Herunterladen: HABEN SIE VERDRUSS?

HABEN SIE VERDRUSS? — dann gehen Sie in Callahan‘s Saloon, lassen Sie sich von Mike Callahan ein Glas einschenken, tre- ten Sie an die Linie, bringen Sie einen Trinkspruch aus und pfeffern Sie ihr Glas in den großen offe- nen Kamin, und Sie werden sehen: Gleich ist Ih- nen wohler. Und außerdem finden Sie in Callahans Kneipe immer ein paar Leute, die an allen Ecken von Raum und Zeit die unwahrscheinlichsten Dinge erlebt haben und noch unwahrscheinlichere Ge- schichten darüber zu erzählen wissen. Sie sollten sich keine einzige davon entgehen lassen! Spider Robinson, Gewinner des HUGO GERNS- BACK...
Autor Anonym
Downloads: 0 Abrufe 0

Dokumentinhalt

HABEN SIE VERDRUSS? — dann gehen Sie in Callahan‘s Saloon, lassen Sie sich von Mike Callahan ein Glas einschenken, tre- ten Sie an die Linie, bringen Sie einen Trinkspruch aus und pfeffern Sie ihr Glas in den großen offe- nen Kamin, und Sie werden sehen: Gleich ist Ih- nen wohler. Und außerdem finden Sie in Callahans Kneipe immer ein paar Leute, die an allen Ecken von Raum und Zeit die unwahrscheinlichsten Dinge erlebt haben und noch unwahrscheinlichere Ge- schichten darüber zu erzählen wissen. Sie sollten sich keine einzige davon entgehen lassen! Spider Robinson, Gewinner des HUGO GERNS- BACK AWARD, des NEBULA AWARD und des JOHN W. CAMPBELL AWARD, gehört zu den größten Erzählertalenten der neueren amerikani- schen Science Fiction. Mit »Die Zeitreisenden in Callahan‘s Saloon« und »Für Zeitreisende nur ge- gen bar« setzt er die alte Tradition der Episoden- romane fort, in deren Zentrum eine Kneipe und ihre Besucher stehen, eine Tradition, wie sie einst von Arthur C. Clarke, L. Sprague de Camp und Fletcher Pratt gepflegt wurde und sich durch ih- ren Reichtum an Phantasie und ihr Feuerwerk an Ideen heute wieder größter Beliebtheit erfreut., Von Spider Robinson erschien in der Reihe HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY: Die Zeitreisenden in Callahans Saloon • 06/4321 Für Zeitreisende nur gegen bar • 06/4322 mit Jeanne Robinson: Sternentanz • 06/4082, SPIDER ROBINSON

DIE ZEITREISENDEN IN CALLAHANS SALOON

Mit einem Vorwort von Ben Bova Science Fiction Deutsche Erstveröffentlichung h WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

,

HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/4321 Titel der amerikanischen Originalausgabe CALLAHAN‘S CROSSTIME SALOON TIME TRAVELLERS STRICTLY CASH

(eine Auswahl aus beiden Büchern)

Deutsche Übersetzung von Hilde Linnert Das Umschlagbild schuf Karel Thole Die Illustrationen im Text zeichnete Mark van Oppen

Redaktion: Rainer Michael Rahn und Wolfgang Jeschke Copyright © 1977 und 1981 by Spider Robinson (Einzelrechte jeweils am Schluß der Texte) Copyright © 1986 der deutschen Übersetzungen by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Printed in Germany 1986 Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München Satz: Schaber, Wels Druck und Bindung: Elsnerdruck, Berlin ISBN 3-453-31315-1,

INHALT

Spider Robinson: Der SF-Schriftsteller als Empath Vorwort von Ben Bova Vorbemerkung des Autors Der Kerl mit den Augen (THE GUY WITH THE EYES) Der Zeitreisende (THE TIME-TRAVELLER) Das Dilemma des Tausendfüßlers (THE CENTIPEDE‘S DILEMMA) Das Gesetz von der Erhaltung des Schmerzes (THE LAW OF CONSERVATION OF PAIN) »In Ramah ertönt eine Stimme ...« (»A VOICE IS HEARD IN RAMAH ...«), Unnatürliche Ursachen (UNNATURAL CAUSES) Die wunderbare Verschwörung (THE WONDERFUL CONSPIRACY) RAH RAH R.A.H. (RAH RAH R.A.H.), Ben Bova gewidmet,

Vorwort Spider Robinson: Der SF-Schriftsteller als Empath

von Ben Bova Zu der Zeit, als das Magazin Analog in einem alten Gebäude auf der Lexington Avenue untergebracht war, waren unsere Büros alles andere als stinkvor- nehm. Genau besehen waren sie dreckig. Der Jahr um Jahr von den Kaminen Manhattans produzierte Ruß klebte an den Wänden. Die Schmutzschicht auf den Fenstern war so dick, daß sie beinahe un- durchsichtig waren. (Was das alles mit Spider Ro- binson zu tun hat? Nur Geduld, mein Freund.) Oft trafen junge Science Fiction-Fans in Man- hattan ein und riefen mich von der Grand Central Station aus an, von der eine direkte U-Bahn-Linie zu unseren Büros führte. »Ich bin soeben in New York angekommen und ich habe jede Nummer von Analog gelesen und ich möchte zu Ihnen hinauf- kommen, um zu sehen, wie das Büro eines Sci- ence Fiction-Magazins aussieht«, sagte jeder ein- zelne unweigerlich. Ich erklärte jedem einzelnen, er solle nur ruhig kommen, dürfe aber nicht zuviel erwarten. Keiner beachtete meine Warnung. Der arme Junge kam, herein, starrte mit offenem Mund die Stöße von Manuskripten, die schrottreifen antiken Metall- schreibtische, die Berge von Magazinen und Illu- strationen, die wackligen Aktenschränke und Bü- cherregale an, und seine Augen füllten sich mit Tränen. Er hatte natürlich surrende Computer, Bildte- lefone, summende, unauffällige, effiziente Roboter und überhaupt die Atmosphäre eines »staubfreien« Raums der NASA erwartet. (Unsere derzeiti- gen Büros im brandneuen Condé Nast Gebäude auf der Madison Avenue kommen diesem Traum schon etwas näher.) Der arme Junge stolperte mit gebrochenem Herzen davon, die spitze Nadel der Wirklichkeit hatte die in allen Regenbogenfarben schillernden Seifenblasen seiner Phantasie zum Platzen gebracht. Dennoch schafften wir es trotz der beengten Räumlichkeiten und des allgemeinen Drecks, jeden Monat eine Nummer von Analog herauszubringen, die von mehr Lesern gekauft wurde als jedes Sci- ence Fiction-Buch, Magazin, Pamphlet oder Keil- schrifttäfelchen, das je auf den Markt gekommen ist. Und dann kam Spider Robinson. Um die Wahrheit zu sagen, ich weiß nicht mehr, ob er zuerst ein Manuskript eingeschickt oder an- gerufen und eine Unterredung im Büro vereinbart hat. Ist auch unwesentlich. Und jetzt ist er nach Nova Scotia verschwunden, und lebt zwischen ver-, kümmerten Bäumen und Frostaufbrüchen, wo ihn niemand – nicht einmal ein vergeßlicher Verleger – leicht erreichen kann. Jedenfalls, Spider kommt herein. Ich blicke von meinem Schreibtisch auf und sehe den lan- gen, beinahe zaundürren jungen Mann, der einen Bart und lange Haare trägt, dessen Augen hinter dicken Brillengläsern blinzeln und der spöttisch lächelt, als wüßte er nicht, was ihn erwartet. Ich wußte es auch nicht. Aber ich dachte: Wenigstens wird er sich durch die Innenausstattung nicht abschrecken lassen. Die jungen Leute nämlich, die erwarteten, daß das Analog-Büro wie ein Szenenbild aus 2001: Eine Odyssee im Weltraum aussieht, hatten auch eine fe- ste Vorstellung davon, wie ein Analog-Autor aus- zusehen hat: ein großer, breitschultriger Held mit kantigem Kinn und stählernem Blick, der den Trägheits-Antrieb eines Raumschiffs mit einer Hand reparieren, Freundschaft mit den vierzehn- beinigen grünen Extraterrestriern vom Arkturus schließen und die einander bekämpfenden Staa- ten der Erde unter einer verständnisvollen, wis- senschaftlich geschulten Weltregierung vereinen kann – natürlich alles gleichzeitig, und dazu trägt er einen metallisch schimmernden Overall und ein kühles Lächeln. Es spielt selbstverständlich keine Rolle, daß kein einziger SF-Autor bis jetzt so ausgesehen hat. Na ja, vielleicht kommt Robert A. Heinlein die-, sem Bild am nächsten, und er könnte bestimmt all diese Heldentaten vollbringen, wenn er nur beim Schreiben eine Pause einlegen könnte. Aber Asi- mov wirkt von der Anatomie her nicht gerade wie ein Superman, für Silverberg ist die Politik eine heiße Kartoffel, Bradbury hat nicht einmal einen Führerschein, geschweige denn kann er ein Raum- schiff steuern. So sah jedenfalls die allgemeine Vorstellung vom typischen Analog-Autor aus. Spider Robinson war weiter von ihr entfernt als die meisten seiner Kollegen. Er hatte eine Story mit dem Titel »Der Kerl mit den Augen« mitgebracht. Sehr viel Science Fiction war nicht drin. Aber es war eine verdammt gute Story. Über einen Haufen Verrückter, die in einem wirklich einmaligen Lokal zusammenkommen, das ›Callahans Saloon‹ heißt. Wir gingen zusammen zum Lunch, und Spider erzählte mir, daß er Nachtarbeiter sei – er über- wachte einen Abwasserkanal auf Long Island. Er war alles andere als ein Aussteiger, er machte nicht nur den Kanal-Sitter, sondern schrieb auch Erzäh- lungen und Schlagertexte. Er arbeitet wirklich und er kennt die Science Fiction genau, worüber etli- che Leute verblüfft waren, als er begann, für das Magazin Galaxy Bücher zu besprechen. Er singt auch und begleitet sich selbst auf der Gitarre, und ich habe auf vielen Parties festgestellt, wie gut er das kann. Aber das kam erst später., Ich habe »Der Kerl mit den Augen« gekauft. Als die Story in Analog erschien, erregte sie bei un- seren Lesern einiges Aufsehen. Ich hatte Proteste erwartet, weil es sich nicht um galaxisweite su- perheroische Science Fiction handelte. Statt des- sen schrieben sie mir, daß ihnen Callahans Saloon mächtig Spaß gemacht hätte. Noch mal dasselbe, bitte! Noch mehr aus Callahans Saloon! Ein Verleger verbringt den Großteil seiner Zeit damit, daß er lausige Geschichten liest. John Campell, der fünfunddreißig Jahre lang Leiter von Analog (Mädchenname Astounding) war, hat oft behauptet, daß er im Guiness Buch der Re- korde als der Mann steht, der mehr hundsmise- rable SF-Erzählungen gelesen hat als jeder andere Mensch auf der Welt. (Er hätte vermutlich diese Behauptung auf das gesamte Sonnensystem aus- dehnen können, aber John war gelegentlich sehr konservativ.) Wenn man seine Tage und Nächte – vor allem die Nächte – damit verbringt, elende Erzählungen zu lesen, ist es ein Vergnügen, auf jemanden wie Spider zu stoßen: einen neuen Autor mit einer gu- ten Geschichte. Das gleicht die hundsmiserablen Geschichten wieder aus. Beinahe. Es ist eine Sensation, wenn man aus dem wö- chentlichen Papierwust – dem Berg von Manu- skripten, die die Unbekannten, die Hoffnungs- vollen eingesandt haben, die Schriftsteller sein möchten, aber noch nie etwas Druckreifes ge-, schrieben haben – eine gute Erzählung heraus- fischt. Die wirkliche Sensation kommt jedoch dann, wenn ein neuer Autor seine zweite Geschichte einsendet und sie noch besser ist als die erste. So etwas passiert noch seltener. Es passierte bei Spi- der. Er brachte uns das Manuskript von »Der Zeit- reisende«, und ich wußte, daß ich es mit einem Profi, nicht mit einem Amateur zu tun hatte, der einen Zufallstreffer gelandet hatte. Wir besprachen die Geschichte, bevor er sie zu Ende schrieb. Er machte mich darauf aufmerksam, daß ihm kein Science Fiction-Mätzchen einfiele, das er in die Geschichte einbauen könnte. Ich zer- brach mir den Kopf darüber (Analog ist schließlich ein Science Fiction-Magazin), und dann wurde mir klar, daß der Held tatsächlich ein Zeitreisender ist; seine »Zeitmaschine« war ein Gefängnis. Ungefähr zur gleichen Zeit, als diese Erzählung erschien, kehrten tausende ähnliche Zeitreisende aus nordvietnamesischen Gefängnissen in die USA zurück. Spiders Erzählung hätte für sie und ihre Familien Pflichtlektüre sein müssen. Natürlich murrten einige unserer alten, eher kon- servativ eingestellten Abonnenten. Einer schickte eine förmliche Erklärung, in der er ziemlich besser- wisserisch feststellte, daß diese Geschichte keine Sci- ence Fiction sei, daß er für Science Fiction-Erzäh- lungen bezahle und daß er deshalb sein Abonnement kündige. Ich machte ihn in meiner Antwort darauf, aufmerksam, daß wir über vierzig Jahre lang die be- sten Science Fiction-Stories der Welt veröffentlicht hätten – und da wolle er wegen einer einzigen Erzäh- lung – die, wenngleich eigenwillig, so doch ganz her- vorragend sei – sein Abonnement kündigen? Er hat mir darauf nie geantwortet, und ich nehme an, daß er seither mit Analog und Spider glücklich ist. Callahans Saloon wurde für die Analog-Leser zu einer festen Einrichtung, und Sie können ihn – und alle irre Typen, die dort aufkreuzen – in dieser Sammlung von Erzählungen, die mit der Zeit zu einer Art Episodenroman zusammenwuchsen, der sich um Callahans Saloon rankt, in voller Pracht kennenlernen. Sie lesen etwas wirklich Einma- liges, weil der Mann, der diese Geschichten ge- schrieben hat, ein einmaliger Schriftsteller ist. Ich habe das große Vergnügen gehabt, die meisten die- ser Geschichten in Analog zu veröffentlichen. Ei- nige weitere sind brandneu und bis jetzt noch nir- gends erschienen. Es war auch ein großes Vergnügen, Spider per- sönlich kennenzulernen. Zu sehen, wie er sich als Schriftsteller und als Mensch entwickelte. Er hörte auf, Abwasserkanäle zu bewachen, und arbeitete bei einer Zeitung auf Long Island. Als ihn dieser Job in Gewissenskonflikte stürzte – entwe- der für die Zeitung arbeiten und die Nachrichten frisieren, wie es der Herausgeber will, oder kün- digen –, siegte sein Gewissen. Er wagte den sehr, sehr schwerwiegenden Schritt, seinen Lebensun-, terhalt ausschließlich mit seinem schriftstelleri- schen Talent zu verdienen. Aber Spider schreibt; er spricht nicht über das Schreiben, er tut es. Es war für ihn keineswegs immer leicht. Er hatte persönliche Probleme, wie wir alle. Er hat nicht jede Story, die er zu Papier brachte, sofort an den Mann gebracht. Er war immer knapp bei Kasse. An einem Sommernachmittag holte er eine Freundin vom Bahnhof ab, die aus Nova Scotia kam und noch nie in New York gewesen war. Spider begrüßte sie mit der Mitteilung, daß seine Lunge gerade versagt hätte und er sofort ins Kranken- haus müsse, was ihr hoffentlich nichts ausmachen würde. Die junge Dame (sie heißt Jeanne) brachte ihn nicht nur ins Krankenhaus; sie hat ihn schließ- lich geheiratet. Jetzt leben sie beide in Nova Sco- tia, wo der Stadtmensch Spider festgestellt hat, daß er das ländliche, prachtvolle Leben auf einer Farm liebt. (Ich bleibe lieber in der Wildnis von Man- hattan, wo man sich nur mit Streiks, Zahlungsun- fähigkeit, Überfällen und Pannen bei den Maschi- nen herumschlagen muß. Nova Scotia? Im Winter? Brrr!) Unterdessen wurden Spiders Erzählungen im- mer besser. Er verließ Callahans Saloon. Er machte aus einem komischen Zwischenfall in einem Grey- hound-Bus eine gute, lustige Science Fiction- Story. Er schrieb einen Roman mit so vielen un- wahrscheinlichen Wendungen, daß Ihr Verstand höchstwahrscheinlich kurzzeitig aussetzen würde,, wenn ich Ihnen den Inhalt erzählte. Aber er hat etwas daraus gemacht. Es ist ein verdammt guter Roman, scharf und zugleich menschlich; sein Ti- tel ist Telempath. Inzwischen ist ein weiterer Ro- man erschienen – einer der hervorragendsten SF- Romane der letzten Jahre –, den er zusammen mit seiner Frau Jeanne schrieb: Stardance – Sie kennen ihn bestimmt. Er wurde 1978 als bester Kurzroman des Jahres mit dem HUGO GERNSBACK AWARD und mit dem NEBULA AWARD ausgezeichnet.* Und die Science Fiction-Fans entdeckten, schätzten, genossen seine Erzählungen. 1974 er- hielt er auf dem World SF Con den John W. Cam- pell Award, den Preis als bester SF-Schriftsteller des Jahres. Damals hatte er erst drei oder vier Er- zählungen geschrieben, aber sie waren von der Art, daß man sie einfach nicht übersehen konnte. Und was kommt dabei heraus? Wir haben ei- nen jungen Schriftsteller vor uns, der auf den er- sten Blick wie der typische Hippie-Aussteiger aus- sieht und der auf einem Gebiet, auf dem angeblich nur die Heinleins und Asimovs bewundert werden, Achtung und Bewunderung erringt. Vielleicht kommt es nur daher, daß Spider Ro- binson den neuesten, am stärksten ausgeprägten Trend der heutigen Science Fiction verkörpert. Ver- * deutsch: Sternentanz, HEYNE-BUCH Nr. 06/4082; dabei handelt es sich um die komplette Fassung des Romans; die Preise gingen an den Vorabdruck des ersten Teils, der als ›novella‹ (Kurzroman) gewertet wurde. – Anm. d. Hrsg., dammt noch mal, er ist ein Humanist. Ein Empath. Er reagiert auf menschliche Gefühle: Schmerz, Angst, Freude, Liebe. Und er kann sie aufs Papier übertra- gen wie nur wenige Schriftsteller. Die Science Fiction hat mit Amateurerfindern und Pseudowissenschaft begonnen. Sie entwik- kelte sich in den dreißiger und vierziger Jah- ren durch Schriftsteller wie Heinlein und Asi- mov, die wirklich etwas von Wissenschaft und Technik verstanden, die packende Geschichten von glaubhaften Menschen, von Wissenschaft- lern und Ingenieuren schreiben konnten. In den fünfziger und sechziger Jahren artikulierten sich Ted Sturgeon, Fred Pohl, Harlan Ellison – Schrift- steller, die darauf hinwiesen, daß nicht alles, was aus den Laboratorien kommt, gut und wahr und schön ist. Und dann kommt Spider Robinson und schreibt Erzählungen, in denen es um – na ja, um Men- schen geht. Um Menschen, die leiden, Menschen, die sich amüsieren, Menschen mit Problemen, Menschen, die einander helfen, ihre Probleme zu lösen. Spider kann die Gefühle anderer Men- schen nachempfinden und hilft ihnen, mit diesen Gefühlen fertigzuwerden. Er wirkt wie eine Ge- stalt aus einer frühen Erzählung von Sturgeon – freundlich, sachlich, sehr mitfühlend. Literarisch ist er Sturgeons Erbe. Das waren seine guten Seiten. Er ist auch ein unverbesserlicher Witzbold. Sie werden in al-, len Callahan-Stories unvermittelt auf seine Späße stoßen. Es gibt sogar ganze Abende bei Callahan, in denen um die Wette Witze gerissen werden. Nobody‘s perfect. Spider hat mir einmal einen Zeitungsausschnitt geschickt, auf dem der NASA-Entwurf für eine Toilette abgedruckt war, die während des schwere- losen Zustands im Skylab verwendet werden sollte. Die NASA muß sich eben mit Problemen herum- schlagen, auf die du und ich nicht einmal in unse- ren kühnsten Träumen kommen. Aus dem Quer- schnitt dieses technischen Wunders ersah man, daß sich in der Klosettmuschel ein rotierendes Blatt befindet, das »flüssige von festen Ausschei- dungen trennen soll«, wie es die NASA-Ingenieure schamhaft ausdrückten. Spider hatte mit seiner schauderhaften Schrift eine kurze Notiz über den oberen Teil des Aus- schnitts gekritzelt und einen Pfeil an ihre Ende gesetzt, der untrüglich auf das rotierende Blatt zeigte. Die Notiz besagte: »Ben: So wie ich das Pro- blem sehe, soll die Scheiße den Ventilator tref- fen.« (Zur Illustration für den ahnungslosen Leser: Die Bemerkung bezieht sich auf eine amerikani- sche Redensart, die ungefähr besagt: Jetzt ist die Sache endgültig im Eimer. Stellen Sie sich einmal vor, was passiert, wenn die Scheiße auf den rotie- renden Ventilator trifft ...) Wie gesagt, nobody‘s perfect. Aber Spider kommt da verdammt nahe hin. Lesen Sie von ihm, und seinen Freunden in Callahans Saloon! Genie- ßen Sie es! Copyright © 1977 by Ben Bova,

Vorbemerkung des Autors

Bücher werden aus den blödesten Gründen ge- schrieben. Manche schreibt man, um eine Hypo- thek abzustottern, manche, um die Welt zu retten, manche einfach, weil man nichts Besseres zu tun hat. Eine meiner Lieblingsanekdoten handelt von einem Schriftsteller, der mit einem Freund wet- tete, daß kein Buch so schlecht sein kann, daß sich nicht doch jemand findet, der es veröffent- licht. Wie man sich erzählt, schrieb dieser Schrift- steller daraufhin den schlechtesten, abgedroschen- sten Roman, der ihm einfiel – und er verkaufte ihn nicht nur einem Verleger, sondern das Publikum verlangte darüber hinaus noch zwei Dutzend Fortset- zungen. (Ich kann Ihnen seinen Namen nicht ver- raten: Seine Erben könnten mich deswegen verkla- gen, und ich besitze keine Beweise. Hören Sie sich einmal bei einem SF Con ein bißchen um; es han- delt sich um eine relativ bekannte Anekdote.) Dieses Buch habe ich zufälligerweise ausschließ- lich aus dem Grund begonnen, um aus dem Ab- wasserkanal herauszukommen. Ich meine das wörtlich. 1971, nach sieben Jahren am College, hielt ich das Magische Papier triumphierend in der Hand – und der beste Job, den ich bekommen konnte, war der eines Nachtwächters bei einem Kanalisationsprojekt in Babylon, New York. Ich bewachte ein Loch im Boden, damit es niemand, mitgehen ließ. Gott segne das amerikanische Bil- dungswesen. Wie es sich so ergab, hatte ich dabei jede Menge Zeit. Ich las daher eine Menge Science Fiction, eine Gewohnheit, an der ich seit meinem fünften Lebensjahr beharrlich festhalte. So lernte ich Robert A. Heinleins Endstation Mond kennen. Als ich mich eines Abends bis zur Mitte eines be- sonders eklatanten Beispiels für Sturgeons Gesetz (»Neunzig Prozent der Science Fiction – weltweit – sind Mist«) durchgekämpft hatte, richtete ich mich auf und sagte vielleicht zum zehntausend- sten Mal in meinem Leben: »Mein Gott, ich kann wirklich besser schreiben als diese Rübe.« Und in der Luft über meinem Kopf flammte eine Glühbirne mit ungefähr zweihundert Watt auf. Ich hatte schon einige Erzählungen geschrie- ben und genügend Ablehnungsschreiben gesam- melt, um meine Freunde damit zu beeindrucken; eine der Erzählungen war sogar in einem längst entschlafenen Fanzine namens Xrymph erschienen. (Es ist komisch, aber einer der Irren, die Xrymph herausgegeben haben, ist der Verleger, der das Buch gekauft hat, das Sie jetzt in Händen halten: Jim Frenkel.) Doch zu jener Zeit hätte meine ge- samte Produktion in einem einzigen großen Ku- vert Platz gefunden, und ich könnte ihre Qualität barmherzig mit beschissen umschreiben. Anderer- seits hatte ich noch nie zuvor eine so gute Moti- vation gehabt: Ich wollte aus dem Abwasserkanal raus., Es war Zeit, daß ich ein Profi wurde. Aufgrund meiner vorhergegangenen Mißer- folge wußte ich, daß es mir als Anfänger oblag, ein Thema zu wählen, bei dem ich mich genau auskannte, weil ich noch nicht genügend Routine hatte, um erfolgreich zu bluffen. Daher griff ich nach Drinks. Innerhalb einer Woche hatte ich das erste Kapitel dieses Buches fertig: »Der Kerl mit den Augen.« Ich warf in einer Buchhandlung einen Blick in den Führer für Schriftsteller und stellte fest, daß es für mein Meisterwerk vier Märkte gab. Ich nahm zur Kenntnis, daß Ben Bova fünf Cents pro Wort bezahlte, während alle anderen unter drei blie- ben; und damit begann meine lebenslange Freund- schaft mit Ben. Ich brachte das Werk auf die Post, und er kaufte es, und als ich den Schock über- wunden hatte, den sein Annahmebrief bei mir auslöste, nahm ich meinen ganzen Mut zusam- men, rief ihn an und fragte schüchtern, ob Verle- ger sich jemals dazu herabließen, einige Minuten lang die naiven Fragen von angehenden Schrift- stellern zu beantworten. Ben wies darauf hin, daß die Verleger kaum ohne Schriftsteller existieren könnten, und lud mich zum Lunch ein. Als ich das Büro von Analog betrat (und über den zufäl- lig herumstehenden Hugo stolperte), war beinahe das erste, was er fragte: »Sagen Sie, existiert Calla- hans Saloon tatsächlich? Ich würde leidenschaft- lich gern einmal dort hineinschauen.«, Ich schätze, daß mir diese Frage seit diesem Tag ungefähr 5372 x 1010mal gestellt wurde – von prak- tisch jedem Fan, der mich zu fassen bekam. Ein Herr beklagte sich in einem Brief bitterlich dar- über, daß ich in »Der Kerl mit den Augen« behaup- tet hätte, Callahans Saloon läge in Suffolk County, Long Island. Er schwor bei allen Heiligen, daß er sechs Monate lang jede einzelne Bar auf Long Is- land erforscht hätte, ohne den Saloon zu finden. Ich habe offensichtlich die richtige Saite ange- schlagen. Es tut mir leid, aber ich muß Ihnen das gleiche erzählen wie den übrigen 5372 x 1010 Leuten: so- viel ich weiß, existiert Callahans Saloon nur zwi- schen a) meinen Ohren, b) etlichen Deckblättern von Analog und Vertex, und natürlich c) den Deck- blättern dieses Buches. Falls es dort draußen in der sogenannten realen Welt tatsächlich Callahans Sa- loon geben sollte und Sie wissen, wo er liegt, bitte ich Sie, mir mitzuteilen, wo er zu finden ist, denn ich möchte wirklich gern eine Weile dort Quar- tier nehmen. Inzwischen serviere ich Ihnen ein paar Drinks aus Callahans Saloon, wie ich ihn mir vorstelle. Vorsicht! Sie sind voller Überraschungen. Cheers! Copyright © 1977 by Spider Robinson, »Nichts, was Menschen je erdacht haben, hat soviel Glück beschert wie eine gute Taverne oder ein Gast- haus.« Samuel Johnson

Der Kerl mit den Augen

An diesem Abend ging es in Callahans Saloon ganz schön rund. Die Gäste konnten sich nicht ent- scheiden, ob sie den Mund zum Reden oder zum Trinken des Budweisers verwenden sollten, und Biergläser waren kaum zu bekommen. Trotzdem schaffe es dieser Kerl, beinahe eine Stunde lang in einer Ecke zu sitzen, ohne daß ihn jemand be- merkte. Ich entdeckte ihn erst ein paar Minuten, bevor der allgemeine Wirbel losging, und ich achte streng darauf, daß ich jeden in Callahans Saloon genau unter die Lupe nehme. Vor allem sah ich seine Augen. Man gewöhnt sich bei Callahan an traurige Augen – jeder Neuan- kömmling hat sie –, aber die hier erinnerten mich an einen Kerl, den ich einmal in Topeka kennen- gelernt hatte und der mit einem antiken Revolver vier Leute ins Jenseits beförderte, bevor ihn die anderen erledigten. Ich hoffte verdammt, daß er den Kamin aufsu- chen würde, bevor er sich verdrückte., Wenn Sie noch nie in Callahans Saloon gewe- sen sind, tun Sie mir in tiefster Seele leid. Suchen Sie ihn in der Wildnis von Suffolk County, aber halten Sie nicht nach Neonbeleuchtung Ausschau. Ein einfaches, handgemaltes Schild, das von einem einzigen Scheinwerfer beleuchtet wird, und eine schwere, 1947 vom Kopf eines gewissen Big Beef McCaffrey mittendurch gespaltene Holztür, die behelfsmäßig zusammengeflickt ist. Drinnen gibt es etliche ketzerische Besonder- heiten. Erstens ist die Beleuchtung ungefähr so hell wie in Ihrem Wohnzimmer. Callahan behauptet, daß Menschen, die in finsteren Höhlen trinken, labil sind. Zweitens gibt es einen Einheitspreis. Jeder Drink in dem Saloon kostet einen halben Dollar, aber man hat eine Alternative. Die Alternative sieht so aus: Man legt eine Eindollarnote auf die Theke. Wenn man nur einen Zehndollarschein bei sich hat, trabt man über die Straße ins Delikatessen- geschäft, das die ganze Nacht offen hat, wechselt, kommt zurück und legt eine Eindollarnote auf die Theke. (Callahan behauptet, daß kein vernünftiger Mensch Eindollarscheine fälschen würde; die mei- sten von uns nehmen an, daß er sich einfach gern mit einer Handvoll Dollars den Schweiß vom Ge- sicht reibt, nachdem er die Bar geschlossen hat.) Man bekommt sein bevorzugtes Gift. Man kippt es, und dann steht man vor der Alternative. Man, kann sich unterwegs aus der immer vollen Zigar- renkiste am Ende der Theke zwei Vierteldollar schnappen und in die Nacht entschwinden. Oder man kann, sobald man ausgetrunken hat, zur Krei- delinie mitten im Raum gehen, einen Toast aus- bringen (das ist Vorschrift) und das Glas in den breiten, altmodischen Kamin schleudern, der den größten Teil der Rückwand einnimmt. Dann ver- läßt man das Lokal, ohne die Zigarrenkiste aufzu- suchen. Oder man zaubert einen zweiten Dollar hervor und steht wieder vor der Alternative. Callahan muß die Zigarrenkiste nur selten nach- füllen. Er bestellt die Gläser in solchen Mengen, daß sie ihn beinahe nichts kosten, und fegt jeden Morgen den Kamin eigenhändig aus. Noch eine ketzerische Besonderheit: niemand beobachtet dich mißtrauisch, um sicher zu sein, daß du dir nicht mehr Vierteldollars nimmst, als dir zustehen. Wenn Callahan jemanden erwischt, der ihn betrügt, wirft er ihn höchst persönlich für immer hinaus. Manchmal macht er die Tür vorher nicht auf. Das letzte Mal, als er jemanden hinaus- befördern mußte, schrieben wir 1947, und es han- delte sich um einen Herrn namens Big Beef Mc- Caffrey. Die Feststellung, daß es ein verdammt interes- santes Lokal ist, kommt keineswegs von ungefähr. Von solchen Lokalen hört man nur, wenn man sie braucht – und wenn man sehr viel Glück hat. Denn wenn ein Kunde seinen Trinkspruch ausge-, bracht hat, sein Glas zerschmettert hat und dann noch das Bedürfnis verspürt, über seine Schwie- rigkeiten zu sprechen, wendet ihm sofort jeder Anwesende seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu. (Deshalb die Vorschrift mit dem Trinkspruch. Männer, die einen Kummer mit sich herumtragen und auf diesen Kummer im Trinkspruch zu spre- chen kommen, stellen dabei fest, daß sie unbe- dingt darüber reden möchten. Callahan hat wirk- lich ein kluges Köpfchen.) Andererseits wird nicht einmal der quälendste, rätselhafteste Toast zu neu- gierigen Fragen führen, wenn der Kerl nicht zu er- kennen gibt, daß er seinem Herzen Luft machen will. Jeder, der versucht, mit diesem Brauch zu brechen, wird sofort vom Schnellen Eddie, dem Klavierspieler, geschnappt und durch die Hinter- tür abgeschoben. Aber irgendwie haben viele das Bedürfnis, sich in Callahans Saloon etwas von der Seele zu re- den; und man bekommt hier innerhalb einer Wo- che tiefere Einblicke in das menschliche Wesen als in zehn Jahren in jeder anderen Kneipe, die ich kenne. Vermutlich findet man hier auch Trost für beinahe jede Art von Trübsal, wenn nicht von jemand anderem, dann von Callahan persönlich. Es muß schon ein ganz besonderer Schmerz sein, wenn er die Ratschläge, die Hilfe und das Mitge- fühl von über dreißig Gästen übersteht, die An- teil nehmen. Callahan verliert laufend Stammkun- den. Nachdem sie lang genug bei ihm aufgekreuzt, sind, stellen sie fest, daß sie keinen Kummertrunk mehr brauchen. Um so einen Saloon handelt es sich. Ich möchte nicht, daß Sie sich Callahans Saloon als tränenreiche Gruppentherapie nach Art der An- onymen Alkoholiker vorstellen, bei der Callahan als deftiges Psychoanalytiker-Vatersymbol im Vor- dergrund steht. Verdammt, viele Trinksprüche ru- fen dröhnendes Gelächter hervor, oder der Chor brüllt Zustimmung, oder, wenn die Stimmung an dem Abend besonders angeregt ist, kommen aus dem ganzen Raum Gläser geflogen. Callahan hat nichts gegen Krach; er findet, daß eine Bar »fröh- lich« sein sollte, solange dabei keine Knochen un- absichtlich zu Bruch gehen. Ich weiß noch, wie er Spud Flynn half, ein Sitzkissen anzuzünden, weil dieser eine Wette darüber abgeschlossen hatte, aus welcher Richtung die Zugluft kam. Callahan strahlt zu jeder Zeit monolithische Ruhe aus; und seine Geduld ist länger als der Äquator. Der Abend, von dem ich Ihnen erzähle, war ganz sicher fröhlich. Als ich gegen zehn Uhr ein- trudelte, schlurften die Gäste bei einem schau- derlichen Volkstanz mitten im Raum herum. Ich legte einen Dollar auf die Theke, bekam ein Glas Tullamore Dew und ein Begrüßungslächeln von Callahan und lehnte mich in meinem Stuhl zu- rück – Callahan haßt Barhocker –, um das Leben, und Treiben zu beobachten. Das ist das Besondere an Callahans Lokal: in den meisten Bars tanzen die Männer nur, wenn Damen vorhanden sind. Ganz gleich, von welchem Geschlecht. Ich entdeckte in dem Mahlstrom von Verrück- ten, die auf dem echten Sägemehl torkelten und schlingerten, ein paar vertraute Gesichter und winkte ihnen grüßend zu. Da war Tom Flannery, der damals noch acht Monate zu leben hatte und es wußte; in Callahans Saloon lachte er oft. Da war Slippery Joe Maser, der zwei Frauen hatte, und Marty Matthias, der nicht mehr Karten spielte, und Noah Gonzalez, der beim Bombenentschär- fungskommando von Suffolk County arbeitete. Die Figuren des Volkstanzes sagte Doc Webster an, der dabei einen beinahe echten irischen Jig hinlegte und genauso rund und gemütlich war wie an dem Tag, an dem er mir die Schlafpillen aus dem Magen gepumpt und mich zu Callahan geschickt hatte. Wissen Sie, ich hatte eine Frau und eine Tochter, bevor ich beschloß, die Bremsen an meinem Wa- gen selbst nachzustellen. Ich habe damals gut und gern dreißig Dollar gespart ... Der Doktor überließ die Tänzer ihrem Schicksal – bei ihrer ausgeprägten individuellen Kreativität erübrigte sich ein Ansager – und trieb wie ein rosa Zeppelin zu mir herüber, um mich zu begrüßen. Sein Stethoskop hing lässig an seinen Ohren, und er lächelte wie eine Bestrahlungslampe. Das Ende des Stethoskops baumelte in seinem Drink., »Hallo, Doc, ich habe mich immer schon ge- fragt, wie sie es fertigbringen, daß das verdammte Ding so kalt ist«, begrüßte ich ihn. Er blinzelte wie eine erstaunte Eule und blickte auf den sanfte Blasen werfenden Empfänger in sei- nem Scotch hinunter. Dann lachte er mit Laut- stärke acht, holte das glitzernde Stück heraus und schüttelte es prüfend. »Sie sind hinter mein Geheimnis gekommen, Jake. Behalten Sie es aber bitte für sich«, dröhnte er. »Vielleicht behalten Sie es lieber für sich«, schlug ich vor. Er dachte eine Zeitlang über diese Idee nach, während ich über eines der größten Paradoxa des Lebens nachdachte: Sam Webster, Doktor der Medi- zin. Der Doktor nimmt drei bis vier Mal wöchent- lich am Abend etliche Glas Peter Dawson zu sich. Aber es gibt auf der ganzen Welt keinen besseren Knochenflicker, und seine Wurstfinger können sich wie ein steppender Tausendfüßler bewegen, wenn es sein muß, und dabei zittern sie kaum. Lassen Sie sich von Shorty Steinitz erzählen, wie ihm Doc Webster den Blinddarm auf Callahans Theke herausgeschnit- ten hat – während Callahan mit Gelassenheit dafür sorgte, daß sein Scotchpegel nicht absank. »Dann könnte ich endlich hören, was ich denke«, antwortete der Doktor schließlich, und etliche Leute in Hörweite stöhnten dramatisch auf. »Fassen Sie sich ein Herz, Doktor!« rief je- mand., »Was für eine unimpulsive Idee«, gab er zu- rück. »Schön, ich weiß, wann ich geschlagen bin«, sagte der Herausforderer und wollte sich abwen- den. »Vielleicht bekommen Sie mal einen K.o.- Schlag von Ihrer Schlagader«, brüllte der Doktor, und rings um ihn explodierten Gelächter und Ap- plaus. Callahan griff mit seiner riesigen Hand nach einer Bierflasche und warf sie dem Doktor über die Bar hinweg an den Billardkugelschädel. Weil die Bierflasche aus Schaumgummi war, schnellte sie elegant hoch und landete auf dem Klavier, wo der Schnelle Eddie in einem erbitterten Clinch mit den »C-Jam-Blues« lag. Der Schnelle Eddie gab ein Geräusch wie ein überanstrengter Treibriemen von sich und häm- merte weiter, obwohl die hohen Töne blockiert waren. »Kleines Bier, triff nie ein Klavier«, sang er, als er zum Übergang kam, und er nahm ihn, als wollte er ihn hinter sich in Flammen aufge- hen lassen. Insgesamt sah es nach einem fröhlichen Abend aus, aber dann stolperte der junge Janssen herein, und ich wußte, daß Schwierigkeiten im Anzug wa- ren. Der junge Janssen – wissen Sie, ich kann lange Haare wirklich nicht schlecht machen; ich habe meine nämlich schon lang getragen, als es noch nicht »in« war. Und aus dem gleichen Grund kann, ich Pot nicht schlecht machen. Aber niemand, den ich kenne, hat je etwas Gutes über Heroin sagen können. Schon gar nicht Joe Hennessy, der ver- gangenes Jahr zwei Wochen lang im Krankenhaus gelegen hat, nachdem er den jungen Janssen da- bei erwischt hatte, wie er sich um vier Uhr mor- gens ein wenig Geld für einen Schuß aus seinem Safe holte. Der alte Janssen hat Hennessy jeden Cent zurückgezahlt und den Jungen hinausgewor- fen, und er ist seither immer wieder mal aufge- kreuzt. Angeblich hat er das Zeug immer noch ge- nommen, aber die Polizisten haben ihn nie damit erwischt, obwohl sie sich ehrliche Mühe gegeben haben. Ich fragte mich, was er, zum Teufel, in Cal- lahans Saloon suchte. Inzwischen weiß ich es. Er legte einen zerknüll- ten Geldschein auf die Bar, nahm das Glas Bourbon, das ihm Callahan schweigend hinhielt, und ging zum Kreidestrich. Er zitterte vor unterdrückter Spannung, und seine Schuhe knarrten auf dem Sägemehl. Im Lo- kal wurde es eine Spur leiser, und sein Trinkspruch »Auf den Trip!« war überall zu hören. Dann stürzte er den Whisky hinunter, während es noch stiller wurde, und schleuderte das Glas so heftig, daß wir seine Schultergelenke knacken hörten, bevor es an den harten Ziegeln zersplitterte. Er hatte die Stille geschaffen, und er brach sie auch. Er schluchzte auf. Im gleichen Augenblick blickte er sich jedoch um, um unsere Reaktion zu beobachten., Callahan sagte sofort »Amen!«, was wie ein Echo des zersplitterten Glases klang. Der Junge schaute uns der Reihe nach an, als wäre er wider Wil- len befriedigt. Schließlich fixierte er Doc Web- ster, und der Doktor ging zu ihm hinüber und be- gann vorsichtig, die Ärmel des Jungen aufzurollen. Der Junge versuchte weder, ihm zu helfen noch ihn daran zu hindern. Als beide Ärmel bis zu den Schultern aufgerollt waren – sie waren leuchtend rot, wenn ich mich richtig erinnere –, streckte er schweigend die Arme aus. Sie wiesen überhaupt keine Einstiche auf. Sie waren spindeldürr und kreideweiß, aber nicht zer- stochen. Der Junge war sauber. Wir alle wandten dem Jungen höflich schwei- gend unsere Aufmerksamkeit zu. Für ihn war es eine neue Erfahrung, und er wußte nicht recht, was er damit anfangen sollte. Schließlich sagte er: »Ich habe von diesem Lokal gehört«, aber es klang eine Spur zu trotzig. »Dann mußt du es gebraucht haben«, erklärte Callahan ruhig, und der Junge nickte. »Ich habe gehört, daß man hier manchmal eine Antwort bekommt.« Es war halb eine Feststellung, halb eine Frage. »Gelegentlich«, gab Callahan zu. »Aber es wer- den auch die blödesten Fragen gestellt. Zum Bei- spiel: Wie ist es?« »Meinen Sie einen Trip?« »Ich meine jedenfalls nicht Bourbon.«, In die Augen des Jungen trat ein merkwürdig verträumter Ausdruck, und er lächelte beinahe. »Es ist ...« Er unterbrach sich und dachte ange- strengt nach. »Es ist ... als wäre man tot.« »He«, ertönte eine Stimme aus dem Hinter- grund. »Das ist wirklich ein mächtig gutes Gefühl.« Ich sah hinüber, stellte fest, daß die Stimme Chuck Samms gehörte, und fragte mich, wie der Junge sich dazu stellen würde. Er nahm an, daß Chuck es ironisch meinte, und fuhr ihn an: »Was, zum Teufel, wissen Sie über- haupt darüber?« Chuck lächelte. Eine Menge Leute stellen ihm in einem gänzlich anderen Tonfall diese Frage. »Ich?« wiederholte er ungeheuer vergnügt. »Ich bin tot gewesen, das ist alles.« »Das stimmt«, bestätigte Callahan, während der Unterkiefer des Jungen hinunterklappte. »Chuck war fünf Minuten lang amtlich tot, bevor der Doc seinen Schrittmacher wieder in Gang setzen konnte. Der Kerl war mir Geld schuldig, als er starb, und ich hätte nie das Herz gehabt, es seiner Witwe abzuknöpfen.« »Und es war ein verdammt angenehmes Gefühl«, fuhr Chuck gähnend fort. »Friedlicher als die Schla- fenszeit in einem Kloster. Wenn es nicht so ange- nehm wäre, hätte ich nicht so verdammt viel Angst davor.« Seine Stimme bekam bei den letzten Worten einen scharfen Unterton, aber er fügte sanft hinzu: »Warum, zum Teufel, möchten Sie denn tot sein?«, Der junge Janssen konnte ihm nicht in die Au- gen sehen, und als er sprach, klang seine Stimme spröde. »Wie Sie gesagt haben, Frieden. Ein biß- chen Seelenfrieden, ein bißchen Ruhe. Niemand, der einen den ganzen Tag über anjammert. Wenn man tot ist, besteht immerhin die Möglichkeit, daß jemand um einen trauert, ja? Man freundet sich mit den Würmern an, sieht alles aus einer ande- ren Perspektive, spukt vielleicht ein bißchen, wer weiß? Aber es hat ja keinen Sinn, darüber zu spre- chen. Hat denn keiner von euch jemals Lust ge- habt davonzulaufen?« »Und ob«, bestätigte Callahan. »Manchmal tue ich es sogar. Aber meist laufe ich irgendwohin, von wo ich zurückkommen kann.« Er sagte es so freundlich, daß der Junge nicht beleidigt sein konnte, obwohl er es versuchte. »Wovor davonlaufen, mein Sohn?« erkundigte sich Slippery Joe. Der Junge hatte es zu lange in sich hineingefres- sen; daher explodierte er. »Wovor? Mein Gott, wo soll ich anfangen? Da war dieser Krieg, und sie woll- ten, daß ich mitkämpfe. Und dann gibt es die Colle- ges, und sie wollen, daß einem an diesem Bildungs- trip etwas liegt, aber ihnen liegt so wenig daran, daß sie ihn nicht einmal so attraktiv machen wie Schwar- zen Peter. Dann haben wir die Luft, die man angeb- lich nicht atmen kann, und Wasser, das man nicht trinken kann, und Nahrung, die ein Geier stehenlas- sen würde, und herrliche Zukunftsaussichten. Man, bekommt keine Arbeit, wenn man kein Auto hat, das man sich nicht einmal leisten könnte, wenn man Ar- beit hätte, und wenn man Arbeit bekommt, verdient man fünf Dollar weniger, als die Miete ausmacht. Im Fernsehen machen sie Reklame für Karatekurse für Vierjährige, die neuen Kleider des Präsidenten wa- ren auch nicht kugelsicher, die nächste Wirtschafts- krise wartet hinter der Ecke, und Sie fragen mich, wovor ich davonlaufe? Mann, ich bin seit sieben Monaten sauber, und in diesen verdammten sieben Monaten habe ich diese Insel abgeklappert wie ein Vertreter, und es gibt nichts für mich. Keine Arbeit, keine Freunde, keine Wohnung, in der ich so lange leben kann, daß der Fußboden schmutzig wird, kein Geld, und niemanden, der nicht auf mich zeigt und ›Junkie‹ sagt, und dabei lasse ich es sieben Monate lang bleiben, und Sie fragen mich, wovor ich davon- laufe? Mann, einfach vor allem!« In diesem Augenblick bemerkte ich den Kerl in der Ecke, den mit den Augen. Erinnern Sie sich an ihn? Er beugte sich aufmerksam vor, sein Mund war ein schwarzer Strich, und sein Gesicht gespannt wie ein Trommelfell. Seine gespensti- schen Augen ließen den Jungen keinen Augen- blick lang los, aber irgendwie war ich davon über- zeugt, daß er uns alle beobachtete, jeden einzelnen im Raum. Keiner wußte eine Antwort für den jungen Janssen. Im Lokal saßen lauter Männer, die ge-, lernt hatten zuzuhören, mitzufühlen, die versuch- ten, den Kummer des anderen zu verstehen und zu teilen. Und keiner sagte ein Wort. Ihre Gedanken gingen weit über die hervorgesprudelten Worte ei- nes gequälten Jungen hinaus, und sie fragten sich, ob diese verrückte, verworrene Welt nicht viel- leicht doch für einen Halbwüchsigen die Hölle war. Die meisten von ihnen wußten schon sehr genau, daß die Gesellschaft dem Sünder niemals vergibt, aber sie erkannten bestürzt, wie schmal und trostlos der Pfad der Tugend in den letzten Jahren geworden ist. Sie hatten all das natürlich schon vorher ge- hört, so oft, daß es abgedroschen klang. Doch jetzt fiel ihnen auf, daß diese abgedroschenen Phrasen schuld daran waren, wenn ein junger Mann be- hauptete, es wäre ein schönes Gefühl, tot zu sein, und auf allen Gesichtern spiegelte sich eine Frage: Um Himmels willen, wann haben wir denn zugelassen daß diese Dinge zu abgedroschenen Phrasen werden? Die Probleme der heutigen Jugend waren nicht mehr ein Leitartikel in der Sonntagszeitung oder eine Nachricht im Fernsehen oder etwas anderes, ebenso Fernes und Verschwommenes, sondern sie hatten sich plötzlich in einen schmutzigen, zit- ternden Jungen verwandelt, der in dieser Welt, die wir mit unserem Schweiß und Blut für ihn errich- tet hatten, nicht nur genug vom Leben, sondern so wenig Angst vor dem Tod hatte, daß er eine Zeit- lang täglich zur Erholung gestorben war., In Callahans Lokal machte sich Stille breit. Nie- mand hatte etwas zu sagen, und der Kerl mit den Augen schien es zu wissen, und dieses Wissen schien ihm eine verrückte, bittere, innerliche Be- friedigung zu verschaffen. Er wollte sich schon zu- rücklehnen, als Callahan die Stille unterbrach. »Dann lauf«, sagte er. Genauso, tonlos, ohne Ausdruck, nur: »Dann lauf.« Die Aufforderung hing etwa zehn Sekun- den in der Luft, während er und der Junge einan- der in die Augen sahen. Auf die Stirn des Jungen traten Schweißper- len. Langsam, mit zitternden Fingern griff er un- ter seine Lederjacke in seine Hemdtasche. Seine Knöchel waren weiß, als er eine flache, glänzende, schwarze, etwa acht mal vier Zentimeter große Schachtel herauszog. Er blickte Callahan weiterhin starr in die Augen, als er sie öffnete und hochhielt, so daß wir alle die blitzende Injektionsspritze se- hen konnten. Sie sah nicht aus, als wäre sie je- mals benützt worden; er mußte sie eben erst ge- stohlen haben. Er hob sie einen Augenblick ins Licht, schaute an seinem nackten, sauberen Arm entlang zu ihr hinauf, dann drehte er sich um und warf sie mit- samt der Schachtel in den Kamin. Noch während sie zersplitterte, schickte er ihr einen Zellophan- beutel mit weißem Pulver nach, und das Pulver brannte mit grüner Flamme, während die Stille weiterhin in der Luft hing. Dem Kerl mit den Au-, gen war es offenbar nahegegangen, und er blieb steif aufgerichtet sitzen. Im nächsten Augenblick stand Callahan vor der Theke, reichte dem jungen Janssen ein Glas Bier, das er irgendwie herbeigezaubert hatte, und dröhnte: »Willkommen daheim, Tommy!« Keiner im Lokal war eigentlich darüber erstaunt, daß nur Callahan den Vornamen des Jungen kannte. Wir drängten uns um den Jungen, klopften ihm auf die Schulter, und er weinte sogar ein wenig, bis wir ihm Bier über den Kopf gossen, und bald sah es so aus, als würde es doch noch eine fröhli- che Nacht. In diesem Augenblick stand der Kerl mit den Augen auf, und alle verstummten und sahen ihn an. Das klingt vielleicht melodramatisch, aber es war so. Wenn er sich bewegte, stand er unweiger- lich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Er war groß, unglaublich groß, beinahe zwei Meter zehn, und ich habe nie begriffen, warum er uns nicht so- fort aufgefallen war. Er trug einen schlechtsitzen- den schwarzen Anzug aus dem letzten Schlußver- kauf, und auch mit seinen Schuhen stimmte etwas nicht. Irgendwann erfaßte ich, daß er den rech- ten Schuh am linken Fuß trug und umgekehrt, aber das überraschte mich dann auch nicht mehr. Er war dünn, braungebrannt, sein Mund war zu- sammengepreßt, aber sein Gesicht bestand vor al- lem aus Augen; ich träume immer noch ab und zu von diesen Augen und wache dann schweißgeba-, det auf. Sie waren wie Fenster zur Hölle, zu der sehr persönlichen, geheimen Hölle eines Mannes, der vor einem Dilemma steht, das er nicht lösen kann. Sie blinzelten kein einziges Mal. Er schlurfte zur Theke, und etwas stimmte auch mit seinem Gang nicht – als klettere er mit ma- gnetischen Schuhen die Wand hoch und habe den Trick noch nicht ganz heraus. Er nahm zehn Ein- dollarscheine aus der Jackentasche – meiner An- sicht nach ein merkwürdiger Aufbewahrungsort für Kleingeld – und legte sie nebeneinander auf die Theke. Callahan kehrte aus weiter Ferne zurück und ha- stete wieder hinter die Theke. Er sah den Frem- den von oben bis unten an und stellte dann zehn Schnapsgläser vor ihn. Er füllte jedes mit Whisky, trat schweigend zurück, fuhr sich mit seiner gro- ßen, roten Hand durch das langsam schütter wer- dende Haar und sah den Fremden unbeteiligt an. Der dunkle Riese kippte den ersten Drink, schlurfte zur Kreidelinie, sagte mit einem merk- würdigen Akzent: »Auf meinen Beruf«, und warf das Glas in den Kamin. Dann kehrte er zur Theke zurück und wieder- holte den Vorgang. Zehnmal. Beim letzten Glas fielen Ziegelstückchen in den Kamin. Als das letzte »Auf meinen Beruf« verklungen war, drehte er sich um und sah uns an. Er wartete, gespannt auf Fragen oder eine Herausforderung. Nichts kam. Er drehte sich halb um, hielt inne, wandte sich uns wieder zu und holte ein paar- mal tief Luft. Als er dann sprach, marterte seine Stimme unsere Ohren. »Mein Beruf, meine Herren«, sagte er mit sei- nem komischen Akzent, den ich nicht lokalisie- ren konnte, »ist der eines vorgeschobenen Spä- hers. Und zwar für eine Rasse, deren Heimat viele Lichtjahre von der Erde entfernt liegt. Viele, viele Lichtjahre.« Er unterbrach sich und wartete un- sere Reaktion ab. Zehn Whiskies genügen anscheinend, damit er sich als Marsianer fühlt, dachte ich. Na so was! Freue mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Popeye, der See- mann. Es war offenbar nicht zu übersehen, daß wir alle das gleiche dachten, denn er stellte müde fest: »Um besoffen zu werden, brauche ich wesentlich mehr Äthan, meine Herren.« Niemand antwortete, und er wandte sich an Callahan. »Sie wissen, daß ich nicht betrunken bin.« Callahan musterte ihn fachmännisch und ver- kündete schließlich: »Nein, Sie sind nicht blau. Ich versteh es nicht, verdammt, aber Sie sind nicht blau.« Der Fremde nickte dankbar und wandte sich von nun an direkt an Callahan. »Ich bin seit drei Tagen hier. In zwei Stunden bin ich fertig. Wenn ich fertig bin, begebe ich mich nach Hause. Nach- dem ich fort bin, wird euer Planet verdampft wer-, den. Ich habe Daten gesammelt, die zur Vernich- tung eurer Rasse führen, sobald meine Herren sie in Händen halten. Meine Herren werden euch als Krebszellen betrachten, die alles infizieren, was mit ihnen in Berührung kommt. Wir werden euch nicht erlauben, weiter zu existieren. Ihr werdet geheilt werden. Und ich bereue, daß ich diesen Beruf ergriffen habe.« Vielleicht hätte ich ihm an einem anderen Ort nicht geglaubt. Aber in Callahans Saloon ist al- les möglich. Verdammt, wir glaubten ihm alle. Der Schnelle Eddie meldete sich: »Können wir etwas da- gegen unternehmen?« Und er meinte es vollkommen ernst. Beim Schnellen Eddie merkt man das sofort. »Ich bin hilflos«, antwortete der riesige Fremde sachlich. »Ich enthalte ... Vorrichtungen ..., die ich nicht beeinflussen kann – und ihr könnt es auch nicht. Ich habe alle Daten aufgezeichnet, die ich in diesen drei Tagen ermittelt habe; in zwei Stunden wird mein Programm abgerufen, und es wird meinen Herren seinen Speicherinhalt über- mitteln.« Ich blickte auf die Uhr: es war elf Uhr fünfzehn. »Die Schlüsse, die meine Herren daraus ziehen werden, sind unvermeidbar. Ich kann die Übertragung nicht verhindern; ich kann es nicht einmal versuchen. Ich bin gegenprogrammiert.« »Warum arbeiten Sie in dieser Branche, wenn es Sie so nervt?« wollte Callahan wissen. Ohne jeg- liche Feindseligkeit, ohne die geringste Panik. Er versuchte, den anderen zu verstehen., »Ich bin gewöhnt, auf meine Arbeit stolz zu sein«, erklärte der Fremde. »Ich sichere die Wege meiner Herren. Sie dürfen nicht von kriegerischen Rassen bedroht werden. Ich gehe voraus, um die Gefahr zu erkennen, und sorge dafür, daß sie aus dem Weg geschafft wird. Ich glaube, daß es ein an- ständiger Beruf ist. Ich habe es geglaubt.« »Warum haben Sie es sich anders überlegt?« er- kundigte sich Doc Webster mitfühlend. »Dieses Lokal, dieses ... ›Bar‹-Lokal, in dem wir uns befinden – das ist nicht wie die übrigen, die ich gesehen habe. Draußen gibt es Haß, Konkur- renzneid, moralische Grundsätze, die zur Ethik erhoben werden, Vorurteile, die zu moralischen Grundsätzen erhoben werden, Launen, die zu Vor- urteilen erhoben werden, lauter Dinge, die ich bis zum Überdruß kenne, die klassischen Symptome der Krankheit. Aber hier ist es anders. Hier in diesem Lokal spüre ich Eigenschaften, Fähigkeiten, von denen ich nicht wußte, daß eure Gattung sie besitzt, Ei- genschaften die überall im erforschten Universum die Dinge ausschließen, die ich beobachtet habe. Es sind gute Eigenschaften ... Sie bereiten mir gro- ßen Kummer wegen eures unabwendbaren Hin- scheidens. Sie schmerzen mich. Oh, wenn ich mein Getriebe anhalten könnte«, rief er. »Ich habe nicht gewußt, daß Liebe in euch ist!«, In der Stille, die darauf eintrat, erklärte Callahan einfach: »Natürlich besitzen wir sie, Sohn. Sie ist heutzutage vielleicht ein bißchen spärlich gesät, aber es gibt sie. Es wäre wirklich eine Schande, wenn das alles in Rauch aufginge.« Er betrachtete die Whiskyflasche, die er immer noch in seiner großen Hand hielt, und nahm geistesabwesend ei- nen kräftigen Schluck. »Halten Sie es für möglich, daß Ihre Herren es auch so sehen wie Sie?« »Bestimmt nicht. Sogar ich sehe noch immer ein, daß ihr vernichtet werden müßt, um die Si- cherheit meiner Herren zu gewährleisten. Aber zum ersten Mal seit ein paar Jahrtausenden be- dauere ich meinen Beruf. Leider ist das alles, was ich tun kann.« »Keine Möglichkeit, daß Sie Sand ins Getriebe streuen?« »Keine. Solange ich lebe und bei Bewußtsein bin, findet die Übertragung statt. Ich kann nicht den Willen aufbringen, sie aufzuhalten. Ich habe es schon gesagt: Ich bin gegenprogrammiert.« Noah Gonzalez‘ Gesichtsausdruck wurde weich, und er brummte: »Himmel, Junge, du hast‘s wirk- lich nicht leicht.« Zustimmendes Gemurmel erhob sich, und Callahan nickte bedächtig. »Das ist hart, Bruder. Ich möchte nicht in Ih- rer Haut stecken.« Er sah uns vollkommen verblüfft an; in den Schmerz in seinen schrecklichen Augen mischte sich jetzt Verwirrung. Shorty reichte ihm einen, weiteren Drink, und er sah ihn an, als wüßte er nicht, was er damit anfangen sollte. »Sagen Sie uns, wieviel Sie brauchen, Mister«, forderte Shorty ihn höflich auf, »und wir lassen Sie vollaufen.« Der hochgewachsene Mann mit der sternver- brannten Haut stöhnte aus tiefster Seele und wich zurück, bis er im Kamin stand. Er und die Flam- men kümmerten sich nicht um einander, und nie- mand war darüber erstaunt. »Was ist mit euch los?« schrie er. »Warum ver- nichtet ihr mich nicht? Ihr Dummköpfe, ihr müßt mich nur vernichten und seid gerettet. Ich bin euer Richter. Ich bin eure Geschworenen. Ich werde euer Henker sein.« »Sie haben sich den Beruf nicht ausgesucht«, beruhigte ihn Shorty sanft. »Sie sind nicht daran schuld.« »Aber ihr versteht mich nicht! Wenn meine Da- ten nicht übermittelt werden, nehmen meine Her- ren an, daß ich zerstört wurde, und werden dieses Sonnensystem für immer meiden. Nur jemand, der meinen Herren gleich oder überlegen ist, könnte meine Verteidigungsmechanismen außer Gefecht setzen, aber ich kann sie steuern. Ich werde sie nicht benützen. Versteht ihr mich? Ich werde meine Verteidigungsmechanismen nicht einschal- ten – ihr könnt mich vernichten, euch und eure Rasse retten, und ich werde euch nicht daran hin- dern. Tötet mich!« kreischte er., Es folgte eine lange, lange Pause, vielleicht eine oder zwei Sekunden lang, dann zeigte Callahan auf den Drink, den Shorty dem Fremden immer noch hinhielt, und knurrte: »Trinken Sie lieber das da, Sportsfreund. Sie haben es verdammt nötig. In mei- nem Lokal jemanden umbringen! Spülen Sie sich den Mund mit dem Bourbon aus und kommen Sie aus dem Kamin raus. Ich will ihn benützen.« »Ja, ich auch«, kam es von allen Seiten, und der große Kerl sah aus, als würde er im nächsten Au- genblick zu weinen beginnen. Die Gespräche ka- men wieder in Gang, und der Schnelle Eddie be- gann »Ich will die Welt nicht in Brand stecken« zu klimpern – und das war wirklich sehr geschmack- los von ihm. Einige Jungs wanderten nachdenklich in die Nacht hinaus, um es ihren Familien mitzuteilen oder ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Wir üb- rigen hatten keine solchen Sorgen und schlender- ten zu dem Fremden hinüber, um ihm Trost zuzu- sprechen. Ich meine, wo soll ich mich sonst beim Jüngsten Gericht aufhalten? Er setzte sich, und auf dem Tisch vor ihm stand Alkohol in allen möglichen Varianten. Er sah wie ein verwundeter Riese zu uns herauf. Aber keiner von uns wußte, wie er anfangen sollte, deshalb er- griff Callahan als erster das Wort. »Sie haben uns noch nicht Ihren Namen gesagt, mein Freund.«, Der Fremde sah ihn erschrocken an und blieb einen endlosen Augenblick lang vollkommen un- beweglich, steif wie ein Zaunpfahl sitzen. Sein Gesicht verzerrte sich entsetzlich, als tobe in ihm ein ungeheurer Kampf, und an seinem Hals tra- ten Muskelstränge hervor, die gar nicht dorthin gehörten. Doc Webster begann ein leises Selbst- gespräch. Plötzlich lief der Fremde blau an, zitterte wie ein gespanntes Stahlseil und entspannte sich dann unvermittelt mit einem lauten Atemzug. Er zuckte ein paarmal vorsichtig die Schultern, als wolle er sich vergewissern, daß sie noch an ihrem Platz wa- ren, wandte sich Callahan zu und erklärte klar und deutlich: »Ich heiße Michael Finn.« Die Antwort hing lang in der Luft, während wir alle wie versteinert warteten. Dann verzog sich Callahans Gesicht zu einem breiten Grinsen, und er dröhnte: »Aber natürlich! Klar, natürlich, Mickey Finn.* Ich habe Sie einen Augenblick lang nicht erkannt, Mr. Finn«, und da- mit verschwand er hinter die Theke. Seine großen Hände werkten eifrig, und als er mit einem gro- ßen Glas auftauchte, das mit einer dunklen Flüs- sigkeit gefüllt war, begriff auch der letzte von uns. Wir machten ihm eifrig Platz, Callahan stellte das Glas vor den Fremden hin und trat ehrerbietig zu- rück. * Slangausdruck für Betäubungsmittel, Der Fremde blickte uns einen Augenblick lang an, und dieser Blick machte uns stolz. Denn aus seinen Augen waren die Verzweiflung, das Schuld- bewußtsein, die Angst, das Entsetzen und bei- nahe die ganze Hoffnungslosigkeit verschwunden; sie waren nur noch Augen. Augen wie deine und meine. Dann hob er sein Glas und wartete, und wir alle tranken mit ihm. Noch bevor das letzte Glas ge- leert war, fiel sein Kopf krachend auf die Tisch- platte. Wir mußten den Fremden hochstemmen und ihn in das Hinterzimmer verfrachten, in dem Callahan ein Feldbett stehen hat; und ich kann euch sagen, er war voll. Außerdem schnarchte er über drei Tonleitern hinauf und herunter. Copyright © 1977 by Spider Robinson,

Der Zeitreisende

Natürlich war es zu erwarten gewesen. Die Gäste in Callahans Saloon lesen zwar genauso Zeitung wie alle anderen Menschen, und vor drei Tagen hatte es eine Diskothek drüben bei der Jericho- Mautstelle erwischt. Aber irgendwie war keiner darauf gefaßt, als es passierte. Woher sollten wir es auch wissen? Natürlich ist Callahans Lokal nicht so weltabgeschieden, daß nichts es berühren könnte. Weiß Gott, die mei- sten Unannehmlichkeiten der Welt, alte und neue, kommen früher oder später auch bei Callahan zur Tür herein – aber für gewöhnlich halten sie eine Dollarnote in der Hand, nicht eine 45er Automa- tik. Außerdem war er ein so verhutzelter kleiner Kerl. Und zu allem Überfluß war Punday-Abend.* Punday-Abend ist einmal in der Woche die At- traktion in Callahans Bar – wenn man es so aus- drücken kann. Leute, die das Lokal an einem Diens- tagabend zum erstenmal besucht haben, sind laut schreiend in die Nacht hinausgestürzt und hatten es so eilig, von hier wegzukommen, daß sie ihre vollen Biergläser stehen ließen. Da wäre zunächst der Sonntag, nicht wahr, und dann kommt für ge- * Wortspiel-Abend, wöhnlich der Montag, und dann Punday. An die- sem Tag trudeln die Jungs gegen halb acht ein, und bald darauf hören sie auf herumzuflachsen, schie- ben statt dessen die Bierkrüge in Reih und Glied, der Schnelle Eddie steht von seinem ramponierten Klimperkasten auf und beginnt, die Tische zusam- menzuschieben. Jeder sucht sich unauffällig einen günstigen Platz, weil das am Punday-Abend un- glaublich wichtig ist. Einige von den Neulingen beginnen sich gegenseitig aufzuwärmen, und die ersten Seufzer werden laut. »Sag mal, Fogerty, kennst du den Unterschied zwischen Jungfrau und junger Frau?« »Nein, schieß los!« »Ein ›er‹ dazwischen.« Und schon wieder fliegen drei oder vier Gläser in den Kamin. Natürlich trinken die Stammgäste, die Oldti- mer, friedlich ihr Bier und sparen sich ihre Muni- tion auf. Sie tragen nur wenig zu den Glasscher- ben bei, die sich im Kamin häufen – obwohl ihre Trinksprüche, wenn sie sich zu einem entschlie- ßen, nicht von schlechten Eltern sind. Gegen elf watschelt Doc Webster nach seinen Krankenbesuchen herein, und im Lokal wird es still. Der Doc gestattet, daß man ihm Mantel und Arzttasche abnimmt, holt sich bei Callahan ein Bierglas voll Whisky ab und nimmt seinen Platz am oberen Ende der vereinigten Tische ein wie ein Dampfer, der in den Hafen einläuft. Dann faltet er, die Hände über dem gewaltigen Bauch und wen- det sich an die Gruppe: »Welches Thema ist heute dran?« In diesem Augenblick entscheidet es sich, wie der Abend verläuft. Vielleicht bekommst du ein gutes Thema, vielleicht auch nicht – ich kann es nur an einem Beispiel erklären: »Wie wäre es mit ein bißchen anregender Mu- sik, Schneller Eddie?« fragt Callahan. »Damit hätten wir das Problem angestimmt«, er- klärt Doc Webster, und der Kampf hat begonnen. »Ich habe schon sowas läuten hören«, antwortet Shorty Steinitz schlagfertig, und rechts von ihm schnaubt Longdrink-McGonnigle. »Sie bringen mich ganz aus dem Takt«, meint er anklagend, worauf ihm Tommy Janssen rät, mal Pause zu machen, und wenn Callahan endlich dar- auf hinweisen kann, daß »das kein Konzertsaal, sondern eine Bar ist«, sind sie schon mitten drin im Spiel. Wenn das Thema einmal festgelegt ist, geht es im Uhrzeigersinn von Doc Webster im Kreis herum, und wenn du an der Reihe bist und keinen Kalauer anbringen kannst, bist du drau- ßen. Gegen ein Uhr früh hat es sich für gewöhn- lich zu einem erbitterten Kampf zwischen den wirklichen Profis zugespitzt, denen vollkommen klar ist, daß jedem, der zur Sperrstunde noch nicht ausgeschieden ist, die Zeche erlassen wird. Es ist Ehrensache, am Punday-Abend viel zu trin- ken, um zu beweisen, wie sicher man seiner Sa-, che ist. Als mir das zum ersten Mal auffiel und ich Callahan fragte, wer eigentlich die Idee mit Punday gehabt hatte, behauptete er, daß er sich nicht daran erinnern könne. Ein schlauer Fuchs, dieser Callahan. An dem besagten Abend hatten wir eine Menge Alkohol und noch mehr Gehirnschmalz verbraucht. Das Thema war so ergiebig, daß man es stundenlang ausschlachten konnte: »Elektri- zität«. Gegen Viertel nach eins ging der Wirbel los. Der Abend war mörderisch gewesen, und im Rennen lagen nur noch der Doc, Noah Gonzalez und ich. Ich war entschieden aufgeladen. »Ich glaube, die Zähler in dieser Runde gehen an mich«, meinte der Doc und verleibte sich en- gelhaft lächelnd ein halbes Glas Scotch ein. »Wir sind alle von unerträglicher Spannung er- füllt«, erklärte Noah sofort. »Ich verliere gleich die Fassung«, stimmte ich begeistert zu. Der Doc verzog das Gesicht, was ihm bei der zur Verfügung stehenden Fläche nicht schwer fiel, und funkelte mich an. »Schalten Sie vielleicht auf hochnäsig?« fragte er. »Ach, ich weiß nicht«, unterbrach ihn Noah. »Der Junge ist eben auf Draht.« »Sehen Sie, Doc?« Ich lachte verzweifelt, denn ich begann Wirkung zu zeigen. »Noah findet eben, daß ich nicht auf der Leitung stehe.«, Aber Doc Webster sah mich nicht an. Er schaute nicht einmal in meine Richtung, sondern starrte unverwandt über Noahs rechte Schulter hinweg. »Zu meinem Bedauern muß ich allen Anwesen- den mitteilen«, begann er vollkommen ruhig, »daß der Gentleman an der Theke keinen Blitzableiter in der Hand hält.« Ungefähr dreißig Köpfe fuhren gleichzeitig herum, und da stand tatsächlich ein Typ mit ei- ner 45er Automatik in der Hand vor der Theke, und Callahan schaute gelassen in die Mündung. Er hielt dem Revolverhelden einen Salzstreuer ent- gegen. »Was soll das?« fragte der Räuber. »Ich möchte die Spritze einpökeln, damit Ih- nen die Sache nicht im Magen liegen bleibt«, er- klärte Callahan. Ein Überfall-Profi hätte darauf reagiert, indem er ein bißchen mit dem Ballermann herumgefuch- telt oder sogar eine der Flaschen hinter der Theke heruntergeschossen hätte. Dieser Kerl wurde aber nur noch deprimierter. Außerdem sah er gar nicht wie ein echter Über- fall-Profi aus; ich hätte ihn jedenfalls für einen erfolglosen Versicherungsagenten gehalten. Er war klein, schmächtig, hatte eine Stirnglatze, und die Goldfassung seiner Brille schnitt tief in sei- nen Nasenrücken ein. Sein Gesicht war vollkom- men unauffällig, eine Walter-Mitty-Karikatur der Verzweiflung, und mir fiel unwillkürlich ein, daß, etliche unserer prominenten Raubmörder Walter- Mitty-Typen* gewesen sind. Dann ließ der Schnelle Eddie, der am Klavier saß, eine Hand langsam zu dem kleinen Totschlä- ger gleiten, den er für Notfälle im Stiefel versteckt hat, und ich versuchte, mich daran zu erinnern, ob ich meine letzte Versicherungsprämie bezahlt hatte. Die halbe Portion von Räuber sah Callahan in die Augen und hielt die Waffe ruhig auf ihn ge- richtet. Callahan lächelte. »Wollen Sie einen Drink zum Hinunterspülen?« Dem Knaben mit der Kanone kam plötzlich seine gesamte Entschlußfreudigkeit abhanden, er ließ die Hand sinken und blickte sich fragend im Kreis um. Callahan zeigte auf den Kamin, und der Bursche nickte dankend. Der Revolver beschrieb träge einen Bogen, landete in dem Haufen Glas- scherben und klirrte dabei wie Kleingeld in der Hosentasche. Man hätte annehmen können, daß der Revol- ver eine Fensterscheibe durchschlagen hatte und daß draußen ein Sturm tobte, aber das Wu-u-usch, das jetzt folgte, kam aus den Kehlen von ein paar Dutzend Männern, die gleichzeitig ausatmeten. Die Hand des Schnellen Eddie glitt wieder auf die Tasten, und Callahan mahnte den Revolverfrit- zen leise: »Sie haben den Trinkspruch vergessen, Sportsfreund.« * Figur aus einer Erzählung von James Thurber, Ich nahm an, daß der Räuber verlegen grinsen würde, aber anscheinend wußte er über die Bräu- che in Callahans Lokal Bescheid, denn er nickte nur und brachte seinen Trinkspruch aus: »Auf den Fortschritt!« Logischerweise stellten die Gäste jetzt die wil- desten Vermutungen an, aber keiner sprach ein Wort. Wir warteten ab, ob der Räuber Lust haben würde, uns zu erzählen, was er gegen den Fort- schritt hatte, und wenn Sie das verstehen, sind Sie auf dem besten Weg zu verstehen, worum es in Callahans Saloon überhaupt geht. In jedem ande- ren Lokal wären die Gäste der Meinung gewesen, daß ihnen ein Mann, der gerade erst eine Kanone in Stellung gebracht hatte, eine Erklärung, viel- leicht sogar ein paar Zähne schuldig ist. Wir hin- gegen saßen geduldig herum und hofften, daß er mit seiner Geschichte herausrücken würde. Das tat er denn auch. »Der Fortschritt kennt kein Mitleid und kein Ziel. Er ist einfach plötzlich da. Er verschlingt al- les, was man jemals gewußt hat, spuckt Dinge aus, die man nicht verstehen kann, und offenbar ist er nur dazu da, damit ein paar Leute eine Menge Geld verdienen können. Wozu, zum Teufel, ist der ver- dammte Fortschritt überhaupt gut?« »Er sorgt dafür, daß du nicht einrostest«, er- klärte Slippery Joe Maser ernsthaft. Sie wissen ja, Joe hat zwei Frauen, und er ist daher alles andere als eingerostet., »Sie dürften recht haben«, antwortete der wie ein Schreibtischhengst aussehende Ganove, »aber im Augenblick hätte ich gegen ein bißchen Rost nichts einzuwenden. Ich bin jahrelang hüfttief in ihm gesteckt und habe nicht gewußt, wie gut es mir ging.« »Trinken Sie einmal das da, denn werden Sie sich gleich besser fühlen!« Callahan hielt ihm ein Glas hin und zog dabei die zweite Hand unter der Theke hervor, in der er eine abgesägte Schrotflinte hielt. »Na sowas«, staunte Callahan, als bemerke er die Flinte zum erstenmal. »Die hatte ich voll- kommen vergessen.« Er legte sie wieder unter die Theke, und der Bandit mit dem schütteren Schei- tel schluckte. »Holen Sie sich einen Stuhl, Bruder, verraten Sie uns, wie Sie heißen, und wenn Sie in Schwie- rigkeiten stecken, von denen ich noch nie ge- hört habe, bekommen Sie eine Kiste nach Ihrer Wahl.« »Nennen Sie mich I. W. Harper.« »Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu ma- chen, Mr. Harpoooooh«, sagte Doc Webster, des- sen Stimme bei der letzten Silbe immer höher ge- worden war, weil ihm Longdrink-McGonnigle seine Schuhgröße zweiundfünfzig kräftig auf den Rist gestellt hatte. Longdrink schaltet eben sehr schnell. »Ich heiße Hauptman«, erklärte der Fremde und griff nach dem Drink. »Thomas Hauptman., Ich bin ...« Er nahm einen kräftigen Schluck. »Das heißt, ich war Pfarrer.« »Und dann ist Gott gestorben, und was, zum Teufel, sollen Sie jetzt anfangen, nicht wahr?« fragte Longdrink mitfühlend. »Ungefähr so war es«, stimmte ihm Hauptman zu. »Er ist in einer stinkenden kleinen Zelle in ei- ner stinkenden kleinen Stadt in einer stinkenden kleinen Bananenrepublik namens Pasala gestorben, und er hieß Mary.« Die Eiswürfel schlugen klir- rend an seine Zähne. »Ihre Frau?« fragte Callahan nach einer Weile. »Ja. Meine Frau. Niemand stirbt mehr an Mala- ria, haben Sie das gewußt? Ich meine, die Krank- heit haben sie vor Jahren in den Griff bekom- men.« »Wie ist es passiert?« fragte der Doc mitfüh- lend, und nachdem Callahan die Gläser nachge- füllt hatte, erzählte uns der Zeitreisende seine Ge- schichte. Mary und ich (begann er), hatten ein besonderes Spiel erfunden, das wir miteinander spielten. Ver- mutlich spielen es alle Paare, aber wir wußten, daß wir es taten, und wir schwindelten dabei nie. Viele von Ihnen wissen zweifellos, daß es einem Mann und einer Frau oft schwerfällt, einer Mei- nung zu sein (langanhaltender, zustimmender Bei- fall der Zuhörer) – sogar einem Priester und sei- ner Frau. Man kann alles von zwei Seiten sehen:, sie will am Sonntag in der Gegend herumfahren, und er will zusehen, wenn es bei den Rugby-Spie- len hart auf hart geht. Wie löst man den Interessenkonflikt? Mit Hilfe der Schauspielkunst. Sie wird fieberhaft, ek- statisch die Freuden einer Fahrt durch das Land schildern und in Begeisterung ausbrechen, wenn sie die überwältigende Schönheit der Gegend an der Überlandstraße 25A zu dieser Jahreszeit be- schreibt. Er wieder wird die Augen verdrehen und mit den Händen herumfuchteln, um mittels seines vollkommen unzulänglichen Vokabulars an Wor- ten und Gesten deutlich zu machen, wie entschei- dend dieses bestimmte Spiel für die Geschichte des Rugbysports und für die Aufrechterhaltung der Weltordnung ist. Statt eines Oscars bekommt der Sieger das, worum er so heiß gekämpft hat. Es ist ein ziemlich vernünftiges System, das auf der Theorie basiert, daß man um so besser schau- spielert, je wichtiger einem das angestrebte Ziel ist. Wenn einer der beiden erkennt, daß der an- dere ihn an die Wand spielt, wird ihm klar, wie wichtig dem Ehepartner dieser Erfolg ist, und er gibt nach. Genau an diesem Punkt darf man nicht schwin- deln – man darf nicht immer dicker auftragen, nur um zu siegen (außer in den Ausnahmefällen, in denen es einem wirklich so wichtig ist), und man muß zugeben können, daß man besiegt ist., Als Mary den lieben Gott ins Spiel brachte – für die Frau eines Pfarrers ein ausgesprochen un- faires Gambit –, gab ich daher nach und erklärte mich bereit, im Urlaub ihre Schwester Corinne zu besuchen. Ich hatte eine Gemeinde in Sayville, nicht weit von hier, aufgegeben. Mary und mir hing Long Is- land zum Hals heraus. Wir hatten nicht einmal Pläne gemacht: wir wollten einen Monat Urlaub machen, zum ersten Mal seit Jahren, und dann be- schließen, wo wir uns niederlassen würden. Ich hatte vorgehabt, den Monat bei Freunden in Boul- der, Colorado, zu verbringen, und Mary wollte ihre Schwester in einer Bananenrepublik namens Pa- sala, kaum größer als ein Fliegenschiß, besuchen. Corinne arbeitete als Krankenschwester beim Frie- denskorps, und Mary hatte sie seit sieben oder acht Jahren nicht mehr gesehen. Wie gesagt, wenn die Frau eines Pfarrers diesen bei seiner Berufsehre packt, sollte er sich lieber geschlagen geben. Wir verabschiedeten uns von meinem Nachfolger Reverend Davis, versprachen unsere neue Adresse bekanntzugeben, sobald wir einen festen Wohnsitz hatten, und machten uns im Winter 1963 auf den Weg. Unterwegs befaßten wir uns abwechselnd mit den zunehmenden Unannehmlichkeiten, die ein Land namens Vietnam verursachte, und mit der Frage, ob wir uns an der Ost- oder der Westküste niederlassen sollten. Wir spielten beide schlecht, und dilettantisch Theater, und die Entscheidung wurde vertagt. Als ich Corinne kennenlernte, war ich über die geringe Ähnlichkeit mit ihrer Schwester verblüfft. Marys Haar war beinahe schokoladenbraun, das von Corinne hingegen leuchtend rot. Marys Ge- sicht war rund, das von Corinne breit, mit vor- stehenden Backenknochen. Mary war klein und rundlich, Corinne hochgewachsen und schlank. Sie waren beide sehr, sehr schön, doch die ein- zige Eigenschaft, über die beide verfügten, war eine tiefe Gläubigkeit, die nichts mit Vererbung zu tun hatte, und die genausogut zu Corinnes lei- denschaftlicher Zielstrebigkeit wie zu Marys ruhi- ger Sicherheit paßte. Es stellte sich heraus, daß Pasala der typische mittelamerikanische Operettenstaat war und von einem Möchtegern-Tyrannen namens De Villega regiert wurde. Das Krankenhaus, in dem Corinne arbeitete, lag an der Plaza del Palacio, genau dem Regierungspalast gegenüber. De Villega hatte sich ein riesiges Mausoleum bauen lassen, das an ein Schloß erinnerte – und zwar gleichzeitig mit dem Krankenhaus; das Geld für beide stammte aus den gleichen Quellen. Pasala exportiert nämlich Mais, Zuckerrohr, viel Mahagoni – und Erdöl. Als Corinne mit uns am Palast vorbeifuhr, machte ich eine Bemerkung über die zahlreichen schwerbewaffneten, von einem comisario befehlig- ten guardias, die in Gruppen von je fünf Mann zu-, sammenstanden und mit entsicherten Gewehren jeden Eingang zu dem riesigen Gebäudekomplex bewachten. Corinne erzählte uns, daß aus den Hü- geln im Norden eine Revolution drohte; ihr An- führer war ein gewisser Miranda, der sich zwangs- läufig El Supremo nannte. Mary und ich brüllten vor Lachen über diese Pointe und wollten jeman- den sehen, der Siesta hielt. Todernst führte uns Corinne hinter das Kran- kenhaus, wo drei von Maultieren gezogene Wa- gen mit in Khaki gekleideten Leichen gefüllt wa- ren, die eine Siesta ohne Ende hielten. »Man kann mit den Problemen Pasalas nicht fertig werden, in- dem man auf einen anderen Kanal schaltet, Tom«, stellte sie nüchtern fest, und anstelle meines Ent- setzens trat Schuldbewußtsein und die sehnsüch- tige Vision von Boulder Colorado im Frühling – wodurch natürlich mein Schuldbewußtsein zu- nahm. Wir aßen an diesem Abend in der mißglückten Nachahmung eines Cafés, aber das Essen war ge- nießbar und die Musik überraschend gut. Da die beiden Frauen einander jahrelang nicht gesehen hatten, war ich nicht darüber erstaunt, daß ihnen der Gesprächsstoff nicht ausging. Und es ging im- mer wieder um El Supremo. »Angeblich vertritt er die gerechte Sache«, er- zählte uns Corinne beim Kaffee, »und ich kann diese Behauptung nicht widerlegen. Aber im Kran- kenhaus häufen sich die Nebenprodukte seiner Sa-, che, und ich habe genug von Revolutionen. Seit Villega Mirandas Bruder erschießen ließ, ist es schlimmer denn je zuvor.« »Mein Gott, wie ist es denn dazu gekommen?« fragte ich. »Pablo Miranda war der Besitzer dieses Cafés und hatte nie etwas mit der Revolution zu tun. Eine Menge militanter Typen pflegten sogar in ei- nem viel schäbigeren Lokal am anderen Ende der Stadt zu trinken, nur um Pablo durch ihre An- wesenheit keine Schwierigkeiten zu bereiten. Doch nachdem El Supremo das Arsenal gesprengt hatte, spielte de Villega ein bißchen verrückt. Ein Trupp guardias stürmte zur Tür herein und erle- digte Pablo. Seither haben sich die Ereignisse überschla- gen. Die Menschen haben Angst, nachts auf die Straße zu gehen, und De Villegas Schlägertrupps machen Überstunden. Angeblich führt er aus den Vereinigten Staaten Lastwagen/Kanonen und eine Menge Munition für eine Säuberungsexpedition ein, und in der amerikanischen Botschaft verliert kein Mensch ein Wort darüber.« »Was für ein Herrscher ist Villega?« erkundigte sich Mary. »Ein Halsabschneider. Er plündert die Peones aus, sahnt überall ab, wo es geht, und für das Land wäre es bestimmt besser, wenn er nie ge- boren wäre. Aber auch über El Supremo sind wi- dersprüchliche Gerüchte im Umlauf: angeblich ist, auch er ein Schlächter. Und natürlich ist er Kom- munist, obwohl Gott allein weiß, was das heutzu- tage in Mittelamerika bedeutet.« Ich setzte zu einer Antwort an, als vor dem Café ohrenbetäubender Lärm ausbrach. Gläser fielen von den Tischen und zersplitterten, und im näch- sten Augenblick war die Hölle los. Drei Männer robbten zur Tür, um nachzusehen, was geschehen war; als sie den Eingang erreichten, bellte eine Maschinenpistole los und blies sie ins Café zurück. Sie fielen um und blieben liegen, und Mary be- gann zu schreien. »Tom«, übertönte Corinne den Krach, den die Gewehre und die in Panik geratenen Menschen machten, »wir müssen ins Krankenhaus.« »Wie kommen wir hier raus?« rief ich zurück, stand auf und hob Mary hoch. »Hier lang!« Corinne führte uns rasch durch die schnat- ternde Menge zu einer Hintertür, vor der etliche Menschen standen, die nicht den Mut hatten, den Kopf hinauszustecken. Ich überlegte, ob ich es ih- nen nachmachen sollte, doch Corinne ging einfach in die Nacht hinaus. Ich warf Mary einen Blick zu, den sie gleichmütig erwiderte, und dann folg- ten wir Corinne. Es fiel kein Schuß; die Revolutionäre waren an den Leuten im Café nicht im geringsten interes- siert, sie schossen nur auf alles, was sich auf der Plaza rührte., Während ich mit Mary hinter Corinne durch die finsteren Straßen stolperte, versuchte ich mir den Rückweg ins Krankenhaus ins Gedächtnis zu rufen, aber ich wußte nicht mehr, wo die Hinter- tür des Cafés in bezug zur Eingangstür lag. Doch ich wurde den Verdacht nicht los, daß wir die Plaza überqueren mußten. Ich rief Corinne zu, sie solle stehenbleiben, und sie gehorchte. Als wir sie erreichten, ertönte links von uns eine Gewehrsalve, auf die ersticktes Rö- cheln folgte. »Wenn ich bedenke, was du uns über Mirandas umwerfenden Charme erzählt hast«, flüsterte ich so leise, wie es bei meiner schwer atmenden Brust möglich war, »halte ich es für das Beste, euch Da- men in die amerikanische Botschaft zu bringen. Sie ist angelegt wie ein Fort.« Und sie befand sich auf unserer Seite der Plaza. »Das Krankenhaus verfügt über zu wenig Per- sonal, Tom«, antwortete Corinne mit vollkommen ausdruckslosem Gesicht. Mir war sofort klar, daß ich diese schauspielerische Leistung nie übertref- fen konnte, auch wenn ich es mein Leben lang versuchte. Als sie sich umdrehte und weiterging, wechselten Mary und ich einen langen Blick. »Und dabei ist sie ein blutiger Amateur.« Ich schüttelte traurig den Kopf. »Wir haben im Sommer gemeinsam in Reper- toiretheatern gespielt«, erklärte Mary, und wir folgten Corinnes verhallenden Schritten., Es stellte sich heraus, daß das Überqueren der Plaza ungefähr den gleichen Schwierigkeitsgrad aufwies wie das Jonglieren mit Giftpfeilen; die wenigen Revolutionäre, die auf uns schossen, wa- ren fürchterliche Schützen. Als wir freies Gelände überqueren mußten, hatten sich die Kampfhand- lungen auf den Palast konzentriert, und beide Par- teien waren zu beschäftigt, um ihre guten Kugeln an drei Zivilisten zu verschwenden, die in die ent- gegengesetzte Richtung rannten. Als wir das Kran- kenhaus erreichten, blickte ich zurück und sah Lastwagen, die Geschütze hinter sich her zogen, um die Ecke biegen. Während wir durch die wei- ßen Korridore zur Unfallstation liefen, hörte ich die ersten Schüsse; dann trat Stille ein. Die vom US-Außenministerium zur Verfügung gestellte Artillerie feuerte genau drei Schüsse ab. Wir erfuhren später, daß zu diesem Zeitpunkt ein bärtiger Mann auf dem Balkon des Palastes er- schien, das Gemetzel auf dem Platz erblickte und etwas auf den zertrampelten Rasen hinunterwarf. Es handelte sich um de Villegas Kopf. Die unifor- mierten Kanoniere begriffen erstaunlich rasch, daß sich das politische Klima verändert hatte, brachen in ein paar heisere Hurrarufe aus, und die Revolu- tion war zu Ende. Aber nicht für uns. Dank der Verstümmelten und Verletzten, die die ganze Nacht über einge- liefert wurden, begriff ich zum ersten Mal, was der Ausdruck Wirklichkeit gewordener Alptraum be-, deutet, und wenn Sie nicht selbst stundenlang di- verse Körperteile und Organe aufgelesen und in den Mülleimer befördert haben, würde ich vor- schlagen, daß Sie diesen Ausdruck nicht verwen- den. Ich hatte naiverweise angenommen, daß das Schlimmste vorbei sein würde, sobald die Kampf- handlungen zu Ende waren, doch dann stellte sich heraus, daß der Sieg der Revolutionäre nur das Si- gnal für Vergewaltigungen, Plünderungen wie die Bereinigung von alten Rechnungen gewesen war und daß das Schlimmste jetzt erst kam. Ich ver- suchte, Mary dazu zu überreden, daß sie sich für ein paar Stunden schlafen legte, und sie versuchte, mich dazu zu überreden, und obwohl wir uns beide in unseren schauspielerischen Leistungen überbo- ten, gab sich keiner geschlagen. Es war gegen drei Uhr nachmittag des nächsten Tages, als ich den Schrei hörte. Ich überließ es ei- nem von Villegas rurales, seine Armwunde selbst zuzunähen, und sprintete durch einen überfüllten Korridor zum Operationssaal, in dem Mary und Corinne seit dreizehn Stunden ununterbrochen ar- beiteten. Ich hatte den Eindruck, daß der Schrei von dort gekommen war ... Das stimmte auch. Als ich in den Raum platzte, erblickte ich zuerst Mary, die der größte Mann, den ich je gesehen hatte, mit ausdruckslosem Ge- sicht festhielt. Dann sah ich Corinne, die auf ei- nen breitschultrigen Revolutionär einschlug, der einen uniformierten Patienten auf dem Operati-, onstisch erwürgte. Die gekreuzten Patronengurte auf seinen Schultern hoben und senkten sich, als wolle er damit betonen, wie wichtig seine Tätig- keit war. Corinnes hämmernde Fäuste bemerkte er überhaupt nicht. Sie war zweifellos stärker als ich – ich verlor keine Zeit damit, den Verrückten an der Schul- ter zu packen. Ich ergriff den nächstbesten schwe- ren Gegenstand – soviel ich weiß, handelte es sich um einen Wasserkrug – und schmetterte ihn dem Würger mit voller Kraft auf den Schädel. Er seufzte, brach zusammen, und ich wendete mich dem Riesen zu, der meine Mary festhielt. »Das hätten Sie nicht tun sollen, señor«, sagte er mit tiefer, sanfter Stimme. »Der Mann auf dem Bett, er hat einmal Pedros Frau gegenüber eine Unhöflichkeit begangen. Eine schwere Unhöflich- keit.« »Verlassen Sie sofort diesen Raum!« fuhr ihn Corinne zitternd vor Wut mit einer Stimme an, um die sie jeder Schleifer beneidet hätte. Der große Mann schüttelte traurig den Kopf. »Das kann ich leider nicht, señorita«, brummte er. Seine schaufelgroßen Hände schlossen sich fester um Marys Oberarme, und sie hatte noch keinen Ton von sich gegeben, seit ich im Zimmer war. »Señor«, erklärte mir der Riese, »Sie müssen bitte den Krug wegstellen, sonst bin ich gezwungen, Ih- rer Frau gegenüber eine kleine Unhöflichkeit zu begehen.« Ich zuckte zusammen. »Sehen Sie? Ich, weiß, wer Sie sind, und ich möchte der Ehefrau ei- nes Pfarrers gegenüber nicht unhöflich sein.« Der Gorilla auf dem Boden begann, sich zu be- wegen, und der Riese seufzte. »Ich fürchte, mit Ihnen ist es aus, padre. Pedro ist sehr unvernünf- tig, wenn seine Ehre auf dem Spiel steht. Sie ha- ben ihn von hinten angegriffen.« Corinne knurrte und sprang ihn an, und ich folgte ihrem Beispiel. Nicht einmal gemeinsam konnten wir ihn wegreißen oder seinen eiser- nen Griff lockern, aber er war so mit uns beschäf- tigt, daß er Mary nichts antun konnte, und viel- leicht hätten wir es sogar geschafft. Aber plötzlich knallte etwas Großes, Schweres gegen meine linke Niere, und ich fiel keuchend vor Schmerzen auf den Boden. Benommen sah ich, wie Pedro, des- sen Haare an einer Seite blutgetränkt waren, über mich hinwegstieg und nach Mary griff, und mein Herz stockte. Dann dröhnte ein Schuß durchs Zimmer, ich rollte mich herum und sah einen großen, schnurr- bärtigen Mann, der eine rauchende Automatik in der Hand hielt, im Türrahmen stehen. Er trug die Khakiuniform der Rebellen und das Lächeln, mit dem er uns betrachtete, war unbekümmert und ar- rogant. Hinter mir schlug ein Körper dröhnend auf dem Boden auf. Halbblind vor Schmerzen rollte ich mich zurück und sah, daß der Pistolenschuß Pe- dro den halben Kopf weggerissen hatte., »Das ist das Dumme am Standrecht«, meinte der Mann in der Tür zynisch, »man wird süchtig dar- auf.« Ich schaffte es endlich, mich aufzusetzen, und lehnte mich an eine große Sauerstoffflasche. »Wer sind Sie?« stieß ich heraus. Der schlanke Schnurrbärtige verbeugte sich. »Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle, padre. Ich bin El Supremo e Illustrissimo Señor Mañuel Con- ception de Miranda, derzeit Herrscher über diese Republik. Sie hingegen sind Reverend Hauptman, und ich nehme an, daß die bezaubernde Dame dort drüben – laß sie sofort los, Diego! – Ihre Frau Mary ist.« Sein ausgezeichnetes Englisch zeugte von über- raschender Bildung, und er benahm sich bewußt wie ein Adeliger. Zum erstenmal, seit ich ins Zim- mer gestürzt war – ich hatte das Gefühl, daß es Stunden her war –, begann ich zu glauben, daß wir drei den Nachmittag vielleicht doch überle- ben würden. »Woher wissen Sie so genau, wer wir sind?« fragte ich. »Wir sind erst gestern angekommen und haben uns höchstens mit einer Handvoll Pa- salanern unterhalten. Trotzdem hat uns das Unge- heuer dort drüben gekannt ... und an ihn hätte ich mich sicherlich erinnert.« »Ich bin über alle Aktivitäten der amerikani- schen Staatsbürger in Pasala informiert«, erklärte er selbstgefällig. »Ihr Land hat mir viele Unan-, nehmlichkeiten bereitet, und ich bin ein gründli- cher Mensch, genau wie meine Leutnants. Diego ist einer von ihnen, Pedro war es auch. Ich kann einen Leutnant, der den Kopf verliert, nicht aus- stehen.« Er steckte den Revolver in den Halfter, trat ins Zimmer, und ich kam mit Marys Hilfe auf die Füße. Wir klammerten uns aneinander, sie zit- terte wie Espenlaub. El Supremo sah sich um, fand aber nichts, wor- auf er sich setzen konnte. Er schlenderte zum Ope- rationstisch, schob den verwundeten, bewußtlo- sen Soldaten lässig über den Rand, so daß er auf den harten Fußboden fiel, setzte sich und ließ die Füße hinunterbaumeln. Corinne stürzte sich auf ihn, doch sie hatte noch keinen Meter zurückgelegt, als der riesige Diego sie abfing und hochhob. Sie drosch ihm mit den Fäusten ins Gesicht, aber er beachtete es kaum. Sie schluchzte vor Wut. »Diego«, stellte Miranda grinsend fest, »anschei- nend sind Sie nur zufrieden, wenn Sie eine Frau in den Händen haben – warum bringen Sie die junge Dame nicht in meine Wohnung und kümmern sich dort um sie, bis ich komme?« Mary und ich schrien auf. »Meine Freunde«, erklärte der immer noch grin- sende Miranda, »das ist nur gerecht. Ich hatte eine Frau, Rosa, und sie war die Seele meiner Seele. Sie wurde gestern nacht von einer amerikanischen Granate getötet. Ihr Land ist schuld daran, daß, ich keine Frau mehr habe. Deshalb ist es nur fair, wenn mir Amerika eine Frau gibt. Ich ziehe un- verheiratete Frauen vor, und ich glaube nicht, daß mich die Schwester der Frau eines Pfarrers enttäu- schen wird.« Er lachte so unbeschwert, daß mir das Blut in den Adern stockte. »Das ist das Dumme am Standrecht«, hörte ich mich sagen, »es ist selektiv.« »Erklären Sie das!« forderte El Supremo scharf. »Der Mann, der dort auf dem Fußboden liegt, ist meines Wissens wegen versuchter Vergewaltigung erschossen worden«, antwortete ich ruhig. »Padre«, sagte der große Revolutionär und zog wieder den Revolver, »da Pasala über keine gesetz- liche Verfassung verfügt, muß ich mir helfen, so gut es geht. Vielleicht bin ich dabei gelegentlich ein wenig inkonsequent, wie eben jetzt, denn ich verurteile Sie und Ihre Frau wegen Ruhestörung zu zehn Jahren Gefängnis. Sie werden jedoch feststellen, daß das Stand- recht auch sein Gutes hat: es ist wirksam.« Die nächste Viertelstunde waren für zehn Jahre meine und Marys letzte Minuten in Freiheit, aber ich kann mich nicht mehr an sie erinnern. El Su- premo führte uns mit gezogener Pistole über die Plaza zum Palast, viele Treppen hinunter bis zum untersten der drei Kellergeschosse, aus denen der Kerker des Palastes bestand. Dort sperrte er uns ei- genhändig in eine drei mal vier Meter große Zelle und ging., Wir blieben neun Jahre in dieser Zelle, und ich will nicht über diese Jahre sprechen. Nach Ma- rys Tod blieb ich noch elf Monate allein in der Zelle, und ich will nicht an diese Monate den- ken. Ich will nur erwähnen, daß ich in den ersten Wochen Gott dafür dankte, daß er Miranda ei- nen Funken Menschlichkeit gelassen hatte, so daß er Mary und mich in die gleiche Zelle sperrte ... doch bald erkannte ich, wie hinterhältig und ent- setzlich er eigentlich gehandelt hatte, und begann ihn zu hassen und zu verfluchen. Zehn Jahre in ei- nem steinernen Würfel ohne Heizung, ohne Lüf- tung, mit einem Eimer als Toilette, können einer Ehe viel antun, und ich versichere Ihnen, Mary und ich überlebten diese Zeit nur dank ihrer un- erschütterlichen Charakterstärke. Aber nicht ein- mal sie konnte mich davor bewahren, den Glau- ben an Gott zu verlieren ... Der Pfarrer schwieg und starrte in sein Glas, als erblicke er dort ein seltsames, schreckliches Ge- heimnis, das er nicht recht glauben konnte. Tiefe Stille herrschte, im Kamin flackerten keine Flam- men. Ich sah Doc Webster an, der meinen Blick spürte und sich offenbar zwang, aus weiter Ferne zu uns zurückzufinden. »Was ist aus Corinne geworden?« fragte er hei- ser. Hauptman stellte sein Glas plötzlich hin und blickte sich gleichgültig im Kreis um. »Ich habe, gehört, daß sie noch in derselben Nacht gestorben ist«, erzählte er im Plauderton, »und ich hoffe, daß es stimmt. Miranda war ... ein Tier.« »Konnte denn die amerikanische Botschaft nichts unternehmen, um euch herauszuholen?« fragte Longdrink rasch, und Callahan nickte zu- stimmend. »Die amerikanische Botschaft«, antwortete Hauptman bitter, »hatte erstens nicht die geringste Ahnung davon, daß man uns eingekerkert hatte, und zweitens wollte sie es gar nicht wissen. Falls überhaupt jemand wußte, daß wir nach Pasala ge- kommen waren, so nahm er bestimmt an, daß wir während der Kämpfe getötet worden waren, und dieser Jemand hat sicherlich einen erleichterten Seufzer ausgestoßen, als ihm klar wurde, daß er keine Ahnung hatte, wem er ein Beileidschreiben schicken sollte.« Seine Worte knatterten jetzt wie die Kugeln aus einer Maschinenpistole. »In der Gefängniskartei wurden wir als ›Hi- dalgo, Tomaso und Maria, staatsfeindliche Um- triebe‹ geführt, und das genügte dem Außenmini- sterium, falls sie die Kartei überhaupt überprüften. El Supremo war den Vereinigten Staaten ein Dorn im Auge, und als sie ihn zwei Jahre später um- legen ließen, waren die Marionetten-presidentes, die sie einsetzten, ausschließlich damit beschäf- tigt, amerikanische Ölmagnaten zu bewirten, und hatten keine Zeit, den Palastkerker zu inspizieren. Das einzige menschliche Wesen, das wir in diesen, neun Jahren sahen, war ein ständig betrunkener Wärter, der uns das zum Essen brachte, was er üb- rigließ. Ich wäre heute noch dort, wenn nicht ... als Mary starb, be- ... bemerkte ...« Er brach ab, riß sich wieder zusammen und fuhr fort: »Jemand be- merkte, daß ihre Leiche fortgeschafft wurde, und wunderte sich darüber, daß Maria Hidalgo aussah wie eine Amerikanerin. Es dauerte noch ein Jahr, bis ich freigelassen wurde, wegen, warten Sie mal, ›einer äußerst heiklen Krisensituation im Mittle- ren Osten‹ hieß es ... mein Gott, ich begreife jetzt erst, was sie damit gemeint haben. Damals klang es verrückt, und ich habe seither nicht mehr darüber nachgedacht.« Er lachte bitter. »Na ja, was weiß man schon. Jedenfalls lieferte mir in den letzten sechs Monaten, die ich dort verbrachte, das Rote Kreuz das Essen und eine Decke, also war alles in Ordnung. Es stellte sich heraus, daß vier Zellen weiter ein Mann aus Baltimore saß, der auch zum Krankenhauspersonal gehört hatte, und er wurde ebenfalls entlassen. Wenn Mary nicht gestorben wäre, säßen wir heute noch dort.« Der Pfarrer lachte wieder, stürzte den Rest seines Gins hin- unter und verzog das Gesicht. »Sie hat mir immer aus der Patsche geholfen.« Ein weiteres Glas Gin tauchte vor ihm auf; er trank es geräuschvoll aus. »Wissen Sie«, erzählte er weiter, und seine Stimme klang gefährlich hoch, »in diesen neun Jahren stiegen ununterbrochen Gebete aus der, kleinen dreckigen Zelle zum Himmel. In den er- sten drei Jahren beteten wir darum, daß jemand El Supremo absetzen möge. In den nächsten drei Jah- ren betete Mary darum, daß ich den Glauben an Gott wiederfinden möge. Dann betete ich unge- fähr ein Jahr lang zu irgend jemand, daß Mary am Leben bleiben möge. Nachdem die Malaria sie mir weggenommen hatte, betete ich zu jedem Wesen, das mir möglicherweise zuhörte, um eine Chance, El Supremo eigenhändig umzubringen. Ich meine, ist das nicht komisch? So viele Ge- bete, und keines hat auch nur im geringsten ge- nützt. El Supremo war längst tot, meinen Glau- ben fand ich nie wieder, und Mary ...« Er brach ab und begann leise zu lachen; das Lachen wurde immer schriller, bis das Glas in seiner Hand zer- sprang. Dann starrte er seine blutende Hand an, bis Doc Webster ihm sanft die Scherben heraus- holte. »Wenigstens ist das verdammte Ding desinfi- ziert«, brummte der Doc. »Versuchen Sie den Trick nur ja nie mit einem leeren Glas.« Jemand brachte ihm seine abgenützte schwarze Tasche, und er be- gann die Wunde zu verbinden. Zu diesem Zeitpunkt interessierten sich so gut wie alle Anwesenden brennend für den Fußboden oder die Decke. Keinem fiel etwas Vernünftigeres ein, und allmählich begriffen wir, daß bald irgend jemand irgend etwas sagen mußte. Da griff Callahan ein., Er hakte den Daumen in den Gürtel und dröhnte: »Das war eine wirklich traurige Geschichte, Reve- rend. Eine Menge Leute hier haben ihren Kummer abgeladen, aber so schlimm wie bei Ihnen war es nie. Trotzdem möchte ich, daß Sie mir etwas er- klären: Wieso, zum Teufel, tauchen Sie mit einer Knarre in der Hand in meinem Lokal auf?« Seine Stimme klang stählern, der Pfarrer blickte er- schrocken auf, und der Schmerz in seinem Gesicht verwandelte sich in Schuldbewußtsein. Bravo, Cal- lahan, dachte ich. Ich wußte nämlich etwas, was der Pfarrer nicht wußte: Wenn Callahans Stimme zornig klingt, spielt er Theater, denn wenn er wirklich stock- sauer ist, macht er sich nicht die Mühe zu spre- chen. Der kleine Pfarrer brauchte eine Weile, bis er wieder reden konnte. »Wissen Sie«, flüsterte er schließlich, als der Doc mit seiner Hand fertig war, »es waren zehn Jahre. Zehn Jahre ... Ich ... ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen können. Ich weiß, daß Mary vor zwei Jahren gestorben ist – aber darum geht es nicht. Doch ich habe so lange Zeit nur Mary gesehen, und jetzt weiß ich über- haupt nichts. Wir haben in der ganzen Zeit nie eine Zeitung oder eine Zeitschrift oder eine Fernsehsendung ge- sehen, wir haben nicht einmal Radio gehört. Wir hatten überhaupt keine Verbindung zur Außen- welt; wir waren vollkommen isoliert.«, »Verdammt«, sagte Tommy Janssen, »das klingt wie das richtige Rezept für mich, um meinen Kopf endlich klar zu bekommen.« Ich hatte an eine Er- zählung von Theodore Sturgeon gedacht, die ›Es folgen die Nachrichten‹ hieß, und war ganz Tom- mys Meinung, was ein Hinweis darauf ist, wie ge- nau ich die Geschichte gelesen habe. »Den Kopf klar kriegen!« explodierte Haupt- man. »Sie wissen genau, was der Junge meint«, schal- tete sich Longdrink ein. »Wir wissen, daß diese Jahre für Sie ein Alptraum waren, aber für uns wa- ren sie auch nicht gerade ein Honigschlecken. Sie haben eine Menge Schwierigkeiten, schlechte Zei- ten und Unruhen versäumt, und vielleicht war das gar nicht so schlecht. Die meisten von uns haben sich irgendwann einmal gewünscht, den ganzen Mist eine Zeitlang nicht mehr sehen zu müssen, und sie waren wenigstens in dieser Beziehung bes- ser dran. Was haben Sie gegen die Isolierung?« »An und für sich nichts«, erwiderte Hauptman ruhig. »Das Problem besteht darin, daß die Welt nicht auf einen wartet. Man ist etwas länger vom Fenster weg, und die Welt dreht sich inzwischen weiter.« »Ich beginne zu begreifen, was Sie meinen«, sagte Callahan langsam. »Sie haben noch nicht einmal damit begonnen«, widersprach Hauptman. »Sie können es nicht. Sie sind zu nahe dran. Innerhalb von zehn Jahren, dreht sich die Welt so, daß das Oberste zuunterst kommt, aber Sie drehen sich mit, deshalb mer- ken Sie es nicht. Es spielt sich im Lauf von Tagen, Wochen und Monaten ab, und die meisten Men- schen können sich dem Tempo anpassen. Aber ich erkenne diese Welt nicht wieder – ich habe den Wandel nicht miterlebt. Ich werde euch ein wenig Geschichtsunterricht erteilen.« Er stand auf, ging zur Theke und streckte die Hand aus. Callahan drückte ein Glas Gin hinein. Hauptman drehte sich um, sah uns an, nahm einen langen Schluck und räusperte sich pedantisch. »Mary und ich sind im Februar 1963 nach Pa- sala gefahren«, begann er. »Ich hatte seither Gele- genheit, mein Gedächtnis an Hand von Zeitungs- ausschnitten aus der New York Times aufzufrischen, und etliches davon könnte Sie interessieren. Am Tag unserer Abreise zum Beispiel waren seit dem Beginn der US-Intervention in Viet- nam insgesamt dreiunddreißig Amerikaner ge- tötet worden. Kein Mensch hatte übrigens eine Ahnung davon; erst ein paar Tage nach unse- rer Abreise schlug die Studiengruppe von Sena- tor Mansfield Alarm, weil der Kampf in Vietnam zu ›einem amerikanischen Krieg wurde, den die derzeitigen Sicherheitsinteressen der USA in die- sem Gebiet nicht rechtfertigten‹. Dieses gottver- lassene Land kostete uns vierhundert Millionen Dollar jährlich., Natürlich erwiderte General O‘Donnell am nächsten Tag, daß die vielen Kampfflieger unter den ›Beratern‹ nur die Vietnamesen ausbildeten und nicht selbst in die Kämpfe eingriffen. Seither ist eine Menge geschehen, finden Sie nicht? Wie wäre es mit einem anderen Gebiet, meine Freunde? Im November 1962 warnte Dean Munro von der Harvard University die Studenten davor, ›das Stimulans LSD zu nehmen, weil es zu Depres- sionen führt‹, und tadelte die Professoren Alpert und Leary, die für seine Verwendung eintraten. Dr. Leary erwiderte, daß Hysterie immer schon die Forschung behindert hätte und daß es keinen Be- weis dafür gäbe, daß die Droge schädlich sei. In Kalifornien warnten die Behörden um die gleiche Zeit vor einer neuentdeckten Droge, die auf den Straßen gehandelt wurde. Sie hieß Me- thedrin. Die Neue Amerikanische Kirche kämpfte immer noch, allerdings erfolglos, um das Recht, weiterhin Peyote bei ihren religiösen Zeremonien zu benüt- zen, ein Brauch, der aus der Zeit vor der Besied- lung Amerikas durch die Weißen stammte. Harry Aslinger war gerade als Leiter des Rauschgiftdezer- nats zurückgetreten, und man sprach davon, den Verkauf von Klebstoff für Modelle an Jugendliche unter achtzehn Jahren zu verbieten. Während es Leary und Alpert – der sich neu- erdings, soviel ich weiß, Ram Dass nennt – nicht, schwerfiel, ihre akademische Unabhängigkeit zu bewahren, erging es anderen schlechter. Profes- sor Koch wurde von der Illinois University ge- feuert, weil er gewagt hatte, in einer Denkschrift vorzuschlagen, daß man in gewissen Fällen vor- eheliche Beziehungen tolerieren solle. Als Mary und ich den Dampfer bestiegen, waren alle Be- mühungen der Vereinigung Amerikanischer Uni- versitätsprofessoren, seine Wiedereinstellung zu erreichen, gescheitert. Einen Monat nach unse- rer Abreise weigerte sich der Oberste Gerichtshof von Illinois einzugreifen. Was immer Masters und Johnson damals taten – sie sprachen nicht darüber. Man ignorierte noch immer konsequent und offen- bar erfolgreich die sexuelle Revolution. Es wird Ihnen vermutlich schwerfallen, sich daran zu erinnern, wie die Lage vor zehn Jahren war, nicht wahr? Wie steht es mit dem Wettren- nen im Weltraum? Soviel ich weiß, sind wir den Russen um etliche Mondlandungen und Raumson- den voraus, und die meisten Menschen, mit denen ich mich darüber unterhalten habe, sind davon überzeugt, daß es schon immer so war. Amerika bildet sich seit einiger Zeit viel auf seine Erfolge im All ein. Wissen Sie, daß die russische Wostok- Serie es bis zum Februar 1963 auf insgesamt 130 Erdumkreisungen und 192 Stunden im Raum ge- bracht hatte, während die USA ganze 12 Umkrei- sungen und 20 Stunden aufzuweisen hatten? Ei- nige Jahre vorher hatte sich Präsident Kennedy, – erinnern Sie sich noch an ihn? – öffentlich ver- pflichtet, innerhalb des nächsten Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond zu schicken, und man hielt ihn draufhin allgemein für geistesgestört. Acht Jahre später unternahm Armstrong den er- sten Mondspaziergang, und die Nation gähnte vor Langeweile. O verdammt, ihr seid so entsetzlich bla- siert geworden! Ich könnte stundenlang weiterreden. Als ich vom Fenster verschwand, gehörten politische Morde noch nicht zum Alltag; John F. Kennedy war noch nicht heiliggesprochen worden, und Robert Kennedy verhandelte als Generalstaatsan- walt seinen ersten Fall vor Gericht. Cinerama hatte gerade begonnen und galt als die Filmform der Zu- kunft, und die New Yorker Weltausstellung war noch nicht eröffnet worden. Zwei Monate nach unserer Abreise hatte der Kleopatra-Film Pre- miere, und die Aktien der Twentieth Century-Fox fielen um zwei Dollar ...« Hauptman unterbrach sich und begann, hyste- risch zu lachen. Callahan griff über die Theke und packte ihn mit seiner riesigen Pranke an der Schul- ter, aber der Pfarrer schüttelte den Kopf. »Es ist schon in Ordnung«, stieß er halb erstickt hervor. »Ich habe euch noch nicht den komischsten Vorfall erzählt, den ich erlebt habe. Ich wäre damals beinahe geplatzt, weil ich nicht laut lachen durfte. Als ich endlich freigelassen wurde, hat man mich direkt nach Washington gebracht, wo mir ein, paar sehr humorlose Männer viele Fragen stellen und mir die offizielle Version meiner Gefangen- schaft einhämmern wollten. Aber zuerst wollten sie mich für meine Unannehmlichkeiten entschä- digen, indem sie mir das größte Erlebnis meines Lebens verschafften. Ich wurde zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gebracht, der mir herzlich die Hand schüttelte, und ich wurde beinahe ohn- mächtig, weil ich nicht lachen durfte! Ich hatte nämlich nicht gefragt, wer jetzt Prä- sident war. Nach allem, was ich erlebt hatte, er- schien es mir unwichtig, und ich nahm an, daß ich seinen Namen ohnehin nicht kannte. Als mir aber Richard Nixon die Hand entgegenstreckte; glaubte ich, daß ich sterben würde. Drei Monate vor meiner Abreise hatte Nixon den Wahlkampf um den Gouverneursposten von Kalifor- nien verloren und der Presse mit Tränen in den Au- gen versichert, daß sie nie mehr Gelegenheit haben würde, Dick Nixon durch den Kakao zu ziehen ...« Diesmal brüllten alle Anwesenden vor Lachen, und Doc Webster bekam einen Hustenanfall, weil er versucht hatte, gleichzeitig zu schreien und zu trinken. Der Schnelle Eddie begann »Versprich mir nichts, was du nicht halten kannst« zu spie- len, aber er lachte Tränen und fand nicht die rich- tigen Tasten. Ein Sperrfeuer aus Gläsern prasselte in den Kamin. Damit war die unerträgliche Spannung gewi- chen. Doch als das Gelächter langsam abklang,, wurde uns klar, daß diese Entspannung Tom Hauptman nicht genügen konnte. Während seine leidenschaftslosen Worte in uns nachwirkten, dämmerte uns allmählich, daß wir uns in diesen zehn Jahren an unheimlich viel gewöhnt hatten, und die Konfrontation mit einem Mann, der ge- zwungen gewesen war, eine vollkommen verän- derte Welt von einem Augenblick auf den ande- ren zu verdauen, machte uns allen deutlich, wie oberflächlich wir uns angepaßt hatten. »Der kleine Mann hat recht«, brummte Long- drink in die plötzliche Stille hinein. »In letzter Zeit ist eine ganze Menge passiert.« »Vor zehn Jahren hatte ich das Wort Heroin noch nie gehört«, bemerkte Tommy Janssen leise und trank einen Schluck Bier. »Vor zehn Jahren«, sinnierte Doc Webster, »hielt ich Herztransplantationen für eine Erfindung der Science Fiction-Schriftsteller.« »Vor zehn Jahren«, seufzte Slippery Joe sehn- süchtig, »war ich noch nicht verheiratet.« Ich dachte daran, daß ich vor zehn Jahren einen Bürstenhaarschnitt getragen hatte und ein Fan von Jerry Lewis und Fats Domino gewesen war. »Mein Gott«, stöhnte ich, »das ist ja unmöglich – 1963 hatte noch kein Mensch etwas von den Beatles ge- hört!« Der elektrische Sound, die allgemeine Ver- breitung des Rock, sein Einfluß auf alle anderen Formen von Popmusik hatten sich abgespielt, wäh- rend Hauptman in einer Zelle verschimmelte und, zuhörte, wie seine Haare wuchsen. Was für einen Eindruck mußte die heutige Musik auf ihn ma- chen? Ende der sechziger Jahre hatte Jim McGuinn von den Byrds darauf hingewiesen, daß die Beatles eine Veränderung im Sound der Musik herbeige- führt hätten. Er verglich die Vor-Beatles-Musik mit dem dumpfen Dröhnen eines Propellerflug- zeugs und den Nach-Beatles-Rock mit dem metalli- schen Jaulen eines Düsenmotors. Meiner Meinung nach waren wir bereits beim Überschallgeheul ei- ner Rakete angelangt, und Hauptman stand die- ser Entwicklung vollkommen unvorbereitet gegen- über. Von Paul Anka mit einem Sprung zu Alice Cooper! Allein die Veränderungen in der Kleidung und dem Gesangstil genügten, um jemanden um den Verstand zu bringen. Wir starrten Hauptman an und glaubten, daß wir ihn verstanden. Er musterte uns, schüttelte den Kopf und holte sich noch einen Drink. »Nein«, stellte er fest, »Sie verstehen immer noch nicht, Sie beginnen erst, etwas zu erkennen, das ich als das Dilemma des Zeitreisenden bezeichnen würde, wenn ich Science Fiction-Schriftsteller wäre: ich glaube, man nennt es jetzt Zukunftsschock. Sie sind alle Zeitreisende, die in einem Tempo von einer Sekunde pro Sekunde durch die Zeit rei- sen. In den letzten Minuten habe ich Ihnen klar- gemacht, wieviel Zeit Sie in den letzten zehn Jah- ren zurückgelegt haben, und Sie sind nachdenklich geworden., Aber ich bin in einer Sekunde zehn Jahre ge- reist, und Sie befinden sich mir gegenüber im Vor- teil. Auch wenn Ihnen diese Zeit komisch vor- kommt, Sie sind in ihr verwurzelt, Sie haben einen Platz in ihr, auch wenn er noch so dürftig ist, Sie haben ein Ziel. Verstehen Sie es denn nicht? Ich bin Pfarrer ge- wesen. Ich trug die Verantwortung für die geistige Ent- wicklung anderer Menschen. Ich hatte eine beson- dere Ausbildung erhalten, damit ich ihnen helfen konnte, ein moralisches Leben zu führen, bei schwie- rigen Problemen die richtige Entscheidung zu tref- fen, und damit ich ihnen beistand, wenn sie Trost brauchten. Und jetzt verstehe ich nicht einmal ihre Probleme, geschweige denn die neuen Geräte, die Menschen wie ich in den letzten zehn Jahren in aller Eile erfunden haben, um ihnen zu helfen. Ich habe einen Berufskollegen aufgesucht und ihn um Rat ge- beten, und er hat mir eine Marihuana-Zigarette an- geboten! Ich habe einen alten Bekannten angerufen, einen katholischen Priester, und seine Frau hat sich am Telefon gemeldet. Ich habe ›falsch verbunden‹ gesagt und aufgelegt. Für jemanden, der 1963 in Pa- sala war, ist die Watergate-Affäre nichts Besonderes; ich glaubte schon damals nicht mehr, daß Onkel Sam eine unschuldige Jungfrau ist. Aber damals gehörte ich zu einer Minderheit. Wie kann ich als Pfarrer arbeiten, meine Her- ren, wenn ich kein einziges der moralischen Pro-, bleme dieser Zeit begreife? Deshalb nicht begreife, weil ich die Entwicklung nicht mitgemacht habe, die zu ihnen geführt hat.« Er trank seinen Gin aus, stellte das Glas hin und begann auf dem feuchten Tisch Muster zu zeich- nen. »Ich habe mich nach einer anderen Tätigkeit umgesehen. Ich sehe mich seit beinahe sechs Mo- naten um. Gibt es unter Ihnen Arbeitslose?« Diese Frage war eine Gemeinheit, denn sie war schuld daran, daß ich ein Glas mit Bushmill in den Kamin schleuderte. Hauptman nickte und wandte sich dem rothaa- rigen Gebirge hinter der Theke zu. »Und das, Mr. Callahan«, bemerkte er ruhig, »ist der Grund, warum ich mit einer Pistole in Ihrem Lokal stehe, die ich in einer finsteren Seitengasse von einem jungen Mann gekauft habe, der mehr Haare auf dem Kopf hatte als Mary in ihrer be- sten Zeit. Ich habe einfach nicht gewußt, was ich sonst tun könnte.« Er wandte sich wieder an uns. »Und auch das ist schiefgegangen. Mir bliebt also nur ein einziger Ausweg.« Er seufzte tief. »Ob ich Mary wohl wiedersehen werde?« Callahans Gäste sind an und für sich nicht ge- rade auf den Kopf gefallen – von einigen bemer- kenswerten Ausnahmen abgesehen –, und niemand in dem Raum wäre auf die Idee gekommen, daß das Hauptmans letzter Ausweg war. Aber gleich-, zeitig sind wir sehr human und treten fanatisch für die Freiheit des Individuums ein; deshalb konnten wir nicht in der üblichen Weise reagieren, ihm seine Idee ausreden oder die Polizei holen oder ihn in die Jacke stecken lassen, die nur aus Ärmeln besteht. Vielleicht fanden sogar einige von uns, daß er wirklich keine Alternative hatte. Seine Ge- schichte war uns ganz schön an die Nieren gegan- gen, muß ich zu unserer Verteidigung sagen. Denn wir starrten ihn nur hilflos an; die Stille war zum Greifen, pochte in unseren Schläfen und brannte in unseren Augen. Dann räusperte sich Callahan. »Sein oder nicht sein«, deklamierte er mit einer Stimme wie ein Nebelhorn. »Ist das die Frage?« Wie gesagt, wir sind nicht gerade auf den Kopf ge- fallen, aber wir brauchten eine volle Sekunde. Als ich endlich kapiert hatte, hatte sich Callahan be- reits hinter der Theke hervorgewälzt, hatte einen Krug und drei Gläser auf den Boden gewischt und sich in das Tischtuch gehüllt wie in eine Toga. Doc Webster grinste erleichtert. »Hör zu, du gottverdammter Blödmann«, de- klamierte Callahan pathetisch wie ein Schmieren- komödiant, »es ist verdammt edler im Gemüt, die Pfeil und Schlingen des wütenden Geschicks zu er- tragen, als gegen ein Meer von Plagen anzukämp- fen und dabei geschlagen zu werden. Nein, pfeif drauf ...« Er verdrehte die Augen, seine riesigen, Hände ruderten in der Luft herum, und er dröhnte weiter. Hauptman starrte ihn mit offenem Mund ver- ständnislos an. Doc Webster kletterte mühsam auf einen Stuhl, räusperte sich geräuschvoll und stellte sich in Po- situr. »Begib dich nicht hinaus in diese gute Nacht«, begann er leidenschaftlich. Plötzlich wurde Callahans Lokal zu einem Ir- renhaus, in dem es zuging wie in einem Theater, in dem sich die Schauspieler genauso wirr ›ein- stimmen‹ wie ein Orchester. Jeder hielt sich für Barrymores Geist, und durch die Luft schwirrten pathetische Hymnen auf das Leben und den Mut. Ich holte meine alte Gitarre heraus, begleitete den Schnellen Eddie und den Chor zu »Pack deine Sor- gen ein«, und wir vollführten einen Höllenlärm. »Schon gut, schon gut«, brüllte Callahan nach einigen Minuten. »Das sollte reichen, Gentlemen. Ich glaube, der Oscar gehört uns.« Er drehte sich zu Hauptman um und warf das Tischtuch zu Boden. »Na, Reverend«, knurrte er. »Können Sie diese schauspielerische Leistung übertreffen?« Der kleine Pfarrer sah ihn lange sinnend an, dann begann er zu lachen und konnte nicht mehr aufhören. Es war ein anderes Lachen als vorher; es klang nicht mehr hysterisch und verzweifelt. Es war echt, kam aus dem Herzen, zerrte nicht an un-, seren Nerven wie ein Nagel, der über Glas kratzt, sondern schenkte uns ein Gefühl des Stolzes und der Erleichterung. Eine Art Anerkennung für un- sere Darstellungskunst. »Gentlemen«, sagte er schließlich, immer noch kichernd, und klatschte müde Beifall, »ich gebe mich geschlagen. Sie haben mich in einem fairen Kampf besiegt; mit Ihnen kann ich mich nicht messen.« Dann wurde er plötzlich ernst und sah uns an. »Ich ... ich habe nicht gewußt, daß es auf der Welt Menschen wie Sie gibt. Ich ... ich glaube, daß ich es jetzt schaffen werde. Ich werde schon irgendwo Arbeit finden. Es ist nur ... na ja ... wenn jemand anderer auch weiß, wie schwer es ist, dann ist alles in Ordnung.« Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem glücklichen Lächeln und gerieten dabei in den Tränenstrom, der über seine Wangen floß. »Danke, meine Freunde. Danke.« »Es war uns eine Ehre.« Callahan meinte es ernst. In diesem Augenblick flog die Tür auf, wir fuh- ren herum und erblickten einen schwarzen Jun- gen, der schweratmend mit einer 38er Polizeipi- stole in der Hand im Türrahmen stand. »Jetzt seid alle schön ruhig, dann geschieht nie- mandem etwas«, rief er mit schriller Stimme und betrat das Lokal., Callahans Nackenmuskeln spannten sich, aber er rührte sich nicht. Alle waren erstarrt, jeder dachte zum zweiten Mal in dieser Nacht, daß wir darauf hätten gefaßt sein müssen, und nur Hauptman ließ sich nicht erschüttern, nur Hauptman behielt ei- nen klaren Kopf, und nur Hauptman erinnerte sich. Dann ging alles sehr rasch, so wie es sein muß. Callahans Schrotflinte befand sich außer Reich- weite hinter der Theke und der Schnelle Eddie hatte beide Hände auf den Tasten. Der Pfarrer wechselte einen Blick mit Doc Webster, und die beiden blinzelten einander vielsagend zu. Ich ver- stand überhaupt nichts. Dann räusperte sich der Doc. »Entschuldigen Sie, junger Mann«, begann er. Der schwarze Junge drehte sich um und befahl ihm, den Mund zu hal- ten, und hinter ihm sprang Hauptmann auf und stürzte quer durch den Raum zum Kamin. Er landete auf dem Bauch, seine Hände wühl- ten in dem Glashaufen, dann warf er sich auf den Rücken und hielt in der rechten Hand die große 45er Automatik. Der Junge war noch immer da- bei, sich umzudrehen, um zu sehen, woher der Lärm kam. Einen endlosen Augenblick lang bewegte sich keiner von ihnen. Hauptman lag halb im Kamin, der Junge stand an der Theke, und zwei Revol- vermündungen starrten einander quer durch den Raum an, ohne zu blinzeln. Dann sagte Callahan:, »Du wirst ihn mit einer 38er ankratzen, Sohn, aber er wird dich mit einer 45er umlegen.« Der Junge erstarrte, blickte sich wild im Raum um, warf seine Pistole weg und stürzte zur Tür. Das Geräusch, das er dabei von sich gab, war eine Mischung aus Niesen und Schluchzen. Niemand stellte sich ihm in den Weg. Dann rührte sich Callahan wieder. »Sehen Sie, Tom«, bemerkte er beiläufig, »die moralischen Pro- bleme ändern sich nie. Nur die sozialen.« Eines muß ich den Jungs in Callahans Bar lassen: Sie zucken mit keiner Wimper. Niemand lächelte auch nur, als Callahan den Polizisten eine umwer- fend komische Geschichte darüber erzählte, wie der Pfarrer einen Dieb mit einem Revolver ver- trieben hatte, den er selbst erst am Nachmittag einem verzweifelten jungen Mitglied seiner Ge- meinde abgenommen hatte. Einige von uns wa- ren sogar aus prinzipiellen Erwägungen dagegen gewesen, die Polizei überhaupt zuzuziehen – ich war einer von ihnen –, aber Callahan hielt an sei- nem Grundsatz fest, daß er in seinem Lokal keine Revolver haben wollte, und eigentlich wollte das auch keiner von uns. Doch am stolzesten war ich auf die Jungs, als die Polizei eine Beschreibung des Diebs verlangte. Keiner von uns hatte darüber nachgedacht, aber Doc Webster schaltete sofort, und sein Baß über- tönte das Stimmengewirr der anderen., »Beschreibung?« dröhnte er. »Verdammt, das ist doch kinderleicht. Der Kerl war einen Me- ter neunzig groß, hatte eine Hakennase, blonde Haare, blaue Augen, eine Narbe vom rechten Ohr bis zum Kinn und nur ein Bein.« Und keiner von uns blinzelte auch nur, als der Polizist diese Angaben pflichtbewußt notierte. Viel- leicht gaben wir dem Jungen damit eine Chance. Mit Tom Hauptmans Fassung war es jedoch nicht sehr weit her. Während einer der Polizisten telefo- nierte, rief Longdrink: »He, Tom, ich verstehe etwas nicht. Ihre Kanone ist über eine halbe Stunde im Ka- min gelegen, und der bleibt noch eine gute Weile heiß, nachdem das Feuer aus ist. Wieso, zum Teu- fel, ist keine Patrone losgegangen?« Der Pfarrer sah ihn verblüfft an. »Ich habe keine Ahnung. Glauben Sie ...?« Der zweite Polizist schwenkte inzwischen die 45er und gab seltsam erstickte Geräusche von sich. Endlich fand er seine Stimme wieder. »Wollen Sie damit sagen, daß Sie keine Ahnung hatten?« Wir sahen ihn an. Er warf den Revolver Callahan zu, der ihn mü- helos mit einer Hand auffing und plötzlich ein er- schrockenes Gesicht machte. Er wog die Pistole in der Hand, und sein Mund klappte auf. »In dem Revolver befindet sich kein Magazin«, stammelte er mit ersterbender Stimme. »Das ver- dammte Ding ist nicht geladen.« Worauf Tom Hauptman in Ohnmacht fiel., Sobald wir uns erholt hatten, stellte Callahan fest, daß Doc, Noah und ich als Sieger des Punday- Abends feststanden, und wir gönnten uns gerade einen weiteren Gratisdrink mit Hauptman, als Doc eine Idee hatte. »Hören Sie mal, Mike«, rief er, »glauben Sie nicht, daß ein Haufen cleverer Jungs wie wir Tom einen Job verschaffen könnten?« »Ich will Ihnen was sagen, Doc«, antwortete Callahan und kratzte sich am Nacken, »ich habe auch schon darüber nachgedacht.« Er zündete eine Zigarre an und musterte den Pfarrer sachverstän- dig. »Tom, verstehen Sie etwas vom Barbetrieb?« »Wie? O ja, natürlich, ich habe einige Sommer lang in einer Bar ausgeholfen, bevor ich Pfarrer wurde.« »Na also«, brummte Callahan, »ich werde näm- lich auch nicht jünger. Den ganzen Tag und die ganze Nacht hinter der Theke zu stehen, macht jemandem in Ihrem Alter nichts aus, aber ich bin über fünfzig. Ich habe letzte Woche einem Mann einen Schwinger versetzt – und der Kerl hat doch glatt zurückgeschlagen. Ich hatte vorgehabt, eine Halbtagskraft einzustellen, damit ich einen Teil der Last auf andere Schultern abwälzen kann. Und ich würde mich geehrt fühlen, wenn ein Mann Gottes meinen Schnaps ausschenkt.« Erschrockenes Gemurmel wurde laut; wir alle sahen Tom Hauptman beeindruckt an, weil ihm diese Ehre zuteil wurde. Er blickte sich um, denn, er wußte genau, daß die Entscheidung genauso bei uns lag wie bei Callahan. »Warum, zum Teufel, nicht?« brüllten Long- drink und der Doc gleichzeitig, und der Pfarrer begann zu weinen. »Mr. Callahan«, schluchzte er, »ich wäre stolz, wenn ich Ihnen in Ihrer Bar helfen dürfte.« Tosender Jubel brach los, und ungefähr zwei Dutzend Gläser trafen über dem inzwischen wie- der angefachten Kaminfeuer zusammen; Alle woll- ten gleichzeitig Trinksprüche ausbringen, und ir- gendwo im Hintergrund des Raumes ging ein Knallfrosch los. Der Pfarrer wurde auf etliche Schultern gehoben, und der am falschesten sin- gende Chor der Welt versicherte ihm, daß er wirk- lich ein Jolly Good Fellow sei. »Das müssen wir begießen«, entschied Callahan. »Was soll es sein, Tom?« »Na ja«, meinte der Pfarrer schüchtern, »ich habe schrecklich viel Gin getrunken und bin voll- kommen außer Form. Ich nehme wohl am besten einen Pferdearsch.« »Reverend«, stellte Callahan zutiefst betrübt fest, »was immer das ist, es geht auf Kosten des Hauses. Davon habe ich nämlich noch nie gehört.« Die Gespräche im Raum verstummten mitten im Satz, weil wir diese Neuigkeit erst einmal verdauen mußten. Soviel ich weiß, hatte Callahan das letzte Mal 1968 einen Drink ausgeben müssen, weil ein Spaßvogel mit einem Filzhut eine Schwester Obe-, rin verlangt hatte. Es stellte sich heraus, daß es sich um einen Martini mit einer Pflaume handelte, und Callahan war tatsächlich losgezuckelt um eine Pflaume zu kaufen. Hauptman beobachtete erstaunt die Unruhe, die er ausgelöst hatte, und stotterte schließlich: »Na ja, also, es wird Ihnen nicht viel Mühe machen. Es ist nur ein Ginger Ale mit einer Kirsche.« Er unter- brach sich verlegen und fuhr dann noch schüch- terner fort. »Wissen Sie, man nennt ihn so, weil je ...« »... DER, DER SO ETWAS BESTELLT, EIN PFERDEARSCH IST«, intonierte ein Dutzend Stimmen im Chor, und von überall regnete es Erd- nüsse auf ihn. Tommy Janssen schleuderte einen halbvollen Krug in den Kamin, und der Schnelle Eddie fing ihn mit der rechten Hand im Flug auf, während er mit der linken den neuesten Schlager klimperte. Hauptman nahm seinen Drink von Callahan entgegen und hatte ihn bereits an den Mund ge- setzt, als er die überaus echt wirkende Fliege ent- deckte, die Callahan zuvorkommend beigesteuert hatte. Die Explosion war nicht von schlechten El- tern, und ich kann beschwören, daß ihm das Gin- ger Ale aus den Ohren spritzte. »Eigentlich hätten Sie darauf gefaßt sein müs- sen«, bemerkte Callahan laut und deutlich. Irgend- wie gelang es dem Schnellen Eddie, ihm den Krug an den Kopf zu werfen, ohne den Schlager zu un-, terbrechen. Callahan fing das Geschoß geschickt auf und nahm einen tiefen Zug. »Das gefällt mir«, dröhnte er und rammte sich die Zigarre wieder zwischen die Zähne. »Ein Lo- kal, das lustig ist.« Copyright © 1977 by Spider Robinson,

Das Dilemma des Tausendfüßlers

Was Fogerty zustieß, war ein geradezu klassisches Beispiel für das Dilemma des Tausendfüßlers. Na- türlich geschah ihm recht, und es hatte ja früher oder später so kommen müssen. Aber es hätte noch viel schlimmer für ihn ausfallen können, wenn er nicht diesen komischen Hut auf dem Kopf gehabt hätte. Es spielte sich folgendermaßen ab: Fogerty schlurfte zum ersten Mal in Callahans Bar herein, als wir gerade die Dritte Jährliche Uni- versummeisterschaft im Pfeilwerfen austrugen – ein sportliches Ereignis, auf das wir bei Callahan großen Wert legen – und ich bemerkte ihn so- fort, als er zur Tür hereinkam. Das war nicht wei- ter schwierig; er bot wirklich einen einmaligen Anblick. Er sah aus wie ein Faß auf Beinen, und zwar wie ein großes Faß. Oben auf dieser Leibes- fülle saß ein Kopf wie eine hastig geschälte Kartof- fel, und auf dem Kopf saß – oder lümmelte – der lächerlichste Hut, den ich je zu Gesicht bekom- men hatte. Man hätte ihn für einen ausrangierten, ungepflegten, giftgelben Zeppelin halten können. Von Anfang an wartete ich auf den Augenblick in dem er wie eine Naßschneelawine über das Ge- sicht seines Trägers hinunterrutschen würde, aber eine geheimnisvolle Kraft hielt ihn über den Au-, genbrauen fest. Ich konnte sein Alter nicht annä- hernd abschätzen. Callahan bediente das Faß, ohne mit der Wim- per zu zucken – ich habe den Verdacht, daß selbst ein brennender Gorilla, der hereinkommt und ei- nen Schuß Alkohol verlangt, Callahan nur zu der Frage veranlassen würde, ob er etwas zum Nach- spülen braucht. Der Kerl inhalierte drei Finger- hoch Gin in ebensovielen Sekunden, ließ sich von Callahan nachschenken und schlenderte zu der Gruppe bei der Zielscheibe hinüber, wo Longdrink McGonnigle und Doc Webster auf Leben und Tod kämpften. Ich folgte ihm, denn ich spürte, daß et- was in der Luft lag. Einige von Callahans eiserner Garde stellen sich beim Pfeilwerfen recht geschickt an, und deshalb werfen wir aus zehn Metern Entfernung, was na- türlich den Kraftmeiern einen Vorteil bietet, aber dennoch auch Zielgenauigkeit erfordert. Die Scheibe hat einen Durchmesser von einem Meter, ist mit dem Foto eines Politikers geschmückt (su- chen Sie den Mann Ihrer Wahl selbst aus), und über die bekannten Gesichtszüge sind konzentri- sche Kreise gezogen, die fünfzig, vierzig, zwanzig, zehn und einen Punkt zählen. Als ich mich so- weit vorgekämpft hatte, daß ich die Scheibe sehen konnte, hatte Doc Webster gerade auf der rech- ten Wange des im Kreuzfeuer stehenden Politikers vierzig Punkte erzielt, und Longdrink bemühte sich vergeblich, unbeeindruckt dreinzuschauen., »Wie hoch ist der Einsatz?« fragte mich der Dicke mit dem Hut. Seine Stimme klang wie ein Chevrolet Jahrgang 54 mit ausgeleierten Venti- len. »Scotchflaschen«, erklärte ich. »Der Herausfor- derer setzt eine Flasche gegen den Gesamtgewinn des Vorjahressiegers. Vergangenes Jahr ist der Doc mit sechs Kisten Peter Dawson abmarschiert.« Er grunzte, beobachtete, wie der Doc eine Kerbe in das Ohr eines Expräsidenten riß (Sie haben den gleichen Politiker gewählt, nicht wahr?) und fragte, wo er sich anmelden könne. Ich schickte ihn zum Schnellen Eddie, der einen Abend lang Urlaub vom Klavier hatte und den Schiedsrich- ter machte, und warf immer wieder einen Blick zu dem Fremden hinüber, während ich den Wett- kampf verfolgte. Er beteiligte sich nicht an den munteren Gesprächen rings um ihn, sondern be- obachtete das Match, wie ein Mann, der im Begriff ist, vor dem Fernsehapparat einzuschlafen. Es war nicht zu übersehen, daß Intelligenz nicht zu sei- nen hervorstechenden Eigenschaften gehörte. Doc Webster siegte mühelos, und der Maßkrug, den Longdrink betrübt in den Kamin schleuderte, ge- sellte sich zu einem Berg Glasscherben, der stum- mes Zeugnis für Docs überragendes Können ab- legte. Eines meiner Gläser lag ebenfalls in dem Haufen. Etwa ein Kilo Glas später rief der Schnelle Eddie »Dink Fogerty«, und der Kerl mit dem Hut stand, auf. Der Doc lächelte ihn an wie ein Bär einen Bie- nenstock, und reichte ihm die Pfeile. Sie paßten zusammen. Wenn Fogerty ein Faß war, dann war der Doc der Behälter, in dem das Faß verschifft worden war, und in dem es be- stimmt noch geklappert hätte. Fogerty ergriff die Pfeile, rammte sie mit der Spitze in die nächste Tischplatte und trat lächelnd zurück. Der Doc blinzelte, dann lächelte er gleichfalls und trat zum Wurf an. Er pflückte mühsam einen Pfeil aus der Tischplatte, grinste Fogerty zu und warf. Der Pfeil flog an der Scheibe vorbei. Die Menge schnappte nach Luft, und der Doc runzelte die Stirn. Fogertys Gesichtsausdruck war undurchdringlich. Der Champion pflückte einen weiteren Pfeil, holte aus und warf. Der Pfeil landete fünf Meter weiter links im Ka- min; es klirrte wie Kleingeld in der Hosentasche. »Er hat eine Kurve beschrieben«, quiekte der Doc, und ein paar Leute lachten schallend. Doch von meinem Platz aus sah ich, daß zwischen Doc Webster und dem Kamin vier Männer stan- den, und ich sah auch, daß sich auf Fogertys Ge- sicht ein ziemlich unangenehmes Lächeln breit- machte. Keiner von Docs Würfen streifte auch nur die Scheibe; er trat zurück, schüttelte verzweifelt den Kopf und betrachtete seine Hand. Fogerty nahm seinen Platz ein und wählte einen Pfeil, ohne den grotesken Hut abzunehmen., Als ich zusah, wie er zum Wurf ansetzte, glaubte ich eine Sekunde lang, daß der Kampf unentschie- den enden würde. Er holte jämmerlich aus, er be- wegte sich ungeschickt, er hielt den Pfeil zu nahe bei den Federn und ließ den linken Arm steif her- unterhängen. Er warf wie ein Mädchen, und von einem kräftigen Durchziehen war keine Rede. Der Pfeil landete mit einem dumpfen Geräusch mitten zwischen den Augen. »Sieger und neuer Champion Dink Fogerty«, übertönte der Schnelle Eddie den Lärm der Menge, und Fogerty nahm triumphierend einen langen Schluck aus dem Glas, das er auf einem Tisch abge- stellt hatte. Der Schnelle Eddie teilte ihm mit, daß er soeben fünfunddreißig Flaschen Scotch gewon- nen hätte, und der neue Champion wandte sich uns lächelnd zu. »Gibt es einen Herausforderer?« krächzte er. Die Ventile des 54er Chevrolets waren anscheinend in- zwischen instandgesetzt worden. »Klar«, meldete sich Noah Gonzalez, der als nächster auf der Liste stand. »Ich will verdammt sein, wenn ich zulasse, daß Sie uns mit einem Wurf drei Dutzend Flaschen wegschnappen.« Fo- gerty nickte zustimmend, holte seinen Pfeil aus der Scheibe und trat wieder an. Und mit der glei- chen ungeschickten, unbeholfenen Technik setzte er alle sechs Pfeile in den Fünfziger-Kreis. Im Raum herrschte Totenstille, so daß Noahs ersticktes »Ich gebe auf« deutlich zu hören war., Fogerty nahm wieder selbstgefällig einen kräfti- gen Schluck und stellte das Glas ab. »Zehn Dollar darauf, daß Sie das kein zweites Mal schaffen«, explodierte der Doc, und Fogerty lächelte. Der Schnelle Eddie wollte die Pfeile ho- len, doch als er die Scheibe erreichte ... »Keiner bewegt sich!« brüllte Callahan, und wir erstarrten zu Salzsäulen. Fogerty drehte sich um und betrachtete den großen roten Barkeeper mit einem unschuldigen Lächeln auf seinem Pudding- gesicht. Callahan funkelte ihn an. »Was ist los, Boß?« erkundigte sich Fogerty. »Das möchte ich verdammt gern wissen«, knurrte Callahan. »Sie haben mindestens ein dutzendmal aus Ihrem Glas getrunken, und es ist immer noch voll.« Alle Blicke wandten sich Fogertys Glas zu, und es stimmte. Außerdem waren alle Gläser ringsum leerer, als sie eigentlich sein sollten, und zorniges Gemurmel erhob sich. »Machen Sie halblang«, protestierte Fogerty. »Meine Hände waren die ganze Zeit deutlich sicht- bar, Sie haben mich alle gesehen. Sie können mir nichts anhängen.« »Dann haben Sie es eben nicht mit den Hän- den gemacht«, bemerkte Callahan düster, und Doc Webster ging eine Kerzenfabrik auf. »Mein Gott«, schrie er, »ein Telekinetiker. Sie elender, nichtsnutziger ...« Fogerty startete zur Tür, aber der Schnelle Ed- die bewies, daß er seinen Namen zu recht trug,, und stoppte ihn mit einem Hechtsprung, bevor er fünf Meter zurückgelegt hatte. Fogerty landete krachend vor Longdrink McGonnigles Füßen, der sich sofort auf ihn setzte. »Tele-was?« erkundigte sich Longdrink interessiert. »Telekinese«, erklärte der Doc. »Der Geist be- herrscht die Materie. Ich habe in der Armee ei- nen Telekinetiker erlebt, der so lange Sieben wür- feln konnte, wie er Lust hatte. Es ist ein seltenes Talent, aber es existiert. Und dieser schräge Vogel besitzt es. Stimmt‘s, Fogerty?« Fogerty redete eine Weile herum, aber schließ- lich brach er zusammen und gestand. Ein paar Kinnladen klappten herunter, manche schlugen sogar auf den Boden auf, und Longdrink trat ent- setzt zurück, so daß der Kerl mit dem Hut aufste- hen konnte. Der Hut hielt sich immer noch wie eine homosexuelle Pfahlmuschel fröhlich an sei- nem Schädel fest. »Heißt das, daß Sie die Pfeile mit Ihrem Geist ge- lenkt haben?« erkundigte sich der Schnelle Eddie. »Nein. Eigentlich nicht ... Ich bringe die Scheibe dazu, daß sie auf Pfeile scharf ist.« »Ha?« »Ich kann die Pfeile nicht beeinflussen. Ich pro- jiziere ... Verlangen nach den Pfeilen auf das Zen- trum der Scheibe, wie eine Art Magnet, und die Scheibe zieht sie an. Ich habe es erst vor einem Jahr erlernt. Schwierig ist nur, es sechs Pfeile lang durchzuhalten.«, »Das habe ich mir gedacht«, knurrte Callahan hinter der Theke. »Sie haben auch dafür gesorgt, daß Ihr Glas sich nach Gin sehnt, was?« Fogerty nickte. »Ich verdiene als Fischer nicht schlecht – meine Netze sehnen sich nach Fischen.« Ich fand, daß Fogerty sehr wenig Phantasie entfaltete, um sein Talent auszunützen. Stellen Sie sich Krebs vor, der sich nach Kobaltstrahlen sehnt. Oder stellen Sie sich eine Tasche vor, die sich nach Diamanten sehnt. Eigentlich war es ein Glück, fand ich, daß er keinen größeren Ehrgeiz entwickelte. »Moment mal«, meinte der Doc verwirrt. »Wie führen Sie diesen Zustand herbei, den Sie über- tragen – wenn die Scheibe sich nach Pfeilen ›sehnt‹?« Fogerty, der ein phantasieloser Mensch war, dachte zum ersten Mal in seinem Leben über diese Frage nach, und das Unvermeidliche trat ein. Es gibt die alte Geschichte vom Tausendfüß- ler, den jemand fragte, wie er seine vielen Füße koordinierte, und als er über die technische Seite eines Vorgangs nachdachte, den er bis dahin au- tomatisch vollzogen hatte, geriet er so durcheinan- der, daß er es nie wieder schaffte, sich vorwärtszu- bewegen. Genauso konzentrierte sich Fogerty auf eine Gabe, die ihm zur zweiten Natur geworden war, erzeugte die Zone des Verlangens zum ersten Mal bewußt in seinem Kopf, um sie zu beobach- ten, und ..., Das halbe Dutzend Pfeile riß sich von der Scheibe los, durchquerte den Raum wie ein Schwarm Mit- telstreckenraketen und knallte an Fogertys Stirn. Wenn er den komischen Hut nicht getragen hätte, hätten sie ihm vielleicht den Schädel zer- schmettert. So stießen sie ihn nur zurück, er lan- dete auf seiner umfangreichen Sitzfläche und blinzelte zu uns herauf, während wir zu ihm hin- unterblinzelten. Verblüfftes Schweigen folgte, und dann setzte schallendes Gelächter ein, das die Spinnweben von den Regalen fegte. Wir lachten, bis uns die Tränen über die Wangen liefen, bis unsere Lungen schmerzten, und Fogerty ließ die Fröhlichkeit auf sich herunterprasseln, wurde rot und begann schließlich selbst zu kichern. Und wie der Tausendfüßler, wie der Rajah, des- sen fliegender Teppich sich nur in der Luft hielt, wenn er nicht an das Wort »Elefant« dachte, brachte es Fogerty von diesem Tag an nie mehr fertig, sein seltsames Talent noch einmal zu verwerten. Stellen Sie sich vor, daß Ihnen eine Netzladung Makrelen ins Auge fliegt! Copyright © 1977 by Spider Robinson,

Das Gesetz von der Erhaltung

des Schmerzes Es ist merkwürdig, wie unvermeidlich manche Dinge sind, die bei Callahan geschehen. Natürlich hätten wir dem Weltverbesserer irgendwie helfen können, auch wenn er zum Beispiel an einem Don- nerstag zu uns gekommen wäre. Aber weil es ge- rade ein Montagabend war, habe ich endlich er- fahren, was es mit der »Heavy Metal« Rockmusik auf sich hat. Da ich seit zehn Jahren als Musiker arbeitete, war es höchste Zeit, daß ich es herausfand. Montag ist Fill-More-Abend* bei Callahan, der Abend, an dem der Schnelle Eddie und ich jede Woche unsere Show an Klavier und Gitarre abzie- hen. Aber lassen Sie sich nicht vom Namen zu der Annahme verleiten, daß auch wir diese ohrenbe- täubende Musik produzieren, für die Fillmore East berühmt war. Obwohl ich eine elektrische Gitarre spiele (eine Country Gent Six) und einen Verstär- ker benütze, bei dem die Firma garantiert, daß er jedes Glas zum Zerspringen bringt, sind sie die ein- zigen Überbleibsel aus einem sehr kurzen Flirt mit »Heavy Metal«, zu dem es in einer viel hungrige- ren Zeit gekommen war. Ich schätze laute Geräu- sche nicht. * Nachfüll-Abend, Nein, der Name kommt von einem seltsamen Brauch bei Callahan: wir begraben unsere toten Soldaten im Kamin. Für gewöhnlich kann man aus der Zahl der Gläser, die zerschmettert in der Glut liegen, erkennen, ob der Abend ein Erfolg war, und nach einer besonders gelungenen Ses- sion hatte Doc Webster Eddie und mir den Spitz- namen Die-Kamin-Fill-More verliehen. Zu unse- rer tiefsten Verzweiflung blieb er hängen. An diesem Montagabend ging es wirklich lok- ker zu. Eddie und ich hatten unsere erste Nummer aufgeschoben, bis die beiden Jungs, die mit Äpfeln und Besenstielen auf dem Boden eine Art Billard spielten, fertig waren. Als Callahan endlich zwei ungeheure Lautsprecher zu beiden Seiten der Tür aufgestellt hatte, war die Stimmung schon auf dem Höhepunkt. »Was werden Sie spielen, Jake?« erkundigte sich der Doc von seinem Platz in der ersten Reihe aus. Ich schob das Mikrophon zurecht, drehte meine Gitarre gerade soweit auf, daß sie die Konkurrenz mit dem Piano des Schnellen Eddie aufnehmen konnte, und gab dem Doc den Schwarzen Peter zurück. »Was möchten Sie denn gern hören, Doc?« »Wie wär‘s mit ›Ich habe Tränen in den Ohren, weil ich auf dem Rücken gelegen und den ganzen Abend um dich geweint habe‹?« »Quatsch«, unterbrach ihn Longdrink von der Bar aus. »Ich möchte ›Ich liebe die Veilchen so, sehr, deshalb habe ich ihr eine geklebt‹ hören«, und ein paar von uns stöhnten auf. Doc Webster zeigte sich der Lage gewachsen. »Wie wär‘s mit dem Seilerlied, Jake?« Ich ergab mich in mein Schicksal. »Das Seiler- lied?« »Klar«, strahlte der Doc. Er dirigierte ein un- sichtbares Orchester und sang dazu: »Schling die Arme um mich, mein Schatz ...« Ein Regen von Erdnüssen ging auf ihn nieder. Callahan schob den rechten Lautsprecher zu- recht, stützte die Hände in die Hüften und drehte sich um. »Spielen Sie das Kameralied, Jake.« »Ich habe Mattscheibe, Mike.« Mit einer Stimme wie ein Nebelhorn, das den Grundton sucht, begann Callahan: »Blende mich mit deinem Sucherblick ...«, und eine ansehnliche Menge Gläser landete gleichzeitig im Kamin. Ei- nige davon waren noch halbvoll gewesen; das kni- sternde Feuer flammte hoch. In der kurzen Pause, die danach eintrat, meldete sich der Schnelle Eddie schüchtern zu Wort. »He, Jake, ich habe eine Idee.« »Gehen Sie vorsichtig mit ihr um«, grinste der Doc, »sie befindet sich an einem ungewohnten Ort.« »Was für eine Idee ist es denn, Eddie?« fragte ich. »Was ist, wenn wir die Nummer spielen, die wir den ganzen Nachmittag über geübt haben?«, Ich nickte verständnisinnig und wendete mich den Zuhörern zu. »Stammgäste und Gentlemen«, begann ich, »als erstes möchten wir einen Song bringen, den wir gestern geschrieben haben. Wir haben versucht, den schwer faßbaren Geist, die uns allen gemeinsame Eigenschaft zu beschreiben, die uns in Callahans Bar zusammenführt. Irgend- wie ist es ein Song über uns alle. Er heißt der Säufer-Song.« Als Eddies erste Töne die Buhrufe übertönten, schulterte ich meine Gitarre und sang: »Mein gut betuchter und reicher Verwandter war plötzlich abgekratzt und hatte mir Hunderttausende hinterlassen. Ein Freund und ich waren bereit, den Zaster flüssig zu machen um einmal zu sehen, wieviel unsere Gurgeln fassen. Wir begannen in der Stadt, nahmen einen Drink in jeder dreckigen kleinen Kneipe, war sie auch noch so mies. Ein Ta- xifahrer oben in Harlem fuhr uns fröhlich über den Fluß nach Brooklyn, wo er sich bis zum Rand voll- laufen ließ. Wir schwankten ein wenig, als wir mit hundert Sachen im Rückwärtsgang zum Astoria fuh- ren. Doch wir schwankten viel mehr, als wir es ver- ließen, denn da waren wir erst richtig auf Touren. Es gibt nichts Schöneres als einen Glücksfall begießen. Wir waren wie die himmlischen Wiesen. Wir wußten vor Bläue nicht mehr, wie wir hießen. Und wenn ihr mich fragt, ich bin immer noch blau.«, Als wir den Refrain beendet hatten, wirbelte der Schnelle Eddie eine Wolke aus Gospel-Akkorden auf, die leicht zu meinem Solo überleiteten, ein paar komplizierte Doppelgriffe, über die ich mich gefühlvoll, aber nicht sehr präzise hinwegschwin- delte. Als Eddie an der Reihe war, warf ich einen Blick in die Runde und stellte fest, daß alle fried- lich beim zweiten Drink saßen. Überall strahlte mir ein freundliches Lächeln entgegen, als ich die zweite Strophe in Angriff nahm. »Wir fühlten uns prächtig, als wir weiterzogen, Whisky nuckelten und die Mädchen beguckelten. Doch im nächsten Saloon ging was schief. Jemand hatte was dagegen, daß wir an ihm vorbeizuckelten; seine Faust kam mit Schwung auf mich zu und schoß mich ins Eck, doch ich war so blau, daß ich nur sagte ›Mist‹. Dann kam die Enttäuschung, weil die Bullen erschie- nen, als ich ihm gerade mit ‘nem Stuhl zeigte, wer Herr im Hause ist, Doch die Cops nahmen uns nicht hopps, denn ich sprintete ins Scheißhaus und verschwand durch den Lüftungsschacht. Ich traf meine Kumpel draußen, wir ließen die Brüder sau- sen sind nur noch gerannt und haben gelacht. Es gibt nichts Schöneres, als einen Glücksfall begießen, wir waren so blau wie die himmlischen Wiesen, wir wußten vor Bläue nicht mehr, wie wir hießen. Und wenn ihr mich fragt, ich bin immer noch blau.«, Diesmal überbrückte der Schnelle Eddie die Lücke mit einem Wirbel von Dreiklängen. Er wußte offenbar genau, was er tat, deshalb ließ ich ihm freie Hand. Während er eine saftige Pointe abschoß, sah ich mich wieder um und blickte nur in grinsende Gesichter. Nein, doch nicht. Tommy Janssen, der hin- ter dem Mixer saß, lächelte eindeutig nicht. Ein dickbäuchiger Gentleman, der einen Mantel trug und den ich nicht kannte, beugte sich über Tom- mys Schulter, flüsterte ihm etwas ins Ohr, und der Junge zeigte sich überhaupt nicht begeistert davon. Knapp bevor ich mich wieder auf mein Solo kon- zentrierte, drehte sich Tommy um und sagte etwas zu dem Mann im Mantel, und als ich wieder hin- schaute, stand der Kerl an der Bar und hatte seine Nase in einen Doppelstöckigen gehängt. Ich beschäftigte mich aber nicht weiter mit ihm, denn die dritte Strophe war fällig. »Mitten in Levittown kamen wir wieder zu Atem, denn die Kneipe war zu dreckig, das machte uns Spaß. Ich trank ein Pint, und mein Kumpel einen Krug und der Fahrer soff eine ganze Maß. In Suffolk County gingen wir auf Schnellgang über, denn eine riesige Menge erwartete uns dort. Von Jericho bis Merrick Road blieb keine Kehle trok- ken. Wir soffen und sangen uns von Ort zu Ort., In Hampton gingen mein Kumpel und der Fahrer verloren, und ich kriegte selbst mit aller Gewalt nichts mehr rein. Doch der Teufel soll mich holen, zu Ende war‘n die Kohlen, und ich saß in Montauk Point weinend allein auf ‘nem Stein.« Die ganze Bande stimmte in den letzten Refrain ein. Alle, nur nicht der Kerl im Mantel ... der schon bei seinem zweiten Doppelstöckigen gelan- det war. »Es gibt nichts Schöneres, als einen Glücksfall begie- ßen. Wir waren so blau wie die himmlischen Wiesen, wir wußten vor Bläue nicht mehr, wie wir hießen, und wenn ihr mich fragt, ich bin immer noch blau.« Ein Hagelschauer aus Gläsern ging über dem Ka- min nieder, und der Schnelle Eddie und ich einig- ten uns auf ein gemeinsames Finale. Als sich die jubelnde, lachende Menge ein bißchen beruhigt hatte, trat ich wieder ans Mikrophon und räusperte mich. »Ich danke für Ihr Verständnis, meine Da- men und Herren«, begann ich. »Wir werden sofort den Elf-Gallonen-Hut herumreichen.« Ich tupfte vielsagend auf meinen Stetson und grinste. »Und jetzt ...« Ich unterbrach mich. »Wir kön- nen nur zwei Songs, und das war schon der eine,, deshalb sind wir wirklich froh, daß er Ihnen gefal- len hat.« Ich unterbrach mich wieder. »Was meinst du, daß wir jetzt spielen sollten, Eddie?« Er zerbrach sich angestrengt den Kopf. »Wie wäre es mit dem zweiten?« erkundigte er sich schließlich. »Richtig geraten.« Ich griff in die G-Saite. Doc Webster köpfte eine frische Flasche Peter Dawson und nahm einen kräftigen Schluck. »Okay, Leute«, fuhr ich fort. »Damit ihr wißt, was euch erwartet: ›Sie war nur ‘ne Briefträger- tochter, aber gebracht hat sie‘s‹* ...« Ich wollte mit der Einleitung beginnen, aber jemand warf ein Glas in den Kamin, lenkte mich ab, und ich ver- patzte den Einsatz. In den wenigen Sekunden, ehe ich einen neuen Anlauf nahm, brach der Kerl im Mantel laut und wie ein Wasserwerfer in Tränen aus. Der Schnelle Eddie und ich gehörten zu den er- sten, die einen Kreis um den dickbäuchigen wei- nenden Mann bildeten. Ich nahm mir nicht einmal Zeit, den Stecker meiner Gitarre herauszuziehen, und falls jemand über das straff gespannte Kabel stolperte, so verlor er deswegen kein Wort. Nachdem wir zu dem Mann gestürzt waren und ihn eingekreist hatten, gab paradoxerweise nie- mand einen Ton von sich. Wir warteten, bis er * Leider unübersetzbar: »She was only a telegrapher‘s daughter, but she didit-ah-didit.«, sich ausgeweint hatte, und fühlten schweigend mit ihm. Wir boten ihm nur unsere Aufmerksamkeit und Teilnahme. Etwa fünf Minuten später hörte er auf zu schluchzen, verzog das Gesicht, atmete stoßweise, und Callahan reichte ihm einen Dreistöckigen. Die Hälfte goß er sich sofort hinter die Binde, die an- dere Hälfte stellte er auf der Theke ab. Als er sich uns zuwandte, wirkte er nicht beschämt, wie wir erwartet hatten, eher erleichtert. Obwohl sein Unterkiefer immer noch verkrampft war und die braunen Augen immer noch zwinkerten, hatte sich der Frosch in seiner Kehle deutlich gelöst. »Danke«, sagte er ruhig. »Ich ... ich ...« Er ver- stummte, setzte zum Sprechen an, war aber dazu of- fenbar außerstande. Dann erinnerte er sich anschei- nend an die paar Trinksprüche, die er zu Beginn des Abends mitangehört hatte, denn er griff nach dem Rest seines Drinks, schritt zu dem Kreidestrich in der Mitte des Raums, leerte das Glas und verkündete: »Auf Besserwisser.« Dann schleuderte er das Glas in die geometrische Mitte des Kamins. »Wie ich einer bin«, fügte er hinzu, als er sich zu uns umdrehte. »Ich bin ein Besserwisser im gro- ßen, und ich weiß nicht, ob ich genügend Mut dazu habe. Oder das Recht.« »Bruder«, mischte sich Callahan ein, »Sie sind hier ganz bestimmt am richtigen Ort. Wir alle sind alte Besserwisser, und beides macht uns schwere Sorgen.«, »Bei mir liegt der Fall anders«, widersprach der Besserwisser. »Ich bin nämlich auch noch ein Zeit- reisender.« Er wartete auf unsere Reaktion. »So ein Pech«, meinte Noah Gonzalez, »daß Tom Hauptman heute abend frei hat. Ihr beide hättet eine Menge Gesprächsstoff.« »Was?« fragte der Fremde verwirrt. »Stimmt«, bemerkte Callahan, »Tom ist auch ein Zeitreisender.« »Aber ... aber ...«, stammelte der Typ, »ich be- sitze die einzige Zeitmaschine.« »Oh, Tom hat keine komplizierten Geräte ver- wendet«, erklärte Noah. »Ja«, stimmte Callahan zu. »Tom hat es sich nicht leicht gemacht. Denken Sie nicht groß dar- über nach, Kumpel, es ist eine lange Geschichte. Kommen Sie aus der Vergangenheit oder der Zu- kunft?« »Der Zukunft.« Der Zeitreisende war verblüfft, weil wir nicht vom Stuhl fielen. Uns bringt man wirklich nicht so leicht aus der Fassung. »Das heißt, aus der Zukunft, wie sie jetzt ist ... ich meine ...« Er verstummte verwirrt. »Ich kenne mich schon aus«, tröstete ihn Noah, der wie ich ein alter SF-Freak ist. »Sie kommen aus der Zukunft, aber Sie werden diese Zukunft verän- dern, indem Sie die Vergangenheit verändern, die unsere Gegenwart ist, nicht wahr?« Der Kerl nickte. »Was soll das heißen?« brummte Doc Webster., »Ich komme aus dem Jahr 1995«, erklärte der Mann im Mantel müde und geduldig, »und ich werde im Jahr 1974 den Ablauf der Geschichte verändern. Wenn es mir gelingt, wird die Welt, in die ich zurückkehre, anders sein als diejenige, die ich verlassen habe.« »Besser oder schlechter?« wollte Callahan wis- sen. »Das ist ja das Verdammte daran: ich weiß es nicht. Ach Scheiße, ich werde Ihnen besser gleich die ganze Geschichte erzählen. Vielleicht hilft es mir.« Callahan schenkte ein, und wir machten es uns sehr bequem. Sie hieß Bobbi Joy (sagte der Fremde), und man konnte nicht behaupten, daß es noch nie jeman- den wie sie gegeben hatte. Eine Menge Frauen wa- ren so gewesen wie sie. April Lawton war zum Bei- spiel eine beinahe genausogute Gitarristin. Aretha strahlte zeitweise die gleiche Intensität aus. Billie Holiday schleppte bestimmt den gleichen Kummer mit sich herum und konnte ihn in Musik umset- zen. Joni Mitchell und Roberta Flack verfügten, jede auf ihre Art, über die gleiche technische Per- fektion und die gleiche Reinheit des Tons. Dory Previn war als Lyrikerin genauso dramatisch und ergreifend, und Maria Muldaur verfügte über die gleiche natürliche Anmut. Aber selbst wenn man sie alle zusammengemixt hätte, wäre daraus noch keine Bobbi Joy gewor-, den, und zwar wegen ihrer Stimme. Es war ein- fach unmöglich, daß es eine solche Stimme geben konnte. Wenn ein Song von Bobbi Joy zu Ende war, sei es auf Band, auf Platte, auf einem Holo oder als ganz seltener Glücksfall live, schüttelten die Zuhörer ungläubig den Kopf darüber, daß eine menschliche Kehle solchen Schmerz ausdrücken konnte, daß es solchen Schmerz geben konnte, und daß man solchen Schmerz hören und trotz- dem weiterleben konnte. Ihr Name war die reinste Ironie; sie hatte ihn von ihrem Beschützer in ihrem vorherigen, sehr alten Beruf bekommen, und sie war zu zynisch und zu gleichgültig, um diesen Namen zu ändern, als ihre ersten Platten Käufer fanden. Ich habe mich oft gefragt, was ihre früheren Kunden wohl empfinden, wenn sie sie singen hören; ich bin da- von überzeugt, daß jeder einzelne Namenlose, Ge- sichtslose von ihnen sich an sie erinnert. Und sie erkennen natürlich auch, wie paradox ihr Name ist – denn obwohl Gott ihr alle mög- lichen körperlichen Anlagen in die Wiege gelegt hat, damit sie Freude bereiten kann, bestand im- mer eine Kluft zwischen ihr und ihrem Namen. Obwohl viele Lippenpaare ihren Namen ausspra- chen, vermittelte ihr keines das Gefühl, daß er ih- rem Wesen entsprach. Denn die Narbe in ihrer Seele war genauso tief und blaß wie diejenige, die wulstig und gezackt von ihrem linken Backenknochen zum Kinn verlief., Man nannte sie ›Die Frau mit der Narbe‹, und viele, die nur die körperliche Wunde sahen, wun- derten sich darüber, daß sie sie nicht von einem Schönheitschirurgen beseitigen ließ – zu meiner Zeit ist es ein ganz einfacher kosmetischer Ein- griff. Aber sie sang, und wir verstanden sie und weinten mit ihr, weil keine ihrer Narben jemals wegoperiert werden konnte oder würde, und darin lag wohl ihre Genialität. Sie war mit ihren Nar- ben das Sinnbild einer ganzen Ära; sie erinnerte uns daran, daß wir eine Welt geschaffen hatten, in der es solche Narben geben konnte, und daß wir alle unsichtbar genau solche Narben trugen wie sie. Sie ... Das ist absurd. Ich versuche, einer Jungfrau den Sex zu erklären, und dabei habe ich ein ausgezeich- netes Bett zur Verfügung. Hört mir zu, Freunde. Dieses Holo wird euch eine bessere Einsicht ver- mitteln, als ich es kann. Gott helfe euch. Der Fremde holte eine glatte, blaue, etwa tennis- ballgroße Kugel aus der Tasche und hielt sie zum Kamin hin. Die Luft über dem Feuer flimmerte plötzlich stärker, wirbelte, tanzte und verdichtete sich schließlich. In die Stille in Callahans Bar hätte man Nieten hämmern können. Dann war der Kamin fort, und an seiner Stelle saß eine junge schwarze Frau auf einem Felsen, hielt eine Gitarre im Schoß, und rings um sie gab es nur sternenglitzernde Nacht. Ihr Gesicht lag im Schatten,, aber während wir noch den Atem anhielten, kam der Mond hinter einer Wolke hervor und beleuch- tete ihre Züge. Ihre Haut schimmerte wie Obsidian, ihr Gesicht, dem Gott Schönheit verliehen hatte, war weich, doch darüber spannte sich der harte Schatten des unglaublich geraden Schlitzes, der zwei Zenti- meter unter ihrem linken Auge begann, sich zu den an und für sich breiten Lippen hinunterzog und sie spaltete, wie ein gezackter dunkler Strich unter dem Wort »Schmerz«. Sie war schwarz und eine Frau und trug eine Narbe, doch noch während wir das dach- ten, wurde uns klar, daß alle diese Worte auf das gleiche hinausliefen. Ihre Narbe war äußerlich sicht- bar, das war schon alles. Wir brachten kein Wort heraus, und in der Stille hob sie die Gitarre und begann zu spielen, einen raschen, bösen, beunruhigenden Beat, wie ein verzweifelter Richie Havens, ein nicht aufge- löster und vielleicht gar nicht auflösbarer Akkord. Eine e-moll-Sexte, das Cis im Baß, ein quälender Akkord, der etwas anderes werden wollte, in Dur oder Moll, glücklich oder traurig, aber irgend et- was. Ein einfacher, beinahe gregorianischer Cho- ral ging von dem Cis aus, kehrte aber immer un- befriedigt zurück, versuchte, sich von dem Akkord zu lösen, schaffte es jedoch nicht. Und vor dieser urzeitlichen, beunruhigenden Klangkulisse sprach Bobbi Joy im unpersönlichen Ton des Erzählers, der über aller Kunst steht:, Als der Tag zu Ende ging, fiel der Schnee schwer auf die U.S. 40 herab. Auf diesem einsamen Abschnitt der Autobahn hatte sich den ganzen Tag über nichts er- eignet; die Stille war so vollkommen, daß die verküm- merten Fichten und die sanften Hügel längs der Straße geglaubt hatten, das Versprechen, das ihnen vor so lan- ger Zeit gegeben worden war, wäre endlich eingelöst worden: Die Menschen waren verschwunden und lie- ßen sie für immer in Frieden. Keine Schlangen waren aus ihren Löchern gekro- chen, keine Eidechsen waren über die Steine gehuscht, keine Wölfe waren lautlos auf der Suche nach Beute über das Land getrottet. Die Tiere der Wildnis warte- ten verdutzt, erwartungsvoll, angespannt ... worauf? Allmählich wurde allen Lebewesen ein merkwür- dig stotterndes Dröhnen fern im Osten bewußt, das zu langsam lauter wurde, um sie zu erschrecken. Es schwoll an, näherte sich, Muskeln und Sehnen strafften und entspannten sich dann wieder, als man erkannte, daß es vertraut und harmlos war. Ein hellgrüner Dodge Baujahr 1960, der nur noch auf drei Zylindern lief, kam ruckweise durch die Schneeschleier in Sicht. Die Scheibenwischer beweg- ten sich mühsam, die schwere Maschine tastete sich die Autobahn entlang und sang heiser und stotterte das Lied der Straße. Schließlich jaulte sie noch ein- mal gequält auf, dann verstummte sie: Die Wischer rührten sich nicht mehr, die Kolben kamen zum Still- stand, die Scheinwerfer erloschen, der große Wagen glitt würdevoll von der Straße hinunter, lehnte seine, müde Schnauze an einen schneebedeckten Kaktus und blieb endgültig stehen. Auf der U.S. 40 kehrte wieder Stille ein ... und noch immer warteten die Tiere beiderseits der Fahrbahn. Während der letzten Worte kehrte der rhyth- mische Baß, mit dem sie ihre traurigen Akkorde untermauerte, zum disharmonischen Cis zurück. Dann glitt er mit atemberaubender Leichtigkeit zu B hinunter, wurde zur Dominante einer einfachen e-moll-Sexte, und als von irgendwoher Baß, Kla- vier und Trommel einfielen, begann sie zu sin- gen: Schnee fällt sanft auf die Windschutzscheibe, Ich stehe neben der Straße. Ich war unterwegs – mein Motor gab den Geist auf, Und ich stehe neben der Straße. Bald werde ich aussteigen und gehen, Wahrscheinlich ist eine Stadt in der Nähe, Mir fällt zwar gerade ein, daß ich Genausogut dort wie hier sein kann. Aber ich mache mich auf den Weg, (plötzlicher Wechsel der Tonart) Sobald ich einen Grund dafür finde. Vorläufig sehe ich gern zu, wie der Schnee Windschutzscheibe und Fenster bedeckt ..., Sie schloß in klagendem a-Moll, kehrte wieder zu der gespenstischen, quälenden e-Moll-Sexte zu- rück, die anderen Instrumente verstummten, und nur ihre Gitarre war zu hören. Sie sprach wieder: Der Schnee hatte Windschutzscheibe und Fenster vollständig zugedeckt, bildete einen weißen Vorhang, der das Wageninnere verbarg und auch alles, was in ihm geschah – falls es überhaupt etwas zu sehen gab. Kein Geräusch drang aus dem Wagen, kein Vibrieren schüttelte den Schnee von den Türen. Die Tiere waren verblüfft, aber glücklich: Vielleicht hatte ein Mensch endlich verstanden. Das Cis glitt wieder zu B hinunter, aber diesmal gehörte es zu einem reinen, einfachen G-Akkord, den eine elektrische Gitarre und leises Schlagzeug stützten, ein beinahe glücklicher Sound, der nur während der ersten vier Zeilen anhielt, als die Stimme – diese Stimme – das Lied wieder aufgriff und uns mit seinen Worten ätzte: Macht euch keine Sorgen. Ich gehe. Ich werde sofort gehen, Den Wagen verlassen, - Es ist jetzt nicht mehr weit - Ich werde sofort gehen. (Eine elektrische Gitarre leitete langsam zu einer schmerzhaft wiederholten c-e-a-Moll-Sequenz über, die nirgendwohin führte ...), Sobald ich einen Ort finde, den ich erreichen will, Sobald ich etwas finde, das ich machen will, Sobald ich jemanden finde, den ich kennen will, Oder sobald ich auf etwas Neues stoße, (ein plötzlicher, optimistischer Sprung nach F-Dur ...) Ich meine, ich würde es leicht bis zur nächsten Stadt schaffen, (unerwarteter Übergang zu Es ...) Aber was werde ich tun, wenn ich hinkomme? (unerbittlich zurück zu C ...) Durch diese Odyssee wollte ich eine Antwort finden: Zweitausend Meilen, und mir ist immer noch alles egal ... (a capella) Lohnt es sich denn, weiterzusuchen? Am liebsten hätten wir geweint, geschrien, wären zu ihr gelaufen, hätten ihr hundert Gründe ge- nannt, warum man am Leben bleiben muß, hät- ten eine Möglichkeit gesucht, den Schmerz in die- ser Stimme wenigstens zu mildern, aber keiner gab einen Laut von sich. Bobbi Joy war wieder mit ih- rer Gitarre allein und webte den disharmonischen Teppich aus schmerzhaften Tönen, der uns bereits so vertraut wurde wie der Nachgeschmack eines schlechten Traums an einem kalten Morgen; als sie wieder zu sprechen begann, zuckte kein Mus- kel in ihrem ebenholzschwarzen Gesicht, als wäre, die Narbe der einzige Gefühlsausdruck, den sie brauchte oder sich gestattete. Der Schnee begann zu treiben. Nach einer Minute – oder einer Stunde – lag der Wagen halb unter einem schweren Wintermantel aus nassem Schnee begraben. Die Tiere begannen schon, den Wagen zu vergessen. Er hatte sich so lange nicht bewegt, daß sie ihn allmählich als Teil ihrer Umwelt betrachteten – er war für sie weniger interessant als die verschlissene Ausgabe des Denver Record aus dem Jahr 1892, die unter einem Steinbrocken eingeklemmt war und wenigstens noch gelegentlich im Wind flatterte. Denn das Gedächtnis der Tiere ist kurz, und die Jahre sind lang, und sie haben erkannt, daß nur sehr wenige Dinge wert sind, sich lange mit ihnen zu be- schäftigen. Und der Schnee fiel immer weiter ... Diesmal blieb sie beim Cis, baute einen A-Ak- kord darum auf, und nur Harfe und Baß fielen wieder ein. In diesem Teil des Liedes gab es nichts Unverständliches: eine einfache traurige Melodie ohne unerwartete Wendungen, ohne Überraschun- gen, nur stille Resignation, schweigend akzeptierte Niederlage. Irgendwie ist es im Wagen ganz angenehm, Auch wenn es eigentlich langsam kalt wird. Ich habe mich stundenlang nicht bewegt und kein Wort gesagt. Ich glaube, es wird schrecklich kalt., Im Handschuhfach liegt eine kleine Flasche: Ein bißchen Irish Whisky als Seelenwärmer. Aber es ist so mühsam, danach zu greifen, Und es ist ja gar nicht so kalt. Vielleicht würde er mich wärmen, Aber es ist einfach die Mühe nicht wert ... Sie ließ die Schultern hängen und ihre eintönig be- gleitende Gitarre klang entsetzlich unwiderruflich. Neben der U.S. 40 war kein Dodge mehr zu sehen, nur noch eine Schneewehe wie viele andere, friedlich und schrecklich kalt. Im schwachen Licht schimmerten ge- heimnisvolle Schneeskulpturen, weiße Hügel und Täler. Wenn nicht der wirbelnde Dunst gewesen wäre, hätte man es für das Morgengrauen halten können. Der Wagen war vollkommen unsichtbar – genau wie die Tiere in ihren Höhlen, Löchern und Bauen. Aber sie erinnerten sich nicht mehr an den Wagen ... und wenigstens in ihren Schlupfwinkeln gab es so et- was wie Leben. Erschreckend unerwartet wechselte sie zu E-Dur hinüber, gelangte mit Hörnern, Baß und Trom- meln zu einem ekstatischen Hallelujah-Chor, so daß man wieder zu hoffen wagte. Dieser pochende Beat war bestimmt ein Herz, das zu schlagen be- gann, diese Energie hatte bestimmt ein Ziel. Wir richteten uns auf und hielten Daumen. Ich habe es! Es gibt etwas, das ich tun möchte,, Etwas, das vielleicht einen Sinn hat. Ich habe in einem Glasröhrchen Gras Hier unter meiner Bluse Ich werde mir einen Joint drehen. (Stimme und Begleitung erreichten einen Tief- stand, denn die feierliche Stimmung machte ih- nen Angst ...) Ein kompliziertes Unternehmen – es könnte den Frieden stören, Aber es müßte mich genauso wärmen wie ein Drink. Es ist jedenfalls den Versuch wert und es wird mir helfen Einen Grund zu finden, warum ich hier raus muß. Glaube ich jedenfalls. (a capella) Wo habe ich das Zeug bloß hingetan? Wieder erklang das Cis, eine erschreckende Rück- kehr ins Unvermeidliche, und die eintönige Gi- tarre zog uns den Boden unter den Füßen weg. Wir waren hilflos, wußten nicht, ob uns die Mu- sik oder der Text stärker bewegte, und warteten in ängstlichem Schweigen darauf, was jetzt kom- men würde. Die ausdruckslose Stimme sprach zum letzten Mal., Zwei Wochen später grub der Straßendienst den Wa- gen aus und fand in ihm die steifgefrorene Leiche ei- ner jungen, unglaublich friedlich und heiter wirken- den Frau. Zwischen den blauen, erstarrten Lippen hing der bleistiftdünne Aschenrest einer selbstgerollten Zi- garette, die ungestört gebrannt hatte, bis sie die Lip- pen versengt hatte und erloschen war. Der Leiter des Teams beruhigte seine Leute und verständigte bemer- kenswert gelassen die Polizei. Dann fuhr er nach Hause und ging voll Leiden- schaft mit seiner Frau ins Bett. Die verdammte, nervtötende Gitarre endete mit der e-Moll-Sexte, die sich mehr schlecht als recht auflöste. Eine volle Minute blieb es still, bevor jemand auch nur in seinen Drink blickte, um dort viel- leicht eine Antwort zu finden. Doch dort schwamm keine, deshalb versuchten wir wieder, einander ins Gesicht zu sehen. Als auch das nicht half, wand- ten wir uns zu dem Fremden um, der uns diese Vi- sion beschert hatte. Er hatte die Hand wieder sin- ken lassen, der Kamin stand an seinem alten Platz und versuchte treuherzig, einen Raum zu erwär- men, der kalt wie eine Gruft war ... »Das, Gentlemen«, erklärte er einfach, »ist Bobbi Joy.« Niemand sprach. Doc Webster zerbrach sich of- fensichtlich verzweifelt den Kopf über eine wit- zige Bemerkung, um den Bann zu brechen, aber ihm fiel keine ein. Der Fremde hatte recht gehabt:, jetzt, nachdem es vorbei war, konnten wir kaum glauben, daß es geschehen war, daß wir noch am Leben waren. »Jetzt kennen Sie sie«, fuhr der Fremde fort, »und jetzt kann ich Ihnen ihre Geschichte erzäh- len, wieso sie zu dem geworden ist, was sie ist, und ich kann Ihnen auch verraten, was ich dage- gen unternehmen will.« Bobbi Joy (fuhr der Weltverbesserer fort) hieß in Wirklichkeit Isadora Brickhill und war 1952 ir- gendwo in Harlem auf dem Rücksitz eines Ge- brauchtwagens zur Welt gekommen. Ich lese in Ihren Gesichtern, Gentlemen, daß ich Ihnen nicht erklären muß, was das alles be- inhaltet. Für sie gab es nicht einmal Billie Hol- lidays klassische zwei Möglichkeiten – zu dieser Zeit brauchte niemand ein Dienstmädchen. Erzie- hung und Ausbildung, die die kleine Isadora er- hielt, waren äußerst einseitig: 1966 war sie eine erfahrene und angeblich perfekte Hure. Selbst in diesem ältesten Gewerbe war sie etwas Einmaliges. Sie trank nicht, nahm kein Rausch- gift, rauchte höchstens gelegentlich in Gesellschaft eine Marihuana-Zigarette und wirkte nie depri- miert oder zynisch in ihr Schicksal ergeben, wie es für ihre Kolleginnen typisch ist. Sie war stolz und kämpferisch, und es gab unter ihren Bekann- ten keinen, der sie nicht achtete. Man konnte ih- ren Körper kaufen, aber nicht ihre Seele. Die Puff-, mütter liebten sie, weil sie bei der Abrechnung niemals mogelte, die Mädchen liebten sie, weil sie über eine beträchtliche Portion Zivilcourage ver- fügte und immer hilfsbereit war, und ihre Freier liebten sie, weil sie sich bei der Arbeit als echter Profi erwies. Dann kam die Razzia. Angeblich war es ein politisches Mißverständ- nis – ein Schmiergeld wurde nicht bezahlt, ein Be- amter wurde versehentlich beleidigt, ein beson- ders treffend geschriebener Leitartikel forderte energische Maßnahmen – was immer es war, im April 1974 fand nach bewährter Manier eine Raz- zia in Hannahs Haus statt, mit Grüner Minna und allen Drum und Dran. Bobbi wurde mit den üb- rigen Mädchen in den Wagen verfrachtet, bevor sie sich etwas überziehen konnte. Daher erregte sie die Aufmerksamkeit eines Polizisten namens Duffy, der der Ansicht war, daß ihm sein Beruf in solchen Situationen gewisse Vorrechte ver- schaffte. Er versuchte, sich zu holen, was ihm sei- ner Meinung nach zustand, und wurde abgewie- sen: Bobbi gab zwar zu, daß sie käuflich war, aber sie wollte verdammt sein, wenn man sie umsonst haben konnte. Duffy ließ nicht locker, worauf ihn Bobbis Knie an einer äußerst empfindlichen Stelle traf. Er verlor seine Selbstbeherrschung vollkom- men und riß Bobbi mit dem Lauf seiner Pistole das Gesicht auf. Duffys Sergeant, der gleichzeitig Duffys Schwager war, geriet dadurch in eine sehr, unangenehme Lage und beschloß, die Wunde ein- fach nicht zur Kenntnis zu nehmen, Bobbi zusam- men mit den übrigen Mädchen einzusperren und die Verletzung auf eine Auseinandersetzung in der Zelle zu schieben. Als sich endlich ein Arzt um sie kümmerte, war es zu spät. Sie war für ihr Leben gezeichnet und konnte den einzigen Beruf, den sie erlernt hatte, nie mehr ausüben. Beinahe ein Jahr später erhielt ein Produzent mit der Post ein Tonband. Solche Tonbänder wer- den normalerweise nie abgehört, aber bei diesem standen die Titel der Songs auf dem Etikett, und schon der erste erregte die Aufmerksamkeit des Produzenten: »Der Selbstmord-Song.« Es war eine rohe, selbstgestrickte Aufnahme des Songs, den Sie soeben gehört haben. Der Produzent spielte ihn einmal ab und sucht dann siebzehn Stunden lang fieberhaft Bobbi Joy. Er machte sie nicht zum Star; er zeichnete ein- fach ihre Songs auf und brachte sie auf den Markt. Sie wurde zum Star, zu einem Star, wie es ihn noch nie gegeben hatte. Mindestens sieben ihrer Num- mern – Band und Holo – wurden nicht zur Veröf- fentlichung freigegeben, weil in den Gebieten, in denen sie gesendet wurden, die Selbstmordziffer sprunghaft stieg. Es war kein Vergnügen, in den siebziger und achtziger Jahren zu leben, und Bobbi Joy faßte nur zu gut in Worte, was viele von uns empfanden. Sie war ein immer wieder analysiertes und nie erklärtes Phänomen, und wenn ihre Lie-, der einigen von uns eine perverse Form von Le- bensmut gaben, lag es vielleicht mehr an uns als an ihr. Oder vielleicht auch nicht. Jedenfalls wurde der Produzent, beinahe ohne einen Finger zu rühren, unsagbar reich. Was ihn nicht tröstete. Der arme Teufel war dazu verur- teilt, der Mann zu sein, der der Welt Bobbi Joy geschenkt hatte – wie konnte er da sein Herz mit Geld beschwichtigen? Er schenkte den Groß- teil seiner Einnahmen seinem verrückten Bruder, der eine Zeitmaschine bauen wollte, und war da- von überzeugt, daß er das Geld damit los war. Mit dem Rest ertränkte er sich in Alkohol; ihre Bänder spielte er nie für sich selbst ab. Wie alle ihre Fans empfand er das Bedürfnis, ihr Frieden zu bringen, und wußte, daß das niemand konnte; aber für ihn war es schlimmer. Er liebte sie leidenschaftlich, verzweifelt und hoffnungslos, und daher vermied er es, mit ihr zusammenzutreffen. Er träumte da- von, ihre Verunstaltung beseitigen zu lassen, er nahm ständig ab, und als ihm sein verrückter Bru- der eines schönen Tages im Frühling berichtete, daß die Zeitmaschine funktionierte, wußte er, was er zu tun hatte. Obwohl sein Bruder verrückt war, dachte er damals relativ klar und versuchte, vernünftig mit dem Produzenten zu reden. Er erwähnte, daß der Produzent, wenn er die Vergangenheit veränderte, möglicherweise den Zeitstrom unterbrechen und ähnlich komplizierte Dinge verursachen würde,, und verbot ihm, die Zeitmaschine jemals zu be- nützen. In diesem Augenblick behandelt er Jahre später in der Zukunft sein schmerzendes Kinn und fragt sich, ob ich das Gewebe der Zeit zerstören werde. Ich frage mich das gleiche. Ich bin zwei oder drei Tage lang in eurer Zeit herumgewandert. Ich wollte in dieser Zeit Pläne machen, aber ich bin eigentlich ruhiger geworden. Und jetzt weiß ich nicht, was ich tun soll. Viel- leicht hat mein Bruder recht gehabt, er weiß we- sentlich mehr als ich. Aber ich kann sie doch nicht leiden lassen, nicht wahr? Ach ja, noch etwas: die Razzia findet heute nacht statt. In etwa vier Stunden. Was konnten wir sagen? Wir mußten ihm glauben – die Technologie seiner holographischen Kugel übertraf bei weitem unsere heutigen Kenntnisse. Aber vor allem: Wenn es diese Stimme in unserer Zeit gegeben hätte, hätten wir schon längst von ihr gehört. Es war unmöglich, dieser Stimme nicht zu glauben. Callahan faßte unsere Gedanken zu einer Frage zusammen. »Was wollen Sie unternehmen, Bruder?« Der Weltverbesserer antwortete nicht, und plötzlich begriff ich, sei es durch die Art, wie er die Lippen zusammenpreßte, sei es, weil er Tommy Janssen einen Blick zuwarf., »Ich habe so eine Ahnung, Mike«, sagte ich leise. »Er hat mit Tommy gesprochen, während ich spielte, und Tommy hat ihn abblitzen lassen. Ir- gendwo draußen muß er jemanden getroffen ha- ben, der ihm erzählt hat, wo er einen Jungen fin- den kann, der früher einmal Heroin gespritzt hat und der bestimmt weiß, wie er an eine Kanone herankommen kann. Er wird Polizist Duffy er- schießen. Habe ich recht, mein Freund?« Der Weltverbesserer nickte. »Sie sind fest dazu entschlossen?« fragte Calla- han. »Ein Mord, und alles ist in Ordnung?« »Ich verhindere dadurch die Narbe«, antwor- tete der Weltverbesserer. »Außerdem kann es kein Mord sein, wenn man ein solches Vieh umbringt. Ich brauche keine Kanone, ich kann mühelos so nahe an ihn ran kommen, daß ich ihn erstechen kann – niemand ist darauf gefaßt, und mir ist es gleich, was nachher mit mir geschieht.« Er richtete sich auf und sah Callahan in die Augen. »Wollen Sie mich daran hindern?« »Ich weiß nicht recht, Sohn«, knurrte Calla- han, »ob ich das Recht habe, mich in eine sol- che Angelegenheit einzumischen. Außerdem ste- hen Sie vermutlich nicht zufällig zwischen uns und der Tür. Aber ich muß Sie darauf aufmerk- sam machen …« Er unterbrach sich und starrte zur Tür. Wir folgten seiner Blickrichtung. Vor einem Augen- blick hatte sich noch niemand an der Stelle be-, funden, jetzt stand ein Mann dort. Er sah aus wie eine ältere, müdere Ausgabe des Weltverbesse- rers, hatte auch die gleiche Figur, nur trug er kei- nen Mantel, und deshalb sah man, daß der Spitz- bauch in Wirklichkeit ein riesiger Gürtel war, den er sich um den Bauch geschnallt hatte. Offensicht- lich handelte es sich dabei um eine Zeitmaschine; offensichtlich war er ihr Erfinder; offensichtlich wollte er seinen Bruder daran hindern, die Ge- schichte zu beeinflussen. Aber unsere Aufmerksamkeit richtete sich nicht so sehr auf die Maschinerie an seiner Taille als auf einen viel kleineren Apparat in seiner rech- ten Hand. Er bestand aus Glas, wirkte sehr zer- brechlich und konnte eigentlich nur der Revolver sein, den man in den neunziger Jahren benützte. Er hielt ihn in eindeutig respekteinflößender Art auf uns gerichtet. Mir fiel das Wort »Laser« ein, und ich wich zurück, bis ich an den Verstärker stieß. »Ich kann nicht zulassen, daß du es tust, John«, sagte der Neuankömmling, ohne sich um die üb- rigen Anwesenden zu kümmern. »Du kannst mich nicht daran hindern«, wider- sprach der Weltverbesserer. »Ich kann dich töten«, stellte sein Bruder rich- tig. »Ich stürze mich nicht blindlings in ein Aben- teuer«, erklärte der Weltverbesserer verzweifelt. »Ich weiß, was ich tue.«, »Das bildest du dir ein.« Sein Bruder lachte. »Du verdammter Narr hast nicht die leiseste Vor- stellung davon, was du unter Umständen anrich- test, wenn du diesen Polizisten umlegst. Vielleicht hätte er einen Verbrecher eingelocht, der jetzt weiterhin unschuldige Menschen umbringt. Viel- leicht genügt es, daß du ihn aus der Geschichte entfernst, um den Zeitstrom unwiderruflich zu un- terbrechen. Du tötest vielleicht mit ihm alle Men- schen deiner Zeit, John.« »Glaubst du denn, daß ich das nicht weiß?« rief der Mann im Mantel. »Und du bist der Meinung, daß das schon das Ärgste ist, was passieren kann? Nehmen wir doch an, daß ich Erfolg habe und daß das Ergebnis nur eine Welt ohne Bobbi Joy ist. Sie hat uns allen die kollektive Schuld zum Bewußt- sein gebracht und uns damit unglaublich positiv beeinflußt. Ich weiß nicht, ob ich das Recht habe, der Welt ihre Musik vorzuenthalten. Und was ist, wenn es ein Gesetz von der Erhaltung des Schmerzes gibt? Und wenn der Schmerz inner- halb eines Kontinuums nicht zerstört werden kann? Dann erreiche ich nur eines: daß ihr Schmerz in eine andere Richtung umgelenkt wird. Vermutlich geht er dann auf mich über – und ich kann überhaupt nicht singen. Ich gebe zu, Henry, daß ich keine Ahnung habe, was für Folgen meine Tat heraufbeschwört. Aber ich weiß, was ich tun muß.« »Und ich kann es nicht zulassen«, wiederholte sein Bruder., Er hob die seltsame Glaspistole, zielte auf das Herz des Weltverbesserers, und ich sah, wie Cal- lahans große Hände unter der Theke nach der Schrotflinte tasteten, und ich sah, wie Longdrink, Doc und Tommy Janssen sich auf den Schützen stürzen wollten, und ich wußte, daß es keiner von ihnen rechtzeitig schaffen würde. Deshalb machte ich ohne zu überlegen kehrt, stellte den Verstär- ker auf höchste Lautstärke, griff meine E-Saite so hoch wie möglich und schlug sie an. Ein gellender hoher Ton durchschnitt die Luft, und ich hielt die Gitarre an den Monitor-Lautsprecher, um ein mög- lichst starkes Feedback zu erreichen. Ein rotglü- hendes Messer bohrte sich in jedes Ohr im Raum, und alle Bewegungen erstarrten. Das Feedback wurde immer stärker, und das Geräusch steigerte sich vom Gekreisch eines abgestochenen Schweins zu einem Ton, den man nicht mehr hörte, son- dern nur noch fühlte. Die Gläser auf der Theke be- gannen zu zersplittern, dann die Flaschen auf dem langen Regal dahinter ... Und plötzlich auch die gläserne Pistole. Ich stellte rasch die Gitarre ab, und der Ton klang noch minutenlang in unseren Ohren nach. Aus ein paar Schnittwunden auf Callahans Gesicht tropfte Blut, und die Hand des Revolverhelden sah scheußlich aus. Doc Webster tauchte unvermittelt neben ihm auf, zauberte aus seiner allgegenwärti- gen schwarzen Tasche Mullbinden und Desinfek- tionsmittel hervor und steuerte den Verletzten zu, einem Stuhl. Der Weltverbesserer setzte sich ne- ben ihn. »Wie hast du es angestellt, Henry? Ich habe geglaubt, daß ich die einzige ...« »Das stimmt auch«, fuhr ihn Henry an. »Du bist mit der Zeitmaschine zurückgekommen, du ver- dammter Irrer, und ich habe sofort an deinem Gesichtsausdruck erkannt, daß du es geschafft hattest. Ich habe nicht darauf gewartet, daß ich herausfinde, was du in der Welt verändert hast; ich habe dich mit einem Stuhl niedergeschlagen, dir den Gürtel abgeschnallt und einen letzten, ver- zweifelten Versuch unternommen, meine Zeit zu retten. Du bist lachend zusammengebrochen, und jetzt weiß ich, warum. Weltverbesserer!« Der Weltverbesserer stand auf und sah Callahan an. »Sie haben eine Schrotflinte unter der Theke. Geben Sie sie mir.« Callahan blieb eisern. »Kommt nicht in Frage.« »Dann ersteche ich ihn oder schlage ihm den Schädel mit einem Stein ein oder werfe ein Zünd- holz in seinen Benzintank.« Er ging zur Tür, und niemand stellte sich ihm in den Weg. »Warten Sie einen Augenblick«, rief ich, und er hielt an. »Hören Sie«, begann er, »ich bin Ihnen dank- bar, aber …« »Warten Sie«, unterbrach ich ihn, »wir können Ihnen zwar keinen Revolver anbieten ... aber wir können eine Kollekte für Sie veranstalten.«, Er sah mir mit offenem Mund zu, als ich den Hut abnahm und ihn Noah Gonzalez hinhielt. Noah ließ ohne zu zögern eine Fünf-Dollar-Note hineinflattern und gab den Hut an Slippery Joe weiter. Die Gäste begannen, in ihren Taschen zu kramen, ihre Briefta- schen auszuräumen und warfen die Ausbeute in den Hut, wenn er zu ihnen kam. Er wurde rasch voll, und als er bei dem Schnellen Eddie landete, befanden sich gut hundert Dollar in ihm. Eddie übernahm den Hut von Callahan und sah den Weltverbesserer an. »Ich habe keine Piepen«, verkündete er, »aber vor der Tür steht mein Chevy Baujahr 1965, der noch mühelos seine hundert- zehn läuft.« Er fischte die Autoschlüssel aus der Tasche und warf sie in den Hut. »Vergeuden Sie Ihre Zeit nicht erst damit, die Karre zu parken; um diese Zeit finden Sie in ganz Harlem keinen Park- platz. Parken Sie in zweiter Spur; ich hole ihn mir dann morgen von der Polizei.« Dem Weltverbesserer liefen die Tränen über das Gesicht, und er brachte kein Wort heraus. »Schön«, meinte Callahan. »Sie haben drei oder vier Stunden Zeit. Das sollte eigentlich reichen. Sie fahren auf schnellstem Weg zu Hannah, win- ken ihr mit dem Zaster und erklären ihr, daß Sie heute nacht ein Mädchen nach Hause mitnehmen wollen. Wenn sie die Moneten sieht, wird sie be- stimmt einverstanden sein. Dadurch wird Bobbi nicht bei der Razzia gefaßt. Und was sonst noch passiert, ist Ihre Sache. Viel Glück.«, Er nahm Eddie den Hut ab und reichte ihn dem Weltverbesserer, der ihn mit zitternden Händen ergriff. »D-danke«, sagte der Weltverbesserer. »Ich ... ich hoffe, daß ich das Richtige tue.« »Sie tun, was Sie tun müssen«, antwortete Calla- han, »und Sie müssen niemanden töten. Jetzt ver- schwinden Sie.« Und das tat der Weltverbesserer denn auch. Irgendwann schickten wir dann seinen Bruder nach Hause, und Eddie und ich packten unsere Elektronik zusammen. Nachdem wir Bobbi Joy gehört hatten, kamen wir uns etwas unzulänglich vor, und außerdem waren ohnehin alle im Lokal pleite. Als die Sperrstunde kam, gingen wir wider- spruchslos nach Hause. Am nächsten Abend gegen sieben waren alle wie- der versammelt, und obwohl Punday-Abend war, hatte keiner große Lust, Witze zu reißen. Ein paar hatten versucht, etwas über die Razzia in Erfahrung zu bringen, aber sie sprachen nicht darüber, und wir waren alle gespannt wie ein Hosenboden. Gegen acht brachte ein Zeitreise-Gürtel, der auf der Theke auftauchte, die Gespräche zum Verstum- men. Er umschloß eine grüne Kugel und ein Stück Papier. Das Papier enthielt folgende Mitteilung: Ich wollte euch nicht im Ungewissen lassen. Bitte zerstört diesen Gürtel. Nächstes Mal könnte es nicht so glatt gehen. Vielen Dank von uns beiden., Callahan warf den Gürtel in den Kamin, wo er in Flammen aufging. Dann griff er nach der Kugel und hielt sie in seiner großen Hand in die Höhe. Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen ver- schwand der Kamin, doch diesmal trat ein Ge- birgsbach an seine Stelle; im Hintergrund standen grüne Fichten, die Sonne ging zwischen drohen- den grauen Gewitterwolken atemberaubend schön unter. Bobbi Joy saß am Bach, hielt die Gitarre auf dem Schoß, und ihr Gesicht war ohne Narbe schö- ner als jeder Sonnenuntergang. Sie sah uns gelas- sen an und griff in die Saiten. Es begann langsam, eine einfache Folge von Nonenakkorden, die anstiegen und abschwollen. Allmählich füllten sich die Pausen zwischen den klingenden Akkorden mit rhythmischen Elemen- ten, die immer schneller wurden, beinahe zum Ca- lypso-Takt – nur sind im Calypso nie solche Ak- korde verwendet worden. Und Bobbi Joy sang: Ich gehe umher ... mit Zweifel im Herzen. Ich glaube nicht an das ... was ich gern wäre. Ich flüstere Worte ... doch sie klingen falsch. Ein seltsames Lied – Wenn ich doch wüßte, was geschieht. Die Männer im Raum reagierten auf die traurige Frage mit Angst – Angst vor einem Fehlschlag. Dann kam Bobbi Joy zum Mittelteil ihres Liedes., Begleitet von Saiteninstrumenten und einem merk- würdig sanften Klavier fuhr sie fort: Der Himmel verändert die Farbe, Und der Boden ist so weit weg. Meine Gedanken sind umhergeschweift, Und ich finde mich nicht mehr zurecht. Wo sind die Orte ... die ich einst so liebte? Wo sind die Menschen ... die ich einst gekannt? Wird die Welt ... morgen besser sein? Ein seltsames Lied - Wenn ich doch wüßte, was geschieht. Und dann erklang aus dem Nichts ein volles Or- chester, zerstreute unsere Verzweiflung wie die Sonne die holographischen Wolken, breitete einen weichen Teppich aus Klängen aus, der sich bei- nahe zu wagnerianischen Ausmaßen weitete. Bob- bis Gesicht strahlte glücklich auf, und sie sang mit voller Stimme: Und dann traf ich einen Weltverbesserer Und er blieb bei mir. Er erzählt mir von der Zukunft. Und er tröstet mich ... Die Schlußstrophe explodierte in Callahans Lokal wie ein Halleluja-Chor aus Hörnern und Geigen, vertrieb Angst, Unsicherheit und Schmerz, ver-, wandelte sie in bezahlte Schulden, in die Eintritts- karte zum Glück: Jetzt fällt der Regen ... zauberhaft schön. Die Bäume vergießen ... dankbare Tränen. Mein Bild von der Welt ... hat sich verändert. Ein seltsames Lied – Etwas Gutes geschieht. Ein seltsames Lied - Etwas Gutes geschieht. Der Song endete mit Trompetengeschmetter. Bobbi Joy lächelte innig und zufrieden und verschwand mitsamt dem Gebirgsbach. Callahans Arm bewegte sich blitzschnell, und die Kugel explodierte im Kamin. In diesem Augen- blick wurde allen in Callahans Saloon Anwesen- den klar, daß der Weltverbesserer auf dem rich- tigen Weg gewesen war. So wie es Gesetze über die Erhaltung von Materie und Energie gibt, gibt es auch Gesetze über die Erhaltung von Schmerz und Freude. Keines von beiden kann geschaffen oder zerstört werden. Aber eines kann in das an- dere verwandelt werden. Copyright © 1977 by Spider Robinson, »In Ramah ertönt eine

Stimme ...«

Woher hätte ich es wissen sollen? Vermutlich handelte es sich um ein zufälliges Zusammentreffen von verschiedenen Umständen und nicht um einen bestimmten Grund. Erstens sieht das Lokal außen nicht sehr ansehnlich aus. Zweitens könnte man das Innere auf gar keinen Fall romantisch nennen – es wirkt an den mei- sten Abenden eher wie eine Kreuzung zwischen einer chinesischen Feuerwehrübung und Tim Fin- negans letzter Party. Andererseits kann man das von der Autobahn aus nicht erkennen. Was im- mer der Grund dafür sein mag, irgendwie kamen niemals Frauen in Callahans Lokal. Na schön, vielleicht ist meine Erklärung nur der lahme Versuch einer Deutung. Vielleicht hat das Lokal eine männliche Aura an sich, eine psychi- sche Ausstrahlung von chauvinistischer Schweine- rei, und ist deshalb so lange eine männliche Hoch- burg geblieben. Vielleicht waren wir emotionell zurückgebliebene ewige Jugendliche, die telepa- thisch die Botschaft »Für Mädchen Eintritt ver- boten« an die Außenwelt übermittelten. Calla- hans Lokal ist zweifellos kulturell ein Nachkomme der großen irischen Bars, und die sind eher frau- enfeindlich. Longdrinks Schwiegervater, Thirsty O‘Toole, hat uns oft genug versichert, daß die Iren, die Pubs aufsuchen, um Ruhe vor ihren Frauen zu haben. Ich bin jedoch davon überzeugt, daß es sich um kein Vorurteil handelt. Callahan besteht nicht ein- mal darauf, daß seine Kunden menschenähnlich sind. Bestimmt hat er nie versucht, Frauen auszu- sperren, wie es bei McSorley der Fall war. Aber die Männer, die sich in Callahans Saloon versammel- ten, tun es nicht, um Frauen kennenzulernen, und deshalb sind vielleicht die wenigen weiblichen Gä- ste, die zufällig hereinschauten, meist sehr rasch wieder verschwunden. Dann kam eines Abends eine Frau herein und blieb, und ich war ehrlich stolz darauf, wie sich die Jungs benahmen. Es war zufällig Punday-Abend, zu vorgerück- ter Stunde. Ein sehr ergiebiges Thema – »Wasser« – war so lang ausgeschlachtet worden, daß die drei überlebenden Kandidaten, Doc Webster, Tom Flannery und Longdrink – Sie müssen schon ent- schuldigen – auf dem Trockenen saßen. Callahan erklärte alle drei zu Siegern und zahlte ihnen, wie üblich, die Zeche zurück. Weil der Abend noch jung war, beschlossen wir, einen Stichkampf um den Ehrenpreis abzuhalten, wobei alle Tricks und alle Themen zugelassen waren. Die drei Champs waren einverstanden. Longdrink stieg als erster in den Ring, und in seinen Augen lag das schreckliche Leuchten, das einen waschechten Kalauer ankündigt. Wir nen-, nen ihn Longdrink, weil die Drinks bei ihm ei- nen so langen Weg haben; wenn er sitzt, sieht er aus, als stünde er, und wenn er steht, sieht er aus wie drei Männer aufeinander. Er nimmt nicht mehr Raum ein als ein Lieferwagen, und er ist in meinem Bekanntenkreis der einzige Mensch, der gleichzeitig sprechen und trinken kann. Beides tut er häufig. »Gentlemen«, begann er langsam, während er sein Glas leerte, »die Geschichte, die ich erzäh- len werde, spielt in der fernen Zukunft. Reisen durch den Weltraum sind etwas Alltägliches; Kon- takte mit fremden Rassen sind zur Routine gewor- den. Eines Tages wird jedoch hinter dem Anta- res ein Planet entdeckt, dessen einziger Bewohner ein riesiger, drei Meilen hoher Humanoide ist, der aus Granit besteht. Zuerst hält man ihn fälschli- cherweise für eine ungeheure Statue, die von ei- ner ausgestorbenen Rasse von Riesen hinterlassen wurde, denn er hockt regungslos auf einer gelben Ebene und gibt kein Lebenszeichen von sich. Er besitzt Beine, steht aber nie auf und geht herum. Er hat einen Mund, ißt oder spricht aber nie. Er besitzt ein anscheinend vollkommen funktionsfä- higes Gehirn, das ungefähr so groß wie ein vier- stöckiges Wohnhaus ist, aber das Organ ist abge- schaltet, keinerlei elektrochemische Aktivität ist nachweisbar. Dennoch lebt er. Die Wissenschaftler sind natürlich ratlos, ver- suchen alles mögliche, um dem Ungeheuer ein Le-, benszeichen zu entlocken – vergeblich. Es hockt einfach regungslos und anscheinend gedankenlos vor ihnen, bis eines Tages einem Xenobiologen die Geduld reißt und er brüllt: ›Wie konnte die Evolu- tion einem Wesen Beine, einen Mund und ein Ge- hirn verleihen, das sie nicht verwendet?‹ Zufällig ist er der erste, der in Anwesenheit des Dings eine direkte Frage stellt. Es erhebt sich un- ter donnerndem Getöse zu seiner vollen Höhe, durchstößt die Wolken, denkt eine Sekunde lang nach, dröhnt ›SIE KONNTE ES NICHT‹ und hockt sich wieder hin. ›Mein Gott!‹ ruft der Xenobiologe. ›Natürlich! Es steht auf Fragen!‹« Es folgte eine längere Pause, in der wir deutlich hörten, wie Longdrink mit den Wimpern klim- perte. Dann zerbarst ein Schauer von vollen und leeren Gläsern im Kamin, und das Klirren über- tönte ein großes, kollektives Aufstöhnen. Doc Webster verdrehte kurz die Augen und preßte sie dann zu schmalen Schlitzen zusammen. Der etwas verdutzte Callahan schenkte frische Drinks ein. Der Doc überlegte eine Weile und sah dabei aus wie ein fröhlicher Buddha. »Ganz schön blö- der Witz, was? Sagt mal, Jungs, habt ihr je von dem Planeten gehört, dessen Bewohner bewegli- che Blumen waren? Sie ähnelten den Blumen auf der Erde, besaßen aber Füße und menschenähn- liche Intelligenz. Über den gesamten Planeten, vom größten Blumengebinde bis zum kleinsten, Knopflochblümchen, herrschte ein König namens Richard Artischockenherz ... jedenfalls fiel eines Tages bei einer Hoforgie dem König eine immer- blühende Pflanze auf, und ...« Ich schaltete den Doc kurz ab. Der Schnelle Ed- die, der spürte, daß ein wirklich einmalig entsetz- liches Ereignis im Anzug war, war heimlich von seinem Klavierstuhl geglitten und schob sich un- auffällig zu dem Feuerlöscher in der Ecke, vergaß jedoch nicht, mit gespannter Aufmerksamkeit zu- zuhören. Der Doc ersetzt ohne weiteres zwei bis drei gute Ziele, dennoch verzog ich mich aus der Schußlinie. »... der verliebte Monarch engagierte die be- sten Psychologen, jedoch ohne Erfolg«, erzählte der Doc gerade. »Künstler, Musiker, Philosophen, Wissenschaftler und Mathematiker waren auch nicht imstande, die einfältige Konkubine aus ih- rer Teilnahmslosigkeit zu reißen. Schließlich gab Richard, der sich in einer peinlichen Situation be- fand, sie als hoffnungslosen Fall auf und ließ ihre Suppe mit einem Unkrautvertilgungsmittel wür- zen. Irgendwann erklärte er dann seinem Premier- minister: ›Ich glaube, sie hat mich nicht riechen können!‹« Doc‘s Pokergesicht war nicht zu über- treffen. Und in der darauffolgenden schrecklichen Pause, bevor Eddie den Feuerlöscher in Betrieb nehmen konnte, fragte eine klare, süße Altstimme: »Was für eine Blume war sie denn?« Wie Wetter-, fahnen bei Sturm wandten sich alle Köpfe im Lo- kal der Tür zu. Und dort stand sie. Sie war groß, aber nicht zu groß, und sie lehnte mit einer Grazie im Türrahmen, um die sie jede Ballerina beneidet hätte. Sie hatte langes, glattes, obsidianschwarzes Haar. Ihre Haut war hell, aber nicht blaß, und sie trug ein langärmeliges, hoch- geschlossenes, purpurrotes Kleid, dessen Saum das Sägemehl am Boden wegfegte. Sie war so schön, daß selbst ein Pfarrer bei ihr auf dumme Gedan- ken kommen konnte. Sie ließ die gebündelten Blicke von etlichen Dut- zend glotzender Männer mühelos an sich abgleiten, ein leises Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, und ich hatte das untrügliche Gefühl, daß sie die Fas- sung auch nicht verloren hätte, wenn wir uns alle in dreiköpfige Laubfrösche verwandelt hätten. Viel- leicht zerstreute sich deshalb unsere Fassung in alle vier Himmelsrichtungen – doch ich neige eher zu der Annahme, daß uns die Frage: Eine Frau bei Callahan? wie ein Schlag mit einem Schmiedehammer getrof- fen hatte. Die sofort folgende Antwort: Warum, zum Teufel, nicht? trug auch nicht gerade zu unserer Be- ruhigung bei. Am meisten waren wir darüber ent- setzt, daß wir keine Ahnung hatten, warum wir so entsetzt waren. Als würde man eine Flasche Ginger Ale öffnen und darinnen Whisky finden: Es ist zwar in Ordnung, aber trotzdem überraschend., Doc Webster versuchte erfolglos, sich zu räus- pern: sein Gesicht war ebenfalls purpurrot. »Ich ... hm«, stammelte er, »ich weiß nicht ... hm ... was für eine Blume sie war, junge Dame.« Sie lächelte, und wir konnten ihre ebenmäßigen Zähne bewundern. »Ich könnte mir denken, daß sie unter Heuschnupfen gelitten hat.« Es folgte eine Pause und das deutlich hör- bare Geräusch von glasig werdenden Augen: der menschlichen Fassungskraft sind eben Grenzen ge- setzt. Dann holte Longdrink Luft und versprühte Whisky wie eine Zwei-Meter-Sprühdose, und plötzlich brüllten wir alle vor Lachen, bis unsere Augen tränten und wir Seitenstechen hatten. Die Dachbalken bogen sich vor Fröhlichkeit, die Span- nung hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst. »Mein Gott«, stöhnte der Doc, wischte sich die Augen und hielt sich den gewaltigen Bauch, »seit zwanzig Jahren hat mir niemand das letzte Wort abgenommen.« Er schüttelte immer noch kichernd wehmütig den Kopf. »Lady«, erklärte Callahan bedeutungsvoll, »Sie sind in Ordnung.« In seinem Bariton lag Achtung und seltsame Befriedigung. Sie nickte und trat ein. An der Theke hatten sich gerade noch die Gäste gedrängt, aber als sie sie erreichte, hätte sie dort einen Lastwagen parken können. Sie suchte sich in aller Ruhe einen Stuhl aus, setzte sich graziös und stieß einen erstaunten, entzückten Laut aus. »Ich, hätte nie geglaubt, daß es einen so hohen Lehn- stuhl gibt«, wandte sie sich an Callahan, während sie die Handtasche auf die Theke legte. »Ich halte nichts von Barhockern«, setzte ihr Callahan auseinander. »Ein Mann muß sich wohl fühlen, wenn er trinkt.« »Ein Mann?« fragte sie anzüglich. »Oh, eine Frau sollte sich immer wohl fühlen«, meinte er feierlich. »He, Eddie.« »Ja, Boß?« »Mach das Fenster auf. Hier riecht es nach Pech und Schwefel.« Sie lief rot an. Ich sah zu Eddie hinüber und stellte erstaunt fest, daß er Mike anfunkelte, statt zu grinsen. Mein Gott, dachte ich erschüttert, den Schnellen Eddie hat es erwischt. Ich hätte es nicht für möglich gehalten; seit Eddies Frau sich vor etlichen Jahren von ihm hatte scheiden lassen, war er überzeugter Jungge- selle gewesen. »Touché«, gab sie schließlich zu. »Ich habe nicht das Recht, Ihre Ausdrucksweise zu kritisieren. Tut mir leid.« »Kein Problem«, versicherte ihr Callahan ernst. »Ich heiße Mike.« Er hielt ihr seine große, schwie- lige Pranke entgegen. Sie schüttelte sie genauso ernst. »Ich heiße Ra- chel.« »Und was möchten Sie, Rachel?« »Einen Bourbon, bitte.«, Callahan nickte, drehte sich um und mixte I. W. Harper und Eiswürfel in einem Glas. Sie öffnete die Handtasche, nahm eine Brieftasche heraus und aus dieser eine Fünf-Dollar-Note, die sie auf die Theke legte. Ich stellte zu meiner Überraschung fest, daß ich redete. »Leider können Sie diese Banknote hier nicht verwenden, Rachel.« Erstaunlicherweise war meine Zunge nicht gelähmt. Sie wandte sich mir zu, ich sah ihre Augen zum ersten Mal aus der Nähe, und meine Zunge kündigte prompt wieder ihren Dienst auf. Ich kann diese Au- gen nicht beschreiben, ich kann nur feststellen, daß sie unglaublich alt wirkten, älter als Augen sein kön- nen. Natürlich lag Schmerz in ihnen – die meisten Menschen, die das Schicksal in Callahans Saloon führt, haben traurige Augen, wenn sie zum ersten Mal kommen –, aber hinter dem Schmerz lag un- endliche Müdigkeit, schreckliches, uraltes Wissen, das keine Befriedigung gebracht hat. Mein Gedächt- nis schaltete auf Schnellgang, und mir fielen die ein- zigen vergleichbaren Augen ein, die ich je gesehen hatte: meine Großmutter, die vor zwanzig Jahren an Krebs gestorben war. »Wie bitte?« fragte sie höflich, und ich ver- suchte vergeblich, von ihrem Blick loszukommen. Tom Flannery merkte, daß ich mich in Schwie- rigkeiten befand, und kam mir zu Hilfe. »Jake hat recht, Rachel. Callahan glaubt unter anderem auch nicht an Registrierkassen. Er nimmt nur Ein-Dollar-Noten.«, »Wollen Sie damit sagen, daß hier alles einen Dollar kostet?« fragte sie erstaunt. »O nein«, widersprach Tom. »Alles kostet hier fünfzig Cent. Dort drüben steht eine Zigarrenki- ste voller Vierteldollar, und wenn Sie fortgehen, holen Sie sich aus ihr das Wechselgeld ... falls Sie Ihr Glas auf der Theke stehen lassen.« »Welche Alternative habe ich?« erkundigte sie sich beunruhigt, während Callahan ihren Drink vor sie stellte. »Sie können Ihr Glas auch im Kamin zerschmet- tern«, erklärte er heiter. »Tut manchmal unge- heuer gut. Es ist gut und gerne seine fünfzig Cent wert.« Ihr Gesicht strahlte auf. »Vor langer Zeit«, meinte sie nachdenklich, »habe ich ein Haus ge- kauft, nur damit ich in ihm Geschirr zerschmeißen kann. Ich glaube, Ihr Lokal gefällt mir, Mike.« »Ich teile ganz Ihre Ansicht.« Er schenkte sich ein Bierglas voll Whisky ein. »Auf Callahans Lokal«, prostete sie ihm zu, leerte ihr Glas in einem Zug und hielt es hoch. Callahan zuckte mit keiner Wimper. Er verdrückte seinen eigenen Whisky in Rekordzeit und hielt das Glas ebenfalls in die Höhe. Die beiden Arme be- wegten sich gleichzeitig. Im Kamin splitterte Glas, und wir klatschten spontan Beifall. Longdrink McGonnigle begann zu singen »For She is a Jolly Good Fellow«, und wurde erbarmungslos niedergezischt., Nun wandte sie sich uns zu. »Es gibt eine Menge Lokale, in denen sich eine Frau wohl fühlen kann. Das ist das erste, in dem ich mich zu Hause fühle. Danke.« Haben Sie jemals erlebt, wie ein ganzer Saloon rot wird? Der Schnelle Eddie kam zur Tür herein – wir hatten gar nicht bemerkt, daß er fortgegangen war – und überreichte ihr würdevoll fünf einzelne Dol- lars; er hatte die Banknote im rund um die Uhr of- fenen Delikatessenladen auf der gegenüberliegen- den Straßenseite wechseln lassen. Aber Callahan lehnte die Dollarnote, die sie ihm hinhielt, ab. Sie zog eine Augenbraue hoch. »Rachel«, erklärte er, »heute ist Punday-Abend in meinem Lokal, und der Sieger muß seine ... oder ihre Rechnung ... nicht bezahlen. Ich würde sagen, daß Sie reelle Chancen auf den Titel haben.« Sie lächelte vergnügt. Callahan erklärte ihr, worum es ging, und mixte ihr einen weiteren Drink. Sie dachte kurz nach, dann begann sie: »Ein Israeli beobachtet einen Araber, der am Toten Meer entlanggeht. Der Mann bleibt immer wieder stehen, taucht einen Zipfel seines Bur- nus‘ ins Wasser; mustert ihn genau und geht dann kopfschüttelnd weiter. Schließlich siegt beim Is- raeli die Neugierde, und er fragt den Araber, was er eigentlich tut. Dieser antwortet: ›Ihr Israeli seid doch wirklich unverschämte Lügner. Ich versuche schon seit einer Stunde, meinen Burnus zu färben, – aber jedesmal, wenn ich ihn eintauche, ist er nachher genauso weiß wie vorher.‹ – Der Mann hatte geglaubt, daß er sich am Roten Meer be- fand.« Beklommenes Schweigen trat ein. Callahan glitt die Zigarre aus den Zähnen und landete klatschend in seinem Glas. Geistesabwesend hob er das Glas zum Mund und trank. Als er es absetzte, hing die klatschnasse, tropfende Zigarre wieder zwischen seinen Zähnen. Longdrink verzog das Gesicht. »Sie haben sich nicht an das Thema gehalten«, beschwerte er sich, und der Schnelle Eddie schaute ihn finster an. Ihr Gesicht blieb undurchdringlich. »Wieso«, meinte sie, »es handelt sich eindeutig um einen Fall von Farbenblindheit.« Das Schweigen löste sich in Stöhnen, Gelächter und dem Klirren von zersplitterndem Glas auf. Tom Flannery, Longdrink und der Doc gaben sich ungefähr gleichzeitig geschlagen, und das war Rachels erster Abend in Callahans Saloon. Sie kam am nächsten Abend wieder, dann am darauffolgen- den Dienstag, und wurde bald zum Stammgast. Sie war anwesend, als Tommy Janssen vor dem Ka- min getraut wurde, sie war dabei, als im Lokal ein Brand ausbrach, und auch an dem traurigen Abend, an dem der sanfte, freundlich lächelnde Tom Flannery für immer fernblieb. (Einen Tag, be- vor Tom zufällig in Callahans Saloon geraten war,, hatten ihm die Ärzte mitgeteilt, daß er noch neun Monate zu leben hatte). Sie gehörte zu uns. Ob- wohl sie nie auch nur im entferntesten »Einer von uns« war, gehörte sie zweifelsfrei zu uns. Es störte sie nicht, daß der Ton gelegentlich ein bißchen rauh wurde, und auch derbe Späße machten ihr nichts aus – als Doc Webster, der sie ein wenig um ihre ausgezeichneten Pointen beneidete, ein- mal versuchte, sie mit einem zweideutigen Witz in Verlegenheit zu bringen, antwortete sie mit ei- nem so schlüpfrigen und komischen Gag, daß der Doc von der Glatze bis zu den Fußsohlen rot an- lief und sich dabei schief lachte. Und sie ging un- glaublich sanft mit dem Schnellen Eddie um, an dem man die klassischen Symptome eines blödsin- nig Verliebten studieren konnte. Plötzlich konnte er nur noch sentimentale Schmachtfetzen spielen, und obwohl sie ihn immer lobte, überhörte sie je- desmal seine heimliche Werbung, ohne ihm je- doch die Selbstachtung zu nehmen. Merkwürdigerweise war Eddie der einzige von uns, der sich in sie verliebte. Zwar waren wir alle dank der zweitklassigen – und gelegentlich auch erstklassigen – Hollywoodproduktionen in der Überzeugung aufgewachsen, daß eine Frau, die auf dramatische Weise in unser Leben tritt, die uns vom Schicksal bestimmte Geliebte sein muß. Doch merkwürdigerweise rief Rachel bei uns nie diesen Reflex hervor. Sie wirkte nie kalt – man hatte immer den Eindruck von lebenssprühender, Weiblichkeit –, aber sie signalisierte auch nie die Bereitschaft, die Annäherungsversuche herausfor- dert, und ebensowenig die gespielte Gleichgültig- keit, die im Endeffekt auf das gleiche hinausläuft. Wir erfuhren auch nie viel über sie, wo sie wohnte und so. Wir wußten nur, daß es amüsant war, mit ihr beisammenzusein; es gelang ihr, an einem Ort, an dem gute Laune alltäglich war, diese beträcht- lich zu steigern. Doch die Laune erreichte nur beinahe den ab- soluten Höhepunkt. Wegen ihrer Augen. Sie er- innerten mich in vieler Hinsicht an Mickey Finns Augen, als er zum ersten Mal aufgekreuzt war, und ich wußte, daß es nur eine Frage der Zeit war, bis der richtige Trinkspruch ihr Herz öffnete und der Schmerz hervorbrach. Verdammt, wir alle wußten es – aber sie mußte selbst den ersten Schritt tun. In Callahans Saloon steckt man seine Nase nicht in fremde Angelegenheiten. Es dauerte beinahe vier Monate, bis sie end- lich auspackte, ich glaube an einem Donnerstag. Sie war in letzter Zeit geistesabwesend gewesen, hatte sich zwar an der allgemeinen Neckerei be- teiligt, sich jedoch gleichzeitig seltsam zurückhal- tend gegeben, und ich hatte das, was dann kam, beinahe erwartet. Doc Webster war gegen neun hereingehetzt, also später als an einem normalen Donnerstag, denn an diesem Abend hatte er keinen Dienst im Krankenhaus. Er gab eine Runde aus und erzählte., Wenn man ihn darum bittet, leistet er Geburts- hilfe in der Wohnung; aus Angst vor den Hebam- men hängt er diese Tatsache allerdings nicht an die große Glocke. Der Doc steht auf dem Standpunkt, daß Schwangere nicht krank sind, und daß eine Frau das Recht hat zu entscheiden, wo sie entbin- den will; er führt eine Sauerstoffflasche und an- dere nützliche Dinge im Wagen mit und hat noch nie eine werdende Mutter verloren. »Es war eine Erstgeburt«, erzählte er befriedigt, »aber der Muttermund öffnete sich vorschriftsmä- ßig, die Lage des Kindes im Uterus stimmte, und sie hat sich großartig gehalten. Ein kräftiger, ge- sunder Junge, etwas über vier Kilo, und als ich mich verabschiedete, saugte er bereits wie eine Schiffspumpe. Mein Gott, bin ich durstig.« Irgendwie stimmen einen Berichte über ein neues Leben fröhlich, und Docs Freude wirkte an- steckend. Als das letzte Glas gefüllt war, standen wir alle auf und wandten uns dem Kamin zu. »AUF DIE MUTTERSCHAFT!« brüllten wir gleichzeitig, und eine Zeitlang regnete es Gläser. Als der Krach sich legte, kam aus der einzigen Toilette der Bar ein unverkennbares Geräusch. Rachel weinte. Die Situation war absurd. Mehr als zwei Dutzend aufgeregte, besorgte Männer, die gewöhnt waren, alles fallen zu lassen und jedem beizustehen, der Kummer hatte, drängten sich um die Tür zur Toi-, lette (auf der »Leute« stand) wie Obdachlose bei der Heilsarmee, und keiner von uns hatte den Mut, die Tür aufzubrechen, weil eine Dame drin war. Außerdem kam keiner auf die Idee, seine Hem- mungen über den Haufen zu werfen, weil uns der Schnelle Eddie wie ein feuerspeiender Drache an- funkelte. Wir waren also verwirrt und tödlich ver- legen, traten von einem Fuß auf den anderen und zermarterten uns das Hirn nach einer taktvollen Einleitung. Drinnen ging das Schluchzen gedämpft weiter. Callahan hüstelte. »Rachel?« Das Weinen verstummte. »J ... ja?« »Brauchen Sie noch lange? Meine Backenzähne stehen schon unter Wasser.« Pause. »Ich beeile mich, Mike.« »Lassen Sie sich nur Zeit.« Das tat sie auch, aber schließlich ging die Tür doch auf, und sie kam heraus; keine Tränenspu- ren waren zu sehen, sie hatte sich offenbar wieder in der Gewalt. Callahan bedankte sich murmelnd, starrte uns wütend an und verschwand. Wir rissen uns zusammen, wanderten ziellos im Lokal herum, vermieden es krampfhaft, Rachel an- zusehen, und unterhielten uns angeregt. Callahan be- tätigte beinahe sofort die Wasserspülung, und als er herauskam, machte er das unschuldigste Gesicht, das er zustandebringt. Er rieb sich die fleischigen Hände und kehrte hinter die Theke zurück., Rachel saß an der Theke und starrte auf den Platz an der Wand, an dem ein Spiegel hängen müßte, wenn Callahan etwas für Narzißmus übrig hätte. Die nackten Wände sind mit den Wortspielen, Sprich- wörtern und Pointen bedeckt, die Callahan im Lauf der Jahre für würdig befunden hat, der Nachwelt überliefert zu werden. Der Satz, den sie eben be- trachtete, wurde einem Kerl namens Robinson zuge- schrieben und lautete: »Ein Mann sollte ewig leben oder bei dem Versuch ums Leben kommen.« »Frauen doch auch?« fragte sie. Callahan sah sie erstaunt an, und sie zeigte auf das Zitat. Er studierte es eine Minute, dann wandte er sich wieder ihr zu. »Haben Sie eine bessere Lösung?« Sie zuckte die Schultern und streckte die Hand aus. Der große Barkeeper drückte ihr ein Glas I. W. Harper hinein und schenkte sich selbst eines ein. Die geistreichen Gespräche im Raum verklan- gen. Sie nippte ... dann sagte sie ein Wort, das ich noch nie von ihr gehört hatte, und kippte den Rest hinunter. Danach stand sie auf und trat an die Kreidelinie vor dem Kamin. Die Stille war jetzt vollkommen. »Auf die Mutterschaft«, sagte sie deutlich und schleuderte das Glas. Es klang wie ein zersplittern- des Herz. Sie drehte sich um, musterte uns nachdenk- lich und überlegte sichtlich, ob sie es loswerden wollte., »Ich bin seit über drei Monaten hier«, begann sie schließlich, »und in dieser Zeit habe ich viel gelacht. Aber ich habe auch viel Schmerz gese- hen, und ich habe gesehen, wie ihr diesen Men- schen geholfen habt. Dem Mann mit einem Bein; dem Mann, dessen Braut ins Kloster gegangen war und der so fromm war, daß er sich nicht gestat- tete, darüber traurig zu sein; dem erblindeten Ski- lehrer; dem armen Tom Flannery. Ich habe hier auch die seltsamsten Geschichten meines Lebens gehört, und wenn mir überhaupt jemand helfen kann, dann seid ihr es.« Ich habe mindestens hundert Mal erlebt, wie Leute in Callahans Saloon Hilfe suchten – dazu ist das Lo- kal schließlich da. Ich weiß nur von einem Mann, der abgewiesen wurde – und das war ein Sonder- fall. Wir gaben Rachel zu verstehen, daß wir bereit waren, ihr auf jede mögliche Art und Weise zu hel- fen, und der Schnelle Eddie brachte ihr einen Stuhl und einen frischen Drink. Sie hatte sich wieder so- weit gefaßt, daß sie ihm freundlich dankte; und dann begann sie zu sprechen. Während des gesamten Be- richts klang ihre Stimme ausdruckslos und unpersön- lich. Als erteile sie Geschichtsunterricht. Schon ihre ersten Worte brachten die Erklärung dafür. »Es ist eine lange Geschichte«, begann sie müde, »jedenfalls für mich. Eine ungewöhnlich lange Ge- schichte. Sie beginnt mit dem Tag meiner Geburt, dem 25. Oktober 1741.«, »Wie bitte?« fragten der Doc, Longdrink und ich gleichzeitig – und am lautesten der Schnelle Eddie. »Sie meinen 1941«, schlug Eddie vor. »Ist das Ihre Geschichte oder die meine? Ich meine 1741. Und wenn Sie nicht bereit sind, mir zu glauben, Gentlemen, dann höre ich wohl bes- ser gleich wieder auf.« Wir überlegten. Im Vergleich zu den Dingen, die ich in Callahans Saloon schon gehört – und ge- glaubt – hatte, war ihre Behauptung nicht weltbe- wegend. Wenn ich es mir recht überlege, erklärte sie sogar einiges. Zum Beispiel den Ausdruck ih- rer Augen. »Es tut mir leid, Rachel«, entschuldigte sich Cal- lahan für alle. »Sie sind also 232 Jahre alt. Spre- chen Sie weiter.« Eddie sah aus, als wäre er unter einen Lastwa- gen geraten. »Klar«, stimmte er tapfer zu. »Tut mir leid, daß ich Sie unterbrochen habe.« In den nächsten sechs oder sieben Stunden er- zählte uns Rachel die unglaublichste Geschichte, die ich vorher oder nachher jemals gehört habe. Selbst wenn ich wollte, könnte ich sie nicht wie- dergeben; die uncharakteristisch unpersönliche Stimme schien ewig weiterzusprechen; sie erzählte uns von dem Glück und dem Leid in einem über zweihundert Jahre währenden Frauenleben. Wenn Sie mich hypnotisieren, könnten Sie die Story ver- mutlich Wort für Wort aus mir herausholen, weil, ich die ganze Zeit über zugehört habe, aber die Länge und die Bedeutung der Erzählung hatten mein Kleinhirn zeitweise außer Funktion gesetzt; das Langzeitgedächtnis ist bei mir längst im Ei- mer. Doch jeder von uns behielt einzelne Bruch- stücke in Erinnerung, und ich startete später eine Umfrage. Ich selbst erinnere mich zum Beispiel daran, wie sie beschrieb, daß sie in einem Keller- loch hockte, während ihr Mann und ihre ersten sechs Kinder in einer Feuersbrunst umkamen; sie erwähnte immer wieder, wie eng es dort gewe- sen war und wie sehr es sie gestört hatte, daß sie sich nicht aufrichten konnte; selbst nach so lan- ger Zeit befaßte sich ihr Geist nur mit den kör- perlichen Leiden. Tom Hauptman erinnert sich ge- nau an die Sache mit ihrem zweiten Mann, dem Pfarrer, der den Verstand verlor und ihre näch- sten fünf Kinder und sich selbst umbrachte, weil ein Mensch, der nicht so altert, wie Gott es vor- gesehen hat, vom Teufel gesandt sein muß. Tom war vor allem aufgefallen, daß die Kirche in den letzten zweihundert Jahren keinen Schritt bei dem Versuch weitergekommen ist, die Menschen davon zu überzeugen, daß das Unbekannte nicht automa- tisch mit dem Bösen gleichzusetzen ist. Longdrink ist verrückt auf Kriegsspiele; er hat sich den Ab- schnitt über die Schlacht am Lake Champlain 1814 gemerkt, bei der ihr dritter Mann und zwei weitere Kinder umkamen. Der Schnelle Eddie erinnert sich an die Geschichte von ihren ersten Tagen als Wal-, fänger-Hure in Nantucket, denn sie hat sich mitten im Satz unterbrochen und ihn besorgt gefragt, ob es vielleicht ein Schock für ihn wäre. (»Doch nicht für mich«, widersprach er, »ich könnte wetten, daß Sie eine ganz wunderbare Hure waren«, wor- auf sie ihm lächelnd dankte und sachlich und lei- denschaftslos fortfuhr.) Spud Montgomery hat sich die drei Kinder aus Rachels Hurenjahren gemerkt, weil Spud aus Alabama stammt und heute noch den Bürgerkrieg weiterführt – und in dem sind die drei Kinder ums Leben gekommen. Tommy Jans- sen hat sich ihr letztes Kind, den Schwachsinni- gen, eingeprägt, der nie lernte, selbständig zu es- sen und der lange fünfunddreißig Jahre brauchte, bis er starb; Tommy ist nämlich zusammen mit einer geistig zurückgebliebenen Schwester aufge- wachsen. Doc Webster weiß noch alle Einzelhei- ten von Rachels letzter Entbindung, der ersten in einem Krankenhaus, einer Totgeburt – und nach- her entfernte der Arzt ihr die Gebärmutter. Doc kann sehr gut die Überraschung eines Arztes nach- empfinden, der eine Patientin Ende zwanzig vor sich hat, deren Gebärmutter achtzehn Kinder her- vorgebracht hat. Callahan erinnert sich bezeich- nenderweise an den Mann, mit dem sie zuletzt verheiratet war, den ersten Mann seit ihrem gei- steskranken Pfarrer, dem sie die Wahrheit geste- hen konnte, bei dem sie nicht kosmetisch »altern« mußte, dem sie ihr sonst streng gehütetes Geheim- nis anvertrauen konnte; der sanfte, ungewöhnlich, verständnisvolle Mann, der sie von ihrem Selbst- haß und ihrer Angst vor der eigenen Natur heilte und sie so akzeptierte, wie sie unerklärlicherweise war; der gute, liebevolle Mann, der wegen der an- derthalb Dollar in seiner Tasche überfallen und umgebracht worden war – etwa zwei Monate, be- vor Rachel den Weg in Callahans Saloon fand. Aber keiner von uns hat sich die komplette Geschichte gemerkt. Wir wollen es gar nicht, denn wenn wir es tun, wird ein Rührstück dar- aus. Außerdem könnten wir es vermutlich nicht, selbst wenn wir es wollten. Wenn mir jemand ge- nauso ausführlich meine Zukunft schildern würde, könnte ich sie mir auch nicht in allen Einzelhei- ten merken. Es war eine gewaltige Geschichte, und wir nahmen sie im Lauf der Stunden, in denen wir sie uns anhörten, zugleich mit einer Menge Alko- hol in uns auf. Ich bin fünfunddreißig und habe viel erlebt, aber als Rachel mit ihrem Bericht fertig war, kam ich mir wie ein Fünfjähriger vor, dessen Urgroß- mutter soeben die Geschichte ihres Lebens mit allen entsetzlichen Details zum Besten gegeben hat. In der Todesstille nach Rachels letzten Worten fiel keinem von uns etwas Vernünftiges ein, das er ihr sagen konnte, denn alles mußte zwangsweise abgeschmackt klingen – als würde man einem Aus- sätzigen zu bedenken geben, daß es vor dem Mor- gengrauen immer am dunkelsten ist. Dabei hatte in, ihrer Stimme oder ihrem Gesicht keine Qual ge- legen. Das war das Erschreckende daran; sie hatte vollkommen unpersönlich und sachlich wie ein Historiker gesprochen, als berichte sie über jeman- den, der schon lange tot ist. »Sie Erleben Jetzt Die Schlacht Am Lake Champlain Mit.« Natürlich kam in ihrer Geschichte viel Schmerz vor – aber er lag unter dem Schutt von zwei Jahr- hunderten so vergraben, daß man ihn nur ahnen konnte. Dennoch – der Schmerz war vorher dage- wesen, war wenigstens einen Augenblick lang an die Oberfläche gedrungen, als sie geweint hatte. Wieso? Warum? Allmählich fiel mir auf, daß die Männer mit of- fenem Mund herumsaßen. Selbst Callahan sah aus, als hätte man ihm einen Schlag auf die Rübe ver- setzt, und das erschreckte mich. Ich musterte die Gesichter, um wenigstens eines zu finden, das eine Antwort, einen Trost, ein Wort für Rachel übrig hatte. Und ich fand eines. Der Mund des Schnellen Eddies zitterte, weil Worte darum kämpften, über die Lippen zu kommen. Er konnte sich nicht ent- schließen zu sprechen, aber er hätte es gern ge- tan. Auch Callahan bemerkte es. »Sie sehen aus, als hätten Sie etwas zu sagen, Eddie«, ermunterte er ihn sanft. Eddie schien plötzlich zu einem Entschluß zu gelangen. Er wirbelte zu Callahan herum, steckte, die Hände in die Hosentaschen und fuhr ihn an – fuhr ihn an! – »Was wollen Sie eigentlich von mir? Ich habe nichts zu sagen.« Callahan zuckte zusammen, und wenn ich noch imstande gewesen wäre zu erschrecken, ich hätte es getan. Eddie bellte Callahan an? Genausogut könnte Lassie Tommy ins Bein beißen. »Eddie«, redete ihm Doc Webster begütigend zu, »wenn Ihnen etwas einfällt, womit Sie Rachel hel- fen können, hätten Sie eigentlich die Pflicht ...« »HALTEN SIE DEN MUND!« brüllte Eddie. »Ich habe Ihnen schon erklärt, daß ich nichts zu sagen habe, verstanden?« Wieder trat für einige Zeit Stille ein. Wir nah- men an, daß Rachels traurige Erzählung den klei- nen Klavierspieler aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Verdammt, sie hatte mich beinahe aus dem Gleichgewicht gebracht – und ich war nicht in Ra- chel verliebt. Aber ... wenn Eddie nichts zu sagen hatte, wer dann? Ja, wer? »Ihnen ist also nur die Unsterblichkeit geblie- ben, Rachel«, stellte Callahan sachlich fest. »Das nennt man Pech.« Das war ein völlig neuer Gesichtspunkt. Ganz bestimmt würde Rachels Pechsträhne bald aufhö- ren. Das war nur logisch. »Klar, Rachel«, meinte ich, denn meine Stimmung hob sich wieder. »Es muß jeden Augenblick besser werden.« Doch es nützte nichts. Sie lächelte, aber nicht überzeugt., »Es stimmt«, bestätigte Longdrink rasch. »Man bekommt manchmal ewig nur schlechte Karten, aber früher oder später sind dann vier Asse drun- ter. Einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung, Ra- chel. Am Ende gleichen sich Verlust und Gewinn immer aus.« »Tut mir leid, Jungs.« Rachel lächelte traurig. »Es ist nett, daß ihr es versucht. Ich verstehe euch schon – aber eure Logik weist einige Löcher auf. Zwei falsche Voraussetzungen, eine davon geht zu euren Lasten, eine zu meinen.« »Was für falsche Voraussetzungen?« wollte Cal- lahan wissen. »Fangen wir zuerst mit Ihrer Fehlannahme an, Mike. Sie ist beinahe unvermeidlich, bleibt aber trotzdem falsch. Wie kommen Sie auf die Idee, daß ich unsterblich bin?« »Ha?« »Ich bin älter als vier von Ihnen zusammen, das stimmt. Aber Langlebigkeit ist noch nicht gleich- bedeutend mit Unsterblichkeit. Niemand ist un- sterblich, Mike; fragen Sie Dorian Gray. Meine Uhr geht genauso langsam wie die seine – aber sie geht.« »Aber Sie ...« »... sehen nicht wie 232 aus«, beendete sie den Satz. »Das stimmt. Ich sehe aus, als würde ich demnächst dreißig. Beantworten Sie mir eine Frage, Mike: wie groß ist meine Lebenserwar- tung?«, Er öffnete den Mund zu einer Antwort, dann schloß er ihn wieder nachdenklich. Wer konnte das schon wissen? »Eines Tages werde ich sterben«, fuhr Rachel fort, »genauso wie Sie oder wie Tom Flannery. Wie alle Menschen; wie alle Lebewesen. Ich weiß es, ich spüre es in meinen Knochen. Und es gibt in der ganzen Welt keinen Geriatriker, der mir sagen kann, wann. Es gibt keine Daten, auf die er sich stützen könnte; soviel ich weiß, bin ich einmalig.« »Damit dürften Sie recht haben«, gab Callahan zu, »na und? Jeder von uns könnte morgen sterben – je- der von uns ist zum Tod verurteilt, so wie Sie. Aber wenn man nicht verrückt werden will, muß man so leben, als würde es nie aufhören, muß man anneh- men, daß einem noch viele Jahre bleiben. Verdammt, sogar Tom Flannery hat so gelebt, obwohl er es besser wußte. Vielleicht gibt es keine Möglichkeit, Ihre Le- benserwartung zu berechnen – aber wenn ich Versi- cherungsagent wäre, würde ich mich auf Sie stürzen. Jake und Longdrink haben recht, die gute Zeit war- tet immer hinter der nächsten Ecke, und ich wette, daß Sie sie erleben werden. Ich bin nicht so alt wie Sie, Rachel, aber ich habe eines gelernt: auf lange Sicht gleichen sich Freude und Schmerz immer aus.« Sie schüttelte ungeduldig seufzend den Kopf. »Das ist der zweite Fehler, Mike. An dem ich schuld bin. Natürlich waren die schlechten Zeiten, die ich erlebt habe, die Schwerpunkte meiner Erzählung, deshalb, haben Sie den Eindruck gewonnen, daß ich immer Pech gehabt habe. Aber das stimmt keineswegs. Ich habe auch mein gerütteltes Maß an Glück erlebt, mit Jakob und Issaia und sogar mit Benjamin, vor allem aber mit dem zweiten Jakob, den ich am meisten von allen geliebt habe. Sogar in Nantucket hat es wäh- rend meiner Jahre als Hure gute Zeiten gegeben; der Beruf wird stark unterbewertet. Ich glaube, keiner von Ihnen kann beurteilen, wie groß meine Freuden waren – denn Sie haben recht, Mike: die Freude er- wächst aus dem Schmerz, den man vorher erlebt hat, und umgekehrt. Ich hätte Jakobs ruhige Art, mich zu akzeptieren, bestimmt nicht so geschätzt, wenn ich nicht zwei Jahrhunderte lang nach ihr Ausschau ge- halten hätte. Na ja, es hört nie auf, rauf und runter zu gehen – das wurde mir klar, als Jakob getötet wurde; des- halb hat sich bestimmt keiner Ihrer Gäste so dar- über gefreut, daß er Ihre Bar gefunden hat, wie ich.« »Ja aber ... ich meine, warum ...?« »Warum ich unglücklich bin? Sehr einfach: je länger mein Leben dauert, desto deutlicher be- greife ich, daß ich einmal sterben werde. Ich bin mir meiner Sterblichkeit wesentlich stärker be- wußt als jeder von Ihnen der seinen. Verdammt, ich sterbe seit zweihundert Jahren. Und wie bewältigt ihr normalen Menschen das Bewußtsein, daß ihr sterblich seid? Wie werdet ihr mit dem Tod fertig?«, »Mein Gott«, stöhnte der Doc. »Jetzt begreife ich. Der Trinkspruch ...« »Richtig«, nickte Rachel. »Der Toast, bei dem ich zum erstenmal seit zwanzig Jahren geweint habe. ›Auf die Mutterschaft‹. Ich will nie wieder etwas über Mutterschaft hören, sehen oder sagen. Ein Mensch, der Angst vor dem Tod hat, wird sich entweder dazu entschließen, an ein Leben nach dem Tod zu glauben ... oder Kinder bekommen, so daß er in ihnen weiterlebt. Seit der Zeit, als ich mit Benjamin zusammen war, glaube ich nicht mehr an Gott – und alle meine Kinder sind gestor- ben, ohne daß sie Kinder hinterließen, und ich kann keine Kinder mehr bekommen! Ich hatte neunzehn Mal eine Chance, wirklich unsterblich zu werden, und jedesmal ist es danebengegangen. Ich bin der letzte Sproß meiner Familie. Was werde ich also hinterlassen? Ich kann keine weltbewegenden Bücher, Gemälde oder Musik- werke schaffen; ich kann keine Gebäude errich- ten; ich kann keine allgemeingültigen Weisheiten prägen. Niemand auf der Erde ist so lange am Le- ben wie ich – und wenn ich tot bin, hinterlasse ich absolut nichts; am dauerhaftesten wird noch Ihre Erinnerung an meine Person sein.« Ihre Stimme klang jetzt hoch und schrill, und sie hielt die Hände keinen Augenblick still. »Eine Zeit- lang hatte ich noch einen Funken Hoffnung, denn diejenigen meiner Kinder, die mein Muttermal ge- erbt hatten – eine liegende Sanduhr auf dem linken, Schulterblatt –, schienen auch meine Langlebigkeit zu besitzen. Aber dieses verdammte Muttermal ist ein Fluch, kein einziges dieser Kinder hatte Lust, selbst Kinder zu zeugen oder zur Welt zu bringen, und sie sind alle durch Unfälle oder Krankheiten ums Le- ben gekommen. Wenn nur eines von ihnen ein Kind hinterlassen hätte, wäre ich heute glücklich. Doch der Fluch ist nicht gebrochen worden.« Sie schlug mit der Faust auf die Theke. »Wenn ich einmal tot bin, bin ich fort, ohne eine Spur zu hinterlassen. Ich werde Jahrhunderte gelebt haben, und was ich hin- terlasse, ist nicht dauerhafter als ein Fußabdruck im Schnee!« Sie weinte wieder, ihre Stimme klang schrill und gequält, schmerzverzerrt. Eddies Gesicht zuckte vor Erregung, und er versuchte etwas zu sagen; aber sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Was könnt ihr mir also anbieten, Jungs? Was für eine Lösung? Habt ihr etwas zur Hand, das nützli- cher ist als ein Glas Bourbon?« Sie stand auf und feu- erte ihr leeres Glas in den Kamin. Dann schnappte sie sich die Gläser von der Theke und warf sie hin- terher, keuchte vor Anstrengung, sprach aber immer weiter: »Was für Antworten ... habt ihr ... für eine ... alte Frau, die ... in einer Kiste ... gefangen ist ... die bergab in ...« Die Gläser waren ihr ausgegangen, deshalb packte sie bei den letzten Worten den hoch- beinigen Lehnstuhl, auf dem sie gesessen hatte, und hob ihn über den Kopf. Um ihn auch in das Feuer, zu werfen. In diesem Augenblick veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, ungläubiges Staunen überlagerte den hysterischen Zorn. »... den Tod gleitet?« schloß sie leise und sank wie eine Stoffpuppe zusammen. Der Stuhl polterte in eine Ecke. Der Doc war flink und ihr um drei Meter nä- her, aber der Schnelle Eddie schlug ihn mühelos. Er rutschte den letzten Meter auf den Knien, hob Ra- chels Kopf unsagbar zärtlich auf seinen Schoß und brüllte: »Hör mir jetzt zu, Rachel.« Der Doc versuchte, sie ihm zu entreißen, aber ohne aufzuschauen schlug ihn Eddie mit dem Handrücken zu Boden. »Hör mir zu, Rachel, verdammt, HÖR DOCH!« Sie schlug die Augen auf. »Ja, Eddie.« »Du kannst nicht sterben, Rachel, noch nicht. Wenn du mir wegstirbst, breche ich dir beide Arme, das schwöre ich dir. Hör zu, wenn du eine Tochter willst, kann ich dir eine verschaffen.« Sie lächelte schwach und bitter. »Danke, Eddie, aber eine Adoption ist nicht das gleiche.« »Ich spreche nicht von Adoption«, bellte er. »Ich kann dir eine verschaffen. Ich hätte schon früher etwas gesagt, aber du hast erklärt, daß du nie wie- der auch nur an Kinder denken willst. Hörst du mir jetzt zu, oder bist du zu sehr damit beschäf- tigt zu sterben?« Sie war nahe daran, wieder in Ohnmacht zu fal- len, aber Neugierde ist offenbar ein gutes Stimu- lans. »Was ... was meinst du damit?«, »Ich bin ebenfalls steril, verdammt. Meine Frau hat sich deshalb scheiden lassen.« Wir bekamen bei dieser Enthüllung noch größere Augen, und ich schämte mich plötzlich, weil ich so wenig über Eddie wußte. »Aber ich habe mich umgehört und ich habe eine Möglichkeit gefunden, doch ein Le- bewesen aus dem gleichen Fleisch und Blut zu hin- terlassen. Hast du je von Klonen gehört?« Sie sah ihn erschrocken an. »Man kann Men- schen nicht klonen, Eddie.« »Heutzutage noch nicht. Und vielleicht werden wir beide es nicht mehr erleben. Aber ich kann dich nach Manhattan zu einer Stelle bringen, wo sie ein Stückchen von deiner Haut einfrieren, bloß ein paar lausige Millionen Zellen, und sie auf Eis legen, bis man Menschen klonen kann. Tom Flannery wartet dort wie ein Eis am Stiel, bis man ein Heilmittel ge- gen Leukämie erfindet; er hat es mir erzählt.« Ich schnappte verblüfft nach Luft, und Callahan begann langsam zu grinsen. »Also, Rachel?« fuhr Eddie sie an. »Willst du eingefroren werden oder willst du nur weinen?« Sie starrte lange an Eddie vorbei, und keiner von uns wagte zu atmen. Dann brachen zwei Jahr- hunderte Kampfgeist in ihr durch, und sie lächelte – zufrieden und friedlich. »Danke, Eddie«, flüsterte sie. Einen Augenblick lang verwandelten sich ihre Augen in die eines jungen Mädchens, in die Augen, die in ihr jugend- liches Gesicht paßten; dann fielen sie zu, und sie, begann, leise zu schnarchen. Rachel, die um ihre toten Kinder trauerte und getröstet wurde. Doc Webster erhob sich vom Boden, fühlte ihr den Puls und schlug Eddie auf den Rücken. »Es wird mir immer ein Vergnügen sein, Herr Doktor, Sie bei der nach Ihnen benannten Behandlungsme- thode zu unterstützen«, meinte er freundlich und spuckte einen Zahn aus. »Ihre Medizin ist stärker als die meine.« Eddie sah ihn etwas befangen an, wollte die schlafende Rachel hochheben, überlegte es sich jedoch. »Würden Sie mir bitte helfen, Doc?« »Klar, Buddy. Wir bringen sie ins Smithson Krankenhaus zur Beobachtung, aber ich glaube, daß alles in Ordnung ist.« Gemeinsam hoben sie sie hoch und trugen sie zur Tür. Dort blieb Eddie stehen und drehte sich zu Cal- lahan um. »Mike«, begann er, ohne vom Boden aufzusehen, »ich ... na ja ... ich meine ...« Die Ent- schuldigung blieb ihm im Hals stecken. Callahan lachte laut und glücklich und schmiß seinen Zigarettenstummel in den Kamin. »Ihr blö- den Hammel«, meinte er kopfschüttelnd. »Immer müßt ihr den Clooon spielen.« Copyright © 1977 by Spider Robinson,

Unnatürliche Ursachen

Die Zeitungen haben in letzter Zeit eingehend von den zahlreichen Erdstößen berichtet, die in den vergangenen Wochen an den unwahrscheinlich- sten Stellen aufgetreten sind. Soviel ich weiß, sind Erdbebenvorhersagen eine noch recht junge Kunst, und gelegentliche ungewöhnliche Erschütterungen der Erdoberfläche sollten eigentlich keine Beunru- higung auslösen – aber zwei Wochen lang täglich ein nicht angekündigtes Minibeben in allen mög- lichen Winkeln des Globus und als Höhepunkt ein schweres Beben in einer Gegend, in der es nichts zu suchen hatte, lösen natürlich einige Unruhe aus. Die Seismologen geben zu, daß sie ratlos sind. Einige weisen darauf hin, daß sich keines der Be- ben in einem dichtbesiedelten Gebiet ereignet hat und finden darin eine gewisse Beruhigung. Andere machen auf die zwar streng örtlich begrenzte aber doch große Intensität der Beben aufmerksam und sind beunruhigt. Etliche stellen fest, daß die Wis- senschaft nicht einmal im nachhinein imstande ist, die Erdbeben zu erklären, und befürchten, daß das Ende der Welt nahe bevorsteht. Aber ich – na ja, ich befand mich am Ort des er- sten Bebens in Suffolk County auf Long Island im Staat New York in den USA und habe mir meine eigene Meinung gebildet., Wenn Sie das Buch bis jetzt aufmerksam gele- sen haben, wissen Sie vielleicht, was für ein Zirkus Callahans Saloon an einem gewöhnlichen Abend sein kann. Und ich kann Ihnen versichern, daß sich das Lokal an Feiertagen wie Weihnachten und Silvester zu etwas Atemberaubenden steigert. Alle Hemmungen fallen, der Unsinn regiert, und die Kneipe sieht aus wie eine Kreuzung zwischen ei- nem Kongreß von Größenwahnsinnigen und ei- nem Irrenhaus, das von den Marx Brothers gelei- tet wird. Vielleicht überraschte es uns deshalb nicht wei- ter, daß sich das erste Beben am Halloween-Abend verdammt nahe bei Callahans Saloon ereignete. An keinem anderen Abend hätte es sich so auswirken können. Ich hatte das Lokal noch nie so voll erlebt, und ich treibe mich seit etlichen Jahren bei Callahan herum. Außer den üblichen Stammgästen und Fast-Stammgästen waren Horden von Oldtimern und Ex-Stammgästen anwesend, die ich zum Teil nur dem Namen nach und zum Teil überhaupt nicht kannte. Wie ich Ihnen ja schon ein paarmal erläutert habe, haben viele von Callahans Kun- den nicht mehr das Bedürfnis zu trinken, wenn sie lange genug hierher gekommen sind. Und in unserer verrückten Zeit gibt es nur wenige Men- schen, die sich vernünftige Mengen Äthanol um seiner selbst willen einverleiben. Deshalb hören sie auf, in die Kneipe zu kommen, oder widmen, sich mehr ihren Familien oder übersiedeln ein- fach irgendwohin – aber Feiertage ziehen sie ma- gisch an, wie der Hühnerstall die Hühner, wenn die Sonne untergeht. Callahan hatte deshalb schon um neun Uhr die zerbrochenen Gläser aus dem Kamin fegen müs- sen, um Platz für die nächsten Wurfsendungen zu schaffen, so daß Tom Hauptman allein hinter der Theke stand; und dabei strömten immer noch mehr Gäste herein. Beinahe jeder hatte sich verkleidet, so daß in der Bar, die ohnehin nie normal ausgesehen hatte, eine geradezu surreale Atmosphäre herrschte. Vier Kerle in Gorillakostümen spielten in einer Ecke Poker, fünf oder sechs Gespenster in weißen La- ken drängten sich durch die Menge, und siebzehn bunt gemischte Monster und kleine grüne Männ- chen waren zwanglos im Raum verteilt. Zu mei- ner Freude hatte Eddie aufgehört zu trauern und seinen Kummer begraben; er war mit schwarzge- färbtem Gesicht und dem schlampigsten Anzug er- schienen, den ich je gesehen hatte, und hatte ver- kündet: »Ich bin Scott Joplin.« Doc Webster war als Hippokrates verkleidet und sofort »Hippo-Kra- ter« getauft worden; Longdrink McGonnigel trug einen alten Frack, hatte eine Gänsekiel-Feder in der Brusttasche stecken und stellte sich als »Balzac – nennen Sie mich einfach Balz« vor. Noah Gon- zalez und Tommy Janssen gingen als ein Pferd, das aber an jedem Ende einen Kopf hatte, weil keiner, von ihnen ... na also, Sie haben kapiert. Callahan war als Grizzlybär herausstaffiert, was zu seiner riesigen irischen Figur paßte, aber er zuckte im- mer noch zusammen, wenn man ihn anrempelte, und erklärte jedem, der so unvorsichtig war, ihm zuzuhören, daß er ein Bärmixer sei. Ich war als Pirat verkleidet, trug eine schwarze Augenklappe und den Namen einer bestimmten Ölgesellschaft auf der Brust. Ich beobachtete den Wirbel und amüsierte mich großartig, weil ich versuchte, meine Freunde trotz ihrer Masken zu identifizieren, als ich ein sehr ver- trautes, nicht maskiertes Gesicht entdeckte. Mickey Finn. Ich hatte Finn längere Zeit nicht mehr gesehen, seit er nach Kanada übersiedelt war und dort eine Farm betrieb, und ich freute mich, weil er es ge- schafft hatte, zu dem Treffen zu kommen. »Finn!« überschrie ich das Getöse. »Hierher.« Ein Mensch hätte mich vermutlich nicht ge- hört, aber Finn blickte sofort auf, lächelte mir quer durch den Raum zu und begann, sich einen Weg zur Theke zu bahnen. Finn behauptet immer, daß er irgendeine Ma- schine in sich trägt, aber er hat auch viel von ei- nem Menschen an sich. Er hätte mühelos die Hand durch die Wand drücken können, aber er achtete sorgfältig darauf, daß er unterwegs an nieman- den anstieß. Ich musterte ihn, bemerkte sein Ar- beitshemd, den Overall aus solidem Baumwollkö-, per und die abgetragenen Arbeitsschuhe und fand, daß er sich gut an sein Exilleben auf Terra ange- paßt hatte. Wenn er lächelte, bewiesen die Falten um seine Mundwinkel, daß dieser Ausdruck ihm nicht mehr so fremd war wie früher einmal. Endlich langte er bei mir an, schüttelte mir ernst die Hand und ließ sich von Tom Hauptman ein Glas Rye geben, für das er Tom den obligaten Ein-Dollar-Schein anbot. »Nein, danke, Mr. Finn«, lehnte Tom ab. »Mike ist der Ansicht, daß wir Ihr Geld nicht annehmen können.« Finns Lächeln vertiefte sich, aber er streckte weiterhin die Hand mit dem Geldschein aus. »Danke, Sir«, sagte er mit seinem komischen Ak- zent, »aber ich möchte wirklich lieber auf meine Art bezahlen.« Ich schüttelte den Kopf. »Wenn Sie menschlich sein wollen, Finn, müssen Sie lernen, Geschenke anzunehmen.« Er wurde ernst, steckte sein Geld ein und nickte. »Ja. Das fällt mir wirklich schwer, mein Freund. Ich darf Mr. Callahans Geschenk nicht zurückwei- sen, und dabei hat er mir das größte Geschenk ge- macht, das es gibt – meinen freien Willen.« »Nehmen Sie‘s nicht so schwer, Finn«, unter- brach ich ihn. »Eine Menge Menschen lernen nie, ein Geschenk mit Anstand anzunehmen. Denken Sie nur an unsere Politiker.« Ich lehnte mich an die Theke und genehmigte mir einen Schluck, Bushmill. »Kommen Sie schon, entkrampfen Sie sich. Sie befinden sich unter Freunden.« Finns Schultern entspannten sich, und er blickte sich um. »Einige von den Gästen sind mir fremd«, meinte er mit einer Handbewegung zur bunten Schar. »Auch mir sind etliche von ihnen fremd. Schlen- dern wir ein bißchen herum und lernen wir ein paar von ihnen kennen. Aber zuerst erzählen Sie mir von Ihnen. Wie geht es Ihnen in Kanada?« »Mir geht es gut und ich tue auch Gutes, glaube ich jedenfalls.« »Was meinen Sie damit?« »Jake, mein Freund, das Gebiet, in dem ich lebe, stellt eines der größten Paradoxa auf diesem Erd- teil dar: der fruchtbarste Boden und die ärmsten Farmer. Ich verdiene mir nicht nur meinen Le- bensunterhalt, sondern versuche auch, ihnen zu helfen.« »Und wie bewerkstelligen Sie das?« fragte ich interessiert. »Mit Kleinigkeiten. Ich sehe im infraroten Be- reich besser als sie; ich kann den Boden mit einem Blick abschätzen, den Ertrag berechnen, die Feld- früchte, die sie anbauen, viel besser beurteilen als sie, kann ihnen Vorschläge machen. Sie sind jetzt so weit, daß sie auf meine Meinung hören. In letz- ter Zeit habe ich immer wieder erwähnt, daß sie neue Methoden finden müssen, ihre Produkte bes- ser an den Mann zu bringen. Ich mache nur lang-, same Fortschritte – aber eines Tages werden diese eingefrorenen Äcker viele hungrige Menschen er- nähren – so hoffe ich jedenfalls.« »Das ist einfach großartig, Finn.« Ich schlug ihm auf den Rücken. »Ich habe ja gewußt, daß es dort Arbeit für einen Mann Ihres Schlages gibt. Kom- men Sie, schließen wir mit ein paar Old-Timern Bekanntschaft.« Finn, der mit seinen Worten so sparsam umgeht wie manche Menschen mit ihrem Geld, nickte, und wir stürzten uns ins Gewühl. Ich entdeckte vier Tische, die man in der Nähe des Kamins zusammengeschoben hatte, und an de- nen der Doc, Sam Thayer und ein Haufen schein- bar Fremder in den unmöglichsten Verkleidungen saßen. Zu allem Überfluß stand auch Callahan in der Nähe – wir mußten also unbedingt dort an- fangen. Ich steuerte Finn in diese Richtung, sam- melte unterwegs ein paar Stühle ein und bedeutete Callahan, sich zu uns zu gesellen. Als er Finn sah, leuchtete sein Gesicht auf, und er nickte. Als wir uns setzten, sang einer der Fremden, der als Schäfer kostümiert war, gerade tieftraurig die letzten Takte von »Wer hat die schönsten Schäf- chen?« und wurde mit Stöhnen und Buh-Rufen be- lohnt. »Spielen Sie lieber den Mann im Mond, Tony«, schlug Doc Webster vor. »Wo eine Wolle ist, ist auch ein Weg«, bestä- tigte Sam und stemmte sich in die Höhe, als wolle er flüchten. Einer der Jungen schob nachdenklich, Sams Stuhl weg, und dieser landete etwas tiefer, als er vorgehabt hatte. Callahan klemmte sich den Kopf des Bären unter den Arm, trottete herbei und schnappte sich den Stuhl, und Sam landete prompt in Bill Gerritys Schoß. Das war komischer, als es klingt, weil Bill ein Transvestit ist und sich an die- sem Abend auf Marilyn Monroe getrimmt hatte. Callahans Bar ist nicht das einzige Lokal, in dem Bill seine Eigenart ausleben kann, aber es ist be- stimmt das einzige, in dem er keine unzüchtigen Anträge bekommt – er ist nämlich nicht schwul. Da Sam als Clark Gable erschienen war, war der Effekt großartig und löste beifällige Pfiffe aus. Ei- ner der Gorillas in der Ecke blickte knurrend von seinem Blatt auf. Ich sah mich an unserem Tisch um und nahm das Inventar auf: ein Feuerwehrmann, eine einen Meter siebzig große Ente, zwei Monster (eines purpurrot mit Tentakeln, eines grün mit Pelz) und ein Conan der Barbar. »He, Mike«, rief ich Calla- han zu, »stell mal mich und Finn vor, damit wir Geschichten austauschen können.« Callahan nickte und öffnete den Mund, aber der Doc hielt ihm ein Bier hin. »Ich biete Bier, Bär«, verkündete er, und ringsum wurde wieder gestöhnt. »Okay«, sagte ich, »dann fange ich eben selbst an. Hello, Leute. Ich bin Jake, und das hier ist Mickey Finn.« In der Gruppe ertönten ebenfalls ein paar Hellos, und eine Brezel flog in meinen Drink., »Ich habe von Ihnen gehört, Mr. Finn«, stellte der Schäfer grinsend fest. »Angeblich ist es höl- lisch, mit Ihnen zu trinken.« Offenbar hatte der Schäfer noch nie von diesem Mickey Finn gehört, und ich schaute zu Finn hin- über, um zu sehen, wie er darauf reagierte. Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen – er trieb sich schon lang genug in Callahans Saloon herum. »Ich komme mir wie ein Hammel vor, Sir, wenn Sie meinen Namen zu wörtlich nehmen. Das wäre sehr schle-e-e-e-cht, denn ich würde mich freuen, fröhlich mit einem Finn-Fan zu flaxen.« Callahan und ich lachten laut, und Doc Web- ster blitzte uns empört an. »Verdammt«, fluchte er, »ich werde wahrlich meine Witze wegwerfen.« »Ein hypokratischer Eid«, stellte die Ente fest, und der Doc warf ihm ein Säckchen mit Erdnüs- sen an den Kopf. »Duckt euch, duckt euch, der Doc«, krähten Callahan und ich gleichzeitig, und die Tischrunde wieherte vor Lachen. »Hören Sie auf, Jake«, meinte der Schäfer, als wieder Ruhe eingetreten war, »Ihr Vorschlag, Ge- schichten auszutauschen, klingt gut. Jeder von uns soll seinen Namen nennen und erklären, wieso er hier bei Callahan gelandet ist. Ich bin sicher, daß die Geschichten der meisten Anwesenden mir et- was fürs Leben geben werden – offenbar kommt niemand ohne bestimmten Grund hierher. Wie stellen Sie sich dazu?«, Wir sahen einander an. »Einverstanden.« »Okay.« »Warum nicht?« Niemand weigerte sich – die Men- schen kommen schließlich zu Callahan, weil sie das Bedürfnis haben, sich ihre Kümmernisse von der Seele zu reden – und das erste Mal ist es im- mer am schwersten. »Fein«, fuhr der Schäfer fort, »dann werde ich wohl den Anfang machen müs- sen.« Er nahm ein Glas, ließ es sich vollschenken und feuchtete sich erst einmal die Kehle an. Er war ungefähr in meinem Alter und hatte an den Schläfen ein paar weiße Strähnen, so daß er in seinem klas- sischen Schäfergewand wie Homer in seinen besten Jahren aussah. Sein Gesicht war anziehend und seine Figur ausgezeichnet, aber ich stellte zu meiner Über- raschung fest, daß ihm das linke Ohrläppchen fehlte. Auf der rechten Schulter hatte er eine Narbe, die in der sonnengebräunten Haut kaum sichtbar war und aussah, als stamme sie von einer Schrotsäge. »Ich heiße Tony Telasco«, begann er. »Ich halte Vorträge, zeige dabei Diapositive, halte Reden und lande gelegentlich im Knast, aber bevor ich zu Cal- lahan kam, habe ich noch viel mehr gemacht. Eine Zeitlang war ich ein transzendentaler Meditator und habe meinen Nabel angestarrt. Davor war ich rauschgiftsüchtig und davor war ich ein Trin- ker, und davor war ich ein Killer. Und zwar sofort nachdem ich dem Kindesalter entwachsen war. Wissen Sie, eigentlich bin ich ein Veteran aus dem Vietnamkrieg.« Ringsum ertönten leise Pfiffe und Ausrufe., Ich war das erste Jahr am College (fuhr Tony fort), als ich von meiner Einberufungskommission das magische Stück Papier bekam. Studenten der Wirt- schaftsuniversität wurden nicht vom Wehrdienst befreit, daher standen mir die drei klassischen Möglichkeiten offen: Gefängnis, Kanada oder Viet- nam. Das heißt, ich hatte eigentlich keine Wahl. Damit Sie keinen falschen Eindruck von mir be- kommen: ich hatte eine Scheißangst vor Vietnam – ich hatte nämlich im Fernsehen etliches dar- über gesehen. Aber ich hatte Angst und schämte mich gleichzeitig, mich einlochen zu lassen, und ich hatte Angst und zu wenig praktische Kennt- nisse, um zu emigrieren. Es würde kein Honiglek- ken werden, wenn ich mich in ein fremdes Land verschiffen ließ und dort kämpfte, aber es erschien mir unmöglich, daß ich in ein anderes Land über- siedelte und dort ohne erlernten Beruf und ohne akademischen Titel meinen Lebensunterhalt ver- diente. Blieb also Vietnam als das kleinste von drei Übeln. Ich nahm nie eine moralische Wertung des Krieges vor, fragte mich nie, ob es richtig war, daß ich daran teilnahm. Es war die einfachste Lösung. Natürlich kannte ich ein paar Leute, die nach Ka- nada geflohen waren, aber ich verstand sie nicht – ich mag Amerika. Und ein Junge aus meiner Gruppe am College ließ sich einsperren, aber am dritten Tag fanden sie ihn: er hing am Ende seines, Lakens ein paar Zentimeter über dem Fußboden. Sein Zellengenosse schlief tief und fest. Daher landete ich in der Army. Die Grundaus- bildung war hart, aber erträglich; ich hatte immer etwas für körperliche Betätigung übrig gehabt und war gut in Form. Für meinen Geist war es wesent- lich schwerer. Der beste Freund, den ich während der Grund- ausbildung fand, war ein gewisser Steve McCon- nell aus Kalifornien. Steve war ein feiner Kerl, der Typ, den man während dieser schweren Zeit gern neben sich weiß. Er fand wie kein anderer den Schwachsinn im Militärleben heraus und stürzte sich hemmungslos auf ihn. Er verfügte über einen sehr trockenen Humor, lachte nicht schallend – ei- gentlich lachte er überhaupt nie laut –, aber amü- sierte sich ständig über Dinge, die mich wahnsin- nig machten. Wie ich war er beinahe zufällig in die Army geraten, doch je länger er darüber nach- dachte, desto weniger gefiel sie ihm. Mir ging es genauso, ich hatte aber keine Ahnung, was ich dagegen unternehmen sollte. Wir schälten stun- denlang gemeinsam Kartoffeln, sprachen über den Krieg, die Frauen, die Army, die Frauen, die kom- munistische Gefahr in Südostasien, die Frauen, und Steve war ein unabhängiger Denker – er trieb sich nicht mit den übrigen Schwarzen in unserer Ein- heit herum, die sich aus Selbstschutz zusammenge- schlossen hatten. Das kann einen Schwarzen in der US-Army ganz schön in Schwierigkeiten bringen,, aber Steve ging seinen eigenen Weg und suchte sich seine Freunde nicht nach ihrer Hautfarbe aus. Ich weiß nicht, warum er und ich so dicke Freunde wurden – ich weiß nicht, nach welchen Gesichtspunkten er mich ausgesucht hat –, aber wir standen einander so nahe, daß ich glaubte, ihn wirklich zu kennen und zu verstehen. Ich war ge- nauso überrascht wie die anderen, als er endlich Stellung bezog. Irgendwann kommt der bitterkalte Februartag, an dem man die Rekruten hintereinander in einer Reihe aufstellt und ein paar sarggroße Kisten her- beischafft. Die Ausbilder sind noch anmaßender als gewöhnlich und tun, als würde man sofort eine Messe zelebrieren. Vom Standpunkt der Army aus haben sie ja auch recht. Dann spielt sich folgendes ab: Einer nach dem anderen rückt an die Spitze der Reihe vor, streckt die Arme aus, ein riesiger Sergeant wirft ihm so schwungvoll wie möglich ein Gewehr zu – Sie ha- ben Ihre Waffe erhalten, Mister, und Gott sei Ih- nen gnädig, wenn Sie sie fallen lassen oder sie un- geschickt fangen oder wenn sie mit irgendeinem Teil den Boden berührt. Das ist ärger, als wenn Sie sie als »Flinte« bezeichnen. Ein paar Burschen machte der Sergeant zur Sau, weil sie nicht rich- tig zufassen konnten (ihre Finger waren steif vor Kälte), und alle Rekruten in der Reihe kneteten wie wild ihre Finger und sandten Stoßgebete zum Himmel., Steve stand direkt vor mir und war merkwür- dig wortkarg; keiner meiner Witze löste eine Re- aktion bei ihm aus. Ich führte es auf die Kälte und das feierliche Brimborium zurück, und teilweise stimmte es ja auch. Plötzlich war er an der Reihe, der große Ser- geant suchte ein Gewehr heraus, hob es hoch und warf es besonders heftig, weil er aus Alabama war; ich betete, daß Steve es richtig auffangen würde, und da trat er einfach zur Seite. So einfach war das; eine Sekunde des Staunens, und dann blieb die Zeit stehen. Steve trat nach links, das Gewehr flog an ihm vorbei, schlug mit dem Lauf voran auf den Boden auf und bohrte sich fünf Zentimeter tief in den Schlamm. Der Kolben streifte mein Knie. Auf dem gesamten Exerzier- platz hörten die Leute auf zu fluchen und Witze zu reißen und starrten das verdammte Gewehr an, das im Schlamm vibrierte wie ein Zweig, den ein Idiot eingepflanzt hat, starrten und warteten dar- auf, daß der Himmel einstürzte. Der große Sergeant lief rot an, blähte sich auf wie ein Ochsenfrosch und suchte in seinem Ge- dächtnis nach einer Obszönität, die seiner Wut entsprach. Doch bevor er sie fand, sagte Steve un- beschreiblich sanft: »Es tut mir leid, Sergeant, aber ich kann das Ge- wehr nicht nehmen.« »Warum nicht?« brüllte der Sergeant. »Weil es tötet, Sergeant.«, Der Sergeant stierte Steve einen Augenblick lang an, dann zog er seine Pistole und richtete sie auf Steves Nabel. »Dieses Ding tötet ebenfalls, Sol- dat. Heben Sie das Gewehr auf.« Ich starrte Steve wie gelähmt an. Er stand of- fenbar Todesängste aus, und ich war genauso über- zeugt wie er, daß er im nächsten Augenblick tot sein würde. Heb es auf, Steve, betete ich. Du mußt es ja nicht verwenden, heb das verdammte Ding nur auf. »Sergeant«, antwortete Steve endlich, »Sie kön- nen mich dazu zwingen, es aufzuheben, aber Sie können mich nie dazu bringen, daß ich es ver- wende. Nicht einmal mit Ihrer Automatik. Was soll also der ganze Zauber?« Der Sergeant sah ihn lange an, dann steckte er seine 45er ins Halfter und winkte ein paar Ober- gefreite herbei. »Bringt den verdammten Nigger in den Bau«, knurrte er und bückte sich wieder zu der Kiste. Bevor ich überlegen konnte, flog ein Gewehr auf mich zu, und ich fing es anstandslos. »Der nächste«, brüllte er, und die Reihe bewegte sich weiter. In der Unterkunft kam ich wieder zu mir, betrachtete das Gewehr und fragte mich, wa- rum Steve etwas so Wahnsinniges getan hatte. Kurz danach wurde ich nach Vietnam einge- schifft – ich versuchte, mit Steve im Bau Verbin- dung aufzunehmen, aber es gelang mir nicht. Er blieb mit den restlichen Amerikanern in der Hei- mat zurück, und ich landete in einem Dschungel, voll unfreundlicher Fremder. Es war schlimm – wirklich schlimm – und ich dachte viel an Steve und an die Wahl, die er getroffen hatte. Ich konnte die Menschen, gegen die ich kämpfte, nicht von den Menschen unterscheiden, für die ich kämpfte, und die offizielle Parole – »Schieß auf alles, was sich bewegt« –, befriedigte mich keineswegs. Zuerst. Dann schlug mir eines Tages ein zwölf- jähriger Junge mit einer Machete das linke Ohr- läppchen ab, während ich ein paar Lebensmittel für ihn zusammensuchte. Der Junge wollte mir eigentlich den Kopf abschlagen, aber ein guter Freund von mir, Sean Reilly, schoß ihm in den Bauch, als er ausholte. »Um Himmels willen, Tony«, ermahnte mich Sean, nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß der Junge tot war, »du weißt doch: Dreh einem Gook nie den Rücken zu.« Ich war mit meinem blutenden Ohr beschäftigt und konnte ihm deshalb nicht antworten, aber all- mählich schloß ich mich seiner Meinung an. Viet- nam war leichter gewesen als das Gefängnis, das Gewehr fangen war leichter gewesen, als es fallen zu lassen, Gooks töten war leichter, als mit ihnen über politische Philosophie zu diskutieren. Eine Woche später wurde es noch viel leich- ter. Seans Einheit war zur Erkundung flußaufwärts geschickt worden, während wir übrigen eine Atempause vor der großen Offensive hatten. Ich, schob Wache mit einem Burschen, an dessen Name ich mich nicht erinnere – er war kein schlechter Kerl, aber er rauchte Marihuana, und man hatte mir von Kind auf eingetrichtert, daß das Zeug schädlich ist. An diesem Tag rauchte er jedenfalls ein paar Joints, während wir auf die Geräusche des Dschungels lauschten und auf die Ablösung war- teten, damit wir Essen fassen konnten. Das Mari- huana machte ihn durstig, deshalb bot ich ihm an, ihn zu vertreten, während er zum Fluß hinunter- ging, um zu trinken. Er verschwand leicht schwan- kend im Dschungel. Eine Minute später hörte ich ihn schreien. Es waren keine fünfzig Meter bis zum Fluß, aber ich folgte ihm vorsichtig, denn ich nahm an, daß er tot war und daß ich einer feindlichen Über- macht gegenüberstand. Doch als ich meinen Ge- wehrlauf durch das Laub schob, sah ich nur ihn. Er lag auf den Knien und hatte das Gesicht in den Händen vergraben. O mein Gott, dachte ich, ausge- rechnet jetzt muß er ausflippen. Ich wollte ihn schon anbrüllen, als ich sah, was er gesehen hatte. Sean trieb träge ans Ufer, seine Finger und Ze- hen hingen wie ein Halsband fein säuberlich auf- gefädelt um seinen Hals, und sie hatten ihm seine Genitalien in den Mund genäht. Ein Freund, ein Mann, der mir das Leben geret- tet hatte, ein Mensch, der Künstler werden wollte, wenn er nach Hause kam, war von einem Haufen schlitzäugiger Affen tranchiert worden wie eine, Weihnachtsgans – es war nicht mehr leicht, Gooks zu töten. Es machte Spaß. Ich erlebte den Rest des Krieges wie in einem leichten rötlichen Dunst. Ich habe Frauen verge- waltigt, ich habe einem Baby den Schädel mit dem Gewehrkolben eingeschlagen, um einen Vietkong- Sympathisanten zum Reden zu bringen, ich habe Gefangene gefoltert, und es hat mir Spaß gemacht. Ich erinnere mich an ein Dutzend My Lais, und ich war zähnebleckend wie ein Wolf daran be- teiligt. Wut schmeckt besser als Verwirrung, und diesmal war es leichter zu töten als zu denken. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich mit dieser Mordlust in mir nach Hause gekommen wäre. Gott weiß, was aus denen gewor- den ist, bei denen es der Fall war. Aber zwei Wo- chen vor meiner Entlassung bekam ich einen Brief von einem Freund in den Staaten, einem Proviant- meister im Ausbildungslager. Steven McConell war im Militärgefängnis ge- storben. Er war »die Treppe hinuntergefallen« und hatte sich beinahe jeden einzelnen Knochen im Körper gebrochen; die offizielle Version war Tod durch Unfall. Genau wie bei Sean – nur war dies- mal unsere Seite dafür verantwortlich. Während ich den Brief las, verwandelte sich meine Mordlust in das Gegenteil. Am nächsten Morgen zog ich mit meiner Einheit aus und ver- suchte zu sterben. Aber ich vermurkste es und, bekam auf diese Art meine zweite Auszeichnung. Ich bekam in Vietnam keine Chance mehr zu ster- ben; sie schickten mich aus dem Spital direkt nach Hause, nachdem sie meine Schulter sauber zusam- mengeflickt hatten, und gaben mir ein Stück Pa- pier mit, auf dem mir bescheinigt wurde, daß ich wieder ein normales menschliches Wesen war. In den Staaten kam es mir gar nicht mehr so vernünftig vor, mich umzubringen, deshalb ver- suchte ich statt dessen zu vergessen. Eine Zeit- lang half mir der Alkohol dabei; aber ich mußte ihn aufgeben; mein Magen vertrug das Quantum nicht, das ich brauchte. Dann war eine Weile Ma- rihuana eine echte Hilfe für mich, aber manch- mal wirkte es in die verkehrte Richtung: Ich sah Ströme von Blut und Seans Finger und Steve schlaff wie einen Sack. Ich versuchte es also mit Kokain, und das war großartig. Dann gab mir ei- nes Tages ein Dealer, der Steve ähnlich sah, et- was ganz Tolles. Heroin war genau das Zeug, das ich brauchte, und ich war überhaupt nicht darüber erstaunt, daß ich davon abhängig wurde. Aber es ist komisch ... wahrscheinlich wollte ich mich eigentlich gar nicht umbringen. Ich hörte von dieser neuen Masche mit der transzendentalen Meditation, trieb mich bei Treffen der Ananada Marga Yoga-Gesellschaft herum, und wurde tat- sächlich sauber. Statt auf Heroin high zu werden, wurde ich auf himmlische Glückseligkeit high, was, billiger, gesünder, gesetzlich erlaubt und insgesamt viel befriedigender ist. Es dauerte ein Jahr, bis ich draufkam, daß ich überhaupt nichts leistete. Doch gerade um diese Zeit hatte ich Glück: ich befolgte den Rat meines Arztes, Doctor Webster, und begann, Callahans Saloon aufzusuchen. Und mein Kopf wurde klarer, viel klarer. Ehe ich mich versah, stand ich auf einer Bühne, hielt vor Viet- nam-Veteranen eine Rede und lernte, daß es Dinge gibt, für die es sich lohnt zu kämpfen – aber sauber zu kämpfen. Ich hielt also weitere Reden, betei- ligte mich an Demonstrationen und trat im Fern- sehen auf. Ich bin viermal verhaftet worden, ein Polizist hat mir das Bein gebrochen, und in meiner Heimatstadt haben sie meinen Namen aus der Eh- renliste der Vaterlandsverteidiger gelöscht. Mein Vater spricht – noch – nicht mit mir, und mein Telefon ist angezapft. Ich fühle mich großartig. ... und das alles verdanke ich Ihnen, Mr. Calla- han«, schloß Tony. »Blödsinn, Tony«, knurrte Callahan, »wir haben nichts für Sie getan, das Sie nicht auch selbst hät- ten tun können.« »Sie haben mich akzeptiert. Sie haben mir klar- gemacht, daß ich ein normaler Mensch bin, der in einen Alptraum geraten war, einen Alptraum, durch den er erfuhr, daß er das Zeug zu einem Kil-, ler in sich hat. Eines Abends habe ich Ihnen und Ihren Gästen diese Geschichte erzählt, und Sie ha- ben mich nicht angestarrt wie einen tollwütigen Hund. Sie haben mir erklärt, daß ich eine größere Zuhörerschaft brauche. Sie haben mir gezeigt, daß nicht mein Killerin- stinkt mich nach Vietnam gebracht hat, sondern meine Unfähigkeit, Probleme bis zum Ende durch- zudenken. Sie haben mir gezeigt, daß ich sehr wohl über Steves Mut verfüge, auch wenn ich etwas länger gebraucht habe, um die gleiche Entscheidung zu tref- fen wie er. Ich war davon überzeugt gewesen, daß ich diesen Mut nicht aufbringen kann, deshalb habe ich es nie versucht. Als ich es dann doch tat, fand ich ihn. Weil Sie an mich geglaubt haben. Das Gefängnis ist zwar nicht gerade ein Erho- lungsheim, aber ich möchte tun, was in meinen Kräften steht, damit niemand mehr so durch den Fleischwolf gedreht wird wie ich. Doch ich tue es nicht aus Schuldbewußtsein, sondern weil es mir ein Bedürfnis ist.« Er sah Callahan an. »Ich habe meine Absolution schon hier bekommen.« Callahan leerte sein Glas und schlug ihm auf die Schulter. »Gut gesprochen, Tony«, und wir hoben unsere Gläser und prosteten ihm zu. Als wir fertig waren, explodierte der Kamin vor Geschossen. »Sobald ich sein Schäferkostüm sah«, sagte der Doc, »habe ich gewußt, daß er ein Veterinär ist.« Allgemeines Stöhnen folgte auf diese Feststellung, aber die Spannung löste sich., Bevor ich meinen Senf dazugeben konnte, packte Mickey Finn Callahan so fest an der Schul- ter, daß dieser zusammenzuckte – etwas, das nie- mand anderer geschafft hätte. »Mein Freund Mike«, sagte Finn eindringlich. »Die Person dort drüben im grünen Kostüm – es ist kein Kostüm. Er ist nicht menschlich.« Callahan blinzelte, und alle Unterkiefer in mei- ner Sichtweite klappten herunter. Wenn jemand anderer als Finn diese Bemerkung gemacht hätte – und nicht in Callahans Saloon –, hätten wir ihn für verrückt oder betrunken gehalten. »Ich sehe im Infrarotbereich besser als die Men- schen«, fuhr Finn hastig fort. »Während ich Ihnen zugehört habe, beobachtete ich die Muster, die die Hitzewellen vom Kamin in der Luft erzeugen ... und dann habe ich bemerkt, daß sie der Mann in Grün auch beobachtet. Ich habe ihn daraufhin gemustert und festgestellt, daß sein Fell und sein Gesicht echt sind. Freunde, er ist ein Außerirdi- scher.« Wir starrten den Grünen an und warteten dar- auf, daß er die Maske abnahm und ein paar erklä- rende Worte sprach. Er sah recht menschlich aus – ich meine, er besaß die übliche Anzahl von Armen und Beinen. Erst jetzt fiel mir auf, daß sein Mund etwas zu breit geraten war, und das Fell sah tat- sächlich fürchterlich echt aus. Und falls die spit- zen, übergroßen Ohren angeklebt waren, konnte ich die betreffende Stelle nicht entdecken., Er erwiderte unsere Blicke, stellte sein Glas hin und zuckte die kräftigen Schultern. »Es hat keinen Sinn, es zu leugnen, Gentlemen. Ich bin kein Mensch. Ich bin nämlich heute abend eigens hierhergekom- men, um Ihnen zu erzählen, wie unmenschlich ich bin. Was ich bis jetzt gehört habe, hat mich in mei- nem Entschluß bestärkt, aber ich habe dennoch ... gezögert. Nachdem mich jetzt ein anderer Außerir- discher durchschaut hat, werde ich wohl sprechen müssen. Wollen Sie mir zuhören?« Callahan antwortete für uns alle. »Wenn Sie Schwierigkeiten haben, Mister, dann befinden Sie sich hier genau am richtigen Ort. Reden Sie.« Der grüne Außerirdische nickte. Seine Augen blickten zutiefst unglücklich. »Ich heiße Brutsieben-Unter-Zwei-Raksha, so- weit man es in Ihre Sprache übersetzen kann. Ich bin ... na ja, diesen Beruf gibt es hier eigentlich nicht, aber meine Arbeit spielt in die Soziolo- gie, Psychologie, Strategie und Land- und Forst- wirtschaft hinein. Mein Volk heißt Krundai, und mein Heimatplanet Krundar ist so weit von der Erde entfernt, daß Ihre Instrumente seine Sonne bis jetzt noch nicht entdeckt haben. Es gibt über zwei Dutzend Krundai auf Ihrem Planeten, und dieses Team befindet sich seit über zweitausend Jahren hier ... ich bin sein letztes Mitglied.« Er schwieg unsicher. »Was tun Sie eigentlich so bei uns?« erkundigte sich Callahan., »Genau das wollte ich Ihnen heute erzählen«, meinte der Fremde zögernd. »Es ... es fällt mir nicht leicht. Ich habe beinahe dreißig Jahre gebraucht, um meine Erkenntnisse zu formulieren und jeman- den zu finden, dem ich sie mitteilen kann. Fünf- zehn Jahre genügten, um zu erkennen, daß meine Krundai-Kollegen als Vertrauenspersonen nicht in Frage kommen; weitere zehn Jahre überlegte ich, ob ich mein Herz wirklich einem Menschen ge- genüber ausschütten kann. Da ich keine Antwort auf diese Frage fand, verbrachte ich die letzten fünf Jahre damit, Menschen zu suchen, denen ich mich anvertrauen könnte. Ich fand auf Ihrem Pla- neten insgesamt nur zwei- oder dreitausend Per- sonen, die mich vielleicht verstehen und mir hel- fen könnten, und fünfunddreißig von ihnen sind jetzt in diesem Raum anwesend. Alle Personen an diesem Tisch gehören zu ihnen.« Wir sahen einander an und fragten uns, ob wir wirklich etwas Besonderes oder nur alle gleich verrückt waren. Ich kam mir bestimmt nicht wie etwas Besonderes vor. »Ich habe das Problem eigentlich noch immer nicht gelöst«, fuhr Raksha fort. »Ich muß eine sehr ähnliche Entscheidung wie Mr. Telasco tref- fen, nur wird sie dadurch erschwert, daß sie unter Umständen meine gesamte Rasse berühren könnte. Die Anwesenheit von Mr. Finn, der genauso nicht- menschlich ist wie ich, kompliziert die Angele- genheit zusätzlich – obwohl er infolge seines Ur-, sprungs vermutlich besser imstande sein wird, sich in meine Lage zu versetzen.« Er wandte sich an Finn. »Im Weltraum ist Platz für viele Standpunkte, Finn. Sie sehen aus wie ein Reisender, der über weitreichendere Erfahrungen verfügt als diese kurzlebigen Wesen. Werden Sie versuchen, mich zu verstehen?« Finn sah ihm in die Augen. »Ich werde zuhö- ren.« Raksha war offenbar mit dieser Antwort nicht ganz zufrieden, aber er nickte und drehte sich zu uns um. »Wollen Sie – Sie alle – schwören, daß kein Wort von dem, was ich Ihnen nun mitteilen werde, den übrigen Krundai zur Kenntnis kommt? Es würde schon genügen, daß Sie mit anderen Menschen darüber sprechen, damit meine Lands- leute davon erfahren.« Diesmal mußten wir uns nicht erst am Tisch umsehen. »Jeder in dieser Runde kann schwei- gen wie das Grab«, stellte Callahan schlicht fest. »Schießen Sie los.« Der grüne, behaarte Außerirdische musterte uns noch einmal der Reihe nach, wobei er bei Callahan anfing und bei ihm wieder aufhörte. Als er mir in die Augen sah, bemerkte ich zum ersten Mal die schwach leuchtenden, halbkreisförmigen Linien in seinen Augen – das gleiche Phänomen kann man beobachten, wenn man Kaffee in eine dunkle Tasse gießt. Sie verschoben sich anders als die Flecken in menschlichen Augen, denn sie waren nicht von, der Bewegung des Augapfels abhängig. Irgendwie irritierten sie mich weit mehr als das Fell und die spitzen Ohren. Dann entschloß er sich zu beginnen. »Ja, Gentlemen, Sie haben recht. Ganz gleich, welche Folgen sich daraus ergeben, ich muß spre- chen. Wenn mir jemand helfen kann, dann sind Sie es. Wenn Sie es nicht können, dann sei mir Brut gnädig.« Ich griff mir ein Glas und leerte es zur Hälfte, bevor Bill und Sam es mir entrissen. »Zunächst muß ich Sie mit ein paar wesentli- chen Fakten über mein Volk vertraut machen«, fuhr der Fremde fort. »Erstens leben wir viel, viel länger als die Men- schen. Der Durchschnitts-Krundai feiert seinen dreitausendsten Geburtstag, bevor er in den Gro- ßen Beutel zurückkehrt, und einige von uns ha- ben sogar fünf oder sechs Jahrhunderte länger ge- lebt. Ich bin über achthundert Jahre alt und der jüngste Krundai auf Ihrer Welt, denn ich wurde hier geboren.« »Das erklärt, wieso Sie unsere Sprache so gut be- herrschen«, unterbrach ich ihn. »Vier meiner Vorfahren waren an ihrer Erschaf- fung beteiligt«, bemerkte Raksha trocken. Daraufhin hielt ich den Mund. »Zweitens sind wir für Ihre Begriffe, wie Sie sich wohl denken können, ein sehr geduldiges Volk. Selbst unter Berücksichtigung unserer jewei-, ligen Lebenserwartung bewegen wir uns wesent- lich weniger hastig als Sie, und wenn wir Projekte planen, überlegen wir, wie viele Generationen er- forderlich sein werden, um sie durchzuführen. Ge- mäß der Erkenntnisse des Brutmeisters ist für uns der Fortbestand unserer Rasse wichtiger als der des einzelnen Individuums. Drittens ist uns heftiger Widerwille gegen Tö- ten oder jede Form von Gewalttätigkeit angebo- ren.« Das beruhigte mich wieder ein wenig, obwohl ich eigentlich nicht wirklich Angst hatte, solange Finn sich in meiner Nähe befand. Der Kerl war vielleicht fähig, sich mit unserem Planeten eine Zi- garre anzuzünden, wenn er dazu Lust hatte. Aber wenn die Krundai uns etwas antun wollten, hätten sie es bestimmt schon vor Jahrhunderten getan. »Allerdings ist uns klar«, fuhr Raksha fort, »daß es diese Dinge geben muß; es ist eine der wich- tigsten Grundlagen des Universums, daß das Le- ben nur bestehen kann, indem es anderes Leben ißt. Die Kosten für das Essen entstehen zum gro- ßen Teil aus dem Widerstand, den das zweite Le- ben dagegen leistet, daß es gegessen wird. Die Roastbeef-Sandwiches zum Beispiel, die Sie für Ihre Freunde bereitgestellt haben, Mr. Callahan, (übrigens sind sie die dicksten, die ich je in ei- ner Kneipe gesehen habe), sind derzeit sehr teuer, weil der Apparat, der sie uns liefert, so groß und so schwerfällig ist., Stellen Sie sich vor, daß Sie die Kuh dazu bringen könnten, hierher zu kommen und entgegenkommen- derweise neben Ihrem Hackstock tot umzufallen. Dennoch gibt es überall Leute, die es vorziehen, nicht selbst zu schlachten. Kein Krundai wird es selbst tun, wenn es sich irgendwie vermeiden läßt. Trotz Ihrer blutrünstigen Vergangenheit möchte ein großer Prozentsatz Ihrer Gesellschaft am lieb- sten glauben, daß man keine Leben vernichtet, wenn man seine Nahrung in einem Supermarkt kauft. Es wäre also am zweckmäßigsten, wenn man die Rinder dazu erziehen könnte, Schläch- termesser zu erzeugen und einander an geeigne- ten Orten gegenseitig in portionsgerechte Stücke zu schneiden.« Die Wendung, die die Geschichte nahm, gefiel mir gar nicht. »Damit komme ich zu einer vierten für mein Volk wichtigen Tatsache. Wir haben die Sozio- Psychologie für Krundai und für Tiere zu einer exakten Wissenschaft entwickelt und auf für Ihre Begriffe unvorstellbare Weise vervollkommnet. Ihre Mob-Psychologie kommt dieser Wissenschaft noch am nächsten, und vielleicht auch die stati- stischen Unterlagen Ihrer Versicherungsgesell- schaften, obwohl Sie nicht einmal wissen, wie sie auszuwerten sind. Die ihnen zugrundeliegenden Prinzipien sind jedoch universell, sind Teil eines großen Bildes, das Ihre Rasse vermutlich nie er- fassen wird. Einer Ihrer großen Schriftsteller hat, etwas sehr Ähnliches geschaffen und es ›Psycho- geschichte‹ genannt, aber selbst dieser nicht voll- zogene Traum verblaßt neben unserem Wissen – denn die Psychogeschichte war nur auf Men- schen anwendbar und konnte nicht das Auftre- ten von Genies oder Mutationen vorhersagen. Wir können jede existierende intelligente Lebensform manipulieren, können auf Wunsch Genies erzeu- gen, indem wir die Laboratoriumsbedingungen der Gesellschaft manipulieren; das Wesen und die Ursachen von Mutationen sind grundlegende Be- standteile der Krundai-Psychologie. Natürlich erzielt unsere Wissenschaft genau wie die Psychogeschichte die besten Resultate in der Masse und funktioniert in bezug auf die einzel- nen Individuen nur unvollkommen. Ihr Menschen begreift wenigstens das oberste Paradoxon – daß der freie Wille in gewissem Ausmaß für das Indi- viduum existiert, aber in der Gruppe verschwin- det –, doch ihr könnt nicht damit umgehen. Brut! – Sie können noch nicht einmal die Intensität von Gefühlen messen! Aber wir können die Wirkung der Handlungen eines einzelnen Menschen auf die gesamte Gesellschaft vorhersagen ... und wir wis- sen, wie wir die gewünschten Wirkungen in gro- ßem oder kleinem Maßstab, auf lange oder kurze Sicht erreichen können. Jetzt muß ich nur noch eine grundlegende Ei- genschaft meines Volkes erwähnen: wir sind sehr, sehr hungrig.«, Ich hatte das gräßliche Gefühl, daß ich wußte, was jetzt kam. Der entsetzliche Verdacht, den Rakshas Worte in mir weckten, beantwortete viel zu viele Fragen, auf die ich bis jetzt noch nie eine befriedigende Antwort gefunden hatte. »Deshalb ist also dieser Knülch gewählt wor- den«, stellte Callahan fest, und ich zuckte zusam- men. »Genau«, stimmte Raksha zu. »Sie beginnen zu begreifen, warum ich hier bin.« »Erklären Sie es uns, Bruder«, verlangte Tony grimmig. »Ich glaube, daß ich kapiert habe, aber ich hoffe immer noch, daß ich mich irre.« Raksha breitete die Arme aus. »Sehr einfach, Gentlemen, Ihr Planet ist seit beinahe zweitau- send Jahren ein Jagdrevier der Krundai.« »Du großer Manitu«, stöhnte Doc Webster. Ich sah Callahan an; sein Gesicht war ausdruckslos, aber seine Augen funkelten wie glühende Kohlen. Und dort, wo Finns Hände den Tisch umklammer- ten, würden wir morgen bestimmt zentimetertiefe Fingerabdrücke finden. »Die meiste Zeit über«, sprach Raksha unge- rührt weiter, »bemühten sich die hier stationier- ten Krundai nur, den Bevölkerungszuwachs un- ter Kontrolle zu halten, Ihre soziale Evolution zu verhindern und Ihre Unkenntnis zu verstärken. Ein Krieg hier, eine kleine Revolution dort, ein paar Denker in Mißkredit bringen, ein paar For- schungszweigen Schwierigkeiten in den Weg le-, gen; einfache Wartungsarbeiten. Rom zum Beispiel wurde zu zivilisiert – nicht einmal Cäsars Ermor- dung half uns damals weiter. Wir stellten bald fest, daß sie die Anfangsgründe der medizinischen Wis- senschaft zu entdecken und die Sterblichkeit dra- stisch zu senken begannen. Deshalb förderten wir den kulturellen Verfall und brachten ein paar hungrige Barbaren ins Spiel, die sich zufällig in Reichweite befanden. Jemand hatte den genialen Einfall, ihnen bleierne Wasser- leitungen in Verbindung mit Weinfässern einzu- reden, der sich glänzend bezahlt machte, und die Bedrohung war abgewendet. Diese Methode wendeten wir jahrhundertelang an, sorgten dafür, daß sich der Bevölkerungszu- wachs soweit in Grenzen hielt, daß Ihre Vitalität erhalten blieb, und ließen Sie im übrigen frei auf der Weide herumtollen. Die verschiedenen Epi- demien bereiteten uns allerdings einige Schwie- rigkeiten – ehrlich gesagt, Sie sind keine sehr sau- beren Tiere –, und schließlich beschlossen wir, Ihnen auf dem Gebiet der Medizin freie Hand zu lassen; das war einfacher, als alle paar Jahre eine Epidemie zu bekämpfen. Wir konnten ja noch im- mer auf einen Krieg als regulierenden Faktor zu- rückgreifen, und außerdem verfügten Sie über aus- reichende Weidegründe. Vor ungefähr dreihundert Jahren verständigte man uns von Krundai aus, daß wir aktiv eingrei- fen und die Produktion steigern sollten. Man sah, eine Lebensmittelknappheit voraus, und wir muß- ten darauf gefaßt sein, daß wir sehr bald den Be- fehl erhielten, die Herde zusammenzutreiben, die wir so lange gezüchtet und betreut hatten. Wir be- gannen daher, Nordamerika zu besiedeln. Wir verdreifachten unsere schon bisher laufende Propaganda für die Fortpflanzung, bevölkerten den Kontinent in erstaunlich kurzer Zeit und ermutig- ten Einwanderer durch massive Mundpropaganda über das glückliche Land jenseits des Ozeans, in dem Freiheit herrscht und die Straßen mit Gold gepflastert sind. Wir mußten ein bißchen Hokus- pokus anwenden, damit England Sie nicht sofort in die Tasche steckte, aber wir hatten es schließlich – nach unseren Begriffen – eilig. Nachdem die erfor- derlichen Kriege über die Bühne gegangen waren, senkten wir zum Ausgleich die Sterblichkeitszif- fer beträchtlich und begannen, unsere Bemühun- gen zu verstärken. Vor hundert Jahren erhielten wir den letzten Befehl. Seither haben wir Sie darauf konditioniert, sich gegenseitig abzuschlachten.« »Mein Gott, es paßt«, rief Bill Gerrity. »Und ob es paßt«, knurrte ich. »Nach tausenden Jahren von Geschichtsschreibung gelangen wir in- nerhalb von fünfundsiebzig Jahren vom Ford-Mo- dell T zur Kobaltbombe und der Energiekrise. Von Branntwein zu den Rauschgiften. Von einer Na- tion, die ein junger Riese ist, zu einem müden al- ten Gauner. Von ...«, »Hör auf, Jake«, unterbrach mich Callahan. Ich hielt wieder einmal den Mund. Callahan wandte sich Raksha zu und stützte die mächtigen fleischigen Pranken auf die Theke. »Sprechen Sie weiter«, forderte er ihn mit düsterem Blick auf. Der Krundai sträubte das Fell und verdrehte die Augen. Trotz meiner Wut begriff ich irgendwie, daß dies bei seiner Rasse ein Zeichen für tiefste Beschämung darstellt, erinnerte mich daran, wo ich mich befand und beruhigte mich langsam. Die Ruhe, mit der er gesprochen hatte, war ver- schwunden; er war sichtlich erschüttert. »Hört mich an, Menschen«, begann er. »Hört meine Sünden, hört alle Schändlichkeiten, die ich begangen habe, bevor ihr mich verurteilt. Es fällt mir nicht leicht, es euch zu erzählen, aber ich kann nicht anders.« »Sprechen Sie«, forderte ihn Finn leidenschafts- los auf. »Wir ... ich und die anderen ... sorgten dafür, daß ihr Wissen auf dem Gebiet der Physik explo- sionsartig wuchs, während wir die sozialen und Geisteswissenschaften erstickten oder untermi- nierten. Wir kurbelten Ihre Technologie an, bis sie den Gipfel fieberhafter Produktion erreichte, brachten Sie dazu, selbstmörderische Ethik und Kultur aufzubauen, gaben Ihnen Spielzeuge wie die Atombombe und die Lysergsäure: wir drück- ten einem Kleinkind ein geladenes Gewehr in die Hand. Wir haben Wahlen und Revolutionen mani-, puliert, Mordanschläge organisiert, die Regierun- gen dahin gebracht zu verkalken, bis die Völker es nicht mehr ertragen konnten, Unruhen entfesselt, Ihnen Medien geschaffen, die Ihnen täglich über die Zunahme der Krebsgeschwüre berichten, und alles getan, was in unserer Macht stand, um un- ter Ihnen Frustration und Entsetzen zu säen, die zwangsläufig zum Chaos führen mußten. Sie, die Rinder, sind schon beinahe bereit, sich selbst zu unserer Ernährung abzuschlachten.« »Das glaube ich nicht«, explodierte der Mann in der Feuerwehruniform. »Das ist verrückt, alles, was Sie sagen, ist verrückt, glatter Wahnsinn. Wol- len Sie uns eigentlich auf den Arm nehmen?« »Er meint es ernst, Jerry«, stellte Callahan ru- hig fest. »Er kann es unmöglich ernst meinen, Mike, ha- ben Sie nicht gehört, was er alles erzählt hat? Sie glauben ihm doch nicht etwa?« »Jerry hat recht«, stimmte die Ente zu. »Der Kerl hat nicht alle beisammen.« »Idioten!« brüllte Raksha. »Sind Sie zu borniert, um die großen Grundzüge des Plans zu erkennen? Ihre ganze Geschichte ergibt nur dann einen Sinn, wenn man die vier am weitesten hergeholten Ver- drehungen und Widersprüche zum Bestandteil des menschlichen Wesens postuliert. Orientieren Sie sich doch an Ockham, bei Brut! Wie kann eine so selbstmörderische Rasse so lang am Leben geblie- ben sein? Halten Sie es wirklich für einen Zufall,, daß Sie sich in einem halben Jahrhundert von La- trinen zu schwerelosen WCs entwickelt haben? In- nerhalb eines Jahrhunderts vom Pferdewagen zum Skylab? Von unserem Standpunkt aus haben wir Ihren Planeten im Handumdrehen auf den Kopf gestellt – sind Ihre Leben so kurz, daß Sie nicht er- kennen, wie die Entwicklung beschleunigt wurde? Der Fortschritt reißt Sie schneller mit sich, als Sie laufen können. Merken Sie es denn nicht?« Callahan blickte über den überfüllten Raum voller Ahnungsloser hinweg zu Tom Hauptman, der hinter der Theke stand. »Einige von uns be- merken es«, meinte er leise. Der Feuerwehrmann schüttelte den Kopf. »Das nehme ich Ihnen nicht ab. Es klingt wie eine verrückte Science-Fiction-Geschichte, Eine Ver- schwörung der Außerirdischen, Quatsch mit Soße! Ich glaube nicht an kleine ...« »... grüne Männchen?« schloß Rashka. »Die Zei- chen sind überall, Jerry. Daß die Air Force alle Er- mittlungen über UFOs im Keim erstickt hat, hätte jedem zu denken geben müssen, der Augen und Ohren hat – nur haben wir sorgfältig dafür ge- sorgt, daß das Ganze lächerlich und unglaubwür- dig wirkte. Seither sind wir vorsichtiger geworden. Aber vergessen Sie die materiellen Beweise. Hal- ten Sie es für einen Zufall, daß die Physik sich mit Riesenschritten weiterentwickelt hat, während die Psychologie dauernd in neuen Sackgassen gelandet ist? Glauben Sie wirklich, daß die Menschen so, wenig Interesse für sich selbst haben, daß sie tau- send Jahre gebraucht haben, um die Gesellschafts- lehre überhaupt zu erfinden? Glauben Sie, daß es einfach Pech ist, daß die Technologie Ihrer Über- lebenssysteme, Ihrer Verteilerorganisationen für Nahrung, Wasser und Energie, immer hinter dem Bevölkerungszuwachs hinterher hinkten und trotz der technischen Revolution die Grenze ihrer Lei- stungsfähigkeit erreicht hat? Halten Sie es für logisch, daß die Menschen Jahr- tausende Seite an Seite mit allen Arten von Drogen und Halluzinogenen gelebt haben und jetzt erst plötzlich von ihnen abhängig werden? Ist Ihnen die weltweite wirtschaftliche und geistige Depres- sion entgangen? Sind Sie nicht darüber erstaunt, daß keine auf der Erde gesprochene Sprache mit der wahrnehmbaren Realität übereinstimmt? Sind Sie der Meinung, daß der gleichzeitige Zusammen- bruch eines jahrhundertealten ethischen Systems und eines zwei Jahrhunderte alten Währungssy- stems ein unglücklicher Zufall ist? Glauben Sie wirklich, Sie von Brut verdammter Idiot, daß Gott aus natürlichen Ursachen gestorben ist? O nein, mein Freund. Charles Fort hat vollkom- men recht: Sie sind Eigentum, ein eigentlich nicht sehr intelligentes Eigentum. Sie folgen Ihren po- litischen und philosophischen Führern blindlings ins Schlachthaus, sind noch dankbar dafür, daß man Sie dorthin führt, und nur einer von hundert ist ein Telasco oder ein McConnel und so vernünf-, tig, daß er das verrückte Todesrennen nicht mit- macht. Sie müssen es doch sehen, Mann«, wandte er sich an Telasco, »Sie haben die Welt abgelehnt, die wir Krundai für Sie geschaffen haben.« »Jerry«, mischte ich mich ein, »eines meiner wertvollsten Besitztümer ist ein weißer Knopf mit schwarzer Schrift. Auf ihm steht: ›Lauft, Lem- minge, lauft.‹ Raksha sagt die Wahrheit.« Der Feuerwehrmann schüttelte den Kopf wie ein wütender Stier. »Das Ganze ist zu verrückt. Wie kommen Sie bloß auf die Idee, uns einen sol- chen Bären aufzubinden? Wieso nehmen Sie an, daß wir Sie nicht in Stücke reißen, falls Sie recht haben?« »Ich befinde mich in Callahans Lokal«, erwi- derte der Fremde schlicht. »Ich bin hier, um Ab- solution zu erlangen.« Das stoppte uns alle, sogar Jerry. Er erstarrte; sein Mund öffnete sich, doch er brachte kein Wort mehr heraus. »Warum?« rief Doc Webster verzweifelt. »Wie kann eine so alte und weise Rasse so wild und mörderisch sein?« »Wir sind nicht wild und mörderisch«, wider- sprach Raksha genauso verzweifelt. »Sie töten Tiere zu Ihrer Ernährung – wir haben nie getötet.« »Menschen sind keine Tiere«, wendete Tony ru- hig ein. »Für mein Volk schon«, stellte der Grüne fest. »Ihnen fehlt ein ... ein Merkmal, für das es in Ihrer, Sprache kein Wort gibt. Dieses Merkmal ist für die Krundai wesentlich; wenn man es nicht besitzt, aber dennoch am Ende seiner Tage in den Gro- ßen Beutel zurückkehrt, kann man nicht saugen. Für uns sind Sie niedrigere Wesen als die Krundai. Bruts Zeichen steht nicht über Ihnen: Sie sind für uns nur Nahrung. Mein Volk fühlt sich genauso- wenig schuldbewußt, weil es Ihre Vernichtung manipuliert, wie Sie es wären, wenn Sie eine Kuh dazu überreden könnten, sich selbst zu schlach- ten.« »Was soll dieses Herumgerede?« erkundigte sich Callahan. »Warum löschen Sie uns nicht einfach aus? Ich habe den Eindruck, daß Sie nicht ganz bei Trost sind.« »Ich habe es Ihnen doch erklärt – wir verab- scheuen jedwede Gewalttätigkeit. Die Tatsache, daß man Sie dazu bringen kann, sich selbst aus- zulöschen, ist für uns der Beweis dafür, daß Sie Nahrung sind, daß Sie niedriger stehen als die Krundai. Wenn Sie und andere Rassen uns nicht der Notwendigkeit entheben würden, wären wir gezwungen, unsere Nahrung selbst zu töten. Aber der Große Brut hat unsere Bedürfnisse erkannt und die niedrigeren Rassen geschaffen, damit wir sie züchten und uns von ihnen ernähren können, ohne daß wir gewalttätig werden müssen. Zuerst die geflügelten, die Hitze suchenden fleegh von Krundar, die vom Himmel in unsere Feuer fielen; dann die blauhäutigen Bewohner unseres Nach-, barplaneten, die ihre Atmosphäre kurz vor der Er- findung der interplanetarischen Reisen zerstörten; dann die Krill aus einem nahegelegenen Sonnen- system, die so lange Krieg führten, bis sie sich ge- genseitig ausgerottet hatten. So ist es immer gewe- sen; es ist unentschuldbar und ungehörig, daß man sein Fleisch selbst schlachtet. Das weist darauf hin, daß man nicht in Bruts Gunst steht.« »Wann haben Sie begonnen, das Essen dazu zu ermuntern, selbst in den Topf zu springen?« er- kundigte sich Callahan. »Es ist so lange her, daß es für Sie bedeutungslos ist. Wir haben früh gelernt, daß Bruts Geschenke nicht umsonst sind; wir müssen dafür arbeiten, uns einen Platz im Beutel verdienen.« »Ich begreife noch immer nicht, wie Sie es ge- schafft haben.« Jerry war total aus dem Häuschen, glaubte dem Fremden jetzt aber offensichtlich; vermutlich hatte ihn die Qual in der Stimme des Außerirdischen und die Scham, die er ausstrahlte, überzeugt. »Genauso, wie man einen Staatsmann dazu bringt, etwas zu tun, was seiner Meinung nach verrückt ist – indem man sich unterschwellig an seine Selbstsucht wendet. Wir haben laufend ei- nen geschickten Propagandafeldzug durchgeführt, durch den wir den Leuten eingeredet haben, daß es ein einziges Ziel im Leben gibt: persönliche Be- reicherung und die eigene Bequemlichkeit. Dann haben wir dafür gesorgt, daß das unmittelbare per-, sönliche Interesse von Millionen Menschen unse- ren Zwecken diente. Eine der einfachsten Metho- den bestand darin, daß wir bei einer ungeheuren Zahl von Menschen den Zwang erzeugt haben, mehr Geld anzuhäufen, als sie jemals verbrauchen konnten. Etlichen von ihnen ist es gelungen, die Wirtschaft ihres Landes weißzubluten. Eine an- dere Methode steigerte die Lust am Sexualverkehr weit über das natürliche Bedürfnis hinaus, so daß Sie den Bevölkerungszuwachs niemals in den Griff bekommen konnten. Viel Arbeit war notwendig, um das Interesse an der Raumschiffahrt zu unter- binden, bevor sich hier eine Fluchtmöglichkeit entwickelte. Ihr Menschen seid so kurzsichtig, eure Leben sind so kurz. Es ist daher leicht, euch zu manipulieren.« »Wieso haben Sie dann Ihre Ansicht geändert?« wollte. Callahan wissen. »Sie persönlich, meine ich. Wenn wir uns nicht für diesen komischen Beutel eignen, warum lassen Sie dann die Katze aus dem Sack?« »Ich ... ich ...« stammelte er. »Wir sind nur dumme Tiere, nicht wahr? Man entschuldigt sich doch nicht bei den Hühnern – warum sind Sie hier?« Der grüne Mann suchte nach Worten, und seine spitzen Ohren zuckten nervös. »Ich ... ich weiß es nicht«, gab er schließlich zu. »Ich kann es mir selbst nicht erklären. In allen Ihren Gedanken, in Ihrer gesamten Literatur kann, man den Glauben, die Überzeugung nachweisen, daß Ihr Menschen zu etwas Höherem bestimmt seid. Diese Vorstellung war uns Krundai oft nütz- lich, aber wir haben sie nicht erfunden; es gab sie schon, als wir hierher kamen. Vielleicht ist sie an- steckend. Ich weiß nicht; die Menschen haben et- was an sich, eine ... eine seltsame Würde, die mich beunruhigt und mich nachts nicht schlafen läßt.« Finn ergriff so unvermittelt das Wort, daß ich erschrak. »Ich glaube, ich weiß jetzt, worauf Sie hinauswollen, Freund Raksha.« Er wandte sich an Callahan. »Seien Sie nicht so sicher, daß man sich nicht bei den Hühnern entschuldigt. Ich habe selbst zu der Zeit, als ich den Meistern diente, mehrere Rassen ausgerottet, und dennoch trau- erte ich vergangene Woche um meine Schweine, als ich sie schlachtete. Sie waren dumm, schmut- zig und nicht sprachbegabt, aber sogar ein Schwein kann Würde ausstrahlen. Sie verstanden nicht, konnten nicht verstehen, warum sie sterben mußten – und trotzdem emp- fand ich das unlogische Bedürfnis, es ihnen zu er- klären.« Er wandte sich wieder dem fellbedeckten Krundai zu. »Ich verstehe Ihre Motivation. Auch ich habe sie einmal empfunden und unterließ es daraufhin, diese Welt zu zerstören. Sie wirkt wie ein Planet voll Verrückter – obwohl das zum Groß- teil auf die Tätigkeit von Ihnen und Ihresgleichen zurückzuführen sein dürfte. Doch das wußte ich nicht, denn Sie hatten sich gut getarnt., Dennoch hielt ich die Hand des Meisters zu- rück, verriet meine Sendung, weil ich hier in die- sem Raum lernte, daß die Menschen zur Liebe fä- hig sind.« »Das ist die Eigenschaft, über die jene Menschen verfügen mußten, vor denen ich mein Geständnis ablegen wollte«, gab Raksha zu. »Das Gefühl, das Sie Liebe nennen, war nach unserer Erfahrung im- mer ein Symptom des Merkmals, das ich vorhin er- wähnt habe. Daß die Menschen das Symptom ohne das Merkmal besitzen, ist eine der großen Anoma- lien, die meine Gedanken verwirrt und mein Ge- ständnis verzögert haben.« »Dieser Propagandafeldzug, von dem Sie ge- sprochen haben«, ließ Callahan nicht locker. »Ich möchte noch immer wissen, wie Sie die Menschen beeinflußt haben. Durch Flüsterpropaganda? Durch Leitartikel in Zeitungen? Durch Gerüchte?« »Gelegentlich.« Raksha zögerte, und sein Ge- sicht lief dunkelgrün an. »Und manchmal«, fuhr er widerwillig fort, »durch direkte Interventionen.« »Wollen Sie damit sagen, daß Sie sich als Men- schen verkleidet haben? Fünfte Kolonne und so?« Der massige Ire schien etwas herausfinden zu wol- len, und ich kam nicht darauf, was es war. »Alle Krundai auf dieser Welt haben irgend- wann aus den verschiedensten Gründen Menschen gespielt. Einer von uns war Saulus von Tarsus, ein anderer Torquemada, wieder ein anderer Thomas Edison. Otto Hahn war auch einer von uns.«, »Und Sie?« bohrte Callahan erbarmungslos wei- ter. »Wer waren Sie?« Mir fiel plötzlich ein, daß Raksha erwähnt hatte, wann er zum ersten Mal an seiner Sendung irrege- worden war, und mein Blut stockte. »Ich ...« stieß er mühsam hervor, »mich haben die Menschen als Adolf Hitler gekannt.« Das Schweigen war lebendig, nagte an unserem Verstand, lähmte unsere Gedanken. Rings um uns ging die verrückte Halloween-Party weiter, ahnungslose Menschen lachten und tanzten, die vier Gorillas in der Ecke pokerten. Keinem von uns fiel etwas ein, was er darauf sagen konnte, und nach einiger Zeit fuhr Raksha gleichgültig fort. »Es war eine leichte Rolle. Meine Ausbildung in Men- schenführung war viel umfassender gewesen. Es war so einfach, daß ich Zeit hatte zu denken, zu beobachten, zu erkennen, was ich tat. Vielleicht trug auch die Tatsache etwas dazu bei, daß ich hier geboren bin und Krundar nur einmal besucht habe. Jedenfalls begann ich zu zweifeln; meine unbewußte Unsicherheit störte mich bei der Ar- beit. Der Hauptzweck dieser Kampagne war, die Feindseligkeiten so lange hinauszuziehen, bis die Atomwaffen erfunden wurden, und es gelang mir beinahe, meinen Auftrag zu vermurksen, indem ich zu früh zusammenbrach. Aber meine Kolle- gen waren imstande, meinen Fehler wieder aus- zubügeln, indem sie den Konflikt im Pazifik lang, genug ausdehnten. Ich redete mir ein, daß meine Depression eine Folge meines persönlichen Versa- gens war, aber im tiefsten Inneren wußte ich, daß mich eigentlich das Ausbessern meiner Fehler aus dem seelischen Gleichgewicht geworfen hatte. Ich habe seither lange und gründlich darüber nachge- dacht, und jetzt bin ich hier und habe es mir von der Seele geredet.« Doc Webster zauberte vom Südhang seines Bau- ches eine Hüftflasche hervor, setzte sie an und stellte sie dann leer auf den Tisch. Rings um uns tranken, plauderten und lachten die Menschen, ohne eine Ahnung von dem Drama zu haben, das sich in ihrer Mitte abspielte. Irgendwie fand der Doc seine Stimme wieder; sie klang rostig. »Was wollen Sie von uns?« krächzte er. »Absolution.« Ich sah Tony, Jerry und Finn an, zuckte zu- sammen, als ich zum ersten Mal seit Monaten an meine Frau und mein Kind dachte, die vor Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen wa- ren, weil die Bremsen, die ich selbst nachgestellt hatte, um ein paar Dollar zu sparen, versagt hat- ten. Hier war der richtige Ort für eine Absolution – sie war Callahans wichtigste Ware. Und dieser Fall sah aus, als wäre er unsere größte Herausfor- derung. Die Stimme des stämmigen Iren erschreckte mich, als er wieder sprach: sie war so kalt und hart wie der, Griff einer Axt im Februar. »Eine Absolution ist nur möglich, wenn man eine Lösung gefunden hat. Wie können Sie dieses Programm verhindern?« Rakshas Haare sträubten sich, und er sah ihn verwirrt an. »Ich kann es nicht«, jammerte er. »Können Sie es Ihren Leuten nicht ausreden?« fragte Sam Thayer. »Würden sie denn nicht auf Sie hören?« »Unmöglich. Sie würden überhaupt nicht be- greifen, wovon ich spreche ... ich verstehe mich ja kaum selbst. Haben sich die Vegetarier auf Ihrem Planeten jemals entscheidend durchgesetzt?« »Ja, in Gegenden, wo sie die Menschen davon überzeugen konnten, daß eine Kuh vielleicht auch eine Seele besitzt«, behauptete der Doc. »Aber Sie besitzen nicht das Merkmal«, wieder- holte Raksha. »Ich weiß nicht, was zum Teufel dieses ›Merk- mal‹ sein soll«, knurrte Callahan, »aber ich habe den Eindruck, daß wir das Potential dafür haben; die Symptome, haben Sie gemeint. Wäre es mög- lich, daß wir es nie entwickelt haben, weil wir seit unserer Kindheit unter dem ... Schutz Ihres Vol- kes gestanden haben?« »Kein Krundai würde so etwas glauben. Wenn ich eine solche Meinung äußerte, würde man mich für verrückt halten und dazu bringen, Selbstmord zu begehen.« »Können Sie die Kampagne irgendwie sabotie- ren?« erkundigte sich Telasco. »Auf unsere Seite, wechseln und den Guerilla spielen? Wenn Sie uns helfen könnten wir ...« »Nein«, unterbrach ihn Raksha heftig. »Ich kann mein Volk nicht verraten. Das ist undenkbar.« »Für mich war es auch einmal undenkbar«, meinte Tony. »Aber als ich erkannte, was aus mir geworden war, lehnte ich die Taten meines Vol- kes ab und machte mich an die Arbeit, um sie zu verhindern.« »Auch ich«, meldete sich Jerry. »Sie verstehen mich nicht«, zischte Raksha. »Sie sind nicht Krundai, und dieser Finn gehört viel- leicht zu einer mächtigen kriegerischen Rasse. Ich habe ein unvorstellbares Verbrechen begangen, in- dem ich mich auf Ihre Verschwiegenheit verlas- sen und Ihnen das alles erzählt habe – mehr kann ich nicht tun.« Tony hatte als Soldat gelernt, taktisch vorzuge- hen. »Können Sie uns verraten, wo und wie wir Ihre Landsleute ausfindig machen können? Wir werden ihnen schon das Handwerk legen.« Bevor Raksha antworten konnte, griff Finn ein. »Das ist nicht ...« »Möglich«, beendete Callahan an seiner Stelle schnell den Satz, und ich hatte den deutlichen Eindruck, daß er Finn unter dem Tisch gegen das Schienbein getreten hatte. »Wenn uns diese Jungs an der Hand zur Atombombe geführt haben, wer- den wir wohl kaum fähig sein, ihnen das Hand- werk zu legen, Tony.«, »Aber ... au!« sagte Finn und hielt dann den Mund. »Nein«, fuhr Callahan fort, »wenn uns jemand helfen kann, sind Sie es, Raksha. Oder sind Sie nur auf einen Sprung hereingekommen, um sich dafür zu entschuldigen, daß Sie unser Henker sind?« »Ich kann nichts für Sie tun«, wiederholte Rak- sha unglücklich. »Ich suche nur die Absolution.« »Bruder«, sagte ich mitfühlend, »Sie befinden sich zwischen einem rollenden Felsen und dem harten Boden.« Sam und der Doc gaben ebenfalls erbarmungsvolle Geräusche von sich, und Bill Ger- rity wollte Raksha gerade fragen, was er als Ge- tränk bevorzugte. Callahans Männer boten, wie immer, Verständnis und Hilfe an. Aber Callahan hob die Hand. »Nein«, wider- sprach er ruhig. Wir starrten ihn verblüfft an. Callahan selbst verweigerte die Absolution? »Sie können nicht in meiner Bar trinken, Bru- der.« Er sah Raksha in die Augen. »Und wir kön- nen Ihnen nicht verzeihen. Auf diesem Planeten muß man für die Absolution einen Preis bezahlen, und er heißt Buße. Tony wird eingelocht, weil er an Demonstrationen teilnimmt; Jerry hat auf ei- nen Haufen Geld verzichtet, den er als Grund- stücksmakler gemacht hat, und setzt sich jetzt für Grüngürtel und weit auseinanderliegende Häuser- gruppen ein; Finn hat freiwillig die Verbannung unter lästige, stinkende Menschen gewählt, weil, es einige unter uns gibt, die wert sind, gerettet zu werden. Buddhistische Mönche, die ihre Regie- rungen nicht anders beeinflussen konnten, haben sich selbst angezündet, und ich bete jeden Sonn- tag für ihre Seelen. Was können Sie uns als Buße anbieten?« Raksha schloß die Augen und runzelte die Stirn. Er schwieg lange. »Ich kann nichts tun«, erklärte er schließlich mit hohler, tonloser Stimme. »Dann gibt es für Sie weder hier noch anderswo eine Absolution«, stellte Callahan unbeteiligt fest. »Verlassen Sie mein Lokal und kommen Sie nie wieder.« Raksha machte ein langes Gesicht, und einen Augenblick lang glaubte ich, daß er weinen würde – oder was die Krundai statt dessen tun. Aber er riß sich zusammen, nickte einmal, stand auf und stolperte aus der Bar; die Leute, die ihm im Weg standen, schob er einfach beiseite. Als er fort war, sahen wir alle Callahan schwei- gend an. Er hatte die Zähne zusammengebissen und schien uns mit blitzenden Augen aufzufor- dern, seine Entscheidung anzufechten. »Waren Sie… waren Sie nicht ein bißchen zu hart mit dem armen Kerl, Mike?« erkundigte sich Doc Webster nach geraumer Zeit. »Verdammt, Doc«, explodierte Callahan, »die- ser Clown ist Adolf Hitler gewesen. Soll ich ihm über die Haare streicheln und sagen: Ist schon gut,, Sie haben nur Befehle ausgeführt? Heilige Scheiße, wenn es ihn und seinesgleichen nicht gäbe, müßte ich vielleicht nicht diese verdammte Bar betrei- ben. Meine Fußballen machen mir das Leben zur Hölle.« »Ich bedaure ihn«, sagte Finn tonlos. »Auch ich habe mich einmal in einer ähnlichen Lage befun- den.« »Sparen Sie sich Ihr Bedauern für bessere Gele- genheiten auf, Finn«, schnaubte Callahan. »Sie sind vor der gleichen Entscheidung gestanden, aber Sie haben es durchgezogen. Und Sie waren nicht feig – Sie waren gegenprogrammiert. Wenn Sie eine Mög- lichkeit gefunden haben, die rein körperlichen Be- schränkungen, die Ihnen ihre Apparatur auferlegt hat, zu umgehen, warum zum Teufel konnte er dann seine Konditionierung nicht überwinden? Eine Konditionierung kann bei den Krundai eben- sowenig als Entschuldigung gelten wie bei den Menschen – sie ist nur eine Erklärung. Dank der Arbeit, die Sie leisten, wird die Gaspé-Halbinsel vielleicht eines Tages fruchtbares Ackerland sein. Sie zahlen immer noch Ihre Schulden ab. Aber die- ser Kerl dachte gar nicht an Wiedergutmachung, er wollte sich nur entschuldigen. Er und seines- gleichen haben diese armselige alte Welt zu dem gemacht, was sie heute ist, und vielleicht könnte ich ihm das noch verzeihen. Aber ich verschenke meine Absolution nicht. Sie kostet etwas, kostet guten Willen, und er war nicht bereit, sein Scherf-, lein beizutragen. Der Teufel soll ihn und das Pferd holen, auf dem er hereingeritten ist.« »Wir hätten doch freundlich bleiben und versu- chen sollen, ihn auszuhorchen, Mike«, warf Tony ein. »Wie sollen wir sie jetzt finden und aufhal- ten?« Callahan sah ihn müde an. »Wie Finn sagen wollte, bevor ich ihm auf die Zehen stieg – das ist nicht notwendig. Jetzt weiß Finn, daß sie sich hier herumtreiben, und er kann sie genauso leicht ent- decken wie Sie einen Wolf in einem Hühnerstall bemerken würden. Das Prob ...« Draußen ertönte ohrenbetäubender Lärm. Das Gebäude schwankte; die Fenster zersplitterten, und die Flaschen hinter der Theke tanzten. Alle begannen gleichzeitig zu schreien, und die meisten Jungs stürzten auf kürzestem Weg zur Tür. Callahan war der einzige von uns, der die Ruhe bewahrte. »Wie ich gesagt habe, ein feiger Hund«, stellte er fest. Er stand ruhig auf, ging durch den plötzlich beinahe leeren Saloon zu dem Kreidestrich vor dem Kamin und nahm unterwegs ein Glas mit. In dem verdammten Bärenkostüm, das er immer noch trug, und aus dem sein allmählich kahl wer- dender roter Kopf wie eine halb verdaute Mahl- zeit herausragte, sah er absurd und surreal aus. Er starrte einen Augenblick in die Flammen, stürzte den Schnaps hinunter und brachte seinen Trink- spruch klar und deutlich aus., »Auf die Feigheit.« Damit schleuderte er das leere Glas mit einer Wildheit an die Rückwand des Kamins, die ich bei ihm noch nie erlebt hatte. Der Schnelle Eddie steckte den Kopf zur Tür herein. »Mein Gott, Boß, der ganze verdammte Parkplatz ist beim Teufel.« »Ich weiß, Eddie«, antwortete Callahan freund- lich. »Danke. Ist jemand verletzt?« Eddie kratzte sich am Kopf. »Ich glaube nicht, aber eine Menge Autos sind hinüber.« »Das ist meine geringste Sorge«, versicherte ihm Callahan. »Rufen Sie bitte die Polizei an. Er- zählen Sie ihnen, was Sie wollen.« Eddie hing sich an die Strippe. Callahan kehrte zu unserem Tisch zurück und baute sich vor Finn auf. »Na, Buddy, was meinen Sie? Können Sie mit ihnen fertig werden?« Finn blickte zu ihm auf und überlegte. »Die Ex- plosion hatte es in sich, Michael. Sie müssen über eine gute Abwehr verfügen.« »Deshalb bin ich Ihnen ja auf die Zehen gestiegen und habe den Komiker gehen lassen. Wenn Sie beide einander hier drinnen in die Haare geraten würden, hätten wir viel mehr als nur ein paar Autos verloren, für die wir ohnehin kein Benzin haben. Aber Sie ha- ben gehört, was er über Gewalttätigkeit gesagt hat.« »Sie verabscheuen sie«, gab Finn zu. »Sie sind zwar bereit, sie zur Selbstverteidigung zu verwen- den, sind aber nicht an sie gewöhnt. Ich kann mit ihnen fertigwerden, Michael. Ich werde es tun.«, Er stand auf und verließ das Lokal. »Danke, Mickey«, rief ihm Callahan nach. »Da- mit haben Sie Ihre Schulden voll abgezahlt.« Die Zeitungen haben in letzter Zeit eingehend über die zahlreichen Erdstöße berichtet, die in den vergangenen Wochen an den unwahrscheinlich- sten Stellen aufgetreten sind. Drei Wochen lang täglich ein nicht angekündigtes Minibeben, und als Höhepunkt ein schweres Beben in einer Ge- gend, in der es nichts zu suchen hatte, lösen na- türlich einige Unruhe aus. Die Seismologen geben zu, daß sie ratlos sind. Einige weisen darauf hin, daß sich keines der Be- ben in einem dichtbesiedelten Gebiet ereignet hat, und finden darin eine gewisse Beruhigung. Andere machen auf die streng örtlich begrenzte, aber doch große Intensität der Beben aufmerksam und sind beunruhigt. Etliche stellen fest, daß die Wissen- schaft nicht einmal im nachhinein imstande ist, die Erdbebenursache eindeutig zu erklären, und befürchten, daß das Ende der Welt nahe bevor- steht. Aber ich und einige Jungs in Callahans Bar ver- muten, daß es eher ein Anfang ist. Copyright © 1977 by Spider Robinson,

Die wunderbare Verschwörung

Ich hatte immer schon angenommen, daß in Cal- lahans Saloon alles möglich ist. Es dauerte nicht lange, dann dämmerte mir die Wahrheit: in Cal- lahans Saloon ist alles möglich ... und bald dar- auf wurde mir klar, daß bei Callahan alles mög- lich ist. Aber ich muß gestehen, daß ich immer noch überrascht war, als ich eines Abends den Beweis geliefert bekam, daß in Callahans Saloon ALLES möglich ist – und daß es früher oder später ver- mutlich auch eintritt. Es war Silversterabend, eine Zeit, in der man zur inneren Einkehr neigt. Das Lokal war zum er- stenmal seit langer Zeit praktisch leer. Sie werden es vielleicht für ausgesprochen unwahrscheinlich halten, aber es handelt sich nur um eine weitere Besonderheit von Callahans Saloon, die Sie nicht mehr überrascht, wenn Sie erst eine Weile hier- hergekommen sind. Die Jungs, die regelmäßig kommen, neigen nämlich dazu, die Feiertage zu Hause bei ihrer Familie zu verbringen, falls sie eine haben. Unsere Stammgäste sind eben besondere Leute. Es gibt natürlich eine Handvoll, die keine Fa- milie haben und nicht bereit sind, sich als Ersatz dafür mit einem Rendezvous zu begnügen, deshalb, hält Callahan auch an Feiertagen offen – obwohl er dabei bestimmt nicht auf seine Rechnung kommt. An dem erwähnten Silvesterabend bestand die ge- samte Gemeinde aus ihm, mir, dem Schnellen Ed- die, dem Doc und Longdrink McGonnigle. Komisch. Stellen Sie sich zwei Männer vor, die bereits enge, wahre Freunde sind: sie trinken seit vielen Jahren regelmäßig zusammen, haben ge- meinsam einige denkwürdige Augenblicke erlebt, haben einander sehr viel gegeben. Und dennoch können solche Männer an einem Abend, an dem nur wenige Gäste anwesend sind, weil es für sie keinen schöneren Ort gibt, zu einer noch enge- ren Beziehung finden; können vielleicht wirklich Brüder werden. An solchen Abenden entkrampfen sich ihre Seelen, und sie wenden ihre Aufmerk- samkeit den tiefsinnigen Fragen zu, die einen ein- zelnen Mann bedrücken könnten. Ihr ureigenstes Selbst kommt zum Vorschein. An diesem Abend war uns unsere Gemeinschaft deutlich bewußt; Callahan stand hinter der Theke, wir übrigen sa- ßen vor ihr, waren in jene besondere Vertraut- heit versunken, zu der Getränke und gute Gesell- schaft führen, überblickten das vergangene Jahr und sprachen im allgemeinen von nichts und im besonderen von allem. Was wir taten? Wir erzähl- ten blöde Witze. Es begann damit, daß Callahan über der Schach- tel mit dem Kleingeld ein handgemaltes Schild an- brachte, auf dem stand: »Der Dollar bleibt hier.«, »Schade«, brummte der Doc, »heute abend kön- nen wir also nicht aus dem Vollen schöpfen.« Das war ein Witz, denn er pfefferte bei diesen Wor- ten sein Glas in den Kamin, was bedeutete, daß er sich nicht aus der Zigarrenkiste mit den Viertel- dollars bedienen konnte. Longdrink stand auf und marschierte zum Krei- destrich; ich nahm an, daß er einen Toast auf den Kalauer des Doktors ausbringen wollte. Ich hätte wissen müssen, daß er uns den Startschuß gab. Er stellte sich in Positur, erklärte »Auf das arme Atom«, leerte sein Glas und wartete. Der Doc hatte nachdenklich den Drink inhaliert, den ihm Callahan unaufgefordert serviert hatte – der Doc trinkt unbesehen auf alles – und holte aus, um zu werfen, hielt aber mitten im Schwung inne. »Augenblick«, meinte er. »Warum, zum Teu- fel, soll ich auf das ›arme Atom‹ trinken?« »Weil es gespalten wird«, erklärte Longdrink. »Natürlich«, griff ich ein, »aber es strahlt dabei.« »Wenn mein Ura(h)n das gewußt hätte«, be- merkte Callahan. Der Doc bekam runde Augen, und sein Mund klappte auf. »Verdammt«, knurrte er schließlich, »ich habe vor euch komischen Figuren noch nie klein beigegeben, und ich werde es ausgerechnet heute auch nicht tun. Pech blende(t) genauso wie Gold.« Darauf folgte eine längere Pause, und ich dachte schon, daß wie üblich niemand den Doc überbie-, ten konnte, als sich plötzlich der Schnelle Eddie meldete. Sie müssen wissen, daß Eddie zwar am Klavier ein Genie ist, daß aber das Abschießen blitzschneller Pointen nie zu seiner starken Seite gehört hat. Soviel ich weiß, hatte er noch nie ver- sucht, in Anwesenheit der Meister einen Witz an- zubringen. Jedenfalls machte er doch tatsächlich den Mund auf und sagte mit dem unschuldigsten Gesicht, zu dem er fähig war: »Ah, Tom, meiler-weit gibt es wirklich keinen besseren Drink.« Und damit war noch lange nicht Schluß, denn während der Doc ihn fassungslos ansah und wir übrigen vor Lachen wieherten, begann Callahan unauffällig den Gag, den er mit Eddie ausgearbei- tet hatte, bevor wir eintrafen. Statt Eddie seinen üblichen Whisky zu geben, mixte er ihm einen Drink und servierte ihn mit einem Plastik-Eßstäb- chen, das über das Glas hinausragte. »Was zum Teufel ist das für ein Drink?« erkun- digte sich der Doc mürrisch. Eddies Antwort ließ nicht auf sich warten: »Eine Bloody Mary mit einem steilen Zahn.« Wir lachten, daß die Fenster klirrten. Der Doc war kein Spielverderber. Er lachte näm- lich so schallend mit, daß ihm drei Knöpfe von sei- nem Hemd absprangen. Aber es war nicht zu über- sehen, daß sein Selbstbewußtsein erschüttert war; er spendierte die nächste Runde. Ich hatte das Ge- fühl, daß demnächst die Bulldozer Walzer tanzen, würden. Die Welt ist voller Überraschungen, dachte ich. Callahan drückte es noch deutlicher aus: »Es ist ein Wunder«, jubelte er, während er die Gläser frisch füllte. »Ein echtes, verdammtes Wunder.« Longdrink schnaubte verächtlich. »In dieser Kneipe gibt es doch Wunder zum Schweinefüt- tern.« »Sie haben da ein großes Wort gelassen ausge- sprochen, Longdrink«, bemerkte ich. »Wieso?« »Wunder. Das ist das Material, mit dem Mike arbeitet. In diesem Lokal ist alles möglich.« »Hören Sie auf, mich zu veräppeln«, protestierte Callahan. »Nein, ich meine es ernst, Mike. Mir fallen auf Anhieb ein halbes Dutzend Dinge ein, die vergan- genes Jahr hier geschehen sind und die ich nie ge- glaubt hätte, wenn sie sich anderswo ereignet hät- ten.« »Das stimmt«, bestätigte der Doc nachdenklich. »Kleine grüne Männchen ... zwei Zeitreisende ... Adolf Hitler ...« »Das habe ich eigentlich nicht gemeint, Doc«, unterbrach ich ihn. »Diese Dinge sind äußerst un- wahrscheinlich, aber wenn sie hier geschehen kön- nen, sind sie auch anderswo möglich. Ich meine, daß bis auf Raksha jeder dieser Komiker, die wei- nend hereingewankt sind, lächelnd hinausgegan- gen ist – und sogar Raksha hätte es tun können,, wenn er bereit gewesen wäre, den Preis dafür zu bezahlen. Das bezeichne ich als Wunder.« »Ich verstehe Sie nicht ganz.« Eddie runzelte sein Gesicht – ich meine, noch mehr. »Denken Sie an Jim und Paul MacDonald. So- weit ich es beurteilen kann, stellen sie das funda- mentalste Wunder von Callahans Lokal dar, die größte Lehre, die uns diese Kneipe erteilt hat.« »Was soll das wieder heißen?« »Daß ein Mensch jede geistige oder seelische Belastung ertragen kann, ganz gleich, wie schwer oder wie tiefreichend sie ist, wenn er sie mit je- mandem teilen kann. Das ist das Ausschlagge- bende an diesem Saloon: er hilft den Menschen, die Schubladen in ihrem Kopf zu öffnen, in denen sie ihre schlimmsten Geheimnisse verwahrt haben, und sie herauszulassen. Wenn Sie ein Schmerz be- drückt und mich ein Schmerz bedrückt, und wir darüber sprechen, stellt sich komischerweise zum Schluß heraus, daß jeder nur noch den halben Schmerz zu tragen hat.« Ich trank einen Schluck Bushmill. »Das bietet uns Callahans Saloon – und soweit ich weiß, gibt es auf der ganzen Welt kein zweites solches Lokal.« »Ich kenne einen Ort, der Callahans Bar in ge- wisser Hinsicht ähnlich ist«, bemerkte Longdrink plötzlich. »Was? Wo?« »Na ja, ich weiß nicht, ob Sie die Ähnlichkeit sofort bemerken werden – mir ist sie lange nicht, aufgefallen. Hat jemand von Ihnen je von Der Farm gehört?« »Ich wuchs auf einer auf«, sagte der Doc. »Das wissen wir – im Stall«, erwiderte Longdrink trocken. »Ich spreche nicht von einer Farm, son- dern von Der Farm, unten in Tennessee. Mehr als achthundert Leute leben auf ein paar tausend Mor- gen. Meine Tochter Anne ist eine von ihnen, und ich habe sie vergangenen Monat dort besucht.« »Ist das eine von diesen Kommunen?« erkun- digte sich der Doc skeptisch. »Wenn es eine ist, dann ist es eine ganz neue Form von Kommune. Sie haben zum Beispiel keine eigene Religion – Anne besucht am Sonntag immer noch die Messe. Außerdem arbeiten sie. Sie ernäh- ren sich selbst, sie bauen ihre Häuser selbst, und sie machen Geschäfte. Das härteste Rauschgift, das ich dort gesehen habe, war Marihuana, und sie be- nützen es nicht zur Entspannung – sie finden, daß es ein Sakrament ist.« »Tennessee.« Ich pfiff durch die Zähne. »Die Ortsansässigen müssen ihnen ganz schön zu schaf- fen machen.« »Nicht die Bohne. Die Ortsansässigen lieben sie geradezu. Ich habe mit dem Sheriff von Lewis County gesprochen, und er hat gemeint, wenn alle Menschen so anständig, wahrheitsliebend und flei- ßig wären wie die Leute von Der Farm, wäre er ar- beitslos. Ich sage Ihnen, ich bin fuchsteufelswild hinuntergefahren und wollte Anne dazu überre-, den, diesen Unsinn aufzugeben und wieder nach Hause zu kommen. Statt dessen habe ich beinahe vergessen, wieder abzureisen.« »Und was hat das alles mit dieser Kneipe zu tun?« fragte Callahan. »Es paßt zu dem, was Jake über das Teilen ge- sagt hat, Mike. Diese Leute teilen alles, was sie be- sitzen, und die einzige Vorschrift, die ich bemerkt habe, bestand darin, daß jeder alles stehen und lie- gen ließ, um jemandem zu helfen, der Kummer hatte ...« Er sah uns nachdenklich an. »Sie nehmen an ihren Mitmenschen Anteil. Achthundert Leute, und sie nehmen aneinander Anteil – und auch an der ganzen verdammten Welt. So etwas hat es seit den Blumenkindern nicht mehr gegeben.« »Ach, Mist«, knurrte der Doc. »Noch so ein ver- rückter Kult, mehr ist doch nicht dran. Keiner hält sich lange.« Longdrink war anderer Meinung. »Sie leben seit fünf Jahren zusammen und haben jetzt be- gonnen, Kolonien zu gründen – sie nennen sie ›Satellitenfarmen‹, und es gibt schon ein halbes Dutzend davon im ganzen Land. Beeindruckt hat mich aber, wie wenig Aufmerksamkeit sie die- sem Wachstum schenken. Es ergab sich beinahe von selbst, während sie sich in erster Linie dem Wichtigsten widmen: miteinander auskommen, so daß sie miteinander leben können. Ich finde, daß die ganze Welt so handeln sollte. Offenbar kann man besser leben, wenn man ein besserer Mensch, wird. Ich finde, daß Die Farm Callahans Saloon für Hippies ist.« »Sie sind verrückt«, stellte der Doc kühl fest. »Es stimmt schon, aus jedem brennenden Dorn- busch kriecht heutzutage ein Schmierenkomödi- ant heraus, der einen Guru spielt. Die alte Religion ist vom Alkohol weggeschwemmt worden, und sie scharren wie hungrige Hennen nach einer neuen – sie stürzen sich auf Mystizismus, die okkulten Wissenschaften, Astrologie und weiß Gott was. Aber ich will verdammt sein, wenn ich eine Ähn- lichkeit zwischen einer Auferstehungsfeier von Je- sus-Freaks und dieser Bar sehen kann.« »Immer sachte, Doc«, beruhigte ich ihn. »Ja, heutzutage schießen die Religionen wie Pilze aus dem Boden, und manche von ihnen sind einfach blödsinnig, wie dieser sechzehn Jahre alte vollkom- mene Popanz mit seinem göttlichen Maserati und seinem geheiligten Magengeschwür. Aber deshalb sind nicht alle verrückt. Alle diese Betrüger befrie- digen offensichtlich ein starkes Bedürfnis, sonst würden sie sich einem einträglicheren Geschäft zuwenden. Und ich bin Longdrinks Meinung: das Bedürfnis, das sie befriedigen, ist das gleiche, das die Menschen in Callahans Saloon treibt.« »Hmmmm«, brummte der Doc. »Und was für ein Bedürfnis sollte das sein?« »Sehr einfach. Während der letzten beiden Jahrhunderte haben wir unsere Aufmerksamkeit ausschließlich der materiellen Welt zugewandt,, wollten den materiellen Bereich auf Kosten al- ler anderen Bereiche beherrschen. Ich nehme an, daß Raksha und seine Landsleute zum Teil daran schuld waren, aber wir tendieren auf je- den Fall zur Forschung. Deshalb besitzen wir jetzt eine Welt, in der materielle Wunder alltäg- lich sind – und niemand ist glücklich. Wir ver- fügen über genügend Nahrung, um alle drei Mil- liarden Menschen zu ernähren – und die Hälfte der Erdbevölkerung hungert. Man kann im TV zwei Menschen zeigen, die einander umbringen, aber nicht zwei Menschen, die einander lieben. Eine nackte Klinge gilt als weniger obszön als eine nackte Frau. Wäre es nicht an der Zeit, daß wir uns mit der Liebe beschäftigen, und zwar aus jeder Perspektive? Ich weiß nicht, wieso Die Farm nicht zusam- menbricht, wie alle übrigen Kommunen. Ich weiß nicht, wieso eine Regierung, die über die beste Propagandamaschinerie aller Zeiten verfügt, zum ersten Mal in ihrer Geschichte einem Land ei- nen Krieg nicht schmackhaft machen konnte. Ich weiß nicht, wieso es drei oder vier Burschen ge- schafft haben, einen korrupten kriminellen Präsi- denten bloßzustellen. Ich verstehe nicht einmal, wieso all diese Dinge, für die diese Bar eintritt, nicht unter den Trinkern, Raufbolden, Huren und Rowdies untergegangen ist, die in allen Bars her- umhängen, warum die einzigen Leute, die man hier antrifft, jene sind, die Callahans Saloon brau-, chen und daher herkommen müssen. Das ist das wirkliche Wunder dieser Kneipe, nicht die Tele- pathen und die kleinen grünen Männchen. Ich kann das alles nicht erklären, Doc, aber wäre es nicht möglich, daß auf der Welt eine neue Kraft im Entstehen begriffen ist, eine kol- lektive, unbewußte Reaktion auf Raksha und die Krundai, eine neue Form von Energie, die uns alle auf den richtigen Weg zurückführen will, bevor es zu spät ist? Könnte es nicht sein, daß wir auf einem materiellen Ast hinausgeklettert sind, eif- rig an ihm sägen und eine geheimnisvolle Kraft uns beibringen will, wie man fliegt? Ob aus eige- ner Dummheit oder dank der Manipulation durch die Krundai: wir sind auf Dinge gestoßen, neben denen eine Kobaltbombe sich harmlos ausnimmt. Die menschliche Rasse ist ein mongoloides Kind in einem Waffenarsenal. Könnte es nicht sein, daß wir infolge des ständigen Drucks, unter dem wir stehen, langsam erwachsen werden?« »Das habe ich von Rachel gelernt«, schaltete sich der Schnelle Eddie plötzlich ein. Ich erschrak, denn ich war so mit meiner Rede an die Nation beschäftigt gewesen, daß ich sogar meine volks- tümliche Ausdrucksweise aufgegeben hatte. »Was meinen Sie damit, Eddie?« fragte Calla- han. »Jeder Mensch hat Wurzeln in der Vergangen- heit«, erklärte Eddie. »Aber wir haben auch Wur- zeln in der Zukunft.«, Ehrfürchtige Stille trat ein, die Callahan nach einiger Zeit unterbrach. »Ich will verdammt sein, Eddie, Sie haben mich heute abend zweimal über- rascht. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, daß in Ihrem Schädel noch etwas anderes als Noten Platz hat. Anscheinend kann in meinem Lokal so- gar ich etwas lernen.« Er schüttelte den Kopf und schenkte sich noch einmal ein. Longdrink versuchte, die düstere Stimmung auf- zuhellen. »Weiß eigentlich jemand, wie sich Non- nen und Mönche vermehren?« Der Doc verzog das Gesicht. »Das weiß doch jeder. Durch Zellteilung. Zum Teufel damit: ich möchte mehr über diese kollektiv-unbewußte Ge- schichte hören.« Longdrink grinste: »Paßt haargenau auf dieses Lokal.« »Jetzt seien Sie doch endlich still. Diese ›ge- heimnisvolle Kraft‹, über die Sie gesprochen ha- ben, Jake – haben Sie das wörtlich gemeint?« Ich überlegte. »Sie meinen, wie eine Bande von Missionaren von der sechsten Kolonne? Eine Gruppe von Jungs, die im geheimen so arbeiten wie Raksha und seine Freunde, nur in eine andere Richtung? Nein, ich glaube nicht, daß man es so ausdrücken könnte – hoppla!« Ich hatte nach meinem Glas gegriffen, ohne hinzusehen, ihm einen Stoß versetzt, so daß es über die Theke glitt, und hechtete nun mit einem Sprung hinterher, um es aufzufangen, bevor es Cal-, lahan in den Schoß kippte. Während ich so halb über der Theke hing, erstarrte ich einen Augen- blick lang – aber ich war immer schon auf mein schnelles Reaktionsvermögen stolz gewesen. »... aber andererseits könnte es natürlich auch stimmen«, fuhr ich ruhig fort. »Wer weiß das schon?« Callahan behielt unbekümmert die Stellung bei, in der ich ihn überrascht hatte: er hatte die Füße zum Lotussitz untergeschlagen und schwebte bei- nahe einen Meter über dem Boden. Er blinzelte mir zu, füllte mein Glas bis zum Rand mit Bush- mill und grinste. »Ich jedenfalls nicht«, log er und zog an seiner Zigarre. »He, Jungs«, rief Eddy, der zufällig auf die Uhr geschaut hatte. »Prosit Neujahr!« Copyright © 1977 by Spider Robinson,

RAH RAH R.A.H.

Ein Schwarm von verdrießlichen Blinden hat sich um einen Elefanten versammelt und sucht ihn Zentimeter für Zentimeter ab, um etwas zu finden, worüber sie spotten können. Sie nehmen ihm nicht so sehr übel, daß er sie überragt und viel weiter se- hen kann, als sie sich vorstellen können. Sie wer- fen ihm auch nicht vor, daß er sie seit beinahe einem halben Jahrhundert vor den Tigern warnt, die sich gegen den Wind durch die fernen Wiesen anschleichen. All das nehmen sie ihm zwar übel, aber was sie ihm wirklich voll Erbitterung vor- werfen, ist seine abscheuliche Behauptung, daß sie nicht blind seien, seine Feststellung, daß sie jeder- zeit die Augen öffnen könnten, wenn sie nur den Mut aufbrächten, es zu tun. Unverzeihlich. Wie sollen wir Robert Anson Heinlein unsere Schuld abstatten? Ich bin versucht zu behaupten, daß es unmög- lich ist. Allein das Ausmaß der Schuld überwältigt uns. Er hat praktisch die moderne Science Fiction erfunden und nicht versucht, sie sich patentie- ren zu lassen. Er hat der SF eine Menge Grenzen geöffnet, hat die ersten verläßlichen Karten von den meisten ihrer Hauptgebiete gezeichnet, und hat sich nicht beklagt, als in jedes dieser Gebiete Horden von Epigonen eingebrochen sind, die sich, in dem Augenblick, in dem sie das Schiff verlie- ßen, über das Klima, die Landschaft und die Ver- dienstmöglichkeiten beschwerten. Ich bin davon überzeugt, daß von den in den letzten vierzig Jah- ren veröffentlichten Science Fiction-Erzählungen nur eine Handvoll nicht von ihm beeinflußt sind.

Er hat die endgültigen Zeitreisegeschichten ge-

schrieben (»ALL YOU ZOMBIES«1 und »BY HIS

BOOTSTRAPS«2), die endgültigen Erzählungen

über langes Leben (»METHUSELA‘S CHILDREN«3 und »TIME ENOUGH FOR LOVE«4), den endgül- tigen Theokratie-Roman (»REVOLT IN 2100«5), heroischen Science Fantasy-Roman (»GLORY

ROAD«6), Revolutionsroman (»THE MOON IS A

HARSH MISTRESS«7), Transplantations-Roman (»I

WILL FEAR NO EVIL«8), Außerirdischen-Invasi-

onsroman (»THE PUPPET MASTERS«9), Techno- kratie-Erzählung (»THE ROADS MUST ROLL«10), Rüstungswettbewerbserzählung (»SOLUTION UN-

SATISFACTORY«11), Technische Katastrophener-

1 Entführung in die Zukunft 2 Im Kreis 3 Die Ausgestoßenen der Erde 4 Die Leben des Lazarus Long 5 Revolte im Jahre 2100 6 Straße des Ruhms 7 Revolte auf Luna 8 Das geschenkte Leben 9 Weltraummollusken erobern die Erde 10 Die Straßen müssen rollen 11 Lösung unbefriedigend, zählung (»BLOW-UPS HAPPEN«12) und etwa ein Dutzend der schönsten Science Fiction-Erzählun- gen für Jugendliche, die je erschienen sind. Letz- tere haben für die SF mehr getan als ein beliebiges Dutzend anderer Bücher. Und was vielleicht ge- nauso wichtig ist, er hat die SF aus dem Schund- blattmilieu herausgeholt, hat »anspruchsvolle« und lukrative Märkte eröffnet, hat die Mauer des Get- tos überwunden. Er arbeitet weiterhin zum Wohl des gesamten Genres: der Verkauf seines neue- sten Buches war ein beispielhaftes Ereignis, denn es war der erste Mustervertrag der SFWA, der je unterschrieben wurde. (Die Science Fiction Wri- ters of America hat einen vom Standpunkt des SF- Autors hypothetischen idealen Vertrag entworfen – bis »THE NUMBER OF THE BEAST«13 ist kein derartiger Vertrag jemals unterschrieben worden.) Bitte beachten Sie, daß Heinlein dies nicht zu sei- nem Nutzen getan hat: sobald der Vertrag unter- schrieben war, wurde ein höheres Honorar ausge- handelt. Man kann Ideen nicht urheberrechtlich schüt- zen; man kann es nur für bestimmte Anordnungen von Worten tun. Wenn man Ideen urheberrecht- lich schützen könnte, müßte jeder lebende SF- Schriftsteller Robert Heinlein beträchtliche Tan- tiemen zahlen. 12 Katastrophen kommen vor 13 Die Zahl des Tiers, Auch auf eine Menge anderer Leute träfe das zu. In seiner Freizeit hat Heinlein den Waldo und das Wasserbett erfunden (und Gott weiß was noch) und hat sie auch nicht patentieren lassen. (Die er- sten Waldos hat Nathan Woodruff 1945, drei Jahre, nachdem Heinlein sie um ein paar Cents pro Wort beschrieben hatte, in den Brookhaven National La- boratories hergestellt. Was das Wasserbett betrifft, siehe »EXPANDED UNIVERSE.«) Außerdem hat er an der Erfindung des Raumanzugs, wie wir ihn heute kennen, mitgearbeitet. Vor allem ist Heinlein gebildeter, belesener und weitgereister als jeder andere Mensch, den ich kenne, und hat alles Gute unablässig mit uns geteilt. Er hat ungeheuer viel Wissen angehäuft, hat das, was daran das Interessanteste ist, an uns weitergegeben, und dabei hat er gleichzeitig auch seine Liebe und sein Wissen an uns weitergegeben. Das ist bestimmt ein großes Geschenk. Als ich fünf Jahre alt war, brachte er mir bei, das Lernen zu lie- ben und allem, was man mich lehrte, skeptisch ge- genüberzustehen. Diese Einstellung hat er vielen von uns direkt oder indirekt anerzogen. Wie können wir es ihm dann zurückzahlen? Bestimmt nicht mit Dollars. Signet hat elfein- halb Millionen Heinlein-Bücher gedruckt. Berk- ley zwölf Millionen. Von Del Rey habe ich keine Zahlen bekommen, aber sie haben mindestens ein Dutzend Titel im Programm. Sein letzter Roman hat ein Rekordhonorar erzielt. Wenn man diese, Zahlen auf die ganze Welt überträgt, gelangt man zu der Erkenntnis, daß Heinlein mit Dollars recht gut versehen ist. Überlegen Sie sich jedoch folgen- des: Bei den heutigen Preisen kann man alle seine zweiundvierzig Bücher um etwa hundert Dollar plus Mehrwertsteuer erstehen. Robert Heinlein hat meinen kleinen grauen Zellen mehr als nur befriedigende Unterhaltung, Wissen und Heraus- forderung verschafft, wesentlich mehr. Seine Bü- cher kosten nicht fünfmal soviel wie Philip Roths letztes Geschreibsel; daher sind sie eindeutig zu billig. Wir können sie ihm weder mit Preisen noch mit Auszeichnungen noch mit vermehrtem Ansehen zurückzahlen. Er besitzt ein Regal voller Hugos (die ihm von seinen Lesern zuerkannt wurden), den ersten Grand Master Nebula für ein Lebens- werk im Dienst der Science Fiction (der ihm von seinen Kollegen zuerkannt wurde), er wird in der Encyclopaedia Britannica zitiert, er ist der einzige Mensch, der dreimal Ehrengast bei einem Sci- ence Fiction World Con war – mehr Schmeiche- lei braucht er wohl nicht. Wir können uns nicht einmal bedanken, indem wir ihm schriftlich »Danke« sagen – denn wir wür- den seiner bemerkenswerten Frau Virginia, die zur Zeit seine Korrespondenz erledigt, nur noch mehr Arbeit verursachen. Wie bereits erwähnt, sind wir Millionen (vielleicht sogar hunderte Millionen) – ein rasches Danke von jedem von uns würde dazu, führen, daß die US-Schneckenpost endgültig und für immer zusammenbricht – und wenn Hein- lein die Briefe tatsächlich bekäme, würde es ihm schwerfallen, überhaupt noch zu arbeiten. Mir fallen nur zwei Möglichkeiten ein, die uns offenstehen, um Robert Heinlein zu danken: Zuerst, spenden Sie Blut, jetzt und jedesmal, wenn sie eine halbe Stunde und einen Viertelliter übrig haben. Das weiß er zu schätzen; Blutspender haben ihm bei mehreren Gelegenheiten das Leben gerettet. Kennen Sie »I WILL FEAR NO EVIL«14? Die Handlung dieses Buches beruht auf der Tatsa- che, daß eine seiner Gestalten eine seltene Blut- gruppe besitzt; bei Routinenachforschungen (die nur für ihn Routine sind) hat Heinlein den Natio- nal Rare Blood Club entdeckt; er hat alles Mögli- che unternommen, um im Vorwort des Romans Werbung für ihn zu machen. Nachdem das Buch erschienen war, erkrankte Heinlein und brauchte eine Bluttransfusion. Die Überraschung: Heinlein besitzt eine seltene Blutgruppe. Die Mitglieder des Rare Blood Clubs haben ihm das Leben gerettet. (Ein Gerücht, das ich weder überprüfen noch wi- derlegen kann, besagt, daß mindestens einer die- ser Blutspender Mitglied des Clubs geworden war, weil er den Klappentext in »I WILL FEAR NO EVIL« gelesen hatte.) 14 Das geschenkte Leben, Der zweite Vorschlag hat ebenfalls damit zu tun, daß wir Heinlein das Überleben ermöglichen wollen – bestimmt die aufrichtigste Form der Schmeichelei. Um es einfach auszudrücken: wir können alle per- sönlich das Beste tun, um sicherzustellen, daß das Land, in dem Robert Heinlein lebt, nicht zerstört wird. Er würde sich bestimmt darüber freuen, wenn wir aufhörten, die Zivilisation in Frage zu stellen, weil sie ein mißglücktes Experiment ist, das zu viele und schwere Arbeit erfordert. (Auch wenn wir es nicht tun, würde er es überstehen, sich aber wesent- lich weniger wohl fühlen.) Er würde sich darüber freuen, wenn wir uns auf dem Raumschiff Erde nicht mehr wie Passagiere aufführen und statt dessen un- sere Arbeit als Besatzungsmitglieder verrichten – so wie er es getan hat. Woraus sich gelegentlich ergibt, daß man dem Admiral seine volle Aufmerksamkeit schenken muß. Selbst wenn das profunde Wissen des alten Knackers im Gegensatz zu unseren von keiner Sachkenntnis getrübten Vorurteilen steht. Daß unsere Schuld Heinlein gegenüber so groß ist, hat sehr viel mit den unkontrollierten kritischen Angriffen der letzten Zeit auf seine Person zu tun. Wie Jubal Harshaw einmal bemerkt hat, drückt sich Dankbarkeit oft als Groll aus. SF-Kritiker, die sich als Parasiten auf einem Feld tummeln, das ohne Hein- lein nicht einmal annähernd in seiner derzeitigen Form vorhanden wäre, fühlen sich verpflichtet, die Hand zu beißen, die sie füttert. Da manche Kritiker, aufgrund ihrer Veranlagung etwas nur dann achten, wenn es ihnen ähnelt, sind sie gezwungen, öffentlich ein Talent schlecht zu machen, das zehnmal größer ist als das ihre. Und einige von uns bezahlen sie noch für diese Tätigkeit. Hören Sie, Robert Heinlein ist kein Gott, nicht einmal ein Engel. Er ist »nur« ein guter und großer Mann, und ein guter und großer Schriftsteller, alles in allem beachtliche Qualitäten. Aber die Menschen stehen offenbar unter dem dunklen Zwang, den be- sten Mann, den sie erwischen können, zum Gott zu erklären und dann mit Falkenaugen die menschliche Schwäche zu suchen, die uns erlaubt, ihn zu töten. Etwas in uns sieht gern zu, wenn die Mächtigen ge- stürzt werden, vor allem die guten Mächtigen. Wenn jemand in einem Buch behauptete, daß Mutter The- resa einmal eine läßliche Sünde begangen hat, würde er eine Million Exemplare an den Mann bringen. Einige der Bemerkungen über Robert Heinlein waren ganz schön persönlich. Obwohl die Kritiker schwören, daß sie sich ausschließlich auf die Lite- ratur beziehen, können nur wenige von ihnen dem Drang widerstehen, Heinlein den Menschen zu kri- tisieren. In »HEINLEIN IN DIMENSION« behauptet Ale- xei Panshin zum Beispiel als biographische Tatsache – ohne darauf hinzuweisen, daß es sich um ein Ge- rücht handelt –, daß Heinlein »keinen Widerspruch verträgt und deshalb sogar Freundschaften abbricht«. In den zwölf Jahren, seit Panshin diese Behauptung, in Druck gegeben hat, ist sie oft in meiner Gegen- wart zitiert worden. Vergangene Woche erhielt ich ein Besprechungsexemplar von Philip K. Dicks An- thologie »THE GOLDEN MAN«15 (Berkley), und ich zitiere aus der Einleitung: »Ich betrachte Heinlein als meinen geistigen Va- ter, auch wenn unsere politischen Ideologien voll- kommen unvereinbar sind. Als ich vor einigen Jahren krank war, bot mir Heinlein seine uneingeschränkte Hilfe an, und wir hatten einander nie kennengelernt; er rief mich immer wieder an, um mich aufzuhei- tern und sich zu erkundigen, wie es mir ginge. Er wollte mir eine elektrische Schreibmaschine kaufen – Gott segne ihn –, er ist einer der wenigen wirkli- chen Gentlemen auf dieser Welt. Ich stimme keiner der Ideen zu, die er in seinen Werken vertritt, aber das gehört nicht zur Sache. Als ich einmal der IRS eine Menge Geld schuldete und es nicht auftreiben konnte, streckte Heinlein es mir vor ... er weiß, daß ich ein ausgeflippter Exzentriker bin, und dennoch hat er mir und meiner Frau geholfen, als wir uns in Schwierigkeiten befanden. Das ist höchste Humani- tät; das ist, wen und was ich liebe.« Ganz offen: ich habe von Robert Heinlein ein per- sönliches Autogramm, ein paar freundliche Worte und ein paar Stunden Gedankenaustausch erhalten. Direkt. Aber als ich fünf war, lehrte er mich mit 15 Der goldene Mann, der ersten und schwächsten seiner Jugendgeschich- ten drei wesentliche Dinge: daß ich immer selbst ei- nen Entschluß fassen muß; daß ich mir vorher alles genau überlegen muß; daß ich zuerst die Tatsachen zusammentragen muß, bevor ich eine Überlegung anstelle. Vielleicht hätte mich auch jemand anderer früher oder später diese Weisheiten gelehrt, aber das ist unerheblich: Heinlein hat es getan. Das ist, wen und was ich liebe. Die Redefreiheit gibt den Menschen das Recht zurückzuschlagen. Nicht zu »verteidigen«. Was das Werk betrifft, da steht es, der Lärm, der darum ge- macht wird, kann es nicht treffen. Was den Mann betrifft – er hat einmal gesagt, daß »es unmöglich ist, einen Menschen zu beleidigen, der sich seiner selbst sicher ist«. Flöhe können ihn nicht beißen. Es ist auch nicht notwendig, seinen literarischen Ruf zu verteidigen; Leute, die nur lesen, was die Kritiker ih- nen aufschwatzen, verdienen, was sie bekommen.

Nein, ich habe diesen Auftrag* angenommen,

weil ich persönlich verärgert bin. Ich habe genug * Es handelte sich um den Auftrag von Jim Bean, dem Herausgeber von »Destinies«, eine Rezension von Heinleins »EXPANDED UNI- VERSE« für sein Taschenbuchmagazin zu verfassen. Dieses Buch – es enthält 13 kommentierte Erzählungen, von denen einige zu seinen bekanntesten zählen, einige Essays und Artikel über Politik und Science Fiction – ist nach dem Willen des Autors nie außer- halb der Vereinigten Staaten erschienen (außer in Kanada), weil es internen amerikanischen Problemen gewidmet ist und Heinlein meint, daß man »schmutzige Wäsche nicht in der Öffentlichkeit waschen soll.« Mehr zu dem Buch siehe weiter unten in diesem Artikel. – Anm. d. Hrsg., davon, daß jemand, den ich liebe, ständig verleum- det wird; ich habe auf Convent-Parties zu viele Stunden damit vergeudet, daß ich mit Großmäu- lern diskutiert habe, ich habe zu viele angebliche »Nachschlagewerke« gelesen, die Heinleins angeb- liche politische Ansichten und literarische Sünden anprangern, habe zu viele Reden von untalentier- ten Schriftstellern gehört, die aus dem Hinterhalt auf den Mann schießen, der es möglich gemacht hat, daß sie sich um ehrliche Arbeit drücken kön- nen. Bei der nächsten Convent-Party möchte ich nur diesen Großmäulern ein Exemplar von »Desti- nies« in die Hand drücken und mich dann weiter gut unterhalten. Gehen wir also auf die häufigsten Beschuldigun- gen ein, die gegen Heinlein erhoben werden. Ich habe sie nach der Intelligenz geordnet, die dümm- sten zuerst: I. Persönliche Vergehen: (Vergessen Sie nicht, das sind die dümmsten, denn keiner der Kritiker ist in der Lage, etwas über Heinlein den Menschen zu wissen. Den Mann, den sie angreifen, leiten sie aus seinem Werk ab: das ist verbrecherisch.) 1. »Heinlein ist Faschist.« Das ist das beliebteste Heinlein-Schlagwort unter den Fans, vor allem un- ter den jungen – und natürlich ausschließlich unter, den geistig Minderbemittelten. Ich mache mir sel- ten die Mühe, darauf zu antworten, aber in diesem Fall werde ich dafür bezahlt. Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr: bitte gehen Sie in die Büche- rei und schlagen Sie im Lexikon die Definition des Faschismus nach. Um nichts zu versäumen, lesen Sie auch die Geschichte des Faschismus und lassen Sie sich vom Bibliothekar die schwierigen Worte erklären. Dann lesen Sie Robert Heinleins Werke, was Sie bis jetzt offenbar versäumt haben. Wenn Sie in diesen zweiundvierzig Büchern einen einzi- gen Beweis dafür entdecken, daß Heinlein – oder eine seiner Gestalten – Faschist ist, esse ich mein Exemplar von »Heinlein in Dimension«. 2. »Heinlein ist ein männlicher Chauvinist.« Das ist heutzutage die zweithäufigste Beschuldigung. Natür- lich, Heinlein bevölkert seine Bücher mit dummen, schwachen, unfähigen Frauen. Wie Schwester Mag- gie in »IF THIS GOES ON«16; Dr. Mary Lou Mar- tin in »LET THERE BE LIGHT«17; Mary Sperling in »METHUSELAH’S CHILDREN«18; Grace Cormet in »WE ALSO WALK DOGS«19; Longcourt Phyllis in »BEYOND THIS HORIZON«20; Cynthia Craig in »THE UNPLEASANT PROFESSION OF JONATHAN 16 Revolte im Jahr 2100 17 Es werde Licht 18 Die Ausgestoßenen der Erde 19 Alldienst macht alles 20 Utopie 2300,

HOAG«21; Karen in »GULF«22; Gloria McNye in »DE- LILAH AND THE SPACE-RIGGER«23; Allucquere in

»THE PUPPET MASTERS«24; Hazel und Edith Stone in »THE ROLLING STONES«25; Betty in »THE STAR

BEAST«25; alle Frauen in »TUNNEL IN THE SKY«27; Penny in »DOUBLE STAR«28; Pee Wee und das Mut-

ter-Ding in »HAVE SPACESUIT – WILL TRAVEL«29;

Jill Boardman, Becky Vesant, Patty Paiwonski, Anne, Miriam und Dorcas in »STRANGER IN A STRANGE LAND«30; Star, die Kaiserin der Zwanzig Universen

in »GLORY ROAD«31; Wyoh, Mimi, Sidris und Gos- pazha Michelle Holmes in »THE MOON IS A HARSH

MISTRESS«32; Eunice und Joan Eunice in »I WILL FEAR NO EVIL«33; Ishtar, Tamara, Minerva, Hamad-

ryad, Dora, Helen Mayberry, Llita, Laz, Lor und Mau- reen Smith in »TIME ENOUGH FOR LOVE«34; und

Deja Thoris, Hilda Corners, Gay Deceiver und Eliz-

abeth Long in »THE NUMBER OF THE BEAST«35.

Man könnte die Liste noch verlängern.

21 Die Söhne des Vogels 22 Am Rande des Abgrunds, auch: Der Nova-Effekt 23 Das All hat keinen Boden 24 Weltraummollusken erobern die Erde 25 Die Tramps von Luna 26 Ultimatum von den Sternen 27 Tunnel zu den Sternen 28 Doppelleben im Kosmos 29 Piraten im Weltraum, auch: Die Invasion der Wurmgesichter 30 Ein Mann in einer fremden Welt 31 Straße des Ruhms 32 Revolte auf Luna 33 Das geschenkte Leben 34 Die Leben des Lazarus Long 35 Die Zahl des Tiers, Lauter hirnlose Hohlköpfe, was? (Praktisch jede von ihnen ist eine Sachverständige von Weltfor- mat auf mindestens einem anspruchsvollen, kon- kurrenzfähigen Gebiet; die Ausnahmen werden es auch noch werden, sobald sie erst erwachsen sind. Madame Curie hätte gern mit jeder einzelnen von ihnen geplaudert.) Hilflose Hausfrauen! (Jede von ihnen könnte es jederzeit mit Supergirl aufnehmen und so ganz nebenbei Superman erledigen.) Meiner Meinung nach könnte man Heinlein ausge- zeichnet als weiblichen Chauvinisten propagieren. Er hat wiederholt erklärt, daß Frauen im Durchschnitt klüger, geschickter und mutiger sind als Männer. Er betont immer wieder ihre biologische und emotio- nelle Überlegenheit. Er hat eine Frau geheiratet, die er mir gegenüber stolz als »gescheiter, besser erzo- gen und feinfühliger als ich« geschildert hat. In sei- nem letzten Buch »EXPANDED UNIVERSE« – dem eigentlichen Anlaß für diesen Artikel – schlägt er ohne die geringste Spur von Ironie vor, daß man den Männern das Wahlrecht aberkennen und ausschließ- lich den Frauen zugestehen sollte. Er hat ein Vier- teljahrhundert, bevor es allgemein üblich wurde, bis hinunter zu den Nebenfiguren immer wieder starke, intelligente, fähige, unabhängige, sexuell aggressive Frauengestalten geschaffen. Wir bewegen uns eindeutig noch immer auf dem Gebiet der Wahnvorstellungen, die geheilt werden können, indem man einfach in wachem Zustand Heinlein liest., 3. »Heinlein ist ein verkappter Schwuler.« Das habe ich nur zweimal gehört, aber ich führe diese Be- hauptung hier an, weil sie so entsetzlich dumm ist, und weil einer ihrer Proponenten Thomas Disch heißt. In einer Rede mit dem treffenden Titel »Die peinlichen Probleme der Science Fic- tion«, die in Peter Nicholls »EXPLORATIONS OF THE MARVELOUS« abgedruckt wurde, behauptet Disch mit den denkbar bestechendsten Argumen- ten, daß in »STARSHIP TROOPERS«36 ein homo- sexuelles Thema enthalten ist. Er findet offenbar, a) daß jeder in dem Buch eindeutig homosexuell ist (weil sie alle so macho handeln, und wir wis- sen alle, daß alle Macho-Männer in Wirklichkeit Schwule sind – klar? Außerdem tragen einige von ihnen Schmuck, was echte Männer im Lauf der Geschichte nie getan haben); b) daß das Heinlein sichtlich nicht bewußt ist (weil er in einem für Kinder bestimmten Buch, das 1962 erschienen ist, nie die Frage der sexuellen Praktiken der Infante- rie aufwirft), und c), daß a) und b) zusammen et- was wie einen erfolgreichen Schlag gegen Heinlein oder sein Buch oder seine Soldaten ... oder irgend etwas darstellen. Disch spottet über die »herum- stolzierenden Lederjacken« (Ich finde im Buch kei- nen Hinweis darauf, daß jemand Lederkleidung trägt), was ich einfach nicht begreife. 36 Sternenkrieger, Die zweite Befürworterin dieser Theorie war eine junge Frau bei einer SF-Convent-Party, die schlecht roch und sich so unvorteilhaft herge- richtet hatte wie möglich. Sie behauptete, »TIME ENOUGH FOR LOVE«37 beweise, daß Heinlein sich selbst ficken wolle. Ich schlug ihr vor, es selbst einmal zu versuchen, und ging zu einer an- deren Party. 4. »Heinlein ist rechtsextrem.« Hier handelt es sich nicht immer um eine semantische Verwir- rung wie bei dem oben zitierten »faschistischen« Geschwätz; gelegentlich weiß das jeweilige Groß- maul sogar, was »rechtsextrem« bedeutet, und ist imstande, die Definition so lange zu verdrehen, bis sie auf einen Mann paßt, der erbittert gegen die allgemeine Wehrpflicht kämpft, für beidersei- tige sexuelle Freiheit und das Recht der Frauen auf ihren Bauch eintritt, genüßlich ungewöhnli- che Ehebräuche beschreibt, höhere Budgets für die wissenschaftliche Forschung fordert, radikale Regierungsexperimente vorschlägt und in dessen Werken Anarchisten, Kommunisten, Sozialisten, Technokraten, Einschränkung-des-Wahlrecht-Re- publikaner, Kaiser und Kaiserinnen, Kapitalisten, Diktatoren, Diebe, Huren, Scharlatane und sogar Beamte (Mr. Kiku in »THE STAR BEAST«38) posi- 37 Die Leben des Lazarus Long 38 Das Ultimatum von den Sternen, tiv geschildert werden. Wenn das tatsächlich Kon- servativismus ist, dann ist Teddy Kennedy ein Li- beraler, und ich bin Maria von Rumänien. Und falls an der Behauptung etwas dran sein sollte – wann wurde festgelegt, daß eine konser- vative Einstellung für den Gebrauch in literari- schen Werken ungeeignet ist? Ich muß es über- sehen haben. 5. »Heinlein ist autoritär.« Natürlich, einer der we- sentlichen Charakterzüge von Lazarus Long ist der Respekt vor Gesetz und Ordnung. Das gilt auch für Jubal Harshaw, Deety Burroughs, Fader Mc- Gee, Noisy Rhysling, John Lyle, Jim Marlowe, Wy- oming Knott, Manuel Garcia O‘Kelly-Davis, Prof. de la Paz und Dak Broadbent. In seinem letzten Roman, »THE NUMBER OF THE BEAST«39 ist Heinlein sogar so autoritär, daß er feststellt, in ei- nem Rettungsboot könne es immer nur einen Ka- pitän geben. Er schlägt auch vor, daß der Kapitän einstimmig gewählt wird. 6. »Heinlein ist für Libertät.« Um Gottes willen, nein! Wie schrecklich. Ich bin ein Sklave. Ich weiß, daß es verrückt klingt, aber ich habe ein paarmal »Libertät« in abwertendem Sinn gehört. 39 Die Zahl des Tiers, 7. »Heinlein ist elitär.« Na ja. Wenn Sie damit mei- nen, daß er findet, manche Menschen sind für un- sere Spezies wertvoller als andere, dann bin ich Ih- rer und seiner Meinung. Wenn Sie meinen, daß er findet, die Meinung eines Gelehrten ist mehr wert als die eines Dummkopfs, dann stimme ich wie- der zu. Wenn Sie mit »elitär« meinen, daß Hein- lein findet, die Starken sollten über die Schwa- chen herrschen, dann bin ich absolut nicht Ihrer Ansicht (Erinnern Sie sich an den gebrechlichen Professor de la Paz und an Waldo und denken Sie daran, daß Heinlein 1934 als »auf Dauer vollkom- men invalid« eingestuft wurde). Wenn Sie mei- nen, daß er findet, die Reichen sollten die Armen ausnützen, verweise ich Sie auf »THE MOON IS A HARSH MISTRESS«40 und »I WILL FEAR NO EVIL«41. Wenn Sie meinen, daß er findet, die Wei- sen sollten die Dummen regieren und die Fähigen die Unfähigen, dann bekenne ich mich des glei- chen Vergehens schuldig. Jemand muß schließlich am Lenkrad sitzen – sollte es nicht vernünftiger- weise der beste Fahrer sein? Wie findet man den besten Fahrer? Heinlein hat uns eine Vielzahl interessanter, einander aus- schließender Vorschläge unterbreitet; warum un- tersuchen wir sie eigentlich nicht? 40 Revolte auf Luna 41 Das geschenkte Leben, 8. »Heinlein ist Militarist.« Abgesehen von der Tatsache, daß er gegen die Einberufung ist – dar- auf ist er wirklich stolz. Gibt es tatsächlich Men- schen, die so naiv sind anzunehmen, daß sie ih- ren Lebensstil auch nur einen Monat beibehalten könnten, wenn die Streitkräfte ihres Landes durch Zauberei verschwinden? O doch, ich lerne sie im- mer wieder kennen. 9. »Heinlein ist Patriot.« (Eigentlich sagen sie im- mer »Superpatriot«. Für sie gibt es keine andere Art von Patriotismus.) Jeder, der sich über Patrio- tismus lustig macht – und weiterhin in der Ge- sellschaft lebt, deren Mitglieder er verspottet – ist ein Parasit, ein Schwindler oder ein Idiot. Oft al- les gleichzeitig. Patriotismus bedeutet nicht, daß man sein Land für vollkommen, für untadelig oder auch nur für besonders liebenswert hält; es bedeutet auch nicht, daß man ihm blind ergeben ist, sich dorthin be- gibt, wo es einen hinschickt und auf seinen Befehl hin den tötet, dessen Tod es anordnet. Es bedeutet, daß man verpflichtet ist, seinen Bestand zu sichern und es zur Blüte zu führen, daß man alles Notwen- dige unternimmt (auch sein Leben opfert), um es zu schützen, wenn man persönlich feststellt, daß ihm – militärisch oder auf andere Art – eine töd- liche Gefahr droht. Und dieser Haltung sollte man sich schämen? Heinlein hat deutlich genug gezeigt, daß er bei einer hypothetischen Kraftprobe zwi-, schen Patriotismus der Menschheit gegenüber und nationalem Patriotismus für den Vorgang des er- steren eintreten würde. 10. »Heinlein ist Atheist«, oder »Agnostiker«, oder »Solipsist« oder »beschränkter Fundamentalist« oder »hedonistischer Calvinist«, oder ... Robert Heinlein hat sich beharrlich geweigert, über seine persönliche Einstellung zu sprechen; in einer sei- ner Erzählungen erklärt eine Gestalt überzeugend, daß dies unmöglich sinnvoll sein kann. Und doch kennen alle genau seinen Standort. Ich kenne ihn nicht. Bis jetzt hat man ihn noch nie als beschränk- ten Katholiken bezeichnet (ich würde es auch nie in Erwägung ziehen), aber in meiner neuen An- thologie »DIE BESTE ALLER MÖGLICHEN WEL- TEN« findet sich eine Geschichte, die Heinlein als eine seiner nie erreichten Lieblingserzählungen ausgewählt hat, eine tief religiöse Erzählung von Anatole France (der oft als Agnostiker bezeichnet wird), und die »DER GAUKLER UNSERER LIE- BEN FRAU« heißt. Ich hörte sie zum ersten Mal in der Volksschule in der Bronx, vor so langer Zeit, daß ich sie vergessen hatte, bis Heinlein meinem Gedächtnis auf die Sprünge half. Aber auf keinen Fall geht seine Theologie je- manden etwas an. Gott weiß, daß sie kein Grund ist, sein Werk zu kritisieren., 11. »Heinlein ist dogmatisch.« Ich kann zwar nicht für ihn sprechen, aber ich nehme an, daß er dieses Kompliment akzeptieren würde. Die Menschen, die es für eine Beleidigung halten, sind natürlich immer so vorurteilsfrei wie ein neugeborenes Kü- ken. Schluß mit den persönlichen Angriffen! Welche Anklagen werden gegen Heinleins Werk erhoben, worin bestehen seine Mißerfolge als Science Fic- tion-Autor? Fangen wir wieder mit den engstirnig- sten Beschuldigungen an. II. Literarische Fehler 1. »Heinlein verwendet Slang.« Tut mir leid, voll- kommen falsch. Es kommt sehr selten vor, daß eine seiner Gestalten Slang oder Argot spricht; als Autor verwendet er ihn niemals. Was bei ihm irr- tümlich als Slang bezeichnet wird, sind Redewen- dungen und Ausdrücke der Umgangssprache. Ich werde nicht darauf eingehen, daß ein Schriftstel- ler die Aufgabe hat, sie zu erhalten (was für mich persönlich eine Selbstverständlichkeit darstellt) – jedenfalls nicht in dieser Abhandlung. Ich möchte nur einfach feststellen, daß man bei einem Men- schen kaum die Verwendung einer Sprache kriti- sieren kann, deren Terminologie man selbst nicht beherrscht., 2. »Heinlein kann keine glaubhaften Frauenge- stalten schaffen.« Man kann diese Behauptung leicht beweisen: man glaubt an keine von Hein- leins Frauengestalten und bleibt dabei, daß jeder, der an sie glaubt, naiv ist. Doch da ergibt sich ein Problem: etliche von Heinleins Frauengestalten sind seiner Frau Virginia wie aus dem Gesicht ge- schnitten – Sie müßten also auch an sie nicht glau- ben –, was leicht zu Ihrem Tod führen könnte, wenn ihre Wege sich einmal kreuzen sollten. Es gibt auch eine Dame, mit der ich einst lange zu- sammengelebt habe, die die Läden, in denen Ma- gazine verkauft werden, abklapperte, als »I WILL FEAR NO EVIL«42 in »Galaxy« in Fortsetzungen er- schien, weil sie es nicht erwarten konnte, die wei- teren Abenteuer der »unglaubwürdigen« Gestalt zu lesen, mit der sie sich so sehr identifizierte – Sie dürften dann auch an sie nicht glauben. Merkwürdigerweise wird dieser Vorwurf oft von radikalen Feministinnen erhoben. Untersuchun- gen ergeben, daß Heinleins Frauengestalten bei- nahe immer überaus intelligent, gebildet, tüchtig, praktisch, erfinderisch, mutig, unabhängig, sexu- ell aktiv und so selbstsicher sind, daß sie die Egos ihrer Männer genauso oft streicheln, wie die ihren gestreichelt werden. Ich gebe – ungern – zu, daß diese Beschreibung nicht auf die Durchschnitts- 42 Das geschenkte Leben, frau zutrifft, wie ich sie sehe, doch ich stelle über- rascht fest, daß ich versuche, Feministinnen davon zu überzeugen, daß es solche Frauen tatsächlich gibt. Ich weiß, was die Radikalen in Wut bringt: zwei allgemeine Charakteristika von Heinleins Hel- dinnen, die ich in obiger Liste ausgelassen habe. Sie sind immer schön und darauf stolz (unabhän- gig davon, ob sie auch hübsch sind), und sie sind oft sehr daran interessiert, Kinder zu bekommen. Keine von ihnen bedauert zutiefst, daß sie als Frau geboren wurde, keine ärgert sich darüber – und dadurch sind sie nicht nur Verräterinnen an ih- rem unterdrückten Geschlecht, sondern auch un- glaubwürdig. 3. »Heinleins Männergestalten sind alle er.« So- viel ich weiß, hat James Blish als erster diese Be- hauptung in einem Essay mit dem Titel »Heinlein, Sohn Heinleins«, den ich nicht gelesen habe, auf- gestellt. Doch Panshin hat diese These breit ausge- sponnen. Seiner Meinung nach gibt es drei grund- legende männliche Gestalten, die Heinlein immer wieder verwendet, das sogenannte Drei-Stadien- Heinlein-Individuum. Das erste und früheste Sta- dium ist der kluge, aber naive Jüngling; das zweite ist der Mann in den besten Jahren, der weiß, wie es in der Welt zugeht; der dritte ist der alte Mann, der weiß, wie sie funktioniert, und wie sie so ge- worden ist, wie sie ist. Panshin behauptet, daß alle, drei in Wirklichkeit der kaum verkleidete Hein- lein sind. (Für mich stellen sie den durchschnitt- lich intelligenten Menschen dar.) Niemand erklärt, was daran, wenn überhaupt, falsch ist, aber offenbar ist damit gemeint, daß Heinlein unfähig ist, sich in den Geist eines Men- schen zu versetzen, der nicht ist wie er selbst. Eine interessante Theorie – wenn man Dr. Ftaeml, Dr. Mahmoud, Memtok, David McKinnon, Andy Libby, alle Gestalten in »WALDO & MAGIC INC.«43 und »AND HE BUILT A CROOKED HOUSE«44, Noisy Rhysling, das Paar in »IT‘S GREAT TO BE BACK«45, Lorenzo Smythe, der Mann, der mit Elefanten han- delte, Bill Lermer, Hugh Farnham, Jake Salomon, alle sehr alte Gestalten in »TIME ENOUGH FOR LOVE«46, alle sehr jungen Gestalten in »TUNNEL IN THE SKY«47 mit Ausnahme von Rod Walker und alle vier Hauptfiguren in »THE NUMBER OF THE BEAST«48 (unter vielen anderen) vergißt. Alle sind Hauptgestalten, und keine paßt in den Drei- Stadien-Rahmen. (In den übrigens auch Heinlein nicht paßt – er hat mit dreißig Jahren bereits die Weisheit und die Einsicht des dritten Stadiums be- sessen.) 43 Die Zeit der Hexenmeister 44 Das 4 D-Haus 45 Die Mondsüchtigen 46 Die Leben des Lazarus Long 47 Tunnel zu den Sternen 48 Die Zahl des Tiers, Wenn alle Männergestalten Heinleins, die in diese drei Kategorien gezwängt werden können, nur leicht verkleideter Heinlein sind, warum fällt es mir dann überhaupt nicht schwer, zum Beispiel Juan Rico von Thorby, Rufo von Dak Broadbent, Waldo von Andy Libby, Jubal Harshaw von Johann Smith zu unter- scheiden? Wenn Heinleins Charakterisierungen mo- noton sind, warum bringe ich dann nicht Oberst Dubios, Oberst Baslim und Oberst Manning durch- einander? Welcher der vielen Helden in »THE NUM- BER OF THE BEAST«49 ist der wirkliche Heinlein, und woher wollen Sie es wissen? Natürlich kann man die meisten von Heinleins Helden verallgemeinern – ihn fasziniert zum Bei- spiel Tüchtigkeit, während Autoren wie Pohl und Sheckley von Unfähigkeit fasziniert sind. Heißt das, daß alle drei Schriftsteller schlecht sind? Wenn die regelmäßige Verwendung eines bestimmten Typs eine literarische Sünde darstellt, dann sollten wir Alfred Bester, Kurt Vonnegut, Phil Dick, Larry Ni- ven, Philip Roth, Raymond Chandler, P. G. Wode- house, J. P. Donleavy und tausend andere mit der gleichen Elle messen. 4. »Heinlein beschreibt nicht das Aussehen seiner Helden.« Wenn ich daraufhin aus dem Gedächt- nis umfassende Beschreibungen von Lazarus, Dora 49 Die Zahl des Tiers, und Minerva Long, Scar Gordon, Jubal Harshaw und Eunice Branca herunterrassele, fügen die Be- schwerdeführer meist hinzu, »außer, der Aufbau der Geschichte erfordert es«. Daraufhin wechsle ich die Taktik und sehe darin einen Beweis von Heinleins Genialität. So kann sich nämlich die größtmögliche Zahl seiner Leser mit seinen Ge- stalten identifizieren. Worüber sich diese Typen für gewöhnlich be- schweren, ist das Fehlen jeglicher dichterischer Be- schreibung des Aussehens, Wendungen wie »Fra- gende Augen wie Zwerghaselnüsse glühten düster über einer kräftigen, doch vertrauenerweckenden Nase, von der zwei sanft geschwungene Kurven ausgingen, die einen bonbonrosa Mund umrahm- ten. Rot waren seine Wangen, und sein Haar hatte die Farbe der milden Abstraktion eines Winter- morgens in Antigonish.« Bei Heinlein ist ein Bild selten tausend Worte wert – am wenigsten ein Porträt. Aber ich muß zugeben, daß Alexej Panshin auf Seite 128 von »HEINLEIN IN DIMENSION« den Finger auf die Wunde gelegt hat: »... wenn dem Leser während der Lektüre nicht auffällt, daß die Beschreibungen fehlen, werden sich ihm die ein- zelnen Gestalten schwerlich einprägen.« Mit ande- ren Worten, wenn man der Phantasie des Lesers Spielraum läßt, kann einem die Hälfte der Kriti- ker nicht mehr folgen. Was natürlich eine gute Lösung ist., 5. »Heinlein kann keine Handlung erfinden.« Eine meiner Lieblingsstellen in »HEINLEIN IN DIMEN- SION« ist der Abschnitt über die Handlung. Auf Seite 153 behauptet Panshin, daß Heinleins Früh- werke mangelhaft sind, weil »sie nicht flott erzählt werden. Sie entwickeln sich zwar von Anfang an auf das Ende zu und gelangen auch irgendwann dorthin, aber unterwegs schweifen sie ab.« Auf der nächsten Seite kritisiert Panshin Heinleins spätere Werke, weil sie nicht abirren, weil sie ausschließ- lich die Einzelheiten enthalten, die für den Inhalt wesentlich sind. »In »GULF«50 verbringt Heinlein zum Beispiel ei- nen Tag in der Zeit und sechsunddreißig Seiten damit, einen Agenten anzuwerben. Dann verbringt Heinlein sechs Monate, die er in weiteren dreißig Seiten streift, mit der Ausbildung des Agenten. Und dann, nur um die Geschichte zu beenden, läßt er seinen Agenten bei einem Job sterben, für den er einen Tag gebraucht hat, und geht auf schlichten vier Seiten darüber hinweg. Es ist deutlich zu erkennen, daß er allmählich die Kon- trolle verliert.« Vermutlich treten die interessanten und wichti- gen Ereignisse in Panshins Leben in gleichbleiben- dem, durchschnittlichem Tempo ein. Oder aber er wollte, daß die langweiligen, unwichtigen Teile von Joes Leben beschrieben werden, um eine ima- so Nächste Station: Morgen, ginäre Waage im Gleichgewicht zu halten. (Ach ja, nur damit wir es richtigstellen, in »GULF«51 heißt es eindeutig, daß Joes letzte Mission mehrere Tage dauert.) Alle gedruckten Kritiken über Heinleins Buchin- halte laufen auf den gleichen empörten Einwand hinaus; wenn man einen Überblick über die Folge der Ereignisse in einer Erzählung von Heinlein ver- faßt, stellt sich heraus, daß sie meist nicht ausge- wogen und symmetrisch sind. Stimmt. Die Ereig- nisse scheinen irgendwie hin- und herzuschweifen, wie es im Leben oft der Fall ist, und wenn man am Ende das Ziel erreicht hatte, zu dem einen der Au- tor führen wollte, blickt man auf seine Spuren zu- rück und entdeckt in ihnen kein mathematisches Muster und keine regelmäßige geometrische Form. Doch wenn man genauer hinsieht, stellt man fest, daß man auf der kürzest möglichen Strecke hin- gelangt ist, so direkt, wie es das Gelände eben er- laubt hat. Und daß man sich beeilt hat. Daß die Ereignisse nicht durch eine einfache Glei- chung umschrieben werden können, ist ein Zeichen für Heinleins Talent, nicht für seine Schwäche! 6. »Heinlein kann keine Sexszenen schreiben.« Das führt für gewöhnlich zu einer unterhaltsamen Stunde, in der man versucht, eine »gute Sexszene« 51 Nächste Station: Morgen, zu definieren. Hier sind erfahrungsgemäß alle ver- schiedener Meinung, aber die meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, begnügen sich mit folgenden vier Erfordernissen: eine »gute« Sex- szene sollte glaubwürdig sein, unter allgemeiner Zustimmung (der Beteiligten) erfolgen, der natür- lichen Weiterentwicklung der Erzählung dienen und kein aufgesetzter Effekt sein und den Leser hoffentlich sexuell erregen. Der Reihe nach: Hein- lein hat nie eine sexuelle Aktivität beschrieben, die bei Masters oder Johnson auch nur die leiseste Überraschung auslösen würde. In zweiundvierzig Büchern erinnere ich mich an eine einzige Szene einer versuchten Vergewaltigung (die leider er- folglos verläuft), und an zwei Schilderungen sehr sanfter Prügel. Ich habe keine ungerechtfertigte Sexszene gefunden, die nur eingeführt wird, um eine langweilige Geschichte zu würzen, und ich fordere alle auf, mir das Gegenteil zu beweisen. Zum letzten Punkt: falls Sie jemals einen Por- noladen betreten haben (wenn nicht, warum? In- teressieren Sie sich denn überhaupt nicht für Men- schen?), dann werden Sie festgestellt haben, daß höchstens fünf bis zehn Prozent der vorhande- nen Artikel die Kunden erregt. Und doch wird al- les verkauft – sonst würde es nicht geführt wer- den. Was dem einen seine Eule, ist dem anderen seine Nachtigall. Vielleicht benehmen sich Hein- leins Gestalten im Bett tatsächlich nicht so wie Sie – na und?, Einige Leute behaupten, daß »Heinlein plötzlich begonnen hat, über Sex zu schreiben, nachdem er jahrelang keine Notiz von ihm genommen hat ...« Sie beschweren sich darüber, daß alle frühen Hel- den Heinleins sich mindestens wie Pfadfinder beneh- men. Bitte untersuchen Sie eine beliebige vollstän- dige Bibliographie des frühen Heinlein – am Ende von »HEINLEIN IN DIMENSION« befindet sich eine, die vollkommen genügt. Wenn Sie folgende Werke ausklammern: (a) Jugendromane, in die Heinlein ge- nausowenig eine Sexszene aufnehmen konnte wie je- der andere Autor von Jugendbüchern in den vier- ziger und fünfziger Jahren; (b) Erzählungen, die er an John Campbell verkauft hat und aus denen Kay Tarrant alle Anspielungen auf Sex herausgeschnit- ten hat, ganz gleich, wer der Autor war; (c) Erzäh- lungen, die an »ehrbare«, vornehme, Nicht-SF-Ab- nehmer verkauft wurden, die bereits alle möglichen Tabus brachen, indem sie überhaupt Science Fiction kauften; (d) Erzählungen, in denen eine Sex-Neben- handlung nicht in die Geschichte paßte; und (e) Er- zählungen für »Boy‘s Life«, dessen Leser tatsächlich Pfadfinder waren – dann bleiben bis 1961 zwei Ro- mane und zwei Erzählungen übrig, die alle vor Sex strotzen. Verlassen Sie sich nicht auf mich, schla- gen Sie es selbst nach. Als 1961 »STRANGER IN A STRANGE LAND«52 erschien, war Heinlein einer 52 Ein Mann in einer fremden Welt, der ersten SF-Autoren, der endlich offen über Sex sprach, und dabei blieb. (Anmerkung für die Histo- riker: Ich weiß, daß Farmers »THE LOVERS«53 neun Jahre früher erschienen ist – aber beachten Sie, daß diese Erzählung erst 1961 in Buchform erschienen ist, dem gleichen Jahr wie »STRANGER IN A STRANGE LAND« und ein Jahr nach Sturgeons »VENUS PLUS X«54. Ich kenne verschwindend wenig Siebzigjährige, deren Ansichten über Sex halb so liberal und aufge- schlossen sind wie die Heinleins – und leider auch in anderen Altersstufen nur verdammt wenige der- artige Leute. 7. »Heinlein spielt sich als Moralapostel auf.« »Mo- ralapostel: der dazu neigt zu predigen.« »Predigen: schriftlich oder mündlich darlegen; auf Anerken- nung oder Befolgung von (bestimmten religiösen oder moralischen) Grundsätzen drängen.« Die klassische Aufgabe der Dichtung besteht darin, eine Gestalt oder mehrere Gestalten zu schaffen, der oder denen sie ein Problem oder meh- rere Probleme zu lösen gibt, und dann zu zeigen, wie diese Gestalten um eine Lösung oder mehrere Lösungen ringen. Wenn die Dichtung das nicht tut, werden nur verhältnismäßig wenig Leute da- für Geld auf den Tisch legen. (Wenn Sie wollen, schimpfen Sie über »archaische Gesetze, die die 53 Die Liebenden 54 Venus Plus X, freie Kreativität ersticken«: so funktionieren Le- ser eben, und wir sind für sie da.) Wenn die an- gebotene Lösung kein moralisches Prinzip enthält (sehr schwierig zu erzielen), dann liegt eben ein Kochbuch oder ein Handbuch für Raumschiffrepa- raturen für den vollkommenen Idioten vor. Wenn keine optimale Lösung angeboten wird, wenn das Problem nicht gelöst wird, dann gibt es drei Mög- lichkeiten: entweder vertritt der Schriftsteller das moralische Prinzip, daß es für bestimmte Probleme keine optimale Lösung gibt (z. B. »SOLUTION UN- SATISFACTORY«55 von R.A.H.), oder der Autor möchte, daß jemand anderer eine Lösung für das Problem findet, weil es ihm nicht gelingt, oder der Autor hat Ihnen einfach eine Reihe von geistlosen, deprimierenden Anekdoten erzählt, hat lange her- umgeredet, ohne etwas zu sagen (z. B. der größte Teil der modernen Mainstream-Literatur). Viel- leicht ist es eine Fähigkeit, um die man einen Poli- tiker beneiden könnte, aber ist sie tatsächlich eine Voraussetzung für gute Prosa? Sondern Sie alle angeführten Fälle aus, und Sie erhalten die Mehrheit aller je geschriebenen Prosa und die überwältigende Mehrheit der gu- ten Prosa. Eine der merkwürdigen menschlichen Eigen- schaften besteht jedoch darin, daß wir zwar von 55 »Lösung Unbefriedigend«, unserer Prosa Lösungen für moralische Konfliktsi- tuationen erwarten, es aber nicht zugeben wollen. Unsere Schriftsteller sollen die Frage »Was ist mo- ralisches Verhalten?« beantworten, aber es wäre uns lieber, wenn wir sie nicht dabei erwischen, wie sie uns die Antwort unterschieben. Wenn wir die Pille schlucken sollen, muß sie einen dicken Zuckerguß haben. (Ich mache die Menschen nicht schlecht. Ich bin ja selbst einer. Daß man nackte Affen überhaupt zu moralischen Überlegungen veranlassen kann, ist ein Wunder. Die Literatur ist der Widerpart zu autoritären Regierungssystemen und zu den meisten organisierten Religionen – die moralische Überlegungen durch Gesetze ersetzen wollen – und in diesem Fall sollten wir alle glück- lich sein, wenn wir die Arme bis zu den Schultern in Zucker tauchen können.) Sobald ich meine Beweisführung darüber, daß »moralisierend« ein Kompliment für einen Schrift- steller ist, abgeschlossen habe, ziehen die Leute, die ihn angegriffen haben, ihre Behauptung meist zurück und sagen, daß sie etwas anderes gemeint haben, nämlich: 8. »Heinlein benützt seine Werke, um uns zu pre- digen.« Hier kommen wir endlich zu etwas, das mehr als nur Schaumschlägerei ist. Wenn es stimmt, dann handelt es sich um eine echte, schwerwie- gende literarische Beschuldigung., Robert Heinlein hat 1950 geschrieben: »Ein Science Fiction-Autor hat vielleicht, oder sogar oft, außer dem Gelderwerb noch andere Motivationen. Vielleicht möchte er ›Kunst um der Kunst willen‹ schaffen, vielleicht möchte er die Welt vor einem Kurs warnen, der auf eine Katastrophe zusteuert (Orwells »1984«, Huxleys »BRAVE NEW WORLD«56, aber bitte vergessen Sie nicht, daß beide sehr unterhaltsam sind und daß beide Berge von Geld eingebracht haben), viel- leicht möchte er die menschliche Rasse auf einen Weg führen, den er für erstrebenswert hält (Bel- lamys »LOOKING BACKWARDS«57, Wells‘ »MEN LIKE GODS«58, vielleicht möchte er belehren, er- heben oder gar blenden. Aber für den Science Fic- tion-Autor – für jeden Schriftsteller – muß Unter- haltung das Hauptanliegen sein ... oder er landet wieder beim alten Baumwollsack.« Aus »PANDORA‘S BOX« in: »EXPANDED UNIVERSE«, S. 311 Die Veränderung besteht darin, daß Robert Hein- lein in seinen letzten Werken die Predigten höher- stellt als die Unterhaltung, daß er, wie Theodore Sturgeon einmal über H. G. Wells’ Spätwerke be- merkt hat, »sein Erstgeburtsrecht für einen Topf 57 Wackere neue Welt, auch »Schöne neue Welt« 57 »Ein Rückblick aus dem Jahr 2000 auf das Jahr 1887« 58 Menschen, Göttern gleich, mit Botschaften verkauft hat«. Als Beweis dafür führt die Anklage »I WILL FEAR NO EVIL«59 und »TIME ENOUGH FOR LOVE«60 an. Niemand hört gern Predigten, nicht wahr? Das heißt, niemand hört gern Predigten von einem Kerl, der nicht mehr weiß als er selbst. Doch gute Menschen, verantwortungsbewußte Menschen, aufgeschlossene Bürger wollen doch bestimmt Predigten von jemandem hören, der mehr weiß als sie. Sind wir tatsächlich Heinlein vierzig Jahre lang nur deshalb gefolgt, weil er großartige Ta- schenspielertricks beherrscht? Nur deshalb? Die Verteidigung ist bereit einzuräumen, daß im Vergleich zum frühen Heinlein die erwähnten Werke viel Gerede und wenig Handlung aufwei- sen. (»TIME ENOUGH FOR LOVE«61 vielleicht am wenigsten.) Die Verteidigung möchte jedoch wis- sen, was daran so schlecht ist, und verweist in die- sem Zusammenhang auf »VENUS PLUS X«, »TRI- TON«, »CAMP CONCENTRATION« und »THE THURB REVOLUTION«. In »I WILL FEAR NO EVIL«62 geht es um ei- nen Mann, dessen Gehirn in den Körper einer ge- sunden, sinnlichen Frau verpflanzt wird; entsetzt stellt er fest, daß die ursprüngliche Persönlichkeit 59 Das geschenkte Leben 60 Die Leben des Lazarus Long 61 Die Leben des Lazarus Long 62 Das geschenkte Leben, des Körpers, seine Seele, noch in dem Schädel vor- handen ist (oder, wie Heinlein sicherheitshalber nicht ausschließt, er leidet unter einer dauernden, komplizierten Halluzination). Sie lehrt ihn, weib- lich zu sein, und lernt dabei, wie es ist, männlich zu sein. Gibt es eine Möglichkeit, dieses Thema ohne eine Reihe innerer Dialoge, viel Meinungs- und Erfahrungsaustausch und einem Minimum an rasch fortschreitender Handlung zu behandeln? Oder ist das Thema an sich in der SF unzulässig? »TIME ENOUGH FOR LOVE«63 betrifft den (weitaus) ältesten Mann der Galaxis, der so lange gelebt hat, daß er nicht mehr leben will. Aber seine Nachkommen (und aufgrund der Wahrscheinlich- keitsrechnung sind die meisten zu dieser Zeit le- benden Menschen seine Nachkommen) wollen ihn nicht sterben lassen und versuchen, seine Lebens- freude durch drei sehr vernünftige Maßnahmen wiederherzustellen: Sie reden ihm zu, von den al- ten Zeiten zu sprechen, sie finden eine neue Be- schäftigung für ihn, und sie überhäufen ihn mit Liebe und Achtung. Das alles erfordert doch viele Gespräche, nicht wahr? Wie ich bereits erwähnt habe, besitzt dieses Buch eine Menge Handlung, wenn Lazarus sich endlich erinnert (und lügt); die Szene mit der versuchten Vergewaltigung ist zum Beispiel ein kleines Meisterwerk, beinahe An- 63 Die Leben des Lazarus Long, schauungsunterricht darüber, wie man eine tätli- che Auseinandersetzung beschreibt. Will jemand tatsächlich behaupten, daß Ideen nicht genauso unterhaltsam sind wie eine rasch fortschreitende Handlung? Bei »THE NUMBER OF THE BEAST«64 werden Sie feststellen, daß es mehr Handlung enthält, als die beiden letzten Bücher zusammen – und außer- dem, da alle vier Hauptgestalten außergewöhnlich gebildete Menschen sind, die gern diskutieren – eine Anhäufung von lebhaftem, geistreichem Dia- log. Ich möchte auch festhalten, daß seine grund- legende Voraussetzung vollkommen, entzückend absurd ist – und daß ich bezweifle, daß man sie widerlegen kann. (Vielleicht sind Heinlein und Phil Dick doch nicht so weit voneinander ent- fernt.) Es hat mich bis zur letzten Seite gefesselt, und seine Wirkung hält sogar jetzt noch an. Ich möchte noch ein paar Beweisstücke vorle- gen: Erstens: Gemäß einer Presseaussendung waren 1980 drei der SF-Bestseller-Titel von Berkleys Pu- blishing Company »STRANGER IN A STRANGE LAND«65, »TIME ENOUGH FOR LOVE«66 und »I WILL FEAR NO EVIL«67. 64 Die Zahl des Tiers 65 Ein Mann in einer fremden Welt 66 Die Leben des Lazarus Long 67 Das geschenkte Leben, Zweitens: In nur sechs Jahren, seit »TIME ENOUGH FOR LOVE« als Taschenbuch erschie- nen ist, hat es dreizehn Neuauflagen erlebt – eine Leistung, die sowohl »STRANGER IN A STRANGE LAND« als auch »THE MOON IS A HARSH MI- STRESS«68 erst nach zehn Jahren geschafft haben. Drittens: Gregg Press, ein exklusiver Verlag, der schöne Hardcover-Ausgaben von den seiner Mei- nung nach besten Werken der SF druckt, hat be- reits eine Auflage von »I WILL FEAR NO EVIL« herausgebracht, die selbst nach dem tausendmal- sten Gelesenwerden noch nicht zerfällt. Viertens: »THE NOTEBOOKS OF LAZARUS LONG«, ein Auszug aus »TIME ENOUGH FOR LOVE«, der außer Meinungen keine Spur von Handlung, Erzählung oder Dramatik enthält, ver- kauft sich als Taschenbuch, das zum Teil von D. F. Vassallo handbetitelt ist, sehr gut. Ich kenne in der gesamten SF keine Parallele dazu (außer Sie halten Tolkien für SF). Fünftens: Heinleins Roman »THE NUMBER OF THE BEAST«69, das von Verlegern erstanden wurde, die sehr gut wissen, wie sich Heinleins letzte Bücher verkauft haben, hat ihm ein bis da- hin noch nie erreichtes Rekordhonorar von einer halben Million Dollar eingebracht. 68 Revolte auf Luna 69 Die Zahl des Tiers, Der alte Mann hat seine schöpferische Kraft ver- loren, nicht wahr? Scharen von Lesern, die aufge- bracht sind, weil es ihm nicht gelingt, sie zu unter- halten, versuchen, ihn in Dollars zu ertränken. Was ist los? Sie dort hinten in der letzten Reihe, reden Sie schon! Sie behaupten, daß Sie sich nicht unterhalten haben, und das beweist, daß Heinlein nicht unterhaltsam ist? Hören Sie, sind Sie nicht der Mann, der den Kerl von der »New York Times« davon überzeugen wollte, daß die SF keine hirn- lose Abenteuerliteratur für Halbwüchsige, sondern die Literatur der Ideen ist? Soziale Bedeutung und so weiter? Der Mann in der letzten Reihe meint nicht, daß Ideen und Meinungen in einem SF-Roman nichts zu suchen haben. Er meint, daß er nicht al- len Meinungen Heinleins zustimmt. (Nicht einmal das stimmt genau. Aus dem Krach und der Leiden- schaft, mit denen er seine Mißbilligung ausdrückt, geht klar hervor, daß er Heinleins Meinungen haßt und erbittert bekämpft.) Ich kenne viele Fälle, in denen die Kritiker an- derer Meinung waren als Robert Heinlein oder seine Ansichten herabgewürdigt oder heftig be- kämpft haben. Einige waren sogar fähig, diese An- sichten richtig zu formulieren. (Nämlich, daß sie sich von den Meinungen seiner Gestalten unter- scheiden.) Ich kenne jedoch niemanden, dem es gelungen ist, sie zu widerlegen, zu beweisen, daß auch nur, eine von ihnen falsch ist. Ich bin davon überzeugt, daß es geschehen könnte, aber ich warte immer noch darauf. Die Arme der Verteidigung sind müde, weil sie so viele Beweisstücke auf den Richtertisch geho- ben haben; die Verteidigung sollte sich jetzt viel- leicht ein wenig ausruhen. Statt dessen will ich eine Wendung um hunder- tachtzig Grad machen, mich schuldig bekennen, eine Erklärung abgeben und mich der Gnade des Gerichts ausliefern. Ich glaube tatsächlich, daß der Zuckerguß auf Heinleins letzten Büchern (verhält- nismäßig) dünn ist, und zwar nicht zufällig oder weil seine Kreativität gelitten hätte. Es gibt näm- lich einen guten Grund, warum die Handlungen der genannten drei Bücher den Hauptfiguren er- möglichen und von ihnen erwarten, daß sie lange Predigten halten. Moralische, geistige, politische und historische Lektionen, die er früher minde- stens zu einer Novelle verarbeitet hätte, fließen in letzter Zeit dutzendweise in jedes Gespräch ein. Daß seine Bücher dennoch nicht Versager sind wie etwa Wells‘ letzte Werke, kommt nur daher, daß Heinlein gar nicht imstande ist, langweilig zu schreiben. Innerhalb von vier Jahrzehnten hat sich immer deutlicher gezeigt, daß er nicht der »reine Unterhalter« ist, als den er sich immer bezeich- net, daß er Predigten halten muß – und die Käufer stürmen noch immer scharenweise die Buchhand-, lungen. Außerdem hat die Dringlichkeit seine Bot- schaft im Lauf dieser vier Dekaden zugenommen. Und mit »EXPANDED UNIVERSE« hat Hein- lein sich endlich voll und ganz deklariert. Da- durch wird »EXPANDED UNIVERSE«, trotz sei- ner zahlreichen Schönheitsfehler, zum wichtigsten und wertvollsten Heinlein-Buch, das je erschie- nen ist. Ich möchte Ihnen etwas über das Buch erzäh- len. Es basiert auf einem frühen, längst vergrif- fenen Buch von Heinlein, »THE WORLDS OF ROBERT A. HEINLEIN«70, aber sein Umfang ist um ungefähr 160% erweitert worden, enthält etwa 125000 Worte neues Material, insgesamt etwa 202500 Worte. Ein Teil des neuen Stoffs ist Dich- tung, obwohl nur wenig davon Science Fiction ist (etwa 17500 Worte). Aber der größte Teil des neuen Stoffs, etwa 84000 Worte, ist keine Dich- tung. Alles in allem kommt das Buch Heinleins Memoiren am nächsten und stellt bis heute seine endgültige persönliche Stellungnahme dar. In zehn Essays, einer Polemik, eineinhalb Reden und aus- führlichen Vor- und Nachworten zu den meisten der dreizehn Geschichten führt uns Heinlein tiefer in seine Gedankenwelt ein als je zuvor. Und wis- sen Sie was? Er hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit Lazarus Long. Zum Beispiel kann Heinlein zwar Lazarus‘ groß- artige angeborene Interesselosigkeit gegenüber dem Schicksal einer beliebigen Gesellschaft erfin-, den und billigen, aber sie nicht selbst empfinden. Im Gegensatz zu Lazarus liebt Heinlein die Verei- nigten Staaten von Amerika. In diesem Buch ver- rät er Ihnen genau, warum. Er führt dafür logi- sche, pragmatische Gründe an. Er erzählt Ihnen zum Beispiel von seinen Reisen in die Sowjetunion und was er dort gesehen und gehört hat. Wenn Sie das alles gelesen haben und noch immer nicht der Meinung sind, daß die Vereinigten Staaten, trotz ihrer kleinen Schönheitsfehler (verdammt, offenen Wunden), die einzige Hoffnung des Planeten für eine Zukunft in Freiheit darstellen, dann hat es keinen Sinn, wenn wir uns weiter unterhalten; Sie werden ihre Koffer packen wollen. Die Clowns, die »Amerika – liebe es oder verlasse es!« gebrüllt haben, als sie in den sechziger Jahren auf mich losgingen, hatten gar keinen so schlechten Slogan gefunden. Das einzige Problem bestand darin, daß sie »Liebe zu Amerika« definieren mußten und sie auf »blinde Verehrung Amerikas« einschränkten. Außerdem schränkten sie die Definition von Ame- rika auf »Der Mann im Weißen Haus« ein. Diese Fehler begeht Heinlein bestimmt nicht. (Einschlägiges Zitat aus »EXPANDED UNIVERSE«: »Brüder und Schwestern, habt ihr je darüber nach- gedacht, daß seit fünfzig Jahren keine einzige vernünf- tige Entscheidung aus dem Ovalen Büro gekommen 70 Welten, ist?« Kursivschrift von Heinlein) In diesem Buch weist er deutlich, klar und präzise auf die beson- deren Arten von Fäulnis hin, die Amerikas Herz zerstören. Er beschreibt jede der tödlichen Ge- fahren, die die Nation bedrohen, und sagt ihre Folgen vorher. Als Bekräftigung verweist er auf eine Reihe ziemlich bestimmter Vorhersagen, die er 1950 für das Jahr 2000 gemacht, 1965 auf den neuesten Stand gebracht hat, ergänzt sie auf Grund des neuesten Standes von 1980 und behauptet, daß 66% von ihnen eintreffen werden – wesentlich mehr als zum Beispiel bei Jeanne Dixon. Er er- klärt, daß er nicht nur über die politischen Ereig- nisse der letzten Jahrzehnte bestürzt ist, sondern auch über den entsetzlichen Niedergang der Erzie- hung und über die zunehmende Unvernunft. (Üb- rigens: Meiner Meinung nach ist eines der besten Beispiele für den verhängnisvollen Trend Stephen Kings derzeitiger Dauerbrenner »THE STAND«71, eine glänzende, unterhaltsame Parabel, in der die Unwissenheit, der Aberglaube, die Traumdeutung und die soziologischen Erkenntnisse des geistes- schwachen alten Ned Lud verherrlicht werden.) In diesem Zusammenhang muß erwähnt wer- den, daß Heinlein in »EXPANDED UNIVERSE« zwar viel Ätzendes über die USA zu sagen, aber gleichzeitig verboten hat, daß das Buch in einem 71 Das letzte Gefecht, anderen Land erscheint.* Wir waschen unsere Schmutzwäsche nicht in der Öffentlichkeit. Ich kenne keinen anderen Fall, in dem ein SF-Autor seine Einnahmen absichtlich (und drastisch) ge- schmälert hat – aus Patriotismus oder aus einem anderen moralischen oder ethischen Grund. Ich spende ihm dafür Beifall. Freunde, einer der gebildetsten und weitgerei- sten Männer Amerikas hat in die Zukunft geschaut und ist nicht sonderlich optimistisch. Man kann nicht sagen, daß er verzweifelt ist. Er macht viele positive, praktische Vorschläge – rich- tige Therapien, nicht nur Erste Hilfe. Er umreißt vor allem, wie man den notwendigen Abstand und die Einsicht erlangen kann, um vernünftige Extra- polationen von Weltereignissen vorzunehmen, er- klärt detailliert, wie man eine ordentliche Schul- bildung erwirbt (indem er herrlich erklärt, wie man keine erwirbt), zählt nüchtern die drei Säu- len der Weisheit auf und erinnert uns daran, daß »aus der Büchse der Pandora als letztes Geschenk etwas Leuchtendes, Schönes gekommen ist – die ewige Hoffnung«. Doch der letzte Abschnitt des Buches ist ein zu- sammengehörendes Paar von Prophezeiungen, die einander ausschließen und als »Die glücklichen vor * Inzwischen erfahre ich, daß das Buch in Kanada erhältlich ist. Ich begreife die Logik: die beiden Länder sind siamesische Zwil- linge., uns liegenden Tage« bezeichnet werden. Die erste Vorhersage ist ein düsteres, die zweite ein opti- mistisches Drehbuch des Verhängnisses. Er sagt: »Ich kann in der ersten Prophezeiung große Dü- sterkeit riskieren, weil ich euch am Ende mit Mu- sik beglücke.« Ich muß jedoch zugeben, daß mir das glückli- che Drehbuch »Over the Rainbow« ziemlich un- wahrscheinlich vorkommt. Das einzige, was meiner Ansicht nach seine Wahrscheinlichkeit vergrößern könnte, wäre eine große Verbreitung von »EXPANDED UNI- VERSE«. Womit ich wieder bei dem bin, was ich am An- fang dieses Essays gesagt habe: Wenn Sie Robert A. Heinlein danken wollen, dann tun Sie, was in Ihrer Macht steht, damit das Land, das er liebt, die Kultur, die er liebt, das großartige Idealbild, das er liebt, nicht zerstört werden. Wenn Sie in- telligent genug sind zu begreifen, daß dieser alte Mann wirklichen Einfluß darauf hat, wohin die Welt geht, dann hören Sie bitte auf, sich darüber zu beschweren, daß er nicht über klassische lite- rarische Tugenden verfügt, und tun Sie wieder das gleiche wie seinerzeit, als die SF noch eine von al- len verspottete Getto-Literatur war: Drücken Sie allen Ihren Freunden Exemplare von Heinlein in die Hand. Im Gegensatz zu den meisten Lehrmei- stern macht Heinlein dem Fernsehen seit vierzig Jahren erfolgreich Konkurrenz. Jeder, den er nicht, zum Rationalismus bekehren kann, ist ein hoff- nungsloser Fall, und Sie wissen, es gibt heutzutage eine Menge Leute, die sich abwartend verhalten. Ich verehre Robert Heinlein nicht. Ich pflichte nicht allem bei, was er verkündet. Bei etlichen seiner Behauptungen melde ich ernste Vorbehalte an und bei zwei bin ich eindeutig anderer Mei- nung (doch ich habe nicht die leiseste Absicht, die schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit zu wa- schen.) Aber sie alle lassen mich nachts nicht schla- fen, denn die einzigen Argumente, mit denen ich ihn widerlegen kann, beruhen auf »meinen drei- ßig Jahren Erfahrung« mit einer sehr beschränk- ten Anzahl von Amerikanern und Kanadiern – und mir ist schmerzlich bewußt, wie armselig sich das gegenüber seinen dreiundsiebzig Jahren intensiven Studiums der gesamten Bevölkerung und der ge- samten Geschichte des Planeten ausnimmt. Und ich wiederhole: Wenn es etwas gibt, das mein Geburtsland davon abhalten kann, mit flie- genden Fahnen in die Steinzeit zurückzukehren, dann ist es die umfassende Verbreitung der Ge- danken und Wahrnehmungen, die Robert Heinlein seit 1939 als Unterhaltung verkauft. Sie können ihm danken – nicht, indem Sie sein Buch kaufen, sondern indem Sie Ihr Exemplar an möglichst viele Menschen verleihen, bis es sich auflöst. (Verges- sen Sie nicht, »EXPANDED UNIVERSE« nur an Mitbürger zu verleihen.) Die Zeit ist kurz: es ist kein Zufall, daß sich einer seiner letzten Romane, ausführlich mit dem Verhalten in Rettungsbooten befaßt. »EXPANDED UNIVERSE« enthält keines- wegs einen gründlichen Schnellsiedekurs darüber, wie man die Zeit nach einem Atomangriff über- lebt. (Als Heinlein in seiner Rede als Ehrengast bei dem Mittelamerikanischen Konvent erklärte »Noch zu Ihrer Lebenszeit wird es auf der Erde ei- nen Atomkrieg geben«, wurde er von einigen aus- gebuht, andere waren nicht überzeugt. Doch zu- fällig ging am nächsten Morgen ein Gewitter über dem Hotel nieder, und ich wachte schweißbedeckt und angstschlotternd auf.) Ungewöhnliche Ereig- nisse erfordern ungewöhnliche Maßnahmen, die so drastisch sind, daß es schwierig sein wird, die Menschen von ihrer absoluten Notwendigkeit zu überzeugen. Wenn Sie Robert Heinlein danken wollen, dann öffnen Sie die Augen, sehen Sie sich um – und ver- langen Sie lauthals, daß Ihre Nachbarn das glei- che tun. Oder – zumindest – hören Sie auf, laut zu be- haupten, der Elefant sei nur eine Art primitive Schlange, ein Baum, ein großes Lederfaß, eine übergroße Harpune, eine biegsame Posaune, eine ... (Als ich diesen Essay 1980 auf dem jährlichen re- gionalen Konvent der New England Science Fiction As- sociation in Boskline vorlas, nahm ich Heinleins Rat, sie mit Musik zu beglücken, wörtlich und schloß mit einem Lied. Ich nehme es ebenfalls in dieses Buch auf., Es handelt sich um das zweite Vilkslied*, das ich je ge- schrieben habe, und wird nach der Melodie von »Old Man River« in Marty Paichs Arrangement von Ray Charles‘ »Ingredients in a Recipe for Soul« gesun- gen. Wenn Sie dieses Arrangement nicht kennen, wird die Skandierung am Ende hinken). * Ein Vilkslied ist ein Gattungsname für jedes Lied oder jede Lied- parodie, die von oder für SF-Fans gesungen wird.,

OL' MAN HEINLEIN

(Text von Spider Robinson) Ol' man Heinlein That ol' man Heinlein He must know somethin' His heart keeps pumpin' He just keep writin' And lately writin' 'em long He don't write for critics Cause that stuff's rotten And them that writes it Is soon forgotten But ol' man Heinlein keeps speculatin' along You and me Sit and think Heads all empty except for drink Tote that pen Jog that brain Get a little check in the mail from Baen .. 1 get bleary And feel like shirkin' I'm tired of writin' But scared of workin' But ol' man Heinlein He keeps on rollin' along You and me Read his stuff Never can seem to get enough Turn that page Dig them chops Hope the old gentleman never stops .. So raise your glasses It's only fittin' The best sf that was ever written Is Old Man Heinlein May he live as long as Lazarus Long!, Old Man Heinlein Der Old Man Heinlein Er muß was wissen Sein Herz schlägt heftig Er schreibt stets weiter Und schreibt in letzter Zeit viel Doch nicht für Kritiker Weil sowas Mist ist Und wenn man so schreibt Man bald im Out ist Doch Old Man Heinlein Der grübelt von früh bis spät Du und ich Sitzen und denken Im Kopf ein Drink, sonst lauter Dreck Zück die Feder Rüttel das Hirn wach Ein kleiner Scheck steckt im Brief von Baen. Ich werde müde Ich will meine Ruhe Ich will nicht schreiben Die Arbeit schreckt mich Aber Old Man Heinlein Macht weiter und hört niemals auf. Du und ich Lesen sein Zeug Es wird uns nie über Blättre weiter Kapier die Lehre Hoffe, der Alte hört nie damit auf. Drum hoch die Tassen Denn das gehört sich Die beste SF seit langen Zeiten Ist Old Man Heinlein Er lebe so lang wie Lazarus Long! Copyright © 1980 by Spider Robinson]
15

Similar documents

Buch: Gevatter Tod hat eine Identitätskrise. Als er von einem Tag auf den an-
Buch: Gevatter Tod hat eine Identitätskrise. Als er von einem Tag auf den an- deren spurlos verschwindet, muß seine Enkelin Susanne das Geschäft für ein paar Tage übernehmen. Bei ihrer neuen Arbeit bekommt sie es nur zu bald mit einem äußerst merkwürdigen Phänomen zu tun: einer neuen Musik, die ein
Buch: Das kleine, bettelarme Borogawien liegt ständig im Krieg mit seinen
Buch: Das kleine, bettelarme Borogawien liegt ständig im Krieg mit seinen Nachbarn. Von der Herrscherin gibt es seit vielen Jahren nur noch Bilder zu sehen. Das Land ist inzwischen so ausgeblutet, dass sogar Vampire und Trolle rekrutiert werden. Doch man kappt auch noch eine wichtige Nachrichtenverb
GERT PROKOP Die Phrrks
GERT PROKOP Die Phrrks Phantastische Geschichten Verlag Das Neue Berlin ISBN 3-359-00743-3 1. Auflage dieser Ausgabe 1994 © 1989 Eulenspiegel · Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH, PF 106,10103 Berlin Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: P. Fischer Sternaux Satz: Pencil, Text-Satz-Korrekt
Tantra der 21 Taras
Gonsar Rinpotsche Tantra der 21 Taras PDF-Version: Diotallevi Das Umschlagmotiv zeigt ein Detail eines Tara-Mandalas, das von tibetischen Mönchen des Klosters Ganden Schartse (Südindien) in Sand gestreut wurde. In der Mitte einer Utpala-Blüte befindet sich die Wurzelsilbe Tam, umgeben von zehn Blüte
PROPERZ DiE LiEbEsgEDichtE
PROPERZ DiE LiEbEsgEDichtE PROPERZ · DIE LIEBESGEDICHTE DIEDERICHS TASCHENAUSGABEN 12 PROPERZ DiE LiEbEsgEDichtE Deutsch von Fritz Diettrich EUgEN DiEDERichs VERLAg copyright 1958 by Eugen Diederichs Verlag Düsseldorf-Köln Entwurf des schutzumschlags von Fritz blankenhorn gesamtherstellung: buchdruc
Buch: Hilbert Himmelwärts will Priester werden und rechnet bei seiner An-
Buch: Hilbert Himmelwärts will Priester werden und rechnet bei seiner An- kunft im kleinen Königreich Lancre mit nichts anderem als einer schlich- ten religiösen Zeremonie. Doch ehe er sich’s versieht, ist er in den schönsten Krieg zwischen Hexen und Vampiren verwickelt. Und er weiß nicht, ob es dab
Buch: »Terry Pratchett ist Moralist, Philosoph und Humanist, kurz: der Di-
Buch: »Terry Pratchett ist Moralist, Philosoph und Humanist, kurz: der Di- ckens des zwanzigsten Jahrhunderts.« MAIL ON SUNDAY Hexen hexen. Aber manche von ihnen heiraten auch. So die junge Ma- grat Knobloch, die kurz vor ihrer Vermählung mit dem ehemaligen Nar- ren Verence steht, der inzwischen Kön
Buch: Während Kommandeur Mumm von der Stadtwache den Verbrecher
Buch: Während Kommandeur Mumm von der Stadtwache den Verbrecher Carcer verfolgt, kommt es zu einem folgenschweren Unfall. Mumm wird vom Blitz getroffen und dreißig Jahre in die Vergangenheit versetzt, ins alte Ankh-Morpork. Dort droht jeden Moment eine Revolution auszubrechen, was die Wache aber nic
Buch: Als wabernde Herbstnebel Ankh-Morpork fest im Griff haben, beginnt
Buch: Als wabernde Herbstnebel Ankh-Morpork fest im Griff haben, beginnt jemand, harmlose alte Männer um die Ecke zu bringen. Die Wache muß den Mörder aufspüren. Vielleicht wissen die Golems etwas – doch die todernsten Geschöpfe aus Lehm, die immer nur arbeiten und eigentlich noch nie Ärger machten,
Buch: Beim alten Adel von Ankh-Morpork wächst die Fremdenfeindlichkeit.
Buch: Beim alten Adel von Ankh-Morpork wächst die Fremdenfeindlichkeit. Man ist der Ansicht, dass zu viele Trolle, Zwerge und Untote in der Stadt sind, und im Patrizier sieht man den Schuldigen. Zum Zweck seiner Enthebung wird die »Neue Firma« in Gestalt der zwei skrupello- sen Gangster Nadel und Tu
Rosamunde Pilcher Die Muschelsucher
Rosamunde Pilcher Die Muschelsucher Penelope Keeling, eine sehr patente alte Dame, blickt nach ihrem Herzanfall auf 64 Jahre zurück. Ihre unkonventionelle Kindheit, ihr Vater ein Maler, ihre Mutter, eine wesentlich jüngere Französin, ihre Ehe mit dem Vater ihrer drei Kinder und den Verlusten den die
R.J. Pineiro CH@OS
R.J. Pineiro CH@OS Inhaltsangaben Die Errungenschaften der modernen Technik haben einen hohen Preis … Bei einem verheerenden Zugunglück in Florida verlieren zahllose Menschen ihr Leben. Die Ursache scheint ein defekter Mikrochip zu sein. Wenig später geschieht aus demselben Grund eine weitere Katast
Buch: In Hunghung, der Hauptstadt des achatenen Reiches, herrscht Chaos.
Buch: In Hunghung, der Hauptstadt des achatenen Reiches, herrscht Chaos. Der tyrannische Kaiser liegt im Sterben, und der Großwesir Lord Hong will die Macht, um das Reich bis nach Ankh-Morpork auszudehnen. Allerdings hat er nicht mit der Grauen Horde gerechnet, die mit Cohen dem Barbaren und einem g
Buch: »Terry Pratchett ist Moralist, Philosoph und Humanist, kurz: der Di-
Buch: »Terry Pratchett ist Moralist, Philosoph und Humanist, kurz: der Di- ckens des zwanzigsten Jahrhunderts.« MAIL ON SUNDAY Chaos in Ankh-Morpork: Eine Waffe mit bislang unbekannten Wirkun- gen, ein sogenanntes Gfähr ist gestohlen worden. Als die ersten unbe- scholtenen Bürger der Stadt dahingera
Buch: Ein neues Land taucht aus dem Meer der Scheibenwelt auf, und jeder
Buch: Ein neues Land taucht aus dem Meer der Scheibenwelt auf, und jeder will es haben – auch wenn keiner so genau weiß, warum. Samuel Mumm, vielgeplagter Kommandant der Wache von Ankh-Morpork, sieht sich plötzlich mit einem Verbrechen konfrontiert, das so groß ist, daß es kein Gesetz dagegen gibt:
Nur du kannst die Menschheit retten
Nur du kannst die Menschheit retten Das mächtige ScreeWee™ Imperium™ mach« sich bereit, die Erde anzugreifen! Unsere Kampfschiffe sind in einem Über- raschungsangriff vernichtet worden! Nichts kann die Erde vor der furchtbaren Ra- che der ScreeWees™ bewahren! Doch ein Kampfschiff ist übriggeblieben.
Nur du hast den Schlüssel
Nur du Hast den Schlüssel Ich möchte mich bedanken beim Meteorologischen Amt, bei der Königlichen Münzanstalt und bei meinem alten Freund Bernard Pearson - der immer jemanden weiß, der weiterweiß, wenn er einmal etwas nicht weiß—für ihre Hilfe bei der Vor- bereitung dieses Buches. Sollten historisch
Buch: Der fünfte Elefant, so eine uralte Legende der Zwergenvölker von Ü-
Buch: Der fünfte Elefant, so eine uralte Legende der Zwergenvölker von Ü- berwald, raste vor langer, langer Zeit heulend und trompetend durch die Luft der noch jungen Scheibenwelt, und er landete hart genug, um Kontinente zu zerreißen und Berge aus dem Grund wachsen zu lassen. Und da solche abermill
das auszusprechen, dann überlegte er es sich anders. Sie
Sie wussten, daß sie dem Tod geweiht waren... Eingekreist von kubanischen Militärberatern und Angehörigen einer obskuren Nationalen Front saßen sie in der Falle. Wenn sie weiterkämpften, würden sie aufgerieben, ergaben sie sich, dann wartete auf sie ein Schauprozess und am Ende das Todesurteil, das
Buch: Irgendwo am Ende der Scheibenwelt gibt es einen Kontinent, der nur als
Buch: Irgendwo am Ende der Scheibenwelt gibt es einen Kontinent, der nur als mißratene Schöpfung bezeichnet werden kann. Dort ist es heiß und trocken, und alles, was nicht sowieso giftig ist, kann tödlich wirken. Also das glatte Gegenteil vom schönsten Ort auf der ganzen Welt, und es droht mit ihm e
Margaret Weis & Tracy Hickman Die Pforten der Dunkelheit
Margaret Weis & Tracy Hickman Die Pforten der Dunkelheit Der Stein der Könige 3 Ins Deutsche übertragen von Regina Winter BLANVALET Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Journey into the Void. Volume Three of the Sovereign Stone Trilogy« bei EOS, an imprint of HarperCollins Pub
Margaret Weis & Tracy Hickman Quell der Finsternis
Margaret Weis & Tracy Hickman Quell der Finsternis Der Stein der Könige 1 Ins Deutsche übertragen von Regina Winter BLANVALET Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Well of Darkness. Volume One of the Sovereign Stone Trilogy« bei EOS, an imprint of HarperCollins Publishers, New
Christopher Zimmer Der Sohn der Drachen Edition Märchenmond herausgegeben von Wolfgang Hohlbein
Christopher Zimmer Der Sohn der Drachen Edition Märchenmond herausgegeben von Wolfgang Hohlbein Als Florin das Ferienlager schwänzt und sich zu den Zelten der Drachenritter schleicht, ahnt er noch nicht, dass bald nichts mehr so sein wird wie zuvor. Denn plötzlich überstürzen sich die Ereignisse und
Richard Yates Elf Arten der Einsamkeit Short stories
Richard Yates Elf Arten der Einsamkeit Short stories Aus dem Amerikanischen von Anette Grube und Hans Wolf Deutsche Verlags-Anstalt München Inhalt Doktor Schleckermaul... 7 Alles, alles Gute ... 33 Jody läßt die Würfel rollen ... 55 Überhaupt keine Schmerzen... 79 Ein Masochist ... 97 Der mit Haien
Alfred Weidenmann Die Fünfzig vom Abendblatt
Alfred Weidenmann Die Fünfzig vom Abendblatt ISBN 3 7855 1766 1 © 1973 by Loewes Verlag, Bayreuth Umschlaggestaltung: Kajo Bierl und Creativ Shop Druck: Poligrafici Calderara, Bologna Printed in Italy Abendblatt oder Nachtexpreß Zur Straße hin machte das Abendblatt-Hochhaus mit seinen zwölf Stockwer
THOMAS WEINS TOTAL PERFEKT ALLES Roman
THOMAS WEINS TOTAL PERFEKT ALLES Roman MännerschwarmSkript Verlag Hamburg 2005 Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet die Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnd.ddb.de ab
Der junge Scheidungsanwalt Clarin freut sich auf ein ungestörtes
Der junge Scheidungsanwalt Clarin freut sich auf ein ungestörtes Pfingstwochenende in seinem Tessiner Ferienhaus, wo er einen Aufsatz für eine Fachzeitschrift schreiben möchte. Am ersten Abend lernt er auf der Terrasse des Hotels Bellavista einen älte- ren Mann kennen, einen scheinbar Verwirrten, ei
Rudolf Wolter OSTERN ERZÄHLEN Geschichten zum Osterkreis
Rudolf Wolter OSTERN ERZÄHLEN Geschichten zum Osterkreis eBOOK-Bibliothek Rudolf Wolter Ostern erzählen Geschichten zum Osterkreis (2006) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Bitte beachten Sie: Der Text dieses Erzählbandes unterliegt dem Urheberrecht. Eine kommerzielle oder a
Jenseits des Todes
JAMES WHITE Jenseits des Todes (Second Ending) ERICH PABEL VERLAG • RASTATT (BADEN) 1. Kapitel Das Erwachen war für Ross mehr wie ein allmähliches Auftauen aus einer körperlichen und geistigen Erstarrung. Irgendwo in seinem Bewußtsein begann es und breitete sich quälend langsam weiter aus, schmolz d
Ullstein Sachbuch
Ullstein Sachbuch Ullstein Buch Nr. 34125 im Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M – Berlin – Wien Die Originalausgabe erschien 1956 unter dem Titel »Earth In Upheaval« bei Doubleday & Company, Garden City, New York Aus dem Amerikanischen von Christoph Marx Ungekürzte Ausgabe Umschlagentwurf: Hansbernd