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Buch: Hilbert Himmelwärts will Priester werden und rechnet bei seiner An- kunft im kleinen Königreich Lancre mit nichts anderem als einer schlich- ten religiösen Zeremonie. Doch ehe er sich’s versieht, ist er in den schönsten Krieg zwischen Hexen und Vampiren verwickelt. Und er weiß nicht, ob es dabei überhaupt eine richtige Seite gibt. Auf der einen die Hexen, die sowieso jede Menge Ärger machen. Und auf der anderen die Vampire, die sich leider nicht mit Knoblauch vertreiben lassen. Hilbert kennt zwar seine Gebete, aber manchmal wünscht er sich eine Axt… RUHIG BLUT – ein neuer Geniestreich vo...
Autor Anonym
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Buch: Hilbert Himmelwärts will Priester werden und rechnet bei seiner An- kunft im kleinen Königreich Lancre mit nichts anderem als einer schlich- ten religiösen Zeremonie. Doch ehe er sich’s versieht, ist er in den schönsten Krieg zwischen Hexen und Vampiren verwickelt. Und er weiß nicht, ob es dabei überhaupt eine richtige Seite gibt. Auf der einen die Hexen, die sowieso jede Menge Ärger machen. Und auf der anderen die Vampire, die sich leider nicht mit Knoblauch vertreiben lassen. Hilbert kennt zwar seine Gebete, aber manchmal wünscht er sich eine Axt… RUHIG BLUT – ein neuer Geniestreich von Terry Pratchett, dem erfolgreichsten engli- schen Autor der Gegenwart Der Autor: Terry Pratchett, geboren 1948, verkaufte seine erste Geschichte im zar- ten Alter von dreizehn Jahren und ist heute einer der erfolgreichsten Fantasy-Autoren überhaupt. Neben Douglas Adams und Tom Sharpe gilt er als Großbritanniens scharfsinnigster und pointensicherster Ko- mik-Spezialist. Time Out schrieb über ihn: »Terry Pratchett wird mit je- dem Buch besser und besser. Er ist auf dem Höhepunkt seines Schaf- fens, und es gibt heute keinen einzigen Humoristen, der es auch nur an- nähernd mit ihm aufnehmen kann.« Er lebt mit seiner Frau Lyn und seiner Tochter Rhianna in Whiltshire.,

Terry Pratchett Ruhig Blut

23. Roman von der bizarren Scheibenwelt Ins Deutsche übertragen von Andreas Brandhorst

GOLDMANN

, Die englische Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel »Carpe Jugulum« bei Doubleday, a division of Transworld Publishers Ltd. London Der Goldmann Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann Deutsche Erstveröffentlichung 2/2000 Copyright © Terry and Lyn Pratchett 1998 First published by Doubleday, a division of Transworld Publishers Ltd. London Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2000 by Wilhelm Goldmann Verlag, München Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagillustration: Agt. Schlück / Josh Kirby Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin Druck: Graphischer Großbetrieb Pößneck GmbH Verlagsnummer: 41652 VB – Redaktion: Michael Ballauff Herstellung: Peter Papenbrok Made in Germany ebook by Monty P. ISBN 3-442-41652-3, Wie ein sterbender Stern glitt ein Feuer durch die schwarzen Wolkenfet- zen und fiel der Erde entgegen… … das heißt, der Erde der Scheibenwelt… Doch im Gegensatz zu einem Stern konnte dieses Licht seinen Fall steuern. Manchmal gewann es ein wenig an Höhe und neigte sich zur einen Seite oder zur anderen, aber insgesamt bewegte es sich nach unten. Schnee glitzerte an den Berghängen, als das Feuer weiter oben knisterte und knackte. Das Land fiel allmählich ab. Blaues Eis spiegelte das feurige Schimmern wider, als es eine Schlucht erreichte und ihrem kurvenrei- chen Verlauf folgte. Plötzlich verblaßte das Licht. Etwas flog weiter durch das vom Mond- schein erhellte Band zwischen den Bergen. Über den Rand einer hohen Klippe hinweg sauste es an einer Stelle, wo das Schmelzwasser eines Gletschers in die Tiefe stürzte, aus der Schlucht. Entgegen aller Vernunft gab es dort ein Tal, oder vielmehr ein Netz- werk aus Tälern, das sich vor dem langen Fall zur Ebene an den Rand der Berge schmiegte. Ein kleiner See glänzte in der wärmeren Luft. Klei- ne Felder waren aneinandergereiht wie eine Flickendecke, die jemand auf der Landschaft ausgebreitet hatte. Es wehte kein Wind mehr. Die Luft wurde wärmer. Der Schatten begann zu kreisen. Weit unten, unbeachtet und unachtsam, erreichte etwas anderes die kleine Ansammlung aus Tälern. Man konnte kaum erkennen, um was es sich handelte: Ginster und Heidekraut bewegten sich so, als strebte eine sehr große Streitmacht aus sehr kleinen Geschöpfen einem ganz be- stimmten Ziel entgegen. Der Schatten erreichte einen flachen Felsen, der einen weiten Blick ü- ber die Felder und den Wald darunter bot. Und dann kam die Streitmacht zwischen den Wurzeln hervor. Sie bestand aus kleinen blauen Männern: Einige von ihnen trugen spitze blaue Mützen, doch bei den meisten war das rote Haar unbedeckt. Sie waren mit Schwertern bewaffnet. Keine Gestalt war größer als fünfzehn Zentimeter. Sie bezogen Aufstellung, blickten ins Tal, schwangen die Waffen und, stießen einen Schlachtruf aus. Alles wäre viel eindrucksvoller gewesen, wenn sie sich zuvor auf einen gemeinsamen geeinigt hätten. Es klang, als sei jeder der kleinen Krieger bereit, gegen alle zu kämpfen, die ihm sei- nen ganz persönlichen Schlachtruf wegnehmen wollten. »Wir sind die Größten!« »Hier geht’s lang, und dann geht’s rund!« »Es gibt Hiebe und ab die Rübe!« »Wir haun alle um!« »Ich mach jeden platt!« »Nix wie ran an die Buletten!« Die kleine Ansammlung von Tälern, die in den letzten Resten des abend- lichen Sonnenscheins glühte, war das Königreich Lancre. Es hieß, daß man von den höchsten Stellen aus bis zum Rand der Welt sehen konnte. Bei anderen Leuten, die nicht in Lancre lebten, hieß es: Unter dem Rand, über den donnernd das Wasser der Meere hinwegstürzte, wurde die Scheibenwelt auf dem Rücken von vier riesengroßen Elefanten ge- tragen, die ihrerseits auf dem Panzer einer noch größeren Schildkröte standen. Lancres Bewohner hatten davon gehört und meinten, daß es im großen und ganzen richtig klang. Die Welt war ganz offensichtlich flach, ob- gleich in Lancre nur Tische und die Köpfe mancher Leute flach waren. Außerdem konnten Schildkröten viel tragen. Auch an der Kraft von Ele- fanten bestand kein Zweifel, woraus folgte: Die These wies keine er- kennbaren Lücken auf. Deshalb beließen es die Lancrestianer dabei. Sie begegneten der Welt um sie herum nicht etwa mit Gleichgültigkeit. Ganz im Gegenteil: Sie interessierten sich sehr dafür, sogar auf einer konkreten Ebene. Aber sie fragten nicht etwa »Warum sind wir hier?«, sondern »Wird es vor der nächsten Ernte regnen?«. Ein Philosoph hätte diesen Mangel an geistigem Ehrgeiz vielleicht kri- tisiert, aber nur dann, wenn er ganz sicher sein konnte, woher seine nächste Mahlzeit kam. Lage und Klima von Lancre hatten praktisch denkende, redliche Leute, hervorgebracht, die in der tiefer gelegenen Welt oft Hervorragendes leis- teten. Das Königreich hatte der Ebene viele ihrer größten Zauberer und Hexen gegeben. Der Philosoph hätte vielleicht darüber gestaunt, daß ein so standhaftes Volk viele erfolgreiche Magier hervorbrachte – aber man kann eben nur dann Luftschlösser bauen, wenn man festen Boden unter den Füßen hat. Und so zogen die Söhne und Töchter von Lancre in die weite Welt hinaus, arbeiteten, kletterten die verschiedenen Karriereleitern empor und vergaßen nie, Geld nach Hause zu schicken. Die daheim bleibenden Freunde und Verwandten bemerkten zwar die Adresse des Absenders, doch abgesehen davon dachten sie kaum an die Welt außerhalb von Lancre. Allerdings dachte die Welt außerhalb von Lancre an sie. Der große, flache Felsen war jetzt wieder verlassen, doch im Moor wei- ter unten zitterte das Heidekraut, als sich jemand dem tiefer gelegenen Land näherte. »Wir haun alle um!« »Wir sind die Größten!« Es gibt viele Arten von Vampiren. Es heißt sogar, es gäbe so viele Vam- pire wie Krankheiten.* Und es sind nicht nur Menschen (wenn Vampire überhaupt Menschen sind). Überall in den Spitzhornbergen trifft man auf den Glauben, daß völlig harmlos wirkende Werkzeuge, wie zum Bei- spiel ein Hammer oder eine Säge, Blut fordern, wenn sie mehr als drei Jahre lang nicht benutzt worden sind. In Ghat glaubt man an vampiri- sche Wassermelonen, obwohl unklar bleibt, was solche Vampire anstel- len – vielleicht saugen sie zurück. Zwei Dinge haben Vampirforscher immer wieder verwundert. Erstens: Warum verfügen Vampire über solche Macht? Sie sind doch ganz einfach zu töten. Es gibt Dutzende von Möglichkeiten, Vampire zu erledigen, ganz abgesehen von einem Pflock durchs Herz, was auch bei normalen * Was vermutlich bedeutet: Einige sind bösartig und gefährlich, andere bewir- ken, daß man komisch geht und Obst meidet., Leuten funktioniert – übriggebliebene Pflöcke werden also nicht vergeu- det. Normalerweise verbringen Vampire den Tag in irgendeinem Sarg, nur bewacht von einem buckligen Alten, der für gewöhnlich nicht mehr ganz rüstig ist – es sollte schon einer geringen Anzahl von Leuten gelin- gen, ihn zu überwältigen. Und doch kann ein Vampir eine ganze Dorf- gemeinschaft in seinen Bann schlagen… Und zweitens: Warum sind Vampire immer so dumm? Als wäre es kein untotsicheres Zeichen, die ganze Zeit über Abendkleidung zu tra- gen? Warum wohnen sie ausgerechnet in Schlössern, wo es so viele Mög- lichkeiten gibt, einen Vampir zu besiegen? Zum Beispiel kann man ganz einfach irgendwelche Vorhänge zerreißen und Schmuckgegenstände von den Wänden nehmen, um ein religiöses Symbol aus ihnen zu formen. Und außerdem: Glauben Vampire wirklich, sie könnten jemanden zum Narren halten, indem sie ihren Namen rückwärts buchstabieren? Viele Meilen von Lancre entfernt klapperte eine Kutsche durchs Moor. Sie konnte nicht besonders schwer sein, so wie sie über die Furchen sprang, aber Dunkelheit kam mit ihr. Die Pferde waren schwarz, ebenso die Kutsche selbst, abgesehen von den Wappen an den Türen. Jedes Roß trug eine schwarze Feder zwi- schen den Ohren, und weitere schwarze Federn waren an den vier Ecken der Kutsche angebracht. Dadurch wirkte sie wie ein reisender Schatten, der die Nacht hinter sich herzog. Am Ende des Moors, wo einige Bäume in den Ruinen eines Gebäudes wuchsen, hielt die Kutsche knarrend an. Die Pferde standen still, scharrten gelegentlich mit einem Huf oder warfen den Kopf von einer Seite zur anderen. Der Kutscher saß nach vorn gebeugt, hielt die Zügel und wartete. Vier Gestalten flogen im silbrigen Mondschein dicht über den Wolken. Ihr Gespräch ließ darauf schließen, daß jemand verärgert war. Eine un- angenehme Schärfe in der Stimme deutete gar darauf hin, daß »aufge- bracht« ein besserer Ausdruck gewesen wäre. »Du hast es entkommen lassen!« Ein jammernder Unterton verriet, daß diese Stimme einer notorischen Nörglerin gehörte. »Es war verletzt, Lacci.« Diese Stimme klang beschwichtigend und väter-, lich, brachte aber auch den unterschwelligen Wunsch zum Ausdruck, dem Eigentümer der ersten Stimme eine Ohrfeige zu verpassen. »Ich verabscheue solche Geschöpfe. Sie sind so… armselig!« »Ja, mein Schatz. Das Symbol einer leichtgläubigen Vergangenheit.« »Wenn ich so brennen könnte, würde ich nicht einfach herumlaufen und mich damit begnügen, hübsch auszusehen. Warum machen sie das?« »Ich vermute, daß es ihnen einmal zum Vorteil gereicht hat.« »Dann sind sie also… Wie nennst du so etwas?« »Eine evolutionäre Sackgasse, Lacci. Schiffbrüchige Überlebende im Meer des Fortschritts.« »Ich erweise ihnen also einen Gefallen, wenn ich sie töte?« »Guter Hinweis. Nun, ich schlage vor…« »Immerhin, Hühner brennen nicht«, sagte die Stimme namens Lacci. »Jedenfalls nicht so ohne weiteres.« »Wir haben dein Experiment gehört. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee gewesen, sie zuerst zu töten.« Dies war eine dritte Stimme – jung, männlich, von Lacci ein wenig angeödet. Gewisse Schwingungen in jeder einzelnen Silbe verrieten den »älteren Bruder«. »Was hat das für einen Sinn?« »Nun, Schatz, es wäre leiser gewesen.« »Hör auf deinen Vater, Schatz.« Diese vierte Stimme konnte nur von einer Mutter stammen. Sie liebte die anderen Stimmen, was auch immer sie anstellten. »Du bist ja so ungerecht!« »Wir haben dir erlaubt, Steine auf die Kobolde fallen zu lassen, Schatz. Das Leben besteht nicht nur aus Spaß.« Der Kutscher rührte sich, als die Stimmen durch die Wolken heranka- men – und dann standen vier Gestalten nicht weit entfernt. Er kletterte vom Kutschbock herunter und öffnete nicht ohne Mühe die Tür, als sich die Wesen näherten. »Die meisten der armen Geschöpfe sind entkommen«, sagte Mutter. »Schon gut, Schatz«, erwiderte Vater., »Ich kann sie einfach nicht ausstehen«, meinte Tochter. »Stecken sie ebenfalls in einer Sackgasse fest?« »Zum Glück für sie nicht. Andernfalls hätten sie wohl kaum fliehen können. Igor! Auf nach Lancre.« Der Kutscher drehte sich um. »Fehr wohl, Herr.« »Ach, zum letztenmal… So spricht man nicht!« »Ich kann nur fo fprechen, Herr«, entgegnete Igor. »Und ich habe dich aufgefordert, die Federn von der Kutsche zu neh- men, du Idiot.« Der Kutscher trat voller Unbehagen vom einen Fuß auf den anderen. »Schwarze Federn find unbedingt erforderlich, Herr. Fo verlangt ef die Tradition.« »Nimm sie sofort weg!« befahl Mutter. »Was sollen die Leute denken?« »Fehr wohl, Herrin.« Der Mann namens Igor schloß die Tür, schlurfte um die Kutsche her- um, nahm gehorsam die Federn ab und verstaute sie unterm Kutsch- bock. Im Innern der Kutsche erklang die aufgebrachte Stimme. »Stellt Igor ebenfalls eine evolutionäre Sackgasse dar, Vater?« »Das können wir nur hoffen, Schatz.« »Miftkerl«, sagte Igor leise und griff nach den Zügeln. Der Text begann: »Du bist herzlich eingeladen…« Es war eine piekfeine, verschnörkelte Schrift, die man nur schwer lesen konnte, die dafür aber sehr offiziell anmutete. Nanny Ogg lächelte und legte die Karte an ihren Platz auf dem Kamin- sims zurück. Das Wort »herzlich« gefiel ihr sehr. Es hatte einen prächti- gen Klang, der nicht nur Freundlichkeit in Aussicht stellte, sondern auch und vor allem Alkohol. Sie bügelte ihren besten Unterrock. Besser gesagt: Sie saß in ihrem Ses- sel am Feuer, während eine ihrer Schwiegertöchter, an deren Namen sie, sich gerade nicht erinnern konnte, dies erledigte. Nanny half ihr, indem sie immer wieder auf die Stellen hinwies, die noch gebügelt werden muß- ten. Es war eine verdammt gute Einladung, fand sie. Besonders die goldene Einfassung, dick wie Sirup. Vermutlich war es kein echtes Gold, aber es glitzerte äußerst eindrucksvoll. »Diese Stelle da könnte noch einmal das Bügeleisen vertragen, Mädchen«, sagte sie und schenkte sich Bier nach. Eine andere Schwiegertochter – wenn sie einige Sekunden nachgedacht hätte, wäre ihr der Name bestimmt eingefallen – brachte Nannys rote Stiefel auf Hochglanz. Eine dritte staubte ganz vorsichtig Nannys besten spitzen Hut am Hutständer ab. Nach einer Weile stand Nanny Ogg auf und öffnete die Hintertür. Der Himmel war noch nicht ganz dunkel, und einige Wolkenfetzen schoben sich vor die ersten Sterne. Sie schnupperte. Der Winter hielt sich lange in den Bergen, aber es lag eindeutig ein Hauch von Frühling in der Luft. Eine gute Zeit, dachte Nanny. Eigentlich die beste. Oh, sie wußte na- türlich, daß das Jahr in der Silvesternacht begann, wenn man hoffen durfte, daß die schlimmste Kälte überstanden war. Doch das neue Jahr begann jetzt, mit grünen Trieben, die sich durch den letzten Schnee nach oben bohrten. Veränderungen bahnten sich an. Nanny spürte es in den Knochen. Ihre Freundin Oma Wetterwachs sagte immer, man dürfe Knochen nicht trauen, aber so etwas behauptete Oma Wetterwachs dauernd. Nanny Ogg schloß die Tür. In den kahlen Bäumen, die am Ende des Gartens wie Gerippe emporragten, plusterte sich etwas auf und zwit- scherte, als ein Schleier aus Dunkelheit über die Welt strich. In einer anderen Hütte einige Meilen entfernt wurde die Hexe Agnes Nitt von einer vertrauten Unschlüssigkeit geplagt, die diesmal ihren neu- en spitzen Hut betraf. Sie litt häufig unter solchen Konflikten mit sich selbst. Während sie ihr Haar zusammensteckte und sich kritisch im Spiegel betrachtete, sang Agnes ein Lied. Sie sang mehrstimmig. Natürlich nicht mit ihrem Spiegelbild, denn solche Heldinnen endeten früher oder später, dabei, daß sie ein Duett mit Rotkehlchen und anderen Waldbewohnern sangen, und dann half nur noch der Flammenwerfer. Agnes sang mehrstimmig mit sich selbst. In letzter Zeit geschah das immer häufiger, wenn sie sich nicht konzentrierte. Perdita hatte eine recht durchdringende Stimme, aber sie bestand darauf mitzusingen. Manche Leute, die zu beiläufiger Gemeinheit neigen, behaupten, im Innern eines dicken Mädchens befänden sich ein dünnes Mädchen und viel Schokolade. Agnes’ dünnes Mädchen hieß Perdita. Manchmal fragte sie sich, wie sie den unsichtbaren Passagier aufge- nommen hatte. Von ihrer Mutter wußte sie: Als Kind hatte sie Mißge- schicke und Geheimnisvolles, wie zum Beispiel das Verschwinden einer Schüssel mit Sahne oder das Zerbrechen eines wertvollen Krugs, oft mit dem Hinweis erklärt, dafür sei »das andere Mädchen« verantwortlich. Inzwischen wußte sie, daß man auf solche Ausreden besser verzichtete, wenn man, trotz allem, etwas Hexerei im Blut hatte. Die imaginäre Freundin war herangewachsen, ging nicht mehr fort und erwies sich als Nervensäge. Agnes mochte Perdita nicht, hielt sie für eitel, selbstsüchtig und bos- haft. Perdita wiederum verabscheute es, von Agnes herumgetragen zu werden, die für sie ein dicker, armseliger und willensschwacher Klecks war, über den die Leute einfach hinweggehen würden, wenn er nicht so steil wäre. Agnes sagte sich, daß sie den Namen Perdita erfunden hatte, um ihn mit all jenen Gedanken und Wünschen zu verbinden, für die es in ihr keinen Platz geben sollte – ein Name für den kleinen Kommentator, der bei jeder Person auf der Schulter hockt und höhnisch grinst. Aber manchmal argwöhnte sie, daß Perdita Agnes geschaffen hatte, um etwas zu haben, auf das sie einschlagen konnte. Agnes neigte dazu, sich an die Regeln zu halten. Im Gegensatz zu Per- dita, die es für cool hielt, Beschränkungen keine Beachtung zu schenken. Agnes glaubte, daß Regeln wie »Fall nicht in diese große Grube mit den spitzen Pfählen« durchaus einen Sinn hatten. Perdita vertrat die Ansicht – um nur ein Beispiel zu nennen –, daß Tischmanieren dumm und re- pressiv waren. Agnes hingegen verabscheute es, von Kohlbrocken ge- troffen zu werden, die zuvor auf den Tellern anderer Leute gelegen hat-, ten. Im Hut einer Hexe sah Perdita ein mächtiges Symbol der Autorität. Agnes meinte, daß ein pummeliges Mädchen keinen hohen Hut tragen sollte, erst recht keinen schwarzen. Damit wirkte sie, als hätte jemand eine nach Lakritze schmeckende Eistüte umgekehrt auf sie herabfallen lassen. Das Problem war, daß nicht nur Agnes recht hatte, sondern auch Per- dita. Der spitze Hut bedeutete viel in den Spitzhornbergen. Die Men- schen sprachen zu ihm und nicht zu der Person, die ihn trug. Wenn die Leute in ernsten Schwierigkeiten waren, wandten sie sich an eine Hexe.* Und man mußte auch Schwarz tragen. Perdita mochte schwarze Sa- chen. Perdita hielt Schwarz für cool. Agnes glaubte, daß sich schwarze Kleidung kaum für Leute mit einem gewissen Umfang eignete. Außer- dem war »cool« ihrer Meinung nach ein sehr dummes Wort, das nur Per- sonen verwendeten, deren Gehirn nicht einmal einen Löffel füllte. Magrat Knoblauch hatte nie schwarze Sachen getragen und wahr- scheinlich auch nie in ihrem Leben »cool« gesagt, es sei denn, um die Temperatur ihrer Umgebung zu charakterisieren. Agnes wandte sich von ihrem spitz zulaufenden Spiegelbild ab, seufzte und sah sich in der Hütte um, in der einst Magrat gewohnt hatte und die nun ihr Heim war. Ihr Blick glitt auch zu der teuren, mit einer dicken goldenen Kante versehenen Einladungskarte auf dem Kaminsims. Nun, als Hexe hatte sich Magrat ganz offensichtlich in den Ruhestand zurück- gezogen und war jetzt Königin – wenn es daran jemals Zweifel gegeben hatte, so waren diese heute ausgeräumt. Es erstaunte sie jedoch, auf wel- che Weise Nanny Ogg und Oma Wetterwachs noch immer über sie sprachen. Sie waren stolz darauf (mehr oder weniger), daß Magrat den König geheiratet hatte, und sie wiesen auch ständig darauf hin, es sei das richtige Leben für sie. Aber obwohl sie es nie laut aussprachen, hing die Botschaft in blinkenden mentalen Farben über ihren Köpfen: Magrat hat sich mit dem Zweitbesten zufriedengegeben. Agnes hätte fast schallend gelacht, als diese Erkenntnis in ihr heranreif- te, aber sie sah keinen Sinn darin, sich mit Nanny und Oma auf eine * Manchmal nur, um zu sagen: »Bitte hör auf damit.«, Diskussion einzulassen. Die beiden Hexen begriffen nicht einmal, daß man anderer Meinung sein konnte. Oma Wetterwachs wohnte in einer Hütte, deren Strohdach so alt war, daß ein junger Baum prächtig darin gedieh. Sie stand allein auf und ging allein zu Bett, wusch sich in der Regentonne. Und Nanny Ogg war die einheimischste Person, die Agnes kannte. Sie war im Ausland gewesen, ja, aber sie nahm Lancre immer mit, trug die Heimat wie eine Art Hut. Oma und Nanny gingen immer davon aus, daß sie ganz oben standen und mit dem Rest der Welt so umgehen konnten, wie es ihnen beliebte. Perdita konnte sich kaum etwas Besseres vorstellen, als Königin zu sein. Für Agnes bestand das Beste darin, möglichst weit von Lancre entfernt zu sein. Das Zweitbeste war für sie, den eigenen Kopf nicht mehr mit jemand anderem teilen zu müssen. Sie rückte den Hut so gut wie möglich zurecht und verließ die Hütte. Hexen schlossen nie ab. Es war nicht notwendig. Als sie in den Mondschein trat, landeten zwei Elstern auf dem Dach. Die gegenwärtigen Aktivitäten der Hexe Oma Wetterwachs hätten einen verborgenen Beobachter verwirrt. Sie blickte auf die Fliesen vor der Hintertür und hob mit der Zehen- spitze den alten, zerfransten Vorleger an. Dann ging sie zur vorderen Tür, die sie nie benutzte, und wiederholte dort den Vorgang. Sie untersuchte auch die Risse an den Seiten beider Türen. Sie ging nach draußen. In der vergangenen Nacht hatte es strengen Frost gegeben – ein letzter boshafter Streich des sterbenden Winters –, und die welken Blätter in den Schatten waren noch immer hart und spröde. Oma Wetterwachs stocherte in den Blumentöpfen und Büschen vor dem vorderen Eingang. Anschließend kehrte sie in die Hütte zurück. Sie besaß eine Uhr. Die Lancrestianer mochten Uhren, obgleich sie sich kaum um Zeitspannen scherten, die viel kürzer waren als eine Stun-, de. Wenn man ein Ei kochen wollte, sang man leise fünfzehn Strophen von »Wohin ist die ganze Vanille verschwunden?«. Doch an langen A- benden klang das Ticken recht angenehm. Nach einer Weile nahm Oma Wetterwachs im Schaukelstuhl Platz und starrte zur Tür. Eulen schrien im Wald, als jemand über den Pfad lief und anklopfte. Wer Oma Wetterwachs’ eiserne Selbstbeherrschung nicht kannte – man konnte ein Hufeisen an ihr verbiegen –, hätte vielleicht geglaubt, ein erleichtertes Seufzen zu hören. »Nun, es wurde auch…«, begann sie. Im Vogelhort war die Aufregung oben im Schloß nur ein fernes Sum- men. Die Habichte und Falken hockten auf ihren Stangen, verloren in einer inneren Welt aus Sturzflug und Aufwind. Gelegentlich klirrte eine Kette oder raschelte ein Flügel. Der Falkner Festgreifaah bereitete sich im kleinen Zimmer nebenan vor, als er plötzlich eine Veränderung spürte. Er trat durch die Tür, und eine sonderbare Stille empfing ihn. Die Vö- gel waren nicht nur wach, sondern wirkten regelrecht wachsam und er- wartungsvoll. Selbst der Adler König Henry – dem sich Festgreifaah normalerweise nur mit besonderer Schutzkleidung näherte – sah sich interessiert um. Auf diese Weise verhielten sich die Vögel, wenn eine Ratte in der Nähe war, aber der Falkner sah keine. Für diesen Abend hatte er den Bussard William ausgewählt, weil man sich auf sie verlassen konnte. Man konnte sich auf alle Vögel Festgrei- faahs verlassen, besonders darauf, daß sie ihn sofort angriffen. William allerdings hielt sich für ein Huhn, und deshalb durfte man sich in ihrer Präsenz einigermaßen sicher fühlen. Aber selbst William brachte der Welt große Aufmerksamkeit entgegen, was eigentlich nur dann geschah, wenn sie Körner bemerkt hatte. Seltsam, dachte Festgreifaah. Und dabei beließ er es. Die Vögel starrten nach oben, als wäre das Dach durchsichtig., Oma Wetterwachs senkte den Blick und sah in ein rotes, rundes und besorgtes Gesicht. »He, du bist nicht…« Sie riß sich zusammen. »Du bist der Wattlich- Junge von Schnitte, nicht wahr?« »D’m’s…« Der Junge lehnte sich an den Türpfosten und schnappte nach Luft. »Du m’s…« »Atme einige Male tief durch. Möchtest du einen Schluck Wasser?« »Du m’s ‘t…« »Ja, ja, schon gut. Komm erst wieder zu Atem.« Der Junge keuchte einige Male. »Du mußt sofort zu Frau Efeu und ihrem Baby kommen!« Die Worte stürzten in einem Schwall hervor. Oma nahm ihren Hut vom Haken neben der Tür und zog den Besen aus dem Stroh des Daches. »Ich dachte, die alte Frau Pattenbusch kümmert sich um sie«, sagte sie und stieß ihre Haarnadeln an die richtigen Stellen, entschlossen wie ein Krieger, der sich auf die Schlacht vorbereitet. »Sie meint, es sei alles ganz verkehrt!« brachte der Junge hervor. Oma Wetterwachs lief bereits über den Gartenpfad. Auf der anderen Seite der Lichtung neigte sich das Gelände steil nach unten, bis zu einer sechs Meter tiefer gelegenen Kurve des Pfads. Der Besen war noch nicht einsatzbereit, als Oma diese Stelle erreichte, aber sie schwang trotzdem ein Bein über die Borsten. Auf halbem Weg nach unten sprang die Magie an, und Omas Stiefel strichen kurz über alten Adlerfarn, bevor der Besen sie durch die Nacht trug. Wie ein Band, das jemand achtlos fallen gelassen hatte, wand sich die Straße durch die Berge. Hier oben verstummte das Geräusch des Windes nie. Der Straßenräuber ritt einen großen schwarzen Hengst. Vermutlich e-, xistierte kein anderes Pferd, an dessen Sattel eine Leiter befestigt war. Dafür gab es einen guten Grund: Der Räuber hieß Casanunda und stammte aus dem Volk der Zwerge. Viele Leute hielten Zwerge für vor- sichtig, gesetzestreu und sehr zurückhaltend in Angelegenheiten des Herzens und damit in Verbindung stehender Organe. Auf die meisten Zwerge traf diese Beschreibung durchaus zu. Aber die Genetik rollte seltsame Würfel auf dem grünen Rasen des Lebens, und irgendwie hatten die Zwerge Casanunda hervorgebracht, dem Spaß mehr bedeutete als Geld und der Frauen die gleiche Leidenschaft widmete, die andere Zwerge für Gold reservierten. Er hielt Gesetze für nützliche Dinge und beachtete sie, wenn es ihm paßte. Casanunda verabscheute den Straßenraub, aber wenigstens konnte er dabei frische Landluft genießen, was insbesondere dann der Gesund- heit förderlich war, wenn in nahen Städten zornige Ehemänner mit Knüppeln warteten. Das Problem war nur: Niemand nahm ihn ernst. Wenn er Kutschen anhielt, hörte er immer wieder Bemerkungen wie: »Was? Du Knirps willst ein Straßenräuber sein? Bist du nicht ein wenig zu klein geraten, um Straßen zu rauben, har, har har?« Und dann blieb ihm nichts anderes übrig, als den Leuten ins Knie zu schießen. Casanunda hauchte auf seine Finger, um sie zu wärmen. Kurz darauf hob er den Kopf, als er das Geräusch einer sich nähern- den Kutsche hörte. Er wollte gerade sein Versteck im Gebüsch verlassen, als auf der gege- nüberliegenden Straßenseite ein anderer Räuber aus dem Wald trat. Die Kutsche hielt an. Casanunda hörte nichts, sah nur, wie der Stra- ßenräuber zu einer Tür ritt, sich hinabbeugte, um mit den Insassen zu reden… Eine Hand packte den Mann, zog ihn vom Pferd und in die Kutsche hinein. Sie wackelte eine Zeitlang. Schließlich schwang die Tür auf, und der Räuber rutschte nach draußen, blieb reglos auf der Straße liegen. Die Kutsche rollte weiter… Casanunda wartete eine Zeitlang und ritt dann zu dem Mann. Sein, Pferd wartete geduldig, während er die Strickleiter löste und hinabkletter- te. Es fiel ihm nicht weiter schwer, festzustellen, daß der Straßenräuber tot war. Von lebenden Personen erwartete man, daß sie Blut in sich hatten. Nach einigen Meilen hielt die Kutsche auf einem Hügel an. Jenseits da- von führte die Straße in weiten Schleifen nach Lancre und schließlich zur Ebene hinab. Die vier Passagiere stiegen aus und traten an den Rand der Hügelkuppe heran. Hinter ihnen wogten die Wolken, doch die Luft war frostig klar – im Mondschein reichte der Blick bis zum Rand. Vor ihnen erstreckte sich ein kleines Königreich, umrahmt von Bergen. »Tor zur Welt«, sagte der Graf de Elstyr. »Und vollkommen schutzlos«, meinte sein Sohn. »Ganz im Gegenteil«, widersprach der Graf. »Dieser Ort verfügt über eine sehr wirkungsvolle Verteidigung.« Er lächelte in der Nacht. »Zumin- dest bisher…« »Hexen sollten auf unserer Seite sein«, sagte die Gräfin. »Bei ihr wird es nicht mehr lange dauern«, erwiderte der Graf. »Eine höchst… interessante Frau. Eine interessante Familie. Mein Onkel hat mir von ihrer Großmutter erzählt. Die Wetterwachs-Frauen standen immer mit einem Fuß im Schatten. Es liegt in ihrem Blut. Und der größ- te Teil ihrer Macht basiert darauf, daß sie sie leugnen.« Die Zähne des Grafen leuchteten, als er erneut lächelte. »Aber sie wird bald begreifen, wo der Barthel den Most holt.« »Oder ihr Pfefferkuchen brennt an«, sagte die Gräfin. »Oh, ja. Wohl gesprochen. Das ist natürlich der Nachteil daran, eine Wetterwachs zu sein. Wenn sie älter werden, hören sie das Knarren der großen Backofentür.« »Sie soll ziemlich stur sein«, warf der Sohn des Herzogs ein. »Und intel- ligent.« »Wir sollten sie töten«, schlug die Tochter des Herzogs vor., »Ich bitte dich, Lacci, wir können doch nicht alle umbringen.« »Warum denn nicht?« »Nein. Mir gefällt die Vorstellung, daß sie uns irgendwie… nützlich ist. Und sie sieht alles schwarz und weiß. Das ist immer eine Gefahr für die Mächtigen. Oh, ja. Solch ein Bewußtsein läßt sich leicht… lenken. Mit ein wenig Hilfe.« Flügel schwirrten im Mondschein, und etwas Zweifarbiges landete auf der Schulter des Grafen. »Und dies…« Der Graf streichelte die Elster und ließ sie wieder davon- fliegen. Dann zog er eine weiße Karte aus der Jackentasche; ihre Kante glänzte goldgelb. »Kann man das glauben? Ist so etwas schon einmal geschehen? Eine neue Weltordnung…« »Hast du ein Taschentuch?« fragte die Gräfin. »Gib es mir bitte. Ich sehe da einige Spritzer…« Sie betupfte sein Kinn, und Blutflecken blieben im Taschentuch zu- rück, das sie dem Grafen wieder in die Hosentasche stopfte. »Jetzt ist alles in Ordnung«, sagte die Gräfin. »Es gibt noch andere Hexen.« Der Sohn klang wie jemand, der einen Bissen im Mund hin und her drehte, weil er sich nur schwer kauen ließ. »O ja. Und hoffentlich begegnen wir ihnen. Sie können sehr unterhalt- sam sein.« Sie kehrten in die Kutsche zurück. In den Bergen stand der Mann, der versucht hatte, die Kutsche auszu- rauben, mühsam auf. Ein oder zwei Sekunden lang schien sein Fuß an etwas festzustecken. Verärgert rieb er sich den Hals und hielt nach sei- nem Pferd Ausschau, das nicht allzu weit entfernt hinter einigen Felsen stand. Als er versuchte, nach dem Zaumzeug zu greifen, glitt seine Hand wie Rauch durchs Leder und den Hals des Pferds, das sich erschrocken auf- bäumte und davonlief. Es war keine besonders gute Nacht, dachte der Straßenräuber benom- men. Er mußte nicht nur auf Beute verzichten, sondern jetzt auch noch, auf sein Pferd. Wer hatte in der Kutsche gesessen? Er konnte sich nicht genau an die Ereignisse darin erinnern, aber er wußte, daß sie alles ande- re als angenehm gewesen waren. Der Straßenräuber gehörte zu einer besonderen Gruppe von eher ein- fachen Menschen: Wenn jemand wie er von etwas Größerem geschlagen wurde, so suchte er sich etwas Kleineres, um angemessene Vergeltung zu üben. Er schwor sich, daß in dieser Nacht jemand anders leiden würde. Und er wollte sich ein neues Pferd besorgen. Schon nach kurzer Zeit trug ihm der Wind das Pochen von Hufen ent- gegen. Er zog sein Schwert und trat auf die Straße. »Halt an und leere die Taschen!« Das Pferd verharrte tatsächlich dicht vor ihm. Vielleicht, dachte der Straßenräuber, war die Nacht doch nicht so schlecht. Das Pferd erwies sich als prächtiges Geschöpf, schien mehr eine Art Kriegsroß zu sein. Im Licht der Sterne schimmerte sein weißes Fell, und offenbar glänzte Silber am Geschirr. Der Reiter hatte sich mit einem weiten schwarzen Kapuzenmantel vor der Kälte geschützt. »Geld oder Leben!« sagte der Straßenräuber. WIE BITTE? »Dein Geld«, wiederholte der Straßenräuber. »Oder dein Leben. Was davon verstehst du nicht?« OH, JA. NUN, ICH HABE ETWAS GELD DABEI. Zwei Münzen landeten auf dem von Rauhreif bedeckten Boden. Der Straßenräuber wollte sie aufheben, aber das gelang ihm nicht. Neuer Ärger brodelte in ihm. »Also dein Leben!« Die Gestalt auf dem Pferd schüttelte den Kopf. NEIN, DAS GLAUBE ICH NICHT. NEIN, WIRKLICH NICHT. Sie zog einen langen, krummen Stock aus einem Halfter. Der Straßen- räuber hatte das Objekt zunächst für eine Lanze gehalten, aber jetzt sprang eine Klinge daraus hervor – ihre Schneide leuchtete blau. ICH MUSS SAGEN, DASS DU DICH DURCH EINE, BEMERKENSWERT BEHARRLICHE VITALITÄT AUSZEICHNEST, sagte der Reiter. Es war keine Stimme in dem Sinn, mehr ein Echo im Kopf. VIELLEICHT AUCH DURCH EINE BESONDERE GEISTESGEGENWART. »Wer bist du?« ICH BIN DER TOD, sagte Tod. UND ICH BIN NICHT HIER, UM DEIN GELD ZU NEHMEN. WAS DAVON VERSTEHST DU NICHT? Etwas flatterte am Fenster des Vogelhorts. Die Öffnung war nicht ver- glast – es steckten nur einige Holzleisten darin, um frische Luft hereinzu- lassen. Etwas tastete umher, und es folgte ein leises Picken. Dann herrschte wieder Stille. Die Falken starrten. Außerhalb des Fensters machte etwas Wummpf. Gleißende Lichtstrah- len strichen über die gegenüberliegende Wand, und die Leisten verkohl- ten langsam. Nanny Ogg wußte: Das Fest fand im Großen Saal statt, doch den eigent- lichen Spaß hatte man im Hof am großen Feuer. Drinnen gab’s Wachte- leier, Gänseleberpastete und kleine belegte Brote. Draußen schwammen Bratkartoffeln in Butterfässern, und dazu briet ein ganzer Hirsch am Spieß. Für später war die Galavorstellung eines Mannes vorgesehen, der Wiesel durch seine Hosenbeine krabbeln ließ – solche Unterhaltung zog Nanny jeder großen Oper vor. Als Hexe war sie natürlich überall willkommen, und es konnte nie schaden, die besseren Leute daran zu erinnern, für den Fall, daß sie es vergaßen. So schwer die Entscheidung auch sein mochte: Nanny Ogg beschloß, draußen zu bleiben und eine ordentliche Wildbretmahlzeit zu genießen – wie viele ältere Frauen war sie gewissermaßen ein Faß ohne Boden, wenn es kostenloses Essen gab. Anschließend wollte sie den Großen Saal aufsuchen und die Lücken mit piekfeinen Spezialitäten fül- len. Außerdem wurde dort vielleicht der teure sprudelnde Wein ausge-, schenkt. Nanny trank ihn ganz gern, wenn man ihn in einem großen Krug servierte. Allerdings mußte man erst genug Bier trinken, bevor man sich ausgefalleneren Dingen zuwenden konnte. Sie griff nach einem Humpen und schlenderte zum Anfang der Schlange am Bierfaß. Dort stieß sie mit sanftem Nachdruck den Kopf eines Mannes beiseite, der beschlossen hatte, den ganzen Abend unterm Zapfhahn zu liegen, und füllte dann ihr Gefäß. Als sich Nanny umdrehte, sah sie, wie sich die spreizfüßige Agnes nä- herte. Es schien sie noch immer mit Unbehagen zu erfüllen, ihren neuen schwarzen Hut in der Öffentlichkeit zu tragen. »Hallo, Mädchen«, sagte Nanny. »Versuch mal das Wildbret. Ist wirk- lich lecker.« Agnes blickte skeptisch zum bratenden Fleisch hinüber. Die Lancresti- anar waren vor allem um die Kalorien bedacht und schenkten den Vita- minen kaum Beachtung. »Glaubst du, ich könnte hier einen Salat bekommen?« fragte sie. »Ich hoffe nicht«, erwiderte Nanny fröhlich. »Es sind ziemlich viele Leute da«, meinte Agnes. »Jeder hat eine Einladung bekommen«, sagte Nanny. »Das finde ich sehr nett von Magrat.« Agnes reckte den Hals. »Oma Wetterwachs scheint nicht hier zu sein.« »Vermutlich ist sie drinnen und sagt den Leuten, was sie tun sollen.« »In letzter Zeit habe ich sie nicht oft gesehen«, fügte Agnes hinzu. »Ich glaube, sie ist mit irgend etwas beschäftigt.« Nanny kniff die Augen zusammen. »Glaubst du?« fragte sie und dachte: Du wirst gut, Mädchen. »Seit wir von der Geburt gehört haben…« Mit einer Geste ihrer pum- meligen Hand deutete Agnes auf das cholesterinintensive Fest um sie herum. »Seit wir davon gehört haben, ist sie… ganz angespannt.« Nanny Ogg stopfte Tabak in die Pfeife und riß ein Streichholz am Stie- fel an. »Du bemerkst gewisse Dinge, nicht wahr?« entgegnete sie und paffte. »Bist ziemlich aufmerksam, stimmt’s? Wir sollten dich Fräulein Ich-, bemerke-alles nennen.« »Ich bemerke zum Beispiel, daß du immer dann mit deiner Pfeife her- umspielst, wenn dir unangenehme Gedanken durch den Kopf gehen«, sagte Agnes. »Das ist Ersatzbefriedigung.« In einer süßlich riechenden Qualmwolke dachte Nanny daran, daß Ag- nes Bücher las. Alle Hexen, die in ihrer Hütte gewohnt hatten, gehörten zur belesenen Sorte. Sie glaubten, durch Bücher das Leben sehen zu können, aber das ging natürlich nicht, weil einem die Worte den Blick versperrten. »Seit einer Weile ist sie recht still, das stimmt«, sagte Nanny. »Wir soll- ten sie besser nicht stören.« »Ich dachte, sie ärgert sich vielleicht über den Priester, der die Na- mensgebung vollzieht«, sagte Agnes. »Ach, am alten Pater Perdore gibt es nichts auszusetzen«, erwiderte Nanny. »Brabbelt in irgendeiner komischen Sprache vor sich hin und faßt sich kurz. Anschließend gibt man ihm ein paar Münzen für seine Mühe, füllt ihn mit Brandy ab, setzt ihn auf seinen Esel, und schon ist er wieder verschwunden.« »Hast du nichts davon gehört?« fragte Agnes erstaunt. »Er hatte einen Unfall drüben in Skund. Hat sich die Hand und beide Beine gebrochen, als er vom Esel fiel.« Nanny Ogg nahm die Pfeife aus dem Mund. »Warum hat man mir das nicht gesagt?« entfuhr es ihr. »Keine Ahnung, Nanny. Ich hab’s gestern von Frau Weber erfahren.« »Was? Ich bin ihr heute morgen auf der Straße begegnet! Sie hätte mich darauf ansprechen können!« Nanny steckte sich die Pfeife so in den Mund, als wollte sie damit Wortkargheit und Einsilbigkeit erstechen. »Wie kann man sich beide Beine brechen, wenn man vom Esel fällt?« »Er ritt über den kleinen Pfad an der Skund-Schlucht und fiel achtzehn Meter tief.« »Ach? Nun… ich schätze, in dem Fall ist der Esel hoch genug.« »Deshalb hat der König jemanden zur omnianischen Mission in Ohu-, lan geschickt, damit ein anderer Priester zu uns kommt«, sagte Agnes. »Er hat was?« brachte Nanny hervor. Auf einer Wiese außerhalb der Stadt hatte jemand, der nicht viel davon verstand, ein kleines graues Zelt aufgebaut. Der stärker werdende Wind zerrte an dem Plakat, das draußen an einer Staffelei befestigt war. Auf dem Plakat stand: GUTE NEUIGKEITEN! Om Heißt Dich Willkommen!!! Niemand war zu dem kleinen, einleitenden Gottesdienst gekommen, den Hilbert Himmelwärts am Nachmittag abgehalten hatte. Doch nach der Ankündigung wollte er nicht darauf verzichten, sang einige fröhliche Lieder und spielte dazu auf seinem tragbaren Harmonium. Anschließend hielt er für Wind und Himmel eine kurze Predigt. Der Unterunterdekan Himmelwärts betrachtete sich nun im Spiegel. Er mußte zugeben, daß ihm dabei nicht ganz wohl zumute war. Spiegel hat- ten zu einer der zahlreichen Spaltungen der Kirche geführt. Eine Seite vertrat dabei die Ansicht, daß Spiegel schlecht waren, weil sie Eitelkeit förderten. Die andere Seite meinte hingegen, Spiegel seien heilig, weil sie Oms Güte reflektierten. Himmelwärts hatte sich darüber noch keine eigene Meinung gebildet – er neigte von Natur aus dazu, bei strittigen Fragen auf beiden Seiten Vernünftiges zu entdecken. Wie dem auch sei: Spiegel halfen ihm wenigstens, den komplizierten Priesterkragen zu- rechtzurücken. Er war noch recht neu. Oberdekan Meckel, verantwortlich für Pastora- le Praxis, hatte darauf hingewiesen, daß die Vorschriften über Stärke eigentlich kaum mehr darstellten als Richtlinien. Doch Himmelwärts wollte auf Nummer Sicher gehen, was in diesem Fall bedeutete: Man hätte sich mit seinem Kragen rasieren können. Vorsichtig ließ er den heiligen Schildkrötenanhänger an den richtigen Platz sinken und nahm mit einer gewissen Zufriedenheit seinen Glanz zur Kenntnis, bevor er nach dem sorgfältig gedruckten Buch Om griff, das er zum Abschluß seiner Studien erhalten hatte. Manche seiner Studien- kollegen waren stundenlang damit beschäftigt gewesen, unentwegt in ihren Ausgaben dieses Buches zu blättern, damit sie angemessen ge-, braucht wirkten. Doch Himmelwärts verzichtete darauf, und außerdem kannte er den größten Teil davon ohnehin auswendig. Vage Schuldgefühle regten sich in ihm, denn an der Schule war mehr- mals darauf hingewiesen worden, daß man heilige Schriften nicht für Weissagungen und dergleichen benutzen sollte. Er schloß die Augen und schlug das Buch an einer beliebigen Stelle auf. Dann hob er die Lider wieder und las den ersten Abschnitt. Die Stelle befand sich irgendwo in der Mitte von Bruthas Zweitem Brief an die Omisch, in dem er sie ein wenig dafür tadelte, daß sie noch nicht auf seinen ersten Brief geantwortet hatten. »… Schweigen ist eine Antwort, aus der sich drei weitere Fragen ergeben. Suchet und ihr werdet finden, aber zuerst solltet ihr wissen, wonach es zu suchen gilt…« Oh, na schön. Himmelwärts schloß das Buch. Welch ein Ort! Einfach schrecklich! Nach dem Gottesdienst hatte er ei- nen Spaziergang gemacht und festgestellt, daß jeder Weg an einer Klippe oder einem steilen Abhang endete. Nie zuvor war er in einem so vertika- len Land gewesen. Es hatte bedrohlich in den Büschen geraschelt, und seine Schuhe waren schmutzig geworden. Und was die Bewohner be- traf… Nun, sie waren einfache, unwissende Leute, Salz der Erde und so weiter. Wie dem auch sei: Sie wahrten eine gewisse Distanz und beo- bachteten ihn aufmerksam, als warteten sie darauf, daß etwas mit ihm geschah – und als wollten sie ihm nicht zu nahe sein, wenn es geschah. Andererseits hieß es in Bruthas Brief an die Simoniten: Wenn man woll- te, daß die anderen das Licht sahen, mußte man das Licht zu dunklen Orten bringen. Und dies hier war ganz gewiß ein dunkler Ort. Himmelwärts sprach ein kurzes Gebet und trat in die schmutzige, win- dige Dunkelheit. Oma Wetterwachs flog hoch über den Baumwipfeln unter einem halben Mond. Solch einem Mond begegnete sie mit Argwohn. Der Vollmond konnte nur abnehmen, der Neumond nur zunehmen. Ein Halbmond hingegen, der unsicher zwischen Licht und Finsternis balancierte… Von einem Halbmond konnte man alles erwarten., Hexen lebten immer am Rand der Dinge. Sie spürte ein Prickeln in den Händen, und das nicht von der kalten Luft – irgendwo gab es einen Rand. Etwas begann. Auf der anderen Seite des Himmels glühten die Mittlichter an den Ber- gen im Zentrum der Welt, hell genug, um mit dem blassen Mondschein zu wetteifern. Grüne und goldene Flammen tanzten über den zentralen Massiven. Um diese Jahreszeit sah man sie nur selten, und Oma fragte sich, was das bedeuten mochte. Der Ort Schnitte erstreckte sich auf beiden Seiten einer Kluft, die es nicht verdiente, als »Tal« bezeichnet zu werden. Im matten Schein des Mondes sah Oma blasse Gesichter, die im Schatten des Gartens warteten und nach oben blickten, als sie zur Landung ansetzte. »Guten Abend, Herr Efeu«, sagte sie und sprang vom Besen herunter. »Sie ist oben, nicht wahr?« »In der Scheune«, erwiderte Efeu. »Die Kuh hat sie getreten.« Omas Gesicht blieb ausdruckslos. »Ich werde sehen, was ich tun kann«, sagte sie. Als sie in der Scheune Frau Pattenbuschs Gesicht sah, begriff sie sofort, daß es kaum Hoffnung gab. Die Frau war keine Hexe, aber sie kannte sich mit praktischer Ge- burtshilfe aus, ob es dabei um Menschen oder Kühe, Ziegen oder Pferde ging. »Es ist schlimm«, flüsterte sie, als Oma auf die im Stroh liegende und stöhnende Gestalt hinabsah. »Ich fürchte, wir verlieren beide. Oder viel- leicht nur einen…« In ihren Worten ließ sich die Andeutung einer Frage vernehmen. Oma Wetterwachs konzentrierte sich. »Es ist ein Junge«, sagte sie. Frau Pattenbusch fragte nicht, woher Oma das wußte, doch ihre Miene deutete darauf hin, daß die Bürde noch etwas schwerer geworden war. »Ich sollte besser gehen und mit Herrn Efeu sprechen«, sagte sie. Frau Pattenbusch hatte sich kaum bewegt, als Oma Wetterwachs sie am Arm festhielt. »Ihn geht dies nichts an«, sagte sie., »Aber er ist…« »Ihn geht dies nichts an.« Frau Pattenbusch sah in blaue Augen und verstand zwei Dinge. Was auch immer in der Scheune geschah: Es ging Herrn Efeu tatsächlich nichts an – und es durfte nie darüber gesprochen werden. »Ich erinnere mich an sie«, sagte Oma. Sie ließ Frau Pattenbusch los und rollte die Ärmel hoch. »Ein nettes Paar, wenn ich mich recht entsin- ne. Und was ihn betrifft… Er ist ein guter Ehemann, nach allem, was man hört.« Sie nahm den Krug und füllte die im Futtertrog bereitgestellte Schüssel mit warmem Wasser. Frau Pattenbusch nickte. »Für einen Mann ist es natürlich nicht leicht, dieses steile Land allein zu bestellen«, fuhr Oma fort und wusch sich die Hände. Frau Pattenbusch nickte erneut, diesmal recht kummervoll. »Nun, ich schätze, du solltest Herrn Efeu ins Haus führen und ihm dort Tee kochen«, befahl Oma. »Sag ihm, ich gebe mir alle Mühe.« Das dritte Nicken der Hebamme wirkte dankbar. Als sie geflohen war, legte Oma die Hand auf Frau Efeus feuchte Stirn. »Nun, Florentine Efeu«, sagte sie, »mal sehen, was wir tun können. Doch zuerst… keine Schmerzen…« Als sie den Kopf bewegte, sah sie den Mond durch das unverglaste Fenster. Zwischen Licht und Dunkelheit… Manchmal mußte man einen solchen Ort aufsuchen. DA HAST DU RECHT. Oma Wetterwachs drehte sich nicht um. »Ich dachte mir schon, daß du hier bist«, sagte sie und kniete im Stroh nieder. WO SOLLTE ICH AUCH SONST SEIN? erwiderte Tod. »Weißt du, für wen du gekommen bist?« EINE WAHL STEHT MIR NICHT ZU. GANZ AM RAND GIBT ES IMMER EIN WENIG UNGEWISSHEIT. Oma fühlte die Worte einige Sekunden lang im Kopf, wie schmelzende Eiswürfel. Noch weiter als ganz am Rand… ganz ganz am Rand mußte eine Entscheidung getroffen, ein Urteil gefällt werden., »Hier ist zu großer Schaden angerichtet worden«, sagte sie schließlich. Wenige Sekunden später fühlte sie, wie das Leben an ihr vorbeiglitt. Tod hatte den Anstand, die Scheune ohne ein weiteres Wort zu verlas- sen. Als Frau Pattenbusch zögernd anklopfte und dann die Tür öffnete, be- fand sich Oma im Kuhstall. Die Hebamme beobachtete, wie sie aufstand und einen Dorn hochhielt. »Das hat den ganzen Tag über im Bein des Tieres gesteckt«, sagte die Hexe. »Kein Wunder, daß es unruhig war. Bitte sorg dafür, daß er die Kuh nicht tötet, verstanden? Sie brauchen sie bestimmt.« Frau Pattenbusch blickte auf die zusammengerollte Decke im Stroh hinab. Oma Wetterwachs hatte das Bündel taktvoll beiseite geschoben, damit die jetzt schlafende Frau Efeu es nicht sehen konnte. »Ich rede mit ihm«, fuhr Oma fort und strich Strohreste von ihrem Kleid. »Was Frau Efeu betriff… Sie ist stark und jung, und du weißt, worauf es ankommt. Kümmere dich um sie. Nanny Ogg oder ich schau- en gelegentlich vorbei. Wenn sie sich erholt hat… Im Schloß wird eine Amme gebraucht. Vielleicht ist das die beste Lösung.« In Schnitte gab es wohl kaum jemanden, der es wagen würde, sich Oma Wetterwachs zu widersetzen, doch im Gesicht der Hebamme zeig- te sich ein Hauch Mißbilligung. »Bist du noch immer der Ansicht, daß es besser gewesen wäre, Herrn Efeu zu fragen?« wandte sich Oma an Frau Pattenbusch. »Ich hätte vorher mit ihm gesprochen…«, murmelte die Hebamme. »Magst du ihn nicht? Hältst du ihn für einen üblen Burschen?« Oma rückte ihre Haarnadeln zurecht. »Nein!« »Was hat er mir angetan, daß ich ihm soviel Leid bescheren sollte?« Agnes mußte laufen, um nicht den Anschluß zu verlieren. Wenn Nanny Ogg in Fahrt geriet, bewegte sie sich wie von einem Motor angetrieben. »Wir haben hier doch viele Priester, Nanny!« »Aber keine Omnianer!« erwiderte Nanny Ogg scharf. »Im letzten Jahr, kamen welche zu uns. Zwei von ihnen klopften an meine Tür!« »Nun, dafür ist eine Tür da…« »Und sie schoben eine Broschüre unter der Tür durch. Ihr Titel lautete: Bereue!« schnaufte Nanny Ogg. »Bereuen? Ich? Meine Güte! Ich kann doch nicht einfach so damit anfangen, Reue zu empfinden. Dann käme ich überhaupt nicht mehr dazu, irgendwas zu erledigen. Außerdem tut mir kaum etwas leid«, fügte sie hinzu. »Ich glaube, du regst dich zu sehr auf…« »Sie verbrennen Leute!« sagte Nanny. »Ich habe irgendwo gelesen, daß das tatsächlich einmal der Fall war.« Agnes keuchte vor Anstrengung, während sie weiter versuchte, mit Nan- ny Schritt zu halten. »Aber es geschah vor langer Zeit. Die Priester, die ich in Ankh- Morpork gesehen habe, begnügten sich damit, Broschüren zu verteilen, in Zelten zu predigen und langweilige Lieder zu singen…« »Ha! Die Katze läßt das Miauen nicht, Mädchen!« Sie eilten durch einen Flur, traten hinter einem Wandschirm hervor – und sahen sich plötzlich mit dem Durcheinander im Großen Saal kon- frontiert. »Hier wimmelt’s von piekfeinen Leuten.« Nanny reckte den Hals. »Ah, da ist ja unser Shawn…« Lancres stehendes Heer duckte sich hinter eine Säule, vermutlich in der Hoffnung, daß ihn niemand mit der gepuderten Lakaienperücke sah, die für einen wesentlich größeren Lakaien bestimmt war. Das Königreich Lancre hatte keine nennenswerte Exekutive, und die meisten der betreffenden Aufgaben nahm Nanny Oggs jüngster Sohn wahr. König Verence war ein recht fortschrittlicher Herrscher, auf eine nervöse Art und Weise, aber trotz all seiner Bemühungen ließen sich die Lancrestianer nicht dazu bewegen, die Demokratie zu akzeptieren. Des- halb hatte sich bedauerlicherweise nie eine Art Regierung bilden können. Um die meisten Dinge, die sich nicht vermeiden ließen, kümmerte sich Shawn. Er leerte die Aborte im Palast, stellte die wenige Post zu, be- wachte die Wehrwälle, hielt die Königliche Münze in Betrieb, glich den Etat aus und half in seiner Freizeit dem Gärtner. Wenn es erforderlich, war, die Grenzen zu kontrollieren – Verence glaubte, daß gelb und schwarz gestreifte Pfähle einem Land einen professionellen Eindruck verlie- hen –, stempelte er Pässe beziehungsweise irgendein Stück Papier, das die Reisenden vorweisen konnten, zum Beispiel einen Briefumschlag. Er benutzte dazu einen Stempel, den er mehr oder weniger geschickt aus einer halben Kartoffel geschnitten hatte. Shawn nahm alles sehr ernst. Er sprang auch für den Butler Spriggins ein, wenn der nicht im Dienst war, und er schlüpfte gelegentlich in die Rolle des Lakaien. »N’abend, unser Shawn«, sagte Nanny Ogg. »Wie ich sehe, hast du wieder das tote Lamm auf dem Kopf.« »Ooh, Mama«, erwiderte Shawn und versuchte, die Perücke zurechtzu- rücken. »Wo ist der Priester, der die Namensgebung vornehmen soll?« fragte Nanny. »Was, Mama? Ich weiß nicht, Mama. Vor einer halben Stunde bin ich damit fertig geworden, all die Namen auszurufen, und dann habe ich damit begonnen, die aufgespießten Käsestückchen zu verteilen… Ooh, Mama, du solltest nicht so viele nehmen, Mama!«* Nanny Ogg saugte die Cocktailhäppchen von vier Stäbchen gleichzeitig und richtete einen nachdenklichen Blick auf die Menge. »Ich werde mit dem jungen Verence reden«, sagte sie. »Er ist der König, Nanny«, meinte Agnes. »Das ist noch lange kein Grund, sich majestätisch aufzuführen.« »Vielleicht doch.« »Unsinn. Finde du den Omnianer und behalt ihn im Auge.« * Die Bewohner von Lancre lehnten die Demokratie ab und vertraten den Standpunkt, daß der König regieren sollte. Das war immerhin seine Pflicht, und sie würden ihn schon darauf hinweisen, wenn er irgend etwas falsch machte. Trotz dieser Einstellung gaben die Lancrestianer keine guten Bediensteten ab. Oh, sie konnten kochen, graben, waschen, nähen und so weiter. In dieser Hin- sicht ließen sie nichts zu wünschen übrig, aber es mangelte ihnen an der richti- gen Bedienstetenmentalität. König Verence wußte darüber Bescheid und fand sich damit ab, daß Shawn Gäste in den Speisesaal führte und rief: »Leckere Fressalien, greift zu, solange das Zeug warm ist!«, »Wonach soll ich denn Ausschau halten?« fragte Agnes verdrießlich. »Nach einer Rauchsäule?« »Sie tragen alle Schwarz«, sagte Nanny fest. »Ha! Das ist typisch für sie!« »Tatsächlich? Das gilt auch für uns.« »Ja, aber wir…« Nanny klopfte sich auf die Brust, die dadurch in er- hebliche Bewegung geriet. »Wir tragen richtiges Schwarz, klar? Geh jetzt und sei unauffällig«, sagte sie zu einer jungen Frau, die einen sechzig Zentimeter hohen und spitz zulaufenden schwarzen Hut trug. Erneut sah sie sich in der Menge um und stieß ihren Sohn an. »Shawn, du hast Esme Wetterwachs doch eine Einladungskarte ge- bracht, oder?« Er wirkte erschrocken. »Natürlich, Mama.« »Unter der Tür hindurchgeschoben?« »Nein, Mama. Du weißt ja, wie sehr sie letztes Jahr geschimpft hat, als sich die Schnecken über die Postkarte hermachten. Ich habe sie in die Türangel geklemmt und mich vergewissert, daß sie richtig fest saß.« »Braver Junge«, sagte Nanny. Von Briefkästen hielten die Lancrestianer nicht viel. Post traf nur sel- ten ein; heftige Stürme waren weitaus häufiger. Warum also einen Schlitz in die Tür sägen, durch den ungebetener Wind ins Haus gelangen konn- te? Man legte Briefe unter schwere Steine, stopfte sie in Blumentöpfe oder schob sie unter der Tür durch. Es waren nie sehr viele.* In Lancre herrschte ein ausgeprägtes Fehden- system, was bedeutete: Die Leute stritten die ganze Zeit über und vererb- ten den Streit ihren Nachkommen. In manchen Fällen reichte die Feh- dentradition über mehrere Generationen. Ein ordentlicher Groll hatte in Lancre ähnliche Bedeutung wie guter Wein. Man behandelte ihn vorsich- tig und respektvoll und vermachte ihn den Kindern. Man schrieb niemandem. Wenn man jemandem etwas mitzuteilen hatte, * Abgesehen von den Briefen, die mit Postanweisungen kamen und im großen und ganzen den gleichen Text enthielten: »Liebe Eltern, in Ankh-Morpork geht es mir gut, und in dieser Woche habe ich sieben Dollar verdient...«, so sagte man es dem Betreffenden ins Gesicht. Auf diese Weise blieb alles hübsch am Brodeln. Agnes trat behutsam durch die Menge und kam sich dumm vor. So fühlte sie sich oft. Jetzt wußte sie, warum Magrat Knoblauch immer so komische weite Kleider getragen und auf einen spitzen Hut verzichtet hatte. Trage einen spitzen Hut und schwarze Klamotten – bei Agnes war dafür ziemlich viel schwarzer Stoff erforderlich –, und schon sehen dich die Leute mit anderen Augen. Dann bist du eine Hexe. Das brachte natür- lich auch Vorteile mit sich. Zu den Nachteilen gehörte, daß man von Leu- ten, die in Schwierigkeiten waren, um Hilfe gebeten wurde – und nie zogen sie auch nur eine Sekunde lang in Erwägung, daß man ihre Prob- leme nicht lösen konnte. Zumindest begegnete man Agnes mit Respekt. Das galt selbst für Leu- te, die sie gekannt hatten, bevor man ihr erlaubte, den schwarzen Hut zu tragen. Sie machten ihr Platz, wenn sie sich näherte. Andererseits neigten die Leute ohnehin dazu, wenn Agnes heranrauschte. »Guten Abend, Fräulein…« Sie drehte sich um und sah Festgreifaah in voller offizieller Montur. Es war wichtig, bei solchen Gelegenheiten nicht zu lächeln; deshalb blieb Agnes ernst, während hinter ihrer Stirn Perditas hysterisches La- chen erklang. Sie hatte Festgreifaah gelegentlich gesehen, am Waldrand oder im Moor. Meistens war der königliche Falkner damit beschäftigt, sich seine Vögel vom Leib zu halten, die ihn allein zum Zeitvertreib angriffen. Was bei König Henry bedeutete, daß Festgreifaah angehoben und dann fallen gelassen wurde – der Adler hielt den Falkner offenbar für eine besonders groß geratene Schildkröte. Man konnte ihn nicht als schlechten Falkner bezeichnen. Noch einige andere Leute in Lancre hielten sich Falken, und er war einer der besten Abrichter in den Spitzhornbergen. Das lag vermutlich an seiner Beharr- lichkeit. Allerdings richtete er seine Vögel so gut ab, daß sie irgendwann unbedingt feststellen wollten, wie er schmeckte. Er hatte es nicht ver- dient. Ebensowenig verdiente er diese Kleidung. Wenn er sich nicht ge- rade in der Gesellschaft von König Henry aufhielt, trug er Leder und mindestens drei Pflaster. Jetzt steckte er in etwas, das vor Jahrhunderten, von jemandem geschaffen worden war, der eine sehr schwärmerische Vorstellung vom Land gehabt hatte. Für solche Kleidung konnte nur jemand verantwortlich sein, der noch nie durch Brombeersträucher ge- krochen war, während ein Falke an seinem Ohr hing. Das Zeug hatte viele rote und goldfarbene Stellen und hätte bei jemandem, der mindes- tens sechzig Zentimeter größer und mit den richtigen Beinen für rote Kniestrümpfe ausgestattet war, ganz ordentlich ausgesehen. Über den Hut sprach man am besten gar nicht. Und wenn doch, eigneten sich zur Beschreibung Worte wie »groß, rot und schlapp«. Eine Feder steckte darin. »Fräulein Nitt?« fragte Festgreifaah. »Entschuldigung… Ich habe deinen Hut betrachtet.« »Sieht gut aus, nicht wahr?« erwiderte Festgreifaah liebenswürdig. »Das ist William. Sie ist ein Bussard, hält sich jedoch für ein Huhn. Kann lei- der nicht fliegen. Ich muß ihr beibringen, wie man jagt.« Agnes reckte mehrmals den Hals, um nach religiöser Aktivität Aus- schau zu halten, doch das ein wenig zerzaust wirkende Geschöpf auf Festgreifaahs Handgelenk beanspruchte immer mehr von ihrer Auf- merksamkeit. »Wie man jagt?« wiederholte Agnes. »Sie kriecht in einen Bau hinein und tritt das Kaninchen darin zu Tode. Und ich habe ihr fast das Krähen abgewöhnt, stimmt’s, William?« »William?« fragte Agnes. »Oh… ja.« Sie erinnerte sich daran, daß ein Falkner jeden seiner Falken »sie« nannte. »Hast du hier irgendwelche Omnianer bemerkt?« flüsterte sie und beugte sich dabei zu Festgreifaah vor. »Was sind das für Vögel, Fräulein?« erwiderte der Falkner unsicher. Er wirkte immer ein wenig besorgt, wenn sich das Gespräch nicht um Fal- ken drehte, wie jemand mit einem großen Wörterbuch, in dem er das Stichwortverzeichnis nicht finden konnte. »Oh, äh… schon gut.« Agnes’ Blick kehrte noch einmal zu William zu- rück. »Wie? Ich meine, wie ist es möglich, daß sich ein solcher Vogel für ein Huhn hält?« »Kann ganz leicht passieren, Fräulein«, erwiderte Festgreifaah. »Tho-, mas Unvergleichlich drüben aus dem Blöden Kaff stibitzte ein Ei und legte es unter eine brütende Henne. Er nahm das Huhn nicht rechtzeitig weg, und William sagte sich: Wenn meine Mutter ein Huhn ist, dann bin ich ebenfalls eins.« »Nun, das ist…« »So passiert’s, Fräulein. Wenn sie bei mir ausschlüpfen, gebe ich immer acht. Ich habe da einen besonderen Handschuh, Fräulein…« »Das ist wirklich sehr interessant, aber ich muß jetzt gehen«, sagte Ag- nes rasch. »Ja, Fräulein.« Sie hatte den Gesuchten bemerkt – er wanderte durch den Großen Saal. Etwas Unverkennbares haftete an ihm. Man hätte ihn fast für eine He- xe halten können. Es lag nicht etwa an dem schwarzen Mantel, der an den Knien endete und zwei Beine zeigte, die in grauen Socken und San- dalen endeten; auch nicht an dem schwarzen Hut, der nur einen kleinen Kopf bedeckte, dessen Krempe jedoch genug Platz für die Teller einer umfangreichen Mahlzeit bot. Der Grund war vielmehr: Der Priester be- wegte sich in einem kleinen freien Bereich, der ihn auf Schritt und Tritt begleitete. Bei Hexen verhielt es sich ähnlich – niemand wollte einer He- xe zu nahe sein. Das Gesicht konnte Agnes nicht erkennen. Der Mann ging schnur- stracks zum Büffettisch. »Entschuldige bitte, Fräulein Nitt…« Shawn erschien an ihrer Seite. Er stand ganz steif, denn unvorsichtige Bewegungen führten dazu, daß sich die Perücke auf seinem Kopf drehte. »Ja, Shawn?« fragte Agnes. »Die Königin möchte dich sprechen«, sagte Shawn. »Mich?« »Ja, Fräulein. Sie ist im Gräßlich Grünen Salon, Fräulein.« Shawn wandte sich langsam ab, und die Perücke behielt die Position auf seinem Kopf bei. Agnes zögerte. Vermutlich war dies ein königlicher Befehl, selbst wenn, er von Magrat Knoblauch stammte, was bedeutete: Er war wichtiger als die Anweisungen Nanny Oggs. Außerdem hatte sie den Priester inzwi- schen gefunden, und er erweckte nicht den Eindruck, daß er bei den Appetithäppchen jemanden verbrennen wollte. Sie machte sich auf den Weg. Eine kleine Luke schwang hinter dem trübseligen Igor auf. »Warum haben wir diesmal angehalten?« »Weil ein Troll im Weg fteht, Herr.« »Ein was?« Igor rollte mit den Augen. »Ein Troll fteht im Weg«, sagte er. Die Luke klappte zu. Im Innern der Kutsche erhob sich Flüstern. Die Luke öffnete sich. »Du meinst, ein Troll?« »Ja, Herr.« »Überfahr ihn einfach!« Der Troll kam näher und hielt eine Fackel hoch. Vor kurzer Zeit hatte jemand gesagt: »Dieser Troll braucht eine Uniform.« Doch das Arsenal enthielt nur ein passendes Objekt: einen Helm. Und der mußte an dem Kopf festgebunden werden, damit er nicht herunterfiel. »Der alte Graf hätte mich nie aufgefordert, einen Troll zu überrfah- ren«, brummte Igor halblaut. »Aber er war ein Gentleman.« »Wie bitte?« erklang die scharfe Stimme einer Frau. Der Troll erreichte die Kutsche und schmetterte respektvoll die Fin- gerknöchel gegen den Helm. »Nabend«, sagte er. »Dies ein wenig peinlich ist. Du kennst einen Pfahl?« »Pfahl?« wiederholte Igor argwöhnisch. »Ein langes Ding aus Holz…« »Ja? Und? Waf ift damit?«, »Du dir einfach vorstellen, das liegt ein schwarz und gelb gestreifter Pfahl über der Straße, ja? Äh, leider wir haben nur einen, und er heute nacht wird gebraucht am Kupferkopfweg.« Die Luke öffnete sich. »Na los, Mann! Überfahr ihn endlich!« »Ich losgehen könnte, um zu holen ihn«, sagte der Troll und trat ner- vös von einem großen Fuß auf den anderen. »Allerdings er erst morgen hier wäre, ja? Oder du so tun könntest, als versperrte er Weg hier, und ich bereit bin, ihn zu heben, ja?« »Na schön«, sagte Igor und schenkte dem Geschimpfe in der Kutsche keine Beachtung. Der alte Graf war immer freundlich zu Trollen gewe- sen, auch wenn man sie nicht beißen konnte, und das verriet echte Klasse bei einem Vampir. »Aber erst muß ich stempeln etwas«, fuhr der Troll fort. Er hob eine halbe Kartoffel und einen mit Farbe getränkten Lappen. »Warum?« »Um zu zeigen, daß ihr seid vorbei an mir«, erklärte der Troll. »Ja, aber wir find doch an dir vorbei«, sagte Igor. »Ich meine, wenn unf die Leute fehen, dürfte wohl kaum ein Zweifel daran beftehen, daf wir an dir vorbei find.« »Aber der Stempel alles macht offiziell«, beharrte der Troll. »Waf paffiert, wenn wir einfach weiterfahren?« fragte Igor. »Äh… dann ich hebe den Pfahl nicht an«, antwortete der Troll. In einem metaphysischen Rätsel gefangen, blickten sie beide zu dem Teil der Straße, wo ein unsichtbarer Schlagbaum den Weg versperrte. Normalerweise hätte Igor keine Zeit vergeudet. Aber die Familie ging ihm auf die Nerven, und er reagierte auf die traditionelle Weise genervter Diener, indem er sich sehr dumm stellte. Er beugte sich vor und sprach durch die offene Luke zu den Insassen der Kutsche. »Ef ift eine Grenzkontrolle, Herr«, sagte er. »Wir müffen etwaf abf- tempeln laffen.« Wieder flüsterten Stimmen, und dann wurde ein großes weißes Recht- eck mit goldener Kante nicht besonders freundlich durch die Luke ge-, schoben. Igor reichte es weiter. »Eigentlich schade«, sagte der Troll, stempelte das weiße Rechteck un- geschickt und gab es zurück. »Waf ift daf denn?« fragte Igor. »Tschuldigung?« »Diefef… dumme Zeichen!« »Nun, die Kartoffel nicht groß genug war für das offizielle Siegel, und eigentlich ich gar nicht weiß, wie aussieht ein Siegel, aber ich glaube, das ist gute Darstellung einer Ente«, entgegnete der Troll fröhlich. »Und jetzt… Du soweit bist? Weil ich hebe den Pfahl. Es geht los. Siehst du? Er jetzt zeigt nach oben. Das bedeutet, du weiterfahren kannst.« Die Kutsche rollte einige Dutzend Meter weiter und hielt dann vor der Brücke. Der Troll glaubte seine Pflicht erfüllt, wankte ebenfalls in Richtung Brücke und hörte ein verwirrendes Gespräch. Allerdings hätten die meis- ten Gespräche, bei denen mehrsilbige Worte verwendet wurden, den Großen Dummen Dummkopf verwirrt. »So, ich möchte, daß ihr jetzt gut aufpaßt…« »Vater, das ist nun wirklich nicht neu für uns…« »Ich kann es gar nicht oft genug betonen. Das dort unten ist der Fluß Lancre. Er besteht aus fließendem Wasser. Und wir werden ihn überque- ren. Ich möchte daran erinnern, daß eure Vorfahren zwar Hunderte von Meilen weit reisten, aber fest davon überzeugt waren, nicht einmal einen Bach überqueren zu können. Muß ich extra auf diesen Widerspruch hinweisen?« »Nein, Vater.« »Gut. Kulturelle Konditionierung könnte für uns den Tod bedeuten, wenn wir nicht vorsichtig sind. Fahr weiter, Igor.« Großer Dummer Dummkopf sah der Kutsche nach. Kälte schien ihr über die Brücke zu folgen. Oma Wetterwachs flog wieder und genoß die klare, frische Luft. Sie hielt sich ein ganzes Stück über den Bäumen, und zum Glück für alle Beteilig-, ten konnte niemand ihr Gesicht sehen. Abgelegene Bauernhöfe zogen unter ihr vorbei. Hinter einigen Fens- tern brannte Licht, doch die meisten waren dunkel – die Leute hatten sich längst auf den Weg zum Schloß gemacht. Unter jedem Dach gab es eine Geschichte, wußte Oma Wetterwachs. Mit Geschichten kannte sie sich aus. Doch das dort unten waren Ge- schichten, die nie erzählt wurden: kleine, geheime Geschichten, die in kleinen Zimmern spielten… In diesen Geschichten half keine Medizin, und Pschikologie blieb wir- kungslos, weil zuviel Schmerz einen Geist quälte, der in einem zum Feind gewordenen Körper steckte. Manchmal waren Personen in einem Kerker aus Fleisch gefangen, und dann konnte Oma sie gehen lassen. Es erforderte keine drastischen Maßnahmen, wie zum Beispiel ein Kis- sen oder das absichtliche Verwechseln von Arzneien. Man schob die Betreffenden nicht aus der Welt, sondern hinderte die Welt daran, sie weiterhin festzuhalten. Man berührte sie nur… und zeigte ihnen den Weg. Gesprochen wurde dabei nie. Ab und zu stand in den Gesichtern der Verwandten eine Bitte, die niemand in Worte zu fassen wagte. Oder es hieß: »Kannst du etwas für ihn tun?« So lautete vielleicht der Code. Wenn man fragte, waren die Leute schockiert und behaupteten, sie hät- ten nie etwas anderes gemeint als vielleicht ein weicheres, bequemeres Kissen. Jede Hebamme, die in blutigen Nächten in irgendeiner einsamen Hütte arbeitete, kannte all die anderen kleinen Geheimnisse… Nie darüber reden… Oma Wetterwachs war ihr ganzes Leben lang Hexe gewesen und wuß- te daher: Eine Hexe stand direkt am Rand, wo die Entscheidungen ge- troffen wurden. Man traf sie selbst, damit die anderen sie nicht treffen mußten, damit sie sich der Illusion hingeben konnten, es seien gar keine Entscheidungen notwendig, damit sie weiterhin glaubten, es gäbe keine kleinen Geheimnisse, nur Dinge, die einfach passierten. Man sagte nie, daß man Bescheid wußte. Und man bat nie um eine Gegenleistung. Das Schloß war hell erleuchtet. Oma Wetterwachs konnte sogar Ges-, talten am großen Feuer im Hof erkennen. Etwas anderes weckte ihre Aufmerksamkeit, denn ihre Blicke glitten jetzt überallhin, nur nicht zum Schloß, und sofort drängte sie ihre Grü- beleien beiseite. Dunst kroch über die Berge und glitt im Mondschein durch die fernen Täler. Eine Nebelschwade wuchs in die Länge, dehnte sich aus in Richtung Schloß und strömte wie in Zeitlupe durch die Lanc- re-Schlucht. Im Frühjahr, wenn sich das Wetter änderte, war Nebel keine Selten- heit. Doch in diesem Fall kam er von Überwald. Die Zofe Millie Chillum öffnete die Tür von Magrats Zimmer, knickste vor Agnes beziehungsweise vor ihrem Hut, und ließ sie dann mit der am Frisiertisch sitzenden Königin allein. Agnes wußte nicht genau, was das Protokoll von ihr verlangte, und sie versuchte es mit einer Art republikanischem Knicks. Der verursachte erhebliche Bewegung in peripheren Regionen. Königin Magrat von Lancre putzte sich die Nase und stopfte das Ta- schentuch dann in den Ärmel ihres Morgenrocks. »Oh, hallo, Agnes«, sagte sie. »Setz dich, nur zu. Du brauchst nicht so auf und ab zu hüpfen. Millie macht das andauernd, und davon werde ich seekrank. Außerdem verneigen sich Hexen eigentlich nur.« »Äh…«, begann Agnes. Sie blickte zur Wiege in der Ecke, die mit mehr Schleifen und Spitze versehen war, als es bei einem Möbelstück der Fall sein sollte. »Sie schläft«, sagte Magrat. »Oh, die Krippe? Verence hat sie von Ankh-Morpork kommen lassen. Meiner Ansicht nach war die alte gut genug, aber er ist sehr, du weißt schon… modern. Bitte setz dich.« »Du wolltest mich sprechen. Euer Maje…«, begann Agnes und war noch immer unsicher. Bestimmt stand ihr ein sehr komplizierter Abend bevor, und sie wußte nicht einmal, wie sie in bezug auf Magrat empfand. Die Frau hatte Echos von sich in der Hütte hinterlassen: einen alten Armreif, unterm Bett vergessen; sentimentale Anmerkungen in uralten Notizbüchern; Vasen mit vertrockneten Blumen. Man bekommt sehr seltsame Vorstellungen von Leuten, wenn man die Dinge findet, die sie, hinter der Garderobe zurücklassen. »Ich wollte nur ein wenig plaudern«, sagte Magrat. »Es ist ein wenig… Weißt du, ich bin wirklich zufrieden, aber… Nun, Millie ist nett, doch sie gibt mir dauernd recht, und Nanny und Oma behandeln mich noch im- mer so, als wäre ich gar nicht, du weißt schon, Königin und so… Was natürlich nicht heißen soll, daß ich die ganze Zeit über wie eine Königin behandelt werden will, aber sie sollen wissen, daß ich Königin bin, ohne mich wie eine zu behandeln, wenn du verstehst, was ich meine…« »Ja, ich glaube, ich verstehe dich«, erwiderte Agnes vorsichtig. Magrat gestikulierte vage in dem Versuch, das Unbeschreibliche zu be- schreiben. Diverse benutzte Taschentücher rutschten aus ihren Ärmeln. »Ich meine, mir wird schwindelig, wenn die Leute dauernd knicksen und so. Wenn sie mich sehen, sollen sie einfach nur denken: ›Oh, das ist Magrat, sie ist jetzt Königin, aber ich werde sie trotzdem ganz normal behandeln…‹« »Aber vielleicht mit ein wenig mehr Respekt, denn sie ist ja Königin«, spekulierte Agnes. »Nun, äh… ja. Mit Nanny ist es eigentlich gar nicht so schlimm, denn sie behandelt alle Leute gleich. Aber wenn mich Oma ansieht, so kann ich sie denken sehen: ›Oh, das ist Magrat. Koch uns Tee, Magrat.‹ Ich schwöre, daß ich mich eines Tages zu einer sehr scharfen Bemerkung hin- reißen lassen werde. Sie scheinen zu glauben, dies sei eine Art Hobby für mich!« »Ich weiß, was du meinst.« »Sie gehen vermutlich davon aus, daß ich irgendwann die Nase voll ha- be und mich wieder den Hexendingen zuwende. Natürlich sagen sie das nicht, aber bestimmt denken sie es. Sie können sich einfach nicht vorstel- len, daß es auch ein anderes Leben gibt.« »Das stimmt.« »Was macht die alte Hütte?« »Es gibt dort ziemlich viele Mäuse«, sagte Agnes. »Ich weiß. Ich habe sie gefüttert. Aber sag Oma nichts davon. Sie ist hier, nicht wahr?«, »Ich habe sie noch nicht gesehen.« sagte Agnes. »Ah, zweifellos wartet sie auf den richtigen dramatischen Moment«, meinte Magrat. »Und weißt du was? Bei all den Dingen, in die wir… äh… gemeinsam verwickelt wurden, habe ich nie erlebt, daß sie auf ei- nen dramatischen Augenblick gewartet hat. Ich meine, du und ich… Wir würden uns im Großen Saal in Geduld fassen. Aber Oma Wetter- wachs… Sie kommt herein, und dann ist es genau der richtige Augen- blick.« »Sie meint, den richtigen Augenblick schafft man sich selbst«, sagte Agnes. »Ja«, sagte Magrat. »Ja«, sagte Agnes. »Und sie ist noch nicht da? Sie hat die erste Einladungskarte bekom- men!« Magrat beugte sich vor. »Auf Verences Anweisung hat diese Karte besonders viel Blattgold abbekommen – es hätte eigentlich klappern müssen, als sie die Einladung beiseite legte. Übrigens: Kannst du gut Tee kochen?« »Sie beklagen sich dauernd«, erwiderte Agnes. »Sie haben immer irgend etwas auszusetzen, nicht wahr? Drei Stücke Zucker für Nanny Ogg, stimmt’s?« »Und sie geben mir nicht mal Geld für den Tee«, sagte Agnes. Sie schnupperte. Die Luft roch ein wenig muffig. »Eins kann ich dir sagen: Es hat keinen Sinn, Kekse zu backen«, meinte Magrat. »Ich habe Stunden damit verbracht, besonders hübsche Exemp- lare zu formen, Halbmonde und so weiter. Aber du kannst sie genauso- gut aus dem Laden holen.« Sie schnupperte ebenfalls. »Das ist nicht das Baby«, sagte Magrat. »Wahrscheinlich war Shawn so sehr mit anderen Dingen beschäftigt, daß er während der vergangenen zwei Wochen keine Zeit gefunden hat, die Abortgrube zu leeren. Wenn der Wind aus der falschen Richtung kommt, steigt der Geruch bis zur Garderobe im Glockenturm hoch. Ich habe Duftkräuter ausgehängt, aber sie lösen sich schnell auf.« Magrats Gesichtsausdruck veränderte sich und brachte eine Besorgnis zum Ausdruck, die über mangelnde Hygiene im Schloß hinausging., »Äh… sie hat die Einladung doch bekommen, oder?« »Shawn meint, er hätte sie zugestellt«, erwiderte Agnes. »Wahrschein- lich hat sie gesagt…« Ihre Stimme bekam einen anderen, schärferen Klang. »›Für so etwas kann ich in meinem Alter keine Zeit vergeuden. Ich habe mich nie in den Vordergrund gestellt, niemand kann behaup- ten, daß ich mich jemals in den Vordergrund gestellt habe.‹« Magrat starrte mit offenem Mund. »Meine Güte, das klang genau wie Oma Wetterwachs!« brachte sie her- vor. »Es gehört zu den wenigen Dingen, die ich wirklich gut kann«, sagte Agnes mit normaler Stimme. »Hübsches Haar, ein wundervoller Charak- ter und ein gutes Ohr für Geräusche.« Und zwei Personen in einem Kopf, ließ sich Perdita vernehmen. »Oma kommt bestimmt«, fügte Agnes hinzu und schenkte der inneren Stimme keine Beachtung. »Aber es ist schon nach halb zwölf… Oh, ich sollte mich besser anzie- hen! Hilfst du mir dabei?« Magrat eilte ins Ankleidezimmer, gefolgt von Agnes. »Ich habe sogar einen kleinen zusätzlichen Text auf die Karte geschrie- ben und sie gebeten, Patin zu sein«, sagte die Königin, nahm vor dem Spiegel Platz und kramte in den Schminkresten. »Insgeheim hat sie sich immer gewünscht, einmal Patin zu werden.« »Ein schönes Geschenk für ein Kind«, sagte Agnes, ohne vorher zu überlegen. Magrats Hand verharrte in einer kleinen Puderwolke auf halbem Weg zum Gesicht, und Agnes sah ihr Entsetzen im Spiegelbild. Dann preßte Magrat die Lippen zusammen, und für einige Sekunden ließ sich in ihren Zügen etwas erkennen, das manchmal auch in der Miene von Oma Wet- terwachs erschien. »Nun, wenn es darum geht, einem Kind Reichtum, Gesundheit und Glück zu wünschen oder dafür zu sorgen, daß es Oma Wetterwachs auf seiner Seite hat – dann fiele mir die Wahl nicht schwer«, sagte Magrat. »Du hast sie bestimmt in Aktion gesehen.« »Das eine oder andere Mal, ja«, räumte Agnes ein. »Sie wird nie den kürzeren ziehen«, meinte Magrat. »Du solltest sie mal, erleben, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlt. Sie kann einen Teil von sich selbst… an einem sicheren Ort unterbringen. Es ist, als… ver- stecke sie sich in jemand anders. Gehört alles zu dem Kram mit dem Borgen.« Agnes nickte. Nanny hatte sie davor gewarnt, aber es war trotzdem entnervend, Omas Hütte zu betreten und sie auf dem Boden liegend vorzufinden, steif wie ein Brett und in den fast blauen Fingern ein Papp- schild mit der Aufschrift: ICH BINNE NICHT TOT.* Es bedeutete, daß sie irgendwo dort draußen war und das Leben mit den Augen eines Dachses oder einer Taube sah, während sie sich als Passagier in einem fremden Geist aufhielt. »Und weißt du was?« fuhr Magrat fort. »Es ist so wie mit den Magiern im Wiewunderland, die ihr Herz in einem versteckten Glas aufbewahr- ten, so daß sie nicht getötet werden konnten. In einem Buch in der Hüt- te steht was darüber.« »In ihrem Fall braucht das Glas nicht sehr groß zu sein«, sagte Agnes. »Da bist du unfair«, erwiderte Magrat. Sie zögerte. »Nun, es wäre in den meisten Fällen unfair. Beziehungsweise ziemlich oft. Oder wenigs- tens manchmal. Kannst du mir mit dieser blöden Halskrause helfen?« In der Krippe gluckste es. »Welchen Namen gibst du ihr?« fragte Agnes. »Da mußt du dich noch ein wenig gedulden«, antwortete Magrat. * Wenn es für Oma Wetterwachs nichts anderes zu tun gab, schickte sie ihr Bewußtsein auf Reisen – sie nannte so etwas »Borgen«. Ihr Selbst befand sich dabei im Kopf anderer Geschöpfe. Sie galt in dieser Hinsicht als die seit Jahr- hunderten fähigste Person in den Spitzhornbergen: Oma konnte sogar den Geist von Dingen erreichen, die gar keinen Geist hatten. Ihr »Borgen« bewirkte unter anderem, daß die Lancrestianer Tieren gegenüber nicht zu jener Art von beiläufiger Grausamkeit neigten, die normalerweise zur ländlichen Idylle gehört: Die Ratte, nach der man heute einen Ziegelstein wirft, könnte sich morgen als jene Hexe erweisen, von der man sich ein Mittel gegen Zahnschmerzen erhofft. Es bedeutete auch, daß Besucher Oma kalt und steif vorfanden, mit einem Puls, der sich kaum mehr fühlen ließ. Das Pappschild diente dazu, peinliche Zwischenfälle zu vermeiden., Es ergab einen gewissen Sinn, mußte Agnes zugeben, als sie Magrat und den Zofen zum Großen Saal folgte. In Lancre benannte man Kinder um Mitternacht, damit sie den Tag mit einem neuen Namen beginnen konnten. Agnes wußte nicht, warum es einen Sinn ergab. Irgendwann schien jemand herausgefunden zu haben, daß so etwas gut funktionierte, und Lancrestianer trennten sich nie von funktionierenden Dingen. Allerdings änderten sie auch nur selten etwas an ihnen. Dieser Umstand schien Verence zu deprimieren, der aus Büchern lern- te, ein König zu sein. Seine Pläne für Bewässerung und Landwirtschaft stießen bei den Lancrestianern auf begeisterte Zustimmung – doch sie machten keine Anstalten, sie in die Tat umzusetzen. Mit einer ähnlichen Einstellung begegneten sie Verences Absichten in bezug auf Hygiene. Für den durchschnittlichen Lancrestianer bestand ausgezeichnete Hygie- ne aus einem rutschfesten Weg zum Abort und einem Katalog mit sehr weichen Blättern. Das Volk von Lancre begrüßte die Königliche Gesell- schaft zur Verbesserung der Menschheit, aber da sich die Aktivitäten besagter Gesellschaft vor allem auf die Zeit beschränkten, die Shawn am Donnerstagnachmittag dafür erübrigen konnte, brauchte die Menschheit kaum Verbesserungen zu befürchten – obgleich Shawn neue Dichtungen für die zugigeren Teile des Schlosses entwickelt hatte, wofür er vom Kö- nig mit einer kleinen Medaille belohnt worden war. Etwas anderes als eine Monarchie konnten sich die Lancrestianer für ihre Heimat gar nicht vorstellen. Über Tausende von Jahren hinweg hat- ten sie in einer Monarchie gelebt und wußten, daß sie funktionierte. Aber ihnen war auch klar, daß es sich kaum lohnte, den Wünschen und Ab- sichten des Königs zu große Aufmerksamkeit zu schenken, weil es in vierzig Jahren oder so einen neuen König geben würde, der die Dinge ganz anders sah – warum also Zeit vergeuden? Und was die Aufgaben des jeweiligen Königs betraf: Nach Ansicht der Bürger von Lancre sollte er vor allem im Schloß bleiben, richtiges Winken üben und vernünftig genug sein, auf Münzen zur richtigen Seite zu blicken. Abgesehen davon war es am besten, wenn er die einfachen Leute in Ruhe ließ, damit sie ungestört pflügen, säen, Unkraut jäten und ernten konnten. Sie sahen darin eine Art sozialen Vertrag. Sie verrichteten die Arbeit, die sie immer verrichtet hatten, und er behinderte sie nicht dabei., Doch manchmal wollte Verence unbedingt regieren… Im Schloß Lancre blickte König Verence in den Spiegel und seufzte. »Frau Ogg«, sagte er und rückte die Krone zurecht, »wie du weißt, habe ich großen Respekt vor den Hexen von Lancre, aber in diesem Fall han- delt es sich um eine Angelegenheit allgemeiner Politik, und mit Verlaub: Dafür ist der König zuständig.« Erneut rückte er die Krone zurecht, während der Butler Spriggins den Mantel abbürstete. »Wir müssen tole- rant sein. Wirklich, Frau Ogg, ich habe dich noch nie so aufgeregt gese- hen…« »Sie laufen herum und verbrennen Leute!« erwiderte Nanny hitzig und voller Ärger über all den Respekt. »Früher war das einmal der Fall, glaube ich«, sagte Verence. »Und sie haben vor allem Hexen verbrannt!« Verence nahm die Krone ab, putzte sie mit dem Ärmel und zeigte eine Vernunft, die einen zur Raserei bringen konnte. »Soweit ich weiß, waren sie beim Verbrennen nicht besonders wähle- risch«, meinte er. »Aber das alles geschah vor langer Zeit.« »Unser Jason hat ihre Predigten unten in Ohulan gehört und meint, sie hätten einige sehr scheußliche Dinge über Hexen gesagt!« »Leider kennen nicht alle Leute Hexen so gut wie wir«, erwiderte Ve- rence. In ihrem derzeitigen überhitzten Zustand glaubte Nanny, daß er sich ihr gegenüber viel zu diplomatisch verhielt. »Und unser Wayne meint, daß sie versuchen, Leute gegen andere Reli- gionen aufzubringen«, fuhr Nanny fort. »Nach der Eröffnung ihrer Mis- sion haben sogar die Offlerianer ihre Sachen gepackt und sind gegangen. Es ist eine Sache zu behaupten, man hätte den besten Gott. Aber auch noch zu sagen, er sei der einzige… Das halte ich nun wirklich für über- trieben. Und ihrer Meinung nach beginnt man sein Leben als Sünder und wird erst gut, indem man an Om glaubt, was völliger Unsinn ist. Ich meine, nimm nur das kleine Mädchen… äh… wie soll es heißen…?« »In zwanzig Minuten werden es alle wissen, Nanny«, sagte Verence ru- hig. »Ha!« Nannys Tonfall machte deutlich, daß Radio Ogg diesen Umgang mit Nachrichten mißbilligte. »Was ist das Schlimmste, was man von ei-, nem so kleinen Kind erwarten kann? Schmutzige Windeln und Geschrei in der Nacht. So etwas dürfte wohl kaum ›sündig‹ sein.« »Du hast nie Einwände gegen die Düsteren Brüder erhoben, Nanny. Oder gegen die Rätsler. Und die Balancierenden Mönche kommen im- mer wieder hierher.« »Ich erhebe keine Einwände gegen sie, weil niemand von ihnen Ein- wände gegen mich erhebt«, sagte Nanny. Verence drehte sich um. Er fand diese Sache beunruhigend. Er kannte Nanny Ogg gut, aber hauptsächlich als eine Person, die hinter Oma Wet- terwachs stand und viel lächelte. Mit einer zornigen Ogg ließ sich nur schwer umgehen. »Ich glaube, du nimmst dir dies alles viel zu sehr zu Herzen, Frau Ogg«, sagte er. »Es wird Oma Wetterwachs nicht gefallen!« entgegnete Nanny und spielte damit ihren Trumpf aus. Erschrocken stellte sie fest, daß die ge- wünschte Wirkung ausblieb. »Oma Wetterwachs ist nicht der König, Frau Ogg«, erwiderte Verence. »Und die Welt ändert sich. Es gibt eine neue Ordnung. Früher einmal waren Trolle Ungeheuer, die Menschen fraßen, doch unsere Bemühun- gen – und natürlich die der Trolle – sowie guter Wille und Friedfertigkeit haben dazu geführt, daß wir inzwischen gut miteinander zurechtkommen und uns hoffentlich verstehen. Es ist nicht länger nötig, daß sich kleine Königreiche nur um kleine Dinge kümmern. Wir sind Teil einer großen Welt. Und wir müssen unserer Verantwortung gerecht werden. Was ist zum Beispiel mit der Muntab-Frage?« Nanny Ogg stellte die Muntab-Frage: »Wo liegt Muntab?« »Muntab ist einige tausend Meilen entfernt, Frau Ogg. Aber dieses Land hat mittwärts gerichtete Absichten, und wenn es zu einem Krieg mit Borograwien kommt, müssen wir Stellung beziehen.« »Für mich ist alles in bester Ordnung, wenn die Entfernung einige tau- send Meilen beträgt«, sagte Nanny. »Ich fürchte, ich verstehe nicht…« »Nein, du verstehst tatsächlich nicht«, unterbrach Verence die Hexe. »Und man erwartet es auch nicht von dir. Angelegenheiten in fernen Ländern können sich ganz in der Nähe auswirken. Wenn Klatsch niest,, holt sich Ankh-Morpork eine Erkältung. Wir müssen aufpassen. Bleiben wir für immer Teil der Hegemonie von Ankh-Morpork? Befinden wir uns nicht in einer einzigartigen Position, während wir das Ende des Flughund-Jahrhunderts erreichen? Die Länder jenseits der Spitzhornber- ge gewinnen an Bedeutung. Der Patrizier in Ankh-Morpork bezeichnet sie als ›Werwolf-Ökonomien‹. Neue Mächte entstehen. Alte Länder blin- zeln im Sonnenschein des kommenden Jahrtausends. Und natürlich müssen wir mit allen Blöcken befreundet bleiben. Und so weiter. Trotz einer turbulenten Vergangenheit ist Om ein friedliches Land.« Verence zögerte kurz. »Ich meine, die Omnianer wären sicher friedlich, wenn sie Lancre besser kennen würden. Es nützt uns sicher nichts, die Priester der omnianischen Staatsreligion unfreundlich zu behandeln. Wir bereuen es bestimmt nicht, wenn wir sie bei uns willkommen heißen.« »Hoffentlich nicht«, sagte Nanny und bedachte Verence mit einem durchdringenden Blick. »Ich weiß noch, als du nur ein Mann mit einer komischen Mütze warst.« Selbst das funktionierte nicht. Verence seufzte und wandte sich der Tür zu. »Das bin ich noch immer, Nanny«, meinte er. »Allerdings ist meine ›Mütze‹ jetzt schwerer. Ich muß gehen, wenn unsere Gäste nicht warten sollen. Ah, Shawn…« Shawn Ogg war in der Tür erschienen und salutierte. »Wie entwickelt sich das Heer, Shawn?« »Ich bin fast mit dem Messer fertig, Herr.* Muß nur noch die Nasen- * König Verence wußte natürlich: Selbst wenn er jeden Erwachsenen in Lancre bewaffnete – das Heer wäre kaum der Rede wert gewesen. Deshalb suchte er nach anderen Möglichkeiten, um das Königreich auf die militärische Landkarte zu bringen. Shawn war mit der Idee des lancrestianischen Heeresmessers ge- kommen, das einige wichtige Werkzeuge und Utensilien für den Soldaten im Einsatz enthielt. Die entsprechenden Forschungs- und Entwicklungsarbeiten dauerten nun schon einige Monate. Ein Grund für die langsamen Fortschritte bestand darin, daß der König aktives Interesse am einzigen Verteidigungspro- jekt des Landes zeigte, was bedeutete: Bis zu dreimal am Tag erhielt Shawn kurze Mitteilungen mit Verbesserungsvorschlägen. Für gewöhnlich lauteten sie etwa so: »Ein Apparat, möglichst klein, um verlorene Dinge wiederzufinden.«, haarzpinzette und die zusammenklappbare Säge hinzufügen, Herr. Aber eigentlich bin ich als Herold gekommen, Herr.« »Oh, offenbar ist es an der Zeit.« »Ja, Herr.« »Diesmal sollte die Fanfare etwas kürzer sein, Shawn«, sagte der König. »Ich persönlich weiß dein Geschick sehr zu schätzen, aber ich meine, diese Gelegenheit verlangt etwas Einfacheres als einige Takte von ›Der rosarote Igel-Jux‹.« »Ja, Herr.« »Na schön, gehen wir.« Sie traten in den großen Flur, wo Magrats Gruppe vorbeikam, und der König griff nach der Hand seiner Gemahlin. Nanny Ogg folgte ihnen. In gewisser Weise hatte Verence recht. Sie fühlte sich… ungewöhnlich, schlecht gelaunt und bissig, so als trüge sie eine zu enge Weste. Nun, Oma traf bestimmt bald ein, und sie wußte, wie man mit Königen redete. Es erforderte eine besondere Methode, vermutete Nanny. Zum Bei- spiel konnte man nicht einfach fragen: »Wer ist gestorben und hat dich zum König gemacht?« Über solche Dinge wußten sie Bescheid. Eine wei- tere schwierige Frage lautete: »Du und welches Heer?« In diesem Fall bestand das Heer aus Shawn und einem Troll, und es konnte wohl kaum eine ernste Gefahr für Shawns eigene Mutter darstellen, wenn er seinen Tee weiterhin daheim trinken wollte. Sie zog Agnes beiseite, als die Prozession das obere Ende der breiten Treppe erreichte. Shawn setzte den Weg fort. »Von der Minnesängergalerie haben wir einen guten Blick«, flüsterte sie und zog Agnes in den aus Eiche bestehenden Laufgang, als die königli- che Fanfare erklang. »Das ist mein Junge«, sagte Nanny stolz, als ein letzter Trompetenstoß für Unruhe sorgte. Oder: »Ein seltsam geformtes Haken-Ding, für viele Zwecke verwendbar.« Shawn fügte einige von ihnen hinzu, doch die meisten »vergaß« er – andernfalls wäre das Ergebnis das einzige Taschenmesser auf Rädern gewesen., »Ja, nicht viele königliche Fanfaren enden mit ›Rasieren und Haare schneiden, Ohren frei‹«*, kommentierte Agnes. »Aber die Leute fühlen sich wohl, wenn sie so etwas hören«, sagte Shawns treue Mutter. Agnes blickte in die Menge hinab und bemerkte wieder den Priester. Er bahnte sich mühsam einen Weg durchs Gedränge. »Ich habe ihn gefunden, Nanny«, sagte sie. »Er hat es mir nicht sehr schwergemacht. Dort unten stellt er doch nichts an, oder?« »Wo ist er?« Agnes zeigte in die entsprechende Richtung. Nanny starrte einige Sekunden dorthin und wandte sich dann an die junge Hexe. »Ich glaube, das Gewicht der Krone wirkt sich nachteilig auf Verences Verstand aus. Vielleicht weiß er wirklich nicht, in welche Gefahr er das Königreich bringt. Na, wenn Esme hier eintrifft, wird sie den Pfaffen ordentlich durch die Mangel drehen.« Die Gäste hatten inzwischen zu beiden Seiten des roten Teppichs, der am unteren Ende der Treppe begann, Aufstellung bezogen. Agnes sah zum königlichen Paar, das unsicher an einer Stelle stand, wo die Leute es nicht sehen konnten – offenbar wartete es auf den richtigen Augenblick, die Treppe hinunter zu können. Oma Wetterwachs meint, man schafft sich selbst den richtigen Augen- blick, dachte Agnes. Dies ist die königliche Familie. Magrat und Verence brauchen sich einfach nur zu präsentieren – ihr Erscheinen würde auto- matisch den richtigen Augenblick bestimmen. Sie machen es falsch. Einige Gäste aus Lancre blickten zur großen Doppeltür, die man für die offizielle Zeremonie geschlossen hatte. Später würde man sie wieder öffnen, für den fröhlicheren Teil des Festes, doch derzeit erweckten sie den Eindruck… als könnten sie gleich knarrend aufschwingen, um eine Gestalt zu zeigen, die sich vor dem draußen brennenden Feuer abzeich- nete. Agnes sah das Bild ganz deutlich. Die Lektionen, die Oma Wetterwachs ihr widerstrebend erteilt hatte, verfehlten ihre Wirkung nicht, fand Perdita. * So lautet das Motto der Gilde der Friseure und Chirurgen., Beim königlichen Gefolge entstand ein hastig geführtes Gespräch, und dann eilte Millie über die Treppe zu den Hexen. »Mag… die Königin fragt, ob Oma Wetterwachs kommt oder nicht«, keuchte sie. »Natürlich kommt sie«, erwiderte Nanny. »Allerdings, nun, der König wird ein wenig… nervös. Er meint, es stand U.A.W.G. auf der Einladung«, sagte Millie und mied Nannys Blick. »Oh, so komischen Worten schenken Hexen keine Beachtung«, meinte Nanny. »Sie kommen einfach.« Millie hob die Hand vor den Mund, hüstelte verlegen und sah zu Magrat, die mit wachsender Verzweiflung winkte. »Nun… äh… die Königin ist der Ansicht, daß wir nicht noch mehr Zeit verlieren sollten, und deshalb… äh… läßt sie fragen, ob du die Patin sein könntest, Frau Ogg?« Die Falten in Nannys Gesicht verdoppelten sich, als sie lächelte. »Weißt du was?« wandte sie sich an Millie. »Ich vertrete Oma, bis sie eintrifft, in Ordnung?« Erneut wanderte Oma Wetterwachs in der spartanischen Gräue ihrer Küche auf und ab. Gelegentlich sah sie auf den Boden. Unter der Tür war ziemlich viel Platz, und manchmal konnten Dinge überallhin geweht werden. Aber sie hatte schon ein dutzendmal gesucht, und inzwischen gab es im ganzen Land vermutlich keinen saubereren Boden. Außerdem war es ohnehin zu spät. Und dennoch… Überwald…* Sie ging noch einige Male auf und ab. »Der Schlag soll mich treffen, wenn ich ihnen eine solche Genugtuung gönne«, brummte sie. * Auf den wenigen Karten der Spitzhornberge stand der Name »Uberwald«, weil die Lancrestianer nichts von Akzentzeichen und noch weniger von Umlau- ten hielten. Sie wollten nicht zwei Punkte auf einem Buchstaben balancieren, wenn das Risiko bestand, daß sie herunterrollen und für falsche Interpunktion sorgten., Oma nahm in ihrem Schaukelstuhl Platz, stand so schnell wieder auf, daß der Stuhl fast umkippte, und setzte die unruhige Wanderung fort. »Ich meine, ich bin nie jemand gewesen, der sich in den Vordergrund stellt«, teilte sie der Luft mit. »Ich gehe nie dorthin, wo ich nicht will- kommen bin, das steht fest.« Sie beschloß, Tee zu kochen, griff mit zitternden Händen nach dem Kessel und ließ den Deckel des Zuckerschälchens fallen – er zerbrach. Licht fiel ihr in die Augen. Der Halbmond glühte über dem Rasen. »Und überhaupt ist es nicht so, daß ich keine anderen Dinge zu tun hätte«, sagte sie. »Kann nicht dauernd irgendwelche Feste besuchen… Hätte mich ohnehin nicht auf den Weg gemacht.« Einmal mehr stolzierte Oma durch die Küche und dachte: Wenn ich es gefunden hätte, wäre der Wattlich-Junge umsonst hierhergekommen. Dann hätte ich das Schloß aufgesucht, um mich dort zu vergnügen. Und dann wäre Herr Efeu jetzt allein… »Verflixt!« Das war das Schlimme daran, wenn man gut war – man konnte nicht damit aufhören. Sie landete wieder im Schaukelstuhl und wickelte sich den Schal um den Hals, um vor der Kälte geschützt zu sein. Das Feuer im Kamin war erloschen, denn sie hatte nicht damit gerechnet, an diesem Abend zu Hause zu sein. Schatten füllten die Ecken des Zimmers, doch Oma verzichtete darauf, die Lampe anzuzünden. Die Kerze mußte genügen. Während sie schaukelte und zur Wand starrte, wurden die Schatten immer länger. Agnes folgte Nanny in den Saal. Vermutlich war das nicht vorgesehen, aber niemand wagte es, den Hut der Autorität aufzuhalten. In diesem Teil der Spitzhornberge gab es viele kleine Länder. Jedes Gletschertal, das von seinem Nachbarn durch einen Pfad getrennt war, der eine Kletterpartie oder gar eine Leiter erforderte, regierte sich prak- tisch selbst. Soweit Agnes wußte, herrschten hier ziemlich viele Könige,, auch wenn manche von ihnen dies abends erledigten, nach dem Melken der Kühe. Die meisten von ihnen befanden sich jetzt im Großen Saal, denn eine kostenlose Mahlzeit lehnten sie nie ab. Dabei waren einige hochrangige Zwerge von Kupferkopf und mehrere Trolle, die weit ge- nug abseits standen. Sie trugen keine Waffen, und deshalb nahm Agnes an, daß es sich um Politiker handelte. Trolle gehörten eigentlich nicht zu den Untertanen König Verences, aber durch ihre Anwesenheit wiesen sie mit offizieller Körpersprache auf folgendes hin: Es kam nicht mehr vor, daß man mit Menschenköpfen Fußball spielte. Zumindest nicht oft. Ei- gentlich kaum noch. Zumindest nicht hier. Es gab praktisch ein Gesetz dagegen. Millie führte die Hexen zu den Thronen und eilte dann fort. Der omnianische Priester nickte ihnen zu. »Guten… ähm… Abend«, sagte er und steckte überhaupt niemanden in Brand. Er war nicht sehr alt und hatte ein großes Furunkel neben der Nase. In Agnes schnitt Perdita eine Grimasse. Nanny Ogg brummte. Agnes riskierte ein kurzes Lächeln. »Ihr müßt einige der… ähm… Hexen sein, von denen ich hier gehört habe«, sagte er. Sein Lächeln war erstaunlich und funktionierte so, als hätte jemand ein kleines Fenster geöffnet und dann wieder geschlossen: Es erschien ganz plötzlich und verschwand sofort wieder. »Ähm…, ja«, bestätigte Agnes. »Ha«, sagte Nanny Ogg. Sie konnte jemandem hochmütig den Rücken zukehren, während sie ihm fest in die Augen blickte. »Und ich bin, ich bin, aaaa…«, sagte der Priester. Er unterbrach sich und zwickte seinen Nasenrücken. »Oh, es tut mir leid. Die Bergluft setzt mir ziemlich zu. Ich bin Unterunterdekan Himmelwärts.« »Tatsächlich?« erwiderte Agnes. Zu ihrem großen Erstaunen errötete der Mann. Je länger sie ihn musterte, desto deutlicher wurde, daß er nicht viel älter sein konnte als sie. »Das heißt, eigentlich lautet mein Name Hilbert Gelobt-sind-jene-die- Om-verehren Himmelwärts«, sagte er. »Auf Omnianisch ist der Name natürlich kürzer. Habt ihr zufälligerweise Oms Wort vernommen?« »Welches? ›Feuer‹?« erwiderte Nanny Ogg. »Ha!«, Der drohende Religionskrieg wurde verhindert, als die offizielle könig- liche Fanfare erklang, gefolgt von einigen Takten aus »Des Igels Kuchen- tanz«. Das königliche Paar kam die Treppe herab. »Und wir wollen nichts von deinem heidnischen Kram, besten Dank«, zischte Nanny Ogg hinter dem Priester. »Kein Herumplanschen in Was- ser. Und weder Öl noch Sand. Und nirgends werden irgendwelche Stü- cke abgeschnitten. Und wenn ich auch nur ein einziges Wort höre, das ich verstehe… Nun, ich stehe mit einem spitzen Stock hinter dir.«* Von der anderen Seite hörte Hilbert Himmelwärts: »Er ist kein gräßli- cher Inquisitor, Nanny!« »Aber mein spitzer Stock bleibt ein spitzer Stock, Mädchen!« Was ist nur in sie gefahren? dachte Agnes und beobachtete, wie sich die Ohren des Priesters rot verfärbten. So würde sich Oma verhalten. Perdita fügte hinzu: Vielleicht glaubt sie, in ihre Rolle schlüpfen zu müssen, weil der alte Besen nicht hier ist. Agnes schüttelte den Kopf. Es erschreckte sie, daß sie sich auf diese Weise denken hörte. »Du erledigst die Dinge hier auf unsere Weise, klar?« fügte Nanny Ogg hinzu. »Der… äh… König hat mir alles erklärt… ähm…«, sagte der Priester. »Äh… habt ihr vielleicht etwas gegen Kopfschmerzen? Ich fürchte, ich…« »Du legst den Schlüssel in die eine Hand und sorgst dafür, daß sie mit der anderen nach der Krone greift«, fuhr Nanny Ogg fort. »Ja… ähm… der König…« »Dann sagst du, wie ihr Name lautet, und der ihrer Mutter, und der ih- res Vaters, beim letzten grummelst du ein wenig, wenn die Mutter nicht ganz sicher ist…« »Nanny! Es geht hier um ein Königspaar!« »Ha, ich könnte dir Geschichten erzählen, Mädchen… Und dann gibst * Die Lancrestianer vertraten folgenden Standpunkt: Wenn religiöse Zeremo- nien nicht von einer uralten und völlig unverständlichen Sprache begleitet wur- den, konnten sie unmöglich authentisch sein., du sie mir, und ich sage ihr ebenfalls, wie sie heißt, und dann gebe ich sie dir zurück, und du sagst den Leuten, wie ihr Name lautet, und dann gibst du sie mir, und ich gebe sie ihrem Vater, und er trägt sie durch die Tür nach draußen und zeigt sie dort den Leuten, und alle werfen den Hut hoch und rufen ›Hurra!‹, und dann gibt’s ein großes Gedränge an der Theke und bei den Appetithäppchen, die meiner Ansicht nach ein wenig zu klein geraten sind, und dann versucht man, seinen Hut wiederzufin- den. Wenn du anfängst, über Sünde zu faseln, bekommst du meinen spitzen Stock zu spüren.« »Worin besteht deine… ähm… Rolle, Verehrteste?« »Ich bin die Patin!« »Von welcher… ähm… Organisation?« Der junge Mann zitterte ein wenig. »Das ist ein alter lancrestianischer Ausdruck«, erklärte Agnes rasch. »Er bezeichnet eine Person, die als Zeugin bei der Namensgebung eines Kinds zugegen ist. Mit Organisationen oder Religionen hat das nichts zu tun. Und selbst wenn: In religiösen Dingen sind wir Hexen sehr tole- rant.« »Das stimmt«, sagte Nanny Ogg. »Aber unsere Toleranz bezieht sich nur auf die richtigen Religionen, und deshalb rate ich dir, sehr vorsichtig zu sein.« Das königliche Paar hatte die Throne erreicht. Magrat nahm Platz und zwinkerte Agnes kurz zu, was die junge Hexe sehr überraschte. Verence zwinkerte nicht. Er blieb stehen und hustete demonstrativ. »Ähem.« »Ich glaube, ich habe da irgendwo eine Tablette«, sagte Nanny und machte Anstalten, in ihrem Schlüpferbein zu suchen. »Ähem!« Verence blickte zu seinem Thron. Was bisher wie ein graues Kissen ausgesehen hatte, rollte zur Seite, gähnte, sah kurz zum König und begann sich zu putzen. »Oh, Greebo«, sagte Nanny. »Ich habe mich schon gefragt, wo du steckst…« »Könntest du ihn bitte wegnehmen, Frau Ogg?« fragte der König., Agnes sah zu Magrat. Die Königin hatte sich halb abgewandt, stützte den Ellenbogen auf die Armlehne des Throns und hielt sich den Mund zu. Ihre Schultern bebten. Nanny nahm Greebo vom anderen Thron herunter. »Eine Katze darf einen König ansehen«, sagte sie. »Aber nicht mit einem solchen Gesichtsausdruck«, erwiderte Verence. Er winkte den Gästen würdevoll zu, als es Mitternacht schlug. »Du solltest jetzt besser anfangen«, forderte Verence den Priester auf. »Ich… ähm… habe eine kleine Predigt vorbereitet, und dabei… ähm… geht es um das Thema Hoffnung für…«, begann Hilbert Him- melwärts, doch hinter ihm brummte Nanny. Der Omnianer zuckte plötzlich zusammen, neigte sich ein wenig nach vorn und blinzelte. Sein Adamsapfel hüpfte mehrmals auf und ab. »Aber ich fürchte, wir haben keine Zeit dafür«, sagte er schnell. Magrat beugte sich zur Seite und flüsterte ihrem Mann etwas ins Ohr. Agnes hörte ihn antworten: »Nun, meine Liebe, ich schätze, wir haben gar keine Wahl, ob sie nun hier ist oder nicht…« Shawn eilte herbei, ein wenig außer Atem, und trug seine Perücke seit- lich auf dem Kopf. Er hielt ein Kissen in den Händen. Auf dem alten Samt ruhte der eiserne Schlüssel des Schlosses. Millie Chillum reichte das Baby vorsichtig dem Priester, der es behut- sam hielt. Das königliche Paar gewann den Eindruck, daß der Omnianer plötz- lich sehr stockend sprach. Die hinter ihm stehende Nanny Ogg zeigte ein überzeugendes Interesse, das zu hundert Prozent gespielt war. Der Priester sprach nicht nur seltsam, sondern schien auch an häufigen kurzen Krämpfen zu leiden. »… haben wir uns hier versammelt, um… uns zu versammeln und…« »Ist alles in Ordnung mit dir?« fragte der König und beugte sich vor. »Es ging mir nie besser, das versichere ich dir, Herr«, erwiderte Him- melwärts kummervoll. »Und hiermit gebe ich Euch, ich meine dir, den Namen…« Es folgte eine schreckliche Pause., Mit steinerner Miene reichte der Priester das Baby Millie. Dann nahm er den Hut ab, zog einen Zettel aus dem Futter und las. Seine Lippen bewegten sich mehrmals, als er die Worte leise wiederholte. Dann setzte er den Hut wieder auf und nahm das Baby erneut entgegen. Kleine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. »Hiermit gebe ich dir den Namen… Esmerelda Margaret Auf Die Richtige Schreibweise Achten von Lancre!« Einige Sekunden herrschte schockierte Stille. »Auf die richtige Schreibweise achten?« wiederholten Magrat und Agnes wie aus einem Mund. »Esmerelda?« entfuhr es Nanny. Das Baby öffnete die Augen. Und die beiden Flügel der großen Doppeltür schwangen auf. Eine Wahl treffen. Darum ging es immer. Man mußte eine Wahl tref- fen… Zum Beispiel der Mann in Spackel, der die kleinen Kinder umgebracht hatte. Die Leute hatten sie gerufen, und ihr genügte ein Blick in sein Selbst, um die Schuld wie einen sich hin und her windenden roten Wurm zu erkennen. Und dann hatte sie die Leute zu seinem Bauernhof ge- bracht und ihnen die Stelle gezeigt, wo es zu graben galt, und er hatte sich vor ihr auf den Boden geworfen und sie um Gnade gebeten, dem Alkohol die Schuld gegeben… Sie erinnerte sich an ihre eigenen Worte. Ganz nüchtern hatte sie ge- sagt: Es soll mit Hanf enden. Und die Leute hatten den Mann fortgezerrt und mit einem Hanfseil gehängt, und sie hatte dabei zugesehen, denn soviel schuldete sie ihm, und er hatte sie verflucht, was sie als ungerecht empfand, denn Hängen war ein sauberer Tod, zumindest sauberer als das Ende, das er bei den Dorfbewohnern gefunden hätte, wenn sie mutig genug gewesen wären, sich ihr zu widersetzen, und sie hatte gesehen, wie der Schatten des To- des über ihn kam, und hinter Tod kamen kleinere, hellere Gestalten, und dann…, Der Schaukelstuhl knarrte in der Dunkelheit, als er sich ziemlich ener- gisch nach vorn und hinten neigte. Die Dorfbewohner hatten gesagt, der Gerechtigkeit sei Genüge getan worden, und dann hatte sie die Geduld verloren und sie aufgefordert, heimzukehren, zu den Göttern zu beten, an die sie glaubten, und sie zu bitten, daß ihnen nie ein solches Schicksal zuteil wurde. Die Selbstgefäl- ligkeit triumphierender Tugend konnte fast ebenso schlimm sein wie entblößte Verderbtheit. Sie schauderte bei der Erinnerung. Fast ebenso schlimm, aber eben nicht ganz. Erstaunlicherweise waren recht viele Dorfbewohner bei seiner Beerdi- gung erschienen, und hier und dort meinten leise Stimmen, eigentlich sei er gar kein so schlechter Kerl gewesen, und vielleicht hätte sie ihn ge- zwungen, die Tat zu gestehen, und daraufhin bedachte man sie mit fins- teren Blicken. Und wenn es doch Gerechtigkeit gab? Für jeden unbeachteten Bettler, für jedes scharfe Wort, für jede vernachlässigte Pflicht, für jeden Af- front… für jede getroffene Wahl. Denn darum ging es schließlich. Man mußte eine Wahl treffen, sich entscheiden. Man konnte recht haben oder sich irren, aber man mußte wählen, mit dem Wissen, daß Richtig oder Falsch vielleicht für immer verborgen blieben oder daß man sich zwi- schen zwei falschen Dingen entschied, daß es gar nichts Richtiges gab. Und immer, immer, blieb man dabei auf sich allein gestellt. Man stand am Rand, beobachtete und lauschte. Nie irgendwelche Tränen, nie eine Ent- schuldigung, nie Bedauern… Das alles sparte man für einen Zeitpunkt auf, an dem man es besser gebrauchen konnte. Sie hatte nie mit Nanny Ogg oder einer der anderen Hexen darüber ge- sprochen. Es hätte den Verrat des Geheimnisses bedeutet. Manchmal, spät am Abend, wenn das Gespräch auf Zehenspitzen in diese Richtung schlich, ließ Nanny Bemerkungen fallen wie: »Zum Schluß ging der alte Skriwwens ganz friedlich.« Vielleicht steckte mehr hinter solchen Wor- ten, vielleicht auch nicht. Nanny schien nicht sehr zu leiden, soweit sie das feststellen konnte. Für sie mußten einige offensichtliche Dinge erle- digt werden, und damit hatte es sich. In die Tiefe gehende Gedanken hielt sie so gut unter Kontrolle, daß nicht einmal sie selbst von ihnen, berührt wurde. Oma beneidete sie um diese Fähigkeit. Wer würde zu ihrer Beerdigung kommen, wenn sie starb? Sie hatten sie nicht gefragt! Erinnerungen zitterten in ihr. Weitere Gestalten marschierten aus den Schatten, die den Kerzenschein umgaben. Sie hatte Dinge erledigt, ferne Orte besucht und immer neue, manch- mal sie selbst verblüffende Möglichkeiten gefunden, den eigenen Ärger nach außen zu richten. Sie war mit Leuten fertig geworden, die über mehr Macht verfügten als sie, sich jedoch für schwächer hielten – und nur darauf kam es an. Sie hatte viel aufgegeben, aber auch viel gelernt… Ein Zeichen. Früher oder später hatte es so kommen müssen… Sie hatten es beg- riffen, und jetzt nützte sie ihnen nichts mehr… Und ihr Lohn? Was war der Lohn für all die Mühen? Noch mehr Mü- he. Wer gute Gräben gräbt, bekommt eine größere Schaufel. Und kahle Wände, einen kalten Boden, eine kalte Hütte. Die Dunkelheit wuchs aus den Ecken ins Zimmer und verhedderte sich in ihrem Haar. Sie hatten sie nicht gefragt! Nie hatte sie um eine Gegenleistung gebeten. Und das war das Prob- lem: Wenn man nie um eine Gegenleistung bat, dann bekam man manchmal auch keine. Sie hatte immer versucht, ins Licht zu blicken. Aber je entschlossener man in die Helligkeit starrte, desto mehr brannte sie sich in einen hinein, bis man schließlich der Versuchung erlag, sich umzudrehen und festzu- stellen, wie lang der eigene Schatten geworden war, der sich dunkel und fest hinter einem erstreckte… Jemand nannte ihren Namen. Dann folgte ein Augenblick aus Licht, Geräusch und Verwirrung. Dann erwachte sie, bemerkte die hereinströmende Dunkelheit und sah die Dinge schwarz und weiß. »Wir bitten um Entschuldigung… Verzögerungen bei der Reise, ihr wißt ja, wie das ist…«, Die Neuankömmlinge eilten in den Großen Saal, doch die übrigen Gäste schenkten ihnen kaum Beachtung, weil sie zu sehr auf die uner- wartete Unterhaltung bei den Thronen konzentriert waren. »Auf die richtige Schreibweise achten?« »Das ist ein bißchen knifflig«, sagte Nanny. »Esmerelda – dagegen gibt es nichts einzuwenden. Gytha wäre ebenfalls nicht schlecht gewesen, aber Esmerelda… dagegen kann man keine Einwände erheben. Wie dem auch sei: Ihr wißt ja, wie Kinder sind. Bestimmt nennt man sie ›Ortho- graphie‹ oder so.« »Wenn sie Glück hat«, erwiderte Agnes düster. »Ich wollte nicht, daß es ausgesprochen wird!« zischte Magrat. »Ich wollte nur sichergehen, daß kein ›Magrat‹ daraus wird!« Hilbert Himmelwärts stand mit gefalteten Händen und nach oben ge- richtetem Blick. Er wimmerte leise. »Wir können den Namen doch ändern, oder?« fragte König Verence. »Wo ist der Königliche Historiker?« Shawn hüstelte. »Es ist nicht Mittwochabend, Herr. Ich muß gehen und den richtigen Hut holen, Herr…« »Können wir ihn ändern oder nicht, Mann?« »Äh… er ist verkündet worden, Herr. Zur offiziellen Zeit. Ich glaube, es ist jetzt ihr Name. Alle haben ihn gehört, Herr.« »Nein, man kann ihn jetzt nicht mehr ändern«, sagte Nanny. Als Mut- ter des Königlichen Historikers ging sie automatisch davon aus, daß sie mehr wußte als der Königliche Historiker. »Denkt nur an den alten Muhkuh Kükenarm drüben in Schnitte.« »Was ist mit ihm passiert?« fragte der König scharf. »Sein voller Name lautet Was Zum Teufel Macht Die Kuh Hier Drin Kükenarm«, erklärte Magrat. »Das war ein sehr seltsamer Tag, ich erinnere mich daran«, sagte Nan- ny. »Und wenn meine Mutter vernünftig genug gewesen wäre, Pater Per- dore meinen Namen zu nennen, anstatt ihn schüchtern aufzuschreiben, wäre mein Leben ganz anders verlaufen«, ließ sich Magrat vernehmen., Sie bedachte Verence mit einem nervösen Blick. »Sicher viel schlechter.« »Ich muß Esmerelda also allen Leuten zeigen und darauf hinweisen, daß sie unter anderem ›auf die richtige Schreibweise achten‹ heißt?« frag- te Verence. »Nun, wir hatten einmal einen König namens Mein Gott Ist Er Schwer der Erste«, sagte Nanny. »Außerdem wird seit zwei Stunden Bier ausge- schenkt, was bedeutet, daß man dir in jedem Fall zujubeln wird.« Außerdem gibt es dort draußen Leute, die Syphilitisch Sauermann, Jod- ler Leise und Totaler Keks heißen, dachte Agnes.* Verence lächelte. »Na schön. Gebt sie mir…« »Whifm…«, sagte Hilbert Himmelwärts. »… und jemand sollte diesem Mann etwas zu trinken geben.« »Es tut mir schrecklich, schrecklich leid«, flüsterte der Priester, als der König an den Gästen vorbeischritt. »Ich schätze, er hat sich schon was hinter die Binde gekippt«, meinte Nanny. »Ich rühre nie Alkohol an!« stöhnte der Priester und betupfte sich mit einem Taschentuch die tränenden Augen. »Als ich dich zum erstenmal sah, wußte ich sofort, daß mit dir etwas nicht stimmt«, sagte Nanny. »Wo ist Esme?« »Ich weiß es nicht, Nanny!« erwiderte Agnes. »Es wird bestimmt nicht lange dauern, bis sie davon erfährt. Eine nach ihr benannte Prinzessin ist ein großes Ruhmesblatt für sie, sie wird be- stimmt über Monate hinweg damit angeben. Ich sehe nach, was los ist.« Sie stapfte davon. Agnes griff nach dem Arm des Priesters. * Der Grund war: Lancrestianer begegneten Namen mit einer ebenso frischen wie phantasievollen Einstellung. Normalerweise entschieden sie sich einfach für ein Geräusch, das ihnen gefiel. Manchmal steckte sogar Logik dahinter, wenn auch nur zufällig. Es gäbe heute eine eher unglückliche Chlamydia Weber, wenn ihre Mutter nicht zu dem Schluß gekommen wäre, daß sich Sally leichter schreiben ließ., »Komm mit«, seufzte sie. »Ich kann wirklich nicht oft genug… ähm… darauf hinweisen, wie sehr ich dies bedauere…« »Es war die ganze Zeit über ein sehr seltsamer Abend.« »Ich habe, ich habe, ich habe noch nie von einem solchen Brauch ge- hört…« »Bei uns mißt man Worten große Bedeutung bei.« »Der König wird Pater Melchio sicher keinen… ähm… sehr guten Be- richt über mich erstatten…« »Und wenn schon.« Manche Leute können selbst eine sehr liebenswürdige Person in einen Rüpel verwandeln, und Hilbert Himmelwärts gehörte dazu. Irgend etwas an ihm erschien… klamm. Ihm haftete jene Art hilfloser Hoffnungslosig- keit an, die in anderen Menschen kein Mitleid, sondern Zorn weckt. Er brachte eine sonderbare absolute Gewißheit zum Ausdruck: Wenn die ganze Welt eine Party wäre, würde es ihm dennoch gelingen, die Küche zu finden. Agnes schien ihn am Hals zu haben. Die hohen Tiere standen jetzt dicht gedrängt an der großen Tür, wo lautes Jubeln darauf hinwies, daß die Bürger von Lancre Auf-die-richtige-Schreibweise-achten als guten Namen für ihre zukünftige Königin erachteten. »Vielleicht solltest du irgendwo Platz nehmen und dich wieder unter Kontrolle bringen«, schlug Agnes vor. »Später wird getanzt.« »Oh, ich tanze nicht«, sagte Hilbert Himmelwärts. »Der Tanz ist eine Falle für den Willensschwachen.« »Oh. Nun, dann wäre da noch der Grill draußen…« Hilbert Himmelwärts betupfte sich erneut die Augen. »Gibt es auch… ähm… Fisch?« »Das bezweifle ich.« »In diesem Monat essen wir nur Fisch.« »Oh.« Ein sarkastischer Tonfall schien nicht zu wirken. Er wollte wei- ter mit ihr reden., »Weil der Prophet Brutha auf Fleisch verzichtete, als er… ähm… durch die Wüste wanderte.« »Was erdichtete?« »Wie bitte?« »Entschuldigung, ich habe dabei an etwas anderes gedacht.« Agnes soll- te es eigentlich besser wissen, aber sie wehrte sich nicht gegen die Neu- gier. »Welches Fleisch gibt es in der Wüste?« »Keins… ähm… glaube ich.« »Der Prophet Brutha hat also keine Wahl getroffen.« Agnes sah zu der Menge – niemand schien geneigt zu sein, an ihrem Gespräch mit dem omnianischen Priester teilzunehmen. »Ähm… das mußt du… ähm… Pater Melchio fragen. Tut mir sehr leid. Ich fürchte, ich bekomme Migräne…« Du glaubst kein Wort von dem, was du sagst, oder? dachte Agnes. Er strahlte Nervosität und dumpfes Entsetzen aus. Was für ein armseliger klei- ner Wurm, fügte Perdita hinzu. »Ich muß… äh… ich muß jetzt gehen und… ich muß jetzt gehen und… helfen«, sagte Agnes und wich zurück. Hilbert Himmelwärts nick- te. Als sie ging, putzte er sich erneut die Nase, holte ein kleines schwar- zes Buch hervor, seufzte und schlug es beim Lesezeichen auf. Agnes griff nach einem Tablett, um ihr Alibi etwas glaubwürdiger er- scheinen zu lassen, trat zum Büffettisch, sah noch einmal zu der einsa- men Gestalt zurück, die so fehl am Platz wirkte wie ein verirrtes Schaf – und stieß gegen jemanden, der so massiv zu sein schien wie ein Baum. »Wer ist diese seltsame Person?« erklang eine Stimme an ihrem Ohr. Agnes hörte, wie Perdita sie dafür verfluchte, daß sie zur Seite gesprun- gen war. Sie riß sich zusammen und blickte mit einem schiefen Lächeln zu dem Sprecher. Es war ein junger Mann, und ein attraktiver dazu. In Lancre wimmelte es nicht gerade von attraktiven Männern – hier galt es als chic, sich die Hand zu belecken und damit das Haar glattzustreichen, bevor man eine junge Dame ausführte. Er hat einen Pferdeschwanz! quiekte Perdita. He, das ist cool!, Agnes spürte, wie sie irgendwo im Bereich der Knie zu erröten begann. Die Hitze dehnte sich aus und wuchs nach oben. »Äh… wie bitte?« erwiderte sie. »Man kann ihn praktisch riechen«, sagte der Mann und nickte andeu- tungsweise in Richtung des armen Priesters. »Sieht aus wie eine schmud- delige kleine Krähe, findest du nicht?« »Äh… ja«, brachte Agnes hervor. Die Hitze erreichte ihre Brust und setzte den unaufhaltsamen Aufstieg fort. Ein Mann mit einem Pferde- schwanz – so etwas hatte es in Lancre bisher noch nicht gegeben. Seine Kleidung verriet, daß er an einem Ort gewesen war, wo sich die Mode nicht nur einmal im Leben änderte. Niemand in Lancre hatte jemals eine Weste mit aufgestickten Pfauen getragen. Sag etwas! heulte Perdita in ihrem Innern. »Wsfgl?« fragte Agnes. Hinter ihr stand Hilbert Himmelwärts auf und inspizierte argwöhnisch die Speisen. »Ich bitte um Verzeihung?« Agnes schluckte, unter anderem deshalb, weil Perdita sie am Hals zu schütteln versuchte. »Er erweckte tatsächlich den Eindruck, als könnte er jeden Augenblick davonfliegen, nicht wahr?« sagte sie. Oh, bitte, laß mich jetzt nicht kichern… Der Mann schnippte mit den Fingern. Ein mit Getränken vorbeieilen- der Kellner drehte sich um neunzig Grad. »Darf ich dir etwas zu trinken anbieten, Fräulein Nitt?« »Äh… Weißwein?« flüsterte Agnes. »Nein, du möchtest keinen Weißwein, roter hat mehr… Farbe.« Er nahm ein Glas und reichte es ihr. »Und was macht der Bursche jetzt? Oh, er genehmigt sich einen Keks mit einem kleinen Klecks Pastete…« Frag ihn nach seinem Namen! rief Perdita. Nein, das wäre ziemlich dreist von mir, dachte Agnes. Dann sei dreist, du blöder Trampel… »Bitte erlaube mir, mich vorzustellen«, sagte der Mann freundlich. »Ich bin Vlad. Und was nimmt er jetzt in Angriff? Oh, ja, einen Krabben- cocktail. Krabben hier oben? König Verence hat offenbar keine Kosten gescheut.«, »Er hat sie eisgekühlt aus Gennua kommen lassen«, murmelte Agnes. »Dort soll es sehr leckere Meeresfrüchte geben.« »Ich bin nie in Gennua gewesen«, hauchte Agnes. Perdita sank in ihr zu Boden und schluchzte. »Vielleicht könnten wir diese Stadt eines Tages besuchen, Agnes«, sagte Vlad. Die Hitze erreichte ihren Hals. »Es ist sehr warm hier drin, findest du nicht?« meinte Vlad. »Das liegt am Feuer«, erwiderte Agnes. »Es brennt dort drüben«, fügte sie hinzu und deutete zum gewaltigen Kamin des Großen Saals, in dem sich der größte Teil eines Baums ziemlich schnell in Asche verwandelte. Nur jemand mit einem Eimer auf dem Kopf hätte das Feuer übersehen können. »Meine Schwester und ich…«, begann Vlad. »Entschuldige bitte, Fräulein Nitt?« »Was ist denn, Shawn?« Du sollst tot umfallen, Shawn, sagte Perdita. »Mama sagt, du mußt sofort kommen. Sie wartet drüben im Hof und meint, es sei sehr wichtig.« »Das ist es immer«, entgegnete Agnes. Sie sah Vlad an und lächelte kurz. »Entschuldige bitte, ich muß los und einer alten Dame helfen.« »Wir begegnen uns bestimmt noch einmal, Agnes«, sagte Vlad. »Oh… äh… danke.« Sie eilte fort und war halb die Treppe hinunter, bevor ihr einfiel, daß sie ihm ihren Namen gar nicht genannt hatte. Zwei Stufen weiter unten dachte sie: Nun, vielleicht hat er jemanden gefragt. Zwei Stufen weiter meinte Perdita: Warum sollte er jemanden nach deinem Namen fragen? Agnes verfluchte die Tatsache, daß sie mit einem unsichtbaren Feind aufgewachsen war., »Komm und sieh dir das an!« zischte Nanny und griff nach ihrem Arm, als sie den Hof erreichte. Agnes wurde zu den Kutschen gezerrt. Nanny deutete auf die Tür der am nächsten stehenden Kutsche. »Siehst du?« »Wirkt sehr beeindruckend«, sagte Agnes. »Siehst du das Wappen?« »Offenbar sind darauf zwei… schwarze und weiße Vögel dargestellt. Elstern, nicht wahr?« »Ja, aber sieh dir die Aufschrift an«, betonte Nanny Ogg mit jener Art dunkler Freude, die alte Frauen für scheußliche Überraschungen reser- viert haben. »Carpe Jugulum«, las Agnes laut. »Nun, Carpe Diem heißt ›pflücke den Tag‹. Also bedeutet dies…« »›Schnapp dir die Kehle‹«, übersetzte Nanny. »Weißt du, was unser König angestellt hat, damit wir unsere Rolle im neuen veränderten Wel- tordnungs-Dingsbums spielen können und mehr Geld für Hecken be- kommen, weil Klatsch die Nase blutet, wenn sich Ankh-Morpork den Zeh stößt? Er hat irgendwelche hohen Tiere aus Überwald eingeladen, das hat er angestellt. Ach, du meine meine Güte. Vampire und Werwölfe, Werwölfe und Vampire. Bestimmt bringen sie uns in unseren Betten um.« Sie trat zum vorderen Teil der Kutsche und klopfte gegen das Holz – direkt neben dem Kutscher, der zusammengekrümmt in einem viel zu großen Mantel saß. »Woher kommt ihr, Igor?« Die schattenhafte Gestalt wandte sich ihr langsam zu. »Woher willft du wiffen, daf ich Igor heife?« »Gut geraten?« erwiderte Nanny. »Du glaubft wohl, alle Leute in Überwald heifen Igor, wie? Ich könnte einen ganf anderen Namen haben, Weib.« »Nun, ich bin Nanny Ogg, und das hier ist Agnes Nitt – und du bist…?« »Ich bin… nun, zufälligerweife bin ich tatfächlich Igor.« Er hob den Zeigefinger. »Aber ich hätte auch jemand ganf anderer fein können!«, »Es ist eine kalte Nacht«, sagte Nanny fröhlich. »Können wir dir was besorgen?« »Vielleicht ein Handtuch?« fragte Agnes. Nanny stieß sie in die Rippen. »Wie wär’s mit einem Glas Wein?« »Ich trinke keinen… Wein«, erwiderte Igor hochmütig. »Ich habe Brandy dabei«, sagte Nanny und hob den Rock. »Oh, na fön. Bei Brandy fieht die Fache anderf auf.« Schlüpferbeingummi flitschte im Halbdunkel. »Nun…«, sagte Nanny und reichte den Flachmann nach oben, »was machst du so fern der Heimat, Igor?« »Warum fteht da ein dummer Troll auf der… Brücke?« fragte Igor und ergriff den Flachmann mit einer großen Hand, die nur aus Narben und Nähten zu bestehen schien, wie Agnes bemerkte. »Oh, du meinst den Großen Dummen Dummkopf? Der König läßt ihn unter der Brücke wohnen, vorausgesetzt er wird offiziell, wenn wir Besuch bekommen.« »Dummkopf ift ein feltfamer Name für einen Troll.« »Er wollte nicht Blödmann genannt werden«, erwiderte Nanny. »Nun… ich kannte mal einen Igor aus Überwald. Er hinkte. Sein eines Auge saß etwas weiter oben als das andere. Er hatte die selbe Art wie du zu… sprechen. Er konnte gut mit Gehirnen jonglieren.« »Klingt nach meinem Onkel Igor«, sagte Igor. »Er arbeitete für den verrückten Arzt in Blinf. Ha, und er war ein echter verrückter Arzt, nicht fo wie die verrückten Ärfte von heute. Und mit den Dienern fteht’f ge- naufo schlimm. Haben heute keinen Ftolf mehr.« Er klopfte auf den Flachmann. »Wenn man Onkel Igor lofschickte, um ein ordentlichef Gehirn fu holen, fo kam er mit einem ordentlichen Gehirn zurück, ja- wohl! Er taftete nicht ungeschickt umher und klaute ein Gehirn auf ei- nem Behälter mit der Auffrift ›Total irrfinnig‹, in der Hoffnung, niemand würde etwaf bemerken. Früher oder fpäter kommt’f immer rauf, meif- tenf früher.« Nanny wich einen Schritt zurück. Speichel spritzte von Igors Lippen – bei einem Gespräch mit diesem Mann brauchte man einen Regenschirm., »Ich glaube, von dem Burschen habe ich gehört«, sagte sie. »Hat er nicht neue Leute aus Teilen toter Leute zusammengenäht?« »Was, tatsächlich?« entfuhr es Agnes schockiert. »Au!« »Ja, daf ftimmt. Gibt ef da irgendein Problem?« »Nein, ich nenne das umsichtig«, erwiderte Nanny und nahm den Fuß von Agnes’ Zehen. »Meine Mutter verstand sich bestens darauf, aus alten Teilen eine neue Decke zu nähen, und Personen sind mehr wert als Lei- nen. Er ist jetzt also dein Herr, wie?« »Nein, mein Onkel Igor arbeitet noch immer für ihn. Ift dreihundert- mal vom Blitz getroffen worden und schuftet noch immer die ganze Nacht durch.« »Trink noch was von dem Brandy, es ist sehr kalt hier draußen«, sagte Nanny. »Wer ist denn dein Herr, Igor?« »Einen Herr nennft du ihn?« Das Lallen schwoll an, und damit nahm auch der Sprühregen von Igors Lippen zu. »Ha! Der alte Graf, er war ein echter Gentleman, von der alten Schule. Er wuffte immer, waf fich ge- hört. Richtige Abendkleidung, jederzeit, fo gehört ef fich.« »Abendkleidung?« hakte Nanny nach. »Ja! Und diefe Leute tragen fie nur am Abend, kannft du dir daf vorftei- len? Fonft fiehen fie immer in Weften und Fpitzenröcken und waf weif ich herum! Ha! Weift du, waf diefe Leute getan haben?« »Sag’s mir…« »Die Angeln haben fie geölt, jawohl!« Igor nahm einen sehr großzügi- gen Schluck von Nannys besonderem Brandy. »In einigen Fällen hat ef Jahre gedauert, bif daf Quietschen richtig klang. Aber nein, immer wie- der heift ef: ›Igor, vertreib die Fpinnen auf dem Kerker‹, und: ›Igor, kauf eine ordentliche Öllampe, diefe Fackeln flackern viel zu fehr‹! Ef fieht allef zu alt auf? Daf Dafein einef Vampirf dreht fich doch um Kontinui- tät, oder? Wenn man fich in den Bergen verirrt und Licht in einem Schloff fieht, fo hat man ein Recht auf richtig quietschende Türen und würdevoll-altmodischen Kram, oder?« »Oh, natürlich«, bestätigte Nanny. »Und auf ein Zimmer mit Balkon.« »Ganz meine Meinung!«, »Angemessen wogende Vorhänge?« »Und ob!« »Richtig tropfende Kerzen?« »Über Jahre hinweg habe ich mich bemüht, fie richtig tropfen zu laffen. Aber niemand schert fich darum.« »Ich fand schon immer, daß es auf die Einzelheiten ankommt«, sagte Nanny. »Na so was… Unser König hat also Vampire eingeladen.« Es pochte leise, als Igor nach hinten kippte, und eine Sekunde später folgte ein kurzes Scheppern, als der Flachmann auf dem Kopfsteinpflas- ter landete. Nanny hob ihn auf und ließ ihn wieder unter ihrem Rock verschwinden. »Kann erstaunlich viel vertragen«, meinte sie. Nur wenige Leute wagten es, Nanny Oggs selbstgebrannten Brandy auch nur zu probieren. Das war auch sehr schwierig: Wenn er mit der Wärme eines menschlichen Munds konfrontiert wurde, verdampfte er sofort. Diesen speziellen Brandy trank man gewissermaßen mit der Nase. »Was unternehmen wir jetzt?« fragte Agnes. »Was wir unternehmen sollen?« wiederholte Nanny. »Verence hat sie eingeladen. Sie sind Gäste. Meine Frage nach dem Warum würde er bestimmt mit dem Hinweis beantworten, ich sollte mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern. Natürlich hätte er genügend Anstand, andere Worte zu wählen«, fügte Nanny hinzu, weil sie wußte, daß der König keine selbstmörderischen Absichten hegte. »Zum Beispiel ließe er es sich bestimmt nicht nehmen, zwei- oder drei- mal von ›Respekt‹ zu sprechen. An der Bedeutung ändert sich dadurch allerdings kaum etwas.« »Aber Vampire… Was wird Oma dazu sagen?« »Hör mal, Mädchen: Morgen sind sie wieder fort. Eigentlich sogar heu- te. Wir behalten sie nur im Auge und winken, wenn sie abreisen.« »Wir wissen nicht einmal, wie sie aussehen!« Nanny sah zum schlafenden Igor. »Vielleicht hätte ich ihn danach fragen sollen«, räumte sie ein. Dann erhellte sich ihre Miene. »Aber es ist bestimmt möglich, sie zu identifizie-, ren. Gewisse Dinge sind allgemein über Vampire bekannt.« Es gab tatsächlich gewisse Dinge, die alle Leute über Vampire wußten – wobei es jedoch zu berücksichtigen galt, daß sie inzwischen auch den Vampiren selbst bekannt waren. Im Großen Saal des Schlosses herrschte ein ziemlich lautes Durcheinan- der. Viele Gäste drängten sich am Büffettisch. Nanny und Agnes halfen beim Servieren. »Möchte jemand ein Kannapp-He?« fragte Nanny und schob ihr Tab- lett in eine vielversprechend wirkende Gruppe. »Wie bitte?« erwiderte ein Mann. »Oh, du meinst Kanapees…« Er nahm eine Pastete, biß hinein und wandte sich wieder der Gruppe zu. »… und dann sagte ich zu Seiner Exzellenz Meine Güte, was ist das denn?« Er drehte sich um und begegnete dem prüfenden Blick der verschrum- pelten Alten mit dem schwarzen Hut. »Verzeihung?« sagte sie. »Dies… dies… dies ist zerstampfter Knoblauch!« »Hast wohl was gegen Knoblauch, wie?« »Ich liebe Knoblauch, aber er erwidert diese Liebe nicht! Dies hier schmeckt nicht nur nach Knoblauch – es besteht aus nichts anderem als Knoblauch!« Nanny starrte mit übertriebener Kurzsichtigkeit auf ihr Tablett. »Nein, hier haben wir noch… Da ist ein bißchen… Du hast recht, viel- leicht haben wir’s ein wenig übertrieben… Verflixt… Nun, ich gehe und… Ja, ich gehe und hole…« Am Eingang der Küche kollidierte sie mit Agnes. Zwei Tabletts fielen zu Boden und verstreuten: Pasteten aus Knoblauch, Knoblauch-Dip, mit Knoblauch gestopften Knoblauch, kleine aufgespießte Würfel aus Knob- lauch an Knoblauchknollen. »Entweder gibt es hier viele Vampire, oder wir machen irgend etwas falsch«, sagte Agnes mit Nachdruck., »Ich war immer der Meinung, daß man gar nicht genug Knoblauch es- sen kann«, behauptete Nanny. »Niemand teilt deine Ansicht, Nanny.« »Na schön. Was kommt sonst noch in Frage? Ich hab’s! Vampire tra- gen Abendkleidung, und das ist selbst bei unseren der Fall, am Abend jedenfalls.« »Hier tragen alle Abendkleidung, Nanny – abgesehen von uns.« Nanny Ogg sah an sich hinab. »So bin ich abends immer angezogen.« »Vampire sollten in einem Spiegel eigentlich nicht zu sehen sein, oder?« fragte Agnes. Nanny schnippte mit den Fingern. »Gute Idee! Es gibt einen Spiegel auf der Toilette. Ich gehe dort auf Beobachtungsposten. Früher oder später taucht da jeder einmal auf.« »Und wenn ein Mann hereinkommt?« »Oh, das macht mir nichts aus«, sagte Nanny. »Davon lasse ich mich nicht in Verlegenheit bringen.« »Jemand könnte Einwände erheben«, erwiderte Agnes und versuchte, ein ganz bestimmtes Vorstellungsbild aus ihren Gedanken zu verdrän- gen. Nannys Lächeln wirkte recht freundlich, aber es gab Gelegenheiten, bei denen man es lieber nicht sah. »Es muß etwas geschehen. Angenommen, Oma träfe jetzt ein – was un- ternähme sie?« »Wir könnten einfach fragen?« schlug Agnes vor. »In der Art von ›Alle Vampire heben die Hand‹?« »Verehrte Damen?« Sie drehten sich um. Der junge Mann, der sich zuvor als Vlad vorge- stellt hatte, trat auf sie zu. Agnes spürte einmal mehr die Hitze der Verlegenheit. »Ich glaube, ihr habt gerade über Vampire gesprochen«, sagte Vlad, nahm ein Knoblauchplätzchen von Agnes’ Tablett und biß mit offen- sichtlichem Genuß hinein. »Kann ich irgendwie behilflich sein?« Nanny musterte ihn von Kopf bis Fuß., »Weißt du etwas über Vampire?« fragte sie. »Nun, ich bin einer«, entgegnete Vlad. »Die Antwort sollte also ›ja‹ lau- ten. Freut mich, dich kennenzulernen, Frau Ogg.« Er verbeugte sich und griff nach ihrer Hand. »O nein, kommt nicht in Frage!« Nanny zog die Hand rasch zurück. »Ich halte nichts von Blutsaugern!« »Ich weiß. Aber vielleicht änderst du deine Meinung bald. Möchtest du mitkommen und meine Familie kennenlernen?« »Sie kann mir gestohlen bleiben! Was hat sich der König nur dabei ge- dacht?« »Nanny!« »Was ist?« »Schrei nicht so. Es ist… unhöflich. Ich glaube nicht, daß…« »Vlad de Elstyr«, sagte Vlad und verbeugte sich erneut. »Er will mir in den Hals beißen!« entfuhr es Nanny. »Nein, natürlich nicht«, widersprach Vlad. »Früher am Abend haben wir uns einen Straßenräuber genehmigt. Wie dem auch sei: Ich schätze, Frau Ogg wäre eine sehr interessante Mahlzeit. Sind noch mehr von den Knoblauchplätzchen da? Sie schmecken köstlich.« »Ihr habt was?« fragte Nanny. »Ihr habt jemanden… getötet?« brachte Agnes hervor. »Natürlich«, sagte Vlad. »Wir sind Vampire. Beziehungsweise Vampyre. Mit einem Y. Das ist moderner. Und jetzt möchte ich euch meinen Vater vorstellen.« »Ihr habt wirklich jemanden getötet?« fragte Agnes. »So, jetzt reicht’s!« fauchte Nanny. »Ich gebe Shawn Bescheid, und er wird einen spitzen Pflock holen…« Vlad hüstelte. Nanny hielt inne. »Es gibt noch einige andere Dinge, die gewöhnliche Leute über Vampi- re wissen«, sagte er. »Dazu gehört, daß Geschöpfe wie wir erhebliche Macht über das Bewußtsein niederer Wesen haben. Vergeßt alles über Vampire, verehrte Damen. Das ist ein Befehl. Und nun lernt meine Fa-, milie kennen.« Agnes blinzelte. Sie spürte, daß irgend etwas… passiert war. Doch die Erinnerung daran zerfaserte zwischen mentalen Fingern, die sie festhal- ten wollten. »Scheint ein netter junger Mann zu sein«, sagte Nanny. Sie klang ein wenig erstaunt. »Ich… er… ja«, erwiderte Agnes. Etwas stieg in ihrem Geist an die Oberfläche, wie eine Flaschenpost, die in einer anderen Sprache geschrieben war. Sie versuchte vergeblich, die Botschaft zu lesen. »Wenn doch nur Oma hier wäre«, sagte sie schließlich. »Sie wüßte be- stimmt, was es zu tun gilt.« »Warum sollte sie denn irgend etwas tun?« fragte Nanny. »Dies ist ein Fest. Und auf Festen hat sich Oma noch nie sehr wohl ge- fühlt.« »Ich komme mir ein wenig… seltsam vor«, sagte Agnes. »Das könnte an den Getränken liegen«, meinte Nanny. »Ich habe überhaupt nichts getrunken!« »Na bitte, das ist der Grund. Komm.« Sie eilten durch den Großen Saal. Zwar war es schon ein ganzes Stück nach Mitternacht, aber der Lärmpegel näherte sich allmählich der Schmerzschwelle. Wenn die mitternächtliche Stunde wie eine große Cocktailzwiebel auf dem Glas liegt, klingt das Lachen immer ein wenig schrill. Vlad winkte und forderte die beiden Hexen auf, sich der Gruppe bei König Verence hinzuzugesellen. »Ah, Agnes und Nanny«, sagte der König. »Graf, wenn ich vorstellen darf…« »Gytha Ogg und Agnes Nitt, wenn ich mich nicht irre«, sagte der Mann, mit dem Verence gerade gesprochen hatte. Er verneigte sich. Aus irgendeinem Grund rechnete ein kleiner Teil von Agnes damit, einen finster wirkenden Mann mit interessantem spitzen Haaransatz und einem, Opernmantel zu sehen. Sie wußte nicht, warum sich ihr ein solches Bild aufdrängte. Der Mann sah aus wie… wie ein feiner Herr, finanziell unabhängig und vielleicht auch wissenschaftlich interessiert. Ein solcher Mann unter- nahm morgens lange Spaziergänge und verbrachte den Nachmittag in der eigenen großen Bibliothek, um seinen geistigen Horizont zu erwei- tern oder kleine Experimente mit Pastinaken durchzuführen. Und nie, nie machte sich ein solcher Mann Sorgen um Geld. Etwas Glänzendes um- gab ihn und auch ein drängender, begieriger Enthusiasmus. Es handelte sich um jene Art von Unruhe, die man bei Leuten beobachten konnte, die gerade ein wirklich interessantes Buch gelesen hatten und es gar nicht abwarten konnten, jemandem davon zu erzählen. »Erlaubt mir, euch die Gräfin de Elstyr vorzustellen«, sagte er. »Dies sind die Hexen, von denen ich dir erzählt habe, meine Liebe. Ich glaube, meinen Sohn habt ihr bereits kennengelernt. Und dies ist meine Tochter Lacrimosa.« Agnes begegnete dem Blick eines dünnen Mädchens, das ein weißes Kleid trug, langes schwarzes Haar hatte und viel zuviel Make-up benutz- te. Es gibt so etwas wie Abscheu auf den ersten Blick. »Der Graf hat mir gerade erzählt, wie er ins Schloß ziehen und das Land regieren will«, sagte Verence. »Und ich habe geantwortet, daß es uns eine Ehre sein wird.« »Ausgezeichnet«, kommentierte Nanny. »Aber wenn du nichts dagegen hast: Ich möchte auf keinen Fall die Vorstellung des Wiesel-Mannes ver- passen…« »Das Problem ist, daß die Leute immer nur an die Ernährung der Vampire denken, wenn von ihnen die Rede ist«, sagte der Graf, als Nan- ny forteilte. »Eine ärgerliche Angelegenheit. Ihr eßt Tierfleisch und Ge- müse, und das definiert doch nicht eure Existenz, oder?« Verences Lippen formten ein Lächeln, doch es wirkte gläsern, irgend- wie unwirklich. »Aber ihr trinkt menschliches Blut?« fragte er. »Natürlich. Und manchmal bringen wir Leute um, obwohl das heutzu- tage nur noch selten vorkommt. Wie dem auch sei: Was kann es scha-, den? Opfer und Jäger, Jäger und Opfer. Das Schaf ist als Mahlzeit für den Wolf bestimmt, und der Wolf soll dafür sorgen, daß die Schafe nicht zu viele Wiesen kahlfressen. Wenn du deine Zähne untersuchst, Herr, so wirst du feststellen, daß sie für das Zerkleinern einer ganz bestimmten Nahrung vorgesehen sind, und der Rest des Körpers ist ebenfalls darauf abgestimmt. Bei uns verhält es sich genauso. Ich bin sicher, daß Nüsse und Kohl sich bei euch auch nicht beschweren. Jäger und Beute sind Teil des großen Lebenszyklus’.« »Faszinierend«, sagte Verence. Kleine Schweißperlen rollten ihm über die Wangen. »Alle Bewohner von Überwald verstehen das instinktiv«, meinte die Gräfin. »Aber für Kinder ist es ein sehr rückständiger Ort. Wir freuen uns ja so sehr auf Lancre.« »Das höre ich gern«, entgegnete Verence. »Und es war sehr freundlich von dir, uns einzuladen«, fuhr die Gräfin fort. »Andernfalls hätten wir natürlich nicht kommen können.« »Nun, das ist nicht ganz richtig«, sagte der Graf, sah seine Frau an und lächelte strahlend. »Aber ich muß zugeben: Das Verbot, ohne Einladung bestimmte Orte aufzusuchen, hat sich für lange Zeit als sehr wirksam erwiesen. Vielleicht hat es etwas mit alten Territorialinstinkten zu tun. Aber«, fügte er hinzu, »ich habe an einer neuen Lehrmethode gearbeitet und bin sicher, daß wir in einigen Jahren…« »Ach, nicht schon wieder der Kram«, stöhnte Lacrimosa. »Ja, ich schätze, manchmal kann es einem auf die Nerven gehen«, sagte der Graf und bedachte seine Tochter mit einem wohlwollenden Lächeln. »Ist noch etwas von dem köstlichen Knoblauch-Dip da?« Der König war erfüllt von Unbehagen, bemerkte Agnes. Und das war seltsam, denn der Graf und seine Familie wirkten sehr nett. Jedes Wort, das ihnen über die Lippen kam, ergab einen Sinn. Alles schien in bester Ordnung zu sein. »Genau«, sagte Vlad neben der jungen Hexe. »Tanzt du, Frau Nitt?« Auf der anderen Seite des Großen Saals begann das Leichte Symphonie- Orchester von Lancre (geleitet von Shawn Ogg) mit der schwierigen Suche nach einer Melodie., »Äh…« Agnes gelang es gerade noch rechtzeitig, ein Kichern zu unter- drücken. »Nein, eigentlich nicht. Zumindest nicht sehr gut…« Hast du nicht gehört, was sie gesagt haben? Sie sind Vampire! »Sei still«, erwiderte sie laut. »Wie bitte?« Vlad musterte sie verwirrt. »Und es… Nun, es ist kein besonders gutes Orchester…« Hast du überhaupt nicht darauf geachtet, worüber sie gesprochen haben, du nutzlo- ser Trampel! »Es ist sogar ein sehr schlechtes Orchester«, meinte Vlad. »Nun, der König hat die Instrumente erst letzten Monat gekauft, und die Musiker versuchen derzeit gemeinsam, sie spielen zu lernen…« Hau ihm den Kopf ab! Gib ihm einen Knoblaucheinlauf! »Ist alles in Ordnung mit dir? Du weißt doch, daß es hier keine Vampire gibt.« Er kontrolliert dich! rief Perdita. Sie… beeinflussen die Leute! »Ich bin ein wenig… benommen von der Aufregung«, murmelte Ag- nes. »Ich gehe jetzt besser heim.« Ein tief in ihr verwurzelter Instinkt ließ sie hinzufügen: »Und ich sollte Nanny mitnehmen.« Vlad bedachte sie mit einem seltsamen Blick, als reagierte sie nicht so, wie er es von ihr erwartete. Dann lächelte er. Agnes sah, daß er ganz weiße Zähne hatte. »Ich glaube, jemandem wie dir bin ich bisher noch nicht begegnet, Fräulein Nitt«, sagte er. »Du besitzt eine besondere… innere Qualität.« Er meint mich! Ja, er meint mich! Ich bin ihm ein Rätsel! Laß uns jetzt beide von hier verschwinden! rief Perdita. »Aber wir werden uns wiedersehen.« Agnes nickte, wankte fort und preßte sich dabei die Hand an den Kopf. Er fühlte sich wie ein großer Wattebausch an, in dem unerklärli- cherweise eine Nadel steckte. Sie kam an Hilbert Himmelwärts vorbei, der sein Buch auf den Boden fallen gelassen hatte, stöhnte und sich den Kopf mit beiden Händen hielt. Er sah zu Agnes auf., »Äh… hast du irgend etwas, das gegen Kopfschmerzen hilft?« fragte er. »Es… tut wirklich sehr weh.« »Die Königin verwendet Weidenrinde für Kopfschmerztabletten«, schnaufte Agnes und eilte weiter. Nanny Ogg stand verdrießlich mit einem Humpen in der Hand – eine bis dahin völlig unbekannte Kombination. »Der Wiesel-Mann ist nicht gekommen«, brummte sie. »Ich werde allen Leuten sagen, was ich von ihm halte. In diesem Teil der Welt hat er im Showgeschäft nichts mehr zu erwarten.« »Könntest du mir… nach Hause helfen, Nanny?« »Ich meine, er hat es sich selbst zuzuschreiben, und außerdem… Fühlst du dich nicht gut?« »Ich fühle mich schrecklich, Nanny.« »Dann laß uns gehen. Das gute Bier ist alle, und warum sollte ich hierbleiben, wenn’s nichts zu lachen gibt.« Der Wind pfiff über den Himmel, als sie zu Agnes’ Hütte wanderten. Tatsächlich schien es mehr Pfeifen als Wind zu geben. Die blattlosen Bäume knarrten, als die beiden Hexen an ihnen vorbeigingen, und matter Mondschein füllte das Dach des Waldes mit gefährlichen Schatten. Wol- ken drängten sich zusammen und kündigten Regen an. Agnes sah, wie Nanny etwas hervorholte, als sie das Schloß hinter sich zurückließen. Ein Stock. Sie hatte nie von einer Hexe gehört, die nachts einen Stock benutzte. »Warum hast du einen Stock dabei, Nanny?« »Was? Oh? Weiß nicht recht. Es ist eine dunkle Nacht, nicht wahr…?« »Aber du hast dich noch nie vor irgend etwas in Lancre gefürchtet…« Weiter vorn kamen mehrere Geschöpfe durchs Gebüsch und erreich- ten die Straße. Ein oder zwei Sekunden lang hielt Agnes sie für Pferde – bis der Mondschein auf sie fiel. Kurze Zeit später verschwanden sie auf der anderen Straßenseite im Wald. Hufe pochten zwischen den Bäumen. »Die habe ich schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen«, sagte Nanny. »Ich kenne Zentauren nur von Bildern«, erwiderte Agnes., »Sind vermutlich von Überwald hierhergekommen«, meinte Nanny. »Freut mich, sie wiederzusehen.« In ihrer Hütte zündete Agnes rasch die Kerzen an und wünschte sich Riegel an der Tür. »Setz dich«, sagte Nanny. »Ich kenne mich hier aus und hole dir ein Glas Wasser.« »Schon gut, ich…« Agnes’ linker Arm zuckte. Entsetzt beobachtete sie, wie er, von einem anderen Willen gelenkt, nach oben kam – die Hand winkte vor ihrem Gesicht. »Ist dir warm?« fragte Nanny. »Ich kümmere mich selbst um das Wasser!« keuchte Agnes. Sie eilte in die Küche und schloß die rechte Hand um ihr linkes Hand- gelenk. Der linke Arm schüttelte sich frei, nahm ein Messer vom Ablauf, stieß es in die Wand und kratzte damit Buchstaben in den abbröckelnden Putz.

VMPIR

Die linke Hand ließ das Messer fallen, griff nach dem Haar an Agnes’ Hinterkopf und schob ihr Gesicht bis auf wenige Zentimeter an die schriftliche Botschaft heran. »Ist alles in Ordnung mit dir?« rief Nanny aus dem anderen Zimmer. Agnes nahm eine Bewegung wahr und drehte sich um. Ein kleiner blauer Mann mit einer blauen Mütze beobachtete sie von den Regalen über dem Waschbecken aus. Er streckte die Zunge heraus, machte eine kleine obszöne Geste und verschwand hinter dem Beutel mit der Seife. »Nanny?« »Ja, Mädchen?« »Gibt es so etwas wie blaue Mäuse?« »Nicht, während man nüchtern ist.« »Ich glaube… ich könnte jetzt einen Schluck vertragen. Ist noch Bran- dy übrig?« Nanny kam herein und zog den Korken aus dem Flachmann. »Ich hab, das Ding im Schloß wieder aufgefüllt. Natürlich ist es nur das gewöhnli- che Zeug, das man im Laden kaufen kann, aber…« Agnes’ linke Hand griff nach dem Fläschchen und setzte es an die Lip- pen. Anschließend hustete sie so hingebungsvoll, daß ihr ein Teil des Brandys in die Nase geriet. »Langsam, langsam, es mag gewöhnliches Zeug sein, aber es ist trotz- dem ziemlich hochprozentig«, sagte Nanny. Agnes knallte den Flachmann auf den Tisch. »Na schön«, sagte sie, und Nanny gewann den Eindruck, daß ihre Stimme plötzlich ganz anders klang. »Mein Name lautet Perdita, und hiermit übernehme ich diesen Körper!« Festgreifaah bemerkte den Geruch von verbranntem Holz, als er zum Vogelhort schlenderte, aber er führte ihn auf das große Feuer im Schloßhof zurück. Er hatte das Fest schon früh verlassen, denn niemand wollte über Falken reden. Der Geruch wurde wesentlich stärker, als er bei den Vögeln nach dem Rechten sah, und dann bemerkte er die kleine Flamme auf dem Boden. Einige Sekunden lang starrte er darauf hinab, holte dann einen Eimer Wasser und leerte ihn über dem Feuer. Es brannte weiter auf einem Boden, der aus Stein bestand und jetzt ganz naß war. Festgreifaah blickte zu den Vögeln. Offenbar begegneten sie der Flamme mit Interesse – normalerweise wurden sie in der Gegenwart von Feuer sehr unruhig. Festgreifaah neigte nicht dazu, in Panik zu geraten. Er betrachtete das Phänomen eine Zeitlang, nahm dann ein Stück Holz und hielt es an die Flamme. Das Feuer sprang hinüber und brannte dort weiter. Das Holz verkohlte nicht. Er nahm einen kleinen Zweig, hielt ihn an das erste Holzstück und be- obachtete erneut, wie das Feuer übersprang. Die Flamme existierte nur einmal; eine zweite sollte es ganz offensichtlich nicht geben. Einige Leisten im Fenster waren verbrannt, und Festgreifaah hatte an-, gesengtes Holz dort gefunden, wo die alten Nistkästen gestanden hatten. Außerdem fiel das Licht einiger Sterne, fiel von hohen Nebelschwaden gefiltert, durch ein Loch im Dach. Etwas hatte hier gebrannt, soviel stand fest. Und zwar ziemlich heiß. Doch auf eine örtlich sehr begrenzte Weise, als hätte sich die Hitze nicht entfalten können… Festgreifaah tastete nach der Flamme am Ende des Zweigs. Sie war warm, aber… nicht so heiß, wie man es unter normalen Umständen er- wartete. Sie leuchtete nun an seinem Finger und verursachte ein leichtes Pri- ckeln. Als er damit winkte, folgten die Vögel der Bewegung. Im Licht des sonderbaren Feuers untersuchte Festgreifaah die Reste der Nistkästen und fand Teile von Eierschalen. Er sammelte sie ein und brachte sie in den überfüllten kleinen Raum am Ende des Vogelhorts, der ihm als Werkstatt und Schlafzimmer dien- te. Dort ließ er die Flamme auf eine Untertasse wechseln und hörte in der Stille, wie sie leise zischte. In ihrem Schein wandte er sich dem Regal überm Bett zu und griff nach einem großen, abgegriffenen Band. Vor Jahrhunderten hatte je- mand das Wort »Vöhgel« darauf geschrieben. Eigentlich hatte das Buch mehr Ähnlichkeit mit einem besonders gro- ßen und dicken Aktenordner. Mehrmals war der Rücken aufgeschnitten worden, um weitere Seiten hinzuzufügen. Die Falkner von Lancre wußten viel über Vögel. Eine der wichtigsten Zugrouten zwischen Mitte und Rand führte direkt über das Königreich hinweg. Im Lauf der Zeit hatten die Falken viele seltsame Spezies vom Himmel geholt, und die Falkner waren nicht müde geworden, alles genau zu notieren. Die Seiten waren gefüllt mit Zeichnungen und ganz klein geschriebenen Anmerkungen, denen man immer wieder neue Informati- onen hinzugefügt hatte. Gelegentlich aufs Papier geklebte Federn ließen das Buch noch dicker werden. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, ein Register zu erstellen, aber ein früherer Falkner war bemüht gewesen, die meisten Einträge alphabe- tisch anzuordnen., Festgreifaah sah erneut zur Flamme, die auf der Untertasse brannte, blätterte dann vorsichtig und las bei »F«. Nach einer Weile fand er das Gesuchte bei »P«. In den tiefsten Schatten des Vogelhorts duckte sich etwas. In Agnes’ Hütte gab es drei Regale mit Büchern. Nach den Maßstäben von Hexen kam dies einer riesigen Bibliothek gleich. Zwei kleine blaue Gestalten lagen auf den Büchern und beobachteten das Geschehen interessiert. Nanny Ogg wich zurück und schwang den Schürhaken. »Es ist alles in Ordnung«, sagte Agnes. »Ich bin’s wieder, Agnes Nitt… Sie ist noch immer da, aber… Ich halte jetzt durch. Ja! Ja! Na schön! Ja, sei jetzt endlich still… Hör mal, es ist mein Körper, und du bist nur ein Hirngespinst… Na gut, ich geb’s zu, es ist nicht ganz so einfach, aber… Laß mich endlich mit Nanny reden!« »Wer bist du jetzt?« fragte Nanny Ogg. »Ich bin immer noch Agnes.« Sie rollte mit den Augen. »Na schön! Ich bin Agnes, die Ratschläge von Perdita empfängt, und sie ist ebenfalls ich. In gewisser Weise. Und ich bin nicht zu dick, herzlichen Dank!« »Wie viele von dir stecken da drin?« fragte Nanny. »Was soll das heißen, ›Platz für zehn‹?« entfuhr es Agnes. »Sei still! Hör mal, Perdita meint, daß Vampire zu den Gästen auf dem Fest im Schloß gehören. Die Elstyr-Familie. Perdita begreift einfach nicht, warum wir uns so verhalten haben, wie wir uns verhalten haben. Die Vampire haben uns… beeinflußt, auch mich, und deshalb konnte Perdita durchbre… Ja, ich sage es ihr!« »Und wie war es ihr möglich, dem Einfluß zu widerstehen?« fragte Nanny. »Weil sie einen eigenen Willen hat! Nanny, erinnerst du dich an die Worte der Elstyrs?« »Jetzt, wo du es erwähnst… Nein, eigentlich nicht. Aber sie schienen recht nett zu sein.« »Erinnerst du dich an dein Gespräch mit Igor?«, »Wer ist Igor?« Während der nächsten halben Stunde sahen die kleinen blauen Gestal- ten interessiert zu. Als die Zeit verstrichen war, lehnte sich Nanny zurück und starrte eine Zeitlang an die Decke. »Warum sollten wir ihr glauben?« fragte sie schließlich. »Weil sie ich ist.« »Es heißt, in jedem dicken Mädchen steckt ein dünnes und…«, begann Nanny. »Ja«, sagte Agnes bitter. »Ich hab’s gehört. Ja. Sie ist das dünne Mäd- chen, und ich bin die viele Schokolade.« Nanny beugte sich zu Agnes’ Ohr vor und hob die Stimme. »Wie kommst du dort drin klar? Ist alles in Ordnung mit dir? Behandelt sie dich gut?« »Haha, Nanny. Sehr komisch.« »Sie haben davon gesprochen, Blut zu trinken und Leute umzubringen, und alle haben nur genickt und gemeint ›Oh, wie interessant‹?« »Ja!« »Und sie haben Knoblauch gegessen?« »Ja!« »Das ist doch unmöglich, oder?« »Was weiß ich! Vielleicht war es die falsche Art von Knoblauch!« Nanny rieb sich das Kinn. Sie war hin und her gerissen zwischen vampirischer Offenbarung und brennender Neugier in bezug auf Perdita. »Wie ist das mit Perdita?« fragte sie. »Wie… funktioniert das?« Agnes seufzte. »Nun, kennst du den Teil von dir, der alle die Dinge un- ternehmen möchte, vor denen du dich fürchtest, der all die Gedanken denkt, die dich erschrecken?« Nannys Gesicht blieb ausdruckslos, und Agnes fuhr unsicher fort: »Zum Beispiel… dir die Kleidung vom Leib reißen und nackt im Regen herumlaufen?« »Oh, ich verstehe«, erwiderte Nanny., »Nun… ich schätze, Perdita ist genau der Teil von mir.« »Im Ernst?« meinte Nanny. »Ich bin immer dieser Teil von mir gewe- sen. Wichtig ist, daß man nicht vergißt, wo man die Kleidung hingelegt hat.« Agnes erinnerte sich zu spät daran, daß Nanny Ogg in vielerlei Hin- sicht eine sehr unkomplizierte Person war. »Ja, ich glaube, ich weiß, was du meinst«, fuhr Nanny in nachdenkliche- rem Tonfall fort. »Es gab Zeiten, als ich mir gewisse Dinge wünschte und mich kaum zurückhalten konnte…« Sie schüttelte den Kopf. »Aber Vampire… Verence wäre doch nicht so dumm, Vampiren eine Einla- dung zu schicken.« Sie überlegte kurz. »Doch, er könnte sich tatsächlich zu so was hinreißen lassen. Er sähe darin vermutlich eine zur Freund- schaft ausgestreckte Hand oder etwas in der Art.« Sie stand auf. »Na schön. Vermutlich sind sie noch im Schloß. Packen wir’s sofort an. Du besorgst noch mehr Knoblauch und einige spitze Pflö- cke. Ich hole Shawn, Jason und die anderen Jungs.« »Das klappt nicht, Nanny. Perdita hat gesehen, wozu sie fähig sind. Wenn du in ihre Nähe kommst, vergißt du alles über sie. Sie haben Einfluß auf dein Denken.« Nanny zögerte. »Ich kann nicht gerade behaupten, daß ich viel über Vampire weiß«, sagte sie. »Perdita glaubt, sie können auch unsere Gedanken lesen.« »Für so was ist Esme zuständig«, sagte Nanny. »Mit dem Geist herum- pfuschen und so. Das ist wie Speis und Trank für sie.« »Nanny, sie sprachen davon, hier bei uns zu bleiben! Wir müssen etwas unternehmen!« »Nun, wo ist sie?« Nanny jammerte fast. »Esme sollte sich um diese Sa- che kümmern.« »Vielleicht haben die Vampire sie als erste erwischt.« »Das glaubst du doch nicht im Ernst!« Nanny schien jetzt der Panik nahe zu sein. »Ich kann mir keinen Vampir vorstellen, der seine Zähne in Esme bohrt.« »Keine Sorge, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.« Perdita, hatte diese Wörter gesprochen, aber Agnes empfing den Schlag. Es war keine mehr oder weniger freundliche Ohrfeige. Nanny Ogg hatte stram- me Söhne großgezogen – der Ogg-Unterarm war eine eigene Macht. Als Agnes vom Kaminvorleger aufsah, rieb sich Nanny das Gefühl in ihre Hand zurück und bedachte die junge Hexe mit einem ernsten Blick. »So etwas will ich nie wieder hören, klar?« sagte sie scharf. »Normaler- weise halte ich nichts davon, handgreiflich zu werden, aber manchmal ist ein ordentlicher Hieb genau das richtige Argument. So, und jetzt kehren wir zum Schloß zurück, um diese Angelegenheit zu klären.« Festgreifaah schloß das Buch und betrachtete die Flamme. Es stimmte also. Der dicke Band enthielt ein entsprechendes Bild, sorgfältig gezeich- net von einem anderen königlichen Falkner, vor zweihundert Jahren. Die Anmerkungen besagten, daß er das Ding im Frühling auf einer Alm ge- funden hatte. Damals brannte es drei Jahre lang, bis er es irgendwo ver- lor. Wenn man ganz genau hinsah, konnte man sogar die Details erkennen. Eigentlich war es gar keine Flamme. Es sah mehr nach einer schim- mernden Feder aus… Lancre lag im Bereich wichtiger Zugrouten für Vögel und andere Ge- schöpfe. Es war nur eine Frage der Zeit. Es gab also einen Jungvogel, irgendwo in der Nähe. In dem Buch hieß es, daß sie langsam heranwuchsen. Seltsam, daß ausgerechnet hier ein Ei gelegt worden war, denn in dem Buch stand auch, daß sie normalerweise nur in den heißen Wüsten von Klatsch schlüpften. Festgreifaah kehrte in den Hort zurück und sah dort nach den Vögeln. Sie wirkten noch immer sehr wachsam. Ja, es ergab alles einen Sinn. Das Wesen war hierhergeflogen, denn die Präsenz anderer Vögel verhieß Geborgenheit. Anschließend hatte es ein Ei gelegt – und sich dann selbst verbrannt, damit ein Jungvogel schlüp- fen konnte. Festgreifaahs Fehler war, daß er die Vogelwelt aus einem recht milita- ristischen Blickwinkel sah. Es gab Vögel, die man jagte, und es gab ande- re, mit denen man jagte. Es existierten natürlich noch andere, die in, Bäumen zwitscherten und so, aber die zählten eigentlich nicht. Ihm fiel ein, daß es eigentlich keinen besseren Jagdvogel gab als den Phönix. Das neue Exemplar war bestimmt noch schwach und konnte nicht weit gekommen sein. Leider enthielt das Buch nicht nur ein Bild, sondern gleich mehrere, gezeichnet von Falknern, die behaupteten, einen Feuervogel gesehen zu haben. Die dargestellten Vögel ähnelten sich nur darin, daß sie Flügel und ei- nen Schnabel hatten. Einer hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Reiher, ein anderer mit einer Gans. Ein Bild zeigte sogar einen Vogel, der sich zu Festgreifaahs großem Erstaunen kaum von einem Spatz un- terschied. Er fand das sehr verwirrend und entschied sich für eine Zeichnung, die zumindest ein wenig exotisch wirkte. Er blickte zu den an Haken hängenden Vogelhandschuhen. Er verstand sich gut darauf, Jungvögel großzuziehen. Zuerst fraßen sie ihm aus der Hand, und später hielten sie die Hand selbst für schmackhafter. Ja. Ein junges Exemplar abrichten… Einen besseren Jagdvogel konnte es gar nicht geben. Festgreifaahs Phantasie versagte bei dem Versuch, sich einen Phönix als Beute vorzustellen. Wie sollte man ihn zum Beispiel kochen? … und in der dunkelsten Ecke des Vogelhorts hüpfte etwas auf eine Sitzstange… Erneut mußte Agnes laufen, um mit Nanny Ogg Schritt zu halten, als diese mit energisch pumpenden Ellenbogen über den Hof stapfte. Die alte Hexe näherte sich mehreren an einem Faß stehenden Männern und packte zwei von ihnen am Arm, wodurch sie Bier verschütteten. Norma- lerweise wäre das eine große Herausforderung gewesen, vergleichbar mit dem Wurf eines Fehdehandschuhs oder, in weniger erhabener Gesell- schaft, mit dem Zerschlagen einer Flasche an der Thekenkante. Doch in diesem Fall kam die »Provokation« von Nanny Ogg, weshalb die Männer verlegen wirkten. Ein oder zwei scharrten sogar mit den Fü- ßen und versuchten, ihren Bierkrug hinter dem Rücken zu verbergen., »Jason? Darren? Ihr kommt mit«, befahl Nanny. »Wir haben es auf Vampire abgesehen, klar? Hat jemand spitze Pflöcke dabei?« »Nein, Mama«, sagte Jason, Lancres einziger Schmied. Dann hob er die Hand. »Aber vor zehn Minuten kam der Koch und fragte, ob jemand die komischen Dinger mit dem vielen Knoblauch wollte, und ich habe sie gegessen.« Nanny schnupperte, trat einen Schritt zurück und fächelte mit der Hand vor ihrem Gesicht. »Ja, das sollte eigentlich genügen«, meinte sie. »Du rülpst ordentlich, wenn ich dir ein Zeichen gebe, in Ordnung?« Agnes nahm ihren ganzen Mut zusammen. »Ich bezweifle, daß das klappt, Nanny.« »Wieso denn? Mich hätte es fast umgehauen.« »Ich habe es dir doch gesagt. Selbst wenn es klappen könnte – du kommst gar nicht nahe genug heran. Perdita hat es ganz deutlich gespürt. Es ist so, als… wäre man betrunken.« »Diesmal bin ich vorbereitet«, erwiderte Nanny. »Ich habe das eine o- der andere von Esme gelernt.« »Ja, aber sie…« Agnes wollte sagen: Ja, aber sie kann das besser als du. Doch sie korrigierte sich im letzten Augenblick: »… ist nicht hier.« »Mag sein. Aber ich trete den Vampiren lieber jetzt gegenüber, als Es- me später erklären zu müssen, warum ich auf eine Konfrontation ver- zichtet habe. Kommt.« Agnes folgte den Oggs voller Unbehagen. Sie wußte nicht, wie weit sie Perdita vertrauen konnte. Einige Gäste waren heimgekehrt, doch das Festmahl im Schloß bot viele kulinarische Attraktionen, und ganz gleich, aus welcher gesellschaft- lichen Schicht die Lancrestianer stammten: Sie neigten nicht dazu, sich einfach von so schwer beladenen Tischen abzuwenden. Nanny sah sich in der Menge um und hielt Shawn fest, der mit einem Tablett vorbeikam. »Wo sind die Vampire?« »Wer, Mama?« »Der Graf… Elster oder so.«, »Elstyr«, verbesserte Agnes. »Ja«, bestätigte Nanny. »Er ist nicht… Er ist oben im… Solarium, Mama. Sie sind alle… Wa- rum riecht es hier so nach Knoblauch, Mama?« »Das ist dein Bruder. Na schön, laßt uns gehen.« Das sogenannte Solarium befand sich ganz oben im Schloß. Es war alt, kalt und zugig. Auf die ausdrückliche Bitte der Königin hin hatte Veren- ce die großen Fenster verglasen lassen, was allerdings bewirkte, daß der große Raum nun besonders hinterlistige und beharrliche Zugluft anlock- te. Aber es war ein königliches Zimmer, nicht so öffentlich wie der Gro- ße Saal. Hier empfing der König Gäste, wenn er ganz offiziell inoffiziell sein wollte. Nanny Oggs Expeditionskorps rückte über die lange Wendeltreppe vor. Im Solarium angekommen, führte die alte Hexe ihre Streitmacht zu der am Kamin sitzenden Gruppe. Nanny holte tief Luft. »Ah, Frau Ogg«, sagte Verence verzweifelt. »Bitte leiste uns Gesell- schaft.« Agnes musterte Nanny von der Seite her und beobachtete, wie ein sonderbares Lächeln in ihrem Gesicht erschien. Der Graf saß in einem großen Sessel am Feuer, und Vlad stand hinter ihm. Beide wirkten sehr attraktiv, fand Agnes. Im Vergleich mit ihnen schien Verence, dessen Kleider ihm nie richtig zu passen schienen und der immer einen von Sorgen gequälten Eindruck erweckte, fehl am Platz zu sein. »Der Graf hat uns gerade erklärt, auf welche Weise Lancre zu einem Herzogtum seiner Länder in Überwald wird«, sagte Verence. »Uns bleibt der Titel eines Königreichs erhalten, was ich sehr freundlich von ihm finde, meinst du nicht?« »Ein ausgezeichneter Vorschlag«, erwiderte Nanny. »Natürlich werden wir Steuern erheben«, verkündete der Graf. »Keine hohen – immerhin wollen wir euch nicht ausbluten, im übertragenen Sinne!« Er strahlte über den eigenen Scherz., »Dagegen läßt sich kaum etwas einwenden«, erklang Nannys Stimme. »Nicht wahr?« erwiderte der Graf. »Ich wußte ja, daß sich alles prima regeln läßt. Und deine moderne Einstellung behagt mir sehr, Verence. Wißt ihr, die meisten Leute haben völlig falsche Vorstellungen von Vampiren. Sind wir teuflische Mörder?« Er lächelte. »Natürlich sind wir das. Aber nur dann, wenn es notwendig ist. Offen gesagt: Wir könnten wohl kaum darauf hoffen, ein Land zu regieren, wenn wir dauernd Leute umbrächten. Ich meine, dann gäbe es bald keine Untertanen mehr!« Höf- liches Gelächter erklang, am lautesten vom Grafen selbst. Für Agnes klang das alles vollkommen sinnvoll. Der Graf war zweifel- los ein sehr vernünftiger Mann. Wer anders dachte, verdiente den Tod. »Und wir sind nur Menschen«, fuhr der Graf fort. »Nun, eigentlich nicht nur Menschen. Wenn man uns sticht – bluten wir dann nicht? Welch eine Verschwendung.« Sie haben dich erneut erwischt, erklang eine Stimme hinter Agnes’ Stirn. Vlad drehte ruckartig den Kopf, und Agnes fühlte seinen durchdrin- genden Blick. »Immerhin sind wir auf der Höhe der Zeit«, sagte der Graf. »Und ich muß sagen: Uns gefällt, was du mit diesem Schloß gemacht hast.« »Ach, die Fackeln daheim«, stöhnte die Gräfin und rollte mit den Au- gen. »Und dann einige der Dinge im Verlies… Als ich sie sah, wäre ich fast vor Scham gestorben. Wie… vor fünfzehn Jahrhunderten. Wenn man ein Vampir ist, so ist man eben ein Vampir.« Sie lächelte mißbilligend. »Sär- ge, ja, natürlich. Aber man muß doch nicht dauernd herumschleichen, als schämte man sich der eigenen Natur. Wir alle haben… Bedürfnisse.« Ihr steht da wie Kaninchen vor einem Fuchs! heulte Perdita in den Gewölben von Agnes’ Gehirn. »Oh!« Die Gräfin klatschte in die Hände. »Wie ich sehe, habt ihr ein Pianoforte!« Es stand unter einem Tuch in der Ecke, und zwar schon seit Monaten. Verence hatte eins bestellt, weil solche Musikinstrumente als äußerst schick galten, aber es gab nur eine Person, die wirklich mit Freuden dar- auf spielte: Nanny Ogg. Sie war gelegentlich vorbeigekommen, um ein, wenig auf den Tasten zu klimpern.* Auf Magrats Befehl hin wurde das Ding zugedeckt, und es ging das Gerücht, sie hätte Verence das Fell über die Ohren gezogen, weil er etwas gekauft hatte, das ein toter Elefant war. »Lacrimosa würde so gern für uns spielen«, befahl die Gräfin. »Ach, Mutter«, erwiderte Lacrimosa. »Wir finden bestimmt großen Gefallen daran«, sagte Verence. Agnes bemerkte den Schweiß in seinem Gesicht nur deshalb, weil Perdita dar- auf hinwies. Er versucht, dagegen anzukämpfen. Bist du nicht froh, daß du mich hast? Sie holten ein Bündel Notenpapier aus dem Pianostuhl hervor, und die junge Dame nahm Platz. Sie sah Agnes an, bevor sie begann. Es funkte zwischen ihnen, aber diese Funken erforderten die Evakuierung des gan- zen Gebäudes. Es ist nichts als Krach, sagte Perdita nach den ersten Takten. Aber alle se- hen so hingerissen aus, als klänge es wundervoll! Agnes konzentrierte sich. Die Musik war herrlich, aber wenn sie mit Perditas Hilfe wirklich darauf achtete… dann verschwand sie plötzlich. Dann hörte es sich so an, als spielte jemand Tonleitern, und das ebenso schlecht wie zornig. Ich kann jederzeit darauf hinweisen, dachte Agnes. Wann immer es mir gefällt. Ich brauche nur den Mund zu öffnen und es zu sagen. Alle anderen applaudierten höflich. Agnes versuchte, ihrem Beispiel zu folgen, aber ihr linker Arm streikte plötzlich – dort wurde Perdita stär- ker. Vlad erschien so schnell an ihrer Seite, als hätte er sich überhaupt nicht bewegt. »Du bist eine… faszinierende Frau, Fräulein Nitt«, sagte er. »Du hast * König Verence wollte, daß jemand eine Hymne für Lancre komponierte, wenn möglich mit einem Hinweis auf die schönen Bäume im Königreich, und er bot eine kleine Belohnung dafür an. Nanny Ogg witterte leicht zu verdienen- des Geld, denn Hymnen haben immer nur eine Strophe. Besser gesagt: Sie haben alle die gleiche zweite Strophe. Sie lautet »Ta… tata… tata tam... tata... tata tam« und wird gesummt, bis sich die Leute an die letzte Zeile der ersten Strophe erinnern und diese ganz laut singen., so hübsches Haar, wenn ich das sagen darf. Wer ist Perdita?« »Eigentlich niemand«, murmelte Agnes. Sie kämpfte gegen den Wunsch an, die linke Hand zur Faust zu ballen. Perdita schrie erneut in ihrem Innern. Vlad berührte eine Strähne ihres Haars. An ihrem Haar gab es nichts auszusetzen, wußte Agnes. Es war exzellentes Haar, das bestrebt zu sein schien, eine Art Gegengewicht zum Körper zu bilden. Es glänzte, spalte- te sich nie und zeichnete sich immer durch makelloses Verhalten aus, abgesehen von der Tendenz, Kämme zu fressen. »Kämme zu fressen?« fragte Vlad und wickelte sich die Strähne um den Finger. »Ja, es…« Er kann deine Gedanken lesen. Vlad wirkte so verwirrt wie jemand, der versucht, ein Geräusch in der Ferne zu identifizieren. »Du… kannst Widerstand leisten, nicht wahr?« sagte er. »Ich habe dich beobachtet, als Lacci auf dem Piano spielte. Was man so spielen nennt. Hast du vielleicht Vampirblut in dir?« »Was? Nein!« »Nun, es ließe sich arrangieren, haha.« Vlad lächelte. Agnes vermutete, daß dieses Lächeln ansteckend wirkte, aber das galt auch für Masern. Es füllte ihre unmittelbare Zukunft. Etwas strömte ihr entgegen, stülpte sich rosarotem Flaum gleich über sie und teilte ihr mit: Es ist alles in Ord- nung, alles ist in bester Ordnung, du brauchst dir überhaupt keine Sor- gen zu machen… »Sieh dir nur Frau Ogg dort drüben an«, sagte Vlad. »Sie grinst wie ein Honigkuchenpferd. Und angeblich ist sie eine der mächtigsten Hexen in den Spitzhornbergen. Es ist fast betrüblich, nicht wahr?« Sag ihm, du weißt, daß er Gedanken lesen kann, befahl Perdita. Wieder dieser verwunderte, nachdenkliche Blick. »Du kannst…«, begann Agnes. »Nein, nicht in dem Sinne.« Vlads Antwort kam der Frage zuvor. »Man lernt nur, Personen zu verstehen und gewisse Zeichen zu deuten. Ja, man, lernt eine Menge.« Er streckte sich auf dem Sofa aus, ließ ein Bein über die Armlehne baumeln und musterte Agnes nachdenklich. »Die Dinge werden sich ändern, Agnes Nitt«, fuhr er fort. »Mein Vater hat recht. Warum in dunklen Schlössern herumschleichen? Warum sich schämen? Wir sind Vampire. Beziehungsweise Vampyre. Vater legt gro- ßen Wert auf die neue Schreibweise. Er meint, sie steht für einen klaren Bruch mit einer dummen und abergläubischen Vergangenheit. Wie dem auch sei: Es ist nicht unsere Schuld. Wir sind als Vampire geboren.« »Ich dachte, man wird…« »Du dachtest, man wird durch einen Biß zum Vampir? Meine Güte, nein. Oh, wir können Leute in Vampire verwandeln – das ist ganz einfach. Aber welchen Sinn hat das? Wenn du… Was ißt du gern? Oh, ja… wenn du Schokolade ißt, möchtest du bestimmt nicht, daß daraus eine weitere Agnes Nitt wird. Dann bliebe weniger Schokolade für dich übrig.« Er seufzte. »Ach, wohin wir uns auch wenden – überall stoßen wir auf A- berglauben. In Wirklichkeit bist du schon seit zehn Minuten hier bei uns, und dein Hals weist überhaupt keine Bißspuren auf, nur ein wenig Seife, die du nicht abgewaschen hast.« Aus einem Reflex heraus hob Agnes die Hand zum Hals. »Wir bemer- ken solche Dinge«, sagte Vlad. »Und jetzt sind wir hier, um sie zu be- merken. Oh, Vater ist auf seine Art sehr einflußreich und außerdem ein fortschrittlicher Denker, aber ich glaube, selbst er erkennt nicht alle Mög- lichkeiten. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich darüber freue, daß wir jenen Ort verlassen haben, Fräulein Nitt. Die Werwölfe… meine Güte, die Werwölfe… Großartige Leute, kein Zweifel, und der Baron hat natürlich einen gewissen groben Stil, aber eigentlich läuft es nur auf eins hinaus: Gib ihnen eine gute Hirschjagd, einen warmen Platz am Kamin und einen großen Knochen – dann ist ihnen der Rest der Welt völlig schnuppe. Wir haben uns alle Mühe gegeben, ja, das haben wir wirklich. Vater hat mit aller Kraft versucht, uns ins Jahrhundert des Flughunds zu bringen…« »Es ist fast vorbei«, warf Agnes ein. »Vielleicht ist er deshalb so eifrig«, vermutete Vlad. »Jener Ort steckt voller…Überbleibsel. Ich meine… Zentauren? Ich bitte dich! Es ist nicht richtig, daß sie noch immer existieren. Sie sind einfach fehl am Platz., Und ehrlich gesagt: Mit den niederen Spezies steht’s ebenso schlimm. Trolle sind dumm, Zwerge verschlagen, Kobolde böse – und Gnome bleiben zwischen den Zähnen stecken. Es wird Zeit, daß sie verschwin- den, für immer. Wir setzen große Hoffnungen auf Lancre.« Er sah sich verächtlich um. »Aber erst müssen hier einige Dinge in Ordnung ge- bracht werden.« Agnes’ Blick glitt zu Nanny und ihren Söhnen. Wie hingerissen hörten sie sich die schlimmste Musik an, seit Shawn Oggs Dudelsack die Treppe hinuntergefallen war. »Ihr… wollt unser Land übernehmen?« fragte die junge Hexe. »Einfach so?« Vlad lächelte, stand auf und näherte sich ihr. »Ja. Ohne Blut zu vergie- ßen – im übertragenen Sinne. Du bist wirklich erstaunlich, Fräulein Nitt. Die Mädchen in Überwald sind wie Schafe. Aber du… Du verbirgst et- was vor mir. Einerseits spüre ich, daß du dich unter meinem Einfluß befindest, aber andererseits… bewahrst du dir einen freien Willen.« Er lachte leise. »Das finde ich herrlich.« Agnes spürte, wie sich ihr Geist entfaltete. Rosaroter Dunst wehte durch ihren Kopf… … und der Eisberg namens Perdita, tödlich und zum größten Teil ver- borgen, ragte daraus hervor. Als Agnes durch das Rosarot zurückwich, spürte sie, wie sich ein Pri- ckeln in Armen und Beinen ausbreitete. Es war nicht sehr angenehm. So ähnlich mußte es sich anfühlen, wenn jemand direkt hinter einem stand und dann einen Schritt vortrat. Agnes hätte ihn fortgestoßen. Besser gesagt: Agnes hätte gezaudert und versucht, sich irgendwie herauszureden, aber wenn es darauf ankam, hätte sie geschoben oder gar gestoßen. Perdita hingegen schlug zu. Sie holte aus, und als die Hand halb herumgefahren war, krümmte sie die Finger, um auch die Nägel einzusetzen… Vlad bewegte sich schemenhaft und hielt sie am Handgelenk fest. »Bravo«, sagte er und lachte. Die andere Hand kam ebenfalls nach oben, um den zweiten Schwinger abzuwehren., »Leidenschaftliche Frauen gefallen mir!« Allerdings waren ihm jetzt die Hände ausgegangen, und Perdita hatte noch ein Knie in Reserve. Vlad schielte plötzlich und gab ein Geräusch von sich, das wie »Ghni« klang… »Wundervoll!« krächzte er und krümmte sich zusammen. Perdita wandte sich ab, eilte zu Nanny Ogg und packte sie am Arm. »Nanny, wir gehen jetzt!« »Wieso denn?« erwiderte Nanny, ohne sich von der Stelle zu rühren. »Und Jason und Darren kommen mit!« Perdita las nicht soviel wie Agnes, denn sie hielt Bücher für langweilig. Aber jetzt wollte sie wissen: Was setzte man gegen Vampire ein? Heilige Symbole! kam Agnes’ Antwort von innen. Perdita sah sich ver- zweifelt um. Im Solarium des Schlosses gab es nichts, das einen beson- ders heiligen Eindruck erweckte. Religion hatte in Lancre nur die Rolle eines kosmischen Standesbeamten; ansonsten waren die Leute nicht sehr fromm. »Tageslicht ist immer ein gutes Mittel, meine Liebe«, sagte die Gräfin, die offenbar einen Teil der Gedanken erfaßt hatte. »Dein Onkel hatte immer große Fenster mit Vorhängen, die leicht beiseite zu ziehen waren, nicht wahr, Graf?« »In der Tat«, bestätigte der Graf. »Und was den Burggraben betrifft: Er war immer mit perfekt fließen- dem Wasser gefüllt, stimmt’s?« »Von einem Gebirgsbach gespeist, glaube ich«, sagte der Graf. »Und für einen Vampir hatte er in seinem Schloß erstaunlich viel Zier- rat, der leicht zerbrochen oder verbogen werden konnte, um daraus ein heiliges Symbol zu formen, oder?« »Das stimmt. Ein Vampir der alten Schule.« »Ja.« Die Gräfin schenkte ihrem Gemahl ein Lächeln. »Der dummen Schule.« Sie drehte sich zu Perdita um und musterte sie von Kopf bis Fuß. »Du wirst feststellen, daß wir hierbleiben, meine Liebe. Nun, du scheinst meinen Sohn beeindruckt zu haben. Komm her, Mädchen. Ich möchte dich aus der Nähe sehen.«, Zwar ruhte Agnes noch immer auf einem rosaroten Kissen tief in ih- rem eigenen Innern, aber sie spürte, wie sich der Vampirwille, einem bleiernen Gewicht gleich, auf Perdita herabsenkte. Wie am anderen Ende einer Wippe stieg Agnes empor. »Wo ist Magrat?« fragte sie. »Was habt ihr mit der Königin angestellt?« »Ich glaube, sie hat das Baby zu Bett gebracht«, sagte die Gräfin und wölbte die Brauen. »Es ist ein wundervolles Kind.« »Wenn Oma Wetterwachs davon erfährt, werdet ihr euch wünschen, nie geboren zu sein… oder ungeboren oder wiedergeboren oder was auch immer!« »Wir freuen uns bereits darauf, sie kennenzulernen«, sagte der Graf ru- hig. »Aber diese famose Dame weilt offenbar nicht unter uns. Vielleicht solltest du sie holen? Nimm deine Freunde ruhig mit. Und wenn du sie siehst, Fräulein Nitt: Sag ihr, daß es keinen Grund gibt, warum Hexen und Vampire kämpfen sollten.« Nanny Ogg bewegte sich. Jason rutschte in seinem Sessel zur Seite. Agnes zog sie beide hoch und dirigierte sie in Richtung Treppe. »Wir kommen zurück!« rief sie. Der Graf nickte. »Gut«, sagte er. »Wir sind für unsere Gastfreundschaft berühmt.« Es war noch dunkel, als Festgreifaah aufbrach. Wenn man einen Phönix jagte, war die Finsternis am besten dafür geeignet – im Dunkeln ließ sich Licht besser erkennen. Angesichts der verbrannten Holzleisten im Fenster nahm er einen Drahtkäfig mit und investierte auch ein wenig Zeit, den Handschuh vor- zubereiten. Eigentlich war es nur eine Puppe aus gelbem Tuch, an der purpurne und blaue Stoffetzen befestigt waren. Festgreifaah mußte zugeben, daß das Gebilde kaum Ähnlichkeit mit dem gezeichneten Phönix aufwies, aber nach seiner Erfahrung waren Vögel keine sehr wählerischen Beob- achter. Gerade geschlüpfte Vögel neigten dazu, praktisch alles als Eltern zu, akzeptieren. Wer jemals beobachtet hatte, wie sich die Eier einer brüten- den Henne öffneten, wußte: Entenküken konnten leicht dazu gebracht werden, sich für Hühner zu halten. Der arme Bussard William war ein gutes Beispiel dafür. Der Umstand, daß ein junger Phönix nie seine Eltern sah und daher auch gar nicht wissen konnte, wie er aussehen sollte, könnte es erschwe- ren, sein Vertrauen zu gewinnen. Aber dies war Neuland, und Festgreifaah war bereit, alles auszuprobie- ren. Köder, zum Beispiel. Er hatte Fleisch und auch Getreide eingepackt, obwohl die Zeichnung auf ein falkenartiges Geschöpf hinwies, aber für den Fall, daß brennbare Materialien erforderlich waren, nahm er auch Mottenkugeln und Fischöl mit. Netze kamen nicht in Frage, und Vogel- leim war natürlich ausgeschlossen. Festgreifaah hatte seinen Stolz. Au- ßerdem hätte vermutlich weder das eine noch das andere funktioniert. Aber da praktisch alles andere für einen Versuch in Frage kam, hatte er eine Entenpfeife genommen und so präpariert, daß sie ein Geräusch erzeugte, das ein vor langer Zeit gestorbener Falkner mit den Worten »wie der Schrei eines Bussards, aber tiefer« beschrieben hatte. Das Er- gebnis begeisterte ihn nicht gerade, aber vielleicht wußte ein junger Phö- nix auch nicht, wie ein erwachsener Phönix klingen sollte. Es konnte klappen; er mußte es auf jeden Fall versuchen. Er machte sich auf den Weg. Es dauerte nicht lange, bis in der Nähe der feuchten, dunklen Hügel ein Schrei ertönte, der nach einer Ente im Sturzflug klang. Matte Gräue am Horizont kündigte einen neuen Tag an, und kurzer Schneeregen hatte eine glitzernde Schicht auf den Blättern hinterlassen, als Oma Wetterwachs ihre Hütte verließ. Eine arbeitsreiche Nacht lag hinter ihr. Ein mit Bindfaden auf ihren Rücken gebundener Beutel enthielt die wenigen Dinge, die sie nicht zurücklassen wollte. Der Besen stand in einer Ecke am Kamin. Mit einem Stein sorgte sie dafür, daß die Tür offenblieb, und dann schritt sie durch den Wald davon, ohne einmal zurückzusehen., Unten im Dorf begrüßten krähende Hähne eine aufgehende Sonne, die sich irgendwo hinter den Wolken verbarg. Eine Stunde später landete ein Besen auf dem Rasen vor Oma Wetter- wachs’ Hütte. Nanny Ogg stieg ab und eilte zur Hintertür. Mit dem Fuß stieß sie gegen etwas, das die Tür offenhielt. Sie starrte auf den Stein hinab, als wäre er gefährlich, und schob sich dann an ihm vorbei ins Halbdunkel der Hütte. Wenige Minuten später kehrte sie nach draußen zurück und wirkte be- sorgt. Sie trat zur Wassertonne, zerbrach dort mit einer Hand das Eis, hob ein Stück hoch, betrachtete es einige Sekunden lang und warf es dann fort. Die Leute hatten oft falsche Vorstellungen von Nanny Ogg, und sie bestärkte sie darin. Zum Beispiel glaubten viele, sie könnte nicht weiter sehen als bis zum Grund ihres Humpens. Eine Elster hockte auf dem Ast eines nahen Baums und schnatterte. Nanny warf einen Stein nach ihr. Agnes traf nach einer weiteren halben Stunde ein. Sie ging lieber zu Fuß, wann immer das möglich war – sie fürchtete, zu weit über den Be- sen hinauszuragen. Nanny Ogg saß unmittelbar hinter der Tür auf einem Stuhl und rauch- te ihre Pfeife. Sie nahm sie aus dem Mund und nickte. »Sie ist fort«, teilte sie der jüngeren Hexe mit. »Fort?« wiederholte Agnes. »Ausgerechnet jetzt, wo wir sie brauchen? Was hat das zu bedeuten?« »Sie ist nicht mehr hier«, erklärte Nanny. »Vielleicht macht sie nur einen Spaziergang durch den Wald«, speku- lierte Agnes. »Weg«, betonte Nanny. »Und zwar seit zwei Stunden, wenn ich mich nicht irre.« »Wie kommst du darauf?« Früher einmal – vielleicht erst gestern – hätte Nanny auf irgendwelche magischen Kräfte hingewiesen. Die Tatsache, daß sie heute sofort zur, Sache kam, verriet deutlich das Ausmaß ihrer Besorgnis. »Ob es morgens regnet oder die Sonne scheint – Esme geht immer zu- erst zur Regentonne und wäscht sich das Gesicht«, sagte sie. »Jemand hat die Eisschicht vor zwei Stunden zerbrochen. Man kann sehen, wo sie wieder zugefroren ist.« »Ach, mehr steckt nicht dahinter?« erwiderte Agnes. »Nun, vielleicht muß sie irgend etwas erledigen…« »Komm und sieh es dir selbst an«, sagte Nanny und stand auf. Die meisten kleineren Gegenstände in der Hütte lagen auf dem Tisch. Agnes bemerkte drei Tassen, drei Teller, drei Messer, ein Hackbeil, drei Gabeln, drei Löffel, zwei Schöpfkellen, eine Schere und drei Kerzenhal- ter. Eine hölzerne Schatulle enthielt Nadeln, Garn und Stifte… Was geputzt werden konnte, war geputzt worden. Jemand hatte sogar die alten Kerzenhalter aus Zinn zum Glänzen gebracht. Agnes spürte, wie der kleine Knoten aus Anspannung in ihr wuchs. Hexen besaßen nicht viel. Die Dinge gehörten der Hütte. Man durfte sie nicht von ihr wegbringen. Auf dem Tisch war das Inventar ausgebreitet. Hinter Agnes öffnete und schloß Nanny Ogg die Schubladen der alten Frisierkommode. »Es ist alles ganz ordentlich«, sagte Nanny. »Sie hat sogar den Rost vom Kessel gekratzt. Die Speisekammer ist leer, abgesehen von einem geschrumpelten Käse und steinharten Keksen. Ähnlich sieht’s im Schlaf- zimmer aus. Ihr ICH-BINNE-NICH-TOT-Schild hängt hinter der Tür. Und das Klo ist so sauber, daß du deinen Tee daraus trinken könntest. Und sie hat die Schachtel aus der Kommode genommen.« »Welche Schachtel?« »Oh, sie bewahrt Zeugs darin auf«, sagte Nanny. »Memoraribililien.« »Mem…?« »Du weißt schon, Andenken und so. Dinge, die ihr gehören…« »Was ist das hier?« fragte Agnes und hob eine grüne Glaskugel hoch. »Oh, das hat sie von Magrat.« Nanny hob eine Ecke des Läufers an und spähte darunter. »Es ist eine sogenannte Flotte, die unser Wayne, einmal vom Meer mitgebracht hat. Sie sind für die Bojen von Fischnet- zen.« »Ich wußte gar nicht, daß Bojen mit Glaskugeln ausgestattet sind«, meinte Agnes. Eine Sekunde später hielt sie den Atem an und wartete. Normalerweise nahm Nanny Ogg selbst die harmlosesten Bemerkungen zum Anlaß, irgendwelche Witze zu reißen, meistens mit einer ausgeprägten sexuellen Komponente. Agnes dachte kurz daran, was Nanny unter gewöhnlichen Umständen aus Begriffen wie Bojen und Glaskugeln gemacht hätte, und sofort dehnte sich Verlegenheitsröte in ihr aus. »Ich habe gerade von Bojen und gläsernen Kugeln gesprochen…« »Mit dem Fischen kenne ich mich kaum aus«, sagte Nanny. Sie richtete sich auf und kaute nachdenklich am Fingernagel ihres Daumens. »Mit diesen Sachen stimmt was nicht… Die Schachtel… Sie hat nichts zu- rückgelassen…« »Oma ist doch nicht wirklich gegangen, oder?« fragte Agnes. »Ich meine, sie bleibt doch nicht etwa fort? Sie ist immer hier bei uns gewesen.« »Wie ich dir gestern abend sagte: In letzter Zeit ist sie sie selbst gewe- sen«, murmelte Nanny und ließ sich in den Schaukelstuhl sinken. »Du meinst wohl, sie war nicht ganz sie selbst«, entgegnete Agnes. »Ich weiß genau, was ich meine, Mädchen. Wenn Esme sie selbst ist, schnauzt sie Leute an, schmollt und gibt sich deprimiert. Hast du nie davon gehört, daß man Leute auf andere Gedanken bringt? Sei jetzt still und stör mich nicht beim Nachdenken.« Agnes blickte auf die grüne Kugel in ihrer Hand hinab. Eine sogenann- te Flotte, fünfhundert Meilen vom Meer entfernt. Jetzt Zierrat wie eine Muschelschale. Keine Kristallkugel. Man könnte sie wie eine benutzen, aber es war keine Kristallkugel. Agnes wußte, warum dieser Punkt große Bedeutung hatte. Oma Wetterwachs war eine sehr traditionelle Hexe. Hexen hatten sich nicht immer allgemeiner Beliebtheit erfreut. Es konnte Zeiten geben – es hatte einmal solche Zeiten gegeben –, zu denen es nicht besonders klug war, sich als Hexe zu erkennen zu geben. Deshalb verrieten die Gegens- tände auf dem Tisch nichts über ihren Besitzer. Solche Vorsichtsmaß-, nahmen erübrigten sich in Lancre seit Jahrhunderten, aber manche An- gewohnheiten gingen in Fleisch und Blut über. Jetzt verhielt es sich genau andersherum. In den Bergen respektierte man Hexen, doch nur die jungen investierten in richtige Kristallkugeln, bunte Messer und tropfende Kerzen. Die alten… Sie blieben beim einfa- chen Küchenbesteck, Schwimmern (beziehungsweise Flotten) und Holz- stücken – Gegenstände, deren einfache Beschaffenheit deutlich auf ihren Status hinwies. Mit einem Runenmesser konnte jede Närrin Hexe sein, doch man brauchte Talent, wenn einem nur ein Apfelentkerner zur Ver- fügung stand. Ein Geräusch, das Agnes bisher nicht wahrgenommen hatte, hörte auf, und Stille hallte von den Wänden wider. Nanny sah auf. »Die Uhr ist stehengeblieben«, sagte sie. »Sie zeigt nicht einmal die richtige Zeit an«, stellte Agnes mit einem Blick aufs Zifferblatt fest. »Oh, Esme hörte sie nur gern ticken.« Agnes legte die Glaskugel auf den Tisch. »Ich sehe mich noch einmal um.« Sie hatte gelernt, sich aufmerksam umzusehen, wenn sie jemanden be- suchte, denn in gewisser Weise war das Zuhause wie ein Fenster, das einen Blick ins Denken und Empfinden der betreffenden Personen ge- währte. Vielleicht besuchte man jemanden, der von einem erwartete, alles über alles zu wissen, und dann mußte man jeden Vorteil nutzen. Jemand hatte einmal gesagt, die Hütte einer Hexe sei ihr Zweites Ge- sicht. Als Agnes genauer darüber nachdachte, fiel ihr ein, daß die Worte von Oma Wetterwachs stammten. Es sollte nicht weiter schwierig sein, einen Eindruck von diesem Ort zu gewinnen. Omas Gedanken zeichneten sich durch die Kraft von Hammerschlägen aus und hatten ihre Persönlichkeit in die Wände ge- stanzt. Wäre diese Hütte noch organischerer Natur gewesen, hätte sie einen Puls bekommen. Agnes wanderte durch die kleine, feuchte Spülküche. Der kupferne Waschtopf war gründlich gescheuert worden. Eine Gabel und zwei glän-, zende Löffel lagen daneben, zusammen mit einem Waschbrett und einer Bürste. Der fürs Schmutzwasser bestimmte Eimer glänzte ebenfalls, ob- wohl die darin liegenden Reste einer zerbrochenen Tasse deutlich mach- ten, daß die intensive Hausarbeit nicht ohne Verluste geblieben war. Sie öffnete die Tür des alten Ziegenschuppens. Derzeit hielt Oma kei- ne Ziegen, aber auf einer Bank lagen ordentlich aufgereiht ihre selbst angefertigten Imker-Werkzeuge. In dieser Beziehung hatte sie nie viel benötigt. Wenn man Rauch und einen Schleier brauchte, um mit Bienen umzugehen, dann taugte man nicht viel als Hexe. Bienen… Wenige Sekunden später war Agnes draußen im Garten und lauschte an einem Bienenstock. So früh am Tag flogen noch keine Bienen, aber im Innern des Stocks herrschte ziemlicher Lärm. »Bestimmt wissen sie Bescheid«, erklang eine Stimme hinter ihr. Agnes stand so plötzlich auf, daß sie mit dem Kopf gegen das Dach des Bie- nenstocks stieß. »Aber von ihnen bekommst du keine Auskunft«, fügte Nanny hinzu. »Esme hat sie zweifellos aufgefordert, nichts zu verraten. Trotzdem gut, daß du an die Bienen gedacht hast.« Etwas schnatterte auf einem nahen Zweig – eine Elster. »Guten Morgen, Herr Elster«, sagte Agnes automatisch. »Verschwinde, du Mistvieh.« Nanny griff nach einem Stock, um damit zu werfen. Der Vogel stieg auf und flog zur gegenüberliegenden Seite der Lichtung. »Das bringt Pech«, meinte Agnes. »Ja, und zwar für die Elster, wenn ich Gelegenheit zum Zielen habe«, sagte Nanny. »Ich kann die verdammten Biester nicht ausstehen.« »›Eine für Kummer‹«, zitierte Agnes und beobachtete, wie der Vogel über einen Ast hüpfte. »Ich habe immer den Eindruck, daß sie nie allein kommen«, sagte Nanny und ließ den Stock fallen. »›Zwei für die Freud’?‹« fragte Agnes. »Nein, ›zwei für Vergnügen‹.«, »Das läuft aufs gleiche hinaus.« »Keine Ahnung«, erwiderte Nanny. »Ich habe mich gefreut, als unser Jason geboren wurde, aber ich kann nicht behaupten, daß ich zu diesem Zeitpunkt gelacht habe. Komm, laß uns noch einen Rundgang machen.« Zwei weitere Elstern landeten auf dem uralten Strohdach. »Damit hätten wir ›drei für die Freundin‹…«, sagte Agnes nervös. »In der Version, die ich gelernt habe, heißt es ›drei für die Särge‹«, meinte Nanny. »Aber es gibt viele Elstern-Verse. Ich schlage vor, du nimmst den Besen und siehst dir die Gegend in Richtung der Berge an. Was mich betrifft…« »Warte mal«, sagte Agnes. Perdita schrie in ihr und verlangte Aufmerksamkeit. Sie hörte zu. Drei… Drei Löffel. Drei Messer. Drei Tassen. Die zerbrochene Tasse weggeworfen… Agnes stand völlig reglos. Sie fürchtete, daß etwas Schreckliches pas- sierte, wenn sie sich bewegte oder auch nur atmete. Die stehengebliebene Uhr… »Nanny?« Nanny Ogg war klug genug zu wissen, daß etwas geschah. Sie verlor keine Zeit mit dummen Fragen. »Ja?« erwiderte sie. »Bitte geh in die Hütte und sieh nach, wann die Uhr stehengeblieben ist.« Nanny nickte und stapfte fort. Die Anspannung in Agnes’ Kopf dehnte sich und verursachte dabei das gleiche Geräusch wie eine Bogensehne, an der jemand zupfte. Es erstaunte sie, daß man das Surren nicht überall im Garten hörte. Wenn sie sich jetzt von der Stelle rührte, wenn sie versuchte, die Dinge zu er- zwingen… dann würde die metaphorische Sehne reißen. Nanny kehrte zurück. »Drei Uhr?« fragte Agnes, bevor sie den Mund öffnete. »Kurz danach.«, »Wie viele Minuten danach?« »Zwei oder drei…« »Zwei oder drei?« »Na schön, drei.« Die drei Elstern flogen zu einem anderen Baum und jagten sich dort von Ast zu Ast, wobei sie laut schnatterten. »Drei Minuten nach drei«, sagte Agnes. Die Anspannung löste sich langsam auf, als Worte entstanden. »Überall die Drei, Nanny. Oma Wet- terwachs dachte in Dreien. Im Ziegenschuppen lag noch ein Kerzenhalter, und ich habe dort auch weiteres Besteck gesehen. Aber sie hat von jeder Sorte nur drei Exemplare auf den Tisch gelegt.« »An manchen Stellen war auch nur ein Objekt oder zwei«, wandte Nanny ein, doch in ihrer Stimme lag auch Zweifel. »Dann hatte sie nur ein oder zwei Exemplare davon«, sagte Agnes. »In der Spülküche waren noch mehr Löffel und andere Dinge. Ich meine, aus irgendeinem Grund hat Oma nicht mehr als jeweils drei auf den Tisch gelegt.« »Ich weiß, daß sie vier Tassen hat«, erinnerte sich Nanny. »Drei« korrigierte Agnes. »Eine ist zerbrochen. Die Reste liegen im Schmutzwassereimer.« Nanny Ogg richtete einen verwunderten Blick auf die junge Hexe. »Esme ist nie ungeschickt«, murmelte sie und sah Agnes so an, als ver- suchte sie, einen großen, schrecklichen Gedanken zu verdrängen. Ein Windstoß ließ die Bäume erzittern. Einige Regentropfen fielen. »Laß uns in die Hütte gehen«, schlug Agnes vor. Nanny schüttelte den Kopf. »Da drin ist es kälter als hier draußen.« Etwas glitt über die Blätter hinweg und landete auf dem Rasen: eine vier- te Elster. »›und vier steht für Wiegen‹«, sagte Nanny wie zu sich selbst. »Das wär’s dann wohl. Ich hatte gehofft, daß sie nichts merkt, aber vor Esme kann man nichts verbergen. Der junge Shawn kann sich auf eine Abrei- bung gefaßt machen, wenn ich nach Hause komme! Er hat geschworen, daß er ihr die Einladung gebracht hat!«, »Vielleicht hat Oma sie mitgenommen.« »Nein!« widersprach Nanny scharf. »Wenn sie die Karte bekommen hätte, wäre sie gestern abend im Schloß erschienen, da kannst du sicher sein!« »Was sollte sie nicht gemerkt haben?« fragte Agnes. »Das mit Magrats Tochter!« »Was? Kein Wunder, daß ihr etwas aufgefallen ist! Ich meine, ein Baby kann man nicht einfach so verstecken! Alle im Königreich wissen dar- über Bescheid.« »Ich meine, Magrat hat eine Tochter!« betonte Nanny. »Sie ist jetzt Mutter!« »Ja! So was passiert! Und?« Sie bemerkten zum selben Zeitpunkt, daß sie sich anschrien. Es regnete stärker. Wenn sich Agnes bewegte, fielen Tropfen von ih- rem Hut. Nanny beruhigte sich ein wenig. »Nun, wir könnten wenigstens so ver- nünftig sein, einen trockenen Ort aufzusuchen.« »Wie wär’s, wenn wir ein Feuer im Kamin anzünden?« fragte Agnes, als sie in die kalte Küche traten. »Es liegt schon Holz bereit…« »Nein!« »Du brauchst nicht schon wieder laut zu werden!« »Es wird kein Feuer angezündet, klar?« sagte Nanny. »Rühr nicht mehr Dinge an als unbedingt notwendig.« »Ich könnte noch mehr Holz holen und…« »Ausgeschlossen! Das Feuerholz liegt nicht hier, damit du es anzündest! Und laß die Tür offen!« Agnes hatte den Stein fortschieben wollen und zögerte. »Ich bitte dich, Nanny: Der Wind weht Regen und Laub herein!« »Und wenn schon.« Nanny nahm wieder im Schaukelstuhl Platz, hob den Rock, suchte im Schlüpferbein und holte den Flachmann hervor. Sie nahm einen großen Schluck, und ihre Hände zitterten dabei., »In meinem Alter kann ich nicht einfach so anfangen, eine alte Fuchtel zu sein«, murmelte sie. »Ich schätze, meine BHs sind viel zu groß dafür.« »Nanny?« »Ja?« »Was hat das alles zu bedeuten? Tochter? Kein Kaminfeuer anzünden? Alte Fuchteln?« Nanny ließ den Flachmann wieder verschwinden, griff ins andere Schlüpferbein und holte ihre Pfeife sowie den Tabaksbeutel hervor. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich es dir erklären soll«, erwiderte sie. Oma Wetterwachs hatte bereits eine ganze Strecke zurückgelegt und befand sich jetzt hoch oben im Wald. Sie folgte dem Lauf eines Weges, der gelegentlich von Köhlern und Zwergen benutzt wurde. Lancre starb bereits. Sie fühlte, wie das Land in ihrem Geist verblaßte. Tief unten, wenn alles ruhig war, spürte sie das Summen von Selbstsphä- ren. Menschen und Tiere… Sie alle bildeten einen großen mentalen Ein- topf. Doch hier gab es nur die langsamen Gedanken der Bäume, die nach den ersten Stunden sehr langweilig wurden und getrost ignoriert werden durften. Schnee, der in Mulden und im Windschatten von Bäu- men liegengeblieben war, taute im beständigen Nieselregen. Oma erreichte eine Lichtung, und auf der gegenüberliegenden Seite hoben mehrere Rehe den Kopf. Aus reiner Angewohnheit blieb sie ste- hen und ließ ihre Präsenz vorsichtig zerfasern, bis aus dem Blickwinkel des Damwilds betrachtet kaum mehr jemand zugegen war. Als sie sich wieder in Bewegung setzte, kam ein Hirsch aus dem Ge- büsch, verharrte und sah sie an. So etwas erlebte sie nicht zum erstenmal. Jäger erzählten manchmal davon. Den ganzen Tag über verfolgten sie eine Herde, krochen leise zwischen den Bäumen umher und versuchten, sich in eine gute Schuß- position zu bringen. Und wenn sie dann anlegten, trat ein Hirsch oder ein Reh direkt vor ihnen aus dem Unterholz und sah sie an… Wenn so etwas geschah, fand ein Jäger heraus, wie gut er war. Oma Wetterwachs schnippte mit den Fingern. Der Hirsch schüttelte sich kurz und lief davon., Sie kletterte höher und wanderte am steinernen Bett eines Baches ent- lang. Zwar floß das Wasser ziemlich schnell, aber am Ufer hatte sich trotzdem eine dünne Eisschicht gebildet. An einer Stelle, wo einige kleine Wasserfälle rauschten, hielt Oma kurz inne und blickte auf Lancre hinab. Wolken schwebten über dem kleinen Königreich. Einige Dutzend Meter weiter unten flog eine schwarzweiße Elster über dem Dach des Waldes. Oma wandte sich um und trat flink über feuchte, eisbedeckte Steine hinweg. Kurze Zeit später erreichte sie den Rand des Moorlands. Hier oben gab es mehr Himmel. Stille drückte herab. Ein Adler kreiste in großer Höhe. Er schien das einzige andere Geschöpf weit und breit zu sein. Nie- mand kam jemals bis in diese Höhen. Ginster und Heidekraut erstreck- ten sich eine Meile weit zwischen den Bergen, ohne einen Pfad. Die Pflanzen bildeten einen dichten, dornigen Teppich, der ungeschützte Haut zerfetzen konnte. Oma nahm auf einem Felsen Platz und blickte eine Zeitlang über die weite Fläche. Dann griff sie in ihren Rucksack und holte ein Paar dicke Socken daraus hervor. Anschließend setzte sie den Weg nach oben fort. Nanny Ogg kratzte sich an der Nase. Sie wirkte nur selten verlegen, doch diesmal war sie es. Damit bot sie einen noch seltsameren Anblick als eine besorgte Nanny Ogg. »Ich weiß nicht, ob dies der richtige Zeitpunkt ist«, sagte sie. »Jetzt hör mal, Nanny«, erwiderte Agnes, »wir brauchen sie. Wenn es et- was ist, das ich wissen sollte, so erklär es mir.« »Es geht dabei um die Sache mit den… du weißt schon… drei Hexen«, sagte Nanny. »Die Jungfrau, die Mutter und…« »… und die andere«, warf Agnes ein. »Oh, ja, das weiß ich. Aber ist das nicht auch Aberglaube? Hexenzirkel müssen nicht unbedingt aus drei Personen bestehen.« »O nein, natürlich nicht«, bestätigte Nanny. »Jede Zahl ist möglich, bis, zu… äh…, vier oder fünf.« »Was passiert, wenn es mehr sind? Etwas Schreckliches?« »Dann gibt’s Streit«, sagte Nanny. »Über jede Kleinigkeit. Und dann gehen alle weg und schmollen. Hexen gefällt es nicht, zu sehr kompri- miert zu werden. Aber drei… das funktioniert, im großen und ganzen. Ich muß dir doch kein Bild zeichnen, oder?« »Und jetzt ist Magrat Mutter…«, sagte Agnes. »Tja, und genau an dieser Stelle wird’s ein wenig schwierig«, meinte Nanny. »Die Sache mit Jungfrau und Mutter… Es ist nicht so einfach, wie du vielleicht glaubst. Du bist eine Jungfrau«, fuhr Nanny fort und stieß Agnes mit der Pfeife an. »Das bist du doch, oder?« »Nanny! Über so etwas redet man nicht!« »Ich weiß, daß du eine bist, denn wenn dem nicht so wäre, hätte ich längst davon erfahren«, sagte Nanny. Sie gehörte zu den Personen, die dauernd über so etwas redeten. »Aber eigentlich spielt das gar keine Rol- le, denn es geht hier nicht um Details, verstehst du? Was mich betrifft… Ich glaube, geistig bin ich nie Jungfrau gewesen. Oh, du brauchst nicht gleich rot zu werden. Was ist mit deiner Tante Mai drüben in Weiden- quelle? Sie hat vier Kinder und ist immer noch schüchtern, wenn’s um Männer geht. Das Erröten hast du von ihr. Wenn sie einen frechen Witz hört… dann kann man auf ihrem Kopf eine Mahlzeit für sechs Personen kochen, wenn man sich beeilt. Du wirst noch merken, daß bei einigen Leuten Körper und Kopf nicht immer zusammenarbeiten.« »Und was ist Oma Wetterwachs?« fragte Agnes. Der Hinweis auf ihr Erröten hatte sie ein wenig verletzt, und deshalb fügte sie nicht ohne gewisse Schärfe hinzu: »Geistig, meine ich.« »Das habe ich nie herausgefunden«, erwiderte Nanny. »Aber ich schät- ze, sie sieht hier eine neue Dreiergruppe. Die verdammte Einladung war vermutlich der Gipfel. Und jetzt ist sie weg.« Sie paffte. »Ich fürchte, ich bin nicht für die Rolle der alten Fuchtel geschaffen. Ich hab nicht die richtige Gestalt dafür. Und außerdem weiß ich gar nicht, wie eine alte Fuchtel klingt.« Ein gräßliches Bild entstand vor Agnes’ innerem Auge und zeigte ihr die zerbrochene Tasse., »Aber Oma ist doch gar nicht… ich meine, sie war nie… Sie sah gar nicht wie…«, begann sie. »Es hat keinen Sinn, einen Hund anzuschauen und zu sagen, es sei kein Hund, weil ein richtiger Hund ganz anders aussieht«, entgegnete Nanny schlicht. Agnes schwieg. Nanny hatte natürlich recht. Nanny war Mutter. Alles an ihr betonte dies. Wenn man sie durchgeschnitten hätte, wäre man vermutlich auf die Buchstaben »Mut« gestoßen. Manche Frauen wurden bereits mit einer mütterlichen Natur geboren. Andere kommen als Jungfrau- en zur Welt und bleiben es ihr Leben lang, fügte Perdita hinzu. Was die dritte Kategorie anging…, setzte Agnes ihre Überlegungen fort, ohne auf die eigene Unterbrechung zu achten. Vielleicht war es gar nicht so seltsam, daß die Leute bei Geburten Nannys Hilfe in Anspruch nahmen – und sich an Om wandten, wenn jemand starb. »Sie glaubt, wir brauchen sie nicht mehr?« »Ich nehme an, darauf läuft es hinaus.« »Was hat sie jetzt vor?« »Keine Ahnung. Aber wenn es drei gab und es jetzt vier sind… dann muß jemand gehen, oder?« »Was ist mit den Vampiren? Wir zwei werden nicht allein mit ihnen fertig!« »Esme weist darauf hin, daß wir drei sind«, sagte Nanny. »Was? Magrat? Aber sie…« Agnes unterbrach sich. »Sie ist keine Nan- ny Ogg.« »Nun, ich bin ganz sicher keine Esme Wetterwachs, wenn du’s genau wissen willst«, erwiderte Nanny. »Der geistige Kram ist Speis und Trank für sie. Anderen Leuten in den Kopf schauen, das eigene Selbst auf Rei- sen schicken… Mit solchen Dingen kennt sie sich aus. Sie würde das Lächeln aus dem Gesicht des Grafen vertreiben. Und zwar von innen, wie ich Esme kenne.« Eine Zeitlang starrten sie stumm in den kalten Kamin. »Vielleicht waren wir nicht immer sehr nett zu ihr«, sagte Agnes und dachte erneut an die zerbrochene Tasse. Bestimmt war das kein Zufall. Vielleicht glaubte Oma, daß sie die Tasse rein zufällig zerbrochen hatte,, aber möglicherweise trug jeder eine Perdita in seinem Innern. Sie war durch die halbdunkle Hütte gewandert, mit der sie inzwischen so sehr in Einklang stand wie ein Hund mit seinem Herrn, und hatte dabei in Drei- er-Begriffen gedacht. Drei, drei, drei… »Esme hält nicht viel von Nettigkeiten«, sagte Nanny Ogg. »Wenn man ihr einen Apfelkuchen bringt, kann man ziemlich sicher sein, daß sie sich über den Teig beschwert.« »Aber die Leute danken ihr nicht oft. Und sie hat viel getan.« »Sie legt auch keinen großen Wert darauf, daß man sich bei ihr be- dankt. Das gehört zu ihrer allgemeinen Einstellung. Um dir die ehrliche, aufrichtige Wahrheit zu sagen: In den Wetterwachses gab es immer einen dunklen Faktor, und genau dort liegt das Problem. Nimm nur die alte Alison Wetterwachs.« »Wer war sie?« »Omas Oma. Es heißt, eines Tages wurde sie böse. Packte ihre Sachen und zog nach Überwald. Und dann Esmes Schwester…« Nanny unter- brach sich und begann erneut. »Wie dem auch sei: Deshalb steht sie dau- ernd hinter sich selbst und kritisiert ihr eigenes Verhalten. Vielleicht fürchtet sie sich davor, daß sie böse wird, ohne es zu merken.« »Oma Wetterwachs? Aber sie ist doch die Moral in Person!« »Oh, ja. Aber vor allem deshalb, weil ihr Oma Wetterwachs ständig über die Schulter blickt.« Agnes sah sich noch einmal in dem schlicht eingerichteten Zimmer um. Der Regen hatte inzwischen einen Weg durchs Dach gefunden. Die junge Hexe glaubte zu hören, wie die Mauern langsam in den Boden sanken und dabei zu denken schienen. »Wußte sie, daß Magrat ihre Tochter Esme nennen wollte?« fragte sie. »Wahrscheinlich. Es ist erstaunlich, was sie alles mitbekommt.« »Vielleicht war es nicht sehr taktvoll, wenn man genauer darüber nach- denkt«, sagte Agnes. »Wie meinst du das? Ich hätte so etwas als eine Ehre empfunden.« »Vielleicht dachte Oma, daß ihr Name weitergegeben, gewissermaßen vererbt worden ist.«, »Oh, ja«, erwiderte Nanny. »Ja. Ich könnte mir vorstellen, daß sie es aus diesem Blickwinkel sieht, wenn sie besonders schlechte Laune hat.« »Meine Oma sagte einmal, daß man mit zuviel Scharfsinn Gefahr läuft, sich zu verletzen«, meinte Agnes. Sie schwiegen einen Moment, dann sagte Nanny Ogg: »Meine Oma kannte eine recht deftige Redensart, die sie bei solchen Gelegenheiten zum besten gab.« »Und welche?« »›Verschwinde, du kleiner Teufel, sonst schneide ich dir die Nase ab und gebe sie der Katze.‹ Ich fürchte allerdings, daß wir unter den gege- benen Umständen mit so einer Weisheit kaum etwas anfangen können.« Hinter ihnen klimperte es. Nanny drehte den Kopf und blickte auf den Tisch. »Es fehlt ein Löffel…« Es klimperte erneut, diesmal bei der Tür. Eine Elster unterbrach ihren Versuch, den gestohlenen Löffel nach draußen zu tragen. Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und bedachte die beiden Hexen mit einem wachsamen Blick. Dann sprang sie auf und flog davon, um nicht von Nannys Hut getroffen zu werden, der sich wie ein Teller drehte und an den Türpfosten stieß. »Die verdammten Viecher klauen alles, was glänz…«, bemerkte sie. Der Graf de Elstyr sah aus dem Fenster und beobachtete das Glühen, das den nahen Sonnenaufgang ankündigte. »Na bitte«, sagte er und drehte sich zu seiner Familie um. »Es ist Mor- gen, und wir sind hier.« »Der Himmel ist bedeckt«, erwiderte Lacrimosa verdrießlich. »Von son- nig kann keine Rede sein.« »Eins nach dem anderen«, sagte der Graf fröhlich. »Ich wollte nur auf unsere Fortschritte hinweisen. Heute ist der Himmel bedeckt, ja, aber damit haben wir eine gute Grundlage. Wir können uns akklimatisieren. Und dann eines Tages… der Strand…« »Du bist wirklich sehr klug, mein Lieber«, meinte die Gräfin., »Danke, meine Liebe«, entgegnete der Graf und nickte zustimmend. »Wie kommst du mit dem Korken zurecht, Vlad?« »Hältst du das wirklich für eine gute Idee, Vater?« Vlad rang mit Fla- sche und Korkenzieher. »Wir trinken doch nicht. Zumindest keinen Wein.« »Vielleicht wird es Zeit, daß wir damit anfangen.« »Bäh«, machte Lacrimosa. »Das Zeug rühre ich nicht an. Es wurde aus Gemüse herausgequetscht!« »Wohl eher aus Obst«, sagte der Graf ruhig. Er nahm die Flasche von seinem Sohn entgegen und löste den Korken. »Ein roter Bordeauxwein, wenn ich das richtig verstehe. Möchtest du ihn probieren?« Seine Gemahlin lächelte nervös. Sie unterstützte die Bemühungen des Grafen, aber manchmal nur widerstrebend. »Sollten wir ihn nicht… äh… ein wenig erwärmen?« fragte sie. »Ich glaube, Zimmertemperatur ist genau richtig.« »Wie ekelhaft!« entfuhr es Lacrimosa. »Ich weiß gar nicht, wie ihr so was ertragen könnt!« »Versuch den Wein für deinen Vater, Schatz«, sagte die Gräfin. »Rasch, bevor er gerinnt.« »Nein, meine Liebe. Wein bleibt flüssig.« »Tatsächlich? Wie praktisch.« »Vlad?« Der Graf füllte ein Glas, und sein Sohn beobachtete ihn ner- vös. »Vielleicht hilft es, wenn du dir den Wein als Traubenblut vorstellst«, sagte der Graf und reichte Vlad das Glas. »Was ist mit dir, Lacci?« Sie verschränkte entschlossen die Arme. »Ausgeschlossen!« »Ich hätte gedacht, daß du Gefallen daran findest, Schatz«, sagte die Gräfin. »Deine Clique beschäftigt sich doch mit solchen Dingen, oder?« »Ich weiß gar nicht, wovon du redest«, erwiderte das Mädchen. »Oh, bis nach Mittag aufbleiben und bunte Kleider tragen und sich seltsame Namen geben«, erklärte die Gräfin. »Wie zum Beispiel Gertrud«, höhnte Vlad. »Oder Pamela. Sie halten das, für cool.« Lacrimosa wandte sich wütend ihrem Bruder zu und zielte mit den Fingernägeln auf ihn. Er hielt sie am Handgelenk fest und lächelte. »Das geht dich nichts an!« »Lady Strigoiul meinte, ihre Tochter nennt sich jetzt Wendy«, sagte die Gräfin. »Der Grund dafür ist mir ein Rätsel. Hieroglyphica ist doch ein so hübscher Name für ein Mädchen. Und wenn ich ihre Mutter wäre, wür- de ich dafür sorgen, daß sie wenigstens ab und zu den Eyeliner be- nutzt…« »Ja, aber niemand trinkt Wein«, betonte Lacrimosa. »Nur wirklich ver- rückte Typen, die ihre Zähne stumpf schleifen, trinken Wein…« »Zum Beispiel Maladora Krvoijac«, sagte Vlad. »Beziehungsweise ›Frieda‹, wie sie jetzt heißt…« »Nein, das stimmt nicht!« »Ach? Sie trägt einen silbernen Korkenzieher an einer Halskette, und manchmal steckt sogar ein Korken daran!« »Das ist doch nur ein Mode-Accessoire! Oh, sicher, sie behauptet, daß sie gern einen Tropfen Portwein trinkt, aber in Wirklichkeit enthält ihr Glas nur Blut. Henry hat einmal eine Flasche zu einer Party mitgebracht, und allein der Geruch ließ sie in Ohnmacht fallen.« »Henry?« fragte die Gräfin. Lacrimosa senkte mürrisch den Blick. »Graven Gierachi«, sagte sie. »Der Bursche mit dem kurzen Haar, der vorgibt, Buchhalter zu sein«, erläuterte Vlad. »Ich hoffe nur, daß jemand seinem Vater davon erzählt hat«, sagte die Gräfin. »Hört auf damit«, warf der Graf ein. »Es ist alles nur kulturelle Kondi- tionierung, versteht ihr? Bitte! Ich habe hart dafür gearbeitet! Wir wollen doch nur ein Stück vom Tag. Ist das zuviel verlangt? Und Wein ist ein- fach nur Wein. Er hat nichts Mystisches. Nehmt jetzt eure Gläser. Auch du, Lacci. Bitte! Für deinen Vater!« »›Cyril‹ und ›Tim‹ sind sicher sehr beeindruckt, wenn du ihnen davon erzählst«, sagte Vlad., »Sei still!« zischte Lacrimosa. »Vater, bestimmt wird mir schlecht da- von!« »Nein, dein Körper wird sich anpassen«, entgegnete der Graf. »Ich hab’s selbst versucht. Wein ist ein wenig wäßrig, vielleicht auch bitter, ansonsten aber recht schmackhaft. Bitte?« »Na schön…« »Gut«, sagte der Graf. »Hebt nun eure Gläser…« »Le sang nouveau est arrivé«, verkündete Vlad. »Carpe diem«, sagte der Graf. »An die Kehle«, sagte die Gräfin. »Niemand wird mir glauben, wenn ich davon erzähle«, brummte Lac- rimosa. Sie tranken. »Na bitte«, meinte Graf Elstyr. »Es war doch gar nicht so schlimm, o- der?« »Ein bißchen kühl«, kommentierte Vlad. »Ich lasse einen Weinwärmer installieren«, versprach der Graf. »Im- merhin bin ich kein unvernünftiger Vampir. Ich glaube fest daran, daß ich uns innerhalb eines Jahres von der Phenophobie heilen kann, und vielleicht sind wir dann sogar imstande, einen leichten Salat zu essen…« Lacrimosa kehrte ihrem Vater demonstrativ den Rücken zu, beugte sich über eine Vase und gab würgende Geräusche von sich. »… und dann bist du frei, Lacci. Keine einsamen Tage mehr. Keine…« Vlad hatte halb damit gerechnet und verzog nicht das Gesicht, als sein Vater blitzschnell eine Karte hervorholte und sie ihnen zeigte. »Das doppelte Schlangensymbol des djelibebischen Wasserkults«, sagte er ruhig. »Na bitte!« rief der Graf aufgeregt. »Du bist nicht einmal zusammenge- zuckt! Man kann die Furcht vor heiligen Gegenständen überwinden! Ich war immer davon überzeugt! Manchmal mag es recht schwer gewesen sein…« »Ich habe es verabscheut, wie du uns in den Fluren angesprungen hast,, um uns mit Weihwasser zu bespritzen«, sagte Lacrimosa. »Eigentlich war es gar nicht mehr richtig heilig«, erwiderte der Graf. »Ich hab’s immer stark verdünnt. Es blieb höchstens ein wenig fromm. Aber es hat euch stark werden lassen.« »Ich weiß nun, daß ich mich damals oft erkältet habe.« Die Hand des Grafen zuckte aus der Tasche. Lacrimosa seufzte müde. »Das Allessehende Gesicht der Ionianer«, sagte sie. Der Graf tanzte fast. »Siehst du? Es hat geklappt! Du hattest keine Angst! Und dies gilt als ein sehr starkes religiöses Symbol. Ist es nicht die Mühe wert?« »Und was bekommen wir für die mit Knoblauch gestopften Kissen, auf denen wir schlafen mußten?« fragte Lacrimosa. Ihr Vater ergriff sie an den Schultern und drehte sie zum Fenster. »Genügt es dir zu wissen, daß die Welt deine Auster sein wird?« Das Mädchen runzelte verwirrt die Stirn. »Warum sollte sie irgendein kleines Geschöpf aus dem Meer für mich sein?« »Austern werden lebend verspeist«, erklärte der Graf. »Leider bezweifle ich, daß wir irgendwo eine fünfhundert Meilen lange Zitronenscheibe finden können, aber das sollte als Metapher genügen.« Lacrimosas Miene erhellte sich widerwillig. »Oh, wenn das so ist…« »Gut«, sagte der Graf. »Es freut mich, mein kleines Mädchen lächeln zu sehen. Und nun… was genehmigen wir uns zum Frühstück?« »Das Baby.« »Nein, besser nicht.« Der Graf zog an dem Klingelzug neben dem Kamin. »Das wäre undiplomatisch. Noch ist es nicht soweit.« »Nun, das armselige Exemplar von einer Königin scheint anämisch zu sein«, sagte Lacrimosa. »Vlad hätte seine Dicke hierbehalten sollen.« »Fang bloß nicht damit an«, warnte Vlad seine Schwester. »Agnes ist… sehr interessant. Ich glaube, es steckt viel in ihr.« »Auf jeden Fall ist eine Menge an ihr«, meinte Lacrimosa. »Sparst du sie für später auf?«, »Na, na«, sagte der Graf. »Eure liebe Mutter war kein Vampir, als ich sie kennenlernte…« »Ja, ja, das hast du uns mindestens eine Million Mal erzählt.« Lacrimosa rollte mit den Augen und offenbarte die Ungeduld eines Mädchens, das seit achtzig Jahren Teenager ist. »Der Balkon, das Nachthemd, du in deinem dunklen Umhang, sie schrie…« »Damals waren die Dinge viel einfacher«, sagte der Graf. »Und auch sehr viel dümmer.« Er seufzte. »Wo steckt Igor?« »Ähem«, ließ sich die Gräfin vernehmen. »Ich wollte mit dir über ihn reden, mein Lieber. Ich glaube, er sollte verschwinden.« »Ja, das finde ich auch!« pflichtete Lacrimosa ihrer Mutter bei. »Selbst meine Freunde lachen über ihn!« »Ich finde seine Ich-bin-noch-viel-schrecklicher-alf-ihr-Einstellung sehr störend«, fuhr die Gräfin fort. »Seine dumme Ausdrucksweise… Und wißt ihr, wobei ich ihn letzte Woche im alten Verlies überrascht habe?« »Ich bin sicher, daß ich von allein nie darauf käme«, sagte der Graf. »Er hatte eine Schachtel mit Spinnen und eine Peitsche! Und er zwang die Biester, überall Netze zu spinnen.« »Ich muß zugeben, daß mich ihre große Anzahl immer erstaunt hat«, erwiderte der Graf. »Ich bin der gleichen Ansicht, Vater«, sagte Vlad. »In Überwald gibt es kaum etwas gegen ihn einzuwenden, aber wir sollten vermeiden, daß er in einer höflichen Gesellschaft die Tür öffnet.« »Und er riecht«, fügte die Gräfin hinzu. »Nun, Teile von ihm sind schon seit Jahrhunderten in der Familie«, sagte der Graf. »Aber ich muß zugeben, daß es allmählich zu weit geht.« Er zog den Klingelzug noch einmal. »Ja, Herr?« erklang Igors Stimme hinter ihm. Der Graf wirbelte um die eigene Achse. »Ich habe dich ausdrücklich aufgefordert, das zu unterlassen!« »Waf foll ich unterlaffen, Herr?« »Einfach so hinter mir zu erscheinen!« »Eine andere Art def Erscheinenf ift mir nicht vertraut, Herr.«, »Geh und hol König Verence. Er soll uns bei einer leichten Mahlzeit Gesellschaft leisten.« »Sehr wohl, Herr!« Sie beobachteten, wie der Diener davonschlurfte. Der Graf schüttelte den Kopf. »Er zieht sich bestimmt nicht freiwillig in den Ruhestand zurück«, sagte Vlad. »Und in diesem Zusammenhang wird er bestimmt keinen kleinen Wink verstehen.« »Es ist so altmodisch, einen Diener namens Igor zu haben«, meinte die Gräfin. »Wir sollten uns wirklich von ihm trennen.« »Nichts leichter als das«, behauptete Lacrimosa. »Wir bringen ihn in den Keller, stecken ihn in die Eiserne Jungfrau, ziehen ihn ein oder zwei Tage lang auf dem Spannbrett lang, am besten über einem Feuer, und schneiden ihn dann in dünne Scheiben, und zwar von den Füßen auf- wärts, damit er dabei zusehen kann. Eigentlich tun wir ihm damit einen Gefallen.« »Ja, ich schätze, so ist es das Beste«, sagte der Graf kummervoll. »Ich weiß noch, wie du mich aufgefordert hast, die Katze von ihrem Elend zu befreien«, meinte Lacrimosa. »Eigentlich wollte ich dich darum bitten, sie nicht mehr zu quälen«, er- widerte der Graf. »Aber du hast recht. Ja, wir müssen uns von ihm tren- nen…« Igor führte Verence herein, und das Gesicht des Königs zeigte das ty- pische verwirrte Lächeln einer normalen Person in Gegenwart des Gra- fen. »Ah, Euer Majestät«, sagte die Gräfin und trat auf ihn zu. »Bitte leiste uns bei einer leichten Mahlzeit Gesellschaft.« Agnes’ Haar verfing sich in den Zweigen. Es gelang ihr, den rechten Fuß auf einen Ast zu setzen, während sie sich mit beiden Händen fast ver- zweifelt an einem anderen Ast weiter oben festhielt. Der linke Fuß blieb auf dem Besen, der zur Seite glitt und die junge Hexe zu einem Spagat zwang, den selbst Ballerinen nicht ohne eine besondere Ausbildung voll- bringen., »Kannst du was erkennen?« rief Nanny von viel zu weit unten. »Ich glaube, es ist ebenfalls ein altes Nest. O nein…« »Was ist passiert?« »Ich fürchte, mein Schlüpfer ist gerissen…« »Ich lege immer großen Wert darauf, daß die Dinger genug Platz bie- ten«, sagte Nanny. Agnes setzte den linken Fuß auf einen Zweig, der bedrohlich knackte. Trampel, dachte Perdita. Ich könnte hier wie eine Gazelle klettern! »Gazellen klettern nicht!« erwiderte Agnes scharf. »Wie bitte?« ertönte es von unten. »Oh, schon gut…« Agnes schob sich vorsichtig weiter, und plötzlich füllten schwarz-weiße Federn ihr Blickfeld. Eine Elster landete nur dreißig Zentimeter vom Gesicht der jungen Hexe entfernt auf einem Zweig und schnatterte. Fünf weitere segelten von nahen Bäumen heran und stimmten mit ein. Eigentlich mochte Agnes gar keine Vögel. Es gab nichts gegen sie ein- zuwenden, wenn sie hoch am Himmel flogen, und manchmal klang ihr Gezwitscher ganz nett. Aber wenn man sie aus der Nähe sah, waren es zornige Nadelkugeln mit der Intelligenz einer Stubenfliege. Sie schlug nach der nächsten Elster, die daraufhin zu einem höher ge- legenen Ast flatterte, während Agnes um ihr Gleichgewicht kämpfte. Als der Ast unter ihr nicht mehr schwankte, setzte sie den Weg behutsam fort und versuchte dabei, den wütenden Vögeln keine Beachtung zu schenken und sich auf das Nest zu konzentrieren. Es ließ sich kaum feststellen, ob es die Reste eines alten Nestes oder das Fundament eines neuen war. Es enthielt ein wenig Flitter, einen Glassplitter, der selbst unter dem grauen Himmel glitzerte, und ein wei- ßes Objekt mit… goldener Kante. »›Fünf für Smaragde… sechs für Achat… ‹«, sagte Agnes zu sich selbst. »Es heißt ›fünf die Hölle, die Sechs Paradies‹!« rief Nanny von unten. »Ich kann das Nest von hier aus erreichen…«, Der Ast brach. Auf dem Weg in die Tiefe gab es noch viele andere Äs- te und Zweige, aber diese bremsten den Fall nur wenig. Der letzte warf Agnes in einen Busch. Nanny nahm die Einladungskarte aus der nach oben gestreckten Hand. Regen hatte die Tinte verwischt, doch das Wort »Wetterwachs« ließ sich noch immer klar entziffern. Mit dem Daumen kratzte sie an der golde- nen Kante. »Zuviel Gold«, sagte sie. »Nun, jetzt wissen wir, warum Esme nicht ge- kommen ist. Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, daß Elstern alles stehlen, was glänzt.« »Ich bin nicht verletzt«, verkündete Agnes. »Der Busch hat den Auf- prall gedämpft.« »Ich drehe ihnen die verdammten Hälse um«, sagte Nanny. Die Elstern in den Bäumen kreischten. »Allerdings ist mein Hut ein wenig verrutscht«, fügte Agnes hinzu, er- hob sich und gab den sinnlosen Versuch auf, Mitleid zu erregen. »Na schön, wir haben die Einladungskarte gefunden. Es war alles ein bedau- erlicher Irrtum. Niemand hat schuld. Laß uns jetzt nach Oma suchen.« »Das hat keinen Sinn, wenn sie nicht entdeckt werden will«, sagte Nanny und rieb noch immer nachdenklich den Rand der Karte. »Du könntest borgen. Selbst wenn sie früh aufgebrochen ist – einige Geschöpfe haben sie bestimmt gesehen…« »Ich borge nicht mehr«, entgegnete Nanny mit fester Stimme. »Mir fehlt Esmes Selbstdisziplin. Ich lasse mich… in Dinge verwickeln. Ein- mal bin ich drei Tage lang ein Kaninchen gewesen, bis unser Jason Esme holte – sie brachte mich zurück. Noch etwas länger, und es hätte kaum mehr ein Ich für die Rückkehr gegeben.« »Kaninchen scheinen nicht sehr interessant zu sein.« »Sie haben gute und schlechte Zeiten.« »Na schön, dann sehen wir eben in die grüne Glaskugel«, sagte Agnes. »Damit kennst du dich gut aus, wie ich von Magrat weiß.« Auf der ande- ren Seite der Lichtung fiel ein gelockerter Ziegelstein aus dem Schorn- stein der Hütte. »Aber nicht hier«, erwiderte Nanny widerstrebend. »Hier ist es mir zu, unheimlich… O nein, als hätten wir nicht schon genug Probleme… Was macht er denn hier?« Hilbert Himmelwärts wanderte durch den Wald und bewegte sich da- bei mit der Unbeholfenheit eines Städters, der zum erstenmal auf ech- tem, von Furchen durchzogenem, mit welkem Laub und Zweigen be- deckten Boden unterwegs war. Sein besorgter Gesichtsausdruck verriet, daß er befürchtete, jeden Augenblick von Eulen oder Käfern angegriffen zu werden. In seiner sonderbaren schwarzweißen Kleidung wirkte er fast wie eine menschliche Elster. Die in den Bäumen hockenden Elstern schnatterten einmal mehr. »›Sieben das Geheimnis, auf ewig verwahrt‹«, sagte Agnes. »›die Sieben gefangen in des Teufels Verlies‹«, brummte Nanny. »Du hast deine Verse, ich meine.« Als Himmelwärts die Hexen sah, erhellte sich seine Miene ein wenig, und er putzte sich die Nase. »Klingt schrecklich«, kommentierte Nanny leise. »Ah, Frau Ogg… und Fräulein Nitt«, sagte Himmelwärts und wich be- hutsam einer kleinen Ansammlung von Schlamm aus. »Äh… es geht euch gut, hoffe ich?« »Bisher ja«, antwortete Nanny. »Ich hatte gehofft, Frau Wetterwachs hier anzutreffen.« Einige Sekunden herrschte Stille, nur unterbrochen vom gelegentlichen Schnattern einer Elster. »Du hast es gehofft?« vergewisserte sich Agnes. »Frau Wetterwachs?« wiederholte Nanny. »Äh… ja. Das gehört zu… Ich meine, ich… Wir achten immer dar- auf… Nun, ich hörte, daß sie vielleicht krank ist, und es ist unsere pries- terliche Pflicht, die Alten und Kranken zu besuchen… Ich weiß natür- lich, daß es hier eigentlich gar keine priesterlichen Pflichten für mich gibt, aber ich bin trotzdem gekommen…« Nannys Gesicht sah aus wie ein Bild, das ein Maler mit einem sehr sonderbaren Sinn für Humor gemalt hatte., »Ich bedauere sehr, daß sie nicht hier ist«, sagte sie, und Agnes wußte: Die Worte waren ehrlich gemeint und gleichzeitig ziemlich gemein. »Oh, schade. Ich wollte ihr… Ich wollte… äh… Geht es ihr besser?« »Dein Besuch hätte ihr bestimmt geholfen, sich schneller zu erholen«, sagte Nanny, und erneut steckte eine besondere Art von Wahrheit in ihrer Antwort. »Sie hätte tagelang darüber gesprochen. Du kannst hierherkommen, wann immer es dir beliebt.« Himmelwärts wirkte hilflos. »Dann sollte ich jetzt besser… ähm… zu meinem Zelt zurückkehren. Äh… darf ich die Damen vielleicht beglei- ten? Es gibt… äh… gefährliche Dinge im Wald…« »Wir haben Besen«, sagte Nanny mit fester Stimme. Angesichts der offensichtlichen Enttäuschung des Priesters traf Agnes eine Entscheidung. »Wir haben einen Besen«, sagte sie. »Ich bringe dich… Ich meine, du kannst mich zurückbringen, wenn du willst.« Himmelwärts atmete erleichtert auf. Nanny schniefte, und es klang fast wie nach dem Schniefen von Oma Wetterwachs. »Wir treffen uns bei mir«, sagte sie. »Und bummle nicht.« »Ich bummle nie«, erwiderte Agnes. »Dann fang jetzt nicht damit an.« Nanny stapfte fort, um ihren Besen zu holen. Agnes und der Priester wanderten eine Zeitlang in peinlichem Schwei- gen. Schließlich fragte Agnes: »Was ist mit deinen Kopfschmerzen?« »Oh, inzwischen leide ich nicht mehr daran, danke der Nachfrage. A- ber Ihre Majestät war trotzdem so freundlich, mir einige Tabletten zu geben.« »Wie nett von ihr«, sagte Agnes. Sie hätte ihm eine Nadel geben sollen – sieh dir nur die Größe dieses Furunkels an! dachte Perdita, die zu den geborenen Furunkelausstechern gehörte. Warum unternimmt er nichts dagegen? »Äh… du magst mich nicht besonders, oder?« fragte Himmelwärts. »Ich kenne dich kaum.« Agnes spürte unangenehme Kühle in einer ge- wissen Unterleibsregion., »Viele Leute beschließen schon bei unserer ersten Begegnung, daß sie mich nicht mögen«, meinte Himmelwärts. »Ich schätze, das spart Zeit«, entgegnete Agnes und verfluchte sich. Diese Worte gingen auf Perdita zurück. Doch Himmelwärts schien sie überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen und seufzte nur. »Ich fürchte, der Umgang mit anderen Menschen fällt mir schwer«, fuhr er fort. »Vielleicht eigne ich mich nicht für das Hirtenamt.« Geh nicht auf diesen Hohlkopf ein, warnte Perdita. Aber Agnes fragte: »Du meinst Arbeit mit Schafen und so?« »In der Schule war alles viel klarer und einfacher«, sagte Hilbert Him- melwärts. Wie viele Leute hörte er nicht auf das, was andere Personen sagten, während er sein Leid schilderte. »Aber wenn ich hier die leichter verständlichen Geschichten aus dem Buch Om erzähle, ernte ich Bemer- kungen wie ›Das ist doch unmöglich, es wachsen keine Pilze in der Wüs- te‹ oder ›Was für eine dumme Methode, Wein anzubauen.‹ Hier wird alles so wörtlich genommen.« Der Priester hustete. Irgend etwas schien ihn nicht loszulassen. »Leider ist das Alte Buch Om recht streng, was Hexen betrifft.« »Ach?« »Nun, ich habe mich gründlich mit der entsprechenden Stelle im Zwei- ten Omnianischen Text IV befaßt und dabei die recht kühne Theorie entwickelt, daß das betreffende Wort besser mit ›Küchenschabe‹ über- setzt werden sollte.« »Wirklich?« »Immerhin heißt es dort, man könne sie mit Feuer töten oder in ›Sirup- fallen‹. Später heißt es, sie brächten lüsterne Träume.« »Sieh mich nicht an«, sagte Agnes. »Ich biete dir nur Gesellschaft beim Heimweg.« Zu ihrem großen Erstaunen – und zu Perditas Entzücken – lief Hilbert Himmelwärts rot an. »Äh… man könnte das fragliche Wort in der betreffenden Passage auch mit ›gekochter Hummer‹ übersetzen«, brachte er hastig hervor., »Nanny Ogg meint, früher hätten die Omnianer Hexen verbrannt«, sagte Agnes. »Früher haben wir praktisch alles verbrannt«, erwiderte Himmelwärts kummervoll. »Allerdings wurden einige Hexen in Fässer mit Sirup gesto- ßen.« Auch seine Stimme war langweilig. Alles deutete darauf hin, daß er eine langweilige Person war. In dieser Hinsicht offenbarte er eine Perfektion, die fast wie Absicht schien. Doch eine Sache weckte Agnes’ Neugier. »Warum hast du dich auf den Weg gemacht, um Oma Wetterwachs zu besuchen?« »Nun, alle… respektieren sie sehr«, antwortete Himmelwärts und wähl- te seine Worte wie jemand, der Federn aus einem Topf mit kochendem Wasser zieht. »Und ich hörte immer wieder, wie seltsam es sei, daß sie gestern abend nicht im Schloß erschienen ist. Und ich dachte, daß es für eine alte Frau wie sie bestimmt nicht leicht ist, ganz allein zu leben. Und…« »Ja?« »Nun, sie gilt als recht betagt, und es ist nie zu spät, über den Zustand seiner unsterblichen Seele nachzudenken«, sagte Himmelwärts. »Und bestimmt hat sie eine Seele.« Agnes musterte ihn von der Seite her. »Sie hat nie davon gesprochen.« »Vermutlich hältst du mich für dumm.« »Ich halte dich für jemanden, der erstaunlich viel Glück hatte, Herr Himmelwärts.« Andererseits… Hier war jemand, der von Oma Wetterwachs gehört hat- te und trotzdem durch einen Wald ging, der ihm Angst einjagte, um sie zu besuchen, obwohl sie vermutlich eine Küchenschabe oder vielleicht auch ein gekochter Hummer war. Die Leute in Lancre gingen nur dann zu Oma Wetterwachs, wenn sie etwas von ihr wollten. Manchmal kamen sie mit kleinen Geschenken (denn eines Tages mochte es nötig werden, er- neut ihre Dienste in Anspruch zu nehmen), aber meistens vergewisserten sie sich vorher, daß sie zum betreffenden Zeitpunkt nicht zu Hause war. Offenbar steckte mehr hinter Hilbert Himmelwärts, als es auf den ersten, Blick den Anschein hatte. Zwei Zentauren kamen vor ihnen aus dem Gebüsch und galoppierten über den Pfad. Himmelwärts hielt sich an einem Baum fest. »Ich habe sie auf dem Weg hierher auch gesehen!« brachte er hervor. »Kommen sie hier häufig vor?« »Ich bin ihnen nie zuvor begegnet«, erwiderte Agnes. »Vermutlich stammen sie aus Überwald.« »Und die schrecklichen kleinen blauen Kobolde? Einer von ihnen hat mir gegenüber eine sehr ungezogene Geste gemacht!« »Ich weiß gar nichts über sie.« »Und die Vampire? Ich meine, ich weiß, daß die Dinge hier anders sind, aber…« »Vampire?!« entfuhr es Agnes. »Du hast die Vampire gesehen? Gestern abend?« »Nun, ich meine, ja. Im Priesterseminar habe ich mich eingehend mit ihnen befaßt, aber ich hätte nie gedacht, daß sie im Plauderton darüber reden, Blut zu trinken und so. Es überrascht mich sehr, daß der König so etwas erlaubt…« »Und sie haben… dein Bewußtsein nicht beeinflußt?« »Ich litt an einer schrecklichen Migräne. Hat das etwas damit zu tun? Ich dachte, es läge an den Krabben.« Ein Schrei fuhr durch den Wald. Er schien aus vielen einzelnen Kom- ponenten zu bestehen, aber es klang hauptsächlich nach einem Trut- hahn, der am anderen Ende einer langen Blechröhre erdrosselt wurde. »Was zum Kuckuck war das denn?« rief Himmelwärts. Agnes blickte sich verwirrt um. Sie war in den Wäldern von Lancre aufgewachsen. Manchmal sah man dort seltsame Dinge, aber normaler- weise waren sie nur auf der Durchreise und enthielten nichts Gefährli- cheres als andere Leute. Doch jetzt, in diesem matten Licht, wirkten selbst die Bäume verdächtig. »Ich schlage vor, wir gehen runter zum Blöden Kaff«, sagte sie und zog an Himmelwärts’ Hand. »Wie bitte?«, Agnes seufzte. »Ich meine das nächste Dorf.« »Blödes Kaff?« »Einmal kam ein Reisender dorthin«, erklärte Agnes so geduldig wie möglich. Die Lancrestianer hatten sich längst an so etwas gewöhnt. »Er war nicht besonders guter Laune, und als er die Häuser im Regen sah, meinte er: ›Meine Güte, ist dies ein blödes Kaff!‹ Da der Ort zu jener Zeit noch keinen Namen hatte, haben sie die Bezeichnung einfach über- nommen…« Erneut hallte der gräßliche Schrei durch den Wald. Agnes dachte an gewisse Geschöpfe, die es Gerüchten zufolge in den Bergen geben sollte, und zog Hilbert Himmelwärts wie einen Karren hinter sich her. Dann erklang das Geräusch direkt vor ihnen, und dort, wo der Weg ei- ne Kurve beschrieb, ragte ein Kopf aus dem Gebüsch. Agnes hatte Bilder von einem Strauß gesehen. Man skizziere einen, male Kopf und Hals mit einem grellen Gelb an, füge eine Halskrause aus roten und purpurnen Federn hinzu und statte den Kopf mit zwei großen runden Augen aus, deren Pupillen bei jeder Bewegung erzittern… »Ist das ein besonders lancrestianisches Huhn?« fragte Himmelwärts eingeschüchtert. »Ich bezweifle es«, erwiderte Agnes. Eine der langen Federn war mit einem Schottenkaro verziert. Der Schrei hob erneut an, brach jedoch ab, als Agnes vortrat, die Er- scheinung am Hals packte und daran zog. Ein Arm wurde sichtbar, und ihm folgte eine Gestalt aus dem Busch. »Festgreifaah?« Er antwortete mit einem Quaken. »Nimm das Ding aus dem Mund«, sagte Agnes. »Damit klingst du wie ein Narr.« Er ließ die Pfeife verschwinden. »Entschuldige, Fräulein Nitt.« »Auch auf die Gefahr hin, daß mir die Antwort nicht gefällt: Festgrei- faah, warum versteckst du dich im Gebüsch, deinen Arm wie Hetty die Henne zurechtgemacht? Und warum machst du so gräßliche Geräu-, sche?« »Ich versuche, den Phönix anzulocken, Fräulein.« »Den Phönix? Das ist doch ein mythologischer Vogel, Festgreifaah.« »Ja, Fräulein. Und jetzt gibt es einen in Lancre, Fräulein. Er ist noch sehr klein, Fräulein. Und ich bemühe mich, ihn zu finden.« Agnes betrachtete den bunten Ärmel. Oh, ja, wenn man Küken groß- zog, so mußte man ihnen zeigen, welche Art von Vogel sie waren, und dafür benutzte man eine Mischung aus Handschuh und Puppe. Aber… »Festgreifaah?« »Ja, Fräulein?« »Ich bin natürlich keine Expertin, aber wenn ich mich recht entsinne, geht aus der allgemein bekannten Legende hervor, daß der Phönix nie seine Eltern zu Gesicht bekommt. Es gibt immer nur jeweils einen Phö- nix. Ein Jungvogel ist automatisch Waise. Verstehst du?« »Ähm, darf ich etwas hinzufügen?« fragte Himmelwärts. »Ich muß sa- gen, daß Fräulein Nitt recht hat. Der Phönix baut ein Nest und ver- brennt dann, woraufhin sich ein neuer Vogel aus der Asche erhebt. Das habe ich gelesen. Wie dem auch sei: Es ist eine Allegorie.« Festgreifaah betrachtete den Puppenphönix an seinem Arm und senkte verlegen den Blick. »Entschuldige bitte, Fräulein.« »Es läuft also darauf hinaus, daß ein Phönix nie einen anderen Phönix sehen kann«, betonte Agnes. »Davon weiß ich leider nichts, Fräulein«, sagte Festgreifaah und starrte noch immer auf seine Stiefel. Agnes fiel etwas ein. Der Falkner hielt sich praktisch immer draußen auf… »Festgreifaah?« »Ja, Fräulein?« »Bist du den ganzen Morgen über im Wald gewesen?« »Oh, ja, Fräulein.« »Hast du Oma Wetterwachs gesehen?«, »Ja, Fräulein.« »Tatsächlich?« »Ja, Fräulein.« »Wo?« »Oben im Wald unweit der Grenze, Fräulein. Beim ersten Licht des Tages, Fräulein.« »Warum hast du es mir nicht sofort gesagt?« »Äh… wolltest du es wissen, Fräulein?« »Oh. Ja… Was hast du dort oben gemacht?« Festgreifaah antwortete, indem er mehrmals in die Entenpfeife blies. Agnes griff nach dem Arm des Priesters. »Komm, laß uns zur Straße gehen. Wir müssen zu Nanny…« Festgreifaah blieb mit Handschuhpuppe, Entenpfeife, Rucksack und voller Unbehagen zurück. Man hatte ihn gelehrt, Hexen zu respektieren, und Fräulein Nitt war eine Hexe. Der Mann in ihrer Begleitung sicher nicht, aber sein Verhalten kennzeichnete ihn als jemanden, der zu einer ganz bestimmten Kategorie von Personen gehörte. Festgreifaah bezeich- nete sie als »Höhergestellte«, und dies war eine ziemlich umfangreiche Kategorie. Höhergestellten widersprach man nicht. Festgreifaah war ein Ein-Mann-Feudalsystem. Doch als er seine Sachen zusammenpackte und sich anschickte, den Weg fortzusetzen, gingen ihm einige Gedanken durch den Kopf: Bücher über die Welt wurden von Leuten geschrieben, die alles über Bücher wußten, aber kaum etwas über die Welt. Dieser Kram von Jungvögeln, die sich aus Asche erhoben… So was konnte nur jemand schreiben, der keine Ahnung von Vögeln hatte. Und dann die Tatsache, daß es immer nur einen Phönix gab. Wer das in einem Buch behauptete, gab dadurch zu erkennen, daß er häufiger an die frische Luft gehen und Frauen ken- nenlernen sollte. Vögel schlüpften aus Eiern. Sicher, der Phönix gehörte zu den Geschöpfen, die den Umgang mit Magie gelernt und sie gewis- sermaßen in ihre Existenz eingebaut hatten. Doch Magie war eine kniff- lige Angelegenheit, und kein Tier setzte mehr davon ein als unbedingt notwendig. Woraus folgte: Es gab also ein Ei. Und Eier brauchten Wär- me, nicht wahr?, Im Verlauf des Morgens hatte Festgreifaah gründlich darüber nachge- dacht, während er durch das feuchte Gebüsch kroch und die Bekannt- schaft mehrerer enttäuschter Enten machte. Geschichte interessierte ihn nicht sonderlich, abgesehen von der Geschichte der Falknerei, aber er wußte: Einst hatte es Orte mit starker Hintergrundmagie gegeben – hier und dort existierten sie sogar noch heute. Diese Bereiche konnten recht aufregend sein und eigneten sich nicht besonders für die Aufzucht von Jungen. Wie auch immer der Phönix aussehen mochte: Vielleicht hatte er he- rausgefunden, wie man die Entwicklung beschleunigen konnte. Festgreifaah war mit seinen Überlegungen weit gekommen, und mit etwas mehr Zeit hätte er vielleicht auch den nächsten Schritt hinter sich gebracht. Ein ganzes Stück nach Mittag verließ Oma Wetterwachs das Moorland, und ein Beobachter hätte sich vermutlich gefragt, warum es so lange dauerte, ein relativ kleines Moor zu durchqueren. Der Bach hätte dem Beobachter sicher noch mehr Kopfzerbrechen be- reitet. Das Wasser hatte eine mit Felsen und Steinen übersäte Rinne in den Torf gewaschen. Eine gesunde Frau wäre imstande gewesen, ans andere Ufer zu springen, aber jemand hatte einen breiten Stein in die Strömung gelegt, um gewissermaßen eine Brücke zu schaffen. Oma Wetterwachs sah eine Zeitlang darauf hinab, griff dann in ihren Beutel, holte ein schwarzes Tuch daraus hervor und legte sich eine Au- genbinde um. Dann trat sie auf den breiten Stein, ging mit kleinen, lang- samen Schritten und hielt die Arme ausgebreitet, um das Gleichgewicht zu halten. Auf halbem Wege zur anderen Seite sank sie auf Hände und Knie, verharrte einige Minuten lang in dieser Haltung und schnaufte. Dann kroch sie weiter, Zentimeter um Zentimeter. Das Wasser des Torfbaches plätscherte fröhlich über die tiefer gelege- nen Steine. Der Himmel glitzerte. Er war blau mit weißen Wolken, aber er wirkte seltsam, wie ein auf Glas gemaltes Bild, das zerbrochen und falsch zu- sammengesetzt worden war. Eine dahinziehende Wolke verschwand an, einer unsichtbaren Grenzlinie, um an einer ganz anderen Stelle des Himmels wieder aufzutauchen. Die Dinge waren nicht das, was sie zu sein schienen. Aber darauf hatte Oma Wetterwachs schon immer hingewiesen. Agnes mußte Himmelwärts praktisch in Nanny Oggs Haus ziehen. Es wich so sehr vom Konzept einer Hexenhütte ab, daß es sich ihm von der anderen Seite näherte. So neigte es zu fröhlichen Farben, die Schwarz ausklammerten; außerdem roch es nach Bohnerwachs und Möbelpolitur. Totenschädel fehlten ebenso wie sonderbare Kerzen, abgesehen von der rosaroten, die Nanny in Ankh-Morpork gekauft hatte und nur Gästen mit dem richtigen Sinn für Humor zeigte. Es gab viele Tische, und sie dienten hauptsächlich dazu, die große Anzahl an Zeichnungen und Iko- nographien des riesigen Ogg-Clans zu präsentieren. Auf den ersten Blick schien es, daß sie zufällig plaziert waren, doch es steckte ein ganz be- stimmtes System dahinter. Die Bilder wechselten immer wieder ihre Plätze – es hing ganz davon ab, welche Familienmitglieder in Ungnade fielen und welche sich besonderer Beliebtheit erfreuten. Wer zum Bei- spiel auf dem kleinen wackligen Tisch neben der Katzenschüssel endete, mußte harte Arbeit leisten. Noch schlimmer war, daß man nicht etwa deshalb in der Ogg-Hierarchie nach unten sank, weil man sich irgend etwas zuschulden kommen ließ, sondern deshalb, weil alle anderen Bes- seres leisteten. Das erklärte auch, warum die Stellen, wo keine Bilder standen, von Zierat in Anspruch genommen wurden: Kein Ogg, der sich weiter als zehn Meilen von Lancre entfernte, würde auch nur daran den- ken, ohne ein Geschenk heimzukehren. Die Oggs liebten Nanny Ogg. Außerdem gab es noch schlimmere Plätze als den wackligen Tisch. Ein entfernter Cousin war einmal im Flur gelandet. Die meisten Objekte waren Krimskrams, auf Jahrmärkten gekauft, aber dagegen hatte Nanny nichts einzuwenden, solange sie bunt waren und glänzten. Deshalb gab es viele schielende Hunde, rosarote Schäferinnen und Krüge mit falsch geschriebenen Aufschriften wie »Für die bäste Mutter der Welt« und »Wir liehben unsere Nanny«. Ein großer Bierkrug aus vergoldetem Porzellan, der »Ich bin ein Rattarsedschwein« aus Das Stu-, dentenpferd spielte, stand in einer abgeschlossenen Vitrine mit gläsernen Türen – ein so großer Schatz durfte nicht offen zur Schau gestellt wer- den und hatte Shirl Oggs Bild einen permanenten Platz auf der Frisier- kommode eingebracht. Auf einem Tisch war bereits eine Stelle für die grüne Glaskugel freige- räumt worden. Nanny Ogg sah auf, als Agnes hereinkam. »Ich habe dich schon vor einer ganzen Weile erwartet. Hast wohl ge- trödelt, wie?« fragte sie mit einer Stimme, die selbst dicke Rüstungen mühelos durchdrungen hätte. »Nanny, Oma hätte so etwas gesagt«, erwiderte Agnes vorwurfsvoll. Nanny Ogg schauderte kurz. »Da hast du recht, Mädchen. Wir sollten sie möglichst schnell finden. Ich bin viel zu fröhlich, um zu einer alten Fuchtel zu werden.« »Überall wimmelt es von sonderbaren Wesen!« stieß Agnes hervor. »Es gibt haufenweise Zentauren! Wir mußten in den Graben springen!« »Ah, mir sind die Blätter und das Gras an deinem Kleid aufgefallen«, sagte Nanny. »Aber taktvoll, wie ich bin, wollte ich nicht darauf hinwei- sen.« »Woher kommen all die Geschöpfe?« »Aus den Bergen, schätze ich. Wieso hast du Willi Fromm mitge- bracht?« »Weil er sich schmutzig gemacht hat«, erwiderte Agnes scharf. »Und weil ich ihm versprochen habe, er könne sich hier waschen.« »Äh… ist dies wirklich das Haus einer Hexe?« fragte Hilbert Himmel- wärts und ließ den Blick über die Porträts der Ogg-Großfamilie schwei- fen. »Meine Güte«, sagte Nanny. »Pater Melchio meint, die Häuser von Hexen seien Stätten von Ver- derbtheit und wilden sexuellen Ausschweifungen.« Der junge Priester trat einen nervösen Schritt zurück und stieß gegen einen kleinen Tisch, woraufhin eine aufziehbare blaue Ballerina mit einer ruckelnden Pirouette begann, dazu erklang die Melodie von »Drei blinde Mäuse«., »Nun, wir lassen hier nichts verderben«, sagte Nanny. »Und was die andere Sache betrifft…Was glaubst du?« »Ich schätze, wir können froh sein, daß dies ein Kommentar von Nan- ny Ogg war«, sagte Agnes. »Bitte zieh ihn nicht auf. Wir haben einen anstrengenden Morgen hinter uns.« »Äh… wo ist die Pumpe?« fragte Himmelwärts. Agnes deutete in die entsprechende Richtung, und er eilte dankbar davon. »So feucht hinter den Ohren kann man normalerweise nur nach meh- reren Stunden im Regen sein«, meinte Nanny und schüttelte den Kopf. »Man hat Oma über dem langen See gesehen«, sagte Agnes und nahm am Tisch Platz. Nanny hob abrupt den Kopf. »Beim Moor?« »Ja.« »Schlimme Sache. Das dort oben ist knotiges Land.« »Knotig?« »Alles zermalmt und so.« »Wie bitte? Ich bin einmal dort gewesen. Es gibt da nur Heidekraut, Stechginster und einige alte Höhlen am Ende des Tals.« »Ach, tatsächlich? Hast dir die Wolken angesehen, wie? Na schön, ver- suchen wir’s…« Als Himmelwärts sauber geschrubbt zurückkehrte, stritten die beiden Hexen. Sie wirkten recht verlegen, als sie ihn bemerkten. »Es sind drei von uns nötig«, sagte Nanny und schob die Glaskugel bei- seite. »Erst recht, wenn sie da oben ist. Knotiges Land bringt den Kristall durcheinander. Wir haben einfach nicht genug Kraft.« »Ich will nicht ins Schloß zurück!« »Magrat kann gut mit Kristallkugeln umgehen.« »Sie muß sich um ihr Baby kümmern, Nanny!« »Ja, in einem Schloß voller Vampire. Denk mal darüber nach. Wer weiß, wann sie Appetit verspüren… Es dürfte für sie beide besser sein, das Schloß zu verlassen.« »Aber…«, »Mach dich auf den Weg und hol sie. Ich würde ja selbst gehen, aber du hast gesagt, daß ich in Gegenwart der Vampire nur dumm grinse.« Agnes richtete den Zeigefinger auf Himmelwärts. »Du!« »Ich?« erwiderte er mit zittriger Stimme. »Du hast gesagt, du hättest sie als Vampire erkannt, stimmt’s?« »Habe ich das?« »Ja, das hast du.« »Äh… ja, das habe ich tatsächlich. Äh… und?« »Dein Geist ist nicht rosarot und glückselig geworden?« »Ich fürchte, mein Geist ist noch nie rosarot und glückselig gewesen«, antwortete Himmelwärts. »Warum ist es den Vampiren nicht gelungen, dich zu beeinflussen?« Himmelwärts lächelte schief und griff in die Jackentasche. »Oms Hand beschützt mich«, sagte er. Nanny betrachtete den Anhänger: eine Gestalt, die auf den Rücken ei- ner Schildkröte gefesselt war. »Ach?« erwiderte sie. »Das halte ich für einen guten Witz.« »So wie Om die Hand ausstreckte, um den Propheten Brutha vor der Folter zu bewahren, so wird er mich in Zeiten der Gefahr unter seine Fittiche nehmen«, verkündete Himmelwärts, und es klang so, als wollte er vor allem sich selbst überzeugen. »Ich habe da eine Broschüre, wenn du mehr erfahren möchtest«, fügte er hinzu, und diesmal klang seine Stimme wesentlich selbstsicherer, als sei für eine aufgeschlossene, ver- nünftig denkende Person die Existenz von Om ein wenig ungewiß, wo- hingegen nicht der geringste Zweifel an der Existenz von Broschüren bestehen konnte. »Ich habe kein Interesse.« Nanny ließ den Anhänger los. »Pater Perdore brauchte nie irgendwelchen magischen Schmuck, um Leute abzuwehren. Mehr kann ich dazu nicht sagen.« »Es genügte, wenn er ihnen seinen nach Alkohol riechenden Atem entgegenhauchte«, warf Agnes ein. »Auf jeden Fall kommst du mit, Herr Himmelwärts. Ich habe keine Lust, Prinz Schleim allein entgegenzutre- ten! Und sei still!«, »Äh… ich habe doch gar nichts gesagt…« »Ich habe nicht dich gemeint. Ich meinte… Du hast dich doch mit Vampiren befaßt, oder? Was hilft bei ihnen?« Hilbert Himmelwärts dachte kurz nach. »Äh… ein bequemer, trocke- ner Sarg… äh… genug frisches Blut… äh… bedeckter Himmel…« Er unterbrach sich, als er den Gesichtsausdruck der jungen Hexe bemerkte. »Oh, du möchtest wissen, wie man sie erledigt, nicht wahr? Nun, eigent- lich hängt es davon ab, woher sie kommen. Überwald ist ziemlich groß. Äh… man kann sie töten, indem man ihnen den Kopf abschlägt und einen Pflock durchs Herz treibt.« »Das funktioniert auch bei normalen Leuten«, sagte Nanny. »Äh… in Splintz sterben sie, wenn man ihnen eine Münze in den Mund legt und den Kopf abschlägt…« »Damit könnte man gegen normale Leute natürlich nichts ausrichten«, kommentierte Nanny und holte ein Notizbuch hervor. »Äh… in Klotz sterben sie, wenn man ihnen eine Zitrone in den Mund steckt…« »Klingt schon besser.« »… nachdem man ihnen den Kopf abgeschlagen hat. Ich glaube, in Glitz muß man ihren Mund mit Salz füllen, eine Karotte in beide Ohren hämmern und dann den Kopf abschlagen.« »Es hat dir sicher viel Freude bereitet, diese Informationen zu sam- meln.« »Und im Tal des Ah hält man es für angebracht, ihnen den Kopf abzu- schlagen und in Essig zu kochen.« »Du brauchst jemanden, der all den Kram trägt, Agnes«, sagte Nanny Ogg. »In Kashncari heißt es, man sollte ihnen die Zehen abschneiden und einen Nagel durch den Hals treiben.« »Und ihnen dann den Kopf abschlagen?« »Offenbar kann man darauf verzichten.« »Das mit den Zehen ist einfach«, sagte Nanny. »Der alte Windelig drü- ben im Blöden Kaff hat sich zwei Zehen mit einem Spaten abgeschlagen,, ohne dabei zu zielen.« »Natürlich kann man einen Vampir auch besiegen, indem man ihm die linke Socke stiehlt«, meinte Himmelwärts. »Was?« fragte Agnes. »Ich glaube, da habe ich dich nicht ganz richtig verstanden.« »Ähm… Vampire sind pathologische Pedanten. Bei manchen Zigeu- nern in Borograwien heißt es: Wenn man ihnen eine Socke stiehlt und sie irgendwo versteckt, suchen sie eine Ewigkeit lang danach. Sie können es nicht ausstehen, wenn sich Dinge am falschen Ort befinden oder feh- len.« »Ich glaube, das brauche ich mir nicht als sehr weit verbreitete Auffas- sung zu notieren«, sagte Nanny. »Oh, in einigen Dörfern erzählt man sich auch, daß man Vampire auf- halten kann, indem man Mohn nach ihnen wirft«, fuhr Himmelwärts fort. »Dann erliegen sie nämlich dem unwiderstehlichen Drang, die Kör- ner zu zählen. Vampire sind ausgesprochen anal-retentiv, versteht ihr?« »Ich möchte keinem begegnen, bei dem das Gegenteil der Fall ist«, kommentierte Nanny. »Ja, nun, wir werden wohl kaum Zeit genug haben, den Grafen nach seiner genauen Adresse zu fragen«, sagte Agnes rasch. »Wir begeben uns ins Schloß, holen Magrat und verschwinden wieder, klar? Wieso bist du eigentlich zu einem Fachmann für Vampire geworden, Himmelwärts?« »Wie ich schon sagte: Ich habe mich an der Schule damit befaßt. Wir müssen den Feind kennen, wenn wir erfolgreich gegen die bösen Mächte kämpfen wollen. Damit meine ich Vampire, Dämonen, Hex…« Er sprach nicht weiter. »Oh, laß dich nicht unterbrechen«, sagte Nanny Ogg mit arsensüßer Stimme. »Aber was Hexen betrifft, werde ich betonen, daß unsere Kirche bisher einen falschen Standpunkt vertreten hat.« Hilbert Himmelwärts hüstelte nervös. »Das nehme ich mit Freuden zur Kenntnis«, sagte Nanny. »Dann kann ich in Zukunft wenigstens auf ein feuerfestes Korsett verzichten. Na schön, brecht jetzt auf, ihr drei…«, »Wir drei?« wiederholte Himmelwärts. Agnes spürte, wie ihr linker Arm zitterte. Gegen ihren Willen geriet die Hand in Bewegung, und zwei Finger streckten sich. Nur Nanny bemerk- te es. »Es ist so, als hätte man ständig die Anstandsdame dabei, wie?« fragte sie. »Was hat sie gemeint?« erkundigte sich Himmelwärts, als sie sich auf den Weg zum Schloß machten. »Sie war ein wenig konfus«, sagte Agnes laut. Zugedeckte Ochsenkarren rumpelten über die Straße zum Schloß. Agnes und Himmelwärts standen auf der einen Seite und beobachteten sie. Die Kutscher schienen kaum an den Zuschauern interessiert zu sein. Sie trugen schlichte, schlecht sitzende Kleidung, und jeder von ihnen hatte sich einen Schal einem Verband gleich um den Hals geschlungen. »Entweder ist in Überwald eine Halsschmerzenepidemie ausgebrochen, oder unter den Schals sind kleine Bißwunden verborgen«, sagte Agnes. »Äh… ich weiß etwas über die Methode, mit der Vampire Einfluß auf andere Leute ausüben«, ließ sich Himmelwärts vernehmen. »Ja?« »Es klingt dumm, aber es stand in einem alten Buch.« »Nun?« »Es fällt Vampiren leichter, zielstrebige Personen zu kontrollieren.« »Zielstrebige Personen?« fragte Agnes skeptisch. Weitere Karren roll- ten vorbei. »Es klingt nicht richtig, ich weiß. Man sollte meinen, daß Leute mit ei- nem starken Willen schwerer zu beeinflussen sind. Nun, ich schätze, ein großes Ziel ist leichter zu treffen. In einigen Dörfern betrinken sich Vampirjäger, bevor sie auf die Jagd gehen. Um sich zu schützen, weißt du? Nebel kann man nicht schlagen.« Wir sind also Nebel? fragte Perdita. Bei ihm scheint das tatsächlich der Fall zu sein…, Agnes zuckte mit den Schultern. Die Gesichter der Ochsenkarrenkut- scher hatten eine stoische Komponente. So etwas gab es natürlich auch in Lancre, aber im Königreich kam eine Mischung aus Schuld, gesundem Menschenverstand und unerschütterlicher Sturheit hinzu. Die Leute sa- hen einfach nur ausgeschaltet aus. Wie Vieh, dachte Perdita. »Ja«, sagte Agnes. »Bitte?« fragte Himmelwärts. »Ich habe nur laut gedacht…« Sie stellte sich vor, wie leicht ein einzelner Mensch eine Herde Kühe kontrollieren konnte, obwohl jede Kuh ihn in einen feuchten Fleck auf dem Boden verwandeln könnte. Aber aus irgendeinem Grund kamen sie nie auf diese Idee. Angenommen, die Vampire sind besser als wir, überlegte Agnes. Ange- nommen, im Vergleich zu ihnen sind wir wirklich nur… Du bist dem Schloß schon sehr nahe! erklang Perditas scharfe Stimme. Du denkst Viehgedanken. Dann bemerkte Agnes, daß Männer hinter den Karren marschierten. Sie sahen ganz anders aus als die Kutscher. Und das sind die Viehtreiber, sagte Perdita. Sie trugen Uniformen mit dem schwarzweißen Wappen der Elstyrs, aber es waren keine Leute, denen eine Uniform stand. Sie wirkten viel- mehr wie Männer, die andere Personen für Geld umbrachten, und das nicht einmal für viel Geld. Solche Männer hätten nicht gezögert, niedli- che Hündchen zu verspeisen. Einige von ihnen blickten zu Agnes und grinsten anzüglich, als sie an ihr vorbeikamen, aber es war nur ein allge- meines anzügliches Grinsen und beruhte allein auf dem Umstand, daß sie ein Kleid trug. Weitere Karren folgten ihnen. »Nanny Ogg meint, man müßte die Zeit an der Vorhaut packen«, sagte Agnes und lief zum letzten Karren. »Tatsächlich?« »Ich fürchte ja. Man gewöhnt sich daran.«, Sie griff nach dem Heck des Karrens, zog sich hoch und bedeutete dem Priester, ihr zu folgen. »Willst du mich beeindrucken?« fragte er, als sie ihn an Bord zog. »Doch nicht dich«, erwiderte Agnes – und begriff plötzlich, daß sie auf einem Sarg saß. Zwei davon standen im Karren, von Stroh umgeben. »Werden jetzt die Möbel gebracht?« erkundigte sich Himmelwärts. »Äh… vielleicht sind sie nicht leer…«, brachte Agnes hervor. Sie schrie fast, als der Priester den Deckel hob. Der Sarg war leer. »Du Idiot! Und wenn jemand da drin gelegen hätte?« »Tagsüber sind Vampire schwach«, erwiderte Himmelwärts vorwurfs- voll. »Das weiß jeder.« »Ich… spüre sie… irgendwo«, sagte Agnes. Das Rumpeln des Karrens veränderte sich, als sie das Kopfsteinpflaster des Schloßhofs erreichten. »Komm von dem anderen Sarg runter, damit ich nachsehen kann.« »Aber angenommen…« Er schob sie beiseite und hob den Deckel, bevor sie weitere Einwände erheben konnte. »Auch hier liegt kein Vampir drin«, stellte er fest. »Und wenn eine Hand zum Vorschein gekommen wäre und dich an der Kehle gepackt hätte?« »Om ist mein Schild«, sagte Himmelwärts. »Wirklich? Wie schön für dich.« »Du lachst vielleicht darüber…« »Ich lache nicht.« »Aber du kannst ruhig lachen. Ich bin sicher, daß wir uns richtig ver- halten. Hat nicht Sonaton das Ungeheuer von Batrigor in seiner eigenen Höhle besiegt?« »Keine Ahnung.« »Er hat. Und bezwang nicht der Prophet Urdur den Drachen von Schlutt nach einem dreitägigen Kampf auf der Gidralebene?« »Ich wußte nicht, daß wir soviel Zeit haben…« »Und stimmt es nicht, daß die Söhne von Exequial den Sieg über die Heerscharen von Myrilom davontrugen?«, »Ja?« »Du hast davon gehört?« »Nein. Hör nur, wir haben angehalten. Ich möchte hier nicht unbe- dingt gefunden werden. Nicht jetzt. Und nicht von diesen Wächtern. Die sahen ganz und gar nicht wie nette Männer aus.« Sie wechselten einen bedeutungsvollen Blick über die Särge hinweg, der eine bestimmte Unausweichlichkeit in unmittelbarer Zukunft betraf. »Und wenn sie merken, daß die Särge schwerer sind?« fragte Himmel- wärts. »Die Kutscher schienen nicht besonders aufmerksam zu sein.« Agnes blickte in den nächsten Sarg. Ganz unten hatte sich ein wenig Schmutz darin angesammelt, abgesehen davon war er sauber, und es lag sogar ein Kissen am Kopfende. In das Futter waren einige Taschen ein- genäht. »So ist es am einfachsten«, sagte Agnes. »Du legst dich in diesen, und ich nehme den anderen. Was die Leute betrifft, die du eben erwähnt hast… Sind es historische Gestalten?« »Natürlich. Sie…« »Nun, versuch nicht, dir ein Beispiel an ihnen zu nehmen, klar? Sonst wirst du ebenfalls zu einer historischen Gestalt.« Agnes schloß den Deckel und spürte noch immer eine nahe Vampirprä- senz. Sie berührte eine der Taschen im Futteral – etwas Weiches und gleich- zeitig Spitzes steckte darin. Ihre Finger tasteten mit fasziniertem Entset- zen und entdeckten ein Wollknäuel mit zwei langen Stricknadeln. Ent- weder deutete der Fund auf eine recht häusliche Art von Voodoo hin – oder jemand strickte eine Socke. Wer strickte Socken in einem Sarg? Doch vielleicht litten auch Vampi- re gelegentlich an Schlaflosigkeit und wälzten sich den ganzen Tag über von einer Seite auf die andere. Agnes versteifte sich unwillkürlich, als der Sarg angehoben wurde. Um sich abzulenken, versuchte sie herauszufinden, wohin man sie brachte. Sie hörte das Geräusch von Schritten auf Kopfsteinpflaster, dann auf, den Fliesen der breiten Treppe. Es ging durch den großen Saal, nach unten… Der Keller. Logisch, aber nicht gut. Das machst du nur, um mich zu beeindrucken, dachte Perdita. Du willst dich extrovertiert und dynamisch gehen. Sei still, dachte Agnes. Draußen erklang eine Stimme: »Fetft fie hier ab und verschwindet.« Das war der Mann namens Igor. Agnes bedauerte, daß sie keine Waffe mitgenommen hatte. »Wollen mich lofwerden, wie?« fuhr die Stimme fort, während sich Schritte entfernten. »Beftimmt nimmt ef ein schlimmef Ende. Für fie mag ja allef schön und gut fein, aber wer muf nachher den Ftaub wegwi- schen, hm? Daf würde ich gern wiffen. Wer muf anschließend ihre Köp- fe auf den Einmachgläfern holen? Wer fucht fie unterm Eif? Meine Gü- te, ich habe mehr Pflöcke auf ihnen heraufgezogen alf ich Würmer auf meinem Teller zählen kann…« Es wurde hell, als jemand den Deckel des Sargs abnahm. Igor starrte auf Agnes hinab. Agnes starrte zu Igor empor. Igor erholte sich als erster von der Überraschung. Er lächelte – auf- grund der Nähte, die direkt darüber hinwegführten, hatte er ein geomet- risch recht interessantes Lächeln – und sagte: »Meine Güte, hier hat je- mand zu viele Geschichten gelefen. Haft du Knoblauch dabei?« »Jede Menge«, log Agnes. »Kannft nichtf damit anfangen. Und Weihwafer?« »Literweise.« »Muf dich leider enttäu…« Ein Sargdeckel knallte gegen Igors Kopf und verursachte ein seltsam metallenes Geräusch. Der Diener hob langsam die Hand, um sich die getroffene Stelle zu reiben, und drehte sich dann um. Der Sargdeckel schlug erneut zu, und diesmal traf er Igors Gesicht. »Oh, Mift«, sagte er und brach zusammen. Himmelwärts erschien. Ad- renalin und Rechtschaffenheit ließen seine Wangen glühen. »Mit himmlischer Entschlossenheit habe ich ihn niedergestreckt!«, »Gut, gut, laß uns jetzt von hier verschwinden! Hilf mir auf!« »Mein Zorn senkte sich auf ihn herab wie…« »Es war ein recht schwerer Sargdeckel, und er ist nicht mehr der Jüngs- te«, sagte Agnes. »Hör mal, ich habe als Kind hier unten gespielt und kenne den Weg zur Hintertreppe…« »Er ist kein Vampir? Er sieht wie einer aus. Wirkt wie zusammenge- flickt…« »Er ist nur ein Diener. Bitte komm jetzt…« Agnes zögerte. »Kannst du normales Wasser in Weihwasser verwandeln?« »Was, hier?« »Ich meine, kannst du es segnen oder Om widmen, vielleicht die Hölle herauskochen…?« »Es gibt da eine kleine Zeremonie, die…« Himmelwärts unterbrach sich. »Du hast recht! Man kann Vampire mit Weihwasser aufhalten!« »Gut. Wir sollten also die Küche aufsuchen.« Die große Küche war fast leer. Eigentlich herrschte hier nie viel Be- trieb, denn das königliche Paar verlangte nicht bei jeder Mahlzeit drei Fleischgänge. Derzeit hielt sich nur die Köchin Frau Scorbic an diesem Ort auf und rollte in aller Ruhe Teig aus. »Guten Tag, Frau Scorbic«, sagte Agnes. Ihrer Meinung nach war es die beste Taktik, einfach weiterzugehen und sich auf die Autorität des spitzen Huts zu verlassen. »Wir sind nur gekommen, um ein wenig Was- ser zu holen, keine Sorge, ich weiß, wo die Pumpe steht, aber es wäre uns eine große Hilfe, wenn du zwei Flaschen für uns hättest.« »In Ordnung, meine Liebe«, erwiderte Frau Scorbic. Agnes blieb stehen und drehte sich um. Frau Scorbic galt als sehr streng, insbesondere in bezug auf Soja, Nußschnitzel, vegetarische Mahlzeiten und Gemüse, das nicht so lange gekocht werden konnte, bis es gelb wurde. Selbst der König zögerte, die Küche zu betreten, obwohl ihn dort nur verärgertes Schweigen erwarte- te. Gewöhnliche Sterbliche hingegen empfingen die ganze Wucht eines allgemeinen Zorns. Frau Scorbic hatte auf die gleiche Weise permanent schlechte Laune, wie Berge permanent groß sind., An diesem Tag trug sie ein weißes Kleid mit weißer Schürze, eine gro- ße weiße Mütze und ein weißes Tuch um den Hals. Sie wirkte… zufrie- den. Agnes winkte Himmelwärts in Richtung Pumpe. »Besorg dir etwas, das wir mit Wasser füllen können«, flüsterte sie ihm zu. Dann wandte sie sich an die Köchin und fragte fröhlich: »Wie geht es dir, Frau Scorbic?« »Sehr gut, danke der Nachfrage, Fräulein.« »Bei den vielen Besuchern hast du sicher eine Menge zu tun.« »Ja, Fräulein.« Agnes hüstelte. »Und, äh… was hast du ihnen zum Frühstück ser- viert?« Falten bildeten sich auf der breiten rosaroten Stirn der Köchin. »Kann mich nicht daran erinnern, Fräulein.« »Bravo.« Himmelwärts stieß Agnes an. »Ich habe zwei Flaschen gefüllt und Oms Läuterungsritus gesprochen.« »Genügt das?« »Du mußt Vertrauen haben.« Die Köchin beobachtete sie freundlich. »Danke, Frau Scorbic«, sagte Agnes. »Äh… laß dich nicht länger bei der Arbeit stören.« »Ja, Fräulein.« Die Köchin griff wieder nach der Teigrolle. Sie ergibt viele Mahlzeiten, dachte Perdita. Köchin und Speisekammer in einer Person. »Das war geschmacklos!« sagte Agnes. »Wie bitte?« fragte der Priester. »Oh… es war nur so ein Gedanke. Gehen wir die Hintertreppe hoch.« Die Treppe bestand aus kahlem Stein, und auf jeder Etage boten Türen Zugang zum öffentlichen Teil des Schlosses. Jenseits dieser Türen gab es noch mehr Stein, aber der gehörte zu einer erleseneren Kategorie und verbarg sich oft hinter Wandbehängen oder unter Teppichen. Agnes öffnete eine Tür., Zwei Personen aus Überwald schlenderten durch den Flur und trugen etwas, das mit einem Tuch bedeckt war. Sie schenkten den Neuankömm- lingen keine Beachtung, als Agnes ihren Begleiter zu den königlichen Gemächern führte. Magrat stand auf einem Stuhl, als sie eintraten. Sie blickte zu ihnen herab, während sich kleine Sterne und Tiere aus Holz an ihrem nach oben ragenden Arm verhedderten. »Blödes Ding«, sagte sie. »Man sollte meinen, es sei viel einfacher. Hal- lo Agnes. Würdest du bitte den Stuhl festhalten?« »Was machst du da?« fragte Agnes und sah genauer hin. Magrat trug kein Halstuch. »Ich versuche, dieses Mobile am Kronleuchter zu befestigen«, erklärte Magrat. »So, das wär’s. Es gerät dauernd durcheinander! Verence meint, es sei gut für kleine Kinder, wenn sie bunte Farben und unterschiedliche Formen sehen. Angeblich beschleunigt es die Entwicklung. Aber ich kann Millie nirgends finden.« Das Schloß steckt voller Vampire, aber sie schmückt das Spielzimmer, sagte Perdita. Da stimmt doch etwas nicht. Aus irgendeinem Grund brachte es Agnes nicht fertig, eine Warnung auszusprechen. Vielleicht lag es auch daran, daß der Stuhl sehr wacklig war. »Die kleine Esme ist doch erst zwei Wochen alt«, meinte Agnes. »Könnte die Erziehung nicht noch ein wenig warten?« »Verence meint, man kann gar nicht früh genug damit anfangen. Hat euer Besuch einen besonderen Grund?« »Wir möchten, daß du mit uns kommst. Jetzt sofort.« »Warum?« fragte Magrat und trat zu Agnes’ großer Erleichterung vom Stuhl herunter. »Warum? Magrat, es befinden sich Vampire im Schloß! Die Familie Elstyr besteht aus Vampiren!« »Sei doch nicht dumm. Es sind sehr nette Leute. Erst heute morgen habe ich mit der Gräfin geplaudert…« »Worüber?« fragte Agnes. »Bestimmt erinnerst du dich nicht daran!«, »Ich bin Königin, Agnes«, sagte Magrat vorwurfsvoll. »Entschuldige, aber die Vampire beeinflussen den menschlichen Geist…« »Deinen?« »Äh, nein, meinen nicht. Nun, ich scheine… immun zu sein«, log Ag- nes. »Und was ist mit ihm?« fragte Magrat scharf. »Mein Glaube an Om schützt mich«, stellte Hilbert Himmelwärts fest. Magrat hob beide Brauen und sah Agnes an. »Stimmt das?« Agnes hob und senkte die Schultern. »Vielleicht hat er recht.« Magrat beugte sich vor. »Er ist doch nicht betrunken, oder? Immerhin hat er da zwei Bierflaschen.« »Sie sind mit Weihwasser gefüllt«, flüsterte Agnes. »Verence hält den Omnianismus für eine sehr vernünftige und stabile Religion«, raunte Magrat. Sie sahen Himmelwärts an und versuchten, die Worte einzuordnen. »Gehen wir jetzt?« fragte er. »Natürlich nicht!« schnappte Magrat und richtete sich auf. »Das ist doch Unsinn, Agnes. Ich bin eine verheiratete Frau, ich bin Königin, und ich habe ein Baby. Und du kommst hierher und behauptest, es gäbe Vampire im Schloß! Ich habe Gäste und…« »Die Gäste sind Vampire, Euer Majestät«, betonte Agnes. »Der König hat sie eingeladen!« »Verence meint, wir müßten lernen, mit allen Leuten gut zurechtzu- kommen…« »Wir glauben, Oma Wetterwachs ist in ernsten Schwierigkeiten«, sagte Agnes. Magrat erstarrte. »Wie ernst sind die ernsten Schwierigkeiten?« »Nanny Ogg ist sehr besorgt. Sogar gereizt. Sie sagte, drei von uns sei- en notwendig, um Oma zu finden.« »Nun, ich…« »Und Oma hat die Schachtel mitgenommen, was auch immer das be-, deutet«, fügte Agnes hinzu. »Die aus der Frisierkommode?« »Ja. Nanny wollte mir nicht sagen, was darin ist.« Magrat hielt die Hände auseinander wie ein Angler, der die Ausmaße eines mittelgroßen Fischs verdeutlichte. »Eine Schachtel aus poliertem Holz? Etwa so groß?« »Keine Ahnung, ich hab sie nie gesehen. Nanny scheint sie für sehr wichtig zu halten. Und sie wollte mir nicht sagen, was sie enthält«, wie- derholte sie, für den Fall, daß Magrat den Hinweis nicht verstanden hat- te. Magrat faltete die Hände, hob sie an den Mund und biß sich nachdenk- lich auf die Knöchel. Als sie schließlich aufsah, stand Entschlossenheit in ihrer Miene. Sie deutete auf Himmelwärts. »Du besorgst einen Sack oder so, stopfst die Sachen aus der obersten Schublade dort drüben hinein, nimmst das Töpfchen und den kleinen Wagen, oh, und die Plüschtiere, und den Beutel mit den Windeln, und den Beutel für die… äh… gebrauchten Windeln, und die Wanne, und den Beutel mit den Handtüchern, und die Schachtel mit dem Spielzeug, und die aufziehbaren Dinge, und die Musikschatulle, und den Beutel mit den Strampelanzügen, und, oh, die Wollmütze, und du, Agnes, besorgst uns ein Tragetuch. Ihr seid die Hintertreppe heraufgekommen? Na schön, dann nehmen wir denselben Weg, um das Schloß zu verlassen.« »Wozu brauchen wir ein Tragetuch?« Magrat beugte sich über die Krippe, nahm das Baby und hüllte es in eine Decke. »Du glaubst doch nicht, daß ich meine Tochter hierlasse«, erwiderte sie. Es klapperte aus der Richtung von Hilbert Himmelwärts. Er hatte bereits beide Arme voll und ein großes Plüschkaninchen im Mund. »Brauchen wir all das?« fragte Agnes. »Man kann nie wissen«, sagte Magrat. »Auch die Schachtel mit dem Spielzeug?«, »Verence glaubt, unser Kind könnte ein Frühentwickler sein«, meinte Magrat. »Es ist zwei Wochen alt!« »Ja, aber Stimuli in einem frühen Alter sind sehr wichtig für die Ent- wicklung des wachsenden Gehirns«, sagte Magrat, legte die kleine Esme auf den Tisch und schob sie vorsichtig in einen Spielanzug hinein. »Au- ßerdem müssen wir uns so bald wie möglich um ihre Hand-Augen- Koordination kümmern. Es darf nichts vernachlässigt werden. Oh, ja… Die kleine Rutsche muß ebenfalls mit. Und die gelbe Gummiente. Und der Schwamm in Gestalt eines Teddybärs. Und der Teddybär in Gestalt eines Schwamms.« Es polterte irgendwo in dem Haufen, der Himmelwärts umgab. »Warum ist Omas Schachtel so wichtig?« fragte Agnes. »Sie ist nicht in dem Sinne wichtig«, entgegnete Magrat und blickte über die Schulter. »Oh, und nimm auch die Flickenpuppe, in Ordnung? Ich glaube, daran hat sie inzwischen Gefallen gefunden. Oh… der rote Beu- tel enthält die Medizin, danke… Äh… was hast du gefragt?« »Omas Schachtel«, sagte Agnes nur. »Oh, ihr liegt viel daran.« »Ist sie magischer Natur?« »Was? Oh, nein. Nicht daß ich wüßte. Aber alles darin gehört Oma, verstehst du? Ihr, nicht der Hütte.« Magrat hob ihre Tochter hoch. »Bist du ein braves Mädchen? Und ob du das bist!« Sie sah sich um. »Haben wir irgend etwas vergessen?« Himmelwärts spuckte das Plüschkaninchen aus. »Vielleicht die Zim- merdecke.« »Gehen wir.« Elstern flatterten in Schwärmen um den Schloßturm. Die meisten Els- tern-Verse reichen nicht weiter als bis zehn oder zwölf, aber hier ver- sammelten sich Hunderte von Vögeln, genug für jede Art von Prophe- zeiung. Es gibt viele Reime über Elstern, aber sie sind nicht sehr zuver- lässig, da sie den Elstern selbst weitgehend unbekannt bleiben., Der Graf saß unten im Dunkeln und lauschte den Gedanken der schwarzweißen Geschöpfe. Bilder zogen an seinem inneren Auge vorbei. Auf diese Weise kontrollierte man ein Land, überlegte er. Die Gedanken von Menschen waren weitaus schwerer zu erkennen – man mußte ganz nahe an sie heran, bis man die Worte sehen konnte, bevor sie den Weg zu Zunge und Lippen fanden. Aber die Vögel konnten jeden beliebigen Ort erreichen, jeden Bauern auf den Feldern sehen, jeden Jäger im Wald. Und sie waren auch gute Lauscher, wesentlich bessere als Fledermäuse oder Ratten. Auch in diesem Fall mußte die Tradition der Wirklichkeit weichen. Allerdings fehlte noch immer ein Hinweis auf Oma Wetterwachs. Viel- leicht steckte irgendein Trick dahinter. Nun, es spielte keine Rolle. Frü- her oder später würde sie kommen. Bestimmt versteckte sie sich nicht lange. Das war einfach nicht ihre Art. Wetterwachse standen immer auf und kämpften, selbst wenn sie wußten, daß sie keinen Sieg erringen konnten. Sie waren ja so berechenbar. Mehrere Vögel hatten eine geschäftige kleine Gestalt gesehen, die durchs Königreich stapfte, in Begleitung eines mit Falkner-Dingen bela- denen Esels. Der Graf hatte sich Festgreifaah angesehen und ein Be- wußtsein gefunden, in dem es nur Platz für Falken gab. Sofort verlor er das Interesse an ihm. Natürlich mußten er und seine dummen Vögel schließlich verschwinden, denn sie machten die Elstern nervös. Der Graf beschloß, mit den Wächtern darüber zu reden. »Oooaauoooow!« … doch eigentlich gab es keine Kombination von Vokalen, um die Laute zu beschreiben, die Nanny Ogg beim Anblick eines Babys von sich gab. Dazu gehörten auch Geräusche, die man eigentlich nur von Katzen erwartete. »Ist sie nicht herrlich?« gurrte Nanny. »Irgendwo habe ich bestimmt ein Bonbon…« »Sie nimmt noch keine feste Nahrung zu sich«, sagte Magrat. »Holt sie dich nachts noch immer aus dem Bett?« »Sie hält mich auch tagsüber auf den Beinen. Aber heute hat sie gut ge-, schlafen, dem Himmel sei Dank. Gib sie Himmelwärts, damit wir uns um diese Sache kümmern können.« Der junge Priester nahm das Baby nervös entgegen und hielt es wie manche Männer, die befürchteten, es könnte zerbrechen oder zumindest explodieren. »Na, na, na«, sagte er unsicher. »Nun… was ist mit Oma Wetterwachs?« fragte Magrat. Die beiden anderen Hexen erzählten es ihr und unterbrachen sich ge- genseitig an wichtigen Stellen. »Das knotige Gelände ganz oben am Wald?« fragte Magrat, als der Be- richt fast vollständig war. »Ja«, bestätigte Nanny. »Was hat es mit knotigem Gelände auf sich?« fragte Agnes. »In diesen Bergen gibt es viel Magie, klar?« sagte Nanny. »Und jeder weiß, daß Berge entstehen, wenn einzelne Landbrocken aneinandersto- ßen. Nun, wenn die Magie dabei gefangen wird, ist das Ergebnis ein Be- reich, in dem der Raum gewissermaßen… zermalmt ist, klar? Unter normalen Umständen wäre solches Land ziemlich groß, aber es ist so wie… wie die knorrige Stelle an einem alten Baum. Oder wie ein benutz- tes Taschentuch, zusammengeknüllt und damit klein, aber in Wirklich- keit doch recht groß.« »Aber ich bin dort oben gewesen. Da gibt es nur Moor, weiter nichts!« »Man muß die richtige Richtung kennen«, sagte Nanny. »Bei einem solchen Ort ist das Kristallsehen sehr schwierig. Alles wa- ckelt und verschiebt sich dauernd. Es ist so, als wollte man etwas beo- bachten, das sehr nah und gleichzeitig sehr weit entfernt ist. Dabei kommen selbst einer Kristallkugel die Tränen.« Sie zog die grüne Glaskugel etwas näher heran. »Na schön. Ihr beide schiebt, und ich steuere…« »Äh… wollt ihr jetzt von Magie Gebrauch machen?« fragte Hilbert Himmelwärts hinter den Hexen. »Wo liegt das Problem?« erwiderte Nanny. »Ich meine, bedeutet es, daß ihr…« Das Gesicht des Priesters verfärbte, sich. »… äh… eure Kleidung ablegt und herumtanzt und lüsterne und aufreizende Geschöpfe beschwört? Ich fürchte, ich müßte die Teilnahme an so etwas ablehnen. Das Buch Om verbietet ausdrücklich den Umgang mit falschen Beschwörern und betrügerischen Wahrsagern.« »Mit falschen Beschwörern würde ich mich ebenfalls nicht einlassen«, sagte Nanny. »Ihnen fallen dauernd die Bärte ab.« »Wir sind echt«, erklärte Magrat. »Und wir beschwören keine lüsternen und aufreizenden Geschöpfe«, beruhigte Agnes den Priester. »Es sei denn, uns steht der Sinn danach«, fügte Nanny Ogg etwas leiser hinzu. »Wenn das so ist…«, sagte Himmelwärts. »Na schön.« Als sie ihre Kraft freisetzten, hörte Agnes Perdita denken: Magrat gefällt mir nicht. Sie ist nicht mehr so wie früher. Natürlich ist sie das nicht. Sie ergreift die Initiative und zeigt überhaupt keine Anzeichen von Unsicherheit. Sie ist NICHT mehr feucht hinter den Ohren. Vermutlich liegt es daran, daß sie jetzt Mutter ist, dachte Agnes. Mütter haben gar keine Zeit, feucht hinter den Ohren zu sein. Sie selbst hielt nicht besonders viel von der Mutterschaft. Sie war na- türlich notwendig, kein Zweifel, aber man konnte sie wohl kaum als schwer bezeichnen. Selbst Katzen wurden damit fertig. Doch Frauen ver- hielten sich so, als hätten sie plötzlich eine Medaille bekommen, die ih- nen das Recht gab, überall herumzukommandieren. Nur weil sie ein Eti- kett mit der Aufschrift »Mutter« trugen, schienen alle anderen ein Etikett mit der Aufschrift »Kind« zu haben… Agnes zuckte in Gedanken mit den Schultern und konzentrierte sich auf die Glaskugel. Licht glühte in ihrem Innern und verblaßte wieder. Agnes’ Erfahrun- gen mit dem Kristallsehen waren beschränkt, aber sie konnte sich nicht an ein auf diese Weise pulsierendes Licht erinnern. Wenn ein Bild ent- stand und Einzelheiten zeigte, flackerte es, und dann wurde etwas ganz anderes sichtbar: ein wenig Heidekraut, ein Baum, wogende Wolken… Und dann erschien Oma Wetterwachs – und verschwand sofort wie- der. Nur für eine halbe Sekunde war ihr Abbild in der grünen Glaskugel, zu sehen, und dann folgte jene Art von Glühen, die verkündete: Das war’s, Leute; die Vorstellung ist beendet. »Sie lag auf dem Boden«, sagte Magrat. »Es war alles ganz ver- schwommen.« »Vermutlich befindet sie sich in einer der Höhlen«, erwiderte Nanny. »Sie meinte einmal, daß sie gelegentlich solch einen Ort aufsucht, um mit ihren Gedanken allein zu sein. Und habt ihr das kurze Zucken bemerkt? Sie versucht, uns von sich fernzuhalten.« »Die Höhlen dort oben sind eigentlich nur kleine Mulden im Fels«, sag- te Agnes. »Ja… und nein«, entgegnete Nanny. »Hat sie ein Schild in den Händen gehalten?« »Ihr Ich-binne-nich-tot-Schild?« fragte Magrat. »Nein, das hat sie in der Hütte zurückgelassen.« »Sie sucht ausgerechnet dann irgendeine Höhle auf, wenn wir sie drin- gend brauchen?« »Weiß sie, daß wir sie brauchen?« gab Agnes zu bedenken. »Weiß sie von den Vampiren?« »Wie wär’s, wenn wir sie das fragen?« schlug Magrat vor. »Wir können nicht den ganzen Weg fliegen.« Nanny kratzte sich am Kinn. »Über knotigem Gelände verhalten sich die Besen manchmal sehr seltsam.« »Dann gehen wir den Rest zu Fuß«, sagte Magrat. »Es dauert noch Stunden bis zum Sonnenuntergang.« »Du kommst doch nicht mit, oder?« fragte Agnes verblüfft. »Doch, natürlich.« »Aber was ist mit dem Baby?« »Meiner kleinen Tochter scheint es im Tragetuch zu gefallen«, sagte Magrat. »Sie hat es dort hübsch warm, und es ist schließlich nicht so, daß uns oben in den Bergen irgendwelche Ungeheuer erwarten. Ganz abge- sehen davon: Ich glaube, daß man die Mutterschaft mit einer beruflichen Laufbahn kombinieren kann.« »Ich dachte, du hättest die Hexerei aufgegeben«, warf Agnes ein., »Ja… nun… ja. Wir vergewissern uns, daß Oma wohlauf ist, bringen dann diese Angelegenheit in Ordnung… Und anschließend muß ich mich natürlich um andere Dinge kümmern…« »Aber es könnte gefährlich werden!« entfuhr es Agnes. »Glaubst du nicht, Nanny?« Nanny Ogg drehte ihren Stuhl und sah zu dem Baby. »Kutschi-kutschi?« sagte sie. Der kleine Kopf drehte sich, und Esme öffnete ihre blauen Augen. Nanny Ogg betrachtete das Kind nachdenklich. »Nimm das Baby mit«, sagte sie schließlich. »Ich habe unseren Jason überallhin mitgenommen, als er klein war. Babys sind gern bei ihrer Mut- ter.« Erneut sah sie auf das Kind hinab. »Ja«, fügte sie hinzu, »ich glaube, das ist eine verdammt gute Idee.« »Äh… ich fürchte, ich könnte euch kaum helfen«, sagte Himmelwärts. »Oh, für dich wäre es viel zu gefährlich«, sagte Nanny und winkte ab. »Aber natürlich werden euch meine Gebete begleiten.« »Wie schön.« Nanny schniefte. Nieselregen durchnäßte Festgreifaah, als er zum Schloß zurückstapfte. Die Feuchtigkeit war auch in die Pfeife geraten, und ihr Klang konnte jetzt nur besonders seltsame Wesen anlocken, die sich in irgendwelchen alten Flußmündungen herumtrieben. Oder vielleicht auch ein Schaf mit Mandelentzündung. Und dann hörte er das Schnattern der Elstern. Er band den Esel fest und trat auf eine Lichtung. Die Vögel kreischten in den Bäumen, ergriffen jedoch die Flucht, als sie König Henry auf sei- ner Sitzstange sahen. Vor einem moosbedeckten Felsen hockte… … eine kleine Elster. Sie wirkte zerzaust und falsch, als wäre sie von je- mandem zusammengesetzt worden, der ein solches Geschöpf gesehen hatte, ohne etwas von seiner Funktionsweise zu ahnen. Der kleine Vogel, bewegte sich, als er Festgreifaah sah, plusterte sein Gefieder auf… und eine kleinere Version von König Henry versuchte, die fransigen Flügel auszubreiten. Festgreifaah wich zurück. Der Adler mit der Haube bewegte sich auf seiner Sitzstange, wandte sich dem sonderbaren Vogel zu… … der sich in eine Taube verwandelte. Und dann in eine Drossel. In einen Zaunkönig… Festgreifaah ahnte plötzlich Unheil und hob die Hände vor die Augen. Doch er sah den Blitz durch die Haut der Finger, fühlte das plötzliche Donnern der Flamme und roch die angesengten Haare auf seinen Hand- rücken. Einige Grasbüschel schwelten am Rand des verbrannten Kreises auf dem Boden. Im Innern des Kreises lagen einige kleine Knochen und glühten rot, bevor sie zu Asche zerfielen. Graf Elstyr bewegte sich in der Dunkelheit seines Zimmers und öffnete die Augen. Seine Pupillen weiteten sich, um mehr Licht aufzunehmen. »Ich glaube, sie hat sich irgendwo versteckt«, sagte er. »Offenbar hat sie sich sehr damit beeilt«, erwiderte die Gräfin. »Ich dachte, sie sei sehr mächtig.« »Oh, das stimmt. Aber sie ist auch ein Mensch. Und sie wird alt. Mit dem Alter kommt Zweifel. Es ist so einfach. Allein in der einfachen Hüt- te, nur begleitet von Kerzenlicht, ohne Gesellschaft… Es ist ganz ein- fach, die vielen kleinen Risse zu erweitern, auf daß sich der Geist gegen sich selbst richtet. Wie bei einem Waldbrand, wenn der Wind umschlägt – plötzlich rast das Feuer den Häusern entgegen, von denen man glaub- te, sie könnten allem widerstehen.« »Eine gute Metapher.« »Danke.« »In Eskrau bist du sehr erfolgreich gewesen…« »Ein Modell für die Zukunft. Vampire und Menschen leben endlich in Harmonie miteinander. Es ist nicht nötig, daß Feindseligkeit zwischen uns herrscht – das habe ich oft betont.«, Die Gräfin ging zum Fenster und zog vorsichtig den Vorhang beiseite. Der Himmel war bedeckt, und graues Licht fiel herein. »Du brauchst nicht so vorsichtig zu sein«, sagte der Graf. Er trat hinter seine Gemahlin und zog den Vorhang ganz beiseite. Die Gräfin schau- derte und wandte das Gesicht ab. »Siehst du?« sagte Graf Elstyr fröhlich. »Es bleibt harmlos. Mit jedem Tag werden wir besser und besser. Wir helfen uns selbst. Mit positivem Denken. Indem wir üben und uns mit den Dingen vertraut machen. Knoblauch? Ein nützliches Gewürz. Zitronen? Man muß sich nur an ihren Geschmack gewöhnen. Gestern habe ich irgendwo eine Socke verloren, und es kümmert mich überhaupt nicht. Ich habe noch viele andere Socken. Und ich kann mir weitere besorgen, wenn ich will!« Das Lächeln wich von seinen Lippen, als er den Gesichtsausdruck der Gräfin sah. »Das Wort ›aber‹ liegt dir auf der Zungenspitze«, stellte er fest. »Ich wollte nur bemerken, daß es in Eskrau keine Hexen gab.« »Was dem Ort keineswegs schadet!« »Ja, aber…« »Da haben wir’s, meine Liebe. In unserem Vokabular gibt es keinen Platz für ›aber‹. Erstaunlicherweise hatte Verence recht. Es entsteht tat- sächlich eine neue Welt, und in ihr gibt es keinen Platz für die gräßlichen kleinen Gnome oder Hexen und Zentauren, und erst recht nicht für Feuervögel! Sollen sie verschwinden! In der neuen Welt können sie nicht überleben! Wir wollen den Fortschritt!« »Du hast den Phönix nur verwundet.« »Was meinen Standpunkt bestätigt. Er ließ sich von mir verwunden, was bedeutet, daß er bald aussterben wird. Nein, meine Liebe, wenn wir nicht zusammen mit der alten Welt untergehen wollen, müssen wir uns dem Neuen anpassen. Hexen? Ich fürchte, sie gehören bereits der Ver- gangenheit an.« Die Besen der Gegenwart landeten direkt über der Baumlinie am Rand des Moors. Wie Agnes gesagt hatte: Eigentlich war der Bereich kaum groß genug, um »Moor« genannt zu werden. Sie hörte sogar das Plät-, schern des Baches auf der anderen Seite. »Hier sieht nichts knotig aus«, meinte Agnes. Sie wußte, daß es eine dumme Bemerkung war, aber Magrats Gegenwart ging ihr auf die Ner- ven. Nanny sah zum Himmel hinauf. Die beiden anderen Hexen folgten ih- rem Blick. »Man muß zunächst ein Gefühl dafür bekommen und wissen, wonach man Ausschau halten muß«, sagte Nanny. »Nur vom Moor aus ist es zu erkennen.« Agnes beobachtete den bedeckten Himmel. »Ich glaube, ich sehe es«, sagte Magrat. Ich wette, sie kann überhaupt nichts erkennen, sagte Perdita. Mir fällt jedenfalls nichts auf. Und dann sah es Agnes. Es ließ sich tatsächlich kaum ausmachen, wie die Verbindungsstelle zwischen zwei Glasstücken, die außerdem ständig hin und her glitt. Sie wechselte immer dann die Position, wenn Agnes glaubte, sie endlich erkannt zu haben: eine gewisse… Inkonsistenz, die vage am Rand des Blickfelds flackerte. Nanny befeuchtete sich den Zeigefinger, hielt ihn hoch und deutete dann in eine bestimmte Richtung. »Dort entlang. Und schließt die Augen.« »Es gibt keinen Weg«, sagte Magrat. »Stimmt. Du nimmst meine Hand, und Agnes nimmt deine. Ich bin hier schon einige Male unterwegs gewesen. Es ist nicht allzu schwierig.« »Wie in einer Geschichte für Kinder«, kommentierte Agnes. »Ja«, erwiderte Nanny. »Hier geht’s wieder um die elementaren Dinge. Also los…« Agnes spürte, wie ihr Heidekraut über die Füße strich, als sie vortrat. Sie öffnete die Augen. Überall erstreckte sich das Moor, selbst hinter ihnen. Es war dunkler, und die Wolken wirkten schwerer. Der Wind wehte stärker, und die Wolken schienen weit entfernt zu sein. Wasser donnerte in der Ferne. »Wo sind wir jetzt?« fragte Magrat., »Noch immer am gleichen Ort«, antwortete Nanny. »Mein Vater sprach einmal davon, daß gejagtes Rotwild oder andere Tiere manchmal ins knotige Land flüchteten.« »Sie müssen ziemlich verzweifelt gewesen sein«, sagte Agnes. Das Hei- dekraut war hier viel düsterer und kratzte wie mit Dornen. »Alles sieht… scheußlich aus.« »Es kommt dabei auf die jeweilige Einstellung an.« Nanny stieß mit dem Fuß gegen etwas. Es war… Nun, es schien einmal ein Markierungsstein gewesen zu sein. Aber jetzt lag er auf der Seite, und Flechten hatten eine dicke Schicht auf ihm gebildet. »Der Wegweiser«, sagte Nanny. »Es ist schwer, das Moor wieder zu verlassen, wenn man nichts davon weiß. Nun, auf zu den Bergen. Ist Esme gut eingewickelt, Magrat? Die kleine Esme, meine ich.« »Sie schläft.« »Ja«, erwiderte Nanny – in einem sonderbaren Tonfall, wie Agnes fand. »Na gut. Gehen wir. Oh, ich dachte, wir könnten vielleicht das hier gebrauchen…« Sie kramte in den unergründlichen Tiefen eines Schlüpferbeins und holte zwei Socken hervor, die so dick waren, daß sie von ganz allein auf- recht standen. »Lancre-Wolle«, erklärte Nanny. »Unser Jason hat sie gestrickt, und ihr wißt ja, wie dick seine Finger sind. Damit könnte man durch eine Wand treten.« Das Heidekraut kratzte vergeblich über drahtartige Wolle, als die Frau- en durchs Moor eilten. Noch immer stand die Sonne am Himmel – als eine helle Stelle hinter den dichten Wolken –, doch Dunkelheit schien aus dem Boden zu kommen. Agnes…, erklang Perditas Stimme in der Abgeschiedenheit des geteilten Gehirns. Was ist? fragte Agnes. Nanny macht sich Sorgen über etwas, das mit dem Baby und Oma zu tun hat. Ist dir das aufgefallen?, Agnes dachte: Nanny sieht die kleine Esme immer wieder so an, als wollte sie sich über etwas klarwerden. Meinst du das? Ich glaube, es geht dabei ums Borgen… Vermutet sie, Oma benutzt das Baby, um uns zu beobachten? Ich weiß nicht. Aber irgend etwas geschieht… Das Donnern weiter vorn wurde lauter. »Da fließt ein kleiner Bach, nicht wahr?« fragte Agnes. »Ja«, entgegnete Nanny. »Wir sind gleich da.« Das Gelände neigte sich nach unten, und plötzlich starrten die Hexen in einen Abgrund, der den Blick nicht erwiderte. Er war gewaltig. Tief unten schäumte Wasser. Kalte, feuchte Luft wehte ihnen über die Ge- sichter. »Das kann doch nicht sein«, sagte Magrat. »Das ist weiter und tiefer als die Lancre-Schlucht!« Agnes blickte in den Dunst hinab. Der Bach ist nur etwa sechzig Zentimeter tief, sagte Perdita. Ich sehe jeden einzelnen Kieselstein. »Perdita glaubt, daß es sich um eine… optische Täuschung handelt«, sagte Agnes. »Vielleicht hat sie recht«, meinte Nanny. »Knotiges Land, versteht ihr? Innen größer als außen.« Magrat nahm einen Stein und warf ihn. Er stieß mehrmals gegen die Felswand, drehte sich um die eigene Achse und hinterließ nur ein stei- nernes Echo, als er in der Tiefe verschwand. Der Fluß befand sich viel zu weit unten, als daß sie sehen konnten, wie der Stein hineinplatschte. »Sehr realistisch, nicht wahr?« fragte Magrat besorgt. »Wir könnten die Brücke nehmen«, sagte Nanny und deutete in die entsprechende Richtung. Die Hexen sahen zur Brücke. Sie zeichnete sich durch eine negative Qualität aus. Mit anderen Worten: Wenn sie beschlossen, die Grenzen der Wahrscheinlichkeit auf die Probe zu stellen und den Abgrund zu überqueren, indem sie einfach durch leere Luft schritten, so mochten sie Erfolg damit haben – aufgrund günstiger Aufwinde, oder weil alle betei- ligten Luftmoleküle zur gleichen Zeit die gleiche verrückte Idee entwi-, ckelten. Doch über die Brücke zu gehen… Diese Vorstellung erschien sofort absurd. Ihr fehlte Mörtel. Die Säulen bestanden aus Felsen, die wie bei einer Bruchsteinmauer aufeinandergestapelt waren, und oben ruhten einige flache Steine auf ihnen. Das Resultat wäre selbst von Leuten, die so pri- mitiv waren, daß in ihrer Sprache das Wort »primitiv« fehlte, als primitiv bezeichnet worden. Das Gebilde knirschte unheilverkündend im Wind. Stein schabte auf Stein. »Das Ding flößt mir kein Vertrauen ein«, sagte Magrat. »Es könnte kei- nem Sturm standhalten.« »Es würde schon bei leichtem Wind auseinanderbrechen«, meinte Ag- nes. »Bestimmt ist es gar nicht real.« »Dann dürfte es tatsächlich recht schwierig sein, sie zu überqueren«, sagte Nanny. Es ist nur eine Steinplatte über einem Graben, beharrte Perdita. Ich könnte ein Rad darauf schlagen. Agnes blinzelte. »Oh, ich verstehe«, sagte sie. »Dies ist eine Art Test, nicht wahr? Das stimmt doch. Wir sind besorgt, und unsere Furcht verwandelt den Bach in eine tiefe Schlucht. Perdita ist immer zuversichtlich, und deshalb stellt der vermeintliche Abgrund für sie kein Hindernis dar…« »Ich könnte mir kaum ein größeres – beziehungsweise tieferes – Hin- dernis vorstellen«, betonte Magrat. »Und was die Brücke betrifft…« »Wir vergeuden Zeit.« Agnes trat über die Steinplatten der Brücke und verharrte auf halbem Wege zur anderen Seite. »Es wackelt ein bißchen, aber sonst ist es nicht weiter schlimm!« rief sie. »Man muß nur…« Die Platte unter ihr bewegte sich, und sie verlor das Gleichgewicht. Agnes streckte beide Arme, und reiner Zufall wollte es, daß ihre Hände die Kante der Steinplatte erreichten. Ihre Finger waren zwar recht kräf- tig, aber es baumelte ziemlich viel Agnes unter ihnen. Sie blickte nach unten. Eigentlich wollte sie nicht hinabsehen, aber die- se Richtung beanspruchte einen großen Teil der Welt. Das Wasser befindet sich etwa dreißig Zentimeter unter dir, sagte Perdita. Das, stimmt wirklich. Du brauchst dich nur fallen zu lassen, und damit kennst du dich doch aus… Agnes senkte erneut den Blick. Die Schlucht war so tief, daß man das Platschen, mit dem sie im Fluß verschwinden würde, vermutlich gar nicht hörte. Sie sah nicht nur tief aus, sie fühlte sich auch tief an. Um Ag- nes herum stieg feuchte Luft auf, und die Leere unter ihr schien an ihren Füßen zu zerren. »Magrat hat einen Stein nach unten geworfen!« brachte Agnes hervor. Ja, und ich habe gesehen, wie er einige Zoll weit gefallen ist. »Ich liege auf dem Bauch, und Magrat hält mich an den Beinen fest«, sagte Nanny Ogg im Plauderton direkt über ihr. »Ich greife nach deinen Handgelenken, ja, und wenn du ein wenig zur Seite schwingst, solltest du mit einem Fuß die Steinsäule dort drüben erreichen können, und dann ist alles klar wie Kloßbrühe.« »Du brauchst nicht mit mir zu reden, als wäre ich eine in Panik erstarr- te Närrin!« zischte Agnes. »Ich wollte nur freundlich sein.« »Ich kann die Hände nicht bewegen!« »Doch, du kannst. Sieh nur, ich habe deinen rechten Arm erreicht.« »Ich kann die Hände nicht bewegen!« »Überstürze nichts, wir haben den ganzen Tag Zeit«, sagte Nanny. »Wann immer du soweit bist.« Agnes hing noch etwas länger an der Steinplatte. Inzwischen konnte sie ihre Hände nicht einmal mehr fühlen. Was vermutlich bedeutete, daß sie es gar nicht merken würde, wenn ihre Finger den Halt verloren. Die Steine knirschten. »Äh… Nanny?« »Ja?« »Könntest du noch einmal so mit mir reden, als wäre ich eine in Panik erstarrte Närrin?« »Kein Problem.« »Äh… warum eigentlich ›klar wie Kloßbrühe‹? Ich meine, ich kenne da, eine Kloßbrühe, die ganz und gar nicht klar ist…« »Interessante Frage. Ich…« »Und sprich bitte etwas lauter. Perdita ruft immer wieder, ich brauchte mich nur einen halben Meter fallen zu lassen und würde im Bach ste- hen!« »Glaubst du, daß sie recht hat?« »Nicht, was den halben Meter angeht!« Es knarrte und knackte in der Brücke. »Nun, ob halber Meter oder nicht – du würdest auf jeden Fall im Was- ser enden«, sagte Nanny. »Machst du irgendwelche Fortschritte? Ich kann dich leider nicht hochziehen, und außerdem werden meine Arme allmählich taub.« »Ich kann die Säule nicht erreichen!« »Dann laß los«, erklang Magrats Stimme irgendwo hinter Nanny. »Magrat!« sagte Nanny Ogg scharf. »Nun, vielleicht ist die Schlucht für Perdita tatsächlich nur ein kleiner Bach. Knotiges Gelände kann zwei Dinge zugleich sein, nicht wahr? Und wenn sie es auf diese Weise wahrnimmt… Kannst du es nicht ihr über- lassen? Soll sie damit fertigwerden. Gib ihr die Kontrolle.« »Sie übernimmt nur dann die Kontrolle, wenn ich wirklich starken Be- lastungen ausgesetzt bin! Sei still!« »Ich wollte nur…« »Ich meine nicht dich, sondern sie! O nein…« Die linke Hand, weiß und fast gefühllos, löste sich vom Stein und aus Nannys Griff. »Laßt das nicht zu!« kreischte Agnes. »Ich falle Dutzende von Metern tief auf spitze Felsen!« »Ja, aber da dir das ohnehin bevorsteht, könnte es doch einen Versuch wert sein«, erwiderte Nanny. »An deiner Stelle würde ich die Augen schließen…« Die rechte Hand löste sich ebenfalls vom Stein. Agnes schloß die Augen. Sie fiel., Perdita öffnete die Augen. Sie stand im Bach. »Verdammt!« Agnes hätte nie »verdammt« gesagt, und gerade deshalb nutzte Perdita jede Gelegenheit dazu. Sie griff nach der Steinplatte direkt über ihr und zog sich hoch. Dann bemerkte sie Nanny Oggs Gesichtsausdruck, veränderte die Position der Hände und schwang die Beine nach oben. Die dumme Agnes hat nie begriffen, wie kräftig sie ist, dachte Perdita. So viele Muskeln, und sie fürchtet sich davor, sie zu gebrauchen… Sie streckte sich ein wenig, bis ihre Zehen zum Himmel zeigten und sie einen Handstand direkt am Rand der Steinplatte machte. Der Umstand, daß ihr Rock nach unten sank, störte den Effekt ein wenig. »Du hast noch immer den Riß im Schlüpfer«, sagte Nanny scharf. Von einem Augenblick zum anderen stand Perdita. Magrat hatte die Augen zusammengekniffen. »Hat sie tatsächlich einen Handstand an der Kante gemacht?« »Ja«, bestätigte Nanny. »Und nun, A… Perdita, hör mit der Angeberei auf, wir haben bereits zuviel Zeit vergeudet. Gib Agnes den Körper zu- rück, du weißt ja, daß er ihr gehört.« Perdita schlug ein Rad. »Er ist an sie verschwendet. Und du solltest mal sehen, was sie ißt! Und weißt du eigentlich, daß sie noch immer zwei Regale voller Plüschtiere hat? Und Puppen? Und dann fragt sie sich, warum sie nicht mit Jungen zurechtkommt!« »Ein starrender Teddybär kann einen jungen Mann tatsächlich aus dem Konzept bringen«, sagte Nanny Ogg. »Erinnerst du dich an die alte Frau Ärmel, Magrat? Zwei von uns mußten ihr beispringen, wenn sie einen ihrer komischen Anfälle hatte.« »Was hat das mit Spielzeug zu tun?« fragte Perdita argwöhnisch. »Und was… Oh, ja«, sagte Magrat. »Und dann der alte Glöckner in Ohulan«, fuhr Nanny fort und ging voran. »Hatte nicht weniger als sieben Persönlichkeiten in seinem Kopf. Drei von ihnen waren Frauen, die anderen Männer. Armer Kerl. Er nannte sich selbst das fünfte Rad am Wagen. Er meinte, die anderen überließen ihm die Arbeit, das Atmen und Essen, während sie den gan-, zen Spaß hatten. Weißt du noch? Er meinte, es sei gräßlich, wenn er sich einen guten Tropfen genehmigte – was alle anderen dazu veranlaßte, um einen Platz bei den Geschmacksknospen zu kämpfen. Manchmal herrschte hinter seiner Stirn ein solcher Lärm, daß er sich gar nicht mehr denken hörte… Jetzt!« Agnes öffnete die Augen. Ihr Kinn schmerzte. Nanny Ogg musterte sie mißtrauisch, während sie sich das Gefühl in die rechte Hand zurückrieb. Aus einer Entfernung von wenigen Zenti- metern betrachtet, wirkte ihr Gesicht wie ein Stapel älterer Wäsche. »Ja, das ist Agnes«, stellte sie fest und richtete sich auf. »Bei der ande- ren werden die Züge ein wenig schärfer. Na bitte! Ich habe ja gesagt, daß sie zu sich kommen würde. Weil sie mehr Übung hat.« Magrat ließ ihre Arme los. Agnes rieb sich das Kinn. »Das tat weh«, sagte sie vorwurfsvoll. »Es war trotzdem gut gemeint«, erwiderte Nanny. »Unter den gegen- wärtigen Umständen können wir nicht zulassen, daß Perdita freie Bahn hat.« »Du hast nach der Brücke gegriffen und dich einfach so hochgezogen«, sagte Magrat. »Ich habe gespürt, wie sie auf festem Boden stand!« entgegnete Agnes. »Nun, das liegt hinter uns«, sagte Nanny. »Kommt. Es ist jetzt nicht mehr weit. Hoffe ich. Und ich schlage vor, wir lassen es ruhiger angehen. Manche von uns könnten tiefer fallen als andere.« Ganz vorsichtig gingen sie weiter, während zwischen Agnes’ Schläfen eine beharrliche Stimme darauf hinwies, daß sie ein dummer Feigling war und natürlich nicht verletzt werden konnte. Sie versuchte, nicht darauf zu achten. Agnes erinnerte sich an Höhlen, die eigentlich nur aus Felsüberhängen bestanden. Dies waren Höhlen. Der Unterschied bestand vor allem aus felsiger und poetischer Größe. In diesem Fall mangelt es ihnen weder an dem einen noch an dem anderen. »Knotiges Land ist wie ein Eisberg«, erklärte Nanny und führte ihre beiden Begleiterinnen durch eine Rinne zur größten Höhle., »Neun Zehntel liegen unter Wasser?« fragte Agnes. Ihr Kinn schmerzte noch immer. »Es steckt mehr dahinter, als man auf den ersten Blick erkennt.« »Dort sitzt jemand!« entfuhr es Magrat. »Oh, das ist die Hexe«, meinte Nanny. »Sie stellt kein Problem dar.« Das Licht vom Zugang der Höhle fiel auf eine vornübergeneigte Ges- talt, die an einigen Pfützen saß. Aus der Nähe betrachtet, erkannten sie eine Statue, die nicht einmal so menschenähnlich war, wie es zunächst den Eindruck gemacht hatte. Feuchtigkeit glänzte an ihr. An der langen, krummen Nase formten sich Tropfen und fielen mit einem gelegentli- chen Pling in einen kleinen Teich. »Als Mädchen bin ich mal mit einem jungen Zauberer hier oben gewe- sen«, sagte Nanny. »Seine Lieblingsbeschäftigung bestand darin, mit ei- nem kleinen Hammer auf Felsen einzuschlagen. Allerdings gab es da eine Sache, mit der er sich noch lieber beschäftigte«, fügte Nanny mit einem Lächeln hinzu, das der Vergangenheit galt. Dann seufzte sie. »Er meinte, die Hexe sei nur eine Ansammlung von irgendwelchem Zeug aus den Felsen, von tropfendem Wasser zurückgelassen. Aber meine Oma er- zählte mir, hier hätte eine Hexe Platz genommen, um über irgendeinen wichtigen Zauberspruch nachzudenken, und sie hat sich in Stein ver- wandelt.« »Es ist ein weiter Weg für einen Ausflug«, sagte Agnes. »Oh, zu Hause hatten wir viele Kinder, und es regnete oft, und für ge- naue geologische Untersuchungen mußte man ungestört sein«, sagte Nanny. »Vielleicht liegt sein Hammer hier noch irgendwo. Nach einer Weile vergaß er ihn völlig. Paßt auf, das Felsgestein ist glitschig. Was macht die kleine Esme, Magrat?« »Oh, sie gluckst munter vor sich hin. Ich muß sie bald füttern.« »Wir sollten auf sie achtgeben«, sagte Nanny. »Ja, natürlich.« Nanny faltete kurz die Hände und zog sie dann langsam wieder ausein- ander. Das Glühen zwischen ihnen konnte sich nicht mit dem hellen Glanz von Zauberern messen, kam eher einem matten Friedhofsleuch- ten gleich. Es genügte jedoch, um zu verhindern, daß jemand in ein Loch, fiel. »An einem solchen Ort könnte man auf Zwerge stoßen«, sagte Magrat, als sie durch einen Tunnel schritten. »Das glaube ich nicht. Zwerge mögen keine Orte, die sich dauernd ver- ändern. Heutzutage kommen nur noch Tiere hierher – und Oma Wet- terwachs, wenn sie mit ihren Gedanken allein sein will.« »Und du, um geologische Untersuchungen durchzuführen«, sagte Magrat. »Ha! Damals sah’s hier anders aus. Blumen wuchsen im Moor, und die Brücke bestand aus Trittsteinen. Weil ich verliebt war.« »Du meinst, das hiesige Gelände paßt sich Empfindungen an?« fragte Agnes. »Ja. Es ist wirklich erstaunlich, wie hoch und wacklig die Brücke sein kann, wenn man schlechte Laune hat. Ich weiß das aus eigener Erfah- rung.« »Wie hoch sie wohl für Oma gewesen sein mag?« »Wahrscheinlich erstreckte sie sich bis über die Wolken, Mädchen.« Nanny blieb an einer Gabelung des Weges stehen und deutete in eine Richtung. »Ich schätze, sie ist dorthin gegangen. Wartet mal…« Sie streckte den einen Arm aus. Es knirschte, ein Teil der Decke löste sich und krachte direkt vor ihr auf den Boden. Wasser spritzte, und Steinsplitter stoben davon. »Jetzt brauchen wir nur über diesen Schutt hier zu klettern«, fügte Nanny hinzu, als wäre überhaupt nichts geschehen. »Etwas versucht, uns fernzuhalten«, sagte Agnes. »Aber es wird damit keinen Erfolg haben«, erwiderte Nanny. »Außer- dem glaube ich, daß uns kein Leid geschieht.« »Das war ein ziemlich großer Felsbrocken!« gab Agnes zu bedenken. »Ja, aber er hat uns nicht getroffen, oder?« Weiter vorn stießen sie auf einen unterirdischen Fluß. Das Wasser schäumte weiß und strömte so schnell dahin, daß sie kaum Einzelheiten, erkennen konnten. Wellen türmten sich an einem natürlichen Damm aus Treibholz auf und gischteten fast darüber hinweg. Ganz oben auf dem Damm lag ein langer, einladend aussehender Baumstamm. »Das ist viel zu gefährlich für die kleine Esme!« platzte es aus Agnes heraus. »Daran dürfte wohl kaum ein Zweifel bestehen. Du bist ihre Mutter, Magrat!« »Ja, ich weiß, ich war bei der Geburt zugegen«, erwiderte Magrat mit einer Ruhe, die einen zur Raserei bringen konnte. »Aber dies fühlt sich nicht gefährlich an. Oma ist irgendwo in der Nähe.« »Ja«, sagte Nanny. »Ich glaube, wir sind ihr jetzt ganz nahe.« »Aber sie kann doch keine Flüsse und Felsen kontrollieren…«, begann Agnes. »Hier? Ich weiß nicht. Dies ist ein sehr… reaktiver Ort.« Sie schoben sich langsam über den Baumstamm, und das Baby wurde weitergereicht. Agnes lehnte sich an die Steinwand. »Wie weit ist es noch?« »Nun, eigentlich sind’s nur noch ein paar Zentimeter«, meinte Nanny. »Diese Antwort ist dir bestimmt ein Trost.« »Bilde ich es mir nur ein, oder wird es tatsächlich wärmer?« fragte Magrat. »O nein.« Agnes deutete nach vorn. »Ich glaube es nicht.« Am Ende eines Hangs öffnete sich ein Spalt in der Felswand. Rotes Licht glühte daraus hervor. Eine Flamme züngelte bis zur Decke empor. »Oh, meine Güte«, sagte Nanny, die gerade das Baby entgegengenom- men hatte. »Und es sind überhaupt keine Vulkane in der Nähe. Was denkt sie sich nur dabei?« Zielstrebig schritt sie dem Feuer entgegen. »Vorsicht!« rief Agnes. »Perdita meint, es sei echt!« »Und wenn schon.« Nanny blieb nicht stehen und trat direkt ins Feuer. Die Flammen verschwanden abrupt. Die beiden anderen Hexen standen im feuchten, kalten Halbdunkel. Magrat schauderte. »Nanny, du trägst das Baby.« »Hier kann man nur durch das zu Schaden kommen, was man mit-, bringt«, sagte Nanny. »Und es sind Omas Gedanken, die diesem Ort Form geben. Sie würde auf keinen Fall zulassen, daß einem Kind etwas zustößt. Nein, zu so etwas wäre sie nicht fähig.« »Dieser Ort reagiert auf ihre Gedanken?« fragte Agnes. »Ja.« Nanny Ogg setzte sich wieder in Bewegung. »Ich verabscheue es, in ihrem Kopf zu sein!« »Wir sind fast da«, sagte Nanny. »Kommt. Wir haben das Feuer über- wunden, und mit mehr rechne ich nicht.« Sie fanden Oma in einer Höhle. Der Boden bestand aus Sand, und dar- in zeigte sich nur eine Fußspur. Ihren Hut hatte sie säuberlich beiseite gelegt, und ein Beutel diente ihr als Kopfkissen. In den steifen Händen hielt Oma ein Schild. Die Aufschrift lautete: GEHET WEG. »Das ist nicht sehr hilfreich«, meinte Magrat und nahm mit dem Baby auf ihrem Schoß Platz. »Nach all den Mühen…« »Können wir sie nicht wecken?« fragte Agnes. »Das wäre gefährlich«, erwiderte Nanny Ogg. »Sie zurückholen, ob- wohl sie vielleicht nicht dafür bereit ist… Eine problematische Angele- genheit.« »Und wenn wir sie auf dem Rückweg mitnehmen?« »Nun, sie läßt sich nur schwer durch Kurven bugsieren, aber wir könn- ten sie als Brücke benutzen«, meinte Nanny. »Nein, sie ist aus einem bestimmten Grund hierhergekommen.« Sie zog den Beutel unter Omas Kopf hervor, der sich nicht bewegte, und öffnete ihn. »Ein verschrumpelter Apfel, eine Flasche mit Wasser und ein Käse- brot, an dem man ein Hufeisen verbiegen könnte«, sagte sie. »Und ihre Schachtel.« Sie stellte sie auf den Boden. »Was ist da drin?« fragte Agnes. »Oh, Andenken. Memoraribililien, wie ich schon sagte. Sie meinte im- mer, daß sie darin Gegenstände aufbewahrt, die sie nicht mehr braucht.«, Nanny trommelte mit den Fingern auf die Schachtel, als spielte sie in Gedanken Klavier. Dann griff sie danach. »Darfst du das tun?« fragte Agnes. »Nein«, antwortete Nanny. Sie öffnete die Schachtel, entnahm ihr ein Bündel Papier, das von einem Band umschlungen war, und legte es bei- seite. Licht schimmerte aus der Schachtel. Nanny griff erneut hinein, holte ein mit einem Korken verschlossenes Medizinfläschchen hervor und hielt es hoch. Im Halbdunkel der Höhle war das Glühen darin deutlich zu erkennen. »Das Fläschchen habe ich schon einmal gesehen«, sagte Nanny. »Sie stopfte immer wieder das eine oder andere hinein. Aber dieses Glühen sehe ich jetzt zum erstenmal.« Agnes nahm das Fläschchen entgegen und sah in seinem Innern ein Stück Farnkraut oder… Nein, es war eine Feder, fast ganz schwarz, bis auf die gelbe Spitze, so hell wie eine Kerzenflamme. »Weißt du, was das ist?« »Nein. Oma findet dauernd irgendwelchen Kram. Wie dem auch sei: Das Fläschchen hat sie schon lange, denn ich hab’s einmal da drin gese- hen…« »Ich habe gefehen, wie fie…« Magrat nahm eine Sicherheitsnadel aus dem Mund. »Ich habe gesehen, wie sie das Ding vor einigen Jahren ge- funden hat«, versuchte sie es erneut. »Es war etwa um diese Jahreszeit. Wir wanderten im Wald und sahen eine Sternschnuppe, und ein Licht löste sich davon und fiel zu Boden. Wir suchten und entdeckten das dort. Es sah nach einer Flamme aus, aber Oma konnte es aufheben.« »Klingt ganz nach der Feder eines Feuervogels«, sagte Nanny. »Es gibt Geschichten über sie. Angeblich fliegen sie gelegentlich über Lancre hinweg. Aber wenn man ihre Federn berührt, sollte man verdammt auf der Hut sein, denn es heißt, daß sie in der Gegenwart des Bösen bren- nen…« »Feuervogel?« wiederholte Agnes. »Meinst du einen Phönix? Festgrei- faah sucht einen.« »Ich habe schon seit vielen Jahren keinen mehr gesehen«, sagte Nanny., »Als ich ein Mädchen war, konnte man manchmal zwei oder drei beo- bachten, als dahinschwebende Lichter hoch am Himmel.« »Nein, nein, der Phönix… Es kann nur jeweils einen geben, darum geht es ja gerade«, meinte Agnes. »Ein Exemplar von einer Sorte hat überhaupt keinen Sinn«, erwiderte Nanny. Oma Wetterwachs schmatzte wie jemand, der aus sehr tiefem Schlaf erwacht. Ihre Lider zitterten. »Ah, ich wußte es«, freute sich Nanny. »Das Öffnen der Schachtel funktioniert.« Oma Wetterwachs schlug die Augen auf. Einige Sekunden starrte sie einfach nur nach oben, dann glitt ihr Blick zu Nanny Ogg. »W’s’r«, murmelte sie. Agnes reichte ihr rasch die Flasche mit dem Wasser. Sie berührte Omas Finger und stellte fest, daß sie eiskalt waren. Die alte Hexe trank einen Schluck. »Oh, ihr drei seid es«, flüsterte sie. »Warum seid ihr gekommen?« »Du hast uns dazu aufgefordert«, sagte Agnes. »So ein Unsinn!« schnappte Oma. »Habe ich euch vielleicht einen Zet- tel geschrieben oder so?« »Nein, aber die Sachen in der Hütte…« Agnes unterbrach sich. »Nun, wir dachten, du wolltest, daß wir zu dir kommen.« »Drei Hexen?« fragte Oma. »Nun, warum auch nicht? Die Jungfrau, die Mutter und die…« »Sei vorsichtig«, warnte Nanny Ogg. »… und die andere«, sagte Oma Wetterwachs. »Du kannst sie nennen, wie du willst. Es steht mir gewiß nicht zu, darüber irgendeine Meinung zu äußern. Bestimmt müßt ihr noch ein wenig tanzen und so, und des- halb wünsche ich euch einen guten Tag. Bitte gib mir mein Kissen zu- rück, herzlichen Dank.« »Weißt du, daß sich in Lancre Vampire herumtreiben?« fragte Nanny. »Ja. Sie wurden eingeladen.« »Und weißt du auch, daß sie das Königreich übernehmen?«, »Ja!« »Warum hast du dich dann hierher zurückgezogen?« fragte Agnes. Die Temperatur in einer tiefen Höhle sollte eigentlich konstant sein, aber in dieser schien es plötzlich spürbar kälter zu werden. »Ich kann gehen, wohin ich will«, erwiderte Oma. »Ja, aber du solltest…«, begann Agnes. Sie wünschte, daß sie das letzte Wort zurücknehmen könnte, aber es war bereits zu spät. »Ach, ich sollte? Wo steht geschrieben, daß ich sollte? Ich kann mich nicht daran erinnern, daß es für mich irgendwo sollte heißt. Weiß jemand von euch, wo es für mich sollte heißt? Es gibt viele Dinge, bei denen man das Wort sollte verwenden kann, aber ich gehöre nicht dazu.« »Weißt du, daß eine Elster deine Einladung gestohlen hat?« fragte Nanny. »Shawn hat sie dir gebracht, aber einer der diebischen Vögel sti- bitzte sie und legte sie in sein Nest.« Sie holte die zerknitterte und verschmierte Einladungskarte mit dem goldenen Rand hervor. In der folgenden Stille glaubte Agnes die Stalaktiten wachsen zu hören. »Ja, natürlich wußte ich das«, sagte Oma. »Es war mir sofort klar.« Doch sie hatte etwas zu lange gezögert, und die Stille war zu still gewe- sen. »Und weißt du auch, daß Verence die Namensgebung für seine kleine Esme von einem omnianischen Priester durchführen ließ?« Wieder folgte eine Stille, die um einen Sekundenbruchteil zu lange dau- erte. »Ihr wißt ja, daß ich immer sehr aufmerksam bin«, sagte Oma und blickte zu dem Baby, das auf Magrats Schoß saß. »Warum trägt sie einen spitzen Hut?« fragte sie. »Die kleine Kapuze hat Nanny gestrickt«, erklärte Magrat. »Sie soll so aussehen. Möchtest du sie halten?« »Sie scheint sich an ihrem gegenwärtigen Aufenthaltsort recht wohl zu fühlen«, erwiderte Oma zaghaft. Sie wußte nicht, daß das Baby nach ihr benannt ist! flüsterte Perdita. Ich hab’s dir ja gesagt! Nanny glaubt, Oma sei im Selbst des Babys gewesen – ihre forschenden, Blicke sprechen eine deutliche Sprache – aber wenn das der Fall gewesen wäre, müßte sie den Namen kennen, aber davon hatte sie bis eben keine Ahnung. Sie würde nichts tun, das dem Kind Schaden zufügen könnte… Oma schüttelte sich. »Wie dem auch sei… Wenn ein Problem entstan- den ist – es gibt drei Hexen, um es zu lösen. Nirgends steht geschrieben, daß eine der drei Oma Wetterwachs sein sollte.« Sie nickte Agnes zu. »Kümmert ihr euch darum. In diesem Teil der Welt bin ich schon viel zu lange Hexe gewesen. Es wird Zeit, weiterzuziehen und mich mit… ande- ren Dingen zu beschäftigen…« »Du willst dich hier oben verstecken?« fragte Magrat. »Ich habe keine Lust, mich dauernd zu wiederholen, Mädchen. Nie- mand sagt mir, was ich zu tun habe und was nicht. Ich weiß sehr wohl, was es mit dem sollte auf sich hat. Dein Mann hat Vampire eingeladen, nicht wahr? Er ist eben modern, stimmt’s? Es ist allgemein bekannt, daß ein Vampir nur dann Macht bekommt, wenn man ihn einlädt, und wenn die Einladung von einem König stammt, bohrt er die Zähne gleich ins ganze Land. Ich bin eine alte Frau, die im Wald lebt – und ich soll jetzt die Gefahr abwenden? Obwohl ihr zu dritt seid? Mein ganzes Leben bestand aus sollte, von kann bis kann nicht, und jetzt ist Schluß damit, und danke dafür, daß ihr meine Höhle jetzt verlaßt. Und das wär’s.« Nanny sah zu den beiden anderen Hexen und zuckte mit den Schul- tern. »Kommt«, sagte sie. »Wenn wir uns beeilen, können wir vor dem Ein- bruch der Dunkelheit bei den Besen sein.« »Ist das alles?« fragte Magrat. »Die Dinge finden irgendwann ein Ende«, entgegnete Oma. »Ich ruhe mich hier oben aus, und dann setze ich den Weg fort. Es gibt viele ande- re Orte.« Bring sie jetzt dazu, die Wahrheit zu sagen, zischte Perdita. Das sollte war schon schlimm genug, erwiderte Agnes. »Wir gehen also«, sagte Nanny. »Kommt.« »Aber…« »Ich will kein Aber hören«, erwiderte Nanny. »Wie Oma gesagt hätte.« »Stimmt.« Oma Wetterwachs streckte sich wieder auf dem Boden aus., Als sie fortgingen, begann Perdita damit, die Sekunden zu zählen. Magrat klopfte auf ihre Taschen. Nanny beklopfte ihre Schlüpferbeine. Magrat sagte: »Oh, ich glaube, ich habe…« »Na so was, ich hab meine Pfeife vergessen«, sagte Nanny so schnell, daß ihr Satz den anderen überholte. Fünf Sekunden, stellte Perdita fest. »Du hast sie doch gar nicht hervor- geholt«, meinte Agnes. Nanny bedachte sie mit einem durchdringenden Blick. »Tatsächlich nicht? Dann sollte ich besser in diese Höhle gehen und sie dort zurücklassen. Hast du auch etwas vergessen, Magrat? Keine Sorge, ich hole es dir, was auch immer es sein mag.« »Na!« sagte Magrat, als Nanny zurückeilte. »Oma hat bestimmt nicht die Wahrheit gesagt«, meinte Agnes. »Natürlich nicht«, bestätigte Magrat. »Sie sagt nie die Wahrheit und er- wartet von anderen Leuten, daß sie selbst dahinterkommen.« »Aber sie hat recht mit dem Hinweis, daß wir drei Hexen sind.« »Ja, aber ich hatte nicht vor, zur Hexerei zurückzukehren, immerhin warten andere Aufgaben auf mich. Ich dachte, wenn Esme größer ist, vielleicht ein wenig Teilzeit-Aromatherapie, aber keine Vollzeitbeschäfti- gung als Hexe. Diese Macht-der-Drei-Angelegenheit… Nun, sie ist recht altmodisch…« Und was haben wir jetzt? fragte Perdita. Die wissende, aber unerfahrene junge Frau, die abgespannte junge Mutter und die grauhaarige Alte… Klingt nicht unbe- dingt mythisch. Aber Magrat hat einfach ihr Baby genommen, als sie hörte, daß Oma in Schwierigkeiten ist, und sie nahm sich nicht einmal genug Zeit, ihrem Mann einen besorgten Gedanken zu widmen… »Moment mal…«, sagte Agnes. »Horch.« »Wonach soll ich horchen?« »Sperr einfach die Ohren auf. In diesen Höhlen werfen Geräusche E- chos…«, Nanny Ogg sank in den Sand und rutschte ein wenig hin und her, bis unter ihr eine einigermaßen bequeme Mulde entstanden war. Dann holte sie ihre Pfeife hervor. »So«, wandte sie sich an die liegende Gestalt. »Abgesehen von dem ganzen Kram – wie geht es dir?« Keine Antwort. »Heute morgen bin ich Frau Pattenbusch begegnet«, fuhr Nanny im Plauderton fort. »Ich meine die aus Schnitte. Sie kam zufällig vorbei. Frau Efeu erholt sich gut, meinte sie.« Sie blies eine Rauchwolke aus. »Ich habe ihr das eine oder andere erklärt«, fügte sie hinzu. Die liegende Gestalt schwieg weiter. »Mit der Namensgebung war soweit alles in Ordnung. Allerdings ist der Priester hinter den Ohren so feucht wie ein Omelett aus Schnee.« »Ich kann sie nicht schlagen, Gytha«, sagte Oma. »Ich kann sie nicht schlagen, und damit hat es sich.« Eins von Nanny Oggs verborgenen Talenten bestand darin, genau zu wissen, wann man besser auf eine Antwort verzichtete. Die von ihr aus- strahlende Stille schuf ein Loch im Gespräch, und meistens fühlten sich andere Personen verpflichtet, es zu füllen. »Ihr Selbst ist wie Stahl. Ich kann sie nicht berühren. Ich habe alles versucht, jeden Trick, den ich kenne! Sie haben nach mir gesucht, aber hier können sie nicht klar sehen. Der beste von ihnen hätte mich fast bei meiner Hütte erwischt. Bei meiner Hütte!« Nanny Ogg verstand das Entsetzen. Die Hütte einer Hexe war ihre Festung. »Ich habe so etwas noch nie zuvor gespürt, Gytha. Er hatte Hunderte von Jahren Zeit, gut zu werden. Hast du die Elstern bemerkt? Er benutzt sie als Augen. Und er ist schlau. Auf ein Knoblauchbrot oder etwas in der Art fällt er bestimmt nicht herein, das steht fest. Die Vampire in Lancre haben gelernt. So etwas ist zum erstenmal geschehen. Sie haben nirgends eine schwache Stelle, wo ich ansetzen könnte. Sie sind mächti- ger, stärker, denken schneller… Eine geistige Konfrontation mit ihnen ist ebenso sinnlos wie der Versuch, einen Sturm aufzuhalten, indem man, nach ihm spuckt.« »Was hast du vor?« »Nichts! Ich kann nichts unternehmen! Verstehst du denn nicht? Den ganzen Tag habe ich hier gelegen und versucht, mir etwas einfallen zu lassen. Sie kennen sich mit Magie aus. Borgen ist praktisch ihre zweite Natur. Sie sind schnell und halten uns für Vieh, das sprechen kann… Das habe ich nie erwartet, Gytha. Stundenlang habe ich nach einer Lö- sung gesucht – ohne eine zu finden.« »Es gibt immer einen Weg«, sagte Nanny. »Diesmal sehe ich keinen«, erwiderte Oma. »Das wär’s, Gytha. Ich kann hier genausogut liegenblieben und Wasser auf mich herabtropfen lassen, bis ich mich in Stein verwandle, wie die Hexe am Eingang.« »Du findest bestimmt einen Weg«, sagte Nanny. »Wetterwachse geben nie auf. Es liegt ihnen im Blut – das habe ich schon immer gesagt.« »Ich bin besiegt, Gytha. Noch bevor der Kampf begonnen hat. Viel- leicht kann jemand anders einen Weg finden, aber ich bin nicht dazu fähig. Ich sehe mich hier einem Geist gegenüber, der stärker ist als mei- ner. Ich kann ihn nur von mir fernhalten, aber nicht in ihn vorstoßen. Mit anderen Worten. Ich kann nicht gegen ihn kämpfen.« Nanny Ogg fröstelte, als sie begriff, daß Oma es tatsächlich ernst mein- te. »Ich hätte nie gedacht, so etwas von dir zu hören«, murmelte sie. »Geh jetzt. Setzt das Baby nicht länger der Kälte aus.« »Und was willst du jetzt tun?« »Vielleicht sollte ich den Weg fortsetzen. Oder ich bleibe einfach hier.« »Du kannst nicht für immer hierbleiben, Esme.« »Frag die Hexe am Eingang.« Und damit schien alles gesagt zu sein. Nanny kehrte zu den anderen zurück, die ein wenig verlegen in der nächsten Höhle warteten, und führ- te sie nach draußen an die frische Luft. »Hast du deine Pfeife wiedergefunden?« fragte Magrat. »Ja, danke.«, »Was hat sie vor?« erkundigte sich Agnes. »Solche Fragen erübrigen sich«, erwiderte Nanny. »Ich weiß, daß ihr gelauscht habt. Ihr wärt keine richtigen Hexen, wenn ihr nicht irgendwie gelauscht hättet.« »Nun, können wir etwas vollbringen, wozu Oma nicht imstande ist? Wenn sie geschlagen ist, so sind wir es ebenfalls, oder?« »Was meinte Oma mit ›von kann bis kann nicht‹?« fragte Magrat. »Oh, vom ersten Augenblick am Morgen, wenn man sehen kann, bis zum letzten Moment am Abend, wenn man nicht mehr sehen kann«, erklärte Nanny. »Sie ist wirklich sehr deprimiert, nicht wahr?« Nanny zögerte bei der steinernen Hexe. Ihre Pfeife war ausgegangen, und sie riß an der krummen Nase ein Streichholz an. »Wir sind zu dritt«, sagte sie. »Drei ist genau die richtige Zahl. Wir werden einen Hexensabbat abhalten…« »Bist du denn gar nicht besorgt?« fragte Agnes. »Oma… gibt auf…« »Dann ist es unsere Aufgabe weiterzumachen«, erwiderte Nanny. Nanny hatte den Kessel in der Mitte des Zimmers aufgestellt, damit alles richtig aussah, obwohl sich ein Hexensabbat im Innern eines Hauses keineswegs richtig anfühlte. Die Abwesenheit von Oma Wetterwachs machte alles noch schlimmer. Perdita fand, daß sie wie dumme Mädchen wirkten, die Hexen spielten. Das einzige Feuer im Zimmer brannte in dem nagelneuen großen schwarzen Eisenherd, den Nanny unlängst von ihren liebenden Söhnen geschenkt bekommen hatte. Darauf stand ein kleinerer Kessel, in dem es brodelte. »Ich koche Tee, in Ordnung?« Magrat stand auf. »Nein, setz dich«, sagte Nanny. »Es ist Agnes’ Aufgabe, den Tee zu ko- chen. Du bist die Mutter, und deshalb schenkst du den Tee ein.« »Und was machst du, Nanny?« fragte Agnes. »Ich trinke den Tee«, erwiderte Nanny Ogg sofort. »In Ordnung. Wir müssen mehr herausfinden, solange die Vampire noch einigermaßen, freundlich sind. Agnes, du kehrst mit Magrat und dem Baby zum Schloß zurück. Magrat braucht ohnehin ein wenig Hilfe.« »Aber welchen Sinn hat das?« »Du hast selbst darauf hingewiesen«, sagte Nanny. »Die Vampire kön- nen dich nicht beeinflussen. Sobald sie versuchen, Agnes’ Selbst zu se- hen, verschwindet es, und Perdita erscheint. Der junge Vlad hat ein Auge auf dich geworfen, nicht wahr?« »Natürlich nicht!« »O doch«, fuhr Nanny fort. »Männer mögen Frauen, die etwas Ge- heimnisvolles an sich haben. Sie lieben Herausforderungen. Und wäh- rend er dich beobachtet und du Magrat im Auge behältst, richtest du das andere Auge auf ihn, klar? Jeder hat eine schwache Stelle. Bei diesen Vampiren ist es vielleicht nicht ganz so einfach. Aber bestimmt gibt es eine Möglichkeit.« »Und wenn es keine gibt?« »Heirate ihn«, sagte Nanny mit fester Stimme. Magrat schnappte nach Luft. Die Teekanne klapperte in ihrer Hand. »Wie schrecklich!« platzte es aus ihr heraus. »Ich würde mich eher umbringen«, meinte Agnes. Am nächsten Morgen, sagte Perdita. »Es muß keine lange Ehe sein«, fügte Nanny hinzu. »Klemm dir einen spitzen Pflock hinters Strumpfband. Und dann ist der Bursche hinüber, noch bevor die Gäste mit dem Hochzeitskuchen fertig sind.« »Nanny!« »Oder du könntest dafür sorgen, daß er… sich ein wenig ändert«, sagte Nanny. »Es ist erstaunlich, was eine Ehefrau leisten kann, wenn sie ent- schlossen genug ist. Nimm nur König Verence den Ersten. Früher warf er bei den Mahlzeiten die Knochen einfach über die Schulter, und nach der Heirat sorgte die Königin dafür, daß er sie auf seinem Teller zur Seite legte. Ich war erst einen Monat mit dem ersten Mr. Ogg verheiratet, als er schon aus der Badewanne kletterte, wenn er pinkeln mußte. Einen Ehemann kann man erziehen. Vielleicht gelingt es dir, ihn in Richtung Blutwurst und leicht angebratene Steaks zu steuern.« »Du hast wirklich nicht die geringsten Skrupel, oder?« fragte Agnes., »Nein«, erwiderte Nanny schlicht. »Wir reden hier über Lancre. Wenn wir Männer wären, sprächen wir jetzt darüber, für das Heimatland zu fallen. Als Frauen brauchen wir nicht zu fallen, sondern uns nur hinzule- gen.« »Ich will nichts davon hören«, sagte Magrat. »Ich fordere sie nicht zu Dingen auf, zu denen ich nicht selbst bereit wäre«, stellt Nanny fest. »Tatsächlich? Und warum…« »Weil mich niemand will«, sagte Nanny. »Aber wenn ich fünfzig Jahre jünger wäre… dann könnte ich vermutlich dafür sorgen, daß Vlad bis zum nächsten Sommer in Steckrüben beißt.« »Du meinst, sie sollte von sexueller List Gebrauch machen, nur weil sie eine Frau ist?« fragte Magrat. »Das ist so… so… so typisch Nanny Ogg, kann ich dazu nur sagen.« »Sie soll jede List verwenden, die ihr zur Verfügung steht«, meinte Nanny. »Es ist mir gleich, was Oma gesagt hat – es gibt immer einen Weg. Wie bei dem Helden in Tsort, oder wo auch immer, der unbesieg- bar war und nur an der Ferse verwundet werden konnte, und jemand traf ihn dort mit dem Speer, und daraufhin starb er…« »Was erwartest du von ihr? Soll sie ihn überall stechen?« »Eigentlich habe ich diese Geschichte nie richtig verstanden«, sagte Nanny. »Ich meine, wenn ich wüßte, daß ich an der Ferse tödlich verletzt werden kann, würde ich besonders dicke Stiefel anziehen, bevor ich das Schlachtfeld betrete…« »Du weißt nicht, wie er ist«, sagte Agnes und ignorierte den kurzen thematischen Seitensprung. »Er sieht mich so an, als wollte er mich mit den Augen ausziehen.« »Mit den Augen ist es erlaubt«, warf Nanny ein. »Und er lacht die ganze Zeit über! Als wüßte er, daß ich ihn nicht mag – und es ihm dadurch noch mehr Spaß macht!« »Geht jetzt zum Schloß!« knurrte Nanny. »Für Lancre! Für den König! Für alle im Land! Und wenn er dir zuviel wird, überläßt du Perdita die Kontrolle. Ich schätze, mit einigen Dingen kommt sie besser zurecht!«, In der schockierten Stille klickte es leise bei Nannys Anrichte. Magrat hüstelte. »Wie in der guten alten Zeit. Es wird gestritten.« Nanny stand auf und nahm eine gußeiserne Bratpfanne vom Haken. »So kannst du die Leute nicht behandeln«, sagte Agnes verdrießlich. »Doch, ich kann«, widersprach Nanny, während sie auf Zehenspitzen zur Anrichte schlich. »Ich bin die andere, verstehst du?« Ziergegenstände flogen und zerbrachen, als sie mit der Pfanne zu- schlug. Die Unterseite wies dabei nach oben. »Hab ich dich, du kleiner blauer Teufel!« rief sie. »Glaubst du etwa, ich hätte dich nicht gesehen?« Etwas Rotes und Blaues sprang zu Boden und huschte in Richtung der geschlossenen Tür. Greebo schoß an Agnes vorbei und beschleunigte. Und dann, gerade als er springen wollte, überlegte er es sich anders. Er streckte alle vier Beine, und die Krallen bohrten sich tief in den Holzboden. Der Kater rollte, kam wieder auf die Pfoten – und begann sich zu putzen. Der rote und blaue Schemen erreichte die Tür, richtete sich dort auf und wurde zu einem fünfzehn Zentimeter großen blauen Mann mit ro- tem Haar. Er trug ein Schwert, das ebenso lang war wie er selbst groß. »Wag’s bloß nicht, mich noch einmal mit dem verdammten Ding zu schlagen, du alte Zicke!« »Ach, du bist’s«, sagte Nanny und entspannte sich. »Möchtest du was zu trinken?« Das Schwert senkte sich ein wenig, doch etwas kündigte an, daß es so- fort wieder nach oben kommen konnte. »Was sachste da?« Nanny griff in die Kiste neben ihrem Stuhl und suchte zwischen den Flaschen. »Wie wär’s mit Knieweich?« fragte sie. »Ein besonders guter Jahrgang.« In den Augen des kleinen Mannes blitzte es. »Vom letzten Dienstach?« »Ja. Agnes, öffne den Nähkasten da drüben und gib mir einen Finger- hut. Komm her, Mann.« Sie wandte sich sicherheitshalber vom Feuer ab,, bevor sie die Flasche öffnete und den Fingerhut füllte. »Meine Damen, das ist – zeig mal deine Tätowierungen – jemand aus dem Stamm, der sich Wir-sind-die-Größten nennt. Etwa einmal im Jahr kommen die klei- nen Mistkerle hierher und überfallen mein Haus. Ich glaube, ich erkenne die Tätowierungen wieder.« »Meine Güte, wurde auch Zeit, dasses was Flüssiges gibt, meine Kehle ist ganz ausgedörrt«, sagte der blaue Mann und nahm den Fingerhut ent- gegen. »Wer oder was ist das?« fragte Magrat. »Es sind Gnome«, antwortete Nanny. Der Mann ließ den Fingerhut sinken. »Kobolde!« »Na schön, Kobolde, wenn du darauf bestehst«, sagte Nanny. »Sie le- ben in den hohen Mooren, unweit von Überwald…« Der kleine Bursche stimmte ein seltsames Geheul an, in dem sich nur einzelne Silben identifizieren ließen. Nanny hörte genau hin und füllte den Fingerhut wieder auf. »Na schön«, sagte sie, als der Wicht endlich Ruhe gab. »Nun, er meint, die Wir-sind-die-Größten seien von den Vampiren vertrieben worden. Die ›Blutsauger‹, wie er sie nennt, vertreiben alle…« Nannys Lippen be- wegten sich, während sie verschiedene Übersetzungen ausprobierte. »… alten Leute…« »Das ist gemein!« empörte sich Magrat. »Nein, ich meine… die alten Völker. Geschöpfe, die in den… Ecken leben. Ihr wißt schon: Wesen, die man nicht oft sieht. Wie zum Beispiel Zentauren, Butzemänner, Gnome…« »Kobolde!« »Ja, meinetwegen… Sie werden aus Überwald vertrieben.« »Warum denn?« »Wahrscheinlich deshalb, weil sie nicht mehr in Mode sind oder so«, sagte Nanny. Agnes beobachtete den Kobold aufmerksam. Wenn die Skala des Ä- therischen von eins bis zehn reichte, so galt für dieses Geschöpf eine ganz andere Skala, die vermutlich irgendwo tief im Schlick des Meeres-, grunds steckte. Die blaue Farbe seiner Haut ging auf Tätowierungen und Farbe zurück. Das rote Haar stand nach allen Richtungen von seinem Kopf ab. Das einzige Zugeständnis an die recht niedrige Temperatur war ein ledernes Lendentuch. Der Wicht bemerkte den Blick. »Starr mich nicht so an, du starrender Fettkloß!« »Oh, entschuldige«, erwiderte Agnes verunsichert. »Sie drücken sich manchmal nicht besonders vornehm aus, die Bur- schen«, sagte Nanny. »Aber wenn man die Wir-sind-die-Größten auf seiner Seite hat, braucht man kaum etwas zu befürchten.« »Das Zeuch hier soll was taugen?« beschwerte sich die kleine Gestalt. »Is ja fast Limonade.« »Oh, ich verstehe, du möchtest was Starkes«, sagte Nanny. Sie hob das Sitzpolster eines Stuhls und holte eine schwarze Flasche hervor. Draht hielt den Korken fest. »Du willst ihm doch nicht das geben, oder?« fragte Magrat. »Das ist dein medizinischer Whisky.« »Und du betonst immer, er sei nur äußerlich anzuwenden«, sagte Ag- nes. »Oh, die Wir-sind-die-Größten können ziemlich viel vertragen.« Nanny reichte die Flasche dem kleinen Mann, der sie, zu Agnes’ großem Er- staunen, mühelos entgegennahm, obwohl sie größer war als er selbst. »Hier, mein Lieber. Gib den anderen etwas ab – ich weiß natürlich, daß du nicht allein bist.« Es klickte und klackte bei der Frisierkommode. Die Hexen sahen auf. Hunderte von Kobolden erschienen unter dem Zierrat. Die meisten von ihnen trugen Mützen, deren Spitzen sich in manchen Fällen so weit nach vorn neigten, daß sie praktisch nach unten zeigten. Alle waren mit Schwertern bewaffnet. »Erstaunlich, wie sie einfach so in den Vordergrund treten können«, sagte Nanny. »Sie können sich gut verbergen. Dadurch sind sie all die Jahre über sicher gewesen. Und natürlich deswegen, weil sie alle Leute umgebracht haben, die sie zu Gesicht bekamen.« Greebo zog sich mucksmäuschenstill unter Nannys Stuhl zurück., »Nun, die Herren sind also von den Vampiren vertrieben worden, wie?« fragte Nanny Ogg, als die Flasche durch die Menge weitergereicht wurde. Dutzende von Stimmen erklangen. »Verdammte Blutsauger!« »Hinterlistige Burschen!« »Auf sie drauf, jawoll!« »Ich schätze, ihr könnt in Lancre bleiben«, sagte Nanny laut genug, um das akustische Durcheinander zu übertönen. »Einen Augenblick, Nanny…«, begann Magrat. Die ältere Hexe winkte rasch ab. »Ich denke da an die Insel im See«, fuhr sie fort und hob die Stimme. »Dort nisten die Reiher. Genau der richtige Ort. Jede Menge Fische. Und im Tal kann man gut jagen.« Die blauen Kobolde drängten sich zusammen. Schließlich sah einer von ihnen auf. »Meinste das im Ernst?« fragte er. »Und wir ham dort unsere Ruhe?« »Oh, ihr wärt ganz euch selbst überlassen«, versprach Nanny. »Aber ihr dürft kein Vieh stehlen, in Ordnung?« »Sie stehlen Vieh?« fragte Agnes ungläubig. »Normal großes Vieh? Wie viele von ihnen sind dafür nötig?« »Vier.« »Vier?« »Einer unter jedem Huf«, erklärte Nanny. »Hab’s mit eigenen Augen gesehen. Da steht eine Kuh auf der Wiese und denkt an nichts Böses, und dann raschelt plötzlich das Gras, und jemand ruft ›Hopp, hopp, hopp!‹, und die Kuh saust an einem vorbei, ohne daß sich ihre Beine bewegen. Sie sind stärker als Küchenschaben, die Kobolde. Wenn man auf einen von ihnen tritt, sollte man Schuhe mit möglichst dicken Sohlen tragen.« »Du kannst ihnen nicht einfach so die Insel geben, Nanny!« wandte Magrat ein. »Sie gehört dir nicht!« »Sie gehört niemandem«, erwiderte Nanny., »Sie gehört dem König!« »Oh. Nun, sein Eigentum ist auch deins, nicht wahr? Gib ihnen die In- sel, und Verence kann dann später ein Stück Papier unterschreiben oder so. Es ist die Sache wert«, fügte Nanny hinzu. »Wenn wir uns darauf einigen, daß unser Vieh nicht gestohlen wird. Andernfalls kannst du bald beobachten, wie Kühe mit hoher Geschwindigkeit hin und her huschen, manchmal sogar rückwärts.« »Ohne daß sich ihre Beine bewegen?« fragte Agnes. »Ja!« »Nun…«, begann Magrat. »Außerdem sind sie nützlich«, sagte Nanny und senkte die Stimme. »Sie kämpfen am liebsten.« Einer der Kobolde rief etwas Unverständliches. »Ich meine, sie trinken am liebsten«, berichtigte sich Nanny. Es schnatterte erneut. »Sie trinken und kämpfen am liebsten«, übersetzte Nanny. »Und Muhbiester klauen!« rief ein Kobold. »Und Kühe stehlen«, sagte Nanny. »Am liebsten trinken, kämpfen und stehlen sie Kühe. Hör mal. Magrat, ich möchte sie lieber auf unserer Seite haben und nicht gegen uns. Es gibt ziemlich viele von den Bur- schen.« »Was können sie schon machen?« fragte Magrat. »Nun… Greebo hat Angst vor ihnen«, stellte Nanny fest. Greebo lag unterm Stuhl und beobachtete die Kobolde besorgt, das ei- ne Auge gelb, das andere perlweiß. Die Hexen waren beeindruckt. Ein- mal hatte Greebo sogar einen Elch besiegt. Er griff praktisch alles an, gelegentlich auch Architektur. »Man sollte meinen, daß es ihnen nicht weiter schwerfällt, mit Vampi- ren fertigzuwerden«, sagte Agnes. »Ach, wir können nicht flatter-flatter«, sagte ein kleiner blauer Mann. »Hältste uns vielleicht für Blumen der Waldfeen?« »Sie können nicht fliegen«, meinte Nanny schlicht., »Trotzdem, es ist eine hübsche Insel…«, murmelte Magrat. »Mädchen, dein Mann hat mit der Politik herumgepfuscht, und deshalb sind wir derzeit in Schwierigkeiten, und außerdem muß man geben, um zu bekommen. Jetzt ist dein werter Gemahl krank, und du bist die Köni- gin, und du kannst so entscheiden, wie du es für richtig hältst. Wenn du diese Situation mit anderen Worten beschreibst, ist das Ergebnis Politik.« »Nanny?« fragte Agnes. »Ja?« »Nimm’s mir nicht übel, aber könnte es sein, daß Oma Wetterwachs sich absichtlich so verhält? Ich meine, vielleicht hält sie sich zurück, da- mit wir drei einen Hexenzirkel bilden und zusammenarbeiten.« »Welchen Grund sollte sie dafür haben?« »Vielleicht möchte sie, daß wir zu Erkenntnissen gelangen, uns zu- sammenraufen und Erfahrungen sammeln«, spekulierte Magrat. Nanny zögerte mit der Pfeife auf halbem Weg zum Mund. »Nein«, sag- te sie. »Ich glaube nicht, daß Oma solche Gedanken durch den Kopf gehen, denn das ist sentimentaler Kram. Hier, ihr Burschen… Das ist der Schlüssel für den Getränkeschrank in der Speisekammer. Vergnügt euch, aber rührt das Zeug in den grünen Flaschen nicht an… Ach, ich schätze, ihr kommt auch damit zurecht.« Kleine blaue Gestalten bewegten sich schemenhaft, und dann war das Zimmer leer. »Wir haben etwas, das Oma nicht hat«, verkündete Nanny. »Was denn?« fragte Agnes. »Magrat hat das Baby. Ich habe keine Skrupel. Und wir beide haben dich.« »Was nützt uns das?« »Nun, zunächst einmal: Es stecken zwei Personen in dir…« Glas klirrte in der Speisekammer, und Stimmen erklangen: »Ha, das hab ich zuerst gesehen!« »Ich hab’s trotzdem vor dir entdeckt! Rübe ab!« »Ich hau euch alle um, wenn ihr den Weg zu den Flaschen noch länger versperrt!«, Wieder klirrte Glas. »Wir kehren alle ins Schloß zurück«, sagte Nanny. »Gemeinsam. Und dort zeigen wir’s dem Grafen. Und wir nehmen Knoblauch und Zitro- nen und das ganze andere Zeug mit. Und auch das Weihwasser von Hil- bert Himmelwärts. Alles zusammen muß funktionieren.« »Die lassen uns doch nicht einfach so eintreten«, erwiderte Agnes. »Sie werden sich um andere Dinge kümmern müssen«, sagte Nanny. »Wegen der wütenden Menge vor dem Tor. Wir nehmen den Hinterein- gang.« »Welche wütende Menge?« erkundigte sich Magrat. »Wir organisieren eine«, antwortete Nanny. »Man kann keine wütende Menge organisieren«, gab Agnes zu bedenken. »Eine wütende Menge findet sich spontan ein.« Es leuchtete in Nanny Oggs Augen. »Hier leben neunundsiebzig Oggs«, sagte sie. »Das ist Spontaneität ge- nug.« Sie betrachtete kurz den Wald aus vertrauten Bildern, zog dann einen Stiefel aus und klopfte damit gegen die Wand. Nach einigen Sekunden knallte eine Tür, und jemand stapfte am Fenster vorbei. Jason Ogg, Schmied und männliches Oberhaupt des Ogg-Clans, sah herein. »Ja, Mama?« »Vor dem Schloß wird sich spontan eine wütende Menge einfinden, und zwar in einer halben Stunde«, sagte Nanny. »Gib den anderen Be- scheid.« »Ja, Mama.« »Sag allen, daß sie nicht unbedingt dabeisein müssen«, fügte Nanny hinzu. Jason sah zur Ogg-Hierarchie. Weitere Erklärungen Nannys wa- ren nicht nötig. Jeder wußte, daß die Katzenkiste ab und zu eine neue Auskleidung benötigte. »Ja, Mama. Ich sage den anderen, daß sie nicht kommen müssen, wenn sie nicht wollen.« »Braver Junge.«, »Äh… sind diesmal brennende Fackeln dran, oder sollen wir Sensen und den anderen Kram mitbringen?« »Eine solche Entscheidung fällt immer schwer«, sagte Nanny. »Ich glaube, in diesem Fall sollte beides zum Einsatz kommen.« »Rammbock, Mama?« »Äh… nein, ich glaube nicht.« »Gut! Immerhin ist es meine Tür«, sagte Magrat. »Sollen die Leute irgend etwas Besonderes rufen, Mama?« »Oh, ich glaube, allgemeines Geschrei reicht aus.« »Und die zu werfenden Gegenstände?« »Nur Steine, bei dieser Gelegenheit«, sagte Nanny. »Aber keine großen!« warf Magrat ein. »Ein Teil des Mauerwerks beim Haupteingang ist alles andere als stabil.« »Na schön, nichts Härteres als Sandstein, in Ordnung? Und sag unse- rem Kev, er soll ein Faß von meinem Bier Nummer Drei zum Schloß rollen«, sagte Nanny. »Außerdem soll er eine Flasche Brandy hinein- schütten, damit alle vor der Kälte geschützt sind. Tja, es kann ganz schön kalt werden, wenn man vor einem Schloß singt und winkt. Und unser Nev soll zu Frau Kükenarm laufen und ihr einen Gruß von Frau Ogg ausrichten und sie um ein halbes Dutzend große Käse und zehn Dutzend Eier bitten, und frag Frau Fuhrmann, ob sie so nett ist und uns ein großes Glas mit den eingelegten Zwiebeln überläßt, die immer so gut schmecken. Leider haben wir keine Zeit, irgend etwas zu braten, aber ich schätze, solche Unannehmlichkeiten muß man eben in Kauf nehmen, wenn man spontan sein will.« Nanny Ogg zwinkerte Agnes zu. »Ja, Mama.« »Nanny?« fragte Magrat, als Jason forteilte. »Ja, meine Liebe?« »Vor einigen Monaten schlug Verence eine Besteuerung der für den Export bestimmten Spirituosen vor, woraufhin vor dem Schloß eine große Menge protestierte, und er meinte: ›Na schön, wenn das der Wille des Volkes ist…‹« »Nun, es war der Wille des Volkes«, sagte Nanny., »Oh. Gut.« »Manchmal vergißt das Volk, was sein Wille ist.«, meinte Nanny. »Nun, du kannst die kleine Esme nebenan bei Jasons Frau lassen…« »Ich nehme sie mit«, beharrte Magrat. »Sie fühlt sich wohl auf meinem Rücken.« »Das geht doch nicht!« wandte Agnes ein. »Wag es bloß nicht, mir irgendwelche Vorschriften zu machen, Agnes Nitt.« Magrat richtete sich auf. »Und auch von dir will ich keine Einwän- de hören, Nanny.« »Käme mir nie in den Sinn«, sagte Nanny. »Die Wir-sind-die-Größten nehmen ihre Babys immer mit in den Kampf. Sie benutzen sie manch- mal auch als Waffen.« Magrat entspannte sich ein wenig. »Heute morgen hat sie ihr erstes Wort gesagt«, verkündete sie voller Stolz. »Was, im Alter von nur vierzehn Tagen?« erwiderte Nanny skeptisch. »Ja. Es lautet ›Blup‹.« »Blup?« »Ja. Ich schätze, es war mehr ein… Blubbern als ein Wort.« »Laßt uns jetzt die nötigen Sachen holen«, sagte Nanny und stand auf. »Wir sind ein Hexenzirkel, verehrte Damen. Wir sind ein Trio. Ich ver- misse Oma Wetterwachs ebensosehr wie ihr, aber wir müssen uns den Dingen so stellen, wie sie es tun würde.« Sie holte mehrmals tief Luft. »Ich kann so etwas nicht zulassen.« »Bei Oma klingt es besser«, sagte Agnes. »Ich weiß.« Festgreifaah nahm seine Mahlzeit im Speisezimmer der Bediensteten ein, das an die Küche grenzte, und er aß allein. Fremde Personen befanden sich im Schloß, aber für gewöhnlich schenkte Festgreifaah Leuten, die nicht irgendwie mit der Falknerei in Verbindung standen, keine Beach- tung. Er wußte natürlich, daß sich noch andere Personen im Schloß auf- hielten, die irgendwelchen Aufgaben nachgingen, und ein besonders hartnäckiger Frager hätte von ihm vielleicht folgende Auskunft bekom-, men: Wenn er jede Woche seine schmutzige Wäsche in einem Beutel an die Küchentür hängte, bekam er sie zwei Tage später sauber und trocken zurück. Außerdem bereitete man das Essen für ihn zu, und jemand kümmerte sich um das Wildbret, das er auf der Platte in der langen Spei- sekammer zurückließ. Und so weiter. Er war gerade auf dem Weg zurück zum Vogelhort, als ihn ein Schat- ten in die Dunkelheit zog und ihm eine Hand auf den Mund preßte. »Mpf?« »Ich bin’s, Frau Ogg«, sagte Nanny. »Ist alles in Ordnung mit dir, Festgreifaah?« »Mpf.« Mit diesen drei Buchstaben brachte der Falkner zum Ausdruck, daß es ihm gutging, abgesehen von einem Daumen, der ihn am Atmen hinderte. »Wo sind die Vampire?« »Mpf?« Nanny ließ los. »Vampire?« schnaufte Festgreifaah. »Meinst du die Leute, die ganz langsam umhergehen?« »Nein, sie sind… die Nahrung«, sagte Nanny. »Hast du irgendwelche fein angezogenen Burschen gesehen? Oder Soldaten?« Etwas tiefer in den Schatten pochte es, und jemand sagte: »Mist. Ich habe den Beutel mit den Windeln fallen gelassen. Hast du gesehen, wo- hin er gerollt ist?« »Äh… es befinden sich fremde Männer und Frauen im Schloß«, sagte Festgreifaah. »Sie halten sich im Bereich der Küche auf. Außerdem sind Leute in Kettenhemden hier.« »Verdammt!« kommentierte Nanny. »Es gibt da eine kleine Tür unweit des Hauptflurs«, sagte Magrat. »Aber sie ist immer von innen verschlossen.« Agnes schluckte. »Na schön. Ich begebe mich in die Küche und schlie- ße auf.« Nanny berührte sie an der Schulter. »Wirst du wirklich damit fertig?« »Nun, die Vampire können mich nicht kontrollieren…«, »Aber sie können dich packen.« Vlad möchte sicher nicht, daß dir ein Leid geschieht, sagte Perdita. Du hast ja gemerkt, wie er uns angesehen hat… »Ich… ich glaube, ich habe nichts zu befürchten«, sagte Agnes. »Na schön, du kennst euch am besten«, entgegnete Nanny. »Hast du das Weihwasser?« »Hoffentlich funktioniert es besser als der Knoblauch«, meinte Agnes. »Viel Glück.« Nanny neigte den Kopf zur Seite. »Klingt ganz so, als versammelte sich eine wütende Menge spontan am Tor. Geh jetzt!« Agnes eilte durch den Regen fort und hastete um das Schloß herum zur weit offen stehenden Küchentür. Sie hatte es bis zum Flur hinter der Küche geschafft, als plötzlich eine Hand nach ihrer Schulter griff. Eine schemenhafte Bewegung folgte, und dann standen zwei junge Männer vor ihr. Sie waren ähnlich gekleidet wie die jungen Opernbesucher, die Agnes in Ankh-Morpork gesehen hatte. Allerdings hätten seriösere Operngän- ger vermutlich erwähnt, daß die Westen dieser beiden Jünglinge ein we- nig zu farbenfroh waren. Zudem trugen sie ihr Haar so lang wie ein Dichter, der hofft, daß romantisch wallende Locken die vergeblich ge- bliebene Suche nach einem Reim für »Narzisse« ausgleichen. »Warum hast du es so eilig, Mädchen?« fragte einer. Agnes seufzte. »Hört mal, ich hab’s sehr eilig«, erwiderte sie. »Können wir die Sache etwas schneller hinter uns bringen? Ich schlage vor, wir überspringen die spöttischen Bemerkungen in der Art von ›Ich mag leb- hafte beziehungsweise leidenschaftliche Frauen‹. Am besten kommen wir sofort zu der Stelle, an der ich mich aus eurem Griff löse und euch in die…« Einer der beiden jungen Männer schlug sie mitten ins Gesicht. »Nein«, sagte er. »Das sage ich Vlad!« rief Perdita mit Agnes’ Stimme. Der andere Vampir zögerte. »Ha! Er kennt mich!« riefen Agnes und Perdita zusammen. »Ha!« Einer der beiden Vampire musterte sie von Kopf bis Fuß., »Was, dich?« fragte er. »Ja, sie«, erklang eine Stimme. Vlad schlenderte näher, die Daumen in die Taschen seiner Weste gehakt. »Daimon? Krimson? Zu mir!« Die beiden jungen Männer kamen der Aufforderung sofort nach und blieben unterwürfig vor dem Sohn des Grafen stehen. Wieder nahm Agnes eine schemenhafte Bewegung wahr, und dann kehrten Vlads Daumen in die Westentaschen zurück. Vor ihm standen die beiden Vampire zusammengekrümmt. Sie sanken zu Boden. »So benehmen wir uns nicht unseren Gästen gegenüber«, sagte Vlad. Er trat über den zuckenden Daimon hinweg und streckte Agnes die Hände entgegen. »Haben sie dir weh getan? Wenn du willst, überlasse ich sie Lacrimosa. Sie hat gerade die hiesige Folterkammer entdeckt. Und wir haben Lancre für rückständig gehalten!« »Oh, das alte Ding«, erwiderte Agnes unsicher. Krimson gab gurgelnde Geräusche von sich. Ich habe nicht einmal gesehen, wie sich seine Hände beweg- ten, sagte Perdita. »Äh… es gibt sie schon seit Jahrhunderten…« »Ach, tatsächlich? Meine Schwester meinte, es fehlten Riemen und Schnallen. Wie dem auch sei: Sie ist sehr… einfallsreich. Du brauchst nur ein Wort zu sagen.« Sag ein Wort, drängte Perdita. Dann wären es zwei weniger. »Äh… nein«, erwiderte Agnes. Ah… moralische Feigheit der Dicken. »Äh… wer sind sie?« »Oh, die Karren haben einige Clanmitglieder hierhergebracht. Vater meint, sie könnten sich hier nützlich machen.« »Ach? Sind es Verwandte?« Oma Wetterwachs wäre auf das Angebot einge- gangen, flüsterte Perdita. Vlad hüstelte höflich. »Was das Blut betrifft«, sagte er. »Ja, in gewisser Weise. Aber sie… gehorchen. Komm, hier entlang.« Er griff sanft nach Agnes’ Arm, führte sie durch den Flur und nutzte die Gelegenheit, auf Krimsons Hand zu treten. »Soll das heißen, Vampirismus ist wie… ein Schneeballsystem?« fragte, Agnes. Sie war allein mit Vlad. Es war zugegebenermaßen besser, als mit den beiden anderen Vampiren allein zu sein, aber unter den gegenwärti- gen Umständen erschien es Agnes sehr wichtig, den Klang ihrer eigenen Stimme zu hören, um sich zu vergewissern, daß sie noch lebte. »Wie bitte?« erwiderte Vlad. »Was haben Schneebälle damit zu tun?« »Nein, ich meine… Du beißt in fünf Hälse, und zwei Monate später steht dir ein ganzer See aus Blut zur Verfügung?« Vlad lächelte, wenn auch ein wenig vorsichtig. »Ich glaube, wir haben noch viel zu lernen. Zwar verstehe ich jedes Wort, aber die Bedeutung des Satzes bleibt mir verborgen. Es gibt bestimmt viel, das du mich leh- ren kannst. Und ich könnte dir ebenfalls das eine oder andere beibrin- gen…« »Nein«, sagte Agnes mit Nachdruck. »Aber wenn wir… Oh, was stellt der Idiot da an?« Eine Staubwolke wogte ihnen aus der Küche entgegen. Sie stammte offenbar von Igor, der einen Eimer und eine Schaufel hielt. »Igor!« »Ja, Herr?« »Du verteilst schon wieder Staub.« »Ja, Herr.« »Und warum verteilst du Staub, Igor?« fragte Vlad mit eisiger Stimme. »Weil Ftaub einfach dafugehört, Herr. Die Tradifion verlangt ihn…« »Igor, Mutter hat es dir doch gesagt: Wir wollen keinen Staub. Wir wollen keine riesigen Kerzenhalter. Wir wollen nicht, daß Gucklöcher in alle Gemälde geschnitten werden. Und von deinem verdammten Spinnen- kasten und der dummen Peitsche halten wir erst recht nichts!« In der folgenden, rotglühenden Stille starrte Igor zu Boden. »Die Leute erwarten ordentliche Fpinnweben, Herr…«, murmelte er. »Wir wollen sie nicht!« »Der alte Graf mochte meine Fpinnweben…«, brummte Igor, und seine Stimme klang wie die eines kleinen Insekts, das sich nicht zerquetschen lassen wollte., »Es ist lächerlich, Igor!« »Er fagte immer: ›Heute find die Fpinnweben befonderf gut, Igor…‹« »Ach, verschwinde einfach. Du solltest versuchen, den Gestank bei der Garderobe zu beseitigen. Mutter meint, er treibt ihr die Tränen in die Augen. Und halt den Rücken gerade und geh richtig!« rief Vlad ihm nach. »Dein Humpeln beeindruckt niemanden!« Agnes beobachtete, wie der vornübergebeugt schlurfende Diener zö- gerte, und sie rechnete mit einer Antwort. Doch dann hinkte er einfach weiter. »Er ist wie ein kleines Kind«, sagte Vlad und schüttelte den Kopf. »Ich bedauere, daß du das mit ansehen mußtest.« »Ja, ich glaube, ich bedauere es ebenfalls«, erwiderte Agnes. »Wir werden ihn durch jemand anderen ersetzen. Vater behält ihn nur aus reiner Anteilnahme. Wir haben ihn mit dem alten Schloß übernom- men, zusammen mit einem knarrenden Dach und einem seltsamen Ge- ruch auf halbem Wege die Haupttreppe empor. Ich muß allerdings hin- zufügen, daß er nicht so schlimm ist wie der, dem wir hier begegnet sind. Meine Güte… Sieh nur. Wir passen fünf Minuten lang nicht auf, und schon ist es passiert…« Eine große und stark tropfende Kerze brannte in einem hohen schwarzen Kerzenhalter. »König Verence ließ überall Öllampen aufstellen, die für gutes, moder- nes Licht sorgen, und Igor hat sie durch Kerzen ersetzt! Wir wissen nicht einmal, wo er sie auftreibt. Lacci glaubt, daß er sie aus seinem Ohren- schmalz anfertigt…« Sie erreichten den langen Raum neben dem Großen Saal. Vlad hob den Kerzenständer, und das Licht der Flamme glitt über die Wand. »Ah, die Bilder sind bereits aufgehängt. Hier hast du Gelegenheit, die Familie kennenzulernen…« Im Schein der Kerze sah Agnes das Porträt eines hochgewachsenen, hageren, grauhaarigen Mannes, der einen Abendanzug sowie einen Man- tel mit rotem Futter trug. Er wirkte sehr distinguiert, auf eine reservierte, unnahbare Art. An der Unterlippe deutete sich ein ungewöhnlich langer Eckzahn an., »Mein Großonkel«, sagte Vlad. »Der letzte… Amtsinhaber.« »Was hat es mit seiner Schärpe und dem Stern auf sich?« fragte Agnes. Sie hörte die Geräusche der »wütenden Menge« – sie kamen aus der Fer- ne, wurden aber lauter. »Das sind Zeichen für den Orden von Gvot. Er hat das Schloß unserer Familie erbaut. Wir nennen es Bleibtdemschloßfern. Hast du davon ge- hört?« »Ein sonderbarer Name.« »Oh, er lachte immer darüber. Die einheimischen Kutscher warnten Reisende immer mit dem Hinweis: ›Bleibt dem Schloß fern.‹ Manchmal fügten sie hinzu: ›Selbst wenn es bedeutet, die Nacht in einem Baum zu verbringen – bleibt dem Schloß fern.‹ Mein Großonkel meinte immer, das sei großartige Publicity. Manchmal waren schon um neun Uhr a- bends alle Schlafzimmer belegt, und weitere Leute hämmerten an die Tür. Reisende machten meilenweite Umwege, um mehr über das Schloß zu erfahren, dem man unbedingt fernbleiben sollte. Jemanden wie mei- nen Großonkel gibt es nicht noch einmal, mit etwas Glück. Er ging sehr auf die Vorstellungen der Leute ein. Er kehrte so oft aus dem Grab zu- rück, daß er seinen Sarg mit einem drehbaren Deckel ausstatten ließ. Ah… Tante Carmilla…« Agnes sah eine sehr ernste Frau in einem figurbetonten schwarzen Kleid und mit pflaumenfarbenem Lippenstift. »Sie soll im Blut von bis zu zweihundert Jungfrauen gebadet haben«, sagte Vlad. »Ich glaube nicht daran. Wenn man mehr als achtzig Jung- frauen benutzt, läuft selbst eine sehr große Badewanne über. Das weiß ich von Lacrimosa.« »Diese kleinen Details sind sehr wichtig«, erwiderte Agnes, die eine Mi- schung aus Aufregung und Entsetzen empfand. »Und natürlich ist es immer sehr schwer, die Seife zu finden.« »Sie wurde von einer wütenden Menge umgebracht.« »Die Leute können ja so undankbar sein.« »Und dies…« Das Kerzenlicht glitt weiter über die Wand. »… ist mein Großvater…« Eine Glatze. Von dunklen Ringen umgebene, durchdringend blickende, Augen. Zwei Zähne wie Nadeln, zwei Ohren wie Fledermausflügel. Fin- gernägel, die seit Jahren nicht geschnitten worden waren… »Aber die Hälfte des Bildes besteht nur aus leerer Leinwand«, stellte Agnes fest. »In der Familie erzählt man sich, daß der alte Magyrato hungrig wur- de«, erklärte Vlad. »Mein Großvater ging immer auf sehr direkte Weise an die Dinge heran. Siehst du die rotbraunen Flecken hier? Ganz im al- ten Stil. Und hier… nun, ein entfernter Verwandter. Mehr weiß ich nicht.« Das Bild war so dunkel, daß Agnes kaum Einzelheiten erkennen konn- te. Etwas deutete auf einen Schnabel und eine geduckte Gestalt hin. Vlad wandte sich rasch ab. »Wir haben einen langen Weg hinter uns«, sagte er. »Mein Vater spricht in diesem Zusammenhang von Evolution.« »Die Personen auf den Bildern wirken sehr… mächtig«, kommentierte Agnes. »Oh, ja. Sehr mächtig. Und gleichzeitig sehr, sehr dumm. Mein Vater glaubte, die Dummheit sei irgendwie in den Vampirismus eingebaut, als sei der Wunsch nach Blut mit einem kolossalen Mangel an Intelligenz verbunden. Mein Vater ist ein sehr ungewöhnlicher Vampir. Mutter und er haben uns… anders aufgezogen.« »Anders«, wiederholte Agnes. »Vampire sind nicht sehr familienorientiert. Vater hält das für normal. Menschen ziehen ihre Nachfahren groß, aber wir leben sehr lange, und deshalb sind unsere Nachkommen Rivalen. Unter solchen Umständen bleibt für familiäre Gefühle kaum Platz.« »Verstehe.« In den Tiefen ihrer Tasche schlossen sich Agnes’ Finger um die Flasche mit dem Weihwasser. »Vater meint immer, wir müßten uns selbst helfen – das sei der einzige Ausweg. Wir müßten den Kreis der Dummheit durchbrechen. Als Kin- der bekamen wir ein wenig Knoblauch in unsere Nahrung, um uns daran zu gewöhnen. Vater versuchte es auch mit religiösen Symbolen, die oh- nehin nie besonders gut wirken. Meine Güte, in unserem Kinderzimmer gab’s die seltsamste Tapete auf der ganzen Welt. Er ließ uns sogar tags- über draußen spielen. Was uns nicht umbringt, macht uns stärker, sagte, er immer…« Agnes schwang den Arm. Weihwasser spritzte aus der Flasche und traf Vlad mitten auf der Brust. Der Vampir breitete die Arme aus und schrie, als Wasser an ihm he- rabfloß und in die Schuhe tropfte. Sie hatte nicht damit gerechnet, daß es so leicht sein würde. Vlad hob den Kopf und zwinkerte. »Sieh dir nur die Weste an! Sieh sie dir nur an! Weißt du, was Wasser mit Seide anstellt? Es hinterläßt Flecken, die man nie wieder herausbe- kommt.« Er bemerkte die Verblüffung in Agnes’ Gesicht und seufzte. »Ich glaube, wir sollten einige Dinge klären.« Vlad sah zur Wand und entdeckte eine mit Spitzen ausgestattete Streitaxt. Er bot sie Agnes an. »Schlag mir damit den Kopf ab«, sagte er. »Ich löse sogar meine Kra- watte, damit kein Blut darauf gerät. Na bitte. Es kann losgehen.« »Willst du etwa behaupten, daß du auch hiermit aufgewachsen bist?« stieß Agnes hervor. »In der Art von ›Übungen mit dem Beil, direkt nach dem Frühstück‹? Hast du dir jeden Tag ein bißchen den Kopf abge- schnitten, damit es später nicht so weh tut?« Vlad rollte mit den Augen. »Jeder weiß, daß die Enthauptung eines Vampirs international zulässig ist. Nanny Ogg hätte sicher längst mit der Axt ausgeholt. Na los, es stecken viele Muskeln in diesen ziemlich dicken Armen, da bin ich…« Agnes holte aus. Vlad griff von hinten an ihr vorbei und nahm die Axt aus einer Hand, die keinen nennenswerten Widerstand leistete. »… sicher«, beendete er den angefangenen Satz. »Wir sind auch sehr schnell.« Er prüfte die Klinge mit dem Daumen. »Stumpf. Mein liebes Fräulein Nitt. Vielleicht bedarf es weitaus mehr Mühe, uns loszuwerden, als es die Sache wert ist. Der alte Magyrato hätte Lancre bestimmt nicht das Ange- bot unterbreitet, mit dem wir gekommen sind. O nein, ganz bestimmt nicht. Ziehen wir plündernd durchs Land? Nein. Überfallen wir die Leu- te in ihren Schlafzimmern? Wohl kaum. Was bedeutet ein wenig Blut für, das Wohl der Gemeinschaft? Verence muß natürlich zurückgestuft wer- den, aber seien wir doch ehrlich: Er ist kein König, eher ein Beamter. Und… unsere Freunde können von uns erwarten, daß wir dankbar sind. Welchen Sinn hätte es also, gegen uns zu kämpfen?« »Sind Vampire jemals dankbar?« »Wir können lernen.« »Es läuft also darauf hinaus: Ihr bietet an, nicht direkt gemein zu sein, nur böse. Das stimmt doch, oder?« »Es läuft darauf hinaus, daß unsere Zeit gekommen ist«, ertönte eine Stimme hinter ihnen. Sie drehten sich beide um. Der Graf hatte die Galerie betreten. Er trug eine Hausjacke, und zwei Bewaffnete flankierten ihn. »Meine Güte, Vlad… Spielst du mit deiner Nahrung? Guten Abend, Fräulein Nitt. Offenbar hat sich eine wütende Menge am Tor eingefun- den, Vlad.« »Im Ernst? Wie aufregend. Ich habe noch nie eine richtige wütende Menge gesehen.« »Ich wünschte, deine erste Erfahrung damit würde interessanter sein«, sagte der Graf und schniefte. »Es sitzt einfach keine Leidenschaft dahinter. Wie dem auch sei: Es wäre lästig, wenn der Lärm bis zum Abendessen und darüber hinaus andauert. Ich sage den Leuten, daß sie fortgehen sollen.« Die Tür des Flurs öffnete sich, ohne daß sie jemand berührte. »Sollen wir zusehen?« fragte Vlad. »Äh… ich glaube, ich muß mir die… äh… Nase pudern, ja, ich sollte jetzt besser gehen, um… bin gleich wieder da«, erwiderte Agnes und wich zurück. Sie lief durch den schmalen Korridor, der zur kleinen Tür führte, zog dort die Riegel beiseite. »Wurde auch Zeit«, sagte Nanny und trat über die Schwelle. »Ist ziem- lich feucht hier draußen.« »Der Graf will sich die wütende Menge ansehen. Und es gibt hier noch, andere Vampire, nicht nur die Wächter! Offenbar sind sie mit den Kar- ren gekommen! Sie sind wie… Nun, es sind keine Bediensteten in dem Sinne, aber sie befolgen Anweisungen.« »Wie viele von ihnen sind im Schloß?« fragte Magrat. »Das habe ich nicht herausgefunden! Vlad versucht, mich besser ken- nenzulernen!« »Guter Plan«, sagte Nanny. »Vielleicht hast du Glück, und er spricht im Schlaf.« »Nanny!« »Ich schlage vor, wir sehen uns den Grafen in Aktion an«, sagte Nan- ny. »Vom alten Wachraum neben dem Tor hat man einen guten Blick. Dort gibt’s ein Guckloch.« »Ich möchte Verence holen!« ließ sich Magrat vernehmen. »Er bleibt, wo er ist«, sagte Nanny und ging mit zielstrebigen Schritten in den kleinen Raum bei der Tür. »Die Vampire wollen ihn bestimmt nicht umbringen. Außerdem genießt er jetzt einen gewissen Schutz.« »Ich glaube, wir haben es hier wirklich mit neuen Vampiren zu tun«, sag- te Agnes. »Sie haben kaum Ähnlichkeit mit der alten Sorte.« »Dann treten wir ihnen hier und jetzt entgegen«, erwiderte Nanny Ogg. »Solch eine Entscheidung würde Esme treffen, das steht fest.« »Aber sind wir stark genug?« fragte Agnes. Oma Wetterwachs hätte diese Frage nicht gestellt, sagte Perdita. »Wir sind zu dritt, stimmt’s?« entgegnete Nanny. Sie holte eine Flasche hervor und zog den Korken heraus. »Und wir haben ein wenig Hilfe. Möchte jemand einen Schluck?« »Das ist Brandy, Nanny!« entfuhr es Magrat. »Willst du den Vampiren betrunken entgegentreten?« »Das ziehe ich in jedem Fall einer Begegnung im nüchternen Zustand vor.« Nanny trank und schüttelte sich. »Ich schätze, was das angeht, hat Agnes von Hilbert Himmelwärts einen durchaus vernünftigen Rat be- kommen. Er meinte, Vampirjäger sollten besser beschwipst sein. Nun, einen guten Rat nehme ich immer gern an…«, Selbst im Innern von Himmelwärts’ Zelt flackerte die Kerzenflamme im Wind. Ganz vorsichtig nahm der Priester auf dem Feldbett Platz, denn abrupte Bewegungen ließen es ganz plötzlich zusammenklappen – das Ergebnis waren häufig blaue Flecken und schwarze Fingernägel. Mit wachsender Panik blätterte Hilbert Himmelwärts in seinen Notiz- büchern. Er war nicht als Fachmann für Vampire nach Lancre gekommen. Um Oms Willen: Der taube Diakon Weichohr hatte einmal in vierzehn Ta- gen eine Stunde lang »Geister und gottlose Geschöpfe« unterrichtet! Leistungen in diesem Fach blieben bei den Abschlußbewertungen sogar unberücksichtigt! Komparative Theologie hatte zwanzigmal soviel Zeit in Anspruch genommen, und derzeit bedauerte Himmelwärts zutiefst, daß er bei seiner Ausbildung nicht erfahren hatte, wo genau das Herz saß und wie fest man zuschlagen mußte, um einen spitzen Pflock hindurchzu- treiben. Ah, hier waren sie… einige gekritzelte Zeilen, nur deshalb aufgehoben, weil auf der anderen Seite Notizen für seinen Aufsatz über Klimpers Leben der Propheten standen. »Das Blut ist das Leben… Vampire gehorchen dem, der sie in Vampire verwan- delt hat… Allylbisulfid, aktive Substanz in Knoblauch… Porphyrin, Mangel an? Erlernte Reaktion?… Heimatboden sehr wichtig… Möglichst viele trinken von einem Opfer, damit es zum Sklaven aller wird… ›Haufensaugen‹… Blut als unhei- liges Sakrament… Vampir kontrolliert: Fledermäuse, Ratten, Kreaturen der Nacht, Wetter… Entgegen der Legenden werden die meisten Opfer nur passiv und NICHT selbst zu Vampiren… Beabsichtigter Vampir erleidet schreckliche Qualen + giert nach Blut… Socken… Knoblauch, heilige Symbole… Sonnenschein – tödlich?… Tod des Vampirs befreit alle Opfer… körperliche Kraft +…« Warum hatte ihn niemand darauf hingewiesen, daß dies wichtig war? Die zweite Hälfte der Seite zeigte eine Zeichnung, die Diakon Weichohr darstellte – das Bild kam einem Stilleben gleich. Himmelwärts stopfte das Notizbuch in die Tasche und holte voller Hoffnung sein Medaillon hervor. Nach vier Jahren theologischen Studi- ums war er keineswegs sicher, an was er glaubte. Zum Teil wegen der häufigen Kirchenspaltungen, die bewirkten, daß sich der ganze Lehrplan im Lauf eines Nachmittags änderte. Und außerdem…, Man hatte ihn davor gewarnt. Rechne nicht damit, hatte es geheißen. So etwas geschieht nur bei den Propheten. Om manifestiert sich nicht auf diese Weise. Om kommt von innen. Trotzdem hatte Hilbert Himmelwärts gehofft, Om würde sich einmal auf eine unmißverständliche Weise zeigen, die nicht auf Wind oder ein schlechtes Gewissen zurückgeführt werden konnte. Er wünschte sich nichts mehr, als daß für zehn Sekunden eine Lücke zwischen den Wol- ken entstand und eine unüberhörbare Stimme proklamierte: »JA, HLLBERT GELOBT-SIND-JENE-DIE-OM-VEREHREN HIMMELWÄRTS! ES IST ALLES VOLLKOMMEN WAHR! DA FÄLLT MIR EIN: DU HAST DA EINEN INTERESSANTEN ARTIKEL ÜBER DIE RELIGIONSKRISE IN EINER PLURALISTISCHEN GESELLSCHAFT GESCHRIEBEN!« Es fehlte ihm keineswegs an Glauben. Doch der Glaube genügte nicht. Er sehnte sich auch nach Wissen. Derzeit hätte er sich mit einem zuverlässigen Handbuch über die Be- seitigung von Vampiren begnügt. Er stand auf, und hinter ihm klappte das gräßliche Feldbett zusammen. Er hatte Wissen gefunden, doch dieses Wissen reichte nicht aus. Hatte nicht Jotto den Leviathan des Schreckens dazu gebracht, sich an Land zu werfen, woraufhin sich das Meer blutrot färbte? Hatte nicht Orda, stark im Glauben, in der Region Smale eine Hungersnot verur- sacht? Natürlich entsprach das der Wahrheit. Himmelwärts glaubte fest daran. Aber ein Teil von ihm konnte nicht vergessen, von kleinen Geschöpfen gelesen zu haben, die an der Küste von Urt eine ungewöhnliche rote Flut bewirkten, was seltsame Auswirkungen auf die übrigen Lebensformen im betroffenen Meeresbereich haben konnte. Und sonderbare Windzyklen hielten manchmal jahrelang Regenwolken von Smale fern. Solche Informationen waren… beunruhigend. Himmelwärts kannte sich gut mit den alten Sprachen aus, und deshalb hatte man ihm erlaubt, in den neuen Bibliotheken zu studieren, die un- weit der Zitadelle entstanden. Dadurch wuchs seine Besorgnis, denn der Wahrheitssucher fand tatsächlich Wahrheit. Zum Beispiel die Dritte Rei-, se des Propheten Cena – dies schien fast eine Neuübersetzung des Sand- Testaments aus dem Laotanischen Buch des Ganzen zu sein. Allein in einem Regal hatte er dreiundvierzig verschiedene Berichte über eine große Flut gefunden, und in jedem einzelnen rettete ein Mann, der an Bischof Horn erinnerte, die Menschheit durch den Bau eines magischen Schiffes. Die Einzelheiten variierten natürlich. Manchmal bestand das Schiff aus Holz, manchmal aus Bananenschalen. In einer Schrift brachte ein Schwan die Kunde vom trockenen Land, in einer anderen ein Leguan. Diese Ge- schichten in den Chroniken anderer Religionen waren natürlich nichts weiter als Legenden und Mythen, während die im Buch Cena geschilder- te Reise heiliger Wahrheit entsprach. Aber trotzdem… Er hatte die Ausbildung zum Priester fortgesetzt, wurde vom Unteren Unterunterdekan zum Unterunterdekan, doch die Sorge begleitete ihn. Oft verspürte er den Wunsch, über seine Entdeckungen mit jemandem zu reden, aber es fanden so viele Grabenkämpfe statt, daß niemand lange genug stehenbleiben wollte, um ihm zuzuhören. Dauernd nagelten Pries- ter ihre Versionen der Wahrheit von Om an die Tempeltüren und veran- stalteten damit einen schier ohrenbetäubenden Lärm. Für kurze Zeit hatte Himmelwärts sogar mit dem Gedanken gespielt, eine Rolle Papier sowie einen Hammer zu kaufen und seinen Namen der Warteliste für die Tempeltüren hinzuzufügen, doch schließlich entschied er sich dagegen. Der letztendliche Grund dafür hieß Unentschlossenheit, wußte er. In- nerlich war und blieb er ständig hin und her gerissen. Einmal hatte er sogar die Möglichkeit erwogen, darum zu bitten, exor- ziert zu werden. Doch diese Idee erschien ihm nicht besonders gut, denn die Kirche neigte traditionell dazu, recht fatale Methoden anzuwenden. Und ernste Männer, die nur selten lächelten, fanden es bestimmt nicht amüsant zu erfahren, daß der zu vertreibende Geist sein eigener war. Er bezeichnete die inneren Stimmen als den Guten Himmelwärts und den Bösen Himmelwärts. Das Problem war nur, daß beide die Termino- logie begrüßten, jedoch unterschiedlich gebrauchten. Selbst als er noch klein gewesen war, hatte ein Teil von ihm den Tem- pel für langweilig gehalten und versucht, ihn zum Lachen zu bringen, wenn er Predigten zuhören sollte. Jener Teil wuchs zusammen mit ihm auf. Er repräsentierte den Himmelwärts, der leidenschaftlich reagierte,, sich immer an die Passagen erinnerte, die einen Schatten des Zweifels auf die unumstößliche Wahrheit des Buches Om warfen, ihn innerlich an- stieß und sagte: Wenn dies nicht stimmt – was kannst du dann glauben? Und die andere Hälfte von ihm sagte: Es muß andere Arten von Wahrheit geben. Und dann erwiderte er: Meinst du andere Arten der Wahrheit, die wirk- lich wahr ist? Und er sagte: Definiere »wirklich wahr«. Und er rief: Vor nicht allzu langer Zeit hätten dich wirklich wahre Omni- aner schon für solche Gedanken gefoltert. Erinnerst du dich daran? Erin- nerst du dich daran, wie viele Menschen starben, weil sie ihr Gehirn be- nutzten, das Gott ihnen gab, wie du zu glauben scheinst? Welche Art von Wahrheit rechtfertigt all das Leid? Es war ihm nie ganz gelungen, die Antwort in Worte zu fassen. Und dann kamen die Kopfschmerzen und die schlaflosen Nächte. Seit einiger Zeit folgte eine Kirchenspaltung noch schneller auf die andere, und selbst in seinem Kopf fand ein solcher Widerstreit statt. Wenn er jetzt daran dachte, daß er ausgerechnet seiner Gesundheit we- gen nach Lancre geschickt worden war… Pater Melchio hatte sich wegen seiner zitternden Hände und der Selbstgespräche Sorgen gemacht. Hilbert Himmelwärts gürtete nicht seine Lenden, denn er wußte nicht genau, worauf es dabei ankam, und außerdem wagte er es nicht, entspre- chende Fragen zu stellen. Aber er rückte seinen Hut zurecht und trat in die wilde Nacht unter die dichten, schweigenden Wolken. Das Schloßtor öffnete sich, und Graf Elstyr trat nach draußen, begleitet von seinen Soldaten. Er verhielt sich nicht so, wie es die narrative Tradition verlangte. Zwar erlebten die Bürger von Lancre so etwas jetzt zum erstenmal, aber auf einem tiefen, genetischen Niveau wußten sie: Wenn sich eine wütende Menge vor dem Schloß eingefunden hat, sollte derjenige, dem die Wut gilt, durch ein brennendes Laboratorium fliehen oder bei den Zinnen einen verzweifelten Cliffhanger-Kampf gegen den Helden führen. Der Graf hingegen zündete sich eine Zigarre an., Die wütende Menge vergaß ihre Wut und schwieg, Sensen und Heuga- beln noch immer hoch erhoben. Das einzige Geräusch war das Knistern der brennenden Fackeln. Der Graf blies einen Rauchring. »Guten Abend«, sagte er, als der Ring zerfaserte. »Ihr seid vermutlich die wütende Menge.« Jemand weiter hinten, der nicht ganz auf dem laufenden war, warf ei- nen Stein. Graf Elstyr fing ihn, ohne hinzusehen. »Die Heugabeln sind gut«, sagte er. »Ich mag Heugabeln, und eure Heugabeln werden zweifellos allen Anforderungen gerecht. An den Fa- ckeln gibt es ebenfalls nichts auszusetzen. Aber die Sensen… Nein, nein, tut mir leid. Die sind hier fehl am Platz, fürchte ich. Glaubt mir: Sensen eignen sich nicht dafür, einer wütenden Menge als Waffen zu dienen. Einfache Sicheln sind viel besser. Wenn ihr Sensen schwingt, verliert früher oder später jemand ein Ohr. Mindestens. Versucht doch zu ler- nen.« Er schlenderte zu einem großen Mann, der eine Heugabel hielt. »Wie heißt du, junger Mann?« »Äh… Jason Ogg, Herr.« »Du bist hier der Schmied?« »Ja Herr?« »Geht es Frau und Familie gut?« »Ja, Herr.« »Ausgezeichnet. Hast du alles, was du brauchst?« »Äh… ja, Herr.« »Gut. Mach ruhig weiter. Ich wäre euch dankbar, wenn ihr während des Abendessens etwas leiser sein könntet, aber ich weiß natürlich, daß ihr eine wichtige traditionelle Rolle spielen müßt. Die Diener bekommen von mir den Auftrag, euch gleich heißen Grog zu bringen.« Der Graf klopfte die Asche von der Zigarre. »Oh, und ich möchte euch Feldwebel Kraput vorstellen, von seinen Freunden ›Krummer Bill‹ genannt, soweit ich weiß. Und dieser Herr, der gerade mit dem Messer in seinen Zähnen bohrt, ist Korporal Svitz, der keinen einzigen Freund hat, wenn ich recht, informiert bin. Vielleicht besteht die Möglichkeit, daß er hier mit jeman- dem Freundschaft schließt. Nun, sie und ihre Männer sind… Soldaten, wenn man diesen Begriff großzügig auslegt und Platz genug läßt für so etwas wie lässigen Individualismus…« Bei diesen Worten grinste Korpo- ral Svitz, hebelte einen Rationsbrocken aus einem gelben Backenzahn und schnippte ihn fort. »Wie dem auch sei: In etwa einer Stunde beginnt für sie der Dienst. Natürlich allein aus Sicherheitsgründen, versteht ihr…« »Und dann schneiden wir euch wie Muscheln auf und stopfen euch mit Stroh aus«, verkündete Korporal Svitz. »Oh, das sind militärische Fachausdrücke, von denen ich nur wenig verstehe«, sagte der Graf. »Ich hoffe, daß es keine Unannehmlichkeiten gibt.« »Ich hoffe das Gegenteil«, knurrte Kraput. »Was für Racker sie doch sind«, meinte der Graf. »Ich wünsche euch allen einen guten Abend. Kommt, meine Herren.« Er kehrte auf den Hof zurück, und hinter ihm schwangen die beiden Torflügel zu – sie bestanden aus so schwerem und altem Holz, daß sie fast die Konsistenz von Metall hatten. Jenseits davon herrschte zunächst Schweigen, dann folgte das verwirrte Murmeln von Spielern, denen man plötzlich den Ball weggenommen hatte. Der Graf nickte Vlad zu und breitete die Arme aus. »Ta-tah! Auf diese Weise gehen wir vor…« »Glaubst du, daß du das noch einmal schaffen kannst?« erklang eine Stimme von der Treppe. Die Vampire sahen zu den drei Hexen hoch. »Ah, Frau Ogg«, sagte der Graf und winkte die Soldaten ungeduldig fort. »Und Ihre Majestät. Und Agnes… Nun, heißt es drei für die Freun- din oder drei für die Särge?« Der Stein unter Nannys Füßen knackte, als Elstyr vortrat. »Haltet ihr mich vielleicht für dumm, verehrte Damen?« fragte er. »Glaubt ihr wirklich, ich würde euch frei herumlaufen lassen, wenn ihr eine Gefahr für uns wärt?«, Blitze flackerten über den Himmel. »Ich kontrolliere das Wetter«, fuhr der Graf fort. »Und geringere Ge- schöpfe, zu denen auch Menschen gehören. Trotzdem verschwört ihr euch gegen mich, um eine Art… Duell herbeizuführen? Was für eine herrliche Vorstellung. Allerdings…« Die Hexen verloren den Boden unter den Füßen. Heiße Luft umwogte sie. Auf der anderen Seite des Tors kam Wind auf, und die Fackeln der wütenden Menge brannten mit Flammen, die wie Fahnen wehten. »Wollten wir nicht unsere Kraft zusammennehmen und gemeinsam nutzen?« fragte Magrat. »Das war tatsächlich geplant, aber dafür hätte er stillstehen müssen!« erwiderte Nanny. »Dies hört sofort auf!« rief Magrat. »Und wie kannst du es wagen, in meinem Schloß zu rauchen! Damit gefährdest du die Gesundheit der Personen in deiner Umgebung!« »Möchte vielleicht jemand ›Damit kommst du nie durch‹ sagen?« fragte der Graf und schenkte Magrat keine Beachtung. Er ging die Treppe hin- auf. Vor ihm schwebten die Hexen wie hilflose Ballons, und hinter ihm fiel die Tür zu. »Das gehört doch einfach dazu«, sagte er. »Damit kommst du nie durch!« Der Graf strahlte. »Und ich habe nicht einmal gesehen, wie sich eure Lippen bewegt haben…« »Hebe dich hinfort und kehre in dein Grab zurück, wie es dir gebührt, du sündiger Geist!« »Woher kommt er denn?« fragt Nanny, als Hilbert Himmelwärts vor den Vampiren auf dem Boden landete. Er ist durch die Minnesängergalerie geschlichen, teilte Perdita Agnes mit. Manchmal paßt du einfach nicht auf. Staub bedeckte den Mantel des Priesters, und der Kragen war zerris- sen, aber heiliger Eifer glühte in seinen Augen. Er hielt dem Grafen etwas vors Gesicht, und Agnes beobachtete, wie er auf ein Buch in der anderen Hand hinabblickte., »Äh… ›Gehorche mir, Wurm des Schreckens, und keine Widerrede…‹« »Bitte um Verzeihung?« warf der Graf ein. »›… treibe nicht länger dein Unwesen…‹« »Dürfte ich dich auf etwas hinweisen?« »›… Geschöpf der Nacht, das…‹ Wie bitte?« Der Graf nahm das Notizbuch aus einer erschlaffenden Hand. »Das stammt aus Ossorys Malleus Maleficarum«, sagte er. »Warum bist du so überrascht? Ich habe ihm geholfen, es zu schreiben, du Dummkopf!« »Aber… du… Seitdem sind Hunderte von Jahren vergangen!« brachte Himmelwärts hervor. »Na und? Außerdem habe ich beim Auriga Clavorum Maleficarum mitge- wirkt, auch beim Torquus Simiae Maleficarum, beim ganzen verdammten Arca Instrumentorum. Der Quatsch hat bei Vampiren überhaupt keine Wirkung, wußtest du das nicht?« Der Graf knurrte fast. »Oh, ich erinnere mich an eure Propheten. Es waren kleine, bärtige alte Männer mit den hygienischen Angewohnheiten eines Wiesels, aber sie waren wenigstens leidenschaftlich! Sie hatten kein heiliges kleines Selbst, das voller Sorgen und Unruhe steckte. Sie sprachen die idiotischen Worte so aus, als glaub- ten sie fest daran, mit Schaum in den Mundwinkeln. Sie waren echte Pries- ter und hatten den Bauch voller Feuer und Galle! Du bist ein Witz.« Der Graf warf das Notizbuch beiseite und nahm den Anhänger. »Dies ist die heilige Schildkröte von Om, die mir vermutlich Angst einjagen soll. Meine Güte. Nicht einmal eine gute Nachbildung. Billig hergestellt.« Himmelwärts fand irgendwo Kraft. »Woher willst du das wissen, teufli- scher Unhold?« fragte er mühsam. »Nein, nein, solche Worte sind für Dämonen bestimmt«, seufzte der Graf. Er gab Himmelwärts die Schildkröte zurück. »Nichtsdestotrotz eine lobenswerte Mühe«, sagte er. »Wenn mir jemals der Sinn nach einer Tasse Tee, einem Brötchen und vielleicht sogar ei- nem netten Singsang stehen sollte, werde ich deiner Mission bestimmt einen Besuch abstatten. Doch derzeit bist du mir im Weg.«, Er schlug den Priester so hart, daß Himmelwärts unter den Tisch rutschte. »Soviel zur Frömmigkeit«, sagte er. »Jetzt fehlt nur noch das Erschei- nen von Oma Wetterwachs. Es dürfte gleich soweit sein. Ihr glaubt doch nicht, daß sie damit gerechnet hat, ihr könntet Erfolg haben, oder?« Das Pochen des großen, eisernen Türklopfers hallte durch den Saal. Der Graf nickte erfreut. »Das ist sie«, sagte er. »Ja, bestimmt. Sie legt immer Wert auf den richtigen Augenblick.« Der Wind heulte, als die beiden Torhälften aufschwangen, wehte kleine Zweige, Regen und Oma Wetterwachs herein. Sie war vollkommen durchnäßt und schmutzig. Ihr Kleid war an mehreren Stellen zerrissen. Agnes begriff, daß sie Oma Wetterwachs noch nie zuvor naß gesehen hatte, nicht einmal beim schlimmsten Unwetter, doch sie hatte keinen trockenen Faden am Leib. Wasser tropfte an ihr herab und hinterließ eine feuchte Spur auf dem Boden. »Ich bin ja so froh, daß du gekommen bist, Frau Wetterwachs«, sagte der Graf. »Du hast einen langen Weg durch die Nacht hinter dir! Nimm am Feuer Platz und ruh dich ein wenig aus.« »Ich werde mich hier nicht ausruhen«, erwiderte Oma. »Dann möchte ich dir wenigstens etwas zu essen und zu trinken anbie- ten.« »Ich werde hier weder essen noch trinken.« »Was hast du dann vor?« »Du weißt genau, weshalb ich gekommen bin.« Sie sieht klein aus, sagte Perdita. Und auch müde. »Ah, ja. Das Spiel der Macht. Der entscheidende Kampf. Das Marken- zeichen der Wetterwachse. Und… mal sehen… Auf deiner heutigen Einkaufsliste steht ›Wenn ich gewinne, befreist du alle und kehrst nach Überwald zurück‹, stimmt’s?« »Nein«, widersprach Oma. »Wenn ich gewinne, stirbst du.« Agnes stellte entsetzt fest, daß die alte Frau wankte. Der Graf lächelte. »Ausgezeichnet! Aber… ich weiß, wie du denkst, Frau Wetterwachs. Du hast immer mehr als nur einen Plan. Hier stehst, du nun, ganz offensichtlich nur einen Schritt vom Zusammenbruch ent- fernt, und doch… Ich bin nicht ganz sicher, ob ich glauben soll, was mir meine Augen zeigen.« »Mir ist völlig schnuppe, was du glaubst oder nicht«, sagte Oma. »Aber du wagst bestimmt nicht, mich wieder gehen zu lassen, das weiß ich. Weil du nicht sicher sein kannst, wohin ich gehe und was ich unterneh- me. Ich könnte dich aus einem beliebigen Augenpaar beobachten und hinter jeder Tür stehen. Gewisse Leute und Geschöpfe sind mir den einen oder anderen Gefallen schuldig. Ich bin imstande, aus jeder Rich- tung zu kommen, zu jedem beliebigen Zeitpunkt. Und ich kann böse sein.« »Ach? Wenn ich unhöflich wäre, könnte ich dich jetzt sofort töten. Ein einfacher Pfeil würde genügen. Feldwebel Svitz?« Der Söldner winkte, was bei ihm einem Salutieren gleichkam, und hob die Armbrust. »Bist du sicher?« fragte Oma. »Ist dein Affe sicher, daß ihm Zeit genug für einen zweiten Schuß bleibt? Daß ich nach dem ersten nicht fort bin?« »Du bist kein Gestaltwandler, Frau Wetterwachs. Und alles deutet dar- auf hin, daß du derzeit nicht besonders gut laufen kannst.« »Sie meint die Möglichkeit, ihr Selbst in einem anderen Kopf unterzu- bringen«, warf Vlad ein. Die Hexen wechselten einen Blick. »Entschuldige, Esme«, sagte Nanny einige Sekunden später. »Ich konn- te den Gedanken nicht aus mir vertreiben. Offenbar habe ich nicht ge- nug getrunken.« »Oh, ja«, meinte der Graf. »Der berühmte Trick mit dem Borgen.« »Aber du weißt nicht wo, und du weißt auch nicht wie weit«, sagte Oma müde. »Und der Kopf ist dir ebenfalls unbekannt. Du weißt nicht einmal, ob es überhaupt ein Kopf sein muß. Was du über mich erfahren hast, stammt aus den Gedanken anderer Personen, und die wissen nicht alles über mich. Längst nicht alles.« »Du willst dein Selbst also an einem anderen Ort unterbringen«, sagte der Graf. »Primitiv. Weißt du, ich habe sie auf meinen Reisen kennenge- lernt. Seltsame alte Männer mit Perlen und Federn, die ihr Bewußtsein, auf einen Fisch übertragen konnten, ein Insekt, sogar auf einen Baum. Als wenn das eine Rolle spielte. Holz brennt. Tut mir leid, Frau Wetter- wachs. König Verence betont gern: Es gibt eine neue Weltordnung. Und die sind wir. Du bist Geschichte…« Er zuckte zusammen. Die drei Hexen fielen auf den Boden. »Gut gemacht«, lobte der Graf. »Ein Schuß vor meinen Bug. Ich habe ihn gespürt. Ich habe ihn tatsächlich gespürt. Nie hat jemand in Überwald so etwas fertiggebracht.« »Ich bin zu weitaus mehr fähig«, sagte Oma. »Das bezweifle ich«, erwiderte der Graf. »Wenn du wirklich zu mehr fähig wärst, hättest du davon inzwischen Gebrauch gemacht. Nach dem Motto: Keine Gnade für den Vampir! Die Schreie der wütenden Menge hallen durch die Jahrhunderte…« Er schlenderte der alten Hexe entgegen. »Glaubst du vielleicht, man kann uns wie dumme Elfen oder hirnlose Menschen mit energischem Gebaren und dem einen oder anderen Trick einschüchtern? Wir sind jetzt aus dem Sarg heraus, Frau Wetterwachs. Ich bin bestrebt gewesen, dir mit Verständnis zu begegnen, denn eigentlich haben wir viel gemein- sam, aber jetzt…« Omas Leib zuckte zurück wie eine Papierpuppe, die plötzlich vom Wind erfaßt wurde. Der Graf war auf halbem Wege zu ihr, und seine Hände steckten in den Taschen der Hausjacke. Er zögerte kurz. »Meine Güte, davon habe ich kaum etwas gemerkt«, sagte er. »Zu mehr bist du nicht fähig?« Oma taumelte, schaffte es jedoch, die Hand zu heben. Ein schwerer Stuhl an der Wand geriet in Bewegung und schlitterte durch den Saal. »Das war recht gut, für einen Menschen«, sagte der Graf. »Aber ich glaube nicht, daß du ihn in Bewegung halten kannst.« Oma zuckte zusammen und hob die andere Hand. Ein großer Kerzen- leuchter schwang von einer Seite zur anderen. »Nicht übel«, kommentierte der Graf. »Aber leider nicht gut genug. Nicht annähernd gut genug.«, Oma wich zurück. »Aber ich verspreche dir folgendes«, fuhr der Graf fort. »Ich werde dich nicht töten. Ganz im Gegenteil…« Unsichtbare Hände packten Oma und preßten sie an die Wand. Agnes wollte vortreten, doch Magrats Hand schloß sich fest um ihren Arm. »Du solltest keine Niederlage darin sehen, Oma Wetterwachs«, sagte der Graf. »Du bleibst am Leben, und zwar für immer. Das ist doch ein gutes Angebot, oder?« Es gelang Oma, mißbilligend zu schniefen. »Mir genügt es nicht«, sagte sie. Ihr Gesicht wurde zu einer schmerz- verzerrten Fratze. »Auf Wiedersehen«, sagte der Graf. Die Hexen fühlten den mentalen Schlag. Der Große Saal erzitterte. Doch in einer Sphäre außerhalb der normalen Realität gab es noch et- was anderes. Dort glänzte etwas, hell und silbrig, glitt wie ein Fisch da- von… »Sie ist fort«, flüsterte Nanny. »Sie hat ihr Selbst an einen anderen Ort geschickt…« »Wohin?« raunte Magrat. »Wohin?« »Denk nicht daran!« warnte Nanny. Magrats Miene erstarrte. »O nein…«, begann sie. »Denk nicht daran!« brachte Nanny eindringlich hervor. »Denk nicht daran! Rosarote Elefanten! Rosarote Elefanten!« »Sie würde doch nicht…« »Lalalala! Eh-ieh-eh-la!« rief Nanny und zog Magrat zur Küchentür. »Komm, laß uns gehen! Agnes, jetzt liegt’s bei euch beiden!« Hinter ihnen fiel die Tür zu, und Agnes hörte, wie die Riegel vorge- schoben wurden. Es war eine dicke Tür mit sehr stabilen Riegeln. Die Erbauer des Schlosses hatten nichts von Brettern gehalten, die nicht mindestens siebeneinhalb Zentimeter dick waren, und in ihrer Vorstel-, lungswelt war kein Platz für Verriegelungssysteme, die keinem Ramm- bock standhalten konnten. Ein Beobachter hätte das Verhalten von Nanny und Magrat vielleicht als egoistisch beurteilt, doch eigentlich lief es auf folgendes hinaus: Aus drei Hexen in Gefahr wurde eine Hexe in Gefahr. Drei Hexen hätten zuviel Zeit damit vergeudet, sich über die anderen Sorgen zu machen und darüber zu diskutieren, was es zu tun galt. Eine Hexe war ihr eigener Herr. Agnes wußte das natürlich. Trotzdem erschien ihr das Gebaren von Nanny und Magrat selbstsüchtig. Der Graf trat Oma entgegen. Aus den Augenwinkeln sah Agnes, daß sich ihr Vlad und seine Schwester näherten. Sie hatte eine massive Tür im Rücken. Perdita konnte ihr keine Ideen anbieten. Sie schrie. Das war ein Talent. Ein zweites Selbst im Kopf herumzutragen war kein Talent, sondern eine Art Fluch. Doch Agnes’ Stimmumfang konnte ganz oben auf der Tonleiter Ohrenschmalz verdampfen. Sie begann mit hohen Tönen und sah schon kurze Zeit später, daß sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Nachdem Fledermäuse und Holzwürmer aus den Dachsparren gefallen waren und im Ort die Hunde gebellt hatten, preßte sich Vlad die Hände auf die Ohren. Agnes schnappte nach Luft. »Ein weiterer Schritt, und ich schreie noch lauter!« rief sie. Der Graf hob Oma Wetterwachs hoch, als wäre sie eine Puppe. »Dazu bist du bestimmt fähig«, sagte er. »Aber früher oder später ge- rätst du außer Atem. Vlad, sie ist dir gefolgt, du kannst sie haben. Aber du bist für sie verantwortlich. Du mußt sie füttern und ihren Käfig säu- bern.« Der jüngere Vampir näherte sich vorsichtig. »Du bist wirklich nicht vernünftig«, zischte er. »Gut!«, Und dann war er neben ihr. Aber im Gegensatz zu Agnes hatte Perdita damit gerechnet, und als Vlad eintraf, stieß der Ellenbogen bereits zu und fuhr in seinen Bauch, bevor er ausweichen konnte. Sie trat vor, als er sich zusammenkrümmte, und stellte dabei fest: Die Unfähigkeit zu lernen schien zu den Eigenschaften zu gehören, die ein Vampir nur schwer abstreifen konnte. Der Graf legte Oma Wetterwachs auf den Tisch. »Igor!« rief er. »Wo bist du, du dämlicher…« »Ja, Herr?« Der Graf wirbelte um die eigene Achse. »Mußt du immer so hinter mir erscheinen?« »Der alte Graf erwartete ef von mir, Herr. Ef ift eine profeffionelle Fa- che.« »Hör auf damit.« »Ja, Herr.« »Und das gilt auch für deine Ausdrucksweise. Geh und läute zum Es- sen.« »Ja, Herr.« »Und ich habe dir schon tausendmal gesagt, daß du nicht hinken sollst!« rief der Graf, als Igor durch den Saal humpelte. »Es sieht alles andere als lustig aus!« Igor ging an Agnes vorbei und lispelte vor sich hin. Vlad schloß zu Agnes auf, als sie zum Tisch ging, und ein Teil von ihr reagierte mit Erleichterung darauf – weil sie gar nicht wußte, was sie ma- chen sollte, wenn sie den Tisch erreichte. »Du mußt gehen«, schnaufte er. »Ich würde natürlich nicht zulassen, daß er dir ein Leid zufügt, aber mein Vater kann sehr… unwirsch sein.« »Ich gehe nicht ohne Oma.« Hinter Agnes’ Stirn erklang eine leise Stimme: Laß mich… zurück… Die Worte stammen nicht von mir, sagte Perdita. Ich glaube, sie hat zu dir ge- sprochen., Agnes sah zu der auf dem Bauch liegenden Gestalt. Im bewußtlosen Zustand wirkte Oma Wetterwachs viel kleiner. »Möchtest du zum Essen bleiben?« fragte der Graf. »Du hast vor, ihr… Nach all dem Gerede willst du ihr… Blut trinken?« »Wir sind Vampire, Fräulein Nitt. Und Vampire trinken Blut. Nennen wir es ein kleines… Sakrament.« »Wie könnt ihr nur! Sie ist eine alte Frau!« Der Graf drehte sich ruckar- tig um und stand plötzlich ganz dicht vor Agnes. »Glaub mir, die Vorstellung eines jüngeren Aperitifs ist sehr reizvoll«, sagte er. »Aber Vlad würde schmollen. Wie dem auch sei: Mit wachsen- dem Alter gewinnt Blut ein… besonderes Aroma, so wie Wein. Frau Wetterwachs wird nicht sterben. Nicht in dem Sinn. In ihrem Stadium des Lebens sollte man ein wenig Unsterblichkeit begrüßen.« »Aber sie verabscheut Vampire!« »Das könnte zu einem Problem werden, wenn sie zu sich kommt, denn dann wird sie selbst einer sein, und ein ziemlich unterwürfiger noch da- zu. Meine Güte…« Der Graf bückte sich und zog Hilbert Himmelwärts an einem Arm unterm Tisch hervor. »Was für eine blutleere Vorstellung. Ich erinnere mich an Omnianer, die voller Gewißheit und Feuer steck- ten, von mutigen und unversöhnlichen Männern angeführt wurden, die gleichzeitig geradezu unglaublich irre waren. Angesichts einer so seichten und verwässerten Angelegenheit würden sie verzweifeln. Bitte nimm ihn mit.« »Sehen wir uns morgen wieder?« fragte Vlad und bewies Agnes, daß Männer aller Spezies über ein Dummheitsgen verfügen. »Es wird dir nicht gelingen, Oma in einen Vampir zu verwandeln!« er- widerte Agnes und schenkte Vlad keine Beachtung. »Sie kann sich nicht dagegen wehren«, sagte der Graf. »Sie hat es im Blut, wenn wir wollen.« »Sie wird Widerstand leisten.« »Es dürfte interessant sein, das zu beobachten.« Der Graf ließ Himmelwärts wieder zu Boden sinken. »Geh jetzt, Fräulein Nitt. Nimm den armseligen Priester mit. Mor-, gen… Nun, morgen könnt ihr eure alte Hexe zurück haben. Aber sie wird uns gehören. Es gibt eine Hierarchie. Das ist allgemein bekannt – zumindest bei den Leuten, die alles über Vampire wissen.« Hinter ihm übergab sich Himmelwärts. Agnes dachte an die hohläugigen Menschen, die jetzt im Schloß arbei- teten. Niemand hatte so etwas verdient. Sie ergriff den Priester an seiner Jacke und hielt ihn wie einen Sack. »Auf Wiedersehen, Fräulein Nitt«, sagte der Graf. Sie zerrte den erschlafften Pfaffen zum Tor. Draußen regnete es inzwi- schen in Strömen – wie graue, stählerne Geschosse kamen die Tropfen aus dem Himmel herab. Agnes hielt sich in unmittelbarer Nähe der Wand, die zumindest ein wenig Schutz gewährte, und zog Himmelwärts unter dem Schwall hoch, der aus dem Mund eines Wasserspeiers spritzte. Er schauderte. »Ach, die arme Frau«, stöhnte er und sank nach vorn. Ein dicker Regentropfen traf seinen Kopf und zerplatzte in Dutzende von wäßrigen Splittern. »Ja«, bestätigte Agnes. Die beiden anderen Hexen waren geflohen, weil ihnen ein ganz bestimmter Gedanke durch den Kopf ging – ein Gedan- ke, den Perdita teilte. Sie alle hatten es gespürt, als Oma Wetterwachs ihr Selbst fortschickte, und… Das Baby hieß sogar Esme. Andererseits… Sie konnte sich Omas Stimme in ihrem eigenen Kopf nicht eingebildet ha- ben, was bedeutete, daß sie irgendwo in der Nähe weilte… »Ich habe es ganz schön verpfuscht, nicht wahr?« fragte Himmelwärts. »Ja«, erwiderte Agnes geistesabwesend. Das Selbst in das Baby zu über- tragen… erschien irgendwie richtig. Es hatte etwas Folkloristisches und Romantisches, und deshalb neigten Nanny und Magrat dazu, daran zu glauben. Aus dem gleichen Grund würde sich Oma Wetterwachs gegen diese Möglichkeit entscheiden. Es steckte keine Romantik in Omas Seele, wußte Agnes. Aber sie verstand es gut, die romantischen Aspekte ande- rer Personen zu manipulieren. Wo befand sie sich jetzt? Etwas war geschehen. Oma hatte die Essenz ihres Seins an einem sicheren Ort untergebracht, und ungeachtet ihrer Behauptungen dem Grafen gegenüber konnte dieser Ort nicht weit ent- fernt sein. Nur etwas Lebendiges kam in Frage, und wenn es ein Mensch, war, wußte er sicher nichts von der fremden Präsenz… »Wenn ich doch nur den richtigen Exorzismus angewandt hätte«, murmelte Himmelwärts. »Deine Bemühungen wären in jedem Fall vergeblich geblieben«, sagte Agnes scharf. »Ich wußte nicht einmal, daß es religiöse Vampire gibt.« »Eine solche Chance bekommt ein Priester vermutlich nur einmal in seinem Leben…« »Du warst einfach die falsche Person«, erwiderte Agnes. »Wenn sich die hiesigen Vampire mit einer Broschüre verscheuchen ließen, wärst du genau der richtige Mann.« Sie blickte auf Hilbert Himmelwärts hinab. Perdita musterte ihn eben- falls. »Pater Melchio wird bei solchen Gelegenheiten sicher sehr schroff«, sagte er und stand auf. »Oh, sieh mich nur an, ich bin ganz schmutzig. Äh… warum siehst du mich so an?« »Oh… nur so ein Gedanke. Die Vampire haben noch immer keinen Einfluß auf dich, oder?« »Wie meinst du das?« »Beeinflussen sie deinen Geist? Wissen sie, was dir durch den Kopf geht?« »Ha! Die meiste Zeit habe selbst ich keine Ahnung, was mir durch den Kopf geht«, sagte Himmelwärts kummervoll. »Wirklich?« fragte Agnes. Wirklich? fragte Perdita. »Er hatte recht«, murmelte Himmelwärts, der überhaupt nicht zuhörte. »Ich habe alle enttäuscht. Ich hätte an der Schule bleiben und den Über- setzerposten annehmen sollen.« Blitz und Donner blieben aus. Es regnete einfach nur, und zwar ziem- lich stark. »Aber… ich bin bereit, es noch einmal zu versuchen«, fügte Himmel- wärts hinzu. »Das bist du? Warum?« »Kehrte nicht Kazrin dreimal ins Mahagtal zurück, um Hireads Kelch den Soldaten der Ooliten zu stehlen, während sie schliefen?«, »Tatsächlich?« »Ja. Ich bin… ziemlich sicher. Und sprach nicht Om zum Propheten Brutha: ›Ich bin bei dir an dunklen Orten‹?« »Bestimmt benutzte er genau diese Worte.« »Ja. Eigentlich kann kein Zweifel daran bestehen.« »Und auf dieser Basis willst du zurückkehren?« fragte Agnes. »Ja.« »Warum?« »Welchen Nutzen hätte ich sonst? Wozu tauge ich überhaupt etwas?« »Ich bezweifle, daß wir eine zweite Konfrontation überleben werden«, sagte Agnes. »Diesmal haben sie uns gehen lassen, weil das eine Ge- meinheit war. Verflixt! Jetzt muß ich entscheiden, was es zu tun gilt, und eigentlich ist das gar nicht meine Aufgabe. Immerhin bin ich die Jungfrau, meine Güte!« Sie sah den Gesichtsausdruck des jungen Priesters, und aus Gründen, die sie derzeit kaum erklären konnte, fügte sie hinzu: »So nennt man das jüngste Mitglied eines Hexenzirkels. Ich sollte nicht ent- scheiden müssen. Ja, ich weiß, daß es besser ist, als den Tee zu kochen!« »Äh… ich habe doch gar nichts über Tee gesagt…« »Nein, entschuldige, meine Bemerkung bezog sich auf jemand anderen. Was erwartet sie jetzt von mir?« Insbesondere da du zu wissen glaubst, wo sie sich versteckt, sagte Perdita. Es knarrte, und die Tür des Großen Saals öffnete sich. Licht fiel nach draußen, ließ Schatten durch den vom Regen geschaffenen Dunst tan- zen. Es platschte, und dann schloß sich die Tür wieder. Gelächter er- klang, als die beiden Flügel zuschwangen. Agnes eilte zum unteren Ende der Treppe, und der Priester folgte ihr platschend durch den Schlamm. Auf dem Hof hatte sich eine teichartige Pfütze gebildet, und Oma Wetterwachs lag mit zerrissenem Kleid darin. Einige Strähnen hatten sich aus ihrem granitharten Knoten gelöst. Blutflecken zeigten sich an ihrem Hals. »Sie haben Oma nicht einmal in eine Zelle gesperrt oder so«, sagte Ag- nes voller Wut. »Der Graf und die anderen haben sie einfach nach drau-, ßen geworfen, wie… wie einen abgenagten Knochen!« »Vermutlich glauben sie, daß sie in einem ganz besonderen Kerker steckt, die arme Seele«, meinte Himmelwärts. »Wir sollten sie wenigstens an einen trockenen Ort bringen.« »Oh… ja… natürlich.« Agnes griff nach Omas Beinen und fragte sich erstaunt, wie eine so zierliche Gestalt so schwer sein konnte. »Vielleicht können wir sie bei einem Dorfbewohner unterbringen?« fragte Himmelwärts und taumelte unter seiner Last. »Das halte ich nicht für eine gute Idee«, sagte Agnes. »Oh, aber es gibt doch bestimmt jemand…« »Was sollen wir den Leuten sagen? ›Dies ist Oma Wetterwachs. Kön- nen wir sie hierlassen? Und übrigens: Mit ziemlicher Sicherheit erwacht sie als Vampir.‹?« »Äh…« »Die Leute sehen sie ohnehin nicht besonders gern. Es sei denn natür- lich, ihnen fehlt was…« Agnes blickte durch den Regen. »Komm, gehen wir zu den Ställen und zum Vogelhort. Dort stehen Schuppen…« König Verence öffnete die Augen. Wasser strömte über das Fenster sei- nes Schlafzimmers. Das einzige Licht drang unter der Tür hindurch und im Halbdunkel erkannte er die Umrisse der beiden Wächter: Sie saßen auf ihren Stühlen und waren eingenickt. Es klirrte leise beim Fenster. Die beiden Überwaldianer erwachten so- fort, und einer von ihnen sah nach dem Rechten. Als er nichts Interes- santes entdeckte, schlurfte er zum Stuhl zurück. Verence empfand alles als sehr… angenehm. Er hatte das Gefühl, in einem warmen, entspannenden Bad zu liegen. Die Sorgen der Welt be- trafen andere. Er selbst schwamm wie glückliches Treibgut auf dem warmen Meer des Lebens. Er hörte leise Stimmen, die ihren Ursprung irgendwo unter seinem Kissen zu haben schienen., »He, faß mal mit an!« »Immer mit der Ruhe, Kumpel, das haben wir gleich.« »Hau ruck?« »Jetzt isses gleich soweit. Und HOCH damit!« »Hau ruck! Hau ruck!« Etwas raschelte auf dem Boden. Der Stuhl eines Mannes kam nach o- ben und wankte ziemlich schnell in Richtung Fenster. »Hau ruck!« Stuhl und Wächter krachten durchs Fenster nach draußen. Dem zweiten Überwaldianer gelang es, auf die Beine zu kommen, aber vor ihm wuchs etwas. Für Verence, einen ehemaligen Schüler der Nar- rengilde, sah es wie eine sehr hohe menschliche Pyramide aus, die aus vielen sehr kleinen Akrobaten bestand. »Und hoch! Und hoch!« »Hau ruck!« »Und noch etwas höher!« Die Spitze der Pyramide befand sich jetzt auf einer Höhe mit dem Ge- sicht des Wächters. Die Gestalt ganz oben rief: »Was glotzt du mich so an, Kumpel? Na, wie gefällt dir das hier?« Dann sprang der kleine Mann und zielte auf die Stelle zwischen den Augen. Es klackte, und der Über- waldianer kippte nach hinten. »Hopp! Hopp!« »Hopphopp!« Die lebende Pyramide sank auf das Niveau des Bodens zurück. Veren- ce hörte ein Geräusch, das von winzigen Füßen verursacht wurde. Weni- ge Sekunden später stand ein kleiner, stark tätowierter Mann mit blauer Mütze auf seinem Kinn. »Hallo, König! Wie wär’s mit einem Ausflug?« »Ausgezeichnet«, murmelte Verence. »Wie lange bist du schon eine Halluzination? Wirklich gut.« »Bis’ überhaupt nicht richtig da, was?« »Das ist die richtige Einstellung«, sagte Verence verträumt. »Und ran ans Eingemachte!«, »Hopp und hauruck!« Verence spürte, wie er angehoben wurde. Hunderte von kleinen Hän- den reichten ihn weiter, und er glitt durchs Fenster nach draußen in die Leere. Eine vertikale Wand erstreckte sich dort, und Verence dachte benom- men daran, daß er eigentlich nicht langsam an ihr entlang in die Tiefe schweben sollte, wobei diverse Stimmen »Und hier! Und da! Zack, zack! Hau ruck!« riefen. Winzige Hände hielten ihn am Kragen fest, am Nachthemd und an den Socken. »Nicht übel«, murmelte er, als er den Boden erreichte und in einer Hö- he von etwa fünfzehn Zentimetern durch die Nacht getragen wurde. Ein Licht glühte im Regen. Agnes klopfte an die Tür, und nasses Holz wich dem etwas besseren Anblick von Festgreifaah. »Wir müssen eintreten!« beharrte Agnes sofort. »Ja, Fräulein.« Der Falkner wich gehorsam zurück, als Hexe und Priester Oma Wet- terwachs ins kleine Zimmer trugen. »Ist sie verletzt worden, Fräulein?« »Du weißt doch, daß sich Vampire im Schloß aufhalten, oder?« erkun- digte sich Agnes. »Ja, Fräulein?« erwiderte Festgreifaah. Sein Tonfall drückte folgendes aus: Man hatte ihm gerade eine Tatsache mitgeteilt, und er wartete nun darauf zu erfahren, ob diese gut oder schlecht war. »Sie haben Oma Wetterwachs gebissen. Wir müssen sie irgendwo hin- legen.« »Da drüben steht mein Bett, Fräulein.« Es war klein und schmal, bestimmt für jemanden, der müde genug war, um sofort einzuschlafen. »Vielleicht blutet sie aufs Laken«, gab Agnes zu bedenken. »Oh, das passiert mir ständig«, sagte Festgreifaah fröhlich. »Außerdem blute ich auch auf den Boden. Wenn es dir was nützt: Ich habe jede Menge Verbandszeug und Salbe.«, »Nun, schaden kann’s nicht«, sagte Agnes. »Äh… Festgreifaah, du weißt doch, daß Vampire das Blut anderer Leute trinken?« »Ja, Fräulein? In meinem Fall müssen sie sich hinter den Vögeln anstel- len.« »Bist du gar nicht besorgt?« »Von Frau Ogg habe ich einen ganzen Kübel Salbe bekommen.« Und damit hatte es sich offenbar. Solange niemand seine Vögel an- rührte, scherte sich Festgreifaah nicht darum, wer im Schloß die Anwei- sungen erteilte. Über Hunderte von Jahren hatten sich Falkner immer mit den eigentlich wichtigen Dingen wie der Falknerei beschäftigt, was viel Zeit erforderte, während sie das Regieren Amateuren überließen. »Sie ist völlig durchnäßt«, sagte Himmelwärts. »Wir sollten sie in eine Decke hüllen oder so.« »Und wir brauchen Stricke«, fügte Agnes hinzu. »Stricke?« »Früher oder später erwacht sie.« »Du meinst… wir sollten sie fesseln?« »Was geschieht, wenn ein Vampir jemanden in einen Vampir verwan- deln möchte?« Himmelwärts schloß die Hände schutzsuchend um sein Schildkröten- medaillon, als er sich an die Einzelheiten zu erinnern versuchte. »Ich… ich glaube, sie hinterlassen etwas im Blut«, sagte er. »Ich glaube, wenn sie jemanden in einen Vampir verwandeln wollen, bleibt dem Betreffenden nichts anderes übrig, als zu einem Vampir zu werden. Eine andere Mög- lichkeit gibt es nicht. Wenn das Etwas im Blut ist, kann man sich nicht mehr widersetzen. Es bleibt einem keine Wahl. Ich glaube, einer solchen Macht kann man nicht widerstehen.« »Oma Wetterwachs ist gut darin, Widerstand zu leisten«, sagte Agnes. »So gut?« erwiderte Festgreifaah. Ein Überwaldianer schlurfte durch den Flur. Er blieb stehen, als er ein Geräusch hörte und sah sich argwöhnisch um. Da er nichts Verdächtiges bemerkte, setzte er sich wieder in Bewegung, und ging weiter. Nanny Ogg trat aus den Schatten und bedeutete Magrat, ihr zu folgen. »Entschuldige, Nanny. Es ist schwer, ein Baby ruhig zu halten…« »Pscht! In der Küche scheint noch immer reger Betrieb zu herrschen. Was lassen sich Vampire um diese Zeit zubereiten?« »Es ist für die Leute, die sie mitgebracht haben«, erwiderte Magrat leise. »Sie haben neue Möbel ins Schloß getragen und müssen ernährt werden, nehme ich an.« »Du meinst wohl gefüttert, wie Vieh«, sagte Nanny. »Wir sollten ein- fach frech wie Oskar reingehen. Die Burschen scheinen nicht gerade übermäßig intelligent zu sein. Alles klar?« Geistesabwesend nahm sie einen Schluck aus der Flasche, die sie mit sich führte. »Folge mir ein- fach.« »Was ist mit Verence? Ich kann ihn doch nicht sich selbst überlassen. Er ist mein Mann!« »Wenn du hierbleibst – könntest du dann verhindern, daß etwas mit ihm geschieht?« fragte Nanny. »Kümmere dich um die Sicherheit des Babys, darauf kommt es an. Darauf kommt es immer an. Wie dem auch sei: Er ist geschützt. Dafür habe ich gesorgt.« »Mit Magie?« »Mit etwas Besserem. Folge mir jetzt und sei hochnäsig. Das hast du bestimmt gelernt, als Königin. Die anderen sollen nicht einmal denken, daß du kein Recht hättest, dort zu sein, wo du bist.« Nanny betrat die Küche. Mehrere schäbig gekleidete Personen sahen sie aus trüben Augen an, wie Hunde, die nach einer Peitsche Ausschau hielten. Auf dem großen Herd standen nicht etwa Frau Scorbics auf Hochglanz gescheuerte Töpfe, sondern ein großer, geschwärzter Kessel, der eine graue Masse enthielt. Nanny hätte nicht einmal für tausend Ankh-Morpork-Dollar darin gerührt. »Wir kommen hier einfach nur durch«, sagte Nanny scharf. »Macht weiter, womit auch immer ihr beschäftigt seid.« Köpfe drehten sich und beobachteten die beiden Hexen. Im rückwär- tigen Bereich der Küche löste sich eine Gestalt aus dem alten Lehnstuhl, in dem Frau Scorbic gelegentlich Hof hielt., »Oh, Mist, das ist einer der anderen Vampire«, stellte Nanny fest. »Und er versperrt uns den Weg zur Tür…« »Meine Damen!« Die Gestalt verneigte sich. »Kann ich irgendwie be- hilflich sein?« »Wir gehen«, verkündete Magrat hochmütig. »Das bezweifle ich«, erwiderte der Vampir. »Tschuldigung, junger Mann«, sagte Nanny mit der sanften Stimme des alten Muttchens. »Woher kommst du?« »Aus Überwald.« Nanny nickte und sah auf einen Zettel, den sie hervorgeholt hatte. »Schön. Und aus welchem Teil von Überwald?« »Klotz.« »Tatsächlich? Wie nett. Tschuldigung.« Sie drehte sich um, und ein Gummiband pitschte. Dann wandte sich Nanny erneut dem Vampir zu und lächelte besonders freundlich. »Weißt du, ich interessiere mich für fremde Leute«, meinte sie. »Klotz, wie? Wie heißt doch noch der dortige Fluß? Der Ähm? Der Uhm?« »Der Ah«, teilte ihr der Vampir mit. Nannys Hand schoß nach vorn und schob dem Vampir etwas Gelbes zwischen die Zähne. Er packte sie, doch als die alte Hexe nach vorn ge- zogen wurde, schlug sie ihm auf den Kopf. Der junge Mann sank auf die Knie, tastete nach seinem Mund und ver- suchte, durch die Zitrone zu schreien, in die er gerade hineingebissen hatte. »Scheint ein seltsamer Aberglaube zu sein, aber er funktioniert«, sagte Nanny, als sich Schaum auf den Lippen des Vampirs bildete. »Man muß seinen Kopf abschneiden«, warf Magrat ein. »Wirklich? Da drüben habe ich irgendwo ein Hackbeil gesehen…« »Sollten wir nicht besser gehen?« schlug Magrat vor. »Bevor jemand anders kommt?« »Na schön. Er ist ohnehin kein besonders hochrangiger Vampir.« Nanny winkte ab. »Immerhin trägt er keine sehr interessante Weste.«, Eine vom Regen silbrige Nacht erwartete sie. Mit gesenktem Kopf eil- ten die Hexen durch die dunstige Düsternis. »Ich muß das Baby neu wickeln!« »Ja, und zwar in einen Regenmantel«, erwiderte Nanny. »Ausgerechnet jetzt?« »Es ist ziemlich dringend…« »Na schön. Da drin.« Sie betraten den Stall. Nanny sah in die Nacht zurück und schloß leise die Tür. »Hier drin ist es sehr dunkel«, flüsterte Magrat. »Als junge Frau konnte ich Babys allein nach dem Gefühl wickeln.« »Mir wär’s lieber, wenn ich mich dabei auch auf die Augen verlassen könnte. He… da ist Licht…« Am anderen Ende der Pferdeboxen schimmerte matter Kerzenschein. Igor bürstete die Pferde, bis ihr Fell glänzte, und die ganze Zeit über führte er ein leises Selbstgespräch. Offenbar beschäftigte ihn irgend et- was. »Meine Ftimme paft ihnen nicht, wie? Und mein Humpeln paft ihnen ebenfallf nicht. Aber waf weif er schon? Dummer junger Fpund! Hör hiermit auf, Igor, hör damit auf… Und überall wimmelt ef von jungen Leuten, die mir auf der Nafe herumtanfen wollen… Auch fie haben Ver- pflichtungen. Der alte Herr wuffte daf! Ein Diener ift kein Fklave…« Er sah sich um. Ein kleines Stück Stroh fiel zu Boden. Igor bürstete erneut. »Ha! Hol dief, hol daf… Nie auch nur ein bifchen Refpekt, o nein…« Er hielt inne und strich sich ein weiteres Stück Stroh vom Ärmel. »… und noch etwaf…« Es knarrte, und plötzlich spürte er einen Luftzug. Das Pferd scheute in seiner Box. Igor wurde zu Boden geworfen, und sein Kopf schien plötz- lich in einem Schraubstock zu stecken. »Wenn ich jetzt die Knie zusammendrücke«, ertönte die fröhlich klin- gende Stimme einer Frau, »quillt dir vermutlich das Gehirn aus der Nase. Aber das wird sicher nicht passieren, weil wir jetzt Freundschaft schlie-, ßen. Sag ja.« »Ugl…« »Ich schätze, unter den gegenwärtigen Umständen muß diese Antwort genügen.« Nanny Ogg stand auf und strich Stroh von ihrem Kleid. »Ich habe schon sauberere Heuboden gesehen«, sagte sie. »Auf die Beine, Herr Igor. Und wenn du versuchst, dir irgend etwas Schlaues ein- fallen zu lassen: Meine Kollegin dort drüben hält eine Heugabel, und sie kann nicht besonders gut zielen, und wer weiß, welchen Teil von dir sie treffen würde…« »Trägt fie da ein Baby?« »Wir sind sehr modern«, erwiderte Nanny. »Haben immer alles dabei. Und jetzt bekommen wir auch noch deine Kutsche, Igor.« »Tatsächlich?« fragte Magrat. »Und wohin fahren wir?« »Es ist eine sehr unangenehme Nacht. Ich möchte das Baby nicht Re- gen und Kälte aussetzen, aber ich weiß auch, daß in der Nähe dieses Ortes ständig Gefahr droht. Vielleicht können wir bis morgen früh die Ebene erreichen.« »Ich werde Lancre nicht verlassen!« »Rette das Kind«, sagte Nanny. »Sorg dafür, daß es eine Zukunft gibt. Außerdem…« Sie flüsterte etwas, das Igor nicht verstand. »Wir können nicht sicher sein«, erwiderte Magrat. »Du weißt ja, wie Oma denkt«, sagte Nanny. »Es entspräche bestimmt ihrem Wunsch, daß wir das Kind in Sicherheit bringen. Also spann die Pferde an, Igor.« »Fehr wohl, Herrin«, antwortete der Diener lammfromm. »Erlaubst du dir einen Spaß mit mir, Igor?«* »Nein, ef ift mir ein Vergnügen, von einer feften, autoritären Ftimme Anweifungen zu erhalten, Herrin«, sagte Igor und humpelte zum Zaum- zeug. »Kein Unfug in der Art von ›Würdeft du bitte…‹ und dergleichen. * Normalerweise hatte Nanny nichts gegen Spaß einzuwenden, aber es kam dabei auf die Art von Humor an., Ein Igor weif gern, wo er fteht.« »Ein wenig schief?« »Der alte Herr hat mich jeden Tag gepeitscht!« sagte Igor stolz. »Und das hat dir gefallen?« fragte Magrat. »Natürlich nicht! Aber fo gehört ef fich! Er war ein Gentleman, und mir gebührte ef nicht einmal, ihm die Ftiefel fauberzulecken…« »Aber du hast es trotzdem getan?« erkundigte sich Nanny. Igor nickte. »Jeden Morgen. Und anschliefend habe ich fie geputzt.« »Nun, hilf uns, diesen Ort zu verlassen«, sagte Nanny. »Dann lasse ich dich mit einem parfümierten Schnürsenkel auspeitschen.« »Herflichen Dank, aber ich wollte ohnehin weg von hier«, entgegnete Igor und zog einen Gurt straff. »Weil ich die Nafe voll habe. Der Graf und die anderen follten fich nicht auf diefe Weife verhalten. Fie find eine echte Schande!« Nanny wischte sich das Gesicht ab. »Ich weiß Leute zu schätzen, die ganz offen sprechen«, sagte sie. »Und die bereit sind, mit einem Hand- tuch – habe ich Handtuch gesagt? – mit Rat und Tat zu helfen.« »Willst du ihm etwa vertrauen?« fragte Magrat. »Ich kann andere Personen gut beurteilen«, sagte Nanny. »Und ich weiß: Einem Mann mit Nähten, die um den ganzen Kopf herumführen, kann man immer vertrauen.« »Ruck, zuck, ruck, zuck, ruck, zuck!« »Hier geht’s richtig rund!« »Ab durch die Mitte!« Ein Fuchs spähte vorsichtig hinter einem Baum hervor. Ein Mann war liegend ziemlich schnell durch den verregneten Wald unterwegs. Er trug eine Schlafmütze, deren Bommel über den Boden tanzte. Als der Fuchs begriff, was vor sich ging, war es bereits zu spät. Eine kleine blaue Gestalt sprang unter dem vorbeisausenden Mann hervor,, landete auf seiner Schnauze und rammte ihm den Kopf zwischen die Augen. »Na, da bist du platt, was?« Der Kobold vom Stamm der Wir-sind-die-Größten sprang von der Schnauze des zusammenbrechenden Fuchses herunter, griff mit einer Hand nach dem Schwanz und lief den anderen hinterher. Eine Faust schlug triumphierende Löcher in die Luft. »Hurra! Jetzt ist fürs Essen gesorgt!« Sie hatten das Bett in die Mitte des Zimmers gezogen. Agnes und Him- melwärts saßen auf beiden Seiten davon und hörten, wie Festgreifaah die Vögel fütterte. Blechbüchsen rasselten, und gelegentlich erklang ein ge- dämpfter Schrei, wenn der Falkner versuchte, einen Vogel von seiner Nase zu lösen. »Wie bitte?« fragte Agnes. »Verzeihung?« »Ich dachte, du hättest etwas geflüstert«, sagte Agnes. »Äh… ja, ein kurzes Gebet«, gestand Hilbert Himmelwärts. »Wird es uns helfen?« erkundigte sich Agnes. »Äh… es hilft mir. Der Prophet Brutha sagte, daß Om jenen hilft, die sich gegenseitig helfen.« »Und stimmt das?« »Um ganz ehrlich zu sein: Es gibt verschiedene Meinungen darüber, was die Worte bedeuten.« »Wie viele?« »Etwa hundertsechzig seit dem Streit von zehn Uhr dreißig am drei- undzwanzigsten Februar. Bei der Gelegenheit spalteten sich die Wieder- vereinigten Freien Chelonianer (Mittwärtige Konvokation) von den Wie- dervereinigten Freien Chelonianern (Randwärtige Konvokation) ab. Es war eine sehr ernste Angelegenheit.« »Haben sie Blut vergossen?« fragte Agnes. Eigentlich war sie gar nicht interessiert, aber es lenkte sie von der Frage ab, was praktisch jeden Au- genblick erwachen konnte., »Nein, doch es kam zu Faustkämpfen, und ein Diakon wurde mit Tinte bespritzt.« »Eine ziemlich üble Sache.« »Außerdem zog man an diversen Bärten.« »Meine Güte.« Sektenfanatiker, kommentierte Perdita. »Du machst dich über mich lustig«, sagte Himmelwärts ernst. »Nun, es klingt ein wenig… trivial. Streitet ihr immer?« »Der Prophet Brutha sagte: ›Laßt zehntausend Stimmen erklingen‹«, erwiderte der Priester. »Manchmal glaube ich, er wollte damit folgendes mitteilen: ›Ihr zankt besser untereinander, als Ungläubige zu verbrennen und zu enthaupten.‹ Es ist alles sehr kompliziert.« Er seufzte. »Es gibt hundert Wege zu Om. Leider glaube ich ab und zu, daß jemand eine Harke auf vielen Pfaden zurückgelassen hat. Der Vampir hat recht. Wir haben unser Feuer verloren…« »Das Feuer, in dem früher Leute verbrannten.« »Ich weiß… ich weiß…« Aus den Augenwinkeln bemerkte Agnes eine Bewegung. Dampf kam unter der Decke hervor, die sie über Oma Wetterwachs gelegt hatten. Als Agnes genauer hinsah, zuckten Omas Lider nach oben, und ihre Augen glitten von einer Seite zur anderen. Ihre Lippen zitterten kurz. »Wie geht es dir, Frau Wetterwachs?« fragte Hilbert Himmelwärts in munterem Tonfall. »Was ist das für eine Frage?« raunte Agnes. »Sie wurde von einem Vampir gebissen!« »Eine solche Frage ist immer noch besser als ›Was bist du?‹« flüsterte Himmelwärts. Omas Hand bewegte sich. Ihre Lippen zitterten erneut. Der Leib stemmte sich den Stricken entgegen und sank dann auf die Matratze zu- rück. Agnes berührte Omas Stirn und zog die Hand sofort wieder zurück., »Sie verbrennt regelrecht! Festgreifaah! Bring Wasser!« »Bin schon unterwegs, Fräulein!« »O nein…«, hauchte Himmelwärts. Er deutete auf die Stricke, die wie Schlangen hin und her krochen, als sich die Knoten wie von Geisterhand berührt lösten. Mit einer Mischung aus Rollen und Fallen verließ Oma Wetterwachs das Bett und landete auf Händen und Knien. Agnes wollte ihr aufhelfen und kollidierte mit einem Ellenbogen, der sie auf die andere Seite des Zimmers schickte. Oma zog die Tür auf und kroch nach draußen in den Regen. Als die Tropfen sie trafen, verharrte sie kurz und schnaufte. Agnes glaubte, ein Zischen zu hören. Die Hände der alten Hexe rutschten zur Seite. Sie sank in den Schlamm und versuchte, sich wieder in die Höhe zu stemmen. Blaugrünes Licht fiel durch die offene Tür des Vogelhorts. Agnes sah zurück. Festgreifaah beobachtete ein Marmeladenglas, in dem ein Punkt aus weißem Licht von einer hellblauen Flamme umgeben war, die ein ganzes Stück aus dem Glas herauswuchs und dabei flackerte und pulsier- te. »Was ist das?« »Meine Phönixfeder, Fräulein! Sie brennt heller als jemals zuvor!« Draußen war es Himmelwärts gelungen, Oma auf die Beine zu brin- gen. Er schob eine Schulter unter ihren Arm. »Sie hat etwas gesagt«, brachte er hervor. »›Ich bin‹, glaube ich…« »Sie könnte eine Vampir sein!« »Gerade hat sie’s wiederholt. Hast du es nicht gehört?« Agnes näherte sich, und plötzlich fühlte sie Omas Hand am Oberarm. Von den Fingern ging eine Hitze aus, die Agnes selbst durch den nassen Stoff ihres Kleids spürte, und ein Wort verlor sich fast im Prasseln des Regens. »Eisen?« fragte Himmelwärts. »Hat sie ›Eisen‹ gesagt?« »Die Schloßschmiede ist direkt nebenan«, meinte Agnes. »Bringen wir sie dorthin.«, Die Schmiede war dunkel und kalt – in ihr wurde nur dann ein Feuer entzündet, wenn Arbeit erledigt werden mußte. Sie führten Oma hinein, und dort sank sie auf die Steinplatten. »Aber Eisen nützt doch nichts gegen Vampire, oder?« fragte Agnes. »Ich habe nie gehört, daß man Eisen verwendet…« Oma gab ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen Schnauben und Knurren angesiedelt war. Auf allen vieren kroch sie über den Boden und hinterließ dabei eine Schlammspur, bis sie den Amboß erreichte. Eigentlich war es nur ein großer Haufen Eisen, für einen nicht beson- ders geschickten Schmied bestimmt, um das Schloß mit benötigten Me- tallteilen zu versorgen. Oma griff mit beiden Händen danach und preßte die Stirn dagegen. »Oma, was…«, begann Agnes. »Geh dorthin, wo die anderen… sind«, krächzte Oma Wetterwachs. »Es müssen… drei Hexen sein. Wenn dies schiefgeht… bekommt ihr es mit… etwas Schrecklichem zu tun…« »Woraus besteht das Schreckliche?« »Aus mir. Geht jetzt, sofort.« Agnes wich zurück. Neben Omas Fingern brodelten kleine Rostflecken auf dem schwarzen Eisen. »Ich muß los! Behalte sie im Auge!« »Aber was ist, wenn…« Oma warf den Kopf zurück und kniff die Augen ganz fest zusammen. »Du sollst gehen!« heulte sie. Agnes erbleichte. »Du hast sie gehört!« rief sie und eilte in den Regen hinaus. Omas Kopf sank nach vorn und berührte erneut das Eisen. Rote Fun- ken tanzten dort, wo ihre Finger das Metall berührten. »Herr Priester«, sagte Oma Wetterwachs heiser. »Hier gibt es irgendwo eine Axt. Hol sie!« Himmelwärts sah sich verzweifelt um und entdeckte tatsächlich eine kleine Axt neben einem Schleifstein., »Äh… ich habe eine gefunden«, sagte er. Omas Kopf zuckte zurück. »Schärfe sie!« brachte sie zwischen zusam- mengebissenen Zähnen hervor. Himmelwärts betrachtete den Schleifstein und befeuchtete sich nervös die Lippen. »Du sollst sie schärfen, und zwar auf der Stelle!« Er zog die Jacke aus, rollte die Ärmel hoch, nahm die Axt und setzte den Fuß aufs Pedal des Schleifsteins. Funken stoben von der Klinge, als sich der Stein drehte. »Such ein ausreichend großes Stück Holz und spitze es zu. Und besorg dir einen… Hammer…« Das mit dem Hammer war nicht weiter schwer, denn direkt neben dem Schleifrad stand ein Gerüst mit Werkzeug. Nach rascher Suche im Durcheinander an der Wand fand Himmelwärts einen alten Zaunpfahl. »Wenn du von mir erwartest, was ich glaube…« »Etwas… wird bald… aufstehen«, keuchte Oma Wetterwachs. »Du solltest… dir ganz sicher sein… was es ist…« »Aber du kannst doch nicht von mir verlangen, daß ich dir den Kopf abschlage…« »Ich bitte dich nicht um etwas, sondern gebe dir einen Befehl, Priester! Was glaubst du denn? Was glaubst du, worum es… wirklich geht? Dar- um, Lieder zu singen? Früher oder später… läuft es auf… Blut hin- aus…« Ihr Kopf neigte sich auf dem Amboß von einer Seite zur anderen. Himmelwärts blickte auf ihre Hände. Der größte Teil des alten Eisens blieb schwarz, aber in unmittelbarer Nähe der Finger begann das Metall zu glühen, und der Rost brutzelte. Ganz vorsichtig berührte er den Am- boß, zog die Hand aber sofort wieder zurück und befeuchtete sich die halb verbrannten Fingerspitzen. »Es geht Frau Wetterwachs nicht besonders gut, oder?« fragte Festgrei- faah und trat ein. »Ja, das könnte man sagen.« »Meine Güte. Möchtest du Tee?«, »Was?« »Es ist eine scheußliche Nacht. Wenn wir uns nicht hinlegen, setze ich Teewasser auf.« »Ist dir klar, daß Oma Wetterwachs als blutgierige Vampirin aufstehen könnte?« »Oh.« Einige Sekunden lang beobachtete der Falkner die reglose Ges- talt und den dampfenden Amboß. »Dann könnte es sicher nicht schaden, vorher eine Tasse Tee zu trinken.« »Verstehst du, was hier vor sich geht?« Festgreifaah betrachtete die Szene noch einmal. »Nein«, antwortete er. »In dem Fall…« »Es ist nicht meine Aufgabe, solche Dinge zu verstehen«, sagte der Falkner. »Dazu bin ich nicht ausgebildet. Man braucht sicher eine lange Ausbildung, um so was zu verstehen, deshalb überlasse ich das euch. Und ihr? Versteht ihr, wie man einen Vogel abrichtet, damit er Beute schlägt und anschließend zurückkehrt?« »Davon habe ich keine Ahnung…« »Na bitte. Dann ist ja alles klar. Also eine Tasse Tee, in Ordnung?« Himmelwärts gab auf. »Ja, gut. Danke.« Festgreifaah eilte fort. Der Priester setzte sich. Wenn er ganz ehrlich sein sollte, wußte er nicht genau, ob er verstand, was vor sich ging. Die alte Frau hatte inner- lich gebrannt und sehr gelitten. Jetzt wurde das Eisen heiß, als nähme der Amboß Hitze und Schmerz in sich auf. Konnte sich jemand auf diese Weise von Pein befreien? Nun, die Propheten waren dazu natürlich im- stande – weil Om ihnen die Fähigkeit verliehen hatte. Doch diese alte Frau glaubte offenbar an gar nichts. Sie regte sich jetzt nicht mehr. Die anderen hatten so über sie gesprochen, als sei sie eine mächtige Magierin, doch die Gestalt im Großen Saal war ihm müde und ausge- laugt erschienen. Himmelwärts erinnerte sich an das Pflegeheim in Aby Dyal, an steife, in sich selbst zurückgezogene Kranke, die litten, bis der Schmerz zu groß wurde, bis ihnen nur noch Gebete blieben und dann, nicht einmal mehr die… Alles deutete darauf hin, daß die Alte jetzt diese Phase erreicht hatte. Sie rührte sich nicht von der Stelle. So eine Reglosigkeit hatte Him- melwärts nur dann gesehen, wenn Bewegungen nicht mehr im Bereich des Möglichen lagen. Den Berg hinauf und ins Tal hinab liefen die Wir-sind-die-Größten. Für List und Schläue schien in ihrem Denken kein Platz zu sein. Sie kamen jetzt ein wenig langsamer voran, denn einige von ihnen entfernten sich immer wieder von der Hauptgruppe, um untereinander zu kämpfen oder eine Jagd zu improvisieren. König Verence hatte inzwischen Gesellschaft bekommen. Nicht nur er wurde durchs Heidekraut getragen, sondern auch ein Fuchs, ein betäubter Hirsch, ein Keiler und ein Wiesel, das im Verdacht stand, einen Wir-sind-die-Größten auf seltsame Weise angese- hen zu haben. Verence stellte benommen fest, daß sie sich einem Wall am Ende einer Wiese näherten. Er war längst mit uralten Dornbüschen überwuchert. Die Kobolde hielten abrupt inne, als der Kopf des Königs nur noch wenige Zentimeter von einem Kaninchenbau entfernt war. »Paßt nicht rein!« »Ordentlich schieben?« Verences Kopf wurde einige Male hoffnungsvoll gegen weichen Boden gestoßen. »So klappt’s nicht!« »Wenn’s nicht geht, geht’s eben nicht.« Ein Kobold schüttelte den Kopf. »Wir müssen uns was einfallen lassen. Sonst macht die Dicke Strumpfbänder aus unseren Gedärmen…« Daraufhin geschah etwas Ungewöhnliches: Die Wir-sind-die-Größten schwiegen einen Moment. Dann sagte einer von ihnen: »Ich fürchte, dazu wäre sie tatsächlich fähig.« »Und außerdem wird sie uns allen ganz gewaltig das Fell über die Oh- ren ziehen, jawohl. Wenn sich die Dicke ärgert, fliegen die Fetzen.« »Dann sollten wir uns an die Arbeit machen…«, Verence sank auf den Boden. Gewisse Geräusche deuteten darauf hin, daß in der Nähe gegraben wurde, und Schlamm spritzte über ihn hinweg. Kurze Zeit später wurde er wieder hochgehoben und durch eine wesent- lich größere Öffnung getragen. Die königliche Nase kratzte über Baum- wurzeln, die aus der Decke ragten. Hinter ihm verrieten andere Geräu- sche, daß der Tunnel schnell wieder aufgefüllt wurde. Dann war nur noch ein von Dornbüschen bewachsener Wall zu sehen, in dem Kaninchen wohnten. Hier und dort kräuselten sich kleine Rauch- fahnen empor, aber in der dunklen, regnerischen Nacht fielen sie über- haupt nicht auf. Agnes lehnte sich an die Schloßwand, über die Regenwasser strömte, und schnappte nach Luft. Sie war von Oma Wetterwachs nicht nur aufge- fordert worden zu gehen – der Befehl hatte ihr Gehirn wie ein Eimer mit Eiswasser getroffen. Selbst Perdita hatte es ganz deutlich gespürt. Einer solchen Anweisung konnte man sich unmöglich widersetzen. Wohin war Nanny verschwunden? Agnes verspürte den dringenden Wunsch, in ihrer Nähe zu sein. Nanny Ogg blieb permanent in ein Es- wird-alles-gut-Feld gehüllt. Wenn es ihr gelungen war, die Küche zu durchqueren, konnte sie praktisch überall sein… Sie hörte, wie eine Kutsche durchs Tor rumpelte, das zu den Ställen führte, nicht mehr als ein Schemen in Regen und Dunkelheit, als sie ü- bers Kopfsteinpflaster des Hofes rollte. Neben dem Kutscher saß eine Gestalt, die sich einen Sack über den Kopf hielt, um einigermaßen vor Wind und Regen geschützt zu sein. Vielleicht war es Nanny. Eigentlich spielte es keine Rolle. Niemand hätte Agnes gesehen, wenn sie winkend durch die Pfützen gelaufen wäre. Sie stapfte zum Tor zurück, als die Kutsche ihre Fahrt über den Hü- gelhang fortsetzte und außer Sicht geriet. Nun, sie hatten versucht zu entkommen. Und die Kutsche einer Vampir-Familie zu stehlen… Das war ganz Nanny Oggs Stil… Jemand griff von hinten nach ihren Armen. Aus einem Reflex heraus versuchte Agnes mit den Ellenbogen zuzustoßen. Genausogut hätte sie versuchen können, einen Felsen beiseite zu schieben., »Nun, Fräulein Nitt«, sagte Vlad kühl, »wie wär’s mit einem kleinen Spaziergang im Regen?« »Sie sind dir entwischt!« schnappte Agnes. »Glaubst du?« erwiderte der Vampir. »Mein Vater könnte die Kutsche jederzeit in eine Schlucht stürzen lassen, wenn er wollte. Aber er will nicht. Ihm ist die direkte, persönliche Art lieber.« »Du meinst die direkte Zähne-im-Hals-Art«, sagte Agnes. »Ha, ja. Aber er gibt sich große Mühe, vernünftig zu sein. Kann ich dich nicht dazu überreden, eine von uns zu werden, Agnes?« »Ich soll leben, indem ich anderen Leuten das Leben nehme?« »So weit gehen wir in den meisten Fällen nicht mehr«, meinte Vlad und zog sie mit sich. »Und wenn es doch einmal geschieht… Nun, wir achten darauf, nur solche Leute zu töten, die den Tod verdienen.« »Oh, ja, und daran gibt es natürlich nichts auszusetzen«, entgegnete Agnes. »Was das angeht, treffen Vampire bestimmt immer die richtige Entscheidung.« »Ich muß zugeben, daß meine Schwester manchmal ein wenig… rigo- ros ist.« »Ich habe die Menschen gesehen, die ihr mitgebracht habt! Sie sind wie Vieh!« »Ach, sie. Die Bediensteten. Im großen und ganzen unterscheidet sich ihr derzeitiges Leben kaum von dem, das sie ohnehin geführt hätten. Eigentlich ist es sogar besser. Sie bekommen zu essen, haben eine Un- terkunft…« »… werden gemolken…« »Ist das so schlimm?« Agnes versuchte, sich aus dem Griff zu lösen. Hier gab es keine Schloßmauer mehr – da war auch gar keine nötig. Die Lancre-Schlucht bot genug Schutz, und Vlad führte sie direkt zu ihrem Rand. »Was für eine dumme Frage!« kommentierte Agnes. »Glaubst du? Du bist herumgekommen, wie ich hörte«, sagte Vlad, während sich Agnes vergeblich hin und her wand. »Du solltest also wis- sen, daß viele Leute ein kleines Leben führen, immer unter der strengen, Herrschaft eines Königs oder Regenten, der nicht zögern würde, sie aufs Schlachtfeld zu schicken oder sie zu vertreiben, wenn sie nichts mehr nützen.« Aber sie können fliehen, sagte Perdita. »Aber sie können fliehen!« »Wirklich? Zu Fuß? Mit der ganzen Familie? Und ohne Geld? Kaum jemand versucht es. Die meisten Menschen finden sich früher oder später mit den Dingen ab, Agnes.« »Das ist die blödsinnigste, zynischste und…« Die Wirklichkeit am besten widerspiegelnde, ergänzte Perdita. »… und die Wirklichkeit am besten widerspiegelnde Bemerkung, die ich jemals… Nein!« Vlad wölbte beide Brauen. »Du hast einen seltsamen Geist, Agnes. Du wirst natürlich nicht zu dem… Vieh gehören. Das gilt für alle Hexen. Dafür seid ihr viel zu… eigenwillig.« Er lächelte und zeigte dabei seine Zähne, was bei einem Vampir nicht besonders sympathisch wirkte. »Komm.« Vlad zog sie mit sich, und Agnes hätte sich dem Zerren nur dann wi- dersetzen können, wenn sie sich über den Boden hätte schleifen lassen. »Mein Vater ist von euch Hexen sehr beeindruckt«, sagte er über die Schulter hinweg. »Er meint, wir sollten euch alle in Vampire verwandeln. Angeblich seid ihr bereits auf halbem Wege dorthin. Aber mir wäre es lieber, ihr würdet einsehen, wie herrlich es sein kann.« »Ach, tatsächlich? Es muß wirklich toll sein, sich ständig nach Blut zu sehnen.« »Du sehnst dich ständig nach Schokolade, stimmt’s?« »Wie kannst du es wagen!« »Blut hat nicht viele Kohlenhydrate. Dein Körper wird sich anpassen, die Pfunde nach und nach verlieren…« »Ich finde das gräßlich!« »Du hast volle Kontrolle über dich selbst…« »Ich höre dir nicht zu!«, »Nur ein kleiner Stich…« »Von dir lasse ich mich auf keinen Fall stechen!« »Ha! Wundervoll!« sagte Vlad. Er zog Agnes mit sich und sprang in die Lancre-Schlucht. Oma Wetterwachs öffnete die Augen. Sie vermutete zumindest, daß ihre Augen jetzt geöffnet waren. Immerhin hatte sie gespürt, wie sich die Lider bewegten. Dunkelheit erstreckte sich vor ihr, eine samtschwarze, sternenlose Dunkelheit, wie ein Loch im Raum. Doch hinter ihr schimmerte Licht. Sie stand mit dem Rücken zum Licht – das fühlte sie ganz deutlich, sah es an ihren Händen. Das Leuchten strömte an ihr vorbei, betonte die Konturen ihres Schattens, der finster auf… … schwarzem Sand lag. Er knirschte unter ihren Stiefeln, als sie das Gewicht vom einen Bein aufs andere verlagerte. Dies war eine Prüfung. Alles war eine Prüfung. Überall herrschte Wettbewerb. Das Leben konfrontierte einen jeden Tag damit. Man beo- bachtete sich die ganze Zeit über. Man mußte Entscheidungen treffen. Niemand wies einen darauf hin, welche die richtigen waren. Oh, manche Priester behaupteten, daß nachher Pluspunkte und dergleichen verteilt wurden, aber was nützten sie dann noch? Sie bedauerte, daß ihr Geist nicht besser funktionierte. Aus irgendei- nem Grund konnte sie nicht richtig denken. Ihr Kopf schien voller Ne- bel zu sein. Dies… war kein Ort in der Realität. Nein, auf diese Weise durfte sie nicht an die Angelegenheit herangehen. Es war kein gewöhnlicher Ort, ob- gleich er realer als Lancre sein mochte. Ihr Schatten wuchs darüber hin- weg und wartete… Oma sah zu der großen, schweigenden Gestalt neben ihr auf. GUTEN ABEND. »Oh… du bist es wieder.« DU MUSST ERNEUT EINE WAHL TREFFEN, ESMERALDA WETTERWACHS., »Licht und Dunkelheit? Es ist nie so einfach, nicht einmal für dich.« Tod seufzte. NICHT EINMAL FÜR MICH. Oma versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Welches Licht und welche Dunkelheit? Auf so etwas war sie nicht vorbe- reitet. Es fühlte sich nicht richtig an. Einen solchen Kampf hatte sie nicht erwartet. Wessen Licht? Und wem gehörte dieses Bewußtsein? Eine dumme Frage. Sie war und blieb sie selbst. Das durfte sie nie vergessen… Also… Licht hinter ihr, vorn Dunkelheit… Sie hatte immer betont, daß Hexen zwischen Licht und Dunkelheit standen. »Sterbe ich?« JA. »Werde ich sterben?« JA. Oma Wetterwachs überlegte. »Aber von deiner Perspektive aus gesehen, sterben alle, nicht wahr?« JA. »Also bist du mir eigentlich keine große Hilfe.« TUT MIR LEID, ICH DACHTE, DU WOLLTEST DIE WAHRHEIT HÖREN. HAST DU VIELLEICHT ERWARTET, DASS ICH DIR HONIG UM DEN MUND SCHMIERE? »Ha…« Die Luft bewegte sich nicht, und das einzige Geräusch war das leise Zischen ihres Atems. Weißes Licht auf der einen Seite und schwere Dunkelheit auf der anderen… Beides wartete. Oma wußte von Menschen, die fast gestorben wären und gewisserma- ßen im letzten Augenblick ins Leben zurückgekehrt waren, vermutlich aufgrund eines geschickten Daumens an der richtigen Stelle oder weil sich ein an der falschen Stelle steckender Bissen gelöst hatte. Manchmal sprachen diese Personen von einem Licht… Dorthin sollte ich gehen, dachte Oma. Aber… zeigte das Licht den, Eingang oder den Ausgang? Tod schnippte mit den Fingern. Ein Bild erschien auf dem Sand vor ihr. Sie sah sich selbst, wie sie vor dem Amboß kniete. Die Szene beeindruckte durch einen bewunderns- werten dramatischen Effekt. Eine gewisse Theatralik hatte sie immer zu schätzen gewußt – obwohl sie nie bereit gewesen war, es zuzugeben –, und auf eine körperlose Weise wußte sie die Kraft zu schätzen, mit der sie den Schmerz ins Eisen projizierte. Vielleicht wäre alles noch ein- drucksvoller gewesen, wenn nicht jemand einen Kessel aufs eine Ende des Ambosses gestellt hätte. Tod bückte sich und nahm eine Handvoll Sand. Er hob ihn hoch, ließ ihn langsam zwischen den Fingern dahinrinnen. WÄHLE, sagte er. ICH GLAUBE, DU BIST GUT DARIN, EINE WAHL ZU TREFFEN. »Könntest du mir irgendeinen Rat geben?« fragte Oma. WÄHLE RICHTIG. Oma Wetterwachs wandte sich dem blendend hellen Schimmern zu und schloß die Augen. Dann trat sie zurück. Das Licht schrumpfte zu einem winzigen Fleck in der Ferne und ver- schwand. Plötzlich war die Dunkelheit überall und schloß sich wie Treibsand um sie. Es schien keinen Weg zu geben, keine Richtung. Als sie sich beweg- te, fühlte sie überhaupt nichts. Es gab kein Geräusch, abgesehen von dem leisen Knistern des Sands, der hinter ihrer Stirn rieselte. Und dann sprach ihr Schatten mit vielen Stimmen. »Du bist dafür verantwortlich, daß einige Personen gestorben sind, obwohl sie hätten leben können…« Die Worten trafen wie Peitschenhiebe und hinterließen blutige Strie- men in Omas Selbst. »Andere lebten, obwohl sie dem Tod geweiht waren«, erwiderte sie. Die Finsternis zupfte an ihren Ärmeln., »Du hast getötet…« »Nein, ich habe den Weg gezeigt.« »Ha! Das sind nur Wörter…« »Worte sind wichtig«, flüsterte Oma in die Nacht. »Du hast dir das Recht genommen, über andere zu urteilen…« »Ich habe mich der Pflicht gestellt. Und ich bin bereit, Rechenschaft abzulegen.« »Ich kenne jeden bösen Gedanken, der dir jemals durch den Kopf gegangen ist…« »Ich weiß.« »… Gedanken, die du vor allen verborgen hast…« »Ich weiß.« »… all die kleinen Geheimnisse, die du nie jemandem anvertraut hast…« »Ich weiß.« »Wie oft hast du dich danach gesehnt, die Dunkelheit zu umarmen…« »Ja.« »… du hättest so stark sein können…« »Ja.« »Gib dich der Dunkelheit hin…« »Nein.« »Gib mir nach…« »Nein.« »Lilith Wetterwachs hat nachgegeben, genauso wie Alison Wetterwachs…« »Dafür gibt es keinen Beweis!« »Gib mir nach…« »Nein. Ich kenne dich. Ich habe dich immer gekannt. Der Graf hat dich nur freigesetzt, damit du mich quälen kannst, aber ich habe immer von deiner Existenz gewußt. An jedem Tag meines Lebens habe ich ge- gen dich gekämpft, und ich werde jetzt nicht das Feld räumen.« Sie öffnete die Augen und starrte in die Dunkelheit. »Ich weiß, wer du jetzt bist, Esmeralda Wetterwachs«, sagte sie. »Du erschreckst mich nicht mehr.«, Der Rest des Lichts verflüchtigte sich. Oma Wetterwachs hing für un- bestimmte Zeit in der Finsternis. Absolute Leere schien sowohl Zeit als auch Richtungen aufgesaugt zu haben. Es gab keinen Ort, den Oma auf- suchen konnte, denn es existierten überhaupt keine Orte mehr. Nach einer Zeitspanne, die sich nicht messen ließ, hörte Oma ein an- deres Geräusch, ein ganz leises Flüstern am Rand der Hörweite. Sie be- wegte sich darauf zu. Worte stiegen zappelnden Goldfischen gleich in der Dunkelheit auf. Oma strebte ihnen entgegen; immerhin wiesen sie eine Richtung. Lichtfragmente verwandelten sich in Geräusche. »… und frage ich dich in deiner unendlichen Güte, ob du vielleicht die Zeit finden könntest, hier einzugreifen…« Normalerweise brachte sie derartige Worte nicht mit Licht in Verbin- dung. Vielleicht lag es an ihrer Formulierung. Oder daran, wie sie ausge- sprochen wurden. Ein seltsames Echo haftete ihnen an, wie von einer zweiten Stimme, die mit der ersten verbunden war und an jeder Silbe kleb- te… »… welche Güte? Wie viele Menschen haben auf dem Scheiterhaufen gebetet? Wie dumm ich aussehe, hier so zu knien…« Ah, ein geteiltes Bewußtsein. Es gab mehr Agnesse in der Welt, als Agnes ahnte, dachte Oma. Das Mädchen hatte einem Ding nur einen Namen gegeben, und wenn man etwas einen Namen gab, verlieh man ihm Leben… Es war noch etwas anderes in der Nähe, ein Glanz, der nur mehrere Photonen durchmaß und verblaßte, als sie ihre Aufmerksamkeit darauf richtete. Sie wandte den Blick kurz ab und sah dann erneut hin. Wieder verschwand der Lichtfleck. Etwas versteckte sich. Der Sand rieselte nicht mehr. Die Zeit war abgelaufen. Jetzt mußte sie das Wo und Wer klären. Oma Wetterwachs öffnete die Augen, und Licht flutete ihr entgegen., Die Kutsche hielt auf der Bergstraße an. Wasser strömte an ihren Rädern vorbei. Nanny stieg aus und watete zu Igor, der stand, wo es keine Straße mehr gab. Wasser schäumte dort, wo sie sich eigentlich befinden sollte. »Können wir die andere Feite erreichen?« fragte Igor. »Wahrscheinlich, aber weiter unten dürfte es noch schlimmer sein«, sagte Nanny. »Ich meine, wo sich das ganze Wasser sammelt. Eine sol- che Menge kann einfach nicht schnell genug abfließen…« Sie blickte in die andere Richtung. Die Straße wand sich höher die Ber- ge empor, zwar naß, aber befahrbar. »Wann erreichen wir den nächsten Ort, wenn wir in die Richtung fah- ren?« fragte Nanny. »Ich meine einen Ort mit mindestens einem ordent- lichen Steingebäude… Löschdurst, nicht wahr? Dort gibt es eine Kut- schentaverne.« »Ja, ftimmt. Löschdurft.« »Nun, bei so einem Wetter hat es keinen Sinn, den Weg zu Fuß fortzu- setzen«, sagte Nanny. »Also auf nach Löschdurst.« Sie stieg wieder ein und spürte, wie die Kutsche wendete. »Gibt es ein Problem?« fragte Magrat. »Warum geht es jetzt bergauf?« »Die Straße ist überflutet«, erwiderte Nanny. »Wir fahren nach Überwald?« »Ja.« »Aber dort müssen wir damit rechnen, Werwölfen und Vampiren und wer weiß wem noch zu begegnen…« »Nicht überall. Auf der Hauptstraße sollten wir sicher sein. Außerdem bleibt uns kaum eine Wahl.« »Da hast du wohl recht«, räumte Magrat widerstrebend ein. »Und es könnte schlimmer sein«, meinte Nanny. »Wie denn?« »Nun… wenn es hier drin Schlangen gäbe.«, Agnes bemerkte vorbeihuschende Felsen, blickte nach unten und sah die schäumenden Fluten des angeschwollenen Flusses. Die Welt drehte sich um sie herum, als Vlad mitten in der Luft anhielt. Wasser berührte ihre Zehenspitzen. »Es werde… leicht«, sagte er. »Du wärst gern so leicht wie die Luft, nicht wahr, Agnes?« »Wir… wir haben Besen…«, schnaufte Agnes. Ihr Leben war gerade an ihrem inneren Auge vorbeigezogen, und kann ein Leben überhaupt langweili- ger sein? fragte Perdita. »Nutzlose, unhandliche, dumme Objekte«, sagte Vlad. »Und das hier ermöglichen sie euch nicht…« Die Wände der Schlucht zogen schemenhaft an Agnes vorbei. Das Schloß fiel steil nach unten. Wolkenschlieren tasteten kurz nach ihr, bil- deten dann ein silberweißes Vlies unter dem stummen, kalten Licht des Mondes. Vlad war nicht an ihrer Seite. Agnes’ Aufstieg verlangsamte sich, und sie breitete die Arme aus, griff nach etwas, das gar nicht existierte. Dann fiel sie zurück… Plötzlich erschien der Sohn des Grafen, lachte und hielt sie an der Tail- le. »… oder?« Agnes brachte keinen Ton heraus. Eben war das Leben in der einen Richtung an ihrem inneren Auge vorbeigezogen, und jetzt floß es in die andere Richtung. Ihr fehlten die Worte, solange sie unschlüssig über das Jetzt war. »Und das ist noch gar nichts«, fügte Vlad hinzu. Wolkenfetzen kräusel- ten sich hinter ihnen, als er nach vorn raste. Die Wolken verschwanden. Sie mochten so dünn wie Rauch gewesen sein, aber ihre Präsenz – ihre Illusion von Festigkeit – war ein Trost gewe- sen. Jetzt zeigten sie sich nur noch als eine Andeutung in der Ferne, und tief unten sah Agnes die Ebenen im Mondschein. »Ghjgh«, gurgelte sie. Anspannung und Schrecken hinderten sie daran zu schreien. Huiii! juchzte Perdita in ihr., »Na?« fragte Vlad. »Siehst du das Licht am Rand?« Die Sonne schwebte unter der Scheibenwelt, doch am dunklen Rand drang ihr Licht durch den endlosen Wasserfall. Es entstand ein glühen- des Band zwischen dem von der Nacht umschmiegten Ozean und den Sternen. Es war ein beeindruckender Anblick, doch Agnes dachte daran, daß die Schönheit den Betrachter noch weitaus mehr überwältigte, wenn er auf festem Boden stand. In einer Höhe von mehreren Kilometern neigte das Auge des Betrachters zum Tränen. Perdita fand das Panorama wunderschön. Agnes fragte sich: Wenn Agnes als purpurner Fleck auf den Felsen tief unten endete – würde Per- dita dann weiter existieren? »Alles was du willst«, flüsterte Vlad. »Für immer.« »Ich möchte nach unten«, sagte Agnes. Er ließ los. Agnes’ Figur hatte zumindest einen Vorteil: Sie eignete sich gut zum Fallen. Sie drehte sich automatisch so, daß ihr Bauch nach unten wies, und mit wehendem Haar schwebte sie im fauchenden Wind. Seltsamerweise wich der Schrecken aus ihr. Er war mit einer Situation verbunden gewesen, die sie nicht kontrollieren konnte. Während sie jetzt mit ausgebreiteten Armen fiel, während der lange Rock um ihre Beine flatterte und ihre Augen tränten, konnte sie wenigstens sehen, was die Zukunft brachte, obgleich die Auswahl nicht besonders groß war. Vielleicht fiel sie auf eine weiche Schneewehe oder in tiefes Wasser… Vielleicht wäre es einen Versuch wert gewesen, sagte Perdita. So übel ist er eigent- lich gar nicht. »Sei still.« Dann müßtest du nicht damit rechnen, auf den Felsen zu zerplatzen wie ein mit Wasser gefüllter Ballon… »Du sollst still sein. Außerdem sehe ich da einen See. Vielleicht kann ich meine Flugbahn so beeinflussen, daß ich in seine Richtung fliege.« Bei dieser Geschwindigkeit spielt es kaum eine Rolle, ob du auf Wasser oder harten Boden prallst. »Woher willst du das wissen?«, Das ist allgemein bekannt. Vlad erschien neben Agnes und schwebte in der Luft, als läge er auf einem Sofa. »Gefällt’s dir?« fragte er. »Bisher ja«, antwortete Agnes, ohne ihn anzusehen. Sie spürte, wie er sie am Handgelenk berührte. Sie fühlte keinen Druck, aber der Fall stoppte ganz plötzlich. Erneut wurde sie so leicht wie die Luft. »Warum machst du das?« fragte sie. »Wenn du mich beißen willst, bring es endlich hinter dich!« »Oh, das kommt überhaupt nicht in Frage!« »Ihr habt Oma gebissen und ihr Blut getrunken!« stieß Agnes hervor. »Ja, aber wenn das gegen den Willen der Leute geschieht, sind sie nachher so… unterwürfig und kaum mehr als denkende Nahrung. Doch jemand, der sich aus freiem Willen für die Nacht entscheidet… Das ist eine ganz andere Sache, liebe Agnes. Und du bist viel zu interessant, um eine Sklavin zu sein.« »Sag mal…«, brummte Agnes, als ein Berggipfel vorbeiglitt, »hattest du viele Freundinnen?« Vlad zuckte mit den Schultern. »Ein oder zwei. Aus dem Dorf. Haus- mädchen.« »Und darf ich fragen, was mit ihnen geschehen ist?« »Sieh mich nicht so an. Wir beschäftigen sie immer noch im Schloß.« Agnes verachtete ihn. Perdita haßte ihn nur. Haß ist das Gegenteil von Liebe und genauso attraktiv. … aber Nanny meinte, wenn es zum Schlimmsten kommt… dann wird er dir ver- trauen… und sie haben bereits Oma erwischt… »Wenn ich ein Vampir bin, kann ich nicht mehr zwischen Gut und Bö- se unterscheiden«, sagte Agnes. »Findest du das nicht ein wenig naiv? Es sind doch nur zwei verschie- dene Perspektiven für die gleiche Sache. Du mußt dich nicht immer so verhalten, wie es der Rest der Welt von dir verlangt.«, »Spielst du noch immer mit ihr?« Lacrimosa schritt ihnen durch die Luft entgegen. Hinter ihr sah Agnes die anderen Vampire. »Beiß sie oder laß sie gehen«, fuhr das Mädchen fort. »Meine Güte, sie ist so… tropfenförmig. Komm, Vater möchte dich sprechen. Die anderen Hexen sind zu unserem Schloß unterwegs. Ist das nicht dumm?« »Diese Sache betrifft nur mich, Lacci«, sagte Vlad. »Jeder Junge sollte ein Hobby haben, aber… Ich bitte dich.« Lacrimosa rollte mit schwarzumrandeten Augen. Vlad sah Agnes an und lächelte. »Begleite uns«, sagte er. Oma meinte, du sollst bei den anderen sein, erinnerte Perdita sie. »Ja, aber wie soll ich sie finden, wenn wir dort sind?« fragte Agnes laut. »Oh, wir werden sie finden«, erwiderte Vlad. »Ich meinte…« »Kommt mit. Wir beabsichtigen nicht, deinen Freundinnen ein Leid zuzufügen…« »Zumindest kein sehr großes«, warf Lacrimosa ein. »Oder… wir könnten dich hier zurücklassen«, sagte Vlad und lächelte. Agnes sah sich um. Sie waren über den Wolken gelandet, auf einem Berggipfel. Die junge Hexe spürte Wärme und Leichtigkeit – Empfin- dungen, die nur falsch sein konnten. Selbst auf einem Besen hatte sie sich nie so gefühlt. Sie war sich immer der Gravitation bewußt gewesen, die sie nach unten ziehen wollte. Doch während der Vampir ihren Arm hielt, schien jede Zelle ihres Körpers davon überzeugt zu sein, für immer schweben zu können. Und wenn sie es ablehnte, Vlad und Lacrimosa zu begleiten, nahm die Rückkehr nach unten entweder sehr viel Zeit in Anspruch oder sehr wenig. Außerdem mochte Vlad kleine Reißzähne und bei Westen einen schrecklichen Geschmack haben, aber er schien sich tatsächlich zu ihr hingezogen zu fühlen. Und dabei hatte sie nicht einmal einen sehr interes- santen Hals. Agnes und Perdita trafen eine Entscheidung., »Wenn du einen Bindfaden an ihr befestigst, könnten wir sie vielleicht wie einen Ballon hinter uns herziehen«, sagte Lacrimosa. Außerdem bestand die Möglichkeit, daß sie irgendwann mal mit Lac- rimosa allein sein konnte. Wenn das geschah, brauchte sie weder Knob- lauch noch einen zugespitzten Pflock oder eine Axt. Dann genügte ein kleines Gespräch über Leute, die zu unfreundlich, zu boshaft und zu dünn waren. Fünf Minuten allein mit Lacrimosa würden genügen. Und vielleicht eine Nadel, sagte Perdita. Unter dem Kaninchenbau, tief unter dem Wall, erstreckte sich ein großer Raum mit niedriger Decke. Baumwurzeln wanden sich um die Steine in der Wand. An diesen Dingen herrschte in Lancre kein Mangel. Das Königreich war kurz nach dem Rückzug des Eises entstanden und viele Jahrhunder- te alt. Stämme hatten geplündert und neu gebaut, um anschließend aus- zusterben. Lehmwände und Strohdächer der damaligen Häuser waren längst zerfallen, aber unter den Erdwällen verblieben die Ruhestätten der Toten. Niemand wußte, wer hier einst begraben worden war. Gelegent- lich konnte man in den Erdhaufen vor Dachshöhlen einen Knochen- splitter oder kleine, verrostete Rüstungsteile entdecken. Die Lancrestia- ner verzichteten auf Ausgrabungen, denn als einfache Leute vom Lande vertraten sie die Ansicht, daß es Unglück brachte, sich von irgendeinem unterirdischen Geist den Kopf abreißen zu lassen. Ein oder zwei alte Hügelgräber waren irgendwann geöffnet worden, denn die großen Steine auf ihnen lockten ganz bestimmte Leute an. Wenn man sein unbeschlagenes Pferd dort über Nacht zurückließ und außerdem eine Münze auf den Stein legte, so war am nächsten Morgen die Münze verschwunden, und das Pferd sah man ebenfalls nicht wie- der… Tief unten auf dem Boden unterm Wall brannte ein Feuer, dessen Rauch durch viele kleine Spalten abzog. Daneben ragte ein birnenförmi- ger Felsen auf. Verence versuchte, auf die Beine zu kommen, doch sein Körper ge- horchte ihm nicht., »Bist noch zu schwach«, sagte der Felsen. Er entfaltete seine Beine. Verence erkannte eine Frau, beziehungsweise ein weibliches Geschöpf: blau wie die übrigen Kobolde, aber mindestens dreißig Zentimeter groß und so dick, daß die Gestalt fast kugelförmig wirkte. Das Geschöpf sah genauso aus wie die kleinen Statuen aus der Zeit des Eises und der Mammuts, als Männer bei Frauen vor allem Quan- tität bevorzugten. Um des Anstands willen – oder vielleicht nur deswe- gen, um den Äquator zu markieren – trug die Frau etwas, das sich nur als eine Art Ballettröckchen identifizieren ließ. Das ganze Erscheinungsbild erinnerte Verence an einen Kreisel, mit dem er als Kind einmal gespielt hatte. Eine krächzende Stimme erklang an seinem Ohr. »Die Kelda meint, du solltest dich… vorbereiten.« Verence drehte den Kopf und versuchte, sich auf einen kleinen, ver- hutzelten Kobold zu konzentrieren, der direkt vor seiner Nase stand. Er bemerkte bleiche Haut und einen langen weißen Bart. Offenbar benutzte der winzige Alte zwei Stöcke zum Gehen. »Vorbereiten soll ich mich? Auf was?« »Gut.« Der alte Kobold klopfte mit den Stöcken auf den Boden. »Also los, Wir-sind-die-Größten!« Blaue Männer eilten Verence aus den Schatten entgegen. Hunderte von Händen ergriffen ihn. Kleine Körper bildeten eine Pyramide, zogen Ve- rence hoch und an die Wand. Einige von ihnen hielten sich mit einer Hand an den aus der Decke ragenden Baumwurzeln fest und zerrten mit der anderen an Verences Nachthemd, um ihn in vertikaler Position zu halten. Andere Kobolde liefen mit einer großen Armbrust über den Boden und schoben sie auf einen Stein in der Nähe. »Äh… hallo…«, murmelte Verence. Die Kelda wankte in den Schatten, und als sie zurückkehrte, waren ihre dicken Hände zu Fäusten geballt. Sie hielt sie übers Feuer. »Achtung!« sagte der alte Kobold. »He, das Ding zielt direkt auf mich…« »Achtung!« riefen die Wir-sind-die-Größten., »… es ist soweit!« »Es ist soweit!« »Äh… dürfte ich vielleicht erfahren, was…« »Und los!« Die Kelda warf etwas ins Feuer. Eine weiße Flamme fauchte nach o- ben und erzeugte überall im Raum klare Trennlinien zwischen Hell und Dunkel. Verence blinzelte. Als er wieder sehen konnte, steckte ein Armbrustbolzen neben seinem Ohr in der Wand. Die Kelda brummte einen Befehl. Immer noch tanzte weißes Licht ü- ber die Wände. Erneut klopfte der bärtige Kobold mit seinen Stöcken. »Du mußt gehen. Jetzt!« Die Wir-sind-die-Größten ließen Verence los. Er taumelte einige Schritte und sank dann zu Boden, doch die Kobolde beachteten ihn gar nicht. Er sah auf. Sein Schatten zuckte dort an der Wand, wo er eben noch gestanden hatte. Der Schemen wand sich hin und her, versuchte vergeb- lich, mit substanzlosen Händen den Bolzen zu lösen. Dann verblaßte der Schatten. Verence hob die Hand. Sie schien einen normalen Schatten zu werfen. Der alte Kobold humpelte ihm entgegen. »Jetzt ist alles in Ordnung«, sagte er. »Ihr habt meinen Schatten erschossen?« fragte Verence. »Ja, man könnte von einem Schatten sprechen«, erwiderte der Kobold. »Es war der Einfluß, dem du ausgesetzt warst. Bestimmt wirst du dich rasch davon erholen.« »Ich werde mich schnell von einem erschossenen Schatten erholen?« vergewisserte sich Verence. »Ja«, bestätigte der Kobold. »Gruß dir, König. Ich stehe in Diensten der Großen Aggie. Man könnte mich vermutlich als Premierminister bezeichnen, oder so. Wie wär’s mit einem ordentlichen Schluck und ei- nem verbrannten Gerstenmehlkuchen dazu?«, Verence rieb sich das Gesicht. Er fühlte sich schon viel besser. Geisti- ger Nebel löste sich auf. »Wie kann ich euch dafür danken?« fragte er. In den Augen des Kobolds glänzte es zufrieden. »Oh, es gibt da eine kleine Sache, von der die nette Frau Ogg gespro- chen hat«, sagte der alte Kobold. »Ist eigentlich kaum der Rede wert.« »Was immer ihr wollt«, erwiderte Verence. Zwei andere Kobolde näherten sich und schnauften vor Anstrengung: Sie trugen ein sehr großes, zusammengerolltes Pergament und verharrten damit vor Verence. Der Alte mit den Stöcken hielt plötzlich einen Fe- derkiel in der Hand. »Ich meine eine Unterschrift«, sagte er, als Verence auf eine winzige Handschrift starrte. »Lies auch alle Zusatzparagraphen und Anhänge. Die Wir-sind-die-Größten sind ein einfaches Volk«, fügte er hinzu, »aber wir schreiben sehr komplexe Dokumente.« Hilbert Himmelwärts sah über seine betenden Hände hinweg zu Oma Wetterwachs. Sie bemerkte, wie sein Blick zur Axt glitt und dann zu ihr zurückkehrte. »Du würdest sie nicht rechtzeitig erreichen«, sagte Oma, ohne sich zu bewegen. »Du solltest sie bereits in der Hand halten. Gebete sind schön und gut – sie können recht nützlich sein, wenn es darum geht, die Ge- danken zu ordnen. Aber eine Axt ist eine Axt, ganz gleich, woran du glaubst.« Himmelwärts entspannte sich ein wenig. Er war auf einen Sprung an seine Kehle gefaßt gewesen. »Falls Festgreifaah Tee gekocht hat – ich bin recht durstig«, sagte Oma. Sie lehnte sich an den Amboß und schnaufte. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich die Hand des jungen Mannes bewegte. »Ich hole… ich frage… ich…« »Ein sehr vernünftiger Mann, der Falkner. Übrigens könnte ich auch einen Keks vertragen.« Himmelwärts’ Hand erreichte den Stiel der Axt., »Noch immer nicht schnell genug«, stellte Oma fest. »Aber nimm das Ding ruhig. Zuerst die Axt, Gebete später. Du siehst wie ein Priester aus. Welchen Gott verehrst du?« »Äh… Om.« »Ist das ein Er oder eine Sie?« »Ein Er. Ja. Ein Er. Daran kann kein Zweifel bestehen.« Erstaunli- cherweise hatte es darüber keine Zerwürfnisse gegeben. »Äh… macht es dir etwas aus?« »Warum sollte es mir etwas ausmachen?« »Nun, deine… Kolleginnen haben immer wieder darauf hingewiesen, daß Omnianer Hexen verbrannt haben…« »So etwas ist nie geschehen«, sagte Oma Wetterwachs. »Ich fürchte, aus historischen Unterlagen geht hervor, daß…« »Es wurden keine Hexen verbrannt«, beharrte Oma. »Auf dem Schei- terhaufen endeten vermutlich einige alte Frauen, die ihre Meinung sagten oder nicht weglaufen konnten. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, daß jemals Hexen verbrannt wurden«, fügte sie hinzu und rutschte ein wenig zur Seite. »Allerdings könnte es sein, daß Hexen andere Leute verbrannt haben. Wir sind nicht alle lieb und nett.« Himmelwärts erinnerte sich daran, daß der Graf seine Mitarbeit am Ar- ca Instrumentorum erwähnt hatte… Diese Bücher waren alt! Aber das galt auch für Vampire. Und sie waren der Kanon der Schriften! Die eiskalte Klinge des Zweifels bohrte sich tiefer in sein Gehirn. Konnte man wirklich sicher sein, wer was geschrieben hatte? Wem durfte man vertrauen? Wo war die heilige Schrift? Wo steckte die Wahr- heit? Oma stand auf und wankte zur Werkbank, wo Festgreifaah das Glas mit der Flamme zurückgelassen hatte. Sie betrachtete es aufmerksam. Himmelwärts schloß die Hand fester um den Stiel der Axt. Er mußte zugeben, daß sie ihm derzeit etwas mehr Trost spendete als ein Gebet. Vielleicht konnte man mit kleinen Wahrheiten beginnen, in der Art von: Er hielt eine Axt in der Hand., »Ich mö… möchte sicher sein«, sagte er. »Bist du… bist du ein Vam- pir?« Oma Wetterwachs schien die Frage gar nicht zu hören. »Wo bleibt Festgreifaah mit dem Tee?« erkundigte sie sich. Der Falkner kam mit einem Tablett herein. »Freut mich, daß es dir bessergeht, Frau Wetterwachs.« »Es wurde auch Zeit.« Der Tee schwappte über, als Oma eine Tasse nahm. Ihre Hand zitterte. »Festgreifaah?« »Ja, Frau Wetterwachs?« »Du hast hier einen Feuervogel, nicht wahr?« »Nein.« »Ich habe dich bei der Jagd nach ihm beobachtet.« »Und ich habe ihn gefunden, Frau Wetterwachs. Aber er ist ums Leben gekommen. Nur ein Brandfleck auf dem Boden blieb zurück.« »Du solltest mir besser alles darüber erzählen.« »Ist dies der richtige Zeitpunkt?« fragte Himmelwärts. »Ja«, sagte Oma Wetterwachs. Himmelwärts nahm Platz und hörte zu. Festgreifaah war ein sehr ori- gineller und auch recht guter Geschichtenerzähler, auf eine besondere Art. Wenn er aufgefordert worden wäre, die Saga vom Tsortanischen Krieg zu erzählen, hätte er alle beobachteten Vögel beschrieben, auf je- den Kormoran hingewiesen, alle Pelikane aufgelistet, jeden Schlachtfeld- raben klassifiziert und keine einzige Seeschwalbe unerwähnt gelassen. An irgendeiner Stelle in der Erzählung wären auch bewaffnete Männer vor- gekommen, aber nur deshalb, weil Raben auf ihnen hockten. »Der Phönix legt keine Eier«, ließ sich Himmelwärts einmal verneh- men. Dieser Einwand betraf eine Stelle einige Stellen nach der Stelle, an der er gefragt hatte, ob der Falkner betrunken gewesen war. »Es ist ein Vogel«, betonte Festgreifaah. »Und Vögel legen Eier. Ich habe die Eierschale mitgenommen.«, Er eilte zum Vogelhort. Himmelwärts sah Oma Wetterwachs an und lächelte nervös. »Vermutlich hat er die Schale eines gewöhnlichen Eis gefunden«, sagte er. »Ich habe über den Phönix gelesen. Es ist ein mythisches Geschöpf, ein Symbol, ein…« »Ich weiß nicht«, erwiderte Oma. »Ich bin nie einem nahe genug ge- kommen, um das festzustellen.« Der Falkner kehrte mit einer Schachtel zurück. Sie enthielt Pelz- und Wollbüschel, und zwischen ihnen lagen Teile einer Eierschale. Himmel- wärts nahm zwei. Sie waren sehr leicht und glänzten in silbrigem Grau. »Ich habe sie in der Asche gefunden.« »Niemand hat jemals behauptet, Eierschalen von einem Phönix gefun- den zu haben«, sagte Himmelwärts vorwurfsvoll. »Das wußte ich nicht«, entgegnete Festgreifaah unschuldig. »Sonst hät- te ich nicht nach ihnen Ausschau gehalten.« »Ich frage mich, ob irgendwann einmal jemand anders danach gesucht hat«, murmelte Oma Wetterwachs und stieß die Eierschalen an. »Ah…«, sagte sie. »Ich dachte, daß die Phönixe vielleicht an einem sehr gefährlichen Ort leben…«, begann Festgreifaah. »Für neugeborenes Leben ist zunächst jeder Ort gefährlich«, meinte Oma. »Offenbar hast du dir Gedanken gemacht, Festgreifaah.« »Danke, Frau Wetterwachs.« »Schade, daß du nicht noch etwas gründlicher nachgedacht hast«, fügte Oma hinzu. »Wie bitte?« »Diese Teile hier stammen von mehr als nur einem Ei.« »Frau Wetterwachs?« »Festgreifaah«, sagte Oma geduldig, »der Phönix hat mehr als nur ein Ei gelegt.« »Was?« entfuhr es Himmelwärts. »Aber das ist unmöglich! Nach der Mythologie…«, »Oh, Mythologie«, sagte Oma. »Mythologie besteht nur aus den Mär- chen der Leute, die gewonnen haben, weil sie die größeren Schwerter hatten. Und von solchen Leuten kann man natürlich erwarten, daß sie sich mit Ornithologie auskennen. Wie dem auch sei: Wenn nur ein Exemplar existiert, darf die Spezies wohl kaum damit rechnen, lange Bestand zu haben. Bestimmt haben Feuervögel natürliche Feinde, so wie alle ande- ren Lebensformen auch. Hilf mir hoch, Herr Himmelwärts. Wie viele Vögel befinden sich in deinem Hort, Festgreifaah?« Der Falkner blickte kurz auf seine Finger. »Fünfzig.« »Hast du sie kürzlich gezählt?« Sie beobachteten ihn, während er von Pfahl zu Pfahl ging. Sie schwie- gen und beobachteten ihn weiter, als er umkehrte und noch einmal zähl- te. Anschließend verbrachte er einige Zeit damit, auf seine Finger zu starren. »Einundfünfzig?« fragte Oma. »Ich verstehe das nicht, Frau Wetterwachs.« »Du solltest sie besser nach den einzelnen Arten zählen.« Das ergab neunzehn Müde Sorgentröpfe, obwohl es eigentlich nur achtzehn sein sollten. »Vielleicht ist einer hereingeflogen, weil er die anderen gesehen hat«, spekulierte Himmelwärts. »Wie bei Tauben.« »So funktioniert das nicht«, erwiderte der Falkner. »Einer von ihnen ist nicht angebunden«, sagte Oma. »Da bin ich ganz sicher.« Nur wenige Vögel saßen ruhiger und geduldiger als der Sanfte Falke von Lancre, auch Müder Sorgentropf genannt. Er war ein Fleischfresser, der ständig nach vegetarischem Angebot Ausschau hielt. Die meiste Zeit verbrachte er damit, einfach nur zu schlafen. Wenn ihn die Umstände zwangen, Nahrung zu suchen, saß er an irgendeiner windgeschützten Stelle auf einem Zweig und wartete darauf, daß etwas starb. Im Vogel- hort hockten die Sorgentröpfe zunächst genauso da wie die anderen Vö- gel. Aber es dauerte nie lange, bis sie einnickten, sich mit fest um die Sitzstangen geschlossenen Krallen zur Seite neigten und schließlich nach, unten hängend schlummerten. Festgreifaah züchtete diese Vögel, weil es sie nur in Lancre gab und er ihr Gefieder hübsch fand. Doch alle Falk- ner, die etwas auf sich hielten, vertraten folgenden Standpunkt: Bei der Jagd mit einem Sanften Falken konnte man nur dann auf Beute hoffen, wenn man ihn in eine Schleuder spannte. Oma streckte die Hand danach aus. »Ich hole dir einen Handschuh«, bot sich Festgreifaah an, aber die alte Hexe winkte ab. Der Vogel hüpfte auf ihr Handgelenk. Oma Wetterwachs schnappte nach Luft. Einige Sekunden tanzte grü- nes und blaues Licht wie von brennendem Sumpfgas über ihren Arm. »Ist alles in Ordnung mit dir?« fragte Himmelwärts. »Es ging mir nie besser. Ich brauche diesen Vogel, Festgreifaah.« »Es ist dunkel, Frau Wetterwachs.« »Das spielt keine Rolle. Aber er sollte eine Haube bekommen.« »Oh, Sanfte Falken statte ich nie mit Hauben aus, Frau Wetterwachs. Sie machen keine Probleme.« »Dieser Vogel… dieser Vogel…«, sagte Oma. »Ich schätze, dieser Vogel ist ein Vogel, den noch nie jemand gesehen hat. Gib ihm eine Haube.« Festgreifaah zögerte. Er erinnerte sich an den Kreis aus verbrannter Erde und ein Geschöpf, das nach der richtigen Gestalt suchte, um zu überleben… »Es ist doch ein Sanfter Falke, oder?« »Was veranlaßt dich, diese Frage zu stellen?« erwiderte Oma langsam. »Immerhin bist du hier der Falkner.« »Was ich im Wald gesehen habe…« »Was hast du im Wald gesehen, Festgreifaah?« Der Falkner gab auf, als ihn Omas Blick durchbohrte. Wenn er an seinen Versuch dachte, einen Phönix zu fangen! Bei den an- deren Vögeln konnte es schlimmstenfalls geschehen, daß er ein wenig Blut verlor. Angenommen, der Phönix hätte auf seinem Arm gesessen… Er verspürte plötzlich den brennenden Wunsch, diesen Vogel loszuwerden., Seltsamerweise wirkten die anderen Vögel ganz und gar nicht beunru- higt. Alle mit Hauben ausgestatteten Köpfe waren dem kleinen Ge- schöpf auf Omas Handgelenk zugewandt – obwohl sie es gar nicht sehen konnten. Festgreifaah griff nach einer weiteren Haube, stülpte sie dem kleinen Vogel über den Kopf und glaubte, ein kurzes goldenes Gleißen darunter zu sehen. Er beschloß, daß es ihn nichts anging. Über viele Jahre hinweg hatte er glücklich und zufrieden im Schloß überlebt, weil er genau wußte, was ihn etwas anging und was nicht. Jetzt war er plötzlich ganz sicher, daß diese besondere Angelegenheit nicht in seinen Zuständigkeitsbereich fiel, herz- lichen Dank. Oma Wetterwachs atmete einige Male tief durch. »In Ordnung«, sagte sie. »Und jetzt gehen wir zum Schloß.« »Was?« fragte Himmelwärts. »Warum denn?« »Meine Güte, warum wohl?« »Die Vampire sind fort«, sagte der Priester. »Sie haben sich auf den Weg gemacht, während du… dich erholt hast. Herr Festgreif…aah hat es herausgefunden. Sie haben nur die Soldaten und Bediensteten zurückge- lassen. Es kam zu ziemlicher Aufregung, und dann fuhr auch die Kut- sche los. Überall wimmelte es von Wächtern.« »Haben sie die Kutsche nicht angehalten?« »Nun, es war die Kutsche der Vampire, und ihr Diener saß auf dem Kutschbock, aber Jason Ogg meinte, er hätte auch Frau Ogg gesehen.« Oma stand an der Wand und straffte ihre Gestalt. »Wohin sind sie gefahren?« »Ich dachte, du könntest ihre Gedanken lesen oder so«, sagte Him- melwärts. »Junger Mann, derzeit fällt es mir schwer, meine eigenen Gedanken zu deuten.« »Für mich steht fest, daß du noch zu schwach bist, Oma Wetterwachs, vermutlich aufgrund des Blutverlustes…« »Wag es bloß nicht, mir zu sagen, was ich bin«, erwiderte Oma Wet-, terwachs streng. »Wag es nicht. Nun, welche Richtung könnte Gytha Ogg eingeschlagen haben?« »Ich glaube…« »Überwald«, sagte Oma. »Ja, ich wette, sie fahren nach Überwald.« »Wie kommst du darauf?« »Hier im Ort wäre sie nicht sicher. Nachts und mit dem Baby würde sie sich wohl kaum auf den Weg ins knotige Land machen. Und sie wäre bestimmt nicht so dumm, sich für die Ebene zu entscheiden, denn dort gibt es überhaupt keinen Schutz, und außerdem dürfte die Straße inzwi- schen überflutet sein.« »Aber in Überwald droht ihr Gefahr!« »Größere Gefahr als hier?« fragte Oma. »In Überwald kennen sich die Leute mit Vampiren aus. Sie sind an sie gewöhnt. Dort gibt es sichere Orte, zum Beispiel befestigte Tavernen an der Hauptstraße. Nanny ist praktisch veranlagt. Sie wird daran denken, da bin ich ganz sicher.« Sie verzog das Gesicht und fügte hinzu: »Aber bestimmt enden sie im Schloß der Vampire.« »Oh, bestimmt nicht!« »Ich fühle es in meinem Blut«, sagte Oma. »Das ist das Problem mit Gytha Ogg. Sie kann zu praktisch sein.« Sie zögerte kurz. »Du hast Wächter erwähnt.« »Sie haben sich im Schloß verschanzt, Frau Wetterwachs«, erklang eine Stimme von der Tür. Shawn Ogg und der Rest der wütenden Menge standen dort. Nannys Sohn kam näher, aber er bewegte sich unbeholfen, hielt dabei eine Hand ausgestreckt. »Um so besser«, sagte Oma. »Aber wir können nicht hinein«, gab Shawn zu bedenken. »Und? Können sie heraus?« »Äh… nein, eigentlich nicht. Aber das Arsenal befindet sich da drin! Mit all unseren Waffen! Und sie saufen!« »Was hast du da?« Shawn sah nach unten. »Das lancrestianische Heeresmesser«, sagte er. »Äh… ich habe mein Schwert im Arsenal zurückgelassen.«, »Verfügt das Messer über ein Werkzeug, mit dem man Soldaten aus Schlössern herausholen kann?« »Äh… nein.« Oma sah genauer hin. »Wofür ist das schnörkelige Ding da?« fragte sie. »Oh, das ist der verstellbare Apparat, mit dem man sich bei ontologi- schen Diskussionen durchsetzen kann«, sagte Shawn. »Der König hat darum gebeten.« »Funktioniert er?« »Äh… wenn man richtig an ihm dreht.« »Und das?« »Das ist ein Werkzeug, mit dem man einer Bemerkung die wesentliche Wahrheit entziehen kann«, sagte Shawn. »Verence hat auch darum gebeten?« »Ja, Oma.« »Ist das nützlich für einen Soldaten?« fragte Himmelwärts und sah zu Oma. Sie hatte sich in dem Augenblick verändert, als die anderen herein- gekommen waren. Vorher waren ihre Schultern krumm gewesen, und sie hatte sehr müde gewirkt. Jetzt stand sie kerzengerade und hochmütig und wurde dabei von einem Gerüst aus Stolz gehalten. »Oh, ja«, antwortete Shawn. »Wenn die andere Seite ruft ›Wir schnei- den euch den Schw…‹« Er unterbrach sich und errötete. »Wenn der Gegner ›Wir schneiden auch die Zunge aus dem Mund!‹ oder etwas in der Art ruft…« »Ja?« »Dann kann man mit diesem Werkzeug feststellen, ob es der Wahrheit entspricht«, sagte Shawn. »Ich brauche ein Pferd«, verkündete Oma. »Nun, wir hätten da den Ackergaul des alten Kükenarm…«, begann Shawn. »Zu langsam.« »Ich… äh… habe einen Maulesel«, sagte Himmelwärts. »Der König hat mir freundlicherweise erlaubt, ihn im Stall unterzubringen.«, »Weder Pferd noch Esel«, sagte Oma. »Weder das eine noch das ande- re. So etwas paßt zu dir. Nun, er sollte genügen. Bring ihn hierher. Dann mache ich mich auf den Weg und hole die anderen zurück.« »Was? Ich dachte, du wolltest zu deiner Hütte reiten! Nach Überwald? Allein? Das kann ich nicht zulassen!« »Es liegt mir fern, dich um Erlaubnis zu bitten. Geh jetzt und hol den Maulesel. Andernfalls wird Om zornig, nehme ich an.« »Aber du kannst doch kaum stehen!« »Ich bin sehr wohl imstande, mich auf den Beinen zu halten! Geh jetzt.« Himmelwärts wandte sich an die versammelten Lancrestianer. »Ihr könnt doch nicht erlauben, daß eine arme alte Frau in einer stür- mischen Nacht loszieht, um irgendwelchen Ungeheuern gegenüberzutre- ten.« Eine Zeitlang beobachteten die Oggs den Priester interessiert, um fest- zustellen, ob ihm irgend etwas Scheußliches zustieß. Dann fragte jemand, der ziemlich weit hinten stand: »Warum sollten wir uns darum scheren, was mit Ungeheuern passiert?« Und Shawn Ogg sagte: »Das ist Oma Wetterwachs.« »Aber sie ist eine alte Frau!« beharrte Hilbert Himmelwärts. Die Menge wich einen Schritt zurück. In der Nähe dieses Mannes konnte es recht gefährlich werden. »Würdet ihr in einer solchen Nacht allein durch den Wald gehen?« frag- te Himmelwärts. Weit hinten erwiderte die Stimme: »Kommt darauf an, ob ich wüßte, wo sich Oma Wetterwachs aufhält.« »Glaub nur nicht, das wäre meiner Aufmerksamkeit entgangen, Sodo- mie Fuhrmann«, sagte Oma, aber in ihrer Stimme lag ein Hauch Zufrie- denheit. »Bist du nun bereit, deinen Maulesel zu holen, Himmelwärts?« »Bist du sicher, daß du gehen kannst?« »Natürlich kann ich gehen!«, Himmelwärts gab auf. Oma zeigte der Menge ein triumphierendes Grinsen und marschierte zum Stall, gefolgt von dem Priester. Als er um die Ecke eilte, stieß er fast mit ihr zusammen – sie stand wie erstarrt. »Beobachtet mich jemand?« fragte sie. »Was? Nein, ich glaube nicht. Abgesehen von mir.« »Du zählst nicht«, sagte Oma. Ihre Schultern sanken nach unten, und fast wäre sie zusammengebro- chen. Himmelwärts hielt sie fest, obwohl sie versuchte, seinen Arm bei- seite zu stoßen. Der Sanfte Falke schlug wie verzweifelt mit den Flügeln. »Laß mich los! Ich bin nur ausgerutscht, das ist alles!« »Ja, ja, natürlich«, erwiderte er in beschwichtigendem Tonfall. »Du bist nur ausgerutscht.« »Und komm mir jetzt bloß nicht auf die tröstende Tour.« »Ja, ja, schon gut.« »Ich bin durchaus fähig, mit allem allein fertigzuwerden.« »Solange du nicht ausrutschst…« »Ja.« »Also sollte ich vielleicht deinen Arm nehmen, denn hier gibt es wirk- lich jede Menge Schlamm.« Das wenige Licht reichte gerade aus, Omas Gesicht zu erkennen. Die alte Hexe schien mit sich selbst zu ringen. »Nun, wenn du fürchtest, das Gleichgewicht zu verlieren und zu fal- len…«, sagte sie. »Ja, genau«, erwiderte Himmelwärts dankbar. »Um ganz ehrlich zu sein: Eben wäre ich fast mit dem Fuß umgeknickt.« »Ich war schon immer der Meinung, daß es den jungen Leuten von heute an Durchhaltevermögen mangelt«, sagte Oma versuchsweise. »Das stimmt. Wir haben kein Durchhaltevermögen.« »Und vermutlich kannst du nicht so gut sehen wie ich, weil du zuviel gelesen hast«, fügte Oma Wetterwachs hinzu. »Da hast du völlig recht. Ich bin stockblind.«, »Na schön.« Sie setzten den Weg zum Stall fort, wobei sie gelegentlich schwankten. Der Maulesel schüttelte den Kopf, als sich Oma Wetterwachs seiner Box näherte. Er ahnte Schwierigkeiten. »Er kann ein bißchen störrisch sein«, sagte Himmelwärts. »Tatsächlich?« entgegnete Oma. »Vielleicht kenne ich ein Mittel dage- gen.« Sie wankte zu dem Tier, zog ein Ohr auf die Höhe ihres Mundes und flüsterte etwas. Der Maulesel blinzelte. »Das wäre geregelt«, sagte sie. »Hilf mir hoch.« »Ich lege ihm nur schnell das Zaumzeug an…« »Junger Mann, ich mag derzeit nicht in bester Verfassung sein, aber wenn ich bei irgendeinem Tier Zaumzeug brauche, kannst du mich mit einer Schaufel zu Bett bringen. Hilf mir hoch und sei so freundlich, dabei den Blick abzuwenden.« Himmelwärts faltete die Hände zu einem Steigbügel und half Oma in den Sattel. »Ich sollte dich begleiten…« »Es gibt hier keinen zweiten Maulesel. Und außerdem wärst du nur hinderlich. Ich müßte mir die ganze Zeit Sorgen um dich machen.« Langsam rutschte sie auf der anderen Seite des Sattels herunter und landete im Stroh. Der Sanfte Falke flatterte empor und ließ sich auf ei- nem Balken nieder. Himmelwärts war zu sehr auf Oma konzentriert, um sich zu fragen, wie der Vogel trotz seiner Haube so zielsicher fliegen konnte. »Na so was!« »Frau Wetterwachs, ich kenne mich ein wenig mit Medizin aus! In dei- nem gegenwärtigen Zustand kannst du nicht reiten!« »Im Augenblick nicht«, gestand Oma, und ihre Stimme klang ein wenig gedämpft. Sie wischte sich Stroh aus dem Gesicht und hob dann die Hand, um sich hochziehen zu lassen. »Aber warte nur, bis ich meine Füße wiederfinde…« »Na schön! Na schön! Wie wär’s, wenn ich reite und du dich hinter mir, festhältst? Bestimmt wiegst du nicht mehr als das Harmonium, und da- mit bin ich zurechtgekommen.« Oma sah ihn an wie eine Eule. Sie schien betrunken zu sein und jenes Stadium erreicht zu haben, in dem bis dahin unberücksichtigte Dinge als gute Idee erschienen, zum Beispiel noch ein Glas. Schließlich schien sie eine Entscheidung zu treffen. »Oh, wenn du darauf bestehst…« Himmelwärts fand einen Strick, und nach einer Weile gelang es ihm, Oma auf dem Esel festzubinden. Seine Bemühungen nahmen deshalb soviel Zeit in Anspruch, weil die alte Hexe mit unerschütterlicher Ent- schlossenheit an dem Glauben festhielt, ihm einen Gefallen zu erweisen. »Aber denk daran, daß ich dich nicht gebeten habe, mich zu begleiten«, sagte Oma Wetterwachs. »Ich brauche dich nicht, verflaxt.« »Verflaxt?« »Verflixt, meine ich. Weiß gar nicht, wie mir da ein ›a‹ auf die Zunge geraten konnte.« Himmelwärts starrte eine Zeitlang ins Leere. Dann stieg er ab, zog Oma vorsichtig vom Rücken des Maulesels, setzte sie ins Stroh und ü- berhörte dabei ihre Proteste. Dann verschwand er in der Nacht und kehrte kurze Zeit später mit der Axt aus der Schmiede zurück. Mit einem weiteren Strick band er sie an sich fest und stieg wieder auf. »Du lernst«, sagte Oma. Sie hob den Arm, als sie den Stall verließen. Der Sanfte Falke kam so- fort herbei und nahm auf ihrem Handgelenk Platz. Die Luft in der wackelnden Kutsche nahm immer mehr Persönlichkeit an. Magrat schnüffelte. »Ich bin sicher, daß ich Esme vor nicht allzu langer Zeit neu gewickelt habe…« Nach einer ergebnislosen Untersuchung des Babys sahen sie unter den Sitzen nach. Greebo schlief dort, mit den Beinen nach oben., »Ist das nicht typisch für ihn?« fragte Nanny. »Kann keine offene Tür sehen, ohne hindurchzuschlüpfen, der liebe Kerl. Und er hält sich gern in der Nähe seines Frauchens auf.« »Könnten wir ein Fenster öffnen?« fragte Magrat. »Dann regnet es rein.« »Ja, aber dann verschwindet auch der Geruch.« Magrat seufzte. »Weißt du, wir haben mindestens einen Beutel mit Spielzeug zurückgelassen. Verence legte großen Wert auf die Mobiles.« »Ich glaube noch immer, daß es zu früh ist, mit der Erziehung des ar- men Würmchens zu beginnen«, sagte Nanny. Sie wollte Magrat weniger auf etwas hinweisen, das sie für dumm hielt, als vielmehr von den ge- genwärtigen Gefahren ablenken. »Hat er dich während der Schwangerschaft aufgefordert, lehrreiche Bücher zu lesen und dir beruhigende Musik anzuhören?« fragte Nanny, als die Kutsche durch eine Pfütze rollte. »Nun, mit den Büchern war soweit alles in Ordnung, aber das Piano funktioniert nicht richtig, und ich hörte immer nur Shawns Trompeten- solo.« »Es ist nicht seine Schuld, daß niemand mitspielen will«, erwiderte Nanny. Sie hielt sich fest, als die Kutsche noch etwas stärker wackelte. »Ist ziemlich schnell, dieses Ding.« »Ich wünschte, wir hätten nicht auch die Badewanne vergessen«, mein- te Magrat. »Und wir haben den Beutel mit dem Spielzeugbauernhof zu- rückgelassen. Und langsam werden die Windeln knapp…« »Sehen wir uns das Kind mal an«, sagte Nanny. Die kleine Esme wurde durch die schwankende Kutsche gereicht. »Ja, sehen wir dich mal an…«, murmelte Nanny. Der Blick kleiner blauer Augen richtete sich auf sie. Ein nachdenkli- cher Ausdruck entstand in einem runden, rosaroten Gesicht – vermut- lich fragte sich das Kind, ob eine Mahlzeit in Aussicht stand oder ob sie Nanny als Toilette benutzen durfte. »Das ist bemerkenswert«, sagte Nanny. »Ich meine, wie gut sie den Blick fokussiert. Das ist sehr ungewöhnlich für ihr Alter.«, »Vielleicht ist sie weitaus älter, als wir glauben«, sagte Magrat finster. »Pscht. Wenn Oma dort drin steckt, beschränkt sie sich auf eine passi- ve Rolle. Sie mischt sich nicht ein. Außerdem wäre es nicht ihr Bewußt- sein da drin. So funktioniert es nicht.« »Wie dann?« »Du hast sie mehrmals dabei beobachtet. Was glaubst du?« »Ich glaube… der Vorgang betrifft alle Dinge, die Oma zu Oma ma- chen«, sagte Magrat. »Das stimmt so ungefähr. Sie packt alles ein und verstaut es woanders, an einem sicheren Ort.« »Du weißt ja, daß sie sogar auf ihre eigene Weise still sein kann.« »O ja. Niemand kann schweigen wie Esme. In einer solchen Stille kann man kaum mehr seine eigenen Gedanken hören.« Sie hüpften auf der Sitzbank, als die Kutsche durch ein Schlagloch sprang. »Nanny?« »Ja, meine Liebe?« »Mit Verence ist doch alles in Ordnung, oder?« »Ja. Ich vertraue den kleinen Teufeln, wenn’s nicht gerade um ein Faß Bier oder eine Kuh geht. Selbst Oma meint, die Kelda sei verdammt gut…« »Die Kelda?« »Eine Art weise Frau. Ich glaube, die derzeitige Kelda heißt Große Ag- gie. Von den Frauen der Kobolde sieht man nicht viel. Einige behaup- ten, es gäbe immer nur eine, die Kelda, und sie bekäme jeweils Hunderte von Kindern.« »Das klingt… sehr…«, begann Magrat. »Nein, ich schätze, sie sind ein wenig wie Zwerge, und der einzige Un- terschied zwischen ihnen steckt unterm Lendenschurz«, sagte Nanny. »Oma weiß vermutlich darüber Bescheid«, meinte Magrat. »Aber sie verrät nichts«, erwiderte Nanny. »Sie vertritt den Standpunkt, es sei ihre Angelegenheit.«, »Und Verence ist bei ihnen gut aufgehoben?« »O ja.« »Er ist sehr… nett, weißt du.« Magrats Satz hing in der Luft. »Freut mich.« »Und auch ein guter König.« Nanny nickte. »Ich wünschte, die Leute würden ihn… ernster nehmen«, fügte Magrat hinzu. »Ist wirklich schade«, sagte Nanny. »Er gibt sich große Mühe. Und er macht sich über alles Gedanken. A- ber die Leute erwecken immer den Eindruck, daß sie ihm keine Beach- tung schenken.« Nanny suchte nach geeigneten Worten. »Er könnte zum Beispiel seine Krone bearbeiten lassen«, sagte sie vor- sichtig, als die Kutsche einmal mehr wackelte. »Die Zwerge von Kupfer- kopf wären sicher bereit, sie etwas kleiner zu machen.« »Es ist die traditionelle Krone, Nanny.« »Ja, aber Verence kann von Glück sagen, daß er solche Ohren hat. Sonst müßte er die Krone als eine Art Kragen benutzen, der arme Kerl. Außerdem sollte er ab und zu brüllen.« »Oh, ausgeschlossen, er verabscheut es, laut zu werden!« »Sehr bedauerlich. Die Leute mögen einen König, der dann und wann brüllt. Und ein gelegentlicher Rülpser erfreut sich ebenfalls großer Be- liebtheit. Und es könnte auch nicht schaden, wenn er ein wenig zecht. Ich meine ordentlich schlabbern und so.« »Ich glaube, er glaubt, daß seine Untertanen so etwas nicht wollen. Er achtet sehr auf die Bedürfnisse der modernen Bürger.« »Oh, ich verstehe, wo das Problem liegt«, sagte Nanny. »Normalerwei- se brauchen die Leute heute etwas und morgen etwas ganz anderes. Sag ihm einfach, er soll sich aufs Brüllen und Zechen konzentrieren.« »Und aufs Rülpsen?« »Wenn ihm genug Zeit dafür bleibt.«, »Und…« »Ja, meine Liebe?« »Es ist doch alles in Ordnung mit ihm?« »Ja. Ihm wird nichts zustoßen. Es ist wie bei dem Schachkram, ver- stehst du? Man überläßt der Königin – beziehungsweise der Dame – das Kämpfen, denn wenn man den König verliert, ist alles verloren.« »Und wir?« »Oh, wir haben nie etwas zu befürchten. Das darfst du nicht vergessen. Wir stoßen anderen Leuten zu.« Ziemlich viele Leute stießen König Verence zu. In warmer, leerer Be- nommenheit lag er da, und wenn er die Augen öffnete, sah er immer viele Wir-sind-die-Größten, die ihn im Schein des Feuers beobachteten. Er hörte Gesprächsfetzen beziehungsweise zankende Stimmen. »… ist er auch unser König?« »Ja, glaub schon, in gewisser Weise.« »Dieser Jammerlappen?« »Blödmann! Siehst du denn nicht, daß er krank ist oder so?« »Ach, von wegen krank! Die Niete ist bereits als Schwächling geboren.« Verence spürte, wie ihn jemand gegen den Fuß trat. »Na, König? Wie sieht’s aus mit dir? Bist du ein Saftsack oder nicht?« »Ja, ausgezeichnet, gut gemacht«, murmelte er. Der Kobold, von dem die Frage stammte, spuckte unweit des königli- chen Ohrs aus. »Meiner Ansicht nach taugt dieser Bursche überhaupt nichts…« Plötzlich wurde es still, was an einem Ort, an dem sich mindestens ein Kobold aufhielt, nur selten geschah. Verence wandte den Blick zur Seite. Die Große Aggie kaum aus dem Rauch. Er konnte sie jetzt deutlicher sehen und hielt sie für eine kleine, kom- pakte Version von Nanny Ogg. Ihre Augen… Verence wußte, daß er praktisch ein unumschränkter Herrscher war und es auch weiterhin sein würde, vorausgesetzt, er forderte die Lanc-, restianer nicht immer wieder zu Dingen auf, die sie ablehnten. Er wußte auch, daß der Oberbefehlshaber seiner Streitkräfte eher den Befehlen seiner eigenen Mutter gehorchte als den Anweisungen des Königs. Die Große Aggie hingegen brauchte nicht einmal etwas zu sagen. Alle sahen sie nur an und machten sich sofort an die Arbeit. Der Bedienstete der Großen Aggie erschien an ihrer Seite. »Die Große Aggie glaubt, daß du deine Frau und dein Kind retten möchtest«, sagte er. Verence nickte. Zu einer anderen Reaktion fühlte er sich nicht kräftig genug. »Aber sie glaubt auch, daß du noch immer sehr schwach bist, wegen des Blutverlusts. Der Biß eines Vampirs hat etwas, das sein Opfer gefü- gig werden läßt.« Verence konnte diesen Worten nur beipflichten. Was auch immer ge- sagt wurde – er war in jedem Fall der gleichen Meinung. Ein weiterer Kobold kam aus dem Rauch und trug eine tönerne Schale. Weiße Flüssigkeit schwappte über ihren Rand. »Ein König kann nicht die ganze Zeit auf dem Boden liegen«, sagte der Bedienstete der Großen Aggie. »Deshalb hat die Kelda Grütze für dich zubereitet…« Der Kobold ließ die Schale sinken. Sie schien Rahm zu enthalten, doch hier und dort zeichneten sich dunkle Spiralen unter der weißen Oberflä- che ab. Der Schalenträger trat ehrfürchtig zurück. »Was ist das?« krächzte Verence. »Milch«, erwiderte der Bedienstete sofort. »Und ein spezielles Gebräu der Großen Aggie. Und Kräuter.« Verence klammerte sich dankbar am letzten Wort fest. Er teilte mit seiner Frau die ebenso seltsame wie unerschütterliche Überzeugung, daß Speisen mit Kräutern in jedem Fall gesund und nahrhaft waren. »Du sollst hiervon trinken«, sagte der alte Kobold. »Und dann besor- gen wir dir ein Schwert.« »Ich habe nie ein Schwert benutzt.« Verence versuchte sich aufzuset- zen. »Ich… ich halte Gewalt nicht für ein geeignetes Mittel, um Proble-, me zu lösen…« »Ach, solange du Eimer und Spaten dabei hast«, sagte der Bedienstete. »Trink jetzt, König. Bald wirst du die Dinge ganz anders sehen.« Die Vampire flogen über den vom Mondschein erhellten Wolken. Hier oben gab es kein Wetter – und auch keine Kälte, wie Agnes überrascht feststellte. »Ich dachte, ihr verwandelt euch in Fledermäuse!« rief sie Vlad zu. »Oh, dazu sind wir durchaus imstande.« Er lachte. »Aber meinem Va- ter ist das zu melodramatisch. Er betont immer wieder, wir sollten uns nicht wie stereotype Figuren verhalten.« Ein Mädchen glitt neben ihnen dahin. Es sah aus wie Lacrimosa, be- ziehungsweise wie jemand, der Lacrimosas Erscheinungsbild bewunderte und ebenso aussehen wollte. Bestimmt ist sie keine echte Brünette, sagte Perdi- ta. Und wer soviel Wimperntusche verwendet, sollte zumindest nicht wie Pauli der fröhliche Panda aussehen. »Das ist Morbidia«, sagte Vlad. »Seit einiger Zeit nennt sie sich Tracy, um cool zu sein. Mor… Tracy, das ist Agnes.« »Was für ein toller Name!« entfuhr es Morbidia. »Da hast du wirklich eine gute Wahl getroffen! Vlad, wie wär’s mit einem Abstecher nach Eskrau? Das ist auch der Wunsch der anderen.« »Nun, ich…«, begann Agnes, aber der Wind trug ihre Worte davon. »Eigentlich wollten wir zum Schloß«, erwiderte Vlad. »Ja, aber einige von uns haben seit Tagen keine Nahrung mehr zu sich genommen, und die alte Frau war kaum mehr als ein kleiner Imbiß, und der Graf erlaubt uns noch nicht, in Lancre zu speisen, und er meint, Eskrau sei in Ordnung, und eigentlich ist es gar kein großer Umweg.« »Na schön. Wenn Vater damit einverstanden ist…« Morbidia flog fort. »Seit Wochen sind wir nicht mehr in Eskrau gewesen«, sagte Vlad. »Es ist ein angenehmer kleiner Ort.« »Ihr wollt dort speisen?« fragte Agnes. »Du machst dir völlig falsche Vorstellungen.«, »Du weißt überhaupt nicht, was ich mir vorstelle.« »Ich kann’s mir denken.« Vlad lächelte. »Vielleicht war Vater deshalb einverstanden, weil er möchte, daß du den Ort siehst. Man kann so leicht Angst vor Dingen haben, die man nicht kennt. Und vielleicht bekommst du Gelegenheit, in die Rolle einer Botschafterin zu schlüpfen, um Lancre mitzuteilen, wie das Leben unter der Elstyr-Herrschaft abläuft.« »Menschen, die nachts aus ihren Betten gezerrt werden, Blut an den Wänden… Meinst du so was?« »Du bist erneut ungerecht, Agnes. Wenn die Leute herausfinden, daß man ein Vampir ist, behandeln sie einen plötzlich, als wäre man ein Un- geheuer.« Sie glitten sanft durch die Nachtluft. »Vater ist sehr stolz auf seine Arbeit in Eskrau«, fuhr Vlad fort. »Ich schätze, du wirst beeindruckt sein. Und vielleicht darf ich dann hof- fen…« »Nein.« »Ich bin in dieser Angelegenheit wirklich sehr verständnisvoll, Agnes.« »Ihr seid über Oma Wetterwachs hergefallen und habt sie gebissen!« »Symbolisch. Um sie in die Familie aufzunehmen.« »Ach, tatsächlich? Und das macht es besser? Wird sie zu einem Vam- pir?« »Natürlich. Und zu einem guten, nehme ich an. So etwas ist nur dann schrecklich, wenn man es für eine schlechte Sache hält, ein Vampir zu sein. Wir sehen das nicht so. Und ich bin sicher, du wirst deine Meinung ändern. Ja, ein Abstecher nach Eskrau könnte gut für dich sein. Für uns alle. Dort können wir beobachten, was möglich ist…« Agnes starrte. Sein Lächeln gefällt mir… Er ist ein Vampir! Na schön, aber abgesehen da- von… Ach, abgesehen davon, wie? Nanny würde dich auffordern, das Beste dar- aus zu machen. Für Nanny mag das in Ordnung sein, aber kannst du dir vorstellen, einen Vampir zu küssen? Ja, das kann ich. Zugegeben, sein Lä- cheln ist wirklich nicht übel, und mit der Weste sieht er eigentlich ganz, gut aus, aber denk doch nur an das, was er ist… Hast du es bemerkt? Was soll ich bemerkt haben? Etwas unterscheidet ihn von den anderen. Er versucht nur, bei uns eine schwache Stelle zu finden. Nein, etwas an ihnen ist… an- ders… »Vater meint, Eskrau sei eine Modellgemeinde«, sagte Vlad. »Dort zeigt sich, was passiert, wenn man die alte Feindschaft überwindet, wenn Menschen und Vampire lernen, friedlich zusammenzuleben. Ja. Wir sind bald da. Eskrau ist unsere Zukunft.« Bodennebel wallte tief zwischen den Bäumen und zerfaserte, als ihn die Hufe des Maulesels trafen. Regen tropfte von den Zweigen. Es war sogar verdrießlich klingender Donner zu vernehmen; nicht die kontaktfreudige Art, die über den ganzen Himmel kracht, sondern eine mürrische Varian- te, die am Horizont herumhängt und dort mit anderen Gewittern schwatzt. Hilbert Himmelwärts hatte mehrmals versucht, ein Gespräch mit sich selbst zu führen, aber das Problem war, daß sich irgendwann auch mal die andere Person zu Wort melden mußte. Gelegentlich hörte er ein Schnarchen hinter sich. Wenn er sich umdrehte, schlug der Sanfte Falke auf Omas Schulter so mit den Flügeln, daß ihm die Federn übers Gesicht strichen. Manchmal hörte das Schnarchen mit einem kurzen Brummen auf, und eine Hand berührte ihn an der Schulter, um dann in eine Richtung zu deuten, die ebenso gut oder schlecht war wie jede andere Richtung. Das geschah auch jetzt. »Was hast du da gesungen?« fragte Oma Wetterwachs. »Ich war dabei nicht sehr laut.« »Wie heißt das Lied?« »›Om ist in seinem heiligen Tempel.‹« »Hübsche Melodie«, kommentierte Oma. »Sie gibt mir Mut«, sagte Himmelwärts. Ein nasser Zweig traf ihn an der Nase. Immerhin könnte ein Vampir hinter mir sitzen, dachte er. Wie gut auch immer sie sein mag., »Das Lied spendet dir Trost, nicht wahr?« »Ich denke schon.« »Gilt das auch für die Stelle, an der es heißt ›das Üble mit dem Schwert erschlagen‹? Als Omnianer wäre ich davon ein wenig beunruhigt. Wird man für eine kleine Notlüge mit einem Piekser bestraft? Und muß man damit rechnen, für einen Mord in Hackfleisch verwandelt zu werden? Ich könnte da nachts bestimmt keine Ruhe finden.« »Wir… Nun, eigentlich sollte ich dieses Lied gar nicht singen, um ehr- lich zu sein. Die Konvokation von Iieeh hat es aus dem Gesangsbuch gestrichen. Angeblich läßt es sich nicht mit den Idealen des modernen Omnianismus vereinbaren.« »Wegen der Zeile über das Zermalmen der Ungläubigen?« »Ja, genau.« »Du hast es trotzdem gesungen.« »Ich habe es so und nicht anders von meiner Großmutter gelernt«, sag- te Himmelwärts. »Hielt sie viel davon, Ungläubige zu zermalmen?« »Nun, ich schätze, sie hätte am liebsten ihre Nachbarin Frau Ahrim zermalmt, aber im großen und ganzen hast du die richtige Vorstellung von ihr. Sie war der Ansicht, die Welt könnte ein besserer Ort sein, wenn mehr zermalmt und gelegentlich auch niedergestreckt würde.« »Da hatte sie vermutlich recht.« »Wenn’s nach ihr gegangen wäre, hätte meine Großmutter von mor- gens bis abends zermalmt und niedergestreckt«, sagte Himmelwärts. »Sie urteilte ziemlich schnell.« »Daran gibt es nichts auszusetzen. Es entspricht der menschlichen Na- tur, über Dinge und Leute zu urteilen.« »Wir überlassen dies lieber Om«, meinte Himmelwärts. Hier draußen im Dunklen klang diese Bemerkung ziemlich einsam und verlassen. »Als Mensch urteilt man ununterbrochen«, fuhr die Stimme hinter ihm fort. »Dies und das, gut und böse. Jeden Tag muß man wählen und ent- scheiden. Das bedeutet es, Mensch zu sein.«, »Und bist du sicher, daß du immer die richtigen Entscheidungen triffst?« »Nein. Aber ich kann mir Mühe geben.« »Und auf Gnade hoffen?« Ein knochiger Finger bohrte sich in seinen Rücken. »Gnade ist eine gute Sache, aber zuerst kommt das Urteil. Andernfalls weiß man gar nicht, wem oder was man Gnade gewähren soll. Wie dem auch sei: Ich dachte, ihr Omnianer seid ganz versessen darauf, andere Leu- te zu zermalmen und niederzustrecken.« »Das… war einmal. Heute fallen wir nicht mehr über andere Menschen her, sondern über die Argumente anderer Menschen.« »Ihr führt sicher sehr lange und hitzige Debatten.« »Nun, jede Frage hat zwei Seiten…« »Und was macht ihr, wenn eine davon falsch ist?« Die Gegenfrage kam so schnell wie ein Pfeil. »Ich meine, man fordert uns auf, die Dinge auch aus der Perspektive der anderen Person zu sehen«, erklärte Himmelwärts geduldig. »Soll das heißen, daß Folter, aus der Sicht des Folterers gesehen, voll- kommen in Ordnung ist?« »Frau Wetterwachs, du bist ein geborener Disputant.« »Nein, bin ich nicht!« »In der Synode hättest du bestimmt jede Menge Spaß. Dort hat man sich tagelang über die Frage gestritten, wie viele Engel auf einem Steck- nadelkopf tanzen können.« Himmelwärts glaubte fast zu hören, wie Omas Verstand arbeitete. Schließlich fragte sie: »Wie groß ist die Stecknadel?« »Das weiß ich leider nicht.« »Nun, wenn es sich um eine gewöhnliche Stecknadel handelt, wie man sie daheim benutzt, so lautet die Antwort: sechzehn.« »Sechzehn Engel?« »Ja.« »Warum?«, »Keine Ahnung. Vielleicht tanzen sie gern.« Der Maulesel lief nun eine Böschung hinab. Unten wurden die Nebel- schwaden dichter. »Du hast sechzehn gezählt?« fragte Himmelwärts schließlich. »Nein, aber diese Antwort ist so gut wie jede andere. Und über solche Dinge diskutieren eure heiligen Männer?« »Nun, meistens geht es bei den Diskussionen um wichtigere Dinge. Zum Beispiel findet derzeit eine interessante Debatte über die Natur der Sünde statt.« »Was glaubst du? Bestimmt sind alle gegen die Sünde.« »So einfach ist das nicht. Bei dieser Angelegenheit gibt es nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch viele Grautöne.« »Unsinn.« »Wie bitte?« »Es gibt keine Grautöne, nur schmutziges Weiß. Es überrascht mich, daß du das nicht weißt. Und Sünde ist, wenn man Menschen wie Dinge behandelt, junger Mann. Das gilt auch für dich selbst. Genau darin be- steht die Sünde.« »Die Wirklichkeit ist ein wenig komplizierter…« »Nein, ist sie nicht. Wenn jemand sagt, die Wirklichkeit sei ein wenig komplizierter, so bedeutet das nur, daß der Betreffende die Wahrheit fürchtet. Menschen wie Dinge behandeln – da fängt alles an.« »Oh, es gibt bestimmt schlimmere Verbrechen…« »Aber sie beginnen damit, daß man von Menschen so denkt, als wären sie Dinge…« Omas Stimme verklang. Himmelwärts ließ den Maulesel einige Minu- ten lang weitergehen, und dann wies ein Schnaufen darauf hin, daß die alte Hexe wieder erwacht war. »Bist du stark im Glauben?« fragte sie. Sie schien nicht bereit zu sein, die Dinge ruhen zu lassen. Himmelwärts seufzte. »Ich versuche es.« »Aber bestimmt liest du viele Bücher. Und es ist schwer, fest im Glau-, ben zu sein, wenn man viele Bücher liest.« Himmelwärts war froh, daß sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Schaute ihm Oma Wetterwachs von hinten in den Kopf? »Ja«, antwortete er. »Aber du glaubst trotzdem, oder?« »Ja.« »Warum?« »Ohne meinen Glauben hätte ich überhaupt nichts.« Er wartete eine Zeitlang und startete dann einen Gegenangriff. »Glaubst du an nichts, Frau Wetterwachs?« Einige Sekunden herrschte Stille, während der Maulesel über moosbe- wachsene Baumwurzeln hinwegtrat. Hinter ihnen erklang ein Geräusch wie von einem Pferd, aber es verlor sich im Seufzen des Winds. »Oh, ich glaube an Tee und den Sonnenaufgang und so etwas«, ent- gegnete Oma. »Ich meinte Religion.« »Ich kenne einige Götter hier in den Bergen, wenn du darauf hinaus- willst.« Himmelwärts seufzte. »Viele Menschen finden großen Trost im Glau- ben«, sagte er und bedauerte, daß er nicht zu ihnen gehörte. »Gut.« »Tatsächlich? Ich hätte mit Widerspruch gerechnet.« »Solange sich die Leute anständig benehmen, steht es mir nicht zu, ih- nen zu sagen, woran sie glauben sollen.« »Aber fühlst du dich nicht dazu hingezogen, in besonders dunklen Stunden?« »Nein. Ich habe schon eine Wärmflasche.« Der Sanfte Falke schlug mit den Flügeln. Himmelwärts starrte in den feuchten, dunklen Nebel. Ärger quoll plötzlich in ihm empor. »Und du glaubst, das macht Religion aus, wie?« fragte er und versuchte, sein Temperament unter Kontrolle zu halten., »Normalerweise denke ich gar nicht darüber nach«, sagte die Stimme hinter ihm. Sie klang leiser und schwächer. Omas Hand tastete nach seinem Arm, um sich daran festzuhalten… »Ist alles in Ordnung mit dir?« fragte Himmelwärts. »Ich wünschte, dieses Tier würde schneller laufen… Ich bin nicht ganz ich selbst.« »Wir könnten anhalten und eine Pause einlegen!« »Nein! Jetzt ist es nicht mehr weit! Oh, ich bin so dumm gewesen…« Donner grollte. Die Hand rutschte vom Arm des Priesters, und kurz darauf verriet ein dumpfes Pochen, daß Oma Wetterwachs auf dem Bo- den gelandet war. Sofort sprang Himmelwärts vom Rücken des Maulesels herunter. Oma lag mit geschlossenen Augen im Moos, und als er nach ihrer Hand griff, fühlte er einen erschreckend schwachen Puls. Außerdem war ihre Haut eiskalt. Er klopfte ihr vorsichtig auf die Wangen, und schließlich kamen ihre Lider nach oben. »Wenn du jetzt noch einmal auf Religion zu sprechen kommst, ziehe ich dir das Fell über die Ohren«, keuchte Oma. Erneut schloß sie die Augen. Himmelwärts setzte sich, um wieder zu Atem zu kommen. Eiskalt… Ja, Kälte ging von ihr aus, als bemühte sie sich die ganze Zeit, jede Art Wärme von sich fernzuhalten. Wieder hörte er Geräusche, die von einem Pferd stammten, und das leise Klirren von Zaumzeug gesellte sich hinzu. Dann war es still. »Hallo?« fragte Himmelwärts. Er stand auf und versuchte, den Reiter in der Dunkelheit zu erkennen, aber er sah nur einen vagen Schemen, noch immer ein ganzes Stück entfernt. »Folgst du uns? Hallo?« Der Priester ging einige Schritte und sah das Pferd – mit gesenktem Kopf stand es im Regen. Der Reiter blieb ein Schatten im Dunkeln. Von jäher Furcht erfaßt, eilte Himmelwärts zu Oma zurück. Dort zog, er den nassen Mantel aus und deckte sie damit zu, obwohl das eigentlich nicht viel nützte. Dann sah er sich um und hielt nach etwas Ausschau, das sich für ein Feuer eignete. Feuer, genau das richtige Mittel. Es brachte Leben und vertrieb die Dunkelheit. Doch die Bäume waren allesamt hohe Tannen, und mit dem nassen Adlerfarn zwischen ihnen ließ sich kaum etwas anfangen. Hier gab es nichts Brennbares. Himmelwärts griff in die Tasche und fand die gewachste Schachtel mit seinen letzten Streichhölzern. Einige trockene Zweige oder Grasbüschel genügten, irgend etwas, mit dem sich weitere Zweige trocknen ließen… Regen tropfte durch das Hemd des Priesters. Die Luft war voller Was- ser. Er beugte sich vor, damit sein Hut die Tropfen fernhielt, zog dann das Buch Om aus der Tasche, in der Hoffnung, daß es ihm Trost spendete. In einer solchen Zeit der Not würde ihm Om bestimmt den Weg weisen… Ich habe schon eine Wärmflasche… »Verdammt«, sagte er halblaut. Er schlug das Buch an einer beliebigen Stelle auf, entzündete ein Streichholz und las: »… und zu jener Zeit, im Land der Zyriniten, gab es plötz- lich viel mehr Kamele als sonst…« Das Streichholz erlosch mit einem leisen Zischen. Keine Hilfe, kein Hinweis. Himmelwärts versuchte es erneut. »… und blickte auf Gul-Arah herab, und auf die Klage der Wüste, und ritt dann nach…« Er erinnerte sich an das spöttische Lächeln des Vampirs. Welchen Worten konnte er trauen? Mit zitternder Hand entzündete er das dritte Streichholz, blätterte kurz und las dann im matten, flackernden Schein: »… und Brutha sprach zu Simony: ›Wo die Dunkelheit regiert, schaffen wir ein großes Licht…‹« Das winzige Feuer erlosch. Und die Dunkelheit regierte wieder. Oma Wetterwachs stöhnte. Ein Teil von Himmelwärts hörte das Po- chen von Hufen allmählich näher kommen. Er kniete im Schlamm und versuchte es mit einem Gebet, aber die, Antwort einer himmlischen Stimme blieb aus. Om hatte nie zu ihm ge- sprochen, und von seinen Lehrern wußte er, daß er nicht damit rechnen durfte. Auf diese Weise manifestierte sich Om nicht mehr. Von allen Göttern war er der einzige, der die Antworten direkt in den Tiefen des Kopfes entstehen ließ. Seit der Zeit des Propheten Brutha galt Om als der stille Gott. So lautete die offizielle Wahrheit. Ohne Glauben war man überhaupt nichts. Ohne Glauben existierte nur die Dunkelheit. Himmelwärts schauderte. Schwieg der Gott? Oder gab es niemanden, der seine Stimme ertönen lassen konnte? Er betete erneut, noch beharrlicher und verzweifelter, sprach Zeilen aus Kindergebeten, verlor dabei die Kontrolle über Worte und Kontext. Die Silben entschwebten ins Universum. Regen tropfte vom Hut des Priesters. Er kniete und wartete in der feuchten Dunkelheit, lauschte den eigenen Gedanken, erinnerte sich und holte noch einmal das Buch Om hervor. Und dann schuf er ein großes Licht. Die Kutsche donnerte an Kiefern vorbei, die am Ufer eines Sees wuch- sen. Sie stieß an eine besonders dicke Baumwurzel, verlor ein Rad, fiel auf die Seite und rutschte noch einige Meter. Die erschrockenen Pferde stoben davon. Igor stand auf, humpelte zur Kutsche und hob eine Tür an. »Tut mir fehr leid«, sagte er. »Daf paffiert immer, wenn der Herr nicht mitfährt. Ift allef in Ordnung mit euch?« Eine Hand packte ihn an der Kehle. »Du hättest uns warnen können!« knurrte Nanny. »Wir sind hin und her geschleudert worden! Wo sind wir jetzt? Ist dies Löschdurst?« Ein Streichholz flammte auf, und Igor entzündete eine Fackel. »Wir find in der Nähe def Schloffef«, sagte er. »Des Schlosses?« »Dort wohnen die Elftyrf.«, »Wir sind in der Nähe des Schlosses der Vampire?« »Ja. Ich glaube, der alte Herr hat hier etwaf mit der Ftrafe angeftellt. Die Kutsche verliert immer ein Rad, daf ift fo ficher wie daf Amen in der Kirche. Daf bringt Befucher inf Schloff, meinte der alte Herr.« »Und dir ist es nicht in den Sinn gekommen, uns rechtzeitig darauf hinzuweisen?« fragte Nanny. Sie stieg aus und half Magrat. »Bedauere fehr. Ef war ein anftrengender Tag…« Nanny nahm die Fackel. Ihr Schein fiel auf ein primitives Schild, das jemand an einen Baum genagelt hatte. »›Bleibt dem Schloß fern!!‹« las Nanny. »Wie aufmerksam: mit einem Pfeil, der die Richtung angibt.« »Oh, dafür ift der alte Herr verantwortlich«, erklärte Igor. »Damit die Befucher den richtigen Weg finden.« Nanny spähte durchs Halbdunkel. »Und wer hält sich jetzt im Schloß auf?« »Einige Bedienstete.« »Gewähren sie uns Einlaß?« »Daf ift kein Problem.« Igor griff unter sein abscheuliches Hemd und zeigte einen ziemlich großen Schlüssel, der an einem Bindfaden hing. »Hast du etwa vor, das Schloß der Vampire zu betreten?« fragte Magrat. »Es scheint hier weit und breit das einzige Gebäude zu sein«, sagte Nanny und schritt über den Weg. »Die Kutsche ist ein Trümmerhaufen. Wir sind meilenweit vom nächsten Ort entfernt. Soll das Baby die ganze Nacht draußen verbringen? Ein Schloß ist ein Schloß. Es hat Schlösser. Alle Vampire sind in Lancre. Und…« »Ja?« »Esme hätte eine solche Entscheidung getroffen. Ich fühle es in mei- nem Blut.« Nicht allzuweit entfernt heulte etwas. Nanny sah Igor an. »Werwölfe?« fragte sie. »Ja.« »Dann dürfte es keine gute Idee sein, im Freien zu bleiben.«, Sie deutete auf einen Schriftzug in einem der Felsen. »›Nehmt nicht diesen kürzesten Weg zum Schloß‹«, las sie laut. »So ei- nen Verstand muß man bewundern. Er kannte sich gut mit der mensch- lichen Natur aus.« »Gibt es nicht mehrere Zugänge?« fragte Magrat, als sie an einem wei- teren Schild vorbeikamen. Die Aufschrift lautete: »Haltet euch vom Parkplatz für Kutschen fern, nach zwanzig Metern auf der linken Seite.« »Igor?« fragte Nanny. »Früher kämpften die Vampire gegeneinander«, erwiderte Igor. »Def- halb exiftiert nur ein Zugang.« »Oh, na schön, wenn’s unbedingt sein muß«, sagte Magrat. »Du nimmst das Schaukelpferd und den Beutel mit den gebrauchten Windeln. Und die Teddybären. Und das Ding, das sich dreht und Geräusche macht, wenn sie an der Schnur zieht…« An der Zugbrücke verkündete ein Schild: »Letzte Chance, dem Schloß fernzubleiben.« Nanny Ogg lachte und lachte. »Der Graf wird sicher sehr böse auf dich sein, Igor«, sagte sie, als er die große Tür aufschloß. »Der Graf kann mich mal«, erwiderte Igor. »Ich packe meine Fachen und gehe nach Blinf. Dort gibt ef immer Arbeit für einen Igor. Und ef heift, dort schlügen weit und breit die meiften Blitze im Jahr ein.« Nanny Ogg rieb sich die Augen. »Zum Glück sind wir bereits durch- näßt«, sagte sie. »Na schön. Gehen wir ins Schloß. Und noch etwas, Igor. Wenn du unf… äh… uns irgendwie hintergangen hast, mach ich dich zur Minna.« Igor senkte verlegen den Blick. »Oh, ich wage nicht einmal, mir fo et- waf zu erhoffen«, murmelte er. Magrat kicherte. Igor schob die Tür auf und humpelte über die Schwel- le. »Was ist denn?« fragte Nanny. »Hast du nicht bemerkt, wie er dich ansieht?« fragte Magrat, als sie der hinkenden Gestalt folgten. »Was, er?« erwiderte Nanny., »Ich glaube, in ihm lodert das Feuer der Leidenschaft«, sagte Magrat. »Na, da soll er nur aufpassen, daß er sich nicht verbrennt«, meinte Nanny. »Wie dem auch sei: Er könnte es mit seinem Speichelregen lö- schen.« »Ich bin ziemlich sicher, daß er wirklich ein Auge auf dich geworfen hat.« »Oh, ich weiß nicht, ich weiß wirklich nicht. Ich meine, ich fühle mich geschmeichelt, aber ein so schlaffer Bursche kommt für mich nicht in Frage.« »Was ist denn schlaff an ihm?« Nanny Ogg hatte es für unmöglich gehalten, in ihrem Alter noch ge- schockt sein zu können, aber jetzt war sie einige Sekunden lang sprach- los. »Ich bin eine verheiratete Frau«, sagte Magrat und lächelte, als sie Nan- nys Gesichtsausdruck sah. Es fühlte sich gut an, einen kleinen Tapezier- nagel auf den Pfad zu legen, über den Nanny sorglos durchs Leben schlenderte. »Aber… ist Verence… ich meine, ist alles in Ordnung mit ihm… wirk- lich alles?« »Oh, ja. Er ist… in Ordnung. Aber jetzt verstehe ich deine diesbezügli- chen Witze.« »Was, alle?« fragte Nanny und klang dabei wie ein Kartenspieler, der feststellen mußte, daß jemand die Asse versteckt hatte. »Nun, das mit dem Priester, der alten Frau und dem Nashorn verstehe ich noch immer nicht«, gestand Magrat. »Das will ich auch hoffen!« erwiderte Nanny. »Ich habe den Witz erst verstanden, als ich vierzig wurde!« Igor humpelte zurück. »Ef find nur die Bedienfteten da«, lispelte er. »Ich bringe euch in mei- nem Quartier im alten Turm unter. Dort find die Türen befonderf dick.« »Das würde Frau Ogg sicher zu schätzen wissen«, sagte Magrat. »Sie meinte gerade, daß ihr deine Beine gefallen, nicht wahr, Nanny…?«, »Möchtet ihr welche?« fragte Igor in ernstem Tonfall. »Ich habe jede Menge davon und könnte ein wenig mehr Platf gebrauchen.« »Wie bitte?« Nanny blieb abrupt stehen. »Du kannft dich vertrauenfvoll an mich wenden, wenn du irgendein Organ brauchst«, sagte Igor. Magrat hustete erstickt. »Du hast… Teile von Menschen auf Eis gelegt?« brachte Nanny ent- setzt hervor. »Fremde Leute? Zerhackt? Ich gehe keinen Schritt weiter!« Daraufhin wirkte Igor entsetzt. »Keine fremden Leute«, sagte er. »Familienangehörige.« »Du hast Verwandte zerhackt?« Nanny wich zurück. Igor gestikulierte nervös. »Ef ift Tradition!« sagte er. »Jeder Igor hinterläft feinen Körper der Familie. Warum gute Organe vergeuden? Zum Beifpiel mein Onkel Igor: Er ftarb an Büffeln, mit Herz und Nieren war allef in befter Ordnung, und auferdem hatte er noch Grofvaterf Hände, und ef waren verdammt gute Hände, daf verfichere ich euch.« Er schniefte. »Ich wünschte, ich hätte fie jetzt. Er war ein grofartiger Chirurg.« »Nun… ich weiß, daß es in den meisten Familien ›Er hat die Augen seines Vaters heißt‹…«, begann Nanny. »Nein, mein Vetter zweiten Gradef hat fie.« »Aber… aber… wer erledigt das Schneiden und Nähen?« fragte Magrat. »Ich«, antwortete Igor. »Ein Igor lernt häufliche Chirurgie auf den Knien feinef Vaterf. Und dann übt er mit den Nieren feinef Grofvaterf.« »Tschuldigung«, sagte Nanny. »Woran starb dein Onkel?« »An Büffeln«, sagte Igor und schloß eine weitere Tür auf. »Hat er versucht, zuviel zu lernen?« »Nein, ich meine Büffel. Eine Herde fiel auf ihn herab. Ef war ein fehr feltfamer Fwischenfall. Wir feden nicht darüber.« »Soll das heißen, daß du dich selbst operierst?« fragte Magrat. »Ef ift nicht weiter schwer, wenn man weif, worauf ef ankommt., Manchmal braucht man natürlich einen Fpiegel, und ef hilft, wenn je- mand den Finger auf den Faden hält, damit man einen Knoten knüpfen kann.« »Tut es nicht weh?« »O nein. Ich gebe den Leuten immer rechtzeitig Bescheid, bevor ich den Faden feftziehe.« Die Tür knarrte; ein langsames, gequältes Knarren, das enorm viel Substanz zu haben schien und selbst dann noch andauerte, als sich die Tür gar nicht mehr bewegte. »Das klingt schrecklich«, sagte Nanny. »Danke. Ef hat Tage gedauert, ef richtig hinzukriegen. Ein folchef Knarren geschieht nicht von allein.« Es bellte in der Dunkelheit, und etwas sprang zu Igor und stieß ihn zu Boden. »Runter von mir, du Rüpel!« Es war ein Hund. Beziehungsweise mehrere Hunde, in einem zusam- mengefaßt. Magrat zählte insgesamt vier Beine, die alle gleich lang zu sein schienen, aber nicht die gleiche Farbe hatten. Darüber hinaus ver- fügte das Geschöpf über einen Kopf mit zwei Ohren: Das linke war schwarz und lief spitz zu; das rechte war braun und neigte sich nach un- ten. Zu den Eigenschaften dieses Hunds gehörte offenbar eine besonde- re Begeisterung fürs Sabbern. »Daf ift Fetfen«, sagte Igor und versuchte, in einem Durcheinander aus aufgeregten Pfoten auf die Beine zu kommen. »Ein dummer alter Kerl.« »Fetzen… ja«, erwiderte Nanny. »Ein guter Name. Sehr… passend.« »Er ift achtundsiebzig Jahre alt«, sagte Igor und ging eine Wendeltrep- pe hinab. »Gewiffe Teile von ihm.« »Ausgezeichnete Nähte«, lobte Magrat. »Stehen ihm gut. Und er scheint so glücklich zu sein wie ein Hund mit zwei… Oh, er hat tatsäch- lich zwei, wie ich sehe…« »Ich hatte noch einen übrig«, sagte Igor und setzte den Weg fort, wäh- rend der Hund neben ihm herumsprang. »Ich dachte mir: Mit einem ift er fo zufrieden, und mit zweien hätte er ficher noch viel mehr Fpaf.«, Nanny Ogg erhielt keine Gelegenheit, den Mund zu öffnen. »Komm nicht einmal auf den Gedanken, jetzt etwas zu sagen, Gytha Ogg!« schnappte Magrat. »Wer ich?« erwiderte Nanny unschuldig. »Ja! Du wolltest etwas sagen. Ich hab’s gesehen! Und du weißt, daß er Schwänze meint und nicht etwa…« »Oh, daran habe ich schon vor langer Zeit gedacht«, sagte Igor. »Ift doch ganz klar. Dadurch beugt man der Abnutzung vor, und auferdem kann man einf benutzen, während daf andere erfetzt wird. Ich habe an mir felbft ekfperimentiert.« Ihre Schritte hallten im Treppenhaus wider. »Wovon reden wir eigentlich?« erkundigte sich Nanny in ruhigem Ich- frage-nur-aus-Interesse-Tonfall. »Von Herfen«, antwortete Igor. »Oh, zwei Herfen. Du hast zwei Herzen?« »Ja. Daf andere gehörte dem armen Herrn Fwupps von der Fägemühle, aber feine Frau meinte, nach dem Unfall könnte er ef nicht mehr gebrauchen, denn immerhin fehlte ihm ja der Kopf.« »Du bist eine Art heimlicher Selfmademan, nicht wahr?« bemerkte Magrat. »Und dein Gehirn?« fragte Nanny. »Am Gehirn kann man nicht felbft arbeiten.« »Aber du hast da diese Nähte am Kopf…« »Oh, ich habe eine Metallplatte in meinem Schädel untergebracht«, er- klärte Igor. »Und ein Draht führt an Half und Rücken entlang, bif zu den Ftiefeln. Ich bin ef fatt, immer wieder vom Blitf getroffen zu werden. Da find wir.« Er schloß eine weitere knarrende Tür auf. »Mein bescheidenef Heim.« Jenseits der Tür erstreckte sich ein feuchter, dunkler Raum, in dem ganz offensichtlich jemand wohnte, der nur sehr selten Besuch empfing. Ein Hundekorb stand vor dem Kamin, und in einer Ecke sah Magrat ein Bett mit einer Matratze und einer Decke. An der gegenüberliegenden Wand waren einfache Schränke aufgestellt., »Unter dem Deckel da drüben befindet fich ein Brunnen«, sagte Igor. »Und dort geht’f zum Abort.« »Was ist hinter der Tür?« fragte Magrat und zeigte auf eine Pforte mit dicken Riegeln. »Nichtf weiter«, erwiderte Igor. Nanny bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick. Interessanter- weise waren die Riegel auf dieser Seite der Tür angebracht. »Dies scheint eine Krypta zu sein«, sagte sie. »Ausgestattet mit einem Kamin.« »Alf der alte Graf noch lebte, wärmten wir unf abendf gern ein wenig auf, bevor wir loffogen«, erläuterte Igor. »Ach, daf waren noch Zeiten. Der heutige Haufen taugt überhaupt nichtf. Wufftet ihr, daf ich Fetfen aufgeben follte?« Fetzen sprang und zielte mit der Zunge nach Nannys Gesicht. »Einmal habe ich gefehen, wie Lacrimofa ihn getreten hat«, sagte Igor finster. Er rieb sich die Hände. »Kann ich den Damen irgend etwaf zu effen anbieten?« »Nein«, antworteten Nanny und Magrat wie aus einem Mund. Fetzen bemühte sich, Igor zu lecken. Allem Anschein nach leckte er sehr gern. »Ftell dich tot, Fetfen«, sagte Igor. Der Hund fiel sofort zu Boden und rollte sich auf den Rücken. »Na bitte«, brummte Igor zufrieden. »Er erinnert fich daran!« »Sitzen wir hier nicht in der Falle, wenn die Elstyrs zurückkehren?« fragte Magrat. »Fie kommen nie hierher«, erwiderte Igor. »Diefer Ort ift ihnen nicht modern genug. Und wenn fie doch kommen… Ef gibt andere Aufgänge.« Magrat sah zur verriegelten Tür. Dahinter schien kein Ausgang zu sein, den man gern benutzte. »Was ist mit Waffen?« fragte sie. »In einem Vampirschloß kann man wohl nicht erwarten, Dinge zu finden, die sich gegen Vampire einsetzen lassen, oder?« »Oh, davon gibt ef hier jede Menge.«, »Im Ernst?« »Foviel ihr wollt. Der alte Herr legte grofen Wert darauf. Wenn wir Be- fucher erwarteten, fagte er immer: ›Igor, forg dafür, daf die Fenfter fau- ber find und ef weder an Fitronen noch an Fierrat mangelt, der fich leicht zu religiöfen Fymbolen anordnen läft!‹ Er mochte ef, wenn fich die Leute an die Regeln hielten. Aufgefprochen fair, der alte Herr.« »Ja, aber es bedeutete doch den Tod für ihn«, meinte Nanny. Sie öffne- te einen Schrank, und mehrere verschrumpelte Zitronen fielen ihr entge- gen. Igor zuckte mit den Schultern. »Mal gewinnt man, mal verliert man. Der alte Herr fagte immer: ›Igor, wenn Vampire irgendwann einmal im- mer fiegen, müffen fie mit einem Gegenschlag rechnen, von dem fie fich nie erholen.‹ Wie dem auch fei… Er konnte ef nicht ertragen, wenn ihm jemand Socken ftibitzte. Dann fagte er: ›Mift, daf war reine Feide, fehn Dollar daf Paar in Ankh-Morpork.‹« »Und vermutlich gab er viel Geld für Löschpapier aus«, sagte Nanny. Ein weiterer Schrank enthielt ein Gestell mit zugespitzten Pflöcken, ei- nen Holzhammer und ein anatomisches Diagramm, auf dem ein großes X das Herz markierte. »Daf Diagramm war meine Idee, Frau Ogg«, verkündete Igor stolz. »Der alte Herr ärgerte fich über Leute, die den Pflock an irgendeiner Ftelle in den Körper hämmerten. Er meinte, gegen daf Fterben hätte er nichtf, die Ruhe def Todef fei recht angenehm, aber er wollte nicht wie ein Fieb auffehen.« »Du bist ein heller Bursche, Igor«, bemerkte Nanny. Igor strahlte. »Ef fteckt ein gutef Gehirn in meinem Kopf.« »Das hast du dir selbst ausgesucht, wie? War nur ein Scherz. Immerhin kann man an Gehirnen nicht selbst arbeiten.« »Wuffteft du, daf ich einen entfernten Verwandten an der Unfichtba- ren Univerfität habe?« »Wirklich? Was macht er da?« »Schwimmt in einem Einmachglas«, sagte Igor. »Foll ich euch den Kel- ler mit dem Weihwaffer zeigen? Der alte Herr hatte eine recht grofe Fammlung.«, »Wie bitte?« entfuhr es Magrat. »Ein Vampir, der Weihwasser sammelt?« »Ich glaube, ich verstehe allmählich«, sagte Nanny. »Der alte Herr war ein Sportsmann, nicht wahr?« »Ja, genau.« »Und ein guter Sportsmann gibt einem tapferen Opfer immer eine faire Chance«, fuhr Nanny fort. »Auch wenn das bedeutet, einen Keller Cha- teau Nerf de Pope anlegen zu müssen. Scheint sehr intelligent gewesen zu sein, der alte Herr. Nicht so wie der neue. Der ist nur schlau.« »Ich kann dir nicht ganz folgen«, sagte Magrat. »Für einen Vampir spielt es kaum eine Rolle, ob er getötet wird«, er- klärte Nanny. »Er findet immer eine Möglichkeit, ins Diesseits zurückzu- kehren. Das weiß jeder, der sich auch nur ein wenig mit Vampiren aus- kennt. Wenn sie nicht zu schwer zu töten sind, und wenn aus der ganzen Sache eine Art Abenteuer wird… Nun, dann bekommt der Vampir ein- fach nur einen Pflock ins Herz, oder er wird in den Fluß geworfen, und anschließend gehen die Leute nach Hause. Für den Getöteten folgen zehn Jahre der Ruhe, und irgendwann kehrt er aus dem Grab zurück, woraufhin alles noch einmal von vorn beginnt. Auf diese Weise wird seine Existenz nie endgültig beendet, und die Burschen aus dem Dorf können sich ein bißchen Bewegung verschaffen.« »Die Elstyrs verfolgen uns bestimmt«, sagte Magrat und drückte das Baby an sich. »Sie werden feststellen, daß wir uns nicht mehr in Lancre aufhalten, und ihnen dürfte auch klar sein, daß wir nicht zur Ebene ge- fahren sind. Und bestimmt entdecken sie die umgekippte Kutsche. Sie werden uns finden, Nanny.« Die ältere Hexe betrachtete die Anordnung aus Gläsern und Flaschen. Dann glitt ihr Blick zu den Pflöcken, die fein säuberlich der Größe nach sortiert waren. »Sicher dauert es noch eine Weile«, erwiderte Nanny. »Uns bleibt genug Zeit, um… Vorbereitungen zu treffen.« Sie drehte sich mit einer Flasche Weihwasser in der einen Hand um, in der anderen hielt sie eine gespannte Armbrust, geladen mit einem höl- zernen Bolzen. Zwischen ihren Zähnen steckte ein Beutel mit muffigen Zitronen., »E n ei«, sagte sie. »Verzeihung?« erwiderte Magrat. Nanny spuckte die Zitronen aus. »Jetzt versuchen wir’s auf meine Weise«, sagte sie. »Ich bin nicht be- sonders gut darin, wie Oma zu denken, aber ich verstehe mich bestens darauf, ich selbst zu sein. Pschikologie ist soweit in Ordnung, doch ich war schon immer der Meinung, daß ein ordentlicher Tritt in den Hintern manchmal Wunder wirkt.« Der Wind rauschte übers Moor am Rand von Lancre und zischte über die Heide. Bei einigen alten Grabhügeln, halb unter Brombeerbüschen verborgen, schüttelte er die Zweige eines einzelnen Dornbaums und verteilte den Rauch, der durch die Wurzeln aufstieg. Ein Schrei erklang. Weiter unten zeigten die Wir-sind-die-Größten große Entschlossen- heit, aber es gibt einen Unterschied zwischen Kraft auf der einen sowie Gewicht und Masse auf der anderen Seite. Kobolde klammerten sich an allen vier Gliedmaßen fest, und die Große Aggie saß auf Verences Brust, aber trotzdem ließ er sich kaum unter Kontrolle halten. »Vielleicht war das Getränk ein wenig zu stark«, sagte der Bedienstete der Großen Aggie. Er sah auf Verences blutunterlaufene Augen hinab und bemerkte auch den Schaum auf seinen Lippen. »Vielleicht war’s falsch, ihm das Fünfzigfache unserer Dosis zu geben. Er ist nicht daran gewöhnt…« Die Große Aggie zuckte mit den Schultern. Auf der gegenüberliegenden Seite des alten Grabs kamen sechs Ko- bolde aus einem Loch, das sie in die nächste Kammer gegraben hatten. Sie zogen ein Schwert hinter sich her. Es bestand aus Bronze und war in einem erstaunlich guten Zustand. Die alten Stammesoberhäupter von Lancre wollten mit ihren Waffen begraben werden, damit sie im Jenseits gegen ihre Feinde kämpfen konnten. Und da es im alten Lancre notwen- dig gewesen war, ziemlich viele Feinde ins Jenseits zu schicken, um zu einem Stammesoberhaupt zu werden, wünschten sie sich Waffen, auf die, man sich verlassen konnte. Unter der Anleitung des alten Kobolds trugen die Neuankömmlinge das Schwert bis in die Reichweite der hin und her zuckenden Hand des Menschen. »Achtung!« rief der Bedienstete der Großen Aggie. »Auf mein Zeichen. Und – los!« Die Wir-sind-die-Größten stoben in alle Richtungen davon. Verence stieg fast vertikal auf, prallte von der Decke ab, ergriff das Schwert und schlug wild um sich, bis er eine Verbindung zur externen Welt geschaf- fen hatte, woraufhin er in die Nacht entkam. Die Kobolde drängten sich an den Wänden des Grabs zusammen und sahen zur Kelda. Die Große Aggie nickte. »Die Große Aggie meint, es sei besser, wenn ihm kein Leid geschieht«, sagte der alte Kobold. Tausend kleine, aber sehr spitze Klingen stachen durch den Rauch. »Auf sie drauf!« »Wir haun alle um!« »Wir sind die Größten!« Wenige Sekunden später war das Hügelgrab leer. Nanny eilte mit Pflöcken beladen durch den Hauptsaal des Schlosses – und blieb plötzlich stehen. »Was ist das für ein Ding?« fragte sie. »Es nimmt eine ganze Wand ein!« »Oh, darauf war der alte Herr befonderf ftolz«, sagte Igor. »Er hielt nicht viel von den modernen Dingen, meinte aber, daf Jahrhundert def Flughundf hätte gewiffe Vorteile. Manchmal fpielte er ftundenlang dar- auf…« Es war eine Orgel, oder besser ein Ding, das eine Orgel zu sein hoffte, wenn es erwachsen war. Der Apparat dominierte den ganzen großen Raum. Sofort erwachte die Musikliebhaberin in Nanny, und sie ging wei- ter, um sich das Instrument aus der Nähe anzusehen. Es war schwarz,, und komplexe Ebenholzverzierungen schmückten die langen Pfeifen. Register und Tasten bestanden aus totem Elefant. »Wie funktioniert das Ding?« fragte Nanny. »Mit Wafferkraft«, sagte Igor stolz. »Ef gibt hier einen unterirdischen Fluff. Der alte Herr lief fich diefe Orgel genau nach feinen Vorgaben anfertigen…« Nannys Finger berührten eine Messingplatte über der Klaviatur. Die Aufschrift lautete: »LAUSCHET DEN KHINDERN DER NAHCHT – WIE WHUNDERVOLL IHRE MUSIK ISSET. Gbt. von Bergholt Stattlich Johnson, Ankh-Morpork.« »Eine Johnson«, hauchte sie. »Schon seit Jahren hatte ich keine Gele- genheit mehr, eine Johnson auszuprobieren…« Sie sah genauer hin. »Was ist das? ›Schrei 1‹? ›Donnerschlag 14‹? ›Wolfsheulen 5‹? Und eine ganze Registergruppe ist mit ›Knarrende Böden‹ beschriftet! Kann man mit diesem Ding denn überhaupt keine Musik machen?« »Oh, natürlich. Aber der alte Herr intereffierte fich mehr für… akufti- sche Fpezialeffekte.« Auf dem Ständer lag ein Notenblatt, das jemand sorgfältig beschriftet hatte. Viele Stellen waren durchgestrichen. »›Rückkehr der Braut der Rache des Sohnes von Graf Elstyr‹«, las Nanny. Später war »nach 20000 Meilen (?)« hinzugefügt und dann wieder durchgestrichen worden. »›Sonate für Gewitter, Falltüren und junge Frauen in knappen Gewändern.‹ Dein alter Herr scheint auch ein Künst- ler gewesen zu sein.« »Auf eine fehr… befondere Art und Weife«, erwiderte Igor voller Nos- talgie. Nanny trat zurück. »Magrat ist doch sicher, oder?« fragte sie und griff wieder nach den Pflöcken. »Die Tür bietet Schutf vor wütenden Mengen«, sagte Igor. »Und Fetfen ift zu neun Dreiundachtzigftel Rottweiler.« »Welche Teile, wenn ich fragen darf?«, »Fwei Beine, ein Ohr, jede Menge Fehnen und der Unterkiefer«, sagte Igor, als sie weitereilten. »Ja, aber er hat das Gehirn eines Spaniels«, gab Nanny zu bedenken. »Ef fteckt ihm in den Knochen«, meinte Igor. »Er hält die Leute mit dem Maul feft, und dann schlägt er fie mit feinen beiden Schwänzen bewuftlof.« »Er wedelt Leute mit dem Schwanz zu Tode?« »Manchmal geifert er fo fehr, daf fie ertrinken«, sagte Igor. Die Dächer von Eskrau schälten sich aus der Dunkelheit, als die Vampi- re tiefer sanken. Kurz darauf berührten Agnes’ Füße den Boden, und sie bemerkte Licht hinter einigen Fenstern. Vlad landete neben ihr. »Bei diesem Wetter sieht man den Ort natürlich nicht von seiner bes- ten Seite«, sagte er. »Es gibt hier einige Beispiele für gute Architektur, und das Rathaus ist sehr schön. Vater hat die Uhr bezahlt.« »Wie nett von ihm.« »Und natürlich auch den Glockenturm. Bei seinem Bau kamen hiesige Arbeitskräfte zum Einsatz.« »Vampire haben viel Geld, nicht wahr?« fragte Agnes. Der Ort schien recht groß zu sein, und er ähnelte den kleinen Städten in der Ebene, abgesehen von den Verzierungen an den Dachvorsprün- gen. »Nun, die Familie hatte immer große Ländereien«, antwortete Vlad und überhörte den Sarkasmus. »Im Lauf der Jahrhunderte sammelt sich das Geld an, und natürlich gehen wir nicht oft aus.« »Außerdem halten sich die Kosten für Nahrungsmittel in Grenzen«, fügte Agnes hinzu. »Ja, ja, das stimmt…« Irgendwo über ihnen läutete eine Glocke. »Jetzt wirst du gleich sehen und verstehen«, sagte Vlad., Oma Wetterwachs öffnete die Augen. Flammen züngelten direkt vor ihr. »Oh«, sagte sie. »Na gut…« »Geht es dir besser?« fragte Himmelwärts. Sie drehte den Kopf. Und dann sah sie auf ihr dampfendes Kleid. Hilbert Himmelwärts duckte sich unter den Zweigen von zwei Tannen hinweg und warf noch mehr Holz ins Feuer. Es zischte und prasselte. »Wie lange habe ich… ausgeruht?« fragte Oma. »Etwa eine halbe Stunde, schätze ich.« Rotes Licht und schwarze Schatten tanzten zwischen den Bäumen. Der Regen hatte sich inzwischen in Schneeregen verwandelt, und über dem Feuer wurde Dampf daraus. »Man muß sehr geschickt sein, um bei diesem Wetter ein Feuer zu ent- zünden«, sagte Oma. »Ich danke Om dafür«, erwiderte Himmelwärts. »Sehr freundlich von ihm, zweifellos. Aber wir müssen jetzt… wieder los.« Oma versuchte aufzustehen. »Es ist nicht mehr weit. Und es geht nur noch bergab…« »Der Maulesel ist weggelaufen«, sagte Himmelwärts. »Wir haben Füße, oder? Die… Ruhepause hat mir gutgetan. Und das Feuer hat mich wieder mit… Leben erfüllt.« »Es ist viel zu dunkel und zu naß. Warte bis morgen früh.« Oma stand auf. »Nein. Besorg mir einen Stock oder etwas, auf das ich mich stützen kann. Na los.« »Nun, etwas weiter oben am Hang habe ich einen Haselbusch gesehen, aber…« »Ein Stock aus Haselholz wäre genau richtig. Worauf wartest du noch? Mir geht es mit jeder verstreichenden Minute besser.« Himmelwärts verschwand in den tropfenden Schatten. Oma hob und senkte den Saum ihres Kleids vor dem Feuer, um sich warme Luft zuzu- fächeln. In dem Luftzug stieg etwas Kleines und Weißes aus der Asche auf, tanzte an den Flammen vorbei und landete im Moos. Oma griff danach., Es war ein Stück dünnes Papier, die angesengte Ecke eines Blattes. Im roten Licht las sie die Worte: »… von Om… Hilfe für… Ossory schlug…« Das Stück Papier hing am halb verkohlten Streifen eines Ein- bands. Oma betrachtete es eine Zeitlang und ließ es ins Feuer fallen, als das Knacken von Zweigen Himmelwärts’ Rückkehr ankündigte. »Kannst du unter diesen Umständen überhaupt den richtigen Weg fin- den?« fragte er und reichte ihr einen langen Stock aus Haselholz. »Ja. Du gehst an meiner Seite, und ich habe jetzt diesen Stock. Es ist nichts weiter als ein Spaziergang im Wald.« »Du siehst nicht besser aus als vorher.« »Junger Mann, wenn du darauf warten willst, bis ich interessant ausse- he, sind wir in einigen Jahren noch hier.« Oma hob die Hand, und der Sanfte Falke flog aus den Schatten herbei. »Wirklich gut, daß es dir gelungen ist, ein Feuer zu entzünden«, sagte sie. »Ich bin immer der Ansicht gewesen, daß man nur Om vertrauen muß, um eine Möglichkeit zu finden«, entgegnete Himmelwärts und folgte der Hexe. »Ich schätze, Om hilft denen, die sich selbst helfen«, sagte Oma. Überall in Eskrau wurden Lampen angezündet und Türen entriegelt. Das Läuten der Glocke hallte weiterhin durch den Nebel. »Normalerweise versammeln wir uns auf dem Dorfplatz«, sagte Vlad. »Es ist mitten in der Nacht!« erwiderte Agnes. »Ja, aber es geschieht nicht sehr oft, nach unserem Abkommen höchs- tens zweimal im Monat«, sagte Vlad. »Siehst du, wie gut es den Leuten in Eskrau geht? Sie genießen Sicherheit. Sie sind vernünftig. Hier gibt es keine Fensterläden. Es ist nicht nötig, daß die Menschen Fenster und Türen verriegeln, sich in den Kellern verstecken – eine Verhaltensweise, die man leider an anderen Orten antrifft. Damit meine ich Orte, die erst noch… befriedet werden müssen. Hier haben wir Furcht durch Sicher- heit ersetzt, und…« Er schwankte, stützte sich an einer Wand ab und, schüttelte kurz den Kopf. »Entschuldigung. Ich habe mich ein wenig… seltsam gefühlt. Wovon habe ich gerade gesprochen?« »Woher soll ich das wissen?« erwiderte Agnes scharf. »Angeblich sind hier alle glücklich, weil gelegentlich Vampire zu Besuch kommen.« »Oh, ja. Weil es hier keine Feindschaft mehr gibt, sondern Zusammen- arbeit. Weil…« Er holte ein Taschentuch hervor und wischte sich damit die Stirn ab. »Weil… Nun, du wirst es selbst sehen. Es… ist ziemlich kühl hier, oder?« »Nur klamm«, sagte Agnes. »Gehen wir zum Platz«, meinte Vlad. »Dort fühle ich mich bestimmt besser.« Der Platz war nur wenige Schritte entfernt. Fackeln brannten dort, und Menschen hatten sich versammelt. Die meisten von ihnen trugen De- cken oder einen Mantel über den Nachthemden. In lockeren Gruppen standen sie da, wie Leute, die den Feueralarm ge- hört hatten, aber keinen Rauch sahen. Ein oder zwei erkannten Vlad, woraufhin nervöses Hüsteln erklang. Weitere Vampire schwebten durch den Nebel. Der Graf landete weich und nickte Agnes zu. »Ah, Fräulein Nitt«, sagte er. »Sind alle da, Vlad?« Das Läuten verstummte. Wenige Sekunden später sank auch Lacrimo- sa zu Boden. »Du hast sie noch immer?« wandte sie sich an Vlad und hob beide Brauen. »Na, wie du willst…« »Ich spreche kurz mit dem Bürgermeister«, sagte der Graf. »Er weiß es zu schätzen, wenn man ihn auf dem laufenden hält.« Agnes beobachtete, wie er zu einem kleinen, pummeligen Mann ging. Die Glocke hatte ihn mitten in einer feuchten Nacht aus dem Bett ge- holt, aber er war geistesgegenwärtig genug gewesen, sich die goldene Amtskette um den Hals zu hängen. Vor dem Glockenturm bezogen die Vampire in einer Reihe Aufstel- lung, jeweils etwa anderthalb Meter voneinander entfernt. Sie scherzten und lachten leise. Nur Lacrimosa blieb stumm und richtete einen durch-, dringenden Blick auf Agnes. Der Graf sprach mit dem Bürgermeister, der zu Boden starrte. Bewegung kam in die Menschen auf dem Platz, als sie ebenfalls Reihen formten. Zwei kleine Kinder liefen von ihren Eltern fort, stoben an den wartenden Erwachsenen vorbei und glucksten. Der Verdacht wuchs in Agnes wie eine große schwarze Rose, deren Blütenblätter rote Ränder hatten. Vlad spürte offenbar, daß sie sich versteifte, denn seine Hand schloß sich fester um ihren Arm. »Ich weiß, was du denkst…«, begann er. »Du weißt nicht, was ich denke, aber ich werd’s dir sagen«, erwiderte Agnes und versuchte, das Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen. »Du…« »Es könnte viel schlimmer sein. Früher war es viel schlimmer…« Der Graf kehrte zurück. »Gute Nachrichten«, verkündete er. »Drei Kinder sind gerade zwölf geworden.« Er sah Agnes an und lächelte. »Wir veranstalten eine kleine… Zeremonie, bevor die Hauptlotterie stattfin- det. Eine Art Rites de passage. Um ganz ehrlich zu sein: Ich glaube, sie freuen sich darauf.« Er beobachtet dich, um festzustellen, wie du reagierst, sagte Perdita. Vlad ist ein- fach nur dumm, und Lacrimosa würde aus deinem Haar Flanell weben, wenn sie eine Chance dazu bekäme. Aber der Graf geht dir sofort an die Kehle, wenn du zum falschen Zeitpunkt blinzelst, und deshalb rate ich dir, nicht zum falschen Zeitpunkt zu blinzeln, denn selbst Hirngespinste möchten am Leben bleiben… Doch Agnes spürte, wie Entsetzen in ihr aufstieg. Und es war falsch, die falsche Art von Entsetzen, ein betäubendes, kaltes, Übelkeit erregendes Grauen, das sie an Ort und Stelle erstarren ließ. Sie mußte handeln, ir- gend etwas unternehmen, um sich von der gräßlichen Lähmung zu be- freien… Vlads Stimme erklang. »Es ist nichts Dramatisches«, sagte er. »Nur ein kleiner Blutstropfen… Vater hat die Schule besucht und erklärt, was es mit dem Bürgerstatus auf sich hat…«, »Wie nett«, krächzte Agnes. »Kriegen sie ein Abzeichen?« Hinter die- sem Satz mußte Perdita stecken – Agnes konnte sich selbst nicht vorstel- len, so geschmacklos zu sein, nicht einmal aus Sarkasmus. »Ha, nein. Aber was für eine gute Idee«, sagte der Graf und schenkte ihr ein weiteres kurzes Lächeln. »Ja…, vielleicht ein Abzeichen, oder eine kleine Plakette. Etwas, das man später hervorholen und zeigen kann. Ich werde drüber nachdenken. Und jetzt…, laß uns anfangen. Ah, der Bür- germeister hat schon die lieben Kinder zusammengerufen.« Irgendwo weiter hinten ertönte ein Schrei, und Agnes sah jemanden nach vorn drängen. Der Bürgermeister nickte zwei Männern in der Nähe zu, die sofort loseilten. Es kam zu einem kurzen Handgemenge in den Schatten. Agnes glaubte, auch den Schrei einer Frau zu hören, der ganz plötzlich abbrach. Eine Tür fiel zu. Der Bürgermeister drehte sich um und begegnete Agnes’ Blick. Sie wandte sich von ihm ab, weil sie seinen Gesichtsausdruck nicht sehen wollte. Manche Menschen verstanden es gut, sich die Hölle vorzustellen, und manchmal gerieten sie schon zu ihren Lebzeiten dorthin. »Sollen wir fortfahren?« fragte der Graf. »Würdest du bitte meinen Arm loslassen, Vlad?« fragte Agnes zucker- süß. Sie warten auf deine Reaktion, flüsterte Perdita. Ach, erwiderte Agnes in ihrem Kopf, soll ich hier einfach stehenbleiben und mir alles ansehen? So wie die anderen? Ich habe dich doch schon darauf hingewiesen. Sieh sie dir nur an. Stehen da wie Schlachtvieh! Vielleicht sind sie wirklich vernünftig, wie Vlad behauptet, sagte Agnes. Oh, na schön… Möglicherweise gelingt es dir ir- gendwie, das verdammte Grinsen aus Lacrimosas Gesicht zu vertreiben. Damit würde ich mich zufriedengeben… Die Vampire konnten sehr schnell sein. Selbst ein Schrei würde nicht funktionieren. Vielleicht schaffte sie es, tief Luft zu holen, aber das wäre es auch schon. Vermutlich erwachte sie anschließend als Vampir, ohne den Unter- schied zwischen Gut und Böse zu kennen. Aber darum ging es gar nicht. Es ging einzig und allein um das Hier und Heute, um das Jetzt… Sie sah jeden einzelnen Feuchtigkeitstropfen in der Luft, nahm den, Geruch niedergebrannter Feuer wahr und hörte die Mäuse in den Stroh- dächern der Häuser. Agnes’ Sinne leisteten harte Arbeit, um die letzten Sekunden ihrer Existenz besonders erlebnisintensiv zu gestalten… »Warum eigentlich?« Lacrimosas Stimme schnitt wie eine Säge durch den Nebel. Agnes blinzelte. Das Mädchen näherte sich ihrem Vater und richtete einen herausfordernden Blick auf ihn. »Warum fängst du immer an?« fragte sie. »Lacrimosa! Was ist nur in dich gefahren? Ich bin das Oberhaupt des Clans!« »Ach, tatsächlich? Für immer?« Der Graf wirkte überrascht. »Nun, ja. Natürlich.« »Also müssen wir uns für immer von dir herumkommandieren lassen? Wir bleiben für immer Kinder?« »Meine Liebe, was glaubst du eigentlich…« »Und sprich nicht in dem Tonfall mit mir! Der funktioniert nur bei Fleisch. Werde ich für immer auf mein Zimmer geschickt, weil ich unge- horsam gewesen bin?« »Du hast eine eigene Folterbank von uns bekommen…« »Oh, ja. Und dafür muß ich hübsch lächeln und zu Fleisch freundlich sein?« »Wie kannst du es wagen, in diesem Ton mit deinem Vater zu reden!« kreischte die Gräfin. »Und sprich nicht so über Agnes!« knurrte Vlad. »Habe ich ihren Namen genannt?« entgegnete Lacrimosa kühl. »Habe ich irgendwie Bezug auf sie genommen? Ich erinnere mich nicht daran. Es käme mir nie in den Sinn, sie auch nur zu erwähnen.« »Ich will nicht, daß wir uns streiten!« rief der Graf. »Das ist es, nicht wahr?« erwiderte Lacrimosa. »Wir streiten nie. Wir tun einfach, was du sagst, und zwar für immer.« »Wir haben vereinbart…« »Nein, du hast etwas beschlossen, und niemand hat dir widersprochen., Vlad hatte recht!« »Tatsächlich?« fragte der Graf und wandte sich an seinen Sohn. »Und in welcher Beziehung, wenn ich fragen darf?« Vlads Mund öffnete und schloß sich mehrmals, als er versuchte, einen vernünftigen Satz zusammenzubringen. »Vielleicht habe ich einmal die Meinung zum Ausdruck gebracht, daß die ganze Lancre-Angelegenheit unklug sein könnte…« »Oh«, sagte die Gräfin. »Bist du plötzlich so weise geworden, obwohl du noch nicht einmal zweihundert Jahre alt bist?« »Unklug?« wiederholte der Graf. »Ich halte die ganze Sache für dumm!« zischte Lacrimosa. »Kleine Ab- zeichen? Geschenke? Wir geben nichts! Wir sind Vampire! Wir nehmen, was wir wollen, zum Beispiel so…« Sie packte einen in der Nähe stehenden Mann, öffnete den Mund und hatte es ganz offensichtlich auf seinen Hals abgesehen. Ihr Haar wehte… Und dann erstarrte Lacrimosa plötzlich. Sie erzitterte, tastete mit der einen Hand nach ihrer Kehle und warf dem Grafen einen wütenden Blick zu. »Was… hast du angestellt?« brachte sie hervor. »Mein Hals fühlt sich… wund an. Was hast du gemacht?« Der Graf rieb sich die Stirn und zwickte seinen Nasenrücken. »Lac- ci…« »Und nenn mich nicht so! Du weißt, wie sehr ich es verabscheue!« Einer der anderen Vampire hinter ihnen schrie. An seinen Namen er- innerte sich Agnes nicht – er lautete vermutlich Fenrir oder Maledicta oder so ähnlich –, aber sie wußte, daß er sich Gerald nennen ließ. Er sank auf die Knie und griff mit beiden Händen nach seiner Kehle. Den übrigen Vampiren schien es ebenfalls nicht sehr gut zu gehen. Zwei wei- tere knieten nieder und stöhnten, zum großen Erstaunen der versammel- ten Bürger. »Ich fühle mich… nicht wohl«, sagte die Gräfin und schwankte ein wenig. »Ich schätze, das mit dem Wein war keine besonders gute Idee…« Der Graf drehte sich um und sah Agnes an. Sie wich einen Schritt zu-, rück. »Du steckst dahinter, nicht wahr?« fragte er. »Ja, natürlich!« stöhnte Lacrimosa. »Die alte Hexe hat ihr Selbst woan- ders untergebracht, und bestimmt wußte sie, daß Vlad eine Schwäche für Trampel hat!« Oma ist doch nicht hier drin, oder? fragte Perdita. Weißt du das nicht? dach- te Agnes und trat noch einen Schritt zurück. Nun, ich glaube nicht, daß sie uns hier Gesellschaft leistet, aber sind dies wirklich meine eigenen Gedanken? Jetzt hör mal, sie hat sich in dem Priester versteckt, das wissen wir doch. Nein, wir wissen es nicht, du hast das nur für eine gute Idee gehalten, weil alle glauben wür- den, sie hätte sich für das Baby entschieden. »Warum kriechst du nicht in deinen Sarg zurück und verrottest darin, du ekelhafter Wurm«, sagte Agnes. Es war keine besonders gute Beleidi- gung, doch Improvisationen führen nur selten zu exzellenten Ergebnis- sen. Lacrimosa sprang auf sie zu, aber da war auch noch etwas anderes, das nicht stimmte. Die Vampirin glitt nicht etwa wie der samtene Tod durch die Luft. Sie wirkte eher wie ein Vogel mit einem gebrochenen Flügel. Zorn ließ sie vor Agnes aufragen, und lange Fingernägel zielten wie Klauen nach der jungen Hexe… Agnes schlug mit aller Kraft zu und spürte, daß auch Perdita ausholte. Normalerweise hätte sie nicht damit rechnen dürfen, Lacrimosa zu tref- fen – die Vampirin war schnell genug, um dreimal um sie herumzulau- fen, bevor sie zuschlagen konnte. Doch die Faust traf tatsächlich das wütende Gesicht. Die Menschen von Eskrau beobachteten, wie ein Vampir zurücktau- melte und blutete. Der Bürgermeister hob den Kopf. Agnes kauerte sich nieder und hob beide Fäuste. »Ich weiß nicht, wo Oma Wetterwachs ihr Selbst versteckt hat«, sagte sie. »Vielleicht ist sie in mir.« Eine irre Inspiration ließ sie in Omas schar- fem Tonfall hinzufügen: »Und wenn du mich niederschlägst, beiße ich mich durch deine Stiefel nach oben!« »Ein guter Versuch, Fräulein Nitt«, sagte der Graf und schritt ihr ent-, gegen. »Aber ich falle nicht darauf herein…« Er blieb stehen und zerrte an einer goldenen Kette, die ihm plötzlich die Luft abschnürte. Hinter ihm zog der Bürgermeister mit seinem ganzen Gewicht und zwang den Vampir zu Boden. Die Bürger wechselten stumme Blicke und bewegten sich alle gleichzei- tig. Vampire stiegen auf und versuchten, höher zu fliegen, traten nach den Händen unter ihnen. Fackeln wurden aus Wandhalterungen gerissen. Die Nacht war plötzlich voller Schreie. Agnes sah zu Vlad auf, der entsetzt starrte. Um Lacrimosa hatte sich ein Ring aus Leuten gebildet, der immer enger wurde. »Du solltest besser weglaufen«, riet Agnes dem Sohn des Grafen. »Sonst erwischen sie dich und…« Er drehte sich um und sprang. Die junge Hexe sah Zähne, und dann nichts mehr. Der Weg nach unten war schlimmer als der Aufstieg. Alle Mulden hatten sich in Quellen verwandelt, und jeder Pfad war ein Bach. Als Oma und Himmelwärts durch den Schlamm wankten, dachte der Priester an eine Geschichte im Buch Om, eigentlich die Geschichte. Darin ging es um den Propheten Brutha und seine Reise mit Om durch die brennende Wüste – eine Reise, die den Omnianismus vollkommen ver- ändert hatte. Schwerter waren durch Predigten ersetzt worden, die weni- ger Opfer verursachten, von den ganz langen einmal abgesehen. Die Kirche zerfiel in tausend Stücke, die untereinander zu streiten begannen und schließlich Hilbert Himmelwärts hervorbrachten, der mit sich selbst stritt. Himmelwärts fragte sich, wie weit Brutha durch die Wüste gekommen wäre, wenn ihn die Umstände gezwungen hätten, Oma Wetterwachs zu stützen. Es war etwas Unbeugsames in ihr, etwas, so hart wie Fels. Nach der halben Strecke hätte der Prophet vielleicht der Versuchung nachge- geben, etwas Unangenehmes zu sagen oder wenigstens bedeutungsvoll zu seufzen. Seit dem Feuer hatte die Alte ausgesprochen schlechte Lau-, ne. Irgend etwas schien ihr durch den Kopf zu gehen. Es hatte aufgehört zu regnen, dafür wehte ein kalter Wind, und gele- gentlich gingen kurze Hagelschauer nieder. »Jetzt dauert es nicht mehr lange«, schnaufte Himmelwärts. »Das kannst du gar nicht wissen«, sagte Oma und platschte durch schwarzen, torfigen Schlamm. »Da hast du völlig recht«, erwiderte Himmelwärts. »Ich wollte dich nur ein wenig aufmuntern.« »Hat nicht geklappt«, meinte Oma. »Frau Wetterwachs, möchtest du vielleicht, daß ich dich hier zurücklas- se?« fragte Himmelwärts. Oma schniefte. »Das würde mir überhaupt nichts ausmachen«, behaup- tete sie. »Möchtest du, daß ich dich zurücklasse?« »Dies ist nicht mein Berg«, brummte Oma. »Es steht mir nicht zu, den Leuten zu sagen, was sie tun und lassen sollen.« »Ich gehe fort, wenn das dein Wunsch ist«, betonte Himmelwärts. »Ich habe dich nicht gebeten, mich zu begleiten«, antwortete Oma schlicht. »Du wärst längst tot, wenn ich dir nicht geholfen hätte!« »Das geht dich gar nichts an.« »Mein Gott, Frau Wetterwachs, du stellst mich wirklich auf eine harte Probe.« »Dein Gott, lieber Herr Himmelwärts, stellt alle auf eine harte Probe. Das ist die typische Verhaltensweise von Göttern, und deshalb lasse ich mich nicht mit ihnen ein. Außerdem setzen sie dauernd irgendwelche Regeln fest.« »Regeln sind unerläßlich, Frau Wetterwachs.« »Und wie lautet die erste Regel deines Gottes Om?« »Gläubige sollen keinen anderen Gott als Om verehren«, erwiderte Himmelwärts sofort. »Na bitte. Typisch Gott. Ausgesprochen egozentrisch.«, »Ich nehme an, diese Regel soll vor allem die Aufmerksamkeit der Gläubigen wecken«, erklärte Himmelwärts. »Es gibt viele Regeln, die den Umgang mit anderen Menschen betreffen, wenn du das meinst.« »Ach, tatsächlich? Und wenn jemand nicht an Om glauben möchte und trotzdem ein anständiges Leben führt?« »Nach dem Propheten Brutha erfordert ein anständiges Leben den Glauben an Om.« »Oh, das ist schlau!« kommentierte Oma. »Auf diese Weise kann für Om überhaupt nichts schiefgehen. Der Bursche, dem das eingefallen ist, muß ziemlich intelligent gewesen sein. Bravo. Welche schlauen Dinge hat er sonst noch gesagt?« »Der Prophet Brutha sagte keine Dinge, um schlau zu wirken«, erwi- derte Himmelwärts mit Nachdruck. »Aber wenn du schon danach fragst: In seinem Brief an die Simoniten weist er darauf hin, daß wir durch an- dere Menschen zu richtigen Menschen werden.« »Gut. Zumindest in diesem Punkt hat er recht.« »Und er meinte, wir sollten Licht zu dunklen Orten bringen.« Oma schwieg. »Vielleicht habe ich das schon einmal erwähnt«, meinte Himmelwärts. »Und in der Schmiede, als du vor dem Amboß knietest… da hast du etwas Ähnliches gesagt…« Oma blieb so plötzlich stehen, daß Himmelwärts fast gestolpert und gefallen wäre. »Ich habe was?« »Du hast gemurmelt und…« »Ich habe im… Schlaf gesprochen?« »Ja, und du hast eine Dunkelheit erwähnt, die dort ist, wo Licht sein sollte. Daran erinnere ich mich, denn im Buch Om…« »Du hast gelauscht?« »Nein, ich habe nicht gelauscht, sondern es zufällig gehört. Es klang so, als hättest du Streit mit jemand…« »Erinnerst du dich an alle Worte, die ich gesprochen habe?«, »Ich denke schon.« Oma wankte einige Schritte und verharrte in einer Pfütze aus schwar- zem Wasser, das an ihren Stiefeln emporstieg. »Kannst du sie wieder vergessen?« fragte sie. »Wie bitte?« »Du wärst doch nicht so unfreundlich, anderen Leuten vom Gefasel einer alten Frau zu erzählen, die nicht richtig bei sich war, oder?« fragte Oma langsam. Himmelwärts überlegte kurz. »Welches Gefasel meinst du, Frau Wet- terwachs?« Erleichterung ließ Omas Schultern ein wenig nach unten sinken. »Ah. Gut, daß du mich danach fragst, denn immerhin gab es gar kein Gefasel.« Blasen stiegen in dem schwarzen Wasser um Oma Wetterwachs auf, als sie sich gegenseitig musterten. Eine spezielle Art von Waffenstillstand war gerade vereinbart worden. »Nun, junger Mann, wenn du die Liebenswürdigkeit hättest, mich hier herauszuziehen…« Der Vorgang nahm einige Zeit in Anspruch und erforderte den Einsatz eines Astes von einem nahen Baum. Zwar gab sich Himmelwärts alle Mühe, aber Omas erster Fuß glitt aus dem Stiefel. Und wenn sich ein Stiefel im Schlamm verabschiedet hat, so leistet ihm der andere aus brü- derlicher Solidarität Gesellschaft. Als Oma Wetterwachs wieder auf einigermaßen trockenem und relativ stabilem Boden stand, trug sie zwar keine Stiefel mehr, dafür aber die dicksten Socken, die Himmelwärts jemals gesehen hatte. Sie schienen selbst wuchtigen Hammerschlägen standhalten zu können. »Das waren gute Stiefel«, sagte Oma und sah in den blubbernden schwarzen Schlamm. »Na schön, setzen wir den Weg fort.« Sie schwankte ein wenig, als sie weitergingen, aber zu Himmelwärts’ großer Bewunderung gelang es ihr, sich gerade zu halten. Diese bemer- kenswerte Frau veranlaßte ihn, sich etwa jede halbe Stunde eine neue Meinung von ihr zu bilden. Seine jüngste Meinung von ihr lautete: Oma, Wetterwachs brauchte jemanden, den sie übertreffen konnte. Und wenn es niemanden zum Übertreffen gab, so versuchte sie, sich selbst zu über- treffen. »Schade um dein kleines Buch mit den heiligen Worten«, sagte Oma etwas weiter unten auf dem Weg. Es blieb eine Zeitlang still, bevor Himmelwärts antwortete. »Ich kann mir leicht ein neues besorgen«, sagte er ruhig. »Es ist bestimmt schwer für dich, ohne das Buch mit den Worten.« »Es war nur Papier.« »Ich werde den König darum bitten, dir ein neues Buch mit Worten zu geben.« »Du brauchst ihn deshalb nicht zu belästigen.« »Eine schreckliche Sache, daß du all die Worte verbrennen mußtest.« »Die wichtigsten verbrennen nicht.« »Zwar trägst du einen komischen Hut, aber du bist gar nicht so dumm«, sagte Oma. »Ich bin in der Lage, einen Notfall als solchen zu erkennen, Frau Wet- terwachs.« »Ausgezeichnet.« Schweigend gingen sie weiter. Hagelkörner prallten von Omas spitzem Hut und Himmelwärts’ breiter Krempe ab. »Du brauchst gar nicht zu versuchen, mich zum Glauben an Om zu bekehren«, sagte Oma nach einer Weile. »Om möge es mir verbieten, Frau Wetterwachs. Ich habe dir nicht einmal eine Broschüre gegeben.« »Das stimmt. Aber du möchtest, daß ich denke: ›Oh, was für ein netter junger Mann, sein Gott muß wirklich etwas Besonderes sein, wenn nette junge Männer wie er alten Damen wie mir helfen.‹ Habe ich recht?« »Nein.« »Und wenn schon: Es klappt nicht. An Menschen kann man glauben, manchmal, aber nicht an Götter. Und ich will dir noch etwas sagen, Herr Himmelwärts…«, Er seufzte. »Ja?« Oma wandte sich ihm zu und wirkte plötzlich sehr lebendig. »Eigent- lich sollte es dir nur recht sein, daß ich nicht glaube«, sagte sie und poch- te ihm mit einem spitzen Zeigefinger auf die Brust. »Dieser Om… Hat man ihn jemals gesehen?« »Dreitausend Personen sollen beobachtet haben, wie er sich beim Großen Tempel manifestierte, als er seine Vereinbarung mit dem Pro- pheten Brutha traf und ihn vor dem Foltertod auf der eisernen Schild- kröte rettete…« »Aber heute streiten diese Leute bestimmt darüber, was sie eigentlich gesehen haben.« »Nun, ja, es gibt natürlich unterschiedliche Meinungen…« »Verstehe. Tja, so sind die Leute eben. Wenn ich deinen Gott gesehen hätte, in Fleisch und Blut, so käme eine Art Fieber über mich. Wenn ich davon überzeugt wäre, daß es wirklich einen Gott gibt, dem das Schick- sal der Menschen nicht völlig schnurz ist, der sie wie ein Vater beobach- tet und sich wie eine Mutter ihrer annimmt… In dem Fall käme mir be- stimmt kein Unsinn in der Art von ›Bei jeder Frage gibt es unterschiedli- che Aspekte‹ und ›Wir müssen den Glauben anderer Menschen respek- tieren‹ in den Sinn. Ich würde nicht einfach nur deshalb zu anderen Leu- ten nett sein, weil ich hoffte, dafür irgendwann einmal göttlichen Lohn zu empfangen. Solch ein Verhalten wäre mir unmöglich, wenn die Flamme des Glaubens wie ein erbarmungsloses Schwert in mir brennen würde. Ich spreche hier von ›brennen‹, Herr Himmelwärts, und genau darauf läuft es hinaus. Du sagst, daß eure Kirche inzwischen niemanden mehr auf dem Scheiterhaufen verbrennt oder opfert, aber wahrer Glaube würde genau das bedeuten, verstehst du? Das eigene Leben der Flamme opfern, Tag für Tag, die Wahrheit verkünden, dafür arbeiten, ihre Essenz atmen. Das ist Religion. Alles andere beschränkt sich darauf, einfach nur ein wenig nett zu sein und ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn zu pfle- gen.« Oma entspannte sich ein wenig und fuhr mit ruhigerer Stimme fort: »So würde ich denken und fühlen, als wahre Gläubige. Und ich fürchte, so etwas kommt derzeit nicht in Frage, denn wenn man heute Böses sieht, muß man offenbar mit den Händen ringen und sagen: ›Ach du, meine Güte, wir müssen darüber diskutieren.‹ Nein, davon halte ich nichts, denn es hieße die Dinge ruhen zu lassen. Laufe dem Glauben nicht nach, denn du wirst ihn nie einholen«, fügte sie fast apart hinzu. »Aber vielleicht kannst du ein Leben auf seiner Grundlage führen.« Ihre Zähne klapperten, als eiskalter Wind das nasse Kleid um ihre Knie flattern ließ. »Hast du noch ein Buch mit heiligen Worten dabei?« fragte Oma. »Nein«, sagte der noch immer schockierte Himmelwärts. Er dachte: Mein Gott, wenn sie jemals eine Religion für sich findet – was käme dann aus diesen Bergen, um über die Ebene zu ziehen? Mein Gott… Ich habe gerade »mein Gott« gedacht… »Auch kein Gesangsbuch?« fragte Oma. »Nein.« »Steckt vielleicht ein dünnes Buch mit Gebeten für alle Gelegenheiten in deiner Hosentasche?« »Nein, Oma Wetterwachs.« »Mist.« Oma sank langsam nach hinten und faltete sich wie ein leeres Gewand zusammen. Himmelwärts sprang zu ihr und fing sie auf. Eine dünne weiße Hand schloß sich so fest um seinen Unterarm, daß er unwillkürlich aufschrie. Dann entspannte sich Oma und erschlaffte in seinem Griff. Etwas veranlaßte Himmelwärts, den Kopf zu heben. Nicht weit entfernt saß eine dunkle Gestalt auf einem weißen Pferd. Sie trug einen schwarzen Kapuzenmantel, und vages blaues Glühen um- gab sie. »Verschwinde!« rief der Priester. »Reite fort, oder ich… oder ich…« Er ließ Oma Wetterwachs auf einige Grasbüschel sinken, nahm ein wenig Schlamm und warf ihn durch die Nacht. Dann lief er los und schlug mit den Fäusten auf etwas ein, das plötzlich nur noch aus Schat- ten und wogenden Nebelschwaden bestand. Rasch kehrte er zur alten Hexe zurück, legte sie sich behutsam über die Schulter und eilte den Hang hinab. In den grauen Schwaden hinter ihm zeichnete sich eine Gestalt auf ei-, nem Pferd ab. Tod schüttelte den Kopf. UND ICH HABE NICHT EINMAL ETWAS GESAGT, murmelte er. Wellen aus schwarzer Hitze spülten über Agnes hinweg, und dann öffne- te sich eine tiefe Grube, und sie stürzte in heiße, erstickende Dunkelheit. Sie fühlte das Verlangen. Wie eine Strömung zerrte es sie nach vorn. Nun, dachte sie verträumt, wenigstens nehme ich ab… Ja, dachte Perdita, aber du mußt auch soviel Eyeliner tragen, daß ein paar Pfun- de hinzukommen… Die Gier wurde größer und beschleunigte sie… Licht erstrahlte weiter hinten, schimmerte an ihr vorbei. Der Fall verlangsamte sich allmählich, als träfe sie auf unsichtbare Federn, und dann drehte sich die Welt, und sie stieg wieder auf, schneller als ein Adler im Sturzflug, einem sich aus- dehnenden Kreis aus kaltem Weiß entgegen… Es konnten keine Worte sein, die sie hörte – das einzige Geräusch war ein leises Rauschen. Es handelte sich um den Schatten von Worten, um ihre Wirkung, die im Selbst zurückblieb, nachdem sie gesprochen wor- den waren. Agnes spürte, wie sich ihre Stimme beeilte, um die erschiene- ne Form auszufüllen. Ich… kann… dies… nicht… zulassen… Das Licht explodierte. Und jemand schickte sich an, ihr einen Pflock durchs Herz zu treiben. »Afn«, sagte sie und stieß die Hand beiseite. Sie prustete kurz, bevor sie die Zitrone ausspuckte, die ihr jemand in den Mund gesteckt hatte. »Aufhören!« wiederholte sie mit ihrer ganzen Autorität. »Was soll das, zum Kuckuck? Sehe ich vielleicht wie ein Vampir aus?« Der Mann mit dem Pflock und dem Holzhammer zögerte und klopfte sich dann mit dem Zeigefinger an den Hals. Agnes hob die Hand zu ihrem Hals und berührte zwei Bißmale. »Offenbar blieb ihm nicht genug Zeit, richtig zuzubeißen!« sagte sie, stieß den Pflock erneut beiseite und setzte sich auf. »Wer hat mir den Strumpf ausgezogen? Wer hat mir den linken Strumpf ausgezogen? Rie-, che ich da kochenden Essig? Und wer hat Mohnkörner in meinen BH rieseln lassen? Wenn es keine Frau war, die mir den Strumpf ausgezogen hat, wird jemand ernste Schwierigkeiten bekommen, das versichere ich euch!« Die Leute am Tisch wechselten einen Blick – soviel Zorn verunsicherte sie. Agnes sah auf, als etwas an ihrem Ohr entlangstrich. Über ihr hingen Sterne, Kreuze, Kreise und komplexere Muster, die sie als religiöse Sym- bole identifizierte. Sie hatte nie dazu geneigt, an Religion zu glauben, kannte jedoch ihr Aussehen. »Das finde ich geschmacklos«, sagte sie. »Sie verhält sich nicht wie ein Vampir«, sagte ein Mann. »Sie sieht auch nicht wie einer aus. Und sie hat gegen die anderen gekämpft.« »Einer hat sie gebissen!« gab eine Frau zu bedenken. »Aber er hat schlecht gezielt, weil es zu dunkel war«, erwiderte Agnes, obgleich sie wußte, daß diese Worte nicht der Wahrheit entsprachen. Ein Verlangen zitterte in ihr. Es ließ sich nicht mit der schwarzen Gier ver- gleichen, die sie in der Finsternis gespürt hatte, aber es war ein dringen- des Bedürfnis, das sie nicht ignorieren konnte. Sie mußte ihm nachge- ben. »Für eine Tasse Tee könnte ich jemanden umbringen«, sagte sie. Das schien den Ausschlag zu geben. Tee war nicht die Flüssigkeit, die man normalerweise mit Vampiren in Verbindung brachte. »Und laßt mich um Himmels willen die Mohnkörner herausschütteln«, fügte Agnes hinzu. Sie zog ihren BH einige Male hin und her. »Ich komme mir fast wie ein Vollkornbrot vor.« Die Leute wichen beiseite, als sie die Beine vom Tisch schwang. Jetzt konnte sie den auf dem Boden liegenden Vampir sehen. Fast hätte sie sich ihn als den anderen Vampir vorgestellt. Es war ein Mann, der einen langen Gehrock und eine Weste trug, bei- des von Blut und Schlamm bedeckt. Ein Pflock steckte in seinem Her- zen. Die endgültige Identifizierung mußte warten, bis Agnes herausfin- den konnte, wo die Bürger von Eskrau den Kopf verstaut hatten. »Einen habt ihr also erwischt«, sagte sie und kämpfte gegen die Übel- keit an., »Zwei«, sagte der Mann mit dem Hammer. »Den anderen haben wir verbrannt. Sie haben den Bürgermeister und Herrn Vlack umgebracht.« »Soll das heißen, die anderen sind entkommen?« fragte Agnes. »Ja. Sie sind noch immer recht stark, auch wenn sie nicht mehr richtig fliegen können.« Agnes deutete auf den kopflosen Vampir. »Äh… ist das Vlad?« fragte sie. »Wen meinst du?« »Den Vampir, der mich gebissen hat. Beziehungsweise mich zu beißen versuchte«, verbesserte sie sich. »Das läßt sich nachprüfen. Piotr, zeig ihr den Kopf.« Ein junger Mann ging zum Kamin, streifte sich einen Handschuh über, nahm den Deckel von einem großen Kochtopf und hob einen Kopf an den Haaren hoch. »Das ist nicht Vlad«, sagte Agnes und schluckte. Nein, meinte Perdita. Vlad war größer. »Die anderen Vampire kehren zum Schloß zurück«, sagte Piotr. »Zu Fuß! Du hättest sehen sollen, wie sie versucht haben zu fliegen! Sie wirk- ten wie in Panik geratene Hühner.« »Zum Schloß…«, murmelte Agnes. »Sie müssen es vor dem ersten Hahnenschrei erreichen«, sagte Piotr nicht ohne gewisse Zufriedenheit. »Und wegen der Werwölfe können sie nicht die Abkürzung durch den Wald nehmen.« »Was?« fragte Agnes. »Ich dachte, Werwölfe und Vampire kommen gut miteinander zurecht.« »Oh, so sieht es vielleicht aus«, erwiderte Piotr. »Aber sie beobachten sich ständig und warten darauf, wer als erster blinzelt.« Er sah sich im Zimmer um. »Gegen die Werwölfe haben wir eigentlich nichts«, fuhr er fort, und die übrigen Anwesenden brummten zustimmend. »Die meiste Zeit lassen sie uns in Ruhe, weil wir nicht schnell genug laufen. Deshalb sind wir uninteressant für sie.« Er musterte Agnes von Kopf bis Fuß. »Was hast du mit den Vampiren angestellt?«, »Ich?« entgegnete Agnes überrascht. »Ich habe gar nicht… Ich meine, ich weiß nicht.« »Sie konnten uns nicht einmal richtig beißen.« »Und sie stritten wie Kinder, als sie uns verließen«, sagte der Mann mit dem Holzhammer. »Du trägst einen spitzen Hut«, stellte Piotr fest. »Hast du sie irgendwie verhext?« »Ich… ich weiß nicht. Wirklich nicht.« Und dann traf angeborene Ehr- lichkeit auf Hexerei. Ein Aspekt der Hexerei ist Gerissenheit und es ist nur selten unklug, das Verdienst für unerklärliche, aber glückliche Ereig- nisse zu beanspruchen. »Nun, vielleicht habe ich das tatsächlich.« »Wir verfolgen die Vampire«, sagte Piotr. »Ist ihr Vorsprung nicht zu groß?« »Wir nehmen die Abkürzung durch den Wald.« Blut färbte den Regen rot, der von Jason Oggs Schulter tropfte. Er be- tupfte die Wunde mit einem Lappen. »Ich schätze, für ein oder zwei Wochen muß ich mit der linken Hand hämmern«, sagte er und verzog das Gesicht. »Der Gegner hat ein sehr gutes Schußfeld«, brummte Shawn. Er hock- te hinter dem Bierfaß, das vor kurzer Zeit bei der Namensgebung des Babys eine wichtige Rolle gespielt hatte. »Ich meine, es ist ein Schloß. Ein Frontalangriff nützt einfach nichts.« Er seufzte und schirmte die Kerze ab, damit der Wind sie nicht aus- blies. Sie hatten es trotzdem mit einem Frontalangriff versucht, und es war nur deshalb niemand ums Leben gekommen, weil innerhalb der Fes- tung offenbar ziemlich viel getrunken wurde. Mehrere Angreifer würden eine Zeitlang hinken, aber zum Glück gab es keine schlimmeren Konse- quenzen. Anschließend hatten sie es mit etwas versucht, das Jason wei- terhin »Hintenangriff« nannte, doch selbst über der Küche gab es Schießscharten. Einem Mann war es gelungen, ganz langsam zur Schloßmauer zu kriechen – Shawn hatte sich dafür die Bezeichnung »Schleichangriff« einfallen lassen –, aber da alle Türen fest verriegelt wa- ren, stand er einfach dort und kam sich ziemlich dumm vor., Shawn hatte gehofft, in den alten militärischen Aufzeichnungen des Generals Taktikus Hilfe zu finden. Dessen Feldzüge waren so erfolgreich gewesen, daß man seinen Namen benutzte, um die ausgefeilte Anwen- dung der Kriegskunst zu beschreiben. Es gab tatsächlich einen Abschnitt mit dem Titel »Wie man vorgehen muß, wenn eine Streitmacht eine gut befestigte und weit überlegene Position einnimmt, während die andere viel schlechter steht.« Doch der erste Satz dieses Kapitels lautete »Versu- che, die erstere Streitmacht zu sein«, und daraufhin verlor Shawn das Interesse. Die übrigen Angehörigen der Miliz von Lancre hockten hinter Pfeilern und umgekippten Karren. Sie warteten darauf, daß Shawn sie anführte. Es klapperte respektvoll, als der Große Dumme Dummkopf – er fun- gierte als Deckung für zwei Teilzeitsoldaten – vor seinem Kommandeur salutierte. »Es vielleicht gute Idee ist, großes Feuer anzuzünden vor Tor«, meinte er. »Damit wir sie ausräuchern könnten.« »Nicht übel«, sagte Jason. »Es ist das Tor des Königs«, protestierte Shawn. »Und er ist schon böse auf mich, weil ich diese Woche den Abort nicht geleert habe…« »Er kann Mama die Rechnung schicken.« »Das ist aufwieglerisches Gerede, Jason! Dafür könnte ich dich ver… Ich meine, ich könnte dich… Mama hätte bestimmt was dagegen, daß du so redest!« »Wo ist der König überhaupt?« fragte Darren Ogg. »Hat er es sich ir- gendwo gemütlich gemacht, während Mama alles regelt und wir beschos- sen werden?« »Du weißt doch, wie schnell er sich erkältet«, erwiderte Shawn. »Be- stimmt denkt er über die gegenwärtige Situation nach und…« Er unterbrach sich, als ein seltsames Geräusch über die Landschaft hallte. Es zeichnete sich durch eine rauhe, ursprüngliche Qualität aus – so hörte sich ein Tier an, das Schmerzen litt und entschlossen war, die Pein so schnell wie möglich weiterzugeben. Die Männer sahen sich ner- vös um. Verence stürmte zum Schloß. Shawn erkannte ihn nur an den Sticke-, reien auf dem Nachthemd und den flauschigen Pantoffeln. Er hielt ein langes Schwert in beiden Händen, hoch über den Kopf erhoben, und rannte zum Tor der Festung, gefolgt vom Schweif seines eigenen Schreis. Das Schwert traf auf das Holz. Shawn hörte, wie das große Portal erzit- terte. »Er ist übergeschnappt!« rief Darren. »Wir müssen den armen Kerl in Sicherheit bringen, bevor er von Pfeilen getroffen wird!« Zwei Männer eilten zum König, der horizontal auf dem Tor stand und versuchte, das Schwert aus dem Holz zu ziehen. »Hör mal, Eure Maje… Aargh!« »Nimm das, du großer Schwachkopf!« Darren taumelte zurück und hob eine Hand an sein Gesicht. Kleine Gestalten folgten dem König wie eine Art Plage über den Hof. »Auf sie drauf!« »Wir haun alle um!« »Wir sind die Größten!« Ein weiterer Schrei erklang, als Jason versuchte, den Enthusiasmus des Monarchen zu dämpfen, und dabei feststellte: Ein königlicher Schädel war dazu geeignet, den Nasen anderer Leute eine interessante flache Form zu geben. Um sie herum bohrten sich Pfeile in den Boden. Shawn wandte sich an den Großen Dummen Dummkopf. »Sie werden alle erschossen, ob betrunken oder nicht!« rief er, um sich trotz des Lärms verständlich zu machen. »Du kommst mit mir!« »Was du vorhaben?« »Wir reinigen den Abort!« Der Troll wankte ihm nach, als Shawn um das Schloß herumeilte und sich dem Glockenturm näherte, der mit duftender Pracht in den Nacht- himmel emporragte. Er war der Fluch von Shawns Leben, denn alle Garderoben der Festung standen damit in Verbindung. Zu seinen Auf- gaben gehörte es, den zentralen Abort im Turm zu leeren und seinen Inhalt zu den Gruben im Garten zu bringen, wo Verences Kompostie-, rungsbemühungen ihn allmählich in, nun, Lancre verwandelten.* Doch jetzt wohnten weitaus mehr Personen im Schloß als früher, und Shawns wöchentliche Arbeit mit Schaufel und Schubkarre war nicht mehr so friedlich und einsam wie früher; häufig kam es dabei zu unliebsamen Unterbrechungen. Während der letzten Wochen waren die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes liegengeblieben – sie hatten sich sogar aufge- türmt, um ganz genau zu sein –, aber konnte man denn von ihm erwar- ten, daß er sich um alles kümmerte? Er winkte den Großen Dummen Dummkopf zur Tür des Turms. Glücklicherweise haben Trolle kaum Interesse an organischen Gerüchen, obwohl sie verschiedene Arten von Kalkstein allein an ihrem Duft er- kennen können. »Ich möchte, daß du die Tür öffnest, wenn ich dich dazu auffordere«, sagte Shawn, riß einen Streifen von seinem Hemd und wickelte ihn um einen Pfeil. Dann griff er in die Tasche und suchte nach einem Streich- holz. »Und wenn du die Tür geöffnet hast«, fügte er hinzu, als der Stoff zu brennen begann, »läufst du ganz schnell weg, hast du verstanden? Gut. Und jetzt – öffne die Tür!« Der Große Dumme Dummkopf zog am Knauf. Es rauschte leise, als die Tür aufschwang. »Lauf!« rief Shawn. Er spannte den Bogen, zielte und ließ die Sehne los. Der brennende Pfeil sauste durch die offene Tür und verschwand in der stinkenden Dunkelheit. Einige Herzschläge lang passierte nichts. Dann explodierte der Turm. Es geschah recht langsam. Grünblaues Licht wuchs Stockwerk um Stockwerk nach oben, auf fast gemütliche Art, und stieß dabei in jeder Etage Mauersteine nach außen, was einen interessanten funkensprühen- den Effekt ergab. Die Bleiplatten des Daches öffneten sich wie ein Gän- seblümchen. Eine blasse Flamme stach in die Wolken. Schließlich kehrten Zeit, Geräusch und Bewegung mit einem dumpfen Donnern zurück. * Die Rolle des Verdauungstrakts bei den Versuchen, eine bessere Nation zu schaffen, wird von vielen Historikern unterschätzt., Nach einigen Sekunden öffnete sich das Portal, und Soldaten liefen aus dem Schloß. Ein ballistischer König traf den ersten von ihnen zwischen den Augen. Shawn hatte sich gerade in Bewegung gesetzt, um sich am Kampf zu beteiligen, als jemand auf seinen Schultern landete und ihn zu Boden riß. »Na so was, einer der Spielzeugsoldaten«, höhnte Korporal Svitz, sprang auf und zog sein Schwert. Als er damit ausholte, rollte sich Shawn herum und stieß mit der Frie- densversion des lancrestianischen Heeresmessers zu. Vielleicht wäre ihm genug Zeit geblieben, um das Werkzeug für die Analyse von Paradoxa zu wählen, oder den Apparat für die Entdeckung eines Hoffnungsschim- mers, oder das spiralförmige Ding für die Ermittlung der Realität des Seins. Doch reiner Zufall wollte es, daß er das Instrument für die rasche Beendigung von Auseinandersetzungen benutzte. Kurze Zeit später ging ein kurzer Regenschauer nieder. Nur… es war zweifellos ein Schauer. Zumindest fiel etwas Weiches vom Himmel. Eine solche wütende Menge hatte Agnes nie zuvor gesehen. Nach ihren begrenzten Erfahrungen waren wütende Mengen immer ziemlich laut, doch diese schwieg. Die meisten Bürger des Ortes gehörten dazu, und zur großen Überraschung der jungen Hexe hatten viele ihre Kinder da- bei. Perdita hingegen war nicht überrascht. Sie wollen die Vampire umbringen, sagte sie. Und die Kinder sollen dabei zusehen. Gut, dachte Agnes. Das ist genau richtig. Davon bekommen sie Alpträume! erwiderte Perdita entsetzt. Nein, dachte Agnes. Dadurch werden sie von den Alpträumen befreit. Manchmal müssen alle beobachten, wie das Ungeheuer stirbt, um sich daran zu erinnern und den Enkeln davon zu erzählen. »Sie haben versucht, Menschen in Dinge zu verwandeln«, sagte sie laut. »Wie bitte?« fragte Piotr. »Oh… ich habe nur laut gedacht.«, Und woher stammte die andere Idee? überlegte Perdita. Auf Agnes’ Veran- lassung hin waren Kuriere zu nahen Orten geschickt worden, mit dem Auftrag, von den Ereignissen der Nacht zu berichten. Eine solche Ge- meinheit paßte gar nicht zu ihr. Sie erinnerte sich an das Grauen im Gesicht des Bürgermeisters, und später an seine Entschlossenheit, als er versuchte, den Grafen mit seiner Amtskette zu erdrosseln. Der Vampir hatte ihn mit einem Schlag getötet, der ihn fast in der Mitte zerrissen hatte. Agnes tastete erneut nach den Bißmalen an ihrem Hals. Sie war ziem- lich sicher, daß Vampire beim Zubeißen ihr Ziel nicht verfehlten, doch Vlad mußte ein solcher Fehler unterlaufen sein, denn sie hatte sich ganz offensichtlich nicht in einen Vampir verwandelt. Sie fand nicht einmal Gefallen an der Vorstellung eines rohen Steaks. Einmal, als sie sich un- beobachtet glaubte, versuchte sie sogar zu fliegen, um festzustellen, ob sie dazu in der Lage war. Aber die Schwerkraft hielt sie noch immer so fest wie vorher. Blut trinken… nein, obgleich so eine Diät sehr wir- kungsvoll gewesen wäre. Aber zu fliegen hätte ihr großen Spaß gemacht. Du hast dich verändert, dachte Perdita. »Wie meinst du das?« »Was?« fragte Piotr. Du bist… aufgeweckter… bissiger… gemeiner. »Vielleicht war es an der Zeit.« »Wie bitte?« »Oh, schon gut. Hast du eine Sichel für mich?« Die Vampire kamen zwar schnell, aber nicht besonders elegant voran. Immer wieder versuchten sie zu fliegen, und es sah aus, als bemühten sie sich um die Qualifikation zur nächsten Weitsprungweltmeisterschaft. »Wir werden den undankbaren Ort niederbrennen«, stöhnte die Gräfin und landete schwer. »Nachher brennen wir ihn nieder«, sagte Lacrimosa. »Solche Folgen hat Freundlichkeit, Vater. Ich hoffe, du läßt dir das eine Lehre sein.«, »Und das alles, obwohl du den Glockenturm bezahlt hast«, fügte die Gräfin hinzu. Der Graf rieb sich dort den Hals, wo die goldene Amtskette des Bür- germeisters Striemen hinterlassen hatte. Es erstaunte ihn noch immer, daß ein Mensch so kräftig sein konnte. »Ja, es wäre sicher nicht schlecht, so vorzugehen«, sagte er. »Natürlich müßten wir dafür sorgen, daß es sich herumspricht.« »Glaubst du etwa, die Ereignisse dieser Nacht sprechen sich nicht her- um?« erwiderte Lacrimosa und landete neben ihm. »Bald beginnt die Morgendämmerung, Lacci«, sagte der Graf mit er- zwungener Geduld. »Aufgrund meiner Übungen siehst du nur ein Är- gernis darin und keinen Grund, dich in Staub zu verwandeln. Denk dar- über nach.« »Die alte Wetterwachs steckt dahinter«, stieß Lacrimosa hervor und weigerte sich hartnäckig, ihrem Vater dankbar zu sein. »Sie hat ihr Selbst irgendwo versteckt, und jetzt greift sie uns an. In dem Baby kann sie nicht sein. Vielleicht hatte sie sich in deiner Dicken verborgen, Vlad. Da gab’s jede Menge Platz. Hörst du mir zu, Bruder?« »Was?« fragte Vlad geistesabwesend, als sie eine Kurve der Straße hin- ter sich gebracht hatten und vor sich das Schloß sahen. »Ich habe beobachtet, wie du nachgegeben und sie gebissen hast. Wie romantisch. Aber die übrigen Leute haben sie weggebracht. Bestimmt müssen sie sich einen besonders langen Pflock besorgen, um irgendein Organ in ihr zu durchbohren.« »Zweifellos hat sie ihr Selbst in jemandem versteckt, der sich in der Nähe aufhielt«, sagte der Graf. »Ist doch ganz klar. Eigentlich kommen nur die Leute in Frage, die im Großen Saal waren…« »Vermutlich eine der anderen Hexen«, meinte die Gräfin. »Ich frage mich…« »Der dumme Priester«, sagte Lacrimosa. »Er hat wahrscheinlich einen gewissen Reiz auf sie ausgeübt«, erwiderte der Graf. »Aber ich glaube nicht, daß sie sich letztendlich für ihn ent- schieden hat.«, »Doch nicht… Igor?« spekulierte Lacrimosa. »Das halte ich für völlig ausgeschlossen«, sagte der Graf. »Ich tippe noch immer auf die Dicke Agnes«, meinte seine Tochter. »So dick war sie gar nicht«, entgegnete Vlad verdrießlich. »Früher oder später hättest du sie satt gehabt, und dann wäre sie uns nur im Weg gewesen, so wie die anderen«, sagte Lacrimosa. »Das traditio- nelle Andenken ist eine Haarlocke und nicht der ganze Kopf…« »Sie ist anders.« »Nur deshalb, weil du ihre Gedanken nicht lesen kannst? Wieso soll das interessant sein?« »Ich habe wenigstens jemanden gebissen«, sagte Vlad. »Was war denn mit dir los?« »Ich würde es bestimmt spüren, wenn sich die alte Wetterwachs in mir versteckt!« knurrte Lacrimosa. »Ich frage mich, ob das wirklich der Fall wäre«, ließ sich der Graf ver- nehmen. »Wenn sie eine schwache Stelle findet…« »Sie ist nur eine Hexe, Vater. Meine Güte, wir benehmen uns so, als stünde ihr irgendeine schreckliche Macht zur Verfügung…« »Vielleicht war es wirklich Vlads Agnes«, sagte der Graf und sah seinen Sohn etwas länger an als unbedingt nötig. »Wir haben das Schloß fast erreicht«, meinte die Gräfin in dem Ver- such, den familiären Frieden wiederherzustellen. »Gleich fühlen wir uns alle besser.« »Unsere besten Särge sind nach Lancre gebracht«, sagte Lacrimosa mürrisch. »Jemand war sich ja so sicher.« »Sprich nicht in einem solchen Ton mit mir, junge Dame!« sagte der Graf streng. »Ich bin zweihundert Jahre alt«, erwiderte Lacrimosa. »Entschuldige bitte, aber ich glaube, ich kann in dem Ton sprechen, der mir gefällt.« »So redet man nicht mit seinem Vater!« »Ich bitte dich, Mutter. Benimm dich doch endlich einmal so, als hät- test du wenigstens zwei eigene Gehirnzellen!«, »Es ist nicht die Schuld deines Vaters, daß alles schiefgegangen ist!« »Es ist nicht alles schiefgegangen, meine Liebe! Wir haben nur einen vorübergehenden Rückschlag erlitten!« »Von ›vorübergehend‹ kann keine Rede mehr sein, wenn das Eskrau- Fleisch seinen Freunden Bericht erstattet! Komm, Vlad, hör endlich auf, Trübsal zu blasen. Ich brauche deine Unterstützung…« »Selbst wenn andere Leute erfahren, was heute nacht in Eskrau passiert ist…«, sagte der Graf. »Was können sie schon machen? Sicher protestie- ren sie ein wenig, aber die Überlebenden kommen bestimmt zur Ver- nunft. Und in der Zwischenzeit… Die Hexen warten auf uns. Mit dem Baby.« »Vermutlich sollen wir freundlich zu ihnen sein.« »Oh, ich glaube, so weit brauchen wir nicht zu gehen«, gab der Graf zurück. »Vielleicht könnten wir sie am Leben lassen…« Etwas fiel neben ihm auf die Brücke. Er bückte sich und griff danach, ließ den Gegenstand dann aber mit einem Aufschrei fallen. »Aber… Knoblauch sollte nicht brennen…«, brachte er hervor. »Daf ift Waffer vom Heiligen Schildkrötenteich in Fkwinz«, erklang eine Stimme weiter oben. »Vom Bischof höchftperfönlich im Jahr der Forelle gefegnet.« Es gluckerte, und jemand schluckte. »Einf muf man dem Bi- schof laffen. Er hat damalf einen wirklich guten Jahrgang gewählt«, fuhr Igor fort. »Aber verlafft euch dabei nur nicht auf mein Wort. Duckt euch, ihr Miftkerle!« Die Vampire versuchten, in Deckung zu gehen, als eine Flasche von den Zinnen herabfiel. Sie zerbrach auf der Brücke, und der größte Teil des Inhalts traf einen Vampir. Er ging sofort in Flammen auf, als hätte jemand einen Eimer mit brennendem Öl über ihm ausgeschüttet. »Oh, ich bitte dich, Kryptopher, das ist nun wirklich übertrieben«, sagte der Graf, als der in Flammen stehende Mann schrie und sich um die eigene Achse drehte. »Es geschieht alles nur in deiner Einbildung. Denk positiv, darauf kommt es an.« »Er läuft schwarz an«, beobachtete die Gräfin. »Willst du nichts unter- nehmen?«, »Na schön. Vlad, stoß ihn einfach von der Zugbrücke.« Der glücklose Kryptopher verschwand kreischend in der Tiefe. »So etwas hätte eigentlich nicht passieren dürfen«, sagte der Graf und blickte auf seine verbrannten Finger. »Vermutlich gehörte er nicht wirk- lich zu uns.« Tief unter der Brücke platschte es. Die übrigen Vampire suchten im Torbogen Schutz, als eine weitere Flasche herabfiel und in der Nähe des Grafen zerbrach. Ein Tropfen traf ihn am Bein, und er starrte auf eine kleine Rauchwolke hinab. »Offenbar hat sich der eine oder andere Fehler eingeschlichen«, meinte er. »Ich will nicht voreilig sein«, sagte die Gräfin, »aber ich möchte dich dringend bitten, dir einen neuen Plan einfallen zu lassen. Vielleicht einen, der funktioniert?« »Ich habe schon einen«, erwiderte der Graf und klopfte mit den Fin- gerknöcheln an das Tor aus dickem Eichenholz. »Wenn bitte alle beiseite treten würden…« Oben auf den Zinnen stieß Igor Nanny Ogg an, die eine Karaffe mit Wasser aus dem Heiligen Brunnen des Siebenhändigen Sek sinken ließ. Sie blickte in die Richtung, in die der Daumen deutete.* Wolken zogen heran, blaue Blitze flackerten darin. »Ein Unwetter kündigt fich an«, sagte Igor. »Meine Schädeldecke pri- ckelt! Lauf!« Sie erreichten den Turm, als ein Blitz die Tür zerschmetterte und dort die Zinnen zertrümmerte, wo sie eben noch gestanden hatten. »Nun, das war einfach«, sagte Nanny. Sie lag der Länge nach auf dem Boden. »Die Vampire können daf Wetter kontrollieren«, meinte Igor. »Potzblitz!« entfuhr es Nanny. »Stimmt. Das weiß jeder, der sich mit Vampiren auskennt.« * Igor hatte zwei Daumen an der linken Hand. Er vertrat den Standpunkt: Wenn sich etwas bewährt, sollte man ruhig ein zweites Exemplar hinzufügen., »Entschuldige. Aber bei den Türen weiter drinnen können fie daf nicht verfuchen. Komm!« »Was ist das für ein Geruch?« fragte Nanny und schnüffelte. »Igor, dei- ne Stiefel brennen!« »Verdammt! Und diefe Füfe waren vor fechf Monaten faft neu«, sagte Igor, als Nannys Weihwasser über das qualmende Leder zischte. »Ef liegt an meinem Draht. Daf Ding fängt umherirrende Elektrifität ein.« »Was ist passiert?« fragte Nanny, als sie die Treppe hinuntereilten. »Ist jemand von einem herabfallenden Büffel getroffen worden?« »Ein Baum war’f«, sagte Igor vorwurfsvoll. »Mikkael Fwenif vom Holzfällerlager, der arme Kerl. Ef war praktisch nichtf von ihm übrig, aber feine Eltern meinten, ich könnte feine Füfe haben, damit er in Er- innerung bleibt.« »Das war sonderbar nett von ihnen.« »Nun, ich hab ihnen meinen Refervearm gegeben, nach dem Unfall mit der Akft vor einigen Jahren, und alf die Leber def alten Herr Fwenif ver- fagte, gab ich ihm daf Ekfemplar, daf Herr Kochak mir überlief, weil ich Frau Kochak ein neuef Auge schenkte.« »Hier scheinen die Menschen nicht zu sterben, sondern weitergereicht zu werden«, sagte Nanny. »Warum gute Dinge vergeuden?« erwiderte Igor. »Und wie sieht dein neuer Plan aus?« fragte Lacrimosa und kletterte über den Schutt hinweg. »Wir bringen alle um. Es ist kein sehr origineller Plan, zugegeben, aber er wurde mehrmals mit Erfolg getestet«, sagte der Graf. Die anderen Vampire nickten zustimmend, doch Lacrimosa schien sich mit dieser Antwort nicht zufriedengeben zu wollen. »Was, alle? Und sofort?« »Nun, du kannst dir einige für später aufsparen, wenn du möchtest.« Die Gräfin griff nach dem Arm ihres Gemahls. »Oh, das erinnert mich so sehr an unsere Flitterwochen«, sagte sie. »Weißt du noch, die wundervollen Nächte in Grjsknvij?«, »Oh, damals hatten wir das Gefühl, uns läge die ganze Welt zu Füßen«, sagte der Graf feierlich. »Soviel Romantik… Und wir haben wundervolle Leute kennengelernt. Erinnerst du dich an Herrn und Frau Harker?« »Oh, ich verbinde sehr angenehme Erinnerungen mit ihnen. Sie haben uns fast eine Woche lang gereicht. So, und jetzt hört alle gut zu. Heilige Symbole bereiten uns keine Schmerzen. Weihwasser ist einfach nur Was- ser – ja, ich weiß, aber Kryptopher war nicht richtig konzentriert. Knob- lauch ist nur ein weiterer Vertreter der Lauch-Familie. Tun uns Zwiebeln weh? Fürchten wir uns vor Schalotten? Nein. Wir sind nur ein bißchen müde, das ist alles. Malicia, gib dem Rest des Clans Bescheid. Wir gön- nen uns einen kleinen Urlaub von der Vernunft. Und nachher, am Mor- gen, gibt es eine neue Weltordnung, und ich kann dies alles nicht mehr zulassen…« Er rieb sich die Stirn. Der Graf war stolz auf seinen Verstand und pflegte ihn mit großer Sorgfalt. Aber jetzt fühlte sich sein Ich entblößt an. Er war nicht sicher, daß er richtig dachte. Die alte Wetterwachs konnte sich doch nicht in seinem Kopf versteckt haben? Er hatte über Hunderte von Jahren Erfahrungen gesammelt. Es war ausgeschlossen, daß ihn irgendeine Dorfhexe überlistete. Völlig undenkbar… Sein Hals war wie ausgedörrt. Wenigstens konnte er diesmal dem Ruf seiner Natur folgen. Obwohl er ihn jetzt als seltsam beunruhigend emp- fand. »Haben wir… Tee?« fragte er. »Was ist Tee?« erwiderte die Gräfin. »Äh… er wächst an einem Strauch, glaube ich«, antwortete der Graf. »Beißt man hinein?« »Nein, man… taucht ihn in heißes Wasser.« Der Graf schüttelte den Kopf und versuchte, sich von diesem dämoni- schen Bedürfnis zu befreien. »Während er noch lebt?« fragte Lacrimosa. Ihre Miene erhellte sich. »… süße Kekse…«, murmelte der Graf. »Du solltest dich zusammenreißen, Schatz«, sagte die Gräfin., »Dieser… Tee«, ließ sich Lacrimosa vernehmen. »Ist er… braun?« »Ja«, flüsterte der Graf. »Als wir in Eskrau waren und ich einen der Menschen beißen wollte, hatte ich plötzlich eine gräßliche Vision«, erklärte Lacrimosa. »Ich sah eine Tasse, die mit dem schrecklichen Zeug gefüllt war.« Der Graf schüttelte sich. »Ich weiß nicht, was mit mir los ist«, sagte er. »Ich schlage vor, wir hal- ten uns an die Dinge, die wir kennen. Gehorchen wir unserem Blut…« Das zweite Opfer im Kampf um das Schloß war Vargo, ein dürrer junger Mann, der zum Vampir geworden war, weil er glaubte, dadurch interes- santen Mädchen zu begegnen – oder überhaupt irgendwelchen Mädchen –, und weil man ihm gesagt hatte, Schwarz stünde ihm gut. Und dann mußte er feststellen, daß die Aufmerksamkeit eines Vampirs vor allem der nächsten Mahlzeit galt, und bisher hatte er den Hals nicht für die faszinierendste Körperstelle eines Mädchens gehalten. Derzeit wollte er nur noch schlafen. Als die Vampire ins Schloß dräng- ten, wandte sich Vargo von den anderen ab und schlenderte in Richtung Keller, wo ihn ein hübscher, bequemer Sarg erwartete. Er war natürlich hungrig, denn in Eskrau hatte er nicht mehr bekommen als einen Fuß- tritt gegen die Brust, doch sein Selbsterhaltungstrieb blieb groß genug, um die Jagd den anderen zu überlassen – er konnte später zu ihnen sto- ßen, wenn eine sichere Mahlzeit in Aussicht stand. Der Sarg ruhte mitten im halbdunklen Keller auf einem schlichten Stützgerüst, und der Deckel lag achtlos auf dem Boden. Schon als Mensch hatte sich Vargo nicht um sein Bettzeug gekümmert. Als das Auge der Erzählung vom Sarg zurückglitt, geschahen zwei Dinge. Das erste lief recht langsam ab: Vargo brauchte eine Weile, um sich daran zu erinnern, daß sein Sarg nicht mit einem Kopfkissen ausges- tattet gewesen war. Das zweite betraf Greebos ausgesprochen schlechte Laune und seinen Entschluß, nicht noch mehr über sich ergehen zu lassen. Er war in dem Kasten mit den Rädern hin und her gestoßen worden, und einmal hatte sich Nanny auf ihn gesetzt, und das ärgerte ihn deshalb so sehr, weil er, auf dem Niveau animalischer Instinkte begriff, daß er keinen größeren und dümmeren Fehler machen konnte, als Nanny zu kratzen – immerhin durfte er von niemand anderem Futter erwarten. Anschließend war er einem Hund begegnet, der ihn zu lecken versuch- te. Er hatte ihn einige Male seine Krallen und Zähne spüren lassen, was den Hund jedoch nur dazu ermutigt hatte, noch freundlicher zu sein. Irgendwann entdeckte er einen bequemen Platz und rollte sich dort zu- sammen, und jetzt wagte es jemand, ihn als Kissen zu benutzen… Alles ging verhältnismäßig leise vonstatten. Der Sarg erbebte einige Male und drehte sich. Greebo fuhr die Krallen wieder ein und schlief weiter. »… brennen, mit klarem, hellem Licht…« Platsch, plansch, platsch. »… und ich in meinem… Om sei gepriesen.« Glucks, platsch. Hilbert Himmelwärts hatte sich durch alle Lieder gearbeitet, die er kannte, selbst durch jene, die man eigentlich gar nicht mehr singen sollte, die einem jedoch im Gedächtnis blieben, weil die Worte so gut klangen. Er sang sie laut und herausfordernd, um Nacht und Zweifel von sich fernzuhalten. Sie halfen ihm dabei, sich von Oma Wetterwachs’ Gewicht abzulenken. Erstaunlicherweise schien sie während der letzten Meile erheblich zugenommen zu haben. Sie wog vor allem dann enorm viel, wenn er stürzte und sie auf ihm landete. Irgendwo im Schlamm hatte er selbst einen Stiefel verloren. Sein Hut schwamm in irgendeiner großen Pfütze. Dornen hatten seinen Mantel zerrissen… Er rutschte aus und fiel erneut, als sich der Morast unter ihm bewegte. Oma rollte von ihm herunter und blieb zwischen einigen Riedgrasbü- scheln liegen. Wenn Pater Melchio ihn jetzt gesehen hätte… Der Sanfte Falke flog vorbei und hockte sich auf den Ast eines wenige Meter entfernten abgestorbenen Baums. Himmelwärts verabscheute ihn., Der Vogel erschien ihm dämonisch. Er flog, obwohl er dazu wegen der Haube überhaupt nicht fähig sein sollte. Und schlimmer noch: Wenn er an ihn dachte, so wie jetzt, drehte der Sanfte Falke den Kopf und schien ihn durch die Haube anzustarren. Himmelwärts zog den anderen, nutzlos gewordenen Stiefel aus – glän- zendes Leder hatte sich in einen unansehnlichen, von feinen Rissen durchzogenen Lappen verwandelt – und warf ihn ungeschickt nach dem Vogel. »Verschwinde, du gräßliches Geschöpf!« Der Sanfte Falke rührte sich nicht von der Stelle, und der Stiefel ver- fehlte ihn um mehr als einen Meter. Als Himmelwärts aufzustehen versuchte, roch er verbranntes Leder. Zwei Rauchfäden kräuselten zu beiden Seiten unter der Haube hervor. Himmelwärts hob die Hand zum Hals und tastete nach der Sicherheit der Schildkröte – sie war nicht mehr da. Fünf Obolusse hatte sie ihn in der Zitadelle gekostet, und jetzt kam die Überlegung zu spät, daß er sie nicht an einer Kette hätte befestigen sollen, deren Wert dem Zehntel eines Obolusses entsprach. Vermutlich lag die heilige Schildkröte in irgendei- ner Pfütze oder war im Schlamm begraben… Das Leder verbrannte nun, und aus den Löchern kam ein so heller gel- ber Glanz, daß Himmelwärts kaum mehr die Umrisse des Vogels erken- nen konnte. Die nasse Landschaft verwandelte sich in ein Muster aus Linien und Schatten; jedes Grasbüschel und jeder windschiefe Baum bekamen goldene Kanten. Dann verschwand das Schimmern so plötzlich, daß in Himmelwärts’ Augen kleine purpurne Explosionen zurückblieben. Als er zu Atem gekommen war und das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, flog der Vogel über das Moor fort. Er hob die bewußtlose Oma Wetterwachs auf und lief dem sonderba- ren Geschöpf hinterher. Wenigstens führte der Weg den Hang hinab. Immer wieder glitt der Priester auf einer Mischung aus Schlamm und Adlerfarn aus. Kleine Bä- che strömten überall aus Ritzen und Löchern. Oft hatte er das Gefühl, überhaupt nicht zu gehen, sondern kontrolliert zu rutschen. Er prallte, von Felsen ab und schlitterte durch Pfützen aus Schlick und Blättern. Und plötzlich sah er das Schloß durch eine Lücke zwischen den Bäu- men, erhellt vom flackernden Schein eines Blitzes. Himmelwärts taumel- te durch ein Dickicht aus Dornbüschen, brachte einen Hang aus losen Felsblöcken hinter sich und brach auf der Straße zusammen. Oma Wet- terwachs landete einmal mehr auf ihm. Sie bewegte sich. »… Urlaub von der Vernunft… alle umbringen… kann so etwas nicht mehr zulassen…«, murmelte sie. Der Wind wehte ihr Regentropfen von einem Zweig ins Gesicht, und sie öffnete die Augen. Ein oder zwei Sekunden lang glaubte Himmel- wärts, rote Pupillen in ihnen zu erkennen, dann richtete sich ein eisblauer Blick auf ihn. »Sind wir da?« »Ja.« »Was ist mit deinem heiligen Hut passiert?« »Ich habe ihn verloren«, erwiderte Himmelwärts abrupt. Oma sah genauer hin. »Auch dein magisches Amulett ist weg«, sagte sie. »Ich meine das mit der kleinen Schildkröte und dem Mann darauf.« »Das war kein magisches Amulett, Frau Wetterwachs! Ich bitte dich! Magische Amulette sind Symbole eines primitiven, mechanistischen A- berglaubens, wohingegen Oms Schildkröte ein Zeichen für… für… Nun, sie hat nichts mit Aberglauben zu tun, verstanden?« »Oh, ja, danke für die Erklärung«, sagte Oma. »Hilf mir auf.« Himmelwärts sah sich mit Problemen konfrontiert, die sein Tempera- ment betrafen. Er hatte die verdammte Alte… die alte Dame viele Mei- len weit getragen und war vollkommen durchgefroren. Und jetzt benahm sich die Hexe, als hätte sie ihm irgendeinen Gefallen erwiesen. »Wie heißt das magische Wort?« knurrte er. »Oh, ich glaube, ein heiliger Mann wie du sollte sich nicht mit magischen Worten befassen«, entgegnete Oma. »Aber die heiligen Worte lauten: Wenn du nicht gehorchst, bekommst du eine Abreibung. Sie müßten, eigentlich die gewünschte Wirkung erzielen.« Himmelwärts half ihr auf die Beine, während mühsam unterdrückter Zorn in ihm brodelte. Er stützte Oma Wetterwachs, als sie schwankte. Vom Schloß her drang ein Schrei heran, der ganz plötzlich abbrach. »Keine Frau«, stellte Oma fest. »Vermutlich haben die Mädels begon- nen. Ich schlage vor, wir helfen ihnen ein wenig.« Ihr Arm zitterte, als sie ihn hob. Der Sanfte Falke flog herbei und lan- dete auf ihrem Handgelenk. »Hilf mir jetzt zum Tor.« »Oh, keine Ursache, bin gern zu Diensten«, murmelte Himmelwärts. Er sah zum Vogel, dessen Haube sofort in Bewegung geriet und sich ihm zuwandte. »Das ist der… andere Phönix, nicht wahr?« fragte er. »Ja«, sagte Oma und beobachtete das Tor. »Es ist nicht der Phönix, sondern ein Phönix. Ein Exemplar von einer Spezies hat keinen Sinn.« »Aber der Vogel sieht wie ein kleiner Falke aus.« »Er wurde unter Falken geboren, deshalb sieht er wie einer aus. Wenn er in einem Hühnerstall zur Welt gekommen wäre, sähen wir jetzt ein Küken. Ist doch ganz klar. Und er wird so lange ein Falke bleiben, bis er zum Phönix werden muß. Es sind sehr scheue Vögel. Man könnte sagen, daß ein Phönix etwas ist, wozu er werden kann…« »Zu viele Eierschalen…« »Ja, Herr Himmelwärts. Und wann legt der Phönix zwei Eier? Wenn es notwendig ist. Festgreifaah hatte recht. Ein Phönix hat die Natur eines Vogels. Er ist zuerst Vogel und dann Mythos.« Das Tor hing schief in den Angeln. Die eisernen Verstärkungen waren verbogen, und das Holz qualmte an einigen Stellen. Ganz offensichtlich hatte jemand versucht, das Tor wieder zu schließen, allerdings mit wenig Erfolg. Über dem Bogen teilte eine steinerne Fledermaus dem Besucher mit, was für eine Art von Schloß dies war. Die Haube des Sanften Falken auf Omas Handgelenk dampfte und knisterte. Himmelwärts beobachtete, wie erneut Flammen aus dem Leder züngelten. »Er weiß, was geschehen ist«, sagte Oma. »Er schlüpfte mit dem Wissen., Phönixe teilen ihr Bewußtsein. Und sie verabscheuen das Böse.« Einmal mehr wandte sich der kleine Kopf dem Priester zu und bedach- te ihn mit einem weißen, blendenden Blick. Himmelwärts wich instinktiv zurück und versuchte, seine Augen abzuschirmen. »Benutze den Türklopfer«, sagte Oma und nickte in Richtung des gro- ßen eisernen Rings, der lose am gesplitterten Tor hing. »Was? Ich soll anklopfen? An die Tür eines Vampirschlosses?« »Wir wollen uns doch nicht hineinschleichen, oder? Außerdem seid ihr Omnianer gut im Anklopfen.« »Nun, ja«, gestand Himmelwärts. »Aber dabei geht es nur darum, ge- meinsam zu beten und Broschüren zu verteilen…« Er schlug den Tür- klopfer einige Male, und das dumpfe Pochen schien durchs ganze Tal zu hallen. »Hier besteht die Gefahr, daß uns jemand die Kehle zerfetzt!« »Stell dir das alles als eine besonders schwierige Straße vor«, sagte O- ma. »Versuch’s noch einmal… Vielleicht verstecken sie sich hinterm Sofa.« »Ha!« »Bist du ein guter Mensch, Herr Himmelwärts?« fragte Oma im Plau- derton, als das Echo verklang. »Selbst ohne dein heiliges Buch, das heili- ge Amulett und den heiligen Hut?« »Ich… versuche es…«, erwiderte er vorsichtig. »Nun, du wirst es gleich herausfinden«, sagte Oma. »Hier kommen wir endlich zum Feuer, Herr Himmelwärts. Hier erlangen wir beide Gewiß- heit.« Nanny sprintete eine Treppe hinauf, gefolgt von zwei Vampiren. Die beiden Verfolger hatten einige Probleme, weil sie sich erst noch daran gewöhnen mußten, daß sie nicht mehr fliegen konnten. Aber offenbar stimmte mit ihnen auch etwas anderes nicht. »Tee!« kreischte einer von ihnen. »Ich brauche unbedingt… Tee!« Nanny stieß die Tür zu den Zinnen auf. Die beiden Vampire folgten ihr und stolperten über Igors Beine, als er aus dem Schatten trat. Er hob zwei zugespitzte Tischbeine., »Wie möchtet ihr eure Pflöcke, Jungf?« rief er aufgeregt und holte aus. »Ihr hättet fagen follen, daf euch meine Fpinnen gefallen!« Nanny lehnte sich an die Wand, um wieder zu Atem zu kommen. »Oma ist hier irgendwo«, schnaufte sie. »Frag mich nicht, wie sie es ge- schafft hat. Aber die beiden Vampire wünschten sich eine Tasse Tee, und ich schätze, nur Esme kann in fremden Köpfen soviel Verwirrung stiften…« Das Pochen des Türklopfers hallte unten über den Hof. Gleichzeitig öffnete sich die Tür am anderen Ende der Zinnen, und sechs Vampire näherten sich. »Sie verhalten sich ziemlich dumm«, meinte Nanny. »Gib mir zwei Pflöcke.« »Wir haben keine Pflöcke mehr, Nanny.« »Na schön. Dann reich mir die Flasche mit dem Weihwasser. Schnell…« »Ef ift keinf mehr übrig, Nanny.« »Wir haben nichts mehr?« »Nur noch eine Orange, Nanny.« »Eine Orange?« »Unf find auch die Zitronen aufgegangen.« »Was nützt es, wenn ich einem Vampir eine Orange in den Mund ste- cke?« fragte Nanny und beobachtete die näher kommenden Geschöpfe. Igor kratzte sich am Kopf. »Nun, ich schätze, dann bekommt er nicht fo schnell eine Erkältung…« Das Pochen des Türklopfers hallte erneut durch das Schloß. Mehrere Vampire schlichen über den Hof. Nanny bemerkte einen Schimmer am Rand der Tür und ließ sich von ihrem Instinkt leiten. Als die Vampire zu laufen begannen, packte sie Igor und zog ihn mit sich zu Boden. Der Torbogen explodierte. Steine und Holzsplitter rasten auf einer an- schwellenden Kugel aus grellem Licht über sie hinweg. Die Vampire wurden von den Beinen gerissen und schrien, als das Feuer sie nach o- ben trug., Als das Gleißen verblaßte, blickte Nanny vorsichtig in den Hof hinab. Ein hausgroßer Vogel, dessen Flügel aus Feuer breiter waren als das Schloß, hockte dort, wo eben noch das Tor gewesen war. Hilbert Himmelwärts stemmte sich hoch und verharrte zunächst auf allen vieren. Um ihn herum loderten Flammen und donnerten wie bren- nendes Gas. Die Haut des Priesters hätte bereits verkohlt sein müssen, doch sonderbarerweise fühlte sich das Feuer nicht gefährlicher an als ein heißer Wüstenwind. Die Luft roch nach Kampfer und Gewürzen. Er sah auf. Die Flammen umgaben Oma Wetterwachs, wirkten jedoch seltsam transparent und nicht ganz real. Hier und dort tanzten goldene und grüne Funken über das Kleid der Hexe, während sie mitten im Feu- er stand. Sie blickte auf ihn herab. »Du bist jetzt im Flügel des Phönix, Herr Himmelwärts!« rief sie, um das Donnern zu übertönen. »Und du brennst nicht!« Der auf ihrem Handgelenk hockende Vogel glühte weiß und schlug mit seinen kleinen Schwingen. »Wie ist das möglich?« »Du bist der Gelehrte! Männliche Vögel legen Wert auf ein eindrucks- volles Erscheinungsbild, nicht wahr?« »Männliche Vögel? Dies ist ein männlicher Phönix?« »Ja!« Das Wesen sprang. Für Himmelwärts sah es nach einer großen blassen Flamme in Form eines Vogels aus, und darin schwebte – wie der Kopf eines Kometen – ein zweiter Vogel, der mehr Substanz zu haben schien… Der Phönix glitt nach oben, dem Turm entgegen. Ein kurzer Schrei verriet, daß ein Vampir nicht schnell genug gewesen war. »Er verbrennt nicht?« fragte Himmelwärts. »Wohl kaum«, erwiderte Oma und kletterte über die Trümmer hinweg. »Es hätte keinen Sinn…« »Dann muß es ein magisches Feuer sein.«, »Angeblich hängt es von einem selbst ab, ob man von den Flammen verbrannt wird oder nicht«, sagte Oma. »Als Kind habe ich sie beobach- tet. Meine Großmutter erzählte mir von ihnen. In manchen kalten Näch- ten kann man sehen, wie sie über der Mitte am Himmel tanzen, in grü- nem und goldenem Feuer…« »Ach, du meinst die Aurora Coriolis«, entgegnete Himmelwärts und versuchte, vernünftig zu klingen. »Aber sie wird von magischen Partikeln verursacht, die…« »Ich weiß nicht, was sie verursacht«, unterbrach Oma den Priester. »Aber ich weiß, was es ist: tanzende Phönixe.« Sie streckte die Hand aus. »Ich sollte deinen Arm halten.« »Für den Fall, daß ich das Gleichgewicht verliere?« fragte Himmelwärts und beobachtete noch immer den brennenden Vogel. »Genau.« Als der Priester Oma stützte, neigte der Phönix über ihnen den Kopf nach hinten und schickte einen Schrei gen Himmel. »Wenn ich daran denke, daß ich ihn für ein allegorisches Wesen gehal- ten habe…«, murmelte Himmelwärts. »Selbst Allegorien müssen leben«, sagte Oma Wetterwachs. Vampire sind keine besonders kooperativen Geschöpfe. Es liegt einfach nicht in ihrer Natur. Der ideale Lebensraum für einen Vampir ist eine Welt, in der alle Artgenossen getötet worden sind und niemand mehr ernsthaft an Vampire glaubt. Die natürliche Kooperationsbereitschaft von Vampiren läßt sich mit der von Haien vergleichen. Mit Vampyren verhält es sich ebenso. Der einzige Unterschied ist, daß sie nicht schreiben können. Der Rest des Clans eilte durch die Festung und näherte sich einer Tür, die aus irgendeinem Grund einen Spalt offenstand. Die ersten beiden Vampire, die durch die Tür stürmten, lernten den Inhalt eines bestimmten Eimers kennen. Er enthielt einen Cocktail aus Wasser, das von Offlers Ritter gesegnet worden war, einem Hohenpries- ter von Io und einem Mann von so allgemeiner Heiligkeit, daß er sich siebzig Jahre lang weder gewaschen noch die Haare geschnitten hatte., Die beiden Opfer gehörten nicht zur Familie des Grafen, die sich in- zwischen in einem anderen Turm aufhielt. Welchen Sinn hatten Unter- gebene, wenn man ihnen bei verdächtigen Türen nicht den Vortritt ließ? »Wie kannst du nur so…«, begann Lacrimosa und schwieg verblüfft, als sie eine Ohrfeige von ihrem Vater bekam. »Wir müssen Ruhe bewahren«, sagte der Graf. »Es besteht kein Grund zur Panik.« »Du hast mich geschlagen!« »Und es hat mir ziemliche Genugtuung bereitet«, meinte der Graf. »Sorgfältiges Überlegen wird uns retten. Nur so überleben wir.« »Es klappt nicht!« brachte Lacrimosa hervor. »Ich bin ein Vampir! Ich sollte mich nach Blut sehnen! Statt dessen denke ich dauernd an eine Tasse Tee mit drei Zuckerstückchen, was auch immer das sein mag! Die Alte stellt irgend etwas mit uns an, begreifst du das denn nicht?« »Ausgeschlossen«, erwiderte der Graf. »Für einen Menschen ist sie sehr gerissen, aber ich sehe keine Möglichkeit, wie sie in deinen oder meinen Kopf geraten könnte…« »Du sprichst sogar wie sie!« rief Lacrimosa. »Sei energisch und entschlossen, Schatz«, sagte der Graf. »Denk immer daran: Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.« »Und was uns umbringt, beschert uns den Tod!« knurrte Lacrimosa. »Du hast gesehen, was mit den anderen passiert ist! Und du hast dir die Finger verbrannt!« »Weil meine Konzentration vorübergehend nachließ«, sagte der Graf. »Die alte Hexe ist keine Gefahr für uns. Inzwischen ist sie selbst ein Vampir und wird uns gehorchen. Sie sieht die Welt jetzt aus einer ganz anderen Perspektive…« »Bist du übergeschnappt? Jemand hat Kryptopher getötet.« »Weil er sich hat Angst einjagen lassen.« Der Rest der Familie sah den Grafen an. Vlad und Lacrimosa wechsel- ten einen Blick. »Ich bin sehr zuversichtlich«, sagte der Graf. Sein Lächeln wirkte wie eine Todesmaske, wächsern und auf eine beunruhigende Weise friedlich., »Mein Bewußtsein ist wie ein Fels. Meine Nerven sind wie Drahtseile. Ein Vampir, der von seinem – oder ihrem – Verstand Gebrauch macht, ist unschlagbar. Das habe ich euch doch gelehrt, nicht wahr? Was ist das?« Die Hand des Grafen kam plötzlich aus der Tasche hervor und hielt ein kleines, weißes Stück Pappe hoch. »Ach, Vater, dies ist wohl kaum der geeignete Zeitpunkt, um…« Lac- rimosa erstarrte und hob dann ruckartig den Arm vors Gesicht. »Steck es weg! Steck es weg! Es ist das Achatene Chlong des Schicksals!« »Stimmt. Und es besteht nur aus drei geraden Linien und zwei gewölb- ten, die so angeordnet sind, daß sie…« »… es wäre mir völlig unbekannt gewesen, wenn du mir nicht davon erzählt hättest, du alter Narr!« kreischte das Mädchen und wich zurück. Der Graf sah seinen Sohn an. »Dir macht es bestimmt nichts…«, begann er. Vlad sprang zurück und hob eine Hand vor die Augen. »Es schmerzt!« rief er. »Meine Güte, offenbar habt ihr beide nicht ausreichend geübt…« Der Graf drehte das Pappstück, um selbst einen Blick darauf zu werfen. Eine Sekunde später verdrehte er die Augen und versuchte sich abzu- wenden. »Was hast du uns nur angetan!« heulte Lacrimosa. »Du hast uns beige- bracht, Hunderte von religiösen Symbolen zu erkennen! Sie sind überall! Jede Religion hat ihre eigenen! Du hast uns das gelehrt, du dummer Mistkerl! Linien und Kreuze und Kreise… Oh…« Sie bemerkte die stei- nerne Wand hinter ihrem Bruder und schauderte. »Wohin ich auch bli- cke – überall sehe ich etwas Heiliges! Du hast uns beigebracht, Muster zu erkennen!« fauchte die junge Vampirin und bleckte die Zähne. »Bald beginnt die Morgendämmerung«, sagte die Gräfin nervös. »Könnte sie uns Schmerzen bereiten?« »Natürlich nicht!« rief der Graf Elstyr, als die anderen zum blassen Licht emporsahen, das durch ein hohes Fenster fiel. »Es ist eine erlernte psychochromatische Reaktion! Nichts weiter als Aberglaube! Alles spielt sich in unserem eigenen Denken und Empfinden ab!«, »Was spielt sich dort sonst noch ab, Vater?« fragte Vlad kühl. Der Graf ging mit langsamen Schritten und versuchte dabei, Lacrimosa im Auge zu behalten. Sie krümmte die Finger und knurrte. »Ich habe dich gefragt, was…« »In unserem Bewußtsein stecken nur die Dinge, die wir selbst gestaltet haben!« donnerte der Graf. »Ich habe das Selbst der alten Hexe gesehen! Es ist schwach. Sie verläßt sich auf Tricks! Sie kann unmöglich einen Weg in unser Ich gefunden haben! Ich frage mich, ob es hier ganz andere Pläne gibt…« Er sah Lacrimosa an und zeigte ebenfalls die Zähne. Die Gräfin fächerte sich mit wachsender Verzweiflung Luft zu. »Nun, ich glaube, wir regen uns ein bißchen zu sehr auf«, sagte sie. »Wir sollten uns hinsetzen und eine Tasse… eine… eine Tasse Tee…« »Wir sind Vampire!« kreischte Lacrimosa. »Dann sollten wir uns auch wie welche verhalten!« rief der Graf. Agnes öffnete ein Auge und trat zu. Der Mann mit Hammer und Pflock verlor jedes Interesse an Vampiren und auch das Bewußtsein. »Whsz…« Agnes zog einen Gegenstand aus ihrem Mund und stellte fest, daß es sich um eine Feige handelte. »Geht es einfach nicht in eure dummen Köpfe, daß ich kein Vampir bin? Und dies dürfte wohl kaum eine Zitrone sein. Und an eurer Stelle würde ich den Burschen mit dem Pflock im Auge behalten. Er ist etwas übereifrig. Vielleicht gibt es ir- gendeinen psychologischen Grund dafür…« »Ich hätte nicht zugelassen, daß er ihn benutzt«, erklang Piotrs Stimme dicht an ihrem Ohr. »Aber du hast dich seltsam verhalten und bist dann zusammengebrochen. Deshalb waren wir uns nicht ganz sicher, als was du erwachen würdest.« Er stand auf. Die Bürger von Eskrau warteten bei den Bäumen, und im flackernden Fackelschein wirkten ihre Gesichter hohlwangig. »Alles klar, sie ist noch immer kein Vampir«, sagte Piotr. Die Leute entspannten sich ein wenig. Du hast dich wirklich verändert, sagte Perdita., »Du bist nicht davon betroffen?« fragte Agnes. Sie fühlte sich wie am Ende eines Bindfadens, den jemand auf und ab bewegte. Nein. Ich bin der Teil von dir, der wachsam Ausschau hält, erinnerst du dich? »Wie bitte?« fragte Piotr. »Ich hoffe wirklich, daß dies bald aufhört«, sagte Agnes. »Ich stolpere dauernd über meine eigenen Füße! Ich gehe falsch! Mein ganzer Körper fühlt sich falsch an!« »Äh… sollen wir den Weg zum Schloß fortsetzen?« fragte Piotr. »Sie ist bereits da«, erwiderte Agnes. »Ich weiß nicht, wie es ihr gelun- gen ist, aber…« Sie unterbrach sich, sah die besorgten Gesichter und dachte plötzlich so wie Oma Wetterwachs. »Ja«, sagte sie langsamer. »Wir sollten uns möglichst schnell zum Schloß begeben. Damit die Leute ihre Vampire selbst töten können.« Nanny eilte die Treppe hinunter. »Ich wußte es!« schnaufte sie. »Das dort unten ist Esme Wetterwachs. Ich hab’s dir ja gesagt! Ich wußte, daß sie nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet hat! Ha, ich möchte den Blutsauger sehen, der es schafft, sie zu überwältigen!« »Ich nicht«, erwiderte Igor mit Nachdruck. Nanny trat über einen Vampir hinweg, der etwas Bestimmtes im Schat- ten übersehen hatte – einen Stolperdraht, ein schweres Gewicht und einen Pflock. Anschließend öffnete sie eine Tür, die auf den Hof führte. »Hu-hu, Esme!« Oma Wetterwachs stieß Himmelwärts beiseite und trat vor. »Ist mit dem Baby alles in Ordnung?« fragte sie. »Magrat und Es… und die junge Esme haben sich in der Krypta einge- schlossen«, sagte Nanny. »Die Tür dort ist ausgesprochen widerstandsfä- hig.« »Und Fetfen bewacht fie«, fügte Igor hinzu. »Er ift ein aufgezeichneter Wachhund.«, Oma hob die Brauen und musterte Igor von Kopf bis Fuß. »Ich glaube, ich hatte bisher noch keine Gelegenheit, diesen… diese Herren kennenzulernen«, sagte sie. »Oh, das ist Igor«, stellte Nanny vor. »Ein sehr vielseitiger Mann.« »Das sehe ich«, sagte Oma. Nanny sah zu Hilbert Himmelwärts. »Warum hast du ihn mitge- bracht?« fragte sie. »Ich konnte ihn einfach nicht loswerden«, antwortete Oma. »Auch ich versuche es immer damit, mich hinterm Sofa zu verstecken«, meinte Nanny. Himmelwärts wandte den Blick ab. Irgendwo im Bereich der Zinnen erklang ein Schrei. Der Phönix hatte einen weiteren Vampir entdeckt. »Es scheint praktisch alles vorbei zu sein«, meinte Nanny. »Jetzt muß nur noch der Staub zusammengefegt werden. Besonders schlau sind die Burschen nicht…« »Der Graf ist noch immer hier«, sagte Oma schlicht. »Oh, ich schlage vor, wir stecken hier einfach alles in Brand und keh- ren dann heim«, ließ sich Nanny vernehmen. »So schnell wird er sich nicht noch einmal in Lancre blicken lassen…« »Eine wütende Menge nähert fich«, sagte Igor. »Ich höre nichts«, entgegnete Nanny. »Ich habe fehr gute Ohren«, betonte Igor. »Oh, nun, einige von uns konnten sie sich nicht aussuchen«, sagte Nanny. Das Geräusch von Schritten erklang auf der Brücke, und plötzlich strömten Menschen über die Trümmer heran. »Ist das nicht Agnes?« fragte Nanny. Normalerweise hätte man sie auf den ersten Blick erkennen können, aber diese Agnes bewegte sich anders. Ihre Füße stampften so, als wären die Stiefel zornig auf den Boden, und ihre Arme schwangen auf sonderbare Weise… »Ich kann dies nicht zulassen!« rief Agnes und stapfte zu Oma. »Ich bin überhaupt nicht mehr fähig, richtig zu denken. Du steckst dahinter, nicht wahr?«, Oma hob die Hand und berührte die Bißmale an Agnes’ Hals. »Oh, ich verstehe«, sagte sie. »Einer von ihnen hat dich gebissen.« »Ja! Und irgendwie hast du zu mir gesprochen!« »Ich bin’s nicht gewesen«, erwiderte Oma. »Ich schätze, etwas in dei- nem Blut hat geredet. Wer sind all diese Leute? Warum versucht der Mann, die Mauer in Brand zu setzen? Hat ihm niemand gesagt, daß Stei- ne nicht brennen?« »Oh, das ist Claude. Er kann recht beharrlich sein. Gib mir Bescheid, wenn du ihn mit einem Pflock siehst. Nun, die Leute kommen aus Eskrau, einem Ort, der nicht sehr weit von hier entfernt ist… Die Elstyrs behandelten sie wie… nun, wie Haustiere. Wie Vieh! Und so sollte es auch den Bewohnern von Lancre ergehen!« »Wir kehren erst heim, wenn wir den Grafen erledigt haben«, sagte Oma. »Andernfalls schleicht er irgendwann zurück…« »Äh… entschuldige bitte«, meldete sich Himmelwärts zu Wort. Er schien über etwas nachgedacht zu haben. »Hat eben jemand erwähnt, die Königin sei in der Krypta eingeschlossen?« »Dort droht ihr nicht die geringste Gefahr«, sagte Nanny. »Die Tür ist besonders dick und von innen verriegelt.« »Welchen Schutz bieten Häuser vor Vampiren?« fragte Himmelwärts. Oma drehte abrupt den Kopf. »Wie meinst du das?« Der Priester wich einen Schritt zurück. »Oh, ich weiß, was er meint«, sagte Nanny. »Alles klar, wir sind ja nicht blöd. Magrat öffnet erst, wenn kein Zweifel daran besteht, daß wir es sind…« »Ich meine, wie soll die Tür Vampire aufhalten?« »Wie sie sie aufhalten soll? Es ist eine Tür.« »Aber… sind Vampire nicht in der Lage, sich in Nebel zu verwan- deln?« fragte Himmelwärts und briet in der konzentrierten Strahlung mehrerer Blicke. »Ich bin immer davon ausgegangen, daß sie das kön- nen. Ich dachte, das wüßte jeder, der sich mit Vampiren auskennt…« Oma wandte sich an Igor. »Weißt du etwas darüber?« Igors Mund öffnete und schloß sich mehrmals., »Der alte Graf hat nie fo etwaf erwähnt«, antwortete er schließlich. »Ja«, sagte Nanny. »Aber er zog es vor, fair zu sein.« Ein schnell schriller werdendes Heulen kam aus den Tiefen des Schlos- ses und fand ein jähes Ende. »Daf war Fetfen!« stieß Igor hervor und lief los. »Fetzen?« wiederholte Agnes und runzelte die Stirn. Nanny nahm ihren Arm und zog sie hinter Igor her. Oma schwankte ein wenig. Ihre Augen starrten ins Leere. Himmelwärts sah sie an, traf eine Entscheidung, taumelte auf recht theatralische Weise und fiel. Oma blinzelte, schüttelte den Kopf und sah auf ihn hinab. »Ha!« brachte sie heiser hervor. »Es ist wohl zuviel für dich, wie?« Zitternde Finger streckten sich Himmelwärts entgegen. Er griff danach und achtete darauf, nicht zu ziehen, als er sich erhob. »Wenn du mir helfen könntest…«, sagte er, als ihr Gewicht dankbar seine Schulter traf. »In Ordnung«, erwiderte Oma. »Jetzt gehen wir zur Küche.« »Wie bitte? Warum sollten wir die Küche aufsuchen?« »Nach einer solchen Nacht können wir alle eine Tasse Tee vertragen«, sagte Oma Wetterwachs. Magrat lehnte sich an die Tür, als ein zweites Pochen die vorgeschobe- nen Riegel erzittern ließ. Neben ihr knurrte Fetzen. Vielleicht lag es an der extensiven Chirurgie, aber Fetzen knurrte gleichzeitig in sechs ver- schiedenen Tonhöhen. Die folgende Stille schuf noch mehr Unruhe als zuvor das Hämmern. Ein leises Geräusch veranlaßte Magrat, den Blick zu senken. Grüner Dampf glitt durchs Schlüsselloch. Er war dick und zeichnete sich durch eine ölige Qualität aus… Sie lief durchs Zimmer und griff nach einem Einmachglas mit Zitro- nen – sie stammten von dem sportlich eingestellten alten Grafen, den Igor so sehr verehrte. Magrat nahm rasch den Deckel ab und hielt das, Glas dann unters Schlüsselloch. Als der Dampf es ganz gefüllt hatte, ließ sie einige Knoblauchknollen hineinfallen und schloß es wieder. Das Glas wackelte auf dem Boden hin und her. Magrat sah zu dem größeren Deckel des Brunnens. Als sie ihn hob, hörte sie tief unten fließendes Wasser. Eigentlich kein Wunder. Be- stimmt gab es in den Bergen viele unterirdische Flüsse. Sie hielt das Einmachglas mitten über die Öffnung und ließ es fallen. Anschließend warf sie den Deckel des Brunnens wieder zu. Die junge Esme gluckste in einer Ecke des Zimmers. Magrat eilte zu ihr und schüttelte eine Rassel. »Sieh nur das hübsche Häschen«, sagte sie und huschte wieder zurück. Jemand flüsterte auf der anderen Seite der Tür. Dann erklang Nanny Oggs Stimme. »Alles in Ordnung, meine Liebe, wir haben sie erwischt. Du kannst die Tür öffnen. Herrje.« Magrat rollte mit den Augen. »Bist du das wirklich, Nanny?« »Ja, ich bin’s, meine Liebe.« »Dem Himmel sei Dank. Erzähl mir nur schnell den Witz von der al- ten Frau, dem Priester und dem Nashorn. Dann lasse ich dich eintreten.« Nach einer kurzen Pause flüsterte wieder jemand. »Ich glaube, dafür haben wir keine Zeit, meine Liebe«, erwiderte die Stimme. »Haha, guter Versuch«, sagte Magrat. »Einen von euch habe ich in den Fluß geworfen! Wer war’s?« Einen Moment war es still, dann sagte der Graf: »Wir hatten gehofft, die Gräfin könnte dich zur Vernunft bringen.« »In einem Einmachglas dürfte ihr das kaum gelingen«, entgegnete Magrat. »Übrigens habe ich noch mehr Gläser, falls ihr es noch einmal versuchen wollt!« »Eigentlich wollten wir keine Gewalt anwenden«, sagte der Graf. »Aber unter diesen Umständen…« Die Tür flog nach innen und riß die Bolzen aus der Wand., Magrat ergriff das Baby, trat zurück und hob die andere Hand. »Wenn du näher kommst, ersteche ich dich hiermit!« rief sie. »Das ist ein Teddybär«, sagte der Graf. »Damit könntest du mir nicht einmal dann etwas anhaben, wenn du ihn anspitzt.« Die Tür war so hart, daß ihr Holz wie Stein mit einer Maserung aussah. Jemand hatte angestrengt über die maximale Kraft nachgedacht, die von einer wütenden Menge ausgehen konnte, um anschließend noch einen großzügigen Sicherheitsspielraum hinzuzufügen. Die Tür hing schief in den Angeln. »Aber wir haben doch gehört, wie Magrat die Riegel vorgeschoben hat!« jammerte Nanny. Ein bunter Haufen lag vor der Tür. Igor kniete und griff nach einer schlaffen Pfote. »Fie haben Fetfen getötet! Die verdammten Miftkerle!« »Sie haben Magrat und das Baby!« schnappte Nanny. »Er war mein einziger Freund!« Nannys Arm zuckte nach vorn und zog den ziemlich schweren Igor am Kragen hoch. »Mein Junge, du wirst sehr bald einen sehr ernsten Gegner bekommen, wenn du uns nicht sofort hilfst! Ach, um Himmels willen…« Mit der frei- en Hand griff sie ins Schlüpferbein und holte ein großes, zerknülltes Taschentuch hervor. »Hier, putz dir ordentlich die Nase, in Ordnung?« Es klang wie ein verbogenes Nebelhorn. »Nun, wohin hat man sie gebracht?« fragte Nanny, als Igor fertig war. »Immerhin wimmelt es hier von zornigen Bauern.« »Er wartete immer auf mich, mit wedelnden Schwänzen und fum Le- cken bereiter Funge…«, schluchzte Igor. »Wohin, Igor?« Mit seinem Zeigefinger – beziehungsweise mit einem Zeigefinger, über den er derzeit verfügte – deutete er zur gegenüberliegenden Tür. »Dort geht’f zur Gruft«, sagte er. »Und fie können durch daf eiferne, Tor im Tal entkommen. Ihr werdet fie nie erwischen!« »Aber die Riegel an der Tür sind noch immer vorgeschoben«, stellte Agnes fest. »Dann find fie nach wie vor im Schloff, waf mir fiemlich dumm er- scheint…« Gewaltige Orgelklänge unterbrachen Igor und ließen den Boden erzit- tern. »Gibt es passionierte Musiker unter den Bewohnern von Eskrau?« fragte Nanny und setzte Igor wieder ab. »Woher soll ich das wissen?« erwiderte Agnes, als zwei absteigende Akkorde Staub von der Decke rieseln ließen. »Sie wollten mir einen Pflock ins Herz stoßen und meinen Kopf kochen! Dies war nicht der geeignete Zeitpunkt, sie um ein wenig Musik zu bitten!« Die Orgel erklang erneut. »Warum sind sie geblieben?« fragte Nanny. »Inzwischen könnten sie sich längst in Sicherheit gebracht haben… Oh…« »Oma würde nicht weglaufen«, sagte Agnes. »Nein, Oma Wetterwachs mag eine letzte, entscheidende Konfrontati- on«, sagte Nanny und lächelte hintergründig. »Und der Graf und die anderen denken wie sie. Irgendwie hat sie die Vampire dazu gebracht, wie sie zu denken…« »Sie denkt ebenfalls wie sie selbst«, fügte Agnes hinzu. »Dann wollen wir ihr dabei helfen«, sagte Nanny. »Kommt!« Lacrimosa zog ein mit »Gräßliches Gesicht am Fenster« beschriftetes Register, und das Ergebnis war ein Akkord, plötzliches Donnern und ein mechanisch klingender Schrei. »Zum Glück schlagen wir nicht nach deiner Seite der Familie, Vater, mehr kann ich dazu nicht sagen«, meinte sie. »Obwohl wir sicher eine Menge Spaß haben könnten, wenn wir eine mechanische Verbindung zur Folterkammer herstellen. Das war gewiß kein realistischer Schrei.«, »Das ist doch lächerlich«, sagte Vlad. »Wir haben das Kind. Wir haben die Frau. Warum verlassen wir diesen Ort nicht einfach? Es gibt noch viele andere Schlösser.« »Das würde bedeuten, wegzulaufen«, erwiderte der Graf. »Und zu überleben«, fügte Vlad hinzu und rieb sich den Kopf. »Wir laufen nicht weg«, sagte der Graf. »Und… Nein, bitte weicht ein wenig zurück…« Seine letzten Worte galten der wütenden Menge, die unsicher an der Tür wartete. Wütende Mengen werden ziemlich schnell unsicher, wenn ihnen ein Anführer fehlt, und in diesem Fall rührte die Unsicherheit vom Anblick Magrats und des Babys her. Vlad hatte einen blauen Fleck an der Stirn. Eine Holzente auf Rädern kann ziemlichen Schaden anrichten, wenn man fest genug damit zu- schlägt. »Herzlichen Dank«, sagte der Graf und hielt die kleine Esme im Arm. Magrat versuchte vergeblich, sich aus dem Griff der anderen Hand zu befreien, die sich wie eine Stahlklammer um ihren Arm geschlossen hat- te. »Seht ihr? Absoluter Gehorsam. Es ist wie beim Schach. Wenn man die Königin des Gegners hat – beziehungsweise die Dame –, dann ist einem der Sieg praktisch sicher. Es spielt keine Rolle, wenn einige Bau- ern verlorengehen.« »Ich finde es ziemlich geschmacklos, so von Mutter zu sprechen«, sagte Vlad. »Ich hänge sehr an deiner Mutter«, erwiderte der Graf. »Bestimmt fin- det sie eine Möglichkeit, zur Familie zurückzukehren, früher oder später. Eine Reise tut ihr bestimmt gut. Irgendwelche Fischer werden das Glas finden, und dann ist sie wieder bei uns, gesund und munter… Ah, die unschätzbare Frau Ogg…« »Komm mir bloß nicht auf die schmierige Tour!« schnappte Nanny und bahnte sich entschlossen einen Weg durch die verwirrte Menge. »Ich hab’s satt, daß du mir so schmierig wie die Schmiere in Person kommst! Laß deine beiden Geiseln frei, oder…« »Oh, so schnell sind wir beim oder angelangt«, seufzte der Graf. »Aber ich sage: Ihr verlaßt das Schloß, und dann sehen wir weiter. Vielleicht, lassen wir die Königin frei. Aber die kleine Prinzessin… Ist sie nicht bezaubernd? Sie kann als unser Gast hierbleiben. Bestimmt stiftet sie hier ein wenig mehr Fröhlichkeit…« »Sie kehrt mit uns nach Lancre zurück, du Mistkerl!« schrie Magrat. Sie wand sich hin und her, versuchte dann, den Grafen zu schlagen. Agnes sah, wie sie erblaßte, als sich die Hand des Vampirs noch fester um ihren Arm schloß. »Solch eine Ausdrucksweise geziemt sich nicht für eine Königin«, sagte der Graf. »Und ich bin noch immer recht stark, selbst für einen Vampir. Aber du hast recht. Wir kehren alle nach Lancre zurück. Dort werden wir eine große glückliche Familie sein, die im Schloß wohnt. Ich gebe zu, daß dieser Ort allmählich seinen Reiz verliert. Oh, mach dir keine Vorwürfe, Frau Ogg. Ich bin sicher, das erledigen andere Leute für dich…« Er unterbrach sich. Ein Geräusch am Rand der Hörweite wurde all- mählich lauter. Es hatte eine rhythmische, fast blecherne Qualität. Die Menge teilte sich. Oma Wetterwachs trat vor und rührte langsam ihren Tee um. »Hier gibt es leider keine Milch«, sagte sie. »Eigentlich kein Wunder. Ich habe statt dessen eine Zitronenscheibe genommen, aber das ist na- türlich nicht das gleiche.« Sie legte den Löffel mit einem Klicken, das durch den ganzen Saale hallte, auf die Untertasse und lächelte dem Grafen zu. »Komme ich zu spät?« fragte Oma. Die Riegel knarrten, einer nach dem anderen. »… geht dief wirklich fu weit«, brummte Igor. »Der alte Herr hätte nie…« Die Tür gab nach und quietschte an liebevoll verrosteten Angeln. Küh- le, trockene Luft wehte aus der Dunkelheit heran. Igor hantierte mit Streichhölzern und entzündete eine Fackel. »Ef ift ja schön und gut, ein paar Jahrfehnte lang in Frieden zu ruhen, aber eine folche Schande kann man nicht länger hinnehmen…«, Er eilte durch dunkle Flure, deren Wände teils aus Ziegeln und teils aus natürlichem Felsgestein bestanden. Schließlich erreichte er ein Zimmer, in dem ein großer steinerner Sarkophag stand. Auf der einen Seite hatte jemand einen Namen hineingemeißelt: ELSTYR. Igor steckte die Fackel in einen Wandhalter, streifte die Jacke ab und bemühte sich dann, den Deckel des Sarkophags beiseite zu schieben. »Tut mir leid, Herr«, keuchte er, als der Deckel mit einem dumpfen Pochen auf den Boden fiel. Im Innern des Sargs glänzte Staub im Fackelschein. »… kommen hierher und bringen allef durcheinander…« Igor griff nach seiner Jacke und zog ein Bündel aus der Tasche. Am Rand des Steins rollte er es auseinander, und das Licht der Fackel fiel auf Skalpelle, Scheren und Nadeln. »… bedrohen fogar kleine Kinder… fo etwaf haft du nie getan… nur abenteuerluftige Frauen über fiebfehn, die im Nachthemd gut auffehen, haft du immer gefagt…« Er nahm ein Skalpell und piekste die Spitze vorsichtig in den kleinen Finger seiner linken Hand. Ein Blutstropfen erschien, schwoll an und fiel in den Staub. Sofort ent- stand eine dünne Rauchfahne. »Daf ift für Fetfen«, sagte Igor mit grimmiger Zufriedenheit. Als er die Tür erreichte, glitt bereits weißer Dunst über den Rand des Sarkophags. »Ich bin eine alte Frau«, sagte Oma Wetterwachs und blickte sich streng um. »Ich würde mich gern setzen, vielen Dank.« Eine Sitzbank wurde nach vorn geschoben. Oma nahm Platz und sah den Grafen an. »Wovon hast du gerade gesprochen?« fragte sie. »Ah, Esmeralda«, sagte der Graf. »Endlich bist du zu uns gekommen. Der Ruf des Blutes ist so stark, daß man sich ihm nicht widersetzen kann.« »Das hoffe ich«, erwiderte Oma., »Wir werden diesen Ort verlassen, Frau Wetterwachs.« »Du bleibst hier«, sagte Oma. Erneut rührte sie den Tee um, und die Blicke aller Vampire folgten den Bewegungen des Löffels. »Dir bleibt nichts anderes übrig, als mir zu gehorchen«, sagte der Graf. »Das weißt du.« »Oh, es gibt immer eine Wahl«, entgegnete Oma. Vlad und Lacrimosa beugten sich auf beiden Seiten ihres Vaters herab. Einige Sekunden flüsterten sie, dann sah der Graf auf. »Nein, du kannst dem Drang unmöglich widerstanden haben«, sagte er. »Selbst du bist dazu nicht fähig!« »Ich behaupte nicht, daß es mir leichtgefallen ist.« Oma rührte weiter ihren Tee um. Erneut folgte Geflüster. »Die Königin und das Baby sind in unserer Gewalt«, betonte der Graf. »Ich glaube, sie bedeuten dir viel.« Oma hob die Tasse halb zu den Lippen. »Töte sie«, erwiderte sie schlicht. »Es nützt dir nichts.« »Esme!« entfuhr es Nanny Ogg und Magrat gleichzeitig. Oma stellte die Tasse auf die Untertasse zurück. Agnes glaubte zu se- hen, wie Vlad seufzte. Sie spürte das Verlangen ebenfalls… Ich weiß, was sie gemacht hat, hauchte Perdita. Ich auch, dachte Agnes. »Er blufft«, sagte Oma. »Ach?« erklang Lacrimosas spöttische Stimme. »Würde dir eine Vam- pirkönigin gefallen?« »Es gab mal eine in Lancre«, sagte Oma Wetterwachs im Plauderton. »Einer von euch biß die arme Frau. Sie schlug sich mit rohen Steaks und so weiter durch. Sie bohrte nie jemandem die Zähne in den Hals, wie ich hörte. Man nannte sie Grimnir die Pfählerin.« »Die Pfählerin?« »Oh, ich habe nur gesagt, daß sie kein Blut saugte. Was allerdings nicht bedeutet, daß sie eine nette Person war«, erklärte Oma. »Sie zögerte, nicht, Blut zu vergießen, aber sie trank keins. Auch ihr braucht kein Blut zu trinken.« »Du weißt nichts über wahre Vampire!« »Ich weiß mehr, als ihr glaubt, und ich kenne Gytha Ogg«, sagte Oma. Nanny Ogg blinzelte. Oma Wetterwachs hob erneut die Tasse und ließ sie dann wieder sin- ken. »Sie trinkt gern. Natürlich betont sie, daß es der beste Brandy sein muß…« Nanny nickte bestätigend. »… nun, das ist gewiß ihr Wunsch, aber sie begnügt sich auch mit Bier, so wie alle anderen.« Nanny Ogg zuckte mit den Schultern, als Oma fortfuhr: »Aber ihr würdet euch wohl kaum mit Blutwurst zufriedengeben, denn es geht euch in erster Linie um Macht über andere Leute. Ich kenne euch so gut, wie ich mich selbst kenne. Und eins der Dinge, über die ich so gut Bescheid weiß, betrifft das Baby: Ihr wärt nicht in der Lage, ihm auch nur ein Haar zu krüm- men.« Oma rührte geistesabwesend den Tee um. »Vorausgesetzt, es hätte bereits Haare. Ihr brächtet es einfach nicht fertig.« Sie nahm die Tasse und streifte sie sorgfältig am Rand der Untertasse ab. Agnes beobachtete, wie sich Lacrimosas Lippen gierig teilten. »Eigentlich bin ich nur hier, um zu sehen, ob euch Gnade oder Ge- rechtigkeit widerfährt«, sagte Oma. »Es ist nur eine Frage der Wahl.« »Glaubst du wirklich, wir könnten Fleisch nichts zuleide tun?« fragte Lacrimosa und trat vor. »Schau hin.« Sie holte aus, um das Baby zu schlagen, doch ihre Hand zuckte so hef- tig zurück, als hätte sie etwas gestochen. »Du kannst es nicht«, stellte Oma fest. »Ich hätte mir fast den Arm gebrochen!« »Schade«, sagte Oma ruhig. »Du hast dem Kind… irgend etwas Magisches gegeben«, vermutete der Graf. »Ich weiß gar nicht, warum jemand auf so einen Gedanken kommen sollte«, erwiderte Oma. Weiter hinten blickte Nanny Ogg auf ihre Stiefel. »Nun, hier ist mein Angebot. Ihr gebt Magrat und das Baby frei, und dafür schlagen wir euch die Köpfe ab.«, »Und das nennst du Gerechtigkeit?« fragte der Graf. »Nein, das nenne ich Gnade«, hielt ihm Oma entgegen. Einmal mehr stellte sie die Tasse auf die Untertasse. »Meine Güte, Frau, willst du den verdammten Tee endlich trinken oder nicht?« donnerte der Graf. Oma nippte daran und schnitt eine Grimasse. »Ach, was habe ich mir nur dabei gedacht? Bei all dem Gerede ist der Tee kalt geworden.« Sie drehte die Tasse um und goß ihren Inhalt auf den Boden. Lacrimosa stöhnte. »Vermutlich läßt es bald nach«, sagte Oma noch immer im Plauderton. »Aber solange die Wirkung anhält, könnt ihr weder dem Kind noch Magrat etwas antun. Außerdem graut euch bei der Vorstellung, Blut zu trinken, und ihr lauft nicht weg, weil ihr euch einer Herausforderung stellen wollt…« »Was wird bald nachlassen?« fragte Vlad. »Deine Mauern aus Gedanken sind sehr stark«, sagte Oma verträumt. »Ich konnte sie nicht durchdringen.« Der Graf lächelte. Oma Wetterwachs lächelte ebenfalls. »Deshalb habe ich es auch gar nicht versucht«, fügte sie hinzu. Der Nebel wogte durch die Gruft, strömte über Boden, Wände und De- cke. Er kroch die Stufen hinauf und durch einen Tunnel. Die Schwaden drängten brodelnd übereinander hinweg, als führten sie einen sonderba- ren Kampf gegeneinander. Eine unvorsichtige, über die Steinplatten trippelnde Ratte reagierte zu spät. Der Dunst strich über sie hinweg. Ein kurzes Quieken brach sofort wieder ab. Nur einige kleine weiße Knochen blieben zurück. Ähnlich beschaffene Knochen, die jedoch zusammengesetzt waren, ei- nen schwarzen Kapuzenmantel sowie eine winzige Sense trugen, er- schienen aus dem Nichts und näherten sich den Überresten der Ratte. Knöcherne Pfoten klickten auf den Stein., »Quiek?« fragte der Rattengeist in mitleiderweckendem Tonfall. QUIEK, erwiderte der Rattentod. Mehr gab es eigentlich nicht zu sa- gen. »Du wolltest wissen, wo ich mein Selbst versteckt habe«, sagte Oma. »Nun, ich habe es gar nicht fortgebracht, sondern es in etwas Lebendi- gem verstaut, das du in dich aufgenommen hast. Dieser Vorgang war eine Einladung. Ich stecke in jedem Muskel deines Körpers, und ich bin auch in deinem Kopf. Ich war im Blut, Graf. Im Blut. Ich bin nicht vampirisiert worden. Ganz im Gegenteil. Ihr wurdet gewetterwachst. Ihr alle. Ihr hört immer auf die Stimme des Blutes.« Der Graf starrte sie mit offenem Mund an. Der Löffel fiel von der Untertasse, klapperte auf den Boden und verur- sachte dort eine Welle im dünnen weißen Dunst. Von den Wänden kro- chen die Schwaden heran und ließen dort, wo die Vampire standen, ei- nen schrumpfenden Kreis aus schwarzen und weißen Fliesen frei. Igor schob sich durch die Menge, bis er neben Nanny stand. »Ef ift allef in Ordnung«, sagte er. »Ich muffte etwaf unternehmen. Fo- fiel Schande…« Der Nebel stieg zu einem wogenden Turm auf, und es folgte eine Pha- se der Diskontinuität, ein Gefühl zerschnittener Zeit, und dann stand eine hochgewachsene Gestalt hinter Vlad und Lacrimosa. Es war ein Mann, und er war ein ganzes Stück größer als die meisten Männer. Er trug einen Abendanzug, der einst modisch gewesen sein mochte. Graue Strähnen durchzogen das dunkle Haar, das straff über die Ohren zu- rückgekämmt war. Bei der Bestimmung der Kopfform schien aerodyna- mische Effizienz eine große Rolle gespielt zu haben. Sorgfältig manikürte Hände packten die beiden jüngeren Vampire an den Schultern. Lacrimosa drehte sich um und wollte den Mann kratzen, doch sie duckte sich, als er wie ein Tiger knurrte. Dann kehrte ein menschlicher Ausdruck in das Gesicht zurück, und der Neuankömmling lächelte. Er schien sich wirklich darüber zu freuen, die übrigen Anwesenden zu sehen. »Guten Morgen«, sagte er., »Noch ein verdammter Vampir?« fragte Nanny. »Ef ift nicht irgendein Vampir!« Igor hüpfte aufgeregt vom einen Bein aufs andere. »Dort feht ihr meinen alten Herrn! Der Alte Rotauge ift zurück!« Oma stand auf und ignorierte den hochgewachsenen Mann, der die beiden plötzlich ganz fügsamen Vampire festhielt. Sie näherte sich dem Grafen. »Ich weiß genau, wozu du imstande bist und wozu nicht«, sagte sie. »Weil du mich in dein Innerstes eingeladen hast. Und das bedeutet, du kannst nur das tun, wozu auch ich in der Lage bin. Und du denkst wie ich. Der Unterschied besteht nur darin, daß ich schon länger wie ich selbst denke und mich deshalb besser darauf verstehe.« »Du bist Fleisch«, knurrte der Graf. »Schlaues Fleisch!« »Und du hast mich in dein Innerstes eingeladen«, sagte Oma. »Und ich gehöre nicht zu den Personen, die dorthin gehen, wo sie nicht willkom- men sind.« Das Baby in den Armen des Grafen begann zu weinen. Er stand auf. »Wie sicher bist du, daß ich diesem Kind kein Leid zufüge?« fragte er. »Ich wäre dazu nicht fähig. Also bist du es ebenfalls nicht.« Der Graf verzog das Gesicht, als er mit seinen Empfindungen und auch mit Magrat rang, die ihn gegen das Schienbein trat. »Es hätte funktionieren können…«, sagte er, und zum erstenmal ver- schwand die Gewißheit aus seiner Stimme. »Du meinst, es hätte für dich funktionieren können!« rief Agnes. »Wir sind Vampire. Wir müssen unserer Natur gehorchen.« »Nur Tieren bleibt keine andere Wahl, als ihrer Natur zu gehorchen«, sagte Oma. »Gibst du mir jetzt das Kind?« »Wenn ich…«, begann der Graf und richtete sich auf. »Nein! Ich brau- che mich nicht auf Kompromisse einzulassen! Ich kann gegen dich kämpfen, so wie du gegen mich gekämpft hast! Und wenn ich diesen Ort verlasse… Bestimmt wagt es niemand, mich aufzuhalten. Sieh dich nur an… Seht euch alle an… Und seht mich. Und seht ihn.« Er nickte in Richtung des Mannes, der nach wie vor Vlad und Lacrimosa festhielt., Die beiden jungen Vampire waren so reglos wie Statuen. »Wollt ihr das?« »Entschuldigung, wer ist die Person, die wir ansehen sollen?« fragte Oma. »Oh, Igors ›alter Herr‹, nehme ich an? Vermutlich der alte Graf Elstyr?« Der alte Graf nickte würdevoll. »Zu deinen Diensten, Verehrteste«, sagte er. »Das bezweifle ich«, erwiderte Oma. »Oh, gegen ihn hatte niemand etwas«, meinte Piotr, der bei den Bür- gern von Eskrau stand. »Er kam nur alle paar Jahre und stellte kein Prob- lem dar, wenn man den Knoblauch nicht vergaß. Er erwartete nicht von uns, daß wir ihn mögen.« Der alte Graf lächelte. »Du wirkst vertraut. Du stammst aus der Ravi-Familie, nicht wahr?« »Ich bin Piotr, Herr. Der Sohn von Hans.« »Ah, ja. Sehr ähnlicher Knochenbau. Bitte empfehle mich deiner Großmutter.« »Sie ist vor zehn Jahren gestorben, Herr.« »Ach, tatsächlich? Tut mit sehr leid. Die Zeit vergeht schnell, wenn man tot ist.« Der alte Herr seufzte. »Sie sah im Nachthemd sehr gut aus, wenn ich mich recht entsinne.« »Oh, mit ihm war alles in Ordnung«, ließ sich jemand in der Menge vernehmen. »Ab und zu kam er auf den einen oder anderen Biß vorbei, aber damit wurden wir fertig.« »Das ist eine vertraute Stimme«, sagte der Vampir. »Bist du ein Wey- zen?« »Jaherr.« »Mit Arno Weyzen verwandt?« »Er war mein Urgroßvater, Herr.« »Guter Mann. Er brachte mich vor fünfundsiebzig Jahren um. Ein Pflock mitten durchs Herz, aus einer Entfernung von zwanzig Schritten. Du kannst stolz auf ihn sein.« Ahnenstolz ließ das Gesicht des Mannes in der Menge erstrahlen., »Der Pflock hängt bei uns noch immer über dem Kamin, Herr«, sagte er. »Bravo. Guter Mann. Es freut mich immer, wenn jemand die Traditio- nen achtet…« Graf Elstyr schrie. »Euch kann doch unmöglich so etwas lieber sein! Er ist ein Ungeheuer!« »Aber er hat nie Termine vereinbart!« rief Agnes noch lauter. »Be- stimmt hat er nie alles für eine Abmachung gehalten!« Graf Elstyr schob sich mit Magrat und ihrer kleinen Tochter zur Tür. »Nein«, sagte er. »So wird es nicht geschehen. Wenn ihr wirklich glaubt, daß ich meinen entzückenden Geiseln kein Leid zufüge… Versucht doch, mich aufzuhalten. Gibt es hier irgend jemanden, der wirklich glaubt, was die Alte gesagt hat?« Nanny Ogg öffnete den Mund, bemerkte Omas Blick und schloß ihn wieder. Die Menge teilte sich hinter dem Grafen, als er Magrat zur Tür zog. Hilbert Himmelwärts versperrte ihm den Weg. »Hast du jemals daran gedacht, dein Leben für Om zu öffnen?« fragte der Priester. Seine Stimme zitterte, und Schweiß glänzte auf seinem Ge- sicht. »Ach, du schon wieder?« erwiderte der Graf. »Mein Junge, wenn ich ihr widerstehen kann, bist du kein Problem für mich!« Himmelwärts hielt die Axt wie einen sehr kostbaren Gegenstand. »Hebe dich hinfort, sündiger Geist…«, begann er. »Meine Güte«, seufzte der Graf und stieß die Axt beiseite. »Lernst du denn überhaupt nichts, du dummer Kerl? Ein dummer Mann, der dum- me Hoffnungen auf irgendeinen dummen Gott setzt.« »Dadurch kann ich die Dinge… so sehen, wie sie sind«, entgegnete Himmelwärts. »Tatsächlich? Und du glaubst, mich aufhalten zu können? Die Axt ist nicht einmal ein religiöses Symbol!« »Oh.« Himmelwärts wirkte plötzlich niedergeschlagen. Agnes sah, wie Schultern und Axt nach unten sanken., Dann blickte der Priester auf, und seine Miene erhellte sich, als er sag- te: »Vielleicht können wir sie in eins verwandeln.« Agnes beobachtete, wie die Axt eine goldene Spur in der Luft hinter- ließ, als sie herumschwang. Es folgte ein leises, fast seidenes Geräusch. Die Axt fiel zu Boden, und in der plötzlichen Stille klang das Pochen so laut wie das Läuten einer Glocke. Nach einigen Sekunden zog Him- melwärts das Kind aus den erschlafften Händen des Vampirs. Er reichte das Baby Magrat, die es mit verblüfftem Schweigen entgegennahm. Das nächste Geräusch war das Rascheln von Omas Kleid, als sie auf- stand, zur Axt ging und sie mit dem Fuß anstieß. »Wenn ich einen Fehler habe«, bemerkte sie, und ihr Tonfall brachte dabei zum Ausdruck, daß es nur eine rein theoretische Möglichkeit war, »so besteht er darin, daß ich nicht weiß, wann man besser weglaufen sollte. Außerdem neige ich dazu, mit schlechten Karten zu bluffen.« Ihre Stimme hallte durch den Saal. Außer ihr schienen noch immer alle den Atem anzuhalten. Sie nickte dem Grafen zu, der langsam die Hände zu der roten Wunde hob, die ganz um seinen Hals herumlief. »Es war eine scharfe Axt«, sagte sie. »Wer behauptet, es gäbe keine Gna- de auf der Welt? Du solltest nur nicht nicken, das ist alles. Jemand wird dich zu einem hübschen kalten Sarg bringen, und die nächsten fünfzig Jahre vergehen bestimmt wie im Flug, und vielleicht erwachst du mit genug Vernunft, um dumm zu sein.« Murmelnde Stimmen erklangen, als das Leben in die Menge zurück- kehrte. Oma Wetterwachs schüttelte den Kopf. »Offenbar möchten dich die Leute toter als nur tot«, fügte sie hinzu, während der Graf verzweifelt geradeaus starrte und Blut zwischen seinen Fingern hervorquoll. »Es gibt da gewisse Möglichkeiten. Oh, ja, wir könnten dich verbrennen und deine Asche im Meer verstreuen…« Die Antwort der Menge war ein zustimmendes Seufzen. »… oder sie während eines Sturms hoch in die Luft werfen…« Applaus erklang. »Wir könnten auch einen Seemann bezahlen, um dich über den Rand, werfen zu lassen.« Dieser Vorschlag erntete begeisterte Pfiffe. »Wahr- scheinlich bekommst du irgendwann die Chance, ins Leben zurückzu- kehren. Aber mehrere Millionen Jahre im All zu schweben… Für mich klingt das ziemlich langweilig.« Sie hob die Hand, um die Menge zum Schweigen zu bringen. »Nein. Fünfzig Jahre, um gründlich nachzudenken – das erscheint mir richtig. Die Menschen brauchen Vampire«, sagte Oma. »Um nicht zu vergessen, wofür Pflöcke und Knoblauch da sind.« Sie wandte sich den Bürgern von Eskrau zu und schnippte mit den Fingern. »Also gut. Zwei von euch bringen ihn in die Gruft. Zeigt Re- spekt vor den Toten…« »Das genügt nicht!« sagte Piotr und trat vor. »Nicht nachdem er…« »Kümmert euch selbst um ihn, wenn er zurückkehrt«, schnappte Oma laut. »Lehrt eure Kinder! Vertraut nicht dem Kannibalen, nur weil er mit Messer und Gabel ißt! Und denkt daran, daß Vampire nur dann einen bestimmten Ort aufsuchen, wenn man sie einlädt!« Die Leute wichen zurück. Oma entspannte sich ein wenig. »Diesmal steht sie mir zu. Die… Wahl.« Sie beugte sich näher zur schrecklichen Grimasse des Grafen vor. »Du hast versucht, mir mein Selbst zu nehmen«, sagte sie leiser. »Und das ist alles, was ich habe. Denk darüber nach. Versuch zu lernen.« Sie trat zurück. »Bringt ihn fort.« Sie drehte sich um und sah zu dem hochgewachsenen Mann. »Nun… du bist also der alte Herr, wie?« »Alison Wetterwachs?« fragte der alte Herr. »Ich habe ein gutes Ge- dächtnis für Hälse.« Oma erstarrte kurz. »Was? Nein! Äh… woher kennst du den Namen?« »Sie kam hier durch, vor rund fünfzig Jahren. Wir begegneten uns kurz. Dann schlug sie mir den Kopf ab und durchbohrte mein Herz mit einem Pflock.« Der Graf seufzte verträumt. »Eine sehr temperamentvolle Da- me. Du bist mit ihr verwandt, nehme ich an? Ich fürchte, ich habe den Überblick über die Generationen verloren.« »Ich bin die Enkelin«, erwiderte Oma kleinlaut., »Igor hat mir von einem Phönix außerhalb des Schlosses erzählt…« »Vermutlich fliegt er bald weiter.« Der Graf nickte. »Sie haben mir immer gefallen«, sagte er wehmütig. »Als ich jung war, gab es viele von ihnen. Sie machten die Nächte schön. So schön. Damals war alles einfacher…« Seine Stimme verklang – und erhob sich dann erneut, fester und lauter. »Aber dies sind offenbar moder- ne Zeiten.« »So heißt es jedenfalls«, sagte Oma. »Nun, Verehrteste, ich schenke ihnen kaum Beachtung. Nach fünfzig Jahren stellt sich immer heraus, daß sie eigentlich gar nicht so modern waren.« Der Graf schüttelte die jüngeren Vampire wie Puppen. »Ich ent- schuldige mich für das Verhalten meines Neffen. Ziemlich schlechte Manieren für einen Vampir. Möchten die Bürger aus Eskrau, daß diese beiden hier sterben? Zumindest zu diesem Angebot fühle ich mich ver- pflichtet.« »Sind es nicht deine Verwandten?« fragte Nanny, als die Menge nach vorn drängte. »Doch. Aber wir sind nicht gerade eine familiäre Spezies.« Vlad richtete einen beschwörenden Blick auf Agnes und streckte die Hand nach ihr aus. »Du würdest doch nicht zulassen, daß man mich umbringt. Du wür- dest doch nicht ruhig dabei zusehen. Wir könnten… Wir hätten viel- leicht… Es wäre möglich, daß wir… Es wäre doch möglich, nicht wahr?« Die Menge zögerte. Es klang nach einer wichtigen Bitte. Hundert Bli- cke richteten sich auf Agnes. Sie schüttelte den Kopf. Vielleicht könnten wir ihn zu einer besseren Person machen, sagte Perdita. Aber Agnes dachte an Eskrau, an Menschen, die in Reihen Aufstellung bezogen, an Kinder, die spielten, während sie warte- ten. Das Böse kam mit scharfen Krallen in der Nacht, oder grau am Tag, auf einer Liste… »Vlad…«, sagte sie langsam und sah ihm dabei tief in die Augen. »Ich würde die Mäntel für sie halten.« »Ein durchaus verständliches Empfinden, aber so etwas wird nicht ge- schehen«, erklang Omas Stimme hinter ihr. »Bring sie fort, Graf. Erklär, ihnen, was es mit der Tradition auf sich hat. Lehre sie Dummheit.« Der Graf nickte und lächelte, wobei er seine Zähne ganz entblößte. »Selbstverständlich. Ich werde ihnen beibringen, daß man zurückkeh- ren muß, um zu leben…« »Ha! Du lebst nicht, Graf. Der Phönix lebt. Du verstehst es einfach nur nicht, tot zu sein. Verschwindet jetzt!« Der folgende Augenblick wirkte wie aus der Zeit geschnitten, und dann stiegen drei Elstern dort auf, wo eben noch die Vampire gestanden hatten. Sie kreischten und schnatterten, verschwanden dann in der Dun- kelheit des Daches. »Es gibt Hunderte von ihnen!« wandte sich Agnes an Nanny. »Nun, Vampire können sich in Dinge verwandeln«, erwiderte Nanny. »Das wissen alle, die sich mit Vampiren auskennen.« »Und was bedeuten dreihundert Elstern?« »Sie bedeuten, daß es Zeit wird, die Möbel abzudecken«, sagte Nanny. »Außerdem wird es Zeit für einen ordentlichen Drink.« Die Leute gingen auseinander. Sie wußten, daß die große Vorstellung beendet war. »Warum hat sie uns nicht erlaubt, die Existenz der Vampire auszulö- schen?« zischte Piotr an Agnes’ Ohr. »Der Tod ist viel zu gut für sie!« »Ja«, bestätigte Agnes. »Ich schätze, deshalb wollte sie nicht, daß sie ge- tötet werden.« Himmelwärts hatte sich noch nicht von der Stelle gerührt. Er blickte starr geradeaus, und seine Hände zitterten. Agnes führte ihn behutsam zu einer Sitzbank und sorgte dafür, daß er Platz nahm. »Ich habe ihn umgebracht, nicht wahr?« flüsterte er. »Bei Vampiren läßt sich das nur schwer sagen«, erwiderte Agnes. »Es gab nichts anderes zu tun! Alles wurde so einfach… Ein goldener Glanz erfüllte plötzlich die Luft, und dann kam der Augenblick, der e- nergisches Handeln erforderte…« »Ich glaube, es beschwert sich niemand«, sagte Agnes. Du mußt zugeben, daß er recht attraktiv ist, flüsterte Perdita. Wenn er doch nur etwas gegen das Furunkel unternehmen würde…, Magrat nahm auf der anderen Seite von Himmelwärts Platz und hielt das Baby in ihren Armen. Sie atmete einige Male tief durch. »Das war sehr tapfer von dir«, sagte sie. »Nein, das war es nicht«, erwiderte Himmelwärts heiser. »Ich dachte, Frau Wetterwachs würde etwas tun…« »Oh, sie hat etwas getan«, sagte Magrat und schauderte. »Und ob sie das hat.« Oma Wetterwachs setzte sich auf das andere Ende der Bank und zwickte ihren Nasenrücken. »Ich möchte nach Hause«, meinte sie. »Ich möchte nach Hause und ei- ne Woche lang schlafen.« Sie gähnte. »Was gäbe ich jetzt für eine Tasse Tee.« »Du hast dir doch eine gekocht!« entfuhr es Agnes. »Wir waren ganz verrückt danach!« »Wo sollte ich hier Tee herbekommen? Es war nur eine Mischung aus Schlamm und Wasser. Aber ich weiß, daß Nanny einen Beutel irgendwo bei sich trägt.« Sie gähnte erneut. »Koch Tee, Magrat.« Agnes öffnete den Mund, doch Magrat winkte ab und reichte ihr das Baby. »Sofort, Oma«, sagte sie und drückte Agnes mit sanftem Nachdruck auf die Sitzbank zurück. »Ich stelle nur schnell fest, wo Igor den Kessel aufbewahrt.« Hilbert Himmelwärts trat auf den Wehrgang an den Zinnen. Die Sonne stand bereits ein ganzes Stück hinter dem Horizont, und eine leichte Brise wehte über die Wälder von Überwald. Einige Elstern schnatterten in den Bäumen unweit des Schlosses. Oma hatte die Ellenbogen auf eine Zinne gestützt und blickte über den sich lichtenden Nebel. »Es sieht nach einem schönen Tag aus«, sagte Himmelwärts glücklich. Zu seinem großen Erstaunen fühlte er sich einfach prächtig. Eine gewis- se Schärfe lag in der Luft, und die Zukunft steckte voller Möglichkeiten. Er erinnerte sich an den Moment, als er die Axt geschwungen hatte, als, sie beide sie geschwungen hatten. Vielleicht gab es einen Weg… »Später wird ein Unwetter von der Mitte heranziehen«, sagte Oma. »Nun, die Feldfrüchte können vermutlich Regen vertragen«, erwiderte Himmelwärts. Etwas schimmerte kurz über ihnen. Im hellen Tageslicht waren die Flügel des Phönix kaum zu sehen, zeigten sich nur als vages gelbes Glü- hen in der Luft. Als der Vogel hoch über dem Schloß kreiste, zeichnete sich in ihm die winzige Gestalt des Falken ab. »Warum sollte jemand ein solches Geschöpf töten wollen?« fragte Himmelwärts. »Oh, manche Leute würden alles töten, nur aus Spaß.« »Ist es ein wahrer Vogel oder etwas, das im Innern eines Vogels…« »Es ist etwas, das existiert«, unterbrach Oma den Priester scharf. »Du solltest es vermeiden, dich mit Allegorie zu bekleckern.« »Ich fühle mich… privilegiert, weil ich so ein Wesen gesehen habe.« »Tatsächlich? Solche Empfindungen bringe ich jedem Sonnenaufgang entgegen«, sagte Oma. »Dir ginge es vermutlich ebenso, wenn du so alt wärst wie ich.« Sie seufzte und schien dann vor allem zu sich selbst zu sprechen. »Sie wurde also nie böse, ganz gleich, was die Leute behaupten. Und bei dem alten Vampir mußte man auf Zack sein. Sie wurde nicht böse. Du hast ja gehört, wie er davon gesprochen hat. Niemand hat ihn gezwungen, das zu erwähnen. Du hast ihn doch gehört, oder?« »Äh… ja.« »Sie muß älter als ich gewesen sein. War eine verdammt gute Hexe, Nana Alison. Messerscharfer Verstand. Hatte einige kleine Eigenheiten, aber wer hat die nicht?« »Gewiß niemand, den ich kenne.« »Ja. Völlig richtig.« Oma straffte die Schultern. »Gut«, sagte sie. »Äh…« »Ja?« Himmelwärts sah auf die Zugbrücke und die Straße hinab. »Ich sehe dort unten einen Mann, der ein von Schlamm bedecktes, Nachthemd trägt und ein Schwert schwingt«, sagte er. »Viele Bürger aus Lancre und… kleine blaue Männer folgen ihm…« Er kniff die Augen zusammen. »Jedenfalls sieht es nach Schlamm aus.« »Das dürfte der König sein«, sagte Oma. »Die Große Aggie hat ihm was von ihrer Brühe gegeben, so wie es sich anhört. Bestimmt ist er ge- kommen, um alle zu retten.« »Aber sind nicht bereits alle gerettet?« »Oh, er ist der König, und Könige müssen ab und zu jemanden retten. Es lenkt sie vom täglichen Einerlei des Regierens ab. Doch nachdem er die Brühe der Großen Aggie probiert hat, kann er vielleicht gar nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden. Laß uns nach unten gehen.« »Ich glaube, ich sollte mich bei dir bedanken«, sagte Himmelwärts, als sie die Wendeltreppe erreichten. »Weil ich dir über die Berge geholfen habe?« »Die Welt ist jetzt… anders.« Himmelwärts’ Blick glitt über Dunst, Wälder und purpurne Berge. »Wohin auch immer ich blicke – überall erkenne ich etwas Heiliges.« Zum erstenmal sah er Oma Wetterwachs richtig lächeln. Normalerwei- se kamen ihre Mundwinkel ein wenig nach oben, bevor jemandem, der es verdiente, etwas Unangenehmes zustieß. Aber diesmal schien sie zu- frieden zu sein mit den Worten, die sie gerade gehört hatte. »Das ist ein guter Anfang«, sagte sie. Die Kutsche der Elstyrs war aufgerichtet und zum Schloß gebracht wor- den. Jetzt kehrte sie zurück, mit Jason Ogg an den Zügeln. Er achtete darauf, den Schlaglöchern auszuweichen, denn sie bescherten ihm dort Schmerzen, wo er beim Kampf blaue Flecken davongetragen hatte. Au- ßerdem befand sich die königliche Familie an Bord, und derzeit fühlte er sich außerordentlich loyal. Als sehr großer und starker Mann neigte Jason Ogg nicht zur Gewalt, denn so etwas hatte er gar nicht nötig. Manchmal rief man ihn zur Ta- verne, damit er dort einen besonders ernsten Streit beendete, was ihm fast immer gelang, indem er die beiden Streithähne packte und so lange, auseinanderhielt, bis sie nicht mehr zappelten. Wenn das nicht zum Er- folg führte, schlug er sie mehrmals gegeneinander auf möglichst freund- liche Art und Weise. Normalerweise ließ er sich nicht von Aggressivität beeinflussen, aber bei dem Kampf um das Schloß von Lancre hatte er Verence hochheben und daran hindern müssen, Feinde, Freunde, Einrichtungsgegenstände, Wände und seine eigenen Füße zu zerschmettern. Seitdem sah er den König mit ganz anderen Augen. Was den Kampf betraf… Er war sehr kurz gewesen. Die Söldner hatten große Bereitschaft zur Kapitulation gezeigt, insbesondere nach Shawns Angriff. Es war nur schwer gewesen, Verence lange genug zurückzuhalten, damit der Gegner aufgeben konn- te. Das Verhalten des Monarchen von Lancre hatte Jason sehr beein- druckt. Im Innern der Kutsche ruhte König Verences Kopf auf dem Schoß seiner Gemahlin. Er stöhnte leise, während sie mit einem Tuch seine Stirn betupfte… Ein Karren folgte der Kutsche in respektvollem Abstand. Er beförder- te die Hexen, doch derzeit bestand sein Inhalt vor allem aus einem herz- haften Schnarchen. Oma Wetterwachs’ Schnarchen zeichnete sich durch eine ursprüngli- che Natur aus. Es war nie gezähmt worden. Niemand hatte jemals daneben schlafen müssen, um die größten Exzesse mit einem Tritt, ei- nem Knuff in den verlängerten Rücken oder einem Kopfkissen zu zü- geln. Dieses besondere Schnarchen hatte über viele Jahre in einem ein- samen Schlafzimmer Gelegenheit gehabt, das Knark, Graaah und Gnoc, gnoc, gnoc zu perfektionieren, ohne die vielen Rippenstöße und sporadi- schen Mordversuche, die den Schnarchdrang im Lauf der Zeit mildern. Oma lag mit offenem Mund am Ende des Karrens im Stroh und schnorchelte hingebungsvoll. »Gleich sind die Achsen durchgesägt«, frotzelte Nanny und führte das Pferd. »Man hört, wie gut es ihr tut.« »Ich bin ein wenig wegen Herrn Himmelwärts besorgt«, sagte Agnes. »Er sitzt einfach nur da und lächelt.«, Der junge Priester ließ die Beine über das Heck des Karrens baumeln und blickte glücklich zum Himmel empor. »Ist er irgendwo mit dem Kopf angestoßen?« fragte Nanny. »Ich glaube nicht.« »Dann laß ihn einfach lächeln. Immerhin steckt er nichts in Brand oder so… Oh, da ist ein alter Freund…« Igor stellte gerade ein neues Schild fertig, und die seitlich aus dem Mund ragende Zunge wies auf das Ausmaß seiner Konzentration hin. Die Aufschrift lautete: »Warumme nich unsrigen neuen Sufenirladen besuchigen?« Er stand auf und nickte, als sich der Karren näherte. »Während er tot war, find dem alten Herrn einige neue Ideen gekom- men«, sagte er und hielt offenbar eine Erklärung für notwendig. »Heute nachmittag foll ich mit dem Bau einer Kirmef beginnen, waf auch immer daf fein mag.« »Meistens geht’s dabei um Schaukeln und so«, sagte Nanny. Igors Miene erhellte sich. »Oh, ich habe jede Menge Feile und konnte immer gut Schlingen knüpfen«, erwiderte er. »Ich glaube nicht, daß…«, begann Agnes, wurde jedoch sofort von Nanny unterbrochen. »Ich schätze, es kommt ganz darauf an, wer den Spaß haben soll«, meinte sie. »Wir sehen uns bestimmt wieder, Igor. Laß dich auf keine Dinge ein, auf die ich mich nicht ebenfalls einlassen würde – falls es so etwas überhaupt gibt.« »Das mit Fetzen tut uns sehr leid«, sagte Agnes. »Vielleicht finden wir einen anderen Hund für dich…« »Daf ift fehr nett, aber nein, danke. Einen Hund wie Fetfen gibt ef nur einmal.« Er winkte ihnen nach, bis der Karren hinter der nächsten Biegung ver- schwand. Als sich Agnes wieder umdrehte, sah sie drei Elstern auf einem Ast ü- ber der Straße hocken. »›Drei steht für Särge…‹«, begann sie., Ein Stein sauste nach oben. Empörtes Quieken erklang, und Federn stoben davon. »Zwei für Vergnügen«, sagte Nanny und klang sehr zufrieden. »Das war gemogelt, Nanny!« »Hexen mogeln immer«, erwiderte Nanny Ogg. Sie drehte den Kopf und sah zu der Schlafenden. »Das ist allgemein bekannt – zumindest bei den Leuten, die über Hexen Bescheid wissen.« Sie kehrten nach Lancre zurück. Es hatte wieder geregnet. Wasser tropfte in Himmelwärts’ Zelt und auch ins Harmonium – wenn er jetzt darauf spielte, ertönte ein Quaken, das von einem zerquetschten Frosch zu stammen schien. Außerdem rochen die Gesangsbücher ziemlich streng nach Katze. Er gab sie auf und widmete sich dem Unterfangen, das Feldbett zu demontieren. Beim Aufbauen hatte es ihm die Haut von den Knöcheln geschabt und fast einen Finger zerquetscht; trotzdem sah es noch immer so aus, als wäre es für einen bananenförmigen Menschen bestimmt. Hilbert Himmelwärts wußte, daß er versuchte, nicht nachzudenken. Im großen und ganzen war er zufrieden damit. Er empfand es als angenehm, sich auf einfache Aufgaben zu konzentrieren und dem eigenen Atem zu lauschen. Vielleicht gab es einen Weg… Er blickte durch den Eingang des Zelts nach draußen. Menschen näherten sich. Die ersten brachten lange Bretter mit, einige andere rollten Fässer. Mit offenem Mund beobachtete Himmelwärts, wie einfache Sitzbänke entstanden. Immer mehr Leute trafen ein. Ihm fiel auf, daß einige Männer Verbände um die Nasen trugen. Dann hörte er das Klappern von Rädern und sah die königliche Kut- sche durchs Tor rollen. Dieser Anblick befreite ihn von der Starre. Er eilte ins Zelt zurück, zog dort feuchte Sachen aus einem Beutel und suchte verzweifelt nach einem sauberen Hemd. Sein Hut war nie wieder- gefunden worden, und Schlamm bildete dicke Krusten auf seinem Man- tel. Das Leder der Schuhe hatte lange Risse, und die Schnallen waren in, den Moorpfützen angelaufen. Aber es mußte doch noch irgendwo ein sauberes Hemd zu finden sein… Jemand versuchte, an die nasse Zeltplane zu klopfen. Nach einer Pause von einer halben Sekunde kam die betreffende Person ins Zelt. »Darf ich eintreten?« fragte Nanny Ogg und musterte den Priester von Kopf bis Fuß. »Da draußen warten alle auf dich. Verlorene Schafe, die geschoren werden möchten, könnte man sagen«, fügte sie hinzu. Gewis- se Signale deuteten darauf hin, daß ihr derzeitiges Verhalten auf einem Kompromiß mit sich selbst basierte. Himmelwärts drehte sich um. »Frau Ogg, ich weiß, daß du mich nicht sehr magst…« »Ich weiß nicht, warum ich dich überhaupt mögen sollte«, sagte Nanny. »Immerhin bist du Esme gefolgt, und sie mußte dir beim Weg über die Berge helfen.« Die Antwort kreischte in Himmelwärts’ Hals, bevor er das wissende Funkeln in Nannys Augen sah. Es gelang ihm, die scharfen Worte in ein Hüsteln zu verwandeln. »Äh… ja«, sagte er. »Ja. Dumm von mir, nicht wahr? Äh… wie viele Personen haben sich dort draußen eingefunden, Frau Ogg?« »Oh, hundert, vielleicht auch hundertfünfzig.« Hebel, dachte Himmelwärts und dachte kurz an die Bilder in Nannys Wohnzimmer. Sie kontrolliert die Hebel vieler Leute. Aber ich wette, vorher hat jemand ihren Hebel umgelegt. »Und was erwarten sie von mir?« »Auf dem Plakat steht ›Abendgottesdienst‹«, sagte Nanny schlicht. »›A- bendbier‹ wäre besser.« Er ging nach draußen und sah im Licht des späten Nachmittags die Gesichter eines großen Teils der Bevölkerung von Lancre. König und Königin saßen in der vordersten Reihe. Verence nickte würdevoll und vermittelte dem Priester die Botschaft: Was auch immer er beabsichtigte – er konnte jetzt damit beginnen. Nanny Oggs Körpersprache ließ keinen Zweifel daran, daß irgendwel- che speziellen omnianischen Gebete nicht toleriert wurden. Himmel-, wärts begnügte sich mit einem allgemeinen Dankesgebet, das er an die Adresse aller Götter richtete, die zufälligerweise zuhörten – oder auch nicht. Dann holte er das Harmonium hervor und spielte einige Akkorde, was Nanny schon nach kurzer Zeit zum Anlaß nahm, ihn beiseite zu stoßen. Sie rollte die Ärmel hoch und entlockte dem Musikinstrument Töne, von denen Himmelwärts überhaupt nicht gewußt hatte, daß sie irgendwo darin verborgen waren. Die Besucher sangen nicht sonderlich begeistert – bis Himmelwärts das gräßliche Gesangbuch beiseite legte und einige der Lieder anstimmte, die er von seiner Großmutter gelernt hatte. Es waren Lieder voller Feuer, Donner, Tod und Gerechtigkeit, Lieder, deren Melodien man summen konnte und deren Titel »Om soll die Ungläubigen zerstampfen«, »Heb mich zum Himmel empor« und »Entzünde das gute Licht« lauteten. Diese Lieder fanden weitaus mehr Anklang. Die Bewohner von Lancre scher- ten sich kaum um Religion, aber sie wußten, wie sie sich anhören sollte. Während er vorsang und mit einem Stock auf Worte zeigte, die er auf die Zeltplane gekritzelt hatte, beobachtete er seine… Nun, er beschloß, die Versammlung seine »Gemeinde« zu nennen. Es war seine erste. Viele Frauen und frisch gewaschene Männer gehörten dazu, aber ein Gesicht dominierte durch Abwesenheit. Mitten im Lied hob er den Blick und bemerkte weit oben einen Adler: einen kleinen Fleck, der am Himmel Kreise zog und vielleicht nach ver- lorenen Schafen Ausschau hielt. Und dann endete der Gottesdienst, und die Besucher gingen stumm. Sie wirkten dabei wie Leute, die eine Aufgabe hinter sich gebracht hat- ten, die nicht unbedingt unangenehm gewesen war. Der Kollektenteller enthielt zwei Ankh-Morpork-Cents, mehrere Karotten, eine große Zwie- bel, einen kleinen Laib Brot, ein Pfund Hammelfleisch, einen kleinen Krug mit Milch und eine eingelegte Schweinshaxe. »Wir haben nicht unbedingt eine Bargeldökonomie«, erklärte König Verence und trat vor. Ein dicker Verband umhüllte seine Stirn. »Oh, das ergibt eine gute Mahlzeit«, erwiderte Himmelwärts in dem übertrieben fröhlichen Tonfall, den viele Leute dem königlichen Ge- schlecht gegenüber benutzen., »Du wirst doch mit uns speisen, oder?« fragte Magrat. »Ich… äh… wollte beim ersten Licht des Tages aufbrechen, Herr. Deshalb sollte ich den Abend besser nutzen, um meine Sachen zu pa- cken und das Feldbett zu verbrennen.« »Du willst aufbrechen?« erwiderte der König. »Ich dachte, du bleibst hier. Ich habe eine… Meinungsumfrage veranstaltet und kann daher sagen, daß nicht nur ich dich willkommen heiße, sondern auch die Bür- ger von Lancre.« Himmelwärts sah den Hinweis deutlich in Magrats Gesicht: Die »Mei- nungsumfrage« bedeutete, daß Oma Wetterwachs keine Einwände er- hob. »Nun, ich… äh… ich schätze, früher oder später kehre ich hierher zu- rück, Herr«, sagte der Priester. »Aber… um ganz ehrlich zu sein: Ich möchte nach Überwald.« »Das ist ein teuflischer Ort, Herr Himmelwärts.« »Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht und bin entschlossen.« »Oh.« Verence wirkte verblüfft, aber ein König lernt schnell, sich von Überraschungen zu erholen. »Nun, du weißt sicher, was am besten für dich ist.« Er schwankte ein wenig, als Magrats Ellenbogen seine Rippen streifte. »Oh… ja… Wir haben gehört, daß du dein… äh… heiliges A- mulett verloren hast, und deshalb sind wir heute nachmittag, ich meine, die Königin und Fräulein Nitt sind zu Shawn Ogg gegangen, und er hat heute nachmittag dies hier hergestellt…« Himmelwärts entrollte schwarzen Samt und fand eine goldene Kette, an der eine kleine goldene Axt hing. Er starrte darauf hinab. »In der Darstellung von Schildkröten ist Shawn nicht besonders gut«, sagte Magrat, um das Schweigen zu brechen. »Das weiß ich sehr zu schätzen«, sagte Himmelwärts schließlich. »Wir bedauern, daß es kein sehr heiliger Gegenstand ist«, meinte der König. Himmelwärts winkte ab. »Wer weiß, Herr?« erwiderte er. »Heiligkeit ist dort, wo man sie findet.«, Hinter dem König hatten Jason und Darren Ogg respektvoll Haltung angenommen – beide trugen Pflaster auf den Nasen. Sie wichen hastig beiseite, um dem König Platz zu machen, der sie gar nicht zu bemerken schien. Nanny Ogg spielte einen Akkord auf dem Harmonium, als das königli- che Paar mitsamt Gefolge gegangen war. »Wenn du morgen früh Jason in der Schmiede besuchst, bringt er den Blasebalg dieses Dings in Ordnung«, sagte sie zurückhaltend. Himmel- wärts begriff, daß er für die Begriffe von Nanny Ogg gerade ein dreifa- ches Hurra und den ausdrücklichen Dank der ganzen Bevölkerung be- kommen hatte. »Es hat mich sehr beeindruckt, daß all die Leute aus freiem Willen ka- men«, sagte er. »Sozusagen spontan.« »Stell dein Glück nicht auf die Probe.« Nanny stand auf. »Freut mich, dich kennengelernt zu haben, Frau Ogg.« Nanny ging einige Schritte, doch Oggs ließen nie etwas unausgespro- chen. »Ich halte noch immer nicht viel von Priestern wie dir«, sagte sie steif. »Aber wenn du in dieser Gegend jemals an eine Ogg-Tür klopfen soll- test… Dann kannst du mit einer warmen Mahlzeit rechnen. Du bist viel zu dürr. Selbst am Bleistift des Metzgers ist mehr Fleisch dran.« »Danke.« »Ich kann dir allerdings keinen Nachtisch versprechen.« »Natürlich nicht.« »Na schön…« Nanny Ogg zuckte mit den Schultern. »Viel Glück in Überwald.« »Om wird bestimmt mit mir sein«, erwiderte Himmelwärts. Er fragte sich, ob er Nanny ärgern konnte, indem er ganz ruhig mit ihr sprach. Hatte Oma Wetterwachs so etwas jemals versucht? »Hoffentlich«, sagte Nanny. »Ich möchte nämlich nicht, daß er sich hier herumtreibt.« Als sie gegangen war, zündete Himmelwärts das schreckliche Bett an und legte die Gesangbücher in die Nähe des Feuers, um sie zu trocknen., »Hallo…« Von einer Hexe in der Dunkelheit sieht man nur das Gesicht, das ei- nem von Schwärze umgeben entgegenschwebt. Nach einigen Sekunden gab es mehr Kontraste: Ein Teil des Schattens löste sich und wurde zu Agnes. »Oh, guten Abend«, sagte Himmelwärts. »Danke, daß du gekommen bist. Nie zuvor habe ich jemanden gehört, der mit sich selbst mehrstim- mig singen kann.« Agnes hüstelte nervös. »Willst du wirklich nach Überwald?« »Es gibt doch keinen Grund für mich, hier in Lancre zu bleiben.« Agnes’ linker Arm zuckte mehrmals. Sie griff mit der rechten Hand danach. »Vermutlich nicht«, sagte sie leise. »Nein! Sei still! Dies ist kein geeigne- ter Zeitpunkt!« »Wie bitte?« »Ich habe nur… äh… mit mir selbst geredet«, brachte Agnes hervor. »Nun… alle wissen, daß du Oma geholfen hast. Sie tun nur so, als hätten sie keine Ahnung.« »Ja. Ich weiß.« »Und es macht dir nichts aus?« Himmelwärts zuckte mit den Schultern. Agnes hüstelte erneut. »Ich dachte, du bleibst vielleicht noch eine Weile hier.« »Das hätte keinen Sinn. Hier werde ich nicht gebraucht.« »Ich bezweifle, daß Vampiren und ähnlichen Geschöpfen viel daran gelegen ist, Gottesdienste zu besuchen und zu singen«, sagte Agnes. »Vielleicht können sie etwas anderes lernen«, erwiderte Himmelwärts. »Mal sehen, was ich in Überwald ausrichten kann.« Agnes zögerte einige Sekunden. »Ich habe dies für dich«, sagte sie und reichte dem Priester einen Beu- tel. Er nahm ihn entgegen und holte ein kleines Glas daraus hervor., Darin glühte eine Phönixfeder. Ihr klares, kühles Licht drang durch die Nacht. »Sie stammt von…«, begann Agnes. »Ich weiß, von wem die Feder stammt«, sagte Himmelwärts. »Geht es Frau Wetterwachs gut? Ich habe sie eben nicht unter den Leuten gese- hen.« »Äh… sie ruht sich heute aus.« »Bitte danke ihr in meinem Namen.« »Sie meinte, du sollst das Licht zu dunklen Orten tragen.« Himmelwärts lachte. »Äh… ja. Äh… vielleicht komme ich morgen früh, um dich zu verab- schieden…«, sagte Agnes unsicher. »Das wäre nett von dir.« »Also… dann bis… du weißt schon…« »Ja.« Agnes schien mit einem inneren Widerstand zu ringen. Schließlich brachte sie hervor: »Und… äh… ich wollte… ich meine, ich habe da etwas für dich, das…« »Ja?« Agnes’ rechte Hand tauchte rasch in eine Tasche und holte ein Päck- chen aus Pergamentpapier hervor. »Ein Wickel«, platzte es aus ihr heraus. »Das Rezept ist sehr gut, und im Buch steht, daß es immer wirkt, und wenn du das Mittel erhitzt und aufträgst, sollte das Furunkel bald verschwinden.« Himmelwärts nahm das Päckchen behutsam entgegen. »Vielleicht ist dies das schönste Geschenk, das ich jemals bekommen habe«, sagte er. »Äh… gut. Es ist… äh… von uns beiden. Auf Wiedersehen.« Himmelwärts sah ihr nach, bis sie aus dem Licht geriet, und dann ve- ranlaßte ihn etwas, wieder nach oben zu blicken. Der Adler kreiste jetzt über den Schatten der Berge und glitt ins Licht der untergehenden Sonne. Für einen Sekundenbruchteil schimmerte er goldfarben und verschwand dann in der Dunkelheit., Von hier oben sah der Adler meilenweit über die Berge. Das von Oma angekündigte Unwetter hatte Überwald erreicht. Blitze zuckten dort über den Himmel. Einige von ihnen knisterten bei den höchsten Türmen des Schlosses Bleibtdemschloßfern – und auch auf dem Regenhut, mit dem Igor seinen Kopf vor dem Rosten schützte. Kleine Kugeln aus glühendem Licht tanzten über die ausfahrbare eiserne Spitze, die Igor langsam nach oben kurbelte, während er auf einer Gummimatte stand. Unter dem Apparat, von dem bereits ein lautes elektrisches Summen ausging, ruhte ein Bündel, gehüllt in eine Decke. Die eiserne Spitze erreichte ihre Endposition. Igor seufzte. BEI FUSS! BEI FUSS, SAGE ICH! HÖRST DU ENDLICH DAMIT AUF… LASS LOS! LASS SOFORT LOS; ALSO GUT… ÄH… FASS? FASS? NA BITTE… Tod sah dem davonlaufenden Hund namens Fetzen nach. An so was war er nicht gewöhnt. Es kam immer wieder vor, daß sich jemand darüber freute, ihn zu sehen, denn die vorletzten Momente des Lebens waren oft sehr ereignisreich und komplex. Unter solchen Um- ständen konnte es eine Erleichterung sein, einer kalten Gestalt in Schwarz zu begegnen. Aber mit soviel Enthusiasmus – beziehungsweise mit soviel fliegendem Schleim – bekam er es jetzt zum erstenmal zu tun. Es war beunruhigend. Er bekam dadurch den Eindruck, seine Aufgabe nicht richtig zu erfüllen. LIEBER HUND. UND JETZT… LASS LOS. HAST DU NICHT GEHÖRT? ICH HABE DIR GERADE GESAGT, DU SOLLST LOSLASSEN! Fetzen sprang davon. Dies machte viel zuviel Spaß, um damit aufzuhö- ren. Unter dem schwarzen Kapuzenmantel läutete es leise. Tod rieb seine Hand an dem dunklen Stoff ab, um sie zu trocknen und holte dann eine Lebensuhr hervor, deren Sand in der unteren Hälfte ruhte. Doch das, Glas war in sich verdreht, wies größere und kleinere Vorsprünge auf. Während Tod es beobachtete, erschien knisterndes blaues Licht darin. Normalerweise ließ Tod so etwas nicht zu. Aber als er nun mit den Fingern schnippte, dachte er daran, daß es vermutlich keine andere Mög- lichkeit gab, die Sense zurückzubekommen. Die eiserne Spitze fing einen Blitz ein. Es roch nach angesengter Wolle. Igor wartete eine Zeitlang und stapfte dann zu dem Bündel. Eine Spur aus geschmolzenem Gummi blieb hinter ihm zurück. Er kniete sich hin und zog vorsichtig die Decke beiseite. Fetzen gähnte. Eine große Zunge leckte Igors Hand. Als er erleichtert lächelte, erklangen tief unten im Schloß die mächtigen Orgelklänge der »Tokkata für junge Frauen in knappen Nachthemden«. Der Adler flog weiter, ins Becken von Lancre. Die Nacht glühte auf dem See und der langgestreckten v-förmigen Welle, die aus vielen kleinen v-förmigen Wellen bestand. Ihre Spitze zeigte auf eine ahnungslose Insel. Stimmen hallten von den Bergen wider. »Bis später, Otter!« »Wir sehen uns bald wieder, ha!« »Kleine Männer, große Freiheit!« »Wir sind die Größten!« Der Adler glitt weiter und ging nun schnell tiefer. Lautlos schwebte er über dunkle Wälder, machte einen Bogen über den Bäumen und landete auf einem Zweig. Nicht weit entfernt stand eine Hütte auf einer Lich- tung. Oma Wetterwachs erwachte. Ihr Körper bewegte sich nicht, aber ihr Blick huschte hin und her. Im Halbdunkel wirkte ihre Nase noch krummer als sonst. Nach einer Weile, ließ sie sich zurücksinken, und die Anspannung wich aus den nach vorn gewölbten Schultern. Schließlich stand sie auf, streckte sich und ging zur Tür. Die Nacht fühlte sich wärmer an. Man konnte spüren, wie sich das Grün im Boden regte und auf eine Gelegenheit wartete, ans Licht zu kommen. Das Schlimmste war überstanden, und von jetzt an strebte das Jahr fort von der Dunkelheit… Natürlich würde die Finsternis zurück- kehren, aber das lag in der Natur der Dinge. Vieles begann. Oma schloß die Tür, entzündete ein Feuer im Kamin, holte die Schachtel mit Kerzen aus der Anrichte. Sie steckte alle an und verteilte sie auf Untertassen im Zimmer. Auf dem Tisch hatte sich während der vergangenen beiden Tage eine kleine Pfütze angesammelt. Das Wasser kräuselte sich, und die Mitte neigte sich nach oben. Ein Tropfen sprang empor, klatschte gegen die feuchte Stelle an der Decke und verschwand. Oma zog die Uhr auf und setzte das Pendel in Bewegung. Sie verließ das Zimmer kurz und kehrte mit einem Pappschild zurück, das an einem abgenutzten Bindfaden hing. Damit nahm sie im Schaukelstuhl Platz und zog ein halb verbranntes Stück Holz aus dem Kamin. Die Uhr tickte, während sie schrieb. Ein weiterer Tropfen verließ den Tisch und flog zur Decke. Dann hängte sich Oma Wetterwachs das Schild um den Hals und lehn- te sich lächelnd zurück. Der Stuhl schaukelte eine Zeitlang, ein Kontra- punkt zum Ticken der Uhr und dem leisen Platschen der Tropfen. Dann kam er allmählich zur Ruhe. Auf dem Schild stand: IMMER NOCH ICH BINNE NICHT TOT ↑ Das Licht verblaßte von kann zu kann nicht. Nach einigen Minuten erwachte eine Eule in einem nahen Baum, stieg, auf und flog über den Wald.

ENDE

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