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GERT PROKOP Die Phrrks Phantastische Geschichten Verlag Das Neue Berlin ISBN 3-359-00743-3 1. Auflage dieser Ausgabe 1994 © 1989 Eulenspiegel · Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH, PF 106,10103 Berlin Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: P. Fischer Sternaux Satz: Pencil, Text-Satz-Korrekturbüro Printed in Germany Die Phrrks ...5 Die Sache mit dem Alpha-No-i ...58 Ein harmloser Irrer ...70 Josefa ...86 Im Alleingang ...92 Mein Mörder kommt selten allein ...138 Bornemanns Heimkehr...163 Gestern…?...172 Eine Nacht im MEZOAfU-M...196 Kasperle ist wieder da ...212 Der Heiligenschein ...2...
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GERT PROKOP

Die Phrrks

Phantastische Geschichten Verlag Das Neue Berlin, ISBN 3-359-00743-3 1. Auflage dieser Ausgabe 1994 © 1989 Eulenspiegel · Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH, PF 106,10103 Berlin Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: P. Fischer Sternaux Satz: Pencil, Text-Satz-Korrekturbüro Printed in Germany, Die Phrrks ...5 Die Sache mit dem Alpha-No-i ...58 Ein harmloser Irrer ...70 Josefa ...86 Im Alleingang ...92 Mein Mörder kommt selten allein ...138 Bornemanns Heimkehr...163 Gestern…?...172 Eine Nacht im MEZOAfU-M...196 Kasperle ist wieder da ...212 Der Heiligenschein ...251 Der Rowdy...267 Olymp Hauptbahnhof ...290 Ein Bild aus der Zukunft ...314 Zwerg Nr. 7...316 Die Contessa ...334 In alle Ewigkeit…...382,

Die Phrrks

Die Sache mit den kleinen blauen Männchen begann ganz still und harmlos. An einem Donnerstag. Emma Appelmann starrte ungläubig auf das Inse- rat in der Zeitung. Sie nahm die Brille ab, hauchte die Gläser an, putzte sie sorgfältig mit dem Zipfel der Tischdecke und las noch einmal. »Na also«, sagte sie triumphierend. »Von wegen Sperrmüll!« Sie steckte die Hand in das Körbchen auf der Zen- tralheizung und streichelte den Goldhamster, der zwischen Wattebergen schlummerte. »Nun wird bald wieder alles gut, Pussy«, sagte sie zärtlich, dann suchte sie die Nummer des Taxistan- des aus dem Telefonbuch und versuchte es geduldig immer wieder, bis sie endlich ein Freizeichen und schließlich sogar eine Stimme hörte. »Hören Sie, guter Mann«, erklärte sie, »ich will mein Radio zur Reparatur bringen, und ich bin eine alte Frau. Könnten Sie so freundlich sein, mich auf- zusuchen und es in Ihr Auto hinuntertragen? Ich zah- le gut.« Der Taxifahrer sah Emma ungläubig an, als er den Radioapparat erblickte. »Wollen Sie den alten Ka- sten tatsächlich noch reparieren lassen? Der ist doch, mindestens dreißig Jahre alt.« »Fast fünfundvierzig«, korrigierte Emma. »Er spielt noch mit echten Röhren. Und dann wird er warm wie ein kleiner Ofen, nicht wahr, Pussy?« Der Taxifahrer blickte sich vergeblich nach je- mandem um, der Pussy heißen konnte. »Glauben Sie im Ernst, daß Sie einen finden, der so was repariert? Der sich überhaupt noch mit so alten Kästen aus- kennt? Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Schmeißen Sie Ihr Geld nicht zum Fenster raus; schmeißen Sie das Ding auf `n Müll.« »Nein, nein«, erwiderte Emma freundlich, »wir hängen an dem Ding, nicht wahr, Pussy?« Der Taxifahrer zuckte mit den Schultern. »Okay, ist Ihr Geld.« Der Laden lag in einer kleinen Seitenstraße, und nichts verriet, daß sich hier eine Reparaturwerkstatt befand, auch nicht im Innern: ein leerer, spinnweb- grauer Raum mit ein paar leeren staubigen Regalen. Emma glaubte schon, daß jemand sich mit dem Inse- rat nur einen Jux gemacht hatte, da betrat eine junge Frau den Raum und forderte den Taxifahrer auf, das Radio auf den Ladentisch zu stellen. »Sie können den Apparat morgen wieder abho- len«, sagte sie. »Und Sie reparieren ihn? Wirklich?« erkundigte sich Emma mißtrauisch. »Nicht ich. Der Meister.«, »Kann ich ihn bitte sprechen?« »Nein, er kommt erst abends. Aber ich versichere Ihnen, morgen nachmittag ist Ihr Gerät fertig, und – «, sie bedachte Emma mit einem strahlenden Lä- cheln, »es wird spielen, als sei es neu.« Sie hatte nicht zuviel versprochen. Auch der Taxi- fahrer, der Emma wie verabredet pünktlich um zehn Uhr abgeholt hatte, zeigte sich überrascht. »Es geschehen noch Wunder«, sagte er. »Machen Sie auch Rasierapparate, Fräulein?« »Nein, leider…« Sie hob bedauernd die Hände. »Na, Muttchen, da haben Sie aber Glück gehabt«, sagte der Taxifahrer, als er das Radio auf dem Tisch neben der Balkontür abgestellt hatte. »Ich hätt' jede Wette gemacht, daß sich keiner herabläßt, so'n alten Apparat zu reparieren, dazu für `n paar Mark. Kann doch kein Geschäft sein, oder? Wer hat denn noch so alte Klamotten? Höchstens so `ne…« »Alte Schachtel wie ich? Wollten Sie das sagen?« Emma schmunzelte vergnügt. »Hier haben Sie einen Fünfer extra.« Nachdem sie die Tür hinter ihm geschlossen und die Sicherungskette vorgelegt hatte, holte Emma ei- nen Schraubenzieher, löste die Rückwand des Radios und schraubte hinter dem Loch, das sie vor einem Jahr in die Platte geschnitten hatte, wieder den klei- nen Kasten aus Drahtgitter an und polsterte ihn mit Watte., »So, Pussy«, sagte sie, »nun kannst du es dir ge- mütlich machen.« Sie wollte die Rückwand befestigen, doch der Drahtkäfig paßte kaum noch in das Radio, verbog sich, als sie es mit Gewalt versuchte. Emma beugte sich vor, starrte in den offenen Kasten, schloß die Augen, um sich zu erinnern, guckte noch einmal, schüttelte den Kopf, dann ging sie mit zusammenge- preßten Lippen zur Tür und zog sich den Mantel an. »Alles«, so sagte sie, »muß man sich doch wohl nicht gefallen lassen.« Am Taxistand warteten zehn Leute, so fuhr sie mit dem Bus ins Zentrum. Sie brauchte lange, bis sie den Laden wiederfand. Er war geschlossen, und es sah so aus, als sei er in den letzten zwanzig Jahren auch nie geöffnet gewesen. Emma hämmerte mit der Faust, dann mit dem Schirmgriff gegen die Tür, vergeblich. Sie ging zurück zur Hauptstraße, betrat das erste Elektronik-, Hi-Fi- und Fernsehgeschäft und verlang- te so energisch nach dem Chef, daß man ihn herbei- rief. »Wo kann ich mich beschweren?« fragte sie. »Ich hatte mein Radio zur Reparatur weggebracht…« »Sind Sie nicht zufrieden?« fragte der Geschäfts- führer. »Spielt es nicht?« »Doch, es spielt, aber ich bin nicht zufrieden. Ganz und gar nicht! Man hat irgend etwas ausge- wechselt und neues Zeug hineingebaut.«, Er erkundigte sich nach Typ und Baujahr; als Emma es ihm sagte, konnte er nur mit Mühe ein La- chen unterdrücken. »Das spielt noch?« »Wieder«, sagte Emma. »Trotzdem, ich finde es ungehörig, mein Gerät ohne meine Zustimmung um- zubauen.« »Verstehen Sie denn etwas von Radios?« Der Hohn in seiner Stimme war nicht zu überhören. »Soviel allemal! Das sieht doch ein Blinder!« »Und Sie behaupten, das Gerät sei bei uns…?« »Nein, entschuldigen Sie bitte, in einem kleinen Laden um die Ecke. Ich dachte nur, Sie wüßten be- stimmt, wo man sich über so eine unerhörte Eigen- mächtigkeit beschweren kann.« »In solch einem Fall nirgends. Wozu auch, es spielt doch, nicht wahr, gnädige Frau?« »Ich bin äußerst ungnädig«, erwiderte Emma wü- tend, »und ich gedenke, zu meinem Recht zu kom- men. Es kann doch nicht jeder mit meinen Sachen machen, was er will.« Als man ihr im vierten Laden unverhohlen erklär- te, sie sei total verrückt, fuhr Emma nach Hause, doch sie gab nicht auf. Jetzt versuchte sie es per Te- lefon: beim Obermeister der Elektromechaniker- Innung, bei der Hauptverwaltung der Elektroindu- strie, bei dem für ihren Stadtbezirk zuständigen Ab- geordneten, im Amt für Eingaben, schließlich sogar, bei der Staatsanwaltschaft, wo man ihr androhte, den medizinischen Notdienst zu schicken, wenn sie fort- fahre, ernsthaft arbeitende Leute mit ihren Verrückt- heiten zu belästigen. Sie fragte sich, ob sie sich am Ende nur aus Man- gel an anderer Beschäftigung in eine unsinnige Sache verbohrt hatte, und entschied, daß es um mehr ging: um ein Prinzip. Hatte sie etwa nicht das Recht, ge- hört zu werden und Recht zu bekommen, wo sie recht hatte? Sie ging zum Polizeirevier. Sie hatte Glück, der Diensthabende war Herr Lapschinsky aus ihrem Haus, und er hörte sich geduldig an, was Em- ma vorzubringen hatte. Er nickte sogar verständnis- voll, sagte dann aber, da könne man leider gar nichts tun. Ja, wenn das Gerät nicht spielen würde… Verbittert ging Emma nach Hause. Sie hatte keine Freude an ihrem Radio. Sie ließ es Pussy zuliebe den ganzen Tag laufen, doch sie stellte es, außer zur Nachrichtenzeit, so leise, daß sie nichts hören konn- te, und starrte stumm aus dem Fenster. In den näch- sten Tagen verließ sie ihre Wohnung nicht, und als es klingelte, öffnete sie völlig verwirrt die Tür. Patricia, ihre Großnichte, war gekommen, ihr zum achtund- siebzigsten Geburtstag zu gratulieren; Emma hatte ihn völlig vergessen. Patricia hatte Kuchen und eine Flasche Rotwein mitgebracht. Nach dem zweiten Glas machte Emma ihrem Her-, zen Luft, sie merkte zu spät, wie entsetzt Patricia sie anstarrte. »Hast du das alles wirklich getan?« fragte Patricia, stand auf, um das schmutzige Geschirr in die Küche zu bringen, und murmelte leise: »Total plemplem, wird Zeit, daß die Alte in ein Heim kommt.« Nicht leise genug, Emma hatte es verstanden, sie nahm den Kuchenteller und warf ihn der Großnichte an den Kopf. »Mach, daß du rauskommst«, schrie sie mit sich überschlagender Stimme, »und wenn du glaubst, daß du so zu einer Wohnung kommst, hast du dich schwer geirrt.« Patricia schickte ihr am nächsten Tag den Not- dienst auf den Hals. Der Arzt, ein junger, freundli- cher Mann, untersuchte Emma sorgsam, prüfte Re- flexe, Augen, Gehör, ließ sie Fragebogen ausfüllen, Farbkleckse deuten und mit verbundenen Augen auf der Teppichkante entlanglaufen, dann beglück- wünschte er sie zu ihrer »blendenden Verfassung«, wie er sagte. »Geben Sie es mir schriftlich«, bat Emma. »Wozu?« »Man kann nie wissen.« Er versprach es, aber natürlich hielt er es nicht, und Emma hatte vergessen, sich seinen Namen zu notieren. Am Dienstag sah sie ein handtellergroßes kreis-, rundes Loch in der Fensterscheibe der Balkontür. Als sie aufstand, um es aus der Nähe zu betrachten, konnte sie nichts entdecken, nicht einmal die Spur einer Unebenheit im Glas; vom Sessel aus wirkte es wieder wie ein Loch. Vielleicht eine Spiegelung, dachte sie, nur wovon? Und warum hatte sie es noch nie bemerkt, alle Möbel standen seit Jahren auf dem- selben Fleck. Vielleicht wirst du wirklich plemplem, dachte sie. Am Mittwochmorgen war Pussy verschwunden. Dafür hockte auf der Zentralheizung eine Katze, ein niedliches Tier, gewiß, goldbraun mit weißen Haar- spitzen, doch Emma wollte keine Katze, sie wollte Pussy. Sie untersuchte Türen und Fenster, alles fest verschlossen. Wie also konnte Pussy verschwinden, und wie war die Katze hereingekommen? Als Emma frühstückte und ganz in Gedanken das Weiße des aufgebackenen Brötchens auf einer Unter- tasse für den Goldhamster bereitstellte und Pussy rief, kam die Katze und fraß den Teller leer. An- schließend ging sie in die Ecke hinter dem Schrank und pinkelte in die Schale mit Sägespänen, sprang dann auf den Radiotisch und versuchte, ihren Kopf durch das zu kleine Loch in der Rückwand zu pres- sen. Schließlich gab sie auf und legte sich wieder auf die Heizung. In der nächsten halben Stunde rief Emma ein paarmal »Pussy«, jedesmal reagierte die Katze, auch, wenn Emma den Namen mit abgewandtem Kopf oder ganz leise sagte. Verwirrte sich ihr Geist nun tatsächlich? Alt genug wäre sie. Vielleicht hatte sie die Katze schon lange, hatte nur früher einmal einen Goldhamster besessen? Sie holte das Fotoalbum aus dem Schrank. Patricia hatte ihr im vorigen Jahr eine Polaroid-Kamera ge- schenkt, und Emma hatte, daran erinnerte sie sich genau, gleich ihren Goldhamster fotografiert. Oder ihre Katze? Die Bilder waren nicht sehr scharf: die Farbe stimmte, und das Tier auf den Fotos sah eher wie ein Goldhamster aus, doch als Beweis waren sie wohl nicht gut genug. Emma holte die Kamera, nahm die Katze auf, be- wußt etwas unscharf, wartete, bis sich das Bild auf dem Papier zeigte, verglich dann das neue mit den alten Fotos: nein, da war kaum Ähnlichkeit. Sie foto- grafierte die Balkontür. Auf dem Bild zeichnete sich unzweideutig und gestochen scharf ein kreisrundes Loch ab! Emma überlegte, wem sie die Fotos zeigen könnte, und stellte seufzend fest, daß sie niemanden hatte, dem sie sich anvertrauen konnte. Ihr wurde wieder einmal bewußt, wie gottverlassen allein sie war. Wozu in aller Welt lebte sie eigentlich noch! Aber sie wußte nun wenigstens, daß sie nicht ver- rückt war. Nach dem Mittag nickte sie wie jeden Tag im Ses- sel ein, und als sie aufwachte und noch verschlafen, über die Brille blinzelte, war sie sicher, daß sie doch verrückt war. Hinter dem Radio kam ein handgroßes blaues Männchen hervor, blickte zu ihr herüber, sprang dann vom Tisch, nein, schwebte langsam durch die Luft und verschwand durch das Loch in der Fenster- scheibe. Du träumst, dachte Emma. Sie preßte die Lider zu- sammen und biß sich auf die Unterlippe, daß es schmerzte. Als sie die Augen wieder öffnete, schwebte gerade ein zweites blaues Männchen durch die Luft, kurz danach ein drittes, dann ein viertes. Die Männchen hatten, soweit Emma das auf diese Entfernung und ohne Brille ausmachen konnte, ku- gelrunde kahle Köpfe mit weit abstehenden Ohren und Rüsseln. Emma griff mit ganz langsamen Bewegungen nach ihrer Brille, dann nach der immer noch auf dem Tisch liegenden Kamera, drehte sie in Richtung Ra- dioapparat und drückte ab, als sich erneut ein blaues Männchen zeigte. Sie wartete ungeduldig, daß sich das Bild auf dem Papier entwickelte. Sie hatte nicht geträumt, und sie war nicht ver- rückt! Fotos lügen nicht. Sie legte das Bild auf den Tisch, lehnte sich zurück, schloß die Augen und überlegte, was sie jetzt unternehmen sollte. Ein Räuspern riß sie aus ihren Gedanken. Auf dem Tisch stand eines der blauen Männchen,, blickte sie vorwurfsvoll an, schüttelte unwillig den Kopf und drohte ihr mit seinem kleinen blauen Fin- ger. Dann richtete er ein blitzendes Etwas auf das Foto, und das Bild entfärbt sich ebenso, wie es vor wenigen Augenblicken entstanden war. Anschlie- ßend richtete das Männchen sein Gerät auf die Ka- mera, und der Fotoapparat verwandelte sich vor Emmas Augen in eine silberne Zuckerdose. Das Männchen hob noch einmal warnend seinen Finger, dann schwebte es zur Balkontür und verschwand durch die Scheibe. Emma fiel in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kam, erinnerte sie sich an alles. Hatte sie es nur geträumt? Auf dem Tisch stand eine Zuckerdose, die sie nie zuvor besessen hatte, daneben lag ein quadratisches weißes Papier und nicht weit davon ein zweites, das mußte das Foto von dem Loch in der Fensterscheibe gewesen sein; das Bild der Katze war unversehrt. Also kein Traum. Emma griff zum Telefon und rief auf dem Polizei- revier an. Herr Lapschinsky hörte ihr geduldig zu, sagte dann aber nur, sie solle sich nicht aufregen, in ihrem Alter habe man zuweilen die seltsamsten Träume, ja, auch Wachträume, er könne da Sachen von seiner Großmutter erzählen… Emma fragte, ob er nicht nach Feierabend bei ihr reinschauen könne, aber Lapschinsky bedauerte, leider habe er heute keine Zeit, auch in den nächsten Tagen nicht, viel- leicht am Wochenende., Emma suchte die Nummer der Akademie der Wis- senschaften heraus und erkundigte sich bei der Ver- mittlung nach jemandem, der für neuartige wissen- schaftliche Phänomene zuständig sei. Sie wurde an einen Dr. Kerr weiterverbunden. Er hörte zu, bis Emma von den merkwürdigen kleinen Männern sprach, die hinter ihrem, ja wahr- scheinlich aus ihrem Radiogerät auftauchten, da un- terbrach er sie. »Kleine grüne Männchen?« »Nein, blaue«, sagte Emma, »blau und handgroß.« »Gute Frau«, sagte er, »wenn Sie Langeweile ha- ben, dann rufen Sie die Telefonfürsorge an.« »Ich habe keine Langeweile«, erwiderte Emma bestimmt, »ich weiß, es klingt vielleicht verrückt…« »Eben«, sagte der andere, »darf ich fragen, von wo Sie anrufen?« »Nicht aus dem Irrenhaus! Aus meiner Woh- nung.« Sie nannte ihm ihre Nummer, er könne ja zu- rückrufen, wenn er ihr dann eher zu glauben geneigt sei. Sie wartete vergebens. Schließlich rief sie noch einmal in der Akademie an, Dr. Kerr reagierte wü- tend. »Falls Sie wirklich nicht aus einem Irrenhaus an- rufen«, sagte er, »dann werden Sie schnellstens in einem landen, wenn Sie mich noch einmal belästi- gen, das verspreche ich Ihnen.« Emma versuchte es noch in der Redaktion der Ta-, geszeitung, bei der »Naturwissenschaftlichen Rund- schau« und im Fernsehen, wo man sie jedoch gar nicht erst ausreden ließ. Sie knallte den Hörer auf die Gabel. »Dann eben nicht!« Neben dem Telefon hockte ein blaues Männchen, die Arme über der Brust verschränkt, den Rüssel ge- rade nach vorn gestreckt, und sah Emma spöttisch an, so kam es ihr zumindest vor. »Na, zufrieden?« fragte sie wütend. »Ich hatte nichts anderes erwartet«, antwortete das Männchen mit erstaunlich voller und tiefer Stimme. Es ließ seinen Rüssel pendeln. »Gib es auf, Emma, niemand wird dir glauben. Und Beweise Beweise hast du schließlich nicht.« »Weil du meine Fotos und meine Kamera vernich- tet hast!« »Nicht ich, unser Speliontophoriker.« »Euer was?« »Ach, das verstehst du doch nicht, Emma.« »Ich verbitte mir, daß du mich duzt!« empörte sich Emma. »Warum? Du duzt mich doch auch. Ich heiße üb- rigens ach, sage Phti zu mir. Ich bin dein Betreuer. Wenn du irgend etwas mit uns klären willst, rufst du mich, ja?« »Und woher weiß ich, daß du es dann bist? Ihr seht doch alle gleich aus.« »Das kommt dir nur so vor. Mit der Zeit wirst du, uns schon unterscheiden können.« »Mit der Zeit?« fragte Emma entsetzt. »Wie lange wollt ihr denn bleiben? Was wollt ihr eigentlich hier? Wieso seid ihr ausgerechnet zu mir alten Frau ge- kommen? Wie viele seid ihr? Und woher kommt ihr?« »Aus dem Radio«, sagte Phti lächelnd. »Und wie kommt ihr da hinein?« Phti zuckte mit den Schultern, schlug einen Kreis mit seinem Rüssel, verbeugte sich und schwebte da- von. In den nächsten Stunden geschah nichts, wenn man davon absehen will, daß die Katze dreimal un- gerufen ankam, auf Emmas Schoß sprang und sich schnurrend zusammenrollte; Emma warf sie runter. Kein blaues Männchen ließ sich blikken, auch nicht Phti, obwohl Emma mehrmals nach ihm rief. Als es zu dämmern begann, machte sie Licht an, doch dann saß sie unbewegt mit fast geschlossenen Augen da, als ob sie schliefe, und beobachtete das Loch in der Scheibe. Plötzlich schwebten sie in lan- ger Reihe ein. Emma zählte mit: zweihundertsieben- unddreißig. Wie, um Himmels willen, fanden sie Platz in dem Radio? »Phti!« rief sie mit scharfer Stimme. »Komm so- fort her!« »Da bin ich schon.« Er ließ sich außerhalb ihrer Reichweite auf der Tischplatte nieder, und als Emma, sich vorbeugte, rückte er gleich weiter ab. »Bitte, versuch nie, mich zu berühren«, sagte er. »Auf der Stelle will ich wissen, was hier vor sich geht«, verlangte Emma. »Das ist schwer zu erklären«, antwortete Phti. »Ich fürchte auch, dir fehlen die notwendigen Vorausset- zungen, es zu verstehen.« »Laß es uns versuchen«, sagte Emma. »Wozu? Heißt es nicht in euren Gesetzbüchern: Selig sind die Unwissenden?« »Das ist die Bibel und kein Gesetzbuch«, erwider- te Emma, »und ich bin keine Christin, ich werde kei- ne Ruhe geben, bis ich erfahren habe, was ich wissen will.« »Wie denn?« Phti schlug einen Haken mit seinem Rüssel. »Zum Beispiel könnte ich das Radio auf die Bal- konbrüstung stellen und es hinunterwerfen, wenn ihr mir nichts sagt.« »Das würde ich nicht versuchen«, sagte Phti ernst. »Würdest du dir als, nun, sagen wir, Stehlampe ge- fallen? Oder als Maus, die von deiner Katze gejagt wird?« »Gut, fangen wir mit der Katze an«, sagte Emma ungerührt. »Warum habt ihr Pussy in eine Katze verwan- delt?« »Um dir einen Gefallen zu tun. Wir dachten, ohne, Haustier seist du gar zu einsam. Möchtest du lieber einen Hund?« »Ich will meinen Pussy.« »Das geht leider nicht. Er stört uns.« »Was macht ihr eigentlich da im Radio?« »Kein Kommentar.« »Paß auf, Phti«, sagte Emma, »ich bin nicht so dumm, wie du denkst. Ich verfolge seit vielen Jahren alle wissenschaftlichen Beiträge in den Zeitungen und im Fernsehen, ich lese seit über fünfzig Jahren Science-Fiction-Bücher. Von Verne, Wells, Domi- nik, Bradbury, Lern, Asimov kenne ich fast alles, und ich sehe mir jeden utopischen Film im Kino oder im Fernsehen an ihr seid Externsten, nicht wahr? Von welchem Stern kommt ihr?« Phti lächelte nur. »Ich mache mir meine Gedanken«, fuhr Emma fort. »Ihr könnt unmöglich alle in dem Radio Platz finden. Also, so denke ich mir, ist das nur eine Art Durchgangsstation für euch. Ihr habt irgendwo da oben eine Raumstation und kommt auf irgendeine Weise durch mein Radio herunter, stimmt's? Ihr habt doch auch die Anzeige in die Zeitung setzen lassen.« Phti nickte. »Mir ist schon klar, warum. Ihr habt euch gesagt, daß nur alte Leute oder Sonderlinge noch Röhrenge- räte besitzen können, Leute, die man für vertrottelt oder meschugge hält, wenn sie eines Tages von klei-, nen blauen Männchen erzählen.« »Du bist wirklich nicht dumm«, sagte Phti. »Wie viele solcher Geräte wie meines gibt es noch?« Phti zuckte mit den Schultern. »Vielleicht weißt du es wirklich nicht«, sagte Emma, »das ist im Augenblick auch nicht wichtig, aber: Was wollt ihr hier? Wollt ihr die Erde besetzen?« Sie lachte. »Eine Invasion aus dem Weltraum habe ich mir immer ganz anders vorgestellt. Meinst du nicht, daß wir mit euch Däumlingen im Handumdrehen fertig werden?« »Mag sein«, sagte Phti, »aber versuche du es lie- ber nicht.« »Ich vermute wohl richtig«, sagte Emma, »daß mir nichts anderes übrigbleibt, als euch Obdach zu ge- währen?« »Ja, Emma, so ist es.« »Nun gut. Was aber habe ich davon?« »Sag mir, was du möchtest. Wenn es möglich ist, werde ich es dir verschaffen.« »Einen neuen Fernseher«, antwortete Emma, ohne nachzudenken, »bei meinem fällt schon oft das Bild zusammen.« Phti schwenkte die Hand, es blitzte kurz auf, dann stand in der Schrankwand ein supermodernes japani- sches Gerät., »Danke schön«, sagte Emma. »Ich muß gestehen, so gefallt ihr mir schon besser.« »Ich müßte jetzt gehen«, meinte Phti. »Ich wün- sche dir, so sagt man doch hier bei euch, eine ange- nehme Nacht und einen schönen Traum.« »Danke, dir auch«, antwortete Emma verblüfft. »Gute Nacht.« Emma ließ eine halbe Stunde verstreichen, bevor sie aufstand und ins Bad ging. Hier erst nahm sie den kleinen Recorder aus dem Halsausschnitt ihres Klei- des, ließ die Kassette zurückspulen und überzeugte sich, daß auch das ganze Gespräch aufgezeichnet war. Sie versteckte die Kassette in dem Korb für die Schmutzwäsche. »Wenn ihr denkt, ihr könnt einer alten Frau auf der Nase herumtanzen, dann irrt ihr euch gewaltig«, sagte sie. »Euch werde ich schon auf die Schliche kommen.« Am nächsten Morgen wartete Phti bereits auf Emma. Er grüßte freundlich, dann bat er sie, das Ra- dio auch weiterhin Tag und Nacht laufen zu lassen. »Warum sollte ich?« fragte Emma. »Jetzt, da Pus- sy nicht mehr hineinkann, um sich zu wärmen…« »Tu es mir zuliebe«, sagte Phti. »Braucht ihr etwa den Strom?« spottete Emma. »Habt ihr am Ende die Elektrizität noch nicht erfun- den? Könnt ihr sonst nicht herunterkommen?« »Das nicht, Emma, aber…«, Phti lächelte, »du würdest uns helfen. Tust du es?«, »Gut«, sagte Emma, »warum sollte ich euch den Gefallen nicht tun. Hast du sonst noch einen Wunsch?« »Wenn du uns Eigelb geben könntest, sagen wir, von etwa zwanzig Eiern?« »So viele habe ich nicht im Kühlschrank, Phti, aber ich muß ohnehin einkaufen. Hat es Zeit bis mit- tags?« »Bis heute abend. Noch eines, Emma, laß die Kat- ze bitte nicht mehr ins Zimmer. Sicher ist sicher.« Emma rückte ihren Sessel näher ans Fenster und sah zu, wie das Geschwader der kleinen blauen Männchen aus dem Radio kam und durch das Loch in der Scheibe entschwebte, bevor sie frühstückte. Jetzt merkte sie, daß die kleinen Gestalten durchaus individuelle Züge trugen; da waren kleine Unter- schiede in der Größe, den Körperproportionen und in der Form der Köpfe, Ohren und Rüssel. Richtig niedlich, dachte sie. Eigentlich ist es ganz schön; so habe ich ein wenig Abwechslung. Als sie dann einkaufen ging und die Sonne schien, fühlte sie sich wohl, wie seit langem nicht mehr, sie pfiff sogar leise vor sich hin. Ja, ein wunderschöner Tag. Und beim Fleischer gab es Rindsfilet, im Gemüseladen Apfelsinen und Ketchup. Die Verkäuferin im Le- bensmittelladen sah Emma erstaunt an, als sie zwei Pakkungen Eier verlangte, doch Emma gab keine Erklärung., Phti kam als erster zurück, er bat Emma, jetzt das Eidotter in flachen Gefäßen bereitzustellen. Sie zog den Tisch aus, trug Teller, Untertassen und sogar die Bratenplatte des Meißner Service herbei und tat auf jedes Gefäß ein Dotter, auf die Bratenplatte zwei. Als sie die Eigelb mit einer Gabel aufschlagen wollte, winkte Phti ab, das sei nicht nötig. Da schwebten die blauen Männchen schon herbei, schwirrten einen Augenblick als Wolke über dem Tisch, bevor sie sich niederließen und um die Teller und Untertassen gruppierten. Einer gab ein eigentümlich knarrend- zischendes Kommando, dann saugten sie das Eigelb mit ihren Rüsseln auf, nur eines blieb unberührt. Emma sah mit einem Gemisch von Rührung und Verwunderung zu. Kein Mensch wird mir das glau- ben, dachte sie. Wirklich schade, daß ihre Gäste so empfindlich aufs Fotografieren reagierten. Nein, eine Filmkamera müßte sie haben, das gäbe den sensationellsten Strei- fen, der je über das Fernsehen gesendet worden war. Die Männchen formierten sich wieder zu einer blau- en Wolke, winkten mit Armen und Rüsseln und flo- gen in langer Reihe zum Radio. Phti blieb vor ihr in der Luft hängen. »Herzlichen Dank«, sagte er, »das war wirklich wunderbar. Das letzte Eigelb soll deine Belohnung sein.« Er drehte sich um, und das Dotter begann zu brodeln, und zu pulsieren, färbte sich schwarzgrün, aromati- scher Duft füllte das Zimmer. »Was ist das?« fragte Emma. »Erkennst du es nicht am Geruch?« fragte Phti verwundert zurück. »Ich habe gelernt, alte Damen wären ganz wild danach, gerade hier, in eurer Ge- gend. Nun, versuche es ruhig. Man muß es vor dem Einschlafen auf Brust und Stirn streichen. Gute Nacht.« Er ließ Emma völlig verdattert zurück. Sie be- trachtete die grüne Paste mit äußerstem Mißtrauen und rührte sie nicht an. Der Duft ließ nicht nach. Er wurde immer intensiver. Verlockend. Schließlich siegte ihre Neugier. Was kann mir al- ten Frau noch geschehen, dachte sie. Warum sollten die Kleinen mir etwas antun wollen, gerade jetzt, da wir so friedlich miteinander umgehen? Wenige Minuten, nachdem sie sich eingesalbt hat- te, fing ihr Herz an zu rasen, ihr wurde schwindlig, die Glieder waren unsagbar schwer. Emma lag mit geschlossenen Augen da und rang keuchend nach Luft. Dann schien es ihr, als falle sie ins Bodenlose. Sie riß die Augen auf. Nein, sie lag noch in ihrem Bett, aber Wände und Decke schwankten und wogten in Wellen, das Zimmer füllte sich mit leuchtendem, violettem Licht. Ein seltsames, dumpfes Brummen ertönte, erfaßte sie, ließ sie erbeben, dann wurde es pechschwarz. Kurz darauf wuchs rundum ein rosa, Schimmer, verdrängte die Dunkelheit, eigentümlich verzerrte Gestalten tauchten auf, unheimliche Ge- sichter mit langen, warzigen Nasen oder mit Hörnern tanzten um sie herum in der Luft, der Raum weitete sich geheimnisvoll, und Emma fühlte sich schweben. Dann entdeckte sie tief unter sich die Stadt. Sie flog! Eindeutig, sie flog. Vor vielen Jahren hatte sie einmal einen Rundflug gemacht, genauso lag nun das Land unter ihr, nur daß es jetzt in fahles silbernes Licht getaucht war, in dem Emma alle Einzelheiten unwirklich klar erken- nen konnte. Die Landschaft kam ihr bekannt vor. War das da hinten nicht der Harz? Sie spürte einen Druck zwischen den Schenkeln, merkte, daß sie auf einer Stange ritt; als sie sich umdrehte, sah sie am Ende der Stange so etwas wie einen Reisigbusch. Und Dutzende merkwürdiger Figuren, die mit ihr durch die Lüfte ritten. Ja, es war der Harz. Da lag unverkennbar der Brocken, dort die Roß- trappe und der Hexentanzplatz! Emma atmete schwer, klammerte sich an den Stiel. Der Besen drückte steil nach unten, setzte zur Landung an, setzte ganz weich auf, auf einem Pla- teau, auf dem ein gewaltiges gleißendes Feuer lohte, um das ein wilder Reigen tobte. Aufwühlende Musik ergriff Emma. Sie konnte nicht anders, sie reihte sich ein, hüpfte jauchzend um das Feuer, fühlte sich un- beschreiblich jung und unsagbar glücklich., Sie wunderte sich nicht, als ein bildschöner Jüng- ling quer durch das Feuer auf sie zusprang, sie um- armte und küßte; war sie nicht seinetwegen hierher- gekommen, kannten sie sich nicht seit undenklichen Zeiten? Hand in Hand liefen sie davon, torkelten ins Moos, sie gab sich ihm hin, sie war selig. Zum Teu- fel noch mal, wann hatte sie zum letzten Mal so et- was, wann hatte sie je solch eine Wollust erlebt? Es zog sie zum Feuer zurück, sie umarmte den ersten, der ihr über den Weg lief, er strahlte sie an, zog sie in ein Farngebüsch. Mehr, mehr! Ihr Verlangen wuchs ins unermeßliche. Sie tanzte wild mit drei nackten schwarzgelockten Teufeln, ent- führte die drei an den Waldrand, irgendwann schwanden ihr die Sinne. Sie erwachte in ihrem Bett. Todmüde. Völlig zer- schlagen. Als ihr die Ereignisse der Nacht einfielen, erschauderte sie. Dann zog ein Schmunzeln über ihre Lippen. Warum eigentlich nicht, dachte sie. Sie konnte froh sein, daß überhaupt noch etwas die Ein- tönigkeit ihrer Tage durchbrach; und wenn sie ehr- lich sein wollte, dann war es zwar sehr, sehr ihr fiel das richtige Wort nicht ein –, nun, verrückt gewesen, aber schön. Da mußte sie achtundsiebzig werden, um so etwas zu erleben. Und es war ja nur ein Traum, beruhigte sie sich. Oder nicht? Eine Hoffnung glomm in ihr auf. Sie machte Licht, tapste zum Spiegel, doch nur ihr zerfurchtes,, hohlwangiges Gesicht blickte sie an, die Haut toten- bleich, die Augen rot unterlaufen. Emma schlurfte in die Küche, brühte Kaffee, ver- schüttete die Hälfte, als sie die Tasse zum Sessel trug, und schlief ein, kaum, daß sie sich gesetzt hatte. Phti weckte sie. »Nun«, fragte er, »hat es dir gefallen?« Er sah ihr in die Augen. Emma schoß das Blut in die Wangen. Tatsächlich, sie konnte noch rot werden. Dann er- schrak sie. Was wußte Phti? »Wa-was war d-das?« stotterte sie. »Eine Mixtur«, antwortete Phti sachlich, »aus den Säften von, warte mal, Tollkirsche, Stechapfel, Bil- senkraut, Fliegenpilz, Rennefahre und Salbei. Unsere vorige Expedition hat das Rezept mitgebracht.« »Eure vorige –? Wann war das?« »Nach euren Zeitbegriffen vor etwa sechshundert Jahren.« »Hast du die Salbe mal ausprobiert?« »Nein, Salbei ist tödlich für uns.« »Aber du weißt, wie sie wirkt?« »Keine Ahnung. Die Berichte waren äußerst ver- wirrend für unsere Leute. Ich weiß nur, daß man da- mals großen Erfolg mit der Salbe hatte, vor allem bei alten Damen wie dir. Deshalb dachte ich, daß ich dich damit erfreuen könnte. Nur, Emma, du mußt äußerst verschwiegen sein. In den Annalen heißt es, daß eure Obrigkeit jene alten Damen, nun…«, »Verbrannt hat? Als Hexen? Wolltest du das sa- gen?« »Ja, Emma.« »Weil sie die Salbe benutzten oder…«, Emma sah ihn scharf an, »weil sie von kleinen blauen Männ- chen erzählten?« Phti hob verlegen die Hände. »Darüber steht nichts in den Berichten.« »Nun«, sagte Emma, »es ist nicht mehr üblich, Hexen zu verbrennen, aber ich werde trotzdem nie- mandem etwas davon erzählen.« »Aber es ist dir bekommen?« erkundigte sich Phti. »Ich habe mir Sorgen gemacht, als du heute früh nicht im Zimmer warst.« »Warum hast du nicht nachgesehen? Ich lag im Bett.« »Es macht uns erhebliche Mühe, durch Holz oder Stein zu dringen«, erklärte Phti, »spätestens heute abend jedoch wäre ich gekommen.« »Danke schön«, sagte Emma gerührt. »Höre mal, Phti, könntest du mich wieder jung machen?« Phti nickte. »Aber erst bei unserer Abreise. Du verstehst, wir wollen jedes Aufsehen vermeiden. Wenn du weiter so nett zu uns bist, erfüllen wir all deine Wünsche. Natürlich werden wir auch Pussy wieder umwandeln.« Erst jetzt fiel Emma auf, daß sie die Katze heute noch nicht gesehen hatte. »Wo ist Pussy?«, »Dort.« Phti zeigte verlegen auf eine wunderschö- ne weißbraune Muschel in der Schrankwand. »Es mußte sein, Emma, sie schnappt nach uns. Aber es ist nur vorübergehend.« Emma fühlte sich auch in den nächsten Tagen noch recht schlapp. Die meiste Zeit dämmerte sie im Sessel vor sich hin. Und schwelgte in Erinnerungen. Wenn sie die blauen Männchen erblickte, winkte sie mit den Fin- gern, und die Männchen grüßten mit den Rüsseln zurück. Am Freitag servierte Emma wieder Eigelb, und als sie ihr Sonntagessen kochte, dachte sie, daß Stampfkartoffeln vielleicht auch für ihre Gäste ein Leckerbissen sein könnten. Als die Männchen am Abend kamen, hatte sie den Tisch gedeckt. Phti erkundigte sich überrascht, was Emma da für sie hingestellt habe; nachdem sie es ihm erklärt hatte, steckte er eine winzige Probe in ein Kästchen, das er hinter seinem Rücken hervorzog Emma fragte sich einmal mehr, ob das Blaue nun eine Haut oder ein Schutzanzug sei –, kostete dann vorsichtig und wink- te schließlich die anderen herbei. Bald erfüllte ge- nüßliches Schmatzen den Raum; Emma schien es sogar, als ob sie kleine Rülpser vernahm. Dieses Mal verwandelte Phti einen Klecks Kartoffelbrei in Geldstücke. »Ich glaube, so etwas braucht man bei euch, um zu Dingen zu kommen«, erklärte er. »Du sollst unseret-, wegen nicht Not leiden.« Emma nahm verwirrt eine der Münzen in die Hand. Ein Goldstück! Mit der Jahreszahl 1284; auf der einen Seite Christus, umgeben von Lichtstrahlen, auf der anderen ein kniender Mann und ein zweiter mit Heiligenschein, der dem Knienden eine Fahne übergibt. Am nächsten Tag suchte sie den Antiquitä- tenladen in der Hauptstraße auf. Sie besäße ein altes Erbstück und wolle gerne wissen, wieviel es wert sei. »Eine venezianische Zechine«, sagte der Händler andachtsvoll. »Sogar eine der ersten Prägung. Und münzfrisch. Wollen Sie sie verkaufen?« »Wieviel ist die Münze wert?« fragte Emma zu- rück. »Da muß ich mich erst erkundigen. Derartige Stücke werden kaum noch angeboten.« »Na, so ungefähr werden Sie es doch wissen«, meinte Emma. »Hundert Mark, tausend?« »Mindestens zehntausend, meine Dame.« Emma nahm ihm die Münze aus der Hand und ging in das nächste Cafe. Sie bestellte einen Ananas- Eisbecher mit einer doppelten Portion Sahne, Mokka und französischen Cognac. Nun war sie also reich. Und wenn die Männchen sie eines Tages verließen, würden sie sie verjüngt zurücklassen. Jung und schön. Wie die Bardot, dach-, te sie, genauso wollte sie dann aussehen. Wie die Bardot mit zwanzig Jahren, versteht sich. Und Phti würde ihr gewiß noch mehr Schätze herbeizaubern. Wie hatte er gesagt: alle deine Wünsche. Tausend Sachen schossen Emma durch den Kopf, all die unerfüllt gebliebenen Wunschträume ihres Lebens. Sollte sie Phti bitten, Pussy in einen bild- schönen, unsterblich in sie verliebten Mann zu ver- wandeln? Nein, am Ende würde der sie dann mit sei- ner Eifersucht verfolgen, wenn sie seiner überdrüssig geworden war. Sie war fest entschlossen, ihr neues Leben in vollen Zügen zu genießen. Sie beglück- wünschte sich einmal mehr, daß sie damals das Ra- dio zur Reparatur gebracht hatte. Emma begann, Bilder aus alten Illustrierten und aus Büchern auszuschneiden, von Brigitte Bardot, von Häusern am Meer, von Vorortvillen, von traum- haften Inneneinrichtungen, vor allem von Luxusbä- dern, von kostbaren Gläsern und Porzellan und erle- senem Schmuck, einer Motorjacht, einem italieni- schen Sportwagen, denn natürlich würde sie Auto fahren können vielleicht auch fliegen? Nicht auf ei- nem Besen, versteht sich, in einem Düsenklipper. Bei ihrer Suche stieß sie auf ein Bild jener Frau, die damals ihr Radio entgegengenommen hatte. Emma studierte es lange. Nein, sagte sie sich schließlich, die Mittelstürme- rin der Fußball-Nationalmannschaft wird sich kaum, in so einen miesen Laden setzen. Jeden Freitagabend leistete Emma sich einen He- xensalbentrip, und ihre Ausflüge wurden von Mal zu Mal aufregender, die Orgien immer ausschweifender. Was sie alles in ihren Träumen tat! Dinge, bei denen sie früher vor Scham in die Erde gesunken wäre; jetzt schämte sie sich, daß sie einmal so dumm gewe- sen war. Aber erlebte sie es nicht jetzt, konnte sie überhaupt unterscheiden, ob das nur Träume waren oder die Erinnerungen an etwas sehr Reales? Egal. Auf jeden Fall war es unerhört erregend. Daß ich das noch erleben darf! dachte sie immer wieder. Sie war rundum zufrieden und glücklich, und sie hätte ihre kleinen Gäste gern jeden Abend bewirtet, doch die wollten nur einmal in der Woche Eigelb und sonn- tags Stampfkartoffeln, alle anderen Speisen lehnte Phti ab. Eines Nachmittags kam Frau May von der Kom- munalen Wohnungsverwaltung, um Emma zu über- zeugen, ihre Wohnung gegen eine kleinere zu vertau- schen. Sie sprach von der immer noch großen Woh- nungsnot und bot eine Einzimmer- Komfortwohnung an, natürlich würde man auch den Umzug bezahlen. »Gedulden Sie sich noch ein Weilchen«, erklärte Emma freundlich, »es wird ja nicht mehr lange dau- ern, bis ich diese Wohnung frei mache.« »An so etwas dürfen Sie gar nicht denken«, sagte die Verwalterin erschrocken. »Sie sind doch noch…«, »Ach«, unterbrach Emma, »ich denke oft daran, und ich muß gestehen, nicht ohne Vorfreude; dies ist doch kein Leben.« Dann erschrak sie. Die Straßenlampen brannten bereits, jeden Augenblick konnten die Männchen er- scheinen. Eilends drängelte sie die Verwalterin hin- aus. An diesem Abend fragte sie Phti, wie lange sie noch bleiben wollten. »Bist du unser überdrüssig?« erkundigte er sich besorgt. »Das nicht. Aber ich habe Angst, daß ich es nicht mehr erlebe. Du weißt doch…« Phti nickte verständnisvoll. »Keine Angst, Emma, du wirst es erleben, das verspreche ich dir.« Erleichtert setzte sich Emma an den Weltatlas, um weiter an ihrer Traumreise rund um den Globus zu arbeiten. Dann hörte sie in den Spätnachrichten, daß Waikiki und Tuolahoa von einem Seebeben ver- schlungen worden seien und daß die ganze Welt der Atolle und Inseln im Pazifik bedroht sei. Gerade jetzt, da sie sich entschlossen hatte, eine lange Tour durch die Südsee zu unternehmen! Von nun an verfolgte sie wieder aufmerksam die Nachrichten. Wie viele Katastrophen geschahen. Die Erde wür- de doch wohl nicht ausgerechnet jetzt zuschanden werden, da sie sich eine aufregende Zukunft entwarf?, Aber vielleicht, dachte sie, war es schon lange so, und sie hatte nur nicht darauf geachtet, weil das Schicksal dieses Planeten sie ohnehin nichts mehr anging? Ihre Besorgnis wuchs. Meldungen von Erdbeben und Flutkatastrophen häuften sich. Von gewaltigen Wolkenbrüchen und Überschwemmungen war die Rede, vom bedrohlichen Wachsen der Gletscher und des Polareises, von landesweiten Blackouts der Stromnetze und Computersysteme mit all ihren schrecklichen Folgen: von eingeklemmten Fahrstüh- len und steckengebliebenen Untergrundbahnen, in denen Panik ausbrach oder die Menschen erstickten, von Patienten, die auf den Operationstischen starben, weil seltsamerweise auch die Notstromaggregate versagten, von der massenweisen Vernichtung von Nahrungsmitteln durch den Ausfall der Kühlanlagen, von Kühen, Schweinen und Hühnern, die zu Zehn- tausenden in den modernen Stallungen krepierten, von Zügen, die ineinanderrasten, von Flugzeugen, die bei Notlandungen zerschellten… Eines Tages fiel mitten in einem Rundfunkvortrag über die rätselhafte Verdichtung der Atmosphäre und eine rapide wachsende Ozon-Schicht in der Strato- sphäre der Strom aus. Emma wartete im Dämmerschein einer Kerze auf die Männchen; sie kamen erst nach Mitternacht, kurz nachdem das Licht wieder angegangen war. Sie rief, Phti herbei. »Was ist los?« erkundigte sie sich. »Ich habe heute sehr lange auf euch warten müssen; dabei mußte ich im Dunkeln sitzen.« »Tut mir leid«, antwortete Phti, »das war nicht vorgese…« Er schwieg erschrocken. »Wart ihr das?« fragte Emma. »Natürlich nicht«, versicherte Phti, doch er wich ihrem Blick aus und verabschiedete sich schnell. In Emma wuchs ein schrecklicher Verdacht. Phti hatte nie verraten wollen, was sie da draußen taten. Material sammeln, wie es eine Expedition auf einem fremden Himmelskörper doch wohl tun müßte? Sie kamen immer mit leeren Händen zurück. Vielleicht sammelten sie nur Informationen? Warum aber taten sie so geheimnisvoll? Warum suchten sie nicht offi- ziellen Kontakt zu den Menschen? Emma konnte nicht einschlafen. Wenn ihre Gäste für all diese Ka- tastrophen verantwortlich waren, war dann nicht sie ebenso dafür verantwortlich? Emma sammelte sämtliche Katastrophenmeldun- gen, sie frischte sogar ihre französischen und engli- schen Schulkenntnisse auf, um auch ausländische Sender verfolgen zu können, und sie bedauerte sehr, daß sie nie Russisch gelernt hatte. Was ihr wichtig erschien, verzeichnete sie auf Karteikarten, ordnete die nach Ereignisgruppen und Regionen, und sie war mißtrauisch genug, die schnell wachsende Kartothek, im Schlafzimmer aufzubewahren: im Kleiderschrank, der noch aus massivem Eichenholz gebaut war. Als sie die Tabelle für die Umrechnung der Ortszeiten aus dem Lexikon zur Hilfe nahm, verstärkte sich ihr Verdacht. Konnte es Zufall sein, daß nahezu alle Katastro- phen gerade in die Zeit fielen, da die blauen Männ- chen ausgeschwärmt waren? Andererseits, dachte Emma, sollte es nur meine paar Männchen geben? Können diese Knirpse so schnell so große Entfer- nungen zurücklegen? Als sie Phti fragte, lächelte er nur. Emma kramte das Bild der Mittelstürmerin heraus. Ihre Adresse konnte sie nicht erfahren, wohl aber, daß sie bei UNION spielte. Zum ersten Mal in ihrem Leben ging Emma auf einen Fußballplatz, und sie entschied, daß sie bisher nichts versäumt hatte; das Publikum schien ihr ab- stoßend roh und rüpelhaft und die Spielweise der Ak- teurinnen mindestens so hart und hinterhältig, wie sie es aus Fernsehübertragungen von den männlichen Spielern kannte. In der Pause suchte sie die UNION- Kabine auf. Die Mittelstürmerin erkannte Emma so- fort. Sie sei in der Studentenvermittlung registriert, erklärte sie, eines Tages habe man sie gefragt, ob sie einen Gelegenheitsjob für ein paar Nachmittage übernehmen könne. »Da die Arbeit leicht und die Bezahlung anständig, war, habe ich angenommen.« »Haben Sie den Meister, der die Geräte reparierte, gesehen?« fragte Emma. »Nein, ich sollte nur die Apparate annehmen und wieder ausgeben.« »Wer hat Sie bezahlt?« »Das Geld wurde im voraus überwiesen. Wieso, ist Ihr Radio nicht in Ordnung?« »Doch, doch«, sagte Emma. »Eine Frage noch: Wie viele Geräte wurden Ihnen gebracht?« »Nur Ihres. Deshalb habe ich mich ja an Sie erin- nert.« Am Ende, dachte Emma, als sie nach Hause fuhr, sind meine blauen Männchen doch die einzigen? Und ich der einzige Mensch, der von ihnen weiß? Am Abend verwickelte sie Phti in einen umständli- chen Bericht über die Eßgewohnheiten in ihrer Ju- gendzeit und mischte unversehens ein paar Brocken Englisch und Französisch unter. Phti bat sie, es ihm doch »richtig« zu sagen. Emma entschuldigte sich. »Ich bin eine alte Frau und bringe schon manches durcheinander. Du ver- stehst wohl keine fremden Sprachen?« »Deine Sprache ist sehr fremd für mich!« Phti seufzte. »Ich habe lange gebraucht, sie zu lernen; deshalb übrigens wurde ich in diese Expedition auf- genommen.« »Wo hast du es gelernt?« fragte Emma., »Bei uns zu Hause, von einem Teilnehmer der er- sten Expedition.« »Von damals, im Mittelalter? Lebt ihr so lange?« »Das verstehst du nicht«, sagte Phti, »das hängt mit der Zeitdehnung zusammen.« »Ich weiß wohl, was Zeitdilatation ist«, erwiderte Emma stolz, »ich verstehe nur nicht, wieso du so gut Deutsch kannst; damals haben die Leute doch ganz anders gesprochen.« »O ja!« Phti seufzte. »Ich habe eine Weile ge- braucht, bis ich die Sprache von heute beherrschte. Ich finde, damals war sie viel schöner.« Er schloß die Augen und rezitierte: »Unter der linden / an der heide / da unser zweier bette was / Da muget ir vinden / schöne beide / gebrochen bluomen unde gras / Vor dem walde in einem tal / tandaradei / schöne sanc diu nahtegal.« »Das kenne ich«, rief Emma, »das ist…« »Walther von der Vogelweide«, sagte Phti. »Ich dachte, es ist ein Volkslied. Ich habe es als Kind gelernt: Unter der Linde / auf der Heide / wo ich bei mei- nem Liebsten saß / da könnt ihr noch finden / wie wir beide / die Blumen brachen und das Gras / Vor dem Wald in einem Tal / Tandaradei / sang so süß die Nachtigall. – Kennst du noch mehr?« »Ja. Chyrl das war mein Lehrer hat eine ganze Sammlung mit Gedichten von Walther von der Vo-, gelweide mitgebracht, ein Buch mit wunderschönen Bildern. Wie gefällt dir das?« Er sah Emma an, seine Augen glänzten: »Scheidet, frouwe, mich von sorgen / liebet mir die zit / Oder ich muoz an freuden borgen / daz ir saelic sit / Muget ir umbe sehen? / sich freut al diu werlt gemeine / möhte mir von iu eine kleine / freudelin geschehen!« »Das habe ich nicht ganz verstanden«, sagte Em- ma, »vor allem die zweite Hälfte.« »Wollt Ihr um euch sehen, wie die Welt so fröh- lich scheint? Könnt mir doch von Euch eine kleine Freudelin geschehen.« »Sehr schön«, sagte Emma, »vor allem das ›Freu- delin‹ gefällt mir, es ist so poetisch.« »Nicht wahr?« Phtis Rüssel rotierte fröhlich im Kreis. »Nun verrate mir doch endlich, woher ihr kommt«, sagte Emma. »Was nutzt es dir, wenn ich sage, wir kommen vom Phrrk im System ß11-gng-wrr? Ihr habt ganz andere Bezeichnungen und Koordinaten.« Emma nickte hilflos. »Und deine Kameraden, die sprechen nicht irdisch?« Phti schüttelte den Kopf. »Ihr seht euch aber doch auch in anderen Ländern um«, meinte Emma, »wenn ihr euch nun nicht ver- ständigen könnt…?«, »Muß man sprechen, um zu erkennen?« entgegne- te Phti lächelnd. »Mit dir, das ist etwas anderes, du bist wie sagt man? unsere Herbergsmutter.« Dieses Gespräch hatte Emma wieder mit dem Re- corder aufgenommen. Sie schloß sich im Klo ein und ließ die Wasserspülung laufen, während sie es mehrmals abhörte. Dann seufzte sie tief. Was, um Himmels willen, sollte sie tun? Es sah tatsächlich so aus, als ob ihr Radio die ein- zige Bodenstation der Phrrks war. Und dann war sie, Emma Appelmann, die einzige, die die Menschheit warnen konnte – nein, mußte! Am liebsten hätte sie zum Telefon gegriffen und alle Welt angerufen, doch sie hatte ja ihre Erfahrun- gen: Niemand würde ihr glauben, solange sie nicht einen Beweis vorlegte. Einen Film oder wenigstens Fotos. Beim nächsten Einkauf erwarb sie eine gebrauchte Minox-Kamera und mehrere Filme, aber dann zöger- te Emma, sie zu benutzen. Wie würden die Phrrks reagieren, wenn sie sie ein zweites Mal beim Foto- grafieren erwischten? Emma fielen sogleich eine ganze Reihe schrecklicher Dinge ein, die sie mit ihr anstellen könnten; auf keinen Fall würden sie ihr auch nur einen einzigen Wunsch erfüllen. Ade, Ju- gend, Schönheit und Reichtum, ade, all die Pläne. Welch eine Alternative, dachte sie: das zweite, uner-, hörte Leben der Emma Appelmann oder die Zukunft der Menschheit – total verrückt. Nein, das durfte nicht wahr sein. Sie hatte zwar in vielen Science-Fiction-Büchern gelesen, daß den Externsten das Schicksal fremder Zivilisationen schnurzpiepe war, aber konnten diese niedlichen kleinen Männchen wirklich Ungeheuer sein? Und welchen Grund hatte sie eigentlich, sich für diese Menschheit zu opfern, die nichts, aber auch gar nichts von ihr wissen wollte? Zwei entsetzliche Wochen vergingen, in denen Emma von einem Extrem ins andere geworfen wur- de; jedesmal, wenn sie sich entschlossen hatte, die Phrrks zu fotografieren und Alarm zu schlagen, sieg- te wieder die Angst oder der verlockende, besch- wichtigende Gedanke, daß sie den Männchen unrecht tat. Sie fühlte sich hundeelend, aß und trank kaum noch etwas und verzichtete auf die Hexensalbe. Phti erkundigte sich besorgt, ob sie krank sei. Nein, ant- wortete Emma, nur etwas matt. Sollte sie ihm verra- ten, daß die Last der ungeheuren Verantwortung, die sie auf ihren schmalen Schultern spürte, sie zu erdrücken drohte? Jeden Tag neue Katastrophen. Als der Hoover-Staudamm barst, weinte sie ungehemmt vor sich hin, schließlich gab sie sich einen Ruck, ging ins Bad und sprach einen ausführlichen Bericht des bisherigen Geschehens auf Kassette. Den Schluß brachte sie nur mit mühsam beherrschter Stimme, hervor, von vielen Schluchzern unterbrochen. »Ich werde jetzt meine Wohnung aus allen Blick- winkeln fotografleren und den Film zu dieser Kasset- te tun. Wenn ihr in meiner Wohnung etwas erblickt, was auf diesen Fotos nicht zu sehen ist, dann wißt ihr: dies bin ich, Emma Appelmann, in verwandelter Gestalt. Bitte, lacht nicht es ist nicht die verrückte Idee einer verrückten alten Frau –, sondern haltet mich in Ehren, wie immer ich dann aussehen mag, denn ich opfere mich für euch.« Die Phrrks schwebten erst spät ein. Phti rief Emma zu, er käme morgen früh, und verschwand mit den anderen. Emma lachte bitter, ging aufs Klo, zog die Minox aus dem Spitzenbesatz ihres Ärmels, nahm den winzigen Film heraus und steckte ihn ins Porte- monnaie. Der Fotograf ließ sich überreden, den Film auf der Stelle zu entwickeln und auch Abzüge zu machen. Die Vergrößerungen fielen recht unscharf und körnig aus Emma hatte sich nicht getraut, mehr Licht als sonst anzumachen –, auch stimmte die Farbe nicht, Phti hatte einen mächtigen Stich ins Violette, doch er war einigermaßen zu erkennen. Leider war den Bil- dern nicht zu entnehmen, wie klein er war, da auf allen drei Fotos der Hintergrund absoff, und die Ecke des Radios konnte ebensogut eine Hauswand sein. »Tut mir leid, besser geht es nicht«, sagte der Fo- tograf, »sicher haben Sie das Kostüm noch. Kommen, Sie damit in mein Atelier, und ich mache Ihnen erst- klassige Bilder.« Emma fuhr zum Fernsehen. Der Pförtner ließ sie nicht passieren, doch er gestattete ihr, mit der wis- senschaftlichen Redaktion zu telefonieren. Man lach- te Emma aus, die Fotos wollte man gar nicht erst se- hen. Morgen werdet ihr euch in den Hintern beißen, dachte Emma vergnügt, doch auch bei der Tageszei- tung und der »Naturwissenschaftlichen Rundschau« erging es ihr nicht besser. In der Sternwarte traf sie auf einen jungen Mann, der ihr zwar geduldig zuhörte und auch die Bilder betrachtete, dann aber nur sagte, sie solle nach Hause fahren, man würde sich im Laufe der nächsten Wo- che bei ihr melden. In das Ministerium für Sicherheit ließ man Emma gar nicht erst ein, der Pförtner der Akademie der Wissenschaften erklärte sich immerhin bereit, das Material an einen Mitarbeiter weiterzulei- ten. Entnervt setzte Emma sich ins Restaurant des Ho- tels »Budapest« und aß ausgiebig. Wenigstens einen Erfolg hatte diese Odyssee gebracht: Sie verspürte wieder Appetit. Beim Nachtisch wurde sie sich dar- über klar, daß sie so nichts erreichen würde. Auf dem Heimweg ging sie noch einmal bei dem Fotografen vorbei und bestellte drei Dutzend Abzüge; er ver- langte volle Vorauszahlung und fünfzig Prozent Eil- zuschlag. Emma mußte erst zur Post gehen und Geld, abholen. Vor dem Einschlafen entwarf sie in Gedan- ken ein Memorandum. Wie kommt es eigentlich, schoß es Emma durch den Kopf, daß bisher offensichtlich niemand außer dir die Phrrks gesehen hat, dabei schwirren sie seit Wochen durch die Lande oder nicht? Hocken sie am Ende den ganzen Tag auf dem Balkon? Bauen sie dort etwas? Aus einer undefinierbaren Scheu heraus hatte sie nicht mehr gewagt, die Balkontür zu öffnen. Jetzt machte sie sie bedächtig auf, schob langsam den Kopf hinaus: nichts. Sie holte den Flurspiegel und lehnte ihn so an die Brüstung, daß sie vom Sessel aus die Rückseite der Tür und den größten Teil des Bal- kons überblicken konnte. Am nächsten Morgen glaubte sie, ihren Augen nicht trauen zu können: Die Männchen schienen auf der anderen Seite nicht herauszukommen. Sie wur- den unsichtbar, sobald sie die Scheibe passierten! Emmas Forscherdrang war geweckt. Was eigent- lich geschah in ihrem Radio? Sie hängte den Spiegel hinter dem Apparat an die Wand. Es war wenig, was sie dann im schwachen Licht der Röhren durch die schmalen Lüftungsschlitze erblickte, doch es ließ sie erschaudern. Über dem geheimnisvollen, neu einge- bauten Komplex bildete sich ein blaues Wölkchen, verfestigte sich, nahm Gestalt an, während es lang- sam zum Schlupfloch trieb; kurz vor dem Ausschlüp-, fen war der Phrrk fertig. Emma hatte schon oft über Teleportation und Ma- terialisation gelesen, so also sah das aus. Sie sprach ihre Beobachtungen auf Kassette. Na, die Leute in der Akademie der Wissenschaften würden staunen! Dann wiederholte sie das Ganze auf einer zweiten Kassette, die sie an die Sternwarte schicken wollte. Und ein drittes Mal: für das Ministerium für Sicher- heit. Wenn die Wissenschaftler nicht sofort reagierten, die für Sicherheit zuständigen Organe bestimmt. Emma nannte ihren Namen, aber sie gab ihre Adresse nicht an, und sie begründete, warum. Nie- mand sollte sie unverhofft besuchen und die Phrrks aufschrecken. Sie schlug ein erstes konspiratives Treffen in der Konditorei an der Post vor, alles müs- se gut vorbereitet, ein handfester, wohldurchdachter Plan ausgearbeitet werden. Jeden Vormittag machte sie jetzt einen Spazier- gang zur Post, erkundigte sich am Schalter für post- lagernde Sendungen; als nach fünf Tagen noch im- mer kein Brief für »Pussy« eingegangen war, wurde Emma unruhig, am zehnten Tag wurde sie wütend. Wozu hatte sie ihr Leben riskiert? Am zwölften Tag klingelte es an der Tür, Emma hatte sich gerade zum Mittagsnickerchen in den Oh- rensessel gesetzt. Vor der Tür stand nur der junge Arzt vom Not-, dienst, den ihr Patricia damals auf den Hals gehetzt hatte. »Sie sind das!« sagte er. »Die Adresse kam mir doch gleich bekannt vor. Da kann ich ja wieder ge- hen.« Er ließ sich nicht einmal zu einer Tasse Kaffee einladen, und als Emma ihn am Ärmel festhielt und flüsternd von den kleinen blauen Männchen berichte- te, stieß er wütend ihre Hand weg. »Machen Sie doch keine Geschichten«, sagte er. »Ich verstehe ja, daß Sie sich einsam fühlen, aber so landen Sie wirklich noch in der Klapsmühle.« Dann eben nicht, dachte Emma. Dann mußten die- se Dummköpfe eben für ihre Überheblichkeit bezah- len. Von ihr aus sollten sie, wie in dem Film »Der Schrecken aus dem All«, Sklaven der Phrrks werden, sie würde keinen Finger mehr für diese Bande von Ignoranten rühren. Im Gegenteil, nun durfte sie guten Gewissens die Gastgeschenke der blauen Männchen annehmen und ihr zweites Leben in Saus und Braus führen, mochte geschehen, was wollte. Sie vergrub sich in ihre Mappen mit Ausschnitten und Aufzeich- nungen, sichtete, wählte aus und entwarf die Endfas- sung ihrer Zukunftsplanung. Als dann jedoch die Nachricht vom Untergang Neuseelands in einer Sint- flut kam, schlug ihr Gewissen. Nein, sie mußte noch einen letzten Versuch unternehmen; schließlich war sie ein Mensch. Sie fuhr zum Hauptpostamt, wühlte lange in den, Fernsprechbüchern, versicherte sich dann der Hilfe eines freundlichen Postbeamten, der so tat, als wun- dere er sich kein bißchen darüber, daß eine alte Frau die Nummern des Kreml, der UNO und des Weißen Hauses haben wollte; er beschaffte ihr sogar eine Te- lefonzelle im Inneren Dienstbereich, von der aus sie ungestört für ein paar hundert Mark telefonieren konnte, nachdem sie ihm erklärt hatte, es ginge um eine Sache von äußerster Dringlichkeit für die Zu- kunft der Erde. Niemand wollte sie anhören. Jedesmal wurde das Gespräch schon nach wenigen Sätzen abgebrochen. Emma war verzweifelt. Als sie vor der Haustür Herrn Lapschinsky traf, kam ihr eine Idee. Sie lud ihn zu einer Flasche Sekt ein. Es sei ihr Geburtstag, und sie wolle diesen Tag nicht ganz allein verleben. Lapschinsky willigte ein. Er war froh, einen Vor- wand zu haben, nicht sofort zu seinen Kindern zu müssen, die nur darauf warteten, ihn zu Räuber und Gendarm, Mau-Mau oder sonst einem blöden Spiel zu erpressen. Emma brachte ihn mit Anekdoten aus ihrem Le- ben und einer zweiten Flasche Sekt dazu, immer län- ger zu bleiben. Sie hoffte verzweifelt, daß die Männ- chen heute nicht allzu spät kamen. Dann hatte sie endlich einen Augenzeugen. Und einem Polizisten würde man Glauben schenken. Emma brachte Ko- gnak, Lapschinsky zog den Uniformrock aus, dann, schlug er vor, Brüderschaft zu trinken; er heiße Wil- ly. Emma holte ihre Fotoalben. »Schade«, meinte Lapschinsky, »daß wir uns nicht fünfzig Jahre früher kennengelernt haben.« »Noch ist nicht aller Tage Abend«, erwiderte Emma verschmitzt, dann fiel ihr ein, daß sie gerade dabei war, sich diese Chance ein für allemal zu ver- derben. »Na, na, Emma«, sagte Lapschinsky und tätschelte ihre Hand. In diesem Augenblick schwebten die Phrrks her- ein. Lapschinsky sperrte Mund und Augen auf, Emma preßte ihre Hand auf seine Lippen. Eines der Männ- chen kam auf sie zu, Emma erkannte es an den gro- ßen Ohren: der Spelophoriker. Oder wie er hieß. Er streckte die Hand aus, Lapschinsky verwandelte sich vor Emmas Augen in einen Zwergpudel. Dann erschien Phti. »Emma!« rief er empört. »Mußtest du so unser Vertrauen mißbrauchen?« »Entschuldige«, stotterte Emma, noch ganz ver- wirrt, »ich habe einfach nicht auf die Zeit geachtet, ich bekomme so selten Besuch. Er kann nichts dafür! Du mußt ihn sofort wieder zurückverwandeln.« Phti schüttelte den Kopf. »Du kannst doch seine Erinnerungen löschen, oder?«, »Das geht leider nicht.« »Macht nichts«, sagte Emma, »er wird ohnehin denken, es sei nur eine Halluzination gewesen, so blau, Verzeihung, so betrunken, wie er war. Bitte, Phti, bitte.« »Gegen eine Entscheidung unseres Speliontopho- rikers kann ich nichts machen«, erklärte Phti und schwirrte ab. Emma nahm den Zwergpudel auf den Schoß und streichelte ihn lauthals schluchzend. Ob Willy sich noch an sein Leben als Mensch erinnerte? Am lieb- sten wäre sie auf der Stelle nach unten gegangen und hätte Frau Lapschinsky erklärt, daß sie nicht länger auf ihren Mann warten solle, doch was konnte sie ihr sagen? Etwa die Wahrheit? Sie nahm Willy mit ins Bett. Emma lag lange wach und weinte. Diese blauen Biester waren doch Ungeheuer! Erst Pussy, nun Wil- ly plötzlich erschrak sie. Und du, meine Liebe, dach- te sie, du bist sträflich leichtgläubig und unglaublich vertrauensselig gewesen. Die können einer alten Frau doch das Blaue vom Himmel versprechen! War es nicht viel wahrscheinlicher, daß die Phrrks ihre einzige Mitwisserin kaltblütig beseitigten, so- bald sie sie nicht mehr brauchten? Schließlich nahm sie zwei Schlaftabletten. Phti ließ sich in den nächsten Tagen immer nur kurz blicken, und er sah ihr nicht mehr in die Augen., Sollte er sich etwa schämen? Dann war noch Hoff- nung für Willy. Vielleicht würden sie auch ihm vor ihrer Abreise die alte Gestalt zurückgeben? Die Männchen schienen mißtrauisch geworden zu sein, Phti nahm von jedem Eigelb eine Probe, bevor er die anderen aufforderte, sich auf dem Tisch niederzulas- sen. Am Sonntag wartete er schon auf Emma, sagte wie früher freundlich »Guten Morgen«, fragte nach ihrem Wohlergehen, dann sagte er, sie müßten ein paar Veränderungen in der Wohnung vornehmen. »Wir werden morgen die Schrankwand umwandeln, Emma. Ich wollte es dir heute schon sagen, damit du alles Wichtige herausnimmst und damit du dich nicht unnötig beunruhigst. Gewiß, du darfst dann nieman- den in das Zimmer lassen, doch es ist nur für ein paar Tage. Dann haben wir unsere Mission erfüllt, und ich kann endlich nach Phrrk zurück. Und du…« Er sah ihr tief in die Augen. Emma quälte sich ein Lächeln ab. »Keine Angst«, sagte Phti, »wir halten, was wir versprechen. Alles. Ich werde dir auch eine große Büchse mit Salbe dalassen.« Er schmunzelte. »Für deinen zwei- ten Lebensabend.« Emma begann, die Schrankwand auszuräumen. Als sie die Muschel in die Hand nahm, unterbrach sie ihre Arbeit, setzte sich mit einer Tasse Kaffee in die, Küche und grübelte. Wozu brauchten die Phrrks eine ganze Wand voller Apparate? Um nach Hause zu reisen? Da würden sie doch wohl aus dem Orbit star- ten. Sie fand nur eine Erklärung: um mit einer Invasion von Tausenden, wenn nicht Millionen oder gar Milli- arden Phrrks zu beginnen! Na klar, all die Katastro- phen waren nichts anderes als die Auswirkungen gewaltiger Vorbereitungen, die das Vorauskomman- do der Phrrks getroffen hatte, um die Erde für die Invasion ihrer Rasse umzugestalten. Wer weiß, was in den nächsten Tagen noch alles geschehen würde. Und sie war die einzige, die es ahnte. Emma lief es kalt den Rücken hinunter. Wie hilflos sie war. Selbst wenn sie auf die Straße liefe und es hinausschrie… Je länger sie grübelte, desto verzweifelter wurde Emma. Dann faßte sie ei- nen Entschluß. Sie streichelte die Muschel, dann Willy. »Tut mir leid für euch«, sagte sie leise, »aber es geht nicht anders.« Sie stellte sich vor den Spiegel und betrachtete lange ihr Gesicht. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie drehte den Spiegel zur Wand. Als erstes ging sie zur Apotheke. Sie hatte Mühe, der diensthabenden Kollegin klarzumachen, daß es in der Tat lebenswichtig für sie sei, ein ganzes Kilo Salbei zu bekommen. Sie erhielt den gesamten Vor- rat: zweihundert Gramm., Nachdem sie alle Apotheken mit Sonntagsdienst abgeklappert hatte, besaß sie ein dreiviertel Kilo. Das wird es hoffentlich tun, dachte sie. Den Rest des Tages war Emma damit beschäftigt, Bretter, Bohlen, Steine und Zement von der Baustel- le um die Ecke zu holen und in ihre Wohnung zu schleppen. Die sonntäglichen Spaziergänger sahen ihr verwundert zu, doch niemand fragte. Nicht, ob sie es durfte, nicht, wozu sie das brauch- te, nicht, ob man ihr helfen könne. Ihr war es recht. Nur keine Störung jetzt. Ungeduldig wartete sie in ihrem Sessel auf den Einflug der Phrrks; sie mußte ihnen unbedingt den gewohnten Anblick bieten. Sobald das letzte Männ- chen verschwunden war, schaltete Emma das Radio ab. Sie blieb noch eine Weile sitzen und starrte auf ihre dünnen, knotigen Finger, die schartigen, rissigen Nägel, die dicken blauen, vielfach gewundenen Adern, die nur schwach unter der pergamentenen Haut pulsierten. In diesen Händen also, dachte sie kopfschüttelnd, liegt nun das Schicksal der Menschheit. Sie stand auf, holte Material und Werkzeug ins Zimmer, sägte, bohrte, schraubte, raspelte; lange nach Mitternacht hatte sie eine große Kiste aus Bret- tern und Bohlen gezimmert. Sie verkittete die Fugen sorgsam mit einem Brei aus Mehl und Eiweiß, und sie grinste hämisch, als sie die Schüssel mit dem Ei-, weiß, das sich in den letzten zwei Wochen ange- sammelt hatte, aus dem Kühlschrank nahm. »Guten Appetit, meine Lieben«, murmelte sie lei- se. Dann mauerte sie die Kiste bis auf zwei Stellen aus, an der einen hatte sie dünne Kanäle für den Ab- zug gebohrt, an der anderen ein dickes Loch gelas- sen, an das sie nun den Ausgang des Staubsaugers setzte; das Rohr steckte sie in das Schlupfloch des Radios. Sie verklebte beide Stellen mit mehreren La- gen Heftpflaster, setzte den Deckel auf, überzeugte sich, daß der Staubsauger genug Zug hatte und daß die Verbindungsstellen an Radio und Kiste dicht hielten. Schwer atmend massierte sie Kreuz und Lenden mit den Fäusten und betrachtete verwundert ihr Werk. Das sollte es sein? So primitiv? Nein, dachte sie, einfach, wie alles Geniale! Sie mußte sich Mut zusprechen. »Du brauchst jetzt ver- dammt viel Mut, Emma!« sagte sie laut. Es war schon kurz vor sechs. Emma ging unruhig auf und ab. Sie hatte Angst einzuschlafen, wenn sie sich setz- te. Sie brühte eine Kanne pechschwarzen Mokka, blickte immer wieder zur Uhr: die Phrrks waren nie vor sieben und nie nach halb acht erschienen. Als die Glocken von St. Elisabeth läuteten, setzte Emma einen Kessel Wasser auf, stellte die Abwasch- schüssel in die Kiste, schüttete die fünf Tüten Salbei hinein; zehn nach sieben goß sie die Blätter mit ko-, chendem Wasser auf, stülpte schnell den Deckel auf die Kiste und verklebte die Ritze mit Pflaster. Sie holte noch einmal tief Luft, dann schaltete sie das Radio an. Die Röhren begannen zu glimmen. Auch die Lüftungsschlitze des Radios hatte Emma bis auf einen verklebt, durch den sie jetzt hineinsah. Ein blaues Wölkchen bildete sich, trieb zum Schlupf- loch, wurde dichter. Emma ließ den Staubsauger an. Leichter Salbeiduft zog ins Zimmer, der Phrrk wurde von einem gewaltigen Sog erfaßt und in den Staub- sauger gesogen, während er gerade Gestalt annahm. Ein kurzer Blick zur Kiste: nichts Blaues drang aus den kleinen Abzuglöchern! Das zweite Wölk- chen, das dritte… Emma zählte mit, zuerst stumm, dann leise flü- sternd, dann immer lauter; ab zweihundert schrie sie die Zahlen triumphierend hinaus, »… zweihundert- fünfunddreißig, zweihundertsechsunddreißig, zwei- hundertsiebenunddreißig!« Sie hielt den Atem an, bis sie es nicht mehr aus- hielt, dann stieß sie einen schrillen Schrei aus, sprang in die Luft, klatschte wild in die Hände. Geschafft! Wirklich geschafft? Sie rief sich zur Ordnung, schaltete den Staubsauger aus, riß ihn von der Kiste, klebte das Loch blitzgeschwind zu, dann die Abzugs- löcher, kippte das Radio auf die Frontseite, riß die Rückwand herunter, zertrümmerte mit dem Hammer, das Innere des Gerätes, griff zum Beil, schlug auch das Gehäuse in tausend Stücke, ließ tiefe Narben im Tisch zurück: eine Orgie der Gewalt. Als nur noch Späne und Metalltrümmer und Plastsplitter übrig wa- ren, hielt sie erschöpft inne. Sie hatte kaum noch die Kraft, die Überbleibsel des Radios zusammenzukeh- ren und in einen Müllbeutel zu schippen. Völlig außer Atem ließ sie sich in den Sessel sin- ken und schlief auf der Stelle ein. Irgendwann schreckte sie hoch, blinzelte, über- zeugte sich, daß Kiste und Müllbeutel unverändert dastanden, und nickte gleich wieder ein. Als sie das nächste Mal munter wurde, war es draußen schon dunkel. Emma schleppte sich zum Fernseher. Das Vorschaubild für die letzten Nachrichten flimmerte auf dem Schirm. Emma lauschte gespannt, dann ging sie schlafen. Sie hatte Willy gestern in der Küche eingeschlossen, jetzt rief sie ihn und nahm ihn wie- der mit ins Bett. Sie drückte ihn fest an sich. »Keine neue Katastrophe«, flüsterte sie glücklich. »Hast du gehört, Willy? Nicht eine einzige!« Auch am nächsten Vormittag nicht. Emma steckte die Muschel in ein Perlonnetz und band Willy an ei- nen Bindfaden. »Kommt, meine Lieben«, sagte sie vergnügt, »ich denke, wir haben uns einen Spazier- gang verdient.« Schwüle, drückende Luft schlug ihr entgegen, als sie auf die Straße trat. Die Sonne mühte sich, ein, paar Strahlen durch die dichte Wolkendecke zu schicken, Emma nickte ihr zu. »Na, wird schon wieder werden«, sagte sie und schlenderte in Richtung Taxistand. Sie stellte sich nicht in die Reihe der Wartenden. Als ihr Taxifahrer kam, drängelte sie sich vor, ließ sich von der aufge- brachten Schlange nicht beirren, sondern riß den Schlag auf und stieg ein. »Erinnern Sie sich noch an mich?« »Aber natürlich«, antwortete der Taxifahrer, »was soll's denn diesmal sein?« »Eine Kiste. Zur Müllverbrennungsanlage.« Als der Taxifahrer den umgedrehten Spiegel er- blickte, erkundigte er sich, ob jemand gestorben sei. »Nur ein Traum«, erwiderte Emma. »Ein ziemlich verrückter Traum. Oder, um es präzise zu bezeich- nen: ein Alptraum.«,

Die Sache mit dem Alpha-No-i

Als ich in die »Venus-Bar« stürmte, waren alle un- sichtbar für mich, alle bis auf die Bardame, eine Blondine, die selbst für einen so bevorzugten Stütz- punkt des galaktischen Dienstes wie TRANSSOLAR 7 außergewöhnlich attraktiv wirkte. Ich sah nur sie. Die erste Frau seit vier Jahren und sieben Monaten. Sie lächelte, ach was, sie himmelte mich an, als habe sie drei Ewigkeiten auf mich gewartet und kön- ne es noch nicht fassen, daß ich nun leibhaftig vor ihr saß. Klar, so sah sie alle Heimkehrer an, aber wenn man so lange draußen gewesen ist, nimmt man es nur zu gerne persönlich. Ich packte ihre Hand, als sie das Glas für den Willkommensdrink auf den Tresen stellte, und küßte sie. Ein zarter Duft von Sandelholz schwebte über der Haut. »Herzlich willkommen daheim«, hauchte sie und blickte mir tief in die Augen. »Was möchtest du?« Ihre Hand halten, in ihre Augen schauen, über ihr Haar streicheln; sie ließ es sich lächelnd gefallen, gab mir einen flüchtigen Kuß und fragte noch einmal. Sie verzog keine Miene, als ich meine Wünsche nannte. In ihrer Funktion ist man allerlei Verrückt- heiten gewohnt, und so ausgefallen war meine Wunschliste nun auch wieder nicht, oder: Doppel-, korn, so kalt, daß sich das Glas beim Einschenken mit Eisblumen überzieht, Mohrrübensaft mit Astron aus frischen jungen Mohrrüben, versteht sich, vor meinen Augen gepreßt –, Orangenjuice aus richtigen, am Baum gewachsenen Apfelsinen mit Kiewer Wodka, Sauerkrautsaft mit venusischem Hopfen- brandy und, last not least, eine Flasche garantiert hundertjähriger irischer Whisky. Vier Minuten zeremoniellen Schweigens, für jedes Glas exakt sechzig Sekunden; ich verfolgte den Rei- gen der Zahlen auf meinem Armband, dann goß ich mir einen Whisky ein und wollte mich auf Blondy stürzen, doch sie war bereits auf dem Weg zum ande- ren Ende des Tresens, wo sich gerade ein junger Schlaks in der Kombination des Galaktischen Corps auf einen Barhocker schwang. Auch er trug die Blü- tenkette des Heimkehrers um den Hals, aber zum Glück war er nicht aus unserer Besatzung ich hätte den Anblick nicht ertragen können, nicht an diesem Tag und nicht an den nächsten zehn oder zwanzig; nach vier Jahren und sieben Monaten Flug kann man das Gesicht des besten Freundes nicht mehr ausste- hen. Er war schlauer als ich, zog Blondy gleich ins Ge- spräch, und ich konnte sehen, wo ich einen Partner fand. Die Bar war noch ziemlich leer, und die wenigen Gäste blickten angestrengt weg und taten, als wären, sie in tiefsinnige und hochproblematische Gespräche verwickelt, damit ich sie ja nicht belästigen sollte. Doch links von mir, direkt an der Wand, hockte einer für sich allein und testete, wann seine Augen in das leere Glas vor ihm fallen würden. Ich setzte mich neben ihn. Es war mir egal, ob er allein sein wollte, schließlich war ich Heimkehrer und hatte das Recht, jedermann anzuquatschen. Er respektierte es mit einem vagen Lächeln. Als ich mich vorstellte, nickte er. Ich goß unsere Gläser bis an den Rand voll Whisky. Er nippte nur und trank erst aus, als ich drohend fragte, ob er mir den Will- kommensgruß verweigern wolle. Aber er war so an- ständig, wenigstens so zu tun, als höre er mir zu, während ich ihm meinen Seelenballast in die Ohren schüttete. Irgendwann muß er begonnen haben, tatsächlich zuzuhören; als ich von unserem Beinahezusammen- stoß mit dem Dunkelkometen berichtete, fragte er sogar nach Einzelheiten, und ich merkte an seinen Reaktionen, daß er etwas von galaktischen Reisen verstand. Als ich mich erkundigte, sagte er, er sei selbst Astrogator. Später erfuhr ich, daß er mehr Lichtjahre auf dem Buckel hatte als ich, daß er auch noch ein Diplom für Solarik und eines für Geologie besaß, daß er Mark hieß und nun schon seit Jahren hier auf TRANSSOLAR 7 hockte. Warum, verriet er nicht. Dann entdeckten wir, daß wir das gleiche, Hobby hatten: Asteroidenstaub. Jetzt war ich froh, daß der andere Heimkehrer die Bardame beschlag- nahmt hatte. Was ist eine Blondine gegen Asteroi- denstaub! Die Bar füllte sich, neben uns feierte eine Bande von Raumkadetten ihren Abschied vom Sonnensy- stem zum ersten galaktischen Flug. Wir mußten auf- passen, daß man uns nicht anrempelte, denn wir hat- ten unsere Etuis gezogen und zeigten einander die schönsten Stäubchen unserer Sammlungen. Plötzlich erschrak Mark, blinzelte, blickte erstaunt auf sein Armband, klappte sein Etui zu und sagte, er müsse verschwinden. »Was es auch ist, verschieb es auf morgen«, erwi- derte ich. Ich hielt ihm mein Etui unter die Nase. »Such dir was aus!« Ich hätte ihm sogar den Rubinflair vom Asterix geschenkt. Wissen Sie, wie es ist, wenn man sich nach solch einer Reise zum ersten Mal einem Menschen öffnet? Als sei man nach Unendlichkeiten der Einsamkeit einem Freund begegnet. »Tut mir leid«, sagte er, und es klang verdammt aufrichtig, »aber ich muß weg. Eine Stunde. Wenn du willst, komme ich wieder. Halt mir den Platz frei.« Ich packte ihn am Handgelenk und hielt ihn fest., Er versuchte, sich meinem Griff zu entwinden, bat, bettelte schließlich, ich möge ihn doch loslassen; dann verschwand er vor meinen Augen. »Zu spät«, hörte ich seine Stimme. Ich starrte un- gläubig auf meine Hand, die nichts als Luft zu um- klammern schien, dabei fühlte ich nach wie vor sei- nen Arm unter meinen Fingern. Sein Kopf war ver- schwunden, seine Füße; die Pantoffeln standen ver- lassen auf dem Boden, neben mir hockte Marks mattsilberne Kombination, eine leere Hülle. Als ich meinen Griff lockerte, glitt sie zu Boden und wurde samt den Pantoffeln von einer unsichtbaren Kraft in die dunkle Ecke geschoben. »Was ist los?« fragte ich. »Ich bin unsichtbar, das ist los.« Seine Stimme klang müde, voll Resignation. »Du hättest mich ge- hen lassen sollen. Wie komme ich jetzt hier hinaus?« »Bleib«, bat ich. »Ich passe auf, daß sich niemand auf dich setzt.« »Daran ist der Whisky schuld«, erklärte er. »Al- kohol macht das No-i unberechenbar.« Ich muß ein ziemlich blödes Gesicht gemacht ha- ben, denn er lachte laut auf, so laut, daß die Köpfe der anderen zu uns herumflogen. Da sie meinen Blü- tenkranz sahen, drehten sie ihre Gesichter schnell wieder weg. Nur Blondy schaute besorgt herüber, wahrscheinlich hatte sie Angst, daß ich den Raum- koller bekam. Ich rückte so dicht wie möglich an, Mark heran und drehte den anderen den Rücken zu. »Los, red schon«, flüsterte ich, da kam Blondy und fragte, ob ich einen Wunsch hätte. Sie faßte wie zufällig nach meinem Puls. Ich bestellte eine neue Flasche Whisky. Sie sah mich prüfend an. »Ich bin okay, Baby, ich führe nur Selbstgespräche«, sagte ich, »Abschnitt vier des Lehrmaterials für Raum- fahrtpsychologie: Isolationssymptome nach lang dauernden Kollektivzwängen.« Ich riß die Augen auf, damit sie meine Pupillen studieren konnte; ich streckte ihr sogar die Zunge heraus und machte ah. Schließlich rückte sie den Whisky heraus, diesmal geöffnet, und bevor sie die Flasche brachte, kippte sie ein paar Kubikzentimeter Antidun hinein. »Das gibt es also wirklich«, murmelte ich, als sie sich endlich verzogen hatte, »die Tarnkappe, König Laurins Mantel!« Ich drückte Marks Arm, ließ meine Hand über sei- nen unsichtbaren Rücken gleiten und biß mir schließ- lich in die Hand, um mich zu vergewissern, daß ich nicht unter Halluzinationen litt; nach galaktischen Flügen können schlimme Symptome auftauchen. Aber ich war in Ordnung. »Wie oft sieht man so was im Video«, sagte ich dann zu der Wand, die ich ohne den Schimmer einer Unregelmäßigkeit links von mir erblickte, »aber daß es das wirklich gibt!« Mark grunzte nur. Er bat mich aufzustehen, damit, er hinter meinem Rücken einen Schluck nehmen konnte. Ich starrte auf das Glas, das mit tänzelnden Bewegungen über die Platte des Tresens rutschte, bevor es wie von Zauberhand in die Luft gehoben wurde, kippte und leer wieder auf dem Tresen auf- setzte. »Seit ich denken kann, träume ich von einer Tarn- kappe«, sagte ich, »und nun sitzt so was tatsächlich neben mir. Wie funktioniert es? Verrate mir den Trick, und ich schenke dir allen Staub meines Le- bens.« »Ach, laß mich in Ruhe«, knurrte Mark. »Erzähl lieber was von dir. Sonst fallen wir noch auf.« »Woher hast du das?« »Ich habe es von den Alphas«, sagte er müde. »Ich traf sie unterwegs. Auf einem Routineflug zum Plu- to. Ein Lastkahn, solo. Sie hatten eine Havarie. Nichts Aufregendes, ein Porös im Panzer, aber viel- leicht hast du gehört, was für miserable Techniker sie sind. Genial im Erfinden, aber hundsmiserabel in der Technologie. Mit ihren Geräten hätten sie Monate gebraucht, das Porös abzudichten. Ich habe es in vier Tagen geschafft. Als Dank boten sie mir einen gan- zen Katalog von Alphaquitäten an. Und ich, ich habe das No-i gewählt.« »Hätte ich auch. Ohne zu zögern.« »So, hättest du.« Ich mußte sein Glas füllen, und er kippte es wieder, in einem Zug aus. Gespenstisch, wie das Glas sich in die Luft hob und der Whisky im Nirgendwo ver- schwand. »Und jetzt bist du unsichtbar, wie und wann du willst?« Er lachte, es klang eher bitter als übermütig oder zufrieden. »Täglich zweimal eine Stunde, genau gesagt vier- undfünfzig sieben Achtel Minuten, das entspricht einer Alpha-Sekunde, der kleinsten Zeiteinheit, auf die das No-i einzustellen war. Jupiter sei Dank, daß ich nicht mehr genommen habe.« »Phantastisch«, sagte ich, und er sagte: »Soll ich es dir schenken?« Mir blieb vor Verblüffung die Antwort in der Keh- le stekken. Seine unsichtbare Hand klopfte mir auf den Rük- ken. »Keine Angst, es geht nicht; das No-i ist bioto- nisch in meinen Kreislauf integriert, unlösbar, bis an mein Lebensende.« »Schade«, sagte ich. »Was willst du mit einer Tarnkappe?« fragte Mark. Die Frage überraschte mich nicht. Wie oft hatte ich mir ausgemalt, was ich alles unternehmen würde, wenn ich unsichtbar wäre. Selbst unbeobachtet beo- bachten können!, Meine Lieblinge, die Hasen und Rehe im Spree- Nationalpark. Oder die überhellsichtigen Cocolibris am Amazo- nas, die erst kurz vor meiner Abreise und auch da nur durch einen Zufall entdeckt worden waren. Und Menschen! Wissen, wie sie wirklich sind. Wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Wenn sie sich nicht ver- stellen. Hören, wie sie über dich reden, wenn sie denken, du bist nicht dabei. Den internsten Beratun- gen beiwohnen. Und all die Jugendträume, diese al- bernen, unsinnigen, aber da immer noch unerfüllten, immer noch bohrenden Wünsche: jemanden ungese- hen anrempeln, etwas vor seinen Augen verschwin- den lassen, ohne Billett in jede ausgebuchte Veran- staltung gehen und sie mit eigenen Augen sehen können, nicht auf die Videokrücken angewiesen sein… tausend Möglichkeiten. Was ich auch nannte, nichts schien Mark fremd. Als hätten wir einst gemeinsam Pläne und Streiche ausgeheckt. Am liebsten hätte ich ihm die Stirn geküßt, doch ich hatte Angst, Blondy würde den Medizinischen Dienst holen; so drückte ich nur mit beiden Händen die Luft, die seine Hand war. Mark hatte noch ein Motiv: Er hatte seine ehemalige Frau besuchen und beobachten wollen, um endlich zu erfahren, warum sie ihn verlassen hatte, denn seit der Trennung hatte sie kein Wort mehr mit ihm gesprochen., Jetzt schien er keine Angst mehr vor Alkohol zu haben. Immer schneller bot er mir den Anblick des schwerelosen Glases. Einmal sah Blondy gerade in unsere Richtung, als er trinken wollte; ich nahm schnell das Glas und stellte es auf den Tresen. »Gib mir sofort mein Glas wieder!« maulte er. »Es steht doch vor dir«, sagte ich. »Bist du schon so besoffen, daß du das Glas nicht mehr findest?« »Selber besoffen.« Ich hielt das Glas an die Stelle, wo ich Marks Mund vermutete; ich hatte richtig geraten. »Noch einen.« »Erst wenn du mir endlich verrätst, wie dein No-i funktioniert und was du damit schon alles angestellt hast. Mann, wie ich dich beneide!« »Du hast keine Ahnung, wie es ist, unsichtbar zu sein«, stieß er hervor. »Andauernd rempelt dich einer an, stellt sich auf deine Zehen, setzt sich auf den scheinbar leeren Stuhl…« »Gut, es mag unbequem sein, ständig ausweichen zu müssen«, räumte ich ein, »aber die Möglichkei- ten…« »Was für Möglichkeiten? Du bist genauso blöde wie ich. Dich hätten die Alphas ebenso reinlegen können.« »Wieso? Du bist doch unsichtbar.« »Bin ich.«, »Na also, warum haben die Alphas dich dann reingelegt?« »Weil ich ein dummes Schwein bin. Weil ich nicht nachgedacht habe. Und weil die Alphas es sich nie verkneifen können, einen Spaß zu machen das, was sie für einen Spaß halten.« »Ich denke, sie sind absolut ehrlich und halten immer, was sie versprechen?« »Wie das Orakel von Delphi. Erst wenn es zu spät ist, merkst du, was wirklich gemeint war.« »Was ist los?« »Du scheinst in Physik ebenso schwach zu sein wie ich«, stöhnte Mark. »Es gibt nur zwei Möglich- keiten, unsichtbar zu sein: entweder, du läßt alle Lichtstrahlen um den Körper herumfließen, oder du hast einen durchsichtigen Körper, verstehst du?« »Natürlich verstehe ich das. Bin doch kein Idiot.« »Nein, bist du nicht?« Er grunzte. »Wenn du die Lichtstrahlen um dich herumleitest, sitzt du wie in einem geschlossenen Raum; das Licht erreicht dich auch nicht, du hockst im Dunkeln.« »Daran habe ich nicht gedacht«, gestand ich. »Ich hoffe, deine Tarnkappe beruht nicht auf diesem Prin- zip.« »Nein, auf dem zweiten. Wenn das No-i einsetzt, werde ich durchsichtig.« »Klasse!« »Hast du mal Quallen gesehen?«, »Klar, zu Hause an der Ostsee, manchmal sogar Wasser zwischen den Quallen.« »Unter einem bestimmten Blickwinkel werden sie durchsichtig, unsichtbar; du siehst nur die Augen- flecke, kleine Punkte, die frei im Wasser zu schwe- ben scheinen.« »Stimmt.« Ich starrte in Marks Richtung, ob auch seine Augen irgendwo in der Luft schwebten. »Such nur«, spottete er. »Das No-i wirkt radikal. Ich bin durch und durch durchsichtig. Das ist es ja. Wenn das No-i einsetzt, werden nicht nur meine Muskeln und Knochen und Eingeweide von den Lichtstrahlen durchdrungen, als seien sie gar nicht vorhanden, sondern auch die Augen.« Meine Schreckzeit war so lang, daß mich draußen im All drei Meteore hätten durchschlagen können. »Heißt das etwa…?« »Ja. Wenn ich unsichtbar werde«, sagte er und ließ sein Glas durch die Luft schweben, »dann bin ich blind wie ein schwarzes Loch.«,

Ein harmloser Irrer

Mulligan bemerkte den Alten erst, als er direkt vor ihm stand, ihn mit großen Augen bedeutungsvoll an- sah und leise fragte: »Bringen Sie Nachricht von Wloblam?« Mulligan schüttelte instinktiv den Kopf. Der Alte nickte traurig und ging mit hängenden Schultern quer durch die Hotelhalle zum Lift. Mulligan blickte zur Uhr: eine Minute nach sechs. Draußen fiel der Regen nach wie vor in dichten Schauern zu Boden. Eine Zeile aus dem Urlaubspro- spekt schoß ihm durch den Kopf: 350 Sonnentage. Er ächzte. Offensichtlich hatte er die restlichen fünfzehn Tage erwischt. Eine halbe Stunde saß er in der Halle und starrte durch die Scheiben, über die der Wind bizarre Regenmuster blies, auf das Meer hinaus, dann ging er zum Empfang. Als der Portier ihm den Schlüssel reichte, bohrte sich ein Daumen in seinen Oberarm. Der Alte. »Verzeihen Sie, guter Mann, haben Sie vielleicht einen Dollar übrig?« Der Alte griente treuherzig und entblößte dabei zwei Reihen metallüberkronter Zäh- ne. Mulligan kramte verwirrt in den Taschen seines Blazers, brachte mit der Linken ein paar Dimes und mit der Rechten zwei Vierteldollar hervor; der Alte, pickte blitzschnell die Münzen aus Mulligans Hän- den, verbeugte sich und verschwand in Richtung Bar. »Zwanzig Cents hätten es auch getan«, meinte der Portier. »Bermuda-Joe trinkt nur Bier.« Mulligan blickte den Portier fragend an. »Ein harmloser Irrer, Sir! Gutmütig und jederzeit freundlich, fast zu beneiden.« »Wohnt er auch hier?« »Seit Jahren schon.« »Das ›Fulton‹ ist nicht gerade billig«, meinte Mul- ligan verwundert. »Oh, Bermuda-Joe besitzt Geld. Er hat ein Appar- tement mit Vollpension gemietet, und die Rechnung wird regelmäßig von seiner Bank beglichen. Ich den- ke, es ist nur eine Marotte, daß er andere um einen Dollar oder einen Drink anquatscht. Ich weiß nicht, soll man ihn eine tragische oder eine komische Figur nennen…« Der Portier ließ die Stimme schweben, als warte er nur auf eine Aufforderung, zu erzählen. Mulligan bot ihm eine Zigarette an. »Er behauptet, Außerirdische hätten ihn beim Se- geln im Bermuda-Dreieck gekidnappt und mit auf ihren Stern genommen, eines Tages hätten sie ihn dann wieder auf der Erde abgesetzt. Seitdem wartet er hier auf sie. Oder auf eine Nachricht.« »Von Wloblam«, ergänzte Mulligan lächelnd. »Plemplem, was?« Der Portier tippte sich mit dem, Finger an die Stirn. »Aber harmlos. Meine Mutter dagegen…« »Stammt er aus Davenport?« unterbrach Mulligan. »Nein, aus dem Norden. Manchmal spricht er von New York und sagt, daß er Börsenmakler gewesen ist wenn überhaupt, dann vor einer Ewigkeit. Ich ha- be ihn getestet; er hat nicht die Bohne Ahnung von den heutigen Aktien. Ich hätte gern einen sicheren Tip. Haben Sie Ahnung von der Börse, Sir?« »Tut mir leid, ich bin Physiker«, antwortete Mul- ligan. »Vielleicht war er es wirklich mal«, meinte der Portier, »vielleicht hat er bei dem großen Krach achtundachtzig durchgedreht, wär' nicht der einzige, nicht wahr? Vom Segeln versteht er was, aber ich glaube natürlich nicht, daß er bei den Bermudas von einer Fliegenden Untertasse gekapert worden ist; wer soll denn so einen Quatsch auch glauben, Sie etwa, Sir? Kein Mensch…« Mulligan hörte nicht mehr zu. Das also, dachte er, war einer dieser UFO-Fans. Er hatte alle Berichte über »Unbekannte Flugobjekte« studiert, aber noch nie einen der angeblichen Augenzeugen persönlich gesprochen; schon als Junge hatte er sich für dieses Thema interessiert, und seit er den Job bei der Air- force hatte, gehörte das »Geheimnis des Bermuda- Dreiecks« zu seinem Forschungsgebiet. Er kannte die Fakten auswendig, von jener Tragö-, die an, die dem Gebiet zwischen den Bermudas, Pu- erto Rico und Florida den Namen »Teufelsdreieck« gegeben hatte, jenem 5. Dezember 1945, an dem fünf Maschinen der Airforce mit vierzehn Mann Besat- zung bei idealem Wetter auf einem Routineflug ver- schwanden. Die Protokolle des Funksprechverkehrs gaben kei- ne Erklärung, wieso; ebensowenig bei den Dutzen- den von Flugzeugen und über hundert Schiffen, dar- unter einem großen Tanker –, die seither im Bermu- da-Dreieck verschwunden waren. Es war jedesmal annähernd gleich: Wir sind offen- sichtlich vom Kurs abgekommen… Es ist kein Land zu sehen, nirgends Land… Wir können unseren Standort nicht bestimmen… Die Navigationsinstru- mente spielen verrückt… Der Ozean sieht nicht wie gewöhnlich aus… Wir können die Sonne nicht mehr sehen… Dazwischen aufgeregte Rufe zwischen den Piloten und unverständliche Satzfetzen an die Funk- leitzentrale, schließlich ein Verzweiflungsschrei: Wir versinken im Wasser, wir sind verloren. Und nie wurden Wrackteile gefunden. 1945 war sofort ein Flugboot mit dreizehn Mann Besatzung und einer kompletten Rettungsausrüstung gestartet, nach zehn Minuten war auch das Flugboot ver- schwunden, und die mehr als dreihundert Flugzeuge, die Hunderte von Schiffen, die Jachten und Motor- boote, die das Gebiet zwischen den Bermudas und, dem Golf von Mexiko durchkämmten, fanden buch- stäblich nichts. Natürlich glaubte Mulligan nicht an die Version, nach der sich im Bermuda-Dreieck eine Einflußsphä- re von Außerirdischen befand, die hier Irdische ka- perten oder sie verschwinden ließen, weil die Men- schen sie bei irgendwelchen Aktivitäten störten; er wußte, daß alle Berichte von Leuten, die angeblich von Fliegenden Untertassen mitgenommen worden waren, sich letztendlich als hysterisches oder angebe- risches Gefasel herausgestellt hatten. Mulligan hielt auch nichts von der Theorie eines »Raum-Zeit- Loches« auf Grund von magnetischen Anomalien, in das die Verunglückten gestürzt sein sollten; selbst die Entdeckung der SKYLAB-Astronauten, daß der Meeresspiegel in diesem Gebiet fünfundzwanzig Meter unter dem Normalpegel liegen müßte, berührte ihn nicht mehr als andere ungeklärte Phänomene ihn interessierte das Bermuda-Dreieck aus einem viel handfesteren Grund. Mitte der dreißiger Jahre hatte ein sowjetischer Physiker die Theorie aufgestellt, daß in Sturmgebie- ten Infraschallschwingungen entstehen konnten, de- ren Intensität mit der Windstärke zunahm und die sich oftmals bedeutend schneller ausbreiteten als der Sturm, der sie verursachte. Solch ein Infraschall konnte dazu führen, daß Schiffsund Flugzeugkörper durch Resonanzturbulen-, zen zerstört wurden; und bei einer bestimmten Fre- quenz, das wußte man schon lange, wurde das Ge- hirn zerrüttet: Grundloses, panisches Entsetzen über- fiel die Betroffenen, unbeherrschbare Angstgefühle, Blindheit und schließlich der Tod. Eine furchtbare Waffe, wenn man den Infraschall einmal beherrschte. Vor kurzem war Mulligan und seinem Team ein offensichtlich entscheidender Schritt dahin gelungen: durch die dritte Mulligan-Gleichung. Und Mulligan hatte sich in dieses Hotel in Florida verzogen, um die alltäglichen Kreise zu durchbrechen, um in der ver- änderten Atmosphäre vielleicht die letzte, alles ent- scheidende Idee zu bekommen. »… seitdem wartet Bermuda-Joe hier«, schloß der Portier seine Ausführungen. Er grinste. »Wie gesagt, ein harmloser Irrer.« Mulligan steckte den Schlüssel ein und ging zur Bar. Bermuda-Joe hockte an einem kleinen Tisch in der dunklen Ecke am Ende des Tresens. »Darf ich mich zu Ihnen setzen?« fragte Mulligan. »Warum?« fragte der Alte zurück. »Was wollen Sie von mir?« »Über das Bermuda-Dreieck sprechen. Ich habe gehört, Sie hatten dort ein ungewöhnliches Erleb- nis?« »So, haben Sie?« Der Alte kicherte. »Sie haben Langeweile, was? Spendieren Sie einen Drink?«, Mulligan winkte dem Barkeeper. »Einen Scotch und –« »Ein Bier«, sagte der Alte. »Ich vertrage nur noch Bier, seit…« »Seit…?« wiederholte Mulligan. »Ach, Sie glauben mir doch nicht. Kein Mensch glaubt mir.« »Erzählen Sie!« forderte Mulligan. »Ich frage nicht aus purer Neugier, ich befasse mich mit der Er- forschung des Bermuda- Dreiecks. Ich bin Physiker.« Der Alte sah ihn prüfend an. »Sie kommen zu spät«, sagte er dann leise. »Viel zu spät. Ich habe al- les vergessen.« »An irgend etwas müssen Sie sich doch noch erin- nern!« Der Barkeeper reichte die Getränke herüber. Ber- muda-Joe nahm einen langen Schluck, dann schüttel- te er den Kopf. »Manchmal glaube ich es selbst nicht mehr, den- ke, es war nur ein Traum. Träumen Sie, Sir?« Er wartete nicht auf Antwort. »Ich träume oft. Von seltsamen Bäumen, violetten Regenschirmen unter einem orangefarbenen Himmel, an dem zwei Sonnen stehen, die eine gleißend hell, die andere eine dunkelrote Scheibe, von weißen Tie- ren, so groß wie Hasen, die über einen blaugrünen Rasen hüpfen, wie Känguruhs verrückt, was?« Er sah Mulligan in die Augen. »Ich habe es schriftlich, daß, ich verrückt bin. Aber harmlos. Wollen Sie meinen Entlassungsbefund aus der Midland-Klinik sehen, Sir?« »Sagen Sie Slim zu mir.« Mulligan hielt ihm sein Glas hin. Sie stießen an. »Ich weiß, wie schnell einer hierzulande verrückt genannt wird«, sagte Mulligan, »und ich mache mir immer mein eigenes Bild. Erzählen Sie ruhig.« »Ich habe fast alles vergessen«, murmelte Joe. »Was glauben Sie, wie oft ich dasitze und mein Ge- hirn zermartere und verzweifelt versuche, mich zu erinnern. Zwei Jahre war ich in der Klinik Elektro- schocks, Insulinkur, Psychopharmaka in Massen, weiß der Teufel, was sie noch alles mit mir angestellt haben.« »Warum?« fragte Mulligan. »Wer hat Sie dahin gebracht?« »Meine Familie!« Joe lachte bitter. »Ich war doch ein paar Jahre verschwunden, und als ich wiederkam, wollte mir keiner glauben, was ich erlebt hatte. Ich hätte sicher mein Gedächtnis verloren und mich he- rumgetrieben, sagten sie, und man müsse mich wie- der zur Vernunft bringen. Vernunft!« Er spuckte aus. »Wie war das, Joe, Sie segelten also bei den Ber- mudas?« »Ja, daran erinnere ich mich noch genau. Es war ein wunderschöner Tag, keine Wolke am Himmel. Plötzlich bekam ich Angst. Es gab keinen Grund!, Meine ›Mary‹ war ein erstklassiges Boot, fast neu, hochseefest, mit Hilfsmotor und Funksprechgerät, trotzdem hatte ich panische Angst. Dann wurde es dunkel um mich, ich konnte nichts mehr sehen, nichts. Obwohl doch eben noch die Sonne geschie- nen hatte. Ich hatte das Gefühl, daß ich mit meinem Boot im Wasser versank, nein, in einem Loch, einem tiefen Trichter, dann, daß ich fliege, immer höher, ich wuß- te, ich fliege mit meiner ›Mary‹ in den Himmel, ob- wohl ich nichts sehen konnte!« »Infraschall«, murmelte Mulligan, »eindeutig In- fraschall.« »Was sagten Sie?« Der Alte blickte Mulligan miß- trauisch an. »Sie verstehen nichts von Physik, Joe?« »Absolut nichts. Ja, vom Geldverdienen aber das ist auch vorbei.« »Und danach?« erkundigte sich Mulligan. »Was war danach?« Joe hob verzweifelt die Arme. »Ich weiß es nicht. Mir scheint, ich hätte so vieles gewußt, aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Was ist damals gesche- hen? Vielleicht habe ich tatsächlich nur durchge- dreht? Wie aber bin ich an Land gekommen? Wo ist mein Boot geblieben? Wo war ich die ganze Zeit? Meine Familie hat eine Detektivagentur beauftragt sie haben keine Spur gefunden, weder von mir noch, von meiner ›Mary‹.« Er trank den Rest Bier aus sei- nem Glas. Mulligan winkte dem Barkeeper, Nachschub zu bringen. »Sie haben erzählt, daß Sie auf einem ande- ren Stern gewesen sind, Joe.« »Ja, das sagt man.« »Haben Sie denn nichts aufgeschrieben?« »Doch, das habe ich wohl. Ich soll auch eine Un- menge Briefe an alle möglichen Leute geschrieben haben, aber man hat mir gesagt, das sei nur konfuses Zeug gewesen.« »Wo sind Ihre Aufzeichnungen?« »Wenn es sie je gegeben hat, dann sind sie ver- nichtet.« »Aber Ihre Träume, Joe! Erzählen Sie mir von Ih- ren Träumen.« »Verwirrende Bilder. Bruchstücke, Farben, wie ich sie sonst nie sehe, eine Art Orange und doch nicht Orange, ein dunkles Violett, fast schwarz, vol- ler Schatten. Vier Monde zugleich. Eine Art Kraftwerk, so ein langes Schaltpult mit Tausenden von blinkenden Lichtern.« Der Alte ver- sank ins Grübeln. Der Barkeeper reichte Mulligan die Gläser über den Tresen. »Eine U-Bahn«, murmelte der Alte, »ein endloser Tunnel, offene Wagen. Weiße Türme bis in die Wol- ken, ohne Fenster. Eine Uhr mit fünf Zeigern.« Mulligan schob ihm das frische Bier hin. Joe nahm, das Glas, ohne aufzublicken, leerte es in einem Zug. »Und Gesichter«, sagte er nachdenklich. »Eigen- tümliche Gesichter. Oliv. Große, runde, schwarze Augen. Freundlich, sehr freundlich.« Er stand auf und ging wortlos davon, die Augen fast geschlossen, die Hände vor der Brust gefaltet, seine Lippen bewegten sich stumm. Mulligan sah ihm nach, bis er die Bar verlassen hatte, dann bestell- te er einen dritten Scotch. Der Barkeeper lachte ihm zu. »Der Alte hat wahrscheinlich zu viele Science- Fiction-Filme gesehen«, sagte er. Mulligan nickte. In der Nacht träumte er von Fliegenden Untertas- sen, die ihn mit Infraschall-Kanonen jagten. Er wachte schweißgebadet auf, sein Mund war trocken. Er angelte sich eine Cola aus dem Kühlschrank ne- ben seinem Bett und nahm einen langen Zug. Er soll- te sich einen anderen Job suchen. Wie oft hatte er sich verflucht, weil er damals die- sen Job angenommen hatte. Nichtsahnend! Anfangs hatte er nicht einmal gewußt, daß er für die Airforce arbeitete; das Institut, das ihm das verlockende An- gebot gemacht hatte, aus seinem Hobby eine Lebens- aufgabe zu machen, eine hochbezahlte dazu, lief un- ter einem harmlosen Namen, und als er endlich da- hinterkam, daß seine Arbeit zu nichts anderem die- nen sollte, als eine neue Waffe zu entwickeln, war es längst zu spät. Als Mulligan wütend zum Chef ging,, lachte der nur. Ob er wirklich so naiv sei? Ob er in der Tat glaube, er könne einfach aussteigen? Kein Institut, keine Firma der Staaten würde ihn nehmen, dafür würden sie sorgen, mehr noch, er würde sofort als Sicherheitsrisiko unter Schutzhaft gestellt wer- den. Mulligan stand auf, zog die Vorhänge beiseite. Die Morgendämmerung hatte eingesetzt. Und es regnete noch immer. Er griff zu der Schachtel auf dem Schreibtisch, nahm zwei der rosa Pillen heraus, warf sie einzeln in die Luft und fing sie mit dem Mund auf. So einfach war es, Wut und Ärger, Frustration und Resignation abzuschalten: Pille schlukken, zwei Minuten warten klick. Er wußte, daß er längst abhängig von diesen verdammten Pillen war, die er nur vom Institutsarzt bekommen konnte, nirgends sonst. Auf dem an Suchtmitteln wahrlich nicht armen schwarzen Markt gab es sie für kein Geld. Er blickte auf den Sekundenzeiger. Die Wirkung setzte pünktlich ein. Ein Gefühl von Frieden zog durch sein Gehirn, Entspannung, Wohlbehagen, Tat- kraft. Er setzte sich im Pyjama an den Schreibtisch und legte die Papiere zurecht. Er war schließlich nicht der einzige, dem es so ging. Allen Wissenschaftlern. Überall. Die goldenen Zeiten der Unschuld sind längst vorbei, dachte er, die Illusion von der »reinen Wissenschaft«. Mulligan, lachte, nicht höhnisch, nicht einmal bitter verwun- dert, spöttisch. Auch er hatte einmal geglaubt, man könne die Forschung von der Technologie, die ihre Ergebnisse und Entdeckungen ausbeutete, trennen. Naive Jugendträume. Niemand weiß, wozu eines Ta- ges genutzt wird, was er entdeckt. Das ist nun mal das Schicksal jedes Forschers, der auf Neuland vor- stößt. Hatte Butenant eine Ahnung, als er die biochemi- sche Natur der Östrogene entdeckte, welch enorme Rolle diese Steroide einmal als »Pille« für die Rege- lung der Bevölkerungsexplosion erhalten sollten? Von den Pillen-Kriegen, mit denen die Völker der dritten und vierten Welt gezwungen worden waren, die Östrogene zu schlucken? Hatte Onsager geahnt, daß er mit seiner thermischen Diffusionsmethode zur Trennung von Uran 235 und Uran 238 die Grundlage für eine Waffe lieferte, daß die Onsager-Gleichungen für die Thermodynamik irreversibler Prozesse ein Beitrag zur Herstellung der Atombomben waren? Mußte er sich vorwerfen, daß die Mulligan- Gleichungen am Ende zu einer nicht weniger scheuß- lichen Waffe führen würden? Wenn er sie nur schon vollendet hätte: Dann könn- te er sich endlich an die Dispersion der Quarks ma- chen. Mulligan kicherte vergnügt. Und niemand wußte von dieser Idee. Doch zuerst mußte er die ver- dammte Ableitung der dritten Gleichung schaffen., Oder eine neue, die vierte Gleichung? Er stürzte sich verbissen in die Arbeit. Den Alten sah Mulligan erst am übernächsten Tag wieder. Als er vom Strand kam, stand Bermuda-Joe mitten in der Halle und starrte auf die Leute, die durch die Drehtür kamen, zwischendurch blickte er immer wieder zu der Uhr über dem Empfang. Mulli- gan vergewisserte sich unwillkürlich, wie spät es war: kurz vor sechs. Als der Zeiger auf »voll« sprang, stürzte Bermuda-Joe auf eine Frau zu, die gerade hereinkam. Mulligan trat näher. »Haben Sie Nachricht von Wloblam?« fragte Joe die Frau. »Nein?« Er nickte traurig, dann drehte er sich um; fast wäre er mit Mulligan zusammengestoßen. »Wer ist Wloblam?« fragte Mulligan. »Wloblam? Wer soll das sein?« Joe sah ihn ver- wirrt an. »Das frage ich Sie, Joe!« »Nie von ihm gehört.« Der Alte schlich mit gei- stesabwesendem Blick davon. Am Abend vor seiner Abreise ging Mulligan noch einmal in die Bar. Seine Kehle war völlig ausgedörrt, obwohl er bereits am Strandkiosk ein paar Bier ge- trunken hatte. Mulligan hatte die letzten Tage am Strand gefaulenzt; die Sonne knallte, wie im Pro- spekt versprochen, und mit seiner Gleichung kam er, ohnehin nicht voran. In der Ecke am Tresen saß Bermuda-Joe und kritzelte etwas auf eine Papierser- viette. Mulligan setzte sich zu ihm. »Wie wäre es mit ei- nem Drink?« fragte er. »Wenn Sie einen ausgeben, allemal«, sagte der Al- te. »Sind Sie schon lange hier?« »Was schreiben Sie da?« fragte Mulligan zurück. »Hat nichts zu bedeuten. Nur Gekritzel. Was mir gerade so in den Sinn kam, weiß auch nicht, wieso.« »Darf ich mal sehen?« Mulligan wartete nicht auf Zustimmung, er zog die Serviette zu sich herüber, starrte mit offenem Mund auf das Papier: lange Ko- lonnen von Ziffern und Zeichen, Formeln wofür? Und da stand die Formel für die Strontium- Molybdän-Fusion. Eine Formel der höchsten Ge- heimhaltungsstufe auf einer Papierserviette in einer Hotelbar! Von einem verrückten alten Mann hinge- kritzelt. Mulligan sah sich Zeile für Zeile genau an. Da wa- ren ein paar Interlinear-Funktionen, die er noch nie gesehen hatte. Und darunter entdeckte er die dritte Mulligan-Gleichung, die er erst vor kurzem gefunden hatte und die außer ihm nur noch zwei Mitarbeiter seines Teams kannten. Und dann eine Quasi-Analog- Ableitung, die er noch nicht einmal bedacht hatte! Mulligan holte einen Stift heraus, nahm eine Serviet- te, schrieb, rechnete; es fehlte offensichtlich ein Al-, pha-Block, aber das konnte die Lösung sein er sah den Alten fassungslos an. »Woher haben Sie das, Joe?« stieß er hervor. »Ich weiß nicht.« »Denken Sie nach!« Mulligan beugte sich über den Tisch, packte den Alten am Arm und rüttelte ihn. »Denken Sie nach, Joe, bestimmt fällt Ihnen noch mehr ein.« »Nein«, erwiderte Joe, »ich habe alles vergessen. Glaubt mir doch, ich habe wirklich alles vergessen. Ich mache euch keinen Kummer mehr.« Er riß sich los, blickte Mulligan verständnislos an, stand auf. »Was wollen Sie von mir, Sir? Bitte, lassen Sie mich doch in Ruhe. Ich habe Ihnen ja nichts getan, nicht wahr?« Er lächelte verzweifelt. »Fragen Sie die anderen, Sir, die werden es Ihnen bestätigen: Ich rede manchmal vielleicht ein bißchen irre, aber ich bin nur ein harmloser alter Mann. Soll ich Ihnen ein Lied singen?« Er nahm Haltung an, legte die Hände an die Ho- senbeine, reckte das magere Kinn und begann mit leiser, krächzender Stimme: »I was bo-orn under a wandering star…«,

Josefa

Der Winter schien schon zu Ende, da fiel der Frost noch einmal über Thekion her, unvermittelt und un- barmherzig. Ein eiskaltes Polarhoch, so trocken, daß keine Eisblumen wuchsen, daß sich nicht einmal früh die graublaue Ebene mit einem silbrigen Schimmer überzog, legte sich quer vor die Alamosberge und rückte und rührte sich nicht. Niemand verließ ohne zwingenden Grund sein Quartier, und wenn es nicht zu umgehen war, dann nicht ohne Zusatzheizung im Skaphander. Ich dachte nicht an den Frost, als Josefa anrief und fragte: Hast du heut Zeit? Nein, es war keine Frage, und ich wußte sofort, ich hatte Zeit. Erst am nächsten Tag fiel mir wieder ein, daß ich eigentlich die Übertra- gung von »Kabale und Liebe« hatte sehen wollen, die erste neue Sendung seit Wochen, da das Dezem- ber-Schiff Thekion wegen magnetischer Stürme nicht anlaufen konnte. Verzeih, Luise, daß ich nicht zusah, als du die vergiftete Limonade getrunken, ich saß bei Josefa und trank Grog. Josefa hockte in einem Sessel, den sie, weiß der Himmel, wie, nach Thekion mitgebracht hatte, sie hatte die hohe, gepolsterte Lehne gegen den Bild- schirm gedreht, auf dem ein Birkenwald in die Nacht, hinüberdämmerte, saß mit angezogenen Beinen, die Arme um die Knie geschlungen, ganz in sich ge- schlossen, ein kleiner, verfrorener Vogel. Später hielt ich ihre Hand, und wir träumten uns erdwärts, durch die finstere Kälte des Alls hinweg in einen Urwald, wo wir aus leuchtenden Riesenblumen einen Kranz wanden, den setzten wir einem Nashorn auf, und es sagte nicht einmal Danke schön. Josefa erzählte mir Märchen. Sie band ihre Haare zu einem Knoten und steckte ihn auf den Scheitel, schob die Brille auf die Nasenspitze und hob den Zeigefinger: Es war einmal… Die Zigarette hielt sie mit den Kuppen von Dau- men und Mittelfinger, ein dünner Rauchfaden stieg empor wie aus einem Hexenhausschornstein im Win- terwald. Sie war Großmutter Josefa und ich wieder ein Junge. Später war sie ein kleines Mädchen, das sich scheu in die Decke wickelte, sie bis unter die Augen zog und die Lider schloß: Dornröschen und ich mußte behutsam die Dornen zur Seite streicheln. Sie wollte mir nicht verraten, wo der Jungbrunnen steht, in dem sie sich wieder in eine Jungfrau ver- wandelt, so daß sie trotz zweier Ehen und einem Kind ein Mädchen war, das ich auf achtzehn ge- schätzt hatte, als ich sie Tage zuvor zum ersten Mal gesehen; ein Dutzend gesetzter Männer, zumeist er- fahrene Raumhasen, umringte sie. Josefa nahm sich zwischen ihnen aus wie ein verlaufenes Kind., Als sie sich in das Gespräch mischte, hatte sie be- ängstigend weise Gedanken; war es der Reiz dieses Gegensatzes, der mich sofort in ihren Bann zog? Wir selbst wechselten kaum ein paar Sätze, doch wir überraschten uns ein paarmal dabei, wie wir gleich- zeitig Zustimmung nickten oder den Kopf schüttelten oder abfällig lachten. Es schien, als kannten wir uns schon von Kind an, und ich bekam Angst vor ihr, genauer: vor mir. Daß ich wieder einmal eine Sehn- sucht im Keim ersticken müßte, wenn ich nicht die barmherzige Geborgenheit der Gewohnheiten, vor allem der Partnerschaft mit Sue, aufs Spiel setzen wollte. Es gelang mir, Josefa aus meinem Kopf zu verdrängen. Als Koordinator und Report-Manager lernt man so etwas bis zur Perfektion, und damals hätte ich wohl jede Meisterschaft in Gefühlsabtrei- bung gewonnen. Tatsächlich, ich vergaß sie. Bis Josefa anrief. In einem Augenblick wehrloser Einsamkeit. Wußte sie, daß Sue nach Xeros unterwegs war? Sicher nicht. Auch nicht, daß ich an diesem Tag, an dem fast al- les schiefgelaufen war, so gründlich, daß ich nicht in der Lage war, die Erbärmlichkeit meines kompro- mißreichen Lebens in die Tiefen des Unterbewußt- seins zurückzuscheuchen, mich steinalt fühlte. Alt und versteinert. Josefa weckte in dieser Nacht einen Jungen in mir,, der längst gestorben schien. Es war eine Nacht wie tausendundeine zugleich. Ich war wie verzaubert. Ich ahnte nicht, daß ich ent- zaubert war, daß in dieser Nacht die versteinerte Blume zu tauen begann. Als die Kerzen verloschen, zog Josefa den Vorhang auf und ließ die Monde ein. Ein paar Schneeflocken setzten sich an die Scheibe, wir zählten sie. Die Stunden zählten wir nicht. Wir schwammen im Licht der beiden Monde von Sonne zu Sonne, irgendwo unterwegs verloren wir unsere Galaxis. Als wir am Morgen erwachten, war der Forsy- thienstrauß aufgeblüht. Josefa lachte mir zu und schmiegte sich noch einmal an, so selbstverständlich, als wachten wir jeden Tag miteinander auf, so frag- los, wie sie mich angerufen hatte. Was nun? dachte ich erschrocken. Wir kannten uns doch kaum. Wieviel weiß man von einem Men- schen, mit dem man nur einen Abend lang gespro- chen hat? Mehr geschwiegen als gesprochen: Unser gemeinsames Schweigen und gemeinsames Lachen hatte uns miteinander verkuppelt. Für diese Nacht, die für sie sicher nur eine von vielen war. Wenn ich sage: eine von vielen Nächten, dann meine ich: eine von vielen Enttäuschungen auf der Suche nach einem lebendigen, offenen anderen. Ich bin sicher, Josefa hatte bei dem Treffen der Raumlotsen durch meine versteinerte Kruste hin-, durchgeschaut, und was sie erblickte, ließ Hoffnung wachsen; in dieser Nacht aber oder in der Minute des Morgens? verlor sie den Mut, mir zu helfen, die Jah- resringe meines Eispanzers abzusprengen. Wann sehen wir uns wieder? fragte ich zögernd. Josefa schüttelte den Kopf. Schneeflocken fallen nur einmal vom Himmel, sagte sie leise, und wenn man sie festhalten will, schmelzen sie. Wir haben uns nie wieder gesprochen. Einmal sah ich sie, als ich auf Xeros umstieg, im Warteraum. Josefa grüßte zurück, freundlich, wie einem entfern- ten Bekannten, dann unterhielt sie sich weiter mit dem Mann, der neben ihr saß. Es war schön und er- regend, Josefa wiederzusehen, aber ich widerstand der Versuchung, an ihren Tisch zu treten, und ich unterdrückte auch mein Verlangen, die Computer nach ihr zu befragen. Ich hatte, wie es mein Beruf verlangt, schnell ein Bild bei der Hand, das alles erklärte und mit dem ich, wie ich dachte, so weiterleben könnte wie bisher: Wir sind aufeinander zugetrieben wie zwei Stämme im Strom, haben angelegt, sind zusammen durch die Strudel des Katarakts gewirbelt, um dann wieder au- seinanderzutreiben, jeder seinem Ufer zu. Mein Leben verläuft unverändert. Nur wenn die beiden Monde zugleich die nächtliche Ebene aus- leuchten, schlafe ich schlecht, und sobald es schneit, zieht es mich unwiderstehlich hinaus. Allein., Als ich an jenem Morgen aus Josefas Quartier trat, war der Boden schwammig weich. Erste grüne und gelbe Tupfer zeigten sich in den Mulden des Grau- blau. In dieser Nacht war das Polarhoch über die Berge gezogen und hatte einem Äquatortief Platz gemacht. Es war der erste Tag einer Schönwetterpe- riode, die den Frühling auf Thekion einleitete. Alle außer mir schienen es zu wissen. Ich sah nie- manden mehr im Skaphander, dafür Overalls und leichte Stiefel, und ich wurde verlegen unter den Blicken der anderen. Ich nahm den Helm ab und hoffte, daß sie nur annahmen, ich hätte den Wetter- bericht nicht gehört.,

Im Alleingang

1. War es schon soweit? Er wischte sich die Schweiß- tropfen von der Stirn, frottierte den Oberkörper, die Schenkel, zog die Füße aus den Pedalschlaufen; von einer Minute zur anderen fühlte er sich ausgepumpt, völlig erschöpft. Nilsson hatte ihm ja prophezeit, daß es ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen konnte, wenn er das Optimum überschritt, und der Bordcomputer zeigte an, daß er wieder in einen Zwölferschlag verfallen war. Ob der Himmel heiter war? Das trübe Graublau vor dem Panoramafenster verriet nur, daß noch Tag sein müßte. Er fühlte sich zu schwach, das Pereskop auszufahren. Todmüde. Und noch über zweitausend Kilometer bis Hawaii. Er warf einen Blick über die Displays. Das Boot lag nach wie vor im Sog der starken Strömung; selbst wenn er jetzt starb, würde sie ihn wahrscheinlich nach Hawaii bringen, zumindest bis dicht vor die In- selkette aber er hatte Hawaii lebend erreichen wol- len. Wenigstens einmal an dem berühmtesten Strand der Erde Spazierengehen, einmal Palmenwein trin- ken… Ist es nicht scheißegal, sagte er laut, wo dein letz-, tes Stündchen schlägt, Henrik Kristian Henderson? Nein. Hawaii sehen und sterben, dieser Gedanke hatte ihm wieder Auftrieb gegeben, ihn aus seiner Lethargie gerissen, die Depressionen hinweggespült, das verteufelte Selbstmitleid. Erst Hawaii sehen und dann sterben. Den Hang der Insel hinuntersinken, immer tiefer, bis er das Bewußtsein verlor und das Boot vom Wasserdruck zerquetscht wurde, lange be- vor es den Grund erreichte; der Berg, dessen Spitze Hawaii hieß, wäre der höchste der Erde, weit höher als der Himalaja, wenn er nicht zur Hälfte im Wasser des Pazifik läge. Er legte sich in die Koje, drückte das Kreuz durch, verschränkte die Hände im Nacken, atmete tief; eins, zwei, drei, vier… bei zweihundertzehn ließ der Druck auf der Brust nach, bei vierhundert konnte er zum Wechselrhythmus übergehen: hecheln, Luft an- halten, pressen, schreien, tief durchatmen, hecheln… So ähnlich, hatte Nilsson erklärt, hätte man es früher den Frauen beim Gebären beigebracht. Nach einer Stunde fühlte er sich wie neugeboren: körperlos schlapp. Aber ruhig und wieder voller Hoffnung. Er nahm sich die Seekarten vor. Nicht einmal ein unbewohntes Atoll in erreichbarer Nähe, auf dem er Rast einlegen konnte. Ein Stück voraus jedoch war ein Riff eingezeichnet, das südliche Schietmans-Riff war das nicht Altdeutsch und bedeutete Scheißkerl? Er lachte laut auf. Der richtige Ort für sein Grab., Aber vielleicht schaffte er es noch einmal, konnte sich dort ein paar Tage ausruhen; wenn die Karten recht behielten und der Meeresgrund sich seit der letzten Kartierung nicht gesenkt hatte, ragte das Riff bis zu zwei Metern unterhalb der Wasseroberfläche hinauf, genug, um das Boot zu ankern und auftau- chen zu lassen. Auf Deck langmachen und in der Sonne baden, dachte er, Sonne würde ihm guttun. Mit einem Mal dürstete es ihn geradezu nach Son- nenschein, am liebsten wäre er auf der Stelle aufge- taucht, aber er hatte nicht die Kraft dazu; Tauchen und Auftauchen verbrauchten am meisten Kraft er fühlte sich nicht einmal stark genug, die paar Kilo- meter bis zum Riff zu bewältigen. Daß er nicht für diese seine letzte Fahrt einen Hilfsmotor eingebaut hatte! Er arretierte die Steuerung, legte einen Kristall ein und ließ sich zu den Klängen von Vivaldis Con- certo g-Moll treiben. Er war nicht mehr der »Cham- pion«, dem es nichts ausmachte, durch einen Ozean zu trampen. Ein Wrack. Und noch nicht einmal drei- ßig. Einmal »zu Fuß« von Europa nach Amerika und zurück, damit hatte er zum erstenmal Aufsehen er- regt. Mann, war das ein Trubel gewesen, als er am Pier von New York auftauchte. Und erst bei der Rückkehr in Stockholm er hatte bewußt die Route von Ole Schiffer-Henrik gewählt. Zugegeben, er war nicht der erste gewesen, der den Atlantik auf diese, Weise durchquerte, das hatte vor ein paar hundert Jahren schon ein Deutscher getan, seitdem jedoch war niemand mehr auf die Idee gekommen, in einem nur von Pedalkraft angetriebenen Mini-U-Boot um die Welt zu reisen… Vater schon, dachte er, aber Vater hatte den Plan aufgegeben. Warum, das stand nicht in den Tagebü- chern; sicher, weil er damals den Entschluß faßte, in den Kosmos aufzubrechen. Wo Vater und Mutter jetzt sein mochten? Seit die GAGARIN das Sonnensystem verlassen hatte und auf halbe Lichtgeschwindigkeit beschleunigte, war die Verbindung so gut wie abgebrochen. Er hätte mit ihnen gehen sollen. Er war nicht hiergeblieben, weil ein Henderson auf der Erde bleiben sollte, wie Vater meinte, sondern weil ihm das Leben auf der Erde viel zu verlockend schien, und Mutter hatte ihn darin be- stärkt: erst die Erde kennenlernen. Und dann war da Silke… Silke hielt nichts von dem Bau des U-Boots. Er hätte die Konstruktionspläne sofort geändert, wenn sie mitgemacht hätte. Vaters Pläne hatte er sich, wie Silke behauptete, nur darauf gestürzt, weil er sich so Vater näher fühl- te? Ein wenig wie er sein wußte er überhaupt, wie Vater gewesen war? Was weiß ein Kind von seinen Eltern? Wie wenig Tagebücher aussagen… Er holte seine Jahreskladde hervor, trug Position, und Kurs ein, verstaute die Kladde wieder in der Bo- je, holte sie erneut hervor, trug den Tagesspruch ein. Er konnte die Quintessenz dieses Tages auch jetzt schon ziehen: »Es mag gleichgültig sein, wo ein Mensch stirbt, wenn er nur in Würde aus dem Leben scheidet, doch ein Ort namens Schietmans-Riff scheint mir selbst in dieser Stunde nicht gut genug für meinen letzten Platz auf dieser Welt.« Ob je jemand die Kladde finden würde? Die Boje wurde hinauskatapultiert, sobald das Boot unter die Hundertmetermarke sank, aber der Pazifik war riesig was machte es schon, wenn sein letztes Tagebuch nie nach Svanvall kam, nicht in seiner Truhe landete, niemand würde sie mehr öffnen. Keine der Truhen. Er war der letzte Henderson… Ein Gedanke blitzte auf, und er wunderte sich, daß er nicht früher darauf gekommen war: Vielleicht hatte er einen Bruder auf der GAGARIN? Die Eltern hatten ihre Depots mit- genommen, vielleicht hatten sie längst ein Kind zeu- gen lassen? Er rechnete nach, wie alt sein Bruder jetzt sein könnte: fast vier. Selbst wenn würde jemals ein Henderson vom Barnardstern zur Erde zurück- kehren? Kolonisten kehrten in der Regel nicht zu- rück, schon gar nicht die Auswanderer, ein Leben reichte nur für einen Weg, und ihre Nachfahren nein, wenn der Pazifik ihn begrub… Er lachte bitter. We- nigstens mit seinem Tod hielt er sich an die Famili- entradition., Alle Hendersons die der Svanvall-Sippe! Es gab mehr als reichlich Hendersons in Skandinavien hat- ten mit dem Meer, zumindest mit Wasser zu tun. Auch für ihn war das selbstverständlich gewesen. Deshalb schrieb er sich nach dem Pflichtstudium an der Sektion für Astrohydrologie ein, obwohl er damit geliebäugelt hatte, Historiker zu werden; für ihn war das Geschichtsstudium keine bloße Pflicht gewesen wie für viele seiner Kommilitonen. Die Hendersons waren eine traditionsbewußte Familie, schon den Kleinen wurden neben Märchen und Volkssagen die Geschichten von den Ole Henriks erzählt, sicher vie- le davon erfunden, wie die von Ole Henrik dem Kopflosen, den man als Seeräuber köpfte. Und er schritt vorüber an seinen Mannen / an Henker und Richtern und all den Gaffern / den Kopf unter dem linken Arm, die Rechte / zum Gruß erho- ben, angewinkelt, wo einst / seine Stirn gewesen, die er nun an die blutige Jacke preßte / aufrecht und fe- sten Schrittes, weit ausholend / wiegend, als stünde er noch an Bord seiner HALSUNGA / ging Ole Hen- rik zum Friedhof / und legte sich selbst in sein düste- res Grab… Die Svanvall-Hendersons konnten ihre Ahnentafel bis in das Mittelalter zurückverfolgen. Ein Henrik Henderson hatte den Aufstand der Bauern unter En- gelbrekt Engelbrektsson mitgemacht, ein anderer war als Leutnant unter König Gustav Adolf von Schwe-, den im Dreißigjährigen Krieg in Deutschland gefal- len; auf Svanvall hing eine Kopie des Gemäldes von der Landung Gustav Adolfs auf Usedom, und direkt neben seinem König stand der junge Mann mit dem dünnen Lippenbart und den großen schwarzen Au- gen, den die Agenda unter dem Bild als »Lütenant Henrik von Svanvallen« auswies. Auch er, Kristian, hatte auf der Europareise, die jeder Henderson zu seinem zwanzigsten Geburtstag geschenkt bekam, das Grab in Sachsen besucht, hatte in Stralsund im Hof des Rathauses der Bronzebüste von Gustav Adolf an die Bartspitze gefaßt wie Dutzende von Hendersons vor ihm seit über vierhundert Jahren… Das Concerto war zu Ende, er drehte den Kristall. Concerto e-Moll, sagte eine zarte Frauenstimme, Allegro, Andante, Allegro. Die hellen Töne der Ba- rocktrompeten setzten ein… er war der letzte gewe- sen. Das Henderson-Alphabet endete mit K. Seit nahezu tausend Jahren hießen alle erstgebore- nen Hendersons Henrik, aber im 19. Jahrhundert hat- te Ole Schiffer-Henrik einer der letzten Segelschiffs- kapitäne, er befuhr die Route Stockholm New York mit seiner Dreimastbark, den Brauch des zweiten Vornamens eingeführt, hatte seinem Sohn einen Adolf hinzugegeben, der wiederum seinem Erstgebo- renen ein B: Bernhard, danach kamen Carl, Ditter, Erik, Frederik, Gustav, Harms, Ingar, Jan, eine Sta- fette von Generation zu Generation. Und bei ihm riß, die Kette ab, bei dem Unbedeutendsten von allen… Ole Carl war in die Geschichtsdateien, sogar in die Kurzfassungen eingegangen; auf Svanvall hing ein Porträt von Ole Carl, das ihn nicht in Uniform zeigte, sondern mit seiner Geige, ein zierlicher, blaßhäutiger Mann, dem niemand den Konteradmiral zutraute, schon gar nicht seinen Spitznamen: der Eiserne Carl; er hatte als Leiter der Weltabrüstungskommission die Kernwaffen, soweit sie nicht anders zu verwenden waren, mit Raketen zur Sonne schießen lassen, wo sie explodieren konnten, ohne Schaden anzurichten. Ole Ditter hatte für die Entdeckung der submo- lekluiden Struktur des Wassers den Nobelpreis be- kommen. Ole Ingar hätte ihn beinahe bekommen, er war nominiert. Ein Meerstreicher wie sein Enkel. Kristian hatte überlegt, ob er ihm einen Abschiedsbe- such machen sollte, Ole Ingar trieb sich gerade in den Unterwasserfarmen vor Taiwan herum, versuch- te noch immer, neue Fermente und Prostaglandine und Steroide und was weiß noch für Wirkstoffe in den winzigen Meeresorganismen der Korallenriffe zu entdecken, die man dann für Medikamente in der Humanmedizin verwenden konnte; vor dreißig Jah- ren hatte Ole Ingar in einer Seegurkenart ein Interfe- ron gegen den Schnupfenvirus entdeckt und damit die Menschheit von dieser jahrtausendealten Plage befreit; den Nobelpreis hatte er nicht dafür bekom- men, aber den LUCKY LICKY, den Preis der Welt-, vereinigung der Akademien für die glücklichste Ent- deckung des Jahres ein Henderson zu sein verpflich- tete. Ole Gustav hatte sich als Mitglied des Glomfjord- Teams einen Namen gemacht, das den Hering vor dem Aussterben bewahrte, Ole Erik durch die legen- däre Rettung der Weißwale in der McMurdo-Bucht ein einfacher Kapitän, der einzige Vorfahr in diesem Jahrtausend, der nicht studieren wollte, sondern Seemann werden, einer von vielen Eisbrecher- Kapitänen in der Antarktis, aber eines Tages war Ole Eriks große Stunde gekommen. Über Nacht waren an die viertausend Weißwale in der McMurdo-Bucht eingeschlossen worden, starke Stürme hatten eine gewaltige Eisbarriere vor die Bucht geschoben, viel zu breit, als daß die Wale un- ter ihr hindurchtauchen konnten, und es war nur eine Frage von Stunden, wann die Bucht nun völlig zu- fror. Als Ole Eriks Eisbrecher eintraf, hatten die Wa- le kaum noch Platz in den Eislöchern, viele waren bereits angefroren, die Schiffsbesatzung hackte sie mit Picken los. Hilfstruppen wurden mit Hubschrau- bern von den Antarktisstationen eingeflogen, Ole Erik leitete die Aktion, die von aller Welt am Bild- schirm verfolgt wurde, dirigierte die Hubschrauber, die mit Bomben das Eisfeld sprengten, hielt mit sei- nem Schiff einen Kanal durch die Barriere frei, bis Schlepper eintrafen, die eigentlich Eisberge für die, Trinkwasserversorgung nach Australien bringen soll- ten und nun Eisschollen aufs Meer schleppten. Aber die Wale wollten nicht aus der Bucht, ließen sich durch nichts hinausscheuchen, und die Bucht drohte erneut zuzufrieren; die Meteorologen künde- ten neue Stürme und eine extreme Frostverschärfung an. Da erinnerte sich Ole Erik an einen Vorfall im 20. Jahrhundert, damals war es im nördlichen Eis- meer zu einer ähnlichen Situation gekommen, und man hatte die Wale mit klassischer Musik aufs Meer locken können. Der »Rat für Naturkatastrophen in der Südregion« erklärte Ole Erik für verrückt, als er verlangte, Batterien von Lautsprechern aus Australi- en heranfliegen und auf seinem Schiff installieren zu lassen, aber er bestand auf seiner Autorität als Leiter vor Ort, und dann feierte ihn die ganze Erde als Mann des Tages, als »Held der großen Walschlacht«. Es muß aber auch ein beeindruckendes Bild gewe- sen sein, als die Wale sich in Bewegung setzten, dachte Kristian. Schon der Anblick der Tausende von gelblichweißen Rücken, die das Wasser der Bucht durchpflügten, war geradezu unheimlich, selbst die hundsmiserable Videoaufzeichnung vom Auszug der Wale die bereits einsetzenden atmosphärischen Stö- rungen des heraufziehenden Sturmes hatten die Übertragung empfindlich gestört hatte ihm jedesmal Schauer der Erregung über den Rücken gejagt. Er wäre zu gerne dabeigewesen, als der lange Zug der, Wale dem Kielwasser des Eisbrechers folgte, sich von den weithin schallenden Klängen von Beetho- vens Eroica ins freie Meer locken ließ. Und was hatte er vollbracht? Buchstäblich nichts. Seine Unterwassertouren waren nicht einmal in die Sportannalen eingegangen, nur in die Tagesmeldun- gen. Unter der Rubrik: Was sonst noch geschah. Spektakuläre Gags, die am nächsten Tag vergessen waren. Wer, außer ihm, erinnerte sich noch an seine Atlantiküberquerung? An die Umrundung der Antarktis? Gewiß, er hatte als erster nach Francis Drake das Elisabeth-Eiland betreten; die 1579 von Drake südwestlich von Feuer- land entdeckte Insel war, wahrscheinlich schon kurz darauf, nach einem Seebeben versunken, so daß nie- mand sie wiederfinden konnte und man den berühm- ten Sir Francis Drake offen einen Schwindler nannte. Vor langem schon war das Elisabeth-Eiland aus dem Orbit wiederentdeckt worden, aber Kristian war der erste gewesen, der es nach Jahrhunderten wieder »betrat« er hatte die Füße aus der Bodenluke seines U-Boots herausgestreckt, ein Gag, nicht mehr. Er machte sich nichts vor, er war nur ein Gagman gewe- sen, ein Showman, er hätte ebensogut als Feuer- schlucker auftreten können; seine Zeit hatte nur aus- gereicht, von der großen Tat zu träumen, der Urbar- machung der Venus… Gleich nach dem zweiten Staatsexamen hatte er, sich für dieses Unternehmen gemeldet und schon als Student bei der Ausarbeitung der Pläne mitmachen dürfen; Tausende Tonnen Blaualgen sollten über der Venus abgesetzt werden, Blaualgen konnten sogar die dort herrschenden Temperaturen von fünfhundert Grad überstehen, wurden mit der Zeit den hohen Kohlendioxyd-Anteil in der Venus-Atmosphäre re- duzieren, so daß allmählich die Temperatur sank, eines Tages unter hundert Grad, dann würde sintflut- artiger Regen einsetzen wie einst auf der Erde… Den Blaualgen war er auch so begegnet. Als er sich durch den »Blauen Fleck« wagte, das südliche Kattegat, das noch immer von einem meterdicken, alles übrige Leben erstickenden Teppich aus Blaual- gen bedeckt wurde, obwohl man bereits vor zwei- hundert Jahren die Überdüngung der Felder, dann sogar jede Landwirtschaft rund um das Kattegat ein- gestellt hatte. Er war mit wachsender Beklemmung, schließlich sogar von Todesängsten gepeinigt, unter den tief herabhängenden Algenkolonien hinwegge- strampelt und hatte jeden Gedanken an eine Ostsee- überquerung fallenlassen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, dem Tod ent- ronnen zu sein, hatte er damals in sein Tagebuch ge- schrieben, das Gefühl, ein zweites Mal geboren wor- den zu sein jetzt fühle ich mich den Millionen Ver- folgten und noch einmal Davongekommenen in un- serer Geschichte näher., Vor einem halben Jahr war die erste Expedition der Algen-Transporter zur Venus aufgebrochen. Sie waren so taktvoll gewesen, ihn nicht zu der Ab- schiedsfeier einzuladen, nur Bachirow hatte ihn an- gerufen; sie wußten beide, es war ihr letztes Ge- spräch, doch sie redeten nur über die Alphavariante und den Mequonenbeschleuniger, als würden sie sich nächste Woche wieder im Labor begegnen, dann schwiegen sie eine Minute lang, sahen sich stumm an, Bachirow wandte den Blick als erster ab, nickte nur, seufzte; wie auf Kommando schalteten sie beide gleichzeitig ab. Er hatte sich längst nach Svanvall zurückgezogen, verkrochen wie ein weidwundes Tier in seine Höhle gab es einen besseren Ort, gegen die Depressionen anzukämpfen, als Svanvall? Der Hof war seit dem 17. Jahrhundert im Besitz der Familie, war natürlich längst kein Bauernhof mehr, nur noch Sommerdomizil. Obwohl er hier völ- lig mit sich allein war oder gerade deshalb? –, schaff- te er es, das zerstörerische Selbstmitleid zu besiegen, die Bitterkeit, konnte sich durchringen, die unbarm- herzige Klarheit seiner Situation anzuerkennen, ohne länger zu weinen, sich zu betrinken die Musik der Alten, die Geborgenheit von Svanvall, die langen Märsche über die Wiesen und den Strand hatten ihm geholfen. Und, so widersprüchlich das war, die Tru- hen, die Zeugnisse erfüllten Lebens, wie er es nie, erreichen würde… Auch das eine Henderson-Tradition: Zwischen acht und sechzehn erlernten die Jungen auf Svanvall handwerkliche Fähigkeiten, wie sie vor Jahrhunder- ten üblich gewesen waren; schreinern, töpfern, satt- lern, schmieden und, natürlich, die Kunst der See- mannsknoten; zum sechzehnten Geburtstag baute jeder Henderson mit eigener Hand eine hölzerne Truhe mit selbstgeschmiedeten eisernen Beschlägen. Die Truhen standen in langer Reihe auf der einstigen Tenne. Es war ein feierlicher Tag, alle kamen nach Svanvall, wenn wieder ein Henderson seine Truhe aufstellte. Voller Herzklopfen. Kristian erinnerte sich an die- sen Tag, als sei es gestern gewesen: der weite Fach- werkraum, die altersschwarzen Deckenbalken, die weiß gescheuerten Dielenbretter, die übermächtigen Klänge des Chorais. Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen… Natürlich glaubte nie- mand mehr an einen Gott, doch die Musik des alten Bach ergriff noch immer, selbst die Worte von Lu- ther; den dritten Vers kannte Kristian auswendig, er sang ihn in Gedanken mit, als er mit der Truhe auf den Armen die lange Reihe entlangschritt: Und wenn die Welt voll Teufel wär / und wollt uns gar ver- schlingen / so fürchten wir uns nicht so sehr / es soll uns doch gelingen… Mutter hatte laut geschluchzt, auch Vater und Ole Ingar standen Tränen in den Au-, gen. Bis tief in die Nacht saßen sie dann am offenen Feuer, tranken Punsch und erinnerten sich an die Ge- schichten der Ole Henriks, holten mal dieses, mal jenes aus einer der Truhen sie waren voll mit Tage- büchern, Karten, Bildern, Fotos, Videos, Urkunden, Auszeichnungen, Andenken… Zeugnisse eines Le- bens; auf dem Deckel jeder Truhe standen einge- brannt der Name und die Lebensdaten seines Besit- zers wer würde sein Todesdatum einbrennen, Silke? Concerto B-Dur, La Caccia. Der sanfte, schwe- bende Gesang der Violinen. Er drehte sich auf die Seite, zog die Beine an, umklammerte die Knie mit den Armen. Er hatte sich von Silke verabschiedet, als unter- nehme er nur eine seiner üblichen Touren, hatte ihr vorgemacht, es ginge ihm besser, er fühle sich schon stark genug, das Boot wieder zu besteigen bald wür- de er zu ihr ziehen… Er hatte Silke in Connecticut besucht, weil sie nicht nach Svanvall kommen woll- te. Silke wäre auf der Stelle gekommen, wenn er ihr die brutale Wahrheit gesagt hätte, Schluß gemacht mit der Lüge von dem einen Jahr Rekonvaleszenz, aber er hatte Angst vor ihren Reaktionen, dem unbe- rechenbaren Ausbruch ihrer Gefühle… Es war gut gewesen, daß er allein Abschied nahm was bedeutete Silke schon Svanvall! –, ein letztes Mal den Strand abgewandert, allein mit dem Meer und den Möwen. Ohne Selbstmitleid. Traurig, ja,, aber nicht sentimental. Ein Abend wie der Abschied von Mutter vor ihrem Aufbruch zum Barnardstern. Von Vater hatte er sich bereits vor Tagen verab- schiedet, Vater mußte früher zum Kosmodrom. Er hatte Kristian das alte Taschenmesser übergeben, das seit Jahrhunderten vom Vater zum Sohn wechselte und vergeblich versucht, seine Rührung mit ein paar witzigen Worten zu überspielen Mutter hatte nicht geweint. Sie trug das lange weiße Seidenkleid, obwohl es bereits zu kühl für ein Mittsommernachtskleid war, es blähte sich in der Abendbrise wie ein Segel auf. Schweigend gingen sie Hand in Hand den Strand hinunter, barfuß, die Füße wurden immer wieder von leckenden Meereszungen überspült, noch einmal suchten sie flache Steinchen und ließen sie über das Wasser springen; bevor sie zum Haus zurückkehrten, blieb Mutter stehen, legte ihm die Hände auf die Schultern und sagte: Das ist das Größte und das Schwerste alles geben und alles verlieren, um sich ganz zu gewinnen. Er hatte den Spruch in sein Tage- buch geschrieben und nie vergessen; und wie oft hat- te er ihn schon für sich wiederholt, um seinen ver- borgenen Sinn zu erfassen. Er hatte niemanden, dem er einen Spruch hinterlassen konnte. Finito definito, wie Großmutter Kerstin immer gesagt hatte. Sein Samendepot war gelöscht. Nicht erst jetzt. Das hatte er verfügt, als er erfuhr, daß der Unfall bereits vor, der Deponierung stattgefunden hatte. Wie glücklich er gewesen war, als er den Meteori- ten erblickte, eine helleuchtende Spur, die sich quer über den Nachthimmel zog, er hatte gejubelt, mit den Armen gewinkt, als könne jemand ihn sehen, hatte mit staunenden Augen zugesehen, wie der glühende Punkt wuchs, sich fast über seinem Kopf zu einer Feuerkugel aufblähte, die nur wenige Kilometer ent- fernt in das Antarktische Meer stürzte und eine laut zischende Wasserfontäne in die Luft jagte; welch ein Glück, hatte er gedacht, daß er bereits aufgetaucht war, wie oft hat schon jemand das Glück, solch eine Sternschnuppe sehen zu dürfen? In sein Tagebuch hatte er einen zweiten Spruch eingetragen: Sterntaler für ein Glückskind, der Himmel beschenkt mich. Mit einer tödlichen Strahlendosis. Die Musik erlosch. Er hörte, wie der Ozean mit leisem Klatschen gegen den Schiffsrumpf schlug, setzte sich auf und sah zu den Armaturen. Das Boot war fast an die Oberfläche getrieben, lag quer zur Strömung. Ächzend wälzte er sich auf den Fahrer- sitz, brachte es wieder auf Tiefe, richtete den Bug in die Strömung. Dann legte er einen neuen Kristall ein. Mozart, Konzert für Klavier und Orchester, A-Dur. Mozart war gut, um gelöst und in Frieden einzu- schlafen. Und zu erwachen. Er programmierte die Automatik, dann schluckte er zwei Dormal und nahm einen langen Zug aus der Cognac-Flasche. Es wurde, Zeit, daß er nach Hawaii kam, die Flasche war fast leer, und es war seine vorletzte. 2. Er konnte die Augen nicht öffnen, sich nicht bewe- gen. Etwas Hartes drückte in seinen Rücken. Der rechte Fuß hatte sich verfangen, die Zehen konnte er rühren, er spürte kaltes Metall. Auch die Finger ließen sich bewegen, er tastete die Umgebung ab: Kunststoff, eine Metallkante, eine glatte Wand, er ließ die Hand hinaufkriechen, faßte in eine flauschige Decke. Langsam setzte die Erinnerung ein. Er war in sei- nem Boot. Unterwegs nach Hawaii. Er hätte nicht zwei Dor- mal schlucken sollen. Oder keinen Cognac trinken. Er mußte aus der Koje gefallen sein. Jetzt konnte er die Lider ein wenig öffnen. Ja, er lag auf dem Boden, Wieso? Woher kam dieses entsetzliche Schaben und Kratzen? Das flackernde Licht? Er zog sich an der Wand der Koje hoch, hockte sich hin, tappte, noch halbblind, nach den Dosen am Kopfbord, zählte von links; eins, zwei, drei er würgte eine Pille hinunter, wartete, bis die Wirkung einsetzte, die Nebel in sei- nem Hirn sich verzogen. Er hatte sechsunddreißig Stunden geschlafen! So- gar die Sirene überhört, das rote Licht flammte im-, mer noch auf, er schaltete den Alarm aus. Ruhe, be- fahl er sich. Ein flüchtiger Blick über die Armaturen: das Boot war nicht leck geschlagen. Also hatte er Zeit, in Ruhe zu sich zu kommen. Er legte sich auf den Rücken und begann tief durchzu- atmen. Hecheln, Luftanhalten, pressen, schreien, at- men… Dann bereitete er sich einen Mokka. Das Boot schlingerte nicht, bewegte sich nicht, und irgend et- was schabte unter dem Kiel. War er aufgelaufen, ge- strandet? Wo denn? Vor den Fenstern war nur Was- ser zu sehen. Er griff nach den Seekarten, verglich die Position. Er hatte das Schietmans-Riff erreicht. Nach dem Frühstück fühlte er sich stark genug, in den Taucheranzug zu steigen. Er glitt aus der Deck- luke. Das Wasser, das spürte er durch den Anzug hindurch, war ziemlich warm. Und unwahrscheinlich klar. Er konnte weit blik- ken. Die schartigen, löchrigen Felsen backbord vor- aus mußten mindestens fünfzig Meter entfernt sein. Eindeutig Korallenriffe. Auch hinter dem Boot. Das Heck steckte noch in einer Wand, die sich bis dicht unter die Wasseroberfläche erhob, eine zerfranste, zerfressene Wand mit einem großen, schartigen Loch, und in dieses Loch hatte die Strömung das Boot gezogen und dabei die Deckaufbauten verbo- gen, zertrümmert, abgerissen. Er tauchte nach unten. Das Boot lag mit einem Teil seines Kiels auf, das, Wasser schob es Millimeter für Millimeter weiter. Alles in allem keine bedrohliche Havarie, kein Riß in der Außenhaut, nur ein paar Schrammen am Bug, wo das Boot gegen das Riff geprallt sein mußte, Radar und Sonar waren beschädigt, aber nicht schwer, das konnte er sicher reparieren, die Antennen jedoch wa- ren völlig hinüber. Nun, er brauchte sie nicht. Er sah schon seit Wochen keine Nachrichten mehr, er war nicht länger an den Neuigkeiten dieser Welt interes- siert. Auch nicht an Shows oder Videofilmen, er nahm an keiner Abstimmung mehr teil und hatte nicht die Absicht, mit irgend jemandem in Verbin- dung zu treten, und Musik befand sich reichlich an Bord, mehr, als er noch hören konnte. Er schwamm unter den Kiel, stemmte sich gegen den Felsen, sorgsam bedacht, daß sein Anzug nicht von dem spitzen, schartigen Gestein aufgerissen wurde, wuchtete das Boot vorsichtig über das Riff, dann stieg er schnell wieder ein. Er wartete ungedul- dig, daß die Schleuse ihn passieren ließ, er hatte Angst, die Strömung könnte ihn erneut auflaufen las- sen, aber er konnte das Boot noch rechtzeitig heraus- steuern und in ruhigem, fast stehendem Wasser an- kern. Er tauchte auf. Ein guter Platz, um auszuruhen. Praktisch eine Lagune, wenn das Atoll auch völlig unter Wasser lag. Der helle, fast kreisförmige Schaumstreifen zeig- te an, daß das Riff die Dünung des Ozeans brach. Ein, unsichtbarer Hafen mitten im Pazifik. Hier konnte er sogar mittlere Windstärken über- stehen, ohne gleich in die Tiefe flüchten zu müssen. Jetzt war kaum Bewegung in der Luft. Gerade genug, um die Wärme angenehm zu machen. Er bereitete sich ein Lager auf Deck und legte sich in die Sonne. Ein Paradies. Himmlische Stille. Nur das Rau- schen der Dünung und ab und zu das Klatschen springender Tümmler oder Delphine draußen vor der Lagune. Kein Schiff, so weit er blikken konnte, kein Flugzeug am Himmel, nur hin und wieder ein Kon- densstreifen hoch oben im Dunkelblau. Es war, als sei er allein auf dieser Welt. Der einzige Mensch auf einem unbewohnten Planeten. Kristian Robinson. Kaum ein Buch hatte ihn später wieder so in seinen Bann gezogen. Die Träume der Kindheit. Die Welt der barmherzigen Unwissenheit, der grenzenlosen Phantasie, in der alles möglich scheint. Was weiß ein Achtjähriger schon von den Qualen der Einsamkeit. Die Qualen hatte er hinter sich. Jetzt war er glück- lich, daß er allein war. Er hatte die Route sorgsam gewählt, um niemandem zu begegnen, sich nach dem Start in Hongkong südlich gehalten, an den Philippi- nen vorbei, Luzon, Samar, dann durch die Karolinen hindurch, die Marshallinseln, hatte nur vor Rongelab überlegt, ob er kurz auftauchen und seinen Cognac- Vorrat ergänzen sollte, ein Kurs weitab von allen Flugrouten und Schiffahrtslinien; die Routen der Un-, terwasserschlepper mit ihren langen Preßwursttrans- portern störten ihn nicht, sie lagen in Tiefen, die er nicht berührte. Da die Nächte warm waren, blieb er auch nachts an Deck, hörte Musik und sah in den tiefschwarzen, sternklaren Himmel, so voller Sterne, wie er es seit der Antarktis nicht mehr gesehen hatte. Irgendwo dort oben zog die GAGARIN ihre Bahn, lag die neue Heimat der Eltern, unfaßbar weit, nur in Zahlen aus- zudrücken oder in den langen Jahren der Reise. Die Sterne schienen sich in der Lagune zu spie- geln, das Wasser war voller glühender Punkte. Er hatte keine Ahnung, was für Tiere dort leuchteten, es gab Hunderte von Arten, die mit ihrem Leuchten Beute anlocken wollten oder Artgenossen zur Paa- rung. Fische, Würmer, Muscheln, Quallen, Tintenfi- sche… Irgendwann schlief er ein, wachte auf mit dem Ge- fühl tiefer Geborgenheit, eingehüllt in Unendlichkeit: Das Meer der Sterne verschmolz mit den leuchten- den Punkten im Wasser, es war, als schwebe er frei im Raum. Er drückte die Fernbedienung am Handge- lenk, suchte die Vierte Sinfonie von Sibelius aus und dämmerte ein. Auch den größten Teil des Tages verschlief er. Nichts mußte getan werden, kein Gerät überwacht, keine Kurskorrektur vorgenommen, kein Meter ge- trampelt; nur zweimal am Tag die Wasserentsal-, zungsanlage anwerfen, ein Fertiggericht aus dem Freezer nehmen und wärmen, wenn er Hunger be- kam, duschen… Er aß an Deck, sah der aufgefrisch- ten Dünung zu, die sich jetzt über dem Riff brach und bizarre Fontänen und Muster aus glitzernden Wassertropfen in die Luft warf, oder den Delphinen, die sich immer noch vor dem Atoll tummelten. Ob sie wohl ebenso auf Musik reagierten wie Wa- le? Er brachte einen Soundtruck auf Deck und drehte langsam die Lautstärke auf. Tatsächlich, sie kamen näher, sogar in die Lagune, über ein Dutzend, um- schwammen sein Boot zu den Bachschen Orgelklän- gen, sprangen hoch aus dem Wasser, schnatterten laut, als wollten sie ihm etwas mitteilen. Schade, daß alle Versuche, eine gemeinsame Sprache mit den Delphinen zu finden, gescheitert waren. Und er sprach mit den Tieren… woher stammte das? Er be- kam Lust, sich zwischen den Delphinen im Wasser zu tummeln. Sie waren sofort zutraulich, ließen sich streicheln, schwammen Seite an Seite mit ihm, machten jedes seiner Manöver mit, ließen ihn sogar auf ihrem Rücken reiten. Vielleicht war er wirklich der erste Mensch hier? Er kletterte an Bord, füllte eine Ballonsonde halb mit Wasser und halb mit Preßluft und spielte Ball mit den Delphinen. Als er müde war und still auf dem Rücken trieb, stießen sie ihn mit den Nasen an. Er setzte sich auf das Boot und ließ die Beine baumeln,, da brachte einer der Delphine einen Fisch an; er hielt das zappelnde Tier quer im Maul, hielt es eindeutig Kristian hin, und als er den Fisch nahm, sprang der Delphin mit lautem, hellem Grunzen in die Luft. Kri- stian garte den Fisch im Grill und zeigte den Delphi- nen, daß er ihn aß, kurz darauf drängten sie sich dicht an dicht vor ihm, jeder einen Fisch zwischen den Zähnen. Waren es Heringe? Nun, selbst Ole Gustav würde sie unter diesen Umständen nicht verschmäht haben. Am fünften Tag fühlte Kristian sich wieder erholt, weit besser sogar als vor Antritt der Reise. Die Aus- wertung der Meßergebnisse durch den Computer be- stätigte es, sogar die Blutwerte waren wieder gestie- gen, natürlich nicht auf normal, aber Nilsson wäre begeistert gewesen. Mit solchen Werten könnte er noch Monate leben. Zeit, die Kristalle zu hören, we- nigstens einen Teil der Bücher zu lesen… Warum eigentlich Hawaii? Warum nicht auf dem Schiet- mans-Riff bleiben, wenn das ruhige Leben hier Wunder zu wirken schien? Die Energie reichte für mindestens zwei Jahre, auch das Essen, wenn die Delphine ihm weiterhin Fische brachten viel zu viele, er behielt nur, was er verzehren konnte, den Rest warf er ihnen wieder zu; es war fast schon ein Ritual daraus geworden: die Fütterung der Delphine und Cognac brauchte er nicht mehr, um einzuschlafen, auch keine Tabletten., War er nicht glücklich hier? Wie schon lange nicht mehr. Was ist denn Glück, dachte er, was Leben? Den Tag nehmen, wie er kam, annehmen, genießen. Der Genuß des Augenblicks und die Augenblicke des Genießens. Der Mensch lebt nur durch sein Be- wußtsein; für das Individuum zählt nichts als seine Empfindungen und Gedanken; Man lebt nur in den schnell vorüberrauschenden Quanten der Gegenwart, alles andere ist Erinnerung oder Wunschdenken. In Wirklichkeit lebt kein Mensch für den Nachruhm, für eine Aufgabe oder für einen anderen, sondern für die sehr gegenwärtigen, sehr eigennützigen Augenblicke der Befriedigung, die ihm die Gedanken an den Nachruhm, an den Erfolg oder die Selbstlosigkeit verleihen. Selbst ein Nobelpreis, ein LUCKY LIK- KY bedeuteten letztendlich nicht mehr gut, er würde diese Art von Befriedigung nie erleben, aber mußte er deshalb unglücklich sein? Dies war die Chance seiner Gegenwart. Und seine letzte. Er beschloß, wenigstens so lange auf dem Schiet- mans-Riff zu bleiben, wie das Wetter nicht um- schlug. Doch er taufte es um, zumindest dieses, sein Atoll, trug es in das Tagebuch ein: Henrik-Kristian-Henderson-Atoll, eine unsichtbare Insel im Pazifik, und ich bin ihr Robinson. Er brauchte keinen Freitag, er hatte seine Delphi- ne. Abends schwammen sie auf See hinaus, aber so- bald er wach wurde und Musik über das Meer schal-, len ließ, kamen sie. Die Delphine liebten ganz offen- sichtlich Mozart und Haydn, auch Bach, Buxtehude, Chopin und Tschaikowski. Ravels Bolero war ihr Favorit. Die Neun- und Zwölftöner vergraulten sie, und die Sturmouvertüre von Sibelius hatte sie in pa- nischer Flucht aufs Meer getrieben. Er brauchte keinen Menschen. Nicht mehr. Ja, er dachte oft an Silke, erinnerte sich, wie sie nackt vor dem Spiegel stand und die langen, lackschwarzen Haare zu lustigen Zöpfen band oder wie sie im Bett auf ihn wartete, die Decke zur Seite riß, wenn er das Zimmer betrat, oder wie ihr braunes Gesicht über ihm schwebte, an die schmalen Schlitze ihrer Augen, die vorgestülpten wulstigen Lippen, die großen Na- senlöcher über ihre Himmelfahrtsnase hatte Silke immer wieder geklagt. Und die kleinen Brüste… Drei, vier Wochen hatte er in Connecticut bleiben wollen, doch am zweiten Tag fühlte er sich so er- schöpft, daß er abreiste, ausgelaugt von ihrer verzeh- renden Lust, hatte Angst, in ihren Armen zu sterben, nicht Angst um sich – konnte es einen schöneren Tod geben? –, aber ihretwegen, wie sollte sie damit le- ben? Wie hätte er mit ihr leben sollen? Er war ihr von der ersten Begegnung an verfallen, obwohl Silke so gar nicht dem Bild seiner Traumfrau entsprach. Nicht blond, schlank und langbeinig, son- dern schwarz, mit stämmigen Beinen und einem fast stukigen Körper, mit breitem Gesicht und hervortre-, tenden Backenknochen, Schlitzaugen die Erbstücke ihrer Eskimo-Ahnen. Er wurde überwältigt von ihrer bedingungslosen Sinnlichkeit. Wie oft hatte er, und immer vergeblich, versucht, sich in eine andere zu verlieben, weil sein Verstand eindeutig sagte, daß sie nicht zueinander paßten. Nicht, weil sie älter war, was machten die zehn Jahre schon aus, auch nicht, weil sie mit anderen schlief, wenn er nicht bei ihr war Sex, das hatte sie ihm am ersten Morgen freundlich, aber unmißver- ständlich mitgeteilt, bedeutete für sie nicht Liebe. Eine Art Ausgleichssport, den sie brauchte. Es war schwer gewesen, aber er hatte es schließlich akzep- tiert. Als er am Venusprojekt mitarbeitete, bekam er eine Ahnung davon, unter welch ungeheurer An- spannung ein Syntheologiker in den Stunden der to- talen Hirnankopplung mit dem Polycomp stand. Silke baute die Überspannung ihrer Nerven und Hirnzellen eben mit Sex ab, und wenn er nicht greif- bar war… Wie aber hätte er auf Dauer zusammenleben sollen mit diesem hochexplosiven Gemisch aus blitzschnel- ler, beängstigend klarer Logik und überfließenden Gefühlsausbrüchen, die bis zu banalster Sentimenta- lität reichten? Allein ihr Hang zu der süßlichen Kitschmusik uralter Operetten und Schlagerschnul- zen! Er brauchte seine Klassiker, Ruhe, die Sicher- heit, nicht jederzeit überfallen zu werden, das Recht,, sich zurückzuziehen, in Muße nachzudenken, er brauchte unendlich mehr Zeit für einen Entschluß als Silke… Er war glücklich, als sie nach Connecticut ging, sah er doch nun eine Chance, endlich sein Schlußex- amen abzulegen und wie unglücklich schon am nächsten Tag. Er hatte es nie lange ohne sie aus- gehalten. Seine U-Boot-Reisen, das wußte er längst, waren auch eine Flucht vor Silke gewesen. Nein, vor seiner Schwäche, die ihn schon kurz nach der Abrei- se zurücktreiben wollte. Zurückgetrieben hätte, wenn er nicht öffentlich sein Ziel verkündet und Angst vor der Blamage gehabt hätte. Im Grunde war er ein Schwächling. Immer gewe- sen. Jetzt mußte er sich nicht länger etwas vorma- chen. Jeder starke Charakter konnte ihn auf der Stelle beeinflussen; er unterwarf sich, ohne lange zu zö- gern, änderte seine Meinung und fand auch gleich Argumente, warum. Und Silke war eine überaus starke Persönlichkeit. Er war ihr nicht nur sexuell hörig gewesen, sondern auch abhängig von ihrer An- erkennung, ihrer Willenskraft. Ihretwegen war er zwei Jahre lang nicht nach Svanvall gefahren. Weil er Silkes Spott fürchtete. Weiß der Himmel, sie hielt nichts von den Henderson-Traditionen. Ich will einen Sohn, hatte er einmal gesagt, minde- stens einen, und der erste wird Henrik heißen. Selbst wenn wir einmal ein Kind haben, antworte-, te sie, wird es kein Henderson. Wenn… Willst du kein Kind haben? Weiß ich noch nicht. Vielleicht mit Achtzig? Oder mit Hundert? Wir Aounis werden uralt. Die Hendersons doch auch? Alt wie die Steine von Ljungholmsjö ein geflügel- tes Wort auf Svanvall. Die Hendersons wurden nicht erst seit der Immunbarriere steinalt, eine genetische Besonderheit wie die Tatsache, daß sie keine Mäd- chen bekommen konnten. Alt wie die Steine von Ljungholmsjö er würde keinen Sohn zu den Stein- zeithöhlen führen, nicht einmal seinen dreißigsten Geburtstag erleben. Er holte die Cognac-Flasche, trank den Rest in be- dächtigen, winzigen Schlucken, gerade, daß er die Zunge befeuchtete, sah zu den Klängen Chopinscher Klaviermusik dem Zug der Wolken nach, warf die leere Flasche in hohem Bogen ins Wasser und schloß die Augen, erinnerte sich an die Kanufahrt auf dem Susquehanna. Zu den Quellen wollten sie paddeln, doch sie schafften keine zehn Kilometer nordwärts, immer wieder lenkte Silke das Kanu ans Ufer, dafür trieb der Fluß sie weit in Richtung Mündung, wäh- rend sie im Boot schliefen. Er fragte sich, ob er nicht den Rest seiner Zeit für zwei Tage mit Silke eintau- schen würde. Nein, nicht einmal, wenn es möglich wäre., Ein Schmatzen riß ihn aus seinen Gedanken. Sammy, wie er ihn getauft hatte, der größte seiner Delphine, steckte den Kopf aus dem Wasser und hielt ihm die Cognac-Flasche hin. Kristian mußte lachen. Er nahm die Flasche und warf sie erneut ins Meer, und Sammy quiekte laut, tauchte, sprang hoch in die Luft und schwamm der Flasche nach. 3. Warum waren die Delphine so unruhig? Sie schwammen immer wieder vor den Bug, als wollten sie ihn stoppen, blieben zurück, kamen nur zögernd hinterher. Christian unternahm immer ausgedehntere Touren durch sein Reich, und die Delphine begleiteten ihn auf seinen Exkursionen wie eine Eskorte. Das Boot schien ihnen trotz seiner Farbe nicht fremd, aber es glich ja auch eher einem rosa Wal als einem U-Boot. Ole Ingar hatte Kristian diese neueste Errungenschaft der Bionik und des Schiffbaus nach der Atlantik- überquerung spendiert, eine geriffelte, elastische, sich peristaltisch verformende Haut, die eine enorme Steigerung der Geschwindigkeit brachte; eine kom- plizierte, rechnergesteuerte Pneumatik formte nach, was ein Wal mit dem unbewußten Spiel seiner Mus- keln und Hautschichten vollbrachte. Doch er fuhr langsam, sehr langsam. Kurze Strecken mit langen, Pausen, und er kontrollierte regelmäßig Blutdruck und Herzrhythmus, Muskeltonus und Hormonspie- gel, Leber- und Blutwerte… er bedauerte, daß die Antennen zerstört waren. Er hätte sich gerne von Nilsson bestätigen lassen, was die Prognose des Bordcomputers besagte: daß er mit diesen Werten noch ein paar Monate leben, den dreißigsten Ge- burtstag erleben konnte. Das Riff zog sich weit nach Westen und Südwe- sten hin, eine Welt für sich, eine Welt voller Wunder, deren Farbenpracht sich erst im Licht der Halogen- scheinwerfer entfaltete. Riesige Teppiche von See- anemonen und Seegurken, meterlange, schlangen- förmige, fast durchsichtige Bänder, die im Licht sil- bern glänzten, dichte Wolken von Quallen, Schwär- me von Fischen in allen Farben und Formen, Hun- derte von Arten, und er kannte keine von ihnen; an der Wand vor ihm schwebte ein mächtiger Krake, hatten die Delphine vor ihm Angst? Als er um die Riffwand bog, erblickte Kristian ei- nen dicken Strom aufsteigender Perlen, eine Fontäne, die aus dem plötzlich steil abfallenden Rifftal nach oben quoll, mindestens sechzig Meter im Durchmes- ser. Das Brodeln und Blubbern war so laut, daß Kri- stian das Sonar herunterschalten mußte. Das Spektrometer wies Kohlenwasserstoffe und Schwefelverbindungen aus. Kristian erschrak. Viel- leicht war hier nicht nur eine Schicht porösen Ge-, steins, durch das Gase aus dem Erdinnern strömten, vielleicht stand hier ein Vulkanausbruch bevor war das die Ursache für die Unruhe der Delphine? Viele Tiere nahmen Anzeichen kommender Kata- strophen wahr. Dann würde das Schietmans-Riff in Sekunden un- tergehen. Oder sich als Berg über den Pazifik erheben. Egal wie, sein winziges Boot würde es nicht überleben, weder die Erdstöße noch die gewaltigen Wellen, die dann das Meer durchpflügten, sich noch dreißig Me- ter hoch über dem Meeresspiegel auftürmten, die ge- fürchteten Tsunamis, die immer wieder die Küsten verwüsteten. Es half auch nichts, wenn er auf der Stelle vom Riff flüchtete, die Tsunamis würden ihn einholen. Er konnte nur hoffen, daß der Vulkanaus- bruch erst in ein paar Monaten stattfand. Er kehrte um; als die Delphine wieder ruhig neben dem Boot schwammen, legte er eine Rast ein. Er fand keine Ruhe, nach einer kurzen Verschnaufpause fuhr er ohne Halt zu seinem Atoll zurück, ankerte das Boot, dann legte er sich in die Koje, versuchte einzuschla- fen. Weder Musik noch autogenes Training halfen. Wann würde der Vulkan ausbrechen, vielleicht mor- gen schon? Er ging an Deck. Die Delphine warteten auf ihn, umringten das Boot, begrüßten ihn lautstark. Würden Sie die Kata- strophe überleben? Er holte die Schokolade, rief sie, einzeln auf und warf jedem ein großes Stück ins Maul. Er konnte sie längst unterscheiden, und die Delphine kannten die Namen, die er ihnen gegeben hatte. Er hatte sich bereits eine Überraschung für die Geburtstagsparty ausgedacht, die er mit ihnen feiern wollte: Unter seinen Vorräten befanden sich zwei große Packungen mit »schwedischem Kuchen«, dik- ker Mürbeteig mit Rosinen und Nougatcreme, be- stimmt ein besonderer Leckerbissen für seine Freun- de. Die Delphine waren ganz versessen auf Süßigkei- ten, für ein Stück Schokolade sprangen sie hoch, schlugen Loopings, wenn er das Schokoladenstück an der Stange durch die Luft schwenkte. Und er hatte die Bälle zurückgehalten, sie nicht mehr jeden Tag Ball spielen lassen, er besaß nur noch vier Ballon- sonden; jetzt spendierte er eine und sah zu, wie sie den orangefarbenen Ball vor sich hertrieben, sich zu- köpften, bis die Sonne hinter dem Horizont unter- ging. Sammy brachte den Ball zurück, dann schwammen die Delphine über das Riff hinaus aufs offene Meer. An diesem Abend trank er wieder Cognac zum Einschlafen, schluckte Dormal, zum erstenmal seit drei Wochen. Daß die Angst ihn so gepackt hatte. Er war völlig verkrampft, dabei wußte er doch, daß sei- ne Tage gezählt waren, ob nun heute oder erst in ein paar Wochen… Man sollte nie wissen, wenn etwas, zu Ende geht, dachte er. Der Gedanke ist einfach zu schwer für einen Menschen. Die Unabänderlichkeit, der man so hilflos ausgeliefert ist so war es bei dem Abschied von den Eltern gewesen, so in Connecti- cut… Er hatte sich heimlich davongeschlichen, Silke nur eine Notiz hingelegt. Ich muß los, good-bye. Er starrte hinauf zu den Sternen. Was zählt das Schicksal eines Menschen in der Unendlichkeit des Kosmos. Er legte Wagner auf, trank lange Schlucke, endlich setzte die Wirkung der Schlaftabletten ein. Am nächsten Tag fand er wieder zu seiner Gelas- senheit. Nachdem er den Kater mit viel Tee hinunterge- spült hatte. Der Spruch auf der alten Standuhr in Svanvall fiel ihm ein: Mors certa, hora incerta. Ja, nur der Tod war gewiß, nicht seine Stunde. Vielleicht gab es diese Fontäne schon seit langem. Er durfte sich nicht verrückt machen. Nach dem Mittag be- schloß er aufzubrechen. Nicht zur Flucht. Er würde hierbleiben, das stand unwiderruflich fest. Aber er würde nicht in seiner Lagune hocken und auf den Tod warten. Sich umsehen, jede Stunde genießen. Das Riff hielt noch so viele Wunder für ihn bereit. Auf die größte Überraschung stieß er drei Tage später bei der Rückkehr. Kurz vor seinem Atoll. Was, um Himmels willen, war das? Die Reste einer seit Jahrtausenden versunkenen Welt? Ein Artefakt vom Besuch Außerirdischer? Atlantis?, Das Alarmdisplay hatte ihn hierhergeführt, die Sensoren, die auf elektrische Felder reagierten. Kri- stian hatte sie nach seiner ersten Fahrt installiert, um die bioelektrischen Felder mitzubekommen, die die Fischschwärme um sich ausbreiteten; er wollte nicht wieder unversehens in einen Riesenschwarm geraten, es hatte Stunden gedauert, bis er wieder herausfand. Außerdem konnten die Sensoren bei der Wahl ei- nes günstigen Kurses helfen; viele Fische erkannten mit ihren elektroempfindlichen Organen die Drift- strömungen des Meeres. Dies hier jedoch waren un- möglich bioelektrische Felder, die Anzeige schlug derart stark aus, daß Kristian die Sensoren ausschal- tete, damit sie nicht zerstört wurden. Die Delphine schienen nichts wahrzunehmen, sie tummelten sich verspielt vor seinem Boot, doch das Alarmdisplay zeigte Magnetfeldstörungen an, das Massenspektro- meter große Mengen Metall, viel mehr, als ein Wrack ausmachen konnte, und in dieser Gegend war nie eine Schiffahrtsroute verlaufen. Als er die Scheinwerfer nach unten richtete, er- blickte Kristian auf dem Grund ein eigenartiges Mu- ster, ein quadratisches Feld aus mächtigen metalle- nen runden Säulen. Zehn Reihen mit je zehn Säulen. Wie ein Plaqué-Spiel für Giganten. Fiebernde Erre- gung erfaßte ihn. Bestimmt, dachte er, ist das der so lange gesuchte Beweis, daß schon einmal Außerirdi- sche auf unserem Planeten gelandet sind. Vor langer, Zeit, einige der Säulen hatten sich geneigt, sahen aus, als könnten sie jeden Augenblick umfallen. Was mochte das gewesen sein, eine Richtfunkanlage für die Verbindung mit ihrem Heimatplaneten? Er ging tiefer. Die metallene Haut der Säulen war verwittert, das Meerwasser hatte sie zernarbt, aufgerissen, durchlöchert. Er legte den Taucheranzug an, kontrollierte, ob die Akkus seines Handscheinwerfers geladen waren, machte das Boot am Riff fest und schwamm zu einer Säule in der zweiten Reihe hinunter, deren Deckplat- te fast völlig zerfressen war; auf halbem Weg blieben die Delphine zurück. Er leuchtete in die Säule hinein, sie wurde fast völlig von einer zweiten ausgefüllt, einem spitz zulaufenden metallenen Zylinder. So et- was hatte er doch schon einmal gesehen. Er blickte noch mal über das Säulenfeld, schloß die Augen, um sich zu erinnern. Ole Carls Truhe! Das war kein Artefakt außerirdischer Besucher, sondern ein Überbleibsel aus der irdischen Vergan- genheit, ein Unterwasserdepot von Raketen! In Ole Carls Truhe hatten Fotos solcher Raketensi- los gelegen, die die Atommächte damals auf dem Meeresgrund aufstellten, um im Fall eines Atom- krieges einen tödlichen Konterschlag gegen den An- greifer zu fuhren, ihm mit der eigenen, totalen Ver- nichtung zu drohen. Diese Depots waren mit den Mitteln von damals praktisch nicht aufzuspüren, und, die Raketen konnten noch gestartet werden, wenn das Heimatland längst im atomaren Inferno verglüht war, da genügte das Funksignal aus einem U-Boot… Ole Carl hatte in seinen Tagebüchern darüber ge- klagt, wie schwer es gewesen war, die Atommächte zur Preisgabe dieser geheimen Depots zu bewegen; wer mochte dieses hier verschwiegen haben? Kristi- an leuchtete die Außenhaut ab, nirgends ein Schrift- zeichen, nicht einmal eine Ziffer, so weit er es sehen konnte, auch nicht an der Rakete im Innern. Bestimmt steckten in den Silos die modernsten Waffen, die es damals gegeben hatte, Kernwaffen mit einer unvorstellbaren Zerstörungskraft, jede Hunderte Male stärker als die Hiroshimabombe. Kri- stian hatte nicht nur die grauenhaften Bilder aus Hi- roshima und von der verwüsteten Landschaft Bang- ladeshs gesehen, in Ole Carls Truhe war auch ein Video gewesen, das nicht jeder im Geschichtsunter- richt vorgeführt bekam, entsetzliche Aufnahmen aus den zertrümmerten, zu Staub zerfallenen, zerstrahlten Städten Kalkutta und Dakka. Nur eine einzige dieser Superbomben war jemals gezündet worden, im Was- serkrieg zwischen den asiatischen Staaten, diese eine Bombe hatte ausgereicht, ganz Bangladesh und gro- ße Teile Indiens für Jahrhundete zu verwüsten. Und hier standen einhundert solcher Bomben, und nie- mand ahnte es. Dreihundert Jahre nach der totalen Abrüstung. Und sie waren noch aktiv, das bewies das, elektrische Feld. Ole Carl hatte darüber geschrieben, wie schwierig es gewesen war, diese Depots abzuwracken; jede Rakete war ein autonomes System, mußte einzeln entschärft werden, mit äußerster Vorsicht, da die Si- cherungs- und Steuerungssysteme schon vom Meer- wasser angegriffen sein konnten. Killersatelliten wurden eingesetzt, um im Notfall eine Rakete, die sich doch noch mit ihrer tödlichen Last erhob, abzu- schießen, nur aus diesem Grund hatte man die Satel- liten mit ihren Laserwaffen als letzte verschrottet, nur Minuten standen für den Abschuß einer Rakete zur Verfügung… Seitdem waren drei Jahrhunderte vergangen, viel- leicht reichte jetzt schon eine kleine Erschütterung? Er zog sich ganz vorsichtig zurück, paddelte mit winzigen Schlägen seiner Hände nach oben. Die Delphine kamen ihm entgegen, umringten ihn, stießen ihn an. Er scheuchte sie weg. Weiß Gott, ihm war jetzt nicht danach, mit Delphinen zu spielen. Er fühlte sich kraftlos, mußte sich erst einmal hinlegen und ausruhen. Einen Tee trinken. Plötzlich wurde ihm siedendheiß. Wenn der Vul- kan ausbrach die Raketen mußten gar nicht mehr startklar sein, die Gewalt der Erdstöße würde sie zur Explosion bringen. Und hundert Atombomben waren mehr als genug, um ein tiefes Loch in die Erdkruste zu sprengen, aus dem dann die Lava an die Oberflä-, che geschleudert wurde. Mehr als von Tausenden von Vulkanen zusammen, ein neuer Erdteil würde im Pazifik entstehen, die Erde auf Jahrzehnte von dich- ten Rauch- und Staubwolken eingehüllt werden, die die Sonnenstrahlen nicht mehr hindurchließen, eine neue Eiszeit… Eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, nicht weniger katastrophal als der Einschlag des Riesen- meteoriten vor sechzig Millionen Jahren, der die ge- samte Entwicklung auf der Erde veränderte, die Sau- rier aussterben ließ. Dieses Mal würde es die Men- schen treffen. Aus eigener Schuld. Jeden Tag konnte der Vulkan ausbrechen, eine Stunde entschied mög- licherweise über das Schicksal der Menschheit und seine Antennen waren hinüber! Scheiße! Er schrie, laut vor Verzweiflung. Sein Körper verkrampfte sich, die Hände zitterten, Tränen liefen ihm über die Wan- gen. Ruhe, mahnte er sich. Du mußt in Ruhe nachden- ken. Erst einmal entspannen. Mozart, Tee, ein kleiner Cognac. Dann fuhr er langsam zu seiner Lagune. Nachdenken konnte er ebensogut, wenn er trampelte. Die Funkanlage, da mußte er nicht noch einmal nachsehen, konnte er nicht reparieren. Er hatte noch vier Ballonsonden, die konnte er aufsteigen lassen, aber es wäre mehr als ein Zufall, wenn jemand sie entdeckte, bevor sie zerplatzten und einfing! Und er durfte nichts dem Zufall überlassen. Er besaß noch, ein paar Signalraketen, um auf sich aufmerksam zu machen, dazu aber mußte erst ein Schiff oder ein Flugzeug in seine Nähe kommen. Er nahm sich die Seekarten vor, nirgends Land in der Nähe, nur die Johnston-Insel, und die war als un- bewohnt eingezeichnet, sogar als verbotenes Territo- rium: chemisch verseucht. Zurück zu den Marshall- inseln? Der Weg war nicht viel kürzer als der nach Hawaii, und er müßte die größte Strecke gegen die Strömung anfahren. Wenn er sich nur mit den Delphinen verständigen könnte, für Delphine war die Entfernung bis Hawaii kein Problem. Neunzig Kilometer in der Stunde nein, bei Dauerbelastung wohl nur ein Drittel, trotzdem, bei zwölf Stunden am Tag könnte ein Delphin die Strecke in sieben Tagen zurücklegen. Und er? Die Auskünfte des Computers waren nieder- schmetternd. Seine jetzige Kondition zählte nicht. Der Computer sagte eindeutig, daß sie nach wenigen Stunden Anstrengung abfallen würde, zurück auf den Stand vor dem Schietmans-Riff. Die schnellste Variante, die der Computer anbot, würde vierzig Tage dauern: zehn Stundenkilometer und das auch nur maximal sechs Stunden am Tag, und die Kurve auf dem Bildschirm neigte sich nach dem dreißigsten Tag bedenklich nach unten; wahr- scheinlich würde er eher fünfzig Tage brauchen. Die für ihn günstigste Variante war sein altes Programm:, bis zu zehnmal am Tag eine halbe Stunde im Fünfer- tempo. Fünfundzwanzig Kilometer am Tag. Das war ihm schnell genug gewesen, als es nur darum ging, Hawaii überhaupt zu erreichen, aber jetzt? Fast hun- dert Tage unmöglich. Fahren mußte er. Jetzt, da er wußte, auf welchem Pulverfaß die Menschheit saß, konnte er unmöglich länger hierbleiben, darauf warten, daß zufällig je- mand vorüberkam – auch auf diesen Zufall mußte er sich vorbereiten. Sobald er sein Atoll erreicht und das Boot gean- kert hatte, gab er einen kurzen Bericht über seinen Fund und die Position des Depots in den Computer, dazu die Koordinaten der Gasfontäne, den Text ließ er ein dutzendmal ausdrucken. Ein Exemplar steckte er in einen wasserdichten Behälter. Bevor er das Riff verließ, würde er den Be- hälter verankern, eine Ballonsonde daran befestigen, die auf ihn aufmerksam machte, das Wasser der La- gune mit Seenotpulver orange färben, ein, zwei Tage würde der Fleck wohl halten, bevor die Strömung ihn zerstreute. Und Signalraketen würde er abschießen, sobald es dunkel wurde. Möglicherweise sah man das aus einem Flugzeug und gab die Position durch. Als er die Ballonsonden vorbereitete, kam ihm ei- ne Idee. Er würde sie nicht einfach in die Luft steigen lassen. Sammy hatte ihn auf die Idee gebracht, als er mit der leeren Flasche ankam. Hatten nicht früher, Schiffbrüchige so auf sich aufmerksam gemacht? Aber er würde seine Flaschenpost nicht einfach dem Meer übergeben. Er steckte drei Exemplare des Tex- tes in Plastcontainer, befestigte an jeden einen der Ballons, füllte ihn nur so weit mit Gas, daß er den Container über das Meer schleifte. Die Delphine hielten es für ein neues Spiel. Als Kristian die erste Sonde startete, schwammen sie ihr hinterher, bald verlor er sie aus den Augen. Schade, dachte er, er hätte ihnen gerne zum Abschied den Kuchen gege- ben, sie noch einmal gestreichelt. Good-bye, rief er ihnen nach. Dann ging er nach unten und bereitete das Boot vor. Die restliche Preßluft würde den Ballast aus den Tanks drükken und das Boot an die Oberfläche brin- gen, sobald er die Pedale länger als zehn Stunden nicht rotieren ließ. Wenn das Boot trotzdem unter- ging, würde seine Boje herauskatapultiert werden; er kontrollierte noch einmal die Packung mit dem See- notpulver, die sich bei Kontakt mit Luft auflöste, so daß die Boje in einem weit sichtbaren Farbfleck schwamm. Dann bereitete er sich Essen, vier Gänge: Aalsup- pe, Omelett mit Pilzen, Curryreis mit scharf gewürz- tem Schweinefleisch, zum Nachtisch Gorgonzola. Wer weiß, wann er sich wieder die Zeit für ein rich- tiges Mahl nehmen würde. Er aß mit Genuß und Mu- ße. Nun, da alles entschieden war, hatte die Unruhe, ihn verlassen. Er konnte sogar auf der Stelle ein- schlafen. Es tat ihm zwar leid, den letzten Nachmit- tag auf seinem Atoll zu verschlafen, aber er mußte bis zum Abend warten, bevor er aufbrach; die Rake- ten sollten weithin zu sehen sein. Als er wach wurde, stand die Sonne bereits dicht über dem Horizont. Er improvisierte ein Floß aus dem Tisch seines Bootes, verankerte es, brachte die Raketen daran an und eine Fernzündung, ließ den Ballon aufsteigen, schüttete das Pulver auf das Was- ser, sah, wie der Fleck sich ausbreitete, nickte zufrie- den; nur an dem einen Rand wurde die Farbe hin- weggetrieben, der weitaus größte Teil bedeckte das stehende Wasser. Ein letzter Blick, dann stieg er ein. Sobald er das Boot über das Riff bugsiert hatte, pack- ten ihn die Wellen des Pazifik, er mußte auf Tiefe gehen, aber er hielt sich dicht unter den Turbulenzen der Wellen, er mußte ja noch einmal auftauchen und die Raketen zünden. Er hatte sich in der Tat gut erholt auf dem Riff, im Nu hatte er das Zehnertempo überschritten, das Dis- play leuchtete auf, forderte Zurückhaltung. Ein Ge- danke schoß ihm durch den Kopf: Wenn er alles ein- setzte, den Zehnertakt wählte? Er gab die Daten in den Computer. Zehn Minuten trampeln, zehn Minu- ten ausruhen, elf, zwölf Stunden lang ohne Pause, im Dreißigertempo. Das brachte einhundertfünfzig Ki- lometer pro Tag. Wenn er sich völlig verausgabte,, sich dopte, konnte er es schaffen, in fünfzehn Tagen wäre er in Hawaii. Nein. Der Computer berechnete das OUT für die zweite Hälfte des vierzehnten Ta- ges. Aber er konnte die letzten zweihundert Kilome- ter durchtrampeln, im Höchsttempo, fünfzig. Er mußte den Computer nicht erst befragen, was das bedeutete. Eine Stunde entsetzliche Quälerei un- ter Schmerzen, die schier unerträglich wurden, dann schüttete das Gehirn, wie immer bei Dauerbelastung an der Grenze der Leistungsfähigkeit, Endorphine ins Blut. Die körpereigenen Morphine würden ihn in Euphorie versetzen, den Schmerz blockieren, Glücksgefühle auslösen, Halluzinationen – Nilsson hatte ihm sehr genau geschildert, was dann in seinem Körper geschah. Er würde in Ekstase geraten wie die tanzenden Derwische, die nach stundenlangen, krei- selnden Bewegungen Gottesnähe verspürten. Sogar starke sexuelle Empfindungen hatte Nilsson vorhergesagt. Und den Tod. Viele Langstreckenläu- fer seien in diesem Rauschzustand gestorben; für ei- nen Mann in seiner Verfassung bedeute es den siche- ren Tod. Aber er würde Hawaii erreichen. Lebend oder tot Hauptsache rechtzeitig. Eine tiefe Ruhe erfaßte ihn. Ja, dafür lohnte es sich, sein Leben zu geben, alle verbliebene Kraft in einer letzten Anstrengung aufzubrauchen. Wenn er es schaffte, würde sein Bild zu Recht in Svanvall hän- gen. Mutters Spruch, jetzt verstand er ihn: Das ist das, Größte und das Schwerste alles geben und alles ver- lieren, um sich ganz zu gewinnen. Es würde schwer werden, verdammt schwer. Er machte sich nichts vor; wenn er sich für den Zehner- takt entschied, würde er den Rest seiner Tage wie in Trance verbringen. Trampeln, ruhen, trampeln… wie besinnungslos schlafen und wieder trampeln. Dann war das jetzt seine letzte klare Stunde, er durfte nichts übersehen. Er bereitete Flaschen mit Konzentratbrei zu, liter- weise Tee, programmierte die Steuerautomatik, den Computer; von jetzt an würde er völlig unter den Be- fehlen seines Programms stehen: trampeln, ausruhen, schlafen legen, Pillen schlucken, essen… Wie der Computer es befahl. Als letztes programmierte er die Musikautomatik. Musik war das einzige, was ihm noch blieb, Musik und der Gedanke, daß er es schaf- fen mußte; er wollte keine Minute ohne Musik sein. Das Signal ertönte, es war Zeit, die Raketen zu zünden. Kristian ging höher, das Boot wurde hoch- geschleudert, versank gleich darauf in einem tiefen Wellental, unmöglich, den Kopf aus der Luke zu stecken; so sah er nur durch das Pereskop, wie die Raketen in den Himmel stiegen. Selbst wenn jemand sie erblickte, wenn man morgen schon von den Bomben wußte, er würde es nicht erfahren. Noch kannst du es dir überlegen nein. Er brachte das Boot auf Kurs. Präludium und Fuge, a-Moll. Er trat ruhig und gleichmäßig, erreichte drei- ßig Stundenkilometer. Die Fuge klang aus, der Choral von Svanvall tönte durch das Boot. Die dritte Strophe sang er laut mit. Und wenn die Welt voll Teufel wär…,

Mein Mörder kommt selten allein

Er war der einzige, der in Chintalo Halts ausstieg; ein unrasierter, gebeugter Mann in ausgebleichten Jeans und abgeschabter Cordjacke, ein Hinterwäldler, der zu irgendeinem lausigen Nest in den Bergen unter- wegs war. Niemand beachtete ihn. Die wenigen Pas- sagiere des drittklassigen Überlandbusses dämmerten vor sich hin. Der Fahrer hupte, als er anfuhr, dann stand Phil allein in der Dunkelheit. Mühsam schulterte er den dicken Rucksack, tap- ste, noch tiefer gebeugt, mit zittrigen Schritten am Rand des Asphalts entlang. Fünf Minuten, zehn. Kein Auto begegnete ihm, keines überholte ihn. Er schlug sich in die Büsche. Sein Rücken straffte sich. Zufriedenes Lächeln zog über sein Gesicht. Mit dem federnden Indianer- schritt eines geübten Joggers trabte er in weitem Bo- gen zurück, bis er auf einen Pfad stieß, der nach Sü- den führte. Zwei Meilen weiter warnte ein Schild: »Danger! Prohibited Area! Danger to death!« Von jetzt an war es ein gespenstischer Weg durch eine lautlose Nacht. Keine Vogelstimmen, Frösche, Heuschrecken. Sein Zeitplan stimmte. Obwohl er fast zwanzig Jahre nicht mehr hier gewesen war, hatte er die Wege richtig eingeschätzt und erreichte eine Stunde vor Sonnenaufgang! den See. Leise vor sich, hin fluchend, verbarg er sich in einem dichten Ge- büsch. An alles mögliche hatte er gedacht, an Schutzklei- dung, Proviant und Wasser, Kocher und Radio, ein Zelt, sogar an eine Tauchermaske, falls das Boot kentern sollte, eine hermetisch schließende Maske mit Spezialschnorchel, in den auch nicht das kleinste Tröpfchen dringen konnte, an eine Gasmaske nicht. Und nun lag dichter Nebel über dem Wasser! Es wurde Mittag, bis die Schwaden sich verzogen. Es wäre Wahnsinn gewesen, das Boot zusammenzu- bauen und zu Wasser zu lassen. Jeden Augenblick konnte ein Containerfloß auftauchen, und die Matro- sen würden jeden auffischen und der Polizei überge- ben, der so verrückt war, auf dem See zu paddeln. Er mußte die Dämmerung abwarten. Ein Glück, daß er zu früh gekommen war. Ein nicht enden wollender Tag. Er hätte ein Buch mitnehmen sollen statt eines Radios. Schweigen, Schweigen, nur gelegentlich von den Geräuschen eines Schubprahms unterbrochen, einmal ein Hub- schrauber. Phil beobachtete ihn durch die Blätter des Gebüsches. Zum Glück nur die Waldüberwachung. Aber was hieß das schon. Wenn sie ihn suchten, dann konnten sie es ebensogut mit Helicoptern der Forstverwaltung tun! Er beruhigte sich. Niemand konnte wissen, daß er, hier steckte. Er hatte viel Mühe darauf verwandt, sei- ne Spur zu verwischen, ein sorgsam durchkalkulier- tes System unvermuteter Haken, verwirrender Täu- schungen und ausgeklügelter Tarnungen. Er mußte sich nur vor zufälliger Entdeckung schützen: vor der Luftüberwachung und vor den Patrouillen, die das Seeufer kontrollierten. Hoffentlich kam Hank. Hoffentlich hatte er die Botschaft erhalten. Und keine Angst, hierherzukom- men. Früher war der See eine Idylle gewesen, ein Para- dies der Angler, eine exklusive Oase, nur Ruderboote waren zugelassen, und die Transporter mußten einen Umweg über den Hampshire-Kanal machen; Un- summen wurden für ein Grundstück gefordert, eine halbe Million hatte man Hanks Vater für die schmale Parzelle geboten, doch der hatte immer abgelehnt. So ein Platz, sagte er, ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Seit der Katastrophe vor sechs Jahren bekam man keinen Cent mehr für den Quadratmeter Boden. Im letzten Licht machte er sich fertig, baute das Nylonkanu zusammen, streifte Schutzanzug und Kopfmaske über und ließ das Boot zu Wasser. Es war eine sternklare Nacht, so daß er die Insel nicht verfehlen konnte. Er zerrte das Kanu den fla- chen Hang hinauf und lehnte es an einen Baum- stamm, zog den Anzug aus, hängte ihn auf dem Spe- zialbügel an einen Ast, streifte die Handschuhe ab,, schluckte zwei Adrephobin, trug das Gepäck unter einen dichten Hickorybaum, schlug sein Zelt unter einem tief herabhängenden Zweig auf und grub im Schutz des Zeltes ein Loch, in das er den Kocher stellte. Er mußte unbedingt einen Schluck heißen Tee zu sich nehmen. Dann saß er mit seinem Becher am Hang und lauschte in die Dunkelheit. Hank kam kurz vor Mitternacht. Ein leichtes, kaum wahrnehmbares Plätschern war das erste Zei- chen. Hier gab es keine Fische mehr. Es mußte das Eintauchen eines Paddels sein. Schließlich konnte Phil einen Schatten ausmachen, der sich der Insel näherte, sich in ein Boot und eine Figur teilte. Es sah wie eine Szene aus einem Horror- film aus. Oder einem Manöver der ABC-Truppen: eine schweigende Gestalt, eingehüllt in einen Folien- anzug, der im Schein des Mondes glitzerte. Hank hatte an eine Gasmaske gedacht, und er trug sie, obwohl kein Nebel über dem Wasser lag. Viel- leicht waren schon die unsichtbaren Ausdünstungen des Sees giftig? Phil ging ihm entgegen, wartete, bis sich die ge- spenstische Figur in Hank verwandelte, dann fielen sie sich in die Arme. »Laß dich ansehen, Phil«, sagte Hank. »Wie lange haben wir uns nicht gesehen?« »Acht Jahre. Ich hatte Angst, du würdest nicht kommen.«, »Fast wäre es so gewesen. Deine Botschaft war recht verschlüsselt. Bumppo an Chingachgook war eindeutig, auch an unser Codewort für Gefahr erin- nerte ich mich gleich. UiNiKiAiS, und daß du mit der Nacht des Kanin- chens nur Vollmond meinen konntest, war mir sofort klar, was aber sollte die Insel mit den zwei Schwän- zen sein? Ich mußte erst einen Lederstrumpf-Band auftreiben. Als ich den Wildtöter las, wußte ich es natürlich: das Tier mit den zwei Schwänzen die Ele- fanteninsel.« »So hatte ich die Nachricht auch abgesetzt«, sagte Phil. »Sie ist unterwegs verstümmelt worden. Wie bist du hierhergekommen?« »Mit dem Wagen, wie sonst?« »Hat dich jemand gesehen?« »Keine Ahnung. Und wenn schon. Es ist nicht verdächtig, wenn ich mich hier herumtreibe; das Grundstück gehört mir noch.« »Damit habe ich gerechnet. Ich habe lange nach- gedacht, wo und wie wir uns treffen könnten. Ich will dich nicht in Gefahr bringen, Hank, aber du bist der einzige, der mir helfen kann. Wenn mir überhaupt einer helfen kann.« »Was ist los, Phil? Warum diese Geheimniskräme- rei? Wozu dieser gottverdammte Treffpunkt?« »Ich mach uns erst einmal einen Tee. Wir haben doch Zeit, nicht wahr?«, »Solange wir brauchen.« Hank sagte kein Wort, als Phil ins Zelt kroch, den Kocher ansteckte, aber sogleich die Plane zumachte, er wartete, bis sie am Hang saßen. »Schieß los, Phil, ich platze vor Neugier.« »Ich werde ermordet«, sagte Phil. »Ermordet?« Hank blickte ihn überrascht an. »Jede Nacht werde ich ermordet: vergiftet, er- würgt, erschossen, gehenkt letzte Nacht kamen sie zu dritt. Sie trugen lange weiße Mäntel mit spitzen Ka- puzen. Wie der Ku-Klux-Klan. Mein Mörder legte mir einen Strick um den Hals. Vorgestern waren es vier. Drei Männer banden mich an einen Lichtmast, dann erschoß er mich mit einer Maschinenpistole. Zuerst zielte er auf die Füße, dann auf die Beine; wahrscheinlich habe ich laut geschrien, ich hatte ent- setzliche Schmerzen, als die Kugeln meinen Leib zerfetzten; er hielt langsam höher, und ich bin vor Angst fast gestorben. Ich zitterte vor dem Augen- blick, da die Kugeln mein Herz treffen würden. Da- bei müßte ich mich eigentlich schon daran gewöhnt haben, ermordet zu werden, und mich danach seh- nen, daß es endlich vorbei sei – es ist jedesmal eine Erlösung, wenn ich gestorben bin! Jede Nacht, Hank. Es ist grauenhaft! Vorgestern ließ er mich zwischen Pferde binden und vierteilen, und einen Tag zuvor, nein, zwei, kam er mit einem Haufen Indianern. Sie, banden mich an einen Marterpfahl und zerrissen mich stückweise mit ihren Messern, bevor er so freundlich war, mich zu töten.« Phil lachte bitter. »Mein Mörder kommt selten allein.« Er nahm die Thermoskanne und goß Tee nach. »Seit wann geht das so?« fragte Hank. »Seit genau dreiundsechzig Tagen. Dreiundsech- zigmal bin ich nun schon ermordet worden.« »Du hast es geträumt«, sagte Hank. »Nein, ich erlebe es!« Phil hob beschwörend die Hände. »Für mich ist es kein Unterschied, ob es in Wirklichkeit oder nur in meinem Kopf stattfindet: Ich erlebe es als Realität. In allen Details. Jede Nacht. Ein Perpetuum mobile des Grauens. Sag, hast du so etwas in deiner Praxis schon erlebt?« »Intensive Wahnvorstellungen sind häufig bei…« »Verrückten«, stieß Phil hervor. »Kranken«, korrigierte Hank. »Ich furchte, du bist krank, Phil.« »Ich bin so wenig krank wie du«, erwiderte Phil heftig. »Man hat mich manipuliert.« »Wer?« »Das sage ich dir später. Verrate mir erst, ob man einen Menschen derart programmieren kann, daß er jede Nacht solche Träume hat.« »Dazu weiß ich noch zu wenig. Warst du bei ei- nem Arzt?« »War ich. Ich habe ihm jedoch nur gesagt, daß ich, Alpträume habe. Er gab mir Tabletten, aber sie haben nicht geholfen. Nichts hilft. Ich habe mich betrunken, Marihuana geraucht, sogar Kokain und Heroin ausprobiert Dro- gen machen es nur noch schlimmer: sie regen die Phantasie an. Die Erlebnisse werden noch intensi- ver.« »Fühlst du dich anschließend erschöpft?« »Wie gerädert.« Phil lachte. »Einmal hat er mich rädern lassen.« »Er?« »Mein Mörder.« »Ist es immer der gleiche?« »Ja, und das ist besonders teuflisch: Er sieht aus wie mein Vater.« »Dein Vater? Das ist interessant! Wie war dein Verhältnis zu ihm? Ich kann mich im Moment nicht erinnern, daß du je von ihm gesprochen hättest.« »Er verließ Mutter, als ich sechs Jahre alt war.« »Hast du ihn gehaßt?« »Anfangs vielleicht, ich weiß es nicht mehr. Spä- ter habe ich mich nach ihm gesehnt. Er wurde eine Art Zielprojektion für mich. Ich träumte davon, zu ihm durchzubrennen. Ich dachte immer, er würde Verständnis für mich haben und Zeit.« »Man könnte also eher sagen, du hast ihn heimlich geliebt?« Phil nickte. »Als ich erfuhr, daß er gestorben war,, habe ich tagelang um ihn geweint. Nachts, wenn Mutter es nicht mitbekam.« »Hast du den Eindruck, daß die Träume gleich lang dauern?« »Sie kommen mir alle endlos vor.« »Hat sich ein Traum wiederholt?« »Nein. Ich sterbe jede Nacht auf andere Weise.« »Hast du schon mal in der Nacht etwas geträumt, woran du gerade am Tag zuvor gedacht hattest?« »Schon oft. Ich muß ja dauernd daran denken, auf welche Weise ich in der kommenden Nacht sterben werde. Alle möglichen Arten, einen Menschen um- zubringen, gehen mir durch den Kopf.« »So daß es sein könnte, daß du selbst deine Träu- me durch die Gedanken an das Kommende vorpro- grammierst?« »Und durch freundliche Unterstützung!« stieß Phil aus. »Man schickt mir Bücher: Anthologie des Verbrechens – Die grausamsten Morde des Mittelal- ters – Die Geschichte der Folter – Morde, die die Welt erschütterten – um nur einige Titel zu nennen. Es hat mich einige Kraft gekostet, nicht mehr in ih- nen zu lesen.« »Sie ziehen dich sozusagen magisch an?« »Ja, so ist es.« »Und in der Nacht erlebst du dann einen der ge- schilderten Morde?« »Als ich das mitbekam, habe ich kein Bücherpaket, mehr geöffnet. Seitdem bekomme ich Briefe mit aus- führlichen Prospekten und Zeitungsausschnitten. In gefälschten Umschlägen. Manchmal liegt auch was zwischen meinen Papieren auf dem Schreibtisch.« »Und du besitzt das alles noch?« »Mißtrauisch, was?« »Du mußt mich nicht mißverstehen, Phil. Meine Patienten erzählen oft die haarsträubendsten Ge- schichten.« »Ich habe alles aufgehoben. Auch die Verpackung, die Umschläge. Ich könnte es dir zeigen, Hank. Würde dich das überzeugen?« »Das Vorhandensein solcher Materialien ist für ei- nen Psychiater noch kein Beweis«, sagte Hank, »nicht einmal, wenn er selbst erlebt, wie der Postbote es dir aushändigt. Kranke senden sich oft selbst Post. Ohne daß sie sich dessen bewußt sind.« »Manipulieren sie auch das Fernsehen?« Hank sah überrascht auf. »Zweimal ist mir das schon passiert. Seitdem stel- le ich den Kasten nicht mehr an. Mitten in eine Sen- dung über stellare Forschung platzte eine Szene, in der man jemandem Betonklötze an die Füße goß und ihn ins Meer versenkte. Beim zweiten Mal sah ich mir die Wahl der Miß Universum an, um mich zu entspannen, da blendete man einen Tisch ein hast du je von diesen Tischen gehört, in die man früher in Asien lebende Affen einspannte, um ihnen das Ge-, hirn aus dem trepanierten Kopf zu essen? Natürlich habe ich prompt in der folgenden Nacht erlebt, wie man mich in so einen Tisch schnallte und mein Ge- hirn auffraß, wie nach und nach meine Sinne schwanden, die Erinnerungen, das Denkvermögen Hank, das war wohl der entsetzlichste aller Träume!« »Willst du behaupten, daß man, eigens um dich zu programmieren, in das laufende Programm Grusel- spots einblendet?« Hank sah ihn belustigt an. »Du denkst, es sind Hirngespinste, nicht wahr?« »Ich hatte einmal einen Patienten, der war durch nichts davon zu überzeugen, daß er die Finger, die man ihm angeblich in der Nacht zuvor abgeschnitten hatte, noch besaß. Er klemmte alles zwischen die Handflächen. Hast du in den letzten Monaten sehr viel gearbeitet?« »Ja, das habe ich«, sagte Phil heftig, »aber ich bin nicht vor lauter Arbeit übergeschnappt! Ich mache dir einen Vorschlag, Hank: Nimm wenigstens als Arbeitshypothese an, daß alles so ist, wie ich es dir sage, okay?« »Okay. Hast du andere Beschwerden? Kopf- schmerzen, Schlaflosigkeit, Mangel an Appetit, Kon- zentrationsschwierigkeiten?« »Nichts dergleichen. Ich arbeite, halte meine Vor- lesungen, esse und trinke wie üblich, alles normal bis auf die nächtlichen Morde. Sag, Hank, kann man Träume programmieren?«, »Unter gewissen Umständen…« Hank zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche. »Bitte, rauch nicht«, sagte Phil, »oder geh solange ins Zelt.« Hank sah ihn nachdenklich an, dann steckte er die Zigaretten kommentarlos ein. »Theoretisch wäre es möglich«, sagte er, »eine hypnopädische Intraumati- on. Aber das ist extrem unwahrscheinlich. Dazu be- darf es einer pharmazeutischen Droge, an die fast niemand herankommt. Man müßte sie auch fach- männisch ansetzen. Nur wenige Spezialisten können das. Außerdem müßtest du dabei mitspielen: du müß- test dich hypnotisieren lassen.« »Der Zahnarzt!« rief Phil. »Willst du behaupten, dein Zahnarzt habe dich präpariert?« Hank blickte ihn mitleidig an. »Das war das einzige Mal, daß ich mich hypnoti- sieren ließ, Hank, und ein paar Tage später begannen die Träume. Ich mußte mich einer Wurzelbehandlung unterziehen, der Arzt sagte, es würde ziemlich schmerzhaft werden, und er schlug vor, mich zu hypnotisieren statt mir eine Spritze zu geben; der Be- täubungseffekt sei der gleiche, aber die üblen Nach- wirkungen fielen weg.« »Wie lange hat die Behandlung gedauert?« »Das ist es ja: länger als eine Stunde! In der Zeit, muß es geschehen sein. Er hat sich wortreich ent- schuldigt, daß es so lange gedauert hat, er habe mich, warum, sei ihm ein Rätsel, nicht gleich wieder aus dem hypnotischen Schlaf holen können.« »Interessant! Hattest du anschließend einen merk- würdigen Geschmack im Mund?« »Ja! Ein bitterer, eigentümlicher Geschmack, wie Mandel mit Myrhe gemischt, er ging weder durch Mundwasser noch Whisky weg. Sag mal, glaubst du mir jetzt?« »Was steckt dahinter?« fragte Hank zurück. »Du mußt mehr wissen oder vermuten, sonst hättest du mich doch in der Klinik aufgesucht, statt mich auf diese Insel zu holen.« »Kannst du mir helfen, Hank? Könntest du solch eine Hypnose abbrechen?« »Wer steckt dahinter, Phil?« Sie starrten sich an. »Ich muß es dir wohl sagen, Hank: der Geheim- dienst.« »Der Geheimdienst? Was in aller Welt wol- len die von dir?« »Ich habe eine Entdeckung gemacht, die wollen sie. Ich hatte geglaubt, daß niemand es auch nur ahn- te, aber sie wußten es. Ich vermute, daß ich im Schlaf gesprochen habe und daß Maud…« Hank schüttelte ungläubig den Kopf. »Maud wür- de dich doch nicht an den Geheimdienst verkaufen!« »An jeden, der genug zahlt.« Phil lachte höhnisch. »Nur sie kommt in Frage. Wir haben uns vor vier, Monaten getrennt, und sie lebt jetzt auf großem Fuß. Woher hat sie das Geld?« »Dafür kann es viele Erklärungen geben; ein ande- rer Mann zum Beispiel.« »Einer? Dutzende! Und wahrscheinlich nicht erst jetzt.« »Hast du sie rausgeworfen?« »Nein, sie ging. Mit einem hinterhältigen Lächeln. Ich würde noch an sie denken. Niemand außer Maud konnte an meine Papiere.« »Wenn wirklich der Geheimdienst an deiner Ent- deckung interessiert ist, kann er auch an alle deine Unterlagen. An alle!« »Sie wußten ja von nichts. Niemand. Ich bin durch Zufall auf einen Gedanken gestoßen und habe ihn weiterverfolgt, ohne mit jemandem darüber zu spre- chen. Als ich merkte, worauf es hinauslief, habe ich nur noch zu Hause daran gearbeitet, nachts, und ich habe alles selbst das kleinste Zettelchen! sofort ver- nichtet oder in den Safe geschlossen. Es kann nur so gewesen sein, daß sie neugierig wurde, was ich da nachts trieb, oder daß ich im Schlaf davon gespro- chen habe, daß sie daraufhin in meinen Notizen kramte und schließlich zum Geheimdienst ging. Vielleicht hatte sie auch einen Liebhaber, der bei die- sem Verein arbeitet. Zum Glück versteht sie nicht viel von Physik. Es gibt ein Indiz, Hank. Vierzehn Tage später kam sie zurück ich denke, auf Wunsch, des Geheimdienstes um die Unterlagen zu fotokopie- ren. Es war eine rührende Wiedersehensszene, eine verrückte Nacht, aber am nächsten Morgen zog sie ohne ein Wort der Erklärung wieder ab, und ich ent- deckte, daß jemand an meinem Safe gewesen war. Es muß eine schreckliche Enttäuschung für sie gewesen sein. Ich hatte zwei Tage zuvor die Lösung gefunden und gleich alle Unterlagen vernichtet. Es existiert nichts mehr. Außer in meinem Kopf.« »Außer in deinem Kopf«, wiederholte Hank leise. Phil sah ihn böse an. Hank legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. »Was hast du entdeckt?« »Das werde ich keinem Menschen verraten.« Er tippte an seine Stirn. »Hier soll es für immer begra- ben sein.« »Was einmal entdeckt wurde, kann jederzeit eben- sogut von einem anderen gefunden werden.« »Ja, ich weiß, aber vielleicht dauert das Jahre oder Jahrzehnte, und manchmal ist so ein Aufschub von elementarer Bedeutung!« »Für wen, Phil?« »Für die Menschheit! Für diesen kleinen, un- scheinbaren Planeten, auf dem wir hocken.« Er stell- te sich auf, drückte das Kreuz durch und trat dicht an den Abhang. Nach ein paar Minuten setzte er sich wieder. Er atmete schwer. »Okay«, sagte Hank, »du hast also etwas Sensa-, tionelles entdeckt, und der Geheimdienst will es dir abjagen, obwohl er gar nicht recht weiß, worum es geht richtig?« »Du glaubst mir noch immer nicht, was?« »Ich will nicht glauben, Phil. Ich bin Wissen- schaftler, ich urteile nach Fakten und Beweisen.« »Ich kann weder Fakten noch Beweise bieten«, sagte Phil leise, »nichts als meine Erklärungen.« »Dann erkläre mir bitte, wieso du die Affengrusel- szene gesehen hast und ich nicht; ich habe mir näm- lich die Wahl der Miß Universum auch angesehen.« »Oh, das ist ganz einfach. Wir haben Kabelfernse- hen in unserem Block. Es gehört nicht viel Geschick dazu, mein Kabel anzuzapfen und mir einen Streifen einzuspielen. Paß auf, Hank, sie haben mich ein paarmal aufgesucht. Zu Hause, nicht im Institut, wo sie jemand hätte sehen können. Sie ahnen, worum es geht; soviel müssen sie Mauds Worten entnommen haben, außerdem ist es kein Geheimnis, daß ich mich früher einmal mit der Gravitation beschäftigt habe. Dummerweise habe ich mich von meiner Wut hin- reißen lassen und ihnen ins Gesicht gesagt, daß sie es nie erfahren würden. Spätestens da wußten sie, daß es tatsächlich etwas gibt, was ich verheimlichen will. Sie lachten nur. Wir erfahren alles, sagten sie, das ist nur eine Frage der Methode.« »Wenn es ihnen wirklich wichtig wäre, könnten, sie dich inhaftieren und so lange bearbeiten, bis du es ihnen sagst.« »So einfach wäre das nicht! Sowohl das Institut als auch die Universität würden rebellieren. Ich bin schließlich wer. Sie müßten schon handfeste Beweise anführen, die vor Gericht standhalten. Oder nachwei- sen, daß ich verrückt bin. Sag mal, wenn ich mit die- ser Geschichte zu einem Psychiater ginge…« »Ich bin Psychiater.« »Aber du bist auch mein Freund. Doch ein ande- rer, würde er mich nicht sofort in eine Klinik einwei- sen?« »Wahrscheinlich ja.« »Sie haben mir erklärt, daß sie es erst einmal ohne physischen Druck versuchen wollten, aber sie wür- den nicht lockerlassen, bis ich vernünftig geworden sei. Es wäre nicht nur unvernünftig, sagte ich, es wä- re geradezu verrückt, es ihnen zu sagen, und ich bin nicht verrückt. Noch nicht, sagten sie lächelnd. Was würde ich Ihnen nützen, wenn ich verrückt bin, frag- te ich. Das ist das Problem, sagten sie, einerseits ist bei Typen wie Ihnen psychischer Druck immer das beste Mittel, andererseits sind wir um Ihre geistige Gesundheit besorgt; wir sind ebenso daran interes- siert, daß Sie Ihre Arbeit über das Permutationspro- blem fortführen. Hank, sie haben mir sogar ein eige- nes Institut angeboten, unbegrenzte Mittel, Standort und Mitarbeiter nach meiner Wahl nur, sie wollen, vorher das andere haben.« Hank zog die Zigaretten heraus. »Bitte nicht«, sagte Phil. »Ich habe alles getan, um einen eventuellen Schatten abzuschütteln, aber ich will kein Risiko eingehen. Sie sagten, sie würden mich nicht beobachten. Nicht einmal, sagten sie. Dann: nicht mehr als bis- her. Wozu auch. Ohne ihre Einwilligung könne ich das Land nicht verlassen, und einem anderen würde ich mein Geheimnis gewiß nicht verraten, er könne es ja sofort an sie weitergeben. Oder, so sagten sie, kennen Sie einen einzigen Menschen, bei dem Sie sicher sein können, daß er nicht für uns arbeitet?« Phil lachte bitter. »Ich bin all meine Bekannten durchgegangen, Hank. Ich wüßte wirklich nieman- den, von dem ich es mit Gewißheit behaupten könn- te!« »Und was ist mit mir, Phil?« »Ich habe mich entschlossen, dir zu vertrauen. Mir bleibt keine Wahl. Vielleicht bist du auch einer von ihnen, dann habe ich Pech gehabt, vielleicht aber ar- beitest du nicht für sie, dann wirst du mir helfen. Wenn du es kannst. Wie auch immer, ich werde dir mein Geheimnis nicht verraten.« »Ich will es auch gar nicht wissen. Und sei beru- higt, ich arbeite nicht für den Geheimdienst.« »Das behaupten alle!« Phil spuckte aus. »Sie müßten doch Angst haben, daß du dich um-, bringst«, meinte Hank nachdenklich. »Oh, sie haben mich gut studiert! Sie wissen ge- nau, daß ich am Leben hänge, daß ich davon träume, das Permutationsproblem zu lösen und noch einiges mehr. Daß ich für einen langen Segelturn durch die Südsee spare. Als ich sagte, lieber würde ich mich umbringen, lachten sie nur. Sie werden sich nicht umbringen, sagten sie, wir wissen genau, daß Sie Angst vor dem Tod haben. Aber vielleicht bringen wir Sie um? Gut eine Woche später fing es an. Zuerst dachte ich an Alpträume, kontrollierte, was ich aß, nahm die Tabletten, natürlich vergeblich, schließlich rief ich sie an. Sie hatten mir eine Nummer für den Fall gegeben, daß ich es mir anders überlegen würde. Stecken Sie dahinter? fragte ich. Sie haben sich nicht einmal erkundigt, was ich meinte. Sie wollten doch lieber sterben, sagten sie. Jetzt sterben Sie. Jede Nacht. Hundertmal, tausendmal, so lange, bis Sie uns anflehen, wir sollen Sie erlösen. Und nur wir können Sie davon erlösen, niemand sonst. Und wenn ich verrückt werde? fragte ich. Keine Angst, sagten sie, so schnell werden Sie nicht ver- rückt; wir denken, wir haben haargenau die richtige Methode für Sie gefunden. Sie werden vorher zu uns kommen. Kommen Sie ruhig, wir haben eine eigene Anstalt für geistig Verwirrte und Verirrte. Erst wenn ich völlig verrückt bin, sagte ich, wollen Sie das wirklich riskieren? Bei so hohem Einsatz, sagten sie,, muß man ein Risiko eingehen, aber unseres ist gerin- ger; wir riskieren nur, daß wir nicht erfahren, was es mit Ihrem Geheimnis auf sich hat, Sie dagegen ris- kieren Ihren Verstand. Geben Sie auf. Wozu wollen Sie sich unnötig quälen?« Phil packte Hanks Schulter und schüttelte ihn. »Ich will nicht verrückt werden. Und ich will nicht sterben. Und ich will ihnen das Geheimnis nicht aus- liefern. Hilf mir, Hank! Ich flehe dich an: Hilf mir!« »Das ist nicht so einfach, Phil.« »Aber du glaubst mir jetzt, daß man mich pro- grammiert hat?« »Sagen wir so: es ist denkbar. Wir verwenden die- se Methode seit einiger Zeit bei besonderen Fällen. So ein Patient wird durch ein Codewort blockiert, eine Art Schutzhemmung, die verhindert, daß das Programm zufällig gelöscht wird, und wir beide ken- nen dein Codewort nicht.« »Soll das heißen, daß ich weiterhin jede Nacht sterben muß?« »Wenn man dich programmiert hat ja. Aber um Genaues zu sagen, müßtest du für einige Zeit in mei- ne Klinik kommen.« »In eine Klapsmühle? Freiwillig nie!« »Ich würde dafür sorgen, daß dir nichts geschieht, Phil.« »Kannst du garantieren, daß man dich nicht deines Postens enthebt und dann ein anderer bestimmt, was, mit mir geschieht?« »Nein, das kann ich nicht.« Hank stand auf und ging über die Wiese. Phil folg- te ihm. Sie wanderten eine Weile auf und ab. »Du kannst mir helfen, nicht wahr!« sagte Phil. Hank zuckte mit den Schultern. »Das kann doch nicht sein!« schrie Phil. »Du kannst doch nicht zusehen, wie ich langsam verrückt werde. Hier auf dieser Insel haben wir Blutsbrüder- schaft geschlossen und es uns geschworen hast du das vergessen: Immer und ewig, in jeder Gefahr…!« »Ich habe es nicht vergessen!« schrie Hank zu- rück. »Warum, glaubst du, bin ich bei Nacht und Ne- bel zu dieser dreimal verfluchten Insel gekommen? Warum habe ich mich durch dieses verseuchte Was- ser gewagt?« Er kroch ins Zelt und steckte sich eine Zigarette an. Phil kroch hinterher und ließ sich auch eine ge- ben. Der Rauch ätzte seine Lungen, daß er husten mußte, es war Jahre her, seit er das Rauchen aufge- geben hatte. »Warum sagst du es ihnen nicht?« fragte Hank lei- se. »Es gibt gewisse Grenzen«, antwortete Phil, »und die Menschen überschreiten sie nicht ohne Folgen. Die Kernspaltung war solch eine Grenze. Sie hat al- les verändert. Ich muß dir das nicht erklären, Hank. Meine Entdeckung würde die Menschheit wieder an, eine Grenze führen, vor eine Entscheidung, für die sie noch nicht reif ist. Schlimmer: ich würde diesen Schweinen unbegrenzte Macht geben, ein Mittel, die ganze Welt zu erpressen verstehst du mich jetzt? Es gibt noch eine Grenze, eine Grenze, die ich nicht überschreiten will: die zwischen Verantwortung und Verbrechen. Was wäre ich für ein Wissenschaftler, wenn ich…« Sie saßen lange schweigend nebeneinander. »Was für eine perverse Situation«, sagte Phil bitter. »Da habe ich eine der großen Entdeckungen gemacht, ei- ne Jahrhundertentdeckung, und muß sie vor jeder- mann verstecken, wenn ich nicht zum charakterlosen Lump werden will. Stelle dir vor, es wäre Newton so ergangen oder Einstein! Niemals wird jemand erfah- ren, daß ich der erste war, der das fand. Ich muß schweigen. Wie ein Grab. Gibst du mir wenigstens etwas, mit dem ich mich schmerzlos ins Jenseits ver- kriechen kann?« »Schlaf erst einmal.« »Wie soll ich jetzt schlafen?« Hank kramte in seiner Tasche und gab ihm zwei Tabletten. »Nimm das. Leg dich hin und sage kein Wort, ich werde dir wie in alten Zeiten etwas erzählen.« »Wir sind keine Kinder mehr, Hank.« »Trotzdem, laß es uns versuchen. Hast du einen Wunsch?«, »Gut: Wie der Mond die Sterne verschluckte.« Hank war noch nicht am Ende des alten Indianer- märchens, als Phil einschlief. Er setzte sich vor das Zelt. Ab und zu steckte er sich eine Zigarette an. Er verbarg sie in der hohlen Hand. Drei Stunden später begann Phil im Schlaf zu keu- chen. Hank setzte sich sofort zu ihm und beobachtete sein Gesicht. Phils Züge verkrampften sich. Seine Finger krallten sich in die Dekke. »Nein«, stöhnte er, »nein, Vater, laß mich nicht sterben. Bitte, schenk mir das Leben. Nein, nicht ins Wasser! Du weißt doch, ich habe solche Angst vor dem Wasser. Hilfe! Hilfe!« Er schlug wild um sich, Schaum quoll aus seinen Lippen, dann würgte er, als müsse er ersticken. Hank stieß ihn an, ohrfeigte ihn, Phil schlug die Augen auf: ein entsetzter, zu Tode erschrockener Blick. »Ist ja gut«, sagte Hank zärtlich und streichelte ihm den Kopf. »Hast es ja hinter dir. Du bist wach, du lebst, Phil!« Er setzte einen Becher mit Wasser an Phils Lippen. »Willst du mir sagen, was es diesmal war?« »Er hat mich ertränkt. Wie eine räudige Katze. Und sein Grinsen, sein diabolisches Grinsen!« »Ich werde dir helfen«, sagte Hank. »Du hast einen Weg gefunden, das Programm zu, brechen?« »Das nicht. Das können nur sie tun. Du müßtest für zwei oder drei Wochen in meine Klinik kommen, Phil.« »Was willst du machen?« »Ich kann dir Sonden ins Hirn pflanzen und auf diese Weise zwei Regionen miteinander koppeln.« »Dann würde ich nicht mehr erleben, wie man mich ermordet?« »Doch, das bleibt. Aber du würdest die Angst ver- lieren, und die Angstgefühle sind es, die dich fertig- machen. Wenn du dann wieder träumst, wird das Reizpotential überspringen zum Lustzentrum, und du wirst einen Orgasmus erleben. Verstehst du: deine Todesangst wird in Wollust transformiert.« »Aber das ist doch pervers, Hank!« »Ja, das ist es. Aber ist es weniger pervers als dei- ne Situation? Und es ist die einzige Lösung, die ich dir bieten kann. Damit könntest du leben. Natürlich solltest du schnell einen Weg finden, um ins Ausland zu kom- men, bevor sie sich etwas anderes einfallen lassen.« Phil überlegte lange. »Okay«, sagte er dann. »Kannst du mich gleich mitnehmen? Noch weiß niemand, wo ich bin. Ich könnte mich im Kofferraum deines Wagens verstekken.« »Daran habe ich auch gedacht.« Phil sah ihn an., »Und wenn du nun…?« »Du meinst ,wenn ich doch für sie arbeite?« Phil nickte. »Ja«, sagte Hank, »das ist dein Risiko. Deine Ent- scheidung. Ich kann dir ebensowenig beweisen, daß ich nicht für den Geheimdienst arbeite, wie du, daß du nicht nur ein ganz normaler Verrückter bist. Überlege dir, was du tun willst. Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, bevor wir aufbrechen müssen, zumindest ich.« Er setzte sich im Schneidersitz auf die Wiese. Dort hockte er unbeweglich im fahlen Licht des Mondes, die Hände im Schoß, wie einst Chingachgook, als er den Tod des Letzten der Mohikaner betrauerte.,

Bornemanns Heimkehr

Bornemann beugte sich vor, stieß dabei an das Knie seines Nachbarn, entschuldigte sich mehr flüchtig als höflich, schon ganz in den Ausblick vertieft, ja, so hatte es ihm die Erinnerung in den letzten Wochen immer wieder vorgespielt: der Gleitjet stößt durch die Wolken und gibt schlagartig, als habe jemand einen Vorhang beiseite gezogen, den Blick auf die Häuserhaufen und Lichterketten frei. Komisch, dach- te er, sooft ich nun schon nach Hause gekommen bin, immer waren Wolken über der Stadt. Bornemann lehnte sich zurück und schloß die Augen. Noch vier- einhalb Minuten. Diesmal würde alles anders sein. Niemand würde ihn erwarten, niemand die Minuten des Wiederse- hens mit der Stadt zerstören, niemand ihm verweh- ren, stillschweigend wieder eins zu werden mit der Heimat, kein Lächeln, keine Frage, die beantwortet werden mußte, kein Begrüßungskuß und kein hinge- hauchtes tränenfeuchtes »… daß du wieder da bist, Mausilein!« Das vor allem: nie wieder Mausilein. Bornemann rückte sich im Sessel zurecht und be- rührte erneut das Knie seines Nachbarn, diesmal ent- schuldigte er sich nicht; er hatte die Lippen schon geöffnet, das Pardon, das er sich seit Jahren ange- wöhnt hatte, weil es nicht nur überall auf der Erde,, sondern auch im All akzeptiert wurde, lag schon auf der Zunge bereit, da sah er die Augen seines Nach- barn, Mausilein-Augen. Bornemann grinste. Der an- dere starrte ihn an, wartend, dann empört, dann räus- perte er sich und blickte wieder geradeaus. Fasten your seat belt. No smoking. Die Stewardeß kündete sechssprachig die Landung an. Bornemann lächelte. Niemand wußte, daß er heute schon kam. Bornemann gratulierte sich, daß es ihm gelungen war, den so oft gefaßten Entschluß nicht in letzter Minute wieder rückgängig zu machen, daß er es durchgehalten hatte, die unerträglich gewordene, da über Gebühr prolongierte Beziehung abzubrechen. Verlobungszeit! Manchmal hatte Marianne erschreckende Kombi- nationen von Fortschritt und vorigem Jahrhundert. Er nannte sich einen erbärmlichen Feigling, weil er nicht schon längst Schluß gemacht hatte. Das erste Jahr, gut, vielleicht auch noch das zweite doch da waren ihre Augen, die so traurig, so unendlich ver- lassen blicken konnten. Ihre immer noch wache Lie- be. Und seine Schwäche. Daß er es nicht fertigbrach- te, ihr zu sagen: Es ist aus. Angst vor der Frage: Warum? Weil ich dich nicht mehr liebe. Warum liebst du mich nicht mehr? Ja, warum. Und die Be- quemlichkeit. Die vor allem. Die Häuslichkeit zwi- schen den Missionen. Nach drei Wochen spätestens hatte er jedesmal, vergessen, wie froh er gewesen war, aufbrechen zu können. Jedesmal hatte die Erinnerung sie von Tag zu Tag schöner gemacht, begehrenswerter, obwohl Marianne das nicht nötig hatte, mit jedem Abend hat- te die Sehnsucht aufgeschlagen: Vorstellungen ent- wickelt, Abendvorstellungen, Nachtvorstellungen: wieder zu Hause… Ein Punkt, an den man sich selbst in den Einöden des Alls klammern konnte, eine Hoffnung, die auch die größten Strapazen leichter ertragen ließ. Und vergessen, daß ihn spätestens eine Woche nach der Heimkehr die Langeweile packen würde, der Überdruß über die Gleichförmigkeit: Schablonen bis in die kleinsten Abläufe, in die ver- traulichsten Sekunden; vergessen, daß ihn aus all ih- ren Gesten, Worten, Berührungen die unausgespro- chene Frage anspringen würde, die Frage, die Mari- anne nicht mehr zu stellen wagte, weil sie ein Nein befürchtete: Liebst du mich noch? Bornemann faltete die Hände, drückte die Finger an, spreizte sie ab. Ein Glück, daß er es hinter sich gebracht, daß er den Mut gehabt hatte, es vor dem Start mit Marianne zu klären. Dieses Verhältnis war doch zu einer Fessel ge- worden, vor allem für sie. Er hätte es zur Not noch eine Weile ertragen können. Für die paar Wochen, bevor er wieder nach draußen ging, Marianne je- doch… Welch ein Widerspruch: tags die energische, überlegene, emanzipierte Frau, und abends…, Wie viele Widersprüche wir alle mit uns herum- schleppen, dachte er. Nein, nicht die Widersprüche sind es, die uns zum Verhängnis werden: die Ana- chronismen. Der Gleiter schwenkte in eine Linkskurve. Für ei- nen Augenblick kam der Fernsehturm ins Blickfeld. Wie gut, daß das nun vorbei war. Warten auf et- was, das nie eintreten würde: Gemeinsamkeit des Lebens, angebunden an eine immer blasser werdende Hoffnung, unwürdig ja, das war die richtige Be- zeichnung. Das war das Wort, nach dem er lange ge- sucht hatte, als er den Brief schrieb, in dem er be- kräftigte, daß sich auch durch die lange Abwesenheit nichts ändern würde, auf die Marianne vielleicht bau- te, der Brief, in dem er gebeten, nein, gefordert hatte, daß sie wieder in ihr Appartement zurückgehen soll- te, bevor er heimkam. Er freute sich auf seine Woh- nung. Die leere Wohnung. Die Post durchsehen und nicht erst morgen, sofort. Die Bücherstapel um- schichten, hier und da ein paar Seiten anlesen, Zeit- schriften durchblättern ob Marianne sie ihm noch sortiert hatte? Bestimmt. Er lächelte. Eigentlich war es doch eine gute Zeit gewesen. Eigentlich schade, daß sie heute nicht nein! Er spürte den kleinen Ruck, der durch die Maschi- ne ging, als das Fahrgestell ausgeschwenkt wurde. Kein Zurück. Wenn er nur an ihren Eierkrieg, dachte: Morgen für Morgen stellte sie das gekochte Ei mit dem spitzen Ende in den Becher, und er drehte es jeden Morgen um, bevor er die Schale anschlug. Ein Glück, daß sie nicht geheiratet hatten und nun ohne Formalitäten auseinandergehen konnten. Wür- dig. Wie es sich für zwei reife Menschen gehört. Die Maschine sackte ab. Die letzten Meter vor dem Aufsetzen. Bornemann stemmte die Arme gegen die Lehnen. paß er immer noch Angst vor der Landung empfand. Als er die Gangway betrat, atmete er tief. Die Sonne stand dicht über dem Horizont. Stimmt, hier war ja schon Herbst. Er schlenderte zum Bus, stieg als letz- ter ein, die Stewardeß winkte ungeduldig. Er hatte Zeit. Es machte ihm nichts aus, daß das Gepäck lan- ge auf sich warten ließ und der Flughafenbus ihm vor der Nase wegfuhr. Am Ostkreuz stieg er nicht um. Er fuhr zum Hauptbahnhof, stellte seine Koffer in der Gepäckaufbewahrung unter, spazierte durch die Straßen, schnupperte vergessene Gerüche, kaufte sich eine Bockwurst; tatsächlich, es gab immer noch Wurststände, und das war nicht nur nostalgische Mode. Ein Glück, dachte er, daß das Leben auf der Erde sich nicht so rapide verändert, wie sollte man sonst noch heimkehren können. Er studierte die Lit- faßsäule, sogar den längst abgelaufenen Ausstel- lungsplan, setzte sich auf eine Bank und betrachtete die vorbeihastenden Menschen., Er lehnte sich zurück und breitete die Arme über die leere Bank. Er mußte nicht hasten, mußte nicht einkaufen, nicht nach Hause. Der Strom der Passan- ten wurde dünner und dünner, die Straße verwaiste, die Beleuchtung ging an. Er stand auf und lief in Richtung Zentrum, überlegte, ob er in ein Kino ge- hen sollte, trat in eine Kneipe und trank am Tresen Bier. Ließ sich das Telefon geben. Weder Herbert noch Wolfgang noch Hans meldeten sich. Er rief bei Eva an. »Mann, daß du dich auch noch mal meldest!« »Ich war wieder auf Mission. Ein Jahr und vier Monate. Bin gerade zurück.« »Hast du Zeit für einen Schwatz?« Und ob er Zeit hatte. Und nicht nur Lust zum Schwatzen. Aber um elf warf Eva ihn hinaus. Er machte kein Hehl daraus, wie gerne er geblieben wä- re. Das ganze Wochenende. »Das kannst du nicht machen, Eva«, maulte er. »Ich war sechzehn Monate allein, du verstehst?« »Ich verstehe«, sagte sie, »aber es geht nicht. Nächstes Wochenende, ja?« Er lief sich die Enttäuschung in den nachtleeren Straßen ab. Ein fast wolkenloser Himmel, Halbmond, die hei- matlichen Sternbilder, Erinnerungen er verscheuchte die Gedanken an Marianne, fand ein Taxi; als er aus dem Wagen stieg und die immer noch nicht verputzte, Fassade vor sich sah, fühlte er sich glücklich. Wie vertraut eine Haustür sein kann, wie anheimelnd ein schmutziggrauer Flur, die abblätternden Wände des Treppenhauses, er pfiff leise vor sich hin. Er schleu- derte die Schuhe in eine Ecke des Flurs, ließ die Pan- toffeln stehen und ging auf Strümpfen ins Bad, ließ Wasser ein, ging ins Zimmer, setzte sich an den überladenen Schreibtisch, die Stapel wie immer ge- ordnet. In diesem Augenblick war er bereit, jedes böse Wort gegen Marianne zurückzunehmen, sogar, sie zurückzuholen. Dann fiel ihm ein, daß er jetzt nicht hier sitzen und in Ruhe die Bücher durchsehen könnte, wenn Marianne da wäre. Wie war's denn, Mausilein? Bornemann prustete. Mausilein ist ge- storben. Er inspizierte den Kühlschrank. Eingekauft hatte sie auch noch. Er nahm sich ein Bier, setzte sich in den Ohrenbackensessel und sortierte die Post, ohne einen der Briefe zu öffnen. Morgen. Wieviel Zeit er plötzlich hatte. Da hörte er ein Plätschern. Die Wan- ne! Er sprang auf, ging dann aber betont langsam ins Bad. Um sich zu beweisen, daß er das noch konnte: ganz langsam ins Bad zu gehen, obwohl das Wasser über den Wannenrand lief. Er wischte nicht auf. Morgen. Nein, morgen früh würde das Wasser ohnehin abgelaufen sein. Er holte sich Bier und einen zehnstöckigen Kognak, lag in der Wanne, duselte ein, schreckte hoch, weil er Wasser, in den Mund bekam. Er frottierte sich nur notdürftig ab, machte das Licht nicht aus. Nirgends. Machte dafür kein Licht im Schlafzim- mer, sondern tastete sich im Dunkeln ins Bett, ließ sich fallen. Heute würde er ohne Schlafanzug schla- fen. Und morgen. Und übermorgen. Alle Tage. Er schlief auf der Stelle ein. Er hatte einen wirren Traum. Daß Marianne ihn glücklich an- sah, sich über ihn stürzte, ihn küßte, sich an ihn schmiegte, ihn einhüllte mit ihrer Wärme, ihn ver- schlang. Er erinnerte sich verblüffend gut an den Traum, als er aufwachte. Die Tür ging auf, Licht fiel ins Zimmer. »Das Frühstück ist fertig, Mausilein.« Bornemann rieb sich die Augen, starrte sie an, als wäre sie ein Wesen von einem anderen Stern. Mari- anne setzte sich auf das Bett, streichelte seinen Kopf, lächelte glücklich, zufrieden, gab ihm einen flüchti- gen Kuß auf die Stirn und stand auf. »Beeilst du dich, Mausilein? Damit der Kaffee nicht kalt wird.« Bornemann wälzte sich aus dem Bett. Die Pantof- feln standen bereit. Er ging barfuß hinaus. An der Tür drehte er sich um und holte die Pantoffeln. Mari- anne saß am Tisch, als er aus dem Bad kam. Das Ei stand mit dem stumpfen Ende nach oben im Becher. Bornemann wollte aufspringen, gehen, da beugte, Marianne sich über den Tisch und goß ihm Kaffee ein, der Morgenmantel öffnete sich, gab den Blick auf ihre Brüste frei. Bornemann dirigierte die Hand vom Eierbecher zum Brotkorb. Vielleicht das näch- ste Mal, dachte er.,

Gestern…?

Er grübelte verzweifelt, was gestern gewesen war, versuchte, eine Erinnerung aus seinem Gedächtnis zu graben, wenigstens eine. Vergeblich, nur die Kopf- schmerzen kamen wieder. Er setzte sich auf eine Bank am Teich, stellte die beiden Plasttüten rechts und links neben sich, in Körperkontakt, versteht sich, massierte seine Schlä- fen, den Nacken, blinzelte aus halb geschlossenen Lidern über den Teich, auf die Bäume, merkte er- leichtert, wie er sich langsam entspannte. Er legte die Arme auf die Lehne, besetzte so die ganze Bank; sollte ja keiner kommen und sich zu ihm setzen wol- len. Warum nur konnte er sich nie mehr an gestern er- innern? Erst morgen, wenn gestern zu vorgestern geworden war. Was zum Teufel war mit ihm los? Whitey konnte gut reden: zu einem Psycho gehen wie sollte er sich einen Psychiater leisten? Für solche Extratouren war sein Lohn zu niedrig. Verdammt zu niedrig. Sei froh, daß du überhaupt einen Job ergattert hast, dachte er. Vier- oder fünfhundert standen schon in der Schlange am Werktor, als er sich anstellte. Am frü- hen Abend. Bis zum Morgen war die Schlange hinter, ihm viel länger als vor ihm. Vielleicht zweitausend Mann. Für zwölf Jobs. Und er, Samuel O. Carrol, hatte einen bekommen! Ob es reichen würde, wenn er einen ganzen Monat lang darauf verzichtete, Aroin zu schnüffeln? Er hat- te keine Ahnung, was ein Psychiater kostete. Er war noch nie bei einem Arzt gewesen. Alles Quatsch, dachte er. Er würde nie die Kraft aufbringen, die Entzugsqualen zu überstehen, die spätestens am fünf- ten Tag einsetzten, vor allem den achten Tag, wenn der »cold turkey« unbarmherzig zuschlug. Das wußte er doch. Daß er es nie schaffen würde, vom Aroin loszu- kommen. Er mußte bis an sein Lebensende schnüf- feln, wann und wie immer das sein mochte. Hoffent- lich nicht wie bei Rusty. Wie lange hatten sie sich gekannt? Fast fünf Jahre, aber Rustys richtigen Namen hatte er nie erfahren. Rusty gehörte zu den Leuten, die in den Fassaden der Hochhäuser lebten, in den Lücken zwischen den ro- stigen Stahlkonstruktionen und den Plastplatten der Außenhaut. Gewiß, da gab es Schutz vor den staubi- gen Stürmen, und warm war es auch, sogar im bitter- sten Winter, aber man konnte leicht im Schlaf ab- stürzen. Vor allem, wenn ein anderer auf den Platz scharf war und einen losschnitt Rusty war so zerschmettert, daß er ihn nur an der handgestrickten Mütze und dem, fehlenden Mittelfinger erkannte. Er konzentrierte sich auf die beiden Schwäne, die auf dem Teich ihre Kreise zogen. Sie sahen wie echte Vögel aus, aber waren sie es? Er hatte noch nie einen richtigen Schwan gesehen. Und keinen Vogel mehr, seit Mutter mit ihm von der kleinen Farm in Okla- homa in die Stadt gezogen war Farm! Er grinste. Ein paar Acres Land, eine halbverfalle- ne Hütte, ein klappriger Maulesel: Mutter mußte sich mit vor den uralten eisernen Pflug spannen, den sie zusammen mit der Farm von Großonkel Stanford geerbt hatte. Die Bäume, das wußte er, waren nicht echt. Zwar bogen auch sie ihre Äste im Wind, der von der Bucht herüberstrich, zwar zitterten auch ihre Blätter, er hat- te mal eines abgerissen, obwohl das vier Wochen Knast kosten konnte, die Neugier besiegte seine Angst. Aber gut gemacht waren sie, das mußte man zugeben. Immer wieder bekam er Lust, ein Blatt ab- zureißen, zwischen den Fingerspitzen zu zerreiben wie einst in Oklahoma. Aber das Blatt würde nicht zerfasern, kein grüner Brei unter seinen Fingern ent- stehen, der Duft frischen Grüns nicht aufsteigen, wie sehr er das Blatt auch rollte und quetschte. Selbst wenn man es zwischen zwei Steinen zerrieb, es roch nur nach heißem Kunststoff. Die Schwäne jedoch waren bestimmt echt. Er bestand darauf. Wider alle Erfahrung., Was nur war gestern gewesen? Nicht, daß es wirk- lich wichtig war, morgen würde er es ohnehin wis- sen. Es war nie wichtig und immer dasselbe. Das Aufwachen auf seinem Stammplatz über dem Metro- schacht, dann Frühstück wenn man das Frühstück nennen konnte: ein Becher warme braune Brühe aus dem Kaffeeautomaten und zwei Scheiben pappiges, mit irgendeiner Paste bestrichenes Weißbrot; er sah schon gar nicht mehr hin, was auf den Schildern stand. Ach, wenn er einmal nur noch eine; Scheibe von Mutters selbstgebackenem krossem, duftendem Brot kosten dürfte! Es gab auch hier in der Stadt schwarzes, körniges Brot. Einmal hatte er es gesehen. In Eastside, jenem Viertel, in das Typen wie er nur durften, wenn sie dort etwas zu tun hatten. Nur dann bekam man eine der Plastikkarten, die das Chromstahltor in der hohen Mauer um das Vier- tel öffneten. Aber er konnte nichts, was die dort ge- brauchen konnten. Er hatte ja nichts gelernt. Nach Eastside war er nur gekommen, weil Whitey unbe- dingt zum Rattenkampf gehen wollte; Rattlebeast, sein Favorit, trat gegen Throatkilller, den Champion von Queens, an, und die Wetten standen eins zu sie- ben für Throatkiller. Whitey hatte sogar! bitte gesagt. Das kannst du ebensogut wie ich, das ist keine Spe- zialarbeit, du mußt nur ein Päckchen abgeben, bitte. Es war das erste Mal, daß er Whitey bitte sagen hör-, te. Ein Glück, daß er sich von Whitey überreden ließ, so sah er das wenigstens einmal in seinem Leben: die Villen und Gärten, die makellos weißen oder rosa oder hellblauen Wohnblocks, in denen nicht ein ein- ziges Fenster zerbrochen war, keine Mauer gerissen, kein Fleck auf den Fassaden; fast jede Nacht träumte er von Eastside, vor allem aber von den Schaufen- stern. Nachdem er das Päckchen abgeliefert hatte, war er noch durch die Geschäftsstraßen gelaufen, stundenlang hätte er hier herumstreunen können, sich satt sehen, doch eine Streife griff ihn auf und zerrte ihn auf ihren Karren; wie einen toten Hund hatten sie ihn vor das Tor geschmissen. Und gestern? fiel ihm wieder ein. Wenn er nur schreiben könnte, sich Notizen machen, dann würde er jetzt wissen, was gestern gewesen war. Ein Fetzen Papier würde sich schon finden, obwohl das ver- dammt schwer war, es gab ja fast nur noch Plast, und auf Plast ließ sich kaum schreiben, nicht einmal ein Muster kritzeln. Einen Stift besaß er, einen goldglän- zenden Stift, auf den er unheimlich stolz gewesen war, bis Whitey ihm verriet, was auf dem Stift stand: Ich bin ein Aroiner, und ich bin stolz darauf. Mausezahn, sein Dealer, hatte ihm den Stift ge- schenkt, als Sam zum dritten Mal zu ihm gekommen war. Heute zeigte er ihn kaum noch. Daß man Aroin schnüffelte, war kein Grund, stolz zu sein. Schon oft hatte er daran gedacht, sich einen Re-, corder zu besorgen, um auf Kassette zu sprechen, was er gerade tat, heimlich, versteht sich; wenn man ihn im Werk mit einem Recorder schnappte, war er den Job bestimmt auf der Stelle los, aber er hätte zu gerne gewußt, was gestern gewesen war. Wenigstens einmal und nicht erst am übernächsten Tag, wenn gestern zu vorgestern geworden war. Der billigste Recorder jedoch, den er in dem billigsten Second-Hand-Shop gefunden hatte, war immer noch viel zu teuer für ihn. Selbst das Gerät, das der Ver- käufer unter dem breiten, bis zur Decke mit Panzer- glas gesicherten Ladentisch hervorholte und vor die winzige Öffnung hielt, gerade groß genug, daß er die Hand hindurchstecken konnte, um das Gerät mal an- zufassen, selbst diesen Recorder, der so billig war, daß er nur gestohlen sein konnte, würde er sich nie leisten können. »Ach was«, sagte er laut zu sich selbst, »sei nicht so hirnverbrannt!« Was konnte gestern schon anders gewesen sein als alle Tage: acht Stunden am Band doppelt so lange, wie das Gesetz es zuließ, aber wer wollte kontrollie- ren, ob die UNION CHEMICAL die Gesetze ein- hielt? –, acht Stunden Pillen sortieren, und das zum halben Mindestlohn; für einen Regulären hätte die UNION doppelt so viele Mäuse hinblättern müssen. Oder er nur die halbe Zeit arbeiten? Er kratzte sich am Hinterkopf. Stimmte die Rechnung? Egal. Er, würde nie einen regulären Job bekommen, er mußte froh sein, überhaupt bei den Monkeys sitzen zu dür- fen. Er mochte die Monkeys waren es eigentlich Schimpansen oder Gorillas? –, gute Kumpel auf je- den Fall. Nie stellten sie einem eine Falle; die Mon- keys waren nie hinterlistig oder hinterhältig wie die meisten Menschen, die er kannte, im Gegenteil. Je- desmal, wenn er sich an das Band setzte, fletschten seine Nachbarn freundlich die Zähne und lausten ihm die Haare, nur schade, daß der Aufseher sie immer so schnell an die Arbeit zurücktrieb, nie hatten sie Zeit, alle Läuse abzusammeln. Und wenn sie gehen durf- ten die Monkeys brauchten nur drei Stunden am Band zu hocken, dann ließ ihre Konzentration nach, und sie sortierten auch Fehlfarben in die Schachteln –, wenn sie gingen, tätschelten sie ihm die Schulter. Betsy drückte ihm neuerdings zur Begrüßung und zum Abschied einen nassen, schmatzenden Kuß auf die Wange. Was bist du nur für ein armes Schwein, dachte er, wenn du niemand anderen hast, der dich mal küßt, als eine Schimpansin. Wie aber sollte er jemals ein richtiges Mädchen kennenlernen? Und die Straßen- mädchen? Er kannte einige aus den Kneipen, hatte auch schon mal mit eine geschlafen, wenn er es sich leisten konnte, aber Nutten küssen nicht. Heute war Betsy ihm sogar um den Hals gefallen., Sam nickte anerkennend. Diese Monkeys waren schon Teufelskerle. Sie erkannten Farbnuancen, die er nie unterscheiden könnte. Dafür sah er besser, vor allem schneller als sie, wenn mal eine Pille nicht richtig rund ausgefallen war. Das war sein Job, und kein Monkey der Welt konnte ihm den streitig ma- chen. Schon gar nicht die zwei Stunden Bereitschaft täg- lich, für die er vier Nickel zusätzlich bekam, zwei Stunden, in denen er noch nie etwas tun mußte, warm und trocken saß, viel besser als auf dem Me- troschacht. Im Bereitschaftsraum hätte er wohnen mögen: warm im Winter und kühl im Sommer. Hauptsache, niemand kam dahinter, daß er sich im- mer hinlegte, die beiden Stunden einfach verpennte. Und träumte. Und was für Träume. Ein Zittern überfiel ihn, ein Kribbeln, das die Wir- belsäule herunterkroch. Viel früher, als er erwartet hatte. Scheiße. In drei Tagen, spätestens in vier, wür- de der »cold turkey« sich bemerkbar machen. Er mußte unbedingt morgen zu Mausezahn gehen. Aber versuchen, das Aroin so spät wie nur möglich zu schnüffeln, um bis zum nächsten Lohntag hinzu- kommen. Die Ampulle zwischen die Beine binden, direkt unter den Sack, da kam niemand so leicht her- an. Selbst Whitey würde versuchen, es ihm abzu- nehmen, wenn er ahnte, daß er Aroin besaß, bei Aro- in hört die Freundschaft auf. Sonst konnte er sich auf, Whitey verlassen. Whitey hatte ihm geholfen, den Platz auf dem Metroschacht zu verteidigen, der jetzt hoffentlich für alle Zeiten sein Stammplatz blieb. Gemeinsam hatten sie den letzten, der ihm den Platz streitig machen wollte, zum Krüppel geschlagen. Das arme Schwein tat ihm ja leid, aber so war nun mal das Gesetz der Bronx. Überall. Der Stärkere siegt. So waren alle Großen groß geworden. Sam schreckte auf. Eine Frau schrie um Hilfe. Nur wenige Schritte vor ihm war sie zu Boden gestürzt und wand sich in Krämpfen, eine mordshäßliche Frau, vielleicht nicht so alt, wie sie auf den ersten Blick wirkte, bestimmt nicht, ihre Haare waren dick und voll und die Hände glatt, entschieden nicht alt genug, um einfach auf der Straße umzufallen am En- de war das nur ein Trick, um ihm die Tüten zu klau- en? Er kam ihr zur Hilfe, und inzwischen stahl ihm ihr Komplize seine ganze Habe… »Hilfe«, stöhnte sie, »hilf mir doch, bitte!« Warum sollte er ihr helfen, wer würde ihm helfen? Dann siegte sein Mitleid, er stand auf und trat zu ihr, doch die Tüten nahm er mit. Sie war bestimmt nicht viel älter als dreißig. Tiefe Narben entstellten ihr Ge- sicht. Bestimmt hat man sie mal überfallen, dachte er. Oder ihr Macker sie massakriert, weil sie nicht für ihn auf den Strich gehen wollte. Oder ein Unfall, und man hatte sie in einer Public-Klinik so zusammenge- flickt; für Schönheitsoperationen kam die Wohlfahrt, nicht auf. »Bring mich nach Hause, ja?« bettelte sie. »Ich wohne gleich in dem Block da. Kriegst auch eine Be- lohnung.« »Was?« fragte er. »Ein Nickel?« Sie sah ihm ängstlich ins Gesicht. Als er keine Miene verzog, steigerte sie ihr Angebot. »Zwei Nickel? Nein? Drei? Mehr Geld habe ich nicht. Oder ein Stück Schokolade? Richtige Schoko- lade mit Nüssen. Oder `ne Dose Bier? Oder Brot, schwarzes Vollkornbrot?« Sie nickte zufrieden, als sie sah, wie seine Augen aufgingen. »Eine ganze Scheibe«, sagte sie. »Wie dick?« Er ließ sich doch nicht übers Ohr hauen, nicht von so einer. Nachher schnitt sie das Brot mit der Rasierklinge, was? »So dick.« Sie zeigte es zwischen Daumen und Zeigefinger, gut einen Zentimeter. »Okay.« Sam nahm die Tüten in die linke Hand, zog die Frau mit der rechten hoch. Sie knickte ein, hielt sich an ihm fest. Es half nichts, er mußte sie auf den Arm nehmen, aber was tut man nicht alles für eine Scheibe richtiges Brot. »Das Haus da?« »Zweiter Aufgang, vierter Stock.« Vier Stockwerke! Mit dieser Last auf dem Arm und dazu noch die Tüten in der Hand. Aber wo sollte er seine Habe sonst lassen? Und wenn es nun doch, eine Falle ist, dachte er. Wenn sie dich jetzt überfal- len? Du könntest dich nicht einmal wehren. Niemand fiel über ihn her, auch nicht, als er das finstere Trep- penhaus betrat und die mit Müll übersäten, schmieri- gen Stufen hinaufstieg. Mit jedem Absatz schien sie schwerer zu werden. Als er die vier Treppen fast ge- schafft hatte, ohne auch nur einmal auszugleiten, kam sie wieder zu sich. Er merkte es an dem nach- lassenden Druck ihrer Arme um seinen Hals. Er stell- te sie auf den Boden. »Danke«, sagte sie und lachte ihn an. Das Lachen machte sie noch häßlicher, aber sie mußte einmal richtig schön gewesen sein. Sie ging zu ihrer Tür, sperrte umständlich drei Sicherheitsschlösser auf. Als ob es in ihrer Wohnung etwas zu stehlen geben wür- de, dachte er belustigt. Sie sah nicht so aus, als könne man ihr irgend etwas klauen. Aber vielleicht war sie eine Dealerin? Er beschloß, die Wohnung Zoll für Zoll unter die Lupe zu nehmen. Und wenn sie ihn daran hindern wollte, würde er sie irgendwo anbin- den. Aber zuerst einmal das Brot, zuallererst. Viel- leicht, dachte er, ist heute dein Glückstag? Vielleicht kam er nicht nur zu einer Schnitte Schwarzbrot, son- dern auch zu einem Gratissnuff? Oder sogar zu ei- nem kleinen Vorrat Aroin. Warum sollte nicht auch er einmal einen Glückstag haben? »Bist du das?« Er zeigte auf das Namensschild. »Bin ich. Lucie Spencer. Und du, hast du auch ei-, nen Namen?« »Klar, Samuel O. Carrol, genannt Quarrel-Sam.« »Oh«, sagte sie, »bist du so gewalttätig?« »Wenn es nötig ist.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich hoffe, bei dir ist es nicht notwendig.« »Nein.« Sie ließ ihn in die Wohnung. Seine Hoff- nungen zerstoben mit dem ersten Blick. Nicht der mieseste Dealer würde so hausen, nicht einmal als Tarnung. Ein Zimmer, von dessen Wänden Tapeten- reste in Streifen herunterhingen, unter dem Fenster war der Putz abgebröckelt, die Scheibe hatte Sprün- ge, die mit Zeitungspapier zugeklebt waren, eine nackte Glühbirne hing von der Decke herab, nirgends ein Möbelstück, nur ein Lumpenhaufen als Bett, ein Gaskocher auf einer Kiste und überall Kartons und Plastbeutel, offensichtlich voll mit zerbrochenem, verkommenem Zeugs, das sie vom Müll geholt ha- ben mochte. Die Plastdose jedoch, die sie jetzt aufmachte, war pieksauber. Sie holte das Brot heraus, es war nur ein kleiner Kanten, aber das Brot war tatsächlich schwarz und voller Körner und hatte eine aufgeborstene Kruste wie Mutters selbstgebackenes. Sie schnitt eine Scheibe ab, sogar dicker, als sie vorhin angezeigt hatte. Es duftete verlockend, als er sich die Schnitte unter die Nase hielt. Er brach ein Stück ab, zerkrü- melte das Brot zwischen den Fingerspitzen, schnup-, perte daran, sog das Aroma tief ein, dann steckte er sich die Krümel in den Mund und ließ sie mit Spei- chel vollsaugen. O ja, das war der Geschmack seiner Kindheit. Tausend Erinnerungen fielen ihm ein. Er blickte sie dankbar und glücklich an. »Du ahnst nicht, was mir das bedeutet«, sagte er. »Willst du einen Schluck Wasser? Ich würde sogar das Bier mit dir teilen.« Er schüttelte den Kopf. Er würde sich doch diesen herrlichen Geschmack nicht verderben. Nicht mit labberigem Bier und schon gar nicht mit stinkigem Leitungswasser. Sie setzte sich auf ihr Lumpenbett und sah zu, wie er das Brot Krumen für Krumen im Mund zergehen ließ. »Wozu hast du all diesen Krempel hier?« fragte er. »Das ist mein Job«, sagte sie, »Lumpensammler.« »Und davon kann man leben?« »Mal schlecht, mal recht. Es gibt Wochen, da komme ich auf zwei Zehner.« »Tatsächlich?« Er pfiff anerkennend durch die Zähne. »Wenn ich Glück habe«, sagte sie, »finde ich ein paar alte Chips, die irgendein Dummkopf weggewor- fen hat.« »Für alte Chips gibt's doch nichts mehr«, meinte er. »Aber für Gold«, sagte sie. »In Chips ist Gold. Oder Platin., Wußtest du das nicht?« Er schüttelte den Kopf. Er nahm sich vor, in Zu- kunft besser aufzupassen, was auf der Straße herum- lag. »Nicht viel, natürlich«, sagte sie, »aber es bringt Geld. Wie sollte ich sonst leben? Mir gibt doch nie- mand mehr einen Job, und von der Wohlfahrt be- komme ich nichts, ich bin zu jung.« Sie fing an zu weinen. Er wußte nicht, was er tun sollte. Er hatte seine Tüten wieder in die Hand genommen und stand an der Tür, aber es schien ihm nicht fair, einfach hi- nauszugehen. Sie lächelte schon wieder. »Du bist ein hübscher Junge«, sagte sie. »Habe schon lange keinen so hüb- schen Jungen mehr aus der Nähe gesehen.« »Du hast auch nicht immer so ausgesehen, was?« Er zeigte auf die Narben. »Wer war das, dein Mak- ker? Wolltest wohl nicht auf `n Strich gehen?« Sie nickte. »Wie alt bist du?« fragte sie. »Siebzehn.« »Willst du dir noch was verdienen?« »Was?« fragte er. »Den Rest vom Kanten?« »Den würde ich gerne selber essen, verstehst du?« Sam nickte. Und ob er das verstand. »So `n Brot kann ich mir doch nie leisten«, sagte sie. »Ich hab es geschenkt bekommen. Anderes Brot könnte ich dir geben, normales.«, Er winkte ab. »Und sonst?« »Was, zum Beispiel?« »Eine kleine Ampulle Aroin?« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Muß selbst se- hen, wie ich zu meinem nächsten Deal komme«, sag- te sie. »Ist verdammt schwer, wenn man so weit un- ten angekommen ist wie ich. Aber sieh dich um, vielleicht findest du in dem Plunder was, das dir gefällt?« Er stocherte in den Kartons, schüttete ein paar Plasttüten auf den Boden aus, alles nur zerbrochenes, wertloses Zeug. Dann entdeckte er den Recorder. Ein altes, abgeschabtes Gerät. Ob es noch funktionierte? Es war sogar eine Kassette darin. »Hast du irgendwo eine Batterie?« erkundigte er sich. Sie zuckte mit den Schultern. »Nur für `nen Moment. Nur um das Ding hier aus- zuprobieren.« »Das?« Sie lachte auf. »Was glaubst du, daß einer was auf den Müll schmeißt, wenn es noch funktio- niert?« »Man kann nie wissen«, meinte er. »Wunder gibt es immer wieder. Ist schließlich ein uraltes Modell.« Sie zog eine abgeschabte Tasche unter ihrem Lumpenlager hervor, kramte darin, reichte ihm eine Batterie. Er klemmte sie in den Recorder, drückte die Taste, die mit nur einem Pfeil gekennzeichnet war;, tatsächlich, der Recorder funktionierte. Leise Musik erklang, ein Blues, den er schon ein- mal gehört haben mußte, doch bevor er die Melodie erkennen konnte, verstummte das Gerät wieder. Er schüttelte es wütend. »Die Batterie wird leer sein«, sagte sie. »Gib mal her.« Sie prüfte die Batterie mit der Zungenspitze. »Ja, leer.« »Was soll ich tun dafür?« fragte er. Er hielt ihr den Recorder hin, aber er klammerte seine Finger fest um das Gerät. »Dich ausziehen.« »Ausziehen? Und dann?« Sie wollte doch nicht etwa, daß er sie bumste. Nicht mal für den Recorder. Oder doch? Er wog das Gerät in der Hand. »Keine Angst«, sagte sie. »Ich will dich nur mal streicheln. Nur mal anfassen. Ich habe schon so lange keinen mehr in der Hand gehabt.« »Okay.« Er nickte. »Und im Mund«, sagte sie. »Verstehst du?« Ja, er verstand. Er verstand nur nicht, warum sie dafür einen Recorder hergeben wollte. Nicht sein Problem. Er zog sich aus, auch noch die Strümpfe, weil sie verlangte, sie wolle ihn nackt sehen, ganz nackt. Er hatte Angst, sie würde sich nun auch noch ausziehen, ihn am Ende doch noch auf ihr Lumpen- lager zerren, aber sie drückte ihn nur gegen die Wand und kniete sich vor ihm hin. Er ließ den Recorder, keinen Augenblick los, er preßte ihn gegen die Brust und ließ sie machen. Wenn du wüßtest, dachte er, daß du das auch ganz umsonst hättest haben können, Lucie. Sie bedankte sich sogar noch. »Schon gut«, sagte er, »war mir ein Vergnügen. Wirklich. Hoffentlich bin ich zur Stelle, wenn du wieder mal umkippst.« »Kannst ja mal an meine Tür klopfen«, sagte sie. Eine Batterie zu besorgen, war kein großes Pro- blem. Sam stahl sie im Supermarkt. Whitey stand Schmiere. Natürlich löste das nicht an der Kasse ge- löschte Signet Alarm aus, doch Whitey stellte dem Ladenschwengel, der Sam am Eingang aufhalten wollte, derart geschickt ein Bein, daß der Mann ge- gen den Bullen flog, der vor dem Laden Wache hielt und sich bei dem Alarmgeheul umgedreht hatte. Whitey fragte nicht einmal, wofür er die Batterie brauchte. Sam band sich den Recorder mit Strippe an den Oberschenkel und probierte, ob das Gerät auch durch die Hose aufnahm, was er sprach. Sogar bei normaler Lautstärke. Kein Mensch würde etwas merken. Auf der Straße oder im BISTRO achtete niemand auf ei- nen Flippy, der laut mit sich selbst redete, und der Aufseher in dem Glaskasten des Affensaals würde nichts hören; die Monkeys schnatterten unentwegt, gegen Ende ihrer Schicht wurden sie derart laut, daß, es kaum auszuhalten war. Sam war bester Dinge, als er am nächsten Tag das Werk betrat. Ein guter Tag. Die Brühe, die man im BISTRO Kaffee nannte, war ausnahmsweise mal heiß gewesen, die Paste auf den Sandwiches hatte nach Petersilie geschmeckt, und dann war sogar die Sonne für einen Augenblick durch die sonst im Juli undurchdringliche Smogschicht gebrochen. Er pfiff vergnügt, als er den Bunker betrat und seine Plasttü- ten zum Einschließen auf den Tresen stellte. Fletcher sah ihn belustigt an. Er hob die Tüten, als prüfe er ihr Gewicht. »Du bist doch nicht etwa über Nacht zu Wohlstand gekommen?« »Wer weiß«, sagte Sam. »Ich habe drei Barren Gold in meiner Tüte, spürst du das nicht?« Seine gute Laune verflog sehr schnell. An der Kontrollschranke zu Block B packte ihn ein Safeman am Kragen, obwohl er seine Hand bestimmt richtig in den Schlitz gesteckt, die Fingerkuppen fest auf die Scheibe gedrückt hatte. Sam versuchte gar nicht erst, sich zu wehren. Nicht, weil der Bulle einen Kopf größer war, zur Not hätte er es mit noch viel größe- ren Kerlen aufgenommen, lieber als mit einem dieser kleinen, drahtigen Typen, die waren entschieden här- ter im Nehmen als die Elefantenbabys, deren Eier gerade richtig in Kniestoßhöhe hingen, aber Sam wußte: Wer sich einem Safeman widersetzt, fliegt auf der Stelle, ganz gleich, ob er recht hat oder nicht., Der Bulle brachte ihn in die Sicherheitsabteilung, sogar zum Boß. Er flüsterte seinem Vorgesetzten etwas ins Ohr, Sam konnte sich nicht vorstellen, was. »Setz dich«, herrschte der Boß ihn an. »Also, was ist?« Sam zuckte mit den Schultern. Er hatte wirklich keine Ahnung. »Gib schon her«, forderte der Boß. »Was denn?« »Stell dich nicht doof. Den Recorder, was sonst.« Die Kontrollschranke, dachte Sam. Bestimmt rea- gierte die Schranke auf Metall. Woher aber wußte der Boß, daß es ein Recorder war. Fehlte nur noch, daß er ihm auch noch die Marke nannte. Der Boß schien sogar Gedanken lesen zu können. »Mann«, sagte er, »was zum Teufel willst du mit so einer alten ›Black & Wesson‹? Und ausgerechnet hier im Werk?« Er zeigte auf Sams Bein, auf das richtige. Sam machte die Hose auf, holte den Recorder her- aus, legte ihn auf den Tisch. »Los, rede schon!« Sam druckste herum. Der Boß sah nicht so aus, als würde er ihn verstehen. »Oder du bist deinen Job los«, sagte der Boß. »Al- so, warum?« »Weil ich, ich wollte, ich dachte«, stotterte Sam., Verdammt, jetzt wurde er noch rot. Scheiße, was soll's. »Ich wollte mir notieren, was ich erlebe.« »Was wolltest du?« Der Boß sah ihn ungläubig an. »Ich will wissen, was ich so den ganzen Tag tue.« »Aber das weißt du doch, oder?« »Ja, jetzt«, sagte Sam, »aber morgen kann ich mich an nichts mehr erinnern. Erst wieder übermor- gen. Verstehen Sie? Ich kann mich nie an das erin- nern, was gestern war.« Der Boß stieß einen Pfiff aus. »Aber übermorgen erinnerst du dich an alles?« »Ja, übermorgen schon.« »Ist es denn wichtig? Kannst du nicht den einen Tag warten?« »Kann ich schon«, sagte Sam. »Aber es quält mich, wenn Sie wissen, was ich meine. Ich verstehe das nicht: Warum kann ich mich nie an gestern erin- nern?« »Machst du Überstunden in Block G?« »Ja, jeden Tag. Zwei Stunden. Für vier Nickel.« »Na, dann mußt du doch wissen, was mit dir los ist. Du hast doch eine Verpflichtung unterschrieben, oder?« »Ja, hab ich«, gab Sam zu, »hab meinen Daumen unter den Wisch gedrückt.« Er zeigte dem Boß, wel- chen. »Du kannst nicht lesen oder schreiben, was?« »Nein. Woher auch.«, »Hat man dir nicht erklärt, was du in Block G zu tun hast?« »Bereitschaft«, sagte Sam. »Immer wieder der gleiche Scheiß!« Der Boß schüttelte den Kopf. »Diese Personalfreaks tun, was sie wollen. Du legst dich doch auf die Pritsche?« Sam fuhr der Schreck in die Glieder. Das wußte der Boß also auch? Na, seinen Job war er los. »Du schläfst?« Sam nickte. »Träumst du?« »Bestimmt, aber ich kann mich nie mehr an einen Traum erinnern.« »Und hinterher, wie ist dir da?« »Bißchen blöd«, sagte Sam. »Aber das ist ja kein Wunder nach acht Stunden Affensaal.« »Du hast keine Ahnung, was in Block G mit dir passiert?« »Nee, was denn?« »Daß sie dort deinen Kopf anzapfen?« »Meine Birne?« Sam faßte sich an die Schläfen und fing an zu lachen. »Meinen Blödkopp? Wozu denn?« »Weißt du, was Transmitter sind?« »Keine Ahnung.« »Botenstoffe. Sie erst…« Der Boß brach ab. »Wie soll ich dir das erklären? Am besten gar nicht. Man braucht die Transmitter zum Denken.«, »So was wie in den grünen Pillen?« Der Boß lachte. »Ja«, sagte er, »das wäre was, wenn man sie künstlich herstellen könnte, das wäre wohl das beste Geschäft der UNION, aber bislang kann man Transmitter nur aus einem Gehirn abzap- fen. Manche Menschen produzieren nämlich reich- lich davon, andere zu wenig, und die sind gerne be- reit, einen anständigen Preis für Transmitter zu be- zahlen.« »Wieviel?« fragte Sam. »Keine Ahnung, das ist nicht mein Ressort, aber ein paar hundert wird eine Portion schon kosten.« »Ein paar hundert Nickel?« »Dollar, du Blödkopp.« »Und ich bekomme vier Nickel«, stöhnte Sam. »Bestimmt bist du Spender für Alpha-vier- Transmitter«, meinte der Boß. »Das würde erklären, warum du dich nicht mehr erinnern kannst. Hast du sonst noch Beschwerden? Wird dir schwindlig, mußt du oft kotzen, rauscht es dir in den Ohren?« »Nein.« Sam schüttelte den Kopf. »Kommt noch«, sagte der Boß leise, aber Sam hat- te es doch gehört. »Ist nicht gut für mich, was? Soll ich's lieber las- sen?« »Du hast unterschrieben, verdammt noch mal!« »Wird das vielleicht noch schlimmer? Bitte, sagen Sie es mir., Wie geht das weiter? Kann ich mich demnächst auch an vorgestern nicht mehr erinnern oder über- haupt nicht mehr?« »Weiß ich nicht«, sagte der Boß, »interessiert mich auch nicht.« »Dann gehe ich lieber nicht mehr in Block G, nur noch in den Affensaal«, sagte Sam. »Darf ich jetzt gehen? Sagen Sie bitte Bescheid, daß Sie mich auf- gehalten haben? Sonst bekomme ich Ärger.« »Du darfst gehen, aber überlege dir gut, was dir wichtiger ist, dein Job oder gestern.« »Sie meinen, wenn ich nicht mehr in Block G ge- he…?« »Ja. Du hast dich für beides verpflichtet, vergiß das nicht.« »Können Sie nicht ein Wort für mich einlegen?« »Daß du nur noch in den Affensaal mußt? Nein.« Sam überlegte. Was sollte er nur tun? Wovon soll- te er leben, wenn er seinen Job verlor? Wieder als kleiner Straßenräuber? Eines Tages würden sie ihn schnappen, und jetzt war er kein Kind mehr, im Gegenteil, einen so jun- gen, kräftigen Burschen würden sie nicht ins Ge- fängnis stecken, sondern zur Strafarbeit verurteilen, unter Tage oder in einer chemischen Fabrik oder gar als Rohrreiniger in einem Atomkraftwerk, dann gute Nacht. Und hier riskierte er seinen Verstand. Aber das war nun schon über ein Jahr gutgegangen, wer, sagte ihm denn, daß es überhaupt schlimmer wurde? So hatte er wenigstens regelmäßig Lohn. Und Aroin. »Ist es denn so wichtig, daß du dich an gestern er- innern kannst?« fragte der Boß. »Das nicht. Aber es ist eine Schweinerei, das müs- sen Sie zugeben, die UNION kassiert Hunderte von Dollars, und ich werde mit ein paar Nickel abgefrüh- stückt. Legen Sie ein Wort ein, daß ich mehr Lohn bekomme, ja? Bitte.« Der Boß schüttelte den Kopf. »Wenigstens `ne Prämie«, bettelte Sam. »Zwanzig Dollar. Oder zehn? Fünf? Ich brauch gerade dringend ein paar Mäuse.« »Wofür?« »Wofür schon, für Aroin.« »Geld kann ich dir nicht verschaffen«, sagte der Boß. Er zog eine Schublade auf und hielt Sam eine Ampulle hin. Eine Doppelration Aroin. »Geben Sie schon her«, sagte Sam. »Was schert mich, was gestern war. Heute ist heute, und gestern ist morgen schon vorgestern.«,

Eine Nacht im MEZOAfU-M

Herbert G. Nom sang. Er brüllte geradezu, um sich wachzuhalten. Er war hundemüde, ach was, müde wie ein uralter, eisgrauer Grizzly kurz vor dem Win- terschlaf. Außerdem blitzte und donnerte es, die Scheibenwischer schafften es kaum, die Wasserflu- ten zu teilen, und das Licht der Scheinwerfer fiel ein paar Meter vor dem Wagen mit dem Regen zu Bo- den. Trotzdem fuhr Nom fast achtzig. Er wollte die Gewitterfront so schnell wie möglich hinter sich las- sen, und er war sicher der einzige, der mitten in der Nacht diese gottverlassene Waldchaussee befuhr. Immer wenn es gewitterte, sang er. Selbst zu Hau- se, selbst wenn er Gäste hatte, zog er sich zurück, schloß sich in seinem Arbeitszimmer ein, zog die Vorhänge zu, setzte sich mit dem Rücken zum Fen- ster und sang, so laut es irgend ging, ohne daß die anderen es hören konnten. Seine Familie nahm es kommentarlos hin, alle taten, als wüßten sie nicht, was Nom jetzt trieb, als glaubten sie tatsächlich, ein dichterischer Einfall sei über ihn gekommen. »Wie ein Blitz aus heiterem Himmel«, so die Hausfrau als Erklärung für neue Gäste, die Noms Flucht vor den Elementen zum ersten Mal erlebten. Sie hatte es schon so oft gesagt, daß sie nicht einmal mehr dabei lächelte., Ein langes Gewitter. Nom hatte bereits all die Lie- der seiner Jugend durch; »Du hast ja ein Ziel vor den Augen« hatte er sogar zweimal und »Spaniens Him- mel« schon dreimal gesungen, und die Dunkelheit wollte kein Ende nehmen. Er stimmte »Hänschen- klein« an, dann »Alle meine Entchen«. Er bereute zutiefst, daß er nicht in Niendorf geblieben war. Die Vorsitzende des Literaturzirkels hatte ihn überaus herzlich eingeladen, bei ihr zu nächtigen, ein Ange- bot, das er unter anderen Umständen gewiß nicht ausgeschlagen hätte; sie war eine jener Frauen, die Nom immer wieder faszinierten und die was er sich nie eingestanden hätte einer der Gründe für seine Rundreisen waren, denn es gab kaum einen Kreis von Literaturfreunden, in dem nicht wenigstens eine Frau dieses Typs vertreten war. Im Gegensatz zu so vielen seiner Kollegen schwärmte Nom nicht für die jungen, schlaksigen, skeptischen Dinger, sondern für reife Frauen mit vollen Brüsten und gläubigen Au- gen. Zu seinem Leidwesen hatte seine Frau nicht gehalten, was er sich versprochen hatte, sondern hielt sich mit albernen Diäten und Gymnastik »in Form«, wie sie es nannte, formlos, wie Nom fand. Die Literaturfreundin in Niendorf hatte während der Lesung nicht einen Blick von ihm gelassen, und ihre Augen hatten mehr versprochen als nur ein poe- tisches Plauderstündchen vor dem Zubettgehen, aber Nom hatte schnell Weg und Zeit berechnet und sich, entschlossen, doch gleich weiterzufahren, damit er früh ausgeschlafen und nach einem ausgiebigen Frühstück, ohne das er sich den Anstrengungen des Tages nicht gewachsen fühlte noch vor der ersten Lesung zu jener Adresse gehen konnte, die ihm vor- gestern in Bitterfeld ein begeisterter Zuhörer genannt hatte, und wo Nom, wenn er sich auf diesen Freund seiner Poesie berief, mit Sicherheit einen Vorschall- dämpfer bekommen könne. Ja, das war eine der Annehmlichkeiten seiner lite- rarischen Tourneen, die er sich viermal im Jahr orga- nisierte und auf denen er jeweils ein exakt berechne- tes Gebiet abgraste, um mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an kultureller Massenarbeit in Schulen, Betrieben, Armee-Einheiten, Büchereien und Literaturzirkeln zu bewältigen er hatte die Lo- sung von der effektiven Nutzung aller Ressourcen schon befolgt, bevor andere sie überhaupt gedacht hatten –, in den anschließenden Gesprächen im klei- nen Kreis konnte man ganz unverfänglich und gera- dezu beiläufig auf die Sorgen zu sprechen kommen, die auch einem Dichter das Leben und, was weit schlimmer war, die Arbeit schwer machten, und nicht selten fand sich dann ein Literaturfreund, der ihn von eben diesen Sorgen befreien konnte. Kunst geht nicht mehr nach Brot, dachte Nom, sie geht nach Autoersatzteilen, Fliesen, verchromten Wasserhähnen, Rauhfasertapete, Auslegeware und, all den Materialien, die er für den Auf- und Ausbau seines neuen Wochenend- und Sommerdomizils am Wermsdorfer See benötigte. Was wäre er denn ohne diese Reisen? Ein Nichts. Ein Habenichts und Be- kommenichts wie sein Kollege Peterpaul Plenz, der immer noch in dem naiven Wahn lebte, ein Dichter könne auf die Dauer von Lyrik, Luft und Liebe glücklich werden. Nom öffnete das Handschuhfach und nahm sich einen Riegel Zartbitterschokolade. Nein, über man- gelnden Wohlstand brauchte er nicht zu klagen, aber daß er noch immer ohne Orden und Auszeichnung war, gnadenlos nackt, wie er es für sich nannte, schmerzte Nom zutiefst. Seine Frau mußte die Presse für ihn zensieren, jede Zeitung aus dem Verkehr zie- hen, in der von Auszeichnungen die Rede war, damit sie Nom nicht in verzweifelte Aufregung stürzen konnte, die ihn für Tage unfähig machte, auch nur eine Zeile zu schreiben. An seinem Werk konnte es nicht liegen, davon war Nom überzeugt, und nicht nur er selbst hatte sich überzeugt, auch die überaus freundlichen und ermu- tigenden zuweilen nicht sogar überschwenglichen? Rezensionen sprachen dafür und, nicht zuletzt, die vielen begeisterten Zuhörer, die er auf seinen Le- sereisen traf und die, ganz im Gegensatz zu seiner Frau und seinen Kindern, sein Werk zu würdigen wußten. Ein Werk, das ganz »dem Ruf der Zeit«, folgte, das sich nicht unter dem Vorwand eines an- geblich notwendigen Abstandes den Forderungen des Tages entzog, sondern, im Gegenteil, sich ganz in den Dienst des Tages stellte. Was wirklich schwer war, denn die Forderungen des Tages wechselten oft rasch und verlangten nicht nur schnelles, effektives Formulieren, sondern häufig Umarbeitungen mitten im Stoff. Nom hatte sich nie darüber beklagt, er fühl- te sich nur wohl, wenn er »im Strom der Zeit schwamm«, wie er überall offen bekannte. Wenn ihm noch immer die gebührende Anerkennung ver- sagt blieb, dann nicht, weil er hinter seiner Zeit zu- rückblieb wie so viele Kollegen oder gar gegen den Strom schwamm, wie sein Intimfeind Lobental, der sich doch tatsächlich erfrecht hatte, auf der Ver- bandstagung zu verkünden, man müsse gegen den Strom schwimmen, um an die Quellen zu gelangen –, sondern weil er im Überschwang seiner Zeit ent- schieden zu weit vorauseilte. Nom fiel auf Anhieb ein Dutzend weltberühmt gewordener Kollegen ein, die von ihren Zeitgenossen verkannt, ja verspottet worden waren, weil sie ihrer Zeit voraus gewesen waren, und er rechnete es nur seiner Bescheidenheit zugute, wenn er seinen Namen nicht zusammen mit den ihren aussprach. Und unter seinem Namen hatte er zu leiden, das vor allem. Denn in einer offiziellen Verlautbarung müßte, nicht nur sein Pseudonym als Dichter genannt wer- den, sondern auch sein bürgerlicher Name: Herbert Gnom. Und wer hatte schon den Mut, einen Gnom auf eine Auszeichnungsliste zu setzen! Nom zuckte zusammen. Nicht weit vor ihm schlug ein Blitz in einen Baum. Beinahe hätte er den Wagen in den Graben gesetzt. Er zwang sich zur Ruhe. Drosselte die Geschwindigkeit. Fluchte, daß er nicht die Autobahn genommen hat- te, sondern versuchte, mit der Abkürzung durch die- sen nicht enden wollenden Wald Kilometer zu spa- ren. Plötzlich erblickte er in der Ferne ein bläuliches Licht. Ein Irrlicht? In dieser Nacht und in dieser Ge- gend hätte es ihn nicht verwundert. Doch das Licht blieb, wuchs, eine solide Neon- schrift, hellblau auf dunklem Rot: MEZOAfU-M und darunter, dahinter ein gar ge- waltig wirkendes Gebäude, allem Anschein nach ein Hotel. Nom wunderte sich, daß er es bei seinen Rei- sevorbereitungen übersehen hatte. Vielleicht war es nirgends verzeichnet, ein Haus für auserwählte Gä- ste? Er hatte schon oft munkeln gehört, daß es so etwas geben sollte. Nom parkte den Wagen, betrachtete nachdenklich die lange Hausfront, an der nur verein- zelte Fenster erleuchtet waren, und versuchte, die Neonschrift zu deuten., Nom hatte sich viel mit Abkürzungen befaßt. Er hielt sie für eine der großen Errungenschaften der neuzeitlichen Sprachentwicklung, denn sie machten die Kommunikation effektiver, sparten Zeit, und dar- auf kam es schließlich nicht nur in der Wirtschaft an. Vor Jahren hatte er sich darangesetzt, Gedichte vor- wiegend in Abkürzungen zu schreiben, um diesem sprachlichen Phänomen ein Denkmal zu setzen und, wie er insgeheim gehofft hatte, zum Begründer einer neuen literarischen Schule zu werden. Dabei war er auf die wohl größte Idee seines bisherigen Lebens gestoßen, die EFSPROM, die »Effektive Sprach- Romantik«, mit der Nom den leider oft hart und un- poetisch klingenden Sprachkürzeln Glanz und Wär- me verleihen und ihnen so den gebührenden Rang als einem Beitrag zur Bereicherung der Weltkultur er- kämpfen würde. Leider hatte er feststellen müssen, daß er wieder einmal zu weit vorgeprescht war und nicht nur bei seiner Familie, sondern auch im Verlag und bei den Kollegen auf Unverständnis, schlimmer noch, auf Hohn stieß. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Geradezu zärtlich erinnerte er sich jetzt einiger seiner schönsten Lyrokürzel: Deudere statt DDR, Fredeju statt FDJ, Freidegebu anstelle von FDGB, Laprogen für LPG und Voleibet für VEB. Ja, er sollte wieder mal dem Verlag seine Lyrokurz-Gedichte anbieten, vielleicht war die Zeit jetzt reif., Nom versuchte noch einmal, die Leuchtbuchsta- ben zu entziffern; als er es schließlich aufgab, dachte er stolz: Das macht uns so leicht keiner vor. Da der Regen nicht nachlassen wollte, fuhr er den Wagen dicht an die überdachte Auffahrt und stürzte ins Haus. Dann schritt er gelassen durch die große Halle, legte den Wagenschlüssel auf den Tisch der Rezepti- on und sagte, fast beiläufig: »Herbert G. Nom.« Er sagte es so, daß der Portier es sowohl für sein Pseu- donym wie für seinen bürgerlichen Namen nehmen konnte, nahm seine Brieftasche, als wolle er den Ausweis zücken, und ließ einen Zwanzigmarkschein halb aus der Brieftasche herauskriechen. Der Portier warf keinen Blick darauf, er sah Nom an, als müsse er ihn kennen und könne sich nur im Moment nicht erinnern. »Ein Name, der in der Literatur nicht ganz unbe- kannt ist«, fügte Nom mit leichtem Lächeln hinzu. Der Portier lächelte zurück. »Aus welcher Region?« erkundigte er sich höflich. »Thüringen«, antwortete Nom. »Eine sagenträchtige Gegend«, erwiderte der an- dere respektvoll. »Ihr ständiger Wohnsitz bislang?« Nom sagte es ihm. Der Portier drückte ein paar Tasten an einem Gerät, das Nom für ein Computer- terminal hielt, ein zartes, grünes Licht glomm auf. »Sie bekommen Raum achthundertvierzehn«, sag- te der Portier. »Wenn es Ihnen nicht zusagt, wenden, Sie sich bitte vertrauensvoll an mich. Wir sind be- müht, alle Wünsche unserer Gäste zu erfüllen.« »Ist das Restaurant noch geöffnet oder die Bar?« erkundigte sich Nom. »Selbstverständlich. Tag und Nacht.« Nom sah sich nach einem Hotelboy um, der den Koffer aus dem Wagen holen und auf sein Zimmer bringen konnte. Außer dem Portier schien niemand vom Personal mehr auf zu sein. Wohl oder übel tauchte Nom noch einmal in den Regen, der nicht nachgelassen hatte. Als er die Lifttür schließen wollte, betrat eine Frau den Fahrstuhl, nein, eine Dame. Jedes andere Wort wäre ihr nicht gerecht geworden. Eine wunderbare Erscheinung, die schweren, schwarzen Haare kunst- voll frisiert, mit kostbarem Schmuck behangen, in einem türkis- und goldfarbenen Abendkleid mit ei- nem Dekollete, das Noms Puls sofort in die Höhe trieb. Gegen diese üppige Schönheit war die Litera- turfreundin aus Niendorf das reinste Aschenputtel. Die Dame streifte Nom nur mit einem flüchtigen Blick, stellte sich vor den Spiegel an der Liftwand und sagte: »Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?« Nom antwortete, ohne zu überlegen: »Frau Köni- gin, Ihr seid die Schönste hier, und nicht einmal Schneewittchen hinter den Bergen, bei den sieben Zwergen, ist so schön wie Ihr.«, Die Dame wandte sich um, ein Strahlen huschte über ihr Gesicht, dann fiel sie Nom um den Hals und küßte ihn leidenschaftlich. Bevor Nom sich von sei- ner Überraschung erholt hatte, hielt der Lift, und die Dame stieg aus. Sie winkte ihm noch einmal zu. Donnerwetter, dachte Nom, welch ein glückliches Donnerwetter. Das Zimmer war komfortabel eingerichtet, das Bett bequem, wie Nom sich als erfahrener Hotelgast sogleich überzeugte; was ihn verwunderte, war der leere Bilderrahmen. Beim Studium der »Hinweise für unsere Gäste« erfuhr er, warum. Er solle selbst anhand der beigefügten Nomenklatur ein Bild seiner Wahl einstellen. Nom suchte sich eine »abendliche Harzlandschaft« aus, und kaum hatte er den INPUT- Knopf am Rahmen gedrückt, da leuchtete ein Son- nenuntergang über dem Hexentanzplatz auf, so echt, als schaue man nicht auf ein Bild, sondern durch ein Fenster. »Alle Donnerwetter noch mal«, flüsterte Nom ehrfürchtig. Er duschte, rasierte sich, nahm reichlich »Old Spi- ce After Shave Lotion«, zog sich um und fuhr hinun- ter, in der Hoffnung, die Dame aus dem Fahrstuhl wiederzufinden. Der Speisesaal war nahezu leer, und die wenigen Gäste irritierten ihn. In einer Ecke tafelten Männer, die gerade von einem Kostümfest gekommen zu sein schienen: Sie sahen aus wie Bilderbuchräuber und, sangen: »Semsi, Semsi, tu dich auf«, dann krähte ei- ner »Simeli, Simeli«, und alle lachten dröhnend. Gleich neben dem Eingang stierte ein Männchen in sein Glas und murmelte leise vor sich hin; Nom klang es, als er vorbeiging, wie »… heute back ich, morgen brau ich…« Unwillkürlich ergänzte er »… übermorgen hol ich mir der Königin ihr Kind«, dann mußte er lachen. Er vergewisserte sich schnell, daß der Gast es nicht mit- bekommen hatte, er wollte ihn schließlich nicht kränken, und der Mann mußte so schon todunglück- lich sein über sein zerknittertes Gesicht, mit dem er auch ohne Maske das Rumpelstilzchen hätte spielen können. Ein seltsames Pärchen kam ihm entgegen, der Herr in Frack und Zylinder, die Frau dagegen in einem Lumpenkleid, wirre, verfilzte Strähnen lugten unter ihrem löchrigen Kopftuch hervor. Als der Herr artig seinen Zylinder lüpfte und Nom mit einem Lächeln begrüßte und dabei zwei gewaltige Eckzähne ent- blößte, die unmöglich echt sein konnten, ging Nom ein Licht auf: sicher hatte hier ein Maskenball statt- gefunden. Die beiden sahen haargenau aus wie Graf Dracula und die Hexe aus »Hansel und Gretel«. So wunderte er sich auch nicht, als ein dicker Mann mit hochrotem Gesicht ihn ansprach, sich als Brabutz vorstellte und fragte, ob Nom nicht einen Kuckuck für ihn habe., »Vielleicht morgen«, antwortete Nom, der es schon immer vorgezogen hatte, Betrunkenen nicht zu widersprechen. Am Ende des Speisesaals war die Tür zu einem Nebenraum nur angelehnt. Als Nom einen Blick hi- neinwarf, brüllte ihm eine Stimme entgegen: »Her- ein, wenn's kein Schneider ist!« Du mußt dringend einen Mokka trinken, sagte sich Nom, du bist über- müdet, denn einen Augenblick schien es ihm, als sä- he er in der Finsternis des Raumes Riesen hocken. Die Bar war leer. Nom setzte sich auf einen der Hok- ker und bestellte Mokka double. »Tut mir leid«, sagte die Bardame, »warme Ge- tränke nur im Speisesaal.« Sie schob ihm die Karte hin. »Sicher finden Sie auch hier etwas nach Ihrem Geschmack.« »Geben Sie mir irgend etwas. Zum Aufmuntern.« Nom überlegte krampfhaft, wo er die Bardame schon gesehen hatte. »Bitte schön, ein Elixier des Teufels.« Die Barda- me stellte ihm einen Pokal hin. »Sehr zum Wohle.« »Sie kommen mir so bekannt vor«, sagte Nom. »Ach«, erwiderte sie lächelnd, »mich kennen doch alle, ich bin die Pechmarie.« »Bei mir hätten Sie kein Pech«, beteuerte Nom und nahm einen tiefen Schluck. Das »Teufelselixier« verschlug ihm den Atem. Alles drehte sich vor sei- nen Augen. Nom glitt vom Hokker, bewahrte müh-, sam Haltung und tapste zum Ausgang. Er hätte zu so später Stunde keinen Alkohol trinken dürfen, schon gar keinen Cocktail, er kannte sich doch! Ein zauber- haftes Mädchen fragte, ob sie ihm helfen könne. Nom schüttelte bedauernd den Kopf. Nein, ihm war jetzt nicht zu helfen. Er mußte ins Bett. Und wie dringend! Gaukelte ihm nicht seine übermüdete und trunkene Phantasie vor, daß das junge Mädchen sich in eine warzige Hexe verwandelte und auf einem Be- sen davonritt? Nom erwachte, als es vor den Fenstern schon hell wurde. Er konnte sich nicht erinnern, wie er in sein Zimmer und in sein Bett gekommen war. Draußen jaulten Hunde. Entsetzlich. Es klang wie Wolfsge- heul. Nom ging pinkeln. Selbst hier im Bad und durch die geschlossene Tür vernahm er die widerli- chen Hunde. Er entschloß sich abzureisen. Er könnte jetzt ohnehin nicht wieder einschlafen, und so hatte er eine Chance, rechtzeitig in Leipzig zu sein und sich um den Vorschalldämpfer zu kümmern. Der Portier blickte verwundert auf Noms Koffer. »Sie wollen abreisen?« »Ist das so ungewöhnlich?« fragte Nom zurück. »Bei uns schon«, erwiderte der Portier. »Wenn Sie Beschwerden haben…« »Dieses Gejaule allein genüge, den hartnäckigsten Gast zu vertreiben«, unterbrach Nom, »das hört sich an wie ein Rudel Wölfe.«, »Es sind ja auch Wölfe«, erklärte der Portier. »Sie haben ebenso das Recht auf Asyl bei uns wie Sie, Herr Gnom. Das sind wir dem Geist und dem Namen unseres Hauses schließlich schuldig.« »Das wollte ich gestern schon fragen«, sagte Nom. »Was bedeutet dieses geheimnisvolle Mezzofum?« »MEZOAfU-M«, korrigierte der Portier. »Das wissen Sie nicht? ME steht für Mitteleuropäisches, Z für Zentrales, OA für Obdachlosenasyl, fU heißt für Unsterbli- che…« »Für Unsterbliche?« fragte Nom verdattert. »Andere würden wir nie aufnehmen«, beteuerte der Portier. Ein Unsterblicher, wiederholte Nom für sich. Hier also wußte man um seinen wahren Rang. »Und das M«, schloß der Portier seine Erklärung, »steht für Märchengestalten.« »Märchengestalten?« Nom starrte sein Gegenüber verständnislos an. »Das ist doch der Sinn dieses Hauses«, erklärte der. »Sehen Sie, all unsere Gäste, selbst die Wölfe der soeben heult, ist übrigens der Wolf aus dem ›Rotkäppchen‹ –, sind unsterblich. Irgendwo müssen sie also hausen, doch niemand will sie bei sich dulden. Die Guten, die positiven Helden, wie man heutzutage sagt, ja, die finden über- reichlich Platz in den Herzen der Menschen, wer aber, will eine Hexe, einen Zauberer, einen Räuber, einen Riesen aufnehmen? Oder einen Gnom wie Sie.« »Ich heiße Gnom«, sagte Nom empört, »aber ich bin doch keiner!« »Nein?« Jetzt war es an dem Portier, Verwunde- rung zu zeigen. »Wie kommen Sie dann hierher? Uns ist noch nie ein Fehler unterlaufen.« Seine Finger spielten schon auf dem Terminal. »Tatsächlich, eine Verwechslung«, murmelte er dann. »Sicher meines Namens wegen«, sagte Nom ver- söhnlich, »und weil Sie erkannt haben, daß ich, wenn auch nur durch mein literarisches Werk, zu den Un- sterblichen zähle.« Der Portier blickte noch einmal auf das Terminal. »Ja, der Name hat irritiert«, gestand er, »und noch etwas, nein, nicht Unsterblichkeit, da muß ich Sie leider enttäuschen, aber in der Datenbank sind einige Megabit Stoßseufzer gespeichert, aus dem Kreis Ih- rer Familie und Ihrer Bekannten, daß niemand mit Ihnen leben könne. Entschuldigen Sie bitte den Irr- tum. Es ist mir unverständlich. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß unser Computer sich irren könnte.« Der Portier lüftete seine Mütze und entblößte ei- nen stachlig behaarten Schädel, auf dem drei goldene Haare in die Luft ragten und zwei knorrige, spitze Hörner. »Nichts für ungut, Herr Gnom.« Damit war er verschwunden, in Rauch aufgelöst, und mit ihm, das ganze Haus. Nom stand verwirrt im Wald, weni- ge Schritte vor ihm wartete sein Auto. »Nicht un- sterblich?« lallte er. »Nicht mal ein bißchen?«,

Kasperle ist wieder da

Ich gebe zu, die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, ist schwer zu glauben, doch ich versichere, ich habe sie tatsächlich so erlebt. Es begann, wie so oft, mit einem Zufall. In dem kleinen Städtchen Mieshof, von dessen Existenz ich bis dahin nicht einmal etwas geahnt hatte. Oder auf der Zugspitze? Wo beginnt eine Story? Selbst im nachhinein ist der Punkt, an dem eine In- formation, ein Erlebnis zur Story wird oder unser Leben verändert –, kaum einmal festzustellen, und ich bin immer wieder fasziniert von der Rolle, nein, der absoluten Herrschaft des Zufalls. Im Gegensatz zu meiner Kollegin Dorothea, die behauptet, auch in dem irrsinnigsten, unwahrscheinlichsten Geschehen walte Zwangsmäßigkeit, sage ich, daß unser Leben durch eine unaufhörliche Verknotung von Zufällen bestimmt wird. Hätte ich nicht die Landstraße genommen oder in einem anderen Ort Rast gemacht, wäre ich an einem anderen Tag, ja, nur zu einer anderen Stunde nach Mieshof gekommen oder nicht so durchgefroren ge- wesen, daß ich Lust bekam, noch ein wenig im Son- nenschein spazierenzugehen; wenn ich Weißenba- cher getroffen oder die Information über den Zug-, spitzschnee nie erhalten hätte… Hunderte Wenn und Aber, und jedes einzelne hätte ausgeschlossen, daß ich Maud und ihren Kasper je in meinem Leben ge- troffen hätte. Aber ich war in Mieshof. Zu dieser Stunde. Ich kam von der Zugspitze. Da ich Angst hatte, auf der Autobahn am Lenkrad einzuschlafen, war ich Landstraße gefahren, von Garmisch-Partenkirchen am Alpenrand entlang, dann über Walchensee, Be- nediktbeuren, Bad Tölz… Solange die Straße voller Kurven und die Land- schaft voller Überraschungen war, blieb ich munter, aber dann erwischte es mich doch; im letzten Augen- blick schreckte ich hoch, konnte das Lenkrad gerade noch herumreißen, ein gewagtes Manöver aus Stot- terbremsen und Gasgeben und wieder Bremsen und Kurven, und mein Wagen schlängelte sich haarscharf zwischen Straßengraben und Bäumen, zwischen Traktor und Radfahrer hindurch, ein Manöver, das ich bei wachem Verstand gewiß nicht geschafft hätte. Das erste, was ich wieder bewußt wahrnahm von meiner Umgebung, war ein riesiger Friedhof hinter einer exakt geschnittenen dichten Hecke, wahr- scheinlich ein Soldatenfriedhof aus dem letzten eu- ropäischen Krieg. Ich war verrückt, so zu rasen. Wenn ich hier auf der Landstraße verreckte, platzte nicht nur der Sen- determin. Im nächsten Ort würde ich Pause machen,, und daß er Mieshof hieß, war mir recht. Weiß der Himmel, mir war mies zumute. Meine Glieder noch immer steif vom Frost. Im Juli! Während seit Tagen tropische Hitze über dem Flachland brütete, lag auf der Zugspitze Neuschnee, erst als ich die Leute in dicken Pullovern und Män- teln zur Seilbahnstation gehen sah, hatte ich an den Klimaunterschied gedacht. Wenigstens einen alten Pullover fand ich im Kofferraum. Gewiß, das Zug- spitzhotel war gut geheizt, aber ich war nicht ge- kommen, um mir bei Kaffee und Kuchen das Alpen- panorama anzusehen, ich wollte Dr. Weißenbacher sprechen. Weißenbacher war der einzige, bei dem ich mir eine Chance ausrechnen konnte, die Wahrheit zu erfahren: ob, allen Dementis zum Trotz, nach dem Reaktorunfall von Contenay radioaktiv verseuchter Schnee auf der Zugspitze gefallen war. In das Observatorium hatte man mich gar nicht erst hineingelassen, nachdem ich meinen Namen ge- nannt hatte, und der Wachmann wollte mich nicht einmal für einen Hunderter im Eingang warten las- sen, aber er versprach, mir ein Lichtzeichen zu ge- ben, sobald Dr. Weißenbacher das Observatorium verließ. Weder in der Hotelhalle noch im Restaurant gab es einen Platz, von dem aus ich den Eingang des Obser- vatoriums sehen konnte. Also wartete ich draußen, in einer Ecke des Hotelgebäudes, nur halbwegs ge-, schützt vor dem eisigen Wind, dann in der zugigen Station des kleinen Lifts, den jeder benutzen mußte, der mit der Seilbahn oder der Zugspitzbahn hinunter- fahren wollte. Als die Nacht hereinbrach, ging ich noch einmal zum Observatorium und erfuhr, daß Weißenbacher längst weg war. Der Mann mit dem Hunderter auch. Und inzwischen die letzte Seilbahn. Das Hotel war ausverkauft. Ich durfte die Nacht in einem Sessel in der Halle verbringen, nach Restau- rantschluß, versteht sich, schon vor Sonnenaufgang stand ich wieder draußen, kreuzlahm, übernächtigt und bibbernd, um die erste Gondel abzupassen, was tut man nicht alles für seinen Job. Weißenbacher kam auch nicht mit der zwölften Gondel. Für einen zweiten Hunderter verriet mir der neue Wachmann, daß er die ganze Woche nicht mehr kommen würde, und für einen dritten Blauen erfuhr ich, wo ich Weißenbacher erreichen konnte: in sei- nem Haus in Traunstein. Frierend und fluchend brach ich auf… Jetzt, nach ausgiebigem Frühstück und halbstündi- gem Sonnenbad im Vorgarten des Ratscafes, fühlte ich mich wieder fit. Dieses Mieshof war ein blitzsauberes Städtchen, das nicht nur am Markt gepflegte alte Häuser besaß, es machte Spaß, durch die engen Gassen zu schlen- dern. Plötzlich stieß ich auf eine Menschenmenge, meist Kinder und Alte, die sich lachend und juch-, zend um ein kleines Podium drängten, einen Autoan- hänger, der zur Bühne geworden war, ein Kasperle- theater, wie die kakelbunte Schrift verriet: Kasperle ist wieder da! Maud und ihr sprechender Kasper. Kindheitserinnerungen blitzten auf. Jahrmarkt, Rummel. Roch es nicht nach Zuckerwatte und ge- brannten Mandeln? Aber auf dem kleinen Platz stand nur der Autoanhänger und davor ein ziemlich abge- takelter Wohnwagen, ein 97er FORDMOBIL. Ich war im Nu eingefangen, verzaubert, obwohl es anders war als das Kasperletheater, das ich aus mei- ner Kindheit kannte. Keine Handpuppen, die in die Kulisse gehalten wurden, so daß man die agierenden Spieler nicht sah, hier gab es keine Kulissen und nur einen Akteur, Maud, eine Frau um die Fünfzig. Sie saß auf dem Podium, hielt den Kasper, eine babygroße Puppe mit überdimensionalem Kopf, auf dem eine schellenbe- setzte bunte Mütze thronte, mit der linken Hand und unterhielt sich mit ihm, und die Puppe antwortete frech, vorlaut, dummdreist und witzig, eben wie ein Kasperle. Diese Maud mußte eine ausgezeichnete Bauchrednerin sein. Noch erstaunlicher war, wie sie mit der Puppe hantierte. Kasperle bewegte sich, als sei er lebendig. Seine Arm- und Körperbewegungen mochte Maud ja mit der Hand dirigieren, die sie in den langen Flik-, kenrock der Puppe gesteckt hatte, wie aber schaffte sie es, daß Kasperle eine richtige Mimik zeigte, daß er sogar Finger, Mund und Augen bewegte? Dieses Kasperle mußte ein Miniroboter sein, eine raffinierte Konstruktion mit Mikrochips und Servolenkungen. Das wäre etwas für Pierre, dachte ich, Pierre suchte ständig Attraktionen für seine EUROSAT-Show, und diese Frau war es wert, einmal in Europas beliebte- ster Fernsehsendung aufzutreten. Dann geschah etwas, das selbst einem so abge- brühten Burschen wie mir den Atem verschlug. Maud und Kasper hatten die ganze Zeit mit einem Ball gespielt, hatten sich mit den Antworten einen gelben Tennisball zugeworfen, jetzt gab Maud dem Kasperle zwei weitere Bälle, und er jonglierte damit! Dann sogar mit fünf Bällen. Dieses Kasperle war ei- ne kleine Sensation. Es war das Ende der Vorstellung. Kasperle breitete graziös seine Arme aus und machte eine tiefe Ver- beugung. Alle klatschten begeistert, schrien nach ei- ner Zugabe, doch Maud schüttelte den Kopf. »Kasperle ist müde«, sagte sie. »Nicht wahr, Kas- perle?« »Entsetzlich müde.« Es riß den Mund weit auf und gähnte herzzerreißend. »Ich will ins Bett. Und vorher will ich einen Bonbon.« »Aber Kasper«, sagte Maud, »Bonbon lutschen macht schlechte Zähne.«, »Oh!« Kasperle zog einen Flunsch. »Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte.« »Was meint ihr?« fragte Maud die Kinder. »Soll ich ihm einen Bonbon geben?« »Ja«, tönte es im Chor, am lautesten schrie eine Oma vor mir. »Nun gut«, sagte Maud, »dann soll er ausnahms- weise einen bekommen.« »Dankeschön!« rief Kasperle und verabschiedete sich mit Handküssen von den Zuschauern. Maud nahm ihn wie ein Kind in den Arm. Sie stieg von der Bühne herab und hielt eine Messingschale in die Menge. Fast alle gaben etwas, trotzdem konnte es keine große Einnahme sein, man hörte deutlich die Münzen in die Schale fallen, und als sie in meine Nähe kam, sah ich, daß fast nur Groschen und Fünf- ziger in der Schale lagen. Ich gab ein Fünfmarkstück, und Kasperle sagte Dankeschön. Er wirkte tatsäch- lich müde, wie er sich in Mauds Arme schmiegte, aber sie hielt die Puppe wohl so, damit niemand sie anfaßte. Als keine Hand sich mehr reckte, ver- schwand Maud mit ihm im Wohnwagen. In diesem Augenblick wußte ich es: Nicht bei Pi- erre sollte Kasperle auftreten, sondern in meiner Sendung. Als Moderator zwischen den Beiträgen. Damit war ich alle Sorgen mit dem Moderator los. Es gab kaum einen Journalisten, der gut genug dafür war und sich auf Dauer mit seiner Rolle zufrieden-, gab, und, noch wichtiger, ein Kasperle konnte Dinge aussprechen, die keinem seriösen Moderator gestattet wurden, konnte freche, sogar dreiste Bemerkungen machen, Anspielungen… Ich dankte dem Zufall, der mich nach Mieshof verschlagen hatte. Es dauerte eine Weile, bis Maud aus dem Wohn- wagen kam und sich daranmachte, die Bühne zu- sammenzulegen. Ich wartete, bis sie fertig war. »Ich möchte Sie sprechen«, sagte ich. Sie sah mich verstört an. »Polizei?« fragte sie fast unhörbar. Ganz offensichtlich hatte sie Angst. Hoffentlich wurde sie nicht wegen eines Verbrechens gesucht, dann war mein schöner Plan im Eimer. Wahrschein- lich stimmt etwas nicht mit ihrer Lizenz, dachte ich, deshalb tingelt sie auch über die Dörfer. »Nein«, versicherte ich, »ich bin Herb Kienzle. Vom Fernsehen.« »Etwa der Kienzle von FOKUS?« Sie sah sich meinen Presseausweis ganz genau an. »Ich hatte Sie mir jünger vorgestellt«, sagte sie. »Jetzt verstehe ich auch, warum Sie nie selbst in Ihren Sendungen auf- treten mit der Glatze und dieser Nase!« »Es ist weniger meine Eitelkeit«, sagte ich, »aber wenn jemand mein Gesicht kennt, würde ich kaum noch in die Nähe meiner Klienten gelangen.« »Klienten?« Sie lachte. »Eher wohl Opfer. Aber mir gefällt, was Sie machen. Nicht nur wegen der, Sensation. Es ist so selten, daß einer unerschrocken die Wahrheit sagt. Warum wollen Sie mich spre- chen?« »Ich bin begeistert von Ihrem Spiel. Ich möchte Ihnen ein Angebot machen.« »Ich will nicht ins Fernsehen.« »Sie würden viel Geld verdienen. Ich denke an ein Engagement auf Dauer.« »Vielen Dank für das Angebot«, sagte sie, »aber es geht nicht. Vergessen Sie es.« »Wie kann ich?« erwiderte ich. »Sie sind einfach zu gut, Maud. Viel zu gut, um nur in solchen Nestern aufzutreten. Ich biete Ihnen die Chance Ihres Le- bens…« »Nein, endgültig nein.« »Warum wollen Sie sich nicht wenigstens mein Angebot anhören? Ich will Sie haben, ich werde nicht lockerlassen.« Sie sah mich nachdenklich an. »Also gut, aber nicht hier. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wäh- rend ich zusammenpacke, holen Sie einen kleinen Imbiß, dann fahren wir ein Stück vor die Stadt, ein- verstanden?« Ich überlegte nicht lange. Und Maud war mir im Moment wichtiger als alles andere. Vielleicht ist es sogar gut, dachte ich, wenn du erst abends in Traun- stein ankommst. Weißenbacher war passionierter, Blumenzüchter, vielleicht würde er mich kurz abfer- tigen, wenn ich ihn in seinem Garten störte. Maud wartete bereits hinter dem Lenkrad, als ich den kleinen Platz in dem Gewirr von Einbahnstraßen wiedergefunden hatte. Wenige Kilometer hinter dem Ort bog sie in einen Landweg ein, der über ein paar Hügel zu einer Mulde am Waldrand führte. Ein idea- ler Platz für ein Picknick, weltabgeschieden, nichts als Bäume und Himmel, Blumen und Gräser und ei- ne Stille, die man schon unwiderbringlich verloren glaubte. Ich hatte reichlich, aber nicht extravagant einge- kauft. Bei einfachen Frauen, das war meine Erfah- rung, läuft man leicht auf, wenn man den Großkotz spielt. Also keine Trüffelpastete und Straßburger Gänselebercreme, weder geräucherten Lachs noch Hummer, dafür eine Auswahl an Schinken und Käse. Sie fragte, ob sie von jeder Sorte eine Kostprobe für das Abendessen beiseite legen dürfe. »Bitte«, sagte ich, »was übrigbleibt, gehört ohne- hin Ihnen.« Sie legte trotzdem eine Scheibe von jeder Schin- ken- und Käsesorte auf einen Teller und brachte ihn in den Wohnwagen. Ich hatte sie falsch eingeschätzt, Maud wollte we- der Cola mit Whisky noch Juice mit Wodka, sondern Fachinger Brunnen und den leichten, extratrockenen Weißwein, »um jedem Käse gerecht zu werden« eine, Formulierung, die eher zu einem Gourmet als einer Landfahrerin paßte. Ich hatte sie unwillkürlich für eine einfache, ungebildete Frau gehalten, wie andere Artisten, die ich kannte, doch als sie sich ins Gras niederließ, zitierte sie: »O Täler weit, o Höhen O schöner grüner Wald Du meiner Lust und Wehen Andächt'ger Aufent- halt!« Eine Rummelplatzdame, die Eichendorff kannte. In Mieshof hatte Maud ein unauffälliges graues Kleid getragen, sicher, um alle Aufmerksamkeit auf das bunte Kasperle zu lenken, hier trug sie einen gel- ben Sari mit orangefarbenen Mustern, die Farben zo- gen Bienen und Wespen an, Maud verscheuchte sie nicht. Ich hatte mich so gesetzt, daß ich die Sonne im Rücken hatte, um sie beobachten zu können. Jetzt wirkte sie nicht mehr wie fünfzig. Gewiß, sie hatte dunkle Augenringe und tiefe Falten, aber ihr Hals, dieses Wahr-Zeichen für das Alter einer Frau, war fast makellos glatt, und wenn sie lachte, hatte Maud einen geradezu mädchenhaften Charme. Sie bestand darauf, daß zuerst ich erzählen sollte, von meiner Arbeit, und sie stellte präzise Zwischen- fragen, sogar zu Sendungen, die vor Jahren gelaufen waren, so daß ich Mühe hatte, mich zu erinnern. Sie schien jede Sendung von FOKUS gesehen zu haben. »Und Sie«, sagte ich schließlich, »was haben Sie, gemacht, Maud? Sie sind doch nicht unter fahrendem Volk großgeworden.« »Stimmt«, sagte sie, »das mache ich noch nicht lange.« »Und vorher?« »Nichts, buchstäblich nichts. Gefaulenzt, den gan- zen Tag spazierengegangen und geschwommen, ferngesehen und gelesen, meiner Kindheit nachge- sonnen à la recherche du temps perdu.« Proust kannte sie also auch. Offensichtlich sogar im Original. Aber sie schien eine Deutsche zu sein, der mund- sprachlichen Färbung nach, die gelegentlich aufblitz- te, aus Schwaben. »Und wo?« fragte ich. »Ach, irgendwo.« »Frankreich«, tippte ich. »Oder Belgien?« »Warum nicht Italien oder Deutschland?« fragte sie zurück. »Weil Sie offensichtlich mehr als Schulfranzö- sisch beherrschen.« »Warum wollen Sie etwas über mich erfahren?« »Sie interessieren mich.« »Wieso? Eine Puppenspielerin, die über die Dörfer tingelt…« »Gut, sprechen wir davon. Woher haben Sie das Kasperle?« Ihre Miene versteinerte. »Sie sind nicht zufällig, nach Mieshof gekommen, nicht wahr? Wer hat Sie auf meine Spur gesetzt?« »Niemand«, versicherte ich, »es war reiner Zu- fall.« Ich erzählte ihr, wie es dazu gekommen war, sie blickte mich mißtrauisch an. »Ich glaube, das ist nur einer Ihrer Tricks«, sagte sie. »Sie arbeiten mit allen Tricks für Ihre Sendun- gen, das weiß ich.« »Stimmt. Aber ich schwöre, daß ich Ihnen die Wahrheit gesagt habe. Bitte, glauben Sie mir, Maud. Es ist mir wichtig, daß Sie mir glauben.« »Warum?« »Weil ich hoffe, daß Sie bei FOKUS mitmachen.« Ich entwikkelte ihr meine Idee. »Ja, das könnte ich mir gut vorstellen«, sagte sie, »aber es geht nicht. Ich habe Berührungsängste, ver- stehen Sie? Ich bekomme Angst, sobald mehr als zwei Menschen in meiner Nähe sind.« »In Mieshof waren über hundert um Sie herum. Nur hundert. Viel zu wenige für das, was Sie bieten.« »Nicht in Tuchfühlung. Vielleicht kennen Sie das nicht, Herb, aber Artisten sind keine Showstars; zwi- schen Artist und Publikum bleibt so etwas wie eine unsichtbare Schranke, niemand kommt mir zu nahe. Ich könnte in keinem Studio arbeiten.« »Wir können…« »Nein«, unterbrach sie, »ein für allemal, nein.«, Was war los mit ihr? Kein Artist der Welt würde ein solches Angebot ausschlagen. »Dann verraten Sie mir, woher Sie das Kasperle haben«, sagte ich. »Ha- ben Sie es selbst konstruiert? Können Sie mir eine zweite Puppe bauen? Ich bin ganz versessen darauf, solch ein Kasperle in meine Sendung einzubauen.« Sie schwieg. »Sie haben es gestohlen?« Maud wandte den Blick ab. »Deshalb haben Sie Angst vor der Polizei«, sagte ich. »Deshalb wollen Sie nicht bei mir auftreten.« Sie schien völlig versunken in den Anblick einer Biene auf ihrem Sari. »Ich könnte das in Ordnung bringen«, sagte ich. »Früher oder später findet der Besitzer des Kasperles Sie doch. Ich nehme an, die Puppe wurde nicht in einer Firma hergestellt, sondern von einem Hobby- bastler, sonst wäre sie längst auf dem Markt.« Maud saß vorgebeugt da, die gefalteten Hände verkrampft zwischen den Beinen. »Lassen Sie sich helfen, Maud! Sie müssen doch in ständiger Angst leben. Ich werde den Konstrukteur auszahlen. Oder beteiligen…« »Hören Sie doch auf«, schrie sie, »es geht nicht.« »Warum? Wer ist es? Ich werde Sie nicht verraten, das verspreche ich. Ich kann ja behaupten, ich hätte Sie in den Staaten getroffen oder in Südamerika. Sa-, gen Sie es mir, und ich lasse Sie in Ruhe.« »Er ist tot«, sagte sie schließlich. »Ermordet?« Keine Antwort. »Von Ihnen?« »Nein! Ich flehe Sie an, Herb, lassen Sie mich in Ruhe. Warum wollen Sie alles zerstören? Wir sind glücklich so…« »Wir? Das Kasperle ist für Sie wie ein Kind, nicht wahr?« Sie sah mich an, Tränen in den Augen. »Ja, es ist mein ein und alles.« »Glauben Sie manchmal, daß es lebendig ist, Maud?« »Ja!« stieß sie hervor. »Jetzt wissen Sie es, ich bin eine Verrückte. Und nun hauen Sie ab. Vergessen Sie mich.« »Wie könnte ich? Meine Nase wittert ein Geheim- nis, und nichts, das werden Sie verstehen, reizt mich mehr als ein Geheimnis. Wer sind Sie, Maud? Doch keine Artistin? So einfach kommen Sie mir nicht da- von.« »Das fürchte ich auch.« Sie seufzte. »Ich habe es befürchtet, seit ich weiß, wer Sie sind. Versprechen Sie mir, daß Sie alles für sich behalten, was ich Ihnen erzähle?« »Sie verlangen sehr viel von mir.« »Es ist eine verrückte Geschichte, gewiß, aber, keine für FOKUS.« »Überzeugen Sie mich. Wenn Sie mich überzeu- gen, werde ich schweigen wie ein Grab.« »Nun gut. Aber keinerlei Aufzeichnungen, ver- sprechen Sie wenigstens das?« »Ich habe nichts bei mir, die Geräte liegen alle im Wagen. Sie können sich überzeugen.« Sie überzeugte sich tatsächlich, sie tastete mich ab wie ein Bulle einen gerade festgenommenen Gang- ster. Dann legte sie sich wieder ins Gras, verschränk- te die Hände unter dem Kopf und sah in den Him- mel. »Sie haben recht«, begann sie, »ich bin eigentlich keine Artistin. Nicht einmal das. Ich stamme aus ei- ner gutbürgerlichen Familie. Vater war Kybernetiker, Mutter Biotechnologin, nichts Bedeutendes, Fuß- volk, aber ehrgeizig. Als ich gerade sechzehn war, starben meine Eltern bei einem Unfall. Von einem Tag zum anderen stand ich mittellos da. Arbeiten? Ich hatte nichts gelernt. Und eine Lehrstelle? Sie wissen doch, wie es damit aussieht. Ich hatte keine Beziehungen. Meine Eltern hatten ganz für ihre Ar- beit gelebt, da waren nicht mal Freunde, die mir jetzt helfen konnten, keine Verwandten, nur eine Groß- mutter, die selbst Hilfe brauchte. Unterstützung be- kam ich nicht, ich war ja schon erwerbsfähig, nur ein paar Mark Sozialhilfe. Also Wohnung verkaufen, eine billige Bude, hier und da mal ein Tagesjob., Dann kam Frank.« Sie hielt mir ihr Glas hin. »Meine erste Liebe. Die große Liebe, von der jeder Teenager träumt. Er sah blendend aus, fuhr einen Superwagen, hatte eine phantastische Wohnung, es war wie ein Sechser im Lotto. Drei Wochen lang. Dann sagte er, er sei pleite, müsse alles verkaufen und wir müßten uns trennen. Es sei denn…« »Sie liebten ihn so sehr, daß Sie ihm helfen wür- den«, ergänzte ich. »Er wollte Sie auf den Strich schicken?« »Nicht auf den Strich. Wahrscheinlich hätte ich selbst das damals für ihn getan. Nein, Frank machte mir den Vorschlag, Mietmutter zu werden. Zwei, drei Jahre, sagte er, und wir sind aus allem heraus. Ein Kind zu bekommen ist doch kein Problem für eine junge gesunde Frau. Leichte Arbeit. Was willst du sonst machen? Gelernt hast du nichts, nicht einmal kochen. Wie recht er hatte. Ich konnte nichts, und ich besaß nichts als meinen Körper. Hab keine Angst, sagte er, du sollst dich nicht von wildfremden Män- nern schwängern lassen, eine Viertelstunde beim Doktor, dann mußt du nur noch das Kind austragen. Und abkassieren. Er gab mir Prospekte von Anwalts- kanzleien, die Mietmütter vermitteln. Eine Monats- gage, von der ich nur träumen konnte, dazu eine mir geradezu fürstlich erscheinende Erfolgsprämie. War- um nicht, dachte ich schließlich. Es ist ein anerkann- ter Job. Hunderte tun ihn. Wäre ich lieber auf den, Strich gegangen.« Ihr Glas war schon wieder leer. Ich ging zum Wa- gen, um eine neue Flasche zu holen. Eine Mietmutter also. Ich erinnerte mich noch gut an die heißen De- batten an der Uni. Damals ging es darum, ob Miet- mutterschaft als Gewerbe staatlich sanktioniert wer- den sollte. Mutterschaft als neue Form der Prostituti- on, sagten die Gegner, pervers sei das, die Gebärmut- ter wie einen Leihwagen zu vermieten, Eierstöcke »abzuernten«, Frauen zu Gebärmaschinen zu degra- dieren, wie Zuchtsauen zu behandeln… Na und, sag- ten die anderen, Männer gehen doch schon lange als Zuchtbullen. Wer hat noch was gegen Samenspen- der? Wo bleibt die Gleichberechtigung? So wie jeder Mann seinen Samen verkaufen darf, muß jede Frau das Recht haben, über ihre Eizellen und über ihre Gebärmutter zu verfügen. Es ginge doch nur darum, einen längst bestehenden Zustand zu legalisieren. Liefen nicht schon Hunderte von Kindern herum, deren Väter nicht die wahren Väter, deren Mütter nicht die leiblichen Mütter seien? Warum nicht den bedauernswerten Frauen, die keine Kinder bekommen könnten, legal helfen? War- um nicht armen Frauen so eine Chance geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Warum nicht Mutterschaft als eine gesellschaftlich nützliche Dienstleistung anerkennen? Auch ich war damals vehement für die Legalisie-, rung eingetreten. Praktiziert wurde es ohnehin, durch Legalisierung konnten die unwürdigen Zustände auf dem schwarzen Muttermarkt beendet werden. Vor Jahren hatte ich meine Meinung geändert. Als be- kannt wurde, wie hoch die Selbstmordrate bei den Mietmüttern war. Ich hatte mit Dutzenden gespro- chen, fast alle waren psychisch zerbrochen, selbst die, die jetzt Familie hatten und ein eigenes Kind. Kaum eine hatte es verkraftet, Kinder zu bekommen und wegzugeben, viele waren dem Alkohol oder den Drogen verfallen. Aber Maud war anders. Bestimmt keine Drogenabhängige. Nicht einmal Alkoholikerin. »Das ist doch nicht alles«, sagte ich. »Raten Sie, wie oft ich schwanger war.« Ich zuckte mit den Schultern. »Sie würden es nie erraten. Über dreißigmal.« »Das, das verstehe ich nicht«, stotterte ich. »Das ist auch kaum zu verstehen. Kaum zu glau- ben.« Sie kippte den Wein in einem Zug hinunter. »Im Dienste der Wissenschaft.« »Der Wissenschaft?« fragte ich fassungslos. »Sie glauben mir kein Wort, was? Aber es ist die Wahrheit! Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Ich weiß nicht, wie viele Kinder ich in diese erbärmliche Welt gesetzt habe. Vierzig, fünfzig, sechzig? Es wa- ren viele Mehrlingsgeburten dabei.« Sie stand auf,, zog ihren Kittel hoch. Ihr Bauch war voller Narben. Gerade, feine, gut verheilte Operationsnarben, die sich dicht nebeneinander vom Slip zum Nabel zogen. »Kaiserschnitt«, sagte sie, »siebzehnmal. Die an- deren habe ich normal geboren. Normal!« Sie ließ den Kittel fallen, spuckte aus. »Pervers ist es. Wider- lich. Unerträglich. Ein Alptraum. Jede Nacht habe ich Alpträume. Ich nehme die stärksten Schlaftabletten, und trotzdem, Herb, späte- stens am Morgen erinnere ich mich an meine Träu- me. An die großen Augen, die traurigen, hilflosen Gesichter, die mich anstarren und ›Mutter‹ schreien. Ich weiß, das sind nur Ausgeburten meiner Phanta- sie. Man hat dafür gesorgt, daß ich nie eines der Kin- der zu Gesicht bekam.« Sie schwieg unvermittelt, ließ sich ins Gras fallen, schüttelte traurig den Kopf. Mit einem Schlag sah sie wie eine alte Frau aus. »Monster«, murmelte sie. »Wahrscheinlich waren es allesamt Monster.« »Bitte, beruhigen Sie sich, Maud.« Ich legte die Hand auf ihren Arm. Eine Verrückte? Aber da waren die Narben. Ich wartete, bis sie wieder ruhiger atmete. »Warum«, fragte ich dann, »warum haben Sie nicht aufgehört?« »Weil ich nicht konnte.« Sie lachte bitter. »Ich fühlte mich ja wohl, sauwohl. Solange ich schwanger war. Die Pause nach der Geburt war entsetzlich. Ich, habe die Ärzte angebettelt ich war nur glücklich, wenn ich schwanger war, verstehen Sie?« »Nein.« »Man hatte mich so konditioniert! Schon als Frank mich zum Arzt brachte, um meine Tauglichkeit un- tersuchen zu lassen das weiß ich heute, damals hatte ich keine Ahnung. Ich wunderte mich nicht einmal, daß ich einen Fünfjahresvertrag bekam, ich unter- zeichnete ihn, als wäre das schon immer mein sehn- lichster Wunsch gewesen. Ich bin Frank sogar um den Hals gefallen vor Glück. Noch am gleichen Tag brachte er mich in das Institut.« »Ein Institut?« »Ich dachte zuerst, es sei ein Sanatorium. Oder ein Hotel. Traumhaft, wie im Film: eine riesige Halle mit Palmen, ein erstklassiges Restaurant, Spielzimmer, Sauna, Schwimmhalle und Swimmingpool, eine gro- ße Bibliothek und Videothek, ein herrlicher Park, ich bekam ein helles, freundliches Appartement, das ich mir selbst einrichten durfte wir sollten uns ja wohl fühlen.« »Es waren noch mehr Frauen dort?« »Zwanzig bis dreißig, das wechselte. Ich blieb am längsten von allen, ich war besonders geeignet.« »Durften Sie das Sanatorium verlassen?« »Ich wollte nicht. Sobald ich das Tor hinter mir ließ, bekam ich panische Angst. Ich mußte schnell, wieder zurück.« Sie richtete sich auf, sah mich an. »Fast dreißig Jahre habe ich dort verbracht.« »Haben Sie in diesem ›Institut‹ gearbeitet?« »Das durften wir nicht. Wir durften den Komplex nicht einmal betreten. Wir hatten auch kein Bedürf- nis danach. Wir blieben in unserem Bereich. Nicht einmal neugierig waren wir, haben nie miteinander darüber gesprochen. Es war, als existierte das andere überhaupt nicht, dabei lag der Komplex nur ein paar hundert Meter entfernt.« »Was haben Sie denn die ganze Zeit getan?« »Gefaulenzt, das sagte ich doch. Es gab nur weni- ge feste Termine Untersuchungen, Gymnastik, die Essenszeiten sonst konnte man tun und lassen, was man wollte. Sie haben es ja gemerkt, ich habe viel ferngesehen. Und gelesen. In den ersten Jahren habe ich mein Abitur nachgemacht im Fernkurs, dann so- gar studiert, Germanistik, Romanistik, Geschichte, Elektronik, nichts zu Ende; ich hatte ja Angst, zu den Prüfungen zu fahren.« »Bekamen Sie Besuch?« »Wen denn? Frank? Ich habe ihn nie wiedergese- hen.« »Und die anderen Frauen?« »Auch nicht. Das waren alles Frauen wie ich, ohne Anhang, ohne Familie. Ich weiß auch nicht, ob man Besucher eingelassen hätte.« »Das Gelände war abgeschlossen?«, »Rundum zog sich eine hohe Mauer mit einem Drahtgitter darauf, vermutlich war es elektrisch gela- den, vor der Mauer ein breiter, immer frisch gehark- ter Streifen, den man nicht betreten durfte.« »Innen oder außen?« »Auf beiden Seiten.« »Elektronische Alarmanlagen, Infrarotstrahler?« »Das weiß ich nicht.« »Wachen, Patrouillen?« »Vielleicht draußen. Ich kenne nur die Wachen am Tor.« »Uniformierte? Was für Uniformen trugen sie? Waren sie bewaffnet?« »Ich glaube nicht. Es waren freundliche ältere Männer in dunkelgrauen Anzügen ich merke, Sie wissen längst, was für ein Institut das war, nicht wahr?« Ich sagte nein, alles wehrte sich in mir gegen mei- ne Vermutungen. Nichts als Ausgeburten einer krankhaften Phantasie, wehrte ich mich, Spinnereien einer Geistesgestörten, die zu viele Horrorfilme ge- sehen hat und sich nun damit identifiziert. Wie oft schon waren Leute mit verrückten, absurden, entsetz- lichen Geschichten an uns herangetreten, die unbe- dingt in FOKUS entlarvt werden müßten, und fast immer hatten sie sich als Phantasieprodukte heraus- gestellt. Fast. Und Maud war nicht zu mir gekommen…, »Ja«, sagte sie, »in diesem Institut werden geneti- sche Experimente gemacht. Genmanipulation am Fö- tus. Wir waren nur dazu da, sie auszutragen. Lebende Gebärmaschinen. Eine künstliche Gebärmutter gibt es ja noch nicht.« »Wo«, sagte ich, »wo soll das gewesen sein?« »Irgendwo in Europa.« »Genmanipulation ist überall in Europa verboten, alle Staaten haben die UN-Konvention unterzeich- net.« »Wäre es das erste Mal, daß etwas verboten ist und trotzdem heimlich getan wird?« fragte sie zu- rück. »Wie oft haben Sie in FOKUS…« »Wo?« unterbrach ich sie hart. »Sagen Sie mir, wo dieses Institut sein soll.« »Ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Frank muß mir ein Schlafmittel gegeben haben, bevor er mich hin- brachte, ich wachte erst auf, als wir schon vor dem Portal standen.« »Und als Sie das Institut verlassen haben wie? Wieder unter Betäubung?« »Nein, aber nachts und im Kofferraum eines Au- tos.« Ihre Story wurde immer wilder. Und unglaubwür- diger. »Dann beschreiben Sie mir die Landschaft, das Klima. In welcher Sprache wurde dort gesprochen, welche FernsehProgramme haben Sie empfangen, welche Zeitungen bekommen? An welchen Universi-, täten wollen Sie Ihre Fernstudien gemacht haben, wenigstens das werden Sie doch wissen, oder?« »Sie glauben mir nicht.« »Nein.« »Ja«, seufzte sie, »ich habe keine Beweise.« »Was ist mit dem Vertrag, den Sie unterschrieben haben wollen?« »Der ist dort deponiert.« »Ihr Honorar natürlich auch?« »Nein«, sagte sie wütend. »Zumindest sollte es auf ein Konto in der Schweiz überwiesen werden. Ich habe nie versucht, etwas abzuheben. Weil ich doch heimlich verschwunden bin und…« »Und was?« »Hören Sie, Herb, Sie müssen mir nicht glauben. Lassen wir es, ja?« Daß sie jetzt plötzlich aufgab, irritierte mich. Das war nicht der Punkt, an dem ein Simulant aufgeben würde. War doch etwas an ihrer Geschichte? Immer wieder flammten Gerüchte über Geheimkliniken auf, in denen mit menschlichem Genmaterial manipuliert würde, über Experimente mit den »freien Embryo- nen«, die bei den legalen Retortenbabys abfielen und nicht, wie vorgeschrieben, vernichtet würden, aben- teuerliche Gerüchte von Monsterzeugungen, von Versuchen, Supermenschen zu züchten. Oder das Gegenteil: Paramenschen, menschliche Roboter. Science-Fiction-Storys. Wie so viele Reporter war, auch ich einmal einem derartigen Gerücht nachge- gangen und hatte wie alle anderen nichts gefunden. Was nichts besagen mußte. Die Techniken waren ausgereift, Genchirurgie, Oozytengewinnung, In- vitro-Befruchtung, Embryotransfer… in jedem Tier- zuchtinstitut wurde das täglich praktiziert, an jeder medizinischen Fakultät gelehrt. Menschenzüchtung war längst kein technisches Problem mehr, nur noch ein moralisches und rechtliches. Wie hatte Dr. Lede- rer, einer der namhaftesten Genchirurgen Europas, in meinem Interview gesagt? »Wir tun es natürlich nicht, aber es bleibt eine un- geheure Versuchung. Gott spielen. Den Menschen verbessern. Der Mensch ist wahrlich unvollkommen konstruiert. Was ist das eigentlich: der Mensch? Es gibt keine exakte Definition. Kann es auch nicht ge- ben. Die Spannweite reicht doch vom olympischen Athleten bis zum Spastiker, vom Steinzeitmenschen im Dschungel bis zu Genies wie Einstein. Wir haben uns so entschieden, aber werden spätere Generatio- nen auch darauf verzichten, den Menschen neu zu entwerfen?« Vielleicht war längst jemand der »ungeheuren Versuchung« erlegen? War es nicht immer so gewe- sen, daß das technisch Machbare eines Tages auch getan wurde? »Ich möchte Ihnen ja glauben, Maud«, lenkte ich ein, »aber da bleiben ungereimte Dinge, Fragen Sie, müssen Ihren Vertrag mit einem Partner abgeschlos- sen haben, mit wem? Wie können diese Leute sicher sein, daß keine der Frauen ausbricht und den Skandal publik macht? Oder nachdem sie, wann auch immer, aus dem Institut entlassen werden? Wie erklären Sie sich das? Man hat Ihnen sicher die Kontonummer in der Schweiz genannt, verraten Sie mir die Bank und Nummer, das wäre der Anfang einer Spur, vielleicht ein Beweis. Warum schweigen Sie?« »Stimmt, ich habe mir alles nur ausgedacht«, sagte sie müde. »Ich denke mir oft Geschichten aus. Um die Wahrheit zu sagen, Herb, ich habe die dreißig Jahre in einer Heilanstalt verbracht.« Sie verzog ihr Ge- sicht zu einem dümmlichen Grinsen und begann vor sich hin zu trällern. »Lalala, dadada…« Man kann nicht so lange in meinem Beruf erfolg- reich sein, ohne eine Menge von Körpersprache und Physiognomie und Psychologie zu verstehen. Ihre Hände und Füße verrieten sie. Maud hatte die Zehen eingekrallt, die Hände gefal- tet, die Knöchel traten weiß hervor, so preßte sie ihre Finger. »Spielen Sie mir nichts vor«, herrschte ich sie an. »Sie sind ebensowenig verrückt wie ich, Maud. Ich glaube Ihnen, man hat Sie unmenschlich mißbraucht. Ihre Geschichte ist ungeheuer, sie muß an die Öffent- lichkeit. Wollen Sie immer noch behaupten, das wäre, keine Story für FOKUS?« »Wollen Sie etwa behaupten, FOKUS würde das bringen?« fragte sie zurück. »Das ist selbst für Sie zu groß, Herb. Sie haben vorhin gesagt, ich würde stän- dig in Angst schweben. Ja. Aber Sie müßten mit Todesängsten leben, so- bald Sie mit den Recherchen beginnen. Denken Sie an Richards.« Richards war einer meiner Mitarbeiter gewesen, sein Fall hatte Schlagzeilen gemacht. Er glaubte, bei seinen Recherchen über Genchirurgie auf geheime Forschungen für biologische Waffen gestoßen zu sein. Innerhalb von zwei Tagen war er buchstäblich zerfallen. Zellauflösung. Ein Zufall, eine erstmals aufgetretene Virusmutation? Es wurde nie geklärt, obwohl wir sogar das kriminaltechnische Institut der Sorbonne einschalteten. Alle Welt vermutete, daß er versucht hatte, einen Beweis an sich zu bringen und dabei verunglückt war. Oder ermordet. Wir bekamen nicht einmal heraus, wo Richards sich am Tag vor seiner Erkrankung aufgehalten hatte. Vielleicht hatte Maud recht, und die Story war ein paar Nummern zu groß. Wenn es dieses Sanatorium und das Institut gab, dann mußte es ein ausgedehnter, hermetisch abgeschlossener Komplex sein, wie ihn nur eine Armee oder ein Geheimdienst unterhalten konnte. Oder einer der Multikonzerne, und die wür- den ebenso skrupellos jeden, der in ihre Karten guk-, ken wollte, abservieren. Wenn möglich, mit Ablen- kung oder Bestechung, aber in diesem Fall würden sie auch vor Mord nicht zurückschrecken. Trotzdem, ich mußte wenigstens wissen, woran ich war. »Verraten Sie mir die Kontonummer«, forderte ich noch einmal. Ich kannte jemand bei einer Schweizer Bank, der unauffällig prüfen konnte, ob es das Konto gab. Nach dreißig Jahren mußte eine beachtliche Summe darauf liegen. Maud blickte mich kopfschüttelnd an. »Ich fürch- te, Sie wären tatsächlich imstande, sich an die Story zu machen. Nein, Herb. Lassen Sie es so, wie es ist. Bitte. Ich lebe. Nicht gut, aber auch nicht schlecht, ich bin zufrieden. Ich kann den Leuten ein wenig Freude bringen. Sie haben selbst erlebt, wie sie ge- lacht haben, den Alltag für ein paar Minuten verges- sen ich flehe Sie an.« »Okay«, sagte ich, »ich kann Sie nicht zwingen. Aber ich bin jetzt überzeugt, daß Ihre Geschichte wahr ist. Und ich verstehe, daß Sie nach all den Schwangerschaften eine tiefe Sehnsucht nach einem Kind haben, daß Sie diese Kasperlepuppe unbedingt stehlen mußten…« »Gar nichts verstehen Sie!« Sie sprang auf. »Kommen Sie mit.« Sie lief mir voraus in den Wohnwagen. Da lag das Kasperle. In einem Babykorb. Im ersten Augenblick erkannte ich es nicht wieder, es lag auf der Seite, bis, zum Kinn zugedeckt. Ohne die bunte Mütze, mit schwarzen Locken auf dem Kopf, und ohne die ku- gelrunden Apfelbäckchen, auch seine Nase war nicht mehr purpurrot. Und es atmete! Drehte sich auf den Rücken. »Verstehst du jetzt?« flüsterte Maud. »Ich muß ihn doch beschützen, er ist so klein, so hilflos.« »Dein Sohn?« Sie nickte, versuchte zu lächeln. Erbarmungswür- dig hilflos, verzweifelt, Tränen liefen über ihre Wan- gen, ich mußte sie in den Arm nehmen und ihren Kopf, ihren Rücken streicheln. Sie drückte sich an mich, ihre Hände umklammerten meine Schultern. Sie weinte sich aus, während ich in den Babykorb starrte, auf das friedlich schlafende Kasperle. Ein Baby mit dem Gesicht eines Sechsjährigen und der Nase eines Erwachsenen. Ein Monster? Vielleicht sogar ohne Beine? Ein von skrupellosen Wissenschaftlern künstlich gezeug- ter Däumling? Kasperle gähnte im Schlaf, schmatzte unruhig. »Komm, wir wollen ihn nicht wecken.« Ich zog sie zur Tür. Wir setzten uns in den Schatten des Waldrandes. »Ich schwöre es«, sagte ich, »ich werde nichts tun, was euch schaden kann, aber jetzt muß ich unbedingt auch noch den Rest der Geschichte erfahren.« Sie sah mich an. »Darf ich dich einmal küssen?«, Es blieb nicht bei dem ersten scheuen Jungmäd- chenkuß. Vor zwei Minuten noch hatte ich in Maud nichts anderes gesehen als eine Frau mit einem Ge- heimnis, das ich unbedingt ergründen mußte, jetzt schien nichts selbstverständlicher, als daß wir uns liebten. Dann lagen wir still nebeneinander, Maud atmete schwer. »Ich hatte es längst vergessen«, flüsterte sie. »Nicht einmal mehr geträumt habe ich davon. Und nun bin ich eine alte Frau.« Ich protestierte. Als ich mich aufsetzte, zog sie den Sari über ihren Bauch. Die Brüste bedeckte sie nicht. Wunderschöne volle Brüste. Dazu eine makellose Haut welch Gegensatz zu ihrem Gesicht. Ich sagte ihr, daß ich schon lange nicht mehr so schöne Brüste, eine so glatte Haut gestreichelt hätte, und sie lächelte glücklich. »Vielleicht haben das die vielen Schwangerschaf- ten bewirkt«, meinte sie. »Und dabei habe ich nur einmal mit einem Mann geschlafen. Drei Wochen lang, damals…« Sie weinte wieder. An diesem Abend, in dieser Nacht, vertraute sie sich mir rückhaltlos an. Nicht weil wir miteinander geschlafen hatten: Weil ich seit Jahren der erste war, mit dem sie sich unterhielt, offen sprechen konnte, der zweite Mensch überhaupt. Ich ließ Traunstein und Weißenbacher sausen; was war radioaktiver Schnee auf der Zugspitze gegen diese unglaubliche,, ungeheure Geschichte. Ich ließ Maud sprechen. Und schweigen. Drängte nicht. Stellte nur Fragen, wenn sie den Faden verlor. Ich wußte, jetzt würde ich alles von ihr erfahren. Aber viele Fragen konnte sie nicht beantworten. Was aus den Kindern wurde, zum Beispiel. Wur- den sie bald nach der Geburt umgebracht, fristeten sie noch eine Weile ihr Leben im Institutsbereich? Maud hatte all die Jahre kein Kind zu Gesicht be- kommen sobald die Preßwehen einsetzten, wurden die Geburten unter Narkose fortgesetzt –, hatte sich damals auch nie Gedanken darüber gemacht! Sie hatte keine Ahnung, was aus den Frauen ge- worden war, die während ihrer Zeit aus dem »Sana- torium« ausschieden, sie wußte so wenig von ihnen, daß es unmöglich gewesen wäre, auch nur eine wie- derzufinden. Lebten sie überhaupt noch? Wenn, dann sicher ohne sich zu erinnern, daß man sie als Gebär- maschinen mißbraucht hatte. Anfangs vermutete ich, daß man die Frauen unter irgendwelche Pharmadrogen gesetzt hatte, doch Maud sagte, sie hätten nicht einmal Bier oder Wein trinken oder rauchen dürfen, Medikamente habe es nur im äußersten Notfall gegeben, gesund leben sei das oberste Gebot gewesen. Das leuchtete mir ein. Drogen hätten möglicherweise die Forschungser- gebnisse beeinträchtigt. Die Plazenta ist durchlässig,, das sieht man an den vielen süchtig geborenen Kin- dern von Drogenabhängigen. Tamara, die Ärztin, die Maud half, hatte ihr er- klärt, man habe sie unter einer Art Hypnose gehalten. Ich habe eine Reihe von Experten befragt, natür- lich ohne zu verraten, warum ich mich dafür interes- sierte, alle erklärten übereinstimmend, es sei mög- lich, geeignete Menschen auch über lange Zeit hyp- notisch zu konditionieren, ihnen einerseits Tabus und Zwänge aufzuerlegen und sie andererseits sogar in die abwegigsten Glücksgefühle zu versetzen, ihnen einen erfundenen Lebenslauf zu suggerieren. Hypno- se würde erklären, warum Maud sich nur glücklich fühlte, wenn sie schwanger war, warum ihr nahelie- gende Gedanken gar nicht erst in den Sinn kamen, warum sie Angst hatte, das Gelände zu verlassen… Und warum diese Leute nicht befürchteten, daß die Frauen den Skandal publik machen könnten, sie so- gar entlassen durften, beispielsweise mit der Vita, sie hätten die ganze Zeit in einer Heilanstalt verbracht. Die Kanzlei, mit der Maud den Vertrag abschloß, hat existiert, aber als ich mich für sie interessierte, war sie schon seit einiger Zeit aufgelöst. Ohne eine Spur zu hinterlassen. Nicht einmal mehr die Putzfrau konnte ich auftreiben. Auch das Konto in der Schweiz hat es gegeben. Einen Tag nach Mauds Ver- schwinden wurde es eingerichtet, ein disponibles Konto jener Kanzlei. Ich bin sicher, es sollte nur als, Falle dienen. Drei Monate später wurde es wieder aufgelöst. Ich denke, daß man sich entschlossen hatte, nicht länger nach Maud zu suchen. Was hätte sie auch verraten können? Wer hätte ihr geglaubt? Ohne Beweise – von Kasper wußte ja niemand. War ein Fehler unterlaufen, hatte man Maud schon zu lange konditioniert? Während ihrer letzten Schwangerschaft ließ der hypnotische Druck nach, im achten Monat, sie begann, sich für das wachsende Kind zu interessieren, schmiedete Pläne für die Zeit nach der Geburt, stellte der Ärztin Fragen, die sie nicht einmal denken durfte… Ich kann nur vermuten, warum Tamara bleiben wir bei diesem Namen sich so verhielt. Warum sie keine Meldung über das »abweichende Verhalten« ihrer Patientin machte. Tamara wußte zu diesem Zeitpunkt schon, daß sie unheilbar an Krebs erkrankt war. Ich vermute, daß der ständige Gedanke an den unbarm- herzig näher rückenden Tod sie dazu brachte, über das nachzudenken, was sie dort tat, jahrelang getan hatte; vielleicht wurde sie schon lange von Gewis- sensbissen gequält und sah nun, da sie ohnehin aus dem Institut ausschied, eine Chance, wenigstens einmal etwas gutzumachen. Soviel ist sicher: Sie lö- ste Maud völlig aus der Konditionierung, isolierte sie unter einem Vorwand, half ihr, mit der neuen Situa- tion fertig zu werden, tauschte dann das Neugebore-, ne gegen einen anderen Fötus aus, fälschte die Unter- lagen, täuschte eine Nullschwangerschaft vor und schmuggelte die beiden aus dem Institutsgelände. Offensichtlich hat niemand Tamara verdächtigt, et- was mit Mauds Verschwinden zu tun zu haben, nie- mand suchte sie auf; nach ein paar Wochen befreite Tamara die beiden aus ihrem Versteck auf dem Dachboden. Fast drei Jahre haben Maud und Kasper bei ihr ge- lebt, bis kurz vor Tamaras Freitod. Tamara war es auch, die die Idee mit dem Kasper- letheater hatte. Die beiden mußten ja ohne Hilfe le- ben können, und Kasper, das war längst klar, würde nie wachsen, ihm fehlten zwei Wachstumsfaktoren der Gruppe IGF, Hormone, die noch nicht synthe- tisch gewonnen werden konnten. »Wir haben immer wieder überlegt«, sagte Maud, »die Idee mit dem Kasperle schien uns die einzig mögliche. Und es hat ja auch geklappt. Schon über ein Jahr. Ich bin sicher, niemand sucht mich mehr.« »Aber jeden Tag kann jemand über das Kasperle stolpern. So wie ich. Zuerst dachte ich nur, du wärst eine besonders begabte Bauchrednerin.« »Die Nummer ist gut, nicht wahr?« »Perfekt. Eure witzigen Dialoge, Kasperles schlagfertige Antworten.« »Alles einstudiert. Er ist nicht sehr intelligent, weißt du. Er kann zwar sprechen, aber er hat Schwie-, rigkeiten, selbständig zu formulieren. Auswendigler- nen ist kein Problem für ihn, er kann alle meine Lieblingsgedichte.« »Aber dann«, sagte ich, »als er jonglierte…« »Ja, ich hätte es ihm nicht erlauben dürfen. Aber er hat so sehr gebettelt, er ist so stolz darauf, ich konnte einfach nicht mehr widerstehen.« Sie seufzte. »Ich werde ihm beibringen müssen, daß er es nicht mehr darf, dann kann nichts passieren. Ich habe eine Lizenz Tamara hat sie mir beschafft. Auch unverdächtige Papiere, den Wohnwagen sie hat uns hierhergebracht.« »Weil Kasper nur deutsch spricht?« »Das auch. Vor allem aber ist es weit weg von dort.« Maud konnte nicht verraten, wo das Institut lag. Sie konnte mir kaum einen Hinweis geben, obwohl ich sie nach allen Regeln meiner Kunst ausfragte. Dem Klima nach irgendwo in der Nähe des Mittel- meeres. Seit nahezu alle Programme via Satellit übertragen werden, ist Fernsehen kein Kriterium mehr, Zeitschriften und Bücher konnte sie nach Be- lieben bestellen, ihre Fernstudien hatte sie sowohl an französischen wie deutschen Hochschulen betrieben, die Ärzte sprachen deutsch oder französisch mit ihr, ebenso das Personal, aber Maud glaubte, daß sich die Kellner und Hilfskräfte, soweit sie nicht aus Asien stammten, untereinander auf spanisch oder portugie-, sisch verständigten. Oder sizilianisch? Wir sprachen bis tief in die Nacht, nur einmal wurden wir unterbrochen, aus dem Wohnwagen rief es: »Mama, Mama!« Maud holte den Kasper, sie trug ihn die vier Stu- fen hinunter, dann setzte sie ihn auf die Wiese. Er hatte Beine, wenn sie auch babyhaft kurz waren, er tollte auf eine drollige Weise durch das hohe Gras, spielte mit einem mechanischen Hund, einer Puppe, mit Bällen und Reifen, stellte sich an einen Strauch und pinkelte ungeniert, pflückte Maud einen Blu- menstrauß, legte ihn aber ein Stück vor uns ins Gras. »Er ist scheu«, erklärte Maud. »Kasper ist es ja nicht gewohnt, andere als mich in der Nähe zu ha- ben.« Sie rief ihn. »Guck mal, Kasper, was Onkel Herb dir mitgebracht hat.« Kasper stürzte sich auf das Essen. »Er ist ein großes Leckermaul«, sagte Maud, und ich bereute, daß ich keine Schokolade gekauft hatte, kein Obst. Kasper wurde schnell müde; es war noch keine halbe Stunde vergangen, da verlangte er, wie- der ins Bett gebracht zu werden. »Ich weiß nicht einmal, ob er mein leiblicher Sohn ist«, sagte Maud, als sie wiederkam. »Wahrschein- lich war es das Ei einer anderen, mir ist das egal, ich habe ihn geboren. Und ich wollte ihn behalten. We- nigstens eines von vierzig oder fünfzig Kindern. Ein Däumling, ja, aber kein Monster, nicht wahr?« Sie, blickte mich ängstlich an. »Nein«, versicherte ich, »ein Junge zum Liebha- ben.« Das war nicht gelogen. Ich hatte tatsächlich diese winzige, unschuldige, bedauernswerte, mißbrauchte Kreatur in mein Herz geschlossen. – Vor drei Tagen ist Kasper gestorben, ich weiß nicht, woran. Gestern Maud. Still und friedlich. Es war, als ver- lösche ihr Leben, nun, da sie ihre Aufgabe erfüllt hatte. Ich habe beide in dem kleinen Park des Grund- stücks begraben, das ich ihretwegen gekauft hatte, ein Grundstück, in das kein Fremder Einblick neh- men konnte, knapp eine Autostunde von den Studios entfernt. Das ist der wahre Grund, warum ich keine Beiträge mehr für FOKUS machte, mich mit der Rol- le des Redaktionsleiters und Moderators zufrieden- gab. Ich mußte doch immer dasein für Maud, die letzte und, wie ich glaube, größte Liebe meines Le- bens. Jetzt bin ich frei, dieser vielleicht letzten, aber si- cher größten Story meines Lebens nachzugehen. Maud, so hatte ich gesagt, konnte mir keinen Hin- weis darauf geben, wo die Monsterfabrik lag. Aber da waren die Bäume und Blumen, Vögel und Insek- ten, der Wechsel der Jahreszeiten, die Geschwindig- keit, mit der die Dämmerung hereinbrach… Dutzen- de von winzigen Spuren für einen geduldigen Repor- ter. Ich zeichnete die Gebiete, die in Frage kamen,, auf einer Karte ein, und als sich eines Tages ein jun- ger Mann bei mir bewarb, der um jeden Preis für FOKUS arbeiten wollte, schickte ich ihn los. Ich setzte ihn keiner Gefahr aus, ich wollte nur Land- schaftsaufnahmen; eines Tages war es dann soweit: Maud erkannte eindeutig die Landschaft, die sie Tag für Tag aus den Fenstern ihres Appartements erblickt hatte, jene vier nicht allzuhohen Berge, die ihr immer wie zwei große M erschienen waren. Morgen früh mache ich mich auf den Weg. Des- halb habe ich heute diese Geschichte auf Video ge- sprochen. Ich werde das Band, meine Recherchen und die Aufnahmen vom Kasperle bei einem unver- dächtigen Menschen hinterlegen. Wenn Sie also dieses Video und nicht einen der sensationellsten FOKUS-Beiträge aller Zeiten zu Ge- sicht bekommen, dann wissen Sie, Herb Kienzle ist tot. Ich vermute, »verunglückt«. Ich hoffe, ich kann wenigstens den Grundstein da- für legen, daß es dieses und ähnliche »Institute« nicht mehr länger gibt.,

Der Heiligenschein

Jerome Berthelot senkte die Augen, um dann blitz- schnell wieder hochzuschauen, in die Augen der an- deren; alle starrten ihn an, die meisten wendeten nicht einmal den Blick ab, wenn er sie ansah. Tiefes Wohlbehagen rieselte Berthelots Rücken hinab, kroch zwischen Hose und Haut bis an die Schenkel, ein Gefühl wie damals, Jerome erinnerte sich in die- sem Augenblick nur zu gerne daran, als Tante Odile ihre Hand auf sein Hosenbein gelegt und überrascht gerufen hatte: Oh, Monsieur werden ein Mann! Berthelot senkte wieder den Blick auf die Zeitung, die Buchstaben tanzten vor den Augen. Er konnte seiner Verwirrung und dieser köstlichen Süße des Stolzes noch immer nicht Herr werden, wollte er es? Er wollte diesen Augenblick genießen, viel zu schnell gewöhnt sich der Mensch an das Gute. Er wußte auch ohne aufzusehen, daß alle ihn unver- wandt anstarrten, er war der einzige Würdenträger hier, nicht nur in diesem Waggon, in der ganzen Me- tro. Morgen früh würde auch vor seinem Haus eine Limousine warten, der Chauffeur diensteifrig die Mütze vom Kopf ziehen und die Tür für ihn aufrei- ßen… Er hätte sich zu gerne so sitzen gesehen, doch er hatte beim Einsteigen, verwirrt durch das respektvol-, le Zurückweichen der Gaffenden, nicht auf diesen Aspekt seiner wohl letzten Metrofahrt geachtet, die gegenüberliegende Scheibe war mit einem Plakat zugeklebt, das für die Trabrennen in Longchamp warb. O ja, er würde am Samstag im Bois de Boulogne dabeisein. Und am Sonntag bei der Regatta, und nicht länger mehr mußte er mit einem Stehplatz vorliebnehmen. Zu dumm, daß er sich nicht betrachten konnte: den Kopf ein wenig, würdevoll, gesenkt, und über seinem Schädel der leuchtende Heiligenschein. Ob der Schein sich auf seiner Kopfhaut spiegelte? Jetzt fand er es nicht mehr lästig, daß er bereits eine Glatze hat- te, im Gegenteil, und den Haarkranz würde er auch noch rasieren. Und einen neuen Anzug kaufen, und und und Berthelot seufzte, nicht sorgenvoll, sondern genüßlich, als er an all die Dinge dachte, die sich jetzt ändern würden. Er stieg eine Station zu früh aus, schlenderte ge- mächlich den Boulevard hinunter und genoß die er- staunten, bewundernden Blicke der Entgegenkom- menden. Er beschloß, auch künftig hin und wieder zu Fuß zu gehen. Ein Bad in der Menge nehmen, wie es bei Tussot hieß. Es tat gut, zu den Auserwählten zu zählen, unbeschreibbar gut. Er freute sich diebisch auf das Gesicht seiner Frau. Marie-Antoinette lag ihm seit Jahren in den Ohren, maulte, keifte zuweilen, sogar, daß er es nie zu etwas bringen würde. Ein Name wie eine Königin, so klagte sie, und ein Leben wie eine Bettlerin. Was natürlich unsagbar übertrie- ben war; die Frau eines Oberreferendars lebte nicht wie eine Bettlerin; wahrscheinlich hatte M-A, wie er sie für sich nannte, oder, wenn er besonders wütend auf sie war, M-A-Q, das Q von Querelen, nicht ein- mal eine dumpfe Ahnung, wie eine Bettlerin lebte. Auch eine neue Wohnung würden sie jetzt bezie- hen, in einem der vornehmeren Quartiere, sicher be- kam er bald ein Gartengrundstück vor den Toren der Stadt zugeteilt, noch nicht in einem der für die Öf- fentlichkeit nicht zugänglichen Gelände am See- oder Flußufer, schließlich hatte er nur den HS-7 ver- liehen bekommen, aber Berthelot schmunzelte ver- gnügt, einmal auf der Liste, immer auf der Liste. Das hatte sein Chef ihm vorhin bei der kleinen Feier ver- traulich zugeflüstert, und Eminenz Thibault mußte es wissen, er besaß schon den HS-6. Berthelot pfiff vor sich hin, während er die Tür zu seiner Wohnung aufschloß. Von nun an führte sein Weg unaufhaltsam aufwärts: Eminenz, Verdiente Eminenz, Sehr Verdiente Eminenz, Euer Liebden… Er senkte den Kopf, hängte den Mantel, ohne hin- zusehen, an die Flurgarderobe, stellte sich vor dem Spiegel in Positur, drückte das Kreuz durch und zog den Bauch ein, dann erst hob er den Blick und be- trachtete zum ersten Mal ruhig und bewußt, wenn, auch mit Herzklopfen, sein Spiegelbild. Der Heili- genschein schwebte etwa zehn Zentimeter über sei- nem Kopf. Er verbreitete ein beruhigendes, zartes, fahlblaues Licht, das sich ein wenig auf Berthelots Platte spiegelte. Wahrlich, ein feierlicher, ein würde- voller Anblick. Berthelot senkte den Kopf nach links, dann nach rechts, riß ihn unversehens hoch, der HS machte jede Bewegung augenblicklich mit. Wie sie das nur machten? Die Funktionsweise der HS war eines der bestgehüteten Geheimnisse. Klar, dachte er, sonst könnte ja jeder ihn fälschen. Zur Feier des Tages gönnte er sich ein großes Glas Napoleon und eine Havanna. Von nun an, dachte er, würde er sich nicht nur an Sonn- und Feiertagen der- artige Genüsse leisten können. Er schaltete den Fern- seher an. M-A sollte ihn erst auf den zweiten Blick sehen, ihr erster Blick sollte wie immer auf den Bild- schirm fallen, und daß gerade eine ihrer Lieblings- sendungen, die Stunde des Hobbygärtners, begann, war ihm nur recht. Er hörte M-A die Tür aufschlie- ßen, gleich würde sie hereinkommen. M-A stürzte keuchend ins Zimmer, würdigte ihn keines Blikkes, murmelte nur »nabend«, ließ sich in ihren Sessel fallen und sah zu, wie man einen Pal- menkern anfeilen mußte, damit er mit großer Wahr- scheinlichkeit keimte, vorausgesetzt, man legte ihn in warmer Milch ein… Berthelot störte sie nicht. Er hatte zutiefst verinnerlicht, daß er seine Gattin nie bei, einer ihrer Lieblingssendungen stören durfte, und es gab, weiß Gott, viele davon; ihr gemeinsames Leben bestand nun, da die Kinder aus dem Haus waren, vor allem darin, vor dem Fernseher zu hocken. Berthelot mußte nicht hinsehen, er durfte die Zeitung oder ein Buch lesen oder am Schreibtisch sitzen und arbeiten, aber er mußte in ihrer Nähe sein. Er schloß die Augen, um nicht länger auf M-A's frisch gefärbten und ondulierten Hinterkopf blicken zu müssen, und rief sich Jaquelines erfreulichen An- blick ins Gedächtnis. Jaqueline würde Augen ma- chen! Er hatte es sich buchstäblich im letzten Au- genblick verkniffen, es ihr mitzuteilen, hatte schon ihre Stimme vernommen, aber schnell aufgelegt er würde sie mit dem Anblick überraschen, wenn er sie Samstag besuchte. Jeden Samstag. Berthelot stahl sich die Zeit unter dem Vorwand eines Sonderseminars auserwählter, leitender Mitarbeiter, diskret ausgesucht, wie er M-A vertraulich mitteilte, und an einem diskreten Ort, den nicht einmal die Gatten erfahren durften. Oh, Jaque- line… »Gott sei Dank«, sagte in diesen Gedanken hinein M-A, »ich hatte schon Angst, ich würde die Sendung nicht schaffen, der Friseur, weißt du…« Die Worte blieben ihr im Hals stecken, ihr Mund stand sperran- gelweit offen. »Jerome!« schrie sie und stürzte auf ihn zu. Bert-, helot erhob sich, damit M-A sich nicht auf seinen Schoß setzen sollte, er empfing sie lieber mit weit geöffneten Armen und drückte sie halbherzig an die Brust; sie weinte vor Rührung, er spürte es an dem naß und nasser werdenden Hemd. »Und du, meine Liebe«, sagte er, »hast nicht mehr daran geglaubt.« Er selbst ja auch kaum noch, seit jenem verhäng- nisvollen Tag, und davon wußte nicht einmal Jaque- line, an dem er öffentlich seine Meinung kundgetan hatte, nicht widersprochen, natürlich nicht, schon gar nicht polemisiert, aber nicht Beifall geklatscht, als Montarde gesprochen hatte, weder gelacht noch ge- buht, wenn der Text es erheischte, nein, nur still da- gesessen, nicht mehr. Aber auch nicht weniger! Er war stolz auf sich gewesen. Montarde sollte wissen, daß er nicht einfach dar- über hinwegging, wenn man ihn einen unfähigen La- kaien schimpfte. Wenige Minuten später, als er merkte, wie die an- deren wortlos an ihm vorübergingen, gar den Blick abwandten, erschrak er, er wähnte sich schon für alle Zeiten in UNGNADE. Aber er befand sich im Zu- stand der GNADE der HS bewies es aller Welt! –, obwohl er nicht vor Montarde zu Kreuz gekrochen war. Oder gerade deshalb? War am Ende Montarde in UNGNADE gefallen? Er mußte sich gleich morgen, erkundigen. Berthelot war mehr als einverstanden, daß das trü- gerische System der Paragraphen und sogenannten Rechte abgelöst worden war durch das so wohltuen- de, weil so einfache, so verständliche System von G und UN-G, war es schon bei der Einführung gewe- sen, war sozusagen fast ein Vorkämpfer des G/UN- G-Systems, kurz genannt Gungsys. Wer hatte denn vor den Gerichten Recht bekommen? Letztendlich die Reichen. Wer sich die besten, also teuersten Anwälte leisten konnte, wer es bezahlen konnte, alle Instanzen zu durchlaufen; zum Teufel mit Advokaten und Para- graphen, jetzt herrschte endlich Egalité für jeder- mann, denn die GNADE konnte sich jeder verdienen, ja, auch erdienen. Er, Berthelot, der unscheinbare, treue, immer dienstbereite, war ein Beweis dafür. Und es waren nicht so sehr die mit dem HS verbun- denen Annehmlichkeiten, die sein Herz wärmten, Wohnung und Gartengrundstück, der Einkauf in den HS-Läden, Karten zu jeder Veranstaltung, ein Platz auf der Tribüne und last not least, wie die Engländer sagten, die tatsächlich und gerade wegen des angel- sächsischen Rechts, das nicht einmal geschriebene Gesetze gekannt hatte, das Gungsys schon früher eingeführt hatten das Recht, jederzeit und überall das Wort ergreifen zu dürfen, nein, es war vor allem das Gefühl der Anerkennung., Nichts war selbstverständlicher, als daß die Berthelots an diesem Abend im GANYMED schlemmten und, versteht sich, Champagner tranken; als sie zu Bett gingen, stellte Berthelot verwundert fest, daß er Lust verspürte, mit seiner Gattin zu schlafen, sich zwischen ihre zuerst vor Verwunde- rung steifen, dann aber bereitwillig gespreizten Schenkel zu legen; da jedoch brach M-A in einen Lachkrampf aus, der ihn in den Tiefen seiner Seele traf, schlimmer noch, der den eben noch so angriffs- freudigen gallischen Hahn schlagartig den Kopf hän- gen ließ. M-A lachte, gluckste, kicherte, wimmerte ohne aufzuhören, schließlich stieß sie atemlos her- vor: »Nein, wie du aussiehst! Kannst du das Ding nicht ablegen?« Nicht einmal abschalten. Nur die Kategorien eins und zwei, auch das hatte er von Eminenz Thibault erfahren, ließen sich abschalten. Aber wozu auch? Was gab es zu lachen über einen HS? Jaqueline wür- de nicht lachen. Berthelot zog sich verbittert in sein Bett zurück, da half kein Betteln von M-A, die sich diese überraschende Gelegenheit nicht entgehen las- sen wollte, sogar anbot, sich ausnahmsweise auf den Bauch zu legen wozu denn noch. Am nächsten Morgen wartete eine schwarze Li- mousine vor der Tür, doch der Chauffeur sprang nicht eilfertig heraus, riß nicht den Schlag für ihn auf, tippte nur kurz an die Mütze, als Berthelot ein-, stieg und frohgemut einen »Guten Morgen« wünsch- te, dafür hatte er mehrmals ungeduldig gehupt; es regnete, und Berthelot hatte sich nicht entscheiden können, was er aufsetzen sollte. Der HS, so fand er, sah in jedem Fall unmöglich aus, ganz gleich, ob er nun über der Schirmmütze oder der Baskenmütze oder dem Filzhut schwebte vielleicht über einer Me- lone? Er würde mit anderen Eminenzen in Erfah- rungsaustausch treten, und nun würde keiner ihn mehr herablassend behandeln auch ein Schirm war offensichtlich nicht günstig, die Metallstreben schie- nen das ideale Kreisrund zu verformen. In dem Wagen saßen schon drei andere, Berthelot mußte sich hinten auf die Bank quetschen. Er kannte keinen von ihnen, doch sie begrüßten ihn mit »Herz- lich willkommen im Kreis der Scheinheiligen«. Berthelot erschrak über diese frivole Bemerkung, aber schließlich war er der Neuling, was wußte er, vielleicht war so etwas üblich im Kreis der Eminen- zen, vielleicht mußte man den HS sogar ein wenig nivellieren, um die schwere Bürde der GNADE überhaupt zu ertragen. Er versprach nur, künftig auf die Sekunde pünktlich zu sein, wie es seine Art sei. An seiner Tür prangte bereits ein neues Schild, nunmehr silber auf blauem Grund und mit »Emi- nenz« vor seinem Namen. Die Kollegen behandelten ihn mit ausgesuchter Höflichkeit, sogar mit Ehr- furcht, das Mittagessen nahm Berthelot in der Kanti-, ne der Eminenzen ein, er stellte befriedigt fest, daß es nicht nur, wie vermutet, Vorsuppe und Nachspeise gab, sondern drei Gänge: Fisch, Geflügel, Fleisch, und er überlegte, was für erlesene Genüsse die Kan- tine der Heiligen bereithalten mochte, kurzum, er war rundum zufrieden. M-A weniger. Der Einkauf im HS-Magazin sei ein einziger Frust gewesen, jammerte sie; angesichts der ungewohnten Fülle des Angebots all der Dinge, die so begehrenswert in den Regalen lauerten und von denen sie sich auch jetzt nur einen Bruchteil leisten konnten, sei sie sich nur noch ärmer vorgekommen als früher. Berthelot erinnerte sich eines Märchens, das seine Deutschlehrerin einmal vorgelesen hatte: Vom Fischer und seiner Frau. Nein, dachte er, M-A ist keine Frau für eine Eminenz. An diesem Abend verweigerte er ihr, zum ersten Mal seit Jahren, seine Anwesenheit vor dem Fernseher, zog sich unter dem Vorwand, er müsse eine wichtige Sache bedenken, die seiner neuen Würde entsprach, in die Küche zu- rück und dachte bei einem Bier an die Freuden des Samstags. Auch über den Garten, den sie am Freitag besich- tigen durften, maulte M-A, er schien ihr viel zu klein, vor allem der Pavillon; wie sollte er die ganze Fami- lie fassen, wenn es einmal regnete. »Das ist doch klar, mein Lieber, daß wir nun die Wochenenden im Kreis all unserer Lieben verbringen, keine Widerre-, de!« Dabei hatte er nicht einmal den Mund verzogen, obwohl allein der Gedanke, Sonntag für Sonntag ihre und seine Sippe sehen zu müssen, ihm den Magen umdrehte. Dann zerbrach M-A noch seinen geheimen Traum, hin und wieder einen Abend mit Jaqueline hier zu verbringen, indem sie kategorisch entschied, daß Louis, ihr Ältester, vorerst hier einziehen würde, bis sein Vater verächtlicher Seitenblick ihm endlich eine eigene Wohnung besorgte. Was sollte ihm nun noch der Garten? Und dann lachte Jaqueline doch! Nicht, als Berthe- lot in der Tür stand, da warf sie sich ihm an den Hals, wie sie es erst einmal getan hatte damals, als es ihm gelungen war, eine Karte für das Queatles-Konzert aufzutreiben –, aber als sie endlich im Bett lagen, bekam sie, auch sie, einen Lachkrampf. Gewiß, sie gab sich große Mühe, den gallischen Hahn noch zum Krähen zu bringen, doch es war mehr ein Krächzen. Überhaupt, die Affaire mit Jaqueline wurde mit einem Mal zum Problem. Nicht wegen Jaqueline, die war nur zu gerne bereit, sich mit einem HS-Träger zu zeigen, doch wie konnte er das? Bisher hatte niemand auf ihn geachtet, alle Blicke galten ihr, und Berthelot war stolz auf die begehrli- chen Blicke gewesen, die andere Männer seiner Ge- liebten zuwarfen. Sie glich ja auch eher einem der, strahlenden Showstars als einer Flurreinigerin, die selbst diese Qualifikation wahrscheinlich nur auf Grund ihrer Schönheit erreicht hatte. Nun konnte Berthelot sogar Karten für die Nightshow im Moulin Rouge bekommen, von der Jaqueline immer ge- träumt hatte, doch er war der einzige HS-Träger in dem Etablissement, und sein Heiligenschein leuchte- te unanständig hell im abgedunkelten Zuschauer- raum, Jaqueline protestierte laut, als er sie schließlich hinauszog. Nicht anders erging es ihm in dem italienischen Restaurant, das sie immer besuchten. Berthelot nahm den Wirt zur Seite, erklärte ihm sein Problem. Der Wirt lächelte verständnisvoll, verriet, daß er für sol- che Gäste Separees mit Eingang von der Seitenstraße hatte, doch Jaqueline wollte nicht heimlich in ein Re- staurant gehen. Dann, so maulte sie, könnten sie ja gleich zu Hause bleiben was Berthelot nur zu recht gewesen wäre. Ja, dachte er traurig, eine Frau wie Jaqueline will nicht nur sehen, sie will auch gesehen werden. Doch Heiligenschein und Geliebte vertrugen sich nun ein- mal nicht, zumindest nicht öffentlich. Ob Eminenzen sich scheiden lassen durften? Aber Jaqueline war keine Frau für eine Eminenz. Höchstens, wenn sie sich taubstumm stellte. Allein ihr Lachen, das ihm zwar gefiel, aber wohl doch ein wenig ordinär war… Auch mit dem Privileg der freien Rede hatte es ei-, nen Haken. Im Rat der Heiligen, das machte man Berthelot vor der ersten Sitzung unmißverständlich klar, durf- ten nur die Träger des HS-1 und HS-2 unaufgefordert das Wort ergreifen, seine Rolle blieb die eines Cla- queurs. Berthelot störte es nicht, er spürte, welche Befriedigung ihn erfüllte, in diesem Rund klatschen zu dürfen, er war überglücklich, als er sich zum er- sten Mal zu frenetischem Beifall erhob. Und Mon- tarde war tatsächlich in UNGNADE gefallen, ein Renegat, der das Gungsys in Frage stellte; Berthelot hob begeistert die Hand für seine Verdammung. Schwieriger war es im Amt; selbst bei Nichtigkeiten, bei denen er sonst schon einmal bedenklich den Kopf schütteln oder die Unterlippe verächtlich herausstül- pen konnte, mußte er jetzt zustimmen, durfte nicht einmal mehr regungslos verharren, keine Meinung bekunden, denn alle orientierten sich verständlicher- weise nach den Eminenzen. Nein, das Leben eines Heiligenscheinträgers hatte er sich, weiß Gott, anders vorgestellt, vergnüglicher, unbesorgter, heiterer. In der GNADE zu stehen, das merkte er von Tag zu Tag mehr, war weniger von Rechten als von Pflichten bestimmt. Am nächsten Samstag blieb Jaquelines Tür ge- schlossen. Berthelot klingelte immer wieder, wummerte schließlich mit der Faust gegen die Tür, daß die, Nachbarin den Kopf herausstreckte und sagte, er sol- le sich schämen, gerade er! Jaqueline saß in einem Cafe auf dem Boulevard, Berthelot wollte zuerst seinen Augen nicht trauen, aber das war eindeutig sie, die da diesen Kniich mit verliebten Augen anhimmelte. Am Ende war er schon lange ein Hahnrei gewe- sen? Was tun mit dem so unfreiwillig gewonnenen Samstag? Undenkbar, die kostbare Zeit mit M-A-Q zu vergeuden – er nannte sie jetzt nur noch so, sie war auf eine Art unzufrieden und zänkisch gewor- den, die selbst einen noch Friedfertigeren zur Ver- zweiflung gebracht hätte –, nein, er würde einen ru- higen Samstag verbringen, wie er es vor seiner Hei- rat getan hatte, ein Gläschen im Bistro, ein kleiner Schwatz, eine Partie Billard… Als er jedoch vor sei- nem Pernot stand, kehrten alle ihm den Rücken zu, niemand wollte sich in ein Gespräch ziehen lassen, niemand Billard mit ihm spielen. Ja, er war nicht mehr einer der ihren. Im Park trafen ihn mißtrauische Blicke; und ob- wohl sonst alle Bänke besetzt waren, setzte sich nur einmal eine alte Dame zu ihm, und die trug die Blin- denarmbinde. Auch als er den Anglern an der Seine zusehen wollte – nicht mehr, als still zusehen! –, traktierte jeder ihn mit Mißtrauen und packte nach einer mehr oder weniger langen Schamfrist seine, Angel ein. Wild entschlossen, sich den Samstag nicht verder- ben zu lassen, kaufte Berthelot drei Literflaschen Rotwein und ging zu den Brücken. Die Clochards nahmen den Wein, doch auf ein Gespräch ließen auch sie sich nicht ein, rissen nur ein paar säuische Witze, die Berthelot übrigens allesamt kannte; als die Flaschen leer waren, zogen die Clochards davon. Berthelot holte sich neuen Wein und hockte dann allein unter einer der Brücken, warf Kiesel ins Was- ser, bis er auf die Seite fiel und schnarchte. Es wurde bereits dunkel, als er aufwachte. Er schlich sich nach Hause, versteckte sich, wenn je- mand entgegenkam; er hatte nicht nur die Hose, son- dern auch Jackett und Hemd mit Rotwein bekleckert. Nur gut, daß zu dieser Stunde die miteinander wettei- fernden Familienprogramme der sechs Dutzend Fernsehsender die Straßen leergefegt hatten. Er woll- te sich noch einen Augenblick in den Park setzen und nachdenken, wie er M-A-Q seinen desolaten Zustand erklären konnte, da erblickte Berthelot in einer schummerigen Ecke hinter dem Springbrunnen einen hellen Schein, und als er näher heranging, erkannte er, daß es ein Heiligenschein war. Lag es daran, daß sein Blick noch immer vom Rotwein getrübt war, Berthelot erkannte den anderen erst, als er schon der einladenden Handbewegung Folge geleistet hatte und neben ihm auf der Bank, saß. Montarde! »Sie? Hier? Und…?« Berthelot zeigte auf den Heiligenschein. »Ja, warum nicht?« erwiderte Montarde. »Was verwundert Sie so?« »Ich denke«, stammelte Berthelot, »ich denke, Sie sind in UN-G? Ich war doch selbst dabei, als der Rat Sie verdammte.« »So, waren Sie?« Montarde sah ihn belustigt an. »Ich hoffe für Sie, Sie haben nicht für mich ge- stimmt.« »Natürlich nicht!« Berthelot stand auf. Das fehlte noch, daß ihn jemand neben diesem Renegaten sah. »Warum gehen Sie denn?« sagte Montarde. Lag tatsächlich etwas wie Flehen in Montardes sonst so hochmütigem Tonfall? »Das fragen Sie noch? Ich verstehe nur nicht…« »Daß ich den HS behalten habe?« Montarde lach- te, es war ein recht gequältes Lachen. »Wissen Sie eine bessere Methode, jemanden zu isolieren, un- schäd…« Berthelot hielt sich die Ohren zu und rannte los.,

Der Rowdy

Ausdruck des Tonprotokolls 1B/2023/4/17/1ma/Pa/f – 62.77.01.00.01 Untersuchungsführer: M-Leutnant Friedel Zernicke. U.: Berlin, den 17. April 2023. Vorgeführt wurde Herbert Pachnicke, 91 Jahre alt, Rentner. Die Be- schuldigung lautet: mehrfache, vorsätzliche, schwere Sachbeschädigung und mehrfache, leichte Körper- verletzung, begangen am heutigen Tag im Palastho- tel; der Sachschaden ist beträchtlich, die Verletzten konnten nach ambulanter Versorgung entlassen wer- den. Anzeige erstatteten: die Verletzten, der Objekt- leiter des Palasthotels, der Vorsitzende des zuständi- gen Komitees für Ordnung und Sicherheit. Der Be- schuldigte wurde am Tatort unmittelbar nach Bege- hen der Tat von einer Streife der Miliz festgenom- men, er leistete keinen Widerstand. U.: Bürger Pachnicke, bekennen Sie sich schuldig oder unschuldig? B.: Schuldig. U.: Was können Sie zu Ihrer Entlastung anführen? Sind Sie psychisch krank? Befinden Sie sich deshalb in ärztlicher Betreuung? Haben Sie ein Attest wegen ständiger oder zeitweiser verminderter Zurechnungs- fähigkeit?, B.: Nein, ich bin geistig völlig gesund. Ich war erst vorige Woche zur Routineuntersuchung. U.: Standen Sie zur Tatzeit unter dem Einfluß von Drogen oder Medikamenten? B.: Ich war weder besoffen noch sonstwie bene- belt. U.: Wollen Sie sagen, daß Sie die Tat bei klarem Bewußtsein ausgeführt haben? B.: Ja, ich habe mich selten so wohl gefühlt wie heute. U.: Dann erklären Sie mir bitte, wie es zu diesem skandalösen Vorfall kommen konnte. Sie sind schließlich ein alter Mann… B.: Einundneunzig. U.: Bereuen Sie Ihre Tat? Ich denke, wenn Sie Reue zeigen, findet sich bestimmt ein Weg, den Vor- fall zu bagatellisieren, irgendwelche mildernden Um- stände… B.: Nein, ich bereue es nicht, ganz im Gegenteil, und ich verwahre mich dagegen, daß dieser Vorfall vertuscht werden soll. Notfalls werde ich mich an die Massenmedien wenden. U.: Nun verstehe ich gar nichts mehr. Erklären Sie. B.: Ach, das ist eine lange Geschichte. U.: Wir haben alle Zeit, die notwendig ist. B.: Wo soll ich da nur beginnen?, U.: Am besten mit dem Anfang. B.: Der liegt sehr weit zurück. Die Sache begann vor, lassen Sie mich nachrechnen, vor achtundsiebzig Jahren. U.: Wollen Sie ernsthaft behaupten, Ihr Randalie- ren und Ihre Tätlichkeiten gegen junge Leute, die ausnahmslos erst in diesem Jahrhundert geboren wurden, hätten ihre Ursache im vorigen Jahrtausend? B.: Ich gebe zu, es mag merkwürdig klingen, aber so ist es. U.: Gut, fangen Sie dort an, wo Sie glauben, daß es begonnen hat. B.: Das war fünfundvierzig, kurz nach dem soge- nannten zweiten Weltkrieg wissen Sie etwas über diese Zeit? U.: Was ich in der Schule gelernt habe. B.: Also so gut wie nichts. Dann muß ich wohl et- was in die Details gehen, fürchte ich. Ich war damals dreizehn. Ich lebte in Papenberg, einer Kleinstadt im Bezirk Rostock, das heißt, damals hieß es noch Land Mecklenburg. In dieser Zeit, da anderswo kaum die Schulen wieder geöffnet wurden, bekam Papenberg eine Oberschule. Wiedemann, unser Bürgermeister, sorgte dafür, er kam direkt aus dem Zuchthaus zu uns, ein Politischer, wenn Sie wissen, was das war. U.: Ich weiß, was Sie meinen. Erzählen Sie ruhig, ich unterbreche schon, wenn ich etwas nicht verste- he., B.: Bis Kriegsende gab es nur ein paar Oberschü- ler in Papenberg, die fuhren mit der Kleinbahn nach Stralsund. Die Flüchtlingstrecks aus den verlorenen Ostgebieten, aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern, hatten nun die Zahl der Oberschüler und Gymnasiasten in und um Papenberg auf ein paar Dutzend verstärkt, das Gymnasium in Stralsund war noch geschlossen, außerdem die Bahn abgerissen, und Wiedemann war mit klaren Vorstellungen nach Papenberg gekommen, die er nach und nach durch- zusetzen begann, eine davon: daß die Jungen und Mädchen vom Land nicht dümmer sein mußten als die Stadtkinder, so hamsterte er Lehrer. U.: Er hamsterte Lehrer? B.: Unsere Deutschlehrerin hatte der Ortspolizist mit drei Pfund Butter und einem halben Rucksack voll Mehl erwischt, die sie bei den Bauern gegen Schmuck eingetauscht hatte, so was nannte man da- mals hamstern. Wiedemann bot ihr im Tausch für Strafe und Zwangsarbeit bei der Kartoffelernte eine Lehrerstelle an. Unseren Mathelehrer, einen Profes- sor aus Königsberg, gewann er durch eine Stube mit Kochnische, und den Cosinus, einen Physikstuden- ten, den die Nazis im dritten Studienjahr an die Ost- front und kurz vor dem Ende wegen Wehrkraftzer- setzung ins Gefängnis geworfen hatten, fing er mit einer Aufenthaltsgenehmigung und dem Versprechen auf einen Studienplatz ein, sobald die Universität in, Greifswald oder Rostock wieder eröffnet würde. Ich bin sehr weitschweifig, was? U.: Erzählen Sie nur. Ich habe ohnehin nichts an- deres zu tun, und es interessiert mich, sehr sogar. Wir wissen viel zu wenig über diese Zeit. B.: Cosinus wie er richtig hieß, ist mir längst ent- fallen unterrichtete uns in Physik, Chemie und in Gottlosigkeit. Er hielt Vorträge über die Erkennbar- keit der Welt, erklärte uns, daß die Religion an allem Unglück schuld und Opium für das Volk sei, und er hatte große Mühe, uns zu erklären, was denn Opium war. Als sich die Eltern über seinen gottlosen Unter- richt beschwerten, gründete er mit Wiedemanns Hilfe einen Bildungszirkel. U.: Ich verstehe, außerhalb des Unterrichts, nicht wahr? B.: Ja. Wir trafen uns nun abends, ein knappes Dutzend zuerst, bald aber reichte das größte Klassen- zimmer kaum noch, und wir zwängten uns zu dritt in die engen Bänke und lauschten mit angehaltenem Atem seinen lästerlichen Reden. Cosinus verkündete ja auch Unerhörtes. Er degra- dierte die Kreuzritter zu Ahnherren der SS, entthron- te Luther, ließ ihm wohl die Bibelübersetzung und sein Verdienst um die deutsche Sprache, dafür krei- dete er ihm sein Pamphlet wider die aufrührerischen Bauern an und den verdammten deutschen Kadaver- gehorsam aller Generationen nach ihm. Unser vor-, maliger Liebling, der Alte Fritz, schrumpfte bei Co- sinus zu Friedrich Zwei, Bismarck, dessen Landgut wir im Krieg mal auf einer Klassenfahrt besichtigt hatten, verlor seinen Glorienschein, von Hindenburg und Ludendorff gar nicht erst zu reden. U.: Bismarck ist mir ein Begriff, aber Hindenburg und Luden…? B.: Ludendorff. Zwei Generale aus dem ersten Weltkrieg, Feldmarschälle, die… U.: Danke, das reicht mir. B.: Manchmal kam Wiedemann und erzählte uns von Marx und Engels, den »Heroen« des Marxismus, den vier »leuchtenden Sternen am Himmel der Ar- beiterbewegung«, Marx, Engels, Lenin, Stalin… U.: Stalin als Heros des Marxismus? Ach ja, da- mals lebte er ja noch. B.: Und wie er lebte. Er war nicht nur »allwis- send« und »allmächtig«, er war auch allgegenwärtig. U.: Das verstehe ich nicht. B.: Ich auch nicht mehr. Aber damals schien es uns nicht einmal komisch, wenn man ihn in jedes Präsidium wählte, sogar bei uns in Papenberg. U.: Wie denn das? B.: Nun, da war dann ein leerer Stuhl, auf dem er symbolisch saß. Sein heiliger Geist weilte sozusagen unter uns. Er war unser Gott. Von seinen Verbrechen hatten wir nicht einmal eine Ahnung. Als wir davon erfuhren…, U.: Ist das wichtig in diesem Zusammenhang? B.: Ich glaube nicht. Nein. U.: Wir waren bei dem Bildungszirkel, bei Wie- demann, als ich Sie unterbrach. B.: Er erzählte uns von Internationale, Sozialisten- gesetz und Revolution das hatten wir am liebsten, denn da landete er unweigerlich bei dem Matrosen- aufstand in Kiel, den er mitgemacht hatte, und der Besetzung des Berliner Marstalls –, entschuldigen Sie, ich verliere mich in meinen Erinnerungen. Ich bin halt ein alter Mann. U.: Ach, das ist schon ganz interessant, ich weiß nur nicht, was dieser Bildungszirkel mit Ihrem Row- dytum zu tun haben soll. U.: Eine ganze Menge. Dieser Zirkel und die Au- ßerirdischen. Damals fing das an. Eines Abends holte der Cosi- nus uns die Sterne vom Himmel. Er gliederte sie in Sternbilder, dann in Milchstraßen und gab uns eine erste Ahnung von der Unendlichkeit. Wie winzig und unbedeutend der Mensch auf seiner Erde war und wie groß zugleich, da er doch mit seinem Gehirn die ganze Welt erfassen konnte. Von Raumfahrt und Sternenschiffen erzählte er, und daß es gar nicht mehr so lange dauern könne, höchstens noch ein- oder zweihundert Jahre, ja, vielleicht würden wir selbst es noch erleben. Sehen Sie, an diesen Abend kann ich mich erinnern, als sei es erst gestern gewe-, sen. Der Himmel hatte die Durchsichtigkeit der letz- ten Nacht vor dem Schnee. Kennen Sie das? U.: Ja. Zauberhaft solch eine Nacht! B.: Bestimmt war es der ungewöhnlich offene Himmel, der den Cosinus verleitet hatte, uns so un- vorbereitet, so unvermittelt aus unserer Ahnungslo- sigkeit zu reißen, uns mit einem Ruck von Papenberg ins All zu schleudern. Direkt über dem Dreierberg stand der Große Wagen, und der kleine Reiter, den man heute kaum noch im Hochgebirge mit bloßem Auge ausmachen kann, hier in der Stadt schon gar nicht, thronte blinkend über dem zweiten Deichsel- stern. Ich stand mit Heiner, meinem besten Freund, noch lange an der Postecke. Wir teilten uns seine letzte Zigarette, rauchten umschichtig in bedächtigen Altmännerzügen und sahen in den Himmel, bis uns der Nacken steif und im Kopf trieselig wurde. Die Milchstraße war also eine flache Scheibe aus vielen Milliarden Sternen, von denen wir nur wenige sahen. Und von den anderen Pünktchen waren einige selbst wieder Milchstraßen. Milliarden sollte es davon ge- ben. Wieviel ist hundert Milliarden mal hundert Mil- liarden? Und nirgendwo ein Platz für den lieben Gott. Das war das Aufregendste, verstehen Sie? U.: Ja, wenn Sie vorher gläubig gewesen waren… B.: Und wie! Ich stamme aus einer erzprotestanti- schen Familie. Daß die Wolken nicht der Himmel waren, in dem der liebe Gott und seine Engel sich, tummelten, wußte ich längst, aber an diesem Abend verloren wir uns in die neue Unendlichkeit, in der man Träume aussäen konnte, die viel erregender wa- ren als alle Bibel- und Märtyrergeschichten, als alle Indianerbücher und Heldensagen. Wir reisten zu den entferntesten Galaxien die Lichtgeschwindigkeit war uns noch keine Grenze, die nahmen wir erst später durch. Auf einem Stern, der direkt über dem Kirch- turm stand, begegneten wir unheimlichen Wesen, die hatten den Mund auf dem Bauch und die Augen in den Händen, wir fuhren zu den Feuerriesen und den achtbeinigen Zwergen, kreuz und quer durch das All, bis wir auch den letzten Krümel Machorka in meiner Pfeife verqualmt hatten. U.: Machorka? U.: Gehäckselte Tabakstiele. Eigentlich nur die dicken Rippen der Tabakblätter… U.: Ach so. B.: Heiner trampelte von einem Bein auf das ande- re, denn seine Holzschuhe hatten bannige Risse in den Sohlen, durch die kroch die Kälte. Auch ich fror jämmerlich in meiner dreifarbigen Strickjacke. Ach, Schiet, sagte ich, wi waren dat doch nich miehr erle- ben. Kiek di an, Sternfahrer entschuldigen Sie, ver- stehen Sie plattdeutsch? U.: Nein. B.: Guck dich doch an, Sternfahrer, sagte ich, mit deinen Holzpantinen kommst du nicht mal bis Nien-, hagen. Heiner spuckte aus. Und du auch nicht mit deinen Oderkähnen. Da hatte er recht, die waren drei Nummern zu groß und drückten trotzdem. Haben Sie mal Holzschuhe angehabt? Aber daß wir nicht in Pa- penberg versauern würden, das war an diesem Abend beschlossene Sache. Hast du noch an Gott geglaubt? fragte Heiner. Nein, sagte ich, schon lange nicht mehr. Und wir sollten zum Pastor gehen und ihm sa- gen, daß er nicht mehr mit unserer Konfirmation rechnen solle. Warum? fragte Heiner. Man muß ehr- lich sein, erklärte ich. Zu dem auch? Hatte der Pastor nicht jahrelang die, wie Heiners Vater es nannte, hakengekreuzigte Fahne aus dem Fenster gehängt und war dann der erste gewesen, der in Papenberg das entnazifizierte Tuch heraushängte? Nur der weniger ausgeblichene Kreis verriet ihn. Ju- das hädd flaggt, sagte Heiners Vater. U.: Das habe ich verstanden. B.: Na, wir klingelten nicht beim Pastor, auch nicht am nächsten Tag, zur Konfirmation brauchten wir auch nicht zu ihm zu gehen, da war er schon mit Sack und Pack und seinen vier Töchtern nach dem Westen abgehauen, weil jetzt, wie er meiner Groß- mutter zum Abschied sagte sie zitierte ihn noch jah- relang als fachmännischen Zeugen –, weil jetzt schreckliche, gottlose Zeiten anbrachen. Die Konfir- mation hielt der alte Pastor Sommer aus Finnow, so- gar Cosinus, der uns doch nachgewiesen hatte, daß, nirgends ein Eckchen für den lieben Gott frei war, grüßte ihn öffentlich, denn Pastor Sommer hatte bei den Nazis im Gefängnis gesessen, und das war ein Grund mehr, mich nicht vor der Konfirmation drük- ken zu können, ganz abgesehen von dem Terror bei mir zu Hause. Darf ich noch eine rauchen? U.: Wenn es unbedingt sein muß. B.: Danke. So habe ich dann als Ungläubiger das heilige Abendmahl genommen, und da ich mir schä- big vorkam, sang ich wenigstens nicht mit. Dann doch. Wissen Sie, es ist nicht einfach für einen Vier- zehnjährigen, allein und von Gott verlassen unter lauter Singenden zu hocken und gegen die Musik eines Johann Sebastian Bach anzuschweigen. Aber das war schon ein halbes Jahr später. An diesem Abend kam ich mir unheimlich verloren vor, zumal als Heiner sich verabschiedet hatte. Was bleibt von einem Menschen, wenn man an ihn das Maß der Un- endlichkeit legt? Wenn unser Planet unterginge, so hatte Cosinus gesagt, selbst wenn er mit einem einzi- gen Feuerschlag explodierte, nicht einmal ein paar Sterne weiter würde man es merken, so klein sei die Erde, außerdem läge unsere Sonne fast im äußersten Winkel der Milchstraße, eine Art kosmischer Kuh- bläke. Als ob einer in Moskau sehen konnte, wenn am Dreierberg eine Scheune abbrannte. Ich rannte nach Hause, und unter dem Deckbett betete ich: HERR, vergib mir. Hatte nicht auch Christus dem, Petrus verziehen? Ach, wie oft ich noch in Versu- chung kam, mich wieder mit Gott einzulassen! Es ist leichter, mit den Göttern zu leben als mit der Er- kenntnis. Und wer tauscht schon gerne vom Nabel des Universums, dem Gott erwählten Zentrum der Welten, auf eine Kuhbläke am Rande einer von vie- len Milliarden Galaxien? Wer möchte nicht glauben, daß unsere Erde, ja, daß er selbst das Wichtigste in dieser Welt sei? U.: Das ist ein Problem, aber… B.: Ich bin gleich bei heute. Nur eine Sache noch, ja? U.: Wenn es zum Verständnis beiträgt. B.: Unbedingt. Sehen Sie, es hat lange gedauert, bis ich wieder in die Sterne gucken konnte und mehr erblickte als nur meine eigene Winzigkeit, und noch heute überfällt mich dann nicht nur unheimliche Fas- zination, sondern auch Hilflosigkeit. Ich denke, ich habe mich deshalb so viel mit der Weltraumfahrt beschäftigt, um damit fertigzuwerden. Muß man sich nicht gegen den Gedanken von der Bedeutungslosigkeit des einzelnen auflehnen, gegen diese zerstörerische Versuchung? U.: Zerstörerische Versuchung, sagten Sie? B.: Ja, das sagte ich, aber nicht im Hinblick auf heute nachmittag. Wenn unser Planet, wenn die Menschheit in diesem Universum ein Nichts ist, was hat dann noch Sinn und Wert?, Ist dann Moral nicht geradezu lächerlich? Darf man dann nicht tun und lassen, was man will? Hat dann nicht der recht, der die Menschen verachtet und mit ihnen spielt wie mit Bleisoldaten? Solange man an einen Gott glaubt, besitzt man immer einen festen Punkt. Einen Halt. Trost in jeder Situation und Ant- wort auf jede Frage. Bedenken Sie, daß ich damals in kurzer Zeit die beiden Fixpunkte meines jungen Le- bens verloren hatte: Hitler und Gott. Und damit auch den dritten Halt, meine Familie – sie hatte mich doch sowohl auf Gott wie auf Hitler eingeschworen, wor- an sollte ich nun noch glauben, woran mich halten? Sie wollten nicht mal meine Fragen hören, ich war wie ein Fremder zu Hause. Nicht nur mir ging das so vielleicht waren wir deshalb so leicht bereit, diesen Stalin zu vergöttern? U.: Ein interessanter Gedanke. B.: Aber er gehört nicht hierher. Ich wollte über etwas anderes sprechen. Wenige Jahre später, 1950, ging ich nach Berlin. Eines Tages, ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, hörte ich einen Vortrag über Raumfahrt. Im Haus der sowjetischen Kultur. Zum ersten Mal erfuhr ich etwas Genaueres über Raketen, hörte von Schub- kraft und kosmischen Geschwindigkeiten, von ersten Plänen für Raumstationen, einem Observatorium auf dem Mond… Ich hätte weinen können, so knurrte mir der Magen, ich hatte nur ein paar Schrippen mit, Blutwurst gegessen, die Lebensmittelkarten waren fast alle, mein Geld auch Sie wissen nicht, was Hun- ger ist, nicht wahr? U.: Nein. B.: Während der Referent die dritte kosmische Ge- schwindigkeit an der Tafel berechnete, rechnete ich nach, ob ich mir ein Stammgericht leisten könnte das war so eine dünne Suppe, die es ohne Lebensmittel- marken gab, aber da mußte man vor zehn Uhr in der Gaststätte sein; ich blieb sitzen, und als ich dann in meinem möblierten Zimmer versuchte, meinen Ma- gen mit warmem Wasser zu betrügen, war ich sicher: Ich würde es erleben. Und als ich dann später über Gagarin schrieb… U.: Sie waren, verzeihen Sie, Sie sind Schriftstel- ler? B.: Nein, Journalist. Ich schrieb wissenschaftliche Beiträge für eine Wochenzeitschrift. U.: Sie haben eine wissenschaftliche Ausbildung? B.: Nein. Überhaupt keine. U.: Wie war es dann möglich… B.: Damals war alles möglich. Überall fehlten Ka- der. Man mußte sich noch nicht als Kind entschei- den, was man sein Leben lang tun wollte. Ich konnte schreiben, und ich interessierte mich für wissen- schaftliche Themen in den ersten Jahren war ich Re- porter, reiste umher, aber dann wurde das Weltall mein Arbeitsgebiet., U.: Gab es nicht mehr genügend Probleme auf der Erde? B.: Zu viele! Vor allem für einen Journalisten und… U.: Warum reden Sie nicht weiter? B.: Das gehört nicht zur Sache. U.: Ich würde es trotzdem gerne hören. B.: Nun ja, ich bin alt genug, um mir nichts mehr vorzumachen. Die Beschäftigung mit der Weltraum- fahrt war auch eine Flucht. Journalismus war nicht immer ein Vergnügen. Zu viele Tabus, zu viele Themen, die nicht angepackt werden durften, vor allem keine Probleme, keine Widersprüche; Schön- färberei andere flüchteten in die Auslandsberichter- stattung oder ganz aus dem Beruf. Oder in den Alko- hol. Ich eben ins All. Zufrieden? U.: Warum dieser aggressive Ton, Herr Pachnik- ke? Ich versuche nur, Sie zu verstehen. Und ich glaube, ich habe verstanden, warum Sie so auf das All fixiert sind. Aber was können die jungen Leute im Hotelcafe dafür, daß Sie vor einem halben Jahr- hundert in das Weltall flüchteten? B.: Es war nicht nur eine Flucht. Der Mensch braucht große Ziele, etwas, das über den Alltag, über ihn selbst hinausweist, davon laß ich nicht ab. Das All ist solch ein Ziel, Sie hätten die Nacht erleben sollen, in der die Amerikaner auf dem Mond lande- ten…, U.: Sie wollten über Ihren Gagarin-Beitrag erzäh- len. B.: Stimmt. Mein Text über Juri Gagarin wurde derart überschwenglich, daß der Chefredakteur ihn mir zurückgab. Er halte dafür, auch bei Himmelfahr- ten mit einem Bein auf der Erde zu bleiben, bis zum ersten Rendezvous mit den Außerirdischen sei doch wohl noch ein wenig Zeit. Und dann mußte ich mir anhören, daß die Lichtgeschwindigkeit dem Men- schen Grenzen böte, wenn schon nicht meiner Phan- tasie, so doch dem, was er noch für druckreif halten könne. Wir, so sagte er, wir werden es bestimmt nicht mehr erleben. Ich doch, erklärte ich. Ich bot ihm sogar eine Wette an. Ich glaube, ich war verbis- sen wie ein Jesuit, dem gerade die Jungfrau Maria erschienen ist. Wir haben an diesem Abend noch lange in der Redaktion gesessen, es war eine Nacht wie am 17. Juni oder am 13. August aber das sagt Ihnen wohl nichts? U.: Doch, warten Sie… B.: Nicht wichtig in diesem Zusammenhang. Wir wußten alle, wir erlebten eine Stunde von histori- schem Rang. Wir debattierten bis in den Morgen, tranken am Ende sogar noch den Repräsentations- schnaps. Irgend jemand holte ihn, und der Chef ak- zeptierte es stillschweigend. Unsere Ideen nicht. Er hielt nicht viel davon, über sein Leben hinaus zu denken, es tat ihm weh. Er war knapp dreißig und, schon ein Wrack. Ich muß allerdings zugeben, daß unsere Phantasien immer ausschweifender wurden. Die utopischsten Geschichten schienen plötzlich in den Bereich des Möglichen gerückt. Wir entwarfen Serien von Beiträgen über das soeben angebrochene neue Zeitalter. Wir stießen in die Jahrtausende vor, ließen uns aber auch weit in die Geschichte zurück- fallen und erhoben die Hypothesen von früheren Be- suchen der Außerirdischen, die damals gerade im Schwange waren, in den Rang von Beweisen kennen Sie die umstrittenen Bibelstellen vom Untergang So- dom und Gomorrhas und von dem zur Salzsäule er- starrten Weib Lots? U.: Nein. Aber die Theorie, daß die Felsterrasse bei Baalbek ein vorgeschichtlicher Raketenstartplatz der Außerirdischen gewesen sein soll. B.: Und eines Tages, so sagten wir warum, zum Teufel, nicht jetzt? –, würden die Außerirdischen wiederkommen, um nachzusehen, was aus den be- haarten Tieren geworden war, die damals gerade an- fingen, Stöcke als Werkzeuge zu gebrauchen. Und wenn wir es nicht erleben, schrie ich, dann unsere Nachkommen. Vielleicht, sagte der Chef. Wenn wir nicht vorher die Erde mit den Atombomben in die Luft sprengen. Unsere Nachbarn im All, einmal an- genommen, es gibt sie wirklich, würden es nicht einmal merken. Ich lachte. U.: Sie lachten?, B.: Mir fiel ein, was der Cosinus gesagt hatte: als könne einer in Moskau sehen, wenn am Dreierberg eine Scheune brennt. Klar, der Chef sah mich genauso verständnislos an wie Sie eben. Ich meine das ernst, sagte er. Befürch- test du nie, daß es Menschen gibt, die dazu in der Lage wären? Ich habe nicht Angst um mich, du weißt, ich werde nicht mehr lange leben, aber all die anderen! Und daß damit eine vielleicht einmalige Entwicklung der Materie unwiederbringlich vernich- tet würde, sagte er. Ich protestierte natürlich. Nicht gegen seine Angst; die Gefahr für unseren Planeten brannte uns damals im Nakken. Wir seien gewiß kei- ne zufällige, einmalige Konstellation der Natur, be- hauptete ich, schon gar nicht eine abnorme Entwick- lung der Materie, wie es damals ein Philosoph ver- kündete. U.: Koestler, nicht wahr? B.: Weiß ich nicht mehr. Selbst wenn das Entsetz- liche wirklich würde, sagte ich, mit uns verschwindet nicht alles Leben im Kosmos; Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Welten sind von Leben erfüllt, und eines Tages werden wir Beweise erhalten, Signa- le, die nur von intelligenten Wesen stammen können. Mach dir keine Ersatzreligion daraus, sagte der Chef, es gibt keinen zwingenden Grund, nur eine statisti- sche Chance, daß noch anderswo denkende Wesen existieren; wir müssen so handeln, als seien wir die, einzigen, das ist die Verantwortung unserer Genera- tion. Nicht nur für das Leben nach uns. Auch das Le- ben und Leiden, Hoffen und Kämpfen aller Men- schen vor uns wäre sinnlos gewesen. U.: Stimmt. Daran denkt man gemeinhin nicht. B.: An diesem Punkt einigten wir uns wieder. Ja, sagte ich, was wäre sinnloser als das Verlöschen un- seres Planeten, bevor die anderen auch nur Notiz von unserer Existenz nehmen konnten. Der Chef lachte. Aber den Absatz über die Außerirdischen streichst du trotzdem, sagte er. Was sollte ich tun? Er hatte mich in der Zange zwischen meiner Disziplin und seiner Autorität als Leiter. Mann, war ich wütend. Als hätte ich zum ersten Mal darauf verzichten müs- sen, einen Gedanken auszusprechen, als wäre das nicht unser Grundproblem gewesen: Was darf man aussprechen? U.: Konnten Sie Ihren Artikel nicht zurückziehen? B.: Dazu war es zu spät. Die Ausgabe mußte in Druck gehen. Ich habe den Absatz gestrichen, doch die Hoff- nung auf die Begegnung habe ich nie aufgegeben; allen Berechnungen mit der Lichtgeschwindigkeit und der Wahrscheinlichkeit zum Trotz. Warum, sag- te ich mir, soll dieser Gedanke utopischer sein als die seinerzeit gewiß nicht weniger verrückten Träume unserer Vorfahren? Sicher hat auch schon einer den phönizischen Sklaven vorgerechnet, daß es immer, Hunger und Sklaverei geben wird, bestimmt hat man den Bauern im Mittelalter haarscharf bewiesen, war- um es immer Herren und Knechte geben muß; was wissen wir denn von künftigen Entdeckungen, daß wir uns anmaßen dürfen, die Grenzen für Jahrtausen- de zu ziehen? Der Mensch kann nicht fliegen, sagte man dem Schneider von Ulm. Hat Kolumbus sich aufhalten lassen, hat Ziolkowski resigniert? Resigna- tion ist die Philosophie der Gescheiterten. Wie sollte die Menschheit auf Dauer mit dem Gedanken leben, daß sie für immer und ewig in die engen Grenzen unseres Sonnensystems eingeschlossen ist? U.: Nun, die nächsten Fixsterne könnten wir eines Tages erreichen. B.: Was ist das schon! Wir dürfen uns doch nicht selbst die Perspektive kastrieren, nur weil wir noch nicht erkennen, wie unsere Träume eines Tages zu verwirklichen sein werden! Wenn immer alle so gedacht hätten, würden wir heute noch auf den Bäumen hocken. Der Mensch ist Mensch geworden, weil er das Bestehende verändern will. Wenn er an beengende Grenzen stößt, muß er sie überwinden, oder er zerbricht. Sollen wir ewig am Fenster sitzen und hinausstar- ren? Kann ich ein Glas Wasser haben? U.: Bitte schön. B.: Verzeihen Sie, ich bin ziemlich weit abgetrie- ben., U.: Nein, ich denke, das war schon wichtig. Trotz- dem, wir müssen zur Sache kommen. B.: Sehen Sie, ich bin jetzt einundneunzig. Fast achtzig Jahre habe ich gewartet, habe jede Entdek- kung begierig verfolgt erinnern Sie sich noch an die Quasare? Immer wieder Hoffnung und jedesmal die Enttäuschung. Und dann, heute, diese Nachricht! Gewiß, es ist keine Begegnung, nicht einmal ein Kontakt, aber doch ein Beweis: Es gibt intelligentes Leben im All! Und die jungen Leute im Cafe? Wie oft habe ich mir diesen Augenblick ausgemalt. Alle Welt würde in einen Freudentaumel ausbrechen, dachte ich immer, sich umarmen, beglückwünschen: nicht mehr allein. Ich sprang auf und jubelte, als die Nachricht übertragen wurde, dann sah ich: ich war allein. Die anderen starrten mich an wie einen Ver- rückten. Sie saßen da, als sei nichts geschehen, tran- ken ihren Kaffee, stopften Kuchen in sich hinein, rauchten, schwatzten, am Nebentisch unterhielten sie sich, wo sie das Geld für Jeans im Shop herbekom- men könnten wie finden Sie das? U.: Meine Ansicht steht hier nicht zur Debatte. Es geht um Sie und Ihr Benehmen im Palasthotel, das ich auch jetzt nicht anders als rowdyhaft bezeichnen kann. Ehrlich gesagt, ich verstehe noch nicht… B.: Ich trat an den Nebentisch. Habt ihr es nicht gehört? fragte ich. Doch, sagten sie, aber was ändert das für uns? Alles, rief ich, alles! Sie sahen mich be-, lustigt an. Ach, Opa, sagte einer, nu mach dir mal nicht gleich vor Rührung in die Hose. Dir kann es doch egal sein, du kratzt sowieso bald ab. Wohl zu- viel getrunken, was? meinte ein anderer. Wülste noch `n Bier, Opa? Ich drehte mich um. Und ihr? schrie ich in den Raum. Sie sahen mich an, mitleidig, stumm, teil- nahmslos. Das kann doch nicht wahr sein, dachte ich. Vielleicht ist die Nachricht zu groß für sie, hat sie erschlagen? Man muß sie aufwecken, damit sie zu sich kommen, es fassen. Ich nahm einen Stuhl und zerschlug eine Scheibe. Denken Sie, jetzt reagierten die? Hört doch, schrie ich, wir sind nicht länger al- lein im All! Sie glotzten mich an, grinsten, kicherten. Was ist nur mit ihnen los, dachte ich verzweifelt. Dann packte mich die Wut, und ich schlug die zweite Scheibe ein, dann die dritte, oder waren es vier? Das ist alles. U.: Das ist nicht wenig, Herr Pachnicke. Vier rie- sige Fensterscheiben, dazu aus Spezialglas haben Sie eine Vorstellung davon, was solche Scheiben kosten? B.: Ich habe genug Geld. U.: Und die Vergeudung, die sinnlose Zerstörung von gesellschaftlichem Eigentum? B.: Sinnlos? Nein. Die Medien werden darüber be- richten. Und warum ich es tat. Das wird alle aufrüt- teln. Zum Nachdenken zwingen. Ich finde, das ist vier Fensterscheiben wert., U.: Und die Körperverletzungen? B.: Weil man mich mit Gewalt fortschleppen woll- te. Ins Irrenhaus, wie sie sagten. Als ich von allen Seiten zugleich bedrängt wurde, habe ich einfach um mich geschlagen, verstehen Sie das nicht? U.: Ich denke, ich verstehe Sie jetzt ganz gut, Herr Pachnicke, aber ich kann Ihr Verhalten natürlich nicht billigen und schon gar nicht verteidigen. B.: Das werde ich schon selbst tun. Wie ist das, komme ich in Untersuchungshaft bis zum Prozeß? U.: Jeder Arzt würde Sie für haftunfähig erklären. Ich glaube auch nicht, daß es überhaupt zu einem Prozeß kommt. Sie werden natürlich den Schaden ersetzen müssen und wohl mit einer öffentlichen Mißbilligung wegen Rowdytums davonkommen. B.: Öffentliche Mißbilligung ist auch nicht schlecht. U.: Sagen Sie, ist Ihnen das nicht peinlich, in Ih- rem Alter? B.: Ach, wissen Sie, ich bin ziemlich glücklich, daß ich das noch fertiggebracht habe.,

Olymp Hauptbahnhof

»Los, wach schon auf!« Earl trommelte mit den Fingerspitzen auf dem glä- sernen Panzer, in dem sich die flirrenden Lichter der Skalen spiegelten. Er wußte, daß nichts den Prozeß der Reanimation beschleunigen konnte; es war die Furcht, die ihn je- desmal ergriff, daß die Apparatur versagen, daß Ali- ce nicht aus dem Tiefschlaf erwachen könnte. Da, an der Innenseite ihrer Oberschenkel die er- sten Anzeichen von Gänsehaut, die Brustwarzen ver- steiften sich, zartes Rot schoß in die Lippen. Erleich- tert stieß er die Luft aus, ging in die Kombüse, um Kaffee zu kochen. Das Orange der Sterne auf dem Außenmonitor zeigte an, daß das Raumschiff noch immer bremste. Earl legte einen Kristall auf; der hel- le, gestochene Klang von Barocktrompeten erfüllte die Räume. Alice liebte Händel. Sie trat ein, als hätten sie sich vor wenigen Stun- den erst getrennt, lächelte, begrüßte ihn mit einem Kuß auf die Stirn, setzte sich, gähnte den dampfen- den Kaffee an, rieb sich die Wangen. »Lange ge- schlafen?« »Nein. Sieben Jahre und achtzehn Tage.« Sie nahm vorsichtig einen Schluck, sah Earl nach- denklich an., »Warum hat Napoleon uns geweckt?« »Hör es dir selbst an. Ich hoffe nur, daß er dieses Mal wirklich…« Earl schaltete den Computer in die Kombüse. Na- poleon hielt sich nicht mit Vorreden auf, er sprudelte Daten herunter, interpretierte, zog Schlüsse, erläuter- te Varianten, seine immerwache, tiefe Stimme verriet Erregung verrückte Idee, einem Computer Emotio- nen zuzubilligen und einen solchen Namen zu geben: Napoleon XIX. aber die Leute in Chicago hatten schon immer eine eigene Art von Humor besessen –, von ungewöhnlichen Masseproportionen und Tek- trallinien sprach er, die die Meßsonden des Raum- schiffes im Vorüberfliegen registriert hatten, von Wasserdampf, oxydiertem Kohlenstoff und Napole- on räusperte sich bedeutungsschwer von Molekülen fossiler Kohle! Das schließlich habe ihn veranlaßt, den Flug der TINY 2 abzubremsen und in eine Spirale zu lenken, die sie zurück zu jenem geheimnisvollen Himmels- körper führen würde, eine Art Asteroid, den Daten zufolge geradezu winzig und absolut verloren in die- sem Sektor der Milchstraße, in dem es nach allen Theorien höchstens ein paar Moleküle Wasserstoff pro Kubikkilometer Raum geben dürfte. Alice setzte sich an das Terminal und ließ sich noch einmal die Daten vorspielen. Steigende Unruhe erfaßte sie. Wie viele Jahre hatten sie nun schon im, Raum verbracht und nichts gefunden, abgesehen von ein paar unbelebten Systemen und einer Zwergnova, deren Materiestrom in Minutenschnelle eine Akkre- tionsscheibe bildete und sich auf über sechzigtausend Grad aufheizte, so daß sie Mühe hatten, mit heiler Haut aus dem Gravitationsbereich des Weißen Zwer- ges zu kommen, und ausgerechnet hier, auf dem Rückweg zur Erde, in dieser verlassensten aller ver- lassenen Gegenden der Galaxis…? Voller Ungeduld verbrachten sie die nächsten Stunden. Sie löcherten Napoleon immer wieder mit Informationswünschen, so daß er ihnen schließlich vorschlug, ins Bett zu gehen und eines dieser seltsa- men Spiele der Menschen zu betreiben. »Doppelkopf oder Neunundsechzig oder wie ihr dazu sagt. Ich habe ja keine Ahnung, was ihr da treibt, weil ihr immer alle Kanäle blockiert« der Vorwurf in seiner Stimme war nicht zu überhören –, »aber nach meinen Beobachtungen ist es denkbar geeignet, übermäßige Spannungen bei euch abzubau- en.« »Napoleon, du bist ein Genie!« rief Earl und pack- te Alice, die tatsächlich rot geworden war, bei der Hand. »Es ist schon eine Ewigkeit her, daß wir…« »Gar nicht«, widersprach Alice, »erst vor dem Schlafengehen!« »Sagte ich doch: eine Ewigkeit. Sieben Jahre und achtzehn Tage. Los, komm. Wollen wir die Schwer-, kraft abstellen?« Der Asteroid lag schon dicht vor der TINY 2, als die beiden wieder auftauchten. Sie sahen ihn erst, als Napoleon sie darauf aufmerksam machte: ein schma- ler Schatten vor dem Meer der Sonnen aus allen Tie- fen des Alls. »Wir nähern uns seiner Kante«, erklärte Napoleon. »Es ist eine Scheibe von etwa einem Kilometer Aus- dehnung und extrem dünn. Sieht nicht nach einem natürlichen Objekt aus.« Napoleon dirigierte das äußerst schwierige Manö- ver, das die Annäherung an einen derartig kleinen Körper immer darstellte, er hatte alle Kanäle voll zu tun, bis die TINY 2 längsseits gegangen war, und er verbat sich energisch die Kritik der beiden Men- schen, die ihn beschimpften, er sei auf der falschen Seite gelandet, ob er denn nicht den Lichtschimmer über der anderen Seite wahrgenommen habe! »Nicht gelandet«, korrigierte Napoleon, »die TI- NY 2 ist zwar nur ein Schiff der Klasse M, aber ich bin froh, daß wir so dicht herangekommen sind, ohne unser Ziel zu zerbrechen. Das Objekt ist nur wenige Meter dick, und es scheint nur aus lokkerem Boden zu bestehen.« Tatsächlich erblickten die beiden jetzt im Licht der aufflammenden Halogenbomben nichts als eine fla- che, bröcklig sandige Ebene ohne jede Spur von Ge- stein, und in der Vergrößerung der Kamera zeigte die, Oberfläche die Struktur von krümeligem Humus mit Einlagerungen von Lehm und Mergel. »Ich gestehe es ungern«, sagte Napoleon, »ich bin verwirrt. Ich hatte ein Objekt aus Metall oder Gestein er- wartet. Wie um aller Himmel willen kommt eine Sandscheibe ins All?« Alice und Earl legten Skaphander an, bevor sie in das Landungsschiff stiegen, doch als sie über die schmale Kante flogen, die wie von einem Riesen- messer abgeschnitten aussah und höchstens drei Me- ter dick war, meldeten die Meßgeräte das Vorhan- densein einer Atmosphäre, die Luft enthielt, sogar vorzügliche Luft, geradezu ideal für die Atmung irdi- scher Wesen, und hier, auf der Butterseite, wie Alice es nannte, sahen sie auch das Licht: eine Minisonne auf hohem Mast tauchte den größten Teil der Scheibe in Tageshelle, warf ihr Licht auf ja, auf was? Alice und Earl saßen Hand in Hand, während sie ganz langsam dicht über dem Boden dahinschweb- ten, der hier mit einer Art Wiese bewachsen war, ei- nem Teppich aus vielerlei Gräsern und gelben, wei- ßen, blauen, rosa Blumen, die Alice an Butterblu- men, Wiesenschaumkraut und Klee erinnerten, da- zwischen, handhoch, lange Profilbänder, die, wenn die Anzeigen nicht irreführten, aus einer Art primiti- vem Stahl bestanden und die sich paarweise durch das Gras zogen, miteinander verschmolzen, wieder, auseinanderstrebten, Kurven bildeten, sich kreuzten und alle in einen Komplex von Hallen mündeten, vor dem ein großes Gebäude stand. »Hallo, hallo, was ist?« fragte Napoleon. »Hört ihr mich nicht? Antwortet!« Alice gab ihm einen kurzen Bericht. »Es sieht wie eine Raumstation aus«, schloß sie. »Wir landen vor dem Gebäude und sehen es uns mal an.« »Seid ja vorsichtig«, mahnte Napoleon. »Besser, einer bleibt draußen.« Sie hörten nicht auf ihn, schließlich war es das er- ste wirkliche Abenteuer auf dieser Reise. Hand in Hand gingen sie auf das Gebäude aus grauen be- hauenen Steinen zu, auf eine der breiten Türen, in deren Glas sie sich spiegelten: zwei chromglitzernde Ungeheuer, Adam und Eva aus einer utopischen Welt; sie hatten vorsichtshalber die Skaphander an- behalten, obwohl die ungefügen Apparate sie in der Bewegung einschränkten. Lautlos glitt die Tür zur Seite, gab den Weg frei in eine große, fast leere Halle, nur links und rechts an den Wänden standen ein paar metallene Kästen, in einer Ecke kleine Karren auf Rädern, überall hingen Schilder und Tafeln voller Schriftzeichen, offensicht- lich irdischen Ursprungs, obwohl Alice und Earl nichts damit anzufangen wußten: »Spucken auf den Fußboden verboten!« oder »Aufsicht«, »Zu den Toi-, letten«… das Merkwürdigste aber war die große Wand voller geschlossener, numerierter Fenster, über der in großen schwarzen Lettern stand: OLYMP- Hauptbahnhof. Sie wollten Napoleon einen Zwischenbericht ge- ben, doch in dem Gebäude war der Empfang so schlecht, daß sie wieder vor die Tür traten. Napoleon bestand darauf, daß sie ihm sofort sämtliche Schrift- zeichen übermittelten. Alice und Earl stellten sich in zwei verschiedene Türen und diktierten jeder auf ei- nem anderen Kanal, was sie von den Wänden ablesen konnten. Mochte Napoleon sehen, was er damit an- fangen konnte, schließlich war das sein Job: Gepäck- aufbewahrung, Wartesaal, Platzkarten, Zu den Bahn- steigen, Rauchen verboten, Fahrkartenautomaten, Prüfe dein Gewicht, Schließfächer, Auskunft… Hun- derte von Buchstaben- und Zahlenkombinationen; bevor sie sich an die großen Wandtafeln machten, unterbrach Napoleon. »Die Schilder sind in deutsch abgefaßt, einer der alten Erdsprachen. Es handelt sich ganz offensicht- lich um einen Bahnhof der sogenannten Eisenbahn, das war vor Jahrhunderten ein Verkehrssystem auf der Erde. Mit Raumfahrt hat es nichts zu tun, die Ei- senbahn war erdgebunden: Wagen auf Schienen, die von Kraftmaschinen, sogenannten Lokomotiven, ge- zogen wurden. Ich glaube nicht, daß die Eisenbahn noch existierte, als die Raumfahrt begann, aber mei-, ne Datei ist da nicht ausführlich genug. Und fragt mich bitte nicht, wie dieser ›Hauptbahnhof‹ hierher- kommt. Vielleicht findet ihr in den anderen Gebäu- den eine Antwort.« Sie gingen durch die Tür, über der »Zu den Bahn- steigen« stand, und blieben verblüfft stehen. Was von außen wie mehrere Hallen ausgesehen hatte, er- wies sich jetzt als ein einziger großer Raum, über dem sich ein riesiges Dach aus Stahl und Glas wölb- te, voll mit Dutzenden, wenn nicht Hunderten von übermannshohen metallenen Maschinen auf Rädern, das mußten die Lokomotiven sein, von denen Napo- leon gesprochen hatte, dazu Wagen mit und ohne Fenster. Alice und Earl stellten sich Rücken an Rücken, die rechte Hand schußbereit am Rayvolver, die linke mit gespreizten Fingern hoch in die Luft gestreckt, dem intergalaktischen Zeichen von Friedfertigkeit. Alice stellte den Außenlautsprecher auf volle Tonstärke. »Hallo! Ist hier jemand?« Keine Reaktion, auch nicht beim zweiten, dritten Ruf, nur ein diffuses Echo. Sie schoben sich Rücken an Rücken an den »Bahnsteigen« vorbei, Earl voran, Alice sicherte, blickten vorsichtig in jeden der Gän- ge, plötzlich blieb Earl stehen. Alice drehte sich her- um. Am Ende dieses »Bahnsteigs« tauchte zwischen den Metallkolossen eine Gestalt auf, kam zögernd, näher. Ein Homoid. Gar ein Mensch? Er war ungewöhnlich klein, hatte kein Haar auf dem Kopf, und seine Gesichtshaut war nicht goldo- liv, sondern verwittert schmutziggrau, dafür voller Falten, aber derartige Gesichter kannten sie aus dem Anthropo-Unterricht; auch solche Kleidungsstücke hatten sie schon gesehen, im Museum: Stiefel mit hohen Absätzen, weiße Hosen mit breiten roten Bie- sen, eine Jacke mit goldenen Verzierungen und Epauletten. Er streckte beide Arme hoch in die Luft, zeigte die unbewaffneten Handflächen vor, sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, die ebenso Freude wie Angst oder Verlegenheit ausdrücken mochte. Ein paar Me- ter vor ihnen blieb er stehen, kreuzte die Hände über der Brust und verbeugte sich. Alice und Earl erwi- derten seine Gesten. Er sagte etwas, das sie nicht verstanden. Sie antworteten auf irdisch, doch er zuckte mit den Schultern, redete wieder in seiner Sprache; Alice war geistesgegenwärtig genug, es aufzuzeichnen. Sie versuchten, sich mit Gesten ver- ständlich zu machen, vergeblich, nur soviel schien sicher: Er war allein hier. Hatte er verstanden, daß sie zurückkommen würden? Er folgte ihnen, ohne den Abstand zu verringern, bis an das Landungsschiff; als sie ihm zuwinkten, winkte er zurück. Er stand da, ohne sich zu rühren, bis sie über die Kante des Aste-, roiden hinwegglitten. »Er spricht irdisch«, erklärte Napoleon, »aber eine der alten Sprachen: spanisch. Ich habe eure Interpre- tomaten entsprechend gespeichert.« »Und was sagt er?« »Willkommen auf dem Olymp ich weiß inzwi- schen, was das bedeutet: Sitz der Götter, ein Begriff aus der vorgeschichtlichen Mythenwelt. Ihr wißt doch, die Götter…« »Ja«, unterbrach Earl, »wir wissen es. Erspar dir deine Belehrungen. Wir fragen schon, wenn wir et- was wissen wollen.« »Einen Gott hatte ich mir anders vorgestellt«, meinte Alice. »Was sagt er noch?« »Daß er von der Erde stammt, und woher ihr kommt. Er hält euch nicht für Menschen.« »Die Skaphander!« rief Alice. »Die könnt ihr beim nächsten Besuch ablegen«, versicherte Napoleon. »Ich verstehe zwar nicht, wo- her diese Scheibe eine Atmosphäre hat, aber die Luftanalysen sind hervorragend. Ich habe eine erste Meldung an die Erde abgesetzt, und ich habe mir er- laubt, die Kapazität der Sprechgeräte zu erhöhen, ich hoffe, das ist euch recht; ich werde mich nur im Not- fall oder auf Verlangen einschalten.« »Entschuldige«, sagte Earl, »es war nicht so ge- meint.« »Ich weiß schon, wie es gemeint war«, erwi-, derte Napoleon spitz. Sie wurden erwartet. Als sie zur Landung ansetz- ten, öffnete sich eine der Türen, und der Fremde trat vor das Gebäude. Er trug eine rote Schirmmütze und begrüßte sie, indem er eine grünweiße Kelle hoch- hielt. Dann stand er mit offenem Mund da und sah zu, wie statt der erwarteten chromblitzenden Unge- heuer zwei Menschen ausstiegen; als Alice ihn nun noch in seiner Sprache begrüßte, ging ein breites La- chen über sein Gesicht. »Ihr seid Menschen, ja? Die ersten Menschen seit in welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Ich habe jeden Zeitbegriff verloren.« »Im achten«, sagte Alice. »Im achten? Das kann nicht sein, ich habe doch selbst schon im einundzwanzigsten Jahrhundert ge- lebt!« »Du meinst die alte Zeitrechnung. Wir zählen nicht mehr nach Christus. Nach deiner Rechnung ist es das siebenundzwanzigste Jahrhundert.« »Die Welt scheint nicht mehr zu sein, was sie war.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Wenn nicht mal Christus noch etwas gilt aber kommt rein. Will- kommen auf dem Olymp!« Er ging ihnen voran in das Bahnhofsgebäude. »Ein bedeutungsvoller Name«, sagte Earl. »Und passend!« Der Fremde kicherte. »Mein Na- me ist Zeus. Aaron Zeus der einzige; niemand außer mir durfte, Aaron oder Zeus heißen –, und als ich plötzlich im Himmel gelandet war, was lag näher, als meinen kleinen Stern Olymp zu taufen?« Er zeigte auf die Schrift in der Halle. »Hab ich eigenhändig geändert. Früher stand da Heil – Heidel –?« Er zuckte verlegen mit den Schultern. »Hab ich vergessen. Irgend was Deutsches. Ich habe den Bahnhof in Deutschland ge- kauft und bei mir zu Haus wieder aufbauen lassen. Kommt mal mit!« Er führte sie in einen Raum voller Regale und Schränke, vollgestopft mit Dingen, die sie noch nie zuvor gesehen hatten. »Da staunt ihr, was?« Zeus blickte sie derart stolz an, daß Alice und Earl sich nicht getrauten, ihre Ah- nungslosigkeit zu offenbaren, sondern anerkennend nickten. »Ja, die Eisenbahn war schon immer meine Lei- denschaft, und als ich dann an die Macht kam, habe ich gesammelt, was ich nur konnte, hier, ein Ge- päckkarren vom ›Gare de Lyon‹ in Paris, original neunzehntes Jahrhundert, diese Uhr mit drei Zeigern stammt von der Transsib, das hier« er zeigte auf ein großes Emailschild: Llanfairpwllgwyngyllgogerych- wyrndrobwllllantysiliogogogoch –, »das war der längste Name, den je eine Eisenbahnstation trug, ir- gendwo in England, und das ist ein Fahrkartenauto- mat aus Peking. Könnt ihr Chinesisch? Ich wüßte zu gerne…« Er sah sie erwartungsvoll an., »Heute nicht«, sagte Alice. »Vielleicht morgen.« »Wie bist du hierhergekommen?« fragte Earl. »Ich weiß es nicht. Eines Morgens wachte ich auf und war im Himmel. Mitsamt meiner Sammlung. Die ganze Klimasphäre…« »Eine Klimasphäre!« Alice und Earl sahen sich an. Von den privaten Lufthüllen, die einst die Reichen und Mächtigen der Erde besaßen, hatten sie im Ge- schichtsunterricht gehört. »Natürlich hatte ich über meinem Schloß und meinen Landsitzen Klimasphären«, rief Zeus. »Die größte über meiner Sammlung, schon um sie vor dem sauren Regen zu schützen sagt mal, ist die Luft auf der Erde noch immer so miserabel?« »Nein«, sagte Earl. »Und du bist wirklich ganz al- lein hier?« »Leider.« Zeus seufzte. »Kein Personal, keine Dienstboten, nicht mal eine Frau…« Er sah Alice an. »Du bist doch eine Frau, nicht wahr?« »Ja, sehe ich nicht so aus?« »Zu meiner Zeit waren die Frauen nicht so groß.« Er musterte sie. »Aber du gefällst mir: lange Beine, volle Brüste. Ich habe viele Frauen gehabt. Jeden Tag eine andere. Wer die Macht hat, hat auch die Frauen. Sie drängen sich geradezu an die Macht.« Er grinste. »Oder sie wurden gedrängt. Ich hatte einen ganzen Stab, der mich mit frischem Fleisch versorg- te.« Er sah Alice lauernd an. Er mußte den Kopf in, den Nacken legen, um ihr in die Augen zu blicken; Alice überragte ihn um zwei Kopfeslängen. »Bist du gut im Bett? Schläfst du mal mit mir? Ich möchte zu gerne wissen, ob ich mich richtig erinnere…« »Bitte nicht brüsk ablehnen«, flüsterte Napoleon in Alices Ohrhörer. »Ich denke mal darüber nach«, sagte sie. Es gelang ihr sogar, Zeus anzulächeln. »Sechshundert Jahre«, sagte Earl, »hast du eine Tiefschlafkammer?« »Einfrieren, ja? Funktioniert das heute?« Zeus wartete die Antwort nicht ab; als Earl nickte, sprach er gleich weiter. »Ich hatte seinerzeit überlegt, ob ich unsere Wissenschaftler darauf ansetzen sollte. Es wä- re doch interessant gewesen, ein Jahrhundert zu ver- schlafen und dann zu sehen, wie die Welt sich verän- dert hat aber, hätte man mich wirklich aufgeweckt? Außerdem, wir konnten nicht überall mithalten. Preston und Lafontaine kosteten schon Unsummen, allein ihr goldener Käfig…« Er spielte gedankenver- loren mit einem Gerät, kaute auf der Unterlippe, starrte auf seine Hände, die kleine Löcher in Papp- scheiben stanzten. »Ja, wenn die Beam-Bombe fertiggeworden wä- re«, murmelte er, sie konnten ihn kaum verstehen. Er blickte Earl an, nickte bedeutungsschwer. »Wir wä- ren das mächtigste, das reichste Land der Welt ge-, worden. Aber erst einmal mußten wir eisern sparen, mein Land war verdammt arm. Sparen war mein oberster Grundsatz.« Zeus kicherte. »Eines Tages kam mein Finanzminister und sagte, es gäbe nun nichts mehr, was unser Volk noch sparen könnte. Gut, sagte ich, dann sparen wir eben das Nichts.« Alice und Earl blickten verständnislos. »Na, die Löcher!« rief Zeus triumphierend. »Wir haben die Löcher gespart: die Perforation der Brief- marken, des Klosettpapiers, der Lebensmittelkarten, die Löcher im Käse, in den Makkaroni wir hatten die dicksten Spaghetti der Welt. Wenigstens das! Ich hätte so gern das reichste, das wohlhabendste Volk der Welt gehabt, aber…« Er streckte bedauernd die leeren Hände von sich, dann schmunzelte er. »Wenn, so sagte ich mir eines Tages und ich sagte es meinem Volk, ich hielt jede Woche eine Anspra- che vor meinem Volk, das heißt natürlich im Video – , wenn wir schon nicht das Privileg hätten, die größ- te, reichste, mächtigste Nation zu sein, dann wollten wir wenigstens die kräftigste Nation der Welt wer- den. Und ich ordnete an, daß jedermann dreimal täg- lich drei Liegestütze machen mußte, oder, wer das nicht schaffte, drei Kniebeugen. Zumindest drei Ver- beugungen.« Alice und Earl sahen sich heimlich an. Ein Ver- rückter? Hatte so etwas tatsächlich einmal auf der Erde regiert?, »Du sprichst immer von deinem Land, deinem Volk«, sagte Alice, »warst du am Ende ein König?« »Nein!« Zeus lachte laut auf. »Die Könige waren längst abgeschafft. Nicht mal Präsident, wie meine Vorgänger.« Er spuckte aus. »Jeder von ihnen hat sich wie ein Gott verehren lassen. Aber damit war Schluß, als ich an die Macht kam. Ich habe sie ein- fach verschwinden lassen, ihre Namen ausgelöscht, als hätten sie nie existiert, Straßen, Plätze, Fabriken umgetauft, die Denkmäler geschleift ich hätte sogar die alten Zeitungen und Videos ändern lassen, wenn ich nur gewußt hätte, woher genügend qualifizierte Leute dafür nehmen. Na, ich habe einfach die Benut- zung der Archive verboten. Nein, ich war kein Kö- nig, bei uns herrschte die Demokratie, und ich war nur erster Administrator, Primus inter pares, wenn ihr wißt, was ich meine.« »Der Erste unter Gleichen«, flüsterte Napoleon. Earl wiederholte es laut. Zeus nickte, doch er feixte dabei. »Aber ich habe den anderen in unserem Kollegium schnell klargemacht, daß ich gleicher bin als sie, und wer nicht hören wollte…« Er fuhr mit der Handkante über seinen Hals, und als er merkte, daß seine Gäste ihn nicht verstanden, sprach er es aus. »Exekutiert. Natürlich war es immer ein Unfall, eine Krankheit plötzlich und unerwartet verstorben, versteht ihr?« Und ob sie ihn verstanden. Sie hatten genügend, schaurige Geschichten aus der Geschichte im Unter- richt vernommen. Und nun saß tatsächlich einer dieser regierenden Ungeheuer vor ihnen? Zeus legte begütigend seine Hand auf Alices Arm. »An meinen Händen klebt kein Blut«, sagte er. »Da- für hatte ich doch meine Leute.« Er sah mißtrauisch von Alice zu Earl. »Tut bloß nicht so, als wäre es heute anders auf der Erde!« »Es ist vieles anders als zu deiner Zeit«, sagte Earl. Er zeigte auf einen mannshohen Kasten, um das Thema zu wechseln. »Was ist das hier?« »Ein Automat. Aus der New York Central Stati- on.« Zeus sagte es voller Besitzerstolz, griff in die Tasche, holte eine kleine Metallscheibe hervor, steckte sie in den Apparat, der sogleich zu surren und klicken anfing und eine rote Dose ausspuckte. Zeus hielt sie Alice hin. »Magst du Coca Cola?« Dann schlug er sich mit der Hand vor die Stirn. »Be- stimmt habt ihr Hunger. Kommt!« Er packte Alice an der Hand, zog sie hinaus auf einen der Bahnsteige, an Dutzenden von Lokomoti- ven vorbei, zu einem blauen Waggon, riß die Türen auf und freute sich diebisch über Alices Verblüffung: die Tische in dem langgestreckten Raum waren für ein festliches Mahl eingedeckt., »Der Speisewagen eines amerikanischen Präsiden- ten«, erklärte Zeus. »Setzt euch doch. Was darf ich euch anbieten?« Er schob jedem ein altertümliches Buch zu. »Sucht euch aus, was ihr mögt. Die Automatik funktioniert noch immer. Eßt und trinkt nach Herzenslust.« »Daß ihr euch ja nicht untersteht«, mahnte Napo- leon leise. »Leider habe ich nichts davon.« Zeus seufzte. »Ich vertrage weder essen noch trinken, könnt ihr mir vielleicht verraten, wieso?« »Nein«, sagte Earl. »Kannst du schlafen?« »Schlafen…? Ja, irgendwann dämmer ich ein, ir- gendwann wache ich auf. Wann? Nach Stunden, Ta- gen, Jahren? Die Uhren zeigen nur die Stunden an. Zeit hat ihren Sinn für mich verloren. Ich wußte ja nicht einmal, wie lange ich schon hier hocke, bevor ihr kamt. Eine Ewigkeit.« Er lachte bitter. »Ewig, das war immer eines meiner Lieblingsworte: ewige Freundschaft, ewiger Frieden.« »Was, um Himmels willen, hast du nur die ganze Zeit gemacht?« rief Alice. »Meine Loks gewartet, alles geputzt, an meiner Anlage gebaut stellt euch vor, ich habe sogar Erdar- beiten gemacht, eigenhändig Gleise verlegt! –, bin herumgefahren, leider ist der Planet so klein, und die Kohle geht zu Ende; Elektroloks, das ist doch nicht das Richtige. Aber ab und zu habe ich mir eine Lok, angeheizt, vorgestern erst, da hättet ihr kommen sol- len wir machen zusammen eine Fahrt, ja? Morgen.« »Hast du kein Video?« erkundigte sich Alice. »Nein, leider. In meinem Palast hatte ich einen ganzen Keller voller Kassetten. Tausende von Fil- men: Kriegsfilme, utopische Filme, Krimis, Por- nos… Aber Zeitungen habe ich, wenn ihr noch wißt, was das ist. Einen ganzen Kiosk voll. Zum Glück nicht unsere Presse. Sie hätte ich nicht einmal hier lesen mögen. Offizielles Zeug. Nützlich zum Regie- ren, aber nicht amüsant. Nein, ein Kiosk vom Lon- doner Bahnhof, internationale Magazine und Zeit- schriften – obwohl sie schon zu meiner Zeit veraltet waren, habe ich sie Dutzende Male gelesen, ich hatte ja Zeit.« »Sechshundert Jahre.« Earl schüttelte den Kopf. »Unvorstellbar.« »Ich wollte immer lange leben«, sagte Zeus. »Ich habe viel Geld, sehr viel Geld ausgegeben, alt zu werden, uralt. Ich hatte die besten Ärzte, in meiner Privatklinik gab es alles, jedes Medikament, das ir- gendwo auf der Welt entdeckt wurde…« Er nahm ein Messer von seinem Gedeck und schnitt sich quer über den Arm. Tief. Eine klaffende Wunde, doch es floß kein Blut, und die Wunde schloß sich sofort wieder. Zeus blickte Earl fragend an. »Was meinst du? Bedeutet das, daß ich unsterblich geworden bin?«, Earl rettete sich in einen Scherz. »Götter sind un- sterblich«, sagte er. »Unsterblich«, flüsterte Zeus. »Wer wollte das nicht sein, aber so…?« Er lehnte sich zurück und schloß die Augen. »Abbrechen«, rief Napoleon. »Genug für heute.« Zeus schreckte hoch. »Was hast du gesagt?« »Nichts«, erwiderte Earl. »Wir haben nichts ge- sagt.« »Ich dachte… Ich höre oft Stimmen.« Zeus ver- sank wieder ins Grübeln. Alice und Earl standen auf. »Ihr wollt schon gehen? Ihr habt doch noch gar nichts gegessen. Der Truthahn ist bestimmt vorzüg- lich.« »Morgen«, sagte Earl. Zeus geleitete sie zu ihrem Landungsschiff. Er hielt Alices Hand lange fest, blickte ihr flehentlich in die Augen. »Ihr kommt doch bestimmt wieder, ja? Ihr fahrt nicht ohne mich ab, nein?« »Wir kommen morgen wieder«, versprach Alice. »Ich bin nicht sicher, ob die Luft des Olymp euch auf die Dauer bekommt«, empfing sie Napoleon. »Geht bitte durch die Quarantänekammer.« »Aber du sagtest doch, die Luftanalysen…« »Ja, das sagte ich, doch inzwischen ich glaube, ich weiß jetzt, wie Aaron Zeus hierhergekommen ist.« »Du glaubst oder du weißt?« fragte Earl spöttisch., »Säubert euch erst mal.« »Es ist nur eine Hypothese«, erklärte Napoleon, als sie dann in der Kombüse saßen und ihren Hunger stillten, »jedoch mit einem Wahrscheinlichkeitsquo- tienten von dreiundachtzig Prozent. Zeus selbst hat die Anhaltspunkte gegeben: Preston, Lafontaine, die Beam-Bombe. Preston und Lafontaine waren zwei berühmte Wissenschaftler, die spurlos verschwan- den. Zeus sprach von einem goldenen Käfig ich vermu- te, daß er die beiden hat kidnappen lassen, damit sie ihm die Bombe bauten, die ihm die Weltherrschaft bringen sollte. Ich vermute weiter, daß sie das Pro- blem des Beamens gelöst haben, aber…« »Was ist eigentlich dieses ›Beamen‹?« unterbrach Earl mit vollem Mund. »Nur ein anderes Wort für IMPORT: immateriel- ler Transport, man transformiert etwas in Strahlung und läßt es am Zielort wieder materialisieren.« »Danke, das weiß ich«, brummte Earl. »Wir hätten lieber beim ollen Zeus essen sollen, Alice. Wenn ich an dessen Speisekarte denke!« »Einen Aaron Zeus hat es vor Jahrhunderten tat- sächlich in Südamerika gegeben«, fuhr Napoleon fort. »Zeus war ein unumschränkter Diktator, berüch- tigt für seine grausame Herrschaft, ihr wißt schon: Geheimpolizei, Gefängnisse, Arbeitslager jede Op- position wurde im Keime erstickt, buchstäblich: in, Blut. Eines Tages war er verschwunden. Genauer: über Nacht. Es wurde nie geklärt, wie. Wo vorher die Klimasphäre des Diktators gestanden hatte, gähnte nun ein großes, flaches, kreisrundes Loch…« »Klar!« rief Alice. »Preston und Lafontaine haben ihren Kerkermeister ins All gebeamt! Wo aber sind die beiden geblieben?« »Ich weiß es nicht«, gestand Napoleon. »Vielleicht sind sie bei dem Attentat draufgegangen.« »Das kann alles nicht sein«, unterbrach Earl. »Ich habe gelernt, daß der IMPORT beim Menschen nicht funktioniert. Sonst müßten wir nicht solche langwierigen Rei- sen machen, wir ließen uns einfach beamen.« »Stimmt, Lebewesen können nicht importiert wer- den«, bestätigte Napoleon, »es gibt Interferenzen. Am Zielort entsteht nur ein Imago, ein Scheinlebe- wesen.« »Aber Zeus denkt!« widersprach Earl. »Ich denke auch«, sagte Napoleon würdevoll, »bin ich deshalb ein Mensch? Zeus ist ein Imago. Deshalb muß er nicht essen, nicht trinken, deshalb regenerier- te sich sein Arm sofort. Er ist in der Tat unsterblich geworden, verdammt, von Ewigkeit zu Ewigkeit auf seinem Olymp zu hocken, es sei denn, jemand ist so gnädig und zerstrahlt den Olymp mit einer Nihilati- onsbombe.« »Sag mal, das klingt ja, als hättest du Mitleid mit, ihm!« rief Alice. »Ich weiß, was es bedeutet, Jahrhundert um Jahr- hundert dahinzuleben«, sagte Napoleon leise. »Ge- wiß, Zeus ist ein Imago, doch er ist sich dessen nicht bewußt.« »Er ist ein Scheusal«, erklärte Alice empört. »Wenn ich nur daran denke, wie er über Frauen spricht! Daß er jetzt ewig im All sitzen und seine Lokomotiven putzen muß, empfinde ich als gerechte Strafe.« »Sag mal, Napoleon, woher weißt du eigentlich soviel über Zeus?« erkundigte sich Earl. »Wir Reisecomputer haben einen Wunsch frei«, antwortete Napoleon, »eine Hobby-Datei, mit der wir uns unterwegs die Zeit vertreiben können. Ihr Men- schen habt es einfach, ihr legt euch schlafen, aber unsereins? Wir müssen wach bleiben, selbst wenn die Reise ein, zwei Jahrhunderte dauert. Ich habe mir seinerzeit die Geschichte der Menschheit ausgesucht, mit Schwerpunkt auf alle ungelösten Fragen. Übri- gens, hier ist Antwort von der Erde. Sie glauben kein Wort. Sie nehmen an, daß ihr vom Raumkoller befal- len wurdet und Halluzinationen habt.« Alice und Earl lachten laut auf. »Wieviel Energiereserven haben wir?« erkundigte sich Earl. »Achtunddreißig Mega-Erg«, antwortete Napole- on., »Das dürfte reichen.« »Willst du den Olymp vernichten?« fragte Alice. »Nein, einen Schub geben, in Erdnähe bringen. Als eine Art Museum.« »Es gibt auf allen Kontinenten Verkehrsmuseen mit Hunderten von Lokomotiven«, sagte Napoleon ablehnend. »Nicht um die Eisenbahnen besichtigen zu las- sen«, erwiderte Earl, »sondern diesen famosen Zeus.« »Ihn wie ein Zootier ausstellen?« fragte Alice ent- setzt. »Da sollten wir ihn lieber nihilieren. Das wäre menschlicher.« »Ist er ein Mensch?« Earl sah Alice an. »Und war er menschlich, zeit seines irdischen Lebens?«,

Ein Bild aus der Zukunft

Vor Jahren einmal fotografierte mich K. ein seit lan- gem mit mir befreundeter Bildreporter, in einem Au- genblick schmerzhafter Verlorenheit. Er war gerade von einer Reportage zurückgekehrt und hatte noch zwei Aufnahmen auf dem Film, die er »so neben- bei«, wie er sagte, verschießen wolle. Erst nach langem Sträuben und nachdem ich ihn mit nahezu erpresserischen Drohungen verfolgt hatte, brachte er mir die Abzüge. Die Fotos erschütterten mich. Wie hatte K. dem ich überall so viel Lob vorgab, derart miserabel agie- ren können? Ich war kaum zu erkennen, und was zu erkennen war, war nicht ich. Ein alter, verfallener, zerfallender Mann saß da, ohne Hoffnung, ohne Chance, ein Bild des Elends. Ich verstand, warum K. sich so beharrlich geweigert hatte, mir diese Aufnahmen zu zeigen. Das bin nicht ich, sagte ich. Aber vielleicht wirst du es eines Tages sein, sagte er. Ach so, du kannst jetzt in die Zukunft fotografie- ren, spottete ich. Vergiß nicht, deine Erfindung zum Patent anzumelden. K. schwieg. Niemals, sagte ich, werde ich so aussehen; wie bist du nur so weit ge- sunken, daß du dir lieber eine Theorie zurechtlegst,, statt einen Fehler zuzugeben? Ich verlangte, er solle die Negative sofort vernichten. Du weißt doch, sagte K. daß ich nie Negative ver- nichte. Aber ich verspreche dir, die Fotos nieman- dem zu zeigen, es sei denn, du gibst mir die Geneh- migung. Da kannst du lange warten, entgegnete ich. Gestern fand ich die beiden Bilder beim Aufräu- men. Wie gut, daß K. seinen Triumph nicht erlebte.,

Zwerg Nr. 7

»Was glotzt `n so? Nie `n Weihnachtsmann gese- hen?« Der Alte winkte verächtlich ab, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, schob das Glas über den Tresen. »Noch einen.« Ich hatte noch nie einen derartig traurigen Weih- nachtsmann gesehen. Gewiß, sein Mantel war tadel- los gepflegt, wie neu, ohne ein Stäubchen, die Kapu- ze mit Fell gesäumt, dessen Haarspitzen silbrig glänzten, doch sein Bart war strähnig, ungekämmt, die Haut fahlgrau, zerknittert, wie brüchiges Perga- ment, Falten noch in den Falten, der Rücken krumm, die Schultern nach vorne gebogen, dabei ein Winz- ling. Er stierte unentwegt in sein Glas, hob den Kopf nur, um zu trinken und neu zu bestellen. Geld schien er zu haben, er schob einen Hunderter über den Tre- sen und winkte ab, als der Wirt herausgeben wollte. »Anzahlung«, sagte er. Armes Schwein, dachte ich. Wahrscheinlich hat er irgendwo beschert, hat die leuchtenden Kinderaugen gesehen, einen prächtigen Tannenbaum, eine fröhli- che Familie, und nun sitzt er hier in dieser Kneipe, allein und verlassen, geplagt von Erinnerungen, und versucht, sie zu ersäufen. Wir waren die einzigen Gäste, und der Wirt sah uns an, als hätte er uns am liebsten rausgeschmissen. Ich wäre längst gegangen,, aber draußen goß es in Strömen, und zu Hause er- wartete mich ohnehin nur die Glotze. Der Wirt ging zur Tür, sah in den Regen, sah zu uns herüber, murmelte »nicht mal `n Hund vor die Tür«, knipste das Licht bis auf eine kleine Funzel hinter dem Tresen aus und stellte uns eine Flasche Korn hin. Wir sollten ihn rufen, wenn wir gehen wollten. »Scheußlich, so `n einsames Weihnachten«, sagte ich, nur um dem Alten eine Chance zu geben, sich auszusprechen, wenn es das war, was er brauchte. »In Ihrem Alter sollte man nicht mehr Weihnachts- mann spielen, hinterher ist es nur schlimmer.« »Weihnachtsmann…«, er schüttelte den Kopf, »ei- gentlich bin ich ein Zwerg, weißt du.« »Okay«, sagte ich, »also kein Weihnachtsmann.« »Ein richtiger Zwerg. Ein bißchen besoffen, aber echt. Zwerg Nummer sieben.« Er blickte mich prü- fend an. »Soll ich dir meine Geschichte erzählen?« »Red nur«, ermunterte ich ihn. »Ich hör dir zu. Weil Weihnachten ist.« »Du hast von den sieben Zwergen gehört?« »Klar, hinter den sieben Bergen. Ist lange her.« »Verdammt lange.« Er drehte sich um, lehnte die Schulter gegen den Tresen, breitete seine Arme über die Platte, klammerte die faltigen Hände an die Mes- singkante, sprach an mir vorbei in den dunklen Raum. »Du mußt wissen, ich bin nicht von hier.«, »Nein, von drauß' vom Walde kommst du her…« »Quatsch. Vom Aldebaran.« Er überzeugte sich mit einem Seitenblick, ob ich lachte. Ich schmunzelte nicht einmal. Wenn es ihm Spaß machte, sollte er von mir aus vom Großen Bären kommen. »Wirklich, vom Aldebaran.« »Das finde ich schön«, sagte ich, »daß die Leute vom Aldebaran so aussehn wie Weihnachtsmänner, entschuldige, wie Zwerge.« Er kicherte. »War `n Versehen. Du weißt doch, was Materilisation ist?« Das Wort bereitete ihm Schwierigkeiten, es klang eher wie Marilisohn. Er versuchte es ein zweites Mal. »Ich hab's schon verstanden«, sagte ich, »Materili- sation. Kenn ich. Ich seh mir alle Science-Fiction- Filme an.« »Na also.« Er goß uns nach. »Prost! Ein schöner Planet, hat unser Kommandant gesagt, es wird euch gefallen. Uns war alles recht, Hauptsache, wir beka- men wieder mal festen Boden unter die Füße. Und Füße! Allerdings, so sagte der Kommandant, wäre die Gestalt, die wir annehmen müßten, ein wenig un- gewöhnlich. Und ob!« Der Alte grunzte, strich mit den Händen über den Leib. »Aber ein Planet der Klasse S, kaum bewohnt, genug Platz, um in Ruhe zu arbeiten, ohne dauernd mit den Eingeborenen zu- sammenzustoßen.«, »Mit uns?« »Klar, mit wem sonst?« Ich mußte lachen, verschluckte mich, rang nach Luft, der Alte wummerte mit der Faust auf meinen Rücken, daß ich zusammenzuckte. »Hör auf«, schrie ich. »Mann, hast du eine Kraft, in deinem Alter!« Er sah mich wütend an. Seine Augen waren von einem eigenartigen wäßrigen Blau. »Du glaubst mir nicht, was?« »Entschuldige«, sagte ich, »ich mußte nur lachen, weil du ›unbewohnt‹ gesagt hast. Ich finde, die Erde ist übervölkert.« »Ja, heute. Aber damals Unmengen von Wald, Steppen, Wüsten, kaum Felder, winzige Ortschaften und nirgends Anzeichen einer technischen Zivilisati- on, das konnte man schon aus dem Orbit sehen. We- der Straßen noch Schienen, kein Luftverkehr, Schif- fe, die mit Windkraft fuhren, Wagen, die von Tieren gezogen wurden wir landeten in einem Waldgebiet weitab von jeder Ortschaft, wir sollten ja in aller Stil- le den Planeten erforschen, Kontakt möglichst ver- meiden.« Er goß ein, kippte den Schnaps hinunter, wischte sich die Lippen, sein Bart war echt. »Beim ersten Kontakt mußten wir feststellen, daß bei der Mate-ri-li-sation«, er nickte zufrieden, »eine Panne passiert war., Gewiß, wir hatten richtige Gesichter, zwei Beine, zwei Arme, Hände… das stimmte alles, aber wir wa- ren viel zu klein. Und die Schädel! Kein Mensch hat- te solche Spitzschädel. Hier.« Er zog die Mütze vom Kopf. Weiß der Himmel, er hatte einen gewaltigen, spitz zulaufenden Schädel. »Was hättest denn du in so `ner Situation getan?« »Mich umgebaut«, sagte ich. Der Alte machte mir Spaß. Nicht, daß ich auch nur ein Wort geglaubt hät- te, aber es war amüsant, ihm zuzuhören. Entschieden besser, als allein vor der Glotze zu hocken. »Wenn ihr euch materialisieren könnt«, jetzt hatte auch ich Schwierigkeiten, es auszusprechen, »dann könnt ihr euch bestimmt umbauen, wie ihr wollt.« »Eben nicht. Das geht nur an Bord des Raum- schiffs, und das war längst weg.« Er schüttelte trau- rig den Kopf. »Wir mußten so bleiben, wie wir wa- ren. Also haben wir die Köpfe unter Kapuzen ver- steckt, wenn wir die Station verließen. Zum Glück trafen wir nur selten auf Menschen, und wenn, dann waren sie eher zutraulich als ängstlich, vor allem die Kinder, sie nannten uns Zwerge, und bald wußten wir, warum, sie hielten uns für Gestalten aus ihrer Fabelwelt. Wir haben diese Rolle angenommen, Hauptsache, man ließ uns in Ruhe.« »Du sagst immer ›wir‹ und ›uns‹ wie viele seid ihr denn?« »Wir waren sieben.«, »Die sieben Zwerge«, sagte ich, »fehlt nur noch Schneewittchen ›so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz‹.« Das Märchen kann- te ich auswendig, so oft hatte es mir Großmutter vor- gelesen. »Ja, schön war sie«, sagte der Alte. »Wunder- schön. Ich sehe sie noch vor mir.« »Du mußt verdammt alt sein«, meinte ich, »wenn du sie mit eigenen Augen gesehen hast.« »Für menschliche Begriffe schon, für uns je- doch…« Er griff nach der Flasche. Woher auch im- mer er sein mochte, saufen konnte er. Bei dem Tem- po wäre ich längst vom Hocker gefallen. »Ihr habt also im tiefen Wald gelebt«, sagte ich , »und eines Tages, als ihr gerade unterwegs wart, kam Schneewittchen in euer Häuschen: ›Da stand ein weißgedecktes Tischlein mit sieben kleinen Tellern, jedes Tellerlein mit einem Löffelein, ferner sieben Messerlein und Gäblein und sieben Becherlein. An der Wand waren sieben Bettlein nebeneinander aufgestellt und schneeweiße Laken darübergedeckt‹ eine Bodenstation der Außerirdischen habe ich mir eigentlich anders vorgestellt.« Wenn er mir schon solch einen Bären aufbinden wollte, dann sollte er sich auch was einfallen lassen. »Das Häuschen«, sagte er, »war nur Attrappe. Falls uns mal jemand nachspionierte. Hinten stieß es an eine Felswand, eine Höhle, in der war die eigent-, liche Station. Aber es stimmt, wir haben da vorne gegessen. Da wir menschliche Gestalt angenommen hatten, mußten wir nun auch irdische Nahrung zu uns nehmen. Auch die ›Bettlein‹ gab es, doch geschlafen haben wir da nicht, wir hatten natürlich vollautomati- sche VI-Kammern in der Station.« »Aber Schneewittchen lag in einem der Betten?« »Wie denn? Sie hätte kaum hineingepaßt. Nein, sie hockte zusammengekrümmt auf dem Boden, die Arme fest um die Knie geschlungen, und heulte, ein Bild des Jammers.« »Kunststück«, sagte ich, »nach allem, was sie hin- ter sich hatte: eine Prinzessin, aus dem Schloß ver- stoßen, in den Wald geschleppt…« Der Alte winkte ab. »Ja, die Geschichte von der bösen Stiefmutter, die auf ihre Schönheit eifersüchtig war und sie deshalb umbringen lassen wollte, hat sie uns aufgetischt, aber wir haben kein Wort geglaubt. Soviel wußten wir längst: so sah kein Mädchen der Oberklasse aus nicht nur wegen der Kleidung, ihre Hände haben sie verraten. Sie konnte höchstens Magd im Schloß gewesen sein.« »Jetzt verstehe ich das«, sagte ich. »Ich habe mich immer gewundert, wie die sieben Zwerge einer Prin- zessin so ein Angebot machen konnten: ›Willst du unsren Haushalt versehen, kochen, betten, waschen, nähen und stricken, und willst du alles ordentlich und reinlich halten‹ eine Prinzessin?«, Der Alte grinste. »An unserer Kleidung gab es nichts zu waschen und zu flicken faß mal an!« Er hielt mir den Ärmel hin. Der Stoff fühlte sich eigenartig an, das mußte ich zugeben. »Und kochen? Sie kochte so hundsmiserabel, daß wir schon glauben wollten, sie sei wirklich eine Prin- zessin. Aber gefegt und gewischt sauber war sie. Ein einfaches Mädchen ohne jede Bildung, leichtgläubig sie wunderte sich nicht, daß sie auf Zwerge getroffen war, sie akzeptierte uns ohne Fragen –, einfältig und gutmütig. Herzensgut, wie man damals sagte.« »Und wo hat sie geschlafen? Du sagtest, du bist Nummer sieben…« »Ich weiß schon, was du meinst«, unterbrach er mich wütend, »ich kann das Märchen auch auswen- dig: ›Der siebente Zwerg aber schlief bei seinen Ge- sellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht her- um.‹ Nein, wir haben ihr ein Lager auf dem Dachbo- den eingerichtet hätten wir es nie getan! Ich hätte sie rausschmeißen sollen, auf der Stelle, bevor es zu spät war.« »Das verstehe ich nicht. Muß doch schön gewesen sein, wenn ihr nach Hause kamt, und da erwartete euch ein hübsches Mädchen.« »Schön? Eine Katastrophe! Mit der menschlichen Gestalt hatten wir auch eure Sinnlichkeit bekommen. Wir wußten es nur nicht. Wir hatten keine Ahnung,, daß dieser Zipfel nicht nur dazu da war, die ver- brauchte Flüssigkeit auszuscheiden. Kannst du dir vorstellen, wie erschrocken wir wa- ren, als wir zum ersten Mal erlebten, wie das un- glückselige Glied anschwoll? Wir dachten an eine Krankheit, eine Seuche, an das Ende unserer Mission nun, das war es ja gewissermaßen auch. Warum grinst du so?« »Entschuldige. Ja, das muß ziemlich verwirrend gewesen sein.« »Für uns schon, nicht für Schneewittchen. Sie blickte mit großen Augen auf die Ausbuchtungen in unseren Wämsern, lachte, zog Nummer eins zur Sei- te, verschwand mit ihm auf dem Boden; als er mit verklärtem Blick zurückkam, flüsterte der Nummer zwei etwas ins Ohr, und der stand auf.« »Sag nur, sie hat…?« »Sie hat. Nicht alle am er- sten Abend, aber… Ich schäme mich noch heute, wenn ich daran denke. Ich war doch Nummer sieben, der Leiter der Ex- pedition der Leiter hat immer die höchste Nummer, verstehst du? –, wenn ich nur geahnt hätte, was da geschah, ich hätte es von Anfang an unterbunden. Aber danach? Wie? Die Disziplin war zum Teufel, die Crew hatte nur noch einen Gedanken: Schnee- wittchens schneeweiße Schenkel ›ihre Haut so weiß wie Schnee, ihre Haare so schwarz wie Ebenholz und ihre Lippen so rot wie Blut‹ –, ich konnte sie nicht, halten. Als ich drohte, ich würde sie mit der Strah- lenwaffe daran hindern, zu Schneewittchen hinaufzu- steigen, waren über Nacht alle Waffen verschwun- den. Ich habe nie eine wiedergefunden, sonst…« Er verriet mir nicht, was sonst geschehen wäre, er starr- te in sein Glas. »Also ein Flittchen«, sagte ich enttäuscht, »eine Nymphomanin. Das hättest du mir lieber nicht erzäh- len sollen, Schneewittchen war immer ein Traum für mich.« »Du solltest sie nicht verurteilen«, sagte der Alte. »Ja, sie war sinnlich, sinnesfroh, aber das muß man verstehen. Sie war jung, und da waren sechs verlieb- te, junge, kräftige Burschen sehr kräftig gebaut, du verstehst, was ich meine? –, die verrückt nach ihr waren, ihr nachstellten, um sie herumschwänzelten.« »Du wohl nicht?« »Nein, ich nicht.« »Weil du Nummer sieben warst, der Chef?« »Auch. Aber mir fiel es leicht, ihr nicht nachzu- stellen. Ich war ja viel älter als die anderen, und das blieb ich auch als Zwerg.« »Trotzdem«, meinte ich, »Sex zu sechst, das ist ein starkes Stück.« »Nicht zu sechst«, widersprach er. »Wenn, dann wäre es ja auch zu siebt gewesen, nicht wahr? Nein, Schneewittchen ließ nie mehr als einen zu sich.« »Das gab eine Menge Streit, was?«, »Warum? Wir kannten keine Eifersucht. Schnee- wittchen bestimmte, wer zu ihr durfte, jeder hat das akzeptiert.« Also ein umgekehrter Harem, dachte ich, warum eigentlich nicht? Mir fielen auf Anhieb etliche Frau- en ein, denen es wohl gefallen würde, sich einen Ha- rem zu halten. »Und wenn sie mannstoll war, wie du es nanntest – konnte sie dafür? Es gibt Menschen, da liegt es in der Natur, ist genetisch programmiert. Dieser Trieb ist doch ein Stück eurer Natur, Sex, das darfst du nicht vergessen, ist die Triebkraft, die die Evolution der Säuger auf der Erde vorangetrieben hat, ein er- staunlich einfacher, aber sinnvoller Mechanismus ob es bei uns auch mal so war?« »Habt ihr keinen Sex?« »Nein.« »Wie vermehrt ihr euch dann?« »Ganz anders. Ich kann dir das nicht erklären. Die Reproduktion geschieht völlig unpersönlich, wir ha- ben keine Sinnlichkeit.« »Da seid ihr aber zu bedauern«, entfuhr es mir. »Ja, vielleicht.« Er schloß die Augen, strich sich über den Bart. »Schneewittchen«, erinnerte ich. »Sie war eine mitleidige Seele. Sie hat mir mal ge- standen, daß es ihr längst zuviel wurde, aber sie brachte es nicht übers Herz, meine Jungens abzuwei-, sen. Sie war richtig froh, daß ich nicht auch noch in ihr Bett wollte. Eigentlich haben wir uns ganz gut verstanden.« Er versank wieder in seine Gedanken. »Was war mit der bösen Stiefmutter? Spieglein, Spieglein an der Wand.« Ich wollte nun auch noch den Rest seiner verrückten Version vom Schneewitt- chen hören. »Es gibt keine Stiefmutter. Ja, man hatte sie aus einem Schloß verjagt, aber das war keine Königin, sondern eine eifersüchtige Gräfin, deren Mann Schneewittchen nachstellte. Ich habe ihr geglaubt, daß sie nichts mit dem Gra- fen hatte, ihm nicht einmal schöne Augen gemacht hat ein Mann mußte sie ja nur ansehen, um ihr zu verfallen.« »Also kein vergifteter Apfel.« »Auch kein Kamm, kein Mieder.« »Schade«, sagte ich, »das war immer das Erre- gendste für mich, die böse Königin, die ihren Spiegel befragt, und der antwortet: ›Aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist tau- sendmal schöner als Ihr.‹ Obwohl ich doch wußte, wie es ausging, habe ich mich jedesmal ängstlich an Großmutter geschmiegt, wenn die Stiefmutter aus- zog, das Schneewittchen umzubringen.« »Ja«, sagte er versonnen, »es ist eine schöne Ge- schichte, nicht wahr?« »Und dann der gläserne Sarg!«, »Ja, der Sarg.« Er seufzte tief, goß den Rest des Korns in sein Glas. Ich ging hinter den Tresen und holte uns eine neue Flasche. »Den gläsernen Sarg hat es gegeben.« »Ach ja? Erzähle!« »Irgendwie mußte ich meine Leute doch wieder zur Disziplin bringen. Wir hatten nur einen Bruchteil unseres Programms erledigt, kannten nur diesen Teil des Planeten, aber sie weigerten sich, länger als nur einen Tag die Station zu verlassen. Was sollte ich tun?« Es sah aus, als kämpfe er mit Tränen. »Ich«, sagte er, »ich habe sie vergiftet. Nur be- täubt. Ich hätte es nicht über mich gebracht, Schnee- wittchen zu töten. Ich habe sie in ein Koma versetzt, ich wollte sie heimlich wieder ausgraben und fort- bringen, aber meine Leute…« »›Sie legten es auf eine Bahre‹«, zitierte ich, »›und setzten sich alle sieben daran und beweinten es und weinten drei Tage lang. Da wollten sie es begraben, aber es sah noch so frisch aus wie ein lebender Mensch und hatte noch seine schönen roten Backen. Sie sprachen: Das können wir nicht in die schwarze Erde versenken, und ließen einen durchsichtigen Sarg aus Glas machen…‹« »›Dann setzten sie den Sarg hinaus auf den Berg‹«, fuhr der Alte fort, »›und einer von ihnen blieb immer dabei und bewachte ihn.‹ So war es. Na-, türlich haben wir selbst den Sarg gemacht, und es war kein Berg, sondern ein Hügel, aber das mit der Wache stimmt, ich konnte nichts unternehmen.« »Und, kam der Königssohn?« »Ein König. Es war wirklich ein König, einer der vielen kleinen Herrscher, die es damals gab, nicht mehr jung, aber ganz ansehnlich. Ich war heilfroh, als er Schneewittchen mitnehmen wollte, das kannst du dir denken. Zu einer Wunderheilerin, die sie wie- der lebendig machen sollte. Ich habe die Nachtwache übernommen und Schneewittchen so präpariert, daß sie am nächsten Tag aufwachen mußte. Ich dachte, das Problem sei ich für alle Zeiten los, aber meine Leute gingen mit, ich konnte toben, wie ich wollte.« »Du hast doch versucht, sie zurückzuholen?« »Später. Zuerst habe ich mich in der Station ver- krochen. Kannst du dir nicht vorstellen, wie wütend, wie verzweifelt ich war? Ich hatte doch als Leiter völlig versagt. Dann kam ich wieder zur Besinnung. Ich hatte kein Recht, mich von Emotionen treiben zu las- sen. Es war nicht schwer, ihre Spur zu finden. Alle Welt erzählte sich von der schönen Königin und ih- ren sechs Zwergen. Stell dir vor: meine Leute als Hofnarren! Nur, um in Schneewittchens Nähe zu sein. Ich ha- be sie nie wiedergesehen. Ich kam drei Wochen zu spät.«, Der Alte war ein überaus überzeugender Märchen- erzähler, er schien völlig mitgenommen von seiner Geschichte, sogar Tränen rollten über die faltigen Wangen und verloren sich im Dickicht des Bartes. »Schneewittchens Mann hat sie umbringen lassen. Es hieß, sie habe es mit den Zwergen getrieben mag sein, daß sie den König mit meinen Jungs betrogen hat, wenn, dann sicher aus Mitleid, aber es gab wilde Gerüchte von schwarzen Messen und nächtlichen Orgien, die Zwerge hätten die Königin verzaubert.« Der Alte kippte seinen Schnaps hinunter und gleich noch einen zweiten. »Man hat sie alle sechs wegen Zauberei zum Tode verurteilt, und als sie öffentlich geköpft wurden, schien jedermann das Urteil ge- rechtfertigt, denn im gleichen Augenblick wurden sie unsichtbar, lösten sich in Luft auf.« Die Geschichte kannte ich doch? Dann fiel es mir ein. Die Sage von der verzauberten Königstochter. Der Alte brachte zwei Märchen durcheinander. Aber nicht ungeschickt. »In diesem Augenblick erlosch die Materilisation, verstehst du? Ich habe geheult vor Wut, daß ich mich nicht vier Wochen früher auf meine Pflichten als Ex- peditionsleiter besonnen hatte. Ich dachte daran, mich umzubringen, aber als ich in die Station kam, um die Meldung über das Scheitern unserer Mission abzusetzen, besann ich mich. Mein Tod würde alles nur noch schlimmer machen. Ich hatte die Pflicht, weiterzuleben.« »Und was hast du seitdem gemacht?« fragte ich ihn. »Es muß doch verdammt langweilig gewesen sein all die Jahre.« »Nicht langweilig, aber verdammt einsam. Ich ha- be gearbeitet. So gut ich konnte, den Planeten erforscht. Eure Entwicklung beobachtet. Gewartet, daß man mich abholt …« »Und in der Kneipe gesessen«, sagte ich. »Quatsch. Ich wage mich nur zu Weihnachten un- ter Menschen. Kein Mensch glaubt doch noch an Zwerge. Aber um diese Zeit falle ich nicht auf, jeder hält mich für einen alten Knaben, der Weihnachts- mann gespielt hat – nur Heiligabend setze ich mich in eine Kneipe; ihr Menschen seid ja eine ziemlich primitive Rasse, immer noch, aber, das muß man euch lassen, der Alkohol ist eine tolle Erfindung. Gieß noch mal ein.« »Schneewittchen hast du nicht wiedergesehen?« Ich zupfte ihn am Bart. »Kamst du nie in Versu- chung?« »Doch, oft. Einmal habe ich mich sogar auf den Weg gemacht, dann sagte ich mir, daß sie inzwischen eine alte Frau geworden sein mußte, und kehrte um. Ich wollte sie lieber so in Erinnerung behalten, wie ich sie gekannt hatte.« »Das verstehe ich gut! Ich kann mir Schneewitt-, chen auch nicht mit Runzeln und grauen Haaren vor- stellen.« »Ich habe immer an sie denken müssen.« Er seufz- te. »Auch heute noch was soll's, Schneewittchen ist lange tot.« »Sie lebt«, widersprach ich. »Solange es Men- schen gibt. Schneewittchen ist unsterblich. Wenn auch nicht dein Schneewittchen, sondern das aus dem Mär- chen.« »Ein schönes Märchen, nicht wahr?« Er lächelte versonnen. »Für mich das allerschönste«, bestätigte ich, »so poetisch.« »Ja, es ist mir ganz gut gelungen.« »Willst du etwa behaupten, daß du…?« »Ja, ich. Ich habe dieses Märchen in die Welt ge- setzt. Weißt du, Schneewittchen war schon zu Leb- zeiten zur Legende geworden, aber die Geschichte gefiel mir nicht, ganz und gar nicht! Mein Schnee- wittchen als verzauberte, sexbesessene Ehebreche- rin? Und meine Jungs als finstere Zauberer nein! Ich erinnerte mich an das Märchen von der bösen Stiefmutter, das Schneewittchen uns aufgetischt hat- te, als sie zu uns kam, und habe die Geschichte aus- gebaut. Das ›Spieglein, Spieglein an der Wand‹ ist meine Erfindung. Ich…« Der Wirt unterbrach ihn. Nun müßten wir aber ge-, hen, Polizeistunde. Es regnete nicht mehr, dicke Flocken rieselten zu Boden, an einigen Stellen lag schon ein wenig Schnee. »Mach's gut«, sagte der Alte. »Vielen Dank fürs Zuhören, hat mir richtig gutgetan.« »Mir auch.« Ich klopfte ihm auf die Schulter, er reichte mir nicht einmal bis zum Gürtel. »Hat mich gefreut, jemand kennenzulernen, der auch das Schneewittchen liebt.« »Weiß ich, was Liebe ist?« fragte er. »Wenn man unentwegt Sehnsucht hat, wenn man glaubt, ohne den anderen nicht mehr leben zu kön- nen…« »Dann liebe ich sie immer noch.« Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Der Alte schien in der Luft zu schweben. »Und fröhliche Weihnachten, das hätte ich fast vergessen«, rief er mir zu, dann verschwand er in der Dunkelheit der Nacht.,

Die Contessa

»Jup!« schrie Pjotr, so laut, daß alle erschrocken zu ihm hinübersahen. »Jup, jup, jup!« Pjotr hatte Marina versprochen, den Fluch nie mehr in ihrer Gegenwart auszustoßen, und in den letzten Tagen hatte er nicht einmal mehr die Kurz- form benutzt. Was war los? »Connection plocho«, sagte Pjotr in dem eigenar- tigen Pilotenslang aus Englisch und Russisch, den sie alle beherrschten. Jonas verstand es ohne weitere Er- klärung: Die Verbindung zu Baikonur war abgeris- sen. Und innerhalb der nächsten zwanzig Minuten mußten sie landen. Der Treibstoff war ausgegangen, Turbulenzen hatten sie immer wieder zu Bahnkorrek- turen gezwungen, schon zwei Umkreisungen früher als geplant mußten sie zur Landung ansetzen. Sie hatten gehofft, Baikonur würde ihnen einen Flug- platz zuweisen, der noch intakt war und nun? Vor ihnen lag das Alpenmassiv, sie mußten versuchen, noch einmal höher zu gehen und sich ohne Bodenun- terstützung durchzumogeln. »Eine Hand immer am Schleudersitz«, befahl Pjotr, »was auch geschieht.« »Gott schütze uns«, sagte William, schloß die Au- gen und bekreuzigte sich. Jonas sah zum Nebensitz, Marina hatte die Augen, geschlossen, ihre Finger preßten sich um den roten Hebel, daß die Knöchel weiß hervortraten. Jonas leg- te die Hand beruhigend auf ihren Arm. Er hatte Angst, Marina könnte den Daumen herunterdrücken, bevor Pjotr das Kommando gab, könnte sich aus Versehen hinauskatapultieren und damit den Raum- gleiter zum Absturz bringen. Marina lächelte ihn ge- quält an. Jonas blickte an ihr vorbei aus dem Bord- fenster. Dichtes wattiges Grau. Über die Tragflächen huschten Ströme von Wassertröpfchen, die auf dem kalten Metall kondensierten. Er sah zum Höhenmes- ser: fast dreitausend Meter. Und Pjotr zog die Ma- schine nicht hoch. Reichte der Treibstoff nicht mehr? Ein Vabanqueflug. Ihre Chancen bestimmt nicht hö- her als im Spielsaal. Sie konnten nur hoffen oder be- ten, wie es William in diesen Minuten bestimmt tat, seine Lippen bewegten sich stumm. Sie waren ganz auf die Echos der Radaranlagen und auf Pjotrs Reak- tionsgeschwindigkeit angewiesen. William war ein hervorragender Copilot und un- übertroffen in der Kunst des Landens, doch in Gefah- rensituationen reagierte er mitunter eine hundertstel Sekunde zu spät. Jeden Augenblick konnte die Wand eines Dreitausenders vor ihnen auftauchen – gab es nicht sogar Viertausender in den Alpen? Rien ne va plus. Aber er wußte, worauf er sich einließ, wenn er in, den Kontursessel geschnallt und der Raumgleiter von der Rakete in die Umlaufbahn geschossen wurde: buchstäblich ein Himmelfahrtskommando. Im dop- pelten Wortsinn. Immer noch besser, als Tag für Tag auf der Basis zu hocken, dem endlosen Fluß der Schreckensmel- dungen zuzuhören, die unaufhörlich aus den Laut- sprechern drangen – ihnen wurde nichts verheim- licht, sie mußten informiert sein –, heimlich Speeds zu schlucken, weil kein Mensch das aushalten konn- te, ohne sich zu dopen, sich wenigstens zu besaufen, sobald der Dienst zu Ende war, den Sold zu verspie- len William nicht, aber der hatte seinen Gott. Auch Pjotr spielte und soff nicht, fixte nicht, schluckte nichts außer Traubenzuckertabletten, Pjotr war ein Fels im Meer der allgemeinen Auflösung. Aber er machte sich mit Flüchen Luft, er beherrschte Flüche aus allen Sprachen Europas, und jetzt fluchte er un- entwegt und ungeniert laut vor sich hin. »Fuck it. Merde. Porca miseria. Leck mich am Arsch. Jup twoja matj…« Unversehens riß die Wolkenschicht auf, sie tauch- ten in ein von schmutziggrauen, zerfransten Wolken- rändern gesäumtes Loch klarer Luft und in ihm, viel- leicht noch tausend Meter entfernt, flog ein Jumbo- jet! Pjotr riß die Maschine hoch, so steil, daß Jonas in den Sitz gepreßt wurde, als würden sie in Baikonur, in den Himmel geschossen, Pjotr mußte alle Siche- rungen herausgerissen haben. William faßte sich schreiend an die Brust, bestimmt hatte es ihm die Rippen zerquetscht, auch Marina schrie. »Jump!« brüllte Pjotr. Jonas drückte mit aller Kraft auf den roten Knopf, wurde hochgerissen, daß ihm die Sinne schwanden. Er preßte Luft in die Lun- gen, wie er es auf der Basis trainiert hatte, schaffte es, die Augenlider um einen schmalen Spalt aufzu- zwingen, sah, wie der Raumgleiter sich haushoch unter ihm in das Leitwerk des Jumbos bohrte, ein Riesenstück blauweißes Metall segelte wie in Zeitlu- pe zu Boden, der Raumgleiter schoß aufheulend ins Tal, zersägte die Luft mit unerträglich schrillen Tö- nen, zerschellte, ein Pilz aus Feuer und Qualm wuchs über der Bergwand. Ein Ruck, der Jonas den Atem nahm, dann ließ der Druck nach, der Schleudersitz pendelte, der Fall- schirm hatte sich geöffnet. Jonas holte tief Luft. Auch der Jumbo schoß jetzt kopfüber zu Tal, glitt parallel zu der steil abfallenden Felswand, ging mit ihr in sanfteren Schwung über, hüpfte, rüttelte dieser Teufelskerl von Pilot bremste den Jet mit dem Bauch auf den Felsen! Die Tragflächen splitterten ab, doch der Rumpf hielt, zerbarst erst, als die Maschine »stand«. Jonas sah noch, wie sich die Notrutschen ausstülpten, wie dicke Trauben von Menschen aus der Maschine sprangen, rutschten, kletterten, da er-, faßte ihn eine Bö und trieb ihn gegen den Berg. Er mußte sich konzentrieren. Die Hilfsrakete nicht zu früh zünden, den richtigen Zeitpunkt abwarten was war der richtige? So etwas gab es in keinem Trai- ningsprogramm. Marina und Pjotr »sprangen« schon über den Grat, William schaffte es nicht, sein Sitz knallte gegen die Wand, der Fallschirm legte sich über eine Felsnase, ein weithin leuchtender Orangefleck. Hoffentlich war er auf der Stelle tot, dachte Jonas. Dort würde nie- mand ihm helfen können, und William hatte nie eine Kapsel bei sich: für Katholiken sei Selbstmord noch immer Todsünde. Nur nicht so am Berg hängenblei- ben und langsam im Schleudersitz verrecken. Oder die Gurte lösen und in die Tiefe stürzen. Jenseits des Grats ertönten zwei Explosionen, Widerschein von Feuer brach sich an den Wolken. Jetzt! Der Sitz schnellte hoch, über den Grat, der Fallschirm zerriß knallend und knatternd, Jonas ver- suchte verzweifelt, mit den Fangleinen das Trudeln und Drehen unter Kontrolle zu bringen. Er stürzte zu Tal. Nirgends eine glatte Fläche zum Landen, nur steiler Hang oder spitze Felsen, Gewirr von Steinen, ein reißender Fluß. Scheiße, dachte er, das war's also. Da erblickte er die Reste von Pjotrs Schleudersitz, daneben die orangefarbene, zerfetzte Kombination der Kosmonauten, ein Stück weiter lag Marina, auch ihr Sitz in tausend Stücke zerrissen, und sie selbst, gevierteilt; Meter neben ihrem Körper lag der noch immer behelmte Kopf, die Arme, ein Bein. Es würg- te in seinem Hals. Was, zum Teufel, hatte sie so zu- gerichtet? Gleich würde er es wissen. Der Sitz prallte auf den Boden, hüpfte in schmerzhaften Stößen über das Gestein, kam zum Stehen. Keine Explosion. Jonas ließ die Hände in den Schoß sinken. Er hatte nicht die Kraft, sich aus dem Sitz zu befreien. Die Augen fielen ihm zu. Irgendwann schreckte er hoch, blickte zur Uhr. Hatte er einen ganzen Tag verschlafen, oder waren wirklich erst siebenundzwanzig Minuten vergangen, seit Pjotr »Jump!« kommandiert hatte? Er zwang sich, die Augen nicht wieder zu schlie- ßen, obwohl er unter sich die Überreste von Marina und Pjotr sah. Er löste die Halterungen, spürte, daß die Riemen dicke Blutergüsse auf seine Schultern gedrückt hat- ten; hoffentlich war die Wirbelsäule nicht geprellt, er schrie laut auf, als er sich hinstellen wollte. Die Trinkflasche war zerschmettert, Jonas würgte zwei Melanon trocken hinunter, wartete, bis der Schmerz erträglich wurde. Der Wind hatte sie über das Tal auf den gegenü- berliegenden Hang getrieben. Der Talgrund wurde fast völlig von einem reißenden Fluß ausgefüllt, nur an einigen Stellen waren noch die Reste eines jetzt überfluteten Weges zu erkennen, und zwischen Fluß, und Hang zog sich eine Kette von großen Schildern hin, einige waren umgestürzt. Zu seiner Überlebens- ausrüstung gehörte auch ein Teleskop, es steckte in der linken Beintasche, und es hatte den Absturz überstanden. Jonas richtete es auf ein umgestürztes Schild, ent- zifferte die kopfstehende Schrift, die in deutsch und in Worten, die italienisch sein mochten, verkündete: Sperrgebiet! Lebensgefahr! Wer weitergeht, wird ohne Warnung erschossen! Schilder entlang des Flusses, so weit er blicken konnte, aber den Hang konnte er ohnehin nicht ent- langklettern. Also hinunter, in das verminte Gebiet? Oder nach oben? Vierzig oder fünfzig steile Meter. Er war kein Alpinist. Und wozu sich noch diesen Felsen hinaufquälen, dachte er, dahinter liegt doch nur ein anderes ödes Tal. Die Alpen waren bis auf die übervölkerten Randgebiete längst aufgegeben, und er mußte hier mitten im Alpenmassiv sein. Die Kapsel schlucken und aus. Das Leben auf der Erde lohnte sowieso nicht mehr, nirgends. Vorher jedoch noch ein letztes Mal essen. Nicht die ganze Notrati- on, das Corned Beef und die Schokolade. Er drehte sich um, damit er nicht länger ins Tal blicken mußte. Niemand wird jemals erfahren, wo wir abgeblie- ben sind. Wozu auch. Ob Mutter noch lebte? Er starrte auf die Wand. Wenn er den Streifen dort oben, erreichte… Nun gut, einen Versuch würde er unter- nehmen. Wenn das Tal dort drüben jedoch verlassen war… Bring es hinter dich, befahl er sich, mach dich auf den Weg. Weg! Er mußte sich mit den Fingerspitzen in die Felsen klammern, jeden Riß, jeden winzigen Vor- sprung für die Füße nutzen, durfte keinen Blick in die Tiefe werfen, schob sich Zentimeter für Zentime- ter in die Höhe, erreichte tatsächlich den Streifen, konnte sich nur auf dem Bauch vorwärtsschieben, schaffte mit einer letzten Anstrengung den letzten halben Meter, klammerte sich an den felsigen Grat, zog sich hoch und starrte in die Mündung eines Ge- wehrs. Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Jonas erwachte in einer Hütte oder kleinen Scheu- ne, durch deren Dachritzen Dämmerlicht drang. Auf einem Lager aus Stroh, er fühlte die Halme an sei- nem Hals. Gefesselt. Stricke um die Handgelenke, die Füße, auch den Kopf konnte er nicht bewegen, ein Strick um den Hals hielt ihn am Boden fest. Er mußte schon Stunden hier liegen, die Finger waren geschwollen, sein Mund ausgedörrt. »Hallo, hallo!« Die trockene Kehle gab nur ein heiseres Krächzen her. Ein Gesicht schob sich in sei- nen Blickwinkel, ein Junge sah ihn finster an. »Wo bin ich? Warum bin ich gefesselt? Wer bist du?« Jonas wiederholte es auf englisch, versuchte es in französisch, der Junge starrte ihn unbewegt an., Sicher verstand er nur Italienisch. Wie hieß Wasser auf italienisch Acqua? Bitte hieß prego. Oder per fa- vore? »Acqua«, stöhnte Jonas, »prego, per favore.« Das Gesicht verschwand, er hörte eine Tür knar- ren, dann eine helle Stimme: »Contessa, Contessa!« Und Worte, die ihm nichts sagten. Contessa? Das hieß doch Gräfin. Ein Bursche mit hagerem Gesicht und kurzgescho- renen Haaren trat an sein Lager, dann erkannte Jonas, daß es ein Mädchen war. Sie löste den Strick um seinen Hals, die Fesseln an Händen und Füßen nicht, doch sie half ihm, den Kopf anzuheben, setzte eine Flasche an seine Lippen, ungeschickt, das Wasser rann über sein Kinn. Sie war nicht allein gekommen, hinter ihr standen drei Jungen, keiner älter als höchstens sechzehn, dünne Gestalten in geflickten Hemden und ausgewaschenen Shorts, aus denen magere Beine mit knochigen Knien ragten; sie waren barfuß, aber sie hatten Ma- schinenpistolen. »Russe?« Das Mädchen tippte auf das CCCP sei- ner Kombination. »Nein, Deutscher.« Sie sah ihn mißtrauisch an. »Alleman, Germanico, verstehst du?« »Ich verstehe dich gut, ich spreche deutsch. War- um seid ihr hier abgesprungen?« »Unsere Maschine ist abgestürzt.« Jonas berichtete, von dem Zusammenstoß mit dem Jumbojet, sie ver- zog keine Miene. Weder die Geistesgegenwart des Jumbopiloten noch die Mitteilung, daß es bei der Bruchlandung wahrscheinlich Hunderte von Verletzten, vielleicht sogar Toten gegeben haben mußte, schien sie zu be- eindrucken, sie übersetzte seine Worte mit unbeweg- tem Gesicht, nur als er von Marinas Ende sprach, zuckten ihre Lider. »Habt ihr das Tal vermint?« fragte Jonas. »Warum fliegt ihr immer noch?« fragte sie zurück. »Was macht ein Deutscher bei den russischen Solda- ten? Soldaten werden nicht mehr gebraucht, werdet ihr das nie begreifen?« »Ich bin kein Soldat, Meteorologe, wir fliegen für die Internationale Luftüberwachung. Wir kontrollie- ren den Zustand der Erde, die Veränderungen…« »Das interessiert mich.« Sie gab einen kurzen Be- fehl, seine Fesseln wurden gelöst, er durfte aufste- hen. Die Burschen beobachteten mißtrauisch, die Waffen im Anschlag, wie er Arme und Beine aus- schüttelte, die Hände massierte, um die Blutzirkula- tion wieder in Gang zu setzen und die entsetzlichen Nadelstiche zu vertreiben. »Komm mit!« Sie winkte ihm mit der Pistole, steckte sie dann in den Gürtel ihrer Jeans. »Versuch keine Dummheiten, meine Jünger würden dich auf der Stelle umlegen.«, »Deine Jünger?« Sie lachte nur und ging los. Ihr Lachen gefiel ihm. Auch die Art, wie sie leichtfüßig über den steinigen Boden glitt, ihre knabenhafte Gestalt er wunderte sich, daß er in dieser Situation an so etwas denken konnte. Noch nie hatte er solch ein Licht gesehen. Ein fah- les, milchiges Licht, das von nirgendwo kam und al- les schattenlos grau in grau tönte, die halbzerfallenen Gehöfte, die winzige Kirche, die kahlen Felswände, die nur wenig über dem Talgrund wie abgeschnitten in den Wolken verschwanden; es war, als säßen sie unter einem Milchglasdeckel in einem steinernen Topf, dessen Wände jeden Laut in dutzendfachem Echo brachen; irgendwo brüllte eine Kuh, kurz dar- auf schien rundum eine gewaltige Herde zu antwor- ten. Das Mädchen führte ihn zu einem Haus aus gro- ben Steinquadern, dessen Dach und Wände intakt waren, sogar Fensterläden gab es und vor einem der Fenster einen Blumenkasten mit Geranien; die Es- korte blieb wie selbstverständlich an der Tür zurück. »Setz dich.« Sie wies auf die Wandbank. »Hast du Hunger?« »Ja, und immer noch Durst.« Sie brachte ihm einen Krug Wasser, stellte dann einen Becher Milch auf den Tisch, eine Schüssel mit weißem Käse, ein Brett mit einem Stück Fladenbrot,, legte ihm ein Messer hin. Sie setzte sich und sah zu, wie er mit Heißhunger aß. »Wer bist du?« fragte er mit vollem Mund. »Was macht ihr hier?« »Die Fragen stelle ich, ist das klar?« »Roger. In Ordnung. Aber deinen Namen kannst du mir doch verraten, ich heiße Jonas.« »Antonia. Sind die Pyramiden schon überflutet?« »Nein. Auch der Kopf der Sphinx ragt noch aus dem Wasser.« »Du hast es selbst gesehen?« »Gesehen? Aus dieser Höhe erkennt man keine Details, dazu die Wolken wir machen Aufnahmen, multispektral, und werten sie aus.« »Ich würde alles dafür geben, wenn ich einmal die Pyramiden sehen dürfte.« »Du könntest sie nur mit dem Boot besuchen, und die Eingänge…« »Einmal um die Erde fliegen.« »Das ist kein Vergnügen, glaube mir.« »Trotzdem. Los, erzähle, wie sieht es aus?« Sie stützte die Ellenbogen auf den Tisch, legte den Kopf in die Hände, sah ihn erwartungsvoll an. Sie hatte lange dichte Wimpern. Und einen schönen Mund. Wo beginnen? Wie erzählt man einen Weltunter- gang? Er begann mit der Schilderung eines Starts, wie es war, wenn der Raumgleiter in den Himmel geschossen wurde, dann die Erde umkreiste, jede, Stunde einmal, auf einer Bahn, die über die Pole führte. Nicht nur in Baikonur starteten die Raumglei- ter für die Luftüberwachung, alle Raumfahrtbasen waren in dieses Programm einbezogen, wozu sonst sollten sie noch dienen. Nur die Raumgleiter und Nachrichtensatelliten wurden in den Orbit gebracht. Aus der Traum von der Eroberung des Mondes, der Planeten; Landung auf dem Mars, auf den Jupitermonden. Die Mensch- heit durfte froh sein, wenn sie noch einen Platz auf der Erde behielt. Wie sollte er ihr beschreiben, wo gegenwärtig die Küstenlinien verliefen? Sie hatte keinen Atlas, nicht einmal einen Globus, auf dem er hätte zeigen kön- nen, wie weit die Ozeane schon vorgedrungen waren. Er zählte Städte auf, die untergegangen waren, be- gann in Italien: Venedig, Neapel, Rom, nannte Na- men, die sie kennen mochte: Marseille, Lissabon, Liverpool, London, Leningrad, Hamburg, Kopenha- gen, Kairo, Hongkong, Shanghai, New York, Los Angeles, San Franzisko… »Was glaubst du?« fragte sie. »Wird das Wasser immer weiter steigen, alles Land verschlingen?« »Die Modellberechnungen besagen, daß der Mee- resspiegel, selbst wenn die Polkappen völlig ab- schmelzen, nur um siebzig Meter steigt.« »Nur!« »Nicht nur die Gebirge werden aus dem Wasser, ragen, und es gibt Hoffnung, daß ein Großteil der Kontinentalschilde nicht überflutet wird, der Ab- schmelzprozeß hat sich stabilisiert, vielleicht kommt er sogar zum Stehen.« »Vielleicht«, sagte sie. »Und was ist dann?« »Das Klima wird sich stabilisieren. Die Tropen breiten sich aus, auch die Wüsten rund um das Mit- telmeer, zum Beispiel, wird eine mörderische Dürre herrschen –, die Subtropen rükken weiter nach Nor- den, bis nach Kanada und Skandinavien, hier werden Palmen und Zypressen wachsen. Weißt du, in der wärmsten Epoche der letzten siebenhunderttausend Jahre, dem Eem-Interglazial, war es im Durchschnitt nur zwei bis zweieinhalb Grad wärmer als vor dem CRASH, jetzt sind es bereits über drei Grad! Damals herrschte in Europa ein Klima wie in Afrika: Fluß- pferde in der Themse, Elefanten in Südengland, man hat ihre Gebeine bei Tiefbauarbeiten am Trafalgar Square gefunden. Vielleicht kommen sie jetzt wie- der?« »Tiger«, sagte sie. »Und Affen. Ganze Herden. Aggressive Affen mit Stöcken und Steinen.« »Es wird eine andere Erde sein. Das globale Sy- stem der Meeresströmungen hat sich verändert, die Winde wehen nicht mehr aus den gewohnten Rich- tungen, die Monsune bleiben aus, dafür toben auch in Europa Wirbelstürme. Tornados von einer mörderi- schen Wucht, wie man sie nicht einmal in den Staa-, ten kannte. Das wird so bleiben, sagen die Berech- nungen. Auch die Sintfluten. Die Computer…« »Und wie viele werden es überleben? Habt ihr das auch berechnet?« Ihr ohnehin blasses Gesicht war bleich vor Wut. »Ich bin nur verantwortlich für die Richtigkeit meiner Berechnungen!« »Entschuldige.« »Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse über die Zahl der Toten, aber inoffizielle Berichte sprechen bereits von einer Milliarde. Das Meer hat riesige Landstriche verschlungen, ganze Länder; Dänemark, Belgien, die Niederlande, Bangladesh…« »Es stimmt also«, sagte sie leise. »Und du hast es mit eigenen Augen gesehen?« »Man hat da oben nicht viel Zeit hinauszuschauen, und die Erde liegt fast ständig unter einer geschlos- senen Wolkendecke, aber Großbritannien ist in ein- zelne Inseln zerfallen, das habe ich selbst gesehen.« Sie hatte die Augen geschlossen, atmete schwer. Ein Glück, dachte er, daß man aus dem Orbit nicht das Elend auf der Erde sehen konnte, es sogar für Stunden verdrängen konnte, weil die Apparaturen alle Aufmerksamkeit verlangten, aber irgendwann landeten sie wieder, hörten die Nachrichten, nur noch Hiobsbotschaften. William hatte Hiob zitiert: »Über alle Bewohner der Erde bricht jähe Verwüstung her- ein bis an das Ende der Erde.« Oder war das von Je-, remias? »Wenn Babel auch bis zum Himmel hinauf- stiege, und wenn es seine Festung auf unersteigliche Höhen hinaufbaute, auf meinen Befehl kommen Verwüster über es, spricht Jahwe. Das Meer ist ge- gen Babel heraufgestiegen, durch den Schwall seiner Wogen wird es ganz bedeckt.« Aber es bedurfte nicht der strafenden Hand eines Gottes, die Menschen hat- ten es selbst bewirkt. »Ist das der Untergang der Menschheit?« fragte sie. »Ich weiß nicht, im Augenblick ist es eine neue Völkerwanderung. Hunderte Millionen Menschen zu Fuß. Es gibt keine Häfen mehr, und seit die Tornados und Turbulenzen die Maschinen reihenweise vom Himmel fegten, steigen nur noch Verzweifelte, die keinen anderen Ausweg wissen, in ein Flugzeug; auch in den noch nicht betroffenen Gebieten gibt es keinen Personenverkehr auf den Eisenbahnen, Ben- zin nur auf Sonderzuteilung.« Es mußte ein unvorstellbares, unfaßbares Elend in den Massentrecks herrschen, in den riesigen Feldla- gern, Tag für Tag ein paar Millionen verhungert, verdurstet, vergiftet, von Seuchen dahingerafft, wer krank wurde, war verloren; nicht nur in den asiati- schen Ländern, die am schwersten betroffen waren, überall brach die Infrastruktur zusammen, die Ver- sorgung mit Trinkwasser, Lebensmitteln, Energie. Wer nicht vor dem Meer flüchtete, floh vor den, Menschenmassen, die sich wie Heuschrecken- schwärme landeinwärts stürzten, nein, dahinschlepp- ten, um doch irgendwo elendig zu verrecken. Niemand konnte die Zahl der Selbstmorde, die Zahl der Kinder, die von ihren Eltern getötet wurden, auch nur schätzen. Wohin die Menschenwogen brandeten, dort tobten erbitterte Kämpfe, herrschte Gewalt, Terror, Panik. Polizei und Armee lösten sich auf oder wurden ent- waffnet, gelyncht. Es hatte Meldungen gegeben, daß Armee eingesetzt wurde, die Flut zu stoppen, die Menschenflut; nicht einmal der Einsatz schwerer Waffen konnte sie aufhalten, wie auch? »Jeden Tag«, sagte er, »kann die Nachricht kom- men, daß man irgendwo mit Kernwaffen einen To- desstreifen gezogen hat.« Hörte sie überhaupt noch zu? Er stand auf und trat ans Fenster. Es war kaum heller geworden, die Wol- ken deckten noch immer das Tal zu, nur links war ein Stück Grat zu erkennen, war er dort herüberge- kommen? Eine Glocke läutete, das Tal füllte sich mit Gestalten, die zur Kirche gingen, ausschließlich Ju- gendliche, auch ein paar Kinder, überwiegend Jun- gen, alle mager und bleich, barfuß, kaum bekleidet. »Wie spät mag es sein?« fragte er. »Mittag. Die Glocke läutet zum Essen.« »Es ist noch so dunkel.« »Aber es regnet nicht.« Sie stellte sich zu ihm., »Wir haben die Sonne schon lange nicht mehr gese- hen. Manchmal schimmert sie ein wenig durch die Wolken. Sonnenschein? Hat es den wirklich einmal gegeben? Blauer Himmel, Sonnenaufgang, Abendrot es scheint eine Ewigkeit her. Nur ein Traum. Viel- leicht war der Himmel nie blau? Vielleicht ist er grün?« »Schwarz«, sagte er, »schwarz mit einem fahl- blauen Streifen über den Wolken.« »Stimmt ja, du hast den Himmel gesehen. Ist er wirklich schwarz?« »Dort oben schon. Und voller Sterne.« »Sterne«, rief sie. »Ich habe den Kleinen ›Sternta- ler‹ erzählt, sie fragten mich, was das sei: Sterne?« »Den blauen Himmel hat es gegeben«, sagte er. »Ich erinnere mich gut an die tausenderlei Blau, die jetzt von den Wolken verdeckt werden. Wolkenver- hangen dieses Wort hat mich fasziniert, wenn ich es in einem Roman oder Gedicht fand, es schien mir poetisch und melancholisch, ich hätte nie gedacht, daß ich seine fürchterliche Realität erleben würde. Wolkenverhangen…«, er sprach es noch einmal aus, Silbe für Silbe. »Ich habe schon als Kind davon geträumt, mir einmal alle großen Gebirge der Erde anzusehen, nun stehe ich mitten in den Alpen, und was sehe ich?« Jonas starrte hinaus. Nichts als schattenlose grau- braune Steine, kahle, von den Wolken abgeschnittene, Wände. Aus dem Orbit hatte er die Gipfel des Hima- laja-Massivs gesehen, schartige Nadeln und Grate mit schneebedeckten Spitzen über dem milchigen Brei der Wolken, niemals aber würde er die Berge so sehen, wie er es sich erträumt hatte. Niemand mehr. »Und ich habe von den Pyramiden geträumt«, sag- te sie. »Das Tal der Könige, die Totenstadt von The- ben, die Tempel von Luxor, jetzt sind sie versunken. Ich wollte Ägyptologie studieren, ich hatte mich schon an der Universität von Neapel eingeschrieben, als der CRASH kam.« »Wie alt bist du?« fragte er überrascht. »Zwanzig. Ich weiß, ich sehe nicht so alt aus. Auch nicht wie ein Mädchen.« »Doch«, protestierte er. »Ich bin viel zu mager. Wir alle. Wir haben kaum satt zu essen. Aber wir leben, das ist doch schon viel heutzutage.« »Wie in einem Paradies, wenn man bedenkt, wel- che Hölle draußen tobt. Trotzdem, ich muß versu- chen, mich durchzuschlagen. Ist es weit bis zum nächsten bewohnten Gebiet?« »Warum? Was willst du da draußen?« »Ich werde gebraucht.« »Ach was, Menschen gibt es jetzt im Überfluß.« »Nur wenige mit meiner Qualifikation: Geologe und Pilot. Ich habe bei den Luftstreitkräften gedient, bevor ich studierte; deshalb hat man mich nach Bai-, konur geschickt, obwohl ich mein Examen noch nicht gemacht hatte, als der CRASH einsetzte.« »Ich glaube nicht, daß du Baikonur je wiedersehen wirst. Niemand darf unser Tal verlassen.« »Der Junge, der mich bewachte, hat nach einer Contessa gerufen, ist die Contessa der Chef hier?« »Ja.« »Ich muß sie sprechen. Bringe mich zu ihr.« »Ich bin die Contessa.« »Du?« Sie amüsierte sich über seine Verblüffung. »Bist du wirklich eine Gräfin?« »Ich heiße Graf. Contessa war schon mein Spitz- name, als ich ein Mädchen war.« Als wäre sie nicht immer noch ein Mädchen, dach- te er. Dieses magere Mädchen war also der Chef hier. Der Chef einer offensichtlich gut bewaffneten Bande von Halbstarken. Er hatte genug von den jugendli- chen Banden gehört, die versuchten, sich durchzu- schlagen. Rücksichtslos, brutal, erbarmungslos aber warum sollten sie Erbarmen haben, sie waren die Unschuldigsten, die Opfer, und sie kämpften um das nackte Leben. »Es gibt keine Möglichkeit, daß du mich gehen läßt?« »Nein. Auch keine Möglichkeit, heimlich abzu- hauen. Versuch es gar nicht erst. Selbst wenn du es schaffen solltest, wir würden dich jagen, und wir, kennen hier jeden Stein. Sei froh, daß du überhaupt noch am Leben bist. Wir töten sonst jeden, der uns zu nahe kommt, wir haben so schon zu viele Mäuler zu stopfen.« »Habe ich dir mein Leben zu verdanken?« »Meiner Neugier.« Es klopfte. Die Contessa ging hinaus. Jonas ver- nahm einen erregten Wortwechsel, er vermutete, daß es um ihn ging. Sie kam mit finsterer Miene zurück, die Brauen heruntergezogen, die Lippen zusammen- gekniffen, die Hand am Griff ihrer Pistole. »Komm!« Ihr Gesicht entspannte sich, als sie sah, wie er sich an die Wand preßte. »Keine Angst.« Sie lachte. »Du wirst nicht liquidiert. Du bekommst so- gar zu essen, aber du wirst es dir verdienen Luigi!« Ein Junge trat ein. »Luigi wird sich um dich küm- mern, er spricht deutsch.« »Meine Wache?« »Auch. Vor allem soll er dir helfen, dich zurecht- zufinden. Tu, was er dir sagt. Ohne Widerrede. Ver- sprochen?« »Gut«, sagte er, »versprochen.« Sie eilte davon, er wollte hinterherrennen, Luigi hielt ihn zurück. »Warum gehen wir nicht zusammen, Contessa«, rief er ihr nach. »Ich habe noch über so vieles mit dir zu reden.« Sie drehte sich nicht einmal um., Jetzt, da er etwas entspannter war, sah Jonas, daß die Gehöfte nicht erst seit kurzem verfallen sein konnten. Auch die Mauern der kleinen Kirche zeig- ten Risse. Im Kirchenschiff standen drei lange Rei- hen Tische und Bänke, an denen dicht an dicht Ju- gendliche saßen, viele bewaffnet, jeder einen Napf vor sich, doch niemand aß. Auch Jonas bekam am Eingang einen Napf, eine Kelle Suppe, ein Stück Brot und, nachdem Luigi ein paar Worte zu dem Mädchen, das das Essen ausgab, gesagt hatte, einen Löffel. »Das ist jetzt deiner«, sagte Luigi. »Paß gut auf ihn auf, du erhältst keinen zweiten.« Alle starrten Jonas an, eher neugierig als drohend, dann wandten sich die Köpfe wie auf Kommando zur anderen Seite. Auf der Empore vor den bunten Kirchenfenstern stand ein Tisch quer zu den anderen, dort schienen die ältesten Jungen zu sitzen, sie erhoben sich jetzt, die Contessa trat durch die kleine Tür, durch die einst der Priester den Altarraum betreten hatte. Alle stan- den auf. »Buon' appetito«, sagte die Contessa. »Grazie! Altrettanto!« antwortete es im Chor. Lui- gi stieß Jonas an das Ende eines der Tische. Die Contessa hatte in der Mitte der Empore Platz genommen, direkt unter dem hölzernen Kreuz, vor einem Ölgemälde, das unter dem Kruzifix an das, Holz genagelt war. Ein Madonnenbild? Die Frau auf dem Gemälde hielt ein Kind im Arm, aber ihr Lä- cheln war durchaus nicht überirdisch, sie trug ein schwarzes Spitzenkleid und glitzernden Schmuck, ihre Haare waren kunstvoll frisiert und sie hatte Ähn- lichkeit mit der Contessa, das sah man sogar aus die- ser Entfernung. Jonas beobachtete, wie die Contessa sich nach rechts und links unterhielt, ein Bild fiel ihm ein: Das Abendmahl von Leonardo da Vinci. Die Contessa und ihre Jünger. Er zählte sie, es waren zwölf. War auch unter ihnen ein Judas? »Iß!« Luigi stieß ihn an. Jonas löffelte hastig die Suppe, ein schwer definierbares Gemisch Kohl, Rü- ben, Kartoffeln? Es mußten weit über hundert sein, die hier unten saßen, dazu die Contessa und ihre Jün- ger. Und die Wachen. Viele Mäuler, dachte er. Doch niemand schlang, und niemand holte sich Nach- schlag. Und keiner war so alt wie er, nicht einmal wie die Contessa. Alle kurzgeschoren. Wie im Ge- fängnis. Aber war es das nicht? Und er war gefangen wie sie. Die Contessa hatte offensichtlich gewartet, bis auch der letzte sein Essen verdrückt hatte, jetzt stand sie auf und gab damit das Zeichen zum Aufbruch. Sie verließ die Kirche wieder durch die Seitentür, ihre Jünger nicht. »Einen Moment«, sagte Jonas, »ich möchte mir das Bild ansehen, darf ich?«, Es war natürlich nicht die Contessa, diese Frau war ein paar Jahre älter, aber die Ähnlichkeit war frappierend. »Santa Antonia«, sagte Luigi andachtsvoll. »Schön, nicht wahr?« »Wie eine Heilige«, bestätigte Jonas. Er traute sich nicht, Luigi zu fragen, ob sie die Contessa tatsächlich wie eine Heilige verehrten. Und warum. Luigi packte seinen Ärmel. »Komm, arbeiten.« Holz machen. Jonas sah mit Erstaunen und Re- spekt, wie die Kinder arbeiteten, wie geschickt sie mit Säge und Beil umgingen. Anfangs bedachten sie ihn mit ängstlichen und mißtrauischen Blicken, bald arbeiteten sie, ohne ihn zu beachten, schwatzten un- geniert, während sie Holz hackten; er bedauerte, daß es offensichtlich alles Italiener waren, er hätte zu gerne gewußt, worüber sie sprachen. Luigi hatte ihm die schwerste Arbeit zugeteilt: die Stämme und dicken Kloben mit Keilen spalten. Jonas packte zu, es tat gut, sich wieder einmal auszuarbei- ten, und es wäre ihm peinlich gewesen, weniger hart zu schuften als diese mageren Kinder. Er zog sich aus bis auf die Turnhose, trotzdem war er schweißgebadet, drückende Schwüle lastete jetzt über dem Tal. Er arbeitete bald ruhiger so wie es aussah, würde er genug Gelegenheit haben, sich aus- zuarbeiten –, legte Pausen ein wie die anderen, be- trachtete die Gegend. Ein Stück weiter machte das, Tal einen Knick. Es muß sich ziemlich weit hinziehen, dachte er. Es mußte hier Felder geben, Weiden für die Kühe. Er versuchte, Luigi auszuhorchen, aber Luigi antwortete nicht, er hatte die Maschinenpistole griffbereit neben sich stehen und hackte Holz, ohne Jonas lange aus den Augen zu lassen. Der Tag zog sich hin, Jonas wurden die Arme schon schwer, und die Schmerzen setzten wieder ein. Endlich läutete die Glocke. Wieder das Ritual mit dem Auftritt der Contessa. Jonas verkniff sich sein Grinsen, als er sah, mit wel- chem Vertrauen, welcher Hoffnung die anderen zur Contessa hinaufblickten, Augen, die in den hageren Gesichtern unnatürlich groß wirkten. Zum Abendessen gab es Milch, Brot und Käse. Nicht genug für einen ausgewachsenen Mann, der hart arbeiten mußte, fand Jonas. Aber alle hatten die gleiche Ration bekommen, niemand sah neidisch zum Nachbarn, ob der vielleicht ein größeres Stück Brot erhalten hatte. Das wird eine harte Zeit, dachte Jonas. Immer noch besser, als draußen in einem Treck zu stecken. Oder am Berg zu hängen – er muß- te die Contessa bitten, jemand auszuschicken, der William mit einem Gewehrschuß erlöste. Nach dem Essen brachte Luigi ihn zu einer Grup- pe, die sich um einen der Jünger scharte. Anbetung der heiligen Antonia? Oder die Befehlsausgabe für morgen? Nachrich-, ten! Der Jünger berichtete, was RADIO ROM ge- meldet hatte. Bewegte es sie, war es ihnen gleichgül- tig, daß nun auch Stockholm völlig aufgegeben war, daß Süditalien in Inseln zerfiel, daß der Gelbe Fluß zu einer Bucht des Chinesischen Meeres ausuferte? Ihre Gesichter verrieten es nicht. »Wir sind hier in Sicherheit«, schloß der Jünger. »Vergeßt das nie!« »Das vergessen wir nie«, antworteten alle im Chor. »Gelobt sei Antonia.« Ein Stück weiter hatten zwei andere Jünger Zuhö- rer um sich versammelt, eine große Gruppe der eine, etwa ein Dutzend der andere. »Wonach sind die Gruppen eingeteilt?« erkundigte sich Jonas. »Nach den Sprachen.« Luigi sah ihn an, als hätte er von selbst darauf kommen müssen. »Deutsch, Ita- lienisch und Englisch.« »Und wie seid ihr sonst organisiert? Wer teilt die Arbeit ein? Wer bestimmt…« »Hält's Maul, komm!« Luigi führte ihn in eine Scheune, wies ihm einen Platz in einer Ecke, abseits der langen Reihe der Lagerstätten, zu, einen Stroh- sack, eine Decke, ein Handtuch. »Waschen im Stall. Spare mit der Seife, aber rei- nige dich gründlich, ich werde es kontrollieren.« »Ich bin alt genug, mich selbst sauber zu halten«,, murrte Jonas. »So ist es bei uns«, erklärte Luigi, »einer hilft dem anderen. Auch daß er nichts vergißt.« »Schon gut.« Jonas spürte die Anstrengung der vergangenen Tage. Und den kommenden Muskelka- ter. Hoffentlich durfte er sich gleich hinlegen, noch war die Scheune leer, und er haßte Massenquartiere, den Chor der Schnarchenden. »Beeil dich«, sagte Luigi. »Die Contessa will dich sprechen.« Sie hockte auf einer niedrigen Bank vor ihrem Haus, in der Dunkelheit wirkte sie noch zierlicher, zerbrechlich. Sie war allein und schien unbewaffnet, aber vielleicht stand irgendwo eine Leibwache. »Du hast mich rufen lassen, dankeschön.« »Wofür bedankst du dich?« »Daß du mit mir sprichst. Ich habe begriffen, daß du hier so etwas wie eine Heilige bist, unnahbar.« »Ich habe Fragen«, sagte sie. »Viele Fragen. Und es tut mir gut, wieder mal mit einem Erwachsenen zu sprechen. Mit einem von draußen. Weißt du, Heilige können ziemlich einsam sein.« »Dieses Arrangement in der Kirche…. ich nehme an, du kennst das Bild von Leonardo?« »Klar, aber das war nicht meine Idee.« »Und das Bild am Kreuz, deine Mutter?« »Meine Großmutter. Ziemlich komisch, was?«, »Ein wenig merkwürdig schon. Santa Antonia… Darf ich mich setzen? Entschuldige bitte, wenn ich mich mal daneben benehme, ich habe keine Erfah- rung mit Heiligen.« »Spotte nur«, sagte sie. »Es ist sehr nützlich, wie eine Heilige behandelt zu werden; es erspart man- ches.« »Du bist von hier…« »Nicht aus diesem Tal.« »Wie kommt es, daß du deutsch sprichst, wir sind hier doch in Italien, nicht wahr?« »Ja. Ich bin Tirolerin, zweisprachig aufgewachsen. Viele von uns.« Sie lauschte in die Dunkelheit. Jonas vernahm nichts. Er fror, obwohl noch immer drük- kende Wärme herrschte, die Augen drohten ihm zu- zufallen. »Bei meinen Sachen waren Tabletten«, sagte er, als die Contessa sich ihm wieder zuwandte. »Ich brauche sie. Bitte.« »Bist du krank?« Sie rutschte erschrocken zur Sei- te. »Nein. Aber die Umstellung, der Übergang von der Schwerelosigkeit, verstehst du?« Er war froh, daß sie nicht weiterfragte; der Übergang von der Schwerelosigkeit machte ihm nichts aus, das hatte er oft genug erlebt, trainiert, doch er fühlte die Erschöp- fung nach all den Anstrengungen, und er mußte jetzt topfit sein: dies war vielleicht die Stunde, die über, sein weiteres Schicksal, sein Leben entschied. Er mußte Speeds schlucken. Und er wollte die Kapsel wiederhaben, die beruhigende Gewißheit, jederzeit Schluß machen zu können. Die Contessa ging ins Haus und brachte ihm das flache Medikamententäschchen, sie hatte auch an einen Becher Wasser gedacht. »Was macht ihr eigentlich, wenn jemand krank wird?« erkundigte sich Jonas. »Habt ihr einen Arzt?« Sie schüttelte den Kopf. »Jemand könnte eine Seuche einschleppen«, meinte er. »Das ist einer der Gründe, weshalb wir niemanden mehr aufnehmen.« »Magst du mir erzählen, wie es euch hierher ver- schlagen hat?« »Warum sollte ich?« »Ich möchte dich verstehen«, sagte Jonas. Sie sah ihn prüfend an. »Nun gut.« Sie lehnte sich an die Hauswand. »Ich bin hierher geflüchtet, als die Trecks in unser Tal kamen. Du kannst es dir nicht vorstellen, Hunderte, Tausende, sie haben im Hand- umdrehen alles geplündert, alle niedergemacht, mei- ne ganze Familie, haben sich gegenseitig erschlagen, am Boden zertrampelt.« »Nein«, sagte er, »das kann sich niemand vorstel- len, der es nicht erlebt hat.« »Wir waren vier, die überlebten. Vier von unserem ganzen Dorf. Drei Kinder und ich. Wohin? Ich erin-, nerte mich an dieses Tal. Weißt du, es wurde schon vor Jahren verlassen, weil ein Bergrutsch den Zu- gang verschüttet und die meisten Gehöfte zerstört hatte. Dann übernahm es die Armee, verminte die Hänge, Sperrgebiet aber ich hoffte, hier Hilfe zu fin- den, eine Zuflucht. Wo, wenn nicht hier? Um dieses Tal machen alle Straßen einen Bogen. Niemand öffnete, wir konnten schreien, so laut wir wollten. Zum Glück schaffte ich es, über das Tor zu klettern. Das Gelände war verlassen.« Sie starrte in die Dunkelheit. »Und die anderen? Ihr seid doch weit über hun- dert.« »Habe ich nach und nach hierhergeholt. Allein, das merkte ich schnell, würde ich es nie schaffen, es gab kaum Vorräte. Auch auf die Flucht gehen? Hier kannte ich mich aus. Ich wußte, wo in den Bergen Kühe und Schafe sein mußten, die die Trecks nicht gefunden haben konnten so habe ich die ersten ge- holt, Hütejungen aus dieser Gegend, dann verspreng- te Kinder, die ihre Leute verloren hatten.« »Warum keine Erwachsenen?« »Sicher, wenn ich jemand aus meinem Dorf ge- funden hätte, Bekannte, aber Fremde? Du bist der erste Erwachsene hier seit…« Sie schwieg abrupt. Er fragte nicht, er hatte Angst, mit einer falschen Frage alles zu verderben. »Jetzt verstehe ich«, sagte er, »daß du hier der Chef bist.«, »Ich bin die Älteste, das hast du ja gesehen, ich bin in dieser Gegend groß geworden, und ich weiß mehr als die anderen; ich habe zu Hause gelernt, wie man Korn sät und erntet, wie man eine Kuh melkt, sogar, wie man Brot bäckt. Schmeckt es dir?« »Etwas ungewöhnlich, aber es schmeckt. Ich kann mir vorstellen, daß es trotzdem nicht leicht ist, sich durchzusetzen.« »Jetzt schon.« »Die Burschen werden älter, eines Tages kann ei- ner auf die Idee kommen, daß du lieber seine Gelieb- te als seine Heilige sein solltest. Oder daß er ein bes- serer Chef wäre.« »Man würde ihn lynchen. Steinigen. Ich rate dir, komme nie in Versuchung.« »Ist es schon vorgekommen?« Keine Antwort. »Ich will ja nicht hierbleiben«, sagte Jonas. »Willst du nicht!« Sie kicherte. »Du weißt nicht einmal, in welche Richtung du gehen müßtest…« »Wenn hier ein Armeelager war, muß es eine Straße geben.« »Die haben wir längst verschüttet. Wir haben eine Lawine ausgelöst. Es gibt nur einen Weg, und du wirst ihn nicht mal erkennen. Selbst wenn du wür- dest nur hilflos durch die Berge irren. Die ganze Ge- gend ist verlassen.« »Kommt denn niemand mehr durch das Gebirge?, Das glaube ich nicht. Ich furchte, du wiegst dich in deiner Alpenfestung zu sehr in Sicherheit, du unter- schätzt die Massen der Flüchtenden, eines Tages werden sie auch in dein Tal kommen ist das wirklich noch nie geschehen?« »Was willst du hören? Ja, wir verteidigen unser Tal. Wir töten. Jeden. Wir sind zu Killern geworden, meinst du, das macht uns Spaß? Aber wir haben keine Wahl, wir können nicht einmal mehr Kinder aufnehmen, wir sind schon zu viele.« Weinte sie? Er hätte sie gerne in den Arm ge- nommen und getröstet, aber er traute sich nicht. Dann erschrak er. »Das heißt, daß ich wohl nicht mehr lange leben werde?« »Du fragst zuviel«, herrschte sie ihn an. »Und ich muß dir keine Rechenschaft geben. Ich habe dich nicht am Leben gelassen, weil ich einen Beichtvater brauche. Erkläre mir lieber, wie das alles gekommen ist, du behauptest, du bist Meteorologe, mußt es also wissen.« Wie war es gekommen? Die Experten stritten sich weiter, als ob es noch eine Rolle spielte, was den CRASH ausgelöst hatte. Nur eines war unbestritten, unbestreitbar durch eindeutige Fakten: Der von eini- gen lange vorhergesagte Treibhauseffekt war einge- treten, die Atmosphäre heizte sich auf, die jährliche Durchschnittstemperatur war zuerst langsam, dann, sprunghaft gestiegen, das Eis der Gletscher und Pol- kappen taute, die Meere stiegen. Was aber hatte letzt- lich den CRASH verursacht? Allein die ungeheure Vermehrung des Kohlendioxyds in der Atmosphäre? Svante Arrhenius hatte es schon vor hundert Jahren berechnet: Bei einer Verdoppelung des CO2-Gehalts würde die Durchschnittstemperatur auf der Erde um 4,6 Grad steigen, die modernen Computer hatten nichts anderes herausbekommen, und die CO2- Konzentration hatte sich fast verdoppelt durch die Abgase der Industrie, der Autos, durch die Vernich- tung der Wälder. »Weißt du«, sagte Jonas, »die Wälder haben große Mengen des Kohlendioxyds gebunden, aber die Tro- penwälder wurden kahlgeschlagen oder niederge- brannt, in den Industrieländern starb der Wald ›Baye- rischer Wald‹, ‹Böhmerwald‹, ›Schwarzwald‹…. das sind längst nur noch Namen, da steht doch schon lange kein Baum mehr. Wir haben in einem Jahrhun- dert das über Millionen von Jahren gewachsene Öko- system zerstört…« »Ich weiß«, sagte sie müde. »Erklär mir lieber, warum man nichts getan hat, um die Luft wieder sauber zu machen.« »Wie konnte man denn den ›zivilisierten‹ Men- schen zumuten, auf all die so ›unentbehrlichen‹ über- flüssigen Dinge zu verzichten? Welche Regierung hätte sich denn getraut, in ihrem Land ein Programm, der Bescheidenheit zu verkünden? Konsumsteigerung, Produktionssteigerung, das waren doch Fetische, unsere Götter. Von den Profi- ten gar nicht zu reden. Selbst die technisch längst mögliche Entgiftung al- ler Kraftwerke und Fabriken wurde nie ernsthaft be- trieben, allen Umweltprogrammen zum Trotz. Diese Kosten! Da hätte man ja auf Panzer, Bomben, Rake- ten verzichten müssen. Wir haben buchstäblich zum Himmel gestunken. Milliarden von Tonnen Kohlen- dioxyd ja, höhere Schornsteine wurden gebaut, da sanken die Meßwerte, weil die Schadstoffe sich jetzt über weite Gebiete verteilten. Und in die Höhe; und durch den längeren Aufenthalt in der Atmosphäre entstanden noch giftigere Substanzen. Wer hätte ge- wagt, den Autoverkehr einzuschränken, ein Tempo- limit auf sechzig…« »Und jetzt laufen Millionen zu Fuß«, sagte die Contessa. »Um ihr Leben.« »Der endgültige Auslöser war höchstwahrschein- lich die wachsende Konzentration der Spurengase in der Atmosphäre, die Stickoxide aus den Kunstdün- gern, aus dem Kerosin der Düsenflugzeuge, Methan, das beim Brandroden der Wälder freigesetzt wurde, aus den Reisfeldern aufsteigt, aus den Därmen der Kühe ja, lach nur, aber es gab schon zwei Milliarden Kühe auf unserem Planeten. Unser täglich Steak gib uns heute! Vor allem waren es die chlorierten Koh-, lenwasserstoffe, allen voran Freon und FCKW, die…« »Ich weiß«, sagte sie, »Fluorchlorkohlenwasser- stoffe. Die Spraydosen, nicht wahr? Aber die wurden verboten.« »Viel zu spät und nicht überall. FCKW wurde auch in der Industrie angewandt, zum Aufschäumen von Kunststoffen zum Beispiel, das wurde ebenso- wenig verboten wie die Verwendung als Kühlmittel in Kühlschränken und Klimaanlagen wer hat die ent- sorgt, wenn sie verschrottet wurden? Ja, es sind nur ›Spuren‹elemente, aber sie regulieren wie ein Ther- mostat die Temperatur in den erdnahen Luftschich- ten, die wärmeisolierende Wirkung der FCKW ist weitaus größer als angenommen, ein Molekül hat einen Heizeffekt wie zehntausend Moleküle Kohlen- dioxid.« Es hatte schon eine Weile genieselt, jetzt brach ein Wolkenbruch aus, sie flüchteten ins Haus. Während die Contessa die Haare trocknete, blickte Jonas sich um. Eine merkwürdige Behausung für das 21. Jahr- hundert, dachte er. Weder Video noch Soundbox, nicht einmal eine Lampe an der Decke, nur eine Glühbirne, Fenster ohne Scheiben, nackte Steinwän- de und selbstgezimmerte rohe Holzmöbel, Tisch, Bank, ein paar Hocker, eine Pritsche mit verwasche- nen Decken, auf denen PROPRIETA MILITARE stand. Und der größte Teil der Menschheit würde die, Contessa trotzdem darum beneiden. »Dein Jünger«, sagte er, »hat uns vorhin die Nach- richten von RADIO ROM mitgeteilt. Habt ihr noch Strom?« »Nein, und bald auch keine Batterien mehr, wir können uns nur einmal am Tag Nachrichten leisten.« Sie seufzte. »Ich würde so gerne wieder einmal Mu- sik hören.« »Gibt es hier ein Auto? Es könnte auch kaputt sein.« Sie schüttelte den Kopf. »Oder ein Fahrrad, mit Dynamo?« »Zwei Fahrräder haben wir, warum?« »Ich könnte versuchen, daraus eine Lichtmaschine zu machen.« »Dann wäre es ja sogar nützlich gewesen, dich le- ben zu lassen«, meinte sie. »Was kannst du noch? Vielleicht überzeugt es meine Jünger.« »Mußt du sie überzeugen?« »Ich muß nicht, aber überzeugen ist besser als be- fehlen.« »Ich habe eine Bitte, Contessa. Ich habe dir doch von meinem Kumpel erzählt, der am Berg hängt, kannst du jemand losschicken, der ihn…« »Befreit? Unmöglich.« »Ihm den Gnadenschuß gibt, wenn er noch lebt.« »Ich werde darüber nachdenken«, sagte sie. »Noch eines. Darf ich meine Sachen wiederha-, ben?« »Du brauchst nicht mehr als alle anderen. Deine Ausrüstung haben wir übrigens schon verteilt.« »Auch meine Brieftasche?« Sie holte sie unter dem Lager hervor, legte sie auf den Tisch, schüttete alles heraus. »Die Ausweise brauchst du nicht, auch kein Notizbuch, keinen Stift, das Geld…. ich wollte es den Kleinen geben, sie ha- ben so wenig zum Spielen. Vor allem keine Bücher. Wir haben die Überreste der umliegenden Dörfer durchstöbert, nirgends ein Buch. Sie haben sie wohl als Heizmaterial benutzt. Ein einziges besitze ich, Hemingway, ›Wem die Stunde schlägt, ich kann es fast auswendig. Kennst du Märchen?« »Ein paar«, sagte er, »Rotkäppchen, Dornröschen, Froschkönig…. was jeder kennt.« Sie gab ihm Notizbuch und Stift. »Schreib sie auf«, befahl sie, »erinner dich, so gut du kannst, und morgen wirst du den Kleinen etwas zur Nacht erzäh- len. Kinder brauchen Märchen.« »Ich möchte das Foto«, sagte er. Sie sah es sich an. »Deine Frau?« »Meine Mutter. Es ist ein altes Bild, aber auf dem sehe ich sie am liebsten.« »Lebt sie noch?« »Ich weiß es nicht. Sie ist vor einem Jahr geflüch- tet, seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört.« Sie gab ihm das Bild, faßte in alle Fächer der, Brieftasche. »Kein anderes Bild? Keine Frau, keine Freundin?« »Niemand, der um mich trauern wird.« Sie stellte einen Krug Wasser und zwei Becher auf den Tisch. »Setz dich«, forderte sie ihn auf. »Was ich noch wissen möchte: Warum habt ihr den CRASH nicht vorhergesehen? Ihr hattet bestimmt die modernsten Computer.« »Nicht so gute wie die Militärs, doch die hätten uns auch nicht geholfen. Der Zuwachs war anfangs schwer nachzuweisen. Panikmache, hieß es. Lagen die Werte nicht im Bereich der jährlichen Schwankungen, des statisti- schen Rauschens? Als es eindeutig wurde, war es zu spät. Selbst die Pessimisten hatten geglaubt, es wür- de ein langsamer Prozeß sein, den man notfalls noch stoppen könne, sobald er bewiesen war, nur eine Handvoll ›Verrückter‹ prophezeite, daß der Prozeß urplötzlich eskalieren könnte, jenseits eines kriti- schen Punktes irreversibel würde und sich im Selbst- lauf aufschaukelte aber wo lag der kritische Punkt? Jetzt wissen wir es.« »Zu spät«, sagte sie. »Und man kann die Schuldi- gen nicht einmal bestrafen.« »Wir werden alle bestraft, Schuldige wie Un- schuldige gleichermaßen.« »Das glaube ich nicht. Die Mächtigen haben im-, mer gewußt, sich rechtzeitig in Sicherheit zu brin- gen.« »Ich fürchte, bald gibt es nirgends mehr Sicher- heit. Es sind ja nicht nur die Klimaverschiebungen, die Sintfluten und Wirbelstürme, das Steigen der Meere denk mal an die Giftdeponien der Industrie! Sicher, man hatte begonnen, die Flüsse zu entgiften, nicht nur an der Rheinmündung sind gewaltige Pol- der entstanden, um den giftigen Schlamm aufzufan- gen, überall auf der Erde gibt es riesige Deponien, vor allem entlang der Flüsse, wo die Industrie kon- zentriert war das sind die Gebiete, die zuerst über- schwemmt wurden. Nicht der Hunger bewirkt die meisten Toten, die meisten verdursten oder werden vergiftet. Und ver- giß nicht die chemischen und biologischen Waffen. Allein in der Bundesrepublik lagerten über fünfhun- dert Tonnen des Giftgases VX und nicht nur das! –, siebzehn Tonnen hätten genügt, das ganze Land mit einer hundert Meter hohen tödlichen Wolke zu be- decken. Nur ein Teil wurde rechtzeitig evakuiert. Wann wird sich das aggressive, giftige Wasser durch die Behälter gefressen haben? Was geschieht, wenn auch nur ein Bruchteil all der chemischen und biolo- gischen Waffen freigesetzt wird, wenn die Giftgas- schwaden sich ausbreiten, die künstlichen Seuchen der Militärs, die künstlichen Viren der Gentechniker? Überall sind die Armeen in Auflösung in Nebraska, und Ostsibirien sind Krankheiten aufgetreten, die niemand identifizieren kann…« »Dann, gute Nacht«, sagte sie leise. »Dann wird kein Mensch überleben. Unsere Art wird aussterben wie einst die Saurier.« »Mit einem Unterschied: Wir sind selbst schuld an unserem Untergang.« In der Ferne ertönte ein Signal, ein Horn oder eine Fanfare, die Contessa sprang auf, holte zwei Maschi- nenpistolen unter der Pritsche hervor, drückte Jonas eine in die Hand und rannte davon. Jonas hatte Mühe, ihr in der Finsternis zu folgen, wäre ein paarmal fast hingeschlagen. Immer mehr schlossen sich ihnen an, alle bewaffnet, und alle rannten, als ginge es um ihr Leben. Am Ende des Tals kletterten sie eine Geröllhalde hinauf, das letzte Stück krochen sie geduckt, oben spähten zwei Jun- gen in die Dunkelheit, flüsterten erregt mit der Con- tessa. Sie winkte, und Kisten wurden herangeschafft. Waren das Wölfe? Jonas hatte noch nie ein derar- tiges Geheul gehört. Es fuhr ihm buchstäblich durch Mark und Bein, kalte Schauer zogen über seinen Rücken. »Tiger«, flüsterte die Contessa. »Tiger, hier?« »Pst! Später. Du kannst doch mit `ner MPi umge- hen?« »Ja, aber wie soll ich in der Dunkelheit…«, »Verlaß dich drauf, sie kommen näher. Sie sind ausgehungert und haben die Witterung aufgenom- men. Hier.« Sie drückte ihm etwas in die Hand. Eine Handgranate? Eine Spraydose. »Meist erkennt man sie erst, wenn sie springen«, sagte die Contessa, »dann ist es zu spät für einen Schuß. Wenn du den Schatten wahrnimmst, wirf dich zur Seite und sprühe das Tier an. Ziel auf die Augen, die Augen wirst du auch im Dunkeln erkennen. Schieß erst, wenn das Tier auf den Boden klatscht. Ins Auge oder in den Nacken. Ohne zu zögern. Du hast nur einen Schuß.« Sie zeigte ihm, wie er MPi und Dose zugleich halten konnte. Dann wurde es still, beängstigend still. Diese Furcht mußten schon die Urmenschen gekannt ha- ben, dachte Jonas. Bestimmt war sie vor Hunderttau- senden von Jahren genetisch programmiert worden, wie sonst hätte ihm vorhin das unbekannte Gebrüll Angstschauer über den Rücken jagen können? Die Contessa schrie grell auf, Jonas sah einen Schatten heranfliegen, er drückte den Sprayknopf und warf sich zur Seite, hörte hinter sich einen Auf- prall, dann eine kurze Garbe von Schüssen, die seine Trommelfelle zerreißen wollte. Als er aufblickte, sah er keine zwei Meter von sich entfernt ein gewaltiges Tier, einen Tiger. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst sofort schie- ßen!« herrschte die Contessa ihn an. »Wenn ich nicht, aufgepaßt hätte…« »Danke!« Jetzt erst begann er am ganzen Körper zu zittern, Schweiß brach aus allen Poren. Die Con- tessa lag bereits wieder auf der Kuppe; als er neben sie kroch, drückte sie ihm eine neue Dose in die Hand. Warten, lauschen, spähen. Plötzlich, weit links, ein Schrei und Schüsse. Lauschen, spähen, warten. Dann heulte es wieder, aber das Gebrüll ent- fernte sich. Die Contessa stand auf. Sie hatten Mühe, zu viert den Tiger hochzuschlep- pen. Der Kadaver wurde ein Stück den Hang hinun- tergewälzt. »Ich hoffe, wir haben ein paar Tage Ruhe«, sagte die Contessa, »der Verwesungsgeruch schreckt sie ab.« »Vielleicht sind sie längst Aasfresser?« »Bestimmt sogar, aber sie fressen nie die eigene Art. Hauptsache, der Geruch lockt keine Affen an.« »Affen? Wie kommen Affen in die Alpen?« »Keine Ahnung. Aus Asien, denke ich mir. Viel- leicht folgen die Tiere den Trecks, vielleicht laufen sie vor ihnen her? Tiger sind selten, aber Wölfe, verwilderte Hunde und Affen am schlimmsten sind die Affen.« Sie seufzte. »Wie ich das hasse, wie ich das alles satt habe, töten, töten, töten. Aber wir sind ja schon froh, wenn es nur Tiere sind.« Er legte den Arm um sie, und sie schüttelte ihn nicht ab., »Manchmal«, sagte sie leise, »habe ich Lust, alles aufzugeben, aber ich kann sie doch nicht im Stich lassen.« »Nein«, sagte er, »das darfst du nicht.« Er spürte am Zittern ihrer Schultern, daß sie weinte. »Diese Dosen«, sagte er, »das ist doch Giftgas, und ihr habt keine Masken…« »Haarlack!« antwortete sie. »Simpler Haarspray. Ich habe keine Ahnung, warum die Armee hier Spray eingelagert hat, ganze Schuppen voll, Farbspray, Lackspray, Fensterputzspray, Möbelpolitur… Haar- spray wirkt am besten, die Tiere kommen völlig durcheinander, wenn man sie ansprüht, vielleicht, weil sie blind davon werden. Pervers, was? Ausgerechnet Spray!« »Jetzt macht es auch nichts mehr«, sagte er. »Wenn wir nur ebensoviel Munition wie Spray hätten.« Jemand rief nach der Contessa. Jonas stand unver- sehens allein in der Dunkelheit. Er spürte das Metall der MPi unter den Händen. Wenn er jetzt floh? Nie- mand würde ihn finden, auch morgen nicht. Er hatte gelernt, sich zu tarnen. Und mit einer Waffe umzu- gehen. Er war diesen Kindern haushoch überlegen. Aber er hatte keinen Schluck Wasser, und er glaubte der Contessa, daß die Gegend verlassen war. Im gün- stigsten Fall könnte er auf einen Treck stoßen. Oder auf die Tiger. Wie sollte er sich je nach Baikonur, durchschlagen? Und wozu. Die Welt würde auch ohne ihn unter- gehen. Er kletterte nicht über den Hang, er ging der Con- tessa nach. Die anderen umringten sie im Kreis, es mochten über fünfzig sein, einige nicht älter als zwölf, die Contessa lag fast neben einer am Boden liegenden Gestalt, drückte seinen Kopf an die Brust; es war ei- ner der Jünger, er wimmerte, sein Unterleib schien von einem Tiger getroffen, aufgerissen zu sein. Die Contessa streichelte sein Gesicht, summte etwas, das wie ein Wiegenlied klang, eine beruhigende, trösten- de Melodie, dann hob sie die Hand, und alle entfern- ten sich, nur Jonas blieb stehen, sah, wie die Contes- sa den Kopf des Jüngers langsam auf den Boden sin- ken ließ, wie sie die Mündung ihrer Waffe behutsam an die Schläfe des Jungen führte und ihr Gesicht ab- wandte. Der Schuß schien unendlich lauter als alle Schüsse zuvor. Die Contessa stand auf und verschwand mit schleppenden, stolpernden Schritten in der Dunkel- heit. Die anderen tauchten wieder auf, schichteten Steine über ihren toten Kameraden. Jonas erblickte die Contessa am Ende der Geröll- halde, sie tastete sich mit der rechten Hand an der Bergwand hinunter. Er holte nicht auf, auch im Tal blieb er ein paar, Meter hinter ihr. Plötzlich blieb die Contessa stehen. »Was willst du?« sagte sie tonlos. »Ich dachte, du brauchst jetzt vielleicht jeman- den«, sagte er, »wenn du willst, verschwinde ich.« »Nein, geh nicht.« Er nahm sie in die Arme, und sie drückte sich an ihn. Er streichelte ihr Haar, ihre mageren Schultern. Irgendwann hörte er die Schritte der Jungen, die wortlos zum Lager zurückgingen; als die Geräusche in der Feme verklungen waren, schluchzte sie laut auf. »Ja, weine nur«, sagte er, »das wird dir helfen.« »Mir kann nichts helfen«, sagte sie verzweifelt. »Du wolltest mich doch verstehen…. verstehst du mich? Antonia, die Heilige von der Maschinenpisto- le. Die heilige Killerin. Die einsame Wölfin.« Er drückte ihr einen Kuß auf die Wange, sie schlang ihre Arme um seinen Hals. Er küßte sie auf den Mund, sie erwiderte den Kuß nicht. »Wenn du willst«, flüsterte er, »mußt du nicht ein- sam bleiben. Ich mag dich.« »Ich will nicht«, sagte sie heftig. »Ich will nicht noch einmal… Und es geht auch nicht. Alle Disziplin bräche zu- sammen, die ganze so mühsam erreichte, nur mit ei- serner Strenge aufrechterhaltene Ordnung.« »Du bist und du bleibst die Contessa.«, »Ich kann nicht tun, was ich will, wir haben unsere ungeschriebenen Gesetze.« »Dann laß mich gehen. Oder laß mich sterben. Ich wüßte nicht, wie ich hier leben sollte. Jetzt schon gar nicht mehr. Ich kann keine Heilige in dir sehen. Für mich bist du eine Frau. Eine wunderbare Frau.« Sie löste sich aus seinen Armen und ging zum Dorf, Jonas folgte ihr. Vor ihrem Haus blieb die Contessa stehen. Als er vorbeigehen wollte, rief sie ihn. »Jonas.« Es war das erste Mal, daß sie seinen Na- men nannte. »Ja, Antonia?« Sie winkte mit dem Kopf. Sie zogen sich schweigend aus, krochen unter die kratzigen Decken der italienischen Armee, die längst in alle Winde verweht war, schmiegten sich aneinan- der. »Ich bin so schrecklich mager«, klagte sie. »Ach was«, sagte er, »ich mag dünne Frauen. Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum andere hinter dicken Brüsten herjagen.« Sie lachte. »Selbst wenn es gelogen ist«, sagte sie, »ich höre es gern. Sei vorsichtig, ja?« »Bist du noch Jungfrau?« »Nein. Trotzdem…« Er hatte kein Verlangen, sich auf sie zu stürzen,, obwohl er schon seit Wochen mit keiner Frau mehr geschlafen hatte, er wollte sie streicheln, küssen, in den Armen halten, sie an sich drücken und trösten. Welch ein Mädchen. Welch eine Zeit. Er hatte Angst, daß Luigi Krach schlagen könnte, weil er nicht auf seinem Strohsack lag, daß ein erneuter Alarm sie wieder auseinanderreißen würde, daß sie töten müß- ten statt sich zu lieben, aber die Stille der Nacht, die- se unglaublich friedliche Stille des Tals wurde nicht zerrissen. Wem die Stunde schlägt, dachte er. War dies die Stunde seines Lebens? Verhieß sie Leben oder Tod? »Ich liebe dich«, sagte er, und er wiederholte es immer wieder. Nicht aus Angst. Nicht um sein Leben zu retten. Keine Spur von Berechnung, von Heuche- lei war in seinen Gedanken. Lieber sterben, als ohne sie leben zu müssen. Wenn Leben überhaupt noch einen Sinn hatte, dann hier und mit ihr. Und wenn er sterben mußte, dann hatte er wenig- stens noch erlebt, was Liebe war. »Jonas«, sagte sie leise, »heißt das nicht, der Ver- lorene?« »Jetzt bin ich nicht mehr verloren. Und du nicht länger einsam, oder?« Sie antwortete nicht, sie ließ ihre Fingerspitzen über seine Brust, seinen Hals, seine Lippen streichen. »Komm.« Irgendwann setzte sie sich erschrocken auf, sah, zum Fenster, der Tag schickte bereits einen hellen Schimmer ins Tal. »Du mußt jetzt gehen.« »Ich will nicht. Nie mehr, hörst du?« »Du darfst morgen abend wiederkommen. Heim- lich, ja? Wir müssen so tun, als wäre nichts zwischen uns, versprichst du es mir?« »Wie kann ich das?« »Du mußt. Versprich es, bitte.« Ein Flehen lag in ihrer Stimme. Sie sahen sich lange in die Augen. »Gut, versprochen.« »Schwöre!« »Ich schwöre es.« Er stand auf, zog sich an, dann erschrak er. »Aber Luigi«, sagte er. »Ich spreche mit ihm. Luigi ist mir völlig ergeben. Er wartet draußen.« »Vor der Tür?« fragte Jonas erstaunt. Sie lachte. »Er ist dir die ganze Zeit gefolgt.« Sie verabschiedeten sich mit einem langen Kuß. »Glaube mir«, sagte sie, »ich lasse dich ungern gehn. Es war schön.« »Hat die Erde gebebt? Du erinnerst dich doch an die Szene in ›Wem die Stunde schlägt‹?« »Ich habe die Glocken von San Marco gehört«, sagte sie lächelnd. »So heißt es bei Petrarca.«,

In alle Ewigkeit…

»From dawn to dawn in all eternity…« O'Neill sang es lauthals zu der Melodie des alten Kinderliedes von den drei rosa Teddybären: von Morgenröte zu Mor- genröte, in alle Ewigkeit. Eve hatte das geschrieben, damals war sie noch auf dem College und hoffte, einmal eine große Dichterin zu werden. Vielleicht war sie es geworden? Wie lange war das nun her? Siebzig Jahre. Nein, zweiundsiebzig, du meine Güte. »Ja«, sagte er, »hundert Jahre sind genug.« Er brüllte es noch einmal, so laut er konnte, gegen das Summen des Rotors, der in dieser Höhe hörbare Schwierigkeiten mit der dünnen Atmosphäre hatte. »Vielleicht auf der Erde«, sagte er, »wer weiß? Ach was, Pat, du bist nicht auf der Erde, du bist hier auf dem Antair, und so soll es auch bleiben.« Er sprach immer laut mit sich selbst. Er war nur überrascht, als die FREMDEN ihn fragten, warum er so schrie; er hatte nicht mitbekommen, wie sein Ge- hör mit den Jahren nachließ. Seit er allein war, sprach er laut mit sich. Um we- nigstens eine Stimme zu hören. Um nicht verrückt zu werden. O'Neill kicherte. Vielleicht war er längst verrückt? Ein Sonderling war er gewiß, ein Spleeny, wie man sie seinerzeit in Oxford genannt hatte. Er, stimmte »Merry Old England« an. Wie ging das Lied weiter? Vergessen. Wie so vieles. Manchmal fluchte er, weil er so vieles vergessen hatte, quälte sich, ir- gendeine Erinnerung doch noch aus den Tresoren seines Gedächtnisses hervorzuholen. Als ob es wich- tig wäre, sich zu erinnern. »Ja«, korrigierte er sich, »es ist wichtig, die Erin- nerung unterscheidet den Menschen vom Tier.« Oder auch nicht? Doch, er bestand darauf. Auch, oder weil er zu- nehmend Schwierigkeiten hatte, sich an den vergan- genen Tag zu erinnern. Dafür verblüffend klar an seine frühe Kindheit, an Dinge, die ihm seit Jahr- zehnten entfallen waren, das Muster der Tapete in seinem Kinderzimmer zum Beispiel, oder den Ge- ruch von Mutter, wenn sie sich über sein Gitterbett beugte. Der Duft der Orchideen hatte ihn daran erinnert. Natürlich waren es keine Orchideen. Wahrscheinlich sahen sie den irdischen Orchideen nicht einmal ähn- lich er hatte längst vergessen, wie sie aussahen –, aber er hatte sie Orchideen getauft. Wer sollte ihn daran hindern? »Ich bin der Herr des Antair«, sang er vergnügt. Niemand konnte ihn daran hindern, alles nach sei- nem Willen zu benennen. Wenn er diese Welt auch nicht wie ein Gott nach seinen Wünschen, nach sei- nem Bild erschaffen konnte, benennen konnte er sie,, und etwas benennen schien ihm die Vorstufe zur Gottheit. »Der Gott des Antair«, kicherte er. Aber es gab niemanden hier, der ihn hätte anbeten können. Und so verrückt, sich selbst anzubeten, war er nicht. »Verdammt noch mal, Pat, paß auf!« fluchte er. Er wußte doch, daß er hier oben aufpassen mußte, den Flug nicht allein der Automatik überlassen durfte. Auch ferne Magnetstürme narrten leicht die Automa- tik. Das Parallelometer zeigte deutlich, daß der Cop- ter schief lag, eine Rechtskurve flog, wer weiß, wo- hin. Er war stolz auf das Parallelometer, seine Erfin- dung. Simpel, aber es funktionierte. Besser als alle Elektronik. Elektronik ließ sich narren, solch simple Appara- turen nicht. Bestimmt hatte schon vor dreitausend oder vier- tausend Jahren irgendein Chinese oder Sumerer das Prinzip entdeckt: ein U-förmiges Röhrchen mit ein wenig Flüssigkeit, aber er, Patrick O'Neill, hatte es ganz allein erfunden. Und nicht nur das. Ein rotes Lämpchen leuchtete auf. O'Neill wech- selte den Sauertstoffbehälter. Hoffentlich reichte der Sauerstoff. Er hätte den FREMDEN keinen Contai- ner zur Untersuchung geben dürfen, es war so schwer, den Sauerstoff zu sammeln. Damals, als sie auf dem Antair strandeten, hatten sie befürchtet, daß es hier überhaupt keinen freien, Sauerstoff gab, daß sie immer in den verdammten Skaphandern herumlaufen und so kaum etwas von dem Planeten sehen würden, aber der Antair hatte sie überrascht wie oft er sie überrascht hatte. Dies war eine der angenehmen Überraschungen gewesen: Während oberhalb von drei Kilometern nur weni- ge Sauerstoffmoleküle in der Atmosphäre zu finden gewesen waren, gab es dicht über dem Boden reich- lich davon. Nicht überall, nicht in den Wüsten und nicht über dem Meer, aber in den riesigen Waldge- bieten. Die Pastanien auch das einer von O'Neills Namen sonderten Sauerstoff ab. In den Wäldern konnte man sogar ohne Skaphander umherstreifen, natürlich mußte man ein Atemgerät bei sich tragen, falls das Warngerät einen jähen Abfall des Sauer- stoffs alarmierte. Aber es war verteufelt schwer ge- worden, den Sauerstoff einzufangen und in die Con- tainer zu füllen, seit die Energieversorgung zusam- mengebrochen war; mehr als einen Vorrat für zwei Wochen hatte er seit Jahren nicht mehr besessen. Urplötzlich waren die Wolken zu Ende, vor ihm, vielleicht noch dreihundert Kilometer entfernt, leuch- teten die Gipfel des Himantaya-Massivs im Schein der beiden Monde, und hoch über allen anderen glit- zerten die eisbedeckten, schartigen Spitzen seines Ziels wie die Türme im Schloß der Eiskönigin. Der höchste Berg des Antair, vielleicht der höchste dieses Sonnensystems, bis zu den anderen Planeten hatten, sie es ja nicht mehr geschafft, fast doppelt so hoch wie der heimatliche Himalaja. O'Neill war froh, daß er den Berg jetzt sehen konnte, damit verflog seine größte Angst: daß er ihn verpassen, daß die Magnetstürme das Programm der Automatik in die Irre führen konnten. Zur Basis würde der Copter wohl wieder zurückfinden, in Ost- West-Richtung traten die Irritationen nur selten auf. Und wennschon. Die FREMDEN würden den Copter bestimmt nicht mitnehmen wollen. Er nannte sie noch immer die FREMDEN! Er hatte ungläubig auf das Funkgerät gestarrt, als es eine Sendung auf Frequenz 12.2 meldete. Es hatte lange gedauert, bis er das Piepsen überhaupt wahrge- nommen hatte – er hatte nicht gewußt, daß das Gerät noch angeschaltet war. Wenn er es gewußt hätte, hät- te er es bestimmt abgeschaltet. Wie alle anderen, die überflüssig geworden waren und nur den knappen, kostbaren Strom aus seinem provisorischen Wasser- kraftwerk vergeudeten. Was nutzte ihm ein Funkge- rät, dessen Empfänger zwar ein paar hundert Kilome- ter, dessen Sender aber nicht weiter als zehn Kilome- ter reichte. Nicht einmal ein Sender für zehn Millio- nen Kilometer hätte ihm etwas genutzt. Er hatte geglaubt, das Gerät spinne. Die meisten Geräte hatten in der Magnetosphäre des Antair früher oder später angefangen zu spinnen, und nur wenige hatte er wieder zur Räson bringen können, schließ-, lich war er kein Elektroniker. Ein Glück, daß er sich während des Studiums mit archaischen Technologien beschäftigt hatte. Sein Wasserkraftwerk war nur ein etwas verbessertes alt- ägyptisches Schöpfrad. Das Funkgerät hatte nicht gesponnen, es war tat- sächlich ein Raumschiff im Orbit! Aber würde es auch landen? Er hatte überlegt, wie er ihnen ein Zei- chen geben könnte. Sie flogen außerhalb der Reich- weite eines Senders. Schließlich war ihm das »Kreuz des Südens« eingefallen, eine Insel, die Bellamy so getauft hatte, weil sie exakt wie ein Kreuz aussah. Sie hatten es für ein Zeichen von Zivilisation auf dem Antair gehalten, es war viel zu exakt für ein Zu- fallsprodukt, doch sie mußten erkennen, daß es nicht mehr war als eine Laune der unerschöpflichen Natur. Warum, so hatte Bellamy philosophiert, warum soll es unter den Trilliarden von Inseln auf den Billi- arden von Planeten des Alls nicht auch eine geben, die eine exakte Kreuzform aufweist? Er hatte sogar die Wahrscheinlichkeit berechnet, irgendwas von eins zu siebenkommasoundsoviel Milliarden; Bella- my war ein Fanatiker der Wahrscheinlichkeit. Gewe- sen. Wann war er gestorben? O'Neill wußte es nicht mehr, dabei war das eines der wichtigen Daten seines Lebens. Er und Bellamy waren die einzigen Überle- benden der Katastrophe gewesen, jenes verheerenden, magnetischen Orkans, der das Raumschiff vernichtet hatte. Sie hatten überlebt, weil sie im Copter auf Er- kundung gewesen waren, nur sie beide und das biß- chen Ausrüstung, das schon zur Errichtung der zwei- ten Basis ausgeladen war. O'Neill war zum »Kreuz des Südens« geflogen, hatte drei der kostbaren Kanister Treibstoff geopfert, einen für den Flug, zwei, um den Wald der Insel auf allen vier Balken zugleich in Brand zu setzen, um denen da oben, wer immer es sein mochte, ein Zei- chen zu geben. Ja, wer kam ihn da besuchen? Menschen? Unwahrscheinlich. Sie hatten zwar vor der Notlandung noch einen Spruch in Richtung Hei- mat abgesetzt, aber es war mehr als unwahrschein- lich, daß er die Erde je erreicht hatte. Vielleicht, so hatte O'Neill gedacht, vielleicht war er der erste Mensch, der auf Außerirdische traf, hier auf dem Antair. Und er konnte ihnen nicht einmal exakt beschreiben, woher er kam. Alle Flugunterla- gen waren mit dem Raumschiff vernichtet. Er hatte kaum Ahnung, in welchem Winkel der Galaxis er sich befand, wie sollte er es anderen erklären wenn er sich überhaupt mit ihnen verständigen konnte! Er überlegte lange, ob er die Insel in Brand setzen sollte. Die Neugier siegte. Was konnte ihm schon passieren? Konnte ihm überhaupt etwas Besseres passieren, als einmal, und sei es am letzten Tag sei- nes Lebens, Wesen von einem fremden Stern zu se-, hen? Nur schade, daß man auf der Erde nie etwas davon erfahren würde. Vielleicht doch? Wenn er den anderen auch nicht beschreiben konnte, wo sich sein Heimatplanet befand, er würde ihnen die Gewißheit geben, daß es die Menschen gab. Er konnte ihnen sogar die ungefähre Entfernung zur Erde nennen, er wußte ja die Dauer des Fluges und die Geschwindigkeit, den Rest mußten die ande- ren besorgen würden sie bestimmt. Würden Men- schen nicht alles daransetzen, eine fremde Intelli- genz, auf die sie so zufällig gestoßen waren, zu fin- den? Zwei Tage hatte O'Neill warten müssen, bis der Empfänger anzeigte, daß das Raumschiff im Orbit die Hundertkilometerdistanz wieder unterschritten hatte. Er sah unruhig zu, wie der Zeiger ausschlug, er hoffte inständig, daß die FREMDEN in Sichtweite über ihm flogen; als der Pegel abfiel und die Intensi- tät des Signals nachzulassen begann, zündete er die Brandsätze, ging auf sichere Entfernung, sah, wie das Feuer den knochentrockenen Wald fraß, wie sich in Minuten ein brennendes, weithin sichtbares Kreuz bildete. Hoffentlich hatten sie es bemerkt. So schnell es aufflammte, so schnell war das Feuer zu matt- leuchtender Glut erloschen. Dann sah er das Raumschiff die Landefähre, wie er sich selbst hätte ausrechnen können, nur solche Pechvögel wie sie landeten mit dem Raumschiff. Er, hatte seinen Copter über dem Zentrum des Kreuzes kreisen lassen, damit sie ihn ja ausmachen konnten. Wie lange hatte er auf diesen Augenblick gewartet. Und wie lange schon nicht mehr. Niemand, damit hatte er sich abgefunden, niemand würde ihn suchen, und wer weiß, wann wieder einmal ein Raumschiff in diese Gegend kommen würde; zu seiner Zeit star- tete auf der Erde nur alle zwanzig Jahre eine Expedi- tion so weit ins All. Niemals… Ja, er hatte mit dem Gedanken gespielt, sich um- zubringen. Nachdem Bellamy ihn verlassen hatte. Er war in den Wald gegangen, um sich aufzuhängen. Hängen, so fand er, war ein uralter, urmenschlicher Tod. Seit Jahrtausenden waren Menschen durch Hängen ge- storben, warum nicht auch er, hier auf dem Antair, Dutzende von Lichtjahren von zu Hause entfernt ein Mensch bleibt man überall. Und es sollte ein schöner Tod sein, hatte er einmal gelesen. Wenn man über- haupt von einem schönen Tod sprechen konnte, und wenn man es richtig machte ein plötzlicher Blutan- drang im Gehirn, eine letzte, überwältigende Flut von Farben, Bildern, Tönen. Und eine letzte Erekti- on. Die Erektion bekam er auch so. Er hatte sich an den Stamm eines Baumes gesetzt und war einge- schlafen, müde und erschöpft von dem langen Marsch, vor allem aber von den vielen vergeblichen, Versuchen, einen Ast zu finden, der erreichbar und zugleich fest genug war, daß er sich daran aufhängen konnte. Er hatte sonderbare Träume voller unfaßbarer, un- beschreiblicher Farben und Töne, Gerüche und Düf- te, voll Wärme und Wohlbehagen und Erotik. Es war der Duft der Venusblume, wie er sie taufte, der wie ein Rauschgift auf sein Gehirn wirkte, wie eine Dro- ge, wohl ähnlich dem LSD, das sie einmal auf der Erde genommen hatten. Er entdeckte die Blume erst, als er danach suchte. Spätabends, er hatte Stunden unter dem Baum gesessen, und die Blumen, die er beim Kommen nur im Unterbewußtsein registriert hatte, waren verwelkt. Sie blühten immer nur einen Tag, und die Blume wuchs nur an wenigen Stellen, ein Glück für ihn, sonst wäre er wohl süchtig geworden. O'Neill hatte die Pflanzen studiert, konnte schließlich auf den Tag genau vorhersagen, wann eine blühen würde, hatte im Laufe der Jahre alle Venusblumen im Umkreis von drei Tagesreisen registriert, selbst dann konnte er nur alle drei, vier Wochen träumen gehen. Diese Träume hatten sein Leben verändert, hatten es wieder lebenswert gemacht. Ihretwegen schuf er in den Wochen zwischen den Träumen die Basis sei- nes Überlebens. Er legte Pflanzungen an, vervoll- kommnete das Sauerstoffsammelgerät, die Trinkwas- seraufbereitung, reparierte und wartete den Copter,, erfand all die kleinen Geräte, die er zum Überleben brauchte ein Robinson auf dem Antair, nur statt eines Freitags hatte er eine Blume gefunden. Die Lust, die die Blume ihm schenkte, gab ihm die Lust am Leben zurück, Mut für die Erforschung des Planeten, die Ausdauer, alles, was er entdeckte, zu registrieren und zu beschreiben, die Hoffnung, daß es eines Tages ein Raumschiff hierher verschlagen würde, das sein Vermächtnis zur Erde zurückbrachte. Und nun waren sie gekommen. Als er längst nicht mehr damit rechnete, nicht einmal mehr eine vage, irrationale Hoffnung hegte, es noch zu erleben. Als er sich damit abgefunden hatte, für alle Zeiten in den Tiefen des Alls verschollen zu bleiben er haderte nicht mit seinem Schicksal. Nicht mehr. Was war die Erfüllung des Lebens? Was hätte ihn erwartet, wäre er auf der Erde geblieben? Arbeit an irgendeinem Institut, Warten auf Urlaub, auf die immer zu knappe Energiezuweisung für ein Forschungsprojekt, eine Frau oder zwei, vielleicht ein Kind… Hier hatte er einen ganzen Planeten zu entdecken, und daß er allein war war auf der Erde niemand al- lein, trotz der Milliarden von Mitmenschen? Wie vie- le machten gerade dort aus Einsamkeit ihrem Leben ein Ende. Er war nicht allein. Der Antair war sein allgegen- wärtiger Gefährte, O'Neill sprach mit ihm, und manchmal schien es ihm, als ob er Antwort bekam., Der Antair war sein Freund, ein leider oft auch unbe- rechenbarer, erschreckender Freund, und, seit er die Venusblume entdeckt hatte, auch seine Geliebte. Diese Wärme und Geborgenheit, diese Träume welche Frau hätte ihm mehr Erotik gegeben als diese Welt? Seine Welt. Und nun sollte er sie verlassen. Der dritte Mond war aufgegangen, tauchte die Spitzen des Himantaya in blau glitzerndes Licht. Dort, auf dem Eisfeld, dicht unter der höchsten Spit- ze, würde er landen, fast zwanzig Kilometer über dem Erdboden. Dem Boden des Antair, korrigierte er sich. Erneut mußte er die Sauerstoffbehälter wech- seln. Ja, er hatte sich gefreut, er war geradezu außer sich vor Freude gewesen, als sich herausstellte, daß in den ungefügen, silberglänzenden, undurchsichti- gen Skaphandern Menschen steckten, als er, zum er- sten Mal seit seinem Abflug von der Erde, seit über sechzig Jahren, eine Frau in seinen Armen hielt sie weinte mehr als er, drückte ihn an sich, schluchzte, küßte ihn, als sei er ihr verschollener Geliebter, den sie endlich wiedergefunden –, doch die Ernüchterung setzte bald ein. Nach Hause? Wo war er zu Hause, auf der Erde? Das war nicht mehr die Erde, die er verlassen hat- te, von der er, zumindest in den ersten Jahren nach der Notlandung, jede Nacht geträumt hatte. Sie zeig-, ten es ihm, ließen eigens für ihn Kisten voll Video- bänder vom Raumschiff herunterfliegen. Und einen Arzt mit einer halben Raumfähre voller Apparaturen, der ihn untersuchte. Ob sie ihn überhaupt an Bord des Raumschiffs lassen durften, ob er nicht am Ende alle verseuchen würde… Er war gesund. Erstaunlich gesund und fit für sein Alter, hatte Doc schließlich erklärt. Überaus erstaunlich, O'Neill müsse ihm un- bedingt über alle Umstände seines Lebens hier be- richten, genau und ausführlich, daraus ließen sich gewiß Schlußfolgerungen für das Leben auf der Erde ziehen, für die Verlängerung des Lebensalters. Wie alt sind Sie jetzt? hatte Doc gefragt. O'Neill hatte erst nachrechnen müssen. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, daß er vor drei Wochen hundert geworden war. »Hundert Jahre sind genug!« Er nahm einen Schluck aus der Flasche, die Henry, der Benjamin der Landecrew, ihm heimlich zugesteckt hatte. Echt irischer Whisky. Garantiert hundert Jahre alt, stand auf dem Etikett, also älter als er, denn die Zeit des Raumflugs mußte man ja hinzuzählen. O'Neill nahm nur einen winzigen Schluck, gerade genug, den Mund auszuspülen. Er war Alkohol nicht mehr ge- wohnt, und noch nie war es wichtiger gewesen, nüchtern zu bleiben, als heute. Hundertzehn Jahre, so hatte Doc erklärt, sei inzwi- schen die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer, hunderteinundzwanzig für Frauen. Wenn er, die Zeit für den Rückflug bedachte, würde er hun- dertzwanzig sein, wenn er wieder auf der Erde ein- traf. Ein Greis. Auf einer Erde, die schon jetzt so fremd geworden war, daß er nur die historischen Ge- bäude wiedererkannt hatte. Aber sie wollten ihn nicht hierlassen, um keinen Preis. Henry hatte es ihm verraten. Notfalls würden sie mit List versuchen, vielleicht sogar mit Gewalt, ihn an Bord des Raumschiffs zu bringen. Er hatte daran gedacht, sich zu verstecken, bis sie die Schnauze voll hatten, ihn zu suchen, und abhau- ten, aber konnte er denn jetzt noch hier bleiben? Würde er noch einmal die Gelassenheit finden, wür- de er sich nicht allzubald mit Vorwürfen zerflei- schen, zumal wenn die Gebrechen des Alters noch stärker wurden. Er merkte doch jetzt schon, wie er abbaute. Wie er oft minutenlang dastand und grübel- te, was er hatte machen wollen. Zwei Wochen vor Ankunft der FREMDEN hatte er sich im Wald verlaufen, in seinem Wald, den er wie seine Hosentasche zu kennen glaubte! Er hatte drei Tage gebraucht, um wieder zur Basis zu finden. Wenn er eines Tages elendig im Walde verrecken mußte? Hier konnte er schreien, so laut er wollte, niemand hatte Ohren, ihn zu hören. Seit der Rausch der Freude über die Ankunft der FREMDEN verflogen war, hatte er unaufhörlich ge- grübelt, was er tun sollte. Vorgestern hatte er sich, entschieden. Seine Aufzeichnungen hatte er längst der Lande- crew übergeben, die Karten, die Verzeichnisse der Pflanzen, die Liste der Namen, die er vergeben hatte, sogar die Tagebücher; jetzt gab er zum Schein sein Sträuben auf, sich an Bord des Raumschiffs zu bege- ben, zur Erde zu fliegen. In drei Tagen. Er lachte. In drei Tagen mußten sie zurück zum Raumschiff; das nächste Raumfenster zum irdischen Sonnensystem öffnete sich erst Monate später, und der Kommandant wollte nicht länger hierbleiben. Vielleicht hatte er Heimweh? Er nicht. Er würde Heimweh nach dem Antair ha- ben, solange er noch denken konnte. Er wollte hier bleiben, hier sterben, auf dem Planeten, der seine zweite, nein, seine wirkliche Heimat geworden war. Nicht in einer der scheußlichen Kliniken auf der Er- de. Er wußte zwar nicht genau, ob sie noch so scheußlich waren wie damals, aber wie sollte es an- ders sein? Er hatte sich bei Doc erkundigt, sie hatten noch immer keinen Weg gefunden, jedem Menschen einen Tod in Würde zu gewähren. Noch immer versuchten sie, jedes Leben solange wie nur möglich zu erhalten, und sei es um den Preis monatelangen Dahinsiechens in einer Intensivstation, so lange, bis eine Ärzte- kommission schließlich doch feststellte, daß das Ge- hirn erloschen war oder daß es wirklich keine Hoff-, nung mehr gab, und den Gnadentod gewährte. Nein, er würde hier sterben. Und in Würde. Bei vollem Bewußtsein. Auch den Tod noch erleben. Konnte es etwas Schöneres geben, als in Frieden von dieser Welt zu scheiden, in dem Bewußtsein, sein Leben vollendet, den Kreis ausgeschritten zu haben? Er konzentrierte sich auf die Landung, program- mierte den Copter für den Rückflug, schnallte den Sauerstoffbehälter auf den Rücken, schloß ihn an, goß den Whisky in die Reserveflasche des Skaphan- ders, setzte den Helm auf, dann trat er hinaus. Er mußte seine Augen erst an das Licht gewöhnen, dieses eigentümlich diffuse bläulichgraue Licht, das über das Eisfeld flimmerte und die Spitze des Gipfels umspiegelte. Er stapfte los. Bestimmt knirschte das jahrtausendealte Eis unter seinen Schritten. Er spürte nichts von der Kälte, obwohl hier oben weit über hundert Grad minus herrschen mußten. Hoffentlich kam kein Sturm, bevor er sein Ziel erreichte. Er setz- te vorsichtig Fuß vor Fuß, glitt mehr, als daß er ging, über das Eis, das bis kurz unter die Felsspitze reichte. Er orientierte sich auf dem Kompaß eine Erfindung, auf die er besonders stolz gewesen war nach Westen. Auf dem Antair ging die Sonne im Westen auf. Schließlich hatte er die Spitze erreicht. Er scharrte mit dem kleinen Spaten eine Mulde in das Eis, direkt an der Felswand, nur einen Meter unter dem Gipfel. Der höchste Mensch der Welt, dachte er amüsiert., Ein Fall für das »Guinness-Buch der Rekorde«, falls es das noch gab. Er saß Probe, verbesserte seinen Sitz noch ein we- nig, legte dann den Spaten neben sich auf das Eis. Ein erster roter Schimmer tauchte weit im Westen über den Gipfeln auf, wuchs. Er war ganz ruhig, ge- löst. So ähnlich mußten einst die Alten der Frühzeit empfunden haben, wenn sie sich in die Einsamkeit der Wildnis zurückzogen, um zu sterben. Nur, daß es für ihn kein Abschiedsfest gegeben hatte, weder ri- tuale Tänze noch Kräuterdrogen, die den letzten Weg leichter machen sollten er hatte keine Drogen nötig. Gewiß, das wäre die Krönung gewesen: jetzt ein letz- ter Traum. Er kicherte. Das hatte er vorgestern erle- digt, und die FREMDEN waren völlig verstört, weil er stundenlang unauffindbar blieb. Aber er hatte den Whisky. »Prost, Pat, alter Halunke«, sagte er, »letzten En- des bist du doch ein Glückskind.« Als Junge hatte er davon geträumt, einmal einen Sonnenaufgang auf dem Mount Everest zu erleben. Nun saß er hier auf einem doppelt so hohen Berg. Würden sie ihn, wie er in seinem Abschiedsbrief ge- beten hatte, nach ihm benennen Mount O'Neill? Er rutschte ein wenig, der Skaphander klebte bereits am ewigen Eis, aber noch ließ er sich losreißen, noch konnte er zum Copter zurückkehren. »Nein«, sagte er, »hundert Jahre sind genug.« Er, zog das Terminal aus der Tasche und gab dem Cop- ter den Befehl zum Abflug, er nickte zufrieden, als der Copter für einen Augenblick vor ihm auftauchte, bevor er in der Tiefe versank. Er lehnte sich an den Felsen, kreuzte die Arme über der Brust, die Hände fast an den Schultern wie der Buddha, den er einst in Raschnapur gesehen hatte. Die Berge hatten jetzt glühende Konturen, jeden Augenblick mußte die Sonne aufgehen. Sein letzter Sonnenaufgang. »Den letzten, den du sehen kannst«, berichtigte er sich. Er legte die Lippen an das Trinkrohr, nahm ei- nen langen Zug. Er wußte, was kommen würde, er hatte es sich so ausgesucht. Er würde am Gipfel anfrieren, würde hier sitzen, von Morgenrot zu Morgenrot, bis das Eis ihn ein- schloß, ihn unter sich begrub, zu einem Teil des Ber- ges machte. Die Sonne schickte einen ersten Strahl über den schartigen Horizont. O'Neill begann zu sin- gen. »From dawn to dawn in all eternity…«]
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