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Buch: »Terry Pratchett ist Moralist, Philosoph und Humanist, kurz: der Di- ckens des zwanzigsten Jahrhunderts.« MAIL ON SUNDAY Hexen hexen. Aber manche von ihnen heiraten auch. So die junge Ma- grat Knobloch, die kurz vor ihrer Vermählung mit dem ehemaligen Nar- ren Verence steht, der inzwischen König geworden ist. Nur, daß sie sich das Leben als Fast-Königin anders vorgestellt hat. Zu allem Überfluß tauchen auch noch ein paar Nachwuchs-Hexen auf, deren Rituale mehr als merkwürdig sind. Doch dann passiert etwas, mit dem keiner gerech- net hat – und die Mittsommernacht wird verhexter als je zuv...
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Buch: »Terry Pratchett ist Moralist, Philosoph und Humanist, kurz: der Di- ckens des zwanzigsten Jahrhunderts.« MAIL ON SUNDAY Hexen hexen. Aber manche von ihnen heiraten auch. So die junge Ma- grat Knobloch, die kurz vor ihrer Vermählung mit dem ehemaligen Nar- ren Verence steht, der inzwischen König geworden ist. Nur, daß sie sich das Leben als Fast-Königin anders vorgestellt hat. Zu allem Überfluß tauchen auch noch ein paar Nachwuchs-Hexen auf, deren Rituale mehr als merkwürdig sind. Doch dann passiert etwas, mit dem keiner gerech- net hat – und die Mittsommernacht wird verhexter als je zuvor. LORDS UND LADIES – ein neuer Geniestreich von Terry Pratchett, dem Superstar der etwas anderen Fantasy Der Autor: Terry Pratchett, geboren 1948, verkaufte seine erste Geschichte im zar- ten Alter von dreizehn Jahren und ist heute einer der erfolgreichsten Fantasy-Autoren überhaupt. Neben Douglas Adams und Tom Sharpe gilt er als Großbritanniens scharfsinnigster und pointensicherster Ko- mik-Spezialist. Time Out schrieb über ihn: »Terry Pratchett wird mit je- dem Buch besser und besser. Er ist auf dem Höhepunkt seines Schaf- fens, und es gibt heute keinen einzigen Humoristen, der es auch nur an- nähernd mit ihm aufnehmen kann.«,

Terry Pratchett Lords und Ladies

14. Roman von der bizarren Scheibenwelt Ins Deutsche übertragen von Andreas Brandhorst

GOLDMANN

, Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Lords and Ladies« bei Victor Gollancz Ltd. London Der Goldmann Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann Deutsche Erstveröffentlichung 10/95 Copyright © Terry and Lyn Pratchett 1992 First published by Victor Gollancz Ltd. London Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1995 by Wilhelm Goldmann Verlag, München Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagillustration: Josh Kirby Satz: Uhl + Massopust Aalen Druck: Graphischer Großbetrieb Pößneck GmbH Verlagsnummer: 42580 SN – Redaktion: Andreas Helweg Herstellung: Peter Papenbrok Made in Germany ebook by Monty P. ISBN 3-442-42580-0, VORBEMERKUNG DES AUTORS Normalerweise sind die einzelnen Scheibenweltromane unabhängig von- einander. Es hilft, sie in einer gewissen Reihenfolge zu lesen, aber es ist nicht unbedingt erforderlich. Hier sieht die Sache anders aus – diesmal muß ich die vorherigen Erei- gnisse berücksichtigen. Oma Wetterwachs erschien zum erstenmal in Das Erbe des Zauberers. In MacBest wurde sie zum inoffiziellen Oberhaupt eines kleinen Hexenzirkels, der außer ihr selbst zwei weitere Mitglieder hat: die lebenslustige, oft verheiratete Nanny Ogg und die junge Magrat mit der großen, roten Nase, dem ungekämmten Haar und der Neigung, in Hinsicht auf Regentropfen, Rosen und Kätzchen sentimental zu sein. Das Geschehen hatte gewisse Ähnlichkeit mit einem berühmten Dra- ma über einen schottischen König. Es endete damit, daß Verence II. König von Lancre wurde, eines kleinen Landes, das zum größten Teil aus Hügeln und Wald besteht. Eigentlich hätte das nicht passieren dürfen, denn er war gar nicht der Thronfolger. Aber die Hexen glaubten, daß er sich für den Job am be- sten eignete, und außerdem vertraten sie folgenden Standpunkt: Ende gut, alles gut. Magrat knüpfte sehr zaghafte Beziehungen zu Verence – sehr zaghafte deshalb, weil sie beide extrem schüchtern waren. Zum Bei- spiel vergaßen sie sofort, was sie sich bei einer Begegnung sagen wollten, und wenn sie tatsächlich einmal sprachen, so verstanden sie alles falsch und fühlten sich beleidigt. Außerdem verbrachten sie beide viel Zeit da- mit, sich zu überlegen, was der andere dachte. Dabei mag es sich um Symptome von Liebe handeln. Sie erinnern sich bestimmt: In Total verhext reisten die drei Hexen durch den halben Kontinent, um einer bösen Patentante das Handwerk zu le- gen – sie hatte dem Schicksal ein Angebot unterbreitet, das es nicht ab- lehnen konnte. In dieser Geschichte geht es darum, was nach ihrer Heimkehr geschah. LESEN SIE WEITER…, Lesen Sie weiter… Wo beginnt die Geschichte? Eigentlich gibt es nur wenige Anfänge. Natürlich hat es oft den An- schein, als finge etwas an. Der Vorhang geht auf, der erste Bauer wird bewegt, der erste Schuß wird abgefeuert.* Aber das ist nicht der Anfang. Das Bühnenstück, die Schachpartie und der Krieg… Es sind nur kleine Glieder in einer Kette von Ereignissen, die sich Tausende von Jahren weit in die Vergangenheit erstrecken. Es gibt immer ein Vorher. Und im- mer kann man den Hinweis Lesen Sie weiter anbringen. Ein großer Teil des menschlichen Einfallsreichtums ist in die Suche nach dem endgültigen Vorher investiert worden. Der gegenwärtige Wissensstand läßt sich folgendermaßen ausdrücken: Am Anfang gab es nichts, und es explodierte. Andere Theorien in bezug auf den Beginn aller Anfänge betreffen Göt- ter, die das Universum aus den Rippen, Eingeweiden oder Hoden ihres Vaters schufen.** An solchen Hypothesen mangelt es nicht. Sie sind sehr interessant, nicht aufgrund ihrer kosmologischen Informationen, son- dern weil sie über die Menschen Auskunft geben. He, Jungs: Woraus hat man eure Stadt errichtet? Nun, diese Geschichte beginnt auf der Scheibenwelt. Und die ruht auf dem Rücken von vier riesigen Elefanten, die auf dem Panzer einer gewal- tigen Schildkröte stehen, und sie ist nicht aus den Körperteilen irgend- welcher Götter oder deren Eltern erschaffen. Aber wo beginnen? Vor einigen Jahrtausenden? Als ein Schwarm Steine vom Himmel her- abheulte, ein Loch in den Kupferkopfberg bohrte und im Umkreis von fast zwanzig Kilometern alle Bäume fällte? Die Zwerge gruben jene Steine aus, denn sie bestanden aus einer Art Eisen. Und entgegen einer weitverbreiteten Ansicht halten Zwerge von Eisen viel mehr als von Gold. Es ist nur nicht so leicht, Lieder über Ei- sen zu singen. * Vermutlich auf den ersten Bauern. ** Götter mögen einen guten Witz ebenso wie alle anderen Leute., Zwerge lieben Eisen. Und genau das enthielten die Steine: Eisenliebe. Eine so starke Liebe, daß sie alles Eisen anzog. Die drei Zwerge, die die Steine als erste fan- den, konnten sich nur befreien, indem sie ihre Kettenhemden abstreif- ten. Viele Welten bestehen in ihrem Kern aus Eisen. Doch die Scheiben- welt ist ebenso kernlos wie ein Pfannkuchen. Wenn man auf der Scheibenwelt eine Nadel beschwört, so deutet sie zur Mitte, denn dort hat das magische Feld die größte Intensität. Mehr steckt nicht dahinter. Auf anderen, mit weniger Phantasie konstruierten Welten dreht sich die Nadel zum Eisen der Liebe wegen. Damals waren Zwerge und Menschen ganz versessen nach Eisenliebe. Und nun… Betätigen wir den schnellen Vorlauf der Zeit, und zwar um einige Jahrtausende, bis etwa fünfzig Jahre vor dem in ständiger Bewe- gung bleibenden Jetzt. Ort: der Hang eines Hügels. Protagonist: eine jun- ge, laufende Frau. Sie flieht nicht vor etwas und hat auch kein bestimm- tes Ziel. Sie läuft nur schnell genug, um sich nicht von dem jungen Mann hinter ihr einholen zu lassen – wobei sie natürlich den Abstand nicht so groß werden läßt, daß er aufgibt. Sie eilt aus dem Wald und erreicht das von Binsen bewachsene Tal, in dem sich auf einer kleinen Anhöhe die Steine erheben. Die Steine sind knapp zwei Meter hoch und kaum breiter als ein dicker Mensch. Irgendwie wirken sie… enttäuschend. Wenn es einen Steinkreis gibt, von dem man sich fernhalten soll, so erwartet man große, düster anmutende Trilithen und uralten Altargranit, auf dem dunkle Flecken von Opfern künden. Diese Steine hingegen sind nur unscheinbare Buckel in der Land- schaft. Später stellt sich heraus, daß die junge Dame zu schnell gelaufen ist. Der junge Mann verliert sie aus den Augen, sucht eine Zeitlang, hat dann genug und kehrt zum Dorf zurück. Die Frau weiß das noch nicht, ver- harrt unschlüssig und rückt sich geistesabwesend die Blumen im Haar zurecht. So ein Nachmittag ist das gewesen…, Sie hat von den Steinen gehört. Obwohl niemand entsprechende Hin- weise bekommt. Es wird nie verboten, den Steinkreis aufzusuchen, aus gutem Grund: Jene Leute, die ganz bewußt nicht darüber reden, wissen auch, daß Verbotenes einen großen Reiz ausübt. Es gehört sich einfach nicht, den Ort aufzusuchen. Und das gilt insbesondere für junge, hübsche Frauen. Doch in diesem Fall haben wir es nicht unbedingt mit einer hübschen jungen Frau zu tun. Kinn und Nase können nur bei Rückenwind und im richtigen Licht von einem gutmütigen Lügner als attraktiv bezeichnet werden. Hinzu kommt ein ganz bestimmtes Glitzern in den Augen. Man sieht es häufig bei Personen, die festgestellt haben, intelligenter zu sein als ihre Mitmenschen – und die erst noch lernen müssen, diese Erkennt- nis zu verbergen. Zusammen mit der Nase führt es zu einer strengen, Unbehagen hervorrufenden Miene. Es fällt schwer, zu jemandem mit einem derartigen Gesicht zu sprechen. Wenn man den Mund öffnet, wird man plötzlich von einem Blick durchbohrt, der folgende Botschaft vermittelt: Ganz gleich, was du auch zu sagen hast – es sollte interessant sein, zu deinem eigenen Besten. Ein solcher Blick streicht nun über die acht Felsen auf der Anhöhe. Hmm. Dann nähert sich die junge Frau vorsichtig. Es ist nicht die Vorsicht eines zur Flucht bereiten Hasen. Die Bewegungen lassen sich eher mit denen eines Jägers vergleichen. Sie stemmt die Hände in die schmalen Hüften. Eine Feldlerche zwitschert hoch am Himmel, und abgesehen davon herrscht Stille. Weiter unten im Tal und höher in den Bergen zirpen Heuschrecken und summen Bienen; dort ist das Gras voller Mikrogeräu- sche. Aber im Bereich der Steine schweigt die Welt. »Ich bin hier«, sagt die junge Dame. »Zeig dich.« Im Innern des Steinkreises erscheint eine dunkelhaarige Frau, die ein rotes Gewand trägt. Man kann ohne große Schwierigkeiten einen Kiesel von einer Seite des Kreises zur anderen werfen, aber die Gestalt erweckt trotzdem den Eindruck, aus weiter Ferne zu kommen., Andere Leute wären jetzt weggelaufen. Doch die junge Frau rührt sich nicht von der Stelle, ein Umstand, der die Fremde fasziniert. »Es gibt dich also wirklich.« »Natürlich. Wie heißt du, Mädchen?« »Esmeralda.« »Und was willst du?« »Ich will überhaupt nichts.« »Jeder möchte etwas. Auch du. Warum bist du sonst gekommen?« »Ich wollte nur herausfinden, ob es dich gibt.« »Ja, für dich existiere ich zweifellos… Du hast einen scharfen Blick.« Die junge Frau nickt. Ihr Stolz kommt einem Schild gleich, an dem al- les abprallt. »Und da du nun Antwort auf deine Frage gefunden hast…«, sagt die Gestalt im Kreis. »Was willst du von mir?« »Nichts.« »Ach, tatsächlich? In der letzten Woche hast du die Berge jenseits vom Kupferkopf erklommen, um mit den Trollen zu reden. Was wolltest du von ihnen?« Die junge Frau neigt den Kopf zur Seite. »Woher weißt du das?« »Die Erinnerungen daran befinden sich ganz oben in deinem Bewußt- sein. Jeder kann sie sehen. Jeder, der einen scharfen Blick hat.« »Dazu werde auch ich imstande sein, eines Tages«, meint die Frau selbstgefällig. »Wer weiß? Vielleicht hast du recht. Was wolltest du von den Trollen?« »Ich… Ich wollte nur mit ihnen reden. Sie glauben, daß die Zeit rück- wärts läuft. Sie erklären es damit, daß man die Vergangenheit sehen kann…« Die Fremde im Kreis lacht. »Trolle sind wie die dummen Zwerge! Interessieren sich nur für Steine. Was kann an Steinen schon interessant sein?«, Die junge Frau zuckt unverbindlich mit den Schultern. Sie scheint der Meinung zu sein, daß Steine durchaus interessant sein können. »Warum bist du nicht in der Lage, den Kreis zu verlassen?« Es gibt einige subtile Anzeichen dafür, daß diese Frage der Fremden nicht sehr gefällt. Sie beschließt, ihr keine Beachtung zu schenken. »Ich könnte dir helfen, mehr zu finden als nur Steine«, bietet sie an. »Du kannst den Kreis wirklich nicht verlassen, oder?« »Ich kann dir das geben, was du möchtest.« »Ich kann jeden beliebigen Ort aufsuchen, aber du sitzt im Kreis fest«, sagt Esmeralda. »Jeden beliebigen Ort willst du aufsuchen können?« »Ja. Wenn ich Hexe bin.« »Aber du wirst nie eine sein.« »Was?« »Es heißt, du hörst nicht zu. Es fällt dir schwer, dein Temperament zu beherrschen. Angeblich fehlt es dir an Disziplin.« Die junge Frau wirft ihr Haar zurück. »Ach, auch das weißt du, wie? So etwas sagt man mir also nach… Nun, was auch immer die Leute glauben – ich werde Hexe. Es ist auch möglich, die Dinge selbst herauszufinden. Man muß nicht unbedingt alten Weibern zuhören. Und noch etwas, Steinkreisfrau: Ich werde die beste Hexe, die es je gab.« »Mit meiner Hilfe wäre dir das möglich«, erwidert die Fremde. Sie zö- gert kurz und fügt hinzu: »Ich glaube, der junge Mann sucht nach dir.« Einmal mehr zuckt Esmeralda mit den Schultern. Soll er von mir aus den ganzen Tag suchen, lautet ihre unausgesprochene Antwort. rde zur besten Hexe aller Zeiten«, betont sie erneut. »Oder?«»Vielleicht. Du könntest alles werden. Was auch immer du willst. Komm zu mir in den Kreis. Ich zeig’s dir.« Esmeralda tritt näher und zögert dann. Irgend etwas im Tonfall der Fremden erscheint ihr seltsam. Das Lächeln ist nett und freundlich, doch so etwas wie Verzweiflung klingt in ihrer Stimme mit. Es hört sich drän- gend an, irgendwie gierig., »Ich lerne eine Menge…« »Komm jetzt sofort in den Steinkreis!« Noch ein Schritt nach vorn – und wieder bleibt die junge Frau stehen. »Woher soll ich wissen…« »Die Kreis-Zeit! Stell dir vor, wieviel mehr du hier lernen kannst! Komm!« »Aber…« »Komm zu mir!« Das alles geschah vor vielen Jahren, in der Vergangenheit*. Heute ist die Hexe… … älter. Ein Land aus Eis… Es ist keinesfalls Winter, denn dann gäbe es auch den Herbst und viel- leicht sogar einen Frühling. Es handelt sich tatsächlich um ein Land aus Eis, nicht nur um eine kalte Jahreszeit. Drei Reiter sahen über den schneebedeckten Hang und blickten zum Steinkreis. Von dieser Seite aus betrachtet wirkten die Felsen größer. Die Kleidung der drei Gestalten war schon seltsam genug, aber es gab noch etwas anderes Sonderbares: Warmer Pferdeatem formte vor den Nüstern graue Wolken, doch vor den Lippen der Reiter zeigte sich nichts dergleichen. »Diesmal wird es keine Niederlage«, sagte die Frau in der Mitte. Sie trug ein rotes Kleid. »Ich bin sicher, das Land heißt uns willkommen. Inzwischen haßt es die Menschen bestimmt.« »Und die Hexen?« fragte einer der beiden anderen Reiter. »Ich kann mich an Hexen erinnern.« »Früher lebten hier welche, ja«, erwiderte die Frau. »Aber heute… Oh, heute sind es erbärmliche Geschöpfe ohne Macht. Leicht beeinflußbar. Ohne Widerstandswillen. Ich habe mich umgesehen und gelauscht. Ja, * Also in einem anderen Land., des Nachts bin ich unterwegs gewesen, um einen Eindruck zu gewinnen. Und daher kenne ich die heutigen Hexen. Überlaßt sie mir.« »Hexen…«, murmelte der dritte Reiter. »Ich entsinne mich ebenfalls an sie. Gedanken wie… wie Metall.« »Heute nicht mehr. Keine Sorge. Überlaßt sie mir.« Die Königin lächelte gutmütig, während sie den Steinkreis beobachtete. »Anschließend könnt ihr sie haben«, sagte sie. »Was mich betrifft… Ich lege mir einen sterblichen Gemahl zu. Einen ganz besonderen sterblichen Gemahl. Die Einheit zweier Welten… Damit zeigen wir unsere Ent- schlossenheit, auf Dauer zu bleiben.« »Das wird dem König nicht gefallen.« »Hat das jemals eine Rolle gespielt?« »Nein, Herrin.« »Es dauert nicht mehr lange, Lankin. Die Kreise öffnen sich. Bald können wir zurückkehren.« Der zweite Reiter beugte sich im Sattel vor. »Und dann gehe ich wieder auf die Jagd«, sagte er. »Wann? Wann?« »Bald«, antwortete die Königin. »Bald.« Es war eine dunkle Nacht. Diese Art von Dunkelheit ließ sich nicht al- lein mit der Abwesenheit von Mond und Sternen erklären. Die Dunkel- heit schien vielmehr von einem anderen Ort heranzuströmen und regel- recht Substanz zu gewinnen – man hatte das Gefühl, eine Handvoll da- von greifen und die Nacht herausquetschen zu können. Eine solche Dunkelheit sorgt dafür, daß Schafe über Zäune springen und sich Hunde in ihren Hütten verkriechen. Doch der Wind war warm und nicht ganz so stark wie laut: Er heulte im Wald und pfiff durch die Kamine. In solchen Nächten zieht man sich die Decke bis über die Ohren, da man spürt, daß die Welt etwas anderem gehört. Am nächsten Morgen wird sie den Menschen wieder zur Verfügung stehen. Dann mögen ab- gebrochene Äste und Zweige herumliegen, vielleicht auch die eine oder andere Schindel vom Dach, aber wenigstens handelt es sich wieder um, eine menschliche Welt. Doch jetzt… Besser war’s, die Decke noch ein we- nig höher zu ziehen und die Geborgenheit eines warmen Bettes zu ge- nießen. Diese Möglichkeit stand nicht allen offen. Jason Ogg, seines Zeichens Schmied, betätigte ein- oder zweimal den Blasebalg, um sich etwas abzulenken, nahm dann wieder auf dem Am- boß Platz. In der Schmiede war es immer warm, auch wenn draußen der Wind heulte. Jason konnte praktisch alles mit Hufeisen ausstatten. Einmal hatten sich ein paar Jungs einen Scherz erlaubt und ihm eine Ameise gebracht. Der Schmied blieb die ganze Nacht auf, arbeitete mit einem Vergröße- rungsglas und einem Stecknadelkopf, den er als Amboß benutzte. Die Ameise trieb sich noch immer irgendwo herum – manchmal hörte er sie klappern. Doch heute nacht… Nun, in dieser Nacht mußte er gewissermaßen die Miete zahlen. Die Schmiede gehörte ihm natürlich; sie wurde von Gene- ration zu Generation vererbt. Aber sie bestand aus mehr als nur Ziegeln, Mörtel und Eisen. In diesem Punkt war sich Jason ziemlich sicher, ob- gleich er die Frage, woraus sie noch bestünde, nicht beantworten konnte. Es betraf den Unterschied zwischen einem Meisterschmied und jeman- dem, der sich seinen Lebensunterhalt damit verdiente, Eisen zu verbie- gen. Es ging darum, immer ausgezeichnete Arbeit zu leisten. Dafür galt es, einen Preis zu entrichten. Eines Tages hatte ihn sein Vater beiseite genommen und erklärt, was er in Nächten wie dieser beachten mußte. Irgendwann einmal, sagte Vater Ogg, kommt jemand, um sein Pferd beschlagen zu lassen. Es ist kein gewöhnlicher Kunde, und das weißt du sofort; braucht dir niemand extra zu sagen. Empfang ihn freundlich. Beschlage das Pferd. Und konzentrier dich auf die Arbeit. Denk an nichts anderes als nur an Hufeisen. Inzwischen hatte sich Jason daran gewöhnt. Der Wind wurde noch etwas stärker, und irgendwo knarrte ein knik- kender Baum. Die Tür erzitterte in den Angeln., Dann klopfte es. Einmal. Zweimal. Jason Ogg griff nach der Augenbinde und streifte sie über. Ihr kam große Bedeutung zu, hatte sein Vater betont. Sie verhinderte Ablenkun- gen. Dann öffnete er die Tür. »Guten Abend, Herr«, sagte er. EINE UNRUHIGE NACHT. Jason roch das Pferd, als es hereinkam. Hufe klackten auf Steinen. »Ich habe Tee aufgesetzt«, meinte der Schmied. »Und unsere Dreen hat Kekse gebracht. Sind in der Dose, auf der ›Geschänk aus Ankh- Morpork‹ steht.« DANKE. ES GEHT DIR GUT, NEHME ICH AN. »Ja, Herr. Die Hufeisen sind bereits vorbereitet. Du brauchst nicht lan- ge zu warten. Ich weiß, daß du sehr… beschäftigt bist.« Jason vernahm klickende Schritte in Richtung des alten Küchenstuhls, der für Kunden reserviert war – beziehungsweise für die Eigentümer der Kunden. Auf der Werkbank neben dem Amboß lagen Werkzeuge, Hufeisen und Nägel bereit. Der Schmied wischte sich die Hände an der Schürze ab, griff nach einer Feile und machte sich ans Werk. Es gefiel ihm nicht sonderlich, mit Augenbinde zu arbeiten, aber wie dem auch sei: Seit sei- nem zehnten Lebensjahr beschlug er Pferde; der Tastsinn genügte ihm völlig. Er nahm eine Raspel, feilte und bohrte damit. Nie zuvor hatte er es mit einem gehorsameren Pferd zu tun bekom- men. Wirklich schade, daß er es nicht sehen durfte. Es mußte ein präch- tiges Roß sein… Versuch nicht, einen heimlichen Blick darauf zu werfen – so lauteten die war- nenden Worte seines Vaters. Er hörte ein von der Teekanne stammendes Gluckern, gefolgt vom lei- sen Klimpern eines Löffels, den jemand zum Umrühren benutzte und wenige Sekunden später beiseite legte., Andere Geräusche hörte er nicht. Aber darauf hatte Jasons Vater hin- gewiesen: Man hörte ihn nur, wenn er ging und sprach. Sonst nicht. Er leckte sich nie die Lippen. Und er schien auch nicht zu atmen. Der Schmied entsann sich an einen weiteren Rat. Wenn du die alten Huf- eisen abnimmst… Wirf sie nicht in die Ecke, um sie zusammen mit dem übrigen Kram einzuschmelzen. Bewahr sie an einem anderen Ort auf. Und schmelz sie ge- trennt. In einem Kessel, den du nur für diesen Zweck benutzt. Stell die neuen Hufei- sen aus diesem Metall her. Was auch immer geschehen mag: Statte nie ein anderes lebendes Wesen mit jenem Eisen aus. Jason hatte einige der alten Hufeisen beiseite gelegt, um sie bei Wurf- wettbewerben zu benutzen. Damit verlor er nie. Er gewann so oft, daß er nervös wurde, und jetzt hingen sie die meiste Zeit über an einem Na- gel hinter der Tür. Manchmal versuchte der Wind, das Fenster aufzudrücken. Oder wagte sich im Schornstein überm Schmiedefeuer so weit vor, daß die glühen- den Kohlen knisterten. Mehrmaliges dumpfes Pochen und aufgeregtes Gackern deuteten darauf hin, daß der Hühnerstall am Ende des Gartens gerade Fliegen lernte. Der Besitzer des Kunden genehmigte sich noch eine Tasse Tee. Jason beendete die Arbeit an dem Huf, ließ ihn los und streckte die Hand aus. Das Pferd schob sich ein wenig zur Seite und hob den letzten Huf. Ein solches Roß verdiente die Bezeichnung »einzigartig«. Schließlich war der Schmied fertig. Seltsam. Es schien nie sehr lange zu dauern. Mit Uhren konnte Jason nichts anfangen, aber er gewann fol- genden Eindruck: Die Arbeit nahm fast eine Stunde in Anspruch, und gleichzeitig dauerte sie nur wenige Minuten. »Das hätten wir«, sagte er. DANKE. DIESE KEKSE SCHMECKEN SEHR GUT. WIE KOMMT DIE SCHOKOLADE HINEIN? »Keine Ahnung, Herr«, erwiderte Jason und starrte ans Innere der Au- genbinde., ICH MEINE, BEIM BACKEN MÜSSTE DIE SCHOKOLADE EIGENTLICH SCHMELZEN, ODER? WIE STELLT MAN ES AN? »Ist vermutlich Herstellungsgeheimnis«, spekulierte Jason. »Solche Fra- gen stelle ich nie.« GUTER MANN. SEHR KLUG. NUN, ICH… Er mußte fragen. Wenn auch nur deshalb, um sich immer daran zu er- innern, einmal gefragt zu haben. »Herr?« JA, JASON? »Ich habe da eine Frage…« ICH HÖRE. Jason befeuchtete sich nervös die Lippen. »Wenn ich die Augenbinde abnähme… Was sähe ich dann?« Na bitte. Jetzt war’s ausgesprochen. Etwas klickte über die Steinplatten, und Jason ahnte, daß der Kunde – der Eigentümer des Kunden – nun direkt vor ihm stand. BIST DU EIN MANN DES GLAUBENS? Jason dachte rasch darüber nach. In Lancre spielte die Religion nicht gerade die Hauptrolle. Es gab die Rätsler der Neun Tage und die Stren- gen Offlianer. Hinzu kamen einige kleine Altäre für geringe Götter – die meisten von ihnen standen auf irgendwelchen fernen Lichtungen. Jason hatte nie das Bedürfnis verspürt, religiös zu werden, und in dieser Hin- sicht erging es ihm wie den Zwergen. Eisen war Eisen, und Feuer war Feuer. Wenn man anfing, metaphysisch zu werden, geriet der Daumen irgendwann unter den Hammer. WORAN GLAUBST DU, GENAU IN DIESEM AUGENBLICK? Jason begriff, daß der Abstand nur einige Zentimeter betrug. Wenn ich jetzt die Hand ausstrecke… Ein sonderbarer Geruch wehte ihm entgegen. Er war nicht unbedingt unangenehm, und man mußte sich konzentrieren, um ihn wahrzuneh- men und zu deuten. Irgend etwas roch nach vergessenen Zimmern. Wenn Jahrhunderte ein Aroma bekommen konnten, so ging von den alten ein solcher Duft aus., JASON OGG? Der Schmied schluckte. »Nun, Herr«, entgegnete er, »derzeit glaube ich ziemlich fest an diese Augenbinde.« GUTER MANN. GUTER MANN. UND NUN… ICH MUSS LOS. Jason hörte, wie der Riegel nach oben schwang. Das Heulen des Winds schwoll jäh an, als sich die Tür öffnete, und es untermalte das Pochen von Hufen. DU HAST WIE IMMER AUSGEZEICHNETE ARBEIT GELEISTET. »Danke, Herr.« DAS SAGE ICH EINEM KÜNSTLERKOLLEGEN. »Danke, Herr.« WIR SEHEN UNS WIEDER. »Ja, Herr.« SOBALD MEIN PFERD NEUE HUFEISEN BRAUCHT. »Ja, Herr.« Jason schloß die Tür und verriegelte sie, obgleich das eigentlich gar keinen Sinn hatte. Darin bestand die Übereinkunft: Man beschlug alles, was einem ge- bracht wurde, alles, und dafür konnte man auch alles beschlagen. In Lan- cre hatte es immer einen Schmied gegeben, der einen hervorragenden Ruf genoß. Es war eine uralte Abmachung, und sie stand im Zusammenhang mit Eisen. Der Wind flaute ab und flüsterte nur noch am Horizont, als die Sonne aufging. Dies war das oktarine Grasland. Es handelte sich um fruchtbares Land, gut geeignet, um Korn anzubauen. Auf diesem Feld zum Beispiel neigten sich Getreidehalme zwischen den Hecken sanft hin und her. Es war kein sehr großes Feld, und es, zeichnete sich auch nicht durch irgendwelche besonderen Merkmale aus. Ein ganz normales Feld präsentierte sich uns, darauf wuchs nur Getrei- de, abgesehen vom Winter. Dann diente es Tauben und Krähen als Treffpunkt. Der Wind schlief ein. Trotzdem blieben die Halme in Bewegung. Dieses spezielle Wogen wurde nicht von irgendeiner Brise verursacht. Es ging von der Mitte des Feldes aus, wie Wellen nach einem ins Wasser gefallenen Stein. Die Luft brutzelte, und ein zorniges Summen erklang. In der Mitte des Felds raschelte das Korn und legte sich nieder. Und zwar in einem Kreis. Am Himmel schwärmten Bienen und setzten ihr zorniges Summen fort. Nur noch wenige Wochen bis zur Sommersonnenwende. Das König- reich Lancre döste in der Hitze, die über Wäldern und Feldern flimmer- te. Drei Punkte erschienen am Himmel. Nach einer Weile wurden sie größer und stellten sich als Frauen heraus, die auf Besen ritten. Ihre Formation erinnerte an drei Gipsenten… Beobachten wir sie. Die erste – nennen wir sie »Anführerin« – sitzt mit geradem Rücken, trotzt dem Luftwiderstand und scheint sich durchzusetzen. Ihr Gesicht ist zumindest eindrucksvoll, kann jedoch nicht als attraktiv oder gar schön bezeichnet werden – zumindest nicht von jemandem, der auf eine ums Dreifache angeschwollene Nase verzichten möchte. Die zweite Frau ist pummelig und krummbeinig. Hinzu kommt ein Gesicht, das aussieht wie ein Apfel, der zu lange im Korb gelegen hat. Der Ausdruck darin deutet auf unheilbare Gutmütigkeit hin. Sie zupft an den Saiten eines Banjos und singt – das heißt, sie versucht es zumindest. Bei dem Lied geht es um einen Igel. Während am ersten Besen nur einige Beutel hängen, muß der zweite eine weitaus umfangreichere Ladung befördern. Sie besteht aus purpur-, nen Plüscheseln, Korkenziehern in der Form von urinierenden Knaben, Weinflaschen in Strohkörben und anderen internationalen Kulturgütern. Inmitten dieser Fracht liegt der gemeinste und am strengsten riechende Kater der ganzen Scheibenwelt. Derzeit schläft er. Die dritte – und zweifellos letzte – Besenreiterin ist auch die jüngste. Während sich ihre Begleiterinnen wie Raben kleiden, trägt sie fröhlich- bunte Sachen, die ihr jetzt nicht passen und wahrscheinlich auch in zehn Jahren noch den Eindruck erwecken, von jemand anders zu stammen. Eine Aura vager Hoffnung umgibt sie. Blumen stecken in ihrem Haar, aber sie verwelken allmählich, so wie sie selbst. Die drei Hexen überfliegen die Grenze des Königreichs Lancre, und kurz darauf erreichen sie die gleichnamige Stadt. Über dem Moor dahin- ter gehen sie tiefer und landen schließlich in der Nähe eines hohen Steins, der ihr Territorium markiert. Sie sind zurück. Alles ist wieder in bester Ordnung. Etwa fünf Minuten lang. Ein Dachs hatte sich im Abort niedergelassen. Oma Wetterwachs stieß mehrmals mit dem Besenstiel nach ihm, bis er verstand, was sie wollte, und davonschlurfte. Anschließend nahm sie den Schlüssel – er hing neben dem Alamanach Uhnd Kalennder vom letzten Jahr – und stapfte über den Pfad zur Hütte. Ein ganzer Winter war vergangen! Sicher gab es eine Menge zu tun. Zum Beispiel… Es galt, Skindels Ziegen zu holen, die Spinnen aus dem Kamin zu vertreiben, die Frösche aus dem Brunnen zu verbannen. Hin- zu kam natürlich, daß sich Oma um die Angelegenheiten der anderen Leute kümmern mußte, weil sie allein nicht damit zurechtkamen. Wer weiß, was sie anstellten, wenn keine Hexen in der Nähe weilten… Aber es konnte wohl kaum schaden, erst einmal auszuruhen. Im Kessel fand sie ein Rotkehlchennest. Durch eine zerbrochene Fen- sterscheibe waren die Vögel ins Innere der Küche gelangt. Vorsichtig trug Oma den großen Topf nach draußen und zwängte ihn in die Nische, über der Tür, damit die Wiesel nicht daran herankamen. Sie benutzte eine Pfanne, um Wasser zu erhitzen. Dann zog sie die Uhr auf. Uhren hatten kaum einen Nutzen für He- xen, aber Oma Wetterwachs fand Gefallen an ihrem Ticken. Sie glaubte, daß dadurch eine gemütliche Atmosphäre entstand. Schon Mutter hatte das gute Stück jeden Tag aufgezogen. Mutters Tod war nicht gerade überraschend eingetreten, und das aus zwei Gründen. Erstens: Als Hexe wußte Oma Wetterwachs zumindest teilweise, was die Zukunft brachte. Zweitens: Es mangelte ihr nicht an medizinischer Erfahrung, und daher wußte sie die Zeichen zu deuten. Sie hatte sich also darauf vorbereiten können. Erst am nächsten Tag weinte sie, als die Uhr während des Leichenschmauses plötzlich stehenblieb. Sie ließ ein Tablett mit Schinkenröllchen fallen und zog sich auf den Abort zurück, damit niemand ihre Tränen sah… Nun hatte sie Zeit, über solche Dinge nachzudenken, über die Vergan- genheit… Die Uhr tickte. Das Wasser kochte. Oma Wetterwachs öffnete ihr am Besenstiel befestigtes Gepäck, holte einen kleinen Teebeutel hervor und wusch die Kanne aus. Das Feuer brannte, vertrieb Klammheit und Leere aus dem Raum. Die Schatten reckten sich. Zeit, um an die Vergangenheit zu denken. Die Zukunft offenbart sich den Hexen, und daher wußte Oma Wetterwachs: Bald mußte sie sich um etwas kümmern, das sie selbst betraf… Dann sah sie aus dem Fenster. Nanny Ogg balancierte auf einem Stuhl und strich mit der Kuppe des Zeigefingers ganz oben über den Schrank. Als sie den Finger betrachtete, zeigte sich kein Schmutz daran. »Hmpf«, brummte sie zufrieden. »Scheint einigermaßen sauber zu sein.« Die Schwiegertöchter atmeten auf. »Bisher«, fügte Nanny einschränkend hinzu., Neuerliches Entsetzen erwachte in den drei jungen Frauen. Nanny Oggs Verhältnis zu ihren Schwiegertöchtern bildete den einzi- gen Makel in ihrem ansonsten so freundlichen Wesen. Bei Schwieger- söhnen sah die Sache ganz anders aus. Nie vergaß sie ihre Namen und Geburtstage; die jungen Männer gesellten sich der Familie wie große Küken hinzu, die unter die Fittiche einer brütenden Henne krochen. Enkel wurden innig geliebt, jeder einzelne von ihnen. Aber unvorsichti- gen Frauen, die einen Ogg-Sohn heirateten, drohte die Gefahr, den Rest ihres Lebens in einer Welt psychischer Folter und häuslicher Leibeigen- schaft zu verbringen. Nanny Ogg erledigte im Haus keine Arbeit selbst. Aber sie verstand es, anderen Leuten Arbeit zu machen. »Ihr habt hier alles recht gut in Ordnung gehalten«, sagte sie. »Nicht übel.« Ihr Lächeln verblaßte. »Das Bett im Gästezimmer«, fuhr sie fort. »Darunter habe ich noch nicht nachgesehen, oder?« Inquisitoren hätten Nanny wegen zu großer Gemeinheit aus ihrer Gil- de verstoßen. Sie drehte sich um, als weitere Familienmitglieder hereinkamen. Der Gesichtsausdruck veränderte sich, und die Lippen formten ein für die Enkel reserviertes verträumtes Lächeln. Jason Ogg schob seinen jüngsten Sohn vor. Der vierjährige Pewsey Ogg hielt etwas in den Händen. »Was hast du denn da?« fragte Nanny. »Zeig es der Oma…« Pewsey hob es hoch. »Na so was? Du bist wirklich ein braver…« Es geschah genau in diesem Augenblick und genau vor ihr. Was Magrat betraf… Acht Monate lang war sie fort gewesen. Jetzt regte sich Panik in ihr. Im Grunde genommen war sie mit Veren- ce II. verlobt. Nun, nicht wirklich verlobt… Es gab eine Art unausgespro-, chene Übereinkunft, die eine Verlobung sehr wahrscheinlich werden ließ. Zugegeben, Magrat hatte ihn mehrmals darauf hingewiesen, daß sie die Freiheit liebte und sich nicht binden wollte, aber… aber… Aber… Nun, in acht Monaten konnte eine Menge geschehen. Sie hätte von Gennua aus auf direktem Wege heimkehren sollen, anstatt mit Oma Wetterwachs und Nanny Ogg herumzutrödeln. Sie wischte den Staub vom Spiegel und betrachtete sich kritisch. Was sie sah, erschien ihr nicht besonders vielversprechend. Ganz gleich, wel- che Mühe sie sich mit ihren Haaren gab: Sie brauchten nur drei Minuten, um wieder genauso wild zerzaust zu sein wie vorher, ganz wie ein Gar- tenschlauch im Schuppen.* Sie hatte sich ein neues grünes Kleid gekauft, doch was an der Puppe so aufregend und attraktiv erschien, wirkte bei Magrat wie ein zusammengerollter Regenschirm. Inzwischen regierte Verence schon seit acht Monaten… Nun, Lancre war so klein, daß man beim Hinlegen riskierte, mit den Füßen über die Grenze zu ragen. Dennoch war der neue König ein richtiger König, und richtige Könige lockten junge Frauen an, die gern Karriere in der Köni- ginnenbranche machen würden. Magrat gab sich alle Mühe mit dem Kleid und zog die Bürste noch ent- schlossener als sonst durchs Haar. Dann machte sie sich auf den Weg zum Schloß. Für den Wachdienst im Schloß Lancre waren immer die Leute zustän- dig, die gerade nichts anderes zu tun hatten. Diesmal kümmerte sich Shawn darum, Nanny Oggs jüngster Sohn. Er trug ein recht knapp sit- zendes Kettenhemd und versuchte, Haltung anzunehmen, als Magrat vorbeitrippelte. Unmittelbar darauf ließ er die Pike fallen und hastete der jungen Hexe hinterher. »Kannst du bitte ein bißchen langsamer gehen?« Er überholte Magrat, eilte die Stufen zum Tor hoch und griff dort nach einer Trompete, die an einem Nagel hing. Er blies kräftig hinein und brachte etwas hervor, das entfernt an einen Fanfarenstoß erinnerte. Un- * So sorgfältig man ihn auch aufrollt: Über Nacht entrollt er sich immer, um den Rasenmäher an die Fahrräder zu fesseln., mittelbar im Anschluß daran holte er mehrmals tief Luft und schien sich auf einen neuerlichen Sprint vorzubereiten. »Bitte warte hier, ja genau hier«, sagte er. »Klopf erst an, wenn du bis fünf gezählt hast.« Er sprang durch die Tür und warf sie hinter sich zu. Magrat wartete, und nach einer Weile betätigte sie den Klopfer. Einige Sekunden verstrichen, und dann öffnete Shawn. Sein Gesicht war ganz rot, und auf seinem Kopf ruhte – falsch herum – eine verstaub- te Perücke. »Joooh?« fragte er und versuchte, so würdevoll wie ein Butler zu wir- ken. »Du hast den Helm noch unter der Perücke«, stellte Magrat fest. Shawn verdrehte erschrocken die Augen nach oben. »Sind alle bei der Heuernte?« fragte Magrat. Der Mann hob die Perücke, nahm den Helm ab und setzte die Perücke wieder auf. Geistesabwesend fügte er ihr den Helm hinzu. »Ja. Und der Butler Herr Spriggins liegt im Bett, weil er wieder sein Problem hat«, antwortete Shawn. »Ich vertrete ihn. Und ich muß auch fürs Abendessen sorgen, weil’s Frau Scorbic schlechtgeht.« »Du brauchst mich nicht durchs Schloß zu führen«, meinte Magrat. »Ich kenne den Weg.« »Muß alles seine Ordnung haben«, erwiderte Shawn. »Ich bitte dich nur, geh etwas langsamer. Den Rest erledige ich.« Er lief voraus und stieß eine große Doppeltür auf. »Froooilein Magraaat Knoooblauch!« Shawn stürmte zur nächsten Doppeltür. Bei der dritten war er wieder ziemlich außer Atem, aber er gab trotz- dem nicht auf. »Froooilein… Magraaat… Knoooblauch… Seine Majeeestääät der Kö… Verdammter Mist, wo steckt er bloß?« Der Thronsaal war leer. Schließlich fanden sie Verence II. König von Lancre, bei den Ställen., Manche Leute sind von Geburt aus König. Andere Leute müssen Kö- nig erst werden, oder wenigstens Erz-Generalissimus-Landesvater. Doch dem jungen Mann namens Verence hatte man das Amt des Königs prak- tisch aufgedrängt. Er war nie dazu erzogen worden, einmal die Krone zu tragen, und er verdankte sie nur jenem komplexen Chaos aus Herkunft und Verwandtschaft, das für königliche Familien typisch zu sein scheint. Verence hatte sich seinen Lebensunterhalt als Hofnarr verdient, war umhergetollt, hatte Witze erzählt und sich mit Sahnetorten bewerfen lassen. Mit der Folge, daß er dem Leben recht ernsthaft gegenüberstand und fest entschlossen war, nie wieder über irgend etwas zu lachen, erst recht dann nicht, wenn es um Sahnetorten ging. Als er damit begann, die Pflichten eines Herrschers wahrzunehmen, genoß er zunächst den Vorteil der Unwissenheit. Niemand hatte ihm gesagt, worin die Aufgaben eines Königs bestanden. Es blieb Verence nichts anderes übrig, als es ganz allein herauszufinden. Er besorgte sich Bücher, denn er glaubte fest an den Nutzen von Wissen, das auf Papier und Pergament gebannt war. Nach gründlicher Lektüre bildete er sich eine ungewöhnliche Meinung: Er vertrat den Standpunkt, daß es oberste Aufgabe des Königs war, das Leben aller Untertanen zu verbessern. Derzeit betrachtete er eine kompliziert wirkende Apparatur. Das Ding wies zwei Schäfte auf, zwischen denen Platz genug für ein Pferd war, und der Rest schien sich aus mehreren Windmühlen zusammenzusetzen. Verence sah auf und lächelte geistesabwesend. »Oh, hallo«, sagte er. »Du bist wieder zurück?« »Äh…«, begann Magrat. »Das ist ein patentierter Getreidedreher.« Verence betatschte die Ma- schine. »Gerade von Ankh-Morpork eingetroffen. Setzt Maßstäbe für die Zukunft. Ich interessiere mich schon sehr für die Modernisierung der Landwirtschaft und Bodeneffizienz. Wir sollten uns ein Beispiel an dem neuen Dreifeldersystem nehmen.« Dieser Hinweis verwirrte Magrat. »Ich glaube, wir haben nur drei Felder«, wandte sie ein. »Bei uns gibt’s nicht viel fruchtbares Ackerland…«, »Es ist sehr wichtig, das richtige Verhältnis zwischen Getreide, Hülsen- früchten und Wurzelgemüse zu wahren«, dozierte Verence und hob die Stimme. »Auch Klee ziehe ich ernsthaft in Betracht. Ich würde gern dei- ne Meinung dazu hören!« »Äh…« »Und ich glaube, wir sollten etwas in Hinsicht auf die Schweine unter- nehmen!« rief Verence. »Unsere Lancre-Sorte ist sehr widerstandsfähig, aber die Tiere müßten fetter werden! Und das können wir mit Kreuzun- gen erreichen! Zum Beispiel mit den sogenannten Sattelrücken von Sto! Ich lasse einen Eber kommen… Shawn, würdest du bitte aufhören, dau- ernd mit dieser verdammten Trompete zu tröten!« Shawn ließ das Instrument sinken. »Ich dachte, Fanfaren würden dazugehören, Euer Majestät.« »Ja, aber nicht die ganze Zeit über. Einige kurze Trompetenstöße genü- gen.« Verence schnüffelte. »Es riecht irgendwie angebrannt.« »Oh, Mist, die Möhren…« Shawn eilte davon. »Schon besser«, seufzte der König. »Worüber haben wir gerade gespro- chen?« »Über Schweine, glaube ich«, sagte Magrat. »Nun, eigentlich bin ich hier, um…« »Letztendlich hängt alles vom Boden ab«, erklärte Verence. »Wenn man das mit dem Boden richtig hinkriegt, klappt auch der Rest. Übri- gens: Ich habe die Hochzeit für den Tag der Sommersonnenwende ge- plant. Das gefällt dir sicher, oder?« Magrats Lippen formten ein stummes O. »Wir können die Trauung natürlich verschieben«, fügte Verence hinzu. »Wobei wir allerdings die Ernte berücksichtigen müssen.« »Ich habe schon einige Einladungen verschickt, an die wichtigsten Gä- ste«, sagte Verence. »Außerdem halte ich es für eine gute Idee, vorher ein Fest oder so zu veranstalten«, sagte Verence., »Auf meine Bitte hin schickt Boggi in Ankh-Morpork den besten Schneider mit Stoffen, und eine der Zofen hat etwa deine Maße, und von dem Resultat bist du bestimmt begeistert«, sagte Verence. »Und Herr Eisengießersohn kommt extra aus den Bergen hierher, um die Krone anzufertigen«, sagte Verence. »Mein Bruder und Herr Vitollers Leute können nicht kommen, weil sie auf Tournee durch Klatsch sind. Aber der Dramenschmied Hwel hat ein ganz besonderes Stück geschrieben, mit dem er die Hochzeitsgesellschaft unterhalten will. Seiner Ansicht nach kann’s nicht mal von Bauern ver- saut werden«, sagte Verence. »Damit ist doch alles klar, oder?« meinte Verence. Magrats Stimme kehrte von einem langen Ausflug in die Ferne zurück und klang ein wenig heiser. »Müßtest du vorher nicht um meine Hand anhalten?« fragte sie. »Was?« Verence blinzelte überrascht. »Äh. Nein. Nein, eigentlich nicht. Könige halten nicht um irgendwelche Hände an. Ich hab’ darüber gele- sen. Ich bin der König, weißt du, und du bist ein Untertan – womit ich dir keineswegs zu nahe treten möchte. Es genügt, wenn ich dir meine Entscheidung mitteile.« Magrats Mund öffnete sich, um einen zornigen Schrei auszustoßen, doch das Gehirn brachte Zunge und Lungen rechtzeitig unter Kontrolle. Ja, du kannst ihn natürlich anschreien und dann einfach davonrau- schen, sagte das Hirn. Wahrscheinlich folgt er dir. Sehr wahrscheinlich. Äh… Nun, vielleicht ist es nicht ganz so wahrscheinlich. Verence mag ein netter Bursche mit tränenden Augen sein, aber er herrscht auch über dieses Land. Außerdem hat er sich inzwischen gründlich darüber infor- miert, welche Möglichkeiten einem König offenstehen. Nun, die Wahr- scheinlichkeit dafür, daß er dir folgt, ist zumindest… wahrscheinlich. Aber… Willst du etwa vielleicht alles riskieren? Hast du dir dies nicht ge- wünscht? Deshalb bist du doch hierhergekommen, oder?, Verence musterte Magrat besorgt. »Es ist die Hexerei, nicht wahr?« vermutete er. »Du brauchst sie natür- lich nicht ganz aufzugeben. Ich habe großen Respekt vor Hexen. Du kannst zu einer Hexenkönigin werden. Obwohl… Ich glaube, dann mußt du Kleider mit sehr tiefen Ausschnitten tragen, viele Katzen besitzen und den Leuten vergiftete Äpfel andrehen. Es geht dir um die Hexerei, stimmt’s?« »Nein«, murmelte Magrat. »Nein, es… Hast du eben eine Krone er- wähnt?« »Du brauchst eine«, sagte Verence. »Königinnen tragen Kronen. Ich hab’s in einem Buch gelesen.« Wieder schaltete sich das Gehirn ein. Königin Magrat, flüsterte es und hob den Spiegel der Phantasie… »Du bist doch nicht böse, oder?« fragte Verence. »Was? Oh. Nein. Ich und böse? Nein.« »Gut. Dann wäre ja alles geklärt. Oder haben wir irgend etwas überse- hen?« »Äh…« Der König rieb sich die Hände. »Mit Hülsenfrüchten stellen wir die wundervollsten Dinge an«, sagte Verence in einem Tonfall, der überhaupt nicht darauf hindeutete, daß er Magrats Leben gerade völlig umgekrempelt hatte – und zwar ohne vor- her ihre Erlaubnis einzuholen. »Bohnen, Erbsen… Du weißt schon. Stickstoffdünger. Und natürlich auch Mergel und Kalk. Wissenschaftli- che Landwirtschaft. Komm, ich zeig dir was.« Er hüpfte begeistert los. »Wir könnten wirklich dafür sorgen, daß in diesem Königreich alles wie am Schnürchen läuft«, meinte er. Magrat folgte ihm. Es war also alles klar. Es gab keinen Heiratsantrag, nur eine Art Pro- klamation. Selbst in den dunkelsten Stunden der Nacht hatte sich die junge Hexe nicht vorstellen können, wie jener Augenblick beschaffen sein mochte, aber aus irgendeinem Grund nahm sie an, daß Rosen, Son-, nenuntergänge und zwitschernde Vögel dabei eine Rolle spielten. In die- sem Zusammenhang beschäftigte Klee ihre Phantasie wenig. Von Boh- nen oder anderen Hülsenfrüchten ganz zu schweigen. Andererseits: Im Grunde ihres Wesens war Magrat weitaus praktischer veranlagt, als viele jener Leute glaubten, die nur ihr naives Lächeln und ihre insgesamt dreihundert magischen Schmuckstücke sahen, von denen kein einziges seinen Zweck erfüllte. So heiratete man also einen König. Es wurde alles arrangiert. Es gab keine weißen Pferde. Die Vergangenheit sauste auf geradem Wege in die Zukunft und nahm einen mit. Vielleicht war das normal. Könige hatten viel zu tun, und Magrats Er- fahrungen in bezug auf königliche Vermählungen unterlagen gewissen Beschränkungen. »Wohin gehen wir?« fragte sie. »Zum alten Rosengarten.« Nun… Das klang schon besser. Allerdings wuchsen dort keine Rosen mehr. In dem von Mauern um- gebenen Garten gab es auch die hübschen Wege und Lauben nicht mehr. Dafür herrschte kein Mangel an hüfthohen grünen Halmen mit weißen Blüten, in denen Bienen hektische Aktivität entfalteten. »Bohnen?« brachte Magrat hervor. »Ja! Eine spezielle Art. Immer wieder lade ich Bauern ein, hierherzu- kommen und sich das anzusehen.« Verence seufzte. »Sie nicken, brum- men und lächeln – um dann fortzugehen und so weiterzumachen wie bisher.« »Ich weiß«, sagte Magrat. »Ähnlich ging’s mir, als ich den Leuten zu er- klären versuchte, worauf es bei natürlicher Geburt ankommt.« Verence zog eine Braue hoch. Selbst ihm erschien die Vorstellung ab- surd, daß Magrat den fruchtbaren und alles andere als unerfahrenen Frauen von Lancre Vorträge über Geburtsmethoden hielt. »Ach?« erwiderte er. »Wie haben sie ihre Kinder denn bisher zur Welt gebracht?« »Auf die alte Art und Weise«, meinte Magrat., Eine Zeitlang betrachteten sie die summende Bohnenanpflanzung. »Nun, als Königin brauchst du natürlich nicht…«, begann Verence. Es geschah ganz sanft, wie ein Kuß, wie das Streicheln des Sonnen- scheins. Der Wind erhob sich nicht. Von einem Augenblick zum anderen herrschte eine Stille, die es in den Ohren knacken ließ. Die Halme gerieten in Bewegung, legten sich im Kreis zu Boden. Die Bienen summten noch lauter und flohen. Die drei Hexen erreichten den Markierungsstein zur gleichen Zeit. Sie hielten sich nicht einmal mit Erklärungen auf. Über einige Dinge wußte man eben Bescheid. »Mitten in meinen Kräutern!« ereiferte sich Oma Wetterwachs. »Im Palastgarten!« platzte es aus Magrat heraus. »Armes Würmchen«, sagte Nanny Ogg. »Und er war so stolz darauf!« Oma Wetterwachs zögerte. »Wovon redest du da, Gytha Ogg?« fragte sie. »Unser Pewsey hatte einen Pfannkuchen mit extra viel Senf und Kresse für mich vorbereitet«, sagte Nanny Ogg geduldig. »Er zeigte ihn mir, und als ich mich vorbeugte… Zack und platsch! Ein Kornfeldkreis!« »Eine ernste Sache«, entschied Oma Wetterwachs. »So schlimm ist es schon seit Jahren nicht mehr gewesen. Wir wissen alle, was das bedeutet. Jetzt kommt es darauf an…« »Äh«, wandte Magrat ein. »… gewisse Maßnahmen einzuleiten…« »Entschuldige bitte«, fuhr Magrat fort. Sie kam nicht ganz mit. »Ja?« »Ich weiß nicht, was es bedeutet«, sagte Magrat. »Ich meine, die alte Gütchen Wemper…« »… mögesieinfriedenruhen…«, fielen die beiden anderen Hexen ein. »… wies mich einmal darauf hin, daß Kreise gefährlich sind. Aber sie sagte mir nicht, warum?«, Nanny Ogg und Oma Wetterwachs wechselten einen Blick. »Sie hat dir nie von den Tänzern erzählt?« fragte Oma. »Und auch nicht vom Langen Mann?« fügte Nanny hinzu. »Von welchen Tänzern? Meint ihr vielleicht die alten Steine im Moor?« »Derzeit brauchst du nur zu wissen, daß wir sie aufhalten müssen«, ver- kündete Oma Wetterwachs. »Wen sie?« Oma gab sich völlig unschuldig. »Die Kreise«, behauptete sie. »O nein«, entgegnete Magrat. »Versuch nicht, mir etwas vorzumachen. Ich hab’s an deiner Stimme gehört. Es klang fast wie ein Fluch. Du hast das sie ganz eindeutig in Kursiv ausgesprochen.« Unbehagen erfaßte die beiden alten Hexen. »Und wer ist der Lange Mann?« fragte Magrat. »Darüber reden wir nie«, stellte Oma Wetterwachs fest. »Aber es kann sicher nicht schaden, ihr das mit den Tänzern zu erläu- tern«, murmelte Nanny Ogg. »Ja, aber…« Oma suchte nach den richtigen Worten. »Ich meine, du weißt schon… Sie ist Magrat.« »Was soll das denn heißen?« entfuhr es der jungen Hexe. »Wahrscheinlich empfindest du in Hinsicht auf sie anders als wir«, ant- wortete Oma Wetterwachs. »Wir sprechen hier von…«, begann Nanny. »Nenn sie nicht beim Namen!« »Oh, ja. Entschuldige.« »Nun, vielleicht werden die Tänzer überhaupt nicht von einem Kreis gefunden«, sagte Oma. »Vielleicht ist es nur ein Zufall. Wir können noch hoffen.« »Aber wenn einer im Innern des Steinkreises erscheint…«, gab Nanny Ogg zu bedenken. Bei Magrat riß der Geduldsfaden., »Das macht ihr absichtlich! Die ganze Zeit über sprecht ihr so, daß ich nichts verstehe! Schon seit Jahren! Aber damit ist Schluß, wenn ich Köni- gin bin!« Dieser Hinweis weckte Interesse bei den älteren Hexen. Nanny Ogg neigte den Kopf zur Seite. »Ach? Der junge Verence hat sich also zu einem Heiratsantrag durch- gerungen, wie?« »Ja!« »Und wann findet das wundervolle Ereignis statt?« fragte Oma Wet- terwachs eisig. »In zwei Wochen«, erwiderte Magrat. »Am Tag der Sommersonnen- wende.« »Keine besonders gute Wahl«, meinte Nanny Ogg. »Ist die kürzeste Nacht des Jahres.« »Gytha Ogg!« »Und dann seid ihr meine Untertanen«, betonte Magrat. »Und müßt euch vor mir verbeugen und so!« Sie wußte, wie dumm das war, was sie sagte, aber die Vernunft prallte am Schild des Zorns ab. Oma Wetterwachs kniff die Augen zusammen. »Hm«, brummte sie. »Müssen wir das?« »Ja«, bestätigte Magrat hitzig. »Und wenn ihr euch weigert, wirft man euch vielleicht in den Kerker!« »Meine Güte«, sagte Oma. »O weh. Das würde mir nicht gefallen. Nein, das würde mir ganz und gar nicht gefallen.« Alle drei Hexen wußten, daß der Kerker des Schlosses nicht in einem sehr schlechten Ruf stand und auch keinen verdiente. Schon seit einer ganzen Weile enthielt das Verlies nur Leere. Verence II. war der freund- lichste Monarch in der ganzen Geschichte von Lancre. Das Volk begeg- nete ihm mit gutmütiger Verachtung – dieses Schicksal erleiden all jene, die still und gewissenhaft fürs Gemeinwohl arbeiten. Außerdem: Verence würde sich eher ein Bein abhacken, als eine Hexe in den Kerker zu wer-, fen – das hätte ihm auf lange Sicht viele Schwierigkeiten erspart und wäre vermutlich sogar weniger schmerzhaft gewesen. »Königin Magrat, wie?« Nanny Ogg versuchte, die allgemeine Stim- mung ein wenig zu verbessern. »Potzblitz. Nun, es kann gewiß nicht schaden, wenn’s im alten Schloß ein wenig fröhlicher zugeht…« »O ja, bestimmt haben wir alle viel zu lachen«, ließ sich Oma Wetter- wachs vernehmen. »Wie dem auch sei…« Magrat gestikulierte herablassend. »Mit diesen Sa- chen brauche ich mich nicht mehr zu befassen. Das ist eure Angelegen- heit – um was auch immer es dabei geht. Ich habe für so etwas bald keine Zeit mehr.« »Bestimmt warten viel wichtigere Dinge auf dich, Euer Zukünftige Ma- jestät«, sagte Oma. »Ha!« schnaufte Magrat. »Und ob! Sucht euch eine andere Hexe für Lancre! Kapiert? Besorgt euch irgendein sentimentales Mädchen, das die langweilige Arbeit für euch erledigt, dem man nie etwas erklärt und das sich nicht beklagt, wenn ihm euer Kauderwelsch ein Rätsel bleibt. Ich habe bessere Dinge zu tun!« »Sind deine neuen Pflichten von größerer Bedeutung als die einer He- xe?« fragte Oma Wetterwachs. Magrat fiel darauf herein. »Ja!« »Lieber Himmel«, hauchte Nanny. »Na schön. Ich schätze, dann mußt du uns jetzt verlassen.« Omas Stimme schnitt wie ein Messer. »Bestimmt erwartet man dich im Palast.« »Ja!« Magrat streckte die Hand nach ihrem Besen aus. Oma war schneller. »O nein«, sagte sie. »Den brauchst du jetzt nicht mehr. Königinnen sind in goldenen Kutschen und was weiß ich unterwegs. Jedem das Sei- ne. Besen stehen nur Hexen zu!« »Ich bitte euch…«, begann Nanny. Ernsthafter Streit weckte die gebore- ne Vermittlerin in ihr. »Man kann durchaus Königin und Hexe…«, »Wen kümmert’s?« Magrat ließ den Besen los. »Auf so etwas verzichte ich von jetzt an.« Sie drehte sich um, hob den Saum ihres Kleids und lief davon. Bald war sie nur noch eine kleine Silhouette vor der glühenden, untergehen- den Sonne. »Du dummes altes Weibsbild, Esme«, sagte Nanny Ogg. »Das alles nur, weil sie heiratet…« »Du weißt, wie sie auf eine Erklärung der Hintergründe reagiert hätte«, erwiderte Oma Wetterwachs. »Die Leute. Kreise… Sie würde alles falsch verstehen und es für nett halten. Es ist besser für sie, nicht daran beteiligt zu sein.« »Seit Jahren sind sie nicht mehr aktiv gewesen«, überlegte Nanny laut. »Wir brauchen Hilfe. Ich meine… Wann bist du zum letztenmal bei den Tänzern gewesen?« »Du weißt ja, wie das ist. Wenn Ruhe herrscht… Dann denkt man kaum über sie nach.« »Wir hätten uns früher darum kümmern sollen.« »Stimmt.« »Ich schlage vor, wir fliegen gleich morgen früh dorthin«, sagte Nanny Ogg. »Einverstanden.« »Und bring eine Sichel mit.« Wo auch immer in Lancre man einen Fußball auf den Boden legt – mei- stens rollt er fort. Der größte Teil des Königreichs besteht aus Mooren und steilen, bewaldeten Hängen, an die sich Berge anschließen: Sie sind so zerklüftet, daß sie selbst von Trollen gemieden werden, und manche Täler reichen so tief in den granitenen Leib des Gebirges, daß sie nur dann Sonnenschein bekommen, wenn man ihn hineinpumpt. Ein von Unkraut überwucherter Pfad führte zum Moor mit den Tän- zern. Die Entfernung zur Stadt betrug nur wenige Kilometer, doch es geschah eher selten, daß sich ein Jäger hierher verirrte. Es mangelte nicht etwa an Wild, aber…, Nun, dort waren die Steine. Steinkreise hatten in den Bergen keineswegs Seltenheitswert. Zum Bei- spiel: Druiden konstruierten sie als Wettercomputer. Da es in den mei- sten Fällen billiger war, neue 33-MegaLith-Kreise zu bauen als alte mit einem Upgrade auf den neuesten Stand der Technik zu bringen, existier- ten ziemlich viele ausrangierte Exemplare. Druiden wagten sich nie in die Nähe der Tänzer. Diese Steine zeichneten sich nicht durch eine besondere Form aus. Selbst ihre Aufstellung wirkte eher zufällig. Niemand hatte beabsichtigt, daß die Sonnenstrahlen am Abend eines ganz bestimmten Tages einen ganz bestimmten Stein an einer ganz bestimmten Stelle berührten. Je- mand schien einfach nur acht rote Felsblöcke so angeordnet zu haben, daß sie eine Art Kreis bildeten. Und doch… Gewisse Auswirkungen auf das Wetter ließen sich nicht leugnen. Wenn es zu regnen begann, so fielen die Tropfen im Innern des Kreises etwas später als außerhalb davon, als müßten sie eine größere Strecke zurücklegen. Und wenn sich Wolken vor die Sonne schoben, so verblaßte das Licht im Kreis erst einige Sekunden danach. William Pirsch wird gleich sterben. In diesem Zusammenhang muß folgendes gesagt werden: Er hätte kein Rotwild außerhalb der Saison jagen sollen, insbesondere nicht den prächtigen Hirsch, dem er nun nachstellte, und erst recht keinen Bock der Spezies Spitzhorn-Schnellhuf. Diese Gattung ist vom Aussterben bedroht – allerdings nicht ganz so sehr wie William Pirsch. Das Tier lief vor ihm durch den Wald, und zwar so laut, daß ihm selbst ein Blinder hätte folgen können. Pirsch bahnte sich einen Weg durch den Adlerfarn. Dunst umhüllte die Steine, bildete jedoch keine weiß-graue Decke, sondern präsentierte sich in Form dünner Streifen. Der Bock erreichte den Kreis und zögerte. Er wandte sich nach links und rechts, drehte dann den Kopf und blickte zum Jäger. Pirsch hob die Armbrust. Was der Bock zum Anlaß nahm, ins Innere des Steinkreises zu springen., Einige verwirrende Eindrücke schlossen sich an. Der erste bestand aus… … Entfernung. Der Kreis durchmaß nur wenige Meter; er hätte eigent- lich nicht soviel Entfernung enthalten dürfen. Dann kam… … Geschwindigkeit. Etwas verließ den Kreis: ein weißer Punkt, der schnell größer wurde. Pirsch wußte, daß er die Armbrust gehoben hatte, aber plötzlich hielt er sie nicht mehr in den Händen. Das Etwas sauste heran, und von ei- nem Augenblick zum anderen spürte er… … Frieden. Die vage Erinnerung an kurzen Schmerz verflüchtigte sich. William Pirsch starb. Durch die Hände betrachtete er plattgedrückte Farnwedel. Die Farn- wedel waren deshalb plattgedrückt, weil er auf ihnen lag. Der Blick des frisch Verstorbenen war auf die Landschaft gerichtet. Für die Toten gibt es keine Illusionen. Der Tod ist wie… wie das Auf- wachen nach einer wilden Party. Man genießt zwei oder drei Sekunden ungezwungene Freiheit, und dann fallen einem all die Dinge ein, die man in der vergangenen Nacht angestellt hat. Man entsinnt sich an die Sache mit dem Lampenschirm und den beiden Luftballons: Zu jenem Zeit- punkt erschien sie überaus lustig zu sein, und alle haben laut gelacht. Aber jetzt verändert sich die Perspektive; man denkt daran, daß man den anderen Leuten heute begegnet – und zwar nüchtern –, und sie erinnern sich ebensogut. »Oh«, sagte Pirsch. Die Landschaft floß um die Steine herum. Das war deutlich zu erken- nen, wenn man die Welt der Lebenden von draußen sah… Ja, ganz klar. Keine Mauern, nur Türen. Keine Kanten, nur Ecken… WILLIAM PIRSCH. »Ja?« BITTE HIER ENTLANG., »Bist du ein Jäger?« ICH SEHE MICH GERN ALS SAMMLER UNBERÜCKSICHTIGTER KLEINIGKEITEN. Tod lächelte hoffnungsvoll. Pirsch runzelte die inzwischen recht meta- physische Stirn. »Meinst du… Sherry, Vanillesoße und so?« Tod seufzte. Bei vielen Leuten hatten Metaphern überhaupt keinen Sinn. Manchmal glaubte er, daß ihn niemand ernst genug nahm. ICH NEHME, WAS DAS LEBEN DER STERBLICHEN BESTIMMT, sagte er. »Und wohin bringst du’s?« DAS WIRD SICH BALD HERAUSSTELLEN, NICHT WAHR? William Pirschs Gestalt verflüchtigte sich allmählich. »Jenes Ding, das mich erwischte…« JA? »Ich habe solche Geschöpfe für ausgestorben gehalten!« DA HAST DU DICH GEIRRT. SIE HABEN NUR EINEN ANDEREN ORT AUFGESUCHT. »Welchen?« Tod streckte die knöcherne Hand aus. DEN DORT. Eigentlich hatte Magrat nicht beabsichtigt, sich vor der Heirat im Schloß niederzulassen – der Leute wegen. Sie wollte nicht ins Gerede kommen. Nun, im Palast, der viele Zimmer aufwies, lebten mehr als zehn Perso- nen, aber wie dem auch war: Magrat und Verence hätten unter einem Dach gewohnt, und das genügte völlig. Zumindest für die Klatschmäuler. Jetzt allerdings sah alles anders aus. Jetzt brodelte es in Magrat. Sollten die Leute ruhig reden. Sie hatte eine ziemlich klare Vorstellung davon, wer derartige Themen für interessant hielt. Sollten sie sich ruhig das Maul zerreißen. Ha! Magrat Knoblauch war fest entschlossen, sich von sol- chen Dingen nicht mehr beeindrucken zu lassen., Sie stand früh auf und packte ihre wenigen Habseligkeiten. Die Hütte gehörte ihr nicht, und das galt auch für den größten Teil der Einrichtung. Hexen kamen und gingen, aber Hexenhäuser blieben. An ihnen änderte sich nie etwas, das erste Strohdach eingeschlossen. Magrats Habseligkeiten bestanden unter anderem aus: magischen Mes- sern, mystisch gefärbten Schnüren, kleinen Schmelztiegeln und diversen thaumaturgischen Gefäßen. Hinzu kam eine Schatulle, die Ringe, Hals- ketten und Armreife enthielt; die hermetischen Symbole von mindestens zehn verschiedenen Religionen zierten den Behälter. Die junge Hexe verstaute alles in einem Sack. Und dann die Bücher… Gütchen Wemper war nach Hexenmaßstäben ein regelrechter Bücherwurm gewesen – fast ein Dutzend Bände stamm- ten aus ihrem Besitz. Magrat wußte nicht recht, was sie mit ihnen anstel- len sollte, entschied schließlich, sie im Regal zu lassen. Den standesgemäßen, spitz zulaufenden Hut hatte sie nie gemocht und fast nie getragen. In den Sack damit. Sie sah sich um und entdeckte den kleinen Kessel in der Ecke des Herds. Ja, unbedingt in den Sack. Und ihn anschließend zubinden. Auf dem Weg zum Schloß kam sie über die Brücke der Lancre- Schlucht. Dort warf sie ihren Sack in den Fluß. Einige Sekunden lang tanzte er auf den Wellen, ging dann unter. Insgeheim hatte sich Magrat bunte Blasen oder wenigstens ein Zischen erhofft. Aber der Sack sank einfach nur, als sei er völlig unwichtig. Eine andere Welt, ein anderes Schloß… Der Elf ritt über den zugefrorenen Burggraben. Dampf stieg von dem schwarzen Pferd auf, auch von dem Etwas an seinem Hals. Das Roß sprang die Stufen hoch und erreichte den Saal, in dem die Königin inmitten ihrer Träume saß… »Ja, Lankin?« »Ein Hirsch!« Und er lebte noch. Elfen verstanden sich gut darauf, Dinge am Leben zu erhalten, manchmal wochenlang., »Von außerhalb des Kreises?« »Ja, Herrin!« »Er wird schwächer. Habe ich’s dir nicht gesagt?« »Wie lange dauert es noch? Wie lange?« »Bald ist es soweit. Bald. Was verschwand in die andere Richtung?« Der Elf senkte den Kopf. »Dein… Liebling, Herrin.« »Bestimmt kommt er nicht weit.« Die Königin lachte. »Und bestimmt vergnügt er sich prächtig.« Es regnete kurz nach Sonnenaufgang. Es gibt nichts Scheußlicheres, als durch schulterhohen feuchten Adler- farn zu wandern. Nun, vielleicht doch. Man konnte durch ziemlich viele unangenehme Dinge wandern, insbesondere dann, wenn sie schulter- hoch waren. Aber im Augenblick fiel es Nanny Ogg schwer, sich schlimmere Alternativen vorzustellen. Sie hatten es für besser gehalten, nicht in unmittelbarer Nähe der Tän- zer zu landen. Selbst Vögel änderten den Kurs, um zu vermeiden, den Luftraum überm Steinkreis zu passieren. Ähnlich verhielten sich emigrie- rende Spinnen, die an dünnen Fäden hoch über dem Boden schwebten. Wolken teilten sich wie an einer unsichtbaren Barriere und schwebten rechts und links daran vorbei. Nanny hob ihre Sichel und hackte geistesabwesend auf den Farn ein. »Bist du noch da, Esme?« fragte sie. Oma Wetterwachs’ Kopf kam etwa zwei Meter entfernt zwischen eini- gen langen Wedeln zum Vorschein. »Hier sind Dinge passiert«, sagte sie kühl und schien dabei jede einzel- ne Silbe zu betonen. »Zum Beispiel?« »Bei den Felsen ist das hohe Gras niedergetrampelt. Sieht ganz danach aus, als hätte dort jemand getanzt.«, Nanny Ogg dachte darüber nach wie ein Atomphysiker, der gerade er- fahren hatte, daß jemand zwei subkritische Uranmassen aneinander- schlug, um sich ein wenig zu wärmen. »Ausgeschlossen«, sagte sie. »Von wegen. Und das ist noch nicht alles…« Nanny hätte nicht noch entsetzter sein können, und doch war das der Fall. »Ja?« fragte sie leise. »Hier ist jemand gestorben.« »O nein«, ächzte Nanny Ogg. »Etwa im Kreis?« »Nein, natürlich nicht. Außerhalb davon. Ein großer Mann. Mit unter- schiedlich langen Beinen. Und einem Bart. Vermutlich ein Jäger.« »Woher weißt du das alles?« »Bin gerade über ihn gestolpert.« Sonnenschein flimmerte durch den Dunst. Etwa achthundert Kilometer entfernt strich das Licht des neuen Tages über die uralten Mauern der Unsichtbaren Universität, des wichtigsten Ausbildungszentrums für Magie. Die Zauberer merkten überhaupt nichts davon. Für die meisten von ihnen war das Mittagessen die erste Mahlzeit am Tag. Die Zauberer der Unsichtbaren Universität waren keine Frühauf- steher. Nur Erzkanzler und Bibliothekar wußten, wie der Morgen aussah; dann hatten sie den Campus praktisch mehrere Stunden lang für sich allein. Der Bibliothekar stand immer früh auf, weil das der Natur eines Orang-Utans entsprach. Allerdings verzichtete er gegen seine Natur dar- auf, einige Male herzhaft zu brüllen, um andere Männchen von seinem Territorium fernzuhalten. Er schloß nur die Bibliothek auf und fütterte die Bücher. Mustrum Ridcully, der gegenwärtige Erzkanzler, fand großen Gefallen daran, durch das stille Gebäude zu streifen, den Bediensteten zuzunicken und Zettel für die Untergebenen zu hinterlassen. Sie dienten hauptsäch-, lich dazu, ganz deutlich darauf hinzuweisen, daß er auf den Beinen war und arbeitete, während alle anderen noch an der Matratze horchten.* Doch heute beanspruchte etwas anderes Ridcullys Aufmerksamkeit. Es ging ihm um mehr oder weniger, im wahrsten Sinne des Wortes. Sein besorgter Blick galt einem runden Objekt. Überall beobachtete er gesundes Wuchern – abgesehen von einer Stelle, die ihm am vergange- nen Tag nicht aufgefallen war. Er drehte den Kopf von einer Seite zur anderen, während er in einen Spiegel sah, der ihm das Spiegelbild eines anderen Spiegels über seinem Haupt zeigte. Nach Ridcully und dem Bibliothekar stand der Quästor auf. Was nicht etwa daran lag, daß er die frühen Stunden liebte. Der Grund bestand vielmehr darin, daß gegen zehn Uhr beim Erzkanzler der ohnehin nicht sehr große Vorrat an Geduld zur Neige ging. Dann marschierte er zur Treppe und donnerte: »Quääästor!« Diesen Ruf wiederholte er, bis der Quästor erschien. Es geschah so häufig, daß der Quästor gelegentlich unter der Decke hervorkroch und sich anzog, bevor das Gebrüll des Erzkanzlers durchs Treppenhaus hallte. Die Erklärung mag sein, daß es sich bei ihm um einen natürlichen Neurovor** handelte. * So etwas geschieht dauernd, und zwar überall im Multiversum, selbst auf kal- ten Welten mit Meeren aus flüssigem Metan. Ein seltsames und bisher unge- klärtes Phänomen sorgt dafür, daß es in einer Gruppe von Angestellten immer einen Frühaufsteher gibt, der ausgerechnet den Posten des Abteilungsleiters bekleidet. Das betreffende Individuum legt kleine Zettel – beziehungsweise mit Gravierungen ausgestattete Heliumkristalle – auf die Schreibtische der Unter- gebenen. Es gibt nur einen Ort, wo das weniger häufig passiert: die Welt Zyrix. Nun, Zyrix hat achtzehn Sonnen, und deshalb kann man dort nur einmal in 1789,6 Jahren ein Frühaufsteher sein. Wie dem auch sei: Selbst hier reagiert ein engstirniger, bornierter Abteilungsleiter alle 1789,6 Jahre auf einen universalen Impuls und rutscht zeitig ins Büro, die Tentakel voller Frimt-Schalen mit gehäs- sigen Hieroglyphen. ** Er lebte von seinen Nerven., Nun, diesmal war er voll angezogen auf halbem Wege zur Tür, als er die Augen aufriß. Ridcully verlor nie Zeit mit oberflächlicher Konversation. Bei ihm ging es immer um alles oder nichts. »Ja, Erzkanzler?« fragte der Quästor bedrückt. Ridcully nahm den Hut ab. »Was ist das hier?« fragte er. »Äh, äh, äh… was, Erzkanzler?« »Das hier, Mann!« Der Quästor verspürte einen längst vertraut gewordenen Anflug von Panik und starrte verzweifelt auf den Kopf des Erzkanzlers. »Das was? Oh. Meinst du vielleicht die kahle Stelle?« »Ich habe keine kahlen Stellen!« »Äh, nun…« »Gestern hatte ich sie noch nicht!« »Ah. Nun. Äh.« Früher oder später riß irgend etwas im Quästor, und dann konnte er sich nicht mehr zurückhalten. »So was kommt natürlich vor, und mein Großvater hat immer eine Mischung aus Honig und Pfer- dedung benutzt, rieb sich das Zeug jeden Tag…« »Ich bekomme keine Glatze!« Im Gesicht des Quästors zuckte ein Muskel nervös. Die Worte ström- ten aus ihm heraus, ohne daß die Sprechwerkzeuge der Kontrolle des Gehirns unterlagen. »… und dann hatte er da noch den Apparat mit der gläsernen Stange, und man rieb mit einem Seidentuch daran, und…« »Das ist doch lächerlich! In meiner Familie hat nie jemand eine Glatze bekommen, abgesehen von einer Tante!« »… und, und, und er wusch sich den Kopf mit Morgentau und, und, und…« Ridcully erbarmte sich – er war kein unfreundlicher Mann. »Was nimmst du derzeit dagegen ein?« fragte er., »Getrocknete, getrocknete, getrocknete, getrocknete«, stammelte der Quästor. »Meinst du die alten Pillen aus getrockneten Fröschen?« »J-j-j-j.« »In der linken Tasche?« »N-n-n-n.« »Na schön, also in der rechten. So, und jetzt schlucken…« Eine Zeitlang starrten sich die beiden Männer an. Der Quästor seufzte. »J-j-jetzt ist es schon besser, Erzkanzler. Danke.« »Irgend etwas bahnt sich an, Quästor. Ich spür’s in meinen Säften.« »Wie du meinst, Erzkanzler.« »Quästor?« »Ja, Erzkanzler?« »Du bist nicht zufällig Mitglied eines Geheimbunds, oder?« »Ich? Nein, Erzkanzler.« »Dann wäre es sicher eine gute Idee, die Unterhose vom Kopf zu nehmen.« »Kennst du ihn?« fragte Oma Wetterwachs. Nanny Ogg kannte alle Leute in Lancre, auch den armen Kerl im Ad- lerfarn. »Das ist William Pirsch aus Schnitte«, sagte sie. »Einer von drei Brü- dern. Hat das Palliard-Mädchen geheiratet, erinnerst du dich? Die junge Dame mit den Löchern in den Zähnen?« »Ich hoffe, sie hat anständige schwarze Kleidung«, murmelte Oma Wetterwachs. »Scheint erstochen worden zu sein«, fuhr Nanny fort. Mit sanftem Nachdruck drehte sie den Körper um. Sie empfand den Anblick von Leichen nicht als bedrückend. Hexen leisten nicht nur Geburtshilfe, sondern fungieren auch als Totengräber. Für viele Personen in Lancre, war Nanny Oggs Gesicht das erste und letzte, was sie in ihrem Leben gesehen hatten, und im Vergleich dazu erschien der Rest eher langweilig. »Ganz durchgestochen«, stellte Nanny fest. »Von einer Seite bis zur anderen. Meine Güte… Wer könnte so etwas getan haben?« Beide Hexen drehten sich um und blickten zu den Steinen. »Ich weiß nicht, wer dahintersteckt, aber es kann kein Zweifel daran be- stehen, woher er kam«, sagte Oma. Nanny Ogg sah, daß Farn und Gras in der Nähe des Steinkreises tat- sächlich niedergetrampelt waren. Hier und dort gab es bereits braune Stellen. »Ich werde dieser Sache auf den Grund gehen«, brummte Oma. »Du solltest besser…« »Ich weiß, was ich sollte, herzlichen Dank.« Es gab insgesamt acht Tänzer, und drei von ihnen hatten Namen. Oma Wetterwachs wanderte um den Kreis herum und blieb beim sogenannten Flötenspieler stehen. Sie griff nach einer der vielen langen Nadeln, die ihren Hut am Haar festnieteten, und hielt sie in etwa fünfzehn Zentimeter Abstand zum Stein. Dann ließ sie los und beobachtete das Ergebnis. Kurz darauf kehrte sie zu Nanny zurück. »Es ist noch Kraft übriggeblieben«, sagte sie. »Nicht viel. Aber genug, um den Kreis vorerst stabil zu halten.« »Wer ist so dumm, diesen Ort aufzusuchen und am Kreis zu tanzen?« fragte Nanny Ogg. Ein verräterischer Gedanke schob sich ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit, und sie fügte hinzu: »Magrat ist die ganze Zeit über mit uns zusammen gewesen.« »Wir werden es herausfinden.« Oma lächelte grimmig. »Hilf mir jetzt«, fügte sie hinzu und deutete auf den Leichnam. Nanny Ogg beugte sich über den Toten. »Donnerwetter, ist ganz schön schwer. Jetzt könnten wir Magrat ge- brauchen.« »Nein«, widersprach Oma Wetterwachs. »Nicht zuverlässig genug. Hat Flausen im Kopf.«, »Sie ist aber nett.« »Und sentimental. Sie glaubt, daß man so wie in Märchen leben kann. Und sie hält die Botschaften von Volksliedern für wahr. Was keineswegs heißen soll, daß ich ihr nicht alles Glück der Welt wünsche.« »Ich hoffe, sie kommt als Königin gut zurecht«, sagte Nanny. »Wir haben sie alles gelehrt, was sie weiß«, erwiderte Oma Wetter- wachs. »Ja«, bestätigte Nanny Ogg. »Glaubst du, wir…« »Ja?« »Glaubst du, wir hätten sie auch das lehren sollen, was wir wissen?« »Das hätte viel zu lange gedauert.« »Ja, stimmt.« Es dauerte eine Weile, bis Briefe den Erzkanzler erreichten. Die Post wurde von jemandem abgeholt, der zufällig am Tor der Unsichtbaren Universität vorbeikam. Anschließend ließ man sie in irgendeinem Regal liegen, benutzte sie als Pfeifenanzünder oder als Lesezeichen. Der Biblio- thekar verwendete sie auch als Bettzeug. Dieser Brief brauchte nur zwei Tage, um zum Erzkanzler zu gelangen, und er erwies sich als erstaunlich intakt – sah man einmal von einigen Bananenresten sowie einem braunen Ring ab, der vermutlich von einer Kaffeetasse stammte. Zusammen mit anderer Post landete er auf dem Tisch, während die Fakultät frühstückte. Der Dekan öffnete ihn mit ei- nem Löffel. »Weiß jemand, wo sich Lancre befindet?« fragte er. Ridcully hob ruckartig den Kopf. »Warum?« »Dort heiratet ein König und lädt uns zur Hochzeit ein.« »Na so was«, ließ sich der Dozent für neue Runen vernehmen. »Ir- gendein mickriger König heiratet und möchte, daß wir dabei zugegen sind?« »In den Bergen«, sagte der Erzkanzler leise. »Dort gibt’s Flüsse mit prächtigen Forellen, wenn ich mich recht entsinne. Ja… Lancre. Lieber Himmel. Habe seit Jahren nicht an jenen Ort gedacht. Die Fische in, manchen Gletscherseen wissen überhaupt nicht, was es mit einer Angel auf sich hat. Könnt ihr euch das vorstellen? Lancre. Ja.« »Es ist zu weit«, fügte der Dozent für neue Runen hinzu. Ridcully achtete nicht auf ihn. »Und Rotwild. Massenhaft. Und Elche. Und überall wimmelt’s von Wölfen. Und vielleicht leben dort auch Sil- berlöwen. Würde mich überhaupt nicht wundern. Und angeblich hat man dort Schneeadler gesehen.« Seine Augen glänzten. »Es gibt nur noch ein halbes Dutzend von ihnen«, sagte er. Seltene Tiere lagen Mustrum Ridcully sehr am Herzen. Er nutzte prak- tisch jede Gelegenheit, um dafür zu sorgen, daß sie selten blieben. »Im hintersten Winkel der Abgelegenheit«, meinte der Dekan. »Jenseits des Landkartenrands.« »Habe dann und wann die Ferien dort verbracht, mit meinem Onkel«, fuhr Ridcully fort. Sein Blick trübte sich nun, schweifte in die nichtvor- handene Ferne. »Eine großartige Zeit. Ja, wirklich großartig. Herrliche Sommer… Der Himmel ist blauer als woanders, und das Gras… und…« Abrupt kehrte er aus den Landschaften der Erinnerung zurück. »Tja, ich schätze, ich muß los«, sagte er. »Die Pflicht ruft. Ein Staats- oberhaupt heiratet. Wichtige Sache. Erfordert die Präsenz einiger Zaube- rer. Gehört sich so. Nobbleß Oblidsch.« »Nun, ich bleibe hier«, verkündete der Dekan. »Die freie Natur ist ein- fach nicht natürlich. Dort gibt’s zu viele Bäume. War noch nie gern auf dem Land.« »Für den Quästor wäre ein Ausflug genau richtig«, behauptete Ridcully. »Ist in letzter Zeit ziemlich nervös. Habe überhaupt keine Erklärung dafür.« Er beugte sich vor und blickte über den Tisch. »Quääästor!« Der Quästor ließ seinen Löffel in den Haferschleim fallen. »Na bitte, genau das meine ich«, sagte Ridcully. »Ist nur noch ein Ner- venbündel. ICH HABE GERADE DARAUF HINGEWIESEN, DASS DU EIN WENIG FRISCHE LUFT GEBRAUCHEN KANNST, QUÄSTOR.« Er gab dem Dekan einen wuchtigen Stoß. »Hoffentlich, schnappt uns der Kerl nicht über«, meinte er und glaubte, leise zu spre- chen. »Verbringt zuviel Zeit im Haus, wenn du verstehst, was ich meine.« Der Dekan ging etwa einmal im Monat nach draußen und zuckte mit den Schultern. »ICH NEHME AN, DU MÖCHTEST FORT VON DER UNIVERSITÄT, UM EIN WENIG AUSZUSPANNEN, NICHT WAHR?« Der Erzkanzler nickte. »Ruhe und Frieden? Gesunde Land- luft?« »Das, das, das würde mir sehr gefallen, Erzkanzler«, erwiderte der Quä- stor. In seinem Gesicht wuchs Hoffnung wie ein Pilz im Herbst. »Guter Mann, guter Mann«, lobte Ridcully. »Du darfst mich begleiten.« Die Züge des Quästors erstarrten. »Es sollte noch jemand mitkommen«, sagte der Erzkanzler. »Irgend- welche Freiwilligen?« Die Zauberer – ohne Ausnahme Städter – beugten sich tief über die Teller und nahmen außer dem Essen vor sich nichts mehr wahr. »Wie wär’s mit dem Bibliothekar?« meinte der Dozent für neue Runen und warf den Wölfen ein willkürlich ausgewähltes Opfer zum Fraß vor. Zustimmendes Gemurmel erklang. Die allgemeine Erleichterung war unüberhörbar. »Ja, genau«, sagte der Dekan. »Er freut sich bestimmt. Ich meine… das Land und so. Bäume und… Bäume.« »Bergluft«, warf der Dozent für neue Runen ein. »Ja«, bestätigte der Leser unsichtbarer Schriften. »Ist recht blaß, schon seit einer ganzen Weile.« »Tut ihm bestimmt gut«, sagte der Dozent für neue Runen hoffnungs- voll. »Einmal von zu Hause weg und sich wieder wie zu Hause fühlen«, ließ sich der Dekan vernehmen. »Bei den vielen Bäumen und so.« Erwartungsvolle Blicke trafen den Erzkanzler. »Er trägt keine Kleidung«, wandte Ridcully ein. »Und wenn er spricht, hört man dauernd ›Ugh‹ von ihm.«, »Manchmal zieht er dieses grüne Ding, diesen Mantel, an«, sagte der Dekan. »Nur nach dem Baden.« Ridcully rieb sich den Bart. Er mochte den Bibliothekar, der ihm nie widersprach und sich immer in Form hielt – auch wenn jene Form an die einer Birne erinnerte. Nach den Maßstäben eines Orang-Utans war damit alles in bester Ordnung. Seltsamerweise bemerkte kaum mehr jemand, daß es sich bei dem Bi- bliothekar um einen Orang-Utan handelte. Diese Tatsache wurde den Zauberern nur dann ins Gedächtnis zurückgerufen, wenn ein Besucher der Universität darauf zu sprechen kam. In solchen Fällen antwortete jemand: »Oh, ja. Ich glaube, es hat einen magischen Unfall gegeben. Ir- gend etwas in der Art. Im einen Augenblick war er ein Mensch und im nächsten ‘n Affe. Komisch… Weiß gar nicht mehr, wie er vorher aussah. Ich meine, er muß mal ein Mensch gewesen sein. Wie dem auch sei: Wenn ich an ihn denke, stelle ich mir immer einen Affen vor. Scheint irgendwie zu ihm zu passen.« Und tatsächlich: Ein von den mächtigen magischen Büchern in der Bi- bliothek ausgelöster Unfall hatte den Genotyp des Bibliothekars vom Baum der Evolution hinabgestoßen und ihm anschließend Gelegenheit gegeben, einen anderen Ast zu erklettern – an dem er sich nun mit den Füßen festhalten konnte. »Na schön«, brummte der Erzkanzler. »Aber während der Hochzeits- feier muß er was anziehen, wenn auch nur um der armen Braut willen.« Der Quästor wimmerte leise. Alle Zauberer wandten sich zu ihm um. Der Löffel landete mit einem dumpfen Pochen auf dem Boden. Er be- stand aus Holz. Seit jener Sache, die als »Bedauerlicher Zwischenfall beim Essen« bekannt war, achtete man darauf, daß der Quästor kein Besteck aus Metall bekam. »A-a-a-a«, brachte der arme Mann hervor und versuchte, seinen Stuhl vom Tisch fortzuschieben. »Getrocknete Froschpillen«, sagte der Erzkanzler. »Holt sie ihm aus der Tasche.«, Niemand beeilte sich. In den Taschen eines Zauberers konnte man praktisch alles finden: Erbsen, Undefinierbares mit Beinen, kleine expe- rimentelle Universen und so weiter. Der Leser unsichtbarer Schriften reckte den Hals, um zu sehen, was seinen Kollegen so sehr erschüttert hatte. »Seht euch nur seinen Haferschleim an«, sagte er. Eine runde Vertiefung zeigte sich darin. »Meine Güte, noch ein Kornfeldkreis«, kommentierte der Dekan. Die Zauberer entspannten sich. »Dieses Jahr tauchen die blöden Dinger überall auf«, sagte der Erz- kanzler. Er trug noch immer seinen Hut, und zwar aus gutem Grund. Darunter befand sich nicht nur eine Packung aus Honig und Pferdedung, sondern auch ein kleiner, von einer Maus angetriebener elektrostatischer Generator. Die klugen Burschen aus dem Forschungstrakt für hochener- getische Magie hatten ihn gebaut. Wirklich gescheit, die Jungs. Vielleicht verstand Ridcully irgendwann einmal wenigstens die Hälfte von dem, worüber sie dauernd quatschten… Nun, deshalb behielt er den Hut selbst beim Essen auf. »Und sie sind ziemlich stark«, sagte der Dekan unterdessen. »Gestern erzählte mir der Gärtner, daß die Kreise dem Kohl ganz schön einhei- zen.« »Ich dachte immer, sie erscheinen nur in Kornfeldern«, meinte Ridcul- ly. »Sind ein ganz normales natürliches Phänomen.« »Wenn eine ausreichend hohe Flußdichte herrscht, so kann der Druck des Interkontinuums groß genug werden, um sich selbst einem sehr in- tensiv ausgeprägten Realitätsquotienten gegenüber durchzusetzen«, pro- klamierte der Leser unsichtbarer Schriften. Diesen Worten folgte Stille. Alle sahen zum besonders elend wirken- den und jüngsten der anwesenden Zauberer. Der Erzkanzler bedachte ihn mit einem finsteren Blick. »Ich rate dir dringend, auf eine Erklärung zu verzichten«, sagte er. »Ich kann mir schon denken, wie sie lautet. Mit ziemlicher Sicherheit würdest, du das Universum als eine Gummifläche mit Gewichten drauf beschrei- ben, stimmt’s?« »Nun, nicht unbedingt eine…« »Und vermutlich liegt dir das Wörtchen ›Quanten‹ auf den Lippen, ha- be ich recht?« »Äh, ich…« »Und auch der Fachausdruck ›Kontinuinuinuum‹, nicht wahr?« fragte Ridcully. Der Leser unsichtbarer Schriften – ein Zauberer namens Ponder Stib- bons – seufzte tief. »Nein, Erzkanzler. Ich wollte nur darauf hinweisen…« »Es geht doch nicht wieder um Wurmlöcher, oder?« Stibbons gab auf. Einem so phantasielosen Mann wie Ridcully gegen- über Metaphern zu benutzen… Ebensogut konnte man dem Stier das rote Tuch… Ebensogut konnte man einem leicht erregbaren Geschöpf einen Zorn weckenden Gegenstand zeigen. Es war sehr schwer, Leser unsichtbarer Schriften zu sein.* »Du solltest ebenfalls mitkommen«, sagte Ridcully. »Ich, Erzkanzler?« »Kann nicht zulassen, daß du hier herumläufst, mit dem Kontinuinui- nuum-Kram herumspielst und Millionen von neuen Universen erfindest, die angeblich so klein sind, daß man sie überhaupt nicht sieht. Außerdem * Beim Studium unsichtbarer Schriften handelte es sich um eine neue Disziplin, die nach der Entdeckung einer bidirektionalen Struktur des Bibliotheksraums entstand. Die entsprechende thaumische Mathematik ist sehr kompliziert, doch letztendlich läuft sie auf folgendes hinaus: Alle existierenden Bücher beeinflus- sen sich gegenseitig. Das erscheint offensichtlich: Bücher in der Gegenwart inspirieren Bücher in der Zukunft und zitieren aus Büchern, die in der Vergan- genheit geschrieben wurden. Nun, die Allgemeine Theorie** des B-Raums po- stuliert, daß noch nicht geschriebene Bücher aus bereits verfaßten deduziert werden können. ** Es gibt auch eine Spezielle Theorie, aber niemand schert sich darum, weil sie ganz offensichtlich völliger Blödsinn ist., brauche ich jemanden, der meine Angelruten und Armbrü… der meine Sachen trägt«, berichtigte sich Ridcully. Stibbons starrte auf seinen Teller. Es hatte keinen Zweck, sich auf eine Diskussion einzulassen. Im Prinzip wünschte er sich nichts anderes, als die nächsten hundert Jahre in der Universität verbringen zu können. Er dachte in diesem Zusammenhang daran, große Mahlzeiten einzunehmen und sich zwischendurch möglichst wenig zu bewegen. Er war ein dickli- cher junger Mann mit der Gesichtsfarbe eines Geschöpfs, das unter Stei- nen lebte. Man hatte ihn immer wieder aufgefordert, etwas aus seinem Leben zu machen, und genau darum ging es ihm: Er stellte sich sein Le- ben als Aufenthalt im Bett vor. »Lancre ist viel zu weit entfernt, Erzkanzler«, wandte der Dozent für neue Runen ein. »Unsinn«, knurrte Ridcully. »Es gibt einen neuen Mautweg bis nach Sto Helit. Jeden Mittwoch fährt eine Kutsche. Quääästor! Gebt ihm noch eine getrocknete Froschpille… Stibbons, wenn du imstande bist, dich fünf Minuten lang mit diesem Universum zu befassen, so besorg uns Fahrkarten. Na bitte. Alles klar, oder?« Magrat erwachte. Und wußte, daß sie keine Hexe mehr war. Das Gefühl war einfach da, gehörte zur normalen Bestandsaufnahme, mit der sich jeder Körper in den ersten Sekunden nach dem Ende des Schlafs befaßt: Arme – 2, Bei- ne – 2, Existenzangst – 58 %, vage Schuld – 94 %, Hexenpotential – 0,0. Eins der Probleme bestand darin, daß sie sich gar nicht erinnern konn- te, jemals etwas anderes als eine Hexe gewesen zu sein. Magrat Kno- blauch, dritte Hexe – die sanfte und sentimentale. Das war ihre Identität gewesen. Sie wußte natürlich, daß sie es in dieser Hinsicht nie sehr weit bringen konnte. Mit gewissen einfachen Zauberformeln kam sie einigermaßen gut zurecht, und sie kannte sich mit Kräutern aus, aber sie hatte die He- xerei nicht so im Blut wie Oma und Nanny. Die Alten versäumten nie, ihr das immer wieder unter die Nase zu reiben., Nun, jetzt mußte sie lernen, als Königin zurechtzukommen. Wenig- stens gab es in Lancre nicht noch andere Königinnen. Sie brauchte also nicht zu befürchten, daß ihr dauernd jemand über die Schulter sah und Dinge sagte wie: »Du hältst das Zepter nicht richtig!« Ja, genau… Jemand hatte ihr während der Nacht die Kleidung gestohlen. Magrat stand auf und hüpfte im Nachthemd über die kalten Fliesen. Als sie die Tür fast erreicht hatte, schwang sie wie von ganz allein auf. Eine dunkelhaarige junge Frau kam herein, halb verborgen hinter ei- nem Stapel Wäsche. Nun, in Lancre kannte man sich… »Millie Chillum?« Der Wäschestapel wackelte, als die Zofe dahinter einen Knicks machte. »Jagnäfrau?« Magrat hob einen Teil des Stapels. »Ich bin’s, Magrat«, sagte sie. »Hallo.« »Jagnäfrau.« Wieder ein Knicks. »Was ist los mit dir, Millie?« »Jagnäfrau.« Knicks, Knicks. »Ich bin’s. Du brauchst mich nicht auf diese Weise anzusehen.« »Jagnäfrau.« Das nervöse Knicksen dauerte an. Magrat spürte, wie ihre Knie aus reiner Solidarität zuckten. Allerdings mangelte es ihnen an Synchronisa- tion. Magrats Knie beugten sich ausgerechnet dann, wenn Millie ihre zierliche Gestalt nach einer weiteren hastigen Verbeugung straffte. »Wenn du noch einmal ›Jagnäfrau‹ sagst, bin ich sehr streng mit dir«, drohte die Ex-Hexe und schob sich an der Zofe vorbei. »Jagn… ja, Euer Majestät, Gnäfrau.« Jenseits der Fenster zeigte sich das erste Licht des neuen Tages. »Ich bin noch nicht Königin, Millie«, schnaufte Magrat, während sie über die Treppe nach oben eilte. »Und du kennst mich seit zwanzig Jah- ren.« »Jagnäfrau. Aber du wirst bald Königin. Und meine Mutter hat mir auf- getragen, respektvoll zu sein.« Millie knickste einmal mehr., »Na schön. Wo sind meine Sachen?« »Ich habe sie hier, Euer Bald-Majestät.« »So etwas habe ich nie getragen. Und hör endlich damit auf, dauernd zu knicksen. Davon wird mir ganz schwindlig.« »Der König hat dies hier extra von Sto Helit kommen lassen, Gnä- frau.« »Hat er das? Und wann?« »Keine Ahnung, Gnäfrau.« Er wußte, daß ich heimkehre, dachte Magrat. Aber wie? Und woher? Was ist hier eigentlich los? Das Gewand schien aus mehr Spitze zu bestehen als jedes, das Magrat jemals zuvor gesehen hatte, doch dabei handelte es sich gewissermaßen nur um die Spitze des Eisbergs. Normalerweise trug die ehemalige Hexe ein einfaches Kleid mit sich selbst unmittelbar darunter, doch für die Gemahlinnen von Herrschern kam etwas so Einfaches offenbar nicht in Frage. Millie hatte eine Art technisches Diagramm mitgebracht, das je- doch kaum half. Sie betrachteten es eine Zeitlang. »Ist das die normale Kleidung einer Königin?« vergewisserte sich Ma- grat. »Ich bin mir nicht sicher, Gnäfrau. Vielleicht hat Seine Majestät nur viel Geld geschickt, mit der Bitte, dir alles zur Verfügung zu stellen.« Sie breiteten die Einzelteile auf dem Boden aus. »Ist das hier der Pantoffel?« Draußen bei den Zinnen beendete der Wächter den Wachdienst, band sich die Schürze des Gärtners um und ging los, um die Bohnen durchzu- hacken. Zur gleichen Zeit fand im Innern des Schlosses ein von Verwir- rung geprägtes Gespräch statt, das sich um Kleidung und Architektur drehte. »Ich fürchte, das hast du falsch herum an, Gnäfrau. Welches Teil ist der Reifrock?« »Hier steht: ›Manne ziehe Schleife A durch Öffenung B.‹ Aber ich kann die Öffenung B nicht finden.«, »Diese Dinger sehen aus wie Satteltaschen. So was ziehe ich nicht an. Und das da?« »Eine Halskrause, Gnäfrau. Äh. Der letzte Schrei in Sto Helit, wie mir mein Bruder mitgeteilt hat.« »Soll das heißen, die Leute schreien, wenn sie so etwas sehen? Und was ist das?« »Brokat, glaube ich.« »Sieht wie Pappe aus. Muß ich so etwas jeden Tag tragen?« »Keine Ahnung, Gnäfrau.« »Verence trägt ganz normale Hosen und ‘ne alte Jacke!« »Ja, aber du bist die Königin. Königinnen sind zu wesentlich mehr Ele- ganz verpflichtet – das ist allgemein bekannt. Es gibt kaum etwas daran auszusetzen, wenn Könige so durch die Gegend laufen, daß ihr Hintern halb aus der Hose guckt…« Millies Hand flog zum Mund. »Schon gut«, sagte Magrat. »Selbst die Beine von Königen enden in… in Erweiterungen der Oberschenkel. Fahr ruhig fort. Was wolltest du eben sagen?« Die Wangen der Zofe glühten. »Ich meine, ich meine, ich meine, Königinnen müssen ganz vornehm aussehen«, brachte Millie hervor. »Der König hat Bücher darüber. Man spricht in diesem Zusammenhang von Etiketten und so.« Magrat betrachtete sich kritisch im Spiegel. »Es steht dir gut, Euer Fast-Majestät«, sagte die Zofe. Magrat wandte sich von einer Seite zur anderen. »Mein Haar ist eine Katastrophe«, murmelte sie nach einer Weile. »Bitte, Gnäfrau, der König hat nach einem Friseur in Ankh-Morpork geschickt, Gnäfrau. Müßte noch vor der Hochzeit hier eintreffen.« Magrat rückte eine Locke zurecht. In ihr reifte allmählich die Erkennt- nis heran, daß sie als Königin ein völlig neues Leben beginnen würde. »Meine Güte«, sagte sie leise. »Und was kommt jetzt?« »Keine Ahnung, Gnäfrau.«, »Was macht der König?« »Oh, er ist früh aufgestanden, um dem alten Muckel in Schnitte zu zei- gen, wie man richtig Schweine züchtet.« »Und ich? Was soll ich machen? Worin bestehen meine Pflichten?« Millie wirkte verwirrt, wobei sich ihr Gesichtsausdruck allerdings nur unmerklich veränderte. »Weiß nicht, Gnäfrau. Ich nehme an, du regierst einfach. Wanderst im Garten. Empfängst Leute. Kümmerst dich um Gobelinbezüge und Ta- pisserien und so. Bei Königinnen ist das sehr beliebt. Außerdem… Spä- ter muß auch noch die Frage der Thronfolge geklärt werden…« »Ich begnüge mich zunächst damit, mir die Tapisserien vorzunehmen«, sagte Magrat fest. Ridcully hatte Probleme mit dem Bibliothekar. »Zufälligerweise bin ich dein Erzkanzler, jawohl!« »Ugh!« »Bestimmt gefällt es dir! Frische Luft! Viele Bäume! Mit vielen Ästen, an denen man bestens hängen kann.« »Ugh!« »Komm sofort runter!« »Ugh!« »Die Bücher sind hier auch ohne dich sicher. Lieber Himmel, es ist ohnehin schwer genug, Studenten in die Bibliothek zu locken. Aus eige- nem Antrieb kommen sie sicher nicht hierher.« »Ugh!!« Ridcully sah zum Bibliothekar empor, der am obersten Regal der Para- zoologie hing, zwischen Ba und Mn. »Na schön.« Der Erzkanzler sprach jetzt leiser, und in seiner Stimme drückte sich eine gewisse Schläue aus. »Eigentlich schade, wenn man es recht bedenkt. Im Schloß von Lancre soll es eine gute Bibliothek geben. Was man in der Provinz eben so Bibliothek nennt… Es ist nur ein Hau-, fen alter Bücher. Niemand hat sich die Mühe gemacht, sie zu katalogisie- ren.« »Ugh?« »Tausende von Büchern. Unter ihnen sehr seltene Exemplare. Ja, wirk- lich schade, daß du nicht mitkommen willst.« Mit Ridcullys Stimme hätte man jetzt Achsen schmieren können. »Ugh?« »Aber du bist fest entschlossen, wie ich sehe. Nun, dann muß ich mich eben allein auf den Weg machen. Bis dann.« Draußen blieb Ridcully neben der Bibliothekstür stehen und zählte im Kopf. Bei »drei« schoß der Bibliothekar durch die Tür – die Sache mit den »seltenen Exemplaren« hatte seinen Widerstandswillen gebrochen. »Wir brauchen also vier Fahrkarten«, stellte der Erzkanzler fest. Oma Wetterwachs hatte ihre eigene Methode, mit der sie herausfand, was im Bereich des Steinkreises geschah. Viele Leute unterschätzen Bienen. Nicht so Oma Wetterwachs. Sie hatte sechs Bienenstöcke und wußte zum Beispiel, daß es in jenen Völkern keine Individuen gibt. Dafür exi- stiert die kollektive Entität des Schwarms, dessen Zellen – die Bienen – beweglicher sind als die einer Wellhornschnecke, um nur ein Beispiel zu nennen. Schwärme sehen alles und spüren noch viel mehr. Darüber hin- aus sind sie imstande, sich über Jahre hinweg an Dinge zu erinnern. Wo- bei allerdings darauf hingewiesen werden muß, daß ihr Gedächtnis ex- terner Natur ist und aus Wachs besteht. Die Erinnerungen des Schwarms nehmen in Form von Waben Gestalt an. Alles spielt eine Rol- le: die Position der Eizellen, Pollen, Zellen der Königin, Honigzellen, verschiedene Arten von Honig – das alles ist Teil der Erinnerungsstruk- tur. Und dann die großen dicken Drohnen. Viele Leute glauben, sie hängen das ganze Jahr über im Stock herum und warten darauf, von der Königin zur Kenntnis genommen zu werden. Doch das erklärt nicht, warum sie mit mehr Apparaturen zum Sammeln von Informationen ausgestattet sind als das Dach der CIA-Zentrale., Eigentlich hielt sich Oma gar keine Bienen. In jedem Jahr nahm sie sich ein wenig altes Wachs für Kerzen und auch das eine oder andere Pfund Honig, das der Stock entbehren konnte. Wie dem auch sei: In der Hauptsache dienten ihr die Bienen als Gesprächspartner. Zum erstenmal seit der Heimkehr begab sie sich zu den Stöcken. Und riß die Augen auf. Bienen quollen aus den Öffnungen. Normalerweise herrschte hinter den Himbeersträuchern Stille, doch jetzt sorgten zahllose kleine Flügel für lautes Brummen. Braune Körper sausten wie horizontaler Hagel durch die Luft. Oma Wetterwachs wußte nicht, was sie davon halten sollte. Bei Bienen mußte sie passen. In Lancre gab es kein Gehirn, das sie nicht borgen konnte. Sie war sogar imstande, mit den Augen von Re- genwürmern zu sehen*. Doch ein Schwarm, der aus Tausenden von mo- bilen Teilen bestand… Damit kam sie nicht zurecht. Ein solches Unter- fangen war sehr schwer. Immer wieder hatte sie versucht, ein Bienenkol- lektiv zu borgen, die Welt durch Tausende von Facettenaugen zu sehen. Das einzige Ergebnis ihrer Bemühungen bestand in Migräne und dem vagen Wunsch, mit Blumen zu kopulieren. Aber wenn man Bienen aufmerksam beobachtete, so ließen sich gewis- se Schlußfolgerungen ziehen. Ihre Aktivität, die Richtung, das Verhalten der Wächterinnen… Ihr Gebaren deutete nun auf außerordentliche Besorgnis hin. Oma Wetterwachs beschloß, sich hinzulegen und die Gedanken schweifen zu lassen. Nanny Ogg versuchte es mit einer anderen Taktik. Sie hatte kaum etwas mit Hexerei zu tun, dafür jedoch weitaus mehr mit ihrem Status als Oberhaupt des Ogg-Clans. Eine Zeitlang saß sie in der pieksauberen Küche, trank Rum, rauchte ihre stinkende Pfeife und betrachtete die Bilder an den Wänden. Sie stammten von den jüngsten Enkeln und präsentierten verschiedene * In solchen Fällen nahm sie meistens nur Dunkelheit wahr., Brauntöne. Die meisten von ihnen zeigten gekrakelte Strichmännchen in Braun mit dem gekrakelten Wort OMA in Braun darunter. Vor Nanny lag der Kater Greebo auf dem Rücken, streckte alle viere von sich und schien in die Rolle von etwas zu schlüpfen, das er irgendwo im Rinnstein gefunden hatte. Zweifellos freute er sich darüber, wieder zu Hause zu sein. Schließlich stand Nanny Ogg auf und schlenderte nachdenklich zur Schmiede, in der ihr Sohn Jason Ogg arbeitete. Der Schmiede kam in jedem Dorf eine wichtige Funktion zu. Sie dien- te als eine Mischung aus Rathaus, Versammlungsplatz und Gerüchtekü- che. In diesem Fall hielten sich mehrere Männer in ihr auf, die norma- lerweise damit beschäftigt waren, zu wildern und den Frauen bei der Arbeit zuzusehen. Doch derzeit genossen sie den Müßiggang. »Jason Ogg, ich möchte mit dir reden.« Die Schmiede leerte sich wie durch Zauberei. Vermutlich lag es an ir- gend etwas in Nannys Stimme. Sie streckte die Hand aus und hielt einen Mann fest, als er versuchte, sich möglichst unauffällig an ihr vorbeizu- ducken. »Es freut mich, dich hier anzutreffen, Herr Quarney«, sagte sie. »Bleib doch noch etwas. Wie geht das Geschäft?« Auf diese Worte reagierte Lancres einziger Ladenbesitzer ebenso wie eine dreibeinige Maus auf den Anblick einer athletischen Katze. Sein Gesicht verriet Verzweiflung. »Ach, schlecht, schlecht«, stöhnte er, obwohl er es eigentlich besser wissen sollte. »Es könnte kaum schlimmer sein, Frau Ogg.« »Ist also alles wie immer, wie?« Stummes Flehen gesellte sich der Verzweiflung in Quarneys Miene hinzu. Er wußte, daß ihm etwas drohte, und deshalb baten seine Augen um Barmherzigkeit. »Nun«, fuhr Nanny fort, »du kennst doch die Witwe Pirsch aus Schnit- te, nicht wahr?« Quarneys Mund klappte auf. »Sie ist gar keine Witwe«, erwiderte er. »Sie…«, »Wollen wir wetten?« Quarneys Mund blieb offenstehen, der Rest seines Gesichts veränderte sich zu einem Ausdruck gebannten Schreckens. »Du wirst ihr Kredit gewähren, bis sie den Bauernhof auf Vordermann gebracht hat«, stellte Nanny fest. Quarney nickte stumm. »Das gilt auch für die anderen Männer, die draußen lauschen«, fügte Nanny hinzu und hob dabei die Stimme. »Es kann bestimmt nicht scha- den, der Witwe dann und wann einen Korb mit Essen vor die Tür zu stellen. Und sicher braucht sie Hilfe bei der Ernte. Ich weiß, daß ich mich auf euch verlassen kann. Und jetzt könnt ihr gehen…« Sie stoben davon und ließen eine triumphierende Nanny Ogg in der Tür zurück. Jason Ogg richtete einen hoffnungslosen Blick auf sie. Der große, muskulöse und mehr als hundert Kilo schwere Mann schien sich plötz- lich in einen vierjährigen Knaben zu verwandeln. »Jason?« »Ich muß das hier fertigkriegen, für den alten…« Nanny hörte ihm gar nicht zu. »Nun, was ist hier geschehen, während ich fort gewesen bin, Junge?« Geistesabwesend stocherte Jason mit einer Eisenstange im Feuer. »Äh, in der Silvesternacht hat’s gestürmt, und eine von Mütterchen Peasons Hennen legte das gleiche Ei dreimal, und Kükenarms Kuh brachte eine siebenköpfige Schlange zur Welt, und drüben in Schnitte regnete es Frösche…« »Es war also nichts Besonderes los.« Nanny Ogg begann damit, sich beiläufig und gleichzeitig recht bedeutungsvoll die Pfeife zu stopfen. »Es war ziemlich ruhig«, meinte Jason. Er zog die Eisenstange aus dem Feuer, legte sie auf den Amboß und hob den Hammer. »Früher oder später finde ich’s heraus«, ließ sich Nanny Ogg verneh- men. Jason drehte nicht den Kopf, aber der Hammer verharrte mitten in der Luft., »Mir bleibt nie etwas verborgen«, betonte Nanny. »Das weißt du ja.« Das heiße Eisen verfärbte sich: Aus der Farbe von frischem Stroh wurde ein helles Rot. »Und du weißt auch, daß du dich immer besser fühlst, wenn du dich deiner Mutter anvertraut hast«, sagte Nanny Ogg. Das Eisen kühlte weiter ab: Helles Rot metamorphierte zu leise zi- schendem Schwarz. Jason war an die Hitze der Schmiede gewöhnt, doch jetzt brach ihm der Schweiß aus. »Du solltest das Eisen bearbeiten, bevor’s kalt wird«, riet Nanny ihrem Sohn. »Es ist nicht meine Schuld, Mama! Wie hätte ich sie aufhalten kön- nen?« Nanny lehnte sich auf dem Stuhl zurück und lächelte zufrieden. »Wen meinst du, Junge?« »Die junge Diamanda und Perdita und die Rothaarige aus dem Blöden Kaff und noch ‘n paar. Dem alten Peason habe ich gesagt: Mama wird sich bestimmt drüber ärgern. Ja, das habe ich gesagt. Und auch mit ihnen habe ich gesprochen. Wartet’s nur ab – Oma Wetterwachs wird außer sich geraten und sehr, äh, sarkastisch sein, wenn sie davon erfährt. Habe ich ihnen gesagt. Aber die Mädchen haben nur gelacht und gemeint, sie könnten sich die Hexerei ohne irgendwelche Hilfe beibringen.« Nanny nickte. In diesem Punkt hatten sie durchaus recht. Man konnte sich die Hexerei selbst beibringen. Aber in dem Fall mußten Lehrer und Schüler besonders schlau sein. »Diamanda?« wiederholte sie. »Diesen Namen höre ich jetzt zum er- stenmal.« »Eigentlich heißt sie Lucy Tockley«, erwiderte Jason. »Sie meinte, Dia- manda klingt mehr nach einer Hexe.« »Aha. Die junge Dame mit dem großen Schlapphut?« »Ja, Mama.« »Malt sich ihre Fingernägel schwarz an?« »Ja, Mama.« »Der alte Tockley hat sie zur Schule geschickt, nicht wahr?«, »Ja, Mama. Sie ist zurückgekehrt, während du unterwegs warst.« »Aha.« Nanny Ogg entzündete ihre Pfeife am Schmiedefeuer. Schlapphut, schwarze Fingernägel und Bildung. Lieber Himmel… »Wie viele sind es?« fragte sie. »Etwa ein halbes Dutzend. Und sie bringen was zustande, Mama.« »Ach?« »Ja, und eigentlich richten sie gar keinen Schaden an.« Nanny Ogg blickte nachdenklich ins Feuer. Nannys Schweigen konnte unauslotbar tief sein. Und manchmal blieb es nicht einfach unbestimmt, sondern gewann eine klar definierte Rich- tungskomponente. Zum Beispiel jetzt: In Jason verdichtete sich der Ein- druck, daß das Schweigen auf ihn zielte. Er fiel immer darauf herein und versuchte, die Leere der Stille zu fül- len. »Außerdem hat Diamanda eine wirklich gute Bildung«, sagte er. »Sie kennt einige richtig gut klingende Worte.« Das Schweigen dauerte an. »Und du hast dich immer darüber beklagt, daß die jungen Mädchen von heute kein Interesse an der Hexerei zeigen«, fuhr Jason fort. Er griff wieder nach der Eisenstange und schlug einige Male halbherzig auf sie ein. Weiteres Schweigen strömte in seine Richtung. »Bei jedem Vollmond ziehen sie los und tanzen in den Bergen.« Nanny Ogg nahm die Pfeife aus dem Mund und blickte in ihren Kopf. Jason senkte die Stimme. »Es heißt, sie tanzen ganz, äh, ohne.« »Ohne was?« fragte Nanny unschuldig. »Du weißt schon, Mama. Ohne Kleidung.« »Donnerwetter. Na so was. Hat jemand beobachtet, welchen Ort sie aufsuchen?« »Nein. Weber, der Dachdecker, meint, sie entwischen ihm immer.« »Jason?«, »Ja, Mama?« »Sie tanzen bei den Steinen.« Jason schlug sich auf den Daumen. In den Bergen und Wäldern von Lancre gab es viele Götter. Einer von ihnen hieß Hern der Gejagte. Er war der Gott des Jagens und Verfol- gens. Mehr oder weniger. Die meisten Götter werden von Glauben und Hoffnung erschaffen und am Leben erhalten. Jäger tanzen in Fellen und Tierhäuten, schaffen dadurch Jagdgötter, die zu Ausgelassenheit neigen und den Takt einer Flutwelle besitzen. Aber dabei handelt es sich nicht um die einzigen Göt- ter der Jagd. Auch das Opfer hat eine okkulte Stimme, während der Puls rast und die Hunde bellen. Hern war der Gott der Gejagten und Verfolg- ten und all jener kleinen Geschöpfe, deren Schicksal darin besteht, ihr Leben mit einem erschrockenen Quieken zu beenden. Er mochte etwa einen Meter groß sein, hatte Hasenohren und kleine Hörner. Er konnte ziemlich flink sein und nutzte jetzt sein ganzes Sprin- terpotential, als er durch den Wald raste und rief: »Sie kommen! Sie kommen! Sie kommen alle zurück!« »Wer?« fragte Jason Ogg. Er hielt den Daumen in einen Wassertrog. Nanny Ogg seufzte. »Sie«, lautete ihre Antwort. »Du weißt schon – sie. Wir sind nicht ganz sicher, aber…« »Wer sind sie?« Nanny zögerte. Gewisse Dinge teilte man gewöhnlichen Leuten nicht mit. Andererseits: Jason war Schmied, was ihn aus der Masse der Ge- wöhnlichen heraushob. Schmiede mußten Geheimnisse wahren. Und er gehörte zur Familie. Nanny Ogg hatte eine abenteuerliche Jugend verlebt und konnte nicht besonders gut zählen; trotzdem zweifelte sie kaum daran, daß Jason ihr Sohn war. »Nun…« Sie gestikulierte vage. »Jene Steine… die Tänzer… äh, da- mals… ich meine, früher…«, Nanny unterbrach sich und versuchte erneut, die im wesentlichen frak- tale Natur der Realität zu erklären. »Weißt du… Es gibt einige Orte, die dünner sind als andere, und dort sind die alten Türen nicht unbedingt Türen, nein, ich meine, ich hab’s selbst nie ganz verstanden, es sind keine Türen, sondern eher Stellen dünnerer Welt, und… Nun, wichtig ist vor allem, daß die Tänzer eine Art Zaun bilden. Wir, und wenn ich hier ›wir‹ sage, so meine ich vor vielen tausend Jahren… Ich meine, es sind nicht einfach nur Steine, eher Don- nerkeile, und… Es gibt da Gezeiten, allerdings ohne Wasser, und wenn sich die Welten nahe genug kommen, kann man fast zwischen sie tre- ten… Nun, wenn sich Leute dem Steinkreis nähern und dort herumal- bern, so könnten sie zurückkehren, falls wir nicht aufpassen.« »Wer sie?« »Genau darum geht’s.« Nanny zog eine kummervolle Miene. »Wenn ich’s dir sage, verstehst du bestimmt alles falsch. Sie leben jenseits der Tänzer.« Jason starrte seine Mutter groß an. Nach einigen Sekunden erhellte sich die Miene des Schmieds mit dem Licht des Verstehens. »Ah«, brummte er. »Ich weiß. Wie ich hörte, reißen die Zauberer in Ankh immer wieder Löcher in den Teppich der Realität oder so, und dann kommen schreckliche Dinge aus den Kerkerdimensionen. Große Biester mit vielen Augen und mehr Beinen als eine Moriskentanzgrup- pe.« Er griff nach dem Hammer Nummer 5. »Keine Sorge, Mama. Wenn solche Wesen hier erscheinen, so…« »Nein, es ist ganz anders«, warf Nanny ein. »Jene Geschöpfe leben au- ßerhalb. Aber sie existieren… dort drüben.« Jetzt war Jason völlig verwirrt. Nanny Ogg zuckte mit den Schultern. Früher oder später blieb ihr gar nichts anderes übrig, als jemanden einzuweihen. »Die Herren und Herrinnen«, sagte sie. »Was hat es mit ihnen auf sich?« Nanny sah sich um. Immerhin: Sie befand sich hier in einer Schmiede. Hier hatte es schon lange vor dem Schloß eine Schmiede gegeben, lange vor dem Entstehen des Königreichs. Hier wimmelte es von Metall. Eisen, gab es nicht nur an den Wänden, sondern auch darin. Wenn nicht hier, so konnte man an keinem Ort der Welt darüber sprechen. Dieser Welt je- denfalls. Trotzdem regte sich Unbehagen in Nanny. »Du weißt schon«, sagte sie. »Das schöne Volk. Die Schimmernden. Die Sternenleute. Du weißt schon.« »Wie bitte?« Nanny legte vorsichtshalber die Hand auf den Amboß und sprach das Wort aus. Die Falten verschwanden mit der Geschwindigkeit der aufgehenden Sonne aus Jasons Stirn. »Sie?« entfuhr es ihm. »Aber ich dachte immer, sie sind nett und…« »Na bitte«, sagte Nanny. »Du hast es falsch verstanden!« »Wieviel?« fragte Ridcully. Der Kutscher hob und senkte die Schultern. »Entweder ihr zahlt – oder ihr bleibt hier.« »Entschuldige bitte, Herr«, wandte sich Ponder Stibbons an den Erz- kanzler. »Es ist die einzige Kutsche.« »Fünfzig Ankh-Morpork-Dollar! Das kommt Raub am hellichten Tag gleich!« »Nein«, widersprach der Kutscher geduldig und fuhr im Tonfall eines Fachmanns fort: »Mit Raub am hellichten Tag haben wir es zu tun, wenn jemand mitten auf dem Weg steht und uns mit einem Pfeil bedroht, wäh- rend seine Freunde von nahen Felsen und Bäumen springen, um uns das Geld und alles andere abzunehmen. Raub in der Nacht unterscheidet sich vom Raub am hellichten Tag vor allem dadurch, daß die Räuber die Kutsche in Brand setzen, um besser zu sehen. Außerdem gibt es noch den sogenannten Zwielicht-Raub. Nun, bei einem normalen Zwielicht- Raub…« »Soll das heißen, ein Raubüberfall ist im Preis inbegriffen?« fragte Ridcul- ly., »Die Räubergilde verlangt vierzig Dollar pro Kopf«, erwiderte der Kut- scher. »Es ist eine Art Pauschale.« »Was passiert, wenn wir sie nicht zahlen?« erkundigte sich der Erzkanz- ler. »Ihr hättet schon bald Gelegenheit, das sehr zu bedauern.« Die Zauberer berieten sich. »Wir haben hundertfünfzig Dollar«, sagte Ridcully. »Mehr kriegen wir nicht aus dem Tresor raus, weil der Quästor gestern den Schlüssel ver- schluckt hat.« »Darf ich eine Idee ausprobieren?« fragte Ponder. »Nur zu.« Stibbons wandte sich an den Kutscher und lächelte freundlich. »Haustiere reisen umsonst, oder?« fragte er. »Uugh!« Nanny Oggs Besen raste etwa einen halben Meter über dem Waldpfad und nahm die Kurven so scharf, daß ihre Stiefelabsätze durchs Laub strichen. Vor Oma Wetterwachs’ Hütte sprang sie ab, ohne zuvor die magische Handbremse anzuziehen: Der Besen sauste weiter und blieb im Abort stecken. Die Tür der Hütte stand offen. »Hallihallooo?« Nanny warf einen kurzen Blick in die Küche und eilte dann die schma- le Treppe hoch. Oma Wetterwachs lag steif auf ihrem Bett. Das Gesicht war aschfahl, die Haut kalt. Ab und zu geschah es, daß man sie in diesem Zustand fand, und so etwas hatte schon zu peinlichen Situationen geführt. Deshalb beruhigte sie Besucher und forderte gleichzeitig das Schicksal heraus, indem sie ein kleines Schild in den erstarrten Fingern hielt. Darauf stand: ICH BINNE NICH TOT., Ein Stück Holz hielt das Fenster offen. »Du bist unterwegs, wie ich sehe«, sagte Nanny zu sich selbst. »Ich, ich, ich setze Tee auf und warte, bis du zurückbist, einverstanden?« Esmes Fähigkeit des Borgens beunruhigte sie. Es war durchaus in Ordnung, das Gehirn von Tieren und so zu berühren, aber viele, zu viele Hexen waren von solchen Reisen nicht zurückgekommen. Nanny hatte zum Beispiel mehrere Jahre lang Speck und kleine Stücke Schinkenrinde für eine Blaumeise beiseite gelegt, die sie für Oma Postalut gehalten hatte – Oma Postalut hatte eines Tages mit dem Borgen begonnen, ohne je- mals zurückzukehren. Nanny fand das unheimlich. Falls es für Hexen überhaupt etwas gab, das diese Bezeichnung verdiente. Sie begab sich in die Küche, ließ einen Eimer in den Brunnen hinab, zog ihn hoch und dachte diesmal daran, die Molche zu entfernen, bevor sie das Wasser aufsetzte. Anschließend beobachtete sie den Garten. Nach einer Weile flatterte etwas über die Beete und näherte sich dem offenen Fenster weiter oben. Nanny schenkte Tee ein. Vorsichtig nahm sie einen Löffel mit Zucker aus der Dose, schüttelte den Inhalt des kleinen Blechbehälters in ihre Tasse, legte den Löffel zurück, stellte beide Tassen auf ein Tablett und ging nach oben. Oma Wetterwachs setzte sich in ihrem Bett auf. Nanny sah sich um. Eine Fledermaus hing an einem Balken. Oma Wetterwachs rieb sich die Ohren. »Bitte schieb den Topf darunter, Gytha«, murmelte sie. »Sonst macht das Biest auf den Teppich.« Nanny suchte den privatesten Gegenstand in Omas Schlafzimmer und schob ihn mit dem Fuß über den Läufer. »Ich habe dir eine Tasse Tee gebracht«, sagte sie. »Kann ich gut gebrauchen«, erwiderte Oma Wetterwachs. »Habe den Geschmack von Motten im Mund.« »Ich dachte, nachts bevorzugst du Eulen.«, »Ja, aber anschließend versucht man, den Kopf ganz nach hinten zu drehen. Fledermäuse blicken wenigstens immer in die gleiche Richtung. Zuerst habe ich’s mit Kaninchen versucht, aber die haben ein schlechtes Gedächtnis. Außerdem: Du weißt ja, woran die dauernd denken. Sind berühmt dafür.« »Ja. An Gras.« »Genau.« »Hast du was herausgefunden?« fragte Nanny. »Fünf oder sechs Personen suchen den Steinkreis auf, und zwar immer bei Vollmond«, antwortete Oma. »Junge Mädchen, der Figur nach zu urteilen. Fledermäuse erkennen nur Silhouetten.« »Gute Arbeit«, sagte Nanny behutsam. »Glaubst du, die Mädchen stammen von hier?« »Das nehme ich an. Sie verwenden keine Besen.« Nanny Ogg seufzte. »Agnes Nitt gehört zu der Gruppe, die Tochter des alten Dreipfennig«, erklärte sie. »Und das Tockley-Mädchen. Und einige andere.« Oma Wetterwachs sah sie mit offenem Mund an. »Ich habe unseren Jason gefragt«, meinte Nanny. »Entschuldige.« Die Fledermaus rülpste. Oma hob aus einem Reflex heraus die Hand vor den Mund. »Ich bin wirklich eine dumme alte Närrin, nicht wahr?« murmelte sie nach einer Weile. »Nein, nein«, widersprach Nanny. »Das Borgen ist eine sehr nützliche Fähigkeit. Und du hast darin großes Geschick entwickelt.« »Stolz bin ich, jawohl. Früher einmal wäre ich ebenfalls auf den Ge- danken gekommen, jemanden zu fragen, anstatt im Körper einer Fle- dermaus durch die Gegend zu flattern.« »Unser Jason hätte dir bestimmt nichts verraten«, spekulierte Nanny. »Mir hat er’s nur gesagt, weil er befürchten mußte, daß ich ihn durch die Mangel drehe. Dazu sind Mütter da.« »Ich lasse nach, Gytha. Ich werde allmählich alt.«, »Man ist so alt, wie man sich fühlt – so lautet mein Motto.« »Genau das meine ich.« Auf Nannys Gesicht zeichnete sich Sorge ab. »Angenommen, Magrat wäre hier«, fuhr Oma fort. »Dann hätte sie ge- sehen, wie dumm ich gewesen bin.« »Nun, Magrat ist im Schloß«, entgegnete Nanny. »Dort lernt sie, Köni- gin zu sein.« »Als Königin hat man einen Vorteil«, brummte Oma. »Niemand merkt, wenn man was verkehrt macht. Alles muß richtig sein, denn man ist ja schließlich die Königin.« »Das mit dem Königtum ist eine komische Sache«, überlegte Nanny laut. »Wie Magie. Man nehme ein Mädchen mit ‘nem Hintern, der aus- sieht wie zwei Schweine unter einer Decke. Und mit einem Kopf voller Flausen. Kaum heiratet es einen Prinzen oder so, schon wird eine strah- lende königliche Prinzessin aus ihr. Wirklich sonderbar.« »Ich mache keinen Knicks vor ihr, das steht fest«, sagte Oma. »Du knickst vor niemandem«, erwiderte Nanny Ogg geduldig. »Nicht mal vor dem alten König hast du dich verneigt. Und der junge Verence bekommt von dir höchstens ein Nicken. Du knickst nie.« »Stimmt!« bestätigte Oma. »Das paßt nicht zu einer Hexe.« Nanny entspannte sich ein wenig. Als alte Frau weckte Oma Wetter- wachs Unbehagen in ihr. Jetzt strahlte sie die Hitze mühsam unterdrück- ten Zorns aus – sie war wieder sie selbst. Oma stand auf. »Das Tockley-Mädchen, wie?« »Ja.« »Ihre Mutter war eine Kiebel, nicht wahr? Eine anständige Frau, wenn ich mich recht entsinne.« »Ja. Und nach ihrem Tod schickte der Vater seine Tochter nach Sto Lat zur Schule.« »Von Schulen halte ich nichts«, sagte Oma Wetterwachs. »Sind der Bil- dung hinderlich. Da gibt’s zu viele Bücher. Was haben Bücher überhaupt, für einen Sinn? Meiner Ansicht nach wird heute zuviel gelesen. In unse- rer Jugend hatten wir für so etwas keine Zeit.« »Wir waren zu sehr damit beschäftigt, selbst für unsere Unterhaltung zu sorgen.« »Ja. Komm – wir müssen uns sputen.« »Was soll das heißen?« »Es geht nicht nur um die Mädchen. Dort draußen gibt es noch etwas anderes. Ein Bewußtsein streift umher.« Oma Wetterwachs schauderte. Sie hatte die Gegenwart des fremden Ichs gespürt, so wie ein Jäger die Anwesenheit eines anderen Jägers wahrnimmt. Es gab subtile Anzeichen: Stille dort, wo man Geräusche erwartete; hier und dort ein geknickter Halm; das Summen zorniger Bie- nen. Nanny Ogg hatte sich nie mit dem Borgen anfreunden können, und Magrat war nicht einmal bereit gewesen, einen entsprechenden Versuch zu unternehmen. Bei den alten Hexen auf der anderen Seite des Bergs gab es zu viele Probleme mit körperinternen Dingen; sie wollten sich nicht auch noch mit körperexternen Erfahrungen belasten. Aus diesem Grund blieb Oma in der mentalen Dimension allein. Ein fremdes Ich glitt durchs Königreich, und Oma Wetterwachs verstand es nicht. Sie borgte, und damit mußte man sehr vorsichtig sein. Es konnte wie eine Droge wirken. Auf den Selbstsphären von Tieren zu reiten, mit den Vögeln zu fliegen – aber nicht mit Bienen –, sie vorsichtig zu steuern, durch ihre Augen zu sehen… Oma Wetterwachs hatte sich oft durch die Kanäle des Denkens und Empfindens um sie herum geschaltet. Für sie war es ein Teil der Hexerei. Mit anderen Augen zu sehen… Zum Beispiel mit denen von Mücken. Das langsame Muster der Zeit im schnellen eines Tages zu beobachten, wie Blitze hin und her zucken- de Gedanken zu ertasten… … mit dem Körper eines Käfers zu lauschen, die Welt als dreidimen- sionales Muster aus Vibrationen wahrzunehmen… … mit der Nase eines Hunds zu sehen, zahlreiche Gerüche wie Far- ben…, Aber man mußte einen Preis dafür bezahlen. Niemand bat darum, und gerade deshalb wurde er zur moralischen Pflicht. Man neigte dazu, nicht nach Mücken zu schlagen. Man grub mit besonderer Vorsicht. Man füt- terte den Hund. Man bezahlte. Man nahm Anteil. Nicht nur aus reiner Höflichkeit, sondern weil es richtig war. Man hinterließ nur Erinnerungen, und man trug allein Erfahrungen fort. Doch jenes andere umherstreifende Ich… Wie eine Kettensäge drang es in Selbstsphären ein, nahm und nahm und nahm. Oma spürte die Form, eine raubtierartige Struktur, gefüllt mit Grausamkeit und kalter Lieblosigkeit. Ein Selbst voller Intelligenz, das andere Lebewesen be- nutzte und quälte, weil es Spaß machte. Oma Wetterwachs kannte einen Namen für ein derartiges Bewußtsein: Elf. Zweige knarrten und knackten hoch oben in den Baumwipfeln. Wind rauschte wie Meereswellen. Oma und Nanny schritten durch den Wald. Besser gesagt: Oma Wet- terwachs schritt. Nanny Ogg trippelte. »Die Herren und Herrinnen versuchen, einen Weg hierher zu finden«, sagte Oma. »Und das ist noch nicht alles. Etwas hat bereits unsere Welt erreicht – ein Tier von der anderen Seite. Pirsch jagte einen Bock in den Kreis, und jenes Geschöpf muß dort gewartet haben. Es heißt, etwas kann hierhergelangen, wenn dafür etwas anderes ins Drüben wechselt.« »Was für ein Tier meinst du?« fragte Nanny. »Du kennst ja die Augen von Fledermäusen. Mein Exemplar sah nur einen großen Schemen. Etwas hat Pirsch getötet. Ein Wesen, das sich noch immer hier herumtreibt. Es gehört nicht zu den Herren und Her- rinnen, kommt aber von… von jenem Ort.« Nanny sah zu den Schatten. Des Nachts gibt es ziemlich viele Schatten im Wald. »Hast du Angst?« fragte sie. Oma ließ die Fingerknöchel knacken. »Nein. Aber ich hoffe, daß es sich fürchtet.«, »Oh, du hast völlig recht. Du bist tatsächlich stolz, Esmeralda Wetter- wachs.« »Wer hat das gesagt?« »Du selbst. Vorhin.« »Ich habe mich nicht gut gefühlt.« Jemand anders hätte vielleicht gesagt: Ich war nicht ich selbst. Aber Oma Wetterwachs konnte überhaupt nicht jemand anders sein. Die beiden Hexen eilten durch den Sturm. Das Einhorn stand hinter einem großen Dornbusch und sah ihnen nach. Diamanda Tockley trug tatsächlich einen Schlapphut aus schwarzem Samt. Mit Schleier! Perdita Nitt – bis sie die Hexerei für sich entdeckt hatte, hatte sie schlicht Agnes Nitt geheißen – trug ebenfalls einen schwarzen Schlapp- hut mit Schleier, und zwar nur deshalb, weil Diamanda auch einen trug. Beide waren siebzehn. Perdita wünschte sich, von Natur aus ebenso dürr zu sein wie Diamanda. Nun, da das für sie nicht in Frage kam, versuchte sie zumindest, ungesund auszusehen. Zu diesem Zweck verbarg sie ihre normalerweise rosarote Haut unter weißem Make-up. Es bildete eine so dicke Schicht, daß Perdita riskierte, ihr Gesicht am Hinterkopf zu tragen, wenn sie sich plötzlich umdrehte. Sie hatten sich mit der Beschwörung des steilen Zapfens der Macht be- schäftigt, auch mit Kerzenmagie und Kristallkugelprophetie. Jetzt wollte Diamanda ihren Gefährtinnen zeigen, wie man mit den Karten umging. Angeblich enthielten sie die destillierte Weisheit der Alten. Tief in ih- rem Innern fragte sich Perdita, wer damit gemeint sein mochte. Es konn- te sich wohl kaum um Eltern oder Großeltern handeln, die Diamanda als dumm bezeichnete. Allerdings versäumte sie zu erklären, warum diese Alten soviel weiser waren als zum Beispiel moderne Leute. Darüber hinaus verstand Perdita nicht, was es mit dem femininen Prinzip auf sich hatte. Und sie wurde unsicher, wenn sie an die Sache mit dem inneren Selbst dachte. Sie zweifelte immer mehr daran, eins zu be- sitzen., Sie wünschte sich solche ausdrucksvollen Augen wie Diamanda. Sie wünschte sich, hochhackige Schuhe ebensogut tragen zu können wie Diamanda. Amanita DeVice hatte ihr erzählt, daß Diamanda in einem echten Sarg schlief. Sie wünschte sich den Mut, ihren Arm wie Amanita mit einer Toten- kopftätowierung zu zieren – auch wenn das Bild nur mit Tinte aufgemalt war und jeden Abend abgewaschen werden mußte, damit die Mutter es nicht sah. Eine leise, gemeine Stimme aus Perditas innerem Selbst wies darauf hin, daß Amanita kein guter Name war. Was auch für Perdita galt. Sie fügte hinzu, daß sich Perdita nicht in Dinge einmischen sollte, von denen sie keine Ahnung hatte. Unglücklicherweise war damit praktisch alles gemeint. Sie wünschte sich, schwarze Spitze mit der gleichen Anmut tragen zu können wie Diamanda. Diamanda erzielte Resultate. Es war kaum zu fassen. Natürlich hatte Perdita immer gewußt, daß es Hexen gab: alte Frauen, die sich wie Vogelscheuchen kleideten – wenn man einmal von Magrat Knoblauch absah, die einfach verrückt war und immer so aussah, als würde sie im nächsten Augenblick in Tränen aus- brechen. Perdita erinnerte sich daran, daß Magrat bei einer Silvesterparty Gitarre gespielt und mit geschlossenen Augen Volkslieder gesungen hat- te, an die sie zu glauben schien. Sie hatte nicht richtig gespielt, aber das fiel kaum ins Gewicht, weil sie auch nicht singen konnte. Das Publikum ap- plaudierte nur deshalb, weil ihm nichts anderes einfiel. Nun, Diamanda hatte Bücher gelesen. Sie wußte über Dinge Bescheid. Zum Beispiel über die Beschwörungen bei den Steinen… Die funktio- nierten tatsächlich. Derzeit erklärte sie die Karten., An diesem Abend wehte recht heftiger Wind. Er ließ die Fensterläden klappern und Ruß durch den Kamin fallen. Perdita meinte zu spüren, wie die Böen alle Schatten im Zimmer in eine Ecke trieben… »Paßt du auf, Schwester?« fragte Diamanda kühl. Das kam hinzu: Man mußte sich mit »Schwester« ansprechen, aus rei- ner Brüderlichkeit. »Ja, Diamanda«, erwiderte Perdita verlegen. »Dies ist der Mond«, wiederholte Diamanda. »Für jene von uns, die nicht richtig aufgepaßt haben.« Sie hob die Karten. »Und was sehen wir hier? Du, Muscara.« »Äh… der Mond ist darauf abgebildet?« fragte Muscara (geborene Su- san) hoffnungsvoll. »Natürlich handelt es sich nicht um den Mond, sondern um eine nicht- mimetische Konvention, die keine Verbindungen zu üblichen Bezugssy- stemen unterhält«, erklärte Diamanda. »Aha.« Zorniger Wind zerrte an den Wänden der Hütte. Die Tür flog auf; draußen zeigten sich dunkle Wolken an einem finsteren Himmel, an dem auch eine sichelförmige nichtmimetische Konvention leuchtete. Diamanda winkte mit der einen Hand. Oktarines Licht schimmerte kurz, und die Tür schloß sich ruckartig. Daraufhin lächelte das Ober- haupt dieses jungen Hexenzirkels auf eine Weise, die Perdita für wissend und klug hielt. Diamanda legte eine weitere Karte auf das schwarze Samttuch vor sich. Perdita betrachtete sie bedrückt. Die Karten sahen ja ganz hübsch aus – wie bunt bemalte Pappe –, und sie hatten auch interessante Namen. Doch die leise verräterische Stimme in ihr flüsterte: Woher sollen Karten von der Zukunft wissen? Pappe ist nicht sehr intelligent. Andererseits: Der Zirkel half den Leuten – mehr oder weniger. Be- schwörungen und so… Was soll ich machen, wenn sie mich fragt? fuhr es Perdita durch den Sinn., Sie spürte, wie Besorgnis in ihr wuchs. Etwas stimmte nicht. Etwas ging nicht mit rechten Dingen zu. Das Wie und Was blieb Perdita ver- borgen. Sie wußte nur, daß sich ihr Unbehagen immer mehr verdichtete. Sie hob den Kopf. »Dieses Haus sei gesegnet«, sagte Oma Wetterwachs. Andere Leute benutzten einen derartigen Tonfall, um »Jetzt pumpe ich dich voll Blei, Kincaid!« oder »Ich verfluche dich und alle deine Nach- kommen bis zum Ende der Welt!« zu sagen. Diamanda fiel das Kinn herunter. Nanny Ogg sah ihr über die Schulter. »Das stellst du falsch an, glaube ich. An einem solchen Blatt solltest du nicht herumpfuschen. Hast da ‘ne Doppelte Zwiebel.« »Wer seid ihr?« Sie waren ganz plötzlich da, fand Perdita. Im einen Augenblick waren nur Schatten dagewesen, und im nächsten hatten sie sich im Zimmer materialisiert. »Wer hat denn hier mit Kreide auf den Boden gemalt?« fragte Nanny Ogg. »Überall Kreide auf dem Boden. Und dann auch noch heidnische Symbole. Was nicht heißen soll, daß ich was gegen Heiden habe«, fügte sie hinzu und erweckte den Anschein, einige Sekunden lang nachzuden- ken. »Gehöre eigentlich dazu. Aber ich schreibe nicht auf den Boden. Was hat es für einen Sinn, auf den Boden zu schreiben?« Sie stieß Perdita an. »Die Kreide läßt sich nicht einfach abwischen. Zieht tief ins Holz ein, das Zeug.« »Es, äh, ist ein magischer Kreis«, erwiderte Perdita. »Äh, hallo, Frau Ogg. Äh. Die Kreide soll böse Einflüsse fernhalten…« Oma Wetterwachs beugte sich ein wenig vor. »Was glaubst du, Teuerste?« wandte sie sich an Diamanda. »Funktio- niert es?« Sie beugte sich noch etwas weiter vor. Diamanda lehnte sich zurück. Und neigte den Oberkörper dann in die andere Richtung. Die beiden Nasen berührten sich fast., »Wer ist das?« fragte Diamanda aus dem Mundwinkel. »Äh, das ist Oma Wetterwachs«, antwortete Perdita. »Äh. Eine Hexe, äh…« »Welche Stufe?« fragte Diamanda. Nanny Ogg hielt nach etwas Ausschau, hinter dem sie sich verbergen konnte. Omas Brauen zuckten kurz. »Stufen, wie?« brummte sie. »Nun, ich schätze, ich bin eine Hexe der ersten Stufe.« »Hast also gerade angefangen, nicht wahr?« entgegnete Diamanda. »Meine Güte…«, ächzte Nanny Ogg. Und zu Perdita: »Weißt du, wenn wir den Tisch umkippen, könnten wir dahinter in Deckung gehen.« Gleichzeitig dachte sie: Esme kann keiner Herausforderung widerstehen. Das kriegt niemand von uns hin. Einer richtigen Hexe mangelt es nicht an Selbstvertrau- en. Aber wir werden nicht jünger. Eine Top-Hexe zu sein… Man stelle sich einen Schwertkämpfer vor, der einen wirklich guten Ruf genießt. Aber irgendwo gibt es jemanden, der jünger ist und jeden Tag übt. Irgendwann geht der berühmte Schwert- kämpfer irgendwo über die Straße und hört eine Stimme hinter sich: He, du da – zieh, wenn du kein Feigling bist! Oder so ähnlich… Das gilt auch für Esme. Früher oder später trifft sie eine Hexe, die mehr kann. »Ja«, sagte Oma Wetterwachs nun. »Ich fange gerade an. Und zwar je- den Tag.« Aber nicht hier und heute, fügte Nanny Ogg in Gedanken hinzu. »Du dumme Alte«, sagte Diamanda. »Ich fürchte mich nicht vor dir. O ja, ich weiß, daß ihr den abergläubischen Bauern und so Angst einjagt. Mit seltsam klingenden Worten und Schielen. Aber das ist alles nur eine Kopfsache. Es steckt nichts anderes als Psychologie dahinter. Mit echter Hexerei hat das nichts zu tun.« »Ich, äh, ich gehe jetzt in die Küche«, verkündete Nanny Ogg. »Vielleicht gibt’s dort Eimer, die, äh, mit Wasser gefüllt werden kön- nen.« »Wahrscheinlich kennst du dich bestens mit der Hexerei aus«, sagte Oma Wetterwachs. »Ich befasse mich eingehend damit, ja«, erwiderte Diamanda., Nanny Ogg stellte fest, daß sie den Hut abgenommen hatte und nun an der Krempe knabberte. »Und bestimmt kannst du wirklich gut hexen«, meinte Oma Wetter- wachs. »Ja«, bestätigte Diamanda. »Zeig’s mir.« Sie hat tatsächlich was auf dem Kasten, dachte Nanny Ogg. Sie hält Esmes Blick schon länger als eine Minute stand. Nach sechzig Sekunden geben sogar Schlangen auf… Nur wenige Zentimeter trennten die beiden Nasen voneinander. Wenn eine Fliege durch die Lücke zwischen ihnen geflogen wäre, so hätte sie sich vermutlich in einen kleinen Feuerball verwandelt. »Ich habe mein Handwerk von Mütterchen Oweh gelernt«, sagte Oma Wetterwachs. »Sie hatte es von Gütchen Heggety, die bei Nanna Klump in die Lehre ging, die sich von der schwarzen Aliss in die Geheimnisse der Hexerei einweihen ließ. Und die schwarze Aliss wiederum…« »Mit anderen Worten…« Diamanda schob die einzelnen Silben wie Pa- tronen in die Revolverkammer des Satzes. »Niemand von euch hat etwas Neues gelernt, oder?« Einige Sekunden lang herrschte Stille, und dann sagte Nanny Ogg: »Meine Güte, ich habe durch die Krempe gebissen. Direkt durch die Krempe!« »Ich verstehe«, brummte Oma Wetterwachs. »Sieh nur…« Nanny Ogg stieß erneut die zitternde Perdita an. »Ganz durch die dicke Krempe habe ich gebissen. Zwei Ankh-Morpork-Dollar hat mich der Hut gekostet. Außerdem mußte ich das kranke Schwein des Hutmachers heilen. Zwei Dollar und die Behandlung eines Schweins – und jetzt ist alles ruiniert!« »Geh jetzt, Alte«, sagte Diamanda. »Wie wär’s, wenn wir uns bald wieder treffen?« fragte Oma Wetter- wachs. Die alte und die junge Hexe musterten sich. »Um Mitternacht?« schlug Diamanda vor., »Mitternacht?« Oma Wetterwachs schnaufte. »Die Mitternacht stellt überhaupt nichts Besonderes dar. Um Mitternacht kann praktisch jede Frau eine Hexe sein. Was hältst du vom Mittag?« Diamanda nickte. »Meinetwegen. Worum kämpfen wir?« »Oh, wir kämpfen nicht«, sagte Oma Wetterwachs. »Wir zeigen nur, was wir können. Auf eine freundliche Art.« Sie erhob sich. »Ich muß jetzt los«, fügte sie hinzu. »Wir Alten brauchen unseren Schlaf. Du weißt ja, wie das ist.« »Und was bekommt der Sieger?« fragte Diamanda. In ihrer Stimme vi- brierte nun ein Hauch Unsicherheit. Es war nicht mehr als die vage An- deutung von Zweifel, vergleichbar mit der Intensität eines Erdbebens, das von einer Kaffeetasse verursacht wurde, die zehn Kilometer entfernt von einem niedrigen Regal auf einen dicken Teppich fiel. Doch die Un- sicherheit war da, und nur darauf kam es an. »Oh, der Sieger bekommt den Sieg«, antwortete Oma Wetterwachs. »Darum geht es doch, nicht wahr? Du brauchst uns nicht nach draußen zu begleiten – wir kennen den Weg.« Die Tür schwang auf. »Nichts weiter als Telekinese«, sagte Diamanda. »Und damit hat es sich, oder?« Oma Wetterwachs verschwand in der Nacht. »Damit wäre alles erklärt, nicht wahr?« Damals, vor der Erfindung von Paralleluniversen, gab es einfache Rich- tungen: oben und unten, rechts und links, vor und zurück, Vergangen- heit und Zukunft… Doch im Multiversum funktionieren normale Richtungen nicht: Es hat so viele Dimensionen, daß sich kaum jemand zurechtfindet. Deshalb müssen neue Richtungen erfunden werden, um die Orientierung zu er- möglichen. Zum Beispiel: östlich der Sonne, westlich des Mondes. Oder: hinter dem Nordwind. Oder: auf der anderen Seite des Jenseits., Oder: hin und wieder zurück. Oder: jenseits der uns bekannten Bereiche. Manchmal gibt es eine Abkürzung. Eine Tür oder ein Tor. Gekenn- zeichnet von Markierungssteinen, einem vom Blitz gespaltenen Baum, vielleicht auch von einem Aktenschrank. Es mag auch nur ein Fleck im Moor sein… Eine Stelle, wo das Dort fast bis ans Hier heranreicht. Fast – aber eben nicht ganz. Trotzdem genug, um Pendel schwingen zu lassen, übersinnlich begabten Leuten scheußliche Kopfschmerzen zu bescheren, harmlose Gebäude in Spukhäuser zu verwandeln und dafür zu sorgen, daß hier und dort ein unschuldiger Topf durchs Zimmer schwebt. Ein besonders großes Leck führt sogar dazu, daß Drohnen Wache fliegen. Ach ja, die Drohnen… Gelegentlich versammeln sie sich. An warmen Sommertagen treffen sich die Drohnen verschiedener, kilometerweit entfernter Bienenstöcke an einem Ort, um Kreise in der Luft zu fliegen und wie winzige Früh- warnsysteme zu summen – was sie auch sind. Bienen zeichnen sich durch eine ganz besondere Art von Empfind- samkeit aus. Sie lieben die Ordnung; von Natur aus verabscheuen sie das Chaos. Wenn Menschen jemals solche Versammlungsorte entdeckten und zumindest ahnten, was passieren kann, wenn das Hier ans Dort stößt… Nun, in einem solchen Fall kämen sie vielleicht auf die Idee, die entspre- chende Stelle mit bestimmten Steinen zu markieren. In der Hoffnung, daß genug Idioten die Warnung verstehen und den betreffenden Bereich meiden würden. »Nun, was glaubst du?« fragte Oma, als die beiden Hexen heimkehrten. »Die kleine, stille Dicke hat ein bißchen Talent«, erwiderte Nanny Ogg. »Ich hab’s gespürt. Die anderen sind nur dabei, weil es so aufregend ist. Du weißt schon: große Glaskugeln, Karten, schwarze Spitzenhandschu-, he ohne Finger und so. Sie spielen nur ein wenig mit dem Okkulten her- um.« »Ich halte nichts davon, mit dem Okkulten herumzuspielen«, sagte Oma Wetterwachs. »Wenn man anfängt, mit dem Okkulten herumzu- spielen, glaubte man bald an Geister. Und wenn man anfängt, an Geister zu glauben, so dauert es nicht lange, bis man auch an Dämonen glaubt. Und wenn man anfängt, an Dämonen zu glauben, so riskiert man, an Götter zu glauben. Und wenn man an Götter glaubt, gerät man in Schwie- rigkeiten.« »Aber sie existieren«, wandte Nanny Ogg ein. »Das ist noch lange kein Grund, an sie zu glauben. Damit ermutigt man sie nur.« Oma Wetterwachs ging etwas langsamer. »Was ist mit ihr?« fragte sie. »Wie meinst du das?« »Hast du die Macht gefühlt?« »Ja. Mir haben sich dabei die Nackenhaare aufgerichtet.« »Jemand hat ihr die Macht gegeben, und ich weiß auch wer. Ein Mäd- chen mit törichten Vorstellungen, die aus irgendwelchen Büchern stam- men… Und plötzlich hat sie die Möglichkeit, tatsächlich etwas anzustel- len. Allerdings weiß sie nicht, was sie damit anfangen soll. Karten! Ker- zen! Das ist keine Hexerei, sondern kindischer Zeitvertreib. Mit dem Okkulten herumzuspielen… Hast du ihre schwarzen Fingernägel gese- hen?« »Nun, meine sind ebenfalls nicht sehr sauber…« »Sie hat sich ihre angemalt.« »Als ich jung war, habe ich mir roten Nagellack auf die Zehennägel ge- strichen«, sagte Nanny wehmütig. »Bei Zehennägeln sieht die Sache ganz anders aus«, meinte Oma. »Und das gilt auch für Rot. Außerdem wolltest du nur verführerisch wirken.« »Es hat geklappt.« »Ha!« Eine Zeitlang gingen sie schweigend weiter., »Ich habe viel Kraft gespürt«, murmelte Nanny Ogg nach einer Weile. »Ja. Ich weiß.« »Eine Menge.« »Ja.« »Ich will keineswegs behaupten, daß du sie nicht schlagen kannst«, sag- te Nanny Ogg rasch. »So etwas liegt mir fern. Aber ich wäre dazu nicht imstande, und ich glaube, selbst du mußt dich ziemlich anstrengen, um eine Niederlage zu vermeiden. Wahrscheinlich bleibt dir nichts anderes übrig, als ihr weh zu tun.« »Du hältst es für einen Fehler, daß ich mich auf eine Konfrontation eingelassen habe, nicht wahr?« »Nun, ich…« »Sie hat mich geärgert, Gytha. Ich konnte einfach nicht anders. Jetzt steht mir ein Duell mit einem siebzehnjährigen Mädchen bevor. Wenn ich gewinne, bin ich eine gemeine alte Hexe. Wenn ich verliere…« Oma Wetterwachs trat nach einigen verwelkten Blättern. »Mein Temperament geht immer wieder mit mir durch.« Nanny Ogg schwieg. »Schon wegen der kleinsten Sache verliere ich die Beherrschung…« »Ja, aber…« »Ich bin noch nicht fertig.« »Entschuldige, Esme.« Eine Fledermaus flatterte vorbei. Oma Wetterwachs nickte ihr zu. »Weißt du, wie Magrat zurechtkommt?« fragte sie in einem Tonfall, der Beiläufigkeit in ein Korsett zwängte. »Sie lebt sich gut ein, meint unser Shawn.« »Freut mich.« Sie gelangten zu einer Weggabelung, an der weißer Sand im Mond- schein glänzte. Ein Weg führte nach Lancre, wo Nanny Ogg wohnte. Der andere ging in den Wald und wurde zu einem schmalen Pfad, der schließlich an Oma Wetterwachs’ Hütte endete. »Wann soll’n wir… zwei… uns wiedersehen?« fragte Nanny Ogg., »Jetzt hör mal«, brummte Oma. »Magrat kann von Glück sagen, daß sie keine Hexe mehr ist. Als Königin wird sie bestimmt viel glücklicher!« »Ich habe doch gar nichts gesagt«, wandte Nanny Ogg ein. »Ich weiß! Ich habe ganz deutlich gehört, daß du nichts gesagt hast. Nicht einmal Tote können so laut schweigen wie du!« »Sehen wir uns gegen elf?« »Einverstanden!« Der Wind lebte wieder auf, als Oma über den Weg zur Hütte stapfte. Sie war gereizt, klar. Es gab einfach zuviel zu tun. Das Problem na- mens Magrat war gelöst. Nanny konnte sie getrost sich selbst überlassen. Aber die Herren und Herrinnen… Damit hatte sie nicht gerechnet. Oma Wetterwachs fühlte sich ganz neuen Belastungen ausgesetzt. Sie spürte den nahen Tod, und dieser Umstand ging ihr auf die Ner- ven. Wer richtig mit Magie umzugehen weiß, hat den Vorteil, den Zeitpunkt des eigenen Todes zu kennen. Im großen und ganzen ist das tatsächlich ein Vorteil. So mancher Zauberer hat kurz vor dem Ableben seinen Weinkeller ge- leert oder zufälligerweise hohe Schulden hinterlassen. Oma Wetterwachs hatte sich immer gefragt, was man dabei empfinden mochte, wenn man so etwas in der nahen Zukunft sah. Wie sich nun herausstellte, präsentierte sich… Leere. Viele Leute vergleichen das Leben mit einem Punkt, der von der Ver- gangenheit in die Zukunft gleitet und dabei eine Art mentalen Kometen- schweif aus Erinnerungen hinter sich zurückläßt. Doch die Reminiszen- zen befinden sich nicht nur hinter dem Punkt des Lebens, sondern auch davor. Die meisten Menschen werden damit nur schlecht fertig und ken- nen dieses Phänomen nur in Form von Vorahnungen, Intuition und so weiter. Hexen hingegen sind bestens damit vertraut. Wenn sie Leere dort wahrnehmen, wo die Ranken der Zukunft wachsen sollten… Dann sind sie ebenso beunruhigt wie ein Pilot, der sein Flugzeug aus einer dichten, Wolke steuert und feststellen muß, daß einige Sherpas auf ihn herabse- hen. Es blieben Oma Wetterwachs noch einige Tage, und dann war Schluß. Sie hatte immer gehofft, sich Zeit nehmen zu können: um den Garten in Ordnung zu bringen und die Hütte aufzuräumen – ihre Nachfolgerin sollte sie nicht für schlampig halten. Nach der Auswahl einer geeigneten Grabstätte wollte sie einfach nur im Schaukelstuhl sitzen, die Bäume beobachten und über die Vergangenheit nachdenken. Jetzt deutete alles darauf hin, daß sie dazu keine Gelegenheit mehr bekommen sollte. Da war auch noch etwas anderes. Omas Gedächtnis schien verrückt zu spielen. Vielleicht schwand man zum Schluß einfach so dahin, wie Müt- terchen Oweh: Sie hatte es fertiggebracht, die Katze auf den Herd zu setzen und den Kessel für die Nacht nach draußen zu stellen. Oma schloß die Tür hinter sich und zündete eine Kerze an. Die Kommodenschublade enthielt eine Schatulle. Oma Wetterwachs öffnete sie auf dem Küchentisch und entnahm ihr ein sorgfältig zusam- mengefaltetes Blatt Papier. Anschließend griff sie nach Federkiel und Tinte, überlegte kurz und fügte ihrem Testament folgende Sätze hinzu: … Meiner Froindin Gytha Ogg hinterlassige ich das Bette und den Klaiderschtän- der den der Schmied im Blöden Kaff für mich gemachet hat. Krug und Topfe und das Sehrvieß auf das sie immer ein Auge geworfen habet bekommigt sie ebenfalls. Auser- dem auch meinen Besen der nur ein wenig in Schwung gebracht werden muß dann issa wie noi. Magrat Knoblauch soll erhaltigen den übrigen Inhalt dieser Schatulle sowie das Teesehrvieß mit dem Milchkruge in Form einer lustigen Kuh was isset ein Erbsch- tück. Darüber hinausse vermachige ich ihr die Uhr meiner Mutter aber nur unter der Bedingung dasse sie jeden Tag aufgezogen werdet. Denn wenn sie stehenbleibt… Draußen war ein Geräusch zu hören. Wenn jemand Oma Wetterwachs Gesellschaft geleistet hätte, wäre sie bereit gewesen, kühn die Tür aufzureißen. Doch da sie ganz allein war, griff sie nach dem Schürhaken und schlich zur Tür, wobei es ihr trotz der Stiefel gelang, erstaunlich leise zu sein. Dort verharrte sie und lauschte. Irgend etwas war im Garten., Nun, es handelte sich nicht um einen sehr eindrucksvollen Garten, es waren nur einige Beete mit speziellen Kräutern, ein paar Obststräucher, ein kleines Stück Rasen und natürlich die Bienenstöcke. Einen Zaun oder dergleichen gab es nicht – die Tiere des Waldes hüteten sich davor, dem Garten einer Hexe zu nahe zu kommen. Vorsichtig öffnete Oma Wetterwachs die Tür. Der Mond ging gerade unter. Blasses, perlmuttenes Licht tilgte die Farben aus der nächtlichen Welt, ließ nur Platz für Grau. Ein Einhorn stand auf dem Rasen. Oma roch den Gestank sofort. Sie trat näher und hielt den Schürhaken bereit. Das Einhorn wich zu- rück und scharrte mit den Hufen. Oma warf einen neuerlichen Blick in die Zukunft. Das Wann kannte sie bereits, und nun boten sich ihr erste Hinweise aufs Wie. »Ich weiß, woher du kommst«, sagte sie leise. »Kehr dorthin zurück.« Das Geschöpf entschloß sich zu einem Scheinangriff – sofort schwang der Schürhaken in die entsprechende Richtung. »Kannst das Eisen nicht ausstehen, wie?« meinte Oma Wetterwachs. »Lauf zu deiner Herrin zurück und sag ihr, daß wir in Lancre übers Eisen Bescheid wissen. Außerdem kenne ich sie. Ich gebe ihr den guten Rat, sich von diesem Ort fernzuhalten. Hier bin ich zu Hause!« Der Mondschein schwand und wich Tageslicht. Auf dem zentralen Platz von Lancre – sofern man in diesem Zusam- menhang überhaupt von einem »Platz« sprechen konnte – hatte sich eine große Menge versammelt. In Lancre war nicht viel los, und ein Duell zwischen Hexen war zweifellos sehenswert. Oma Wetterwachs traf um Viertel vor zwölf ein. Nanny Ogg wartete auf einer Bank bei der Taverne. Sie hatte sich ein Handtuch um den Hals geschlungen und trug einen Eimer mit Wasser und Schwamm. »Was hast du damit vor?« fragte Oma. »Ist für die Halbzeit. Außerdem habe ich ein Tablett mit Orangen- scheiben vorbereitet.« Sie deutete darauf. Oma Wetterwachs schnaubte abfällig., »Du siehst aus, als könntest du etwas zu essen vertragen«, sagte Nanny. »Scheinst heute noch nichts in den Magen bekommen zu haben…« Sie sah auf Omas Stiefel, bemerkte auch den Schmutz am Saum des langen schwarzen Kleids. Hier und dort zeigten sich kleine Reste von Adlerfarn und Heidekraut. »Du dumme alte Gans!« zischte sie. »Was hast du gemacht?« »Ich mußte…« »Du bist bei den Steinen gewesen, nicht wahr? Hast versucht, sie zu- rückzuhalten, stimmt’s?« »Ja«, bestätigte Oma. Ihre Stimme klang nicht müde. Und sie schwank- te auch nicht. Aber sie offenbarte nur deshalb keine Zeichen von Mü- digkeit, weil Oma Wetterwachs’ Geist Oma Wetterwachs’ Körper fest im Griff hatte. »Jemand mußte sich darum kümmern«, fügte sie hinzu. »Warum hast du mich nicht gefragt?« »Du hättest versucht, es mir auszureden.« Nanny Ogg beugte sich vor. »Ist alles in Ordnung mit dir, Esme?« »Ja, natürlich! Alles bestens! Warum sollte es mir nicht bestens gehen?« »Hast du geschlafen?« fragte Nanny. »Nun…« »Dafür blieb dir keine Zeit, oder? Glaubst du wirklich, du könntest nach einer anstrengenden, schlaflosen Nacht einfach so hierherkommen und dem Mädchen einen Denkzettel verpassen?« »Ich weiß nicht«, erwiderte Oma Wetterwachs. Nanny Ogg maß sie mit einem durchdringenden Blick. »Du weißt es wirklich nicht, wie?« fuhr sie etwas sanfter fort. »Na schön. Setz dich jetzt, damit du nicht umfällst. Und iß eine Orange. Die Mädchen müßten gleich hier sein.« »Nein«, widersprach Oma. »Sie werden sich verspäten.« »Woher weißt du das?«, »Ein großer Auftritt hat nur dann einen Sinn, wenn man von allen ge- sehen wird, oder? Das ist Pschikologie.« Oma behielt recht: Die Mitglieder des jungen Hexenzirkels trafen um zwanzig nach zwölf ein und blieben auf den Stufen der Marktbühne ste- hen. »Sieh sie dir an«, brummte Oma Wetterwachs. »Wieder alle in Schwarz gekleidet.« »Das gilt auch für uns«, stellte Nanny Ogg fest. »Wir tragen schwarze Kleidung, weil sich das so gehört«, sagte Oma verdrießlich. »Wir verwechseln das nicht mit Romantik und so. Ha! Man könnte meinen, sie seien bereits zu uns gekommen.« Nach einigen Blickkontakten schlenderte Nanny Ogg über den Platz, und von der anderen Seite her kam ihr Perdita entgegen. Das dicke Make-up konnte nicht über die Besorgnis der jungen Hexe hinwegtäu- schen. Sie hielt ein Taschentuch aus schwarzer Spitze in den Händen, drehte es nervös hin und her. »Guten Morgen, Frau Ogg«, sagte sie. »Tag, Agnes.« »Äh. Was passiert jetzt?« Nanny Ogg nahm die Pfeife aus dem Mund und kratzte sich mit dem Mundstück am Ohr. »Keine Ahnung. Ich schätze, es hängt von euch ab.« »Diamanda möchte wissen, warum es hier und jetzt stattfinden muß?« »Damit alle zusehen können«, erwiderte Nanny. »Das ist doch der Sinn der Sache, oder? Nichts Heimliches und Verstecktes. Alle sollen ganz deutlich erkennen, wer die bessere Hexe ist. Die ganze Stadt. Es darf nicht den geringsten Zweifel daran geben, wer gewinnt und wer verliert. Auf diese Weise vermeiden wir weitere Auseinandersetzungen.« Perdita sah zur Taverne. Oma Wetterwachs war eingedöst. »Personifizierte Zuversicht«, behauptete Nanny und kreuzte die Finger hinterm Rücken. »Äh, was geschieht mit dem Verlierer?« fragte Perdita., »Nicht viel«, antwortete Nanny. »Die betreffende Person verläßt den Ort. Man kann keine Hexe für Leute sein, die beobachtet haben, wie man eine Niederlage erlitten hat.« »Diamanda meint, sie möchte der Alten nicht weh tun«, sagte Perdita. »Es geht ihr nur darum, Frau Wetterwachs eine Lektion zu erteilen.« »Gut. Esme lernt schnell.« »Äh. Dies alles tut mir sehr leid, Frau Ogg.« »Fein.« »Diamanda meinte, Frau Wetterwachs habe einen sehr beeindrucken- den Blick, Frau Ogg.« »Ach.« »Darum dreht sich das Duell – ums Starren.« »Der alte Wer-zuerst-blinzelt-oder-wegsieht-hat-verloren-Wettstreit?« »Äh, ja.« »Na schön.« Nanny dachte darüber nach und zuckte mit den Schultern. »Aber zunächst sollten wir einen magischen Kreis formen. Um zu ver- meiden, daß jemand verletzt wird.« »Willst du dabei skorhianische Runen oder das Dreifache Beschwö- rungsoktagramm verwenden?« Nanny Ogg legte den Kopf schief. »Davon höre ich jetzt zum erstenmal, Teuerste«, sagte sie. »Ich gehe bei einem magischen Kreis immer folgendermaßen vor…« Nanny schob sich krabbenartig von dem dicken Mädchen fort und zog dabei den Stiefelabsatz durch Sand und Staub. Auf diese Weise hinterließ sie eine Furche im Boden, die einen knapp fünf Meter durchmessenden Kreis bildete. Schließlich kehrte sie zu Perdita zurück. »Na bitte. Fertig.« »Das soll ein magischer Kreis sein?« »Ja. Ohne ihn besteht die Gefahr, daß jemand zu Schaden kommt. Bei einem Hexenduell kann es zu starken magischen Entladungen kommen.« »Aber du hast überhaupt keine Zauberformeln gesprochen!«, »Nein?« »Man muß doch irgendwelche Zauberformeln sprechen, oder?« »Keine Ahnung. Bisher bin ich immer ohne welche ausgekommen.« »Oh.« »Wenn du möchtest, singe ich dir statt dessen ein lustiges Liedchen«, bot Nanny an. »Äh, nein. Äh.« Perdita hatte Nanny nie singen gehört, aber gewisse Dinge sprachen sich herum. »Dein Taschentuch aus schwarzer Spitze gefällt mir«, sagte Nanny und schämte sich nicht ein bißchen. »Damit kann man prächtig angeben.« Perdita starrte wie hypnotisiert zum Kreis. »Äh. Sollen wir jetzt anfan- gen?« »Meinetwegen.« Nanny Ogg kehrte zur Bank zurück und stieß Oma Wetterwachs mit dem Ellenbogen an. »Aufwachen!« Oma zog ein Lid hoch. »Ich habe nicht geschlafen, sondern nur die Augen ausgeruht.« »Die Sache ist ganz einfach: Du brauchst das Trockley-Mädchen nur anzustarren, bis es blinzelt oder wegsieht.« »Wenigstens weiß es um die Bedeutung richtigen Starrens. Ha! Für wen hält sich die Göre? Mein ganzes Leben lang habe ich Leute mit Blicken durchbohrt!« »Ja, genau, da hast du völlig… Aaahhh, da ist ja Omas kleiner Liebling!« Der Rest des Ogg-Clans traf ein. Oma Wetterwachs mochte den kleinen Pewsey nicht besonders. Prak- tisch alle kleinen Kinder waren ihr unsympathisch, und gerade deshalb kam sie gut mit ihnen zurecht. Was Pewsey betraf: Sie vertrat den Stand- punkt, daß niemandem – auch keinem vierjährigen Knaben – erlaubt sein durfte, sich nur mit einer Weste bekleidet in der Öffentlichkeit zu zeigen. Außerdem lief dem Jungen dauernd die Nase; er brauchte ein Taschentuch – oder zwei kleine Korken., Nanny Ogg verwandelte sich sofort in eine gutmütige Glucke, wenn sie eins ihrer Enkelkinder sah, selbst dann, wenn es sich als so klebrig erwies wie Pewsey. »Möchte Bonbon«, knurrte Pewsey in jener sonderbar tiefen Stimme, die manche kleinen Kinder haben. »Gedulde dich ein wenig, Engelchen«, gurrte Nanny Ogg. »Ich spreche gerade mit dieser netten Frau hier.« »Möchte Bonbon sofort.« »Verschwinde, Schatz. Omi ist beschäftigt.« Pewsey zog an Nanny Oggs Rocksaum. »Jetzt Bonbon sofort!« Oma Wetterwachs bückte sich, bis ihre beeindruckend krumme Nase auf einer Höhe mit Pewseys feuchtem Exemplar war. »Wenn du nicht gehst, reiße ich dir persönlich den Kopf ab und fülle ihn mit Schlangen«, verkündete sie ernst. »Na bitte!« ließ sich Nanny vernehmen. »Viele arme Kinder in Klatsch wären für eine solche Drohung sehr dankbar.« Pewseys kleines Gesicht brachte ein oder zwei Sekunden lang Verwir- rung zum Ausdruck, bevor er wie ein Honigkuchenpferd grinste. »Witzige Frau«, freute er sich. Nanny tätschelte Pewseys Kopf und wischte sich dann geistesabwe- send die Hand am Rock ab. »Hast du die jungen Damen auf der anderen Seite des Platzes gesehen, Engelchen? Sie haben viele Bonbons.« Pewsey watschelte davon. »Das ist bakteriologische Kriegsführung«, meinte Oma Wetterwachs. »Komm«, sagte Nanny. »Unser Jason hat zwei Stühle in den Kreis ge- stellt. Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?« »Ja.« Perdita Nitt schlurfte näher. »Äh… Frau Ogg?« »Ja, Teuerste?«, »Äh. Diamanda meint, du hättest das nicht richtig verstanden. Bei dem Duell geht es nicht darum, sich gegenseitig anzustarren…« Magrat langweilte sich. Als Hexe hatte sie sich nie gelangweilt. Sie war zwar ständig verwirrt und überarbeitet gewesen, aber nie gelangweilt. Immer wieder sagte sie sich, daß es bestimmt besser wurde, wenn sie nach der Hochzeit tatsächlich den Titel »Königin« trug. Doch manchmal fragte sie sich, was sich dadurch noch verändern würde… Ziellos wanderte sie durch die vielen Zimmer des Schlosses, und das Rascheln ihres Kleids verlor sich fast im dumpfen Dröhnen, das von den Turbinen der Eintönigkeit und Monotonie stammte: SummbrummSummbrummSummbrumm… Den ganzen Morgen über hatte sie sich mit Tapisserien beschäftigt, weil Millie mehrmals betont hatte, so etwas gehöre zu den Lieblingsbe- schäftigungen von Königinnen. Jetzt lag das Stichtuch mit den Mustern und der Botschaft »Mögen die Götter dieses Hauses segnigen« unbeach- tet auf einem Stuhl. In der langen Galerie hingen Wandteppiche, die historische Schlachten zeigten und von anderen gelangweilten Königinnen stammten. Magrat fragte sich, wie man die Kämpfer dazu gebracht hatte, lange genug in Reglosigkeit zu verharren. Sie betrachtete Dutzende von Gemälden, die ihre Vorgängerinnen zeigten: Gemahlinnen früherer Könige, hübsch, nach der Mode ihrer jeweiligen Epoche gekleidet – und das Opfer gna- denloser Langeweile. Schließlich kehrte sie ins Solarium zurück. Dabei handelte es sich um einen großen Raum ganz oben im Hauptturm. Rein theoretisch diente er dazu, besonders viel Sonnenschein zu empfangen. Diesem Zweck wurde er durchaus gerecht. Doch er fing nicht nur Sonnenlicht ein, sondern auch Wind und Regen. Er stellte eine Art Treibnetz für alles dar, was der Himmel zu bieten hatte. Magrat zog an der Glockenkordel, was normalerweise einen Diener veranlassen sollte, zu ihr zu eilen. Nichts geschah. Sie zog noch einige Male und freute sich insgeheim darüber, auf diese Weise etwas Bewe- gung zu bekommen. Als auch weiterhin niemand kam, entschied sie, schließlich, die Küche aufzusuchen. Die ehemalige Hexe hätte dort gern mehr Zeit verbracht: In jenem Bereich des Schlosses erwarteten sie nicht nur angenehme Wärme, sondern vielleicht auch ein Gesprächspartner. Aber Nobbleß oblidsch – Königinnen lebten weiter oben. Weiter unten traf sie Shawn Ogg, der den Backofen des großen Eisen- herds säuberte und daran dachte, daß diese Arbeit einem Angehörigen des Militärs nicht gebührte. »Wo sind die anderen?« fragte Magrat. Shawn richtete sich ruckartig auf und stieß mit dem Kopf an die Herd- klappe. »Autsch! Entschuldige! Ähm! Die anderen… sind auf dem Platz. Ich bin nur hier, weil Frau Scorbic damit drohte, mir das Fell über die Ohren zu ziehen, wenn ich nicht den ganzen Dreck abschrubbe.« »Was passiert auf dem Platz?« »Es heißt, dort treten zwei Hexen gegeneinander an.« »Was? Doch nicht deine Mutter und Oma Wetterwachs, oder?« »Nein. Es geht um Frau Wetterwachs und eine neue Hexe.« »Eine neue Hexe in Lancre?« »Davon hat Mama gesprochen, ja.« »Ich sehe mir die Sache an.« »Oh, ich glaube, das wäre keine gute Idee«, meinte Shawn. Magrat richtete sich auf und gab sich majestätisch. »Zufälligerweise sind Wir die Königin«, verkündete sie. »Fast. Wenn du dich noch einmal erdreistest, Uns zu sagen, was Wir tun und lassen sol- len, dann… Dann lassen Wir dich die Aborte reinigen!« »Ich habe sie schon gereinigt«, erwiderte Shawn ruhig. »Das gilt auch für den großen Kleiderschrank…« »War sicher nicht leicht.« Magrat schauderte. »Wir haben das Ding ge- sehen.« »Es könnte schlimmer sein«, behauptete Shawn. »Und außerdem habe ich den Mittwochnachmittag frei. Wie dem auch sei: Ich wollte dich eben, nur darum bitten, mir Gelegenheit zu geben, das Horn zu holen – um angemessene Fanfaren erklingen zu lassen.« »Wir brauchen keine Fanfaren, herzlichen Dank.« »Aber das gehört dazu…« »Wir können selbst in die Trompete blasen, wenn das erforderlich wird.« »Ja, Fräulein.« »Fräulein was?« »Fräulein Königin.« »Und bald heißt es Frau Königin – vergiß das nicht.« Magrat eilte zum Platz, wobei das Gewand der Königin wie eine Ge- schwindigkeitsbeschränkung wirkte, die sich nicht ignorieren ließ. Mehrere hundert Personen hatten sich hier eingefunden, und am Rand der Menge fand die ehemalige Hexe eine sehr nachdenkliche Nanny Ogg. »Was ist hier los?« fragte sie. Nanny drehte sich um. »Oh, entschuldige«, sagte sie. »Hab’ keine Fanfaren gehört. Ich würde gerne knicksen, aber ich hab’s wieder in den Beinen, weißt du.« Magrat sah an ihr vorbei zu den beiden im Zentrum des Kreises sit- zenden Gestalten. »Was machen sie da?« »Es handelt sich um einen Wettkampf im Starren.« »Aber sie blicken zum Himmel hoch.« »Ein gerissenes Früchtchen, jene Diamanda«, erwiderte Nanny Ogg. »Hat Esme aufgefordert, direkt in die Sonne zu starren. Sie darf nicht wegsehen, nicht einmal blinzeln…« »Wann hat das Duell begonnen?« »Etwa vor einer Stunde«, antwortete Nanny. Sie klang bedrückt. »Das ist ja schrecklich!«, »Und dumm«, fügte Nanny hinzu. »Ich verstehe überhaupt nicht, war- um sich Esme auf so etwas eingelassen hat. Gerade sie sollte wissen, daß Hexerei kaum etwas mit Macht zu tun hat! Es geht doch dabei nicht darum, magische Kraft zu entfalten. Auf ihre Kontrolle kommt’s an.« Eine trübe, goldgelbe Dunstglocke hatte sich über dem Kreis gebildet: thaumaturgischer Fallout. »Spätestens bei Sonnenuntergang müssen sie eine Pause einlegen«, sag- te Magrat. »Bis dahin hält Esme nicht durch«, entgegnete Nanny. »Sieh sie dir nur an. Ist bereits zusammengesackt.« »Wie wär’s, wenn du ein wenig Magie verwendest, um…«, begann Ma- grat. »Ausgeschlossen. Esme würde mir so etwas nie verzeihen. Und die an- deren kämen bestimmt dahinter.« »Vielleicht gelänge es uns, eine kleine Wolke zu beschwören«, speku- lierte Magrat. »Nein! Es wäre Mogeln!« »Du mogelst doch immer.« »Für mich selbst. Aber nie für andere Leute.« Oma Wetterwachs sackte noch etwas mehr in sich zusammen. »Ich könnte befehlen, daß sie aufhören«, meinte Magrat. »Was dich für immer Omas Freundschaft kosten würde.« »Ich dachte, Oma könnte mich nicht ausstehen«, sagte Magrat über- rascht. »Wenn du das gedacht hast, fehlt es dir an Verständnis«, sagte Nanny. »Irgendwann findest du heraus, daß Esme Wetterwachs die beste Freun- din ist, die du je hattest.« »Wir müssen ihr irgendwie helfen! Hast du denn überhaupt keine Idee?« Nanny Ogg blickte nachdenklich zum Kreis. Gelegentlich kräuselte Rauch aus dem Kopf ihrer Pfeife., Vogelpfeifes Buch Legenden und Bräuche der Spitzbornberge beschreibt das magische Duell folgendermaßen: »Als das Duelle schon neunzig Minuten dauerte, liefet plötzlich ein kleiner Junge über den Platz und betrat den magischen Kreis, woraufhinne er mit Schrei und Blitz fiel. Die ältere Hexe sahet sich um, stand auf, hob den Knaben und truget ihn zu seiner Großmutter, bevor sie erneut Platz nahm. Die junge Frau hingegen wandte nicht einmal den Blicke von der Sonne ab. Die anderen jungen Hexen beendeten das Duelle mit dem Hinweis: ›Sehet nur, Diamanda hat gewonnen, weil Oma Wetter- wachs den Blick abwendigte.‹ Woraufhinne die Großmutter des Knaben mit lauter Stimme sprachet: ›Von wegen, das könnte euch so passen! Bei diesem Wettkampf geht’s nicht um Macht, ihr dummen Gören, sondern um Hexerei. Habt ihr denn überhaupt keine Ahnung, was es bedeutet, eine Hexe zu sein? Dreht sich eine richtige Hexe um, wenn sie ein Kind schreien hört?‹ Und daraufhinne antworteten die Bewohner der Stadt wie aus einem Mund: ›JA!‹« »Das war wundervoll!« sagte Frau Quarney, die Gattin des Ladenbesitzers. »Die ganze Stadt hat gejubelt. Es war wirklich alles sehr lehrreich.« Sie waren im Hinterzimmer der Taverne. Oma Wetterwachs lag auf ei- ner Bank, und ein feuchtes Handtuch bedeckte ihr Gesicht. »Ja, das stimmt, nicht wahr?« ließ sich Magrat vernehmen. »Das Mädchen konnte sich nicht herausreden – es hat eine klare Nie- derlage erlitten.« »Ja«, sagte Magrat. »Machte sich ziemlich sauer auf und davon, heißt es.« »Ja«, sagte Magrat. »Ist mit dem kleinen Jungen alles in Ordnung?« Sie sahen zu Pewsey, der in einer verdächtig wirkenden Lache auf dem Boden hockte und sich Bonbons in einen Mund stopfte, dem ein Zuk- kerrand gewachsen war. »Ihm geht’s bestens«, stellte Nanny Ogg fest. »Hat nur einen leichten Sonnenbrand erlitten, weiter nichts. Schreit sich beim geringsten Anlaß die Lungen aus dem Leib«, fügte sie so stolz hinzu, als sei das eine eben- so seltene wie lobenswerte Eigenschaft., »Gytha?« erklang Omas Stimme unter dem Handtuch. »Ja?« »Du weißt ja, daß ich normalerweise keine starken Sachen anrühre. Al- lerdings erinnere ich mich daran, daß du einmal den medizinischen Nut- zen von Brandy erwähnt hast.« »Kommt sofort.« Oma hob das Handtuch und sah mit einem Auge zu Magrat. »Guten Tag, Euer Fast-Majestät«, sagte sie. »Bist du gekommen, um gütig und gnädig zu mir zu sein?« »Du hast gute Arbeit geleistet«, erwiderte Magrat kühl. »Kann ich dich bitte allein sprechen, Na… Frau Ogg? Draußen?« »Selbstverständlich, Euer Königin.« In der Gasse vor dem Wirtshaus drehte sich Magrat abrupt um und machte den Mund auf. »Du…« Nanny hob die Hand. »Ich weiß, was du sagen willst. Du kannst ganz beruhigt sein: Dem Würmchen drohte keine Gefahr.« »Aber du…« »Ich?« Nanny gab sich unschuldig. »Ich habe überhaupt nichts getan. Die Hexen wußten nicht, daß Pewsey in den Kreis laufen würde, oder? Sie reagierten so, wie es ihrem Wesen entsprach, stimmt’s? Von Mogeln oder so kann also kaum die Rede sein.« »Nun, mag sein, aber…« »Alles war vollkommen fair«, betonte Nanny. Magrat schwieg. Nach einer Weile klopfte ihr Nanny Ogg auf die Schulter. »Du wirst doch niemandem verraten, daß du gesehen hast, wie ich dem Knaben mit einer Tüte Bonbons zugewunken habe, oder?« fragte sie. »Nein, Nanny.« »Brave Königin.« »Nanny?«, »Ja?« Magrat holte tief Luft. »Woher wußte Verence vom Zeitpunkt unserer Rückkehr?« Nanny schien einige Sekunden zu lange nachzudenken. »Keine Ahnung«, antwortete sie schließlich. »Nun, Könige sind ein bißchen magisch. Können Schuppen und so heilen. Vermutlich wachte er eines Morgens auf und bekam einen Tip von seinen königlichen Privi- legien.« Das Problem mit Nanny Ogg bestand darin, daß sie immer den Ein- druck erweckte, mit viel Phantasie zu lügen. Sie hatte ein recht pragmati- sches Verhältnis zur Wahrheit und hielt sich daran, wenn es ihr zweck- mäßig erschien – und wenn ihr nichts Interessanteres einfiel. »Bist im Schloß sicher sehr beschäftigt, wie?« fragte Nanny. »Wir kommen gut zurecht, danke«, erwiderte Magrat und hoffte, das richtige Maß königinnenhafter Arroganz in ihrer Stimme mitklingen zu lassen. »Hast bereits Freunde gefunden, wie?« »Was?« »Hast wahrscheinlich kaum mehr Gelegenheit, allein zu sein, oder?« »Wen meinst du?« fragte Magrat verwirrt. »Euch.« »Ich habe von mir gesprochen!« »Du hättest deutlicher darauf hinweisen sollen«, entgegnete Nanny mit unbewegter Miene. »Nun, Hauptsache, du bist mit irgend etwas beschäf- tigt.« »Verence wußte, daß wir zurückkehrten«, sagte Magrat scharf. »Er hatte sogar schon die Einladungen vorbereitet. Da fällt mir ein… Du be- kommst auch eine.« »Ich weiß.« Nanny Ogg nickte. »Ist heute morgen schon angekommen. Mit Goldrand und vielen Schnörkeln und so. Wer ist Eresfaupeh?« Magrat kannte Nanny Ogg lange genug, um eine allgemeine Vorstel- lung ob ihrer Denkweise gewonnen zu haben., »RSVP«, sagte sie. »Das bedeutet: Man bittet dich um eine Mitteilung, ob du kommst.« »Oh, kein Problem, Wir kommen bestimmt, so etwas lassen Wir Uns nicht entgehen«, brummte Nanny. »Übrigens: Habt Ihr eine Einladung von Unserem Jason bekommen? Nein? Dachten Wir Uns. Kann mit dem Schmiedehammer besser umgehen als mit einem Schreibstift, Unser Jason.« »Eine Einladung wozu?« fragte Magrat. Sie hatte allmählich genug vom Wir und Uns. »Hat Verence dich nicht darauf hingewiesen? Ein spezielles, extra für dich geschriebenes Bühnenstück wird aufgeführt.« »Oh, ja«, sagte Magrat. »Du meinst die Unterhaltung.« »Genau«, bestätigte Nanny. »Die Aufführung findet am Vorabend der Mittsommernacht statt.« »Am Vorabend der Mittsommernacht müssen wir uns ganz besondere Mühe geben«, sagte Jason Ogg. Die Tür der Schmiede war verriegelt. Am Herd hatten sich die acht Mitglieder der »Moriskenmänner von Lancre« versammelt, sechsfache Sieger der Moriskentanz-Meisterschaft von den Fünfzehn Bergen*. Sie versuchten gerade, sich an eine neue Kunstform zu gewöhnen. »Ich komme mir wie ein Trottel vor«, sagte Sodomie Tischler, der ein- zige Bäcker von Lancre. »Ein Kleid anzuziehen… Ich hoffe nur, meine Frau sieht mich nicht!« »Hier steht…« Jason Oggs ziemlich großer Zeigefinger kroch zögernd über die Seite. »Hier steht, daß es eine wundervolle Geschichte ist. Es geht um die Liebe der Feenkönigin – das bist du, Sodomie…« »Besten Dank!« »… zu einem Sterblichen. Außerdem ist hier die Rede von einem hu- mor-vollen In-ter-mezzo mit lustigen Handwerkern…« * Dreimal sofort, einmal nach elf Stunden Verlängerung und zwei weitere Male, weil die anderen Finalisten wegliefen., »Wovon unterscheiden sich lustige Handwerker von ernsten?« fragte Weber, der Dachdecker. »Keine Ahnung. Vielleicht zimmern die lustigen schiefe Stühle und Ti- sche.« Jason kratzte sich am Kopf. »Oder sie hauen sich dauernd auf die Daumen.« Argwöhnisch blickte er auf seine Hände hinab. »Warum können wir keinen normalen Moriskentanz tanzen?« erkun- digte sich der Schneider Obidiah Tischler.* »Der Moriskentanz ist was für jeden Tag«, erwiderte Jason. »In diesem besonderen Fall erwartet man Kulturelles von uns. Das Bühnenstück kommt den ganzen weiten Weg von Ankh-Morpork hierher.« »Wie wär’s mit dem Stock-und-Eimer-Tanz«, schlug Bäcker, der We- ber, vor. »Der Stock-und-Eimer-Tanz wird nie wieder getanzt«, sagte Jason. »Der alte Klimper hinkt noch immer, und inzwischen sind drei Monate ver- gangen.« Weber, der Dachdecker, blickte auf seine Abschrift des Skripts hinab. »Wer spielt diesen Burschen namens Siegehenab?« fragte er. »Meine Rolle gefällt mir nicht besonders«, ließ sich Tischler verneh- men. »Ist zu klein.« »Seine arme Frau tut mir leid«, sagte Weber automatisch. »Warum?« brummte Jason.*** »Und weshalb muß ein Löwe mitspielen?« warf Bäcker, der Weber, ein. »Weil es ein Bühnenstück ist!« antwortete Jason scharf. »Niemand würde sich für ein Bühnenstück interessieren, bei dem ein Esel mitspielt! Glaubt ihr vielleicht, die Leute gehen ins Theater, um einen Esel auf der Bühne zu sehen? Dieses Stück wurde von einem echten Dramenschmied verfaßt! Ha! Echte Dramenschmiede lassen keine Esel auftreten! Übri- gens teilt uns der Autor mit, daß er gern wissen möchte, wie’s gelaufen ist. Und nun seid still!« * Er war auch Wilderer, Jauchegrubenreiniger und Amateurtischler.** ** Sein Motto lautete: »Zwei Nägel halten das Ding am richtigen Platz.« *** Eisen hat den Vorteil, daß man nicht sehr schnell denken muß, um es zu bearbeiten., »Ich fühle mich gar nicht wie die Feenkönigin«, stöhnte Sodomie Tisch- ler.* »Bestimmt gewöhnst du dich daran«, meinte Weber. »Hoffentlich nicht.« »Und ihr müßt üben«, fügte Jason hinzu. »Wo denn?« fragte Dachdecker, der Fuhrmann. »Nun, ich übe auf keinen Fall dort, wo mich die Leute sehen können«, verkündete Sodomie. »Selbst wenn wir uns in den Wald zurückziehen… Bestimmt treiben sich irgendwo Neugierige herum. Ich in einem Kleid!« »Mit dem Make-up erkennt dich niemand«, meinte Weber. »Make-up?« »Die Perücke nicht zu vergessen«, sagte Schneider, der andere Weber. »Er hat recht«, warf Weber ein. »Wenn wir uns schon zu Narren ma- chen müssen, so sollte uns erst dann jemand sehen, wenn wir den Dreh richtig raus haben.« »Im Gebüsch«, regte Dachdecker, der Fuhrmann, an. »Irgendwo weit draußen«, sagte Kesselflicker, der Kesselflicker. »An einem Ort, den sonst niemand aufsucht«, betonte Dachdecker. * Nun, es ist folgendermaßen… Die Tischler-Eltern waren stille, anständige Leute aus Lancre, aber sie kamen ein wenig durcheinander, als es darum ging, ihren Kindern Namen zu geben. Zuerst wurden vier Töchter geboren, und man nannte sie Hoffnung, Keuschheit, Vernunft und Barmherzigkeit. Der Grund dafür: Es ist eine uralte und einfallslose Tradition, Mädchen nach Tugenden zu benennen. Dann erblickte der erste Sohn das Licht der Welt, und seine Taufe bewies, daß die Eltern völlig falsche Vorstellungen in Hinsicht auf die Ange- messenheit von Namen hatten. Sie nannten den Knaben Zorn, und ihm gesell- ten sich Eifersucht, Sodomie und Begierde hinzu. Nun, das Leben hat eine eigene Art von Humor, und es stellte sich folgendes heraus: Hoffnung neigte zu Depressionen; Keuschheit genoß das Leben in Ankh-Morpork und verkaufte dort Liebe; Vernunft hatte dreizehn Kinder; und Barmherzigkeit erwartete, daß sie für jeweils fünfundsiebzig ausgegebene Cents mindestens einen ganzen Ankh-Morpork-Dollar zurückbekam. Die Jungen hingegen wuchsen zu freund- lichen, gutmütigen Männern heran. Sodomie zum Beispiel war gut zu Tieren., Jason kratzte sich am reibeisenartigen Kinn, als er über eine geeignete Stelle fürs Üben nachdachte. Er erweckte den Eindruck, daß ihm gleich etwas einfiel. »Und wer spielt Siegehenab?« fragte Weber. »Er hat nicht viel zu sagen, oder?« Die Kutsche rollte durch eine sehr eintönige Landschaft. Die Region zwischen Ankh-Morpork und den Spitzhornbergen zeichnete sich durch fruchtbaren Boden, ertragreiche Landwirtschaft und ein kaum zu über- bietendes Maß an Langeweile aus. Es heißt, Reisen füge dem Geist neue Erkenntnisse hinzu. Nun, in diesem Fall wurde immer wieder die gleiche Botschaft ins Bewußtsein gepumpt. Irgendwann mochte das Gehirn die Geduld verlieren und wie Haferbrei aus den Ohren fließen, um den mo- notonen Bildern zu entfliehen. Wenn man in dieser Landschaft weit entfernt jemanden sah, der Kohl schnitt, so beobachtete man ihn, bis er außer Sichtweite geriet. Für die Augen gab es sonst einfach nichts anderes zu tun. »Ich sehe was, das du nicht siehst«, intonierte der Quästor. »Und es be- ginnt mit einem H.« »Ugh.« »Nein.« »Horizont«, sagte Ponder. »Du hast geraten!« »Na klar habe ich geraten. Es war auch gar nicht schwer zu erraten. Wir hatten F für Firmament, K für Kohl und U für… Ugh. Es fehlte nur noch H für Himmel. Etwas anderes gibt’s hier nicht.« »Ich habe keine Lust, dieses Spiel fortzusetzen, wenn du einfach nur rätst.« Der Quästor zog den Hut über die Ohren und versuchte, es sich auf dem Sitz so bequem wie möglich zu machen. »In Lancre gibt es viel zu sehen«, sagte der Erzkanzler. »Wenn dort überhaupt ein Stück Flachland existiert, so befindet es sich im Museum.« Ponder schwieg., »Habe früher den einen oder anderen Sommer dort verbracht«, fuhr der Erzkanzler fort. »Tja… Es hätte alles ganz anders kommen können.« Ridcully sah sich um. Wenn man von einer wichtigen Phase in seinem Leben berichten wollte, so legte man für gewöhnlich Wert auf Zuhörer. Der Bibliothekar starrte weiterhin aus dem Fenster und schmollte. Sei- ne schlechte Stimmung stand in unmittelbarem Zusammenhang mit dem hellblauen Halsband, auf dem PONGO geschrieben stand. Früher oder später würde jemand dafür büßen müssen. Der Quästor benutzte seinen Hut auf die gleiche Weise wie eine Napf- schnecke ihre Schale. »Es gab da ein Mädchen…« Ein grausames Schicksal verlangte von Ponder Stibbons, als einziger zu lauschen. Überrascht runzelte er nun die Stirn. Er wußte natürlich, daß auch der Erzkanzler rein theoretisch einmal jung gewesen sein mußte. Schließlich waren Jugend und Alter nur eine Frage der Zeit. Der gesunde Menschenverstand ließ vermuten, daß die Existenz von Zauberern nicht in Form von hundert Kilo schweren Siebzigjährigen begann. Doch gele- gentlich mußte der gesunde Menschenverstand daran erinnert werden. Stibbons glaubte sich nun verpflichtet, etwas zu sagen. »War sie hübsch?« erkundigte er sich. »Nein. Nicht in dem Sinne hübsch. Eher… eindrucksvoll. Ja, das trifft die Sache schon eher. Groß. Das Haar so blond, daß es fast weiß wirkte. Und Augen, deren Blick einen durchbohrte.« Ponder dachte darüber nach. »Du meinst nicht zufällig den Zwerg aus dem Feinkostladen in…«, be- gann er. »Ich meine, man hatte das Gefühl, daß jener Blick bis in den Kern der eigenen Seele traf«, sagte Ridcully etwas schärfer als beabsichtigt. »Und wie sie lief…« Er schwieg erneut und betrachtete die Wochenschau der Erinnerung. »Ich hätte sie geheiratet«, fügte er hinzu., Ponder blieb stumm. Wenn man ein Korken auf dem mentalen Strom einer anderen Person ist, so muß man sich damit begnügen, auf den Wel- len zu schaukeln. »Was für ein Sommer…«, sagte Ridcully. »So wie dieser. Kornfeldkrei- se fielen wie dicke Regentropfen vom Himmel. Und… Nun, ich hatte Zweifel. Magie schien nicht zu genügen. Ich war ein wenig… verwirrt. Alles hätte ich für sie aufgegeben. Jedes verdammte Oktagramm, jeden verdammten Zauberspruch. Hätte nicht eine halbe Sekunde lang gezö- gert. Kennst du Ausdrücke wie ›Ihr Lachen klang wie ein Bach in den Bergen‹?« »Nun, persönlich bin ich damit nicht vertraut«, sagte Ponder. »Aber ich habe Gedichte gelesen, die…« »Ich halte die Poesie für Blödsinn«, meinte Ridcully. »Bergbäche habe ich oft gehört, und sie verursachen praktisch immer die gleichen Geräu- sche: Es plätschert und gluckert. Außerdem enthalten sie oft komische kleine Biester. Ich meine Insekten mit… Nun, wie dem auch sei: Nach Gelächter hört es sich gewiß nicht an. Aus irgendeinem Grund kriegen es Dichter nie richtig hin. Sie schreiben zum Beispiel: ›Sie hatte Lippen wie Kirschen.‹ Klein, rund und mit einem Kern? Ha!« Der Erzkanzler schloß die Augen. Nach einer Weile fragte Stibbons: »Und was geschah dann?« »Wie?« »Was geschah mit dem Mädchen?« »Mit welchem Mädchen?« »Von dem du eben erzählt hast.« »Oh, das Mädchen meinst du. Die junge Dame wies mich ab. Sie sprach von Dingen, die eine große Rolle für sie spielten. Und sie glaubte, es gäbe später noch genug Zeit für alles andere.« Wieder folgte Stille. »Und was passierte dann?« hakte Ponder nach. »Was soll schon passiert sein? Ich ging fort und studierte. Das Seme- ster begann. Ich schrieb viele Briefe, bekam jedoch nie Antwort. Wahr- scheinlich haben die Briefe nie ihr Ziel erreicht. Möglicherweise hält man, Briefe dort oben für Delikatessen. Im nächsten Jahr studierte ich den ganzen Sommer über und fand keine Gelegenheit, nach Lancre zu reisen. Ich kehrte nie dorthin zurück. Examen und so. Inzwischen ist sie sicher längst tot oder eine dicke alte Oma mit mindestens zehn Kindern und noch mehr Enkeln. Damals hätte ich sie auf der Stelle geheiratet. Ja, auf der Stelle.« Ridcully kratzte sich am Kopf. »Seltsam. Der Name ist mir entfallen…« Er streckte sich und stützte die Füße auf den Quästor. »Komisch«, brummte er. »Erinnere mich nicht mehr an den Namen. Ha! Sie konnte schneller laufen als ein Pferd…« »Haltet an und ergebt euch!« Die Kutsche schwankte noch ein- oder zweimal und verharrte dann. Ridcully öffnete ein Auge. »Was ist los?« fragte er. Ponder unterbrach seine Überlegungen, bei denen es um Lippen wie Gebirgsbäche ging. Er sah aus dem Fenster. »Ich glaube, wir werden gerade von einem ziemlich kleinen Wegelage- rer überfallen«, sagte er. Der Kutscher beobachtete die Gestalt auf der Straße. Aus dem gegen- wärtigen Blickwinkel konnte er kaum etwas erkennen, was vor allem an einem recht kurzen Körper sowie einem breiten Hut lag. Der Fremde sah aus wie ein gutgekleideter Pilz, in dem eine Feder steckte. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung«, sagte der kleine Wegelagerer. »Leider bin ich derzeit knapp bei Kasse.« Der Kutscher seufzte und ließ die Zügel sinken. Zuvor vereinbarte Überfälle durch autorisierte Repräsentanten der Räubergilde waren eine Sache. Aber er wollte sich auf keinen Fall von einem Winzling bedrohen lassen, der ihm kaum bis zum Gürtel reichte und nicht einmal eine Arm- brust bei sich führte. »Verdammter Wicht!« knurrte er. »Bist wohl auf eine Abreibung scharf, wie?« Der Kutscher beugte sich vor., »Was ist das auf deinem Rücken? Ein Buckel?« »Ah, du hast die Trittleiter bemerkt. Ich möchte dir zeigen, was es da- mit auf sich hat…« »Was geschieht jetzt?« fragte Ridcully in der Kutsche. »Äh, ein Zwerg ist gerade auf eine Trittleiter gestiegen und hat den Kutscher an eine empfindliche Stelle getreten«, erklärte Ponder. »So was erlebt man nicht jeden Tag«, sagte Ridcully fröhlich – die bis- herige Reise war ziemlich ereignislos gewesen. »Jetzt kommt der Zwerg hierher.« »Gut.« Der Wegelagerer schob sich am stöhnenden Kutscher vorbei, stapfte zur Kutsche und zog dabei die Trittleiter hinter sich her. Er öffnete die Tür. »Rückt euer Geld raus. Sonst sehe ich mich bedauerlicherweise ge- zwungen…« Ein oktariner Blitz riß ihm den Hut vom Kopf. Der Gesichtsausdruck des Zwergs veränderte sich nicht. »Erlaubt ihr mir vielleicht, mein Anliegen neu zu formulieren?« Ridcully musterte die elegant gekleidete Gestalt. Er brauchte den Blick nicht weit zu senken, um vom Kopf bis zum Fuß zu gelangen. »Du siehst nicht wie ein Zwerg aus«, stellte er fest. »Abgesehen von der Größe.« »Abgesehen von der Größe?« »Ich meine, ganz offensichtlich fehlen dir Helm und Stiefel aus Eisen«, sagte der Erzkanzler. Der Zwerg verneigte sich und zog ein rechteckiges Stück Pappe aus dem schmutzigen, aber immerhin spitzenbesetzten Ärmel. »Meine Karte«, sagte er. Sie sah so aus:, Ponder Stibbons spähte über Ridcullys Schulter. »Bist du wirklich ein unverschämter Lügner?« »Nein.« »Warum überfällst du Kutschen?« »Weil ich von Halunken ausgeraubt worden bin.« »Diese Karte bezeichnet dich als geschickten Schwertkämpfer«, sagte der Erzkanzler. »Der Gegner war mir zahlenmäßig weit überlegen.« »Wie viele griffen an?« »Drei Millionen.« »Steig ein«, meinte Ridcully. Casanunda warf seine Trittleiter durch die Tür und blickte dann in das schattige Innere der Kutsche. »Schläft da ein Affe?« »Ja.« Der Bibliothekar öffnete ein Auge. »Was ist mit dem Geruch?« »Er nimmt bestimmt keinen Anstoß daran.« »Solltest du dich nicht besser beim Kutscher entschuldigen?« fragte Ponder. »Nein. Aber ich könnte ihn noch fester treten, wenn er möchte.« »Das ist der Quästor«, sagte Ridcully und deutete auf Beweisstück B. Der Zauberer unter dem weit über die Ohren gezogenen Hut schlief den Schlaf eines Mannes, der eine Überdosis getrockneter Froschpillen zu, sich genommen hatte. »He, Quästor. Quääästor? Ist völlig weggetreten, der Bursche. Schieb ihn einfach unter den Sitz. Spielst du ›Leg Herrn Zwiebel rein‹?« »Nicht sehr gut.« »Prächtig!« Eine halbe Stunde später schuldete Ridcully dem Zwerg achttausend Ankh-Morpork-Dollar. »Meine Visitenkarte enthält einen deutlichen Hinweis«, sagte Casanun- da. »Da steht’s: ›unverschämter Lügner‹.« »Ja, aber ich dachte, das sei gelogen!« Ridcully seufzte, und zu Ponders großer Überraschung holte er einen Beutel mit Münzen unter dem Umhang hervor. Sie sahen bemerkenswert echt aus und glänzten goldgelb. Casanunda mochte ein lüsterner Söldner von Beruf sein, doch in gene- tischer Hinsicht war er vor allem ein Zwerg. Und Zwerge wußten um gewisse Dinge Bescheid. »Hmm«, brummte er. »Auf deiner Visitenkarte steht nicht zufällig auch ›unverschämter Lügner‹, oder?« »Nein!« erwiderte Ridcully aufgeregt. »Es ist nur… Ich erkenne Schokoladentaler auf den ersten Blick.« »Das erinnert mich an das berühmte logische Rätsel«, sagte Ponder, als die Kutsche am Rand einer Schlucht entlangruckelte. »Welches logische Rätsel meinst du?« fragte der Erzkanzler. »Nun…« Ponder genoß die ihm geltende Aufmerksamkeit. »Offenbar gab’s da einen Mann, der aus irgendeinem Grund zwischen zwei Türen wählen mußte. Ja, und der Wächter an der einen Tür sagte immer die Wahrheit, und der vor der anderen log dauernd. Wichtig ist auch noch: Hinter der einen Tür lauerte der sichere Tod, und die andere lockte mit Freiheit. Der arme Mann wußte nicht, welcher der beiden Wächter die Wahrheit sagte, und er durfte ihnen nur eine Frage stellen. Was fragte er wohl?« Die Kutsche rollte durch ein Schlagloch, und der Bibliothekar drehte sich im Schlaf., »Klingt nach dem irren Lord Hargon aus Quirm«, sagte Ridcully nach einer Weile. »Ja, stimmt«, pflichtete ihm Casanunda bei. »Der Kerl ließ sich dauernd solche Scherze einfallen. ›Wie viele Studenten passen in eine Eiserne Jungfrau?‹ Und so weiter.« »Diese Sache spielte sich also bei ihm ab, wie?« fragte der Erzkanzler. »Was?« Ponder blinzelte verwirrt. »Keine Ahnung.« »Wieso weißt du das nicht? Du weißt doch sonst alles.« »Ich glaube nicht, daß der Ort eine Rolle spielt. Es ist ein Rätsel.« »Warte mal«, sagte Casanunda. »Ich glaube, ich hab’s. Man darf nur ei- ne Frage stellen, richtig?« »Ja«, antwortete Ponder erleichtert. »Und er kann sie an einen der beiden Wächter richten, stimmt’s?« »Ja.« »Na schön. In dem Fall geht er zum kleineren Wächter und sagt: ›Zeig mir die Tür zur Freiheit, wenn du nicht die Farbe deiner Nieren sehen willst. Und noch etwas, Freundchen: Ich gehe hinter dir. Wenn du mit dem Gedanken spielst, irgendwelche Tricks zu versuchen, um den Klug- scheißerpreis zu gewinnen… Vergiß nicht, wer als erster durch die Tür geht.‹« »Nein, nein, nein!« »Klingt logisch«, meinte Ridcully. »Gut überlegt.« »Aber du hast doch gar keine Waffe!« »Ich habe sie dem Wächter abgenommen, als er über meine Worte nachgrübelte«, sagte Casanunda. »Sehr schlau«, lobte Ridcully. Und zu Ponder Stibbons: »Nun, das nen- ne ich logisches Denken. Von diesem Mann…« »… Zwerg…« »‘tschuldigung. Von diesem Zwerg könntest du eine Menge lernen. Er läßt sich nicht dauernd über Parasitenuniversen und so aus.« »Es heißt ›Paralleluniversen‹!« entfuhr es Ponder, der inzwischen den Verdacht hatte, daß Ridcully ihn absichtlich falsch verstand., »Ach, heißt es so? Und was hat es mit deinen parasitären Universen auf sich?« »Es gibt keine! Ich meine, es gibt keine, Erzkanzler!* Ich habe von Par- alleluniversen gesprochen. Das sind Universen, in denen…« Er zögerte. »Nun, erinnerst du dich an das Mädchen?« »An welches Mädchen?« »Das du heiraten wolltest.« »Woher weißt du davon?« »Nach dem Mittagessen hast du von der jungen Frau erzählt.« »Tatsächlich?« staunte Ridcully. »Potzblitz. Was soll mit ihr sein?« »In gewisser Weise hast du die Frau geheiratet«, sagte Ponder. Ridcully schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin ziemlich sicher, daß ich sie nicht geheiratet habe. Daran würde ich mich bestimmt erinnern.« »Nun, die Heirat fand nicht in diesem Universum statt…« Der Bibliothekar öffnete ein Auge. »Soll das heißen, ich habe mich in ein anderes Universum geschlichen, um dort zu heiraten?« fragte der Erzkanzler. »Nein!« widersprach Ponder. »Ich will auf folgendes hinaus: In dem an- deren Universum hast du geheiratet und in diesem nicht.« »Im Ernst? Es fand eine richtige Hochzeit statt? Mit allem Drum und Dran?« »Ja!« »Hmm.« Ridcully strich sich über den Bart. »Bist du sicher?« »Ja, Erzkanzler.« »Donnerwetter! Davon wußte ich überhaupt nichts.« Ponder glaubte, Fortschritte zu erzielen. »Aber…« »Ja?« »Warum erinnere ich mich nicht daran?« * Hier irrte sich Ponder gründlich., Diese Frage hatte Stibbons erwartet. »Weil sich dein Selbst im anderen Universum von dir unterscheidet«, antwortete er. »Dein alternatives Ich hat geheiratet. Jener Ridcully grün- dete vermutlich eine Familie und ist bereits mehrfacher Großvater.« »Schreibt mir nie, der Bursche«, brummte dieser Ridcully. »Und er hat mich nicht zur Hochzeit eingeladen.« »Wer?« »Er.« »Aber er ist du!« »Tatsächlich? Na so was. Man sollte meinen, daß ich an mich selbst denke, nicht wahr? Ein echter Mistkerl!« Ridcully war keineswegs dumm. Wirklich dumme Zauberer haben die Lebenserwartung eines Hammers aus Glas. Der Erzkanzler verfügte über einen starken Intellekt, doch es handelte sich eher um die Stärke einer Lokomotive. Sein Denken und Empfinden bewegte sich auf Glei- sen und konnte kaum gesteuert werden. Es gibt Paralleluniversen, obgleich sie nicht in dem Sinne »parallel« sind. Sie winden sich umeinander, wie das Ergebnis verrückt spielender Web- stühle, oder wie eine Meute Yossarianer mit Mittelohrproblemen. Und sie verzweigen sich. Allerdings nicht immer, und dieser Punkt ist sehr wichtig. Die Universen scheren sich nicht darum, ob man auf einen Schmetterling tritt. Immerhin existieren noch viel mehr Schmetterlinge. Vielleicht bemerken die Götter, wenn ein Sperling fällt, aber sie versu- chen nicht, ihn aufzufangen. Man erschieße den Diktator, um einen Krieg zu verhindern. Aber der Diktator ist nur die Spitze eines brodelnden sozialen Eiterbergs, der Dik- tatoren hervorbringt. Wenn man einen erschießt, erscheint sofort ein anderer. Soll man ihn ebenfalls umbringen? Warum nicht alle töten und in Polen einmarschieren? In fünfzig, dreißig oder zehn Jahren schlägt die Geschichte wieder ihren ursprünglichen Kurs ein. Sie hat immer ein gro- ßes Bewegungsmoment… Fast immer…, Zur Kreis-Zeit, wenn die Wände zwischen Dies und Das dünner sind, wenn sich Lecks bilden… Dann können Entscheidungen getroffen wer- den. Dann ist es möglich, das Universum durch ein anderes Bein der allgemein bekannten Hose der Zeit zu schicken. Aber es gibt auch Tümpel, in denen sich nichts rührt: Universen, die von Vergangenheit und Zukunft abgeschnitten sind. Sie müssen sich Vergangenes und Zukünftiges von anderen Universen stehlen. Ihre ein- zige Hoffnung besteht darin, während dieser kritischen Phase bei den dynamischen Universen zu schmarotzen, sich an ihnen festzuklammern wie ein Schiffshalter an einem vorbeischwimmenden Hai. Dies sind die Parasitenuniversen, und sie bekommen ihre Chance, wenn Kornfeldkrei- se dicken Regentropfen gleich vom Himmel fallen… Das Schloß Lancre war viel größer als nötig und erweckte den Eindruck, für ein größeres Königreich bestimmt zu sein. Nun, die Chancen für ein Wachstum von Lancre standen denkbar schlecht. Auf drei Seiten ragten steile, unwirtliche Berge empor, und die vierte Seite wäre nur dann eine Seite gewesen, wenn es dort keinen steilen Abhang gegeben hätte. Nun, soweit man weiß, gehören die Berge niemandem. Sie sind einfach nur Berge. Das Schloß erstreckte sich in alle Richtungen und schien regelrecht zu wuchern. Niemand ahnte, wie weit die Keller reichten. Heutzutage wohnten alle in den Türmen und Sälen in der Nähe des Tors. »Ich meine, man sehe sich nur die Zinnen an«, sagte Magrat. »Wie bitte, Gnäfrau?« »Die ausgeschnittenen Teile oben auf den Mauern. Von dort aus könn- te man ein großes Heer abwehren.« »Dafür ist das Schloß doch da, nicht wahr, Gnäfrau?« Magrat seufzte. »Hör bitte auf, dauernd ›Gnäfrau‹ zu sagen. Es klingt gräßlich.« »Ja, Gnäfrau.«, »Ich meine, gegen wen könnten wir hier schon kämpfen? Nicht einmal Trolle kommen über die Berge, und wer der Straße folgt, lädt praktisch dazu ein, daß man ihm einen Stein auf den Kopf wirft. Außerdem brau- chen wir nur die Brücke von Lancre zu zerstören, um hier sicher zu sein. Woraus die Frage folgt: Wozu dient das Schloß?« »Ich weiß nicht, Gnäfrau. Ich schätze, Könige brauchen ein Schloß, um richtige Könige zu sein.« »Denkst du denn nie richtig über was nach, dummes Mädchen?« »Was nützt das, Gnäfrau?« Ich habe sie »dummes Mädchen« genannt, dachte Magrat. Das Königliche färbt auf mich ab. »Na schön«, sagte sie. »Wo waren wir stehengeblieben?« »Wir brauchen zweitausend Meter vom blauen Chintz mit den kleinen weißen Blumen«, antwortete Millie. »Und wir haben noch nicht einmal die Hälfte der Fenster ausgemessen.« Magrat rollte das Maßband zusammen. Sie blickte durch die Lange Galerie. Es gab eine Sache, die an ihr sofort auffiel, die jeder Beobachter unverzüglich bemerkte: Die Lange Galerie war… lang. Sie teilte gewisse Eigenschaften mit dem Großen Saal und den Tiefen Kerkern. Diese Namen kamen exakten Beschreibungen gleich. Magrat fragte sich, wie viele Tonnen Stoff nötig waren, um die Galerie mit einem Teppich auszustatten. »Warum?« Sie richtete diese Frage an die eigene Adresse – in Millies Gesellschaft hatte sie ohnehin das Gefühl, dauernd Selbstgespräche zu führen. »Warum ein Schloß in Lancre? Wenn es hier jemals zum Kampf kommt, so am Samstagabend vor der Taverne.« »Weiß nicht, Gnäfrau«, sagte Millie. Magrat seufzte einmal mehr. »Wo ist der König heute?« »Eröffnet das Parlament, Gnäfrau.« »Das Parlament! Ha!«, Dabei handelte es sich um eine weitere Idee des jungen Verence. Er versuchte, die ephebianische Demokratie in Lancre einzuführen, indem er jedem Bürger eine Stimme gab. Nun, nicht jedem, nur jenen, »die einen guten Rufe genießigen, männlichen Geschlechts sowie mindestens vierzig Jahre alt sind und ein Hauß* besitzen, das mindestens dreieinhalb Ziegen pro Jahr wert isset«. Der König sah keinen Sinn darin, das Stimmrecht Leuten zu geben, die dazu neigten, Verbrechen zu verüben und dumm oder gar weiblichen Ge- schlechts zu sein. Solche Personen würden nur unverantwortlich damit umgehen. Das neue System funktionierte, mehr oder weniger, folgen- dermaßen: Die Mitglieder des Parlaments erschienen nur dann im Ver- sammlungssaal, wenn sie Lust dazu verspürten; niemand führte Proto- kolle; und nie wurde Kritik an Verence laut, denn immerhin war er der König. Wenn man einen König hat, so braucht man nicht selbst zu re- gieren – so lautete das Motto der Mitglieder des Parlaments. Sollte er ruhig seine Pflichten erfüllen, trotz seiner orthographischen Probleme. Niemand forderte ihn auf, Dächer zu decken oder Kühe zu melken, nicht wahr? »Ich langweile mich, Millie«, sagte Magrat. »Ich langweile mich. Vielleicht sollte ich draußen im Garten spazierengehen.« »Möchtest du, daß ich Shawn Bescheid gebe, Gnäfrau? Damit er die Trompete holt?« »Das läßt du besser, wenn dir was an deinem Leben liegt.« Nicht alle Gärten waren für landwirtschaftliche Experimente umgestal- tet worden. Zum Beispiel: Der Kräutergarten existierte nach wie vor. Magrat kannte sich mit solchen Dingen aus und wußte daher, daß es sich um einen eher armseligen Kräutergarten handelte: Er enthielt nur Pflan- zen, die dazu dienten, Speisen Geschmack zu verleihen. Unglücklicher- weise begann Frau Scorbics Repertoire bei Minze und Salbei – und ende- te dort auch. Es fehlten Eisenkraut, Schafgarbe oder Des Alten Mannes Hose. Und dann das berühmte Labyrinth. Beziehungsweise das Irgend-wann- wird’s-berühmt-sein-Labyrinth. Verence hatte es gepflanzt, weil er den Standpunkt vertrat, daß ein richtiges Schloß ein ordentliches Labyrinth * Auch mit der königlichen Rechtschreibung haperte es ein wenig., brauchte. Und tatsächlich: Wenn die Hecken erst höher waren als die derzeitigen dreißig Zentimeter, mochten sie ein prächtiges Labyrinth bilden, in dem man die Orientierung verlieren konnte, ohne sich vorher zu bücken und die Augen zu schließen. Magrat schritt niedergeschlagen über den Kiespfad, während das lange Kleid hinter ihr den Boden fegte. In der Nähe schrie jemand, doch Magrat blieb gelassen. Sie hatte sich inzwischen an gewisse Gepflogenheiten im Schloß gewöhnt. »Guten Morgen, Festgreifaah«, sagte sie. Der Falkner des Schlosses spähte um die Ecke und betupfte sich das Gesicht mit einem Taschentuch. Auf seinem anderen Arm hockte ein Vogel mit Krallen wie Folterinstrumente. Boshaft blickende rote Augen starrten über einen messerscharfen Schnabel hinweg zur Fast-Königin. »Ich habe einen neuen Falken«, verkündete Festgreifaah stolz. »Ein echter Krähenfalke von Lancre. Sind bisher noch nie gezähmt worden. Ich habe bereits dafür gesorgt, daß er nicht mehr versucht, mir die Kral- len in die Kehle zu bohr – aah…« Er schmetterte den Falken mehrmals an die nächste Wand, bis das Biest den Schnabel von seiner Nase löste. Eigentlich hieß Festgreifaah gar nicht Festgreifaah. Andererseits: Wenn Namen dazu hätten dienen sollen, eine Vorstellung von der betreffenden Person zu vermitteln, so wäre »Festgreifaah« durchaus angemessen ge- wesen. Der Grund dafür: Die Falken in den Käfigen des Schlosses stammten alle aus Lancre und zeichneten sich durch eine sehr unabhängige Zum- Teufel-mit-dir-Denkweise aus. Nach geduldigem Züchten und Abrichten war es Festgreifaah gelungen, sie dazu zu bringen, das Handgelenk einer Person loszulassen. Jetzt trachtete er danach, sie an Angriffen auf jene Person zu hindern, auf deren Arm sie bis eben gehockt hatten – womit er selbst gemeint war. Erstaunlicherweise mangelte es ihm trotzdem nicht an Optimismus und Gutmütigkeit. Er lebte für den Tag, an dem seine Falken die besten auf der ganzen Scheibenwelt waren. Die Falken hingegen freuten sich auf den Tag, an dem sie Gelegenheit bekamen, Festgreifaahs anderes Ohr zu fressen., »Du kommst gut zurecht, wie ich sehe«, sagte Magrat. »Glaubst du nicht, daß die Vögel auf Strenge besser reagieren würden?« »O nein«, widersprach Festgreifaah. »Man muß gut zu ihnen sein. Es geht darum, eine Beziehung zu knüpfen. Wenn sie einem nicht vertrau- en, soaaah…« »Nun, ich überlasse dich besser deiner Arbeit«, sagte Magrat, als die Luft plötzlich voller Federn war. Es hatte die kummervolle Ex-Hexe kaum überrascht zu erfahren, daß es bei der Falknerei von Stand und Geschlecht bestimmte Unterschiede gab. Als König durfte sich Verence einen Geierfalken halten – was auch immer das für Vögel sein mochten –, während irgendwelchen Grafen nur Wanderfalken erlaubt waren. Für Priester kamen Sperber in Frage. Gewöhnliche Bürger durften höchstens einen Stock werfen.* Magrat fragte sich, was man Nanny Ogg gestattet hätte – vielleicht ein kleines Küken. Für Hexen gab es keinen bestimmten Falken, doch als Königin stand ihr der sanfte Falke zu, auch Müder Sorgentropf genannt. Es war ein kleiner, kurzsichtiger Vogel, der lieber ging als flog. Beim Anblick von Blut fiel er in Ohnmacht. Etwa zwanzig Sanfte Falken konnten eine Taube töten – vorausgesetzt, die Taube litt an einer stark schwächenden Krankheit. Magrat hatte eine Stunde mit einem solchen Falken ver- bracht. Das Geschöpf hockte auf ihrem Arm, fauchte mehrmals und schlief dann ein. Nun, für Festgreifaah gab es wenigstens eine Beschäftigung. Das galt auch für die anderen Leute im Schloß. Alle hatten etwas zu tun. Magrat bildete die einzige Ausnahme – sie war einfach nur da. Natürlich sprach man mit ihr. Wenn sie etwas fragte. Aber sie gewann dabei ständig den Eindruck, bei etwas Wichtigem zu stören. Es schien überhaupt keine bedeutsamen Pflichten für sie zu geben, sah man einmal von der Sache mit der Thronfolge ab. In diesem Zusammenhang ließ sich Verence ge- rade einige Bücher aus Ankh-Morpork kommen… »Bleib da stehen, Mädchen«, sagte eine Stimme. »Komm nicht näher – in deinem eigenen Interesse.« * Wenn es kein zu großer Stock war., In Magrat erwachte Ärger zum Leben. »Mädchen? Zufälligerweise haben Wir durch baldige Heirat königliches Blut in den Adern!« »Mag sein«, erwiderte die Stimme. »Ich fürchte jedoch, das ist den Bie- nen egal.« Magrat verharrte. Sie hatte inzwischen jenen Bereich verlassen, den die königliche Fami- lie für einen Garten hielt. Jetzt befand sie sich dort, wo der Garten nach Meinung des gemeinen Volkes begann: jenseits der Hecken, angeblich kunstvoll beschnittener Bäume und mehr oder weniger angenehm duf- tender Kräuter. Hier gab es alte Schuppen, Blumentöpfe, Komposthau- fen und, dort drüben, Bienenstöcke. Bei einem fehlte der Deckel. Daneben stand Herr Brooks in einer braunen Wolke und rauchte seine spezielle Bienenpfeife. »Oh«, sagte Magrat. »Du bist’s, Herr Brooks.« Eigentlich war Herr Brooks der königliche Imker, doch es handelte sich bei ihm nicht unbedingt um einen Untertan im eigentlichen Sinne. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die meisten Bediensteten im Schloß wurden nur mit dem Nachnamen angesprochen, lediglich die Köchin, der Butler und der Imker bekamen ein »Frau« beziehungsweise »Herr« hinzu. Herr Brooks verdiente sich die Ehre mit seinem geheimen Wis- sen. Er wußte alles über Honig und die Paarung von Bienen. Er wußte, was es mit Schwärmen auf sich hatte, und er kannte Methoden, Wespen- nester zu beseitigen. Er genoß den besonderen Respekt von Leuten, die wie Hexen und Schmiede einem Handwerk nachgingen, das nicht zum Alltäglichen gehörte. Damit sind Leute gemeint, die von Dingen wissen, die anderen seltsam und rätselhaft erscheinen. Normalerweise stellte Herr Brooks immer etwas Kniffliges mit den Bienenstöcken an, verfolgte einen Schwarm durchs Königreich oder rauchte seine Pfeife in einem Schuppen, in dem es nach altem Honig oder Wespengift roch. Man hü- tete sich davor, ihn zu beleidigen. Es sei denn, man fand Gefallen daran, im Abort von Wespen überrascht zu werden, während Herr Brooks in seinem Schuppen saß und vor sich hin kicherte., Behutsam setzte er den Deckel wieder auf den geöffneten Bienenstock und ging davon. Einige Bienen flohen durch die großen Löcher im Im- kerschleier. »Tag, Euer Ladyschaft«, brummte er. »Hallo, Herr Brooks. Was hast du gemacht?« »Sie schwärmen spät, die Bienen«, erwiderte der Imker. »Ich habe nur nach dem Rechten gesehen. Möchtest du eine Tasse Tee, Mädchen?« Bei Herrn Brooks konnte man nicht förmlich sein. Er behandelte alle als Gleichgestellte; in vielen Fällen schien er sogar zu glauben, einen ge- ringfügig höheren Rang zu bekleiden. Wahrscheinlich lag’s daran, täglich über Tausende zu herrschen. Mit ihm konnte Magrat reden. Es kam ihr immer so vor, als wäre er einer Hexe so ähnlich, wie es einem Mann nur möglich war. Der Schuppen enthielt Teile von Bienenstöcken, seltsame Folterwerk- zeuge für das… Ernten von Honig, alte Krüge sowie einen kleinen Herd, auf dem eine fleckige Teekanne stand, direkt neben einer großen Pfanne. Herr Brooks interpretierte Magrats Schweigen als zustimmende Ant- wort und füllte zwei Becher. »Ist das Kräutertee?« fragte sie unsicher. »Keine Ahnung. Die Dose enthält einfach nur braune Blätter.« Magrat blickte skeptisch in einen Becher, an dem reines Tannin un- übersehbare Spuren hinterlassen hatte. Irgendwie schaffte sie es, sich nichts anmerken zu lassen. Sie wußte, daß gute Königinnen versuchten, für das Wohlergehen der gewöhnlichen Leute zu sorgen. Sie suchte nun nach einer Frage, die geeignet sein mochte, eine Atmo- sphäre der Ungezwungenheit entstehen zu lassen. »Die Tätigkeit des Imkers ist sicher sehr interessant«, sagte Magrat. »Ja, das stimmt.« »Man fragt sich allerdings…« »Was?« »Wie melkt man Bienen?«, Das Einhorn streifte durch den Wald, kam sich blind und fehl am Platz vor. Dies war kein richtiges Land. Der Himmel glänzte blau und flackerte nicht mit kalten Farben. Und die Zeit verging. Für ein zeitloses Ge- schöpf fühlte sich das so ähnlich an wie ein Sturz in die Tiefe. Darüber hinaus spürte es die Präsenz der Herrin im Kopf. Was noch schlimmere Empfindungen bewirkte als verstreichende Zeit. Mit anderen Worten: Das Einhorn war übergeschnappt. Magrats Mund stand weit offen. »Ich dachte, Königinnen werden geboren«, brachte sie hervor. »O nein«, erwiderte Herr Brooks. »Es gibt keine Eier, aus denen Köni- ginnen schlüpfen. Die Bienen entscheiden einfach, ein Exemplar anders zu füttern. Eine vorher ganz normale Artgenossin wird so zur Königin aufgepäppelt.« »Und was passiert, wenn die besondere Ernährung ausbleibt?« »Dann wird die betreffende Biene zu einer Arbeiterin, Euer Lady- schaft«, erklärte Herr Brooks und untermalte seine Worte mit einem verdächtig republikanischen Lächeln. Beneidenswert, dachte Magrat. »Der Schwarm hat also eine neue Königin. Was passiert mit der alten?« »Für gewöhnlich bricht sie mit einem Teil des Volkes auf«, sagte Herr Brooks. »Oh, ich habe bestimmt tausend Schwärme gesehen. Aber nie einen königlichen.« »Was hat es mit einem königlichen Schwarm auf sich?« »Ich weiß es nicht genau. In den alten Bienenbüchern wird so etwas erwähnt. Ein Schwarm der Schwärme. Ein sehr beeindruckender An- blick, so heißt es.« Einige Sekunden lang wirkte der alte Imker fast weh- mütig. »Nun, richtig interessant wird’s, wenn das Wetter schlecht bleibt und die alte Königin deshalb nicht schwärmen kann.« Er hob die Hand und be- wegte sie im Kreis. »Nun, dann passiert folgendes: Die beiden Königinnen – hier die alte und da die neue – kriechen durch die Waben, während der Regen auf den Bienenstock trommelt und um sie herum die übliche Ak- tivität herrscht.« Der Imker vollführte weitere veranschaulichende Ge- sten, und Magrat beugte sich vor. »Ja, durch die Waben kriechen sie, und, überall summen die Drohnen, und die ganze Zeit über spüren sie sich gegenseitig, ja, sie wissen voneinander, und dann sehen sie sich und…« »Ja? Ja?« fragte Magrat aufgeregt. »Zack! Bumm!« Magrat zuckte so heftig zurück, daß sie mit dem Kopf an die Hütten- wand stieß. »In einem Bienenstock kann es nur eine Königin geben«, fügte Herr Brooks ruhig hinzu. Magrat sah in den Garten und runzelte die Stirn. Bisher hatte sie den Anblick von Bienenstöcken immer gemocht. »Oft habe ich nach ein oder zwei Wochen schlechtem Wetter eine tote Königin vor ‘nem Bienenstock gefunden«, verkündete Herr Brooks fröh- lich. »Die Biester können keine Konkurrenz ausstehen. Kämpfen erbit- tert gegeneinander. Die alte Königin ist natürlich schlauer. Aber die neue macht ihre mangelnde Erfahrung mit Entschlossenheit wett. Weil sie weiß, daß sich der Kampf für sie lohnt.« »Wieso?« »Der Sieg ermöglicht ihr die Paarung.« »Oh.« »Und im Herbst wird’s noch interessanter«, fuhr Herr Brooks fort. »Weißt du, für den Winter muß sich der Schwarm von unnötigem Ballast befreien, und die Drohnen hängen ja immer nur faul herum. Ja, und des- halb zerren die Arbeiter sie zur Öffnung des Bienenstocks, beißen ihnen dort…« »Hör auf!« entfuhr es Magrat. »Das ist ja schrecklich! Ich dachte immer, es sei schön, Bienen zu züchten.« »Kommt ganz darauf an, was man unter ›schön‹ versteht«, meinte Herr Brooks. »Zum Beispiel die Zeit im Jahr, in der die Bienen müde werden. Tja, die durchschnittliche Biene arbeitet, bis sie völlig fertig ist. Nun, manchmal kann man beobachten, wie viele alte Arbeiterinnen an der Öffnung des Stocks herumkriechen. Der Grund dafür…« »Genug! Mir reicht’s. Falls du das vergessen haben solltest – ich bin Königin. Fast.«, »Entschuldige«, sagte der Imker. »Ich dachte, du wolltest etwas mehr über die Bienenzucht wissen.« »Ja, aber davon wollte ich nichts hören.« Magrat eilte nach draußen. »Oh, ich weiß nicht«, brummte Herr Brooks. »Kann kaum schaden, der Natur nahe zu sein.« Er lächelte und schüttelte den Kopf, als die ehemalige Hexe zwischen den Hecken verschwand. »In einem Bienenstock kann es nur eine Königin geben«, sagte er. »Zack! Bumm! Hehe!« Irgendwo in der Ferne schrie Festgreifaah, als ihm die Natur zu nahe kam. Überall erschienen Kornfeldkreise. Die Universen bildeten nun eine Reihe. Sie stellten ihren chaotischen Spaghettitanz ein, rasten Kopf an Kopf los, um diese Schikane der Ge- schichte hinter sich zu bringen, sausten über die Gummipiste zügelloser Zeit. Ponder Stibbons ahnte es vage: Bei solchen Gelegenheiten konnten sich die Universen gegenseitig beeinflussen. Entladungen aus Realität zuckten hin und her, als jeder Kosmos versuchte, in Führung zu gehen. Wenn man zu den Leuten gehörte, die ihr Bewußtsein in einen hoch- empfindlichen Empfänger verwandelt hatten, und wenn man zu diesem Zeitpunkt den Lautstärkeregler bis zum Anschlag aufdrehte… Dann konnte man einige sehr seltsame Signale hören. Die Uhr tickte. Oma Wetterwachs saß vor der offenen Schatulle und las. Gelegentlich legte sie eine Pause ein, schloß die Augen und rieb sich den Nasenrük- ken. Es war schon schlimm genug, die Zukunft nicht zu kennen, aber we- nigstens verstand sie den Grund dafür. Doch jetzt erlitt sie Déjà-vu- Anfälle. Schon seit einer Woche erlebte sie so etwas. Immer wieder ent-, standen Bilder vor ihrem inneren Auge, ohne vom Eindruck des Ver- trauten begleitet zu werden: Erinnerungsfetzen, die nicht aus ihrem Le- ben stammen konnten. Nein, ausgeschlossen. Sie war Oma Wetterwachs, geistig so gesund wie eh und je. Sie hatte nie… Es klopfte an der Tür. Oma blinzelte, erleichtert darüber, von jenen Überlegungen abgelenkt zu werden. Sie faltete das Blatt Papier zusammen, schob es in den Um- schlag, fügte den Umschlag dem Bündel hinzu, legte das Bündel in die Schatulle, schloß die Schatulle mit dem Schlüssel, der neben dem Kamin an der Wand hing… und ging zur Tür. Dort zögerte sie kurz und verge- wisserte sich, daß sie nicht geistesabwesend die Kleidung abgelegt hatte oder so. Schließlich öffnete sie. »‘n Abend«, sagte Nanny Ogg und hob eine zugedeckte Schüssel. »Ha- be dir was mitgebracht…« Oma Wetterwachs sah an ihr vorbei. »Was sind das für Leute?« fragte sie. Die drei Mädchen senkten verlegen den Blick. »Nun«, begann Nanny, »sie kamen zu mir und…« »Sag’s mir nicht – laß mich raten. Na so was, na so was. Drei Mädchen, die Hexen werden möchten, stimmt’s?« Im Falsett fuhr Oma fort: »›Oh, bitte, Frau Ogg, wir sehen unsere Fehler ein und möchten richtige Hexerei lernen.‹ Habe ich recht?« »Ja, etwas in der Art«, erwiderte Nanny. »Aber…« »Es geht hier um Hexenkunst«, betonte Oma Wetterwachs. »Nicht um irgendein Spiel. Ach, ach…« Sie ging an der kurzen Reihe zitternder Möchtegernhexen entlang. »Wie heißt du, Mädchen?« »Magenta Frottich, Frau Wetterwachs.« »Ich wette, deine Mutter nennt dich anders.« Magenta sah zu Boden. »Für Mama bin ich Violett, Frau Wetterwachs.«, »Nun, ist wenigstens eine bessere Farbe als Magenta«, bemerkte Oma. »Möchtest ein bißchen mysteriös wirken, wie? Die Leute sollen glauben, dir läge das Okkulte im Blut, oder? Kannst du Magie beschwören? Deine Freundin hat dich eine Menge gelehrt, stimmt’s? Stoß mir den Hut vom Kopf.« »Wie bitte?« Oma Wetterwachs trat zurück und drehte sich um. »Stoß ihn mir vom Kopf. Ich versuche nicht, dich daran zu hindern. Nur zu.« Magenta lief ein wenig violett an, bevor ihre Wangen rosa wurden. »Äh… Mit dem Tele-Dingsbums bin ich nie sehr gut zurechtgekom- men…« »Lieber Himmel! Na, mal sehen, was deine Freundinnen können. Wie heißt du, Mädchen?« »Amanita, Frau Wetterwachs.« »Ein hübscher Name. Nun, zeig uns, wozu du fähig bist.« Amanita wand sich nervös hin und her. »Ich, äh… Ich fürchte, ich krieg’s nicht hin, solange du mir zusiehst.« »Wirklich schade.« Und zum dritten Mädchen: »Wer bist du?« »Agnes Nitt«, sagte Agnes, die schneller von Begriff war als ihre beiden Begleiterinnen und deshalb nicht auf dem Namen Perdita bestand. »Na los. Versuch’s.« Agnes konzentrierte sich. »Es rührt sich nichts«, stellte Oma fest. »Habe den Hut noch immer auf. Zeig’s ihnen, Gytha.« Nanny Ogg seufzte, griff nach einem Zwerg und warf ihn. Oma fing ihn auf, bevor er ihr den Hut vom Kopf stoßen konnte. »Aber, aber…«, stotterte Amanita. »Du hast doch gesagt, daß wir Ma- gie verwenden sollen, um…« »Nein«, widersprach Oma. »Aber das hätte jeder gekonnt«, wandte Magenta ein., »Darum geht’s nicht«, sagte Oma. »Wichtig ist nur: Ihr seid nicht auf die Idee gekommen.« Sie lächelte, was nur sehr selten geschah. »Hört mal: Ich möchte nicht gemein zu euch sein. Ihr seid jung. Es gibt viele Dinge auf der Welt, mit denen ihr euch beschäftigen könntet. Wenn ihr wirklich wüßtet, was es mit der Hexenkunst auf sich hat… In dem Fall würdet ihr euch nicht mehr wünschen, Hexen zu sein. Geht jetzt. Kehrt heim. Wendet euch nicht dem Paranormalen zu, bevor ihr das Normale kennt. Na los, verschwindet!« »Es war ein Trick!« entfuhr es Magenta. »Diamanda hat recht. Ihr be- nutzt nur Worte und irgendwelche Tricks…« Oma hob die Hand. Die Vögel in den Bäumen stellten ihren Gesang ein. »Gytha?« Nanny Ogg griff besorgt nach ihrem Hut. »Dieses Ding hat mich zwei Dollar gekostet, Esme…« Lautes Donnern hallte durch den Wald. Blitze zuckten eher sanft vom Himmel herab. Oma richtete den Zeigefinger auf die Mädchen, die sich aus der Schuß- linie verziehen wollten. »Und nun…«, fauchte sie. »Ich schlage vor, ihr besucht eure Freundin. Sie hat eine Niederlage erlitten. Mit ziemlicher Sicherheit braucht sie Trost.« Magenta, Amanita und Agnes starrten noch immer auf den Zeigefin- ger. Er schien sie über alle Maßen zu faszinieren. »Ich habe euch gerade aufgefordert, nach Hause zu gehen. Und ich ha- be dabei ganz ruhig gesprochen. Soll ich etwa schreien?« Die Mädchen drehten sich um und liefen davon. Nanny Ogg schob die Hand durch eine arg in Mitleidenschaft gezoge- ne Hutkrempe. »Es dauerte eine halbe Ewigkeit, um alle Zutaten für das Schweine- heilmittel zu bekommen«, grummelte sie. »Man braucht dazu acht ver- schiedene Blattsorten: Weiden, Wurmkraut, Des Alten Mannes Hose… Einen ganzen Tag lang habe ich im Wald gesucht. Immerhin wachsen diese Blätter nicht einfach so an Bäumen…«, Oma Wetterwachs sah den Mädchen nach. Nanny Ogg zögerte. »Dabei fällt einem wieder die eigene Jugend ein, nicht wahr? Ich weiß noch, wie ich als Fünfzehnjährige vor der alten Biddy Unheimer stand und sie mit fast drohender Stimme sagte: ›Du willst was werden?‹ Ich hatte solche Angst, daß ich zu schlottern begann und…« »Ich habe nie vor jemandem gestanden«, sagte Oma Wetterwachs. »Ich bin Tag und Nacht in Mütterchen Owehs Garten geblieben, bis sie schließlich versprach, mich alles zu lehren, was sie wußte. Ha! Dazu brauchte sie eine Woche, und ich hatte jeden Nachmittag frei.« »Soll das heißen, du wurdest nicht auserwählt?« Oma Wetterwachs schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe selbst ge- wählt.« Sie zeigte nun einen Gesichtsausdruck, den Nanny Ogg sicher nicht so schnell vergessen sollte – obgleich sie es versuchen würde. »Ich habe selbst gewählt, Gytha. Und eins möchte ich klarstellen: Was auch immer geschieht – ich habe nie etwas bereut. Nie. Weder das eine noch das andere. Verstanden?« »Ja, Esme.« Was ist Magie? Zauberer erklären dieses Phänomen auf zweierlei Art und Weise, ab- hängig davon, wie alt sie sind. Ältere Zauberer sprechen von Kerzen, Kreisen, Planeten, Sternen, Bananen, Formeln und Runen. Außerdem betonen sie die Bedeutung von vier guten Mahlzeiten am Tag. Jüngere Zauberer – insbesondere die blassen, die den größten Teil ihrer Zeit im Forschungstrakt für hochenergetische Magie* verbringen – dozieren über * Dort stellte man folgendes fest: Das Thaum, von dem man bisher angenom- men hatte, es sei das kleinste Elementarteilchen der Magie, setzt sich aus soge- nannten Resonen** beziehungsweise Realitätsfragmenten zusammen. Bei weite- ren Forschungen ergab sich, daß jedes Reson aus einer Kombination von min- destens fünf »Aromen« besteht, bekannt unter den Bezeichnungen »oben«, »unten«, »seitlich«, »Sex-Appeal« und »Pfefferminz«.. ** wörtlich: »Ding-chen«, Fluktuationen in der morphischen Struktur des Universums, die im Grunde genommen unbeständige Qualität selbst eines besonders stabil anmutenden Raum-Zeit-Gefüges, die mangelnde Plausibilität der Wirk- lichkeit und so weiter. Anders ausgedrückt: Sie sind einer heißen Sache auf der Spur und quatschen munter vor sich hin, während sie Indizien sammeln… Es war fast Mitternacht. Diamanda lief über den Hügelhang, in Richtung der Tänzer. Dornbüsche und Heidekraut zerrten an ihrem Kleid. Die Demütigung brannte noch immer heiß in ihr. Die dummen und hinterhältigen Alten! Und die dummen Leute! Der Sieg gebührte ihr. Ja, nach den vorher vereinbarten Regeln hatte sie gewonnen! Und doch… Viel zu deutlich erinnerte sie sich an das Gelächter. Das tat weh. Noch immer sah sie die dummen, grinsenden Gesichter. Alle schlugen sich auf die Seite der schrecklichen Alten, die keine Ah- nung hatten, was die Hexenkunst wirklich bedeutete, wozu sie werden konnte. Sie würde es ihnen zeigen. Weiter vorn zeichneten sich die Tänzer dunkel im Mondschein ab. Nanny Ogg bückte sich, um festzustellen, ob ein Mann unterm Bett lag. Sie hatte Pech. An diesem Abend ging sie früh zu Bett. Ein ereignisreicher Tag lag hinter ihr. Neben dem Bett stand ein Glas mit Bonbons, direkt neben einer dik- ken Flasche mit jener klaren Flüssigkeit, die aus dem komplizierten De- stillierapparat hinterm Holzschuppen stammte. Es handelte sich dabei nicht direkt um Whisky und ebensowenig um Gin. Aber eins stand fest: Der Alkoholgehalt betrug neunzig Prozent, und welchen Namen auch immer das Zeug verdiente: Es spendete großen Trost, wenn man gegen drei Uhr nachts erwachte und nicht mehr wußte, wer man war. Nach einem Glas wußte man es noch immer nicht, aber daran gab es kaum etwas auszusetzen, da man ohnehin eine völlig neue Identität gewonnen hatte., Nanny schüttelte vier Kissen auf, trat die flauschigen Pantoffeln in eine Ecke und zog sich die Decken über den Kopf – auf diese Weise schuf sie ein kleines, warmes und nicht gerade sehr angenehm duftendes Nest. Sie lutschte ein Bonbon. In Nanny Oggs Mund steckte nur noch ein Zahn, der im Lauf der Jahre mit vielem fertig geworden und daher abgehärtet war. Süßigkeiten vor dem Schlafen machten ihm keine besonderen Sor- gen. Nach mehreren Sekunden deutete ein Gewicht auf Nannys Füßen dar- auf hin, daß Greebo seinen gewohnten Platz beanspruchte. Er schlief immer am Fußende des Betts. Morgens versuchte er auf eine zärtliche Art, Frauchen die Augen auszukratzen, und stellte somit einen sehr zu- verlässigen Wecker dar. Trotzdem ließ Nanny immer ein Fenster geöff- net – falls der Kater das Bedürfnis verspürte, draußen irgend etwas zu zerfleischen, der liebe Kerl. Tja, Elfen… (Sie konnten das Wort nicht hören, solange es sich auf das Innere eines Kopfes beschränkte und eine gewisse Distanz gewahrt blieb.) Bisher war sie davon ausgegangen, nie wieder welche zu sehen. Wie lange war’s her? Vermutlich Hunderte von Jahren, vielleicht sogar Tausende. Hexen sprachen nicht gern über diese Angelegenheit, denn in bezug auf die Elfen waren ihnen gewisse Fehler unterlaufen. Schließlich hatten sie die Elfen jedoch durchschaut – im letzten Augenblick. Damals hatte es viel mehr Hexen gegeben. Sie hatten die Elfen überall gestellt, bis diese nirgends mehr Ruhe und Zuflucht fanden. Man bekämpfte sie mit Eisen. Elfen konnten Eisen nicht ausstehen. Es blendete sie oder so. Jetzt gab es nur noch wenige Hexen. Zumindest nur noch wenige richti- ge. Und ein anderes Problem kam hinzu: Die Leute schienen sich nicht mehr daran zu erinnern, was es mit den Elfen auf sich hatte. Damals war das Leben sicher interessanter gewesen, vor allem deswegen, weil es nicht so lange dauerte. Und es hatte mehr Farbe gehabt, vor allem die von Blut. Nach einer Weile wagten es die Leute nicht mehr, ihre Peiniger beim richtigen Namen zu nennen. Statt dessen sprachen sie von Schimmernden und Sternenleuten und so weiter. Außerdem spuckten sie und berührten Eisen. Doch Generatio- nen später vergaß man das mit dem Spucken und dem Eisen; man erin-, nerte sich nicht mehr daran, warum man jene anderen Namen verwendet hatte. Man wußte nur noch von der Schönheit der Elfen. Ja, damals hatte es viele Hexen gegeben. Es war häufig geschehen, daß Frauen leere Wiegen fanden und ein Ehemann nicht von der Jagd heim- kehrte – weil er selbst gejagt worden war. Elfen! Gefährlich und gemein. Und doch… Ja, sie stellten irgend etwas mit der Erinnerung an. Nanny Ogg drehte sich auf die andere Seite, und Greebo protestierte mit leisem Knurren. Man nehme nur Zwerge und Trolle. Die Leute sagten: Oh, man kann ihnen nicht trauen. Mit Trollen ist soweit alles in Ordnung, solange man sie im Auge behält, und manche von ihnen scheinen ganz anständig zu sein, aber im Grunde ihres Herzens sind sie verschlagen und dumm. Und Zwerge… sind habgierig und hinterhältig, die Burschen. Na schön, gelegentlich begegnet man welchen, die nicht ganz so schlimm sind, aber im großen und ganzen unterscheiden sich Zwerge kaum von Trollen. Mit anderen Worten: Sie… … ähneln uns. Wie dem auch sei: Man kann sie sicher nicht als schön bezeichnen, und außerdem fehlt ihnen Stil. Was uns betrifft: Wir sind dumm, und das Gedächtnis spielt uns Streiche. Wir erinnern uns an die Schönheit der Elfen, an die Art und Weise, in der sie sich bewegten. Wir vergessen dabei, was sie waren. Wir sind wie Mäuse, die sagen: »Eins muß man den Katzen lassen – sie haben Stil.« Es war nie vorgekommen, daß Menschen aus Furcht vor Zwergen in ihren Betten zitterten. Niemand versteckte sich vor einem Troll unter der Treppe. Ab und zu verscheuchte man sie aus dem Hühnerstall – Zwerge und Trolle waren eigentlich nie mehr als harmlose Quälgeister. Sie säten kein Entsetzen. Wir erinnern uns daran, daß die Elfen sangen. Aber wir wissen nicht mehr, worum es in den Liedern ging. Nanny Ogg drehte sich erneut auf die andere Seite. Etwas rutschte, und mit einem leisen, kläglichen Miauen plumpste Greebo auf den Bo- den., Nanny setzte sich abrupt auf. »Zieh die Wanderpfoten an, Freundchen. Wir machen einen kleinen Ausflug.« In der mitternächtlichen Küche verharrte sie, griff nach einem Plättei- sen und verband es mit einer Wäscheleine. Ihr ganzes Leben lang war sie durchs nächtliche Lancre gewandert, ohne eine Waffe für notwendig zu halten. Natürlich war sie auf den er- sten Blick als Hexe zu erkennen gewesen, und ein Angreifer hätte es sehr bereut, Nanny in irgendeiner Weise zu belästigen. Aber auch für andere Frauen gab es praktisch nichts zu befürchten. Übrigens galt das gleiche für Männer. Jetzt spürte Nanny, wie Unbehagen in ihr keimte. Die Elfen kehrten zurück und warfen ihre Schatten voraus. Diamanda erreichte die Kuppe des Hügels. Sie zögerte und dachte daran, daß ihr die alte Wetterwachs vielleicht gefolgt war. Das hielt sie durchaus für möglich. Außerdem hatte sie un- terwegs im Wald eine andere Präsenz gespürt. Weit und breit war niemand zu sehen. Sie drehte sich um. »Guten Abend.« »Du? Also bist du mir doch gefolgt.« Oma stand im Schatten des Flötenspielers auf. Dort hatte sie gesessen, in ihrer schwarzen Kleidung praktisch unsichtbar. »Ich hab’s von meinem Vater gelernt«, sagte sie. »Damals, wenn er auf die Jagd ging, meinte er immer: Ein schlechter Jäger jagt, und ein guter wartet.« »Ach? Jagst du mich jetzt?« »Nein. Ich habe gewartet. Ich wußte, daß du hierherkommen würdest. Wohin solltest du sonst gehen? Du willst sie rufen, nicht wahr? Zeig mir deine Hände.« Omas Tonfall blieb unverändert, doch die letzten Worte kamen einem Befehl gleich. Diamandas Hände bewegten sich von ganz allein und ga-, ben ihr keine Gelegenheit, sie zu kontrollieren. Oma griff danach und hielt sie fest – ihre Haut fühlte sich an wie Sackleinen. »Hast nie hart gearbeitet, oder?« kommentierte sie im Plauderton. »Hast nie Kohl mit Eis drauf geschnitten oder ein Grab ausgehoben oder eine Kuh gemolken oder eine Leiche aufgebahrt.« »Das muß man auch nicht, um eine Hexe zu sein!« erwiderte Diamanda scharf. »Habe ich das behauptet? Ich möchte dir etwas erzählen. Es geht dabei um rotgekleidete Frauen mit Sternen im Haar. Und vielleicht auch Mon- den. Es geht um Stimmen, die hinter deiner Stirn erklingen, während du schläfst. Und um die Verlockung der Macht. Sie hat dir große Macht versprochen, nehme ich an. Sie hat dir in Aussicht gestellt, alle deine Wünsche zu erfüllen. Einfach so.« Diamanda schwieg. »Das ist schon einmal geschehen. Es gibt immer jemanden, der bereit- willig zuhört.« Oma Wetterwachs’ Blick schien einen Punkt in der Ferne anzuvisieren. »Wenn man einsam ist, wenn alle anderen Leute dumm zu sein scheinen, wenn die Welt voller Geheimnisse steckt, in die einen niemand einweiht…« »Kannst du meine Gedanken lesen?« »Deine?« Oma richtete wieder ihre volle Aufmerksamkeit auf das Mäd- chen, und die alte Schärfe kehrte in ihre Stimme zurück. »Ha! Blumen und so. Ohne Schlüpfer tanzen. Mit Karten und Bindfäden herumspie- len. Und vermutlich hat’s auch geklappt. Die Frau in Rot gab dir Macht, für eine Weile. Oh, sicher hat sie gelacht. Später gab es etwas weniger Macht, für einen Preis. Und irgendwann gibt es keine Macht mehr, und du bezahlst jeden Tag. Sie nehmen immer mehr als sie geben. Und was sie geben… Es hat überhaupt keinen Wert. Und dafür nehmen sie alles. Insbesondere unsere Furcht gefällt ihnen. Und sie haben es vor allem auf unseren Glauben abgesehen. Sie kommen, wenn du sie rufst. Ja, wenn du sie rufst, öffnest du eine Tür, denn zur Kreis-Zeit sind die Wände zwi- schen den Welten dünn genug, um die andere Seite zu hören. Die Tänzer sind bereits sehr geschwächt. Ich… ich lasse nicht zu, daß die Herren und Herrinnen zurückkehren.«, Diamanda machte den Mund auf. »Ich bin noch nicht fertig. Du bist ein intelligentes Mädchen. Es gibt viele interessante Dinge für dich. Eine Hexe möchtest du bestimmt nicht sein. Es ist alles andere als ein leichtes Leben.« »Du verrückte Alte! Du verstehst doch gar nichts! Die Elfen sind ganz anders…« »Sprich den Namen nicht laut aus! Sprich ihn nicht laut aus! Sie kom- men, wenn man sie ruft…« »Gut! Elfen, Elfen, Elfen! Elfen…« Oma versetzte dem Mädchen eine schallende Ohrfeige. »Selbst du solltest wissen, daß so etwas töricht und kindisch ist«, sagte sie. »Hör mir zu. Wenn du in Lancre bleiben willst, so rate ich dir drin- gend, die Hexerei an den Nagel zu hängen. Oder du kannst einen ande- ren Ort aufsuchen, erfolgreich sein, eine Dame von Welt werden und so – du hast das Zeug dazu. Vielleicht kehrst du in zehn Jahren zurück, mit vielen Juwelen und so. Vielleicht kannst du uns Stubenhocker dann her- umkommandieren. Nun, warum nicht? Aber wenn du hierbleibst und versuchst, sie zu rufen… Dann bekommst du es mit mir zu tun. In dem Fall geht’s nicht mehr um irgendwelche dummen Spielchen im Sonnen- schein, sondern um echte Hexenkunst. Ich meine nicht den Unfug mit Monden und Kreisen. Nein, ich meine wahre Fleisch-und-Knochen- Magie. Und davon hast du nicht die geringste Ahnung, kapiert? Bei sol- chen Sachen ist für Gnade und Barmherzigkeit kein Platz.« Diamanda hob den Kopf. Omas Hand hatte eine rote Stelle in ihrem Gesicht hinterlassen. »Soll ich jetzt gehen?« fragte sie. Oma Wetterwachs reagierte eine Sekunde zu spät. Diamanda sprang zwischen die Steine. »Du dummes Kind! Nicht dorthin!« Die Gestalt des Mädchens wurde bereits kleiner, obgleich die Entfer- nung nur einen oder zwei Meter betrug. »Verflixt!«, Oma folgte Diamanda und hörte, wie die Tasche ihres Rocks aufriß – darin steckte der Schürhaken, den sie sicherheitshalber mitgenommen hatte. Das Ding sauste nun davon, schepperte an einen Tänzer und kleb- te daran fest. Ein dumpfes Pling-plong erklang, als sich die Nägel aus den Stiefeln lö- sten und zu den Steinen sausten. Gegenstände aus Eisen konnten nicht ins Innere des Kreises gelangen. Oma sprintete bereits, als sie begriff, was das bedeutete. Nun, und wenn schon – sie hatte eine Entscheidung getroffen. Ein Gefühl geistiger Verrenkung stellte sich ein, als die Richtungen mit einem chaotischen Tanz begannen. Und dann lag Schnee auf dem Bo- den. Er war weiß. Er mußte weiß sein, denn immerhin handelte es sich um Schnee. Aber bunte Muster glitten darüber hinweg – der Wider- schein des kalten Funkelns am Himmel. Diamanda kam nur mühsam voran. Ihre Schuhe waren eher zum Pro- menieren in der sommerlichen Stadt und ganz bestimmt nicht für dreißig Zentimeter hohen Schnee gemacht. Omas Stiefel hingegen würden selbst ohne Nägel mit einem Marsch über heiße Lava fertigwerden. Allerdings: Sie wurden schon seit vielen Jahren von den gleichen Mus- keln angetrieben, die jetzt schnell ermüdeten. Was dazu führte, daß Dia- mandas Vorsprung wuchs. Aus dem dunklen Nachthimmel fiel noch mehr Schnee. Jenseits des Steinkreises warteten, angeführt von der Königin, einige Reiter. Jede Hexe kannte sie und ihre Erscheinung. Diamanda stolperte und fiel, stemmte sich wieder hoch und verharrte auf Knien im kalten Weiß. Oma blieb stehen. Das Pferd der Königin wieherte. »Knie nieder vor deiner Königin«, sagte die Elfe. Sie trug ein rotes Gewand und eine kupferne Krone. »Nein«, erwiderte Oma Wetterwachs schlicht. »Du bist hier in meinem Reich, Frau«, stellte die Königin fest. »Und deshalb hast du mir zu gehorchen. Knie nieder!«, »Ich gehorche niemandem«, brummte Oma. »Ich habe nie jemandem gehorcht, und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.« Sie legte die Hand auf Diamandas Schulter. »Das sind deine Elfen. Hübsch, nicht wahr?« Die Krieger waren mehr als zwei Meter groß. Sie trugen keine Klei- dung im eigentlichen Sinne, sondern bunt zusammengefügte Dinge: Fell- reste, Bronzefacetten, Kordeln mit Federn in allen Farben. Wo sich nackte Haut zeigte, waren blaue und grüne Tätowierungen zu sehen. Einige jener Elfen hielten Bögen bereit, und ihre Pfeile zielten auf Oma Wetterwachs. Das Haar umgab die Köpfe wie eine Art Halo und glänzte ölig. Zwar hatte Diamanda nie zuvor schönere Gesichter gesehen, aber in ihr reifte nun die Erkenntnis, daß etwas daran nicht stimmte. In den Mienen gab es einen rätselhaften Faktor, der nicht zur allgemeinen Ästhetik paßte. »Wir sind nur deshalb noch am Leben, weil wir lebend interessanter sind als tot«, ertönte Omas Stimme hinter dem Mädchen. »Hör nicht auf die griesgrämige Alte«, sagte die Königin. »Was kann sie dir schon bieten?« »Mehr als Schnee im Sommer«, entgegnete Oma. »Die Augen. Sieh dir die Augen an.« Die Königin stieg ab. »Gib mir deine Hand, Kind.« Sofort streckte Diamanda den Arm aus. Die Augen… Sie waren tatsächlich irgendwie sonderbar. Es lag nicht an Form, Farbe oder einem unheilvollen Glanz. Der seltsame Aspekt ging zurück auf… Auf den Blick. Einen solchen Blick hätten Mikroben gesehen, wenn sie in der Lage wären, durch ihr Ende des Mikroskops zu spähen. Er vermit- telte ungefähr folgende Botschaft: Du bist nichts. Und: Du steckst voller Makel und bist ohne jeden Wert. Und: Du bist ein Tier. Und: Du kannst Schoßhündchen werden – oder Beute. Und: Die Entscheidung darüber steht nicht dir zu. Diamanda versuchte, die Hand zurückzuziehen., »Verschwinde aus ihrem Bewußtsein, alte Vettel!« Schweißtropfen bildeten sich auf Omas Stirn. »Ich bin gar nicht in ihrem Selbst. Ich sorge nur dafür, daß du nicht hineinkannst.« Die Königin lächelte. Nie hatte Diamanda ein schöneres Lächeln gese- hen. »Du verfügst sogar über ein wenig Macht. Erstaunlich. Ich bin immer davon überzeugt gewesen, daß du es nie zu etwas bringen würdest, Es- meralda Wetterwachs. Aber hier nützt dir deine Hexerei nichts.« Und zu den Kriegern: »Tötet sie beide. Aber nicht gleichzeitig. Die eine soll beo- bachten, wie die andere stirbt.« Die Königin schwang sich wieder in den Sattel und ritt davon. »Tja, das wär’s dann wohl«, sagte Oma Wetterwachs, als sich die Krie- ger näherten. Sie senkte die Stimme. »Lauf, wenn es soweit ist«, flüsterte sie. »Wenn was soweit ist?« »Du wirst es merken.« Oma wandte sich den Elfen zu und sank auf die Knie. »Oh, bitte, laßt mich am Leben, ich bin eine arme alte Frau, und auch ganz dünn«, wimmerte sie. »Bitte, junger Herr, töte mich nicht. Ach, herrje!« Oma rollte sich zusammen und schluchzte. Diamanda bedachte sie mit einem verblüfften Blick und fragte sich, wie jemand ernsthaft erwarten konnte, daß ein derart offensichtlicher Trick funktionierte. Nun, Elfen waren ziemlich lange von Menschen isoliert gewesen. Der erste Elf erreichte Oma Wetterwachs, packte sie an der Schulter, zerrte sie hoch und… Und wurde von einer knochigen Faust getroffen. Nanny Ogg hätte es sicher sehr überrascht, wo die Faust traf: Sie hatte geglaubt, daß Oma Wetterwachs von diesem Teil der männlichen Anatomie nichts wußte. Diamanda lief bereits. Omas Ellenbogen traf den zweiten Elfen vor die Brust, als er das Mädchen verfolgen wollte. Weiter hinten hörte sie das glucksende Lachen der übrigen Krieger., Diamanda war verblüfft gewesen, als Oma um Gnade flehte. Ihre Ver- blüffung wuchs nun, als die alte Hexe zu ihr aufschloß. Nun, für Oma gab es mehr, vor dem die Flucht lohnte… »Die Elfen haben Pferde!« Oma Wetterwachs nickte. Nun, Pferde können schneller laufen als Menschen, aber das gilt nur, wenn die Entfernungen über ein bestimm- tes Mindestmaß hinausgehen. Unter dieser kritischen Distanz sind Men- schen schneller, weil sie nicht so viele Beine sortieren müssen. Oma griff nach Diamandas Arm. »Zur Lücke zwischen dem Flötenspieler und Trommler!« »Welche Steine meinst du?« »Nicht einmal das weißt du?« Ja, unter gewissen Umständen sind Pferde langsamer als Menschen. Doch Oma Wetterwachs dachte nun daran, daß Menschen kaum schnel- ler sein können als Pfeile. Etwas zischte an ihrem Ohr vorbei. Bis zum Steinkreis schien es noch immer sehr weit zu sein. Es gab nur eine Möglichkeit, und die erschien unmöglich. Bisher hatte Oma diese Fähigkeit nur verwendet, wenn sie lag oder sich an etwas leh- nen konnte. Aber jetzt… Vier Elfen verfolgten sie. Oma Wetterwachs hielt sich nicht damit auf, in Erwägung zu ziehen, ihr Denken zu manipulieren. Aber die Pferde… Ja, die Pferde… Sie waren karnivor, und ihre Selbstsphären erinnerten an Pfeilspitzen. Die Regeln des Borgens lauteten: Man füge kein Leid zu; man lasse sich nur von den fremden Gedanken tragen; man übe keinen Einfluß aus… Nun, es waren keine Regeln, an die man sich unbedingt halten mußte. Es handelte sich um Richtlinien… Ein Pfeil bohrte sich in Omas Hut. Selbst die Bezeichnung »Richtlinien« erschien ein wenig übertrieben., Wenn man genau darüber nachdachte… Ach, verflixt. Oma Wetterwachs schickte ihr Ich in den Geist des ersten Pferds und durchdrang verschiedene Schichten aus Fast-Wahnsinn – so etwas be- fand sich praktisch in jedem Pferde-Selbst. Für einen Sekundenbruchteil sah sie durch die blutunterlaufenen Augen des Tiers und beobachtete eine alte, ganz in Schwarz gekleidete Frau, die durch den hohen Schnee stapfte. Aus einem Reflex heraus versuchte sie, sechs Beine gleichzeitig zu steuern, wobei zwei zu einem anderen Körper gehörten. Der Versuch, auf einem Musikinstrument eine bestimmte Melodie zu spielen und eine ganz andere zu singen*, war im Vergleich dazu kinder- leicht. Oma wußte, daß sie die mentale Verbindung höchstens einige Sekun- den lang aufrechterhalten durfte, wenn sie nicht völliger Verwirrung zum Opfer fallen wollte. Doch einige Sekunden genügten. Sie ließ die Desori- entierung in sich gedeihen, griff nach ihrer Frucht und stopfte sie in das Selbst des Pferds. Anschließend zog sie sich sofort zurück und brachte den eigenen Körper unter Kontrolle, als er gerade das Gleichgewicht verlor. Im Kopf des Pferds herrschte totale Konfusion. Es wußte nicht mehr, was es war und wie es an diesen Ort gekommen war. Schlimmer noch: Die Anzahl der Beine schien ein unlösbares Rätsel darzustellen. Es konnte wählen zwischen zwei, vier und vielleicht auch sechs. Das Roß schloß einen Kompromiß und entschied sich für drei. Oma hörte, wie es schrie und ziemlich laut fiel. Der Lärm deutete dar- auf hin, daß auch andere Pferde stürzten. »Ha!« Sie riskierte einen Blick über die Schulter. Diamanda weilte nicht mehr neben ihr. Sie lag einige Meter weiter hinten und versuchte gerade, wieder auf die Beine zu kommen. Ihr Gesicht war fast ebenso weiß wie der Schnee. Aus ihrer Schulter ragte ein Pfeil. * Nanny Ogg brachte das problemlos fertig, wenn auch unabsichtlich., Oma Wetterwachs eilte zurück und zog das Mädchen hoch. »Komm! Es ist nicht mehr weit!« »Ich kann nicht… kn’ht…« Diamanda kippte nach vorn. Oma fing sie auf, bevor sie erneut zu Bo- den sank, und warf sie sich mit einiger Mühe über die Schulter. Nur noch einige Schritte – dann konnte sie sich einfach nach vorn fal- len lassen. Eine Klauenhand tastete nach ihrem Kleid… Drei Gestalten fielen, rollten durch sommerlichen Adlerfarn. Der Elf stand als erster auf, sah sich benommen und triumphierend um. Er hielt ein Messer mit langer Kupferklinge in der Hand. Sein Blick wanderte zu Oma, die auf dem Rücken gelandet war. Sie nahm den Gestank des Wesens wahr, als es das Messer hob, suchte ver- zweifelt nach einem Weg ins fremde Bewußtsein… Etwas sauste an ihr vorbei. Ein Seil schlang sich um den Hals des Elfen, gefolgt von einem recht massiven Gegenstand. Das Geschöpf erstarrte entsetzt, als ein Plätteisen sein Gesicht in einem Abstand von etwa hundert Zentimetern passierte und in einen Orbit schwenkte, dessen Durchmesser sich mit jedem Um- lauf verringerte. Schließlich schlug es an den Hinterkopf des Wesens. Die Wucht des Aufpralls genügte, um den Elfen von den Beinen zu reißen und bewußtlos zu Boden zu schleudern. Nanny Ogg erschien in Omas Blickfeld. »Potzblitz, riecht ziemlich streng, der Bursche«, sagte sie. »Elfen kann man aus zwei Kilometern Entfernung riechen, und zwar gegen den Wind.« Oma Wetterwachs stand auf. Der Steinkreis enthielt nur Gras, weder Schnee noch Elfen. Sie wandte sich Diamanda zu, und das gleiche tat Nanny. Das ohn- mächtige Mädchen rührte sich nicht. »Von einem Elfenpfeil getroffen«, sagte Oma. »Üble Sache.«, »Die Spitze steckt noch in der Wunde.« »Ich kann sie entfernen – das ist kein Problem«, meinte Nanny Ogg. »Aber das Gift… Wir könnten eine Aderpresse anlegen.« »Ha! Etwa am Hals?« Oma setzte sich, zog die Knie an und stützte das Kinn darauf. Ihre Schultern schmerzten. »Muß erst wieder zu Atem kommen«, brummte sie. Vor ihrem inneren Auge formten sich Bilder. Es geht schon wieder los, dachte Oma. Sie wußte, daß es alternative Zukunftsstrukturen gab – das hatte es schließlich mit der Zukunft auf sich. Aber alternative Vergan- genheiten… Ein wenig Konzentration genügte, um sich daran zu entsin- nen, daß sie gerade aus dem Steinkreis gekommen war, doch diesen Re- miniszenzen gesellten sich andere hinzu. Sie erinnerte sich zum Beispiel daran, daheim im Bett gelegen zu haben, nicht in einer Hütte, sondern in einem richtigen Haus, ja, und es waren keine fremden Erinnerungen, son- dern ihre eigenen. Irgend etwas ließ sie ahnen, zu schlafen und zu träu- men… Sie versuchte, den Blick auf Nanny Ogg zu richten. Gytha bot eine be- ruhigend stabile und solide Realität. Nanny holte gerade ein Taschenmesser hervor. »Was hast du damit vor?« »Ich will das Wesen von seinem Leid erlösen.« »Auf mich erweckt es nicht den Eindruck, sehr zu leiden.« Nanny Ogg schürzte nachdenklich die Lippen. »Das könnte ich schnell ändern, Esme.« »Es gehört sich nicht, das Geschöpf zu quälen, nur weil es hilflos auf dem Boden liegt, Gytha.« »Ich warte nicht, bis es aufsteht und sich wehren kann, Esme.« »Gytha!« »Damals haben die Elfen kleine Kinder verschleppt. So etwas darf nicht noch einmal geschehen. Wenn ich mir vorstelle, daß jemand unse- ren Pewsey entführt…«, »So dumm sind nicht einmal Elfen. Habe in meinem ganzen Leben kein klebrigeres Kind gesehen.« Oma zog behutsam ein Lid des Mädchens hoch. »Weilt in einer völlig anderen Welt«, kommentierte sie und hob Dia- manda hoch. »Ich trage sie. Kümmere du dich um den Burschen dort.« »Es war sehr tapfer von dir, das Mädchen zu retten«, sagte Nanny. »Si- cher bist du dadurch langsamer vorangekommen. Und Pfeile sind schnell.« »Ich hatte einen guten Schild«, erwiderte Oma. Diese Worte schockierten Nanny Ogg. »Was? Daran hast du bestimmt nicht gedacht, oder?« »Nun, das Kind war bereits getroffen«, brummte Oma Wetterwachs. »Und wenn es mich ebenfalls erwischt hätte, wäre eine Flucht nicht mehr möglich gewesen.« »Aber das… das ist herzlos, Esme!« »Es mag herzlos sein, aber nicht kopflos. Es ging mir nicht um irgend- welche Nettigkeiten, sondern um Vernunft. Warum siehst du mich so an? Kommst du jetzt? Oder willst du den ganzen Tag mit offenem Mund dort herumstehen?« Nanny schloß den Mund – und öffnete ihn wieder, um zu sagen: »Was willst du jetzt unternehmen?« »Nun, kannst du das Mädchen heilen?« »Ich? Nein.« »Und ich auch nicht«, meinte Oma Wetterwachs. »Aber ich kenne je- manden, der das vielleicht hinbekommt. Den da bringen wir zunächst mal im Kerker unter. Da unten gibt’s viel Eisen: Gitter und so. Dürfte dafür sorgen, daß er ruhig bleibt.« »Wie hat er es geschafft, in unsere Welt zu gelangen?« fragte Nanny. »Er hielt sich an mir fest. Vielleicht öffnet sich eine Lücke in der von… Steinkraft geformten Barriere, um Menschen durchzulassen. Ich weiß, nicht genau, wie’s funktioniert. Mir genügt’s, wenn seine Freunde da drin bleiben.« Nanny hob sich den bewußtlosen Elfen mühelos auf die Schulter.* »Riecht unangenehmer als die schmutzigste Ecke eines Ziegenstalls«, klagte sie. »Ich schätze, zu Hause muß ich ein Bad nehmen.« »Meine Güte«, erwiderte Oma. »Es wird immer schlimmer, nicht wahr?« Was ist Magie? Hexen erklären dieses Phänomen auf zweierlei Art und Weise, abhän- gig davon, wie alt sie sind. Ältere Hexen vermeiden es, darüber zu reden, doch tief in ihrem Herzen vermuten sie folgendes: Das Universum weiß eigentlich gar nicht, was vor sich geht, und es besteht aus Billionen von Milliarden von Millionen Möglichkeiten. Zu jeder einzelnen davon könn- te es werden, wenn man ein trainiertes Bewußtsein mit Quantengewiß- heit in den Spalt schiebt und hebelt. Anders ausgedrückt: Wenn man den Hut einer bestimmten Person explodieren lassen wollte, so brauchte man sich nur in ein Universum zu hebeln, in dem eine genügend große Anzahl von Hutmolekülen beschloß, zur gleichen Zeit in unterschiedliche Rich- tungen davonzufliegen. Jüngere Hexen hingegen reden ständig über Magie und glauben, daß es dabei um Kristalle, mystische Kräfte und Tänze ohne Schlüpfer geht. Vielleicht haben alle Recht, und zwar gleichzeitig. So ist das eben mit den Quanten. Früher Morgen. Shawn patrouillierte auf den Wehrgängen – im Moment war es seine Pflicht, die Bewohner des Schlosses vor allen eventuell an- greifenden Barbarenhorden zu schützen. Ihm gefiel das militärische Leben. Manchmal wünschte er sich, daß wenigstens eine kleine Horde angreifen und ihm dadurch Gelegenheit * In den Chroniken der Scheibenwelt wurde bereits darauf hingewiesen, daß ganze landwirtschaftliche Ökonomien auf der Hebekraft alter, in Schwarz ge- kleideter Frauen basieren., geben würde, in die Rolle des strahlenden Helden zu schlüpfen. Oft träumte er davon, ein Heer in die Schlacht zu führen. Allerdings mußte sich der König zunächst einmal ein Heer zulegen… Ein kurzer Schrei deutete darauf hin, daß sich die erste Falkenkralle dieses Tages in Festgreifaahs Haut bohrte. Shawn achtete nicht darauf – solche Schreie gehörten zu den allgemei- nen Hintergrundgeräuschen des Schlosses. Er vertrieb sich gerade die Zeit damit, festzustellen, wie lange er die Luft anhalten konnte. Er kannte verschiedene Methoden, sich die Zeit zu vertreiben, denn der Wachdienst gab ihm mehr als genug Gelegenheit dazu. Zum Beispiel hingebungsvoll in der Nase bohren – dabei verging die Zeit wie im Flug. Oder Melodien furzen. Oder auf einem Bein stehen. Wenn alles andere versagte und die Mahlzeiten nicht zu reich an Kohlehydraten gewesen waren, kam wie lange kann ich die Luft anhalten an die Reihe. Tief unten knarrte es zweimal. Der Türklopfer war so sehr verrostet, daß er nur dann Geräusche verursachte, wenn man ihn nach oben zog – dann quietschte es – und anschließend mit ganzer Kraft nach unten drückte. Dann quietschte es erneut, und manchmal pochte es sogar dumpf. Shawn holte tief Luft und beugte sich über die Zinnen. »Halt!« rief er. »Wer da?« »Ich bin’s«, ertönte es unten. »Deine Mutter.« »Oh, hallo, Mama. Hallo, Frau Wetterwachs.« »Sei ein guter Junge und laß uns herein.« »Freund oder Feind?« »Was?« »Das muß ich fragen, Mama. So verlangt’s die Dienstvorschrift. Und du antwortest: Freund.« »Ich bin deine Mutter.« »Es muß alles seine Ordnung haben, Mama«, erwiderte Shawn im be- drückten Tonfall eines Mannes, der weiß, daß er bereits verloren hat. »Das ist sehr wichtig, weißt du.« »Du riskierst, daß es gleich ›Feind‹ heißt, mein Junge.«, »Ich bitte dich, Mama!« »Na schön. Die Antwort lautet: Freund.« »Ja, und wenn du jetzt auch noch darauf hinweisen könntest, daß du…« »Laß uns herein, Shawn Ogg.« Shawn salutierte und hätte sich dabei fast selbst außer Gefecht gesetzt, weil er sich den Speerschaft ziemlich hart an den Kopf stieß. »Sofort, Frau Wetterwachs.« Sein rundes, ehrliches Gesicht verschwand hinter den Zinnen. Etwa eine Minute später rasselten die Ketten des Fallgatters. »Wie hast du das angestellt?« fragte Nanny Ogg. »Ganz einfach«, erwiderte Oma Wetterwachs. »Er weiß, daß du seinen hohlen Schädel nicht platzen läßt.« »Nun, dazu würdest du dich ebensowenig hinreißen lassen. Das weiß ich genau.« »Nein, das weißt du nicht. Du weißt nur, daß ich bisher keine derartigen Maßnahmen ergriffen habe.« Magrat hatte diese Sache bisher für einen Witz gehalten, doch jetzt stellte sie sich als gar nicht so lustige Realität heraus. Im großen Saal des Schlosses gab es einen sehr langen Tisch: Verence saß am einen Ende und die zukünftige Königin am anderen. Dabei ging es um die Etikette. Dem König gebührte der Platz am oberen Ende des Tisches. Ganz klar. Doch wenn Magrat rechts oder links von ihm saß, so mußten sie beide den Kopf drehen, um miteinander zu reden, was sehr unbequem war. Also kam nur das andere Ende des Tisches und Rufen in Frage. Und dann die Logistik der Anrichte. Die leichte Möglichkeit hätte dar- in bestanden, einfach hinüberzugehen und sich zu bedienen, aber das ließ sich nicht mit der königlichen Tradition vereinbaren. Wenn Könige damit begannen, sich selbst die Teller zu füllen, so stand das Ende der Monarchie unmittelbar bevor., Unglücklicherweise bedeutete das, sie mußten sich von Herrn Sprig- gins bedienen lassen, der an einem schlechten Gedächtnis, nervösen Zuckungen und einem Gummiknie litt. Um die Speisen aus der Küche zu holen, benutzte er einen uralten und nervenaufreibend knarrenden Aufzug. Der betreffende Schacht funktionierte dabei wie eine sehr lei- stungsfähige Kühlanlage: Warme Mahlzeiten waren kalt, wenn sie den Saal erreichten, kalte noch kälter. Niemand wußte, was mit Eiscreme und dergleichen geschehen würde; wahrscheinlich hätte das Phänomen eine Neuformulierung der thermodynamischen Gesetze erfordert. Die Köchin schien einfach nicht zu begreifen, was vegetarische Kost bedeutete. Die traditionelle Schloßküche bestand zum größten Teil aus arterienverkleisternden Spezialitäten und bot so viele saturierte Fette an, daß sie auf den Tellern kleine Lachen oder wabbelige Klümpchen bilde- ten. Gemüse diente nur dazu, Öl aufzusaugen, und in den meisten Fällen war es so gründlich gekocht, daß es sich als undefinierbare gelbe Masse präsentierte. Magrat hatte der Köchin Frau Scorbic gewisse Dinge zu erklären versucht, doch bei Worten wie »Vitaminen« wackelte das Drei- fachkinn der Frau so drohend, daß die Fast-Königin aus der Küche floh. Magrat nahm sich jetzt einen Apfel vor. Mit Äpfeln kannte sich die Köchin aus. Sie füllte sie mit Rosinen und Creme und machte große, gebratene und mehlige Dinge daraus. Magrat hatte aus purer Verzweif- lung einen rohen Apfel aus der Speisekammer gestohlen und plante auch, herauszufinden, wo die Karotten aufbewahrt wurden. Verence zeichnete sich undeutlich hinter silbernen Kerzenständern und diversen Büchern ab. Gelegentlich wechselten sie einen Blick und lächelten. Zumindest sah es nach einem Lächeln aus – angesichts der großen Entfernung konnte man nicht ganz sicher sein. Offenbar hatte der König gerade etwas gesagt. Magrat wölbte die Hände trichterförmig vorm Mund. »Wie bitte?« »Wir brauchen ein…« »Ich habe dich nicht verstanden.« »Was?«, »Was?« Schließlich stand Magrat auf und wartete, während Spriggins ihren Stuhl zum anderen Ende des Tisches schob, wobei die natürliche Blässe seiner Wangen einer purpurnen Tönung wich. Die ehemalige Hexe hätte ihren Stuhl auch selbst bewegen können, aber für Königinnen geziemte sich so etwas nicht. »Wir sollten uns einen Poeta laureatus zulegen«, sagte Verence und klopfte mit dem Zeigefinger auf eine bestimmte Stelle im Buch. »Jedes königliche Schloß braucht einen Hofdichter. Solche Leute schreiben Gedichte für besondere Anlässe.« »Ja?« »Ich habe dabei an Frau Ogg gedacht. Als Sängerin soll sie recht amü- sant sein.« Magrat verzog keine Miene. »Ich, äh, ich glaube, sie kennt viele Reime für bestimmte Worte«, erwi- derte sie. »Das übliche Honorar beträgt vier Taler und ein kleines Faß Sherry.« Verence sah auf die Seite. »Vielleicht kann man auch mit Ankh- Morpork-Dollars bezahlen und mit Wein anstelle von Sherry.« »Worin bestünden Nannys Pflichten?« erkundigte sich Magrat. »Hier heißt es, der Poeta laureatus trägt Gedichte bei Staatsfeierlichkei- ten vor«, antwortete Verence. Magrat kannte einige von Nannys fröhlichen Vorträgen – besonders eindrucksvoll waren jene, die sie mit Gesten untermalte. Sie nickte ernst. »Einverstanden«, sagte sie. »Vorausgesetzt – und dieser Punkt liegt mir sehr am Herzen –, vorausgesetzt, Nanny Ogg tritt ihr Amt erst nach unserer Hochzeit an.« »Wie?« »Nach der Hochzeit.« »Oh.« »Ich bitte ausdrücklich darum.« »Na schön. Wenn du möchtest…«, Jenseits der Doppeltür ertönten Stimmen, und kurz darauf schwang das Portal auf. Nanny Ogg und Oma Wetterwachs marschierten in den großen Saal. Shawn versuchte, sie zu überholen. »So versteh doch, Mama: Ich muß jeden Besucher ankündigen!« »Na los, sag ihnen, wer wir sind«, schlug Nanny vor. »Hallo, Euer Ma- jestäten.« »Dieses Schloß sei gesegnet«, meinte Oma. »Magrat, wir haben jeman- den mitgebracht, der behandelt werden muß.« Sie stieß einen Kerzenständer und etwas Geschirr zu Boden, legte Diamanda dann auf den Tisch. Auf dem langen Tisch war zwar genug Platz, aber ein ordentlicher Auftritt erforderte Dramatik. »Gestern seid ihr Feinde gewesen!« entfuhr es Magrat verdutzt. »Und wenn schon«, erwiderte Oma Wetterwachs. »‘n Morgen, Euer Majestät.« König Verence nickte. Manche Könige hätten jetzt nach den Wachen gerufen, aber Verence verzichtete darauf, weil er vernünftig war. Er hatte es mit Oma Wetterwachs zu tun und außerdem: Der einzige Wächter hieß Shawn Ogg und versuchte gerade, seine Trompete geradezubiegen. Nanny Ogg schlenderte zur Anrichte. Es fehlte ihr nicht am Mitgefühl, aber der Tag war bereits einige ereignisreiche Stunden alt, und niemand schien sich für den recht üppigen Rest des Frühstücks zu interessieren. »Was ist mit ihr passiert?« fragte Magrat, als sie mit der Untersuchung des Mädchens begann. Oma sah sich im Saal um. Rüstungen, Schilde an den Wänden, rostige Schwerter und Piken… Vermutlich gab es hier genug Eisen. »Ein Elf hat auf sie geschossen…« »Aber…«, begannen Magrat und Verence gleichzeitig. »Vergeudet jetzt keine Zeit damit, Fragen zu stellen. Ja, ein Elf hat auf das Kind geschossen. Sind schrecklich, ihre Pfeile. Sorgen dafür, daß der Geist ganz allein auf Wanderschaft geht. Nun, kannst du ihr helfen?« Trotz ihrer Gutmütigkeit fühlte Magrat einen Anflug von gerechtem Zorn. »Ach, plötzlich bin ich wieder eine Hexe. Du brauchst mich, und…«, Oma Wetterwachs seufzte. »Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Ich will nur eine klare Antwort. Kannst du ihr helfen? Ja oder nein. Wenn du ›nein‹ sagst, bringe ich das Mädchen fort und lasse dich in Ruhe.« Sie sagte das so gelassen, daß Magrat über den eigenen Ärger stolperte und sich wieder aufzurichten versuchte. »Ich habe nicht gesagt, daß ich keine Möglichkeit sehe, der Verletzten zu helfen. Ich wollte nur…« »Gut.« Es klapperte, als Nanny mehrere Terrinendeckel hob und wieder sin- ken ließ. »He, hier gibt’s drei verschiedene Arten Eier!« »Sie hat kein Fieber«, stellte Magrat fest. »Langsamer Puls. Die Augen trüb. Shawn?« »Ja, Fräulein Königin?« »Gekocht, verrührt und gebraten. Das nenn’ ich nobel.« »Lauf zu meiner Hütte und hol alle Bücher, die du dort findest. Ich glaube, ich habe schon einmal von solchen Symptomen gelesen, Oma. Shawn?« Shawn blieb auf halbem Wege zur Tür stehen. »Ja, Fräulein Königin?« »Gib auf dem Weg nach draußen in der Küche Bescheid. Dort soll man möglichst viel Wasser kochen. Wir müssen die Wunde zuerst säu- bern. Wie dem auch sei: Elfen…« »Ich überlasse die Sache dir«, sagte Oma und wandte sich ab. »Kann ich dich sprechen, Euer Majestät? Ich möchte dir etwas zeigen, unten im Keller.« »Ich brauche Hilfe«, wandte Magrat ein. »Frag Nanny.« »Damit meint sie mich«, sagte Nanny Ogg mit vollem Mund. »Was ißt du da?« »Toast mit Spiegelei und Ketchup«, lautete die glückliche Antwort., »Wenn’s so weitergeht, müssen wir nicht nur Diamanda behandeln, sondern auch dich«, murmelte Magrat und rollte die Ärmel hoch. »Geh und sieh in der Küche nach dem Rechten.« Sie betrachtete die Wunde. »Frag die Köchin, ob sie schimmeliges Brot hat…« Die Grundelemente der Zauberei sind der Orden, das Institut und natür- lich die Universität. Das Grundelement der Hexerei ist die Hexe, doch es gibt noch ein an- deres, immer vorhandenes Grundelement, nämlich die Hütte. Bei einer Hexenhütte handelt es sich um ein ganz besonderes architek- tonisches Objekt. Sie wird nicht in dem Sinne gebaut, sondern im Lauf der Zeit zusammengesetzt, was dazu führt, daß die reparierten Bereiche immer dichter zusammenrücken. Man denke dabei an eine Socke, die nur aus gestopften Stellen besteht. Der Kamin schraubt sich wie ein Korken- zieher nach oben. Das Reet des Daches ist so alt, daß kleine Bäume darin wachsen. Die Bodendielen sind hin und her gebogen; des Nachts knar- ren sie ebenso hingebungsvoll wie die Planken eines Segelschiffs im Sturm. Wenn nicht mindestens zwei Wände mit Balken abgestützt sind, ist es keine richtige Hexenhütte, sondern nur das Heim einer dummen Alten, die aus Teeblättern die Zukunft liest und mit ihrer Katze spricht. Offenbar locken solche Hütten die gleiche Art Hexen an. Das ist ganz natürlich. Jede Hexe bildet in ihrem Leben ein oder zwei junge Hexen aus, und wenn sie schließlich das Zeitliche segnet, nimmt eine Nachfol- gerin ihren Platz ein. In Magrats Hütte hatten nachdenkliche Hexen gewohnt, die dazu neig- ten, Dinge zu bemerken und zu notieren. Welche Kräuter wirkten besser gegen Kopfschmerzen als andere; Teile alter Geschichten; Legenden; dies und das – darum ging es in den schriftlichen Hinterlassenschaften. In den Regalen standen zwölf Bücher, die mit winziger Handschrift und sorgfältigen Zeichnungen vollgekritzelt waren. Hinzu kamen ge- trocknete und gepreßte Blumen und Frösche. Es war eine Hütte von Hexen, die sich der Forschung verschrieben hatten, die nicht aufhörten, Fragen zu stellen. Das Auge von welchem Molch? Welche Spezies von Haien, die in tiefen Meeresschluchten lebten?, Und wenn man zur Herstellung eines Tranks Blätter des Wilden Stief- mütterchens benötigte… In verschiedenen Teilen des Kontinents wuch- sen insgesamt siebenunddreißig Pflanzen, die diesen Namen trugen – welche war gemeint? Oma Wetterwachs kam mit der Hexerei deshalb besser zurecht als Ma- grat, weil sie wußte: Bei der Hexenkunst spielte es überhaupt keine Rolle, welche Blätter man verwendete. Magrat hingegen glaubte, daß solchen Dingen große Bedeutung zukam, und deshalb war sie die bessere Heilerin. Die Kutsche hielt vor einer Barrikade auf der Straße. Das Oberhaupt der Räuberbande rückte sich die Augenklappe zurecht – mit seinen Augen war alles in bester Ordnung, aber die Leute respek- tierten einen in Uniform mehr. Er trat näher. »Morgen, Jim. Was haben wir denn heute?« »Äh, diesmal könnten sich Probleme ergeben«, antwortete der Kut- scher. »Äh, da sitzen einige Zauberer drin. Und ein Zwerg. Und ein Af- fe.« Er hob die Hand zum Kopf und zuckte zusammen. »Ja, ein Affe. Daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen. Um es ganz deutlich zu sagen: Es handelt sich nicht um irgendein besonders haariges Tier.« »Ist alles in Ordnung mit dir, Jim?« »Diese Passagiere sind seit Ankh-Morpork an Bord. Sprich mich bloß nicht auf getrocknete Froschpillen an.« Der Räuberboß zog die Brauen hoch. »Na schön. Wie du meinst.« Er klopfte an die Tür der Kutsche. Das Fenster öffnete sich. »Ihr solltet euch diese Sache nicht als einen Überfall vorstellen«, sagte er. »Seht darin statt dessen eine interessante Anekdote, die ihr später euren Enkeln erzählen könnt.« Im Innern der Kutsche sagte eine Stimme: »Das ist er! Der Kerl hat mein Pferd geklaut!«, Der Stab eines Zauberers ragte durchs Fenster. Der Räuber sah den Knauf am Ende. »Oh, ich bitte euch«, sagte er freundlich. »Ich kenne die Regeln. Zaube- rer dürfen nur dann Magie gegen Zivilisten einsetzen, wenn sie in eine Situation geraten, die ihr Leben unmittelbar bedro…« Oktarines Licht gleißte. »Es ist keine Regel«, stellte Ridcully fest. »Eher eine unverbindliche Richtlinie.« Er wandte sich an Ponder Stibbons. »Eine interessante Ver- wendung von Mumucks Morphischem Resonator, wie du hoffentlich bemerkt hast.« Ponder sah zu Boden. Der Räuberboß war in einen Kürbis verwandelt worden; das Naturge- setz des allgemeingültigen Humors sorgte dafür, daß er nach wie vor seinen Hut trug. »Und nun…« Ridcully hob die Stimme. »Ich schlage vor, daß alle ihre Verstecke hinter den Felsen und so verlassen. Ich möchte euch ganz deutlich sehen können. Recht so! Stibbons und der Bibliothekar machen jetzt mit einem Hut die Runde.« »Das ist Raub!« stieß der Kutscher hervor. »Und du hast jemanden in eine Frucht verwandelt!« »In ein Stück Gemüse«, sagte Ridcully. »Keine Sorge. Die Wirkung des Zaubers läßt in einigen Stunden nach.« »Man schuldet mir ein Pferd«, teilte Casanunda dem Rest der Welt mit. Die Räuber trennten sich widerstrebend von ihrem Geld, gaben es Ponder und – mit dem gleichen Maß an Kummer, aber wesentlich schnel- ler – dem Bibliothekar. »Es sind fast dreihundert Dollar«, berichtete Stibbons dem Erzkanzler. »Und ein Pferd nicht zu vergessen. Sogar zwei. Das andere Pferd hatte ich bis eben vergessen.« »Prächtig!« entgegnete Ridcully. »Nun, wir haben’s eilig. Wenn die Her- ren jetzt so freundlich wären, die Barrikade zu entfernen… Dann kön- nen wir den Weg fortsetzen.« »Mir ist gerade das dritte Pferd eingefallen…«, »Das ist nicht richtig!« rief der Kutscher. »Ihr verhaltet euch völlig falsch! Ihr müßt euch ausrauben lassen – so verlangt es die Tradition!« Ridcully schob ihn mit sanftem Nachdruck vom Kutschbock. »Das mag normalerweise der Fall sein«, sagte er. »Aber wir sind im Ur- laub.« Die Kutsche rollte wieder los. Bevor sie hinter mehreren großen Felsen verschwand, ertönte eine Stimme: »Ich habe mich verzählt: Es waren vier Pferde.« Anschließend herrschte eine Zeitlang Stille. Im Kürbis bildete sich ein Mund. »Sind sie weg?« »Ja, Boß.« »Bitte rollt mich in den Schatten. Und erzählt niemandem von dieser Sache. Hat jemand von euch getrocknete Froschpillen?« Verence II. respektierte Hexen. Sie hatten ihm auf den Thron geholfen, daran zweifelte er kaum – obgleich er nicht genau wußte, auf welche Weise es geschehen war. Außerdem: Er begegnete Oma Wetterwachs mit ausgeprägter Ehrfurcht. Gehorsam folgte er ihr zum Kerker und mußte sich dabei beeilen, um mit ihr Schritt zu halten. »Was ist denn los, Frau Wetterwachs?« »Ich zeige dir was.« »Du hast Elfen erwähnt.« »Ja.« »Ich habe dabei immer an Märchen gedacht.« »Und?« »Ich meine… Elfen tauchen nur in Geschichten auf, die alte Frauen erzählen und so…« Oma Wetterwachs schien ein spezielles gyroskopisches Feld zu erzeu- gen: Wenn man einmal verunsichert und verwirrt war, so sorgte sie da- für, daß sich daran nichts änderte., Verence versuchte es noch einmal. »Ich meine, ich habe immer geglaubt, daß es eigentlich gar keine Elfen gibt.« Oma erreichte die Tür einer Kerkerzelle. Zum größten Teil bestand sie aus schwarz angelaufenem Eichenholz, aber in der oberen Hälfte gab es ein Gitter. »Da drin.« Verence blickte in die Kammer. »Meine Güte!« »Ich habe Shawn gebeten, für uns aufzuschließen. Sonst hat uns keiner gesehen. Sprich mit niemandem darüber. Wenn die Zwerge und Trolle davon erfahren… Sie würden nicht zögern, die Mauern zu zerschmet- tern, um das Wesen herauszuholen.« »Warum? Um es zu töten?« »Natürlich. Zwerge und Trolle haben ein besseres Gedächtnis als Men- schen.« »Was soll ich damit machen?« »Keine Ahnung. Sorg dafür, daß der… Gefangene hinter Schloß und Riegel bleibt oder so. Laß mich nachdenken…« Verence blickte erneut in die Zelle und beobachtete eine Gestalt, die zusammengerollt auf dem Boden lag. »Das soll ein Elf sein? Aber… es ist nur ein besonders langer, dünner Mensch mit listig wirkendem Gesicht. Elfen stehen doch in dem Ruf, sehr schön zu sein.« »Und diesem Ruf werden sie auch gerecht – wenn sie bei Bewußtsein sind.« Oma Wetterwachs vollführte eine vage Geste. »Sie projizieren etwas… Wenn man den Blick auf sie richtet, so sieht man Schönheit, etwas, dem man gefallen mochte. Elfen können so aussehen, wie es sich das Auge des Betrachters wünscht. So etwas nennt man Glamour. Man merkt sofort, wenn Menschen in der Nähe sind. Dann verhalten sich die Leute komisch und bringen es kaum mehr fertig, klar zu denken. Weißt du denn überhaupt nichts?«, »Ich dachte immer, Elfen gäbe es nur in Märchen, so wie… wie die Zahnfee…« »Die Existenz der Zahnfee beschränkt sich keineswegs auf irgendwel- che Geschichten«, sagte Oma. »Sie ist eine hart arbeitende Frau. Frage mich immer, wie sie das mit der Leiter schafft. Nein, Elfen sind Teil der Wirklichkeit. Ach, verflixt. Hör mal…« Sie drehte sich um und hob den Zeigefinger. »Du kennst doch das Feudalsystem, nicht wahr?« »Was?« »Das Feudalsystem! Paß besser auf. Es heißt Feudalsystem. Der König steht ganz oben, und unter ihm kommen die Barone und alle anderen und so. Äh, Hexen stehen ein wenig abseits«, fügte Oma diplomatisch hinzu. Sie preßte die Fingerspitzen aneinander. »So ist das Feudalsystem beschaffen. Wie die spitzen Bauwerke, in denen heidnische Könige be- graben werden. Kapiert?« »Ja.« »Gut. Das beschreibt die Perspektive der Elfen. Wenn sie in unsere Welt gelangen, so sehen sie alles tief unter sich. Sie halten uns für Skla- ven. Schlimmer noch: für Tiere. Und sie erheben Anspruch auf das, was uns gehört. Aber das ist noch nicht alles. Besonders schlimm ist, daß sie unsere Gedanken lesen. Sie hören, was uns durch den Kopf geht, und reine Notwehr veranlaßt einen dazu, das zu denken, was sie wollen. Gla- mour. Und was folgt daraus? Vergitterte Fenster; Essen, das man des Nachts angeblich für Feen hinausstellt; man drehe sich dreimal um die eigene Achse, bevor man von ihnen spricht; und Hufeisen über der Tür.« »Ich dachte, das sei, du weißt schon.« Der König lächelte verlegen. »Folklore.« »Natürlich ist es Folklore, du dummer Kerl.« »Ich bin der König«, betonte Verence vorwurfsvoll. »Du dummer König, Euer Majestät.« »Danke.« »Ich meine, auch Folklore kann wahr sein! Im Lauf der Jahre geraten die Dinge vielleicht ein wenig durcheinander, und man vergißt das eine, oder andere, vor allem die Zusammenhänge. Wie zum Beispiel die Bedeu- tung des Hufeisens.« »Bei meiner Großmutter hing eins über der Tür«, sagte der König. »Na bitte. Mit der Form hat’s überhaupt nichts zu tun. Aber wenn man in einer alten Hütte lebt und arm ist, so kann man sich vielleicht keine anderen Gegenstände aus Eisen und mit Löchern drin besorgen.« »Oh.« »Das Problem mit den Elfen besteht darin, daß sie keine… Erinnere mich nicht mehr an das Wort.« Oma schnippte verärgert mit den Fin- gern. »Beginnt mit ›m‹.« »Manieren?« »Ha! Das stimmt auch, aber es war noch etwas anderes.« »Muskeln? Mumm? Mystik?« »Nein, nein, nein. Es betrifft die Fähigkeit, Verständnis für den Stand- punkt einer anderen Person aufzubringen.« Verence versuchte, die Welt aus dem Blickwinkel von Oma Wetter- wachs zu sehen. Er ahnte etwas… »Empathie?« »Ja. Sie fehlt den Elfen. Selbst ein Jäger – ein guter Jäger – empfindet mit seiner Beute. Deshalb ist er ein guter Jäger. Elfen sind ganz anders. Sie finden Spaß daran, grausam zu sein, und sie haben keine Ahnung, was Barmherzigkeit bedeutet. Sie begreifen nicht, daß auch andere We- sen Gefühle haben. Sie lachen oft, insbesondere dann, wenn sie einem einzelnen Menschen, Zwerg oder Troll begegnen. Nun, Trolle mögen aus Stein bestehen, Euer Majestät, aber ich sage dir: Im Vergleich mit Elfen sind Trolle unsere Brüder. Im Geiste, meine ich.« »Warum höre ich davon jetzt zum erstenmal?« »Es liegt am Glamour. Elfen sind schön. Sie haben Stil.« Oma Wetter- wachs spuckte dieses Wort. »Sie strahlen Eleganz aus. Darauf kommt’s an. Wenn Katzen wie Frösche aussähen, so würde uns bald klar, wie gemein die kleinen Teufel sind. Stil – daran erinnert man sich. An den Glamour. Der Rest, die ganze Wahrheit… Es wird zu ›Geschichten von alten Frauen‹.«, »Magrat hat nie davon erzählt.« Oma zögerte. »Magrat weiß nicht viel von Elfen«, sagte sie. »Ha! Sie ist noch nicht einmal eine junge Hexe. Und heutzutage redet man nicht mehr oft dar- über. Es ist nicht gut, über sie zu sprechen. Man sollte sie besser verges- sen. Weil… Sie kommen, wenn man sie ruft. Ich meine kein lautes ›Hu- hu!‹ oder dergleichen. Schon Gedanken können gefährlich sein. Es ge- nügt allein der Wunsch, sie mögen hier sein.« Verence winkte ab. »Ich lerne noch, was es mit der Monarchie auf sich hat«, sagte er. »Von diesen Sachen verstehe ich nichts.« »Du brauchst auch nichts davon zu verstehen. Immerhin bist du der König. Nun, du weißt doch von schwachen Stellen in der Welt, nicht wahr? Von Orten, wo sich verschiedene Welten berühren?« »Nein.« »Einer davon befindet sich im Moor. Deshalb wurden dort die Tänzer aufgestellt. Sie bilden eine Art Barriere.« »Ach.« »Aber manchmal verlieren solche Barrieren an Stabilität. Es ist so wie mit Ebbe und Flut. Während der Kreis-Zeit wird die Struktur der Reali- tät dünner.« »Ach.« »Wenn die Leute dann dumm sind, können auch die Tänzer das Tor nicht geschlossen halten. Wo die Welt dünn wird, mag allein ein Gedan- ke die Verbindung schaffen.« »Ach.« Verence hatte das Gefühl, die Konversation kehrte nun zu einem Thema zurück, bei dem er mitreden könnte. »Dumm?« wiederholte er. »Dumm genug, um sie zu rufen oder irgendwie anzulocken.« »Aha. Wie soll ich mich verhalten?«, »Herrsche einfach weiter. Ich glaube, wir sind sicher. Unter den ge- genwärtigen Umständen können die Elfen nicht in unsere Welt wech- seln. Die Mädchen tanzen nicht mehr. Mit anderen Worten: Die Barriere wird nicht weiter geschwächt. Halte das Wesen hier drin gefangen. Und kein Wort zu Magrat. Was hätte es für einen Sinn, sie zu beunruhigen? Etwas ist in unsere Welt gelangt, aber ich behalte es im Auge.« Oma rieb sich mit grimmiger Zufriedenheit die Hände. »Ich glaube, damit wäre alles klar«, brummte sie. Sie blinzelte. Und rieb sich den Nasenrücken. »Was habe ich gerade gesagt?« fragte sie. »Äh«, erwiderte der König. »Du hast gesagt, damit sei alles klar.« Oma Wetterwachs blinzelte erneut. »Stimmt«, entgegnete sie. »Das habe ich gesagt. Ja. Und ich bin im Schloß, nicht wahr? Ja.« »Ist alles in Ordnung mit dir, Frau Wetterwachs?« fragte Verence be- sorgt. »Ja. Ja. Alles in Ordnung. Im Schloß bin ich. Genau. Geht’s den Kin- dern gut?« »Wie bitte?« Oma blinzelte noch einmal. »Was?« »Du scheinst dich nicht sehr wohl zu fühlen…« Oma straffte die Schultern und schüttelte den Kopf. »Ja. Das Schloß. Ich bin ich, und du bist du, und Gytha ist oben bei Magrat. Ja.« Sie richtete den Blick auf Verence. »Bin nur ein wenig… übermüdet. Es besteht kein Grund zur Besorgnis. Überhaupt keiner.« Nanny Ogg beobachtete Magrats Vorbereitungen mit wachsender Skep- sis. »Ein Umschlag, bei dem man schimmeliges Brot verwendet«, sagte sie. »Klingt nicht besonders magisch.«, »Gütchen Wemper hielt eine Menge davon. Wenn ich nur wüßte, was wir gegen das Koma unternehmen könnten…« Magrat drehte uralte, leise knisternde Blätter. Die Hexen vor ihr hatten alles sorgfältig aufgeschrieben, allerdings so, wie es ihnen in den Sinn kam. Woraus folgte: Die Beschreibung wichtiger Behandlungsmethoden und Beobachtungen wurde immer wieder von Kommentaren in Hinsicht auf den Zustand der Füße und dergleichen unterbrochen. »Hier steht: ›Die kleinigen spitzen Steine, die man manchige Male findet, sind auch als Feuersteine bekannt obwohlig sie nicht brennen. Es sind die Spitzen vonne Elfenpfeilen aus ferner Fergangenheit.‹ Mehr Hinweise gibt es nicht. Die Zeichnung hier… Diese kleinen Steine kenne ich.« »Es wimmelt überall von ihnen«, sagte Nanny, während sie Diamandas Schulter verband. »Hab’ sie in meinem Garten dutzendweise ausgegra- ben.« »Aber Elfen schießen nicht auf Leute! Elfen sind gute Wesen!« »Wahrscheinlich haben sie Esme und dem Mädchen nur aus Spaß Pfei- le hinterhergeschickt, nicht wahr?« »Aber…« »Jetzt hör mal: Bald bist du Königin. Dann mußt du wichtige Aufgaben wahrnehmen. Kümmere dich um den König. Überlaß die anderen Dinge Esme und mir.« »Wichtige Aufgaben? Königinnen planen neue Tapisserien und laufen in unbequemen Kleidern durch die Gegend! Ich kenne Oma. Sie kann es nicht ausstehen, wenn etwas Stil und Eleganz hat. Sie ist so verdrießlich.« »Wahrscheinlich aus gutem Grund«, erwiderte Nanny freundlich. »Nun, ich habe die Wunde verbunden. Was stellen wir jetzt mit dem Mädchen an?« »Hier gibt es genug Gästezimmer«, sagte Magrat. »Und alle sind vorbe- reitet. Wir legen Diamanda in eins der Betten. Äh. Nanny?« »Ja?« »Was hältst du davon, meine Brautjungfer zu sein?« »Nun, eigentlich nicht viel. Bin ein wenig zu alt dafür.« Nanny Ogg zö- gerte. »Möchtest du mich vielleicht etwas fragen?«, »Wie meinst du das?« »Deine Mutter ist tot, und du hast keine weiblichen Verwandten…« Magrat wirkte verwirrt. »Ich meine das, was nach der Vermählung kommt«, fügte Nanny hin- zu. »Oh, das meinst du. Es wird alles von Gastronomen erledigt. Mit Ap- petithappen und so kommt unsere Köchin nicht besonders gut zurecht.« Nanny sah zur Decke. »Und danach? Du weißt schon…« »Oh, beim Aufräumen helfen mir einige Mädchen. Sei unbesorgt. Ich habe an alles gedacht. Du und Oma… Ihr solltet aufhören mich so zu behandeln, als wäre ich ein dummes Ding.« Nanny hüstelte. »Dein Mann«, sagte sie. »Ist viel herumgekommen, nehme ich an. Ist vermutlich mit Dutzenden von jungen Frauen ausge- gangen, wie?« »Nein, ich glaube nicht. Wie kommst du darauf? Narren haben kein großes Privatleben, und als König ist er bisher immer sehr beschäftigt gewesen. Er neigt zu einer gewissen Zurückhaltung, was Frauen betrifft.« Nanny gab auf. »Ach, was soll’s«, seufzte sie. »Bestimmt findet ihr alles ganz allein her- aus…« Oma Wetterwachs und der König trafen ein. »Wie geht es dem Mädchen?« fragte Oma. »Wir haben die Pfeilspitze aus der Schulter entfernt und alles verbun- den«, erwiderte Magrat. »Aber die Verletzte wacht nicht auf. Sie sollte hierbleiben.« »Glaubst du? Wir müssen sie im Auge behalten. Ich könnte sie in mei- ner Hütte unterbringen.« »Sie darf nicht bewegt werden«, wandte Magrat ein. »Sie haben das Kind gezeichnet«, sagte Oma Wetterwachs. »Ich meine, es wurde von ihnen berührt. Das bedeutet…«, »Ich weiß, worauf es bei der Behandlung von Kranken ankommt«, stellte Magrat fest. »Ich bin nicht so dumm.« »Jemand muß die ganze Zeit über bei ihr sein. Um jedes Risiko zu vermeiden«, beharrte Oma. »Bald wird es hier von Leuten wimmeln«, sagte Verence. »Morgen tref- fen die ersten Gäste ein.« »Allein zu sein bedeutet nicht unbedingt, daß keine Leute in der Nähe sind«, verkündete Oma Wetterwachs. »Dies ist ein Schloß, Oma.« »Na schön. In Ordnung. Wir wollen nicht länger stören. Komm, Gytha.« Nanny Ogg hob einen silbernen Terrinendeckel, griff nach einem nicht mehr ganz frischen Lammkotelett und winkte damit dem königlichen Paar zu. »Vergnügt euch«, sagte sie. »Sofern ihr dazu imstande seid.« »Gytha!« »Komme schon.« Elfen sind wundervoll. Sie bewirken Wunder. Elfen sind erstaunlich. Sie geben Grund zum Staunen. Elfen sind phantastisch. Sie schaffen Phantasien. Elfen sind glamourös. Sie projizieren Glamour. Elfen sind bezaubernd. Sie weben ein Netz aus Zauber. Elfen sind toll. Sie bringen einen um den Verstand. Die Bedeutung von Worten windet sich wie eine Schlange hin und her. Wenn man nach Schlangen Ausschau hält, so findet man sie hinter Wor- ten, deren Aussage sich geändert hat. Niemand hat jemals gesagt, daß Elfen nett sind. Sie sind gemein. »Nun, das wär’s«, meinte Nanny Ogg, als die beiden Hexen über die Zugbrücke des Schlosses gingen. »Gut gemacht, Esme.«, »Es ist noch nicht vorbei«, erwiderte Oma Wetterwachs. »Du hast selbst gesagt, daß sie jetzt nicht mehr in unsere Welt gelangen können. Eins steht fest: Wir brauchen nicht mehr zu befürchten, daß jemand versucht, am Steinkreis Magie zu beschwören.« »Ja, aber die Kreis-Zeit dauert noch ein oder zwei Tage. Da sind unan- genehme Zwischenfälle also nicht ausgeschlossen.« »Diamanda stellt keinen Unsinn mehr an, und was die anderen Mäd- chen betrifft: Du hast ihnen den Wind aus den Segeln genommen.« Nanny Ogg warf den abgenagten Lammknochen in einen leeren Burg- graben. »Und sonst käme sicher niemand auf den Gedanken, sie zu ru- fen.« »Einer von ihnen befindet sich im Kerker.« »Willst du ihn loswerden?« fragte Nanny. »Ich könnte unseren Shawn zu König Eisengießersohn nach Kupferkopf schicken, wenn du möch- test. Oder ich schwinge mich auf den Besen und gebe dem Bergkönig selbst Bescheid. Anschließend kümmern sich die Zwerge und Trolle darum, kein Problem.« Oma ignorierte den Vorschlag. »Das ist noch nicht alles«, sagte sie nach einer Weile. »Es gibt da eine Sache, die wir bisher übersehen haben. Sie wird weiter nach einem Weg suchen.« Sie erreichten nun den Stadtplatz, und Oma Wetterwachs sah sich um. Verence war der König, und daran gab’s nichts auszusetzen; es gebührte ihm, über das Königreich zu herrschen. Doch in gewisser Weise – in einem anderen, tieferen Sinn – gehörte das Königreich Oma. Und natür- lich auch Gytha Ogg. Verence’ Autorität bezog sich nur auf die Angele- genheiten der Menschen – die Zwerge und Trolle hielten ihn nicht für ihren König, vermieden es jedoch taktvoll, in aller Deutlichkeit darauf hinzuweisen. Nun, wenn es um Bäume, Felsen und den Boden ging, so fühlte sich Oma Wetterwachs zuständig. Sie nahm die Stimmung des Königreichs wahr. Es wurde noch immer beobachtet. Oma spürte… Wachsamkeit. Wenn die Aufmerksamkeit eine gewisse Intensität erreicht, so kommt es beim beobachteten Objekt zu Veränderungen. In diesem Fall galt sie dem, ganzen Land. Während sich Omas Selbst entfaltete, fand ein Angriff statt… »Komisch«, sagte Nanny Ogg wie im Selbstgespräch. »Als ich heute morgen bei den Tänzern saß, dachte ich: Komische Sache…« »Wovon redest du da?« »Als ich jung war, gab es ein Mädchen wie Diamanda. Unbeherrscht, ungeduldig und talentiert, eine Nervensäge für die älteren Hexen. Weißt du vielleicht, wen ich meine, hm?« Sie kamen an Jasons Schmiede vorbei und hörten laute Hammerschlä- ge. »Die werd’ ich nie vergessen«, entgegnete Oma Wetterwachs leise. »Es ist wirklich sonderbar: Manche Dinge scheinen sich immerzu im Kreis zu bewegen…« »Nein«, widersprach Oma mit fester Stimme. »Ich bin nie wie sie gewe- sen. Du weißt ja, was es mit den damaligen Hexen auf sich hatte. Sie waren in ihren Gewohnheiten festgefahren. Beschränkten sich darauf, mit Beschwörungen Warzen zu entfernen und so. Und ich bin nicht wirklich unhöflich zu ihnen gewesen. Ich habe nur einen… festen Standpunkt vertreten und mich zu meiner Meinung bekannt. Das gehört dazu, wenn man eine Hexe ist. Warum grinst du so?« »Liegt am Wind.« »Bei diesem Mädchen sieht die Sache ganz anders aus. Niemand kann behaupten, ich sei nicht für neue Ideen offen gewesen.« »Du bist allgemein für deine Aufgeschlossenheit bekannt«, kommen- tierte Nanny Ogg. »Ich weise praktisch bei jeder Gelegenheit darauf hin. ›Esme Wetterwachs ist ein gutes Beispiel für Offenheit neuen Ideen ge- genüber‹, sage ich immer.« »Genau.« Oma blickte über die bewaldeten Hänge jenseits der Stadt und runzelte die Stirn. »Das Problem besteht darin, daß die Mädchen von heute nicht mehr klar denken können. Darauf kommt’s an: Man muß klar denken und darf sich nicht ablenken lassen. Nehmen wir zum Beispiel Magrat: Sie ist im- mer abgelenkt. Deswegen kriegt sie nichts zustande.« Oma schwieg einen Augenblick lang. »Ich fühle sie, Gytha. Die Feenkönigin. Sie schiebt ihr, Selbst an den Steinen vorbei. Verflixt! Sie hat einen Weg gefunden, zu- mindest geistig in unsere Welt zu gelangen. Sie ist überall. Ganz gleich, wohin ich den Blick meines inneren Auges richte: An jedem Ort sehe ich ihre Präsenz.« »Es wird alles gut.« Nanny klopfte ihr auf die Schulter. »Wart’s nur ab.« »Sie wartet auf ihre Chance«, sagte Oma Wetterwachs leise. »Einen schönen guten Morgen, Brüder, lasset uns freuen über diesen herrlichen Tag«, sagte Fuhrmann, der Bäcker. Die anderen Moriskentänzer musterten ihn skeptisch. »Hast du irgendwelche Tabletten genommen oder so?« fragte Weber, der Dachdecker. »Ich versuche nur, für die richtige Stimmung zu sorgen«, antwortete Fuhrmann. »Einfache Mechaniker reden so.« »Einfache Mechaniker?« wiederholte Bäcker, der Weber, verwirrt. »Ich glaube, sie gehören zu den komischen Handwerkern«, meinte Fuhrmann, der Bäcker. »Ich habe meine Mutter gefragt, was Handwerker sind«, meinte Jason. »Ach?« »Sie antwortete: Ihr seid welche.« Jason Ogg hielt eine Erklärung für notwendig. »Damit meinte sie uns.« »Sind wir auch einfache Mechaniker?« fragte Bäcker, der Weber. »Könnte durchaus sein.« »Ist ja ‘n Ding.« »Nun, eins steht fest«, sagte Fuhrmann, der Bäcker. »Wir reden nicht wie diese Burschen im Stück. Ich habe nie zuvor ›Vallerie‹ oder ›Vallera‹ gesagt. Außerdem verstehe ich die Witze nicht.« »Du brauchst sie auch gar nicht zu verstehen«, entgegnete Jason. »Es ist ein Theaterstück.« »Unterhosen und Schlüpfer!« warf Bäcker, der Weber, ein. »Ach, sei still. Und schieb den Karren.«, »Frage mich noch immer, warum wir nicht den Stock-und-Eimer-Tanz aufführen dürfen«, brummte Schneider, der andere Weber. »Der Stock-und-Eimer-Tanz ist völlig ausgeschlossen! Ich will nie wie- der was vom Stock-und-Eimer-Tanz hören! Manchmal zuckt es mir noch immer in den Knien! Vergiß den Stock-und-Eimer-Tanz!« »Bauch!« rief Bäcker, der entschlossen an einer Idee festhielt. Der Karren mit den Requisiten holperte über den unebenen Weg. Jason mußte zugeben, daß der Moriskentanz viel einfacher war als das Schauspielern. Beim Tanz kamen nicht dauernd Leute, um zuzusehen und zu kichern. Es hockten keine kleinen Kinder in der Nähe herum und klatschten. Weber und Dachdecker standen kurz vor der offenen Rebel- lion und brachten ständig den Text durcheinander. Der größte Teil des Abends ging für die Suche nach einem Ort drauf, an dem man einiger- maßen ungestört üben konnte. Selbst im Wald schien seit einiger Zeit reger Verkehr zu herrschen. Er- staunlich, wie viele Leute rein zufällig vorbeikamen. Weber schob nicht mehr und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Man hätte meinen sollen, daß wir bei der Vom-Blitz-getroffenen- Eiche sicher sind«, brummte er. »Fast einen Kilometer vom nächsten Pfad entfernt. Aber nach fünf Minuten wimmelt’s dort von Köhlern, Einsiedlern, Fallenstellern, Baumzapfern, Jägern, Trollen, Leimern, Hür- denmachern, Schweinehirten, Trüffelsuchern, Zwergen, Flickern und verdächtig wirkenden Typen mit dicken Mänteln. Man wundert sich, daß im Wald noch genug Platz ist für die Bäume. Wohin jetzt?« Sie hatten eine Art Kreuzung erreicht. »An diese Stelle erinnere ich mich überhaupt nicht«, sagte Tischler, der Wilderer. »Bisher dachte ich, hier alle Wege zu kennen.« »Weil du sie nur im Dunkeln siehst«, erwiderte Jason. »Ja, alle wissen, daß du die Nacht bevorzugst«, meinte Dachdecker, der Fuhrmann. »Deine Vorliebe gilt praktisch jeder Nacht«, fügte Jason hinzu. »He«, meinte Bäcker, der Weber, »inzwischen kommen wir mit dem einfachen mechanischen Kram gut zurecht, oder?«, »Ich schlage vor, wir gehen nach rechts«, sagte Jason. »Nein, da wachsen zu viele Dornbüsche und so.« »Na schön. Dann eben nach links.« »Zu viele Kurven«, gab Weber zu bedenken. »Was ist mit dem mittleren Weg?« ließ sich Fuhrmann vernehmen. Jason spähte nach vorn. Es handelte sich um einen recht schmalen Pfad, und er führte durch die recht finster wirkenden Schatten von Bäumen. Zu beiden Seiten wuchs dichter Adlerfarn. Der allgemeine Eindruck ließ sich am besten mit dem Wort »unheimlich« beschreiben. Jasons Schmied-Instinkt schlug Alarm. »Nein, lieber nicht«, sagte er. »Ach, komm schon«, ließ sich Weber vernehmen. »Warum denn nicht?« »Jener Weg führt zu den Tänzern«, erklärte Jason. »Meine Mutter hat mir verboten, den Ort aufzusuchen. Weil dort junge Frauen tanzen, und zwar ohne alles.« »Sie haben dort getanzt«, meinte Dachdecker. »Aber dann hat Oma Wetterwachs ein Machtwort gesprochen und dafür gesorgt, daß die jun- gen Frauen ihre Schlüpfer wieder anziehen, und den Rest auch.« »Und alle halten sich von den Steinen fern«, fügte Fuhrmann hinzu. »Dort können wir ungestört proben.« »Meine Mutter hat’s verboten«, sagte Jason, nun mit einem Hauch von Unsicherheit in der Stimme. »Ja, aber vermutlich bezieht sich das Verbot nur auf Leute, die… mit magischen Absichten zu den Tänzern wollen«, wandte Fuhrmann ein. »Wir tragen nur Perücken und sprechen Text und so. Ist überhaupt nichts Magisches dabei.« »Genau«, bestätigte Dachdecker. »Und dort beobachtet uns niemand.« »Außerdem…«, begann Weber. »Falls sich junge Frauen zum Steinkreis schleichen sollten, um dort ohne Schlüpfer und so zu tanzen, so werden sie unserer Aufmerksamkeit bestimmt nicht entgehen.«, Einige Sekunden intensiven nachdenklichen Schweigens folgten. »Nun…« Dachdecker sprach für alle Anwesenden, als er sagte: »Ich schätze, es ist unsere Pflicht der Allgemeinheit gegenüber, bei den Stei- nen zu wachen.« »Ich weiß nicht.« Jason war noch immer nicht ganz überzeugt. »Meine Mutter…« »Deine Mutter hat gut reden«, brummte Weber. »Von meinem Vater weiß ich: Als er jung war, hat deine Mutter…« »Schon gut, schon gut.« Jason gab sich geschlagen. »Ist wahrscheinlich nicht weiter schlimm. Immerhin proben wir nur ein Theaterstück. Schauspielerei. Wir tun nur so. Es ist keineswegs die Wirklichkeit. Aber es wird nicht getanzt, klar? Erst recht nicht der Stock-und-Eimer-Tanz.« »Wir proben nur«, sagte Weber. »Und, äh, passen auf.« »Das ist unsere Pflicht der Allgemeinheit gegenüber«, wiederholte Dachdecker. »Nun, gegen das Schauspielern am Steinkreis gibt es vermutlich nichts einzuwenden«, sagte Jason ungewiß. Es rasselte und schepperte. Die unheilvollen Geräusche hallten durch Lancre. Erwachsene Männer, die im Garten den Boden umgruben, ließen den Spaten fallen und flohen in die Sicherheit ihrer Hütten. Bing-boing-bang… Frauen erschienen in Türen, riefen verzweifelt nach ihren Kindern und forderten sie auf, sofort ins Haus zu kommen… BUMM-bang-boing. Knirschen und Knistern. BANG-bomm… Fensterläden knallten zu. Erschrockene Familienmitglieder beobachte- ten, wie Väter Wasser ins Feuer schütteten und Säcke in den Kamin stopften… Nanny Ogg lebte allein, weil sie die Ansicht vertrat, daß alte Leute Würde, Stolz und Unabhängigkeit benötigten. Außerdem: Jason wohnte nebenan. Er oder seine Frau, Wiehießsienoch, konnten leicht geweckt werden; es genügte, mit dem Stiefel ordentlich an die Wand zu treten., Shawn wohnte auf der anderen Seite und hatte auf Nannys Bitte hin einen Bindfaden mit mehreren Blechbüchsen verbunden: Auf diese Wei- se konnte ihm die Mutter sofort Bescheid geben, wenn sie ihn brauchte. Natürlich wurde dieses spezielle Alarmsystem nur im Notfall verwendet – wenn Nanny eine Tasse Tee wollte oder sich langweilte. Bong. Verflixt! Bumm-boing… Nanny Ogg hatte kein Badezimmer, verfügte jedoch über eine Bade- wanne aus Blech. Normalerweise hing das Ding an einem Haken im Abort, doch jetzt schickte sie sich an, es ins Haus zu ziehen. Es hatte bereits die Hälfte des Gartens durchquert, nachdem es von diversen Bäumen, Mauern und Gartenzwergen abgeprallt war. Drei große schwarze Kessel dampften auf dem Feuer. Daneben lagen bereit: sechs Handtücher; ein Badeschwamm; ein Bimsstein; die Seife; noch ein Stück Seife für den Fall, daß das erste verlorenging; die Schöpf- kelle, um Spinnen herauszufischen; eine Gummiente, die sich schnell mit Wasser füllte und dann nicht mehr quiekte, sondern grunzte; eine Nagel- feile, die an einen Meißel erinnerte; eine große Bürste; eine kleine Bürste; eine noch etwas kleinere Bürste für schwierige Stellen; das Banjo; das Ding mit den Röhren und Zapfen, von dem niemand wußte, wozu es diente; und eine Flasche mit dem Badeelixier Klatschianische Nächte – ein Tropfen davon genügte, um selbst in hartem Lack Risse entstehen zu lassen. Bong-boing-bumm… Alle Einwohner von Lancre hatten gelernt, Nannys präsanitäre Aktivi- täten als solche zu erkennen. Wer in dieser Hinsicht an Begriffsstutzig- keit litt, bekam später allen Anlaß, das bitter zu bereuen. »Aber es ist doch gar nicht April!« wunderten sich die Nachbarn, wäh- rend sie die Vorhänge zuzogen. In einem weiter oben am Hügelhang gelegenen Haus griff Frau Skindel nach dem Arm ihres Mannes. »Die Ziege ist noch draußen!« »Bist du verrückt? Ich kann jetzt nicht mehr raus!«, »Du weißt doch, was beim letztenmal passiert ist! Drei Tage lang blieb das arme Tier einseitig gelähmt, und wir konnten es nicht vom Dach runterholen!« Herr Skindel öffnete vorsichtig die Tür und sah hinaus. Es war still geworden – viel zu still. »Wahrscheinlich füllt sie die Wanne gerade mit Wasser«, spekulierte er. »Du hast noch ein oder zwei Minuten Zeit«, sagte Frau Skindel. »Wenn du jetzt nicht gehst, müssen wir wochenlang Joghurt trinken.« Der Mann nahm ein Halfter von der Wand neben der Tür, trat voller Unbehagen nach draußen und schlich zur Ziege, die an der Hecke fest- gebunden war. Sie hatte ebenfalls gelernt, die Zeichen des bevorstehen- den Baderituals zu deuten und stand wie erstarrt vor Schreck da. Es hatte keinen Sinn, an der Leine zu zerren. Herr Skindel traf eine ra- sche Entscheidung und hob das Tier hoch. Es plätscherte laut, und dann ertönte mehrfaches Pochen, hervorgeru- fen von einem Bimsstein, der an die Seite einer aus Blech bestehenden Badewanne stieß. Herr Skindel lief los. Ein Klimpern war zu hören – die Saiten eines Banjos wurden ge- stimmt. Die Welt hielt den Atem an. Und dann ging’s los, wie ein Tornado, der über die Prärie hinwegfegte. »Dääääääääääähhs…« Drei Blumentöpfe neben der Tür platzten nacheinander. Schrapnellar- tige Splitter sausten an Herrn Skindels Ohr vorbei. »… Zauuuuberers Staaab haaat eineeen Knaaauuuf am Eeendeee…« Er warf die Ziege ins Haus und sprang hinterher. Seine Frau hielt sich bereit und schlug die Tür hinter ihm zu. Die ganze Familie – auch die Ziege – duckte sich unter den Tisch. Es lag nicht etwa daran, daß Nanny Ogg schlecht sang. Aber wenn die von ihren Stimmbändern verursachten Töne durch eine zur Hälfte mit Wasser gefüllte Blechwanne verstärkt wurden, so ergab sich etwas, das übers Akustische hinausging – es war schiere Unerträglichkeit., Viele Sänger konnten mit hohen Tönen Gläser zerspringen lassen, doch Nannys hohes C pulverisierte Glas. Die Moriskentänzer von Lancre saßen verdrießlich auf dem Boden und tranken aus einem Krug. Eine nicht sehr zufriedenstellende Probe lag hinter ihnen. »Könnte besser sein, was?« fragte Dachdecker. »Ich find’s nich’ sehr komisch«, brummte Weber. »Kann mir nich’ vor- stellen, daß sich der König totlacht, wenn er einigen mechanischen Handwerkern zusieht, die sich beim Schauspielern ungeschickt anstel- len.« »Du bist nicht gut genug mit dem nicht gut sein«, meinte Jason. »Wir soll’n uns ungeschickt anstellen«, sagte Weber. »Ja, aber du trittst nicht wie jemand auf, der schlecht auftritt«, gab Kes- selflicker zu bedenken. »Irgendwie bringst du’s nicht fertig. Du kannst doch nicht erwarten, daß all die noblen Herren und Herrinnen…« Eine Brise seufzte übers Moor, brachte den Duft von Eis mit sich. »… über uns lachen, weil wir nicht gut genug schlecht spielen.« »Ich weiß überhaupt nich’, was an einigen einfachen Handwerkern, die ein Theaterstück aufführen, komisch sein soll«, sagte Weber. Jason zuckte mit den Schultern. »Angeblich haben in Ankh-Morpork die feinen Leute…« Wieder flüsterte jäher Wind und trug in seinen Armen den Geruch von Schnee… »…wochenlang darüber gelacht. Drei Monate lang hat man das Stück am Breiten Weg gezeigt.« »Am Breiten Weg?« »Dort gibt’s die bekanntesten Theater: die Scheibe, Lord Wynkins Mannen, die Bärengrube…« »In Ankh-Morpork lacht man über alles«, brummte Weber. »Dort hält man uns für Einfaltspinsel und so. Die Leute glauben, daß wir dauernd Oh-ah sagen, irgendwelche dummen Volkslieder singen und nur drei, Hirnzellen haben, die sich furchtsam in einer Ecke des Kopfes verstek- ken, weil wir dauernd Knieweich trinken und so.« »Ja. Gib mal den Krug rüber.« »Blöde Städter.« »Wissen überhaupt nich’, wasses bedeutet, in einer kalten Nacht bis zur Achsel im Hinterteil einer Kuh zu stecken. Ha!« »Und außerdem haben sie… He, wovon redest du da? Du hast doch gar keine Kuh.« »Nee, aber ich kenne mich trotzdem damit aus.« »Und, und, und sie wissen nicht, wie’s ist, wenn man auf ‘ner zugefro- renen Jauchegrube steht und es unter einem knackt und man genau weiß: Beim nächsten Schritt geht’s nach unten.« Es gluckerte, als der Krug weitergereicht wurde. »Schtimmt. Ja, das schtimmt. Und habt ihr die Schtädter beim Mo- riskentanz gesehen? Eine echte Katastrophe.« »Was, Moriskentanz in einer Stadt?« »Nun, drüben in Sto Helit. Einige Zauberer und Händler hüpften um- her. Hab’ ihnen eine Schtunde lang zugesehen. Die Burschen schtöhnten nicht einmal.« »Arrogante Stadttypen. Kommen hierher, klauen uns die Dschobs.« »Unsinn. Die wissen doch gar nicht, was ‘n richtiger Dschob is’.« Es gluckerte erneut, aber etwas tiefer auf der Tonleiter. Die Botschaft lautete: Es dauert nicht mehr lange, bis ich leer bin. »Und sie haben nie bis zur Achsel im…« »Die Sache ist die. Die Sache ist. Die Sache. Sie ist. Ha! Lachen dau- ernd über anständige einfache Handwerker, wie? Ich meine. Ich meine. Ich meine. Was soll’s eigentlich? Ich meine. Ich meine. Ich meine. Bei dem Schtück geht’s um einige mechanische… Dummköpfe, die ein Theaterstück vermasseln, in dem irgendwelche Herren und Herrin- nen…« Plötzlich lag Kälte in der Luft, scharf wie die Spitzen von Eiszapfen. »Dem Theaterdingsbums fehlt was.«, »Genau. Genau.« »Ein mythisches Element.« »Stimmt. Ganz meine Meinung. Meine Meinung. Meine Meinung. Ja. Esch fehlt was, über dasch man beim Heimweg fröhlich vor sich hin pfeifen kann. Genau.« »Und deshalb sollte das Schtück hier aufgeführt werden. Unter freiem Himmel. Aufm Hügel.« Jason Ogg runzelte die Stirn. Es zeigten sich praktisch immer Falten darin, wenn es um die vielen komplizierten Dinge des Lebens ging. Nur in Hinsicht auf Eisen wußte er genau, worauf es ankam. Nun hob er den Finger und versuchte, die anderen Thespisjünger zu zählen. Das fiel ihm nicht leicht, denn inzwischen war der Krug fast leer. Durchschnittlich schienen ihm sieben andere Personen Gesellschaft zu leisten. Dennoch gewann er den unangenehmen Eindruck, daß irgend etwas nicht mit rechten Dingen zuging. »Hier draußen«, sagte er unsicher. »Gute Idee«, erwiderte Weber. »War’s nicht deine Idee?« fragte Jason. »Ich dachte, du hättest esch gesagt.« »Und ich dachte, daß der Vorschlag von dir schtammt.« »Was spielt’s für ‘ne Rolle, wer die Idee hatte?« warf Dachdecker ein. »Es ist eine gute Idee. Erscheint… angemessen.« »Und die Sache mit der müslischen Qualität?« »Was für ‘n Müsli?« »Darauf kann man nicht verzichten«, betonte der Theaterexperte We- ber. »Haben große Bedeutung, die müslischen Qualitäten.« »Meine Mutter hat gesagt, niemand soll hierher…«, begann Jason. »Wir tanzen doch nicht, oder?« entgegnete Fuhrmann. »Ich kann ja verstehen, dasch es besser ist, hier keine Magie zu beschwören und so. Aber wasch kann schon passieren, wenn man hierherkommt, ohne irgend etwas anzuschtellen? Ich meine, der König und so. Und auch deine Mut- ter. Ha! Beschtimmt kommen keine jungen Frauen ohne Schlüpfer an ihr vorbei!«, »Ich glaube nicht, daß es nur…« Weiter kam Jason nicht. »Und außerdem gibt’s da noch die andere«, ließ sich Weber verneh- men. Sie dachten über Oma Wetterwachs nach. »Mann, sie is’ mir nich’ ganz geheuer«, sagte Dachdecker nach einer Weile. »Ihr Blick scheint einen regelrecht zu durchbohren. Natürlich käme esch mir nie in den Sinn, schlecht über sie zu reden«, betonte er laut, um dann leiser hinzuzufügen: »Aber esch heißt, daß sie des Nachts als Hase oder Fledermaus umherstreift. Verändert ihre Geschtalt und so.« Er hob die Stimme. »Ich glaube kein Wort davon.« Und flüsternd: »Aber der alte Weezen drüben in Schnitte hat mir erzählt, daß er einmal auf der Jagd einen Hasen am Bein verletzt hat. Am nächsten Tag ist sie ihm auf der Straße entgegengekommen, hat ›Autsch‹ gesagt und ihm eine ordentliche Kopfnuß verpaßt.« »Einmal hat mein Vater unsere alte Kuh schum Markt gebracht«, lallte Weber. »Unterwegs wurde schie krank und ist am Weg in der Nähe ihrer Hütte zu Boden gesunken, und er konnte sie nicht daschu bewegen, wie- der aufzustehen, und scho ging er zur Hütte, und die Tür ging auf, noch bevor er angeklopft hatte, und sie schagte: ›Deine Kuh ist krank, Weber.‹ Einfach so. Und dann schagte sie…« »Meinst du die alte scheckige Kuh, die dein Vater früher hatte?« erkun- digte sich Fuhrmann. »Nein, die scheckige Kuh gehörte meinem Onkel«, sagte Weber. »Wir hatten die mit dem krummen Horn. Nun…« »Ich hätte schwören können, daß es eine scheckige Kuh war«, brumm- te Weber. »Weisch noch, daß mein Vater eines Tages schagte: ›Das ischt eine prächtige scheckige Kuh. So prächtige scheckige Kühe schieht man heute nur noch selten.‹ Das war damalsch, als ihr das alte Feld neben Cabbs Brunnen hattet.« »Wir hatten dasch Feld nie«, meinte Weber. »Mein Vetter hatte es. Wie dem auch sei…« »Bist du sicher?«, »Wie dem auch sei«, wiederholte Weber. »Sie sagte: ›Warte hier, ich gebe dir wasch für sie.‹ Und dann ging sie in die Küche und kehrte mit zwei großen roten Pillen zurück, und…« »Um wasch für eine Krankheit handelte es sich eigentlich?« fragte Fuhrmann. »Ich meine, warum sank die Kuh zu Boden?« »Und sie gab ihm die beiden Pillen und schagte: ›Heb den Schwanz der Kuh und schieb eine dieser beiden Pillen dorthin, wo die Sonne nicht scheint. Ich garantiere dir: Nach wenigen Sekunden schpringt das Tier auf und läuft scho schnell es kann.‹ Und mein Vater dankte ihr und frag- te: ›Wozu dient die andere Pille?‹ Und die Antwort lautete: ›Nun, du willscht die Kuh doch einholen, oder?‹« »Sie hat vermutlich dasch tiefe Tal in der Nähe von Schnitte gemeint«, sagte Fuhrmann. Alle sahen ihn an. »Wovon redest du da?« fragte Weber. »Befindet sich direkt hinterm Berg«, erklärte Fuhrmann und nickte wei- se. »Ziemlich schattig dort. Das hat sie gemeint. Der Ort, an dem die Sonne nicht scheint. Ziemlich weit für eine Pille. Typisch für Hexen – schorgen dafür, daß alles rätselhaft ischt.« Weber zwinkerte den anderen zu. »Ich weiß besser als du, wasch gemeint ist. Die Pille sollte dorthin geschteckt werden, wo… wo der Affe seine Nuß verschtaut.« Fuhrmann schüttelte den Kopf. »Es gibt keine Affen nich’ in Schnitte«, sagte er. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck, und ein Lächeln durchdrang den Nebel der Be- nommenheit. »Oh, ich verstehe. Die Hexe war blöd!« »Die Schtückeschreiber in Ankh-Morpork«, sagte Bäcker. »Glauben wirklich, sich mit uns auszukennen, was? Gebt mir den Krug.« Jason drehte den Kopf. Sein Unbehagen wuchs immer weiter. Seine Hände, die jeden Tag Eisen berührten, prickelten und juckten. »Ich schätze, wir sollten jetzt heimkehren, Jungs«, brachte er hervor. Bäcker rührte sich nicht von der Stelle. »‘ne angenehme Nacht. Scheht nur, wie die Schterne funkeln.«, »Es ist kühl geworden«, stellte Jason fest. »Riecht nach Schnee«, meinte Fuhrmann. »Ja, genau«, brummte Bäcker. »Völlig klar. Schnee mitten im Sommer. Typisch für Orte, wo die Sonne nicht scheint.« »Seid still, still, still«, sagte Jason. »Was’n mit dir los?« »Es ist verkehrt! Wir sollten nicht hier sein! Fühlt ihr denn überhaupt nichts?« »Beruhig dich, Mann.« Weber winkte ab. »Alles ischt in bester Ord- nung. Ich fühle nur die Luft. Und im Krug ist immer noch ‘n bißchen Knieweich.« Bäcker lehnte sich zurück. »Ich kann mich an eine alte Geschichte über diesen Ort hier erinnern«, verkündete er. »Sie handelt von einem Jäger, der sich hier hinlegte und einschlief.« Es gluckerte im Krug. »Na und?« erwiderte Fuhrmann. »Is’ doch nich’ weiter schwer, das Schlafen. Ich bring’s jede Nacht fertig.« »Ja, aber als der Jäger erwachte und nach Hause zurückkehrte, war sei- ne Frau mit jemand anders verheiratet, und die erwachsen gewordenen Kinder erkannten ihn überhaupt nicht mehr.« »Geht mir jeden Tag so«, murmelte Weber bedrückt. Bäcker schnüffelte. »Es riecht tatsächlich nach Schnee. Ihr wißt schon. Ich meine diesen ir- gendwie scharfen Geruch…« Dachdecker streckte sich aus, winkelte den einen Arm an und stützte den Kopf darauf. »Ich schag euch was«, meinte er. »Wenn ich wüßte, daß meine Alte je- mand andersch heiratet und meine Söhne nicht mehr dauernd die Spei- sekammer leerfressen… Dann käme ich schofort mit ‘ner Decke hierher. Wer hat den Krug?«, Jason trank rein aus Nervosität einen Schluck und merkte, daß er sich etwas besser fühlte, als der Alkohol seine Synapsen auflöste. Trotzdem unternahm er einen letzten Versuch. »Jungsch… Im Wassertrog der Schmiede liegt noch ‘n Krug mit dem Zoig. Wasch meint ihr? Wir könnten runtergehen und… Jungsch? Jungsch!« Leises Schnarchen antwortete ihm. »Oh, Mischt.« Jason stand auf. Die Sterne über ihm tanzten. Jason Ogg fiel wie in Zeitlupe. Der Krug rutschte ihm aus der Hand und rollte durchs Gras. Die Sterne funkelten. Kühler, nach Schnee rie- chender Wind wehte. Der König speiste allein. Mit anderen Worten: Er saß am einen Ende des langen Tisches und Magrat am anderen. Irgendwie gelang es ihnen, sich bei einem Glas Wein am Kamin zu treffen. Sie wußten nie genau, was sie bei solchen Gelegenheiten sagen sollten. In dieser Hinsicht fehlte es ihnen an Erfahrung: Sie waren nicht daran gewöhnt, qualitativ hochwertige Zeit in der Gesellschaft einer anderen Person zu verbringen. Woraus folgte: Die Gespräche neigten zum unge- wollt Rätselhaften und Hintergründigen. Hauptsächlich ging es dabei um die Hochzeit. Für königliche Leute und dergleichen sieht dabei alles ganz anders aus. Zum Beispiel: Sie ha- ben schon alles. Die traditionelle Liste der Hochzeitsgeschenke mit dem kompletten Sortiment Tupperware und dem Zwölf-Personen-Service mutete ein wenig seltsam an, wenn die Brautleute über ein ganzes Schloß mit vielen Zimmern verfügen – mit Zimmern, die so lange nicht benutzt wurden, daß sich die Spinnen darin gemäß den evolutionären Gesetzen zu unterschiedlichen Spezies entwickelt hatten. Man kann nicht einfach die Größenordnung anpassen und sich ein Heer in rot-weißen Unifor- men wünschen, das zur Tapete in der Küche paßt. Wenn königliche Leu- te heiraten, so bekommen sie entweder sehr kleine Dinge, etwa winzige Uhren in Form von Eiern, oder so große und schwere Objekte wie Her- zoginnen., Und dann die Gästeliste… Bei einer gewöhnlichen Hochzeit ist die Sa- che schon schlimm genug. Man denke nur an alte Verwandte, die sab- bern und fluchen; an Brüder, die schon nach einem Glas Wein aggressiv werden; an diverse Leute, die nicht mit anderen Leuten reden, und zwar weil sie mal schlecht über unsere Sharon geredet haben. Bei einer königlichen Hochzeit geht es um ganze Länder, die nach einem Glas Wein aggressiv werden, um ganze Königreiche, die ihre diplomatischen Beziehungen abgebrochen haben, weil der Kronprinz mal schlecht über unsere Sharon geredet hat. Verence wußte um dieses Problem und hatte Vorsorge getroffen. Allerdings kamen in diesem besonderen Fall weitere Schwierigkeiten hinzu. Sie betrafen die verschiedenen Spezies. Die Trolle und Zwerge und Lancre kamen gut miteinander aus, vor allem deshalb, weil es kaum Kontakte zwischen ihnen gab. Doch wenn sie sich unter einem Dach befanden, und wenn Alkoholisches getrunken wurde, vor allem von dur- stigen Zwergen… Dann bestand die Gefahr, daß sich einige Leute ge- genseitig die Arme brachen, weil ihre Vorfahren schlecht über unsere Sharon geredet hatten. Und damit noch nicht genug… »Wie geht es dem Mädchen?« »Ich habe Millie angewiesen, sie im Auge zu behalten. Was machen die anderen beiden?« »Keine Ahnung.« »Du bist doch der König, oder?« Verence rutschte unruhig auf dem Sitz hin und her. »Es sind Hexen. Und ich mag es nicht sehr, ihnen Fragen zu stellen.« »Warum nicht?« »Weil sie vielleicht antworten. Und dann?« »Worüber hat Oma mit dir gesprochen?« »Nun, über… Dinge…« »Ging es dabei zufälligerweise um… Sex?« Verence wirkte plötzlich wie ein General, der mit einem Frontalangriff gerechnet hatte und feststellen mußte, daß der Feind von hinten kam. »Nein! Warum?«, »Nanny hat mir mütterlichen Rat angeboten. Es war alles andere als leicht für mich, keine Miene zu verziehen. Meine Güte, die beiden be- handeln mich wie ein kleines Kind;« »Äh, nein. Darüber haben wir nicht gesprochen.« Sie saßen zu beiden Seiten des Kamins, und Verlegenheitsröte zierte ihre Gesichter. »Äh«, sagte Magrat nach einer Weile. »Äh, du hast das Buch bestellt, nicht wahr? Du weißt schon… Das mit den Holzschnitten.« »Oh, ja. Ja.« »Inzwischen hätte es längst hier eintreffen müssen.« »Nun, die Postkutsche kommt nur einmal pro Woche. Morgen ist sie wieder fällig, und vermutlich bringt sie auch das Buch mit. Ich hab’s langsam satt, immer wieder runterzulaufen, um Shawn zuvorzukom- men.« »Du bist der König. Warum befiehlst du Shawn nicht einfach, die Post dir zu überlassen?« »Nein, ich möchte ihn nicht enttäuschen. Er nimmt seine Pflichten so ernst.« Im Feuer knackte ein großer Scheit. »Gibt es wirklich Bücher… darüber?« »Es gibt Bücher über alles.« Sie starrten beide in die Flammen, und Verence dachte: Sie findet keinen Gefallen daran, Königin zu sein. Aber dazu wird man, wenn man einen König heira- tet. So steht’s in den Büchern… Er klatschte in die Hände. »Tja, ich schätze, das wär’s dann wohl. Morgen steht uns ein anstren- gender Tag bevor. Die Gäste treffen ein und so.« »Ja. Uns steht wirklich ein anstrengender Tag bevor.« »Ich nehme an, man hat uns Wärmpfannen ins Bett gelegt.« »Weiß Shawn inzwischen, worauf er dabei achten muß?« »Hoffentlich. Ich kann mir nicht schon wieder neue Matratzen leisten.«, Es war ein großer Großer Saal. Schatten stapelten sich in den Ecken, wuchsen an beiden Enden zusammen. »Hier in Lancre gibt es nicht viele Bücher«, sagte Magrat langsam, wäh- rend sie auch weiterhin ins Feuer sah. »Bisher, meine ich.« »Die Literatur ist eine großartige Sache.« »Die Leute sind auch ohne Bücher zurechtgekommen.« »Ja, aber nicht richtig. Zum Beispiel die hiesige Viehwirtschaft. Sie ist ziemlich zurückgeblieben.« Magrat beobachtete züngelnde Flammen. Auch andere Dinge sind hier zu- rückgeblieben, dachte sie niedergeschlagen. »Wird Zeit, zu Bett zu gehen, nicht wahr?« »Ich glaube schon.« Verence entzündete zwei Kerzen in silbernen Haltern und reichte eine Magrat. »Gute Nacht.« »Gute Nacht.« Sie verabschiedeten sich mit einem kurzen Kuß und gingen in ver- schiedene Richtungen davon. Magrats Bettlaken lief gerade braun an. Sie zog die Wärmpfanne von der Matratze und warf sie aus dem Fenster. Anschließend blickte sie zum »Kleiderschrank«. Mit ziemlicher Sicherheit gab es außer Magrat keine andere Person in Lancre, die Gedanken daran verschwendete, ob irgend etwas biologisch abbaubar war oder nicht. Alle anderen hofften, daß die Dinge von Be- stand waren – obgleich sie wußten, daß die Fäulnis siegte, wenn man lange genug wegsah. Zu Hause – Magrat verbesserte sich sofort: dort, wo sie früher gewohnt hatte – gab es einen Abort am Ende des Gartens. Eine gute Einrichtung, fand sie. Wenn man regelmäßig Gebrauch von einem Eimer mit Asche machte und außerdem die abgerissenen Blätter eines alten Kalenders verwenden konnte, so kam man bestens damit zurecht. Außerdem fand sie den weintraubenartigen Ausschnitt in der Tür recht hübsch. Alle drei, oder vier Monate hatte Magrat ein Loch gegraben und jemanden darum bitten müssen, das Häuschen einige Meter zu versetzen. Beim »Kleiderschrank« handelte es sich um eine überdachte Nische in der Wand. Ein Holzsitz befand sich dort über einer quadratischen Öff- nung im Boden: Der Schacht führte bis ganz nach unten, bis hin zur Schloßmauer. Dort gab es ein zweites Loch, und genau an jener Stelle fand die biologische Abbaubarkeit mit Hilfe eines organodynamischen Prozesses statt, bei dem Shawn Ogg und seine Schubkarre eine zentrale Rolle spielten. Soviel wußte und verstand Magrat. Es paßte zu ihren Vor- stellungen von königlichem Adel und gemeinem Volk. Doch die Haken verblüfften und schockierten sie. Sie dienten dazu, Kleidung aufzuhängen. Millie hatte darauf hingewie- sen, daß die wertvolleren Pelzmäntel und so weiter in jener Nische ver- staut wurden. Warum? Der Luftzug aus dem Loch – vom Geruch ganz zu schweigen* – hielt die Motten fern. Nun, zumindest in dieser Hinsicht hatte Magrat ihren Willen durchge- setzt. Sie lag jetzt im Bett und starrte an die Decke. Natürlich wollte sie Verence heiraten, obgleich er ein fliehendes Kinn hatte und seine Augen immerzu tränten. Tief in ihrem Innern wußte Magrat, daß sie kaum wählerisch sein durfte, um einen König zu be- kommen… Nun, in diesem Zusammenhang durfte man wohl kaum von Pech sprechen. Aber als Narr war er ihr lieber gewesen. Ein Mann, der bei jeder Bewe- gung klimperte, übte einen gewissen Reiz aus. Wenn sie an die Zukunft dachte, stellte sie sich langweilige Tapisserien und wehmütige Blicke aus dem Fenster vor. Sie hatte genug von Büchern über Etikette und Abstammung und von Twurps Adelsstände der Fünfzehn Berge und Ebene von Sto. Als Königin mußte man über solche Dinge Bescheid wissen. In der langen Galerie gab es viele Bücher darüber, und Magrat hatte nur erst einige wenige Regale erforscht. Wie sprach man den dritten Vetter eines * Im Ernst: Deshalb treten die Leute zur Seite, wenn Könige vorbeigehen., Grafen an? Was bedeuteten die Bilder auf Schilden? Was hatte es mit den vielen Löwendarstellungen und so auf sich? Und dann die Klei- dung… Einen Schleier lehnte sie kategorisch ab, und sie war nicht be- sonders glücklich mit dem spitzen Hut, von dem eine Art Schal herab- baumelte. Bei Lady Sowieso mochte so etwas sehr elegant wirken, doch bei Magrat sah’s aus, als hätte jemand ein großes Eis auf ihren Kopf fal- len lassen. Nanny Ogg saß im Bademantel vorm Kamin, rauchte ihre Pfeife und schnitt sich die Fußnägel. Gelegentlich machte es irgendwo Ping, wenn ein Splitter von irgendwelchen Gegenständen im Zimmer abprallte. Eine kleine Öllampe ging zu Bruch. Oma Wetterwachs lag bleich und völlig reglos auf dem Bett, in den falti- gen Händen ein Schild mit der Aufschrift: ICH BINNE NICH TOT… Ihr Geist schwebte durch den Wald und suchte… Es gab jedoch ein Problem: Omas Selbst brauchte fremde Augen und Ohren, um zu sehen und zu hören. Wo so etwas nicht existierte… Sie hatte keine Möglichkeit, jene acht Männer zu bemerken, die in einer Mulde unweit des Steinkreises schliefen. Und träumten… Lancre ist nur deshalb mit dem Rest der Welt verbunden, weil es eine Brücke über die Lancre-Schlucht gibt. Durch die Schlucht rauscht ein nicht besonders tiefer Fluß, der aber gefährliche Stromschnellen hat. Er heißt Lancrefluß.* Die Kutsche näherte sich dem einen Ende – oder Anfang – der Brük- ke. Ein ungeschickt mit Weiß, Rot und Schwarz bemalter Schlagbaum ver- sperrte den Weg. Der Kutscher ließ sein Horn erklingen. * Die Bewohner von Lancre halten Geographie nicht für eine sehr originelle Wissenschaft., Ridcully beugte sich aus dem Fenster. »Was ist los?« »Trollbrücke voraus.« »Oh.« Nach einer Weile knirschte es dumpf unter der Brücke, und ein Troll kletterte über die Brüstung. Er war regelrecht aufgedonnert, wenn man die Maßstäbe seines Volkes anlegte: Abgesehen vom üblichen Lenden- schurz trug er auch noch einen Helm. Allerdings… Das Ding schien eigentlich für einen menschlichen Kopf bestimmt zu sein und verharrte nur deshalb auf dem Schädel des Trolls, weil er es mit Bindfäden festge- bunden hatte. Der Quästor erwachte. »Was is’n?« fragte er benommen. »Da steht ein Troll auf der Brücke«, erwiderte Ridcully. »Aber er befin- det sich unter einem Helm, und deshalb dürfte es eine offizielle Angele- genheit sein. Wahrscheinlich bekommt der Bursche Schwierigkeiten, wenn er irgendwelche Leute frißt.* Wir brauchen uns also keine Sorgen zu machen.« Der Quästor kicherte. Mit welcher Achterbahn des Wahnsinns sich sein Geist auch vergnügte: Derzeit ging’s nach oben. Der Troll erschien am Fenster der Kutsche. »Guten Tag, ihr Herren«, sagte er. »Zollkontrolle.« »Kannst du dir sparen«, erwiderte der Quästor fröhlich. »Bei uns ist der Zoll noch immer so lang wie sonst auch. Glaube ich wenigstens.« Der Troll räusperte sich grollend. »Ich meine… Habt ihr Bier, Spiri- tuosen, Wein, Likör, halluzinogene Kräuter oder irgendwelche unzüchti- gen beziehungsweise lasterhaften Bücher dabei?« Ridcully zog den Quästor vom Fenster fort. »Nein«, sagte er. »Nein?« »Nein.« * Trolle sind eine Lebensform, die nicht auf Kohlenstoff basiert, sondern auf Silizium. Menschliches Fleisch können sie überhaupt nicht verdauen. Aber es gibt immer wieder jemanden, der meint, es sei einen Versuch wert., »Bist du sicher?« »Ja.« »Möchtet ihr welche?« »Wir haben nicht einmal irgendwelche Ziegenböcke dabei«, sagte der Quästor, obgleich Ridcully versuchte, auf seinem Kopf Platz zu nehmen. Manche Leute bringen es fertig, in einer überfüllten Bar von Atlanta den Yankee-doodle zu pfeifen. Selbst solche Leute würden es für taktlos halten, einem Troll gegenüber das Wort »Ziegenbock« zu verwenden. Der Gesichtsausdruck des Trolls veränderte sich langsam, wie ein Gletscher, der einen Berg erodiert. Ponder Stibbons trachtete danach, unter seinen Sitz zu kriechen. »Ich schlage vor, wir trippeln jetzt nach Hause.« Inzwischen klang die Stimme des Quästors ein wenig gedämpft. »Er meint es nicht so«, sagte der Erzkanzler hastig. »Es liegt an den vielen getrockneten Froschpillen.« »Mich willst du bestimmt nicht fressen«, meinte der Quästor. »Bin viel zu zäh. Mein Kollege hier mpf mmpf…« »Nun«, grollte der Troll, »mir scheint…« Er bemerkte Casanunda. »Oh-ho! Zwergenschmuggel, wie?« »Das ist doch lächerlich, Mann«, erwiderte Ridcully. »Wer schmuggelt schon Zwerge?« »Ach? Und was ist das da?« »Ich bin ein Riese«, behauptete Casanunda. »Riesen sind viel größer.« »Ich war lange krank.« Dieser Hinweis verwirrte den Troll – er stieß hier an die Grenzen sei- ner intellektuellen Leistungsfähigkeit. Seine Miene deutete allerdings dar- auf hin, daß er immer noch auf Ärger aus war. Er fand ihn auf dem Dach der Kutsche. »Was befindet sich in dem Sack da oben?« »Das ist kein Sack, sondern unser Bibliothekar.«, Der Troll stieß die große Masse aus rostbraunem Haar an. »Ugh…« »Was? Ein Tier?« »Uugh?« Einige Minuten später lehnten die Reisenden an der Brüstung und blickten nachdenklich in den Fluß. »Geschieht so etwas häufig?« fragte Casanunda. »In letzter Zeit nicht mehr«, antwortete Ridcully. »Es ist wie mit… Wie heißt das Wort? Es geht dabei um Zucht und Weitergabe von Eigen- schaften und so.« »Evolution«, sagte Ponder Stibbons. Unten klatschten hohe Wellen ans Ufer. »Genau. Wie… Mein Vater hatte eine Weste mit aufgestickten Pfauen, und er hat sie mir vermacht, und nun habe ich sie. Vererbung nennt man so was.« »Nein, die Evolution…«, begann Ponder in der vagen Hoffnung, daß ihm Ridcully wenigstens diesmal zuhörte. »Wie dem auch sei«, fuhr der Erzkanzler ungerührt fort. »Die meisten Leute kennen inzwischen den Unterschied zwischen gewöhnlichen Tieren und Affen. Die Evolution hat dafür gesorgt. Man kann sich kaum fort- pflanzen, wenn man Kopfschmerzen hat, weil jemand dafür sorgte, daß man wie ein Ball hin und her sprang.« Die Wellen wurden jetzt kleiner. »Können Trolle schwimmen?« fragte Casanunda. »Nein. Sie sinken zum Grund und gehen dann ans Ufer.« Ridcully drehte sich um und lehnte sich mit den Ellenbogen auf das Geländer. »Ach, ich fühle mich ins Damals zurückversetzt. Der alte Lancrefluß… Meine Güte, da unten gibt’s Forellen, die einem den Arm abbeißen kön- nen.« »Nicht nur Forellen«, murmelte Ponder und beobachtete, wie ein Helm die Wasseroberfläche durchstieß. »Und dann die glasklaren Tümpel weiter flußaufwärts«, sagte Ridcully. »Voll mit… äh, glasklaren Dingen. Da kann man nackt baden, ohne von, jemandem gesehen zu werden. Und Rieselwiesen, auf denen, äh, es rie- selt oder so, keine Ahnung, und viele Blumen und so weiter.« Er seufzte. »Wißt ihr, auf dieser Brücke hat sie mir gesagt…« »Er hat jetzt das Ufer erreicht«, stellte Ponder fest. Doch der Troll be- wegte sich eher langsam, unter anderem deshalb, weil der Bibliothekar lässig einen großen Stein aus der Brückenbrüstung löste. »Auf dieser Brücke habe ich sie gefragt…« »Er hat da eine ziemlich große Keule«, meinte Casanunda. »Ja, auf dieser Brücke bin ich fast…« »Könntest du bitte damit aufhören, den Stein auf eine so provozieren- de Weise zu halten?« fragte Ponder. »Ugh.« »Es wäre wirklich sehr nett von dir.« »Falls es jemanden interessiert: Auf dieser Brücke nahm mein Leben eine ganz neue…« »Warum fahren wir nicht einfach weiter?« fragte Ponder. »Der Hang ist ziemlich steil. Es dauert eine Weile, bis er ihn hochgeklettert ist.« »Da kann er von Glück sagen«, kommentierte Casanunda. »Dies ist die Brücke, auf der…« Ridcully drehte sich um. »Kommst du nun mit oder nicht?« fragte der Zwerg. Er hielt die Zügel in der Hand. »Ich habe da gerade einige einzigartige Sekunden melancholischer No- stalgie durchlebt«, sagte Ridcully. »Was von euch natürlich niemand ge- merkt hat.« Ponder hielt die Tür auf. »Nun, wie heißt es so schön? Man kann den gleichen Fluß nicht zwei- mal überqueren.« Ridcully starrte ihn groß an. »Wieso denn nicht? Dies ist eine Brücke!«, Der Bibliothekar hockte auf dem Dach der Kutsche, griff nach dem Posthorn, biß nachdenklich ins eine Ende – man konnte nie wissen – und blies dann so kräftig hinein, daß sich das Musikinstrument entrollte. Es war früher Morgen, und in Lancre zeigte sich niemand auf den Straßen. Die Bauern hatten die Nachtruhe vor einigen Stunden beendet, um hingebungsvoll zu fluchen, den Kühen einen Eimer zuzuwerfen und anschließend wieder unter die Decke zu kriechen. Das Blöken des Horns hallte von den Hauswänden wider. Ridcully sprang aus der Kutsche und atmete demonstrativ tief durch. »Riecht ihr das?« fragte er. »Das ist echte frische Bergluft, jawohl.« Er klopfte sich an die Brust. »Ich bin gerade auf etwas Ländliches getreten«, sagte Ponder. »Übri- gens: Wo ist das Schloß?« »Könnte es sich dabei um das große dunkle Etwas da drüben han- deln?« fragte Casanunda. Der Erzkanzler stand mitten auf dem Platz, breitete die Arme aus und drehte sich langsam um die eigene Achse. »Seht ihr die Taverne? Ha! Wenn ich einen Cent für jeden Rauswurf bekäme, so hätte ich… fünf Dollar und achtunddreißig Cent. Und da ist die alte Schmiede. Und da ist die Pension von Frau Spötter. Hab’ bei ihr gewohnt. Und der Berg da hinten… Heißt Kupferkopf. Bin dort mit dem Troll Kohlenhaltig gekraxelt. Ach, das waren noch Zeiten… Und seht ihr den Wald am Hügelhang? Dort hat sie…« Ridcullys Stimme wurde zu einem unverständlichen Murmeln. Nach einigen Sekunden fuhr er fort: »Jetzt fällt mir wieder alles ein… Was für ein Sommer, damals. Solche Sommer gibt’s heute nicht mehr.« Er seufzte. »Ich gäbe alles, um noch einmal mit ihr durch jenen Wald zu gehen. So viele Dinge haben wir nie… Na ja. Kommt.« Ponder versuchte, einen Eindruck von Lancre zu gewinnen. Er war in Ankh-Morpork geboren und aufgewachsen. Soweit es ihn betraf, stellte das Land etwas dar, das nur anderen Leuten zustieß – und die meisten von ihnen hatten vier Beine. Er verglich das Nichtstädtische mit dem reinen Chaos vor der Entstehung des Universums. Und das eigentliche, Universum entstand mit der Zivilisation, mit Kopfsteinpflaster und Mauern. »Dies ist die Hauptstadt des Königreichs?« fragte er. »Mehr oder weniger«, antwortete Casanunda, der ähnlich empfand, wenn es um Orte mit ungepflasterten Straßen ging. »Ich wette, hier gibt’s nicht einmal einen Feinkostladen«, spekulierte Ponder Stibbons. »Und das Bier«, begeisterte sich Ridcully. »Das hiesige Bier… Meine Güte, das hiesige Bier müßt ihr unbedingt probieren! Und eine Speziali- tät, die man Knieweich nennt. Machen sie aus Äpfeln und… Ich weiß nicht, was sonst noch hineinkommt, aber eins steht fest: Man sollte es besser nicht in Metallbechern servieren. Genau das richtige für dich, Stibbons. Sorgt dafür, daß dir Haare auf der Brust wachsen. Und das gilt auch für dich…« Er wandte sich an die nächste Person in der Kutsche – an den Bibliothekar, wie sich herausstellte. »Uugh?« »Nun, ich, äh, ich schätze, du kannst alles trinken«, sagte Ridcully. Er zog den Postsack vom Dach. »Was machen wir hiermit?« fragte er. Das Geräusch von Schritten erklang, und als sich der Erzkanzler um- drehte, sah er einen jungen, eher kleinen Mann mit fast purpurrotem Gesicht. Er trug ein schlechtsitzendes, mehrere Nummern zu großes Kettenhemd, wirkte dadurch wie eine Eidechse, die innerhalb kurzer Zeit stark abgenommen hatte. »Wo ist der Kutscher?« fragte Shawn Ogg. »Krank geworden«, erklärte Ridcully knapp. »Hatte einen akuten Anfall von Räubern. Was soll mit der Post geschehen?« »Ich nehme die Sachen fürs Schloß mit«, sagte Shawn. »Anschließend hängen wir den Sack an den Nagel neben der Taverne, damit sich die Leute selbst bedienen können.« »Ist das nicht gefährlich?« fragte der Erzkanzler. »Ich glaube nicht.« Shawn kramte im Sack. »Der Nagel hält eine Menge aus.«, »Ich meine… Es könnte doch jemand die Briefe stehlen oder so.« »O nein, das fiele den Leuten nie ein, nein, ganz bestimmt nicht. In ei- nem solchen Fall müßten sie damit rechnen, von den Hexen angestarrt zu werden.« Shawn stopfte sich einige Päckchen unter den Arm und vertraute den Sack dann dem bereits erwähnten Nagel an. »Ja, genau, die gab’s hier früher auch schon«, sagte Ridcully. »Hexen! Ich will euch was über sie erzählen…« »Meine Mutter ist eine Hexe«, meinte Shawn im Plauderton und griff noch einmal in den Sack. »Man kann kaum charakterlich besseren Frauen begegnen«, behauptete Ridcully, dem es ohne zu große Schwierigkeiten gelang, gedanklich um- zuschalten. »Es sind keineswegs machthungrige alte Vetteln mit dem Bestreben, sich in alles einzumischen.« »Seid ihr wegen der Hochzeit gekommen?« »Ja, genau. Ich bin der Erzkanzler der Unsichtbaren Universität, und dies ist Ponder Stibbons, ein Zauberer, und das… He, wo steckst du? Ah, da bist du ja. Das ist Herr Casanunda…« »Graf«, sagte Casanunda. »Ich bin ein Graf.« »Im Ernst? Hast du vorher nie erwähnt.« »Nun, und wenn schon. Ich meine, man spricht ja nicht mit jedem so- fort über alles, oder?« Ridcully kniff die Augen zusammen. »Ich dachte, bei Zwergen gäbe es keine derartigen Titel«, sagte er. »Ich habe der Königin Agantia von Skund einen kleinen Dienst gelei- stet«, erwiderte Casanunda. »Ach? Wie klein?« »So klein nun auch wieder nicht.« »Aha. Und das ist der Quästor, und das ist der Bibliothekar.« Ridcully wich einen Schritt zurück und ruderte mit den Armen, während seine Lippen folgende stumme Botschaft formten: Sag bloß nicht »Tier«. »Freut mich, euch kennenzulernen«, sagte Shawn höflich. Ridcullys Neugier erwachte., »Der Bibliothekar«, wiederholte er. »Ja. Das hast du bereits gesagt.« Shawn nickte dem Orang-Utan zu. »Wie geht’s?« »Ugh.« »Vielleicht wunderst du dich über sein Aussehen«, vermutete Ridcully. »Nein.« »Nein?« »Meine Mutter sagt immer: Niemand von uns kann was für sein äuße- res Erscheinungsbild.« »Muß eine bemerkenswerte Frau sein«, kommentierte Ridcully. »Wie heißt sie?« »Frau Ogg, Herr.« »Ogg? Ogg? Kommt mir irgendwie bekannt vor. Ist sie vielleicht mit Besonnenheit Ogg verwandt?« »Der war mein Vater.« »Meine Güte! Du bist der Sohn des alten Besonnenheit! Wie geht’s dem Schlingel?« »Keine Ahnung, Herr. Er ist tot.« »Oh. Wie lange schon?« »Seit dreißig Jahren«, sagte Shawn. »Aber du siehst nicht älter aus als zwan…«, begann Ponder. Ridcullys Ellenbogen bohrte sich ihm in die Seite. »Wir sind hier auf dem Land«, zischte er. »Hier geht man anders an die Dinge heran. Und öfter.« Er wandte sich wieder Shawn zu, blickte in ein rosarotes und hilfsbe- reites Gesicht. »Offenbar werden die Leute allmählich wach«, stellte er fest, als hier und dort Fensterläden geöffnet wurden. »Wir frühstücken in der Taver- ne. Früher gab’s dort ein ausgezeichnetes Frühstück.« Er schnüffelte und strahlte. »Nun, das nenne ich frische Luft!« Shawn blickte sich aufmerksam um., »Ja, Herr«, bestätigte er. »So nennen wir’s ebenfalls.« Die hastigen Schritte eines verzweifelten Sprinters näherten sich, und abrupte Stille folgte. Wenige Sekunden später kam König Verence II. um die Ecke. Er ging betont langsam und hatte ein erstaunlich rotes Gesicht. »Tja, die frische Landluft sorgt für eine gesunde Gesichtsfarbe«, meinte Ridcully. »Der König!« hauchte Shawn. »Und ich habe nicht die Trompete da- bei!« »Ähm«, sagte Verence. »Ist die Post eingetroffen, Shawn?« »Oh, ja, Euer Majestät«, erwiderte Nanny Oggs Sohn, der fast ebenso nervös war wie der König. »Ich habe sie hier. Keine Sorge: Ich öffne alles und lege es dir auf den Schreibtisch.« »Ähm…« »Du, stimmt was nicht, Euer Majestät?« »Nun, äh, ich glaube…« Shawn öffnete die ersten Päckchen. »Hier ist das Buch über Etikette, auf das du gewartet hast, und das Buch über Schweinezucht, und… hier ist noch eins…« Verence griff danach, und Shawn versuchte aus einem Reflex heraus, es festzuhalten. Der Umschlag riß, und ein besonders dickes Buch fiel aufgeschlagen zu Boden. Der Wind bewegte die Blätter, und deutlich waren Holzschnitte zu erkennen. Alle Blicke richteten sich nach unten. »Potzblitz!« entfuhr es Shawn. »Meine Güte«, sagte Ridcully. »Ähm«, fügte der König hinzu. »Ugh?« Ganz vorsichtig hob Shawn das Buch auf und blätterte fast ehrfurchts- voll. »He, seht euch dieses Bild an! Er macht’s mit den Füßen! Ich wußte gar nicht, daß man’s auch mit den Füßen machen kann!« Er stieß Ponder Stibbons an. »Sieh nur!«, Ridcully musterte den König. »Ist alles in Ordnung, Euer Majestät?« Verence schien entsetzlich zu leiden. »Ähm…« »Und hier machen’s zwei Burschen mit Stöcken…« »Was?« fragte Verence. »Donnerwetter«, sagte Shawn. »Vielen Dank, Euer Majestät. Das kann ich wirklich gut gebrauchen. Ich meine, hier und dort hab’ ich was ge- lernt, was man so aufschnappt, und…« Verence nahm Shawn das Buch aus den Händen und starrte auf die Ti- telseite. »Die Kunst der richtigen Hiebe«, las er. »Richtige Hiebe? Ich bin ganz si- cher, daß in meiner Bestellung von Lie…« »Euer Majestät?« Ein oder zwei Sekunden lang rang Verence um sein inneres Gleichge- wicht, und schließlich siegte er. »Äh, ja. Ja. Äh. Nun. Ja. In Ordnung. Natürlich. Weißt du, ein gut aus- gebildetes Heer ist sehr wichtig für… für die Sicherheit eines König- reichs. Ja, genau. Magrat und ich, wir dachten… Ja. Das Buch ist für dich, Shawn.« »Ich fange gleich mit dem Üben an, Euer Majestät!« »Ähm. Gut.« Jason Ogg erwachte und bedauerte es sofort. An dieser Stelle ist eine Erklärung erforderlich. Viele Fachleute und Experten haben versucht, den Kater beziehungsweise Katzenjammer zu beschreiben. Zur Beschreibung dieses Phänomens werden häufig tan- zende Elefanten als Vergleich hinzugezogen. Aber solche Umschreibun- gen erwecken den falschen Eindruck. Sie klingen immer nach: Hoho, und jetzt was für die Jungs, imponieren wir ihnen mit ein bißchen Kater- Machismo, hoho, he, Wirt, noch mal neunzehn Halbe, hört mal her, Jungs, gestern abend ging’s echt heiß her, hoho…, Einen Knieweich-Kater kann man ohnehin nicht beschreiben. Um we- nigstens eine vage Vorstellung vom damit einhergehenden Empfinden zu vermitteln, seien hier aufgelöste Zähne erwähnt, die eine Patina auf der Zunge bilden. Nach einer Weile hob der Schmied den Kopf und öffnete die Augen.* Seine Kleidung war vom Tau feucht. Hinter der Stirn herrschte ein Chaos aus Benommenheitsdunst und unverständlichem Flüstern. Jason blickte zu den Steinen. Der Knieweich-Krug lag im Heidekraut. Er griff danach und schüttelte ihn versuchsweise – leer. Mit dem Stiefel stieß er Weber an. »Wach auf, du Schlafmütze. Wir haben die ganze Nacht hier ver- bracht!« Nacheinander begannen die Moriskentänzer eine schmerzvolle Reise, die in eine recht bittere Realität zurückführte. »Unsere Eva zieht mir das Fell über die Ohren, wenn ich nach Hause komme«, stöhnte Fuhrmann. »Oder auch nicht«, erwiderte Dachdecker. Auf Händen und Knien kroch er umher und suchte nach seinem Hut. »Vielleicht hat deine Eva längst jemand anders geheiratet.« »Möglicherweise sind hundert Jahre vergangen«, sagte Fuhrmann hoff- nungsvoll. »Hoffentlich.« Weber strahlte plötzlich. »Ich habe einen Ankh- Morpork-Dollar in Aktien der Wohlstandsbank von Ohulan investiert. Durch die Zinseszinsen wäre ich inzwischen zum Millionär geworden. Ich hätte ebensoviel Geld wie Krösus.« »Wer ist Krösus?« fragte Dachdecker. »Ein berühmter Reicher.« Bäcker zog seine Stiefel aus einem nahen Torftümpel. »Irgendwo im Ausland.« * Fügen Sie hier Ihre Lieblingsbeschreibung à la »Die Augen fühlten sich wie in Currysoße getunkte glühende Kohlen an« ein., »Meinst du den Burschen, der alles in Gold verwandelte, was er be- rührte?« fragte Fuhrmann. »Nee, das war jemand anders. Irgend’n König oder so. Tja, so was pas- siert im Ausland. Im einen Augenblick sind die Dinge in bester Ord- nung, und im nächsten verwandelt sich alles in Gold, was man anfaßt. Dieser Bursche hat ziemlich darunter gelitten.« Fuhrmann wirkte recht nachdenklich. »Und wenn er mal mußte? Wie…« »Laß dir das eine Lehre sein, junger Fuhrmann«, sagte Bäcker. »Bleib in der Heimat, wo die Leute vernünftig sind. Treib dich nicht in der Frem- de herum, wo du plötzlich ein Vermögen in den Händen halten könntest – ohne es für irgendwas ausgeben zu können.« »Wir haben hier die ganze Nacht geschlafen«, stellte Jason beunruhigt fest. »Das ist gefährlich.« »Da hast du recht, Schmied«, pflichtete ihm Fuhrmann bei. »Ich glau- be, etwas hat mein Ohr als Toilette benutzt.« »Ich meine, hier schleichen sich einem seltsame Dinge in den Kopf.« »Genau das habe ich auch gemeint.« Jason blinzelte. Er war ganz sicher, geträumt zu haben. Er erinnerte sich daran. Aber die Einzelheiten des Traums blieben verschwommen. Nach wie vor glaubte er zu spüren, wie zwischen seinen Schläfen Stimmen erklangen, doch zu weit entfernt, um sie verstehen zu können. »Na schön.« Beim dritten Versuch gelang es ihm, auf die Beine zu kommen. »Wahrscheinlich ist nichts weiter passiert. Gehen wir nach Hause, um herauszufinden, in welchem Jahrhundert wir uns befinden.« »Äh, in welchem Jahrhundert sind wir eingeschlafen?« fragte Dachdek- ker. »In dem des Flughunds, nicht wahr?« entgegnete Bäcker. »Aber vielleicht sind wir in einem anderen erwacht«, sagte Fuhrmann hoffnungsvoll. Er mußte eine Enttäuschung hinnehmen. Die Stadt lieferte ihnen die Bestätigung dafür, daß sie sich noch im heimischen Jahrhundert befan- den. In Lancre konnte man kaum etwas mit Zeiteinheiten anfangen, die, kleiner waren als eine Stunde und größer als ein Jahr, doch es gab un- übersehbare Hinweise, die jeden Zweifel ausräumten: Man schmückte den Platz mit bunten Fähnchen, und einige Männer stellten gerade eine Art Maibaum auf. Jemand nagelte ziemlich schlecht gemalte Bilder an die Wände. Sie zeigten Verence und Magrat, darunter den Slogan: »Möge Gott dasse köhnigliche Paar segnigen«. Die Moriskentänzer verabschiedeten sich mit einigen knappen Worten, und anschließend ging jeder seines Wegs. Ein Hase hoppelte durch den zerrissenen Morgennebel bis zur alten schiefen Hütte auf der Waldlichtung. An einem Baumstumpf zwischen Abort und Kräutergarten verharrte er. Die meisten Tiere des Waldes mieden die Nähe der Kräuter, und zwar aus gutem Grund: Wer sie während der vergangenen fünfzig Jahre nicht gemieden hatte, bekam keine Gelegenheit, Nachkommen zu zeu- gen. Einige Ranken bewegten sich, und das war seltsam, denn es wehte gar kein Wind. Der Hase hockte sich auf den Stumpf. Ein Beobachter hätte jetzt vielleicht den Eindruck von Bewegung ge- wonnen. Etwas verließ den Hasen und schwebte zu einem geöffneten Fenster empor. Das Etwas war natürlich unsichtbar, zumindest für nor- male Augen. Das Tier auf dem Baumstumpf veränderte sich. Vorher hatte es ziel- strebig gewirkt, doch nun sprang es zu Boden und begann damit, sich die Ohren zu putzen. Nach einer Weile öffnete sich die Hintertür, und Oma Wetterwachs trat steifbeinig nach draußen. Sie stellte einen Napf mit Brot und Milch auf die Straße, kehrte dann ins Innere der Hütte zurück und schloß die Tür. Der Hase hoppelte näher. Niemand weiß, ob Tiere verstehen, was es mit Verpflichtungen und Transaktionen auf sich hat. Eigentlich spielt es für sie auch gar keine Rolle. Das ist eher integraler Bestandteil der Hexerei. Wenn man eine Hexe wirklich verärgern möchte, so erweise man ihr einen Gefallen, oh-, ne daß sie die Möglichkeit hat, sich dafür in irgendeiner Form erkennt- lich zu zeigen. In einem solchen Fall läßt ihr die unerfüllte Verpflichtung keine Ruhe. Oma Wetterwachs hatte sich die ganze Nacht über das Selbst des Ha- sen geborgt. Dafür schuldete sie dem Tier etwas, und das bedeutet: Wäh- rend der nächsten Tage warteten an der Hintertür mindestens einmal am Tag Brot und Milch auf das Langohr. Man mußte alles vergelten, so oder so. Es gab mehr als nur eine Art von Verpflichtung. Manche Leute begriffen das nie, dachte Oma, wäh- rend sie in die Küche ging. Magrat verstand es ebensowenig wie das Mädchen. Die Dinge mußten im Gleichgewicht sein. Man konnte nicht einfach eine gute oder eine schlechte Hexe sein. So was ging nie gut. Man mußte sich damit begnügen, eine Hexe zu sein – es galt, alle Mühe darauf zu konzentrieren. Oma nahm am kalten Kamin Platz und widerstand der Versuchung, sich mit dem Bein am Ohr zu kratzen. Irgendwie war ihnen der Wechsel in diese Welt gelungen. Sie spürte es in den Bäumen, in den Selbstsphären kleiner Tiere. Sie plante etwas – etwas, das bald geschehen sollte. Im okkulten Sinne spielte die Sommer- sonnenwende keine große Rolle, aber sie hatte Bedeutung für das Den- ken und Fühlen der Menschen. Und aus jenem Denken und Fühlen be- zogen die Elfen Kraft. Oma wußte, daß es früher oder später zu einer Konfrontation mit der Königin kommen würde. Nicht mit Magrat, sondern mit der Königin. Und dann drohte ihr, Esme Wetterwachs, eine Niederlage. Ein ganzes Leben lang hatte sie daran gearbeitet, ihr eigenes Ich unter Kontrolle zu halten, und sie war sehr stolz auf die dabei erzielten Erfol- ge. Doch jetzt ließ sie sich plötzlich selbst im Stich. Unter den gegenwärti- gen Umständen brauchte sie ihr ganzes Selbstvertrauen, doch in ihr wuchs das sehr unangenehme Gefühl, daß kein hundertprozentiger Ver- laß mehr auf sie war. Sie spürte das mentale Tasten der Königin – nach all den Jahren erinnerte sie sich noch immer deutlich an Präsenz und Struktur jenes Bewußtseins. Darüber hinaus schien mit ihrer Fähigkeit, des Borgens soweit alles in Ordnung zu sein. Aber ihr Ich… Wenn sie sich nicht alles auf kleine Zettel schrieb, verlor sie die Orientierung. Eine Hexe zu sein… Es bedeutete, genau zu wissen, wer und wo man war. Und gerade in dieser Hinsicht lief Oma nun Gefahr, die Übersicht zu verlieren. Am vergangenen Abend hatte sie den Tisch für zwei Personen gedeckt und versucht, ein Zimmer zu betreten, daß es in ihrer Hütte überhaupt nicht gab. Und bald mußte sie gegen eine Elfe antreten. Wenn man gegen eine Elfe antrat und verlor… Dann starb man, mit etwas Glück. Eine fröhliche Millie Chillum brachte Magrat das Frühstück ans Bett. »Die ersten Gäste sind eingetroffen, Gnäfrau. Und der Platz ist mit bunten Fähnchen und so geschmückt! Und Shawn hat die Krönungskut- sche gefunden!« »Wie kann man eine Kutsche verlieren?« fragte Magrat. »Sie stand in einem verschlossenen Schuppen, Gnäfrau. Er streicht sie gerade neu an, mit goldener Farbe.« »Aber die Hochzeit findet hier statt«, wandte Magrat ein. »Wir brauchen nirgends hinzufahren.« »Der König schlug vor, ein wenig mit der Kutsche durch die Gegend zu fahren, vielleicht bis zum Blöden Kaff. Mit Shawn Ogg als militäri- scher Eskorte. Damit die Leute winken und Hurra rufen können. An- schließend kehrt ihr hierher zurück.« Magrat streifte den Morgenmantel über und trat ans Fenster. Von dort aus konnte sie über die Außenmauern des Schlosses hinweg bis zum Stadtplatz blicken, wo sich ziemlich viele Leute eingefunden hatten. Es wäre ohnehin Markttag gewesen, aber jetzt stellte man auch Sitzbänke auf. Der Maibaum stand bereits. »Ich habe gerade einen Affen auf dem Platz gesehen«, sagte Magrat. »Die ganze Welt kommt nach Lancre!« entfuhr es Millie, die sogar schon einmal in Schnitte gewesen war. Magrat bemerkte eins der Bilder, das Verence und sie zeigte., »So ein Unfug«, murmelte sie. Millie hörte sie und riß schockiert die Augen auf. »Wie meinst du das, Gnäfrau?« Magrat drehte sich um. »All dies! Für mich!« Die Zofe wich furchtsam zurück. »Ich bin doch nur Magrat Knoblauch! Könige sollten Prinzessinnen und Herzoginnen und so heiraten! Die sind an so etwas gewöhnt! Ich möchte nicht, daß jemand Hurra ruft, nur weil ich mit einer Kutsche vorbeifahre! Noch dazu Leute, die ich überhaupt nicht kenne! Dies al- les…« Magrat winkte verzweifelt ab. Ihre Gesten galten dem verhaßten Kleiderschrank, dem gewaltigen Himmelbett und einem Nebenzimmer, in dem steife, teure Kleidung auf sie wartete. »Es ist nicht für mich, son- dern für eine Idee. Bestimmt hast auch du als Kind Ausschneidepuppen mit Ausschneidekleidern bekommen, ja, und du konntest mit ihnen ma- chen, was du wolltest, sie anziehen, wie du wolltest. So geht’s mir! Es ist… wie mit den Bienen! Man macht mich zur Königin, ob ich’s will oder nicht!« »Der König hat dir die vornehmen Kleider besorgt, weil…« »Ich meine nicht nur die Kleider. Die Leute würden in jedem Fall Hur- ra rufen – ganz gleich, wer in der Kutsche sitzt!« »Aber du hast dich als einzige in den König verliebt, Gnäfrau«, wandte Millie tapfer ein. Magrat zögerte. Bisher hatte sie dieses Gefühl noch keiner gründlichen Analyse unterzogen. »Nein«, erwiderte sie schließlich. »Da war er noch nicht König. Und niemand wußte, daß er einmal der König werden wür- de. Damals war er nur ein trauriger, netter junger Mann, der eine Nar- renmütze mit Glöckchen trug und den niemand beachtet hat.« Millie wich noch etwas weiter zurück. »Vermutlich liegt’s an den Nerven, Gnäfrau«, brachte sie unsicher her- vor. »Am Tag vor der Hochzeit ist Nervosität durchaus verständlich. Vielleicht… sollte ich dir einen Kräutertee holen…«, »Ich bin nicht nervös! Und ich kann mir selbst Kräutertee kochen, wenn ich welchen will.« »Die Köchin sieht es nicht gern, wenn jemand anders ihren Kräuter- garten betritt«, gab Millie zu bedenken. »Ich habe den ›Garten‹ bereits gesehen. Da wächst nur kümmerlicher Salbei und gelbliche Petersilie. Wenn man’s nicht in den Hintern eines Huhns stopfen kann, ist es nach Meinung der Köchin überhaupt kein richtiges Kraut! Außerdem… Wer ist hier die Königin?« »Ich dachte, du wolltest keine sein, Gnäfrau«, entgegnete Millie. Magrat starrte sie an und schien einige Sekunden lang mit sich selbst zu ringen. Millie mochte nicht sehr gebildet sein, aber sie war keineswegs dumm. Sie floh und warf die Tür hinter sich zu, bevor sie das Tablett mit dem Frühstück an die Wand knallte. Magrat setzte sich auf die Bettkante und ließ die Schultern hängen. Sie wollte keine Königin sein. In die Rolle der Königin zu schlüpfen… Dazu mußte man über gute schauspielerische Fähigkeiten verfügen, und Magrat war sicher, daß es ihr ausgerechnet in dieser Hinsicht an Talent mangelte. Es fiel ihr schon schwer genug, sie selbst zu sein. Der Lärm des regen Treibens auf dem Stadtplatz wurde ins Zimmer geweht. Bestimmt würde das Volk tanzen – das schien unvermeidlich zu sein –, und wahrscheinlich würde es auch singen. Und der ganze Rest: tanzende Bären, fröhliche Jongleure, der Wer-kann-am-schnellsten-den- eingefetteten-Pfahl-erklettern-Wettbewerb, den aus irgendeinem Grund immer Nanny Ogg gewann. Dann das Schweinereiten. Und die Sache mit der Kleienwanne. Für gewöhnlich kümmerte sich Nanny darum. Nur besonders mutige Männer wagten es, ihre Hand in eine Kleienwanne zu stecken, die eine für ihren besonderen Humor bekannte Hexe vorberei- tet hatte. Magrat war von solchen Veranstaltungen immer begeistert ge- wesen. Bis jetzt. Nun, es gab noch das eine oder andere zu tun. Zum letztenmal zog sie gewöhnliche Kleidung an und eilte über die Hintertreppe zum entgegengesetzten Turm, in dem man Diamanda un- tergebracht hatte., Ein angenehm wärmendes Feuer brannte im Kamin – es war Shawn zu verdanken –, und Diamanda ruhte, schlief einen tiefen Schlaf, aus dem man sie nicht wecken konnte. Magrat stellte fest, daß Diamanda geradezu hinreißend gut aussah. Und damit nicht genug: Sie hatte den Mut aufgebracht, ausgerechnet Oma Wetterwachs die Stirn zu bieten. Magrat konnte es kaum abwarten, daß sich die Verletzte erholte – um sie dann hingebungsvoll zu beneiden. Die Wunde schien gut zu verheilen, aber gewisse Gegenstände im Zimmer… Sie ging zur Kordel in einer Ecke des Raums und zog daran. Ein oder zwei Minuten später traf ein schnaufender Shawn Ogg ein. An seinen Händen klebte Goldfarbe. »Was hat es damit auf sich?« fragte Magrat. »Ähm. Die Frage beantworte ich nicht gern, gnä’ Frau…« »Zufälligerweise bin ich… fast… die Königin«, betonte Magrat. »Ja, aber der König hat gesagt… Das heißt, Oma Wetterwachs mein- te…« »Oma Wetterwachs herrscht nicht über dieses Königreich«, verkündete Magrat. Sie verabscheute es, auf diese Weise zu reden, aber es schien zu funktionieren. »Außerdem ist sie nicht hier. Ich bin hier, und wenn du mir nicht erklärst, was hier los ist… Dann sorge ich dafür, daß du die ganze Drecksarbeit im Schloß erledigen mußt.« »Das muß ich ja schon«, erwiderte Shawn. »Dann sorge ich eben dafür, daß die Dreckarbeit noch dreckiger wird.« Magrat griff nach einem Bündel. Es bestand aus mehreren Stoffstrei- fen, die um eine Eisenstange gewickelt waren. »So was liegt hier überall«, sagte Magrat. »Warum?« Shawn betrachtete seine Füße. Auch an den Stiefeln glänzte Goldfarbe. »Nun, unsere Mama meinte…« »Ja?«, »Unsere Mama meinte, es sei sehr wichtig, daß es hier genug Eisen gibt. Deshalb haben Millie und ich einige Stangen aus der Schmiede ge- holt und sie umwickelt, und Millie hat sie hierhergebracht.« »Warum?« »Um die, äh, Herren und Herrinnen fernzuhalten.« »Was? Aber das ist doch nur ein alter Aberglaube. Außerdem: Alle wis- sen, daß Elfen gut sind – was auch immer Oma Wetterwachs behauptet.« Shawn schnitt eine Grimasse, als Magrat ein Bündel unter der Matratze hervorzog und es in die Ecke warf. »Hier halten wir nichts von einem derartigen Unfug. Gibt es sonst noch etwas, von dem man mir nichts gesagt hat?« Shawn schüttelte den Kopf und dachte schuldbewußt an das Wesen im Kerker. »Na schön. Geh jetzt. Verence möchte ein modernes, effizientes Kö- nigreich, und das bedeutet: keine Hufeisen und so. Geh endlich!« »Ja, Frau Königin.« Ich habe durchaus die Möglichkeit, hier positive Veränderungen zu bewirken, ging es Magrat durch den Sinn. Und sie fuhr fort: Ja, genau. Sei vernünftig. Darauf kommt’s an – auf die Ver- nunft. Rede mit ihm. Sie glaubte fest daran, daß sich alle Probleme lösen ließen, wenn die Leute nur miteinander redeten. »Shawn?« Er blieb an der Tür stehen. »Ja, gnä’ Frau?« »Ist der König bereits im Großen Saal?« »Ich glaube, er zieht sich noch an, Frau Königin. Jedenfalls hat er mich bisher nicht angewiesen, die Fanfare erklingen zu lassen.« Verence mochte es nicht besonders, von Shawn mit schmetternden Trompetenstößen angekündigt zu werden, und deshalb hatte er an die- sem Morgen seine Gemächer inkognito verlassen. Magrat wußte nichts davon, ging zu seinem Schlafzimmer und klopfte an., Warum schüchtern sein? Am nächsten Tag war es auch ihr Schlafzim- mer, oder? Sie drehte den Knauf, und die Tür öffnete sich. Fast gegen ihren Willen trat sie ein. Von den Räumen im Schloß konnte man kaum behaupten, daß sie je- mandem gehörten. Im Lauf der Jahrhunderte hatten zu viele Personen darin gewohnt. Die Atmosphäre stellte ein Äquivalent jener Wände dar, in denen zahllose winzige Löcher an zahllose Poster inzwischen längst aufgelöster Rockgruppen erinnerten. Solchen Steinen konnte man keine individuelle Persönlichkeit aufprägen; gegen so etwas waren sie längst immun. Magrat betrat nun das Schlafzimmer eines Mannes und empfand dabei wie ein Forscher, der jene Region erreichte, die auf der Landkarte mit »Hier könnten Drachen hausen« markiert war.* Der Raum entsprach nicht ganz ihren Vorstellungen. Das Schlafzimmerkonzept hatte Verence erst recht spät in seinem Le- ben kennengelernt. Als er noch ein Junge gewesen war, schlief die ganze Familie im Stroh auf dem Dachboden der Hütte. Als Lehrling in der Gilde der Narren und Witzbolde hatte er sich mit einer einfachen Prit- sche in einem großen Wohnheim begnügen müssen, das er mit vielen anderen traurigen und bedrückten Jugendlichen geteilt hatte. Als voll ausgebildeter Narr schlief er zusammengerollt vor der Tür seines Herrn, wie es die Tradition verlangte. Erst viel später als die meisten Leute be- kam er Gelegenheit, weiche Matratzen auszuprobieren. Jetzt erfuhr Magrat vom großen Geheimnis des Königs. Das Experiment hatte nicht funktioniert. In der Mitte des Zimmers stand das große Bett von Lancre. Es hieß, daß mehr als zehn Personen darin schlafen konnten, doch in Hinsicht auf die Umstände und das Warum ließ sich keine Gewißheit erlangen. Wie dem auch sei: Das Bett war riesig und bestand aus Eiche. * Auf der Straßenkarte »Das Α und Ω alliger Strahsen in Ankh-Morpork« ist dieser Ort mit folgenden Worten gekennzeichnet: »Sonnenscheinheim für ein- same und kranke Drachen, Morphische Straße; Kohlenspenden bitte am Ne- beneingang hinterlassen. Unser Motto lautet: Ein Drache ist fürs ganze Leben, nicht nur für die Silvesternacht.«, Ganz offensichtlich hatte niemand darin geschlafen. Magrat zog die Decke zurück, roch angesengtes Leinen – und sonst nichts. Dieser Geruch teilte mit: Hier hat niemand gelegen und geträumt. Sie blickte sich um, bis sie das kleine Stilleben an der Tür bemerkte. Es bestand aus einem zusammengefalteten Nachthemd, einem Kerzenhalter und einem kleinen Kissen. Seit Verence die Königskrone trug, schlief er auf der anderen Seite der Tür. Bei den Göttern! Er hatte die Nacht immer vor der Tür seines Herrn verbracht. Und nun schlief er vor der Pforte seines Königreichs. Magrat spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Man mußte einfach jemanden lieben, der so sentimental war. Sie fühlte sich fasziniert und wußte gleichzeitig, daß sie an diesem Ort eigentlich nichts zu suchen hatte. Trotzdem: Sie putzte sich die Nase und setzte ihre Entdeckungsreise fort. Einige neben dem Bett liegende Klei- dungsstücke wiesen darauf hin, daß. Verence mit seiner Garderobe eben- so rücksichtsvoll umging wie die meisten Angehörigen des männlichen Teils der Bevölkerung. Und noch etwas: Wie viele seiner Geschlechtsge- nossen schien er gewisse Schwierigkeiten mit den komplexen topologi- schen Manövern zu haben, die nötig waren, um Socken auf die richtige Seite zu ziehen. Die ehemalige Hexe sah eine kleine Frisierkommode samt Spiegel, an dem eine kleine, verwelkte Blume befestigt war. Sie hatte große Ähnlich- keit mit jenen Blumen, die Magrat des öfteren im Haar trug. An dieser Stelle hätte sie das Zimmer besser verlassen sollen, wie sie später zugeben mußte. Aber sie schien überhaupt keine Kontrolle mehr über sich zu haben. Mitten auf der Frisierkommode stand eine Art Napf aus Holz. Er ent- hielt Münzen, Bindfäden und andere Dinge, wie sie für eine abends ge- leerte Hosentasche typisch zu sein schienen. Ein zusammengefalteter Zettel fiel Magrat auf. Er sah aus, als hätte er eine ganze Weile in besagter Hosentasche verbracht. Die Fast-Königin griff danach und entfaltete ihn., An mittwärtigen Hängen der Spitzhornberge gab es überall kleine Kö- nigreiche. Jedes schmale Tal und jeder Felssims, der mehr als einer Gem- se Platz bot, stellte ein Königreich dar. In den Spitzhornbergen gab es Königreiche, die so klein waren, daß folgendes geschehen konnte: Wenn sie von einem Drachen heimgesucht wurden und ein Held die Gefahr bannte, und wenn ihn der König dafür mit der Hälfte des Reiches be- lohnen mußte, wie es Paragraph drei der Heldengesetze verlangte – dann blieb überhaupt kein Königreich mehr übrig. So fanden denn lange An- nexionskriege statt, weil jemand nach einem Platz suchte, wo er die Koh- len aufbewahren konnte. Lancre gehörte zu den größeren Königreichen. Immerhin konnte es sich sogar ein stehendes Heer leisten.* Könige, Königinnen und verschiedene Subformen der Aristokratie strömten derzeit über die Lancrebrücke. Beobachtet wurden sie von ei- nem verdrießlichen und tropfnassen Troll, der den Wachdienst für den heutigen Tag aufgegeben hatte. Die Türen des Großen Saals standen weit offen. Überall trieben sich Jongleure und Feuerschlucker herum. Oben in der Bänkelsängergalerie spielte ein kleines Orchester auf Instrumenten wie der einsaitigen Fiedel von Lancre oder den berühmten Spitzhorn-Dudelsäcken. Glücklicher- weise verloren sich die damit erzeugten Klänge im Lärm der Menge. Nanny Ogg und Oma Wetterwachs waren ebenfalls im Großen Saal. Da es sich um eine festliche Angelegenheit handelte, trug Nanny jetzt nicht ihren schwarzen spitzen Hut, sondern einen anderen, der zwar die gleiche Form hatte, dafür aber rot glänzte. Sehr dekorative Wachskir- schen baumelten daran. »Alle möglichen Leute sind hier«, freute sich Nanny und nahm ein Glas von einem nahen Tablett. »Sogar einige Zauberer aus Ankh-Morpork, hat mir unser Shawn gesagt. Er meinte, einer von ihnen hat gesagt, ich hätte eine gute Figur. Leider wußte er nicht, wer das war.« * Shawn Ogg.** **Allerdings legte er sich manchmal hin., »Muß an Geschmacksverirrung leiden«, murmelte Oma, doch es kam nicht von Herzen. Es handelte sich nur um eine automatische Gemein- heit. Nanny Oggs Besorgnis wuchs – irgend etwas schien ihre Freundin zu belasten. »Es gibt einige Herren und Herrinnen, die wir hier nicht sehen möchten«, sagte Oma Wetterwachs. »Ich werde erst dann erleichtert aufatmen, wenn dies alles vorbei ist.« Nanny Ogg reckte den Hals und bemühte sich, über den Kopf eines kleinen Kaisers hinwegzublicken. »Von Magrat ist weit und breit nichts zu sehen. Da drüben steht Ve- rence und spricht mit einigen anderen Königen, aber Magrat ist nirgends zu sehen. Unser Shawn hat gesagt, daß Millie Chillum meinte, heute morgen sei sie das reinste Nervenbündel gewesen.« »All diese hochgeborenen Leute«, grummelte Oma und ließ den Blick über die vielen gekrönten Häupter schweifen. »Fühle mich hier wie ein Fisch auf dem Trockenen.« »Nun, wenn du mich fragst: Jeder schafft sich sein eigenes Wasser.« Nanny nahm einen gebratenen Hähnchenschenkel vom Büfettisch und schob ihn sich in den Ärmel. »Trink nicht zuviel. Wir müssen wachsam bleiben, Gytha. Denk daran, was ich dir gesagt habe. Wir dürfen uns nicht ablenken lassen…« »Das ist doch nicht etwa die reizende Frau Ogg, oder?« Nanny drehte sich um. Niemand stand hinter ihr. »Weiter unten«, fügte die Stimme hinzu. Nanny senkte den Kopf und lächelte. »Na so was«, sagte sie. »Ich bin’s, Casanunda«, sagte Casanunda, der noch kleiner wirkte, weil er eine gewaltige gepuderte Perücke* trug. »Erinnerst du dich? Wir haben in Gennua eine ganze Nacht getanzt.« * Eigentlich war sie gar nicht so enorm, wenn man die Maßstäbe von Perücken anlegte. Im Lauf der dekadenten Geschichte hat es viele Perücken gegeben, oft, »Nein, haben wir nicht.« »Nun, hätte ja sein können.« »Erstaunlich, daß wir uns ausgerechnet hier wiedersehen«, sagte Nanny taktvoll. Sie erinnerte sich an eine Besonderheit des Zwergs: Je stärker man auf ihn einschlug, desto heftiger prallte er zurück. »Unsere Sterne stehen günstig«, sagte Casanunda. »Wir sind füreinan- der bestimmt. Ich möchte deinen Körper, Frau Ogg.« »Ich benutze ihn noch.« Zwar vermutete Nanny Ogg nicht zu Unrecht, daß der zweitbeste Liebhaber der Welt diese Taktik bei allen auch nur halbwegs weiblichen Personen benutzte, aber sie fühlte sich trotzdem geschmeichelt. In ihrer Jugend hatte sie sich über viele Bewunderer freuen können, doch die Jahre hatten ihren Körper so verändert, daß man ihn heute bestenfalls als gemütlich bezeichnen konnte. Dazu kam ein Gesicht, das an eine fröhli- che Rosine erinnerte. Nun, selbst die hübschesten Blumen verwelken einmal… Außerdem fand Nanny den Zwerg irgendwie sympathisch. Die meisten Männer machten bei ihren Annäherungsversuchen große Umwege. Ca- sanundas Direktheit war erfrischend. »Wir passen nicht zusammen«, erwiderte Nanny Ogg. »Es gibt unlös- bare Kompatibilitätsprobleme, die bei der Größe anfangen. Ganz zu schweigen davon, daß ich alt genug bin, um deine Mutter zu sein.« »Ausgeschlossen. Meine Mutter ist dreihundert und hat einen schöne- ren Bart als du.« Ein Hinweis, der sich nicht ohne weiteres von der Hand weisen ließ. Nach den Maßstäben der Zwerge war Nanny kaum älter als ein Teena- ger. mit eingebautem Krimskrams, der dafür sorgen sollte, daß man nicht dauernd langweiliges Haar betrachten mußte. Manche waren so groß, daß sie Ziermäu- sen oder Schmuckuhren Platz boten. Madame Kupidor, Mätresse des Irren Königs Suppe II. hatte eine mit einem Vogelkäfig. Bei besonderen Anlässen trug sie ein anderes Modell mit einem immerwährenden Kalender, einer Blu- menuhr und einer kleinen Imbißstube mit Linguini-zum-Mitnehmen als Spezia- lität., »Ach, mein Herr!« Nanny gab Casanunda einen leichten Klaps, der es in seinen Ohren klingeln ließ. »Du weißt, wie man einem einfachen Mäd- chen vom Lande den Kopf verdreht, jawohl!« Casanunda straffte sich und richtete glücklich die Perücke. »Ich mag Frauen voller Leidenschaft«, sagte er. »Wie wär’s, wenn wir ein kleines Tête-à-tête veranstalten, wenn das hier vorüber ist?« Verwirrung erfaßte Nanny Ogg. Normalerweise kam sie mit jeder kosmopolitischen Sprache zurecht, doch jetzt mußte sie passen. »Einen Augenblick.« Sie stellte ihr Glas auf Casanundas Kopf und bahnte sich einen Weg durch die Menge, bis sie eine vielversprechend aussehende Herzogin bemerkte und sie im Bereich der Turnüre anstieß. »He, Euer Gnaden, was bedeutet Tähtatäht?« »Wie bitte?« »Ein Tähtatäht. Behält man dabei die Kleidung an?« »Damit ist ein intimes Treffen gemeint, gute Frau.« »Mehr steckt nicht dahinter? Na gut.« Nanny Ogg machte mehrmals Gebrauch von ihren Ellenbogen, als sie zum erwartungsvollen Zwerg zurückkehrte. »Alles klar«, meinte sie. »Ich dachte, wir könnten vielleicht irgendwo essen, nur du und ich«, sagte Casanunda. »In einer Taverne?« Noch nie zuvor war Nanny zu einem romantischen Essen eingeladen worden. Ihre Erfahrungen mit Romantik und dergleichen hatten sich eher durch Quantität und nicht so sehr durch Qualität ausgezeichnet. »Na schön«, antwortete sie knapp. »Schlag deiner Anstandsdame ein Schnippchen, damit wir um sechs von hier verschwinden können, einverstanden?« Nanny Ogg sah zu Oma Wetterwachs, die ein wenig abseits stand und sie mißbilligend beobachtete. »Sie ist nicht meine…« Dann fiel ihr ein, daß Casanunda Oma nicht wirklich für ihre Anstands- dame halten konnte., Komplimente und Schmeichelei hatten bei Nannys amourösen Erfah- rungen ebenfalls nur eine geringe Rolle gespielt. »Ja, in Ordnung«, entgegnete sie schlicht. »Wir sollten uns jetzt besser trennen«, sagte Casanunda. »Ich möchte dich nicht ins Gerede bringen und deinen guten Ruf gefährden.« Er ver- beugte sich und küßte Nanny Ogg die Hand. Ihre Kinnlade klappte nach unten. Nie zuvor hatte ihr jemand die Hand geküßt oder Rücksicht auf ihren Ruf genommen, sie selbst am allerwenigsten. Als der zweitbeste Liebhaber der Welt fortging und eine Gräfin an- sprach, gab Oma Wetterwachs ihren Beobachtungsposten in diskreter Entfernung* auf. »Du hast nicht einmal den Anstand einer Katze, Gytha Ogg«, sagte sie. »Ich bitte dich, Esme: Du weißt, daß das nicht stimmt.« »Na schön. Du hast den Anstand einer Katze.« »Schon besser.« Nanny Ogg richtete sich die wogenden weißen Locken und fragte sich, ob sie nach Hause zurückkehren und sich dort in ihr Korsett zwängen sollte. »Wir müssen wachsam sein, Gytha.« »Ja, ja.« »Wir dürfen uns von nichts ablenken lassen.« »Nein, nein.« »Du hörst mir gar nicht zu, oder?« »Was?« »Du könntest wenigstens herausfinden, warum Magrat nicht da ist.« »Na gut.« Nanny Ogg schlenderte verträumt davon. Oma Wetterwachs drehte sich um… * Sie blieb weit genug entfernt, um nicht zu stören, achtete jedoch darauf, daß die Distanz nicht zu groß wurde – immerhin wollte sie wissen, worum es bei dem Gespräch ging., Normalerweise hätten jetzt Violinen erklingen müssen. Unter solchen Umständen rechnete man damit, daß die Hintergrundgeräusche – das Summen und Brummen der vielen Stimmen – allmählich verklangen, daß die Menge auseinanderwich und eine Gasse freigab zwischen Oma Wetterwachs und Ridcully. Ja, Violinenklänge. Irgend etwas hätte geschehen sollen. Es geschah tatsächlich etwas: Der Bibliothekar wankte vorbei, benutzte die Arme als zusätzliche Beine und trat – oder stieß – Oma auf den Fuß, als er zum Büfettisch eilte. Sie bemerkte es kaum. »Esme?« fragte Ridcully. »Mustrum?« erwiderte Oma Wetterwachs. Nanny Ogg trat näher. »Esme, ich habe Millie Chillum gesehen, und sie meinte…« Oma Wetterwachs’ Ellenbogen bohrte sich ihr in die Seite. Nanny schnappte nach Luft und schätzte die Situation ab. »Oh«, sagte sie. »Nun, ich… ich gehe dann wohl besser.« Erneut trafen sich die Blicke. Wieder kam der Bibliothekar vorbei, und diesmal trug er ein Tablett mit Obst. Oma Wetterwachs beachtete ihn nicht. Der Quästor – er befand sich derzeit im mittleren Bereich seines Zy- klus’ – klopfte Ridcully auf die Schulter. »Hallo, Erzkanzler. Die Wachteleier sind gar nicht so übel…« »VERSCHWINDE. Stibbons, bitte hol die Froschpillen. Und halte alle Messer von ihm fern.« Und wieder sahen sie sich an. »Na so was«, sagte Oma nach ungefähr einem Jahr. »Dies muß ein verzauberter Abend sein oder so«, sagte Ridcully. »Ja. Das befürchte ich auch.« »Du bist es wirklich, nicht wahr?« »Ich glaube schon«, bestätigte Oma Wetterwachs., »Hast dich überhaupt nicht verändert, Esme.« »Du dich auch nicht. Bist noch immer ein schamloser Lügner, Mu- strum Ridcully.« Sie traten aufeinander zu. Und wieder schwankte der Bibliothekar vor- bei, und seine Fracht bestand diesmal aus einem großen Teller mit Me- ringen. Hinter ihm kroch Ponder Stibbons auf dem Boden umher und sammelte verstreute Froschpillen auf. »Tja«, sagte Ridcully. »Komisch.« »Die Welt ist klein.« »Ja.« »Du bist du, und ich bin ich. Bemerkenswert. Und jetzt ist es hier und heute.« »Und damals war’s damals.« »Ich habe dir viele Briefe geschrieben«, sagte Ridcully. »Bekam nie welche.« In den Augen des Erzkanzlers funkelte es. »Seltsam. Und ich habe sie extra mit einem Richtungszauber ausgestat- tet.« Er musterte die Hexe von Kopf bis Fuß. »Wieviel wiegst du, Esme? Hast bestimmt kein Gramm Fett am Leib, wie?« »Warum willst du das wissen?« »Gönn einem alten Mann seine Neugier.« »Na schön. Etwa siebenundfünfzig Kilo.« »Hmm… Müßte eigentlich klappen. Fünf Kilometer mittwärts… Eine leichte Drift nach links, kein Problem…« Ridcully streckte ruckartig den Arm und griff nach Omas Hand. Er fühlte sich jung und übermütig. Die Zauberer in der Unsichtbaren Uni- versität wären sicher sehr verblüfft gewesen. »Laß uns woanders hingehen.« Er schnippte mit den Fingern., Die Masse muß wenigstens ungefähr erhalten bleiben – das ist eine fundamentale magische Regel. Wenn etwas von A nach B bewegt wird, so muß etwas anderes von B nach A wechseln. Und dann das Bewegungsmoment. Zwar dreht sich die Scheibenwelt nur langsam, aber verschiedene Punkte bewegen sich in bezug auf die Mitte mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Woraus folgt: Ein Zaube- rer, der sich in Richtung Rand bewegt, sollte darauf vorbereitet sein, sein Ziel laufend zu erreichen. Die fünf Kilometer bis zur Lancrebrücke bewirkten nur ein leichtes Zerren, und damit hatte Ridcully gerechnet. Er materialisierte an die Brü- stung gelehnt, mit Esme Wetterwachs in den Armen. Eine Sekunde vorher hatte der Zolltroll jenen Platz eingenommen. Plötzlich fand er sich lang ausgestreckt im Großen Saal wieder, zufälli- gerweise direkt auf dem Quästor. Oma Wetterwachs sah in den Fluß hinab, und anschließend richtete sie einen mißbilligenden Blick auf Ridcully. »Dazu hattest du kein Recht«, sagte sie. »Bring mich sofort zurück.« »Meine Güte.« Der Erzkanzler hob die Hand. »Scheine überhaupt kei- ne magische Kraft mehr zu haben. Peinliche Sache. Die Finger sind ganz schlaff. Nun, wir könnten natürlich zu Fuß gehen. Es ist ein herrlicher Abend. Hier sind die Abende immer herrlich.« »Fünfzig oder sechzig Jahre sind vergangen!« entfuhr es Oma. »Du kannst hier nicht einfach wieder auftauchen und so tun, als sei nichts geschehen.« »Oh, ich weiß, daß viel Zeit verstrichen ist«, erwiderte Ridcully. »Ich bin jetzt das Oberhaupt der Unsichtbaren Universität. Ich brauche nur einen Befehl zu geben, und tausend Zauberer, äh… gehorchen mir nicht oder brummen ›Was?‹ oder erheben irgendwelche Einwände. Wie dem auch sei: Sie sind zumindest gezwungen, mich zur Kenntnis zu nehmen.« »Ich habe die Universität einige Male besucht«, sagte Oma. »Da gibt’s einen Haufen dicker Männer mit Bärten.« »Genau. Das sind sie!« »Viele von ihnen kommen aus den Spitzhornbergen. Ich kenne einige Jungs aus Lancre, die Zauberer geworden sind.«, »Eine sehr magische Region«, meinte Ridcully. »Vielleicht liegt’s an der Luft.« Unten rauschte das dunkle Wasser des Flusses. Es tanzte stets den Rei- gen der Schwerkraft, strömte nie bergauf. »Es gab sogar mal einen Erzkanzler namens Wetterwachs«, sagte Rid- cully. »Davon habe ich gehört«, brummte Oma. »Ein Vetter oder so. Bin ihm nie begegnet.« Sie starrten beide in den Fluß hinab. Gelegentlich sahen sie ein Stück Holz auf den Wellen wippen. »Erinnerst du dich an…«, begann Ridcully. »Ich habe ein… sehr gutes Gedächtnis.« »Fragst du dich manchmal, wie das Leben für uns gewesen wäre, wenn du ja gesagt hättest?« »Nein.« »Ich nehme an, dann wären wir jetzt eine große Familie, mit vielen Kindern und Enkeln und so…« Oma zuckte mit den Schultern. Solche Bemerkungen stammten für gewöhnlich von romantischen Narren. Andererseits: Heute abend herrschte eine besondere Atmosphäre… »Was ist mit dem Feuer?« fragte sie. »Mit welchem Feuer?« »Unser Haus brannte kurz nach der Heirat nieder. Wir kamen in den Flammen ums Leben.« »Was? Davon weiß ich überhaupt nichts…« Oma drehte sich um. »Natürlich weißt du nichts davon! Weil es uns erspart geblieben ist. Aber so etwas hätte geschehen können. Überlegungen wie ›Wenn dies nicht geschehen wäre, dann hätte sich das ereignet‹ haben keinen Sinn – weil man die jeweilige Alternative überhaupt nicht kennt. Was in diesem Zusammenhang als erstrebenswert erscheint, könnte sich als etwas Schreckliches herausstellen. Wer ›Wenn ich doch nur…‹ sagt, ahnt gar nicht, was er sich damit wünscht. Es gibt keine Gewißheit. Die Vergan-, genheit ist vergangen. Man kann nichts an ihr ändern und muß sie akzep- tieren.« »Die Hose der Zeit«, murmelte Ridcully verdrossen. Er griff nach einem von der Brüstung abgebröckelten Stein und warf ihn in den Fluß. Es platschte, wie oft in solchen Fällen. »Was?« »Davon plappern die Burschen im Forschungstrakt für hochenergeti- sche Magie. Sind dreist genug, sich Zauberer zu nennen! Du solltest sie hören. Die Kerle würden nicht einmal dann ein magisches Schwert er- kennen, wenn es sie am Knie träfe! So sind die jungen Zauberer heutzu- tage. Sie glauben, die Magie neu erfunden zu haben.« »Und die jungen Mädchen, die heutzutage Hexen werden möchten«, ließ sich Oma Wetterwachs vernehmen. »Benutzen Samthüte, schwarzen Lippenstift und Spitzenhandschuhe ohne Finger. Außerdem sind sie frech.« Sie standen jetzt nebeneinander und blickten in den Fluß. »Die Hose der Zeit«, sagte Ridcully. »Für manche Leute geht’s im einen Bein nach unten, für die übrigen im anderen. Und außerdem wimmelt’s überall vom Kontinuinuinuum-Kram. In meiner Jugend gab es nur ein anständiges Universum, und damit hatte es sich. Man mußte höchstens befürchten, daß sich irgendwelche Wesen aus den Kerkerdimensionen einen Weg ins Diesseits bahnten. Wie dem auch sei: Es gab nur ein ver- dammtes Universum – unseres –, und man wußte genau, woran man war. Jetzt soll’s plötzlich Millionen von den blöden Dingern geben. Ganz zu schweigen von der Katze, die in einer Schachtel steckt, darin gleich- zeitig lebt und tot ist oder so. Und dauernd laufen die Burschen herum und rufen: Herrlich, wunderbar, hurra, da kommt noch ein Quantum. Aber wenn man sie um einen einfachen Levitationszauber bittet… Dann sehen sie einen so an, als würde einem der Sabber aus den Mundwinkeln laufen. Du hättest den jungen Stibbons hören sollen. Sprach davon, daß ich mich nicht zu meiner eigenen Hochzeit eingeladen habe!« Ein Eisvogel sauste zum Fluß und tauchte so hinein, daß sich das Was- ser kaum kräuselte. Eine halbe Sekunde später kam er wieder zum Vor- schein und flog mit einem silbrigen, zuckenden Etwas im Schnabel fort., »Der Kerl quasselte dauernd davon, alles geschähe zur gleichen Zeit und so«, fuhr Ridcully mürrisch fort. »Als wenn man überhaupt nicht die Wahl hätte oder was weiß ich. Man entscheidet einfach nur, durch welches Hosenbein der Zeit man kriecht. Stibbons meinte zum Beispiel, daß wir tatsächlich geheiratet hätten. Seiner Ansicht nach sind alle Möglichkeiten, selbst die absurdesten, irgendwo Realität. Mit anderen Worten: Es exi- stieren viele tausend Versionen von mir, die nie Zauberer wurden – und Hunderte von Esmes, die… Briefe beantworteten. Ha! Für sie sind wir etwas, das gewesen sein könnte. Ich frage dich: Sollte ein junger Zauberer über solchen Unfug nachdenken, hm? Als ich mit dem Studium begann, war der alte Tudgy Spold Erzkanzler. Wenn ein junger Zauberer so dumm gewesen wäre, ihm gegenüber von derartigen Dingen zu sprechen, so hätte er einen Zauberstab an den Hin- terkopf bekommen, jawohl!« Irgendwo tief unten sprang ein Frosch von einem Stein. »Meine Güte, seit damals haben wir alle eine Menge Wasser gelassen.« Es dämmerte Ridcully, daß aus dem Dialog ein Monolog geworden war. Er wandte sich an Oma, die aus weit aufgerissenen Augen in den Fluß sah, als hätte sie nie zuvor Wasser gesehen. »Dumm, dumm, dumm«, sagte sie. »Wie bitte? Ich habe doch nur…« »Ich meine nicht dich, sondern mich selbst. Ja, ich bin dumm. Aber ich bin nicht blöd. Ha! Und ich dachte, mein Gedächtnis ließe mich im Stich! Das Gegenteil ist der Fall! Es erinnert sich an mehr als vorher!« »Was?« »Ich hatte schon Angst! Ich! Dachte, ich könnte nicht mehr klar den- ken! Und dabei habe ich klar gedacht, die ganze Zeit über!« »Hä?« »Nun… Es liegt mir fern zu behaupten, daß mir dieser… kleine Aus- flug nicht gefallen hat«, sagte Oma. »Aber jetzt muß ich zurück. Schnipp noch einmal mit den Fingern. Und zwar schnell.« Eine gewisse Verlegenheit zeichnete sich in Ridcullys Zügen ab. »Das geht leider nicht«, entgegnete er., »Eben ging’s.« »Und genau deshalb geht’s jetzt nicht mehr. Die Transmigration ist ziemlich anstrengend.« »Früher hast du’s oft angestellt, wenn ich mich recht entsinne«, sagte Oma Wetterwachs. Sie riskierte ein Lächeln. »Deine Füße haben kaum den Boden berührt.« »Früher war ich jünger. Heute ist einmal genug.« Omas Stiefel knarrten, als sie sich umdrehte und in Richtung Stadt marschierte. Ridcully folgte ihr hastig. »Warum so eilig?« »Habe wichtige Dinge zu erledigen«, antwortete Oma, ohne den Kopf zu drehen. »Darf die Leute nicht enttäuschen.« »Manche Leute wären vielleicht bereit, dies hier für wichtig zu halten.« »Nein. Dabei handelt es sich nur um eine persönliche Angelegenheit. Und persönliche Angelegenheiten sind nicht automatisch wichtig – auch wenn diese Ansicht weit verbreitet ist.« »Du machst es schon wieder!« »Was denn?« »Ich weiß nicht, wie jene andere Zukunft gewesen wäre«, sagte Ridcul- ly. »Aber was mich betrifft… Ich hätte sie wenigstens gern mal auspro- biert.« Oma zögerte, plötzlich erleichtert. Sollte sie von den Erinnerungen er- zählen? Sie öffnete den Mund – und überlegte es sich anders. Nein. Sie wollte keine Rührseligkeit bei Ridcully provozieren. »Ich wäre ständig griesgrämig und schlecht gelaunt gewesen«, sagte sie statt dessen. »Völlig klar.« »Ha! Und was ist mit dir? Ich hätte deine Frauengeschichten ertragen müssen. Und sicher wärst du häufig betrunken nach Hause gekommen und so.« Ridcully wirkte verwirrt. »Welche Frauengeschichten?«, »Wir sprechen hier von Dingen, die gewesen sein könnten.« »Ich bin Zauberer! Bei Zauberern gibt es keine Frauengeschichten. Es gibt Gesetze, die das verbieten. Nun, es sind keine Gesetze in dem Sinne, eher Regeln. Beziehungsweise Richtlinien.« »Wir reden von einem Leben, das du ohne Zauberei verbracht hast.« »Und ich bin fast nie betrunken.« »Als mein Ehemann wärst du’s häufig gewesen.« Ridcully faßte sich wieder. »Selbst der junge Ponder faselt nicht so ein Zeug«, stellte er fest. »Du hast dich selbst davon überzeugt, daß wir unsere gemeinsame Vergan- genheit verabscheut hätten, nicht wahr?« »Ja.« »Warum?« »Was glaubst du?« »Ich habe dich gefragt.« »Ich bin viel zu beschäftigt, um mit dieser Sache Zeit zu vergeuden«, meinte Oma. »Wie ich eben schon sagte: Man darf persönliche Dinge nicht mit wichtigen Angelegenheiten verwechseln. Mach dich nützlich, Zauberer. Du weißt doch, daß es Kreis-Zeit ist, oder?« Ridcully faßte sich an die Hutkrempe. »O ja.« »Und weißt du auch, was das bedeutet?« »Angeblich werden dabei die Wände zwischen den Realitäten dünner. Die Kreise sind… Welchen Ausdruck hat Stibbons verwendet? Er sprach von Isoresonen. Sie verbinden verschiedene Ebenen von irgend- einem Blödsinn – verschiedene Ebenen der Wirklichkeit oder so. Ich halte das für Unfug. Es klingt so, als könnte man vom einen Universum zum anderen gehen.« »Hast du’s jemals versucht?« »Nein!« »Ein Kreis ist so etwas wie eine halbgeöffnete Tür. Es ist nicht sehr schwer, sie ganz zu öffnen. Schon der Glaube genügt. Deshalb hat man, vor vielen Jahren die Tänzer aufgestellt. Die Zwerge haben sich darum gekümmert. Die Steine… Es steckt Donnerkeileisen in ihnen. Das ist ein ganz besonderes Material. Es liebt Eisen. Frag mich nicht, wie’s funktio- niert. Elfen hassen es noch mehr als gewöhnliches Eisen. Es bringt ih- re… Sinne durcheinander oder so. Doch der Geist kann die Barriere durchdringen…« »Elfen? Jeder weiß, daß es keine Elfen mehr gibt. Zumindest keine richtigen. Ich meine, hier und dort behaupten Leute, Elfen zu sein, aber…« »Sie sind elfischer Abstammung. Elfen und Menschen können zusam- men Nachkommen zeugen – als sei das etwas, worauf man stolz sein könnte. Das Ergebnis sind dürre Personen mit spitzen Ohren sowie der Neigung, zu kichern und sich leicht einen Sonnenbrand zu holen. Von ihnen geht keine Gefahr aus. Ich meine echte, wilde Elfen, wie wir sie hier schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben…« Die Straße von der Brücke zur Stadt wand sich zwischen hohen Bö- schungen hin und her. Zu beiden Seiten reichte der Wald bis dicht an den Rand des Wegs, und gelegentlich bildete er sogar ein Dach über ihm. Hoher Adlerfarn erweckte den Anschein einer wie spöttisch erstarrten Flutwelle. Es raschelte nun im Grün. Und das Einhorn sprang auf die Straße. Tausende von Universen, aneinandergedrängt wie Fäden, die zu einem Seil geflochten werden… Irgendwo sickert etwas durch; so etwas läßt sich gar nicht vermeiden. Man stelle sich das mentale Äquivalent der Frequenzüberlagerung bei schlechten Hi-Fi-Anlagen vor, wodurch es möglich wird, bei leisen Mu- sikpassagen die schwedischen Nachrichten zu hören. Kritisch wird’s vor allem dann, wenn man seinen Geist das ganze Leben lang als Empfänger verwendet hat. Es ist sehr schwer, die Gedanken eines anderen Menschen zu empfan- gen, denn zwei verschiedene Gehirne haben nie die gleiche Wellenlänge., Aber irgendwo dort draußen – dort, wo die Paralleluniversen ein Knäuel bilden – gibt es eine Million Egos, die genauso beschaffen sind wie das eigene. Und zwar aus einem offensichtlichen Grund. Oma Wetterwachs lächelte. Millie Chillum, der König und einige Kletten in menschlicher Gestalt standen vor Magrats Tür, als Nanny Ogg eintraf. »Was geht hier vor?« »Ich weiß, daß sie da drin ist«, sagte Verence. Er hielt die Krone in der berühmten Señor-Banditen-haben-unser-Dorf-überfallen-Haltung. »Sie hat Millie ziemlich erregt aufgefordert, das Zimmer zu verlassen, und anschließend hat sie etwas an die Wand geworfen.« Nanny Ogg nickte weise. »Die Nerven«, sagte sie. »Kein Wunder. So etwas mußte früher oder später passieren.« »Man erwartet uns bei der Vorstellung«, meinte Verence. »Magrat sollte mitkommen.« »Oh, ich weiß nicht«, erwiderte Nanny. »Dabei zuzusehen, wie unser Jason und die anderen mit Perücken herumhüpfen und so… Nun, sie meinen es bestimmt gut, aber ich bezweifle, ob eine junge – eine einiger- maßen junge – Braut so etwas unbedingt am Abend vor ihrer Hochzeit sehen muß. Hast du sie gebeten, die Tür aufzuschließen?« »Ich habe es ihr sogar befohlen«, sagte Verence. »Das war doch richtig, oder? Wenn mir nicht einmal Magrat gehorcht, tauge ich kaum zum Kö- nig.« »Äh…« Nanny überlegte und suchte nach den richtigen Worten. »Du hast noch nicht viel Zeit in der Gesellschaft von Frauen verbracht, oder? Ich meine, deine Kenntnisse in Hinsicht auf die Verhaltensweise weibli- cher Wesen unterliegen gewissen Beschränkungen, nicht wahr?« »Nun, ich…« Die Krone in Verences nervösen Fingern drehte sich immer schneller. Die Banditen hatten nicht nur das Dorf überfallen – wie sich nun her- ausstellte, veranstalteten die glorreichen Sieben irgendwo ein Picknick., Nanny klopfte dem König auf den Rücken. »Ich schlage vor, du führst nun bei der Darbietung den Vorsitz und gesellst dich zu den anderen feinen Leuten. Ich kümmere mich um Magrat, keine Sorge. Ich bin selbst dreimal Braut gewesen, dabei sind nur die offiziellen Verlöbnisse ge- zählt.« »Ja, aber sie sollte…« »Vielleicht findet tatsächlich eine Hochzeit statt, wenn wir das Wört- chen ›sollte‹ nicht so häufig verwenden«, sagte Nanny. »Geht jetzt.« »Wäre es nicht besser, wenn jemand hierbleibt?« fragte Verence. »Shawn hält Wache, aber…« »An diesem speziellen Ort ist wohl kaum mit einer Invasion zu rech- nen, oder?« hielt ihm Nanny entgegen. »Überlaß alles mir.« »Nun, wenn du meinst…« »Geht jetzt!« Nanny Ogg wartete und hörte, wie der König und seine Begleiter die Treppe hinuntergingen. Kurz darauf rollte die Kutsche übers Pflaster, und eine Menge jubelte – die Hochzeitsgesellschaft verließ das Schloß, allerdings ohne Braut. Nanny zählte stumm bis hundert. Dann: »Magrat?« »Geh weg!« »Ich weiß, wie es ist«, sagte Nanny. »Am Abend vor meiner ersten Hochzeit war ich auch ziemlich nervös.« Sie widerstand der Versuchung hinzuzufügen: Weil ich fürchtete, daß unser Jason als zusätzlicher Gast erscheinen könnte. »Ich bin nicht nervös, sondern wütend!« »Warum?« »Das weißt du ganz genau!« Nanny nahm den Hut ab und kratzte sich am Kopf. »Ich habe keine Ahnung, was du meinst«, sagte sie., »Er wußte Bescheid«, erklang Magrats dumpfe Stimme hinter der Tür. »Ich weiß, daß er Bescheid wußte, und ich weiß auch, wer’s ihm gesagt hat. Es war alles arrangiert. Bestimmt habt ihr über mich gelacht!« Nanny betrachtete gleichgültig das Holz der Tür und runzelte die Stirn. »Nein«, erwiderte sie. »Nun, ich werde jedenfalls nichts mehr sagen.« »Sie sind alle zur Vorstellung gegangen«, bemerkte Nanny Ogg. Keine Antwort. »Sie werden später zurückkehren.« Wieder fehlte für einen Dialog die Antwort. »Dann gibt’s Wein und Jongleure und Leute, die Wiesel durch ihre Ho- senbeine kriechen lassen«, fügte Nanny hinzu. Stille. »Und schließlich wird ein neuer Tag beginnen. Was willst du morgen unternehmen?« Stille. »Du kannst natürlich zu deiner Hütte zurückkehren. Dort ist niemand anders eingezogen. Oder bleib eine Zeitlang bei mir, wenn du möchtest. Aber eins steht fest: Du mußt dich entscheiden. Du kannst nicht ewig da drin bleiben.« Nanny lehnte sich an die Wand. »Vor vielen Jahren hat mir meine Oma von der Königin Amonia er- zählt, nun, ich nenne sie Königin, aber eigentlich war sie’s gar nicht, oder nur drei Stunden lang. Tja, während des Hochzeitsfests spielten sie Ver- stecken, und Amonia kroch in eine schwere, große Truhe auf irgendei- nem Dachboden, und der Deckel klappte zu. Man fand sie erst nach sieben Monaten, und da war der Hochzeitskuchen schon ein wenig trok- ken geworden, wenn du verstehst, was ich meine.« Stille. »Wenn du keinen Wert darauf legst, mit mir zu reden…«, sagte Nanny. »Ich kann nicht die ganze Nacht hier im Flur verbringen. Morgen früh sieht alles anders und besser aus.«, Stille. »Ich schlage vor, du legst dich einfach ins Bett«, fuhr Nanny Ogg fort. »Wenn du läutest, bringt dir unser Shawn heißen Tee. Um ganz ehrlich zu sein: Hier draußen wird’s allmählich recht frisch. Wirklich erstaunlich, wie sehr die Kühle an Gebäuden aus massivem Stein festhaftet.« Stille. »Na schön, ich gehe jetzt«, teilte Nanny dem hartnäckigen Schweigen mit. »Kann hier ohnehin nicht viel ausrichten, oder? Willst du wirklich nicht mit mir reden?« Stille. »Steh vor deinem Gott, verneige dich vor deinem König und knie vor deinem Mann – das richtige Rezept für ein glückliches Leben«, verkün- dete Nanny. »Nun, bis dann. Da fällt mir ein: Wie wär’s, wenn ich mor- gen früh komme und dir bei den letzten Vorbereitungen helfe?« Stille. »Dann ist ja alles klar«, sagte Nanny. »Tschüs.« Sie wartete eine ganze Minute lang und gelangte zu dem Schluß, daß die gewohnten menschlichen Mechanismen in diesem besonderen Fall versagten. Normalerweise hätte Magrat längst den Riegel beiseite schie- ben, die Tür öffnen, in den Flur spähen und vielleicht sogar nach Nanny rufen sollen. Doch nichts dergleichen geschah. Nanny schüttelte den Kopf. Sie kannte mindestens drei Methoden, um das Zimmer zu betreten, und nur eine davon erforderte es, die Tür zu passieren. Aber dies war weder der geeignete Zeitpunkt noch der richtige Ort für Hexerei. Nanny Ogg hatte deshalb ein im großen und ganzen recht glückliches Leben geführt, weil sie wußte, wann sie besser darauf verzichtete, Hexe zu sein. Zum Beispiel jetzt. Sie ging die Treppe hinunter und verließ das Schloß. Shawn hielt am Haupttor Wache und übte heimlich Karateschläge, wobei ihm die Nacht- luft als Gegner diente. Als sich Nanny Ogg näherte, unterbrach er sein Training verlegen. »Ich würde auch gern die Vorstellung besuchen, Mama.«, »Bestimmt wird der König sehr großzügig sein, wenn es darum geht, dich für deine Dienste zu entlohnen«, erwiderte Nanny. »Erinnere mich daran, ihn daran zu erinnern.« »Willst du dir die Vorstellung nicht ansehen?« »Ich… Ich mache einen kleinen Spaziergang in der Stadt. Vermutlich hat Esme die anderen begleitet, nicht wahr?« »Weiß nicht, Mama.« »Nun, ich muß da noch ein paar Dinge erledigen.« Sie war nur einige Meter weit gekommen, als eine Stimme hinter ihr erklang. »Hallo, o Mond meines Entzückens.« »Du schleichst dich regelrecht an die Leute heran, Casanunda.« »Wir speisen im Ziege-und-Busch«, entgegnete der Zwerg und angebli- che Graf. »Oh, das ist ein sehr teures Restaurant«, sagte Nanny Ogg. »Dort habe ich noch nie gegessen.« »Angesichts der vielen illustren Hochzeitsgäste bietet man dort beson- dere kulinarische Spezialitäten an«, sagte Casanunda. »Ich habe mir er- laubt, ein Menü zusammenzustellen.« Was nicht sehr leicht gewesen war. Das Konzept, Essen als Aphrodisiakum zu verwenden, hatte in Lancre nie konkrete Anwendung gefunden – sah man einmal von Nanny Oggs berühmter Mohrrüben-und-Austern-Pastete ab.* Nach Meinung des Kochs der Taverne Ziege-und-Busch bestand die einzige Verbindung zwischen Nahrungsmitteln und Sex in bestimmten humorvollen Gesten, die vor allem Gurken betrafen. Doch von Schokolade, Bananenschalen, Avocadobirnen, Ingwer, Marshmallows und den tausend anderen Din- gen, die gelegentlich verwendet wurden, um im Verkehrschaos der Ro- mantik von einer verstopften Straße zur nächsten vierspurigen Autobahn zu gelangen, hatte er nie etwas gehört. Casanunda hatte ihm seine ga- * Mohrrüben, um im Dunkeln zu sehen. Und Austern, damit es etwas zu sehen gab., stronomischen Vorstellungen zehn Minuten lang erklärt, und anschlie- ßend hatte ziemlich viel Geld den Besitzer gewechselt. Es ging Casanunda um ein sorgfältig vorbereitetes romantisches Abendessen. Er glaubte fest an die Kunst der Verführung. Viele hochgewachsene Frauen, die mit Hilfe einer Trittleiter erreicht werden konnten, hatten sich über ihn gewundert. Bei den Zwergen be- stand die bereits erwähnte Kunst der Verführung schließlich hauptsäch- lich darin, mehr oder weniger taktvoll herauszufinden, welches Ge- schlecht sich unter Leder, Kettenhemd und Bart eines anderen Zwergs verbarg. Wie konnte ein solches Volk ausgerechnet einen Casanunda hervorgebracht haben? Genausogut durfte man von Eskimos erwarten, daß sie einen Fach- mann für seltene tropische Pflanzen präsentierten. Die enormen gestau- ten Wassermengen der Zwergensexualität hatten ein Leck ganz unten am Damm gefunden: Es mochte klein sein, entfaltete jedoch genug Kraft, um einen Dynamo anzutreiben. Jene Aktivitäten, die alle anderen Zwerge nur dann gelegentlich entfal- teten, wenn die Natur es von ihnen verlangte… Casanunda beschäftigte sich praktisch unablässig damit. Ob im rückwärtigen Bereich einer Sänfte oder mit dem Kopf nach unten in einem Baum hängend – er ging mit großer Sorgfalt vor und zeigte typisch zwergenhafte Aufmerksamkeit fürs Detail. Zwerge konnten monatelang an einem besonders kunstvol- len Schmuckstück arbeiten, und aus ähnlichen Gründen war Casanunda ein willkommener Gast an vielen Höfen – wobei es ein sonderbarer Zu- fall wollte, daß er immer dann eintraf, wenn der Hausherr nicht zugegen war. Darüber hinaus kam er gut mit Schlössern zurecht, ein nützliches Talent, wollte man peinliche Momente sur la boudoir vermeiden. Nanny Ogg war keine schöne, aber eine attraktive Frau. Casanunda war von ihr fasziniert. In ihrer Nähe fühlte man sich sehr wohl, was un- ter anderem an ihrer Aufgeschlossenheit lag. Die Persönlichkeit vieler Leute bot gerade genug Platz für eine Kammer, in der ein großer Spiegel steht. Bei Nanny hingegen paßten noch drei Fußballfelder, eine Bow- lingbahn und ein großes Schlafzimmer mit hinein., »Wenn ich doch nur meine Armbrust dabei hätte«, brummte Ridcully. »Mit dem Kopf an der Wand gäbe es immer eine Stelle, an der ich meinen Hut aufhängen könnte.« Das Einhorn schnaufte und scharrte mit den Hufen. Dampf löste sich von seinen Flanken. »Da bin ich mir nicht so sicher«, erwiderte Oma Wetterwachs. »Hast du überhaupt keinen Mumm mehr in den Fingern?« »Wie wär’s, wenn ich ein Trugbild schaffe?« schlug der Zauberer vor. »Das ist nicht schwer.« »Hat keinen Sinn. Einhörner gehören zu den elfischen Wesen und wei- sen daher eine natürliche Immunität gegen Magie auf. Sie lassen sich nicht von Trugbildern täuschen. Kein Wunder: Damit kennen sie sich bestens aus. Was ist mit der Böschung? Könntest du die hochklettern?« Ihre Blicke wanderten zu der Böschung. Sie bestand aus rotem Lehm und war so aalglatt wie ein Priester. »Ziehen wir uns zurück«, sagte Oma. »Ganz langsam.« »Was ist mit dem Bewußtsein des Geschöpfs? Kannst du nicht hinein- gelangen, um Einfluß darauf zu nehmen?« »Es befindet sich schon jemand darin. Das arme Ding ist ihr Liebling. Es gehorcht nur der Königin.« Das Einhorn folgte ihnen und versuchte, sie beide gleichzeitig zu beo- bachten. »Was sollen wir machen, wenn wir die Brücke erreichen?« »Du hast das Schwimmen doch nicht verlernt, oder?« »Der Fluß ist ziemlich weit unten.« »Es gibt da einen tiefen Tümpel. Erinnerst du dich? Du bist dort ge- taucht, in einer vom Mondschein erhellten Nacht…« »Damals war ich jung und töricht.« »Na und? Jetzt bist du alt und töricht.« »Ich habe mir Einhörner immer… flauschiger vorgestellt.«, »Hüte dich davor, das zu sehen, was du sehen möchtest«. warnte Oma. »Laß dich nicht vom Glamour blenden. Es handelt sich um ein großes Pferd mit einem langen, spitzen Horn am Kopf!« Die Hufe des Einhorns scharrten zornig über den Boden. Omas Stiefel knarrten am Rand der Brücke. »Es ist ohne Absicht hierher gekommen, und jetzt kann es nicht zu- rück«, sagte sie. »Wenn es nur einen von uns gäbe, hätte es längst ange- griffen. So, wir sind jetzt etwa halb über die Brücke…« »Die Schneeschmelze hat den Fluß anschwellen lassen«, stellte Ridcully skeptisch fest. »Ja, stimmt«, bestätigte Oma Wetterwachs. »Wir sehen uns beim Wehr.« Und dann war sie verschwunden. Das Einhorn hatte versucht, ein Ziel auszuwählen. Jetzt sah es nur noch den Erzkanzler. Es konnte bis eins zählen. Es senkte den Kopf. Ridcully hatte nie viel von Pferden gehalten. Seiner Ansicht nach konn- te der Wahnsinn in ihnen jeden Moment zum Ausbruch kommen. Als das Einhorn angriff, sprang er über die Brüstung und fiel ohne be- sondere aerodynamische Eleganz in die Tiefe. Unten erwartete ihn das kalte Wasser des Lancreflusses. Der Bibliothekar mochte Theater. Wenn in Ankh-Morpork irgendwo ein neues Stück aufgeführt wurde, saß er immer in der ersten Reihe. Seine besondere Natur versetzte ihn in die Lage, nicht nur mit den Händen zu klatschen, sondern auch mit den Füßen. Wenn ihm etwas nicht gefiel, warf er mit Erdnußschalen. Jetzt wuchs seine Enttäuschung. Im Schloß von Lancre gab es kaum Bücher, abgesehen von einigen Wälzern über Etikette, Viehwirtschaft und Ackerbau. Der Adel schien nicht viel zu lesen. Darüber hinaus rechnete der Bibliothekar kaum damit, von der Vor- stellung begeistert zu sein. Er hatte einen Blick hinters Sackleinen gewor- fen, das als Trennwand für die Garderobe fungierte, und bei jener Gele-, genheit sah er einige kräftig gebaute Männer, die miteinander zankten. Das verhieß nichts Gutes für einen Abend erbauender Thespiskunst. Allerdings: Es gab immer die Möglichkeit, daß sich die Schauspieler mit Sahnetorten bewerfen würden.* Es gelang dem Bibliothekar, drei Plätze in der vordersten Reihe zu be- kommen. Zuerst hatte dort schon jemand gesessen, doch es war immer wieder erstaunlich, wie bereitwillig die Leute zusammenrückten, um Platz zu schaffen. Darüber hinaus war es ihm auch noch gelungen, Erdnüsse aufzutreiben – niemand wußte, wie er das angestellt hatte. »Ugh?« »Nein, danke«, erwiderte Ponder Stibbons. »Davon bekomme ich Blä- hungen.« »Ugh?« »Wie gern ich jemandem zuhöre, der gern spricht! Hoppla! Sägemehl und Sirup! Stopf das in deinen Hering und rauch ihn in der Pfeife!« »Ich glaube, der Quästor möchte ebenfalls keine Erdnüsse«, spekulierte Stibbons. Der Vorhang ging auf. Besser gesagt: Fuhrmann, der Bäcker, zog ihn beiseite. Die Vorstellung begann. * Der Bibliothekar stellte keine besonders hohen Ansprüche, aber es gab einige Dinge, die er in jedem Fall und unter allen Umständen für lustig hielt. Wenn bei einer Darbietung Sahnetorten, Eimer mit Tünche sowie jene besonders komi- schen Sequenzen vorkamen, bei denen jemand einer anderen Person den Hut abnahm und das entsprechende Haupt mit einer breiigen Substanz zierte, wäh- rend die Miene des Betroffenen völlig unbewegt blieb und das Orchester einen Tusch spielte… Dann freute sich der Bibliothekar; in solchen Dingen sah er ein absolutes Muß für jedes Theaterstück. Geröstete Erdnüsse können sehr gefähr- lich und schmerzhaft sein, wenn man sie mit großer Zielsicherheit wirft, und deshalb hatten die Regisseure von Ankh-Morpork schon vor einer ganzen Wei- le beschlossen, gewisse dramaturgische Kompromisse einzugehen. Dadurch kam es zu ungewöhnlichen Aspekten bei einigen Grand-Guignol-Melodramen, aber die Beteiligten vertraten folgenden Standpunkt: Stücke wie »Die überaus blutige Tragödie des irren Mönchs von Quirm (mit Sahnetortenszene)« waren einer fünftägigen Taubheit auf einem Ohr vorzuziehen., Der Bibliothekar beobachtete das Geschehen auf der Bühne, und mit seiner Stimmung ging’s immer mehr bergab. Normalerweise fand er Ge- fallen an schlecht gespielten Stücken, vorausgesetzt, es gab ausreichend fliegende Torten und dergleichen. Aber diese Schauspieler konnten nicht einmal schlecht schauspielern. Hinzu kam: Niemand schien irgend etwas werfen zu wollen. Er holte eine Erdnuß aus der Tüte und rollte sie zwischen den Fingern hin und her, während er das linke Ohr von Schneider-der-andere-Weber anvisierte. Dann sträubten sich seine Haare. Bei einem Orang-Utan wirkt so etwas recht beeindruckend. Er sah zum Hügel hinter den tolpatschigen Gestalten auf der improvi- sierten Bühne. Ein leises Knurren entwich seiner Kehle. »Ugh?« Ponder stieß ihn an. »Sei still«, hauchte er. »Die Burschen bekommen allmählich den Dreh raus…« Einer der Darsteller – er trug eine Strohperücke, die ihn als Frau er- scheinen lassen sollte – sagte etwas, und seine Stimme erzeugte eine Art Echo. »Wie hat sie das angestellt?« fragte Ponder Stibbons. »Ugh!« »Wie hat sie das nur fertiggebracht? Ich meine, sie trägt dickes Make- up und…« Ponder unterbrach sich und schwieg. Plötzlich fühlte sich der Bibliothekar sehr allein. Alle anderen Zuschauer blickten starr zur Bühne. Der Orang-Utan wedelte mit der Hand vor Stibbons Gesicht. Über dem Hügel flimmerte es, und das Gras am Hang wogte auf eine Weise, die dem Bibliothekar Tränen in die Augen trieb. »Ugh?« Oben, zwischen den Steinen des Kreises, begann es zu schneien., »Ugh?« Magrat befand sich allein in ihrem Zimmer und holte das Hochzeitskleid hervor. Dies war noch so eine Sache. Sie hätte zumindest am Kleid beteiligt sein müssen. Immerhin war es für sie bestimmt, für die Braut – die sie bis vor kurzem gewesen war. Magrat stellte sich vor, wie sie wochenlang den Stoff ausgesucht, anprobiert und es sich wieder anders überlegt, das Material gewechselt, das Muster ver- ändert und wieder anprobiert hätte… Nun, als unabhängige, selbständige Frau war so etwas eigentlich unter ihrer Würde… Aber sie hätte gern die Möglichkeit gehabt – wenn auch nur deshalb, um sie abzulehnen. Das Kleid bestand aus weißer Seide und einer geschmackvollen Menge Spitze. Mit der Sprache der Schneiderei kannte sich Magrat nicht beson- ders gut aus. Sie wußte, worum es sich bei diesem und jenem handelte, aber die Fachbegriffe fehlten in ihrem Vokabular. All die Rüschen und Falten und Rockbahnen und so… Sie hob das Kleid und stellte sich darin vor. An der einen Wand hing ein kleiner Spiegel. Einige Sekunden lang rang Magrat mit sich selbst, und dann gab sie nach. Was keineswegs bedeutete, daß sie mit dem Gedanken spielte, das Gewand am nächsten Tag zu tragen. Aber: Wenn sie es jetzt nicht aus- probierte, würde sie sich ihr Leben lang fragen, ob es gepaßt hätte. Es paßte. Besser gesagt: Es paßte nicht, allerdings auf eine sehr schmeichelhafte Art. Der Schneider hatte überaus geschickte Dinge mit dem Stoff angestellt: Das Kleid neigte sich dort nach innen, wo es bei Magrat eher gerade Linien gab, und es wies dort Wölbungen auf, wo sie der Exhexe fehlten. Seidenblumen schmückten das Stirnband des Schleiers., Ich fange jetzt auf keinen Fall an zu weinen, dachte Magrat. Ich bleibe verärgert. Ich konzentriere mich so sehr auf den Ärger, daß er wächst und zu Zorn wird. Und wenn Verence, Nanny und die anderen zurückkehren… Was dann? Sie konnte ihnen mit unnahbarer Kühle begegnen und majestätisch an ihnen vorbeirauschen – dieses Kleid eignete sich bestens dafür –, was ihnen bestimmt eine Lehre sein würde. Und dann? Sie konnte unmöglich hierbleiben. Immerhin wußten alle Bescheid. Und wer wider Erwarten keine Ahnung haben sollte, erfuhr sicher bald davon. Von dem Brief. Nachrichten verbreiteten sich in Lan- cre schneller als Terpentin in einem kranken Esel. Woraus folgte: Es blieb Magrat nichts anderes übrig, als das Königreich zu verlas- sen und sich einen Ort zu suchen, wo es keine Hexen gab, um anschließend noch einmal von vorn zu beginnen. Und da war noch ein Problem: Derzeit brachte sie der Hexerei im großen und ganzen ausgesprochen negative Gefühle entgegen. Jeder andere Beruf war ihr lieber – sofern es überhaupt andere Berufe für eine ehemalige Hexe gab. Sie schob das Kinn vor. Galle blubberte wie eine heiße Quelle in ihr – derzeit war sie genau in der richtigen Stimmung, um einen ganz neuen Beruf zu schaffen. Am besten einen, der ohne Männer und alte Frauen, die sich in alles einmischten, aus- kam. Den verdammten Brief wollte sie behalten – als eine Art Andenken. Die ganze Zeit über hatte sie sich gefragt, wie es Verence gelungen war, schon Wo- chen vor ihrer Rückkehr mit den Vorbereitungen zu beginnen. Jetzt kannte sie die Antwort. Bestimmt haben sie über mich gelacht… Nanny Ogg dachte kurz daran, daß sie eigentlich woanders sein sollte, doch in ihrem Alter geschah es nicht jeden Tag, daß man zu einem ro- mantischen Essen im Kerzenschein eingeladen wurde. Es mußte auch einmal möglich sein, sich keine Sorgen um die Zukunft der Welt zu ma- chen und den eigenen Bedürfnissen Aufmerksamkeit zu schenken. Ja, irgendwann einmal mußte es Zeit genug geben, um in sich zu gehen. »Meine Güte, dieser Wein schmeckt wirklich gut«, sagte Nanny Ogg und griff nach der nächsten Flasche. »Wie heißt er?« Sie warf einen Blick aufs Etikett. »Chateau Maison? Chat-eau – ah, das ausländische Wort für, Katzenwasser. So sind die Ausländer eben, geben allen Dingen komische Namen, aber keine Angst, es ist nicht wirklich Katzenwasser. Echtes Kat- zenwasser riecht strenger.« Mit dem Griff des Messers rammte sie den Korken tiefer in die Flasche und schüttelte sie energisch, damit sich das »Gute« darin ordentlich und gründlich verteilte. »Aber ich halte nichts davon, Wein aus Frauenstiefeln zu trinken«, fuhr Nanny fort. »Ich weiß natürlich, daß so etwas sehr beliebt ist. Aber ich frage mich immer wieder, warum es so toll sein soll, mit nassen Stiefeln nach Hause zu kommen. Hast du gar keinen Hunger? Wenn du den Knorpel da nicht möchtest… Ich esse ihn gern. Gibt’s noch mehr von den Hummer-Dingern? Habe noch nie in meinem Leben Hummer pro- biert. Und dann die Mayonnaise. Und die kleinen Eier mit Sachen drin. Übrigens: Die Brombeermarmelade schmeckte nach Fisch.« »Du meinst den Kaviar«, murmelte Casanunda. Er stützte das Kinn auf die Hand und beobachtete Nanny hingerissen. Überrascht stellte er fest, wieviel Spaß er hatte, obgleich er noch immer nicht in der Horizontalen weilte. Mit kulinarischen Ereignissen dieser Art kannte er sich natürlich aus. Es handelte sich um eine der wichtigsten Waffen im Arsenal des Verfüh- rers. Die Dame bekam jede Menge erlesenen Wein und viele leicht zu verdauende Köstlichkeiten. Über dem Tisch wurde häufiger Blickkontakt hergestellt, und darunter berührten sich immer wieder die Füße. Hinzu kam das demonstrative Verspeisen von Birnen, Bananen und so weiter. Auf diese Weise steuerte das Schiff der Versuchung langsam in den Ha- fen. Und dann gab es da Nanny Ogg. Nanny wußte erlesenen Wein auf ihre eigene Weise zu schätzen. Es wäre Casanunda nie in den Sinn gekommen, daß jemand Portwein nach Weißwein trinken konnte, nur weil die erste Flasche leer war. Was das Essen betraf… Nun, auch daran fand Nanny Gefallen. Casa- nunda hatte nie zuvor eine solche… Nahrungsaufnahme gesehen. Wenn man Nanny Ogg ein gutes Essen vorsetzte, so nahm sie es ohne Rück- sicht auf Verluste in Angriff. Zeuge zu werden, wie sie Hummer aß… Es war ein einzigartiges Erlebnis, an das der Zwerg noch in vielen Jahren, zurückdenken würde. Die Kellner der Taverne mochten noch in einigen Wochen damit beschäftigt sein, Scherensplitter aus den Holzwänden zu ziehen. Und der Spargel… Nun, Casanunda konnte natürlich versuchen, die Er- innerungen an eine Spargel essende Nanny Ogg aus seinem Gedächtnis zu verbannen, aber er befürchtete, daß die sich immer wieder in sein Denken und Empfinden einschleichen würden. Er vermutete, daß es mit der Hexerei zusammenhing. Hexen drückten sich immer sehr klar aus, wenn es um ihre Wünsche ging. Wenn man steile Klippen erkletterte, reißende Ströme überquerte und auf Schiern über lange Gletscherflanken rutschte, um Gytha Ogg eine Schachtel Pra- linen zu bringen, so hatte sie bereits die mit Nougat gefüllten Exemplare aus der unteren Lage geholt, noch bevor man die Steigeisen ablegen konnte. Typisch. Womit auch immer sich eine Hexe beschäftigt, sie ist hundertprozentig bei der Sache. Hubba, hubba! »Willst du keine Garnelen mehr? Schieb den Teller einfach rüber.« Casanunda hatte versucht, ein wenig zu füßeln, um am Ball zu bleiben, gab diese Bemühungen jedoch auf, als Nannys schwerer, mit eisernen Beschlägen ausgestatteter Stiefel auf seine Fußknöchel herabschmetterte. Und dann der Geige spielende Zigeuner. Zuerst klagte Nanny darüber, daß eine Fiedel jammerte, während sie sich auf das Essen konzentrieren wollte. Aber zwischen zwei Gängen riß sie dem armen Mann das Ding aus der Hand, warf den Bogen in eine Schüssel mit Kamelien und stimmte die Geige so, daß sie wie ein Banjo klang. Im Anschluß daran sang sie aus vollem Hals drei Verse eines Lieds, dem sie aus Rücksicht auf Casanunda den ausländisch klingenden Titel gab: Il porcupino nil sodmy est.. Dann trank sie noch mehr Wein. Es beeindruckte den Zwerg, daß sich Nanny Oggs Gesicht in eine Masse aus horizontalen Falten verwandelte, wenn sie lachte. Und Nanny Ogg lachte oft., Casanunda hockte in einer angenehmen, vom Wein geschaffenen Dunstglocke und bemerkte, daß er sich vergnügte. »Ich nehme an, es gibt keinen Herrn Ogg, oder?« fragte er nach einer Weile. »O doch, es gibt einen«, sagte Nanny. »Wir haben ihn vor Jahren be- graben. Es blieb uns nichts anderes übrig – immerhin war er tot.« »Es ist bestimmt schwer für eine Frau, ganz allein zu leben, nicht wahr?« »Eine schreckliche Sache, ja«, bestätigte Nanny Ogg, die nicht mehr gekocht oder Staub geputzt hatte, seit ihre älteste Tochter groß genug geworden war, um ihr diese Arbeiten abzunehmen. Außerdem bekam sie pro Tag mindestens vier von ängstlichen Schwiegertöchtern zubereitete Mahlzeiten. »Bestimmt bist du nachts besonders einsam«, sagte Casanunda aus rei- ner Angewohnheit. »Greebo leistet mir Gesellschaft«, entgegnete Nanny. »Er hält mir die Füße warm.« »Greebo…« »Der Kater. Glaubst du, wir bekommen auch noch Pudding?« Als sie die Taverne verließen, nahm Nanny die letzte Flasche Wein mit. Herr Brooks, der Imker, schöpfte im Schuppen eine grünliche, stinkende Flüssigkeit aus einem Kochtopf, unter dem praktisch ständig ein Feuer brannte. Er füllte den Spritzer damit. In der Gartenmauer gab es ein Wespennest. Bis zum Morgen des nächsten Tages sollte es sich in einen Wespenfriedhof verwandelt haben. Es gab da einen seltsamen Aspekt im Verhalten der Bienen. Den Ein- gang des Stocks bewachten sie stets und verteidigten ihn mit ihrem Le- ben, wenn es sein mußte. Doch die Wespen fanden irgendwo weiter hinten einen Riß im Holz und drangen in den Stock ein. Komisch: Die Bienen drinnen unternahmen nichts dagegen., Sie bewachten den Eingang, aber wenn Wespen einen anderen Weg ins Innere fanden, so wußten die Verteidiger nicht mehr, wie sie es verteidi- gen sollten. Der Imker betätigte den Hebel des Spritzers. Flüssigkeit drang aus der Düse und hinterließ dampfende Kleckse auf dem Boden. Wespen mochten recht hübsch aussehen. Aber wenn man auf der Seite der Bienen stand, mußte man gegen Wespen sein. Im Großen Saal schien irgendein Fest stattzufinden. Herr Brooks erin- nerte sich vage an eine Einladung, aber solche Dinge entgingen nur zu leicht seiner Aufmerksamkeit. Erst recht nicht unter den gegenwärtigen Umständen. Etwas ging nicht mit rechten Dingen zu. Bei keinem der Bienenstöcke gab es Anzeichen für baldiges Schwärmen. Überhaupt keine. Als er im Dunkeln an ihnen vorbeikam, hörte er das Summen. Dazu kam es an warmen Abenden: Ganze Bataillone von Bienen versammel- ten sich an den Öffnungen der Stöcke und fächelten Luft mit ihren Flü- geln, damit es für die Brut nicht zu warm wurde. Doch diesmal bildeten die Bienen eine regelrechte Wolke, die den Stock umgab. Sie waren aufgeregt und wachsam. An der Grenze von Lancre gab es im Fluß einige Wehre. Oma Wetter- wachs zog sich aufs nasse Holz und quatschte zum Ufer, wo sie ihre Stiefel leerte. Nach einer Weile schwamm der spitze Hut eines Zauberers flußab- wärts. Kurz darauf kam darunter ein spitz zulaufender Zaubererkopf zum Vorschein. Oma streckte die Hand aus und half Ridcully an Land. »Na bitte«, sagte sie. »Belebend, nicht wahr? Ich hatte ohnehin den Eindruck, daß du ein kaltes Bad gebrauchen konntest.« Der Erzkanzler versuchte, sich Wasser aus dem Ohr zu schütteln. Er bedachte Oma mit einem finsteren Blick. »Warum bist du nicht naß?« »Ich bin naß.«, »Nein, bist du nicht. Du bist nur feucht, im Gegensatz zu mir – habe keinen trockenen Faden mehr am Leib. Wie kannst du durch einen Fluß schwimmen und trotzdem nur feucht sein?« »Ich trockne schnell.« Oma Wetterwachs blickte an den Felsen empor. Nicht sehr weit ent- fernt führte eine Straße über den Hang nach Lancre, aber Esme kannte auch noch andere Wege, die zwischen den Bäumen verliefen und mehr Diskretion in Aussicht stellten. »Sie will also nicht, daß ich dorthin gehe, wie?« brummte sie im Selbst- gespräch. »Nun, mal sehen…« »Dorthin?« wiederholte Ridcully. »Was meinst du damit?« »Keine Ahnung«, erwiderte Oma. »Ich weiß nur eins: Wenn sie nicht will, daß ich dorthin gehe, dann gehe ich dorthin. Allerdings… Ich habe nicht damit gerechnet, daß du hier auftauchst und plötzlich Frühlingsge- fühle kriegst.« Ridcully wrang seinen Mantel aus, von dem sich einige Pailletten gelöst hatten. Er nahm den Hut vom Kopf und schraubte die Spitze ab. Hüte empfangen morphische Vibrationen. Der Hut eines früheren Erzkanzlers hatte für ziemliche Unruhe in der Unsichtbaren Universität gesorgt, weil er aufgrund der vielen magischen Schwingungen auf den Häuptern von Zauberern eine eigene Persönlichkeit entwickelte. Ridcully hatte Vorsorge getroffen, indem er seinen Hut nach bestimmten Angaben von einem vollkommen verrückten Hutmacher in Ankh-Morpork anfer- tigen ließ. Es war kein normaler Zaubererhut. Nur wenige Zauberer haben jemals Verwendung für die Spitzen ihrer Hüte gefunden; ihr Einfallsreichtum beschränkte sich höchstens darauf, ein Paar Socken darin zu verstauen. Ridcullys Hut hingegen verfügte über kleine Schränke. Er hatte einge- baute Überraschungen. Zu seiner Ausstattung gehörten zum Beispiel vier ausziehbare Beine, über die man eine Rolle Ölhaut aus der Krempe zie- hen konnte, um so ein kleines Zelt zu bilden. Hinzu kamen ein kleiner Spirituskocher sowie Innentaschen mit diversen eisernen Rationen. Die abgeschraubte Spitze enthielt alkoholische Getränke für Notfälle. Mit anderen Worten: Sie wurden benötigt, wenn Ridcully Durst hatte., Die hohle Spitze selbst diente als Becher, und der Erzkanzler bot sie Oma an. »Brandy?« fragte er. »Was hast du da auf dem Kopf?« Ridcully tastete behutsam danach. »Äh…« »Riecht nach Honig und Pferdeäpfeln. Und was ist das für ein Ding?« Ridcully griff nach dem kleinen Käfig. Er enthielt eine Tretmühle und eine komplexe Vorrichtung aus Glasstäben. Außerdem waren nicht nur zwei Futternäpfe zu sehen, sondern auch eine haarige und derzeit recht nasse Maus. »Oh, eine, äh, Idee der jungen Zauberer«, sagte Ridcully verlegen. »Ich habe mich angeboten, die Sache… für sie auszuprobieren. Das Maushaar reibt an den Glasstäben, und dadurch gibt’s Funken, ja, und… und…« Oma Wetterwachs betrachtete das nicht mehr ganz saubere Haupt des Erzkanzlers und wölbte eine Braue. »Meine Güte«, kommentierte sie. »Was mag den Burschen als nächstes einfallen?« »Eigentlich weiß ich gar nicht, wie’s funktioniert, Stibbons ist für so was zuständig, und ich wollte ihm nur ein wenig behilflich sein und so…« »Welch ein Glück, daß du rein zufällig eine Glatze bekommst, wie?« In der Dunkelheit ihres Zimmers öffnete Diamanda die Augen – die sich verändert und einen perlmuttenen Glanz angenommen hatten. Ein Lied erklang, gerade an der Schwelle des Hörvermögens. Die Welt war anders. Ein Teil des erwachten Selbst blieb Diamanda, spähte durch den Dunst der Magie und sah eine Welt, die aus dünnen silbernen Linien bestand. Jene fadenartigen Gebilde bewegten sich stän- dig und vermittelten den Eindruck, daß alles eine Filigranpatina trug. Alles – bis auf Eisen beinhaltende Bereiche. Das Mädchen schlüpfte aus dem Bett und schützte seine Hand mit ei- nem Zipfel des Lakens, als es nach der Klinke griff und die Tür öffnete., Shawn Ogg stand ziemlich stramm. Derzeit bewachte er das Schloß und fand heraus, wie lange er auf ei- nem Bein stehen konnte. Dann fiel ihm ein, daß sich so etwas nicht für jemanden ziemte, der die Kampfkunst beherrschte. Daraufhin veränderte er die Position und ahm- te Nummer 19 nach, »der doppelte Sprungtritt der fliegenden Chrysan- theme«. Nach einer Weile hörte er etwas. Das Geräusch schien einen Rhythmus zu haben und erinnerte ihn vage an eine zirpende Heuschrecke. Es kam aus dem Schloß. Langsam drehte er sich um und blieb wachsam – für den Fall, daß feindliche Horden aus dem Ausland angriffen, während er ihnen den Rücken zukehrte. Shawn überlegte. War seine Pflicht, das Schloß vor Dingen zu schüt- zen, die sich darin befanden? Nein, wohl kaum. Gefahr drohte meistens von außerhalb. Deshalb die Mauern und Zinnen und so. Er dachte an das große Poster, eine Beilage des Buches Alle Belagerungswaffen dieser Welt. Ja, mit solchen Sachen kannte er sich aus: Angriffe kamen praktisch immer von draußen. Man konnte Shawn nicht unbedingt als schnellen Denker bezeichnen, aber er entsann sich nun an den Elfen im Kerker. Das Geschöpf war eingesperrt. Er hatte die Tür selbst abgeschlossen. Außerdem gab’s über- all Eisen. Ja, Mama hielt das Eisen für sehr wichtig. Und doch… Shawn beschloß, kein Risiko einzugehen. Er zog die Zugbrücke hoch, ließ das Fallgatter herab und sah über die Mauer. Doch seinen argwöhni- schen Blicken boten sich nur Nachtluft und Dunkelheit. Nun spürte er das Geräusch. Aus den Steinen schien es zu kommen, mit einer gezähnten akustischen Kante, die an den Nerven sägte. Der Elf konnte das Verlies doch nicht verlassen haben, oder? Nein, unmöglich. Welchen Sinn hatte es, Kerker zu bauen, aus denen man entkommen konnte? Das Geräusch kletterte die Tonleiter empor und stieg sie wieder herab., Shawn lehnte seine rostige Pike an die Wand und zog das Schwert. Er wußte, wie man damit umging. Zehn Minuten täglich übte er, und mei- stens bot der Strohsack hinterher einen traurigen Anblick. Er betrat das Schloß durch die Hintertür, schlich durch leere Flure und Korridore zum Kerker. Nirgends rührte sich etwas. Ganz klar: Alle be- suchten die Vorstellung, und sicher dauerte es nicht mehr lange, bis sie zurückkehrten. Das Schloß fühlte sich groß, alt und kalt an. Vielleicht brauchten nur noch einige wenige Minuten zu verstreichen, bevor es im Schloß wieder von Hochzeitsgästen wimmelte. Oder auch nur Sekunden… Das Geräusch verklang. Shawn sah um die Ecke. Die Stufen und dahinter die offene Tür des Verlieses… »Halt!« rief er nur für alle Fälle. Seine Stimme hallte von den Wänden wider. »Halt! Oder… oder… oder… Halt!« Er wagte sich vor, ging die Treppe hinunter und blickte durch den of- fenen Zugang. »Seid gewarnt! Ich erlerne gerade den Pfad des jadegrünen Lotos!« Die Zellentür war ebenfalls geöffnet. Und daneben stand eine in Weiß gekleidete Gestalt. Shawn blinzelte. »Du bist doch das Tockley-Mädchen, oder?« Die junge Frau lächelte, und ihre Augen glühten im matten Licht. »Du trägst ein Kettenhemd, Shawn«, sagte sie. »Was?« Er sah erneut zur offenen Tür. »Es ist häßlich. Leg es ab. Wie kannst du mit all dem Zeug hören?« Shawn war sich der Leere in seinem Rücken bewußt, doch er brachte nicht den Mut auf, sich umzudrehen. »Ich höre recht gut«, erwiderte er und schob sich ein wenig zur Seite, um die Wand direkt hinter sich zu wissen., »Aber du hörst nicht, was wirklich ist«, sagte Diamanda und näherte sich. »Das Eisen macht dich taub.« Shawn war noch nicht an spärlich bekleidete junge Frauen gewöhnt, die mit verträumtem Gesichtsausdruck auf ihn zutraten. Er wünschte sich plötzlich, den Weg des sofortigen Rückzugs beschreiten zu können. Er sah zur Seite. In der offenen Zellentür zeichnete sich eine dürre Gestalt ab. Sie schien zu versuchen, einen möglichst großen Abstand zu ihrer Umge- bung wahren zu wollen. Diamanda bedachte Shawn mit einem sehr sonderbaren Lächeln. Er floh. Irgendwie hatte sich der Wald verändert. Ridcully zweifelte kaum daran, daß es hier in seiner Jugend Hyazinthen, Schlüsselblumen und… und Hyazinthen und so gegeben hatte. Jetzt schien die Vegetation nur aus Dornenbüschen zu bestehen. Sie zerrten an seinem Mantel, und gele- gentlich stießen ihm niedrige Zweige aus reiner Bosheit den Hut vom Kopf. Was alles noch schlimmer machte: Bei Oma Wetterwachs kam es nicht zu derartigen unliebsamen Zwischenfällen. »Wie machst du das?« fragte der Erzkanzler nach einer Weile. »Ich weiß die ganze Zeit über, wo ich bin«, antwortete Oma. »Na und? Auch ich weiß, wo ich bin.« »Nein, weißt du nicht. Du bist nur zufälligerweise da. Das ist etwas ganz anderes.« »Nun, ich frage mich, warum wir nicht einem Weg folgen.« »Dies ist eine Abkürzung.« »Zwischen zwei Punkten, die du genau kennst?« »Ich habe mich nicht verirrt – wenn du das meinst. Ich bin nur… rich- tungsmäßig herausgefordert.« »Ha!«, An Selbstsicherheit mangelte es Esme Wetterwachs gewiß nicht – das mußte Ridcully ihr lassen. Sie mochte durchaus fähig sein, sich zu verir- ren – und er hatte allen Grund zu der Annahme, daß sie tatsächlich die Orientierung verloren hatte; es sei denn, in diesem Wald existierten zwei Bäume mit exakt gleich angeordneten Zweigen und einem Stoffetzen, der aus dem Umhang des Erzkanzlers stammte. Aber Esme verfügte über eine besondere Eigenschaft: Bei Leuten, die keine Hexenhüte und ural- ten schwarzen Kleider trugen, sprach man in diesem Zusammenhang vielleicht von »Haltung«. Ja, Esme Wetterwachs besaß Haltung. Man konnte sich kaum vorstellen, daß sie sich schwerfällig bewegte – es sei denn, es steckte ihrerseits Absicht dahinter. Natürlich hatte Ridcully das auch damals bemerkt. Allerdings war er zu jener Zeit vor allem darüber erstaunt gewesen, wie gut Esmes Gestalt in den Rest der Welt paßte. Und… Der Erzkanzler fand ins Hier und Heute zurück. »Einen Augenblick!« »Du trägst völlig falsche Kleidung!« »Ich habe nicht mit einer Wanderung, durch den Wald gerechnet! Dies ist ein verdammter Zeremonienmantel!« »Zieh ihn aus.« »Woher sollen dann die Leute wissen, daß ich Zauberer bin?« »Ich sage es ihnen!« Oma Wetterwachs wurde allmählich sauer. Tief in ihrem Innern mußte sie zugeben, daß sie sich tatsächlich verirrt hatte. Obwohl das eigentlich unmöglich war. Zwischen dem Wehr an den Stromschnellen des Lancre- flusses und der Stadt Lancre konnte man sich gar nicht verirren. Es ging immer bergauf. Außerdem war Oma Wetterwachs einen großen Teil ihres Lebens im hiesigen Wald herumgestreift. Er gehörte ihr praktisch. Inzwischen zweifelte sie kaum mehr daran, daß sie dreimal am gleichen Baum vorbeigegangen war. Ein Fetzen von Ridcullys Mantel hing daran. Oma fühlte sich wie jemand, der im eigenen Garten die Orientierung verloren hatte. Darüber hinaus glaubte sie, dann und wann das Einhorn gesehen zu haben. Es folgte ihnen. Sie versuchte, sich ins Selbst jenes Wesens zu, tasten, aber ebensogut hätte sie probieren können, eine Eiswand zu er- klettern. In ihrem eigenen Ich herrschte keine Ruhe, doch wenigstens durfte sie sicher sein, daß sie nicht den Verstand verlor. Wenn die Wände zwischen den Universen dünn sind, wenn sich die parallelen Stränge des Wenn und Falls zusammendrängen, um das Jetzt zu passieren, so wechseln gewisse Dinge von einer Seite zur anderen. Es sind sehr leise Signale, doch sie können wahrgenommen werden, wenn der Empfänger richtig eingestellt und sensibel genug ist. Hinter Omas Stirn flüsterten die beharrlichen Gedanken von tausend Selbstsphären, die alle Esme Wetterwachs hießen. Magrat wußte nicht genau, was sie einpacken sollte. Der größte Teil ihrer ursprünglichen Kleidung schien verschwunden zu sein, seit sie im Schloß wohnte. Und vermutlich bewies sie keine guten Manieren, wenn sie jene Sachen mitnahm, die von Verence stammten. Ähnliches galt für den Verlobungsring. Magrat bezweifelte, ob man ihn in solchen Fällen behal- ten durfte. Sie betrachtete sich im Spiegel. Und nahm sich vor, nicht mehr solche Sachen zu denken. Ihr ganzes Leben hatte sie damit verbracht, sich klein und unwichtig vorzukommen, immer höflich zu sein und sich zu entschuldigen, wenn ihr jemand auf den Fuß trat. Immer hatte sie gute Manieren zeigen wollen. Und das Ergebnis? Man behandelte sie, als wäre sie klein, unwichtig, höflich und hätte gute Manieren. Sie würde den, den, den verdammten Brief an den Spiegel heften, damit alle wußten, warum sie fortgegangen war. Ja, und dann würde sie ein neues Leben anfangen, in irgendeiner großen Stadt, als Kurtisane oder so. Was auch immer das sein mochte. Und dann hörte Magrat den Gesang. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie etwas Schöneres vernommen. Die Melodien flossen durch die Ohren ins Gehirn, ins Blut und Knochen- mark… Ein seidenes Mieder rutschte ihr aus der Hand und fiel zu Boden., Sie zerrte an der Tür, bis sich ein noch halbwegs rationaler Teil ihres Ichs an den Schlüssel erinnerte. Der Gesang hallte durch den Flur. Magrat hob den Saum des Hoch- zeitskleids, um schneller zu laufen, eilte zur Treppe… Etwas sauste durch eine andere Tür, und es kam zu einer Kollision, die Magrat zu Boden schleuderte. Das Etwas hieß Shawn Ogg. Durch chromatischen Dunst sah Magrat ein besorgtes Gesicht unter der rostigen Kapuze des… … Kettenhemds aus Eisen. Der Gesang veränderte sich und blieb doch gleich. Die komplexen Me- lodien und der faszinierende Rhythmus gewannen eine neue, unange- nehme Qualität – Magrat schien das Lied plötzlich mit anderen Ohren zu hören. Shawn zog sie zur Tür. »Ist alles in Ordnung mit dir, Fräulein Königin?« »Was geht hier vor?« »Ich weiß es nicht genau, Fräulein Königin. Allerdings vermute ich, daß wir es mit Elfen zu tun haben.« »Mit Elfen?« »Das Tockley-Mädchen befindet sich in ihrer Gewalt. Ähm. Du hast das Eisen weggenommen…« »Wovon redest du da?« fragte Magrat verdutzt. Shawns Gesicht war kalkweiß. »Der Elf im Kerker begann zu singen, und sie haben das Mädchen ge- zeichnet, damit es ihnen gehorchen muß…« »Shawn!« »Und Mama meinte, sie töten nicht, wenn sich’s vermeiden läßt. Zu- mindest töten sie nicht sofort. Lebend machen wir ihnen viel mehr Spaß.« Magrat starrte ihn mit großen Augen an., »Ich mußte fliehen! Sie versuchte, mir die Kapuze abzunehmen! Es blieb mir gar nichts anderes übrig, als den Kerker zu verlassen, Fräulein Königin. Verstehst du?« »Elfen?« »Besorg dir irgendeinen Gegenstand aus Eisen, Fräulein Königin! Sie verabscheuen Eisen!« Magrat holte aus und versetzte Shawn eine Ohrfeige. Dabei berührten ihre Finger die metallene Kapuze und schmerzten. »Du faselst dummes Zeug, Shawn!« »Sie sind da draußen, Fräulein Königin! Ich habe gehört, wie sie die Zugbrücke herabgelassen haben! Sie sind da draußen und waren hier drin, und sie töten nicht, sie lassen uns zunächst am Leben, um…« »Stillgestanden, Soldat!« Etwas anderes fiel Magrat nicht ein. Aber es schien zu funktionieren: Shawn stand stramm. »Jetzt hör mal…«, begann sie. »Alle wissen, daß es eigentlich gar keine Elfen gibt…« Ihre Stimme verklang, und sie kniff die Augen zusammen. »Das glaubt nur Magrat Knoblauch, nicht wahr? Alle anderen wissen es besser, stimmt’s?« Shawn zitterte. Magrat packte ihn an den Schultern. »Meine Mama und Oma Wetterwachs meinten, du solltest nichts da- von erfahren!« jammerte der junge Mann. »Sie meinten, es sei eine He- xenangelegenheit!« »Und wo kümmern sie sich derzeit um Hexenangelegenheiten?« fragte Magrat. »Hier ist weit und breit nichts von ihnen zu sehen, oder? Stehen sie vielleicht hinter der Tür? Nein! Liegen sie unterm Bett? Das scheint seltsamerweise auch nicht der Fall zu sein… Nur ich bin hier, Shawn Ogg. Und wenn du mir jetzt nicht endlich sagst, was du weißt… Dann sorge ich dafür, daß du den Tag bereust, an dem ich geboren wurde.« Shawns Adamsapfel hüpfte auf und ab, während er darüber nachdach- te. Nach einigen Sekunden befreite er sich aus Magrats Griff und lausch- te an der Tür., Der Gesang war verstummt. Magrat glaubte, draußen im Flur eilige Schritte zu hören, die sich entfernten. »Nun, Fräulein Königin, meine Mama und Oma Wetterwachs waren oben bei den Tänzern…« Magrat war ganz Ohr. »Und wo sind alle anderen?« erkundigte sie sich schließlich. »Weiß nicht, Fräulein Königin. Die Leute sind zur Vorstellung gegan- gen. Aber inzwischen müßten sie längst zurück sein.« »Wo findet die Vorstellung statt?« »Keine Ahnung, Fräulein Königin. Fräulein Königin?« »Ja?« »Warum trägst du das Hochzeitskleid?« »Das geht dich nichts an.« »Es bringt dem Bräutigam Unglück, wenn er die Braut vor der Trauung im Hochzeitskleid sieht«, sagte Shawn. Er suchte Zuflucht in banalen Klischees, um seinem Entsetzen zu entkommen. »In diesem Fall stimmt es«, erwiderte Magrat. »Verence kann was erle- ben, wenn er mir über den Weg läuft.« »Fräulein Königin?« »Ja?« »Vielleicht ist den anderen etwas zugestoßen. Unser Jason wollte in ei- ner Stunde oder so zurück sein. Und inzwischen sind mehrere Stunden vergangen.« »Aber es sind fast hundert Gäste und alle Leute aus der Stadt. Gegen eine so große Menge können Elfen sicher nichts ausrichten.« »Das brauchen sie auch gar nicht.« Shawn trat ans unverglaste Fenster heran. »Von hier aus kann ich in den Kornspeicher auf dem Hof sprin- gen. Das Dach besteht nur aus Stroh, kein Problem. Dann schleiche ich durch die Küche und verlasse das Schloß durchs kleine Tor im mittwär- tigen Turm, und zwar mit militärischer Präzision.« »Warum?« »Um Hilfe zu holen, Fräulein Königin.«, »Aber du weißt doch gar nicht, ob es überhaupt Hilfe gibt, die man ho- len kann.« »Hast du eine bessere Idee, Fräulein Königin?« Magrat schwieg. »Das ist… sehr tapfer von dir, Shawn«, sagte sie kurz darauf. »Bleib du hier«, meinte Nanny Oggs Sohn. »Dann geschieht dir nichts. Da fällt mir ein… Wie wär’s, wenn ich die Tür abschließe und den Schlüssel mitnehme? Dann kannst du gar nicht hinaus, selbst wenn du den Gesang hörst.« Magrat nickte. Shawn lächelte schief. »Ich wünschte, wir hätten hier noch ein Ketten- hemd. Aber das ist alles im Arsenal.« »Mach dir keine Sorgen. Ich komme schon zurecht. Geh jetzt.« Shawn nickte. Auf dem Fenstersims zögerte er kurz und ließ sich dann in die Dunkelheit fallen. Magrat schob das Bett vor die Tür und nahm darauf Platz. Sie spielte mit dem Gedanken, ebenfalls aufzubrechen, doch in dem Fall bliebe das Schloß unbewacht zurück, was ihr nicht richtig erschien. Außerdem fürchtete sie sich. Es gab nur eine Kerze im Zimmer, und die war bereits zur Hälfte nie- dergebrannt. Wenn sie verlöschen würde, gäbe es nur noch Mondlicht. Magrat hatte Mondschein immer gemocht – bis jetzt. Draußen herrschte Stille. Zumindest die Geräusche der Stadt hätte man eigentlich hören sollen. Magrat dachte daran, daß es nicht unbedingt eine gute Idee gewesen sein mochte, Shawn mit dem Schlüssel gehen zu lassen. Wenn die Elfen ihn schnappten, konnten sie ohne Probleme ins Zimmer eindringen… Jemand schrie, und zwar ziemlich hingebungsvoll. Nach dem langen Schrei kehrte die Stille der Nacht zurück. Nach einigen Minuten kratzte etwas am Schloß. Es klang nach jeman- den, der ein dickes Tuch um den Schlüssel gewickelt hatte – um einen, Kontakt mit dem Metall zu vermeiden – und nun versuchte, ihn mög- lichst lautlos ins Schloß zu schieben. Die Tür öffnete sich – und stieß nach wenigen Zentimetern ans Bett. »Willst du nicht herauskommen, Teuerste?« Die Tür knarrte. »Willst du nicht mit uns tanzen, hübsche Dame?« Die Stimme zeichnete sich durch seltsame Schwingungen und ein Echo aus, das noch einige Sekunden nach dem letzten Wort im Kopf nachhallte. Die Tür schwang ganz auf und stieß das Bett beiseite. Drei Gestalten huschten ins Zimmer. Eine untersuchte das Bett, und ihre beiden Begleiter nahmen sich die dunklen Ecken des Raums vor. Nach einer Weile ging einer von ihnen zum Fenster und sah nach drau- ßen. Die alte, an vielen Stellen zerbröckelnde Mauer erstreckte sich leer nach unten, bis zum Strohdach des Kornspeichers. Die Gestalt nickte zwei weiteren Gestalten zu, die mit wehendem blonden Haar unten auf dem Hof im Mondlicht standen. Einer von ihnen deutete nach oben, wo eine Gestalt, die ein langes weißes Kleid trug, an der Mauer hochkletterte. Der Elf am Fenster lachte. Diese Sache machte noch viel mehr Spaß, als er gehofft hatte. Magrat zog sich über den Fenstersims, sank zu Boden und schnappte nach Luft. Sie gönnte sich nur eine kurze Verschnaufpause, stand auf und wankte zur Tür. Es steckte kein Schlüssel im Schloß, aber dafür gab es zwei dicke Holzriegel, die sie jetzt rasch vorschob. Magrat schloß auch den Fensterladen. Man würde sie bestimmt nicht noch einmal auf die gleiche Weise ent- kommen lassen. Sie hatte mit einem Pfeil gerechnet, aber… Nein, etwas so Einfaches machte ihnen nicht genug Spaß., Finsternis umgab die ehemalige Hexe. Sie befand sich jetzt wieder in einem Zimmer – aber in welchem? Nach kurzer Suche entdeckte sie eine Kerze und Streichhölzer; wenige Sekunden später brannte Licht. Im unsteten Schein der flackernden Kerzenflamme sah Magrat mehre- re kartonartige Behälter mit Reisegepäck, woraus sie schloß: Dies war ein Gästezimmer. Gedanken tröpfelten durch die Stille in ihrem Kopf, einer nach dem anderen. Sie fragte sich, ob die Elfen für sie singen würden. Und ob sie dem Gesang widerstehen konnte. Wenn man darauf vorbereitet war… Es klopfte leise an der Tür. »Deine Freunde sind unten, Teuerste. Komm und tanz mit mir.« Magrat sah sich verzweifelt um. Der Raum war auf die bekannt schlichte Weise von Gästezimmern eingerichtet. Krug und Waschschüssel; der schreckliche »Kleider- schrank«, eher schlecht hinter einem Vorhang verborgen; das Bett, auf dem einige Kleidungsstücke lagen; ein nicht besonders stabil wirkender Stuhl, von dem an mehreren Stellen der Lack abblätterte; und ein Läufer, durch Alter und Staub ergraut. Das Klopfen wurde lauter; die Tür bebte. »Laß mich eintreten, hüb- sche Dame.« Das Fenster bot diesmal keinen geeigneten Fluchtweg. Magrat dachte daran, sich unter dem Bett zu verstecken. Wieviel Zeit gewann sie da- durch? Wohl kaum mehr als zwei Sekunden. Irgendein schrecklicher Zauber lenkte Magrats Aufmerksamkeit zum Kleiderschrank hinterm Vorhang. Ihre Füße schienen sich von ganz allein in Bewegung zu setzen, und dem Rest des Körpers blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen. In der Wandnische nahm sie den Deckel ab. Der Schacht darunter bot genug Platz für einen Körper. Dafür waren derartige »Kleiderschränke« bekannt. Die Regierungszeit so manchen unbeliebten Königs wurde an solchen Orten von einem Mörder beendet, der gut klettern konnte, einen Speer mitbrachte und entschlossen war, auf eine sehr direkte Weise in die Politik einzugreifen., Etwas stieß ziemlich wuchtig gegen die Tür. »Soll ich für dich singen, Teuerste?« Magrat traf eine Entscheidung. Schließlich gaben die Angeln nach. Rostige Bolzen lösten sich aus dem Gestein. Der halb zugezogene Nischenvorhang bewegte sich im Luftzug. Der Elf lächelte, trat näher und zog den Vorhang ganz beiseite. Er sah einen hochgeklappten Holzdeckel. Er beugte sich vor. Magrat erschien wie ein weißes Phantom hinter ihm und schlug fest mit dem Stuhl zu. Das Ding zerbrach im Nacken des Elfen. Der Elf versuchte, sich umzudrehen und das Gleichgewicht zu wahren, aber in Magrats Händen war noch immer genug Stuhl übrig, um erneut zuzuschlagen. Das Geschöpf fiel nach hinten und griff nach dem Dek- kel, der daraufhin zuklappte. Magrat vernahm ein dumpfes Pochen und dann einen langen, zornigen Schrei, als der Elf durch eklige Dunkelheit fiel. Sie durfte natürlich nicht hoffen, daß er sich zu Tode stürzen würde – schließlich würde er auf etwas Weichem landen. »Der Aufprall bringt ihn nicht um«, murmelte sie. »Aber vielleicht er- stinkt er.« Man mag nur zwei Sekunden Zeit gewinnen, wenn man sich unterm Bett versteckt. Doch manchmal reichen diese zwei Sekunden aus. Magrat ließ die Reste des Stuhls los. Sie zitterte. Aber sie lebte noch, und das fühlte sich gut an. Darin besteht einer der Vorteile des Lebens: Man kann es genießen, am Leben zu sein. Magrat spähte in den Flur. Sie durfte nicht hier bleiben. Entschlossen griff sie nach einem Stuhl- bein und wagte sich durch die Tür. Erneut hörte sie einen Schrei, und zwar vom Großen Saal her. Magrat sah in die andere Richtung, durch die Lange Galerie. Und sie lief los. Irgendwo mußte es einen Weg nach draußen geben, ein Tor oder ein Fenster…, Ein innovativer König hatte hier die Fenster verglasen lassen. Der Mondschein schimmerte durch große, silberne Blöcke, die sich mit schwarzen Quadraten abwechselten. Magrat hastete von Licht zu Schatten, von Licht zu Schatten, durch ein endloses Zimmer. Dutzende von Monarchen glitten an ihr vorbei, wie die Geschichte von Lancre im Zeitraffer. König nach König, mit Bärten und Kronen. Königin nach Königin, mit Miedern, Korsetts, sanften Fal- ken, kleinen Hunden und… Irgend etwas durchdrang die Barriere aus Entsetzen und weckte Ma- grats Aufmerksamkeit: vielleicht der besondere Gesichtsausdruck eines Gemäldes, ein seltsamer Reflex, hervorgerufen vom wechselhaften Glanz des Mondes… Sie verharrte vor einem Bild, das sie nie zuvor bemerkt hatte. So weit war sie schließlich auch noch nicht in die Lange Galerie vorgedrungen. Die geradezu idiotische Geistlosigkeit der vielen Königinnen hatte sie zu sehr deprimiert. Doch dieses Porträt… Es schien eine Botschaft zu verkünden, die Magrat hören konnte. Sie blieb stehen. Dieses Bild konnte unmöglich zu Lebzeiten der betreffenden Königin angefertigt worden sein. Damals war nur eine Art Blau bekannt gewesen, das man hauptsächlich am Körper verwendete. Nun, vor einigen Gene- rationen hatte König Lully I. regiert, ein Monarch mit historischen Inter- essen und einem gewissen Hang zur Romantik. Er stellte Nachforschun- gen über die Anfänge von Lancre an, und wo deutliche Anhaltspunkte fehlten, folgte er der Tradition engagierter Historiker: Er zog Schlußfol- gerungen aus dem Offensichtlichen* und extrapolierte aus zuverlässigen Quellen.** Auf der Grundlage solcher Informationen gab er ein Gemälde in Auftrag, das Königin Ynci die Unbeherrschte zeigte, eine der Gründe- rinnen des Königreichs Lancre. Ynci trug einen Helm mit Schwingen und einer Spitze. Die lange Mäh- ne bildete eine dichte Lockenmasse, wobei Blut als Haarfestiger verwen- det worden war. Das alles andere als sparsam aufgetragene Make-up * Mit anderen Worten: Er erfand Dinge. ** Er las Bücher von Leuten, die ebenfalls historische Fakten erfanden., wurde der Waid-und-Blut-und-Spiralen-Schule barbarischer Kosmetik gerecht. Der Brustharnisch wies zwei beeindruckend große Stahlkörbe auf, und es fehlte ihm ebensowenig an Spitzen wie den Schulterplatten. Spitzen zierten auch die Knieschützer und Sandalen. Hinzu kam ein recht kurzer Rock mit modischen Karo- und Blutmustern. Eine Hand ruhte lässig auf dem Griff einer großen, mit Spitzen ausgestatteten Streit- axt, und die andere hielt den Arm eines feindlichen Kriegers. Der Rest des Gegners hing an verschiedenen Bäumen im Hintergrund. Das Por- trät zeigte auch Spitze, das Lieblingspony der Königin – es gehörte zu jener inzwischen ausgestorbenen Lancrespezies, deren Erscheinungsbild und Leidenschaft am besten mit einem Faß Schießpulver verglichen werden kann – und ihren Streitwagen, dem es ebenfalls nicht an Spitzen mangelte. Mit den Rädern hätte man sich auch rasieren können. Magrat starrte auf das Bild. Darauf hatte sie niemand hingewiesen. Man hatte ihr nur immer von Tapisserien, Stickereien und Reifröcken erzählt, um ihr anschließend noch zu erklären, wie man adligen Herrn die Hand reichte. Von metallenen Spitzen und Brustpanzern und der- gleichen erfuhr sie erst jetzt. Vom Ende der Galerie, aus der Richtung, aus der sie gekommen war, hörte Magrat Geräusche. Einmal mehr hob sie den Saum ihres Kleids und lief los. Schritte folgten ihr. Schritte und Gelächter. Nach links, dann nach unten durch den Kreuzgang, und durch die dunkle Passage über der Küche, vorbei an… In der Dunkelheit bewegte sich ein Schemen. Zähne blitzten. Magrat hob das Stuhlbein und blieb abrupt stehen. »Greebo?« Nanny Oggs Kater rieb den Rücken an ihren Beinen, hatte Fell und Ohren angelegt. Dadurch wuchs das Unbehagen in Magrat. Dies war Greebo, unumstrittener König der Katzen von Lancre, in den meisten Fällen auch ihr Vater. Wo er auftauchte, versteckten sich Wölfe und klet- terten Bären auf Bäume. Doch diesmal fürchtete sich der Kater. »Komm her, du dummer Kerl.«, Magrat packte ihn am zernarbten Nacken, woraufhin Greebo ihr dankbar die Krallen in den Arm bohrte* und sich zur Schulter hochzog. Offenbar befand sie sich nun in der Nähe der Küche, denn das war Greebos Revier. Es handelte sich um eine unbekannte, dunkle Region, um terror incognita. Hier ging das Fleisch von Teppichen und der Gips von Säulen zu Ende; hier offenbarten sich die steinernen Knochen des Schlosses. Magrat glaubte, schnelle, leichtfüßige Schritte hinter sich zu hören. Wenn sie lief und die nächste Ecke hinter sich brachte… Greebo spannte plötzlich die Muskeln, fühlte sich an wie eine zusam- mengedrückte Feder. Magrat zögerte. Hinter der nächsten Ecke… Ganz automatisch ging die Hand mit dem Stuhlbein nach oben. Sie trat vor – und schlug gleichzeitig zu. Ein triumphierendes Zischen verwandelte sich in ein schmerzerfülltes Heulen, als die improvisierte Keule einen Elfennacken streifte. Das Geschöpf taumelte zur Seite. Ma- grat stürmte zur nächsten Tür, und Tränen der Panik quollen ihr in die Augen, als sie an der Klinke zog. Die Tür ging auf. Mit einem Satz sprang sie über die Schwelle, riß die Tür hinter sich zu, tastete nach den Riegeln, drückte sie zu… Und sank auf die Knie. Draußen stieß etwas an die versperrte Tür. Nach einer Weile öffnete Magrat die Augen und fragte sich sofort, ob sie wirklich die Lider gehoben hatte: An der Dunkelheit änderte sich überhaupt nichts. Irgend etwas teilte ihr mit, daß weiter vorn… Platz war. Es gab viele Dinge im Schloß, unter ihnen auch verborgene Kam- mern und so… Direkt vor Magrat mochte sich eine tiefe Grube befin- den. Praktisch alles war möglich. Die Ex-Hexe hielt sich am Türrahmen fest, als sie aufstand und die andere Hand in Richtung Wand ausstreckte. Sie ertastete ein kleines Bord. Eine Kerze stand darauf. Und daneben lag ein Bündel Streichhölzer. Magrat versuchte, das rasende Pochen ihres Herzens unter Kontrolle zu bringen, indem sie dachte: Dies muß ein Zimmer sein, das ab und zu be- * »Er ist ja so anhänglich.« – Aus Nanny Oggs Buch »Katzensprüche«., nutzt wird. Die meisten Leute in Lancre benutzten nach wie vor Zunder- büchsen. Nur der König konnte es sich leisten, Streichhölzer aus Ankh- Morpork kommen zu lassen. Oma Wetterwachs und Nanny Ogg benutz- ten sie ebenfalls. Allerdings wären sie nie auf die Idee gekommen, Streichhölzer zu kaufen – sie gingen einfach davon aus, daß man sie ih- nen schenkte. Nun, als Hexe bekam man viele Dinge geschenkt. Magrat zündete die Kerze an und drehte den Kopf, um festzustellen, in welchem Raum sie sich befand. Oh… »Na so was«, brummte Ridcully. »Der Baum dort kommt mir bekannt vor.« »Sei still.« »Wenn ich mich recht entsinne, hat jemand gesagt, wir müßten nur am Hang nach oben«, fuhr der Erzkanzler fort. »Sei still.« »Als wir damals in diesem Wald spazierengegangen sind, hast du mir erlaubt…« »Sei still.« Oma Wetterwachs setzte sich auf einen Baumstumpf. »Man führt uns in die Irre«, sagte sie. »Jemand verwirrt unsere Sinne.« »Ich erinnere mich an eine Geschichte«, sagte Ridcully. »Es geht dabei um zwei Kinder, die sich im Wald verirren, und es kamen viele Vögel, um sie mit Blättern zu bedecken.« In seiner Stimme zeigte sich Hoffnung auf die gleiche Weise wie ein Zeh, der unterm Rand einer Krinoline her- vorragt. »Ja, solche idiotischen Dinge fallen nur Vögeln ein.« Oma kratzte sich am Kopf. »Sie steckt dahinter«, kam es von ihren Lippen. »Es ist ein Elfentrick. Wanderer in die Irre zu führen… Sie sät Verwirrung in meinen Gedan- ken. Direkt hinter meiner Stirn, jawohl! Sie ist ganz schön geschickt. Lenkt unsere Schritte in die Richtung, die sie will. Läßt uns im Kreis gehen. Treibt Schabernack mit mir.«, »Vielleicht denkst du an andere Dinge«, spekulierte Ridcully. Er gab die Hoffnung nicht auf. »Natürlich denke ich an andere Dinge – immerhin stolperst du dauernd über die eigenen Füße und faselst irgendwelchen Unsinn. Wenn Herr Schlaumeier Zauberer nicht unbedingt etwas hervorkramen mußte, das überhaupt nie existiert hat… Dann wäre ich gar nicht hier, im Zentrum des was weiß ich, ohne die geringste Möglichkeit, ins allgemeine Gesche- hen einzugreifen.« Sie ballte die Fäuste. »Finde dich einfach damit ab«, schlug Ridcully vor. »Es ist ein herrli- cher Abend. Wir könnten uns einfach irgendwo setzen und…« »Du fällst also auch darauf herein«, sagte Oma. »Der zuckersüß- romantische Unsinn von Blicken, die sich über Dutzende von Metern hinweg in einem großen Saal treffen… Meine Güte, wie schaffst du es nur, als oberster Zauberer im Amt zu bleiben?« »Indem ich jeden Abend sorgfältig das Bett untersuche und immer dar- auf achte, daß bei einer Mahlzeit jemand anders vor mir den ersten Bis- sen ißt«, antwortete Ridcully mit entwaffnender Offenheit. »Nun, mit dem Amt des Erzkanzlers hat’s eigentlich gar nicht soviel auf sich. Man muß nur dauernd irgendwelche Dokumente unterschreiben, und gele- gentlich darf man Untergebene anbrüllen…« Ein Blatt schwebte vorbei. Ridcully seufzte. »Wie dem auch sei: Du warst ziemlich überrascht, als du mich gesehen hast. Bist blaß geworden.« »Kein Wunder«, erwiderte Oma. »Jede Frau wird blaß, wenn sie einen erwachsenen Mann erblickt, der zu ersticken scheint.« »Du gibst nie nach, oder?« fragte Ridcully. »Es ist bemerkenswert. Nicht einen einzigen Zentimeter weit rückst du von deinem Standpunkt ab.« Noch ein Blatt sank neben dem Erzkanzler zu Boden. Ridcully drehte den Kopf nicht. »Weißt du…« Er sprach ganz ruhig. »Entweder beginnt der Herbst in diesem Teil von Lancre ziemlich früh, oder die hiesigen Vögel spielen, ebenfalls gern mit Blättern herum. Es kann natürlich auch sein, daß sich jemand im Baum über uns befindet.« »Ich weiß.« »Du weißt es?« »Ja. Ich habe natürlich aufgepaßt, während du damit beschäftigt warst, auf dem Pfad der Erinnerung zu wandeln. Es sind mindestens fünf, und sie starren auf uns herunter. Was ist mit deinen Fingern?« »Ich könnte vielleicht eine Feuerkugel beschwören.« »Das nützt uns kaum etwas. Kannst du uns nicht von hier fortbrin- gen?« »Nicht uns beide.« »Nur dich selbst?« »Ich denke schon. Aber natürlich lasse ich dich hier nicht allein zu- rück.« Oma Wetterwachs rollte mit den Augen. »Es stimmt tatsächlich«, murmelte sie. »Männer wollen immer nur bei Frauen Eindruck schinden. Verschwinde, du romantischer Narr. Die Elfen haben gar nicht vor, mich zu töten. Zumindest jetzt noch nicht. Aber Zauberer sind ihnen völlig gleich. Sie würden dich einfach so umbringen, ohne einen Gedan- ken daran zu vergeuden.« »Du möchtest, daß ich das hier überlebe? Also bedeute ich dir etwas.« »Ich sehe keinen Sinn darin, daß du stirbst, obwohl du etwas Nützli- ches anstellen könntest.« »Die Flucht ist nicht besonders nützlich.« »Für dich dürfte sie weitaus nützlicher sein als hierzubleiben.« »Ich würde es mir nie verzeihen, dich jetzt allein zu lassen.« »Ich würde es dir nie verzeihen, wenn du bleibst«, betonte Oma. »Und ich bin besser darin, nicht zu verzeihen, als du. Geh zu Gytha Ogg, wenn alles vorbei ist. Sag ihr, sie soll in meiner alten Schachtel nachsehen. Sie weiß, was ich meine. Und wenn du jetzt nicht schleunigst losgehst…« Ein Pfeil bohrte sich in den Baumstumpf neben Ridcully., »Die Mistkerle schießen auf mich!« ereiferte sich der Erzkanzler. »Wenn ich jetzt meine Armbrust hätte…« »Warum holst du sie nicht?« entgegnete Oma. »Ja, genau! Bin gleich wieder da!« Ridcully verschwand. Eine halbe Sekunde später fielen einige Steine aus dem Schloß dort zu Boden, wo er eben noch gesessen hatte. »Das Problem wäre gelöst«, sagte Oma Wetterwachs zu sich selbst. Sie stand auf und ließ ihren Blick durch den Wald schweifen. »Na schön«, sagte sie laut. »Hier bin ich. Und ich laufe nicht weg. Komm und hol mich. Hier bin ich«, wiederholte sie. Und: »Hier sind wir.« Magrat beruhigte sich. Natürlich gab es einen solchen Ort. Jedes Schloß verfügte über eine derartige Kammer. Und natürlich wurde diese benutzt. Unübersehbare Fußspuren führten durch dicken Staub zu einem nicht sehr weit entfernten Gestell, an dem einige gelangweilt vor sich hin ro- stende Kettenhemden hingen, direkt neben den Piken. Shawn kam wahrscheinlich jeden Tag hierher. Dies war das Arsenal. Greebo sprang von Magrats Schulter und wanderte durch die von Spinnweben verhangenen Nischen, auf der Suche nach kleinen, quieken- den Geschöpfen. Magrat folgte ihm benommen. Die Könige von Lancre hatten nie etwas weggeworfen. Erst recht nichts, womit man jemand töten konnte. Es gab Rüstungen für Menschen und für Pferde. Es gab auch welche für Kampfhunde. Es gab sogar einige experimentelle Exemplare für Ra- ben, obgleich hier folgendes festgestellt werden muß: König Gurnt der Dumme plante zwar eine Luftwaffe, aber sie ist nie abgehoben. Magrat sah zahllose Piken, Schwerter, Messer, Säbel, Rapiere, Degen, Breit- schwerter, Dreschflegel, Morgensterne, Streitkolben und Keulen mit Spitzen. Sie bildeten große Haufen und hatten dort, wo Regenwasser durchs Dach sickerte, ziemlich viel Rost angesetzt. Lange und kurze Bö-, gen kamen hinzu, sowie Armbrüste in verschiedenen Größen. Wie Feu- erholz lagen sie übereinander, und das galt auch für viele braunrote Rü- stungsteile. Überall war Rost. Der ganze Raum kam einem Grab für Ei- sen gleich. Magrat setzte einen Fuß vor den anderen, wie ein aufgezogenes Spiel- zeug, das in die einmal eingeschlagene Richtung rasselt, bis es gegen ein Hindernis stößt. Das Licht der Kerze strich über Helme und Brustharnische. Die für Pferde bestimmten Rüstungen an den Holzgestellen wirkten besonders beeindruckend. Sie sahen aus wie Außenskelette – und wie Skelette erin- nerten sie an Sterblichkeit und Tod. Leere Augenöffnungen starrten blicklos zur ehemaligen Hexe. »Hübsche Dame?« Die Stimme erklang jenseits der Tür, weit hinter Magrat. Doch die Worte waren im ganzen Arsenal zu hören, hallten von jahrhundertealten Waffen wider. Dieses Zimmer können sie nicht betreten, dachte Magrat. Hier gibt es zuviel Ei- sen. Hier bin ich sicher. »Wenn die hübsche Dame spielen möchte, so holen wir ihre Freunde.« Magrat drehte sich um, und dabei fiel das Kerzenlicht auf einen ganz besonderen Gegenstand. Sie zog einen großen Schild beiseite. »Hübsche Dame?« Magrat streckte die Hand aus. »Teuerste?« Magrat griff nach einem rostigen Helm mit Schwingen. »Komm und tanz bei der Hochzeit, hübsche Dame.« Magrat griff nach einem Brustharnisch mit zwei großen Stahlkörben und Spitzen. Greebo jagte in einer auf dem Boden liegenden Rüstung Mäuse und spähte nun aus einem Bein. Magrat veränderte sich. Das merkte man daran, wie sie atmete. Noch vor kurzer Zeit hatte sie vor Furcht und aus Erschöpfung geschnauft, und dann einige Sekunden lang den Atem angehalten. Jetzt holte sie tief und entschlossen Luft. Greebo hatte Magrat bisher immer als eine Art Maus in Menschenge- stalt wahrgenommen und beobachtete nun, wie sie den Schwingenhelm aufsetzte. Magrat wußte um die Macht von Hüten. Zwischen ihren Schläfen hörte sie das Donnern von Streitwagen. »Hübsche Dame? Wir holen deine Freunde, um für dich zu singen.« Sie wandte sich um. Das Kerzenlicht funkelte in ihren Augen. Greebo zog sich in die Sicherheit der Rüstung zurück. Er entsann sich an die Sache mit der Füchsin. Normalerweise wurde er mit einem Fuchs fertig, ohne dabei aus der Puste zu kommen, doch in diesem besonderen Fall hatte die Füchsin Junge gehabt. Und das hatte Greebo erst herausge- funden, als er sein vermeintliches Opfer bis in den Bau verfolgt hatte. Er hatte die Spitze eines Ohrs und recht viel Fell verloren, bevor ihm die Flucht gelungen war. Magrats Gesichtsausdruck erinnerte ihn an jene Füchsin. »Greebo? Komm her!« Der Kater drehte sich um und suchte nach einem sicheren Platz im Brustharnisch der Rüstung. Er zweifelte allmählich daran, daß er diese Nacht überleben würde. Elfen durchstreiften die Schloßgärten. Eine Zeitlang hatten sie sich mit den Goldfischen in dem kleinen Teich vergnügt und sie dann getötet. Herr Brooks stand auf einem Küchenstuhl und arbeitete an einem Riß in der Stallwand. Er ahnte, daß im Schloß irgend etwas vor sich ging, aber es betraf Menschen und war daher nur von untergeordneter Bedeutung. Weitaus mehr Aufmerksamkeit schenkte er der Veränderung im Summen der Bienen und dem Knacken von splitterndem Holz. Ein Bienenstock war umgekippt worden. Zornige Bienen umschwirr- ten drei Gestalten, deren Füße Waben und Brut zertrampelten., Das Gelächter verstummte, als der in Weiß gekleidete und mit einem Schleier ausgestattete Imker an der Hecke erschien. Er hob ein langes Metallrohr. Niemand wußte, womit Herr Brooks seinen Spritzer lud. Das Zeug enthielt alten Tabak, aufgekochte Wurzeln, Baumrinde und Kräuter, die nicht einmal Magrat kannte. Glänzende Flüssigkeit zischte über die Hek- ke hinweg, traf den mittleren Elf zwischen den Augen und spritzte auch auf die anderen beiden. Unbewegt beobachtete der Imker, wie die Gestalten zuckten. Nach ei- ner Weile rührten sie sich nicht mehr. »Wespen«, sagte er. Er holte eine Schachtel, entzündete eine Laterne und achtete nicht auf die Stiche, als er damit begann, den Bienenstock zu reparieren. Shawn hatte kaum mehr Gefühl im Arm, abgesehen von dem dumpfen Schmerz, der auf mindestens einen gebrochenen Knochen hindeutete. Darüber hinaus wußte er, daß zwei seiner Finger normalerweise anders aussahen. Er schwitzte, obgleich er nur Unterwäsche trug. Er hätte das Kettenhemd nicht ausziehen dürfen, aber man kann schlecht »nein« sa- gen, wenn man von einem elfischen Bogenschützen bedroht wird. Shawn wußte, was glücklicherweise vielen anderen Leuten unbekannt blieb: Kettenhemden bieten keinen nennenswerten Schutz vor Pfeilen. Erst recht nicht, wenn der Pfeil zwischen die Augen zielt. Man hatte ihn durch Korridore und Flure zum Arsenal geführt. Minde- stens vier Elfen hielten sich hier auf, aber es fiel schwer, ihre Gesichter zu erkennen. Shawn erinnerte sich an das Spektakel des reisenden Ma- giers Lampendorn. Damals hatte er überaus fasziniert beobachtet, wie verschiedene Bilder auf eins von Nanny Oggs Bettlaken projiziert wor- den waren. Mit den Elfengesichtern verhielt es sich ähnlich. Irgendwo darin befanden sich Augen und ein Mund, aber alles andere schien nur vorübergehenden Bestand zu haben – die Züge der Elfenmienen verän- derten sich ständig., Sie redeten nicht viel, doch dafür lachten sie häufig. Elfen waren fröh- lich, besonders dann, wenn sie feststellten, wie weit sie einem den Arm auf den Rücken drehen konnten. Die Elfen berieten sich in ihrer Sprache, und dann wandte sich einer an Shawn, deutete dabei zur Tür des Arsenals. »Wir möchten, daß die Frau herauskommt«, meinte er. »Sag ihr folgen- des: Wenn sie das Zimmer nicht verläßt, spielen wir noch ein wenig wil- der mit dir.« »Was macht ihr mit uns, wenn sie drin bleibt?« erkundigte sich Shawn. »Oh, dann spielen wir ebenfalls mit dir«, antwortete der Elf. »Deshalb ist ja alles so lustig. Aber sie soll hoffen, nicht wahr. Sag es ihr jetzt.« Man schob ihn zur Tür. Er klopfte an, auf eine Weise, die er für re- spektvoll hielt. »Ähm. Fräulein Königin?« »Ja?« erklang Magrats gedämpfte Stimme. »Ich bin’s, Shawn.« »Ich weiß.« »Stehe hier im Flur. Ähm. Ich glaube, die Elfen haben Fräulein Tockley verletzt. Äh. Sie wollen mir auch noch etwas weh tun, wenn du drin bleibst. Aber du brauchst nicht herauszukommen, denn die Elfen kön- nen nicht zu dir hinein, wegen des Eisens. Also würde ich an deiner Stel- le gar nicht auf sie hören.« Er rasselte und klapperte. Kurz darauf ertönte ein leises Twoing. »Fräulein Magrat?« »Frag die hübsche Dame, ob sie da drin zu essen und zu trinken hat«, sagte ein Elf. »Fräulein Königin, ich soll dich…« Einer der Elfen zerrte ihn grob beiseite. Zwei warteten zu beiden Sei- ten der Tür, und ein dritter lauschte daran. Nach einigen Sekunden ging er in die Hocke, um durchs Schlüsselloch zu blicken. Er achtete jedoch peinlich darauf, das Metall des Schlosses nicht zu berühren., Ein Geräusch erklang, nicht lauter als ein Klicken. Der Elf verharrte zunächst reglos, dann kippte er nach hinten und fiel zu Boden. Shawn blinzelte. Das Ende eines Armbrustbolzens ragte aus dem Auge des Elfen. Die Federn fehlten – sie waren während des kurzen Flugs durchs Türschloß abgerissen. »Donnerwetter!« entfuhr es Shawn. Die Pforte des Arsenals ging langsam auf, und dahinter kam… Dun- kelheit zum Vorschein. Einer der Elfen begann zu lachen. »Er hat’s nicht besser verdient«, sagte er. »Wie dumm von ihm… Teu- erste? Hör dem Krieger zu…« Er griff nach Shawns gebrochenem Arm und drehte ihn. Shawn versuchte, nicht zu schreien. Purpurne Lichter blitzten vor sei- nen Augen auf. Er fragte sich, was geschehen mochte, wenn er in Ohn- macht fiel. Er wünschte sich, seine Mutter wäre hier. »Hübsche Dame?« fragte der Elf. »Wenn du…« »Na schön.« Magrats Stimme kam irgendwo aus der Finsternis. »Ich komme heraus. Bitte versprich mir, daß du mir nichts tust.« »Oh, natürlich verspreche ich das, Teuerste.« »Läßt du auch Shawn los?« »Ja.« Die beiden Elfen rechts und links der Tür nickten sich zu. »Bitte?« fügte Magrat hinzu. »Ja.« Shawn stöhnte. Seine Mutter oder Frau Wetterwachs hätten sich be- stimmt zur Wehr gesetzt und bis zum Tod gekämpft, jawohl. Mama hat- te recht: Magrat war viel zu sentimental und weich und so… Allerdings hatte sie gerade mit einer Armbrust durchs Schlüsselloch ge- schossen. Eine Art achter Sinn veranlaßte Shawn dazu, vorsichtig das Gewicht zu verlagern. Wenn der Elf seinen Griff auch nur für einen Sekundenbruch-, teil lockerte… Er wollte die Chance sofort nutzen, um zur Seite zu tau- meln. Magrat erschien in der Tür. Sie trug eine ziemlich alt aussehende Holz- kiste; an der einen Seite bildete abblätternde Farbe das Wort »Kerzen«. Shawn blickte hoffnungsvoll durch den Flur. Magrat bedachte den Elfen an ihrer Seite mit einem freundlichen Lä- cheln. »Das ist für dich«, sagte sie und reichte ihm die kleine Kiste. Der Elf nahm sie automatisch entgegen. »Aber öffne sie nicht. Und denk daran: Du hast versprochen, mir kein Leid zuzufügen.« Die anderen Elfen näherten sich ihr von hinten. Einer von ihnen holte mit einem Steinmesser aus. »Junge Dame?« fragte er und drehte die hölzerne Kiste langsam hin und her. »Ja?« erwiderte Magrat fast unterwürfig. »Ich habe gelogen.« Das Messer zielte auf den Rücken der ehemaligen Hexe. Und zerbrach dort. Der Elf vor Magrat musterte das unschuldige Gesicht seines vermeint- lichen Opfers und öffnete die Kiste. Greebo hatte zwei lange und ihn sehr verärgernde Minuten hinter sich. Wenn sich eine Katze – oder, wie in diesem Fall, ein Kater – in einem geschlossenen Behälter befindet, so kann sie entweder tot sein oder noch leben. Man erfährt es erst, wenn man nachsieht – das Öffnen des Behäl- ters entscheidet über den Zustand der Katze. Unter den gegenwärtigen Umständen gab es jedoch drei mögliche Zustandsformen: lebendig, tot oder verdammt wütend. Shawn neigte sich zur Seite, als Greebo wie ein ganz spezieller Spreng- satz explodierte. »Sei ihm nicht böse«, sagte Magrat verträumt, als der Elf nach dem zornigen Kater schlug. »Eigentlich ist er ein lieber Kerl.« Sie zog ein Messer hervor, drehte sich um und rammte dem hinter ihr stehenden Elfen die Klinge in den Leib. Sie traf nicht etwa das Herz oder, ein anderes lebenswichtiges Organ, aber das brauchte sie auch gar nicht – das Messer bestand aus Eisen. Im Anschluß daran hob sie den Saum ihres Kleids und trat dem dritten Elf vors Knie. Shawn sah das Metall aufblitzen, als der Fuß wieder unter weißer Seide verschwand. Magrat stieß den schreienden Elf mit dem Ellenbogen beiseite, eilte noch einmal ins dunkle Zimmer und kehrte mit einer Armbrust zurück. »Wer hat dir weh getan, Shawn?« fragte sie. »Alle«, antwortete er. »Aber Greebos Gegner hat Diamanda verletzt.« Der entsprechende Elf zog sich gerade den Kater vom Gesicht. Grün- blaues Blut strömte aus Dutzenden von Wunden, und Greebo krallte sich an dem Arm fest, während er immer wieder an die Wand geschmet- tert wurde. »Hör auf«, sagte Magrat. Der Elf sah die Armbrust und erstarrte. »Ich werde nicht um Gnade flehen«, sagte er. »Gut.« Magrat schoß. Damit blieb nur noch der Elf übrig, der auf dem Boden hin und her rollte und sich dabei das Knie hielt. Magrat stieg gleichgültig über den Köper eines anderen Elfen hinweg, verschwand erneut im Arsenal und kam kurze Zeit später mit einer Axt wieder heraus. Das Geschöpf auf dem Boden rührte sich plötzlich nicht mehr und sah zu Magrat auf. »Nun«, begann die Fast-Königin im Plauderton, »in Hinsicht auf deine Chancen will ich dich nicht belügen – du hast keine. Ich werde dir gleich einige Fragen stellen. Doch vorher möchte ich deine Aufmerksamkeit wecken.« Der Elf hatte damit gerechnet, und deshalb gelang es ihm, sich recht- zeitig zur Seite zu wälzen. Die Axt ließ Steinplatten splittern. »Fräulein?« brachte Shawn hervor, als Magrat erneut ausholte., »Ja?« »Meine Mama hat gesagt, Elfen spüren keinen Schmerz.« »Nein? Aber ich nehme an, manche Dinge sind ihnen trotzdem unan- genehm.« Magrat ließ die Axt sinken. »Zum Beispiel Metall«, sagte sie. »Wir könnten diesen Burschen in eine der Rüstungen da drin stecken. Na, wie wär’s damit?« »Nein!« Der Elf versuchte fortzukriechen. »Warum nicht?« meinte Magrat. »Ist doch besser als Axthiebe, oder?« »Nein!« »Warum nicht?« »Es fühlt sich an, als sei man in der Erde vergraben«, ächzte der Elf. »Keine Augen, keine Ohren, kein Mund!« »Na schön. Dann hüllen wir dich in ein Kettenhemd«, schlug Magrat vor. »Nein!« »Wo ist der König? Wo sind alle anderen?« »Ich werde nichts sagen.« »Wie du willst.« Magrat betrat das Arsenal und kehrte mit einem langen Kettenhemd zurück. Der Elf verdoppelte seine Bemühungen, fortzukrabbeln. »Du schaffst es nie, ihm das Hemd überzustreifen«, sagte Shawn, der ebenfalls auf den Steinplatten lag. »Die Arme sind im Weg.« Magrat griff nach der Axt. »O nein«, stieß Shawn hastig hervor. »Fräulein Königin!« »Du bekommst ihn nie zurück«, sagte der Elf. »Den König, meine ich. Sie hat ihn.« »Warten wir’s ab«, erwiderte Magrat. »Nun gut, Shawn. Was fangen wir mit ihm an?«, Sie brachten ihn in einem Lagerraum unweit des Kerkers unter und ketteten ihn dort an die Gitterstangen des Fensters. Beim Kontakt mit dem Eisen wimmerte er. Magrat warf die Tür zu. Shawn hielt einen respektvollen Abstand zu Magrat, vor allem deshalb, weil sie so seltsam lächelte. »Und jetzt sehen wir uns deinen Arm an«, sagte sie. »Mit mir ist soweit alles in Ordnung«, behauptete Shawn. »Diamanda in der Küche geht es weitaus schlechter.« »War sie es, die so geschrien hat?« »Äh. Zum Teil. Ähm.« Shawn betrachtete die toten Elfen fasziniert, während Magrat achtlos an ihnen vorbeiging. »Du hast sie getötet«, stellte er fest. »War das falsch?« »Ähm, nein«, entgegnete Shawn vorsichtig. »Du bist dabei, äh, ziemlich tüchtig gewesen.« »In der Grube ist noch einer«, fügte Magrat hinzu. »Du weißt schon – in der Grube. Welcher Tag ist heute?« »Dienstag.« »Und du reinigst die Grube immer am…?« »Mittwoch. Allerdings bin ich am vergangenen Mittwoch nicht dazu gekommen, weil…« »Dann brauchen wir uns vermutlich um den nicht mehr zu kümmern. Gibt es hier noch mehr?« »Ich… glaube nicht. Äh. Fräulein Königin?« »Ja, Shawn?« »Könntest du vielleicht die Axt herunternehmen? Ich würde mich viel besser fühlen, wenn du die Axt herunternähmst. Die Axt, Fräulein Köni- gin. Du schwingst sie dauernd hin und her. Die Schneide könnte sich jeden Augenblick vom Stiel lösen.« »Welche Axt?« »Ich meine jene, die du in der Hand hältst.«, »Oh, diese Axt.« Magrat schien sie jetzt zum erstenmal zu bemerken. »Der Arm sieht nicht besonders gut aus. Gehen wir in die Küche, damit ich ihn dort schienen kann. Und die Finger auch. Haben die Elfen Dia- manda umgebracht?« »Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, warum sie das Mädchen ge- quält haben. Ich meine, es hat ihnen doch geholfen.« »Ja. Warte einen Moment.« Magrat verschwand abermals im Arsenal und holte einen Sack. »Komm, Greebo.« Der Kater warf ihr einen argwöhnischen Blick zu und putzte sich nicht mehr. »Weißt du, was an Lancre komisch ist?« fragte Magrat, als sie über die Treppe nach unten schlichen. »Nein, Fräulein.« »Wir werfen nie etwas weg. Und weißt du noch etwas?« »Nein, Fräulein.« »Das Bild konnte gar nicht zu ihren Lebzeiten angefertigt worden sein. Ich meine, damals vergeudete niemand Zeit damit, irgendwelche Porträts zu malen. Aber die Rüstung… Ha! Man brauchte nur ihre Rüstung zu betrachten, um einen Eindruck von ihr zu gewinnen. Und weißt du was?« Furcht erwachte in Shawn. Natürlich geschah es nicht zum erstenmal, daß er sich fürchtete, aber bisher waren solche Empfindungen unmittel- bar gewesen und hatten sich auf eine konkrete, physische Gefahr bezo- gen. Doch Magrat auf diese Weise zu erleben… Das jagte ihm viel mehr Angst ein als die Elfen. Er fühlte sich wie jemand, der von einem Schaf angegriffen wurde. »Nein, Fräulein?« erwiderte er. »Niemand hat mir etwas über sie erzählt. Ich dachte, es ginge nur um Tapisserien und lange Kleider und so!« »Was meinst du, Fräulein Königin?« Magrat machte eine umfassende Geste. »Dies alles!« »Bitte«, stöhnte Shawn in Kniehöhe., Magrat sah nach unten. »Was ist los?« »Bitte nimm die Axt herunter.« »Oh. Entschuldige.« Festgreifaah schlief in einem kleinen Schuppen neben den Falkenkäfigen. Auch er hatte eine Einladung fürs Hochzeitsfest bekommen, doch sie war ihm aus der Hand gerissen und verspeist worden, und zwar von La- dy Jane, einem alten, unberechenbaren Gierfalken, der den Zettel mit einem menschlichen Finger verwechselt hatte. Aus diesem Grund befaß- te sich der Falkner mit seinem üblichen Abendritual: Er wusch seine Wunden und verspeiste eine Mahlzeit, die aus trockenem Brot und recht altem Käse bestand. Anschließend ging er früh zu Bett, um im Schein einer Kerze sanft zu bluten und die neueste Ausgabe von Schnäbel und Krallen zu lesen. Als er Geräusche bei den Käfigen hörte, stand er auf, griff nach der Kerze und ging nach draußen. Ein Elf sah sich die Vögel an. Lady Jane hockte auf seinem Arm. Wie Herr Brooks schenkte Festgreifaah Dingen, die nichts mit seinen Interessen zu tun hatten, praktisch keine Beachtung. Er wußte, daß sich viele Besucher im Schloß befanden, und soweit es ihn betraf: Wer sich die Falken ansah, war jemand, der seinen Enthusiasmus teilte. »Mein bester Vogel«, sagte er stolz. »Fast schon zahm. Er ist wirklich gut. Ich dressiere ihn. Er ist sehr intelligent. Gehorcht insgesamt elf ver- schiedenen Befehlen.« Der Elf nickte würdevoll, nahm Lady Jane die Kapuze vom Kopf und nickte in Richtung des Falkners. »Töte ihn«, sagte er. Lady Janes Augen glitzerten im Kerzenschein. Sie sprang los und bohr- te dem Elf Krallen und Schnabel in die Kehle. »Das macht der Vogel auch bei mir«, meinte Festgreifaah. »Entschuldi- ge. Er ist sehr intelligent.«, Diamanda lag in einer Blutlache auf dem Boden der Küche. Magrat knie- te neben ihr. »Sie lebt noch, zumindest ein wenig.« Magrat griff nach dem Saum ih- res Kleids und versuchte, einen Streifen abzureißen. »Verdammtes Ding. Hilf mir, Shawn.« »Fräulein Königin?« »Wir brauchen Verbandszeug.« »Aber…« »Glotz nicht so und hilf mir endlich.« Der Rock riß. Mindestens zehn Spitzenrosen zerfledderten. Shawn wußte nicht, was Königinnen unter ihren Kleidern trugen. Er hatte inzwischen mit entsprechenden Beobachtungen begonnen, die insbesondere Millie Chillum betrafen, und von dort aus wollte er sich langsam nach oben arbeiten. Wie dem auch sei: Metallene Unterwäsche hatte er bisher nicht in Erwägung gezogen. Magrat klopfte sich auf den Brustharnisch. »Paßt ziemlich gut«, sagte sie, um einem Hinweis darauf vorzubeugen, daß an gewissen Stellen recht viel Luft zwischen dem Metall und Magrat blieb. »Obgleich einige zusätzliche Nieten hier und dort sicher nicht schaden könnten. Steht mir die Rüstung?« »O ja«, versicherte Shawn der ehemaligen Hexe. »Äh. Eisen steht dir wirklich gut.« »Findest du?« »Ja.« Shawn bemühte verzweifelt seine rhetorische Phantasie. »Du bist wie geschaffen dafür.« Magrat schiente ihm den Arm und die Finger. Sie arbeitete methodisch, verwendete Seidenstreifen als Verband. Bei Diamanda erwies sich die Sache als weitaus problematischer. Magrat reinigte und nähte und ver- band, während Shawn zusah und versuchte, den heißen, stechenden Schmerz in seinem Arm zu ignorieren. »Sie lachten und stachen mit ihren Steinmessern auf sie ein«, wieder- holte er immer wieder. »Das Mädchen hat nicht einmal versucht, wegzu- laufen. Die Elfen… Sie schienen mit Diamanda zu spielen.«, Aus irgendeinem Grund blickte Magrat zu Greebo, der wenigstens den Anstand hatte, verlegen zu wirken. »Spitze Ohren und ein Fell, das man streicheln möchte«, sagte sie ge- dankenverloren. »Und sie sind faszinierend. Und sie verursachen ein an- genehm klingendes Geräusch, wenn sie sich wohl fühlen.« »Wie bitte?« »Schon gut, hab’ nur nachgedacht.« Magrat stand auf. »Na schön. Ich schüre das Feuer, hole einige Armbrüste und bereite sie für dich vor. Und du sorgst dafür, daß die Tür geschlossen bleibt, klar? Laß nieman- den herein. Wenn ich nicht zurückkehre… In dem Fall solltest du besser einen Ort aufsuchen, wo sich auch noch andere Leute aufhalten. Geh zu den Zwergen von Kupferkopf. Oder zu den Trollen.« »Was hast du vor?« »Ich will feststellen, was mit den anderen passiert ist.« Magrat öffnete den Sack, der aus dem Arsenal stammte. Er beinhaltete einen mit Schwingen ausgestatteten Helm, den Shawn für unpraktisch hielt.* Hinzu kamen Kettenhemd-Handschuhe und einige rostige Waf- fen. »Aber da draußen sind sicher noch mehr Elfen!« »Besser da draußen als hier drinnen.« »Kannst du kämpfen?« »Keine Ahnung«, sagte Magrat. »Hab’s nie probiert.« »Wenn wir hier warten… Früher oder später kommt sicher jemand.« »Ja, genau das befürchte ich.« »Ich meine: Du mußt nicht hinaus.« »Doch. Ich heirate morgen. So oder so.« »Aber…« * Darüber wußte Shawn Bescheid, weil die letzte Ausgabe von Rund um Rüstun- gen einen großen Test gebracht hatte: »Die besten zwanzig Helme unter 50 Ankh-Morpork-Dollar«. Ein zweiter Artikel hieß: »Streitäxte: Wir haben die besten zehn auf Herz und Nieren geprüft.« Am Ende dieses Tests folgte ein Stellenangebot für sechs neue Tester., »Sei still!« Sie geht in den Tod, dachte Shawn. Es genügt nicht, ein Schwert in der Hand zu halten. Man sollte auch wissen, welches Ende man in den Leib des Gegners stoßen muß. Meine Pflicht besteht darin, alle Gefahren vom Schloß fernzuhalten, und jetzt bricht Fräulein Magrat auf, um sich umbringen zu lassen… Aber… Aber… Sie hat einen Elfen erschossen, durchs Schlüsselloch. Ich wäre dazu nicht in der La- ge gewesen. Ich hätte zuerst »Hände hoch!« oder so gesagt. Die Elfen waren ihr im Weg, und deshalb beschloß sie einfach, sie… aus dem Weg zu räumen. Trotzdem wird sie sterben. Vermutlich auf eine sehr tapfere Weise. Ich wünschte, meine Mama wäre hier… Magrat rollte die fleckigen Reste des Hochzeitskleids zusammen und verstaute sie im Sack. »Haben wir Pferde?« »Äh…wir haben Elfenpferde. Auf dem Hof, Fräulein Königin. Aber ich bezweifle, ob du in der Lage bist, eins von ihnen zu reiten.« Shawn begriff sofort, daß es klüger gewesen wäre, auf die letzte Be- merkung zu verzichten. Das Tier war schwarz, und Magrat hielt es für viel größer als ein norma- les menschliches Pferd. Es starrte sie aus blutunterlaufenen Augen an und versuchte, sich in die richtige Position für einen Tritt zu bringen. Magrat gelangte nur deshalb auf den Rücken des Rosses, weil sie vor- her alle Beine an den Ringen in der Stallwand festband. Doch als sie erst einmal auf dem Rücken saß, veränderte sich das Pferd. Von einem Au- genblick zum anderen legte es den Gehorsam absoluter Hoffnungslosig- keit an den Tag; es schien überhaupt keinen eigenen Willen mehr zu ha- ben. »Das Eisen ist der Grund«, sagte Shawn. »Was bewirkt es denn? Es fügt ihm doch keine Schmerzen zu, oder?« »Weiß nicht, Fräulein Königin. Irgendwie sorgt Eisen dafür, daß Pferde innerlich erstarren oder so.«, »Laß hinter mir das Fallgatter herunter.« »Fräulein…« »Soll ich vielleicht hier im Schloß bleiben?« »Aber…« »Sei still.« »Aber…« »Ich erinnere mich an ein Volkslied, in dem es um eine vergleichbare Situation geht«, sagte Magrat. »Die Elfenkönigin stahl einer jungen Frau ihren Verlobten, und die vergeudete keine Zeit damit, Tränen zu vergie- ßen. Nein, sie ritt los, um den Entführten zu befreien. Daran nehme ich mir nun ein Beispiel.« Shawn rang sich ein Lächeln ab. »Willst du singen?« fragte er. »Ich werde kämpfen. Dazu habe ich auch allen Grund, oder? Die Um- stände lassen mir gar keine andere Wahl.« Du irrst dich! wollte Shawn rufen. Wirklich in den Kampf ziehen… Mit ir- gendwelchen Volksliedern hat das überhaupt nichts zu tun. Im wirklichen Kampf droht einem der Tod. In Volksliedern braucht man sich nur einen Finger ins Ohr zu stecken und mit der nächsten Strophe zu beginnen. Aber auf einem Schlachtfeld singt niemand »Fiedelbumm trallala«. Auf dem Schlachtfeld erklingen die grausamen Melodien des Todes! Statt dessen sagte Shawn: »Aber wenn du nicht zurückkehrst…« Magrat drehte sich im Sattel um. »Ich kehre zurück.« Shawn beobachtete, wie sie das träge Pferd antrieb und über die Zug- brücke ritt. »Viel Glück!« rief er. Dann ließ er das Fallgatter herab und kehrte in die Schloßküche zu- rück. Dort lagen drei Armbrüste schußbereit auf dem Tisch. Daneben ruhte das Buch über Kampfkunst, von dem Shawn noch immer glaubte, daß es der König extra für ihn bestellt hatte., Er legte einige Holzscheite ins Feuer, drehte den Stuhl zur Tür, griff nach dem Buch und schlug das Kapitel für Fortgeschrittene auf. Magrat hatte die Hälfte des Weges zum Stadtplatz hinter sich gebracht, als der Adrenalinspiegel in ihrem Blut sank und das bisherige Leben zu ihr aufschloß. Sie blickte an sich herab, sah Rüstung und Pferd und dachte: Ich bin übergeschnappt. Der verdammte Brief ist schuld daran. Und ich hatte Angst. Außerdem wollte ich den Leuten zeigen, aus welchem Holz ich geschnitzt bin. Jetzt können sie bald fest- stellen, daß ich gar nicht aus Holz bestehe, sondern aus Fleisch und Blut… Bei den Elfen hatte ich einfach nur Glück. Und ich hab’ gehandelt, ohne nachzu- denken. Wenn ich mit dem Nachdenken anfange, klappt’s nicht mehr. Bestimmt habe ich nicht noch einmal soviel Glück… Glück? Fast sehnsüchtig erinnerte sich Magrat an ihre vielen Talismane und anderen magischen Gegenstände, die nun auf dem Grund des Flusses lagen. Eigentlich hatten sie gar nicht funktioniert. Zumindest waren sie nicht imstande gewesen, Magrats Leben zu verbessern. Allerdings… Ein schrecklicher Gedanke regte sich nun in ihr: Vielleicht hatten sie verhin- dert, daß ihr Leben schlechter wurde. Es brannten kaum Lichter in der Stadt, und die meisten Fensterläden waren geschlossen. Die Hufe des Pferds klapperten laut auf dem Kopfsteinpflaster. Magrat spähte in die Schatten. Bis vor kurzer Zeit waren es einfach nur Schatten gewesen; jetzt mochten es Tore zum Irgendwo sein. Von der Scheibenweltmitte her schoben sich Wolken heran. Magrat schauderte. So etwas sah sie jetzt zum erstenmal. Dies war eine wahre Nacht. Bisher hatte es in Lancre nur immer ganz normale Nächte gegeben, doch in diesem Fall handelte es sich nicht nur um die Abwesenheit des Tages, um eine Zeit der Dunkelheit, regiert von Mond und Sternen. Die-, se Finsternis war das Echo von etwas, das existiert hatte, bevor man die Dunkelheit mit dem Nichtvorhandensein von Licht beschreiben konnte. Sie entfaltete sich aus Baumwurzeln, tropfte aus dem Innern von Steinen und kroch übers Land. Jene Sachen, die Magrat einst für wichtig gehalten hatte, lagen nun auf dem Grund des Lancreflusses, aber mehr als zehn Jahre lang war sie Hexe gewesen, was bedeutete: Sie spürte den Schrecken in der Luft. Einzelne Personen erinnern sich schlecht. Aber die Gesellschaft – der Schwarm – hat ein wesentlich besseres Gedächtnis. Es codiert die Infor- mationen, um sie an der Zensur des Bewußtseins vorbeizuschmuggeln und sie von der Großmutter an den Enkel weiterzugeben, in Form von kleinen Stücken Unsinn, die es nicht zu vergessen lohnt. Manchmal be- nutzt die Wahrheit den einen oder anderen Trick, um die offiziellen Hü- ter der Information zu überlisten und sich selbst zu bewahren. Und jetzt regten sich uralte Fragmente in Magrats Kopf, flüsterten und raunten… Auf dem hohen Berge, auch im tiefen Tal… Aus Gespenstergeschichten und Schauermärchen… Meine Mutter sagte, ich soll nie… Wir wagten nicht, auf die Jagd zu gehen, weil… Geräusche im Dunkeln… Spiel mit den Elfen im Wald… Magrat saß auf einem Pferd, dem sie nicht traute, hielt ein Schwert in der Hand, mit dem sie nicht umzugehen wußte, während sich Erinne- rungssplitter zusammenfügten und ein Bild ergaben. Sie stehlen Vieh und kleine Kinder… Sie stehlen Milch… Sie lieben Musik und stehlen die Musiker… Sie stehlen alles. Nie können wir so frei sein wie sie, so schön wie sie, so klug wie sie, so leicht wie sie. Im Vergleich mit ihnen sind wir Tiere. Kühler Wind rauschte im Wald hinter der Stadt. In früheren Nächten war es angenehm gewesen, dort spazierenzugehen, doch das konnte jetzt, nicht mehr der Fall sein, wußte Magrat. Die Bäume hatten Augen be- kommen; und bestimmt hörte man hier und dort lachende Stimmen. Sie stehlen alles. Magrat ließ das Pferd im Schritt gehen. Irgendwo im Ort fiel eine Tür ins Schloß. Und sie geben uns Furcht. Auf der anderen Straßenseite hämmerte es: Ein Mann nagelte dort et- was an die Tür. Erschrocken blickte er sich um, sah Magrat und sprang ins Haus. Er hatte ein Hufeisen ans Holz nageln wollen. Magrat rutschte vom Pferd und band es an einen Baum. Sie klopfte an, doch niemand öffnete. Wer wohnte hier? Fuhrmann, der Weber, nicht wahr? Oder vielleicht Weber, der Bäcker? »Mach auf! Ich bin’s, Magrat Knoblauch!« Neben der Eingangsstufe bemerkte sie etwas Weißes. Eine Schüssel stand dort. Mit Milch gefüllt. Einmal mehr dachte Magrat an Greebo. Der Kater stank, war unzuver- lässig, gemein und rachsüchtig – aber er konnte auch schnurren und be- kam jeden Abend einen Napf mit frischer Milch. »Habt ihr nicht gehört? Öffnet endlich!« Nach einer Weile wurde der Riegel beiseite geschoben, und ein Auge erschien an einem sehr winzigen Spalt. »Ja?« »Du bist Fuhrmann, der Bäcker, nicht wahr?« »Ich bin Weber, der Dachdecker.« »Und weißt du, wer ich bin?« »Fräulein Knoblauch?« »Laß mich rein!« »Bist du allein?« »Ja.«, Der Spalt verbreiterte sich, bis er Magrat genug Platz bot. Im Zimmer dahinter brannte eine Kerze. Weber wich zurück, bis er auf eine ziemlich unbequeme Weise am Tisch lehnte. Magrat sah an ihm vorbei. Die übrigen Familienmitglieder hockten unterm Tisch. Vier Augenpaa- re blickten furchtsam zu Magrat auf. »Was geht hier vor?« fragte sie. »Äh…«, antwortete Weber. »Habe dich mit dem Flügelhelm zuerst nicht erkannt, Fräulein…« »Solltest du nicht bei der Vorstellung sein? Was ist passiert? Wo sind denn alle? Wo ist mein zukünftiger Gemahl?« »Äh…« Ja, wahrscheinlich lag es tatsächlich am Helm. Das vermutete Magrat später. Bestimmte Gegenstände – zum Beispiel Schwerter, Zaubererhüte, Kronen und Ringe – übernehmen etwas vom Wesen ihrer Eigentümer. Königin Ynci hatte wahrscheinlich in ihrem ganzen Leben keine Tapisse- rie gesehen, und zweifellos war ihr Vorrat an Geduld schon nach kurzer Zeit zur Neige gegangen, möglicherweise bereits nach einigen New Yor- ker Sekunden.* Derzeit hielt es Magrat für besser zu glauben, daß der Helm tatsächlich etwas von Yncis Selbst beinhaltete – etwas, das sich nun wie eine ansteckende Krankheit auf sie übertrug. Mit Situationen wie der gegenwärtigen kam Ynci sicher besser zurecht. Sie packte Weber am Kragen. »Wenn du noch einmal ›äh‹ sagst, hacke ich dir die Ohren ab.« »Äh… oh, ich meine… es sind die Herren und Herrinnen, Fräulein Königin!« »Es stecken wirklich die Elfen dahinter?« »Bitte!« stieß Weber flehentlich hervor. »Nenn nicht den Namen! Wir haben gehört, wie sie durch die Straßen zogen, Dutzende von ihnen. Sie * Die kürzeste Zeiteinheit im Multiversum ist die sogenannte »New Yorker Sekunde«. Sie ist als jene Zeitspanne definiert, die nach dem Aufleuchten des grünen Ampellichts bis zum ersten Hupen des Taxis hinter einem vergeht., haben die Kuh des alten Dachdeckers gestohlen, und dann auch noch Skindels Ziege. Sie brachen Türen auf und…« »Warum hast du eine Schüssel mit Milch nach draußen gestellt?« fragte Magrat. Webers Mund öffnete und schloß sich mehrmals. »Weißt du«, brachte er schließlich hervor, »meine Eva sagte, daß ihre Oma immer eine kleine Schüssel mit Milch für sie rausgestellt hat, damit sie sich freuen und zu- frie…« »Ich verstehe«, unterbrach Magrat den Mann kühl. »Und der König?« »Der König?« wiederholte Weber, um etwas Zeit zu gewinnen. »Der König«, bestätigte Magrat. »Eher klein, tränende Augen, abste- hende Ohren – im Gegensatz zu jemandem, der gleich keine Ohren mehr haben wird.« Webers Finger waren ständig nervös in Bewegung, wie Schlangen, die nicht genau wußten, in welche Richtung sie fliehen sollten. »Nun… nun… nun…« Er sah Magrats Gesichtsausdruck und gab nach. »Das Stück wurde aufgeführt«, sagte er. »Mehrmals habe ich vorge- schlagen, statt dessen den Stock-und-Eimer-Tanz zu tanzen, aber sie wollten nicht auf mich hören. Ja, und deshalb führten wir das Stück auf, und zuerst ging alles gut, und dann, und dann, und dann… Plötzlich erschienen sie, zu Hunderten, und alle liefen weg, und jemand rempelte mich an und da bin ich in den Fluß gefallen, und dann gab’s überall diese komischen Geräusche, und ich sah, wie Jason Ogg vier Elfen nieder- schlug, und zwar mit dem ersten Gegenstand, den er zur Hand be- kam…« »Mit einem anderen Elfen?« »Ja, und dann fand ich Eva und die Kinder, und viele Leute flohen nach Hause, und wir begegneten ihnen, sie saßen auf Pferden, und ich hörte sie lachen, und schließlich trafen wir hier ein, und Eva meinte, ich sollte ein Hufeisen an die Tür nageln, und…« »Was ist mit dem König?«, »Keine Ahnung. Als ich ihn zum letztenmal sah, lachte er über Dach- deckers Strohperücke.« »Und Nanny Ogg und Oma Wetterwachs? Was ist mit ihnen passiert?« »Weiß nicht. Hab’ sie nirgends gesehen. Überall hat es von Leuten ge- wimmelt, die versuchten, sich in Sicherheit zu bringen…« »Und wo hat sich das alles ereignet?« »Bitte?« »An welchem Ort begann das Chaos?« fragte Magrat und versuchte, möglichst deutlich zu sprechen. »Bei den Tänzern. Du weißt schon. Die alten Steine und so.« Magrat ließ den Mann los. »Ja«, murmelte sie in sich hinein. »Erzählt Magrat nichts. Sie braucht von dieser Sache nichts zu erfahren. Die Tänzer, wie? Na schön.« »Uns trifft keine Schuld. Ich meine, wir haben nur unsere Rollen ge- spielt. Es ging uns nicht darum, sie zu rufen.« »Ha!« Magrat öffnete die Tür. »Wohin willst du?« fragte Weber, der bei einem Wettbewerb für schnel- les Begreifen nicht einmal einen Trostpreis bekommen hätte. »Wohin wohl?« »Aber du kannst kein Eisen…« Magrat warf die Tür hinter sich zu und trat so wütend nach der Milch, daß die Schüssel bis zur anderen Straßenseite flog. Jason Ogg kroch vorsichtig durch den nassen Adlerfarn. Knapp zwei Meter entfernt hockte eine Gestalt. Nanny Oggs Sohn hob den Stein… »Jason?« »Bist du das, Weber?« »Nein, ich bin’s, Schneider.« »Wo sind die anderen?«, »Kesselflicker und Bäcker haben eben Tischler gefunden. Hast du We- ber gesehen?« »Nein, dafür aber Fuhrmann und Dachdecker.« Dunstwolken schwebten durch die Luft, als Regentropfen auf warmen Boden pochten. Die sieben überlebenden Moriskentänzer versammelten sich an einem tropfnassen Busch. »Morgen früh werden wir unser blaues Wunder erleben«, stöhnte Fuhrmann. »Wenn sie uns erwischt, zieht sie uns bestimmt das Fell über die Ohren.« »Wir müssen Eisen finden, um uns zu schützen«, sagte Jason. »Eisen hat auf sie überhaupt keine Wirkung! O Mann, sie wird uns durch die Mangel drehen…« Fuhrmann zog die Knie an und schlang entsetzt die Arme darum. »Wer?« »Frau Wetterwachs!« Dachdecker stieß ihm den Ellenbogen in die Rippen. Regenwasser spritzte von den nahen Blättern und floß ihnen allen in den Nacken. »Sei nicht dumm! Du hast diese Dinger doch auch gesehen! Was spielt die alte Vettel da noch für eine Rolle?« »Sie wird uns das Fell über die Ohren ziehen, jawohl! Bestimmt gibt sie uns die Schuld an allem!« »Hoffentlich bekommt sie Gelegenheit dazu«, murmelte Kesselflicker. »Wir sitzen ganz schön in der Tinte«, stellte Dachdecker fest. »Nein«, widersprach Fuhrmann. »Wir sitzen nicht in der Tinte, sondern im Regen. Der Unterschied besteht darin, daß der Regen nicht ganz so schwarz ist. Ja, wir sitzen im Regen und bei diesem Busch hier! Und sie suchen uns! Und vielleicht finden sie uns bald!« »Was ist eigentlich bei der Vorstellung passiert?« fragte Tischler. »Wen interessiert jetzt noch, was bei der Vorstellung passiert ist?« er- widerte Jason. »Eine viel wichtigere Frage lautet: Wie kommen wir nach Hause?« »Bestimmt wartet sie auf uns«, jammerte Fuhrmann., Es klimperte in der Dunkelheit. »Was ist das?« fragte Jason. »Der Sack mit den Requisiten«, erwiderte Fuhrmann. »Du hast gesagt, es sei meine Aufgabe, mich um den Sack mit den Requisiten zu küm- mern.« »Hast du ihn bis hierher mitgeschleppt?« »Ich wollte auf keinen Fall in Schwierigkeiten geraten, weil ich Requisi- ten verliere oder so.« Fuhrmann zitterte. »Zu Hause bitte ich unsere Mama, dir ein paar dieser neuen getrockne- ten Froschpillen zu besorgen«, meinte Jason. Er zog den Sack zu sich heran und öffnete ihn. »Hier sind Glöckchen drin«, sagte er. »Und Stöcke. Wer hat dir gesagt, daß du das Akkordeon mitnehmen sollst?« »Ich dachte, wir tanzen vielleicht den Stock-und…« »Nie wieder wird der Stock-und…« Irgendwo am regennassen Hang lachte jemand, und es raschelte im Adlerfarn. Jason fühlte sich plötzlich im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. »Sie sind da draußen!« brachte Fuhrmann hervor. »Und wir haben keine Waffen«, fügte Kesselflicker hinzu. Mehrere Messingglocken trafen ihn an der Brust. »Sei still«, sagte Jason. »Und leg die Glocken an. Fuhrmann?« »Sie warten auf uns!« »Um keinen Zweifel daran zu lassen…«, brummte Jason. »Dies ist das allerletztemal, daß wir den Stock-und-Eimer-Tanz tanzen, klar?« Die Moriskentänzer von Lancre wandten sich einander zu. Die vom Re- gen durchnäßte Kleidung klebte ihnen auf der Haut. Bei Fuhrmann vermischten sich Tränen des Entsetzens mit Make-up und Regenwasser, als er das Akkordeon zusammendrückte. Es erklang jener in die Länge gezogene Ton, der allen Volksliedern vorausgehen, muß – damit Unschuldige, die sich zufällig in der Nähe befinden, die Chance bekommen, rechtzeitig zu fliehen. Jason hob die Hand und zählte an den Fingern. »Eins, zwei…« Er runzelte die Stirn. »Eins, zwei, drei…« »Vier…«, flüsterte Kesselflicker. »Vier«, sagte Jason. »Und los geht’s!« Sechs große Stöcke klackten über sechs Köpfen aneinander. »Eins, zwei, nach vorn, eins, zurück, und drehen…« Die ersten Klänge von Frau Stubenreins Untermieter tönten durch den Dunst. Die Tänzer sprangen und quatschten durch die Nacht. »… zwei, drei, und springen…« Erneut hämmerten die Stöcke aneinander. »Sie beobachten uns«, schnaufte Schneider, als er an Jason vorbeihüpf- te. »Ich kann sie sehen!« »Eins, zwei… Sie unternehmen nichts, solange die Musik erklingt! Zu- rück, zwei, und drehen… Sie lieben Musik… Und vorwärts, und zurück, und drehen… Eins und sechs, hebt die Quadratlatschen. Und springen, und drehen…« »Sie kommen aus dem Adlerfarn!« rief Tischler, als die Stöcke pochten. »Ja, ich sehe sie… Zwei, drei, vorwärts und zurück… Fuhrmann – zu- rück und drehen – du tanzt durch die Mitte, und los…« »Ich komme aus dem Rhythmus, Jason!« »Reiß dich zusammen! Zwei, drei, und drehen…« »Sie sind überall um uns herum!« »Du sollst tanzen!« »Sie beobachten uns! Und sie kommen näher!« »… drehen und zurück, springen… Wir haben fast die Straße er- reicht…« »Jason!« »Erinnert ihr euch daran, als wir – zwei, drei – als wir den Pokal gegen die ohulanischen Aus-Spaß-an-der-Freud-Musikanten gewannen? Und drehen…«, Die Stöcke knallten aneinander. Füße traten Erdklumpen in die Luft. »Jason, du meinst doch nicht etwa…« »Zurück, zwei… los…« »Fuhrmann – eins, zwei – gerät außer Atem…« »… zwei, und drehen…« »Das Akkordeon löst sich in seine Einzelteile auf, Jason«, schluchzte Fuhrmann. »Eins, zwei, und nach vorn…« Das Akkordeon keuchte. Und die Elfen kamen noch etwas näher. Aus den Augenwinkeln sah Jason ein Dutzend lächelnde, faszinierte Gesich- ter. »Jason!« »…eins, zwei… Fuhrmann in die Mitte… eins, zwei, drehen…« Sieben Stiefelpaare stampften auf den Boden. »Jason!« »Eins, zwei, drehen… haltet euch bereit… eins, zwei… zurück, zu- rück… eins, zwei, drehen… TÖTEN… und zurück, eins, zwei…« Die Taverne glich einem Trümmerhaufen. Die Elfen hatten alle eßbaren Dinge hervorgeholt und jedes Faß geöffnet. Nur einem sehr reifen Käse im Keller war es gelungen, ihnen erfolgreich Widerstand zu leisten. Dem zur Seite gekippten Tisch fehlten einige Beine. Hummerscheren und Kerzenhalter lagen auf dem Boden. Nichts rührte sich. Schließlich nieste jemand, und Ruß rieselte durch den Schornstein. Nanny Ogg kletterte aus dem kalten Kamin, gefolgt von einem kleinen, schwarzen und verärgerten Casanunda. »Meine Güte«, sagte Nanny, als sie sich umsah. »Die Burschen haben hier ganz schön gewütet.« »Du hättest zulassen sollen, daß ich gegen sie kämpfe!« »Es waren zu viele.« Casanunda warf voller Abscheu sein Schwert zu Boden., »Wir begannen gerade damit, uns besser kennenzulernen – und plötz- lich stürmen fünfzig Elfen herein! Verdammt! So was passiert mir dau- ernd!« »Das ist der Vorteil von schwarzer Kleidung – der Ruß fällt überhaupt nicht auf«, sagte Nanny Ogg geistesabwesend, als sie sich Schmutz von den Ärmeln klopfte. »Nun, sie sind tatsächlich in unsere Welt gewech- selt. Esme hatte recht. Wo sie jetzt wohl sein mag? Komm.« »Wohin gehen wir?« fragte der Zwerg. »Zu meiner Hütte.« »Ah!« »Um meinen Besen zu holen«, betonte Nanny. »Ich lasse nicht zu, daß die Feenkönigin meine Kinder regiert. Wir sollten Hilfe suchen. Dieser Frau muß endlich ein Riegel vorgeschoben werden.« »Wie wär’s mit einem Abstecher in die Berge?« schlug Casanunda vor, als sie die Treppe hinuntergingen. »Dort gibt’s Tausende von Zwergen.« »Nein«, widersprach Nanny Ogg. »Esme dankt mir sicher nicht dafür, aber… Es ist meine Pflicht, ihr die notwendige Unterstützung zu gewäh- ren, wenn sie sich übernimmt. Zufälligerweise kenne ich da jemanden, der die Königin wirklich haßt.« »Bestimmt findest du niemanden, der die Feenkönigin ebenso hinge- bungsvoll haßt wie wir Zwerge«, behauptete Casanunda. »Da irrst du dich«, entgegnete Nanny Ogg. »Es kommt nur darauf an, an der richtigen Stelle zu suchen.« Die Elfen hatten auch Nanny Oggs Hütte heimgesucht und dort ein ebenso großes Chaos hinterlassen. »Sie zerstören alles, was sie nicht stehlen«, sagte Nanny. Mit dem Stiefel stieß sie einige Trümmerstücke an. Glas klirrte. »Die Vase hat mir Esme geschenkt«, teilte sie dem herzlosen Kosmos mit. »Hat mir nie besonders gut gefallen.« »Warum?« fragte Casanunda und ließ den Blick durchs Zimmer schweifen. »Warum machen die Elfen so etwas?«, »Oh, sie würden sogar die ganze Welt zerschmettern, wenn sie sicher sein könnten, daß dabei ein interessantes Geräusch erklingt«, antwortete Nanny. Sie trat wieder nach draußen, tastete unter den Vorsprung des niedrigen Dachs – und brummte triumphierend, als sie den Besen her- vorholte. »Ich verstaue ihn immer dort«, erklärte sie. »Damit die Kinder ihn nicht stibitzen und durch die Gegend fliegen. Du setzt dich hinter mich – aber stell bloß keine Dummheiten an.« Casanunda schauderte. Die meisten Zwerge litten an Höhenangst, was anatomische Ursachen hatte. Nanny kratzte sich am Kinn. Es hörte sich an, als riebe jemand Sand- papier aneinander. »Und wir brauchen eine Brechstange«, sagte sie. »Bestimmt werden wir in Jasons Schmiede eine finden. Steig auf, Junge.« »So etwas habe ich eigentlich nicht erwartet.« Mit geschlossenen Augen tastete sich Casanunda am Besen entlang. »Ich dachte an einen heiteren, unbeschwerten Abend. Nur du und ich…« »Wir sind allein.« »Nein. Ein Besen leistet uns Gesellschaft.« Sie hoben ab, und Casanunda hielt sich verzweifelt an den Borsten fest. »Wohin fliegen wir?« stöhnte er. »Zu einem ganz bestimmten Ort weiter oben in den Bergen«, sagte Nanny. »Ist eine Ewigkeit her, seit ich zum letztenmal dort gewesen bin. Esme hält sich davon fern, und Magrat ist zu jung, um darüber Bescheid zu wissen. Früher war ich oft dort. Damals, in meiner Jugend. Junge Frauen gingen hin, wenn sie… Oh, Mist.« »Was ist denn?« »Etwas ist am Mond vorbeigeflogen, und ich bin ziemlich sicher, daß es nicht Esme war.« Casanunda versuchte sich umzusehen, während er auch weiterhin die Augen geschlossen hielt. »Elfen können nicht fliegen«, murmelte er., »Von wegen«, erwiderte Nanny. »Sie lassen sich von Schafgarbenhal- men tragen.« »Von Schafgarbenhalmen?« »Ja. Hab’s selbst mal versucht. Man kann mit den Dingen aufsteigen, aber sie sind verdammt unbequem. Bekam davon immer einen wunden Hin… Allerwertesten. Wie dem auch sei.« Nanny stieß Casanunda an. »Eigentlich solltest du diese Sachen kennen. Magrat meint, Besen gehö- ren zu den sexuellen Metaffern*, was auch immer sie damit meinen mag.« Der Zwerg öffnete ein Auge gerade lange genug, um auf ein Dach hin- abzublicken. Übelkeit stieg in ihm hoch. »Der Unterschied besteht darin, daß ein Besen länger oben bleibt«, fuhr Nanny Ogg fort. »Und man kann ihn benutzen, um das Haus sau- berzuhalten, im Gegensatz zu… Ist alles in Ordnung mit dir?« »Dies alles gefällt mir überhaupt nicht, Frau Ogg.« »Ich wollte dich nur ein wenig aufmuntern, Herr Casanunda.« »Gegen Munterkeit und dergleichen habe ich nichts«, erwiderte der Zwerg. »Aber derzeit bringe ich dem ›auf‹ gemischte Gefühle entgegen.« »Bald geht’s wieder nach unten.« »Das wäre mir sehr recht.« Nanny Oggs Stiefelsohlen kratzten über den festgetretenen Boden vor der Schmiede. »Ich lasse die Magie laufen, dauert nur einen Augenblick«, sagte sie, ignorierte den Hilferuf des Zwergs, sprang vom Besen und verschwand in der Schmiede. Dort hatten sich die Elfen nicht ausgetobt. Wegen des Eisens. Nanny nahm eine Brechstange und eilte wieder nach draußen. »Hier, nimm«, sagte sie zu Casanunda – und zögerte. »Nun, Glück kann man nie genug haben, oder?« Sie kehrte noch einmal in die Schmiede zurück, war schon nach wenigen Sekunden wieder draußen und schob sich etwas in die Tasche. »Bist du soweit?« fragte sie. * Das ist natürlich nur Phallusie., »Nein.« »Also los. Und halt gut Ausschau. Mit offenen Augen.« »Nach Elfen?« erkundigte sich Casanunda, als der Besen im Mond- schein abhob. »Ich glaube schon. Sonst fliegt hier nur noch der Banshee Herr Ixolit, und der schiebt immer einen Zettel unter der Tür durch, bevor er startet. Damit’s keine Probleme mit dem Flugverkehr gibt.« Dunkelheit umhüllte den größten Teil der Stadt. Das blasse Mondlicht schuf ein kariertes Muster auf der Landschaft. Nach einer Weile fühlte sich Casanunda etwas besser; die gleichmäßige Bewegung des Hexenbe- sens wirkte beruhigend. »Ich nehme an, du hast schon viele Passagiere befördert, oder?« fragte er. »Ab und zu, ja«, antwortete Nanny. Casanunda gab sich den Anschein, über etwas nachzudenken. Als er weitersprach, klang wissenschaftliches Interesse in seiner Stimme mit. »Hast du jemals versucht, auf dem Besen…« »Nein«, sagte Nanny fest. »Man würde herunterfallen.« »Du weißt doch gar nicht, was ich fragen wollte.« »Glaubst du? Wie wär’s mit einer Wette?« Einige Minuten lang setzten sie den Flug schweigend fort, und dann klopfte Casanunda Nanny auf die Schulter. »Elfen in drei Uhr!« »Kein Problem. Bis dahin bleiben uns noch einige Stunden.« »Ich meine, sie sind dort drüben!« Nanny spähte zu den Sternen. Etwas bewegte sich in der Nacht. »Mist.« »Kannst du sie abhängen?« »Unmöglich. Die Burschen sind imstande, der ganzen Welt in nur vier- zig Minuten einen Gürtel anzulegen.«, »Warum denn?« fragte Casanunda verwirrt. »Sie trägt doch gar keine Hose.« Inzwischen war er in der richtigen Stimmung für einige getrock- nete Froschpillen. »Ich meine, die Elfen sind schnell. Wir können den Abstand zu ihnen nicht einmal dann vergrößern, wenn wir Ballast abwerfen.« »Ich glaube, ich verliere gerade einiges an Ballaststoffen«, stöhnte Ca- sanunda, als der Besen den Bäumen entgegenfiel. Blätter strichen an Nanny Oggs Stiefeln entlang. Irgendwo weiter links spiegelte sich Mondschein kurz in blondem Haar wider. »Mist, Mist, Mist.« Die Elfen folgten dem Besen auch weiterhin und sorgten dafür, daß der Abstand konstant blieb. Typisch: Sie jagten, bis ihre Opfer vor Er- schöpfung umfielen oder bis die Angst sie erstarren ließ. Zwerge mach- ten das anders: Wenn sie es auf jemanden abgesehen hatten, so nutzten sie die erste Gelegenheit, um den Betreffenden mit ihren Äxten in Stücke zu schlagen. Nun, Zwerge waren eben viel netter als Elfen. »Sie schließen zu uns auf!« entfuhr es Casanunda. »Hast du die Brechstange?« »Ja!« Der Besen flog im Zickzack über den Wald. Einer der Elfen zog sein Schwert und sauste heran. Man muß die Verfolgten zum Absturz brin- gen; die Baumwipfel sind weich genug – immerhin sollen die Opfer nicht sofort sterben… Von einem Augenblick zum anderen bewegte sich der Besen im Rückwärtsgang. Nanny Oggs Kopf und Beine ruckten nach vorn. Plötz- lich saß sie nur noch auf ihren Händen – die wiederum auf nichts ruhten. Der Elf kam rasch näher und lachte… Casanunda hob die Brechstange. Ein Geräusch erklang, das sich am besten mit Doioing beschreiben läßt. Der Besen raste nach vorn, und Nanny Ogg fand sich auf Casanundas Schoß wieder. »Entschuldige.« »Schon gut. So was kann ruhig häufiger passieren.«, »Hast du ihn erwischt?« »Ja. Er dürfte ziemlich überrascht gewesen sein.« »Wo sind die anderen?« »Kann sie nirgends sehen.« Casanunda grinste von einem Ohr zum anderen. »Wir haben’s ihnen ordentlich gezeigt, nicht wahr?« Irgend etwas zischte an ihm vorbei und bohrte sich in Nanny Oggs Hut. »Sie wissen, daß wir Eisen haben«, sagte die Hexe. »Bestimmt wagen sie sich nicht noch einmal an uns heran. Brauchen sie auch gar nicht«, fügte Nanny hinzu. Der Besen wich einem Baum aus, pflügte durch Adlerfarn und erreich- te einen unkrautüberwucherten Weg. »Die Elfen verfolgen uns nicht mehr«, sagte Casanunda nach einer Weile. »Vielleicht haben wir sie so sehr erschreckt, daß sie uns nun in Ruhe lassen.« »Nein. Sie meiden nur die Nähe des Langen Manns. Es ist nicht ihr Revier. Meine Güte, sieh dir an, wie der Weg aussieht. Jetzt wachsen hier Bäume. In meiner Jugend konnte sich nicht einmal ein Grashalm auf dem Pfad halten.« Nanny Ogg lächelte und hing Erinnerungen nach. »In warmen Sommernächten war der Lange Mann ein beliebter Treffpunkt.« Die Umgebung veränderte sich. Dieser Teil des Waldes fühlte sich alt an, selbst nach den Maßstäben des Lancrewalds. Moosfladen hingen von knorrigen Zweigen herab. Uralte Blätter knisterten, als Hexe und Zwerg zwischen den Bäumen hindurchflogen. Ein Geschöpf hörte sie und floh durchs Dickicht. Es klang nach etwas mit Hörnern. Schließlich hielt Nanny den Besen an. »Da«, sagte sie und schob einen Farnwedel beiseite. »Der Lange Mann.« Casanunda duckte sich unter den Ellenbogen der Hexe und spähte in die entsprechende Richtung. »Mehr steckt nicht dahinter? Es ist nur ein alter Grabhügel.« »Es sind drei alte Grabhügel«, korrigierte Nanny., Casanunda sah genauer hin. »Ja, jetzt erkenne ich sie. Zwei runde und ein langer. Na und?« »Als ich sie das erstemal aus der Luft sah, habe ich so sehr gelacht, daß ich fast vom Besen gefallen wäre«, meinte Nanny Ogg. Stille herrschte, während der Zwerg versuchte, eine Vorstellung von der allgemeinen Topographie zu gewinnen. Sein Kommentar lautete schließlich: »Potzblitz. Ich habe die Konstrukteure von Grabhügeln und derglei- chen immer für ernste Druiden gehalten, nicht für Leute, die gewisser- maßen mit zweihunderttausend Tonnen Erde Toilettenwände beschmie- ren.« »Es erstaunt mich, daß dich solche Dinge schockieren.« Nanny hätte schwören können, daß der Zwerg unter seiner Perücke er- rötete. »Nun, es gibt so etwas wie Stil«, betonte Casanunda. »Stil und Takt. Man ruft nicht einfach aus vollem Hals: He, ich habe eine große dicke Flöte.« »Die Angelegenheit ist ein wenig komplizierter.« Nanny bahnte sich ei- nen Weg durchs Gebüsch. »Hier ruft die Landschaft: Ich habe eine große dicke Flöte. Übrigens: Sprechen Zwerge in diesem Zusammenhang von ›Flöten‹?« »Ja.« »Klingt gut, wie Musik in den Ohren.« Casanunda rang mit einem Dornbusch. »Esme kommt nie hierher«, erklang Nanny Oggs Stimme weiter vorn. »Sie meint, es sei schon schlimm genug mit Volksliedern, Maibäumen und so. Sie findet es unerträglich, daß auch noch die Landschaft anzüg- lich wird. Nun, dies hier ist natürlich nie als ein Ort für Frauen geplant gewesen. Meine Urgroßmutter erzählte mir einmal, daß zu ihrer Zeit Männer hierherkamen – angeblich haben sie seltsame Rituale vollzogen, bei denen nie eine Frau zugesehen hat.« »Abgesehen natürlich von deiner Urgroßmutter, die sich im Gebüsch versteckte«, warf Casanunda ein., Nanny blieb abrupt stehen. »Woher weißt du das?« »Ich beginne allmählich das Wesen der Ogg-Frauen zu verstehen«, antwortete der Zwerg. Mehrere besonders scharfe und spitze Dornen hatten ihm den Mantel aufgerissen. »Nun, meine Urgroßmutter hat mir erzählt, daß die Männer nur kleine Schwitzhäuser bauten, ziemlich viel schwitzten, Knieweich tranken, mit Hörnern ums Feuer tanzten und gelegentlich an Bäume pinkelten«, sagte Nanny. »Sie bezeichnete das alles als ein wenig weibisch. Nun, ich habe immer den Standpunkt vertreten: Ein Mann muß ein Mann sein, auch wenn’s dabei ein wenig weibisch zugeht. Was ist mit deiner Perücke pas- siert?« »Sie hängt an dem Baum da drüben.« »Hast du die Brechstange noch?« »Ja, Frau Ogg.« »Also los.« Sie hatten inzwischen den langen Hügel erreicht. Drei große, unregel- mäßig geformte Steine bildeten dort eine niedrige Höhle. Nanny Ogg duckte sich unterm Sturz hinweg und betrat die muffige, ein wenig nach Ammoniak riechende Finsternis. »Ich glaube, hier sind wir richtig«, sagte sie. »Hast du ein Streichholz?« Der schweflige Glanz fiel auf einen flachen Stein mit einem primitiv anmutenden Bild, das zum größten Teil aus ockerfarbenen Rillen be- stand. Es zeigte eine Gestalt mit Eulenaugen, die Felle und Hörner trug. Im flackernden Licht schien sie zu tanzen. Hinzu kamen einige Runen. »Hat jemand herausgefunden, was sie bedeuten?« fragte Casanunda. Nanny Ogg nickte. »Es handelt sich um eine Variante von Oggisch«, erläuterte sie. »Frei übersetzt lautet der Text: ›Ich habe eine große dicke Flöte.‹« »Oggisch?« wiederholte der Zwerg. »Meine Familie lebt schon seit einer ganzen Weile in dieser, äh, Ge- gend.«, »Wenn man dich kennt, muß man mit allem rechnen«, sagte Casanun- da. »Das höre ich immer wieder. Schieb die Brechstange unter den Stein. Tja, ich habe immer nach einem Vorwand gesucht, mich mal da unten umzusehen.« »Was befindet sich ›da unten‹?« »Die Höhlen von Lancre. Sollen sich praktisch überallhin erstrecken, wie ich hörte. Bis nach Kupferkopf. Angeblich kann man durch sie auch das Schloß erreichen, aber ich habe nie den Eingang gefunden. Nun, in der Hauptsache führen die Kavernen zur Welt der Elfen.« »Ich dachte, die Tänzer führen dorthin.« »Dies ist die andere Welt der Elfen.« »Haben sie mehr als nur eine?« »Ja. Aber über diese sprechen sie nicht gern.« »Und du willst ihr einen Besuch abstatten?« »Ja.« »Du willst zu den Elfen?« »Ja. Nun, hast du vor, hier die ganze Nacht nur so herumzustehen? Oder bist du bereit, den Stein mit der Brechstange zur Seite zu hebeln?« Nanny stieß ihren Begleiter an. »Da unten gibt’s auch Gold.« »O ja, herzlichen Dank«, erwiderte Casanunda mit unüberhörbarem Sarkasmus. »Jetzt kommst du mir mit Speziesismus. Nur weil ich… ver- tikal benachteiligt bin, glaubst du, mich mit Gold locken zu können. Deiner Meinung nach denken Zwerge dauernd an gelbes Metall und nichts anderes, wie? Ha!« »Nun, ich weiß, daß du auch gewisse andere Dinge im Kopf hast«, ent- gegnete Nanny Ogg. Sie seufzte. »Na schön. Was hältst du von folgen- dem Angebot? Wenn wir heimkehren, backe ich richtiges Zwergenbrot für dich.« Ein ungläubiges Lächeln wuchs in Casanundas Miene. »Richtiges Zwergenbrot?«, »Ja. Ich glaube, ich habe das Rezept noch irgendwo. Außerdem ist es einige Wochen her, seit ich die Katzenkiste zum letztenmal geleert ha- be.«* »Nun, wie du meinst…« Casanunda rammte das eine Ende der Brechstange unter den Stein und zog mit Zwergenkraft. Der Felsen leistete nur kurzen Widerstand, gab dann auf und schwang nach oben. Darunter kamen Stufen zum Vorschein. Erde bildete hier und dort ei- ne dicke Schicht auf ihnen; an einigen Stellen ragten Wurzeln daraus hervor. Nanny begann sofort damit, die Treppe hinabzusteigen. Nach einigen Sekunden merkte sie, daß ihr der Zwerg nicht folgte. »Was ist los?« »Ich habe dunkle Orte, die nur wenig Platz bieten, immer gehaßt.« »Wie bitte? Du bist doch ein Zwerg?« »Ich bin als Zwerg geboren«, sagte Casanunda. »Ich werde schon nervös, wenn ich mich in Kleiderschränken verstecken muß. Das ist ein Nachteil bei meiner, äh, Tätigkeit.« »Sei doch nicht dumm. Ich fürchte mich überhaupt nicht.« »Du bist auch nicht ich.« »Na schön: Ich backe das Zwergenbrot mit einer Extraportion Kies.« »Oh… Du bist die Versuchung höchstpersönlich, Frau Ogg.« »Und bring die Fackeln mit.« Warm und trocken war es in den Höhlen. Casanunda folgte Nanny ha- stig und achtete darauf, im Bereich des Fackelscheins zu bleiben. »Bist du noch nie zuvor hier unten gewesen?« »Nein, aber ich kenne den Weg.« * Es gibt viele Rezepte für die flachen, runden Laibe des Zwergenbrots von Lancre, und sie alle haben das gleiche Ziel: Sie sollen Verpflegungsrationen gewährleisten, die möglichst lange von Bestand bleiben, leicht verstaut werden können und imstande sind, einen Feind zu töten, wenn man damit nach ihm wirft. Eßbarkeit spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Die meisten Rezep- te sind ein gut gehütetes Geheimnis, abgesehen vom Kies., Nach einer Weile legte sich Casanundas Unruhe. Höhlen waren doch besser als Kleiderschränke. Zum Beispiel stolperte man nicht dauernd über irgendwelche Schuhe, und man lief kaum Gefahr, irgendwelchen wütenden, mit Schwertern bewaffneten Ehemännern zu begegnen. Die Besorgnis wich Fröhlichkeit. Von ganz allein schienen sich die Worte im Kopf des Zwergs zu for- men – sie gediehen im Hinterhof der Gene. »Haihi, haiho…« Nanny Ogg schmunzelte. Der Tunnel mündete in eine große Kammer, und im Schein der Fackel zeichneten sich vage ferne Wände ab. »Sind wir schon am Ziel?« fragte Casanunda, und seine Hände schlossen sich fester um die Brechstange. »Ich weiß nicht… Nein. Wir sind hier an einem… anderen Ort. Und wir kennen ihn. Er ist magischer Natur.« »Bedeutet das, er existiert überhaupt nicht?« »Es bedeutet, daß er existiert und magisch ist.« Die Flamme züngelte am Kopf der Fackel. In ihrem Licht sahen Hexe und Zwerg Hunderte von staubbedeckten Steinplatten, die spiralförmig in der Höhle angeordnet waren. Im Zentrum dieser Spirale hing eine große Glocke an einem Seil, das in der Dunkelheit unter einer hohen Decke verschwand. Und unter der Glocke glänzten zwei Stapel Münzen: der eine aus Silber, der andere aus Gold. »Rühr das Geld nicht an«, sagte Nanny. »Äh, sieh mir zu.« Sie streckte die Hand aus und berührte die Glocke, woraufhin ein leises Ting erklang. Staub rieselte von der nächststehenden Steinplatte. Was Casanunda bisher für eine liegende Statue gehalten hatte, setzte sich nun langsam auf und knarrte dabei. Die Gestalt erwies sich als bewaffneter Krieger. Da er sich bewegte, mußte er wohl am Leben sein. Allerdings: Er sah aus, als hätte er den Weg vom Leben zur Leichenstarre ohne die Zwischenstati- on des Todes hinter sich gebracht. Er sah Nanny Ogg aus tief in den Höhlen liegenden Augen an., »Isset es jetzt soweit?« »Nein, noch nicht ganz«, erwiderte Nanny. »Warum bisset du dann so frech, zu läutigen die Glocke? Kanne nicht mal zweihundert Jahre langig durchschlafen. Immer gebet es einen Nar- ren, der läutigt die Glocke. Hinfort mit dir.« Der Krieger streckte sich wieder auf der Platte aus. »Hier ruht ein alter König mit seinen Soldaten«, flüsterte Nanny, als sie den Weg fortsetzten. »In einem magischen Schlaf, wie ich gehört habe. Ein Zauberer ist dafür verantwortlich. Sie sollen erst erwachen, wenn eine letzte Schlacht beginnt. Zuvor muß ein Wolf die Sonne fressen oder so.« »Typisch Zauberer«, brummte Casanunda. »Rauchen dauernd zuviel von irgendwelchem Gras.« »Ja, mag sein. Hier rechts. Von jetzt an immer rechts.« »Gehen wir im Kreis?« »In einer Spirale. Wir sind nun direkt im Inneren des Langen Mannes.« »Unmöglich«, widersprach Casanunda. »Wir sind durch ein Loch ge- klettert, das in einen Tunnel unterm Langen Mann führte, und… Mo- ment mal. Soll das heißen, wir sind wieder am Ausgangspunkt – und gleichzeitig ganz woanders?« »Offenbar verstehst du allmählich.« Sie folgten dem Verlauf der Spirale. Die schließlich endete. Hier unten war es wärmer; hier und dort drang rötliches Glühen aus Tunneln. Zwei große Steine lehnten an einer Felsenwand, und quer auf ihnen lag ein dritter. Vor dem Portal hingen Felle als Vorhang. Dampf wallte an ihnen vorbei. »Sie wurden zur gleichen Zeit in Position gebracht wie die Tänzer«, sagte Nanny im Plauderton. »Mit einem Unterschied: Hier ist das Loch vertikal, und deshalb sind nur drei Steine nötig. Laß die Brechstange hier. Und zieh die Stiefel aus, wenn sie Nägel aus Eisen enthalten.«, »Diese Stiefel wurden vom besten Schuhmacher in Ankh-Morpork an- gefertigt«, meinte Casanunda. »Eines Tages bezahle ich ihn dafür.« Nanny zog die Felle beiseite. Noch mehr Dampfwolken wogten. Dunkelheit herrschte hinter dem Raum jenseits der drei Steine, zäh und heiß wie Sirup. Außerdem roch es wie in der Umkleidekabine eines Fuchses. Als Casanunda der Hexe folgte, spürte er in der Finsternis die Gegenwart verborgener Geschöpfe. Er hörte die Stille gemurmelter Ge- spräche, die ein jähes Ende fanden. Einmal glaubte er, eine Schüssel mit glühenden Steinen zu erkennen: Eine schattenhafte Hand streckte sich ihr entgegen und drehte eine Kelle, woraufhin es zischte – Dampf ver- hüllte alles. Wir können hier nicht im oder unter dem Langen Mann sein, dachte der Zwerg. Das ist doch nur ein Hügel aus angehäufter Erde. Hier hingegen sind wir in einem großen Zelt, dessen Planen aus Tierhäuten bestehen. Sowohl das eine als auch das andere ist nicht möglich. Er bekam einen Schweißausbruch. Als die Dampfwolken wogten, wurden zwei Fackeln sichtbar. Ihr Licht war kaum mehr als ein Hauch von dunklem Rot in der Finsternis, aber es genügte, um eine große Gestalt zu beleuchten, die neben einer weiteren Schüssel mit heißen Steinen lag. Die große Gestalt sah auf. In der feuchten, schweißtreibenden Hitze bewegte sich ein Geweih. »Ah, Frau Ogg.« Die Stimme stellte das akustische Äquivalent von Schokolade dar. »Euer Exzellenz…«, erwiderte Nanny. »Ich nehme an, es ist zuviel erwartet, daß du vor mir kniest, oder?« »In der Tat, Euer Hochwohlgeboren«, sagte Nanny und lächelte. »Weißt du, Frau Ogg… Du zeigst deinem Gott gegenüber auf eine Weise Respekt, die jeden Atheisten vor Neid erblassen ließe.« Die dunkle Gestalt gähnte. »Danke, Euer Durchlaucht.« »Es tanzt niemand mehr für mich. Ist das etwa zuviel verlangt?«, »Wie du meinst, Euer Gnaden.« »Ihr Hexen glaubt nicht mehr an mich.« »Stimmt haargenau, Euer Gehörnte Pracht.« »Ach, kleine Frau Ogg… Hast du dir überlegt, wie du diesen Ort wie- der verlassen willst?« fragte die liegende Gestalt. »Das dürfte kein Problem sein.« Eine gewisse Schärfe erklang nun in Nannys Stimme. »Ich habe Eisen dabei.« »Das ist völlig unmöglich. Kein Eisen kann in dieses Reich eindringen.« »Ich habe jenes Eisen, das an jeden Ort gelangen kann«, sagte Nanny. Sie zog die Hand aus der Schürzentasche und hob ein Hufeisen in die Höhe. Casanunda hörte, wie es raschelte und leise polterte, als verborgene El- fen flohen. Eine pfannenartige Vorrichtung mit heißen Steinen kippte, und daraufhin verdichteten sich die Dampfschwaden wieder. »Nimm es weg!« »Ich nehme es weg, wenn ich gehe«, sagte Nanny. »Hör mir jetzt zu. Sie stiftet schon wieder Unruhe. Mach etwas, damit sie aufhört. Wir wollen doch fair bleiben, oder? Die Schwierigkeiten von damals dürfen sich nicht wiederholen.« »Warum sollte ich dir helfen?« »Wäre dir daran gelegen, daß sie zu mächtig wird?« Es schnaufte in der Finsternis. »Du kannst nicht noch einmal über die Welt herrschen«, sagte Nanny. »Dort gibt es zuviel Musik. Und zuviel Eisen.« »Eisen rostet.« »Nicht das Eisen im Kopf.« Der König schnaufte erneut. »Trotzdem… eines Tages…« »Eines Tages.« Nanny nickte. »Ja. Darauf können wir einen trinken. Eines Tages. Wer weiß? Eines Tages. Jeder braucht ein ›eines Tages‹. Aber nicht heute. Verstehst du? Geh nach oben und stell das Gleichge- wicht wieder her. Andernfalls veranlasse ich, daß folgendes geschieht:, Menschen werden sich mit eisernen Schaufeln ein Loch in den Langen Mann graben. Ich höre schon, was sie sagen. Ach, dies ist ja nur ein alter Erdhaufen, sagen sie. Und dann kommen pensionierte Zauberer und Priester, die nichts Besseres zu tun haben, als alles zu untersuchen und langweilige Bücher über Begräbnisrituale und dergleichen zu schreiben. Und das ist dann ein weiterer Eisennagel in deinem Sarg. Was mir leid tun wird, denn ich hatte immer eine Schwäche für dich. Aber ich habe auch Kinder, weißt du. Sie verstecken sich nicht unter der Treppe, weil sie den Donner fürchten. Und sie stellen keine Milch für Elfen vor die Tür. Und sie eilen nicht heim, nur weil’s dunkel wird. Bevor die dunkle Zeit zurückkehrt, sorge ich dafür, daß man dich drankriegt.« Die Worte schnitten wie Messer durch die Luft. Die Gehörnte stand auf und fing an zu schweben. Das Geweih berühr- te die Decke. Casanundas Kinnlade klappte nach unten. »Nicht heute.« Nannys Stimme klang nun wieder normal. »Eines Tages, vielleicht. Bleib hier unten und schwitz schön, bis es soweit ist. Wie ge- sagt: Heute ist es noch nicht soweit.« »Ich… werde eine Entscheidung treffen.« »Ausgezeichnet. Entscheide. Und ich gehe jetzt.« Der Gehörnte blickte auf Casanunda hinab. »Was starrst du mich so an, Zwerg?« Nanny Ogg stieß ihren Begleiter an. »Na los. Antworte dem netten Herrn.« Casanunda schluckte. »Meine Güte«, sagte er. »In Wirklichkeit bist du noch viel beeindruk- kender als auf dem Bild.« Mehrere Kilometer entfernt, in einem schmalen, kleinen Tal, hatten eini- ge Elfen einen Kaninchenbau entdeckt. Die Jungtiere darin sowie ein Ameisenhaufen in der Nähe hielten sie eine Zeitlang beschäftigt. Selbst die Sanften, Blinden und Stummen haben Götter., Hern der Gejagte, Gott der Verfolgten, kroch durchs Gebüsch und bedauerte sehr, daß Götter nicht ihrerseits Götter haben konnten. Die Elfen kehrten ihm den Rücken zu, als sie sich bückten, um genauer hinzusehen. Hern der Gejagte schob sich an einem Dornenbusch vorbei, spannte die Muskeln und sprang. Er bohrte die Zähne so tief in eine Elfenwade, daß sich Oberkiefer und Unterkiefer in der Mitte trafen. Eine Sekunde später wurde er zur Seite geschleudert, als das betroffene Wesen schrie und sich jäh umdreh- te. Hern lief los. Darin bestand das Problem. Er war einfach nicht für den Kampf be- stimmt. In ihm steckte keine dauerhafte Aggressivität. Angreifen und weg- rennen, angreifen und wegrennen – mehr kam für ihn nicht in Frage. Elfen konnten schneller laufen. Er sauste über umgestürzte Bäume hinweg und rutschte durch Laub- ansammlungen. Aus den Augenwinkeln sah er dabei, daß ihn die Elfen zu beiden Seiten überholten und ihre Geschwindigkeit der seinen anpaß- ten. Sie warteten darauf, daß er… Der Wald weiter vorn schien regelrecht zu explodieren. Die kleine göttliche Entität nahm eine Gestalt wahr, die praktisch nur aus Zähnen und Armen bestand. Hinzu kamen zwei zerzaust aussehende Menschen, von denen einer eine Eisenstange schwang. Hern wartete nicht, um zu sehen, was als nächstes geschah. Er raste zwischen den Beinen der großen Gestalt hindurch, und kurz darauf tönte ein Schlachtruf an seine langen Schlappohren: »Natürlich, ich nehme die Schnecke! Wie machen wir das? Lautstärke!« Nanny Ogg und Casanunda schritten stumm zum Höhleneingang und zur Treppe. Als sie in die Nacht traten, sagte der Zwerg: »Donnerwet- ter!« »Selbst hier oben spürt man es noch«, verkündete Nanny. »Ist sehr Matscho, dieser Ort.«, »Aber ich meine, lieber Himmel…« »Er ist intelligenter als sie – oder fauler«, fuhr Nanny fort. »Er wird’s einfach abwarten.« »Aber er…« »Sie können sich uns in jedem beliebigen Erscheinungsbild zeigen«, er- klärte Nanny. »Wir sehen die Gestalt, die wir ihnen selbst geben.« Sie ließ den Stein fallen und klopfte sich Schmutz von den Händen. »Warum sollte ihm etwas daran gelegen sein, sie aufzuhalten?« »Immerhin ist er ihr Mann. Er kann sie nicht ausstehen. Führen eine Art offene Ehe.« »Was will er abwarten?« fragte Casanunda und sah sich nach weiteren Elfen um. »Oh, du weißt schon.« Nanny winkte. »Eisen, Bücher, Mechanismen, Universitäten, Bildung und so. Er glaubt, es geht früher oder später vor- bei. Ja, er ist davon überzeugt, daß das alles eines Tages vorbei sein wird – daß die Leute eines Tages bei Sonnenuntergang zum Horizont blicken werden und ihn dort sehen.« Casanunda sah zum Horizont jenseits des Erdhügels und rechnete fast damit, dort die Konturen einer riesigen Gestalt zu erkennen. »Eines Tages wird er zurückkehren«, sagte Nanny leise. »Wenn auch das Eisen im Kopf rostig geworden ist.« Casanunda musterte die Hexe. Man verbrachte nicht den größten Teil seines Lebens bei einem anderen Volk, ohne zu lernen, dessen Körper- sprache zu verstehen – in diesem Fall benutzte sie unübersehbar Block- buchstaben. »Das tut dir nicht unbedingt leid, oder?« fragte er. »Wie? Oh, ich will auf keinen Fall, daß sie zurückkehren! Es sind hin- terlistige, gemeine und arrogante Parasiten, die wir hier ganz sicher nicht brauchen.« »Bist du wirklich davon überzeugt? Wie wär’s mit einer Wette?« Nanny schien nervös zu werden. »Sieh mich nicht so an! Esme hat recht. Ja, natürlich hat sie recht. Wir wollen keine Elfen in dieser Welt. Hier gibt’s keinen Platz mehr für sie.«, »Esme ist die Kleine, nicht wahr?« »Ha! Nein, Esme ist die Große mit der krummen Nase. Du erinnerst dich bestimmt an sie.« »Oh, ja.« »Die Kleine heißt Magrat. Ist gutmütig und sentimental. Trägt Blumen im Haar und glaubt an Lieder. Wäre dazu imstande, einfach so mit den Elfen zu tanzen.« Weitere Zweifel machten sich in Magrat breit. Sie betrafen zum Beispiel Armbrüste. Nun, Armbrüste sind sehr nützliche und brauchbare Waffen; sie eignen sich gut, um gerade vom Unerfahrenen mit einiger Aussicht auf Erfolg verwendet zu werden – immerhin braucht man nur in die richtige Richtung zu zielen und den Finger zu krümmen. Andererseits: Derartige Waffen können nur jeweils einmal benutzt werden. Anschlie- ßend sollte der Schütze irgendwo in Deckung gehen und möglichst rasch nachladen. Falls er diesen Rat nicht beherzigt, hat er nur ein Ding in der Hand, das aus Metall, Holz und einer Sehne besteht. Und dann das Schwert. Rein theoretisch wußte Magrat genau, was man mit einem Schwert anstellte. Man schwang es zunächst hin und her, um dann zu versuchen, das spitze Ende in den Gegner zu stechen – der be- müht war, das zu verhindern. Was nach dieser ersten Phase geschah, wußte Magrat nicht genau. Sie hoffte, daß man einen zweiten Versuch hatte. Zweifel in Hinsicht auf die Rüstung gesellten sich hinzu. Mit Helm und Brustharnisch war soweit alles in Ordnung, aber der Rest bestand aus dem gleichen Material wie ein Kettenhemd. Shawn Ogg wußte: Wenn man es aus der Perspektive eines Pfeils sah, bestanden Kettenhemden zum größten Teil aus lose miteinander verbundenen Löchern. Der Ärger war noch da – ein Zorn, der im Kern von Magrats Ich bro- delte. Was jedoch nichts daran änderte, daß die ehemalige Hexe nicht nur aus einem Kern bestand. Am Rest von Magrat Knoblauch – bisher (und wahrscheinlich auch in Zukunft) Jungfer von Lancre – änderte sich nichts., In der Stadt zeigten sich keine Elfen, aber sie hatten unübersehbare Spuren hinterlassen. Türen hingen schief in den Angeln. Viele Häuser erweckten den Eindruck, von Dschingis Cohen besucht worden zu sein.* Magrat folgte nun dem Verlauf des Pfads, der zu den Steinen führte. Er war breiter als früher: Pferde und Wagen hatten den Boden auf dem Weg aufgewühlt, und die Füße der Fliehenden hatten ihn später in Schlamm verwandelt. Sie wußte, daß man sie beobachtete. Deshalb empfand sie es fast als Erleichterung, als vor ihr drei Elfen aus den Bäumen traten, noch bevor das Schloß außer Sicht geriet. Der mittlere lächelte. »Guten Abend, junge Frau«, sagte er. »Ich bin Lord Lankin, und du wirst dich verneigen, bevor du zu mir sprichst.« Der Tonfall wies darauf hin, daß die Wahrscheinlichkeit von Ungehor- sam genau Null betrug. Magrat spürte, wie es in ihren Muskeln vibrierte: Etwas in ihr wollte der Aufforderung des Elfen nachkommen. Ynci hätte bestimmt nicht gehorcht… »Zufälligerweise bin ich praktisch die Königin«, sagte sie. Zum erstenmal bekam sie nun Gelegenheit, Einzelheiten im allgemei- nen Erscheinungsbild eines Elfen zu erkennen. Bei diesem Exemplar sah Magrat hohe Wangenknochen und zu einem Pferdeschwanz zusammen- gebundenes Haar. Die Kleidung… Sie bestand aus Lumpen, Spitze und Fellstreifen. Elfen gingen davon aus, daß ihnen alles stand. Die Gestalt rümpfte eine perfekte Nase. »Es gibt nur eine Königin in Lancre«, sagte sie. »Und die bist gewiß nicht du.« Magrat versuchte, sich zu konzentrieren. »Wo ist sie denn?« fragte sie. Die beiden anderen Elfen hoben ihre Bögen. * Man sagt ihm nach, den Ausdruck von der »massenhaften Vernichtung« ge- prägt zu haben., »Du suchst die Königin?« erwiderte Lankin. »Wir bringen dich zu ihr. Übrigens, junge Frau: Falls du mit dem Gedanken spielen solltest, von der Waffe mit dem häßlichen Eisen Gebrauch zu machen – im Wald dort stehen weitere Bogenschützen.« Auf der einen Seite des Pfades raschelte es, doch unmittelbar darauf pochte es an der gleichen Stelle. Die Elfen wirkten verwirrt. »Aus dem Weg«, sagte Magrat. »Ich glaube, du gibst dich da völlig falschen Vorstellungen hin«, sagte der Elf. Sein Lächeln wuchs in die Breite – und verschwand, als sich das seltsame Rascheln und Pochen auf der anderen Seite des Waldwegs wie- derholte. »Wir haben dich schon von weitem gespürt«, fuhr der Elf fort. »Ein tapferes Mädchen, das versucht, den zukünftigen Gemahl zu retten! Oh, wie romantisch! Packt sie.« Hinter den beiden bewaffneten Elfen wuchs ein Schatten in die Höhe, wölbte eine Hand um jeden Kopf und knallte die beiden Schädel anein- ander. Der Schemen trat vor, holte lässig aus… Lankin drehte sich um – und wurde von einem Hieb getroffen, der ihn an den nächsten Baum schleuderte. Magrat zog das Schwert. Worum auch immer es sich bei diesem Wesen handeln mochte – es schien schlimmer zu sein als Elfen. Es war schmutzig und haarig, ähnelte von der Statur her einem Troll. Es streckte die Hand – die Pranke – nach dem Zaumzeug aus, und dabei schien der Arm immer länger zu werden. Magrat hob das Schwert… »Ugh?« »Nimm das Schwert bitte runter.« Die Stimme erklang irgendwo hinter ihr und hörte sich menschlich und besorgt an. Elfen hörten sich nie so an. »Wer bist du?« fragte Magrat, ohne sich umzudrehen. Das Ungeheuer vor ihr grinste und zeigte dabei gelbe Zähne. »Äh, ich bin Ponder Stibbons. Ein Zauberer. Ebenso wie er.«, »Er trägt keine Kleidung!« »Vielleicht könnte ich ihn dazu bewegen, ein Bad zu nehmen«, erwider- te Stibbons nicht ohne eine gewisse Hysterie. »Wenn er gebadet hat, zieht er immer einen alten grünen Morgenmantel über.« Magrat entspannte sich ein wenig. Wer so klang, stellte für niemanden eine Gefahr dar, höchstens für sich selbst. »Auf welcher Seite stehst du, Zauberer?« »Wie viele gibt es denn?« »Ugh?« »Wenn ich absteige, geht das Pferd durch«, sagte Magrat. »Vielleicht solltest du deinen… Freund bitten, das Zaumzeug loszulassen. Sonst wird er verletzt.« »Ugh?« »Äh. Das glaube ich eigentlich nicht.« Magrat rutschte vom Rücken des Pferdes herunter. Das Pferd war er- leichtert, als es kein Eisen mehr spürte. Es machte einen Satz. Etwa zwei Meter weit. »Ugh.« Das Roß versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Magrat blinzelte. »Äh, derzeit ist er ein wenig verärgert«, erklärte Ponder. »Ein… Elf… hat mit einem Pfeil auf ihn geschossen.« »Auf diese Weise versuchen sie, die Leute unter Kontrolle zu bringen!« »Ähm. Nun, er gehört nicht zu uns Leuten.« »Ugh!« »In genetischer Hinsicht, meine ich.« Es geschah nicht zum erstenmal, daß Magrat einem Zauberer begegne- te. Manchmal kamen welche nach Lancre, aber sie blieben nie sehr lange. Irgendein Aspekt in der Gegenwart von Oma Wetterwachs veranlaßte sie, ihren Weg schon nach kurzer Zeit fortzusetzen. Für gewöhnlich sahen Zauberer anders aus als Ponder Stibbons. Er hatte einen großen Teil seines Umhangs verloren, und nur die Krempe, erinnerte an den Hut. Schlamm bedeckte die Wangen, und über einem Auge zeigte sich ein buntschillernder Bluterguß. »Haben dich die Elfen so zugerichtet?« »Nun, was den Schlamm und die zerrissene Kleidung betrifft… Dafür ist der Wald verantwortlich. Einige Male sind wir Elfen über den Weg gelaufen…« »Ugh.« »Ja, wir sind ihnen nicht nur über den Weg gelaufen, sondern auch über sie selbst. Und dann hat mich der Bibliothekar geschlagen.« »Ugh.« »Dem Himmel sei Dank dafür«, fügte Ponder hinzu. »Er schickte mich ins Reich der Träume. Wodurch ich wieder zu mir kam. Äh. Sonst würde es mir jetzt so wie den anderen ergehen.« Dunkle Ahnungen regten sich in Magrat. »Welche anderen meinst du?« fragte sie. »Bist du allein?« »Welche anderen?« »Hast du überhaupt eine Ahnung, was passiert ist?« Magrat dachte an das Schloß und die Stadt. »Ich habe eine ungefähre Vorstellung davon«, sagte sie schließlich. Ponder schüttelte den Kopf. »Es ist schlimmer.« »Welche anderen?« beharrte Magrat. »Ich bin ziemlich sicher, daß es zu einem Interkontinuum-Durchbruch gekommen ist«, murmelte Ponder. »Vermutlich gibt es einen Unterschied in bezug aufs Energieniveau.« »Welche anderen?« Ponder Stibbons sah nervös zum Wald. »Wir sollten nicht hier auf dem Weg stehenbleiben. Es sind noch mehr Elfen in der Nähe.«, Er trat ins Dickicht. Magrat folgte ihm, und kurz darauf sah sie einen zweiten Zauberer, der wie eine Leiter am Baum lehnte. Ein breites, ver- träumtes Lächeln zierte sein Gesicht. »Der Quästor«, sagte Ponder. »Ich fürchte, wir haben es mit den ge- trockneten Froschpillen ein wenig übertrieben.« Er hob die Stimme. »Wie… geht… es… dir?« »Nun, ich möchte eine Portion gebratenes Wiesel, wenn du nichts da- gegen hast«, erwiderte der Quästor und strahlte. »Warum ist er so steif?« erkundigte sich Magrat. »Wir halten das für eine Art Nebenwirkung«, antwortete Ponder. »Kannst du nichts dagegen unternehmen?« »Warum sollte ich? So eignet er sich gut dafür, Bäche zu überqueren.« »Komm morgen noch einmal vorbei, Bäcker, wenn du was Knuspriges willst«, sagte der Quästor. »Außerdem scheint er glücklich zu sein«, meinte Ponder. »Äh, bist du eine Kriegerin?« »Wie?« erwiderte Magrat. »Nun, die Rüstung und so…« Die ehemalige Hexe sah an sich herab. Sie hielt noch immer das Schwert in der Hand. Der Helm rutschte ihr dauernd über die Augen, doch das war jetzt nicht mehr so unangenehm wie vorher: Mit einem Fetzen des Hochzeitskleids hatte sie eine Art Polster geschaffen. »Ich, äh, ja«, sagte sie. »Ja, das stimmt. Genau das bin ich. Du hast völ- lig recht.« »Und vermutlich bist du wegen der Hochzeit gekommen. So wie wir.« »Ja. Wegen der Hochzeit. Absolut richtig.« Magrats Hand schloß sich ein wenig fester um das Heft des Schwertes. »Sag mir jetzt, was passiert ist. Insbesondere in Hinsicht auf die anderen.« »Nun…« Ponder tastete geistesabwesend nach einem Zipfel seines zer- rissenen Mantels, um ihn dann hin und her zu drehen. »Wir sind alle zur Vorstellung gegangen. Ein Stück. Ich meine, ein Bühnenstück. Verstehst du? Mit Schauspielern und so. Und, und es war sehr lustig. Bauerntölpel traten auf, mit großen Stiefeln und so. Trugen Strohperücken und was, weiß ich. Stapften ungeschickt umher und gaben vor, Herren und Her- rinnen zu sein. Sah alles ziemlich komisch aus. Der Quästor fand sie sehr witzig und lachte dauernd. Nun, er findet auch Bäume und Felsen witzig. Alle haben sich amüsiert. Und dann… und dann…« »Ich will alles wissen«, sagte Magrat. »Nun, äh, dann kam’s zu einer Sache, an die ich mich kaum mehr erin- nere. Hatte was mit den Schauspielern zu tun, glaube ich. Ich meine, plötzlich… schien alles Wirklichkeit zu werden. Verstehst du?« »Nein.« »Ein Bursche mit roter Nase und krummen Beinen spielte die Feenkö- nigin, und ganz plötzlich war er… noch immer er selbst, aber… Es fühl- te sich irgendwie anders an. Alles um mich herum verschwand, und… Es gab nur noch die Darsteller und… und den Hügel. Ich meine, die Jungs auf der Bühne müssen sehr gut gewesen sein, denn sie kamen mir richtig echt vor… Wenn ich mich recht entsinne, forderte uns irgendwann je- mand auf zu klatschen, und alles war sehr seltsam. Die Leute sahen ir- gendwie komisch aus, und wundervolle Gesänge erklangen, und, und…« »Ugh.« »Und dann schlug mich der Bibliothekar«, sagte Ponder schlicht. »Warum?« »Das sollte er dir besser mit seinen eigenen Worten erläutern«, meinte Stibbons. »Ugh ugh iiek. Ugh! Ugh!« »Gut gehustet, Julia!« proklamierte der Quästor. »Und hüpf durch den Ring!« »Ich habe den Bibliothekar nicht verstanden«, sagte Magrat. »Äh«, entgegnete Ponder. »Wir haben erlebt, wie sich ein hyperdimen- sionaler Riß bildete, verursacht vom Glauben. Das Theaterstück gab den Ausschlag. Offenbar befand sich eine Zone ausgeprägter Instabilität in unmittelbarer Nähe. Es ist schwer zu beschreiben. Wenn ich eine Gum- mifläche und einige Bleikugeln hätte, so könnte ich dir zeigen…« »Soll das heißen, jene… Wesen existieren nur deshalb, weil jemand an sie glaubt?«, »Nein. Ich schätze, es gäbe sie in jedem Fall. Aber sie sind hier, weil die Leute hier an sie glauben.« »Ugh.« »Er lief mit uns fort. Aber ein Elfenpfeil traf ihn.« »Iiek.« »Hatte bei ihm nur ein leichtes Jucken zur Folge.« »Ugh.« »Normalerweise ist er so sanft wie ein Lamm. Im Ernst.« »Ugh.« »Aber Elfen kann er nicht ausstehen. Er mag ihren Geruch nicht.« Der Bibliothekar schnüffelte demonstrativ. Magrat wußte nicht viel von Dschungeln und so, aber sie stellte sich nun Affen vor, die in Bäumen hockten und einen Tiger witterten. Affen bewunderten das glatte Fell und das Funkeln in den Augen nicht, denn sie wußten um die Zähne im Maul. »Ja«, sagte sie. »Kann ich mir denken. Zwerge und Trolle mögen sie auch nicht. Aber ich hasse sie noch mehr.« »Du kannst nicht gegen sie alle kämpfen«, wandte Ponder ein. »Dort oben wimmelt’s regelrecht von ihnen. Einige von ihnen fliegen sogar. Der Bibliothekar meinte, sie hätten Leute veranlaßt, Baumstämme zu nehmen und die Steine umzustoßen. Du weißt schon, die Steine. Da oben? Die Elfen haben sie angegriffen. Aus welchem Grund auch im- mer.« »Hast du Hexen bei der Vorstellung gesehen?« fragte Magrat. »Hexen, Hexen…«, murmelte Ponder. »Du hättest sie bestimmt bemerkt«, fügte Magrat hinzu. »Eine Dünne, die jeden anstarrt. Und eine kleine Dicke, die Nüsse knackt und viel lacht. Unterhalten sich immer ziemlich laut. Und tragen hohe, spitze Hüte.« »Nein, sind mir nicht aufgefallen«, erwiderte Ponder. »Dann dürften sie wohl kaum dagewesen sein. Eine Hexe, die etwas auf sich hält, wird nicht übersehen.« Magrat wollte darauf hinweisen, daß, sie in diesem Zusammenhang nicht besonders talentiert gewesen war, aber statt dessen sagte sie: »Ich suche jenen Ort auf.« »Du solltest besser ein Heer mitnehmen. Ich meine, wenn eben der Bi- bliothekar nicht eingegriffen hätte, wärst du jetzt ganz schön in Schwie- rigkeiten.« »Leider habe ich kein Heer dabei. Also muß ich irgendwie allein zu- rechtkommen, nicht wahr?« Diesmal gelang es Magrat, das Pferd zum Galopp anzutreiben. Ponder sah ihr hinterher. »Hätte nicht gedacht, daß Volkslieder und dergleichen eine so starke Wirkung entfalten können«, sagte er zur Nachtluft. »Ugh.« »Sie reitet in den sicheren Tod.« »Ugh.« »Hallo, Herr Blumentopf, bitte bring uns zwei Halbe mit Aalen.« »Natürlich könnte es Schicksal oder etwas in der Art sein.« »Ugh.« »Jahrtausendhand und Garnelen.« Ponder Stibbons neigte verlegen den Kopf. »Möchte ihr vielleicht jemand folgen?« »Ugh.« »Juchhe, da geht er mit seiner großen Uhr.« »Bedeutet das ›ja‹?« »Ugh.« »Ich meine nicht dich, sondern ihn.« »Schwabbeldiwapp, hier kommt die Grütze.« »Ja, ich schätze, man könnte das als Zustimmung interpretieren«, sagte Ponder widerstrebend. »Ugh?« »Ich habe eine prächtige neue Weste.«, »Hör mal…«, sagte Ponder. »Die Friedhöfe sind voller Leute, die un- besonnen und überstürzt gehandelt haben.« »Ugh.« »Was hat er gesagt?« fragte der Quästor. Bei seiner Reise durch den Irr- sinn kam es zu einem kurzen Zwischenaufenthalt in der Realität. »Ich glaube, der Bibliothekar wies darauf hin, daß wir früher oder spä- ter alle auf dem Friedhof enden«, sagte Ponder. »Mist. Na schön, kommt.« »In der Tat«, intonierte der Quästor. »Rück mit den Boxhandschuhen raus, Herr Bootsmann!« »Ach, sei still.« Magrat stieg ab und ließ das Pferd laufen. Sie wußte, daß sie sich nun in der Nähe der Tänzer befand. Buntes Licht flackerte am Himmel. Sie wünschte sich, nach Hause zurückkehren zu können. Die Luft hier war kühler, viel zu kühl für eine Sommernacht. Während Magrat einen Fuß vor den anderen setzte, wirbelten Schneeflocken im Wind und schmolzen zu Regen. Ridcully materialisierte im Schloß und hielt sich an einer Säule fest, bis er wieder zu Atem gekommen war. Die Transmigration ließ immer blaue Punkte vor seinen Augen flimmern. Niemand schenkte ihm Beachtung. Im Schloß herrschte ein heilloses Durcheinander. Nicht alle waren heimgekehrt. Während der letzten Jahrtausende hat- ten immer wieder irgendwelche Heere beschlossen, durch Lancre zu marschieren, was dazu führte, daß Erinnerungen an die sicheren Mauern des Schlosses einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis der Bürger fanden. In Notfällen lautete die Botschaft: Lauft zum Schloß. Derzeit hielt sich hier ein großer Teil der Bevölkerung von Lancre auf. Ridcully blinzelte. Überall liefen Leute herum, und jemand redete auf sie ein: ein kleiner junger Mann, der ein ziemlich großzügig geschnittenes, Kettenhemd und eine Armschlinge trug sowie weit und breit die einzige Person zu sein schien, die versuchte, alles in den Griff zu bekommen. Als sich Ridcully wieder kräftig genug fühlte, ließ er die Säule los und trat dem jungen Burschen entgegen. »Was ist hier lo…«, begann er und unterbrach sich abrupt, als Shawn Ogg den Kopf drehte. »Die hinterlistige… Hexe!« stieß der Erzkanzler hervor. »Hat mich auf- gefordert, die Armbrust zu holen – und ich bin glatt darauf hereingefal- len! Selbst, wenn ich jetzt imstande wäre, sofort zurückzukehren – wo- hin? Ich weiß doch gar nicht, wo wir waren!« »Wie bitte?« fragte Shawn. Ridcully schüttelte sich. »Was geht hier vor?« fragte er. »Keine Ahnung«, antwortete Shawn. Er schien den Tränen nahe zu sein. »Ich glaube, wir wurden von Elfen angegriffen! Aus den Leuten kriegt man kaum ein vernünftiges Wort heraus! Sie sollen während der Vorstellung erschienen sein! Oder was weiß ich!« Ridcullys Blick glitt über die Menge der Verängstigten. »Und Fräulein Magrat ist aufgebrochen, um ganz allein gegen die An- greifer zu kämpfen!« Falten der Verwirrung bildeten sich auf der Stirn des Erzkanzlers. »Wer ist Fräulein Magrat?« »Die zukünftige Königin! Die Braut! Du weißt schon? Fräulein Ma- grat?« Ridcullys mentaler Magen konnte nur jeweils eine Sache verdauen. »Warum ist sie aufgebrochen?« »Die Elfen haben den König verschleppt!« »Esme Wetterwachs dürfte sich jetzt ebenfalls in ihrer Gewalt befin- den.« »Was, Oma Wetterwachs?« »Ich bin hierher zurückgekehrt, um sie zu retten«, sagte Ridcully. Eine Sekunde später wurde ihm klar: Es klang entweder nach Unsinn oder nach Feigheit., Shawn war viel zu aufgeregt, um darauf zu achten. »Ich hoffe nur, daß die Elfen keine Hexen sammeln. Dann hätten sie’s auch auf unsere Ma- ma abgesehen.« »Mich haben sie noch nicht erwischt«, ertönte Nanny Oggs Stimme. Shawn drehte sich um. »Mama! Wie bist du hereingekommen?« »Mit dem Besen. Du solltest einige Bogenschützen nach oben schik- ken, um zu verhindern, daß Elfen übers Dach reinkommen können.« »Was sollen wir jetzt machen, Mama?« »Sie treiben sich überall herum«, sagte Nanny. »Und über den Tänzern glüht es…« »Wir müssen sofort angreifen und sie kalten Stahl schmecken lassen!« rief Casanunda. »Guter Mann, der Zwerg«, lobte Ridcully. »Er hat recht! Ich hole nur schnell eine Armbrust!« »Es sind zu viele«, sagte Nanny schlicht. »Oma und Fräulein Magrat sind da draußen, Mama«, gab Shawn zu bedenken. »Fräulein Magrat wurde auf einmal ganz seltsam, legte eine Rüstung an und brach auf, um gegen sie alle zu kämpfen!« »Aber im Wald und am Hügel wimmelt’s von ihnen«, erwiderte Nanny Ogg. »Es ist eine doppelte Portion Hölle mit zusätzlichen Teufeln. Dort droht jedem der sichere Tod.« »Der sichere Tod droht überall«, warf Ridcully ein. »Darin besteht eine der wichtigsten Eigenschaften des Todes: Man kann ihm nicht auf Dauer entkommen.« »Gegen eine solche Übermacht hätten wir überhaupt keine Chance«, meinte Nanny. »Das stimmt nicht ganz«, widersprach Ridcully. »Wir hätten eine Chan- ce. Der Kontinuinuinuum-Kram bleibt mir auch weiterhin schleierhaft, aber nach Ansicht des jungen Stibbons bedeutet er folgendes: Irgendwo geschieht alles. Das bedeutet, es könnte auch hier geschehen, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit nur eins zu einer Million beträgt.«, »Klingt ganz gut«, räumte Nanny ein. »Allerdings läuft es auf folgendes hinaus: Für jeden Ridcully, der heute nacht überlebt, müssen 999999 sterben.« »Und wenn schon«, brummte der Erzkanzler. »Die anderen sind mir gleich. Geschieht ihnen ganz recht, weil sie mich nicht zu ihrer Hochzeit einladen.« »Wie?« »Schon gut.« Shawn hüpfte von einem Bein aufs andere. »Wir sollten gegen die Elfen kämpfen, Mama!« »Seht euch nur die Leute an!« Nanny winkte. »Sind hundemüde und naß und verwirrt! Das ist doch kein Heer.« »Mama, Mama, Mama!« »Ja?« »Man muß die Leute anfeuern, Mama! Das ist so üblich, bevor Trup- pen in den Kampf ziehen, Mama! Ich hab’ in Büchern davon gelesen! Man tritt vor die Leute, hält eine Rede, feuert sie ordentlich an und ver- wandelt die Menge in eine schreckliche Kampftruppe, Mama!« »Sie sehen schon jetzt schrecklich aus.« »Ich meine schrecklich wie grimmig, Mama!« Nanny Oggs Blick galt den gut hundert Bürgern von Lancre. Die Vor- stellung, daß sie gegen irgend etwas kämpfen sollen, fiel ihr nicht leicht. »Kennst du dich damit aus, Shawn?« fragte sie. »Ich habe alle Ausgaben von Bögen und Bolzen der letzten fünf Jahre, Mama«, sagte Shawn vorwurfsvoll. »Na schön. Versuch’s, wenn du glaubst, daß es was bringt.« Shawn zitterte vor Aufregung, als er auf einen Tisch kletterte, mit der Hand des unverletzten Arms das Schwert zog und mit dessen Griff aufs Holz pochte, bis Ruhe herrschte. Er hielt eine Rede. Er wies darauf hin, daß der König verschleppt und die zukünftige Kö- nigin losgeritten war, um ihn zu befreien. Er betonte die Pflichten treuer, Untertanen. Er erklärte: Wer jetzt nicht hier sei und sich daheim unter dem Bett versteckte, würde es nach dem glorreichen Sieg sehr bedauern, nicht dabeigewesen zu sein und sich unter dem eben erwähnten Bett versteckt zu haben, ihr wißt schon, das Bett von vorhin. Eigentlich war es sogar besser, daß sie nur so vergleichsweise wenige waren, denn auf diese Weise durften die Überlebenden prozentual mit mehr Ehre pro Kopf rechnen. Dreimal verwendete Shawn das Wort »Ruhm«. Er meinte, noch in vielen Jahren würden sich die Leute an den heutigen Tag – be- ziehungsweise die Nacht – erinnern, stolz ihre Narben zeigen (was natür- lich nur für die Überlebenden galt) und spendierte Getränke trinken. Er empfahl den Zuhörern, sich am Verhalten des Schwingenden Fuchses von Lancre ein Beispiel zu nehmen, Kraft zu sammeln sowie Sehnen und Muskeln mit einigen Übungen auf erhebliche Anstrengungen vorzuberei- ten, wobei das Training natürlich nicht übertrieben werden sollte, im- merhin durfte niemand müde und erschöpft sein, wenn die Schlacht be- gann, denn sonst verlangte der Sieg noch mehr Opfer. Shawn erinnerte alle Bürger von Lancre daran, wie wichtig es sei, die Pflicht zu erfüllen. Und äh. Und ähm. Bitte? Stille folgte. Nach einer Weile räusperte sich Nanny Ogg und sagte: »Die Leute denken darüber nach, Shawn. Warum führst du den Herrn Zauberer nicht zu seinem Zimmer und hilfst ihm bei der Suche nach seiner Arm- brust?« Sie nickte bedeutungsvoll in Richtung Treppe. Shawn zögerte, aber nur kurz. Er hatte das Funkeln in den Augen sei- ner Mutter gesehen. Als er gegangen war, kletterte Nanny auf den gleichen Tisch wie zuvor ihr Sohn. »Nun«, begann sie, »die Sache sieht folgendermaßen aus. Wenn ihr das Schloß verlaßt, müßt ihr vielleicht den Elfen gegenübertreten. Aber wenn ihr hierbleibt, bekommt ihr es ganz gewiß mit mir zu tun. Elfen sind schlimmer als ich, zugegeben. Aber ich bin sehr beharrlich.« Weber hob unsicher die Hand. »Äh, Frau Ogg?«, »Ja, Weber?« »Was hat es mit dem Schwingenden Fuchs von Lancre auf sich?« Nanny kratzte sich am Ohr. »Nun, ich glaube, er bewegt die Vorderbeine so und die Hinterläufe so.« »Nein, nein, nein«, ließ sich Quarney der Ladenbesitzer vernehmen. »Der Schwanz neigt sich in diese Richtung. Die Beine bewegten sich so.« »Das sind keine richtigen Schwingungen, sondern nur Oszillationen«, behauptete jemand. »Du denkst dabei an den Ringelschwänzigen Oze- lot.« Nanny nickte. »Das wäre also geklärt.« »Einen Augenblick. Ich bin nicht sicher, ob…« »Ja, Herr Quarney?« »Oh, äh…« »Gut, gut«, sagte Nanny, als ihr Sohn zurückkehrte. »Die Leute haben mir gerade mitgeteilt, wie gut ihnen deine Rede gefallen hat, Shawn. Sie fühlen sich richtig angefeuert.« »Donnerwetter!« »Bestimmt sind sie jetzt bereit, dir bis in die Hölle zu folgen«, fügte Nanny hinzu. Jemand hob die Hand. »Kommst du auch mit, Frau Ogg?« »Ich schlendere hinter euch her«, lautete die Antwort. »Oh. Na schön. Bis in die Hölle, einverstanden. Aber weiter nicht.« »Erstaunlich«, sagte Casanunda zu Nanny, als die Menge widerstrebend in Richtung Arsenal stapfte. »Man muß nur richtig mit den Leuten umgehen können.« »Sind sie immer bereit, sich von einem Ogg anführen zu lassen?« »Nein, nicht unbedingt«, erwiderte Nanny. »Aber wenn sie vernünftig sind, gehen sie dorthin, wohin eine Ogg ihnen folgt.«, Magrat trat aus dem Wald, und vor ihr erstreckte sich das Moor. Wolken wirbelten über den Tänzern. Besser gesagt: Sie wirbelten dort, wo sich die Tänzer einst befunden hatten. Im flackernden Licht sah Ma- grat einige umgestürzte und über den Hang gerollte Steine. Der Hügel glühte, und mit der Landschaft schien irgend etwas nicht zu stimmen. Sie wölbte sich dort, wo sich eigentlich gar nichts wölben soll- te. Entfernungen boten sich nicht mehr auf die gewohnte Weise dar. Magrat erinnerte sich an einen Holzschnitt, der als Lesezeichen in einem alten Buch gedient hatte. Er zeigte das Gesicht einer Greisin, doch wenn man genauer hinsah, wurde daraus die Miene einer jungen Frau. Die Nase metamorphierte zu einem Hals, und eine Braue verwandelte sich in eine hübsche Kette. Die Bilder schaukelten hin und her. Wie viele andere Betrachter hatte Magrat geschielt, um alle Einzelheiten gleichzeitig zu erkennen. Mit der Landschaft verhielt es sich ähnlich. Was sich als Hügel präsen- tierte, war gleichzeitig eine weite, schneebedeckte Ebene. Lancre und das Land der Elfen rangen um den gleichen Platz. Das fremde Land hatte es nicht leicht. Lancre setzte sich zur Wehr. An der Grenzfläche zwischen den beiden Landschaften zeichneten sich einige Zelte ab und wirkten wie ein Brückenkopf an feindlichen Gestaden. Sie glänzten bunt. Jeder wußte: Alles Elfische war wunder- hübsch – bis das Bild kippte und man es von der anderen Seite sah… Irgend etwas ging da vor sich. Mehrere Elfen saßen auf Pferden, und zwischen den Zelten führte man weitere Rösser herbei. Offenbar brach man gerade das Lager ab. Die Königin saß auf einem provisorischen Thron in ihrem Zelt. Der Ellenbogen ruhte auf einer Armlehne, und Finger wölbten sich am Mund – die Haltung deutete auf Nachdenklichkeit hin. In einem Halbkreis vor dem Thron saßen einige andere Elfen. Ob- wohl: Das Wort »sitzen« vermittelt keine klare Vorstellung. Sie rekelten sich. Elfen konnten es sich sogar auf einem Draht bequem machen. Hier gab es viel Spitze und Samt, dafür weniger Federn. Vielleicht ein Zeichen von elfischer Aristokratie, vielleicht auch nicht. Elfen trugen, was ihnen, gefiel, in der unerschütterlichen Überzeugung, immer atemberaubend auszusehen.* Sie alle beobachteten die Königin und spiegelten ihre Stimmungen wi- der. Wenn die Herrin lächelte, so lächelten sie ebenfalls. Wenn die Her- rin etwas sagte, das sie für amüsant hielt, so lachten die Zuhörer. Derzeit konzentrierte sie ihre Aufmerksamkeit auf Oma Wetterwachs. »Was geschieht, Alte?« fragte sie. »Es ist nicht leicht, oder?« erwiderte Oma. »Obwohl du geglaubt hast, alles sei ganz einfach, nicht wahr?« »Vermutlich steckt irgendeine Art von Magie dahinter. Du hast etwas beschworen, das nun Widerstand leistet.« »Nein, mit Magie hat das nichts zu tun«, sagte Oma. »Überhaupt nichts. Du bist nur zu lange fort gewesen. Die Dinge verändern sich. Das Land gehört jetzt den Menschen.« »Ausgeschlossen«, entgegnete die Königin. »Menschen nehmen ein- fach. Sie pflügen das Land mit Eisen. Sie verwüsten es.« »Gelegentlich ist das der Fall, zugegeben. Doch es kommt auch vor, daß mehr gegeben als genommen wird. Manchmal bezahlen Menschen mit Liebe. Sie haben Humus in den Knochen und sagen dem Land, was es ist. Dazu sind Menschen da. Ohne sie wäre Lancre nur ein Stück Bo- den mit grünen Dingen drauf. Und die grünen Dinge wüßten nicht ein- mal, daß sie Bäume sind. Hier gehören wir zusammen – die Menschen und das Land. Es ist einfach nicht mehr nur Land, sondern ein Land. Denk an ein zugerittenes und mit Hufeisen ausgestattetes Pferd. Denk * Bei den Mönchen von Kühl – ihr kleines und sehr exklusives Kloster befindet sich in einem tatsächlich recht kühlen und abgelegenen Tal der unteren Spitz- hornberge – ist ein besonderer Test für Novizen üblich. Man führt die einzel- nen Prüflinge in einen Raum mit verschiedenen Kleidungsstücken und fragt: »Yo**, mein Sohn, welches Teil ist das modischste von allen?« Und die richtige Antwort lautet: »Jenes Teil, das ich wähle.« ** Was die Mode betrifft, ist man im Kloster von Kühl immer auf dem neuesten Stand, aber das gilt nicht für die Sprache., an einen gezähmten Hund. Jedesmal dann, wenn der Boden gepflügt oder etwas gepflanzt wird, wächst der Abstand zwischen dir und dem Land«, betonte Oma. »Die Dinge verändern sich.« Verence saß neben der Königin. Seine Pupillen waren winzige Punkte. Ein gedankenloses Lächeln lag auf seinen Lippen, und dadurch wies er eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Quästor auf. »Aber wenn wir verheiratet sind, muß mich das Land akzeptieren«, sagte die Königin. »Deine eigenen Regeln verlangen es so. Ich weiß, wie es funktioniert. Der König trägt nicht nur eine Krone. König und Land sind eins. Ebenso wie König und Königin. Und die Königin bin ich.« Sie sah Oma Wetterwachs an und schmunzelte. Zwei Elfen standen rechts und links von ihr bereit, und hinzu kam mindestens ein weiterer hinter ihr. Sie neigten sicher nicht zur Introspektion. Mit anderen Wor- ten: Wenn sich Oma ohne Erlaubnis bewegte, war ihr Tod eine besiegel- te Sache. »Was aus dir wird, hängt ganz von meiner Entscheidung ab.« Die Kö- nigin hob eine sehr elegante, dünne Hand, formte aus Daumen und Zei- gefinger einen Ring, den sie ans Auge setzte. »Oh, da kommt eine«, sagte sie. »Mit einer Rüstung, die ihr nicht richtig paßt. Mit einem Schwert, das ihr fremd ist. Mit einer Streitaxt, die sie kaum heben kann. Sie kommt, weil sie es für romantisch hält. Wie heißt sie?« »Magrat Knoblauch«, antwortete Oma. »Eine mächtige Zauberin, nehme ich an.« »Sie kennt sich mit Kräutern aus.« Die Königin lachte. »Ich könnte sie von hier aus töten.« »Ja«, sagte Oma. »Aber das macht nicht viel Spaß, oder? Die Demüti- gung des Opfers fehlt.« Die Königin nickte. »Du hörst dich fast wie eine Elfe an.« »Es dauert nicht mehr lange, bis die Nacht zu Ende geht«, sagte Oma. »Dann beginnt wieder ein neuer Tag. Mit hellem Sonnenschein.«, »Bis dahin dauert es noch etwas.« Die Königin stand auf, sah kurz zu Verence und… zog sich um. Aus dem roten Gewand wurde eins, das silbrig glänzte, den Schein der Fackeln so reflektierte, als bestünde es aus Myriaden von winzigen Schuppen. Das Haar glitt auseinander, gewann eine neue Struktur und wurde kornblond. Einige subtile Veränderungen erfaßten das Gesicht, und dann sagte sie: »Na, was hältst du davon?« Sie sah wie Magrat aus. Das heißt: Sie sah so aus, wie Magrat gern aus- sehen wollte und wie Verence sie sich vielleicht vorstellte. Oma Wetter- wachs nickte. Sie erkannte eine gelungene Gemeinheit – davon verstand sie etwas. »Und du willst ihr so gegenübertreten«, sagte sie. »Ja, natürlich. Wenn es soweit ist. Zum Schluß. Aber sie braucht dir nicht leid zu tun. Immerhin stirbt sie nur. Soll ich dir zeigen, wie du hät- test sein können?« »Nein.« »Es ließe sich ganz leicht bewerkstelligen. Es gibt nicht nur diese Zeit- linie, sondern auch noch andere. Möchtest du Großmutter Wetterwachs sehen?« »Nein.« »Es muß schrecklich für dich sein, zu wissen, daß du keine Freunde hast, daß niemand um dich weint, wenn du stirbst. Daß du nie ein Herz berührt hast.« »Ja.« »Bestimmt denkst du daran – an langen Abenden, wenn dir nur das Ticken der Uhr und die Kühle des Zimmers Gesellschaft leisten, wenn du die Schachtel öffnest und…« Die Königin winkte, als sich Oma loszureißen versuchte. »Tötet sie nicht«, sagte sie. »Lebend bereitet sie mir viel mehr Vergnü- gen.« Magrat rammte das Schwert in den Schlamm und griff nach der Streitaxt., Zu beiden Seiten erstreckte sich dunkler Wald. Die Elfen mußten aus dieser Richtung kommen. Hunderte mochten es sein, und es gab nur eine Magrat Knoblauch. Bisher hatte sie geglaubt, daß die Wahrscheinlichkeit bei Heldentum keine große Rolle spielte. Lieder, Balladen und Geschichten berichteten immer wieder von einer einzigen Person, die ganz allein den übermächti- gen Feind besiegte. Jetzt ahnte sie, daß es in diesem Zusammenhang ein Problem gab. Lie- der, Balladen und Geschichten brauchten es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Besser gesagt: Sie logen oft. Sie dachte darüber nach, doch es fiel ihr nicht ein einziges historisches Beispiel für derartige Heldenhaftigkeit ein. Im Wald auf der einen Seite hob ein Elf seinen Bogen und zielte. Hinter dem Wesen knackte ein Zweig. Es drehte sich um. Der Quästor lächelte. »Heda, Kerlchen, bei mir sind die Bohnen verschmort.« Der Elf schwang den Bogen herum. Zwei Füße streckten sich ihm aus dem Grün entgegen, und erstaunli- cherweise waren sie ebenso greiffähig wie Hände. Sie packten das Ge- schöpf an den Schultern und zerrten es mit einem Ruck nach oben. Es knackte, als der Kopf an die Unterseite eines Asts stieß. »Ugh.« »Geh weiter!« Auf der gegenüberliegenden Seite des Pfads zielte ein anderer Elf auf Magrat. Und dann floß die Welt von ihm fort… So sieht das Innere eines Elfenbewußtseins aus: Hier sind die normalen fünf Sinne, doch sie alle sind dem sechsten untergeordnet. Es gibt kein Wort dafür, denn auf der Scheibenwelt ist die entsprechende Kraft so schwach, daß sie nur von aufmerksamen Schmieden bemerkt wird, die sie »Eisenlie- be« nennen. Die Steuerleute von Schiffen hätten sie vielleicht entdeckt, wenn das magi- sche Feld der Scheibenwelt nicht weitaus zuverlässiger gewesen wäre. Bienen spüren die Eisenliebe, denn Bienen spüren alles. Tauben orientieren sich mit ihrer Hilfe. Und sie teilt den Elfen überall im Multiversum mit, wo genau sie sich befinden., Für Menschen ist alles viel schwieriger. Dauernd stolpern sie durch unübersichtliche Geographie. Immer sind sie zumindest ein wenig verirrt. Das ist ein elementarer Aspekt ihres Wesens. Er erklärt eine Menge. Elfen haben die absolute Position. Sie sehen einen matten, silbrigen Glanz, der die Landschaft erhellt. Auch Lebewesen erzeugen die Kraft, und dadurch zeichnen sie sich deutlich ab. Sie knistert in ihren Muskeln, summt im Denken und Fühlen. Wer sich damit auskennt, kann durch winzige Veränderungen im Fluß der Eisenliebe selbst Gedanken identifizieren. Für Elfen stellt die Welt etwas dar, das man sich nehmen kann. Die einzige Aus- nahme bildet jenes schreckliche Metall, das die Kraft trinkt und ihren Fluß so ver- formt wie schwere Gewichte eine Gummifläche. Es macht die Elfen blind und taub. Es nimmt ihnen die Gewißheit des Wo. Es beschert ihnen ein Gefühl der Einsam- keit, wie es nie ein Mensch erfahren hat… Der Elf kippte nach vorn. Ponder Stibbons ließ das Schwert sinken. Alle anderen hätten kaum darüber nachgedacht, doch Ponders un- glückliches Schicksal bestand darin, in einer gleichgültigen Welt nach Erklärungen zu suchen. »Ich habe ihn kaum berührt«, sagte er zu sich selbst. »Und ich habe sie im Gebüsch geküßt, wo die Nachtigallen… Singt mit, verdammt! Zwei, drei…« Sie wußten nicht, wo sie sich jetzt befanden und wo sie gewesen waren. Selbst in Hinsicht auf die eigene Identität entstanden erste Zweifel. Die Moriskentänzer von Lancre hatten inzwischen ein Stadium erreicht, in dem es leichter erschien, Tanz und Gesang einfach fortzusetzen als ganz plötzlich damit aufzuhören. Das Singen lockte Elfen an, und gleichzeitig waren sie davon fasziniert… Die Tänzer folgten dem Verlauf der Pfade, hüpften und sprangen und drehten sich. Sie kamen durch kleine Dörfer, und dort wandten sich die Elfen von Menschen ab, die sie bis eben gequält hatten. Im flackernden Schein brennender Häuser traten sie näher… »Und dann ZACK fiedelbumm, singt endlich trallala…« Sechs Stöcke knallten einander., »Wohin sind wir unterwegs, Jason?« »Ich schätze, wir haben jetzt fast das Schlüpfrige Loch erreicht und kehren in Richtung Stadt zurück«, erwiderte Jason Ogg und tanzte an Bäcker vorbei. »Nicht aus dem Takt geraten, Fuhrmann!« »Der Regen kommt in die Tasten, Jason!« »Und wenn schon! Hauptsache, es erklingen auch weiterhin Töne! Für Volksmusik ist es gut genug!« »Ich glaube, mein Stock ist durchgebrochen, Jason!« »Tanz weiter, Kesselflicker! Und nun, Jungs… Wie wär’s mit Erbsen- schoten sammeln? Wir könnten ruhig ein bißchen üben, da wir schon ein- mal dabei sind…« »Jemand kommt uns entgegen«, sagte Schneider, als er vorbeihüpfte. »Ich sehe Fackeln.« »Menschen oder – zwei, drei – noch mehr Elfen?« »Keine Ahnung!« Jason wandte sich um und tanzte zurück. »Bist du das, unser Jason?« Jason lachte, als die vertraute Stimme zwischen den Bäumen erklang. »Unsere Mama! Und unser Shawn. Und…, viele Leute! Wir haben es geschafft, Jungs!« »Jason…«, sagte Fuhrmann. »Ja?« »Ich bin nicht sicher, ob ich aufhören kann!« Die Königin betrachtete sich im Spiegel an der Zeltstange. »Nun?« fragte Oma. »Was siehst du?« »Was immer ich sehen möchte«, antwortete die Königin. »Das weißt du doch. Und nun… Reiten wir zum Schloß. Fesselt ihre Hände. Aber nicht die Beine.« Es regnete wieder, und bei den Steinen kam Graupel hinzu. Wasser tropfte von Magrats Haar und machte es vorübergehend glatt., Dunstwolken bildeten sich zwischen den Bäumen, dort, wo Sommer und Winter miteinander rangen. Magrat beobachtete, wie die Elfen des Zeltlagers aufbrachen. Sie sah Verence, der sich steifbeinig bewegte, wie eine Marionette. Sie bemerkte auch Oma Wetterwachs: Ihre Hände waren gefesselt, und ein langes Seil reichte von ihnen bis zum Pferd der Königin. Hufe platschten durch den Schlamm. Silberne Glöckchen am Zaum- zeug bimmelten. Die Elfen im Schloß, eine Nacht voller Phantome und Schatten – das alles bildete nur einen Knoten in Magrats Gedächtnis. Doch das fröhli- che Läuten der kleinen Glocken kam einer Nagelfeile gleich, die über ihre Zähne schabte. Die Königin hielt ihre Prozession einige Meter entfernt an. »Ah, die tapfere junge Frau«, sagte sie. »Machte sich ganz allein auf den Weg, um ihren Verlobten zu befreien. Wie edel. Tötet sie.« Ein Elf trieb sein Pferd an und hob das Schwert. Magrat griff nach der Streitaxt. Irgendwo hinter ihr schlug eine Sehne an Holz. Der Elf zuckte zu- sammen. Ebenso der hinter ihm. Der Bolzen raste weiter und kam ein wenig von der bis dahin geraden Flugbahn ab, als er über einen der gefal- lenen Tänzer hinwegsauste. Dann trat Shawn Oggs bunt zusammengewürfelte Streitmacht zwi- schen den Bäumen hervor. Ridcully verharrte zunächst hinter einem Stamm, um seine Armbrust neu zu laden. Die Königin wirkte nicht sonderlich überrascht. »Es sind nur etwa hundert«, sagte sie. »Was meinst du dazu, Esme Wetterwachs? Eine Art letztes Aufgebot? Wegen der Romantik? Oh, ich liebe die Menschen. Sie denken wie Lieder.« »Steig ab!« rief Magrat. Die Königin wandte sich ihr zu und lächelte. Shawn spürte es. Ebenso wie Ridcully und Ponder. Glamour glitt an ihnen vorbei., Elfen fürchteten Eisen. Aber wenn sie einen sicheren Abstand wahr- ten… Man konnte nicht gegen Elfen kämpfen, weil man im Vergleich zu ih- nen Bedeutungslosigkeit verkörperte. Und das gehörte sich so. Sie präsen- tierten makellose Schönheit, wodurch einem die eigene Häßlichkeit klar wurde. Man selbst war nur – im übertragenen Sinne – jenes Kind, das immer als letztes für eine Gruppe ausgewählt wurde, nach dem dicken Jungen mit den Pickeln und der permanent laufenden Nase; man erfuhr immer erst dann die Regeln, wenn man verloren hatte, und anschließend weihte einen niemand in die neuen Regeln ein; und man wußte, daß die wirklich interessanten Dinge immer nur anderen Leuten passierten. Die- se heißen, die letzten Reste von Selbstbewußtsein verbrennenden Emp- findungen kamen nun zusammen. Nein, man konnte nicht gegen Elfen kämpfen. Wer so unwichtig, ungeschickt und menschlich war, hatte keine Chance, den Sieg zu erringen. So etwas ließ das Universum nicht zu… Jäger berichten davon, daß manchmal ein Tier aus dem Gebüsch tritt, stehenbleibt und auf den Speer zu warten scheint… Magrat brachte die Axt nur einige Zentimeter weit empor, bevor die Hand erschlaffte und sank. Sie neigte den Kopf. Für einen Menschen geziemte es sich, Elfen mit Demut zu begegnen. So herrliche Geschöpfe anzuschreien… Die Königin stieg ab und trat näher. »Füg ihr kein Leid zu«, sagte Oma Wetterwachs. Die Königin nickte. »Du versuchst noch immer, Widerstand zu lei- sten«, sagte sie. »Aber eigentlich spielt das überhaupt keine Rolle. Wir können Lancre ohne Kampf übernehmen. Du kannst nichts daran än- dern. Sieh dir nur die ›Streitmacht‹ an. Wie Schafe stehen die Leute her- um. Ach, Menschen stecken so voller Enthusiasmus.« Oma sah auf ihre Stiefel hinab. »Du kannst nicht herrschen, solange ich lebe«, entgegnete sie. »In diesem Fall gibt es keine Tricks«, betonte die Königin. »Keine när- rischen Frauen mit Tüten voller Süßigkeiten.«, »Das ist deiner Aufmerksamkeit nicht entgangen, wie?« erwiderte Oma. »Nun, Gytha hat’s vermutlich gut gemeint. Dummes Weib. Was dagegen, wenn ich mich setze?« »Nimm ruhig Platz«, gestattete die Königin. »Immerhin bist du eine al- te Frau.« »Es hat mit der Hexerei zu tun«, sagte Oma. »Sie erhält die Jugend zwar nicht, sorgt allerdings dafür, daß man länger alt ist. Nun, du alterst natürlich überhaupt nicht«, fügte sie hinzu. »Da hast du recht.« »Aber vielleicht kannst du verkleinert werden, im übertragenen Sinne.« Das Lächeln der Königin verschwand nicht, aber es gefror gewisser- maßen – auf diese Weise lächeln Leute, die zwar die Worte, nicht jedoch ihren Sinn verstanden haben. »Du hast dich in ein Theaterstück eingemischt«, fuhr Oma fort. »Viel- leicht weißt du nicht, was es mit solchen Dingen auf sich hat. Theater- stücke und Bücher… Damit muß man sehr vorsichtig umgehen. Sonst wenden sie sich gegen einen. Genau das soll bei dir geschehen.« Freund- lich nickte sie einem Elf zu, der Waid und schlecht gegerbtes Leder trug. »Was meinst du dazu, Elf Erbsenblüte?« Die Königin runzelte die Stirn. »So heißt er nicht«, sagte sie. Oma Wetterwachs lächelte. »Das wird sich zeigen«, lautete ihre Antwort. »Heute sind die Men- schen anders als damals. Viele von ihnen leben in Städten und wissen praktisch nichts mehr von den Elfen. Außerdem haben sie Eisen im Kopf. Du bist zu spät zurückgekehrt.« »Nein. Die Menschen brauchen uns immer.« »Da irrst du dich. Manchmal wünschen sie sich eure Gegenwart, das ist etwas anderes. Und ihr könnt ihnen höchstens Gold geben, das am nächsten Morgen verschwindet.« »Manche Leute geben sich mit Gold für eine Nacht zufrieden.« »Nein.«, »Das ist besser als Eisen, du dumme alte Vettel, du dummes Kind, das alt geworden ist, ohne etwas geleistet zu haben, ohne etwas geworden zu sein.« »Nein. Was hat es schon mit Gold auf sich? Es ist nur weich und glänzt. Es sieht gut aus – aber es erfüllt keinen Zweck.« Omas Stimme klang noch immer völlig ruhig. »Dies hier ist die Wirklichkeit, werte Da- me. Das mußte ich lernen. Wirkliche Menschen leben in ihr. Du kannst bei ihnen keine Rechte irgendeiner Art geltend machen. Die Menschen haben schon genug damit zu tun, Menschen zu sein. Sie können darauf verzichten, daß du mit glänzendem Haar, glänzenden Augen und glän- zendem Gold angibst, während du dich mit ewiger Jugend durchs Leben mogelst und immer nur singst, ohne jemals zu lernen.« »So hast du nicht immer gedacht.« »Ja, das stimmt. Früher einmal habe ich mich Illusionen hingegeben. Nun, werte Dame, inzwischen bin ich alt und vielleicht auch eine Vettel, aber dumm bin ich gewiß nicht. Du bist keine Göttin. Ich respektiere Götter und Göttinnen, solange sie wissen, wo ihr Platz ist. Und solange wir sie selbst schaffen. Es bedeutet, daß wir sie verkleinern können, indem wie nur die Teile von ihnen verwenden, die wir tatsächlich brauchen. Was die Elfen aus dem Märchenland betrifft… Vielleicht sind sie wich- tig, um gut durch die Zeit des Eisens zu kommen. Vielleicht braucht man sie, um die Phantasie zu bewahren. Aber hier dulde ich sie nicht. Ihr weckt in uns Wünsche nach dem, das wir nicht haben können. Was ihr uns gebt, ist völlig wertlos, und dafür nehmt ihr alles. Schließlich bleibt uns nur der kalte Hügel und Leere und das Lachen der Elfen.« Oma holte tief Luft. »Deshalb sage ich: Verschwindet!« »Sorg doch dafür, daß wir verschwinden, Alte.« »Mit einer solchen Antwort habe ich gerechnet.« »Wir wollen nicht die ganze Welt. Dieses kleine Königreich genügt uns. Und wir nehmen es, ob es uns willkommen heißt oder nicht.« »Nur über meine Leiche, werte Dame.« »Wenn du dir so sehr den Tod herbeisehnst…« Die Königin schlug mental zu, wie eine Katze., Oma Wetterwachs zuckte zusammen und neigte sich ein wenig nach hinten. »Werte Dame?« »Ja?« fragte die Königin. »Es gibt keine Regeln, oder?« »Regeln?« wiederholte die Königin. »Was ist das?« »Dachte ich mir«, murmelte Oma. Und lauter: »Gytha Ogg?« Es gelang Nanny, den Kopf zu drehen. »Ja, Esme?« »Meine Schatulle. In der Schublade. Du weißt, was damit geschehen soll.« Oma Wetterwachs lächelte. Die Königin schwankte zur Seite, als hätte ihr jemand eine wuchtige Ohrfeige versetzt. »Du hast doch etwas gelernt«, sagte sie. »Ja. Du erinnerst dich sicher daran, daß ich den Kreis nie betreten ha- be. Weil mir klar war, wohin er führte. Deshalb mußte ich lernen. Mein ganzes Leben lang. Mir blieb nichts anderes übrig, als diesen steinigen Weg zu beschreiten – der jedoch nicht ganz so schwer ist wie der leichte. Ja, ich habe gelernt. Von den Trollen, Zwergen und Menschen. Selbst von den Steinen.« »Wir töten dich nicht.« Die Königin flüsterte nun. »Das verspreche ich dir. Du bleibst am Leben, um zu sabbern und zu geifern, um dich selbst zu beschmutzen, um von Haus zu Haus zu gehen und zu betteln. Und die Leute werden sagen: Seht nur, da kommt die alte Irre.« »Das sagen sie jetzt schon«, erwiderte Oma Wetterwachs. »Sie glauben nur, daß ich es nicht höre.« Die Königin schenkte diesem Hinweis keine Beachtung. »In meinem Innern behalte ich einen Teil von dir, der durch deine Augen blickt und weiß, was aus dir geworden ist. Und erwarte keine Hilfe«, sagte die Königin. Sie kam näher, und Haß loderte in ihren Pupillen. »Es wird keine Barmherzigkeit geben für die alte Irre. Wenn du am Leben bleiben willst, mußt du auf jeden Bissen achten, den du ißt. Und immer sind wir bei dir, in deinem Kopf, um dich, an dein Los zu erinnern. Du hättest mächtig sein und viel erreichen kön- nen. Tief in deinem Innern wirst du’s wissen und dir nichts mehr wün- schen als Dunkelheit und das Schweigen der Elfen.« Oma Wetterwachs hatte eine Überraschung für die Königin parat. Seil- fasern der Fesseln fielen zu Boden, als sie plötzlich die Hand hob und zuschlug. »Damit drohst du mir?« fragte die Hexe. »Wo ich schon weiß, was es bedeutet, alt zu sein?« Die Königin fuhr sich mit den Fingern über das deutlich sichtbare Mal auf der Wange, während die Elfen ihre Bögen hoben und auf einen Be- fehl warteten. »Kehr in deine Welt zurück«, sagte Oma Wetterwachs. »Du glaubst, ei- ne Art Göttin zu sein, aber du hast nichts begriffen, überhaupt nichts. Was nicht stirbt, kann auch nicht leben. Was nicht lebt, kann sich nicht verändern. Was sich nicht verändert, kann nicht lernen. Das kleinste Geschöpf, das irgendwo im Gras stirbt, weiß mehr als du. Ja, es stimmt, ich bin alt. Ich bin älter als du. Du hast länger gelebt als ich, aber ich bin trotzdem älter. Und besser. Und das, werte Dame, ist gar nicht schwer.« Die Königin öffnete ein Ventil für ihren Zorn. Die Wucht des mentalen Hiebs veranlaßte Nanny Ogg, sich zusam- menzukrümmen. Oma Wetterwachs blinzelte. »Nicht schlecht«, krächzte sie. »Aber ich stehe noch immer. Ich sinke nicht auf die Knie. Und ich habe noch immer Kraft…« Ein Elf verlor das Gleichgewicht. Die Königin schwankte. »Ach, ich habe keine Zeit für solchen Unsinn«, sagte sie und schnippte mit den Fingern. Einige Sekunden verstrichen, ohne daß etwas geschah. Die Königin sah sich um, blickte zu ihren Untertanen. »Sie können ihre Waffen nicht einsetzen«, sagte Oma. »Und eigentlich entspricht das auch gar nicht deinen Wünschen, oder? Es wäre zu ein- fach.« »Du bist nicht in der Lage, meine Krieger zu kontrollieren! Soviel Kraft hast du nicht!«, »Möchtest du herausfinden, wie groß meine Macht ist, werte Dame? Hier, auf dem Boden von Lancre?« Sie trat vor. Magie knisterte in der Luft. Die Königin wich zurück. »In meinem eigenen Revier?« fügte Oma hinzu. Erneut ohrfeigte sie die Königin, fast sanft und zärtlich. »Nun?« fragte sie. »Kannst du mir nicht widerstehen? Was ist mit deiner Macht, werte Dame? Fehlt sie dir jetzt?« »Du dummes altes Weib!« Alle lebenden Wesen in einem Umkreis von fast zwei Kilometern spür- ten es. Kleinere Geschöpfe starben. Vögel fielen tot vom Himmel. Elfen und Menschen sanken ins Gras und hielten sich den Kopf. Im Oma Wetterwachs’ Garten starteten die Bienen. Wie Dampf kamen sie aus den Stöcken heraus, hatten es dabei so eilig, daß sie gegeneinanderprallten. Dem dumpfen, kanonenbootartigen Brummen der Drohnen gesellte sich das hektische Sirren der Arbeiterin- nen hinzu. Noch lauter war das Pikkolopfeifen der Königinnen. Die Schwärme stiegen in weiten Spiralen über der Lichtung auf, teilten sich und flogen los. Sie blieben nicht allein. Weitere Schwärme kamen, aus Weidenkörben in Hinterhöfen, aus hohlen Bäumen. Sie bildeten eine dunkle Wolke am Firmament. Nach einer Weile bildete sich ein Muster in dieser Wolke. Die Droh- nen flogen an den Flanken, brummten wie Bomber. Die Arbeiterinnen bildeten einen langen Kegel, der aus Tausenden von kleinen Körpern bestand. Ganz vorn, an der Spitze, flogen hundert Königinnen. Stille senkte sich auf die Wiesen hinab, als die Schwärme fort waren. Blumen neigten sich einsam im Wind hin und her. Nektar floß unge- trunken. Es blieb den Blüten überlassen, sich selbst zu befruchten. Die Bienen waren zu den Tänzern unterwegs. Oma Wetterwachs kniete und preßte beide Hände an die Schläfen. »Nein…«, »O doch«, erwiderte die Königin. Esme Wetterwachs hob die Arme. Anstrengung und Schmerz krümm- ten ihre Finger wie Krallen. Magrat stellte fest, daß sie die Augen bewegen konnte. Der Rest ihres Körpers fühlte sich schwach und nutzlos an, trotz Kettenhemd und Brustharnisch. Jetzt war es also soweit. Mindestens tausend Jahre trenn- ten sie von Ynci, aber trotzdem glaubte sie, das spöttische Lachen der Kriegerin zu hören. Sie hätte nicht einfach so aufgegeben. Magrat war nur eine weitere jener einfältigen und apathischen Frauen, die bloß lange Gewänder trugen und sich um die Sache mit der Thronfolge kümmer- ten… Bienen strömten vom Himmel herab. Oma Wetterwachs wandte sich an Magrat. Ganz deutlich hörte die jüngere Frau eine Stimme hinter ihrer Stirn: »Möchtest du Königin sein?« Und dann war sie frei. Die Müdigkeit fiel von ihr ab. Ynci schien aus dem Helm zu strömen, um die Leere in Magrat mit Kraft und Entschlossenheit zu füllen. Es regnete noch mehr Bienen, und sie bedeckten die zusammengesun- kene Gestalt der alten Hexe. Die Königin drehte sich um, und das Lächeln in ihrem Gesicht erstarr- te, als Magrat die Gestalt straffte und vortrat. Gedankenlos hob sie die Streitaxt und holte damit aus. Die Königin bewegte sich noch schneller. Ihr Hand zuckte nach vorn und schloß sich um Magrats Unterarm. »Hast du wirklich geglaubt, daß es so einfach ist?« fragte sie und lächel- te. Anschließend drückte sie noch etwas fester zu und verdrehte die Hand. Es bliebt Magrat nichts anderes übrig, als die Axt loszulassen. »Und du willst eine Hexe sein?« Die Bienen bildeten unterdessen einen braunen Nebel, hinter dem sich nur noch vage die Gestalten von Elfen abzeichneten. Mit Pfeilen ließ sich gegen die Insekten kaum etwas ausrichten – sie waren viel zu klein., Darüber hinaus kamen sie mit natürlicher Immunität Glamour gegen- über, und mit dem festen Willen zu töten. Magrat spürte, wie es in ihren Knochen vibrierte. »Die alte Hexe ist erledigt«, sagte die Königin und zwang Magrat nach unten. »Ich will keineswegs behaupten, sie sei nicht gut gewesen. Aber sie war eben nicht gut genug. Und du bist es ganz gewiß nicht.« Magrat sank immer mehr dem Boden entgegen. »Warum versuchst du nicht, ein wenig Magie gegen mich zu beschwö- ren?« fragte die Königin spöttisch. Die Frau in der Rüstung trat zu. Ihr Fuß traf die Königin am Knie, und ganz deutlich hörte sie, wie etwas knackte. Als die Elfe taumelte, warf sich Magrat nach vorn, stieß an die Hüfte der Gegnerin und riß sie mit sich ins Gras. Die Zartheit der Königin verblüffte sie. Auch sie selbst war ziemlich dünn, doch dieses Geschöpf schien kaum etwas zu wiegen. Sie zog sich nach oben, bis sich ihr Gesicht auf einer Höhe mit dem der Königin befand. »Du bist nichts«, brachte sie hervor. »Es spielt sich alles nur im Kopf ab, oder? Ohne den Glamour…« Magrat sah ein fast dreieckiges Gesicht mit winzigem Mund, einer nur angedeuteten Nase und sehr großen Augen, in denen nun Entsetzen flackerte. »Eisen«, hauchte die Königin. Ihre Hände griffen nach Magrats Armen, doch jetzt steckte keine Kraft mehr in ihnen. Die Stärke der Elfen lag darin, andere Leute von deren Schwäche zu überzeugen. Magrat fühlte, wie das Wesen verzweifelt versuchte, einen Weg in ihr Bewußtsein zu finden. Aber es klappte nicht. Der Helm… … lag knapp einen Meter entfernt im Schlamm. Ihr blieb gerade noch Zeit genug zu bedauern, diesen Umstand zur Kenntnis genommen zu haben. Die Königin griff erneut an und bohrte ihr Selbst in eine sich rasch ausdehnende Unsicherheit. Sie war nichts, noch weniger als bedeutungslos. Sie war so wert- und bedeutungslos, daß sogar ein absolut wert- und bedeutungsloses Ge- schöpf sie für unter seiner Würde gehalten hätte. Ihr Versuch, die Pläne, der Königin zu vereiteln, verdiente es, mit ewiger Qual bestraft zu wer- den. Sie verlor die Kontrolle über ihren Körper, den sie gar nicht ver- diente. Sie verdiente überhaupt nichts, abgesehen von der bereits er- wähnten Strafe. Verachtung kratzte und schabte über sie hinweg, zerfetzte das Ich na- mens Magrat Knoblauch. Sie würde nie irgend etwas taugen, nie schön, intelligent oder stark sein. Eine in jeder Hinsicht graue Zukunft erwartete sie. Selbstvertrauen? Vertrauen wozu? Und in was? Die Welt schien nur noch aus den Augen der Königin zu bestehen. Al- les in der ehemaligen Hexe drängte danach, sich in ihnen zu verlieren… Doch ein Rest von Magrat Knoblauch begehrte auf, zerrte an den ver- schiedenen Schichten ihrer Seele… … und legte den Kern frei. Sie ballte die Faust, und ihr Hieb traf die Elfe zwischen den Augen. Die Königin erlebte einen etwa zwei Sekunden langen Anfall akuter Verwirrungsagonie, bevor Magrats Faust erneut das Ziel traf, und dann noch einmal. In einem Bienenstock konnte es nur eine Königin geben. Andern- falls… Zack! Bumm! Sie rollten zur Seite und in den Schlamm. Magrat spürte einen Stich am Bein, doch darauf achtete sie ebensowenig wie auf die Geräusche um sie herum. Eine weitere Rolle, die diesmal in einer Pfütze endete. Etwas Hartes verlangte Magrats Aufmerksamkeit – die Streitaxt. Die Elfe zerrte an ihr, aber sie war viel zu schwach. Es gelang Magrat, sich aufzusetzen, die Axt zu heben… Plötzlich bemerkte sie die Stille. Lautlosigkeit wogte wie eine Welle über die Elfen der Königin und Shawn Oggs improvisiertes Heer hinweg, als der Glamour nachließ. Vor dem untergehenden Mond zeichnete sich eine Gestalt ab. Die Brise der Morgendämmerung trug einen seltsamen Geruch mit sich. Es roch nach Löwenkäfigen und Laubkompost., »Er ist zurück«, sagte Nanny Ogg. Sie blickte zur Seite und sah Ridcul- ly, dessen Gesicht glühte. Langsam hob er die Armbrust. »Nimm das Ding runter«, forderte Nanny ihn auf. »Seht euch das Geweih an…«, hauchte der Erzkanzler. »Weg damit!« »Aber…« »Der Bolzen flöge einfach hindurch, ohne Schaden anzurichten. Er ist transparent – man kann sogar die Bäume hinter ihm sehen. In Wirklich- keit befindet er sich gar nicht hier. Es bleibt ihm nach wie vor verwehrt, das Tor zu durchschreiten. Er kann jedoch seine Gedanken schicken.« »Aber ich rieche…« »Wenn er tatsächlich da wäre, so stünden wir jetzt nicht mehr hier.« Die Elfen wichen zurück, als der König näher kam. Seine Hinterläufe waren nicht dafür geschaffen, wie die Beine von Zweifüßern benutzt zu werden. Die Knie zeigten in die falsche Richtung, und die Hufe waren viel zu groß. Er ignorierte die übrigen Anwesenden und stapfte langsam zur Köni- gin. Magrat erhob sich und hielt unsicher die Axt bereit. Die Königin sprang auf und streckte wie abwehrend die Arme aus, als ihre Lippen die erste Silbe eines Fluchs formten… Der König blickte auf sie hinab und sagte etwas. Nur Magrat hörte die Worte. Später meinte sie, es sei um eine Verabredung im Mondschein gegan- gen. Und sie erwachten. Die Sonne leuchtete schon ein ganzes Stück überm Rand. Männer und Frauen standen auf, starrten sich groß an. Nirgends war ein Elf zu sehen. Nanny Ogg sagte als erste etwas. Hexen fällt es leichter als anderen Leuten, sich an das zu gewöhnen, was ist. Sie vergeuden weniger Gedan- ken an Dinge, die sein sollten., Sie sah übers Moor. »Die wichtigste Sache ist jetzt, so schnell wie mög- lich die Steine wieder aufzustellen.« »Das ist die zweitwichtigste Sache«, berichtigte Magrat sie. Sie wandten sich beide der reglosen Oma Wetterwachs zu. Einige Bie- nen summten unschlüssig um ihren Kopf herum. Nanny Ogg zwinkerte Magrat zu. »Gut gemacht, Mädchen. Wußte gar nicht, daß du das Zeug hast, einen solchen Angriff zu überleben. Ich hatte ganz schön die Buchse voll – und fast wäre dies keine Metaffer gewesen.« »Ich bin an so was gewöhnt«, erwiderte Magrat dumpf. Nanny Ogg zog eine Braue hoch, ging jedoch nicht darauf ein. Statt dessen stieß sie Oma mit dem Stiefel an. »Wach auf, Esme. Gut gemacht. Wir haben gewonnen.« »Esme?« Ridcully ging in die Hocke und griff nach Omas Hand. »Die Anstrengung hat sie sicher sehr erschöpft«, plapperte Nanny. »Magrat zu befreien und so…« Ridcully sah auf. »Sie ist tot«, sagte er. Er schob beide Arme unter den Leib, hob ihn hoch und schwankte ein wenig. »Oh, sie würde nicht einfach so sterben«, sagte Nanny. Aber sie klang jetzt wie jemand, dessen Mund auf Automatik läuft, weil sich das Gehirn ausgeschaltet hat. »Sie atmet nicht, und es läßt sich kein Puls feststellen«, meinte der Zauberer. »Wahrscheinlich ruht sie nur aus.« »Ja.« Bienen kreisten hoch am blauen Himmel., Ponder Stibbons und der Bibliothekar halfen dabei, die Steine wieder an den richtigen Platz zu stellen. Gelegentlich benutzten sie den Quästor als Hebel – er erlebte gerade wieder die steife Phase. Ponder stellte fest, daß es sich um ungewöhnliche Steine handelte. Sie waren hart und sahen aus, als seien sie vor langer Zeit einmal geschmol- zen worden. Jason Ogg beobachtete, wie Stibbons nachdenklich neben einem der sogenannten Tänzer stand. In der Hand hielt er einen Bindfaden mit einem Nagel dran. Doch der Nagel hing nicht etwa nach unten, sondern zeigte zum Stein und schien ihn unbedingt erreichen zu wollen. Der Bindfaden vibrierte so heftig, daß ein leises Brummen erklang. Ponder starrte wie hypnotisiert darauf hinab. Jason zögerte. Er begegnete Zauberern nur sehr selten und wußte nicht recht, wie man sich ihnen gegenüber verhielt. »Der Stein zieht den Nagel an«, sagte Ponder. »Aber warum?« Jason schwieg. Und er hörte, wie der Zauberer sagte: »Vielleicht gibt es Eisen und… und Eisen, das anderes Eisen liebt. Oder männliches und weibliches Ei- sen. Oder gewöhnliches und königliches Eisen. Oder gewisses Eisen enthält noch etwas anderes. Vielleicht existiert Eisen, das ein Gewicht in der Welt schafft, und anderes Eisen rollt dann über die gewölbte Gum- mifläche.« Quästor und Bibliothekar kamen näher, und ihre Aufmerksamkeit galt ebenfalls dem zitternden Nagel. »Verdammt!« meinte Ponder schließlich und ließ den Bindfaden los. Der Nagel sauste fort, haftete mit einem Plink am Stein fest. Der Zauberer wandte sich den anderen zu und zeigte den gequälten Gesichtsausdruck eines Mannes, der die große, surrende Maschine des Universums auseinandernehmen will und dem dafür eine verbogene Bü- roklammer zur Verfügung steht. »Heda, Herr Sonnenschein«, sagte der Quästor. Die frische Luft und das Fehlen von Geschrei stimmten ihn fast fröhlich. »Steine!« brachte Ponder hervor. »Warum vergeude ich meine Zeit mit Steinen? Hat man von Steinen jemals etwas erfahren? Wißt ihr, manch-, mal glaube ich, daß sich dort draußen ein Ozean der Wahrheit erstreckt, und ich sitze am Strand und spiele mit… mit Steinen.« Er trat nach dem Felsen. »Aber eines Tages finden wir eine Möglichkeit, auf jenem Ozean zu se- geln«, fügte er hinzu und seufzte. »Kommt. Wir sollten jetzt besser zum Schloß gehen.« Der Bibliothekar sah zu, wie eine Prozession aus müden Leuten durchs Tal zog. Er griff nach dem Nagel, zog ihn fort und beobachtete, wie er zum Stein zurückflog. »Ugh.« Er hob den Kopf und begegnete Jason Oggs Blick. Zur großen Überraschung des Schmieds zwinkerte der Orang-Utan. Manchmal, wenn man genau auf die Steine am Ufer achtet, kann man mehr über den Ozean herausfinden. Die Uhr tickte. Umgeben vom matten, kühlen Licht des Morgens saß Nanny Ogg in Oma Wetterwachs’ Hütte und öffnete die Schatulle. In Lancre wußte man von der geheimnisvollen Schachtel. Angeblich beinhaltete sie Bücher mit Zauberformeln, ein kleines privates Univer- sum, Heilmittel für alle Krankheiten, Tore zu verlorenen Reichen und mehrere Tonnen Gold – was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, daß die Schatulle kaum dreißig Zentimeter durchmaß. Oma hatte Nanny Ogg nie Einzelheiten bezüglich des Inhalts mitgeteilt, abgesehen vom Testament. Nanny Ogg war nun ein wenig überrascht, als sie auf die Dinge in der Schachtel hinabblickte: einige große Umschläge, ein Bündel mit Briefen, und unten eine Ansammlung ganz gewöhnlicher Gegenstände. Nanny griff nach den Umschlägen. Auf dem ersten stand geschrieben: An Gytha Ogg, Lies dies jetzt, ich meinige SOFORT. Der zweite war ein wenig kleiner und zeigte folgende Aufschrift: Der letztige Wille vonne Esmeralda Wetterwachs, geschtorben in der Mitt- sommernacht., Und dann das Bündel mit Briefen, von einem Bindfaden umschnürt. Sie schienen ziemlich alt zu sein. Kleine Stücke vergilbten Papiers bra- chen ab, als Magrat die Briefe aus der Schatulle zog. »Sind alle an Esme adressiert«, murmelte sie. »Eine ganz normale Sache«, erwiderte Nanny. »Jeder kann Briefe be- kommen.« »Und dann die Sachen ganz unten«, fuhr Magrat fort. »Sehen wie Kie- selsteine aus.« Sie nahm einen heraus. »In diesem hier steckt eins der schnörkeligen Fossiliendinger«, sagte sie. »Und der dort… Sieht aus wie das rote Gestein, aus dem die Tänzer bestehen. Eine Nadel klebt daran fest. Seltsam.« »Esme hat immer auf kleine Details geachtet. Ja, sie versuchte dauernd, irgendwelchen Sachen auf den Grund zu gehen.« Sie schwiegen, und ihr Schweigen dehnte sich aus, füllte die Küche und wurde vom geduldigen Ticken der Uhr in kleine Scheiben geschnitten. »Ich hätte nie gedacht, daß es dazu kommt«, meinte Magrat nach einer Weile. »Ich hätte nie gedacht, daß wir einmal ihr Testament lesen. Ich habe immer angenommen, der Tod beträfe nur andere Leute, nicht aber Oma Wetterwachs.« »Tja, da hast du dich geirrt«, entgegnete Nanny. »Tempus fugit.« »Nanny?« »Ja, Magrat?« »Ich verstehe das nicht. Oma war deine Freundin, aber du… du scheinst gar nicht traurig zu sein.« »Nun, ich habe einige Ehemänner und Kinder begraben. Früher oder später gewöhnt man sich daran. Wie dem auch sei: Wenn sich Esme jetzt nicht an einem besseren Ort befindet, so beginnt sie sicher damit, ihn zu verbessern.« »Nanny?« »Ja, Magrat?« »Wußtest du etwas von dem Brief?«, »Von welchem Brief?« »Ich meine den an Verence.« »Nein, von einem Brief an Verence weiß ich nichts.« »Er muß ihn einige Wochen vor unserer Rückkehr bekommen haben. Vermutlich hat Oma ihn geschickt, noch bevor wir Ankh-Morpork er- reicht haben.« Magrat musterte Nanny und hielt vergeblich nach Anzeichen von Schuld Ausschau. »Diesen Brief hier meine ich«, sagte sie und zog ihn unterm Brusthar- nisch hervor. »Lies ihn ruhig.« Nanny Ogg las: »›Lieber Herre, ich schreibige dir um mitzuteilen dasse Magrat Kno- blauch am Bildschweindienstag (plußminuß einige Tage) nach Lancre zurückkehrigen wird. Sie isset ein Küken aber auch sauber und sie habet gesunde Zähne. Wenn du sie heiraten möchtigst so beginn sofortig mit den Vorbereitungen denn wenn du ihr nur einen Antrag machigst so führet sie dich nur an der Nase herum weil sie sich nicht entscheidigen kann. Magrat verschteht es gut siche selbst Hindernisse in den Weg zu legen. Sie weis überhaupt nicht was sie wille. Du bist König und kannest tun und lassigen was dir gefällt. Du solltest Magrat vor vollendigte Tatsa- chen schtellen. Pehess: Man munkelt davon dasse Heksen bald Steuern bezahligen sollen. Schon seit fielen Jahren hat kein König von Lancre mehr versucht ein solches Gesetz zu erlassigen. Ich schlage vor du nimmst dir ein Beispiel daranne. Mit freundlichen Grüssen derzeit gehet es mir gute. EIN FREUND (ANONÜM).‹« Das Ticken der Uhr nähte die Decke der Stille. Nanny Ogg drehte sich zur Uhr um. »Sie hat alles arrangiert!« entfuhr es Magrat. »Du weißt doch, wie Veren- ce ist. Ich meine, man weiß doch sofort, von wem der Brief stammt, oder? Und als ich zurückkehrte, war alles vorbereitet…« »Wie hättest du dich verhalten, wenn nichts vorbereitet gewesen wäre?« fragte Nanny., Magrat blinzelte verwirrt. »Nun, ich… Ich meine… Ich, äh…« »Dann würdest du heute vermutlich nicht heiraten, oder?« fragte Nan- ny. Doch ihre Stimme kam aus der Ferne, als sei sie in Gedanken mit etwas ganz anderem beschäftigt. »Nun, kommt darauf an…« »Du möchtest doch heiraten, oder?« »Äh, ja, natürlich, aber…« »Dann ist ja alles klar«, sagte Nanny in mütterlichem Tonfall. »Ja, aber sie hat mich einfach fortgeschickt und mich praktisch im Schloß eingesperrt, und deswegen bin ich so wütend geworden…« »Du warst wütend genug, um der Königin die Stirn zu bieten«, unter- brach Nanny die jüngere Frau. »Du hast sie sogar angegriffen. Gut ge- macht. Die alte Magrat hätte das nicht gekonnt, oder? Esme sah immer bis zum… Kern der Sache. Bitte sei jetzt so nett, geh in den Hof und sieh nach, wieviel Brennholz noch da ist.« »Aber ich habe sie gehaßt und gehaßt, und jetzt ist sie tot!« »Ja. Geh jetzt und sag Nanny, wie hoch der Stapel ist, in Ordnung?« Magrat öffnete den Mund, um zu sagen: »Zufälligerweise bin ich fast die Königin.« Aber sie entschied sich dagegen. Statt dessen ging sie stumm nach draußen und sah hinterm Haus nach. »Es ist noch ziemlich viel Brennholz da«, sagte sie, als sie zurückkehrte und sich die Nase putzte. »Und es scheint erst vor kurzem aufgeschichtet worden zu sein.« »Außerdem hat Esme gestern die Uhr aufgezogen«, murmelte Nanny. »Und die Teebüchse ist halb voll – hab’ gerade einen Blick hineingewor- fen.« »Und?« »Esme war nicht sicher«, sagte Nanny. »Hmm.« Sie öffnete den an sie adressierten Umschlag. Er war größer und fla- cher als der mit dem Testament, enthielt nur ein Pappschild. Nanny las es, ließ es dann auf den Tisch fallen., »Komm!« stieß sie hervor. »Wir haben nicht viel Zeit.« »Was ist denn?« »Und nimm die Zuckerdose mit!« Nanny riß die Tür auf und lief zu ihrem Besen. »Komm!« Magrat griff nach dem Schild. Die Handschrift wirkte vertraut, stamm- te eindeutig von Oma Wetterwachs. Krakelige Buchstaben bildeten folgende Botschaft: ICH BINNE NICH TOT. »Halt! Wer da?« »Warum hältst du mit einem Arm in der Schlinge Wache, Shawn?« »Dienst ist Dienst, Mama.« »Na schön. Laß uns eintreten.« »Bist du Freund oder Feind, Mama?« »Shawn, hier neben mir steht die Fast-Königin Magrat, hast du ver- standen?« »Ja, aber ihr müßt…« »Öffne das Tor, und zwar sofort!« »Aua – ja, Mama!« Magrat bemühte sich, mit Nanny Schritt zu halten, als sie durchs Schloß eilte. »Der Zauberer hatte recht«, sagte die jüngere Frau. »Oma ist tot. Ich finde es durchaus verständlich, daß du das Gegenteil hoffst, aber ich weiß, wann jemand tot ist.« »Nein, weißt du nicht. Vor einigen Jahren bist du tränenüberströmt zu mir gekommen, und es stellte sich heraus, daß sie nur borgte. Sie nahm den Zwischenfall zum Anlaß, dieses Schild zu machen.« »Aber…«, »Sie wußte nicht genau, was geschehen würde«, fuhr Nanny fort. »Und das genügt mir.« »Nanny…« »Man weiß nie genau Bescheid, wenn man nicht nachsieht«, sagte Nanny Ogg und legte damit ihre eigene Unschärferelation dar. Sie schob schwungvoll die Tür des Großen Saals auf. »Was geht hier vor?« Ridcully stand auf und wirkte verlegen. »Nun, es erschien mir nicht richtig, sie allein zu lassen…« »Meine Güte!« Nanny beobachtete die Szene. »Kerzen und Lilien. Ich wette, du hast sie selbst gepflückt, im Garten. Und dann hast du Esme hier drin eingesperrt.« »Nun…« »Ohne ein einziges Fenster zu öffnen! Hörst du sie nicht?« »Was soll ich hören?« Nanny sah sich rasch um und griff nach einem silbernen Kerzenstän- der. »Nein!« Magrat nahm ihr den Gegenstand aus der Hand. »Zufälligerweise…« Sie holte aus. »… ist dies…« Sie zielte. »… mein Schloß… fast…« Der Kerzenständer sauste durch die Luft, drehte sich dabei um die ei- gene Achse und traf ein großes Fenster. Buntes Glas splitterte. Sonnenschein strömte frisch und ungefiltert auf den Tisch – im lang- samen magischen Feld der Scheibenwelt war die Bewegung deutlich zu erkennen. Bienen glitten durch die Lichtbalken wie Murmeln durch glän- zende Röhren. Der Schwarm senkte sich auf den Kopf der Hexe herab und sah aus wie eine gefährliche Perücke. »Was…«, begann Ridcully. »Bestimmt gibt sie wochenlang damit an«, sagte Nanny. »Mit Bienen hat es noch niemand geschafft. Weil ihr Selbst überall ist, weißt du. Das, Ich beschränkt sich nicht auf ein Insekt, sondern verteilt sich auf den ganzen Schwarm.« »Was soll…« Oma Wetterwachs’ Finger zuckten. Die Augen gingen auf. Ganz langsam setzte sie sich auf, und offenbar fiel es ihr nicht leicht, den Blick auf Magrat und Nanny Ogg zu fixieren. »Ich möchte einen Blumenstrausss, einen Topf mit Honig und jeman- den, den ich ssstechen kann.« »Wir haben die Zuckerdose mitgebracht, Esme«, sagte Nanny Ogg. Oma warf einen hungrigen Blick darauf und sah dann zu den Bienen, die von ihrem Kopf starteten – wie Jagdmaschinen von einem zum Un- tergang verurteilten Flugzeugträger. »Gib ein bißchen Wassser dassu und schütt den Zucker für sssie auf den Tisch.« Oma Wetterwachs lächelte triumphierend, als Nanny Ogg davoneilte. »Ich habe esss mit Bienen geschafft! Esss hiesss immer, niemand könnte esss mit Bienen schaffen, aber mir issst esss gelungen! Man hat dann ein Ssselbst, dasss in sssahllose verschiedene Richtungen fliegt! Man musss gut sssein, um esss mit Bienen zu schaffen!« Nanny Ogg leerte die Schüssel mit improvisiertem Sirup auf dem Tisch. Der Schwarm landete darauf. »Du lebst?« brachte Ridcully hervor. »Dasss issst der Vorteil einer Universitätsssbildung«, kommentierte Oma und massierte sich die tauben Arme. »Man braucht sssich nur auf- zusetzen und fünf Minuten lang sssu reden, um sssolchen Leuten zu zeigen, dasss man noch lebt.« Nanny Ogg reicht ihr ein Glas Wasser. Es schwebte kurz in der Luft und fiel dann zu Boden – Oma hatte versucht, mit ihrem fünften Bein danach zu greifen. »Entschuldigung.« »Ich wußte, daß du nicht sicher warst!« freute sich Nanny., »Sssicher? Natürlich war ich sssicher! Hatte nie auch nur den gering- sten Sssweifel.« Magrat erinnerte sich an das Testament. »Du hattest überhaupt keinen Zweifel?« Oma Wetterwachs war anständig genug, Blickkontakt zu vermeiden. Sie rieb sich die Hände. »Was ist passiert, während ich fort gewesen bin?« »Nun«, antwortete Nanny, »Magrat war mutig genug, um…« »Oh, ich weiß. Du hast inzwischen geheiratet, nicht wahr?« »Geheiratet?« entfuhr es den übrigen Anwesenden verblüfft. »O nein!« klagte Magrat. »Pater Perdore von den Neun-Tage-Rätslern sollte die Trauung vornehmen, aber ein Elf hat ihn außer Gefecht ge- setzt. Außerdem steht das Schloß inzwischen leer, und…« »Keine faulen Ausreden«, warf Oma ein. »Zur Not kann sich auch ein Zauberer um das Trauungsritual kümmern, nicht wahr?« »Ich, ich, ich glaube schon«, sagte Ridcully, der allmählich den Über- blick verlor. »Na bitte«, brummte Oma. »Ein Zauberer ist ein Priester ohne Gott und mit feuchtem Händedruck.« »Aber die meisten Gäste sind weggelaufen!« rief Magrat. »Wir besorgen dir andere«, versprach Oma. »Frau Scorbic kann das Hochzeitsmahl unmöglich rechtzeitig zuberei- ten!« »Du mußt es ihr befehlen!« schlug Oma Wetterwachs vor. »Die Brautjungfern sind nicht da!« »Es klappt auch ohne sie.« »Ich habe nichts anzuziehen!« »Ach? Und was hast du da an?« Magrat blickte auf das rostige Kettenhemd, einen schmutzverkrusteten Brustharnisch und die wenigen feuchten Reste weißer Seide, die wie ein zerfetzter Heroldsrock an ihr hingen., »Sieht doch ganz gut aus«, behauptete Oma. »Nanny kümmert sich um das Haar.« Aus einem Reflex heraus hob Magrat die Hände, nahm den Helm ab und klopfte sich auf den Kopf. Von Zweigen stammende Holzschnipsel und Heidekraut steckten im Haar und bildeten eine feste Masse, die je- dem Kamm widerstand. Schon unter günstigen Umständen blieb Ma- grats Haar höchstens fünf Minuten lang in einer einigermaßen ordentli- chen Form. Derzeit ähnelte es einem Vogelnest. »Ich glaube, ich lasse es so«, sagte die Fast-Königin. Oma nickte anerkennend. »Richtig so«, meinte sie. »Es kommt nicht darauf an, was du hast. Wichtig ist in erster Linie, wie du es bekommen hast. Nun, ich schätze, dann wäre wohl alles geregelt.« Nanny beugte sich vor und flüsterte etwas. »Was? Oh. Ja. Wo steckt der Bräutigam?« »Er leidet noch immer an Verwirrung«, sagte Magrat. »Weiß nicht ge- nau, was geschehen ist.« »Das ist völlig normal nach dem letzten Junggesellenabend«, erwiderte Nanny. Gewisse Probleme mußten gelöst werden: »Wir brauchen einen Trauzeugen.« »Ugh.« »Na schön. Aber zieh was an.« Die Köchin Frau Scorbic verschränkte die dicken rosaroten Arme. »Unmöglich«, verkündete sie. »Ich dachte dabei an Salate und ein wenig frisches Gemüse und so…«, sagte Magrat in einem flehentlichen Tonfall. Die Köchin schob das keineswegs haarlose Kinn vor., »Die Elfen haben in der Küche alles durcheinandergebracht. Es dauert Tage, um wieder Ordnung zu schaffen. Wie dem auch sei: Jeder weiß, daß frisches Gemüse der Gesundheit schadet, und Pasteten mit Eiern drin sind völlig ausgeschlossen.« Magrat warf Nanny Ogg einen hilflosen Blick zu. Oma Wetterwachs war in den Garten gegangen und steckte dort ihre Nase in den einen oder anderen Blütenkelch. »Mich geht das nichts an«, sagte Nanny. »Immerhin ist es nicht meine Küche.« »Nein, es ist meine«, betonte Frau Scorbic. »Und ich weiß, wie man rich- tig kocht. Und ich lasse mich in meiner Küche nicht von einer Frau her- umkommandieren, die kaum mehr ist als ein halbes Kind.« Magrat ließ die Schultern sinken. Nanny berührte sie am Arm. »Ich schätze, jetzt brauchst du das hier«, sagte sie und hielt den Flügel- helm hoch. »Der König war immer zufrieden mit meinen…«, begann Frau Scorbic. Es klickte. Die Köchin blickte über eine gespannte Armbrust und sah darüber Entschlossenheit in Magrats Gesicht. »Ich rate dir dringend, deine Meinung in Hinsicht auf das frische Ge- müse zu ändern«, sagte die Königin von Lancre. Verence saß im Nachthemd und stützte den Kopf auf die Hände. Was die vergangenen Stunden betraf, erinnerte er sich an kaum etwas – abge- sehen von Kälte. Und niemand schien bereit zu sein, mit ihm über die Ereignisse der Nacht zu sprechen. Es knarrte leise, als sich die Tür öffnete. Er sah auf. »Freut mich, daß du auf den Beinen bist«, sagte Oma Wetterwachs. »Ich bin gekommen, um dir beim Anziehen zu helfen.« »Ich habe im Kleiderschrank nachgesehen«, erwiderte Verence. »Die… Elfen stecken dahinter, nicht wahr? Haben alles geplündert. Meine ganze Kleidung ist weg.«, Oma sah sich um, trat an eine Truhe heran und öffnete sie. Glöckchen bimmelten; Stoff glänzte rot und gelb. »Ich dachte mir schon, daß du es nicht fertiggebracht hast, dieses Ko- stüm wegzuwerfen. Und es müßte passen – immerhin bist du noch im- mer so dünn wie vorher. Kopf hoch! Es gefällt Magrat bestimmt.« »O nein.« Verence schüttelte den Kopf. »Auf keinen Fall. Ich bin jetzt der König. Es wäre erniedrigend für Magrat, einen Narren zu heiraten. Ich, äh, habe einen Ruf zu wahren, um des Königreichs willen. Außer- dem gibt es so etwas wie Stolz.« Oma Wetterwachs’ durchdringender Blick ließ Unbehagen in ihm wachsen. »Nun, es gibt ihn tatsächlich, den Stolz, meine ich«, fügte er kleinlaut hinzu. Oma nickte und schritt zur Tür. »Warum gehst du?« fragte Verence nervös. »Ich gehe gar nicht«, sagte Oma ruhig. »Ich schließe nur die Tür.« Und dann der Zwischenfall mit der Krone. Eine hastig durchgeführte Suche in Verences Schlafzimmer förderte Zeremonien und Protokolle des Königreichs Lancre zutage. Es beschrieb den Vorgang auf eine recht klare Weise. Die neue Königin wurde vom König gekrönt – dieses Ritual gehörte zur Hochzeit. Normalerweise waren da- mit keine Probleme verbunden: Selbst durch generationenlange Inzucht hervorgegangene Könige schafften es spätestens beim zweiten Versuch, die richtige Stelle für die Krone zu finden. Doch in diesem besonderen Fall erfuhr das Ritual eine nicht im Buch beschriebene Erweiterung. Die- sen Eindruck gewann zumindest Ponder Stibbons. Als Verence Anstalten machte, Magrat die Krone aufs Haupt zu set- zen, zögerte er kurz und sah durch den großen Saal zur alten Hexe. Fast alle Anwesenden folgten seinem Blick, auch die Braut. Die alte Hexe deutete ein Nicken an. Magrat wurde gekrönt. Fiedelbumm trallala., Braut und Bräutigam standen Seite an Seite und nahmen die guten Wün- sche der Gäste, die eine lange Schlange bildeten, entgegen. Das frisch vermählte Paar wirkte ein wenig benommen – ein vollkommen normaler Zustand während dieser Phase der Zeremonie. »Bestimmt werdet ihr sehr glücklich…« »Danke.« »Ugh!« »Danke.« »Nagel es an die Theke, Lord Ferguson, und zur Verdammnis mit den Käsehändlern!« »Danke.« »Darf ich die Braut küssen?« Verence glaubte, von leerer Luft angesprochen worden zu sein. Nach zwei oder drei Sekunden senkte er den Kopf. »Entschuldigung«, sagte er. »Du bist…« »Meine Karte«, erwiderte Casanunda. Verence las sie und wölbte die Brauen. »Ah«, meinte er. »Oh, äh. Nun. Nun, nun. Der zweitbeste, wie?« »Ich werde mir demnächst noch mehr Mühe geben«, versprach Casa- nunda. Verence sah sich verlegen um, ging dann in die Hocke und flüsterte dem Zwerg ins Ohr: »Könnten wir gelegentlich unter vier Augen miteinander reden?« Die Moriskentänzer von Lancre trafen sich beim Empfang wieder. Es fiel ihnen schwer, miteinander zu sprechen. Einige von ihnen tänzelten manchmal. »Na schön«, brummte Jason. »Erinnert sich jemand von euch? Ich meine, gibt es jemanden, der sich wirklich an etwas erinnert?«, »Ich erinnere mich an den Anfang«, sagte Schneider, der andere Weber. »Ja, genau an den Beginn. Und ans Tanzen im Wald. Doch die Vorstel- lung…« »Elfen sind aufgetreten«, warf Kesselflicker, der Kesselflicker, ein. »Darum ist es schiefgegangen«, sagte Dachdecker, der Fuhrmann. »Ich glaube, es wurde mächtig viel geschrien und so.« »Ich habe jemanden mit Hörnern gesehen«, sagte Fuhrmann. »Und mit einem langen dicken…« »Es war alles nur ein Traum«, spekulierte Jason. »He, sieh nur dort drüben, Fuhrmann«, sagte Weber und zwinkerte den anderen zu. »Da ist der Affe. Du wolltest ihn doch etwas fragen, nicht wahr?« Fuhrmann nickte. »Ja, genau.« »Jetzt hast du die Möglichkeit dazu«, meinte Weber mit jener fröhli- chen Boshaftigkeit, die intelligente Leute schlichten Gemütern gegen- über zur Schau stellen. Der Bibliothekar unterhielt sich mit Ponder und dem Quästor. Er sah sich um, als ihm jemand auf die Schulter klopfte. »Du bist drüben in Schnitte gewesen, nicht wahr?« fragte Fuhrmann mit unschuldiger Offenheit. Der Bibliothekar musterte ihn höflich verwirrt. »Ugh!« Fuhrmann runzelte die Stirn. »Dorthin hast du deine Nuß gebracht, stimmt’s?« Der Bibliothekar musterte den Moriskentänzer noch etwas länger und schüttelte dann den Kopf. »Ugh.« »Weber!« rief Fuhrmann. »Der Affe hier hat mir gerade mitgeteilt, daß er seine Nuß nicht dort verstaut, wo die Sonne nie scheint! Du hast das behauptet! Oder behauptest du jetzt, es nie behauptet zu haben?« Er wandte sich wieder an den Bibliothekar. »Er hat’s behauptet, Weber. Dachte mir schon, daß es nicht stimmt. So ein Unsinn. Es gibt über-, haupt keine Affen in Lancre und auch keine in Schnitte. Außerdem: Af- fen sind blöd. Gehören ja zu den Tieren, nich’?« Stille folgte, dehnte sich in konzentrischen Kreisen aus. Ponder Stibbons hielt den Atem an. »Dies ist eine nette Party«, sagte der Quästor zum Stuhl. »Ich wünsch- te, ich wäre hier.« Der Bibliothekar nahm eine große Flasche vom nächsten Tisch. Er klopfte Fuhrmann auf die Schulter. Er schenkte ihm ein großes Glas voll ein und klopfte ihm auf den Kopf. Die Anspannung wich von Ponder, und er konzentrierte sich wieder auf sein Experiment. Er hatte ein Messer an einen Bindfaden gebunden und beobachtete nun, wie es sich drehte und drehte… Als Weber an jenem Abend nach Hause ging, wurde er von einem Un- bekannten überfallen und in den Fluß geworfen. Niemand fand jemals den Grund dafür heraus. Wer sich in die Angelegenheiten von Zauberern einmischt, muß mit sehr unangenehmen Konsequenzen rechnen, insbesondere dann, wenn sie Bananen mögen und ein langes rostbraunes Fell haben. Manchmal reißt ihnen der Geduldsfaden… Auch andere gingen an jenem Abend nach Hause. »Bestimmt denkt sie demnächst über sich, das Leben und ihre Stellung darin nach«, sagte Oma Wetterwachs, als die beiden Hexen durch aroma- tische Luft schlenderten. »Sie ist jetzt Königin«, erwiderte Nanny Ogg. »Ein ziemlich hoher Po- sten. Fast so hoch wie der von Hexen.« »Ja, aber… man sollte sich vor Protzerei hüten«, mahnte Oma Wetter- wachs. »Wir sind Königinnen und anderen Leuten gegenüber im Vorteil, doch wir bleiben bescheiden und spielen uns nicht auf. Nimm mich als Bei- spiel. Bin mein ganzes Leben lang bescheiden gewesen.« »Bei dir kann man schon fast von Schüchternheit reden«, warf Nanny Ogg ein. »Ich sage den Leuten dauernd: Wo auch immer ihr sucht – nir-, gends findet ihr eine Person, die demütiger und bescheidener ist als Es- me Wetterwachs…« »Kümmere mich immer um meine Angelegenheiten und mische mich nie in die von anderen Leuten ein…« »Die meiste Zeit über bist du völlig unauffällig«, kommentierte Nanny. »Man muß genau hinsehen, um festzustellen, ob du einem überhaupt Gesellschaft leistest.« »Unterbrich mich nicht dauernd, Gytha.« »Entschuldigung.« Eine Zeitlang gingen sie schweigend weiter. Es war ein warmer, trok- kener Abend. Vögel zwitscherten in den Bäumen. »Ich finde die Vorstellung komisch, daß Magrat jetzt verheiratet ist und so«, sagte Nanny schließlich. »Wie meinst du das?« »Nun, du weißt schon. Verheiratet sein und so.« Nanny seufzte. »Ich habe ihr einige Tips gegeben. Zum Beispiel: Trag immer etwas im Bett. Hält das Interesse im Mann wach.« »Du hast immer deinen Hut getragen.« »Genau.« Nanny winkte mit einem aufgespießten Würstchen. Sie versäumte es nie, private Vorräte anzulegen, wenn es irgendwo umsonst etwas zu es- sen gab. »Das Festmahl hat gut geschmeckt, nicht wahr? Und meiner Ansicht nach hat Magrat hervorragend ausgesehen. Hat die ganze Zeit über ge- strahlt.« »Meiner Ansicht nach haben ihre Wangen geglüht – vor Verlegenheit und Nervosität.« »Typisch für eine strahlende Braut.« »In einem Punkt hast du recht«, sagte Oma Wetterwachs, die einen Schritt vor Nanny ging. »Das Essen war gut. Ich habe noch nie ein so großes Angebot an frischem Gemüse gesehen.« »Als ich Herrn Ogg heiratete, gab es bei unserer Hochzeit drei Dut- zend Austern. Und sie haben überhaupt nicht gewirkt.«, »Außerdem finde ich es nett, daß wir eine Tüte mit einem Stück von der großen Torte bekommen haben«, meinte Oma. »Ja, genau. Du weißt sicher, was man sagt. Wenn man ein bißchen da- von unters Kopfkissen legt, so träumt man vom zukünftigen Ehem…« Nanny Oggs Zunge stolperte über sich selbst. Sie schwieg und zeigte Anzeichen von Verlegenheit, was für ein Mit- glied der Familie Ogg sehr ungewöhnlich war. »Schon gut«, sagte Oma. »Ist nicht schlimm.« »Entschuldige, Esme.« »Alles geschieht irgendwo. Ich weiß es. Ich weiß es. Alles geschieht ir- gendwo. Was bedeutet: Letztendlich wird jeder Wunsch erfüllt.« »Das ist gutes Kontinuinuinuum-Denken, Esme.« »Der Kuchen schmeckt«, fuhr Oma Wetterwachs fort. »Aber im Au- genblick… Tja, ich weiß nicht warum, aber… Ich glaube, ich… Was ich jetzt vertragen könnte, ist ein Bonbon.« Das letzte Wort hing in der Abendluft, kam dem Echo eines Gewehr- schusses gleich. Nanny blieb stehen. Aus einem Reflex heraus tastete sie nach der Ta- sche, die für gewöhnlich eine Tüte mit staubigen Bonbons enthielt. Sie starrte auf Omas Hinterkopf, auf den Knoten aus grauem Haar unter dem Rand des hohen, spitzen Huts. »Ein Bonbon?« wiederholte sie. »Ich nehme an, du hast dir inzwischen eine neue Tüte besorgt«, sagte Oma, ohne sich umzudrehen. »Esme…« »Willst du mir vielleicht etwas sagen, Gytha? In Hinsicht auf Tüten mit Bonbons?« Oma Wetterwachs kehrte Nanny noch immer den Rücken zu. Nanny blickte auf ihre Stiefel. »Nein, Esme«, sagte sie kleinlaut. »Ich wußte, daß du zum Langen Mann gehen würdest. Wie hast du dir Zugang verschafft?«, »Ich habe ein besonderes Hufeisen benutzt.« Oma nickte. »Du hättest ihn nicht an der Sache beteiligen sollen, Gytha.« »Ja, Esme.« »Er ist genauso hinterlistig wie sie.« »Ja, Esme.« »Du begegnest mir jetzt mit präventiver Unterwürfigkeit.« »Ja, Esme.« Sie gingen weiter. »Welchen Tanz haben dein Jason und die Männer getanzt, als sie be- trunken waren?« fragte Oma. »Den Stock-und-Eimer-Tanz von Lancre, Esme.« »Ist er erlaubt?« »Nun, normalerweise sollten sie ihn nicht tanzen, wenn Frauen dabei sind«, sagte Nanny. »Sonst könnte man ihnen vielleicht sexuelle Belästi- gung vorwerfen. Obwohl: Ich habe mich von so etwas noch nie belästigt gefühlt.« »Und dann dein Vers beim Empfang. Ich glaube, er hat Magrat ziem- lich überrascht.« »Vers?« »Du hast ihn mit einigen Gesten untermalt.« »Oh, der Vers.« »Verence nahm ihn zum Anlaß, sich einige Notizen auf seiner Serviette zu machen.« Nanny griff in die unergründlichen Tiefen ihrer Kleidung und holte ei- ne Flasche Sekt hervor, für die es eigentlich gar keinen Platz geben konn- te. »Ich glaube, Magrat war wirklich glücklich«, meinte sie. »Wie sie dort stand, am Leib die Hälfte eines völlig verschmutzten Hochzeitskleids und darunter eine rostige Rüstung… Weißt du, was sie zu mir gesagt hat?« »Nein. Was denn?«, »Kennst du das alte Gemälde von der Königin Ynci? Du weißt schon, die Frau mit dem Mieder aus Eisen. Mit einer Vorliebe für Spitzen, Mes- ser und Streitwagen? Nun, Magrat ist davon überzeugt, daß ihr Yncis Geist geholfen hat. Als sie die Rüstung anlegte… Nur dadurch wäre sie so mutig gewesen.« »Na so was«, entgegnete Oma unverbindlich. »Kann schon seltsam sein, die Welt«, murmelte Nanny. Eine Zeitlang schwiegen die beiden Hexen. »Du hast ihr also nicht gesagt, daß es nie eine Königin namens Ynci gegeben hat?« »Nein.« »Der alte König Lully hat sie erfunden, um der Geschichte von Lancre einen romantischen Hauch beizufügen. Legte großen Wert darauf. Ließ sogar eine entsprechende Rüstung konstruieren.« »Ich weiß. Schließlich hat der Mann meiner Urgroßmutter das Ding angefertigt. Er benutzte dazu eine alte Badewanne und mehrere Töpfe.« »Hältst du es für besser, Magrat nichts davon zu sagen?« »Ja.« Oma Wetterwachs nickte. »Komisch«, sagte sie. »Magrat bleibt immer gleich, selbst wenn sie völ- lig anders ist.« Nanny Ogg griff unter ihre Schürze und holte einen Holzlöffel hervor. Anschließend hob sie den Hut und nahm eine Schüssel mit Creme, Sah- ne und Wackelpeter vom Kopf.* »Ich weiß beim besten Willen nicht, warum du dauernd Essen stibitzt«, sagte Oma Wetterwachs. »Du brauchtest Verence doch nur zu bitten, dann bekommst du jede Menge davon. Du weißt doch, daß er nichts mit Sahne anrührt.« »So macht’s mir aber mehr Spaß«, erwiderte Nanny. »Und ich habe ein wenig Spaß verdient.« * Nanny Ogg interessierte sich für alles Eßbare, wobei ihre Vorliebe Süßem und Fettigem galt., Es raschelte im Gebüsch, und das Einhorn trat auf den Weg. Wahnsinn und Zorn brannten in ihm. Es befand sich in einer Welt, in der es keinen Platz für Geschöpfe seiner Art gab. Es suchte nach einer Möglichkeit, seiner Wut freien Lauf zu lassen. Etwa hundert Meter ent- fernt scharrte es mit den Hufen und senkte den Kopf. »Hoppla«, sagte Nanny und ließ die Puddingschüssel fallen. »Komm. Zu dem Baum dort. Komm.« Oma Wetterwachs schüttelte den Kopf. »Nein. Diesmal laufe ich nicht weg. Vorher konnte sie nichts gegen mich ausrichten, und jetzt versucht sie’s mit einem Tier, wie?« »Sieh dir nur das Horn an!« »Ich sehe es ziemlich deutlich«, sagte Oma. Das Einhorn schnaubte und stürmte los. Nanny Ogg eilte zum näch- sten Baum mit niedrigen Ästen und sprang nach oben… Oma Wetterwachs verschränkte die Arme. »Komm endlich, Esme!« »Nein. Vorher habe ich nicht klar gedacht, aber jetzt ist das der Fall. Es gibt einige Dinge, vor denen ich nicht weglaufen muß.« Das weiße Wesen sauste über den vom Wald gesäumten Weg: tausend Pfund Muskeln hinter einem dreißig Zentimeter langen Horn. Ein Schweif aus Dampf folgte ihm. »Esme!« Die Kreis-Zeit ging zu Ende. Außerdem wußte Oma nun, warum es ihr zuvor so schwergefallen war, konzentriert zu denken. Jetzt hörte sie nicht mehr jenes Flüstern, das von den Überlegungen vieler anderer Es- me Wetterwachses in alternativen Universen stammte. Einige von ihnen lebten vielleicht in Welten, in denen Elfen herrsch- ten. Oder sie waren vor langer Zeit gestorben. Oder sie führten ein ihrer Meinung nach glückliches Leben. Oma Wetterwachs wünschte sich sel- ten etwas, da sie Wünsche für sentimental hielt. Aber sie empfand nun vages Bedauern angesichts der Tatsache, daß sie ihre Selbst-Schwestern nie kennenlernen konnte., Möglicherweise drohte manchen von ihnen der Tod, hier auf diesem Weg. Wie auch immer man handelte: Es bedeutete, daß Millionen von Ich-Äquivalenten in alternativen Kosmen anders agierten. Ja, einige von ihnen mochten sterben. Oma spürte ihr Ende – den Tod von Personen namens Esme Wetterwachs. Sie konnte ihre Schwestern nicht retten; so etwas ließen Schicksal und Zufall nicht zu. Über eine Million Hügelhänge lief das Mädchen; auf einer Million Brücken traf die junge Frau eine Entscheidung; auf einer Million Wegen stand die alte Hexe… Sie alle unterschieden sich voneinander. Und sie alle waren eins. Oma sah ihre Pflicht darin, hier und jetzt sie selbst zu sein, und zwar mit ihrer ganzen Kraft. Sie hob die Hand. Einige Meter entfernt prallte das Einhorn an eine unsichtbare Wand. Es streckte die Beine, um zu bremsen, und Schmerzen ließen den Leib zucken, als das Geschöpf auf dem Rücken zu Oma rutschte. »Gytha…«, sagte sie, während sich das Einhorn aufzurichten versuch- te, »zieh die Strümpfe aus und knüpf sie für mich zu einem Halfter zu- sammen.« »Esme…« »Ja?« »Ich habe gar keine Strümpfe an, Esme.« »Was ist mit dem hübschen rotweißen Paar, das du am letzten Silvester von mir bekommen hast? Ich habe sie selbst gestrickt. Und du weißt doch, wie sehr ich das Stricken verabscheue.« »Nun, es ist ein warmer Abend. Und ich mag es, wenn die Luft, äh, frei zirkulieren kann.« »Die Fersen waren wirklich schwierig zu stricken.« »Tut mir leid, Esme.« »Nun, sei wenigstens so gut, zu meiner Hütte zu laufen und jene Dinge zu holen, die sich in der untersten Kommodenschublade befinden.« »Ja, Esme.« »Sprich vorher mit deinem Jason und sag ihm, er soll in der Schmiede alles vorbereiten.«, Nanny Ogg starrte das Einhorn an, das mit den Beinen zappelte. Es steckte ganz offensichtlich in der Klemme: Es fürchtete sich vor Oma Wetterwachs, konnte jedoch nicht fliehen. »Oh, Esme, du willst unseren Jason doch nicht etwa bitten…« »Ich habe keineswegs vor, ihn um etwas zu bitten. Und auch an dich habe ich keine Bitte gerichtet.« Oma Wetterwachs zog sich den Hut vom Kopf und warf ihn fort. Sie wandte den Blick nicht vom Einhorn ab, als sie nach dem eisengrauen Haarknoten tastete und einige ganz bestimmte Nadeln daraus löste. Der Knoten verwandelte sich in eine silbrige Haarschlange, die bis zur Hüfte hinabreichte. Oma schüttelte einige Male den Kopf. Nanny war vor Faszination wie gelähmt, als ihre alte Freundin einmal mehr die Hand hob und sich ein einzelnes Haar ausriß. Oma Wetterwachs vollführte eine kompliziert anmutende Geste und formte eine Schlinge aus einem nahezu unsichtbaren Etwas. Sie ignorier- te das hierhin und dorthin stoßende Horn, stülpte die Schlaufe über den Schädel des Wesens und zog. Schlamm spritzte unter den unbeschlagenen Hufen des Einhorns, als es auf die Beine kam. »Es wird sich losreißen«, prophezeite Nanny und trat so unauffällig wie möglich zum nächsten Baum. »Ich könnte das Tier mit einer Spinnwebe halten, Gytha Ogg. Mit einer Spinnwebe. Geh jetzt. Du weißt, was du zu tun hast.« »Ja, Esme.« Das Einhorn warf den Kopf zurück und wieherte heulend. Die halbe Stadt wartete, als Oma das Geschöpf nach Lancre führte – wenn man Nanny Ogg etwas erzählte, so war es nur eine Frage der Zeit, bis auch alle anderen es wußten. Die Hufe des Tiers kratzten übers Kopfsteinpflaster, als es sich am Ende der unglaublich dünnen Leine hin und her wand, ohne sich befrei- en zu können., Ab und zu trat es nach hoffnungslos Unvorsichtigen, die ihm zu nahe kamen. Jason Ogg trug noch immer seine gute Kleidung und stand nervös in der offenen Tür seiner Schmiede. Heiße Luft flirrte überm Schornstein. »Herr Schmied…«, sagte Oma Wetterwachs. »Ich habe Arbeit für dich.« »Äh«, erwiderte Jason. »Das ist ein Einhorn. Äh.« »Stimmt.« Das Einhorn heulte, sah Jason an und rollte mit roten Augen, in denen Irrsinn loderte. »Niemand hat jemals ein Einhorn beschlagen«, meinte Jason. »Du solltest darin deine große Chance sehen«, sagte Oma. Die Menge drängte näher, um alles zu sehen und zu hören. Gleichzei- tig versuchten die Leute, einen sicheren Abstand zu den Hufen zu wah- ren. Jason hob den Hammer und rieb sich damit das Kinn. »Ich weiß nicht…« »Hör mir gut zu, Jason Ogg.« Oma zog an dem Haar, als das Einhorn im Kreis schlitterte. »Du kannst alles beschlagen, ganz gleich, was man dir auch bringt. Aber diese Fähigkeit hat einen Preis, nicht wahr?« Jason warf seiner Mutter einen panikerfüllten Blick zu. Nanny Ogg war anständig genug, zumindest verlegen zu wirken. »Sie hat mir nichts davon erzählt«, sagte Oma, womit sie bewies: Sie konnte Nannys Gesichtsausdruck durch den eigenen Hinterkopf erken- nen. Sie beugte sich zu Jason vor, während hinter ihr das Einhorn trat und keuchte. »Der Preis für die Fähigkeit, alles beschlagen zu können… Er besteht darin, daß du alles beschlagen mußt, was man dir bringt. Um der Beste zu sein, muß man sich immer bemühen, Bestes zu leisten. Du zahlst diesen Preis, ebenso wie ich.« Das Einhorn trat mehrere Zentimeter Holz aus dem Türrahmen. »Aber Eisen…«, murmelte Jason. »Und Nägel…«, »Ja?« »Eisen tötet das Geschöpf. Wenn ich das Einhorn mit Eisen beschlage, bringe ich es um. Und das Auslöschen von Leben gehört nicht dazu. Ich habe nie etwas getötet. Bei der Ameise dauerte die Arbeit viele Stunden lang, und sie hat nichts gespürt. Ich möchte einem Geschöpf, das mir nichts getan hat, keine Schmerzen zufügen.« »Hast du die Sachen aus der Kommode geholt, Gytha?« »Ja, Esme.« »Bring sie her. Und du, Jason… Schür das Feuer in der Esse.« »Aber wenn ich das Einhorn mit Eisen beschlage…« »Habe ich von Eisen gesprochen?« Dreißig Zentimeter neben Jasons Kopf schlug das Horn ein Loch in die Wand. Der Schmied gab nach. »Du mußt mit hereinkommen, um das Tier ruhig zu halten«, sagte er. »Ich habe noch nie einen solchen Hengst beschlagen, ohne daß sich mindestens zwei Männer und ein Junge daran festklammerten.« »Das Einhorn wird keinen Widerstand leisten«, stellte Oma Wetter- wachs fest. »Es muß mir gehorchen.« »Es hat den alten Pirsch ermordet«, ließ sich Nanny Ogg vernehmen. »Ich hätte keine Bedenken, es dafür zu töten.« »Schäm dich«, sagte Oma. »Es ist ein Tier. Tiere können niemanden ermorden. Dazu sind nur höher entwickelte Lebensformen imstande. Die Befähigung zum Mord unterscheidet uns von den Tieren. Gib mir den Sack.« Sie zog das schnaubende Wesen in die Schmiede, und einige Bürger beeilten sich, das große Tor zu schließen. Wenige Sekunden später bohr- te sich ein Huf durchs Holz. Ridcully eilte herbei, den Riemen einer großen Armbrust um die Schul- ter geschlungen. »Angeblich hat man hier das Einhorn gesehen.« Ein weiterer Teil der Tür zersplitterte., »Befindet es sich da drin?« Nanny nickte. »Esme hat es vom Wald bis hierher gezogen«, sagte sie. »Aber es ist ein gefährliches wildes Tier!« Nanny Ogg rieb sich die Nase. »Ja, stimmt. Wie dem auch sei: Esme weist alle notwendigen Qualifikationen auf. Wenn’s darum geht, Einhör- ner zu zähmen, meine ich. Mit Hexerei hat das nichts zu tun.« »Wie meinst du das?« »Ich dachte, gewisse Dinge in Hinsicht auf das Einfangen von Einhör- nern seien allen Leuten bekannt«, sagte Nanny in einem bedeutungsvollen Tonfall. »Es müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, wenn du mir diesen diskreten Hinweis gestattest. Esme konnte damals schneller laufen als du, nicht wahr? Ließ sich nie von einem Mann einholen.« Ridcully starrte Nanny mit offenem Mund an. »Ich hingegen…«, fuhr Jasons Mutter fort. »Falle dauernd über die erste Baumwurzel. Selbst dort, wo’s überhaupt keine gibt.« »Soll das heißen, sie hat nie… Ich meine, nachdem ich Lancre ver- ließ…« »Du brauchst deshalb kein Mitleid mit ihr zu haben«, sagte Nanny. »In unserem Alter spielen solche Dinge ohnehin keine Rolle mehr. Vermut- lich hätte Esme überhaupt keinen Gedanken daran vergeudet, wenn du nicht zurückgekehrt wärst.« Ihr fiel plötzlich etwas ein. »Hast du Casa- nunda irgendwo gesehen?« »Hallo, meine kleine Rosenknospe«, erklang eine fröhliche und hoff- nungsvolle Stimme. Nanny drehte sich nicht um. »Du erscheinst immer dort, wo man nicht hinsieht«, kommentierte sie. »Bin dafür berühmt, Frau Ogg.« In der Schmiede herrschte Stille. Nach einer Weile ertönte ein Häm- mern, das nur von Jasons Hammer stammen konnte. »Was machen sie da drin?« fragte Ridcully., »Etwas, das ein Einhorn veranlaßt, nicht mehr auszuschlagen«, antwor- tete Nanny. »Was war in dem Sack, Frau Ogg?« erkundigte sich Casanunda. »Das, was ich holen sollte«, entgegnete Nanny. »Das alte Teeservice aus Silber. Ein Erbstück der Familie. Ich habe es nur zweimal gesehen – das zweite Mal vorhin, als ich es im Sack verstaute. Ich schätze, Esme hat es nie benutzt. Das Milchkännchen ist wie eine seltsame Kuh geformt.« Inzwischen hatten sich noch mehr Leute vor der Schmiede eingefun- den. Die Menge füllte den ganzen Platz. Das Hämmern hörte auf. Jasons ruhige Stimme erklang: »Wir kommen jetzt raus.« »Sie kommen jetzt raus«, sagte Nanny. »Was hat sie gesagt?« »Sie meinte, sie kommen jetzt raus.« »Sie kommen jetzt raus!« Die Menge wich zurück. Und die Tür schwang auf. Oma Wetterwachs trat nach draußen und führte das Einhorn. Das Tier ging ruhig und sanft; die Muskeln unter dem weißen Fell bewegten sich wie Frösche in Öl. Die Hufe klapperten auf dem Kopfsteinpflaster. Rid- cully bemerkte, daß sie glänzten. Gehorsam folgte das Geschöpf der Hexe zur Mitte des Platzes. Dort gab Oma es frei und klopfte ihm auf die Hinterbacke. Das Einhorn wieherte leise, drehte sich um und galoppierte über die Straße in Richtung Wald… Nanny Ogg erschien hinter Oma Wetterwachs und sah dem Tier eben- falls hinterher. »Silberne Hufeisen?« murmelte sie. »Halten bestimmt nicht sehr lange.« »Und silberne Nägel. Halten lange genug.« Oma sprach zur Welt im großen und ganzen. »Sie bekommt das Einhorn nie zurück, selbst wenn sie tausend Jahre lang ruft.« »Ein Einhorn zu beschlagen…« Nanny schüttelte den Kopf. »Auf so eine Idee konntest nur du kommen, Esme.«, »Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht«, sagte Oma. Inzwischen war das Einhorn nur noch ein weißer Fleck in der Heide- landschaft. Schließlich verschwand es im Zwielicht des Abends. Nanny Ogg seufzte und brach damit einen subtilen Bann. »Das wär’s also.« »Ja.« »Gehst du zum Tanz im Schloß?« »Was ist mit dir?« »Nun… Herr Casanunda hat mich gebeten, ihm den Langen Mann zu zeigen. Du weißt schon. Mit allem Drum und Dran. Wahrscheinlich liegt’s an seiner Zwergennatur. Leute wie er sind immer sehr an Erdar- beiten und dergleichen interessiert.« »Ich kann einfach nicht genug davon bekommen«, bestätigte Casanun- da. Oma verdrehte die Augen. »Denk daran, wie alt du bist, Gytha«, mahnte Oma Wetterwachs. »Oh, das ist ganz einfach«, erwiderte Nanny. »Das eigentliche Problem besteht darin, vorübergehend zu vergessen, wie alt ich bin. Übrigens: Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.« Zur großen Überraschung von Nanny Ogg, Ridcully und vermutlich auch aller anderen hakte sich Oma Wetterwachs beim Erzkanzler ein. »Herr Ridcully und ich machen einen Spaziergang zur Brücke.« »Tatsächlich?« brachte Ridcully verblüfft hervor. »Oh, wie nett.« »Gytha Ogg, wenn du mich auch weiterhin so ansiehst, verpasse ich dir eine Ohrfeige, die du so schnell nicht vergißt.« »Entschuldige, Esme«, sagte Nanny. »Na schön.« »Ich nehme an, ihr wollt über die alten Zeiten sprechen«, meinte Nan- ny Ogg. »Vielleicht über die alten Zeiten. Vielleicht auch über andere.« Das Einhorn erreichte den Wald und lief weiter., Unten floß der Lancrefluß vorbei. Niemand überquerte das gleiche Was- ser zweimal, nicht einmal auf einer Brücke. Ridcully ließ einen Stein fallen. Mit einem leisen Plop verschwand er im Fluß. »Es klappt immer«, sagte Oma Wetterwachs. »Irgendwo. Dein junger Zauberer weiß das – er versteckt sein Wissen nur hinter komischen Wor- ten. Er könnte sehr klug sein, wenn er endlich das sähe, was sich direkt vor seinen Augen befindet.« »Er möchte eine Zeitlang hierbleiben«, brummte Ridcully bedrückt. »Offenbar faszinieren ihn die Steine. Kann ihn wohl kaum zur Rückkehr nach Ankh-Morpork zwingen, oder? Außerdem genießt er das besondere Wohlwollen des Königs. Verence meinte, andere Könige vor ihm hätten auf die Dienste von Narren zurückgegriffen. Er will es mit einem Ge- lehrten versuchen und feststellen, ob das besser funktioniert.« Oma lachte. »Und es dauerte nicht mehr lange, bis sich die junge Dia- manda erholt hat«, sagte sie. »Was soll das heißen?« »Oh, nichts weiter. Das hat die Zukunft eben so an sich: Sie könnte al- les mögliche bringen.« Oma Wetterwachs griff nach einem kleinen Stein und warf ihn in den Fluß. Er plumpste zusammen mit einem von Ridcully ausgewählten Ex- emplar ins Wasser. Ein dumpfes Plopplop ertönte. Der Erzkanzler räusperte sich. »Glaubst du, daß sich irgendwo alles… richtig entwickelt hat?« »Ja. Hier!« Oma sah, wie Ridcully traurig die Schultern hängen ließ. »Und auch dort«, fügte sie sanfter hinzu. »Wie bitte?« »Ich meine: In irgendeiner anderen Welt heiratete Mustrum Ridcully eine gewisse Esmeralda Wetterwachs, und sie lebten…« Oma biß die Zähne zusammen. »…glücklich und zufrieden. Mehr oder weniger. So- weit das möglich ist.«, »Woher willst du das wissen?« »Ich habe die Erinnerungen der anderen Esme empfangen. Sie schien ihre Lebensumstände nicht zu bedauern. Und das ist um so bemerkens- werter, weil ich nicht leicht zufriedenzustellen bin.« »Wie bringst du so etwas fertig?« »Ich gebe mir immer Mühe, ganz gleich, womit ich mich beschäftige.« »Erwähnte jene andere Esmeralda zufälligerweise…« »Sie hat nichts erwähnt! Sie hat keine Ahnung von unserer Existenz! Hör auf zu fragen! Es genügt zu wissen, daß alles irgendwo geschieht, oder?« Ridcully rang sich ein Lächeln ab. »Ist das der einzige Trost, den du mir anzubieten hast?« »Es ist der einzige existierende Trost. Er muß genügen.« Wo endet die Geschichte?* An einem Sommerabend: Paare schlendern hier und dort; purpurnes, seidenartiges Zwielicht verdichtet sich zwischen den Bäumen. Im Schloß ist das Fest beendet; dort hört man nur noch leises Lachen sowie das Bimmeln silberner Glöckchen. Und im Wald herrscht das Schweigen der Elfen. * Als am nächsten Tag der Dramatiker Hwel mit der Schauspieltruppe eintraf, erzählte man ihm alles, und daraufhin schrieb er es nieder. Allerdings ließ er jene Dinge aus, die sich auf einer Bühne nicht realisieren ließen, die zu teure Spezialeffekte verursacht hätten oder die er für absurd hielt. Außerdem nannte er das Ergebnis seiner kreativen Bemühungen Die Zähmung der Wühlmaus. Seiner Ansicht nach lockte ein Titel wie Dinge, die in einer Sommernacht geschahen kein Publikum an.]
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