt Nobbs als ers… als letzter ab. Er blieb stehen, zog sich in den Schatten eines Hauseingangs zurück, holte einen Zigarettenstummel hinterm Ohr hervor und zündete ihn an. Jetzt fühlte er sich sicher genug, um nicht mehr nur an die Flucht zu denken. Er überlegte, warum so viele Tiere auf der Straße waren. Im Gegensatz zum Stammbaum, der Fred Colon als Frucht hervorgebracht hatte, gediehen die Kletterpflanzen der Nobbses nur in Städten. Bisher hatte Nobbs gewußt, daß Tiere in Form von Nahrungsmitteln existier- ten, und das genügte ihm. Er war ziemlich sicher, daß sie nicht einfach herumlaufen und so schmutzig sein durften. Mehrere Gruppen aus Männern versuchten, sie zusammenzutreiben. Doch sie waren müde, stimmten ihre Bemühungen nicht aufeinander ab, und unter den Tieren herrschte eine Mischung aus Hunger und Verwir- rung. Die Straßen wurden immer schmutziger., Nobby merkte, daß ihm jemand Gesellschaft im Hauseingang leistete. Er sah nach unten. Eine Ziege hockte im Schatten. Sie hatte ein zotteliges Fell und stank, doch sie drehte den Kopf und bedachte ihn mit dem klügsten Blick, den er je bei einem Tier gesehen hatte. In Nobby regten sich völlig unerwar- tete und für ihn untypische Kameradschaftsgefühle. Er drückte den Zigarettenstummel aus und bot ihn der Ziege an, die ihn fraß. »Du und ich, wir beide«, sagte Nobby. Das Vieh floh, als Karotte, Angua und Gertie durchs Schlachthausviertel eilten. Die Tiere versuchten vor allem, sich von Angua fernzuhalten. Für Gertie hatte es den Anschein, als schöben sie eine unsichtbare Barriere vor sich her: Einige entsetzte Geschöpfe versuchten, an Wänden empor- zuklettern. Andere stoben durch schmale Gassen davon. »Warum haben die Tiere solche Angst?« fragte Gertie. »Keine Ahnung«, erwiderte Angua. Einige panische Schafe sprinteten zur Seite, als sich die Gruppe der Kerzenfabrik näherte. Licht hinter den hohen Fenstern verriet, daß die Produktion auch während der Nacht weiterging. »In vierundzwanzig Stunden werden fast eine halbe Million Kerzen hergestellt«, sagte Karotte. »Angeblich soll es dort sehr moderne Maschi- nen geben. Das klingt interessant. Ich würde es mir gern ansehen.« Hinter dem Gebäude strahlte es hell im Nebel. Dort wurden Kisten mit Kerzen auf Karren geladen. »Hier scheint alles ganz normal zu sein«, meinte Karotte, als sie in ei- nem nahen Hauseingang anhielten. »Es wird gearbeitet.« »Ich weiß nicht, was das für einen Sinn haben soll«, sagte Angua. »Wenn uns die Leute sehen, können sie eventuelles Beweismaterial ver- schwinden lassen. Und selbst wenn wir Arsen finden… Was dann? Es ist doch nicht verboten, Arsen zu besitzen.« »Äh… ist es vielleicht verboten, so etwas zu besitzen?« flüsterte Gertie., Ein Golem schritt durch die Straße. Er unterschied sich von allen an- deren Golems, die sie bisher gesehen hatten. Die anderen waren alt und durch häufige Reparaturen so formlos wie eine Lebkuchengestalt. Dieses Exemplar hingegen sah aus wie ein Mensch. Besser gesagt, es sah so aus, wie Menschen gerne aussehen möchten. Er ähnelte einer Statue aus wei- ßem Ton. Und er trug eine Krone, die fest mit dem Kopf verbunden war. »Ich hatte recht«, hauchte Karotte. »Sie haben tatsächlich einen Golem geschaffen. Arme Burschen. Haben vermutlich geglaubt, daß sie durch einen König frei werden.« »Sieh dir die Beine an«, sagte Angua leise. Während der Golem ging, bildeten sich Linien aus rotem Licht an den Beinen und an anderen Körperstellen. »Das sind Risse«, fügte Angua hinzu. »Ich wußte, daß man im Ofen eines Bäckers keinen richtigen Ton bren- nen kann«, ließ sich Gertie vernehmen. »Er hat nicht die richtige Form!« Der Golem öffnete eine Tür und verschwand in der Fabrik. »Gehen wir«, sagte Karotte. »Kommandeur Mumm hat uns angewiesen, auf ihn zu warten«, sagte Angua. »Ja, aber wir wissen nicht, was da drin vor sich geht«, erwiderte Karot- te. »Außerdem begrüßt der Kommandeur Eigeninitiative. Wir können hier nicht einfach herumstehen.« Er huschte durch die Gasse und öffnete die Tür. Auf der anderen Seite standen Kisten. Dazwischen war nur ein schma- ler Durchgang. Überall um sie herum, von den Kisten gedämpft, erklan- gen die klickenden und rasselnden Geräusche der Fabrik. Es roch nach heißem Wachs. Gertie hörte ein geflüstertes Gespräch, das etwa einen Meter über ih- rem kleinen runden Helm geführt wurde. »Wenn der Kommandeur nur nicht darauf bestanden hätte, daß wir sie mitnehmen. Wenn ihr was passiert…« »Wovon redest du da?«, »Nun, du weißt schon… Sie ist ein Mädchen.« »Na und? In der Wache gibt es mindestens drei Zwerginnen, und um die machst du dir auch keine Sorgen.« »Oh, ich bitte dich – nenn mir einen!« »Zum Beispiel Lars Schädeltrinker.« »Nein! Im Ernst?« »Willst du mich vielleicht als Lügnerin bezeichnen?« »Aber in der letzten Woche hat er in der Taverne Des Bergmanns Arme einen Streit angefangen und die halbe Einrichtung zertrümmert!« »Und wenn schon. Warum hältst du Frauen für schwächer? Du wärst bestimmt nicht in Sorge, wenn ich es mit einem Haufen Betrunkener zu tun bekäme.« »Ich würde helfen.« »Den Betrunkenen oder mir?« »Das ist unfair!« »Findest du?« »Ich würde ihnen erst dann helfen, wenn du zu hart mit ihnen umspringst. « »Ach? Und da sagt man, es gäbe keine Kavaliere mehr…« »Wie dem auch sei: Bei Gertie liegt der Fall ein wenig… anders. Er… Ich meine, sie versteht ihr Handwerk, wenn es um Alchimie geht, doch ich bezweifle, daß sie auch kämpfen kann. Achtung…« Sie erreichten die eigentliche Fabrik. Kerzen bewegten sich über ihnen: Hunderte, Tausende. Sie hingen an ihren Dochten von einem langen Band aus kleinen Holzsegmenten her- ab, das sich in weiten Schleifen durch die ganze Halle wand. »Davon habe ich gehört«, sagte Karotte. »Man nennt dies eine Ferti- gungsstraße. Damit kann man Tausende von Dingen herstellen, die prak- tisch gleich sind. Aber seht nur die Geschwindigkeit! Es erstaunt mich, daß die Tretmühle…« Angua streckte den Arm aus. Neben ihr knarrte eine Tretmühle, doch es befand sich niemand darin. »Irgend etwas muß dies alles antreiben«, sagte Angua., Karotte deutete in eine Richtung. An einer bestimmten Stelle in der Halle kamen die einzelnen Bänder zusammen und bildeten einen kom- plexen Knoten. Darin zeichnete sich vage eine Gestalt ab, deren Arme sich so schnell bewegten, daß sie nur noch schemenhaft zu erkennen waren. Neben Karotte endete die Fertigungsstraße an einem großen hölzernen Trichter. Kerzen fielen hinein. Schon seit einer ganzen Weile war der Behälter nicht mehr geleert worden, deshalb rollten die Kerzen über den Rand hinweg und bildeten bereits einen hohen Haufen auf dem Boden. »Gertie…«, sagte Karotte langsam. »Kannst du mit einer Waffe umge- hen?« »Äh… nein, Hauptmann Karotte.« »Na schön. Du wartest draußen in der Gasse. Ich möchte nicht, daß dir etwas zustößt.« Die Zwergin eilte erleichtert davon. Angua schnupperte. »Ein Vampir hat sich hier aufgehalten.« »Ich glaube, wir…«, begann Karotte. »Ich wußte, daß ihr dahinterkommt! Hätte ich das verdammte Ding doch nie gekauft! Ich habe eine Armbrust! Ich warne euch – ich habe eine Armbrust!« Die beiden Wächter drehten sich um. »Ah, Herr Traggut«, sagte Karot- te fröhlich. Er holte seine Dienstmarke hervor. »Ich bin Hauptmann Karotte von der ankh-morporkianischen Stadtwache…« »Ich weiß, wer du bist! Ich weiß, wer ihr seid! Und ich weiß auch, was ihr seid! Ich wußte, daß ihr kommen würdet! Ich habe eine Armbrust und schrecke nicht davor zurück, sie zu benutzen!« Die Spitze der Arm- brust neigte sich unsicher von einer Seite zur anderen. »Tatsächlich?« erwiderte Angua. »Was sind wir denn?« »Ich wollte überhaupt nicht in die Sache verwickelt werden!« entfuhr es Traggut. »Der Kerl hat die beiden Alten umgebracht, nicht wahr?« »Ja«, bestätigte Karotte. »Warum? Ich habe ihn nicht dazu aufgefordert!«, »Weil sie bei seiner Herstellung geholfen haben, glaube ich«, sagte Ka- rotte. »Er wußte, wer die Verantwortung trug.« »Die Golems haben ihn mir verkauft!« stieß Traggut hervor. »Ich hoff- te, das Geschäft mit ihm in Schwung bringen zu können, aber der ver- dammte Bursche hört einfach nicht auf…« Er sah zu den vielen Kerzen, die über ihm dahinglitten, senkte den Blick aber wieder, bevor Angua sich bewegen konnte. »Der Golem arbeitet ziemlich hart, nicht wahr?« »Ha!« Traggut schien niemand zu sein, der einen Scherz zu schätzen wußte. Statt dessen schien er sehr zu leiden. »Ich habe alle entlassen. Bis auf die Mädchen im Versand. Arbeiten in drei Schichten und machen Überstunden! Vier Männer sind unterwegs, um genug Talg aufzutreiben. Zwei führen Verhandlungen wegen der Dochte, und drei weitere bemü- hen sich, ausreichend große Lager zu finden!« »Sag ihm einfach, daß er keine Kerzen mehr herstellen soll«, meinte Karotte. »Wenn uns Talg und Wachs ausgehen, marschiert der Bursche durch die Straßen! Möchtet ihr vielleicht, daß er nach anderen Möglichkeiten sucht, sich zu beschäftigen? He, bleibt zusammen!« befahl Traggut und winkte mit der Armbrust. »Du brauchst doch nur die Worte in seinem Kopf zu ändern«, sagte Karotte. »Glaubst du, das hätte ich nicht versucht? Aber der Kerl läßt es nicht zu!« »Er kann sich dir nicht widersetzen«, entgegnete Karotte. »Golems müssen gehorchen.« »Dieser läßt mich nicht an seinen Schädel ran!« »Was ist mit den Giftkerzen?« fragte Karotte. »Sie waren nicht meine Idee!« »Wer steckt dahinter?« Tragguts Armbrust schwang noch stärker hin und her. Er befeuchtete sich die Lippen. »Es ist alles viel zu weit gegangen«, brachte er hervor. »Ich steige aus.«, »Wer hatte die Idee, Herr Traggut?« »Ich möchte nicht in einer dunklen Gasse enden, mit nicht mehr Blut im Leib als eine Banane!« »Oh, so etwas hast du von uns gewiß nicht zu befürchten«, sagte Ka- rotte. Entsetzen hatte den Kerzenmacher gepackt – Angua roch es ganz deutlich. Vielleicht zog er den Abzug der Armbrust aus reiner Panik. Und es gab noch einen anderen Geruch. »Wer ist der Vampir?« fragte Angua. Ein oder zwei Sekunden befürchtete sie, daß sich der Mann tatsächlich dazu hinreißen ließ, auf sie zu schießen. »Ich habe ihn mit keinem Wort erwähnt!« »Du hast Knoblauch in der Tasche«, sagte Angua. »Und es stinkt hier regelrecht nach Vampir.« »Er meinte, wir könnten den Golem als Werkzeug benutzen«, brumm- te Traggut. »Um vergiftete Kerzen herzustellen?« erkundigte sich Karotte. »Ja. Aber er wollte Vetinari nicht töten, sondern ihn nur aus dem Weg schaffen.« Traggut schien sich allmählich zu fassen. »Der Patrizier ist nicht tot – davon hätte ich bestimmt gehört. Es ist wohl kaum ein Verbrechen, wenn er sich unwohl fühlt, und deshalb…« »Die Kerzen haben zwei Personen umgebracht«, sagte Karotte. Traggut geriet erneut in Panik. »Wen?« »Eine alte Frau und ein Kleinkind in der Unbesonnenheitsstraße.« »Waren es wichtige Leute?« fragte der Kerzenmacher. Karotte nickte sich selbst zu. »Du tust mir fast leid. So weit ist es mit dir gekommen… Nun, du kannst von Glück sagen.« »Glaubst du?« »Ja. Weil wir dich vor Kommandeur Mumm gefunden haben. Leg jetzt die Armbrust weg und laß uns…«, Ein Geräusch erklang. Das heißt, es war eher das plötzliche Ende eines Geräusches, das aufgrund seiner Allgegenwärtigkeit gar nicht mehr wahrgenommen wurde. Die Fertigungsstraße stoppte. Hunderte von schwingenden Kerzen stießen mit einem multiplen Pochen gegeneinander, dann wurde es still. Eine letzte Kerze fiel auf den überfüllten Trichter, rollte über den Rand und landete auf dem Haufen. Die Stille wich ein wenig zurück, um Platz für das Geräusch von Schritten zu schaffen. Traggut wich fort. »Zu spät!« stöhnte er. Karotte und Angua sahen, wie sich sein Zeigefinger bewegte. Angua wollte Karotte beiseite stoßen, als die Armbrustsehne den Bol- zen fortschleuderte. Sie vernahm ein dumpfes Surren, dann ein leises, sehr unangenehm klingendes Knirschen, als Karottes Hand vor ihrem Gesicht erschien. Er seufzte leise, als ihn die Wucht des Geschosses um- drehte. Er landete schwer auf dem Boden und hielt sich die linke Hand. Der Bolzen steckte darin. Angua ging in die Hocke. »Ich glaube nicht, daß er Widerhaken hat. Laß mich…« Karotte schüttelte den Kopf. »Die Spitze besteht aus Silber! Rühr das Ding nicht an!« Sie sahen beide auf, als ein Schatten das Licht verdunkelte. Der Golemkönig starrte auf sie herab. Angua spürte, wie ihre Zähne und Fingernägel länger wurden. Dann sah sie das kleine runde Gesicht von Gertie, die nervös hinter einigen Kisten hervorspähte. Angua hielt ihre Werwolfinstinkte im Zaum. »Bleib, wo du bist!« rief sie, und diese Aufforderung galt nicht nur der Zwergin, sondern auch jedem einzelnen anschwellenden Haarfollikel. Sie zögerte, wußte nicht recht, ob sie den fliehenden Traggut verfolgen oder den verletzten Karotte in Sicherheit bringen sollte. Erneut wies sie ihren Körper darauf hin, daß die Wolfsgestalt jetzt nicht in Frage kam. Es gab zu viele fremde Gerüche, zu viele Feuer…, Talg und Wachs glänzten an dem Golem. Angua wich zurück. Hinter dem tönernen Riesen blickte Gertie zum stöhnenden Karotte und dann zu einer Feueraxt an der Wand. Die Zwergin griff danach und wog sie nachdenklich in den Händen. »Versuch bloß nicht…«, begann Angua. »T’dr’duzk b’bazg t’t!« »O nein«, ächzte Karotte. »Nicht ausgerechnet das!« Gertie rannte los und schlug nach der Hüfte des Golems. Die Axt prallte ab, und Gertie schlug eine Pirouette und traf den Golem noch einmal. Ein Tonsplitter löste sich von seiner Taille. Angua zögerte. Gerties Axt flog in verschwommenen Kreisen um den Golem herum, während die Zwergin weitere schreckliche Kampfschreie ausstieß. Die Worte konnte Angua nicht verstehen, aber darauf kam es bei vielen zwergischen Kampfschreien auch gar nicht an. Wichtiger war die akustische Vermittlung von Emotionen. Tonsplitter flogen umher und prallten von Kisten ab. »Was hat sie gerufen?« fragte Angua, als sie Karotte zur Seite zog. »Den schrecklichsten Kampfschrei der Zwerge! Sobald er erklungen ist, muß jemand sterben!« »Wie lautet er?« »Heute ist ein guter Tag für jemand anderen zu sterben!« Der Golem beobachtete die Zwergin neugierig wie ein Elefant, der von einem übergeschnappten Huhn angegriffen wird. Schließlich griff er nach der Axt und warf sie beiseite. Gertie folgte ihr wie der Schweif einem Kometen. Angua half Karotte auf die Beine. Blut tropfte von seiner Hand, und sie versuchte, den Geruch zu ignorieren. Bald ist Vollmond, fuhr es ihr durch den Sinn. Und dann bleibt mir keine Wahl mehr. »Wenn wir versuchen, vernünftig mit ihm zu reden…«, begann Karot- te. »Achtung!« rief Angua. »Wir sind hier in der Realität!«, Karotte zog sein Schwert. »Ich verhafte dich wegen…« Die schwingenden Arme des Golems erzeugten ein dumpfes Wusch, und das Schwert bohrte sich in eine Kiste mit Kerzen. »Hast du eine andere gute Idee?« fragte Angua. Sie wich weiter zurück. »Oder können wir jetzt fliehen?« »Nein. Wir müssen ihn irgendwie aufhalten.« Karotte und Angua stießen mit den Hacken an eine Barriere aus Ki- sten. »Ich fürchte, uns hält etwas auf«, kommentierte Angua, als der Golem erneut ausholte. »Du duckst dich nach rechts und ich nach links. Vielleicht…« Ein wuchtiger Hieb ließ die große Doppeltür in der gegenüberliegen- den Wand erzittern. Der Königsgolem drehte den Kopf. Einmal mehr erbebte die Tür – und sprang auf. Mehrere Sekunden zeichnete sich Dorfls Gestalt im Rahmen ab. Dann senkte der rote Go- lem den Kopf, breitete die Arme aus und griff an. Er lief nicht sehr schnell, aber mit ebensoviel Bewegungsenergie wie ein langsam dahingleitender Gletscher. Die Bodendielen donnerten unter Dorfl. Mit lautem Krachen prallten die beiden Golems mitten in der Fabrik gegeneinander. Dutzende von feurigen Zickzacklinien bildeten sich auf dem Königsgolem, als Risse in die Breite und Länge wuchsen. Doch er blieb auf den Beinen, schrie, packte Dorfl und warf ihn gegen die Wand. »Komm endlich«, drängte Angua. »Jetzt können wir Gertie suchen und mit ihr verschwinden.« »Wir sollten ihm helfen«, sagte Karotte, als die beiden Golems wieder gegeneinanderstießen. »Wie denn? Wenn Dorfl ihn nicht aufhalten kann, dürften wir wohl kaum dazu fähig sein. Komm!« Karotte schüttelte Anguas Hand ab. Dorfl kroch aus einem Durcheinander aus Ziegelsteinen, stand auf und griff erneut an. Die beiden Golems trafen sich wie Ringer, suchten am, Leib des Widersachers nach festem Halt. Für kurze Zeit verharrten sie in dieser Haltung, dann hob Dorfl einen Gegenstand. Er taumelte zurück und schmetterte dem weißen Golem ein weißes Bein auf den Kopf. Er wollte mit der anderen Hand zuschlagen, doch der Königsgolem hielt ihn fest, drehte sich mit verblüffender, sonderbarer Eleganz, brach- te Dorfl zu Fall, rollte sich auf die Seite und trat zu. Dorfl rollte ebenfalls herum, streckte die Arme, um die Eigenbewegung unter Kontrolle zu bringen, sah zurück und beobachtete, wie seine Füße zur Wand rutsch- ten. Der König griff nach seinem Bein, schwankte kurz und befestigte es wieder am Körper. Sein roter Blick glitt durch die Fabrik und glühte heller, als er Karotte erreichte. »Es muß hier noch einen anderen Ausgang geben«, hauchte Angua. »Traggut ist jedenfalls weg.« Sie rannten los, und der weiße Golem nahm die Verfolgung auf, wobei er jedoch sofort mit einem Problem konfrontiert wurde: Er hatte das Bein mit dem Knie nach hinten befestigt und hinkte dadurch im Kreis. Doch es gelang ihm, diesen Kreis immer näher an Angua und Karotte heranzubringen. »Wir können Dorfl nicht einfach da liegenlassen«, sagte Karotte. Er kletterte die Leiter vor einem Bottich hoch, zog die Eisenstange aus dem großen Behälter und kehrte auf den schmierigen Boden zurück. Der König wankte ihm entgegen. Karotte stützte sich an einem Gelän- der ab und holte aus. Der Golem griff unbeeindruckt nach der Metallstange und warf sie beiseite. Dann hob er beide Fäuste und wollte vortreten. Etwas hinderte ihn daran. »Thsss«, zischten die Reste von Dorfl und hielten ihn an den Füßen fest. Der König bückte sich, schlug mit der Handkante zu und trennte die obere Hälfte von Dorfls Kopf ab. Dann nahm er die Schriftrolle aus Dorfls Schädel und zerknüllte sie., Das Glühen in Dorfls Augen verblaßte. Angua stieß so fest gegen Karotte, daß er fast gestürzt wäre. Sie schlang beide Arme um ihn und zog ihn mit sich. »Er hat Dorfl getötet, einfach so«, brachte Karotte fassungslos hervor. »Es ist wirklich schade, ja«, erwiderte Angua. »Das heißt, es wäre sehr schade gewesen, wenn Dorfl zu den Lebenden gezählt hätte. Es sind Apparate, Karotte! Komm jetzt, vielleicht schaffen wir es bis zur Tür…« Karotte schüttelte sich frei. »Ein Mord ist geschehen«, sagte er. »Wir sind Wächter. Wir dürfen nicht… tatenlos bleiben! Der Golem hat einen Mord begangen!« »Ein Apparat kann keinen Apparat ermorden…« »Kommandeur Mumm meinte einmal, jemand muß für die Leute spre- chen, die keine Stimmen haben!« Er glaubt wirklich daran, dachte Angua. Mumm hat ihm Worte in den Kopf gesteckt. »Beschäftige ihn!« rief Karotte und sauste davon. »Wie denn? Soll ich ihm ein Liedchen vorsingen?« »Ich habe einen Plan.« »Oh, gut.« Mumm sah am Eingang der Kerzenfabrik hoch und bemerkte zwei Ker- zen, die zu beiden Seiten eines Schilds brannten. »Sieh dir das an«, sagte er. »Die Farbe ist kaum trocken, und schon gibt er damit an!« »Was ist das, Herr?« fragte Detritus. »Sein verdammtes Wappen!« Der Troll hob den Kopf. »Warum es da gibt einen brennenden Fisch?« fragte er. »In der Heraldik nennt man dies ›poisson‹«, erklärte Mumm bitter. »Das Ding stellt eine Lampe dar.« »Eine Lampe aus Poisson«, sagte Detritus. »Das ziemlich seltsam klingt.«, »Wenigstens ist das Motto in richtiger Sprache geschrieben und nicht in dem altmodischen Quatsch, den niemand versteht«, sagte Feldwebel Colon. »›Die Kerze läßt sich gut tragen.‹ Das ist ein Wortspiel, Detritus. Der Kerzenmacher heißt nämlich Traggut.« Mumm stand zwischen den beiden Feldwebeln und glaubte zu spüren, wie sich in seinem Kopf ein Loch öffnete. »Verdammt!« sagte er. »Verdammt, verdammt, verdammt! Er hat es mir gezeigt! ›Ach, der dumme Mumm! Er merkt sicher nichts.‹ Und das stimmt sogar!« »So einfach ist das nicht«, warf Colon ein. »Ich meine, man muß wis- sen, wie der Nachname des Kerzenmachers lautet…« »Sei still, Fred!« zischte Mumm. »Bin still, zu Befehl, Herr Kommandeur.« »Diese Arroganz… Wer ist das?« Jemand verließ das Gebäude, blickte sich nervös um und eilte fort. »Das ist Traggut!« entfuhr es Mumm. Er hielt sich nicht damit auf, »Ihm nach!« zu rufen und beschleunigte aus dem Stand auf Höchstge- schwindigkeit. Der Fliehende wich gelegentlich einem Schaf oder Schwein aus und war recht flink, aber der Treibstoff für Mumms Motor hieß Zorn. Nur noch wenige Meter trennten ihn von Traggut, als der Kerzenmacher in einer dunklen Gasse verschwand. Mumm bremste und erreichte schlitternd die Mauer. Er hatte eine Armbrust gesehen, und als Wächter bekam man früher oder später – meistens früher – die Chance zu lernen: Es ist sehr ungesund, eine dunk- le Gasse zu betreten, wenn sich dort jemand versteckt, der eine Arm- brust hat und einen ganz deutlich vor dem helleren Hintergrund sehen kann. »Ich weiß, daß du da drin bist, Traggut!« rief Mumm. »Ich habe eine Armbrust!« »Die kannst du nur einmal abfeuern!« »Ich möchte als Kronzeuge auftreten!« »Von wegen!«, Traggut senkte die Stimme. »Sie meinten, ich sollte den verdammten Golem damit beauftragen. Ich wollte nicht, daß jemand zu Schaden kommt.« »Oh, natürlich«, erwiderte Mumm. »Ich schätze, du hast die Giftkerzen deshalb hergestellt, weil sie besseres Licht geben.« »Du weißt, was ich meine! Sie sagten, es käme alles in Ordnung, und…« »Wer verbirgt sich hinter dem Wörtchen ›sie‹?« »Sie haben mir versprochen, daß niemand etwas herausfindet!« »Tatsächlich?« »Ja, sie sagten, sie…« Seine Stimme verklang kurz und nahm dann den schmeichlerischen Tonfall an, den Narren gebrauchen, wenn sie intelli- gent klingen wollen. »Wenn ich dir alles erzähle… Läßt du mich dann laufen?« Die beiden Feldwebel hatten Mumm inzwischen eingeholt. Der Kom- mandeur zog Detritus zu sich heran. Besser gesagt, er zog sich zu Detri- tus. »Geh um die Ecke und sorg dafür, daß der Kerl nicht auf der anderen Seite der Gasse entkommt«, flüsterte er. Der Troll nickte. »Was willst du mir erzählen, Traggut?« fragte Mumm. »Bist du einverstanden?« »Womit?« »Haben wir eine Vereinbarung getroffen?« »Nein, verdammt, wir haben keine Vereinbarung getroffen, Traggut! Mit dem Gesetz feilscht man nicht. Aber ich will dir was verraten: Man hat dich hintergangen!« Es war still in der Gasse. Dann schien jemand zu seufzen. Hinter Mumm stampfte Feldwebel Colon mit den Füßen aufs Kopf- steinpflaster, um sie zu wärmen. »Du kannst nicht die ganze Nacht dort drin bleiben, Traggut«, sagte Mumm., Ein ledriges Geräusch erklang. Mumm spähte in den Nebel. »Irgend etwas geht da nicht mit rechten Dingen zu«, sagte er. »Komm!« Er lief in die Gasse. Feldwebel Colon folgte ihm auf der Basis des Prinzips, daß man durchaus in eine Gasse laufen kann, in der sich ein Bewaffneter versteckt – vorausgesetzt, jemand läuft vor einem her. Eine Gestalt ragte vor ihnen auf. »Detritus?« »Ja, Herr Kommandeur.« »Wohin ist er verschwunden? Ich habe nirgends Türen gesehen!« Als sich Mumms Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte er ein Bündel an der Wand. Er stieß mit dem Fuß an eine Armbrust. »Traggut?« Er ging in die Hocke und zündete ein Streichholz an. »Oh, scheußlich«, kommentierte Feldwebel Colon. »Jemand hat ihm das Genick gebrochen…« »Er sein tot?« fragte Detritus. »Soll ich zeichnen seine Umrisse mit Kreide?« »Ich glaube, die Mühe können wir uns sparen, Feldwebel.« »Es gar keine Mühe sein. Ich habe Kreide dabei.« Mumm sah auf. Nebelschwaden füllten die Gasse, aber seine Erinne- rung zeigte ihm ein klares Bild: Hier gab es weder Leitern noch niedrige Dachränder. »Gehen wir«, sagte er. Angua wandte sich dem Königsgolem zu. Sie widerstand der schrecklich starken Versuchung, sich zu verwan- deln. Selbst die Zähne und Kiefer eines Werwolfs konnten vermutlich nichts gegen ein solches… Wesen ausrichten. Es hatte auch gar keine Halsschlagader. Sie wagte nicht, den Blick abzuwenden. Der Golem bewegte sich unsi- cher, mit unregelmäßigen Zuckungen – bei einem Menschen ein sicheres Zeichen von Irrsinn. Seine Arme bewegten sich schnell, aber ruckartig. Woher auch immer sie ihre Befehle empfingen – die Übertragung schien gestört zu sein., »Du zerbrichst!« rief Angua. »Der Ofen war nicht dazu geeignet, Ton zu brennen!« Der König sprang ihr entgegen. Sie wich aus und hörte, wie seine Faust eine Kiste mit Kerzen traf. »Du taugst nichts! Man hat dich nicht gebrannt, sondern gebacken wie ein Laib Brot!« Sie zog ihr Schwert. Normalerweise benutzte sie es nur selten – ein strahlendes Lächeln erwies sich in fast allen Fällen als wirkungsvoller. Eine Hand schlug die Spitze davon ab. Erschrocken starrte sie auf den Rest der Klinge und wich hastig zu- rück, als ein weiterer Hieb sie nur knapp verfehlte. Angua rutschte auf einer Kerze aus und fiel hin, war jedoch geistesge- genwärtig genug, sich sofort zur Seite zu rollen. Der herabstampfende Golemfuß traf nur leeren Boden. »Wo bist du Gertie?« rief sie. »Kannst du ihn näher zur Tür locken?« fragte eine Stimme aus der Dunkelheit unter der Decke. Karotte kletterte in den Holzverstrebungen der Fertigungsstraße. »Karotte!« »Bin fast da…« Der Golemkönig griff nach Anguas Bein. Sie trat mit dem anderen Fuß zu und traf ihn am Knie. Zu ihrem großen Erstaunen öffnete sich ein gleißender Riß. Die ein- zelnen Tonteile schienen auf Feuer zu schwimmen. Ganz gleich, was man unternahm: Der Golem blieb am »Leben«, auch dann, wenn er nur noch ein Haufen vom Glühen zusammengehaltener Staub war. »Jetzt ist es soweit.« Karotte ließ sich von einem Balken fallen. Er landete auf dem Rücken des Golems, schlang ihm einen Arm um den Hals und hämmerte mit dem Heft seines Schwerts auf seinen Kopf. Die weiße Gestalt taumelte und versuchte, sich den menschlichen Reiter von den Schultern zu ziehen. »Ich muß ihm die Worte aus dem Kopf holen!« rief Karotte und wich den tönernen Händen aus. »Das ist die einzige… Möglichkeit!«, Der Königsgolem taumelte nach vorn und stieß gegen einige Kisten. Sie platzten auf, und Kerzen regneten zu Boden. Karotte griff nach sei- nen Ohren und versuchte, sie zu drehen. Angua hörte, wie er folgende Worte ausstieß: »Du… hast… das Recht auf… einen… Anwalt…« »Karotte! Halt dich nicht mit seinen verdammten Rechten auf!« »Du… hast… das Recht auf…« »Gib ihm endlich den Rest!« Im offenen Eingang rührte sich etwas. Mumm stürmte mit gezücktem Schwert herein. »Oh, bei den Göttern… Feldwebel Detritus!« Der Troll erschien hinter ihm. »Zur Stelle, Herr Kommandeur!« »Schuß durch den Kopf.« »Wie du meinst, Herr Kommandeur…« »Durch seinen Kopf! Mit meinem ist alles in Ordnung! Karotte, runter von dem Ding!« »Ich kriege den Schädel nicht auf!« »Wir versuchen es mit zwei Meter Stahl durchs Ohr, sobald du losläßt!« Karotte erhob sich auf den Schultern des Königsgolems, wartete einen geeigneten Zeitpunkt ab und sprang. Der relativ weiche Hang eines Kerzenhügels milderte seinen Aufprall. Ein Bein gab unter dem Hauptmann nach; er fiel, rollte und blieb schließlich neben Dorfls reglosen Resten liegen. »He, mal hierher sehen, Mister«, sagte Detritus. Der Golem drehte sich um. Später erinnerte sich Mumm nicht an die Einzelheiten, weil alles uner- hört schnell ging. Verdrängte Luft rauschte, und der fast zwei Meter lan- ge Stahlbolzen prallte mit einem lauten Kloink vom Ton ab und bohrte sich ins dicke Holz der Tür hinter dem Kommandeur. Der Golem ging in die Hocke, und Karotte versuchte wegzukriechen. Das Geschöpf hob die Faust und… Mumm sah nicht einmal, wie sich Dorfls Arm bewegte, aber plötzlich war er da und hielt den Königsgolem am Handgelenk fest., Die kleinen Lichtsterne in Dorfls Augen explodierten. »Tsssss!« Der König zuckte verblüfft zurück, doch Dorfl hielt sein Handgelenk weiter fest und zog sich auf das hoch, was von seinen Beinen übrigge- blieben war. Auch seine Faust kam nach oben. Die Zeit schien sich zu dehnen. Nichts rührte sich im ganzen Univer- sum – Dorfls Faust war die einzige Ausnahme. Sie schwang wie ein Planet, nicht beeindruckend schnell, aber mit un- aufhaltsamer Wucht. Und dann veränderte sich der Gesichtsausdruck des Königsgolems. Kurz bevor ihn die Faust traf, lächelte er plötzlich. Unmittelbar im Anschluß daran explodierte sein Kopf. Mumm erinner- te sich in Zeitlupe daran: eine lange Sekunde, in der Tonbrocken flogen. Und Worte. Dutzende Papierfetzen segelten umher, landeten sanft auf dem Boden. Langsam und friedlich fiel der weiße Golem. Das rote Glühen verblaß- te, und die Risse in seinem Leib wurden breiter. Schließlich blieben nur noch… tönerne Scherben übrig. Dorfl sank auf sie herab. Angua und Mumm erreichten Karotte gleichzeitig. »Er ist wieder lebendig geworden!« brachte der Hauptmann hervor und stemmte sich hoch. »Das Ding wollte mich umbringen, daraufhin wurde Dorfl wieder lebendig! Obwohl er gar keine Worte mehr im Kopf hatte! Ein Golem braucht Worte im Kopf!« »Ihrem eigenen Golem haben sie zu viele gegeben«, sagte Mumm. Er griff nach einigen Zetteln. …Frieden und Gerechtigkeit für alle schaffen… …weise über uns herrschen… …uns die Freiheit lehren… …uns führen… Armer Kerl, dachte Mumm., »Laßt uns nach Hause gehen«, sagte Angua. »Karottes Hand muß be- handelt werden…« »Jetzt hört doch mal«, sagte Karotte mit Nachdruck. »Er lebt!« Mumm kniete neben Dorfl. Der zerbrochene Tonkopf wirkte leer wie die Schale eines verspeisten Frühstückseis. Doch in den Augen standen noch immer winzige Lichtflecken. »Tsssss«, hauchte Dorfl so leise, daß Mumm nicht sicher war, etwas gehört zu haben. Ein Finger kratzte über den Boden. »Versucht er, etwas zu schreiben?« fragte Angua. Mumm holte sein Notizbuch hervor, legte es unter Dorfls Hand und drückte ihm vorsichtig einen Stift zwischen die Finger. Aufmerksam beobachteten sie, wie Dorfl mit der mechanischen Präzision eines Go- lems sieben Worte schrieb. Dann kam die Hand zur Ruhe, und der Stift rollte zur Seite. Der Rest von Licht verschwand aus Dorfls Augen. »Meine Güte«, flüsterte Angua. »Golems brauchen keine Worte im Kopf…« »Wir können ihn neu zusammenbauen«, sagte Karotte heiser. »Immer- hin haben wir den Ton.« Mumm starrte erst auf die Worte und dann auf die Reste von Dorfl. »Herr Mumm?« fragte Karotte. »Mach dich an die Arbeit«, sagte der Kommandeur. Karotte blinzelte. »Jetzt sofort«, fügte Mumm hinzu. Er blickte noch immer auf die Buchstaben in seinem Notizbuch. Worte im Herzen können nicht weggenommen werden. »Und wenn du ihn neu konstruierst…«, sagte er. »Wenn du ihn repa- rierst… Gib ihm eine Stimme. Verstanden? Und laß deine Hand behan- deln.« »Eine Stimme, Herr Kommandeur?« »Du hast mich also verstanden.«, »Ja, Herr.« »Also gut.« Mumm straffte seine Schultern. »Obergefreite Angua und ich sehen uns hier um. Ihr anderen könnt gehen.« Er beobachtete, wie Karotte und Detritus die Reste von Dorfl forttru- gen. »Na schön«, brummte er. »Wir suchen nach Arsen. Vielleicht gibt es hier separate Werkstätten. Die Giftkerzen sollten bestimmt nicht mit den anderen verwechselt werden. Grinsi weiß bestimmt, was… Wo steckt Korporal Kleinpo?« »Äh… ich glaube, ich kann mich nicht mehr sehr lange festhalten…« Sie sahen nach oben. Gertie hing an einem der Kerzenbänder. »Wie bist du da raufgekommen?« fragte Mumm. »Ich bin daran vorbeigeflogen und hielt es für eine gute Idee, die Hän- de nach dem Band auszustrecken.« »Warum läßt du nicht einfach los? So hoch ist es doch gar nicht… Oh.« Etwa anderthalb Meter unter der Zwergin stand ein Bottich mit flüssi- gem Talg. Gelegentlich machte es Blub darin. »Äh… wie heiß kann das Zeug sein?« wandte sich Mumm leise an An- gua. »Hast du schon mal kochende Marmelade probiert?« Mumm hob die Stimme. »Wie wär’s, wenn du dich zur Seite schwingst, Korporal?« »Das Holz ist ganz schmierig!« »Korporal Kleinpo, ich befehle dir, nicht herunterzufallen!« »In Ordnung, Herr Kommandeur!« Mumm zog seine Jacke aus. »Hier, nimm das. Ich versuche, nach oben zu klettern…« »Das klappt bestimmt nicht«, erwiderte Angua. »Das Gerüst unter der Decke sieht viel zu wacklig aus!« »Meine Hände rutschen immer mehr ab, Herr Kommandeur!«, »Meine Güte, warum hast du nicht eher auf deine Situation aufmerk- sam gemacht?« »Alle waren viel zu beschäftigt, Herr Kommandeur.« »Bitte dreh dich um«, forderte Angua Mumm auf und löste die Schnal- len ihres Brustharnischs. »Jetzt sofort! Und schließ die Augen!« »Warum? Was…« »Jetzt soforrrrt, Herrrrrr!« »Oh, ich verstehe…« Mumm hörte, wie Angua von der Kerzenmaschine zurückwich, und dem Geräusch ihrer Schritte gesellte sich das Klappern zu Boden fallen- der Rüstungsteile hinzu. Dann begann sie zu laufen, das Geräusch ihrer Schritte veränderte sich, und dann… Er öffnete die Augen. Ein Wolf flog nach oben, schnappte nach Gerties Schulter, als sich die Hände der Zwergin endgültig vom Holz lösten, streckte sich und landete auf der anderen Seite des Bottichs. Angua rollte jaulend zur Seite. Gertie stand auf. »Das ist ein Werwolf!« Angua rollte hin und her, tastete mit den Pfoten nach ihrem Maul. »Was ist mit ihm passiert?« fragte Gertie. Ihre Panik ließ ein wenig nach. »Er scheint… verletzt zu sein. Wo ist Angua? Oh…« Mumm sah auf das zerrissene Lederhemd der Zwergin hinab. »Du trägst Kettenpanzer unter der Kleidung?« fragte er. »Oh… das ist meine Silberweste… Aber sie wußte davon. Ich habe es ihr gesagt…« Mumm ergriff Angua am Hals. Sie drehte den Kopf, um ihn zu beißen, fing den Blick des Kommandeurs und beherrschte sich. »Sie hat doch nur auf Silber gebissen«, sagte Gertie geistesabwesend. Angua kam auf die Beine, warf ihnen einen finsteren Blick zu und ver- schwand hinter einigen Kisten. Ihr Jaulen wurde allmählich zu einer Stimme. »Dreimal verfluchte Zwerge und ihre verdammten Westen…«, »Ist alles in Ordnung mit dir, Obergefreite?« fragte Mumm. »Verdammte silberne Unterwäsche… Würdet ihr mir bitte meine Sa- chen zuwerfen?« Mumm nahm Anguas Uniform und schloß anstandshalber die Augen, als er sie um die Kisten reichte. »Niemand hat mir gesagt, daß sie ein Werwolf ist…«, ächzte Gertie. »Vielleicht solltest du die Sache so sehen«, entgegnete Mumm so ge- duldig wie möglich. »Wenn Angua kein Werwolf wäre, könnten wir dich jetzt als sehr außergewöhnliche Kerze bewundern.« Angua trat hinter den Kisten hervor und rieb sich ihren geröteten Mund. »Hat dich das Silber verbrannt?« fragte Gertie. »Das heilt wieder«, sagte Angua. »Du hast mir nie erzählt, daß du ein Werwolf bist!« »Wie hätte ich mich dabei ausdrücken sollen?« »Nun, wenn jetzt alles geklärt ist…«, warf Mumm ein. »Ich möchte, daß die Fabrik durchsucht wird, klar?« »Ich habe Salbe«, bot Gertie kleinlaut an. »Danke.« Im Keller fanden sie einen Beutel sowie mehrere Kisten mit Kerzen. Viele tote Ratten lagen in der Nähe. Der Troll Eruptiv öffnete die Tür seines Töpferladens einen Spalt. Ei- gentlich hatte der Spalt nur zwei oder drei Zentimeter breit sein sollen, doch er wurde mehr als ein Meter groß, als jemand die Tür entschlossen aufstieß. »He, was das soll?« fragte Eruptiv, als Detritus und Karotte mit Dorfls Resten eintraten. »Ihr nicht einfach so könnt einbrechen…« »Wir nicht einfach nur einbrechen«, erwiderte Detritus. »Ich dies halten für einen Skandal«, ereiferte sich Eruptiv. »Ihr kein Recht habt, so hereinzukommen. Es keinen Grund gibt…«, Detritus ließ den Golem los und drehte sich um. Er streckte die Hand aus und schloß sie um die Kehle des anderen Trolls. »Du siehst diese komischen Dinger da drüben, du sie siehst?« grollte er und drehte Erup- tivs Kopf, damit sein Blick einige religiöse Statuen an der gegenüberlie- genden Wand erfassen konnte. »Soll ich vielleicht zertrümmern eins, um festzustellen, was stecken da drin? Dann möglicherweise es gibt einen Grund…« Eruptiv kniff die Augen zusammen. Das Denken fiel ihm schwer, aber er konnte eine gefährliche Stimmung erkennen. »Das nicht nötig sein, ich immer helfe der Wache«, erwiderte er. »Um was es geht überhaupt?« Karotte legte die Überreste des roten Golems auf den Tisch. »Fang gleich an. Bring ihn in Ordnung. Und nimm dabei möglichst viel von dem alten Ton.« »Wie es funktionieren kann, wenn in den Augen kein Licht mehr?« fragte Detritus. Er sah noch immer keinen Sinn in dieser sonderbaren Mission. »Er meinte, der Ton erinnert sich!« Der Feldwebel zuckte mit den massiven Schultern. »Und gib ihm eine Zunge«, fügte Karotte hinzu. Eruptiv wirkte schockiert. »Das nicht in Frage kommen. Jeder weiß, daß es Blasphemie sein, wenn Golem spricht.« »Ach, tatsächlich?« Detritus stapfte durch den großen Laden, blieb vor den Statuen stehen und starrte auf sie hinab. »Oh, ich ganz ungeschickt bin und stolpere, und ich mich festhalten an diesem Ding, oh, der Arm abbricht, und zwar dort, wo ich sehen kann ins Innere der Statue, und was ich dort sehe, es weißes Pulver zu sein scheint, und es rieseln auf den Boden ganz durch Zufall.« Er leckte an einem Finger und probierte das Zeug. »Platte«, knurrte er und kehrte zum zitternden Eruptiv zurück. »Und du mir etwas erzählen von Blasphemie, du sedimentärer Koprolith? Du gehorchen Hauptmann Karotte, und zwar sofort, sonst ich dich tragen nach draußen in einem Sack!« »Das sein Brutalität der Polizei…«, grummelte Eruptiv., »Nein, das bisher sein nur schreiende Polizei!« donnerte Detritus. »Wenn du willst ausprobieren Brutalität, so ich nichts habe dagegen!« Eruptiv versuchte, an Karottes guten Willen zu appellieren. »Es nicht richtig sein, er Dienstmarke hat, er nicht versuchen darf, mich einzu- schüchtern…« Karotte nickte. Seine Augen zeigten ein besonderes Glitzern, dem Eruptiv besser Beachtung geschenkt hätte. »Das stimmt«, sagte er. »Feldwebel Detritus?« »Herr Hauptmann?« »Wir alle haben einen langen Tag hinter uns. Du kannst den Dienst jetzt beenden.« »Ja, Herr Hauptmann!« erwiderte Detritus mit verdächtigem Enthu- siasmus. Er nahm die Dienstmarke und legte sie behutsam beiseite. An- schließend machte er Anstalten, die einzelnen Rüstungsteile abzulegen. »Sieh die Sache so«, sagte Karotte. »Wir erschaffen kein Leben. Wir geben dem Leben nur einen Platz, an dem es sich entfalten kann.« Eruptiv lenkte ein. »Na schön, na schön. Einverstanden. Einverstanden.« Er betrachtete die Scherben von Dorfl und rieb sich die Flechten am Kinn. »Ihr die meisten Teile mitgebracht habt«, sagte er. Professionalität ver- drängte nun den Ärger. »Ich ihn zusammenkleben könnte mit Spezial- zement, und dann wir könnten brennen ihn in der Nacht. Mal sehen… Dort drüben ich noch etwas haben müßte…« Detritus blickte auf seinen Zeigefinger, an dem noch immer weißes Pulver klebte. Er blinzelte. »Habe ich gerade geleckt dies?« fragte er. »Ich glaube schon«, erwiderte Karotte. »Meine Güte, da ich aber dankbar bin«, sagte Detritus und blinzelte immer schneller. »Ich schon befürchtet hatte, daß es hier tatsächlich wim- melt von großen haarigen Spinnen… wubbel glubel sklupp…« Er prallte glücklich auf den Boden. »Selbst wenn ich neu brenne ihn – ihr nicht machen könnt ihn wieder lebendig.« Eruptiv kehrte zur Werkbank zurück. »Ihr bestimmt keinen Priester findet, der schreibt Worte für seinen Kopf.«, »Er wird sich selbst Worte geben«, sagte Karotte. »Und wer soll im Auge behalten den Ofen?« fragte Eruptiv. »Es min- destens dauert bis zum Morgen…« »Ich habe heute nacht ohnehin nichts vor«, meinte Karotte und nahm den Helm ab. Mumm erwachte gegen vier Uhr. Er war am Schreibtisch eingeschlafen, gegen seinen Willen – Körper und Geist hatten einfach abgeschaltet. Es geschah keineswegs zum erstenmal, daß er mitten in der Nacht ver- schlafene Augen öffnete. Wenigstens lag er diesmal nicht in etwas Kleb- rigem. Er starrte auf den halb fertiggestellten Bericht. Sein Notizbuch lag daneben. Fleißig geschriebene Worte auf vielen Seiten dokumentierten den Versuch, eine komplexe Welt mit Hilfe einfacher Überlegungen zu verstehen. Mumm gähnte und blickte nach draußen in den Rest der Nacht. Beweise gab es nicht. Zumindest keine richtigen Beweise. Was konnte er vorweisen? Ein Gespräch mit einem ziemlich wirren Korporal Nobbs, der eigentlich gar nichts gesehen hatte. Im Prinzip standen ihm nur Indi- zien zur Verfügung, und deren Bedeutung konnte sich ebenso leicht verflüchtigen wie Nebel im Sonnenschein. Einige Verdachtsmomente und viele Zufälligkeiten bildeten ein Kartenhaus ohne Fundament. Wieder sah er auf das Notizbuch hinab. Jemand schien ziemlich hart gearbeitet zu haben. Oh, ja, er selbst. Die Ereignisse des vergangenen Abends erschienen noch einmal vor seinem inneren Auge. Was hatten all die gekritzelten Hinweise auf ein Wappen zu bedeuten? Oh, natürlich… Natürlich! Zehn Minuten später öffnete Mumm die Tür des Töpferladens. Warme Luft wogte ihm entgegen und trieb die feuchte Kälte des Nebels zurück. Karotte und Detritus schliefen zu beiden Seiten des Ofens auf dem Boden. Verdammt. Mumm brauchte jemanden, dem er trauen konnte,, doch er brachte es nicht übers Herz, die beiden Schlafenden zu wecken. In den letzten Tagen hatte er sie alle mächtig angetrieben… Jemand klopfte von innen an an die Tür des Ofens. Der Griff drehte sich, und die lukenartige Tür schwang weit auf. Etwas kletterte und rutschte aus dem Ofen. Mumm war noch immer nicht ganz wach. Erschöpfung und die auf- dringlichen Phantome von Adrenalin trieben sich am Rand seines Be- wußtseins herum, hinderten ihn jedoch nicht daran, eine brennende Ge- stalt zu sehen, die sich vor ihm aufrichtete. Der rotglühende Leib knisterte und knackte immer wieder, als er ab- kühlte. Die Bodendielen unter seinen Füßen verkohlten und qualmten. Der Golem hob den Kopf und sah sich um. »Du!« Mumm richtete einen zitternden Zeigefinger auf ihn. »Komm mit!« »Ja«, sagte Dorfl. Drachenkönig von Wappen betrat seine Bibliothek. Schmutzige hohe Fenster und Nebelreste ließen dort ständige graue Düsternis herrschen, der hundert Kerzen ihr Licht hinzufügten. Er nahm am Schreibtisch Platz, zog ein Buch zu sich heran und be- gann zu schreiben. Nach einer Weile hielt er inne und sah auf. Es war völlig still, bis auf ein gelegentliches leises Zischen einer Kerze. »Ah-ha. Ich rieche dich, Kommandeur Mumm«, sagte er. »Haben dich die Herolde hereingelassen?« »Ich habe den Weg allein gefunden«, erwiderte Mumm und trat aus den Schatten. Der Vampir schnupperte. »Bist du allein gekommen?« »Wen sollte ich mitgebracht haben?« »Und welchem Umstand verdanke ich das Vergnügen, Sir Samuel?« »Das Vergnügen ist ganz meinerseits«, sagte Mumm. »Weil ich dich verhaften werde.«, »Ach du meine Güte. Ah-ha. Weswegen denn, wenn ich fragen darf?« »Vielleicht sollte ich deine Aufmerksamkeit auf den Bolzen in dieser Armbrust richten«, entgegnete Mumm. »Es ist kein Metall in der Spitze. Das Geschoß besteht rein aus Holz.« »Sehr interessant. Ah-ha.« Drachenkönig von Wappen musterte den Kommandeur, und seine Augen funkelten. »Du hast mir noch nicht ge- sagt, was man mir zur Last legt.« »Mittäterschaft bei der Ermordung von Frau Flora Leicht und eines kleinen Kindes namens Willibald Leicht. Und das ist erst der Anfang.« »Ich fürchte, die Namen sagen mir nichts.« Mumms Finger zuckte kurz am Abzug. »Nein«, sagte er und atmete tief durch. »Das habe ich auch nicht anders erwartet. Nun, die Ermittlungen dauern an; vermutlich ergibt sich noch das eine oder andere. Daß du den Patrizier vergiftet hast, ziehe ich dabei als mildernden Umstand in Erwä- gung.« »Willst du wirklich Anklage erheben?« »In diesem Fall wäre mir Gewalt lieber«, räumte Mumm ein. »Aber ich schätze, ich muß mich mit der Anklage begnügen.« Der Vampir lehnte sich zurück. »Du hast hart gearbeitet, wie ich hör- te«, sagte er. »Deshalb verzichte ich darauf…« »Wir haben die Aussage von Herrn Traggut«, log Mumm. »Vom verstor- benen Herrn Traggut.« Drachenkönigs Gesichtsausdruck blieb völlig unverändert. »Ich weiß überhaupt nicht, ah-ha, wovon du redest, Sir Samuel.« »Mein Büro konnte nur jemand erreichen, der fliegen kann.« »Ich fürchte, das verstehe ich nicht ganz…« »Gestern abend ist Herr Traggut umgebracht worden«, fuhr Mumm fort. »Von jemandem, der aus einer Gasse verschwand, die an beiden Enden bewacht wurde. Und ich weiß, daß sich ein Vampir in Tragguts Fabrik aufgehalten hat.« »Ich versuche noch immer vergeblich, dich zu verstehen, Komman- deur«, sagte Drachenkönig von Wappen. »Ich weiß nichts vom Tod des, Herrn Traggut, und es gibt viele Vampire in der Stadt. Deine… Abnei- gung ihnen gegenüber ist allgemein bekannt.« »Es gefällt mir nicht, wenn man Leute wie Vieh behandelt«, erwiderte Mumm. Sein Blick wanderte kurz über die vielen Bücher in der Biblio- thek. »Darauf ist es in deinem Fall immer hinausgelaufen, nicht wahr? Dies hier sind gewissermaßen die Zuchtbücher von Ankh-Morpork.« Die Armbrust schwang herum und zeigte wieder auf den Vampir, der sich nicht gerührt hatte. »Macht über Menschen. Das wünschen sich Vampire. Das Blut ist eigentlich nebensächlich, kaum mehr als ein Maß- stab des Erfolgs. Wieviel Einfluß hast du im Lauf der Jahre genommen?« »Ein bißchen. Zumindest in diesem Punkt hast du recht.« »Für jemanden wie dich spielt nur die Herkunft eine Rolle.« Mumm schüttelte den Kopf. »Meine Güte. Jemand aus einer ›guten Familie‹ soll- te Vetinari ersetzen. Man wollte den Patrizier aus dem Weg räumen, oh- ne ihn zu töten. Nach seinem Tod würden zu viele Dinge geschehen. Ist Nobby tatsächlich ein Graf?« »Es gibt einige Anzeichen dafür.« »Aber es sind deine Anzeichen, nicht wahr? Ich bezweifle, daß er auch nur einen Tropfen adliges Blut in den Adern hat. Nobby ist so gewöhn- lich, wie man nur sein kann. Das gehört zu seinen besseren Eigenschaf- ten. Mit den ganzen Dingen, die seine Familie stibitzt hat, könnte man vermutlich beweisen, daß er der Herzog von Pseudopolis, der Serif von Klatsch und die Herzoginwitwe von Quirm ist. Im letzten Jahr hat er mir mein Zigarrenetui geklaut, und ich bin ziemlich sicher, daß er nicht ich ist. Nein, ich halte Nobby nicht für einen feinen Pinkel. Aber vermutlich glaubten einige Leute, ihn benutzen zu können.« Mumm hatte den Eindruck, daß Drachenkönig von Wappen allmählich größer wurde. Vielleicht war es nur eine optische Täuschung, hervorge- rufen vom flackernden Licht der Kerzen. »Du konntest mich gut gebrauchen, nicht wahr?« fuhr Mumm fort. »Wochenlang habe ich die vereinbarten Termine abgesagt. Bestimmt bist du ziemlich ungeduldig geworden. Und dann spreche ich dich auf Nob- by an. Muß eine ziemliche Überraschung für dich gewesen sein. Andern- falls hättest du nach ihm schicken müssen, und das wäre verdächtig ge-, wesen. Aber Kommandeur Mumm hat ihn entdeckt. Dadurch sieht die Sache viel besser aus. Dadurch wird sie praktisch offiziell. Und dann dachte ich: Wer will einen König? Nun, fast alle. Es ist ir- gendwie eingebaut. Könige machen alles besser. Komisch, nicht wahr? Selbst die Leute, die Vetinari alles verdanken, mögen ihn nicht. Vor zehn Jahren waren die Gildenoberhäupter nur ein Haufen von Halunken, und jetzt… Sie sind noch immer ein Haufen von Halunken, um ehrlich zu sein. Aber Vetinari gab ihnen genug Zeit, zu erkennen, daß sie ihn brau- chen. Und dann erscheint der junge Karotte mit jeder Menge Charisma, und er hat ein Schwert und ein Muttermal, und alle haben ein seltsames Ge- fühl, und Dutzende von Leuten kramen in alten Dokumenten und sagen: ›He, sieht ganz danach aus, als sei der König zurückgekehrt.‹ Und dann beobachten sie ihn eine Weile und sagen: ›So ein Mist, er ist wirklich an- ständig und ehrlich und gerecht, so wie es in den Geschichten heißt. Potzblitz! Wenn der Bursche auf dem Thron sitzt, könnten wir in ernste Schwierigkeiten geraten! Er könnte einer jener unangenehmen Könige sein, die damals herumliefen und mit den einfachen Leuten sprachen…‹« »Trittst du für die einfachen Leute ein?« fragte Drachenkönig von Wappen sanft. »Für die einfachen Leute?« wiederholte Mumm. »Sie sind nichts Be- sonderes. Sie unterscheiden sich nicht von den Reichen, davon abgese- hen, daß sie weder Geld noch Macht besitzen. Doch das Gesetz sollte die Dinge ausgleichen. Und deshalb muß ich wohl für die einfachen Leu- te eintreten.« »Ein Mann, der mit der reichsten Frau in Ankh-Morpork verheiratet ist?« Mumm hob und senkte die Schultern. »Der Helm eines Wächters ist nicht wie eine Krone. Man trägt ihn auch dann, wenn man ihn abge- nommen hat.« »Das ist ein interessanter Standpunkt, Sir Samuel, und ich wäre der er- ste, der bewundert, wie gut du mit deiner Familiengeschichte fertig ge- worden bist, aber…«, »Keine Bewegung!« Mumm hob drohend die Armbrust. »Wie dem auch sei… Karotte kam nicht in Frage, aber inzwischen hatte sich die Sache herumgesprochen, und jemand meinte: ›Besorgen wir uns einen König, den wir kontrollieren können. Die Gerüchte sagen, der rechtmä- ßige König sei ein einfacher Wächter. Also halten wir bei der Wache nach einem geeigneten Kandidaten Ausschau.‹ Und sie sahen sich um und fanden Nobby Nobbs, der an Einfachheit nicht zu schlagen ist. Doch ich glaube, die Leute, über die wir hier reden, waren auch unsicher. Vetinari mußte verschwinden und gleichzeitig am Leben bleiben. Wie ich vorhin schon sagte: Sein Tod würde eine ganze Lawine aus Ereignissen in Bewegung setzen. Aber ihn so zu neutralisieren, daß er da ist und auch nicht, damit die Leute sich eine Stadt ohne ihn vorstellen konnten… Das war eine geniale Idee. An dieser Stelle bekam Traggut den Auftrag, Gift- kerzen herzustellen. Er hatte einen Golem, und die tönernen Burschen sprechen nicht. Niemand würde davon erfahren. Doch Tragguts Golem erwies sich als ein wenig… eigenwillig.« »Offenbar möchtest du an der passenden Stelle mich in die Angele- genheit verwickeln«, warf Drachenkönig ein. »Von dem Mann namens Traggut weiß ich nur, daß er ein Kunde ist…« Mumm schritt durchs Zimmer und zog eine Pergamentrolle aus dem Regal. »Du hast ein Wappen für ihn gezeichnet!« rief er. »Und du hast es mir sogar gezeigt, als ich hier war. ›Der Metzger, der Bäcker und der Ker- zenmacher.‹ Erinnerst du dich?« Die Gestalt hinter dem Schreibtisch gab keine Antwort. »Als wir uns das erste Mal begegneten, hast du mir Arthur Tragguts Wappen mit großem Trara gezeigt«, sagte Mumm. »Das kam mir ver- dächtig vor, aber wegen der Sache mit Nobby dachte ich zunächst nicht mehr daran. Wie dem auch sei: Mir fiel sofort eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Wappen der Assassinengilde auf.« Der Kommandeur hob die Pergamentrolle. »Gestern abend sah ich es mir lange an, schraubte meinen Sinn für Humor mindestens zehn Stufen zurück und konzentrierte mich auf die fischförmige Lampe. Lampe au poisson. Ist das vielleicht ein mehrsprachi- ges Wortspiel? Poisson wie poison beziehungsweise Gift? ›Giftlampe?‹ Man muß einen Verstand wie Detritus haben, um so etwas zu entdecken. Und, Fred Colon wunderte sich darüber, daß du für das Motto modernes Ankhianisch, nicht etwa die alte Sprache gewählt hast. Das stimmte auch mich nachdenklich, deshalb habe ich mir ein Wörterbuch genommen und es übersetzt. Das Motto hätte gelautet: ›Ars Enixa Est Candelam‹. Ars Enixa. Das hat dir sicher sehr gefallen. Du hast den Täter genannt und auch das Wie erwähnt – und die Botschaft dem armen Kerl gege- ben, damit er auch noch stolz darauf sein konnte. Niemand verstand die Hinweise, aber darauf kam es gar nicht an. Es genügte dir, daß du Be- scheid wußtest. Die gewöhnlichen Sterblichen sind eben nicht so schlau wie du, stimmt’s?« Mumm schüttelte erneut den Kopf. »Meine Güte, ein Wappen. Hast du ihn damit bestochen? Mehr war nicht nötig?« Drachenkönig sank noch etwas tiefer in den Sessel. »Schließlich fragte ich mich, was du dir von der ganzen Sache ver- sprichst«, fuhr Mumm fort. »Es sind ziemlich viele Leute daran beteiligt, und sicher erhofft sich jeder einzelne von ihnen persönliche Vorteile. Aber du? Meine Frau züchtet Drachen, und zwar nur deshalb, weil sie sich für Drachen interessiert. Liegt der Fall bei dir ähnlich? Ein kleines Hobby, um dir die Jahrhunderte zu vertreiben? Oder schmeckt blaues Blut besser? Ich hoffe, daß so etwas dahintersteckt. Ordentlicher, gemei- ner Egoismus.« »Wenn sich jemand auf so etwas einließe…«, entgegnete der Schemen in den Schatten. »Es könnte dem Betreffenden um die Verbesserung der Rasse gehen. Womit ich keineswegs andeuten möchte, daß ich derartige Motive teile.« »Meinst du eine Zucht, die auf fliehendes Kinn und Hasenzähne ab- zielt?« erwiderte Mumm. »Ja, es wäre sicher einfacher, wenn du die Sache kontrollieren würdest. All die königlichen Bälle. All die kleinen Vorbereitungen, die arrangie- ren, daß die richtigen jungen Frauen nur den richtigen jungen Männern begegnen. Du hast Hunderte von Jahren Zeit. Und alle bitten dich um Rat. Du kennst die Wurzeln der vielen Stammbäume. Unter Vetinari ist soviel durcheinandergeraten, stimmt’s? Die falschen Leute sind nach oben gekommen. Sybil flucht immer, wenn jemand vergessen hat, das Tor des Pferchs zu schließen – es wirft ihr Zuchtprogramm über den Haufen.«, »Du irrst dich in Hinsicht auf Hauptmann Karotte, ah-ha. Die Stadt weiß, wie man mit einem… schwierigen König fertig wird. Aber kann ihr an einem zukünftigen König gelegen sein, der wirklich Rex heißt?« Mumm runzelte verwirrt die Stirn. Irgendwo in der Düsternis seufzte es. »Ich meine, ah-ha, seine offenbar stabile Beziehung zu dem Werwolf.« Mumm blinzelte verblüfft. Schließlich dämmerte es ihm. »Glaubst du, es könnten Hunde zur Welt kommen?« »Die Genetik von Werwölfen ist ziemlich komplex, ah-ha, und solch ein Ergebnis ließe sich kaum ausschließen. Und es wäre nicht akzeptabel. Für jemanden, der in solchen Bahnen denkt.« »Bei den Göttern, darauf läuft es hinaus?« Die Schatten veränderten sich. Drachenkönig von Wappen saß noch immer zusammengesunken im Sessel, und seine Konturen schienen nun zu verschwimmen. »Was auch immer die, ah-ha, Motive sein mögen, Mumm: Du hast nichts anderes als Mutmaßungen und Indizien. Allein deine Spekulatio- nen bringen mich mit dem Anschlag auf Vetinaris, ah-ha, Leben in Ver- bindung…« Der Kopf des alten Vampirs sank noch tiefer auf seine Brust, und im Bereich seiner Schultern dehnten sich die Schatten. »Es war besonders gemein, die Golems daran zu beteiligen«, sagte Mumm und beobachtete die Schatten. »Sie fühlten, was ihr ›König‹ an- stellte. Es mag nicht besonders klug gewesen sein, ihn zu erschaffen, aber er war die einzige Hoffnung der armen Burschen. Ton von ihrem Ton. Sie hatten nichts anderes als ihren Ton, und selbst den habt ihr Mistkerle ihnen genommen…« Drachenkönig sprang plötzlich vor und breitete Fledermausschwingen aus. Der Bolzen aus Mumms Armbrust schlug mit einem dumpfen Po- chen in die Decke ein. »Hast du wirklich geglaubt, daß du mich mit einem Stück Holz verhaf- ten kannst?« fragte Drachenkönig. Er hatte die lange, klauenartige Hand um den Hals des am Boden liegenden Mumm geschlossen., »Nein«, krächzte der Kommandeur. »Es steckt etwas mehr… Einfalls- reichtum dahinter. Ich mußte dich nur ein wenig… hinhalten. Fühlst du dich nicht schon… schwächer? Sozusagen von den eigenen Waffen ge- schlagen…« Er lächelte. Der Vampir schien nicht recht zu wissen, was er davon halten sollte. Nach einigen Sekunden der Verwunderung starrte er zu den Kerzen. »Meinst du etwa… die Kerzen? Hast du sie manipuliert?« »Wir wußten, daß Knoblauch… zu auffällig riechen würde. Aber unser Alchimist dachte… Wenn man die Dochte in Weihwasser… tränkt… Das Wasser verdampft, und es bleibt… Heiligkeit.« Der Druck um Mumms Hals ließ nach. Drachenkönig von Wappen setzte sich auf die Fersen. Sein Gesicht stülpte sich nach vorn und be- kam dadurch etwas Fuchshaftes. Er schüttelte den Kopf. »Nein«, kam es von seinen Lippen, und dies- mal lächelte er. »Nein, es sind nur Worte. So etwas würde nicht funktio- nieren…« »Bist du… bereit, dein untotes… Leben darauf zu wetten?« brachte Mumm hervor und rieb sich den Hals. »Ein besseres Ende als das… von Herrn Traggut, nicht wahr?« »Willst du mich mit Tricks zu einem Geständnis bewegen, Herr Mumm?« »Oh, du hast schon gestanden«, erwiderte der Kommandeur. »Mit dem Blick zu den Kerzen.« »Ach? Ah-ha. Aber wer sonst hat mich dabei beobachtet?« Aus den Schatten kam ein Grollen wie von einem fernen Gewitter. »Ich«, sagte Dorfl. Der Vampir starrte von dem Golem zu Mumm. »Ihr habt einem von ihnen eine Stimme gegeben?« brachte er hervor. »Ja«, bestätigte Dorfl. Er bückte sich und hob den Vampir mit einer Hand hoch. »Ich Könnte Dich Töten«, sagte er. »Diese Möglichkeit Steht Mir Als Frei Denkendes Individuum Offen, Aber Ich Nehme Sie Nicht Wahr, Weil Ich Mir Selbst Gehöre Und Eine Moralische Ent- scheidung Getroffen Habe.«, »Lieber Himmel«, hauchte Mumm. »Das ist Blasphemie«, ließ sich der Vampir vernehmen. Er schnappte nach Luft, als Mumm ihm einen Blick zuwarf, der fast die gleiche Wirkung entfaltete wie heller Sonnenschein. »Das sagen die Leute, wenn die Stimmlosen sprechen. Bring ihn weg, Dorfl. Steck ihn ins Verlies des Palastes.« »Ich Könnte Diesen Befehl Einfach Mißachten, Doch Ich Ziehe Es Vor, Der Aufforderung Nachzukommen, Aus Respekt Und Sozialer Verantwortung…« »Ja, ja, in Ordnung«, sagte Mumm rasch. Drachenkönigs Klauenhände kratzten über den Golem. Genausogut hätte er versuchen können, nach einem Berg zu treten. »Du Kommst Mit Mir, Untot Oder Lebendig«, grollte Dorfl. »Haben deine Verbrechen denn kein Ende?« ereiferte sich Drachenkö- nig. Er wand sich vergeblich im Griff des Golems hin und her. »Du hast dieses Ding zu einem Polizisten gemacht?« »Nein, aber du bringst mich da auf eine gute Idee«, entgegnete Mumm. Er blieb allein im samtenen Dunkel der Königlichen Schule zurück. Vermutlich läßt Vetinari ihn bald wieder frei, dachte er. Das ist Politik. Drachenkönig gehört zur Funktionsweise dieser Stadt. Außerdem gibt es da noch die Frage nach den Beweisen. Ich bin von seiner Schuld über- zeugt, aber… Wie dem auch sei: Ich weiß, daß er schuldig ist. Man wird ihn im Auge behalten, und eines Tages, wenn Vetinari den Zeitpunkt für gekommen hält, bricht ein besonders guter Assassine mit einem in Knoblauchbrühe getränkten Holzdolch auf. Dann wird alles hinter den Kulissen erledigt. Ja, darum dreht sich die Politik in dieser Stadt. Sie ähnelt einem Schachspiel: Wen kümmert’s, wenn ein paar Bau- ern dran glauben müssen? Aber ich weiß Bescheid. Und vielleicht bin ich der einzige, der die Hin- tergründe kennt. Automatisch klopfte er seine Taschen nach einer Zigarre ab., Es war schwierig genug, einen Vampir zu töten. Man pfählte die Bur- schen, verwandelte sie in Staub, und zehn Jahre später ließ jemand ein wenig Blut an die falsche Stelle tropfen, und zack – ratet mal, wer wieder da ist? Vampire kehrten häufiger zurück als roher Brokkoli. Mumm wußte, daß er gefährlichen Gedanken nachhing. Sie regten sich in einem Wächter, wenn die Jagd vorbei war, wenn man dem Halunken gegenüberstand, wenn sich das Universum auf ihn und die eigene Person reduzierte, auf einen atemlosen Augenblick zwischen Verbrechen und Strafe. Vielleicht hatte der Wächter einmal zu oft gesehen, wie der Zivilisation die Haut abgerissen wurde, woraufhin er sich nicht mehr wie ein Wäch- ter verhielt, sondern wie ein ganz normaler Mensch. Vielleicht glaubte er dann, daß man mit Armbrust und Schwert eine saubere Welt schaffen konnte. Nein, so durfte man nicht denken, nicht einmal über Vampire. Obwohl sie nicht zögerten, anderen Leuten das Leben zu nehmen, weil das Leben der kleinen Leute überhaupt keine Rolle für sie spielte. Was konnte man ihnen nehmen? Nein, so durfte man nicht denken, denn man hatte ein Schwert und ei- ne Dienstmarke bekommen und war dadurch zu jemand anderem ge- worden. Und das bedeutete, daß man gewisse Gedanken besser nicht dachte. Nur die Verbrechen fanden in der Dunkelheit statt. Die Bestrafung er- folgte im Licht. Das war die Arbeit eines guten Wächters, wie Karotte immer wieder sagte: in der Finsternis eine Kerze anzünden. Mumm entdeckte eine Zigarre, und seine Hände begannen mit der au- tomatischen Suche nach Streichhölzern. Zahllose Bücher reichten an den Wänden empor. Das Kerzenlicht strich über goldene Buchstaben und dunkles Leder. Hier lagerte alles: Tausende von Stammbäumen, die unendlichen Einzelheiten der Wap- penkunde. Das Wer-mit-und-von-wem der Jahrhunderte. Die Zuchtbü- cher der Stadt. Leute benutzten sie, um auf andere Leute hinabzublicken. Keine Streichhölzer…, In der staubigen Stille der Königlichen Schule griff Mumm nach einem der Leuchter und zündete sich die Zigarre an. Er paffte genießerisch und richtete einen nachdenklichen Blick auf die Bücher. Die Kerzen des Leuchters zischten leise… Die Uhr tickte in unregelmäßigen Abständen. Schließlich stotterte sie sich zu ein Uhr vor – Mumm stand auf und betrat das Rechteckige Büro. »Ah, Mumm«, sagte Lord Vetinari und sah auf. »Ja, Herr.« Der Kommandeur hatte einige Stunden geschlafen und auch versucht, sich zu rasieren. Vetinari schob die Papiere auf dem Schreibtisch hin und her. »Die ver- gangene Nacht scheint recht ereignisreich gewesen zu sein…« »Ja, Herr.« Mumm nahm Haltung an. Alle Uniformierten wußten tief in ihrem Innern, wie man sich unter diesen Umständen verhielt. Zum Bei- spiel blickte man starr geradeaus. »Offenbar befindet sich Drachenkönig von Wappen im Verlies des Pa- lastes«, stellte der Patrizier fest. »Ja, Herr.« »Ich habe deinen Bericht gelesen. Von Beweisen in dem Sinn kann ei- gentlich kaum die Rede sein.« »Herr?« »Einer deiner Zeugen lebt nicht einmal, Mumm.« »Nein, Sir. Genaugenommen gilt das auch für den Verdächtigen.« »Allerdings ist er ein wichtiger Bürger dieser Stadt. Eine Autorität.« »Ja, Herr.« Lord Vetinari schob erneut einige Dokumente hin und her. Auf einem davon waren rußige Fingerabdrücke zu sehen. »Allem Anschein nach hast du eine Belobigung verdient, Kommandeur.« »Herr?«, »Die Herolde der Königlichen Schule – beziehungsweise ihrer Reste – haben mir eine Mitteilung geschickt und deine gute Arbeit in der letzten Nacht hervorgehoben.« »Herr?« »Du hast die Wappentiere aus den Pferchen gelassen und Alarm gege- ben und so weiter. Du bist allen eine große Stütze gewesen, heißt es. Ich nehme an, die meisten Tiere sind derzeit bei dir untergebracht.« »Ja, Herr. Ich konnte sie nicht leiden lassen, Herr. Wir hatten einige leere Pferche, und der Teich eignet sich gut für Roderick und Kimbert. Offenbar mögen sie Sybil, Herr.« Lord Vetinari hüstelte und blickte einige Sekunden zur Decke. »Du hast also bei der…äh… Brandbekämpfung geholfen.« »Ja, Herr. Hielt das für meine Pflicht, Herr.« »Ein umgefallener Leuchter soll das Feuer verursacht haben. Vermut- lich unmittelbar nach deiner Auseinandersetzung mit Drachenkönig von Wappen.« »Das nehme ich an, Herr.« »Und die Herolde teilen deine Annahme, wie es scheint.« »Hat jemand Drachenkönig davon erzählt?« fragte Mumm unschuldig. »Ja.« »Wie hat er auf die Nachricht reagiert?« »Er hat viel geschrien. Auf herzzerreißende Weise, wie ich hörte. Und aus irgendeinem Grund hat er seinen Schreien viele Drohungen hinzuge- fügt, die sich auf dich bezogen.« »Ich werde versuchen, in meinem Terminkalender ausreichend Platz für sie freizuhalten, Herr.« »Bimmel-bamm-bumm!« erklang eine piepsige Stimme. Mumm schlug mit der flachen Hand auf seine Jackentasche. Lord Vetinari schwieg eine Zeitlang. Seine Finger trommelten leise auf den Schreibtisch. »Dort gab es viele alte Manuskripte. Unbezahlbar, glaube ich.« »Ja, Herr. Unbezahlbar, weil wertlos, Herr.«, »Könnte es sein, daß du mich gerade falsch verstanden hast, Kom- mandeur?« »Das ist nicht auszuschließen, Herr.« »Die Herkunft vieler alter, ehrwürdiger Familien ist in Rauch und Flammen aufgegangen. Die Herolde werden sich natürlich alle Mühe geben, und die betreffenden Familien verfügen sicher über eigene Auf- zeichnungen, aber um ehrlich zu sein: Das Ergebnis kann bestenfalls ein Flickwerk sein. Lächelst du, Kommandeur?« »Muß eine optische Täuschung gewesen sein, Herr.« »Kommandeur, ich habe schon immer vermutet, daß es einen antiauto- ritären Zug in dir gibt.« »Herr?« »Irgendwie ist es dir gelungen, ihn dir zu bewahren, obwohl du jetzt selbst Autorität verkörperst.« »Herr?« »Das ist praktisch Zen.« »Herr?« »Ich bin für einige Tage indisponiert – und dir gelingt es in dieser Zeit, praktisch alle wichtigen Leute in der Stadt zu verärgern.« »Herr.« »War das ein ›Ja, Herr‹ oder ein ›Nein, Herr‹, Sir Samuel?« »Nur ein ›Herr‹, Herr.« Lord Vetinari blickte auf ein Blatt Papier. »Hast du den Präsidenten der Assassinengilde wirklich geschlagen?« »Ja, Herr.« »Warum?« »Weil ich keinen Dolch hatte, Herr.« Der Patrizier wandte sich abrupt ab. »Der Rat der Kirchen, Tempel, heiligen Grotten und großen unheilvollen Felsen verlangt… Nun, er verlangt verschiedene Dinge, bei denen es unter anderem um wilde Pfer- de geht. Sein Hauptanliegen ist allerdings deine Entlassung.« »Ja, Herr?«, »Insgesamt liegen mir siebzehn Beschwerdebriefe vor, deren Absender deine Dienstmarke fordern. Einige von ihnen würden sich darüber freu- en, wenn noch Teile von dir daran hingen. Warum bringst du die Leute nur so sehr gegen dich auf?« »Ist eine Art Talent von mir, Herr.« »Aber was willst du damit erreichen?« »Nun, Herr, da du danach fragst… Wir haben herausgefunden, wer Pa- ter Tubelcek und Herrn Hopkinson ermordet hat. Außerdem wissen wir, wer für den Giftanschlag auf dich verantwortlich ist, Herr.« Mumm zö- gerte kurz. »Zwei von drei ist nicht schlecht, Herr.« Vetinari kramte einmal mehr in seinen Unterlagen. »Ladenbesitzer, As- sassinen, Priester, Metzger… Du hast die führenden Persönlichkeiten dieser Stadt verärgert.« Er seufzte. »Nun, mir bleibt keine Wahl. Von dieser Woche an bekommst du mehr Sold.« Mumm blinzelte. »Herr?« »Nichts Ungebührliches. Zehn Ankh-Morpork-Dollar im Monat. Und ich schätze, im Wachhaus wird ein neues Pfeilbrett gebraucht. Dafür gibt es häufig Bedarf, wenn ich mich recht entsinne.« »Es liegt an Detritus«, sagte Mumm. Er konnte sich einfach keine un- ehrliche Antwort einfallen lassen. »Wenn er wirft, zerbrechen die Bretter bald.« »Ah, ja. Da wir gerade von zerbrochenen Dingen sprechen, Mumm… Vielleicht könnte mir dein forensisches Genie bei einem Rätsel helfen, das wir heute morgen gefunden haben.« Der Patrizier stand auf und ging zur Treppe. »Ja, Herr? Worum geht es?« fragte Mumm und folgte ihm. »Es betrifft die Rattenkammer, Mumm.« »Tatsächlich, Herr?« Vetinari öffnete die Doppeltür. »Voilà«, sagte er. »Das ist eine Art Musikinstrument, nicht wahr, Herr?« »Nein, Kommandeur«, erwiderte der Patrizier scharf. »Das Wort be- deutet: ›Was ist das dort im Tisch?‹«, Mumm blickte in das Zimmer. Niemand hielt sich darin auf. Der lange Mahagonitisch war leer. Bis auf die Axt, die sich ganz tief ins Holz gebohrt und den Tisch fast der Länge nach gespalten hatte. Jemand hatte die Axt mit aller Kraft in seine Mitte gerammt – ihr Stiel deutete zur Decke. »Das ist eine Axt«, sagte Mumm. »Erstaunlich«, entgegnete Lord Vetinari. »Und du hattest kaum Zeit, die Situation eingehender zu untersuchen. Warum steckt sie im Tisch?« »Keine Ahnung, Herr.« »Nach Auskunft der Bediensteten bist du heute morgen um sechs in den Palast gekommen, Sir Samuel…« »Oh, ja, Herr. Um mich zu vergewissern, daß der Mistkerl in seiner Zelle sitzt, Herr. Und um festzustellen, ob auch sonst alles in Ordnung ist.« »Dieses Zimmer hast du nicht betreten?« Mumms Blick klebte an einem imaginären Horizont. »Was hätte mich dazu veranlassen sollen, Herr?« Der Patrizier klopfte gegen den Stiel der Axt – er vibrierte mit einem leisen Brummen. »Ich glaube, heute morgen trafen sich hier einige Ver- treter des Stadtrats. Besser gesagt, sie betraten den Raum. Angeblich verließen sie ihn ziemlich schnell wieder. Wirkten sehr bestürzt, wie ich hörte.« »Vielleicht ist einer der Stadträte für die Sache mit der Axt verantwort- lich, Herr.« »Das ist natürlich eine Möglichkeit«, räumte Lord Vetinari ein. »Du bist vermutlich in der Lage, eine deiner berühmtem Spuren an dem Ding zu finden, oder?« »Nein, ich glaube nicht, Herr. Es sind zu viele Fingerabdrücke daran.« »Es wäre schrecklich, wenn die Leute glauben, daß sie das Gesetz selbst in die Hand nehmen können…« »Oh, keine Sorge, Herr. Ich halte es gut fest.« Der Patrizier klopfte erneut gegen den Axtstiel. »Sag mir, Sir Samuel… Weißt du, was Quis custodiet ipsos custodes bedeutet?«, Diesen Ausdruck hatte Karotte gelegentlich benutzt, doch Mumm war nicht in der Stimmung, etwas zuzugeben. »Ich glaube nicht, Herr. Be- zeichnet es eine kulinarische Spezialität?« »Übersetzt lauten die Worte: ›Wer bewacht die Wächter?‹« »Ah.« »Nun?« »Herr?« »Wer bewacht die Wächter, frage ich mich.« »Oh, die Antwort ist ganz einfach, Herr. Wir bewachen uns gegensei- tig.« »Tatsächlich? Interessant…« Lord Vetinari verließ die Rattenkammer, und Mumm folgte ihm durch den Flur. »Wie dem auch sei… Um den Frieden zu wahren, muß der Golem zerstört werden.« »Nein, Herr.« »Erlaube mir, meine Anweisung zu wiederholen.« »Nein, Herr.« »Ich glaube, du hast gerade einen Befehl von mir erhalten, Komman- deur. Ich habe deutlich gespürt, wie sich meine Lippen bewegten.« »Nein, Herr. Er lebt, Herr.« »Er besteht doch nur aus Ton, Mumm.« »Gilt das nicht für uns alle, Herr? So steht’s jedenfalls in den Broschü- ren, die Obergefreiter Besuch verteilt. Der Golem hält sich selbst für lebendig, und das genügt mir.« Der Patrizier deutete zu einem Büro voller Dokumente. »Trotzdem, Kommandeur. Mir liegen nicht weniger als neun Schreiben von hoch- rangigen Priestern vor, die den Golem für eine Abscheulichkeit halten.« »Ja, Herr. Ich habe gründlich darüber nachgedacht und bin zu folgen- dem Schluß gekommen: Es sind allesamt Arschlöcher, Herr.« Der Patrizier hob kurz die Hand vor den Mund. »Du bist ein schwieri- ger Verhandlungspartner, Sir Samuel. Läßt sich denn gar kein Kompro- miß mit dir schließen?«, »Kommt ganz drauf an, Herr.« Mumm schritt zur Haupttür und öffne- te sie. »Der Nebel hat sich gelichtet, Herr«, sagte er. »Hier und da gibt es noch einige Schwaden, aber man kann bis zur Messingbrücke sehen…« »Wozu willst du den Golem benutzen?« »Ich benutze ihn nicht. Ich stelle ihn ein. Er könnte sich als nützlich er- wiesen, wenn es darum geht, den Frieden zu bewahren.« »Ein Golem als Wächter?« »Ja, Herr«, bestätigte Mumm. »Hast du noch nichts davon gehört, Herr? Golems erledigen immer die schmutzigen, unangenehmen Arbei- ten.« Vetinari sah ihm nach und seufzte. »Er legt immer großen Wert auf ei- nen dramatischen Abgang.« »Ja, Euer Lordschaft«, sagte Drumknott, der lautlos neben dem Patri- zier erschienen war. »Ah, Drumknott.« Vetinari zog einen recht langen Kerzenrest aus der Tasche und reichte ihn seinem Sekretär. »Beseitige das hier. Und sei vor- sichtig dabei.« »Ja, Euer Lordschaft?« »Es ist die Kerze von vorgestern nacht.« »Sie ist nicht heruntergebrannt? Aber ich habe doch ihren Stummel ge- sehen…« »Oh, ich habe soviel abgeschnitten, bis ein Stummel übrig war, den ich anschließend kurze Zeit brennen ließ. Ich konnte den so überaus ent- schlossenen Polizisten doch nicht mit einem Hinweis darauf enttäu- schen, daß ich längst Bescheid wußte. Immerhin hat er sich solche Mühe gegeben, und er fand so großen Gefallen daran, Mumm zu sein. Ich bin nicht völlig herzlos, weißt du.« »Aber Euer Lordschaft… Du hättest doch eine diplomatische Lösung für das Problem finden können! Statt dessen schuf Mumm überall Un- ruhe, verärgerte viele Leute und…« »Ja. Du liebe Zeit. Ts, ts.« »Ah«, sagte Drumknott., »In der Tat«, erwiderte der Patrizier. »Soll ich den Tisch in der Rattenkammer reparieren lassen?« »Nein, Drumknott. Lassen wir die Axt ruhig darin stecken. Ich denke, sie bietet ein gutes… Gesprächsthema.« »Gestattest du mir eine Bemerkung, Euer Lordschaft?« »Gewiß«, erwiderte Vetinari und sah Mumm durchs Palasttor schreiten. »Wenn es Kommandeur Mumm nicht gäbe… Mir scheint, du müßtest ihn erfinden, Herr.« »Oh, ich glaube, genau das habe ich, Drumknott.« »Atheismus Ist Ebenfalls Eine Religiöse Perspektive«, verkündete Dorfl. »Nein, das stimmt nicht!« widersprach Obergefreiter Besuch. »Der Atheismus leugnet die Existenz von Göttern.« »Und Deshalb Kommt Er Einer Religion Gleich«, beharrte Dorfl. »Der Wahre Atheist Denkt Dauernd An Die Götter, Von Denen Er Behaup- tet, Daß Sie Nicht Existieren. Deshalb Ist Der Atheismus Eine Form Des Glaubens. Wenn Ein Atheist Wirklich Nicht An Die Götter Glaubt, Würde Er Keine Zeit Damit Verlieren, Ständig Ihre Existenz Zu Leug- nen.« »Hast du die Broschüren gelesen, die ich dir gegeben habe?« fragte Be- such argwöhnisch. »Ja. Viele Von Ihnen Ergeben Keinen Sinn. Aber Ich Würde Gern Noch Mehr Lesen.« »Im Ernst?« fragte Besuch. In seinen Augen leuchtete es. »Du möch- test wirklich noch mehr Broschüren?« »Ja. Sie Enthalten Viele Dinge, Über Die Ich Gern Diskutieren Würde. Wenn Du Einige Priester Kennst… Ich Fände Großen Gefallen An Ei- nem Disput.« »Also gut, na schön«, warf Feldwebel Colon ein. »Legst du nun den verdammten Eid ab oder nicht, Dorfl?« Der Golem hob eine schaufelgroße Hand. »Solange Keine Gottheit Entdeckt Ist, Deren Postulierte Existenz Einer Rationalen Debatte Standhält, Schwöre Ich, Dorfl, Auf Der Grundlage Von Konzepten, Die, Als Fundament Für Ein Durch Beobachtung Entstandenes Moralsystem Dienen Und…« »Du willst wirklich mehr Broschüren?« vergewisserte sich Obergefreiter Besuch. Feldwebel Colon rollte mit den Augen. »Ja«, sagte Dorfl. »Bei den Göttern!« Obergefreiter Besuch brach in Tränen aus. »Nie- mand hat mich jemals um mehr Broschüren gebeten!« Colon drehte sich um, als er Mumms Blick spürte. »Es hat einfach kei- nen Zweck«, meinte er. »Seit einer halben Stunde versuche ich, ihn zu vereidigen, und immer wieder gibt es irgendwelche Diskussionen.« »Möchtest du Wächter sein, Dorfl?« fragte Mumm. »Ja.« »Alles klar. Das genügt mir als Antwort. Gib ihm eine Dienstmarke, Fred. Und dies hier ist für dich, Dorfl. Auf dem Zettel steht, daß du offi- ziell als lebendig giltst – falls du Schwierigkeiten bekommst. Du weißt schon… Mit den Leuten.« »Danke Sehr«, sagte Dorfl ernst. »Wenn Ich Jemals Das Gefühl Haben Sollte, Nicht Lebendig Zu Sein, Hole Ich Den Zettel Heraus Und Lese Ihn.« »Was sind deine Pflichten?« fragte Mumm. »Dem Vertrauen Der Bürger Gerecht Zu Werden, Die Unschuldigen Zu Schützen Und Allen Halunken Ordentlich In Den Hintern Zu Tre- ten, Herr Kommandeur«, antwortete Dorfl. »Er lernt schnell, nicht wahr?« meinte Colon. »Die letzten Worte hat er nicht von mir.« »Den Leuten gefällt das bestimmt nicht«, wandte Nobby ein. »Ein Go- lem als Wächter… Das wird niemanden begeistern.« »Gibt Es Für Jemanden, Der Die Freiheit Liebt, Eine Bessere Arbeit Als Die Des Wächters? Das Gesetz Ist Der Diener Der Freiheit. Freiheit Ohne Grenzen Ist Eine Fiktion«, verkündete Dorfl feierlich. »Nun…«, sagte Colon langsam, »wenn du als Wächter keinen Erfolg hast, könntest du es als Bäcker von Prophezeiungsplätzchen versuchen.«, »Eigentlich komisch«, kommentierte Nobby. »Diese Plätzchen enthal- ten nie schlechte Prophezeiungen. Ist dir das aufgefallen? Man liest nie: ›Meine Güte, heute steht dir Schlimmes bevor.‹ Ich meine, es gibt nur Glückskekse, keine Pechkekse.« Mumm zündete sich eine Zigarre an und schüttelte das Streichholz aus. »Dahinter verbirgt sich eine der wichtigsten Antriebskräfte im ganzen Universum, Korporal.« »Tatsächlich?« erwiderte Nobby. »Wer die Botschaft von Glückskeksen liest, kann mit Glück rechnen? Meinst du das?« »Nein. Ich meine, wer solche Plätzchen verkauft, möchte sie auch wei- terhin verkaufen. Komm, Obergefreiter Dorfl. Wir vertreten uns ein wenig die Beine.« »Es hat sich eine Menge Papierkram angesammelt«, gab Feldwebel Co- lon zu bedenken. »Sag Hauptmann Karotte, ich hätte gesagt, daß er sich darum kümmern soll«, erwiderte Mumm. »Er ist noch nicht zurück.« »Bestimmt können die Papiere ein wenig länger warten.« »Wie du meinst, Herr Kommandeur.« Colon setzte sich an den Schreibtisch. Es war ein guter Platz, fand er. Hier bestand nicht die geringste Gefahr, von irgendwelchen Tieren über- rascht zu werden. An diesem Morgen hatte er eins der seltenen Gesprä- che mit Frau Colon geführt und darauf hingewiesen, daß er nicht mehr beabsichtigte, der Natur näher zu kommen. Er war ihr bereits so nahe gewesen, wie man nur sein konnte. Und dabei hatte sich herausgestellt, daß ein großer Teil der Natur aus Dreck bestand. Außerdem neigte sie dazu, matschig zu sein. Er zog gutes, dickes Kopfsteinpflaster vor. »Ich muß jetzt Streife gehen«, sagte Nobby. »Hauptmann Karotte möchte, daß ich in der Pfirsichblütenstraße Verbrechensvorbeugemaß- nahmen betreibe.« »Wie gehst du dabei vor?« fragte Colon. »Ich soll mich von der Straße fernhalten.«, »Äh…, Nobby…« Colon senkte die Stimme. »Ich habe gehört, daß du kein Graf mehr bist…« »Ich glaube, ich bin bei den feinen Pinkeln rausgeflogen«, erklärte Nobbs. »Ist mir eigentlich ganz recht so. Der Fraß taugt nichts, und die Getränke schmecken wie Spülwasser.« »Da kannst du ja von Glück sagen«, erwiderte Colon. »Ich meine, jetzt brauchst du deine Sachen nicht mehr dem Gärtner zu geben oder so.« »Ja. Wenn ich doch nur nichts von dem Ring erzählt hätte.« »Dann wären dir bestimmt viele Probleme erspart geblieben«, entgeg- nete Colon. Nobby spuckte auf seine Dienstmarke und rieb sie mit dem Ärmel ab. Glücklicherweise habe ich das Diadem, die kleine Krone und die drei Goldmedaillons nicht erwähnt, dachte er. »Wohin Gehen Wir?« fragte Dorfl, als Mumm über die Messingbrücke schlenderte. »Ich habe dich für die Streife im Bereich des Palastes eingeteilt«, sagte Mumm. »Damit du dich langsam an den Dienst gewöhnst.« »Ah. Dann Kann Ich Mit Meinem Neuen Freund, Dem Obergefreiten Besuch, Zusammensein.« »Um so besser für dich.« »Ich Möchte Dich Etwas Fragen«, sagte der Golem. »Ja?« »Ich Habe Die Tretmühle Zertrümmert, Doch Die Anderen Golems Haben Sie Repariert. Warum? Ich Ließ Die Tiere Frei, Aber Sie Liefen Nur Ziellos Herum. Einige Von Ihnen Kehrten Sogar In Die Schlacht- hauspferche Zurück. Warum?« »Willkommen in der Welt, Dorfl.« »Bringt Die Freiheit Auch Angst?« »Du hast es erfaßt.« »Man Sagt Den Leuten: ›Streift Eure Ketten Ab.‹ Und Dann Schaffen Sie Sich Neue Ketten?« »Das scheint eine Hauptbeschäftigung der Menschen zu sein.«, Dorfl grollte leise, als er darüber nachdachte. »Ja«, sagte er schließlich. »Ich Verstehe Den Grund. Freiheit Ist So, Als Wenn Einem Jemand Den Schädel Öffnet.« »Das weißt du besser als ich, Obergefreiter.« »Und Du Wirst Mir Doppelt Soviel Bezahlen Wie Den Anderen«, sagte Dorfl. »Werde ich das?« »Ja. Ich Schlafe Nicht. Ich Kann Rund Um Die Uhr Arbeiten. Ich Bin Eine Gute Investition. Ich MUSS Nicht Frei Haben, Weil Die Oma Ge- storben Ist.« Wie schnell sie lernen, dachte Mumm. »Aber du arbeitest doch nicht an heiligen Tagen, oder?« »Entweder Sind Alle Tage Heilig Oder Keiner. Ich Habe Mich Noch Nicht Entschieden.« »Äh… Wozu brauchst du Geld, Dorfl?« »Ich Werde Sparen, Um Den Golem Klutz Zu Kaufen, Der In Der Essig-und-Pökel-Fabrik Arbeitet. Anschließend Mache Ich Ihn Zu Sei- nem Eigenen Herrn. Dann Arbeiten Wir Gemeinsam Und Sparen, Um Den Golem Bobkes Des Kohlenhändlers Zu Kaufen. Dann Arbeiten Wir Drei Gemeinsam Und Sparen, Um Den Golem Schmats Zu Kaufen, Der In Der Pfirsichblütenstraße beim Sieben-Dollar-Schneider Arbeitet. Dann Arbeiten Wir Vier Gemeinsam Und…« »Einige Leute könnten auf die Idee kommen, ihre Freunde und Gefähr- ten mit Gewalt und einer blutigen Revolution zu befreien«, sagte Mumm. »Was keineswegs ein Vorschlag sein soll.« »Nein. Das Wäre Diebstahl. Wir Werden Gekauft Und Verkauft. Für Uns Bedeutet Das, Daß Wir Uns Freikaufen. Mit Der Eigenen Arbeit. Niemand Sonst Soll Einen Beitrag Dazu Leisten. Wir Wollen Es Ganz Allein Schaffen.« Mumm lächelte. Wahrscheinlich gab es keine andere Spezies, die für ihre Freiheit eine Quittung verlangte. Einige Dinge ließen sich eben nicht ändern. »Ah«, sagte er. »Offenbar wollen einige Leute mit uns sprechen.«, Eine Menge drängte über die Brücke: eine Masse aus grauen, schwar- zen und safrangelben Kutten. Priester. Und sie wirkten zornig. Als sie an den anderen Bürgern vorbeieilten, schrumpften die Abstände zwischen ihnen, und sie schienen zu einem religiösen Megakörper zu verschmel- zen. Angeführt wurden sie von Hughnon Ridcully, dem Oberpriester des Blinden Io – in Ankh-Morpork galt er als eine Art Sprecher in religiösen Angelegenheiten. Er bemerkte Mumm, trat auf ihn zu und hob mahnend den Zeigefinger. »Jetzt hör mal, Mumm…«, begann er, unterbrach sich gleich wieder und starrte Dorfl an. »Das ist das Ding, nicht wahr?« »Er ist ein Golem«, korrigierte Mumm. »Obergefreiter Dorfl, Hoch- würden.« Dorfl hob respektvoll die Hand zum Helm. »Wie Können Wir Zu Dienste Sein?« »Diesmal bist du zu weit gegangen, Mumm!« entfuhr es dem Priester, der überhaupt nicht auf Dorfls Frage einging. »Was zuviel ist, ist zuviel. Du hast dem Ding eine Stimme gegeben, und es lebt nicht einmal!« »Zertrümmert die Gestalt aus Ton!« »Blasphemie!« »Wir dulden das nicht!« Ridcully sah kurz zu den anderen Priestern. »Ich rede hier«, sagte er und wandte sich wieder an Mumm. »Wir haben es hier eindeutig mit einem Fall von grober Gotteslästerung und Götzenverehrung zu tun…« »Entschuldige Bitte«, warf Dorfl ein. »Wir hören dir nicht zu!« rief ein anderer Priester. »Du bist ja nicht einmal lebendig!« Dorfl nickte. »Das Stimmt Im Wesentlichen.« »Na bitte! Er gibt es zu!« »Wenn Ihr Mich Zerschmettert Und Die Scherben Zerstampft Und Die Zerstampften Elemente Zu Pulver Zerreibt Und Das Pulver An-, schließend Von Einer Mühle Zu Besonders Feinem Staub Zermahlen Laßt, Findet Ihr Vermutlich Kein Einziges Atom Leben Darin…« »Stimmt! Also los!« »Doch Um Einen Wirklich Vollständigen Test Durchzuführen, Muß Jemand Von Euch Die Gleiche Behandlung Über Sich Ergehen Lassen.« Stille folgte diesen Worten. »Das ist nicht fair«, sagte schließlich ein Priester. »In deinem Fall braucht man nur den Staub zu nehmen und dich in einem Ofen zu brennen – dann lebst du wieder.« Wieder wurde es still! »Stimmt es, was man uns erzählt hat?« fragte einer der Priester. »Bist du wirklich bereit, an den Gott zu glauben, dessen Existenz mit einer logischen Debatte bewiesen wird?« »Ja.« In Mumm regten sich gewisse Ahnungen, die unmittelbare Zukunft be- treffend. Er wich einige Schritte zurück von dem Golem. »Aber es ist doch ganz klar, daß die Götter existieren«, behauptete ein Priester. »Dafür Gibt Es Keinen Eindeutigen Beweis.« Ein Blitz zuckte aus den Wolken herab und traf Dorfls Helm. Eine Flamme loderte, und der geschmolzene Brustharnisch bildete eine Pfütze vor den weiß glühenden Füßen des Golems. »Solche Argumente Überzeugen Mich Nicht«, erklang Dorfls ruhige Stimme irgendwo in der Rauchwolke. »Von diesen Darbietungen war das fromme Publikum bisher immer sehr beeindruckt«, kommentierte Mumm. Der Oberpriester des Blinden Io wandte sich an seine Kollegen. »Ich bitte euch, dazu besteht kein Anlaß…« »Offler ist ein sehr rachsüchtiger Gott«, ertönte es irgendwo weiter hin- ten. »Er dürfte wohl eher schießwütig sein«, erwiderte Ridcully. Ein zweiter Blitz raste im Zickzack vom Himmel. Dicht über dem Kopf des Ober- priesters knickte er im rechten Winkel ab und bohrte sich in ein hölzer-, nes Flußpferd, das daraufhin in der Mitte auseinanderbrach. Ridcully lächelte selbstgefällig und drehte sich wieder zu Dorfl um, der knisternd abkühlte. »Wenn ich dich richtig verstanden habe, akzeptierst du die Existenz ei- nes Gottes nur dann, wenn sie im Verlauf einer Diskussion bewiesen werden kann?« »Ja«, bestätigte der Golem. Ridcully rieb sich die Hände. »Kein Problem, Kumpel. Ich schlage vor, zuerst…« »Entschuldige Bitte.« Dorfl bückte sich und griff nach seiner Dienst- marke. Der Blitz hatte ihr eine interessante Form gegeben. »Was machst du da?« fragte Ridcully. »Irgendwo Geschieht Ein Verbrechen«, sagte Dorfl. »Wenn Ich Dienstfrei Habe, Bin Ich Gern Bereit, Mit Dem Priester Des Würdigsten Gottes Zu Diskutieren.« Er setzte sich in Bewegung und stapfte über die Brücke. Mumm nickte den verblüfften Priestern kurz zu und folgte dem Golem hastig. Wir haben seine Scherben genommen und ihn im Feuer gebrannt, und jetzt ist er frei, dachte er. Er hat nur die Worte im Kopf, die er selbst gewählt hat. Und er ist nicht nur ein Atheist, sondern ein keramischer, ein feuerfester Atheist obendrein! Der kommende Tag erschien vielversprechend. Hinter ihnen auf der Brücke stritten die Priester. Angua packte ihre Sachen. Besser gesagt, wollte sie ihre Sachen packen, doch dabei gab es Schwierigkeiten. Das Bündel durfte nicht zu schwer sein, denn immerhin mußte sie es auch mit dem Maul tragen können. Ein wenig Geld (sie brauchte sich keine Nahrungsmittel zu kaufen) und Kleidung (für die Gelegenheiten, wenn sie so etwas benötigte) sollten eigentlich nicht viel Platz beanspruchen. »Die Stiefel sind ein Problem«, sagte sie laut. »Vielleicht kannst du sie um den Hals tragen, wenn du die Schnürsen- kel verknotest«, schlug Gertie vor. Sie saß auf dem schmalen Bett., »Gute Idee. Möchtest du die Kleider? Ich bin nie dazu gekommen, sie zu tragen. Du kannst sie bestimmt deinen Maßen anpassen.« Gertie nahm sie in beide Arme. »Dieses ist aus Seide!« »Aus dem Material könntest du auch zwei Kleider nähen.« »Hast du was dagegen, wenn ich die Sachen mit den anderen teile? Ei- nige der Jungs – der Damen im Wachhaus…« Gertie genoß es sichtlich, das Wort »Damen« auszusprechen. »… werden immer selbstbewuß- ter…« »Haben sie vor, ihre Helme einzuschmelzen?« fragte Angua. »Oh, nein. Aber sie spielen mit dem Gedanken, sie ein wenig hübscher zu gestalten. Äh…« »Ja?« »Ähm…« Gertie rutschte unsicher auf der Bettkante herum. »Du hast doch nie jemanden gefressen, oder? Du weißt schon… blutiges Fleisch und splitternde Knochen und so…« »Nein.« »Ich meine, ich habe nur gehört, daß mein zweiter Vetter von Werwöl- fen gefressen wurde. Er hieß Sfen.« »Kann mich nicht daran erinnern, den Namen schon einmal gehört zu haben«, sagte Angua. Gertie versuchte zu lächeln. »Dann ist ja alles in Ordnung.« »Den silbernen Löffel in deiner Tasche brauchst du überhaupt nicht«, meinte Angua. Die Zwergin starrte sie mit offenem Mund an, und dann platzten Wor- te aus ihr heraus. »Äh… ich weiß gar nicht, wie er in die Tasche kommt, er muß beim Abwaschen hineingerutscht sein, oh, ich wollte auf keinen Fall…« »Es belastet mich nicht, keine Sorge. Ich habe mich längst an solche Dinge gewöhnt.« »Aber ich dachte, du würdest nie…«, »Gib dich keinen falschen Vorstellungen hin«, sagte Angua. »Es geht keineswegs darum, etwas nicht zu wollen. Es geht vielmehr darum, etwas zu wollen und darauf zu verzichten.« »Eigentlich mußt du doch gar nicht fortgehen, oder?« »Oh, ich weiß nicht, ob ich die Wache wirklich ernst nehmen kann, und… Manchmal glaube ich, daß Karotte nur auf einen geeigneten Zeit- punkt wartet, um mir einen Antrag zu machen, und… Nun, es würde nicht gutgehen. Er nimmt einfach an, daß alles klappt, aber die Wirklichkeit sieht eben ein wenig anders aus, und deshalb gehe ich jetzt besser«, log Angua. »Wird Karotte nicht versuchen, dich aufzuhalten?« »Ja, aber er kann mich auf keinen Fall umstimmen.« »Er ist sicher sehr bestürzt.« »Ja«, sagte Angua und warf ein weiteres Kleid aufs Bett. »Und dann kommt er darüber hinweg.« »Hrolf Schenkelbeißer hat mich eingeladen.« Gertie blickte scheu zu Boden. »Und ich bin fast sicher, daß er ein Mann ist!« »Freut mich für dich.« Die Zwergin stand auf. »Ich begleite dich bis zum Wachhaus. Mein Dienst fängt bald an.« Sie waren auf halbem Weg durch die Ulmenstraße, als sie Karotte sa- hen. Sein Kopf ragte aus der Menge der anderen Leute. »Offenbar wollte er zu dir«, sagte Gertie. »Äh… ich gehe jetzt bes- ser…« »Zu spät…« »Oh, guten Morgen, Korporal Fräulein Kleinpo«, sagte Karotte fröh- lich. »Hallo, Angua. Ich wollte dich besuchen, aber zuerst mußte ich na- türlich den Brief nach Hause schreiben.« Er nahm den Helm ab und strich sein Haar glatt. »Äh…«, begann er. »Ich weiß, was du mich fragen willst«, kam ihm Angua zuvor. »Tatsächlich?«, »Du denkst schon seit einer ganzen Weile darüber nach. Immerhin wußtest du, daß ich bald aufbrechen wollte.« »Es war offensichtlich, nicht wahr?« »Und die Antwort lautet nein. Ich wünschte, ich könnte dir ein ›Ja‹ an- bieten.« Karotte wirkte verblüfft. »Ich habe nie an die Möglichkeit gedacht, daß du nein sagen könntest«, erwiderte er. »Ich meine, aus welchem Grund?« »Meine Güte, du erstaunst mich immer wieder«, sagte Angua. »Im Ernst.« »Ich dachte, du hättest vielleicht Freude daran«, fügte Karotte hinzu. Er seufzte. »Nun ja, im Grunde genommen ist es nicht weiter wichtig.« Angua glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. »Es ist nicht weiter wichtig?« wiederholte sie. »Ich meine, es wäre sicher nett gewesen, aber ich habe deshalb be- stimmt keine schlaflosen Nächte.« »Nein?« »Nein, natürlich nicht. Du hast andere Dinge zu tun, in Ordnung. Ich dachte, es hätte dir gefallen. Na ja, dann kümmere ich mich eben alleine drum.« »Was? Aber wie…« Angua holte tief Luft. »Wovon redest du eigentlich, Karotte?« »Vom Zwergenbrotmuseum. Ich habe Herrn Hopkinsons Schwester versprochen, dort alles in Ordnung zu bringen, das Brot zu sortieren und so. Es geht ihr nicht besonders gut, und ich dachte, ich könnte etwas Geld für sie auftreiben. Unter uns gesagt: Es gibt da einige Ausstellungs- stücke, die besser hervorgehoben werden sollten. Herr Hopkinson hat alles ein wenig zu konservativ gesehen. Bestimmt hätten viele Zwerge in der Stadt Interesse, das Museum zu besuchen, wenn sie davon wüßten. Nicht zu vergessen die vielen Zwergenkinder, die von ihrem stolzen Er- be erfahren sollten. Ordentlich saubermachen und frische Farbe machen bestimmt einen Unterschied, besonders bei den älteren Laiben. Mir macht es nichts aus, meine Freizeit dafür zu opfern, aber ich weiß natür- lich, daß sich nicht alle Leute von Zwergenbrot faszinieren lassen.«, Angua starrte ihn groß an. Solche Blicke erntete Karotte oft. Sie glitten durch sein Gesicht, suchten nach einem Hinweis darauf, daß er sich ei- nen Scherz erlaubte, sich über andere Leute lustig machte. Mit jeder Fa- ser ihres Seins wußte Angua, daß er es nicht ernst meinen konnte, doch in den Zügen des jungen Mannes entdeckte sie nur unschuldige Aufrichtig- keit. »Ja«, sagte sie und musterte ihn noch immer. »Ich schätze, das Museum könnte sich in eine kleine Goldmine verwandeln.« »Heutzutage müssen Museen einfach interessanter gestaltet werden«, meinte Karotte. »Und weißt du was? Es gibt da ein großes Sortiment von Guerilla-Pfannkuchen, die noch nicht einmal katalogisiert sind. Außer- dem einige frühe Versionen von Verteidigungsbrötchen…« »Meine Güte«, sagte Angua. »Warum hängst du nicht ein großes Schild über den Eingang mit der Aufschrift: ›Einmalige Zwergenbrot- Erfahrungen‹?« »Davon lassen sich Zwerge nicht anlocken«, sagte Karotte. »Zwergen- brot-Erfahrungen sind meist von sehr kurzer Dauer. Aber offenbar ist deine Phantasie jetzt erwacht!« Ich muß weg, dachte Angua, als sie über die Straße schlenderten. Frü- her oder später begreift er, daß es nicht gutgehen kann. Werwölfe und Menschen… Wir haben beide zuviel zu verlieren. Früher oder später muß ich ihn verlassen. Aber laß es, Tag für Tag, morgen sein. »Möchtest du die Kleider zurück?« fragte Genie hinter ihr. »Vielleicht das eine oder andere«, antwortete Angua.]
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