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Buch: Gevatter Tod hat eine Identitätskrise. Als er von einem Tag auf den an- deren spurlos verschwindet, muß seine Enkelin Susanne das Geschäft für ein paar Tage übernehmen. Bei ihrer neuen Arbeit bekommt sie es nur zu bald mit einem äußerst merkwürdigen Phänomen zu tun: einer neuen Musik, die ein Barde, ein Zwerg und ein Troll erfunden haben. Und genau diese magischen Melodien sind es, die Tods Enkelin vor un- geahnte Probleme stellen. ROLLENDE STEINE – ein neuer Geniestreich von Terry Pratchett, dem Superstar der etwas anderen Fantasy Der Autor: Terry Pratchett, geboren 1948, verkaufte sein...
Autor Anonym
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Buch: Gevatter Tod hat eine Identitätskrise. Als er von einem Tag auf den an- deren spurlos verschwindet, muß seine Enkelin Susanne das Geschäft für ein paar Tage übernehmen. Bei ihrer neuen Arbeit bekommt sie es nur zu bald mit einem äußerst merkwürdigen Phänomen zu tun: einer neuen Musik, die ein Barde, ein Zwerg und ein Troll erfunden haben. Und genau diese magischen Melodien sind es, die Tods Enkelin vor un- geahnte Probleme stellen. ROLLENDE STEINE – ein neuer Geniestreich von Terry Pratchett, dem Superstar der etwas anderen Fantasy Der Autor: Terry Pratchett, geboren 1948, verkaufte seine erste Geschichte im zar- ten Alter von dreizehn Jahren und ist heute einer der erfolgreichsten Fantasy-Autoren überhaupt. Neben Douglas Adams und Tom Sharpe gilt er als Großbritanniens scharfsinnigster und pointensicherster Ko- mik-Spezialist. Time Out schrieb über ihn: »Terry Pratchett wird mit je- dem Buch besser und besser. Er ist auf dem Höhepunkt seines Schaf- fens, und es gibt heute keinen einzigen Humoristen, der es auch nur an- nähernd mit ihm aufnehmen kann.«,

Terry Pratchett Rollende Steine

16. Roman von der bizarren Scheibenwelt Ins Deutsche übertragen von Andreas Brandhorst

GOLDMANN

, Die englische Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel »Soul Music« bei Victor Gollancz Ltd. London Der Goldmann Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann Deutsche Erstveröffentlichung 10/96 Copyright © Terry and Lyn Pratchett 1994 First published by Victor Gollancz Ltd. London Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1996 by Wilhelm Goldmann Verlag, München Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagillustration: Josh Kirby Satz: Uhl + Massopust, Aalen Druck: Graphischer Großbetrieb Pößneck GmbH Verlagsnummer: 41589 VB – Redaktion: Michael Ballauff Herstellung: Peter Papenbrok Made in Germany ISBN 3-442-41589-6 ebook by Monty P., DER HINTERGRUND In dieser Geschichte geht es um Erinnerungen. Und hier soll daran erin- nert werden… … daß der Tod der Scheibenwelt – aus Gründen, die nur ihm selbst bekannt sind – ein kleines Mädchen rettete und es in seine Domäne zwi- schen den Dimensionen mitnahm. Er ließ sie zu einer Sechzehnjährigen heranwachsen, weil er glaubte, ältere Kinder bereiteten weniger Proble- me als jüngere. Dies zeigt, daß man eine anthropomorphe Personifizie- rung sein und trotzdem gewisse Dinge vollkommen falsch verstehen kann… … daß er später einen Lehrling in seine Dienste nahm. Der Junge hieß Mortimer, doch alle nannten ihn Mort. Er und Ysabell fanden sich auf den ersten Blick abscheulich, und man weiß ja, wohin so etwas letztend- lich führt. Als Vertreter des Schnitters taugte Mort nicht viel, und er brachte die Realität durcheinander. Es kam zu einem Kampf mit dem Tod, den er verlor… … daß Tod – aus Gründen, die nur er kennt – seinen Lehrling am Le- ben ließ und ihn zusammen mit Ysabell in die Welt zurückschickte. Niemand weiß, warum Tod anfing, sich für die Menschen, auf die seine Arbeit zielte, zu interessieren. Vermutlich war es schlicht und einfach Neugier. Selbst der tüchtigste Rattenfänger interessiert sich früher oder später für Ratten. Vielleicht beobachtet er, wie Ratten leben und sterben. Möglicherweise zeichnet er alle Details der Rattenexistenz auf, obwohl er selbst nie erfährt, wie es sich anfühlt, in einem Labyrinth unterwegs zu sein. Wenn Beobachten das Beobachtete verändert, betrifft die Verände- rung auch den Beobachter.* Mort und Ysabell heirateten. Sie bekamen eine Tochter. In dieser Geschichte geht es auch um Sex, Drogen und Musik Mit Steinen Drin. Nun… * Wegen der Quanten., … eins von dreien ist eigentlich gar nicht so schlecht. Es sind natürlich nur dreiunddreißig Prozent, aber es könnte schlim- mer sein., Wo soll es aufhören? In einer dunklen, stürmischen Nacht. Eine Kutsche ohne Pferd saust durch einen wackligen, nutzlosen Zaun und stürzt in die Schlucht dahin- ter. Sie prallt nicht einmal gegen einen Felsvorsprung, bevor sie tief un- ten im ausgetrockneten Flußbett zerschellt. Frau Anstand nahm ein anderes Blatt zur Hand. Es stammte von einem sechsjährigen Mädchen. Wie wir die Ferien ferbracht haben: Ich habe die Ferien ferbracht bei meinem Opa er hat ein groses weises Ferd und einen Garten er ist ganz schwarz. Wir haben Spie- gelei mit Pommfritts gegessen. Das Öl der Kutschenlampen entflammt, und es gibt eine Explosion. Selbst Tragisches muß gewisse Traditionen beachten, deshalb rollt ein brennendes Rad aus dem lodernden Durcheinander. Ein anderes Blatt. Eine Zeichnung, angefertigt von einem siebenjährigen Mädchen. Ganz schwarz. Frau Anstand rümpfte die Nase. Nicht daß dem Kind etwa nur schwarze Stifte zur Verfügung gestanden hätten. Im Internat für junge Damen in Quirm herrschte kein Mangel an teuren Buntstiften. Stille folgt auf das Knacken und Zischen der letzten Glut. Ein Beobachter beobachtet. Schließlich dreht er sich um und sagt zu jemandem in der Dunkelheit: JA, ICH HÄTTE ETWAS UNTERNEHMEN KÖNNEN. Dann reitet er fort. Einmal mehr kramte Frau Anstand in den Unterlagen. Unruhe und Ner- vosität plagten sie – typische Empfindungen von jemandem, der viel mit diesem besonderen Mädchen zu tun hatte. Meistens sorgte das Papier dafür, daß sie sich besser fühlte. Weil es verläßlicher war., Und dann die Sache mit dem… Unfall. Frau Anstand sah sich dann und wann mit der Notwendigkeit kon- frontiert, solche Nachrichten zu übermitteln. Das gehört zum Berufsrisi- ko, wenn man ein großes Internat leitet. Die Eltern vieler Mädchen wa- ren häufig geschäftlich unterwegs, und manchmal gingen sie Geschäften nach, die einerseits hohen Profit versprachen und andererseits das Risiko mit sich brachten, unsympathischen Leuten zu begegnen. Frau Anstand wußte, worauf es in solchen Situationen ankam. Es war eine schmerzliche Angelegenheit, die ihren vorherbestimmten Lauf nahm. Verblüffung, Schock und Tränen ließen sich nicht vermeiden, doch irgendwann ging es zu Ende. Früher oder später wurden alle damit fertig. Im Bewußtsein von (mehr oder weniger) intelligenten Wesen schien es eine Art Drehbuch zu geben – das Leben ging weiter. Dieses Kind aber hatte einfach nur dagesessen und Frau Anstand mit Höflichkeit entsetzt. Sie war keine unfreundliche Frau, obwohl sie im Ver- lauf von vielen Jahren auf dem Herd von Bildung und Erziehung ausge- trocknet war. Allerdings legte sie großen Wert auf Gewissenhaftigkeit und – wie ihr Name bereits andeutet – Anstandsformen. Sie wußte, wie es ablaufen sollte, und deshalb ärgerte sie sich, als es nicht so ablief. »Äh… wenn du allein sein möchtest, um zu weinen…«, sagte sie in dem Versuch, die Dinge in die richtige Richtung zu lenken. »Würde das etwas helfen?« fragte Susanne. Es hätte Frau Anstand geholfen. Sie war nur imstande gewesen zu bemerken: »Ich frage mich, ob du meine Worte wirklich verstanden hast.« Das Mädchen hatte an die Decke geblickt, als hätte es ein schwieriges Algebraproblem zu lösen. Schließlich erwiderte es: »Ich glaube, ich werde sie verstehen.« Susanne schien bereits über alles Bescheid gewußt und sich damit ab- gefunden zu haben. Frau Anstand hatte die Lehrerinnen gebeten, Susan- ne aufmerksam im Auge zu behalten. Das sei sehr schwierig, bekam sie zur Antwort, weil…, Jemand klopfte so zaghaft an die Tür des Arbeitszimmers, als wollte er eigentlich gar nicht gehört werden. Frau Anstand kehrte in die Gegen- wart zurück. »Herein«, sagte sie. Die Tür schwang auf. Susanne verursachte nie ein Geräusch. Die Lehrerinnen hatte darauf mehrmals hingewiesen. Es sei unheimlich, meinten sie. Das Mädchen erscheine immer dann, wenn man überhaupt nicht damit rechnete. »Ah, Susanne.« Ein unsicheres Lächeln huschte über Frau Anstands Gesicht wie ein nervöses Zucken in der Miene eines Schafs. »Bitte setz dich.« »Ja, Frau Anstand.« Frau Anstand schob die Blätter hin und her. »Susanne…« »Ja, Frau Anstand?« »Es betrübt mich sehr, feststellen zu müssen, daß du schon wieder Un- terricht versäumt hast.« »Ich verstehe nicht, Frau Anstand.« Die Rektorin beugte sich vor. Sie gestand es sich nur sehr ungern ein, aber… dem Mädchen haftete etwas Abstoßendes an. In der Schule kam Susanne bestens zurecht, zumindest in den Fächern, die sie interessier- ten. Aber damit hatte es sich auch schon. Ihre Leistungen glänzten auf die gleiche Weise wie ein Diamant: scharf und kühl. »Hast du es wieder… getan? Muß ich dich an dein Versprechen erin- nern, endlich damit aufzuhören?« »Frau Anstand?« »Du bist wieder unsichtbar geworden, stimmt’s?« Susanne errötete. Ebenso Frau Anstand, wenn auch nicht ganz so auf- fällig. Es ist doch lächerlich, dachte sie. Lächerlich und verrückt. Es… O nein… Sie drehte den Kopf und schloß die Augen. »Ja, Frau Anstand?« fragte Susanne, als Frau Anstand gerade »Susanne« sagen wollte., Die Rektorin schauderte. Auch davon hatten die Lehrerinnen gespro- chen. Manchmal beantwortete Susanne Fragen, bevor man sie stellte… Sie faßte sich wieder. »Du sitzt noch immer vor mir, nicht wahr?« »Natürlich, Frau Anstand.« Lächerlich. Eine innere Stimme flüsterte in der Internatsleiterin. Sie wird nicht in dem Sinne unsichtbar, nur unauffällig. Sie… Frau Anstand konzentrierte sich. Ihr fiel die Mitteilung ein, an den Ak- tendeckel geheftet und von ihr selbst verfaßt. Sie las: Du redest mit Susanne Sto Helit. Vergiß das nicht. »Susanne?« fragte sie behutsam. »Ja, Frau Anstand?« Wenn die Rektorin ihre ganze geistige Kraft für die visuelle Wahrneh- mung nutzte, konnte sie Susanne auf dem Stuhl sehen. Wenn sie sich wirklich bemühte, war sie auch in der Lage, die Stimme des Mädchens zu hören. Es kam in erster Linie darauf an, gegen die Überzeugung anzu- kämpfen, allein zu sein. »Frau Lästig und Frau Greggs haben sich beschwert«, sagte sie. »Ich bin immer in der Klasse, Frau Anstand.« »Das glaube ich gern. Frau Verräter und Frau Stempel bestätigen, daß sie dich die ganze Zeit über sehen.« Darüber hatte es im Lehrerzimmer eine Kontroverse gegeben. »Es liegt daran, daß dir Logik und Mathema- tik gefallen, nicht wahr? Im Gegensatz zu Sprache und Geschichte.« Frau Anstand konzentrierte sich erneut. Das Mädchen konnte den Raum unmöglich verlassen haben. Wenn sie die Ohren spitzte und ganz aufmerksam lauschte… dann glaubte sie fast, eine Stimme zu hören, die flüsterte: »Ich weiß nicht, Frau Anstand.« »Susanne, es ist sehr ärgerlich, wenn du…« Frau Anstand zögerte. Sie sah sich im Arbeitszimmer um und blickte dann auf die Mitteilung an der Akte. Mit gerunzelter Stirn las sie die, Worte, zerknüllte den Zettel und warf ihn in den Papierkorb. Anschlie- ßend nahm sie einen Stift, starrte einige Sekunden lang ins Leere und widmete sich dann wieder der Buchführung. Nachdem Susanne eine Zeitlang höflich gewartet hatte, stand sie auf und verließ das Zimmer so leise wie möglich. Gewisse Dinge haben vor anderen Dingen zu geschehen. Götter spielen mit dem Schicksal der Sterblichen. Doch zuerst müssen sie die Figuren aufs Spielbrett stellen und nach den Würfeln suchen. In Llamedos, einem kleinen Land in den Bergen, regnete es ständig. Regen war der wichtigste Exportartikel. Es gab dort sogar Regenminen. Der Barde namens Imp saß unter einem immergrünen Baum; aus rei- ner Angewohnheit – er gab sich keineswegs der Hoffnung hin, daß ihn die Pflanze vor dem Regen schützte. Wasser rann durch das Gewirr aus dornigen Blättern und bildete kleine Bäche auf den Zweigen. Eigentlich fungierte der Baum als Regenkonzentrator. Ab und zu klatschten Regen- klumpen auf Imps Kopf. Er war achtzehn, außerordentlich talentiert und derzeit unzufrieden mit seinem Leben. Er drehte die Harfe – seine herrliche, neue Harfe – und beobachtete den Regen. Tränen rannen ihm über die Wangen und vereinten sich mit der allgegenwärtigen Nässe. Götter mögen solche Leute. Es heißt, wenn die Götter jemanden vernichten wollen, schicken sie ihm zunächst Wahnsinn. Das stimmt nicht ganz. Wenn die Götter wirk- lich jemanden vernichten wollen, dann geben sie dem Betreffenden das Äquivalent einer Sprengstoffstange, auf der »Dynamit« geschrieben steht und deren Zündschnur brennt. Das ist viel interessanter und geht schnel- ler. Susanne schlurfte durch den nach Desinfektionsmittel riechenden Flur. Frau Anstands Gedanken und Überlegungen kümmerten sie kaum. Ei- gentlich machte sie sich nie Sorgen über das, was andere dachten. Sie wußte nicht, warum die Leute sie einfach vergaßen, wenn sie es wollte;, nachher waren die Betreffenden immer zu verlegen, um sie darauf anzu- sprechen. Gelegentlich fiel es den Lehrerinnen schwer, sie zu sehen. Daran gab es nach Susannes Meinung nichts auszusetzen. Oft nahm sie ein interes- santes Buch mit in die Klasse und las es in aller Ruhe, während den an- deren Schülerinnen »Die wichtigsten Exportartikel von Klatsch« zustie- ßen. Es war zweifellos eine wunderschöne Harfe. Nur sehr selten leistet ein Handwerker so gute Arbeit, daß man sich keine Verbesserungen vorstel- len kann. Sie war nicht verziert – das wäre ein Sakrileg gewesen. Außerdem war es ein neues Exemplar – ein ungewöhnlicher Umstand in Llamedos. In diesem Land zeichneten sich die meisten Harfen durch ein hohes Alter aus. Sie nutzten sich nicht wirklich ab. Manchmal muß- ten Rahmen, Hals oder einige Saiten ersetzt werden, aber die Harfe an sich blieb erhalten. Die alten Barden meinten, gute Harfen würden mit zunehmendem Alter noch besser. Allerdings neigen alte Männer von Natur aus zu solchen Bemerkungen, ungeachtet der täglichen Erfahrung. Imp zupfte an einer Saite. Der Ton hing eine Zeitlang in der Luft, be- vor er verschwand. Eine neue Harfe – und sie klang bereits wie eine Glocke. Unvorstellbar, was in hundert Jahren aus ihr werden mochte. Imps Vater hatte es Unsinn genannt und behauptet, die Zukunft sei in Stein gemeißelt und nicht in Form von Noten geschrieben. Damit hatte der Streit begonnen. Imp hatte Dinge gesagt, und sein Vater ebenfalls, und plötzlich ver- wandelte sich die Welt in einen neuen, unangenehmen Ort, denn Ausge- sprochenes ließ sich nicht zurücknehmen. »Du hast überhaupt keine Ahnung!« hatte Imp gerufen. »Du bist nur ein dummer Alter! Ich widme mein Leben der Musik! Irgendwann wer- den alle Leute sagen, ich sei der beste Musiker auf der ganzen Welt gewe- sen!« Dumme Worte. Barden scherten sich nur um die Meinung anderer Barden, die ein ganzes Leben lang lernten, wie man sich Musik anhörte., Törichte Worte, ja, aber ausgesprochen. Wenn man sie mit dem richti- gen Maß an Leidenschaft formuliert, und wenn sich die Götter außer- dem so langweilen, daß sie auf solche Dinge achten… dann kann es ge- schehen, daß der Kosmos eine neue Form annimmt. Worte sind immer mächtig genug, die Welt zu verändern. Man sollte sich genau überlegen, welchen Wunsch man laut ausspricht. Man weiß nie, wer zuhört. Oder was zuhört. Vielleicht treibt gerade etwas durchs Universum. Die falschen Worte von der falschen Person zum richtigen Zeitpunkt führten vielleicht dazu, daß es seinen Kurs ändert… Weit entfernt, in der turbulenten Metropole Ankh-Morpork, krochen Funken über eine kahle Wand, und dann… Dann gab es dort ein Geschäft, das alte Musikinstrumente anbot. Nie- mand wunderte sich darüber. Kaum war der Laden erschienen, hatte es ihn schon immer gegeben. Tod starrte ins Nichts, das knöcherne Kinn auf die Hand gestützt. Albert näherte sich vorsichtig. In seinen introspektiven Momenten – und dies war einer – fragte sich Tod oft, warum der Diener stets den gleichen Weg nahm. ICH MEINE, WENN MAN DIE GRÖSSE DES ZIMMERS BEDENKT…, dachte er. Es erstreckte sich bis in die Unendlichkeit. Besser gesagt, es kam der Unendlichkeit so nahe, daß der Unterschied keine Rolle spielte. Der Raum durchmaß etwa anderthalb Kilometer. Das ist ziemlich viel für ein Zimmer. Die Unendlichkeit hingegen sieht man kaum. Tod hatte gewisse Dinge durcheinandergebracht, als er das Haus schuf. Er fühlte sich keineswegs verpflichtet, Zeit und Raum zu gehorchen. Diese Kategorien waren für ihn nur etwas, das er ganz nach Belieben manipulieren konnte. Zum Beispiel waren die inneren Dimensionen des Gebäudes zu großzügig gestaltet. Er hatte vergessen, das Haus außen größer werden zu lassen als innen. Ähnliches galt für den Garten. In einem aufmerksamen Moment stellte er fest, daß andere Leute Farben, für wichtig hielten, zum Beispiel bei Rosen. Tods Rosen waren schwarz. Schwarzes gefiel ihm, es paßte zu allem. Früher oder später wurde alles schwarz. Die ihm bekannten Menschen – einige von ihnen hatte er näher ken- nengelernt – reagierten seltsam auf die unmöglichen Ausmaße der Zim- mer: Sie achteten einfach nicht darauf. Wie Albert. Die große Tür hatte sich geöffnet, und der Diener war ein- getreten, mit einer Tasse, die er vorsichtig auf der Untertasse balancier- te… Und dann stand er plötzlich in der Mitte des Zimmers, am Rand des quadratischen Teppichs, der sich unter dem Schreibtisch erstreckte. Tod fragte sich nicht mehr, wie Albert die Strecke von der Tür zu seinem Arbeitsplatz zurücklegte, weil er erkannte: Für seinen Diener existierte die Strecke überhaupt nicht… »Ich habe dir Kamillentee gebracht, Herr«, sagte Albert. HMM? »Herr?« ENTSCHULDIGE. ICH BIN GANZ IN GEDANKEN GEWESEN. WAS HAST DU GESAGT? »Kamillentee?« ICH DACHTE, AUS KAMILLE MACHT MAN SEIFE. »Seife und auch Tee, Herr«, erwiderte Albert. Besorgnis erfaßte ihn. Er war immer besorgt, wenn Tod begann, über Dinge nachzudenken. In seinem Job war zu häufiges Nachdenken unangebracht. Außerdem dach- te er auch noch auf die falsche Art nach. AUSGESPROCHEN NÜTZLICH. SOWOHL DRINNEN ALS AUCH DRAUSSEN SAUBER. Tod stützte wieder das Kinn auf die Hand. »Herr?« fragte Albert nach einer Weile. HMM? »Der Tee wird kalt, wenn du ihn stehenläßt.« ALBERT…, »Ja, Herr?« ICH HABE ÜBERLEGT… »Herr?« WORAUF LÄUFT EIGENTLICH ALLES HINAUS? ICH MEINE, WENN MAN GENAU DARÜBER NACHDENKT: WO LIEGT DER SINN DES GANZEN? »Oh. Äh. Ich weiß es nicht, Herr.« ICH WOLLTE ES NICHT, ALBERT. DAS WEISST DU. MIR IST JETZT KLAR, WAS SIE MEINTE. UND ES GEHT NICHT NUR UM DIE KNIE. »Wie bitte, Herr?« Keine Antwort. Albert blickte zurück, als er die Tür erreichte. Tod starrte wieder ins Nichts. Niemand konnte so gut starren wie er. Nicht gesehen zu werden… das war kein Problem. Weitaus problemati- scher waren jene Dinge, die sie immer wieder sah. Die Träume. Natürlich konnten es nur Träume sein. Susanne wußte, was die modernen Theorien behaupteten: Sie definierten Träume als Bilder, die entstanden, während das Gehirn die Ereignisse des Tages verarbeitete. Sie wäre bereit gewesen, eine solche Erklärung zu akzeptie- ren, wenn diese Ereignisse des Tages jemals fliegende weiße Pferde, große dunkle Zimmer und jede Menge Totenschädel beinhaltet hätten. Wenigstens waren es nur Träume. Susanne hatte auch andere Dinge gesehen, zum Beispiel eine seltsame Frau im Schlafsaal. Sie erschien in jener Nacht, als Rebecca Scharf einen Zahn unter ihr Kissen legte. Die Frau kam durchs offene Fenster und blieb am Bett stehen. Sie sah fast wie ein Milchmädchen aus und wirkte überhaupt nicht furchterregend, obwohl sie durch die Möbel schritt. Münzen klirrten. Am nächsten Mor- gen fehlte der Zahn, und Rebecca war um 50 Ankh-Morpork-Cent rei- cher. Susanne verabscheute so etwas. Sie wußte, daß labile Personen von der Zahnfee erzählten, was noch lange nicht bedeutete, daß auch eine exi-, stieren mußte. Derartige Überzeugungen deuteten auf wirre Gedanken hin. Von wirren Gedanken hielt sie nichts – und Frau Anstand hielt so etwas für besonders schlechtes Benehmen. Eigentlich war die Herrschaft von Frau Eulalie Anstand gar nicht so übel. Sie und ihre Kollegin Frau Delokus hatten das Internat auf der Basis einer erstaunlichen Idee gegründet: Da es für Mädchen kaum etwas zu tun gab, bis sie geheiratet wurden, konnten sie sich die Zeit damit vertreiben, etwas zu lernen. Es gab viele Schulen auf der Scheibenwelt, aber sie wurden entweder von Kirchen oder Gilden geleitet. Frau Anstand glaubte, daß sich Kir- chen nicht mit Logik vereinbaren ließen, und sie bedauerte es, daß nur zwei Gilden Mädchen ausbildeten: die Diebe und die Näherinnen. Dort draußen wartete eine große und gefährliche Welt; es konnte sicher nicht schaden, wenn junge Damen ihr mit fundiertem Wissen in Geometrie und Astronomie unter dem Mieder gegenübertraten. Frau Anstand vertrat den Standpunkt, daß es zwischen Mädchen und Jungen eigentlich gar keinen Unterschied gab. Zumindest keinen nennenswerten. Beziehungsweise keinen, über den Frau Anstand reden wollte. Deshalb hatte sie sich zur Aufgabe gemacht, bei den ihr anvertrauten jungen Damen logisches Denken und einen forschenden Geist zu stimu- lieren. Das war etwa ebenso klug wie die Absicht, hungrige Alligatoren in einem Boot aus Pappe zu jagen. Wenn Frau Anstand mit bebendem Kinn von den Gefahren in der Stadt berichtete, so gelangten dreihundert mit einem forschenden Geist ausgestattete Mädchen zu dem Schluß, daß darüber so schnell wie mög- lich gründliche Untersuchungen stattfinden mußten. Logisches Denken führte außerdem zu der Frage, woher Frau Anstand von solchen Dingen wußte. Die hohen, mit Eisenspitzen versehenen Mauern des Internats waren keineswegs unüberwindlich für jemanden, der sich mit Trigono- metrie auskannte und dessen Körper durch Fechten, viel Gymnastik und kalte Bäder bestens vorbereitet war. Wenn Frau Anstand von Gefahren sprach, wurden sie erst richtig inter- essant., Soviel zu der Sache mit der mitternächtlichen Besucherin. Nach einer Weile glaubte Susanne, daß sie sich alles nur eingebildet hatte. Das war die einzige logische Erklärung. Auch in dieser Hinsicht war sie außeror- dentlich talentiert. Es heißt, jeder sucht etwas. Imp suchte ein Ziel. Ein Karren hatte ihn bis hierher gebracht und rumpelte nun über die Felder fort. Der Barde sah auf den Wegweiser. Ein Pfeil deutete nach Quirm, der andere nach Ankh-Morpork. Imps Kenntnisse über Ankh-Morpork wa- ren eher beschränkt. Er wußte nur, daß es eine ziemlich große und auf Lehm erbaute Stadt war – das machte sie uninteressant für die Druiden in Imps Familie. Er hatte drei Dollar und etwas Kleingeld – damit kam er in Ankh-Morpork vermutlich nicht weit. Von Quirm wußte er, daß diese Region an der Küste lag. Der Weg dorthin schien nur selten benutzt zu werden, während die Straße nach Ankh-Morpork von Wagenrädern zerfurcht war. Es wäre zweifellos vernünftig gewesen, erst nach Quirm zu reisen, um dort das Stadtleben kennenzulernen. Es wäre vernünftig gewesen he- rauszufinden, wie Städter dachten und sich verhielten, bevor er sich nach Ankh-Morpork begab, der größten Stadt auf der ganzen Scheibenweit. Es wäre vernünftig gewesen, in Quirm Arbeit zu suchen und etwas Geld zu verdienen. Es wäre vernünftig gewesen, erst gehen zu lernen, bevor er zu laufen begann. Der gesunde Menschenverstand wies Imp auf all diese Dinge hin, und deshalb setzte er seinen Weg entschlossen in Richtung Ankh-Morpork fort. Was Susannes Aussehen betraf… Vielen Leuten schien sie wie eine Lö- wenzahnuhr, die sich anschickt, die Zeit anzuzeigen. Das Internat kleide- te seine Schülerinnen in weite, marineblaue Wollkittel, die vom Hals bis zu den Fußknöcheln reichten – praktische, gesunde Kleidung und so attraktiv wie eine Holzplanke. Die Taille saß knapp überm Knie. Susanne, hatte bereits damit begonnen, ihren Kittel auszufüllen, und zwar auf der Grundlage jener uralten Regeln, von denen Frau Delokus eher wider- strebend in Biologie und Hygiene berichtete. Nach ihrem Unterricht glaubten die Mädchen, sie müßten irgendwann ein Kaninchen heiraten. (Susanne verließ Frau Delokus’ Unterricht mit dem Gefühl, daß das Pappskelett in der einen Ecke des Klassenzimmers wie jemand aussah, den sie kannte…) Wegen ihrem Haar blieben die Leute oft stehen und sahen sich nach ihr um: Es war völlig weiß, bis auf einen schwarzen Streifen. Die Inter- natsvorschriften verlangten Zöpfe, doch Susannes Haar hatte die gerade- zu unheimliche Eigenschaft, immer wieder zur ursprünglichen Form zurückzukehren. In dieser Hinsicht ähnelte es den Schlangen der Medu- sa.* Und dann das Muttermal. Wenn es wirklich ein Muttermal war. Es zeigte sich nur, wenn Susanne errötete: Dann erschienen drei blasse Striemen auf ihrer Wange, als hätte sie eine Ohrfeige erhalten. Wenn sie sich ärgerte – und sie ärgerte sich oft, meistens über die Dummheit der Welt –, glühten die Linien. Eigentlich war jetzt Literatur dran. Susanne verabscheute Literatur. Viel lieber las sie ein gutes Buch. Derzeit lag Logik und Paradox vor ihr, und bei der Lektüre stützte sie das Kinn auf die Hände. Mit halbem Ohr lauschte sie den Aktivitäten der übrigen Klasse. Gerade wurde ein Gedicht über Narzissen vorgelesen. Der Dichter hatte sie offenbar sehr gemocht. Susanne hatte klare Prinzipien. Dies war ein freies Land. Jeder konnte Gefallen an Narzissen finden, wenn er wollte. Doch nach Susannes sehr kategorischer Meinung durfte es niemandem erlaubt sein, auf mehr als einer Seite zu beschreiben, warum ihm Narzissen gefielen. Sie kümmerte sich wieder um ihre eigene Bildung. Ihrer Ansicht nach störte die Schule nur dabei. * Kaum jemand hat sich mit der Frage beschäftigt, wo das Schlangenhaar der Medusa wuchs. Achselhaar kann zu einem noch peinlicheren Problem werden, wenn es immer wieder nach dem Deodorantfläschchen beißt., Um sie herum wurde die Vision des Dichters mit laienhaften Instru- menten auseinandergenommen. Die Küche war ebenso riesig wie Tods Arbeitszimmer und der Rest des Hauses. Ein ganzes Heer von Köchen hätte sich in ihr verirren können. Die fernen Wände blieben in den Schatten verborgen, und das Ofenrohr – getragen von verrußten Ketten und schmierigen Seilen – verschwand einen halben Kilometer über dem Boden in der Finsternis. Diesen Eindruck gewann der Besucher. Albert verbrachte seine Zeit in einem kleinen gekachelten Bereich, der genug Platz bot für Geschirrschrank, Tisch und Herd. Und für den Schaukelstuhl. »Wenn ein Mensch fragt: ›Wo liegt der Sinn des Ganzen?‹, dann geht’s ihm ziemlich dreckig«, sagte Albert, während er sich eine Zigarette rollte. »Ich habe allerdings keine Ahnung, was es bedeutet, wenn solche Worte von ihm kommen. Vermutlich ist es eine seiner Launen.« Der andere Anwesende nickte nur. Er hatte den Mund voll. »Die Angelegenheit mit seiner Tochter«, fuhr Albert fort. »Ich meine… Tochter? Und dann erfuhr er von Lehrlingen. Er brauchte überhaupt keinen, aber er mußte unbedingt los und sich einen besorgen! Ha! Da- durch gab’s nur Ärger. Und was dich betrifft… auch du bist das Ergeb- nis einer seiner Launen. Nichts für ungut«, fügte er hinzu, als er sich dar- an erinnerte, wem seine Worte galten. »Mit dir ist soweit alles in Ord- nung. Du erfüllst deine Pflicht.« Wieder ein Nicken. »Er versteht’s immer falsch«, sagte Albert. »Genau da liegt das Pro- blem. Weißt du noch, als er von Silvester erfuhr? Erinnerst du dich dar- an? Wir mußten alles den ›Traditionen gemäß‹ vorbereiten. Girlanden und der ganze Kram. Und er trug einen Papierhut mit der Aufschrift IST DAS LUSTIG? Ich schenkte ihm Nippes für den Schreibtisch, und er gab mir einen Ziegelstein.« Albert hob die Zigarette zum Mund. Sie war meisterhaft gerollt. Nur ein Experte konnte so dünne und gleichzeitig so feuchte Zigaretten rol- len., »An dem Ziegelstein gab es nichts auszusetzen. Ich habe ihn noch ir- gendwo.« QUIEK, kommentierte der Rattentod. »Da hast du vollkommen recht«, bestätigte Albert. »Ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Er versteht einfach nicht, worum es geht. Und er kommt über gewisse Dinge nicht hinweg. Weil er nie etwas ver- gißt.« Er saugte an der Zigarette, bis ihm die Augen tränten. »›Worauf läuft eigentlich alles hinaus? Wo liegt der Sinn des Ganzen?‹« Albert seufzte. »Meine Güte…« Aus reiner menschlicher Angewohnheit sah er zur Küchenuhr. Seit er sie gekauft hatte, bewegten sich ihre Zeiger nicht mehr. »Um diese Zeit ist er meistens zu Hause«, sagte er. »Was ihn wohl auf- gehalten haben mag… Nun, ich bereite besser das Tablett für ihn vor.« Der heilige Mann saß unter einem heiligen Baum. Seine Hände ruhten auf den Knien der überkreuzten Beine. Er hielt die Augen geschlossen, um sich besser auf das Unendliche zu konzentrierten. Seine Kleidung bestand nur aus einem Lendenschurz, als Zeichen der Geringschätzung scheibenweltlicher Dinge. Vor ihm stand ein Holznapf. Nach einer Weile spürte er, daß er beobachtet wurde. Ein Lid neigte sich langsam nach oben. Eine kaum erkennbare Gestalt saß in der Nähe. Später war er sicher, daß es… jemand gewesen war. An das Aussehen konnte er sich nicht genau erinnern, aber er zweifelte nicht daran, daß die Person ein Er- scheinungsbild gehabt hatte. Sie war etwa so groß gewesen, und außer- dem… ungefähr… ENTSCHULDIGUNG. »Ja, mein Sohn?« Der heilige Mann runzelte die Stirn. »Du bist doch männlichen Geschlechts, oder?« ICH GLAUBE SCHON. MEHR ODER WENIGER. »Nun?«, ANGEBLICH WEISST DU ALLES. Der heilige Mann öffnete auch das andere Auge. »Das Geheimnis der Existenz besteht darin, weltliche Bindungen zu verachten, die Chimäre materieller Werte zu meiden und die Einheit mit dem Unendlichen anzustreben«, erklärte er. »Und daß mir deine Diebes- finger nicht den Bettelnapf anrühren!« Der Anblick des Bittstellers bereitete ihm Unbehagen. ICH HABE DIE UNENDLICHKEIT GESEHEN, sagte der Frem- de. SIE IST NICHTS BESONDERES. Der heilige Mann blickte sich um. »Sei nicht dumm«, erwiderte er. »Die Unendlichkeit kann man nicht sehen. Weil sie unendlich ist.« ICH HABE SIE TROTZDEM GESEHEN. »Na schön. Beschreib sie mir.« SIE IST BLAU. Der heilige Mann rutschte nervös hin und her. So sollte es eigentlich nicht ablaufen. Ein kurzer Hinweis auf das Unendliche und ein demon- strativer Wink in Richtung Bettelnapf – das genügte in den meisten Fäl- len. »Sie ist schwarz«, murmelte er. NICHT VON AUSSEN BETRACHTET, widersprach der Fremde. DER NACHTHIMMEL IST SCHWARZ. ABER DAS IST NUR RAUM. DIE UNENDLICHKEIT GLÄNZT BLAU. »Weißt du auch, welches Geräusch eine klatschende Hand macht?« fragte der heilige Mann gehässig. JA. KL. DIE ANDERE HAND BESORGT DAS ATSCH. »Ah-ha, nein, da irrst du dich.« Der heilige Mann fühlte sich jetzt wie- der auf sicherem Terrain. Er hob eine dürre Hand und bewegte sie hin und her. »Na bitte. Alles bleibt still.« DU HAST NICHT GEKLATSCHT, NUR MIT DER HAND HERUMGEFUCHTELT., »Ich habe geklatscht, allerdings nur mit einer Hand. Welche Art von Blau?« ES WAR KEIN KLATSCHEN, NUR VAGES GESTIKULIEREN. ULTRAMARIN. Der heilige Mann sah über den Hang des Berges. Mehrere Personen näherten sich auf dem Weg von unten. Sie hatten Blumen im Haar und trugen etwas, das verdächtig nach einer Schüssel Reis aussah. ODER VIELLEICHT IST ES GAR KEIN BLAU IN DEM SINNE, MEHR EINE ART NILGRÜN. »Jetzt hör mal, mein Sohn«, sagte der heilige Mann hastig, »was willst du eigentlich? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.« DOCH, DAS HAST DU. GLAUB MIR. »Weshalb bist du zu mir gekommen?« WARUM MÜSSEN DIE DINGE SO SEIN, WIE SIE SIND? »Nun…« DU WEISST ES NICHT, ODER? »Ich weiß es nicht genau. Die ganze Sache gilt als geheimnisvoll…« Der heilige Mann fühlte einen durchdringenden Blick auf sich ruhen und glaubte zu spüren, daß sein Schädel transparent wurde. DANN MÖCHTE ICH DIR EINE EINFACHERE FRAGE STELLEN. WIE VERGESSEN MENSCHEN? »Vergessen? Was?« DIES UND DAS. ALLES. »Es… äh… geschieht automatisch.« Die mutmaßlichen Priester hatten inzwischen die Kurve der Berggipfel erreicht. Der heilige Mann griff rasch nach dem Bettelnapf. »Nehmen wir an, das hier ist dein Gedächtnis«, sagte er und winkte mit dem Napf. »Es paßt nur eine bestimmte Menge hinein. Wenn Neues hinzukommt, muß Altes weichen, um Platz zu schaffen…« NEIN. ICH ERINNERE MICH AN ALLES. AN ALLES. AN TÜRKNÄUFE. AN SONNENSCHEIN, DER SICH AUF HAAREN SPIEGELT. AN GELÄCHTER. AN DAS GERÄUSCH VON, SCHRITTEN. AN JEDES NOCH SO KLEINE DETAIL. ALS SEI ES ERST GESTERN GESCHEHEN. ODER ALS HÄTTE ES SICH MORGEN EREIGNET. AN ALLES ERINNERE ICH MICH. VERSTEHST DU? Der heilige Mann kratzte sich am kahlen Kopf. »Das traditionelle Vergessen geschieht auf folgende Weise«, sagte er. »Man tritt in die klatschianische Fremdenlegion ein, trinkt das Wasser eines magischen Flusses und kippt jede Menge Alkohol.« AH, JA. »Aber Alkohol schwächt den Körper und ist Gift für die Seele.« KLINGT GUT. »Herr?« Der heilige Mann drehte sich gereizt um. Die Priester waren eingetrof- fen. »Einen Augenblick. Ich spreche gerade mit…« Von dem Fremden fehlte jede Spur. »Herr, wir haben einen langen Weg hinter uns, um…«, begann einer der Neuankömmlinge. Der heilige Mann hob die Hand, hielt sie senkrecht und bewegte sie ei- nige Male hin und her. Er brummte etwas Unverständliches. Die Priester wechselten erstaunte Blicke. Sie hatten sich diese Begeg- nung anders vorgestellt. Schließlich nahm einer von ihnen seinen ganzen Mut zusammen. »Herr…« Der heilige Mann drehte sich um und versetzte ihm eine Ohrfeige. Es klatschte auf angemessene Weise. »Na bitte! Und nun… was kann ich für euch…« Der heilige Mann unterbrach sich, als eine Meldung der Ohren sein Gehirn erreichte. »Warum hat er von Menschen gesprochen?«, Tod wanderte nachdenklich über den Hang und näherte sich einem in aller Ruhe grasenden, weißen Pferd. DERZEIT BRAUCHE ICH DICH NICHT, sagte er. Das Pferd musterte ihn aufmerksam. Es war viel intelligenter als die meisten Pferde – keine besondere Leistung. Offenbar merkte es, daß mit der Gestalt in Schwarz etwas nicht stimmte. ES KÖNNTE EINE WEILE DAUERN, sagte Tod. Und er ging los. In Ankh-Morpork regnete es nicht. Imp nahm das mit großer Überra- schung zur Kenntnis. Es überraschte ihn auch, wie schnell man in dieser Stadt sein Geld ver- lor. Sein bisheriger Verlust belief sich auf drei Dollar und siebenund- zwanzig Cent. Dafür gab es einen guten Grund. Er hatte das Geld in eine kleine Scha- le gelegt wie ein Jäger einen Köder. Als er das nächste Mal hinsah, war die Schale leer. Die Leute kamen nach Ankh-Morpork, um ihr Glück zu versuchen. Manche versuchten auch das der anderen. Außerdem schienen Barden hier unerwünscht zu sein, selbst jene, die beim jährlichen Sänger- und Dichterfest in Llamedos den Mistelzweig- preis und die Jahrhundertharfe gewonnen hatten. Am Rand eines Platzes spielte Imp schon eine ganze Weile, aber nie- mand achtete auf ihn. Einmal war er zur Seite gestoßen worden – von jemandem, der es sehr eilig und offenbar auf das Geld in der Schale ab- gesehen hatte. Als er gerade die Weisheit der Entscheidung, Ankh- Morpork zu besuchen, in Frage stellte, näherten sich zwei Wächter. »Er spielt eine Harfe, Nobby«, sagte einer von ihnen, nachdem er Imp eine Zeitlang beobachtet hatte. »Leier.« »Es ist wirkllich eine Harfe«, sagte er. »Ich habe sie gewonnen, und zwar beim…«, »Ah, du kommst aus Llamedos«, spekulierte der dicke Wächter. »Ich hör’s an deinem Akzent. Sind sehr musikalische Leute, die Llamedosia- ner.« »Für mich klingt’s so, als gurgelte jemand mit Kies«, brummte Nobby. »Hast du eine Lizenz, Kumpel?« »Llizenz?« wiederholte Imp. »Die Musikergilde achtet sehr darauf«, erklärte Nobby. »Wenn sie dich ohne Lizenz beim Musizieren erwischt, nimmt sie dein Instrument und schiebt…« »Na, na«, warf der andere Wächter ein. »Verängstige den Jungen nicht.« »Sagen wir, für einen Pikkoloflötisten ist es nicht sehr angenehm«, meinte Nobby. »Aber die Musik muß doch auch hier so kostenllos sein wie die Lluft und der Himmell«, wandte Imp ein. »Nein, bei uns nicht«, entgegnete Nobby. »Sei besser auf der Hut.« »Ich habe nie von einer Musikergillde gehört.« »Du findest sie im Blechdosenweg«, sagte Nobby. »Wenn du ein Musi- ker sein willst, mußt du Gildenmitglied werden.« Imp war mit der Überzeugung aufgewachsen, daß man sich immer an die Regeln halten mußte. Die Llamedosianer waren sehr gesetzestreu. »Ich mache mich sofort auf den Weg«, sagte er. Die Wächter sahen ihm nach. »Er trägt ein Nachthemd«, sagte Korporal Nobbs. »Das ist ein Bardenumhang, Nobby«, erwiderte Feldwebel Colon. Die beiden Wächter schlenderten weiter. »Sind sehr bardisch, die Llamedo- sianer.« »Wieviel Zeit gibst du ihm, Feldwebel?« Colon wirkte wie jemand, der eine auf Erfahrungen basierende Vermu- tung äußert. »Zwei oder drei Tage«, sagte er. Sie kamen um die Ecke der Unsichtbaren Universität und erreichten Hinten, eine kleine staubige Straße, die fast immer leer und ohne Ver-, kehr war. Deshalb erfreute sich dieser Ort bei den Wächtern besonderer Beliebtheit. Sie gingen dorthin, um in aller Ruhe zu rauchen und zu phi- losophieren. »Du kennst doch Lachs, Feldwebel«, sagte Nobby. »Ein Fisch, wenn ich mich nicht irre.« »Man verkauft ihn scheibchenweise in Dosen…« »Das habe ich gehört, ja.« »Nun… wie kommt’s, daß alle Scheiben gleich groß sind? Obwohl Lachse an beiden Enden schmaler werden?« »Ein interessanter Hinweis, Nobby. Ich glaube…« Er unterbrach sich und starrte über die Straße. Korporal Nobbs folgte seinem Blick. »Der Laden dort«, brummte Feldwebel Colon. »War er… gestern schon da?« Nobby sah abblätternde Farbe, schmutzige Fenster und eine wackelige Tür. »Na klar«, antwortete er. »Er ist schon immer hier gewesen. Es gibt ihn seit Jahren.« Colon überquerte die Straße, trat ans Fenster heran und wischte einen Teil des Schmutzes fort. Drinnen erkannte er in der Dunkelheit nur vage Schemen. »Ja, genau«, murmelte er. »Ich meine nur… gab es ihn auch gestern seit Jahren?« »Ist alles in Ordnung mit dir, Feldwebel?« »Gehen wir, Nobby.« Colon lief fast. »Wohin, Feldwebel?« »Keine Ahnung. Nur weg von hier.« In den dunklen Warenbergen spürte etwas, daß die Wächter gingen. Imp hatte bereits Gelegenheit gefunden, die Gildenhäuser zu bewun- dern: die prächtige Vorderfront der Assassinengilde, die hübschen Säulen der Diebesgilde, das qualmende und recht eindrucksvolle Loch dort, wo, sich gestern noch das Hauptquartier der Alchimisten befunden hatte. Er war enttäuscht, als er schließlich nach langer Suche die Musikergilde fand und feststellen mußte, daß sie nicht einmal ein eigenes Gebäude hatte. Ihr Verwaltungszentrum waren nur zwei kleine Räume über einem Fri- seurgeschäft. Imp nahm in einem braunen Wartezimmer Platz und wartete. An der Wand ihm gegenüber hing ein Schild mit der Aufschrift: »Zu deinem eigenen Besten wirst du NICHT RAUCHEN«. Imp hatte nie in seinem Leben geraucht; in Llamedos war alles viel zu naß. Doch jetzt geriet er plötzlich in Versuchung. Zwei Personen leisteten ihm Gesellschaft: ein Troll und ein Zwerg. Ih- re Präsenz erfüllte Imp mit Unbehagen. Sie starrten ihn immer wieder an. »Bist du ein Elf?« fragte der Zwerg schließlich. »Ich? Nein!« »Siehst ein bißchen elfisch aus.« »In meiner Famillie gibt es keine Ellfen. Ehrenwort!« »Woher du sein?« erkundigte sich der Troll. »Ich komme aus Llamedos.« Imp schloß die Augen. Er wußte, was Trolle und Zwerge mit Leuten anstellten, die sie für Elfen hielten. Es mochte sich als lehrreich für die Musikergilde erweisen. »Was du da haben?« fragte der Troll. Er blickte durch zwei große dunk- le Gläser vor den Augen. Gehalten wurden sie von einem hinter die Oh- ren gehakten Drahtgestell. »Es ist eine Harfe.« »Du spielst so was?« »Ja.« »Du vielleicht ein Druide bist?« »Nein!« Es wurde still, als der Troll seine Gedanken ordnete. »In dem Nachthemd du aussehen wie ein Druide«, knirschte er nach einer Weile., Der Zwerg saß auf der anderen Seite von Imp und kicherte nun. Trolle mochten auch Druiden nicht. Wenn jemand einen großen Teil seines Lebens damit verbrachte, an einem Ort zu verharren und wie ein Felsen auszusehen, dann gefiel es ihm ganz und gar nicht, wenn jemand anders kam, ihn Dutzende von Kilometern weit fortschleppte, um ihn dann bis zu den Knien einzugraben und so einem Steinkreis hinzuzufü- gen. »Sollche Klleidung tragen alllle Lleute in Llamedos«, sagte Imp. »Ich bin ein Barde, kein Druide! Ich hasse Steine!« »Oh-oh«, kommentierte der Zwerg leise. Der Troll musterte Imp von Kopf bis Fuß, langsam und stumm. »Du noch nicht lange in dieser Stadt?« fragte er dann, ohne den Klang seiner Stimme zu verändern. »Bin gerade eingetroffen«, entgegnete Imp. Ich schaffe es nicht mall bis zur Tür, dachte er. Ich ende hier alls ein Haufen Brei. »Jetzt ich dir gebe einen Rat über was du wissen solltest besser. Er sein völlig umsonst und gratis noch dazu. Hier in dieser Stadt dumme Men- schen sagen ›Stein‹ und ›Fels‹ wenn sie meinen Troll. Schlimme Worte. Wer sie benutzt erwarten darf daß suchen muß eigenen Kopf. Das be- sonders gilt für Leute die aussehen ein wenig wie Elfen. Diesen Rat ich gebe dir kostenlos – du brauchst nichts dafür zu bezahlen weil du bist ein Barde und Musiker wie ich.« »Oh! Ja! Danke!« stieß Imp erleichtert hervor. Er nahm die Harfe und spielte einige Akkorde. Das schien die Stim- mung ein wenig zu heben, denn es war allgemein bekannt, daß Elfen nicht musizierten. »Lias Blaustein«, sagte der Troll und streckte etwas Großes mit Fingern daran aus. »Imp y Cellyn«, erwiderte Imp. »Ich habe garantiert nicht mit Lleuten zu tun, die Fellsen hin und her schlleppen!« Eine kleinere, knubbelige Hand näherte sich Imp aus der anderen Richtung. Der Llamedosianer sah an dem zugehörigen Arm entlang und blickte in das Gesicht des Zwergs. Er war klein, selbst nach den Maßstä- ben seines Volkes. Auf seinen Knien ruhte ein großes Horn aus Bronze., »Glod Glodson«, stellte sich der Zwerg vor. »Spielst du nur die Harfe?« »Mir ist alllles mit Saiten recht«, sagte Imp. »Aber die Harfe gillt als die Königin der Musikinstrumente.« »Ich blase alles«, meinte Glod. »Im Ernst?« Imp suchte nach höflichen Worten. »Dann bist du sicher sehr beiliebt.« Der Troll hob einen großen Ledersack. »Das hier ich spiele«, verkündete er. Einige große Steine fielen auf den Boden. Lias nahm einen und schnipste ihn mit dem Finger an. Ein kur- zes Bamm erklang. »Musik aus Steinen?« fragte Imp erstaunt. »Wie nennt ihr sie?« »Wir sie nennen Ggroohauga«, sagte Lias. »Das bedeutet ›Musik aus Stei- nen‹.« Die Felsbrocken waren unterschiedlich groß und sorgfältig gestimmt: Hier und dort waren kleine Stücke herausgemeißelt worden. »Darf ich?« fragte Imp. »Natürlich.« Der Barde wählte einen nicht ganz so großen Stein und klopfte mit dem Fingerknöchel daran. Das Ergebnis war ein Bopp. Bei einem noch kleineren Exemplar machte es Bing. »Wie verwendest du sie?« »Ich sie schlage aneinander.« »Und dann?« »Und dann was?« »Was geschieht, nachdem du die Steine aneinandergeschllagen hast?« »Dann ich sie schlage noch einmal aneinander«, sagte Lias. Kein Zwei- fel, er war von Natur aus Schlagzeuger. Die Tür des Büros öffnete sich, und ein Mann mit spitzer Nase spähte ins Wartezimmer. »Gehört ihr zusammen?« fragte er scharf., Die Legende stimmte: Es gab tatsächlich einen Fluß, der Vergessen brachte, wenn man auch nur einen Tropfen von seinem Wasser trank. Viele Leute glaubten, daß es der Fluß Ankh war, dessen Wasser nicht nur getrunken, sondern auch geschnitten und gekaut werden kann. Ein Schluck Ankh-Wasser würde vermutlich dafür sorgen, daß der Trinkende sein Gedächtnis verliert. Er müßte zumindest damit rechnen, daß Dinge passieren, an die er sich später nicht erinnern möchte. Wie dem auch sei: Der legendäre Fluß existierte wirklich. Allerdings hat die Sache einen Haken. Niemand weiß, wo der Fluß der Vergessens fließt – wer ihn findet, hat stets großen Durst. Tod wandte seine Aufmerksamkeit anderen Dingen zu. »Fünfundsiebzig Dollllar?« entfuhr es Imp. »Nur fürs Musizieren?« »Fünfundzwanzig Dollar Einschreibegebühr, zwanzig Prozent soforti- ge Gebühren sowie fünfzehn Dollar freiwilliger obligatorischer Beitrag für den Rentenfonds«, erklärte Herr Clete, Sekretär der Gilde. »Aber soviell Gelld haben wir nicht!« Der Mann zuckte mit den Achseln, was bedeutete: Es gab viele Pro- bleme auf der Welt, aber dies hier betraf ihn nicht persönlich. »Vielllleicht können wir bezahllen, wenn wir etwas verdient haben«, sagte Imp hoffnungsvoll. »Wenn du uns eine vorlläufige Llizenz gibst, für ein oder zwei Wochen…« »Ich kann nicht erlauben, daß ihr musiziert, ohne Mitglieder der Gilde zu sein«, erwiderte Herr Clete. »Aber wir können keine Gildenmitglieder werden, ohne zuvor musi- ziert zu haben«, warf Glod ein. »Stimmt«, bestätigte Herr Clete fröhlich. »Hätt-hätt-hätt.« Es war ein seltsames Lachen, völlig freudlos und irgendwie vogelartig. Es paßte zu dem Mann, von dem es stammte: Eine solche Person kam heraus, wenn man fossiles Gen-Material von etwas in Bernstein einge- schlossenem gewann und ihm dann einen Anzug gab. Lord Vetinari hatte die Entstehung und Entwicklung der Gilden ge- fördert. Sie waren die größten Zahnräder des gut regulierten Mechanis-, mus, durch den die Stadt funktionierte. Ein Tropfen Öl hier, eine zusätz- liche Speiche dort… Im großen und ganzen klappte alles. Solch ein sozialer Apparat brachte Leute wie Herrn Clete hervor, so wie ein Misthaufen Würmer hervorbringt. Nach den üblichen Maßstäben konnte man Herrn Clete nicht als bösen Mann bezeichnen. Aus dieser sachlichen Perspektive betrachtet, ist auch die pestbringende Ratte kein böses Tier. Herr Clete arbeitete hart zum Wohle seiner Mitmenschen. Dieser Auf- gabe widmete er sein ganzes Leben. Es gibt viele Dinge auf der Welt, die erledigt werden müssen, die aber kaum jemand erledigen möchte. Des- halb waren die Leute froh, wenn sich jemand wie Herr Clete darum kümmerte. Er schrieb Protokolle. Er hielt die Mitgliederkartei immer auf dem neuesten Stand. Er führte Akten. Er organisierte. Er hatte hart für die Diebesgilde gearbeitet, obgleich er gar kein Dieb war, zumindest nicht im üblichen Sinn. Dann wurde ein interessanter Posten bei der Narrengilde frei, und Herr Clete war auch kein Narr. Schließlich bekam er die Möglichkeit, Sekretär der Musikergilde zu wer- den. Eigentlich hätte er dafür Musiker sein müssen, was er zum Anlaß nahm, sich Kamm und Papier zu kaufen. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Gilde von Musikern geleitet worden: Die Mitgliederkartei konnte kaum inaktueller sein; in letzter Zeit hatte niemand Beiträge gezahlt; da die Organisation mit mehreren tausend Ankh-Morpork-Dollar beim Troll Chrysopras verschuldet war, der Wucherzinsen verlangte, mußte Herr Clete nicht einmal vorspielen… Als Herr Clete den ersten vernachlässigten Aktenordner öffnete, regte sich in ihm ein wundervolles Gefühl. Seit damals hatte er nicht einmal zurückgeblickt, immer nur nach unten auf den Schreibtisch gesehen. Die Musikergilde verfügte nicht nur über einen Vorsitzenden und einen Vor- stand, sondern auch über Herrn Clete, der das Protokoll führte und ge- währleistete, daß alles glatt lief, während er zufrieden vor sich hin lächel- te. Es ist eine ebenso seltsame wie unumstößliche Tatsache: Wenn Men- schen das Joch der Tyrannei abstreifen, um sich selbst zu regieren, er- scheint Herr Clete wie ein Pilz nach dem Regen., Hätt-hätt-hätt. So lachte Herr Clete. Und sein Lachen war umgekehrt proportional zum Witz der Situation. »Das ergibt doch keinen Sinn!« »Willkommen in der wundervollen Welt der Gildenwirtschaft«, sagte Herr Clete. »Hätt-hätt-hätt.« »Was passiert, wenn wir musizieren, ohne Gilldenmitgllieder zu sein?« fragte Imp. »Werden dann unsere Instrumente beschllagnahmt?« »Damit fängt’s an«, erwiderte Herr Clete. »Anschließend bekommt ihr sie zurück, in gewisser Weise. Hätt-hätt-hätt. Übrigens: Du bist nicht zufällig ein Elf, oder?« »Fünfundsiebzig Dollllar sind kriminellll«, sagte Imp, als sie durch die abendlichen Straßen von Ankh-Morpork wanderten. »Schlimmer als kriminell«, meinte Glod. »Die Diebesgilde verlangt nur einen Anteil, wie ich hörte.« »Und dafür man alles kriegt zum Beispiel Mitgliedschaft und Rente«, grollte Lias. »Außerdem es gibt einmal im Jahr eine Reise nach Quirm und ein Picknick.« »Musik sollllte frei sein«, betonte Imp. »Was wir jetzt machen?« fragte Lias. »Hat jemand Geld?« erkundigte sich Glod. »Einen Dollar habe ich«, sagte Lias. »Und ich einige Cent«, fügte Imp hinzu. »Dann leisten wir uns jetzt eine anständige Mahlzeit«, entschied Glod. »Und zwar hier.« Er deutete auf ein Schild. »Gimlets Gesundes Schlemmern«, las Lias. »Gimlet? Nach Zwerg klingt. Hier es gibt nur Nagetiere und so?« »Er bietet jetzt auch Troll-Spezialitäten an«, sagte Glod. »Hat entschie- den, die ethnischen Differenzen zu vergessen, um mehr Geld zu verdie- nen. Fünf Sorten Kohle, sieben Sorten Koks und Asche, dazu leckeres Sedimentgestein. Es gefällt dir bestimmt.«, »Hat er auch Zwergenbrot?« fragte Imp. »Du magst Zwergenbrot?« entfuhr es Glod erstaunt. »Ja.« »Richtiges Zwergenbrot?« fügte Glod hinzu. »Bist du ganz sicher?« »Ja. Es ist hübsch knusprig.« Glod zuckte mit den Schultern. »Der endgültige Beweis«, sagte er. »Wer Zwergenbrot mag, kann un- möglich ein Elf sein.« Das Lokal war fast leer. Hinter der Theke stand ein Zwerg, dessen Schürze knapp unter den Achseln hing. »Gibt’s hier gebratene Ratten?« fragte Glod. »Die besten gebratenen Ratten in der ganzen Stadt«, antwortete Gim- let. »Na schön. Ich möchte vier.« »Und etwas Zwergenbrot«, warf Imp ein. »Und ein bißchen Koks«, sagte Lias geduldig. »Meinst du Rattenköpfe oder Rattenbeine?« »Weder noch. Vier ganze Ratten.« »Und ein bißchen Koks.« »Möchtest du Ketchup auf den Ratten?« »Nein.« »Bestimmt nicht?« »Kein Ketchup.« »Und ein bißchen Koks.« »Und zwei hartgekochte Eier«, sagte Imp. Die anderen starrten ihn groß an. »Äh… ich mag hartgekochte Eier«, rechtfertigte er sich. »Und ein bißchen Koks.« »Und zwei hartgekochte Eier.« »Und ein bißchen Koks.«, »Fünfundsiebzig Dollar«, grummelte Glod, als sie Platz nahmen. »Wie- viel sind dreimal fünfundsiebzig Dollar?« »Viele Dollar«, erwiderte Lias. »Mehr alls zweihundert«, sagte Imp. »Ich glaube, soviel Geld habe ich noch nie gesehen«, stöhnte Glod. »Zumindest nicht im wachen Zustand.« »Wir Geld verdienen«, schlug Lias vor. »Das können wir nicht«, wandte Imp ein. »Zumindest nicht alls Musi- ker. Wenn man uns erwischt, nehmen sie unsere Instrumente und schie- ben sie…« Er unterbrach sich. »Nun, für einen Pikkollofllötisten ist es nicht sehr angenehm«, zitierte er aus dem Gedächtnis. »Ich schätze, auch ein Posaunist fände kaum Gefallen daran«, sagte Glod und streute Pfeffer auf die erste gebratene Ratte. »Ich kann nicht nach Hause zurückkehren«, überlegte Imp laut. »Ich habe gesagt, daß ich… Nein, ich kann jetzt noch nicht zurück. Sellbst wenn ich es könnte… Ich müßte Monollithen aufstellllen so wie meine Brüder. Die interessieren sich blloß für Steinkreise.« »Wenn ich heimkehre, dresche ich mit Keule auf Druiden ein«, meinte Lias. Imp und Lias rückten ein wenig voneinander fort. »Und wenn wir an einem Ort musizieren, wo uns die Gilde nicht fin- det?« fragte der Zwerg fröhlich. »Zum Beispiel in einem Klub…« »Klub?« wiederholte Lias. »Kann man damit hauen?« »Das verwechselst du mit Keule«, entgegnete Glod. »Ich meine einen Nachtklub.« »Eine Keule, die man verwendet nur in der Nacht?« Glod ging nicht darauf ein. »Zufälligerweise kenne ich einige Orte in der Stadt, wo man nicht besonders scharf darauf ist, Gildengebühren zu bezahlen. Mit einigen Auftritten verdienen wir genug Geld für die Lizen- zen. Überhaupt kein Problem.« »Wir drei?« fragte Imp. »Zusammen?« »Ja.«, »Aber wir spiellen Zwergenmusik und Menschenmusik und Trollllmu- sik«, gab der Barde zu bedenken. »Ich bin mir nicht sicher, ob das zu- sammenpaßt. Ich meine, Zwerge hören sich Zwergenmusik an, Men- schen llauschen menschllicher Musik, und Trolllle mögen Trollllmusik. Bestimmt geschieht was Schrecklliches, wenn wir das alllles mischen.« »Wir gut miteinander auskommen.« Lias stand auf und holte das Salz von der Theke. »Wir sind Musiker«, sagte Glod. »Bei normalen Leuten sieht die Sache ganz anders aus.« »Hm, ja«, pflichtete ihm der Troll bei. Lias setzte sich. Es knackte und knirschte. Lias erhob sich. »Oh«, sagte er. Imp beugte sich vor. Langsam und vorsichtig nahm er die Reste der Harfe vom Stuhl. »Oh«, wiederholte Lias. Eine Saite rollte sich zusammen, dabei erklang ein trauriges Geräusch. Es war, als hätte man ein Kätzchen sterben sehen. »Ich habe sie beim jährllichen Sänger- und Dichterfest in Llamedos gewonnen«, sagte Imp. »Kann man sie irgendwie reparieren?« fragte Glod nach einer Weile. Imp schüttelte den Kopf. »In meiner Heimat gibt es niemanden mehr, der zu einer sollchen Re- paratur imstande wäre.« »Mag sein. Aber in der Straße Schlauer Kunsthandwerker…« »Es mir tut sehr leid. Es mir tut wirklich leid viel. Weiß gar nicht, wieso das Ding plötzlich da lag.« Imp versuchte vergeblich, einige Einzelteile zusammenzufügen. Nein, ein Musikinstrument ließ sich nicht reparieren. Er hatte öfter gehört, wie die alten Barden darüber sprachen. Musikinstrumente besaßen eine Seele. Wenn sie zerbrachen, entkam der Geist in ihnen, flog fort wie ein Vogel., Was man anschließend wieder zusammenfügte, war nur ein Ding, eine Ansammlung von Holz und Draht. Sicher, es erzeugte Töne, und viel- leicht konnte man damit ein ungeübtes Ohr täuschen, aber… wenn je- mand von einer hohen Klippe herabstürzt und wenn man ihn nach dem Aufprall wieder zusammenflickt – wer rechnet dann ernsthaft damit, daß der Betreffende wieder lebendig wird? »Äh, vielleicht können wir dir eine andere Harfe besorgen«, sagte Glod. »In Hinten gibt es einen kleinen Musikladen, der…« Er sprach nicht weiter. Natürlich gab es hinter der Unsichtbaren Uni- versität einen kleinen Musikladen. Es hatte ihn immer gegeben. »Hinten«, wiederholte er, um ganz sicher zu sein. »Ein Musikladen. Hinten. Ja. Schon seit Jahren.« »Eine sollche Harfe kann man dort sicher nicht kaufen«, meinte Imp. »Bevor der Harfenbauer das Hollz anrührt, muß er zwei Wochen llang in einer Höhlle hinter einem Wasserfallll sitzen, geklleidet in einen Umhang aus Ochsenlleder.« »Warum?« »Keine Ahnung. So verllangt es die Tradition. Der Künstller muß sein Bewußtsein von allllem Ballllast befreien.« »Wie dem auch sei«, sagte Glod. »Sicher finden wir in dem Laden etwas anderes. Wir gehen dort einkaufen. Richtige Musiker brauchen Musikin- strumente.« »Ich habe kein Gelld mehr«, sagte Imp. Glod klopfte ihm auf die Schulter. »Und wenn schon. Du hast Freun- de. Wir helfen dir. Ist doch klar.« »Wir haben unser ganzes Gelld für diese Mahllzeit ausgegeben«, ent- gegnete Imp. »Jetzt sind unsere Taschen lleer.« »Du siehst die Dinge aus einer ziemlich negativen Perspektive«, warf Glod dem Barden vor. »Mag sein. Lleider gibt es keine andere.« »Mir fällt schon was ein«, versprach Glod. »Ich bin ein Zwerg. Wir kennen uns mit Geld aus. Geld liegt mir praktisch im Blut.« »Wie wär’s dann mit einem Aderllaß?«, Es war fast dunkel, als sie den Laden erreichten – das Haus stand den hohen Mauern der Unsichtbaren Universität direkt gegenüber. Offenbar handelte es sich um jene Art von Musikgeschäft, das gleichzeitig als Pfandleihe fungiert. Irgendwann in seinem Leben muß jeder Musiker sein Instrument verpfänden, wenn er essen und in einem Bett schlafen möchte. »Hast du jemals hier gekauft was?« fragte Lias. »Nein, ich… glaube nicht«, erwiderte Glod. »Hat geschlossen der Laden«, vermutete Lias. Glod klopfte an die Tür. Nach einer Weile öffnete sie sich einen Spalt, gerade weit genug, um einen schmalen Streifen vom Gesicht einer alten Frau zu zeigen. »Wir möchten was kaufen, Gnäfrau«, sagte Imp. Das sichtbare Auge musterte ihn von Kopf bis Fuß. »Bist du ein Mensch?« »Ja, Gnäfrau.« »Na schön.« Das einzige Licht im Laden spendeten einige Kerzen. Die Alte floh hinter den Tresen und spähte argwöhnisch nach Anzeichen dafür, daß sie heimtückisch im Bett ermordet werden sollte. Das Trio bewegte sich vorsichtig zwischen Waren, die zum größten Teil nicht eingelöste Pfandstücke zu sein schienen. Musiker litten per- manent an Geldmangel; es gehörte einfach zum Leben als Musiker. Imp sah Kriegshörner, Lauten, Trommeln… »Dies ist nur Gerümpell«, flüsterte er. Glod strich Staub von einem trompetenartigen Gegenstand, setzte ihn an die Lippen und blies hinein. Es erklang ein Geräusch wie… vom Geist einer mehrmals gebratenen Bohne. »Ich schätze, hier steckt irgendwo eine tote Maus drin.« Der Zwerg blickte in die dunklen Tiefen des Instruments. »Es war alles in Ordnung damit, bevor du hineingeblasen hast«, behaup- tet die Alte., Auf der anderen Seite des Ladens schepperten Becken. »Entschuldigung!« rief Lias. Glod öffnete den Deckel eines Objekts, das Imp nun zum erstenmal sah. Tasten kamen darunter zum Vorschein. Die kurzen, stummelartigen Finger des Zwergs berührten sie und entlockten ihnen mehrere traurige, blecherne Töne. »Was ist das?« hauchte Imp. »Ein Tafelklavier«, sagte Glod. »Können wir was damit anfangen?« »Ich glaube nicht.« Imp straffte sich. Er hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Nun, die Alte behielt sie alle im Auge, aber es gab hier noch etwas anderes… »Diese Dinge nützen uns nichts«, sagte er laut. »He, was war das?« fragte Glod. »Ich habe gesagt, diese Dinge…« »Ich höre etwas.« »Was?« »Es hat sich gerade wiederholt.« Hinter ihnen krachte es, als Lias einen Kontrabaß aus einem Haufen alter Notenständer zerrte und versuchte, in den spitzen Teil zu blasen. »Es ertönte ein komisches Geräusch, als du eben gesprochen hast«, meinte Glod. »Sag was.« Imp zögerte: das typische Verhalten von jemandem, der sein ganzes Leben lang eine Sprache gesprochen hat und plötzlich aufgefordert wird, »etwas zu sagen«. »Imp?« erwiderte er versuchsweise. WAMM-Wamm-wamm. »Es kam von…« WUMM-Wumm-wumm. Glod schob einen Stapel uralter Notenblätter beiseite. Dahinter er- streckte sich ein Instrumentenfriedhof, unter anderem bestehend aus einer Trommel ohne Bespannung, einem aus Lancre stammenden Du-, delsack ohne Spielpfeifen und einer einzelnen Maraca, die vermutlich für einen Zen-Flamencotänzer bestimmt war. In dem Durcheinander lag noch etwas anderes. Glod holte es hervor. Es sah aus wie eine Gitarre, die jemand mit ei- nem stumpfen Meißel aus einem alten Holzblock gehauen hatte. Zwerge spielten zwar keine Saiteninstrumente, aber Glod war durchaus imstande, eine Gitarre zu identifizieren. Sie sollte wie eine Frau geformt sein, doch in diesem Fall traf das nur zu, wenn man an eine Frau ohne Beine mit langem Hals und zu vielen Ohren dachte. »Imp?« fragte er. »Ja?« Whauauaum. Das Geräusch war scharf und drängend. Das Instrument hatte zwölf Saiten, doch der Schallkörper war nicht etwa hohl, sondern massiv. Eigentlich diente er nur dazu, die Saiten zu halten. »Es hat auf deine Stimme reagiert«, sagte Glod. »Wie…« Whaum-wha. Der Zwerg preßte die Hände auf die Saiten und winkte seine beiden Kollegen näher. »Wir sind hier in unmittelbarer Nähe der Universität«, flüsterte er. »Ständig leckt Magie durch ihre Mauern. Das ist allgemein bekannt. Oder ein Zauberer hat dieses Ding verpfändet. Man schaue einer geschenkten Ratte nicht ins Maul, lautet mein Motto. Kannst du Gitarre spielen?« Imp erbleichte. »Meinst du etwa… Vollksmusik?« Er nahm das Objekt entgegen. In Llamedos hielt man nicht viel von Volksmusik, und von entsprechenden Liedern wurde ausdrücklich abge- raten. Man vertrat folgenden Standpunkt: Wer eines Morgens im Mai eine holde Maid sah, sollte gefälligst alle notwendigen Schritte unter- nehmen, ohne daß dauernd jemand mitschrieb. Und was Gitarren betraf: Sie galten als… zu leicht. Imp berührte die Saiten und hörte seltsam exotische Geräusche. Er vernahm sonderbare Resonanzen und Echos, die im Plunder des Ladens, verschwanden, dort zusätzliche Harmonien suchten und dann zurück- kehrten. Die Klänge ließen ihn erschauern. Nun, ohne irgendein Instru- ment konnte man nicht einmal der schlechteste Musiker auf der ganzen Welt sein. »Na schön«, sagte Glod. Er drehte sich zu der Alten um. »Das hier ist überhaupt kein richtiges Musikinstrument«, behauptete er. »Sieh nur – die Hälfte fehlt.« »Gllod, ich gllaube nicht…«, begann Imp. Unter seiner Hand zitterten die Saiten. Die alte Frau betrachtete den Gegenstand. »Zehn Dollar«, sagte sie. »Zehn Dollar?« wiederholte Glod. »Zehn Dollar? Das Ding ist nicht einmal zwei Dollar wert.« »Stimmt«, erwiderte die Alte. Ihre Miene erhellte sich auf unheilver- kündende Weise. Sie schien sich darauf zu freuen, das Schlachtfeld des Feilschens zu betreten. »Und es ist alt«, fügte Glod hinzu. »Eine Antiquität.« »Und der schlechte Klang… vollkommen ruiniert.« »Ein weicher und sanfter Ton. Solche Handwerkskunst gibt es heutzu- tage nicht mehr.« »Weil die Handwerker inzwischen dazugelernt haben.« Imp sah erneut auf den Gegenstand hinab. Die Saiten vibrierten von ganz allein. Sie glühten bläulich, und sie wirkten ein wenig verschwom- men, als könnten sie sich nicht entscheiden, ob sie ganz Teil der Wirk- lichkeit werden wollten. Der Barde hob das Instrument dicht vor den Mund und raunte: »Imp.« Die Saiten summten. Dann bemerkte er das Kreidezeichen. Es war fast vollständig verblaßt. Vielleicht war es nicht einmal ein Zeichen, nur ein Kreidestrich…, Glod schien jetzt richtig in Fahrt gekommen zu sein. Zwerge galten als besonders hartnäckige Feilscher, die in Scharfsinn und geschäftstüchtiger Unverschämtheit nur alten Frauen nachstanden. Imp versuchte, den Verhandlungen zu folgen. »Nun gut«, sagte Glod gerade. »Abgemacht?« »Abgemacht«, erwiderte die Alte. »Und spuck dir bloß nicht auf die Finger, bevor wir uns die Hände schütteln. Das ist unhygienisch.« Glod wandte sich an Imp. »Ich glaube, ich bin ganz gut klargekom- men.« »Freut mich. Jetzt hör mall…« »Hast du zwölf Dollar?« »Was?« »Ein echter Gelegenheitskauf.« Hinter ihnen rumste es. Lias erschien und rollte eine ziemlich große Trommel. Zwei Becken steckten unter seinem Arm. »Ich habe doch gesagt, daß ich kein Gelld mehr habe«, flüsterte Imp. »Ja, aber… nun, alle sagen, daß sie kein Geld haben. Ist doch nur ver- nünftig. Es wäre ziemlich dumm, dauernd darauf hinzuweisen, daß man Geld hat, oder? Hast du wirklich kein Geld?« »Nein!« »Nicht mal zwölf Dollar?« »Nein!« Lias lud Trommel, Becken und einen Haufen Notenpapier auf dem Tresen ab. »Wieviel alles kostet zusammen?« fragte er. »Fünfzehn Dollar«, antwortete die Alte. Lias seufzte und richtete sich auf. Einige Sekunden lang starrte er ins Leere, dann rammte er die Faust gegen seinen eigenen Unterkiefer. Er tastete mit einem Finger in seinen Mund und holte etwas hervor… Imp riß die Augen auf., »Laß mich mal sehen.« Glod griff nach dem Etwas, ohne daß der Troll Widerstand leistete. Eine Zeitlang betrachtete er das Objekt aufmerksam. »He, das sind mindestens fünfzig Karat!« »Das will ich nicht«, protestierte die Alte. »Es kommt aus dem Mund eines Trolls!« »Du ißt doch Eier, oder?« erwiderte Glod. »Nun, jeder weiß, daß Troll- zähne aus hochkarätigen Diamanten bestehen.« Die alte Frau nahm den Zahn entgegen und begutachtete ihn im Ker- zenlicht. »Wenn wir ihn zu einem Juwelier in der Unvergleichlichen Straße brächten…«, sagte Glod. »Er würde uns bestimmt bestätigen, daß der Zahn zweihundert Dollar wert ist.« »Hier beträgt sein Wert genau fünfzehn Dollar«, entgegnete die Alte. Wie durch Zauberei verschwand der Diamant in einer ihrer Taschen. Anschließend lächelte die Ladeninhaberin. »Warum konnten wir ihr den Zahn nicht wieder abnehmen?« fragte Glod, als sie das Geschäft verlassen hatten. »Weill sie eine hillfllose allte Frau ist«, sagte Imp. »Eben. Genau das meine ich.« Glod sah zu Lias auf. »Du hast den ganzen Mund voller Diamanten?« »Ja.« »Weißt du, ich bin mit der Miete zwei Monate im Rückstand…« »Du beffer nicht einmal daran denkft«, sagte der Troll. Hinter ihnen schloß sich die Tür. »Kopf hoch, ihr alle«, wandte sich Glod an seine Begleiter. »Morgen ar- rangiere ich unseren ersten Auftritt. Keine Sorge. Ich habe gute Verbin- dungen in dieser Stadt. Wir drei… wir sind eine Band.« »Wir haben nicht einmall zusammen geübt«, gab Imp zu bedenken. »Und wenn schon«, sagte Glod. »Wir improvisieren einfach. Willkom- men in der Welt professioneller Musik.«, Mit Geschichte konnte Susanne nicht viel anfangen. Sie war immer so langweilig: Dumme Leute stellten immer wieder die gleichen dummen Dinge an. Wie konnte man das interessant finden? Ein König war so gut wie jeder andere… Die Klasse erfuhr gerade von einem Aufstand, bei dem Bauern ver- sucht hatten, ihre Existenz als Bauern zu beenden. Die Adeligen gewan- nen, was dazu führte, daß die Existenz der Bauern tatsächlich endete, und zwar ziemlich schnell. Wenn sie sich die Mühe gemacht hätten, lesen zu lernen und sich mit historischen Unterlagen zu befassen, wäre ihnen klargeworden: Mit Sensen und Heugabeln läßt sich kaum etwas gegen Armbrüste und Breitschwerter ausrichten. Eine Zeitlang hörte Susanne mit halbem Ohr zu, bis sie sich schließlich zu sehr langweilte, ein Buch hervorholte und aus dem Blickwinkel der Welt verschwand. QUIEK! Susanne blickte zur Seite. Neben ihrem Pult stand eine winzige Gestalt auf dem Boden. Die Er- scheinung hatte bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Skelett einer Rat- te, das einen schwarzen Umhang trug und eine kleine Sense in der knö- chernen Pfote hielt. Susanne wandte sich wieder dem Buch zu. Solche Dinge existierten nicht – da war sie sicher. QUIEK! Sie senkte erneut den Blick und stellte fest, daß die winzige Gestalt noch immer neben dem Pult stand. Nun, das Abendessen des vergange- nen Tages hatte aus überbackenem Käsetoast bestanden. Da mußte man wohl mit solchen Konsequenzen rechnen. »Dich gibt es gar nicht«, sagte Susanne. »Du bist nur ein Stück Käse.« QUIEK? Als die Erscheinung sicher sein konnte, Susannes volle Aufmerksam- keit zu haben, holte sie eine kleine Sanduhr hervor und deutete darauf. An dem Stundenglas war eine goldene Kette befestigt., Entgegen aller Vernunft beugte sich Susanne nach unten und öffnete ihre Hand. Die Gestalt kletterte hinein – ihre Füße fühlten sich an wie Stecknadeln – und musterte sie erwartungsvoll. Die Schülerin hob das Etwas in die Augenhöhe. Ein Hirngespinst, ein Produkt ihrer eigenen Phantasie – etwas anderes kam nicht in Frage. Trotzdem erwachte Neugier in Susanne. »Du hast doch nicht vor, ›Bei meinen Pfoten und Schnurrhaaren‹ zu sagen, oder?« fragte sie mißtrauisch. »Wenn du dich dazu hinreißen läßt, werfe ich dich in den nächsten Abort.« Die Ratte schüttelte den völlig schnurrhaarlosen Kopf. »Gibt es dich wirklich?« QUIEK. QUIEKQUIEKQUIEK… »Entschuldige«, sagte Susanne. »Ich spreche kein Nagetierisch. In Mo- derne Sprachen wird nur Klatschianisch unterrichtet, und ich habe gera- de gelernt, wie man ›Das Kamel meiner Tante ist in die Fata Morgana gefallen‹ sagt. Wenn ich mir deine Existenz nur einbilde, könntest du versuchen, etwas… hübscher auszusehen.« Ein Skelett – selbst ein kleines – sieht nie in dem Sinne »hübsch« aus, nicht einmal dann, wenn es eine offene Miene hat und lächelt. Doch Susanne gewann plötzlich den Eindruck – besser gesagt, sie erinnerte sich –, daß dieses Skelett nicht nur wirklich existierte, sondern auch auf ihrer Seite war. Das erstaunte sie. Bisher war nur sie selbst auf ihrer Seite ge- wesen. Die Ratte richtete einen stummen Blick auf Susanne, nahm dann die kleine Sense zwischen die Zähne und sprang von der Hand herunter. Sie landete auf dem Boden des Klassenzimmers und lief an den Pulten vor- bei. »Du hast nicht einmal Pfoten und Schnurrhaare«, sagte Susanne. »Zu- mindest keine richtigen.« Das Skelett trat durch die Wand. Susanne senkte den Kopf und konzentrierte sich ganz auf die Lektüre von Schlimmerwahns Teilbarkeitsparadoxon: Es bewies die Unmöglich- keit, von einem Holzklotz zu fallen., Sie probten noch am gleichen Abend in Glods viel zu ordentlicher Un- terkunft. Das Quartier des Zwergs lag hinter einer Gerberei in der Flei- ßigen Straße und war vermutlich von umherwandernden Ohren der Mu- sikergilde geschützt. Die Wände schienen gerade erst gestrichen worden zu sein, und alles wirkte blitzblank. Der kleine Raum funkelte geradezu. Wo ein Zwerg wohnte, gab es keine Kakerlaken, Ratten oder anderes Ungeziefer. Zumindest nicht, wenn der betreffende Zwerg mit einer Bratpfanne umgehen konnte. Glod und Imp sahen zu, wie Lias seine Steine aneinanderschlug. »Na, waf ihr haltet davon?« fragte er. »Das ist alllles?« erwiderte Imp schließlich. »Ef find Fteine«, sagte der Troll geduldig. »Man fie nur kann aneinan- derflagen. Peng, peng, peng.« »Hm«, machte Glod. »Darf ich es mal versuchen?« Er setzte sich hinter die Steine und betrachtete sie nachdenklich. Dann rückte er einige von ihnen zurecht, öffnete seine Werkzeugtasche, ent- nahm ihr zwei Hämmer und schlug einen Brocken versuchsweise an. »Nun, mal sehen…«, murmelte er. Bamm-bamm-BAMM. Neben Imp summten die Saiten der Gitarre. »Ohne ein Hemd«, sagte Glod. »Wie bitte?« fragte Imp. »Das ist nur ein bißchen musikalischer Unsinn«, erklärte Glod. »Wie zum Beispiel ›Rasieren und Haare schneiden, zwei Cent‹.« »Was?« Bamm-Bamm-a-BammBamm, BammBAMM. »Zwei Cent billig für Rasieren und Haare schneiden«, kommentierte Lias. Er schien sein Lispeln wegen des fehlenden Zahns jetzt unter Kon- trolle zu haben. Imps Blick klebte an den Steinen fest. Auch von einem Schlagzeug hielt man in Llamedos nicht viel. Die älteren Barden meinten, jeder sei imstande, mit Holzstäbchen auf Steine oder einen hohlen Holzklotz zu, klopfen. So etwas sei keine Musik. Außerdem – und bei diesem Hinweis senkten sie die Stimme – sei es viel zu primitiv und tierisch. Die Gitarre summte weiterhin; sie reagierte auf das Pochen. Imp hatte plötzlich das Gefühl, daß man mit einem Schlagzeug eine Menge anstellen konnte. »Darf ich mall?« Er griff nach den Hämmern. Das leise Summen der Gitarre erklang plötzlich erwartungsvoll. Fünfundvierzig Sekunden später legte Imp die Hämmer wieder beisei- te. Die letzten Echos verklangen. »Warum hast du zum Schluß auf meinen Helm gehauen?« fragte Glod langsam. »Entschulldigung«, sagte Imp. »In der Aufregung hab ich ihn mit einem Becken verwechsellt.« »Es sehr ungewöhnlich klang«, meinte der Troll. »Es steckt Musik in den Steinen«, erläuterte Imp. »Man muß sie nur he- rausllassen. Alllles enthällt Musik. Es kommt nur darauf an, sie zu fin- den.« »Ich selbst es möchte ausprobieren.« Lias nahm die Hämmer und schob sich hinter seine Felsbrocken. A-bamm-bopp-a-re-bopp-a-bimm-bamm-bumm. »Du sie hast verändert«, knirschte Lias. »Jetzt sie klingen… wild.« »Es klingt gut«, sagte Glod. »Viel besser als vorher.« In dieser Nacht schlief Imp neben Glods kleinem Bett und der Leibes- fülle des Trolls. Nach einer Weile schnarchte er. Neben ihm summten die Gitarrensaiten. Das kaum hörbare Geräusch hatte ihn so sehr eingelullt, daß er überhaupt nicht mehr an die Harfe dachte. Susanne erwachte. Etwas zupfte an ihrem Ohr. Sie öffnete die Augen. QUIEK? »O nein…«, Sie setzte sich im Bett auf. Die anderen Mädchen schliefen. Das Fen- ster stand offen, denn Frau Anstand und ihre Kolleginnen hielten frische Luft für sehr wichtig. Es gab jede Menge von ihr, und gratis noch dazu. Das Rattenskelett kletterte auf den Fenstersims und vergewisserte sich, daß die junge Dame in seine Richtung blickte, bevor es in die Nacht sprang. Susanne hatte jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder sie legte sich wieder hin, oder sie folgte der Ratte. Die zweite Alternative war zweifellos die dümmere. So verhielten sich sentimentale Leute in schmalzigen Büchern: naive, unerfahrene Mäd- chen, die in idiotische Welten voller Kobolde und sprechender Tiere gerieten. Mädchen, denen immer etwas zustieß, die nie Eigeninitiative ent- falteten. Sie wanderten einfach umher und gaben Kommentare ab wie: »Ach du liebe Güte!« Ein vernünftiger Mensch wäre innerhalb kurzer Zeit imstande gewesen, alles richtig zu organisieren. Wenn sie genauer darüber nachdachte… die Sache übte einen gewissen Reiz aus. Es gab zu viele wirre Gedanken auf der Welt. Susanne hatte immer geglaubt, es sei ihre Aufgabe – und die anderer Leute wie sie, falls es welche gab –, Ordnung zu schaffen. Sie streifte den Morgenmantel über, schob sich über den Fenstersims nach draußen und landete kurze Zeit später in einem Blumenbeet. Die Ratte huschte als winziger Schemen über den vom Mondschein erhellten Rasen. Susanne folgte ihr zum Stall, wo das kleine Skelett in den Schatten verschwand. Sie blieb stehen, fröstelte, kam sich wie eine Närrin vor… und beo- bachtete kurz darauf, wie das Skelett ein größeres Etwas aus der Finster- nis zerrte. Das Ding sah aus wie ein Lumpenbündel. Die Ratte trat um das Etwas herum und versetzte ihm einen energi- schen Tritt. »Schon gut, schon gut!« Das Bündel öffnete ein Auge, spähte umher und richtete den Blick schließlich auf Susanne. »Ich warne dich«, krächzte es. »Erwarte bloß nicht das N-Wort von mir.«, »Wie bitte?« erwiderte Susanne. Das Bündel rollte zur Seite, richtete sich auf und breitete zwei schmut- zige Flügel aus. Die Ratte trat jetzt nicht mehr danach. »Ich bin ein Rabe, wie du siehst. Einer der wenigen sprechenden Vö- gel. Wenn mich die Leute sehen, sagen die meisten: ›Oh, du bist ein Ra- be, na los, sag das N-Wort.‹ Wenn ich nur einen Cent für jede Aufforde- rung bekäme…« QUIEK. »Schon gut, schon gut.« Der Rabe plusterte sich auf. »Das hier ist der Rattentod. Dir sind sicher der Kapuzenmantel und die Sense aufgefallen, nicht wahr? Tod der Ratten. Ein hohes Tier bei allen Nagern.« Der Rattentod verneigte sich. »Verbringt viel Zeit unter Scheunen und überall dort, wo Menschen ei- nen Teller mit Kleie und Strychnin hinstellen«, sagte der Rabe. »Sehr pflichtbewußt und gewissenhaft.« QUIEK. »Was will er von mir?« fragte Susanne. »Ich bin keine Ratte.« »Sehr scharfsinning«, erwiderte der Rabe. »Hör mal, ich hab nicht um diese Sache gebeten. In aller Seelenruhe schlief ich auf meinem Schädel, und dann zog mich jemand am Bein. Als Rabe bin ich von Natur aus ein okkulter Vogel…« »Entschuldige bitte«, unterbrach Susanne. »Ich weiß, daß dies nur ein Traum ist, aber ich möchte ihn richtig verstehen. Du hast auf deinem Schädel geschlafen?« »Oh, nicht auf meinem Schädel. Er gehört jemand anders.« »Wem?« Der Rabe rollte beide Augen in verschiedene Richtungen. Er schien sie nicht synchronisieren zu können. Susanne widerstand nur mit Mühe der Versuchung, ihren Bewegungen zu folgen. »Woher soll ich das wissen?« entgegnete der Vogel. »Glaubst du etwa, daß ein Name darauf steht? Es ist nur ein Schädel. Ich arbeite für einen Zauberer, drüben in der Stadt. Den ganzen Tag über sitze ich auf dem Schädel und mache ›Krah‹, wenn sich jemand nähert.«, »Warum?« »Weil auf einem Schädel zu sitzen und ›Krah‹ zu machen, einen minde- stens ebenso wichtigen Beitrag für die richtige Atmosphäre im Arbeits- zimmer eines Zauberers leistet wie der ausgestopfte Alligator an der Decke. Weißt du denn gar nichts? Ich dachte immer, darüber wüßten selbst Leute Bescheid, die nur wenig wissen. Wenn ein Zauberer keinen Raben hat, der auf einem Schädel sitzt und ›Krah‹ macht… das ist, wie keine Flaschen zu haben, in denen grüne Flüssigkeit blubbert…« QUIEK! »Menschen brauchen immer eine Einleitung«, sagte der Rabe und seufzte. Ein Auge peilte Susanne an. »Die Feinheiten sind ihm völlig gleich. Ratten diskutieren keine philosophischen Dinge, wenn sie tot sind. Wie dem auch sei: Ich bin hier weit und breit der einzige, der spre- chen kann…« »Menschen können sprechen«, warf Susanne ein. »Oh, ja«, bestätigte der Rabe. »Aber ein wichtiger Unterschied ist, daß sie nicht Gefahr laufen, mitten in der Nacht von einem Rattenskelett geweckt zu werden, das dringend einen Dolmetscher braucht. Außerdem können Menschen den Rattentod gar nicht sehen.« »Ich sehe ihn.« »Da hast du den kritischen Punkt berührt«, sagte der Rabe. »Man könn- te auch sagen, du hast ins Schwarze getroffen.« »Hör mal…«, begann Susanne. »Ich glaube überhaupt nichts von dieser ganzen Angelegenheit. Ich halte es für absurd zu glauben, daß es einen Rattentod gibt, ausgestattet mit Kapuzenmantel und Sense.« »Er steht direkt vor dir.« »Das ist noch lange kein Grund, seine Existenz auch nur in Erwägung zu ziehen.« »Ganz offensichtlich bist du richtig gebildet«, bemerkte der Rabe ver- drießlich. Susanne starrte auf den Rattentod hinab. In seinen kleinen, leeren Au- genhöhlen glühte es blau. QUIEK., »Er ist wieder fort«, meinte der Rabe. »Darum geht’s.« »Wer?« »Dein… Großvater.« »Opa Lezek? Wie kann er wieder fort sein? Er ist tot.« »Dein… äh, anderer Großvater«, sagte der Rabe. »Ich habe keinen anderen…« Bilder stiegen aus dem Schlamm am Grund von Susannes Bewußtsein. Vage Eindrücke… von einem Pferd… von einem Zimmer, in dem es flüsterte und raunte. Von einer Badewanne, irgendwo. Seltsamerweise gehörten auch weite Weizenfelder dazu. »So etwas passiert, wenn Menschen versuchen, ihren Kindern eine gute Bildung angedeihen zu lassen«, fuhr der Rabe fort, »anstatt ihnen die Wahrheit zu sagen.« »Ich dachte, mein anderer Großvater sei ebenfalls… tot«, murmelte Susanne. QUIEK. »Die Ratte möchte, daß du sie begleitest. Angeblich ist es sehr wichtig.« Das Bild von Frau Anstand kam über sie wie eine Walküre. Dies alles ist dumm. »O nein«, sagte Susanne. »Inzwischen muß es bereits Mitternacht sein. Und morgen habe ich eine Prüfung in Geographie.« Der Rabe öffnete verblüfft den Schnabel. »Das ist doch nicht dein Ernst«, entfuhr es ihm. »Hast du etwa gedacht, daß ich mir von… einem Rattenskelett und ei- nem sprechenden Raben etwas befehlen lasse? Ich gehe zurück!« »Nein«, widersprach der Rabe. »Du gehst nicht zurück, wenn du auch nur ein wenig Mumm in dir hast. In der Schule entdeckst du nichts. Dort bekommst du nur Bildung.« »Ich habe keine Zeit«, jammerte Susanne. »Ach, Zeit«, sagte der Rabe. »Zeit ist nur eine Angewohnheit. Für dich spielt sie kaum eine Rolle.« »Wie…«, »Du mußt es herausfinden.« QUIEK. Der Rabe sprang erregt auf und ab. »Darf ich es ihr sagen? Darf ich es ihr sagen?« krächzte er und drehte die Augen in Susannes Richtung. »Dein Großvater ist… (Da-da-da-DAH)… T…« QUIEK! »Irgendwann muß sie es erfahren«, sagte der Rabe. »Meinst du taub?« fragte Susanne. »Hast du mich mitten in der Nacht aus dem Bett geholt, um mit mir über Hörprobleme zu reden?« »Ich habe nicht ›taub‹ gesagt. Ich meine, dein Großvater ist… (Da-da- da-DAH)… T…« QUIEK! »Na schön! Wie du willst!« Susanne wich zurück, als der Rabe und das Rattenskelett miteinander stritten. Sie gab sich einen Ruck, raffte ihr Nachthemd zusammen und lief über den feuchten Rasen. Das Fenster stand noch immer offen. Susanne klet- terte auf die unterste Fensterbank, stellte sich auf die Zehenspitzen, griff mit beiden Händen nach dem Sims und zog sich hoch. Wenige Sekunden später lag sie im Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Nach einer Weile wurde ihr klar, daß sie so nicht gerade auf eine sehr intelligente Weise reagierte. Trotzdem wagte sie es nicht, unter der Dek- ke hervorzusehen. Sie träumte von Pferden, Kutschen und Uhren ohne Zeiger. »Haben wir die Sache vielleicht falsch angefaßt?« QUIEK? »Da-da-da-DAH« QUIEK?, »Wie hätte ich es denn ausdrücken sollen? ›Dein Großvater ist Tod?‹ Einfach so? Wo bleibt da das Einmalige eines solchen Moments? Men- schen mögen es dramatisch.« QUIEK, erwiderte der Rattentod. »Ratten stehen auf einem ganz anderen Blatt.« QUIEK. »Ich schätze, es wird Zeit, die Augen zu schließen und zu schlafen«, sagte der Rabe. »Raben sind nicht unbedingt nachtaktiv, weißt du.« Er hob ein Bein und kratzte sich am Schnabel. »Bist du nur für Ratten zu- ständig oder auch für Mäuse, Hamster, Wiesel und so weiter?« QUIEK. »Was ist mit Wüstenspringmäusen?« QUIEK. »Interessant. Das wußte ich nicht. Du bist also auch der Tod der Wü- stenspringmäuse? Erstaunlich. In den Laufrädern mußt du sicher ganz schön rennen, um sie einzuholen…« QUIEK. »Wie du meinst.« Es gibt die Leute des Tages und die Geschöpfe der Nacht. Wichtig ist dabei folgendes: Die Geschöpfe der Nacht sind keineswegs Leute des Tages, die lange aufbleiben, weil sie das für schick und interes- sant halten. Man braucht mehr als nur Wimperntusche und Blässe, um auf die andere Seite der Trennungslinie zu gelangen. Vererbung kann dabei sehr hilfreich sein. Der Rabe war im ewig verfallenden, von Efeu umwucherten Kunst- turm aufgewachsen, unweit der Unsichtbaren Universität im fernen Ankh-Morpork. Raben sind von Natur aus sehr intelligent, und periphe- re magische Energie hatte den Rest besorgt., Er besaß keinen Namen. Tiere können damit meist nichts anfangen. Der Zauberer, der sich für seinen Eigentümer hielt, nannte ihn Quoth*, weil es ihm an Humor mangelte. Wie die meisten Leute ohne Sinn für Humor war er sehr stolz auf seinen Humor. Der Rabe flog zum Haus des Zauberers zurück, segelte durchs Fenster und hockte sich wieder auf den Totenschädel. »Armes Kind«, sagte er. »So ist das eben mit dem Schicksal«, erwiderte der Schädel. »Ich kann ihr keine Vorwürfe machen, weil sie versucht, normal zu sein. Ich meine, wenn man die Umstände bedenkt…« »Ja«, bestätigte der Schädel. »Leute wie ich haben da weitaus weniger Sorgen.« Der Besitzer eines Kornspeichers in Ankh-Morpork hatte sich ent- schlossen, hart durchzugreifen. Der Rattentod hörte das Bellen der Ter- rier – sicher stand ihm eine arbeitsreiche Nacht bevor. Es wäre sehr schwierig, die Überlegungen des Rattentods zu beschrei- ben. Vielleicht dachte er nicht einmal in dem Sinne. Er hatte jedoch Ge- fühle, woraus sich eine Konsequenz ergab: Er bedauerte es, den Raben mit hineingezogen zu haben, weil Menschen so großen Wert auf Worte legten. Ratten dachten nur in sehr allgemeinen Begriffen. In diesen all- gemeinen Begriffen war der Rattentod nun besorgt. Mit dem Problem der Bildung hatte er nicht gerechnet. Susanne brachte den nächsten Morgen hinter sich, ohne nichtexistent zu werden. In der Geographieprüfung ging es um die Flora der Sto-Ebene*, die wichtigsten Exportartikel der Sto-Ebene** und die Fauna der Sto- Ebene.*** Wenn man erst einmal den gemeinsamen Nenner entdeckt * Hier spielt Terry Pratchett auf ein Gedicht von E. A. Poe an, in dem es heißt: »quoth the raven« = sagte der Rabe. Anmerkung des Übersetzers. * Kohl ** Kohl *** Geschöpfe, die sich von Kohl ernährten und denen es nichts ausmachte, keine Freunde zu haben., hatte, war alles ganz einfach. Die Schülerinnen mußten eine Karte mit viel Grün kolorieren. Zum Mittagessen gab es Händelkraut und Vit- aminpudding, genau die richtige Nahrung für den Nachmittag, der im Zeichen des Sports stand. Dafür war die Eiserne Lily zuständig. Man sagt ihr nach, daß sie sich rasierte und Gewichte mit den Zähnen hob. Oft stand sie an der Seiten- linie und feuerte die Spielerinnen an mit Rufen wie: »Ran an den Ball, ihr schlaffen Tanten!« An diesen Nachmittagen hielten Frau Anstand und Frau Delokus die Fenster ihrer Arbeitszimmer geschlossen. Frau Anstand vertiefte sich in Fachbücher über Logik, während Frau Delokus in ihrer Vorstellung von einer Toga die Turnhalle aufsuchte, um dort Eurhythmieübungen zu absolvieren. Susanne überraschte immer wieder mit ihren hervorragenden sportli- chen Leistungen. Sie war gut in den Sportarten, bei denen man mit ei- nem Stück Holz ausholen mußte, zum Beispiel Hockey, Lacrosse und Schlagball. Wenn sich Susanne mit einem Schläger in der Hand dem Tor näherte, verlor das Tormädchen jedes Vertrauen in seine Schutzkleidung und warf sich zu Boden, während der Ball in Hüfthöhe übers Spielfeld sauste und dabei leise summte. Einen Beweis für die allgemeine Dummheit der Menschheit sah Su- sanne darin, daß sie zwar zu den besten Spielerinnen des Internats gehör- te, jedoch nie in Mannschaften gewählt wurde. Man zog ihr selbst dicke Mädchen mit Pickeln vor. Sie hielt das für geradezu unerträglich irratio- nal und verstand einfach nicht den Grund dafür. Sie hatte die anderen Schülerinnen in aller Deutlichkeit auf ihr sportli- ches Geschick hingewiesen und betont, wie töricht es sei, sie nicht aus- zuwählen. Seltsamerweise blieben die Appelle ohne jede Wirkung. An diesem Nachmittag entschloß sie sich zu einem offiziellen Spazier- gang; eine akzeptable Alternative, vorausgesetzt, man blieb dabei nicht allein. Für gewöhnlich gingen die Mädchen in die Stadt, um durch die Dreirosenstraße zu schlendern und in einem nicht sehr angenehm rie- chenden Laden Fisch mit Pommes frites zu kaufen. Frau Anstand nann- te Gebratenes ungesund, deshalb nutzten die Schülerinnen jede Gele- genheit, es zu probieren., »Offizielle Spaziergängerinnen« mußten mindestens zu dritt sein. Frau Anstand glaubte fest daran, daß keiner Gruppe, die aus mehr als zwei Personen bestand, Gefahren zustießen. Eine Gruppe, der Prinzessin Jade und Gloria Felshauertochter ange- hörten, brauchte ohnehin nicht zu fürchten, in Gefahr zu geraten. Die beiden Rektorinnen des Internats hatten zunächst gezögert, ein Troll-Mädchen aufzunehmen. Doch Jades Vater war der König eines ganzen Bergs, und es machte sich immer gut, wenn man darauf hinwei- sen konnte, daß auch eine Prinzessin zu den Schülerinnen gehörte. Bei einem Gespräch mit Frau Delokus hatte Frau Anstand außerdem betont, es sei die Pflicht des Internats, Hilfestellung zu geben, wenn solche Leute Bereitschaft zeigten, richtige Leute zu werden. »Und der König ist eigent- lich sehr nett und versicherte mir, er könne sich gar nicht mehr erinnern, wann er zum letztenmal einen Menschen verspeist hat.« So lauteten Frau Anstands Worte. Jade sah nicht besonders gut und hatte ein Entschuldigungsschreiben gegen zuviel Sonnenschein. Beim Werken fand sie Gefallen daran, Ket- tenhemden zu stricken. Gloria wurde vom Sportunterricht befreit, weil sie dazu tendierte, ihre Axt bedrohlich zu schwingen. Frau Anstand meinte, solche Gegenstände seien keine Waffen für Damen, nicht einmal für eine Zwergin, aber Gloria widersprach. Die Axt stammte von ihrer Großmutter, die sie ihr ganzes Leben lang gehütet und jeden Samstag geputzt hatte, selbst dann, wenn sie während der Woche nicht benutzt worden war. Gloria hielt das Erbstück auf eine Weise, die Frau Anstand veranlaßte, in diesem besonderen Fall nachzugeben. Um guten Willen zu beweisen, verzichtete die Zwergin darauf, ihren Eisenhelm zu tragen. Zwar rasierte sie sich nicht – es gab keine Vorschriften, die dreißig Zentimeter lange Bärte bei Mädchen verboten –, aber sie flocht ihren Bart zu Zöpfen und band bunte Bänder in den Farben des Internats hinein. In der Gesellschaft von Jade und Gloria fühlte sich Susanne seltsam wohl, was ihr ein erstauntes Lob von Frau Anstand einbrachte. Sie sei ein echter Kumpel. Susanne war sehr überrascht gewesen. Bisher hatte sie nicht gewußt, daß Frau Anstand Wörter wie »Kumpel« kannte., Die drei Schülerinnen wanderten nun über den Birkenweg am Rand des Sportplatzes. »Sport verstehe ich nicht«, sagte Gloria. Sie sah zu den schnatternden und keuchenden Mädchen, die jenseits der Seitenlinie umherliefen. »Es gibt da ein Trollspiel namens Aargrooha«, verkündete Jade. »Wie wird es gespielt?« fragte Susanne. »Äh… man reißt einem Menschen den Kopf ab und tritt ihn mit spezi- ellen Stiefeln aus Obsidian, bis er entweder im Tor landet oder platzt. Inzwischen ist das Spiel aus der Mode geraten«, fügte Jade rasch hinzu. »Kann ich mir denken«, kommentierte Susanne. »Vermutlich weiß niemand mehr, wie man die Stiefel anfertigt«, speku- lierte Gloria. »Wenn man es jetzt noch spielen würde…«, meinte Jade. »Dann stünde vielleicht jemand wie die Eiserne Lily an der Seitenlinie und riefe von dort: ›Ran an den Kopf, ihr schlaffen Tanten!‹« Eine Zeitlang wanderten sie schweigend. »Ich glaube, sie würde andere Worte benutzen«, sagte Gloria vorsichtig. »Ist euch in letzter Zeit etwas… äh… Seltsames aufgefallen?« fragte Susanne. »Etwas Seltsames?« wiederholte Gloria. »Nun, zum Beispiel… Ratten…« »Ich habe im Internat nirgends Ratten gesehen«, erwiderte Gloria. »Und ich habe aufmerksam Ausschau gehalten.« »Ich meine… seltsame Ratten.« Sie erreichten die Ställe. Normalerweise dienten sie den beiden Pferden der Internatskutsche als Heim. Außerdem wohnten dort einige wenige Rösser der Schülerinnen, die sich nicht von ihnen trennen konnten. Manche Mädchen wären nicht einmal dann imstande, Ordnung in ih- rem Zimmer zu schaffen, wenn ihr eigenes Überleben davon abhinge. Und die gleichen Mädchen gäben alles für das Privileg, den ganzen Tag über Mist in einem Stall zu schaufeln. Dies war eine besondere Form der Magie, die auf Susanne ohne Wirkung blieb. Sie hatte nichts gegen Pfer- de, doch mit Zaumzeug und Gurten konnte sie sich nicht recht anfreun-, den. Außerdem blieb ihr ein Rätsel, warum man Pferde in »Handbreiten« maß, obgleich viel vertrautere Zoll und Zentimeter zur Verfügung stan- den. Nachdem Susanne die in Reithosen gekleideten Mädchen bei den Ställen eine Zeitlang beobachtet hatte, glaubte sie, eine Erklärung gefun- den zu haben: Diese Schülerinnen benutzten ihre Hände als Maßstab, weil sie nicht mit so komplizierten Apparaten wie Linealen umgehen konnten. »Na schön«, sagte Susanne. »Was ist mit Raben?« Etwas blies ihr ins Ohr. Sie drehte sich um. Der weiße Hengst stand mitten auf dem Weg wie ein schlechter Spezi- aleffekt. Er war zu hell. Er glühte. Er schien das einzige wirkliche Wesen in einer Welt aus blassen Schemen zu sein. Im Vergleich mit den knolli- gen Ponies in den Boxen war er ein Riese. Zwei in Reithosen gekleidete Mädchen standen neben dem weißen Pferd. Susanne erkannte Kassandra Fuchs und Lady Sara Dankbar. Sie teilten eine innige Liebe für alles, was vier Beine hatte und wieherte. Au- ßerdem verachteten sie alle Geschöpfe, die nicht über vier Beine verfüg- ten und wieherten, hatten die Fähigkeit, die Welt mit den Zähnen zu betrachten und das Geschick, Silben wie »oh« mit vier Vokalen auszu- statten. Der weiße Hengst schnaubte leise und beschnüffelte Susannes Hand. Du bist Binky, dachte sie. Ich kenne dich. Ich bin auf dir geritten. Du… gehörst mir. Glaube ich. »Ich frage mich, wem dieses Pferd gehört«, ließ sich Lady Sara ver- nehmen. Susanne drehte den Kopf. »Wie bitte?« erwiderte sie. »Mir? Ja. Ja, ich denke, es gehört mir.« »Oiuah? Es stand in der Box neben Brauni. Ich wußte gar nicht, daß du hier ein Pferd hast. Du wirst es doch nicht etwa versäumt haben, Frau Anstands Erlaubnis einzuholen, oder?« »Der Hengst ist ein Geschenk«, sagte Susanne. »Von… jemandem…?«, In den trüben Wassern von Susannes Gedächtnis rührte sich etwas. Sie überlegte, warum sie von einem Geschenk gesprochen hatte. Ein Ge- schenk von ihrem Großvater… sonderbar. Seit Jahren habe ich nicht mehr an ihn gedacht, fuhr es ihr durch den Sinn. Bis gestern nacht. Ich erinnere mich an den Stall. Er war so groß, daß man nicht die Wände sehen konnte. Einmal durfte ich reiten, und jemand hielt mich fest, damit ich nicht herunterfiel. Aber von einem solchen Pferd kann man gar nicht herunterfallen. Es sei denn, man will es. »Oiuah. Ich wußte gar nicht, daß du reitest.« »Ich… bin geritten, früher.« »Dafür sind zusätzliche Gebühren fällig«, sagte Lady Sara. »Für das Pferd, meine ich.« Susanne schwieg. Sie war ziemlich sicher, daß die zusätzlichen Gebüh- ren bezahlt wurden. »Außerdem brauchst du Sattel und Zaumzeug.« Susanne ging darauf ein. »So etwas brauche ich nicht.« »Oiuah, Reiten ohne Sattel«, bemerkte Lady Sara. »Und du steuerst mit Hilfe der Ohren?« »Die Leute in der Provinz können sich keine Sättel leisten«, warf Kas- sandra Fuchs ein. »Und die Zwergin soll aufhören, mein Pony anzuse- hen. Sie sieht mein Pony an!« »Ich sehe es nur an«, sagte Gloria. »Du hast dir… die Lippen geleckt«, behauptete Kassandra. Es trippelte und trappelte auf dem Kopfsteinpflaster. Dann schwang sich Susanne auf den Rücken des Pferdes. Sie blickte auf die verblüfften Mädchen hinab und sah dann zur Kop- pel hinter den Ställen. Dort standen einige Hindernisse in Form von Holzstangen auf Tonnen. Susanne rührte keinen Muskel, doch das weiße Roß drehte sich um, trabte zur Koppel, lief dem höchsten Hindernis entgegen – Energie ball- te sich zusammen, und es beschleunigte – und sprang. Binky kam wieder auf, blieb stehen und tänzelte., Die Mädchen starrten fassungslos. »Kann das normal sein?« fragte Jade. »Was ist denn?« erwiderte Susanne. »Habt ihr noch nie ein Pferd sprin- gen sehen?« »Doch, schon.« Gloria sprach so langsam wie jemand, der jeden Au- genblick damit rechnet, daß der ganze Kosmos in die Brüche geht. »Al- lerdings… ich meine, in den meisten Fällen kehren die Pferde anschlie- ßend auf den Boden zurück.« Susanne sah nach unten. Binky stand mitten in der Luft. Welcher Befehl war notwendig, um ein Roß zu veranlassen, den Bo- denkontakt wiederherzustellen? Wie auch immer er lauten mochte, bis- her hatten die Reitsportanhänger im Internat derartige Anweisungen nicht benötigt. Der Hengst schien Susannes Gedanken zu lesen oder zumindest zu er- raten. Er trabte nach vorn und nach unten. Die Hufe drangen ins Pflaster ein, als wäre dieses nicht fester als Nebelschwaden. Nach einigen Sekun- den stellte Binky fest, in welcher Höhe der Boden begann, und er ent- schied, darauf zu stehen. Lady Sara fand als erste die Stimme wieder. »Davon erzählen wir Frau Anstand, jawohl«, brachte sie hervor. Unvertraute Furcht regte sich in Susanne und verwirrte sie kurz. Dann hörte sie die Borniertheit in Lady Saras Stimme, und Zorn brachte sie ins Reich der Vernunft zurück. »Ach?« erwiderte sie. »Und was willst du ihr sagen?« »Du bist mit dem Pferd gesprungen und…« Das Mädchen verstumm- te, als ihm klar wurde, was folgen mußte. »Genau«, bestätigte Susanne. »Ich schätze, es ist ziemlich dumm, in der Luft schwebende Pferde zu sehen, nicht wahr?« Sie rutschte von Binkys Rücken und bedachte die Zuschauer mit einem strahlenden Lächeln. »Es ist gegen die Internatsvorschriften«, sagte Lady Sara., Susanne rieb den Hengst ab und führte ihn in eine leere Box im Stall. Im nahen Heuhaufen raschelte es, und Susanne glaubte, aus den Augen- winkeln elfenbeinweiße Knochen gesehen zu haben. »Die verflixten Ratten«, sagte Kassandra, bemüht, in die Realität zurück- zukehren. »Ich habe gehört, wie Frau Anstand den Gärtner anwies, Gift auszustreuen.« »Schade«, murmelte Gloria. In Lady Sara schien es zu brodeln. »Das Pferd stand überhaupt nicht mitten in der Luft«, behauptete sie. »Dazu sind Pferde gar nicht fähig!« »Dann kann das unmöglich der Fall gewesen sein«, sagte Susanne. »Auszeit«, meinte Gloria. »Das war’s. Auszeit* wie beim Basketball. Das muß es gewesen sein.« »Ja.« »Mehr steckt nicht dahinter.« »Nein.« Das menschliche Bewußtsein zeichnet sich durch erstaunliche Selbst- heilungskräfte aus. Ähnliches gilt für den Geist von Trollen und Zwer- gen. Susanne musterte die anderen Schülerinnen verwundert. Sie alle hatten gesehen, wie das Pferd in der Luft schwebte. Jetzt verstauten sie diese Erinnerungsbilder in einer kleinen Kammer des Gedächtnisses, schlossen die Tür ab und warfen den Schlüssel fort. »Nur aus Interesse…«, sagte sie und spähte wieder zum Heuhaufen. »Ihr wißt nicht zufällig, ob ein Zauberer in der Stadt ist, oder?« »Ich habe ein Lokal gefunden, in dem wir spielen können!« verkündete Glod. »Wo?« fragte Lias. * Bis zu einem bedauerlichen Zwischenfall mit ihrer Axt war Gloria Kapitänin der Basketballmannschaft des Internats gewesen. Zwerge sind zwar nicht groß, können jedoch sehr schnell beschleunigen. Mancher Spieler einer gegnerischen Mannschaft erlitt einen ziemlich üblen Schock, wenn Gloria plötzlich senkrecht aus der Tiefe aufstieg., Glod antwortete. »Die Geflickte Trommel?« wiederholte Lias. »Dort man mit Äxten wirft!« »Uns droht keine Gefahr«, sagte Glod. »Gildenmitglieder wagen es nicht, in der Trommel aufzutreten.« »Kein Wunder«, grollte der Troll. »Dort die Mitglieder riskieren zu ver- lieren Glieder.« »Wir bekommen fünf Dollar«, sagte Glod. Lias zögerte. »Ich fünf Dollar könnte gut gebrauchen«, räumte er ein. »Du meinst ein Drittel davon.« Auf der Stirn des Trolls bildeten sich tiefe Falten. »Ist das mehr oder weniger als fünf Dollar?« fragte er schließlich. »Endlich bekommen wir Gelegenheit, uns den Leuten zu zeigen«, sagte Glod. »In der Trommel ich nicht möchte zeigen mich den Leuten«, entgegnete Lias. »In der Trommel das nicht ist gesund. In der Trommel es viel besser sein, irgendwo in Deckung zu gehen.« »Wir brauchen nur was zu spielen«, meinte Glod. »Irgendwas. Der neue Wirt legt großen Wert auf Unterhaltung seiner Gäste.« »Ich dachte, es dort gibt einen einarmigen Banditen.« »Ja, aber er wurde verhaftet.« In Quirm gibt es eine Blumenuhr, die viele Touristen anlockt. Die meisten von ihnen sind sehr überrascht. Phantasielose Stadträte haben überall im Multiversum Blumenuhren anlegen lassen. In den meisten Fällen waren es große Uhrwerke, die in einem Blumenbeet steckten, wobei Zifferblätter und Zeiger aus Setzlin- gen bestanden.* * Oder aus Methankristallen. Oder aus Seeanemonen. Am Prinzip ändert das nichts. In jedem Fall sammeln sich an dem betreffenden Ort bald Papiertüten und leere Konservendosen., Die Blumenuhr von Quirm hingegen ist wirklich eine Blumenuhr. Sie besteht aus vierundzwanzig verschiedenen Arten von Blumen, die zu ganz bestimmten Zeiten ihre Blütenkelche öffnen oder schließen… Als Susanne vorbeilief, öffnete sich gerade die Purpurne Winde, und die Liebe-im-Faden rollte ihre Blätter ein. Das bedeutete: Es war unge- fähr halb elf Uhr abends. Leere Straßen erstreckten sich vor dem Mädchen. Die Stadt Quirm zeichnete sich nicht gerade durch ein sehr intensives Nachtleben aus. Wer nach Quirm kam und sich vergnügen wollte, mußte einen anderen Ort aufsuchen. In Quirm herrschten so hohe moralische Maßstäbe, daß selbst die Hunde um Erlaubnis fragten, bevor sie zur Toilette gingen. Nun, die Straßen waren fast leer. Susanne glaubte zu hören, daß ihr je- mand folgte. Sie vernahm leises Trippeln, und manchmal, wenn sie einen verstohlenen Blick über die Schulter warf, sah sie einen Schemen, der so schnell übers Kopfsteinpflaster huschte, daß es ein Schemen blieb. Susanne wurde langsamer, als sie die Dreirosenstraße erreichte. Irgendwo bei den Drei Rosen, in der Nähe des Fischladens. So lautete Glorias Auskunft. Bei den Schülerinnen wurde zwar der forschende Geist gefördert, aber nicht in Hinsicht auf Zauberer. Für die gab es kei- nen Platz in Frau Anstands Welt. In der Dunkelheit wirkte die Straße seltsam fremd. Am einen Ende brannte eine Fackel in einer Wandhalterung – sie machte die Schatten noch finsterer. Einige Meter entfernt lehnte eine Leiter am Haus, und eine junge Frau bereitete sich darauf vor, die Sprossen zu erklimmen. Sie wirkte irgend- wie vertraut. Als Susanne näher kam, drehte sich die Frau um und lächelte. »Hallo«, sagte sie. »Kannst du mir einen Dollar wechseln?« »Wie bitte?« »Zwei Fünfzig-Cent-Münzen genügen. Ein halber Dollar – das ist jetzt die Quote. Ich gäbe mich auch mit anderen Münzen zufrieden.« »Äh. Tut mir leid. Nein. Ich bekomme nur fünfzig Cent Taschengeld die Woche.«, »Mist. Trotzdem danke.« Soweit Susanne erkennen konnte, schien sie nicht die Art von Frau zu sein, die in dunklen Straßen ihren Lebensunterhalt verdient. Mit ihrer vollschlanken Gutmütigkeit wirkte sie eher wie eine Krankenschwester in den Diensten jener Ärzte, deren Patienten ein wenig verwirrt sind und sich zum Beispiel für eine Tagesdecke halten. Die Frau schien ihr immer vertrauter. Sie holte eine Zange hervor, kletterte die Treppe hoch und verschwand durch ein offenes Fenster. Susanne zögerte. Die Unbekannte verhielt sich, als wäre es ganz nor- mal, nachts in irgendwelche Häuser einzudringen. Nach den beschränk- ten Erfahrungen der Schülerin waren solche Leute Schurken, die von mu- tigen Mädchen auf der Stelle festgenommen werden sollten. Sie spielte mit dem Gedanken, die Wache zu verständigen, wurde jedoch abgelenkt, als sich etwas entfernt eine Tür öffnete. Zwei Männer traten Arm in Arm aufs Pflaster und torkelten im Zick- zack durch die Nacht. Susanne wich zurück. Niemand belästigte sie, wenn sie nicht gesehen werden wollte. Die beiden Männer gingen durch die Leiter. Entweder hatten sie keine Substanz, oder mit der Leiter stimmte etwas nicht. Andererseits war die Frau auf ihr hochgeklettert… … und kam nun wieder herunter. Dabei steckte sie sich was in die Ta- sche. »Das Engelchen ist nicht einmal aufgewacht«, sagte sie. »Wie bitte?« erwiderte Susanne. »Ich hatte keine fünfzig Cent«, erklärte die Frau und schwang sich die Leiter mühelos auf die Schulter. »Deshalb mußte ich mich an die Regeln halten und einen weiteren Zahn nehmen.« »Was?« »Es ist alles festgelegt. Ich käme in ernste Schwierigkeiten, wenn Geld und Zähne nicht übereinstimmten. Du weißt ja, wie das ist.« »Weiß ich das?«, »Entschuldige, es wird Zeit für mich. Ich muß in dieser Nacht noch sechzig Besuche machen.« »Warum sollte ich was wissen?« fragte Susanne. »Und wen mußt du be- suchen?« »Kinder, natürlich. Ich darf sie nicht enttäuschen. Stell dir nur ihre Ge- sichter vor, wenn sie unter dem Kissen nachsehen…« Leiter. Zange. Zähne. Geld. Kissen… »Du erwartest doch wohl nicht von mir, daß ich dich für die Zahnfee halte, oder?« fragte Susanne argwöhnisch. Sie berührte die Leiter. Fühlte sich ganz normal an. »Nicht die«, entgegnete die Fremde. »Eine. Es überrascht mich, daß du das nicht weißt.« Sie schlenderte um die Ecke, bevor Susanne eine weitere Frage stellen konnte. »Wie hat sie das gemeint?« murmelte das Mädchen. »Sie weiß Bescheid«, ertönte eine Stimme hinter Susanne. »Hat dich auf den ersten Blick erkannt.« Die Schülerin drehte sich um. Der Rabe hockte in einem kleinen offe- nen Fenster. »Komm besser rein«, sagte er. »Dort auf der Straße könn- test du allen möglichen Leuten begegnen.« »Das bin ich bereits.« Neben der Tür war ein Messingschild an der Wand befestigt. Es sagte: »Käsemeier, C.V.; Dr. Mag. (Unsichtbare Universität); Bakkalaureus thau. und oec.« Zum erstenmal hörte Susanne ein Metallschild sprechen. »Ein simpler Trick«, krächzte der Rabe geringschätzig. »Das Ding spürt deinen Blick. Gib…« »Käsemeier, C.V.; Dr. Mag. (Unsichtbare Universität); Bakkalaureus thau. und oec.« »Halt die Klappe. Gib der Tür einen Stoß.« »Sie ist verschlossen.«, Der Rabe neigte den Kopf und bedachte das Mädchen mit einem durchdringenden Blick aus seinen dunklen Knopfaugen. »Und davon willst du dich aufhalten lassen? Na schön. Ich hole den Schlüssel.« Kurze Zeit später kehrte der Vogel mit einem großen Schlüssel zurück und ließ ihn aufs Kopfsteinpflaster fallen. »Ist der Zauberer nicht zu Hause?« »O doch. Er liegt im Bett und schnarcht, was das Zeug hält.« »Ich dachte, Zauberer sind die ganze Nacht auf.« »Dieser nicht. Gegen neun hat er eine Tasse Kakao getrunken, und da- nach ist er unter die Decke gekrochen, um ordentlich zu ratzen.« »Ich kann doch nicht ohne seine Erlaubnis das Haus betreten!« »Warum denn nicht? Du bist gekommen, um mit mir zu reden, stimmt’s? Ich bin der Kopf des ganzen Ladens. Der Zauberer trägt nur den komischen Hut und übernimmt das Winken und so.« Susanne drehte den Schlüssel. Auf der anderen Seite der Tür war es warm. Sie sah das übliche magi- sche Brimborium: eine Esse; eine Werkbank mit Flaschen und verstreut herumliegenden Bündeln; einen Bücherschrank, der von Büchern gera- dezu überquoll; ein ausgestopfter Alligator unter der Decke; mehrere Kerzen, die wie Lavaströme aus Wachs anmuteten; einen Raben auf ei- nem Totenschädel. »Das stammt alles aus einem Katalog«, sagte der Rabe. »Glaub mir. Zauberer wählen aus, bestellen und bekommen dann ein großes Paket. Denkst du etwa, daß Kerzen von ganz allein so tropfen? Ein geschickter Kerzentropfer muß drei Tage hart arbeiten, um ein derart eindrucksvol- les Ergebnis zu erzielen.« »Das ist doch alles Unsinn«, sagte Susanne. »Und außerdem kann man nirgends Totenschädel kaufen.« »Du mußt es ja wissen«, erwiderte der Rabe. »Immerhin bist du gebil- det.« »Was wolltest du mir gestern nacht mitteilen?« »Dir mitteilen?« Der Rabe wirkte plötzlich verlegen. »Ich meine die Da-da-da-DAH-Sache.«, Der Rabe kratzte sich am Kopf. »Die Ratte hat mir verboten, dir alles zu sagen. Ich sollte nur auf das Pferd hinweisen und hab’s ein wenig übertrieben. Ist es inzwischen er- schienen?« »Ja!« »Reite es.« »Das habe ich bereits. Es kann unmöglich ein richtiges Pferd sein. Rich- tige Pferde wissen, wo sich der Boden befindet.« »Es gibt kein richtigeres Pferd, junge Dame.« »Ich kenne seinen Namen. Der Hengst heißt Binky. Und ich bin schon mal auf ihm geritten.« Der Rabe seufzte. Besser gesagt, er gab ein zischendes Geräusch von sich, das einem Seufzen so nahe kam, wie es mit einem Schnabel, mög- lich ist. »Reite das Pferd. Seine Wahl ist auf dich gefallen.« »Seine Wahl? Und wohin soll ich reiten?« »Das mußt du selbst herausfinden. Ich darf es nicht wissen.« »Nehmen wir mal an, ich wäre dumm genug, mich darauf einzulas- sen… Kannst du nicht wenigstens andeuten, was dann geschieht?« »Nun… du hast Bücher gelesen. Das erkennt man auf den ersten Blick. Bist du mit Büchern vertraut, in denen Kinder in ein magisches Reich geraten und Abenteuer mit Kobolden und so erleben?« »Ja, natürlich«, bestätigte Susanne grimmig. »Vielleicht wäre es angebracht, wenn du in solchen Bahnen denkst«, schlug der Rabe vor. Susanne griff nach einem Kräuterbündel und drehte es hin und her. »Draußen habe ich eine Frau gesehen, die behauptete, die Zahnfee zu sein«, sagte sie. »Es kann nicht die Zahnfee gewesen sein«, entgegnete der Rabe. »Es gibt mindestens drei.«, »Solch eine Person existiert nicht. Ich meine… ich wußte nichts davon. Ich habe das alles für… eine Geschichte gehalten. So wie den Sandmann. Oder den Schneevater.«* »Ah«, machte der Rabe. »Jetzt ändert sich der Ton. Wir verzichten nun auf klare Aussagesätze. Aus ›Eine solche Person existiert nicht‹ wird ›Ich wußte es nicht‹.« »Es ist allgemein bekannt, daß… Ich meine, es kann wohl kaum lo- gisch sein, daß ein alter, bärtiger Mann am Silvesterabend Würstchen und Gekröse an die Leute verteilt.« »Von Logik weiß ich nichts«, sagte der Rabe. »Von Logik habe ich nie etwas erfahren. Es ist nicht sehr logisch, auf einem Totenschädel zu hocken, aber genau dort sitze ich.« »Und es kann keinen Sandmann geben, der von Haus zu Haus geht und den Kindern Sand in die Augen streut«, sagte Susanne. »Es… ist völlig ausgeschlossen, daß ein Beutel genug Sand enthält.« »Vielleicht hast du recht. Tja, tja.« »Ich gehe jetzt besser«, meinte Susanne. »Um Mitternacht kontrolliert Frau Anstand die Schlafsäle.« * Vom Schneevater erzählt man sich vor allem auf dem Land beziehungsweise in jenen Regionen, wo Schweine eine wichtige Rolle in der lokalen Wirtschaft spielen. Die mythische Gestalt ist in der Neujahrsnacht unterwegs, mit einem einfachen Schlitten, der von vier Keilern gezogen wird. Brave Kinder bekom- men von ihm Würstchen, Blutwurst, Innereien und Schinken. Offenbar findet er großen Gefallen daran, »Ho, ho, ho« zu sagen. Unartige Jungen und Mäd- chen erhalten von ihm einen Beutel mit blutigen Knochen (an solchen Details erkennt man sofort, daß die Geschichte für Kinder bestimmt ist). Es gibt ein Lied über ihn, das mit den Worten beginnt: Seid besser auf der Hut… Es heißt, die Legende des Schneevaters geht auf einen König zurück, der an einem Winterabend – ganz zufällig, wie er meinte – am Haus von drei jungen Frauen vorbeikam. Er hörte sie schluchzen, weil sie keine Speisen hatten, um das Silvesterfest zu feiern. Voller Mitgefühl warf er einen Sack mit Würstchen durchs Fenster. Er traf eine der jungen Frauen am Kopf. Sie trug eine mittelschwere Gehirn- erschütterung davon. Doch dieser Vorfall blieb in der Legende unerwähnt – warum eine gute Geschichte verderben?, »Wie viele Schlafsäle gibt es?« fragte der Rabe. »Etwa dreißig.« »Du glaubst, daß Frau Anstand um Mitternacht alle Schlafsäle kontrol- liert? Und du glaubst nicht an den Schneevater?« »Nun, ich sollte trotzdem zurückkehren«, sagte Susanne. »Äh… dan- ke.« »Schließ hinter dir ab, und wirf den Schlüssel durchs Fenster«, krächzte der Rabe. Nachdem das Mädchen gegangen war, herrschte Stille im Zimmer, nur unterbrochen vom leisen Knacken abkühlender Kohle in der Esse. »Die Jugend von heute«, meinte der Totenschädel nach einer Weile. »Ich gebe der Bildung die Schuld«, erwiderte der Rabe. »Viel Wissen ist immer gefährlich«, verkündete der Schädel. »Viel Wis- sen ist viel gefährlicher als wenig Wissen. Das habe ich oft betont, als ich noch lebte.« »Wann war das?« »Weiß nicht mehr genau. Ich glaube, damals wußte ich eine ganze Menge. Bin vermutlich Lehrer oder Philosoph gewesen. Und jetzt liege ich auf einer Werkbank, und ein Vogel kackt mir aufs Haupt.« »Sehr allegorisch«, sagte der Rabe. Niemand hatte Susanne auf die Macht des Glaubens hingewiesen. Nie- mand hatte ihr erklärt, daß die Macht des Glaubens sich besonders an einem Ort mit hohem magischen Potential und geringer Realitätsstabili- tät entfaltete. Die Scheibenwelt war ein solcher Ort. Glaube schafft einen Hohlraum, der von etwas gefüllt werden muß. Zwischen Glaube und Logik muß nicht unbedingt ein Widerspruch be- stehen. So ist zum Beispiel völlig klar, warum der Sandmann nur einen kleinen Beutel benötigt. Auf der Scheibenwelt spart er sich die Mühe, den Sand herauszuneh- men., Es war fast Mitternacht. Susanne schlich in den Stall. Sie gehörte zu den Personen, die ein Rät- sel nicht ungelöst lassen können. In Binkys Gegenwart wagten es die Ponys nicht, auch nur einen Laut von sich zu geben. Der Hengst glühte im Dunkeln. Susanne nahm einen Sattel vom Gestell und überlegte es sich dann an- ders. Wenn sie herunterfiel, nützte ihr auch ein Sattel nichts. Und Zügel hatten ebensoviel Sinn wie Ruder an einem Felsbrocken. Sie öffnete die Tür der Box. Die meisten Pferde weigern sich hartnäk- kig, rückwärts zu gehen. Was sie nicht sehen können, existiert für sie auch nicht. Binky hingegen tänzelte bereitwillig heraus, blieb neben dem Holzklotz zum Aufsteigen stehen und sah das Mädchen erwartungsvoll an. Susanne schwang sich auf den Rücken des Pferds und hatte das Ge- fühl, sich auf einen Tisch zu setzen. »Na schön«, flüsterte sie. »Aber denk daran: Ich brauche dies nicht zu glauben.« Binky senkte den Kopf und wieherte. Dann trabte er auf den Hof in Richtung Koppel. Am Tor fiel er in einen langsamen Galopp. Susanne schloß die Augen. Sie spürte, wie sich unter der samtenen Haut die Muskeln spannten. Eine Sekunde später stieg das Pferd auf und… flog. Auf dem Boden blieben zwei feurige Hufabdrücke zurück, die allmäh- lich verblaßten. Als sie über das Internatsgebäude hinwegsausten, sah Susanne flak- kerndes Licht in einem Fenster. Frau Anstand machte ihre Runde. Das gibt Ärger, dachte die Schülerin. Und dann dachte sie: Ich sitze auf dem Rücken eines fliegenden Pferds, das mich zu einem geheimnisvollen Ort bringt, in eine Art magi- sches Reich mit Kobolden und sprechenden Tieren. Man bekommt nur eine gewisse Menge Ärger…, Und verstößt es etwa gegen die Vorschriften, auf einem fliegenden Pferd zu reiten? Ein solches Verbot ist bestimmt nirgends niederge- schrieben. Quirm verschwand hinter ihr. Die Welt verwandelte sich in ein Muster aus Dunkelheit und silbernem Mondschein. Schachbrettartige Felder huschten tief unten dahin; gelegentlich sah sie Lichter von vereinzelten Bauernhöfen. Wolkenfetzen strichen vorbei. Links bildeten die Spitzhornberge eine kalte weiße Mauer. Rechts trug das Randmeer einen leuchtenden Weg zum Mond. Kein Wind wehte, und das Gefühl hoher Geschwindigkeit blieb aus. Nur das Land bewegte sich – und Binkys Beine. Kurz darauf goß jemand Gold in die Nacht. Vor Susanne teilten sich die Wolken, und unter ihr breitete sich Ankh-Morpork aus – eine Stadt, die mehr Gefahren barg, als sich Frau Anstand vorstellen konnte. Fackelschein erleuchtete Straßen, in denen sich Quirm nicht nur verir- ren konnte, sondern auch damit rechnen mußte, überfallen, ausgeraubt und in den Fluß geworfen zu werden. Binky galoppierte mühelos über die Dächer hinweg. Susanne hörte die Geräusche der Straßen, vernahm sogar einzelne Stimmen und das allge- meine Donnern der Stadt wie von einem gewaltigen Ameisenhaufen. Hohe Fenster schwebten vorbei. Hinter vielen schimmerte das Licht von Kerzen. Das Pferd sank durch Rauch und landete in einer leeren Gasse. Susan- ne bemerkte eine geschlossene Tür mit einem Schild und einer Fackel darüber. Sie las: Kücheneingank. Zutritt verboten. Damit Bis Du Gemaint. Binky schien auf etwas zu warten. Susanne hatte mit einem exotischeren Ziel gerechnet., Über Curry wußte sie Bescheid. Im Internat kam manchmal Curry auf den Tisch, als Reis getarnt. Das Zeug war gelb und enthielt schwammige Rosinen und Erbsen. Binky wieherte und scharrte mit einem Huf. Eine Klappe in der Tür öffnete sich. Ein Gesicht erschien in der Öff- nung, umwogt von Küchendunstschwaden. »Ooooo naaaaaiiiin!« ertönte es. »Biiiiinkyarrgh!« Die Klappe klappte zu. Irgend etwas bahnte sich an. Susanne sah auf die Speisekarte an der Wand und entdeckte sofort mehrere orthographische Fehler. Die Speisekarten besonders volkstümli- cher Lokale stecken immer voller Rechtschreibfehler, damit sich der Gast überlegen fühlt. Die Namen der meisten Speisen blieben ohne Be- deutung für Susanne, doch unter einigen konnte sie sich zumindest etwas vorstellen, zum Beispiel: Curry mit Gemühse 8c Curry mit Pomaten und Schweinemöpsen 10c Curry mit süßsaurigen Fischeiern 10c Curry mit unbekanntem Fleisch 10c Curry mit bekanntem Fleisch 15c Extra Curry 5c Schweinekräcker 4c Hier eßen Oder zum Mitnehmen Erneut öffnete sich die Klappe, und eine große braune Tüte aus angeb- lich wasserdichtem Papier wurde auf den kleinen Sims vor der Öffnung gestellt. Anschließend schwang die Klappe wieder zu. Susanne streckte vorsichtig die Hand aus. Der Tüte entströmte ein Ge- ruch, der wie eine thermische Lanze wirkte und die Phantasie auf eine nicht besonders angenehme Weise stimulierte. Andererseits lag die letzte Mahlzeit schon eine ganze Weile zurück., Ihr fiel plötzlich ein, daß sie gar kein Geld besaß. Zwar hatte niemand einen Preis genannt, aber sie wußte, der ganzen Welt drohte der Ruin, wenn die Leute nicht ihre Verantwortung wahrnahmen. Sie beugte sich vor und klopfte an die Tür. »Ich bitte um Entschuldigung. Was muß ich dafür be…« Stimmen erklangen hinter der Tür, gefolgt von lautem Scheppern. Es hörte sich an, als versuchten fünf oder sechs Personen, unter den glei- chen Tisch zu kriechen. »Oh. Sehr nett. Danke. Vielen Dank«, sagte Susanne höflich. Binky zog sich langsam zurück. Diesmal spürte das Mädchen auf sei- nem Rücken nicht, wie er die Muskeln zum Sprung spannte. Er trabte ganz ruhig empor, als sei ihm einmal vorgeworfen worden, etwas ver- schüttet zu haben. Susanne probierte die Curry-Spezialitäten mehrere Dutzend Meter über der rasch dahingleitenden Landschaft – und warf die Tüte dann so dis- kret wie möglich fort. »Es schmeckt sehr… ungewöhnlich«, sagte sie. »Und das ist alles? Hast du mich den ganzen Weg bis hierher getragen, damit ich mir einen Imbiß hole?« Der Boden glitt schneller unter ihnen hinweg, und Susanne schloß dar- aus, daß Binky jetzt rasanter flog – dies war kein gemütlicher Trab mehr, sondern ein voller Galopp. Die Muskeln zitterten… … und weiter vorn erstrahlte der Himmel in jähem Blau. Hinter Susanne brannten zwei Hufabdrücke in der Luft. Doch sie blie- ben unsichtbar, denn das Licht trat beiseite, errötete verlegen und fragte sich, was geschehen war. Die Landschaft hing in der Leere. Ein kleines Haus stand dort, von einem Garten umgeben. Dahinter er- streckten sich Felder und ferne Berge. Susanne riß verblüfft die Augen auf, als Binky langsamer wurde., Die Tiefe fehlte. Als der Hengst herumschwang und zur Landung an- setzte, erwies sich die Landschaft als reine Oberfläche, als ein dünner Film aus… Existenz, dem Nichts aufgedrückt. Susanne befürchtete, der Boden würde reißen, als das Pferd aufsetzte. Aber nichts dergleichen geschah. Nur der Kies knirschte. Binky lief ums Haus, verharrte vor dem Stall und wartete. Die Schülerin stieg behutsam ab. Was auch immer sich unter ihren Fü- ßen befand – es fühlte sich fest genug an. Sie bückte sich, tastete nach dem Kies und strich ein wenig davon beiseite. Darunter kam mehr Kies zum Vorschein. Sie hatte gehört, daß die Zahnfee Zähne sammelte. Wenn man logisch darüber nachdachte… Die anderen Leute, die Körperteile sammelten, taten das meist aus verdächtigen Gründen. Für gewöhnlich planten sie, bestimmten Personen Schaden zuzufügen oder sie zu kontrollieren. Die Zahnfeen hatten vermutlich die Hälfte aller Kinder auf der Welt unter Kontrolle. Dieses Haus paßte nicht ins Bild; es schien kaum passend für jemanden mit so viel Macht. Der Schneevater wohnte vermutlich in einem gräßlichen Schlachthof irgendwo in den Bergen. Wahrscheinlich schmückte er sein Heim mit Brat- und Blutwürsten und hatte die Wände gräßlich blutrot gestrichen. Das verriet Stil. Er mochte scheußlich sein, aber wenigstens war es ein Stil. Hier gab es so etwas nicht. Ein charakteristisches Merkmal dieses Ortes war die völlige Abwesenheit aller Stilarten. Die Seelenkuchendienstag-Ente hatte sicher kein Zuhause. Ebensowe- nig Des Alten Mannes Schwierigkeiten und der Sandmann. Susanne wanderte um das Haus herum, das nicht viel größer war als eine Hütte. Wer hier lebte, litt an einem eklatanten Mangel an Ge- schmack. Schließlich fand sie die Eingangstür. Sie war schwarz und hatte einen omegaförmigen Klopfer. Als Susanne die Hand danach ausstreckte, öffnete sich die Tür von al- lein., Vor ihr erstreckte sich ein Flur, der viel länger war, als es die Ausmaße des Hauses zuließen. In der Ferne führte eine Treppe empor, die genug Platz bot für das Steptanzfinale eines Musicals. Mit der Perspektive stimmte hier einiges nicht. Ein ganzes Stück ent- fernt ragte offensichtlich eine Wand auf, die zugleich den Eindruck er- weckte, nur drei oder vier Meter vor Susanne in die Luft gemalt worden zu sein. Distanz war nur eine Option. Auf der einen Seite stand eine große Uhr. Ihr langsames Ticken hallte durch das gewaltige Innere des kleinen Hauses. Ich erinnere mich an ein Zimmer, dachte Susanne. An das Zimmer des Flüsterns. Türen zeigten sich rechts und links. Die Abstände zwischen ihnen wa- ren recht groß – oder klein, aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Die Schülerin versuchte, zur nächsten Tür zu gelangen, doch nach ei- nigen unsicheren Schritten gab sie auf. Sie erreichte das Ziel schließlich, indem sie sich die richtige Stelle einprägte, dann die Augen schloß und nach der Klinke griff. Die Tür war normal groß und gleichzeitig riesig. Ihr Rahmen war mit Totenschädel-mit-Knochen-Motiven verziert. Susanne trat über die Schwelle. Dieses Zimmer hätte einer kleinen Stadt genug Platz geboten. In mittlerer Entfernung lag ein Teppich auf dem Boden, nicht mehr als einen Hektar groß. Susanne blieb an seinem Rand stehen, nachdem sie einige Minuten darüber gegangen war. Vor ihr befand sich ein Zimmer in einem Zimmer. Ein großer, schwer aussehender Schreibtisch stand auf einem Podium, dahinter ein Dreh- stuhl aus Leder. Susanne bemerkte ein großes Modell der Scheibenwelt. Getragen wurde es von einer Zierfigur, die vier Elefanten auf dem Rük- ken einer Schildkröte darstellte. Das Durcheinander in den Bücherrega- len deutete darauf hin, daß jemand die Bücher viel zu häufig gebrauchte, um sie richtig zu ordnen. Es gab auch ein Fenster; knapp einen Meter über dem Boden schwebte es in der Leere. Die Wände fehlten. Zwischen dem Rand des Teppichs und den Wän- den des größeren Zimmers gab es nur etwas, das nicht einmal »Boden«, genannt werden konnte. Das Etwas bestand weder aus Stein noch aus Holz. Es verursachte kein Geräusch, wenn Susanne darüber ging. Es war schlicht und einfach Oberfläche in einem rein geometrischen Kontext. Totenschädel- und Knochensymbole schmückten den Teppich. Er war schwarz. Hier schien alles schwarz zu sein oder grau. An eini- gen Stellen deuteten subtile Schattierungen besonders dunkles Purpur oder ein Blau an, wie man es fünftausend Meter unter dem Meeresspie- gel erwartet. In der Ferne… bei den Wänden des größeren Zimmers, des Meta- Raums oder wie auch immer man ihn nennen wollte… zeigte sich etwas, das komplexe Schatten projizierte, jedoch keine klaren Konturen offen- barte. Susanne trat auf das Podium. Den Dingen um sie herum haftete etwas Seltsames an. Hier war alles auf eine direkte, unmittelbare Weise sonderbar. Das ließ sich früher oder später ignorieren. Anders stand es mit diesen Eigentümlichkeiten auf menschlichem Niveau. Auf den ersten Blick betrachtet, wirkten die Ob- jekte normal, doch wenn man genauer hinsah, bemerkte man… Abwei- chungen. Wer auch immer die Dinge geschaffen hatte: Er schien ihren Zweck nicht ganz verstanden zu haben. Eine Kladde war fest mit dem viel zu großen Schreibtisch verbunden, war gewissermaßen Teil der Oberfläche. Die Schubladen waren rechtek- kige Erweiterungen, die sich nicht aufziehen ließen. Der Schöpfer dieses Schreibtischs hatte Schreibtische zwar gesehen, aber nie ihr Konzept be- griffen. Ein Ziergegenstand weckte Susannes Aufmerksamkeit. Er bestand aus einer Bleiplatte, daneben hing eine Kugel an einem Faden. Wenn man die Kugel anhob, schlug sie einmal an die Platte und verharrte dann wie- der. Das Mädchen versuchte nicht, auf dem Stuhl Platz zu nehmen. Eine deutlich sichtbare Mulde in der ledernen Polsterung ließ erkennen, daß jemand darin viel Zeit verbrachte. Susannes Blick wanderte zu den Buchrücken. Seltsame, für sie völlig unverständliche Zeichen bildeten die Titel der Bücher., Sie kehrte in den fernen Flur zurück und schritt dort zur nächsten Tür. Eine Ahnung regte sich in ihr. Sie betrat einen weiteren großen Raum, der mit Regalen gefüllt war, die vom Boden bis zur wolkenverhangenen Decke reichten. Zahllose Sand- uhren reihten sich darin aneinander. Sand rieselte von der Vergangenheit in die Zukunft. Es klang wie eine Brandung – ein kollektives Geräusch aus einer Milliarde leiser Töne. Susanne wanderte zwischen den Regalen umher und fühlte sich wie in einer gewaltigen Menschenmenge. Sie bemerkte eine Bewegung. In den meisten Fällen bildete der rieseln- de Sand eine dünne silberne Linie, doch in einem Stundenglas ver- schwand diese gerade. Das letzte Sandkorn fiel in die untere Hälfte. Mit einem leisen »Plop« verschwand die Sanduhr. Kurz darauf, mit einem kaum hörbaren »Ping«, erschien eine neue. Sand begann zu rieseln… Susanne bemerkte, daß sich dieser Vorgang überall wiederholte. Dau- ernd verschwanden alte Stundengläser, um durch neue ersetzt zu wer- den. Und sie wußte davon. Langsam streckte sie die Hand aus, biß sich nachdenklich auf die Lip- pen, ergriff eine Sanduhr und machte Anstalten, sie umzudrehen… QUIEK! Sie wandte sich um. Der Rattentod stand im Regal hinter ihr und hob mahnend einen Finger. »Schon gut«, sagte das Mädchen und stellte das Stundenglas wieder an seinen Platz. QUIEK. »Nein. Ich habe mir noch nicht alles angesehen.« Susanne ging weiter und hörte leises Trippeln, als ihr der Rattentod folgte. Der dritte Raum… … erwies sich als Bad., Susanne zögerte. In diesem Haus rechnete man mit Sanduhren. Es war auch nicht überraschend, überall das Totenschädel-und-Knochen-Motiv zu sehen. Aber was man nicht erwartete, war eine große weiße Porzellan- wanne, die wie ein Thron auf einem Podest stand und an der große Hähne aus glänzendem Messing angebracht waren. Über einem Kasten an der Wand bildeten verblaßte blaue Buchstaben die Worte: C. H. Was- serklosett & Sohn, Mumpitzstraße, Ankh-Morpork. Auf dem Rand der Wanne lag eine gelbe Gummiente. Und dann die Seife… Sie war angemessen knochenweiß, schien jedoch noch nie benutzt worden zu sein. Daneben lag orangefarbene Seife, die man zweifellos ziemlich oft benutzt hatte – kaum mehr als eine dünne Scheibe war von ihr übrig. Sie roch wie das gräßliche Zeug im Internat. Die Badewanne mochte erstaunlich groß sein, aber sie war eindeutig ein Gegenstand aus der menschlichen Welt. Bräunliche Kratzspuren umgaben den Abfluß, ein Fleck zeigte sich dort, wo ein Hahn getropft hatte. Doch für die übrigen Dinge war die Person verantwortlich, die sanitäre Einrichtungen offenbar ebenso wenig verstand wie Schreibti- sche. Den Handtuchhalter hätte eine ganze Sportmannschaft als Trainings- gerät benutzen können. Die schwarzen Handtücher daran waren unlös- bar mit ihm verbunden und sehr rauh. Wer auch immer das Bad auf- suchte: Er gebrauchte vermutlich das weiß-blaue und schon recht abge- nutzte Handtuch mit den InitialenFJMRFDB-U-S-G B-S, A-M. Zu den Installationen gehörte auch eine Toilette – ein weiteres Beispiel für C. H. Wasserklosetts Porzellankunst. Ein grünblaues Blumenmuster zierte den Spülkasten. Die Toilette vermittelte denselben Eindruck wie Badewanne und Seife: Jemand hatte dieses Zimmer geschaffen, und dann war jemand anders gekommen, um Details hinzufügen. Jemand, der sich mit Installateurarbeiten besser auskannte. Jemand, der aus eigener Erfahrung wußte, daß Handtücher weich sein und trocknend wirken sollten. Jemand, der Wert darauf legte, daß Seife Schaum erzeugte. Nein, mit solchen Dingen rechnete man hier nicht. Bis man sie sah. Und dann hatte man das Gefühl, sie zum erstenmal zu sehen. Das abgenutzte Handtuch fiel zu Boden und blieb einige Sekunden in Bewegung, bis der Rattentod darunter hervorkroch., QUIEK? »Na schön«, seufzte Susanne. »Wohin soll ich gehen?« Das Rattenskelett eilte durch die offene Tür und verschwand im Kor- ridor. Susanne folgte ihm zu einer anderen Tür und drehte den Knauf. Wieder sah sie ein Zimmer in einem Zimmer. Die Dunkelheit enthielt einen kleinen gekachelten Bereich, und dort fiel Licht auf einen Tisch, mehrere Stühle, einen Geschirrschrank… …und jemanden, der an dem Tisch saß. Susanne näherte sich vorsich- tig und hörte das Klappern von Besteck auf einem Teller. Ein alter Mann aß gerade ziemlich laut. Und er führte mit vollem Mund Selbstgespräche, was schlechte Manieren der eigenen Person ge- genüber bewies. »Meine Schuld ist es nicht! [Kleine Brocken lösen sich von den Lippen und fliegen fort.] Von Anfang an war ich dagegen, aber er schaltete auf stur [Die Finger entdecken ein Stückchen ballistische Wurst auf dem Teller.] und bestand darauf, sich wieder einzumischen. Du hast doch ohnehin mit der ganzen Sache zu tun, habe ich ihm gesagt [Wieder fliegen Brocken umher; die Gabel sticht in die leere Luft.], aber er wollte einfach nicht auf mich hören, wenn du dich wieder auf so etwas einläßt, habe ich ihn gefragt, wie willst du später Abstand gewinnen, hm? [Er schmiert Ei und Ketchup auf eine Scheibe Brot.] Aber meine Einwände waren natür- lich umsonst…« Susanne kam näher. Der Mann schenkte ihr keine Beachtung. Der Rattentod sauste an einem Stuhlbein hoch und sprang auf eine Scheibe Toastbrot. »Oh. Du bist’s.« QUIEK. Der Alte drehte sich um. »Wo? Wo?« Susanne trat ins Licht. Der Mann stand so abrupt auf, daß sein Stuhl umfiel. »Lieber Himmel, wer bist du denn?«, »Würdest du bitte aufhören, mit dem spitzen Stück Schinken auf mich zu zeigen?« »Ich habe dich etwas gefragt, junge Dame!« »Ich bin Susanne.« Das schien nicht zu genügen. »Herzogin von Sto Helit«, fügte sie hinzu. In dem faltigen Gesicht das Alten bildeten sich noch mehr Falten, als er nachdachte und zu verstehen versuchte. Schließlich drehte er sich um und hob die Arme. »O ja!« rief er in den Raum. »Das setzt der Sache die Krone auf, ja- wohl!« Er richtete einen drohenden Zeigefinger auf das Rattenskelett, das sich zurücklehnte. »Du hinterhältiger kleiner Nager! Um nicht zu sagen… Du Ratte! Was hast du dir dabei gedacht?« QUIEK? Der Alte verharrte für ein oder zwei Sekunden und drehte sich dann langsam um. »Wie hast du es geschafft, durch die Wand zu gehen?« »Was?« Susanne wich ein wenig zurück. »Ich wußte gar nicht, daß es hier eine gibt.« »Für was hältst du das hier? Etwa für klatschianischen Nebel?« Der Mann schlug nach leerer Luft. Das Nilpferd der Erinnerung wälzte sich… »Albert…«, sagte Susanne. »So heißt du, nicht wahr?« Albert schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. »Es wird immer schlimmer! Was hast du ihr erzählt?« »Er hat nur QUIEK gesagt, und ich weiß nicht, was das bedeutet«, er- widerte Susanne. »Hier gibt es doch gar keine Wand, nur…« Albert öffnete eine Schublade. »Jetzt sieh mal genau her«, sagte er scharf. »Hier haben wir einen Hammer, stimmt’s? Und das ist ein Nagel, oder? Paß auf.«, Am Rand des gekachelten Bereichs, etwa in einer Höhe von anderthalb Metern, hämmerte er den Nagel in die Luft, ohne daß er herunterfiel. »Wand«, sagte Albert. Susanne streckte die Hand aus und tastete nach dem Nagel. Er schien ein wenig klebrig zu sein, und das Mädchen glaubte, so etwas wie stati- sche Elektrizität zu spüren. »Für mich fühlt es sich nicht wie eine Wand an«, entgegnete sie. QUIEK. Albert ließ den Hammer auf den Tisch fallen. Er war kein kleiner Mann, stellte Susanne nun fest. Er schien sogar recht groß zu sein. Aber er ging auf eine Weise gebeugt, wie man es bei einem Laborassistenten namens Igor erwartete. »Ich gebe auf«, stöhnte er und gestikulierte. »Ich habe ihm gesagt, daß das nur Schwierigkeiten gibt. Kaum hat er sich eingemischt, schon kommt eine junge Göre… He, wo bist du?« Susanne ging zum Tisch, wo Albert mit den Armen ruderte und sie zu finden versuchte. Auf dem Tisch entdeckte sie ein Käsebrett, eine Schnupftabakdose und mehrere Würste. Von frischem Gemüse keine Spur. Frau Anstand wies immer mit großem Nachdruck darauf hin, wie wichtig es sei, Gebratenes zu meiden und möglichst viel frisches Gemüse zu essen. Sie sprach von einem Phänomen namens »tägliche Gesundheit«. Ihrer Meinung nach ließen sich viele Probleme auf einen Mangel an täglicher Gesundheit zurückführen. Albert schien sie alle in sich zu vereinen, wie er so durch die Küche eilte und immer wieder nach leerer Luft griff. Susanne nahm auf dem Stuhl Platz, als der Alte an ihr vorbeihastete. Schließlich blieb Albert stehen und hielt sich ein Auge zu. Dann drehte er sich langsam um. Im sichtbaren Auge zeigte sich ein Glanz, der ver- zweifelte Konzentration verriet. Er spähte zum Stuhl, und das Auge tränte vor Anstrengung. »Nicht schlecht«, sagte er leise. »Na schön. Du bist hier. Die Ratte und das Pferd haben dich geholt. Sie glauben, die richtige Entscheidung ge- troffen zu haben, aber da irren sie sich.«, »Welche Entscheidung?« fragte Susanne. »Und außerdem bin ich kei- ne… Göre.« Albert starrte sie groß an. »Der Herr ist dazu imstande«, brummte er. »Bei ihm gehört das zum Job. Vermutlich hast du schon vor einer ganzen Weile herausgefunden, daß du es ebenfalls kannst. Ich meine, nicht bemerkt zu werden, wenn du nicht bemerkt werden möchtest?« QUIEK, sagte der Rattentod. »Was?« fragte Albert. QUIEK. »Er läßt dir folgendes mitteilen«, sagte der Alte mürrisch. »›Göre‹ be- deutet soviel wie ›Mädchen‹. Er glaubt, du könntest mich vielleicht falsch verstanden haben.« Susanne beugte sich ein wenig vor. Albert zog einen anderen Stuhl heran und setzte sich ebenfalls. »Wie alt bist du?« »Sechzehn.« »Meine Güte.« Albert rollte mit den Augen. »Seit wann bist du schon sechzehn?« »Seit ich fünfzehn gewesen bin, ist doch klar. Bist du dumm?« »Ach, wie die Zeit vergeht«, sagte Albert. »Weißt du, warum du hier bist?« »Nein, aber…« Susanne zögerte. »Es hat bestimmt etwas zu tun mit… Ich meine, vielleicht… äh… ich sehe Dinge, die andere Leute nicht se- hen… Und dann die Sache mit den Totenschädeln und Knochen…« Alberts langgliedrige, geierartige Gestalt ragte vor ihr auf. »Möchtest du eine Tasse Kakao?« fragte er. Gegen diesen Kakao war der im Internat nur heißes braunes Wasser. In Alberts Kakao gab es Fett. Wenn man die Tasse umdrehte, dauerte es eine Weile, bis etwas herausfiel., »Deine Eltern…«, sagte Albert, als Susanne einen Kakao-Schnurrbart hatte, für den sie viel zu jung wirkte. »Haben sie dir jemals etwas… er- klärt?« »Das hat Frau Delokus in Biologie versucht«, sagte Susanne. »Sie brachte alles durcheinander«, fügte sie hinzu. »Ich meine über deinen Großvater.« »Ich erinnere mich an Dinge«, erwiderte Susanne. »Aber erst dann, wenn ich sie sehe. So war’s beim Badezimmer – und auch bei dir.« »Deine Mutter und dein Vater hielten es für besser, daß du vergißt«, sagte Albert. »Ha! Es steckt in den Knochen! Deine Eltern fürchteten, daß so etwas geschehen könnte, und nun ist es passiert. Du hast gewisse Eigenschaften geerbt.« »Oh, darüber weiß ich Bescheid«, meinte Susanne. »Dabei geht’s um Mäuse und Bohnen und so.« Albert sah sie groß an. »Ich versuche, es taktvoll auszudrücken«, kündigte er an. »Dein Groß- vater ist Tod«, erklärte Albert. »Du weißt schon… ein Skelett mit schwarzem Kapuzenmantel. Du bist auf seinem Pferd geritten, auf dem weißen Hengst, der dich hierherbrachte. Jetzt ist er fort. Nicht der Hengst, sondern Tod. Um über Dinge zu meditieren, oder was weiß ich. Und das hat dich hierhergesaugt. Weil es in den Knochen steckt. Du bist alt genug. Ein Loch ist entstanden, und es glaubt, du hast die richtige Form. Mir gefällt das ebensowenig wie dir.« »Tod«, murmelte Susanne. »Nun, ich kann nicht behaupten, nie etwas geahnt zu haben. So wie Schneevater, Sandmann und Zahnfee?« »Ja.« QUIEK. »Das soll ich wirklich glauben?« fragte Susanne und versuchte, in diese Worte möglichst viel Verachtung zu legen. Albert hielt ihrem durchdringenden Blick stand wie jemand, an dem Verachtung völlig wirkungslos abprallt. »Mir ist es völlig schnuppe, was du glaubst oder nicht, junge Dame«, sagte er., »Meinst du wirklich die große Gestalt mit der Sense und so?« »Ja.« »Jetzt hör mal, Albert…« Susanne sprach jetzt in dem Tonfall, den man Einfältigen und Begriffsstutzigen gegenüber anschlägt. »Selbst wenn es einen solchen Tod gäbe… und ich halte es für absurd, eine ganz natürli- che Funktion zu anthropomorphisieren… kann man sicher nichts von ihm erben. Mit Vererbung kenne ich mich aus; warum man rote Haare hat und so. Man bekommt sie von Menschen. Beziehungsweise von Leuten. Nicht von… Mythen und Legenden… äh.« Der Rattentod wandte sich dem Käsebrett zu, hob seine Sense und schnitt ein Stück ab. Albert lehnte sich zurück. »Ich erinnere mich, als man dich hierher brachte«, sagte er. »Er stellte immer wieder Fragen. Weil er neugierig ist. Und er mag Kinder. Oh, er begegnet vielen, aber… er bekommt kaum Gelegenheit, sie besser ken- nenzulernen, wenn du verstehst, was ich meine. Deine Eltern weigerten sich zuerst, aber dann gaben sie nach und brachten dich eines Tages zum Tee hierher, damit er endlich Ruhe gab. Sie hatten große Bedenken und glaubten, du würdest dir vor lauter Schrecken die Lungen aus dem Leib schreien. Aber du hast nicht etwa geschrien, sondern gelacht. Daraufhin bekam’s dein Vater mit der Angst zu tun. Nun, sie brachten dich noch ein paarmal hierher, als er darum bat, doch dann fürchteten sie schlimme Folgen für dich, und dein Papa sprach ein Machtwort. Nur er war im- stande, dem Herrn die Stirn zu bieten. Tja. Damals bist du etwa vier ge- wesen.« Susanne hob die Hand und tastete nach den blassen Linien auf ihrer Wange. »Der Herr sprach davon, daß man bei deiner Erziehung ›moderne‹ Me- thoden anwendet«, fuhr Albert fort. »Zum Beispiel Logik. Und Rationali- tät. Du solltest nicht an die alten Dinge glauben und so. Vielleicht glaub- ten deine Eltern, dich dadurch vor… bestimmten Vorstellungen bewah- ren zu können…« »Ich durfte damals auf dem Pferd reiten«, sagte Susanne. Sie hörte gar nicht zu. »Und ich habe in der großen Badewanne gebadet.«, »Überall klebte Schaum.« Auf Alberts Gesicht erschien der Schatten eines Lächelns. »Das Lachen deines Großvaters konnte ich bis hierher hören. Er hat dir auch eine Schaukel gebaut. Oder es zumindest ver- sucht. Ohne Magie. Mit seinen eigenen Händen.« Susanne saß reglos, während in ihr Erinnerungen erwachten, gähnten und sich streckten. »Das Bad…« sagte sie. »Jetzt weiß ich es wieder.« »Es war die ganze Zeit in dir, unter einer dicken Schicht geistiger Tün- che.« »Mit sanitären Anlagen kannte er sich nicht besonders gut aus. Übri- gens, was bedeuten die InitialenFJMRFDB-U-S-G B-S, A-M?« »Für junge Männer reservierter Fanklub des Blut-und-Schleim-Gottes Bel-Shamharoth, Ankh-Morpork«, antwortete Albert. »Da wohne ich, wenn ich in die andere Welt zurückkehre, um etwas zu erledigen. Dort gibt’s Seife und so.« »Aber du bist kein… junger Mann«, kam es über Susannes Lippen, be- vor das Gehirn Mund und Zunge kontrollieren konnte. »Niemand erhebt Einwände«, entgegnete der Alte scharf. Susanne zweifelte kaum daran. Sie spürte eine drahtige Kraft in Albert, als wäre sein ganzer Leib eine geballte Faust. »Er kriegt fast alles hin«, sagte sie zu sich selbst. »Aber einige Dinge versteht er nicht, zum Beispiel Installateurarbeiten.« »Ja«, bestätigte Albert. »Wir mußten einen Klempner aus Ankh- Morpork holen. Der Bursche meinte, er hätte nächste Woche Donners- tag Zeit, und solche Worte hört dein Großvater gar nicht gern. Ha! Hab nie zuvor einen Klempner so fix arbeiten sehen. Anschließend ließ ihn der Herr einfach vergessen. Er kann alle vergessen lassen, außer…« Al- bert unterbrach sich und runzelte die Stirn. »Ich schätze, ich muß mich damit abfinden«, fügte er hinzu. »Immerhin hast du ein Recht darauf, in gewisser Weise. Ich nehme an, du bist müde. Du kannst hier schlafen. Zimmer gibt’s genug.« »Nein, ich muß zurück! Es gibt jede Menge Ärger, wenn ich morgen früh nicht im Internat bin.«, »Hier existiert nur die Zeit, die man mitbringt. Was hier passiert, ge- schieht einfach. Zeit hat damit kaum etwas zu tun. Wenn du möchtest, trägt Binky dich genau zu dem Zeitpunkt zurück, an dem du aufgebro- chen bist. Du kannst also ruhig eine Weile hierbleiben.« »Du hast eben ein Loch erwähnt, das mich angesaugt hat. Wie meinst du das?« »Du fühlst dich bestimmt besser, wenn du geschlafen hast«, erwiderte Albert. An diesem Ort gab es weder Tag noch Nacht. Das hatte Albert zunächst verwirrt. Es existierte nur die helle Landschaft, über der sich ein schwar- zer Himmel mit Sternen wölbte. Die Sache mit Tag und Nacht schien Tod einfach nicht zu verstehen. Wenn Menschen im Haus wohnten, entfalteten sich die allgemeinen Aktivitäten auf der Grundlage eines 26- Stunden-Rhythmus. Überläßt man Menschen sich selbst, beschränken sie sich nicht auf den üblichen 24-Stunden-Tag. Der Zeit müssen sie sich beugen, doch dem Tag können sie einige Stunden mehr abgewinnen. Albert ging immer dann zu Bett, wenn er den Zeitpunkt für gekom- men hielt. Jetzt setzte er sich auf und starrte an der Kerze vorbei ins Nichts. »Sie hat sich an das Bad erinnert«, murmelte er. »Und sie weiß von Dingen, die sie eigentlich gar nicht gesehen haben kann. Niemand hat ihr etwas erzählt. Daraus folgt, daß sie sein Gedächtnis hat. Sie hat es von ihm geerbt.« QUIEK, sagte der Rattentod. Nachts saß er häufig am Feuer. »Als er zum letztenmal fortging, hörten die Leute plötzlich auf zu ster- ben«, erinnerte sich Albert. »Das ist diesmal nicht der Fall. Und das Pferd hat sie geholt. Das bedeutet, sie füllt das Loch.« Er blickte in die Finsternis. Wenn er nervös wurde, begann er immer zu kauen und zu saugen, als wollte er einen kleinen Brocken vom Abendessen aus einem hohlen Zahn entfernen. Die Geräusche, die er dabei verursachte, klangen nach einem Klempner, der versucht, einen verstopften Abfluß in Ordnung zu bringen., Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals jung gewesen zu sein. Es mußte Jahrtausende zurückliegen. Er war jetzt neunundsiebzig, aber in Tods Haus war die Zeit eine erneuerbare Ressource. Vage entsann er sich, daß die Kindheit eine recht schwierige Phase sein konnte, vor allem, wenn sie zu Ende ging. Dann gab’s Probleme mit Pickeln, und diverse Körperteile entwickelten plötzlich ein sonderbares Eigenleben. Wenn man dann außerdem auch noch für Tod einspringen mußte… Doch es ließ sich nicht vermeiden. Das war die ebenso unangenehme wie unausweichliche Wahrheit. Es war unbedingt erforderlich, daß jemand Tod vertrat. Auf den Grund dafür wurde bereits hingewiesen: Tod leistete einen allgemeinen Dienst, keinen besonderen. Ähnlich verhält es sich mit der Monarchie. Wenn man als Untertan in einer Monarchie lebt, wird man vom Mon- archen regiert. Die ganze Zeit über. Ob man wacht oder schläft. Womit auch immer man gerade beschäftigt ist. Es gehört zu den allgemeinen Bedingungen der Situation. Die Königin muß nicht extra Hausbesuche machen, sich im bequemsten Sessel nie- derlassen, Anspruch auf die Fernbedienung erheben und eine Tasse Tee ordern. Alles passiert automatisch wie die Gravitation. Im Gegensatz zur Gravitation wird allerdings ganz oben eine Person benötigt. Von ihr er- wartet man nicht viel. Sie muß einfach nur dasein. Sie muß einfach nur sein. »Aber ausgerechnet sie?« fragte Albert. QUIEK. »Bestimmt dreht sie schon bald durch. O ja. Man kann nicht gleichzei- tig unsterblich und sterblich sein. Das zerreißt einen. Meine Güte, sie tut mir fast leid.« QUIEK, pflichtete ihm der Rattentod bei. »Und das ist noch nicht einmal das Schlimmste«, sagte Albert. »Warte nur, bis sie sich auch an den Rest erinnert…« QUIEK., »Ja, genau.« Albert nickte. »Ich schlage vor, du beginnst sofort, ihn zu suchen.« Susanne erwachte und wußte nicht, wie spät es war. Auf dem Nachtschränkchen stand ein Wecker, denn Tod wußte, daß solche Dinge auf Nachtschränkchen stehen sollten. Geschmückt war er mit Totenschädeln, Knochen und dem Omegazeichen. Außerdem funk- tionierte er nicht. Keine der Uhren im Haus funktionierte, abgesehen von dem speziellen Exemplar im Flur. Alle anderen litten sofort an De- pressionen und blieben stehen. Oder die aufgezogenen Federn verloren auf einen Schlag ihre Spannung. Das Zimmer erweckte den Eindruck, als wäre gestern jemand ausgezo- gen. Haarbürsten lagen auf der Frisierkommode neben einigen Schmink- utensilien. An der Tür hing ein Morgenmantel mit einem Kaninchenbild auf der Tasche. Es hätte vielleicht etwas hübscher ausgesehen, wenn es kein Skelett gewesen wäre. Susanne kramte in den Schubladen – sie nahm an, daß sie sich im ehemaligen Zimmer ihrer Mutter aufhielt. Jede Menge Rosarot zeigte sich den Blicken des Mädchens. Nun, sie hatte nichts gegen Rosarot an sich, aber dieses hier überschritt die Grenzen des Tolerierbaren weit. Su- sanne entschied, ihre Internatskleidung anzuziehen. Wichtig war jetzt vor allem, ruhig zu bleiben. Es gab für alles eine ver- nünftige Erklärung, selbst wenn man sie erfinden mußte. QUIEFF. Der Rattentod landete auf der Frisierkommode, und seine kleinen Krallen suchten nach Halt. Er nahm die Sense aus dem Maul. »Ich glaube«, sagte Susanne vorsichtig, »ich würde jetzt gern heimkeh- ren, danke.« Die kleine Ratte nickte. Sie sprang zum Rand des rosaroten Teppichs und eilte in den dunklen Flur davon. Als Susanne vom Teppich heruntertrat, blieb der Rattentod stehen, drehte sich um und bedachte sie mit einem anerkennenden Blick. Erneut hatte sie das Gefühl, einen Test bestanden zu haben., Sie folgte der Ratte durch den Korridor und in die von Rauch erfüllte Küche. Albert beugte sich über den Herd. »Guten Morgen«, sagte er aus reiner Angewohnheit, ohne sich dabei auf eine bestimmte Tageszeit zu beziehen. »Möchtest du gebratenes Brot mit Würstchen? Anschließend gibt’s Haferbrei.« Susanne betrachtete die undefinierbare Masse in der großen Pfanne. Ein solcher Anblick war nichts für einen leeren Magen, obwohl er sicher einen verursachen konnte. Albert konnte in einem Ei den Wunsch wek- ken, nie gelegt worden zu sein. »Hast du kein Müsli?« fragte Susanne. »Sind das besondere Würstchen?« erkundigte sich Albert argwöhnisch. »Ich meine Nüsse und Getreideflocken.« »Enthalten sie Fett?« »Ich glaube nicht.« »Wie soll man sie dann braten?« »Müsli wird nicht gebraten.« »Und so was nennst du Frühstück?« »Ein ordentliches Frühstück muß nicht unbedingt gebraten sein«, sagte Susanne. »Haferbrei braucht nicht gebraten zu werden…« »Wer behauptet das?« »Wie wär’s mit einem gekochten Ei?« »Ha, Kochen hat keinen Sinn. Es tötet nicht alle Bazillen.« »ICH MÖCHTE EIN GEKOCHTES EI, ALBERT.« Das Echo tanzte hin und her. Susanne fragte sich, wo diese Stimme herkam. Alberts Schöpfkelle fiel auf den Boden. »Wie bitte?« brachte Susanne hervor. »Du hast mit seiner Stimme gesprochen«, sagte Albert. »Spar dir die Mühe mit dem Ei.« Die Stimme ließ ihren Unterkiefer schmerzen, und das besorgte Susanne mehr als Albert – immerhin war es ihr Mund. »Ich möchte nach Hause!« »Du bist zu Hause«, entgegnete Albert., »Hier? Dies ist nicht mein Zuhause!« »Tatsächlich nicht? Wie lautet die Inschrift der großen Uhr?« »›Zu spät‹«, antwortete Susanne sofort. »Wo stehen die Bienenstöcke?« »Im Obstgarten.« »Wie viele Teller haben wir?« »Sieben…« Susanne klappte den Mund so fest wie möglich zu. »Na bitte«, sagte Albert. »Wenigstens ein Teil von dir ist hier daheim.« »Hör mal…« Susanne versuchte es erneut mit dem Mittel der Ver- nunft, in der Hoffnung, daß es diesmal besser funktionierte. »Vielleicht gibt es jemanden, der… sich um gewisse Dinge kümmert, aber ich… bin nichts Besonderes, ich meine…« »Ach? Und wieso kennt dich das Pferd?« »Trotzdem bin ich ein ganz normales Mädchen…« »Normale Mädchen bekommen keine kleine Binky-Figur zum dritten Geburtstag!« erwiderte Albert scharf. »Dein Vater nahm sie dir weg. Das hat den Herrn sehr geärgert. Er meinte es nur gut.« »Ich bin als ganz normales Kind aufgewachsen. Und jetzt bin ich eine ganz normale Jugendliche.« »Normale Kinder bekommen ein Xylophon. Sie bitten nicht einfach ihren Großvater darum, daß er sich sein Hemd auszieht.« »Ich meine, ich kann doch nichts dafür. Man kann mir keine Schuld geben. Es ist nicht fair!« »Ach?« erwiderte Albert mürrisch. »Warum hast du das nicht gleich ge- sagt. Das ändert alles. An deiner Stelle würde ich einfach nach draußen gehen und dem Universum mitteilen, daß es nicht fair ist. Es antwortet vermutlich: Oh, entschuldige bitte, daß wir dich belästigt haben. Soll nicht wieder vorkommen.« »Das ist Sarkasmus! So kannst du nicht mit mir reden! Du bist nur ein Diener!«, »Stimmt. Das gilt auch für dich. Deshalb rate ich dir, mit der Arbeit zu beginnen. Der Rattentod hilft dir. Er kümmert sich hauptsächlich um Ratten, aber das Prinzip ist das gleiche.« Susanne starrte den Alten mit offenem Mund an. »Ich gehe jetzt nach draußen«, fauchte sie. »Ich halte dich nicht auf.« Susanne stürmte durch die Hintertür, passierte erst ein gewaltiges Zimmer und dann den Schleifstein im Hof. Kurz darauf erreichte sie den Garten. »Ha!« rief sie dort. Wenn ihr jemand gesagt hätte, daß Tod in einem Haus wohnte… Sie hätte die betreffende Person verrückt oder gar dumm genannt. Sie stellte sich eine Situation vor, in der man von ihr verlangte, das Heim des To- des zu zeichnen. Sie sah sich selbst mit angemessen schwarzen Stiften eine düstere, festungsartige Villa malen, ein Gebäude, das drohend auf- ragte und sich durch viele gespenstische und finstere Aspekte auszeichnete. Sie dachte an Tausende von Fenstern und viele Fledermäuse. Eine impo- sante Residenz… Ganz sicher hätte sie keine Hütte mit einem geschmacklosen Garten gemalt, vor deren Tür eine Matte lag, auf der »Willkommen« stand. Susannes Barrieren aus gesundem Menschenverstand waren bisher un- durchdringbar gewesen. Jetzt schmolzen sie wie Salz im Regen, und das weckte Zorn in ihr. Ihr fiel Großvater Lezek ein. Er lebte auf einem so kleinen und ärmli- chen Bauernhof, daß selbst die Spatzen niederknien mußten, wenn sie etwas essen wollten. Er war ein sympathischer Alter gewesen, wenn sich Susanne richtig erinnerte. In der Gegenwart ihres Vaters war er stets verlegen gewesen… Von ihrer Mutter wußte Susanne, daß deren eigener Vater… Dünne Falten bildeten sich auf ihrer Stirn. Was hatte sie von ihrer Mutter erfahren? Eltern waren erstaunlich geschickt darin, mit vielen Worten nichts zu sagen. Susanne begriff damals nur, daß der Vater ihrer Mutter häufig geschäftlich unterwegs war., Jetzt verstand sie, daß alle lebenden Personen zu seinen Kunden zähl- ten, ob sie es wollten oder nicht. Es war wie die Entdeckung eines wichtigen Verwandten. Ein Gott… ja, ein Gott wäre wirklich interessant gewesen. Lady Odile Klamm, Internatsschülerin in der fünften Klasse, brüstete sich immer damit, daß ihre Ururgroßmutter vom Gott Blinder Io verführt worden war – angeblich hatte er sich ihr in Form einer Vase mit Gänseblümchen präsentiert. Dadurch wurde Odile gewissermaßen zu einer Halbhalb- halbgöttin. Sie und ihre Mutter wiesen gerne darauf hin, um zum Beispiel einen guten Tisch im Restaurant zu bekommen. Zu erwähnen, eine nahe Verwandte des Todes zu sein… hatte sicher nicht den gleichen Effekt. Damit bekam sie wahrscheinlich nicht einmal einen Platz in Küchennä- he. Wenn diese ganze Sache ein Traum war, so schien kaum das Risiko zu bestehen, daß sie vorzeitig erwachte. Susanne weigerte sich ohnehin, an so etwas zu glauben. Träume waren anders. Vom Stall führte ein Pfad am Gemüsegarten vorbei. Dahinter setzte er sich mit leichtem Gefälle zum Obstgarten fort. Die Bäume dort hatten schwarze Blätter. Glänzende schwarze Äpfel hingen an den Zweigen. Ein Dutzend Meter entfernt standen weiße Bienenstöcke. Sie sah dies alles nicht zum erstenmal. Es gab auch einen Apfelbaum, der sich von den übrigen unterschied. Sie blieb stehen und sah sich um. Erinnerungen durchfluteten sie. Sie erinnerte sich, daß sie gerade alt genug gewesen war, um die Dummheit eines solchen Konzepts zu erkennen. Er hatte dort drüben gestanden, sie aufmerksam beobachtet und auf eine Reaktion gewartet… Alte Gewißheiten wichen zurück; neue Gewißheiten nahmen ihren Platz ein. Jetzt wußte Susanne, wessen Enkelin sie war. In der Geflickten Trommel vertrieb man sich traditionsgemäß mit den übli- chen Spielen die Zeit: Domino, Pfeilwerfen sowie Leute-hinterrücks- niederstechen-und-sie-ausrauben. Der neue Inhaber war entschlossen,, anspruchsvollere Kunden zu gewinnen – anspruchslosere gab es ohnehin nicht. Er versuchte es zunächst mit dem sogenannten Befragungsapparat: ei- ne drei Tonnen schwere, von Wasser angetriebene Monstrosität, die auf einer kürzlich gefundenen Konstruktionszeichnung Leonard von Quirms basierte. Die Sache erwies sich als keine besonders gute Idee. Haupt- mann Karotte von der Wache – hinter seiner lächelnden Miene verbarg sich ein messerscharfer Verstand – fügte den vorgesehenen Fragen einige weitere hinzu, zum Beispiel: Warst du in der Nacht zum Fünfzehntigen in der Nähe von Vortin Diamants Lagerhaus? Und: Wer war der dritte Manne beim Übervall auf Bärdrückers Brennerei in der lätzten Woche? Es gelang ihm, drei Gäste zu verhaften, bevor die anderen Verdacht schöpften. Der Wirt hatte versprochen, bald eine andere Maschine zu besorgen. Der Bibliothekar, ein Stammgast der Taverne, sammelte bereits Cent- Münzen dafür. Auf der einen Seite des Raumes gab es eine kleine Bühne. Der Wirt hatte dort eine Stripteasetänzerin auftreten lassen, allerdings nur einmal. Als das arme Mädchen in der vordersten Reihe einen breit grinsenden Orang-Utan sah, der in der einen Hand einen Beutel mit Münzen und in der anderen eine große Banane hielt, ergriff sie die Flucht, und die Ge- flickte Trommel kam bei einer weiteren Unterhaltungsgilde auf die schwar- ze Liste. Der neue Inhaber hieß Hibiskus Dunelm. Es war nicht seine Schuld. Er wollte wirklich dafür sorgen, daß man in der Trommel Spaß haben konnte. Dafür wäre er sogar dazu bereit, die Krüge und Gläser mit bun- ten Papierschirmen zu schmücken. Er sah nun auf Glod hinab. »Nur ihr drei?« fragte er. »Ja.« »Ich habe deshalb fünf Dollar geboten, weil du von einer großen Band gesprochen hast.« »Sag ›Guten Tag‹, Lias.«, »Meine Güte, das ist eine große Band.« Dunelm wich zurück. »Ich dachte an… einige Lieder, die alle kennen? Um Atmosphäre zu schaf- fen.« »Atmosphäre«, wiederholte Imp und sah sich in der Trommel um. An einem solchen Ort ließ sich dieser Ausdruck kaum anwenden. So früh am Abend waren erst drei oder vier Gäste zugegen, und die schenkten der Bühne überhaupt keine Beachtung. Die Wand hinter der Bühne schien viel erlebt zu haben. Imp betrachte- te sie, während Lias geduldig seine Steine zurechtlegte. »Nur Obststücke und altes Eigelb«, sagte Glod. »Manchmal sind die Leute ausgelassen. Ich würde mir deshalb keine Sorgen machen.« »Ich mache mir deshallb auch keine Sorgen.« »Na bitte.« »Was mich besorgt, sind die Axt- und Pfeillspuren. Wir haben nicht mall geübt, Gllod! Jedenfalllls nicht richtig!« »Du kannst die Gitarre spielen, oder?« »Nun, ja, ich denke schon…« Er hatte sie ausprobiert und festgestellt, daß sie ganz leicht zu spielen war. Es war praktisch unmöglich, sie schlecht zu spielen. Ganz gleich, wie er die Saiten berührte: Immer erklang genau der Ton, den er beabsichtig- te. Es war das Musikinstrument, von dem jeder Musiker träumte, wenn er zu spielen begann. Als Imp zum erstenmal eine Harfe genommen und an ihren Saiten gezupft hatte, in der Erwartung, daß jene sanften Töne erklangen, die erfahrene Spieler dem Instrument entlockten, war das Ergebnis ein völlig disharmonisches Plärren gewesen. So etwas konnte bei dieser Gitarre nicht passieren… »Wir spielen allgemein bekannte Lieder«, sagte der Zwerg. »Zum Bei- spiel ›Des Zauberers Stab‹ und ›Rhabarber pflücken‹. Solche Sachen. Die Leute mögen Lieder, bei denen sie kichern können.« Imp sah sich um, als weitere Gäste eintrafen. Er bemerkte einen gro- ßen Orang-Utan, der direkt vor der Bühne Platz genommen hatte und einen Beutel mit Obst in den Händen hielt. »Ein Affe beobachtet uns, Gllod.«, »Na und?« erwiderte der Zwerg und entwirrte ein Netz. »Es ist ein Affe.« »Wir sind hier in Ankh-Morpork. So geht’s hier nun einmal zu.« Glod nahm den Helm ab und griff hinein. »Was hast du mit dem Netz vor?« fragte Imp. »Obst ist Obst. Spare in der Zeit, so hast du in der Not. Wenn die Leu- te mit Eiern werfen… fang sie.« Imp schlang sich den Riemen der Gitarre über die Schulter. Er hatte versucht, es Glod zu erklären, aber was sollte er sagen? Dieses Musikin- strument ist zu leicht zu spielen? Er hoffte, daß es einen Gott der Musiker gab. Und es gibt tatsächlich einen. Für jede Art von Musik existiert ein Gott. Für fast jede Art. Aber die einzige an diesem Abend zuständige Gottheit war Reg, Gott der Klubmusiker. Und Reg konnte Imp nicht seine volle Aufmerksamkeit schenken, da er sich auch noch um drei an- dere Auftritte kümmern mußte. »Wir soweit sind?« fragte Lias und nahm die Hämmer. Die anderen nickten. »Fangen wir an mit ›Des Zauberers Stab‹«, sagte Glod. »Damit wird das Eis gebrochen.« »In Ordnung«, brummte der Troll. Er zählte an den Fingern. »Eins, zwei… eins, zwei, mehrere, viel.« Wenige Sekunden später wurde der erste Apfel geworfen. Glod fing ihn geschickt, ohne das Horn von den Lippen zu nehmen. Die erste Ba- nane flog einen überraschenden Bogen und traf ihn am Ohr. »Spielt weiter!« zischte er. Imp nickte und duckte sich, um einer Salve Orangen auszuweichen. Der Affe in der vordersten Reihe öffnete seinen Beutel und holte eine ziemlich große Melone hervor. »Habt ihr Birnen gesehen?« fragte Glod, als er Luft holte. »Ich mag Birnen.« »Ich sehe jemanden mit einer Wurfaxt!«, »Ist die Axt wertvoll?« Ein Pfeil zitterte neben Lias in der Wand. Drei Uhr nachts. Feldwebel Colon und Korporal Nobbs kamen zu dem Schluß, daß um diese Zeit vermutlich niemand mehr versuchen würde, Ankh-Morpork zu erobern. Außerdem brannte im Wachhaus ein ange- nehmes Feuer im Kamin. »Wir könnten eine Nachricht hinterlassen«, schlug Nobby vor und be- hauchte sich die Finger. »Du weißt schon. ›Wir sind morgen wieder da‹ oder so.« Er sah auf. Ein einzelnes Pferd schritt durchs Tor. Ein weißes Roß mit einem ganz in Schwarz gekleideten Reiter. Die Wächter dachten nicht daran, »Halt, wer da?« zu rufen. Sie waren zu den unmöglichsten Zeiten in den Straßen unterwegs und sahen dabei Dinge, die normalen Sterblichen verborgen blieben. Feldwebel Colon hob respektvoll die Hand zum Helm. »‘n’ Abend, Euer Lordschaft«, sagte er. »Äh… GUTEN ABEND.« Die Wächter sahen dem Pferd nach, bis es außer Sicht geriet. »Irgend jemand muß gleich dran glauben«, sagte Feldwebel Colon. »Er ist sehr pflichtbewußt, das muß man ihm lassen«, erwiderte Nobby. »Ständig unterwegs. Hat immer Zeit für die Leute.« »Ja.« Die beiden Wächter starrten in die samtene Dunkelheit. Da stimmt was nicht, dachte Feldwebel Colon. »Wie lautet sein Vorname?« fragte Nobby. Sie starrten weiter in die Finsternis. Schließlich erwachte Feldwebel Co- lon aus seinen Grübeleien und fragte: »Sein Vorname? Wie meinst du das?« »Ich meine seinen Vornamen.« »Er ist der Tod«, sagte Colon. »Tod. So heißt er. So lautet sein Name. Dachtest du etwa an so was wie… Heinrich Tod?«, »Warum nicht?« »Aber er ist doch der Tod.« »Der Name bezieht sich auf seine Arbeit. Wie nennen ihn seine Freun- de?« »Seine Freunde?« »Schon gut.« »Wie wär’s, wenn wir uns im Wachhaus einen heißen Rum genehmi- gen?« »Ich glaube, er sieht wie ein Leonard aus.« Feldwebel Colon erinnerte sich an die Stimme. Eigenartig. Fast hatte er den Eindruck gewonnen… »Offenbar werde ich langsam alt«, sagte er. »Für mich klang er fast wie eine Susanne.« »Ich glaube, sie haben mich gesehen«, flüsterte Susanne, als das Pferd um eine Ecke bog. Der Rattentod sah aus ihrer Tasche. QUIEK. »Vielleicht brauchen wir den Raben«, sagte Susanne. »Ich meine… ich verstehe dich. Ich weiß nur nicht, was deine Worte bedeuten.« Binky blieb vor einem großen Haus stehen, das sich ein wenig abseits der Straße anmaßend erhob. Es hatte mehr Giebel und Mittelpfosten, als es eigentlich haben sollte, und das verriet seinen Ursprung: Solche Häu- ser bauten sich reiche Kaufleute, wenn sie ehrbar wurden und ihre Beute investieren wollten. »Ich habe kein gutes Gefühl dabei«, meinte Susanne. »Es kann unmög- lich klappen. Ich bin ein Mensch. Ich muß auf die Toilette gehen und so. Ich kann nicht einfach irgendwelche Leute besuchen und sie umbrin- gen!« QUIEK!, »Na schön. Ich bringe sie nicht in dem Sinne um. Aber von guten Ma- nieren kann man in diesem Zusammenhang gewiß nicht sprechen, ganz gleich, aus welchem Blickwinkel man die Sache betrachtet.« An der Tür hing ein Schild mit der Aufschrift: Lieferanten benutzen den hinteren Eingang. »Bin ich ein…« QUIEK! Normalerweise hätte Susanne nicht einmal im Traum daran gedacht, so etwas zu fragen. Sie hielt sich selbst für eine Person, die stets durch die Haupteingänge des Lebens ging. Der Rattentod hastete über den Pfad und passierte die Tür, ohne daß sie sich vorher öffnete. »Warte! Ich kann nicht…« Susanne betrachtete das Holz. Doch, sie konnte. Natürlich. Weitere Erinnerungen erwachten in ihr. Immerhin war es nur Holz, das während der nächsten Jahrhunderte immer mehr verrottete. Nach dem Maßstab der Ewigkeit existierte es kaum. Das galt für praktisch alle Dinge, vergli- chen mit der Lebenszeit des Multiversums. Das Mädchen trat vor, und die schwere Eichentür leistete soviel Wi- derstand wie ein Schatten. Trauernde Verwandte standen am Bett, in dem ein verschrumpelter Alter lag, der sich fast zwischen den Kissen verlor. Am Fußende des Bettes ruhte eine große, dicke, rötlich-gelbe Katze, die dem allgemeinen Weh- klagen keine Beachtung schenkte. QUIEK. Susanne warf einen Blick auf das Stundenglas. Die letzten Sandkörner rieselten in die untere Hälfte. Der Rattentod schlich sich mit übertriebener Vorsicht an die Katze heran und gab ihr einen ordentlichen Tritt. Das Tier erwachte, drehte den Kopf, legte entsetzt die Ohren an und sprang von der Steppdecke herunter. Der Rattentod kicherte., SNH, SNH, SNH. Einer der Trauergäste – ein Mann mit verkniffenem Gesicht – hob den Kopf und sah zu dem Alten. »Das wär’s«, sagte er. Es klang erleichtert. »Er ist tot.« »Ich dachte schon, wir müßten den ganzen Tag hier verbringen«, kommentierte die Frau neben ihm und stand auf. »Hast du gesehen, wie die Katze von der Decke heruntergesprungen ist? Tiere spüren es, weißt du. Sie haben einen sechsten Sinn.« SNH, SNH, SNH. »Na los, zeig dich«, sagte der Tote und setzte sich auf. »Ich weiß, daß du hier irgendwo bist.« Susanne war mit dem Konzept von Geistern vertraut. Allerdings hatte sie sich die Sache ein wenig anders vorgestellt. Es erstaunte sie, daß Phantome den Lebenden so sehr ähnelten und sich nicht etwa als vage Schemen präsentierten. Dem Alten im Bett fehlte es nicht an Substanz. Ein blaues Glühen umgab ihn. »Hundertsieben Jahre.« Er lachte meckernd. »Ich schätze, du hast dir schon Sorgen gemacht, wie? Wo bist du?« »Äh… HIER«, erwiderte Susanne. »Ein weiblicher Tod?« fragte der Alte. »Na sowas.« Er rutschte vom Bett herunter, und sein geisterhaftes Nachthemd flat- terte. Nach einem Schritt verharrte er plötzlich, als hätte er das Ende einer Kette erreicht. Das war tatsächlich der Fall. Eine dünne Schnur aus blauem Licht verband ihn mit seiner früheren Existenz. Der Rattentod sprang auf und ab und schwang dabei seine Sense. »Entschuldigung.« Susanne holte aus und schnitt. Die blaue Schnur zerriß mit einem schrillen, kristallenen Twing. Die Trauergäste gerieten nun in Bewegung und schritten durch Susanne und den Verstorbenen. Das Wehklagen fand ein Ende. Der Mann mit dem verkniffenen Gesicht schob eine Hand unter die Matratze. »Sieh sie dir nur an«, sagte der Tote gehässig. »Der arme, arme Großva- ter, schluchz, schluchz, wir werden ihn alle sehr vermissen, wo hat der, alte Knacker sein Testament versteckt? Das ist mein jüngster Sohn, ja- wohl. Wenn man eine Glückwunschkarte zu Silvester als jüngsten Sohn bezeichnen kann. Siehst du seine Frau? Ihr Lächeln hat mich immer an die kleinen Wellen in einem Eimer mit Schmutzwasser erinnert. Und sie ist nicht mal die Schlimmste des ganzen Haufens. Verwandte? Die kön- nen mir gestohlen bleiben. Ich bin nur aus reiner Bosheit am Leben ge- blieben.« Zwei Personen erforschten den Kosmos unterm Bett. Porzellan klap- perte auf eine humorvolle Weise. Der Alte hüpfte hinter den Verwand- ten herum und gestikulierte. »Von wegen!« juchzte er. »Hä-häh! Das Testament liegt im Katzen- korb! Ich habe das ganze Geld der Katze vermacht!« Susanne blickte sich um. Die Katze duckte sich hinter dem Waschge- stell und beobachtete das Geschehen verunsichert. Die Umstände schienen eine Antwort zu erfordern. »Das war… äh… sehr nett von dir«, sagte Susanne. »Ha! Faules Vieh! Hat dreizehn Jahre lang nur geschlafen und auf die nächste Mahlzeit gewartet. Brauchte sich in seinem ganzen gemütlichen Leben kaum zu bewegen. Das wird sich ändern, wenn die Leute dort das Testament finden. Dann wird er nicht nur zum reichsten, sondern auch zum schnellsten Kater der Welt…« Die Stimme verschwand. Ebenso der tote Greis. »Ein schrecklicher alter Mann«, murmelte Susanne. Sie blickte auf den Rattentod hinab, der vor dem Kater Grimassen schnitt. »Was geschieht jetzt mit ihm?« QUIEK. »Oh.« Hinter ihnen ließ ein Trauergast den Inhalt einer Schublade zu Boden fallen. Die Katze begann zu zittern. Susanne trat durch die Wand. Die Wolken bildeten eine Art Schweif hinter Binky., »Nun, so schlimm ist es eigentlich nicht gewesen. Ich meine, es gab kein Blut oder so. Außerdem war der Mann ziemlich alt und nicht sehr nett.« »Ach, und dann ist alles in Ordnung, wie?« Der Rabe landete auf Su- sannes Schulter. »Was machst du denn hier?« »Der Rattentod meinte, ich könnte mitkommen. Ich muß einen Ter- min wahrnehmen.« QUIEK. Das Rattenskelett sah aus der Satteltasche. »Sind wir etwa eine Art Droschkendienst?« fragte Susanne kühl. Die Ratte zuckte mit den Schultern und drückte ihr eine Lebensuhr in die Hand. Susanne sah auf das Etikett und las den Namen. »Wolf Wolfssonssonssonsson? Klingt mittländisch.« QUIEK. Der Rattentod kletterte an Binkys Mähne empor und hockte sich mit wehendem Umhang zwischen seine Ohren. Binky galoppierte langsam über ein Schlachtfeld. Hier fand nicht etwa ein richtiger Krieg statt, nur ein stammesinterner Zank. Es gab auch kei- ne verfeindeten Streitkräfte. Die Kämpfer bildeten zwei Gruppen aus Individuen, von denen einige auf Pferden saßen. Sie standen nicht nur alle auf derselben Seite, sondern trugen auch die gleiche Kleidung aus Pelzen und aufregenden Lederwaren. Susanne fragte sich, wie man hier den Freund vom Feind unterschied. Die Auseinandersetzung bestand zum größten Teil aus lautem Geschrei und ziellosem Schwingen von Schwertern und Streitäxten. Wenn man jemanden traf, wurde dieser so- fort zu einem Feind; es brauchte sich also niemand über einen Mangel an Gegnern zu beklagen. Eigentlich lief alles darauf hinaus, daß Menschen starben und unglaublich dumme Heldentaten begangen wurden. QUIEK. Der Rattentod deutete nach unten., »Hü… nach unten.« Binky landete auf einem kleinen Hügel. »Äh… na schön.« Susanne holte die Sense hervor und machte sich be- reit. Es war nicht schwierig, die Seelen der Toten zu erkennen. Arm in Arm verließen sie das Schlachtfeld, Freund und Feind; lachend näherten sie sich. Susanne stieg ab und konzentrierte sich. »Äh«, sagte sie. »IST HIER JEMAND GETÖTET WORDEN, DER WOLF HEISST?« Hinter ihr hob der Rattentod eine Pfote vor die Stirn und schüttelte den Kopf. »Äh… HALLO?« Niemand achtete auf sie. Die Krieger marschierten einfach vorbei. Sie formten eine lange Reihe am Rand des Schlachtfelds und schienen auf etwas zu warten. Susanne mußte sich nicht… um alle kümmern. Albert hatte versucht, es ihr zu erklären, und außerdem regten sich Erinnerungen in ihr. Nur einige erforderten ihre Dienste, Personen, die aufgrund historischer Um- stände oder einer Laune des Schicksals besondere Bedeutung gewonnen hatten. Wenn sie bei diesen Individuen ihre… Pflicht erfüllte, erledigte es sich bei den anderen von ganz allein. Sie mußte in erster Linie das Bewe- gungsmoment ausnutzen. »Du mußt bestimmter auftreten«, sagte der Rabe. Er hockte nun auf einem Felsen. »Das ist das Problem mit Frauen in gehobenen Berufen. Sind nicht energisch genug.« »Warum bist du hierhergekommen?« fragte Susanne. »Dies ist ein Schlachtfeld, nicht wahr?« entgegnete der Rabe geduldig. »Nachher kommen immer Raben.« Seine Augen rollten unabhängig von- einander. »Wir sorgen dafür, daß kein Aas zurückbleibt.« »Soll das etwa heißen… ihr freßt die Gefallenen?« »Gehört zu den Wundern der Natur«, erwiderte der Rabe., »Wie schrecklich«, sagte Susanne. Am Himmel kreisten bereits schwar- ze Vögel. »Wir oder die Würmer«, meinte der Rabe. »So sieht’s aus.« Eine Seite – wenn man davon sprechen konnte – floh vom Schlacht- feld. Die andere folgte ihr. Die Vögel sanken auf etwas herab, das für sie ein Festschmaus war. »Du solltest besser nach dem jungen Burschen suchen«, sagte der Ra- be. »Sonst verpaßt er seinen Ritt.« »Welchen Ritt?« fragte Susanne. Wieder rollten die Augen. »Weißt du denn nichts über Mythologie?« »Nein. Frau Anstand vertritt die Ansicht, daß es nur erfundene Ge- schichten ohne literarischen Gehalt sind.« »Ah. Meine Güte. Und so was können wir natürlich nicht dulden. Na ja. Du wirst bald sehen. Ich muß mich jetzt sputen.« Der Rabe sprang in die Luft. »Meistens versuche ich, einen guten Platz am Kopf zu bekom- men.« »Was werde ich bald se…« Und dann begann jemand zu singen. Wie plötzlicher Wind wehte die Stimme vom Himmel herab – ein recht guter Mezzosopran. »Hai-joh-to! Ho! Hai-joh-to! Ho!« Kurze Zeit später stellte Susanne fest, von wem die Stimme kam. Auf einem Pferd, das fast so prächtig wirkte wie Binky, saß eine Frau. Zwei- fellos eine Frau. Sogar ziemlich viel Frau. Sie war so viel Frau, wie man sein konnte, ohne zwei Frauen zu werden. Sie trug ein Kettenhemd, ei- nen an zwei strategischen Stellen weit vorgewölbten Brustharnisch und einen Helm mit Hörnern. Die versammelten Toten jubelten, als das Roß zur Landung ansetzte. Sechs weitere singende Reiterinnen kamen vom Himmel herab. »Ist es nicht immer das gleiche?« fragte der Rabe, bevor er fortflog. »Man wartet stundenlang, ohne eine zu sehen, und dann zeigen sich gleich sieben.«, Susanne beobachtete erstaunt, wie die Reiterin einen Krieger aufsteigen ließ und mit ihm zum Firmament ritt. In einer Höhe von mehreren hun- dert Metern verschwand sie abrupt, um dann ebenso plötzlich wieder zu erscheinen und einen neuen Passagier abzuholen. Eine Zeitlang herrsch- te ständiges Kommen und Gehen. Nach einigen Minuten kam eine der Frauen auf Susanne zu und zog eine Schriftrolle unter dem Brustharnisch hervor. »Heda«, sagte sie in dem schroffen Tonfall von Reitern, die sich an Fußgänger wenden. »Hier ist von einem gewissen Wolf die Rede. Von ›Wolf dem Glücklichen‹…« »Äh… ich weiß nicht… ICH MEINE, ICH WEISS NICHT, WER ER IST«, erwiderte Susanne hilflos. Die üppige Frau mit dem Helm beugte sich vor. Irgend etwas an ihr schien Susanne vertraut. »Bist du neu?« »Ja. Ich meine, JA.« »Willst du hier noch länger herumstehen, wie bestellt und nicht abge- holt? Kümmere dich um ihn, sei ein braves Mädchen.« Susanne sah sich verzweifelt um, und endlich entdeckte sie ihn. Er war nicht weit entfernt: Zwischen den Gefallenen lag ein junger Mann; flak- kerndes Blau hob die Konturen seiner Gestalt hervor. Sie eilte zu ihm und hielt die Sense bereit. Eine blaue Schnur verband den Krieger mit seinem früheren Leib. QUIEK! rief der Rattentod. Er sprang umher und machte aufmun- ternde Gesten. »Linke Hand, Daumen nach oben; rechte Hand am Gelenk beugen. Und ordentlich schwingen, Mädel!« Susanne kam der Aufforderung nach, und die blaue Schnur riß. »Was ist passiert?« Wolf senkte den Blick. »Das bin ich da unten, nicht wahr?« Langsam drehte er sich um. »Ein Teil von mir liegt auch dort. Und da drüben. Und…« Er bemerkte die Frau mit dem gehörnten Helm, und seine Miene er- hellte sich., »Bei Io!« entfuhr es ihm. »Es stimmt tatsächlich? Walküren bringen mich zum Festsaal des Blinden Io, wo für immer geschmaust und ge- trunken wird?« »Frag… ich meine, FRAG MICH NICHT«, sagte Susanne. Die Walküre beugte sich vor und zog Wolf auf den Sattel. »Sei jetzt hübsch still, in Ordnung?« Sie bedachte Susanne mit einem nachdenklichen Blick. »Bist du ein Sopran?« »Wie bitte?« »Singst du, Mädchen? Wir könnten einen Sopran gebrauchen. Heutzu- tage gibt es zu viele Mezzosoprane.« »Ich bin nicht sehr musikalisch, tut mir leid.« »Oh. Na ja. War nur so ein Gedanke. Tja, ich muß los.« Sie neigte den Kopf nach hinten und holte so tief Luft, daß der Brustharnisch zu ber- sten drohte. »Ho-joh-to! Ho!« Das Pferd stieg dem Himmel entgegen. Es schrumpfte zu einem klei- nen Punkt, bevor es zwischen den Wolken verschwand. »Was hatte das alles zu bedeuten?« fragte Susanne. Flügel rauschten. Der Rabe landete auf dem Kopf des kürzlich ver- storbenen Wolf. »Die hiesigen Krieger glauben folgendes: Wenn sie im Kampf sterben, kommen große Frauen mit gehörnten Helmen, um sie in einen Festsaal zu bringen, wo sie bis in alle Ewigkeit schlemmen und sich vollaufen lassen können.« Der Rabe rülpste leise. »Eine ziemlich dumme Vorstel- lung, wenn du mich fragst.« »Aber es ist gerade geschehen!« »Das ändert nichts daran.« Der Rabe sah übers Schlachtfeld. Nichts rührte sich dort – abgesehen von den übrigen Raben. »Was für eine Ver- schwendung. Ich meine… Sieh es dir nur an. Wenn das keine Ver- schwendung ist…« »Ja!«, »Ich meine, ich platze fast, und da liegen noch Hunderte herum, die ich überhaupt nicht probiert habe. Nun, vielleicht kann ich etwas davon in einer Tüte mitnehmen…« »Das sind Leichen!« »Ja.« »Und du hast von ihnen gefressen?« »Schon gut.« Der Rabe wich zurück. »Es ist genug für alle da.« »Ich finde das abscheulich!« »Ich habe die Krieger nicht getötet«, verteidigte sich der Vogel. Susanne gab auf. »Die Frau ähnelte der Eisernen Lily«, sagte sie, als sie zu dem geduldig wartenden Pferd zurückgingen. »Unsere Sportlehrerin. Und sie klang auch so.« Susanne stellte sich vor, wie die singenden Walküren über den Himmel ritten. Ran an die Krieger, ihr schlaffen Tanten… »Parallele Evolution«, kommentierte der Rabe. »So was kommt oft vor. Zum Beispiel die gewöhnliche Krake. Sie hat ein Auge, das praktisch genauso beschaffen ist wie das menschliche. Es gibt nur einen Unter- schied… Au!« »Du wolltest sicher sagen, daß der Unterschied im Geschmack besteht, nicht wahr?« fragte Susanne. »Gäme mir nie in den Winn«, entgegnete der Rabe undeutlich. »Im Ernst?« »Mein Wnabel«, sagte der Rabe. »Bitte laff ihn lof.« Susanne zog die Hand zurück. »Es ist schrecklich.« Sie schauderte. »Damit war er die ganze Zeit über beschäftigt? Ohne jemals wählen zu können?« QUIEK. »Und wenn die Leute den Tod gar nicht verdient haben?« QUIEK. Damit wies der Rattentod recht eindrucksvoll auf folgendes hin: Wer glaubte, den Tod nicht zu verdienen, sollte beim Universum Berufung, einlegen. Das zeigte dann bestimmt Einsicht und erlaubte dem Betref- fenden, noch etwas länger zu leben. Eine Silbe kann ziemlich viel Sarkasmus zum Ausdruck bringen. »Mein Großvater ist Tod«, sagte Susanne nachdenklich. »Und er ließ der Natur einfach ihren Lauf? Obwohl er viel Gutes hätte bewirken können? Das ist dumm.« Der Rattentod schüttelte den Kopf. »Ich meine, war Wolf auf der richtigen Seite?« erkundigte sich das Mädchen. »Schwer zu sagen«, antwortete der Vogel. »Er gehörte zu den Wasung. Die anderen waren Bergunder. Der Konflikt begann vor einigen Jahr- hunderten, als ein Bergunder eine Wasung-Frau verschleppte. Oder um- gekehrt. Wie dem auch sei: Die andere Seite beschloß, das Dorf an- zugreifen. Es kam zu einem kleinen Massaker. Anschließend beschlossen die anderen, das andere Dorf anzugreifen, wo es ebenfalls zu einem Massa- ker kam. Nach diesen Zwischenfällen waren beide Seiten ein wenig ver- stimmt.« »Na schön«, murmelte Susanne. »Wer ist der nächste?« QUIEK. Der Rattentod landete auf dem Sattel, beugte sich zur Tasche herunter und zog nicht ohne Mühe ein Stundenglas daraus hervor. Susanne blick- te auf das Etikett. Die Aufschrift lautete: Imp y Celyn. Susanne hatte das Gefühl, nach hinten zu fallen. »Ich kenne den Namen!« entfuhr es ihr. QUIEK. »Aus irgendeinem Grund erinnere ich mich daran«, sagte Susanne. »Ein wichtiger Name. Er ist wichtig…« Der Mond hing wie ein großer Felsball über der Wüste von Klatsch. Eigentlich gab die Wüste nicht viel her; sie verdiente es kaum, von ei- nem solchen Mond geziert zu werden., Sie gehörte zu dem Ödland, das immer trockener und heißer wurde und sowohl den Großen Nef als auch den Dehydrierten Ozean säumte. Kaum jemand hätte einen Gedanken daran verschwendet, wären nicht Leute, die in vieler Hinsicht Herrn Clete von der Musikergilde ähnelten, auf den Gedanken gekommen, eine Karte von diesem Gebiet zu zeich- nen und sie an der Stelle mit einer punktierten Linie zu versehen, wo sich die Grenze zwischen Klatsch und Herscheba erstreckte. Bis dahin hatten die D’regs – fröhliche, kriegerische Nomaden – die Wüste ganz nach Belieben durchstreift. Die Existenz der Linie sorgte dafür, daß sie mal klatschianische D’regs, mal herschebianische D’regs waren, mit allen Rechten, die entsprechenden Staatsbürgern zustanden, vor allem dem Recht, möglichst viele Steuern zu bezahlen und eingezo- gen zu werden, um an Feldzügen gegen ihnen völlig unbekannte Feinde teilzunehmen. Wegen der punktierten Linie lag Klatsch im ständigen Krieg mit Herscheba und den D’regs, während Herscheba gegen die D’regs und Klatsch Krieg führte; die D’regs kämpften gegen alle anderen und gegen sich selbst, wobei sie viel Spaß hatten, denn das D’reg-Wort für »Fremder« bedeutete auch »Zielscheibe«. Das Fort war ein Vermächtnis der punktierten Linie. Es bildete ein dunkles Rechteck im heißen silbernen Sand. Einige mü- hevolle Akkordeontöne lösten sich davon – jemand wollte eine Melodie spielen, stieß dabei jedoch auf erhebliche Schwierigkeiten, die ihn veran- laßten, nach einigen wenigen Takten von vorn zu beginnen. Jemand klopfte an die Tür. Nach einer Weile kratzte es auf der anderen Seite, und eine Klappe öffnete sich. »Ja, Offendi?« IST DIES DIE KLATSCHIANISCHE FREMDENLEGION? Das Gesicht in der Klappe wirkte verdutzt. »Ah«, sagte es. »Eine schwierige Frage. Warte einen Augenblick.« Die Klappe schloß sich. Stimmen flüsterten hinter der Tür. Die Klappe öff- nete sich., »Ja, allem Anschein nach sind wir die… die… WIE HIESS DAS NOCH? O JA, JETZT HAB ICH’S… die klatschianische Fremdenlegi- on. Was willst du?« ICH MÖCHTE MITGLIED WERDEN. »Mitglied? In was?« IN DER KLATSCHIANISCHEN FREMDENLEGION. »Ach? Und wo ist die?« Wieder wurde geflüstert. »Oh. Natürlich. Entschuldige. Wir sind das.« Die Tür schwang auf, und der Besucher trat ein. Ein Legionär mit Korporalstreifen näherte sich ihm. »Du mußt dich beim…« Seine Augen trübten sich ein wenig. »Ein gro- ßer Bursche, mit drei Streifen… der Name liegt mir auf der Zunge…« MEINST DU DEN FELDWEBEL? »Ja, genau«, sagte der Korporal erleichtert. »Bei ihm mußt du dich mel- den. Wie heißt du, Soldat?« ÄH… »Du bist nicht verpflichtet, deinen Namen zu nennen. Darum geht’s ja gerade in der…« KLATSCHIANISCHEN FREMDENLEGION? »Ja. Die Leute kommen zu uns, um… hat was mit dem Geist zu tun… ich meine, wenn man nicht mehr weiß, was passiert ist und so…« UM ZU VERGESSEN? »Genau. Ich bin…« Verwirrung zeichnete sich in den Zügen des Man- nes ab. »Moment mal…« Er sah auf seinen Ärmel. »Korporal…« Er zögerte erneut, und ein Schatten von Besorgnis huschte über sein Gesicht. Dann fiel ihm etwas ein, und er zerrte so lange am Kragen seines Hemdes, bis er, unter gro- ßen Mühen, einen Blick auf das Etikett werfen konnte. »Korporal… Medium? Klingt das richtig?« ICH GLAUBE NICHT. »Korporal… Lauwarm waschen?«, NEIN. »Korporal… Baumwolle?« DAS LÄSST SICH NICHT AUSSCHLIESSEN. »Na schön. Willkommen in der…« KLATSCHIANISCHEN FREMDENLEGION. »Ja. Der Sold beträgt drei Dollar pro Woche und außerdem so viel Sand, wie du essen kannst. Ich hoffe, du magst Sand.« OFFENBAR HAST DU DEN SAND NICHT VERGESSEN. »Den Sand vergißt man nie«, erwiderte der Korporal bitter. ICH DENKE IMMER DARAN. »Welchen Namen hast du genannt?« Der Fremde schwieg. »Nun, eigentlich spielt er keine Rolle«, sagte Korporal Baumwolle. »In der…« KLATSCHIANISCHEN FREMDENLEGION? »… ja… bekommst du einen neuen Namen. Hier kannst du noch ein- mal von vorn beginnen.« Er winkte einem anderen Mann zu. »Legionär…?« »Legionär… äh… ächz… äh… Größe 15, Herr.« »Ja. Nimm diesen… Mann und besorg ihm ein…« Verärgert schnippte er mit den Fingern. »Du weißt schon, die Kleidung, jeder trägt sie hier, sandfarben…« MEINST DU EINE UNIFORM? Der Korporal blinzelte. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund kroch das Wort »Knochen« immer wieder in die breiige Masse seines Bewußt- seins. »Ja«, bestätigte er. »Äh… für die nächsten einundzwanzig Jahre gehörst du zu uns, Legionär. Ich hoffe, du bist Manns genug dafür.« MIR GEFÄLLT ES BEREITS, sagte Tod., »Und es gibt nichts dagegen einzuwenden, daß ich ein Lokal aufsuche?« fragte Susanne, als Ankh-Morpork wieder am Horizont erschien. QUIEK. Einmal mehr glitt die Stadt unter ihnen hinweg. Auf breiteren Straßen und Plätzen konnte Susanne einzelne Personen erkennen. Ach, dachte sie, wenn die Leute wüßten, daß ich hier oben bin… Trotz allem fühlte sie eine gewisse Überlegenheit. Die vielen Bürger der Stadt blieben an den Boden gebunden und damit unwichtig. Genausogut hätte man auf Ameisen hinabsehen können. Susanne hatte immer geahnt, daß sie anders war. Sie nahm die Welt bewußter wahr, während die meisten Leute dem Leben mit geschlosse- nen Augen und einem auf »Sieden« eingestellten Gehirn begegneten. In gewisser Weise empfand sie das Wissen um ihre Andersartigkeit als an- genehm. Das Gefühl umhüllte sie wie ein wärmender Mantel. Binky landete bei einer schmierigen Mole. Auf der einen Seite saugte der Fluß an den Pfählen. Susanne rutschte vom Rücken des Hengstes herunter, griff nach der Sense und betrat die Geflickte Trommel. In der Taverne ging es drunter und drüber. Die Gäste der Trommel wa- ren sehr demokratisch in bezug auf Aggressivität: Sie achteten darauf, daß alle etwas davon abbekamen. Zwar war das Publikum der Ansicht, daß die drei Personen auf der Bühne lausige Musiker und somit als Ziel- scheiben bestens geeignet waren, doch der allgemeine Zorn entlud sich auch woanders. Verschiedene Kämpfe brachen aus, weil Leute von da- nebengegangenen Wurfgeschossen getroffen worden waren, den ganzen Tag über niemanden verprügelt hatten oder einfach versuchten, den Ausgang zu erreichen. Es fiel Susanne schwer, Imp y Celyn ausfindig zu machen. Sie sah ihn vorn auf der Bühne mit vor Entsetzen erstarrter Miene. Neben ihm stand ein Troll, hinter dem sich ein Zwerg zu verstecken versuchte. Tods Enkelin sah aufs Stundenglas. Nur noch wenige Sekunden… Imp war recht attraktiv, auf eine dunkle, krausköpfige Art. Susanne glaubte, etwas Elfenhaftes an ihm zu erkennen. Er wirkte seltsam vertraut., Sie hatte Wolf bedauert, aber er war zumindest auf dem Schlachtfeld gestorben. Imp stand auf einer Bühne. Dort rechnete niemand mit dem Tod, oder? Ich stehe hier mit einer Sense und einer Sanduhr – und warte darauf, daß jemand stirbt. Er ist nicht viel älter als ich, und angeblich läßt sich an seinem Tod nichts ändern. Wie dumm. Ich bin sicher, ihn schon einmal gesehen zu haben… früher… Eigentlich ging es in der Geflickten Trommel niemandem darum, irgend- welche Musiker zu töten. Äxte wurden gutgelaunt geworfen, Armbrüste unbeschwert abgefeuert. Niemand zielte genau. Es machte viel mehr Spaß zu beobachten, wie sich die Leute duckten. Ein großer, rothaariger Mann sah zu Lias, lächelte und zog eine kleine Wurfaxt aus seinem Schultergurt. Es gab nichts daran auszusetzen, mit Äxten nach Trollen zu werfen – in den meisten Fällen prallten sie ab. Susanne wußte, was sich anbahnte. Die Wurfaxt würde tatsächlich ab- prallen und Imp treffen. Eigentlich war niemand schuld daran. Schlim- meres geschah auf dem Meer. Schlimmeres geschah in anderen Teilen von Ankh-Morpork – und das ständig. Der Mann will ihn nicht einmal umbringen. Er stirbt durch einen dummen Zufall. Nein, so sollten die Dinge nicht ablaufen. Sie verdienen mehr Sinn. Ist denn niemand bereit, etwas dagegen zu unternehmen? Sie beugte sich vor, streckte die Hand nach dem Griff der Wurfaxt aus… QUIEK! »Sei still!« Whaaauum. Imp stand wie ein Diskuswerfer, als der Ton durch den lauten Raum fuhr und ihn füllte. Es klang wie eine Eisenstange, die um Mitternacht auf den Fußboden einer Bibliothek fällt. Echos tanzten von den Ecken des Raums zurück, jedes einzelne mit eigenen Schwingungen., Das Geräusch explodierte wie eine Silvesterrakete, die auseinander- platzt und deren herabfallende Fragmente ihrerseits explodieren… Imps Finger strichen über die Saiten, und drei weitere Töne erklangen. Der rothaarige Mann ließ die Wurfaxt sinken. Diese Musik… Sie entfloh dem Gewöhnlichen und raubte unterwegs noch eine Bank aus. Sie rollte sich die Ärmel hoch, löste den obersten Knopf, hob den Hut, lächelte und stahl das Tafelsilber. Diese Musik fuhr durchs Becken in die Füße, ohne zuvor das Gehirn zu bemühen. Der Troll nahm die Hämmer, starrte auf die Steine und begann, sie in einem bestimmten Rhythmus zu schlagen. Der Zwerg holte Luft und entlockte dem Horn einen tiefen Laut. Die Leute klopften mit den Fingern auf die Tischkanten. Der Orang- Utan grinste so breit, als steckte eine Banane quer in seinem Mund. Susanne sah auf das Stundenglas hinab, dessen Etikett die Aufschrift »Imp y Celyn« trug. Die obere Hälfte enthielt nun keinen Sand mehr, doch blauer Glanz flackerte darin. Sie fühlte, wie etwas mit kleinen knöchernen Pfoten über ihren Rücken kletterte und schließlich ihre Schulter erreichte. Der Rattentod betrachtete die Sanduhr. QUIEK, sagte er leise. Susannes Kenntnisse in Rattisch waren begrenzt, aber sie glaubte, das Äquivalent eines »Oh-oh« zu hören. Imps Finger glitten über die Saiten, und er schuf Töne, die sich nicht mit denen von Harfen oder Lauten vergleichen ließen. Die Gitarre schrie wie ein Engel, der gerade herausgefunden hatte, warum er auf der fal- schen Seite war. Funken glitzerten auf den Saiten. Imp schloß die Augen und hielt das Instrument dicht vor der Brust wie ein Soldat seinen Speer. Es ließ sich kaum feststellen, wer wen spielte. Die Musik erklang auch weiterhin. Dem Bibliothekar standen die Haare zu Berge, und in seinem Fell kni- sterte es., Die Töne weckten den Wunsch, Mauern einzutreten und auf Stufen aus Feuer zum Himmel emporzusteigen. Wer sie hörte, würde am lieb- sten alle Schalter und Hebel umlegen und dann, aus lauter Experimen- tierfreudigkeit, die Finger in die Steckdose des Universums schieben. Sie machte die Leute wünschen, daß sie die Wände des Schlafzimmers schwarz gestrichen hätten, um anschließend Poster aufzuhängen. Im Körper des Bibliothekars zuckten mehrere Muskeln, als sich die Musik durch ihn erdete. In einer Ecke der Trommel saßen mehrere Zauberer, die mit offenem Mund das Geschehen beobachteten. Der Takt setzte sich fort, sprang von Bewußtsein zu Bewußtsein, schnippte mit den Fingern und kräuselte die Lippen. Lebendige Musik. Sich wild und ungehemmt entfaltende Musik mit Stei- nen drin… Endlich frei! Die Klänge rasten von Kopf zu Kopf, drangen durch die Ohren ein und setzten ihren Weg zum Rautenhirn fort. Einige Personen waren empfindlicher als andere, waren dem Takt näher… Eine Stunde später. Der Bibliothekar schwang sich durch den mitternächtlichen Nieselre- gen, den Kopf voller Musik. Er landete auf dem Rasen vor der Unsichtbaren Universität, lief in den Großen Saal und ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu hal- ten. Abrupt blieb er stehen. Mondschein fiel durch die Fenster auf etwas, das der Erzkanzler »unse- re gewaltige Orgel« nannte. Mit diesen Worten machte er den Rest der Fakultät oft verlegen. Zahllose Pfeifen bedeckten eine Wand. Im Halbdunkel wirkten sie wie Säulen oder wie die Stalagmiten einer unglaublich alten Höhle. Die Kan- zel des Orgelspielers verlor sich fast zwischen ihnen. Dort gab es drei, große Manuale sowie hundert Knöpfe für besondere akustische Spezial- effekte. Die Orgel wurde praktisch nur bei wichtigen Empfängen oder dem »Abklatschen der Zauberer«* gespielt. Der Bibliothekar war davon überzeugt, daß sie noch viel mehr zu lei- sten vermochte. Während er die Blasebälge pumpte, gab er dann und wann ein aufgeregtes »Ugh« von sich. Ein erwachsener männlicher Orang-Utan sieht wie ein liebenswürdiger Haufen alter Teppiche aus, aber er ist viel kräftiger als ein vergleichbarer Mensch. Der Bibliothekar hörte erst auf zu pumpen, als der Hebel heiß wurde. Der Druck in den Luftkammern war so groß, daß sich die Nieten mit leisem Knirschen beklagten. Der Orang-Utan schwang sich auf den Sitz des Orgelspielers. Die gan- ze Unsichtbare Universität schien den Atem anzuhalten und aufgeregt zu zittern. Der Bibliothekar faltete die Hände und ließ die Fingerknöchel krachen. Das klingt sehr eindrucksvoll, wenn man so viele Fingerknöchel hat wie ein Orang-Utan. Er hob die Hände. Er zögerte. Er ließ die Hände wieder sinken, zog die Vox humana, Vox dei und Vox diabolica. Das Stöhnen der Orgel klang nun drängender. Er hob die Hände. Er zögerte. Er ließ die Hände sinken und zog auch alle anderen Orgelregister, dar- unter die zwölf, die mit »?« markiert waren, und jene beiden, auf denen Warnungen in verschiedenen Sprachen darauf hinwiesen, daß sie nie und unter gar keinen Umständen angerührt werden durften. * Zauberer feiern keine Bälle. Ein lustiges Lied weist ganz deutlich darauf hin. Aber sie veranstalten einmal im Jahr das »Abklatschen«, einen Tanz, an dem jeder teilnehmen kann und der einen Höhepunkt im gesellschaftlichen Kalen- der von Ankh-Morpork darstellt. Der Bibliothekar freute sich immer sehr dar- auf und benutzte geradezu verblüffend viel Pomade., Er hob die Hände. Er hob auch die Füße und positionierte sie über den gefährlicheren Pedalen. Er schloß die Augen. Einige Sekunden lang saß er in nachdenklicher Stille wie ein Testpilot, der sich anschickt, mit dem Raumschiff Melodie zu starten. Er erinnerte sich an die volltönende Musik. Sie füllte seinen Kopf, floß durch seine Arme und Finger. Die Hände sanken den Tasten entgegen. »Was haben wir angestellllt? Was haben wir angestellllt?« entfuhr es Imp. Aufregung hastete ihm barfuß den Rücken auf und ab. Sie saßen in einem kleinen Hinterzimmer der Taverne. Glod zog sich den Helm vom Kopf und wischte die Innenseite ab. »Allgemeiner Vierertakt, gefolgt von Zweier- und Vierer-Rhythmen, untermalt von einer Grundmelodie, bei der Baßfrequenzen im Vorder- grund stehen«, sagte der Zwerg. »Ist das zu fassen?« »Was das soll?« fragte Lias. »Was bedeuten die Worte?« »Du bist doch Musiker, nicht wahr?« erwiderte Glod. »Was hast du auf der Bühne gemacht?« »Ich die Steine geschlagen mit Hämmern«, antwortete der Schlagzeu- ger. »Aber die eine besondere Stelllle…«, meinte Imp. »In der Mitte… Es kllang wie Bamm-bah, Bamm-bah, Bamm-bamm-BAH… Wie hast du das hingekriegt?« »Ich nur wußte, daß in die Melodie so etwas mußte hinein«, entgegnete Lias. Imp sah auf die Gitarre hinab. Er hatte sie auf den Tisch gelegt, und sie spielte noch immer. Es klang wie eine leise schnurrende Katze. »Das ist kein normalles Musikinstrument«, sagte er und deutete mit ei- nem zitternden Zeigefinger darauf. »Ich habe einfach nur auf der Bühne gestanden, und pllötzllich spiellte es sich von ganz allllein!«, »Wie ich schon sagte…«, brummte Glod. »Gehörte wahrscheinlich ei- nem Zauberer.« »Neh«, widersprach Lias. »Kenne keinen Zauberer der ist musikalisch. Musik und Magie sich vertragen nicht.« Sie musterten sich gegenseitig. Imp hatte noch nie von einem Instrument gehört, das sich selbst spiel- te, abgesehen von Owen Mwnyys Harfe, die von ganz allein erklang, wenn Gefahr drohte. Doch das war geschehen, als es noch Drachen gab. Singende Harfen paßten gut zu Drachen, doch in einer Stadt mit Gilden und so schienen sie fehl am Platz zu sein. Die Tür schwang auf. »Das war… bemerkenswert, Jungs«, sagte Hibiskus Dunelm. »So etwas habe ich heute abend zum erstenmal gehört! Tretet ihr morgen noch einmal auf? Hier sind eure fünf Dollar.« Glod zählte die Münzen. »Es waren insgesamt vier Zugaben«, sagte er finster. »An deiner Stelle würde ich mich bei der Gilde beschweren«, erwiderte Hibiskus. Die Band betrachtete das Honorar. Es wirkte sehr verlockend auf Leu- te, die vor vierundzwanzig Stunden zum letztenmal etwas gegessen hat- ten. Gildenmitglieder bekamen mehr, aber… vierundzwanzig Stunden konnten recht lang sein. »Wenn ihr morgen wiederkommt, gebe ich euch… sechs Dollar«, ver- sprach Hibiskus. »Was haltet ihr davon?« »Donnerwetter«, sagte Glod. Mustrum Ridcully setzte sich abrupt auf, als das Bett über den vibrieren- den Boden glitt. Es war soweit! Die anderen hatten es auf ihn abgesehen. In der Unsichtbaren Universität wurde jemand befördert, sobald eine Stelle durch Tod frei wurde – wobei manchmal mit Hilfe eines scharfen Messers oder Gift nachgeholfen wurde. Seit einiger Zeit war es kaum, noch möglich, diese Tradition fortzusetzen, und der Grund dafür hieß Ridcully. Er war groß und kräftig, hielt sich in Form und litt keineswegs an Schwerhörigkeit, wie drei nächtliche Anwärter auf das Amt des Erz- kanzlers feststellen mußten. Der erste von ihnen hing eine Zeitlang an den Fußknöcheln aus dem Fenster, der zweite wurde von einer Schaufel bewußtlos geschlagen, und der dritte brach sich den Arm gleich zweimal. Außerdem war Ridcully dafür bekannt, daß er mit zwei griffbereiten, geladenen Armbrüsten schlief. Er galt als freundlicher Mann; vermutlich schoß er einem nicht in beide Ohren. Angesichts dieser Umstände hielten es die übrigen Zauberer für ange- bracht, sich in Geduld zu fassen. Sie konnten warten – früher oder später stirbt jeder. Ridcully schätzte die Situation ein und gelangte zu dem Schluß, daß ihn der erste Eindruck getäuscht hatte. Hier war keineswegs mörderische Magie am Werk. Die heftigen Vibrationen wurden vielmehr von Geräu- schen verursacht, die das Zimmer bis in jeden Winkel füllten. Mustrum Ridcully trat in die Pantoffeln und verließ das Zimmer. Im Flur traf er weitere Mitglieder der Fakultät, die verwirrt umherschlurften und fragten, was vor sich ging. Putz rieselte von der Decke herab. »Wer ist für diesen Lärm verantwortlich?« rief Ridcully. Einige Zaube- rer versuchten zu antworten, doch ihre Stimmen verloren sich im Chaos. Die übrigen zuckten mit den Schultern. »Ich gehe der Sache auf den Grund«, knurrte der Erzkanzler und stapfte zur Treppe. Die anderen folgten ihm. Ridcullys Ellenbogen bewegten sich kaum, und er beugte nur ansatz- weise die Knie, was andeutete, daß er nicht gerade in bester Stimmung war. Das Trio schwieg, als es die Geflickte Trommel verließ. Es schwieg auf dem Weg zu Gimlets Feinkostbude. Es schwieg, während es in der Schlange war- tete. Dann brach es sein Schweigen lange genug, um zu sagen: »Na schön… einmal Vier-Nagetiere mit Extra-Molchen, ohne Peperoni, eine klatschianische Diavoli mit doppelt Salami und eine Vier-Schichten ohne Pechblende.«, Die Musiker setzten sich und warteten. Die Gitarre spielte einen Re- frain aus vier Tönen. Sie versuchten, nicht darauf zu achten und an ande- re Dinge zu denken. »Ich glaube, ich vielleicht ändere meinen Namen«, sagte der Troll schließlich. »Ich meine… Lias? Das kein guter Name ist für Musikge- schäft.« »Wie willst du dich nennen?« fragte Glod. »Ich dachte… bitte lacht nicht… ich dachte an… Klippe«, erwiderte Lias. »Klippe?« »Guter Trollname. Sehr steinig. Um nicht zu sagen felsig. Damit alles in Ordnung ist«, verteidigte sich Klippe alias Lias. »Nun, ja… äh… ich weiß nicht… Ich meine, Klippe? Kann mir kaum vorstellen, daß man mit einem solchen Namen lange im Geschäft bleibt.« »›Klippe‹ immer noch besser ist als ›Glod‹.« »Ich bleibe bei Glod«, sagte Glod. »Und Imp bleibt bei Imp. Nicht wahr, Imp?« Imp sah zur Gitarre. Es ist nicht richtig, dachte er. Ich habe sie kaum angerührt. Und… ich bin so müde… »Ich weiß nicht«, sagte er kläglich. »Bin mir nicht sicher, ob Imp der richtige Name für… diese Musik ist.« Seine Stimme verklang, und er gähnte. »Imp?« fragte Glod nach einer Weile. »Hmm?« murmelte der Barde. Er erinnerte sich an das Gefühl, beo- bachtet zu werden. »Ich stand auf der Bühne und hatte den Eindruck, daß ich beobachtet wurde.« Wenn er das sagte, bekam er vermutlich zur Antwort: »Ach, tatsächlich? Das ist ja ungeheuer okkult…« »Imp?« fragte Glod. »Warum schnippst du so mit den Fingern?« Imp sah nach unten. »Ich habe mit den Fingern geschnippt?« »Ja.«, »Ich war ganz in Gedanken versunken. Mein Name… Er eignet sich nicht für diese Musik.« »Was bedeutet er in richtiger Sprache?« erkundigte sich Glod. »Nun, mein Famillienname llautet y Cellyn«, antwortete Imp und sah darüber hinweg, daß der Zwerg gerade eine sehr alte Sprache beleidigt hatte. »Das bedeutet soviell wie ›von Holllly‹ oder ›von der Stechpallme‹, wenn euch das llieber ist. Mehr wächst nicht in Llamedos, wißt ihr. Alll- les andere verfaullt im Regen.« »Ich eigentlich nicht wollte darauf hinweisen«, sagte Klippe. »Aber ›Imp‹… der Name irgend etwas Elfenhaftes hat.« »Er bedeutet ›klleiner Trieb‹«, übersetzte Imp. »Beziehungsweise ›Knospe‹ oder ›Bud‹, in einer anderen Sprache.« »Knospe? Bud? Bud y Celyn?« Glod zögerte kurz. »Buddy? Ist noch schlimmer als Klippe, wenn du mich fragst.« »Ich gllaube, es… kllingt richtig«, erwiderte Imp. Der Zwerg zuckte mit den Schultern und holte einige Münzen hervor. »Wir haben noch mehr als vier Dollar«, sagte er. »Und ich weiß, was wir damit machen sollten.« »Wir sollllten sie sparen für die Mitglliedsgebühr der Musikergillde«, schlug Buddy alias Knospe alias Imp vor. Glod starrte in die Ferne. »Nein«, entgegnete er. »Es fehlt noch was in der Melodie. Ich meine, es klang gut und neu, aber…« Er sah Buddy an. »… es fehlt noch etwas.« Der Zwerg bedachte den Barden mit einem durchdringenden Blick. »Weißt du eigentlich, daß du am ganzen Leib bebst?« fragte er. »Du rutschst auf dem Stuhl herum, als hättest du die Hose voller Ameisen.« »Ich kann nicht anders«, erwiderte Buddy. Er wollte schlafen, doch ein Rhythmus hallte in seinem Kopf hin und her. »Ich es auch gesehen habe«, warf Klippe ein. »Als wir gingen hierher, du immer gehüpft bist.« Er sah unter den Tisch. »Und du klopfst mit den Füßen.«, »Und du schnippst mit den Fingern«, fügte Glod hinzu. »Ich denke dauernd an die Musik«, sagte Buddy. »Ihr habt recht. Wir brauchen…« Er trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. »… einen Ton wie… Pang pang pang PANG Pang…« »Meinst du ein Tasteninstrument?« fragte Glod. »Meine ich das?« »Drüben im Opernhaus haben sie eins von den neuen Pianofortes«, meinte der Zwerg. »Ja, aber so was sich nicht eignet für unsere Art von Musik«, gab Klip- pe zu bedenken. »Es besser paßt zu dicken Leuten mit gepuderten Pe- rücken und so.« Glod sah erneut zu Buddy. »Wenn wir es in Imps… Ich meine, wenn wir es in Buddys Nähe stellen, dürfte es sich bald für unsere Musik eig- nen. Hol es.« »Ich habe gehört, daß es kostet vierhundert Dollar«, sagte Klippe. »Niemand hat so viele Zähne.« »Ich habe dich nicht aufgefordert, das Pianoforte zu kaufen«, erwiderte Glod. »Du sollst es nur… für uns ausborgen.« »Das Stehlen ist«, behauptete Klippe. »Nein, nein«, widersprach der Zwerg. »Wir geben es zurück, wenn wir damit fertig sind.« »Oh. Dann alles in Ordnung.« Buddy war weder Schlagzeuger noch Troll – er sah den logischen Feh- ler in Glods Argument. Vor einigen Wochen hätte er gewiß nicht gezö- gert, deutlich darauf hinzuweisen. Aber zu jener Zeit war er noch ein braver Junge aus dem Tal gewesen, der die Steinkreise besuchte, nicht trank, nicht fluchte und bei allen druidischen Opfern die Harfe spielte. Jetzt brauchte er das Piano. Um den Sound zu vervollständigen. Er bestätigte seine Überlegungen, indem er mit den Fingern schnippte. »Aber wir niemanden haben, der darauf spielt«, gab Klippe zu beden- ken. »Besorg du uns das Piano«, sagte Glod. »Ich kümmere mich um den Pianisten.«, Immer wieder sahen sie zur Gitarre. Die Zauberer rückten gemeinsam gegen die Orgel vor. Die Luft flirrte wie von enormer Hitze. »Welch ein gräßliches Geräusch!« rief der Dozent für neue Runen. »Oh, ich weiß nicht!« schrie der Dekan. »Ich finde es ganz eingängig!« Blaue Funken knisterten zwischen den Orgelpfeifen. Der Bibliothekar hockte ganz oben in dem zitternden Apparat. »Wer pumpt das Ding?« brüllte der Oberste Hirte. Ridcully blickte um die Ecke. Der Pumpenhebel bewegte sich von ganz allein auf und ab. »Das lasse ich nicht zu«, knurrte er. »Nicht in meiner verdammten Uni- versität. Es ist noch schlimmer als Studenten.« Er hob die Armbrust, zielte auf den Hauptblasebalg und zog durch. Ein langes Heulen in A-Dur erklang – dann explodierte die Orgel. Die Geschehnisse der nächsten Sekunden wurden später im Unge- meinschaftsraum rekonstruiert. Dorthin zogen sich die Zauberer zurück, um die angegriffenen Nerven mit dem einen oder anderen ordentlichen Schluck zu beruhigen (wobei sich der Quästor mit warmer Milch begnü- gen mußte). Der Dozent für neue Runen schwor, daß die zwanzig Meter lange Gravissima-Pfeife auf einer Säule aus Flammen gen Himmel aufgestiegen war. Der Professor für unbestimmte Studien und der Oberste Hirte berich- teten folgendes: Als sie den Bibliothekar außerhalb der Universität fan- den, in einem Springbrunnen auf dem Hiergibt’salles-Platz, machte er dauernd Ugh-ugh und grinste vom einen Ohr zum anderen. Der Quästor meinte, zehn nackte Frauen hätten auf seinem Bett ge- tanzt. Doch der Quästor sprach häufiger von solchen Dingen, vor allem dann, wenn er lange nicht mehr an die frische Luft gekommen war. Der Dekan schwieg. Mit glasigen Augen starrte er ins Leere., Funken sprangen aus seinem Haar. Er fragte sich, ob man ihm gestatten würde, die Wände seines Zim- mers schwarz zu streichen. Und der Beat marschierte weiter… Imps Lebensuhr stand mitten auf dem großen Schreibtisch. Der Ratten- tod wanderte um sie herum und quiekte leise vor sich hin. Susanne betrachtete das Glas ebenfalls. Der gesamte Sand befand sich inzwischen in der unteren Hälfte. Doch etwas anderes füllte den oberen Teil und rann nun nach unten: mattes Blau, das sich hin und her wand wie aufgeregter Rauch. »Hast du jemals so etwas gesehen?« fragte Susanne. QUIEK. »Ich auch nicht.« Sie stand auf. Inzwischen wirkten die Schatten an den Wänden vertrau- ter. Sie schienen von Dingen zu stammen, nicht unbedingt von Appara- ten, aber auch nicht von Einrichtungsgegenständen. Die Schemen erin- nerten Susanne an das Planetarium im Internat, doch hier ließ sich nicht feststellen, welche Sterne wo durch die Nacht eilten. Vielleicht wurde etwas auf die Wände projiziert, das selbst in dieser seltsamen Dimension sonderbar blieb. Die Schülerin verspürte den Wunsch, Imp das Leben zu retten – es fühlte sich richtig an. Als sie seinen Namen gelesen hatte, hatte sie den Eindruck von Bedeutung und Wichtigkeit. Offenbar hatte sie zumindest einen Teil von Tods Gedächtnis geerbt. Sie selbst konnte dem jungen Mann noch nicht begegnet sein, aber möglicherweise war er schon ein- mal mit ihm zusammengetroffen. Imps Name und sein Gesicht steckten so tief in ihrem Bewußtsein, daß ihre Gedanken in eine Umlaufbahn gezwungen wurden. Etwas anderes hatte ihn gerettet, bevor sie eingreifen konnte. Sie griff nach der Lebensuhr und hielt sie sich ans Ohr. Irgend etwas veranlaßte sie, mit dem Fuß auf den Boden zu klopfen. Die fernen Schatten bewegten sich., Susanne lief über den Boden, den wirklichen Boden, der sich außerhalb des Teppichs erstreckte. Die Schemen wirkten wie Mathematik, die Substanz gewann. Sie sah eigentümliche Kurven. Uhrzeigerartige Indikatoren, länger als ein Baum, strichen langsam umher. Der Rattentod kletterte auf ihre Schulter. »Du weißt vermutlich nicht, was passiert, oder?« QUIEK. Susanne nickte. Ratten starben sicher, wenn ihre Zeit gekommen war. Sie versuchten nicht, zu mogeln oder von den Toten zurückzukehren. Es gab keine Zombie-Ratten. Ratten wußten, wann es keinen Sinn mehr hatte, sich zu widersetzen. Erneut wanderte Susannes Blick zum Stundenglas. Der Junge – sie be- nutzte diese Bezeichnung auf die typische Weise von Mädchen, die über einige Jahre ältere junge Männer sprechen – hatte einen Akkord oder so auf der Gitarre gespielt. Dadurch hatte die Geschichte einen Knick be- kommen. Oder ein Teil von ihr war übersprungen worden. Nicht nur Susanne wollte Imp vor dem Tod bewahren. Etwas anderes teilte ihren Wunsch. Es war zwei Uhr nachts, und es regnete. Obergefreiter Detritus von Ankh-Morporks Stadtwache bewachte das Opernhaus. Für diese Art des Patrouillendienstes hatte er sich an Feld- webel Colon ein Beispiel genommen. Das Prinzip lautete: Bist du mitten in einer regnerischen Nacht allein im Dienst, dann bewache etwas Gro- ßes mit möglichst breiten Dachvorsprüngen. Colon hatte sich stets an diesen Grundsatz gehalten, weshalb nie ein wichtiges Gebäude gestohlen worden war.* Es war eine ereignislose Nacht. Vor etwa einer Stunde war eine zwan- zig Meter lange Orgelpfeife vom Himmel gefallen. Detritus sah sich den Krater aus der Nähe an und überlegte, ob das eine »kriminelle Aktivität« * Mit Ausnahme der Unsichtbaren Universität. Sie verschwand einmal, was jedoch auf einen Studentenstreich zurückzuführen war., war. Er wußte es nicht genau. Vielleicht mußten Orgelpfeifen vom Him- mel fallen, damit man Orgeln bauen konnte. Während der letzten fünf Minuten hatte er dumpfes Pochen und gele- gentliches Klirren im Opernhaus gehört. Er machte sich eine gedankli- che Notiz. Detritus wollte nicht dumm erscheinen. Er hatte sich nie im Opernhaus aufgehalten und wußte nicht, welche Geräusche darin um zwei Uhr nachts ertönen durften. Die Vordertür öffnete sich, und ein großes, flaches Objekt aus Holz schob sich auf die Straße. Die Bewegungen wirkten seltsam: einige Schritte nach vorn und dann ein oder zwei Schritte zurück. Etwas sprach mit sich selbst. Detritus sah nach unten. Er konnte mindestens – kurzes Zögern – sie- ben verschieden große Beine erkennen, von denen vier keine Füße hat- ten. Er wankte näher und klopfte an die Seite des hölzernen Gegenstands. »Hallo, hallo, hallo, was hat dies alles… zu bedeuten?« fragte er und konzentrierte sich dabei auf jedes Wort. Der flache Kasten verharrte. »Wir sind ein Piano«, sagte er. Detritus dachte darüber nach. Er wußte nicht genau, was ein Piano war. »Und ein Piano läuft umher?« fragte er. »Es… Wir haben Beine«, lautete die Antwort. Dem konnte Detritus nicht widersprechen. »Aber es sein mitten in der Nacht«, stellte er fest. »Selbst Pianos haben mal frei«, sagte das Piano. Detritus kratzte sich am Kopf. Es schien soweit alles in Ordnung zu sein. »Na… schön«, brummte er. Er beobachtete, wie das Piano über die Marmorstufen wackelte und hinter der nächsten Ecke verschwand. Es führte das Selbstgespräch fort:, »Wieviel Zeit bleibt uns wohl?« »Wir es schaffen sollten bis zur Brücke. Er nicht intelligent genug, um zu sein Schlagzeuger.« »Aber er ist Polizist.« »Eben.« »Klippe?« »Ja?« »Vielleicht werden wir geschnappt.« »Er uns nicht aufhalten kann. Immerhin wir unterwegs sind in einer Mission für Glod.« »Stimmt.« Das Piano platschte eine Zeitlang durch die Pfützen und fragte sich dann: »Buddy?« »Ja?« »Warum ich das gesagt habe?« »Was denn?« »Daß wir unterwegs sind in einer… Mission für Glod.« »Nun… der Zwerg hat uns aufgefordert, das Piano zu holen, und er heißt Glod, und deshalb…« »Ja. Ja. Aber… Detritus hätte uns können aufhalten, es doch nichts Be- sonderes ist, im Auftrag eines Zwergs unterwegs zu sein…« »Vielleicht bist du nur ein bißchen müde.« »Ja, vielleicht«, erwiderte das Piano dankbar. »Na ja, wie dem auch sei: Wir sind in einer Mission für Glod unter- wegs.« »Ja.« Glod saß in seiner Unterkunft und betrachtete die Gitarre., Sie spielte sich nicht mehr von selbst, seit Buddy fortgegangen war. Doch wenn man sich vorbeugte und aufmerksam genug lauschte, konnte man noch immer ein leises Summen hören. Der Zwerg streckte langsam und vorsichtig die Hand aus und berührte die… Das Geräusch beschränkte sich nicht darauf, disharmonisch zu sein. Dieses Geräusch war anders. Es bleckte die Zähne und zeigte scharfe Krallen. Glod lehnte sich rasch zurück. Schon gut. Alles klar. Es war Buddys Musikinstrument. Ein Instrument, das über Jahre hinweg von der glei- chen Person gespielt wurde, gewöhnte sich an sie – nach Glods bisheri- gen Erfahrungen allerdings nicht in dem Ausmaß, daß es fremde Leute biß. Buddy besaß die Gitarre erst seit einem Tag, aber vielleicht galt das Prinzip schon. Glod erinnerte sich an eine alte Zwergenlegende, die von Furgels Horn erzählte: Es ertönte, wenn Gefahr drohte – und aus irgendeinem Grund auch in der Gegenwart von Meerrettich. Es gab auch eine Ankh-Morpork-Legende über eine alte Trommel im Palast oder so. Sie sollte sich selbst schlagen, wenn eine feindliche Flotte den Ankh heraufsegelte. In den vergangenen Jahrhunderten war diese Überlieferung immer mehr in Vergessenheit geraten. Jetzt herrschte das Zeitalter der Vernunft, und außerdem konnte nur dann eine feindliche Flotte den Ankh stromaufwärts segeln, wenn ihr Dutzende von Männern mit Schaufeln vorausgingen. Eine Troll-Geschichte berichtete von bestimmten Steinen, die in einer frostigen Nacht… Gelegentlich tauchten magische Musikinstrumente auf. Glod streckte erneut die Hand aus. DSCHA-ba-daba-duh. »Schon gut, schon gut…« Der Musikladen lag in unmittelbarer Nähe der Universität, und dort sickerte Magie heraus, auch wenn die Zauberer behaupteten, sprechende Ratten und wandernde Bäume seien nichts weiter als statistische Zufälle., Andererseits fühlte sich dies hier nicht wie Magie an, sondern viel älter. Es war Musik. Glod fragte sich, ob er Imp… äh… Buddy dazu überreden sollte, die Gitarre in den Laden zurückzubringen und sich dort eine andere auszu- suchen… Aber sechs Dollar waren sechs Dollar. Kein Zweifel. Es klopfte an der Tür. »Wer ist da?« fragte Glod und sah auf. Die folgende Stille gab einen Hinweis. Der Zwerg wartete einige Se- kunden und beschloß dann, seine Hilfe anzubieten. »Klippe?« fragte er. »Ja. Hab hier das Piano.« »Bring es rein.« »Tür ist zu schmal.« Buddy stieg hinter dem Troll die Treppe hoch und hörte das Splittern von Holz. »Versuch es noch einmal.« »Paßt ausgezeichnet.« Im Bereich der Tür zeigte sich nun ein pianoförmiges Loch in der Wand. Glod stand daneben, seine Axt in der Hand. Buddy betrachtete das allgemeine Chaos auf dem Treppenabsatz. »Meine Güte, was macht ihr da?« entfuhr es ihm. »Die Wand gehört uns nicht!« »Na und? Auch das Piano gehört uns nicht.« »Ja, aber… Ihr könnt doch nicht einfach Löcher in die Wand schla- gen…« »Was ist wichtiger?« fragte Glod. »Die Wand oder unser Sound?« Buddy zögerte. Ein Teil von ihm dachte: Das ist doch lächerlich. Es geht doch nur um Musik, mehr nicht. Ein anderer Teil dachte mit mehr Nachdruck: Das ist doch lächerlich. Es geht doch nur um eine Wand. Beide Teile erwiderten: »Oh. Wenn du es so ausdrückst… Und der Pia- nist?«, »Ich weiß, wo wir einen finden«, sagte Glod. Ein winziger Teil von ihm dachte: Ich habe ein Loch in die Wand mei- ner eigenen Unterkunft geschlagen! Es hat Tage gedauert, die Tapete richtig anzunageln. Und ein anderer, noch kleinerer Teil dachte: Ich glaube, Imp bezie- hungsweise Buddy hat seinen Akzent verloren… Albert arbeitete mit Schaufel und Schubkarre im Stall. »Alles in Ordnung?« fragte er, als Susannes Schatten im Eingang er- schien. »Äh, ja, ich glaube schon…« »Freut mich«, sagte Albert, ohne aufzublicken. Die Schaufel pochte an die Schubkarre. »Allerdings… etwas Ungewöhnliches ist geschehen…« »Wie bedauerlich.« Albert schob die Schubkarre in Richtung Garten. Susanne wußte, wie sie sich jetzt verhalten mußte. Wenn sie sich ent- schuldigte… dann stellte sich vermutlich heraus, daß der mürrische alte Griesgram Albert ein Herz aus Gold hatte, und dann schlossen sie Freundschaft, und dann würde er ihr helfen, indem er alles erklärte… Und dann stand sie wie ein dummes Mädchen da, das nicht allein zu- rechtkam. Nein. Sie kehrte in den Stall zurück, wo Binky gerade den Inhalt eines Eimers untersuchte. Das Internat für junge Damen in Quirm förderte Selbständigkeit und logisches Denken. Deshalb hatten Susannes Eltern beschlossen, die Bil- dung ihrer Tochter Frau Anstand und Frau Delokus anzuvertrauen. Sie glaubten, daß die Isolation von den flaumigen Rändern der Welt Sicher- heit bedeutete. Ebensogut konnte man Leute vor Angriffen schützen, indem man ihnen nichts von Selbstverteidigung erzählte., Unter den Fakultätsmitgliedern der Unsichtbaren Universität war Exzen- trizität völlig normal. Um festzustellen, was normal ist und was nicht, vergleichen Menschen sich selbst mit anderen Menschen. Und wenn es Zauberer sind, entsteht eine nach unten führende Spirale. Der Bibliothe- kar war ein Orang-Utan, und niemand hielt das für seltsam. Der Leser esoterischer Studien verbrachte viel Zeit damit, in einem Zimmer zu lesen, das der Quästor als das kleinste in der ganzen Universität bezeich- nete.* Die Folge war, daß er selbst in offiziellen Dokumenten »Leser auf der Toilette« genannt wurde. Der Quästor hätte in einer halbwegs nor- malen Gesellschaft eine Jacke bekommen, deren Ärmel man auf dem Rücken zusammenschnürte. Der Dekan schrieb seit siebzehn Jahren an einer Abhandlung mit dem Thema: Die Verwendung der Silbe ENK in Levi- tations-Zauberformeln der Frühen Verwirrten Periode. Der Erzkanzler – er machte regelmäßig Schießübungen in der langen Galerie über dem Gro- ßen Saal und hatte dabei schon zweimal den Quästor getroffen – glaubte fest daran, daß sich die Fakultät hauptsächlich aus Verrückten und Irren zusammensetzte. Seine Diagnose lautete: »Die Kerle bekommen nicht genug frische Luft. Hocken dauernd im Haus. Dadurch verfault das Ge- hirn.« Gelegentlich fügte er diesen Worten ein »Duckt euch!« hinzu. Abgesehen von Ridcully und dem Bibliothekar stand niemand früh auf. Das Frühstück fand – wenn überhaupt – am späten Vormittag statt. Dann schlurften die Zauberer zum Büfett, hoben die silbernen Deckel der Terrinen und verzogen bei jedem Klappern das Gesicht. Ridcullys bevorzugtes Frühstück ließ sich am besten mit »viel und fettig« beschrei- ben. Er mochte besonders jene halb durchsichtigen Würstchen, die grü- ne Brocken enthalten, von denen man nur hoffen kann, daß es irgend- welche Kräuter sind. Es war eines der Privilegien des Erzkanzlers, dar- * Das kleinste Zimmer in der Unsichtbaren Universität ist der Besenschrank im vierten Stock, aber gemeint ist hier natürlich der Abort. Der Leser esoterischer Studien ging von folgender Theorie aus: In einem Gebäude sammeln sich die guten Bücher- zumindest die lustigen** – im Abort. Niemand hat Zeit genug, sie alle zu lesen. Und niemand weiß, wie sie an diesen speziellen Ort gelangt sind. Die Forschungen des Lesers verursachten akute Verstopfung und jeden Mor- gen eine lange Schlange vor der Tür. ** Die Comics über Kühe und Hunde. Und die mit Überschriften wie: »Als Eimer die Ente sah, wußte er, daß ihm ein schlimmer Tag bevorstand.«, über zu entscheiden, welche Speisen auf den Tisch kamen. Deshalb ver- zichteten die empfindlicheren Zauberer ganz aufs Frühstück. Sie brach- ten den Tag mit Mittagessen, Kaffee und Kuchen, einem doppelten Abendessen sowie dem einen oder anderen Imbiß hinter sich. An diesem Morgen hielten sich nicht viele Zauberer im Großen Saal auf. Es war nicht nur früh, sondern auch zugig: Handwerker reparierten das Dach. Ridcully ließ die Gabel sinken. »Na schön«, brummte er. »Wer ist es? Der Betreffende soll es zugeben, sofort.« »Wer soll was zugeben, Erzkanzler?« fragte der Oberste Hirte. »Jemand klopft mit dem Fuß.« Die Zauberer sahen über den Tisch. Der Dekan starrte glücklich ins Leere. »Dekan?« fragte der Oberste Hirte. Der Dekan hielt sich die linke Hand dicht vor den Mund. Die rechte vollführte kratzende Bewegungen im Bereich der Nieren. »Ich weiß nicht, was er da anstellt«, knurrte Ridcully. »Aber es sieht unhygienisch aus.« »Ich glaube, er spielt ein unsichtbares Banjo, Erzkanzler«, erklärte der Dozent für neue Runen. »Wenigstens macht er dabei keine Geräusche«, kommentierte Ridcully. Er sah zum Dach hoch, durch das ungewohntes Tageslicht in den Gro- ßen Saal fiel. »Hat jemand den Bibliothekar gesehen?« Der Orang-Utan war beschäftigt. Er hatte sich in den Keller der Bibliothek zurückgezogen, in einen Raum, den er als Werkstatt und Bücherlazarett benutzte. Mehrere Pres- sen und Papierschneidemaschinen standen dort. Hinzu kamen Dutzende von Büchsen mit exotischen Substanzen. Er benutzte sie, um Klebstoff und andere kosmetische Dinge für die Muse der Literatur herzustellen. Ein bestimmtes Buch leistete ihm Gesellschaft. Selbst er hatte mehrere Stunden gebraucht, um es zu finden., Die Bibliothek enthielt nicht nur magische Bücher, die eine große Ge- fahr darstellten und deshalb an den Regalen festgekettet werden mußten. Dort standen auch ganz gewöhnliche Bücher, aus gewöhnlichem Papier und mit gewöhnlicher Tinte geschrieben. Es wäre ein Fehler, zu glauben, daß sie nicht gefährlich waren, nur weil bei ihrer Lektüre keine Feuer- werkskörper am Himmel explodierten. Sie brannten das Feuerwerk im Bewußtsein des Lesers ab… Vor dem Bibliothekar lag nun ein großer Band mit Zeichnungen von Leonard von Quirm, der als geschickter Künstler und großes Genie galt – häufig wanderten seine Gedanken so weit umher, daß sie mit Souve- nirs zurückkehrten. Leonards Bücher waren voller Skizzen. Sie zeigten kleine Katzen, flie- ßendes Wasser oder die Frauen einflußreicher Kaufleute von Ankh- Morpork, deren Porträts einen erheblichen Beitrag zu seinem Lebensun- terhalt geleistet hatten. Doch das Genie in Leonard kam nie zur Ruhe, deshalb war der Seitenrand häufig mit vielen Details vollgekritzelt, die verrieten, mit welchen Dingen das geniale Unterbewußtsein zum betref- fenden Zeitpunkt beschäftigt gewesen war. Die Zeichnungen skizzierten zum Beispiel: von Wasserkraft angetriebene Apparate, um Wehrwälle auf Feinde herabstürzen zu lassen; neue Belagerungsmaschinen, mit denen sich siedendes Öl auf Angreifer herabschütten ließ; Schießpulverraketen, die brennendes Phosphor über den Feind gossen – und weitere interes- sante Produkte aus dem Zeitalter der Vernunft. Und noch etwas anderes. Der Bibliothekar hatte es schon einmal be- merkt und sich darüber gewundert, weil es fehl am Platz wirkte.* Eine haarige Hand blätterte und fand schließlich die richtige Seite… Ja. Oh, JA. Es flüsterte zu ihm in der Sprache der Melodie… Der Erzkanzler machte es sich am Billardtisch bequem. Den offiziellen Schreibtisch hatte er schon vor einer ganzen Weile fortschaffen lassen. Ein Billardtisch hatte unübersehbare Vorteile: Es gab mehrere Taschen, in denen man nützliche Dinge verstauen konnte, zum * Offenbar konnte man es nicht gegen einen Feind richten., Beispiel Süßigkeiten; wenn er sich langweilte, brauchte er nur den Pa- pierkram beiseite zu schieben und mit Trickshots* zu beginnen. An- schließend hielt er sich nicht damit auf, die Papiere wieder hervorzuho- len. Seiner Meinung nach wurden wichtige Dinge nie irgendwo notiert, weil die Leute sie sofort herausschrien. Mustrum Ridcully verfaßte seine Memoiren. Er hatte bereits den Titel: Am Ankh entlang mit Bogen, Rute und dem Stab-mit-einem-Knauf-am-Ende. Er schrieb nun: »Nur wenige Leute wissen, daß im Fluß Ankh viele unter- schiedliche Fische leben…«** Er ließ den Federkiel fallen, stürmte durch den Flur und erreichte kur- ze Zeit später das Zimmer des Dekans. »Was geht hier vor?« fragte er scharf. Der Dekan zuckte zusammen. »Es… es… es… ist eine Gitarre, Erzkanzler«, sagte er und wich zu- rück, als Ridcully näher kam. »Hab sie gerade gekauft.« »Das sehe ich, und ich höre es auch. Aber was stellst du damit an?« »Ich… äh… übe«, erwiderte der Dekan und hob einen schlecht ge- druckten Holzschnitt. Der Erzkanzler griff danach. * Mustrum Ridcully war ein Zauberer, deshalb liefen Billard-Trickshots bei ihm nicht auf das übliche »sechzehn Mal an die Bande und dann in das Loch« hin- aus. Sein bester Trickshot war folgender: an die Bande, an eine Seemöwe, an den Hinterkopf des Quästors, der draußen durch den Flur ging, und zwar am vergangenen Dienstag (hier kam ein temporaler Effet ins Spiel) und an die Decke. Zwar traf Ridcully nicht das Loch – die Kugel ging um Haaresbreite daran vor- bei –, aber es war trotzdem ein sehr schwieriger Stoß gewesen. ** Das stimmte tatsächlich. Die Natur kann sich an praktisch alles anpassen. Sie hatte Fische hervorgebracht, die im Ankh leben konnten. Sie sahen aus wie eine Kreuzung zwischen einer Krabbe mit weicher Schale und einem Hochlei- stungsstaubsauger. In sauberem Wasser würden sie explodieren. Man konnte sie nur mit besonderen Ködern fangen – über die der Erzkanzler keine Aus- kunft gab –, aber es waren eindeutig Fische. Für einen wahren Jäger wie Ridcul- ly spielte es keine Rolle, wie die Beute schmeckte., »›Blert Zupfguts Gitarrenfibel‹«, las er. »›Fpiel deinen Weg zum Erfolg, mit drei leichten Lektionen und achtzehn nicht fo leichten.‹ Nun? Ich habe nichts gegen Gitarren, lustiges Lustigsein, eine holde Maid im Mai und so, aber… das eben war keine Musik, sondern Krach. Ich meine, was sollte es denn sein?« »Eine eingeschobene Phrase auf der Grundlage einer E-Fünftonleiter mit ungleichen Schritten im Oktavraum und einer Dur-Septime als Durchgangston?«, entgegnete der Dekan. Der Erzkanzler starrte auf die Seite. »Aber hier steht: ›Lektion eins, Erste Schritte.‹« »Äh… äh… äh, ich bin ein wenig ungeduldig geworden«, sagte der Dekan. »Du bist nie musikalisch gewesen«, stellte Ridcully fest. »Das ist eine deiner guten Seiten. Warum das plötzliche Interesse… Was hast du da an den Füßen?« Der Dekan sah nach unten. »Ich hatte gleich den Eindruck, daß du ein wenig größer bist«, brummte Ridcully. »Stehst du auf zwei Planken?« »Das sind nur dicke Sohlen«, meinte der Dekan. »Eine Erfindung der Zwerge, glaube ich… Hab sie in meinem Schrank gefunden. Modo sagte, es sei Krepp.« »Normalerweise drückt sich Modo gewählter aus. Aber ich glaube, er hat recht.«* »Nein, er… äh… meinte was… Gummiartiges«, sagte der Dekan nie- dergeschlagen. »Ähm, bitte um Entschuldigung, Erzkanzler…« Der Quästor stand in der Tür. Hinter ihm ragte ein großer Mann mit gerötetem Gesicht auf. »Was ist los, Quästor?« * Anmerkung des Übersetzers: Hier handelt es sich um ein Wortspiel, das sich nicht angemessen übersetzen läßt. »Krepp« klingt wie »crap«, was »Scheiße« bedeutet., »Ähm, dieser Herr hat…« »Es geht um euren Affen«, sagte der Mann. Ridcullys Miene erhellte sich. »Ach?« »Offenbar… ähm… hat er einige Räder vom Karren dieses Herrn ge- stoh… äh… genommen«, brachte der Quästor heraus. In seinem menta- len Zyklus hatte er gerade die depressive Phase erreicht. »Und du bist ganz sicher, daß der Bibliothekar dahintersteckt?« fragte Ridcully. »Dick, rotes Fell, macht dauernd ›ugh‹?« »Ja, das ist er. Meine Güte. Warum er die Räder wohl gestoh… äh… genommen hat? Nun ja. Wie heißt es so schön? Ein fünfhundert Pfund schwerer Gorilla kann schlafen, wo er will.« »Aber ein dreihundert Pfund schwerer Affe kann mir die verdammten Räder zurückgeben«, erwiderte der Mann ungerührt. »Wenn ich sie nicht zurückbekomme, gibt’s Ärger.« »Ärger?« wiederholte Ridcully. »Ja. Und glaub bloß nicht, daß du mich einschüchtern kannst. Vor Zauberern habe ich keine Angst. Alle wissen, daß es euch verboten ist, Magie gegen Zivilisten einzusetzen.« Der Mann hob die Faust. Ridcully schnippte mit den Fingern. Luft strömte zischend in einen plötzlichen Hohlraum, und etwas quakte. »Ich habe das angebliche Verbot immer nur als eine Art Richtlinie ge- sehen, die man nicht unbedingt beachten muß«, sagte der Erzkanzler ruhig. »Quästor, nimm den Frosch und setz ihn ins Blumenbeet. Gib ihm zehn Dollar, wenn er seine alte Gestalt zurückgewonnen hat. Zehn Dollar sollten genügen, nicht wahr?« »Quak«, bestätigte der Frosch hastig. »Gut. Und wenn jetzt jemand so nett wäre, mir zu erklären, was hier vor sich geht…« Unten, am Ende der Treppe, schepperte und krachte es. »Wieso glaube ich, daß das nicht die Antwort sein wird?« wandte sich Ridcully an die Welt im großen und ganzen., Die Bediensteten waren damit beschäftigt gewesen, im Saal den Tisch zu decken. Für gewöhnlich dauerte es eine Weile. Einige Zauberer nah- men das Essen sehr ernst und hinterließen ein ziemliches Durcheinan- der. Ständig wurde der Tisch entweder gedeckt, gesäubert, oder er war besetzt. Allein die Vorbereitung der Gedecke nahm viel Zeit in An- spruch. Jeder Zauberer brauchte neun Messer, dreizehn Gabeln, zwölf Löffel und einen Stampfer. Von den Weingläsern ganz zu schweigen. Oft erschienen Zauberer schon eine ganze Weile vor der nächsten Mahlzeit. Gelegentlich kamen sie früh genug, um von der letzten noch Reste zu ergattern. Ein Zauberer saß nun am Tisch. »Das ist der Dozent für neue Runen, nicht wahr?« fragte Ridcully. Der Dozent hielt in jeder Hand ein Messer. Salz- und Pfefferstreuer sowie der Senftopf standen vor ihm. Und die Kuchenplatte. Und zwei umgedrehte Terrinen. Hingebungsvoll schlug er mit den Messern auf diese Gegenstände ein. »Was ist denn in ihn gefahren?« brummte Ridcully. »He, Dekan – hör auf, mit dem Fuß zu klopfen.« »Man wird regelrecht davon mitgerissen«, erwiderte der Dekan. »Paß nur auf, daß du nicht zerrissen wirst«, drohte Ridcully. Der Dozent für neue Runen runzelte die Stirn und konzentrierte sich. Gabeln klirrten über den Tisch. Ein Löffel wurde getroffen, sauste da- von, drehte sich mehrmals und traf den Quästor am Ohr. »Ist er völlig übergeschnappt?« »Das tat wirklich weh!« Die Zauberer näherten sich dem Dozenten für neue Runen, der ihnen überhaupt keine Beachtung schenkte. Schweiß tropfte von seinem Bart. »Er hat gerade den Gewürzständer zerbrochen«, sagte Ridcully. »Vielleicht glaubt er, daß es dem Rhythmus noch etwas an Aroma fehlt.« »Meiner Ansicht nach ist er so scharf wie Senf«, ließ sich der Dekan vernehmen. »Der Rhythmus, meine ich.« »Klingt ganz schön gepfeffert«, räumte der Oberste Hirte ein., Ridcully straffte die Schultern und hob den Arm. »Vermutlich möchte jetzt gleich jemand sagen: ›Ich habe den Braten schon vor einer ganzen Weile gerochen.‹ Oder vielleicht: ›Lassen wir ihn in Ruhe. Soll er die Suppe selbst auslöffeln.‹ Möglicherweise denkt auch jemand darüber nach, wie sich andere Gewürze – zum Beispiel Curry – in ein dummes Wortspiel kleiden lassen. Ich möchte dazu folgendes sa- gen: Ich würde gern wissen, wo der Unterschied liegt zwischen dieser Fakultät und einem Haufen Idioten, deren Gehirne nicht größer sein können als kleine Erbsen.« »Hahaha«, kommentierte der Quästor nervös. Er rieb sich noch immer das Ohr. »Das war keine rhetorische Frage.« Ridcully nahm dem Dozenten die Messer aus der Hand. Die Hände des Zauberers blieben noch einige Sekunden in Bewegung, dann schien er zu erwachen. »Oh, hallo, Erzkanzler. Gibt es irgendein Problem?« »Was machst du hier?« Der Dozent blickte auf den Tisch. »Er hat synkopiert«, erklärte der Dekan. »Nie im Leben!« Falten bildeten sich auf Ridcullys Stirn. Er war dickfellig und stur, hatte den Takt eines Vorschlaghammers und ungefähr auch soviel Humor. Aber er war keineswegs dumm. Er wußte, daß Zauberer wie Wetterfah- nen sein konnten oder wie die Kanarienvögel, mit denen Bergleute das Ausströmen von Grubengas feststellen. Sie waren von Natur aus auf eine okkulte Frequenz eingestellt. Wenn etwas Sonderbares geschah, machte es sich zuerst bei Zauberern bemerkbar. Sie drehten sich synchron in die entsprechende Richtung. Oder sie fielen von der Stange. »Warum sind hier plötzlich alle so musikalisch?« fragte der Erzkanzler. »Wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von ›musikalisch‹ re- den kann.« Er musterte die Zauberer von Kopf bis… »Ihr habt alle Krepp an den Schuhen!« Die Zauberer sahen überrascht auf ihre Füße., »Potzblitz«, sagte der Oberste Hirte. »Ich kam mir größer vor. Aber ich dachte, das läge an der Sellerie-Diät.«* »Das richtige Schuhwerk für Zauberer sind entweder Schnabelschuhe oder ordentliche Schuhe«, sagte Ridcully. »Wenn Schuhe plötzlich krep- pig werden, geht etwas nicht mit rechten Dingen zu.« »Es ist doch nur Krepp«, warf der Dekan ein. »Was Gummiartiges…« Ridcully atmete tief durch. »Wenn sich die eigenen Schuhe von ganz allein ver- wandeln…«, knurrte er. »Dann schleicht was Magisches auf leisen Sohlen heran?« »Haha«, entfuhr es dem Dekan. »Nicht übel, Oberster Hirte.« »Ich will wissen, was hier gespielt wird«, sagte Ridcully langsam und lei- se. »Ich rate euch dringend, jetzt die Klappe zu halten. Andernfalls gibt’s Ärger. Für euch.« Er suchte in den Taschen seines Mantels und fand schließlich ein handliches Thaumometer. Er hob es in die Luft. In der Universität exi- stierte immer eine recht intensive magische Hintergrundstrahlung, doch der kleine Zeiger deutete auf den Normalwert – zumindest im Durch- schnitt. Er schwang hin und her wie ein Metronom. Ridcully hielt den Apparat so, daß ihn alle sehen konnten. »Was ist das?« fragte er. »Ein Taktgeber?« spekulierte der Dekan. »Musik ist keine Magie«, sagte Ridcully. »Sei nicht blöd. Musiker klim- pern und klopfen…« Er unterbrach sich. »Hat mir jemand etwas mitzuteilen?« Die Zauberer scharrten nervös mit ihren blauen Wildlederschuhen. * Nach der Theorie des Obersten Hirten wurde man größer, wenn man lange Speisen verzehrte: Bohnen, Sellerie und Rhabarber. Der Grund dafür war an- geblich die sogenannte Signaturdoktrin. Nun, eine solche Diät macht vielleicht nicht länger, dafür aber leichter., Der Oberste Hirte gab sich einen Ruck. »Nun… gestern abend… äh… ich meine, einige von uns… äh… kamen ganz zufällig an der Geflickten Trommel vorbei…« »Arglose Reisende«, sagte der Dozent für neue Runen. »Arglosen Rei- senden ist es zu jeder Tages- und Nachtzeit erlaubt, in einem lizensierten Lokal etwas zu trinken. So steht es in den Statuten der Stadt.« »Was war der Ausgangspunkt eurer, hm, Reise?« fragte Ridcully. »Die Weintraube.« »Das ist praktisch um die Ecke.« »Ja, aber wir waren… müde.« »Na schön, na schön«, sagte Ridcully im Tonfall eines Mannes, der ge- nau weiß, wenn er jetzt weiter am Faden zieht, ribbelt er die ganze Weste auf. »Hat euch der Bibliothekar Gesellschaft geleistet?« »Ja.« »Nun, wir hörten Musik…« »Eine Art Klimpern«, sagte der Oberste Hirte. »Die Melodie wies uns den Weg«, meinte der Dekan. »Sie war…« »… eine Art von…« »… in gewisser Weise…« »… sie geht einem unter die Haut und prickelt irgendwie«, sagte der Dekan. »Übrigens: Hat jemand schwarze Farbe? Ich habe überall danach gesucht.« »Es geht unter die Haut«, murmelte Ridcully. Er kratzte sich am Kinn. »Meine Güte. In den Dimensionen hat sich wohl wieder ein Leck gebil- det. Einflüsse vom Draußen, stimmt’s? Wißt ihr noch, was passierte, als Herr Hong seine Imbißstube in der Unheilsstraße eröffnete, ausgerech- net dort, wo früher ein alter Tempel stand? Und dann die Sache mit den beweglichen Bildern. Von Anfang an war ich dagegen. Und die Drahtge- bilde auf Rädern. Das Universum hat mehr verdammte Löcher als ein Käse aus Quirm. Nun, ich…« »Käse aus Lancre«, korrigierte der Oberste Hirte. »Das ist der mit den Löchern. Quirm-Käse hat blaue Adern.«, Ridcully bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick. »Eigentlich fühlte es sich gar nicht magisch an.« Der Dekan seufzte. Er war zweiundsiebzig, und die Musik ließ ihn empfinden wie ein Siebzehn- jähriger. Er konnte sich nicht daran erinnern, siebzehn gewesen zu sein – da mußten andere Dinge seine Aufmerksamkeit beansprucht haben. Aber durch die Musik fühlte er sich so, wie er glaubte, daß sich Siebzehn- jährige fühlten. So junge Leute schienen ständig mit einer rotglühenden Weste unter ihrer Haut herumzulaufen. Er wollte die Melodien erneut hören. »Ich glaube, heute abend spielen die Musiker noch einmal«, sagte er vorsichtig. »Wir sollten hingehen und zuhören, um mehr darüber zu er- fahren. Für den Fall, daß es eine Gefahr für die Gesellschaft ist«, fügte er tugendhaft hinzu. »Da hast du vollkommen recht, Dekan«, stimmte ihm der Dozent für neue Runen zu. »Es ist unsere bürgerliche Pflicht. Wir sind die erste übernatürliche Verteidigungslinie der Stadt. Angenommen, es erscheinen plötzlich gräßliche Ungeheuer aus der leeren Luft?« »Was dann?« fragte der Professor für unbestimmte Studien. »Nun, dann sind wir da.« »Ja? Und das ist gut so, nicht wahr?« Ridcully beobachtete die Zauberer. Zwei von ihnen klopften heimlich mit den Füßen. Einige andere zuckten gelegentlich. Der Quästor zuckte die ganze Zeit über – für ihn war das normal. Wie Kanarienvögel, dachte er. Oder wie Blitzableiter. »Na schön«, sagte er widerstrebend. »Wir statten der Taverne einen Be- such ab. Ohne Aufmerksamkeit zu erregen.« »Gewiß, Erzkanzler.« »Und jeder bezahlt seine Getränke selbst.« »Oh.« Korporal (vielleicht) Baumwolle salutierte vor dem Feldwebel des Forts, der gerade versuchte, sich zu rasieren. »Der neue Rekrut, Herr«, begann er. »Er will nicht gehorchen.«, Der Feldwebel nickte und starrte dann verdutzt auf den Gegenstand in seiner Hand. »Das Rasiermesser, Herr«, sagte der Korporal. »Der Rekrut gibt immer wieder Sätze wie ES IST NOCH NICHT GESCHEHEN von sich.« »Hast du versucht, ihn bis zum Hals im Sand einzugraben? Das ist in den meisten Fällen eine nützliche Maßnahme.« »So was erscheint mir ein bißchen… wie lautet das richtige Wort… liegt mir auf der Zunge…« Der Korporal schnippte mit den Fingern. »Grausam. Ja, genau. Heutzutage stecken wir Leute nicht mehr in die… äh… Grube.« »Wir sind hier in…« Der Feldwebel blickte auf die Innenfläche seiner linken Hand; dort standen einige geschriebene Worte. »… in der Frem- denlegion.« »Ja, Herr. Alles klar, Herr. Der Neue ist seltsam. Sitzt die ganze Zeit herum. Wir nennen ihn Beau Nidle, Herr.« Der Feldwebel sah verwirrt in den Spiegel. »Das ist dein Gesicht, Herr«, sagte der Korporal. Susanne betrachtete ihr Abbild kritisch. Susanne… das war kein guter Name. Aber es gab bestimmt schlimme- re. Zum Beispiel die arme Jod in der vierten Klasse, oder »Nigella«, was soviel bedeutete wie »Oje, wir wollten einen Jungen«. Doch Susanne klang langweilig. Oder Sue. Unter Sue stellte man sich ein Mädchen vor, das Brote schmierte, unter schwierigen Umständen einen kühlen Kopf bewahrte und sich um die Kinder anderer Leute kümmerte. Zweifellos hießen Königinnen oder Göttinnen nicht Sue. Auch mit anderen Formen des Namens ließ sich kaum etwas anfangen. »Susi« klang, als verdiente man seinen Lebensunterhalt damit, auf Ti- schen zu tanzen. Und »Suzanne« hörte sich nach »Susi« mit einigen zu- sätzlichen Buchstaben zur Tarnung an. »Sara« war fast ebenso schlimm – der Name verlangte nach einem stützenden h. Nun, wenigstens konnte sie ihr Erscheinungsbild verändern., Der Umhang mochte der Tradition entsprechen, aber sie fand ihn scheußlich. Was kam als Alternative in Frage? Die Internatsuniform oder eines der rosaroten Kleider ihrer Mutter? Der weite Kittel des Internats für junge Damen in Quirm hatte eine stolze Vergangenheit und bot (das glaubte jedenfalls Frau Anstand) einen zuverlässigen Schutz vor allen Versuchungen des Fleisches. Doch als Kostüm für die Letzte Realität fehlte es ihm am gewissen Etwas. Und die rosaroten Kleider ihrer Mutter kamen absolut nicht in Frage. Zum erstenmal in der Geschichte des Universums fragte sich der Tod, was er anziehen sollte. »Einen Augenblick«, sagte Susanne zu ihrem Spiegelbild. »Ich kann doch Dinge erschaffen, nicht wahr?« Sie streckte die Hand aus und dachte: Tasse. Prompt erschien eine, ge- schmückt mit einem Totenschädel-und-Knochen-Motiv. »Aha«, murmelte Susanne. »Ein Rosenmuster ist wohl unmöglich. Paßt wahrscheinlich nicht zur allgemeinen Atmosphäre.« Sie stellte die Tasse auf die Frisierkommode und klopfte dagegen. Ein recht massives Plink erklang. »Na schön«, sagte sie. »Etwas Schmachtendes und Aufgedonnertes kommt nicht in Frage. Weder schwarze Spitze noch irgend etwas, das Leute tragen, die in ihren Zimmern hocken und Gedichte schreiben, während sie wie Vampire gekleidet und gleichzeitig Vegetarier sind.« Bilder von Kleidung huschten über die Susanne im Spiegel. Schwarz war ganz offensichtlich die einzig mögliche Farbe, doch sie wählte etwas Praktisches, ohne Rüschen. Anschließend neigte sie den Kopf ein wenig und prüfte ihr Erscheinungsbild. »Nun, ein bißchen Spitze«, sagte sie. »Und… etwas mehr… Mieder.« Sie nickte ihrem Spiegelbild zu. Es zeigte nun ein Kleid, das eine Su- sanne bestimmt nicht tragen würde. Allerdings befürchtete sie, daß ihr eine elementare Susannenartigkeit anhaftete, die das Gewand früher oder später durchdringen würde. »Freut mich, daß du hier bist«, sagte sie. »Andernfalls verlöre ich be- stimmt den Verstand. Haha.« Dann brach sie auf, um ihren Großva… um Tod zu besuchen., Es gab einen Ort, an dem er sein mußte. Stumm betrat Glod die Unsichtbare Universität. Zwerge respektierten die Gelehrtheit, solange sie diese nicht selbst erfahren mußten. Er zupfte am Mantel eines vorbeieilenden jungen Zauberers. »Hier treibt sich doch irgendwo ein Affe herum, nicht wahr?« fragte er. »Ein großer, dicker, haariger Affe mit zwei Oktaven breiten Händen.« Der Zauberer – ein bläßlicher Student, der seine Studien nach dem er- sten akademischen Grad fortsetzte – blickte auf Glod herab und offen- barte dabei jene Art von Geringschätzung, die gewisse Personen für Zwerge reservieren. Es war nicht besonders lustig, Student an der Unsichtbaren Universität zu sein. Man mußte jede Gelegenheit für einen Spaß nutzen. Die Lippen des Studenten formten ein breites, unschuldiges Lächeln. »Oh, ja«, sagte er. »Ich glaube, er ist in seiner Werkstatt unten im Kel- ler. Du solltest darauf achten, ihn auf die richtige Weise anzusprechen.« »Ach?« erwiderte Glod. »Du darfst auf keinen Fall vergessen zu fragen: ›Möchtest du eine Erd- nuß, Herr Tier?‹« Der junge Zauberer winkte zwei Kollegen herbei. »Das stimmt doch, oder? Er muß Herr Tier sagen.« »Oh, natürlich«, erwiderte einer der beiden anderen Studenten. »Wenn du ganz sicher gehen willst, den Bibliothekar nicht zu verärgern, solltest du dich unter den Armen kratzen. Das beruhigt ihn.« »Und sag ab und zu ›ugh-ugh-ugh‹«, schlug der dritte Student vor. »Das gefällt ihm sehr.« »Herzlichen Dank für den Rat«, sagte Glod. »Wo geht’s zur Werk- statt?« »Wir führen dich hin«, meinte der erste Student. »Das ist sehr nett von euch.« »Schon gut. Wir helfen gern.«, Die drei jungen Zauberer geleiteten Glod eine Treppe hinunter und durch einen Tunnel. Licht fiel hier und dort durch grünes Glas in der Decke. Manchmal hörte der Zwerg leises Kichern hinter sich. Der Bibliothekar hockte in einem langen, hohen Keller auf dem Bo- den. Verschiedene Gegenstände lagen vor ihm: ein Wagenrad, Holzstük- ke, Knochen, Pfeifen, Stangen und mehrere Drahtrollen. In Ankh- Morpork würden sich einige Leute über halb demontierte Pumpen und Löcher in Zäunen wundern. Der Orang-Utan kaute an einem Rohr und betrachtete das Durcheinander nachdenklich. »Das ist er«, sagte einer der Studenten und gab Glod einen sanften Stoß. Der Zwerg trat vor. Hinter ihm erklang wieder das erwartungsvolle Ki- chern. Er klopfte dem Bibliothekar auf die Schulter. »Bitte um Verzeihung…« »Ugh?« »Die jungen Burschen da drüben haben dich ›Tier‹ genannt«, sagte Glod. Er deutete über die Schulter zur Tür. »An deiner Stelle würde ich eine Entschuldigung von ihnen verlangen.« Ein metallisches Knirschen erklang, gefolgt von hektischem Schnau- fen, als sich die jungen Zauberer gegenseitig behinderten bei dem Ver- such, aus dem Keller zu fliehen. Der Bibliothekar hatte ein Rohr ohne sichtbare Anstrengung zu einem U gebogen. Glod ging zur Tür und sah in den Korridor. Ein zertretener Zaube- rerhut lag auf den Fliesen. »Interessant«, sagte er. »Die Frage ›Wo steckt der Bibliothekar?‹ hätte vermutlich zu der Antwort geführt: ›Hau ab, du blöder Zwerg.‹ Es kommt eben darauf an, richtig mit den Leuten umzugehen.« Er kehrte in die Werkstatt zurück und nahm neben dem Orang-Utan Platz, der dem Rohr gerade eine weitere Kurve hinzufügte. »Was machst du da?« fragte Glod. »Uugh-uugh-UGH!«, »Mein Vetter Modo ist hier Gärtner«, sagte Glod. »Er nennt dich einen guten Pianisten.« Er beobachtete die Hände, die damit fortfuhren, dem Rohr eine neue Form zu geben. Sie waren groß. Und der Bibliothekar hatte gleich vier davon. »Ich bin sicher, daß er sich nicht geirrt hat.« Der Orang-Utan griff nach einem Stück Holz und biß versuchsweise hinein. »Was hältst du davon, wenn du uns heute abend in der Trommel Gesell- schaft leistest und das Pianoforte spielst?« fragte Glod. »Mit ›uns‹ meine ich mich selbst, Klippe und Buddy.« Der Bibliothekar sah ihn aus braunen Augen an, nahm ein anderes, längeres Stück Holz und zupfte an imaginären Saiten. »Ugh?« »Ja, genau«, bestätigte Glod. »Der Junge mit der Gitarre.« »Iiek.« Der Bibliothekar schlug einen Salto rückwärts. »Uughuugh-uugha-UUUgha-UUGH!« »Wie ich sehe, bist du schon richtig in Schwung«, sagte Glod. Susanne sattelte das Pferd und stieg auf. Jenseits von Tods Garten erstreckten sich Kornfelder, und ihr goldener Glanz war die einzige Farbe in der Landschaft. Beim Gras (schwarz) und den Apfelbäumen (schimmerndes Schwarz auf schwarzem Grund) hatte Tod nicht viel Geschick bewiesen. Die volle Farbtiefe, die allen anderen Dingen fehlte, kam allein im Kornfeld zum Ausdruck. Die Getreidehal- me neigten sich hin und her, wie von einem sanften Wind gestreichelt. Aber es rührte sich kein Lüftchen. Aus irgendeinem Grund schien das Korn eine besondere Rolle für Tod zu spielen. Ein Pfad führte durch das Feld – sechs- oder siebenhundert Meter weit – und endete dann abrupt. Jemand schien ihn gelegentlich zu beschrei- ten, um dann mitten im Feld stehenzubleiben und sich umzusehen. Binky trabte über den Weg, verharrte am Ende und drehte sich um, ohne eine einzige Ähre zu berühren., »Ich weiß nicht, wie du es anstellst«, flüsterte Susanne dem Hengst ins rechte Ohr. »Aber bestimmt kannst du es. Und du weißt, wohin ich möchte.« Das Pferd schien zu nicken. Albert hatte Binky ein gewöhnliches Roß genannt, aber wenn man jahrhundertelang von Tod geritten wurde, lern- te man sicher das eine oder andere. Außerdem schien der Hengst von Anfang an ziemlich intelligent gewesen zu sein. Er setzte sich wieder in Bewegung, trabte und galoppierte schließlich. Und dann flackerte der Himmel einmal. Susanne hatte mehr erwartet. Blitzende Sterne, die plötzlich lange Strei- fenmuster in allen Regenbogenfarben bildeten… nicht nur ein banales Flackern. Es schien einer Reise, die über eine Kluft von fast siebzehn Jahren hinwegführte, nicht angemessen zu sein. Das Kornfeld existierte nicht mehr – besser gesagt, noch nicht –, doch der Garten bot den gleichen Anblick. Susanne sah seltsam beschnittene Bäume und einen kleinen Teich, in dem ein Fischskelett schwamm. In anderen Gärten gab es fröhliche Zwerge, die bunte Schubkarren scho- ben; hier standen kleine Skelette, ausgestattet mit schwarzen Umhängen und Sensen. Manche Dinge änderten sich nicht. Der Stall bot eine Überraschung: Binky stand dort. Er wieherte leise, als Susanne ihn in eine leere Box führte, neben sei- nem jüngeren Selbst. »Ihr kennt euch bestimmt«, sagte sie. Eigentlich hatte sie nicht damit gerechnet, daß es funktionierte, doch als sie nun darüber nachdachte… Warum nicht? Die Zeit war etwas, das anderen Leuten zustieß, oder? Sie betrat das Haus. NEIN. ICH DARF KEINEN MENSCHLICHEN APPELLEN GEHORCHEN. ICH KANN ZU NICHTS GEZWUNGEN WERDEN. ICH TREFFE NUR DIE ENTSCHEIDUNGEN, DIE ICH FÜR RICHTIG HALTE… Susanne schlich an den mit Lebensuhren gefüllten Regalen entlang. Niemand bemerkte sie. Wer Tod bei einem Kampf zusieht, achtet nicht auf Schatten im Hintergrund., Davon hatten sie ihr nie erzählt. Darüber schwiegen Eltern immer. Ihr Vater mochte Tods Lehrling sein und ihre Mutter seine Adoptivtochter, aber das verlor an Bedeutung, wenn sie Eltern wurden. Eltern waren nie jung. Sie warteten nur darauf, Eltern zu werden. Susanne erreichte das Ende der Regale. Tod stand vor ihrem Vater – beziehungsweise vor dem jungen Mann, der später einmal ihr Vater sein sollte. Drei rote Striemen glühten auf seiner Wange, wo Tods Hand sie ge- troffen hatte. In einem Reflex tastete Susanne nach den blassen Linien auf ihrer eigenen Wange. Aber so funktioniert Vererbung nicht. Zumindest nicht die… normale… Ihre Mutter – die junge Frau, die später einmal ihre Mutter sein sollte – preßte sich an eine Säule. Ihr Aussehen hatte sich mit zunehmendem Alter verbessert, fand Susanne. Zumindest war sie in der Wahl ihrer Kleidung anspruchsvoller geworden. Susanne schüttelte sich innerlich. Sie dachte an Mode? Ausgerechnet jetzt? Tod stand vor Mort, in der einen Hand ein Schwert, in der anderen die Lebensuhr seines Lehrlings. DU AHNST NICHT, WIE SEHR ICH DAS BEDAUERE, sagte er. »Vielleicht doch«, erwiderte Mort. Tod hob den Kopf und begegnete Susannes Blick. In seinen leeren Augenhöhlen glühte es blau, und das Mädchen versuchte, mit den Schat- ten zu verschmelzen. Tod sah zu Mort, zu Ysabell, wieder zu Susanne und erneut zu Mort. Er lachte. Und drehte die Lebensuhr um. Er lachte abermals. Und schnippte mit den Fingern. Mort verschwand mit dem leisen »Plop!« implodierender Luft. Dassel- be wiederholte sich bei Ysabell und den anderen., Plötzlich herrschte Stille. Tod stellte das Stundenglas vorsichtig auf den Tisch und starrte eine Zeitlang an die Decke. Dann fragte er: ALBERT? Der Diener trat hinter einer Säule hervor. SEI BITTE SO NETT UND BRING MIR EINE TASSE TEE. »Ja, Herr. Hehe, du hast es ihm ganz schön gegeben…« DANKE. Albert eilte in Richtung Küche. Erneut war es still. Soweit es im Zimmer mit den Lebensuhren über- haupt still sein konnte. KOMM HERAUS. Susanne folgte der Aufforderung und trat vor die Letzte Realität. Tod war zwei Meter zehn groß und wirkte noch größer. Susanne ent- sann sich vage an eine Gestalt, die sie auf den Schultern durch große dunkle Räume trug. In ihrer Erinnerung war er immer eine Art Mensch gewesen – jemand, der mehr Knochen zu haben schien als andere Leute, aber immer menschlich blieb, auf eine Weise, die sie nicht erklären konnte. Diese Erscheinung hingegen war nicht menschlich. Groß, stolz und schrecklich ragte sie vor Susanne auf. Gelegentlich entschied sie, die Re- geln hier und dort etwas freier als sonst auszulegen, aber das machte die Gestalt keineswegs menschlicher. Dies ist der Hüter des Weltentores, dachte Susanne. Per definitionem unsterblich. Das Ende allen Seins. Er ist mein Großvater. Wird es sein. Ist es. War es. Susannes Gedanken kehrten zu dem Etwas im Apfelbaum zurück. Sie sah an dem Schwarz vor ihr empor und dachte dabei an den Baum. Für beide Bilder schien in einem Bewußtsein nicht genug Platz zu sein. NA SOWAS, sagte Tod. DU HAST VIEL VON DEINER MUTTER. UND VON DEINEM VATER. »Woher weißt du, wer ich bin?« fragte Susanne. ICH HABE EIN EINZIGARTIGES GEDÄCHTNIS., »Aber wie kannst du dich an mich erinnern? Ich bin noch nicht einmal geboren!« ICH HABE VON EINZIGARTIGKEIT GESPROCHEN. DEIN NAME LAUTET… »Susanne, aber…« SUSANNE? wiederholte Tod bitter. SIE WOLLTEN WIRKLICH AUF NUMMER SICHER GEHEN, WIE? Er setzte sich, hielt die Fingerspitzen aneinander und musterte Susan- ne. Sie hielt seinem Blick stand. SAG MIR…, ließ sich Tod nach einer Weile vernehmen. WAR ICH… WERDE ICH… BIN ICH EIN GUTER GROSSVATER? Susanne biß sich nachdenklich auf die Lippe. »Wenn ich dir Antwort gebe… entsteht dadurch nicht ein Paradoxon?« NICHT FÜR UNS. »Nun, du hast harte Knie.« Tod starrte sie groß an. HARTE KNIE? »Ja. Tut mir leid.« BIST DU HIERHERGEKOMMEN, UM MIR ZU SAGEN, DASS ICH HARTE KNIE HABE? »Du wirst vermißt. In… äh… der Zeit, aus der ich komme. Ich muß die Pflicht erfüllen. Albert ist sehr besorgt. Ich habe beschlossen, dich hier zu besuchen, um… Aufschluß zu erhalten. Ich wußte nicht, daß mein Vater für dich arbeitete.« ER HATTE EIGENE VORSTELLUNGEN VON DER PFLICHT. »Was hast du mit ihm gemacht?« ER UND DEINE MUTTER SIND VORERST IN SICHERHEIT. ICH BIN FROH, DASS ES VORBEI IST. DIE STÄNDIGE PRÄSENZ VON MENSCHEN BEGANN MICH ZU BEEINFLUSSEN. AH, ALBERT… Albert erschien mit einem Tablett am Rand des Teppichs., BITTE BRING NOCH EINE TASSE. Der Diener sah sich um, ohne Susanne zu bemerken. Wer Frau An- stand gegenüber unsichtbar sein konnte, hatte bei anderen Leuten keine Probleme damit. »Ja, Herr.« ICH WERDE ALSO VERMISST, sagte Tod, als Albert in die Küche schlurfte. UND DU GLAUBST, MICH VERTRETEN ZU MÜSSEN? AUSGERECHNET DU? »Ich wollte es nicht. Das Pferd und die Ratte kamen zu mir!« DIE RATTE? »Äh… das muß vielleicht erst noch geschehen.« OH, JA, ICH ERINNERE MICH. HM. EIN MENSCH ERLEDIGT MEINEN JOB? NUN, ES IST NICHT VÖLLIG AUSZUSCHLIESSEN. ABER WARUM? »Ich glaube, Albert weiß etwas, aber er wechselt immer wieder das Thema.« Albert kehrte mit einer zweiten Tasse zurück und stellte sie ziemlich verdrießlich auf Tods Schreibtisch ab. »Ist das alles, Herr?« fragte er. JA, ALBERT. DANKE. Der Diener ging, aber langsamer als sonst. Immer wieder warf er einen Blick über die Schulter. »Er ändert sich nicht, oder?« fragte Susanne. »Nun, darum geht es ja hier an diesem Ort, aber…« WAS HÄLTST DU VON KATZEN? »Wie bitte?« KATZEN. GEFALLEN SIE DIR? »Nun…« Susanne zögerte. »Sie sind soweit in Ordnung. Aber eine Katze ist eben nur eine Katze.« SCHOKOLADE, sagte Tod. MAGST DU SCHOKOLADE? »Oh, ich glaube, es ist möglich, zuviel davon zu essen«, erwiderte Su- sanne., OFFENBAR KOMMST DU NICHT NACH YSABELL. Susanne nickte. Das Lieblingsgericht ihrer Mutter war Schokolade mit viel Schokolade gewesen. UND DEIN GEDÄCHTNIS? HAST DU EIN GUTES GEDÄCHTNIS? »O ja. Ich erinnere mich an… Dinge. Ich weiß, was der Tod zu tun hat. Wie alles funktioniert. Da fällt mir ein: Eben hast du gesagt, du erin- nerst dich an die Sache mit der Ratte, aber sie ist doch noch gar nicht passiert…« Tod stand auf und ging zu einem Modell der Scheibenwelt. MORPHISCHE RESONANZ, erklärte er, ohne den Blick auf Susan- ne zu richten. DIE LEUTE HABEN NOCH NICHT EINMAL BEGONNEN, SO ETWAS ZU VERSTEHEN. SEELENSCHWINGUNGEN UND DERGLEICHEN. SOLCHE DINGE SIND FÜR VIELES VERANTWORTLICH. Susanne holte Imps Lebensuhr hervor. Noch immer wogte blauer Rauch in der oberen Hälfte. »Kannst du mir hierbei helfen?« fragte sie. Tod drehte sich um. ICH HÄTTE DEINE MUTTER NIE ADOPTIEREN SOLLEN. »Warum hast du sie adoptiert?« Tod zuckte mit den Achseln. WAS IST DAS? Er griff nach Buddys Lebensuhr und hob sie hoch. AH. INTERESSANT. »Weißt du, was das bedeutet, Opa?« ICH HABE SO ETWAS NIE ZUVOR GESEHEN, ABER ES IST THEORETISCH MÖGLICH. UNTER GEWISSEN UMSTÄNDEN. ES BEDEUTET, DASS ER… IRGENDWIE… RHYTHMUS IN DER SEELE HAT… OPA? »O nein. Unmöglich. Das ist doch nur eine Redensart. Und was hast du gegen ›Opa‹?«, MIT »GROSSVATER« KANN ICH LEBEN. ABER »OPA«? VON DORT IST ES NICHT MEHR WEIT BIS »OPI« ODER GAR »OPILEIN«. UND ÜBERHAUPT: ICH DACHTE, DU DENKST LOGISCH. AUCH EINE REDENSART KANN DER WAHRHEIT ENTSPRECHEN. Tod winkte vage mit der Sanduhr. ZUM BEISPIEL DIE SACHE MIT DEM REGEN UND DER TRAUFE, sagte er. WARUM SOLL ES SO SCHLIMM SEIN, VOM REGEN IN DIE TRAUFE ZU GERATEN? MAN IST DOCH EH SCHON NASS… Tod unterbrach sich. ES GEHT SCHON WIEDER LOS! WARUM SPIELT ES EINE ROLLE FÜR MICH, WAS DIE DUMMEN WORTE BEDEUTEN? SIE SIND UNWICHTIG! WER SICH MIT MENSCHEN EINLÄSST, KANN BALD NICHT MEHR KLAR DENKEN. GLAUB MIR. VERMEIDE ES, IN IHRE ANGELEGENHEITEN GEZOGEN ZU WERDEN. »Aber ich bin ein Mensch.« ICH HABE NICHT BEHAUPTET, DASS ES EINFACH IST. AM BESTEN DENKST DU GAR NICHT DARAN. VERBANNE ALLE GEFÜHLE AUS DIR. »Damit kennst du dich aus, wie?« erwiderte Susanne hitzig. IN DER JÜNGSTEN VERGANGENHEIT HABE ICH MIR DANN UND WANN ETWAS GEFÜHL GELEISTET, räumte Tod ein. ABER ICH KANN ES JEDERZEIT AUFGEBEN. Erneut hob er das Stundenglas. WIR ERLEBEN HIER EIN INTERESSANTES PHÄNOMEN, sag- te er. MUSIK IST VON NATUR AUS UNSTERBLICH UND KANN MANCHMAL DAS LEBEN DERJENIGEN VERLÄNGERN, DIE IN EINEM ENGEN KONTAKT MIT IHR STEHEN. ICH HABE BEMERKT, DASS BERÜHMTE KOMPONISTEN OFT BESONDERS LANGE LEBEN. DIE MEISTEN VON IHNEN SIND STOCKTAUB, WENN ICH ZU IHNEN KOMME. IRGENDEIN GOTT FINDET DAS VERMUTLICH SEHR, LUSTIG. Tod brachte es fertig, Verachtung zum Ausdruck zu bringen. ES ENTSPRICHT DER GÖTTLICHEN VORSTELLUNG VON EINEM WITZ.* Er stellte das Stundenglas ab und klopfte mit einem knöchernen Finger dagegen. Ein seltsames Geräusch erklang. Es hörte sich an wie Whauuuooommmii- ieeeh-dadumm-dadumm-dadumm. ER HAT KEIN LEBEN. ER HAT MUSIK. »Wurde er von Musik… übernommen?« SO KÖNNTE MAN ES AUSDRÜCKEN. »Und das verlängert sein Leben?« DAS LEBEN IST DEHNBAR. MANCHMAL GESCHIEHT SO ETWAS BEI MENSCHEN. ES PASSIERT NICHT OFT, UND IN DEN MEISTEN FÄLLEN SIND DIE UMSTÄNDE TRAGISCH. DOCH DIES IST KEIN MENSCH, SONDERN MUSIK. »Er spielte etwas, ein Saiteninstrument, das einer Gitarre ähnelte…« Tod drehte sich um. TATSÄCHLICH? NA SO WAS… »Ist es wichtig?« NUN, ES IST… INTERESSANT. »Sollte ich darüber Bescheid wissen?« ES HAT KEINE BEDEUTUNG IN DEM SINN. IN GEWISSER WEISE IST ES EINE MYTHOLOGISCHE ANEKDOTE. DIE ANGELEGENHEIT WIRD SICH REGELN, VERLASS DICH DRAUF. »Sie wird sich regeln? Wie meinst du das?« VERMUTLICH STIRBT DER JUNGE IN EINIGEN TAGEN. Susanne starrte auf die Lebensuhr hinab. »Wie schrecklich!« * Allerdings geht der Witz daneben. Taubheit hindert Komponisten keineswegs daran, die Musik zu hören. Sie schützt sie nur vor Ablenkung., STEHST DU IN EINER ENGEREN BEZIEHUNG ZU IHM? »Was? Nein! Ich habe ihn nur einmal gesehen.« EURE BLICKE… TRAFEN SIE SICH ÜBER DIE KÖPFE VIELER ANDERER LEUTE HINWEG ODER DERGLEICHEN? »Nein! Natürlich nicht.« WARUM LIEGT DIR DANN ETWAS AN IHM? »Weil er… weil er ein Mensch ist, deshalb«, erwiderte Susanne. Sie war von sich selbst überrascht. »Ich sehe nicht ein, warum mit dem Leben einer Person herumgepfuscht wird«, fügte sie ein wenig unsicher hinzu. »Das ist alles. Ach, ich weiß nicht.« Tod bückte sich, bis sein Kopf auf einer Höhe mit dem Gesicht des Mädchens war. IST DIR NOCH NICHT AUFGEFALLEN, DASS DIE MEISTEN LEUTE DUMM SIND UND IHR LEBEN VERGEUDEN? HAST DU NICHT VON BINKYS RÜCKEN AUS AUF EINE STADT HINABGEBLICKT UND GEDACHT, WIE SEHR SIE EINEM AMEISENHAUFEN ÄHNELT? EIN AMEISENHAUFEN VOLLER BLINDER GESCHÖPFE, DIE IHRE KLEINE WELT FÜR REAL HALTEN… MAN SIEHT DIE KLEINEN FENSTER UND MÖCHTE SICH VORSTELLEN, DASS ES DAHINTER INTERESSANTE GESCHICHTEN GIBT. DOCH MAN WEISS, DASS DORT NUR ABSOLUT LANGWEILIGE SEELEN EXISTIEREN, NAHRUNGSKONSUMENTEN, DIE IHRE INSTINKTE MIT GEFÜHLEN VERWECHSELN UND GLAUBEN, IHR BANALES LEBEN SEI WICHTIGER ALS EIN WINDHAUCH. Das blaue Glühen in den leeren Augenhöhlen war unauslotbar tief und schien Susannes Gedanken anzusaugen. »Nein«, flüsterte sie. »Nein, so etwas habe ich nie gedacht.« Tod straffte seine Gestalt abrupt und drehte sich um. SOLCHE VORSTELLUNGEN SIND MANCHMAL RECHT HILFREICH, sagte er., »Aber es ist doch alles nur Chaos«, entgegnete Susanne. »Die Art und Weise, wie Leute sterben… hat keinen Sinn. Und es gibt keine Gerechtig- keit!« HA! »Du kannst etwas unternehmen«, beharrte Susanne. »Immerhin hast du meinen Vater gerettet.« DAS WAR SEHR DUMM VON MIR. WER DAS SCHICKSAL EINES EINZELNEN MENSCHEN ÄNDERT, ÄNDERT DAMIT AUCH DIE WELT. DAS WEISS ICH NUN. DIR SOLLTE ES EBENFALLS KLAR SEIN. Tod kehrte seiner Enkelin noch immer den Rücken zu. »Warum sollten wir die Dinge nicht verändern, wenn die Welt dadurch besser wird?« fragte Susanne. HA! »Hast du etwa Angst davor, die Welt zu verändern?« Tod drehte sich um. Sein Gesichtsausdruck ließ Susanne zurückwei- chen. Langsam trat er auf sie zu und zischte: DIESE WORTE RICHTEST DU AN MICH? DU STEHST DA IN DEINEM HÜBSCHEN KLEID UND SAGST SO ETWAS ZU MIR? FÜR WEN HÄLTST DU DICH? DU SPRICHST DAVON, DIE WELT ZU VERÄNDERN. BIST DU MUTIG GENUG, SIE ZU AKZEPTIEREN, ZU ERKENNEN, WAS GETAN WERDEN MUSS, UND DANN DER PFLICHT ZU GENÜGEN? GIBT ES AUCH NUR EINEN EINZIGEN MENSCHEN, DER WIRKLICH BEGREIFT, WAS PFLICHT BEDEUTET? Wie in einem Krampf öffnete und schloß er die Hände. ERINNERE DICH… FÜR UNS IST DIE ZEIT NUR EIN ORT. ALLES LIEGT VOR UNS AUSGEBREITET. WIR SEHEN, WAS WAR, WAS IST UND WAS SEIN WIRD. WER DARAN ETWAS ÄNDERT, TRÄGT AUCH DIE VERANTWORTUNG DAFÜR. UND DAS IST EINE SEHR SCHWERE BÜRDE. »Ausflüchte, nichts weiter!«, Susanne warf der großen schwarzen Gestalt einen zornigen Blick zu, drehte sich um und ging mit langen Schritten zur Tür. SUSANNE? Sie blieb auf halbem Wege stehen, wandte sich jedoch nicht um. »Ja?« HABE ICH WIRKLICH… HARTE KNIE? »Ja!« Vermutlich war es das erste Piano-Futteral in der Geschichte des Multi- versums, und es bestand auch noch aus einem Teppich. Klippe schwang sich das Bündel auf die Schulter und griff mit der anderen Hand nach dem Steinsack. »Ist es schwer?« fragte Buddy. Klippe hielt das eingepackte Piano in der Hand und wog es nachdenk- lich. »Ein bißchen«, erwiderte er. Unter ihm knarrten die Dielen. »Du glaubst, wir noch mehr Teile sollten herausnehmen?« »Es klappt bestimmt«, sagte Glod. »Es ist wie… bei einer Kutsche. Je mehr man wegnimmt, desto leichter und schneller wird sie. Komm.« Sie gingen los. Buddy versuchte, so unauffällig zu wirken, wie es in der Gesellschaft eines Zwergs mit einem großen Horn, eines Affen und ei- nes Trolls mit einem Piano auf der Schulter möglich ist. »Kutsche gefällt mir«, sagte Klippe, als sie zur Geflickten Trommel wan- derten. »Große schwarze Kutsche mit lauter Schildern dran.« »Schilder?« fragte Buddy, der sich allmählich an seinen neuen Namen gewöhnte. »Er meint Schilde. Wappen und so.« »Oh.« »Und so«, bestätigte Klippe. »Ja.« »Was würdest du mit einem Haufen Gold anfangen, Glod?« fragte Buddy, der jetzt tatsächlich ohne Akzent sprach. Die Gitarre im Beutel untermalte seine Stimme mit einem melodischen Summen., Glod zögerte. Ein Teil von ihm wollte darauf hinweisen, daß für Zwerge der Besitz eines Haufens Gold in erster Linie bedeutete, einen Haufen Gold zu besitzen. Gold brauchte nur Gold zu sein und keinen anderen Zweck zu erfüllen. »Keine Ahnung«, erwiderte er. »Habe nie an die Möglichkeit gedacht, Eigentümer eines Goldhaufens zu sein. Und du?« »Ich habe geschworen, der berühmteste Musiker auf der ganzen Welt zu werden.« »Ein solcher Schwur sehr gefährlich ist«, sagte Klippe. »Ugh.« »Wünschen sich das nicht alle Künstler?« fragte Buddy. Glod wirkte skeptisch. »Nach meinen Erfahrungen wünschen sich wahre Künstler vor allem, bezahlt zu werden.« »Und berühmt zu sein«, fügte Buddy hinzu. »Von Berühmtheit weiß ich nicht viel«, sagte Glod. »Es ist schwierig, berühmt und am Leben zu sein. Ich möchte nur jeden Tag musizieren und jemanden sagen hören: ›Danke, das war großartig, hier hast du ein wenig Geld. Morgen um die gleiche Zeit, in Ordnung?‹« »Das ist alles?« »Es ist eine ganze Menge. Mir gefällt es, wenn jemand sagt: ›Wir brau- chen einen guten Hornisten; holt Glod Glodson.‹« »Klingt nicht besonders aufregend«, meinte Buddy. »Mir gefällt’s, wenn Sachen nicht besonders aufregend sind. Dadurch halten sie länger.« Sie erreichten den Hintereingang der Geflickten Trommel und betraten ein düsteres Zimmer, in dem es nach Ratten und Bier aus zweiter Hand roch. Stimmengemurmel wies den Weg zum Schankraum. »Das Publikum scheint heute abend ziemlich groß zu sein«, sagte Glod. Hibiskus kam herein. »Seid ihr soweit, Jungs?« erkundigte er sich. »Einen Augenblick«, knirschte Klippe. »Wir noch nicht gesprochen über unser Honorar.«, »Ich habe euch sechs Dollar angeboten«, entgegnete der Wirt. »Was erwartet ihr denn? Die Gildenquote beträgt acht Dollar, aber ihr seid keine Gildenmitglieder.« »Es käme uns auch nicht in den Sinn, acht Dollar zu verlangen«, sagte Glod. »Gut!« »Wir wollen sechzehn!« »Sechzehn? Ausgeschlossen! Das ist fast der doppelte Gildensatz!« »Es sind ziemlich viele Leute da«, sagte Glod. »Bestimmt fließt ‘ne Menge Bier durch den Zapfhahn. Nun, wir können auch nach Hause gehen.« »Laß uns darüber reden.« Hibiskus legte Glod den Arm um die Schul- ter und führte ihn in eine Ecke des Zimmers. Buddy beobachtete, wie der Bibliothekar das Piano prüfte. Er hatte nie zuvor gesehen, daß ein Musiker versuchte, sein Instrument zu verspei- sen. Dann hob der Orang-Utan den Deckel der Klaviatur und berührte einige Tasten. Vielleicht wollte er auf diese Weise ihren Geschmack fest- stellen. Glod kehrte zurück und rieb sich die Hände. »Dem hab ich’s gezeigt«, sagte er. »Ha!« »Wieviel?« fragte Klippe. »Sechs Dollar!« Einige Sekunden lang war es still. Buddy räusperte sich. »Entschuldige. Fehlt da nicht irgendwo die Silbe -zehn?« »Ich mußte hart bleiben«, sagte Glod. »Einmal ging er bis auf zwei Dollar runter.« Einige Religionen behaupten, das Universum hätte mit einem Wort, ei- nem Lied, einem Tanz oder einem Musikstück begonnen. Die Lau- schenden Mönche in den Spitzhornbergen haben ihr Gehör so sehr ver- feinert, daß sie den Wert einer Spielkarte feststellen können, indem sie ihr lauschen. Sie verbringen ihre Zeit damit, den subtilen Geräuschen des, Kosmos zuzuhören und aus den fossilen Echos die ersten Klänge zu rekonstruieren. Ihrer Meinung nach gab es ganz zu Anfang ein sehr seltsames Ge- räusch. Die empfindlichsten Ohren (beim Poker gewinnen sie häufiger als alle anderen) horchen den gefrorenen Echos in Ammoniten und Bernstein. Sie sind absolut sicher, daß es vor dem »sehr seltsamen Geräusch« noch etwas anderes gab. Etwas, das sich nach kurzem Zählen anhörte: eins, zwei, drei, vier… Der beste aller guten Horcher, auf Basalt spezialisiert, wies darauf hin, daß er noch frühere Zahlen gehört habe, ganz leise und kaum zu verste- hen. Als man ihn um eine Erklärung hat, erwiderte er: »Es hörte sich an wie ›eins, zwei‹.« Wenn es wirklich ein Geräusch gab, dem das Universum seine Entste- hung verdankt… dann fragt man sich, was später daraus wurde. Die Antwort lautet: Es ist Mythologie, und mit Mythologie muß man sich abfinden, ohne Fragen zu stellen. Natürlich gab es auch andere Überzeugungen. Ridcully glaubte, daß al- les durch Zufall entstanden war – oder aus reiner Gehässigkeit wie der Dekan. Normalerweise tranken die älteren Zauberer nicht in der Geflickten Trommel – es sei denn, sie hatten frei. Sie ahnten nun, daß sie die Taverne in einer nicht genau definierten offiziellen Funktion besuchten, was dazu führte, daß sie ein wenig unsicher vor ihren Gläsern saßen. Um sie her- um erstreckte sich ein Ring aus freien Plätzen. Aber er war nicht groß, denn an diesem Abend hielten sich viele Personen in der Trommel auf. »Hier mangelt’s nicht an Atmosphäre«, sagte Ridcully und sah sich um. »Ah, wie ich sehe, wird Turbots Wirklich Seltsames ausgeschenkt. Für mich einen Krug davon, bitte.« Die Zauberer beobachteten, wie der Erzkanzler trank. Das Bier von Ankh-Morpork hat einen ganz besonderen Geschmack, was am Wasser liegt. Manche Leute vergleichen es mit Kraftbrühe, aber sie irren sich: Kraftbrühe ist kälter., Ridcully leckte sich glücklich die Lippen. »Ah, hier in Ankh-Morpork wissen wir, woraus gutes Bier hergestellt wird«, sagte er. Die anderen Zauberer nickten. Sie wußten es tatsächlich. Deshalb tranken sie Gin Tonic. Ridcully blickte sich erneut um. Für gewöhnlich fand um diese Zeit ir- gendwo ein Kampf statt, zumindest eine halbherzige Messerstecherei. Statt dessen unterhielten sich die Leute nur und sahen immer wieder zu der kleinen Bühne auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, wo nichts geschah. Ein Tuch bildete eine Art Vorhang, und immer wieder stieß von hinten etwas dagegen. Ridcully und seine Begleiter saßen nah an der Bühne – Zauberer be- kommen immer gute Plätze. Der Erzkanzler glaubte, Schatten hinter dem Tuch zu erkennen. Stimmen flüsterten. »Er fragte nach unserem Namen. Wie heißen wir?« »Klippe, Buddy, Glod und der Bibliothekar. Das weiß er doch.« »Nein, wir brauchen einen Namen für uns alle.« »Müssen jetzt rationiert werden Namen?« »Etwas in der Art von ›Die fröhlichen Troubadoure‹.« »Ugh!« »›Glod und die Glodetten‹?« »Ach? Wie es wäre mit ›Klippe und die Klippetten‹?« »Ugh ugh Ugh-ugh?« »Nein. Wir brauchen eine andere Art von Namen. Er muß zur Musik passen.« »Was haltet ihr von Gold? Ist ein guter Zwergenname.« »Nein. Ich dachte an etwas anderes.« »Na schön. Silber.« »Ugh!« »Ich glaube nicht, daß wir uns nach einer Art von schwerem Metall nennen sollten, Glod.«, »Warum brauchen wir denn was Besonderes? Wir sind einige Musiker, die musizieren.« »Namen sind wichtig.« »Die Gitarre ist etwas Besonderes. Ich schlage ›Die Band, zu der auch Buddys Gitarre gehört‹ vor.« »Ugh.« »Der Name darf nicht so lang sein.« »Äh…« Das Universum hielt den Atem an. »Die ›Band Mit Steinen Drin‹?« »Ja, das gefällt mir. Kurz und ein bißchen gemein, so wie ich.« »Ugh.« »Wir sollten der Musik nach einen Namen geben.« »Früher oder später haben wir bestimmt eine Idee.« Ridcullys Blick wanderte durch den Schankraum. Auf der anderen Seite bemerkte er Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper, den spektakulärsten erfolglosen Geschäftsmann von Ankh- Morpork. Er versuchte gerade, jemandem eine verdächtige Bockwurst anzudrehen – ein sicheres Zeichen dafür, daß in jüngster Vergangenheit irgendein todsicheres Geschäft fehlgeschlagen war. Schnapper verkaufte nur dann heiße Würstchen, wenn alle anderen Einkommensquellen ver- siegten.* Er winkte Ridcully zu, ohne eine Gebühr dafür zu verlangen. Am nächsten Tisch saßen Klatschmaul Zitrone, ein Aushebungsoffi- zier der Musikergilde, und zwei Komplizen, deren musikalische Kennt- nisse sich darauf beschränkten, daß der menschliche Kopf als Schlagin- * Der Geschmack von Schnappers Würstchen verdient hier eine Erwähnung. Viele Bockwürstchen schmecken schlecht, aber Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper war es gelungen, heiße Würstchen zu vermarkten, die nach gar nichts schmeckten. Die Sache hatte etwas Unheimliches. Ganz gleich, wieviel Senf oder Ketchup man draufschmierte – die Würstchen blieben geschmacklos. Ein solches Kunststück bringen nicht einmal die Hot dogs fertig, die man in Hel- sinki gegen Mitternacht an Betrunkene verkauft., strument geeignet war. Zitrones entschlossener Gesichtsausdruck deute- te darauf hin, daß er sich nicht wegen seiner Gesundheit in der Trommel aufhielt. Die finsteren Mienen seiner beiden Begleiter ließen vielmehr vermuten, daß es ihm um die Gesundheit anderer Leute ging – er wollte sie ihnen wegnehmen. Ridcully lächelte. Der Abend mochte interessanter werden, als er zu- nächst erwartet hatte. Es gab noch einen Tisch an der Bühne. Der Erzkanzler bemerkte ihn erst, als sein Blick zum zweiten Mal in die Richtung glitt. Eine junge Frau saß dort ganz allein. Die Präsenz von jungen Frauen in der Geflickten Trommel war natürlich nicht ungewöhnlich. Das galt auch für junge Frauen ohne Begleitung. Für gewöhnlich kamen sie, weil sie Begleitung suchten. Doch diese junge Dame kam dem Erzkanzler sonderbar vor. Niemand hatte sich in ihrer Nähe niedergelassen, obgleich die Leute so dicht ge- drängt auf den Sitzbänken saßen, daß sie sich kaum mehr rühren konn- ten. Sie war auf eine dürre Weise attraktiv, fand Ridcully. Wenn er sich recht entsann, sprach man in diesem Zusammenhang von einer kühlen, herben Schönheit. Sie trug ein Kleid aus schwarzer Spitze, wie es gesun- de junge Frauen trugen, die schwindsüchtig wirken wollten. Ein Rabe saß auf ihrer Schulter. Sie drehte den Kopf, begegnete Ridcullys Blick und verschwand. Mehr oder weniger. Er war immerhin ein Zauberer. Seine Augen tränten, während die jun- ge Dame regelrecht flackerte: Mal konnte Ridcully sie sehen, mal nicht. Er hatte gehört, daß sich die Zahnfeen seit einigen Tagen in der Stadt aufhielten. Vielleicht gehörte die junge Frau zu ihnen. Hat sich wahrscheinlich den Abend freigenommen, dachte der Erz- kanzler. Etwas bewegte sich vor dem Mädchen, und Ridcully blinzelte über- rascht, als er den Rattentod sah: Das kleine Skelett lief mit einer Schale Erdnüsse über den Tisch. Er wandte sich wieder den anderen Zauberern zu. Der Dekan trug noch immer seinen spitzen Hut. Sein Gesicht glänzte., »Schwitzt du, Dekan?« fragte Ridcully. »Oh, mir ist angenehm kühl, Erzkanzler«, erwiderte der Dekan. Etwas Öliges rann an seiner Nase vorbei. Der Dozent für neue Runen schnüffelte argwöhnisch. »Ist hier jemand damit beschäftigt, Schinken zu braten?« erkundigte er sich. »Nimm den Hut ab, Dekan«, sagte Ridcully. »Dann fühlst du dich bes- ser.« »Riecht eher nach Frau Palms Haus käuflicher Zuneigung, wenn ihr mich fragt«, meinte der Oberste Hirte. Die übrigen Fakultätsmitglieder sahen ihn verblüfft an. »Ich bin mal daran vorbeigegangen, rein zufällig«, fügte der Hirte rasch hinzu. »Bitte hilf dem Dekan, den Hut abzunehmen, Dozent«, sagte Ridcully. »Ich versichere dir…« Der Hut löste sich vom Kopf des Dekans. Etwas Langes und Schmie- riges, das fast die gleiche Form hatte wie der Hut, neigte sich nach vorn. »Dekan…«, begann Ridcully schließlich, »was hast du mit deinem Haar angestellt? Vorn ist alles spitz, und hinten sieht’s aus wie ‘n Entenarsch – entschuldige mein Klatschianisch. Außerdem glänzt es.« »Schweinefett«, sagte der Dozent für neue Runen. »Daher der Schin- kengeruch.« »Ja«, pflichtete ihm Ridcully bei. »Aber außerdem riecht’s noch nach Blumen oder so.« »GrummelgrummelgrummelLavendelgrummelgrummelgrummel«, sag- te der Dekan. »Wie bitte, Dekan?« »Ich habe Lavendelöl hinzugefügt«, verkündete der Dekan laut und deutlich. »Außerdem finden einige von uns solche Frisuren schick, herz- lichen Dank. Dein Problem ist, daß du Leute in unserem Alter nicht verstehst, Erzkanzler!«, »Meinst du Personen, die sieben Monate älter sind als ich?« fragte Rid- cully. Diesmal zögerte der Dekan. »Was habe ich gerade gesagt?« brachte er verwirrt hervor. »Hast du etwa getrocknete Froschpillen genommen, alter Knabe?« brummte Ridcully. »Natürlich nicht!« entfuhr es dem Dekan. »Die sind für labile Gemüter bestimmt!« »Aha. Das ist es also.« Der Vorhang ging hoch. Besser gesagt, er wurde nicht sehr geschickt beiseite gezogen. Die Band Mit Steinen Drin blinzelte im Fackelschein. Niemand klatschte. Aber es warf auch niemand etwas. Nach den Maß- stäben der Trommel war das ein herzlicher Empfang. Ridcully sah einen großen, krausköpfigen jungen Mann, der ein In- strument in den Händen hielt, das eine unterernährte Gitarre zu sein schien – oder vielleicht ein Banjo, das bei einem Kampf benutzt worden war. Neben ihm stand ein Zwerg mit einem großen Horn. Weiter hinten ragte ein Troll auf, der in jeder Pranke einen Hammer hielt und vor dem einige Steine lagen. Und auf der einen Seite… stand der Bibliothekar vor… Ridcully sah genauer hin. Es waren die Reste eines Pianos mit Bierfässern als Beinen. Die Aufmerksamkeit des Publikums schien den jungen Mann zu läh- men. Er sagte: »Hallo… äh… Ankh-Morpork…« Damit war sein Vokabular erschöpft, und er begann zu spielen. Dem einfachen Rhythmus hätte man auf der Straße vielleicht gar keine Beachtung geschenkt. Es folgten einige krachende Akkorde… Und dann begriff Ridcully, daß eigentlich gar keine Akkorde folgen konnten, weil der ursprüngliche Rhythmus noch immer erklang. Das eine schloß das andere aus. So konnte man eine Gitarre nicht spielen. Es war völlig un- möglich., Der Zwerg blies mehrmals ins Horn, und der Troll hämmerte auf die Steine. Der Bibliothekar ließ beide Hände auf die Klaviatur des Pianos sinken, scheinbar ohne bestimmte Tasten im Sinn zu haben. Nie zuvor hatte Ridcully ein derartiges akustisches Chaos gehört. Und dann… war das Chaos kein Chaos mehr. Die Sache ähnelte dem Unsinn mit dem weißen Licht, von dem die jungen Zauberer des Forschungstraktes für hochenergetische Magie fa- selten. Sie behaupteten, alle Farben zusammen ergäben Weiß, was Rid- cully für absoluten Quatsch hielt. Jeder wußte: Wenn man alle Farben mischte, die sich auftreiben ließen, erhielt man ein grünbraunes Etwas, das von reinem Weiß kaum weiter entfernt sein konnte. Wie dem auch sei… jetzt bekam er eine vage Vorstellung von dem, was die jungen Ma- gier meinten. Alle Geräusche – das Klimpern, Krachen und Dröhnen – kamen zu- sammen und wurden Musik. Die Stirnlocke des Dekans zitterte. Das ganze Publikum geriet in Bewegung. Ridcully merkte plötzlich, daß er mit einem Fuß wippte. Er hob den anderen und trat energisch darauf. Der Troll schlug noch heftiger zu, bis die Wände wackelten. Die Finger des Bibliothekars huschten über die Klaviatur, danach die Zehen. Und über allem jaulte, heulte und sang die Gitarre ihre Melodie. Die Zauberer rutschten auf den Stühlen hin und her und fuchtelten mit den Armen. Ridcully beugte sich zum Quästor herüber und rief ihm etwas zu. »Was?« schrie der Quästor. »Sie sind alle verrückt geworden! Wir beide sind die einzigen Ausnah- men!« »Was?« »Es liegt an der Musik!« »Ja, sie ist großartig!« Der Quästor zuckte noch stärker als sonst. »Vielleicht bin ich die einzige Ausnahme!«, Ridcully lehnte sich zurück und holte das Thaumometer hervor. Das Meßgerät vibrierte so heftig wie nie zuvor, ohne sich entscheiden zu können, ob es Magie anzeigen sollte oder nicht. Er gab dem Quästor einen Stoß. »Dies hier ist keine Magie, sondern etwas anderes!« »Da hast du völlig recht!« Ridcully hatte plötzlich das Gefühl, nicht mehr die richtige Sprache zu sprechen. »Ich meine, es ist zuviel!« »Ja!« Der Erzkanzler seufzte. »Wird es Zeit für deine getrocknete Froschpille?« Rauch quoll aus dem geplagten Piano. Die Hände des Bibliothekars ar- beiteten sich unaufhaltsam durch die Tasten wie Casanunda durch ein Nonnenkloster. Ridcully sah durch den Schankraum. Er kam sich sehr allein vor. Noch jemand war von der Musik ebenfalls nicht überwältigt worden. Klatschmaul Zitrone und seine beiden Begleiter standen auf. Sie hielten häßliche Knüppel in den Händen. Ridcully kannte die Gildengesetze. Sie waren nötig, um in der Stadt für Ordnung zu sorgen – irgendwie mußte ihre Einhaltung durchgesetzt werden. Dieser Radau war bestimmt keine lizensierte Musik. Wenn es unlizensierte Musik gab, ließen sich derartige Klänge leicht dieser Kate- gorie zuordnen. Trotzdem… Er rollte die Ärmel hoch und bereitete ei- nen Feuerball vor – nur für den Fall. Einer der Männer ließ seinen Knüppel fallen, hüpfte auf einem Bein und hielt sich den Fuß. Der andere drehte sich um. Er schien von etwas am Ohr getroffen worden zu sein. Zitrones Hut bekam eine Delle, als hätte er einen Schlag auf den Kopf bekommen. Ridcullys Augen tränten, als er sich konzentrierte… und schließlich die junge Zahnfee sah. Sie rammte Klatschmaul Zitrone gerade den Griff einer Sense auf sein überraschtes Haupt., Der Erzkanzler war recht intelligent, aber manchmal bereitete es ihm Mühe, seine Gedanken in eine neue Richtung zu lenken. Es fiel ihm schwer, das mit der Sense zu verstehen – immerhin hatte Gras keine Zähne. Und dann verbrannte ihm der Feuerball die Finger, und als er sie hastig beleckte, wurde ihm klar, daß es in der Musik noch etwas anderes gab, etwas, das sich nicht damit begnügte, ein Geräusch zu sein. »O nein!« schrie Ridcully, als der Feuerball zu Boden schwebte und die Stiefel des Quästors in Brand setzte. »Es ist lebendig.« Er griff nach dem Bierkrug, trank ihn hastig aus und stellte ihn umge- kehrt auf den Tisch. Der Mond schien über der klatschianischen Wüste. Beide Seiten der punktierten Linie bekamen genau die gleiche Menge Mondschein, was Leute wie Herr Clete bedauerten. Der Feldwebel schlenderte über den festgetretenen Sand des Parade- platzes. Nach einer Weile blieb er stehen, ging in die Hocke und schob sich einen Stumpen zwischen die Lippen. Dann holte er ein Streichholz hervor und entzündete es an etwas, das aus dem Sand ragte. GUTEN ABEND. »Bestimmt hast du jetzt genug, Soldat, nicht wahr?« fragte der Feldwe- bel. GENUG VON WAS, FELDWEBEL? »Zwei Tage in der Sonne, nichts zu essen, nichts zu trinken… Vermut- lich kannst du den Durst überhaupt nicht mehr ertragen und flehst dar- um, ausgegraben zu werden, was?« JA. HIER IST ES SEHR LANGWEILIG. »Langweilig?« ICH FÜRCHTE, JA. »Langweilig? Es kann nicht langweilig sein! Es ist die Grube! Der Auf- enthalt in der Grube ist eine schreckliche geistige und körperliche Qual! Schon nach einem Tag solltest du…« Der Feldwebel warf einen raschen Blick auf die Innenfläche seiner Hand. »… im Delirium phantasieren und vollkommen übergeschnappt sein! Ich habe dich beobachtet! Du hast, nicht einmal gestöhnt! Ich sitze in meinem Dingsbums… du weißt schon, bei den Papieren und so…« BÜRO. »Ja. Ich kann mich dort einfach nicht auf die Arbeit konzentrieren. Weil ich dauernd damit rechne, daß du endlich stöhnst oder um Hilfe rufst. Statt dessen bleibst du still!« Beau Nidle sah nach oben. Er hielt eine freundliche Geste für ange- bracht. HILFE, HILFE, HILFE, HILFE, sagte er. Der Feldwebel seufzte erleichtert. DIES HIER HILFT LEUTEN BEIM VERGESSEN, NICHT WAHR? »Beim Vergessen? Die Leute vergessen alles, wenn sie in der…« GRUBE. »… stecken. Ja!« AH. DARF ICH DICH ETWAS FRAGEN? »Was?« HAST DU WAS DAGEGEN, WENN ICH NOCH EINEN TAG HIERBLEIBE? Der Feldwebel öffnete den Mund, um zu antworten. Genau in diesem Augenblick stürmten die D’regs über die nächste Düne und griffen an. »Musik?« fragte der Patrizier. »Erzähl mir davon.« Er lehnte sich auf eine Weise zurück, die aufmerksames Zuhören si- gnalisierte. Er war ein sehr guter Zuhörer und erzeugte eine Art menta- len Sog. Besucher berichteten ihm alles, nur um die Leere zu füllen. Außerdem mochte Lord Vetinari, Herrscher von Ankh-Morpork, die Musik. Manche Leute fragen sich vielleicht, welche Art von Musik jemandem wie ihm gefallen könnte. Sehr formale Kammermusik oder vielleicht Blitz-und-Donner-Opern., Nun, der Patrizier mochte Musik, die nie gespielt wurde. Seiner Ansicht nach ruinierte es die Musik, wenn man sie zum Kontakt mit getrockneter Haut, Teilen von toten Katzen und Metallstücken in Form von Drähten und Röhren zwang. Richtige Musik sollte sich nach Lord Vetinaris Mei- nung darauf beschränken, in Form von kleinen Punkten und Viertelno- ten zwischen ordentlichen Linien niedergeschrieben zu sein. Nur dann war sie rein. Der Verfall setzte ein, sobald die Leute begannen, irgend etwas mit ihr anzustellen. Es war viel besser, still in einem Zimmer zu sitzen und die Notenblätter zu lesen. Die Musik war nur durch ein biß- chen Tinte auf Papier vom Geist des Komponisten getrennt. Daß dicke, schwitzende Männer mit Haaren in den Ohren spielten und dabei Spuk- ke aus ihrer Oboe spritzte… Diese Vorstellung ließ den Patrizier schau- dern. Allerdings nur ein wenig, denn er verabscheute alles Extreme. »Und was geschah dann?« fragte er. »Und dann begann er zu singen, Oiagnaden«, sagte der Gebeugte Mi- chael, lizensierter Bettler und inoffizieller Informant. »Ein Lied über Große Feurige Bälle.« Der Patrizier wölbte eine Braue. »Wie bitte?« »So was in der Art. Konnte die einzelnen Worte nicht verstehen, weil das Piano explodierte.« »Ach? Ich schätze, dadurch wurde die Vorstellung unterbrochen, oder?« »Nein, der Affe spielte auf den Resten weiter«, sagte der Gebeugte Mi- chael. »Und die Leute standen auf, jubelten und tanzten und stampften mit den Füßen, als wimmelte es überall von Kakerlaken.« »Und die Männer von der Musikergilde wurden verletzt?« »Eine seltsame Sache. Nachher waren ihre Gesichter so weiß wie Bett- laken. Äh«, fügte der Gebeugte Michael hinzu, als er an den Zustand seines eigenen Lakens dachte, »zumindest so weiß wie manche Bettla- ken…« Lord Vetinari sah auf die Berichte, während der Bettler sprach. Das war zweifellos ein sehr sonderbarer Zwischenfall. Krawall in der Geflick- ten Trommel war durchaus normal. Allerdings schien es eine neue Art von, Krawall gewesen zu sein, und von tanzenden Zauberern hatte der Patri- zier nie zuvor gehört. Er glaubte, die Anzeichen zu erkennen… Jetzt gab es nur eines, das alles noch schlimmer machen konnte. »Sag mir: Wie hat Herr Schnapper darauf reagiert?« »Was, Oiagnaden?« »Das war doch eine ganz einfache Frage, oder?« Der Gebeugte Michael spürte, wie die Worte Woher weißt du denn, daß Schnapper zugegen war? zu seinen Stimmbändern krochen. Es gelang ihm gerade noch rechtzeitig, sie durch eine Antwort zu ersetzen. »Er saß einfach nur da und starrte, Oiagnaden. Mit offenem Mund. Und dann lief er nach draußen.« »Ich verstehe. Danke, Gebeugter Michael. Du kannst jetzt gehen.« Der Bettler zögerte. »Der Stinkende Alte Ron meinte, daß du manchmal für Informationen bezahlst«, sagte er. »Im Ernst? Hat er das wirklich gesagt? Wie interessant.« Der Patrizier zog einen Bericht heran und kritzelte eine Notiz an den Rand. »Danke.« »Äh…« »Ich möchte dich nicht aufhalten.« »Äh… nein. Mögen dich die Götter segnen, und zwar alle«, brachte der Gebeugte Michael hervor und floh. Als das Geräusch der hastigen Bettlerschritte verklang, ging der Patri- zier zum Fenster, legte die Hände auf den Rücken und seufzte. Vermutlich existierten Stadtstaaten, deren Herrscher sich nur um die kleinen Dinge kümmern mußten: Angriffe von Barbaren, Zahlungsbilan- zen, Attentate und ausbrechende Vulkane. Dort gab es keine Leute, die das Tor der Realität öffneten und metaphorisch sagten: »Hallo, will- kommen, tritt ein, was hast du da für eine hübsche Axt, und übrigens, da du schon einmal hier bist, können wir ein wenig Geld mit dir verdienen.« Manchmal fragte sich Lord Vetinari, was tatsächlich mit Herrn Hong passiert war. In groben Zügen wußten alle darüber Bescheid, doch nie- mand kannte die Einzelheiten., Welch eine Stadt! Im Frühling ging der Fluß in Flammen auf. Ungefähr einmal im Monat explodierte das Gebäude der Alchimistengilde. Der Patrizier kehrte zum Schreibtisch zurück und kritzelte eine weitere Notiz. Er fürchtete, er würde jemanden umbringen lassen müssen. Anschließend griff er nach dem dritten Satz von Fondels Präludium in G-Dur und lehnte sich zurück, um in aller Ruhe zu lesen. Susanne erreichte die Gasse, in der sie Binky zurückgelassen hatte. Sechs Männer lagen dort auf dem Kopfsteinpflaster, preßten die Hände auf verschiedene Körperstellen und stöhnten hingebungsvoll. Sie schenkte ihnen keine Beachtung. Wer Tods Pferd zu stehlen versuchte, bekam sehr bald Gelegenheit, den Ausdruck »eine Welt voller Schmerzen« zu verstehen. Binky zielte gut: Er schuf sehr kleine, private Schmerzwelten. »Die Musik hat ihn gespielt, nicht umgekehrt«, sagte Susanne. »Man konnte es deutlich sehen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob seine Finger die Saiten berührt haben.« QUIEK. Das Mädchen rieb sich die Hand. Klatschmaul Zitrones Schädel hatte sich als recht hart erwiesen. »Kann ich die Musik töten, ohne dem Jungen zu schaden?« QUIEK. »Unmöglich«, übersetzte der Rabe. »Nur durch die Musik bleibt er am Leben.« QUIEK. »Es… sie ist eine Art Parasit oder so«, sagte Susanne, als Binky gen Himmel trabte. »Ein Parasit, der sich anschickt, den Wirt umzubringen. Was hat das für einen Sinn?« QUIEK. »Das weiß Ratte nicht«, dolmetschte der Rabe. »Setz mich bei Quirm ab, in Ordnung?« »Wozu braucht ihn dieses Etwas?« überlegte Susanne laut. »Es benutzt ihn, aber wozu?«, »Siebenundzwanzig Dollar!« entfuhr es Ridcully. »Siebenundzwanzig Dollar für eure Entlassung! Und der Feldwebel hat gegrinst, die ganze Zeit über! Zauberer, die verhaftet wurden!« Er marschierte vor der Reihe geknickter Gestalten auf und ab. »Ich meine, wie oft wird die Wache zur Geflickten Trommel gerufen?« fragte Ridcully. »Was habt ihr euch nur dabei gedacht?« »Grummelgrummelgrummel«, sagte der Dekan und blickte zu Boden. »Wie bitte?« »GrummelgrummelTanzengrummel.« »Tanzen«, wiederholte Ridcully und schritt erneut die Reihe entlang. »Tanzen nennt ihr so was? Gegen andere Leute stoßen? Sich gegenseitig über die Schulter werfen? Überall herumwirbeln und was weiß ich? Nicht mal Trolle führen sich so auf (was nicht heißen soll, daß ich was gegen Trolle habe; sind prächtige Leute, prächtige Leute), und ihr seid Zauberer. Man soll zu euch aufsehen, aber nicht deshalb, weil ihr mit Saltos über irgend jemanden hinwegspringt. Runen, glaub nur nicht, ich hätte das übersehen. Ehrlich gesagt, ich war empört. Der arme Quästor mußte sich hinlegen. Richtiges Tanzen… findet im Kreis statt, wie ihr wißt, oder unter Maibäumen, vielleicht auch in einem Ballsaal… Richtiges Tanzen besteht nicht darin, andere Leute so herumzuschwingen wie ein Zwerg seine Streitaxt (dabei möchte ich darauf hinweisen, daß ich die Zwerge immer für das Salz der Erde gehalten habe). Ist das klar?« »GrummelgrummelgrummelNichtnurwirhabengetanztgrummel«, sagte der Dekan, der immer noch zu Boden blickte. »Ich hätte nie gedacht, daß ich bei Zauberern, die älter als achtzehn sind, solche Maßnahmen ergreifen muß, aber…« Ridcully holte tief Luft. »Bis auf weiteres erteile ich euch allen Ausgangssperre!« Den Campus nicht verlassen zu dürfen war kaum eine nennenswerte Strafe. Für gewöhnlich mißtrauten Zauberer jeder Luft, die sich nicht eine Zeitlang in Räumen aufgehalten hatte. Den größten Teil des Lebens verbrachten sie zwischen ihren Zimmern und dem Eßtisch im Großen Saal. Doch jetzt fühlten sie sich seltsam. »GrummelgrummelWarumdenngrummel«, brummte der Dekan., Viel später – an dem Tag, als die Musik starb – wies er auf folgendes hin: Vielleicht hatte es daran gelegen, daß er nie jung gewesen war. Bes- ser gesagt, er war nie jung und gleichzeitig alt genug gewesen, um zu wissen, daß er jung war. Wie die meisten Zauberer hatte er seine Ausbil- dung begonnen, als ihm der offizielle Zaubererhut noch über die Ohren rutschte. Und nachher war er immer nur, nun, Zauberer. Erneut stellte sich das Gefühl ein, irgend etwas verpaßt zu haben. Seit den beiden letzten Tagen prickelte es im Dekan. Er wußte nicht, was es bedeutete. Nur eins war ihm klar: Er wollte etwas unternehmen. Was auch immer. Und zwar bald. Er fühlte sich wie jemand, der seit vielen Jahren in der Tundra wohnt und eines Morgens mit dem brennenden Wunsch erwacht, Wasserski zu laufen. »GrummelgrummelgrummelWillnichtdrinnenbleibengrurnmel.« Ungewohnte Regungen suchten ihn heim. Er wollte ungehorsam sein. Er wollte sich allem widersetzen, selbst dem Gesetz der Schwerkraft. Auf keinen Fall war er bereit, seine Sachen ordentlich zu falten, bevor er zu Bett ging! Ridcully würde gleich sagen: Oh, du bist ein Rebell, nicht wahr, gegen was rebellierst du eigentlich? Und der Dekan beabsichtigte, eine Antwort zu geben, die… die es in sich hatte, jawohl! Er… Der Erzkanzler gab ihm keine Gelegenheit, etwas Denkwürdiges zu sagen. Er ging fort. »Grummelgrummelgrummel«, sagte der Dekan trotzig – ein Rebell auf der Suche nach etwas, gegen das er rebellieren konnte. Das leise Klopfen verlor sich fast im allgemeinen Lärm. Klippe öffnete die Tür vorsichtig einen Spalt. »Ich bin’s, Hibiskus. Hier ist euer Bier. Trinkt und geht dann!« »Wie sollen wir die Taverne verlassen?« fragte Glod. »Wenn uns die Leute sehen, verlangen sie jedesmal eine Zugabe!« Der Wirt zuckte mit den Schultern. »Ist mir schnuppe«, erwiderte er. »Ihr schuldet mir einen Dollar fürs Bier und fünfundzwanzig für die zertrümmerte Einrichtung…« Klippe schloß die Tür. »Soll ich mit ihm verhandeln?« fragte Glod., »Das können wir uns nicht leisten«, erwiderte Buddy. Sie sahen sich an. »Das Publikum war begeistert«, sagte Buddy. »Ich glaube, wir hatten großen Erfolg.« Klippe biß eine Bierflasche auf und goß sich ihren Inhalt über den Kopf.* »Eins würden wir alle gern wissen«, sagte Glod. »Was hast du dort auf der Bühne angestellt?« »Ugh.« »Und woher wir alle wußten, was wir sollten spielen?« fragte Klippe, während er die Flasche verspeiste. »Ugh.« »Und woher wußten wir, was wir singen mußten?« fügte Glod hinzu. »Äh…« »Zum Beispiel ›Tritt nicht auf meine neuen blauen Stiefel‹«, knirschte Klippe. »Ugh.« »›Die gnädige Frau Polly‹«, murmelte Glod. »Äh…« »›Spitze von Sto Helit‹«, sagte Klippe. »Ugh?« »Gemeint ist ganz besonders feine Spitze, wie man sie in der Stadt Sto Helit herstellt«, erklärte Glod. Er musterte Buddy und neigte dabei den Kopf ein wenig. »Und die Stelle, als du ›Hallo, Baby‹ gesungen hast… Was hat dich da- zu veranlaßt?« »Äh…« »Ich meine, kleine Kinder dürfen die Geflickte Trommel doch gar nicht betreten.« * Trollbier besteht aus in Alkohol gelöstem Ammoniumsulfid und schmeckt wie fermentierte Batteriesäure., »Tja, ich weiß nicht recht«, entgegnete Buddy. »Die Worte waren ein- fach da. Sie gehörten zur Musik…« »Und du hast dich… auf eine komische Art bewegt«, sagte Glod. »Als hättest du Schwierigkeiten mit deiner Hose. Ich bin natürlich kein Fach- mann für Menschen, aber ich habe bemerkt, wie dich einige Frauen im Publikum beobachtet haben. Auf ähnliche Weise sieht ein junger Zwer- genmann eine junge Zwergenfrau an, deren Vater einen interessanten Schacht und mehrere vielversprechende Flöze besitzt.« »Ja«, bestätigte Klippe. »So wie eine Trollin denkt: He, dir bloß mal an- sehen die hübschen Ablagerungsschichten auf dem Troll…« »Bist du ganz sicher, daß keine Elfen zu deiner Familie gehören?« fragte Glod. »Ab und zu kam mir dein Verhalten ein wenig elfisch – um nicht zu sagen, elvisch vor.« »Ich habe überhaupt keine Ahnung, was hier passiert!« entfuhr es Buddy. Die Gitarre jaulte. Sie betrachteten das Musikinstrument. »Ich schlage vor folgendes«, sagte Klippe. »Wir nehmen das Ding und es werfen in den Fluß. Wer dafür ist, soll sagen ›ja‹. Oder auch ›ugh‹.« Es wurde still. Niemand streckte die Hand nach der Gitarre aus. »Andererseits…«, sagte Glod langsam. »Die Leute da draußen… Sie haben uns bejubelt.« Die Band dachte darüber nach. »Es… äh… fühlte sich nicht direkt schlecht an«, meinte Buddy. »Muß zugeben… ich nie hatte ein solches Publikum in meinem ganzen Leben nicht«, sagte Klippe. »Ugh.« »Wenn wir so gut sind…«, überlegte Glod laut. »Warum sind wir dann nicht reich?« »Weil du dich kümmerst um die Verhandlungen«, erwiderte Klippe. »Wenn wir bezahlen müssen für zertrümmerte Einrichtung, wir bald bedroht sind von Hungertod.« »Willst du damit etwa andeuten, daß ich ein Versager bin?« Glod sprang zornig auf., »Du bist guter Hornist. Aber das Finanzielle du besser überlassen soll- test jemand anders.« »Ha! Hältst du dich etwa für fähig…« Es klopfte an der Tür. Klippe seufzte. »Das bestimmt wieder ist Hibiskus. Gib mir den Spie- gel. Ich ihn schlagen mit seiner eigenen Visage.« Buddy öffnete die Tür. Hibiskus stand im Flur, allerdings hinter einem kleineren Mann, der einen langen Mantel trug und betont freundlich lächelte. »Ah«, sagte das Lächeln. »Du bist Buddy, nicht wahr?« »Äh, ja.« Und dann war der Mann im Zimmer, obgleich er sich überhaupt nicht bewegt zu haben schien. Er trat die Tür zu, bevor der Wirt eintreten konnte. »Mein Name lautet Schnapper«, stellte sich der Besucher vor. »Treibe- mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper. Vermutlich habt ihr bereits von mir gehört.« »Ugh!« »Mir dir rede ich nicht! Ich meine die anderen.« »Nein«, antwortete Buddy. »Den Namen höre ich zum ersten Mal.« Das Lächeln schien noch etwas breiter zu werden. »Mir ist zu Ohren gekommen, daß ihr Jungs in Schwierigkeiten seid«, sagte Schnapper. »Zertrümmerte Einrichtung und so.« »Man uns nicht einmal bezahlt.« Klippe richtete einen bösen Blick auf Glod. »Nun«, sagte Schnapper, »da kann ich euch vielleicht helfen. Ich bin Geschäftsmann. Ich mache Geschäfte. Ihr seid Musiker und macht Mu- sik. Bestimmt wollt ihr euch nicht um Dinge wie Geld und dergleichen den Kopf zerbrechen müssen, oder? Das stört nur bei der ganzen Krea- tivität und so. Wie wär’s, wenn ihr das Finanzielle mir überlaßt?« »Ha!« knurrte Glod, der sich noch immer über die Kritik an seinem fi- nanziellen Scharfsinn ärgerte. »Was kannst du schon ausrichten?«, »Nun, zunächst einmal könnte ich dafür sorgen, daß man euch be- zahlt«, stellte Schnapper in Aussicht. »Und die Einrichtung?« fragte Buddy. »Ach, hier gehen jeden Abend irgendwelche Dinge zu Bruch«, meinte Schnapper. »Hibiskus wollte euch linken, das ist alles. Ich regle das. Ihr solltet euch vor solchen Leuten hüten.« Er beugte sich vor. Hätte er noch breiter gegrinst, wäre ihm der obere Teil des Kopfes abgefallen. »Diese Stadt ist wie ein Dschungel, Jungs«, sagte er. »Ich vertraue ihm, wenn er gewährleisten kann, daß man uns bezahlt«, meinte Glod. »So einfach das ist?« fragte Klippe. »Ich vertraue jedem, der mir Geld gibt.« Buddy sah zum Tisch. Aus irgendeinem Grund glaubte er, daß die Gi- tarre Einspruch erheben würde, wenn etwas nicht mit rechten Dingen zuginge. Vielleicht ließ sie dann eine Dissonanz erklingen. Derzeit summte sie zufrieden vor sich hin. »Na gut«, ließ sich Klippe vernehmen. »Wenn es bedeutet, daß ich be- halten kann meine Zähne… dann ich bin einverstanden.« »In Ordnung«, sagte Buddy. »Gut! Hervorragend! Bestimmt machen wir großartige Musik zusam- men. Ich meine… das könnt ihr doch, oder?« Schnapper holte ein Blatt Papier und einen Stift hervor. In seinen Au- gen brüllte der Löwe. Irgendwo hoch oben in den Spitzhornbergen galoppierte Binky über eine Wolke. »Wie kann er nur so reden?« fragte Susanne. »Er spielt mit dem Leben von Leuten, und dann spricht er auch noch von Pflicht.« Im Hauptquartier der Musikergilde brannten alle Lampen., Eine Flasche Gin schlug an den Rand eines Glases und knallte dann auf den Tisch, als Klatschmaul Zitrone sie absetzte. »Weiß denn niemand, wer sie sind?« fragte Herr Clete, als es Klatsch- maul beim zweiten Versuch gelang, das Glas zu greifen. »Irgend jemand muß sie doch kennen!« »Den Jungen hab ich noch nie gesehen«, antwortete Klatschmaul. »Niemand weiß was über ihn. Und… und was Trolle betrifft… Man kann die Burschen nicht auseinanderhalten.« »Einer war zweifellos der Bibliothekar aus der Unsichtbaren Universi- tät«, sagte Herbert »Cembalo« Schlurfer, Bibliothekar der Musikergilde. »Um den brauchen wir uns zunächst nicht zu kümmern«, entschied Herr Clete. Die anderen nickten. Niemand wollte dem Bibliothekar der Universität eine Abreibung verpassen, solange schwächere Opfer zur Auswahl stan- den. »Was ist mit dem Zwerg?« »Ah.« »Jemand nannte seinen Namen: Glod Glodson. Wohnt in der Fleißigen Straße…« Clete knurrte. »Schickt einige Jungs zu ihm, und zwar sofort. Ich möch- te, daß dem Zwerg und seinen Freunden der Status von Musikern in dieser Stadt erklärt wird, und zwar gleich. Hätt-hätt-hätt.« Die Band eilte durch die Nacht und ließ den Lärm der Geflickten Trommel hinter sich zurück. »Er war wirklich nett«, sagte Glod. »Ich meine, wir haben nicht nur un- ser Honorar bekommen. Er hat uns auch noch zwanzig Dollar aus seiner eigenen Tasche gegeben. Weil er an unserem Schicksal Anteil genommen hat.« »Ich glaube, er das meinte mit dem Anteil ein wenig anders«, vermutete Klippe. »Und er hat uns weitere Auftritte versprochen. Habt ihr den Vertrag gelesen?«, »Nein. Hast du ihn gelesen?« »Es war alles in ganz kleinen Buchstaben geschrieben«, sagte Glod. Seine Miene erhellte sich. »Aber davon gab’s jede Menge. Ein Vertrag mit so vielen Wörtern muß gut sein.« »Der Bibliothekar ist weggelaufen«, murmelte Buddy. »Er sagte mehr- mals ›ugh‹ und lief davon.« »Ha, irgendwann bereut er das«, sagte Glod. »Später wird er bei Ge- sprächen mit anderen Leuten sagen: Ich ging, bevor die anderen be- rühmt wurden.« »Wenn der Bibliothekar bei Gesprächen mit anderen Leuten etwas sagt, klingt es sicher wie ›ugh‹.« »Wie dem auch sei: Das Piano muß repariert werden.« »Ja«, stimmte Klippe zu. »Ich einmal jemanden gesehen, der Dinge konstruierte aus Streichhölzern. Er für die Reparatur in Frage kommt.« Der Curry-Garten verwandelte zwei Dollar in Lammkoteletts, Pechblen- den-Auflauf und einen so chemischen Wein, daß ihn sogar Trolle trinken konnten. »Nach dem Essen suchen wir uns eine neue Unterkunft«, sagte Glod, als sie an einem Tisch Platz nahmen. »Mit deinem Quartier etwas nicht in Ordnung ist?« fragte Klippe. »Dort zieht’s. Wegen des pianoförmigen Lochs neben der Tür.« »Für das Loch du die Verantwortung trägst.« »Und wenn schon.« »Meinst du nicht, daß der Hauswirt Einwände erhebt?« »Oh, natürlich. Es gehört zur Natur von Hauswirten, ständig Einwände zu erheben. Doch von jetzt an geht’s bergauf mit uns, Jungs. Ich spüre es ganz deutlich.« »Du bist nur froh, daß wir bezahlt worden sind«, sagte Buddy. »Mag sein. Durchaus möglich. Eins steht fest: Ich bin noch viel glück- licher, wenn wir mehr Geld bekommen.« Die Gitarre summte. Buddy griff danach und berührte eine Saite. Glod ließ das Messer fallen., »Das klang wie ein Piano!« brachte er hervor. »Ich glaube, sie kann wie alles klingen«, sagte Buddy. »Und jetzt weiß sie über Pianos Bescheid.« »Magie«, kommentierte Klippe. »Natürlich ist es Magie«, entgegnete Glod. »Darauf habe ich schon mehrmals hingewiesen. Ein seltsames, altes Musikinstrument, das wir in einem seltsamen, alten Laden fanden, während einer stürmischen Nacht…« »Die Nacht nicht stürmisch war«, wandte Klippe ein. »So ein Gegenstand muß… Na schön, du hast recht, aber es hat ein wenig geregnet… So ein Gegenstand muß etwas Besonderes sein. Be- stimmt existiert der Laden gar nicht mehr. Wenn wir jetzt zurückgingen und ihn nicht finden würden… wäre das der Beweis. Dinge aus Läden, die am nächsten Tag nicht mehr existieren, sind geheimnisvolle Artefakte des Schicksals. Ich vermute, das Schicksal lächelt auf uns herab.« »Da kann man nur hoffen, daß es ein freundliches Lächeln ist«, meinte Klippe. »Herr Schnapper hat versprochen, uns morgen an einem ganz speziel- len Ort auftreten zu lassen.« »Gut«, sagte Buddy. »Wir müssen spielen.« »Ja«, bestätigte Klippe. »Wir spielen, um uns zu verdienen den Lebens- unterhalt.« »Die Leute sollen unsere Musik hören.« »Klar.« Klippe wirkte jetzt ein wenig verwirrt. »Natürlich. Das wir wol- len. Und ein bißchen Geld.« »Herr Schnapper wird uns helfen«, sagte Glod, der viel zu sehr ans Fi- nanzielle dachte, um die sonderbare Schärfe in Buddys Stimme zu ver- nehmen. »Er muß sehr erfolgreich sein. Immerhin hat er ein Büro am Hiergibt’salles-Platz. Das können sich nur piekfeine und feudale Ge- schäftsleute leisten.« Ein neuer Tag dämmerte., Er war kaum damit fertig, als Ridcully durchs taufeuchte Gras des Uni- versitätsgartens hastete und an die Tür des Forschungstraktes für hoch- energetische Magie klopfte. Normalerweise hielt er sich von diesem Bereich fern. Er verstand nicht, was die jungen Zauberer dort anstellten. Wahrscheinlich wußten sie es selbst nicht. Es schien ihnen großen Gefallen zu bereiten, in bezug auf diverse Dinge immer unsicherer zu werden. Manchmal kamen sie mit Bemerkungen wie »Potzblitz! Wir haben gerade Markblatts Theorie der thaumischen Unwägbarkeit widerlegt! Toll!« zum Essen. Offenbar sahen sie darin nicht etwa eine Unhöflichkeit, sondern etwas, auf das man stolz sein konnte. Außerdem sprachen sie ständig von der Spaltung des Thaums, des kleinsten magischen Elementarteilchens. Der Erzkanzler verstand ein- fach nicht, warum das so wichtig oder erstrebenswert sein sollte. Wenn die Spaltung gelang, gab es mehrere Teile von einem Teil. Mit anderen Worten, Splitter. Welchen Nutzen konnte so etwas haben? Das Univer- sum war auch ohne Leute, die darin herumstocherten, schon schlimm genug. Die Tür öffnete sich. »Oh, du bist’s, Erzkanzler.« Ridcully schob die Tür noch etwas weiter auf. »Morgen, Stibbons. Das freut mich aber, daß du so früh auf den Bei- nen bist.« »Ist es schon Morgen?« Ridcully trat an dem jungen Mann vorbei ins HEM. Es war unvertrau- tes Terrain für einen traditionellen Zauberer. Hier gab es weder Toten- schädel noch tropfende Kerzen. Der Raum wirkte eher wie ein alchimi- stisches Laboratorium, das die übliche Explosion hinter sich hatte und in der Werkstatt eines Schmieds gelandet war. Stibbons’ Mantel gefiel dem Erzkanzler nicht besonders. Er hatte die richtige Länge, doch die Farbe – ein ausgewaschenes grünliches Grau – entsprach keinesfalls der Norm. Auch nicht die diversen Taschen, Kne- belknöpfe und die von Kaninchenpelz gesäumte Kapuze. Pailletten,, Edelsteine und mystische Symbole fehlten ganz. Nur ein Fleck zeigte sich dort, wo Tinte aus Stibbons’ Stift getropft war. »Bist du in letzter Zeit in der Stadt gewesen?« fragte Ridcully. »Nein, Herr. Hätte ich die Universität verlassen sollen? Ich arbeite noch immer an der Mach-es-größer-Vorrichtung. Du kennst sie ja. Ich habe sie dir gezeigt…«* »Ja, ja.« Ridcullys Blick glitt durch den Raum. »Treibt sich hier sonst noch jemand herum?« »Nun, äh… die Gruppe besteht aus mir, Tez dem Schrecklichen, Skazz, dem Großen Irren Drongo…« Ridcully blinzelte. »Was sind das für Leute?« Und in den dunklen Tiefen seines Gedächt- nisses regte sich die Antwort. Nur eine ganz besondere Spezies hatte solche Namen. »Studenten?« »Äh. Ja.« Ponder wich ein wenig zurück. »Das ist doch in Ordnung, oder? Ich meine, wir sind hier in einer Universität…« Ridcully kratzte sich am Ohr. Das stimmte natürlich. Es ließ sich gar nicht vermeiden, daß es an diesem Ort den einen oder anderen Studen- ten gab. Der Erzkanzler ging ihnen aus dem Weg, wann immer es ihm möglich war, und der Rest der Fakultät verhielt sich ähnlich. Manchmal eilten Zauberer in die andere Richtung oder versteckten sich hinter Tü- ren, wenn sie verdächtige junge Leute erspähten. Vom Dozenten für neue Runen hieß es, daß er sich einmal in seinem Kleiderschrank einge- schlossen hatte, um keine Vorlesung halten zu müssen. »Hol die anderen«, sagte Ridcully nun. »Ich fürchte, ich habe meine Fakultät verloren.« »Wo denn, Erzkanzler?« fragte Ponder höflich. * Das Resultat ließ jedoch zu wünschen übrig. Stibbons hatte wochenlang Lin- sen geschliffen und verschiedene Dinge aus Glas hergestellt. Seine Bemühun- gen schufen schließlich einen Apparat, der die gewaltige Anzahl von winzigen Tieren in einem einzigen Tropfen Ankh-Wasser zeigte. Der Erzkanzler warf nur einen kurzen Blick darauf und meinte dann: Etwas, das soviel Leben enthielt, mußte gesund sein., »Wie bitte?« »Was?« Sie musterten sich verwirrt: zwei Seelen, die auf einer schmalen Straße in unterschiedliche Richtungen schritten und darauf warteten, daß die andere zuerst kehrtmachte. »Die Fakultät«, sagte Ridcully nach einer Weile. »Der Dekan. Er und die anderen. Sind vollkommen ausgerastet. Haben sich die ganze Nacht um die Ohren geschlagen und Gitarre gespielt. Der Dekan hat sich eine Le- derjacke zugelegt.« »Nun, Leder ist ein sehr praktisches und zweckmäßiges Material…« »Er benutzt es auf eine ganz andere Weise«, erwiderte Ridcully düster. [… Der Dekan trat zurück und betrachtete die Kleiderpuppe von der Haushälterin Frau Allesweiß. Er hatte einige Veränderungen vorgenommen, zu denen etwas in ihm drängte. Im Grunde seines Wesens verabscheut jeder Zauberer Klei- dung, die nicht mindestens bis zu den Fußknöcheln reicht. Deshalb hatte er ziemlich viel Leder. Es bot genug Platz für die Nieten. Er hatte mit DEKAN begonnen. Es blieb viel freier Raum für kreative Gestaltung. Der Dekan überlegte kurz und fügte GEBOREN UM hinzu. Anschließend zögerte er erneut, da er nicht genau wußte, wozu er geboren war. GEBOREN UM VIEL ZU ESSEN erschien ihm unangebracht. Nach einigen Minuten verwirrten Nachdenkens entschied er sich für: SCHNELL UZ LEBEN UND JUGN ZU STER BNE. Darin steckte der eine oder andere Fehler; das sah er ganz deutlich. Beim Anbringen der Nieten hatte er das Leder immer wieder hin und her gedreht; da- durch wußte er bald nicht mehr, in welche Richtung es weiterging. Eigentlich spielte die Richtung auch gar keine Rolle. Wichtig war nur, daß man in Bewegung blieb. Darum ging es bei der Musik Mit Steinen Drin…], »Und der Dozent für neue Runen trommelt in seinem Zimmer, und die anderen haben sich Gitarren besorgt, und was der Quästor mit dem Saum seines Mantels angestellt hat, ist wirklich seltsam«, sagte Ridcully. »Der Bibliothekar läuft umher und klaut alles, was ihm unter die Finger kommt. Und mir hört niemand mehr zu.« Er beobachtete die Studenten. Sie boten einen beunruhigenden An- blick, nicht nur aufgrund ihres natürlichen Erscheinungsbildes. Während Musik alle Leute mit den Füßen klopfen ließ, hatten diese Burschen die ganze Nacht in der Universität verbracht und… gearbeitet. »Was macht ihr hier?« fragte er. »Du… wie heißt du?« Der von Ridcullys Zeigefinger anvisierte Student wand sich verlegen hin und her. »Äh… ähm… Großer Irrer Drongo«, sagte er und drehte nervös sei- nen Hut. »Großer. Irrer. Drongo«, wiederholte Ridcully. »So lautet dein Name? Hast du ihn auch auf deine Weste genäht?« »Äh… nein, Erzkanzler.« »Auf deiner Weste steht…?« »Adrian Rübensaat, Erzkanzler.« »Warum nennt man dich Großer Irrer Drongo, Adrian Rübensaat?« fragte Ridcully. »Äh… ähm…« »Er hat mal einen halben Liter Bier mit Limonade getrunken«, sagte Stibbons. Er hatte genug Anstand, bei diesen Worten verlegen zu wir- ken. Der Erzkanzler versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Ihm blieb keine Wahl – er mußte sich mit diesen Leuten begnügen. »Na schön«, brummte er. »Was haltet ihr hiervon?« Er holte den Krug aus der Geflickten Trommel hervor. Auf der Öffnung war mit mehreren Schnüren ein Bierdeckel festgebunden. »Was ist da drin, Erzkanzler?« fragte Ponder Stibbons. »Ein Stück Musik, Junge.«, »Musik? Man kann Musik nicht auf diese Weise einfangen.« »Ich wünschte, ich wäre ebenso schlau und allwissend wie du«, sagte Ridcully. »Der große Meßkolben dort drüben. Du… Großer Irrer Adri- an. Öffne das Ding und halte dich bereit, es auf mein Kommando sofort wieder zu schließen. Achtung, Irrer Adrian – jetzt!« Ein zorniger Ton entfuhr dem Krug, als Ridcully den Bierdeckel zur Seite zog und das Gefäß umdrehte. Der Irre Drongo Adrian schloß den Kolben rasch wieder und schien sehr entsetzt vom Erzkanzler zu sein. Kurz darauf hörten sie es alle: Ein leises, rhythmisches Pochen hallte von den Innenwänden des Meßkolbens wider. Die Studenten starrten auf den Behälter. Etwas steckte dort drin. Eine Bewegung in der Luft… »Ich habe das Stück Musik gestern abend in der Geflickten Trommel ein- gefangen«, sagte Ridcully. »Unmöglich«, erwiderte Ponder. »Man kann Musik nicht festhalten.« »Das da drin ist kein klatschianischer Nebel, Junge.« »Es war seit gestern abend in dem Krug?« vergewisserte sich Ponder. »Ja.« »Das ist unmöglich!« Stibbons wirkte zutiefst bestürzt. Manche Leute werden mit dem in- stinktiven Gefühl geboren, alle Rätsel des Universums seien lösbar. Ridcully klopfte ihm auf die Schulter. »Hast du etwa gedacht, es sei leicht, ein Zauberer zu sein?« Ponder betrachtete den Kolben noch immer. Nach einigen Sekunden preßte er die Lippen zu einem dünnen, entschlossenen Strich zusammen. »Na schön! Wir gehen der Sache auf den Grund. Bestimmt hat es was mit der Frequenz zu tun. Ja, genau! Tez der Schreckliche, hol die Kri- stallkugel! Skazz, besorg uns Stahldraht! Es muß an der Frequenz liegen!« Die Band Mit Steinen Drin schlief in einem für Männer reservierten Wohnheim unweit der Schimmerstraße. Das hätte sicher vier muskulöse, Mitarbeiter der Musikergilde interessiert, die vor einem pianoförmigen Loch in der Fleißigen Straße warteten. Susanne schritt durch die Zimmer von Tods Haus. In ihrem Innern bro- delten Zorn und ein wenig Furcht, die den Zorn noch schlimmer mach- te. Wie konnte man so denken? Wie konnte man sich damit zufriedenge- ben, die Personifizierung einer elementaren Kraft zu sein? Einige Dinge würden sich bald ändern… Ihr Vater hatte sich bemüht, Veränderungen zu bewirken. Allerdings nur, weil er sentimental war, mußte Susanne zugeben. Königin Keli von Sto Helit hatte ihn zum Herzog ernannt. Susanne wußte, was dieser Titel bedeutete: Herzöge führten Heere in den Krieg. Doch ihr Vater kämpfte nie gegen jemanden. Er verbrachte seine ganze Zeit damit, in der Sto-Ebene von einem unwichtigen Stadtstaat zum nächsten zu reisen, dort mit den Leuten zu reden und sie aufzufordern, mit anderen Leuten zu sprechen, anstatt zu versuchen, ihnen den Schä- del einzuschlagen. Er hatte nie jemanden getötet, soweit Susanne wußte, aber vielleicht war es ihm gelungen, den einen oder anderen Politiker mit Rhetorik umzubringen. Für einen Heerführer schien solch eine Tätigkeit eher banal zu sein. Zugegeben, in letzter Zeit kam es nur noch selten zu jenen kleinen Kriegen, die früher für viel Abwechslung gesorgt hatten. Aber es war sicher kein… ruhmreiches Leben. Susanne wanderte durch das endlose Zimmer mit den Lebensuhren. Selbst die Exemplare in den höchsten Regalen rasselten leise, als sie vor- beischritt. Sie stellte sich vor, Leben zu retten. Die Guten sollten länger im Dies- seits verweilen dürfen, während die Bösen jung starben. Letztendlich glich sich alles aus. Ja, sie wollte es ihm zeigen. Und was die Verantwor- tung betraf… Menschen veränderten immer etwas. Das gehörte zur menschlichen Natur. Sie öffnete eine andere Tür und betrat die Bibliothek., Dieser Raum war noch größer als die Kammer mit den Lebensuhren. Bücherregale ragten wie Klippen auf; die Decke verbarg sich hinter Dunstschwaden. Susanne überlegte. Es war natürlich töricht zu glauben, die Sense wie einen Zauberstab schwingen und dadurch, gewissermaßen auf einen Schlag, die ganze Welt in einen besseren Ort verwandeln zu können. Es dauerte sicher eine Weile. Sie mußte klein anfangen und sich dann lang- sam nach oben arbeiten. Das Mädchen streckte die Hand aus. »Ich habe keine Lust, seine Stimme nachzuahmen. Das ist nur über- flüssiges Drama und dumm. Ich möchte das Buch von Imp y Celyn, besten Dank dafür.« In der Bibliothek setzte sich die übliche Routine fort. Millionen von Büchern schrieben sich selbst. Es knisterte und raschelte überall. Susanne erinnerte sich daran, auf einem Knie zu sitzen, beziehungsweise auf einem Kissen, das auf einem Knie ruhte, denn das Knie selbst kam dafür nicht in Frage. Sie beobachtete, wie ein knöcherner Finger Buchstaben folgte, die von ganz allein auf der Seite entstanden. Sie hatte mit der Lektüre ihres eigenen Lebens lesen gelernt… »Ich warte«, betonte Susanne. Dann ballte sie die Fäuste. IMP Y CELYN, sagte sie. Das Buch erschien direkt vor ihr. Sie griff gerade noch rechtzeitig da- nach, bevor es zu Boden fiel. »Danke«, sagte sie. Susanne blätterte durch die Seiten eines fremden Lebens, hielt bei der letzten inne und riß die Augen auf. Rasch kehrte sie zu der Stelle zurück, wo der Tod des Jungen in der Geflickten Trommel geschildert wurde. Alle Einzelheiten standen auf dem Papier, doch sie entsprachen nicht den tatsächlichen Ereignissen. Das Buch log. Beziehungsweise – und Susan- ne wußte, daß es richtiger war, die Dinge aus dieser Perspektive zu be- trachten – das Buch berichtete die Wahrheit, während die Realität log. Noch mehr Bedeutung hatte ein anderer Aspekt: Seit dem Zeitpunkt seines Todes schrieb das Buch nur noch Musik. Notenlinien füllten eine, Seite nach der anderen. Susanne beobachtete, wie sich ein Notenschlüs- sel mit sorgfältigen Kringeln selbst malte. Was steckte dahinter? Warum ließ Musik den jungen Mann am Leben? Es war äußerst wichtig, daß Susanne ihn rettete. Sie spürte eine Ge- wißheit, die ihr wie ein geistiges Kugellager erschien. Ja, sie mußte ihn retten, unbedingt. Sie war ihm noch nie gegenübergetreten, hatte nie ein Wort mit ihm gewechselt. Und doch gab es nicht den geringsten Zweifel, daß seine Rettung zu ihren dringendsten Aufgaben gehörte. Großvater nutzte jede Gelegenheit, sich gegen solche Dinge auszu- sprechen. Aber was wußte er schon davon? Er hatte nie gelebt. Blert Zupfgut stellte Gitarren her. Die Arbeit befriedigte ihn sehr. Er und der Lehrling Gibbson brauchten etwa fünf Tage für ein ordentliches Instrument. Vorausgesetzt, es stand genug abgelagertes Holz zur Verfü- gung. Blert war ein gewissenhafter Mann, der viele Jahre seines Lebens der Perfektionierung eines Musikinstruments gewidmet hatte, das er selbst recht gut beherrschte. Seiner Erfahrung nach gab es drei Arten von Gitarristen. An erster Stelle kamen diejenigen, die Blert Zupfgut für wahre Musiker hielt; sie arbeiteten in der Oper und für private Orchester. Kategorie B bildeten die Sänger von Volksliedern. Sie konnten nicht spielen, aber das fiel kaum ins Gewicht, da sie auch nicht singen konnten. Den dritten Platz belegten Troubadoure und andere verdächtige Subjekte. Sie hielten eine Gitarre für eine Rose zwischen ihren Zähnen, eine Schachtel Pralinen und eine strategisch plazierte Socke. Sie sahen in Gitarren nur weitere Waffen im Kampf der Geschlechter. Sie spielten nicht, abgesehen von vielleicht ein oder zwei Akkorden, aber sie besorgten sich regelmäßig Nachschub. Wenn man, von einem zornigen Ehemann verfolgt, aus dem Schlafzimmerfenster springt, verschwendet man keinen Gedanken an die zurückbleibende Gitarre. Bis vor kurzer Zeit hatte Blert geglaubt, alle potentiellen Gitarrenkäu- fer gut zu kennen. Inzwischen wußte er es besser., An diesem Morgen hatte er einige Zauberer als Kunden begrüßt – das war schon seltsam genug. Einige von ihnen kauften nicht nur Gitarren, sondern auch Blert Zupfguts Gitarrenfibel. Die Glocke läutete. »Ja…« Blert musterte den Neuankömmling, und nur mit enormer gei- stiger Anstrengung schaffte er es, »Herr?« hinzuzufügen. Es lag nicht an dem Lederwams. Auch nicht an den nietenbesetzten Armbändern. Auch nicht an dem Breitschwert. Auch nicht an dem Helm mit Dornen. Es lag am Leder und an den Ziernägeln und an dem Schwert und an dem Helm. Blert wußte auf den ersten Blick, daß dieser Kunde nicht den ersten beiden Kategorien zugeordnet werden konnte. Die Gestalt wirkte unsicher; ihre Hände öffneten und schlossen sich mehrmals. Offenbar war dieser Jemand nicht an Dialogsituationen ge- wöhnt. »Dies ein Gitarrenladen?« fragte der Kunde. Blert sah zu den Waren an den Wänden und der Decke. »Äh… ja«, erwiderte er. »Ich will eine.« Was Kategorie Nummer drei betraf… Dieser Bursche erweckte nicht den Eindruck, viel von Rosen oder Schokolade zu halten. Er schien sich auch nicht mit Dingen wie »Guten Tag« oder »Hallo« aufzuhalten. »Äh…« Blert griff wahllos nach der nächsten Gitarre und zeigte sie der Gestalt. »Meinst du so eine?« »Ich will eine, die Blämm-Blämm-blämm-BLÄMM-blämmm-oooiiieee macht. Verstehst du?« Blert blickte auf die Gitarre hinab. »Ich bin mir nicht sicher, ob sie sol- che Geräusche von sich geben kann.« Zwei große, lederumhüllte Pranken nahmen ihm den Gegenstand ab. »Äh, du hältst das Instrument falsch her…« »Hast du einen Spiegel?« »Äh, nein…«, Eine haarige Pranke fuhr steil nach oben, verharrte dort kurz und stürzte dann den Saiten entgegen. Die nächsten zehn Sekunden wollte Blert nicht noch einmal erleben. Seiner Ansicht nach gehörte es verboten, ein hilfloses Musikinstrument so zu quälen. Er fühlte sich wie jemand, der ein kleines Pony aufzog, es fütterte und pflegte, ihm bunte Bänder in den Schweif knüpfte, es auf einer Weide mit Hasen und Gänseblümchen grasen ließ – um dann mit- ansehen zu müssen, wie der erste Reiter es mit Sporen und Peitsche an- trieb. Der Kunde spielte, als wäre er auf der Suche nach etwas. Er fand es nicht, doch als die letzten disharmonischen Töne verklangen, wies sein entschlossener Gesichtsausdruck darauf hin, daß er die Suche fortsetzen wollte. »Alles klar«, brummte er. »Wieviel?« Normalerweise kostete die Gitarre fünfzehn Dollar. Aber Blerts musi- kalische Seele protestierte. Sie protestiere auf diese Weise: »Fünfundzwanzig Dollar.« »Alles klar. Genügt das?« Der Hüne kramte in einer Tasche und holte einen kleinen Rubin her- vor. »Ich habe nicht genug Wechselgeld!« Blerts musikalische Seele protestierte noch immer, aber nun erwachte der Geschäftssinn und spannte die Muskeln. »Aber… aber ich gebe noch die Gitarrenfibel, einen Tragegurt und zwei Plektren dazu«, sagte er. »In der Fibel sind Bilder, die dir zeigen, wo die Finger hingehören und so, o. k.?« »Alles klar.« Der Barbar verließ den Laden. Blert starrte auf den Rubin in seiner Hand. Die Glocke läutete. Blert hob den Blick. Dieser Kunde war nicht ganz so schlimm. Seine Kleidung hatte weni- ger Nieten und der Helm nur zwei Dornen., Blerts Hand schloß sich um den Edelstein. »Möchtest du vielleicht eine Gitarre?« fragte er. »Ja. Und zwar eine, die whowiiiooowiiiioowwwngngngng macht.« Blert Zupfgut sah sich rasch um. »Nun, wie wär’s mit dieser?« Er griff nach dem nächsten Instrument. »Von whowiiiooo und so weiß ich nichts, aber hier hast du noch meine Fibel, einen Tragegurt und zwei Plektren. Der Preis beträgt dreißig Dol- lar. Und weißt du was: Die leeren Stellen zwischen den Saiten bekommst du gratis, einverstanden?« »Ja. Äh… hast du einen Spiegel?« Die Glocke läutete. Und läutete. Eine Stunde später beugte sich Blert durch die Tür der Werkstatt. Er grinste wie ein Irrer. Mit der einen Hand hielt er seinen Gürtel fest – damit die Hose vom Gewicht der vielen Münzen in den Taschen nicht nach unten gezogen wurde. »Gibbson?« »Ja, Chef?« »Erinnerst du dich an deine ersten Gitarren? Die du ganz zu Anfang deiner Lehrzeit gebaut hast?« »Meinst du die Dinger, die angeblich klingen wie eine Katze, die mit zugenähtem Hintern auf die Toilette geht, Chef?« »Hast du sie weggeworfen?« »Nein, Chef. Ich dachte mir, in fünf Jahren kann ich gute Gitarren bauen, und dann schaue ich sie mir noch einmal an, um ein bißchen zu lachen.« Blert wischte sich den Schweiß von der Stirn. Mehrere kleine Gold- münzen fielen aus dem Taschentuch. »Nur interessehalber: Wo hast du sie verstaut?« »Im Schuppen, Chef. Bei dem Holz, das deiner Meinung nach ebenso- viel taugt wie eine Nixe in einer Revue.« »Bitte hol sie. Das Holz auch.«, »Aber du hast doch gesagt…« »Und bring mir eine Säge. Außerdem brauche ich noch zehn Liter schwarze Farbe und ein paar Pailletten.« »Pailletten, Chef?« »Du bekommst sie in Frau Kosmopolits Textilladen. Und frag sie, ob sie einige der hübsch glitzernden Ankhsteine hat. Und irgendein buntes Material für Tragegurte. Oh, und bitte sie, uns einen möglichst großen Spiegel zu leihen…« Blert zerrte einmal mehr an seiner Hose. »Und dann geh zum Hafen, gib einem Troll etwas Geld und beauftrage ihn damit, hier bei uns in der Ecke zu stehen und…« Blert zögerte und überlegte kurz. »Wenn jemand hereinkommt und versucht, ›Weg zum Paradies‹ – das ist der Titel, glaube ich – zu spielen, soll er ihm den Kopf abreißen.« »Ohne Vorwarnung?« fragte Gibbson. »Das ist die Vorwarnung.« Eine Stunde später. Ridcully langweilte sich und hatte Tez den Schrecklichen zur Küche geschickt, den einen oder anderen Imbiß zu holen. Ponder und die ande- ren beiden Studenten hantierten am Meßkolben. Sie arbeiteten auch mit Kristallkugeln und Draht. Nach einer Weile… Ein Draht war zwischen zwei Nägeln auf der Werkbank gespannt. Er war nur schemenhaft zu erkennen, da er leicht vibrierte. Darüber hingen krumme grüne Linien in der Luft. »Was ist das?« fragte Ridcully. »So sieht das Geräusch im Kolben aus«, erklärte Ponder. »So sieht das Geräusch aus?« wiederholte der Erzkanzler. »Na so was. Ich wußte gar nicht, daß Töne aussehen können. Dafür benutzt ihr die Magie, wie? He, in der Speisekammer gibt’s leckeren Käse. Warum hören wir uns nicht mal an, wie er riecht?« Ponder seufzte., »So sähe das Geräusch aus, wenn deine Ohren Augen wären«, sagte er. »Im Ernst?« erwiderte Ridcully fröhlich. »Phänomenal!« »Er hat eine sehr komplexe Struktur«, meinte Ponder Stibbons. »Aus der Ferne betrachtet, sieht es ganz schlicht aus. Doch aus der Nähe… sehr komplex. Man könnte fast glauben, es wäre…« »Lebendig«, knurrte Ridcully. »Äh…« Skazz näherte sich. Er wog höchstens fünfzig Kilo und hatte einen be- sonders interessanten Haarschnitt: einen Pony aus schulterlangem Haar hinten und vorn. Die Spitze seiner Nase lugte durch diesen Vorhang und wies den Rest der Welt auf die Position des Gesichts hin. Sollte ihm je- mals ein Furunkel am Hinterkopf wachsen, glaubten die Leute bestimmt, daß er in der falschen Richtung ging. »Ja, Herr Skazz?« fragte Ridcully. »Äh… ich habe einmal über so etwas gelesen.« »Erstaunlich. Wie gelang dir das?« »Bestimmt hast du von den Lauschenden Mönchen in den Spitzhorn- bergen gehört. Sie behaupten, daß es im Universum einen Hintergrund- ton gibt? Eine Art Echo von einer Art Geräusch?« »Klingt vernünftig«, kommentierte Ridcully. »Als das Universum be- gann, hat’s sicher ordentlich geknallt.« »Es muß kein sehr lautes Geräusch gewesen sein«, sagte Ponder. »Aber es erklang überall gleichzeitig. Ich hab’s in jenem Buch vom alten Nume- ri Riktor gelesen. Die Mönche lauschen noch immer dem Echo des Ur- Geräusches, hat er geschrieben. Es verhallt nie.« »Meiner Ansicht nach deutet alles auf eine ziemlich große Lautstärke hin«, erwiderte Ridcully. »Ich meine, ein Geräusch muß laut sein, wenn man es noch weit entfernt hören soll. Wenn der Wind in der falschen Richtung weht, hört man nicht mal die Glocken der Assassinengilde läu- ten.« »Das Ur-Geräusch muß nicht sehr laut gewesen sein, wenn wir heute noch sein Echo vernehmen können«, sagte Ponder. »Und zwar, weil sich alles einmal an einem Ort befand.«, Ridcully sah ihn an wie ein verblüffter Zuschauer einen Zauberkünst- ler, der ihm gerade ein Ei aus dem Ohr gezogen hat. »Alles befand sich einmal an einem Ort?« »Ja.« »Und wo war alles andere?« »Ebenfalls an einem Ort.« »Am gleichen Ort?« »Ja.« »Ganz klein zusammengedrückt?« Ridcully ließ gewisse Anzeichen erkennen. Wäre er ein Vulkan gewe- sen, hätten die in der Nähe wohnenden Eingeborenen jetzt nach einer geeigneten Jungfrau Ausschau gehalten. »Haha, man könnte auch sagen, es war ganz groß zusammengedrückt«, entgegnete Ponder, der warnende Hinweise noch nie verstanden hatte. »Weil der Raum erst entstanden ist, als ein Universum da war. Vorher befand sich alles Existierende überall.« »Meinst du mit ›überall‹ den gewissen Ort von vorhin?« »Ja.« »Na schön. Fahr fort.« »Riktor glaubte, daß zuerst das Geräusch kam. Ein großer, komplizier- ter Akkord. Das komplizierteste Geräusch, das es je gegeben hat. Ein so kompliziertes Geräusch, daß es nicht im Innern eines Universums erklin- gen konnte. Ein gewaltiger Akkord, dessen Klang alles erschuf. Mit dem gewissermaßen die Musik begann.« »Eine Art Ta-tah?« fragte Ridcully. »Ich glaube, so könnte man es ausdrücken.« »Ich dachte immer, das Universum sei entstanden, weil ein Gott die Aussteuer einer Göttin geklaut und den ganzen Kosmos daraus konstru- iert hat«, meinte Ridcully. »Für mich war das immer klar. Ich meine, man kann sich problemlos vorstellen, daß so etwas passiert.« »Nun…«, »Und jetzt behauptest du, jemand hätte in irgendeine große Tröte ge- blasen – und dann gab’s uns plötzlich?« »Von jemand weiß ich nichts.« »Ich weiß eins: Geräusche machen sich nicht von selbst«, stellte Ridcul- ly fest. Er entspannte sich ein wenig, davon überzeugt, daß sich die Vernunft durchgesetzt hatte. Er klopfte Ponder auf den Rücken. »An der Sache muß noch etwas gearbeitet werden, Junge«, sagte er. »Der alte Riktor war nicht ganz richtig im Oberstübchen. Er glaubte, alles ließe sich auf Zahlen zurückführen.« »Das Universum hat einen gewissen Rhythmus«, beharrte Ponder. »Tag und Nacht, hell und dunkel, Leben und Tod…« »Hühnersuppe und Weißbrot«, fügte der Erzkanzler hinzu. »Nun, manche Vergleiche hinken mehr als andere.« Es klopfte an der Tür. Tez der Schreckliche kam mit einem Tablett herein, gefolgt von der Haushälterin Frau Allesweiß. Ridcullys Kinnlade klappte nach unten. Frau Allesweiß knickste. »Guten Morgen, Heuer Gnaden«, sagte sie. Ihr Pferdeschwanz baumelte. Gestärkte Unterröcke raschelten. Ridcullys Kinnlade kam weit genug nach oben, daß er sagen konnte: »Was hast du mit deinem…« »Entschuldige bitte, Frau Allesweiß«, warf Ponder hastig ein. »Hast du heute morgen irgendwelchen Fakultätsmitgliedern das Frühstück ser- viert?« »Ja«, bestätigte die Haushälterin. Ihr ebenso großer wie mysteriöser Bu- sen hob und senkte sich unter dem Pullover. »Die Herren kamen heute nicht in den Großen Saal. Deshalb habe ich ihnen das Frühstück auf die Zimmer gebracht. Juchhe!« Ridcullys Blick wanderte nach unten. Er hatte sich Frau Allesweiß nie mit Beinen vorgestellt. Natürlich brauchte sie welche, um zu gehen, aber…, Zwei rundliche Knie ragten unter dem großen Pilz aus Röcken hervor. Noch etwas weiter unten zeigten sich weiße Socken. »Dein Haar…«, begann der Erzkanzler heiser. »Stimmt etwas nicht damit?« fragte Frau Allesweiß. »Es ist alles in bester Ordnung«, sagte Ponder schnell. Die Tür schloß sich hinter der Haushälterin. »Sie hat mit den Fingern geschnippt, als sie ging«, stellte Ponder fest. »So wie die anderen Leute, von denen du erzählt hast.« »Übergeschnappt.« Ridcully schauderte noch immer. »Völlig überge- schnappt.« »Hast du ihre Schuhe gesehen?« »Ich glaube, vorher haben sich meine Lider schützend vor die Augen gesenkt.« »Wenn es wirklich lebt…«, sagte Ponder langsam, »… dann ist es sehr ansteckend.« Diese Szene spielte sich im Wagenschuppen von Crashs Vater ab. Sie war das Echo einer Szene, die sich überall in der Stadt ereignete. Crash hatte nicht immer den Namen Crash getragen. Er war der Sohn eines reichen Futtermittelhändlers, doch er verachtete seinen Vater und warf ihm vor, vom Hals aufwärts tot zu sein und sich nur für materielle Dinge zu interessieren. Außerdem legte er ihm Einfallslosigkeit zur Last und die Tatsache, daß er ihm nur drei Dollar Taschengeld pro Woche zahlte. Crashs Vater hatte die Pferde im Wagenschuppen zurückgelassen. Nach dem gescheiterten Versuch, ein Loch in die Wand zu treten, dräng- ten sie sich beide in einer Ecke zusammen. »Ich schätze, ich hab’s fast hingekriegt«, sagte Crash, während Heustaub von der Decke rieselte und die Holzwürmer flohen. »Nein«, widersprach Jimbo kritisch. »Ich meine, es klingt nicht so wie die Musik, die wir in der Trommel gehört haben. Sie ähnelt ihr ein biß- chen, aber sie isses nicht.« Jimbo war Crashs bester Freund und wollte dazugehören., »Für den Anfang genügt’s sicher«, erwiderte Crash. »Du und Noddy… ihr besorgt euch Gitarren. Und was dich betrifft, Abschaum… du schlägst die Trommeln.« »Weiß aber nich’, wie’s geht«, brummte Abschaum. Er hieß tatsächlich so. »Niemand weiß, worauf es dabei ankommt«, sagte Crash geduldig. »Man braucht auch gar nichts zu wissen. Es genügt, die Dinger mit Stöcken zu treffen.« »Und wenn ich danebenhaue?« »Dann setz dich dichter ran«, forderte Crash seine Freunde auf und lehnte sich zurück. »Nun… die wichtigste Sache ist: Wie nennen wir uns?« Klippe blickte sich um. »Wir uns angesehen haben jedes Haus, doch nirgends der Name Schnapper steht«, knirschte er. Buddy nickte. Die Front der Unsichtbaren Universität beanspruchte einen großen Teil vom Hiergibt’salles-Platz, aber es blieb genug Raum für andere Gebäude. Sie repräsentierten jene architektonische Spezies mit einem Dutzend Messingschildern neben dem Eingang. Solche Häu- ser vermitteln das Gefühl, daß es bereits ziemlich teuer ist, sich die Füße auf der Fußmatte abzutreten. »Hallo, Jungs.« Sie drehten sich um. Schnapper lächelte über einem Tablett mit Würst- chen und Brötchen. Neben ihm standen zwei Säcke. »Entschuldige die Verspätung«, sagte Glod. »Aber wir konnten dein Büro nicht finden.« Schnapper breitete die Arme aus. »Dies ist mein Büro«, verkündete er. »Der Hiergibt’salles-Platz! Tausen- de von Quadratmetern! Exzellente Kommunikation! Jederzeit die Mög- lichkeit, gute Geschäfte abzuschließen. Probiert das hier an«, fügte er hinzu und öffnete einen der beiden Säcke. »Die Größe mußte ich schät- zen.«, Die Kleidungsstücke waren schwarz und aus billiger Baumwolle. Die Aufschrift eines Etiketts lautete: XXXXL. »Westen mit Wörtern drauf?« fragte Buddy. »›Die Band Mit Steinen Drin‹«, las Klippe langsam. »He, damit wir ge- meint, nicht wahr?« »Wozu brauchen wir so etwas?« erkundigte sich Glod. »Wir wissen, wer wir sind.« »Werbung«, erklärte Schnapper. »Vertraut mir.« Er schob sich einen braunen Zylinder zwischen die Lippen und zündete ihn an. »Tragt die Dinger heute abend. Habe ich für heute abend einen Auftritt für euch arrangiert!« »Hast du?« erwiderte Buddy. »Ja. Das hab ich doch gesagt!« »Nein, du hast gefragt«, meinte Glod. »Und woher sollen wir das wis- sen?« Schnapper begann noch mal von vorn. »Es ist ein großes Lokal, in dem ihr mit einem großen Publikum rechnen dürft! Und ihr bekommt…« Er musterte die offenen, vertrauensvollen Gesichter. »… zehn Dollar mehr als die Gildenquote. Na, was haltet ihr davon?« In Glods Gesicht erschien ein breites Lächeln. »Was, jeder von uns?« Schnapper bedachte ihn mit einem nachdenklichen Blick. »O nein. Wir wollen doch fair bleiben, oder? Zehn Dollar für euch alle. Ich meine, Hand aufs Herz: Ihr müßt erst noch bekannt werden…« »Wenn wir werden bekannt«, stöhnte Klippe, »die Musikergilde uns er- teilt eine Lektion.« »Von der Musikergilde habt ihr in diesem Lokal nichts zu befürchten«, behauptete Schnapper. »Das garantiere ich euch.« »Wie heißt es?« fragte Glod. »Seid ihr bereit für eine Überraschung?« Die Band nickte. Schnapper blies eine Wolke aus schmierigem Rauch in die Luft und sagte:, »Ich spreche von der Kaverne!« Der Rhythmus marschierte weiter… Gelegentlich mutierte er… Gortlick und Hammerkanne waren Liedermacher und nach Tarif be- zahlte Gildenmitglieder. Ihre Spezialität waren: Zwergenlieder für alle Gelegenheiten. Manche Leute denken, es sei nicht weiter schwierig, den Text für Zwergenlieder zu schreiben – man müsse nur wissen, wie »Gold« ge- schrieben wird. Solche Ansichten sind ein wenig zynisch. In vielen Zwergenliedern* heißt es »Gold, Gold, Gold«, aber man darf nicht die Flexionsformen vergessen. Zwerge kennen Tausende von verschiedenen Ausdrücken für »Gold« und benutzen spezifische Wörter, wenn sie in einen Notfall geraten – zum Beispiel, wenn sie Gold sehen, das jemand anderem gehört. Die beiden Texter hatten ein kleines Büro im Blechdosenweg. Dort sa- ßen sie an einem Amboß und schrieben Lieder, die in Bergwerksschäch- ten erklingen sollten. »Gort?« »Ja?« »Was hältst du hiervon?« Hammerkanne räusperte sich. »Ich bin gemein und fies, und ich bin gemein und fies, und ich bin ge- mein und fies, und ich bin gemein und fies, Meine Freunde und ich tragen die Mützen verkehrt herum und können dir auf bedrohliche Weise entgegengehen. Jo!« Gortlick kaute nachdenklich am Ende des Komponierhammers. * Na schön – in allen. Abgesehen vom Haihi-haiho-Lied., »Guter Rhythmus«, sagte er. »Aber der Text muß noch verfeinert wer- den.« »Mehr in der Art von ›Gold, Gold, Gold‹?« »J-ja. Wie nennst du das Lied?« »Äh… Räpp?« »Räpp?« wiederholte Gortlick. »Was bedeutet das?« Hammerkanne runzelte verwirrt die Stirn. »Keine Ahnung. Der Name kam mir einfach in den Sinn.« Gortlick schüttelte den Kopf. Zwerge buddelten gern. Darauf mußte man Rücksicht nehmen. »Gute Zwergenmusik sollte Schwung haben«, sagte er. »Ohne Schwung taugt sie nichts.« »Beruhige dich, beruhige dich«, sagte Schnapper. »Es ist das größte Lokal in Ankh-Morpork. Ich weiß überhaupt nicht, wo das Problem liegt…« »Die Kaverne?« heulte Glod. »Der Laden gehört dem Troll Chrysopras – da liegt das Problem.« »Er gelten als Pate in der Brekzie«, sagte Klippe. »Ich bitte dich, dafür gibt es keinen Beweis…« »Es sehr schwer, mit Loch im Kopf und einem fremden Fuß darin zu beweisen Dinge!« »Wir sollten keine Vorurteile haben«, sagte Schnapper. »Nur weil er ein Troll ist…« »Ich bin ebenfalls ein Troll! Deshalb ich ruhig kann haben Vorurteile gegen Trolle! Chrysopras ist ein Sediment sehr gemeines! Als man die Schutt-Bande fand, ihnen fehlten alle Zähne…« »Was ist die Kaverne?« fragte Buddy. »Eine Troll-Taverne«, erklärte Klippe. »Es heißt…« »Dort steht euch ein großartiger Auftritt bevor!« warf Schnapper ein. »Ihr braucht euch überhaupt keine Sorgen zu machen.«, »Und außerdem ist es eine Spielhölle!«* »Aber dort lassen sich keine Gildenmitglieder blicken, denen etwas an ihrem Leben liegt«, erwiderte Schnapper. »Auch mir liegt etwas an meinem Leben!« rief Glod. »Ich hänge sehr daran und möchte es nicht verlieren! Deshalb halte ich mich von Troll- Spelunken fern!« »In der Trommel wirft man mit Äxten«, wandte Schnapper ein. »Ja, aber nur zum Spaß. Niemand zielt.« »Wie dem auch sei…«, ließ sich Klippe vernehmen. »Nur Trolle und dumme junge Menschen besuchen Troll-Taverne. Dort es kein großes Publikum gibt.« Schnapper klopfte gegen die Seite seiner Nase. »Ihr spielt«, sagte er. »Und ich sorge dafür, daß ihr Publikum be- kommt.« »Die Tür ist nicht groß genug, um mich durchzulassen!« ereiferte sich Glod. »Die Tür der Kaverne ist nicht nur sehr hoch, sondern auch sehr breit«, entgegnete Schnapper. »Sie kann nicht hoch und nicht breit genug für mich sein, denn wenn ihr mich hindurchziehen wollt, müßt ihr auch die Straße mitzerren – weil ich mich an ihr festklammere.« »Sei doch vernünftig…« »Nein!« schrie Glod. »Und ich schreie für uns alle!« Die Gitarre jaulte. Buddy schwang sie herum und spielte einige Akkorde, was sie zu beru- higen schien. »Ich glaube… äh… die Idee gefällt ihr.« »Sie gefällt ihr?« Glod kühlte sich ein wenig ab. »Oh, gut. Wißt ihr, was mit Zwergen passiert, die sich in die Kaverne verirren?« * Das Glücksspiel der Trolle ist noch schlichter als in Australien. Eins der be- liebtesten Spiele heißt »Nach oben«. Es besteht darin, eine Münze in die Luft zu werfen und zu wetten, ob sie wieder herunterkommt., »Wir brauchen das Geld«, sagte Buddy. »Und die Trolle in der Kaverne können mit uns sicher nichts Schlimmeres anstellen als die Musikergilde, wenn sie uns erwischt. Außerdem…« Er zögerte kurz. »Wir müssen spie- len.« Sie musterten sich gegenseitig. Schnapper blies einen Rauchring. »Ihr solltet euch jetzt einen hüb- schen, bequemen Ort suchen, an dem ihr den Rest des Tages verbringen könnt. Ruht euch aus.« »Da recht er hat«, sagte Klippe. »Ich nie damit gerechnet habe, die Säk- ke mit den Steinen ständig zu schleppen herum.« Schnapper hob den Zeigefinger. »Ah«, machte er, »auch daran habe ich gedacht. Ihr dürft euer Talent nicht vergeuden, indem ihr schwere Sa- chen tragt und so. Deshalb habe ich euch Hilfe besorgt. Ganz billig. Nur einen Dollar pro Tag. Ihr habt überhaupt keine Mühe damit, weil ich euch das Geld direkt vom Honorar abziehe. Wenn ich vorstellen darf… Asphalt.« »Wen meinst du?« fragte Buddy. »Er meint mich«, sagte einer der beiden Säcke neben Schnapper. Er geriet in Bewegung. Wie sich herausstellte, war es kein Sack, son- dern ein zerknittertes… ein mobiler Haufen aus… Buddys Augen tränten. Das Geschöpf sah aus wie ein Troll, war je- doch noch kleiner als ein Zwerg. Was jedoch nicht mit mangelnder Masse verwechselt werden durfte. Große Breite und ein intensiver Ge- ruch sorgten für einen großzügigen Ausgleich. »Wieso er ist so kurz?« fragte Klippe. »Ein Elefant hat sich auf mich gesetzt«, erwiderte Asphalt verdrießlich. Glod rümpfte die Nase. »Hat sich der Elefant wirklich damit begnügt, sich nur auf dich zu set- zen?« Asphalt trug bereits ein T-Shirt mit der Aufschrift »Die Band Mit Stei- nen Drin«. Es spannte sich über seiner Brust und reichte bis zum Boden hinab., »Asphalt kümmert sich um euch«, sagte Schnapper. »Er kennt sich be- stens im Showgeschäft aus.« Asphalt grinste, und zwar ziemlich breit. »Bei mir seid ihr gut aufgehoben. Ich habe mit allen zusammengearbei- tet. Bin überall gewesen und kenne den ganzen Kram.« »Wir gehen könnten zur Fassade«, schlug Klippe vor. »Dort sich nie- mand aufhält, wenn die Universität auf Urlaub ist.« »Gut. Ich muß noch diverse Dinge organisieren«, sagte Schnapper. »Wir sehen uns heute abend in der Kaverne. Um sieben.« Er ging fort. »Wißt ihr, was wirklich seltsam an ihm war?« fragte Glod nach einer Weile. »Was denn?« »Die rauchende Wurst in seinem Mund. Glaubt ihr, er hat was davon gemerkt?« Asphalt griff nach Klippes Beutel und schwang ihn sich mühelos über die Schulter. »Wir können los, Boß«, sagte er. »Ein Elefant hat sich auf dich gesetzt?« fragte Buddy, als sie den Platz überquert hatten. »Ja«, bestätigte Asphalt. »Im Zirkus. Hab dort ihre Ställe ausgemistet.« »Und dadurch bist du so… kurz geworden?« »Durchs Ausmisten?« erwiderte der flache Troll. »Nein. Bin so gewor- den, weil sich Elefanten auf mich gesetzt haben, gleich viermal. Weiß überhaupt nicht, warum. Im einen Augenblick hab ich saubergemacht, und im nächsten war’s dunkel.« »Nach dem ersten Zwischenfall dieser Art hätte ich aufgehört«, sagte Glod. »Für mich kam das nicht in Frage«, entgegnete Asphalt mit einem zu- friedenen Lächeln. »Das Showgeschäft liegt mir im Blut.« Ponder sah auf das Etwas hinab, das sie zusammengebastelt hatten., »Die Sache ist mir ein Rätsel, aber…« Er seufzte. »Offenbar können wir das Geräusch in einer Saite festhalten. Irgendwie wiederholt die Saite die Melodie. Die ganze Sache ist wie ein Ikonograph für Musik.« Sie hat- ten einen Draht in einer Schachtel gespannt, die einen Resonanzkörper bildete. Zwölf Töne erklangen hintereinander, immer wieder. »Eine Musikschachtel«, sagte Ridcully. »Na so was!« »Ich denke da an ein Experiment«, meinte Ponder. »Wenn wir Musiker vor vielen solchen Drähten spielen lassen… vielleicht könnten wir die Musik dann einfangen.« »Warum denn?« fragte Ridcully. »Welchen Sinn hätte das?« »Nun… mit Musik in Schachteln braucht man keine Musiker mehr.« Der Erzkanzler überlegte. Die Idee übte einen gewissen Reiz aus. Wenn er sich eine Welt ohne Musiker vorstellte… Seiner Erfahrung nach waren es stets schmuddelige, unhygienische Leute… Widerstrebend schüttelte er den Kopf. »Nicht diese Art von Musik. Wir wollen nicht mehr davon. Sie soll aufhören.« »Was ist damit nicht in Ordnung?« fragte Ponder. »Sie…« Ridcully suchte nach den richtigen Worten. »Siehst du denn nicht, was passiert? Die Musik veranlaßt Leute, sich närrisch zu beneh- men, törichte Kleidung zu tragen, unhöflich und ungehorsam zu sein. So was gehört sich einfach nicht. Außerdem… denk an das, was mit Herrn Hong geschah.« »Das war zweifellos eine sehr sonderbare Angelegenheit«, sagte Pon- der. »Können wir uns etwas mehr von der Musik besorgen, Erzkanzler? Um sie zu untersuchen?« Ridcully zuckte mit den Schultern. »Wir folgen dem Dekan.« »Meine Güte«, hauchte Buddy in der großen widerhallenden Leere. »Kein Wunder, daß dieses Lokal Kaverne heißt. Es ist riesig.« »Hier kommt man sich wie ein Zwerg vor«, sagte Glod. Asphalt wankte zum vorderen Bereich der Bühne. »Eins zwei, eins zwei«, sagte er. »Eins. Eins. Eins zwei, eins zwei…«, »Drei«, half Buddy. Asphalt unterbrach sich und wirkte verlegen. »Ich hab nur versucht… äh… wißt ihr, ich hab nur versucht… äh… versucht… Kann mir jemand sagen, was ich versucht habe?« »Es wird uns nie gelingen, diesen Saal zu füllen«, murmelte Buddy. Glod deutete auf einen Karton neben der Bühne. »Vielleicht doch«, sagte er. »Seht euch das an.« Er entrollte ein Plakat. Die anderen kamen näher. »Das ein Bild von uns ist«, sagte Klippe. »Jemand ein Bild von uns ge- malt hat.« »Ich sehe gemein aus«, kommentierte Glod. »Buddy wirkt gut«, bemerkte Asphalt. »So wie er die Gitarre hält…« »Was hat es mit all den Blitzen und so auf sich?« fragte Buddy. »So gemein sehe ich nicht einmal aus, wenn ich gemein bin«, brummte Glod. »›Eine neue Musik erobert die Welt‹«, las Klippe, wobei sich Anstren- gungsfalten auf seiner Stirn bildeten. »›Die Band Mit Steinen Drin‹«, fügte Glod hinzu. »O nein«, stöhnte der Zwerg. »Da steht, daß wir hier auftreten. Ort und Zeit. Alles ist genannt. Wir sind erledigt!« »Seid dabei oder seid ein rechteckiges Ding«, las Klippe mühsam. »Das ich verstehe nicht.« »Der Karton enthielt Dutzende solcher Plakate«, stellte Glod fest. »Es sind Poster. Wißt ihr, was das bedeutet? Schnapper hat sie überall in der Stadt an Mauern und so geklebt. Die Musikergilde muß davon erfahren. Und wenn sie uns erwischt…« »Musik ist frei«, sagte Buddy. »Sie sollte frei sein.« »Was?« entfuhr es Glod. »Nicht in dieser Stadt!« »Sie sollte frei sein«, betonte Buddy noch einmal. »Musiker sollten für Musizieren nichts bezahlen müssen.« »Genau! Der Junge hat recht! Ich habe es immer gesagt! Habe ich das nicht immer gesagt? Ja, ich habe es immer gesagt.«, Schnapper trat aus den Schatten der Kulissen. Ein Troll leistete ihm Gesellschaft – Chrysopras, wie Buddy vermutete. Er war nicht sehr groß, nicht einmal besonders zerklüftet. Ganz im Gegenteil: Er wirkte geschlif- fen und so glatt wie ein Kieselstein am Strand. Nirgends zeigten sich Flechten an seinem Leib. Und er trug Kleidung. Normalerweise verzichteten Trolle auf so etwas, wenn es nicht gerade eine Uniform oder ein Arbeitsanzug war. Meistens begnügten sie sich mit einem Lendentuch, in dem sich Dinge unterbrin- gen ließen. Chrysopras hingegen trug einen Anzug. Das Ding schien schlecht geschnitten zu sein, aber dieser Eindruck täuschte: Selbst gute Schneiderarbeit wirkt am Leib eines Trolls zweitklassig. Chrysopras hatte nach seiner Ankunft in Ankh-Morpork schnell ge- lernt. Er begann mit einer wichtigen Lektion: Wenn man jemanden schlug, konnte man wegen Körperverletzung zur Rechenschaft gezogen werden. Aber wenn man jemanden dafür bezahlte, jemand anderen zu schlagen… in dem Fall war man ein Geschäftsmann. »Ich möchte euch Chrysopras vorstellen«, sagte Schnapper. »Ein alter Freund von mir. Wir kennen uns schon seit einer ganzen Weile, nicht wahr, Chrys?« »Und ob.« Chrysopras sah Schnapper an und lächelte wie ein Hai, der beschlossen hat, vorerst in die gleiche Richtung zu schwimmen wie ein leckerer Fisch. Subtile Bewegungen gewisser Siliziummuskeln deuteten darauf hin, daß gewisse Leute eines Tages das »Chrys« bedauern würden. »Schnapper meint, ihr Jungs seid das Beste seit der Erfindung von ge- schnittenem Brot«, sagte er. »Habta alles, was ihr braucht?« Die Band nickte. Viele Leute vermieden es, in Chrysopras’ Gegenwart etwas zu sagen – aus Furcht, ihn ungewollt zu beleidigen. Meistens er- fuhren sie es erst später, wenn irgendwo in einer dunklen Gasse eine Stimme hinter ihnen sagte: »Herr Chrysopras ist sehr verärgert.« »Ruht euch in der Garderobe aus«, fuhr er fort. »Wenna was essen oder trinken wollt, brauchta bloß Bescheid zu geben.« Chrysopras trug Diamantringe an den Fingern. Klippes Blick klebte daran fest., Die Garderobe lag direkt neben dem Abort und war zur Hälfte mit Bierfässern gefüllt. Glod lehnte sich gegen die Tür. »Ich brauche das Geld nicht«, sagte er. »Ich möchte diesen Ort nur mit heiler Haut verlassen, das ist alles.« »Ir eine orgen achen…«, begann Klippe. »Du versuchst, mit geschlossenem Mund zu sprechen«, sagte Buddy. »Dir keine Sorgen machen«, wiederholte der Troll. »Du hast die fal- schen Zähne.« Es klopfte an der Tür, und Klippe preßte sich sofort wieder die Hand auf den Mund. Doch es kam nicht etwa Chrysopras herein, sondern As- phalt mit einem Tablett. Die Krüge enthielten drei verschiedene Arten Bier. Außerdem gab es geräucherte Ratte auf Toast, Kruste und Schwanz abgeschnitten, und eine Schüssel mit bester Anthrazitkohle in erlesener Asche. »Genieß jeden einzelnen Bissen«, sagte Glod, als Klippe nach der Schüssel griff. »Vielleicht ist es deine letzte Mahlzeit…« Buddys Finger strichen über die Saiten. Die übrigen Mitglieder der Band verstummten, als Akkorde den Raum füllten. »Magie.« Klippe schüttelte den Kopf. »Seid unbesorgt«, sagte Asphalt. »Wenn es Probleme gibt, müssen die anderen Jungs zuerst damit fertig werden.« »Welche anderen Jungs?« »Komisch«, fuhr der flache Troll fort. »Plötzlich spielen alle Musik mit Steinen drin. Herr Schnapper hat noch eine andere Band engagiert. Um das Publikum aufzuwärmen.« »Wie heißt sie?« »Wahnsinn.« »Und wo die Musiker sind?« fragte Klipper. »Nun, laßt es mich so ausdrücken…«, antwortete Asphalt. »Eure Gar- derobe liegt neben dem Abort…«, Crash hockte hinter dem fransigen Vorhang der Kaverne und versuchte, seine Gitarre zu stimmen. Dabei ergaben sich mehrere Probleme. Zu- nächst hatte Blert erkannt, was seine Kunden wirklich wollten. Auch auf die Gefahr hin, seine Vorfahren zu verärgern, widmete er den eigentlich wichtigen Teilen einer Gitarre immer weniger Zeit. Er schlug ein Dut- zend Nägel ins Holz und band die Saiten daran fest. Bei Crash spielte das kaum eine Rolle, denn er hatte das musikalische Talent einer verstopften Nase. Er sah zu Jimbo, Noddy und Abschaum. Jimbo war jetzt der Bassist – der hysterisch kichernde Blert hatte ein größeres Stück Holz und Zaun- draht benutzt – und hob unsicher die Hand. »Ja, Jimbo?« »Eine meiner Gitarrensaiten ist gerissen.« »Na und? Du hast doch noch fünf andere, oder?« »Ja. Aber ich weiß nicht, wie man sie spielt.« »Du hast auch nicht gewußt, was man mit sechs Saiten anfängt. Jetzt bist du etwas weniger unwissend.« Abschaum spähte durch den Vorhang. »Crash?« »Ja?« »Da draußen sind Hunderte von Leuten. Hunderte! Viele von ihnen haben Gitarren und winken damit!« Die Band Wahnsinn lauschte den Geräuschen auf der anderen Seite des Vorhangs. Crash hatte nicht besonders viele Gehirnzellen, und sie mußten Fähnchen schwenken, wenn sie die Aufmerksamkeit ihrer Nachbarn erregen wollten. Doch jetzt regte sich der Hauch eines Zwei- fels in dem jungen Mann. Der von Wahnsinn erzielte Sound war sicher gut, aber leider nicht der Sound, den er am vergangenen Abend in der Trommel gehört hatte. Der Sound sorgte dafür, daß er schreien und tanzen wollte. Der andere Sound hingegen… weckte nur den Wunsch in ihm, zu schreien und die Trommeln auf dem Kopf ihres Eigentümers Abschaum zu zertrümmern. Noddy blickte durch die schmale Lücke zwischen den beiden Hälften des Vorhangs., »He, in der ersten Reihe sitzen einige Zau… ja, ich glaube, es sind Zauberer«, sagte er. »Nun, ich bin ziemlich sicher, daß es Zauberer sind, aber…« »Man kann sie ganz einfach erkennen«, meinte Crash. »An den spitzen Hüten.« »Ich sehe einen mit… spitzem Haar«, sagte Noddy. Der Rest von Wahnsinn warf ebenfalls einen Blick in den Saal. »Sieht aus wie eine Art… Einhorn aus Haaren…« »Was steht da hinten auf dem Mantel?« fragte Jimbo. »GEBOREN FÜR RUNEN«, antwortete Crash. Er konnte am schnellsten lesen und brauchte dabei nicht einmal den Zeigefinger. »Der Dürre trägt einen ausgestellten Umhang.« »Er muß alt sein.« »Und sie haben alle Gitarren! Ob sie wegen uns gekommen sind?« »Bestimmt«, sagte Noddy. »Das ist ein verklopptes Publikum«, meinte Jimbo. »Ja, genau, es ist total verkloppt«, pflichtete ihm Abschaum bei. »Äh… was bedeutet ›verkloppt‹?« »Es… es bedeutet, daß die Leute jemanden verkloppen könnten.« »Hm, so wie einige von ihnen die Gitarren schwingen…«, entgegnete Abschaum nachdenklich. Crash schob seine Zweifel beiseite. »Unser Auftritt beginnt. Zeigen wir den Leuten, was wahre Musik Mit Steinen Drin ist!« Asphalt, Klippe und Glod saßen in einer Ecke der Garderobe. Ganz deutlich hörten sie das Gebrüll des Publikums. »Warum sagt er nichts?« flüsterte Asphalt. »Keine Ahnung«, erwiderte Glod. Buddy starrte ins Leere und hielt dabei zärtlich die Gitarre in den Ar- men. Gelegentlich klopfte er ganz leise auf das Holz, im Takt mit ir- gendwelchen Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen., »Manchmal er so ist«, sagte Klippe. »Einfach nur da er sitzt und in die Luft blickt…« »He, die Leute da draußen rufen was«, meinte Glod. »Hört mal.« Das Gebrüll hatte einen gewissen Rhythmus. »Klingt wie ›Steine, Steine, Steine‹«, spekulierte Klippe. Die Tür sprang auf, und Schnapper kam in einer Mischung aus Laufen und Fallen herein. »Ihr müßt auf die Bühne!« stieß er hervor. »Sofort!« »Ich dachte, die Jungs von der anderen Band…«, begann Glod. »Ach, frag bloß nicht!« unterbrach ihn Schnapper. »Kommt! Wenn ihr nicht sofort auftretet, macht das Publikum Kleinholz aus der Kaverne!« Asphalt griff nach den Steinen. »In Ordnung«, sagte er. »Nein«, sagte Buddy. »Wie bitte?« entfuhr es Schnapper. »Hast du etwa Lampenfieber?« »Nein. Musik sollte frei sein. So frei wie die Luft und der Himmel.« Glod drehte den Kopf. In Buddys Stimme vibrierte etwas. »Ja, genau, bin ganz deiner Meinung«, erwiderte Schnapper. »Aber die Gilde…« Buddy streckte die Beine und stand auf. »Ich nehme an, die Leute mußten Eintritt bezahlen, oder?« erkundigte er sich. Glod sah die anderen an. Niemand schien es zu bemerken: Eine be- sondere Schärfe erklang in Buddys Worten, ein leises Zischen wie von Saiten. »Oh, das meinst du.« Schnapper winkte ab. »Nun, denk nur an die Ko- sten. Euer Honorar, die Abnutzung des Bodens, Heizung und Beleuch- tung, allgemeine Wertminderung…« Das Gebrüll schien noch lauter zu werden. Dutzende von Füßen stampften auf den Boden, der dadurch eine noch größere Abnutzung erfuhr., Schnapper schluckte. Er wirkte plötzlich wie jemand, der bereit war, das größte aller Opfer zu bringen. »Ich könnte… vielleicht… euer Honorar um… möglicherweise… ei- nen Dollar… eventuell… erhöhen.« Jedes einzelne Wort erkämpfte sich den Weg aus dem Tresorraum seiner Seele. »Wenn wir jetzt auf die Bühne gehen, muß noch ein Auftritt stattfin- den«, sagte Buddy. »Was? Kein Problem. Ich kann bald…« »Und zwar gratis.« »Gratis?« Das Wort huschte an Schnappers Zähnen vorbei, bevor sie zuklappen und eine undurchdringliche Barriere bilden konnten. Er faßte sich innerhalb weniger Sekunden. »Ihr wollt dafür nicht bezahlt werden? Nun…« Buddy blieb unbeeindruckt. »Ich meine folgendes: Wir bekommen kein Honorar, und niemand braucht Eintritt zu bezahlen. Außerdem sollen so viele Leute wie mög- lich kommen.« »Gratis!« »Ja!« »Wo ist da der Gewinn?« Heftige Vibrationen schoben eine leere Bierflasche vom Tisch und lie- ßen sie auf dem Boden zerbrechen. Ein Troll erschien in der Tür, zu- mindest ein Teil von ihm. Er hätte nicht ins Zimmer kommen können, ohne die halbe Wand einzureißen, wozu er durchaus bereit zu sein schien. »Herr Chrysopras möchte wissen, was los ist«, knurrte der Troll. »Äh…«, begann Schnapper. »Herr Chrysopras wartet nicht gern.« »Ich weiß, aber…« »Wenn Herr Chrysopras noch länger warten muß…« »Na schön!« rief Schnapper. »Gratis! Damit treibe ich mich selbst in den Ruin. Das ist dir doch klar, oder?«, Buddy spielte einen Akkord, der kleine Lichter in der Luft entstehen ließ. »Gehen wir«, sagte er leise. »Ich kenne diese Stadt«, murmelte Schnapper, als die Band Mit Steinen Drin zur vibrierenden Bühne eilte. »Wenn man den Leuten etwas gratis anbietet, kommen Tausende…« Die Hunger haben, erklang eine Stimme hinter Schnappers Stirn. Sie klimperte ein wenig. Und Durst. Die ein T-Shirt mit der Aufschrift Die Band Mit Steinen Drin kaufen möchten… Ganz langsam veränderte sich Schnappers Gesichtsausdruck. Ein Lä- cheln verdrängte den Schatten der Sorge. »Ein Konzert, bei dem niemand Eintritt bezahlen muß«, sagte er. »Ein Freies Festival. Ja, genau! Das ist unsere Pflicht der Öffentlichkeit ge- genüber. Musik sollte frei sein. Und heiße Würstchen sollten mindestens einen Dollar kosten, wobei der Senf extra berechnet wird. Vielleicht so- gar anderthalb Dollar. Und damit treibe ich mich selbst in den Ruin.« In den Kulissen erschienen die vom Publikum verursachten Geräusche wie eine massive akustische Wand. »Das sind viele Leute«, sagte Glod. »Ich habe noch nie vor einem so großen Publikum gespielt!« Asphalt legte Klippes Steine auf der Bühne zurecht und wurde dafür mit stürmischem Applaus belohnt. Glod sah zu Buddy, der die Gitarre nicht ein einziges Mal losgelassen hatte. Zwerge neigten nicht zur Einkehr, doch Glod verspürte plötzlich den Wunsch, sich möglichst weit von diesem Ort entfernt in irgendeiner tiefen Höhle aufzuhalten. Eine Stimme hinter ihnen rief: »Viel Glück.« Jimbo verband gerade Crashs Arm. »Äh, danke«, erwiderte Klippe. »Was mit dir passiert ist?« »Die Leute haben mit Dingen nach uns geworfen«, sagte Crash., »Mit welchen Dingen?« »Mit Noddy, glaube ich.« Der sichtbare Teil von Crashs Gesicht zeigte ein breites, irres Grinsen. »Wir haben’s geschafft!« platzte es aus ihm heraus. »Wir haben richtige Musik mit Steinen drin gespielt. Und die Stelle, als Jimbo seine Gitarre zertrümmerte… Das Publikum war begeistert!« »Er hat seine Gitarre zertrümmert?« »Ja«, bestätigte Jimbo mit dem Stolz des wahren Künstlers. Buddy hatte die Augen geschlossen. Klippe glaubte, ein Glühen zu er- kennen, das den Jungen wie vager Dunst umgab. Winzige Lichter funkel- ten darin. Manchmal wirkte Buddy sehr elvisch. Asphalt verließ die Bühne. »Es ist alles vorbereitet«, sagte er. Die anderen sahen Buddy an. Er stand noch immer da mit geschlossenen Augen, als schliefe er im Stehen. »Wir… treten jetzt auf, nicht wahr?« fragte Glod. »Ja«, sagte Klippe. »Wir jetzt dort draußen auftreten, oder? Äh… Bud- dy?« Buddys Lider kamen ruckartig nach oben. »Laßt uns Musik Mit Steinen Drin machen«, hauchte er. Klippe hatte die vielen Stimmen bis eben für laut gehalten, aber der Lärm traf ihn mit der Wucht einer entschlossen geschwungenen Keule, als sie die Bühne erreichten. Glod nahm sein Horn. Klippe setzte sich und griff nach den Häm- mern. Buddy ging zur Mitte der Bühne, blieb dort stehen und blickte einfach nur zu Boden. Der Jubel ebbte allmählich ab. Und verklang dann ganz. Der große Saal war gefüllt mit dem Schwei- gen von Hunderten, die den Atem anhielten., Buddys Finger bewegten sich. Er spielte drei einfache Akkorde. Und dann sah er auf. »Hallo, Ankh-Morpork!« Klippe spürte, wie die Musik hinter ihm aufstieg und ihn in einen Tun- nel aus Feuer, Funken und Aufregung stieß. Er schlug mit den Häm- mern zu. Und es erklang Musik Mit Steinen Drin. T.M.S.I.D.R. Schnapper war nach draußen gegangen, um die Musik nicht hören zu müssen. Er stand auf der Straße, rauchte eine Zigarre und rechnete auf der Rückseite einer noch nicht bezahlten und längst überfäl- ligen Rechnung für alte Brötchen. Mal sehen… Am besten fand das Konzert irgendwo im Freien statt, damit keine Miete bezahlt werden mußte. Angenommen, es kommen zehntausend Personen, und jeder Besucher verzehrt ein heißes Würst- chen, das ihn anderthalb Dollar kostet, nein, sagen wir einen Dollar und fünfundsiebzig Cent, außerdem zehn Cent für den Senf… und zehntau- send T-Shirts mit der Aufschrift »Die Band Mit Steinen Drin«, jeweils für fünf Dollar, nein, besser zehn… und Stallmiete für die anderen Händler, ja, es kommen bestimmt welche, denn wer die Band Mit Steinen Drin mag, ist sicher bereit, alles zu kaufen… Er hörte Hufe klappern. Ein Pferd näherte sich, doch Schnapper schenkte ihm keine Beachtung, bis die Stimme einer jungen Frau erklang: »Wie komme ich da rein?« »Schlag dir das aus dem Kopf; es gibt keine Eintrittskarten mehr«, sag- te Schnapper, ohne sich umzudrehen. Die Leute hatten sogar für die Poster der Band Mit Steinen Drin drei Dollar pro Stück bezahlt, und der Troll Kreidig konnte innerhalb kurzer Zeit ohne Probleme Hunderte davon malen. Er hob den Kopf. Das Pferd – ein prächtiger weißer Hengst – muster- te ihn neugierig. Schnapper sah sich um. »Wo ist die junge Dame hin?«, Zwei Trolle hockten unmittelbar hinter der Eingangstür. Susanne schenkte ihnen keine Beachtung – umgekehrt verhielt es sich ebenso. Vor der Bühne blickte Ponder Stibbons nach rechts und links, bevor er behutsam eine hölzerne Schachtel öffnete. Der Draht in ihrem Innern begann zu vibrieren. »Das ist alles verkehrt!« rief er dem Erzkanzler ins Ohr. »Dies ent- spricht nicht den Gesetzen der Akustik!« »Vielleicht sind es keine Gesetze, sondern nur allgemeine Richtlinien!« brüllte Ridcully. Die in der Nähe sitzenden Leute hörten ihn überhaupt nicht. »Nein! Es muß Gesetze geben!« Ridcully beobachtete, wie der Dekan in seiner Begeisterung auf die Bühne zu klettern versuchte. Asphalts große Trollfüße landeten genau auf seinen Fingern. »Guter Schuß«, lobte der Erzkanzler. Ein Prickeln im Nacken veranlaßte ihn, sich umzudrehen. Zwar gab es im Saal der Kaverne keinen Platz mehr, trotzdem hatte sich, wie durch ein Wunder, ein freier Bereich gebildet. Die Zuschauer hielten sich von ihm fern. Sie schienen durch unsichtbare Mauern von ihm ge- trennt zu sein. In der Mitte des freien Bereichs bemerkte Ridcully die junge Frau, die er zum erstenmal in der Geflickten Trommel gesehen hatte. Zielstrebig setz- te sie einen Fuß vor den anderen und hob dabei den Saum ihres schwar- zen Kleids. Ridcullys Augen tränten. Er trat vor und konzentrierte sich. Man konnte fast alles schaffen, wenn man sich richtig konzentrierte. Jeder wäre imstande gewesen, den freien Bereich zu betreten, wenn die Sinne genug Mut aufgebracht hät- ten, ihn als solchen zu erkennen. Darin klang die Musik ein wenig ge- dämpft. Er klopfte der jungen Dame auf die Schulter. Sie zuckte erschrocken zusammen und drehte sich um., »Guten Abend«, sagte Ridcully. Er musterte die Unbekannte von Kopf bis Fuß und fügte dann hinzu: »Ich bin Mustrum Ridcully, Erzkanzler der Unsichtbaren Universität. Und ich frage mich, wer du bist.« »Äh…« Ein oder zwei Sekunden lang schien das Mädchen der Panik nahe zu sein. »Nun, in gewisser Weise bin ich der Tod.« »In gewisser Weise?« »Ja. Doch derzeit bin ich nicht im Dienst.« »Freut mich, das zu hören.« Von der Bühne erklang ein Kreischen, als Asphalt den Dozenten für neue Runen ins Publikum warf, das prompt applaudierte. »Nun, ich kann nicht behaupten, dem Tod jeden Tag zu begegnen«, sagte Ridcully. »Aber die wenigen Kontakte mit ihm lassen mich vermu- ten, daß er, nun, ein Er ist. Und er erschien mir auch wesentlich dün- ner…« »Er ist mein Großvater.« »Ach? Im Ernst? Ich wußte gar nicht, daß er…« Ridcully unterbrach sich. »Na so was. Dein Großvater? Du arbeitest also im Familienbetrieb, wie?« »Sei still, du törichter Mann«, erwiderte Susanne. »Wag es bloß nicht, mich von oben herab zu behandeln. Siehst du den dort?« Sie deutete zur Bühne, auf den singenden und tanzenden Buddy. »Er wird bald sterben, und zwar aus reiner Dummheit. Und wenn du nichts dagegen unterneh- men kannst… geh fort!« Ridcully blickte zur Bühne. Als er kurz darauf den Kopf drehte, war Susanne verschwunden. Er strengte sich an und glaubte fast, sie einige Meter entfernt zu sehen. Doch sie wußte nun, daß er nach ihr Ausschau hielt, also hatte er keine Chance, sie zu finden. Asphalt kehrte als erster in die Garderobe zurück. Eine leere Garderobe hat etwas sehr Trauriges. In gewisser Weise ähnelt sie einer alten Unter- hose. Sie hat eine Menge Aufregung und das ganze Spektrum der menschlichen Leidenschaft erlebt. Und davon bleibt nichts weiter übrig als ein vager Geruch., Der kleine Troll ließ den Steinbeutel zu Boden gleiten und biß zwei Bierflaschen auf. Klippe kam herein. Er schaffte einige Meter, bevor er umfiel und mit allen Körperteilen gleichzeitig auf die Dielen knallte. Glod kletterte über ihn hinweg und plumpste auf ein Faß. Er sah zu den Bierflaschen. Er nahm den Helm ab. Er goß das Bier in den Helm. Dann ließ er den Kopf einfach nach vorne sinken. Buddy trat ein, nahm in einer Ecke Platz und lehnte sich an die Wand. Schnapper folgte ihm. »Nun, was soll ich sagen? Was soll ich sagen?« »Keine Ahnung«, erwiderte Klippe, der noch immer am Boden lag. »Wie wir das wissen können?« »Eure Vorstellung war großartig«, meinte Schnapper. »Was ist mit dem Zwerg los? Ertrinkt er?« Glod streckte einen Arm aus und griff nach einer weiteren Flasche Bier, ohne aufzusehen. Er schlug sie auf und goß sich den Inhalt über den Kopf. »Herr Schnapper?« fragte Klippe. »Ja?« »Ich glaube, wir müssen reden miteinander. Wir. Die Band. Und du. Wenn du nichts hast dagegen.« Schnapper musterte die Musiker der Reihe nach. Buddy starrte ins Lee- re. Glod gab blubbernde Geräusche von sich. Klippe benutzte die Dielen weiter als Matratze. »Na schön«, sagte er und fügte fröhlich hinzu: »Buddy? Das mit dem Gratis-Auftritt… tolle Idee. Ich fange sofort an, alles zu organisieren. Ihr könnt das Konzert gleich nach eurer Tournee geben. Ja. Nun, ich…« Er wollte die Garderobe verlassen, doch Klippes Arme versperrten ihm den Weg zur Tür. »Tournee? Was für eine Tournee?« Schnapper wich zurück. »Oh, ihr besucht einige Orte. Quirm, Pseudo- polis, Sto Lat…« Er sah sich um. »Das möchtet ihr doch, oder?« »Darüber wir sprechen später«, sagte Klippe., Er schob Schnapper in den Flur und schloß die Tür. Bier tropfte von Glods Kopf. »Tournee? Noch drei solche Auftritte?« »Wo liegt das Problem?« fragte Asphalt. »Es hat doch hervorragend geklappt! Das Publikum war begeistert! Zwei Stunden lang habt ihr ge- spielt! Immer wieder mußte ich Leute von der Bühne werfen! Nie zuvor habe ich so etwas gefühlt…« Der flache Troll unterbrach sich. »Genau darum es geht«, sagte Klippe. »Wenn ich bin auf der Bühne, wenn ich dort mich setze an meine Steine… zuerst ich gar nicht weiß, was nun geschehen soll. Dann Buddy an den Saiten der Gitarre zupft, und dann… und dann meine Arme sich bewegen, und sie hämmern Bamm-Bamm-chcha-chcha-BAMM-Bamm. Ich überhaupt nicht weiß, was ich spiele. Es einfach kommt mir in den Kopf und in die Arme.« »Ja.« Glod nickte. »Bei mir ist es ähnlich. Ich kriege Dinge aus dem Horn, die ich dort überhaupt nicht reingepustet habe.« »Es nicht ist wie richtiges Spielen«, sagte Klippe. »Darauf ich hinweisen möchte. Wir werden gespielt.« »Bist du schon lange im Showgeschäft?« wandte sich Glod an Asphalt. »Ja. Bin von Anfang an dabei. Hab alles und jeden gesehen.« »Hast du jemals ein solches Publikum erlebt?« »Ich habe beobachtet, wie die Leute in der Oper Blumen warfen…« »Ha! Nur Blumen? Eine Frau warf ihre… Kleidung auf die Bühne!« »Stimmt! Sie auf meinem Kopf landete direkt!« »Frau WaWa Wumm hat mal im Skunk-Club in der Brauerstraße den Federtanz getanzt«, erinnerte sich Asphalt. »Alle Zuschauer drängten zur Bühne, als sie bei der letzten Feder ankam…« »Und dabei ging’s so zu wie hier?« »Nein«, gestand der flache Troll. »Um ganz ehrlich zu sein: Ein so… gieriges Publikum habe ich nie zuvor gesehen. Nicht einmal bei Frau WaWa Wumm. Und die verstand es, Appetit bei ihren Zuschauern zu wecken. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, Unterwäsche auf, ihre Bühne zu werfen. Man erwartete vielmehr, daß sie Unterwäsche von der Bühne warf.« »Da es noch etwas anderes gibt«, sagte Klippe. »Wir vier sind in diesem Zimmer, aber nur drei von uns sprechen.« Buddy sah auf. »Die Musik ist wichtig«, murmelte er. »Es ist keine Musik«, erwiderte Glod. »Gewöhnliche Musik wirkt sich anders aus. Sie sorgt nicht dafür, daß die Leute sich so fühlen, als hätte man sie durch die Mangel gedreht. Ich habe so sehr geschwitzt, daß ich bald meine Weste wechseln muß.« Er rieb sich die Nase. »Und dann sah ich ins Publikum und dachte: Die dort unten haben Eintritt bezahlt, um uns zu hören. Bestimmt sind mehr als zehn Dollar zusammengekom- men.« Asphalt hob einen Zettel. »Ich habe das hier auf dem Boden gefunden«, sagte er. »Es ist eine Ein- trittskarte.« Glod las sie. »Ein Dollar fünfzig?« brachte er ungläubig hervor. »Sechshundert Per- sonen haben anderthalb Dollar Eintritt bezahlt? Das sind insgesamt… vierhundert Dollar!« »Neunhundert«, korrigierte Buddy monoton. »Wie dem auch sei: Es geht nicht ums Geld.« »Es geht nicht ums Geld? Das sagst du immer wieder! Was bist du ei- gentlich für ein Musiker?« Draußen erklang gedämpftes Gebrüll. »Möchtest du nach dieser Erfahrung in irgendeinen Keller zurückkeh- ren, um dort für sechs oder sieben Zuhörer zu spielen?« fragte Buddy. »Wer ist der berühmteste Hornist aller Zeiten?« »Bruder Bein«, antwortete Glod sofort. »Das ist allgemein bekannt. Er stahl das Altargold aus Offlers Tempel, fertigte daraus ein Horn und spielte magische Musik, bis ihn die Götter erwischten und ihn bestraften, indem sie…«, »Ja«, sagte Buddy. »Aber wenn du jetzt nach draußen gehst und die Leute nach dem Namen des berühmtesten Hornisten fragst… Erinnern sie sich dann an irgendeinen sündigen Mönch oder bejubeln sie Glod Glodson?« »Sie…« Glod zögerte. »Na bitte«, fuhr Buddy fort. »Denk darüber nach. Ein Musiker muß ge- hört werden. Du kannst jetzt nicht Schluß machen. Niemand von uns kann das.« Glod deutete auf die Gitarre. »Es liegt an dem Ding. Es ist zu gefährlich.« »Ich werde damit fertig!« »Mag sein. Aber wo soll das alles enden?« »Es kommt nicht darauf an, wie etwas endet«, sagte Buddy. »Wichtig ist, wie man zum Ende gelangt.« »Das klingt sehr elvisch…« Die Tür sprang auf. »Äh«, begann Schnapper, »wenn ihr nicht sofort für eine Zugabe auf die Bühne kommt, sitzen wir alle in tiefer, brauner…« »Ich kann jetzt nicht mehr spielen«, entgegnete Glod. »Ich habe Atem- not, weil mir Geld fehlt.« »Ich habe euch doch zehn Dollar versprochen.« »Zehn Dollar in Ordnung sind«, meinte Klippe. »Für jeden von uns.« Schnapper hatte nicht damit gerechnet, mit weniger davonzukommen. Er gestikulierte vage. »Das ist eure Dankbarkeit, was?« fragte er. »Ihr wollt mich unbedingt in den Ruin treiben, wie?« »Wenn du dabei Hilfe brauchst…«, grollte Klippe. »Na schön, na schön, dreißig Dollar«, sagte Schnapper. »Dafür muß ich aufs Abendessen verzichten.« Klippe sah zu Glod, der noch immer die Sache mit dem berühmtesten Hornisten der Welt verdaute., »Viele Zwerge und Trolle im Publikum sind«, meinte Klippe. »Sollen wir ›Tiefe Höhle, hoher Berg‹ spielen?« schlug Glod vor. »Nein«, sagte Buddy. »Was dann?« »Mir fällt schon was ein.« Das Publikum strömte auf die Straße. Die Zauberer umringten den De- kan und schnippten mit den Fingern. »Juchhu-juchhe«, sang der Dekan glücklich. »Es ist nach Mitternacht!« verkündete der Dozent für neue Runen. Auch er schnippte mit den Fingern. »Und es ist mir völlig gleich! Was machen wir jetzt?« »Wir könnten was essen«, meinte der Dekan. »Ja, genau«, pflichtete ihm der Professor für unbestimmte Studien bei. »Immerhin haben wir das Abendessen versäumt.« »Wir haben das Abendessen versäumt?« entfuhr es dem Obersten Hir- ten verblüfft. »Potzblitz! Das kommt von der Musik Mit Steinen Drin! Was früher wichtig für uns war, verliert nun an Bedeutung!« »Nein, ich meinte…« Der Dekan zögerte. Als er jetzt darüber nach- dachte, wußte er nicht mehr genau, was er meinte. »Es ist ein langer Weg zurück zur Universität«, räumte er ein. »Ich schlage vor, wir trinken un- terwegs einen Kaffee oder so.« »Und essen ein oder zwei Krapfen«, fügte der Dozent für neue Runen hinzu. »Mir wäre Apfelkuchen recht«, ließ sich der Oberste Hirte vernehmen. »Und etwas Torte.« »Kaffee«, murmelte der Dekan. »J-ja. Eine… Kaffeestube. Das gehört irgendwie dazu.« »Was ist eine Kaffeestube?« fragte der Oberste Hirte. »Eine Stube aus Kaffee«, erwiderte der Dozent für neue Runen. »Ist doch ganz klar.« »Gibt’s dort auch etwas zu essen?«, Das versäumte Abendessen beanspruchte die Aufmerksamkeit der Zauberer immer stärker. Der Dekan blickte an seinem neuen Ledermantel hinab. Alle hatten ihn bewundert, besonders die glänzende Nietenschrift GEBOREN FÜR RUNEN. Auch sein Haar war genau richtig. Er dachte daran, sich den Bart abzurasieren und nur lange Koteletten stehen zu lassen, weil sich das richtig anfühlte. Und Kaffee. Kaffee war ein wichtiger Teil der gan- zen Sache. Und die Musik. Sie durchdrang alles. Aber es gab noch etwas anderes. Etwas fehlte. Der Dekan wußte nicht, was. Er wußte nur eins: Er würde es sofort erkennen, wenn er es sah. Es war sehr dunkel in der Gasse hinter dem Troll-Lokal Kaverne. Nur besonders scharfe Augen hätten dort einige an die Wand gepreßte Ge- stalten gesehen. Gelegentlich zeigte sich der matte Glanz einer angelaufenen Paillette. Kenner wußten die Anzeichen zu deuten: Dies war die schnelle Eingreif- truppe der Musikergilde, die »Fast Harmonischen Sänger von Grisham Frord«. Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten auf Herrn Cletes Lohnli- ste verfügten diese Burschen tatsächlich über etwas musikalisches Talent. Sie waren ebenfalls im Saal gewesen und hatten dort Die Band gehört. »Duh-wopp, uh duh-wopp, uh duh-wopp…«, sagte der Dünne. »Schowie-doofie«, sagte der Große. Es gab immer einen Großen. »Clete hat recht«, meinte Grisham. »Wenn die Jungs ständig ein so großes Publikum zusammenbringen, sind alle anderen aus dem Ge- schäft.« »Ja, dubiduba«, stimmte ihm der Kleine zu. »Wenn sie durch die Tür da kommen…« Drei weitere Messer wurden gezogen. »Wartet auf mein Zeichen.« Sie hörten Schritte auf der Treppe. Grisham nickte. »Eins, und zwei, und eins zwei dr…« MEINE HERREN? Sie drehten sich um., Eine dunkle Gestalt stand hinter ihnen und hielt eine glühende Sense in den Händen. Susanne lächelte betont grimmig. ICH HABE EBENFALLS EINE KLINGE, WIE IHR SEHT. GEFÄLLT SIE EUCH? »O nein«, stöhnte der Kleine. Asphalt schob den Riegel beiseite, öffnete die Tür und trat in die Nacht. »He, was war das?« brummte er. »Was meinst du?« fragte Schnapper. »Ich dachte, ich hätte jemand wegrennen hören…« Der Troll schob sich vor. Etwas machte Ping. Asphalt bückte sich und hob einen Gegen- stand auf. »Wer auch immer weggelaufen ist, hat vorher das hier fallengelas- sen…« »Ach, irgendein Ding«, sagte Schnapper laut. »Kommt, Jungs. Heute nacht braucht ihr nicht in einer billigen Absteige zu schlafen. Diesmal ist euer Quartier im Gritz!« »Das ist ein Troll-Hotel, nicht wahr?« fragte Glod argwöhnisch. »Äh… es ist ein trollisches Hotel«, entgegnete Schnapper und wirkte verärgert. »Dort veranstaltet wurde einmal ein Varieté, an dem ich teilgenommen habe!« entfuhr es Klippe. »Es alles gibt im Gritz! In fast jedem Zimmer Wasser fließt aus einem Hahn! Und dann das Sprechrohr, in das man hineinrufen kann, um zu bestellen Essen direkt in der Küche. Und Leute mit Schuhen es einem bringen aufs Zimmer. Der ganze Krempel!« »Genießt ein wenig Komfort!« sagte Schnapper. »Ihr Jungs könnt es euch leisten!« »Und die Tournee«, zischte Glod. »Die können wir uns ebenfalls lei- sten, nicht wahr?« »Oh, dabei helfe ich euch«, versprach Schnapper großzügig. »Morgen reist ihr nach Pseudopolis, was etwa zwei Tage dauert. Dann kommt ihr über Sto Lat und Quirm zurück. Am Mittwoch seid ihr wieder hier,, rechtzeitig für das Gratis-Konzert. Tolle Idee. Dienst an der Gemein- schaft und so. Ist gut für… für… für die Gemeinschaft. Ich organisiere alles, während ihr weg seid, in Ordnung? Und dann…« Er schlang den einen Arm um Buddys Schultern und den anderen um Glods Kopf. »Gennua! Klatsch! Herscheba! Chimära! Wiewunderland! Vielleicht sogar der Gegengewicht-Kontinent, der bald erneut entdeckt werden soll, wie ich hörte. Großartige Gelegenheiten für die richtigen Leute! Mit eurer Musik und meinem unfehlbaren Geschäftssinn ist die Welt praktisch unsere Molluske! So, geht jetzt. Asphalt bringt euch zum Gritz. Die be- sten Zimmer sind für euch reserviert. Für meine Jungs ist nichts zu teuer. Schlaft in aller Seelenruhe, ohne euch Sorgen um die Rechnung zu ma- chen…« »Danke«, sagte Glod. »… die könnt ihr morgen früh bezahlen.« Die Band Mit Steinen Drin schlurfte in die Richtung des besten Hotels. Schnapper hörte, wie Klippe fragte: »Was eine Molluske ist?« »Stell dir zwei präzipitierte Scheiben aus Kalziumkarbonat vor, mit ei- nem salzigen und schleimigen Fischetwas dazwischen.« »Klingt lecker. Das Fischetwas dazwischen man doch nicht unbedingt essen muß, oder?« Als die Musiker fort waren, besah Schnapper sich das Messer, das er Asphalt abgenommen hatte. Es war mit Pailletten besetzt. Weiter oben in der Dachrinne hockte der Rattentod und brabbelte leise vor sich hin. Ridcully verließ die Kaverne langsamen Schrittes. Nur einige Eintrittskar- ten auf den Treppenstufen erinnerten an die Stunden der Musik. Er fühlte sich wie jemand, der bei einem Spiel zusah und die Regeln nicht verstand. Zum Beispiel der Gesang. Der Junge auf der Bühne hatte von… was gesungen? Von irgendwelchen delirierenden Dingen. Was bedeutete das? Solche Beschreibungen trafen wohl auf den Dekan zu, aber was war sonst damit gemeint? Das Publikum schien alles genau zu verstehen. Und dann dieses Lied, in dem es darum ging, anderen Leuten nicht auf die Schuhe zu treten. Ein vernünftiger Vorschlag, zweifellos;, niemand ließ sich gern auf die Schuhe treten. Aber warum waren die Leute so hingerissen, wenn sie solch ein Lied hörten? Und das Mädchen… Ponder näherte sich mit dem Kasten. »Ich habe fast alles eingefangen, Erzkanzler!« rief er. Ridcully blickte an ihm vorbei und erblickte Schnapper mit einigen nicht verkauften T-Shirts der Band Mit Steinen Drin. »Ja, gut, Stibbons (seibloßstillMannkeinWortdavon)«, sagte er. »Na schön. Ich schlage vor, wir kehren jetzt heim.« »Guten Abend, Erzkanzler«, grüßte Schnapper. »Oh, hallo, Ruin«, erwiderte Ridcully. »Hab dich gar nicht bemerkt.« »Was ist in dem Kasten?« »Oh, nichts, überhaupt nichts…« »Es ist wirklich erstaunlich!« schnaufte Ponder in der Aufregung des wahren Entdeckers und Idioten. »Wir können au au au!« »Na so was, wie tolpatschig ich manchmal bin«, sagte Ridcully, als sich der junge Mann das schmerzende Bein hielt. »Komm, gib mir den völlig harmlosen Apparat…« Doch der Kasten rutschte aus Ponders Armen und fiel auf die Straße. Der Deckel löste sich. Musik glitt aus der Schachtel und hallte durch die Nacht. »Wie habt ihr das angestellt?« erkundigte sich Schnapper. »Steckt Magie dahinter?« »Die Musik läßt sich einfangen, und man kann sie wieder und immer wieder hören«, erklärte Ponder. Und zum Erzkanzler sagte er: »Ich glau- be, du hast das mit Absicht getan!« »Man kann die Musik wieder und immer wieder hören?« vergewisserte sich Schnapper. »Indem man einfach eine Schachtel öffnet?« »Ja«, sagte Ponder. »Nein«, sagte Ridcully. »Doch, man kann es«, beharrte Ponder. »Ich hab’s dir gezeigt, Erz- kanzler, erinnerst du dich?«, »Nein«, erwiderte Ridcully. »Irgendeine Schachtel?« fragte Schnapper mit einer Stimme, in der Goldmünzen klirrten. »Ja. Aber man muß innen einen Draht spannen, in dem die Musik wohnen kann, und autsch autsch autsch!« »Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist. Ich leide plötzlich an Muskel- krämpfen«, sagte Ridcully. »Komm, Stibbons. Wir wollen Herrn Schnap- per nicht seine kostbare Zeit stehlen.« »Oh, keine Sorge«, sagte Schnapper. »Schachteln mit Musik, wie?« »Wir nehmen diese«, betonte Ridcully und griff nach dem hölzernen Behälter. »Es handelt sich um ein wichtiges magisches Experiment.« Er führte Ponder fort, was nicht ganz einfach war, da sich der junge Mann immer wieder zusammenkrümmte und keuchte. »Warum hast du mich… geschlagen und… getreten?« »Mein lieber Stibbons, du versuchst doch das Universum zu verstehen, nicht wahr? Nun, du solltest folgende Regel beachten: Gib dem Affen nie den Schlüssel für die Bananenplantage. Manchmal kann man unan- genehme Zwischenfälle vermeiden, wenn man… O nein.« Ridcully ließ Ponder los und winkte. »Was hältst du denn davon, junger Mann?« Weiter vorn quoll etwas Goldbraunes und Zähflüssiges aus etwas, das ein Laden sein mochte. Während die beiden Zauberer das Geschehen beobachteten, brach Glas, und das Zeug wuchs auch aus dem ersten Stock. Ridcully trat vor, griff nach der sonderbaren Substanz und sprang rasch zurück, bevor ihn die braune Wand erreichen konnte. »Sind das gespenstische Absonderungen aus den Kerkerdimensionen?« fragte Ponder. »Ich glaube nicht«, erwiderte Ridcully. »Riecht wie Kaffee.« »Kaffee?« »Es ist Schaum mit Kaffeegeschmack. Wieso habe ich bloß das Gefühl, daß hier irgendwo Zauberer in der Nähe sind?«, Eine Gestalt taumelte aus der schaumigen Masse. Braune Blasen tropf- ten von ihr herab. »Wer ist da?« fragte Ridcully. »Ah! Hat jemand die Nummer des Ochsenkarrens notiert? Bitte noch einen Krapfen, sei so gut«, sagte die Gestalt glücklich und kippte in die braune Masse zurück. »Klang wie der Quästor«, sagte Ridcully. »Komm, Junge. Es sind nur Blasen.« Und damit trat er in den Schaum hinein. Nach einigen Sekunden des Zögerns begriff Ponder, daß seine Reputa- tion als junger Zauberer auf dem Spiel stand. Widerstrebend folgte er dem Erzkanzler. Fast sofort stieß er gegen jemanden. »Äh… hallo?« »Wer ist da?« »Ich bin’s, Stibbons. Ich bin gekommen, um dich zu retten.« »Gut. Wo geht’s nach draußen?« »Äh…« In den Tiefen der Kaffeewolke krachte eine Explosion, gefolgt von ei- nem Plop. Ponder blinzelte. Die Kaffeewolke sank allmählich in sich zu- sammen. Einige spitze Hüte erschienen wie Baumstümpfe in einem austrock- nenden See. Ridcully watete durch den Schaum; Kaffeeblasen hafteten an seiner Hutkrempe. »Hier passiert etwas ausgesprochen Dämliches«, brummte er. »Und ich warte hier, bis der Dekan sich zeigt.« »Ich weiß überhaupt nicht, wieso du sofort mir die Schuld gibst«, murmelte eine kaffeebraune Säule. »Wenn du nicht für diese Sache verantwortlich bist – wer dann?« »Der Dekan meinte, ordentlicher Kaffee müßte schäumen«, sagte ein Schaumhaufen, der entfernte Ähnlichkeit mit dem Obersten Hirten hat-, te. »Er hat ein bißchen gezaubert, ja, und ich glaube, dann haben wir’s ein wenig übertrieben.« »Du bist also schuld, Dekan.« »Ja, aber nur durch Zufall«, erwiderte der Dekan gereizt. »Kommt da raus, ihr alle«, sagte Ridcully. »Zurück zur Universität, und zwar sofort.« »Ich meine, ich weiß gar nicht, warum du sofort mir die Schuld gibst. Nur weil ich manchmal in Situationen gerate, die…« Der Schaumpegel sank noch etwas mehr, und zwei Augen unter einem Zwergenhelm wurden sichtbar. »Entschuldigt bitte«, ertönte eine Stimme durch die braune Masse. »Wer bezahlt das alles? Ich bekomme noch vier Dollar, herzlichen Dank.« »Der Quästor hat das Geld«, entgegnete Ridcully rasch. »Nicht mehr«, sagte der Oberste Hirte. »Er hat siebzehn Krapfen ge- kauft.« »Zucker?« fragte Ridcully. »Ihr habt zugelassen, daß er Zucker zu sich nimmt? Ihr wißt doch, daß er dadurch ein wenig, nun, komisch wird. Frau Allesweiß meinte, sie könnte ungehalten werden, wenn wir ihm noch einmal Zucker geben.« Er geleitete die kaffeebraunen Gestalten zur Tür. »Es ist alles in bester Ordnung, guter Mann«, sagte er zum Zwerg. »Du kannst uns vertrauen – wir sind Zauberer. Morgen früh lasse ich dir das Geld schicken.« »Ha!« erwiderte der Zwerg. »Und das soll ich glauben?« Eine lange Nacht lag hinter Ridcully. Er drehte sich um und zielte mit dem Zeigefinger auf die Wand. Oktarines Feuer knisterte, und die Worte ICH SCHULDE DIR 4 DOHLAR brannten sich in den Stein. »Gut, danke, kein Problem«, sagte der Zwerg und duckte sich in den Schaum. »Ich schätze, wegen Frau Allesweiß brauchen wir uns kaum Sorgen zu machen«, meinte der Dozent für neue Runen, als sie durch die Dunkel- heit wankten. »Ich habe sie und einige ihrer Gehilfinnen in der Kaverne, gesehen. Du weißt schon, die Küchenmädchen. Molly, Polly und… äh… Dolly. Sie weinten.« »So schlecht war die Musik nun auch wieder nicht«, sagte Ridcully. »Nein… äh… sie weinten nicht vor Schmerz, nein, das glaube ich nicht!« ließ sich der Dozent für neue Runen vernehmen. Er errötete. »Nun… äh… als der junge Mann mit den Hüften wackelte…« »Der Bursche sieht eindeutig elvisch aus«, murmelte Ridcully. »… äh… ich glaube, da warf sie etwas von ihrer Unter… und so auf die Bühne.« Das brachte den Erzkanzler zum Schweigen, zumindest für eine Weile. Jetzt waren alle Zauberer mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. »Was, Frau Allesweiß?« fragte der Professor für unbestimmte Studien. »Ja.« »Was, ihre…?« »Ich… äh… glaube schon.« Ridcully hatte einmal Frau Allesweiß’ Wäscheleine gesehen und staunte noch immer, als er sich daran erinnerte. Er hätte nie vermutet, daß es so viele rosarote Rüschen auf der Welt gab. »Was, wirklich ihr…?« fragte der Dekan. Seine Stimme schien aus wei- ter Ferne zu kommen. »Ich bin… äh… ziemlich sicher.« »Klingt gefährlich«, kommentierte Ridcully. »Jemand hätte ernsthaft verletzt werden können. Und nun zurück zur Universität. Dort erwartet euch alle ein kaltes Bad.« »Wirklich ihr…?« hauchte der Professor für unbestimmte Studien. Es fiel den Zauberern schwer, nicht mehr an diese Sache zu denken. »Mach dich nützlich und such den Quästor«, sagte Ridcully scharf. »Und morgen früh… Normalerweise würde ich euch alle vor dem Rek- torat antreten lassen, aber das geht leider nicht, denn ihr seid das Rekto- rat.«, Der Stinkende Alte Ron, von Beruf verrückt und einer der fleißigsten Bettler in Ankh-Morpork, blinzelte in die Düsternis. Lord Vetinari konn- te im Dunkeln gut sehen. Unglücklicherweise gab es auch an seinem Geruchssinn nichts auszusetzen. »Und dann geschah was?« fragte er und versuchte, dem Bettler nicht direkt das Gesicht zuzuwenden. Der Stinkende Alte Ron war ein kleiner, buckliger Mann in einem schmierigen Mantel. Doch sein Geruch reichte aus, um die ganze Welt zu füllen. Ron war körperlich schizophren. Auf der einen Seite existierte der Stinkende Alte Ron und auf der anderen sein Geruch, der sich im Lauf der Jahre zu einer unabhängigen Persönlichkeit entwickelt hatte. Jeder konnte einen Geruch haben, der noch eine Zeitlang blieb, nachdem er gegangen war. Doch der Gestank des Alten Ron traf einige Minuten vor ihm ein, um sich überall umzusehen und einen bequemen Platz zu su- chen. Er hatte einen so hohen Entwicklungsstand erreicht, daß man ihn nicht mehr mit der Nase wahrnahm, weil diese sofort alle Kontakte zur Außenwelt abbrach. Daß sich der Stinkende Alte Ron näherte, bemerkte man daran, daß sich das Ohrenschmalz aufzulösen begann. »Verdammtermistundzugenäht, Verdammtermistundzugenäht, falsche Seite, ich hab’s ihnen ja gesagt, Mistmist…« Der Patrizier wartete. Man mußte dem Verstand des Stinkenden Alten Ron genug Zeit geben, in die Nähe der Zunge zu gelangen. »… mir mit Magie nachzuspionieren, ich hab’s ihnen gesagt, Bohnen- suppe, sieh nur… und dann tanzten alle, weißt du, und nachher standen zwei Zauberer auf der Straße, und einer von ihnen sprach davon, die Musik in einer Schachtel zu fangen, und Herr Schnapper interessierte sich dafür, und dann explodierte die Kaffeestube, und sie alle kehrten zur Universität zurück… Verdammtermistundzugenäht, Mistmist, jawohl.« »Die Kaffeestube explodierte?« »Überall gab’s Kaffeeschaum, Oiergnaden, Mistund…« »Ja, ja, und so weiter.« Der Patrizier winkte mit seiner schmalen Hand. »Und mehr hast du nicht zu berichten?« »Nun, Mistund…«, Der Stinkende Alte Ron bemerkte den durchdringenden Blick des Pa- triziers und riß sich zusammen. Seine persönliche Art des Wahnsinns ließ ihm genug geistigen Raum für die Erkenntnis, daß es unter gewissen Umständen besser war, Zurückhaltung zu üben. Unterdessen wanderte sein Geruch durchs Zimmer, las Dokumente und betrachtete die Ge- mälde. »Es heißt, daß alle Frauen verrückt nach ihm sind«, sagte Ron. Der Pa- trizier lehnte sich zurück. »Es heißt… nachdem er mit den Hüften wak- kelte, warf Frau Allesweiß ihre… Dingsbums… auf die Bühne.« Der Patrizier wölbte eine Braue. »Ihre ›Dingsbums‹?« »Du weißt schon.« Der Stinkende Alte Ron gestikulierte vage. »Zwei Kissenbezüge? Zwei Beutel mit Mehl? Eine sehr ausgebeulte Ho… Oh. Ich verstehe. Meine Güte. Gab es Verletzte?« »Ich weiß es nicht, Oiergnaden. Aber ich weiß etwas anderes…« »Ja?« »Äh… der Gebeugte Michael meinte, daß du manchmal für Informa- tionen bezahlst…?« »Interessant. Es ist mir ein Rätsel, wie solche Gerüchte entstehen kön- nen.« Lord Vetinari stand auf und ging zum Fenster. »Ich sollte in dieser Hinsicht etwas unternehmen.« Der Stinkende Alte Ron erinnerte sich daran, daß Wahnsinn nicht mit Dummheit gleichzusetzen war. »Ich habe das hier, Oiergnaden«, sagte er und holte etwas unter der gräßlichen Kleidung hervor. »Da ist was draufgeschrieben, Oiergnaden.« Es war ein Poster in leuchtenden Grundfarben. Bestimmt war es nicht sehr alt, aber ein oder zwei Stunden als Brustwärmer des Alten Ron hat- ten den Alterungsprozeß beschleunigt. Der Patrizier entfaltete es mit zwei Pinzetten. »Das ist ein Bild der Musikanten«, erläuterte der Stinkende Alte Ron. »Und da ist was geschrieben. Und hier gibt es noch mehr Geschriebenes, sieh nur. Herr Schnapper hat den Troll Kreidig beauftragt, weitere Plaka- te zu malen. Nachdem er fortgegangen war, habe ich den Laden betreten, und damit gedroht, alle Anwesenden anzuhauchen. Daraufhin haben sie mir sofort so ein Ding gegeben.« »Kann ich mir denken«, murmelte der Patrizier. Er entzündete eine Kerze und las aufmerksam. In der Gegenwart des Stinkenden Alten Ron brannten alle Kerzen mit einer bläulichen Flam- me. »Gratis-Konzert mit Musik Mit Steinen Drin«, sagte er. »Man braucht keinen Eintritt zu bezahlen«, erklärte der Stinkende Alte Ron. »Verdammtermistundzugenäht, Mistmist.« Lord Vetinari las weiter. »Im Hide Park. Am nächsten Mittwoch. Im Freien. Jede Menge Platz. Ich frage mich, ob viele Leute kommen werden.« »Bestimmt, Oiergnaden. Es wollten noch Hunderte weitere Besucher in die Kaverne, aber dort gab’s nicht einmal mehr Stehplätze.« »Und die Musiker sehen so aus wie auf diesem Poster?« vergewisserte sich Lord Vetinari. »Schneiden sie so finstere Gesichter?« »Als ich sie sah, haben sie die meiste Zeit über geschwitzt«, antwortete der Stinkende Alte Ron. »›Seid dabei oder seid ein rechteckig Ding‹«, las der Patrizier. »Ist das eine Art okkulter Code?« »Weiß nicht, Oiergnaden. Mein Gehirn arbeitet nur noch ganz lang- sam, wenn ich durstig bin.« »›Sie sinnet so herforagend dasse mans kaum glaubet‹«, las der Patrizier weiter. »›Und auserdem machen sie gute Musik.‹« Lord Vetinari sah auf. »Oh, entschuldige bitte. Bestimmt kann ich jemand finden, der dir ein erfrischendes Getränk besorgt…« Der Stinkende Alte Ron hustete. Es klang nach einem freundlichen Angebot, doch aus irgendeinem Grund hatte er plötzlich keinen Durst mehr. »Ich möchte dich nicht aufhalten«, sagte der Patrizier. »Herzlichen Dank.« »Äh…« »Ja?«, »Äh… nichts…« »Gut.« Nachdem Ron unter mehrmaligem »Verdammtermistundzugenäht« die Treppe hinuntergegangen war, klopfte Lord Vetinari nachdenklich mit dem Stift auf das Poster und blickte zur Wand. Der Stift klopfte auf die Stelle, an der es hieß: »Gratis-Konzert mit freier Musik«. Schließlich läutete er die Glocke. Ein junger Bediensteter sah zur Tür herein. »Äh, Drumknott«, sagte Lord Vetinari. »Sag dem Chef der Musikergil- de, daß ich mit ihm reden möchte.« »Äh… Herr Clete sitzt bereits im Wartezimmer, Euer Exzellenz«, er- widerte Drumknott. »Hat er zufälligerweise ein Poster dabei?« »Ja, Euer Exzellenz.« »Und ist er sehr aufgebracht?« »In der Tat, Euer Exzellenz. Es geht um das Konzert. Er besteht darauf, daß du es verbietest.« »Meine Güte.« »Und er verlangt, unverzüglich empfangen zu werden.« »Ich verstehe. Nun, laß ihn noch etwa zwanzig Minuten warten, bevor du ihn zu mir führst.« »Ja, Euer Exzellenz. Er fragt immer wieder, was du zu unternehmen gedenkst.« Der Patrizier lehnte sich zurück. Si non confectus, non reficiat, lautete das Motto Vetinaris. Alles regelte sich von selbst, wenn man die Dinge nur geschehen ließ. Er griff nach einigen Notenblättern und las Salamis Präludium zu einer Nokturne, nach einem Thema von Bubbla. Nach einer Weile sah er auf. »Du kannst ruhig gehen«, sagte er. Der Geruch des Stinkenden Alten Ron schlich fort., QUIEK! »Sei nicht dumm! Ich habe ihnen nur einen Schrecken eingejagt. Nie- mand kann behaupten, ich hätte ihnen ein Leid zugefügt. Was hat Macht für einen Sinn, wenn man sie nicht benutzt?« Der Rattentod hob die Pfoten vors Gesicht. Mit Ratten war alles viel einfacher.* T.M.S.I.D.R. Schnapper schlief nur wenig. Ein Grund war, daß er sich mit Kreidig nur nachts treffen konnte: Der große Troll neigte dazu, im Tageslicht zu trocknen und zu splittern. Andere Trolle sahen auf ihn herab, weil er aus einer sedimentären Fa- milie kam und daher einer der untersten Troll-Klassen angehörte. Krei- dig scherte sich nicht darum. Er war ein liebenswürdiger Bursche. Er erledigte Gelegenheitsaufträge für Leute, die schnell etwas Unge- wöhnliches brauchten und mit klingender Münze bezahlten. Diesmal bekam er einen Auftrag, der noch ungewöhnlicher war als sonst. »Einfach nur Schachteln?« fragte er. »Mit Deckeln«, sagte Schnapper. »Wie diese hier, die ich selbst gebaut habe. Und im Innern muß ein Draht gespannt sein.« Andere Leute hätten »warum?« oder »weshalb?« gefragt, aber Kreidig verdiente sein Geld nicht mit Fragen. Er nahm die Schachtel und drehte sie hin und her. * Ratten hatten in der Geschichte von Ankh-Morpork eine große Rolle gespielt. Kurz bevor der Patrizier an die Macht kam, wurde die Stadt von einer schreck- lichen Rattenplage heimgesucht. Der Stadtrat beschloß, sie zu bekämpfen, in- dem er zwanzig Cent für jeden Rattenschwanz bot. Für ein oder zwei Wochen verringerte sich die Anzahl der Ratten in Ankh-Morpork tatsächlich. Dann standen die Leute plötzlich mit Rattenschwänzen Schlange. Die Stadtkasse hatte immer weniger Geld, und es schien kaum mehr jemand zu arbeiten. Lord Vetinari hörte aufmerksam zu, als man ihm das Problem erklärte. Er löste es mit einem denkwürdigen Satz, der nicht nur viel über ihn selbst aussagte, son- dern auch über den Unsinn derartiger Prämien und über den natürlichen In- stinkt der Bürger von Ankh-Morpork, wenn es um Geld ging: »Besteuert die Rattenfarmen.«, »Wie viele?« fragte er. »Zehn für den Anfang«, erwiderte Schnapper. »Aber später könnten es mehr werden. Viel mehr.« »Wie viele sind zehn?« erkundigte sich der Troll. Schnapper hob beide Hände und spreizte die Finger. »Ich baue sie für zwei Dollar«, sagte Kreidig. »Willst du mich in den Ruin treiben?« »Zwei Dollar.« »Jeweils einen Dollar für diesen Auftrag und anderthalb beim näch- sten.« »Zwei Dollar.« »Na schön, na schön. Insgesamt also zehn Dollar, nicht wahr?« »Ja.« »Und damit treibe ich mich selbst in den Ruin.« Kreidig warf die Schachtel in seine Werkstatt. Dort fiel sie auf den Bo- den, und der Deckel löste sich. Etwas später trottete eine kleine graubraune Promenadenmischung auf der Suche nach etwas Eßbarem herein. Der Hund hockte sich vor der Schachtel hin und starrte eine Zeitlang hinein. Schließlich hielt er die Schachtel für dumm und schlenderte fort. Ridcully hämmerte an die Tür des Forschungstraktes für hochenergeti- sche Magie, als die diversen Glocken in der Stadt zwei Uhr schlugen. Er stützte Ponder Stibbons, der im Stehen schlief. Die Tür öffnete sich, und Skazz’ Haare erschienen. »Siehst du in meine Richtung?« fragte Ridcully. »Ja, Erzkanzler.« »Laß uns rein. Der Tau dringt mir durch die Sohlen.« Ridcully blickte sich um, als er Ponder ins Zimmer dirigierte., »Ich möchte bloß mal wissen, warum ihr hier dauernd arbeitet«, sagte er. »In eurem Alter fand ich Magie nie so interessant. Bitte hol Kaffee für Stibbons, ja? Und gib anschließend deinen Freunden Bescheid.« Skazz eilte fort, und Ridcully blieb allein mit dem schlummernden Ponder zurück. »Was stellen die Jungs hier an?« murmelte er. Bisher hatte er nie ernst- haft versucht, eine Antwort auf diese Frage zu bekommen. An der gegenüberliegenden Wand zog sich eine Werkbank entlang. Skazz schien dort bis eben tätig gewesen zu sein. Ridcully erkannte ein hölzernes Modell der Scheibenwelt. Rechteckige Steine bildeten zwei konzentrische Kreise. Eine kleine Laterne auf einem Schwenkarm konnte darauf beliebig positioniert werden. Es war ein Reisecomputer für Druiden, ein tragbarer Steinkreis, im druidischen Fachjargon »Kneetop« genannt. Der Quästor hatte sich ein- mal einen solchen Apparat bestellt und ihn in einer Kiste erhalten, auf der »Für den eiligen Priester « stand. Er hatte das Ding nie richtig benut- zen können, und jetzt diente es als Türstopper. Ridcully fragte sich, was solche Geräte mit Magie zu tun haben sollten. Eigentlich waren sie nichts anderes als Kalender, und einen ganz normalen, guten Kalender konnte man sich schon für acht Cent kaufen. Noch verwirrender erschien dem Erzkanzler das Durcheinander aus gläsernen Röhren neben dem hölzernen Scheibenwelt-Modell. Hier war Skazz beschäftigt gewesen. Am Platz des Studenten türmten sich krum- me Glaswaren, Gefäße und Pappstücke. Die Röhren wirkten lebendig. Ridcully beugte sich vor… … und sah Ameisen. Tausende von ihnen krabbelten durch gläserne Röhren und komplexe Spiralen. In der Stille erzeugten ihre Bewegungen ein beständiges leises Rascheln. Der Erzkanzler bemerkte einen Schlitz in Augenhöhe, daneben klebte ein Zettel mit der Aufschrift »Ein«., Auf der Werkbank lag ein rechteckiges Stück Pappe, das genau die richtige Größe für den Schlitz zu haben schien. Jemand hatte runde Lö- cher hineingebort. Ridcully sah zwei runde Löcher und eine ganze Gruppe weiterer Lö- cher. Den Abschluß bildeten erneut zwei runde Öffnungen. Daneben stand der handschriftliche Hinweis »2 x 2«. Der Erzkanzler gehörte zu den Leuten, die jeden Hebel umlegen – nur um zu sehen, was passiert. Er schob das Stück Pappe in den Schlitz… Sofort veränderte sich das Rascheln. Die Ameisen setzten ihren Weg durch das Labyrinth aus Röhren und Spiralen fort. Einige von ihnen trugen offenbar Eier… Ein leises, dumpfes Geräusch erklang, und am Ende des Glasapparates fiel eine Karte heraus. Sie hatte vier Löcher. Ridcully starrte noch immer darauf, als Ponder an ihn herantrat und sich die Augen rieb. »Das ist unsere ameisenbetriebene Zählmaschine«, erklärte er. »Zwei mal zwei ergibt vier«, sagte Ridcully. »Na so was. Von selbst wä- re ich nicht darauf gekommen.« »Die Maschine kann noch besser rechnen.« »Willst du etwa behaupten, daß Ameisen mit Zahlen umgehen kön- nen?« »Nein. Einzelne Ameisen sind dazu nicht fähig. Es ist schwer zu erklä- ren… sie blockieren manche Röhren, was die Ameisen veranlaßt, durch andere zu krabbeln, und…« Ponder seufzte. »Wir glauben, daß wir mit der Maschine vielleicht noch mehr bewerkstelligen können.« »Zum Beispiel?« fragte Ridcully. »Äh, wir versuchen gerade, es herauszufinden…« »Ihr versucht, es herauszufinden? Wer hat das Ding gebaut?« »Skazz.« »Und jetzt versucht ihr herauszufinden, welchen Zweck es erfüllt?«, »Nun, wir vermuten, daß der Zählapparat in der Lage ist, auch Pro- bleme der höheren Mathematik zu lösen. Dazu brauchen wir spezielle Insekten, ›Bugs‹ genannt.« »Als Junge hatte ich ein kleines Nagetier, eine Rennmaus oder so«, sag- te Ridcully und kapitulierte vor dem Unverständlichen. »Die verbrachte die ganze Zeit in der Tretmühle. Sie lief stundenlang. Diese Sache ist so ähnlich, nicht wahr?« »In gewisser Weise«, entgegnete Ponder taktvoll und vorsichtig. »Hatte auch mal ‘ne Ameisenfarm«, sagte Ridcully verträumt. »Die kleinen Biester weigerten sich hartnäckig, in geraden Linien zu pflügen.« Er kehrte in die Gegenwart zurück. »Wie dem auch sei: Hol deine Kum- pel hierher.« »Warum?« »Hier findet gleich ein Kolloquium statt«, verkündete Ridcully. »Wollen wir nicht die Musik untersuchen?« »Alles zu seiner Zeit. Zunächst reden wir mit jemandem.« »Mit wem?« »Ich weiß es nicht genau«, gestand Ridcully. »Wir erfahren es, wenn er erscheint. Oder sie.« Glod sah sich die Unterkünfte an. Der Hotelbedienstete hatte gerade seine übliche Routine hinter sich gebracht: »Dies das Fenster ist, es sich wirklich öffnen läßt, und dies die Pumpe, man kann bekommen Wasser mit Hebel hier (und dies ist meine Ich-aufs-Trinkgeld-warte-Geste).« »Jetzt reicht’s«, brummte der Zwerg. »Das setzt der Sache sozusagen den eisernen Helm auf. Wir spielen den ganzen Abend Musik Mit Stei- nen Drin, und dafür bekommen wir so ein Quartier?« »Es gemütlich ist«, meinte Klippe. »Weißt du, Trolle sich nicht viel scheren um das übliche Drum und Dran des Lebens…« Glod blickte auf seine Stiefel. »Du hast recht«, sagte er. »Sie scheren sich nicht darum und haben es einfach auf den Boden geworfen. Man gebe mir einen Besen. Das heißt, zuerst brauche ich eine Schaufel und dann einen Besen.«, »Die Unterkunft ist in Ordnung«, ließ sich Buddy vernehmen. Er legte die Gitarre beiseite und streckte sich auf einer Holzplatte aus, die vermutlich ein Bett darstellen sollte. »Auf ein Wort, Klippe«, sagte Glod. Er deutete zur Tür. Draußen blieben sie auf dem Treppenabsatz stehen. »Es wird schlimmer«, meinte der Zwerg. »Ja.« »Er spricht kaum noch, wenn er nicht auf der Bühne steht.« »Stimmt.« »Bist du jemals einem Zombie begegnet?« »Ich kennen Golem einen, Herrn Dorfle in der Langen Schweine- fleischstraße.« »Was? Der ist ein echter Zombie?« »Ja. Hat heiliges Wort auf der Stirn. Ich selbst es gesehen habe.« »Meine Güte! Ich hab Wurst bei ihm gekauft.« »Was mit den Zombies ist?« »… mit dem Geschmack war alles in Ordnung, ich habe ihn immer für einen guten Metzger gehalten…« »Was du sagen wolltest über Zombies?« »… komisch, manchmal kennt man jemanden jahrelang und erfährt dann, daß er im wahrsten Sinne des Wortes auf tönernen Füßen steht…« »Zombies…«, wiederholte Klippe geduldig. »Was? Oh, ja. Ich meine, Buddy benimmt sich wie einer.« Glod erin- nerte sich an einige der Zombies in Ankh-Morpork. »Besser gesagt, er verhält sich so, wie man es von einem Zombie erwartet.« »Ja. Ich weiß, was meinst du.« »Und wir kennen den Grund dafür.« »Ja… äh… wirklich?« »Die Gitarre.« »Oh, ja. Ja.«, »Sie hat die Kontrolle, wenn wir auf der Bühne sind…« Die Gitarre lag neben Buddys Bett, umhüllt von Dunkelheit und Stille. Die Saiten vibrierten leise im Takt von Glods Stimme… »Na schön«, brummte Klippe. »Was wir unternehmen?« »Das Ding besteht aus Holz. Ich brauche mit meiner Axt nur zehn Se- kunden, kein Problem.« »Ich weiß nicht… Es kein gewöhnliches Musikinstrument ist.« »Er war ein netter Kerl, als wir uns kennenlernten«, sagte Glod. »Für einen Menschen.« »Was wir machen jetzt? Ich nicht glaube, daß wir ihm einfach so ab- nehmen können die Gitarre.« »Vielleicht wäre es möglich…« Der Zwerg zögerte, als er ein seltsames Echo in seiner eigenen Stimme hörte. »Das verdammte Ding belauscht uns!« zischte er. »Laß uns nach draußen gehen.« Kurz darauf standen sie auf der Straße. »Weiß gar nicht, wie uns die Gitarre kann zuhören«, sagte Klippe. »Mu- sikinstrumente dazu da sind, daß man ihnen zuhört.« »Die Saiten lauschen«, beharrte Glod. »Du hast eben selbst darauf hin- gewiesen: Es ist kein gewöhnliches Musikinstrument.« Nächtlicher Dunst wallte durch die Straßen von Ankh-Morpork. Im Bereich der Universität nahm er wegen der magischen Hintergrundstrah- lung seltsame Formen an. Sonderbare Gestalten wanderten über das feuchte Kopfsteinpflaster. Zwei von ihnen waren Glod und Klippe. »Da vorn«, sagte der Zwerg. »Wir sind da.« Eine leere Mauer präsentierte sich seinem Blick. »Ich wußte es!« entfuhr es ihm. »Habe ich es nicht gesagt? Wie oft ha- ben wir solche Geschichten gehört? Jemand entdeckt plötzlich einen, geheimnisvollen Laden, den zuvor niemand bemerkt hat, betritt ihn und kauft ein rostiges altes Etwas, das…« »Glod…« »… sich als eine Art Talisman entpuppt oder als eine Flasche mit ei- nem Geist drin, und anschließend gibt’s Schwierigkeiten, und wenn der Betreffende dann zurückkommt…« »Glod…« »… ist der Laden auf mysteriöse Weise verschwunden, verschluckt von der Dimension, aus der er kam… Ja, was ist denn?« »Du auf der falschen Straßenseite bist. Der Laden ist da drüben.« Glod warf einen letzten anklagenden Blick auf die leere Mauer, drehte sich dann um und stapfte über die Straße. »Ein solcher Fehler hätte jedem unterlaufen können.« »Ja.« »Dadurch verliert das, was ich vorhin gesagt habe, nicht an Bedeu- tung.« Glod drehte den Knauf und stellte überrascht fest, daß die Tür nicht abgeschlossen war. »Es ist zwei Uhr nachts! Welches Musikgeschäft hat um zwei Uhr nachts geöffnet?« Der Zwerg riß ein Streichholz an. Er trat ein, und ein staubiger Friedhof aus alten Musikinstrumenten empfing ihn. Es sah aus, als wären einige prähistorische Tiere von einer plötzlichen Überschwemmung erfaßt worden und anschließend verstei- nert. »Das Ding da aussieht wie eine Schlange«, flüsterte Klippe. »Was ist es?« »Ein Schlangenhorn.« Unbehagen erfaßte Glod. Er hatte den größten Teil seines Lebens als Musiker verbracht. Er verabscheute den Anblick toter Instrumente, und diese wirkten tatsächlich tot. Sie gehörten niemandem und wurden nicht mehr gespielt. Sie glichen Körpern ohne Leben, Personen ohne Seelen. Das Besondere, das einst in ihnen steckte, existierte nun nicht mehr., Jedes einzelne von ihnen repräsentierte einen vom Glück verlassenen Musiker. Mattes Licht glühte in einem Wäldchen aus Fagotten. Die Alte saß in einem Schaukelstuhl und schlief, ein Wollknäuel im Schoß und ein Tuch um die Schultern geschlungen. »Glod?« Der Zwerg zuckte zusammen. »Ja? Was ist?« »Warum wir hier sind? Wir wissen jetzt, daß wirklich existiert der La- den…« »Die Flossen hoch, ihr Halunken!« Glod blinzelte und schielte auf die Spitze der Armbrust, die ihn an der Nase berührte. Rasch hob er die Hände. Die Alte hatte von tiefem Schlaf zur Kampfbereitschaft gewechselt, ohne den Phasen dazwischen Beach- tung zu schenken. »Mit Flossen kann ich leider nicht dienen«, sagte Glod behutsam. »Äh… die Tür war nicht verriegelt, und deshalb…« »Deshalb dachtet ihr: He, das ist eine gute Gelegenheit, eine hilflose al- te Frau auszurauben.« »Nein, ganz und gar nicht. Wir…« »Ich warne euch! Ich gehöre zur Nachbarschaftshilfe Entschlossener Hexen, jawohl. Nur ein Wort von mir, und ihr braucht eine Prinzessin, die Amphibien mag…« »Ich glaube, dies ist gegangen weit genug.« Klippe beugte sich vor, schloß eine große Hand um die Armbrust und drückt zu. Holzsplitter quollen zwischen seinen Finger hervor. »Wir völlig harmlos sind«, fuhr er fort. »Letzte Woche ein Freund von uns hier hat gekauft ein Musikinstrument. Darum wir sind gekommen noch einmal hierher.« »Seid ihr von der Wache?« Glod verbeugte sich. »Nein, gnä’ Frau. Wir sind Musiker.« »Jetzt soll ich mich wohl besser fühlen, was? Welches Instrument meint ihr?«, »Eine Art Gitarre.« Die Alte neigte den Kopf zur Seite und kniff die Augen zusammen. »Ich nehme das Ding nicht zurück«, sagte sie. »Verkauft ist verkauft. Und an der Gitarre gab es nichts auszusetzen. Sie funktionierte sogar.« »Wir möchten nur wissen, von wem du sie bekommen hast.« »Ich habe sie von niemandem bekommen«, erwiderte die Alte. »Sie be- fand sich immer hier. Nicht hineinblasen!« Glod hatte eine Flöte genommen und sie an die Lippen gesetzt. Vor Schreck ließ er sie fast fallen. »Einige wenige Töne – und wir stehen hier bis zu den Knien in Rat- ten«, meinte die Frau. Sie wandte sich wieder an Klippe. »Die Gitarre war immer hier«, wiederholte sie. »Jemand hat mit Kreide die Nummer Eins draufgeschrieben«, sagte Glod. »Sie befand sich immer hier«, wiederholte die Frau. »Seit ich den Laden übernommen habe.« »Wer brachte sie?« »Woher soll ich das wissen? Ich frage meine Kunden nie nach ihrem Namen. Es gefällt den Leuten nicht. Sie bekommen nur eine Nummer.« Glod betrachtete die Flöte. Jemand hatte die Zahl 431 auf ein kleines, vergilbtes Schild gekritzelt. Er sah zu den Regalen hinter dem improvisierten Tresen. Unter ande- rem lag dort ein rosarotes Tritonshorn, ebenfalls mit einer Nummer ver- sehen. Er befeuchtete sich die Lippen, streckte den Arm… »Wenn du hineinbläst, sollte dir eine zur Opferung bereite Jungfrau sowie Kessel mit Brotfrüchten und Schildkrötenfleisch zur Verfügung stehen«, sagte die Alte. Neben dem Tritonshorn lag eine Trompete, die erstaunlich neu aussah. »Und das Ding?« fragte er. »Vermutlich genügt ein Ton, um das Ende der Welt einzuleiten und den Himmel auf mich herabstürzen zu lassen, nicht wahr?« »Woher weißt du das?« entgegnete die Ladeninhaberin gelassen., Glod ließ die Hand sinken. Dann weckte etwas anderes seine Auf- merksamkeit. »Meine Güte«, hauchte er. »Ist das immer noch hier? Ich hab’s ganz ver- gessen…« »Was du meinst?« fragte Klippe und sah in die Richtung, in die der Zwerg zeigte. »Das da?« »Wir haben etwas Geld. Warum nicht?« »Ja. Es vielleicht hilft. Aber du weißt ja, was gesagt hat Buddy. Wir nicht imstande wären…« »Das ist eine große Stadt. Was hier nicht bewerkstelligt werden kann, dürfte überall unmöglich sein.« Glod nahm die Hälfte eines Trommelstocks und sah nachdenklich zu einem Gong, der halb in einem Stapel aus Notenständern steckte. »Davon rate ich dir ab«, sagte die Alte. »Es sei denn, du möchtest, daß siebenhundertsiebenundsiebzig Knochenkrieger aus dem Boden wach- sen.« Glod zeigte auf etwas. »Wir nehmen das.« »Zwei Dollar.« »He, warum sollen wir überhaupt etwas bezahlen? Die Sachen gehören dir doch gar nicht…« »Bezahl.« Klippe seufzte. »Versuch nicht zu handeln.« Glod trennte sich nur sehr widerstrebend von dem Geld, riß der Alten die Tüte aus der Hand und verließ den Laden. »Du hier hast einige sehr faszinierende Instrumente«, brummte Klippe und starrte auf den Gong. Die Alte zuckte mit den Achseln. »Mein Freund ein bißchen verärgert ist«, fuhr der Troll fort. »Weil er glaubte, dies einer von den geheimnisvollen Läden ist, von denen berich- ten Sagen und Legenden. Du weißt schon: heute hier und morgen ver- schwunden. Er gesucht hat das Geschäft auf der anderen Straßenseite, haha!«, »Klingt ganz schön blöd«, sagte die Alte in einem Tonfall, der weitere Leichtfertigkeiten entmutigte. Klippe sah noch ein letztes Mal zu dem Gong, bevor er Glod folgte. Die Frau wartete, bis sich das Geräusch der Schritte im Nebel verlor. Dann öffnete sie die Tür und sah nach rechts und links die Straße ent- lang. Die große Menge an Leere stellte sie offenbar zufrieden, denn sie brummte leise, kehrte in den Laden zurück und tastete nach dem Hebel unterm Tresen. Ein oder zwei Sekunden lang schimmerten die Augen der Alten grünlich. »Wie vergeßlich ich geworden bin«, sagte sie und legte den Hebel um. Eine verborgene Mechanik knirschte. Das Geschäft verschwand. Einen Atemzug später erschien es auf der anderen Seite der Straße wieder. Buddy lag noch immer auf der Holzplatte und sah zur Decke. Wie schmeckten Nahrungsmittel? Es fiel ihm schwer, sich daran zu er- innern. Während der letzten Tage hatte er gelegentlich etwas gegessen – das mußte der Fall gewesen sein –, doch den Geschmack der Mahlzeiten hatte er vergessen. In seinem Denken schien nur noch Platz für die Mu- sik zu sein. Wenn Glod und die anderen sprachen, erreichten ihn ihre Stimme wie durch dicke Watte. Asphalt war fortgegangen, um irgend etwas zu besorgen. Buddy schwang die Beine vom harten Lager, stand auf und ging zum Fenster. Die Schatten – ein Stadtviertel von Ankh-Morpork, das einen beson- ders schlechten Ruf genoß – zeichneten sich im grauen Licht kurz vor der Morgendämmerung ab. Sanfter Wind wehte durch das offene Fen- ster. Als sich Buddy umdrehte, stand eine junge Frau in der Mitte des Zim- mers. Sie hob ihren Zeigefinger vor die Lippen. »Ruf nicht nach dem kleinen Troll«, sagte die Besucherin. »Er hockt unten und ißt was. Außerdem könnte er mich ohnehin nicht sehen.«, »Bist du meine Muse?« Susanne runzelte die Stirn. »Ich glaube, ich weiß, was du meinst«, erwiderte sie. »Ich habe Bilder gesehen. Es waren insgesamt acht, und angeführt wurden sie von… äh… Kantalupe. Angeblich beschützen sie die Leute. Die Ephebianer glauben, daß die Musen die Musiker und Künstler inspirieren, aber es gibt sie natürlich gar ni…« Susanne unterbrach sich und beschloß, auf Nummer Sicher zu gehen. »Zumindest habe ich sie noch nicht kennen- gelernt. Mein Name ist Susanne. Ich bin hier, weil…« Ihre Stimme verklang. »Kantalupe?« wiederholte Buddy. »Ich bin ziemlich sicher, daß es nicht Kantalupe war.« »Wie auch immer.« »Wie bist du hereingekommen?« »Ich… Du solltest dich besser setzen. Ja, gut. Nun… du weißt sicher, daß manche Dinge… zum Beispiel die Musen…« Susanne holte tief Luft. »Nun, die Leute glauben, daß Personen gewisse Dinge repräsentie- ren.« So etwas wie Verstehen huschte über Buddys Gesicht. »So wie der Schneevater den Geist des Winterfestes symbolisiert?« fragte er. »Ja. Nun…« Susanne suchte nach den richtigen Worten. »Ich bin in dieser Branche tätig. Details sind unwichtig.« »Soll das heißen, du bist kein Mensch?« »O doch. Aber ich… erfülle eine Pflicht. Stell dir ruhig vor, ich wäre eine Muse – schaden kann’s nicht. Ich bin gekommen, um dich zu war- nen.« »Eine Muse für Musik Mit Steinen Drin?« »Nein, eigentlich nicht. Hör jetzt endlich zu… He, ist alles in Ordnung mit dir?« »Keine Ahnung.« »Du siehst ziemlich mitgenommen aus. Die Musik ist gefährlich…«, Buddy zuckte mit den Achseln. »Oh, du meinst sicher die Musikergilde. Herr Schnapper sagte, deshalb brauchten wir uns keine Sorgen zu ma- chen. Morgen verlassen wir die Stadt und…« Susanne trat vor und griff nach der Gitarre. »Ich meine das hier!« Die Saiten bewegten sich und jaulten. »Rühr die Gitarre nicht an!« »Sie hat dich übernommen«, erwiderte Susanne und warf das Instru- ment aufs Bett. Buddy hob es schnell auf und spielte einen Akkord. »Ich weiß, was du sagen willst«, murmelte er. »Alle sagen es. Auch Glod und Klippe glauben, die Gitarre sei böse. Aber sie irren sich!« »Vielleicht ist sie nicht in dem Sinne böse, aber sie stellt zweifellos eine Gefahr für dich dar.« »Ich werde damit fertig.« »Die Gitarre wird mit dir fertig.« »Wer bist du, daß du es wagst, solche Worte an mich zu richten? Eine Zahnfee hat mir keine Vorschriften zu machen!« »Früher oder später bringt das Ding dich um! Da bin ich ganz sicher!« »Soll ich aufhören zu spielen?« Susanne zögerte. »Nun, nicht unbedingt. Wenn du aufhörst…« »Eins weiß ich: Ich brauche keinen mysteriösen, okkulten Frauen zu- zuhören! Wahrscheinlich existierst du nicht einmal! Ich schlage vor, du fliegst jetzt zu deinem magischen Schloß zurück, in Ordnung?« Susanne reagierte mit vorübergehender Sprachlosigkeit. Sie hatte sich längst damit abgefunden, daß ein großer Teil der Menschheit – vor allem jene Individuen, die sich morgens rasierten – hoffnungslos verblödet war. Trotzdem fühlte sie sich beleidigt. Niemand durfte es wagen, so mit dem Tod zu reden. Zumindest nicht lange. »Na schön.« Sie streckte die Hand aus und berührte Buddy am Arm. »Irgendwann siehst du mich wieder, allerdings unter Umständen, die dir nicht sonderlich gefallen werden. Und weißt du, warum? Ich will’s dir sagen. Zufälligerweise bin ich…«, Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Sie bekam den seltsamen Ein- druck, nach hinten zu fallen, während sie völlig still stand. Das Zimmer glitt an ihr vorbei in die Finsternis und drehte sich um Buddys entsetzte Miene. Die Dunkelheit explodierte, dann wurde es hell. Kerzen flackerten. Buddy tastete mit der Hand nach der Stelle, an der er eben noch Susanne gesehen hatte. »Wo bist du? Wohin bist du verschwunden? Wer bist du?« Klippe sah sich um. »Ich dachte, ich etwas gehört hätte«, brummte er. »He, einige der Mu- sikinstrumente waren sehr ungew…« »Ja, ich weiß«, sagte Glod. »Schade, daß ich nicht die Rattenflöte aus- probiert habe. Ich bin hungrig.« »Ich meine, es sich handelt um mythi…« »Ja.« »Und wieso sie sich jetzt befinden in einem Laden für gebrauchte Mu- sikinstrumente?« »Hast du deine Steine nie verpfändet?« »O doch«, erwiderte Klippe. »Das alle Musiker machen, früher oder später. Manchmal nur dadurch bekommt man die nächste Mahlzeit.« »Na bitte. Du hast es selbst gesagt. Irgendwann trifft es jeden Musiker, früher oder später.« »Ja, aber Buddys Gitarre…sie markiert ist mit der Nummer Eins…« »Ja.« Glod blickte zu einem Straßenschild hoch. »Die Straße Schlauer Kunsthandwerker. Hier sind wir richtig. Sieh nur: Viele Werkstätten sind noch immer geöffnet, selbst um diese Zeit.« Er rückte den Sack zurecht. Etwas klackte darin. »Du nimmst dir die eine Seite vor, ich die andere.«, »Ja, in Ordnung. Aber… ich meine, die Nummer Eins. Selbst das Tri- tonshorn die Nummer Zweiundfünfzig trug. Wem die Gitarre gehörte?« »Keine Ahnung«, entgegnete Glod und klopfte an die erste Tür. »Ich hoffe nur, daß der Eigentümer nicht kommt und sie zurückverlangt.« »Und das ist der Ritus von AshkEnte«, sagte Ridcully. »Eigentlich ganz einfach. Man muß nur darauf achten, ein frisches Ei zu nehmen.« Susanne blinzelte. Auf den Boden war ein Kreis gemalt. Jenseits davon standen unheimli- che Gestalten, die sich jedoch als ganz gewöhnliche Studenten entpupp- ten, als sie ihre Perspektive den neuen Umständen anpaßte. »Wer seid ihr?« fragte sie. »Wo bin ich hier? Laß mich sofort gehen!« Sie schritt durch den Kreis – und stieß gegen eine unsichtbare Barriere. Die Studenten starrten sie groß an. Sie hatten gerüchteweise von der Existenz einer weiblichen Subspezies der Gattung Mensch gehört, je- doch nie damit gerechnet, einem Exemplar so nahe zu kommen. »Gebt mich frei!« Susanne richtete den Blick auf Ridcully. »Bist du nicht der Zauberer von gestern abend?« »Ja«, bestätigte der Erzkanzler. »Und dies ist der Ritus von AshkEnte. Er ruft den Tod in den Kreis. Er – oder sie, wie in diesem Fall – kann ihn erst wieder verlassen, wenn wir es erlauben. In dem Buch hier stehen sehr komplizierte Zauberformeln mit vielen hübsch klingenden Zischlau- ten. Ab- und Beschwörungen aller Art, aber eigentlich dienen sie nur da- zu, Eindruck zu schinden. Letztendlich läuft alles auf folgendes hinaus: Sobald du im Kreis bist, steckst du fest. Ich muß sagen, dein Vorgänger nahm es weitaus gelassener hin.« Susanne schnitt eine finstere Miene. Der Kreis beeinflußte irgendwie ihre räumliche Wahrnehmung. Die ganze Sache erschien ihr… unfair. »Warum habt ihr mich beschworen?« erkundigte sie sich. »Schon besser«, sagte Ridcully. »Jetzt verhältst du dich so, wie man es von dir erwartet. Es ist uns gestattet, dir Fragen zu stellen. Und du mußt sie beantworten. Wahrheitsgemäß.« »Nun?«, »Möchtest du dich setzen? Hast du Durst?« »Nein.« »Na schön. Die neue Musik… Erzähl uns davon.« »Ihr habt Tod beschworen, um ihn nach der neuen Musik zu fragen?« »Ich bin mir nicht ganz sicher, wen wir beschworen haben«, erwiderte Ridcully. »Ist sie wirklich lebendig, die Musik?« »Ich… glaube schon.« »Hat sie einen festen Wohnsitz?« »Zuerst wohnte sie in einem Musikinstrument, doch inzwischen wan- dert sie umher. Kann ich jetzt gehen?« »Nein. Ist es möglich, sie irgendwie zu töten?« »Ich weiß es nicht.« »Sollte sie hier sein?« »Wie bitte?« »Sollte sie hier sein?« wiederholte Ridcully geduldig. »Ist die neue Mu- sik etwas, das ins Muster der aktuellen Ereignisse paßt?« Susanne fühlte sich plötzlich wichtig. Zauberer galten als sehr klug*, und solche Leute baten sie um Auskunft, erhofften sich Aufschluß von ihr. Stolz leuchtete in den Augen des Mädchens. »Ich… glaube nicht. Sie kam durch Zufall hierher. Dies ist nicht die richtige Welt für sie.« Ridcully lächelte selbstgefällig. »Das dachte ich mir. Dies ist nicht rich- tig, dachte ich. Musik, die Leuten den Kopf verdreht, kann nicht richtig sein. Welche Möglichkeit haben wir, sie zu vertreiben?« »Überhaupt keine. Mit Magie läßt sich nichts dagegen ausrichten.« »Verstehe. Musik ist dagegen immun. Jede Art von Musik. Aber irgend etwas muß unternommen werden. Zeig ihr die Schachtel, Ponder.« * Das Wort »Klugscheißer« hatte zunächst eine ganz andere Bedeutung. Es galt als Synonym für »Zauberer« und bezog sich auf Personen, die »Weisheit mit Löffeln« gegessen hatten und anschließend Klugheit ausschieden., »Äh… ja. Hier.« Er hob den Deckel. Musik kroch durchs Zimmer. Sie klang ein wenig blechern, blieb aber erkennbar. »Klingt wie eine Spinne, die in einer Streichholzschachtel gefangen ist, nicht wahr?« fragte Ridcully. »Mit einem Draht in einer Schachtel kann man keine Musik festhalten«, meinte Susanne. »Das ist gegen die Natur.« Ponder seufzte erleichtert. »Das habe ich ebenfalls gesagt. Aber es funktioniert trotzdem. Weil die Musik in dem Draht festgehalten werden möchte.« Susanne blickte in die Schachtel. Sie lächelte. Allerdings nicht auf humorvolle Weise. »Diese Melodien bringen die Leute durcheinander«, sagte Ridcully. »Und… sieh dir das an.« Er holte ein Papier unter seinem Mantel hervor und entrollte es. »Ich habe jemanden bei dem Versuch ertappt, das an unser Tor zu kleistern. Meine Güte! Nun, ich habe dem Burschen das Plakat abgenommen und ihm den guten Rat gegeben, die Beine in die Hand zu nehmen.« Der Erzkanzler blickte auf seine Fingerspitzen. »Die- sen Rat hat er tatsächlich beherzigt. Wie dem auch sei: Das Plakat kün- digt ein Konzert der Musik Mit Steinen Drin an. Vermutlich endet alles damit, daß Ungeheuer aus einer anderen Dimension in unsere durchbre- chen. So was passiert hier immer wieder.« »Entschuldigung«, sagte der Große Irre Adrian. Argwohn vibrierte in seiner Stimme. »Ich möchte keine Unruhe stiften, aber… ist das der Tod oder nicht? Auf den Bildern sieht er ganz anders aus.« »Wir haben den Ritus vollzogen«, erwiderte Ridcully. »Und dies hier ist das Ergebnis.« »Ja, aber mein Vater ist Heringsfischer, und er findet nicht nur Heringe in seinen Netzen«, gab Skazz zu bedenken. »Die… äh… junge Frau könnte irgendwer sein«, meinte Tez der Schreckliche. »Ich habe mir den Tod immer größer und mit mehr Kno- chen vorgestellt.« »Sie ist nur ein Mädchen, das ein bißchen angeben möchte.«, In Susannes Augen blitzte es. »Außerdem hat sie nicht einmal eine Sense«, fügte Tez hinzu. Susanne konzentrierte sich. Die Sense erschien in ihren Händen. Die Klinge glänzte bläulich und verursachte ein ganz besonderes Geräusch: wie ein Finger, der über den Rand eines Glases strich. Die Studenten atmeten tief durch. »Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es Zeit wird, gewisse Dinge zu ändern«, sagte Tez. »Ja, genau«, pflichtete ihm Skazz bei. »Es wird Zeit, daß auch Mädchen die Chance erhalten, in den gehobenen Berufen voranzukommen.« »Wagt es bloß nicht, mich von oben herab zu behandeln!« »Das finde ich auch«, stimmte Ponder seinen Kollegen zu. »Es gibt keinen Grund, warum der Tod unbedingt männlich sein sollte. Eine Frau könnte seinen Job fast ebenso gut erledigen.« »Du bist ein recht ordentlicher Tod«, sagte Ridcully. Er bedachte Susanne mit einem aufmunternden Lächeln. Sie musterte ihn. Ich bin der Tod, dachte sie. Ich vertrete ihn zumin- dest. Und dies ist ein dicker alter Mann, der nicht das Recht hat, mir irgendwelche Befehle zu erteilen. Wenn ich ihn zornig genug anstarre, dürfte ihm klarwerden, wie ernst die Situation ist. Sie starrte zornig. »Was hältst du von einem Frühstück, junge Dame?« fragte Ridcully. Die Geflickte Trommel schloß nur selten. Gegen sechs Uhr morgens wurde es meistens ruhig, aber Hibiskus ließ die Taverne so lange geöffnet, wie jemand etwas zu trinken wollte. Diesmal wollte jemand ziemlich viel trinken. Vor der Theke stand eine nur undeutlich zu erkennende Gestalt. Wenn sie sich bewegte, rieselte Sand zu Boden. Außerdem steckten einige Pfeile offenbar klatschiani- schen Ursprungs in ihr. Der Wirt beugte sich vor. »Habe ich dich schon einmal gesehen?«, KANN SEIN. ICH KOMME OFT HIERHER. ZUM LETZTENMAL WAR ICH LETZTEN MITTWOCH HIER. »Ha! Da ging’s ganz schön rund. Der arme alte Vince wurde ersto- chen.« JA. »Er forderte es geradezu heraus, indem er sich Vincent der Unver- wundbare nannte.« JA. EIN UNPASSENDER NAME, WIE SICH HERAUSSTELLTE. »Die Wache sprach von Selbstmord.« Tod nickte. Die Geflickte Trommel zu betreten und sich Vincent der Un- verwundbare zu nennen… Das war Selbstmord, nach den Maßstäben von Ankh-Morpork. IN DIESEM GETRÄNK SCHWIMMT EINE MADE! Der Wirt blickte ins Glas. »Das ist keine Made, sondern ein Wurm«, sagte er. OH. UND WÜRMER SCHMECKEN BESSER, WIE? »Er gehört da hinein. Das ist eine mexikalische Spezialität. Der Wurm zeigt, wie stark das Getränk ist.« STARK GENUG, UM WÜRMER ZU TÖTEN? Der Wirt kratzte sich am Kopf. So hatte er das noch nie betrachtet. »Die Leute mögen es so«, sagte er schließlich. Tod griff nach der Flasche und hob sie an bis auf etwas, das bei je- mand anderem Augenhöhe gewesen wäre. Der Wurm drehte sich einsam und verlassen. WIE IST ES? fragte er. »Nun, es brennt ein wenig in der Kehle…« ICH HABE NICHT DICH GEMEINT. »Frühstück?« wiederholte Susanne. »Ich meine… FRÜHSTÜCK?« »Inzwischen dürfte es Morgen sein«, sagte der Erzkanzler. »Und es ist schon eine ganze Weile her, daß ich mit einer reizenden jungen Dame frühstücken konnte.«, »Meine Güte, bist du jetzt vollkommen übergeschnappt?« entfuhr es Susanne. »Na schön, lassen wir das reizend«, erwiderte Ridcully ruhig. »Aber die Spatzen husten in den Bäumen, und die Sonne schaut über die Mauern, und ich rieche den Duft, der aus der Küche kommt. Und außerdem hat man nicht alle Tage Gelegenheit, mit dem Tod zu speisen. Spielst du zufällig Schach?« »Sogar sehr gut«, sagte Susanne. Sie klang noch immer ein wenig ver- wirrt. »Dachte ich mir. Na schön, Jungs. Ihr könnt euch jetzt wieder den Ge- heimnissen des Universums widmen. Bitte hier entlang, Gnädigste.« »Ich bin im Kreis gefangen!« »Oh, du kannst ihn verlassen, wenn ich dich darum bitte. Es ist nur ei- ne Frage der Höflichkeit. Hat man dir das nie erklärt?« Ridcully beugte sich vor und griff nach Susannes Hand. Sie zögerte, bevor sie über die mit Kreide gezogene Linie trat, wobei sie ein leichtes Prickeln spürte. Die Studenten wichen hastig zurück. »Na los, erforscht den Kosmos«, sagte der Erzkanzler. »Wenn du ge- stattest, Teuerste…« Susanne hatte noch nie zuvor Charme erfahren. Ridcully besaß davon eine ganze Menge, wenn auch von der schalkhaften Sorte. Sie folgte ihm über den Rasen zum Großen Saal. Die Frühstückstische waren vorbereitet, aber niemand saß dort. Auf der großen Anrichte sprossen Kupferterrinen wie Herbstpilze. Dahinter warteten geduldig drei recht junge Dienstmädchen. »Wir bedienen uns selbst«, sagte Ridcully im Plauderton und hob einen Deckel. »Kellner und so schaffen zuviel Unru… Soll das ein Witz sein?« Er stieß das Etwas in der Terrine an und winkte dann das nächste Dienstmädchen herbei. »Wer bist du?« fragte er. »Molly, Polly oder Dolly?« »Molly, Euer Exzellenz«, erwiderte die junge Frau und knickste. Sie zit- terte ein wenig. »Ist etwas nicht in Ordnung?«, »Oh, oh, oh, Ordnung, in oh, oh, oh, Ordnung«, fügten die beiden an- deren Dienstmädchen hinzu. »Wo sind die Bücklinge? Und was ist das hier? Sieht aus wie eine be- sonders flache Frikadelle in einem aufgeschnittenen Brötchen.« Ridcully starrte die Mädchen groß an. »Frau Allesweiß hat dem Koch neue Anweisungen gegeben«, erwiderte Molly nervös. »Das ist ein…« »… jäa, jäa, jäa…« »… sogenannter Börger.« »Ach? Und warum hast du eine toupierte Hochfrisur, wenn ich fragen darf? Du siehst damit aus wie ein Streichholz.« »Äh, Herr, wir…« »Ihr habt euch die Musik Mit Steinen Drin angehört, stimmt’s?« »Ja, Herr.« »Jäa, jäa.« »Du… äh… hast doch nichts auf die Bühne geworfen, oder?« »Nein, Herr!« »Wo ist Frau Allesweiß?« »Sie liegt mit einer Erkältung im Bett, Herr.« »Das überrascht mich nicht.« Ridcully wandte sich an Susanne. »Die Leute werden immer verrückter. Jetzt braten sie schon Bürger.« »Ich esse nur Müsli zum Frühstück«, sagte Susanne. »Du meinst Haferbrei«, erwiderte Ridcully. »Der ist hier für den Quä- stor reserviert, weil er ihn nicht aufregt.« Er hob den Deckel einer ande- ren Terrine. »Ja, da ist er. Einige Dinge werden nicht einmal von Musik Mit Steinen Drin verändert, und dazu gehört Haferbrei. Ich fülle dir ei- nen Teller damit.« Sie nahmen zu beiden Seiten des langen Tisches Platz. »Na, ist das nicht schön?« fragte Ridcully. »Machst du dich über mich lustig?« erwiderte Susanne mißtrauisch. »Ganz und gar nicht. Nach meinen Erfahrungen findet man in He- ringsnetzen hauptsächlich Heringe. Nun, als Sterblicher – gewissermaßen, als Kunde – würde ich gern wissen, warum der Tod plötzlich eine junge Dame ist und nicht mehr die wandelnde Natomie, die wir alle kennen.« »Natomie?« »Ein anderes Wort für Skelett. Geht wahrscheinlich auf ›Anatomie‹ zu- rück.« »Er ist mein Großvater.« »Hm. Ja, das hast du bereits erwähnt. Und es stimmt?« »Wenn ich es jetzt so höre… klingt es ein wenig dumm.« Ridcully schüttelte den Kopf. »Fünf Minuten in meinem Job – und du hättest eine neue Vorstellung von Dummheit.« Er holte einen Stift hervor und hob damit vorsichtig die obere Hälfte des Brötchens auf seinem Teller an. »Da ist Käse drin«, sagte er vorwurfsvoll. »Mein Großvater ist fortgegangen, und was passiert? Plötzlich muß ich für ihn einspringen. Ich meine, ich habe schließlich nicht darum gebeten! Warum ausgerechnet ich? Mit dieser blöden Sense herumzulaufen… Ich wollte etwas anderes aus meinem Leben machen…« »Eins steht fest: Diese Tätigkeit wird nicht in den Stellenanzeigen an- geboten«, kommentierte Ridcully. »Stimmt.« »Und wenn du den Tod weiterhin vertreten mußt?« »Wir wissen nicht, wohin er verschwunden ist. Von Albert weiß ich, daß er sehr deprimiert war. Mein Großvater lehnte es ab, Fragen danach zu beantworten.« »Meine Güte. Was könnte den Tod deprimieren?« »Albert befürchtet, daß er irgend etwas… Törichtes anstellt.« »Oh. Hoffentlich nichts zu Törichtes. Äh… kann der Tod Selbstmord begehen? Was wäre das? Mortizid?« Ridcully tätschelte Susannes Kopf, was die junge Dame mit großer Überraschung zur Kenntnis nahm. »Zweifellos können wir alle ruhiger schlafen, wenn wir wissen, daß du dich um den ganzen Kram kümmerst«, sagte er., »Es ist alles so chaotisch! Gute Leute, die früh sterben. Bösewichter, die ein hohes Alter erreichen… Es ist alles so… schlecht organisiert. Nichts ergibt einen Sinn. Und es gibt keine Gerechtigkeit. Ich meine, zum Bei- spiel der Junge…« »Welcher Junge?« Susanne stellte verblüfft und erschrocken fest, daß sie errötete. »Nur ein Junge«, sagte sie. »Eigentlich hätte er unter ziemlich absurden Um- ständen sterben sollen, und ich wollte ihn davor bewahren, doch die Musik kam mir zuvor und rettete ihn, und nun bringt sie ihn in große Schwierigkeiten, und ich muß ihn trotzdem retten, und ich weiß nicht, war- um.« »Musik?« wiederholte Ridcully. »Spielt er eine Art Gitarre?« »Ja! Woher weiß du das?« Der Erzkanzler seufzte. »Als Zauberer hat man einen Instinkt für sol- che Dinge.« Er untersuchte den Börger noch etwas genauer. »Und ein Salatblatt, aus welchen Gründen auch immer. Und eine sehr dünne Scheibe von einer eingelegten Gurke.« Er ließ die obere Hälfte des Brötchens wieder auf den Rest herabsin- ken. »Die Musik ist lebendig«, betonte er. Seit zehn Minuten klopfte etwas an die Tür von Susannes Aufmerk- samkeit. Jetzt trat es mit den Stiefeln zu. »O mein Gott«, hauchte sie. »Welchen meinst du?« fragte Ridcully. »Es ist so einfach! Das Etwas läßt sich einfangen! Es verändert Leute! Es weckt in ihnen das Verlangen nach Mu… Ich muß gehen«, sagte Susanne hastig. »Danke für den Haferbrei.« »Du hast ihn nicht einmal probiert«, entgegnete Ridcully. »Nein, aber… ich habe ihn mit großem Interesse betrachtet.« Susanne verschwand. Nach einer Weile beugte sich Ridcully vor und tastete nach der Stelle, wo sie eben noch gesessen hatte. Seine Finger berührten nur leere Luft., Er griff in seinen Mantel und holte das Poster hervor. Große Biester mit Tentakeln – das war das Problem. Wenn sich genug Magie an einem Ort sammelte, riß das Gefüge des Universums auf wie die Socken des Dekans an den Fersen. Er hatte in den letzten Tagen recht bunte Socken getragen… Der Erzkanzler winkte den Dienstmädchen zu. »Danke, Molly, Dolly und Polly«, sagte er. »Ihr könnt jetzt abräumen.« »Jäa, jäa.« »Ja, ja, danke.« Ridcully fühlte sich sehr allein. Das Gespräch mit Susanne hatte ihm gefallen. Sie schien weit und breit die einzige Person zu sein, die weder verrückt noch mit Dingen beschäftigt war, die der Erzkanzler nicht verstand. Auf dem Weg zu seinem Arbeitszimmer hörte er ein seltsames Häm- mern aus dem Quartier des Dekans. Die Tür stand einen Spalt offen. Die Zauberer an der Spitze der Universitätshierarchie hatten großzügig bemessene Unterkünfte, die aus Arbeitszimmer, Werkstatt und Schlaf- raum bestanden. Der Dekan hielt sich in der Werkstatt auf. Mit einer Rauchglasmaske vor dem Gesicht und einem Hammer in der Hand beugte er sich über den Schmelzofen und arbeitete mit solcher Hingabe, daß die Funken flogen. Ridcully schöpfte Hoffnung. Vielleicht ging die Sache mit der seltsa- men neuen Musik nun ihrem Ende entgegen; möglicherweise kündigte sich die Rückkehr zu normaler Magie an. »Alles in Ordnung?« fragte er. Der Dekan klappte das Rauchglasvisier nach oben und nickte. »Bin fast fertig, Erzkanzler«, sagte er. »Hab dein Hämmern im Flur gehört«, meinte Ridcully im Plauderton. »Ah«, erwiderte der Dekan und nickte. »Ich arbeite gerade an den Ta- schen.« Falten der Verwirrung bildeten sich auf Ridcullys Stirn. Einige der komplexeren Zauberformeln erforderten Hitze und Hammerschläge, damit sie richtig funktionierten. Taschen waren neu., Der Dekan hob eine Hose hoch. Ridcully betrachtete sie skeptisch. Sie sah ein wenig anders aus als die normalerweise von Zauberern bevorzugten Hosen, deren Maße meistens bei 50/25 lagen: 50 Zoll Bundweite und 25 Zoll Beinlänge. In solchen Hosen steckten Leute, die nur mit Hilfe eines Flaschenzugs aufstehen konnten. Diese Hose war dunkelblau. »Du hast auf ihr herumgehämmert?« fragte Ridcully. »Hat Frau Alles- weiß wieder zuviel Stärke benutzt?« Er sah genauer hin. »Ist das Ding etwa zusammengenietet?« Der Dekan strahlte. »Solche Hosen sind jetzt der letzte Schrei«, erklärte er. »Jemand hat danach geschrien?« Der Erzkanzler ahnte etwas. »Spricht da wieder die Musik Mit Steinen Drin?« »Ich wollte sagen: Es ist eine echt coole Buchse.« »Nun, bei diesem Wetter mag sie nützlicher sein als ein langer Mantel«, sagte Ridcully, »aber… du willst sie doch wohl nicht anziehen, oder?« »Warum denn nicht?« Der Dekan streifte seinen Umhang ab. »Zauberer in Hosen? Nicht in meiner Universität! Es ist weibisch. Die Leute lachen bestimmt.« »Du versuchst immer, mich zu behindern!« »Das ist noch lange kein Grund, in einem solchen Ton mit mir zu re- den…« »Ha! Und du hörst mir nie richtig zu. Ich lasse mir von dir nicht vor- schreiben, was ich anziehe!« Ridcully sah sich im Zimmer um. »Hier herrscht ein völliges Durcheinander!« donnerte er. »Du räumst sofort auf!« »Von wegen!« »Na schön. Dann wirst du in Zukunft auf Musik Mit Steinen Drin ver- zichten müssen, junger Mann!«, Ridcully knallte die Tür hinter sich zu. Zwei Sekunden später öffnete er sie wieder. »Und ich habe dir nie er- laubt, hier alles schwarz zu streichen!« Er ließ die Tür erneut ins Schloß fallen. Und riß sie noch einmal auf. »Die Hose paßt dir überhaupt nicht!« Der Dekan eilte in den Flur und schwang seinen Hammer. »Du kannst sagen, was du willst!« rief er. »Wenn die Geschichte diesen Hosen einen Namen gibt, dann lautet er bestimmt nicht Erzkanzler!« Acht Uhr morgens. Um diese Zeit möchten Trinker vergessen, wer sie sind – oder sie versuchen, sich daran zu erinnern, wo sie wohnen. Die übrigen Gäste der Geflickten Trommel saßen an den Wänden, beugten sich über ihre Gläser und beobachteten einen Orang-Utan, der »Barbarische Angreifer« spielte und jedesmal vor Wut heulte, wenn er einen Cent ver- lor. Hibiskus hätte die Taverne am liebsten geschlossen. Aber war jemand so dumm, eine Goldmine zu sprengen? Er mußte sich sehr bemühen, schnell genug Nachschub heranzuschaffen. »Hast du noch immer nicht vergessen?« fragte der Wirt nach einer Wei- le. OFFENBAR HABE ICH NUR EINS VERGESSEN. »Was denn? Ha, eine dumme Frage. Wenn du sie beantworten könn- test, hättest du es ja nicht vergessen…« ICH HABE VERGESSEN, WIE MAN BETRUNKEN WIRD. Der Wirt betrachtete die langen Reihen aus Gläsern: Weingläser, Cock- tailgläser, Becher, Bierkrüge in der Form von fröhlichen dicken Männern – und ein Eimer. »Sieht so aus, als wärst du auf dem richtigen Weg«, sagte er vorsichtig. Der Fremde griff nach dem letzten Glas und ging zum Spielautomat der barbarischen Angreifer., Dies war ein überaus komplizierter Mechanismus. Bestimmte Anzei- chen ließen vermuten, daß der Mahagonischrank unter dem Spiel voller Zahnräder und anderer Dinge steckte, deren Zweck darin bestand, einige nicht besonders geschickt geschnitzte barbarische Angreifer über eine rechteckige Bühne wackeln zu lassen. Der Spieler bediente einige Hebel, mit denen er ein automatisch nachladendes Katapult unter den Angrei- fern hin- und herschieben konnte. Es schoß kleine Kugeln nach oben. Zur gleichen Zeit ließen die Angreifer winzige Metallpfeile herabfallen, angetrieben durch ein System aus Ratschen und Sperrhaken. Manchmal läutete eine Glocke, und dann zockelte ein berittener Barbar ganz oben über die Bühne. Er warf Speere. Der Apparat rasselte und knirschte die ganze Zeit über, unter anderem auch deshalb, weil der Orang-Utan an den Hebeln zerrte, auf dem Feuerpedal umhersprang und aus vollem Hals brüllte. »Ich halte nichts davon«, sagte Hibiskus. »Aber bei den Gästen ist das Ding beliebt.« ZUMINDEST BEI EINEM GAST. »Nun, wenigstens ist der Apparat besser als die Obst-Maschine, soviel steht wohl fest.« JA? »Er hat das ganze Obst gegessen.« Wütendes Geheul kam von der Maschine her. Der Wirt seufzte. »Eigentlich erstaunlich, daß sich jemand wegen ei- nem Cent so aufregen kann, oder?« Der Affe knallte einen Dollar auf die Theke und wankte mit den Hän- den voller Wechselgeld zum Spiel zurück. Wenn er einen Cent in den dafür vorgesehenen Schlitz schob, konnte er einen großen Hebel ziehen – woraufhin die barbarischen Angreifer wie durch ein Wunder von den Toten wiederauferstanden und erneut über die Bühne wackelten. »Er hat sein Bier in den Apparat geschüttet«, sagte Hibiskus. »Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber mir scheint, seitdem wackeln die Figuren noch etwas mehr.« Tod beobachtete das Spiel eine Zeitlang und fand den Anblick äußerst deprimierend. Früher oder später kamen die Angreifer unten an und, errangen dadurch den Sieg. Warum sich die Mühe machen und auf sie schießen, wenn sie ohnehin gewannen? Warum…? Er hob sein Glas und wandte sich den anderen Trinkern zu. WISST IHR. WISST IHR… ÄH… WISST IHR, WIE ES IST, WENN MAN EIN, JA GENAU, EIN SO GUTES GEDÄCHTNIS HAT, DASS MAN SICH SOGAR AN DINGE ERINNERT, DIE ERST NOCH GESCHEHEN MÜSSEN? SO GEHT’S MIR. JAWOHL. MIR. ALS… ALS. ALS WENN ES GAR KEINE ZUKUNFT GÄBE, NUR… EINE VERGANGENHEIT, DIE NOCH DARAUF WARTET, GESCHICHTE ZU WERDEN. UND… UND… UND MAN MUSS TROTZDEM GEWISSE DINGE ERLEDIGEN. MAN WEISS, WAS PASSIERT, UND MAN MUSS DENNOCH DER PFLICHT GENÜGEN. Tods Blick glitt über die Mienen der Zuhörer. Die Gäste der Geflickten Trommel kannten alkoholische Ansprachen, doch dieser Vortrag war ein- malig. MAN SIEHT… MAN SIEHT… MAN SIEHT ZEUGS WIE EINEN EISBERG AUFRAGEN, ABER MAN KANN NICHTS DARAN ÄNDERN, WEIL… WEIL BEREITS ALLES ENTSCHIEDEN IST. ES IST GESETZ. UND GEGEN DAS GESETZ DARF MAN NICHT VERSTOSSEN. GESETZ IS’ GESETZ. SEHT IHR DAS GLAS HIER? SEHT IHR’S? ES IS’ WIE DAS GEDÄCHTNIS. WENN MAN NOCH MEHR HINEINSCHÜTTET INS VOLLE GLAS, FLIESST WAS ÜBERN RAND, KLAR? SO FUNKSCHIONIERT DAS. ALLE HABEN EIN SOLCHES GEDÄCHTNIS. NUR DADURCH SCHNAPPEN MENSCHEN NICH’ SCHON NACH KURZER ZEIT ÜBER. ABER BEI… ABER BEI… ABER BEI MIR SCHIEHT DIE SACHE ANDERS AUS. ICH ERINNERE MICH AN ALLES. ALS SEI ES ERST MORGEN GESCHEHEN. AN ALLES ERINNERE ICH MICH. Er starrte auf sein Glas., AH, sagte er. JETZT WEISS ICH WIEDER, WIE DAS MIT DEM BETRUNKENSEIN IST. Nie zuvor war in der Trommel jemand auf eindrucksvollere Weise um- kippt. Der große dunkle Fremde fiel langsam nach hinten wie ein Baum. Ihm wurden nicht etwa die Knie weich. Er prallte auch nicht auf einen Tisch, um von dort aus zu Boden zu rutschen. Er beschrieb einfach nur einen Bogen, der seine Position von der Vertikalen zur Horizontalen veränderte. Mehrere Personen applaudierten, als er auf den Dielen aufschlug. Dann durchsuchten sie seine Taschen. Besser gesagt, sie wollten sie durchsuchen, fanden jedoch keine. Anschließend warfen sie Tod in den Fluß.* Im riesigen schwarzen Arbeitszimmer Tods brannte eine Kerze, ohne kürzer zu werden. Susanne blätterte nervös in den Büchern. Das Leben war nicht einfach – so viel wußte sie. Das gehörte zum Wis- sen, welches nun in ihr wohnte, weil sie die Pflicht erfüllte. Es gab das schlichte Leben lebendiger Dinge, aber es war eben… schlicht. Bei alternativen Formen des Lebens sah die Sache anders aus. Städte lebten. Ebenso Ameisenhaufen und Bienenschwärme. In diesen Fällen ging das Ganze über die Summe der Einzelteile hinaus. Welten lebten. Götter lebten, wenn Gläubige an sie glaubten. Im Universum fand eine ständige Entwicklung hin zum Leben statt. Lebendigkeit war eine bemerkenswert weit verbreitete Eigenschaft. Wenn etwas kompliziert genug wurde, verlangte es sofort nach Leben. Auf die gleiche Weise erlangt Masse eine mehr oder weniger großzügige Portion Schwerkraft. Der Kosmos zeichnet sich durch die Tendenz aus, Bewußtsein zu entwickeln. Diese Tatsache läßt eine subtile Gemeinheit im Gefüge der Raum-Zeit vermuten. Vielleicht kann sogar Musik lebendig sein, wenn sie alt genug ist. Das Leben wird zur Angewohnheit. * Beziehungsweise auf den Fluß., Es heißt: Ich kriege die verdammte Melodie nicht aus dem Kopf… Nicht nur eine Melodie. Auch ein Pulsschlag. Und etwas Lebendiges möchte sich vermehren. T.M.S.I.D.R. Schnapper war schon bei Tagesanbruch auf den Beinen, in der Hoffnung, Frühaufstehern ein Frühstück in Form von alten heißen Würstchen verkaufen zu können. In einer Ecke von Kreidigs Werkstatt hatte er einen Schreibtisch aufge- stellt. Normalerweise hielt er nicht viel vom Konzept eines permanenten Büros. Es bot den Vorteil, daß man ihn jederzeit finden konnte. Aller- dings hatte es auch einen Nachteil: Man konnte ihn jederzeit finden. Der Erfolg von Schnappers ökonomischer Strategie basierte darauf, daß er die Kunden fand, nicht umgekehrt. An diesem Morgen fanden ihn ziemlich viele Leute. Die meisten von ihnen kamen mit Gitarren. »Na schön«, sagte er und wandte sich an Asphalt, der fast hinter dem Schreibtisch verborgen blieb. »Alles klar? Ihr braucht zwei Tage bis nach Pseudopolis, und dort meldet ihr euch bei Herrn Klopstock von der Bullengrube. Denkt daran: Ich möchte für alles Quittungen.« »Ja, Herr Schnapper.« »Es kann ihnen bestimmt nicht schaden, der Stadt eine Zeitlang den Rücken zu kehren.« »Ja, Herr Schnapper.« »Habe ich schon darauf hingewiesen, daß ich für alles Quittungen ha- ben möchte?« »Ja, Herr Schnapper«, seufzte Asphalt. »Dann macht euch jetzt auf den Weg.« Schnapper schenkte dem Troll keine Beachtung mehr und winkte einige Zwerge näher, die schon seit einer ganzen Weile geduldig warteten. »Kommt her. Ihr wollt also durch die Musik Mit Steinen Drin berühmt werden, wie?« »Ja!« »Dann hört mir genau zu…«, Asphalt sah auf das Geld hinab. Es war nicht viel, wenn man bedachte, daß vier Personen mehrere Tage lang davon leben mußten. Hinter ihm setzte sich das Gespräch fort. »Wie nennt ihr euch?« »Äh… Zwerge, Herr Schnapper«, antwortete der Anführer. »Zwerge?« »Ja.« »Warum?« »Weil wir Zwerge sind, Herr Schnapper«, erwiderte der Anführer. »Nein, nein, nein. So geht das nicht. Ausgeschlossen. Ihr braucht einen Namen, der…«, Schnapper gestikulierte einige Sekunden, »… der an Musik Mit Steinen Drin erinnert. Einfach nur ›Zwerge‹ genügt nicht. Der Name sollte, äh… was weiß ich… interessanter klingen.« »Aber wir sind ganz klar Zwerge«, sagte einer der Zwerge. »Wir sind ganz klar Zwerge«, wiederholte Schnapper. »Ja, das klingt schon besser. Na schön. Ich kann euch am Donnerstag in der Weintraube auftre- ten lassen. Und ihr dürft auch beim Gratis-Konzert spielen. Da es gratis ist, bekommt ihr kein Honorar.« »Wir haben ein Lied geschrieben«, meinte der Anführer. »Gut, gut.« Schnapper kritzelte Notizen auf einen Block. »Es heißt: ›Etwas ist mir in den Bart gekrochen.‹« »Gut.« »Möchtest du es nicht hören?« Schnapper sah auf. »Ob ich es hören möchte? Ich bekäme hier überhaupt nichts fertig, wenn ich damit anfinge, irgendwelcher Musik zuzuhören. Wir sehen uns am kommenden Mittwoch. Der nächste! Seid ihr alles Trolle?« »Ja.« In diesem besonderen Fall beschloß Schnapper, ein wenig taktvoller zu sein. Trolle waren ein ganzes Stück größer als Zwerge., »Na schön. Ich schlage vor, ihr nennt euch Trollz. Mit einem Z. Ja, ge- schrieben sieht’s gut aus. In der Geflickten Trommel am nächsten Freitag. Und beim Konzert. Einverstanden?« »Wir ein Lied haben…« »Gut für euch. Der nächste!« »Wir sind’s, Herr Schnapper.« Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper sah Jimbo, Noddy, Crash und Abschaum. »Ihr habt vielleicht Nerven«, sagte er. »Nach gestern abend…« »Wir haben’s ein wenig übertrieben«, meinte Crash. »Wir hoffen auf ei- ne zweite Chance.« »Du hast gesagt, das Publikum sei ganz außer sich gewesen«, warf Noddy ein. »Weil es so begeistert von uns war.« »Es war ganz außer sich, weil es euch verabscheute«, sagte Schnapper. »Zwei von euch haben ständig in Blert Zupfguts Gitarrenfibel gesehen!« »Wir haben unseren Namen geändert«, ließ sich Jimbo vernehmen. »Weil wir ›Wahnsinn‹ für dumm halten. Es ist kein geeigneter Name für eine seriöse Band, die musikalisches Neuland erobert und eines Tages sehr berühmt sein wird.« Noddy nickte. »Donnerstag.« »Wir heißen jetzt Lutsch«, sagte Crash. Schnapper bedachte die Gruppe mit einem nachdenklichen Blick. Bä- renhatz, Stierkampf, Hundeduelle sowie das Belästigen von Schafen wa- ren derzeit in Ankh-Morpork verboten. Doch der Patrizier erlaubte es, mit halb verfaultem Obst nach Leuten zu werfen, von denen man ver- mutete, daß sie mit dem Straßentheater in Verbindung standen. Viel- leicht bot sich dort ein Ansatzpunkt. »Nun gut«, sagte Schnapper. »Ihr dürft beim Konzert spielen. An- schließend sehen wir weiter.« Wenn sie dann noch leben, dachte er. Jemand kletterte ein wenig unbeholfen aus dem Ankh und auf die Mole an der Schlechten Brücke. Dort verharrte die Gestalt eine Zeitlang, wäh-, rend Schlamm von ihr herabtropfte und eine Lache zu ihren Füßen bil- dete. Die Brücke war recht hoch. Man hatte Gebäude auf ihr errichtet, und dadurch war der eigentliche Weg über den Fluß recht schmal. Die Brük- ken der Stadt waren als Bauplätze äußerst beliebt. Sie erleichterten nicht nur die Abwasserbeseitigung, sondern boten auch leichten Zugang zum Trinkwasser. Unter der Schlechten Brücke glühte das rote Auge eines Feuers. Die Gestalt wankte dem Licht entgegen. Mehrere Personen, die dort saßen, drehten sich um und sahen dem Fremden neugierig entgegen. »Das ist ein Bauernkarren«, sagte Glod. »Einen Bauernkarren erkenne ich auf den ersten Blick. Auch dann, wenn man ihn blau gestrichen hat. Au- ßerdem ist es ein alter Bauernkarren.« »Mehr könnt ihr euch nicht leisten«, erwiderte Asphalt. »Ich hab fri- sches Stroh hineingelegt.« »Ich dachte, wir mit der Postkutsche fahren«, sagte Klippe. »Oh, Herr Schnapper meinte, Künstler von eurem Kaliber sollten kein öffentliches Transportmittel benutzen«, entgegnete Asphalt. »Außerdem meinte er, ihr würdet die Kosten scheuen.« »Was hältst du davon, Buddy?« fragte Glod. »Mir ist es gleich«, murmelte der junge Mann. Glod und Klippe wechselten einen Blick. »Wenn du mit Schnapper redest und etwas Besseres verlangst…«, sagte der Zwerg hoffnungsvoll. »Er würde bestimmt nicht ablehnen.« »Das Ding hat Räder«, stellte Buddy fest. »Es ist in Ordnung.« Er kletterte auf den Karren und ließ sich im Stroh nieder. »Herr Schnapper hat neue T-Shirts machen lassen.« Asphalt spürte, daß sich die allgemeine Atmosphäre durch einen aus- geprägten Mangel an Fröhlichkeit auszeichnete. »Für die Tournee. Auf dem Rücken sind all die Orte genannt, die ihr besucht. Sieht hübsch aus, nicht wahr?«, »Ja«, bestätigte Glod. »Wenn uns die Musikergilde den Kopf nach hin- ten dreht, können wir sehen, wo wir gewesen sind.« Asphalts Peitsche knallte über den Pferden. Sie fielen in einen gemütli- chen Paßgang, der folgende Botschaft vermittelte: Ein sentimentaler Trottel, der die Peitsche nur zum Schein schwingt, kann uns nicht dazu bringen, schneller zu laufen. »Verdammtermistundzugenäht! Verdammtermistundzugenäht!« sagte der grotzige Mann. »Verdammtermistundzugenäht. Er ist eine gelbe Glaus, ist er. Zehntausend Jahre! Verdammtermistundzugenäht.« IM ERNST? Tod entspannte sich. Sechs Personen saßen am Feuer und erwiesen sich als unbeschwert und gesellig. Eine Flasche wurde herumgereicht. Eigentlich war es eine Büchse, und Tod hatte noch nicht herausgefunden, was sie enthielt. Ebensowenig wußte er über den Inhalt der größeren Büchse Bescheid, in der es seltsam blubberte. Darunter brannte ein Feuer, genährt von alten Stiefeln und Schlamm. Die kleine Büchse erreichte ihn. Er gab sie möglichst taktvoll weiter und lehnte sich ruhig zurück. Leute ohne Namen. Personen, die ebenso unsichtbar waren wie er selbst, für die der Tod immer eine Möglichkeit darstellte. Hier konnte er eine Zeitlang bleiben. »Freie Musik«, knurrte Herr Clete. »Und gratis noch dazu! Welcher Idiot musiziert umsonst? Man läßt wenigstens einen Hut herumgehen, damit das Publikum einige Münzen hineinlegt. Wo bleibt denn sonst der Sinn des Ganzen?« Er starrte so lange auf die Dokumente, daß Klatschmaul höflich huste- te. »Ich überlege«, verkündete Herr Clete. »Verflixter Vetinari. Er meint, es sei die Aufgabe der Gilden, dem Gildengesetz Geltung zu verschaf- fen…«, »Wie ich hörte, verlassen sie die Stadt«, sagte Klatschmaul. »Beginnen mit einer Tournee. Auf dem Land, wie ich hörte. Dort gilt unser Gesetz nicht mehr.« »Auf dem Land«, sagte Herr Clete. »Ja. Eine gefährliche Gegend, das Land.« »Und ob«, pflichtete ihm Klatschmaul bei. »Zum Beispiel gibt’s dort Rüben.« Herrn Cletes Blick fiel auf die Rechnungsbücher der Gilde. Nicht zum erstenmal dachte er daran, daß zu viele Leute ihr Vertrauen in Eisen und Stahl setzten, obwohl einige der besten Waffen aus Gold bestanden. »Ist Lord Witwenmacher noch immer Oberhaupt der Assassinengilde?« fragte er. Die anderen Musiker wirkten plötzlich nervös. »Assassinen?« erwiderte Herbert »Cembalo« Schlurfer. »Wir haben noch nie zuvor die Assassinen um Hilfe gebeten. Dies ist unsere Angele- genheit. Keine andere Gilde darf sich einmischen.« »Stimmt«, sagte Klatschmaul. »Was würden die Leute denken, wenn sie wüßten, daß wir Assassinen beauftragen?« »Vermutlich bekämen wir dann mehr Mitglieder«, antwortete Herr Cle- te in einem Tonfall, der von Vernunft kündete. »Und wir könnten die Mitgliedsbeiträge erhöhen. Hätt-hätt-hätt.« »Einen Augenblick«, sagte Klatschmaul. »Es macht mir nichts aus, für Leute einzutreten, die auf eine Mitgliedschaft verzichten. Das entspricht der Gildenehre. Aber Assassinen… nun…« »Nun was?« fragte Herr Clete. »Sie bringen Leute um.« »Du möchtest doch keine Gratis-Musik, oder?« »Nein, natürlich nicht…« »Solche Bemerkungen hätte ich nicht von jemandem erwartet, der letz- ten Monat dem Geigenspieler an der Straßenecke auf die Finger ge- sprungen ist«, sagte Herr Clete. »Ja, aber das war kein Mord«, verteidigte sich Klatschmaul. »Ich meine, danach konnte er weggehen. Oder zumindest wegkriechen. Und er ist, nach wie vor imstande, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn auch nicht mit den Händen…« »Und der junge Pfeifer? Ich meine den Burschen, der jetzt bei jedem Hicksen eine kurze Melodie pfeift? Hätt-hätt-hätt.« »Das kann man nicht vergleichen mit…« »Kennst du den Gitarrenbauer Blert Zupfgut?« fragte Herr Clete. Der jähe Themenwechsel verwirrte Klatschmaul. »Sein Geschäft soll in letzter Zeit ziemlich gut gehen«, fuhr Herr Clete fort. »Trotzdem bekommen wir keine neuen Mitglieder, oder?« »Nun…« »Wenn die Leute auf den Gedanken kommen, daß sie sich Musik an- hören können, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen… Wo soll dann alles enden?« Er richtete einen durchdringenden Blick auf die beiden Männer vor dem Schreibtisch. »Weiß nicht, Herr Clete«, murmelte Schlurfer. »Und der Patrizier ist ironisch zu mir gewesen«, fügte Herr Clete hinzu. »So etwas möchte ich nicht noch einmal erleben. Diesmal sind die Assas- sinen dran.« »Ich finde es nicht richtig, Leute umzubringen«, sagte Klatschmaul trot- zig. »Ich will nichts mehr davon hören«, erwiderte Herr Clete scharf. »Dies ist eine Angelegenheit der Gilde.« »Ja, aber unserer Gilde…« »Genau! Und jetzt sei still! Hätt-hätt-hätt!« Der Karren rumpelte über die Straße nach Pseudopolis, vorbei an endlo- sen Kohlfeldern. »Ich bin schon einmal auf Tournee gewesen«, sagte Glod. »Als ich zu ›Snori Snorivetter & Seine Messingnarren‹ gehörte. Jede Nacht ein ande- res Bett. Nach einer Weile vergißt man den Wochentag.« »Welche Tag heute ist?« fragte Klippe., »Na bitte, es geht schon los. Und wir sind erst seit… drei Stunden un- terwegs.« »Wo wir heute übernachten?« fragte Klippe. »In Skrote«, sagte Asphalt. »Nach einem sehr interessanten Ort klingt«, meinte Klippe. »Bin schon mal dagewesen, mit dem Zirkus«, entgegnete Asphalt. »Ein Kuhdorf.« Buddy blickte über die Seite des Karrens, aber es war die Mühe nicht wert. Die weite, fruchtbare Sto-Ebene war die Speisekammer des ganzen Kontinents, doch sie bot nur dann ein interessantes Panorama, wenn man dreiundfünfzig Arten Kohl und einundachtzig Sorten Bohnen auf- regend fand. In Abständen von etwa anderthalb Kilometern brachten kleine Dörfer etwas Abwechslung in das schachbrettartige Muster aus Feldern. Die Städte lagen noch weiter auseinander. Sie hießen Städte, weil sie etwas größer waren als die kleinen Dörfer. Dort gab es zwei Straßen, die sich kreuzten, eine Taverne, einen Saatgutladen, eine Schmiede, einen Miet- stall mit einem so einfallsreichen Namen wie JOES MIETSTALL, zwei Scheunen, drei vor der Taverne sitzende alte Männer sowie drei vor dem Mietstall stehende junge Männer, die sich schworen, daß sie den Ort bald verlassen wollten, um es in der großen weiten Welt zu etwas zu bringen. Ja, bald. Vielleicht schon morgen. »Erinnert dich an zu Hause, was?« wandte sich Klippe an Buddy. »Wie bitte? Nein! Llamedos besteht nur aus Bergen und Tälern. Und aus Regen. Und aus Nebel. Und aus Nadelbäumen.« Buddy seufzte. »Du dort sicher ein prächtiges Haus hattest, nicht wahr?« meinte Klip- pe. »Nein, nur einen Schuppen«, lautete die Antwort. »Aus Lehm und Holz. Das heißt: aus Schlamm und Holz.« Er seufzte erneut., »So ist das auf der Straße«, sagte Asphalt. »Melancholie. Man kann mit niemandem reden, nur mit den Begleitern. Ich kenne Leute, die total überge…« »Wie lange wir jetzt unterwegs sind?« fragte Klippe. »Drei Stunden und zehn Minuten«, erwiderte Glod. Buddy seufzte einmal mehr. Es waren unsichtbare Leute, begriff Tod. An die Unsichtbarkeit war er gewöhnt. Sie kam mit seiner Arbeit. Die Sterblichen sahen ihn erst dann, wenn ihnen keine andere Wahl mehr blieb. Andererseits war er tatsächlich eine anthropomorphe Personifizierung. Der Stinkende Alte Ron hingegen mußte der Kategorie »Mensch« zuge- ordnet werden, wenn man keine zu strengen Maßstäbe anlegte. Ron verdiente sich seinen Lebensunterhalt, indem er Leuten folgte – bis sie ihn dafür bezahlten, ihnen nicht mehr zu folgen. Er hatte einen Hund, der zum Geruch des Stinkenden Alten Ron beitrug: ein graubrau- ner Terrier mit einem halb zerrissenen Ohr und häßlich kahlen Stellen am dürren Leib. Der Köter bellte mit einem alten Hut zwischen den kariösen Zähnen, und die Gruppe verdankte ihm eine erhebliche Zu- nahme ihrer Erwerbskraft. Die Leute sind Tieren gegenüber großzügiger als bei Menschen. Henry Husten verdiente sein Geld, indem er an Ort und Stelle verharr- te. Wenn jemand ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis vorbereitete, schickte er ihm eine Anti-Einladung, begleitet von einem großzügigen Almosen. Das sollte gewährleisten, daß Henry Husten nicht erschien. Andernfalls bestand die Gefahr, daß er bei einer Hochzeitsfeier auf- tauchte und die Gäste unterhielt, indem er ihnen seine verschiedenen Hautkrankheiten zeigte. Außerdem hatte er einen massiv klingenden Husten. Er trug ein Schild mit der Aufschrift: »Für etwas Gelt binne ich berei- tig, dir niche nach Hause zu folgigen. Hust. Hust.« Arnold Seitwärts hatte keine Beine, was ihn jedoch kaum zu belasten schien. Er hielt Passanten an den Knien fest und fragte sie: »Kannst du, einen Cent wechseln?« Anschließend nutzte er die unweigerlich folgende akute Verwirrung aus. Und dann der Entenmann. Eine Ente hockte auf seinem Kopf. Nie- mand erwähnte sie. Niemand lenkte die Aufmerksamkeit darauf. Sie schien ein eher unwichtiges Detail zu sein, so wie Arnolds fehlende Bei- ne, der unabhängige Geruch des Stinkenden Alten Ron und Henry Hu- stens eruptives Spucken. Doch all diese Dinge kratzten an Tods Bewußt- sein und ließen ihn nicht völlig zur Ruhe kommen. Er fragte sich, wie er das Thema zur Sprache bringen sollte. ICH MEINE, DER ENTENMANN MUSS ES DOCH WISSEN, ODER? dachte er. ES SIND JA KEINE SCHUPPEN ODER SO… Die Bettler waren übereingekommen, Tod den Namen »Eintönig« zu geben. Der Grund dafür blieb ihm schleierhaft. Allerdings gehörte er zu den Leuten, die eine ganze Stunde lang mit einer Tür reden konnten. Vielleicht hatte der Name etwas damit zu tun. Ron und seine Kollegen verbrachten ihre Tage damit, unsichtbar durch die Straßen zu wandern. Leute, die sie nicht sahen, machten einen weiten Bogen um sie und warfen ihnen gelegentlich Münzen zu. Herr Eintönig paßte gut in diese Runde. Wenn er Passanten um Geld bat, konnten sie ihm diese Bitte kaum abschlagen. In Skrote gab es keinen Fluß. Der Ort existierte nur deshalb, weil es nach einer bestimmten Strecke Land einen Ort geben mußte. Er hatte zwei Straßen in Form eines Kreuzes, eine Taverne, einen Saatgutladen, eine Schmiede, mehrere Scheunen und einen Mietstall, dessen Name ein erstaunliches Maß an Phantasie bewies: SETHS MIETSTALL. Nichts rührte sich. Selbst die Fliegen schliefen. Zwei Schatten waren der einzige Verkehr auf den beiden Straßen. »Ich dachte, dies Kuhdorf ist«, sagte Klippe, als sie in einem von Fur- chen durchzogenen und von Schlaglöchern übersäten Bereich hielten, der vermutlich den zentralen Platz bildete. »Vermutlich ist die Kuh gestorben«, spekulierte Asphalt., Glod erhob sich auf dem Karren und breitete die Arme aus. »Hallo, Skrote!« rief er. Das Namensschild am Mietstall löste sich vom letzten Nagel und lan- dete im Staub. »Das gefällt mir so sehr am Leben auf der Straße«, sagte Glod. »Man sieht interessante Orte und lernt faszinierende Leute kennen.« »Wahrscheinlich erwacht Skrote abends zum Leben«, vermutete As- phalt. »Ja«, brummte Klippe. »Ja, das ich mir vorstellen kann. Dies genau die Art von Dorf ist, dessen Bewohner nachts werden lebendig. Möglicher- weise alle Leute an der Kreuzung begraben sind, mit einem Pflock im Herzen. Vielleicht trinkt man hier kein Bier, sondern Blut.« »Nun, ich könnte jetzt ein blutiges Steak vertragen…«, meinte Glod. Sie sahen zur Taverne. Die abgeblätterte Farbe ließ den Namen Zum fröhlichen Kohl erahnen. »Ich fürchte, die Aussichten stehen nicht besonders gut«, sagte As- phalt. In der düsteren Taverne saßen einige Personen, in verdrießliches Schweigen gehüllt. Der Wirt bediente die Reisenden, und sein Verhalten wies darauf hin, daß er ihnen einen gräßlichen Tod wünschte, sobald sie sein Lokal verlassen hatten. Das Bier schmeckte so, als wäre es bestrebt, den Wunsch des Wirts zu erfüllen. Die Band nahm an einem Tisch Platz und wußte sich im Zentrum mürrischer Aufmerksamkeit. »Ich habe von solchen Ortschaften gehört«, flüsterte Glod. »Man übernachtet in einem Ort namens Liebenswürdigkeit oder Freundschaft, und am nächsten Morgen ist man Frikassee.« »Ich nicht«, sagte Klippe. »Bin zu steinig.« »Dann kommst du eben in den Steingarten«, erwiderte der Zwerg. Er sah zu den finsteren Mienen und hob seinen Krug. »Der Kohl wächst und gedeiht, nicht wahr?« fragte er. »Die Kohlköpfe auf den Feldern sind hübsch gelb. Ein gutes Zeichen für die Reife, habe ich recht?«, »Es ist ein Zeichen für Fäulnis«, knurrte es im Halbdunkel. »Gut, gut«, sagte Glod. Er war ein Zwerg, und Zwerge betrieben keine Landwirtschaft. »Wir mögen keine Zirkusse in Skrote«, sagte eine andere Stimme. »Wir sind kein Zirkus, sondern Musiker«, erwiderte Glod heiter. »Wir mögen auch keine Musiker in Skrote«, brummte ein dritter Ein- heimischer. Die Leute in der Düsternis schienen immer mehr zu werden. »Äh…«, sagte Asphalt. »Was mögt ihr in Skrote?« »Nun…« Der Wirt war kaum mehr als ein Schemen in der sich ver- dichtenden Dunkelheit. »Um diese Jahreszeit veranstalten wir meistens einen Grillabend beim Steingarten.« Buddy seufzte; sein erstes Geräusch seit ihrer Ankunft im Dorf. »Wir sollten ihnen zeigen, welche Musik wir spielen«, sagte er, und in seiner Stimme klimperte es. Einige Zeit später. Glod blickte auf den Türknauf. Es war ein Türknauf. Man schloß die Hand darum. Und was dann…? »Türknauf«, sagte er, als wäre das eine Hilfe. »Man ‘uß irgen’was damit ‘nstellen.« Klippes Stimme erklang von der Höhe des Bodens. Buddy beugte sich am Zwerg vorbei und drehte den Knauf. »Er’aunlich«, murmelte Glod und fiel nach vorn. Wenige Sekunden später stemmte er sich hoch und ließ den Blick durchs Zimmer schweifen. »W’s ist d’s?« »Der Wirt meinte, wir könnten hier übernachten« erklärte Buddy. »Ohne was zu bezahlen.« »W’s f’r’n Durchein’der«, erwiderte Glod. »G’bt mir ‘n Besen u’d ‘n Schrubber…«, Asphalt brachte das Gepäck herein. Klippes Sack mit den Steinen hatte er zwischen den Zähnen. Er ließ alles zu Boden sinken. »He, das war wirklich bemerkenswert«, sagte er. »So wie du in die Scheune gegangen bist und… Was waren deine Worte?« »Laß uns hier spielen«, antwortete Buddy und streckte sich auf einer Strohmatratze aus. »Erstaunlich! Einige Leute haben viele Meilen zurückgelegt, um euch zu hören.« Buddy starrte an die Decke und spielte einen Akkord. »Und dann das Gegrillte!« Asphalt war noch immer begeistert. »Die Soße!« »Das Fl’sch!« fügte Glod hinzu. »Die Holzkohle«, murmelte Klippe glücklich. Ein breiter schwarzer Ring umgab seinen Mund. »Un’ wer hätte ged’cht, daß man aus Blum’kohl ein solches Bier brau’n kann«, sagte Glod. »Hab ‘ne Menge davon mir über den Kopf gegossen«, knirschte Klip- pe. »Ich habe Schwierigkeiten befürchtet, bevor die Musik begann.« As- phalt schüttelte die Käfer aus einer anderen Matratze. »Ich weiß gar nicht, wie ihr es geschafft habt, daß die Leute so tanzten…« »Ja«, sagte Buddy. »Und wir wurden nicht einmal bezahlt«, ächzte Glod. Er sank zurück und schnarchte kurz darauf. Der Eisenhelm gab dem Geräusch etwas Metallisches. Als die anderen schliefen, legte Buddy die Gitarre aufs Bett, öffnete lei- se die Tür und schlich nach draußen in die Nacht. Ein Vollmond – oder wenigstens eine Sichel – wäre jetzt nicht schlecht gewesen. Aber am Himmel stand nur ein Halbmond, der nie auf roman- tischen oder okkulten Bildern erschien – obgleich er die magischste Pha- se darstellte. Es roch nach schalem Bier, verfaulendem Kohl, kalter Asche und un- genügenden sanitären Anlagen., Buddy lehnte sich an Seths Mietstall. Die Wand neigte sich ein wenig zur Seite. Auf der Bühne war alles in Ordnung, selbst wenn sie – wie heute abend – nur aus einer alten Scheunentür bestand, die auf mehreren Zie- gelsteinen ruhte. Wenn er spielte, gab es nur schillernde Farben, und glühend heiße Bilder zogen durch seinen Geist. Die Hitze erfaßte auch seinen Körper, der sich dann so anfühlte, als sollte er heiß sein. Mit ande- ren Worten: Leben erfüllte ihn. Nachher schien er stets tot zu sein. Es gab noch immer Farbe in der Welt. Buddy konnte sie als Farbe er- kennen, aber alles wirkte trüb, wie durch Klippes dunkle Brille betrach- tet. Die Geräusche kamen wie durch Watte. Die gegrillten Spezialitäten sollten sehr lecker gewesen sein – Glod hatte mehrmals darauf hingewie- sen. Doch für Buddy waren sie praktisch geschmacklos gewesen. Ein Schatten kroch durch die Finsternis zwischen zwei Gebäuden… Buddy wußte nun, daß es keinen Besseren gab als ihn. Es war nicht et- wa eine Meinung, die auf Stolz oder Arroganz hindeutete, sondern eine Tatsache. Er spürte, wie die Musik aus ihm herausfloß und zum Publi- kum strömte… »Der da?« flüsterte ein Schatten neben dem Mietstall, als Buddy über die vom Mondschein erhellte Straße ging. »Ja. Wir erledigen erst ihn und dann die beiden anderen in der Taverne. Auch den großen Troll mit dem Fleck am Nacken.« »Und Schnapper?« »Sein Name fehlt auf der Auftragsliste. Außerdem ist er gar nicht hier.« »Schade. Er hat mir mal ein heißes Würstchen angedreht.« »Ich gebe zu, die Vorstellung hat ihren Reiz. Aber leider bezahlt uns niemand für Schnapper.« Die Assassinen zogen ihre Messer, deren Klingen geschwärzt waren – sie sollten sich nicht durch Lichtreflexionen verraten. »Ich würde dir zwei Cent dafür geben, Herr. Wenn du damit zufrieden bist.« »Ein verlockendes Angebot…«, Der Meisterassassine preßte sich an die Wand, als das Geräusch von Buddys Schritten lauter wurde. Er hielt das Messer in Hüfthöhe. Wer sich mit diesen Waffen auskann- te, würde nie auf den Gedanken kommen, eine Klinge über die Schulter zu heben, um von oben zuzustechen. Solche Bewegungsabläufe waren nur bei Illustratoren beliebt. Bei Assassinen galten sie als dilettantisch. Echte Profis stachen von unten nach oben – der Weg zum Herzen eines Mannes führte durch den Magen. Er zog die Hand ein wenig zurück und spannte die Muskeln… Vor seinen Augen erschien plötzlich ein bläulich glühendes Stunden- glas. LORD ROBERT SELACHII? flüsterte es am Ohr des Meisterassassi- nen. DIES IST DEIN LEBEN. Er blinzelte. Und las seinen Namen. Und sah Sand von der Zukunft in die Vergangenheit rinnen… Er drehte sich um, sah die Gestalt im schwarzen Kapuzenmantel – und lief los. Sein Lehrling war bereits hundert Meter entfernt und beschleu- nigte noch immer. »Hallo? Wer ist da?« Susanne ließ die Lebensuhr in einer Tasche des Umhangs verschwin- den und schüttelte ihr Haar aus. Buddy näherte sich. »Du?« »Ja, ich«, sagte Susanne. »Willst du wieder einfach so verschwinden?« fragte der junge Mann. »Nein. Übrigens habe ich dir gerade das Leben gerettet.« Buddy sah durch die leere Nacht. »Vor was?« Susanne bückte sich und hob ein schwarzes Messer auf. »Wie wär’s damit?« »Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Wer bist du? Vielleicht meine gute Fee?«, »Ich glaube, dann müßte ich ein ganzes Stück älter sein«, erwiderte Su- sanne. Sie wich ein wenig zurück. »Und wahrscheinlich auch netter. Mehr kann ich dir nicht sagen. Du dürftest mich überhaupt nicht sehen. Eigentlich sollte ich gar nicht hier sein. Und das gilt auch für dich…« »Willst du jetzt wieder verlangen, daß ich aufhöre, Gitarre zu spielen?« entfuhr es Buddy verärgert. »Spar dir die Mühe! Ich bin Musiker! Wenn ich nicht mehr spiele – was bin ich dann? In dem Fall könnte ich genau- sogut tot sein! Verstehst du? Musik ist mein Leben!« Buddy trat einige Schritte näher. »Warum folgst du mir? Asphalt hat mich vor solchen Mädchen ge- warnt.« »Was meinst du mit ›solchen Mädchen‹?« Buddy kühlte ab, aber nur ein wenig. »Ich meine Mädchen, die Schauspielern und Musikern überallhin fol- gen«, erwiderte er. »Wegen des… äh… Glamours und so…« »Wegen des Glamours? Meinst du damit einen übel riechenden Karren und eine Taverne, in der es nach Kohl stinkt?« Buddy hob die Hände. »Mit mir ist alles bestens«, sagte er rasch. »Ich arbeite hart, und die Leute mögen meine Musik. Ich brauche keine Hilfe, verstanden? Ich habe auch so schon genug Sorgen; bitte halte dich aus meinem Leben raus.« Hastige Schritte näherten sich, und Asphalt erschien. Die übrigen Mit- glieder der Band folgten ihm dichtauf. »Die Gitarre hat geschrien«, erklärte der flache Troll. »Ist alles in Ord- nung mit dir?« »Frag sie«, murmelte Buddy. Alle drei sahen direkt zu Susanne. »Wen du meinst?« fragte Klippe. »Die junge Dame direkt vor dir.« Glods tastende Hand verfehlte Susanne nur knapp. »Wahrscheinlich es liegt am Kohl«, wandte sich Klippe an Asphalt., Susanne trat stumm zurück. »Sie steht da! Ich meine, sie stand da. Jetzt geht sie fort. Seht ihr sie denn nicht?« »Schon gut, schon gut.« Glod griff nach Buddys Arm. »Sie geht jetzt weg, zum Glück, und wir begeben uns wieder in die Taverne…« »Sie schwingt sich auf den Rücken des Pferds!« »Ja, genau, du meinst die schwarze Stute…« »Ich meine den weißen Hengst, du Idiot!« Abdrücke von Hufen glühten rot auf dem Boden und verblaßten nach ein oder zwei Sekunden. »Und jetzt sind Pferd und Mädchen fort!« Die Band Mit Steinen Drin starrte in die Nacht. »Ja, ich es sehe ganz deutlich«, sagte Klippe. »Ein Pferd, das ist nicht mehr da.« »Ja, ich schätze, so sieht ein verschwundenes Pferd aus«, meinte As- phalt vorsichtig. »Habt ihr die junge Frau wirklich nicht gesehen?« fragte Buddy, als sie ihn durch das Grau am Ende der Nacht führten. »Ich habe gehört, daß halbnackte Frauen manchmal Musikern folgen, wirklich guten Musikern«, sagte Glod. »Man nennt sie Musen.« »Wie Kantalupe«, ließ sich Klippe vernehmen. »Bei uns haben solche Frauen andere Namen.« Asphalt lächelte. »Als ich für Bertie den Balladensänger & seine Troubadourschlingel arbeitete, trieben sich dauernd irgendwelche junge Frauen in unserer Nähe her- um…« »Eigentlich erstaunlich, wie Legenden beginnen, wenn man genauer darüber nachdenkt«, sagte Glod. »So, komm jetzt, mein Junge.« »Sie war da«, beharrte Buddy. »Sie war wirklich da.« »Kantalupe?« fragte Asphalt. »Bist du sicher, Klippe?« »Hab’s in einem Buch gelesen mal«, antwortete der Troll. »Kantalupe. So sie hieß. Oder so ähnlich.« »Sie war da«, wiederholte Buddy., Der Rabe schnarchte leise auf dem Schädel und zählte tote Schafe. Der Rattentod kam in einem weiten Bogen durchs Fenster, prallte von einer tropfenden Kerze ab und landete auf dem Tisch. Der Rabe öffnete ein Auge. »Oh, du bist’s…« Eine Pfote schloß sich um das Bein des Raben und riß ihn vom Schä- del in die Unendlichkeit. Der nächste Tag brachte weitere Kohlfelder, doch es zeigten sich erste Veränderungen in der Landschaft. »He, das ist interessant«, sagte Glod. »Was denn?« fragte Klippe. »Da drüben erstreckt sich ein Feld mit Bohnen.« Sie beobachteten es, bis es außer Sicht geriet. »Wie nett von den Leuten, uns mit so vielen Nahrungsmitteln zu ver- sorgen«, sagte Asphalt. »An Kohl herrscht kein Mangel.« »Sei still.« Glod drehte sich zu Buddy um, der mit angezogenen Beinen dasaß und das Kinn auf die Arme stützte. »Kopf hoch. In etwa zwei Stunden erreichen wir Pseudopolis.« »Gut«, murmelte Buddy. Glod kletterte in den vorderen Teil des Karrens und ging dort neben Klippe in die Hocke. »Hast du bemerkt, wie still er geworden ist?« flüsterte er. »Ja. Du glaubst, daß… äh… es fertig ist, wenn wir wieder sind in Ankh- Morpork?« »Ich glaube schon«, entgegnete der Zwerg. »In einer Stadt wie Ankh- Morpork läßt sich alles bewerkstelligen. Ich habe in der Straße Schlauer Kunsthandwerker praktisch an alle Türen geklopft. Fünfundzwanzig Dollar!« »Du dich beklagst? Nicht du dafür bezahlt hast mit Zahn.«, Sie drehten sich beide um und sahen zum Gitarristen der Band Mit Steinen Drin. Buddy starrte über die endlosen Felder. »Sie war da«, murmelte er. Federn sanken zu Boden. »Es wäre nicht nötig gewesen, mich so unsanft zu holen«, sagte der Rabe und straffte die Gestalt. »Du hättest einfach fragen können.« QUIEK. »Na schön. Obwohl… ich meine, du hättest vorher fragen können.« Der Rabe plusterte sich auf und betrachtete die Landschaft unter dem dunk- len Himmel. »Dies ist der Ort?« fragte er. »Und du bist wirklich sicher, daß du nicht auch der Rabentod bist?« QUIEK. »Die Gestalt bedeutet nicht viel. Außerdem hast du eine spitze Schnau- ze. Was wolltest du von mir?« Der Rattentod griff nach einem Flügel und zog daran. »Schon gut, schon gut!« Der Rabe sah zu einem Gartenzwerg, der an einem Zierteich stand und angelte. Im Wasser schwamm ein Fisch ohne Fleisch an den Gräten, was ihn jedoch nicht daran zu hindern schien, sich seines Lebens – oder was auch immer – zu erfreuen. Der Rabe flatterte und folgte dem Rattentod. Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper trat zurück. Jimbo, Crash, Noddy und Abschaum musterten ihn erwartungsvoll. »Wozu dienen die Schachteln, Herr Schnapper?« fragte Crash. »Jäa«, fügte Abschaum hinzu. Schnapper rückte die zehnte Schachtel auf ihrem Stativ zurecht. »Habt ihr Jungs schon mal einen Ikonographen gesehen?«, »Oh, ja… ich meine jäa«, erwiderte Jimbo. »In den Apparaten hocken kleine Dämonen, und sie malen Bilder von den Dingen, die sie durch die Linsen sehen.« »Dies ist so ähnlich, nur für Geräusche«, meinte Schnapper. Jimbo schielte am Deckel vorbei. »Kann überhaupt keinen Dämon da drin erkennen«, sagte er. »Weil die Schachtel keinen enthält.« Diese Tatsache beunruhigte Schnapper ein wenig. Er hätte sich besser gefühlt, wenn irgendeine Art von Magie im Spiel gewesen wäre. Etwas Einfaches, das man problemlos verstehen konnte. Es gefiel ihm nicht, daß er sich mit so komplizierten Dingen wie der Wissenschaft auseinandersetzen mußte. »Na schön, Lutsch…«, begann er. »Der Heimliche Stoff«, sagte Jimbo. »Wie bitte?« »Der Heimliche Stoff«, wiederholte Jimbo. »So lautet unser neuer Na- me.« »Warum habt ihr ihn geändert? Ihr seid kaum vierundzwanzig Stunden lang Lutsch gewesen.« »Ja, aber wir dachten, daß uns der Name festhält.« »Wie könnte er euch festhalten? Ihr bewegt euch doch gar nicht.« Schnapper sah die jungen Leute ernst an, schließlich zuckte er mit den Schultern. »Na schön. Wie auch immer ihr heißt… Ich möchte, daß ihr jetzt euer bestes Lied singt, falls ihr überhaupt mehrere kennt, und zwar vor diesen Schachteln… Moment… wartet noch…« Schnapper wich in die entfernteste Ecke des Zimmers zurück und zog sich dort den Hut über beide Ohren. »Jetzt könnt ihr loslegen«, sagte er. Von Taubheit gesegnet, beobachtete er die Band, bis nach einigen Mi- nuten geringer werdende Bewegungen darauf hindeuteten: Was auch immer verübt worden war – es schien nun zu Ende zu sein. Er inspizierte die Schachteln. Die Drähte darin vibrierten ein wenig, doch es erklangen kaum Geräusche. Der Heimliche Stoff sah ihm über die Schulter., »Funktioniert es, Herr Schnapper?« fragte Jimbo. Schnapper schüttelte den Kopf. »Ihr Jungs habt eben nicht das, was nötig ist«, sagte er. »Was ist denn nötig, Herr Schnapper?« »Keine Ahnung.« Er sah die Enttäuschung in den jungen Gesichtern und fügte hinzu: »Ihr habt etwas, aber nicht viel davon.« »Äh… bedeutet das, wir dürfen nicht beim Gratis-Konzert spielen, Herr Schnapper?« erkundigte sich Crash. »Vielleicht doch.« Schnapper lächelte gutmütig. »Vielen Dank, Herr Schnapper!« Der Heimliche Stoff kehrte auf die Straße zurück. »Wir müssen uns verdammt anstrengen, wenn wir die Leute beim Konzert beeindrucken wollen«, sagte Crash. »Meinst du etwa, wir sollten lernen, wie man Musik macht?« fragte Jim- bo erschrocken. »Nein!« erwiderte Crash sofort. »Musik Mit Steinen Drin passiert ein- fach. Wenn man versucht, sie zu lernen, bringt man es nie zu was. Nein, ich meine…« Er sah sich um. »Zum Beispiel bessere Kleidung. Hast du dich um die Ledermäntel gekümmert, Noddy?« »In gewisser Weise.« »Was soll das heißen, in gewisser Weise?« »Nun, das Leder ist… Wißt ihr, ich habe der Gerberei in der Fleißigen Straße einen Besuch abgestattet, und dort gab’s tatsächlich Leder, aller- dings… riecht es ein wenig…« »Na schön, wir nehmen uns das Zeug heute abend vor. Was ist mit den Leopardenfellhosen, Abschaum?« In Abschaums Gesicht zeigte sich so etwas wie transzendentale Sorge. »Ich habe welche, sozusagen«, erwiderte er. »Entweder hast du welche, oder du hast keine«, meinte Crash. »Nun, sie sind…« Abschaum zögerte kurz. »Weißt du, ich konnte kei- nen Laden finden, der auch nur etwas davon gehört hat. Aber erinnerst du dich an den Zirkus von letzter Woche? Ich hab mit dem Burschen ge-, sprochen, der einen Zylinder trug, ja, und es fiel mir nicht schwer, mich mit ihm zu einigen…« »Abschaum…«, sagte Crash langsam. »Was hast du gekauft?« »Sieh die Sache mal so«, entgegnete Abschaum fröhlich schwitzend. »Es sind Leopardenfellhosen und ein Leopardenfellhemd und ein Leopar- denfellhut.« »Du hast einen Leoparden gekauft, nicht wahr?« fragte Crash mit einer Mischung aus Resignation und Zorn. »So etwas in der Art, ja.« »Meine Güte…« »Eine Art gutes Geschäft für zwanzig Dollar«, verteidigte sich Ab- schaum. »Mit Leoparden gehen alle wichtigen Dinge in Ordnung, meinte der Mann.« »Warum hat er ihn verkauft?« erkundigte sich Crash. »Er ist taub, sozusagen«, antwortete Abschaum. »Hört nicht die Befeh- le des Dompteurs.« »Oh, gut für uns!« »Was macht das schon? Hosen brauchen schließlich keine funktionie- renden Ohren, oder?« HAST DU EINE MÜNZE FÜR MICH, JUNGER HERR? »Verzieh dich, Opa«, erwiderte Crash sofort. ICH WÜNSCHE DIR VIEL GLÜCK. »Mein Vater meint, in letzter Zeit treiben sich hier zu viele Bettler her- um«, sagte Crash, als sie weitergingen. »Er meint, die Bettlergilde sollte was dagegen unternehmen.« »Aber die Bettler sind doch alle Mitglieder der Gilde«, sagte Jimbo. »Nun, vielleicht sollte sie nicht so viele Mitglieder aufnehmen.« »Ja, aber das ist immer noch besser, als die Leute auf der Straße herum- lungern zu lassen.« Abschaum stand besonders wenig Gehirnaktivität zur Verfügung, die sich zwischen ihn und eine unbeeinflußte Wahrnehmung der Realität schieben konnte. Er blieb ein wenig hinter den anderen zurück und hatte, den unangenehmen Eindruck, gerade über ein Grab hinweggegangen zu sein. »Der Bursche war ziemlich dünn«, murmelte er. Die anderen schenkten ihm keine Beachtung. Sie sprachen wieder über das übliche Thema. »Ich hab die Nase voll vom Heimlichen Stoff«, sagte Jimbo. »Der Na- me taugt nichts.« »Wirklich dünn.« Abschaum schob eine Hand in die Hosentasche. »Mir gefiel ›Die Wem‹ am besten«, erwiderte Noddy. »Wir waren doch nur eine halbe Stunde lang Die Wem!« entfuhr es Crash.* »Gestern. Zwischen ›Die Kleckse‹ und ›Bleiballon‹.« Abschaum entdeckte eine Zehn-Cent-Münze und kehrte in die Ge- genwart zurück. »Es muß irgendeinen guten Namen geben«, sagte Jimbo. »Bestimmt er- kennen wir ihn sofort, wenn ihr ihn sehen.« »Klar.« Crash nickte. »Aber bis dahin brauchen wir einen Namen, über den wir uns nicht schon nach fünf Minuten streiten. Es bringt die Kar- riere kaum voran, wenn die Leute nicht wissen, wer man ist.« »Herr Schnapper meint, es sei besser, wenn die Leute nicht wissen, wer wir sind«, warf Noddy ein. »Ja, aber mein Vater vertritt den Standpunkt, daß ein rollender Stein kein Moos ansetzt«, entgegnete Crash. »Hier, nimm, Alter«, sagte Abschaum ein ganzes Stück hinter der Gruppe. DANKE, erwiderte der dankbare Tod. Abschaum schloß zu seinen Freunden auf, die wieder über den Leo- parden mit Hörproblemen redeten. »Wo hast du ihn untergebracht, Abschaum?« fragte Crash. »Nun, in deinem Zimmer, sozusagen…« »Wie tötet man einen Leoparden?« ließ sich Noddy vernehmen. * Es waren sehr grammatische dreißig Minuten., »Wie wär’s, wenn wir ihn an Abschaum ersticken lassen?« brummte Crash. Der Rabe inspizierte die Standuhr im Korridor mit dem geübten Blick eines Geschöpfs, das gute Requisiten zu schätzen weiß. Susanne hatte es bereits bemerkt: Die Uhr war nicht in dem Sinne klein, sie schien vielmehr… dimensionell versetzt zu sein. Sie wirkte auf die gleiche Weise klein wie ein sehr großer Gegenstand, der weit entfernt ist. Anders ausgedrückt: Der Verstand erinnerte die Augen immer wieder daran, daß sie irrten. Hier hatte man den gleichen Eindruck auch aus der Nähe. Die Uhr bestand aus Holz, das im Lauf einer Ewigkeit fast schwarz geworden war. Die Zeiger fehlten. »Beachtlich«, sagte der Rabe. »Die Darstellung einer Sense auf dem Pendel. Nicht schlecht. Sehr unheimlich. Wer diese Uhr sieht, muß daran denken, daß sie…« QUIEK! »Schon gut, schon gut. Ich komme.« Der Rabe flatterte zu einem Tür- rahmen, dessen Verzierungen aus einem Totenschädel-mit-Knochen- Motiv bestanden. »Erlesener Geschmack«, kommentierte er. QUIEK. QUIEK. »Ich schätze, jeder ist zu Klempnerarbeiten fähig«, sagte der Rabe. »Da fällt mir ein: Wußtest du, woher das Wasserklosett seinen Namen hat? Von Sir Charles Wasserklosett. Nur wenige Leute…« QUIEK. Der Rattentod stemmte sich gegen die Küchentür. Sie öffnete sich mit einem leisen Knarren, aber auch damit stimmte etwas nicht. Ein auf- merksamer Lauscher erkannte, daß das Knarren nachträglich hinzugefügt worden war, von jemandem, der glaubte, daß eine solche Tür knarren sollte. Albert stand am Spülbecken und starrte ins Leere. »Oh«, sagte er und drehte sich um. »Du bist’s. Und was ist das?«, »Ich bin ein Rabe«, erwiderte der Rabe nervös. »Zufälligerweise einer der intelligentesten Vögel überhaupt. Viele Leute halten den Hirtenstar für intelligenter, aber…« QUIEK! Der Rabe plusterte sich auf. »Ich bin als Dolmetscher hier«, erklärte er. »Hat er ihn gefunden?« fragte Albert. Der Rattentod quiekte eine Zeitlang. »Er hat überall gesucht«, übersetzte der Rabe, »ohne eine Spur von ihm zu entdecken.« »Dann will er nicht gefunden werden«, stellte Albert fest. Er strich das Fett aus einer mit Totenschädelsymbolen geschmückten Pfanne. »Die Sache gefällt mir immer weniger.« QUIEK. »Die Ratte meint, das sei noch nicht das Schlimmste«, sagte der Rabe. »Die Ratte meint, du solltest hören, was seine Enkelin angestellt hat…« Die Ratte quiekte. Der Rabe sprach. »Ich wußte es!« platzte es aus Albert heraus. »Den Jungen retten! Sie hat überhaupt keine Ahnung! Na schön! Jetzt kümmere ich mich um die Sa- che. Der Herr glaubt also, er könnte sich einfach so aus dem Staub ma- chen, wie? Wohin er auch verschwunden ist – der alte Albert findet ihn! Was euch beide betrifft… Ihr wartet hier!« In Pseudopolis hingen bereits die Poster. Neuigkeiten reisten schnell, erst recht, wenn T.M.S.I.D.R. Schnapper für die Pferde bezahlte… »Hallo, Pseudopolis!« Die Stadtwache mußte alarmiert und eine Kette von Eimerträgern zum Fluß gebildet werden. Asphalt hielt vor der Tür von Buddys Garderobe Wache, in der Hand eine Keule, in der ein Nagel steckte. Albert stand vor einer Spiegelscherbe im Schlafzimmer und kämmte sich energisch das Haar. Es war weiß. Besser gesagt, vor langer Zeit mochte, es einmal weiß gewesen sein. Jetzt hatte es eine Farbe wie der Zeigefin- ger eines Nikotinsüchtigen. »Es ist meine Pflicht, jawohl«, brummte er. »Weiß gar nicht, wie er oh- ne mich zurechtkäme. O ja, er erinnert sich tatsächlich an die Zukunft, aber dauernd bringt er die Dinge durcheinander. Er denkt über ewige Wahrheiten und so nach, doch wer muß letztendlich alles in Ordnung bringen, hm? Der alte Albert.« Er betrachtete sein Spiegelbild. »Also gut!« sagte er. Unter dem Bett stand ein ramponierter Schuhkarton. Albert zog ihn vorsichtig heran und nahm den Deckel ab. Er war zur Hälfte mit Baum- wolle gefüllt, und darin, einem zerbrechlichen Ei gleich, ruhte eine Le- bensuhr. Sie trug den Namen Alberto Malich eingraviert. Der Sand darin war mitten im Rieseln erstarrt. Die obere Hälfte war fast leer. In Tods Domäne stand die Zeit still. Es gehörte zur Vereinbarung. Er arbeitete für Tod, ohne daß die Zeit verging – es sei denn, er kehrte in die Welt der Lebenden zurück. Ein Zettel lag neben dem Glas. Ganz oben darauf stand die Zahl 91, und ihr folgten 73… 68… 37… 19. Neunzehn! Wie dumm von ihm. Er hatte sein Leben stunden- und minutenweise verstreichen lassen, in letzter Zeit immer häufiger. Zum Beispiel die Sa- che mit dem Klempner. Und dann die Einkäufe. Dem Herrn gefiel es nicht, einkaufen zu gehen, weil man ihn nur selten bediente. Außerdem hatte Albert dann und wann Urlaub gemacht. Es gefiel ihm, die Sonne wiederzusehen, Wind und Regen zu spüren. Tod gab sich zwar alle Mü- he, aber er bekam es einfach nicht richtig hin. Das galt auch fürs Gemü- se: Die Produkte des Gartens schmeckten nicht wie gewachsen. Noch neunzehn Tage Leben. Genug für diese spezielle Aufgabe. Albert schob das Stundenglas in die Tasche, streifte sich den Mantel über und stapfte die Treppe hinunter., »Du«, sagte er und zielte mit dem Zeigefinger auf den Rattentod. »Du hast keine Spur von ihm gefunden? Es muß doch etwas geben. Konzen- trier dich.« QUIEK. »Was hat er gesagt?« »Er glaubt, sich an Sand zu erinnern.« »Sand«, wiederholte Albert. »Na, das ist doch schon was. Wir beginnen unsere Suche beim Sand.« QUIEK? »Wo auch immer Tod sich aufhält – er hinterläßt Abdrücke. Von Ein- drücken ganz zu schweigen.« Ein rhythmisches, schabendes Geräusch weckte Klippe. Im trüben Licht der Morgendämmerung zeichnete sich die Gestalt von Glod ab. Der Zwerg schwang einen Pinsel. »Was du da machst?« »Ich habe Asphalt gebeten, mir Farbe zu besorgen«, sagte Glod. »Diese Räume sind eine Schande.« Klippe stemmte sich auf den Ellenbogen hoch und ließ den Blick durchs Zimmer schweifen. »Wie du die Farbe des Bodens nennst?« »Nilgrün.« »Hübsch.« »Danke«, sagte Glod. »Auch die Gardinen sind nicht schlecht.« Die Tür schwang auf. Asphalt kam mit einem Tablett heran und trat die Tür hinter sich zu. »Oh, entschuldige.« »Schon gut«, erwiderte Glod. »Ich streiche einfach Farbe auf den Fleck.« Asphalt stellte das Tablett ab und zitterte vor Aufregung., »Alle Leute reden über euch, Jungs!« verkündete er. »Sie meinen, es sei sowieso Zeit gewesen, ein neues Theater zu bauen. Ich habe euch Eier und Schinken, Eier und Ratte und Eier und Koks geholt, und… und… da war doch noch was… Ah, jetzt fällt’s mir wieder ein. Der Hauptmann der Wache läßt euch folgendes ausrichten: Wenn ihr bei Sonnenaufgang noch in der Stadt seid, werdet ihr lebendig begraben. Der Karren steht an der Hintertür bereit. Junge Frauen haben mit Lippenstift Dinge dar- auf geschrieben. Hübsche Gardinen übrigens.« Sie sahen zu Buddy. »Er hat sich nicht von der Stelle gerührt«, sagte Glod. »Sank nach dem Auftritt einfach zu Boden und blieb reglos liegen.« »Gestern abend er dauernd herumgesprungen ist«, meinte Klippe. Buddy schnarchte leise vor sich hin. »Wenn wir zurückkehren, sollten wir irgendeinen gemütlichen Ort auf- suchen und ausspannen«, schlug Glod vor. »Ja«, pflichtete ihm Klippe bei. »Wenn wir überleben dies, ich den Sack mit Steinen auf den Rücken nehme und losgehe, und ich erst stehenblei- be, wenn mich jemand fragt: ›Was du da auf dem Rücken trägst?‹« Asphalt blickte aus dem Fenster. »Wie wär’s, wenn ihr ziemlich schnell frühstückt?« meinte er. »Da un- ten stehen einige Männer in Uniform. Und sie tragen Schaufeln.« In Ankh-Morpork konnte es Herr Clete kaum fassen. »Wir haben euch angeheuert!« stieß er hervor. »Es heißt nicht ›angeheuert‹, sondern ›beauftragt‹«, sagte Lord Wit- wenmacher, Oberhaupt der Assassinengilde. Er musterte Clete und verbarg seinen Abscheu nicht. »Leider sehen wir uns außerstande, den vertraglichen Pflichten zu genügen.« »Es sind Musiker«, sagte Herr Clete. »Wie schwierig ist es, solche Leute zu töten?« »Meinen Kollegen widerstrebt es, darüber zu reden«, erwiderte Lord Witwenmacher. »Offenbar glauben sie, daß die betreffenden Personen, auf irgendeine Weise geschützt sind. Natürlich erstatten wir die geleiste- ten Zahlungen zurück. Abzüglich der Kosten.« »Geschützt«, murmelte Clete, als er dankbar durchs Tor der Assassi- nengilde trat. »Nun, ich habe dir ja erzählt, was in der Geflickten Trommel geschah…«, begann Klatschmaul. »Ach, das ist nur Aberglaube«, erwiderte Clete scharf. Er starrte zur Mauer, an der drei bunte Poster klebten. »Wie dumm von dir zu glauben, Assassinen könnten außerhalb der Stadt etwas zustande bringen«, brummte Clete. »Wie dumm von mir? Ich habe nie…« »Drehen durch, wenn sie sieben oder acht Kilometer von guten Schneidern und einem Spiegel entfernt sind«, fügte Clete hinzu. Er betrachtete die Poster. »Frei und gratis«, murmelte er. »Hast du darauf hingewiesen, daß jeder aus der Gilde fliegt, der beim Konzert auftritt?« »Ja, Herr. Ich glaube, wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, Herr. Einige von uns sehen die Sache so: Da mehr Leute Musiker sein wollen, als wir in der Gilde aufnehmen können, sollten wir…« »Das ist die Herrschaft des Mobs!« entfuhr es Clete. »Pöbel, der sich zusammenschließt, um einer wehrlosen Stadt unannehmbare Regeln aufzuzwingen!« »Es gibt da ein Problem«, sagte Klatschmaul. »Wenn es viele Leute sind, und wenn sie auf den Gedanken kommen, zum Palast zu gehen, um dort mit dem Patrizier zu sprechen…« Clete nickte bedrückt. Die Gilden waren mächtig, solange sie eine Mehrheit vertraten. Er stellte sich vor, wie Hunderte von Musikern zum Palast zogen. Hunderte von Musikern, die nicht zur Gilde gehörten… Der Patrizier neigte zu einer sehr pragmatischen Einstellung. Er ver- suchte nie, Dinge zu verändern, die funktionierten. Wenn sie allerdings nicht mehr funktionierten… dann wurde ein Schlußstrich gezogen., Der einzige Hoffnungsschimmer war, daß alle viel zu sehr mit der neu- en Musik beschäftigt waren, um zu verstehen, was auf dem Spiel stand. Diese Tendenz hatte Clete bisher zum Vorteil gereicht. Dann fiel ihm ein, daß der verdammte Schnapper an der Sache beteiligt war. Zu glauben, daß Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper eine Chance verstreichen ließ, Geld zu verdienen… ebensogut konnte man von Felsen erwarten, die Schwerkraft zu ignorieren. »Hallo? Albert?« Susanne schob die Küchentür auf. Der große Raum war leer. »Albert?« Sie versuchte es im Obergeschoß. Dort warf sie einen Blick ins eigene Zimmer und schritt anschließend durch einen Flur mit mehreren Türen, die sich vermutlich nie öffnen ließen – Türen und Türrahmen schienen fest miteinander verbunden zu sein. Wahrscheinlich verfügte Tod auch über ein Schlafzimmer, obwohl er sicher nicht schlief. Vielleicht lag er dort im Bett und las. Susanne probierte verschiedene Knäufe aus, bis sie einen fand, der sich drehen ließ. Tod hatte tatsächlich ein Schlafzimmer. Die meisten Einzelheiten stimmten. Immerhin bekam er immer wieder Gelegenheit, Schlafzimmer zu besuchen. In der Mitte des unbestimmbar großen Raums stand ein breites Himmelbett. Als Susanne es berührte, stellte sie fest, das die Laken steinhart waren. Ein großer Spiegel hing an der Wand, daneben stand ein Kleider- schrank. Das Mädchen warf einen Blick hinein, sah jedoch keine Mor- genmäntel oder etwas in der Art, sondern ganz unten* nur ein paar alte Schuhe. Auf der Frisierkommode stand ein Wasserkrug neben dem Waschbek- ken, beides war mit Totenschädeln und Omega-Zeichen geschmückt. Hinzu kamen mehrere Fläschchen und andere Dinge. * In jedem Kleiderschrank stehen Schuhe im untersten Fach. Sie ließen sich sogar im Kleiderschrank einer Nixe finden., Susanne nahm sie nacheinander in die Hand. Rasierwasser. Pomade. Mundwasser. Eine silberne und eine schwarze Haarbürste. Alles war ziemlich traurig. Tod hatte wohl eine recht klare Vorstellung davon, was auf der Frisierkommode eines Herrn liegen sollte. Doch den einen oder anderen wichtigen Aspekt hatte er nicht berücksichtigt. Schließlich entdeckte Susanne eine kleinere, schmalere Treppe. »Albert?« Oben war eine Tür. »Albert? Hört mich jemand?« Niemand kann mir vorwerfen, daß ich einfach so hereinplatze, wenn ich vorher frage, dachte sie und öffnete die Tür. Dahinter erstreckte sich ein kleiner Raum. Ein wirklich kleiner Raum. Er enthielt einige für ein Schlafzimmer typische Einrichtungsgegenstände sowie ein schmales Bett. In einem kleinen Bücherschrank standen einige kleine und uninteressant wirkende Bücher. Auf dem Boden lag ein alter Zettel. Susanne hob ihn auf und sah mehrere Zahlen, nur die letzte davon nicht durchgestrichen: 19. Eines der Bücher trug den Titel: Gartenarbeit unter schwierigen Bedingungen. Susanne kehrte ins Erdgeschoß zurück. Sie wußte jetzt, daß sich nie- mand im Haus befand, denn alles fühlte sich tot an. Im Garten stellte sich das gleiche Gefühl ein. Tod konnte die meisten Dinge nachbilden, bis auf diejenigen, für die Klempner zuständig waren. Und natürlich konnte er kein Leben schaffen. Das mußte hinzugefügt werden wie die Hefe dem Brot. Ohne diese Zutaten war alles wundervoll ordentlich – und langweilig, langweilig, langweilig. So mußte es am An- fang gewesen sein, dachte Susanne. Und dann, eines Tages, adoptierte er meine Mutter. Weil er neugierig war. Sie folgte dem Verlauf des Weges durch den Obstgarten. Und als ich geboren wurde… Meine Eltern fürchteten so sehr, daß ich mich hier zu Hause fühle, daß sie mich als… Susanne aufwachsen ließen. Ist das etwa ein angemessener Name für Tods Enkelin? Nein, Tods En- kelin sollte hohe Wangenknochen haben, glattes Haar und einem Na- men, der viele Konsonanten wie V und X enthält. Susanne drehte den Kopf und sah das Etwas, das er für sie gebaut hat- te. Ganz allein. Nur mit dem Wissen um gewisse Prinzipien., Eine Schaukel. Eine einfache Schaukel. In der Wüste zwischen Klatsch und Herscheba war es bereits brütend heiß. Die Luft flimmerte, und dann machte es Plop. Albert erschien auf einer Düne. Am Horizont zeigte sich ein aus Tonziegeln errichtetes Fort. »Die klatschianische Fremdenlegion«, murmelte er, als das Unvermeid- liche geschah: Sand kroch ihm in die Stiefel. Albert stapfte in Richtung der Bastion. Der Rattentod saß auf seiner Schulter. Er klopfte ans Tor, in dem einige Pfeile steckten. Nach einer Weile öffnete sich eine kleine Klappe. »Was wünschst du, Offendi?« fragte jemand. Albert hob eine Karte. »Hast du jemanden gesehen, der nicht so aussieht?« erkundigte er sich. Stille. »Na schön, laß es mich anders ausdrücken.« Albert überlegte kurz. »Kennst du einen geheimnisvollen Fremden, der nicht über seine Ver- gangenheit spricht?« »Dies ist die klatschianische Fremdenlegion, Offendi. Hier reden die Leute nicht über ihre Vergangenheit. Sie werden zu Legionären, weil sie… weil sie…« Das Schweigen dehnte sich, und schließlich begriff Albert, daß es an ihm lag, den Dialog wieder in Gang zu bringen. »Weil sie vergessen wollen?« »Ja. Genau. Weil sie vergessen wollen. Stimmt.« »Hattet ihr in letzter Zeit Rekruten, die ein wenig seltsam waren?« »Kann sein«, erwiderte die Stimme langsam. »Erinnere mich nicht dar- an.« Die Klappe schloß sich. Albert klopfte erneut ans Tor. Die Klappe öffnete sich. »Ja, was ist?«, »Erinnerst du dich wirklich nicht?« »An was?« Albert atmete tief durch. »Ich möchte den kommandierenden Offizier sprechen.« Die Klappe schloß sich. Die Klappe öffnete sich. »Entschuldige. Offenbar bin ich der kommandierende Offizier. Bist du vielleicht ein D’reg oder ein Herschebianer?« »Weißt du’s nicht?« »Ich… äh… bin ziemlich sicher, daß ich’s einmal gewußt habe. Mein Kopf ist wie… wie ein Dingsbums mit Löchern drin… man verwendet es, um Salat und so abtropfen zu lassen, äh…« Geräusche deuteten darauf hin, daß mehrere Riegel beiseite geschoben wurden. Kurz darauf öffnete sich eine kleine Pforte im Tor. Der »kommandierende Offizier« schien ein Feldwebel zu sein, soweit Albert das bei seinen mangelnden Kenntnissen über die klatschianischen Ränge feststellen konnte. Er sah aus wie jemand, der viel vergessen hatte, unter anderem auch, wie man sich richtig ausschlief. Es gab noch andere klatschianische Soldaten im Fort. Sie saßen oder hielten sich, mehr oder weniger mühsam, auf den Beinen. Viele trugen Verbände. Noch mehr Legionäre lagen auf dem Boden und brauchten nie wieder zu schlafen. »Was ist hier geschehen?« fragte Albert. Seine Stimme hatte einen so autoritären Klang, daß der Feldwebel aus einem Reflex heraus salutierte. »Die D’regs haben uns angegriffen«, erwiderte er und schwankte ein wenig. »Hunderte von ihnen! Sie waren uns, äh… wie nennt man die Zahl nach neun? Hat zwei Stellen, und eine davon ist eine Eins.« »Zehn.« »Ja. Der Feind war uns zehn zu eins überlegen.« »Wie ich sehe, ist es dir gelungen zu überleben«, sagte Albert. »Äh«, erwiderte der Feldwebel. »Ja… äh… ja. An dieser Stelle wird’s ein wenig kompliziert. Äh… Korporal? Du bist gemeint. Nein, du da, neben dem anderen, du da. Du da mit den beiden Streifen…«, »Ich?« vergewisserte sich ein recht dicker Soldat. »Ja. Erzähl ihm, was sich hier zugetragen hat.« »Oh. Na schön. Nun, die Mistkerle spickten uns mit Pfeilen. Ziemlich übel sah’s für uns aus. Da kam jemand auf die Idee, die Toten nach oben zu tragen, auf den Wehrgang, mit ihren Waffen und so. Die blöden D’regs sollten denken, daß uns noch immer viele Leute zur Verfügung standen…« »Besonders originell ist die Idee nicht«, meinte der Feldwebel. »In Not geratene Verteidiger greifen immer wieder zu diesem Trick.« »Ja«, räumte der Korporal voller Unbehagen an. »Vermutlich haben das auch die D’regs gedacht. Und dann… und dann… als sie über die Dü- nen galoppierten, als sie uns fast erreicht hatten und lachten, als sie Din- ge heulten wie ›ach, schon wieder der alte Trick‹… da rief jemand ›Feu- er!‹ Und die Toten gehorchten.« »Die Toten gehorchten?« »Ich bin Legionär geworden, um… um zu… Du weißt schon, das mit den Erinnerungen.« »Um zu vergessen?« sagte Albert. »Ja, genau. Um zu vergessen. Und darin habe ich inzwischen viel Übung. Aber ich werde nie vergessen, wie mein alter Kumpel Rippen- hauer Malik voller Pfeile steckte und den Angreifern trotzdem eine Lek- tion erteilte.« Der Korporal schüttelte den Kopf. »Meine Güte, es ist verdammt schwer, so etwas zu vergessen. Ich versuche es natürlich im- mer wieder.« Albert blickte zum Wehrgang hoch. Niemand zeigte sich dort. »Nach dem Kampf ließ sie jemand Aufstellung beziehen, und dann marschierten sie fort«, sagte der Korporal. »Eine ganze Weile später ging ich nach draußen und fand Gräber. Die Burschen müssen sich selbst eingebuddelt haben…« »Wer sorgte dafür, daß die Toten Aufstellung bezogen?« fragte Albert. Die Soldaten sahen sich an., »Darüber haben wir eben gesprochen«, entgegnete der Feldwebel. »Wir versuchen, uns daran zu erinnern. Er… er steckte in der Grube… als es begann.« »Er war groß, nicht wahr?« meinte Albert. »Er könnte groß gewesen sein, ja, das könnte er wirklich.« Der Korpo- ral nickte. »Zumindest hatte er eine große Stimme.« Die aus seinem eige- nen Mund kommenden Worte schienen ihn zu überraschen. »Wie sah er aus?« »Nun, er hatte eine… mit einem… und er war etwa… ja, mehr oder weniger…« »Wirkte er… laut und tief?« fragte Albert. Der Korporal lächelte erleichtert. »Das ist er. Gefreiter… Gefreiter… Beau… Beau… entsinne mich einfach nicht mehr an den Namen.« »Als er fortging, durchs…«, begann der Feldwebel und schnippte ver- ärgert mit den Fingern. »Das Dingsbums… wird geöffnet und geschlos- sen. Besteht aus Holz. Hat Angeln und Bolzen. Tor. Danke. Ja, Tor. Nun, als er durchs Tor ging, sagte er… Was sagte er, Korporal?« »Er sagte: BIS INS LETZTE DETAIL.« Albert sah sich im Fort um. »Er ist also weg.« »Wer?« »Der Mann, von dem ihr mir gerade erzählt habt.« »Oh. Ja. Äh. Hast du eine Ahnung, wer er war, Offendi? Ein einzigarti- ger Soldat. Ich würde ihn gern wiedersehen.« »Oh, das wirst du, früher oder später«, erwiderte Albert nicht ohne ei- nen gewissen Sarkasmus. »Hoffe ich jedenfalls«, fügte er hinzu, als ihm Susanne einfiel. »Vermutlich hat er euch nicht sein nächstes Ziel ge- nannt, oder?« »Wer soll welches Ziel genannt haben?« fragte der Feldwebel und dach- te so angestrengt nach, daß sich Falten auf seiner Stirn bildeten. »Schon gut«, sagte Albert., Zum letztenmal sah er sich um. Für die Geschichte der Welt spielte es sicher keine große Rolle, ob dieses Fort von Bestand blieb oder nicht, ob sich die punktierte Linie auf der Landkarte in die eine Richtung verschob oder in die andere. Aber der Herr konnte einfach nicht darauf verzich- ten, die Dinge zu beeinflussen… Manchmal versucht er, menschlich zu sein, dachte Albert. Und dann verpatzt er alles. »Weitermachen, Feldwebel«, sagte er und kehrte in die Wüste zurück. Die Legionäre beobachteten, wie er jenseits der Dünen verschwand, anschließend fuhren sie damit fort, Ordnung zu schaffen. »Wer mag er wohl gewesen sein?« »Wen meinst du?« »Die Person, von der du eben gesprochen hast.« »Habe ich tatsächlich?« »Was?« Albert erreichte die Kuppe einer weiteren Düne, und von dort aus sah er die punktierte Linie. Wie spöttisch wand sie sich durch den Sand. QUIEK. »Du und ich«, sagte Albert. Er holte ein ziemlich verschmutztes Taschentuch hervor, knüpfte Knoten in die vier Ecken und legte es sich auf den Kopf. »Na schön«, sagte er dann. Ein Hauch Unsicherheit lag in seiner Stim- me. »Mir scheint, wir gehen bei dieser Sache nicht ganz logisch vor.« QUIEK. »Ich meine, wir könnten überall nach ihm suchen.« QUIEK. »Also sollten wir besser darüber nachdenken.« QUIEK. »Nun… wenn du auf der Scheibenwelt wärst, heimgesucht von sehr seltsamen Gefühlen, und wenn du außerdem jeden beliebigen Ort aufsu- chen könntest… wohin würdest du dich dann wenden?« QUIEK?, »Ja, ich meine wirklich jeden beliebigen Ort. Unter einer Bedingung: Wohin auch immer du dich begibst – niemand dort sollte deinen Namen kennen.« Der Rattentod blickte über die endlose, eintönige und vor allem trockene Wüstenlandschaft. QUIEK. »Ich glaube, du hast recht.« Sie hing in einem Apfelbaum. Er hat eine Schaukel für mich gebaut, dachte Susanne. Sie setzte sich und betrachtete das Ding. Es war recht kompliziert. Soweit es Rückschlüsse auf die Überlegungen zuließ, die zu seiner Entstehung geführt hatten, mußte Tod sich etwa folgendes gedacht haben: Eine Schaukel sollte an einem besonders stabilen Ast hängen. Da dem Problem der Sicherheit größte Bedeutung zukam, war es bes- ser, sie an den beiden stabilsten Ästen aufzuhängen. Die befanden sich auf gegenüberliegenden Seiten des Baums. Man gehe niemals zurück. Das gehörte zu Tods Logik. Man schreite immer voran, einen logischen Schritt nach dem anderen. Er hatte einen knapp zwei Meter langen Abschnitt aus der Mitte des Baumstamms entfernt, um zu gewährleisten, daß die Schaukel ungehin- dert, nun, schaukeln konnte. Der Apfelbaum ging deshalb nicht ein. Er schien sich im Gegenteil be- ster Gesundheit zu erfreuen. Allerdings ergab sich durch das Fehlen des zentralen Bereichs ein neu- es Problem. Tod löste es, indem er – weit genug von den Schaukelseilen entfernt – Stützen unter den Zweigen anbrachte. Dadurch blieb die obe- re Hälfte des Baums ungefähr in der richtigen Entfernung zum Boden. Susanne erinnerte sich, wie sehr sie damals gelacht hatte. Und ihr Großvater… Er stand einfach nur da, ohne den Grund für ihre Heiter- keit zu verstehen. Von einem Augenblick zum anderen begriff sie., Genau so verhielt es sich mit Tod. Er traf eine Entscheidung, und spä- ter stellte sich heraus, daß er dabei gewisse Dinge übersehen hatte. Ihre Mutter. Plötzlich hatte er es mit einer erwachsenen Frau zu tun und wußte nicht, wie er reagieren sollte. Schließlich unternahm er etwas, das ihm richtig erschien und doch nur weitere Probleme schuf. Ihr Vater. Tods Lehrling! Natürlich ergaben sich daraus zusätzliche Schwierigkei- ten; sie gehörten einfach dazu. Was Tod zum Anlaß nahm, die Situation auf seine Art zu korrigieren. Er drehte die Lebensuhr um. Anschließend war es nur noch eine Sache der Mathematik. Und der Pflicht. »Hallo – meine Güte, Glod, wo sind wir hier eigentlich? – Sto Lat! Jäa!« Hier war das Publikum noch größer. Es hatte mehr Zeit zur Verfügung gestanden, um Poster an die Wände zu kleben, mehr Zeit für Berichte aus Ankh-Morpork. Außerdem waren viele Leute der Band aus Pseudo- polis gefolgt. Während einer kurzen Pause zwischen zwei Liedern – kurz bevor die Leute begannen, auf den Tischen zu tanzen –, beugte sich Klippe zu Glod vor. »Du bemerkst die Trollin in der vordersten Reihe?« fragte er. »Ich mei- ne die Troll-Frau, der Asphalt immer wieder springt auf die Finger.« »Sieht sie wie ein Schutthaufen aus?« »Sie auch in Pseudopolis gewesen ist«, sagte Klippe und strahlte. »Im- mer wieder blickt sie zu mir.« »Wahrscheinlich fliegt sie auf dich«, meinte Glod und schüttete die Spucke aus seinem Horn. »Laß nichts anbrennen, wenn du verstehst, was ich meine.« »Könnte sie vielleicht sein eine von den Gruhpies, vor denen uns As- phalt hat gewarnt?« »Möglich wär’s.« Andere Neuigkeiten hatten ebenfalls schnell die Runde gemacht. Der Morgen des nächsten Tages erlebte ein weiteres neu gestrichenes Zim-, mer sowie eine königliche Proklamation der Königin Keli: Die Band sollte Sto Lat innerhalb von einer Stunde verlassen, wenn sie keinen Wert darauf legte, einen Urlaub im Verlies zu verbringen. Angesichts solcher Aussichten brachen Glod und die anderen noch schneller auf als in Pseudopolis. Buddy lag im Karren, der übers Kopfsteinpflaster nach Quirm rumpel- te. Sie war nicht im Publikum gewesen. Er hatte aufmerksam nach ihr Ausschau gehalten und sie nicht gesehen. Er entsann sich, daß er mitten in der Nacht aufgestanden und durch leere Straßen gewandert war, in der Hoffnung, ihr zu begegnen. Jetzt fragte er sich, ob sie überhaupt existier- te. Allerdings zweifelte er manchmal auch an seiner Existenz. Er fühlte sich nur dann richtig lebendig, wenn er auf der Bühne stand. Mit halbem Ohr hörte er dem Gespräch der anderen zu. »Asphalt?« »Ja, Herr Glod?« »Klippe und ich können nicht umhin, gewisse Dinge zu bemerken.« »Ja, Herr Glod?« »Du trägst einen recht schweren Lederbeutel mit dir herum, Asphalt.« »Ja, Herr Glod.« »Heute morgen war er noch etwas schwerer als gestern, glaube ich.« »Ja, Herr Glod.« »Er enthält Geld, nicht wahr?« »Ja, Herr Glod.« »Wieviel?« »Äh«, sagte Asphalt. »Herr Schnapper meinte, ich sollte euch nicht mit finanziellen Angelegenheiten belästigen.« »Oh, es uns macht nichts aus«, brummte Klippe. »Stimmt«, bestätigte Glod. »Wir möchten von solchen Dingen belästigt werden.« »Äh.« Asphalt befeuchtete sich die Lippen. Klippes Gebaren brachte Entschlossenheit zum Ausdruck. »Etwa zweitausend Dollar, Herr Glod.«, Der Karren rumpelte eine Zeitlang weiter. Die Landschaft hatte sich kaum verändert. Es gab Hügel, die Bauernhöfe waren kleiner. »Zweitausend Dollar«, wiederholte Glod. »Zweitausend Dollar. Zwei- tausend Dollar. Zweitausend Dollar.« »Warum du sagst immer wieder zweitausend Dollar?« fragte Klippe. »Weil ich bisher nie Gelegenheit hatte, solche Worte zu formulieren«, erwiderte der Zwerg. »Sag sie nur nicht zu laut.« »ZWEITAUSEND DOLLAR!« »Pscht!« zischte Asphalt fast verzweifelt, als Glods Ruf zwischen den Hügeln widerhallte. »Hier treiben sich Räuber herum!« Glod sah zum Lederbeutel. »Und ob.« »Damit meine ich nicht Herrn Schnapper.« »Wir sind auf der Straße zwischen Sto Lat und Quirm, nicht in den Spitzhornbergen«, sagte Glod geduldig. »Hier gibt es Zivilisation. Auf Straßen in der Zivilisation wird man nicht überfallen.« Erneut starrte er auf den Beutel. »Die Räuber warten, bis man in einer Stadt ist. Deshalb nennt man’s Zivilisation. Ha, kannst du mir sagen, wann auf dieser Stra- ße zum letztenmal jemand überfallen wurde?« »Freitag, glaube ich«, erklang eine Stimme zwischen den Felsen. »Oh, Mist…« Die Pferde bäumten sich auf und galoppierten los. Asphalt hatte die Peitsche instinktiv knallen lassen. Erst nach einigen Kilometern wurde der Karren wieder langsamer. »Sprich nicht mehr vom Geld, in Ordnung?« flüsterte Asphalt dem Zwerg zu. »Ich bin ein professioneller Musiker«, entgegnete Glod. »Ich denke vor allem ans Geld. Wie weit ist es bis nach Quirm?« »Jetzt nicht mehr so weit wie vorhin«, antwortete Asphalt. »Noch eini- ge Kilometer.« Nach dem nächsten Hügel sahen sie die Stadt in der Bucht., Viele Leute standen vor den geschlossenen Toren. Sonnenschein glit- zerte auf Helmen. »Wie nennt man lange Stöcke mit spitzem Metall am Ende?« erkundig- te sich Asphalt. »Piken«, sagte Buddy. »Davon gibt’s da drüben eine ganze Menge«, stellte Glod fest. »Sie können doch nicht bestimmt sein für uns, oder?« fragte Klippe. »Wir Musiker sind.« »Außerdem sehe ich Männer mit langen Umhängen und goldenen Ket- ten und so«, meinte Asphalt. »Stadträte«, murmelte Glod. »Der Reiter, der heute morgen an uns vorbeigeritten ist…«, sagte As- phalt langsam. »Vielleicht hat er Nachrichten nach Quirm getragen.« »Und wenn schon«, erwiderte Klippe. »Wir das Theater nicht demoliert haben.« »Vielleicht hättet ihr euch nicht auf sechs Zugaben beschränken sol- len«, gab Asphalt zu bedenken. »Wir nicht haben in den Straßen randaliert.« »Das verstehen die Männer mit den Piken bestimmt.« »Vielleicht es den Leuten nicht gefiel, daß du verändert hast das Aus- sehen des Zimmers. Ich dir ja gleich gesagt habe, daß orangefarbene Gardinen nicht passen zu gelben Tapeten.« Der Karren stoppte. Ein rundlicher Mann mit Dreispitz und einem pelzbesetzten Mantel trat vor und versuchte, eine finstere Miene zu schneiden. Er wirkte ein wenig unsicher. »Seid ihr die Musiker, die sich Band Mit Steinen Drin nennen?« fragte er. »Gibt es irgendein Problem?« erwiderte Asphalt. »Ich bin der Bürgermeister von Quirm. Nach den Gesetzen der Stadt darf in Quirm keine Musik Mit Steinen Drin gespielt werden. Hier steht’s geschrieben…« Er hob eine Schriftrolle. Glod griff danach., »Die Tinte ist noch feucht«, sagte er. »Musik Mit Steinen Drin stellt ein öffentliches Ärgernis dar, schadet erwiesenermaßen der Gesundheit, gefährdet die Moral und verursacht unnatürliche Bewegungen des Körpers«, verkündete der Bürgermeister und nahm die Schriftrolle wieder an sich. »Soll das heißen, wir dürfen nicht in Quirm auftreten?« fragte Glod. »Ihr könnt die Stadt betreten, wenn ihr unbedingt wollt«, lautete die Antwort. »Aber es ist euch verboten, bei uns zu musizieren.« Buddy erhob sich im Karren. »Wir müssen spielen«, sagte er. Die Gitarre schwang am Riemen hin und her. Er hob sie drohend. Glod sah sich besorgt um. Klippe und Asphalt hielten sich die Ohren zu. »Ah!« sagte er. »Ich glaube, hier bietet sich die Chance für Verhandlun- gen.« Er sprang vom Karren herunter. »Vermutlich hast du noch nichts von der Musiksteuer gehört«, begann er. »Musiksteuer?« erwiderten der Bürgermeister und Asphalt gleichzeitig. »Oh, sie ist ganz neu. Man hat sie aufgrund der großen Beliebtheit der Musik Mit Steinen Drin eingeführt. Die Musiksteuer beläuft sich auf fünfzig Cent pro Eintrittskarte. In Sto Lat führte das zu einem Betrag von… äh… zweihundertfünfzig Dollar. In Ankh-Morpork war die Summe mehr als doppelt so groß. Der Patrizier hat diese Steuer erfun- den.« »Tatsächlich?« Der Bürgermeister rieb sich nachdenklich das Kinn. »Klingt ganz nach Lord Vetinari. Hm, zweihundertfünfzig Dollar in Sto Lat? Im Ernst? Und die Stadt ist eigentlich kaum der Rede wert.« Ein Wächter – er trug eine Feder am Helm – salutierte nervös. »Entschuldige bitte, Herr Bürgermeister, aber in der Mitteilung von Sto Lat hieß es…« »Einen Augenblick«, sagte der Bürgermeister. »Ich denke nach…« Klippe beugte sich vor und nach unten., »Das Bestechung ist, nicht wahr?« flüsterte er. »Besteuerung«, entgegnete Glod. Der Wächter salutierte erneut. »Die Wache von Sto Lat hat ausdrücklich davor gewarnt…« »Dies ist Politik, Hauptmann!« sagte der Bürgermeister scharf, während sein nachdenklicher Blick auf Glod verweilte. »Politik auch?« fragte Klippe leise. »Und um unseren guten Willen zu beweisen…«, meinte Glod laut. »Was hältst du davon, wenn wir die Steuer vor unserem Auftritt bezah- len?« Der Bürgermeister musterte ihn verblüfft. Er schien sich nur schwer an die Vorstellung von Musikern mit Geld gewöhnen zu können. Der Wächter räusperte sich. »Die Mitteilung…« »Zweihundertfünfzig Dollar«, betonte Glod. »In der Nachricht wird ausdrücklich darauf hingewiesen…« »Ich bitte dich, Hauptmann.« Der Bürgermeister rang sich offenbar zu einer Entscheidung durch. »Wir wissen ja, daß die Leute in Sto Lat ein wenig seltsam sind. Immerhin ist es nur Musik. Ich fand die Mitteilung auch sonderbar. Musik kann doch nicht schaden, oder? Und diese jun- gen… äh… Leute sind ganz offensichtlich erfolgreich.« Den letzten Worten maß der Bürgermeister besondere Bedeutung bei, wie auch viele andere Leute. Niemand mag einen armen Dieb. »Ja«, fuhr er fort. »Vermutlich wollten uns die Lats einen Streich spie- len. Typisch für sie. Halten uns für einfältig, nur weil wir hier draußen leben.« »Aber die Bewohner von Pseudopolis…« »Ach die. Sie sind eingebildet und arrogant. An ein bißchen Musik kann nichts falsch sein, oder?« Der Bürgermeister sah zu Glod. »Erst recht dann nicht, wenn sie dem Gemeinwohl dient. Laß sie passieren, Hauptmann.« Susanne sattelte auf., Sie kannte den Ort, hatte ihn sogar einmal gesehen. Jetzt erstreckte sich dort ein neuer Zaun, aber die Straße war noch immer gefährlich. Sie kannte auch den Zeitpunkt. Kurz bevor man anfing, von der »Todeskurve« zu sprechen. »Hallo, Quirm!« Buddy spielte einen Akkord. Und ging in Positur. Ein mattes weißes Glühen umgab ihn wie der Glanz von billigen Pailletten. »Uh-huh-huh!« Der Jubel wurde zur bereits vertrauten Wand aus Lärm. Ich habe befürchtet, von Leuten umgebracht zu werden, die uns verab- scheuen, dachte Glod. Jetzt halte ich es für möglich, von Leuten getötet zu werden, die uns lieben… Er sah sich argwöhnisch um. Wächter standen an den Wänden – der Hauptmann war kein Narr. Hoffentlich hat Asphalt Pferde und Karren vorbereitet… Er beobachtete Buddy, der im Rampenlicht schimmerte. Einige Zugaben, anschließend die Hintertreppe runter und weg, dachte Glod. Der große Lederbeutel war an Klippes Bein festgekettet. Wer ihn zu stehlen versuchte, mußte irgendwie mit einem tausend Kilo schweren Schlagzeuger fertig werden. Ich weiß nicht einmal, was wir spielen sollen, fuhr es Glod durch den Sinn. Ich weiß es nie, blase einfach nur ins Horn. Das ist alles. So was kann doch nicht richtig sein. Buddys Arm wirbelte wie bei einem Diskuswerfer, und Töne sprangen zu den Ohren des Publikums. Glod setzte das Horn an die Lippen und verursachte ein Geräusch, das klang wie… brennender Samt in einem fensterlosen Raum. Bevor der besondere Zauber der Musik Mit Steinen Drin Glods Seele füllte, dachte er: Ich sterbe. Das gehört zur Musik. Ich sterbe, und zwar bald. Ich fühle es, jeden Tag. Der Zeitpunkt meines Todes rückt immer näher…, Erneut sah er zu Buddy. Der Blick des jungen Mannes glitt übers Pu- blikum, als suche er in der schreienden Menge nach jemandem. Sie spielten »Hier rappelt’s ganz schön«. Sie spielten »Gib mir die Mu- sik Mit Steinen Drin«. Sie spielten »Pfad zum Paradies« (und hundert Zuhörer beschlossen, sich am nächsten Morgen eine Gitarre zu besor- gen). Sie spielten mit dem Herzen und vor allem mit der Seele. Nach der neunten Zugabe verließen sie das Gebäude. Die Menge stampfte noch immer mit den Füßen, als sie durchs Abortfenster kletter- ten und eine schmale Gasse erreichten. Asphalt steckte den Inhalt eines kleinen Lederbeutels in den großen. »Noch einmal siebenhundert Dollar«, sagte er, als er ihnen auf den Karren half. »Ja, und wir bekommen nur jeweils zehn Dollar«, brummte Glod. »Beschwer dich bei Herrn Schnapper«, schlug Asphalt vor, als die Hufe der Pferde in Richtung Stadttor klapperten. »Ja, das werde ich.« »Es ist nicht weiter wichtig«, sagte Buddy. »Manchmal spielt man für Geld. Aber meistens spielt man nur um der Musik willen.« »Ha, von wegen!« Glod tastete unter den Sitz. Asphalt hatte dort zwei Kisten Bier verstaut. »Morgen das Konzert stattfindet, Jungs«, ließ sich Klippe vernehmen. Der Torbogen strich über ihnen hinweg. Noch immer hörten sie rhyth- misches Stampfen. »Danach wird eine neue Vereinbarung geschlossen«, sagte der Zwerg. »Unser neues Honorar enthält viele Nullen.« »Nullen wir schon jetzt haben«, wandte Klippe ein. »Ja, aber ohne irgendwelche Zahlen davor. Äh, Buddy?« Sie sahen sich um. Buddy schlief, beide Arme um die Gitarre geschlun- gen. »Völlig weggetreten«, kommentierte Glod., Er drehte den Kopf. Vor dem Karren erstreckte sich die Straße; ein blasses Band im Licht der Sterne. »Du gesagt hast, daß du nur willst arbeiten«, meinte Klippe. »Du an- geblich nicht werden willst berühmt. Wie es dir gefällt, viel Gold zu ha- ben und außerdem auch noch junge Frauen, die dir werfen zu ihre Ket- tenhemden?« »Damit muß ich mich abfinden.« »Ich gern hätte einen Steinbruch«, sagte der Troll. »Tatsächlich?« »Ja. Und zwar einen herzförmigen.« Eine dunkle, stürmische Nacht. Eine Kutsche ohne Pferd saust durch einen wackligen, nutzlosen Zaun und stürzt in die Schlucht dahinter. Sie prallt nicht einmal gegen einen Felsvorsprung, bevor sie tief unten im ausgetrockneten Flußbett zerschellt. Das Öl der Kutschenlampen ent- flammt, und es gibt eine Explosion. Selbst Tragisches muß gewisse Tra- ditionen beachten, deshalb rollt ein brennendes Rad aus dem lodernden Durcheinander. Seltsamerweise empfand Susanne überhaupt nichts. Sie konnte Trauri- ges denken, weil die Umstände so etwas verlangten. Immerhin wußte sie, wer sich in der Kutsche befand. Andererseits… es war bereits alles ge- schehen. Sie konnte es nicht verhindern. Wenn sie in der Lage gewesen wäre, etwas dagegen zu unternehmen, hätten sich diese Ereignisse nie zugetragen. Aber sie stand hier und beobachtete es. Also war es gesche- hen, was bedeutete, daß sie es nicht verhindert hatte… Susanne spürte, wie die Logik der Situation mehreren schweren Bleiplatten gleich herab- fiel. Vielleicht gab es eine andere Welt, in der es nicht zu dem Unfall ge- kommen war. Eine Welt, in der die Kutsche vom Zaun abprallte oder gegen einen Felsen stieß, der sie vor einem Sturz in die Tiefe bewahrte. Eine Welt, in der sich der Kutscher an die Kurve erinnerte. Doch jene Möglichkeiten konnten nur existieren, wenn es auch diese Wirklichkeit gab., Das Wissen kam nicht aus ihrem Innern, sondern von einem viel, viel älteren Selbst. Manchmal kann man den Leuten nur helfen, indem man da ist. Sie wartete mit Binky in dem Schatten am Rand der Klippenstraße. Nach ein oder zwei Minuten klapperten Hufe. Ein Reiter näherte sich über den fast vertikalen Pfad, der vom Fluß nach oben führte. Binky schnaubte leise. In der Parapsychologie gibt es keinen geeigneten Ausdruck für jenes Unbehagen, das man in der Präsenz des eigenen Ichs spürt.* Susanne beobachtete, wie Tod abstieg und in die Schlucht sah, sich da- bei auf die Sense stützte. Sie dachte: Er hätte etwas unternehmen können. Oder? Tod straffte die Gestalt, drehte sich jedoch nicht um. JA. ICH HÄTTE ETWAS UNTERNEHMEN KÖNNEN. »Woher… wußtest du, daß ich hier bin?« Tod gestikulierte verärgert. ICH ERINNERE MICH AN DICH. DIR SOLLTE FOLGENDES KLAR SEIN: DEINE ELTERN BEGRIFFEN, DASS GEWISSE DINGE GESCHEHEN MÜSSEN. ALLES MUSS IRGENDWO GESCHEHEN. GLAUBST DU ETWA, ICH HÄTTE NICHT MIT IHNEN DARÜBER GESPROCHEN? WIE DEM AUCH SEI, ICH KANN KEIN LEBEN GEBEN. ICH BIN NUR IN DER LAGE, ES ZU… VERLÄNGERN. MIT VERÄNDERUNGSLOSIGKEIT. NUR MENSCHEN SIND IMSTANDE, LEBEN ZU GEBEN. UND DEINE ELTERN WOLLTEN MENSCHEN SEIN, NICHT UNSTERBLICH. WENN DIR DIESE AUSKUNFT HILFT: SIE WAREN SOFORT TOT. SOFORT. Ich muß ihn fragen, dachte Susanne. Ich muß die Worte aussprechen. Sonst fehlt es mir an Menschlichkeit. * Obgleich Menschen eigentlich immer in einer solchen Situation sind., »Könnte ich zurückkehren und sie retten…?« Nur ein leichtes Vibrie- ren in der Stimme wies auf ihre Anspannung hin. RETTEN? WARUM? EIN GELEBTES LEBEN? MANCHE DINGE MÜSSEN ENDEN. DAS WEISS ICH JETZT. GELEGENTLICH HIELT ICH ETWAS ANDERES FÜR MÖGLICH. ABER… WAS BIN ICH OHNE DIE PFLICHT? ES MUSS EIN GESETZ GEBEN. Tod schwang sich auf den Rücken des Pferds und ritt mit Binky über die Schlucht, ohne sich noch einmal umzudrehen. Hinter einem Mietstall in der Fleißigen Straße lag ein Heuhaufen. Er wölbte sich plötzlich nach oben, und ein gedämpfter Fluch erklang. Eine Sekunde später hustete jemand in einem Getreidespeicher beim Viehmarkt, und es folgte ein noch deftigerer Fluch. Kurz darauf explodierten mehrere morsche Bodendielen eines alten Futtermittelladens in der Kurzen Straße. Ein Kraftausdruck prallte von den nahen Mehlsäcken ab. »Idiotische Ratte!« entfuhr es Albert. Er schüttelte sich Korn aus dem Ohr. QUIEK. »Kann ich mir denken! Für wie groß hältst du mich?« Albert strich sich Heu und Mehl vom Mantel, bevor er zum Fenster trat. »Ah«, sagte er, »statten wir der Geflickten Trommel einen Besuch ab.« In Alberts Tasche setzte der Sand die unterbrochene Reise von der Zukunft in die Vergangenheit fort. Hibiskus Dunelm hatte beschlossen, für eine Stunde zu schließen. Die Sache war ganz einfach. Zuerst sammelten er und seine Helfer alle nicht zerbrochenen Krüge und Gläser ein, was nur wenig Zeit in Anspruch nahm. Anschließend machten sie sich auf die Suche, die nicht nur eini- germaßen wertvollen Waffen galt, sondern auch dem Inhalt von Ta- schen, deren Eigentümer nicht protestieren konnten, weil sie entweder, betrunken oder tot (oder beides) waren. Dann wurden die Einrichtungs- gegenstände beiseite gerückt und alles andere durch die Hintertür in den breiten braunen Ankh gefegt, wo sich das Zeug stapelte und langsam sank. Den Abschuß der Zeremonie bildete die Verriegelung des Vorderein- gangs. Dabei gab es diesmal Probleme. Die Tür ließ sich nicht schließen. Ein Fuß stand auf der Schwelle. »Wir haben geschlossen«, sagte Dunelm. »Nein, habt ihr nicht.« Die Tür schwang auf, und Albert trat ein. »Hast du diese Person gesehen?« fragte er und zeigte dem Wirt ein Rechteck aus Pappe. Das verstieß gegen die guten Sitten. In Dunelms Job hatte man nur ge- ringe Überlebenschancen, wenn man Leuten sagte, daß man andere Leu- te gesehen hatte. Der Wirt konnte die ganze Nacht Bier ausschenken, ohne jemanden zu bemerken. »Den Burschen hab ich nie nich’ gesehen«, brummte er, ohne einen Blick auf die Karte zu werfen. »Du mußt mir helfen«, beharrte Albert. »Andernfalls passiert was Schreckliches.« »Verzieh dich!« Albert trat die Tür hinter sich zu. »Behaupte später bloß nicht, niemand hätte dich gewarnt«, meinte er. Der Rattentod hockte auf seiner Schulter und schnupperte mißtrauisch. Zwei Sekunden später war Dunelms Kinn ziemlich fest auf einen Tisch gepreßt. »Ich weiß, daß er hierhergekommen ist.« Albert atmete nicht einmal schwer. »Ganz einfach deshalb, weil jeder hierherkommt, früher oder spä- ter. Sieh dir das Bild noch einmal an.« »Es ist eine Karok-Karte«, erwiderte Hibiskus undeutlich. »Und sie zeigt den Tod!«, »Genau. Sitzt auf einem weißen Pferd. Man kann ihn nicht übersehen. Doch vermutlich sah er anders aus, als er deine Taverne besuchte.« »Ich möchte ganz sicher sein, alles richtig zu verstehen.« Der Wirt ver- suchte vergeblich, sich aus dem eisernen Griff zu befreien. »Du willst von mir wissen, ob ich jemanden bemerkt habe, der nicht so aussieht?« »Bestimmt ist er seltsam gewesen. Seltsamer als viele andere.« Albert dachte kurz nach. »Und sicher hat er viel getrunken. Das macht er immer bei solchen Gelegenheiten.« »Äh, wir sind hier in Ankh-Morpork, weißt du.« »Komm mir nicht auf die freche Tour. Sonst werd ich sauer.« »Soll das heißen, daß du jetzt nicht sauer bist?« »Derzeit bin ich nur ein wenig ungeduldig. Möchtest du mich verärgert erleben?« »Vor einigen Tagen… kam jemand. Weiß nicht mehr genau, wie er aussah…« »Ah. Klingt nach ihm.« »Trank fast den Laden leer. Beklagte sich über das Spiel ›Barbarische Angreifer‹. Fiel schließlich um. Und dann…« »Ja?« »An den Rest erinnere ich mich nicht mehr. Wir warfen ihn raus, glau- be ich.« »Durch die Hintertür?« »Ja.« »Aber dort draußen fließt der Ankh.« »Die meisten Leute kommen zu sich, bevor sie in den Fluß sinken.« QUIEK, ertönte es. »Hat er etwas gesagt?« fragte Albert. Er war viel zu sehr auf den Wirt fixiert, um dem Rattentod Beachtung zu schenken. »Ich glaube, er sprach von Erinnerungen und so. Er meinte… er mein- te, der Alkohol könnte ihn nicht daran hindern, sich an alles zu erinnern. Erwähnte Türknäufe und… und haarigen Sonnenschein.« »Haarigen Sonnenschein?«, »Etwas in der Art.« Der Druck auf Dunelms Arm verschwand plötzlich. Er wartete ein oder zwei Sekunden lang und drehte dann vorsichtig den Kopf. Niemand stand hinter ihm. Ganz langsam bückte er sich und sah unter den Tischen nach. Albert trat in die Morgendämmerung, holte die Schachtel hervor und öffnete sie. Er warf einen kurzen Blick auf die Lebensuhr und ließ sie wieder in der Manteltasche verschwinden. »Na schön«, sagte er. »Was nun?« QUIEK! »Was?« Jemand schlug ihn auf den Kopf. Es war kein tödlicher Schlag. Timo Faul von der Diebesgilde wußte, was mit Dieben geschah, die Leute umbrachten. Jemand von der Assas- sinengilde kam, um mit den Betreffenden zu reden. Solche Gespräche dauerten nie sehr lange. In den meisten Fällen beschränkten sie sich auf ein kurzes »Leb wohl«. Timo wollte nur einen Alten niederschlagen, um ihm die Taschen zu leeren. Als der Mann zu Boden fiel, erklang ein seltsames Geräusch. Es hörte sich an wie zerbrechendes Glas, hinzu kamen einige sonderbare Obertö- ne, die noch viel später in den Ohren des Diebs widerhallten. Etwas löste sich von dem Bewußtlosen, sprang hoch und in Timos Gesicht. Zwei Knochenpfoten griffen nach seinen Ohren, und eine Knochenschnauze neigte sich abrupt nach vorn und traf ihn an der Stirn. Er schrie und ergriff die Flucht. Der Rattentod landete auf dem Boden und lief zu Albert. Er klopfte ihm an die Wange, trat mehrmals zu und entschloß sich dann zu einer verzweifelten Maßnahme: Er biß ihm in die Nase. Kurz darauf packte er Albert am Kragen und versuchte, ihn aus dem Rinnstein zu ziehen. Glas klirrte warnend., Leere Augenhöhlen wandten sich dem Eingang der Geflickten Trommel zu. Knöcherne Schnurrhaare zitterten. Einige Sekunden später öffnete Hibiskus die Tür, damit das hämmern- de Klopfen aufhörte. »Wir haben ge…« Etwas sauste zwischen seinen Beinen hindurch und verharrte gerade lange genug, um ihm in die Ferse zu beißen. Dann eilte der Rattentod in Richtung Hintertür, die schnüffelnde Nase dicht überm Boden. Der Name Hide Park ging nicht etwa auf den Umstand zurück, daß sich dort Leute versteckten.* Ein »Hide« war vielmehr das Land, das von ei- nem Mann mit dreieinhalb Ochsen an einem regnerischen Donnerstag gepflügt werden konnte. Und die Größe des Parks entsprach dieser Menge an Boden. Die Bürger von Ankh-Morpork halten am Traditionel- len fest, ebenso wie an anderen Dingen. Im Hide Park gab es Bäume und Gras und einen See, in dem echte Fi- sche schwammen. Eine Laune des urbanen Schicksals wollte es, daß an diesem Ort kaum Gefahren drohten. Man brauchte dort nicht zu be- fürchten, überfallen zu werden. Auch Räuber und Diebe möchten ir- gendwo in aller Ruhe ein Sonnenbad nehmen können. Der Hide Park galt gewissermaßen als neutrales Territorium. Nun trafen dort immer mehr Leute ein. Obwohl es nur Arbeiter zu se- hen gab, die am See eine große Bühne errichteten. Dahinter spannten sie Streifen aus billigem Sackleinen zwischen Pfählen und trennten einen Bereich ab. Gelegentlich versuchten aufgeregte Leute, die Absperrungen zu überwinden, woraufhin sie von Chrysopras’ Trollen in den Fluß ge- worfen wurden. Bei den übenden Musikern fielen Crash und seine Kollegen sofort auf, unter anderem deshalb, weil Crash das Hemd ausgezogen hatte, damit Jimbo Jod auf diverse Wunden streichen konnte. »Ich dachte, es sei nur ein Scherz gewesen«, brummte er. * Das englische Wort »hide« bedeutet soviel wie »verbergen, verstecken«, be- zieht sich aber auch auf ein altes englisches Feldmaß (etwa 40,469 ha). Anmer- kung des Übersetzers., »Ich habe darauf hingewiesen, daß sich der Leopard in deinem Zimmer befindet«, erwiderte Abschaum. »Wie soll ich jetzt Gitarre spielen?« »Mach dir keine Sorgen«, sagte Noddy. »Du kannst ohnehin nicht da- mit umgehen.« »Ich meine, sieh dir nur die Hand an. Sieh sie dir nur an.« Sie sahen sich Crashs Hand an. Jimbos Mutter hatte sie nach der Be- handlung in einen Handschuh gesteckt. Zum Glück waren die Wunden nicht sehr tief – selbst ein dummer Leopard bleibt nicht lange in der Nähe von jemandem, der ihm die Hose ausziehen möchte. »Ein Handschuh«, brachte Crash hervor. Seine Stimme klang schreck- lich. »Wer hat jemals von einem seriösen Musiker gehört, der mit einem Handschuh musiziert? Wie kann ich damit Gitarre spielen?« »Wie kannst du überhaupt Gitarre spielen?« »Ich weiß gar nicht, warum ich mich mit euch abgebe«, fuhr Crash fort. »Ihr behindert meine künstlerische Entwicklung. Ich denke daran, euch zu verlassen und eine eigene Band zu gründen.« »Das ist Unsinn«, entgegnete Jimbo. »Du findest niemanden, der noch schlechter ist als wir. Geben wir’s zu: Wir taugen nichts. Unsere Musik ist Mist.« Damit sprach er etwas aus, über das sie bisher geschwiegen hatten – obwohl es alle wußten. Die übrigen Musiker um sie herum waren ziem- lich schlecht, doch einige von ihnen besaßen wenigstens etwas Talent. Sie konnten nur nicht spielen. Bei ihnen gab es keinen Schlagzeuger, der häufig danebenschlug. Bei ihnen gab es keinen Bassisten mit dem natür- lichen Rhythmus eines Verkehrsunfalls. Außerdem blieben sie bei ihren Namen. Sie mochten einfallslos sein, wie zum Beispiel »Ein großer Troll und einige andere Trolle« oder »Hohe Zwerge«, aber sie wußten wenig- stens, wer sie waren. »Wie wär’s mit ›Wir sind eine Mist-Band‹?« schlug Noddy vor. Er ließ die Hände in den Hosentaschen verschwinden. »Selbst wenn unsere Musik Mist ist…«, knurrte Crash. »Es ist Musik- mit-Steinen-drin-Mist.«, »Nun, wie läuft’s denn so?« fragte Schnapper und sah sich bei den Mu- sikern um. »He, was macht ihr denn hier?« »Wir… äh… gehören zum Programm«, erwiderte Crash unsicher. »Wie könnt ihr zum Programm gehören, wenn ich nicht einmal weiß, wie ihr heißt?« Schnapper deutete verärgert zu einem Poster. »Steht dort vielleicht euer Name?« »Vermutlich sind wir mit Uhnd andere Kapellen gemeint«, sagte Noddy. »Was ist mit deiner Hand passiert?« fragte Schnapper. »Meine Hose hat hineingebissen.« Crash warf Abschaum einen finste- ren Blick zu. »Im Ernst, Herr Schnapper, kannst du uns nicht noch eine Chance geben?« »Mal sehen«, entgegnete Schnapper und schritt fort. Er war viel zu fröhlich, um sich jetzt auf irgendeinen Streit einzulassen. Die heißen Würstchen verkauften sich prächtig, doch diesen Einnahmen kam nur geringe Bedeutung zu. Sie erfüllten allein den Zweck, gewisse Kosten zu decken. Die Musik Mit Steinen Drin bot noch ganz andere Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Manche davon hätte er kaum für möglich gehalten, obwohl er die ganze Zeit an Geld dachte und in dieser Hinsicht jede Menge Phantasie hatte. Zum Beispiel die T-Shirts. Sie bestanden aus so billiger und dünner Baumwolle, daß sie fast durchsichtig waren, wenn man sie vors Licht hielt. Beim Waschen mußte man aufpassen, daß sie sich nicht auflösten. Sechshundert Stück davon hatte Schnapper bereits verkauft! Für jeweils fünf Dollar! Beim klatschianischen Großhändler kosteten ihn zehn Stück einen Dollar, und fünfzig Cent pro Exemplar bekam Kreidig für den Aufdruck. Der Troll bewies einen für seine Spezies gar nicht typischen Geschäfts- sinn, indem er eigene T-Shirts bedruckte. Die Aufschrift lautete: KreiDich Rennerei 12 Dinnge nach Auftrak, Leute kauften die T-Shirts und bezahlten Geld, um für Kreidigs Laden zu werben. Schnapper hätte nie zu träumen gewagt, daß es in der realen Welt so zugehen konnte. Was auch immer diese Aufhebung der üblichen kommerziellen Regeln bewirkt hatte – er wollte das ganze Potential die- ser guten Gelegenheit nutzen. Er hatte die Idee dem Schuhmacher Stöpsler im Flickschusterweg* ver- kauft. Innerhalb kurzer Zeit schritten hundert T-Shirts aus seinem La- den, wozu die anderen Produkte Stöpslers nur selten fähig waren. Die Leute wollten Kleidungsstücke, weil etwas darauf gedruckt stand! Schnapper verdiente Geld. Tausende von Dollar am Tag! Und vor der Bühne standen hundert Musikfallen, dazu bereit, Buddys Stimme einzu- fangen. Wenn es so weiterging… dann war er in einigen Jahrmilliarden reicher, als er es sich vorstellen konnte! Lang lebe die Musik Mit Steinen Drin! Nur eine Wolke trübte das gelbe Schimmern des Glücks. Das Konzert sollte um zwölf Uhr beginnen. Schnapper beabsichtigte, zunächst einige der anderen, schlechten Gruppen – das heißt, sie alle – zu präsentieren und Die Band zum Schluß auftreten zu lassen. Er brauchte sich also keine Sorgen zu machen, weil sie noch nicht zugegen waren. Aber sie waren noch nicht da, und deshalb machte sich Schnapper Sorgen. Eine kleine dunkle Gestalt sauste so schnell am Ufer des Ankh hin und her, daß man sie nur schemenhaft erkennen konnte. Manchmal verharrte sie für einen Sekundenbruchteil, um zu schnüffeln. Die Bürger der Stadt bemerkten sie nicht. Im Gegensatz zu den Ratten. Ob schwarz, braun oder grau: Sie alle verließen die Molen und Kaianla- gen am Fluß, liefen übereinander hinweg in dem verzweifelten Bemühen, schnell eine möglichst große Entfernung zurückzulegen. * Schtöpsla Die Dinga haben Sohlen Fühl nur die Nähgel!, Ein Heuhaufen bewegte sich und gebar Glod. Er rollte auf den Boden und stöhnte. Nieselregen strich über die Land- schaft. Der Zwerg stemmte sich hoch, sah weite Felder und verschwand kurz hinter einer Hecke. Eine halbe Minute später kehrte er zurück und suchte im Heu, bis er etwas Festes fand. Mehrmals trat er zu, und die mit einer Stahlkappe ausgestattete Stiefelspitze erzeugte ein dumpfes Boing. »Au!« »Ces«, sagte Glod. »Guten Morgen, Klippe. Hallo, Welt! Ich weiß nicht, ob ich ein Leben auf der… auf der Überholspur – was auch immer das ist – über längere Zeit hinweg ertrage. Du weißt schon: Kohl, schlechtes Bier, junge Frauen, die ihre Kettenhemden auf die Bühne werfen und so…« Klippe kroch unter dem Heu hervor. »Gestern abend in einer Flasche muß gewesen sein schlechtes Ammo- niumchlorid«, brummte er. »Der obere Teil meines Kopfes noch immer mit dem Rest verbunden ist?« »Ja.« »Schade.« Sie zogen Asphalt an den Beinen aus dem Haufen und weckten ihn mit einigen Schlägen. »Du bist für uns verantwortlich«, sagte Glod. »Es ist deine Pflicht, uns vor Schaden zu bewahren.« »Und dieser Aufgabe werde ich auch gerecht«, erwiderte Asphalt. »Immerhin schlage ich dich nicht, oder? Wo ist Buddy?« Sie schritten um den Haufen herum und tasteten unter Beulen, die je- doch nur aus feuchtem Heu bestanden. Sie fanden Buddy auf einer kleinen, nicht weit entfernten Anhöhe. Ei- nige Stechpalmen wuchsen dort, vom Wind gewölbt. Unter einer davon saß der junge Mann mit der Gitarre auf den Knien. Das Haar klebte ihm an Stirn und Schläfen. Er schlief und war klatschnaß., Regentropfen spielten leise auf der Gitarre. »Er ist seltsam«, sagte Asphalt. »Nein«, widersprach Glod. »Ein sonderbarer Zwang sorgt dafür, daß er finstere Wege beschreitet.« »Genau das meine ich: Er ist seltsam.« Der Regen ließ allmählich nach. Klippe blickte zum Firmament. »Die Sonne hoch am Himmel steht«, stellte er fest. »O nein!« entfuhr es Asphalt. »Wie lange habt ihr geschlafen?« »Ebenso lange wie du«, sagte Klippe. »Es ist fast Mittag. Wo habe ich die Pferde gelassen? Hat jemand den Karren gesehen? Weckt Buddy!« Einige Minuten später waren sie wieder unterwegs. »Übrigens…«, brummte Klippe. »Gestern abend wir so schnell aufge- brochen sind, daß ich gar nicht weiß, ob sie gekommen ist.« »Wie heißt sie?« fragte Glod. »Keine Ahnung«, antwortete der Troll. »Oh, das nenne ich wahre Liebe«, kommentierte Glod. »Du überhaupt keine Romantik hast in deiner Seele?« erkundigte sich Klippe. »Blicke, die sich über die Köpfe vieler anderer Leute hinweg treffen?« entgegnete Glod. »Nein, eigentlich nicht…« Buddy schob ihn beiseite und beugte sich vor. »Seid still«, sagte er. Er sprach leise, und seine Stimme enthielt über- haupt keinen Humor. »Wir scherzen nur«, erwiderte Glod. »Hört auf damit.« Asphalt spürte den Mangel an allgemeiner Liebenswürdigkeit und kon- zentrierte sich auf die Straße. »Vermutlich freust du dich auf das Festival, nicht wahr?« fragte er nach einer Weile., Stille folgte, nur unterbrochen vom Klappern der Hufe und dem Rum- peln des Karrens. Sie befanden sich nun in den Bergen. Die Straße führ- te an einer Schlucht vorbei, in der nur dann ein Fluß strömte, wenn es mehrere Tage lang regnete. Ein düsterer Abschnitt der Reise. Und As- phalt glaubte zu spüren, wie er immer düsterer wurde. »Bestimmt habt ihr dabei eine Menge Spaß«, sagte er schließlich. »Asphalt?« erwiderte Glod. »Ja, Herr Glod.« »Achte auf die Straße und sei still.« Der Erzkanzler putzte seinen Stab, während er weiterhin einen Fuß vor den anderen setzte. Es war ein besonders guter Zauberstab, hundert- achtzig Zentimeter lang und recht magisch. Was jedoch nicht bedeutete, daß er häufig Gebrauch von Magie machte. Wenn einige Hiebe mit ei- nem fast zwei Meter langen Knüppel aus Eichenholz nicht genügten, etwas zu vertreiben, so war es vermutlich auch gegen Magie immun. »Glaubst du nicht, wir hätten die übrigen Zauberer mitnehmen sollen?« fragte Ponder und versuchte, mit dem Erzkanzler Schritt zu halten. »In ihrer derzeitigen geistigen Verfassung würden sie das, was nun ge- schieht…« Ridcully zögerte kurz und suchte nach geeigneten Worten, »… nur noch schlimmer machen. Ich habe darauf bestanden, daß sie in der Universität bleiben.« »Was ist mit Drongo und den anderen?« meinte Ponder hoffnungsvoll. »Könnten sie uns irgendwie helfen, falls es zu einem thaumaturgischen Dimensionsriß von gewaltigen Ausmaßen kommt?« fragte Ridcully. »Ich denke nur an den armen alten Hong. Im einen Augenblick serviert er Kabeljau mit Erbsenmus, und im nächsten…« »Kabumm?« erkundigte sich Ponder. »Kabumm?« wiederholte Ridcully und bahnte sich einen Weg durchs Gedränge. »Nein, natürlich nicht. Es klang eher wie ›Aaaaiirrrrlau- terschrei-knirsch-knirsch-knirsch-knack‹. Anschließend regnete es gebak- kene und gebratene Lebensmittel. Haben der Große Irre Adrian und seine Freunde irgendeinen Nutzen für uns, wenn alle Pommes frites zu Boden gefallen sind?«, »Ähm. Wahrscheinlich nicht, Erzkanzler.« »Na bitte. Die Leute schreien und laufen umher. So etwas ist nur selten sinnvoll. Mit einigen ordentlichen Zaubersprüchen und einem gut gela- denen Stab lassen sich in neun von zehn Fällen alle Probleme lösen.« »In neun von zehn Fällen?« »Ja.« »Wie oft hast du diese beiden Mittel bereits angewandt?« »Nun, zunächst die Sache mit Herrn Hong, dann die Angelegenheit mit dem Ding im Kleiderschrank des Quästors… und der Drache natür- lich…« Ridcullys Lippen bewegten sich lautlos, als er an den Fingern zählte. »Neunmal, bisher.« »Und es hat jedesmal funktioniert?« »Ja. Du kannst also völlig beruhigt sein. Platz da! Hier sind Zauberer unterwegs.« Das Tor war geöffnet. Glod beugte sich vor, als der Karren in die Stadt rollte. »Fahr nicht sofort zum Park«, sagte er. »Wir sind spät dran«, gab Asphalt zu bedenken. »Es dauert nicht lange. Wir müssen zunächst zur Straße Schlauer Kunsthandwerker.« »Die befindet sich auf der anderen Seite des Flusses.« »Es ist wichtig. Dort wartet etwas darauf, von uns abgeholt zu wer- den.« In den Straßen waren auffallend viele Leute unterwegs, die meisten von ihnen in der gleichen Richtung. »Setz dich hinten in eine Ecke des Karrens«, sagte Glod zu Buddy. »Wir sollten vermeiden, daß junge Frauen versuchen, dir die Kleidung vom Leib zu reißen.« Keine Antwort. Der Zwerg drehte sich um und stellte fest, daß Buddy wieder schlief. »Ich ebenfalls aufpassen sollte«, ließ sich Klippe vernehmen., »Du?« erwiderte Glod überrascht. »Du trägst doch nur ein Lenden- tuch.« »Ja, aber Trollinnen danach greifen könnten, oder?« Der Karren rumpelte weiter, bis er schließlich die Straße Schlauer Kunsthandwerker erreichte. Hier gab es kleine Läden. In dieser Straße konnte man alles konstruie- ren, reparieren, verändern, umbauen, kopieren oder schmieden lassen. Das Licht von Schmelzöfen glühte in jedem Eingang; Rauch quoll aus Schornsteinen. Die Hersteller komplizierter Uhrwerke arbeiteten direkt neben Waffenschmieden. Tischler waren tätig neben Männern, die so winzige Dinge in Elfenbein schnitzten, daß sie in Bronze gegossene Heuschreckenbeine als Sägen und Feilen verwendeten. Mindestens einer von vier Handwerkern stellte Werkzeuge für die anderen drei her. Die Läden grenzten nicht nur aneinander, sondern überlappten sich. Wenn ein Tischler einen großen Tisch bauen mußte, hoffte er auf den guten Willen der Nachbarn, um genug Platz zu haben; er arbeitete am einen Ende, während zwei Juweliere und ein Töpfer das andere als Werkbank benutzten. In einigen Läden konnte man sich morgens die Maße nehmen lassen und am Nachmittag ein fertiges Kettenhemd mit dazu passender Hose abholen. Der Karren blieb vor einem kleinen Geschäft stehen. Glod sprang herunter und eilte in den Laden. Asphalt hörte das Gespräch. »Bist du fertig?« »Ja, Herr. Alles bestens.« »Und kann man damit musizieren? Du weißt ja, was ich gesagt habe. Eigentlich muß man zwei Wochen lang in einer Höhle hinter einem Wasserfall sitzen, gekleidet in einen Umhang aus Ochsenleder, bevor man so ein Instrument anrühren darf.« »Jetzt hör mal: Das Geld reichte gerade für fünf Minuten unter der Dusche, mit Ochsenleder auf dem Kopf. Für Volksmusik dürfte das wohl genügen, oder?« Ein angenehmer Ton erklang und hing einige Sekunden in der Luft, bevor ihn der Lärm auf der Straße verschluckte., »Wir haben zwanzig Dollar gesagt, nicht wahr?« »Nein. Du hast zwanzig Dollar gesagt. Ich habe fünfundzwanzig ver- langt.« »Bin gleich wieder da.« Glod kam aus dem Laden und nickte Klippe zu. »Alles klar«, sagte er. »Du weißt, was wir jetzt brauchen. Her damit.« Klippe schnitt eine finstere Miene und schob zwei Finger in den Mund. Kurz darauf fragte der Handwerker: »Was ist das denn?« »Ein Backenzahn. Sein Wert beträgt mindestens…« »Er genügt.« Glod kehrte mit einem Sack zurück und verstaute ihn unter seinem Sitz. »In Ordnung«, sagte er. »Zum Park.« Sie passierten einen der rückwärtigen Zugänge. Das heißt, sie versuchten es, doch zwei Trolle versperrten ihnen den Weg. Sie zeigten die glänzen- de Marmorpatina von Chrysopras’ einfachen Halunken. Er hatte keine Spießgesellen. Die meisten Trolle waren viel zu dumm und wußten nicht, wie man spießte. »Dies nur ist Zutritt für Musikgruppen«, sagte einer. »Ja, stimmt«, bestätigte der andere. »Für die Bänds.« »Wir sind Die Band«, betonte Asphalt. »Welche?« fragte der erste Troll. »Ich hier habe eine Liste.« »Stimmt.« »Wir sind Die Band Mit Steinen Drin«, sagte Glod. »Ha, die ihr nich’ seid. Ich sie gesehen. Der junge Mann in einen sonder- baren Glanz gehüllt ist, und wenn er spielt die Gitarre, es klingt wie…« Whäuäuäuäummmmm-iiiii-gngngn. »Stimmt…« Der Akkord schlang sich um den Karren. Buddy stand auf und hielt die Gitarre bereit., »Donnerwetter!« entfuhr es dem ersten Troll. »Das erstaunlich ist!« Er tastete in die Tasche seines Lendenschurzes und holte einen zerknitter- ten, eselsohrigen Zettel hervor. »Du vielleicht bereit bist, niederzuschrei- ben deinen Namen? Mein Sohn Ton es wird nicht glauben…« »Ja, ja«, erwiderte Buddy müde. »Gib her.« »Es nicht für mich ist, sondern für meinen Sohn Ton.« Der Troll sprang vor Aufregung vom einen Bein aufs andere. »Wie schreibt man den Namen?« »Oh, das unwichtig ist. Er ohnehin nicht kann lesen.« »Hört nur«, sagte Glod, als der Karren zum Bereich hinter der Bühne rollte. »Es spielt schon jemand. Ich habe ja gesagt, daß wir spät dran sind…« Schnapper näherte sich im Laufschritt. »Was hat euch aufgehalten?« fragte er. »Ihr seid gleich dran. Sofort nach den… Junks Aus Dem Wald. Wie ist es gelaufen? Komm her, As- phalt!« Er zog den kleinen Troll in die Dunkelheit hinter der Bühne. »Hast du mir etwas Geld mitgebracht?« »Etwa dreitausend…« »Sprich nicht so laut!« »Ich flüstere nur, Herr Schnapper.« Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper sah sich wachsam um. In Ankh-Morpork konnte man noch so leise flüstern: Wenn es dabei um Beträge ging, die das Wort »tausend« enthielten, gab es immer ein Ohr, das etwas hörte. Selbst Gedanken darüber blieben in der Stadt nicht un- bemerkt. »Behalt den Beutel immer im Auge, klar? Er wird sich noch mehr fül- len, bevor dieser Tag zu Ende geht. Ich gebe Chrysopras seine sieben- hundert Dollar, und der Rest ist reiner Gew…« Schnapper bemerkte Asphalts aufmerksamen Blick und faßte sich gerade noch rechtzeitig. »Natürlich müssen noch einige andere Dinge berücksichtigt werden, zum Beispiel Wertminderung, Kaufkraftverlust, Werbung, Marktforschung,, Brötchen, Senf und so weiter. Ich kann froh sein, wenn ich mein Geld wieder herausbekomme.« »Ja, Herr Schnapper.« Asphalt blickte um die Ecke. »Wer spielt jetzt, Herr Schnapper?« »Und du.« »Wie bitte, Herr Schnapper?« »Sie schreiben es allerdings ›& Du‹«, erklärte Schnapper. Er entspannte sich etwas und holte eine Zigarre hervor. »Frag mich bloß nicht nach dem Grund. Meiner Meinung nach sollte eine Musikergruppe zum Bei- spiel ›Blondie und seine fröhlichen Troubadoure‹ heißen. Taugen die Jungs was?« »Weißt du es nicht, Herr Schnapper?« »Ich würde so etwas nicht als Musik bezeichnen. Zu meiner Zeit gab es richtige Musik mit richtigen Texten. ›Der Sommer ist gekommen, juch- heißa, sing unkeusch ›Kuckuck‹ juch-he.‹ Was in der Art.« »Nun, nach dem Rhythmus kann man tanzen«, sagte Asphalt. »Aber besonders gut ist die Band nicht. Ich meine, das Publikum beobachtet sie nur. Wenn Die Band spielt, beschränkt es sich nicht darauf, einfach zu starren, Herr Schnapper.« »In der Tat«, erwiderte Schnapper. Er sah zu dem Bereich vor der Bühne und wußte: Zwischen den Kerzen standen Musikfallen. »Sag Buddy und den anderen, daß sie sich vorbereiten sollen. Ich schätze, diesen Burschen gehen allmählich die Ideen aus.« »Ähm. Buddy?« Er sah von der Gitarre auf. Einige der anderen Musiker stimmten ihre, aber bei ihm war das glücklicherweise nicht nötig. Andernfalls hätten sich Probleme ergeben: Die Wirbel ließen sich nicht drehen. »Was ist?« »Ähm«, sagte Glod. Er winkte Klippe zu, der verlegen lächelte und ei- nen Beutel hinter dem Rücken hervorholte., »Diese… nun, wir dachten… das heißt, wir alle«, sagte Glod. »Nun, wir… du hast gesagt, sie ließe sich nicht reparieren, ich weiß, aber in dieser Stadt gibt es Leute, die zu allem fähig sind, und deshalb haben wir herumgefragt, weil wir wußten, wieviel sie für dich bedeutete, und in der Straße Schlauer Kunsthandwerker gibt es jemanden, der meinte, es ginge klar, und es kostete Klippe einen weiteren Zahn, aber es hat tatsächlich geklappt, und wir sind jetzt ganz groß im Musikgeschäft, und das ver- danken wir dir, und wir wußten, was sie für dich bedeutete, und es ist ein Geschenk, mit dem wir uns bei dir bedanken möchten, und, nun, gib sie ihm, gib sie ihm.« Klippe hatte den Arm gesenkt, als sich der Satz immer mehr ausdehn- te. Jetzt streckte er ihn und reichte den Beutel einem sehr verwirrten Buddy. Asphalt sah zu ihnen herein. »Ihr solltet jetzt besser auf die Bühne gehen«, drängte er. »Kommt!« Buddy legte die Gitarre beiseite, öffnete den Beutel und strich das Ver- packungsmaterial beiseite. »Sie gestimmt ist und alles«, sagte Klippe. Die Harfe glänzte im Licht, als der letzte Tuchstreifen fortrutschte. »Manche Leute können mit Leim und so wahre Wunder vollbringen«, sagte Glod. »Ich meine, du hast gesagt, in Llamedos gäbe es niemanden, der sie reparieren könnte. Aber wir sind hier in Ankh-Morpork. Hier ist es möglich, alles zu reparieren.« »Bitte!« Asphalts Kopf erschien wieder am Vorhang. »Herr Schnapper meint, ihr müßt jetzt kommen. Die Leute haben begonnen, mit Dingen zu werfen!« »Mit solchen Instrumenten kenne ich mich kaum aus«, fuhr Glod fort. »Aber ich habe versuchsweise an den Saiten gezupft. Der Klang scheint soweit in Ordnung zu sein.« »Ich… äh… ich weiß nicht, was ich sagen soll«, sagte Buddy. Die Sprechchöre des Publikums waren fast wie Hammerschläge. »Ich habe die Harfe… gewonnen.« Buddys Stimme kam nun aus seiner eigenen, ganz privaten Welt. »Mit einem Llied. Sioni Bod Da. So hieß es. Einen ganzen Winter llang habe ich daran gearbeitet. Es geht dabei, um… die Heimat und das Zuhause und so. Und das Fortgehen. Und um Bäume und so weiter. Die Preisrichter waren sehr… angetan. Sie mein- ten, in fünfzig Jahren könnte ich vielllleicht verstehen, was es mit Musik auf sich hat.« Er zog die Harfe aus dem Beutel. Schnapper schob sich an den lärmenden Musikern in den Garderoben vorbei, bis er schließlich Asphalt fand. »Nun?« fragte er. »Wo sind sie?« »Sie sitzen einfach nur da und sprechen miteinander, Herr Schnapper.« »Hörst du die Menge da draußen?« entgegnete Schnapper. »Sie will Musik Mit Steinen Drin. Und wenn sie keine bekommt… Nun, wir soll- ten besser dafür sorgen, daß sie welche bekommt, klar? Es mag eine gute Taktik sein, etwas zu warten und damit die Spannung zu erhöhen, aber ich will, daß Die Band jetzt sofort auftritt!« Buddy starrte auf seine Finger. Nach einigen Sekunden sah er bleich zu den anderen Musikern. »Du da… mit der Gitarre…«, brachte er heiser hervor. »Meinst du mich?« »Gib sie mir.« Alle neuen Gruppen in Ankh-Morpork blickten voller Ehrfurcht zur Band Mit Steinen Drin auf. Der Gitarrist hob sein Instrument mit der Miene eines Mannes, der einen heiligen Gegenstand segnen läßt. Buddy betrachtete die Gitarre. Sie gehörte zu Blert Zupfguts besten Exemplaren. Er berührte eine Saite. Es klang so, wie Blei klingen würde, wenn man Saiten daraus angefer- tigt hätte. »Na schön, Jungs, wo liegt das Problem?« Schnapper eilte ihnen entge- gen. »Dort draußen warten sechstausend Ohren darauf, von Musik Mit Steinen Drin gefüllt zu werden, und ihr sitzt hier noch immer herum?«, Buddy gab die Gitarre dem Musiker zurück und schwang seine eigene an ihrem Riemen herum. Er spielte einige Akkorde, die in der Luft zu funkeln schienen. »Hiermit komme zurecht«, sagte er. »O ja.« »Gut, in Ordnung, und nun auf die Bühne«, sagte Schnapper. »Gebt mir eine andere Gitarre!« Musiker fielen übereinander in ihrem Bemühen, dem jungen Mann ihr Instrument zu reichen. Buddy klimperte wie verzweifelt auf der einen oder anderen, doch es erklangen nur langweilige Töne ohne Leben. Die Abordnung der Musikergilde hatte sich einen Platz unmittelbar vor der Bühne gesichert, indem sie jeden schlug, der sich zu sehr näherte. Herr Clete beobachtete das Geschehen auf dem Podium. »Ich verstehe das nicht«, sagte er. »Das ist doch Unsinn. Nur Lärm, weiter nichts. Was soll daran so gut sein?« Klatschmaul hatte sich zweimal dabei ertappt, wie er mit dem Fuß klopfte. »Die Hauptgruppe muß erst noch auftreten… bist du ganz si- cher, daß du…« »Es ist unser gutes Recht.« Clete sah sich in der Menge um. »Da drü- ben verkauft jemand heiße Würstchen. Möchte jemand eins? Heiße Würstchen?« Die Repräsentanten der Gilde nickten. »Heiße Würstchen? Gut. Also drei heiße…« Das Publikum jubelte. Es war kein normaler Applaus, der an einem Punkt beginnt und sich dann ausdehnt. Alle Schreie kommen absolut synchron. Klippe hatte die Bühne betreten. Er nahm nun hinter den Steinen Platz und warf einen besorgten Blick zu den Kulissen. Glod folgte ihm und blinzelte im Licht. Und das schien es auch schon gewesen zu sein. Nach einer Weile dreh- te sich der Zwerg um und sagte etwas, das im allgemeinen Lärm unver- ständlich blieb. Anschließend stand er einfach nur unbeholfen da, wäh- rend das Jubeln allmählich verklang., Buddy kam auf die Bühne und taumelte ein wenig, als hätte ihn jemand gestoßen. Bis eben war Herr Clete sicher gewesen, daß die Zuschauer schrien. Jetzt begriff er, daß sie nur anerkennend gemurmelt hatten. Das schier ohrenbetäubende Donnern dauerte an, während der junge Mann einfach nur mit geneigtem Kopf auf der Bühne stand. »Er macht doch gar nichts!« rief Clete in Klatschmauls Ohr. »Warum ist das Publikum so begeistert?« »Keine Ahnung«, erwiderte Klatschmaul. Er blickte sich um, sah glänzende, begierige Gesichter und fühlte sich wie ein Atheist bei der Heiligen Kommunion. Der Applaus hielt an, wurde sogar noch lauter, als Buddy die Hände zur Gitarre hob. »Er macht noch immer nichts!« rief Clete. »Wenn’s so weitergeht, ergeben sich Probleme für uns!« brüllte Klatschmaul. »Wenn er nicht spielt, können wir ihm wohl kaum vorwer- fen, ohne Mitgliedschaft in der Musikergilde zu musizieren!« Buddy richtete einen so intensiven Blick auf das Publikum, daß Clete den Kopf drehte, um festzustellen, wohin er starrte. Die Aufmerksamkeit des jungen Mannes galt einem kleinen Bereich aus Leere in unmittelbarer Nähe der Bühne. Überall standen die Leute dicht an dicht, aber an dieser Stelle schien sich nur leere Luft zu befin- den. Und Gras. Buddys Blick klebte dort fest. »Uh-huh-huh…« Clete rammte sich die Hände auf die Ohren, doch das Jubeln hallte zwischen den Schläfen wider. Und dann, ganz langsam, Schicht um Schicht, verklang der Beifall. Er wich dem Geräusch, das von mehreren tausend vollkommen stillen Per- sonen verursacht wird und den Gesandten der Musikergilde noch viel gefährlicher erschien. Glod sah zu Klippe, der eine Grimasse schnitt., Buddy stand noch immer reglos da und starrte ins Publikum. Wenn er nicht spielt, sind wir erledigt, dachte der Zwerg. Möglichst unauffällig schob er sich näher an Asphalt heran. »Steht der Karren bereit?« flüsterte er. »Ja, Herr Glod.« »Sind die Pferde mit Hafer vollgetankt?« »Ja, Herr Glod.« »Gut.« Die Stille war wie Samt, entfaltete jenen Sog, den man im Arbeitszim- mer des Patriziers, an heiligen Orten und in tiefen Schluchten erleben konnte: Sie weckte in den Leuten das unwiderstehliche Verlangen, zu sprechen, zu singen oder den eigenen Namen zu rufen. Eine solche Stille forderte: Füll mich. Irgendwo in der Dunkelheit hustete jemand. Asphalt hörte, wie hinter der Bühne sein Name gezischt wurde. Wider- strebend verließ er das Podium und trat in die Schatten, wo ihn ein hek- tisch gestikulierender Schnapper erwartete. »Was den großen Beutel be- trifft…« »Ja, Herr Schnapper. Ich habe ihn…« Schnapper hob zwei kleine, aber recht schwere Beutel. »Gib diese beiden hinzu und triff alle notwendigen Vorbereitungen für einen raschen Aufbruch.« »Oh, in dieser Hinsicht kannst du ganz unbesorgt sein, Herr Schnap- per, denn Glod…« »Kümmere dich sofort darum!« Glod sah sich um. Wenn ich das Horn, den Helm und auch das Ketten- hemd wegwerfe…, überlegte er. Dann komme ich vielleicht mit heiler Haut davon. Was macht er da? Buddy legte die Gitarre beiseite, trat hinter den Vorhang und kehrte zurück, bevor das Publikum begriff, was geschah., Er hielt nun die Harfe in den Händen. Glod stand in seiner Nähe und hörte, wie er murmelte: »Nur einmall. Ich bitte dich. Nur noch einmall… Und dann füge ich mich. Dann be- zahlle ich für alllles.« Von der Gitarre erklangen einige leise Akkorde. »Ich meine es ernst«, sagte Buddy. Die Antwort bestand aus mehreren kaum hörbaren Tönen. »Nur einmall.« Buddy sah zur leeren Stelle vor der Bühne und begann zu spielen. Jeder Ton war glockenklar und so umkompliziert wie der Sonnenschein. Im Prisma des Gehirns teilte er sich und schimmerte in Myriaden Far- ben. Glods Kinnlade klappte nach unten, als sich die Musik hinter seiner Stirn entfaltete. Es war keine Musik Mit Steinen Drin, obwohl sie die gleichen Türen benutzte. Die Melodie erinnerte Glod an das Bergwerk seiner Geburt, an Zwergenbrot, wie es seine Mutter auf dem Amboß schlug, an die erste große Liebe.* Er entsann sich des Lebens in den Höhlen unterm Kupferkopfberg, bevor er dem Ruf der Stadt folgte. Plötzlich wünschte er sich nichts sehnlicher, als daheim zu sein. Er hatte nicht gewußt, daß Menschen auf diese Weise singen konnten. Klippe legte die Hämmer beiseite. Die gleiche Melodie kroch ihm in die korrodierten Ohren, doch er fühlte sich von ihr an Steinbrüche und Moorlandschaften erinnert. Gefühle füllten ihm den Schädel mit menta- lem Dunst. Er versprach sich, nach diesem Auftritt heimzukehren, um festzustellen, wie es seiner alten Mutter ging, und anschließend wollte er die Heimat nie wieder verlassen. Herr Schnapper merkte, wie sein Gehirn seltsame und ungewohnte Gedanken entwickelte. Sie drehten sich um Dinge, die man nicht verkau- fen konnte, für die niemand bezahlen sollte… * Er hatte den Goldklumpen noch irgendwo., Der Dozent für neue Runen klopfte an die Kristallkugel. »Klingt ein wenig blechern«, meinte er. »Geh aus dem Weg, ich kann überhaupt nichts sehen«, sagte der De- kan. Der Dozent setzte sich wieder. Die Zauberer betrachteten das kleine Bild. »Klingt nicht nach Musik Mit Steinen Drin«, kommentierte der Quä- stor. »Sei still.« Der Dekan schneuzte sich die Nase. Es war traurige Musik, aber sie trug die Trauer wie ein Banner. Sie teil- te folgendes mit: Das Universum hat dir alles angetan, was es dir antun konnte, aber du bist noch immer am Leben. Der Dekan – er nahm neue Eindrücke ebenso bereitwillig auf wie warmes Wachs – fragte sich, ob er es einmal mit der Mundharmonika versuchen sollte. Der Glanz des letzten Tons verblaßte. Kein Applaus erhob sich. Die Zuhörer seufzten leise, als jeder einzelne aus einer nachdenklichen Ecke der eigenen Welt zurückkehrte. Hier und dort murmelte jemand: »Ja, so ist das« oder: »Ach, wir sind doch Brüder«. Viele Leute schnieften, während sie sich umarmten. Und dann setzte sich wieder die Realität durch, so wie immer. Glod hörte, wie Buddy ganz leise »Danke« sagte. Der Zwerg beugte sich zur Seite und fragte aus dem Mundwinkel: »Was war das?« Buddy schüttelte sich kurz und schien zu erwachen. »Was? Oh. Ein Lied, das Sioni Bod Da heißt. Was hältst du davon?« »Oh, es hat… Tiefe«, erwiderte Glod. »Ja, es hat eindeutig Tiefe.« Klippe nickte. Wenn man weit vom vertrauten Bergwerk oder Berg entfernt war, wenn man unter Fremden weilte, wenn man im Innern nur eine große, schmerzende Leere fühlte… dann konnte man mit richtiger Tiefe singen., »Sie beobachtet uns«, flüsterte Buddy. »Die unsichtbare junge Dame?« fragte Glod und sah zur leeren Stelle vor der Bühne. »Ja.« »Ah, ja. Ich kann sie nicht sehen. Weil sie unsichtbar ist. Genau. Und wenn du jetzt nicht Musik Mit Steinen Drin spielst, sind wir gleich alle tot.« Buddy griff nach der Gitarre. Die Saiten vibrierten unter seinen Fin- gern. Glück erfüllte ihn. Er hatte das Lied spielen dürfen, hier vor diesem Publikum. Alles andere war nebensächlich. Was auch immer jetzt ge- schah – es hatte an Bedeutung verloren. »Jetzt geht es erst richtig los«, sagte Buddy. Er stampfte mit dem Fuß. »Eins, zwei, eins zwei drei vier…« Glod blieb gerade Zeit genug, den Rhythmus zu erkennen, bevor ihn die Musik mitriß. Es war die gleiche Melodie wie vorhin, aber diesmal steckte weitaus mehr Druck dahinter. Ponder blickte in die Schachtel. »Ich glaube, wir fangen etwas, Erzkanzler«, sagte er. »Aber ich weiß nicht, was es ist.« Ridcully nickte und ließ den Blick übers Publikum schweifen. Die Leu- te hörten mit offenem Mund zu. Die Harfe hatte ihnen die Seele wund- gescheuert; der Gitarrenklang füllte nun ihr Rückgrat mit Feuer. Vor der Bühne war eine leere Stelle. Ridcully hielt sich das eine Auge zu und hielt so angestrengt mit dem anderen Ausschau, daß es tränte. Schließlich lächelte er. Er sah zu den Repräsentanten der Musikergilde und stellte entsetzt fest, daß Klatschmaul eine Armbrust hob. Offenbar war er nicht mit ganzem Herzen bei der Sache; Herr Clete stieß ihn mehrmals an. Ridcully hob die Hand, als würde er sich an der Nase kratzen., Trotz der Musik hörte er das Twäng, mit dem die Sehne der Armbrust riß. Voller Genugtuung sah er, wie ein Ende Clete peitschenartig am Ohr traf. Diesen zusätzlichen Effekt hatte er nicht einmal beabsichtigt. »Ich bin eben viel zu gutmütig, das ist mein Problem«, sagte der Erz- kanzler zu sich selbst. »Hätt-hätt-hätt.« »Das war wirklich eine ausgezeichnete Idee«, sagte der Quästor, als sich die winzigen Bilder in der Kristallkugel bewegten. »Eine hervorragende Möglichkeit, Dinge zu beobachten. Wie wär’s, wenn wir einen Blick ins Opernhaus werfen?« »Oder in den Skunk-Club an der Brauerstraße«, schlug der Oberste Hir- te vor. »Warum?« erwiderte der Quästor. »Oh, nur so«, sagte der Oberste Hirte schnell. »Ich habe ihn natürlich nie besucht, wenn du’s genau wissen willst.« »Dies gehört sich nicht«, behauptete der Dozent für neue Runen. »Es ist nicht die richtige Verwendung für eine magische Kristallkugel.« »Kann man magische Kristallkugeln besser einsetzen als zur Beobach- tung von Leuten, die Musik Mit Steinen Drin machen?« fragte der De- kan. Der Entenmann, Henry Husten, Arnold Seitwärts, der Stinkende Alte Ron, der Geruch des Stinkenden Alten Ron sowie der Hund des Stin- kenden Alten Ron wanderten am Rand der Menge entlang. Diesmal durften sie sich über eine recht gute Ausbeute freuen. Das war häufig der Fall, wenn Schnapper heiße Würstchen verkaufte. Manche Dinge aßen die Leute nicht einmal unter dem Einfluß von Musik Mit Steinen Drin. Selbst Senf konnte gewisse Aromen nicht ausreichend tarnen. Arnold sammelte die Reste ein und verstaute sie in einem Korb, den er auf einem kleinen Wagen vor sich her schob. Für den kommenden Abend unter der Brücke stand eine prächtige Suppe auf der Speisekarte. Melodien strömten über sie hinweg, aber sie achteten nicht darauf. Musik Mit Steinen Drin berichtete von Träumen, und die gab es unter der Brücke nicht., Die Bettler blieben stehen, als eine neue Musik durch den Park klang und alle Frauen, Männer und Dinge bei der Hand nahm, um ihnen den Weg nach Hause zu zeigen. Arnold Seitwärts und die anderen lauschten mit offenem Mund. Hätte jemand den Blick auf die Bettler gerichtet – obwohl sie praktisch immer unsichtbar blieben – wäre er nun gezwungen gewesen, sich von ihnen abzuwenden… Die einzige Ausnahme war Herr Eintönig. Von ihm wandte man sich nicht einfach so ab. Als die Band wieder Musik Mit Steinen Drin spielte, kehrten die Bettler ins Hier und Heute zurück. Nur Herr Eintönig stand einfach nur da und starrte. Der letzte Ton verhallte. Als der Orkan des Beifalls begann, floh Die Band von der Bühne. Schnapper stand abseits in den Schatten und beobachtete das Gesche- hen zufrieden. Zuerst war er ein wenig besorgt gewesen, aber inzwischen schien wieder alles so zu laufen, wie es laufen sollte. Jemand zupfte an seinem Ärmel. »Was geschieht jetzt, Herr Schnapper?« Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin drehte sich um. »Abschaum, nicht wahr?« fragte er. »Nein, Crash, Herr Schnapper.« »Nun, Crash, jetzt geschieht folgendes. Die Band Mit Steinen Drin läßt das Publikum warten und gibt ihm nicht sofort, was es will. Eine ausge- zeichnete Geschäftstaktik. Man lasse die Leute eine Zeitlang schmoren, bis sie es vor Ungeduld kaum noch aushalten. Erst wenn die Menge da draußen mit den Füßen stampft, lassen sich Buddy und die anderen wie- der auf der Bühne blicken. Perfektes Timing, mein Lieber. Wenn ihr erst diesen Trick beherrscht, Abschaum…« »Ich bin Crash, Herr Schnapper.« »… dann wißt ihr vielleicht, wie man Musik Mit Steinen Drin spielt. Mu- sik Mit Steinen Drin, Abschaum…«, »… Crash…« »…ist nicht einfach nur Musik«, sagte Schnapper und zog sich Baum- wolle aus den Ohren. »Sie ist noch viel mehr. Frag mich jetzt bloß nicht, wie sie das schafft.« Er zündete sich eine Zigarre an. Der Lärm ließ die Flamme erzittern. »Gleich treten sie wieder auf die Bühne«, meinte er. »Wart’s nur ab.« An dieser Stelle hatte ein Feuer aus alten Stiefeln und Schlamm gebrannt. Ein grauer Schemen trippelte an der Asche entlang und schnüffelte auf- geregt. »Schneller, schneller, schneller!« »Das wird Herrn Schnapper bestimmt nicht gefallen«, stöhnte Asphalt. »Pech für ihn«, sagte Glod, als sie Buddy in den Karren zogen. »So, und jetzt möchte ich sehen, wie die Hufe Funken schlagen, wenn du verstehst, was ich meine.« »Nach Quirm«, murmelte Buddy, als sich der Karren in Bewegung setzte. Er wußte nicht, was ihn zu diesen beiden Worten drängte. Aus irgendeinem Grund erschien ihm dieses Ziel richtig. »Das ist keine gute Idee«, erwiderte Glod. »Dort will man mich viel- leicht nach dem Wagen fragen, den ich aus dem Schwimmbecken geholt habe.« »Nach Quirm!« »Das wird Herrn Schnapper wirklich nicht gefallen«, ächzte Asphalt, als der Karren über die Straße rumpelte. »Jetzt gleich… Es ist nur noch eine Frage von Sekunden«, sagte Schnap- per. »Da hast du sicher recht«, entgegnete Crash. »Ich glaube, die Leute stampfen jetzt mit den Füßen.« In dem Jubel ließ sich tatsächlich ein rhythmisches Donnern verneh- men., »Gleich ist es soweit«, hoffte Schnapper. »Die Band wählt genau den richtigen Zeitpunkt. Überhaupt kein Problem. Autsch!« »Normalerweise steckt man brennende Zigarren andersherum in den Mund, Herr Schnapper«, sagte Crash sanft. Das Licht des zunehmenden Mondes tauchte die Landschaft in einen perlmuttenen Schein, als der Karren durch das Stadttor sprang und über die Straße nach Quirm sauste. »Woher wußtest du, daß ich Asphalt gebeten habe, den Wagen vorzu- bereiten?« fragte Glod, als sie nach kurzem Flug landeten. »Ich wußte es nicht«, erwiderte Buddy. »Aber du bist nach draußen gerannt!« »Ja.« »Warum?« »Weil… es Zeit wurde.« »Weshalb du willst nach Quirm?« fragte Klippe. »Ich… von dort aus kann ich mit einem Boot heimkehren, nicht wahr?« erwiderte Buddy. »Ja. Mit einem Boot. Nach Hause.« Glod sah die Gitarre an. Es fühlte sich falsch an. Es durfte nicht so enden, daß sie einfach auseinandergingen. Er schüttelte den Kopf. Was konnte jetzt noch schiefgehen? »Es wird Herrn Schnapper ganz gewiß nicht gefallen«, betonte Asphalt noch einmal. »Ach, sei still«, sagte Glod. »Wer weiß schon, was ihm gefällt und was nicht.« »Eins steht fest«, brummte Asphalt. »Ich weiß genau, was ihm bestimmt nicht gefällt. Nämlich die Tatsache, daß wir sein Geld haben…« Klippe griff unter den Sitz, und kurz darauf ertönte ein Geräusch… Dieses Klimpern stammte nicht von einer Gitarre, sondern von Gold, das sich in der angenehmen Gesellschaft von noch mehr Gold befand., Das Stampfen ließ die Bühne erzittern. Die ersten protestierenden Stimmen erhoben sich. Schnapper wandte sich an Crash und grinste mit einer Mischung aus Verzweiflung und Boshaftigkeit. »He, ich habe da eine großartige Idee«, sagte er. Eine kleine Gestalt eilte über die Straße am Fluß. Weit vor ihr glühten Bühnenlichter in der Abenddämmerung. Der Erzkanzler gab Ponder einen Stoß und hob den Zauberstab. »Und nun…«, sagte er. »Wenn plötzlich ein Riß in der Realität entsteht, durch den schreckliche, kreischende Dinge in unserer Welt vorstoßen, dann…« Er kratzte sich am Kopf. »Wie drückt es der Dekan aus? Dann treten wir ihnen anständig… auf den Fuß?« Ponder wirkte ein wenig verlegen. »Er meinte vermutlich den… äh… Allerwertesten.« Ridcully nickte würdevoll. »Das Problem ist nur, einen anständigen Al- lerwertesten zu finden.« Die vier Mitglieder der Band Mit Steinen Drin richteten sich auf und blickten über die vom Mondschein erhellte Landschaft. Schließlich brach Glod das Schweigen. »Wieviel?« »Fast fünftausend Dollar…« »FÜNFTAUSEND DOLL…?« Klippe hielt Glod die Hand auf den Mund. »Beruhig dich«, sagte er, als sich der Zwerg hin und her wand. »MMF MMFMMF MMFMMF?« »Was hat er gesagt?« fragte Asphalt. »Wir nicht weit genug kommen«, sagte Klippe. »Wißt ihr das? Nicht einmal im Tod.«, »Ich habe versucht, euch darauf hinzuweisen!« stöhnte Asphalt. »Viel- leicht… vielleicht könnten wir das Geld zurückbringen?« »MMF MMF MMF MMF?« »Wie sollen wir das anstellen?« »MMF MMF MMF MMF?« »Glod…« Klippe sprach nun in einem an die Vernunft apellierenden Tonfall. »Ich jetzt wegnehme die Hand. Und du nicht schreist, einver- standen?« »Mmf.« »In Ordnung.« »ZURÜCKBRINGEN? FÜNFTAUSEND DOL… mmfmmfmmf…« »Ich schätze, etwas davon uns gehört«, sagte Klippe und drückte etwas fester zu. »Mmf!« »Ich habe bisher überhaupt keinen Lohn bekommen«, meinte Asphalt. »Laßt uns nach Quirm fahren«, drängte Buddy. »Wir nehmen das, was… uns zusteht, und den Rest schicken wir zurück.« Mit der freien Hand rieb sich Klippe das Kinn. »Etwas davon gehört Chrysopras«, warf Asphalt ein. »Herr Schnapper hat sich Geld von ihm geliehen, um das Konzert zu organisieren.« »Ihm wir gewiß nicht entwischen«, sagte Klippe. »Es sei denn, wir bis zum Rand fahren und springen darüber.« »Wir… könnten ihm doch alles erklären, oder?« spekulierte Asphalt. Sie stellten sich Chrysopras’ glänzenden Marmorkopf vor. »Mmf.« »Nein.« »Also nach Quirm«, beharrte Buddy. Klippes Diamantzähne schimmerten im Mondschein. »Ich glaube…«, sagte er. »Ich glaube… ich habe was auf der Straße hinter uns gehört. Klang wie Zaumzeug…«, Die unsichtbaren Bettler begaben sich auf den Rückweg zur Brücke. Der Geruch des Stinkenden Alten Ron blieb noch etwas, weil ihm die Musik gefiel. Und Herr Eintönig stand stocksteif und rührte sich nicht von der Stelle. »Wir haben fast zwanzig Würstchen«, sagte Arnold Seitwärts. Henry Husten hustete noch hingebungsvoller als sonst. »Verdammtermistundzugenäht«, meinte der Stinkende Alte Ron. »Ich hab’s ihnen ja gesagt – mich mit Strahlen auszuspionieren!« Etwas huschte über den festgetretenen Boden, krabbelte an Herrn Ein- tönigs Umhang empor und griff mit beiden Pfoten nach seiner Kapuze. Zwei Schädel stießen mit dumpfem Pochen aneinander. Herr Eintönig taumelte zurück. QUIEK! Herr Eintönig blinzelte und nahm ruckartig Platz. Die Bettler beobachteten das kleine, auf und ab springende Etwas. Da sie selbst zu den unsichtbaren Entitäten zählten, konnten sie Dinge er- kennen, die für andere Menschen – oder besser, wenn man den Stinken- den Alten Ron berücksichtigte, für andere Augen – verborgen blieben. »Das ist eine Ratte«, sagte der Entenmann. »Verdammtermistundzugenäht«, erwiderte der Stinkende Alte Ron. Die Ratte richtete sich auf den Hinterbeinen auf und quiekte laut. Herr Eintönig blinzelte erneut… und Tod erhob sich. ICH MUSS GEHEN, sagte er. QUIEK! Tod schritt fort, zögerte und kehrte zurück. Er richtete einen knöcher- nen Zeigefinger auf den Entenmann. WARUM BIST DU MIT DER ENTE UNTERWEGS? fragte er. »Mit welcher Ente?« OH. ENTSCHULDIGE. »Was kann dabei schiefgehen?« fragte Crash und untermalte jedes Wort mit ausladenden Gesten. »Es muß klappen. Es ist allgemein bekannt., Wenn man eine große Chance bekommt, weil der Star krank ist oder so…dann liebt einen das Publikum plötzlich. So was passiert dauernd.« Jimbo, Noddy und Abschaum blickten am Vorhang vorbei in das Cha- os. Sie nickten unsicher. Natürlich lief immer alles bestens, wenn man die große Chance be- kam… »Wir könnten ›Anarchie in Ankh-Morpork‹ spielen«, sagte Jimbo skep- tisch. »Das Stück ist noch nicht ganz fertig«, gab Noddy zu bedenken. »Es ist ebenso unvollständig wie unsere anderen Lieder.« »Nun, ein Versuch kann nicht schaden…« »Ausgezeichnet!« freute sich Crash. Trotzig hob er die Gitarre. »Wir schaffen es! Für Sex, Drogen und Musik Mit Steinen Drin!« Er fühlte mehrere ungläubige Blicke auf sich ruhen. »Du hast nie erwähnt, daß du Drogen nimmst«, sagte Jimbo vorwurfs- voll. Noddy nickte. »Und da wir gerade dabei sind: Ich bezweifle, ob du je- mals Erfahrungen mit…« »Eins von dreien ist nicht schlecht!« rief Crash. »Doch, das ist es. Weil es nur dreiunddreißig Prozent sind…« »Sei still!« Die Leute stampften mit den Füßen und klatschten verächtlich. Ridcully blickte an seinem Zauberstab entlang. »Es gab mal einen gewissen Heiligen St. Bobby«, sagte er. »Er trug ei- nen anständigen Allerwertesten. Sogar einen Heiligen.« »Wie bitte?« fragte Ponder. »Er war ein Esel«, erklärte Ridcully. »Lebte vor einigen Jahrhunderten. Man ernannte ihn zum Bischof der omnianischen Kirche, weil er dau- ernd einen heiligen Mann durch die Gegend trug. Der hatte bestimmt einen anständigen Allerwertesten, kein Zweifel.«, »Nein… nein… nein, Erzkanzler«, erwiderte Ponder behutsam. »Ich bin ziemlich sicher, daß der Dekan etwas anderes zum Ausdruck bringen wollte. Er meinte, daß wir den schrecklichen, kreischenden Dingen eine Lektion erteilen sollten, wenn sie es tatsächlich wagen, durch einen Riß in der Realität zu uns zu kriechen.« »Ja, und genau da liegt das Problem«, brummte Ridcully. »Die Unge- heuer aus den Kerkerdimensionen bestehen fast nur aus Klauen und Tentakeln. Ich fürchte, bei den Biestern müßten wir lange nach einem anständigen Allerwertesten suchen.« »Vielleicht«, räumte Ponder unglücklich ein. »Unter solchen Umständen wäre es vermutlich besser, sie in irgendeine Körperstelle zu treten.« Bei der Messingbrücke schloß Tod zum Rattentod auf. Niemand hatte Albert angerührt. Wer im Rinnstein lag, wurde fast ebenso unsichtbar wie Henry Husten. Tod rollte die Ärmel hoch. Seine Hand strich durch den Stoff von Al- berts Jacke, als bestünde sie nur aus Dunst. DUMMER ALTER NARR, HAT SIE IMMER MITGENOMMEN, murmelte er. MUSS GEFÜRCHTET HABEN, DASS ICH IRGEND ETWAS DAMIT ANSTELLE. SO EIN UNFUG… Er zog die Hand zurück und balancierte auf der Fingerspitze ein ge- wölbtes Stück Glas mit etwas Sand. VIERUNDDREISSIG SEKUNDEN, sagte Tod. Er reichte das Glas der Ratte. SUCH EINEN GEGENSTAND, DER DAS HIER AUFNEHMEN KANN. UND LASS DEN SPLITTER NICHT FALLEN. Er stand auf und beobachtete die Welt. Das Gong-blong-glong einer leeren Bierflasche ertönte, als der Rattentod wieder aus der Geflickten Trommel trat. Vierunddreißig Sekunden Sand neigten sich darin hin und her. Tod zerrte seinen Diener auf die Beine. Für Albert verstrich keine Zeit. Seine trüben Augen blickten ins Leere, während die Körperuhr darauf, wartete, wieder in Gang gesetzt zu werden. Wie ein billiger Anzug hing er am Arm seines Herrn. Tod nahm die Flasche von der Ratte entgegen und neigte sie vorsich- tig. Ein wenig Leben rieselte. WO IST MEINE ENKELIN? fragte er. GIB MIR AUSKUNFT. NUR VON DIR KANN ICH ES ERFAHREN. Alberts Lider klappten nach oben. »Sie versucht, den Jungen zu retten, Herr!« antwortete er. »Sie weiß nicht, was das Wort ›Pflicht‹ bedeutet…« Tod hielt die Flasche wieder gerade, und Albert erstarrte. IM GEGENSATZ ZU UNS, NICHT WAHR? bemerkte Tod bitter. WIR BEIDE WISSEN GENAU, WAS ES MIT DER PFLICHT AUF SICH HAT. Er nickte dem Rattentod zu. KÜMMERE DICH UM IHN. Er schnippte mit den Fingern. Nichts geschah. Abgesehen davon, daß es klickte. ÄH. DAS IST SEHR PEINLICH. SIE HAT EINEN TEIL MEINER MACHT. DERZEIT BIN ICH OFFENBAR NICHT IMSTANDE ZU… ÄH… Der Rattentod quiekte hilfsbereit. NEIN. DU KÜMMERST DICH UM IHN. ICH WEISS, WOHIN SIE UNTERWEGS SIND. DIE GESCHICHTE WIEDERHOLT SICH GERN. Tod sah zu den Türmen der Unsichtbaren Universität empor, die hin- ter den Dächern aufragten. IRGENDWO IN DIESER STADT GIBT ES EIN PFERD, DAS ICH REITEN KANN. »Aufgepaßt. Da kommt was…« Ridcully starrte zur Bühne. »Wer ist das denn?« Ponder hielt Ausschau., »Ich glaube… sie könnten Menschen sein, Erzkanzler.« Die Menge stampfte jetzt nicht mehr mit den Füßen. Sie beobachtete das Geschehen in verdrießlicher Dies-taugt-hoffentlich-was-Stille. Crash trat mit einem breiten, schwitzenden und irren Grinsen vor. »Vermutlich platzen sie gleich in der Mitte auf, und dann kommen ir- gendwelche gräßlichen Geschöpfe zum Vorschein«, sagte Ridcully hoff- nungsvoll. Crash hob die Gitarre und spielte einen Akkord. »Meine Güte!« entfuhr es Ridcully. »Was?« »Das klang genau wie eine Katze, die mit zugenähtem Hintern auf die Toilette geht.« Ponder wirkte erschrocken. »Soll das etwa heißen…« »Nein. Aber so würde es klingen. Da bin ich ganz sicher.« Das Publikum wartete unsicher. »Hallo, Ankh-Morpork!« sagte Crash. Er nickte Abschaum zu, der die Trommel beim zweiten Versuch traf. Uhnd andere Kapellen spielte das erste und gleichzeitig letzte Lied. Jedes Mitglied der Gruppe bewies dabei ein ausgeprägtes Maß an Individuali- tät. Crash versuchte es mit »Anarchie in Ankh-Morpork«; Jimbo war wie gelähmt, weil er sich nicht im Spiegel sehen konnte – er spielte die einzi- ge Seite aus Blert Zupfguts Gitarrenfibel, an die er sich erinnerte: das Inhaltsverzeichnis; Noddys Finger steckten zwischen Saiten fest. Was Abschaum betraf: Melodien und Namen von Liedern waren für ihn Dinge, die hauptsächlich anderen Leuten zustießen. Er konzentrierte sich auf den Rhythmus. Die meisten Personen müssen das nicht extra, doch Abschaum empfand es sogar als mühsam, in regelmäßigen Abstän- den mit den Händen zu klatschen. Deshalb spielte er in seiner eigenen kleinen Welt und merkte gar nicht, daß es dem Publikum erging wie ei- ner schlecht verdauten Mahlzeit: Es kam hoch und klatschte auf die Bühne., Feldwebel Colon und Korporal Nobbs patrouillierten am Deosil-Tor. Sie teilten eine kameradschaftliche Zigarette und lauschten dem fernen Dröhnen des Konzerts. »Klingt nach einer großartigen Nacht«, sagte Feldwebel Colon. »Und ob.« »Klingt auch nach Schwierigkeiten.« »An denen wir zum Glück nicht beteiligt sind.« Ein Pferd trabte mit klappernden Hufen durch die Straße, und ein Rei- ter versuchte mühsam, auf dem Rücken des Rosses zu bleiben. Als es näher kam, erkannten die beiden Wächter das zur Grimasse verzerrte Gesicht von Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper. Er ritt mit der würdevollen Eleganz eines Kartoffelsacks. »Hat ein Karren das Tor passiert?« fragte Schnapper. »Welchen meinst du?« erwiderte Feldwebel Colon. »Welchen ich meine? Wie soll ich das denn verstehen?« »Wir haben zwei Karren gesehen«, sagte Colon. »Im ersten saßen zwei Trolle. Und im zweiten, dicht hinter dem ersten, hockte ein gewisser Herr Clete. Von der Musikergilde…« »O nein!« Schnapper trieb das Pferd wieder an und verschwand in der Nacht. »Was ist denn los mit ihm?« fragte Nobby. »Vermutlich schuldet ihm jemand einen Cent«, antwortete Feldwebel Colon und stützte sich auf seinen Speer. Charakteristische Geräusche wiesen darauf hin, daß sich ein zweites Pferd näherte. Die Wächter preßten sich an die Wand, als es vorbeiga- loppierte. Es war groß und weiß. Der schwarze Umhang der Reiterin wehte, ebenso ihr Haar. Wind zischte, und schon war die Gestalt draußen in der Ebene. Nobby starrte ihr nach. »Das war sie«, sagte er. »Wer?«, »Susanne Tod.« Das Licht im Kristall schrumpfte zu einem Punkt und erlosch. »Das sind drei Tage Magie, die wir nie wiedersehen«, klagte der Ober- ste Hirte. »Ich finde, es war jedes Thaum wert«, sagte der Professor für unbe- stimmte Studien. »Wirklich dabei zu sein…«, murmelte der Dozent für neue Runen, »… ist viel besser. Den von der Bühne spritzenden Schweiß zu spüren…« »Meiner Meinung nach hörte es auf, als es richtig interessant wurde«, ließ sich der Professor vernehmen. »Außerdem…« Die Zauberer erstarrten, als ein irres Heulen durch das Gebäude hallte. Es klang nicht nur nach einem Tier, auch nach Mineralien und Metallen und den Zacken einer Säge. Schließlich sagte der Dozent für neue Runen: »Nun, wir haben gerade einen markerschütternden Schrei gehört, der einem das Blut in den Adern gefrieren läßt, aber das bedeutet noch lange nicht, daß wir uns Sorgen machen müßten.« Die Zauberer spähten in den Korridor. »Es kam von unten«, meinte der Professor für unbestimmte Studien und ging zur Treppe. »Warum gehst du dann nach oben?« »Weil ich nicht blöd bin!« »Vielleicht hat sich etwas Schreckliches manifestiert!« »Eben«, erwiderte der Professor und eilte die Stufen noch schneller hinauf. »Na schön, wie du willst. Dort oben wohnen die Studenten.« »Oh. Äh…« Der Professor für unbestimmte Studien kehrte langsam nach unten zu- rück und warf dabei besorgte Blicke über die Schulter. »Nichts kann zu uns vordringen«, behauptete der Oberste Hirte. »Mächtige Zauberformeln schützen diesen Ort.«, »Stimmt«, bestätigte der Dozent für neue Runen. »Und zweifellos haben wir den Zauber in regelmäßigen Abständen ver- stärkt, so wie es die Pflicht von uns verlangt«, sagte der Oberste Hirte. »Äh… ja, ja, natürlich«, entgegnete der Dozent für neue Runen. Wieder ertönte der Schrei in einem pulsierenden Rhythmus. »Der Bibliothekar, glaube ich«, spekulierte der Oberste Hirte. »Hat jemand in letzter Zeit den Bibliothekar gesehen?« »Ich. Er schien immer sonderbare Gegenstände mit sich herumzutra- gen. Haltet ihr es für möglich, daß er etwas Okkultes anstellt?« »Wir sind hier in einer magischen Universität.« »Ich meine etwas, das noch okkulter ist als das gewöhnliche Okkulte.« »Bleibt zusammen, in Ordnung?« »Ich habe nicht die Absicht auseinanderzufallen.« »Was kann uns schon passieren, wenn wir zusammenbleiben?« »Eine ganze Menge. Zum Beispiel…« »Sei still!« Der Dekan öffnete die Tür der Bibliothek. Dahinter erstreckte sich warme, samtene Stille. Manchmal ließ ein Buch die Blätter rascheln oder zerrte an seiner Kette. Silbriges Licht glühte von der Kellertreppe, gelegentlich ertönte ein »Ugh«. »Er klingt nicht sonderlich aufgeregt«, meinte der Quästor. Die Zauberer schlichen die Treppe hinunter. Unten war die Tür nicht zu übersehen – strahlendes Licht ging von ihr aus. Die Zauberer betraten den Keller. Und hielten den Atem an. Das Etwas hockte auf einem Podium in der Mitte des Raums. Kerzen umringten es. Ein Ding, das die Musik Mit Steinen Drin symbolisierte., Eine große, dunkle Gestalt schlitterte um die Ecke des Hiergibt’salles- Platzes, beschleunigte und sauste durch das Tor der Unsichtbaren Uni- versität. Nur der Zwergengärtner Modo bemerkte sie, als er glücklich seine mit Mist beladene Schubkarre durchs Zwielicht rollte. Ein schöner Tag ging zu Ende. Für ihn waren die meisten Tage schön. Vom Konzert beziehungsweise dem Freien Festival wußte er nichts. Ebensowenig von der Musik Mit Steinen Drin. Modo erfuhr nur selten von Dingen, weil er überhaupt nicht zuhörte. Er mochte Kompost. Ab- gesehen davon gefielen ihm Rosen, weil man sie mit Kompost düngen konnte. Modo war von Natur aus zufrieden und stellte sich den Anforderun- gen, die Gartenarbeit in einer von Magie bestimmten Umgebung mit sich brachte. Er bekam es nicht nur mit Blattläusen und Mehltau zu tun, son- dern auch mit Geschöpfen, die irgendwo auf der Lauer lagen und über mehr Tentakel als Beine verfügten. Die Rasenpflege konnte recht pro- blematisch werden, wenn Wesen aus anderen Dimensionen darüber hinwegkriechen durften. Jetzt hastete jemand über den Rasen und durch den Eingang der Biblio- thek. Modo warf einen Blick auf die Spuren. »Ach du liebe Zeit!« Die Zauberer atmeten wieder. »Donnerwetter«, sagte der Dozent für neue Runen. »Ein… heißer Ofen«, brummte der Oberste Hirte, ohne zu wissen, was ihm ausgerechnet diese Worte auf die Zunge legte. »Das nenne ich Musik Mit Steinen Drin«, seufzte der Dekan. Er trat vor und trug dabei den verzückten Gesichtsausdruck eines Geizkragens in einer Goldmine. Der Kerzenschein flackerte über eine Menge Schwarz und Silber. »Donnerwetter«, wiederholte der Dozent für neue Runen. Es klang fast wie eine Beschwörung., »He, ist das nicht mein Nasenhaarspiegel?« fragte der Quästor und brach damit den Bann. »Ja, ich bin ganz sicher: Es ist mein Nasenhaar- spiegel…« Das Schwarze war tatsächlich schwarz, doch beim Silbernen zeigten sich Kompromisse. Es bestand aus Spiegeln, glänzendem Blech, Rausch- gold, Lame und Draht, den der Bibliothekar irgendwo aufgetrieben und passend gebogen hatte. »… ein silberner Rahmen… Was ist das auf dem zweirädrigen Karren? Lächerlich. Das Ding fällt bestimmt um, verlaßt euch drauf. Und ich frage mich, wo das Pferd angespannt werden soll.« Der Oberste Hirte klopfte ihm sanft auf die Schulter. »Quästor? Ein Wort unter Zauberern und Kumpeln, wenn du gestat- test.« »Ja? Was denn?« »Wenn du nicht sofort still bist… Ich glaube, der Dekan wäre fähig, dich umzubringen.« Der Apparat verfügte über zwei hintereinander angeordnete Räder, zwischen ihnen war ein Sattel angebracht, davor ein Rohr mit einer komplizierten doppelten Wölbung. Ganz offensichtlich sollte jemand danach greifen, der im Sattel saß. Der Rest war… dies und das: Knochen, Zweige, wie von Dohlen ge- sammelter Tand. Über dem vorderen Rad war ein Pferdeschädel befe- stigt. Überall hingen Federn und Perlen. Eigentlich war das Etwas kaum mehr als ein Haufen Gerümpel, doch wie es da im flackernden Kerzenschein stand, gewann es eine Art organi- sche Qualität. Es wirkte nicht in dem Sinne lebendig, aber dynamisch und beunruhigend und mächtig genug, den Dekan vibrieren zu lassen. Eine seltsame Aura umgab die Maschine. Ihre Ausstrahlung wies darauf hin, daß sie allein durch ihre Existenz mindestens neun Gesetze brach und gegen, dreiundzwanzig Richtlinien verstieß. »Hat er sich verliebt?« fragte der Quästor. »Laßt es fahren!« entfuhr es dem Dekan. »Es soll fahren! Das Schicksal hat es dazu bestimmt!«, »Was ist es überhaupt?« erkundigte sich der Professor für unbestimmte Studien. »Ein Meisterwerk«, antwortete der Dekan. »Ein Triumph!« »Ugh?« »Vielleicht muß man sich draufsetzen und es dann mit den Füßen nach vorn schieben«, vermutete der Oberste Hirte. Der Dekan schüttelte fast besorgt den Kopf. »Wir sind doch Zauberer, oder?« erwiderte er. »Bestimmt können wir dafür sorgen, daß es fährt.« Er ging um den Apparat herum. Sein mit Nieten geschmückter Leder- mantel verursachte einen leichten Zug in der Luft, der die Flammen der Kerzen noch stärker flackern ließ. Schatten von dem Etwas tanzten über die Wand. Der Oberste Hirte biß sich auf die Lippe. »Ich weiß nicht recht«, sagte er. »Mir scheint, das Ding enthält schon mehr als genug Magie. Äh… atmet es, oder bilde ich mir das nur ein?« Der Oberste Hirte wandte sich abrupt um, und sein Zeigefinger zielte auf den Bibliothekar. »Hast du es gebaut?« fragte er scharf. Der Orang-Utan schüttelte den Kopf. »Ugh.« »Ich verstehe kein Wort.« »Er hat es nicht gebaut, nur zusammengesetzt«, übersetzte der Dekan, ohne sich umzudrehen. »Ugh.« »Ich setze mich mal drauf«, kündigte der Dekan an. Die anderen Zauberer spürten, wie etwas aus ihren Seelen sickerte. Plötzliche Ungewißheit erfaßte sie. »Das würde ich mir an deiner Stelle noch einmal genau überlegen, alter Knabe«, entgegnete der Oberste Hirte. »Du weißt doch gar nicht, wohin es dich bringen könnte.«, »Das ist mir völlig gleich.« Der Dekan starrte noch immer auf den Ap- parat. Er konnte den Blick nicht davon abwenden. »Mit ziemlicher Sicherheit ist es nicht von dieser Welt«, gab der Ober- ste Hirte zu bedenken. »Seit mehr als siebzig Jahren bin ich von dieser Welt«, sagte der Dekan. »Und sie ist außerordentlich langweilig.« Er trat an den Kerzen vorbei und legte die Hand auf den Sattel. Das Etwas zitterte. ENTSCHULDIGT BITTE. Eine große Gestalt stand plötzlich in der Tür. Mit einigen wenigen Schritten erreichte sie das Podium. Eine knöcherne Hand senkte sich auf die Schulter des Dekans und zog ihn langsam, aber nachdrücklich beiseite. DANKE. Die Gestalt schwang sich auf den Sattel und griff nach der Lenkstange. Sie blickte auf den Apparat hinab. In manchen Situationen mußte alles stimmen… Ein Finger deutete auf den Dekan. ICH BRAUCHE DEINE KLEIDUNG. Der Dekan wich zurück. »Was?« GIB MIR DEINEN MANTEL. Der Dekan trennte sich widerstrebend von seinem Ledermantel und reichte ihn der Gestalt. Tod streifte ihn über. Es fühlte sich besser an… UND JETZT… MAL SEHEN… Blauer Glanz zitterte unter seinen Fingern in komplexen Zackenmu- stern und bildete eine Korona am Ende aller Federn und Perlen. »Wir sind hier in einem Keller!« rief der Dekan. »Spielt das überhaupt keine Rolle?« Tod warf ihm einen kurzen Blick zu., NEIN. Modo richtete sich auf und bewunderte das Rosenbeet. Dort wuchsen die besten schwarzen Rosen, die ihm jemals gelungen waren. Manchmal brachten die magischen Emissionen im Bereich des Universitätsgeländes auch Vorteile. Ein süßliches Aroma hing einem aufmunternden Wort gleich in der Abendluft. Eine jähe Eruption suchte das Blumenbeet heim. Zwei oder drei Sekunden lang sah Modo Flammen und etwas, das gen Himmel raste. Dann nahm ihm ein Regen aus Glasperlen, Federn und weichen schwarzen Blütenblättern die Sicht. Er schüttelte den Kopf und stapfte fort, um die Schaufel zu holen. »Feldwebel?« »Ja, Nobby?« »Weißt du, deine Zähne…« »Welche Zähne?« »Die Zähne in deinem Mund?« »O ja. Ja. Was ist mit ihnen?« »Wie kommt es, daß sie hinten genau zusammenpassen?« Es war kurz still, während Feldwebel Colons Zunge die rückwärtigen Regionen des Munds erforschte. »Ich, äh…« Er unterbrach sich gerade noch rechtzeitig, um zu verhin- dern, daß sich seine Zunge verknotete. »Eine interessante Frage, Nob- by.« Nobby drehte seine Zigarette fertig. »Sollen wir jetzt das Stadttor schließen, Feldwebel?« »Ich denke schon.« Mit dem exakten Minimum an Anstrengung schlossen sie das Tor. Diese Maßnahme diente kaum dem Schutz der Stadt. Der Schlüssel war schon seit einer ganzen Weile verschwunden. Und das Schild mit der, Aufschrift »Danke dafür, dasse ihr unsre Statt nich erobert« ließ sich kaum mehr entziffern. »Ich schätze, wir sollten jetzt…« Colon unterbrach sich und blickte über die Straße. »Was ist das für ein Licht?« fragte er. »Und was ist das für ein Ge- räusch?« Über den Gebäuden am Ende der langen Straße glänzte es blau. »Klingt nach irgendeinem wilden Tier«, meinte Korporal Nobbs. Das Licht mutierte zu zwei strahlend blauen Lanzen. Colon beschattete seine Augen. »Sieht nach einer Art… Pferd oder so aus.« »Es hält genau aufs Tor zu!« Ein gequält klingendes Donnern hallte von den Wänden wider. »Ich glaube, das Ding will nicht anhalten, Nobby!« Korporal Nobbs drückte sich so fest wie möglich an eine Wand. Colon bekleidete einen höheren Rang, was mehr Würde von ihm verlangte. Er wandte sich dem rasch näher kommenden Licht zu und gestikulierte vage. »Anhalten! Anhalten!« Kurz darauf stemmte er sich aus dem Schlamm. Um ihn herum sanken Rosenblätter, Federn und Funken zu Boden. Blaues Licht glühte an den Rändern des großen Loches im Tor. »Das ist alte Eiche, besonders dick und massiv«, sagte Colon. »Ich hof- fe nur, es wird uns nicht vom Sold abgezogen. Hast du gesehen, wer’s war, Nobby? Nobby?« Nobby schob sich vorsichtig an der Wand entlang. »Er… er hatte eine Rose zwischen den Zähnen, Feldwebel.« »Ja, aber würdest du ihn wiedererkennen? Bei einer Gegenüberstel- lung?« Nobby schluckte., »Ich schätze, man kann ihn gar nicht mit jemand anderem verwech- seln«, sagte er. »Die Sache gefällt mir nicht, Herr Glod! Sie gefällt mir ganz und gar nicht!« »Halt die Klappe und steuere!« »Aber auf dieser Straße sollte man nicht so schnell fahren!« »Und wenn schon… Man sieht ohnehin nichts!« Auf zwei Rädern raste der Karren durch eine Kurve. Es begann zu schneien. Kleine feuchte Flocken fielen und schmolzen, sobald sie den Boden berührten. »Wir sind jetzt wieder in den Bergen! Da vorn geht’s nach unten! Viel- leicht kippt der Wagen um, und wenn wir dann in die Tiefe stürzen…« »Möchtest du dich lieber von Chrysopras erwischen lassen?« »Ho, schneller, schneller!« Buddy und Klippe klammerten sich fest, als der Karren durch die Dunkelheit sprang. »Sind sie noch immer hinter uns?« rief Glod. »Kann sehen überhaupt nichts!« erwiderte Klippe. »Wenn du anhältst, wir vielleicht imstande sind, etwas zu hören?« »Ja. Und wenn wir dann etwas hören, das ganz nah ist?« »Ho, schneller!« »Und wenn wir das Geld über Bord werfen?« »FÜNFTAUSEND DOLLAR?« Buddy sah über den Rand des Karrens. In einer Entfernung von knapp einem Meter bemerkte er die Finsternis tiefer Schluchten. Die Gitarre klimperte leise im Rhythmus der Räder. Buddy griff mit ei- ner Hand danach. Seltsam, daß sie nie völlig still blieb. Man konnte sie nicht einmal dann zum Schweigen bringen, wenn man beide Hände fest auf die Saiten preßte. Er hatte es versucht. Die Harfe lag in der Nähe. Ihre Saiten gaben überhaupt keinen Ton von sich., »Das ist doch Wahnsinn!« rief der weiter vorn sitzende Glod. »Fahr langsamer! Eben wäre der Karren fast umgekippt!« Asphalt zog an den Zügeln. Der Wagen wurde langsamer, bis er schließlich nur noch im Schrittempo rollte. »Schon besser…« Die Gitarre schrie in so hohen Tönen, daß sie sich wie Nadeln in die Ohren bohrten. Die Pferde schnaubten nervös und galoppierten wieder. »Halt sie unter Kontrolle!« »Das versuche ich ja!« Glod drehte den Kopf und hielt sich an der Rückenlehne fest, um nicht vom Sitz geschleudert zu werden. »Wirf das Ding weg!« Buddy stand auf und hob den Arm, um die Gitarre in die Schlucht zu werfen. Er zögerte. »Wirf sie weg!« Klippe erhob sich ebenfalls und streckte die Hand nach der Gitarre aus. Buddy holte damit aus, schlug zu und traf den Troll am Kinn. Klippe taumelte zurück. »Nein!« »Langsamer, Glod…« Ein weißes Pferd überholte sie. Die Gestalt darauf trug einen dunklen Kapuzenmantel und griff nach den Zügeln. Der Karren sauste über einen Stein und flog einige Meter weit, bevor er wieder auf der Straße aufkam. Asphalt hörte, wie Pfosten brachen, als der Wagen in den Zaun krachte. Riemen rissen, der Karren schwang herum… … und verharrte. Dann geschah so viel gleichzeitig, daß Glod später nie von seinen Empfindungen während der nächsten Sekunden erzählte. Zwar blieb der, Karren am Rand der Schlucht stehen – oder hängen –, doch er fiel zu- gleich in die Tiefe, den Felsen unten entgegen… Glod öffnete die Augen. Das Bild des Sturzes zerrte wie ein Alptraum an ihm. Die Wirklichkeit sah folgendermaßen aus: Durch die Drehung des Karrens war er nach hinten gerutscht, und sein Kopf ruhte am Lehnbrett. Er blickte direkt in die Schlucht hinab. Hinter ihm knarrte Holz. Jemand hielt sich an seinem Bein fest. »Wer ist da?« fragte er leise. Lautere Worte könnten ihm mehr Gewicht verleihen und den Karren in die Tiefe stürzen lassen. »Ich bin’s. Asphalt. Wer hält sich da an meinem Fuß fest?« »Ich«, antwortete Klippe. »Und du, Glod? Woran du dich festhältst?« »An… irgend etwas, das sich zufällig in Reichweite meiner verzweifelt umhertastenden Hand befand.« Es knarrte wieder. »Es ist das Gold, nicht wahr?« fragte Asphalt. »Gibt’s zu. Du hältst dich am Gold fest.« »Dummer Zwerg!« rief Klippe. »Laß es los, oder wir alle sterben.« »Fünftausend Dollar loslassen…«, ächzte Glod. »Gibt es einen schlimmeren Tod?« »Narr! Du es nicht mitnehmen kannst ins Jenseits!« Asphalt suchte am Holz nach Halt. Der Karren erzitterte. »Das haben wir gleich«, murmelte er. »Übrigens…«, sagte Klippe, als sich der Wagen noch einen Zentimeter dem Abgrund entgegenneigte. »Wer hält Buddy?« »Vielleicht ist er… äh… in die Schlucht gefallen«, erwiderte Glod. Vier Akkorde erklangen. Buddy hing an einem Hinterrad, seine Füße über der Leere. Er zuckte, als ihm die Musik mit einem Refrain aus acht Tönen über die Seele strich., Nie altern. Nie sterben. Für immer leben, in diesem einen, von emo- tionalem Feuer geprägten Moment, in dem das Publikum jubelt. Wenn jeder Ton einem Herzschlag gleichkommt. Am Himmel brennen… Du wirst nie alt. Man wird nie sagen, daß du gestorben bist. Das ist die Übereinkunft. Du bist der berühmteste Musiker auf der ganzen Welt. Leb schnell. Stirb jung. Die Musik zupfte an seinem Selbst. Buddys Beine schwangen langsam nach oben und berührten den Fel- sen des Klippenrands. Mit geschlossenen Augen holte er Luft und zog an dem Rad. Eine Hand tastete nach seiner Schulter. »Nein!« Buddy öffnete die Augen. Er drehte den Kopf, sah in Susannes Gesicht und blickte zum Karren auf. »Was…?« brachte er undeutlich hervor. Eine Hand ließ los, griff nach dem Gitarrenriemen und streifte ihn un- beholfen von der Schulter. Die Saiten heulten, als Buddy das Musikin- strument am Hals packte und es in die Finsternis warf. Die andere Hand glitt am feuchten, kalten Rad ab. Von einem Augen- blick zum anderen verlor er den Halt und fiel. Ein weißer Schemen huschte herbei. Der junge Mann landete auf et- was, das sich samtweich anfühlte und nach Pferdeschweiß roch. Susanne stützte ihn und trieb Binky an. Das Pferd lief durch den Schneeregen nach oben. Kurz darauf erreichte es die Straße, und dort sank Buddy in den Schlamm. Mühsam hob er den Kopf. »Du?« »Ja«, bestätigte Susanne. Sie zog die Sense aus dem Halfter. Die Klinge klappte auf und schnitt Schneeflocken in zwei Hälften, ohne daß sich ihr Fall verlangsamte., »Kümmern wir uns nun um deine Freunde.« In der Luft gab es eine Art Reibung, als bekäme die Aufmerksamkeit der Welt einen neuen Fokus. Tod blickte in die Zukunft. OH, MIST. Dinge lösten sich auf, fielen ab und brachen auseinander. Der Biblio- thekar hatte sich alle Mühe gegeben, aber Knochen und Holz konnten solchen Belastungen nicht standhalten. Federn und Glasperlen lösten sich und landeten qualmend auf der Straße. Ein Rad trennte sich von der Achse, tanzte davon und verteilte Speichen, während der Apparat fast horizontal durch eine Kurve raste. Eigentlich machte es gar keinen Unterschied. Etwas Seelenartiges glüh- te und nahm die Stelle der fehlenden Teile ein. Wenn man eine glänzende Maschine nahm und sie beleuchtete, damit sie glänzte und schimmerte, wenn man dann die Maschine wegnahm, so daß nur das Licht übrigblieb… Nur noch der Pferdekopf erinnerte an das Gerät. Und das Hinterrad: Von Rauch umhüllt, drehte es sich in einer Gabel aus flackerndem Glanz. Das Etwas raste an Schnapper vorbei, worauf sein Pferd ihn in den Graben schleuderte und voller Panik floh. Tod war an schnelle Reisen gewöhnt. Rein theoretisch befand er sich bereits überall und wartete auf alles andere. Die schnellste Art des Rei- sens besteht darin, schon am Ziel zu sein. Nie zuvor war Tod im Langsamen so schnell gewesen. Er hatte die Landschaft oft nur als Schemen gesehen, doch jetzt betrug ihr Abstand zu seinen Knien in den Kurven nur zehn Zentimeter. Der Karren bewegte sich erneut. Daraufhin sah auch Klippe in die Dun- kelheit hinab. Etwas berührte ihn an der Schulter. HALT DICH DARAN FEST. ABER FASS NICHT DIE KLINGE AN., Buddy beugte sich an ihm vorbei. »Laß den Beutel los, Glod. Dann kann ich…« »Kommt überhaupt nicht in Frage!« »In einem Leichentuch gibt es keine Taschen, Glod.« »Dann sollte man den Schneider wechseln.« Schließlich griff Buddy nach einem Bein und zog daran. Einer nach dem anderen kletterten die Mitglieder der Band Mit Steinen Drin über- einander hinweg und kehrten auf die Straße zurück. Dort sahen sie Su- sanne. »Weißes Pferd«, sagte Asphalt. »Schwarzer Umhang. Sense. Äh.« »Könnt ihr sie ebenfalls sehen?« fragte Buddy. »Hoffentlich bedauern wir es nicht«, erwiderte Klippe. Susanne hob eine Lebensuhr und betrachtete sie kritisch. »Ich schätze, jetzt ist es zu spät für irgendeine Art von Vereinbarung, oder?« erkundigte sich Glod. »Ich wollte nur feststellen, ob ihr noch lebt oder nicht«, erklärte Susan- ne. »Ich glaube, ich bin noch am Leben«, sagte Glod. »Bleib auch weiterhin davon überzeugt.« Sie drehte sich um, als es hinter ihnen knarrte. Der Karren rutschte über den Rand der Schlucht und stürzte in den Abgrund. Es krachte, als er an einen Felsvorsprung stieß, und der Aufprall tief unten verursachte ein dumpfes Pochen. Mit einem Wuuusch entflammte das Öl der Lam- pen. Orangefarbene Flammenzungen leckten. Ein brennendes Rad rollte aus dem lodernden Durcheinander. »Wir da drin gewesen wären«, sagte Klippe. »Glaubst du vielleicht, jetzt sind wir besser dran?« fragte Glod. »Ja«, bestätigte Klippe. »Weil wir nicht sterben in den Trümmern von brennendem Karren.« »Aber die junge Dame… Sie wirkt ein wenig okkult.« »Hab nichts dagegen. Okkultes mir ist in jedem Fall lieber, als zu verbrennen in einer tiefen Schlucht.«, Hinter ihnen wandte sich Buddy an Susanne. »Ich glaube, ich… verstehe jetzt alles«, sagte das Mädchen. »Die Mu- sik… verzerrte das historische Gefüge. Eigentlich sollte sie in unserer Geschichte gar nicht existieren. Woher stammte die Gitarre?« Buddy starrte nur. Wenn man von einer attraktiven jungen Frau auf ei- nem weißen Pferd vor dem sicheren Tod gerettet wurde, erwartet man nicht, nach dem Ursprung von Musikinstrumenten gefragt zu werden. »Aus einem Laden in Ankh-Morpork.« »Meinst du vielleicht ein geheimnisvolles altes Geschäft?« »Konnte kaum geheimnisvoller sein. Dort gab’s…« »Bist du zurückgekehrt? Existierte der Laden noch? Befand er sich an der gleichen Stelle?« »Ja«, sagte Klippe. »Nein«, sagte Glod. »Gab es dort viele interessante Dinge, über die ihr gern mehr erfahren hättet?« »Ja!« sagten Glod und Klippe gleichzeitig. »Oh«, kommentierte Susanne. »So ein Laden.« »Ich wußte, daß er nicht dorthin gehörte«, meinte Glod. »Ich habe gleich gesagt, daß er nicht dorthin gehörte. Ja, genau das habe ich gesagt. Außerdem habe ich ihn als unheimlich bezeichnet, jawohl.« »Un-heimlich?« wunderte sich Asphalt. Klippe streckte die Hand aus. »Es nicht mehr schneit«, stellte er fest. »Ich habe das Ding in die Schlucht geworfen«, sagte Buddy. »Weil… ich es nicht mehr brauche. Bestimmt ist es zerbrochen.« »Nein«, widersprach Susanne. »Ich bezweifle, daß…« »Die Wolken…« Glod blickte nach oben. »Sie sehen immer komischer aus.« »Zum Lachen, meinst du?« fragte Asphalt unsicher., »Das hängt von der Art des Humors ab«, erwiderte Glod. »Und über- haupt: Warum fragst du? Ich dachte, du hättest bereits alles gesehen und erlebt.« Weißes Licht flackerte in der Luft. Dann schien sich die Luft selbst in hellen Glanz zu verwandeln, so weiß wie Mondschein, aber so stark wie das Licht der Sonne. Ein Ge- räusch wie das Donnern von Millionen Stimmen ertönte. Es teilte folgendes mit: Ich will euch zeigen, wer ich bin. Ich bin die Musik. Klatschmaul zündete die Kutschenlampen an. »Beeil dich, Mann!« rief Clete. »Immerhin wollen wir sie einholen. Hätt- hätt-hätt.« »Warum ist es so wichtig, daß sie nicht entkommen?« grummelte Klatschmaul, als er auf die Kutsche kletterte. Clete trieb bereits die Pfer- de an. »Ich meine, wenn sie entkommen, sind sie weg. Und darauf kommt es doch an, oder?« »Nein!« widersprach Clete heftig. »Du hast sie gesehen. Sie sind die… Seele der ganzen Angelegenheit. Wir dürfen nicht zulassen, daß das alles weitergeht.« Klatschmaul blickte zur Seite. In ihm regte sich die Befürchtung, daß Clete nicht mit einem vollen Orchester spielte, sondern zu den Leuten gehörte, die ihren heißen Wahnsinn aus kleinen, kühlen Teilen bauen. Klatschmaul erhob keine wesentlichen Einwände gegen Finger-Foxtrott und Schädel-Fandango, aber er hatte nie jemanden ermordet, zumindest nicht absichtlich. Er begriff nun, daß er eine Seele besaß. Sie mochte mehrere Löcher haben und am Rand zerfranst sein, aber er hoffte trotz- dem, daß ihm der Gott Reg irgendwann einmal in der himmlischen Combo spielen ließ. Als Mörder bekam man sicher keine guten Auftritte und mußte sich mit der Bratsche begnügen. »Wie wär’s, wenn wir die Sache jetzt einfach ruhen lassen?« fragte Klatschmaul. »Die Band Mit Steinen Drin kehrt bestimmt nicht zu- rück…« »Sei still!« »Aber es hat doch keinen Sinn…«, Die Pferde bäumten sich auf. Die Kutsche erbebte. Ein Schemen raste vorbei und verschwand in der Dunkelheit. Er hinterließ einen Schweif aus blauen Flammen, die einige Male flackerten, bevor sich ihr Licht in der Finsternis verlor. Tod wußte, daß ihm früher oder später keine andere Wahl blieb, als an- zuhalten. Allerdings reifte auch eine zweite Erkenntnis in ihm heran: In welcher düsteren Sprache auch immer die gespenstische Maschine kon- zipiert worden war – ein Wort wie »abbremsen« kam darin ebensowenig vor wie »vorsichtig fahren«. Es lag nicht in ihrer Natur, unter irgendwelchen Umständen die Geschwin- digkeit zu verringern – es sei denn, in einer ausgesprochen katastropha- len Situation am Ende der dritten Strophe. Das war das Problem bei der Musik Mit Steinen Drin. Sie konnte recht stur sein und neigte dazu, ihren Willen durchzusetzen. Das Vorderrad drehte sich noch immer, als es langsam aufstieg. Absolute Dunkelheit erfüllte das Universum. Eine Stimme sprach: »Bist du das, Klippe?« »Ja.« »Gut. Bin ich Glod?« »Ich glaube schon. Du wie er klingst.« »Asphalt?« »Hier.« »Buddy?« »Glod?« »Und… äh… die junge Dame in Schwarz?« »Ja?« »Weißt du zufällig, wo wir sind, Gnädigste?« Es war kein Boden unter ihnen. Und doch hatte Susanne nicht das Ge- fühl zu schweben. Sie stand einfach. Daß sich unter ihr nichts erstreckte,, spielte dabei nur eine unwesentliche Rolle. Sie fiel nicht, weil gar nichts existierte, von dem sie oder zu dem sie fallen konnte. Für Geographie hatte sie sich nie besonders interessiert. Nun gewann sie den Eindruck, daß sie sich an einem Ort befand, der in jedem Atlas fehlte. »Ich weiß nicht, wo unsere Körper sind«, sagte sie behutsam. »Oh, gut«, erwiderte Glod. »Ich bin also hier, aber leider wissen wir nichts vom Aufenthaltsort meines Körpers? Prächtig. Was ist mit mei- nem Geld?« Irgendwo in der Dunkelheit, weit entfernt, erklang das Geräusch von Schritten. Jemand kam zielstrebig näher und blieb stehen. Eine Stimme sagte: »Eins. Eins. Eins, zwei. Eins, zwei.« Die Schritte entfernten sich wieder. Nach einer Weile ertönte eine andere Stimme. Sie verkündete: »Eins, zwei, drei, vier…« Und das Universum entstand. Man konnte tatsächlich nicht von einem Big Bang oder Urknall spre- chen. Das wäre allein Lärm gewesen, und Lärm ist nur fähig, weiteren Lärm und einen Kosmos voller zufälliger Partikel zu formen. Materie bildete sich nur scheinbar chaotisch. In Wirklichkeit spiegelte sie einen Akkord wider. Einen Akkord der Macht. Alle Dinge, die jemals existieren sollten, kondensierten schlagartig in der Leere – wie Fossilien, die nicht auf Vergangenes hinwiesen, sondern auf das, was kommen sollte. Durch diese sich rasch ausdehnende Wolke sauste im Zickzack erste wilde Musik. Sie hatte Form. Und Rhythmus. Und einen Takt, nach dem man tanzen konnte. Einen Takt, der alles andere dominierte. Eine Stimme hinter Susannes Stirn flüsterte: Ich sterbe nie. »Ein Teil von dir ist in allem Lebendigen«, entgegnete das Mädchen. Ja. Ich bin der Herzschlag. Der Puls. Susanne konnte die anderen noch immer nicht sehen. Das Licht ström- te an ihr vorbei., »Aber er hat die Gitarre weggeworfen.« Ich wollte, daß er für mich lebt. »Du wolltest ihn für dich sterben lassen! In den Trümmern des Kar- rens!« Wo liegt der Unterschied? Eigentlich wäre er bereits tot. Aber in Musik zu ster- ben… anschließend erinnern sich die Leute an die Lieder, die er nie singen konnte. Sie werden die berühmtesten von allen sein. Das Leben in einem Moment komprimieren. Und dann für immer leben. Nie in Vergessenheit geraten. »Schick uns zurück!« Ich habe dich nie fortgebracht. Susanne blinzelte. Sie standen nach wie vor auf der Straße. Die Luft schimmerte und knisterte und war voll nassem Schnee. Sie blickte in Buddys entsetzte Miene. »Wir müssen weg von…« Er hob eine durchsichtige Hand. Klippe existierte kaum mehr. Glod versuchte, den Beutel mit dem Geld festzuhalten, aber seine Finger glitten durch das Leder. Im Gesicht des Zwergs stand die Angst vor dem Tod – oder vor der Armut. »Das ist nicht fair!« rief Susanne. »Er hat dich weggeworfen!« Grelles blaues Licht raste über die Straße. Kein Karren oder Wagen konnte so schnell sein. Begleitet wurde der Glanz von einem sonderba- ren Heulen – so klingt ein Kamel, das gerade zwei Ziegelsteine gesehen hat. Das Licht erreichte die Kurve, stieß gegen einen Felsen und sprang über den Rand des Abgrunds. Die Zeit reichte gerade aus, daß eine hohle Stimme OH, MIST sagen konnte, bevor… … bevor etwas an die gegenüberliegende Seite der Schlucht prallte und dort in einem Funkenregen zerplatzte., Knochen fielen in die Schlucht, blieben tief unten liegen und rührten sich nicht mehr. Susanne drehte sich um und holte mit der Sense aus. Doch die Musik vibrierte in der Luft; sie hatte keine Seele, nach der man zielen konnte. Man konnte dem Universum mitteilen: Das ist nicht fair. Und es ant- wortete vermutlich: Ach, tatsächlich nicht? Entschuldige. Man konnte Personen retten. Manchmal war es möglich, im sprich- wörtlichen letzten Augenblick zur Stelle zu sein. Doch dann schnippte etwas mit den Fingern und sagte: Nein, es muß auf diese Weise gesche- hen. Ich zeige dir die Ereignisse. So soll die Legende beschaffen sein. Susanne versuchte, Buddys Hand zu ergreifen, spürte dabei vor allem Kälte. »Kannst du mich hören?« rief sie, um die triumphierenden Akkorde zu übertönen. Der junge Mann nickte. »Es ist… wie eine Legende! Es muß geschehen! Und ich kann nichts dagegen unternehmen – wie soll man Musik töten?« Susanne eilte zum Rand der Schlucht. Unten brannte der Karren. Sie erscheinen nicht plötzlich in dem Trümmerhaufen. Wenn es so weitergeht, haben sie den Karren nie verlassen! »Ich kann nichts dagegen tun! Es ist nicht fair!« Sie schüttelte die Fäuste. »Großvater!« Blaue Flammen flackerten zwischen den Felsen im trockenen Flußbett. Ein kleiner Fingerknochen rollte über die Steine, bis er einen anderen, größeren Knochen erreichte. Ein dritter fiel von einem Felsvorsprung und gesellte sich dazu. Im Halbdunkel klapperte es, als sich kleine weiße Schemen bewegten, zwischen den Steinen hin und her tasteten, bis sich schließlich eine Hand hob und mit dem Zeigefinger gen Himmel deutete., Kurz darauf klapperte es erneut, diesmal dumpfer, als längere Dinge durch die Düsternis krochen. »Ich wollte es besser machen!« rief Susanne. »Was hat es für einen Sinn, der Tod zu sein, wenn man ständig irgendwelche dummen Regeln beach- ten muß?« BRING SIE ZURÜCK. Susanne drehte sich um und sah, wie ein Zehenknochen unter Tods schwarzen Umhang kroch, um dort an seinen Platz zurückzukehren. Ihr Großvater trat vor, griff nach der Sense, holte aus und schmetterte sie an einen nahen Felsen. Die Klinge zerbrach. Er bückte sich und hob einen kleinen Splitter auf, der wie ein winziger Stern aus blauem Eis zwischen seinen Fingern glänzte. ICH HABE KEINE BITTE AN DICH GERICHTET. Der fallende Schnee tanzte, als die Musik sprach. Du kannst mich nicht töten. Tod holte die Gitarre unter dem Umhang hervor. Ihr fehlten einige Teile, doch darauf kam es nicht an. Ihre Konturen glühten, ebenso die Saiten. Tod nahm eine Haltung ein, von der Crash nur träumen konnte. Er hob die Hand, und zwischen seinen Fingern funkelte der Klingensplitter. Wenn Licht Töne von sich geben könnte, hätte man jetzt ein Ting gehört. Er wollte der berühmteste Musiker der Welt werden. Es muß ein Gesetz geben. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Dieses eine Mal schien Tod nicht zu lächeln. Die Hand senkte sich den Saiten entgegen. Es erklangen keine Geräusche. Im Gegenteil: Stille beendete ein Geräusch, von dem Susanne erkann- te, daß sie es dauernd gehört hatte, die ganze Zeit über. Ein Geräusch, das man überhaupt nicht merkt, bis es plötzlich verschwindet… Die Saiten schwiegen., Es gibt Millionen von Akkorden. Und es gibt Millionen von Zahlen. Doch niemand denkt an die Null. Ohne die Null sind Zahlen nur Arith- metik. Und ohne den leeren Akkord ist Musik nur… Lärm. Tod spielte den leeren Akkord. Der Takt verlangsamte sich. Und wurde schwächer. Das Universum – und jedes einzelne Atom darin – drehte sich weiter. Aber es würde nicht mehr lange dauern, bis alle Bewegungen aufhörten, bis die Tänzer ver- harrten, sich umsahen und fragten, was nun geschehen sollte. Die Zeit DAFÜR ist noch nicht gekommen! Spiel etwas anderes! ICH KANN NICHT. Tod nickte in Buddys Richtung. ABER ER KANN ES. Er warf Buddy die Gitarre zu. Sie durchdrang ihn einfach und fiel hin- ter dem Jungen auf den Boden. Susanne lief los und hob sie auf. »Nimm sie! Und spiel! Du mußt dafür sorgen, daß die Musik wieder beginnt!« Sie zupfte an den Saiten, klimperte verzweifelt. Buddy schnitt eine Grimasse. »Bitte!« rief Susanne. »Lös dich nicht einfach auf!« Zwischen ihren Schläfen schrie die Musik. Buddy gelang es irgendwie, die Gitarre zu ergreifen, doch er starrte so darauf, als sähe er sie zum ersten Mal. »Was geschieht, wenn er nicht spielt?« fragte Glod. »Dann sterbt ihr alle in den Trümmern des Karrens!« UND ANSCHLIESSEND STIRBT AUCH DIE MUSIK, sagte Tod. DANN ENDET DER TANZ. DER GANZE TANZ. Der geisterhafte Zwerg hüstelte. »Wir werden für diese Nummer bezahlt, oder?« erkundigte er sich. IHR BEKOMMT DAS UNIVERSUM. »Und Freibier?« Buddy hob die Gitarre und sah Susanne an., Er berührte die Saiten und spielte. Ein einzelner Akkord klang über die Schlucht und hallte mit seltsamer Harmonik wider. DANKE, sagte Tod. Er trat vor und nahm die Gitarre. Er holte abrupt aus und schlug zu. Das Instrument zerbrach an einem Felsen. Die Saiten rissen, und etwas sauste fort, raste durch die tanzenden Schneeflocken den Sternen entgegen. Tod richtete einen zufriedenen Blick auf die zertrümmerte Gitarre. DAS IST MUSIK MIT STEINEN DRIN. Er schnippte mit den Fingern. Der Mond schien über Ankh-Morpork. Leer und verlassen lag der Park. Silbriges Licht schimmerte über die Reste der Bühne hinweg, über den Schlamm und die halb verzehrten heißen Würstchen, die an das Publikum erinnerten. Hier und dort glänz- ten zerbrochene Musikfallen. Nach einer Weile richtete sich ein Teil des Schlamms auf und spuckte etwas mehr Schlamm aus. »Crash?« fragte es. »Jimbo? Abschaum?« »Bist du das, Noddy?« erwiderte ein trauriges Etwas, das an einem üb- riggebliebenen Tragbalken hing. Der Schlamm schüttelte sich Schlamm aus dem Ohr. »Ja. Wo ist Ab- schaum?« »Ich glaube, sie haben ihn in den See geworfen.« »Und Crash? Lebt er noch?« Unter einigen Trümmern stöhnte jemand. »Schade«, sagte Noddy. Es kam von Herzen. Eine Gestalt taumelte durchs Halbdunkel. Bei jedem Schritt platschte es. Crash kroch aus dem Durcheinander., »Einf müfft ihr zugeben…« Er lispelte, weil ihn irgendwann während der Vorstellung eine Gitarre an den Zähnen getroffen hatte. »Daf war Mufik Mit Fteinen Drin…!« »Na schön«, brummte Jimbo und glitt an dem Tragebalken herab. »Aber beim nächsten Mal möchte ich lieber Sex und Drogen, wenn du nichts dagegen hast.« »Mein Vater meinte, er würde mich umbringen, wenn ich Drogen nehme«, entgegnete Noddy. »Drogen lassen das Gehirn verfaulen«, meinte Jimbo. »Dann hast du nichts zu befürchten, Abschaum…« »Herzlichen Dank.« »Ich könnte jetzt ein Aspirin vertragen«, ächzte Jimbo. »Oder zwei.« Etwas näher am See bewegte sich ein Haufen Sackleinen. »Erzkanzler?« »Ja, Herr Stibbons?« »Ich glaube, mir ist jemand auf den Hut getreten.« »Na und?« »Er sitzt noch immer auf meinem Kopf.« Ridcully stemmte sich hoch. Langsam ließen die Schmerzen in seinen Knochen nach. »Komm schon, Junge«, sagte er. »Laß uns heimkehren. Ich verliere all- mählich das Interesse an Musik. Ist doch nur eine Menge Lärm um nichts.« Eine Kutsche rumpelte über die kurvenreiche Bergstraße. Herr Clete stand auf dem Kutschbock und schwang die Peitsche. Klatschmaul erhob sich unsicher. Die Schlucht war so nahe, daß er über den Rand in die dunkle Tiefe blicken konnte. »Ich habe jetzt endgültig die Nase voll!« rief er und streckte die Hand nach der Peitsche aus. »Hör auf!« heulte Clete. »Wir müssen sie einholen!«, »Sollen sie ruhig entkommen! Ist mir nur recht! Die Musik hat mir gefal- len!« Clete drehte sich um. Zorn und Haß verwandelten sein Gesicht in eine Fratze. »Verräter!« Der Peitschengriff traf Klatschmaul in die Magengrube. Er taumelte zurück, tastete vergeblich nach Halt und fiel. In der Dunkelheit bekam er etwas zu fassen, das sich wie ein dünner Zweig anfühlte. Einige Sekunden lang hing er über dem Abgrund, bevor seine Füße Halt fanden. Es gelang ihm, mit der anderen Hand einen gesplitterten Zaunpfosten zu ergreifen. Er sah, wie die Kutsche ihre rasende Fahrt fortsetzte. Weiter vorn be- schrieb die Straße eine scharfe Kurve. Klatschmaul kniff die Augen zu und hielt sie geschlossen, bis der Schrei verklungen war, bis auch das Knirschen und Krachen aufhörte. Daraufhin hob er die Lider und beobachtete, wie ein brennendes Rad durch die Schlucht rollte. »Meine Güte«, sagte er. »Welch ein Glück, daß ich mich hier… an… etwas… festhalten… konnte…« Er hob den Blick. Und hob ihn noch etwas mehr. DA HAST DU VÖLLIG RECHT. Herr Clete setzte sich in den Trümmern der Kutsche auf. Um ihn herum loderten Flammen. Ich kann wirklich von Glück sagen, daß ich überlebt habe, dachte er. Eine dunkle Gestalt trat durchs Fenster und näherte sich. Clete musterte sie. An so etwas hatte er nie geglaubt. Er hatte nie an ir- gend etwas geglaubt. Aber wenn er an etwas geglaubt hätte… dann hätte er sich etwas Größeres vorgestellt. Er sah auf das hinab, was er für seinen Körper hielt. Der Leib erwies sich als durchsichtig und verblaßte immer mehr. »Na so was«, sagte Clete. »Hätt-hätt-hätt.«, Die Gestalt im schwarzen Kapuzenmantel grinste und schwang ihre kleine Sense. SNH, SNH, SNH. Eine ganze Weile später kletterten Leute in die Schlucht hinab und ver- suchten, Cletes Reste vom übrigen Kram zu trennen. Viel war nicht von ihm übrig. Das eine oder andere Zeichen schien darauf hinzudeuten, daß er als Musiker in Ankh-Morpork gearbeitet und die Flucht ergriffen hatte… Oder war das eine Verwechslung? Wie dem auch sei: Jetzt lebte er nicht mehr. Oder? Niemand bemerkte gewisse andere Dinge, die sich im ausgetrockneten Flußbett sammelten. Ein Pferdeschädel lag zwischen den Felsen, außer- dem Federn und Glasperlen. Und eine Gitarre, wie ein Ei geplatzt. Es war kein Zusammenhang zwischen diesen Gegenständen festzustellen. Susanne öffnete die Augen. Wind strich ihr übers Gesicht. Rechts und links von ihr streckten sich fremde Arme nach vorn, stützten sie und hielten gleichzeitig die Zügel. Sie beugte sich vor. Tief unten zogen Wolken dahin. »Na schön«, sagte sie. »Und was passiert jetzt?« Tod schwieg einige Sekunden. DIE GESCHICHTE NEIGT DAZU, AUF DEN RICHTIGEN WEG ZURÜCKZUKEHREN. SIE REPARIERT SICH GEWISSERMASSEN SELBST. HIER UND DORT BLEIBEN VIELLEICHT EINIGE BEULEN ZURÜCK… MÖGLICHERWEISE ERINNERN SICH EINIGE LEUTE VAGE AN EIN KONZERT IM PARK. ABER DAS MACHT WEITER NICHTS. SIE ERINNERN SICH AN DINGE, DIE ÜBERHAUPT NICHT GESCHEHEN SIND. »Aber sie sind geschehen!« UND WENN SCHON., Susanne blickte auf die dunkle Landschaft hinab. An manchen Stellen verrieten Lichter Bauernhöfe und kleine Dörfer. Die dortigen Bewohner setzten ihr Leben fort, ohne sich um das zu kümmern, was weit oben flog. Susanne beneidete sie. »Nun, um nur ein Beispiel zu nennen…«, sagte sie. »Was passiert mit der Band?« OH, SIE KÖNNTE ÜBERALL SEIN. Tod sah auf Susannes Hinter- kopf. NIMM NUR DEN JUNGEN. VIELLEICHT HAT ER DIE GROSSE STADT VERLASSEN. VIELLEICHT SUCHT ER EINEN ANDEREN ORT AUF. STELL DIR VOR, DASS ER IRGENDWO ARBEITET, UM SICH SEINEN LEBENSUNTERHALT ZU VERDIENEN. VIELLEICHT WARTET ER AUF DEN RICHTIGEN AUGENBLICK. AUF DIE CHANCE, ETWAS AUS SEINEM LEBEN ZU MACHEN. »Aber er hätte sterben sollen, in der Geflickten Trommel!« NUR DANN, WENN ER SICH ZUM RICHTIGEN ZEITPUNKT IN IHR AUFHIELT. ABER VIELLEICHT HAT ER SIE GAR NICHT BESUCHT. »Bist du dazu imstande? Seine Existenz hätte enden sollen! Du hast doch gesagt, du kannst kein Leben schenken!« ICH NICHT. IM GEGENSATZ ZU DIR. »Wie meinst du das?« LEBEN KANN GETEILT WERDEN. »Aber jetzt ist er… weg. Und wahrscheinlich sehe ich ihn nie wieder.« DU WEISST, DASS DU IHM ERNEUT BEGEGNEST. »Woher willst du wissen, daß ich das weiß?« WEIL DU DICH AN ALLES ERINNERST. EBENSO WIE ICH. ABER DU BIST EIN MENSCH, UND DESHALB WIDERSETZT SICH DEIN GEIST, UM DEINER SELBST WILLEN. TROTZDEM DRINGT DAS EINE ODER ANDERE IN DEIN BEWUSSTSEIN. IN FORM VON TRÄUMEN UND VORAHNUNGEN. ODER VON GEFÜHLEN. MANCHE SCHATTEN SIND SO LANG, DASS SIE VOR DEM LICHT EINTREFFEN., »Ich fürchte, ich verstehe kein einziges Wort.« NUN, EIN LANGER TAG LIEGT HINTER UNS. Unten zogen noch mehr Wolken dahin. »Großvater?« JA? »Bist du jetzt wieder im Dienst?« SO SCHEINT ES. DIE PFLICHT RUFT. »Dann brauche ich dich also nicht mehr zu vertreten? Ich bezweifle, daß ich dabei gute Arbeit geleistet habe.« JETZT KÜMMERE ICH MICH WIEDER UM ALLES. »Du… hast gegen viele Gesetze verstoßen…« VIELLEICHT SIND MANCHE NUR RICHTLINIEN. »Wie dem auch sei: Meine Eltern sind gestorben.« ICH HÄTTE IHNEN NICHT MEHR LEBEN GEBEN KÖNNEN, NUR UNSTERBLICHKEIT. SIE HIELTEN DEN PREIS FÜR ZU HOCH. »Ich glaube, ich… verstehe.« DU KANNST MICH NATÜRLICH JEDERZEIT BESUCHEN. »Danke.« BEI MIR FINDEST DU JEDERZEIT EIN HEIM. WENN DU MÖCHTEST. »Im Ernst?« DEIN ZIMMER BLEIBT GENAU SO, WIE DU ES ZURÜCKGELASSEN HAST. »Danke.« IN HEILLOSEM DURCHEINANDER. »Entschuldige.« MAN KANN DORT KAUM DEN BODEN SEHEN. DU HÄTTEST WENIGSTENS EIN BISSCHEN AUFRÄUMEN KÖNNEN. »Tut mir leid.«, Unten schimmerten die Lichter von Quirm. Binky landete weich. Susannes Blick glitt zu den dunklen Gebäuden des Internats. »Bin ich… die ganze Zeit über hier gewesen?« fragte sie. JA. DIE GESCHICHTE DER VERGANGENEN TAGE IST… ANDERS. DU HAST BEI DEN PRÜFUNGEN GUT ABGESCHNITTEN. »Tatsächlich? Wer saß denn im Klassenzimmer?« DU. »Oh.« Susanne zuckte mit den Schultern. »Welche Note bekam ich in Logik?« EINE EINS. »Das ist alles? Ich habe stets eine Eins mit Auszeichnung bekommen!« DU HÄTTEST DICH GRÜNDLICHER MIT DEM STOFF BESCHÄFTIGEN SOLLEN. Tod schwang sich in den Sattel. »Einen Augenblick«, sagte Susanne rasch. Einige Worte lagen ihr auf der Zunge und verlangten, ausgesprochen zu werden. JA? »Du hast mehrmals darauf hingewiesen, daß sich… äh… die Welt än- dert, wenn man das Schicksal einer einzelnen Person beeinflußt.« MANCHMAL MUSS DIE WELT VERÄNDERT WERDEN. »Oh. Äh… Großvater?« JA? »Äh… die Schaukel…«, sagte Susanne. »Die im Obstgarten. Ich mei- ne… sie war gut. Ja, eine gute Schaukel.« WIRKLICH? »Wenn ich damals darüber gelacht habe… ich war einfach zu jung.« HAT SIE DIR TATSÄCHLICH GEFALLEN? »Sie hat… Stil. Bestimmt gibt es keine anderen Kinder, die jemals eine solche Schaukel benutzen konnten.« DANKE., »Aber… das alles ändert nichts, weißt du. Die Welt ist noch immer voller dummer Leute. Sie verzichten darauf, ihr Gehirn zu benutzen. Sie scheinen überhaupt nicht klar denken zu wollen.« UND BEI DIR LIEGT DER FALL ANDERS? »Ich bemühe mich wenigstens. Zum Beispiel… wenn ich während der letzten Tage unterwegs war – wer liegt dann in meinem Bett?« ICH GLAUBE, DU BIST NUR NACH DRAUSSEN GEGANGEN, UM IM MONDSCHEIN SPAZIERENZUGEHEN. »Oh. Dann ist ja alles bestens.« Tod hüstelte. ÄH, WENN ICH DICH UM ETWAS BITTEN DÜRFTE… »Ja?« NUN, EIGENTLICH IST ES LÄCHERLICH, ABER… »Ich bin ganz Ohr.« HAST DU VIELLEICHT EINEN… ÄH… KUSS FÜR DEINEN GROSSVATER ÜBRIG? Susanne starrte ihn groß an. Das blaue Glühen in Tods Augen wurde schwächer und sog den Blick des Mädchens an. Susanne sah in die leeren Augenhöhlen, fühlte sich in die Schwärze dahinter gezogen… … in eine Dunkelheit ohne Grenzen. Es gab kein passendes Wort, um sie zu beschreiben. Selbst die Ewigkeit entsprach einer menschlichen Vorstellung. Allein daß ein Name existierte, deutete auf eine Länge hin, wenn auch auf eine ziemlich lange. Diese Finsternis dagegen war dort, wo die Ewigkeit aufgab. Sie existierte da, wo Tod lebte. Allein. Susanne hob die Arme, zog den Kopf ihres Großvaters nach unten und küßte ihn auf den Kopf. Er war glatt und elfenbeinweiß wie eine Billardkugel. Sie drehte sich um und sah wieder zu den dunklen Gebäuden, um ihre Verlegenheit zu verbergen. »Hoffentlich habe ich daran gedacht, ein Fenster offenzulassen.«, Eine Sache beschäftigte sie immer noch. Sie mußte Bescheid wissen, auch wenn es sie ärgerte, danach zu fragen. »Äh, die Leute, die ich… äh… kennengelernt habe… sehe ich sie jemals wieder…?« Sie wandte sich um, doch hinter ihr stand niemand. Sie sah nur zwei Hufabdrücke auf dem Kopfsteinpflaster und beobachtete, wie das Glü- hen verschwand. Alle Fenster waren geschlossen. Susanne trat zur Tür und ging im Dunkeln die Treppe hoch. »Susanne!« Das Mädchen spürte, wie es aus einem Reflex heraus unsichtbar zu werden begann. Es unterdrückte die Reaktion. Das war nie nötig gewe- sen. Eine Gestalt stand am Ende des Durchgangs, in einem Kreis aus Lam- penlicht. »Ja, Frau Anstand?« Die Rektorin sah zu ihr und schien auf etwas zu warten. »Ist alles in Ordnung mit dir, Frau Anstand?« Die Lehrerin faßte sich. »Wir haben schon nach Mitternacht, jawohl! Und du liegst nicht im Bett! Schäm dich! Und du trägst nicht deine Inter- natsuniform!« Susanne blickte an sich herab. Es war immer schwierig, alle Details richtig hinzubekommen. Sie trug nach wie vor das schwarze Kleid mit Spitzenbesatz. »Ja«, bestätigte sie. »Du hast recht.« Sie bedachte die Rektorin mit ei- nem strahlenden Lächeln. »Weißt du, es gibt so etwas wie Internatsregeln«, sagte Frau Anstand, doch sie klang ein wenig unsicher. Susanne klopfte ihr auf den Arm. »Ich schätze, es sind keine Regeln in dem Sinne, eher Richtlinien, nicht wahr, Eulalie?« Frau Anstand öffnete den Mund und klappte ihn wieder zu. Und Su- sanne stellte nun fest, daß die Lehrerin eigentlich recht klein war. Sie wirkte groß, hatte eine große Stimme und ein großes Gebaren. Man konnte sie praktisch in jeder Hinsicht als groß bezeichnen – die Ausma-, ße ihres Körpers bildeten die einzige Ausnahme. Erstaunlicherweise hat- te sie es bisher geschafft, diese Tatsache zu verheimlichen. »Ich gehe jetzt besser zu Bett«, sagte Susanne, während ihre Gedanken auf einem Parkett aus Adrenalin tanzten. »Und dir empfehle ich, dich ebenfalls zur Ruhe zu legen. In deinem Alter sollte man um diese Zeit nicht durch zugige Flure wandern. Außerdem ist morgen der letzte Schultag. Du möchtest bestimmt nicht müde aussehen, wenn die Eltern eintreffen.« »Äh… ja. Ja. Danke, Susanne.« Das Mädchen schenkte der verwirrten Rektorin noch ein herzliches Lächeln und ging dann in den Schlafsaal, wo sie sich im Dunkeln ent- kleidete und unter die Decke schlüpfte. Es war still – abgesehen vom gleichmäßigen Atmen der anderen neun Schülerinnen und dem lawinenartigen Schnaufen der schlafenden Prin- zessin Jade. Kurze Zeit später gesellte sich ein anderes Geräusch hinzu. Es klang wie jemand, der schluchzte und nicht wollte, daß man ihn schluchzen hörte. Susanne weinte ziemlich lange – sie hatte eine Menge nachzuho- len. Hoch über der Welt nickte Tod. Man konnte Unsterblichkeit wählen oder sich für das menschliche Wesen entscheiden. Wie auch immer: Man mußte die Wahl selbst treffen. Der letzte Tag des Schuljahres war besonders chaotisch. Einige Mädchen brachen schon früh auf; es kamen viele Eltern aus verschiedenen Völ- kern; und es fand kein Unterricht statt. An diesem besonderen Tag durf- ten die Internatsregeln großzügig ausgelegt werden. Susanne, Gloria und Prinzessin Jade wanderten zur Blumenuhr. Sie zeigte ein Viertel vor Gänseblümchen an. Susanne fühlte sich leer und gleichzeitig gespannt wie die Sehne eines Bogens. Es überraschte sie, daß keine Funken von ihren Fingerspitzen stoben. Gloria hatte in der Dreirosenstraße eine Tüte mit gebackenem Fisch gekauft. Der Geruch von heißem Essig und massivem Cholesterin löste, sich vom Papier, diesmal ohne das Aroma von gebratener Fäulnis, das den Produkten jenes Ladens normalerweise anhaftete. »Mein Vater meint, ich soll heimkehren und einen Troll heiraten«, sagte Jade. »He, wenn du leckere Gräten findest… ich nehme sie gern.« »Kennst du ihn?« fragte Susanne. »Nein. Aber mein Vater hat mir erzählt, daß er einen hübschen großen Berg besitzt.« »Ich würde mich an deiner Stelle nicht damit abfinden«, sagte Gloria mit vollem Mund. »Dies ist das Jahrhundert des Flughunds. Sag deinem Vater die Meinung und betone, daß du dir deinen Zukünftigen selbst aussuchen möchtest. Was hältst du davon, Susanne?« »Wie bitte?« erwiderte Susanne, die in Gedanken ganz woanders gewe- sen war. Als ihre Freundinnen alles wiederholt hatten, sagte sie: »Nein. Ich würde mir den Mann zunächst mal ansehen. Vielleicht ist er ganz nett. Und dann wäre der Berg eine zusätzliche Prämie.« »Ja«, murmelte Gloria. »Logisch. Hat dir dein Vater ein Bild geschickt, Jade?« »Ja, das hat er«, bestätigte die Trollin. »Und?« »Nun, in dem Berg gibt es einige interessante Felsspalten«, sagte Jade nachdenklich. »Außerdem einen Gletscher, der nicht einmal im Hoch- sommer schmilzt.« Gloria nickte anerkennend. »Klingt nach einem attraktiven Burschen.« »Aber mir hat schon immer ein ganz bestimmter Troll aus dem Nach- barort gefallen. Mein Vater verabscheut ihn. Wie dem auch sei: Er arbei- tet hart und spart. Inzwischen hat er fast genug für eine eigene Brücke.« Gloria seufzte. »Manchmal ist es schwer, eine Frau zu sein.« Sie stieß Susanne an. »Möchtest du etwas Fisch?« »Nein, danke. Ich habe keinen Appetit.« »Schmeckt wirklich gut. Ist nicht annähernd so faul wie sonst.« »Nein.« Gloria gab ihr noch einen Stoß., »Vielleicht möchtest du dir selbst was holen, hm?« Die Zwergin lächel- te hinter ihrem Bart. »Warum sollte ich das?« »Oh, heute sind schon viele Mädchen in dem Laden gewesen.« Gloria beugte sich ein wenig näher. »Wegen des neuen Jungen, der dort arbeitet. Wirkt sehr elvisch.« Irgend etwas in Susanne klimperte. Sie stand auf. »Das hat er also gemeint! Dinge, die noch nicht geschehen sind.« »Was?« fragte Gloria. »Wer?« »Der Laden in der Dreirosenstraße?« »Ja.« Die Tür stand offen. Der Zauberer hatte einen Schaukelstuhl auf die Schwelle geschoben und schlief darin im Sonnenschein. Ein Rabe hockte auf seinem Hut. Susanne blieb stehen und starrte den Vogel finster an. »Möchtest du vielleicht einen Kommentar abgeben?« »Krah, krah«, machte der Rabe und plusterte sich auf. »Gut«, brummte Susanne. Sie ging weiter und spürte, wie sie errötete. Hinter ihr sagte jemand »Ha«. Sie achtete nicht darauf. Ein Schemen huschte durch den Rinnstein. Eine Stimme erklang hinter einer zerknüllten Einkaufstüte: SNH, SNH, SNH. »O ja, sehr komisch«, zischte Susanne. Sie ging weiter. Immer schneller. Schließlich lief sie. Tod lächelte, legte das Vergrößerungsglas beiseite und wandte sich von der Scheibenwelt ab. Alberts Blick ruhte auf ihm., ICH HABE NUR NACH DEM RECHTEN GESEHEN, sagte er. »Ja, Herr«, erwiderte Albert. »Ich habe Binky gesattelt.« DU VERSTEHST DOCH, DASS ICH AB UND ZU NACH DEM RECHTEN SEHEN MUSS, ODER? »Natürlich, Herr.« WIE FÜHLST DU DICH JETZT? »Gut, Herr.« HAST DU NOCH DIE FLASCHE? »Ja, Herr.« Sie ruhte auf dem Bücherbord in Alberts Schlafzimmer. Er folgte Tod nach draußen, half ihm in den Sattel und reichte die Sense nach oben. JETZT MUSS ICH LOS, sagte Tod. »Die Pflicht ruft, Herr.« JA. UND DESHALB BRAUCHST DU GAR NICHT SO ZU GRINSEN. »Ja, Herr.« Tod ritt los, und kurze Zeit später stellte er fest, daß Binky über den Pfad zum Obstgarten lief. Vor einem ganz bestimmten Baum hielt er an und beobachtete ihn eine Zeitlang. Schließlich sagte er: IST DOCH ALLES VOLLKOMMEN LOGISCH. Binky drehte sich um und trabte gehorsam in die Welt. Länder und Städte breiteten sich vor Tod aus. Blaues Licht zuckte über die Klinge der Sense. Tod fühlte eine Aufmerksamkeit, die ihm galt. Er sah zum Universum hoch, das einen verwirrt-interessierten Blick auf ihn richtete. Eine Stimme, die nur er hören konnte, sagte: »Du rebellierst also, klei- ner Tod. Gegen was?« Tod dachte darüber nach. Wenn es eine schlagfertige Antwort gab, so fiel sie ihm nicht ein. Er ignorierte die Frage und ritt den Leben der Menschen entgegen., Sie brauchten ihn. Irgendwo in einer anderen Welt, weit von der Scheibenwelt entfernt, griff jemand nach einem Musikinstrument, das auf den Rhythmus in seiner Seele reagierte. Die Musik Mit Steinen Drin stirbt nie. Sie bleibt hier, für immer., Ein typischer Tag auf der Scheibenwelt – in der Hauptstadt von Ankh-Morpork hat jemand eine Bombe gelegt. Glücklicherweise gibt es in der Stadt eine Men- ge Leute, die wissen wie man sie entschärft. Unglücklicherweise ist Rincewind, der tolpatschige Zauberer, der einzige in der Nähe. Die daraus resultierende Explosion legt nicht nur die halbe Stadt in Schutt und Asche – sie hat auch Auswirkung auf Tod selbst – er ist verschwunden. Jemand muß Tod wiederfinden. Jemand mit Talent. Jemand mit Ideen. Jemand mit Dynamik. Und sollte so jemand nicht auffindbar sein, dann jemand entbehr- liches. Die Wahl fällt auf Rincewind! * Fortwährend gestört durch: Terry Pratchett * Deutsche Sprachausgabe u.a. mit der Synchronstimme von Eric Idle, Tom Hanks, Kevin Kline und bekannten Stimmen aus Film und Funk * Produziert und Entwickelt von: Perfect Entertainment * Trickfilm Animation erstellt durch: Hanna Barbera Studios * Formate: PC CD (ab November ‘96) – PlayStation / Mac CD (ab Frühjahr ‘97) Veröffentlicht von Psygnosis. Website – http://www.psygnosis.com ERHÄLTLICH IM BUCHHANDEL, FACHHANDEL ODER DIREKT UNTER: TEL: 089/5460300 – FAX: 089/5460919]
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